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Badisches Sagen-Buch I

Das Kolmenweibchen

3 Min. Lesezeit· Joseph Anton Rueb, August Schnezler, Creuzbauer und Kasper

In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.

01

Oberhalb des großen Hofes in der zur Pfarre Friedenweiler, Bezirksamts Neustadt, gehörigen Thalgemeinde Schwärzenbach, wird die Höhe der Kolmen genannt. Die Umgebung desselben ist der Aufenthalt eines sogenannten Bergweibchens, in der Umgegend unter dem Namen „Kolmen-Wible“ bekannt. Dieses räthselhafte Wesen sei, wie Diejenigen, welche ihm zufällig begegneten, es beschreiben, von kleiner, gedrungener Gestalt, habe ein Grechsle oder Hutte (Tragkorb) auf dem Rücken und einen langen Stock in der Hand; die Kleidertracht sei jene der Bewohner des Thales von St. Märgen: kurze Jüppe (Rock) mit dreifarbiger unten vorstehender sogenannter B’lege. –

02

Das Kolmenweibchen treibt verschiedenartigen Spuck; folgender Vorfall ist aus neuerer Zeit.

03

An einem Spätherbstmorgen ritt der Obervogt von Neustadt quer über den Kolmen in das Schollacher Thal. Er hatte lederne Handschuhe an. Um bequemer eine Prise Taback aus der Dose nehmen zu können, zieht er den einen aus und will ihn unter dem linken Arm festhalten; er entfällt ihm jedoch und schon ist er Willens vom Pferd zu steigen, als er vom nahen Waldrand eine kleine weibliche Person bis auf etwa fünfzehn Schritte eilig auf ihn zukommen sieht. Der Obervogt ruft: „He Weible, sei so gut und hebe mir gegen eine Belohnung meinen Handschuh auf!“ Dieses bleibt jedoch, beide Hände auf den Stock gestützt und auf diese das Kinn legend, unbeweglich und starr ihn anblickend, stehen. Der Obervogt, in der Meinung, das Weibchen höre nicht gut, ruft wiederholt und stärker und langt zugleich ein Geldstück aus der Tasche, das er als Belohnung verspricht. Als aber das Weiblein nach wie vor unbeweglich stehen bleibt, ruft ihm der Reiter verdrießlich zu: „ich glaubte dich nicht so reich, daß du den kleinen Dienst nicht um ein Sechskreuzerstück mir thun könntest!“ und begleitete diese Worte mit einem gewöhnlichen Fluch. Doch kaum war das Wort aus seinem Munde, so verlängerte sich die Gestalt des Persönchens um das Doppelte und fuhr, geschwind wie der Wind an dem Pferde (das laut zu wiehern anfing) vorüber bis an den andern Saum des Waldes, in welchem es verschwand. Der Obervogt, obgleich ihn Furcht ergriff, stieg dennoch ab und hob den Handschuh selbst auf, das Pferd, so „tuglich“ selbes sonst war, ließ ihn aber bis Schollach durchaus nicht mehr aufsitzen, obgleich er dies wiederholt versuchte und demselben auf alle mögliche Art schmeichelte.

04

Nicht selten geschieht es, daß Leute, die Nachts über den Kolmen gehen, sich verirren, obgleich ihnen der Weg sonst wohl bekannt ist. Bald kommen sie nach stundenlangem Umherlaufen wieder auf der nämlichen Stelle an, wo sie vom Wege abkamen, oder sie schlagen eine ganz andere Richtung ein, bald bergaufwärts durch Wald oder thalabwärts durch Brachfeld und Wiesland, oft halbe, ja ganze Nächte sich abmüdend. Gewöhnlich haben sie das Kolmenweibchen zur Begleiterin, das bald näher oder ferner, vor- oder seitwärts wandelt, doch nur von Denjenigen gesehen wird, welche in den sogenannten Frohnfastenwochen geboren sind.

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Quelle zitieren

Das Kolmenweibchen, in: Badisches Sagen-Buch II, Nr. 212, Karlsruhe: Creuzbauer und Kasper: 1846

Archivfassung zitieren

Das Kolmenweibchen, Sagenarchiv Verlag Kawerau, hrsg. von Verlag Kawerau. https://sagenarchiv.de/archive/das-kolmenweibchen/textzeugen/badisches-sagenbuch-i-212-das-kolmenweibchen