In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.
Es stand im kühlen Waldesraum Das Kloster Nonnmattweiher; Dort walteten der Schwestern viel, Doch Wollust trieb ihr schnödes Spiel Wohl unterm weißen Schleier. Wenn Morgens früh zur Mette rief Das Klosterglöcklein helle, Da zogen sie, gar fromm entbrannt, Das Büchlein in der zarten Hand, Allsammt in die Kapelle.
Doch wenn die goldne Sonne war Tief hinterm Wald verschwunden; Wenn leis’ heran die Dämmrung kam Und sich ihr Schleier wundersam Um Berg und Thal gewunden: Da ging das tollste Leben los Im Klosterraume drüben; Da klangen Lieder, frech genug, Die nicht das strenge Ordensbuch Den Schwestern vorgeschrieben. Die Eine war dem Knaben hold, Der täglich auf den Rasen Am Bühle seine Heerde trieb, Und seinem frommen Schatz zu lieb Manch süßes Lied geblasen. Spät in des Abends Dämmerschein, Da schlich sie sich vermessend, Zum trauten Buhlen heimlich sacht, In der verschwiegnen stillen Nacht Des Bußgelübds vergessend. Die Andre war dem Jäger hold, Der Abends auf dem Anstand Dem Wilde lauscht’ am grünen Wald, Doch in des Nönnchens Zelle bald Der Minne tiefste Bahn fand. Zu Andern schlich sich insgeheim Vom nachbarlichen Kloster Manch’ Mönchlein rund in’s Kämmerlein, Und raubte s’Rosenkränzelein Und wurde Pater noster. Da hat des Himmels Zorn geweckt Der Nonnen freches Sinnen: Er schleuderte vom Wolkensitz
Den racheschweren Schlangenblitz Jach auf die Klosterzinnen. Und es versank. – Wo es einst stand, Schäumt nun des Waldsee’s Welle, Drinn stöhnt es nächtlich: „Vater hilf!“ Da flüstert’s, heult’s und rauscht’s im Schilf Bis in die Morgenhelle.