In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.
Schon spiegelt auf des Neckars Fluth Der Mond sein wachsend Horn; Wer wallt noch flink und wohlgemuth Waldein zum grünen Born? Ein Mägdlein ist’s, vom Jettenbühl Die schöne Seherin; Getreuer Minne Machtgefühl Ermuthigt ihren Sinn.
Allabendlich zum Waldborn kam Ein fremder Jägersmann,
Ein Recke kühn und minnesam, Den Jetta liebgewann.
Oft bei des Mondes Dämmerstrahl Hat sie der Quell belauscht, Da ward gekos’t so manches Mal Und Kuß um Kuß getauscht.
Auch heute wagt sie ihm zur Huld Den späten Pilgergang, Vor heißer Herzensungeduld Deucht ihr der Pfad so lang. Sie hat nicht Ruh, sie hat nicht Rast, Es drängt sie mehr und mehr, Waldvöglein sang vom Tannenast: „O eile nicht so sehr!“ Bald naht dem Ziel ihr flinker Fuß, Sie sieht, von Busch umzweigt, Den Buhlen schon: „Mein Schatz, bist du’s?“ Er regt sich nicht und schweigt.
Da flog das Mägdlein sehnsuchtsschnell Ihm zu – mit Ungestüm Umfängt sie, weh! nicht ihr Gesell, – Ein lechzend Ungethüm.
Ein Wolf, der dort den Durst gestillt, Hält gierig sie umklaut, Vom Blut, das ihrem Leib entquillt, Wird Busch und Moos bethaut.
Hört in der Runde denn kein Ohr Ihr herzzerreißend Schrei’n? „O Waidmann! Waidmann, komm hervor, Dein Liebchen zu befrei’n!“
Horch auf! er ist’s, er eilt herbei, Gewaltig trifft sein Streich, Das Unthier stürzt, die Maid ist frei, Doch leichenkalt und bleich. Sie blickt zum letzten Mal ihn an, Der Glück und Tod ihr gab, „Fahr wohl, herzlieber Jägersmann! Mein Brautkranz fällt in’s Grab.“
Jhr Auge brach am Jettenbühl, Wo lebend sie gehaust; Da ruht die Jungfrau tief und kühl, Von Neckarfluth umbraust.
Bei Heidelberg im Pfälzerland Begab sich dieses Leid; Wolfsbrunnen ward der Quell genannt Sofort von jener Zeit.