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Badisches Sagen-Buch I

St. Ottilien

2 Min. Lesezeit· August Schnezler, August Schnezler, Creuzbauer und Kasper

In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.

01

In eurem Schatten ist mir wieder leicht, Ihr meiner Kindheit schon vertrauten Bäume! Frisch leb’ ich auf und manche Sorge weicht, Betret’ ich wieder diese stillen Räume; Ich sitze wieder auf der alten Bank, Vor mir die Schale Milch zum Morgentrank, Und meinem innern Blick vorüber gleiten Des träumerischen Knaben schönste Zeiten.

02

Das Glöcklein läutet aus der Waldkapell’ Zum Himmelsfrieden aus dem Weltgewühle, Und nieder steig’ ich zu dem Wunderquell In des umgitterten Gewölbes Kühle; Da wird die alte Zeit mir offenbar, Ich wasche mir die Augen wieder klar, Zurückversetzt bin ich in ferne Tage, Lebendig wird mir dieser Berge Sage.

03

Fort ist jedwede Spur von Menschenhand; Das Kirchlein ist, die Quelle mir verschwunden, Nichts seh’ ich mehr, als eine Felsenwand, Ringsum nur Wald, dicht von Gesträuch durchwunden Ich höre keinen Laut, als nur ganz weit Den Schlag der Drossel durch die Einsamkeit, Sonst überall ein feierliches Schweigen, – Da rauschts und knisterts plötzlich in den Zweigen; Und eine holde Jungfrau stürzt hervor, Scheu wie ein Reh und bleich wie eine Lilie, Und knieend schreit zum Himmel sie empor: „O Mutter Gottes, rett’, o rett’ Ottilie! Dicht hinter mir sind die Verfolger her, Die wunden Füße tragen mich nicht mehr; O rette mich vor dem verhaßten Freier Und hülle gnädig mich in deinen Schleier!“

04

So ruft sie kaum, als aus des Waldes Grund Wildjubelnd Ritter mit Gefolge dringen;

05

„Hier ist sie!“ ruft es roh von Mund zu Mund, „Das scheue Bräutchen kann nicht mehr entspringen!“ Und fassen will sie schon der wilde Hauf, Ein Donnerschlag – da springt die Felswand auf, Ottilie fliegt hinein, und wie zum Spotte Schließt sich der Felsen wieder vor der Rotte. Und an dem Orte, wo die Wand sich schloß, Entspringt dem Felsen murmelnd eine Quelle; Die Männer schrei’n: „Des Herren Macht ist groß!“ Und fallen betend nieder an der Stelle. Ein Jeder wäscht die trüben Augen klar, Und fühlt sich umgewandelt wunderbar; Bald ist der Quell gefaßt, der Platz gelichtet, Und ein Altar der Heiligen errichtet. –

06

So zog vorbei die alte Zeit an mir Und strahlte durch die Träume meiner Kindheit, Wohl mancher Pilger wusch die Augen hier, Und heilte sich damit von seiner Blindheit; Dem echten Glauben wird der Blick erhellt, Er sieht das Licht in dunkler Sagenwelt Und geht im Wald, auf dichtverwachsnen Wegen Dem morgenrothen Gipfel froh entgegen.

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Quelle zitieren

St. Ottilien, in: Badisches Sagen-Buch II, Nr. 195, Karlsruhe: Creuzbauer und Kasper: 1846

Archivfassung zitieren

St. Ottilien, Sagenarchiv Verlag Kawerau, hrsg. von Verlag Kawerau. https://sagenarchiv.de/archive/badisches-sagenbuch-i-195-st-ottilien/textzeugen/badisches-sagenbuch-i-195-st-ottilien