In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.
Ungeprüfte OCR-Arbeitsfassung. Keine manuelle Gegenlesung. Haupttext, Anmerkungen, Register und Tabellen sind nicht redaktionell getrennt; Erkennungsfehler und fehlerhafte Lesereihenfolgen sind möglich. Autor: Friedrich Bienemann der Jüngere (1860–1915); einige Bibliothekskataloge verwechseln ihn mit seinem Vater.
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Harvard College Library FROM THE SUBSCRIPTION FUND BEGUN IN 1858 28 wbl.
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21252.1 ZO NARD CSEEERN JUL 28 1900 * FoaBoaeno nen3ypor. Pepeab, 25. Ioua 1897r.
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Meiner Xrau gewidmet.
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Livländiſches Sagenbuch. X Herausgegeben vr. Fr. Bienemann jun. ve3Ir Revaf 1897. Verlag von Franz Kluge.
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Livländiſches Sagenbuch. 2%. 2 Herausgegeben Dr. Xr. Bienemann jun. "er Revatſ 1897. Verlag von Franz Kluge.
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21252.1 ZEW er COLT JUL 28 DN LIBRARY: AvaBozeno nen3ypow. PeBeab, 25. Iwona 1897vr,
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Meiner Xrau gewidmet.
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Vorwort. Dies muß ein Land der Sagen ſein, An Emma's Strom, an Belts Geſtein! Das Waſſer rauſcht am Waldesrand Blau flutend hin zum Meeresſtrand; Wo es den Hügel dort umfloß, Da liegt in Trümmern breit ein Schloß, Man ſicht ringöum geſunkne Wehr, Da lagerte wohl einſt ein Heer ? Und wo der Pfad zum Turme geht, Däucht mir, ein greiſer Ritter ſtcht, Das wird der alte Weyland M Er ſchauet trüb auf morſch Geſt Am Strande liegt im Schilfverſtet Der grauenhafte Seegeiſt Nek; Er lauert liſtig, hält die Wacht Und giebt auf ſchöne Mägdlein acht. Das blonde Landvolk ſchaut ihn an Und nährt von ihm den alten Wahn; Es jucht im Wald und auf der Flur Noch vieler Wunder dunkle Spur. Ein Pfiff gellt plöklich durch den Wald, Was ſchleicht dort heimlich für Geſtalt ? Es fiel ein Feind wohl jach ins Land Und nahet ſchlau mit Schwert und Brand. Was nehm ich da für Männer wahr? Sagt mir, das iſt wohl ein Tartar? Und der da wild zu Roſſe tobt, Ein Pole iſt's wohl, kampferprobt? Der da im Wams, mit ſpißem Bart, Das iſt ein Schwede, rauh und hart; Mit kühnem Blik, im bunten Kleit Giebt ihm ein Schotte das Geleit. Wie alles durcheinander rennt, Die Scheune hier, die Stadt bort brennt;
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vi Vorwort. Was haben Zeiten hier geſchn, Da ſo unbändiges geſchehn! Doch ob man auch Geſichte ſchaut, Die Sage wird nur wenig laut. Was iſt's, daß ſie ſo wenig ſpricht, Da überall ſich zeigt Geſicht ? Das iſt's, daß man ſie nicht gehört, So hat die Sage aufgehört, Sie mußte ſtill in ſich vergehn. Man horche auf, ſie wird erſtehn! Fünfzig Jahre ſind es her, daß K. H. von Buſſe dieſe Verſe ſchrieb*). Eine warme, ſeine Empfindung lebt in ihnen, jenes Gefühl, das den wohl überkommen mag, der auf althiſtoriſcher Stätte ſteht und hinausſchaut weit ins Land. Das iſt jenes Geſühl des Zuſ mit der it, der unmi Volkserinnerung, wie ſie auch in lebendiger poetiſcher Geſtaltung in der Sage zum Ausdru ſtrebt. „Dies muß ein Land der Sagen ſein!“ fingt unſer Lied und der Heimat Schiſale ſchwere Fülle taucht auſ vor des Dichters innerem Auge. Iſt das nun ſo? Iſt Livland ein Land der Sagen in dieſem Sinne? Kann es ein ſolches ſein? == Das Märchen und die Sage = jedes hat ſeinen eigenen Kreis. „Das Märchen,“ ſagen die Brüder Grimm**) in ſeiner Aus- führung, „iſt poetiſcher, die Sage hiſtoriſcher; jenes ſteht beinahe nur in ſich ſelber ſeſt, in ſeiner angeborenen Blüte und Vollendung; die Sage, von einer geringeren Mannigfaltigkeit der Farbe, hat noch das Beſondere, daß ſie an etwas Bekanntem und Bewußtem hafte, au einem Ort oder einem durch die Geſchichte geſicherten Namen. Aus dieſer ihrer Gebundenheit ſolgt, daß ſie nicht, gleich dem Märchen, überall zu Hauſe ſein könne, ſondern irgend eine Bedingung vorausſehe . „ Um alles menſchlichen Siunen un- gewöhnliche, was die Natur eines Landſtrichs beſikt, oder weſſen ihn die Geſchichte gemahnt, ſammelt ſich ein Duft von Sage und Lied, wie ſich die Ferne des Himmels blau anläßt und zarter ſeiner Staub um Obſt und Blumen ſeht. Ans dem Zuſammenleben und *) Unter dem Pſeudonym H. Blindner und dem Titel „Die Sage in Livland“ im Inland 1846 Sp. 909. 8*) Deutſche Sagen. 2. Aufl. Bd. 1. Vorrede S. V. VI.
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Vorwort. vn Zuſammenwohnen mit Felſen, Seen, Trümmern, Bäumen, Pflanzen entſpringt bald eine Art von Verbindung, die ſich auf die Eigen- tümlichkeit jedes dieſer Gegenſtände gründet und zu gewiſſen Stunden ihre Wunder zu vernehmen berechtigt iſt.“ Charakteriſtiſch wird der eigentlichen Sage alſo ſein, daß ſie in irgend einer Weiſe, ſei es mehr örtlich, ſei es mehr geſchichtlich gebunden iſt, daß ſie an irgend etwas Beſtimmtem haſtet. Solcher Sagen nun, die irgendwie örtlich, an Seen, Berge, Steine, gebunden ſind, hat unſere Heimat allerdings eine Menge auſzuweiſen, denn ſie haben ihren Urſprung unmittelbar und ausſchließlich in der Tiefe des eſtniſchen und lettiſchen Volkes, der urſprünglichen Bevölkerung des Landes, Sie ie it dem wie es ſeit uralten Zeiten, Generation auf Generation, mit der umgebenden Natur des heimatlichen Bodens ſen iſt; in ſein Verhältni, zur Natur konnte durch den Wandel der äußeren Geſchi>e des Volks nur wenig oder nichts fremdartiges hemmend, verflüchtigend, auflöſend eingreifen. Anders aber liegt es bei uns mit den Sagen, die mehr hiſto- riſch gebunden erſcheinen, an einen Namen oder eine Perſönlichkeit oder an ein Ereignis, Es könnte auffallen, daß wir derartiger Sagen, an die man wohl gewohnt iſt beim Worte Sage recht eigent- lich zu denken, doch verhältnismäßig nur eine geringe Anzahl zu beſigen ſcheinen. Und doch darf es einen kaum wunder nehmen. Bei der altdeutſchen Stamm- oder Geſchlechtsſage machen die Brüder Grimm*) die feine Beobachtung, daß ſie ſich in urdeutſchen Ge- ſchlechtöſolgen, wie etwa bei den Welſen und Thüringern, am liebſten zeige, dagegen auszugehen und zu verkommen pflege, wo Unter- brechungen und Vermiſchungen mit fremden Völkern, ſelbſt mit an- deren deutſchen Stämmen vorgegangen ſeien. „Dies iſt der Grund, warum die in Dentſchland eingezogenen und allmählich deutſch ge- wordenen ſlaviſchen Stämme keine Geſchlechtsſagen auſzuweiſen haben, ja auch an örtlichen gegen die urſprünglichen Länder entblößt da- ſtehen. Die Wurzeln greifen in das ungewohnte Erdreich nicht gerne ein, ihren Keimen und Blättern ſchlägt die fremde Luft nimmer an.“ Das eben trifft ja nun auch bei unſerer Heimat zu durch *) A. a. O. Bd. 11. Vorrede S. Vill.
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vir Vorwort. ihre verſchiedenartigen Bevölkerungsſchichten, hier der indigenen Stämme, des eſtniſchen und lettiſchen, dort des ſo lange herrſchen- den deutſchen, die des Schiſals Hand zu gemeinſamem Leben hier zuſammengeführt. Das Land wird von den Deutſchen erobert, ſie werden zum allein herrſchenden Element, ohne mit dem Volke des Landes zu verſchmelzen, ohne es ſich zu aſſimilieren ; damit fiel jede direkte Teilnahme dieſes Volkes an der Geſtaltung der Ge- ſchie des Landes fort und das natürlich um ſo mehr, in je tiefere Abhängigkeit es im Lanfe harter Zeiten geriet. Es treten dann doch immer bald größere, bald geringere Gegenſähe hervor, die das innige Mitleben mit der hiſtoriſchen Geſtaltung der Dinge und den bedingenden Faktoren zu einem ganz ungleichartigen machen. Da- her kommt es, daß unter den Deutſchen Livlands, die ja auf fremdem Boden ſich erſt eine neue Heimat ſchufen, ohne doch den Zuſammen- hang mit der alten gänzlich zu verlieren, die Sage verhältnismäßig uur wenig laut wird, und ebenſo, daß unter Eſten und Letten die eigentlich hiſtoriſche Sage auch eine viel geringere Triebkraft ge- zeigt hat, als jene andere Gattung, die Lokalſage. Wohl haben Not und Sturm, die das Land zuzeiten zermürbt, anch in der Sage ihre Spuren hinterlaſſen, Peſt und Krieg und Verwüſtung. Wo aber finden wir eine Sage, die etwa den großen Eſtenauſſtand im XIV, Jahrhundert oder einen der großen Ordensmeiſter uns in die Erinnerung ruft? Und jene Gegenſäße ſind wohl auch der Grund dafür, daß wir nicht allzuviel von Sagen hören, die ſich etwa an einzelne Geſchlechter des Landes knüpfen, die doch ſchon Jahrhunderte lang inmitten des Volkes leben und auch durch hundert- fältige Intereſſen mit ihm verbunden waren und ſind. Wir haben keinen Reichtum an ſolchen Sagen, wie ſie ſich z. B. an den Namen Pahlen anſchließen, ſo daß ihr erſter Herausgeber*) bekennen muß: „Meines Wiſſens giebt es hier zu Lande kein anderes Adelsge- ſchlecht, dem die alten Sagen einen ſolchen Ehrenkranz geflochten haben, als das Geſchlecht der Barone von der Pahlen auf Palms in Eſtland. Wo Hörige ein derartiges Gedächtnis für ihre Herren *) Kreußwald, Ecſtirahwa ennemuiſteſed jutud. S. 351. Anm. und Kreuh- wald-Loewe, Eſtn. Märchen. S. 168, Anm.; zuerſt vollſtändig. Früher kurz mitgeteilt im Inland 1846 Sp. 145 ff.: „Das freiherrl. Geſchlecht v. d. Pahlen in d. eſtn. Volksfage.“
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Vorwort. IX bewahren, da darf man wohl den Schluß ziehen, daß jene Männer Freunde des Volkes waren und daß das Band, das ſie mit dem Volke verknüpfte ein ſolches war, wie es zwiſchen Eltern und Kindern beſteht.“ Aber auch an Sagen, die das Gegenteil dieſer Geſinnung und Beziehungen andeuten, ſcheinen wir keinen reichen Schaß zu beſitzen. So werden wir denn bedauern, dem Worte „dies muß ein Land der Sagen ſein!“ nicht ohne Einſchränkung zuſtimmen zu können, und werden auch von der Zukunft nicht zu viel erwarten dürfen, ſelbſt wenn wir noch eifriger „aufhorchen“, ſo lange im Wandel der Dinge dazu überhaupt noch Zeit iſt, denn nicht günſtig ſind die Zeiten dem Fortleben und der Erhaltung der Sagen, die noch im Volke leben mögen und noch nicht aufgezeichnet ſind. Was davon nicht ſchon geſammelt und aufbewahrt iſt, das wird in einer vielleicht nur kurzen Reihe von Jahren mehr und mehr verkümmern und endlich für immer dahingeſchwunden ſein. Vieles haben wir ja noch aus den großen reichen Sammlungen Paſtor Bielenſteins für die Letten, Paſtor Hurts für die Eſten zu erwarten; zahlreiche „Lokalſagen“ werden ſich darunter befinden; ob aber jene andere Gattung der mehr geſchichtlich gebundenen Sagen aus ihnen eine ſchr große Be- reicherung erfahren wird, =- das, wie geſagt, darf wohl ſchwerlich gehofft werden. Die Herausgabe eines - eines Buches, das die, ſei es mehr örtlich, ſei es mehr geſchichtlich gebundenen Sagen Alt-Livlands in ſich vereinigt, bedarf vielleicht einer Recht- fertigung und bedarf ihrer doch auch wieder nicht. Oft genug iſt der Herausgeber und mit ihm viele andere in der Lage geweſen, zu fragen: Giebt es von dieſem Ort eine Sage? und wo findet fie fich aufgezeichnet? Dann ſtellte ſich gewöhnlich heraus, daß entweder in irgend einer entlegenen Schrift die geſuchte Sage zu finden ſei oder es war gar nichts darüber bekannt. Da tauchte einem wohl fo manchesmal der Gedanke anf, es iſt doch ſchade, daß wir nicht auch ein ſolches Buch beſihen, in dem die Sagen des Heimatlandes möglichſt vollſtändig vereinigt ſind, wie das
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Vorwort. andere ſchon längſt beſigen. Freilich, wir haben einige Samm- lungen in eſtniſcher Sprache, woraus auch einiges überſegzt iſt, und einige, darunter eine ſehr umfangreiche in lettiſcher, und eine gar in ruſſiſcher Sprache. (Vgl. weiter unten die Litteraturangaben). Aber dieſe eſtniſchen und lettiſchen Bücher ſind leider lange nicht bekannt genug; denn wer lieſt ſchließlich eſtniſch oder lettiſch bei uns, wenn er auch ſonſt von dieſen Sprachen verſteht, was ſo zum gewöhn- lichen Gebrauch gehört, abgeſehen von denjenigen von unſeren Paſtoren und wenigen anderen, die ſich mit ſolchen Dingen zu beſchäftigen pflegen. Außerdem haben wir ja einige dentſche Sammlungen, die von aber ſie ſich auf ein beſti fleineres Gebiet. Und ſonſt finden ſich Sagen nur ſehr zerſtreut mitgeteilt in allen möglichen Büchern, Zeitſchriften, Zeitungen, Kalendern u. ſ. w. Zudem machen alle erwähnten Sammlungen ihrer Anlage gem; keinen hinreichend ſcharfen Unterſchied zwiſchen Sagen und Märchen; beide finden ſich meiſt neben und durcheinander, ſo daß ein Über- blick über die eigentlichen Lokal- und hiſtoriſchen Sagen ſehr er- ſchwert wird, ja im Grunde ohne eine beſondere Sammlung gar nicht möglich iſt. Solch ein Buch nun zuſammenzuſtellen iſt der Zweck des Herausgebers geweſen. Schon aus allem oben geſagten wird ſich die Abgrenzung der Sanmltung leicht ergeben. Sie umfaßt Lokal- und geſchichtliche Sagen; ſie ſchließt rein mythologiſches daher ebenſo aus, wie die großen, ſchon oft veröffentlichten und bekannten Sagen vom eſtniſchen Kalewipoeg, vom öſelſchen Töll u. ſ. w. und wie das reine Märchen; ſie beſchränkt ſich darauf, nur bereits irgendwo Gedrucktes, darunter vieles zum erſtenmal in deutſcher Überſehung, wiederzugeben, weil ein direktes Schöpfen aus mündlicher Überlieferung viel zu weit und zu Infonſequenzen geführt hätte und dann vor Veröffentlichung der großen, ſeit vielen Jahren mühevoll zuſammengetragenen Samm- lungen Hurts und Bielenſteins unmöglich war und ganz willkürlich ausfallen mußte. Manche Sage mußte daher leider unberücfſichtigt bleiben, die der Herausgeber zwar gehört, aber nirgendswo gedruckt gefunden hatte, wie z. B. die Sage vom grauen Männlein in Treiden, von der Erſcheinung in Randen, vom Sc<loſſergeſellen bei einer Belagerung Wendens u. ſ. w. Unſer Sagenbuch iſt beſtrebt, in ſeinem Umfreiſe möglichſt voll-
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Vorwort. x ſtändig zu ſein. Selbſtverſtändlich aber iſt der Herausgeber nicht der anmaßenden Meinung, daß ihm dies gelungen ſei; dieſer in ſeiner Art erſte Verſuch mußte naturgemäß mancherlei Mängel auſweiſen: ſo manches wird gewiß überſchen ſein, das ſich doch irgendwo gedruckt findet und namentlich dürſte das bei eſtniſchen und lettiſchen Zeitungen und Kalendern der Fall ſein; ſo manches wird als anſcheinend belanglos nicht aufgenommen ſein, was vielleicht doch im Buche eine Stelle hätte finden ſollen. Eine weſentliche Beſchränkung hat der Herausgeber z. B. bei den ſehr zahlreichen Sagen eintreten laſſen, die von Geld, von . un. ſ. w. handeln, da ſie meiſt ohne genauere Ortsangaben auſ- treten und daher auch überhaupt meiſt nicht ſo recht das Gepräge reiner Lokalſagen haben. Ganz dasſelbe gilt für die ebenſo zahl- reichen Geſpenſtergeſchichten und Schlangenſagen. Im Ganzen bringt unſere Sammlung 289, oder wenn wir berücſichtigen, daß unter einem Titel mitunter mehrere Sagen mit- geteilt werden, 306 Sagen; dazu kommt, daß außerdem, wenn wir recht gezählt haben, noch 44 Sagen in den Anmerkungen erwähnt werden, ſo daß alſo 350 Sagen im „Livländiſchen Sageubuche“ vereinigt erſcheinen. Was die Einteilung und Anordnung der Sagen anlangt, ſo ſchien es dem Heransgeber nach mancherlei Verſuchen endlich doch am einfachſten einige größere ſtoffliche Gruppen zu bilden, in die die Sagen ſich einreihen ließen. Freilich darf man hierbei keine unanf izierung und erwarten; denn die Sagen laſſen ſich eben nach ihrem Inhalt nicht immer ſcharf , weil ihre V unter- einander und ihre Berührungspunkte überaus mannigfaltig ſind, ſo daß alſo eine Sage mit gleichem Recht ebenſowohl der einen wie der anderen Gruppe hätte zugeordnet werden können. Die loſe fich aneinanderreihenden Gruppen, nach der die Anordnung getroffen wurde, ſind folgender Art. Es ſind die Sagen zuſammengeſtellt, die in irgend eiuer Hin- ficht in Beziehung ſtehe: in der 1. Gruppe: zum Meer, zu Seen, Flüſſen, Sümpſen, Quellen, Nr. 1--50 (51); in der 2. Gruppe: zu Bergen, Felſen, [GE Schluchten, Höhlen, Bäumen u. ſ. w., Nr. 52-130;
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pin Vorwort. in der 3. Gruppe: zu Kirchen und Klöſtern, Nr. 131--169; in der 4. Gruppe: zu Städten, Schlöſſern, Burgruinen, Ort- ſchaften u. f. w,, Nr. 170--207; in der 5. Gruppe: zu Schäßen, Nr. 208--230; in der 6. Gruppe: zu einzelnen Familiennamen u. ſ, w., Nr. 231--245; in der 7, Gruppe: zu eigentlich hiſtoriſchen Ereigniſſen oder Perſonen, Nr. 246--289. Innerhalb der einzelnen Gruppen wurde eine ungefähre geo- iſche Ordnung ei! indem die vom Süden Kurlands in den Norden nach Eſtland vorſchreitet, woran ſich die Inſeln und endlich Polniſch-Livland anſchließen. Das erleichtert, wie uns ſcheinen will, die Auffindung einer Sage für irgend einen beſtimmten Ort. Hinter jeder Sage iſt daun die vorhandene Literatur angeführt worden, nach Möglichkeit vollſtändig, nebſt Bemerkungen und Hin- weiſen, wo es nötig ſchien. Die benußten Druckſchriften ſind ſchr zahlreich, doch überall ohne weiteres leicht verſtändlich zitiert. Von den häufiger und daher ſehr abgekürzt angegebenen Schriften ſind hier folgende, um die Zitate verſtändlich zu machen, anzuführen. Das Geſperrte giebt dabei die Art an, wie die Schrift zitiert wurde: Brihwſemneeks==(60punr6 znrepia.108% 10 »7uorpaßin, na1a8. 1pu JamkoBekork Frnorpaqngeckunht Myach. Binyer, I. Mocgpa 1887: Jarmmegia napoaman ekaakn. ar 0. 41. Bpunzeyniakcv (-Volksſchulinſpektor Treuland.) Eeſti Kirjameeſte Seltſi aaſtaraamat== Jahrbücher des eſtn. liter. Vereins, der 1887 die Herausgabe einer Sammlung eſtu. Altertümer unter dem Titel: „Eeſti Muinasaeg“ be- ſchloß, deren erſter Teil, „Wanad jutud“, eine Sammlung alter Sagen enthalten ſollte. Begonnen wurde mit der Heraus- gabe in Form einer Beilage zum aaſtaraamat 1889 im 2. und 3. Heft. Die Fortſehung erſchien 1890, ſo daß im Ganzen 96 Seiten des Werkes vorlagen. Leider hörte 1891 das Erſcheinen des Jahrbuchs auf.
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Vorwort. Xr Eiſen, M. I, Eſiwanemate warandus. Kohaliſed Eeſti mui- nasjutud. Eſimene anne. Kirja pannud : Tartns (Dorpat) 1882. Schnakenburgs Eeſti rahwa-Bibliothek Nr. 15. H. Jannſen, Märchen und Sagen des eſtniſchen Volkes. Lief. 1. Dorp. 1881 ; Lief. 2. Riga und Lpz. 1888. Fr. Krenßwald, Eeſtirahwa Ennemuiſteſed jutud. Rahwa ſunſt korjanud ja üleskirjutannd. Suomalaiſen Kirjalliſunden Seuran Toimitukſia. 42. Oſa. Helſingiſſä 1866. Kreußwald-Loewe, Eſtn. Märchen = Eſtniſche Märchen. Auf- gezeichnet von Fr. Kreußwald. A. d. Eſtn. überſeht von F. Löwe. 2. Hälfte, Dorp. 1881. Lerc<-Puſchkaitis = Latweeſchu tautas teikas un paſakas. (Be- arb. von L-P. und herausgegeben von der wiſſenſchaftlichen Kommiſſion des Rigaer Lettiſchen Vereins) Th. I=-V1. Riga 1891--96. Rußwurm, Eibofolke oder die Schweden an den Küſten Eſt- lands und anf Rund. 2 Thle. Reval 1855. Rußwurm, Sagen aus Hapſal und Umgegend. Erſte Samm- lung. Reval 1856. Rußwurm, Sagen aus Hapſal, der Wiek, Oeſel und Rund. Reval 1861. Rußwurm, Das Schloß zu Hapſal in der Vergangenheit und Gegenwart. Nachrichten aus Geſchichte und Sage. Reval 1877. Endlich iſt noch zu bemerken, daß bei den Literaturangaben, wo mehrere Drue vorliegen, derjenige geſperrt angeführt wird, dem unſer Text entnommen iſt. Zum Schluß geſtattet ſich der Herausgeber die Bitte auszu- ſprechen, daß diejenigen, die von weiteren Familienſagen wiſſen, oder von ſonſtigen Sagen, die ſich etwa an Schlöſſer, oder Burgen oder dergleichen anſchließen, d. h. deutſchen Sagen =- die eſt- niſchen und lettiſchen werden oder ſind ja, wie angeführt, bereits geſammelt =- die Freundlichkeit haben möchten, ſie ihm ſchriftlich mitteilen zu wollen. Alle etwaigen Zuſendungen würden ihn unter der Adreſſe: Riga, Dommuſcum, erreichen. Der ſicht die verſchi 1 glichkeiten ſeines
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XIV Vorwort. Sagenbuches ſchr deutlich vor Angen. Dennoch wagt er nicht nur zu hoffen, etwas recht zeitgemäßes und auch nühliches unternommen zu haben, ſondern er hofft und wünſcht auch, daß das „Livländiſche jo viel freundlichem Intereſſe und Verſtändnis be- gegnen möge, daß es dermaleinſt in vervollkommneter und wirklich befriedigender Geſtalt erſcheinen könne. Riga, 20. Juni 1897. Dr. Fr. Bienemann jun.
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Inhaltsverzeichnis. in der 2. Das EIE in der Lite . 3. er Höllenteich bei Waden 2 5. Der Aklig-St 6. Die Untiefe ür Gr. Ekauſchen Moraſt 7. Wie der Waſſerfall bei Goldingen entſtand = - 4 u 8. Wie die Windau bei Pilten ein neues Bett erhielt FEE EEE i 7 10. Die Dſchul And Wer vecin h-Mora] ee riis T 12, Der Teufel ED die Din aue. Fe [1] 13. Der Teufel und die Dünaflöſſe . . .- 15. Wie die Ewſt entſtand. . . . . . „2.2... 1? 16. Der Schlangenkönig im Plikais-Moraſt . . . . - . . - - 13 17. Der Gnehwis-See aun nien H 18. Die Mühle am Weſſetbach“ 8 N B „14 19. Uhdenite =. rennen M 20. Ahla, die ſw „enn Üb 21. Die Waſſerjungfrau im 1 Holen Maennern 16 25. Der Vurtnekſche S enn nnr nn ÜO 26, Der Quell auf | bem lauert. zer rr ir 20 32 Der Peipus-See = PESEEEEENENEENNNENE 7 34. Der Brunnen des Töredaſtei Mh 35. Die blaue Quelle bei Lais „34 36. Jutta, „die Jungfrau vs Endla-Se „cu u ui u 35 37. Emmuj 38. Der Korküllſche oper weiße. See ce Walgien bei Helmet . . . - 38 39. Die Entſtehung des Euſekällſ Sees FSN 39
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XvI Inhalt. Seite 40, Die Irrlichter im 55 Moor. u uu 409 N er bei Ben ov inaucuuin 43. Die Teiche bei Fiel nnn 42 44. Zer Ger von Werfel 4 4aiitg 43 45. Das Maal im Jerkel ann 4 8. Die Jungfrau im Oberen Es bei Reval FIS 46 . Das Fräulein von VBortholm . N aman nn 4 iG Der Weiberbach . . eennenn 43 49. Die Pädas-Quelle . . NEE EEN 48 50. Wie der Salmejöggi entſtand .....».*'»» 49 51. Der Johannistag . - NENNEN 49 52. Die Burg bei Si 51 58. Der Burgh lem. uon uu 2 3.Der Burg en WÜRT 55. Der Rat Bert röhof 0-2 e erin 58. Schloß Neuenburg PEENENENNENNNNENENNENEE? 57. Der Stein bei Kandau- 55 58. Der Burgberg bei Kandau - . . . . -. uni 56 59. Der Mühlenberg bei Kandau . 5. 5... u. uu iu 57 60. Der Damm in der Aby nnen !f 61, Das Pehrkon- und Riddel-Wehde-Geſinde . . . . . . . . 58 62. Der große Stein in der Abau . . a rere. 59 63. Mare kamber un. 59 65. Die Burg bei Epirgen MM vv u inn .- 67. Das verſunkene Schiff bei 1 Upahten FE 68. Der Burgberg bei Tukum . = 69. Der Teufelsdamm bei <<< 75 70. Der Burgberg bei Meſoten . 5. 5... u. wü 64 71. Der Burgberg von Bause . . . uu uu uu u u 64 72. Der Pilweru-Burgberg bei Wallhof . 5... . . . . - . 65 73. vn en bei Alt-Sauken - . 5-5... - 65 74. rau im Stuplakalns . . 5... uiii D. Ei Zu Efe bei Swentn . 5... u uu uu u 66 66 n 8 ruba-kalns . - deinen denied - 67 Bea ei rbb kr tdb Bd 79. Die ien Schif 80. Ier Beile in ver Die Gi 68 GENDE DEE IN eoeerienrur 69 83. Klauenſtein . . eer rr rr ie TÜ 84. Die Eicheninſel in der Dim --- u ---uiuiuin 28
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Inhalt. Xvil 85. Der Muldenſtein bei Aſcheraden . 188. Die Kangarberge und der Lubahnſche Ste - + ---u- 72 87. Der Wiodtalns bei Eientot. <<< 44400 bei . . 91. Der Teufelsſtein bei Kerftenbehm - + ---- uuns 92. Der Kirchenberg bei Annenhof . 5... .... u %6 93. Das Teufelsſchloß bei Lyſoin . 5. uu uuuiuiu u 77 DAD WAiRek a Berta 77 . Die heilige Anhöhe an der Aa . . - . ....... 78 98. Die Teufelöſteine bei Marienburg =<. << uu u - 80 99. Die Fichte beim Ontu-Geſinde = 8 109. Tod und Grab des 2ihwandi-ma inge in Slit 82 101, Der Teufel als Freier in Saml 83 102. Das Teufelshoot bei Odenpä. = uu uu unn rh 103, Die Hölle bei Odenpä = = u uu u iur nn 85 104. Der Wooruberg . u uu univ uu 8 105. Des Teufels anna 886 108. Der Ü urnen &7 107. Die Teuſelsbräe bei Diſa. eer &7 108. Maag! . . 87 uu. EEE der Wiek . 2... .. N 2. Die Munga-rahwas . „.»"».". 9 113. Das Grab des Vatermörbers in Hapſal =. cu 2 114, Die Säule am Oberen ae be ewa 1 92 115. Die Teufelöſteine bei S. Martens . . - - u 9 117. Der Stein beim Li ion 08 R IIR 221 2 2280 EE EIEEEUDUEIEIE 73 119. Der iwwi (Rehſtein) bei Maholm . . - - «+ 95 120. TIE 96 121. Die Tochter des St ers von Tolsburg - . . . - % 122. Der Tod des Eenfelden bei Jlluk . . EEE 123. Die Teufelekhmiede auf Dagd = <<< <<< uu 98 124. Pank. =. . reren ann 100 125. Die Bloctsbergritter - „eurer 100 126. Der ſilberne Becher vom Diatberg EEE] 127. bei Hulſo . . eran en WI 105 . Ber daa aut Daar - aaana nnn W2 RINN 18 . FEM
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Xvi Inhalt. 137. Die M; irche in Süſſegal = 4 uus 138, Libbien 107 139. Der geſtörte Kirchenbau bei Smilten . . . . . . . . . 108 140. Die Erbauung der firche zu Smilten . . . . . . . . . 168 141, Die Glocken im Kirchenbergſee . 5. 5-5... . . . . . 109 143. Die ſehlauen 88 zu Falfenau uu 110 144. Die Kirche Mi FSE 145. Die Kirche zum De gen Kr uu 12 146. Die Jungfrau in S. rere irr ir u VB 147. Die Glocke von Fickl =» uw u nu uu nr u - 118 148. Die Kirche zu Goldenbe> . . 149. Die Kreuze an der Kirche zu S- Martens =< u 0115 Even Bb R iht 151. Die Kirche zu Röthel . wann WG 152. < FE en bei Weitefeld edu dmr INT 153. in NEE . 154. Die Kine vos Niſſ EEE HERNER 155. Die Glocken im Sumpf bei Padi8 . . . . . . . . . . 11 156, Die Kirche zu Kreuz NENNEN 157. Die Gründung des Michaelistloſters in Reval <<< + - 120 158. Der Olaiturm in Redl vu uch l27 159. Das Kloſter Brigitten - 5. 5. 5... . . u uu u u u 124 160. Die Kapelle bei Palms. . . . ......... . 126 481. "Die Kirche au Zee. 24 ee raduttug fh 2. Die Kirchen auf Oeſel . 5... uu u uu u u u 1 27 1008 Die Erbauung der Kirche zu Peude - - - u - u uu - 128 184. Der Penbeſche Kirchenſchad > 7 «arr 165, Die Glocken von Zerell. - +. u uu u u u u u 1 129 166. Die Kirchen auf Dann FSN .: 130 133. Wie Maitfuln feinen Namen „erhielt FI N 134 174. Zabeln . - een rr nn 134
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177. Ss Barben ngen 1.11, . Fun 137 178. Der des Elfenkönigs in Dondangen uu 188 179. Si Em “an ur 7 180. Das Bure 'räufein von Kokenhuſen ee rn rum 144 181. Die Ochſenhaut und Rigas Gründung . 182. Die Gründung Rigas und der gro Chriſto) „-»- 15 198. Die füöne une uu 00 189. Dorpat8 Name . . AEN 151 190. Wie Neu-Pernau verbrannt werden ſollte ere Sl 193. Die Geldmünzer von Leal. . 5. . ».... >... 134 194, Das Geiſterfeſt zu Lode . ae zur zur Ü138 195. Der Mönc RENE 196, Das Amen 137 197. 197. Revald. Gründung L.11. NENNE? 100 DI Emden . EE] 201. Die Kaufmannst: 204. Der ſchlafende König , - . . . . rr - 165 205. Bugby - «00. 65 206. Die Burgen. in Bolniſch-Livland. »...------. 6 207. Burg Wolkenburg . . . FENEN 208. Der Schaß bei Sirgen. = iuiuuinnnnnunuun 187 ). Der in Kokenhuſen. - . . -- uu u u nn 168 210. Der Schaßkeller in Kokenhuſen 1. 1. . . . . . . . . . 169 211. Der Ze bei Stn ... FEEN „ - - - WU 212. Der uell bei Ni Fe u 213. Der Schab bei Ddenpä 1. 11. mn. . 172 us Die ſmedliche Kriegäfuſt bei Völwe ee Ze Der SI ſter de 1 5 in Lais . „„.. 177 217. Die Schweinehirtin und der Schloßgeiſt von Lais . .. 178 218. Torſten Grön in Ringen eu B IEEE 219. Der Sinihalliku-Schaß bei Fellin »„..»»»»»»"». 18
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XX Inhalt. Seite 220. Der Schatz bei Karus . . . . . , u uu u u 182 221. it in renn 8 iegt Di Ie Bee EE Baal Ee ananas 224. Schäpe im Kloſter Padis . = 8 228. Die Geldlade in Keitel 120 229. Der Schaßz bei Wallipä =. u uuiu iu inn u 192 230. Der Schlangenkönig. - 5. 5... . u wu uu u u u I2 231. <= lücskünder der Familie v. Vehr. . . . . . . . 193 232. fal See... ooo urr er . 284. Das Mädchen von Hochroſen . ann 235. Ringen und ES 2222 022 2 22 2 8 0 210 237. Die Mermaid uud der err von Pahlen . . - . . - . 214 244. Eines Stael «eurer. 228 245. Nekmannögrund .l. . 5. 5... uwuuuu u u 1 228 246. Ingwar. . . - . bitte iui iet ii u 225 247. Egil und Thorolf - 5-5... iu u - 225 248. Affi und Terrande 230 249. Die Waldleute . 233 250. Die Seeräuber 2 nnn DRE << LEB m m rd 252. Indul und Arri . . - err 0 0 1 287 IE Die Rigaſche SENETE au Rügen - rere zor duu 244 ie Hinrichtung jen von FREIEN . 261. Magnus . . enn 21 262. Der und die Belagerung von Weißenſtein u 252 263. Die Zerſtörung der Burg von Burg von Alt-Vebalg „rr errn in 254 264. Wie Seßwegen erobert wurde . = nnn nn 255 vmeng Grage
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Inhalt XXI Seite 265, Die. 256 266. Die Hundeſchnauzen - 5. 5... 5... unn in u u - 258 267. Die Hundeſchnauzen. - 5. 5.5. 5... 5. urn 258 Die Zuflucht; 269. Die Tataren bei Sauſcp << -- uu ur 250 270. Die Polen bei Wichterpal . . 5... . .... u u 261 272, Pontus De la Gardies Zug nach Weſenberg . = - - .- .- 262 273. Bontus De la Gardie - - . . . u uu u - - 263 274. Der Gerblederverkäufer. . 5. 5... mu nn 1 264 281. Kat? (die Peſt) in Pölwe = uc 270 282. Der ſchwarze Tod auf Rogö. . 5. 5... vu u u u 270 283. Katk auf Nud . . «eer er 272 284. Die Räuber und die Pf. cca 23 285. Mehris, die Peſt 1. 11. .. 273 ED Die Peſt, das Kelle-' Dorf und "vas EZ Kontor it in Pernau .. 274 Die Siſſi in Pölwe . .. 276 95. Peter der Gr. in Lfanb-. Mi 5 Heidebeeſt . . eager
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1. Die Nixenkönigin der Pſtſee und die Schwarzbacmixe. Einſt fuhren Schiffer über's Meer, Schiffer, unter denen ſich einer beſand, welcher wunderbar ſchön auſ der Harfe ſpielte. Dieſer wurde vom Wirbelwinde erfaßt und ins Meer geſchleudert, wo er lange Zeit mit den Wellen kämpfte, bis er ermattet in die Tiefe jank. Hier erblickte er etwas Glänzendes, Blinkendes == er kroch näher hinzu und ſiehe! es war eine prächtige Burg, erbaut aus Gold und Edelſtein, doh war die Thür derſelben verſchloſſen. Wie ſollte unſer Schiffer hineinkommen? Da öffnet ſich plößlich die Thür und ein ſchönes Mädchen mit einem goldenen Kranze auf dem Haupte tritt herfür. „Wes8halb ſürchteſt du dich, tritt nur näher! Dieſes Schloß fönigin und es wird dir hier kein Leid geſchehen.“ ffer tritt ein; Wunder über Wunder! überall Gold, Silber, Edelſteine, und die Nixenkönigin, wie ſtolz und erhaben ſitt ſie auſ ihrem Thron, wie hoheitsvoll blickt ſie umher! Schließlich erbliete die Nixenkönigin die Harfe in der Haud unſeres Schiffers und bat ihn, etwas vorzuſpielen. Schon ſchit ſich unſer Held an, ihrem Wunſche zu willſahren, da flüſtert ihm eine der Nixenjung- frauen leiſe in's Ohr: „Spiele nicht auf der Harfe, mein Lieber, denn ſonſt wird die Nixenkönigin zu jubeln und zu tanzen anfangen; die Waſſer des Meeres werden dann brauſen und ziſchen, das Meer wird aus den Ufern treten und eine große Flut wird mehr als die Hälfte der geſamten Erde bede>en und alle Lebeweſen ver- nichten. Wenn die Nixenkönigin dich aber immer dringender bittet, ihren Wunſch zu erfüllen, dann ziehe die Saiten deiner Harfe ſo feſt an, daß ſie beim Spiel zerſpringen." Der Schiffer that, wie ihm geraten war, zog die Saiten ſeſt an, und als er zu ſpielen begann, da zerriſſen die Saiten. Mit dem Spiel war es nun vorbei. Bienemann, Sagenbuch. 1
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2 Livländiſches Sagenbuch. Am Abend ging die Nixenkönigin zur Ruhe, was auch unſer Held thun mußte, und zwar im Gemach der Nixenjungfrauen, welche ihm alle gut gefielen, vor allen aber die eiue, welche ihm den guten Ratſchlag gegeben hatte. Dieſe ſprach zu ihm: „Man nenut mich den „Schwarzbach“; wenu du ſchläſſt, dann kehre mir nicht dein Geſicht und deinen Mund zu, ſonſt wirſt du ſterben.“ Der Schiffer thut, wie ihm geboten, und ſchläſt bald ein. Als er am Morgen erwacht, was ſieht er? Er liegt im weichen Graſe am Ufer des Schwarzbaches und neben ihm jeine Harfe, unverſehrt. Mitgeteilt von N.'K(rimberg) im Rigaer Tageblatt 1896, Nr. 181. 2. Das Ungeheuer in der Pſtſee. Einſt ſah man in der Oſtſee einen Rieſenfiſch, deſſeu Floſſen wie ein Wald aus dem Waſſer emporragten und der ſo groß war, daß man das Ende ſeines Schweifes gar nicht erbli>en konnte. Dieſes Ungeheuer hatte auch ein Junges bei ſich, das ſchon bis zur Mündung der Düna gekommen war, zum Glück aber nicht weiter, denn ſonſt würde Riga durch Waſſerfluten zerſtört worden ſein. Viele Tage blieb der Rieſenfiſch in der Oſtſee und ver- breitete überall großen Schrecken; da beſchloß man, ihn zu töten, zu welchem Zwe> man eine ganze Kriegsflotte ausrüſtete. Doch bevor dieſe anslief, erklärte ein alter Kriegsmanu; „Rühret deu Fiſch nicht an, er wird mit dem Schweiſ um ſich ſchlagen, die Krieger töten, die Waſſer des Meeres auſwiegeln und eine zweite Sintflut wird die Welt verderben.“ Erſchre>t durch die Worte des ſee- kundigen Alten, beſchloß man, das Ungehener in Ruhe zu laſſen. Gleichſam als Dauk für dieſe Koulanz gegen feine Perſon, beſchloß der Fiſch, aus der Oſtſee zu weichen, verſchlukte aber beim Fort- ſchwimmen einen Fiſcher ſamt jeinem Boote. Der Fiſcher kam lebend im Magen des Ungeheuers au, doch war es hier ſehr dunkel und es hungerte ihn ſehr. Da nahm er Holz aus ſeinem Boote, ein Meſſer und Feuerſtein aus ſeiner Taſche, zündete ein loderudes Feuer an und begann Fleiſch- und Speckſtüeke ans den Seiten des Fiſches anszuſchneiden, dieſelben zu braten und zu eſſen. Doch das Ungeheuer, gequält von Schmerzen, ſpie den Fiſcher mit dem Boote
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Livländiſches Sagenbuch 3 aus und wohlbehalten konnte dieſer zu den Seinigen Ein Das Rieſentier aber verſchwand für immer aus der Oſtſee. Mitgeteilt von N. K(rimberg) im Rigaer SE 1896, Nr. 170. =- Vgl. die Sage vom Rieſenfiſch, der in der Oſtſee liegt und einmal die Däna hinaufſchwamm, alles Waſſer daraus verdrängend, Brihwſemneek8 S. 160. -- 3. Der Böllenfeich bei Vigranden. An der Windau beim Gute Nigranden in Kurlaud liegt ein tiefer Teich, der ſogenanute Höllenteich. Jn alten Zeiten ſtand an ver Stelle dieſes Teiches eine prächtige Burg; hier lebte ein hart- herziger, geiziger Herr mit ſeiner Tochter. Einſtmals kam eine alte Frau in dieſe Burg und bat um ein Stück Brot; der Herr aber hehte ſie mit ſeinen Hunden hinaus. Die alte Frau aber war eine Hexe, ſie ſtrete ihre dürre Hand aus und rief: „Möge die Burg mit allen ihren Bewohnern verſinken!“ Und plößlich verſank die Burg und au ihrer Stelle entſtand ein tiefer Teich mit einem Ab- fluß. Das iſt der heutige Höllenteich. Lerch-Puſchkaitis, V1 204. Die Kreuzquelle bei Amboten. In der Nähe des Paſtorats Amboten in Kurland befand ſich früher eine Quelle, in der es wie ein goldenes Kreuz erglänzte. Bei dieſem Quell fanden Blinde, Lahme und allerlei Krüppel Heilung. Einmal aber heilte ein Wandersmann auch ſeinen blinden Hund in jener Quelle. Wohl wurde das Auge geſund, aber die Quelle war jo erzürnt darüber, daß man auch Tiere mit ihrem Waſſer heile, daß ſie den Ort verließ und ſich nach Kalwarija in Litauen be- gab. Hier befinden ſich neun heilige Hügel und dort ließ ſich die Quelle nieder. An der Stelle, wo früher die Kreuzquelle ſich befand, liegt heute ein Kirchhof und in deſſen Nähe ein Krug, der noch jeht der Krenzbergkrug genannt wird. Lerch-Puſchkaitis, V 414,
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4 Livländiſches Sagenbuch. 5. Der Rklis-Ser. Bei Sezzen in Knrland lebte einſt in alten Zeiten ein grau- ſamer Herr. Der wollte einmal den Kokſenſchen See troen legen und trieb die Bauern mit der Peitſche zur Arbeit. Ein alter Mann übernahm die Leitung der Arbeit. Aber kanm war der erſte Graben gezogen, da erblindete der Alte. Das durch dieſen Graben abgeleitete Waſſer ſammelte ſich in einer Niederung und bildete einen neuen See; der Kokſenſche See iſt jedoch bis heute noch nicht troffen. Den neuen See nannte man „Aklis“ (aklis-blind), weil der Alte erblindet war. Der Aklisſee, ſagt man, iſt grundlos. Ein- mal wollte man ſeine Tiefe ausmeſſen. Man ließ einen Stein an einem zwanzig Faden langen Strick hinab, aber man erreichte den Grund nicht. Da 390g man den Stri> wieder nach oben, aber ſiche da, ſtatt des Steines fand man an ſeinem Ende einen kleinen roten Keſſel angebunden. Ein anderes Mal ließ man ganze drei Knäuel Faden hinab, an dem ein Steinchen angebunden war. Auch diesmal erreichte man jedoch keinen Grund und als man den Faden wieder aufholte, fand man ſtatt des Steines n Widderkopf mit großen Hörnern und roter Zunge daran befeſtigt. Brihwſemneeks, S. 29. Vgl. Nr. 35. 41, 6. Die Untiefe im Groß-Ekauſchen Moraſt. In den Wäldern bei Groß-Eckau in Kurland befindet ſich eine Untiefe. Einſt wollte man ihre Tiefe meſſen; man nahm einen langen Stri> und band einen großen Stein daran, doch konute man damit den Voden nicht erreichen. Als man den Strick nun wieder heraus3og, fand ſich an Stelle des Steines ein Hammelkopf angebunden mit folgender Aufſchrift: „Beim Trödelmarkt erreichte er den Grund.“ In alten Zeiten iſt nämlich hier eine Stadt ver- jumfen. Alle dreihundert Jahre erhebt ſie ſich wieder; einmal hat man ſogar ſchon die Spißen der Schiffsmaſten erblickt, aber da niemand den Namen der Stadt erriet, ſo verſank ſie wieder. Lerch-Puſchkaitis, V 90.
