In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.
„Schämt Euch, Herr Vogt von Eberstein! Statt auf des Volks Beglückung, Sinnt Ihr auf nichts, als nur allein Auf dessen Unterdrückung! Voll Geiz und Wollust übt im Land Ihr alle Tyranneien; Gott wolle bald aus Eurer Hand Uns gnädiglich befreien!“
„Oho, mein sprödes Jungfräulein! Mit dir ist bös zu minnen! Nun gut – kann ich durch Schmeichelei’n Dein Herzchen nicht gewinnen, So will ich gerne deine Gunst Nicht mehr zu fesseln sinnen, Kannst du für mich mit deiner Kunst Ein Hemd aus Nesseln spinnen!“
Er läßt bestürzt das arme Kind, Und ihre Thränen rinnen: „O Gott, wie kann ich so geschwind Ein Hemd aus Nesseln spinnen?“ Da schwebt herbei im Abendlicht Die niedlichste der Elfen, Und spricht. „Christinchen, weine nicht! Ein Schutzgeist will dir helfen.
„Bekannt bist ja du lange schon Mir als das bravste Mädchen! Nimm hier zu deiner Tugend Lohn, Dies goldne Spinnerädchen; Häng’ Nesseln dran, und über Nacht Wird es zum feinsten Linnen, Von selbst, noch eh’ du bist erwacht, Ein Hemd dem Burgvogt spinnen!“
Bevor Christinchen danken kann, Ist schon der Geist verschwunden. So trägt sie heim den Rocken dann, Mit Nesseln dicht umwunden; Und Nachts im Traume hört sie laut Das goldne Rädchen schnurren, Und sieht aus wildem Nesselkraut Die schönsten Fädchen surren. Und schon beim ersten Morgenschein Erblickt sie mit Frohlocken Das Nesselhemd, gar blank und fein, Vollendet an dem Rocken. Schnell eilt sie mit zum Vogte hin, Der just vom Schlaf erwachte Und an die spröde Spinnerin Voll Schadenfreude dachte.
Der Vogt traut seinen Augen kaum Und ruft: „So wahr ich lebe! Das Hemd ist weiß wie Schwanenflaum, Ein wunderfein Gewebe!“ Und auf der Stelle zieht er’s an, Doch sinkt er schnell zusammen: „Weh’ dir, was hast du mir gethan? Dein Hemd brennt ja wie Flammen!“
In Todesangst versuchet er Das Hemd sich abzureißen; Umsonst! es brennt ihn immer mehr, Wie lauter glühend Eisen.
So stirbt er, von der Gluth verzehrt, Mit gräßlichem Gebrülle, An seinem Körper unversehrt Blieb nur die Nesselhülle. – Doch lauter Glück und Segen spinnt Sich aus Christinchens Rädchen; Ja, manchen Tag sogar gewinnt Sie lauter goldne Fädchen. Bald hat mit einem wackern Mann Sie liebend sich verbunden, Und heilt im Thale, wo sie kann, Der Armuth schwere Wunden.