In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.
Von Basel kommt gezogen In stolzem Lauf der Rhein, Da beugen seine Wogen Zur Rechten plötzlich ein;
An Istein’s Felsenmauer Zieht hoch der Strom heran, Und rauscht zurück mit Schauer, Und brandet wieder an.
Was lockt ihn da herüber? Was treibt ihn fort zur Flucht? Was wird er ernst und trüber Und gräbt sich tiefe Bucht? Es liegt an diesem Strande Ein todtenstiller Ort; Es ragt bis vor zum Rande Des Dorfes Kirchhof dort.
Und oft – so hört’ ich sagen – Wenn hoch die Wasser ziehn, Wirft hier mit dumpfen Klagen Der Strom die Todten hin; Er wirft sie an’s Gestade Aus seinem Wogensarg, Auf daß er sich entlade Der Schulden, die er barg. Da lag wohl auf dem Sande Schon manches graue Haupt. Ob diesem Noth und Schande Den Lebensmuth geraubt? Ob Jener sank in Sünde, Bis ihn hinunterriß In seine Todesgründe Der Geist der Finsterniß?
Auch manche Jungfrau’nleiche Lag dort am Felsenhang. Was war’s, du arme Bleiche, Daß dich die Fluth verschlang? Ach! wühlt’ in deinem Herzen Getäuschter Liebe Gram,
Bis dich, betäubt von Schmerzen, Verzweiflung überkam? Ein Mensch im Todtenhemde – Was stürzt’ ihn in die Fluth? War’s eigne Schuld, war’s fremde, War’s Sturm und Stromes Wuth? Wer hat wohl sichre Kunde? – Die Dörfner fragen’s nicht; Sie denken nur zur Stunde Der frommen Liebespflicht.
Des Friedhofs Ruhestätte Nimmt alle Todten auf, Die aus dem kalten Bette Verstieß der Fluthen Lauf. Sie richten nicht, sie schweigen; Dem ist’s anheimgestellt, Dem alle Todten eigen, Demt Richter aller Welt.
Es steht ein Kreuz erhoben Hoch auf dem Felsengrund, Es deutet ernst nach Oben, Thut Gottes Gnade kund; Es sieht die Wellen fliehen Im raschen Strom der Zeit, Und, Die vorüberziehen, Mahnt’s an die Ewigkeit.