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Livländiſches Sagenbuch. 5 7. Wie der Waſſerfall bei Goldingen entſtand. In grauer Vorzeit, als die Liven noch au den Küſten Kur- lands jaßen, befanden ſich die Letten in ſchwieriger Lage. Sie mußten, wollten ſie auf den wenigen Flüffen das offene Meer erreichen, fich durch die liviſchen Wächter hindurchſchlagen, fo daß der Kämpfe zwiſchen beiden Völkern kein Ende war. Die Liven beteten böſe Geiſter an, die Letten aber verehrten den Tonnerer Perkon. Einſt rüſteten fich die lehteren wieder zu einem Kriegs- zuge gegen ihren Erbfeind. Die Liven beteten zu dem Oberften ihrer böſen Geiſter (Teufel) und dicſer beſchloß den Windaufluß zurüczudämmen, auf daß er die Stadt Goldingen ſamt deu um- liegenden Niederlaſſungen der Letten überflnte und von der Erde vertilge, Um Mitternacht ging der Teufel ungefähr zwei Meilen längs dem Fluſſe hinauf, bis zur ſogenannten Elenfurth, wo's viele Steine gab, und belud ſich mit einem ungeheuren Steinhaufen. Schon hatte er dieſen unmittelbar bei der Stadt in den Fluß abgeladen und eilte nach einem zweiten == als ein furchtbarer Donnerſchlag den Häuptling der Letten aus dem Schlaf weckte. Er trat aus ſeinem Haufe und ſah, daß der Fluß zur Hälfte ſchon eingedämmt ., Das konnte nur mit Teufelskünſten zugehen! Schnell ent- fchloſſen lief der Häuptling zum Hühnerftalle und fing an, wie ein Hahn zu krähen. Davon erwachte der Haushahn und antwortete mit heller, kräftiger Stimme. Als das der Teufel hörte, ließ er den zweiten Steinhaufen vor Schre dicht am Ufer fallen und ent- floh. Ans dem erſten Haufen entſtand der Waſſerfall*) bei Gol- dingen, der noch heute zu ſehen iſt, der zweite aber lag ſolange am Ufer, bis die Steine zu Gips wurden, Brihwſemneeks , S. 22. Vgl. die Anm. =- Andrejanoff, Lettiſche Märchen, S. 18. 8. Wie die Windau bei Pilten ein neues Bett erhielt. Als die Liven mit den Letten wegen der Schifffahrt und des Fiſchfangs auf der Windan Krieg führten, verdarb der lettiſche *) „Die Rummel“, lettiſch rumba.
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6 Livländiſches Sagenbuch Zauberer Lapſin mit ſeinen Zauberkünſten beide Ufer des Fluſſes jo ſehr, daß die Liven bei der ſtarken Strömung im Frühjahr ihre Schiffe nicht flußaufwärts ziehen konnten. Dem Unglück abzuhelfen beſchloſſen die Liven ihrem oberſten Beſchützer Piktul im Oſin-Moraſt ein Opfer darznbringen. Aber während die Liven in dunkler Nacht im Moraſt ſchwarze Böke opferten, verbrannten die Letten bei der Abau oberhalb Piltens ihre Schiffe, die nur von wenigen Leuten ans Oeſel bewacht wurden. Die an der Aban lebenden Letten be- mächtigten ſich auch noch der Pferde der Liven; auf jeden von ihnen kamen drei Pferde; damit machten ſie ſich dann auf den Heimweg. Piktul aber ſenkte einen ſo dichten Nebel anf ſie herab, daß ſie weder mit den Böten auf dem Fl noch mit den Pferden längs dem Ufer vorwärts kommen konnten. Da betete Krams, der Häupt- ling der Letten, zu Gott, und Perkon erhörte das Gebet; er donnerte und ließ ſeine Bliße ſo häufig aufleuchten, daß die Letten ihren Weg fortzuſezen und ſich vor den Liven in einen befeſtigten Ort an der Abau zu retten vermochten. Doch anch hier hätten die Aban-Letten ſich nicht lange halten können, wenn nicht ein anderer lettiſcher der von mit ſeinen g Flößen und Böten zum Entſaß herbeigeeilt „wäre. Nun wurden die Liven bis zu ihrer Hanptſtadt Piltene zurückgedrängt und die Letten um- zingelten die Stadt nud ſchlugen ihr Lager am anderen Ufer der Windan auf. In einer dunklen Nacht aber gelang es den Liven die lettiſchen Flöße mit den Hörnern und die Böte in Brand zu ſtecken. Während nun der Kampf hier bei den Flößen und Böten tobte, grub der Livengott Piktul im Rüken der Letten der Windau ein neues Flußbett, ſo daß ſich die Letten plöplich wie auf einer Inſel zwiſchen dem alten und dem nenen Flußlaufe befanden. Die Liven ſchiten ſich jeht an, die Letten ganz nnd gar zu vernichten; aber der Lettenhäuptling aus Goldingen rettete ſie. An der Stelle, wo der nene Flußlauf ſich vom alten abzweigte, ſtürzte er die Ufer ins alte Bett imd dämmte den Fluß gänzlich ab, ſo daß die Letten beim Morgengrauen ſchon wieder aus der Falle befreit waren. Sie trugen nun am andern Ufer der Windan die Häuſer ab, riſſen die Zäune nieder, ſtapelten bis zum nächſten Morgen das Holz rings um die Burg der Stadt Piltene anf nnd ſetzten ſie ſo in Brand. Ein Teil der Liven erſtite und verbrannte dort, die andern ent- flohen. Von der Zeit an fließt die Windan, die ſrüher an Pilten vorüberfloß, in ihrem neuen Bett etwa zwei Werſt von der Stadt eutfernt. Um das nene Bett zu graben, hatte Piktnl eine vielaſtige Tanne ansgeriſſen, die Äſte bis zur Hälfte abgebrochen und, ihn
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Liptäudiſches Sagenbuch. 7 an der Spitze erfaſſend, den Baum bei der Windung des Fluſſes quer über Land gezogen, ſo daß hinter ihm ein tiefer Graben ent- ſtaud, in den das Waſſer des Fluſſes hineinſtrömte. Brihwiemneeks, S. 21 ff. 9. Der Wiedelſee bei Dondangen, Ungefähr tauſend Schritt vom Ufer des Meeres entfernt lag im Dondangenſchen Gebiet ein großer Landſee, der durch ſeinen Fiſchreichtum berühmt war. Die Letten nannten ihn Decwa-eſars, d. h. Gottesſee und erzählten von ſeinem Entſtehen folgende Sage. Vor uralten Zeiten war an Stelle des Wiedelſees ein fruchtbarer Landſtrich, und als in einem heißen Sommer die Leute eben be- ſchäftigt waren, die Frucht der Felder einzuerndten, da erſchien plöt- lich Altvater (Wezz-tehws) anf einer weißen Stute reitend und rief ihnen zu: „Rettet euch ſchnell, meine Kinder! Mein See kommt!“ Und kaum hatten ſie Zeit gehabt bei Seite zu cilen, ſo kam der See mit dumpfem Rauſchen durch die Lüfte heran und erfüllte den ganzen Raum. (G. Seefemann), Erinnerungen an Dondangen, 12. == Kruſe, Urgeſch. d. eftn. Volksſtammes, Der Wiedelſee wurde 1837 abgeleitet, 10. Die Dſchuhkſte und der Leelmelch- Moraſt. In alten Zeiten lebte in Siuxt in Kurland ein ſtarker Rieſe, Als es einſt Krieg gab, trug man dem Rieſen auf, die Feinde vom Strande fernzuhalten. Er war auch bereit dazu. Eines Tages, als er am Strande bei Kemmeru auf und abging, übermanute ihn der Schlaf. Er legte ſich nieder auf die linke Seite, ſtreckte ſeine ieſigen Füße ein gutes Stü über die Düne hinüber und ſchlief ein. Da ſtiegen aber die Feinde aus Land und fielen über die Leute her. Nur einige von ihnen blieben am Strande zurück, um die Böte zu bewachen. Da bemerkte einer von ihnen plöglich die Füße des Rieſen; keiner konnte begreiſen, was für Klöße das eigentlich ſeien. Endlich ging einer hinzu und verſuchte mit cinem
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8 Livländiſches Sagenbuch. Veil ein Loch hineinzuhanen. Der Rieſe erwachte und dachte bei ſich, was iſt denn das für eine Fliege, die mich ſo ſtark beißen kann? Er ſtreckte ſeine Hand aus, um die Fliege zu erdrücken, doch an ihrer ſtatt erwiſchte er einen der Feinde, Nun erſt bemerkte er, daß nicht alles in Ordnung ſei; er ſprang auf, tötete alle die da waren und begab ſich daun auf die Suche nach den andern. Die Lente jedoch hatten unterdeſſen in ihrer Angſt und Verzweiflung den Rieſen bei Allvater verklagt und der war ſo erzürnt auf dieſen, daß er Bliß und Donner auf ihn ſchleuderte. Der Rieſe aber ent- wurzelte eine gewaltige Eiche, um ſich damit gegen das Unwetter zu wehren, Dieſe Eiche war ſo groß, daß eine Wurzel ſich bis zur Aa hinſtrete und dort Feuchtigkeit für den Baum auffaugte. Da, wo der Rieſe dieſe Wurzel herausriß, ſauk die Erde ein und es eutſtand hier das Sinxteſlüßchen (Dſchuhkſte). Als Allvater den Rieſen mit der Eiche in der Hand bemerkte, erzürnte er noch heftiger; er ſchlenderte einen Blitz auf ihn, ſo daß der Rieſe mit der Eiche in die Erde verſank, und au dieſer Stelle entſtand der Leelmeſch- Moraſt zwiſchen Kemmern und Sinzt. Lerch-Puſchkaitis, 11 85. 11. Der Kemmernſc<e See. In alten, alten Zeiten lebten die Menſchen mit einander in Eintracht und in Frieden, niemand belog den andern, niemand beneidete den andern, niemand überhob ſich ſeines Standes, überall herrſchte Glü> und Zufriedenheit. Die Sonne ſchien damals ſieben Mal ſo hell vom Himmel herab als jeht, die Bäume ſprachen, die Steine wuchſen und durch die Welt wehte ein linder Hanch, der alles belebte und kräftigte. Anch der „Alte“ (der Göttervater) wohnte damals inmitten der Menſchen; oft zeigte er ſich als alter graner Mann, der dem einen KE und dem andern kluge Rat- ſchläge erteilte. ie g Maſſe des Volkes erkannte ihn nicht und achtete nur wenig auf ſeine Lehren.== Dort wo jeht der See von Kemmern liegt, ſtand einſt eine Ritterburg, Der Ritter war immer glülich, da er die Ratſchläge des „Alten“ befolgte und alles nach deſſen Willen that. Einſt er- fuhr der Alte, daß ſich der Tenfel gegen ihn empört hätte, deshalb wollte er ſelbſt gegen ihn ziehen, um ihn zu bekämpfen. Doch bevor er fortging, ſchärfte er dem Ritter ſeine Befehle ein und ſagte: „Behüte das Opfer- fener, daß es nicht verliſcht, denn, wenn es einmal erloſchen iſt, wird es
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Livländiſches Sagenbuch. 9 fich nicht wieder entzünden.“ = Der Alte reiſte fort und der Ritter ſaß unter der Eiche beim Opferfeuer zuſammen mit ſeinen Mannen wie in früheren Zeiten; wie früher, ſo flehte er auch jeht zu den Göttern. Doch bald kamen fremde Leute aus fernen Landen, mit denen der Ritter kämpfen mußte. Er hätte ſie überwunden, doch die Fremdlinge brachten Zwietracht, Neid und alle Laſter mit ſich, des- halb konnte der Ritter ſie nicht beſiegen. Lepterer mußte nun mit den Fremden zuſammen leben, und bald gefiel es ihm bei dieſen beſſer als bei den Seinigen. Unter der Eiche auf der Anhöhe von Kemmern brannte nicht mehr das heilige Feuer, niemand beſuchte die geweihte Stätte. Der Ritter fiel mit ſeinen Lenten ab vom väterlichen Glauben; Kriege und Blutvergießen zerſtörten die Eintracht und das Wohlergehen des Volkes und alle Laſter walteten frei. Da dachte der „Alte“ wieder an Livland und befragte die Sonne über das, was ſie in jenem Lande jehe. Die Sonne erzählte weinend vom Abfall des Ritters und von der Gottloſigkeit in Liv- land. Da fing der „Alte“ an zu grolen und zu zürnen, ſo daß die Erde erbebte. Er warf ſein Geſchoß (den Bliß) in die Burg des Ritters, ſo daß ſie zerbarſt und in Flammen aufging; der Donner rollte, der Sturm heulte und zornig rief der „Alte“ aus: „Das Opferfeuer, des Volkes Glanben haſt du nicht bewahrt, deshalb mußt du ſo lange in der Finſternis ſcufzen, bis die Sonne zu Mittag nutergeht und um Mitternacht wieder aufgeht!“ Als der Alte dieſes geſprochen, da verſchlang die Erde die Burg und den Ritter; zuſammen mit der Burg verſank auch die heilige Eiche; der Opfer- berg bede>te ſich mit Waſſer und es entſtand ſo cin See, =- Der HKemmernſche See, welcher ſich an der Stelle ansbreitet, wo die Burg geſtanden, ſoll noch heutzutage zu ſehen ſein. Still und geheinmis- voll liegt der See da, nur zur Mittagszeit, wenn Hirt und Herden im Schatten ruhen, wenn der Geſang der Vögel anf einen Moment verſtummt iſt, dann, aber nur alle hundert Jahre ein Mal, be- ginnt das Waſſer des Sees ſich zu regen, zu brauſen, zu ziſchen und gewaltige Wellen zu werfen. Der verſunkene Ritter erhebt ſich dann plößlich aus der Tiefe des Sees und erſcheint au der Ober- fläche des Waſſers. Er ſicht dann aus wie ein ewig alter Greis; mit langem Moos und mit Waſſergräſern iſt ſein Bart bewachſen, eine große breite Mütze hat er auf dem Kopfe, anch ſie iſt bede>t mit Schilf, Rohr und Waſſerblunen. Der Ritter erhebt das Haupt und ſchant betrübt nach der Mittagsſonne hin, denn er will ſehen, ob ſie nicht untergeht. Darauf wendet er ſich gen Weſten, denn ſehen will er, ob nicht die Morgenröte aufgeht und ob nicht endlich
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10 Livländiſches Sagenbuch. die Erlöſungsſoune in jeuer Gegend ihm erſcheint. Da er aber die une dort nicht erblickt, ſo weint er und heiße Zähren befeuchten feine tiefgefurchten Wangen. Ächzend und wimmerud ſinkt er wieder in das Waſſer hinab und aus der bodenloſen Tiefe erſchallen die mit wehmütiger Stimme geſprochenen Worte: „Vielleicht geht mir nach hundert Jahren die Erlöſungsſoune auf!“ = Durch N. Krimberg im Rig. Tagebl. 1893 Nr. 147. 12. Der Teufel und die Düna. Einſt wollte der Teufel die Düna an mehreren Stellen un- paſſierbar machen. Dazu brauchte er natürlich eine Menge Steine. Einen jolchen Stein rollte er auch aus dem Aronflüßchen heraus und trug ihn über Seßwegen, die Kokenhuſeuſche Straße entlang bis zur Mündung der Ewſt. Doch kaum war er bis zum Truſchlu- Geſinde bei Marzen im Berſouſchen Kirchſpiel gekowmen, als der Hahn krähte. Da warf der Teufel deu Stein zur Erde und machte, daß er davon kam. Den Stein kanu man uoch heute dort ſchen. Lerch-Puſchfaitis, V 383. 13. Der Teufel und die Dünaflöſſe. Einſt kam dem Teufel in den Siun, große Steine in die Düna zu werfeu, um die herabkommendeu Struſen und Flöße zu vernichten. Eilig lief er am Pargis-Krug vorbei nach Neuhof. Beim Kruge iſt“ noch heute ſeine Spur auf einem Steine in einer Schlucht zu ſehen und die Schlucht heißt noch jezt Welna-peda, die Teufels- ſpur. Iu Neuhof ergriff der Teufel einen ungeheuer großen Stein, trug ihn bis zum Balod-Geſinde und warf ihn dort in die Düna. Da aber die Düna an dieſer Stelle ziemlich breit iſt, jo lief der Tenfel noch einmal, um einen zweiten rieſigen Stein herbeizuholen. Er ergriff ihu und ging dies Mal über Sezzen und deu Greblu- Berg zum Balod-Geſinde an der Düna. Kaum aber war er auf dem Berg angelangt, da krähte im benachbarten Geſinde der Hahn. Der Teufel wollte ſeinen Zwe> doch uoch erreichen und warf den Stein aufs geratewohl zum Fluß, Doch in der Eile hatte er ihn nur mit dem kleinen Finger erfaßt und daher flog der Stein uicht bis zur Düna, ſondern fiel am linken Ufer, etwa ſechzeinhalb Werſt unterhalb Kokeuhuſeus zu Boden, wo noch heute eine Schlucht mit
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Livländiſches Sagenbuch, 11 ſteilen Felswänden zu ſehen iſt. Nun ging der Teufel hin, um ſein Werk zu betrachten, doch, ärgerte er ſich ſchrecflich, als er ſeinen Mißerfolg erkannte. Da beſchloß er, in der Schlucht zu bleiben, die Leute zu ſchre>en und „uguſehen, wie die Struſen und Flöſſe an den Steinen zerſchellen würden und die Menſchen ertrinken. Dort wohnt er auch noch heute und äſſt die Leute um Mittagszeit und um Mitternacht; manchmal weint er wie ein kleines Kind, manchmal ruft er wie ein Menſch nm Hilfe; bisweilen läuft er wie ein Haſe oder ein Reh, doch wehe dem, der hinter ihm herjagt, den ſtürzt er unfehlbar ins Verderben. Brihwiemneeks, S. 23 Anm. =- 14. Die Entſtehung der Bger. In alten, grauen Zeiten lebte an der Düna ein ſtarker Maun, welcher einſt im Alter plößlich verſchwand und nirgends aufzufinden war. Die Leute glaubten, er ſei getötet worden, was aber nicht der Fall war, da er geſund und munter im Waldesdickicht lebte. Von dieſem Mann hörte auch der Tenfel, lief zu ſeiner Mntter, die in einer Höhle hauſte, und ſprach zu ihr: „Was weinſt du, der Rieſe, welcher am Dimaufer lebte, iſt verloren gegangen; vielleicht iſt er irgendwo geſtorben. Wenn man ihn finden könnte, dann würde ſeine Seele unſer Eigentum ſein.“ Die Teufelsmutter jprach: „Du weißt ja, wer auf einer freien Fläche ſtirbt, den kann man leicht finden, aber wenn jemand im Walde verre>t iſt, ſo fann man einen jolchen nicht jo leicht erbliken. Deshalb durch- ſuche die Wälder, vielleicht findeſt du den Rieſen.“ Der Teufel lief durch Wälder, Felder, Moräſte und ſand endlich unſeren Rieſen lebend in einem Häuschen mitten im Walde; zu der Zeit war er aber nicht zu Hauſe. Da ergriff der Teuſel einen großen Stein, kroch in den Ofen und erwartete die Ankunft des Vermißten, der am Abend heimkam. Vom Ofen aus warſ nun der Teufel feinen Stein nach ihm, doch wegen der großen Hiße im Backofen traf er nicht das Ziel. Nun warf der Rieſe: von dem ſchweren Wurf zerbröelte das Häuschen und der Teufel verſank auf der Flucht in den Erdboden, wodurch ſich ein tiefes Loch bildete, das ſich mit Waſſer füllte. Hundert Jahre ſpäter kam der Teuſel, nachdem er ſich von ſeinem Schre erholt hatte, mit einer großen, dicken Stange au die Oberfläche der Erde, um wiederum den Rieſen
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12 Livländiſches Sagenbuch. zu ſuchen, der aber nicht mehr aufzufinden war. Voller Zorn warf er feine lange Stange zu Boden und verſchwand. Dort, wo die fiel, da ſank die Erde ein, es entſtand ein Ge- ter der Name Oger beigelegt wurde. Das Loch, in welches der Teufel verſank, als er von unſerem Rieſen den Steinwurf erhielt, ſoll noch jekt ſichtbar ſein; an jeuer Stelle befindet ſich heutzutage der Patul-See. Lerch- Puſchkaitis, V/ 388 Nr. 177, 178; VU 202, Über eine Rieſin, die an der Oger erſchlagen wurde, vgl. ebenda S. 201. = Darnach N, Kirimberg), Rigaer Tageblatt 1896, Nr. 181 Livlands Sagen geben dem Teufel uur ausnahmöweiſe eine Großmutter. 15. Wie die Ewſt entſtand. Der König Jnus hatte eineu Sohn Aiwis, einen friſchen fröhlichen Jüngling; als der heraugewachſen war, verliebte er ſich in die Tochter des Nachbarkönigs, Ranapura, Um dieſelbe Zeit kam aus Litaneu ein mächtiger Rieſe herüber, der war zwölf Fuß hoch. Eines Tages, als Aiwis wieder zu Ranapura ging, begegnete er unter- wegs dem litauiſchen Rieſen. Der fragte ihn: „Wohin gehſt du?" „Ach“, antwortete Aiwis, „ich gehe ur hier in die Nähe". „Ach jo", ſagte der Rieſe, „ich weiß wohl, dn gehſt zu Ranapura. Die willſt du heiraten; aber das wird nicht geſchehen, denn noch lebt Aiwis und das bin ich, verſtanden! Mir gehört ſie.“ „Aiwi8?“ er- widerte Aiwis zornig, „ich bin Aiwis, nicht du!“ „Ei ſich!“ ſagte der Rieſe, „iſt das nicht zum Lachen! Solch ein Dummkopf will Aiwis ſein! Doch höre! Wenn du ſo hartnäkig biſt und mir die Ranapura nicht geben willſt, daun laß uns kämpfen!“ Der Rieſe dachte dabei, daß Aiwis ſich fürchten werde. Doch der erſchraf nicht, ſondern ſpraug ſogleich auf den Rieſen zu und verſezte ihm mit ſeinem ſtählernen Schwert ſolch' einen Hieb über den Kopf, daß er geung hatte. Der Rieſe fiel zu Bodeu und aus ſeiner Wunde floß ſoviel Blut, daß ein See entſtand, den Aiwis Lubahn nannte. Eines Morgens trat Aiwis aus ſeiner Burg herans und bemerkte, daß das Blut des Litauers au der Burg vorbeigefloſſen und daraus ein großer Fluß geworden war. Vom See aber war unr eine Vertiefung nachgeblieben. Später iſt in dieſe Vertiefung ein See aus deu Kangarbergen hineingekommen. Dem nenen Fluſſe gab Aiwis den Namen, indem er ſagte: „Dieſer Litauer wollte
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Livländiſches Sagenbuch. 13 Aiwis ſein; daher wollen wir deu Fluß, der aus ſeinem Blut eut- ſtand, die Aiweekſte (-Ewſt) nennen.“ Aiwis aber heiratete die Rana- pura und beide lebten ſehr glüclich. Lerch-Puſchkaitis V 390, Vgl. Nr. 32. 86. == 16. Der Schlangenkönig im Plikais-Moraſt. Im Selburgſchen Kirchſpiel in Kurland liegt der Plikais-Moraſt. In früheren Zeiten gab es da ſchrelich viel Schlangen. Legten fie ſich alle zuſammen und der König obendrauf, dann war es ein Hauſen, ſo groß wie ein Heuſchober. Beim Schlaugenkönig ſah man immer eine ſchr ſchöne Krone auf dem Kopf; niemand aber durfte ſie antaſten, ſouſt verfolgten ihn die Schlangen, indem ſie den Schwanz in den Mund nahmen und ſich wie Räder fort- bewegten. => Einſt beſtieg ein Ritter ein raſches Pferd, galoppierte an dem Ä riß dem S önig die Krone vom Kopfe und gelangte glücklich in ſeine Burg zurüf. Froh, daß ſein Ritt ihm gelungen, ſtieg er ab und ſtriegelte ſeinen ſchnellen Renner. Da ſchoß aber plößlich aus dem Schweiſe des Pferdes ein Schlangenkopf hervor und ſtach den Reiter in die Hand. Die Schlange war am ſchnellſten von allen der Königskrone nachgeeilt und hatte ſich im Pferdeſchweife verſte>t, um Rache zu nehmen. Die Rache gelang, denn der von ihr verwundete Ritter ſtarb. Noc< im Tode ſprach er die Worte: „Dieſe Burg iſt ſtark, und die Burg- leute ſind tapfer, ſogar den Schlaugenkönigen nehmen ſie ihre Kronen ab. Aber einſt wird die Zeit kommen, wo die Burg in Trümmern liegen und man über ſie lachen wird!“ Und was er prophezeite, das erfüllte ſich auch. Lerch-Puſchkaitis V1 203. 17. Der Gnehwisſee. Drei Werſt von Sto>mannshof liegt ein großer Moraſt, namens Guehwis. Vor vielen Jahren befand ſich au der Stelle des heutigen Moraſts ein See. Aber dieſem See gefiel der Name Gneh- wis nicht; deshalb machte er ſich eines Sommeruachmittags auf und begab ſich als ſchwarze Wolke brauſend und ſauſend durch die Luft nach Saufen in Kurland, wo er noch heute iſt. Die Hofsarbeiter
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14 Livländiſches Sagenbuch. waren gerade beim Pflügen; das heftige Unwetter warf ihnen ſo- gar die Pferde zu Boden. Als es aber vorüber war, fanden ſie eine Menge Fiſche auf der Erde liegen. =- Als der See durch die Luft 3og, riefen ihm zwei Frauen, die Kleider wuſchen, zu: „Gnehw, Guchw!“ Sogleich aber ſtürzte der See zur Erde und man nanute ihn den Sauken'ſchen („Ruf“)-See. Lerch-Puſchkaitis VI 199. 18. Die Mühle am Weſſetbach. Im Gebiete von Feſten in Livland entſpringt aus dem Weſſetſee das Flüßchen Weſſet. In alten Zeiten erbante man beim Jahnit- Geſinde am Weſſetbach eine Mühle, von der man noch jeht ein- gerammte Eichenbalken ſchen kann. Die Mühle war ſchon beinahe fertig, als einem Nachbarn tränmte, eine junge Fran tanze auf der Mühle und ſänge dabei: Die Vorfahren haben hier nicht gemahlen, Die Nachkommen werden hier nicht mahlen. Wie das Flüßchen einſt gefloſſen, So wird es ewig fließen. Bald daranf hat das Waſſer die Mühle weggeriſſen. Lerch-Puſchkaitis, V1 215, 19. Uhdenite. Beim früheren Gerin-Geſinde am. Wege von Neu-Kalzenan nach Annenhof in Livlaud liegt im Weſſetbach ein Stein. Da lebte in alten Zeiten die Uhdenite. Vom Steine aus führten Wege nach ihrer Burg, die fich in der Quelle der Weſſet befand. Uhdenite war eine Jungfrau mit langen goldenen Haaren, die ihr bis zu den Ferſen herabhingen; in ihren blauen Augen ſpiegelte ſich der Himmel und alles was das Herz rühren kaun wieder. Wer ſic einmal angeſchaut hatte, der konnte ſie niemals mehr vergeſſen. Sie nahm anch Teil au den Spielen der Mädchen und verſchwand daun, wenn dieſe bemerkten, daß fie von der Uhdenite beſchenkt worden waren. Einſt bemerkte vom Ufer des Aronbachs*) aus ein Jäger 4) Ein Nebenfluß der Weſſet.
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Livländiſches Sagenbuch. 15 Ss war zur Zeit des dritten Mondviertels == die Jungfrau, wie ſie anf dem Steine ſaß und ihr Haar mit einem goldenen Kamme känmte. Beim Mondenſchein erſchien ihre Geſtalt noch viel ſchöner. Dem Jäger wurde jo eigen zu Mute; nie verließ er mehr das Ufer der Weſſet und vergaß darüber ſeine ſchwarzäugige Ge- liebte. Oft hörte man ihn dort ſprechen, ſeine Liebe beteuern und ſeiner Sehnſucht Ausdrn& geben; doch nie konnte man bemerken, mit wem er ſprach. Und nach einigen Wochen da ſtürzte er ſich ins Waſſer und nie hat man ihn wiedergeſehen. Seine frühere Geliebte aber klagte ihr Leid der Weſſet-Mutter und die verbot der Uhdenite, ſich wieder auf der Erde zu zeigen. Nun lebt ſie unten in ihrem Palaſt und noch hente, wenn man dem Murmeln des Baches lanſcht, kann man ſehnſuchtsvolle Laute vernehmen; das iſt Uhdenite, die ſich nach den Sonnenſtrahlen ſehnt. Der Jäger aber iſt nicht ertrunken; er fand Aufnahme in Uhdenites Palaſt. Manches Mal jedoch überkommt ihn die Luſt zu jagen und dann begiebt er ſich in Geſtalt einer Otter in die Weſſet. Sein liebſtes Jagdrevier iſt bei dem Stein bei Gerin, wo mancher Jäger ihn bemerkt hat; doch man ſchießt nicht auf ihn, da man ſein Schi» fal tennt. Jelgawas beedribas Rakſtu krajums 11 23. 20. QAhla die Perlenſucherin. In Fehteln und Kalzenan mag man noch jeht Männer finden, die ſich der alten Ahla (Adelheid) erinnern werden, der langen hageren Frau mit den ſchwarzen feurigen Angen. Als die Perlen- ſucherin in der Weſſet war ſie nicht unr in dieſer Gegend, ſondern auch bei den Juden in Jakobſtadt und Friedrichſtadt bekannt. Der Preis für eine Perle war ein Lof Roggen. =- Mancher Winter war dahin- gegangen, bis Ahlas Haar gebleicht war. Ju ihrer Jugend war ſie wie die ſchönſte Blume in einem Roſengarten geweſen und auch noch jeht im Alter bewieſen das ihre Augen. Alte Franen wußten zu erzählen, daß es ihr an Freiern nicht gefehlt habe; aber ſie machte ſich über alle bloß luſtig. Einſt hatten ſich wieder Freier eingeſtellt; doch Ahla wies ſie ab. Beim Nachhauſereiten hielt einer von ihnen an, drehte ſich nach allen vier Hinmelsgegenden und zerſchellte, ſich an die Windtmutter wendend, eine Flaſche Meth an einem Stein, indem er ausrief: „Mögen alle Gedanken, die Ahla zu freien, ſo
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16 Livländiſches Sagenbuch in alle Winde gehen, wie dieſe Flaſche in Stücke zerſprang!“ Dann ritt er nach Hauſe und legte ſeinen Sattel umgekehrt auf den Ofen. Die Winde hörten das, ſie trugen es überall hin und bei Ahla ſprach ſeit dieſer Zeit kein Freier mehr vor. Jahre gingen dahin und Ahla ſaß einſt am Ufer der Weſſet und ſann über ihr Schicfal. Die Gedanfen kamen und gingen, wirbelten durcheinander wie Rauch in der Luft, und nahmen Geſtalt an und Ahla ſah wie ihre Freier zuſammenritten; ſie erkannte ihre Geſichter und hörte ihre Stimmen. Jnihrem Herzen aber war ſie bis in den Tod betrübt. „Ach Weſſetmutter, erbarm Dich meiner!“ ſtöhnte ſie und wollte eben in die Weſſet ſpringen, da bemerkte ſie plöhlich die Weſſetmutter ſelbſt in Geſtalt einer Frau im Waſſer und lief entſeßt zurüd. Als ſie ſich endlich gefaßt hatte, ging ſie wieder zu der Stelle zurück, doch erbliete ſie nur ihren eigenen Schatten im Waſſer und auſ dem Grunde der Weſſet eine Muſchel. In ihren Ohren aber erklang es, als ſage ihr jemand, ſie möge die Muſchel aufheben, denn die Weſſetmutter habe ſie ihr zurückgelaſſen. Sie watete hinein, holte die Muſchel heraus und betrachtete ſie. Von außen war nichts be- ſonderes an ihr zu bemerken, ſie ſah aus wie jede andere Muſchel, doch als ſie ſie öffnete, fand ſie eine prächtige Perle darin. Nun wurde ſie Perlenſucherin und wohl noch manche ſchöne Perle hat ihr die Weſſetmutter geſchenkt. Der Tutenu Peter aber erzählte, daß Ahla eine ganz beſondere Kunſt beſeſſen habe. Einſt habe er ihr ſelbſt von einem Gebüſch aus zugeſchen, wie ſie eine Muſchel ge- öffnet und etwas, es ſchien ein Kieſelſtein zu ſein, hineingelegt, die Muſchel dann wieder geſchloſſen und ſie ins Waſſer zurücgeworſen habe. Nach einigen Jahren habe ſie die Muſcheln an derſelben Stelle wieder herausgeholt und daun ſei eine Perle darin geweſen. So benutzte ſie die Muſcheltiere, um Perlen zu züchten. Woher ſie dieſe Kunſt habe, das hat ſie keinem erzählt. Vielleicht von der Weſſet- mutter. P. Allunan in Jelgawas beedribas Rakſtu krajums 11 24. 21. Die Waſſerjungfrau im Roten See. Bei Koſenhoſ im Schnjeuſchen Kirchſpiel in Livland unweit des Roten Sees (Sarkanu-See) ſtand ſrüher auf dem Leela-kalns eine Burg. Hier wohnte Urban, ein junger Ritter. Einſt war er auf dem Roten See auf der Entenjagd; da hörte er anf einmal
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Livländiſches Sagenbuch. 17 einen ſchönen Geſang. Er lauſchte; der Geſang ertönte immer näher und näher, dann teilten ſich die Wellen und eine ſchöne Inngfrau mit goldblonden Haaren und einer demantnen Krone auf dem Haupte entſtieg dem Waſſer und ſagte: „Fürchte dich nicht, ich bin die Waſſerjungfran, eine Nymphe. Schon lange lebe ich hier; kannſt dn mich aber aus dieſer kalten Tiefe erlöſen? Wir haben keine Seele; nur dann erhalten wir eine, wenn ein Menſch, der eine Seele beſitzt, uns liebt.“ „Schon gut“, antwortete Urban, „aber ich kann dich nicht lieben,“ Kaum aber hatte er das geſagt, da fing die Waſſerjungſrau wieder an zu ſingen und er merkte, wie er immer tieſer und tiefer hineingezogen wurde, bis er ganz ver- jank und verſchwand. Lerch-Puſchkaitis, 1V 198. 22. Der See bei Launternſee. Früher beſand ſich in Berſon au der Stelle des jehigen Mahlu-Moraſts ein See. In ſeiner Nähe befanden ſich damals die Hofsfelder und die Riegen des Guts. Der See aber konnte es nicht vertragen, daß die Leute in den Riegen Tag und Nacht mit ſchwerer Arbeit gequält wurden. Daher erhob er ſich wut- ſchnaubend und ließ ſich bei Lanternſee nieder. Bald darauf aber gab es Krieg. Die Feinde ſtanden auf beiden Seiten des Sees; da überfiel ein Heer in der Nacht unerwartet das andere, es entſtand eine ſchreliche Schlacht; das Blut floß in Strömen und brachte das Waſſer des Sces zum Steigen. Gegen Morgen hatten fich beide Heere gegenſeitig ſo niedergemeßzelt, daß nur noch wenige am Leben waren. Man begrub die Toten alle auf dem Kapukalus äberberg) und hängte zum Gedächtnis der Krieger an einem Pielbeerbaum eine Glode auf. Später aber wurde der Gräberberg unter den Pflug genommen und darüber erzürnte fich die Glode und rollte in den Sce hinein. Noch lange Zeit darnach konnte man am Sonnabend Abend die Glo>e im Se traurig tönen hören. =- Man erzählt auch, daß in der Nacht während der Schlacht ein Feldherr in ſeinem Wagen in den See hineingeſahren ſei, um fich dem Feinde nicht lebendig zu ergeben. Noch jetzt kann man die Räder des Wagens im See liegen ſehen. Lerch-Puſchkaitis, V 392. Bienemannu, Zagenbuch. 2
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18 Livländiſches Sagenbuch. 23. Wie die Sahke entſtand. Iu der Druwenſchen Gegend in Livland lebte früher ein ſehr ſtreuger Herr und auf dem Teufelsberge lebte damals ein Zanberer. Der verwünſchte den ſtrengen Herrn, ſo daß dieſer ſich zu Grunde richten mmßte. Dem Zanberer ſelbſt aber ſchwebte folgendes Schickſal drohend über dem Haupte: wenu ihm einmal jemand in dem Angen- bli, wo er zauberte, ein böſes Wort zurufen wird, dann muß er ſterben. Auf den böſen Herrn war mm ein guter gefolgt, der von allen geliebt wurde. Der Zanberer jedoch rühmte ſich, daß er auch dieſen verzaubern werde. Deu Lenten gefiel das nicht; ſie ſuchten und fanden auch eine alte Frau, die dafür ſorgen ſollte, daß der Zanberer dem guten Herrn keinen Schaden zufüge. Eines Morgens ſchickte der Zauberer ſich wieder an zu hexen. Da meinte die alte Frau, vielleicht verzaubere er eben jezt den Herrn und rief daher gerade in dem Augenblick, als er zauberte: „Du ſelbſt wirſt um- kommen!“ Und ſofort ergriff ihn der Teufel und verſchwand mit ihm tief in die Erde in den Teufelsberg hinein. Aber im Tode noch verwünſchte und verhexte der Zauberer die alte Frau und ſic wurde in die Sahbe*) verwandelt. Lerch-Puſchkaitis, V 415. 24. Die Stromſcmelle in der Ra. Etwa vierzehn Werſt oberhalb Wolmars bildet die Aa eine ziemlich ſtarke Stromſchnelle, die dadurch bemerkenswert iſt, daß ſowohl ober- wie unterhalb die Aa ihre gewöhnliche langſame Strönmung hat und weiter bis zur Mündung keinen derartigen Fall wehr aufweiſt. **) An dieſer Stelle liegen im Fluſſe ſchr viele Steine, von denen einige beſonders groß ſind und das Holzflößen nur im Frühjahr erlanben. Über dieſen Fall erzählen ſich die Leute: Einſt habe der Teufel gewettet, daß er die Aa aufſtauen werde, ſo daß ſie nicht mehr fließen könne. Andere ſagen, er habe das thun wollen, um den benachbarten Gutsherrn zu ärgern. Er machte ſich alſo an die Arbeit und begann eines Nachts Steine herbeizuſchleppen. Glücklich brachte er auch einen Schoß voll herbei und warf ihn da ins Waſſer, wo jezt die Stromſchnelle iſt. Mit dem zweiten Schoß *) Ein Veifluß der Aa. 49) Der Fall beträgt auf einer Strecke von 200 Schritt etwa 10 Fuß.
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Livländiſches Sagenbuch. 19 voll jedoch gelangte er nicht bis dahin, da der Hahnenſchrei ihn auf dem Wege übereilte; den warf er daher einige Werſt vor dem Ziele zu Boden. Und wirklich iſt auch in einem Birkenwatde zwiſchen dem Keiſchu- und Mniſchneek-Geſinde ein großer Steinhaufen zu ſchen, der eben jener zweite Schoß voll Steine ſein foll, die der Teufel fallen ließ. Später hat der Teufel ſeine Wette nicht mehr ausmachen dürfen. Rig. Rakſtn krajums, 111 90. 25. Der Burtnekſche See. Jn alten Zeiten, als die Seen noch wanderten, trug ein ri figer Ochſe den Burtnekſchen See auf feinem Rücken und wollte ihn beim Konaberg niederlegen. Als der O<s mit großen Schritten den Berg hinanſſtieg, erdröhnte die ganze Erde und der See ſchnanbte und brauſte und ſtieg immer niedriger und niedriger herab, jo daß ſogar die Fiſche herabfielen. Die Leute ſahen ihren Tod vor Augen, ſie riefen und ſchrieen, aber niemand konnte den See beſchwören, indem er ſeinen Namen erriet. Plößlich jedoch rief ein Säugling: „Der Aſtjärw kommt!“ Da erhob ſich der See ſogleich wieder in die Luft, begab ſich mehr nach Süden und ließ ſich anf die Burtnekſche Kirche, wo gerade Gottesdienſt war, nieder. Noch heute ſoll man anf dem Grunde des Sees eine Kirche erbliken: Vor der Kirche ſteht eine Kaleſche mit vier ſchwarzen Pferden mit dem Kutſcher auf dem Boc>; der Paſtor iſt eben auf die Kanzel geſtie- gen und hält ſeine Predigt. Wenn der Paſtor ſeine Predigt ein- mal enden und Amen ſagen wird, dann wird ſich der See wieder erheben und fortziehen. Dann kommen die Kj ger alle wieder heraus und gehen nach Hauſe; denn ihnen kommt dieſe jahrelange Kirch- zeit gar nicht ſo lange vor, wie ſie nns erſcheint, ſondern ſie dünkt ihnen nicht länger als uns die gewöhnliche Kirchzeit des Sonntags. Lerch-Puſchkaitis, V1 213, =- Nach andrer Verſion (ib. V 408) gräbt eine ſchwarze Sau, die Herrſcherin des Sees, in ſieben Jahren das neue Vett des Sees, in dem der See brauſt, PN jemand feinen neuen Namen Burtne>> ausſpricht, worauf er beruhigt. =- Eine andere Sage erzählt von dieſem See, er ſei fraher bei Luhde-Paſtorat geweſen, wo jekt ein Sumpf iſt. Ein Mädchen warf ihr ungetauftes Kind hinein, da zog der See weg. Rig. Rakſtu krajums 111 114, =- Vgl. auch Pabſt, Bunte Bilder 1130 (furz); Supel, Topogr. Nacht: 1 230, wonach im See ein Schloß verſunken iſt.
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20 Livländiſches Sagenbuch. 26. Der Quell auf dem Blauberg. Auf dem Gipfel des Blanbergs in Livland war früher ein nicht gar großer Quell, der ſogar in der heißeſten Zeit nicht aus- trocknete. Das Waſſer dieſes Quells half gegen alle Krankheiten. Später fingen die Franen ſogar an, ihre kleinen Kinder darin zu baden, damit ſie ſtark und geſund heranwüchſen. Das aber gefiel dem Quell nicht und er verſchwand. Noch hente kaun man die Stelle ſehen, wo er ſprudelte. Doch haben Schapgräber den Ort recht uakenntlich gemacht. Lerch-Puſchkaitis, VI 209. 27. Der Scwarzteid. Wenn ich nur vom Kriege anhebe == lieber Gott, das war eine böſe Zeit! Floh da ein reicher großer Herr vor dem Getümmel vou Werro die Aa entlang eilig, eilig gen Walk. Sechs Roſſe zogen die Kutſche, all ſein Hab und Gut, Frau und Kind hatte er bei ſich. Aber da kam ihnen plößlich auf dem Wege der Krieg grad entgegen. Wohin nun noch ſich wenden mit den müden Roſſen? Da wär er wahrlich mit den Seinen und all den Schäpen in Feindes Hand gefallen. Nun war am Wege unten am Abhang ein langer tiefer Teich, mit ſchwarzem und kaltem Waſſer, den nannten die Leute den Schwarzteich. Allſogleich hieß der Herr den Kutſcher hinein treiben. In einer Haſt riß der die Roſſe vom Wege ab, ſchwang ſich ſelber vom Sig und ſo ſtürzten ſie in das ſchwarze ſer. Schwer wog das Silber und Gold und vergrub alles in die Tiefe, die Menſchen und Wagen und Roſſe.*) Aber ſolch ein Ende kann freilich uicht mit rechten Dingen W *) Ähnlich auch eine Sage vom Suddatſee, nördlich von Alt-Schwane- burg in Livland: Einſt wurde ein böſer Herr, Joſt Dunter, mit Pferden Wagen in den Suddaljee geſtürzt und ertrank. Alljährlich aber in der Nacht vor Peter-Pauli erblickt man dort eine grauenhafte Erſcheinung. Von keuchenden Roſſen gezogen jagt eine alte grüne Kaleſche mit roten und weißen Rädern unhörbar über die Oberfläche des Sees hin und drin alte grauſame Joſt Dunter und ſein lezter Schre>ensruf tönt weit ie Fluten des Sees. (Nach Bertram, Balt. Skizzen 111 28, wo ſich jedoch nicht gut unterſcheiden läßt, wieviel Zuſah Bertran" iſt.) =- Vgl. auch die Sage vom Walgum-See bei Tuckum in Kurland, in den eine Kutſche mit vier Pferden, zwei Herren und dem Kutſcher durch Ränber hineingeſtürzt worden ſei. Sit: Ber. d. Kurl. Geſ, 1>=7, S. 41.
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Livländiſches Sagenbuch. 21 zugehen. Schau, wenn dn abends vor dem Hahnenſchrei am Schwarz- teich vorübergehſt, da giebts immer Spuk und Geſpenſter. Vis- weilen kriecht ein ſchwarzer Hund den Abhang hinauf, die Jungen hinterdrein; Kaßen ſpringen über den Weg, oder es erſcheint in allerlei Vogelgeſtalt. Einſt war einer am Ufer des ſchwarzen Waſſers eingeni>t. Da ſei er haſtig am Bein gepackt und wie im Sturm nach unten gezogen. Doch erwiſchte der Mann zum Glü noch ein Wacholderſträuchlein, das am Ufer wuchs, und ſo kam er davon. Wieder einmal ſah er Jungfranen anſ dem Waſſer, wie ſie plätſcherten und badeten, und waren weiß wie Schwäne. Plößlich ſeien ſie auf ihn zugekommen, die eine ganz nah, und hätte nur ſo gefichert. Dem Maun wäre eine Angſt augekommen und wie er ſich erſchrocken bekreuzigt, da ſeien ſie wieder ins Waſſer geſprungen und ſtill geblieben. Einmal habe ein Fiſcher einen ſchwanzloſen Hecht im Schwarzteich geſangen. Da habe man abends die Stimme des alten Edelherrn auf dem Waſſer gehört wie er gerufen: „Iſt das ganze Rüſſelvich beiſammen?“ Da hätte eine Stimme geantwortet: „Der alte ſchwanzloſe Eber ſehlt!" *) Noch kürzlich ſei da einer auf dem Fiſchſang geweſen und da ſei ein großer Reifen von den Kutſchenrädern auſs Waſſer gekommen, ſcharf wie eine Axtſchneide, und das iſt wahrhaftig wahr, viele habens jelbſt geſehen. Jannſen, Eſtn. Märchen und Sagen l 16. == 28. Der Ilgawa See. Im Oppekalnſchen in Livland bei Laißen unweit des Wisla- Geſindes liegt der Jlgawa-See. Er iſt etwa eine Werſt lang und liegt eingebettet zwiſchen recht großen Hügeln. In alten Zeiten wollte einſt der Teuſel ſich in dieſem See eine prächtige Burg erbauen. Schon hatte er das Fundament gebaut und eine Brücke, auſ der man zur Burg gelangen könnte, Die Arbeit ging ſehr raſch von ſtatten, obgleich der Teuſel nur in der Geiſterſtunde zwiſchen 11 und *) Vgl. dazu auch die norddeutſche ähnliche Sage, wo die zweite Stimme ruft: „Die einäugige Sau fehlt", oder die Anklänge einer von Rußwurm mitgeteilten Sage aus Worms (Inland 1852, Sp. Val. überhaupt darüber Pabſt, Sagen und Kurioſa, Inland 1352, , Ip. 298 ff. und über den mythiſchen Gehalt Kuhn, Nordd. Sagen, S Vgl. auch die lett, Sage von den Fiſchen im Burtnekſchen See und in der Düna, Brihwſemneeks, S.
