In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.
Als noch im Reiche der Germanen Der Adler Roms sein Nest gebaut, Als in den Wäldern unsrer Ahnen Des Christenthumes Morgen graut’, Und unter tausendjähr’gen Eichen Der Barde seine Lieder sang, Da war es, als aus diesen Zweigen Prophetisch manches Wort erklang.
Noch prangten hier nicht kühn Paläste, Von wildem Leben laut durchbraust, Noch wehte Frieden durch die Aeste, In deren Schatten Jetta haust. Von Gottes Geist hinweggerissen Aus einer Welt voll Wahn und Schein, Sog aus des Waldes Finsternissen Sie hier nur Trost und Frieden ein.
Von der Begeistrung Schwung getragen, Umrauschet von der Dichtung Weh’n, War ihr die Zukunft aufgeschlagen, Das Fernste sah sie vor sich stehn. Von nah und weit, von jedem Orte Zog man zum Jettahügel hin, Zu lauschen dort dem Seherworte Der jungfräulichen Zauberin. So stand sie einst im Abendstrahle, Weit flatterte ihr weiß Gewand, Die Blicke ruhten auf dem Thale Und auf dem Busen ihre Hand. Wie glänzen ihre blauen Augen In wunderbarem, düstern Licht! Ein höh’res Sein scheint aufzutauchen, Entzücken strahlet ihr Gesicht.
„Ihr alten Eichen, ihr müßt fallen!“ – So ruft sie hochbegeistert aus – „An eurer Stätte tragen Hallen Und schlanke Säulen bald ein Haus, Das, wechselnd in der Zeiten Drange, Erglänzen wird in stolzer Pracht, Und dessen Ruhm Jahrhundert lange Durchleuchten wird des Reiches Nacht. „Doch Frühlingsluft weicht Sommersgluthen, Dem Winter wird der Herbst zum Raub, Allmächtig ist der Zeiten Fluthen, Es reift die Frucht, es sinkt das Laub. So wird auch dieses Schloß zertrümmern, Zerstäuben seine Herrlichkeit; Doch seine Söhne werden schimmern Im Glanze der Unsterblichkeit!
„Und wenn die rohe Kraft erlegen, Dann wird die Weisheit auferstehn, Und fröhlich wird ihr reicher Segen Durch dieses Thales Gründe wehn. Erwachen wird ein edles Streben In jedes guten Menschen Brust, In Harmonie löst sich das Leben, Und selbst das Sterben wird zur Lust.“ –
So rief sie laut, und Ahnungsschauer Durchrieselten die Seherin. Wehmüthig rauscht, in tiefer Trauer, Der Wind durch ihre Eichen hin. Sie ging, gebeugt von heilgen Sorgen, Wohl tiefer in den düstern Wald, Doch fand sie schon der nächste Morgen Am Fuß des Hügels todt und kalt.