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Badisches Sagen-Buch II

Die See-Nonnen von Tiefenau

2 Min. Lesezeit· Ignaz Hub, August Schnezler, Creuzbauer und Kasper

In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.

01

Die tiefe Au, so weit ihr schaut, War sonst ein See, draus kläglich laut Oft Nonnensang erklungen; Hier stand voll Lust und Ueppigkeit Ein Frauenkloster in alter Zeit, Längst hat es die Erde verschlungen.

02

Hell glitzerte die Winternacht, Es blies der eisige Wind mit Macht, Da pochts an der Klosterpforte: Um Einlaß fleht und Nachtquartier Ein alter Pilgersmann allhier Mit fromm bescheidenem Worte.

03

Vergebens; weh! die Pförtnerin Von dannen wies mit hartem Sinn Den frosterstarrten Armen; Die Frauen drinn bei leckerm Mahl, Die dicke Priorin zumal, Sie fühlten ja kein Erbarmen.

04

Ach, händeringend bat der Greis Um einen Imbiß nur zur Reis’, Fast brechen ihm die Glieder; – Umsonst: Erbarmen war hier karg, Nur Eine, die Novizin, barg Ein fühlendes Herz im Mieder. Verstohlen reicht, was sie erhascht, Ihm dar die Maid, doch überrascht Verhöhnen sie die Nonnen. In der Angel knarrt die Pfortenthür, Gelächter schallt wie Spott herfür – Weh euch, was habt ihr begonnen! Des Fremden Auge blitzend rollt, Sein Fluch wie dumpfer Donner grollt; Und rasch mit seinem Stabe Hat er berührt den Boden kaum, Da lag der weite Klosterraum Versunken im Erdengrabe.

05

Wehklage stöhnt aus tiefem Grund, Rings zischen Flammen aus dem Schlund, Drinn Wasser draußen und gischen. An schwillt zum dunkeln See die Fluth, Wie durch ein Wunder grünend ruht Ein kleines Eiland dazwischen.

06

Hier, sichtbarlich in Gottes Hand, Inmitten der Zerstörung stand Die reine Klosterlilie; Sie führt zum Uferstrand der Greis, Indeß ertönt vom Wasser leis Des Nonnenchors Vigilie.

07

„Kehr’ zu den Deinen,“ – sprach er sanft, – „Doch morgen an der Wogen Ranft, Daß ich Dein Herz belohne, Um Mittnacht mit dem Liebsten hier Zum Brautgeschenk verehr’ ich Dir Den Schmuck der Myrtenkrone!“

08

Ob ihrer Herkunft Niedrigkeit Gerissen von des Theuren Seit’, So nahm sie jüngst den Schleier; – Wie schlägt ihr Herz in Wonne jetzt, Wie hat die Hoffnung sie geletzt Bei dieser Worte Feier! Und als’ die Geisterstunde kam, Wohl harrt sie mit dem Bräutigam Erwartungsvoll der Kunde. Vom nahen Dorfe zwölfmal scholl Die Glocke – Horch! da rauscht’ und schwoll Die Fluch empor vom Grunde.

09

Auf tauchen stumm der Nonnen drei, Den Brautschatz schleppen sie herbei, Säcke voll Gold und Juwelen; Und wie sie ächzend der See verschlingt, Des Paars Gebet zum Himmel klingt Zur Ruh’ für ihre Seelen.

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Quelle zitieren

Die See-Nonnen von Tiefenau, in: Badisches Sagen-Buch II, Nr. 222, Karlsruhe: Creuzbauer und Kasper: 1846

Archivfassung zitieren

Die See-Nonnen von Tiefenau, Sagenarchiv Verlag Kawerau, hrsg. von Verlag Kawerau. https://sagenarchiv.de/archive/die-see-nonnen-von-tiefenau/textzeugen/badisches-sagenbuch-ii-222-die-see-nonnen-von-tiefenau