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22 Livländiſches Sagenbuch. 12 Uhr nachts arbeitete. Die Steine ſchleppte er in Hoſenflikken herzu. Da verſpätete er ſich einmal beim Sammeln der Steine und konnte die Burg nicht mehr zur rechten Zeit erreichen. Der Hahn krähte und im ſelben Augenblick riſſen die Fliken entzwei und die Steine fielen alle am Ufer des Sees zu Boden. Noch heute liegen an jener Stelle ſehr viele Steine und im See, wo der Teufel ſein Fundament gebaut hatte, kann man auch noch viele Steine ſehen. Lerch-Puſchkaitis V- 416. 29. Der Goftesring. Jn alten Zeiten lebte im Rosgawaſchen Walde ein ſehr ſtarker Mann, der oft ſchon Drachen und Snmpfteufel bekämpft und beſiegt hatte. Darüber wurde er ſtolz und prahlte, daß er ſogar Gott beſiegen könne. Eines Abends ſpät trat ein alter Mann in ſeine Hütte und bat um ein Nachtlager. Der Rieſe gewährte es ihm. Als der Alte nun ſeine zerriſſenen Kleider auszog, bemerkte jener an ſeinem Finger einen Ring, der ſo hell glänzte wie die Strahlen der Sonne. Dieſen Ring verlangte es den Rieſen zu be- fiten und als der Alte eingeſchlafen war, erſchlug er ihn, zog ihm den Ring vom Finger, brachte die Leiche an den Schwarzbach und warf ſie dort in den Tſchubineek-Strudel. Den Ring hatte er an ſeinen Finger geſtekt und wollte wieder nac Hauſe gehen, als ſich plötlich ein ſchrelicher Sturm erhob. Furchtbar rollte der Donner und zuckten die Blitze; erſchreft blieb der Rieſe ſtehen. Da rief ihm eine drohende Stimme zu: „Unglücklicher, was haſt du gethan?“ Der Rieſe warf einen Blik auf den Ring und bemerkte zu ſeinem Schrecken, wie er ſich in eine rieſige Kette verwandelte. Mit aller Kraft verſuchte er ſich von ihr zu befreien und zu entfliehen; er konnte es nicht. Die Glieder der Kette zogen ſich immer feſter und feſter zuſammen und unſichtbare Geiſter zogen ihn in den Strudel hinab, wo ſie ihn auf dem Grunde au einen Stein auſchmiedeten. Der ermordete Alte trat auf ihn zu und ſagte: „Des Ringes wegen haſt du mich ermordet, daher ſollſt du ewig jein Hüter ſein, bis einmal jemand ihn von dir entgegennimmt!“ =“ Seitdem liegt unn der Rieſe ſchon viele Menſcheualter dort im Strudel und wartet anf ſeine Erlöſung. Alle hundert Jahre ſteigt er einmal aus der Tiefe empor und zeigt ſich den Menſchen, Bis jezt hat er noch niemand getroffen, der den Ring von ihm EE hätte.
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Livländiſches Sagenbuch. 23 Zulett hat ein junges Mädchen ihn geſchen. Es hütete am Ufer des Fluſſes Kühe; auf einmal begann das Waſſer des Strudels ſich zu heben und empor tauchte ein großer Mann in glänzenden Klei- dern und mit einer Kette um den Hals. Tranrig flehte er das Mädchen an, ſeine Hände ansſtre>end, nud bot ihm den Ring an; aber das Mädchen verlor vor Schre> das Bewußtſein. Dann hörte es das Klirren von Ketten und ein Geränſch, wie wenn ein Körper ins Waſſer fällt. Als es aber hinſchaute, erblikte es niemand mehr. =- An der Stelle, wo der Rieſe angekettet iſt, treibt das wirbelude Waſſer beſtändig Blaſen und jeder, der ſich der Stelle nähert, wird in die Tiefe geriſſen. Die Leute der Gegend, die die Sage genau kennen, baden nie an dieſer Stelle und ſtreng verbieten die Mütter ihren Kindern, ſich in die Nähe des Strudels zu wagen. I. Krehstin, Latw. teikas is Maleenas. Hrög. von Behrſinſch 1 (Riga 188%) S. 14. == 30. Die Schädelquelle und der Stein der Weiſen. Nicht weit von der Stelle, wo die Sulnpite in den Schwarz- bach mündet, erhebt ſich ein kleiner Hügel. An einer Seite dieſes Hügels befinden ſich Vertiefungen und Vorſprünge, die ihm das Ausſchen eines rieſigen Totenkopfes geben. Ans einer dieſer Höhlungen, dem ſogenannten Munde, entſpringt ein kleiner Quell. Über dieſen Quell erzählt die Sage: In alten, grauen Zeiten war die Anhöhe von einem dichten Hain beſtanden, in deſſen Mitte ſich eine nralte Eiche befand, die innen hohl war. In dieſer Höhlung wohnte ein Einſiedler, ein flüger Greis, der die Naturkräfte erforſcht hatte und alle Geheim- niſſe kannte. Er wußte, wieviel Sterne am Himmelsgewölbe funkeln, er wußte, in wie viel Tagen man zum Allvater gelangen kaun, er wußte, was einem jeden Menſchen die Zukunft bringt. Der Weiſe kannte den Augenblick, an dem die Bäume lebendig warden und zu ſprechen anfingen; daun, in der ſtillen, mondhellen Nacht, unterredete ſich der Alte mit ihnen. Auch mit Tieren, mit Erd- und Waſſergeiſtern pflog er Rat, welche ihm alles ver- kündeten, was ſie wußten. Wegen ſeiner Klugheit und ſeiner großen Güte liebten und verehrten ihn alle Leute, denn von nah und ſern eilten ſie herbei, um ſich von ihm Rat und Hilfe zu holen. In
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24 Livländiſches Sagenbuch. der Nachbarſchaft lebte ein fehr böſer Häuptling, der den Eremit zu töten beſchloß, da die Verchrung, die alle Welt dem Alten zollte, ihm mißfiel. In ſeiner Burg verſammelte der Häuptling in einer Nacht alle Zauberer und Hexen der Umgegend, um über den Tod des Einſiedlers zu beraten. Nach langem Hin- und Herreden kam man zu dem Schlyß, daß fich im Gehirn des Alten „der Stein der Weiſen“ befinden müſſe, ein Stein, der koſtbarer ſei als alle Königreiche der Welt, ein Stein, der ſeinen Beſiger zum glücklichſten Menſchen auf dem Erdenrunde mache. Als der Häuptling ſolches gehört, gab er den Zanberern und Hexen reiche Geſchenke, entließ ſie nach Hauſe und beſchloß, auf jeden Fall ſelbft den Eremiten zu töten, um ſich ſo den koſtbaren Stein aneignen zu können. In einer Nacht verſtete fich der Hänptling im Haine, überfiel und tötete den Einſiedler, als fich dieſer mit den Bäumen zu unterreden begann. Nachdem er den koſtbaren Stein aus dem Gehirn des Alten genommen, begrub er den Kopf am Abhange der Anhöhe und. wollte fortgehen, doch der Stein begann ſo hell zu leuchten, daß der Mörder von dem Schein ganz geblendet wurde. Er ſchaute zurück nach der Stelle, wo er den Kopf begraben; dieſer erhob ſich aus der Erde und rief ihm zu: „Entflich, Unglücklicher, den Stein der Weiſen haſt dn zwar gefunden, doch Ruhe wirſt du auch im Grabe nicht finden.“ =- Plötzlich begann ein Sturm zu wüten, Donner krachten, Blihe zuelten; den Händen des Mörders entfiel der Stein und rollte dorthin, wo ſich der Kopf gezeigt hatte. All- mälig verſank der Kopf, der Erdboden ſchloß ſich wieder, doch aus dem Steine entſtand eine Quelle, die leiſe murmelnd dahinfloß. Der Sturm tobte immer ärger, der Donner rollte immer lauter, die Blie zuckten immer heftiger, ſie zerſchmetterten die Bäume des heiligen Haines. Die Rieſeneiche fiel mit großem Getöſe zu Boden, oede>te den Mörder mit ihrem Stam und zermalmte ihn. Die Seele des Übelthäters fand keine Ruhe, ſondern irrte raftlos in der Welt umher; zu beſtimmten: Zeiten liegt ſie auf dem Boden der Quelle, wo ſie dann hundert Jahre lang Waſfer trinken muß. == Die Leute beweinten den Einſiedler eine lange, lauge Zeit, wuſchen fich Geſicht und Angen mit dem Waſſer der Quelle und fanden, daß es heilkräftig ſei, denn die Kranken wurden geſund, dic Dummen== king, die Alten-=jung. Als die Herren (die Deutſchen) nach Livland kamen, da wollten fie die heilkräftige Quelle nach Deutſchland ver- ſehen, doch dieſe verlor ihre Heilkraft und ihr Waſſer unterſchied fich von der Zeit ab in nichts vom gewöhnlichen Waſſer. In Frühlingsnächten iſt es nicht ratſam, in der Nähe beſagter Quelle
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Livländiſches Sagenbuch. 25 zu ſchlafen, deun ſurchtbar tobt der Sturm in den Bänmen; um Mitternacht beginnen ſie zu ſprechen und erzählen dann vom ſchre>- lichen Tode des Einſiedlers. Dann beleuchtet der Mond mit ſeinem bleichen Schein die Quelle, dann hebt ſich der Kopf wieder aus der Erde empor, dann beginnt er zu reden, zu reden wie in jener Mondnacht. Der Menſch aber, der ſolches hört, wird ſtumm für jein ganzes Leben. Am Ende der Welt wird der Weiſe auferſtehen und von neuem zu leben anfangen, dann wird auch die Sünde dem Mörder vergeben werden, denn er iſt entſühnt durch das Trinken des heiligen Waſſers. I- Krehöslin, Latw. teikas is Maleenas, Hr8g. von Behr- IZ 1888), S. 12, ==N. Krimberg, Rig, Tagebl, 1893, 31. Der von der Stelle gerüchte See. Wenn man von dem Städtchen Werro nach Pleskau zu geht, jo liegt hinter dem ſiebenten Werſtpfahl links von der Landſtraße in einer tiefen engen Schlucht ein kleiner See zwiſchen Kieshügeln. Eine halbe Weſt weiter, wenn man hinter der Senkung wieder berg- auf konnnt, liegt ebenfalls links vom Wege eine kleine runde von Kieshügeln eingefaßte Schlucht, welche an ihrem Nordrande erkennen laſſen, daß Waſſerwellen einſt hier durchgefloſſen ſind und die Hügel- wand eingeriſſen haben. Gegen Südoſt wächſt jeht am Abhange der Schlucht ein hübſches Birkenwäldchen und es werden in dem- ſelben ein paar kleine Banerhöfe ſichtbar, jenſeits welcher am Rande des Waldes vor einigen Jahrzehnten ein Schulhaus aufgeführt worden iſt. An den hier beſchriebenen Ort führen uns alte Sagen- ſpuren, von denen wir nachſtehendes melden wollen, wie es der Volksmund erzählt. Vor einigen hundert Jahren lag in der eben bezeichneten Schlucht ein kleiner See mit klarem ſilberſarbigen Waſſer zwiſchen grünen Ufern; wo jeht der Birkenwald ſteht, erhob ſich auf der Stelle des Ufers ein prächtiger Eichwald in deſſen Schatten ein einzelner ſchöner Banerhof lag, deſſen Ausſehen ſchon von weitem einen wohlhabenden Wirt verriet. An Stelle der umliegenden Höfe, welche jekt zu beiden Seiten der Straße hie und da dem Wanderer ſich zeigen, ſtand in alter Zeit ein ansgedehnter Laubwald. Aber kehren wir jeht zu dem kleinen See zurück, in deſſen Fläche beim Sonnenſchein Eichwald und Banerhof ſich ſpiegeln und deſſen Wellen ſelten ge-
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26 Livländiſches Sagenbuch. kräuſelt ſind, weil ihn zwiſchen ſeinen hohen Ufern das Spiel von Wind nud Wetter wenig berührt. Die Bewohner des Hofes holten täglich aus dem See das nötige Trink- und Kochwaſſer und im heißen Sommer erfriſchten ſie ihre erſchlafften Glieder im See, = Der höchſte und herrlichſte Schaß des Hofes aber war des Wirts einzige Tochter, die wie ein Kleeblümchen mit fünf kräj zuſammen auſwnc<s und aufs ſchönſte erblühte, ſo daß weit und breit kein Mädchen zu finden war, das ihr gleich kam. Ihr frommes umd unſchuldiges Herz glich auch darin einer Blume, daß ſie ſelbſt nicht wußte, welche Freude ſie durch ihren Liebreiz den andern, be- ſonders jungen Männern, machte. Freier meldeten ſich oft genung und von allen Seiten, aber ſie hatte gar kein Verlangen ſich ſo früh das Ehejoch auf den Nacken legen zu laſſen. „Zum Heiraten habe ich noch Zeit genng!“ ſprach ſie lachend zu ihren Eltern und Brüdern, wenn die Freier nach vergeblicher Werbung wieder davonritten. Eines Tages geſchah es, daß ein junger Ritter von vornehmer Geburt auf dem Wege von Schloß Kirumpä nach Schloß Nenhauſen am Hofe vorbeiritt und die ſchöne Jungfrau am Ufer des Sees erblickte. Dieſer Angenbli> weckte in ſeinem Herzen ein ſolches Ver- langen, daß er fortan Nacht und Tag das Mädchen nicht mehr aus dem Sinne bringen konnte. Als er deshalb nirgends Ruhe fand, ſchlug er unter dem Vorwande verſchiedener Geſchäſte oftmals den Weg zum Bauernhoſe ein, wo dann der Wirt und ſeine Söhne jich wohl mit ihm unterhielten, das Mädchen ihm aber niemals zu Geſicht kam. Da dieſe Liſt nicht anſchlug, ſo nahm der junge Ritter zu einem audern Mittel ſeine Zuflucht. Er ſchlich tagelang heimlich um den See herum, bis er einmal den Augenblick fand mit der Jung- fran allein zu reden und ihr ſeines Herzens Wünſche kund zu thun. Obwohl nun die Jungfrau nicht die geringſte Liebe für ihn fühlte, ſo wagte ſie doch nicht den ungeſtümen vornehmen Jüngling rund- weg abzuweiſen, der, wenn er ſich ſo verſchmäht ſah, ihren Eltern und Brüdern viel Böſes zufügen konnte. Notgedrungen mußte ſie alſo die Liebeswerbung des Ritters ertragen, wiewohl ſie ihm nicht die geringſte Annäherung geſtattete, welche ihre jungfräuliche Ehre hätte beleidigen können. Als die Eltern und Brüder die Feſtigkeit des Mädcheus ſahen, hatten ſie auch nichts mehr dagegen, daß der vornehme Fremde ſaſt täglich auf ihren Hof kam; er hoffte wohl doch noc<h einen Augenbli> zu erhaſchen, wo er das Mädchen in jeine LiebeSnetze verſtricken könnte. Auf des Ritters Flehen gab die Jungfran ſtets zur Antwort: „Geehrter! zu eurer Gemahlin taugt meinesgleichen nicht, deun ihr ſeid ein hochſteheuder Deutſcher, ich -
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Livländiſches Sagenbuch. 27 nur eine geringe Bauerntochter, und euer Kebsweib zu werden habe ich nicht die mindeſte Luſt. Es wäre darum nach meinem Dafür- halten das Beſte, daß ihr mich vergäßet und zu euren Standes- genoſſen zurückfehret,“ Eines Tages ſaßen ſie wieder beijammen am Ufer unter einer mächtigen Eiche, als der Ritter ihr das alte Lied von ſeiner heißen Liebe wieder in die Ohren ſang und verſicherte, er würde, wenn es möglich wäre, lieber zehn Mal ſein Leben hingeben, als ſich vom Liebchen trennen. Das Mädchen flehte dagegen: „Spottet meiner nicht länger! ich darf und will enern Beteuerungen nicht glauben; es iſt eine Laune, die euch angeflogen iſt und ebenſo wieder ver- fliegen wird. Mit euch Fremdſchaft zu halten widerſtrebt meiner Seele. Ihr könnt nimmer Macht über mich gewinnen, denn ich kaun en< der Wahrheit gemäß ſagen, eher laſſe ih mir das Leben nehmen, als meine Ehre beſchimpfen. Zwiſchen uns darf nicht länger Freundſchaft ſein.“ Der Ritter erwiderte: „So gewiß wie dieſer klare Zee vor uns ſeinen Play uicht verlieren oder von hier an eine andere Stelle rücken kann =- eben ſo gewiß ſoll meine Liebe zu dir ewig unveränderlich bleiben,“ == Auf dieſe Weiſe hatte er noch bis in den Abend hinein das Mädchen an ſich zu ziehen geſucht, bis er endlich uumutig nach Hauſe ging, erzürnt über ſich ſelbſt und das Mädchen, daß die Sache nicht beſſer abgelaufen war. Nicht gering war am andern Morgen der Schrecken und das Er- ſtaunen auf dem Bauerhofe, als die Lente beim Aufſtehen vor die Thüre tretend deu See nicht mehr vorfanden, ſondern an Stelle deſſelben nur Schlamm und Schmuß anf feuchtem Sandgrund. Das Mädchen hob, der geſtrigen Betenerung des jungen Mannes ge- denkend, die Augen gen Himmel, da der alte Vater (der Himmels- vater) ihr ein ſo deutliches Zeichen gegeben. Der Ritter aber wagte ſeitdem nicht mehr ſeinen Fuß auf den Seehof zu ſegen, wo die Macht des Himmels jeine Beteuerungen ſo zu Schanden gemacht hatte. Kreupwald, Eeſtirahwa ennem, jutud. S. 342, == Kreuhwald- Loewe, Eſtn. Märchen 11 158. Der Peipus-See. Vorzeiten herrſchte einmal bei uns zu Lande ein mächtiger und ruhmpoller König mit Namen Karkus. Damals hauſten uoch grimmige Bären und Ure in den dichten Wäldern, Elentiere und wilde Pferde durchbrachen ſchnellfüßig das Geſtrüpp. Noc< waren
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28 Livländiſches Sagenbuch. aus fernen Landen weder Kaufherren auf ihren Schiffen, noch Kriegs- heere mit ſcharfen Schwertern zu uns gefommen, um das Kreuz des Chriſtengottes aufzurichten, und uoch lebte das Volk in voller Freiheit. Das Haus des Königs Karkus war aus köſtlichen, funkelnden Steinen erbaut und leuchtete fern hinaus wie Gold in der Sonne. Des Königs Schloß lag vor dem heiligen Hain, wo drei gute weiße und drei ſchwarze böſe Götter wohnten. Allda lebte der König mit ſeinem Hofgeſinde. Die Feinde fürchteten ihn ſehr, ſein eigenes Volk aber liebte ihn wie einen leiblichen Vater. Obgleich der König Gold und Ehre die Fülle beſaß, fehlte ihm doch etwas an ſeinem vollen Glücke, denn jein Weib hatte ihm kein Kind geſchenkt. Da gelobte er den weißen Göttern unermeß- liche Opfer, wenn ſie ſein Gebet erhörten und ſeinen Wunſch er- füllten. Und ſiehe, nach ſieben Jahren ging ſein Gebet in Erfüllung. Die Königin gebar ihm ein Kinderpaar, einen Knaben, ſo raſch und klug wie der Vater, und ein Töchterchen mit goldenem Haar und Augen wie die blauen Primeln, das ſchon in der Wiege der Mutter entgegenlächelte. Voll Freuden gab der König den weißen Göttern große Opfer nach ſeinem Gelöbnis. Die ſchwarzen Götter aber, die ſich anch aller Ehren wert hielten, ergrimmten in ihrem Herzen, weil der König ſie ſo verachtet hatte. Darum gingen ſie hin zum Geiſt des Todes und reizten ihn, den Königsſohn mit ſeinen böjen Blicken anzuſchauen und zu verderben. Indeſſen gedich der Knabe zuſchends und ward die Freude ſeiner Eltern, Wie er aber ſchon die erſten Worte lallen konute, da traf ihn der böſe Blik des Todes. Von Stund an welkte er hin und mußte endlich ſterben. Sein Schweſterchen aber, mit Namen Rannapunra, blieb am Leben und blühte wie ein Röschen auf, zur Freude ihrer Eltern, deren einziges Kind ſie jeht war. Aber der Haß der Böſen war von dieſer halben Rache nicht t. Darum wußten ſie es anzuſtellen, daß die Königstochter, ie ſieben Jahre alt geworden, in die Gewalt der böſen Hexe Peipa fiel. Die Hexe führte Rannapnura mit ſich fort in ihr ſchreliches Hans, das in Ingermannland unter einem hohen Berg- rücen mitten in einem Felſen lag. An dieſem ſchrecklichen Orte mußte das arme Königskind zehn Jahre ſeines Lebens vertrauern. Wie hart ihm aber anch ſein Leben unter der rauhen Hand der Hexe war, ſo gedich es doch und wuchs auf, bis es zur Jungfrau gereiſt war. Da ſah man auf der ganzen Welt keine, die jo ſchön geweſen wäre wie Rannapunra. Wie die Morgenröte in der
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Livländiſches Sagenbuch. 29 Frühe des Tages tieſ an den Grenzen des Himmels rötlich er- glänzt und ein heiteres Wetter verkündet, ſo ſtrahlte ihr ſanftes Geſicht in ſtiller Rnhe und aus ihren Augen konnte man merken, daß ſie eines Engels Herz in der Bruſt trug. Der König wußte wohl, wo ſeine Tochter geſangen ſaß; das hatte ihm ein guter Geiſt verkündet. Aber wie mächtig er auch war, konnte er doch nichts gegen die Liſt und BoSheit der Peipa ausrichten. So gab er ſchon die Hoffnung auſ, ſeine Tochter aus dem Ort ihrer Qual zu befreien. Endlich erbarmten ſich die weißen Götter des Königskindes und ſeiner Eltern, denn der König flehte ſie gar beweglich an und brachte ihnen reichliche Opfer. Aber auch die Götter wagten es nicht, gegen die mächtige Peipa offen anszuziehen. Darum verſuchten ſie es mit Liſt, Sie ſandten heimlich eine Taube, die im himmliſchen Dienſte ſtand, zu Rannapuura mit einem Silberkamm, einer Hechel, einem großen Apſel und einem ſchneeweißen Linnen und ließen ihr ſagen: „Hebe die vier Gaben der weißen Götter wohl auſ und fliche aus deinem Kerker, ſo bald du nur kannſt! Wenn dich aber die Peipa verfolgt, ſo rufe die weißen Götter au und wirf zuerſt den Kamm hinter dich; wenn das nichts hilft, ſo laß die Hechel fallen, achtet ſie aber auch deſſen nicht und bleibt dir auſ der Ferſe, ſo wirf den Apſel und endlich das Linnen hinter dich. Merke auch wohl auf beim Werſen, daß du die Gaben nicht vertauſcheſt!“ Rannapuura gelobte der Tanbe alles zu behalten, was ſie thun ſollte, dankte den weißen Göttern und ſandte die Taube heim. Als die Peipa am erſten Dienstag nach Neumond um die Mitternachtöſtunde rittlings auf einen alten Beſeu ſprang, wie es die Hexen in Ingermannland und bei uns alljährlich am dritten, ſechſten, neunten und zwölſten Neumond zu thun pflegen, und ſo von Hauſe ſtob, ſchlüpfte die Jungfrau früh vor dem Morgenrot aus ihrer Kammer und nahm die vier Gaben der Götter mit ſich auf den Weg. Sie lieſ gerade den Weg nach ihres Vaters Schloſſe vorwärts, ſo ſchnell ſie konnte. Zu Mittag, als ſie ſchon ein gut Stück Weges gegangen war und einmal umblicte, ſah fic mit Schrecken, daß Hexe Peipa ihr nachſehte. In der Rechten ſchwang ſie drohend eine eiſerne Rute und ritt auf cinem unge- heuren Hahn, der dem Königskinde bald auf der Ferſe war. Da rief es laut die weißen Götter an und warſ den Silberkanun hinter fich. Augenblicklich ward aus dem Kanm ein brauſender Strom, tief und breit und viele Meilen Peipa ſchielte zornig der Flichenden nach, die auf dem jenſeitigen Ufer des Stromes leichten
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30 Livländiſches Sagenbuch. Fußes weiter eilte und ſie weit hinter ſich zurücklicß. Aber nach einer Weile fand die Hexe eine Furt durchs Waſſer, eilte hinüber und war bald wieder hinter der Jungfrau her. Nuu ließ Ranna- puura die Hechel fallen und ſich, daraus wuchs ein Wald, ſo dicht und hoch, daß auch die Hexe auf ihrem Hölleuroß nicht gerade hindurch konnte und alſo einen ganzen Tag um den Wald herum reiten mußte. Zwei Nächte und einen Tag war die arme Königstochter ſchon gewandert und hatte noch keinen Biſſen Brot genoſſen und kein Stündchen geſchlummert. Da ging es mit ihrer Kraft zu Ende und ſchon war ihr am zweiten Tage die Hexe dicht auf der Ferſe, als ſie in ihrer Not den Apfel niederwarf. Daraus ſtieg ein un- ermeßlich hoher Granitberg auf. Ein ſchmaler Pfad, wie von einer Schlange gezogen, wand ſich bis an ſeinen Gipfel hinauf und wies der Hexe den Weg, Bevor ſie aber drüben anlangte, war wieder ein Tag vergangen. Doch die Königstochter war unr eine kurze Strecke weiter gekommen, denn der Schlaf hatte ihr müdes Auge geſchloſſen und als ſie wieder erwachte und ſchon von fern das Schloß ihrer Eltern erblickte, da war ihr auch die Hexe ſchon ſo nah, daß ſie nimmer zu entrinnen vermeinte. Voller Angſt warf ſie eilig das Linnen hinter ſich zn Boden. Breit fiel es hin, fing an zu rauſchen und jchwoll auf zu einem mächtigen See, deſſen ſchäumende Wogen die Hexe wild bedrängten. Ein brauſender Sturm warf Waſſer und Giſcht der Hexe in's Angeſicht; ihre Bosheit konnte ſie nicht retten und auch nicht ihr Roß, der Höllenhahu. Wohl ſtreckte er den Hals hoch aus dem Waſſer, riß den Schnabel anf und ſchlug die Flut mit ſeinen Flügeln, doch es half ihm nichts, er mußte elendiglich ertrinken. Peipa aber rief mit Flüchen alle Höllengeiſter zu Hilfe, doch keiner von ihnen erſchien und henlend ſauk ſie in die Tiefe. Dort unten tobt ſie noch hente in Qualen und Schmerzen. Hechte und andere ſchre>liche Tiere der Tiefe nagen an ihr und peinigen ſie ohn' Ende. Sie ſchlägt mit Häuden und Füßen um ſich und rect und ſtret die Glieder in ihrer großen Not. Daher kommt es, daß der See, der hente nach ihr der Peipus heißt, immer Wellen ſchlägt und ſtürmende Wogen wälzt. Ranunapuura gelangte glücklich in ihres Vaters Schloß nud ward bald darauf eines Königſohnes Gemahlin. Aber des Königs Karkus Namen trägt hente noc< die Kirche zu Karkns und nach Rannapunra iſt das Gut Rannapungern genanut, das nördlich am Peipus anf der Grenze zwiſchen Livland und Eſtland liegt. Der Fluß, der aus dem Silberkaumn entſtand, iſt der Pliha- Fluß
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Livländiſches Sagenbuch. 31 mit ſeinem glänzenden Waſſer. Wer ihn heute kennt, begreift wohl ſeine Entſtehung. Graden Lauf mag er nicht nehmen; er ſpringt nach rechts und links auf und ab wie die Zinken an einem Doppel- kamm, ergießt ſich in die Narowa und fällt mit ihr vereint in's Meer. Anch der Hechel-Wald hat lange geſtanden, bis vor zwei- hundert Jahren die Schweden mit den Polen in's Land kamen und Krieg führten. Die Polen verbargen ſich im Walde, aber die Schweden zündeten ihn an und brannten ihn nieder. Der Berg aber, der aus dem Apfel der Königstochter aufwuchs, ſteht heute noch; nur ſein Granit iſt in Bruchſtein verwandelt. Eiſen, Eſiwanemate warandus S, 7 |f. =- Jannſen, Märchen und Sagen I 69 ff. vgl. die Anm. S. 183. -- Rigaer Tage- blatt 1893 Nr. 171 durch N. erg. =- Jelgawas beedr. Rackſtu krajums 1V (1894) S. 30. " (lett.) =- Lerch-Puſch- faitis VI 197 fi. =- 33. Die vier Gaben des Waſſergeiſtes. Vier Kinder ſaßen und ſpielten eines Sonntags am Ufer des Peipusſees. Da trat ein alter Mann mit langem granen Vart und Haupthaar heran, ſchaute ein Weilchen ihrem Spiel und Treiben zu und ſprach: „Kinder, ich habe recht meine Luſt an euch, daß ihr euren Tag hente ſo kindlich hingebracht. Wenn ihr aber aufwachſet und groß ſeid, ſollt ihr des Sonntags zum Gottes- hauſe gehen oder daheim ein nühliches Buch leſen, nie aber dürft ihr werktägige Arbeit thun. Ich habe auch jedem von euch eine kleine Gabe mitgebracht, kommt und wählt euch ſelbſt!“ Die Kinder liefen um den Alten zuſammen, der hatte ſich auf einen Stein niedergelaſſen und trug da in ſeinem Schoß einen kleinen Kahn, einen kleinen Hammer, eine kleine Pflugſchar und ein kleines Buch, „Was jollen wir denn damit anfangen?“ fragten die Kinder. =- „Wählt nur,“ ſprach der Greis, „ſo will ich en< her- nach ſchon ſagen, wie ihr's anzufangen habt.“ Die Kinder wählten nun jedes ein Ding. Da erhob ſich der Alte, ſchaute ſie mit durchdringenden Blicken au, daß es den Kindern ordentlich Angſt wurde, und ſprach: „Hütet dieſe Gaben wohl und verleßet oder verliert ſie nicht! Wenn ihr nun Männer werdet, ſo joll wer den Kahn empfing ein Fiſcher ſein, und wer den Hammer ein Schmied; wer die Pflugſchar, ſoll pflügen und den Acker be-
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32 Livländiſches Sagenbuch. bauen, wer aber das Buch, ſoll ohne Unterlaß ſorſchen in den Schriften. Es ſoll aber jeder ſein Amt, das ich ihm verlichen, in Ehren halten, ſo wird es ihm wohl gehen und werdet alle alt und reich und von allem Volk geehrt werden. Ich bin aber der Waſſer- nec.“ Darauf verſchvand der Alte vom Stein und eine Weile brauſte und rauſchte es mächtig im See aus der Tieſe. Die Kinder aber verbargen ihre Gaben im Buſen und liefen heim; es ſprach keines ein Wörtchen von ſeinem Beſitz. Der Knabe mit dem Hammer war der älteſte von ihnen. Er ging zu einem Schmied in die Lehre und ſeine Arbeit war reich geſegnet. Er. hieß aber Muſtpea, Schwarzkopf. Als er nun ein fertiger Meiſter war, ließ er ſich am Peipusſee nieder, dort wo der ra-Fluß in den See mündet und ſchon einige Hütten von Fiſcherslenten ſtanden, und übte daſelbſt ſein Amt untadelhaft. Überall her von den Edelhöfen und Schlöſſern trug man ihm Arbeit zu und das ganze Dorf ward nach ihm Muſtweſi, Schwarzwaſſer, genannt und iſt hente ſchon ein kleines Städtchen geworden. Wie dann der Knabe mit dem Kahn groß geworden, zog er weiter von Muſtweſi gen Oſten, baute ſich ein Haus und ward ein Fiſcher. Es geriet ihm aber ſo wohl, daß er ganze Kirchſpiele mit ſeinen Fiſchen verſorgte. Er hatte blondes Lo>enhaar, darum nannten ihn die Leute Kaſepea, Birkenkopf, und noc< hente trägt dieſen Namen ein großes Dorf der Eſten am Peipusſtrande. Der die Pflugſchar empfangen, wuchs auſ und wanderte vom Peipus gen Norden. Er kam in einen Wald an einen herrlichen Ort, da legte er ſich unter einen großen Fichtenbaum zur Ruh. Den andern Morgen hub er an Bäume zu fällen, machte das Land urbar und ſchuf Äcker und Felder. Bald zogen noch andere Leute ans ſeinem Volk zu ihm und nannten ihr Dorf Ulwi*). Es trägt noch hente den Namen und blüht da ein gar fruchtbares Land unter des Kaiſers Schuh. So ward aus dieſem ein reicher Aker- herr und beſchloß ſein Leben im hundertſten Jahr, geehrt von dem ganzen Kirchſpiel. Tem aber das Büchlein verlichen war, lernte leſen unter ſeiner Eltern Obhut, ging wandern in die Welt lange Jahre, redete vielerlei Sprachen, kannte allerlei Schriſt, ward geſandt nach Deutſchland, kam in der Türken Land als ein Dolmetſch, kam nach Rußland als ein Friedensſtifter. Ward endlich König, ſchlug die Schweden, ſchlug die Dänen in ihrem Land, ward ein *) Uhwimois oder Oehrten bei Maholm in Eſtland.
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Livländiſches Sagenbuch. 33 über alle und half zum Recht den Gerechten. Zu ſeines Namens Ehr und Gedächtnis ward gegründet im Herzen des Landes zwiſchen den Ufern der Oſtſee und des Peipus ein neues Kirch- ſpiel und ward Johannis genannt und trägt den Namen bis auf unſern Tag. Jannſen, Märchen und Sagen 1 67 |f. == Eiſen, Eſiwanemate warandus S. 83 ff. 34. Der Brunnen des Töredaſteines. rx Brunnen des Töredaſteines oder kurz der Steinbrunnen (Aiwitaew) liegt im Tormaſchen Kirchſpiel an der Grenze von Nach der ſoll der Brunnen „zur zeit“ gebaut worden ſein und muß, wie uoch jeht zu ſchen |, ſeiner Zeit ein bedeutendes und ſchönes Bauwerk geweſen ſein. Die Sage erzählt von dieſem Brunnen mancherlei. Zur Kriegs- zeit hat man in ihn reines Gold- und Silbergeld, ein ſilbernes Ochſenjoch und andere koſtbare Gegenſtände verſenkt und große Reichtümer harren desjenigen, dem es glückt, dieſen Schaß zu heben. Das ſoll gar nicht ſo ſchwer ſein. Der Schatzſucher muß nur folgende drei Dinge beobachten. Zuerſt muß er einen Ro>, der von drei Perſonen getragen worden iſt, als ſie zum erſten Mal zum Abendmahl gingen, zum Brunnen bringen; zum zweiten einen Trauring tragen, der einer und derſelben Perſon dreimal bei der Trauung gedient hat; ſchließlich muß er noc< die Zauber- formel herſagen, die den Schaß von dem über ihn verhängten Bann löſen kann. Wenn alles ſo gethan worden iſt, dann ſteigen verſchiedene Sachen auf die Waſſerfläche, die der Reihe nach ab- genommen werden müſſen. Einen ſolchen Verſuch kaun nur ein Furchtloſer mit Erfolg unternehmen; ein Furchtſamer aber könnte nie etwas ausrichten, wie die folgende Geſchichte beweiſt. Ein Mann, der das dort verſenkte Geld begehrte, brachte alle nötigen Sachen zur Stelle und ſagte die vorgeſchriebene Zauberformel her. Da begann der Brunnen zu tojen und das Waſſer ſprudelte und ſtieg höher und höher. Nach dem letzten Worte der Zanber- formel ſchaute der Mann in den Brunnen, um den Schutt, der an die Oberfläche geſtiegen war, abzunehmen und dann das Auf- ſteigen des Geldes abzuwarten. Als er aber hineinſchaute, ge- wahrte er zwei Hähne auf einem ſilbernen Ochſenjoche, die wütend auf einander haften. Der Mann wagte nicht ſie heranszunehmen Dienemann, Sagenbuch. 3
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34 Livländiſches Sagenbuch. und aus Furcht, daß das Waſſer, welches ſchon aus dem Brunnen herausſtrömte, ihn überfluten würde, floh er eiligſt davon. Ein anderes Mal war eine Menge Knaben am Brunnen. Sie hatten Steine in den Brunnen geworfen und dabei (in korrum- piertem Ruſſiſch) gerufen: „Sort pladi dengi! Sort pladi dengi!“ das iſt: Teufel gieb das Geld her! Mit einem Male hatte der Brunnen zu tofen und zu brummen angefangen. Als die Knaben diefes geſchen und gehört, waren ſie eilends davongelaufen, indem fie ſchrien; „Sort tnleb, ſort nputab!" das iſt: Der Tenfel kommt, der Teufel erfäuft uns! Nachher foll fich niemand mehr getraut haben, den Teufel bei feinem Wachtpoſten zn ſtören oder von ihm Geld zu verlangen. So foll denn der große Schaß noc<h heut- zutage in diefem Brunnen ſtecken. I. Zung in Siß: Ber. d. gel. eſtn. Geſ. 1886, S. 113. 35. Die blaue Quelle bei Lais. m Weſten von der Kirche zu Lais liegt ein Bergrücfen, deſſen“ Shih Teil im Volke der Willina -Berg heißt. Er fällt gegen Abend ſteil in's Land und der Paß, der über ihn hinführt und den höchſten Punkt aufſucht, wird von den Fuhrgäulen ſchwer erflommen. Auf den anderen Seiten ſteigt er aber fanfter an und iſt voller Klüfte und ſumpfiger Gründe, aus deren Tiefe auch im heißen Sommer das Waſfer nicht ganz verſchwindet. Von den Gründen iſt einer der größte, ſiebenzig Klafter lang und fünfzig Klaſter breit und ſteht beim Volke von Alters her in Ehren. Ein junger umgiebt ihn, ſeine Ufer und Moos bedeckt feine Oberfläche, die unter Regengüſſen ſchwillt und ſchaufelt wie eine Wiege. Aus dieſem Sumpf entſpringt eine Qnelle und heißt nach ihrer Farbe die blane Quelle. Von ihr glanbte das Volk, daß fie nach Gefallen Regen oder Dürre und aljo Mißwachs oder Ernteſegen geben könnte. Wenn Dürre im Lande herrſchte, fo mußten drei Witwen gleichen Namens am Sonntag zur Zeit des Gottesdienſtes hingehen, die Quelle reinigen und ihre Mündung breiter machen. Jede trug einen Spaten, Rechen, Hafen, einen Brotlaib und ein Geſangbuch mit ſich. Wenn aber zu oft Regen fiel, ward die Quelle bis auf einen kleinen Spalt zugeworfen und das half ſogleich.
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Livländiſches Sagenbuch. 35 Einmal riſſen drei Witwen Anna die Quelle gar zu weit auf und gleich kam ein ſchreflicher Regen über das Land. Da- rüber hatten die Weiber viel zu leiden, denn jedermann im Volke verfolgte ſie. Ein anderes Mal wanderten drei andere Weiber von fern her zur Quelle, um ſie zu reinigen, als ſie aber noch auf dem Wege waren und gegen Sootaga gelangten, verließ das Volk gerade die Kirche und kam ihnen entgegen. Alſo war ihre Reiſe vergeblich. Auch drei Witwer gleichen Namens hatten ſich einſt zur Quelle aufgemacht. Da ſie aber früh morgens ausgezogen und ſchon vor dem Gotteödienſte angelangt waren, gedachten ſie im Krüge zu Sootaga die Zeit zu erwarten. Hier begannen die Männer zu zechen und trieben es ſo arg damit, daß ſie die günſtige Stunde verſäumten. Einſt wollten die Leute wiſſen, wie tief die blaue Quelle wäre. Sie knüpften lange Seile an einander, banden einen Stein an's Ende und ließen das Seil in die Tiefe fallen. Als ſie es wieder aufzogen, war der Stein verſchwunden. Nun ſenkten ſie einen Keſſel hinab, der mit Steinen gefüllt war, wanden ihn nach einer Weile auf und nahmen mit Entſeßen wahr, daß an dem Seil ein blutiger Menſchenkopf hing. Als ſie es von nenem ver- juchen wollten, rief eine Stimme aus der Tiefe: „Wenn ihr es noc<h einmal thut, ſo müßt ihr alle verſinken!“ So geſchah es, daß die Tiefe der blauen Quelle unbekannt blieb. Shia Nauen and und Sagen 11.78, Vgl. die Anm, ebenda -- Val. 3 36. Iukffa, die Iungfrau vom Endlaſee. Einſt wandelte der Liedergott Trübes ſinnend am Ufer des Endlaſees und ſeine Harfe erklang von dem, was ihm das Herz bewegte. Da erblickte er von ungefähr ein Kindlein vor ſich im Graſe, das ſtrete ihm die beiden Händchen entgegen. Schaute der Gott fich emſig um, ob er auch des Kindes Mutter fände, ſie war aber nicht zu ſehen. Da hob er das liebliche Mägdlein auf, ging hin zu Allvater und bat, ihm das Kindlein zu eigen zu geben. Allvater willfahrte ihm und wie er gnädig auf die Tochter blickte, da erſtrahlten ihre Augen gleich den Sternen und ihr Haar er- glänzte wie lichtes Gold. Unter der himmliſchen Hut wuchs ſie auf und ward aus dem zarten Kinde die Maid Jutta. Der Gott 3.
