Zum Archiv
Zitieren

Das kleine Heldenbuch

Jüngeres Hildebrandslied

Alte neuhochdeutsche Übertragung · 1859 · Karl Simrock

4 Min. Lesezeit· Karl Simrock

In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.

Der Text wurde vollständig mit den historischen Scans verglichen.

01

Das Hildebrandslied oder der Vater mit dem Sohne

02

„Ich will zu Lande reiten,“ sprach Meister Hildebrand, „Ist gleich von langen Zeiten der Weg mir unbekannt. In fremden Landen waren wir manchen lieben Tag, Daß mein in dreißig Jahren Frau Ute nicht mehr pflag.“

03

„Willst du zu Lande reiten,“ sprach Herzog Amelung, „Was begegnet dir auf der Haide? ein stolzer Degen jung, Dort auf des Berners Marke, der junge Alebrand: Und rittest du selbzwölfter, du würdest angerannt.“

04

„Ist er im Reiten denn so wild in seinem Uebermuth, Ich zerhau ihm seinen grünen Schild, es thut ihm nimmer gut. Ich zerhau ihm seine Brünne mit einem schnellen Schlag, Daß wohl ein Jahr darüber seine Mutter klagen mag.“

05

„Das thu du nicht,“ versetzte von Bern Herr Dieterich, „Daß du den Jungen tödtest, Hilbrand, das bitt ich dich. Du sollst ihn freundlich bitten wohl um den Willen mein, Daß er dich laße reiten, so lieb ich ihm mag sein.“

06

Als er von Garten ausritt wohl zu des Berners Mark, Er kam in große Arbeit von einem Helden stark. Von einem jungen Degen ward er da angerannt: „Was suchst du hier, du Alter, in meines Vaters Land?

07

„Du führst einen Harnisch lauter, recht wie ein Königskind, Du machst mich jungen Helden mit sehnden Augen blind. Du solltest daheim verbleiben und haben gut Gemach Bei heißen Kohlengluten.“ Der Alte lacht’ und sprach:

08

„Sollt ich daheim verbleiben und haben gut Gemach? Viel Streitens muß ich treiben: davon werd ich oft schwach. Muß reiten und streiten so manche Heeresfahrt; Das glaube mir, du Junger, drum grauet mir der Bart.“

09

„Den Bart will ich dir raufen, du alter grauer Mann, Daß dir das Blut soll laufen herab wohl auf den Plan. Den Harnisch und den grünen Schild must du mir übergeben, Dazu auch mein Gefangner sein, daß du behältst das Leben!“

10

„Mein Harnisch und mein grüner Schild hat stäts mir Schutz gewährt, Ich traue Gott vom Himmel wohl: mir ist leicht Glück bescheert.“ Sie ließen von den Worten und griffen nach dem Schwert: Was diese zwei begehrten, des wurden sie gewährt.

11

Der Junge gab dem Alten gar einen harten Schlag, Des Hildebrand der alte von Herzen sehr erschrak. Der Junge sprang zwölf Klafter zurück mit seinem Leib. Der Alte sprach: „Solch Springen, das lehrte dich ein Weib.“

12

„Sollt ich von Weibern lernen, das wär mir eine Schand: Ich habe Ritter und Knechte in meines Vaters Land. Viel Ritter sind und Grafen an meines Vaters Hof Und was ich nicht gelernet hab, das lern ich aber noch.“

13

Wohl kluger Sinne pflegen sah man den alten Mann, Bis er dem jungen Degen sein Waffen unterrann. Er thät ihn zu sich zücken wo er am schmalsten war Und warf ihn auf den Rücken wohl in das grüne Gras.

14

„Wer sich an alten Kesseln reibt, den schwärzt gar leicht der Rahm: Also geschieht dir Jungem hier von mir altem Mann. Nun sage mir und beichte, dein Priester will ich sein, Bist du ein junger Wölfing, so laß ich dich gedeihn.“

15

„Wölfinge das sind Wölfe die laufen in dem Holz; Ich bin aus Griechenlanden ein junger Degen stolz. Meine Mutter heißt Frau Ute, die edle Herzogin, Und Hildebrand mein Vater, dem ich gar unkund bin.“

16

„Heißt deine Mutter Ute, die edle Herzogin; So wiße, daß ich Hildebrand, dein lieber Vater bin.“ Auf schloß er seinen goldnen Helm und küßt’ ihn auf den Mund: „Nun sei der reiche Gott gelobt, daß wir beide noch gesund.“

17

„Ach Vater mein, die Wunden, die ich dir hab geschlagen, Die wollt ich dreimal lieber an meinem Haupte tragen.“ „Nun schweige still, mein lieber Sohn, der Wunden wird wohl Rath: Der reiche Gott, der sei gelobt, der uns vereinigt hat.“

18

Das währte von der None bis zu der Vesperzeit, Da kehrte heim gen Berne Herr Alebrand vom Streit. Was führt’ er an dem Helme? von Gold ein Kränzelein. Was führt’ er an der Seiten? den liebsten Vater sein.

19

Er führt’ ihn an der Mutter Tisch und setzt’ ihn obenan. Er bracht ihm Eßen und Trinken: die Mutter war ihm gram. „Ach Sohn, mein allerliebster Sohn, der Ehren ist zu viel, Der den Gefangnen obenan zur Tafel setzen will.“

20

„Nun schweiget, liebe Mutter, und hört was ich euch sage, Er hat mich auf der Haiden schier gar zu Tod geschlagen. Nun hört mich, liebe Mutter, kein Gefangner soll er sein: Es ist Hilbrand der alte, der liebste Vater mein.

21

„Ach Mutter, liebste Mutter, nun biet ihm Zucht und Ehr.“ Da hub sie an zu schenken und trugs ihm selber her. Was hatt er in dem Munde? Von Gold ein Ringelein: In den Becher ließ ers sinken der liebsten Frauen sein.

Für deine Recherche

Quelle zitieren

Jüngeres Hildebrandslied, in: Das kleine Heldenbuch, S. 359–363 (PDF-Seiten 371–375), 1859

Archivfassung zitieren

Jüngeres Hildebrandslied, Sagenarchiv Verlag Kawerau, hrsg. von Verlag Kawerau. https://sagenarchiv.de/archive/heldenepik-juengeres-hildebrandslied/textzeugen/heldenepik-juengeres-hildebrandslied-daskleinehelden00simrgoog-translation-de-1