In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.
Hoch auf des Berges Rücken Da liegt bemoost Gestein, Das sollen von dem Schlosse Steinegg die Trümmer seyn. Sie blicken still und traurig Herab in’s Wiesenthal; Die liebe Abendsonne Grüßt sie mit ihrem Strahl.
Dort auf der hohen Veste Lebt’ einst ein Schwesternpaar, Mildthätig und bescheiden Und sittsam immerdar.
Als ihres Lebens Abend Zu nahen sich begann, Verließen sie die Stammburg Mit Dienern und Gespann.
Sie wohnten dann zu Schopfheim In ihrem eignen Haus, Und stellten Schloß und Güter Dem jungen Vetter aus. Sie speisten da die Armen Und halfen Jedem gern, Und dienten mehr mit Werken Als Worten Gott dem Herrn. An einem Sommertage Lustwandelnd in dem Wald, Im eifrigen Gespräche Verirrten sie sich bald.
Die Sonne war gesunken Hinab die Bergesfluh, Die Schwestern fanden nimmer Den Weg der Heimath zu.
Und beide knieten nieder, Zum Himmel stieg ihr Fleh’n: „O laß uns, Allerbarmer, Den sichern Ausgang seh’n!“
Kaum richten vom Gebete Sie wieder sich empor, Da sprang aus dem Gebüsche Ein Ungethüm hervor. Sie schrieen auf, daß gellend Es in die Ferne drang, Und hielten sich einander Umschlossen todesbang. Doch in dem Augenblicke Erscholl ein Büchsenschuß – Durchbohrt zu ihren Füßen, Das Thier verenden muß.
Die Schwestern sanken nieder Wie Marmorbilder bleich, So findet sie der Schütze Und er erkennt sie gleich.
Bald ruft er in das Leben Sie wiederum zurück, Und segnend auf dem Manne Verweilt der Schwestern Blick.
„Dankt Gott! ihr seid gerettet, Da seine Hand mich hier
Just noch zur guten Stunde Geführt in dies Revier.“ Dort lag in seinem Schweiße Der Rieseneber kalt, Der hatt’ in diesen Gründen Längst seinen Aufenthalt. Der Jäger führt die Frauen Zurück auf sicherm Pfad. Von Lohn will er nichts wissen, Der wackre Kamerad:
„Dafür wollt ihr mich lohnen, Daß ich, was Pflicht, geübt? Was ich, thät ja ein Jeder Für euch, so allgeliebt.
Da soll mich Gott behüten! Belohnung nehm’ ich nicht; Ein Schuft nur läßt sich zahlen Für die gethane Pflicht.“
So sprach der Schütz von Schopfen, Der Mann so schlicht und gut; Sein Namen ist verklungen, Doch nicht sein Edelmuth. Die Schwestern aber schenkten Dafür dem Schützenstand Ein Stück vom schönsten Walde Als ihres Dankes Pfand. Der „Schützenwald“ grünt lustig Bis auf die heutige Stund, Und immer neu floriret Der edle Schützenbund.