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36 Livländiſches Sagenbuch. der Lieder lehrte ihr die ſüße Kunſt der Rede und Jlmarine ver- lieh dem Pflegling einen Schleier, gar wunderbar gewebt aus ſilbernen Fäden. Wer nur durch den Schleier bliete, der ſah vor ſeinem Auge, als ob es wirklich geſchehe, alles was die Jungfrau ſprach. Am Endlaſee ſoll ſie aber gewohnt haben, wo man ſie häufig ſah, wie ſie die Züge der Wandervögel ordnete und ihnen den Weg wies, auch wie ſie am Ufer des Sees einherwandelte und den Tod des Endla beweinte, ihres Geliebten. Nahm ſie aber den wunderbaren Schleier um und ſchaute in die ſelige Vergangenheit, dann ward ſie glüflich, denn ſie vermeinte zu beſien was ihre Augen ſahen. Auch ſterblichen Menſchen habe ſie ihren Schleier geliehen und daher komme es, daß bei Sang und Sage Vergangenes in uns lebendig wird. Verhandl. d. gel. eſin. Geſ. 11 4,74. =- Blumberg, Quellen und Realien des Kalewipoeg, S. 28, -- Jannſen, Märchen und Sagen 1 70. =- Jutta iſt Wanemuinens des Liedergottes, Pflegetochter, Endla oder Endel der Sohn Jimarinens, des be- rühmten Schmiedes der finniſchen u. eſtu, Mythologie. Der Endlaſee liegt bei ED in Livland dicht an der eſtländiſchen Grenze. = Ein eſtn. Gedicht über den Endlajärw von A. Jürgenſtein in Eeſti irjameeſte Seltſi aaſtaraamat. 1889, 111 23. == 37. Emmujärw und Wirtsjärw. Nachdem Allvaters Güte dem Menſchengeſchlecht hier zu Lande Wohnſiße bereitet, den Boden geſegnet, daß er ihnen Frucht bringe, die Wälder mit Vögeln und Vierfüßern angefüllt hatte, ſchuf er auch einen See mit klarem, kaltem und erquiendem Waſſer, aus welchem die Menſchen jederzeit einen ſtärkenden Trunk holen konnten. Am hohen Ufer des Sees wuchſen grüne Eichen und Lindenwälder, in deren Schatten die ſchönſten Blumen blühten, während in den Wipfeln der Bäume morgens und abends Vogelgeſang ertönte, ſo daß eitel Wonne und Jubel das Menſchenherz erfüllen mußte. Solch' ein glücliches Loos hatte Allvaters Wille ſeinen Kindern bereitet. Aber dies Glück war nicht von langer Dauer, denn die Menſchen wurden vübermütig, thaten was ihr böſes Herz ihnen ein- gab und wurden endlich ſo verderbt, daß Allvater länger kein Wohlgeſallen an ihnen haben kounte; die Ohren ſauſten ihm, da er immerfort von ihrer Bosheit hören mußte. Da ſprach Allvater eines Tages: „I< will meine entarteten Kinder für ihre Ruch- loſigkeit züchtigen und zwar dadurch, daß ich das erquickende Waſſer mitſamt dem See ihnen entziehe, vielleicht, daß die Qual des
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Livländiſches Sagenbuch. 37 Durſtes ſie beſſert und allmählich auf den rechten Weg zurückführt." Und ſiche, eines Tages ſtieg im Süden eine ſchwarze, drohende Gewitterwolke auf und zog näher und näher, bis ſie über dem See ſtand, wo ſie gleichſam ausruhte und ihren Rand ſäulenartig zum See hinabſtrete. Plößlich begann das Waſſer des Sces zu ziſchen und zu ſteigen und ſich ſolange aufzublähen, bis es, die Wolkenſänle berührend, mit ihr ſich vereinigte: dergeſtalt verſchwand in wenig Angenbliken alles Waſſer aus dem See bis auf den lehten Tropfen. Die ſchwarze Gewitterwolke ſchwebte mit ihrer Ladung weiter und entſhwand vor Abend den Bli>en der Zuſchauer. Das vor- malige Been des Sees war leer und e8 war nur ein ſumpfiger Schlamm für Fröſche zurücgeblieben, aber auch dieſen tro>neten nach einigen Tagen die Sonnenſtrahlen und der Wind aus, Jett erhob fich groß Geſchrei und Wehklagen unter den Lenten: der Durſt quälte ſie, weil ſie nirgend mehr ein anderes Trinkwaſſer fanden, als was der Regen in Vertiefungen des Bodens ſich an- ſammeln ließ. Allmählich füllten zwar Regenſchauer und die Schneeſchmelzen des Frühlings den früheren Raum des Emmujärw wieder bis zum Rande, aber es war weiches Pfüßenwaſſer, was weder den Durſt hinlänglich ſtillte noch den Körper zu erquicken vermochte. Die Leute legten dem See wie zum Schimpfe den Namen Wirtsjärw (Pfühenſee) bei und dieſer Name iſt ihm auch bis auf den heutigen Tag geblieben. Die ſchönen hohen Ufer mit den grünen Lanbholzwaldungen und den blühenden Blumen ſind aus der Umgebung des Sees längſt verſchwunden, an ihrer Stelle bildeten ſich Moräſte, in denen nicht viel andres wächſt, als einige fränfliche Kiefern. Als ſpäterhin des Durſtes Pein die frevelnden Menſchen etwas gebeſſert hatte und ihre Klagen und Bitten mit jedem Tage wehe- voller zu Allvaters Ohr emporſtiegen, erweichte er ſein Herz und erbarmte ſich ihrer wiederum. Gleichwohl wurde ihnen der frühere See nicht wieder zurückgegeben, ſondern Allvater ließ überall ſchmale unterirdiſche Rinnſale entſtehen, goß das vormalige Waſſer des Emmujärw hinein und befahl zugleich dem Waſſer ſo zu fließen, daß es hie und da aus dem Boden hervorſprudele damit die Menſchen ihren Durſt löſchen könnten. Damit aber die unterirdiſchen Waſſeradern im Winter nicht zu kalt und im Sommer nicht zu heiß würden, ordnete Allvaters Weisheit an, daß im Frühling ein Kälteſtein in die Quellen gelegt werde, der im Herbſt heransgenommen und zum Winter mit einem Wärmeſtein vertauſcht wird, wodurch
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38 Livländiſches Sagenbuch. bewirkt wird, daß die Quellen niemals gefrieren können = wie ſonſt Bäche, Flüſſe und Seen ſich mit Eis bedecken. == Kreußwald, Eeſtirahwa ennem, jutud. S. 348. =- Kreußwald- Loewe, Eſtn. Märchen 11 185, == Inland 1852, Ep. 907. =- Jannſen, Märchen und Sagen 1 64. -- Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 101 Anm. == Mag, f. Lit. d. Auslands 1867, Ee. -- N. Dörptſche Ztg, 1867, (3 80, == Globus, 4 0 -- [Nah ver- iſ See ze in Verſen von Fr, Thierſch im Taſchenb. | Liebe und Freundſchaft, 1809 und ZUuſer. Reval. Alman. 1856, S. 93, -- H. Nieuß) im Inland 1847, Sp. 1024. =- Jannſen, Wärchen und Sagen 11, S, 184. Vgl. Grimm, D. Mythol., 1. Auſl., S. 339.] =- Vom Wirtsjärw erzählt eine andere Sage, er ſei früher bei Luhde-Großhof geweſen, wo jeht der Kaiſerſumpf iſt. Aber eine Frau wuſch Kinderwäſche in ihm, daher zog er fort mit allen ſeinen Bewohnern. Rig. Rakſtu krajums 111 113. =- Noch eine Sage weiß, daß ſpäterhin eine Frau auf dem Wirtsjärw ihr Kind mit einem Fiſch abwiſchte; daher erhob ſich ein Teil des Sees und zog nordwärts ſort nach Sooſaar. Eeſti Kirjameeſte Seltſi aaſtaraamat 1889, 111. Beil. S. 58. 38. Der Korküllſche oder weiße See (Walgjärw). Die ganze Gegend von Helmet, Ermes und Walk hatte um die Zeit als die Deutſchen ſich in Livland anſiedelten, einen Herrn, deſſen Erben ein Sohn und eine Tochter waren. Nach des Vaters Tode kehrte der um einige Jahre ältere Bruder von Reiſen zurück, und entbrennt in heftiger Liebe zu ſeiner Schweſter. Er ſucht beim Papſt um Dispeuſation zu der nuerlanbten Verbindung nach und erhält ſie. Der Hochzeitsfeier wohnte ein naher Verwandter"), von Aderkas genanut, bei, der fich vergeblich dieſer Heirat wider- jeht hatte. Gegen Abend nach der Trannng wird er von ſeinem Diener aus dem Hochzeitshauſe abgernfeu, weil ihn jemand ſprechen wolle. Doch findet er draußen niemand, ſondern hört nur eine Stimme, die ihm zuruft: „Eile und rette dein Leben!“ Er wirft ſich auch ſogleich aufs Pferd nud reitet mit ſeinem Diener davon. Kaum iſt er fort, ſo ſtürzt ein Wolkenbruch herab, das Schloß mit allen, die darin waren, verſinkt und an ſeiner *) Nach einigen der Mutterbruder.
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Livländiſches Sagenbuch. 39 Stelle entſteht der See. Niemand iſt gerettet, als Aderkas, der zun mit der Schreensbotſchaft zum Pfarrer*) eilt, der die Trauung vollzogen. Kaum aber hört dieſer von dem geſchehenen Unglück, als er zu Boden ſtürzt und von der Erde verſchlungen wird. =“ Noch in unſern Tagen will man die Trümmer des verſunkenen Schloſſes ticf unter dem Waſſerſpiegel des Sees geſchen haben und um Johannis jeden Jahres ſoll in der Nacht eine ſchwarz gekleidete Dame den Fluten entſteigen, witunter in Begleitung einer ſchwarzen Kuh; ſobald ſie aber Menſchen gewahr wird, flicht ſie in das Waſſer zurück. Angeblich nach ie We verlorenen pe de Domherrn Sigebert von 148: - Topogr. Nachr. 111 33; Stadtbll. 1815, S. 39 Nene Inländ. Di 1818, 5 00. Maſing in Maarahwa nädala leht. 1821, Nr. 38, 39. =- Loewis, Denkmäler GB DZ Vorzeit Livl. 11 45. =- Krieußwald) im Inland 1838, Sp. . Jung, Sakala maa (-Kodumaalt Nr. 7. Dow. 188 SGR Een, Eſiwanemate warandus. S. 16. (1. eſty. Geſ. 1885, S, 268, Ju Ber. der nach mündl. Bericht Weinbar der warzen Tame er- zählt. =- Jannſen, Märchen und Sagen -- R. Krimberg im Rig. Tagebl. 1893, Nr. 69, == Lerch-' Buſchlaitis 1.210. Vgl. dazu über bauliche Reſte im See: Rig. Stadtbll. 186 . 193; Treffner, Siß: Ber. d. gel. eſtn. Gef, 1889, S. 59 und Barf - Srewingt ih. 1880, S. 58; die eſtn. Zeitung „Olewik“ 1884, tr. 40, =- Vgl. die ganz ähnliche Sage vom Seeburger See u» Göttingen, Grimm, Deutſche Sagen 2. Aufl. 11 174. 39. Die Entſtehung des Euſeküllſchen Sees. Der Euſeküllſche See ſoll in alten Zeiten nicht in Euſeküll (Siju) in Livland, ſondern in Oiſu, im Kirchſpiel Turgel in Eſt- land**) geſtanden haben, wo ſich gegenwärtig noch ein ebener Moraſt findet, der genau dieſelbe Form hat, wie der Euſcküllſche See. Dieſer See ſoll uun in Geſtalt einer ſchre>lichen ſchwarzen Wolke, die ein furchtbar großer ſchwarzer Ochs geleitet haben ſoll, zu ſeiner gegenwärtigen Stätte gelangt ſein. Bei dem Fellin- Kerſel'ſchen Kruge joll der Ochs angehalten und einige Mal mit dem Fuße geſcharrt haben, wobei große Vertiefungen daſelbſt nach- *) Nach der Jung'ſchen Verſion hicß der Pfarrer Aderkas, der beim Fortgehen von der Trauung ſich in einem Bache die Hände gewaſchen habe, der noch heute den Namen „Handwaſch- Bach“ (Kätemöſu oja) führt. *s) Die Entfernung zwiſchen beiden iſt 10 Meilen.
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40 Livländiſches Sagenbuch. geblieben, indem der O<s urſprünglich dort den See habe nieder- kommen laſſen wollen. Dabei ſollen Fiſche aus den Wolken herab auf die Erde gefallen jein. Zu dieſer Zeit war aber unten im Thale im Schilfe des Baches ein alter weiſer Mann verborgen, der aus dieſem dem Ochſen zurief: „Oijuſt tuleb, ja Öiju lähäb härjake!“ „Aus Diſu kommt und nach Öiſu geht das Öchſelein!“ == worauf hin der Oc<hs mit großem Gebrüll ans Kerſel fortzog und den See in Öiſu niederließ, Es war gerade die Zeit des Heu- mähens und die Arbeiter hatten ſoeben ihr Heu zuſammengeharkt. Als ſie die ſchwarze Wolke heranziehen ſahen, ergriffen ſie alle die Flucht. Eine junge Frau aber wollte ihre Halskette und das Kopftuch, die ſie auf eine Henſaade gelegt, vor dem Regen retten, wurde dabei aber von dem herabſtrömenden See ereilt und fand in ihm den Tod. Dieſe Frau ſoll ſich unn alle Jahre einmal zeigen und jedesmal einen Menſchen ſich zur Geſellſchaft mitnehmen; daher ſoll auch jedes Jahr ein Menſch in den Wellen dieſes Sees ſeinen Tod finden. Gegenwärtig noch nennt man das tiefe keſſelartige Thal am Südende des Kerſel'ſchen Kruges „Härja-org,“ das Ochſenthal. Ebenſo erzählt man anch in Oiſn, daß der See von dort nach Öiſu gezogen ſei. Auch wird dort am Moraſtrande, wo einſt der See geſtanden, ein großer hoher Steinblo> gezeigt, der als „Schürzenbandtroddel der Seemutter“ bezeichnet wird. Der Stein hat die Größe und Form einer Heukuje, oben und unten ſpiß und ſchmal nnd in der Mitte breit und di>. Inland 1853, Sy. 136. -- J. Jung, Sakala maa GRodnemaalt Nr. S. 64 ff. => I. Jung, Sip: Ber. d. gel. . 1888, S. iy ſen, Eſtpanemate waraudus Fe Jannſen, Märchen und Sagen 11 74; vgl. 40. Die AIrrlichter im Parika-Moor. Ein Bauer fuhr an einem Winterabend von der Stadt Fellin nach Hauſe. Als er auf das Parika-Moor gelangt war, nahm er wahr, daß etliche Schritte ſeitwärts von Wege eine kleine blane Flamme brannte. Der Bauer wußte wohl, daß mit ſolchen Dingen nicht zu ſpaßen jei, und gab ſeinem Gaul die Peitſche, um nur raſch von der Stelle zu kommen. Doch der Ganl ging nicht um einen Schritt mehr vorwärts. Er bänmte ſich aber auf, als ſtände er vor einem Graben.
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Livländiſches Sagenbuch. 41 Jeßt war der Bauer in arger Not, Mit geſträubtem Haar ſaß er da und ein kalter Schauder lief ihm über den ganzen Leib. Was blieb ihm übrig? Er mußte vom Schlitten herunter und nachſehen, was es gäbe. Da lief nun ſreilich kein Graben über den Weg, ſondern eine offene Grube. Was jeht? Der Bauer hätte die Grube umſahren, ſand aber zu beiden Seiten tieſes Waſſer. Als er ſich umſchaute, ſah er das blaue Feuer groß wie eine Pechfackel aufflammen. Und fich, da erhob ſich ja noch ein zweites, ein drittes Feuer und auf einmal tanzten viele, viele Feuer auf dem Moor! „Vater, Sohn und heiliger Geiſt! Was geht denn heute Nacht hier vor?“ rief der Bauer aus. Sobald er das geſagt, ſprang der Gaul wie von einer Nadel geſtochen vorwärts. Kaum gelang es noc< dem Baner ſich auf den Schlitten zu werfen und fort ging's in ſauſendem Galopp. Von Glü> konnte der Bauer jagen, daß ihm der Name Gottes zur rechten Zeit eingeſallen war! Jannſen, Märchen und Sagen 11 145. =- Ähr jehr häufig auch an vielen anderen Stellen. iche Sagen 41. Der Dvia-järw. Im Löhmns-Walde bei Holſtſershof in Livland liegt ein kleiner See oder richtiger, die Stelle eines Sees, weil er ganz zugewachſen und ſeine Ufer vermooſt ſind. Man nennt ihn Nöia- järw, der See des Zauberers. Er iſt, ſagt man, ſo tief, daß noch niemand ſeinen Grund erreicht hat. Wirft man einen Stein ins Waſſer, ſo hört man nach langer Zeit einen Ton, als fiele der Stein auf den Boden eines kupfernen Keſſels, und dann bewegt ſich die Oberfläche des Sees, als ob jemand ſich zornig auf ſeinem Grunde ſchüttele. Einſt an einem Sonnabend Abend gingen die Männer des Laki-Dorfes an den See, banden einen langen Strick an einen kleinen Grapen (Keſſel), in den ſie einen Stein legten und ließen ihn hinab. Als bereits einige Dußend und hunderte von Faden des Strikes abgelauſen waren, bemerkten die Männer plöhlich, daß ſich der Stri> von ſelbſt bewegte. Nun zogen ſie den Grapen wieder herauf; aber wie erſtaunten ſie, als ſie an Stelle des Grapens einen blutigen Ochſenkopf erblickten, Sie er- ſchraken ſehr, warfen den Ochſenkopf wieder ins Waſſer und eilten fort nach Hauſe. = In der Nähe des Nöia-järw liegt der Linna-See, der feinen
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42 Livländiſches Sagenbuch. Namen wahrſcheinlich daher hat, daß in ihm jedes Jahr viel Flachs geweiht wird. Einmal befanden ſich eine Menge Flachsweicher am Linna-See, die ihren Flachs hineinlegten oder herausnahmen. Auf einmal hörte man aus dem Walde lautes Schreien: Ai! Ai! Und immer lanter ſchallte es vom Ndia-järw herüber: Ai! Ai! „Wollen wir doch hingehen und nachſchen, was es am Nödia-järw giebt!“ rieſen mehrere Männer. „Ich werde nicht gehen.“ „Ich auch nicht.“ „I< auch nicht,“ antworteten mehrere andere. Endlich machten ſich drei entſchloſſene Männer doch auf den Weg. Als ſie am See anlangten, erblickten ſie ein nates Weib, das am Ufer ſtand und mit der Hand das Waſſer rings um ſich ſpritzte und dabei rief: Ai! Ai! Sobald ſie aber der Männer anſichtig wurde, ſprang ſie in den See und verſchwand. I. Kunder , Eeſti muinasjutud (Rakweres, Weſenberg 1885), S. 30. = Vgl. Nr. 5. 35. 42. Die Seejungfer bei Pernau. Einige Fiſcher von Dagd fuhren nach Pernau und lagen an einem Mittag im Boot, um ſich auszurnhen. Da hörten ſie auſ dem Grunde der Sce eine Stimme: „Kai, to mulle jua!“ Käthe, bring mir zu trinken! Einer der Fiſcher rief, halb im Schlaf: „To mulle koa!“ Bring mir auch! Bald darauf erſchien ein hübſches Mädchen und bot ihm in einer hölzernen Kanne Bier au. Erſchroen wies er den Trunk zurüc, ſie aber ermunterte ihn, dreiſt zu trinken, da es ihm nicht ſchaden werde, worauf er und nachher alle andern von dem vortrefflichen Bier tranken. Dann fragte einer der Fiſcher: „Woher kommſt Du?“ Sie antwortete: „Wir wohnen hier gerade unter euch md ener Anker iſt unter unſerer Thürſchwelle; kommt nur mit es anzuſchen! Das Waſſer wird euch nicht ſchaden! Wir könnten ihn leicht ſo feſt halten, daß ihr ihn nie wieder bekämet.“ Darauf ſank ſie ins Meer, löſte den Anker und jene beeilten ſich, ihn wegzunehmen, wagten aber nicht hinmterzuſteigen. Rußwurm, Sagen a. Hapſal S. 23. 43. Die Teiche bei Fickel. Im Schloſſe Fickel in Eſtland herrſchte einſt eine ſehr reiche, aber böſe Fran, die ihre Lente mit Arbeiten ſchwer drückte. Als
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Livländiſches Sagenbuch. 43 eine Arbeit zu Ende war, dachte ſie fich eine neue aus, die die Leute lange Zeit beſchäftigen ſollte. Sie ließ einen ſchr tiefen, eine viertel Werſt langen Teich graben und Inſeln darin herſtellen und auf einer Inſel licß ſie zwölf Mühlenſteine über- einander ſtapeln, ſehte ſich daranf und jah dann von oben herab der Arbeit der Lente zu. Als der erſte Teich fertig wurde, ließ ſie an ſeinem einen Ende einen zweiten, runden Teich graben, in deſſen Mitte man eine kleine Inſel ausſparte. Schon war die Arbeit ziemlich weit gediehen, als die Fran eines Tages zu den Arbeitern kam, auf die Inſel ging und von dort aus dem Graben zuſchaute. Die Arbeit ging aber nach ihrer Meinung recht langjam von ſtatten; da fing ſie an, laut zu zanken und zu ſchelten und bedrohte die Arbeiter mit einer noch ſchwereren Arbeit. Wenn dieſer runde Teich fertig würde, wolle ſie noch einen dritten Teich graben laſſen, der dreimal ſo lang, ſo breit und jo tief, wie die beiden erſten Teiche zuſammen werden ſolle. Wie ſie mun ſo mit den Arbeitern zankte, kam plöhlich eine Kupferſchlange ans der Erde hervor, ſtach die Fran und verſchwand wieder. Die Fran konnte ſich nicht mehr von der Stelle rühren und in wenigen Aungenbliden war ſie tot. Und dortſelbſt auf der Teichinſel, wo die Schlange ſie geſtochen hatte, wurde ſie begraben. Auf ihrem Grabe errichtete man einen Gedenkſtein, auf dem eine geringelte Schlange ausgemeißelt wurde. Noch kürzlich war dieſer Stein auf der Inſel zu jehen, jeht aber iſt er vom Zahn der Zeit morſch geworden. Das Graben des Teiches wurde unterbrochen und daher iſt dieſer Teich auch nicht ſo tief wie der erſte; der dritte Teich wurde aber gar nicht in Angriff genommen. Eiſen, Eſiwanemate warandus S. 22, 44. Der See von Pierſal. In einem Walde bei Pierſal in Eſtland iſt ein kleiner See, von hohen Fichten mnfränzt und von großer Tiefe. Nicht immer iſt er an dieſer Stelle geweſen, ſondern er bede>te früher einen weiten Raum in einer jeht jumpfigen Niederung, wo man noch jeyt eine Vertiefung ſicht, die man den „Weiberſumpf“ nennt. Hier breiteten ſich früher die klaren Gewäſſer eines fiſchreichen tiefen Sees aus, die Ufer waren fruchtbar und ein wohlhabendes Volk wohnte auf den ergiebigen Fluren und den fetten Wieſen. Die Weiber aber der Anwohner des Sces waren gottlos und grauſam,
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44 Livländiſches Sagenbuch. ſie quälten die Fiſche, welche die Flut ihnen gewährte „und vergaßen undankbar den Geber aller Güter. Da ergrimmte der Geiſt des Waſſers; in der Nacht erhob er ſich mit dem ganzen See und Fiſchen, ſtieg von ſechs ſchwarzen Ochſen gezogen in die Luft und ließ ſich am gegenwärtigen Orte wieder nieder.*) Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 100. 45. Das Maal im JIerkelſchen See. * Im Jerkelſchen See bei Reval, nicht allzunah am Ufer, liegen nacheinander, immer tiefer in den See hinein, einige Granitblö>e von nicht nubedentendem Umfange, die über den Waſſerſpiegel emporragen. Von dieſen Steinen erzählt der Volksmund folgende Sage: Es war einmal eine reiche Banerndirne, die hieß Tio. Sie war ſchön von Angeſicht wie eine Apfelblüte, frommen Herzens und rein von Sitten, alſo daß die Freier in Scharen kamen und ſie zum Weibe begehrten. Sie aber hieß alle gehen und erwählte einen Z *) Die Sage von Seen, die als Wolken durch die Luft ziehen und fich niederlaſſen, wenn ihr Name gerufen wird, wird mit allerlei Abweichungen und Variationen außer von den in unſerem Sagenbuch erwähnten =- vgl. Nr. 9. 17, 22, 25. 31. 37. 39, 86 --- noch von vielen Andern Seen ex- aht. (2277 find noch folgende Sagen dern Heraudgeber bekannt geworden: m Tosmar-See bei Libau. Re ge egechichte, S F Bom Spahrenſchen See, Jelgawas beedr. Rakſtu krajums 1V 8) Vom Segen-Sce bei Willgahlen. Lerch-Puſchfaitis 391; Andre: janoff, Lett. Märchen, S. 5 4) Vom Seppenſchen See bei Haſenpot. Brihwſemneeks, S. 13. 5) Vom Udmaiten ſchen See. Ebenda S. 14. Vgl. die Anm. 6) Vom Wirſchen(?)-See. Ebenda S. 7) Von einem See bei Doblen bei den "Iodewtalni, der fortgeht, weil Kinderwäſche in ihm gewaſchen wird. Seine neue Stelle iſt bei Olai. Rig. Rakſtu krajums Ul 90. 8) Von einem See bei Behröhof, zwei Werſt vom Gut auf dem Wege nach Tuckum. Jelgawas beedr, Rakſtu krajums 11 21. 9) Vom Schweine-See zwiſchen Talſen und Kandau. Ebenda 11 23. 10) Vom Groß-Außſchen-See. Er läßt ſich nieder, weil ſein Name nich erraten werden kann. Vorher wächſt als Unglücksvorzeichen auf einer Feuerſtelle dreimal ein Schilfrohr empor. Lerch- Puſchkaitis 1179. 1) Vom Greeſchu-See, der von Tſchutſchumuiſcha fort nach Doblen zieht, wo er Gaura-See heißt. Ebenda Yl 211; Zelgawas beedr. Rakſtu krajums 1V 23.
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Livländiſches Sagenbuch. 45 armen Jüngling zum Bräutigam. Darüber zürnten die verſchmähten Freier, begannen Übles von der Dirne zu ſprechen und rühmten ſich ihrer heimlich empfangenen Gunſt. Das kränkte den armen Bräutigam gar ſehr und er ſprach zu der Jungfrau: „Die Lente ſagen dir das böſeſte nach und die jungen Burſchen rühmen ſich deiner Gunſt!“ Die Dirne ſprach: „Glaubſt du denn, was ſie reden?“ Er antwortete: „Ich glaube es wahrhaftig nicht, aber ſie wollen nicht davon ſchweigen!“ Da ſprach Tio feſten Mutes: „Es iſt mir zu wenig, daß du es nicht glaubſt! Ihr ſollt aber meiner Unſchuld Zeugen werden, denn Gott wird mir helfen. Morgen iſt Johannistag. Geh in's Dorf und ſage den Leuten an, daß ſie ſich nach dem Gottesdienſt am See verſammeln. Da werden die böſen Mäuler zu ſchanden werden!“ So geſchah es. Nach dem Gottesdienſt waren alle Leute beim See verſammelt, ſtanden da, lachten und fragten: Was wird die feile Dirne thun? Tio aber trat vor die Menge hin und rief: „Ihr Verläumder meiner Ehre! Seht ihr den gewaltigen Fels- blo, der hier am Ufer liegt? Keines Menſchen Kraft kann ihn um 12) Vom Babitſee, der auf ſeiner Reiſe drei Tage lang in einem Sumpfe im Doblenſchen gelegen habe und als man den Namen nicht erriet, weiter wanderte. Ebenda 1V 57; Lerch-Puſchfaitis 1 1179. 13) Vom Berſonſchen See. Lerch-Puſchkaitis, V' 389; Vl 213, 14) Vom Kudling-See bei Lodenhof. Ebenda Vl 213. 15) Vom Plauſche-See bei Siſſegal. Ebenda V1 213; Brihwſemneeks, S. 15. 16) Vom See bei Libbien. Er begräbt ein Haus, das noch ſpäter zu ſehen war. Rig. Rakftu krajums 11 92. 17) Von einem See im Droftenhoffchen beim Lihbeet-Geſinde. Lerch- Puſchlaitis, V 412. 18) Vom Wagula- und Tamulg-See H Ee Eeſti Kirjameeſte Seltſi aaſtaraamat 1889, 111, Beil, 19) Vom Rania oder 'Halli-See a Ra Muſtjärw. Ebenda 1879, ; Körw, Eeſti rahwa muiſte jutud ja wanad köned (eta 1881), S. 36. 20) Vom Pakſo-See bei Lehowa. Der verſchwindet, weil eine Frau Hinderwäſche dort wäſcht. Inland 1853, Sp. 21) Vom Kahala-See, fünf Meilen von Reval. Der EE * feüher beim Maarda-See. Die Geiſter beider S« en zankten ſich; ſie klagen bei Allvater, der ſchließli treit endgiltig ſchlichten will und den einen See in einer Bolte ſortſchikt. Unterwegs bleibt ein Teil zurück, das iſt der „Turakakatk“. Der S( jelbſt zieht weiter bis zu ſeiner heutigen Stelle. Eiſen, Eſi- wanemate warandus, S. 18.
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46 Livländiſches Sagenbuch. eines Haares Breite von ſeinem Lager rühren! So ihr mich aber unſchuldig geläſtert habt, wird Gott meinem ſchwachen Arme Kraft verleihen, daß ich ihn allein hebe und weit in den See ſchleudere!“ Kaum hatte ſie das geſagt, da ergriff ſie den ungeheuren Blo> wie die Dorfbuben ein Schleuderſteinchen, hob ihn hoch in die Luft und warf ihn in den See. Wild ſprühte das Waſſer auf und donnernd jank der Stein in die Tiefe, doch ragte er noch um eines Mannes Länge aus den Wellen hervor und ſtcht ſo bis auf den heutigen Tag. Da ſchrieen alle auf vor Entſehen, liefen hin zu der Jung- frau und baten ſie demütig um Vergebung wegen ihres ſhändlichen Geredes. Sie aber verzieh allen und kehrte mit ihrem Bräutigam glüdlich in ihres Vaters Haus zurück, wo ſie bald Hochzeit feierten. Venn nachmals in dieſem Dorfe ein Bräutigam Mißtrauen faßte gegen ſeine Braut, joll es wohl geſchehen fein, daß er von ihr den Steinwurf der Tio verlangte und haben auch viele Jung- frauen die Probe beſtanden. Etliche aber weigerten ſich und ſo iſt die Sitte in Vergeſſenheit geraten. Nieuß) in der Eſthona 1829, S. 416. Doch ſind es hier drei Revalſche Nonnen, die die Probe ablegen. == Gf. Rehbinder im Inland 1851, Sp. 547, =- Jannſen, Märchen und Sagen 11 159, ohne Ortsangabe. =- Der See heißt auch der Jerweküll'ſche oder Obere See. 46. Die Jungfrau im Dbern See ei Reval. Am Obern See bei Reval hat man zuweilen eine ſchöne weiße und wohlbeleibte Jungfrau geſehen, die auf einem Steine ſaß und ihr langes ſchwarzes Haar kämmte und ſich dabei immer niederbückte, wenn ſie den Kamm ins Waſſer tauchte, Wenn man in die Hände klatſcht, jo verſchwindet ſie in die Tiefe. An derſelben Stelle kommen oft Menſchen um, daher das Baden daſelbſt verboten iſt. Inland 1852, Sp. 615, Pabſt nach Mitteilung Rußwurms aus orms. 47. Das Fräulein von „Spenhulm, Von einem i auf dem Borkholmer Teiche in Eſtland iN vy war, wußten die Leute der Umgegend in alter Zeit viel zu erzählen, wie ſie es von den Wächtern vernommen hatten. Das Feuerchen ſchoß wie eine
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Livländiſches Sagenbuch. 47 brennende Kerze plößlich aus dem Waſſer in die Höhe und er- loſ< wieder nach Verlauf einer Stunde. Wiewohl aber dieſes Teichfeuer ſchon von alters her den Leuten eine bekanute Sache war und viele Menſchen dasſelbe mit eigenen Augen geſehen hatten, ſo wußte doch niemand genauer anzugeben, wie es ſich mit der Sache eigentlich verhielt. Endlich fand ſich im Kirchſpiel Halljal ein Alter, der in dieſer Beziehung nähere Ausfkunft geben konnte. Seine Ausſage lautete ſo: Viele hundert Jahre vor der Ruſſenzeit lebte in dem Schloſſe Borkholm ein tapferer Ritter, der als lediger Mann die Haushaltung mit ſeiner jungen Schweſter führte. Der Ritter mußte als Kriegsmann häufig abweſend jein und ſo kam es, daß die Schweſter mit einem jungen Manne eine Freundſchaſt ſchloß, die weiter fährte, als beide voransſchen mochten. Als das Fräulein ihres Zuſtandes ſo weit inue wurde, daß ſie einſah, der Frauenhanbe nicht mehr entraten zu können, entſchloß ſie ſich das geſchehene Unglüc> ihrem Bruder zu bekennen. Sie kam eines Tages in ſeine Kammer, warf ſich ihm zu Füßen, geſtand ihren Fehltritt und bat um Erlanbnis ſich mit dem jungen Manne tranen zu laſſen. Der Bruder ſtieß ſie voller Wut mit dem Fuße fort wie einen Hund, ließ den Verführer ſeiner Schweſter ruſen, hieb ihm mit dem Schwerte den Kopf ab, jo daß das Blut das Fräulein beſpritte, welches vor Entſehen in Ohnmacht fiel. Dann beſahl der Ritter, mitten im Teiche ein Loch ins Eis zu hauen, ſchleppte ſelber ſeine Schweſter bei den Haaren dahin und ſtieß ſie lebendig kopfüber unters Eis. Er ſelbſt hielt fo lange am Rande des Loches Wache, bis das un- glüdliche Geſchöpf rettungslos verloren war. Da aber das un- glüliche Fräulein unbußfertig einen gewaltſamen Tod hatte erleiden und ohne den Segen der Kirche in ihr naſſes Grab ſinken müſſen, ſo konnte auch ihre Seele darin keine Ruhe finden, ſoudern der rüheloſe Geiſt mußte allnächtlich als Licht anf dem Teiche ſchimmern. Als dem Prediger dieſc Erzählung des alten Mannes zu Ohren gekommen war, begab er ſich eines Tages auf einem Kahne an die Stelle des Teiches, wo der nächtliche Feuerſchein aufzuſteigen pflegte, ſegnete die Grabſtätte mit den üblichen Worten ein und verrichtete ein langes Gebet, wodurch die Seele des Fräuleins der ewigen Ruhe teilhaftig ward. Späterhin hat keines Menſchen Auge mehr auf dem Borkholmer Teiche nächtliches Leuchten geſchen. Kreuhwald, Eeſtirahwa ennem. jutud. S. 338. = Kreuß- wald-Loewe, Eſtn. Märchen 11 154. =- Die Sage erinnert an die wahre Geſchichte von der Barbara v. Tieſenhauſen. ==
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48 Lipländiſches Sagenbuch. 48. Der Weiberbach. Im Karrisſchen Kirchſpiel auf Ocſel, eine Werſt von der Poſtſtraße beim Tomba-Kruge fließt nach Oſten über die Weide des Lauſa (?) «Geſindes ein kleiner Bach, der im Sommer troen iſt, im Frühjahr und Herbſt aber eine große Waſſermenge ins Meer ſendet, das er jenſeits der Karrisſchen Kirche von der Weide des Dorfes Linaka und dem Heuſchlag von Öeſte ſammelt. Von dieſem Bach erzählt ſich das Volk: Einſt zur Kriegszeit mußten alle Männer der Dörfer Öeſte und Arnſte mit in den Kampf ziehen; die Weiber begleiteten ſie bis zu dieſer Stelle und weinten dort ſo ſchr, daß der Bach mitten im Sommer zu fließen begann. Am Ende der Brücke, die über den Bach führt, iſt noch heute eine etwas vertiefte Stelle, die aber jeht ſchon verſchlammt iſt. Das iſt die Grube, die durch die Thränen der Weiber entſtand. Daher iſt der Bach der Weiberbach oder Naeſtewa genannt worden; vorher aber heißt er Kuulandi (?) und Riihwa-Bach, wo er ſeine Duelle hat. Eeſti Kirjam. Seltſi aaſtaraamat 1889 111, Veil. S. 41. 49. Die Pädas-NQuelle. Im Karrisſchen Kirchſpiel auf Oeſel findet ſich auf einem Karrishöſſchen Heuſchlage eine große Quelle, die den Namen Pädas- Quelle führt. Über die Entſtehung dieſer Quelle weiß das Volk zu erzählen; Ein Wirt hatte einſt eine Kuh, es war ſeine einzige. Nun kam er einmal aus dem Walde und ſah wie nenn Stiere gerade ſeine Knh verfolgten. Die Kuh erkannte ihren Herrn und lief auf ihn zu, aber die Stiere zerſtampften beide. Als Taara das ſah, wollte er der wütenden Tiere böſe That ſtark züchtigen; daher ließ er ſeinen Regen mächtig herabſtrömen und öffnete die Thür der Tiefe, ſo daß dieſe hineinſtürzten und nur eine große Quelle nachblieb. Daß aber die Quelle immerfort ſprudelt, das liegt daran, ſagen die Leute, daß der Mann, der unten noch immer lebt, durch ſein Atmen ſie zum Überſprudeln bringt. Eeſti Kirjameeſte Seltſi aaſtaraamat. 1889. 111. Beil. S. 37. == Ähnliches wird vom Karujärw (Bärenſee) im Kirchſpiel Kergel auf Oeſel erzählt, wo Taara die kämpfenden ien und Auer- ochſen ertränkt, wodurch der See entſteht. Ebenda S. 38. =- Taara, auch Allvater, iſt der höchſte der Götter der en (Eſten. u
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Livländiſches Sagenbuch. 49 50. Wie der Salmejöggi enfſtand. In grauen Zeiten wohnten auf der Halbinſel Schworbe in Oeſel ſehr viele Zauberer. In jener Zeit, als der <hriſtliche Glaube in Oeſel Eingang fand, wollte der Teufel die Leute auf Schworbe vor dem Chriſtentum ſchüßen und daher durch einen Fluß die Schworbe von Oeſel trennen. Schon hatte er ein gutes Stück gegraben. Als die Sonne recht heiß ſchien, zog er die Hoſen aus und arbeitete mit nackten Beinen. Plötlich flog eine Biene herzu und ſtach dem Alten in den Schenkel. Das verurſachte ihm jo großen Schmerz, daß er das Graben abbrach und davonlief, indem er ausrief: „Biene, du Kribbelfuß, nie ſoll dein Geſchlecht in Schworbe gedeihen, ſo lange mein Auge noch über die Schoß- kinder der Leute von Schworbe wacht!“ Eeſti Kirjomeeſte Seltſi aaſtaraamat 1889, 11. Beil. S. 51. Der Iohannisfag. In grauen Zeiten erblickte einſt ein junger eſtniſcher Volks- älteſter (wanem) eine wunderſchöne ſchwediſche Königstochter, in die er ſich ſofort verliebte. Keine Ruhe hatte er mehr bei Tag und Nacht, denn immer mußte er an die ſchöne Jungfrau denken, Durch ſeine Knechte erfuhr er endlich, daß die Jungfrau ihm geneigt ſei und ihn liebe. Nun beſchloß er ſogleich, nah Schweden zu ziehen und um ſie zu werben. Der junge Mann hatte ſich aber mit dem mächtigen Windzauberer verfeindet und dieſer dachte, daß nun die richtige Zeit ſei, ihn zu verderben. Kanm war der junge Fürſt mit ſeinem Schiffe ins offene Meer gelangt, als der Windzauberer alle Stürme und Winde gegen ihn ansſandte. Seine Schiffe aber waren aus feſtem Eichenholz und mit Blech wohl beſchlagen, ſo daß weder Wind noch Sturm ihnen etwas anhaben konnten. Schon war der junge Mann im Begriff, glücklich in Schweden zu landen, da raffte der Windzanberer alle ſeine Kräfte zuſammen und jetzt gelang ihm, was er vorher vergeblich verſucht hatte. Ehe die Schiffsleute die nötigen Vorbereitungen zu treffen vermochten, ent- ſtand plöhlich eine fürchterliche Windsbraut und ſchlenderte das Schiff auf ein Feljenriff. Der junge Mann entging zwar glücklich dem Tode des Ertrinkens und rettete ſich anf eineu unbewohnten Felſen. Kaum aber war er dort, als er ein großes, mit vielen Dienemann, Sagenbuch. 4
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50 Livländiſches Sagenbuch. Männern beſehtes Boot heraunahen ſah. Er ahnte nicht, daß dies des Windzauberers Diener waren, die ihn zu verderben kamen. Froh trat er ins Boot, wohin die Mäuner ihn einluden, indem ſie verſprachen, ihn aus Feſtland zu bringen. Wohl führten ſie ihn ans Land, doch nicht nac) Schweden, ſondern weit, weit weg auf eine unbewohnte Inſel, wo keine Menſchenſeele zu finden war. Da ſezten ſie ihn aus und ſegelten davon. Fünf Jahre lang lebte mm der junge Mann auf der fernen Inſel und harrte der Stunde der Erlöſung. Sie kam, aber von einer Seite, von der er es gar nicht ahnen konnte. Die ſchwediſche Königstochter hatte erfahren, daß unſeres Landes junger Herrſcher ausgezogen war, um ſie zu werben, daß er aber unterwegs dem Feinde in die Hände gefallen und auf eine unbewohnte Inſel gebracht worden ſei. Sogleich be- ſchloß das kühne und entſchloſſene Mädchen, den Bräutigam zu retten. Mit Hilfe der Weiſeu ließ ſie ſich an der ſchwediſchen Küſte ein ſilbernes Schiff erbauen und dieſes mit ſolchen Kräften aus- rüſten, daß keines Hexeumeiſters oder Windzauberers Macht dieſem Fahrzeug einen Schaden zufügen konnte. Selbſt beſtieg die Königs- tochter das ſtarke Schiff, nahm viele Schiffe voll Begleiter mit und machte ſich eilig auf den Weg. Vergebens verſuchte der Wind- zauberer ſeine Kraft an dem Schiffe der Königstochter. Die in das Silberſchiff hineingezauberte Kraft war größer als die ſeine. Glüdlich langte die Königstochter auf jener unbewohnten Inſel an, wo ſie den Geliebten fand und rettete. Beide beſtiegen das Silber- ſchiff, ließen die Segel ſpannen und der junge Mann eilte heim- wärts mit ſeinem teuerſten Schag. Der Windzauberer erkannte ſeine Schwäche und verſuchte nicht mehr ſie zu hindern. Von ſanftem Winde getrieben flog das Silberſchiff anf glatter Meeres- fläche dahin und brachte das glücliche Paar unansſprechlich raſch an unſer Ufer. Anf daß ſie aber in Zukunft niemals wieder des Windzauberers Bosheit und Macht zn fürchten und zu fühlen hätten, ließen fie hier das ſilberne Schiff auseinander nehmen und zündeten die anderen aus Holz gebauten Schiffe an. Hier im Vaterlande des jungen Mannes lebten ſie glü>lich bis au ihr Lebensende, ohne daß irgend ein Feind ſie je beuurnhigt hätte. Dem Volke wurde die junge Frau bald ebenſo lieb wie der Bräutigam, den fie oft auf den Händen getragen hatten. Zum Andenken an dieſes merk- würdige Ereiguis, daß ihr teurer Herrſcher ihuen wieder zurück- gekehrt war und eine herrliche und freundliche Gemahlin mitgebracht hatte, beſchloſſeu ſie, dieſen Tag alljährlich feierlich zu begehen. Um aber deu Anlaß ſo recht zu veranſchaulichen, richteten ſie große
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Livländiſches Sagenbuch. 51 Theertonnen her, ſtellten fie auf Pfoſten und zündeten fie au. Das jollte das Brennen der Schiffe bedeuten. Die Rückkehr und das Verbrennen der Schiffe ſei unn, fagt man, gerade am Johannistage geſchehen. Um die Erinnerung daran feſtzuhalten wurde alljährlich die Feier begangen und daraus entſtand der Johannistag. Kohl, Oftſeeprovinzen 11 269 ff. = Pabſt, Bunte 67 N 60. -- Eiſen, Eſiwanemate warandus, 52. Die Burg bei Gröſen. Ungefähr eine Werſt von der Stelle, wo die Waddax in die Windau mündet, liegt in Kurland der Rumfaberg. Einft hütete zu Pfingſten ein Junge hier die Pferde; deutlich konnte er den Geſang der Leute aus der Gröfenſchen Kirche herüberſchallen hören. Auch er zog ſein Geſangbuch hervor und fang das Lied mit. Auf einmal ſtand vor ihm eine Jungfrau in weißen Gewändern und mit goldblonden Haaren und ſagte: „Höre, mein lieber Junge, ich habe eine Bitte an dich! Sich", nur alle hundert Jahre einmal iſt es mir vergönnt, mich auf der Erde zu zeigen. Vor mehreren hundert Jahren ſtand auf diefem Berge eine prächtige Burg; aber fie verſank und wir dort unten, wir werden nie wieder die Sonne ſchauen dürfen, wenn du dich nicht unſer erbarmſt. Schlage in deinem Geſangbuch das Lied „Jerufalem, du hoc<gebaute Stadt" auf, und gehe ſingend dreimal um den Berg herum; dann wird die verſunkene Burg fich wieder aus der Tiefe des Berges erheben.“ Der Junge war dazu bereit. Er ſchlug das Lied auf und ging fingend um den Berg. Als er einmal herumgegangen war, hörte er unten im Berge ein fchre>liches Getöſe. Beim zweiten Mal vernahm er einen ſolchen Knall, daß er ſich nicht mehr auf den Füßen halten konnte und hinfiel. Er nahm aber alle Kraft zu- jammen, ſtand auf und begann ſeine Wanderung zum dritten Mal. Schon hatte er ein gutes Stück Weges zurücgelegt, als er zum Unglück fich umwandte; aber im jelben Augenblicke = ſchon war die Burg bis zur Hälfte aus der Erde emporgeſtiegen, ſo daß er die Türme und Schornſteine erblicken konnte = verſchwand die Burg und verſank noc< viel tiefer in die Erde als vorher. Lerch-Puſchkaitis, Vl 208. 4“
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52 Livländiſches Sagenbuch. 53. Der Burgberg bei Ihlen. In der Nähe des Spahrnu- (Flügel-) Sees bei Ihlen im Außſchen Kirchſpiel in Kurland, der durch die Luſt hergekommen fein foll, erhebt fich ein Berg. Hier ſtand in alten Zeiten eine ſchöne und prächtige Burg. Aber fie verſchwand und verſank in einer Nacht und am Morgen fand man auf dem Gipſel des Berges nur noch zwei mäßig große Löcher, aus denen Rauch auſſtieg. Da verſammelten ſich die Leute an dieſem Wunderberge in hellen Haufen; einige warfen Steine in die Löcher, andere goſſen Waſſer hinein, damit das Feuer gelöſcht werde; andere wieder ließen ſogar eine weiße Gans hinein, die aber mit verſengten Flügeln im See wieder herausfam, Endlich beſchloß man, nachzugraben. Aber, o Wunder! was man tags über ausgegraben ſank in der Nacht wieder zuſammen. Daher grub man nun Tag und Nacht und ſtieß zuleht auf eine ſtarke kupferne Pforte, bei der eine lange kupferne Peitſche hing. Alle ſtaunten die Pforte und die Peitſche an und jo bemerkten ſie nicht, daß hinter ihnen blutdürſtige Wölfe alle Pferde verſchlangen, die da zum Abführen des ausgegrabenen Sandes ſtanden; ſie wurden es erſt gewahr, als das lezte Pferd im Kampfe mit dem Wolf eine Deichſel zerbrach. Zornig machten ſich nun alle au die Verſolgung der Wölfe, aber da fiel mit Krachen die ganze tiefe Grube wieder ein. Von nun an wagte niemand mehr, dort zu graben oder über den Geſpenſterberg zu gehen. == Viel ſpäter erſt, als das Verſinken der Burg und das Graben nach ihr ſchon in Vergeſſenheit geraten war, ſchickte eine Wirtin ein Mädchen in's Nachbargefinde nach einer Schafſcheere, und dieſes hatte den Mut, gerade um Mittagszeit über den Berg zu gehen. Aber wie erſchrak die Arme, als ihr plößlich eine ſchöne Jungfrau entgegentrat. „Waiſenmädchen, wohin gehſt du denn jeht ſo raſch?“ redete dieſe ſie freundlich lächelnd an. Als ſie nun ſagte, wohin ſie gehe, da beredete die freundliche Jung- ſrau ſie, ſich niederzuſezen und ſich zu erholen, ſie ſelbſt werde ihr die Schafſcheere ſchon herbeiſchaffen. Und bereits nach einigen Augenblicken war ſie ei der Scheere wieder zurüc und gab ſie dem Mädchen. „ „ Mädchen,“ ſagte ſie dabei, „ſcheuke ich dir.“ Und nach diefen "Worten war ſie verſchwunden als ſei ſie im Waſſer untergetaucht. Die Wirtin aber glaubte der Erzählung des Mädchens nicht und ſchite ein anderes ins Nachbargeſinde, um ſich zu erkundigen, wem die Nachbarsfrau die Scheere über- geben habe. Aber ſiche da, dieſe beteuerte hoch und heilig, daß
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Livländiſches Sagenbuch. 53 ſie weder das Mädchen noch die Jungfrau geſehen, noch auch irgend jemandem die Scheere gegeben habe. Als einſt viele Edelleute zum Beſuch nach Ihlen gekommen waren, begaben ſie ſich an den Spahrnu-See zum Fiſchen. Da ſie nun beim erſten und zweiten Zuge nicht einen Stint herans- zogen, wurden ſie ärgerlich und ſchalten die Fiſcher. Als jedoch das Nes zum dritten Mal herausgezogen wurde, war es ſo ſchwer, daß man es kaum ans Uſer bringen konute. Jm Netz befand ſich eine ungeheure Menge Fiſche und == ein glänzender goldener Kaſten mit einem Schlüſſelbunde im Schloß. Die Fiſche waren leicht heransgeholt, den Kaſten aber herauszuheben war unmöglich. Endlich verſprachen die Edellente den Bauern, daß alles, was im Kaſten ſei, ihnen gehören ſolle, wenn ſie ihn nur herauszögen. Mit Anſpannung ihrer letzten Kraft gelang es endlich den Bauern, den Kaſten ans Ufer zu rollen. Er wurde nun geöffnet und da erglänzte das ganze Ufer des Sees von den herrlichen Diamanten und Goldſachen, die darin lagen. Aber als nun die Edelleute ſich weigerten, den Bauern die verſprochenen Sachen zu geben, indem ſie riefen: Das ſind herrſchaftliche Sachen! == rollte der Kaſten wieder ſchwer in den See zurück. Lerch-Puſchkaitis, 1 176. Der Burgberg iſt Sparnene castrum, vgl. Bielenſtein, Grenzen d. lett. Volksſtammes S. 115, 138, Eine Beſchreibung von Ding = Der d. Kul Geſ. 1868, S. 321. =- Ähnliches vom Kloſterb« Talſen, ebenda 1177, = Der lehte Teil ganz ähnlich von "Gee bei Buſchhof in Kurl.; da ſind es drei Paſtoren, die die Geldtonne heraufziehen laſſen und dann den Arbeitern das Verſprechen nicht halten, vgl. Jelgawas beedr. Rackſtu krajums 1V 43. =- Ähnliches auch vom Strienſchen See in Kurland, ebenda S. 66. 54. Der Burgberg von Grünhof. Auf dem Burgberge von Grünhof im Mitanſchen Kirchſpiel in Kurland befand ſich ſrüher ein tiefes Loch; die Leute nannten es einen ſt warfen Hirtenj einen Stein in dieſes Loch, Aber ſogleich hörten ſie ein großes Getöſe und eine Jungfrau ſtieg aus der Öffnung empor. Ein anderes Mal ließen ſie eine Ente hinein; aber die erſchien nach einiger Zeit wieder in dem vorüberfließenden Fluß. Auf dem Berge, ſagen die Lente, hat in alten Zeiten eine Burg geſtanden. Lerch-Puſchkaitis, V1 204.
