In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.
Wer sitzt im warmen Stübchen? Ein Mädchen und ein Bübchen, Großmutter auch und spinnt, Läßt sich ein Weilchen quälen, Bis daß sie zu erzählen Mit leisem Ton beginnt:
„War einst ein Hirtenknabe, Der nannt’ als einz’ge Habe Ein junges Gänschen sein; Doch ach! vor Badens Thoren Hat sich das Thier verloren Zu Hansens bittrer Pein!
Er läuft von Ort zu Orte, Er klopft an jede Pforte, Kehrt hoffnungslos zurück, Verloren bleibt sein Gänschen, – O Hänschen, armes Hänschen! Verloren all’ dein Glück!
Und an der Murg Gestaden Hin sinkt er mühbeladen, Und klagt des Herzens Noth Den Wellen und den Winden: „Läßt sich die Gans nicht finden, So wein’ ich mich zu Tod!“
Da kommt ein bucklig Männchen, Nicht höher als drei Spännchen, Vom grünen Berg herab Und spricht: „Nach Gernsbach wandre, Und stehl dir eine andre, Du dummer Hirtenknab’!“ Doch Hänschen sagt: „Mit nichten Mag’ ich so was verrichten, Die Ehr’ ist mir zu lieb; Viel eher wollt’ ich laufen, Mein letztes Hemd verkaufen, Als daß ich würd’ ein Dieb!“
Kaum ist dies Wort gesprochen, Hat lachend sich verkrochen Der kleine Schelm, der Zwerg; Da tönt’s „Gaggagg“ vernehmlich, Husch, husch, da schlüpft bequemlich Das Gänslein aus dem Berg.
Vor Freuden tanzt mein Hänschen, Und flügelnd setzt sein Gänschen Das muntre Gaggagg fort; Bald flog durch’s Thal die Kunde Und von derselben Stunde Heißt Gaggenau der Ort.“
Das Mädchen und das Bübchen Im traulich warmen Stübchen Sind selig eingenickt; Großmutter sitzt im Stuhle, Sie sitzt und dreht die Spule Gar fleißig und geschickt.