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Badisches Sagen-Buch II

Die Hochzeitfeier

5 Min. Lesezeit· H. Wenzel, August Schnezler, Creuzbauer und Kasper

In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.

01

Im Grafenschloß beim Kerzenschein Steht eine schwarze Bahre, Drin ruht ein blaßes Mägdelein Mit langem blondem Haare; Im Antlitz zuckt ihr noch der Schmerz, Der ihr den Tod gegeben, Doch stille steht das arme Herz Und ruhet aus vom Leben.

02

Ein mächt’ger Herzog, schön und fein, Hatt’ ihr die Treu versprochen Und doch dem armen Mägdelein Nachher sein Wort gebrochen; Hat ihr geraubt der Unschuld Glück, Sie treulos dann gemieden, Da brach der Tod den trüben Blick, Und gab ihr seinen Frieden.

03

Am Sarge steht der alte Graf, Kein Wörtlein läßt er hören, Als fürchtet er, aus süßem Schlaf Die Tochter aufzustören;

04

Doch wie er hinblickt auf den Sarg, Denkt an ihr frühes Ende, Da wird sein Schmerz zu tief und arg, Als daß er Thränen fände. Und endlich rafft der Greis sich auf, Und rufet seine Knechte: „Wer ist, der wohl im schnellsten Lauf Dem Herzog Kunde brächte? Der möge, daß in stiller Nacht Von heut nach dreien Tagen Mein blaßes Mädchen Hochzeit macht, Dem stolzen Herzog sagen.

05

„Der lad’ ihn auch fein höflich ein, Er mög’ es nicht verschmähen, Mit mir und meinem Töchterlein Die Hochzeit zu begehen. Der sag’ ihm auch, man warte sein In Liebe und in Freude, Geschmückt sey schon das Bräutchen fein Mit ihrem Hochzeitkleide.“ So spricht der Greis und schnell enteilt Ein Knecht mit flücht’gen Schritten Den Herzog, der zu Hofe weilt, Zur Hochzeit herzubitten. Er tritt hinein zum stolzen Mann, Und bringt mit keckem Munde, Sieht gleich der Fürst ihn finster an, Die aufgetragne Kunde.

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Der Herzog staunt den Bothen an, Und spricht: „Ich werde kommen! Daß sie des Leids sich abgethan, Mag Eurer Herrin frommen!“ –

07

Der Diener sieht den Herzog an, Und spricht: „So ist’s geschehen, Daß sie des Leids sich abgethan, Ihr werdet selbst es sehen!“ –

08

Nach dreien Tagen in der Nacht Glänzt hell vom Fackelscheine Des Grafen Schloß in düstrer Pracht Aus dunkelm Eichenhaine; Doch still ist’s drinnen in dem Schloß Mit Werken und mit Worten; Da kommt der Herzog hoch zu Roß, Und donnert an die Pforten. Der alte Graf läßt schnell ihn ein, Und heißt ihn ernst willkommen, Daß er zu seinem Töchterlein Zur Hochzeit hergekommen; Drauf führt er ihn durch einen Gang In feierlichem Schritte Die Trepp’ hinauf die Hall’ entlang Bis in des Hofes Mitte.

09

Doch still und stumm ist’s überall, Erstorben scheint die Runde, Der hohen Mauern Wiederhall Giebt keines Festes Kunde; Da tönt kein Jubel, tönt kein Klang Der an die Hochzeit mahne. Der Wind nur saust die Burg entlang, Am Thurme knarrt die Fahne. Scheu bleibt der Herzog stehn und spricht! „Wie soll ich Dieses deuten? So stumm und traurig pflegt man nicht Die Hochzeit zu bereiten! –“

10

Der Graf spricht: „Laßt nur gut es seyn, Es darf Euch nicht erschrecken; Noch schläft mein süßes Töchterlein Und Niemand will es wecken!“

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Und weiter gehn sie Beide stumm Und treten in die Halle, Da stehn der Männer viel’ ringsum In schwarzer Kleidung alle; Sie stehen da und sprechen nicht, Und schauen vor sich nieder, Bleich ist und starr ihr Angesicht, Und regungslos die Glieder.

12

Scheu bleibt der Herzog stehn und spricht: „Wie soll ich Dieses deuten? So feiert man die Hochzeit nicht Mit stillen schwarzen Leuten!“ Der Graf spricht: „Laßt nur gut es seyn, Es sind die Hochzeitgäste, So wünschte sie mein Töchterlein Bei ihrem Hochzeitsfeste!’“ Und wieder still wird’s in der Hall’, Stumm steht die bleiche Runde, Da tönt herab mit dumpfem Schall Der Schlag der Mittnachtstunde; Und plötzlich klingt ein Grabgesang Von süßen Frauenstimmen; In Thränen muß bei diesem Klang Wohl jedes Auge schwimmen.

13

Da wird’s dem Herzog weh und bang, Er frägt: „Was soll das heißen? Das ist kein hochzeitlicher Klang, Das sind ja Grabesweisen!“

14

Der Graf spricht: „Laßt nur gut es seyn! Gleich wird die Braut erscheinen, Gar gerne sieht’s mein Töchterlein, Wenn ihre Gäste weinen.“ Und plötzlich öffnet sich die Thür’, Und schweigend, Paar an Paare, Tritt eine Schaar von Frau’n herfür, Mit einer schwarzen Bahre; Drauf liegt ein schneebleich Mägdelein, Mit langem blonden Haare, Und Frau’n und Männer wechselnd streu’n Ihr Blumen auf die Bahre.

15

Der Herzog bebt, sein Haar es sträubt Sich auf, die Wangen bleichen; Wie auch die Angst ihn drängt und treibt, Er steht und kann nicht weichen; Sein Auge rollt er wirr und wild Umher im düstern Kreise, Und vor dem blaßen Engelsbild Erstarrt sein Blut zu Eise.

16

Da packt der Graf ihn bei der Hand: „Nun Herzog, auf zum Tanze! Siehst du die Braut im Festgewand, In ihrem Hochzeitkranze? Spielt auf, ihr Leute, nun beginnt Der frohste Hochzeitreigen: Der Bräut’gam wird mit meinem Kind In’s kühle Brautbett steigen!“ Schon packt des Wahnsinns wilder Arm Dem Herzog die Gedanken; Wild tanzt um ihn der Lichter Schwarm Und alle Wände wanken;

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Er flieht hinweg mit wirrem Lauf, Er hört nur „Weh dir!“ heulen; Rings flattern bang geschrecket auf Die Käuzlein und die Eulen.

18

Und endlich steht er auf dem Thurm Am jähen Abgrunds-Rande, In seinen Locken wühlt der Sturm, In seiner Brust die Schande. Und wie er drunten hört beim Grab Die letzten Sterbelieder, Da stürzt er in die Tief’ hinab Und sinkt zerschmettert nieder.

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Quelle zitieren

Die Hochzeitfeier, in: Badisches Sagen-Buch II, Nr. 289, Karlsruhe: Creuzbauer und Kasper: 1846

Archivfassung zitieren

Die Hochzeitfeier, Sagenarchiv Verlag Kawerau, hrsg. von Verlag Kawerau. https://sagenarchiv.de/archive/die-hochzeitfeier/textzeugen/badisches-sagenbuch-ii-289-die-hochzeitfeier