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54 Livländiſches Sagenbuch. 55. Der Rauſchu-Berg bei Behrshof. In der Nähe von Behröhoſ in Kurland bei den Chriſtians- höfſchen Fichten liegt der Rauſchu-kalus. Auf dieſem Berge ſtanden früher eine Burg und eine Kirche. Den Teuſel aber ver- droß es, daß die Chriſten ſich jo mehrten; daher ließ er die Burg mit der Kirche, dem Paſtor und den Kirchendienern in die Erde verſinken. Dann aber erbarmte ſich der Teufel und hob Burg und Kirche wieder ans Tageslicht empor. Eines Sonntags jedoch, als ſich die Leute wieder in der Kirche verſammelt hatten, um zu beten, wurde der Teufel abermals ſchre>lich zornig. Die Erde erbebte, ein Sturm wütete innerhalb und außerhalb der Kirche ſo fürchter- lich, daß alle hinfielen und niemand mehr den Ausgang ins Freie finden konnte. Und die Kirche ſank immer tiefer und tiefer und verſchwand zuleht mit allen Leuten im Schoße der Erde. Später aber haben die Leute allerlei Geiſter um den Berg laufen ſchen, die unverſtändliche Worte ausriefen. Lerch- Puſchkaitis, Vl 211. 56. Schloß Veuenburg. Unweit des Schloſſes Neuenburg in Kurland liegt eine Hügel- kette, die Galgenberge (Kartau kalni) genannt, die durch ihre Waldungen und Schluchten der Gegend etwas romantiſches ver- leihen. Hier ſtand einſt, erzählt die Sage, in alten Zeiten ein großes mächtiges Schloß, lange bevor das nene Schloß Neuenburg erbaut war. Hier lebte ein reicher, mächtiger Häuptling, keine Thräne fiel unter ihm auſ den Aer der Armen; überall war er mit Rat und That zur Hand und von weit nud breit kamen die Leute zu ihm in den Zeiten der Not, er half allen. Das iſt aber ſchon lange her. Dann kamen die Deutſchen, die Felder deten ſie mit den Leichen der rüſtigen und wehrhaften Männer, die Saat wurde von den Hufen ihrer Roſſe zertreten, die Wälder ertönten vom Wehgeſchrei der Weiber und Kinder == es kamen trübe Zeiten. Der gute Häuptling konnte nicht helfen, die Fremden belagerten ſeine Burg. Aber die himmliſchen Mächte breiteten ihre Hände über ihn und ſeine Mannen, er durfte nicht hingeſchlachtet werden, er, der edelſte ſeines Volkes. Tief in den Berg hinein ward er ver- ſenkt mit allen ſeinen Mannen, mit ſeinem Schloß und ſeinen Schägen. Und Jahrhunderte gingen über das Land hin, bis endlich ein
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Lipländiſches Sagenbuch. 55 mächtiger Baum ſcine ſchattige Krone auf dem Hügel eutfaltet hatte; er ſproß aus dem Thor des alten Schloſſes auf und ſeine Wurzeln haften tief im alten Gemäuer*) und in ſeinen Zweigen foll es oft gar wunderbar tönen und klingen. Dieſer Baum haucht den ſtill den Namen des alten Häuptlings zu; ſchon Jahrhunderte rauſcht und flüſtert er ihn, doch keiner vermag ihn nachzuſprechen. Einſt aber wird er laut und dentlich ſprechen, das lauſchende Volk wird ihn hören und den Namen des alten herrlichen Häuptlings jubelnd durchs Land rufen. Dann ſinkt die neue Burg hinab und die alte ſteigt, emporgezanbert, wieder an das Licht der Sonne. Der alte Hänptling erſteht dann auf in ſeiner alten Pracht und Herrlichkeit und zieht ſegnend durch die Gaue. Hier in ſeinem alten Schloß wird er dann wieder Recht ſprechen, ſeguen, helfen und raten. Nach Stavenhagens Alb. balt. „Anſichten 1. Neuenburg S. 2 und Inland 1859, Sp. 773 (nach der Erzähl. eines alten Letten). 57. Der Stein bei Kandau. In der Nähe von Kandau in Kurland an dem Wege nach Zabeln rechts von der Poſtſtraße liegt ein großer Stein von zwei Faden im Durchmeſſer. Früher befand er ſich auf der Spiße eines Hügels, iſt dann aber beim Grandgraben heruntergerollt. Von dieſem Stein erzählt die Sage: Einſt führte ein Burgherr des Teufels (welnn pils kungs) den Stein nach ſeinem Gute, um ihn verarbeiten zu laſſen. Das ging ſehr langſam von ſtatten; das verdroß deu Herrn, zumal er dabei viele Pferde zugrunde gerichtet hatte. Als er endlich einſah, daß kein Pferd imſtande ſei, den Stein zu ſchleppen, ſpanute er ſich ſelbſt davor. Aus voller Kraft 309 er, doch der Stein kam nur ſehr langjam vorwärts. Als er ganz müde geworden war, ſehte er ſich auf den Stein und bat, der Teufelskönig möge ihm helfen. Der kam anch herbei, doch legte er nicht ſelbſt Hand an, ſondern verſprach in der nächſten Nacht ſeinen Knecht Borods herzujenden, der faſt ebenſo ſtark ſei, wie er *) Einſt entdeckte ein Beſiger von Neuenburg „auf dem Hügel en Gemäuer, einem Schornſtein ähnlich, aus dem Boden ragend und hieß ein AuTEiEeE in die Öffnung hinabſteigen, allein dieſer fehtete erſchret zurüd konnte nicht Kunde bringen von dem, was er geſehen, denn er war fitümm geworden. Stavenhagen a. a. O.
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56 Livländiſches Sagenbuch. ſelbſt. In der Nacht war der Herr ſchon beim Stein, als Vorods mit großem Getöſe durch die Büſche und das Geſtrüpp herankam. Er blicb ſtehen, beſah ſich den Stein ein Weilchen und hob ihn dann gleich auf; ihn auf die Schultern zu heben, ging jedoch recht ſchwer. Borods trug ihn ein gutes Stück Weges weiter, dann aber warf er ihn zu Voden, weil er zu müde geworden war. Zum zweiten Mal hob er ihn anf und warf ihn nach einer Strecke wieder hin. Gerade wollte er ihn zum drittenmal aufheben und weitertragen, da krähte der Hahn. Vor Wut darüber verſehte Vorods dem Stein einen Fußtritt, daß er bis über die Hälfte in die Erde verſank. Und ſo blicb er auch liegen. Jelgawas beedribas Rackſtu krajums 11 18, 58. Der Burgberg bei Kandau, Fünf Werſt von Kandau in Kurland an der Poſtſtraße nach Zabeln liegt ein hübſcher mit niedrigem Gebüſch bewachſener Verg, der etwa wie ein Haus anſicht. Oben auf dem Berge erhebt ſich ein Hügel, auf deſſen Spihe ſich ein mäßig großes Loch befindet, deſſen Tiefe aber unergründlich ſein foll. Mit langen Stricken hat man nicht einmal den Voden erreichen können. Einmal hat man Gänſe dort hineingelaſſen, die dann in der dreiviertel Werſt weiter vorüberfließenden Aban wieder find. Zeßt foll das Loch faſt ganz verwachſen ſein. In alten Zeiten ſtand eine Burg auf dieſen Berge. Dort lebte ein gottloſer Herr, der ſeine Untergebenen unmenſchlich be- handelte. Niemand durſte ihm widerſprechen; that einer das, ſo wurde er getötet. Einſt am Abend des erſten Weihnachtstages ſpielten der Herr und ſeine Freunde Karten, und hielten ein tolles Zechgelage. Da fam ein ganz alter Mann herein und jagte, ſie möchten doch aufhören, aber ſie jagten ihn hinaus. Bald aber kam der Alte wieder herein und ſagte, ſie ſollten zu Gott beten und ſchlafen gehen. Nun wurden ſie noch viel zorniger, jagten ihn abermals hinans und bedrohten ihn, falls er nochmals kommen jollte, mit dem Tode, Darnach trieben ſie es noch viel ärger. Nm kam der Alte zum dritten Mal und ſagte ihnen, daß ſie ſterben müßten und die Burg verſinken werde. Da ergriff der Herr ſeinen knorrigen Sto> und wollte den Alten ſchlagen, aber er konnte jeine Hand nicht mehr rühren; der Alte aber ſagte: „Deine Burg
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Livländiſches Sagenbuch. 57 joll mit allen deinen Freunden in die Erde verſinken deines ſchlechten Lebens wegen!“ Und da verſank und verſchwand die Burg ſo plößlich, daß niemand bemerkte, wie es geſchah. Jelgawas beedribas Rakſtu krajums 11 19. 59. Der Mühlenberg bei Kandau. Etwa eine Werſt von Kandan in Kurland auf dem Wege nach Tucum liegt ein ziemlich hoher Berg. Über ihn erzählt man folgendes: In alten Zeiten ſtand auf dieſem Berge eine Windmühle, die ein Jude gepachtet hatte. Das war ein häßlicher Menſch, der jeden betrog und beſtahl, wo er nur konnte; keinen Sonntag feierte er, weder den der Chriſten noch feinen eigenen. Mit dem Teufel aber war er eng befreundet. Er hatte keine Kinder, obgleich er den Teufel gebeten hatte, er möge ihm eines geben; der aber hatte das nicht gethan. Gab es einmal keinen Wind, dann drehte der Teufel ſelbſt die Windflügel der Mühle; aber dafür hatte er dem Juden geſagt, daß er für die Mühe des Drehens ihn ſelbſt und die Mühle nehmen werde. Einſt fuhr der Jude ſehr betrunken nach Hauſe; da geſellte ſich der Teufel zu ihm und verkündete ihm, daß er ihm mm folgen müſſe, da er ſchou lange genug die Leute betrogen habe. Zwar wollte der Jude nicht; der Teufel aber riß ihn aus dem Wagen heraus, ſtete ihn wie eine Heuſchre>e unter ſeinen Arm und lief wie der Wind davon. Das Pferd blieb auf dem Wege ſtehen. Im ſelben Augenbli> aber, als der Teufel den Juden holte, verſauf auch die Mühle. Noch lange konnte man auf dem Berge an <riſtlichhen Sonntagen das Gellapper der Mühle ver- nehmen. Einmal aber ging ein alter Mann, ſtill vor ſich hin- murmelnd, dreimal um den Berg herum und da blieb die Mühle ſtehen und das Geklapper war ſeitdem des Sonntags nicht mehr zu hören. Jelgawas beedribas Rakſtu krajums 11 148. 60. Der Damm in der Rbau. In alten Zeiten wetteten einſt einige Herren anf ſechs Külmit Gold, daß ſie die Abau abdämmen würden. Einer baute am Damm und baute, aber, du lieber Gott, er konute nichts ansrichten, denn was er am Tage aufgebaut hatte, war in der Nacht wieder fort-
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58 Livländiſches Sagenbuch. geſpült. Der Herr dachte nach, was er nun thun ſolle, denn jo viel Geld verlieren wollte er nicht. Als er jedoch fah, daß ſich nichts thun ließe, begann er auf ſeinen Gegner zu fluchen. Da kam des Weges, wer weiß woher, der Teufel und erbot fich, den Fluß abzudämmen, wenn man ihm die Seele eines Menſchen geben wolle. In der folgenden Nacht begann der arme Wicht den Bau des Dammes; er nahm einen ganzen Schoß voll Erde vom Uſer und warf ihn in den Fluß. Aber wie weit kam er damit? Gott ſandte Regen und das Waſſer ſpülte beim Steigen alle Erde wieder fort. Der Teuſel merkte uun, daß mit Erde hier nichts zu machen ſei. Er ging daher uach Litauen nach Steinen; aber es war ſchon bald Mitternacht und als er diesſeit Samiten war, merkte er, daß er heute mit dem Bau nicht mehr zu Ende kommen werde. Da krähte auch plößlich der Hahn und der arme Teufel ließ alle ſeine Steine zu Boden fallen, eilte davon und ließ ſich dort nicht mehr blicen. ZJelgawas beedr. Rakſtu krajums 11 147. =- Eine etwas abweichende Sage darüber ebenda S. 149, -- 1 Külmit == etwa */,, oder in der Stadt 2/, Scheffel. 61. Das Pehrkon- und Riddel Wehde- Geſinde. Bei Selgerben im Kandauſchen Kirchſpiel in Kurland liegt das Pehrkon- und das Riddel Wehde-Geſinde, die beide von einem Baumeiſter aufgeführt wurden. Als das erſtere gebaut wurde, fand man ſtets, was tags über erbaut war, am andern Morgen auf einem Berge in der Nähe eines Moraſtes wieder. Man wußte nicht, was man thun ſolle, Zum Glück kam da ein Pole, der für ein gutes Stü Geld verſprach, dafür zu ſorgen, daß die Bau- hölzer nicht mehr fortgeſchleppt würden, ſondern auf dem Bauplae blieben. Er errichtete ein merkwürdiges Kreuz, und richtig, das Bauholz wanderte nun nicht mehr davon; das Haus wurde gebaut und ſteht noch hente auf derſelben Stelle. => Das Riddel Wehde- Geſinde wurde zuerſt ein gutes Stück entfernt von der Stelle er- baut, wo es heute ſteht. Als das Haus ſchon faſt fertig war, entſtand aus irgend einer Urſache im Hauſe Feuer, und die Feuer- bräude wälzten ſich nach der Stelle hin, wo jeht das Haus ſteht. Als man dahin ging, fand man Aſche und Kohlen und erbaute daſelbſt das Haus. Von den rolleuden Feuerbränden aber iſt das Geſinde „Wehde“ genannt worden. Jelgawas beedr. Ratkftu krajums 11 157.
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Livländiſches Sagenbuch. 59 62. Der große Stein in der Rbau. Unweit des Irmlauſchen Lehrerſeminars liegt in der Abau ein großer Stein, den das Volk den „Bo> der Abau“ nennt. Unter dieſen Stein hat der Lettengott Perkon Gold, Silber und andere Koſtbarkeiten verborgen. Solcher Koſtbarkeiten beſaßen die alten Letten die Hülle und Fülle, doch kannten ſie ihren Wert nicht. Als aber die Deutſchen kamen, lehrten ſie ſie, dieſe Güter zu ſchäzen und infolgedeſſen begannen die Letten ſich gegenſeit berauben. Da erzürnte Gott Perkon, nahm ſeinem Volke die koſt- baren Sachen weg, verſenkte ſie in die Abau und legte einen großen Stein auf die Stelle, der auch noch heute dort liegt. Brihwſemneeks, S. 26. 63. Mare kamber. Im Abauthale unweit des Gutes Rönnen in Kurland befindet fich eine Sandſteinhöhle, die vom Volke „Mare kamber“, Mariens Zimmer, genannt wird. Jn dieſer Höhle wohnt eine Jungfrau mit ihren Mägden; deutlich hört man ſie in ſtillen Nächten ſpinnen. Naht ſich aber der Höhle ein Sterblicher, ſo verſchwinden die ge- heimnisvollen Franen. Wer in der Höhle gräbt und mit der Schaufel anf einen harten Gegenſtand trifft, muß ſtark zuſtoßen, dann hat er eine der Nixen auf den Kopf getroffen und ſie dadurch getödtet. A. v. Hexfing in n Sit: LENZ kurl. Geſ, 1868 (2, Aufl.), S, 298. rihwſemneeks, S. 26. -- Rigaer Tagebl. ? 64. Der Burgberg am Imulebad;. 1. Jn der Gegend von Mattknln in Kurland beim Buſe-Geſinde liegt am Ufer des Jmulebaches (auch Ajuppe), eines Nebenfluſſes der Abau, ein hübſcher Berg, der ſogenannte Pilskalns. Über ihn erzählt die Sage: Vor vielen Jahren weidete einſt der Hirtenj des Buſe-Geſindes auf dem Berge ſeine Schweine. Da erſ eines Tages ein wunderſchönes Fränlein und brachte ihm köſtliche
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60 Livländiſches Sagenbuch. Speiſen. Und das that ſie dann jeden Tag. Die Hausgenoſſen wunderten ſich, daß der Junge zu Hauſe gar nicht mehr aß und fragten ihn aus. Der Junge antwortete, er möge nicht. Denn das Fräulein hatte ihm ſtreng anbefohlen, niemandem zu erzählen, daß ſie ihm zu eſſen bringe, weil ſie ihm ſonſt nichts mehr bringen und auch nicht aus der Erde ſteigen werde. An der Stelle, wo jeht der Berg ſich erhebe, ſo hatte das Fräulein dem Jungen dabei er- zählt, ſei eine Burg verſunken und wenn der Junge fünfzehn Jahre alt geworden ſei, dann werde die Burg emporſteigen, er werde der König und ſie die Königin werden. Wohl überwachten die Haus- leute den Jungen und wollten herausbringen, wer ihm das Eſſen gebe, aber wenn ſie ihn bewachten, dann kam das Fräulein nicht. Da nahmen ſie ihn einmal vor und drohten ihm mit Prügeln, wenn er nicht ſagen werde, wer ihm das Eſſen bringe. Der Junge fürchtete die Prügel und erzählte nun alles, was er wußte. Aber nun brachte das Fräulein ihm keine Speiſen mehr. Doch einmal noch kam ſie weinend heraus und ſagte: „Viele hundert Jahr hat meines Vaters Burg in der Erde gelegen und viele tauſeud Jahr muß ſie nun noch unten liegen deines Ungehorſams wegen“. Und von der Zeit an hat niemand mehr das Fräulein geſchen, weder der Schweinehirt noch ſonſt jemand, 1. Eines Tages beſtellte ein Bauer auf dem Berge ſein Feld. Beim Pflügen ſtieß er auf eine große eiſerne Thür. Er verſuchte ſie mit einem Hebebaum zu erbrechen, um hineinzugelangen; doch konnte er allein nichts ausrichten. Da rief er andere Leute zu Hilfe. Bei der Arbeit, die Thüre aufzubrechen, meinten ſie, daß da ſehr viel Geld drin ſein werde und daß man damit alle Armen werde reich machen können. Schon war die Thür beinahe geöffnet, als einer der Arbeitenden rief: „Hier iſt nicht mehr, als für uns allein ausreicht, für die Armen kein Groſchen!“ Doch kaum hatte er das geſagt, da verſchwand die Thür und eine Stimme ließ ſich hören: „Viele tauſend Jahre habe ich hier gelegen, und viele tauſend Jahre werde ich hier uoch liegen müſſen!“ Von der Zeit an hat dort niemand mehr etwas gefunden oder aufgepflügt. Jelgawas beedribas Rakſtu krajums 11 19. =- Eine an 11. an- klingende Sage von einem Geldkaſten bei Rönnen an der Abau vgl. bei Brihwſemneeks, S. 90. --
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Livländiſches Sagenbuch. 61 65. Die Burg bei Spirgen. Vor alten Zeiten ſaß einſt eine Mutter um Mittagszeit mit ihrem fünfjährigen Kinde im Garten der Burg zu Spirgen in Kur- land und erzählte dem Kleinen ſchöne Märchen, während die Sonnen- mutter freundlich lächelte. Plößlich zog ſich eine kleine Wolke am Himmel zuſammen und blieb ſchnaubend gerade über der Burg von Spirgen ſtehen. Die Mutter, mit dem Kinde beſchäftigt, bemerkte nicht ſogleich das dumpfe Geräuſch, bis das Kind ſie fragte: „Mütterchen, hör" doch, was iſt das ſür ein Geräuſch? Sag', brüllt unſer böſer Stier oder blökt ein Shaſ? I< fürchte mich, laß uns ins Zimmer gehen.“ Die Wolke aber ſand, während ein ſchreflicher Sturm wütete, einen Tag und eine Nacht lang gerade über der Burg. Ihr Ausſchen war verſchieden und wunderbar: bald ſah ſie aus wie ein Haus, bald wie ein Menſch; bald erhob fie ſich in die Höhe wie Rauch, bald ſchoß ſie wieder mit großem Getöſe zur Erde. Endlich wurde die ſchreliche Wolke ſchwarz wie Kohle und fiel mit ſchreflichem Getöſe und großer Kraft gerade auf die Burg, Augenbli>lich verſank die Burg mit allen ihren Bewohnern und an ihrer Stelle entſtand eine grundloſe Tiefe, die noch heute gezeigt wird. Bei hellem Wetter und Sonnenſchein konnte man in der Tieſe Schornſteine erbliken. Aber nicht bloß darüber hatten die Leute ſich zu wundern, daß die Burg verſunken war, ſondern nach einigen Wochen wurde ihr Staunen noch ver- mehrt durch eine Steinſäule, auſ der in ſremder Sprache Buchſtaben geſchrieben waren. Dieſe Säule ſtieg aus der Untieſe empor und ſchwamm oben auf, gerade über der Stelle, wo man bei Sounen- licht die Schornſteine ſehen konnte. Wenn ſich jemand finden werde, behauptete und verkündigte man, der die Schrift leſen könne, dann werde die Burg wieder emportauchen. Aber nach einiger Zeit ver- ſank die ſchöne Steinſänle wieder in der Tieſe und verſchwand, = Viele Jahre ſpäter lebte in Spirgen ein junger tapferer Mann, der unternahm es die Untieſe zu unterſuchen. An einem Seil angebunden ließ er ſich in die Tieſe hinunter und fand im Vor- zimmer der verſunkenen Burg einen großen Schrank mit Geld. Als er noch damit beſchäftigt war, den Stri> um den Schrauk zu binden, um ſich mit dieſem wieder nach oben ziehen zu laſſen, er- ſchien ihm eine große lange Frau mit feurigen Augen und langen Haaren und ſchickte fich an, den jungen Mann an Händen und Füßen mit rotem Garn au den Schrank zu binden. Der Arme zerſchnitt in ſeiner Angſt raſch die Knoten des Stri>ks und gab
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62 Livländiſches Sagenbuch. das Zeichen, daß man ihn nach oben ziehen ſolle. Die Frau aber ſehte fich auf den Schrauf imd ſah mit drohenden Augen zu, wie jener hinaufgezogen wurde. =- Das jehige Gut Spirgen aber, erzählt man, ſoll ſich allmählich zum Rande der Untiefe hin ſenken; wenn es im Lauſe der Zeit den Rand erreicht habe, werde es auch dahinein verſinken. Lerch -Puſchkaitis, 1 175. 66, Die Burg am Usmaitenſchen See. Am Usmaitenſchen See in Kurland liegt ein Berg, auf dem hat in nralter Zeit ein Schloß geſtanden. Als einſt bei Abweſenheit der Männer die Frauen beieinander im traulichen Geſpräche ſaßen, ſprengte nrplößlich ein Ritter auſ weißem Roſſe über den Burghof und rief ihnen zu: „Rettet euch, die Burg ſtürzt ein!“ und ehe noch die Frauen Zeit hatten, ſich von ihrem Schrecken zu erholen und dem Warnungsruf des Ritters, der inzwiſchen eben ſo plößlich, als er erſchienen, wieder verſchwunden war, Folge zu leiſten, ver- ſank die Burg mit allem, was darin war, in die Erde. Eine Ver- tiefung auf dem Gipfel des Berges giebt noch heute davon Zeugnis. A. v. Heyking in Sitz: Ber. d. Ful. Ni 1888, (2. Aufl.) S. 298. == Rigaer Tagebl. 1891, Nr. 2 67. Das verſunkene Schiff bei Ugahlen. „Dicht an der Nordſeite des ſeit einigen Jahrzehnten zum E GG ahl b der ren von Ug Burgberges liegt ein länglicher grabähn ien Hügel von alter Höhe des Burgberges, nach allen Seiten hin ſteil abfallend, an den ſich eine Sage knüpft, wenn ſie anch in etwas unpräziſer Form bis auf die Jehtzeit gekommen iſt. Als das Meer noch bis Ugahlen reichte, erzählt man, verſank hier einſt ein Schiff und liegt nun unter dem Hügel, der aus dieſem Grunde auch den Namen „das verſunkene große Schiff“ (apgrimmuſe diſcha laiwa) trägt. Dort unten liegt es mit all ſeinem Zubehör, wie es einſt auf den Fluten des Meeres ſich geſchaufelt, bewacht von einem Bocke, der jede Neugier von ihm fernhält. Deshalb iſt es nicht möglich, ſich bis zum Schiffe durchzuarbeiten, wie überhanpt jedem Verſuche dort Nachgrabnngen vorzunehmen ſich die größten Hinderniſſe in den
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Livländiſches Sagenbuch. 63 Weg ſtellen. Wohl hat man einmal dieſe ſoweit überwunden, daß mau auf eine eiſerne Thür geſtoßen, doch als man ſie öffnen wollte, da verſauk ſie in die Tiefe und dasſelbe geſchah mit mancherlei anderen Gegenſtänden, die man dort gefunden. Döring, in Si: Ber. d. Kurl, Geſ. 1869, (2, Aufl.) S. 354. = Rigaer Tagebl. 1891, Nr. 212. 68. Der Burgberg bei Tuckum. Auf dem Berge bei Tuckum in Kurland hat früher eine Burg geſtanden. Aber ſie verſank eines Nachts mit allen ihren Be- wohnern und au der Stelle, wo ſie geſtanden, blieb ein recht tiefes Loch nach. Nach einigem Suchen fand ſich ein Mann, der es übernahm, ſich unter der Bedingung, daß man ihm ſein lebenlang freien Unterhalt gebe, in das Loch hinabzulaſſen. Der Maun licß fich alſo hinab und fand unten eine prächtige goldene Pforte. Er öffnete ſie und da ſchimmerten ihm Gold, Silber und Diamauten eutgegen. Es fand ſich dort aber noch eine zweite Pforte vor; als er auch dieſe öffnete, gelaugte er in eine Gegend, die der Ober- welt ganz ähnlich war: Die Leute arbeiteten und es wimmelte von ihnen wie in einem Bieuenkorbe. Bald traten die Menſchen der Unterwelt auf ihn zu und befahlen ihm, hinanszugehen. Er gehorchte aber nicht, bis man ihm drohte, daß es ihm ſchlecht gehen werde, wenn er nicht gleich ſich davon mache. Da erfaßte der Mann ſeinen Strick und gelangte mit deſſeu Hilfe wieder auf die Oberwelt. Zwar begann man uun ſogleich nach den herrlichen Reichtümern zu graben, aber es war vergeblich; denn was man tagsüber gegraben hatte, ſtürzte nachts wieder zuſammen. Lerch- Puſchkaitis, 1 178, 69. Der Teufelsdamm bei Dondangen. Bei Dondangen in Kurland liegt der Blauberg oder Stiter- berg, ein EI der längs der Meeresküſte fortlaufenden Hügelkette. findet ſich im Saude des Bergabhanges nach der Küſte zu Der iſt ſo entſtanden: durch einen großen Damm trenuen. Er bat um die Erlaubnis dazu und erhielt ſie auch unter der Bedingung, daß er die Arbeit
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64 Livländiſches Sagenbuch. in einer Nacht vollende. Nun trug er Steine zuſammen; doch der arme Teufel ward vom Morgen überraſcht; der Hahn krähte und die Steine fielen ihm aus der (Schlippenbach) in Mitauſche wöchentl. Unterhaltungen 11 (1805) S. 341 70. Der Burgberg bei Meſoten. In alten Zeiten lag auf dem Burgberg bei Meſoten in Kur- land eine ſtarke Burg. Eines Nachts verſank ſie. Einmal aber wird ſie wieder emporſteigen, do< wann, das weiß man nicht. =- Einſt um Mittagszeit ging ein junger Mann über den Burgberg; dort erblickte er eine wunderſchöne Frau, die bat ihn, er möge ſie anrühren. Dieſer Dummkopf aber erſchrak und that es nicht. Da ſtürzte ſich die Frau, in die dicht vorüberſließende Aa, daß das Waſſer hoch aufſprißte, indem ſie ſagte: „Hätteſt du mich angerührt, ſo wäre ich in einen glänzenden Geldhaufen verwandelt worden. Lerch-Puſchkaitis, V 397. Vgl. Nr. 90. == 71. Der Burgberg von Bauske. Einſt führ der Wirt des bei Meſoten in Kurland gelegenen Mahrkuwen-Geſindes mit Roggen nach Bauske. Als er am Burg- berge vorüberfuhr, trat eine Jungfrau da heraus, weinte und redete ihn au: „Verkaufen ſie mir doch ein Lof Roggen." „Warum denu nicht?“ antwortete er. Sie gab ihm für das Lof Roggen einen Hundertrubelſchein. Er nahm das Geld entgegen und wollte den Sac> eben vom Wagen heben, als ſie ihm ſagte: „Sie könnten mir den Roggen auch hereinbringen." Da dachte der Wirt, wo joll man deun hier hineingehen, iſt doch alles nur Fels und Erde? und er fragte daher: „Wo iſt denn hier der Eingang?" „Kommen fie nur mit,“ antwortete ihm die Jungfran, „ich werde ihnen den Weg ſchon zeigen.“ Sie ſchritten nun durch ein prächtiges Thor, gelangten in einen ſchönen Garten und erreichten daun ein fleines, hübſches Zimmer, wo alles in der beſten Ordnung war. Dort legte der Wirt den Sac> anf die Diele und wurde dann von der Jungfrau wieder hinausgeleitet. Als er aber hinaustrat, hörte er ein dumpfes, tranriges Geräuſch und alles, das prächtige Thor, der Garten und das Zimmerchen war verſchwunden. Lerch-Puſchkaitis, VI 214.
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Livländiſches Sagenbuch. 65 72. Der Piliweru-Burgberg bei Wallhof. Der Burgberg liegt im Mifas-Moraſt in Kurland. Dieſer Moraſt war früher ſchr feucht und an der Stelle des jetzigen Berges befand ſich eine Untieſe. In dieſer hatte der Teufel ſeine Burg; mit feinen Nachbarn ſtand er auf ſchr freundſchaftlichem Fuß, in ſeine Burg aber ließ er niemand hinein. Einſt begannen die Leute jene Untiefe zu verſchütten. Der Teufel bemerkte das erſt, als ſie ſchon faft ganz gefüllt war. Da ſtampfte er zornig auf den Boden, ſo daß die Burg von dieſem Stoße tief, fchr tief hinabſank; an Stelle der Untiefe aber entſtand ein Berg, den man den Burgberg nannte, =- Lange, lange Jahre hernach fuhren einſt Holzfäller früh an einem Wintermorgen hier vorbei und erblickten auf dem Gipfel des Berges eine prächtige Burg; aus der Burg aber erklang eine Simme: „Erratet den Namen der Burg, erratet den Namen der Burg!“ In ihrer Angſt errieten die Holzfäller nichts und die Burg verſauk wieder mit großem Getöſe und verſchwand. Lerch-Puſchkaitis, 1 185. 73. Der Burgberg bei Alf-Sauken. Beim Kuhlin-Geſinde bei Alt-Sauken in Kurland befindet ſich ein alter Burgberg, von dem man erzählt, daß Schloß und Kirche, die einſt da geſtanden, vom Gipfel des Berges in den Schoß der Erde hinabgejunken ſind. Durch den nachgebliebenen Schacht kounte man tief im Innern der Erde eine bleiche Prinzeſſin erblieken, zu deren Füßen ein ſchwarzer zottiger Hund lag. Am Saufenſchen See liegt noch ein Hügel, auf deſſen Gipfel- plateau ſich eine Vertiefung befindet. Einſt konnte man aus dieſer tiefen Grube deutlich das Schnurren eines Spinurades herauf- tönen hören, Vielenſtein in Balt. Monatsſchr. Vd. XX1X 584; 586. 74. Die Iungfrau im Stkuplakalns,. In der Nähe von Ilſenberg im kurifchen Oberlande ragt aus kleinen Hügeln, ſchon von weitem als Burgberg erkennbar, der Stupla- kalns hervor. Vor langen Zeiten, erzählt von ihm die Sage, hat auf diefem Berge ein Hof geſtanden. Der iſt verſunken und Wald hat Bienemann, Sagenbuch. 5
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66 Livländiſches Sagenbuch. weit und breit das Land bede>t. Da zog einſt ein Schloßherr mit ſeinem Jagdgefolge hier vorüber und auf dem Stuplakalns glitt ihm ein Jagdhund in den Schacht. Der Herr band ſeinem Piquenr einen Stri> um den Leib und ließ ihn ins Loch hinein, damit er den Hund ſuche. Mehrere Faden tief unter der Erde aber erbliete der Piqueur eine Jungfrau, die ſaß auf einem eiſernen Stuhl und kämmte ihr blondes Haar. Dieſe Jungfrau ſagte ihm, der Hund ſei nicht wieder zu bekommen, er ſei zu tief hinabgefallen; ſie ſelbſt aber werde nach ſo vielen Jahren, als ſeit der Sintflut bis jeht verfloſſen, aus dem Berge hervorkommen und dann als Göttin auf goldenem Throne ſien. Bielenſtein in Balt. Monatsſchr. Bd. XXIX 616, Daſelbſt noch eine zweite, künſtlicher gemodelte und gefärbte Verſion. 75. Die Iungfrau bei Swenten. Im kuriſchen Oberlande in der Nähe des Gutes Swenten liegt ein alter, jeht mit ſchönen Kiefern beſtandener Burgberg. In alten Zeiten hat man öfters eine ſchön gekleidete Jungfrau aus dem Berge herausfommen ſehen. Sie führte einen Hund an der Kette neben ſich und bat die ihr Begeguenden dringend, ſie aus dem Berge herauszuziehen, zu retten, ſie werde dann den Retter reich belohnen, womit er uur wolle. Niemand aber hat es gewagt, ſie zu retten, aus Furcht vor dem Hunde. Auch in einem Buche leſend hat man die Jungfrau geſehen. Bielenſtein in Balt. Monatöſchr. Bd. 632. 76. Der Saules-kalns. Im Lindeuſcheu in Kurland auf dem Saules-kalns (Sonnen- berg) weidete einſt ein Hirtenmädchen ihr Vieh. Sie ſchlief ein; da träumte ihr, daß eine Frau an ſie herantrete und ihr leiſe ins Ohr jage: „Zwei Wölfe werden hergelaufen kommen, Mädchen, und deinen Stier anfallen. Sprich jedoch kein Wort dazu, daun wirſt du glülich werden.“ Als ſie erwachte ſah ſie, daß wirklich zwei Wölfe den Stier niederzureißen ſuchten. In ihrer Angſt ver- gaß ſie natürlich ihren Traum und ſchrie auf. Da blickte ſie ſeit- wärts und ſah, wie eine große Kiſte mit Geld klingend in die Tieſe verſank und hörte eine Stimme, die ihr dumpf zurief: „Hundert
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Livländiſches Sagenbuch. 67 Jahre habe ich hier gelegen und noch hundert Jahre werde ich hier liegen müſſen.“ Die Wölfe aber waren nicht mehr zu ſchen und auch der Stier ſtand unverſehrt da. Lerch-Puſchkaitis, V 397. 77. Der Pergruba-kalns. In Kurland im Jakobſtadtſchen Kreiſe, da wo ſich jeht der Pergruba-Berg erhebt, ſtand in alten Zeiten auf ebener Fläche eine Kirche. Die Gemeinde, die zu dieſer Kirche gehörte, lebte ſchr friedlich. Aber an einem Sonntag während des Gottesdienſtes brachte der Teufel einen großen Sack voll Erde herbei und ſchüttete ihn gerade über der Kirche aus. An der Stelle der Kirche entſtand jo ein Berg und auf dem Berge erwuchs eine Fichte; man ſagt, fie erhebe ſich gerade über dem Altar. Früher hörte man aus dem Berge Ki g und f Brihwſemneeks, S. 27. 78. Selburg. Einſtmals befanden ſich unter den Ruinen der alten Burg von Selburg zwei Keller. Einige tapfere Männer beſchloſſen dieſe zu durchſuchen. Einen von ihnen banden ſie daher an einen Strie> und ließen ihn in den Keller hinab. Dieſer fand unten eine ge- heime Thür und dahinter ein prächtig ausgeſtattetes Gemach; in der Mitte ſtand ein großer Tiſch und darauf eine große Glocke. Der Mann wollte die Glocke anfaſſen, doch kaum hatte ſeine Hand ſie berührt, als es im Gemache ſtokfinſter wurde. Aber ſobald er ſeine Hand zurückzog, wurde es wieder hell. In einem Winkel erblickte er einen großen Kaſten, auf dem ein großer ſchwarzer Hund lag. Der Mann hatte jedoch nicht den Mut den Hund an- zufaſſen, und ſo wurde er ohne etwas erreicht zu habeu wieder heraus- gezogen. Manche wollen um mittagszeit den Hund bei den Kellern haben laufen ſehen, der dann immer plötlich wieder verſchwand. Lerch-Puſchkaitis, 1 1
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68 Livländiſches Sagenbuch. 79. Die verſunkenen Schiffe bei Deuhof. Bei Neuhof im Jakobſtadtſchen Kreiſe in Kurland liegt ein Teich; in ihm ſind die Schiffe verſunken, auf denen die Deutſchen einſt nach Lettland gekommen find. Die Deutſchen haben die Letten ſehr gequält und dieſe haben zu ihren Göttern gebetet. Perkon aber jammerte ſeines Volkes und er ſandte ſeinen Regenbogen, daß er mit dem Waſſer des Meeres auch die deutſchen Schiffe aufſauge. Und der Regenbogen hob mit dem Meerwaſſer auch die Schiffe in die Höhe und ließ ſie in dieſen Teich wieder hinab. Noch heute kann man in ihm die Maſten und Schiffstrümmer, die von den deutſchen Seeleuten auf dem Grunde des Teichs erbauten Häuſer und allerlei Hausgerät erblicen. Früher hörte man auch Geſang und Glokengelänt heraufſchallen. Vor zehn Jahren zog ein Bauer einmal einen Maſt mit einem eiſernen Ring an der Spiße aus dem Waſſer heraus. Aber kaum hatte er den Maſt beſchen, da ſank er wieder auf den Grund zurüe; und ſpäter konnte er ihn auf feine Weiſe wiedererlangen. Brihwſemneeks, S. 19. =- Vgl. daſelbſt Aum.: Eine ähnliche Sage wird von einem Sumpfe bei Sezzen in Kurland erzählt. == 80. Der Teufelsſtein in der Düna. (CLivl. Yoreleiſage). In alten Zeiten ſtand inmitten der Düna ein großer Stein, auf dem ein Teufel Tag und Nacht ſaß und ſeine Haare mit einem goldenen Kamm kämmte. Während er ſo daſaß, erdachte er mancherlei Übelthaten, denn, ſobald ein Boot vorüberfuhr, zer- trümmerte er es vollſtändig; ſobald ein Fiſcher in ſeiner Nähe Fiſche fing, trieb er mit ihm ſeinen Mutwillen oder tötete ihn. Einſt nahm ſich der Gott Perun vor, den Teufel für ſolche Übel- thaten zu ſtrafen, doch konnte er ihm nicht beikommen, denn ſobald Perun ſich in einer Wetterwolke nahte, verſchwand der Teufel im Waſſer und kam nicht wieder an die Oberfläche desſelben, ſo lange Perun da war. Darüber erzürnte der Gott ſchr, kam zu einem einfachen Mann, einem Fiſcher, und ſprach zu ihm: „Nimm mich in dein Boot auf und rudere mich zum Teufelsſtein; doch erſchri> nicht, wenn ich Blige zu ſchleudern beginnen werde, denn dir werde ich kein Leid anthun, doch dem Teufel wird es übel ergehen.“
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Livläudiſches Sagenbuch. 69 Nachdem der Gott ſo geſprochen hatte, ruderte der Fiſcher langſam, ganz langſam zum Teufelsſtein. Der Teufel kämmte gerade ſein Haar und der goldene Kamm gliherte in den Sonnenſtrahlen. Plößlich bemerkte der Teuſel den Bootsmann, legte den Kamm bei Seite auf den Stein und fing an den Fiſcher mit böſen Bliden zu betrachten. Da erhob ſich Gott Perun inmitten des Bootes und ſchlenderte auf die Bruſt des Teuſels Blitze, glühende Blihe. Der Teufel ſperrte zwar ſeinen Mund auf, um den Gott mit ſeinem giftigen Atem zu betäuben, doch umſonſt = er mußte ſterben, Perun aber verſchwand und zeigte fich nicht mehr dem Fiſcher, welcher den goldenen Kamm des Teuſels zu ſich nahm und ein reicher Mann wurde, ob ſeines Mutes ſehr gerühmt von den Anwohnern der Düna, denn dieſe waren nun beſreit von der Hinterliſt des Teufels, N. Klrimberg) im Rigaer Tagebl. 1896, Nr. 170. = Lerch-Puſchfaitis V 383. --- (Perun = Perkon). 81. Die Felsſpike bei Stokmannshvf, Am kurländiſchen Ufer der Dima unweit Sto>mannshof ragt eine rieſige Felsſpize empor; die wollte der Teufel[abſägen und in der Düna verſenken. Die Arbeit mußte aberäbis zum Himmel- fahrt8tage beendet ſein. Als die Kurländer bemerkten, daß die Arbeit dem Teuſel nicht gut von ſtatten ging, fingen ſie ſchon eine Woche vor Himnelfahrt an, in llen Kirchen zu läuten. Da dachte der Teuſel, daß Himmelſahrt ſchon da ſei, und machte, daß er davonkam. Die Felsſpihe ſteht noc<h heute da; die Kurländer aber und die Stockmannshöfer beginnen in der Zeit von einer Woche vor bis eine Woche nach Himmelfahrt keine größere Arbeit und das zum Andenken daran, daß es dem Teufel nicht gelang, die rieſige Felsſpize in die Düna zu werfen. Lerch-Puſchkaitis, V1 214. 82. Der Sfabburags. Beim Gute Stabben am kuriſchen Uſer der Düna erhebt ſich eine hohe und breite Felswand, die in der Mitte ein wenig vor- ſpringt. Auf ihrem Scheitel entſpringt eine Quelle, die beſtändig in unzähligen Tropfen, feinen Fäden und Strahlen am Felſen
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70 Livländiſches Sagenbuch. herabrieſelt. Unten haben ſich Grotten und Höhlen gebildet, in denen Mooſe, Farne und andere Pflanzen üppig gedeihen. Das iſt der Stabburags, das Horn von Stabben, An ihn knüpfen ſich mancherlei Sagen. 1 In dem Felſen hauſt ein Greis, doh nur um Mitternacht finden Sterbliche den Eingang zu ihm durch eine dort befindliche Vertiefung. Bei ſeiner Lampe ſitzend teilt er dem Flehenden von ſeinen Schäßen mit, die aber nur bei guten Werken Segen bringen. == Andere erzählen, eine Jungfrau ſie des Abends am Felſen und bade ſich und ihr langes Haar im klaren Quell. 11 Die Leute der Gegend ſehen in der Hanptgrotte, aus der das verkalkende Waſſer am reichſten ſtrömt, bei Tage eine Jungfrau, die für das arme Landvolk ſpinnt, wenn es, zu hart von der Herrſchaft gedrückt, nicht fertig werden kann; in der Nacht aber ſiht ein Mönch in der Grotte und ſtndiert beim Schein der Lampe. 1m Sagenſpuren: Die Mutter des Felſeus hat Söhne und Töchter, Arbeiter und goldenes Acfergerät; Stabbenſche Leute werden Söhne des Stabburags genannt. = Iv. Es tranken kurze Zeit drei Männer von dem Waſſer des Quells und ſanken in tiefen Schlaf, aus dem ſie ſich kaum er- holten. == Einſt ſahen Fiſcher aus dem Felſen eine Ziege ſpringen, die ſich in den Fluten der Düna verlor. V. Ein Ri von jen liebte einſt ein S Burgfräulein. Aber auf ſeiner Fahrt zu ihr wurde er vom Feinde erreicht und an den Ufern des Stabburags erſchlagen. Da ver- wandelte ſich die Geliebte in den Felſen und weint jetzt ihre Thränen anf das Grab ihres Buhlen. vL In alten Zeiten fuhr einſt ein Jüngling in einem Boote auf der Düna um zu fiſchen. Seine Braut blieb am Ufer. Plößlich aber erhoben ſich große Wellen, das Boot ſchlug um und der
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Livländiſches Sagenbuch. 71 Bräutigam ertrank. Die arme Braut weinte am Uſer Tag und Nacht und flehte die Düna an, ſie möge ihr doch den Geliebten wieder aus der Tiefe zurückgeben. Und weinend verwandelte ſich das Mädchen zuleßt in einen Felſen =- den Stabburags. rufe, „Urgeſchichte S 169 (11). =- (Stender), Der Stabbu- V). = Stavenhagen, Alb. . und S., Führer dm [4 ünathal (1887) S, 28 (1. Ul. V). == Lerch-Puſchkaitis, V 408 (Vl). = Manteuffel, "vapi Rog“ im Preeglad powszeetny VI 199 ff. und Sep: Abdr, Krak. 1885 mit Abbild. =- Alte lett. Verſe, wohl ein Bruchſtät, bei Aruſe und (Stender) a ens LO. mit Überſ, =- Eine beſſere Überſ, bei Stavenhage deutſche Gedichte zu 7? von v. Schlippenbach und Ap. Bitterſſ bei (Stender) und Stavenhagen, 83. Klauenſtein. In der Nähe von Kokenhuſen an der Düna liegt an der Landſtraße zwiſchen Klauenſtein und dem Kalna-Kruge ein großer, jeht in zwei Teile geſpaltener Felsblo>. Von dem erzählt die Sage: In alten Zeiten ſtand dort, wo jeht der Stein liegt, eine kleine Hütte; darin hauſte ein böſes altes Weib, eine Hexe, die allen nur Schaden zu bereiten trachtete. Als mm ihr Nachbar, ein frommer Rittersmann, ſich ein Schloß baute, da wollte die Hexe ſich ebenſalls eins banen; aber allein konnte ſie es nicht. Eines Tages ſaß ſie vor ihrer Hütte; da kam ein kleines graues Männlein in einem Nachen über die Dima gefahren und verſprach ihr, ein Schloß für ſie zu erbanen, wenn ſie ihm uur ihre Seele geben wolle. Das war der Teufel. Das Weib erſchrak wohl, aber endlich ſchloß ſie mit dem Teufel doch den Vertrag ab und ſchon in der nächſten Nacht ſollte der Tenfel den Bau beginnen. Der Ritter aber hatte alles, hinter einem Banme ſtehend, mit angehört. Erſchret eilte er heim und ſann nach, wie dem teuflichen Anſchlag zu begegnen ſei. Nun wohnte da im Perſethale ein weiſer und ſrommer Klausner; zu dem begab ſich der Ritter, um ſeinen Rat zu vernehmen. Der Klausner riet ihm aber, um Mitternacht ſeinen Haushahn unter ſeinen Mantel zu nehmen und zur Hütte der Alten zu gehen; käme dann der Teufel herbei, müſſe er den Hahn der durch die ſchen Flammen*) führt und +) Nach der einen Verſion, ſollte der Ritter ihm eine Blendlaterne vorhalten.
