Zum Archiv
Zitieren

Badisches Sagen-Buch II

Der Wolfsbrunnen

3 Min. Lesezeit· Unbekannt, August Schnezler, Creuzbauer und Kasper

In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.

01

Sinnend unter Buchenbäumen Jetta saß, die Seherin, Saß vertieft in ihren Träumen, Blickte traurig vor sich hin. Und zu ihren Füßen spielte Kieselklar ein frischer Quell; Jutta, warum du so düster, Und die Quelle doch so hell?

02

Fraget nicht, sie hat gelesen In den Runen ihr Geschick. Heiter war sie einst gewesen; Ach, zerstört nun ist ihr Glück! Fluch dem Blick in künft’ge Tage! Unglücksel’ge Seherin! Hast dein Todesloos erspähet! Deine Ruhe ist dahin!

03

So, in Träume hingesunken, Hörte sie den Jüngling nicht, Der, die Aeste vor sich theilend. Aus dem Buchendunkel bricht; Sah nicht, wie er, tief erschüttert, Stille steht vor ihrem Bild, Wie vom Götterstrahl getroffen, Wie von Himmelslust erfüllt! Und so stand der Jüngling lange, Bis sie, aus dem tiefen Traum Aufgewacht, nach Oben schaute Zu dem blauen Himmelsraum. Da, geheimnißvoll durchschauert, Fiel auf ihn ihr Seherblick, Und von höh’rer Lust ergriffen Fuhr er gluthentbrannt zurück:

04

„Seherin, ich bin gekommen Aus dem fernen Frankenland, Mein Geschick von dir zu hören, Wie sich’s in den Runen fand.“ Und er wollte weiter reden, Doch im Herzen blieb das Wort, Nur die Röthe seiner Wangen Sprach es leise für sich fort. Und, wie von der Abendröthe Rosenscheine überstrahlt, Glühend roth die Wolken glänzen, Feurig sich der Himmel malt, Also saß, von Gluth umflossen, Jutta hier am Quellenrand: „Morgen sollst du Alles hören, Wie ich’s in den Runen fand!“

05

Als der Morgen war gekommen, Stand der Jüngling wieder da, Und die Seherin verkündet, Was sie in den Runen sah: „Fremdling, deines Lebens Loose Knüpfen sich an meine an; Denn mit Jetta sollst du gehen Zu Walhalla’s Burg hinan!“

06

Da, im Uebermaß der Wonne, Daß nicht Wahnsinn sey sein Traum, Wirft er sich zu ihren Füßen Freudetrunken, glaubt es kaum; Und wie einem Heil’genbilde Küßt er zagend ihre Hand; Und die Herzen sind vereinet, Und geschlungen ist das Band. Von der Heimath weit getrennet, Ferne von des Vaters Haus,

07

Hat er Jetta sich verschworen, Bis ihm lösch’ das Auge aus. Hier, beim Schein der stillen Sterne, Soll er ruhn an ihrer Brust, In dem heil’gen Buchenhaine Trinken süße Liebeslust.

08

So von Sehnsucht heiß erglühet, Bis die Sonne wieder sinkt, Und zum sel’gen Wiedersehen Abendstern ihm freundlich winkt, Irrt er auf den grünen Hügeln, Auf den Schlössern rings umher; Denket nur der Sternenstunden, Denkt nicht seiner Heimath mehr! Aber, ach! als er so glühend Bei dem nächsten Sternenschein Zu der Quelle wieder eilet, Hin zu Jetta’s heil’gem Hain; Ach! die Seele muß vergehen Vor dem schrecklichen Gesicht, Das sich gräßlich ihm enthüllet, Als er durch die Zweige bricht.

09

Die er wähnte zu begrüßen, Zu umfassen liebentbrannt, – Jetta liegt im Todesblute An der kühlen Felsenwand! Wo ihr himmelblaues Auge Lächelte ihn freundlich an, Grinst ein Wolf und streckt die Zunge Blutgefärbt zu ihm heran!

10

Von Verzweifelung ergriffen Streckt er schnell das Unthier hin, Wirft sich auf die schöne Leiche – Eine Sonne im Verglühn! –

11

Und, von wilden Zahn zerfleischet, Liegen Glieder rings herum! Eine freche Mördergrube Ist das stille Heiligthum! Viele Jahre sind verflossen, Doch die Quelle rieselt fort; Und die Buchenbäume flüstern Immer noch von Jetta’s Mord; Selbst die Goldforellen unten In des Brunnens tiefem Grund, Lauschend auf der Blätter Säuseln, Tragen ihn von Mund zu Mund!

Für deine Recherche

Quelle zitieren

Der Wolfsbrunnen, in: Badisches Sagen-Buch II, Nr. 281, Karlsruhe: Creuzbauer und Kasper: 1846

Archivfassung zitieren

Der Wolfsbrunnen, Sagenarchiv Verlag Kawerau, hrsg. von Verlag Kawerau. https://sagenarchiv.de/archive/badisches-sagenbuch-ii-281-der-wolfsbrunnen/textzeugen/badisches-sagenbuch-ii-281-der-wolfsbrunnen