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Badisches Sagen-Buch I

St. Fridolin und der Todte

3 Min. Lesezeit· Gustav Schwab, August Schnezler, Creuzbauer und Kasper

In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.

01

Fridolin, der fromme Schotte, Trat vor Landolf hin, den Grafen, Sprach: „Was Gottes ist, gib Gotte! Ist dein Bruder nicht entschlafen? „Der zu seiner Seele Frieden Meinem heil’gen Gotteshause Gut und Habe zubeschieden, Liegt zu Glaris in der Klause.

02

„Warum erndtest du die Felder, Die dem Herrn zu schneiden wären?

03

Warum fällest du die Wälder Die dem Kirchenbau gehören?

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„Wagst du’s, einen Rausch zu trinken Von dem rothen Ehrenweine, Der im heil’gen Kelch soll blinken? Kirchengut, ist es das deine?

05

„Laß von deines Bruders Gabe, Wald und Feld und Garten räume! Daß der Bruder in dem Grabe Sanfter lieg’ und heller träume.“ Aber Landolf sprach mit Lachen: „Soll ich deinem Spruch mich beugen, Muß mein Bruder erst erwachen, Deine Worte selbst bezeugen. „Kannst du ihn herauf beschwören, Wenn zu Rankwil wird gerichtet, Wohl dann mögen wir dich hören, Sonst ist’s Lug, den du erdichtet.“ –

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Fridolin, auf solche Tücke Würdigt er kein Wort zu sprechen, Sieht in an mit einem Blicke, Der durch Gräber könnte brechen.

07

Und von Säckingen am Rheine, – Aus dem Kloster, an dem Stabe, Zog der Greis durch’s Waldgesteine Bis gen Glaris zu dem Grabe.

08

Und er tritt beim Abendschauer In die düstre Waldkapelle, Er durchbricht des Grabes Mauer, Stellt sich auf die kalte Schwelle. „Auf! erwach’ in Gottes Namen!“ Ruft er – „Urso! wehr’ den Tücken!“ –

09

Sieh! und aus dem Grabe kamen Weiße Händ’ und Haupt und Rücken. Und als ob des Herrn Posaunen Zum Gerichte schon gerufen, Steigt der Leichnam sonder Staunen, Starr empor des Grabes Stufen.

10

Und ihm faßt die kalten Hände Fridolin, fremd allem Schrecken, Steigt mit ihm die Felsenwände Auf, bis an der Gletscher Decken.

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Durch das Hochgebirge schreitet Der Lebend’ge mit der Leiche, Und die Nacht den Mantel breitet Um das Paar, das geistergleiche.

12

Wie der Morgen kaum sich hebet, Steigen sie vom Felsgesteine, Und der Senne sieht’s und bebet, Und ihm geht’s durch Mark und Beine. Aber Landolf im Gerichte Sitzt zu Rankwil ohne Zagen, Mit dem ersten Morgenlichte Hat den Stuhl er aufgeschlagen. Schöppen zwölf, des Rechtes Hüter, Sitzen um ihn her, zu sprechen: Jetzt erhält er doch die Güter, Kein Verblichner kann sich rächen!

13

Horch! da pocht es an der Pforte, Wie von eines Todten Knochen, Leis und scharf, und hohle Worte Werden draußen schon gesprochen.

14

Durch die Thüre kommt geschritten Fridolin mit seiner Leiche;

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Landolf, in der Richter Mitten, Sitzt dem Bruder gleich an Bleiche.

16

Weh! und aus des Todten Kehle Steigen Laute, halb verloren: „Was beraubst du meine Seele, Bruder?“ – weht’s ihm durch die Ohren. „Ja, ich zeuge diesem Frommen, Daß mein Erb’ ihm zugefallen; Gib zurück, was du genommen, Laß getrost in’s Grab mich wallen!“ Landolf sank in’s Knie mit Beben: „Nimm dein Gut, Herr, und das meine, Meinen Athem nimm, mein Leben! Und behalte neu das Deine!“

17

Doch es wandte sich die Leiche Mit dem Führer in die Berge, Sehnte sich, die müde, bleiche, Wieder in die Ruh’ der Särge.

18

Wie des Abendlichtes Streifen, Wie vom Mond zwei blasse Strahlen, Sah man längs dem Berg sie streifen, Bis sie in den Wald sich stahlen.

19

Und vom schrecklichen Gerichte Eilet Landolf heim zum Rheine Mit erbleichtem Angesichte, Ordnet er zu Haus das Seine. Setzt das Kloster ein zum Erben Seiner reichen Doppelhabe, Neigt das Haupt zum sanften Sterben, Ruhr beim Bruder bald im Grabe.

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Quelle zitieren

St. Fridolin und der Todte, in: Badisches Sagen-Buch II, Nr. 100, Karlsruhe: Creuzbauer und Kasper: 1846

Archivfassung zitieren

St. Fridolin und der Todte, Sagenarchiv Verlag Kawerau, hrsg. von Verlag Kawerau. https://sagenarchiv.de/archive/st-fridolin-und-der-todte/textzeugen/badisches-sagenbuch-i-100-st-fridolin-und-der-todte