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72 Livländiſches Sagenbuch. glaubend, es ſei ſchon Morgen, laut krähen werde. Das werde dann anch den Tenfel verjagen. Und ſo geſchah es. Der Hahn krähte und der überraſchte Teufel ließ den mächtigen Grundſtein, den er eben für das neue Schloß in ſeinen Klauen herbeigebracht hatte, fallen und eilte davon. Der Stein aber ſtürzte gerade auf die Hütte herab und zerſchmetterte dieſe mitſamt der alten Hexe; dabei barſt er in zwei Teile und die ſind mit den Spuren von des Teufels Klaue noch heutigen Tages daſelbſt zu ſchen. Inland 1857 Sp. 753 ff. (in Verſen). =- J. und S., Führer durch d. Dünathal (1887) S, 32. 84. Die Eicheninſel in der Düna. Einſt nahm der Teufel beim Weldobe-Krug unweit Römers- hof eine große Laſt Sand auf, weil er die Düna verſanden laſſen wollte. Bei Friedrichöſtadt warf er ſeine Laſt in die Düna und jo entſtand die Eicheninſel (Oſolſala). Danu holte er ſich eine zweite Laſt; aber beim Römershofſchen Pukat-Geſinde wurde er vom Hahnenſchrei überraſcht. Da warf er ſeine Laſt nieder und eilte davon. An dieſer Stelle iſt noch heute ein Berg zu ſehen. Lerch- Puſchkaitis, V 408, 85. Der Muldenſtein bei Rſcheraden. Nicht weit von der Aſcheradenſchen Forſtei in Livland beim Mulden-Moraſt befindet ſich ein muldenartig ausgehöhlter Stein. Damit hat der Teufel früher aus dem Muldenſee Waſſer geſchöpft und ſich darin gewaſchen. Mit der Zeit aber wurde der See aus- geſchöpft und verwandelte ſich in einen Sumpf; daher ging der Teufel unn an eine audere Stelle. In früheren Zeiten opferten die Bewohner auf dieſem Steine alljährlich die Erſtlinge des Ge- treides oder anch Speiſen. Lerch-Puſchkaitis, V 408, 86. Die Kangarberge und der Xubahnſche See. Au der Landſtraße, welche die Rittergüter Lubahn und Seß- wegen mit der Stadt Riga verbindet, etwa fünfzig Kilometer von der legteren entfernt, liegen auf einem von den großen Kangar-
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Livländiſches Sagenbuch. 73 bergen gen Südoſten ſich erſtreenden Abhange zwei Hügel, etwa hundert Schritt voneinander entſernt. Von dieſem Orte erzählt man ſich ſolgende Mär: Einſt lebte daſelbſt ein Rieſe, deſſen Schlaſ- ſtelle der zwiſchen beiden Hügeln belegene Raum war. Auf dem weſtlichen Hügel ruhte ſein Haupt, gegen den öſtlichen aber ſtühte er ſeine Füße. Er beſaß ungeheure Kräfte und ging ſehr ſchnell. Wenn ſeine Mutter den Keſſel aufs Feuer ſetzte, um Mittag- oder Abendbrot zu kochen, machte er ſich nach Riga auf und brachte, bevor noch die Speiſe fertig war, in jeder Hand ein paar Zentner Salz von dort mit. Damals gab's in jener Gegend weder Berge noch Sümpfe, nur einen großen See, welchen alle nach Riga Reiſenden oder von dort Kommenden in Kähnen durchfahren mußten. Der See aber verlangte von jeder Schar Reiſender ein Menſchenopfer. Wenn man ihm ein ſolches nicht darbrachte, ward er zornig und vernichtete alle Hinüberfahrenden. Eines Tages erging ſich der Rieſe am Seeuſer und ſah dem bewegten Leben der hin- und herfahrendeu Böte zu. Diesmal er- hielt der See kein Opfer =- und geriet darob in unbändige Wut. Dieſes eigennüßige Gebaren verdroß den Nieſen und er beſchloß einen Weg mitten durch den tückiſchen See zu bahnen. Er*) füllte ſeinen großen Sac> mit Erde, nahm ihn auf den Rücken und be- gann die Flut zu durchſchreiten. Das untere Ende des Sa>es war offen, ſo daß der Sand langſam herausrieſelte und in den See fiel, bald in größerer, bald in geringerer Menge, So entſtanden die Kangarberge, auf welchen alle Reiſenden ungefährdet das Waſſer überſchreiten konnten. arob ergrimmte der See und wütete drei Tage und drei Nächte lang, konnte aber die Berge nicht zerſtören; darum beſchloß er, ſich ein anderes Bett zu ſuchen. Er erhob ſich**) in die Luft und zog als Wetterwolke, gerade dem Flüßchen Ewſt zu, wo in ſchöner fruchtbarer Gegend viele reiche Bauernhöfe ſtanden. Mägde, welche am Flußufer Wäſche tro>neten, erbliten die Wolke und hörten ein ſtarkes Kniſtern. Da rieſen mehrere: „Das kniſtert ja als würden Schalen verbraunt!" =- eine aber ſagte: „Dieſe Wolke iſt nichts weiter, als ein großer See.“ Kaum hatten ſie ſo ge- ſprochen, als die Wolke zur Erde herabrauſchte und die ganze ſchöne *) Nach der andern Verſion -- der Teufel. **) Dabei vergaß er, nach der audern Verſion, in der Eile zwei Teller auf dem Speiſetiſch, vas ſind die beiden fleinen Seen bei den Kangarbergen, Nach andern ſind das die Augen des Lubahnſchen Sees.
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74 Livländiſches Sagenbuch. Gegend überflutete. Nur diejenigen Mädchen, welche das Rätſel der Wolke und den Namen des Sees erraten hatten, wurden von den Wellen ans Ufer geworfen und alſo gerettet. Der See aber heißt bis auf den hentigen Tag der „Lubahnſche.“*) Beihfeumets, S. 16, 17. = Andrejanoff, Lettiſche Märchen, S. 17. =- Eine zweite, etwas abweichende Verſion Lerch- Puſchkaitis, V- m ff.z VI 207. =- Darnach N. Krimberg) im Rigaer Tageblatt 1896 Nr. 176. 87. Der Elkaskalns bei Eſchenhof. Beim Gute Eſchenhof im Schuienſchen Kirchſpiel in Livland liegt der 800 Fuß hohe Elkaskalns. An ſeiner Stelle befand ſich fräher eine mit dichtem Walde bewachſene Ebene und mitten im Walde lebte eine alte Frau, Namens Elka. Das war eine große Zanberin und that den Menſchen viel übles an. Einſtmals aber ärgerte ſie ihren eigenen Mann ſo ſehr, daß der ihr einen großen Stein au den Kopf warf und ſie erſchlug. Nun kamen alle andern Hexen zuſanmen; die weinten und trauerten um ihre Schweſter und verwandelten den großen Stein in einen Berg. Die Leute aber gaben dieſem Berge den Namen der Hexe und nannten ihn den Elkasberg. Lerch-Puſchkaitis, V1 209. 88. Der Burgberg bei Fehgen. Das Gut Fehgen in Livland iſt von Hügeln umgeben. Einer dieſer Hügel nuweit der Poſtſtraße erhebt ſich ein wenig höher; wan nenut ihn den Burgberg (pilskalus). Er iſt ganz rund und unr oben abgeplattet. In alten Zeiten ſtand auf dieſem Berge eine ſtarke Burg. Einſt wurde ſie vom Feinde hart belagert. Der Burgherr konnte ſich nicht länger halten, doch wollte er auch nicht lebend in der Feinde Hände fallen. Eines Abends hieß er daher ſeine Lente prächtige Wagen beſteigen und fuhr dann, daß die Funken ſtoben, geradeswegs in den See hinein. Noc<h hente kann man im *) Luba lettiſch: Rinde, Schale.
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Livländiſches Sagenbuch. 75 Winter durch das Eis hindurch prächtige Wagen erbliken und manchmal hat man ſogar Wagengeraſſel gehört, ſo als führe jemand durch den See. Lerch-Puſchkaitis, V 392. 89. Der Dahrsnizas-Berg bei Fehſen. Einige Werſt von Gute Fehſen in Livland erhebt ſich der Dahrsnizas-kalns. An der Stelle, wo jetzt der Berg liegt, beſand ſich in alten Zeiten eine prächtige Burg. Aber der Teufel oder ſonſt jemand warf cinen Berg auf die Burg, der blieb darauf liegen. Da ging eines Tages ein Maun ans der Umgegend über den Berg und bemerkte plötlich eine Thür. Er ging hinein; dort fand er große Gemächer, die alle mit Gold gefüllt waren. Ein alter Mann mit grauem Haar ſaß dabei und bewachte die Schäße. Der war recht freundlich und erlaubte dem Eindringling ſich von dem Golde mitzunehmen und führte ihn dann lächelnd wieder hinans. Beim Abſchied jedoch verbot er ihm aufs ſtrengſte, jemandem davon zu erzählen, was er hier erblidt habe. Lange Zeit verging darüber. Im zweiten Jahre aber erzählte der Mann es doch andern Leuten und führte ſie ſogar hin, um ihnen die Sache zu zeigen. Sie gingen hinein; aber diesmal war der Greis nicht mehr ſo freundlich und rief ihnen zu: „Ihr andern geht alle hinans, aber dn Plapper- maul bleib' hier! Es half ihm nichts, er mußte nnter der Erde bleiben und kam nie wieder ans Tageslicht herans. =- Auf dem Verge befindet ſich auch ein merkwürdiger Quell, der ſich niemals zeigt, wenn mehrere Menſchen zuſammen ſind. Findet ihn aber jemand und ſtet ein Zeichen dazu, ſo verſchwindet er, bis er andere herbeigerufen hat; man ſicht dann keine Spur des Quells mehr, nur das Zeichen ſte>t noch da, wo man es in den Boden ge- ſteckt hatte. Lerch-Puſchkaitis, V 391, 90. Die Teufelsſchlucht bei Erkhof. In der Nähe von E>hof bei Löſern in Livland befindet ſich an einem kleinen Sce eine Schlucht, die man die Tenfelsſchlucht nennt. Über den Sce und die Schlucht erzählt der Volksmund ſolgendes: Früher war der Boden, wo jezt die Schlucht liegt,
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76 Livländiſches Sagenbuch. ganz eben; die Schlucht entſtand aber dadurch, daß der Teufel hier ſchlief, um ſeine Schäße im nahen See zu bewachen, und daher rührt auch ihr Name. An dem kleinen See führte früher ein Weg vorüber. Einſt fuhr jemand dort um Mitternacht vorüber. Da bemerkte er, wie vom See her ein junges Mädchen auf ihn zukam; mitten auf dem Wege blieb es ſtehen und bat ihn, er möge ſie mit der Peitſche ſchlagen oder irgendwie anders anrühren. Als aber der Mann ſich nicht getraute, das zu thun, ſagte das Mädchen: „Ich bin eine Geldtonne und gehöre dem Teufel. Hätteſt Du mich angerührt, ſo würde ich dir gehören, jeht aber muß ich noch hundert Jahre im See liegen. Erſt danu kann ich mich wieder Menſchen zeigen.“ Als ſie das geſagt hatte, verwandelte ſie ſich wieder in eine Geldtonne und rollte raſſelnd in die Tiefe des Sees. Jelgawas beedr. Rakſtu krajums 1V 60, =- Sagen von Er- ſcheinungen, die ſich in Geld verwandeln oder unter gewiſſen Bedingungen verwandeln würden, ſind ſehr zahlreiß 1 und werden von den verſchiedenſten Orten erzählt. =- Vgl. auch N 91. Der Teufelsſtein bei Kerſtenbehm. Im Seßwegenſchen unweit des griechiſchen Kirchhofs bei Kerſten- behm liegt ein ſehr großer Stein mit einer Höhlung. Davon weiß man zu erzählen: Einſtmals in alten Zeiten hatte ſich der Teufel auf dieſen Stein niedergeſeht, um ſeine Hoſen zu flicken. Seine Nadel war eine Deichſel. Zum Unglück überraſchte ihn dabei der Hahnenſchrei; als er den hörte, gab er Ferſengeld. Dadurch daß der Teufel da geſeſſen hatte, entſtand eine keſſelförmige Höhlung im Steine. Beim Fortlaufen aber hatte der Teufel mit ſeine Fuße ein Bächlein aufgeriſſen, das nun an dem Steiue vorbeifließt. Zelgawas beedr. Rakſtu krajums 1V 60, =- Eine ähnliche Sage aus Alt-Pebalg, vgl. Lerch- Puſchkaitis, V 387, == 92. Der RKir<enberg bei URnnenhof. Ju der Nähe von Annenhof in Livland beim Kinſche-See liegt der Kirchenberg, Von ihm erzählen die Leute, daß früher dort eine Kirche und ein Kirchhof geweſen ſind; aber während eines Krieges wurde die Kirche zerſtört, der Kirchhof verwüſtet und die Üreuze zerbrochen und verbrannt. Seitdem haben ſich immer um
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Livländiſches Sagenbuch. 77 Mitternacht auf dem Berge Flammen gezeigt; die Leute aber hielten ſie für heilig, denn, ſagten ſie, dieſe Flammen ſind die Seelen der Verſtorbenen, die den Kirchhof und die Kirche beweinen und den Zerſtörer verfluchen. In ſpäteren Zeiten haben ſich dieſe Flammen nicht mehr gezeigt, doch fand ſich ſtatt deſſen dort ein Irrlicht ein, das ſogar am Tage viele Menſchen irre geführt hat. Lerch - Puſchkaitis, V1 209. 93. Das Teufelsſchloß bei Lyſohn. Im Walde bei Schloß Lyſohn in Livland am Flüßchen Ureikſt liegt ein alter Burgberg, auf dem ſich noch Reſte der alten Vefeſtigung finden. Die Sage weiß darüber zu berichten: Der Teufel hat hier zu einem Schloſſe den Grund gelegt. Er fing an das Schloß zu manern und ging in einer Nacht wieder nach Steinen, die er nicht weit vom ſogenannten Eewan-Geſinde holen wollte. Dort nahm er einen Schoß voll Steine, um ſie auf ſein Schloß zu bringen. Da fkrähte der Hahn und ſogleich entfiel dem Teufel ſein Schoß voll Steine; die Stelle aber, wo die Steine herausgefallen ſind, nannte man „welna klehps“, „des Teufels Schoßvoll.“ Hier kann man noch viele große Steine ſehen, die nicht weggebracht werden können, obgleich die Leute von dort ſchon viele Steine zum Mauern abgeführt haben. So iſt der Teufel damals mit ſeiner Manrerei zu nichte geworden. G. Vierhuff in Sitz: Ber. d. Rig. Alt. Geſ. 1876, S. 4 94. Die Waldgöftin an der Ra. In alten alten Zeiten wuchs auf dem Gipfel einer Anhöhe ou der Aa, zwiſchen Wenden und Wolmar, eine mächtige Linde, unter der die Livlands der Opfer Die wohnte in dem hohlen Stamm des Baumes und war eine ſchöne, reichgeſchmückte Frau mit wallenden rötlichen Haaren. Nur jelten gelang es jemand, ſie zu ſehen, denn nur ſehr ſelten zeigte ſie ſich den Sterblichen. Um Mitternacht eines jeden Tages ver- ſammelten ſich alle Tiere und Vögel des Waldes bei der Linde, wo ihnen dann die Göttin ihre Tagesarbeit anfgab und die faulen und ungehorſamen beſtrafte. Wenu ein Jäger auf die Jagd gehen wollte, dann mußte er zuerſt der Waldgöttin Opfer darbringen
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78 Livländiſches Sagenbuch. und ſie um Beſcherung einer Jagdbeute bitten. Das Opfer der guten Menſchen nahm ſie gnädig an, erhörte ihre Bitten und be- ſcherte ihnen gute Beute an Haſen, Rehen und anderem Wild. Das Opfer der böſen Menſchen aber nahm die Göttin nicht an; ſolche konnten Tag für Tag im Walde umherſtreiſen, ohne auch nur die Spur eines Wildes zu ſehen. Erblickten ſie aber endlich ein Tier und ſchoſſen nach ihm, ſo war es ſicher, daß ſie nie trafen. So lange die Leute der Göttin Opfer brachten, ſo lange fehlte es den Jägern nicht an Beute und die wilden Tiere verwüſteten nicht das Eigentum der Bewohner Livlands. Später aber hieben die Leute die der Göttin geweihte heilige Linde um und wollten an der Stelle eine Kapelle errichten, Der Kirchenbau aber zog ſich ſehr in die Länge, denn Tiere und Vögel hinderten die Arbeiter in ihrem Thun. Endlich war der Bau beendet; da erhob ſich in einer Nacht ein ſtarkes Branſen und ein großes Getöſe. Die Leute liefen zur Anhöhe, doch was erblickten ſie da? Gewaltige Schaaren von Tieren und Vögeln hatten ſich bei der Kapelle verſammelt und ſtanden im begriff, ſie zu zerſtören. Zwar verſuchten die Leute, die Tiere und Vögel zu verſcheuchen, doch das gelang ihnen nicht und ſie mußten dem Zerſtörungswerke müßig zuſehen. In kurzer Zeit verſchwanden die Mauern und da, wo die Kapelle ge- ſtanden, lag jeht ein Schutthaufen. Als die Kapelle vernichtet war, 30g die Waldgöttin mit den Tieren und Vögeln von dannen in eine entfernte Gegend; zu den Bewohnern des Aa-Thales aber kamen von der Zeit an Wölfe und Bären, die ihnen großen Schaden zufügten. Nachdem die Göttin die Aa-Ufer verlaſſen, iſt ſie von niemand mehr geſehen worden. N. Krimberg, Rig. Tagebl. 1893 Nr. 165, = J. Krehölin, Latw. teikas is Maleenas 11 18. Hier ganz genau dieſelbe Sage (Meſcha mahte, die Waldmutter), aber von einem Hügel in Pol- niſch-Livland bei Dame, nicht weit vom Tikainu-Dorf am linken Uſer des Pafratinbaches. 95. Die heilige Anhöhe an der Ra. Auf einer Anhöhe an den Ufern der Aa lebten in alten Zeiten Geiſter, die von den Menſchen nicht wahrgenommen werden konnten. Nur ein heiliger Mann wußte, daß ſie vorhanden waren, und ver- ſtand es, ſich mit ihnen zu unterreden. Einſt wälzte der Greis einen großen Stein anf die Anhöhe und brachte den Geiſtern Opfer
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Livländiſches Sagenbuch. 79 dar. Dieſe ſahen das Opfer gnädig an und erfüllten alle Bitten des Alten. Während des Opfers ſang der heilige Mann ſo ſchön, daß Menſchen, Tiere und Vögel in hellen Hanfen zu ihm eilten, um ſeinem Geſang zu lauſchen. Als der Alte ſtarb, begruben ihn die Leute in dem heiligen Hain auf der Anhöhe und bedeckten ſein Grab mit einem Opferſteine. Vitter weinten die Leute über den Tod des Greiſes, ja ſelbſt die Vögel zirpten kläglich bei ſeinem Grabe. Hinfort kounten die Menſchen nicht den Willen der Geiſter erfahren und erfüllen, was zur Folge hatte, daß die Waldgeiſter den heiligen Hain verließen und ſich einen andern Wohnort aus- ſuchten. In den Zeiten ve Leibeigenſchaft aber gingen Männer und Weiber, nN inge an den St enden zu dem Opferſtein, klagten = ihr ſchweres Loos und baten den heiligen Mann um Linderung desſelben. Während ihrer Klagen flog ein kleines, weißes Vögelchen herbei, das ſo ſchön ſang, daß die Leute dabei ihre Sorgen und Mühen vergaßen und frohen Mutes wieder an die Arbeit gingen, auf eine beſſere Zukunft hoffend. N. Krimberg, Rig. Tagebl. 1893 Nr. 165. =- IJ. Krehtin, Latw. teikas is Maleenas 11 19, doch vom „K. muiſcha“ ſchen (?) „Kirka-kalns“ erzählt. = 96. Die Teufelshöhle bei Salisburg. Am Uſer der Salis bei Salisburg in Livland hatte ſich der Teufel im Felſen eine Höhle gegraben. Dort lebte er und be- unrühigte die Leute beſtändig. Jeder, der durch den nahe gelegenen Wald vorüberging, wurde vom Teufel geäfft und in die Erde ge- führt. Bisweilen hanchte er auch blane und grüne Flammen aus und erſchien in verſchiedenen Geſtalten. Endlich kamen ſieben Paſtoren, um den Teufel zu verjagen; aber ſie vermochten es nicht. Zum Glück kam da ein weiſer Mann herbei, der riet, man ſolle das Vaterunſer rückwärts beten, dann werde der Teufel davon- gehen. Das that man anch und um kroch der Teufel ſogleich ans der Höhle heraus und bat, man ſolle ihm erlauben, über die Salis eine Brücke zu bauen, dann werde er fortziehen. Das wurde ihm geſtattet. Der ſchlaue Teufel aber hatte die Abſicht anf dem gegen- überliegenden Ufer der Salis eine andere Höhle zu graben und nur deshalb um die Erlaubnis gebeten, eine Brüke zu bauen. Gegen Abend ſchleppte er den erſten Schoß voll mittelgroßer Steine
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80 Livländiſches Sagenbuch. herbei und warf ſie in die Salis. Ungefähr um Mitternacht holte er den zweiten Schoß voll; aber beim Kukurball-Geſinde überraſchte ihn der Hahnenſchrei. Er warf ſeine Steine dort nieder und machte, daß er ſortkam. Noch heute kann man dieſe Steine da liegen ſehen und die Leute nennen ſie „des Teuſels Schoßvoll.“ Die Salis aber iſt an der Stelle, wo der Teuſel ſeine Steine hineinwarſ, ſo flach geworden, daß man barfuß durchwaten kann. Lerch-Puſchkaitis, V 413. 97. Der Gräberberg bei Gvlgowsky. Nördlich vom Gute Golgowsky in Livland liegt ein Berg, der Kapu-kalns (Gräberberg) genannt wird. Heute befindet fich ein Feld darauf. Über die Gräber wird ſolgendes erzählt: die Ruſſen mit den Polen in Livland Krieg führten und die Ruſſen bereits einige Burgen eingenommen hatten, wollten ſie ſich auch nach Marienburg begeben, um auch dieſes zu erobern. Daher ver- abredeten ſie, ſich in zwei Teile zu teilen und fich bei Marienburg wieder zu vereinigen. Denn ſie hofften nicht, mit dieſer Burg ſo leicht fertig zu werden, wie mit Schwaneburg und Tirſen; hier mußte man vorfichtiger zu Werke gehen. Nun zog der eine Teil des Heeres von Schwaneburg her, der andere von Sinohlen. Beim Golgowskyſchen Tihzan- Geſinde traſen beide Teile in einer fehr dunklen Nacht aufeinander; ſie erkannten ſich nicht und jeder dachte, daß er auf den Feind geſtoßen ſei. Eine ſchreliche Schlacht be- gann; es floß ſo viel Blut, daß der nah gelegene See zu ſteigen begann. So kämpften ſie bis zum Morgen. Der See aber konnte das Bruderblut nicht anſehen; er erhob ſich lieber in die Luft und begab fich an einen andern Ort. Die Stelle, wo der See ſrüher gelegen hatte, wird noch jeht der Seeſumpf genannt. Die er- Mordeten Brüder aber wurden dortſelbſt auf dem Gräberberg begraben. Lerch-Puſchkaitis, Vl 212. 98. Die Teufelsſteine bei Marienburg. Als die „eiſernen Männer“ das Schloß Allukſne zu bauen begannen, fehlten ihnen Steine. Sie ſchloſſen deshalb mit dem Teufel einen Pakt, welcher ihnen Steine herbeizuſchaffen verſprach,
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Livländiſches Sagenbuch. 81 wenn fie ihm die Hälfte der Burg abtreten würden, was ſie ihm anch zuſicherten. Der Teufel fing nun an, Steine von jenſeits des Meeres nach Allukſne zu tragen, wobei er ſo eifrig arbeitete, daß ihm der Schweiß in Strömen von der Stirn rann. Als nun wieder einmal der Teufel das Meer durchſchritt, wobei er eine mächtige Laſt von Steinen trug, begegnete ihm ſeine Braut, die Todesgöttin, und fing an, ſich mit ihm zu unterreden. Dieſe Unter- haltung dauerte ſo lange, bis die Nacht zu Ende war und der Morgen anbrac<. Endlich half die Todesgöttin dem Tenfel die Laſt aufheben, doch da krähte im benachbarten Geſinde der Hahn, worüber die Todeönorne ſo ſchr erſchrak, daß ſie eiligſt zur Seite lief. Der Teufel konnte ſeine Bürde nicht mehr halten, er ließ ſie lv8, ſie ſtürzte zu Boden, wobei die Steine ſich über die ganze Gegend von Allukſne zerſtreuten. Der Tenfel ſah ein, daß er ſeinen Pact nicht gehalten, deshalb ging er von dannen und zeigte ſich nie mehr in jener Gegend. Die Todesgöttin blieb aber anf den ansgeſtreuten Steinen ſihen, da ſie es verſäumt hatte, vor dem Hahnenſchrei auf dem Kirchhofsberge zu ſein. Hier auf den Steinen joll ſie in früheren Zeiten von den alten Leuten um Mitternacht geſehen worden ſein. I. Aeehölin, Lat. teitas is Maleenas. Hrög, von P. Behrſinſch. (Riga 1888), rimberg, Rigaer Tageblatt 1893, Nr. 1: uE Me 99. Die Fichfe beim Onku-Geſinde. Vor vielen vielen Jahren lebte in den Ontn-Bergen im Marienburgſchen in Livland ein Mann Namens Antinwar. Er hatte zwei Söhne, die waren ſo ſtark wie ſchwarze Bären. Als der Vater alt wurde, übergab er den Söhnen Geſinde und Wirt- ſchaft. Die Söhne aber konnten ſich miteinander nicht vertragen, ſie verzankten ſich und zogen beide gen Weſten in den Krieg, ver- ſprachen jedoch nach einem Jahre wiederzukommen. Der Alte wartete, aber ſie kamen nicht. Jeden Abend ſtieg er auf den Hügel zur Fichte und ſchaute aus, ob ſie wiederkämen oder ihm Nachricht Fendeten. Aber weder das eine noch das andere kam. Im dritten Jahre aber verkündete ihm die Meiſe, daß ſeine Söhne jenſeit des Meeres große Herren geworden ſeien, jeder bei ſeinem Könige. Der Vater grämte ſich über das harte Herz der Söhne nnd ihre Vergeß- ſamkeit und ſterbend bat er die Nachbarn, ſie möchten ihn auf dem Bienemann, Sagenbuch. 6
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82 Livländiſches Sagenbuch. Hügel unter den Wurzeln der Fichte begraben. Und die Nachbarn erfüllten ſeine Bitte. Von der Zeit an leben die Wirte im Ontn- Geſinde im Unfrieden und ſterben ſehr bald, denn ſterbend hatte der Alte geflucht, daß alle Wirte des Outu-Geſindes ſo lange im Un- glüd und Unſrieden leben ſollten, bis ihrer ſo viel geſtorben ſeien, als die Fichte Äſte habe. Und jedesmal, wenn im Ontu-Geſinde ein Wirt ſtirbt, trocknet auch ein Aſt der Fichte ab. Noch heute ſteht die Fichte da auf dem Ontu-Berge und viele Werſt weit kann man ſie ſehen. Die Leute halten den Baum für heilig und niemand getraut ſich ihn abzuhanen. Man ſchäßt ſein Alter auf mehrere hundert Jahre. Schon iſt der größte Teil der Äſte abgetro>net, nur gegen Norden noch befinden ſich einige wenige grüne Äſte. I. Krehölin, Latw. teikas is Maleenas, Hrög, von P. Behr- finſch, 1 (Riga 1888), S. 21. 100. Tod und Grab des Lihwandi- maa-kuningas in Salishof. Im Bezirke des Gutes Salishof, im Rangeſchen Kirchſpiele, finden ſich zwei Gruppen alter Grabhügel vor, die das Volk als Kriegsgräber bezeichnet, und die Zeit ihrer Entſtehung als nach Erbauung des Schloſſes Nenhauſen angiebt. Das Schloß habe damals noch ohne den nachher dazu gehörigen Fleen exiſtiert; es ſei ſolcher viel ſpäter am Fuße des Schloßberges angelegt, und dann daſelbſt ein ſehr lebhafter Handelsverkehr mit den Ruſſen aus Pleskan geweſen. Die beiden Hügelgruppen, in gerader Richtung kamn drei Werſt von einander entfernt und ſüdlich an der Poſt- ſtraße von Werro nach Pleskau belegen, ſtammen angeblich aus einem Feldzuge, in welchem ein livläudiſcher König, Lihwandi-maa- funingas, nach andern ein Halb- oder Unterkönig, Lihwandi-maa- polkuningas, zwei Schlachten lieferte, in beiden ſiegte, nach dem letzten heiß errungenen Siege ſein Leben einbüßte. Von des Siegers Tod hat die Sage folgendes aufbewahrt: Die zweite, an einem ſehr heißen Sommertage gelieſerte Schlacht danerte von Sonnenaufgang bis ſpät nach Mittag munterbrochen fort. Der wutentbrannte, unn erſchöpfte König lechzte nach einem Trunk Waſſer, den ihm nnn endlich ſein Diener in einem Helme brachte. Der Held leerte dieſen Helm in einem Zuge aus, ohne daß ſein brennender Durſt gelöſcht wurde. Er beſahl unn ansdrücklich, ihm ſchmutziges
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Livländiſches Sagenbuch. 83 Waſſer zu bringen, damit er ſich im ferneren Trinken nicht zu viel thue, und ging jelbſt zum See. Der ungehorſame Diener reichte ihm aber doch zum zweiten und zum dritten Male wieder ganz klares Waſſer, von dem der König nun ſo lange trank, bis er endlich barſt, und tot in die Wellen des kleinen, hinter dem Holſta-Kruge gelegenen Sees ſtürzte. Sein Leichnam wurde glücklich herausgeholt, aber ſeinen Helm und fein dreiſchneidiges Schwert verſchlang der See, Beide Gegenſtände waren vor zwanzig Jahren noch bei hellem Somnenſchein im Grunde des Sees ſichtbar, wie die Sage behauptet. Wichtiger indeß als dieſe poetiſch ausgeſchmücte Todesart des Helden erſcheint die Sage von des Königs Grabmal, deſſen Stätte, etwa eine Werſt vom Holſta-Kruge entfernt, dicht an der nördlichen Seite der Pleskauſchen Poſtſtraße, noch heutigen Tages gezeigt wird, mit der Hinzufügung, das Grab ſei urſprünglich gemauert geweſen, die Zeit habe es aber zerſtört und Menſchenhände hätten ſpäter die loſen Steine zu nötigen Bauten bennht. Etwas einem Fundamente ähnliches iſt noch gegenwärtig an der genannten Stelle ſichtbar. Voubrig in Sehn d. gel. eſtn. Geſ. Bd. 1, 3, 90. -- Voubrig macht dazu die Bemerkung, der Tradition liege ohne Zweifel irgend eine "hiſtoriſche Begebenheit zu grunde und der Lih- oder 9a8 ſei wohl ein Ordenzritter geweſen. =- Es handelt ſich hier aber wohl ſicher um die Sage vom Tode des Alewipoeg aus der Kalewipoeg-Sage (Geſang XXV 500 ff ), deſſen Grab im Volksmunde Kuningahaud, Königsgruſt, heißt und an der beſchriebenen Stelle gezeigt wird. 101. Der Teufel als Freier in Samhof. Nicht weit vom Gute Samhof bei Odenpä in Livlaud be- findet ſich mitten in einem Moraſte eine noch ziemlich zugäugliche Stelle, an welcher eine auffallende Meuge Steine bei einander liegen. In der Nähe iſt ein See, an deſſen jenſeitigem Ufer ein Baueruge- finde belegen iſt, jeht (ea. 1840) einem Silla Peep gehörig. Vormals lebte dort ein Bauer, der ein gar ſchmuces Töchterlein beſaß, rund, voll und rotwangig, wie ein Apfel, ſtark und kräftig an Gliedern, wie eine ächte eſtniſche Schönheit es ſein muß. Die entzündete denn durch ihre großen Reize ſogar des Teufels Herz in Liebe. Er machte ſich nett, ſo gut er konnte, und ging zu ihr auf die Freie; in welcher Geſtalt, iſt nicht geſagt. Aber ſchmu> war er, und wurde angenommen. Die Nacht kam heran, in welcher nach des Bräutigams ausdrücklichem Willen die Hochzeitsfeier vor ſich gehen 6“
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84 Livländiſches Sagenbuch. ſollte. Da hatte er aber mit andern dringenden Geſchäften ſo viel zu thun, daß er ſich um mehrere Stunden verſpätete. Ver- drießlich darüber, brauſte er endlich durch die Lüſte daher und wollte den kürzeſten Weg über den Moraſt und den See nehmen. Als er indeſſen mitten über dem Moraſte ſchwebte, krähte der Hahn, und damit hatte er ſein Recht auf die Braut verloren. Im Zorne über dieſen Verluſt warf er nun, da er ſeine Wut nicht anders auszulaſſen wußte, jene Steine in den Sumpf. Andere ſagen, er hätte eine prächtige Brücke über den Sec bauen wollen, um über dieſe zu ſeiner Schönen zu gelangen, und dabei habe ihn der alle Teufelsmacht vernichtende Hahnenſchrei geſtört, worauf die Trümmer des unvollendeten Werkes in den Moraſt geſchleudert worden wären. Sein Glück hatte er aber immer verſcherzt, ſeine Abſicht nicht er- reicht; und was die Braut betrifft, ſo ſagen einige, ſic warte noch. Die Steine haben böſes au ſich behalten. Wer noch jeht zur Nachtzeit bei ihnen vorbei will, wird ganz verwirrt und läuft hin und her, ohne weiter zu kommen, bis es Tag wird und der Zauber bei ernentem Hahnenſchrei ſich löſt. Hat er gar Brauntwein ge- trunfen, wie jene bei der Verlobung, ſo iſt an das Finden des rechten Weges durchaus nicht zu denke! Voubrig in Verhandl. d. gel. eſtn. Gef. Vd. 1, 2, 81. 102. Das Teufelsboof bei Pdenpä. An der Grenze des Samhofſchen Gutsgebietes liegen zwei Seen, die beide den Namen Nönni-järw oder Nöni-järw führen. Nicht weit von dem größeren dieſer Seen ſicht man einen grund- loſen und fauligen Moraſt, der abermals ein ſchlechtes Zeugnis inbetreff der ſo verſchrieenen Klugheit des Böſen ablegt. Es liegt nämlich au einer Stelle dieſes Moraſtes ein Stein, der ziemlich groß iſt und das Anſchen eines umgekehrten Bootes hat, deſſen Kiel nach oben ſteht. Es wird erzählt, daß der Teufel, um einen recht ſchlagenden Beweis zweckmäßiger Anordnungen zu geben, ſich dies dauerhafte Boot zurecht gemacht habe, um bei ſeinen Geſchäfts- fahrten ſchneller über den See zu kommen; denn dort war ſein gewöhnlicher Kirchſpiels- oder Kommunikationsweg ins nächſte Gebiet. Allein gerade bei einer ſolchen offiziellen Fahrt, bei der gar ſchr perienlum in mora war, rückte das danerhafte Boot viel zu laugſam vorwärts, obgleich der Sitzende durch harte Stöße nachzuhelfen ſuchte, und abermalige Verſpätung war die Folge, durch welche ihm
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Livländiſches Sagenbuch. 835 ein ſicher geglaubter Fang entging. Da warf er im Zorne das Fahrzeug um und um, daß das unterſte nach oben kam, und machte ſich davon, Nun liegt es da. So oft man auch verſucht hat, es umzukehren und mobil zu machen, ſo iſt dies doch keinem gelungen; und wer das Boot anſicht, lacht jedesmal den Teufel aus. Boubrig in Verhandl. d. gel. eſn. Geſ, Vd. 3, 2, 82, 103. Die Hölle bei Vdenpä. Die Hölle iſt ehedem in Odenpä geweſen. Nicht weit vom Gute Samhof ſicht man eine bedentende Auhöhe, der gegenüber ſich einige kleinere hinziehen. Sie ſind ziemlich ſteil und ſchließen zwei Thäler ein, ein größeres und ein kleineres, die durch eine ſchmale Verbindung zuſammenhängen und nur von einer Seite zu- gänglich ſind. Dort uun war für einige Zeit die Hölle, und zwar im größeren Thale die große Hölle, ſuur pörg, im kleineren die kleine Hölle, weike pörg. Später zog der Tenfel fort und verlegte aus nubefannten Urſachen, vielleicht wegen ſchon erfahrener Kränkungen, ſeine ganze Anſtalt. Die kahlen Vertieſungen ſind zurücgeblieben. Der größere Berg heißt indeß noch immer der Höllenberg, Pörgomäggi. Nach der Thalſeite iſt er ſteil nud kahl; da hat wegen des ſtarken Feuers nichts wachſen können. = VBoubrig in Verhandl. d. gel. eſtn. Geſ. Bd. 1, 2, 82. 104. Der Wooruberg. Am Wirzjärw unweit der Laugen Brücke liegt ein Berg, Woorumäggi genannt, der einſt in grauen Zeiten den Umwohnern als Zufluchtſtätte vor dem Feinde gedient haben mag. Anf dem Berge wohnte einſt ein ſehr reicher Kaufnann Wooru Andres, der das ganze Land, ehe noc< die Städte Dorpat und Pernau erbant waren, mit ſeinen Kaufmannsgütern verſorgte. Seine Struſen oder Fahrzeuge gingen auf dem Embach in den Peipus und ſo nach Narva, anch nach der andern Seite aus dem Virzjärw an Fellin vorbei auf einem Fluſſe, der ehemals ſchiffbar geweſen, bis nach Pernan hin. Nachdem nm die Dentſchen ſich Dorpats bemächtigt, wollten ſie dieſem Wooru den Handel ver- wehren und weil ſie ſeiner Burg nichts anhaben konnten, hielten ſie ihn eine gute Zeit mnlagert. Als Woorn fich endlich nicht
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86 Livländiſches Sagenbuch. länger halten konnte, ſo ergriff er eines Nachts die Flucht. Man holte ihn aber bei einem See zwiſchen der Purtſchi-Mühle und Pühaſtekülla am großen Wege ein. Wooru, der ſich nicht gefangen geben wollte, flüchtete auf einigen zuſammengebundenen Balken, die er am Uſer fand, auf das Waſſer. Mitten im See hielt er an, und weil ihm da nicht beizukommen war, ſtarb er dortſelbſt vor Hunger. Die Deutſchen erſtiegen ſeine Burg und plünderten ſein Waarenlager. Daher heißt der Berg noch heute Woorumäggi und der See Andres- See. S. 176 Gel. Beitr. zu den Rigiſchen. „Anzeigen 1764 St. ui mate waran- nach dem Ringeuſchen Kirchenb1 Eiſen, EE dus S. 5 ff. =- Jung it . eſtn. Geſ, 1885 S. 267 etwas kürzer: Wooru ſtirbt nicht Sumer, ſondern ertrinkt. in Ei Der 105. Des Teufels Brotſchaufeln. Das Halliſtſche und Karkusſche Kirchſpiel in Livland find meiſt hochgelegen und bergig. Alle Bäche und Flüſſe fließen dort faſt immer durch tiefe Thäler. Über dieſe Berge und Thäler und Flüſſe haben die alten Leute ſtets etwas zu erzählen. So auch vom Halliſtefluß, der ans dieſen Kirchſpielen kommend durch den Kar- Shofſchen See fließt und in den Pernaufluß mündet. Am Rande ſeines Thales zwiſchen Karkus und Alt-Karrishof, die etwa zwei Meilen von einander entfernt ſind, befinden ſich vier ſogenannte Höllenberge- und thäler: der eine Berg in der Nähe der Karkusſchen Kirche; der zweite beim Gute Pollenhof gegenüber dem Mätkkiſte-Geſinde; der dritte beim Gute Abia hinter dem Indu-Kruge und viertens das Kodi-Thal, jenſeit des Fluſſes beim Gute Alt-Karrishof. In dieſen Bergen und Thälern haben, heißt es, in grauer Vorzeit die Familien des Teufels gewohnt. Weun ſeine Frauen Brot baten, dann warf das alte Höllenweib aus Abia die Brotſchaufel über den Fluß ins Kodi-Thal in Karrishof, wo das zweite Höllemweib wohnte, die die Schaufel dann wieder zurücwarf, wenn ſie das Abiaſche Weib nötig hatte. Ebenſo machten es die beiden bei Karkus und bei Mäkkiſte wohnenden alten Weiber des Teufels. Denn auf je zwei der vier Familien kam nur eine einzige Brotſchaufel. Jung, Zakala maa (Kodu-maalt Nr. 7. Dorp. 1878) S.
