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Badisches Sagen-Buch II

Die Rettung des Klosters Lichtenthal

4 Min. Lesezeit· Albert Preuschen, August Schnezler, Creuzbauer und Kasper

In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.

01

Die Trommeln und Trommeten schallen In wildem Lärmen durch das Land, Die weißen Lilienbanner wallen Und hinter ihnen wogt der Brand. Schon wälzt hinan die düstre Lohe Zur Quellenstadt des Krieges Sturm, In Trümmer fällt das Schloß, das hohe, Zusammen krachen Kirch’ und Thurm.

02

Die Flamme hüpft durch alle Gassen Und leckt zum Himmel hoch empor, Es hüllt der Rauch in Wolkenmassen Den Sommertag in dunkeln Flor. Wie brüllen der Verheerer Schaaren Wild jauchzend in die rothe Gluth! Sie mag dem Land es offenbaren, Daß ihre Arbeit noch nicht ruht.

03

Es steht ein Gotteshaus, gelehnet An tannengrüne Bergeswand, Wo heil’gen Frieden, längst ersehnet, Manch Herz in stiller Zelle fand. Dort schallt zu frommer Feste Feier Der Chorgesang bei Weihrauchduft;

04

Dort hüten Frau’n im schwarzen Schleier Die Todten in der Fürstengruft. Bleibst du dem Feindesgrimm verborgen, Du heil’ge Stätte Lichtenthal? Bringt dir nicht schon der nächste Morgen Der Mordbrand-Fackel Loderstrahl? Ehrt Der das Gotteshaus, das reine, Der nie ein Heiligthum gescheut, Der Todten Ruh, der die Gebeine Der Kaiser in den Staub gestreut?

05

Kein Hoffen mehr, nur ein Ergeben In Gottes Rathschluß, undurchschaut, So stehn sie da, in stillem Beben, Manch himmelblickend Auge thaut; Doch in der reinen Frauen Mitte Tritt jetzt des Klosters treue Magd: „Gewährt, zu handeln, mir die Bitte!“ Spricht freudig sie und unverzagt. „Vertraut dem Herrn, der in dem Schwachen Zur rechten Stunde mächtig ist; Nach meiner Weise laßt mich machen, Rath schaff’ ich euch nach kurzer Frist!“ – Und wohl versehn mit frommer Gabe Verläßt sie bald das Gotteshaus, Und pilgert rasch mit Korb und Stabe In das verheerte Land hinaus.

06

Nichts stört sie auf der frommen Reise, Es irrt sie kein durchkreuzter Weg, Sie braucht des Trankes kaum, der Speise, Nicht müde wird ihr Fuß, so reg; Rückschauend auf die Schwarzwaldberge Steht sie am fluthenhellen Rhein, Und wie gerufen nimmt der Ferge Sie in den schwanken Nachen ein.

07

Und fort in unerschöpfter Schnelle Eilt sie dem Ziel der Reise zu, Nur eine heilige Kapelle Beut zum Gebet ihr kurze Ruh. Jetzt ist der Reise Ziel erschritten, Es steht die Magd in Hagenau, Mit Thränen und beredten Bitten, Vor einem Kriegsmann stolz und rauh. Den mahnt sie an vergangne Stunden, Wo er nach schwülem Kampfestag, Bedeckt von brennend heißen Wunden, Hilflos im Krankenbette lag; Er denkt der Zeit, wo sein gepfleget Die zarte, jungfräuliche Hand; Sein Herz, zum Danke sanft beweget, Die erste stille Lieb’ empfand.

08

Von frommen Händen groß gezogen, Bringt sie ihm Blumen duftig zart, Buntfarbig wie der Regenbogen, Zu füllereichem Strauß gepaart; Der Jungfrau Bildniß, sich entringend Aus Erdennacht ins Meer des Lichts, Ins Reich der Himmel auf sich schwingend Verklärten, sel’gen Angesichts: „Du durftest nicht umsonst verpfänden Der Pflegerin dein Ritterwort; Nun schütze vor den Mörderhänden Dein Dank des Friedens stillen Port! Die Gottesblumen zu bewahren, Beeile dich im Sturmgebraus, Die dich gerettet in Gefahren, Der rette du ihr heilig Haus!“

09

Kann er dem Sturme Halt gebieten, Der braust auf höheres Gebot?

10

Kann schützen er des Klosters Frieden, Das seines Herrschers Grimm bedroht? Wohl steht er da, in düsterm Sinnen, Bis halb es in der Seele tagt, Und rasch entsendet er von hinnen Mit Rath und Trost die treue Magd. – –

11

Noch sind die Brenner nicht gekommen; Wer kam den Wüthenden zuvor? Was lärmt und tobt im Haus der Frommen? Warum verstummt der Sang im Chor? Es klirren Fenster, Ziegeln rasseln, Der Dachstuhl fällt, wie ausgebrannt, Färbt schwarz sich bei der Fackeln Prasseln Des Klosters helle Mauerwand. Nicht trägt, des Uebermuthes Beute, Das stille Haus des Brandes Spur! Es sind des Klosters eigne Leute, Ihr Werk ist fromme Lüge nur; Denn klug befolgten ohne Säumen Die Frauen, was der Freund gelehrt, Und in den unversehrten Räumen Sind sie verborgen, unversehrt.

12

Da rollen Trommeln, gellen Pfeifen Die Oos hinan mit wildem Klang: Der Feinde trunkne Schaaren streifen In tollem Muth das Thal entlang. Doch wie im Klosterhof sie stehen, Da blendet sie der Täuschung Wahn, Was sie gewollt, ist schon geschehen: Graus der Verwüstung starrt sie an! Und wie bei wirbelndem Geschmetter Die wilden Feinde weiter ziehn, Im Dankgebet zu Gott, dem Retter, Die frommen Klosterfrauen knie’n.

13

Gesichert ist der Todten Frieden, Gewahrt der Gottesbräute Schaar; Manch obdachlosem Flüchtling bieten Sich gern des Klosters Räume dar.

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Die Rettung des Klosters Lichtenthal, in: Badisches Sagen-Buch II, S. 222–226, Karlsruhe: Creuzbauer und Kasper: 1846

Archivfassung zitieren

Die Rettung des Klosters Lichtenthal, Sagenarchiv Verlag Kawerau, hrsg. von Verlag Kawerau. https://sagenarchiv.de/archive/die-rettung-des-klosters-lichtenthal/textzeugen/badisches-sagenbuch-ii-108-die-rettung-des-klosters-lichtenthal