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Badisches Sagen-Buch I

Johannes Huß

4 Min. Lesezeit· Wilhelm Nicolaus Freudentheil, August Schnezler, Creuzbauer und Kasper

In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.

01

Erscheinst du mir aus Edens milder Zone, Wo nicht der Bann dem frommen Denker droht, O Huß, geschmückt mit einer Lorbeerkrone, Wie kein Granikus sie dem Helden bot? Bewährter Kämpfer an der Wahrheit Throne, Du warst dem Ruf getreu bis in den Tod,

02

Warst Sieger, als dich blinde Wuth verdammte, Dein Schutzherr log, die Opferstätte flammte.

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Die Fackel, die am Jordan einst in Nächten So herrlich strahlte, war verlöscht, entweiht, War Feuerbrand in wilder Priester Rechten, Nicht mehr Verkünderin der bessern Zeit; Vor Götzen lag der Freie, gleich den Knechten, Von Todesschuld durch schnödes Erz befreit; Des Geistes Augen hüllten dichte Binden, Sie willig tragen, hieß – den Himmel finden.

04

Du trugst sie nicht. Zu längst verlassnen Quellen Erforschtest du die fremdgewordne Bahn, Halfst, kühnen Muthes, dichte Schatten fällen, Entlarvtest den Betrug im Lateran. Und sieh! die Waldgebirge Böhmens hellen Mit neuem Schimmer sich! Es flieht der Wahn, Die Tugend jauchzt, und tief in seinem Staube Erliegt, von dir bekämpft, der Aberglaube. Doch weh! Constantia’s Prälaten sitzen Dort zu Gericht. Wirst du den Kampf bestehn, Wie deiner heimathlichen Berge Spitzen, Wenn Donner rollen und Orkane wehn? Wer rettet, wer? Des Bannfluchs Strahlen blitzen Die Kirche heißt den Ketzer untergehn. – Er lacht des Kerkerthums, der wilden Rache, Verficht sein Heiligthum auf treuer Wache.

05

Laßt Tausende sich wider ihn verbünden! Nicht schreckt ihn ihrer Legionen Zahl. Den Widerruf belohnen reiche Pfründen, Der Treue harrt des Scheiterhaufens Pfahl. Er wankt nicht. In des Thurmes feuchten Gründen Erkrankend, freut der Dulder sich der Wahl, Wie sein Messias einst auf Salem’s Hügeln, Mit edlem Blut das Wort des Herrn zu siegeln. „Was rotten,“ – ruft er – „Papst und Cardinäle Sich gegen mich, entbrannt von Rachbegier?

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Mein Siegesfest beginnt! Die müde Seele Des Dulders schwingt, Erhabner, sich zu Dir! Gewollt hab’ ich das Gute. Meine Fehle Vergieb Du, milder als die Priester, mir! O stärke mich zu meinem letzten Gange, Daß ich, von Dir zu zeugen, nicht erbange!

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„Ein hohes Amt hast Du für mich erkoren; O Wonne mir! Dein Herold darf ich seyn! Ob Hölle selbst sich gegen mich verschworen, Ich zage nicht, bin, Vater, bin ja Dein! Der Sämann sinkt, die Saat bleibt unverloren, Was er nicht erndtet, Herr, wirst Du verleih’n! Drum mögen Flammen diesen Leib verschlingen, Ein Schwan wird einst auf Hußens Asche singen!

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„O immer preist, ihr fernen Riesenberge, Von euren Höh’n den Herrn mein Lobgebet; In heilgem Boden ruhen Riesensärge, Wenn in die Winde Hußens Staub verweht. Gen Himmel thürmt den Holzstoß! Auf, o Scherge! Mein Seraph winkt, der vor Jehova steht! Ich komm’, ich komme, will mein Opfer spenden, Was ich vor Gott begann, vor Gott vollenden!“ Und sieh, errungen ist sein Siegsgepränge; Die Stunde schlägt, der Todeszug beginnt. Durch alle Gassen fluthet roh die Menge, Kein Seufzer schallt und keine Thräne rinnt. Gefesselt wandelt Huß und Lobgesänge Beflügeln seine Seele hochgesinnt. Der Heimath nahe fleht er für die Horden, Die, Gott zu ehren, seinen Herold morden.

09

Die Richtstatt winkt, umkreist von tausend Speeren, Und aufgeschichtet harren Pech und Kien, Die Hülle des Gerechten zu verzehren, Und Aller Augen starren wild auf ihn. Mit Teufeln mögen sie sein Haupt entehren, Sein Ohr vernimmt des Himmels Harmonie’n!

10

An Henkers Hand ersteigt mit festen Schritten Er seinen Thron, durch heil’gen Kampf erstritten. Entblößt, mit Strängen an den Pfahl geschlossen, Besteht er glorreich noch den letzten Streit. Ihn mahnt ein Ritterpaar auf hohen Rossen: „Bereu’ den Wahn am Thor der Ewigkeit!“ Er wankt nicht, ist vom Fackelrauch umflossen, Für seinen Gott zu sterben froh bereit; Ein Bäuerlein wankt her mit schwerem Stamme, Daß heller, höher Hußen’s Glutbett flamme.

11

Der lächelt; „Heil’ge Einfalt!“ ruft der Hohe; Der Holzstoß brennt. Er singt sein Schwanenlied, Erblickt sein Paradies, indeß das rohe, Bethörte Volk Gehenna’s Gluten sieht. Und höher, dichter steigen Dampf und Lohe; Die Stimme schweigt, des Dulders Seele flieht In lichten Engelreih’n auf Sonnenwegen, Und hört entzückt des Auferstandnen Segen.

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Quelle zitieren

Johannes Huß, in: Badisches Sagen-Buch II, Nr. 22, Karlsruhe: Creuzbauer und Kasper: 1846

Archivfassung zitieren

Johannes Huß, Sagenarchiv Verlag Kawerau, hrsg. von Verlag Kawerau. https://sagenarchiv.de/archive/johannes-huss/textzeugen/badisches-sagenbuch-i-022-johannes-huss