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Livländiſches Sagenbuch. 87 106. Der Annemäggi. Beim Gute Pollenhof in Livland in der Nähe des Beigutes Lilli liegt ein kleiner Hügel, der Annemäggi genannt wird. In alten Zeiten, ſo erzählt das Volk, ſtießen auf dieſem Berge zwei Hochzeitszüge auſeinander, wobei die eine Braut, die Auna hieß, erſchlagen wurde, Seitdem nannte man den Berg Anna-Berg, weil die Ermordete dort beerdigt wurde. Später habe das Volk angefangen, auf dem Berge zu opfern und Zuſammenkänſte zu halten, die ſolchen Umſang aunahmen, daß die Kirhenverwaltung dem Befiger des Schloſſes Karkus wiederholt beſahl, dem Unfug fräftig zu ſteuern. K. Jung, Eeſti rahwa wanaſt uſuſt, kombedeſt ja jutudeſt (Kodu- maalt Nr. 6. Dorp. 1879) S. - 48. = Wiedemann, Al. d- äußeren und inneren Leben der Eſten S. 416 erzählt von einem anderen Anna-Verg beim Sulbi Dorf bei "Melih wo auch ge- opfert wurde, =- Vgl. Nr. 107. Die Teufelsbrücke bei Vijun. Am nördlichen Ende des Wirtsjärw etwa zwei Werſt vom Oiju-Kruge nach Waibel zu befindet fich bei einem Bauergeſinde ein großer wegartiger, ziemlich hoher ſteinerner Damm, der un- gefähr eine halbe Werſt laug, eine Strecke weit gerade in den Si führt und dort in einem ungeheueren runden Steinhaufen plötlich abbricht. Diefen Dann hat einſt, ſagt man, der Teufel gebaut. Er wollte ihn in einer Nacht bis zum andern Ufer des Sees führen. Doch er wurde nicht ſertig und als der Hahn um Mitter- nacht zum erſten Mal krähte, ließ er feinen Schoß voll Steine fallen und eilte davon. „I Jung, Sakala maa (Kodu-maalt Nr. 7. Dorp. 1878) . 63 ff. =- Ähnliches wird vom Enſeküllſchen See erzählt : die Steine des Teufels liegen beim Sanmaſte-Dorf in der Nähe des Jiwe-Moraſtes; desgl. vom Karrishofſchen See. Ebenda. 108. Maalinn. In alten Zeiten, als das Volk noch beſſere und glülichere Tage hatte, ſo erzählen die alten Leute, ſtand in der Wiek eine ſtark beſeſtigte Stadt, die Maaliun (Landſtadt, Stadt des Landes)
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88 Livländiſches Sagenbuch. genannt wurde. Hier wohnte aus des Volkes eigenem Stamme ein Fürſt (wanem), der das Volk mit Liebe beherrſchte. Rings um Maalinn dehnte ſich weit und breit ſchr fruchtbares Land aus; große Dörfer, prächtige Bauergeſinde waren überall zu erblicken und unter der Herrſchaft der unternehmungsfreudigen Fürſten wurde Maalinn allmählig immer ſtärker und mächtiger. Alles dies er- regte den Neid der Feinde. Sie trachteten darnach, auf irgend eine Weiſe Maalinn in ihre Hände zu bekommen. Der Krieg hnb an. Wohl waren Maalinns Männer ſtark nnd gewandt; aber dennoch wurden ſie endlich überwunden, Visher waren ſie gewohnt, mit den Gegnern immer anf ehrliche Weiſe zu kämpfen und ehrlich fämpfend waren ſie den anderen doch immer überleg« iesmal jedoch kamen die Feinde nicht auf ehrliche Weiſe auf den Kampf- plat, ſondern wie die Wölfe in Schafsfellen. Niemand wußte, daß ſie im Auzuge ſeien; da drangen ſie nnerwartet auf das Heer von Maalinn ein und ſchlugen es leicht. Weit und breit um die Stadt herum machten ſie die Menſchen nieder; unr Maalinn ſelbſt war noch nicht in ihrem Beſiß. Doch lange kounte es nicht mehr währen, bis auch dieſes ihnen in die Hände fiel. Alle Kampf- fähigen hatten durch der ſchlauen Feinde Hand den Tod gefunden. Des Landes Fürſt und Herrſcher der Stadt war der einzige, der noch am Leben war. Mit Herzſchmerzen und Thränen im Ange ſah er das Unglück des Landes. Schon drangen die Feinde an die Stadt heran, die bald, da ſie ohne Kämpfer war, der Fremden Bente wurde. Verzweifelnd erhob der Fürſt die Hände gen Himmel und rief: „Wenn es denn ſein muß, daß den Feinden der Sieg zufalle, dann jollen ſie doch keinen Nungen von dem Lande haben. Möge es ihnen nicht gelingen, jemals mit ihrem Siege prahlen zu können!“ Kaum hatte er ſein Gebet beendet, da ging es auch ſchon in Erfüllung. Denn plößlich begann das Land zu ſinken und verſchwand alsbald. Au Stelle des Landes trat Waſſer. Die Stadt verſchwand und in ihren Wällen mit ihr zuſammen anch ein großer Teil der Feinde; und uicht unr die Stadt, ſoudern auch alle umliegenden Ortſchaften. Wo früher herrliche Dörfer und wohlhabende Geſinde, ſchöne Auen und ſtille Wieſengründe lagen, da dehnte ſich nun eine Waſſerfläche ans, da entſtand ein tiefer See, auf dem ſogar Schiffe ſegelten. Später ſchwand das Waſſer immer mehr und mehr und von dem See blieb nur ein Moraſt übrig. Ü ſelbſt aber war nicht ſo tief verſunken, wie die uml; ſchaften, Ans dem Waſſer, dem Schlamm und dem S« Sees erhob ſich an der Stelle des alten Maalinu ſpäter eine kleine
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Livländiſches Sagenbuch. 89 Juſel. Allmählich ließen ſich Menſchen auf dieſer Juſel nieder und erbauten dort einige Geſinde; nach dem Nameu der alten „Stadt des Landes“ neunt man ſie noch jeht die Maalinua-Geſinde. Der Geſchichtsforſcher ſicht hier aber die Stelle, wo vorzeiten die ſtarke eſtniſche Feſte Soontagana geſtanden, deren Zerſtörnug der mit der des Moraſtes hat. Eiſen, Eſiwanemate warandus S. 45 ff. = Eine Beſchreibung des Burgberges von Soontagana von Hueck, Verh. d. gel. eſtn. Geſ. 11, 51 ff.; Wendt, 5 III 1, 48 ff. mit Plau. Vgl. Kruſe, Hiſto1. Bemerkungen dazu, daſ, S. 53 ff. -- Im IJ. 1215 machten die Deutſchen mit Liven und Letten einen Einfall in die Gegend von Soontagana, überfielen die Dörfer, die durch kein Gerücht von ihrem Anzuge gewarnt waren und machten zahlloſe Menſchen nieder. „Und die Heiden waren beſtürzt und weinten." Die Er- oberung von S. erfolgte 1216. (Vgl. Heinrich von Lettl.). = 109. Die Bauernburg bei Wattel. In der Nähe der Karnſenſchen Kirche in Eſtland beim Gute Wattel liegt eine alte Bauernburg, die jeht wie das daneben liegende Dorf Linnuſſe genannt wird. Alte Leute haben erzählt, daß auf dieſer Burg einſt cin mächtiger König Namens Kuk ge- herrſcht habe, deſſen Namen und Andenken ſich auch in den Ge- finden Kukke und Kutke-Mihtel bei Woſel, in den Kukkemaperre nach Pernau zu und in den Familiennamen Kukkepn erhalten haben möge. Rinßwurm) im Inland 1863, Sp. 313. 110. Die Teufelsburg bei Kiwidepä. Bei Kiwidepä an der Einwiek iſt eine Landſpite, die mit großen Granitblöcen überſäet, ſich weit ins Meer hinein erſtret. Über dieſe Steine erzählt man eine Sage. Bei Röthel nämlich liegt an der Landſtraße ein großer Stein, auf deſſen oberer Fläche ſich fünf Vertiefungen als Spuren einer nugehenreu Kralle befinden. Ein ähnlicher Stein, der den Eindruck eines Pferdehnfs trägt, liegt etwa fünf Werſt davon bei dem Gute Berghof oder Düwelsberg. Anf dieſen beiden Steinen ſtand einſt der Teufel, mit dem rechten Fuße auf dem einen, mit dem linken auf dem andern nud hielt in der Schürze eine Menge großer Steine, die er ins Meer ſchleuderte,
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90 Livländiſches Sagenbuch. inn von Kiwidepä nach Saſtama einen Damm zu bauen. Dabei krähte der Hahn, der den Morgen verkündete; der lichtſcheue Teufel ließ die übrigen Steine fallen, die noch jetzt die Felder in der Nähe der Kirche bedecken, und entfloh, ſeine Fußſpuren in die Steine ein- drückend, wo ſie noch bis auf den heutigen Tag zu ſchen ſind. Rußwurm, Eibofolke 8 390, 3, =- Rußwurm, Sagen a. der Wiek, 5 B. -- Eſthona 1829, S. 359 von N(eus). == Ruß- wurm, Schloß Hopfal, S. 95. ==» Smiſſen in Bunge's Archiv 17, 153 ff. = Vgl. Nr. 111. 111. Der Divelsberg in der Wiek. In der Strandwiek in Eſtland waren die Banern mit der Ernte beſchäftigt. Die Mittagshize war drückend und alle arbeiteten ſchweigend, erfreut, wenn ein friſcher Seewind ihnen etwas Kühlung zuwehte. Da kam ein rieſiger Mann aus dem Gehölze hervorge- ſchritten, blieb an einem der Felder ſtehen, betrachtete mit funkelnden Augen die Arbeitenden und rief ihnen zu: „Ihr ſeid müde?“ „Ja, Herr,“ war die Antwort. „Wenn es en<h recht iſt, will B euch helfen, und noch mehr, ich will alle Arbeit allein thun und ihr mögt in die Schänke gehen nnd trinken.“ Die Leute ſahen ſich erſchre>t an; ein alter Bauer aber maß den Fremden prüfend mit den Augen nnd erwiderte: „Ihr ſeid wohl groß und ſtark, Herr, aber nicht groß und ſtark genug, um für fünfzig zu arbeiten.“ „Hoho!“ lachte jener, „nicht bloß für fünfzig, ==“ für tauſend, wenn es nötig Seht her und ich werde euch zeigen, wie ich, ich ganz allein, eine ſteinerne Brücke nach der Inſel Öſel hinüber- jchlagen werde!“ == Die Bauern entſehten ſich; der unheimliche Gaſt ergriff aber große umherliegende Steinblöcke, ſchwang ſie mit größter Leichtigkeit und warf ſie hinüber, daß ſie dem Auge ent- ſchwanden, In kurzem aber fügte ſich Stü an Stück und eine Rieſenbrücke begann ſich anfzutürmen, die ſich bei jedem Wurf des Gejellen vergrößerte. Da merkten die Arbeiter, daß es der Teufel war, und zitterten ſehr; nur der alte Bauer faßte Mut und rief: „Wir wollen keine Tenfelsarbeit und keine Tenfelshilfe! Laß uns im Schweiß nuſres Angeſichts nuſer Brot eſſen, lieber als daß wir in den Schänken liegen und des Satans Korn anf unſern Feldern wächſt! Fort mit dir und deinem Werke, im Namen Gottes!“ Der Tenfel lachte, aber da brachen die Steimnaſſen donnernd zuſammen
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Livländiſches Sagenbuch. 91 und ſtürzten brauſend und ſprudelnd ins Meer. Der Böſe ergrimmte und ſtemmte ſeine Füße auf zwei Felſen, während er zu rieſenhafter Höhe emporſchoß. Und in den Händen ſchwang er ein gewaltiges Felsſtück, mit einem Wurf den Schaden wieder herzuſtellen; er warſ, aber es ſtürzte ins Meer, daß das Waſſer weit über den Strand flutete und ihm bis ins Angeſicht ſprißte. Er brüllte auſ und ver- ſchwand. Bis auf den heutigen Tag ſicht man aber den Abdruck ſeiner Füße auf den beiden entfernten Steinblöken, den einen bei der Kirche von Röthel, den andern beim Gute Berghoſ, und das Volk nanute viele Jahre dieſe Stellen den Divelsberg. Gf. Rehbinder im Inland 1850, Sp. 136. -- Rußwurm, GEE 8 390, 4. -- Derſ. Sagen a. der Wiek, S. 63. -= Vgl. Ir. 112, Die Munga-rahwas. Beim Dorfe Pallewerre bei Palliſer in Eſtland licgt auf dem iſche ein ungeh, Stein; den haben die Munga-rahwas dahin geworfen. Dieſe Leute waren über zehn Fuß hoch und von ungeheurer Stärke. Sie haben anch die alte Kirche zu Pönal erbaut, denn man fand ganz oben in dem Mauerwerk ſo ungeheure Steine, daß gewöhnliche Menſchen ſie nicht hätten da hinauf bringen können. Rußwurm, Eibofolke 8 393, 19, =- Alte Götter, Rieſen, oder Zwerge erſcheinen ſpäter als Mönche (muuga-rahwas, munkar), See- räuber oder Seeungeheuer. Vgl. ebenda 11 und Nr. 264. == 113. Das Grab des Vatermörders in Bapſal. Ein Ritter hatte zwei Söhne, die lange Zeit im Kriege ge- weſen waren. Der jüngere hatte ſo viel Freude am Kriegshandwerte, daß er zu Hauſe keine Ruhe hatte und vom Vater eine bedeutende Geldſumme verlangte, um wieder zurückzukehren. Da dieſer ihm ſeine Bitte abſchlug und ihm ſeiner verſchwenderiſchen Lebensweiſe wegen öftere Vorwürfe machte, ergrimmte der Sohn, verbarg aber ſeinen Zorn und blieb einige Zeit im väterlichen Hauſe. Als einſt der Vater auf die Jagd ging, folgte er ihm, und nach kurzem Wortwechſel erſchlug er den ehrwürdigen Greis, deſſen Leichnam er im Walde verſcharrte. Nach vielem Suchen wurde der
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92 Livländiſches Sagenbuch. entſtellte Körper gefunden, und der Verdacht fiel anf die Söhne, die zum Schwur in die Kirche zu Hapſal gernfeu wurden. Die Hand auf die Wunde des Erſchlagenen gelegt, leiſteten beide den Reinigungseid, und der jüngere fügte hinzu, daß er nicht dreißig Schritte vom Altar gehen wolle, weun er nicht an dieſem Verbrechen unſchuldig ſei. Obgleich die Wunde bei ſeiner Berührung aufs neue anfing zu bluten, blieb er doch bei ſeiner Ausſage und ging ans der Kirche. Kaum aber hatte er dreißig Schritte vom Altar gethan, als er plöhlich vom Schlage getroffen niederſant und nur uoch Zeit hatte vor dem herbeieilenden Biſchof das Bekenntnis ſeiner verruchten That abzulegen. Gleich darauf ſtarb er, wurde an der- jelben Stelle begraben und ein Leichenſtein auf das Grab gelegt, der noch jekt das Andenken an dieſe Begebenheit erhält. Rußwurm, Sagen a. Sopjal, S. 5. =- Terſ. Sagen a. der Wiek, S. 33. Vgl. Anm. -- Derſ. Schloß Hapſfal, S. 78. Vgl. daſ, Anm, über die hiſtor. Veranlaſſung der Sage, =- Stavenhagen, Album balt, Anſichten, Bd. Ill. 114. Die Säule am Vberen See bei Reval. An dem Wege, der von Reval nach dem moikſchen Gottes- acer führt, ſteht unweit des Obern Sees eine ſteinerne Säule, oben breit, unten ſchmal, Vermutlich hat in dem obern Teile vor- zeiten ein katholiſches Heiligenbild geſtanden, Aber die Sage weiß es beſſer: es befindet ſich oben in der Sänle der Körper eines Unglücklichen. Als nämlich zu Peters des Großen Zeit Reval von den Ruſſen belagert wurde, hat jemand den Belagerern Mittel und Wege an die Hand gegeben, die Abflüſſe des Sees zu verſtopfen und dadurch der Stadt alles Trinkwaſſer zu entziehen. Das ge- jſchah auch und Reval mußte fich ergeben, aber der Ratgeber wurde in jene Sänle lebendig eingemauert. Pabſt im Jil. Revaler Alman. 1856, S. 41. 115. Die Teufelsſteine bei S. Martens. Nicht weit von S. Martens anf dem Hofsfelde von Maats in Eſtland wollte der Teufel eine Stadt erbauen und hatte ſchon eine Menge Steine dahin zuſammengeſchleppt, die noch jekt daliegen, in deren Nähe es aber nicht ſelten ſpukt und nuter denen große
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Livländiſches Sagenbuch. 93 Schäte verborgen liegen ſollen. Auch einen großen Stein, der auf der Viehweide am Wege zur Kirche liegt, wollte er dazu ver- wenden; da er aber tief in die Erde hinuntergeht, gelang es ihm nicht ſogleich ihn herauszuheben, und ehe er ihn an den Ort ſeiner Beſtimmung getragen, krähte der Hahn, weshalb er ihn fallen laſſen mußte, Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 65. 116. Das verſteinerte Brautpaar bei Kirrefer. In der Nähe der Kirche zu Kirrefer bei Leal in Eſtland ſtehen fünf große Steine, neben denen man abends in der Dämmerung Fenerfünkc<hen umherhüpfen und flimmern ſicht. Vor langen Jahren 309 des Weges ein Brautpaar von drei Marſchällen begleitet und traf an dieſer Stelle einen Zwerg, der ſie flehentlich bat, ihm bis zum nächſten Dorfe fortzuhelfen, da er bei einem Fall das Bein gebrochen habe. Nach verſchiedenen ſpöttiſchen Reden der Schaffner ergriff der Bräutigam die Peitſche und mißhandelte den Zwerg, in- dem er ihn zum Tanze zwingen wollte. Plöhlich erhob ſich ein furchtbares Unwetter, der Sturm ſauſte, der Wirbelwind pfiff und als der alte Zwerg ſeinen Stab ſchwang, wurde das Brautpaar nebſt den drei Marſchällen in Steine verwandelt. Inland 1846, Sp. 527, in Verſen von R. Fg. == Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 67. 117, Der Stein beim Linnamäggi. In der Nähe des Dorfes Sotaga bei Undel im S. Kathari- nenſchen Kirchſpiel it in Eſtland liegt am Abhang eines Berges ein großer Wie er dahin ge , weiß die Sage zu erzählen. == Die Rieſen wollten einſt eine Stadt bauen. Sie erſahen ſich zu dem Zwe einen hohen Berg, doch bevor ſie ans - Werk gingen, befragten ſie das Orakel. Der Spruch des Orakels ging dahin, daß ſie nur dann in ihrer neuen Stadt in Glücd und Frenden wohnen würden, wenn. der ungeheuer große Stein, der im Thale nebenbei am Flüßchen lag, der Grundſtein der Stadt werde. Selbſt der ungefügigen Stärke der Rieſen war aber das Hinaufſchaffen des Blockes eine nicht zu überwältigende
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94 Livländiſches Sagenbuch. Arbeit und auf die weitere Befragung, mit welchen Mitteln ſie das vollführen könnten, antwortete dieſes Mal das Orafel, daß eine reine Jungfrau den Stein in der Schürze auf den Berg tragen fönne. Nach vielem Wählen wurde endlich ein ſchönes Rieſeufräulein auzerſchen; doch leider riß ihr das Band der Schürze, als ſie kaum die Hälfte des Berges erſtiegen hatte. Der Stein rollte zum Fuße des Berges hinab, wo er noch heute liegt. Die Rieſen aber zerſtreuten ſich darauf in alle Lande und nur der Berg heißt beim Volke noch „Linnamäggi“, was zu dentſch „Stadt- berg“ bedentet. Mag. Klinge in Sitz: Ber. d. gel. eſtn. Geſ. 1880, S. 177. 118. Der Ebaweremäggi. Der Ebaweremäggi liegt, umgeben von vielen kleineren Hügeln in Eſtland in der Nähe der Kirche von Kl. Marien. Die Natur hat ihm eine herrliche Hülle verliehen, denn ſowohl Nadel- als Laubholz wächſt auf ihm, ihn jahrans jahrein mit grüner De>e ſchmücend. Beim Volke iſt er hochberühmt, weil dort in uralter heidniſcher Zeit geopfert wurde. Vielleicht hat er auch ſeinen Namen daher erhalten [Ebawere = Abhang des Aberglanbens]. =- Vor vielen Jahren au einem kalten Wintermorgen ging eine Witwe zum Brunnen, um Waſſer zu holen. Da ſchaute ſie zum Ebawere-Berg hinüber und erblickte dort viele ſtädtiſche Häuſer mit ſchneebede>ten Dächern. In der ſtillen Morgenluft ſtieg der Rauch aus den Schornſteinen ſchnurgerade zum Himmel empor. Deutlich konnte ſie der Pferde Huſgeklapper und Wichern, die Stimmen der Menſchen vernehmen. Das Weib ſtellte ihre Eimer hin und eilte zu ihrer Hütte zurüf, um den anderen zu melden, was ſie geſchen. Als ſic aber mit jenen wieder heranstrat, er- blieten und hörten ſie nichts mehr; keine rauchenden Häuſer, kein Pferdegewicher, keine Menſchenſtimmen. == Viele alte Leute, die bei dem Ebawere- Berge wohnen, erzählen anch, daß ſie als Kinder, ihr Vieh hütend, in früher Morgenſtunde Rauch aus Schornſteinen hätten auſſteigen ſehen und manche hätten ſogar Glo>engeläute ge- hört. Andere wiſſen zu erzählen, daß die Stadt Weſenberg in alten Zeiten am Ebawerc-Berge nud auf ſeinem Gipfel gelegen habe. Die Stadt auf dem Gipfel ſei aber, wahrſcheinlich ihrer Sünden wegen, mit all ihren Bewohnern in die Erde verſunken.
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Livländiſches Sagenbuch. 95 Die Häuſer der Stadt aber, die unten am Berge ſtanden, wanderten von ſelbſt dorthin, wo die Stadt Weſenberg gegenwärtig liegt. Eeſti Kirjameeſte Seltſi aaſtaraamat 1890, Beil. S, 92 ff. 119. Der Irwekiwwi (Rehltein) bei Maholm. Bei Maholm in Eſtland liegt am Rande eines Waldes ein nicht ſehr hoher Blo>, der oben muldenförmig vertieft ift. An dieſen Stein knüpft ſich folgende Sage: Eine böſe Schwiegermutter verwandelte ihre Schwiegertochter aus Rache, daß ihr Sohn nicht eine ihr beſſer zujagende Wahl getroffen, in ein Reh. Der Mann, troſtlos über das rätſelhafte Verfchwinden ſeines Weibes, ſtellte alle nur möglichen Nach- forſchungen nach ihr an, aber vergebens. Die Amme des Säug- lings, gleichfalls eingeweiht in die Geheimniſſe der Zanberei, hatte ihre Kunſt probiert und erfahren, daß die verzanberte Herrin ſich im nahen Tannenwalde als Reh aufhalte. Die Amme beſchloß nun, ihre ganze Kunſt aufzubieten, um das junge Weib zu retten. Zunächſt erſah ſie ſich einen großen muldenförmig vertieften Stein, der am Waldraude lag und mmnſpann dieſen mit Zanberei. Am nächſten Morgen eilte ſie, den Sängling im Arme, zu dem Stein, fehte fich neben dieſen hin und rief die Bannſormel in den Wald hinein: „Tulle koijo, irwekenne, tulle laſta lakkutama!“ d. h. Komm nach Hanſe, Rehchen, komm md ſäuge dein Kind! Aljo- bald erſchien ein Reh, kam zum Stein und von der Berührung desſelben, plaßte die Rehhaut. Die verwünſchte Frau konnte die- ſelbe abſtreifen und auf den Stein ausbreiten. ſängte dann in menſchlicher Geſtalt ihr Kind, mußte aber ſogleich, nachdem ſie das Geſchäft des Sängens beendet hatte, wiederum ein Reh werden, deun ſie ganz zu entzanbern reichte die Kunſt der Wärterin nicht. Die Mutter ſah täglich ihr Kind und ſäugte es. So verſtrich eine Zeit. Die Amme war unterdeſſen nicht müßig geweſen, durch andern Hokuspokus hatte ſie heransgebracht, daß nur dnrch Mit- hilſe des Mannes die Entzanberung vervollſtändigt werden könne. Sie befahl daher eines Tages dem Manne, er ſolle den Stein heizen und ſo glühend machen, daß alles ſofort vertrofnen müſſe, was anf den Stein gelegt werde, indem ſie ihm zugleich die Ausſicht auf ein Wiederfinden eröffnete. Das geſchah. Auf den bekannten Zauberruf erſchien das Reh, warf die Haut auf den Stein und begann ihr Kleines zu ſäugen. Wie ſie aber wieder die tieriſche
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96 Livländiſches Sagenbuch, Hülle aulegen wollte, war dieſe, o Wunder, ſo zuſammengeſchrumpft, daß ſie nicht mehr paßte. So war der böſe Zauber gelöſt und der überglüliche Mann hatte ſein Weib wieder. Ob die böſe Schwiegermutter beſtraſt wurde, das weiß man nicht zu melden. Mag. Klinge in Sitz: Ber. d. gel. eſtn. Geſ, 18809, S, 165. 120. Allo-linn. Auf dem Grenzgebiet des Gutes Haakhoſ im Luggenhuſenſchen Kirchſpiel in Eſtland nicht weit vom Meeresſtrande liegt ein kleiner Moraſt, deſſen Oberfläche ſich gegen den Mittelpunkt ein wenig erhebt. Dieſe Erhöhung trägt die Überreſte einer uralten Feſte, die ein längliches Viere> bildete. Nur wenige niedrige Mauerreſte ſind noch zu ſchen. m der Erbauung dieſer Burg weiß die Sage zu berichten. Einſt entführte ein mächtiger Zanberer ein Mädchen, die Tochter eines Häuptlings. Um für die Geranbte einen ſicheren Aufenthalt zu ſchaffen, ließ er eine jeſte Burg erbauen =- Allo-linn. Fr. Kr(eußwald) im Inland 1838, Sp. 583, =- Vgl. Grewingk Sib: Ber. d. gel. eftn. Geſ. 1886, S. 162. 121. Die Tochter des Sfrandbewohners von Tolsburg. Am Strande von Tool in Eſtland wohnte vorzeiten ein unermeßlich reicher Fiſcher, der ſchon von vielen Geſchlechtern Geld und Gut geerbt hatte, ungerechnet das, was er ſelbſt zuſammen- geſcharrt oder was der Hausgeiſt ihm zugeführt hatte. Er beſaß eine einzige Tochter, die von außen wohl einem hübſchen Blümchen glich, inwendig aber voll Tücke war. Der Reichtum ihres Vaters reekte die Naſe des Diruleins ſo ſehr in die Höhe, daß es ihrer Meinung nach im ganzen Lande keinen Burſchen geben konnte, den ſie hätte heiraten können. Daran wäre nun auch weiter nichts ge- legen geweſen, hätte ſie nicht ſelbſt die jungen Leute zu ſich heran- geloc>t und ſie dann hinterdrein mit Spott und Schande heimgeſchielt und vor aller Welt geläſtert. In dem Maße freilich, wie mit der Zeit die Geſchichte der verſchmähten Freier überall bekannt wurde, hörten endlich anch die Brautfahrten auſ, weil die jungen Lente dachten: mag die Übermätige hinter ihrem Geldkaſten zur
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Livländiſches Sagenbuch. 97 alten Jungfer verwelken, an deren Fleiſch dann auch nicht einmal ein Wolf mehr anbeißt. So verſtrichen ein paar Jahre ruhig, während welcher kein Freier mehr erſchien, Eines Morgens aber kam ein fremder vor- nehmer Freier auf einem ſchwarzen Pferde, er ſelbſt von Gold und Silber ſchimmernd, ſo daß man*ihn durchaus für nichts Geringeres als einen Königsſohn halten konnte, Einen ſolchen Freier durften mun freilih weder die Eltern noch die Tochter verſchmähen, vielmehr wurde er mit großen Ehren- und Freudenbe- zeugungen empfangen. Als jedoch der Freier zu Tiſche gebeten wurde, nahm er weder Speiſe noc< Trank in den Mund, ſondern bat die Braut, ſich ſchleunigſt anzukleiden, und mit ihm in ſeine Wohnung zu kommen, welche nicht weit entfernt ſei und wo Hochzeits- ſchmaus und Gäſte ſchon des neuen Paares harreten. Als die Maid ſich geſchmückt hatte, hob der Bräntigam ſie auf den Rücken ſeines Pferdes, ſchwang ſich ſelbſt in den Sattel und ritt wie der Wind davon, ſo daß man von ihm nichts weiter gewahr wurde als die Funken, welche des Pferdes Hufe aus den Steinen ſchlugen. Sie erreichten ein freies Feld, wo ein prächtiges ſteinernes Schloß vor ihnen ſtand, aus welchem ihnen der Feſtlärm der Hochzeitsgäſte dumpf entgegentönte. Der Bräutigam ſprang vom Pferde, half der Braut abſteigen, nahm ihren Arm und trat mit ihr in den Feſtſaal. Ein häßliches Hohngelächter, welches dem Mädchen durch Mark und Bein drang, empfing die Beiden, Dann erhob ſich ein lautes Krachen, als ob ein Donnerſchlag die Erde zum Berſten gebracht hätte! In demſelben Augenblike war das ſchöne Schloß mit allen Hochzeitsgäſten wie weggefegt und von allem keine Spur mehr vorhanden. Als die umwohnenden Leute auf das Getöſe herzueilten, zu ſehen was es gebe, konnte man nichts weiter entdeen, als einen ſteinernen Pfoſten von Menſchenhöhe, an deſſen oberer Hälfte viele Streifen hinliefen, wie Perlenſchnüre um einen Hals. So ſteht der ſteinerne Pfoſten bis zum hentigen Tage bei Karlshof vor dew Dorfe md = Schreckbild für übermütige Mädchen. Hreuhwald, Frſtirahwa ennem. jutud. S. 849. =- Kreußwaſld- Loewe, den Märchen 122. Der Tod des Eſtenhelden bei Illuk. Beim Dorfe Lehtepae in der Nähe des Gutes Jlluk im Jeweſchen Kirchſpiel in Eſtland befindet ſich ein Högel, auf dem Vienemann, Sogenbuch.
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98 Livländiſches Sagenbuch. eine uralte rieſige Eiche ſteht. An dieſe Eiche knüpfen fich noch mancherlei Sagen und Überlieferungen. In grauer Vorzeit, als die Hand des fleißigen Landmanns noch nicht den der Gottheit geweihten, den ganzen Berg bede>enden Hain zur Erweiterung feines Ackers abgehanen hatte, ſollen auf einer der noch jeht [ea. 1869] ſtark hervortretenden Wurzeln der Eiche den guten wie den böſen Gottheiten Opfer gebracht worden ſein. Und gerade unter dieſer Eiche ſoll die Freiheit des Eſtenvolkes durch Liſt der eindringenden Sakſad [Deutſchen] ſich in ewige Abhängigheit ver- wandelt haben. Denn, ſo geht die Sage, ein mächtiger Beherrſcher des Eſtenvolkes, an Kraft und Mut keinem der Sterblichen ver- gleichbar, Sohn einer Gottheit, von ihr beſchüßt und durch eine ihm verliehene Salbe im Kampfe unverwundbar, ruhte unter dieſer Eiche von einem hißigen Gefechte gegen die Sakfad aus, verfiel aber gegen das Gebot der ihn ſchirmenden Gottheit aus allzugroßer Müdigkeit in einen tiefen Schlaf. Unterdeß überfielen die Sakſad jeine Mannſchaft und töteten fie. Wohl hörte er das Wehgeſchrei der Seinigen, konte ihnen aber nicht zu Hilfe eilen, da ihm die Gottheit zur Strafe, daß er eingeſchlumnert war, ſeine früheren Kräſte eutzogen und ihn wieder verwundbar gemacht hatte. So wurde er anch, Sohn einer Gottheit und Beherrſcher des Eſten- volkes, von den Sakſad übermannt und tötlich verwundet, wobei er einen ſo gewaltigen Schmerzensſchrei ausgeſtoßen hat, daß das ganze Land ihn gehört. Noch im lezten Todeskampfe hat er ſoviel Kraft gehabt, ſieben Werſt weit den Berg hinunter zu rollen, um fich den verhaßten Sakjad nicht ergeben zu müſſen. Im angrenzen- den Moraſt haben ihn ſeine übrig gebliebenen Getreuen begraben. Aus einer der vielen Thränen, die der mächtige Beherrſcher über die verlorene Freiheit des großen Eſtenvolkes geweint, ſoll der nnweit des Berges belegene See, jeht Konzo-See genannt, ent- ſtanden ſein. Diekhoff in Sih : Ver. d. gel. eſtn. Geſ. 1869, S. 49 ff. weiſt darauf hin, daß ein gewiſſer Zuſammenhang mit der Kale- wipoeg-Sage zu beſtehen ſcheine. 23. Die Teufelsſchmiede auf Dagö. Bei der Kirche zu Pühhalep liegt hart am Meer ein an- ſehnlicher Berg mit vielen Höhlen im Junern. Da hat vorzeiten der Tenfel oft hausgehalten und in einer Höhle ſeine Eſſe gehabt, wonach ſie auch im Volke des Tenfels Schmiede hieß. Hier war
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Livländiſches Sagenbuch. 99 er den Tag über bei der Arbeit, nachts aber fuhr er in einer großen ſchwarzen Kutſche mit acht ſchwarzen Hengſten ſpazieren. Vor allem fuhr er gern anf das Gnt Großenhof, jagte da etliche Male um den Hof, kehrte dann um und raſſelte an der Kirche vorbei zu ſeiner S "de zurück. Darob geriet die Herrſchaft auf Großenhof in arge Not. Niemand getraute ſich mehr abends zu Bett zu gehen. Allnächtlich kam der Böſe mit ſchre>lichem Gepolter, von vielen Knechten begleitet, auf den Schloßhof und trieb allda ſein Weſen. Die Leute wußten kein Mittel gegen ihn, gingen darum hin zum Pfarrer und baten den um Hilfe. Der Pfarrer nahm am anderen Abend Bibel und Geſangbuch unter den Arm und das Krenz in die Hand und machte ſich auf den Weg nach Großenhof. Wie er da eine Weile gewartet hatte, ſpürte er ein gewaltiges Gedröhne, daß die Erde unter ihm erzitterte. Gleich daranf ſanſte des Teufels Kutſche mit acht feuerſchnaubenden Roſſen auf den Hof. Beherzt trat ihm der Pfarrer mit den heiligen Büchern und dem Kreuz entgegen und hub an den Teufel zu ſchelten. Der knirſchte wütend die Zähne und ſchwur, er wolle dem Pfarrer in ſeinem eigenen Hauſe zu Gaſt kommen, wenn er ihn von hier vertriebe. Der Pfarrer aber achtete ſolcher Drohung nicht und ſo mußte der Böſe zornig entweichen. Einige Tage daranf bemerkte der Knecht des Pfarrers am Abend, wie der Teufel mit großem Getöſe an der Kirche vorbei- führ und gerade den Weg zur Pfarre nahm. Eilig lief der Knecht zum Pfarrer in die Schlafkammer, um ihn zu wecken. Schon füllte das Höllenvolk den ganzen Pfarrhof und der Teufel ſelbſt trat ins Zimmer, als der Pfarrer erwachte, hurtig ſein Amtsfkleid überwarf und mit der Bibel in der Hand dem Böſen entgegenging. Dawider konnte der Böſe nichts ausrichten und mußte entweichen, hieß anch ſein Volk umkehren. Seitdem ſah man ihn weder auf das Gut noch zur Pfarre kommen. In ſeiner Schmiede hämmerte er nun ohne Unterlaß und vollführte einen grenlichen Lärm. Das verdroß die alten Weiber gar ſchr, die am Strande Wäſ Sie ergriffen die naſſen Hemde, ſuchten den Böſen in ſeiner Schmiede auf und fielen ſo waer über ihn her, daß er es ſeitdem nicht mehr verſuchen mochte und ganz von ſeinem Spektakel abließ. Rußwurm, Eibofolke 8 391. 1. =- Rußwurm, Sagen a. Hapſal S. 30. erſ. Sagen a. der Wiek S. 130. (Der Pfarrer wird vie Jahn 6 (2)* genannt), -- Eiſen, janemate warandus I zärchen u. Sagen S. 30 ff. Vgl. anch EIE M4 (ie Au
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1600 Livländiſches Sagenbuch. 124. Pank. An der nordweſtlichen Küſte von Oeſel beim Dorfe Wehma ſich ein über hundert Fuß hohes Seeufer, Pank genannt. jehr ſchroff. Nicht weit davon ſoll eine Art von Scylla jein, eine Stelle, die zuweilen unruhig wühlt und gleichſam zu kochen ſcheint. Bei den Einwohnern des Dorfes Pank geht die Sage, daß ehemals alljährlich ein lebendes Wejen, Menſch oder Vieh, von dem ſteilen Abhang herabgeſtürzt und in den Abgrund des Meeres geriſſen ſei, um vom Meeresgotte verſchlungen zu werden. Dieſen Unglücksfällen vorzubeugen, entſchloſſen ſich die Leute, den Meeresgott zu beſänftigen, indem fie ihm alljährlich ein freiwilliges Opfer brachten, das wahrſcheinlich aus Bier und Brannt- wein beſtand. Es fährt noch jezt an einem gewiſſen Tage ein bemanntes Boot zu einer beſtimmten Stelle der See, wo das Waſſer in einer branſenden Bewegnug iſt. Daſelbſt gießt die Mannſchaft Bier nnd Branntwein ins Meer und der Meeresgott iſt verſöhnt. Luce, Veitr. z. ält. Geſch. der Inſel Oeſel (Pernau S. 112. -- Luce, in Mittheil. a. d. livl. Geſc S. 45% Rußwurm, Sagen a. d. Wiek S. 38, Vgl. die Amm. 125, Die Blocksbergsritter. Auch auf Oeſel iſt die Sage vom Blocksberge bekannt. Der hieſige Eſte erzählt, daß einmal ſich ein Paar Mädchen verſtet hätten, um zuzuſchen, wie die Blocksbergsritter ſich zu ihrem nächt- lichen Ritte anſchieten. Man hatte fie gewarnt, ja nicht zu lachen, fonſt würden ſie plaßen. Nachdem aber Jeder der Abreiſenden ſchon mit einem Beſenſtiele, Ziegenbocke 1. f. w. verſehen war und ſchon in den Keſſel gerochen hatte, wodurch man die Geſpenſter- natur erhielt, fehlte dem Knechte noch ein Reitpferd. Der Wirt rief ihm zu: „Da in dem Winkel ſiht eine Maus, nimm die!“ Er nahm die Mans, ſchwang ſich darauf und klatſchte mit der Peitſche. Dies kam dem einen verſteckten Mädchen doch ſo lächerlich vor, daß ſie lachte und =- platte. Einem Bauern fehlten in der obern und mitern Kinnlade die vordern Zähne, und er wollte nie geſtehen, wann, wie und wo er ſie verloren habe. Auf ſeinem Totenbette geſtand er endlich, daß er einmal mit auf dem Bloksberge geweſen wäre. Er hätte da auch viele Dentſche gefunden, für welche ſeparat gekocht worden. Nun wollte er doch gerne wiſſen, was dieſe eſſen würden, hätte alſo in
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Livländiſches Sagenbuch. 101 den Keſſel geguet, welches ihm aber der Teufel Küchenmeiſter mit einem ſo heftigen Schlage mit ſeiner eiſernen Kelle auf's Maul vergolten, daß er alle ſeine Vorderzähne eingebüßt hätte. == Pabſt, Bunte Bilder 1 97. =- Luce, Beitr. 3. ält. Geſchichte Oeſels (Pernau 1827), S. 59. 126. Der ſilberne Bedzer vom Blocksberg. Auf Worms iſt in dem Walde bei Fällana cin Hügel, Blo>s- berg oder weißer Berg genannt, auf dem vorzeiten Hexenver- fammlungen gehalten worden ſind. Vor langer Zeit ritt in einer Weihnacht3nacht ein junger Bauer aus Förby, Andurs, der ſich etwas zu früh zum Morgengottesdienſt aufgemacht hatte, an dieſer Stelle vorbei und war nicht wenig verwundert, als er den Berg hell erleuchtet und eine große Geſellſchaft beiſammen fand, die an reichlich mit Speiſen und Getränken beſehten Tiſchen es ſich wohl ſein ließ. In der Mitte ſaß der Fürſt des Feſtes, der alte Boc, der dem Andurs mit einem ſilbernen Becher entgegentrat, ihn freund- lich grüßend, und ihm einen friſchen Trunk anbot. Andurs nahm den Becher, aber ſtatt zu trinken, ſchüttete er den Inhalt über ſeine Schultern aus, gab dem Pferde die Sporen und entkam glücklich mit dem Becher, den er dem Paſtor überlieferte und der noch jekt in der Kirche als Abendmahlskelch gebraucht wird. Das Pferd aber hatte, wo es von dem giftigen Hexengebräu getroffen war, Haut und Haar verloren. Aufinen, Eibofolke, Nachtr., S. UME Worms, ſchwed. Sagen a. der Wiek, S. 127. Das Kreuz bei Hullo. Vor langer Zeit lebte ein junger Bauer in Hullo auf der Inſel Worms, der mit einem Mädchen aus Suiby verlobt war. Schon war ein Jahr ſeit ihrer Verlobung verſtrichen und der Tag der Hochzeit näherte ſich; da merkte der Bräutigam eine große Ver- änderung ſeiner Braut, die ſonſt ſtets liebreich und freundlich gegen ihn geweſen war, jeht aber ihn mit Gleichgültigkeit und Verachtung von ſich ferne hielt. Bald wurde es ihm klar, daß einer ſein Nachbarn, ein hübſcher und lebensluſtiger Mann auf ſi i! kürlich einen tiefen Eindru gemacht haben müſſe, da ſie ihn mit
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102 Livländiſches Sagenbuch. ihren LiebeSäußerungen verfolgte. Wut und Eiferſucht erfüllten ſeine Seele, und mit einem langen Meſſer bewaffnet, rannte er an einem Zonntagnachnittag den Weg nach Suiby hinunter, wo er ſie mit feinem Nebenbuhler freundlich fich unterhalten geſehen hatte. Die Braut wollte unbefangen an ihm vorübergehen, er aber hielt fie an, warf ihr mit harten Worten ihre Trenloſigkeit vor, und da ſie ſich zu rechtfertigen nnd den Umgang mit jenem gänzlich zu lengnen ſuchte, ſtieß er ihr in der Aufwallung des Zornes das Meſſer ins Herz. Kanm war die That vollbracht, kaum ſah er die ſonſt jo ſchr geliebte bleich werden, Blutſtröme vergießen und niederſinkeu, als heftige Rene jein Herz ergriff; ſein Verbrechen ſtand in blutigen Flammenzügen vor ihm, in hellem Wahnſinn zückte er das Meſſer gegen ſeine Bruſt und ſank entſeelt zu ihren Füßen nieder. Man fand das unglüdliche Paar, begrub es neben dem Wege von Hullo nach Suiby in Bröengsgärd, und ſehte zum Andenken an dieje Begebenheit ein hölzernes Krenz dahin, welches nie ver- fanlt und beim Ernenern des Zaunes ſtets geſchont wird; ja man fürchtet ſich, dasſelbe zn berühren. Nicht ſelten ſicht man an dieſer Stelle, wenn man am Sonntagabend im Dunkeln vorbeigeht, unheim- liche Geſtalten und hört klagende Töne, doch geſchicht keinem Men- ſchen ein Leid. Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 57. Aus Worms, ſchwed. 128. Der Riltimäggi auf Dagö. In den Tagen der Vorzeit ereignete ſich's, daß zwei Hochzeits- züge Dagöſcher Eſten, der eine nach der Traunng aus der Kirche zu Pühhalep, der andere aus der zu Röiks heimkehrend, ſich auf dem nicht weiten Waldwege, der beide Kirchen mit einander ver- bindet, begegneten. Keiner der Züge will ausweichen, dem andern die Ehre des Vortritts gönnend. Die Bräntigamödiener (peiopoiſid), die beide Züge mit entblößten Schwertern führen, ſchreiten, ſchon früher aufgeregt durch die Frende und Stimmung des feſtlichen Tages, nach kurzen Worten zur nahen blutigen That. Aber der Ansgang des Kampfes iſt für beide Teile traurig und unſelig: der eine ſicht die Braut, der andere den Bräutigam in ihrem Blute tot hinſinfen. Das Entſetliche erſt bringt wieder Beſonnenheit und Frieden unter die Streitenden, An dem Orte des Kampfes ſelbſt werden die beiden Erſchlagenen in ein Grab gebettet und jeder der
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Livländiſches Sagentub. 163 Anweſenden pflanzt das heilige Zeichen des Kreuzes auf die Stätte des Jammers. Und allgemein ward es te, daß wen immer von Franen und Männern ſein Weg hier vorüberführte, aus Stäben oder Reiſern ein leichtes Kreuz zuſammenfügte und auſſtellte und ein kleines Opfer hinthat. Dies gab dem Orte den Namen Riſti- mäggi, Kreuzberg, wie er noch jeht von den Landleuten genannt wird. Jene Sitte aber kommt gegenwärtig (1829) mehr und mehr in Abnahme, obwohl die Stätte ſelbſt auf einer geringen Erhöhung des Erdbodens am Wege noch immer zu erkennen iſt an einer Menge kleiner Krenze, und viele ſich noch erinnern, dort gefundene alte Münzen geſchen zu haben. Nieus) in der Eſthona 1829, S. 416. =- Boubrig nach Seppa Ado, Verhandl, d. gel. eſtn. 0: 1, 3, 63, =- Of, Rehbinder, Zuland 1851, Sp. 417. == Rußwurm, Eibofolke 8 398, 1. Rußwurm, Sagen a. Sopjal S. 29, == erf. Sagen a. der Wiek S. 52. => Eine ähnliche Sage wird von einem Hügel beim zu Föl> in Livland gehörigen Beigute Samla erzählt, wo zwei ſteinerne Äreuze - ſtehen. Z. Jung, Sakala maa (-Kodu-maalt Nr. 7. Dorp. 129. Die Brautſteine bei Vuckö, Vor vielen Jahren holte ein Bräutigam aus Paſchlep auf der Inſel Nuckd ſeine aus Worms gebürtige Braut heim und war ſchon faſt den Sund glücklich paſſiert, als das Eis brach und er mit der ganzen Geſellſchaft in den Fluten ertrank. Brant und Bräutigam, nach andern anch ſämtliche Gäſte, wurden in Steine verwandelt, die man noch jeht ſicht und „Hochzeitsſteine“ oder „Brautſteine“ nennt. Früher lagen ſie tiefer in der See, jeht da das Waſſer niedriger ſteht, ſind ſie in der Nähe des Ufers. Seit dieſem unglücklichen Falle heiratet niemals ein Mädchen oder ein Jüngling aus einer fremden Gemeinde, denn es iſt von Gott ſo beſtimmt, daß jedes Kirchſpiel für ſich bleiben ſoll. Außiwurng, Eibofolke 8 398, 2. = Deri. Sagen a, Hapſal S. 29, =- Derſ. Sagen a. der Wiek S. EN SGEEREEHT M MCI MESH ö von ſchen See in Polniſch-Livland bei Bonifazow liegt ein "aller Burgberg, den die Lente jezt das „alte Schloß“ nennen. Die Burg ſelbſt aber iſt in alter Zeit ſchon
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104 Livländiſches Sagenbuch. verſuufen, gerade als ein Ritter ein entführtes Lettenmädchen ſich in der Burgkirche antrauen laſſen wollte. Noch jetzt, ſagt man, klingen um Mitternacht Glo>eu- und Orgeltöne aus der Erde herauf. Aber um keinen Preis geht jemand jeht nachts an den Ort*). Bielenſtein in Balt. Monatöſchr. Bd. XX1X, S. 731. 131, Die Kirche von Saßmacken. Der Beſizer des Gutes Saßmacen in Kurland hatte ſich einſt mit ſeinen zwei Begleitern auf der Jagd verirrt. Er ſuchte lange vergebeus den Weg nach Hauſe und gelobte, auf der Stelle, von der ans er ſeinen Hof zuerſt erbliken würde, eine Kirche zu er- Endlich erreichte er einen mit Wald bewachſenen Hügel, 1 Pferd niederkniete und nicht von der Stelle 4 ſich umſah, gewahrte er im Abenddunkel den ganz nahen Hof. Er- freut ſtete er ſeinen Degen in die Erde, um die Stelle zu bezeichnen, worauf ſich ſein Pferd erhob und er nach Hauſe ritt. Bald nachher ließ er den Wald lichten und auf dieſer Stelle die Kirche erbauen, um die ſich ſpäter durch Anſiedlung ein Flecken bildete. Wioldema)r im Inland 1844, Sp. 538. 132. Die Schrundenſche Kirche. Als man die Kirche von Schrunden in Kurland bauen wollte, ritten drei Paſtoren aus, um die Stelle für den Van zu wählen. Zuerſt ritten ſie auf den Ruſſenberg (Kreewukalns); da verrenkte fich ein Pferd den Fuß. Dann ritten ſie auf den Burgberg (Pils- falns); dort ſchlug ein Pferd aus. Endlich ritten ſie dahin, wo heute die Kirche ſteht; hier warf ſich ein Pſerd auf die Knie, Nun jahen ſie, daß dies der für den Kirchenbau beſtimmte Ort war. Aber damals in alten Zeiten konnte man keine Kirche erbauen, bevor man nicht ein Kind oder ein keuſches Mädchen in einen Pfeiler der Kirche hineingemanert hatte**), ſouſt ſtürzte das, was man *) Eine verſunkene Burg ſoll ſich auch auf dem Burgberge beim Dorfe Popitöfalni in Poln.-Livland befinden. Dort geht das Burgfräulein mit zwei Hunden um. Ein Hüterjunge ſtieg oft durch den Eingang hinab; als er aber einmal einen goldenen Hammer mitbrachte, verſchwand der Eingang. Vielenſtein a. a, O. S. 5*) Es heißt auch, man habe früher eine Kirche nur dort erbauen können, wo Menſchen geſtorben waren, oder wo Menſchenknochen lagen; ſonſt habe man jemand einmauern müſſen. Anm. a. a. O. S. 415.
