In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.
Um ihren Herrn von Bosenstein Hat längst verschmerzt den Trennungsharm, Noch in der Blüthe Rosenschein, Die Frau in ihres Buhlen Arm. Es war zum Kreuzessiege Gezogen fern der Ritter, Zu des Erlösers Wiege, Ein Sarazenenschnitter.
Sie praßt in Lüsten Tag und Nacht, In sündlicher Genüsse Wahl; Nie hat sie treulich mehr gedacht Des Ehgemals beim Schwelgermahl. Bei weingefüllten Humpen Wie jubelts heut im Chore! O seht, da hinkt in Lumpen Ein Weib herein zum Thore!
In ihrer sieben Kinder Kreis, Als käm’ das Unglück selbst zu Gast, Fleht um ein Stücklein Brod sie heiß, Gemagert zum Gerippe fast. Jedoch mit finstrer Stirne Die Herrin höhnt die Arme: „Wie kamst du, Bettlerdirne, Zu solchem Kinderschwarme? Fürwahr! das nenn’ ich Uebermuth, Hier ist für Hungrige kein Ort! Hinaus mit euch, Zigeunerbrut! Sonst hetz’ ich euch mit Hunden fort.“ – Die Bettlerin im Grimme Stößt aus den Fluch in Zähren: „So mögst zur Schmach du, Schlimme, Einst Sieben zumal gebären!“
Sie wankt von dannen leidesvoll, Man spottet noch der Gramgestalt;
Ob auch die Tafel überquoll, Der Kinder Jammern taub verhallt. O Felsenherz der Reichen, Tyrannisch im Genusse! Habt ihr für Warnungszeichen Kein Ohr, im Ueberflusse? Die Strafe schlich auf leiser Zeh’ Zur üpp’gen Frau von Bosenstein; Nach sieben Monden brach das Weh Des Fluchs auf sie mit Macht herein. Der Jubel hat am längsten Ergossen seine Lieder; Sie kam mit Qual und Aengsten Mit sieben Knaben nieder.
Doch bald weiß ihr versteckter Sinn Für diese Schande Höllenrath, Beredet schlau die Dienerin Zur unheilvollen Frevelthat: „Auf stillen Pfaden schleiche, – Wer sieht dir’s angeschrieben? – Hinab zum Dickenteiche, Ersäuf’ die bösen Sieben!“
Die Zofe steht im Schilf am Teich, Im Sack die Kindlein kläglich schrei’n; Sie sprach: „Ich schaff’ euch Ruh’ sogleich!“ Anknüpfend einen schweren Stein. Der See, vom Morgenrothe Umblutet, rauscht im Becken, Als ob er zürnend drohte, Den Rächer stracks zu wecken. „Gut Zeit!“ – Ein Mann im Pilgerkleid Ihr plötzlich an der Ferse stund: „Was kreischt in deinem Sack so, Maid?“ „Ei, Herr, sind neugeborne Hund!“ Sie wurde blässer, röther.
Er heischt im strengen Basse: „Zeig her die jungen Köter, Ob mit gefällt die Rasse!“
Was muß er sehn! Er starrt. „Gottlob!“ So ruft er aus, vor Zorn erblaßt, „Daß ich aus dieser Tauf’ euch hob, Und mir versagt ein Stündlein Rast! Nun, Falsche, offenbare Der Rabenmutter Namen!“ – Die Magd gesteht das Wahre, Ihr möcht’ die Zung’ erlahmen. Da sträubt sich ihm das Haar empor, Sein Auge rollt in Zornesgluth: „Das ist die Treu’, die sie mir schwor, So hielt sie mir das Haus in Huth! Dir sey geschenkt das Leben, Doch ihr mag Gott genaden!“ Drauf eilt in’s Schloß voll Beben Er, mit dem Sack beladen.
Er tritt hinein zum Rittersaal, Zur Hand die Zeugen ihrer Schuld; Da buhlten bei vertrautem Mahl Die Schwelger um der Dame Huld. „Hört an, ich bring’ euch Kunde Von gräulichem Verbrechen!“ Die Herrlein in der Runde, Sie halten inn’ im Zechen. –
„Sagt an, welch eine Strafe soll Ereilen solch unmenschlich Weib, Hinmordend, grauser Tücke voll, Die Frucht von ihrem eignen Leib?“ Man stutzt. – „Die,“ rief ein Spasser, „Vermauert harr’ des Todes Bei einem Kruge Wasser Und einem Laibe Brodes!“
„Sei’s!“ donnert Herr von Bosenstein Und wirft den Pilgermantel hin: „Ins Mauergrab verstoßen seyn Soll alsobald die Sünderin!“ Sie sinkt entsetzt vom Stuhle, Vernichtet war ihr Hoffen. Im Blute lag ihr Buhle, Vom Racheschwert getroffen.
* * *
Wo dort die Gottschläg felsherab Durchs enge Thal sich bricht die Bahn, Gähnt noch das Edelfrauengrab, Das einst die Büßerin umsahn. Noch steht in alter Kunde Von ihrem Stamm geschrieben, Davon der Name „Hunde Von Bosenstein“ geblieben.