Zum Archiv
Zitieren

Badisches Sagen-Buch I

Das Christglöckchen

2 Min. Lesezeit· Johann Nepomuk Vogl, August Schnezler, Creuzbauer und Kasper

In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.

01

Wieder würgt und brennt der Franze Als ein grimmer Feind im Land; Starr vor Schrecken Sieht der Breisgau Dorf und Flecken Eingeäschert durch den Brand. Hecklingen, du armes Dörfchen! Dich auch schont nicht seine Wuth; Ohn’ Erretten Wandelt dich zur wüsten Stätten Der Vernichtung wilde Gluth. Selbst des Kirchleins heil’ger Frieden Hemmte nicht des Frevels Gang; Weh! zerfallen Liegst auch du, und Seufzer schallen, Wo das Lob des Herrn erklang. Unter Schutt und Kreuzestrümmern Steht dort eine bleiche Frau; Die Geberde Spricht von Kummer, und zur Erde Rollet ihrer Thränen Thau. „Ach, die Stätte selbst verwüstet –“ Ruft sie, „wo mein Kind geruht; Wo gefunden Balsam ich für herbe Wunden, Find’ ich jetzt nur Schmerzensgluth. „Weihte dir ein Silberglöcklein, Trost mir selbst in frühem Gram, Heil’ge Stelle, Ach, wie scholl’s so rein und helle Immer, wenn die Christnacht kam!

02

In dem Brunnen dort verborgen Blieb dem Feind des Glöckchens Werth, Doch verschüttet Ist er jetzt und wüst, zerrüttet, Drüber Stein auf Stein geschwert. „Nimmer soll ich wieder hören Glöckchen dich, so hell und rein; Wenn zu dienen Dir, o Christ, die Nacht erschienen, Ach, dann schweigst nur du allein!“ – So ergießt sich ihre Klage Oftmals an der Stätte dort; Naß die Wange, Horcht sie jedem Glockenklange, Und verläßt in Gram den Ort. Sieh, da weicht der Franze wieder, Neu erstehet Kirch’ und Haus, Keine Hände Finden aber jene Spende Aus des Brunnens Schutt heraus. Und so ist die Nacht gekommen, Die des Heiles Anbeginn; Und zu neuer Freudenvoller Christnachtfeier Wallt nun Alt und Jung dahin. Gramgebeugt erhebt die Eine Auch von ihrem Lager sich, Geht beklommen, Schweigend, mit den andern Frommen, Aber blutend innerlich. Fremde Glocken hört sie tönen Zu der Stunde Weihegruß; Ihre Gabe Liegt im finstren Trümmergrabe, Und die Stelle tritt ihr Fuß.

03

Horch, da summt es leise – leise – Ei, woher solch süßer Hall? – Rein und helle Klingt’s herauf aus dunkler Stelle – Das ist ihres Glöckleins Schall! Und mit ahnungsfrohem Herzen Fällt auf’s Knie sie hin zur Frist; Kann nicht scheiden, Muß ihr Ohr am Klange weiden, Denn ihr Glöckchen schallt dem Christ! – Wieder auch, seit dieser Stunde, Ward’s in ihrem Innern licht, Stille Wehmuth Ward ihr Schmerz, und fromm in Demuth Lebte sie und klagte nicht. Und mit jeder Christnachtfeier Hört man noch das Glöckchen dort, Rein und leise Schallt’s in wundersamer Weise, Und geheiligt ist der Ort.

Für deine Recherche

Quelle zitieren

Das Christglöckchen, in: Badisches Sagen-Buch II, Nr. 155, Karlsruhe: Creuzbauer und Kasper: 1846

Archivfassung zitieren

Das Christglöckchen, Sagenarchiv Verlag Kawerau, hrsg. von Verlag Kawerau. https://sagenarchiv.de/archive/das-christgloeckchen/textzeugen/badisches-sagenbuch-i-155-das-christgloeckchen