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Badisches Sagen-Buch II

Die Pest in Pforzheim

3 Min. Lesezeit· Eduard Brauer, August Schnezler, Creuzbauer und Kasper

In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.

01

Welch Lärmen, welch Gedränge Stört Pforzheim’s Morgenruh’? Was treibt in bunter Menge Das Volk dem Rathhaus zu? O wär’ es nie gesprochen Das schauervolle Wort: „Die Pest ist ausgebrochen!“ So tönts von Ort zu Ort. Heute roth, Morgen todt – Hilf uns Herr, in der letzten Noth! Und wer noch wandelt im goldenen Licht, Gedenke des Todes, der Christenpflicht!

02

O Leid! in jedem Hause Kehrt Klag’ und Jammer ein; Die Würgerin, die grause, Verschont nicht Groß und Klein; Das Kind, den kräft’gen Gatten, Das Weib im Schönheitsglanz, Den Greis, den altersmatten, Die Braut im Myrthenkranz. Heute roth, Morgen todt – Hilf uns, Herr, in der letzten Noth! Und wer noch wandelt im goldenen Licht, Gedenke des Todes, der Christenpflicht!

03

Verödet stehn die Straßen, Es schweigt der Arbeit Schall,

04

Des Hirten muntres Blasen, Gesang und Peitschenknall; Die Sterbglock’ hört man hallen, Der Nonnen Klagepsalm, Viel hundert Opfer fallen Jach wie des Grases Halm. Heute roth, Morgen todt – Hilf uns Herr, in der letzten Noth! Und wer noch wandelt im goldenen Licht, Gedenke des Todes, der Christenpflicht! Der Kirchhof wird zu enge, Er sträubt sich mehr und mehr, Der Todten schwere Menge Zu fassen nach Begehr; Am Wege, vor den Thüren Häuft sich der Leichen Zahl; Kein Mensch will sie berühren, Es steigt die Angst und Qual. Heute roth, Morgen todt – Hilf uns, Herr, in der letzten Noth! Und wer noch wandelt im goldenen Licht, Gedenke des Todes, der Christenpflicht!

05

Der Bruder flieht die Schwester, Den Hausherrn das Gesind, Den Freund der Freund, sein bester, Die Mutter selbst ihr Kind. Gesprengt sind alle Bande Der Sitte, der Natur; Wer übt noch Macht im Lande? Die Pest ist Herrin nur! Heute roth, Morgen todt – Hilf uns, Herr, in der letzten Noth! Und wer noch wandelt im goldenen Licht, Gedenke des Todes, der Christenpflicht!

06

Derweil nun pestgepeinigt Die Stadt voll Jammers war, Hat Rathes sich vereinigt Von Bürgern eine Schaar, Und glaubensstark geschlossen Den edlen Singerbund; Viel wakre Gildgenossen Gelobten sich’s zur Stund’: „Was euch droht, Qual und Tod, Laßt uns lindern der Kranken Noth, Und wer noch wandelt im goldenen Licht, Er üb’ an dem Todten die Christenpflicht!“

07

So führten sie mit Singen Ihr Amt der Stadt zum Heil, So Hohen als Geringen Ward Hülf’ und Trost zu Theil; Die Lieb’ und Treue kehrte Zurück ins Thal der Enz, Und Gott im Himmel wehrte Dem Grimm der Pestilenz. Heute roth, Morgen todt – Hilf dem Nächsten nach Gottes Gebot! Wer weiß, wann die Noth in’s Haus dir bricht! Gedenke des Todes, der Christenpflicht!

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Quelle zitieren

Die Pest in Pforzheim, in: Badisches Sagen-Buch II, Nr. 196, Karlsruhe: Creuzbauer und Kasper: 1846

Archivfassung zitieren

Die Pest in Pforzheim, Sagenarchiv Verlag Kawerau, hrsg. von Verlag Kawerau. https://sagenarchiv.de/archive/die-pest-in-pforzheim/textzeugen/badisches-sagenbuch-ii-196-die-pest-in-pforzheim