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Badisches Sagen-Buch II

Die Teufelskanzel

2 Min. Lesezeit· August Stöber, August Schnezler, Creuzbauer und Kasper

In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.

01

Du schauerst, Wandrer, ob dem Graus Rings hier in Thal und Wald umher; Du siehst nur Felsen, grau und schwer, Kein freundlich Blümlein ragt heraus. Da fragst, woher das Schrecken kam? Das weiß die Sage wundersam Und treulich dir zu deuten.

02

Es war in alten, fernen Zeiten; Der Teufel hergezogen kam, Aufsteigend aus den heißen Fluthen, Aus Badens tiefverborgnem Quell. Noch flammend von der Hölle Gluthen, Den Blick von rothem Lichte hell. So bricht er auf, erklimmt die Höhn Und heißt umher die Diener gehn, Daß sie versammelten um ihn Der Bäuerlein und Ritter viele.

03

Man sah’s von Schloß und Hütte ziehn, Als ging’s zu Tanz und Waffenspiele. Der Böse stellt sich drauf mit Neigen Gar sittsam auf den höchsten Stein, Und als die Hörer alle schweigen, Beginnt er leise, mild und fein, Die Rede süß und klug ersonnen, Und spricht von seines Reiches Wonnen, Von ewigem Glanz und Herrlichkeit, Die seinen Dienern stehn bereit. Er weiß mit losem Trug und Spott Die Geister listig zu bethören, Daß schon in mancher schwachen Brust Sich hebt und regt die sündige Lust, Und spöttelnd über den lieben Gott Man kann viel leidige Worte hören. –

04

Da fällt’s, wie lichter Wetterschein, Tief in den finstern Wald herein; Genüber des Bösen Höllenthron Erklingt ein goldner Harfenton; Ein Engelknabe niederrauschet In silberleuchtendem Gewand, Die Palme tragend in der Hand, Und still bewegt die Menge lauschet.

05

Und wie er spricht, beginnt’s zu tagen Wie Himmelsroth in jeder Brust; Sie fühlen mächtig, unbewußt, Sich zu dem Engel hingetragen. Der Böse wüthet bald allein Auf dem verlassnen Kanzelstein; Er bricht empor im wilden Grimme, Doch süßer tönt des Engels Stimme, Und immer heißer wird der Drang; Von allen Lippen festlich klingt, Aus allen Herzen gläubig schwingt Empor sich heiliger Bußgesang. –

06

Der Böse mit dem Dienerchor Bricht in der letzten Wuth hervor; Mit den Riesenkrallen gewaltig faßt Er, niederdonnernd, der Felsen Last, Und schleudert die Bäume, groß und schwer, Wie Blüthenflocken im Thal umher, Und öffnet der Erde Nacht und Graus, Daß schwarze Quellen fluthen heraus; Und fluchend schlägt er den scharfen Huf Zum ewigen Zeichen tief in den Stein, Und stürzt sich dröhnend, mit wildem Ruf In der Erde klaffenden Schlund hinein. – Zieh schnell vorüber, o Wandersmann! Noch ficht der Böse die Menschen an, Und will er dich locken zur sündigen Lust, So öffne dem guten Engel die Brust!

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Quelle zitieren

Die Teufelskanzel, in: Badisches Sagen-Buch II, S. 256–258, Karlsruhe: Creuzbauer und Kasper: 1846

Archivfassung zitieren

Die Teufelskanzel, Sagenarchiv Verlag Kawerau, hrsg. von Verlag Kawerau. https://sagenarchiv.de/archive/die-teufelskanzel/textzeugen/badisches-sagenbuch-ii-126-die-teufelskanzel