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Badisches Sagen-Buch II

Erwin von Steinbach

3 Min. Lesezeit· August Schnezler, August Schnezler, Creuzbauer und Kasper

In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.

01

Wer mag der stille Knabe seyn? Er flieht die Spiele der Genossen Und bleibt am liebsten ganz allein Tief im Gebirge, waldumschlossen; Am Quellenufer hingestreckt, Wo niemand seine Träume weckt,

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Von Fels und Bäumen rings umgeben; Dort ist ihm wohl, dort ist sein Leben.

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Er baut aus Kieseln, Rinden, Gras, Sich kleine Kirchen und Kapellen Mit Kunstgefühl und sicherm Maaß. Die wundervollsten Bilder schwellen Sein glühend Herz; wohin er schaut, Sieht Alles er so schön gebaut! Den dunkeln Hain, die kühle Grotte, Weiht er zu Tempeln seinem Gotte.

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Der Buchen Wölbung zieht ihn an, Die Tannen, so darüber steigen, Der Epheu, der sich rankt hinan, Der Himmel zwischen grünen Zweigen; Die Felsen, buschig oder schroff, Die Blumen, – Alles gibt ihm Stoff, Da zeichnet er auf Schieferplättchen Die Formen bis aufs kleinste Blättchen. – Einst lag, am schwülen Sommertag Er in des Forstes kühler Tiefe, Da wars ihm, wie er träumend lag, Als ob man ihn beim Namen riefe; Und sieh! vor einer Felsenwand Ein Greis mit Silberlocken stand; Die Sonne war schon tief gesunken, Der ganze Wald voll grüner Funken.

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Der Alte ruft: „Steh’ auf, mein Sohn! Wagst du, mit mir hinabzusteigen, Will ich zu deines Fleißes Lohn Dir wunderbare Dinge zeigen: Du kennst das obre Bauwerk nur, Doch nicht das innre der Natur, Nicht die Paläste, deren Quadern Entströmen tausend Lebensadern.“ Keck folgt der Knabe dem Geheiß, Die Wißbegier läßt ihn nicht zagen,

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Und plötzlich theilt sich, wo der Greis Mit seinem Stabe hingeschlagen, Mit einem Riß die Felsenwand, Und Beide gehen Hand in Hand Durch weitverschlungne Gänge schweigend, Viel hundert Stufen niedersteigend.

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Da zeigen Wunder überall Sich dem erstaunten Blick des Knaben: Er sieht, wie Pfeiler von Kristall Und von Granit geformt sich haben; Nach innerem Gesetz, genau, Entwickelt jeden Erdenbau, Die Säulen, Wölbungen und Bogen Von fester Meisterhand gezogen.

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Kein leeres Bild der Fantasie, Nur einem eitlen Zwecke fröhnend, Nein, jede Form voll Harmonie Mit anderen zusammentönend. So muß auch ein Gebild aus Stein Zuvor im Geist vollendet seyn, Bevor der Meister es kann wagen, Ins Wirkliche zu übertragen. Noch einmal spaltet eine Wand Sich vor des Greisen Zauberstabe – Auf einem grünen Anger stand In hellem Sonnenlicht der Knabe; Und hoch hinauf ins dunkle Blau Wölbt sich vor ihm ein Riesenbau, Sich in zwei Pyramiden endend, Mit tausendfacher Zierde blendend.

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Es war ein Bau, der sehnsuchtsvoll Die Arme nach dem Himmel streckte Und seiner Glocken Klang erscholl, Daß er die tiefste Sehnsucht weckte;

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Es war ein steingewordner Baum, Mit ungeheuerm Schattenraum, Ein Schiff, deß Masten nimmer wanken, Durchwirkt mit Laub und Rosenranken. Die beiden Wandrer treten ein, Vom heiligsten Gefühl durchflossen. Ein bunter Farbendämmerschein Hat durch die Hallen sich ergossen; Die Heilgenbilder rings umher Getauchet in ein Rosenmeer, Von Regenbogenglanz umwoben, Der Dulder an dem Kreuze droben.

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Der fromme Knabe sinkt aufs Knie, Von Himmelsahnungen durchzücket, Und spricht: „Nein, ruhen will ich nie, Bis einst ein solcher Dom mir glücket!“ Der Alte ruft; „Leb’ wohl, Erwin! Was hier dir nur im Bild erschien, Wirst du bald wieder neu gebären, Und ewig dich dadurch verklären.“ –

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Und an der alten Stelle sieht Der Knabe sich im Walde wieder; Durchs heimlich flüsternde Gebiet Ziehn wieder Nachtigallenlieder; Und Erwin trägt nun selig fort Den Traum mit sich von Ort zu Ort, Besucht viel Meister in der Ferne, Daß er die ganze Baukunst lerne. – Es hebt der Riesen-Dom sich jetzt Längst über unsers Erwin Grabe; Solch Denkmal hat der Mann gesetzt Dem, was im Traume sah der Knabe. Beglückt, o Straßburg, dessen Ruhm Stets blüht in diesem Heiligthum! Heil, Steinbach, dir, aus dessen Schooße Hervorgegangen ist der Große!

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Quelle zitieren

Erwin von Steinbach, in: Badisches Sagen-Buch II, Nr. 77, Karlsruhe: Creuzbauer und Kasper: 1846

Archivfassung zitieren

Erwin von Steinbach, Sagenarchiv Verlag Kawerau, hrsg. von Verlag Kawerau. https://sagenarchiv.de/archive/erwin-von-steinbach/textzeugen/badisches-sagenbuch-ii-077-erwin-von-steinbach