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Livländiſches Sagenbuch. 105 tagäüber aufgebaut hatte, in der Nacht wieder zuſammen. Anch bei der Schrundenſchen Kirche ging es ſo. Man ſandte alſo Boten ans, die Kinder oder Mädchen fragen ſollten, ob ſie nicht die Schlüſſel der Kirche verwahren wollten. Den Kindern wurde wohl angeſagt, ſie ſollten, wenn gewiſſe Lente kämen, ihnen antworten, daß ſie die Kirchenſchlüſſel niht verwahren wollten. Ein Mädchen jedoch, Namens Skrule, wußte nichts davon und antwortete: „I< will die Schlüſſel wohl verwahren“. Da nahm man ſie und mauerte ſie in einen Pfeiler der Kirche hinein, Und ſiehe! jeht ſtürzte nicht mehr zuſammen, was man tagsüber gebaut hatte. Lerch-Puſchkaitis, V 415, 133. Die Kirche von Leſten. Früher war die Kirche von Leſten viel ſchöner und zeichnete fich dadurch vor allen Kirchen in Kurland aus. Der Turm war jo hoch, daß die Schiffer ſich oft verſahen und ihn für den Petri- turm von Riga hielten. Ein berühmter Orgelbauer ſchmückte die Kirche durch eine ſchöne Orgel, die ſich durch ihren Klang vor allen Orgeln der Welt hervorthat. Wenn man ſie ſpielte, jo bewegten ſich an der Lage der Kirche allerlei Geſtalten und Vögel. Dem berühmten Meiſter vergalt man aber damit, daß man ihm die Augen ausſtach, weil er verſprochen hatte in der Kirche von Sinxt noch eine viel ſchönere Orgel zu bauen, Da zerriß er jedoch in ſeinem Zorn eine Saite (!), von der niemand wußte und verdarb jo die Orgel für ewige Zeiten. Die Schiffer aber verfluchten deu hohen Turm und der Donnergott erhörte ihren Fluch und zer- ſchmetterte den Kirchturm bis zur Hälfte. Lerch-Puſchkaitis, 1 180. -- Die Kirche iſt 1670 erbaut; die Orgel 1708 durch Cornelius Rhanäus. Der Turm wurde 1747 durch den Blih zerſtört. =- 134. Die Kir<e zu Siuxt. Die Kirche von Sinxt in Kurland ſteht jeht auf einer niedrig- gelegenen Stelle, Aufangs aber wollten die Leute ſie auf einem Hügel nahe beim jetzigen Gute Sinzxt erbanen. Doch der Grund- ſtein veranlaßte ſie, den Plau zu ändern. Am Tage auf den Hügel gebracht, rollte er nachts immer wieder an die Stelle, wo
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106 Livländiſches Sagenbuch. jeht die Kirche ſteht. Endlich entſchloß man ſich die Kirche an dieſer Stelle zu bauen. Deu Grundſtein mauerte man zuerſt beim Altar ein, dann unter der Kanzel; jekt befindet er ſich im Fuß- boden an der Eingangsthür. n CEN Rakſtu krajums 111 (1885), S. 86. =- Lerch - Puſchkaitis, 02. = 135. Die Kirre m Ekau. Zuerſt wollte man die Kirche von Eau in Kurland auſ der andern Seite des Fluſſes erbauen, auf dem ſogenannten Gottes- garten. Aber die Grundſteine, die man am Tage eingemauert hatte, waren in der Nacht an die Stelle hinübergerollt, wo jetzt die Kirche ſteht. So beſchloß man, die Kirche hier zu erbauen. Als die Kirche nun eingeweiht war, da wollte die Orgel feinen Klang geben. Die Leute durchſuchten die Orgel und fanden in ihr einen ſtunmmen Menſchen. Der Stumme wurde in die Mauer der Kirche eingemanert und ſogleich begann die Orgel wieder zu tönen. Lerch-Puſchkaitis, 1 184. 6. Die Ruinen bei Wangen. Beim Gute Wangen in Kurland, zwei Meilen von Haſenpot, bemerkte man auf einem Hügel Spuren alten Gemäuers und Keller, vou denen die Sage geht, daß es die Überreſte einer Kirche, vielleicht auch eines Kloſters, ſeien und daß man dieſes Gebäude über die Allſhwangeuſchen Wälder hin, von dem 6 bis 7 Meilen entfernten Meere habe ſehen können. Dieſer Umſtand ſei die Ver- aulaſſung des Scheiterus von Schiffen geweſeu, daher eines Tages fremde Krieger vom Meere hergekommen ſeien und das Gebäude zerſtört hätten. Weoldema)r im Juland 1844, Sp. 344. 137. Die Magdalenenkir<e in Siſſegal. Die Magdalenenkirche in Siſſegal in Livland iſt zum An- deufen an die Tochter des erſten <riſtlichen Livenhäuptlings Kaupo
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Livländiſches Sagenbuch. 107 erbant worden. Aber der Ban ſchritt garnicht vorwärts; was tagsüber erbant wurde, fiel in der Nacht wieder ein und ſchließ- lich verſank alles in der Erde. Es gab keinen andern Answeg, als einen lebendigen Menſchen in die Manern der Kirche ein- zumanern. Eines Tages ging der Erbaner, um einen ſolchen zu fuchen. Endlich kam ihm ein Mädchen namens Magdalena ent- gegen; die fragte er: „Wer will die Schlüſſel der Kirche ver- wahren?" =- „Ich will es!“ antwortete Magdalena. So wurde denn in der Nähe der Kanzel in der Mauer eine kleine Kammer gebaut, in die man einen kleinen Tiſch und einen Stuhl ſtellte. Nach- dem man dann Magdalena mit Wein betäubt hatte, fete man ſie in die Kammer, gab ihr eine Flaſche Wein mit und mauerte ſie lebendig ein. Die Kirche aber wurde daher nach dieſem Mädchen „Magdalenenkirche“ genannt. Lerch - Puſchkaitis, VI S. 199, (Vgl. Buſch, Materialien S. 511 ) -- Ganz ähnliches von der Kirche von Schuien, die zuerſt da erbaut werden jollte, wo feht Hirſchenheide liegt. Der Bau in Schuien gelang erſt, als man die Frau des Arbeiters Skuje (Schuien==lett. Stkujene) WSEHR hatte. Ebenda. S. 206. 138. Libbien. Das Gut Libbien in Livland liegt unten am Fuß des Biſcheberges. Von hier aus bis Lubahn hin finden ſich keine Berge mehr, alles iſt eine flache Ebene. Etwa vier Werſt öſtlich von Libbien liegt das Pagrabeet-Geſinde. In alter Zeit, erzählt man, ſtand dort ein Gut und eine Kirche, die mit einem Zaun umgeben war. Dieſe Kirche beſaß nun keine Glocke, aber im Zamnn befand ſich eine kupferne Pforte, die beim Öffnen ſo lant erklang, daß man es zwei Meilen weit in der Umgegend hören konnte. In der Kirche ſelbſt war eine große Tonne, in der man den Kirchenſchaß bewahrte. Als einſt der Feind ins Laud gefallen war und überall raubte und alles zerſtörte, wußte man nicht, wo man die kupferne Pforte und die Geldtonne vor ihm verbergen jolle. Endlich beſchloß man, beide in den ſogenaunten Alten See zu verſenken, der ſich in der Nähe des Gutes zwiſchen Hügeln be- findet, == damals war bei Libbien noch nicht der zweite See*). Lange Zeit danach, als wieder Frieden im Lande herrſchte und das jehige Gut erbaut war, denn das alte Gut und die Kirche *) Vgl. No. 44. Anm.
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108 Livländiſches Sagenbuch. waren gäuzlich zerſtört worden, wollten einige kräftige Männer die große Geſdtonne und die kupferne Pforte aus dem See heben. Doch konute man das nur gerade zur Mittagszeit thun. Schon hatten die Männer Strike um die Geldtoune gebunden und an- gefangen zu ziehen, da ritt gerade in dem Augenblick, als man die Tonne ſchon von oben erblicken konnte, der Libbienſche Verwalter vorbei und ſagte: „Gott helf euch, Kinder, wie geht es?" Kaum aber hatte er das ausgeſprochen, ſo riſſen die Strike entzwei und die Geldtonue ſank wieder in den See zurüf. Ebenſo iſt auch die kupferne Pforte, die damals noch zu ſehen war, heutigen Tages viel tiefer hinabgeſunken. Rig. Rakſtu krajums 111 91. 139. Der geſtörte Kir<enbau bei Smilten. Bei den Slawehkas-Geſinden in der Nähe von Horſtenhof im i Kirchſpiel liegt der ein niedriger Berg- rücfen mitten in früherem, noch jeht als ſolcher erkennbarem Moor- grunde. Hier hat man vor Zeiten, erzählt der Volksmund, eine Kirche bauen wollen; aber was man am Tage aufgebaut hatte, das hat der Teufel über Nacht wieder niedergeriſſen. Da hat man denn ein goldenes Kreuz hingeſtellt. Das Kreuz aber fing an zu gehen, bis es ſich endlich au einer beſtimmten Stelle hin- geſtellt hat. Dort hat man dann die Suilteuſche Kirche auf- gebaut, die hat der Teufel nicht mehr niedergeriſſen. G. Vierhuff in Siß: Ber. d. Rig, Alt-Geſ. 1876, S. 140. Die Erbauung der Kirche zu Smilten. Die arbeitsfähige Bevölkerung der Umgegend war auf Grund- lage alter Verordnungen zur Aufuhr der erforderlichen Bau- materialien herbei gekommen. Grauitſteine waren auf den Feldern und Triften der Umgegend gehoben, Tuſſſteine und Kaltkflieſe aus Rouneburg herbeigeführt, Lehm gegraben, zu Dachſteinen geformt, Kalk gebrannt, in Gruben geſchlemmt und zu Mörtel bereitet worden. Alle dieſe Vorarbeiten erlitten keinen Aufenthalt, aber was die Maurer während des Tages aufrichteten, fand ſich bei jedem neuen Sounenaufgange wieder zerſtört. Der Glaube ver- breitete ſich bald, daß der Satan durch Störung des Baues die
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Livländiſches Sageubuch, 109 Verbreitung des Chriſtentums zu hindern trachte. Da reichten natürlich alltägliche Mittel nicht aus, die Haltbarkeit des Mörtels ; aber bald ſich das wirkſ Fände ſich, fo hieß es, eine reine Jungſrau, welche ihr Leben Gott preisgebend, ſich in die Wand der Kirche einmauern laſſe, ſo habe der Böſe ſeine Macht am Gemauer verloren. Und ſiehe da, eine fromme Jungfrau wurde ermittelt, die ſich bereit erklärte zur Beſchwichtigung der Hölle ihr Leben zu opfern. Unter Gebeten der Prieſter und der verſammelten Menge wurde in gutem Ver- trauen auf die Gottgefälligkeit ſolchen Werkes das Opfer vollzogen. I. v. Sivers, Smilten (Riga 1872) S. 22. 141. Die Glocken im Kirdhenbergſee. In den Kirchenbergſee (Kirrikumäe - järw) in der Nähe von Schloß Neuhauſen ſind die Glocken der alten Kirche, die vor Zeiten auf einem Hügel beim See geſtanden, vom Teufel verſenkt worden; noch heutigen Tages hört man ſie bei ſtillem Wetter zuweilen länten. Boubrig in Verhandl. d. gel. eſtn. Geſ, Bd. 1, 3, 97. -- Wiedemann, A. d. inneren und äußeren Leben der Eſt, (Pbg. 1876) S. 459. == 42. Der Kirchenbau in Pölwe. Als man vor Alters in Pölwe die erſte Kirche gründete, ſo wollte der Bau durchaus nicht gedeihen; denn was man am Tage an Mauern anfführte, das ſtürzte in der Nacht wieder zuſammen. So dauerte es längere Zeit fort und die unglücklichen Banlente wußten feinen Rat, wie dem Übel abzuhelfen ſei. Da träumte es einer Jungfran, daß der Bau nicht eher gelingen könne, als bis man der hindernden Macht ein Opfer dargebracht hätte und zwar ſollte eine Jungfrau lebendig miteingemauert werden. Die Trämnende erbot ſich ſelbſt freiwillig zu dem ſchweren Opfer und ſie wurde lebendig, in knieender Stellung, in eine Ee des Gebäudes ein- gemanert. Von nun an hörte das Einſtürzen der Manern anf und der Bau konnte glücklich zu Ende geführt werden, Die Kirche aber erhielt zur Erinnerung an die kniend ſich aufopfernde Jung- frau den Namen Pölwa kirrik (Pölw==Knie). Inland 1836 S. 513. Durch Paſtor S.chwart)z. == J. Hur in Schriften d, gel. eſtn. Geſ, 11 5.
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110 Livländiſches Sagenbuch, 143. Die ſchlauen Kloſterbrüder zm Falkenau. Das ehemals prachtvolle, nm aber verfallene Kloſter Falkenau, vom Orden des Heiligen Dominicus, iſt von Hermann, dem erſten Biſchof zu Dorpat, erbaut und mit vielen Dörfern und Unter- thanen begabt worden. Der Biſchof errichtete es aber darum am Ufer des Embachs, damit die Mönche allzeit guten Vorrat an Fiſchen hätten, deren es dort eine große Menge gab; deshalb war anch der Fluß von den erſten Einwohnern der Gegend genannt worden Emmajöggi, was verdolmetſcht heißt Mutter der Flüſſe, weil er an Fiſchen Überfluß hatte. Nachdem aber die Anzahl der Kloſterlente und Brüder daſelbſt ſo ſehr angewachſen war, daß ſie ihre Einkünfte nicht mehr für ausreichend erachteten ſich davon zu unterhalten, fertigten ſie zween Brüder ans ihrem Kollegio an den Papſt ab mit einem Schreiben, darin ſie ihr hartes Leben, die große Anzahl der Brüder und ihre ſchmale Koſt angaben, zugleich auch ſchilderten, was für Speiſe und Getränke und Kaſteinng bei ihnen üblich wäre. Als umn der eilige Vater das Schreiben eingeſehen ſamt ihrer gerechten Forderung, daß er nämlich bei dem Biſchof zu Dorpat ie ein gutes Wort einlegen möchte, ſandte er erſtlich einen Mönch ihres Ordens aus Italien her, um zuzuſehen, ob ſich die Sache wirklich ſo verhielte. Sie hatten nämlich geſchrieben, ſie äßen fortwährend nichts als Brot und Fiſche, die man in ihrer Sprache Jgas heißt; das iſt ein weißer, länglicher und zarter Fiſch, fett und daher zu braten beſſer als zu kochen, und an dieſer Art Fiſchen giebt es dort eine große Menge. Der Trank, den ſie genöſſen, werde aus Gerſtenkorn mit zugemiſchtem Hopfen bereitet, ein bitteres und ungeſchmaces Zeng. Ihre Kaſteinngen ferner fänden an jedem Sonnabend folgender- maßen ſtatt. Ein Wärmzimmer werde da ſo ſtark geheizt, daß kaum ein Menſch darin anshalten könne; da zögen ſie ſich aus, ſchlügen ſich mit Beſen und übergöſſen ſich mit kaltem Waſſer, den Leib alſo ſamt den Fleiſcheögelüſten abtötend. Weil nun dieſe Dinge in Italien nugewöhnlich und kaum erträglich ſchienen, ſo war, wie geſagt, um ſich dieſelben anzuſehen, der italieniſche Mönch desſelben Ordens hergeſchickt worden. Als dieſer mit den Leuten, welche zuvor nach Rom waren geſendet worden, in Livland bei genanntem Kloſter aulangte, ſtellten fich die Brüder dieſes Kloſters, als wäre ihnen ein lieber Genoß gekomme nehmen ihn mit heiterer Miene auf, traktieren ihn mit gedörrten Fiſchen und wit ſtarkem, bitterem Vier, das mit
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Livländiſches Sagenbuch. Dun Wermuth gemiſcht war und das die Mönche in der Hiße des Sommers Geſundheit halber zu trinken pflegten. Ob alles deſſen fängt der delikate und daran nicht gewohnte Italiener ſich zu ver- wundern an. Als aber der Sonnabend gefommen war, laſſen ſie die Badſtube nach ihrer Sitte auf das Äußerſte heizen und führen den italieniſchen Bruder da hinein, gießen Waſſer auf die heißen Steine und erfüllen die Badſtube bald mit unmäßiger Glut. Und, ganz daran gewohnt, greifen ſie nackten Leibes jeder nach einem Beſen und fangen au, ſich damit zu ſchlagen und ſich mit kaltem Waſſer zu übergießen. Das ſchien dem Italiener unerträglich, er ſpringt zur Badſtube hinaus und ruft: „Nein, beim Himmel! Allzu hart iſt dieſe eure Lebensweiſe, kaum erhört bei Menſchen!“ Mit dieſem Berichte fertigten ſie den Italiener, der des Landes und der Gebräuche eines Volks von rauherer Lebensart unkundig war, nach Rom zurück, Hier erzählte er dem Papſte von den Wunderdingen =- wie ſie's ihm ſchienen, und erlangte leicht, daß derſelbe für den Orden und die Kloſterbrüder beim Biſchof zu Dorpat Fürſprache einlegte, auf daß er ihre Einkünfte vergrößerte. So erzählt man, = ſagt der Berichterſtatter, ein katholiſcher Prieſter, =- und die Geſchichte ſei eben De unglaublich, Fabricius, 88. rer. Liv. 11 447. =- Arndt, Livl. 34. == Pabſt, Bunte Bilder 1 82, => 144. Die Kirche zu Fellin. Vorzeiten lag die Fellinſche Kirche nicht mitten in der Stadt, ſondern außerhalb derſelben hart am See. Als man ſie erbaute, ging im Volk die Rede, daß ſie ſo lange ſtehen werde, bis einmal ſieben Brüder zugleich in die Kirche kämen. Weil unn weit und breit die Lente darum wußten, ſo gaben alle Brüder wohl acht, daß ſie nicht mitſammen im Gotteshauſe wären. Daher ſah man anch nicht einmal drei Brüder zugleich in der Kirche. Einſt aber trafen dennoch ſieben Brüder in der Kirche zu- ſammen und keiner wußte um des anderen Kommen. Kanm waren ſie alle eingetreten, als die Kirche zu ſinken begann. Voller Angſt drängte das Volk hinaus und alle retteten das Leben. Nur die ſieben Brüder, um welcher willen die Kirche nntergehen mußte, blieben darin. Die Kirche verſauk aber ſo tief, daß auch die Turmſpitze verſchwand.
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112 Livländiſches Sagenbuch. Wer in der Neujahrönacht um die zwölfte Stunde bei der Stätte der verſunkenen Kirche ſteht, vernimmt eine wunderbare, be- wegliche Stimme, die jeden anlockt und jeden zwingt, ihrem Klange zu lauſchen. Und nicht früher kann der Lauſcher von dieſer himmliſchen Stinnune ſcheiden, als bis die Kirchenglo>en, die noch unter der Erde fortklingen, den lezten Ton ansgeläutet haben. Die Stätte der Kirche erſcheint aber dem Auge hentigen Tages nicht anders als ein quelliger Wieſengrund. . Jung, Sakala auen J Biliondi fo5ß jw linna aja louſt (-Kodu-maalt Nr. 7, Dor) ) S. 61. -- Eiſen, Eſiwanemate warandus S. 33. = STC Märchen u. Sagen 11 92. 145. Die Kir<e zum Beiligen Kreuz. Auf dem Gute Wastemois bei Fellin lebte einſt ein blinder Freiherr. Eines Tages fuhr er mit ſeinem Kutſcher durch einen Wald. Da erblickte der Kutſcher plöplich am Wege ein herrliches goldenes Krenz. Er wußte nicht, was er davon halten ſollte und jagte es dem Freiherrn. Kanm vernahm es der, als er ſogleich den Kutſcher herzlich bat, ihn zum Kreuz zu führen. Als es ge- ſchehen war, berührte der Freiherr das Kreuz und ward alſobald ſehend wie andere Menſchen. Zum Zeichen ſeiner Dankbarkeit ließ er bald nachher auf der nämlichen Stätte, wo das goldene Kreuz geſtanden, eine Kirche errichten, die nach dieſem Wunder die Kirche zum Seien Krenz hieß. 5 ſpäter in M Lande Krieg ansbrach, zerſtörten die Feinde. ii Kirche zum Heiligen Kreuz, ſo daß nur ihre Mauern ſtehen blieben. Die Kirche ward nicht wieder aufgebaut, denn die Bauern waren zu arm und die Edelherren wollten nichts hergeben. So blieb Gottes Haus verfallen. Inzwiſchen wuchs auf dem Gemäuer ein hoher Baum auf, den hielt das Volk heilig, brachte ihm Opfer und erhoffte von ihm Hilfe in der Not*) Das war den Herren ein Greuel. Darum erging ein ſtrenger Befehl, den Baum nmzuhanen.**) Das Gemäner lag aber auf der Grenze dreier Gaue. Ans dieſen trieb man zur Erfüllung des Befehls + Di as 28 geſchah noch am Anfang des Jahrhunderts. Jeßt nicht mehr, aber die Zt ſteht noch in einem gewiſſen Anſehen beim Volk. **, Durch den Paſtor von Gr. St. Johannis und den Ordnungs- richter von Fellin. Beide ſollen (ZD darauf geſtorben ſein. Inland 1837, Sp. 270. Vgl. Jannſen, a. a. O. A
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Livländiſches Sagenbuch. 113 alles Volk zuſammen. Aber niemand wagte Hand an den heiligen Baum zu legen. Als der ſtrenge Herr, der alles Volk zuſammen- getrieben, ſolches ſah, ward er ſehr zornig, ergriff eine Axt und ſchlug den Baum nieder. Wie aber ſolches geſchehen war, verlor der Edelherr von Stunde an das Augenlicht und mußte als ein Blinder nach Hauſe geführt werden. Inland 1837. Sp. 268. = J. Jung, Eeſti rahna wanaſt uſuſt, fombedeſt ja juttudeſt («Kodu-maalt Nr. 6 Dorp. 1879) „ An beiden Stellen iſt es hier ein blinder Beins, der auf br Stelle der Kirche einſchläft und beim Erwachen ſehend iſt. = Eijen, Eſiwanemate warandus S. 29. =- Jannfen, Märchen u. Sagen 11 89, vgl. die Anm. daſ, S. 189 ff, -- 146. Die Iungfrau von S. Kafharinen. Die Kirche zu S. Katharinen, ſieben Meilen von Pernau und ebenſoweit von Karkus entfernt, iſt vor Zeiten durch Mirakel be- rühmt geweſen. Noch Auno 1613 wurde in ihr das Blut einer Jungfrau „gezeigt, über die mau folgendes erzäl Zur Zeit des jeges hat ein Herr ſie wollen, mit zugefügtem Verſprechen, daß ſie ſein Ehegemahl werden ſolle. Ihre Jungfräulichkeit zu retten, machte ſie dem Bedräuger weis, der Kranz, den ſie auf dem Kopfe trug, beſiße die wunder- bare Eigenſchaft, daß dem, welcher ſelbigen auf dem Kopfe trüge, kein Schwert, noch Eiſen irgendwie ſchaden könne. „Mach mit mir ſelber eine Probe!“ forderte ſie den Mann auf. Dieſer zog jein Schwert aus der Scheide und ſchlug der Jungfrau mit einem Hiebe das Haupt herunter. Das iſt in obengenannter Kirche ge- ſchehen. So hinterging die Jungfrau den Böſewicht und gab lieber ihr Leben preis, als ſie ihrer Jungfräulichkeit einen Schandfle> beibringen ließ. Prot. der Kirchenviſit. von 1613. Bunge's Archiv. Bd. 1. = Ill. Reval. Alman., 1856, S. 24 (von Pabſt). =- Ein ähnliches Ereignis hat ſich bekanntlich in Wirklichkeit in der Gutmannshöhle bei Treiden abgeſpielt. = 147. Die Glocke von Fiel. Ju Fickel in Eſtland war eine ſchöne Kirche erbaut worden. Doch fehlte zum Schmu derſelben noch etwas, die Kirchengloke. Die Gemeinde, die wohl auf eigene Koſten die Kirche erbaut hatte, Bienemann, Eagenbuch.
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114 Livländiſches Sagenbuch. war bereit, das lezte Opfer zu bringen und eine ſchöne Glocke an- zuſchaffen. Aber all ihr Vermögen war beim Bau ſchon draufge- gangen. Dennoch fand ſie Rat. Die Jungfrauen gaben ihre ſilbernen Halsſpangen her, die jungen Männer ihre ſilbernen Ringe, die alten Männer und Weiber ihre ſilbernen Schnallen. So kam in kurzer Zeit genug zu einer Glocke zuſammen. Das trug man zum Meiſter, der goß daraus eine Glocke beinahe aus reinem Silber. Dieſe Glocke hatte einen ſo ſüßen, lieblichen, herrlichen Ton, wie keine andere nah und fern. Wer dieſen Ton je hörte, der konnte nicht widerſtehn, er mußte in die Kirche gehen. Und die Gemeinde war ſtolz auf ihre herrliche Glocke. Da kam der Krieg ins Land. Mit Zittern hörte die Gemeinde, wie die Feinde überall die Kirchen uiederbrannten und plünderten; große Sorge bereitete ihr daher die Glode, die ſie dem Feinde nimmermehr ausliefern wollte. Als nun die Feinde herannahten, wurde die herrliche Glo>e vom Turme herabgenommen. Aber es war nicht mehr möglich, ſie weit fortzubringen, weil die Feinde be- reits überall lauerten. So blieb nichts anderes übrig, als ſie in der Nähe der Kirche in den Fluß zu verſenken und mit Thränen im Auge überantwortete man ſie dem Waſſer des Fluſſes. Bald darnach kamen die Feinde herbei und plünderten die Kirche, ſo ſehr ſie aber die berühmte Glocke ſuchten, ſie fanden ſie doch nicht. Die Gemeinde hatte ſich aus der Beraubung der Kirche nicht gar jo viel gemacht, weil ſie ihre teure Glo>e vor dem Feinde in Sicher- heit wußte. Als man aber nach dem Kriege die Glo>e aus dem Fluſſe wiederholen wollte, fand man ſie nicht mehr, ſo eifrig man auch darnach ſuchte. Oft des Sonnabend Abends konnte man wohl den lieblichen Ton aus dem Grunde des Fluſſes herauftönen hören, aber niemand hat ſie mehr geſehen. In ſpäteren Zeiten hat mancher nach der Glocke geſucht, doch ſie war und blieb verſchwunden. Eiſen, Eſiwanemate warandus S. 39 ff. 148. Die Kirche zu Goldenbeck. An einem ſchönen Sommertage gingen zwei Bauern in den Wald, um Holz zu fällen. Unterwegs ſahen ſie eine Menge Schlangen und beſchloſſen, ſie zu vernichten. Je mehr ſie aber erſchlugen, deſto mehr kamen ans der Erde wieder hervor. Zuleht erſchien eine ungehenre Schlange mit einer Krone auf dem Kopfe, vor welcher ſie eiligſt die Flucht ergriffen. „Die Schlange verfolgte ſie und die Bauern, die keine Ausſicht auf Rettung hatten, ſehten
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Livländiſches Sagenbuch. 115 ſich zur Wehr, um ihr Leben ſo teuer als möglich zu verkaufen. Nach ſchwerem Kampfe gelang es einem von ihnen, der Schlange den Kopf zu zerſchmettern; doch lebte ſie noch und ſchlug mit dem Schwanze wütend um ſich, weshalb ſie einen ſchweren Baumſtamm auf ſie wälzten. Dann kehrten ſie zu der Stelle zurüc, wo die Schlangen aus der Erde gekommen waren, um die übrigen noch zu töten; doch ſahen ſie keine mehr. Schnell holten ſie Schaufeln und gruben nach, aber auch unter der Erde fanden ſie zu ihrem größten Erſtaunen nicht eine Schlange, aber bei weiterem Nach- graben ſtießen ſie auf einen eiſernen viereckigen Kaſten, der ganz mit Dukaten gefüllt war. Sie zeigten ihren Fund dem Paſtor an und übergaben ihm den größten Teil des Geldes, wovon er die Kirche zu Goldenbe> bauen ließ, die von dem Golde ihren Namen Kullamäe erhielt. Zum Andenken wurde noch bis anf die neueſte Zeit an jedem Sonntage in dieſer Kirche ein Gebet gehalten, in welchem für iE Wohl der Familien der Gründer gebeten wurde. urm, Sagen a. der Wiek S. 61. („Aus Hapſal, deutſch doch 209 nach Überlieferungen der Eſten“). =- Eiſen, Eſi- wanemate warandus S. wn =- Jannſen, ENER u. Sagen 11 91; vgl. daſ, die Anm, S. 192 ff. 149. Die Kreuze an der Kirche zu 5. Martens. Zu S. Martens in der Wiek ſind anöwärts an der Kirchen- mauer drei ſteinerne Kreuze ſichtbar, das eine in beträchtlicher Höhe über dem Haupteingang im Weſten, das zweite an der Nordſeite dicht unter dem Dache, das dritte im Oſten, etwa anderthalb Faden über der Erde. Die Sage weiß, was dieſe Kreuze bedeuten. Als nämlich die Kirche erbaut wurde, geſchah es wunderbarerweiſe, daß jedesmal alles, was den Tag über aufgemauert worden war, bei nächtlicher Weile in die Erde ſank. Wie die Bauleute uun darüber in Verzweiflung waren, hat ihnen ein alter Eſte folgendes Mittel, dadurch ſie dem Übelſtande vorbeugen könnten, an die Hand gegeben: ſie ſollten drei Lente namens Mart gründlich trunken machen und dann lebendig in den Ban einmauern, ſo würde dieſer endlich zuſtande kommen. Und ſo geſchah es; die drei Kerle wurden in beſagtem Zuſtande abends eingemauert und darauf an den Stellen, wo das geſchehen war, die drei ſteinernen Kreuze in die Kirchen- mauern geſeßt, wie ſie noch hentigestags zu ſehen ſind. Alſo war der Böſe gebannt, und der Bau wurde fortan nicht mehr . 8.
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116 Livländiſches Sagenbuch. unterbrochen. Jenem Umſtande aber, daß es drei Leute namens Mart geweſen, die durch ihren Tod den Bau gefördert hatten, ver- dankt die Kirche ihren Namen Martens. Beitr. z. Kunde Eſt-, Liv- und Kurl. 1 344, Aus S. Martens 1859 mitgeteilt, =- Vgl. Nr. 150. Die Glocken von Rude. Auf der Viehweide von Sternberg bei S. Martens in Eſtland iſt eine ſumpfige Vertiefung, in der man auch mit den längſten Stangen keinen Grund finden kann. Als die Tataren dieſe Gegend verwüſteten, beſchloß man, aus der Kirche zu Klein-Rude, die jetzt ſchon lange zerſtört iſt, die Kirchengeräte und die Glocken zu retten, und um recht ſicher zu ſein, verſenkte man ſie in dieſes Sumpfloch. Oft hat man ſpäter verſucht, fie wieder ans Tageslicht zu fördern, aber vergebens; doch hört man in ſtillen Sommernächten aus der Tiefe ein dumpfes Gelänte heraufſchallen und glaubt, daß die Unter- ichen an die Glocken ſchlagen in der Hoffnung, dadurch aus ihrem Zuſtand befreit zu werden. Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 66. 151, Die Kirche zu Röthel. Die Kirche zu Röthel gilt für die älteſte Kirche in Eſtland umd joll ſchon von den Dänen erbaut ſein. Mit der Schloßkirche in Hapſal hat ſie faſt gleiche Dimenſionen. Man erzählt auch, daß eine Rieſenjungſrau das Gebäude als Wohnung für ſich erbaut und deshalb die Thür ſo hoch gemacht habe, daß ſie, wenn auch nur gebüclt, hindurch zu gehen im Stande war. „Wenn einſt ein größerer als ich,“ ſoll ſie erklärt haben, „in dieſes Haus eintreten will, ſo mag er ſich noch mehr bücken.“ Nach ihrem Tode wurde daraus eine <riſtliche Kirche gemacht, doch zum Andenken ein kleines Abbild von ihr in der Niſche über der Eingangsthür angebracht. Vom Boden der Kirche führt innerhalb der Kirchenmauer ein Gang abwärts, der uach unten zu vermauert iſt. Vor vielen Jahren wagten es mehrere Leute, mit Laternen und Stricken ver- ſehen, in denſelben einzudringen; ſie gelangten in eine bedeutende Tiefe, aber plöhlich erloſchen die Lichter und mit Mühe halfen ſich die kühnen Männer mit Hülfe der Strike wieder heraus. Um
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Livländiſches Sagenbuch. 117 ähnliche unbeſonnene Wageſtücke zu verhindern, wurde die untere Seite des Ganges vermauert. Man behauptet, daß der Gang ſonſt unter der Erde bis nach Hapſal geſährt habe; als aber einmal eine Räuberbande oder eine Anzahl von Läuflingen ſich in dem- ſelben verbarg, vermauerte man beide Eingänge mit großen Steinen, ſo daß die Verbrecher elendiglich darin umkommen mußten. In katholiſcher Zeit ſtanden auf dem Altar zwölſ Apoſtel von gediegenem Silber, welche zur Kriegszeit in eine Kiſte gepackt und unter dem Altare in einem Gewölbe verborgen wurden. Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 62. =- Derſ., Schloß Hapſal, S. 92. Vgl, daſ. die Anm.: „Das Bild über 23 Kirchen- thür ſcheint Maria Magdalena vorzuſtellen, welcher die Kirche ge» weiht iſt. Bei einer Reparatur öffnete man das untere Ende des 1 uud fand, daß er nur von der Sakriſtei auf den Boden 152. Die verſunkene Kapelle bei Weißenfeld. Aus dem am röthelſchen Wege liegenden See von Weißen- feld fließt ein Bächlein, das die Grenze des hapſalſchen Gebietes gegen Neuenhof bildet und bei Randſal in die See fällt. Ein Teil des Sees iſt von einem dichten Geflecht verſchiedener Waſſer- pflanzen, beſonders von Bitterklee überwachſen, jo daß man auf die Wurzeln tretend die ſchwankende De>e überſchreiten kann; unter derſelben befindet ſich drei Faden tiefes, klares Waſſer. Faſt in der Mitte des Sees liegt ein ungeheurer Stein, deſſen Spitze etwa zwei Fuß aus dem Waſſer hervorragt, und in deſſen Ober- fläche fünf Löcher wie von den Fingern einer Hand eingedrückt erſcheinen. Vor langen Jahren, erzählt man, ſtand auf dieſer Stelle eine Kapelle der Mutter Gottes, zu der die Bewohner der Umgegend wallſahrteten, um daſelbſt zu beten. Auf dem Altar ſtand näm- lich ein heiliges Bild, das ein frommer Einſiedler aus fernem Lande hierher gebracht hatte, und vor dem er täglich ſeine Meſſe las und ſeine Fürbitten ſprach, Kranke, Blinde, Lahme, die zu dieſem Heiligtum wallten, wurden geheilt, und wer zu der heiligen Jungfrau flehte, war vor den Wölfen geſichert. Der Rieſe Kalew (nach anderen Kalewipoeg oder der Teufel) ärgerte ſich über das Geläute der Glo>e, die der ſronme Prieſter täglich dreimal anzog und womit er am Sonntage die Gläubigen zum Gottesdienſte rief. Er ergriff den ungehenren Stein, der drei Werſt von da am Wege
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118 Livländiſches Sagenbuch. lag, und ſchleuderte ihn, ſeine Finger feſt eindrüend, auf das Gotteshaus, zertrümmerte es und erſchlug den Prieſter am Altare. Die Trümmer verſanken in dem weichen Erdreiche, aber jährlich in den Nächten vor den großen Feſten hört man aus der Tiefe Geſang und Glockengeläut ertönen, welcher Schall dem einſamen Wanderer Kunde bringt von dem untergegangenen Heiligtum. Rußwurm, Schloß Hapſal, S. 95. =- Inland 1862, Sp. 4 Hier wird ausdrücklich der Prieſter mit erſchlagen, aber dreimal im Jahre, in den Nächten zu Weihnachten, Oſtern und Pfingſten er- wacht ex, ſingt und läutet die Glocken, 153. Das eingemauerte Weib in HBapſal. An der Wand der runden Kapelle, die an die Hapſalſche Kirche angebaut iſt, ſicht mau, wenn man bei Vollmondſchein durch das obere Fenſter hineinblict, die Geſtalt eines ſich bückenden Weibes, während bei Tag nur undeutliche Linien ſich zeigen. Zur Zeit als das Schloß noch den Biſchöfen von Oeſel ge- hörte, hatte einer der Domherren, die nach ſtreng klöſterlichen Regeln leben ſollten, unter der Verkleidung eines Chorknaben ein Weib in ſein Gefolge aufgenommen. Lange blieb ihr Geſchlecht unentdeckt. Als aber einmal der Biſchof nach Hapſal kam, wurde bei ihm Verdacht erweckt und er ſtellte eine Unterſuchung an. Während die Domherren in der Kirche waren, durchſuchte man die Gemächer des Verdächtigen und ſand in deuſelben den vermeint- lichen Chorknaben in weiblicher Kleidung. Der Biſchof berief jo- gleich das Domkapitel und dieſes fällte das Urteil, daß das Weib in eine Wand der halbvollendeten Kapelle eingemauert werde, der Domherr aber im Gefängniſſe des Schloſſes den Hungertod erleiden ſolle. Dieſem Befchle gemäß wurde in der Wand eine Höhlung gelaſſen, die Unglückliche hineingeführt, mit einem Stüc- <hen Brot nud einem Kruge Waſſer verſehen und dann raſch die Mauer um ſie her vollendet. Nur kurze Zeit hörte man ihr Klage- geſchrei, aber lange Zeit noch zeigte ſich in mondhellen Nächten eine weibliche Geſtalt an dieſer Stelle. Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. Rußwurm, Schloß Hapfal, S. 77. 2. Aus Hapial, deutſch. =- Vgl. die Anm. daſ. 154. Die Kir<e von Niſſi. Die Kirchſpiele Haggers und Kegel in Eſtland hatten weit früher Kirchen als Niſſi. Ein mächtiger, ſehr ſtrenger und hart-
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Livländiſches Sagenbuch. 119 herziger Gutsbeſiger in dieſer Gegend, der viel Unrecht verübt hatte und früher Heide geweſen war, ſoll endlich im Alter tiefe Reue empfunden und den Papſt um Erlaubnis gebeten haben, zu einiger Abbüßnng ſeiner Sünden eine Kirche erbauen zu dürfen, und das ſoll denn die zu Niſſi geweſen ſein. Boubrig in Verh. d. gel. eftn. Geſ. Il 3, 71 nach Seppa 910078 Erzählung. Die Kirche wurde 1501 als Hauskapelle von 535 enthaupteten Johann Uexküll errichtet, der zu Huß nach Rom gepilgert war, ſich die Erlaubnis des Papſtes zu holen. =- 155. Die Glocken im Sumpf bei Padis. Vei Padis iſt es öſter ſehr kriegeriſch hergegangen. Zwiſchen vem jegigen Edelhof Padis und dem Dorf Arrokülla iſt auf einer Seite ein tiefer Moraſt, auf der andern ein ebenfalls tiefer Bach, der, wenn ich mich recht erinnere, Kuiejöggi oder Kaldamajöggi heißt. Durch beide wird ein ziemlich ſchmaler Engpaß begrenzt wo es im Kriege oft ſchre>lich hergegangen iſt und die Nieder- gehauenen gewöhnlich gleich ins Waſſer geworfen wurden, um Plaz zu gewinnen, ohne daß man ſich Zeit nahm nachzuſehen, ob noch Leben in ihnen war. Damals ſollen die Schweden mit den Ein- gebornen ſehr befreundet geweſen ſein und ihnen Hilfe geleiſtet haben. In jenen Moraſt hat man zu dieſer ſchlimmen Kriegszeit, wie auch an andern Orten, die Glocken einer benachbarten Kirche verſenkt, man weiß nicht welcher. Dieſe Glocken ſollen noch immer daſelbſt in der Tiefe liegen und groß und ſchön geweſen ſein. Jeht iſt es wohl unmöglich, ſie dort aufzuſuchen und heraus- zuholen; doch ſollen manche Vögel ſich dort immer au einer gewiſſen Stelle in Haufen verſammeln und viel ſchreien. Boubrig nach Seppa Ado's Erzähl. in Verhandl. der gel. eſtn. GE, I1, 3, 69, 156. Die Kirche zu Kreuz. Anfänglich gedachte man die Kirche zu Krenz in Eſtland nicht auf ihrer heutigen Stätte zu errichten, ſondern weit davon bei einem Krenze. Schon war der Ban zum Teil fertig, als der Böſe davon Kunde erhielt. Sogleich eilte er zu den Banleuten. Da er aber bei Tage nichts ausrichten konnte, kam er nacht3 wieder und zerſtörte alles, was am Tage gebaut war. Deunoch ließ das
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120 Livländiſches Sagenbuch. Volk von der Arbeit nicht ab. Das kräukte den Böſen noch mehr, er riß das Werk bis auf den Grund nieder und brach ſelbſt die Untermauer aus der Erde, Da war guter Rat tener. Wohl begriffen die Bauleute, daß ſie auſ dieſer Stätte nicht weiter bauen könnten, wo aber ſonſt, das wußte niemand. In dieſer Bedrängnis gab ihnen ein Weiſer gute Auskunft. Zur ſelben Nacht, als der Böſe die Kirche bis auf den Grund verwüſtete, hatte eine Kuh zwei ſchneeweiße Kälber. Dieſe ſollten ſie aufziehen, vor einen Wagen ſpannen, wenn ſie groß wären, anf den Wagen ein Kreuz legen und ſie ihres Weges jrei gehen laſſen. Wo ſie aber ſtehen blieben, das wäre die Stätte der neuen Kirche, da ſollten ſie, ſagte der Weiſe, das Kreuz auf- richten und brauchten ferner nicht zu beſorgen, daß jemand käme und ihr Werk verdürbe. Die Banleute thaten nach der Lehre des Weiſen. Wo die jungen Stiere ſtehen blieben, richteten ſie das Kreuz auf und be- gannen ihr Werk von neuem. Der Böſe ſchente das Kreuz und wagte ferner nicht am Bau zu rühren, Glülich ward die Kirche vollendet und zu Ehren des ſchüßenden Krenzes die Kirche zu Kreuz geheißen. Boubrig nach Seppa Ado's Erzähl. Verhandl. d. gel. eſtn. Geſ. 11, 32, B. nennt jedoch Gott ſtatt des Teufels als Störenden. Eijen, Eſiwanemate warandus, S. Il. == Rußwarm, ( Eibofolke 8 397, 7. =- Jannſen, Märchen und Sagen Il, 90. 1357. Die Gründung des Michaeliskloſters in Reval. Als König Erich Eiegod im erſten Jahre ſeiner Regierung einſtmals in ſeiner Ruhe lag, zeigte ſich ihm in einem Geſichte unſer Herr und Heiland Jeſus Chriſtus, wie er für das Heil der Menſchen am Stamm des Krenzes gelitten und ſein Blut für aller Welt Sünde vergoſſen hat. Der König entſehte ſich hierüber nicht wenig und es däuchte ihm, daß er fragte: Ach, warum haſt du, aller- liebſter Herr Jeſu Chriſte, dich nunmehr zum anderumal krenzigen nnd martern laſſen, oder wer iſt der, der dich aufs neue ans Kreuz geheftet und jo jämmerlich verwundet hat? Darauf hat ihm der Herr geantwortet, daß ſolches ſeine vielfältigen Sünden gethan, für die er auch nicht cher Vergebung erlangen werde, als bis er in ſeinem Reiche ein Gotteshaus und Jungfranenkloſter zur Ehre
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Livländiſches Sagenbuch. 121 S. Michael's, des heiligen Erzengels, nach den Ordensregeln S. Benediets ſtiften und erbauen werde. Weil aber König Erich nicht wußte, an welchem Ort das Kloſter fundiert werden ſollte, bat er Gott, daß ihm dieſes gleichfalls möchte offenbaret werden, worauf er im Geſichte bedeutet wurde, daß er in ſeinem Reiche nach- forſchen ſollte, an welchem Orte mitten im Sommer ſoviel Schnee gefunden würde, als in Länge und Breite, ein Vogenſchuß reiche und tief bis an die Knöchel, das wäre der rechte Ort, wo das Kloſter erbaut werden ſolle. Als der König erwachte und ſich dies Geſicht ernſtlich zu Gemüte führte, ließ er durch ſein ganzes König- reich fleißig nach dem Schnee forſchen und fertigte auch Boten nach Eſtland ab, das der Krone Dänemark unterworfen war. Hier fand man den Schnee an dem Ort, wo jeht das Kloſter ſteht. Deshalb ſchickte der fromme König Baumeiſter und andere Werkleute übers Meer, die anf dieſem Plaß ein Kloſter und eine Kirche zu bauen anfingen. Hierhin ſehte hernach der König adlige Jungfrauen, machte auch, wie etliche berichten, ſeine leibliche Schweſter daſelbſt zur Äbtiſſin, und ließ das Kloſter in den Orden der Ciſtereienſer, der ſich auf die Regeln S. Benediets gründet, beſtätigen. Er Ss ehrte ihm auch vir , um eigene Land, kaufen; denn der König wollte den unglänbigen Eſten mit Ei ziehung des Ihrigen keine Urſache zu Aufruhr und Widerſpenſtig- keit geben, weshalb auch die Heiden deſto zufriedener waren und das Kloſter ungehindert erbauen, und hernach die darin wohnenden Jnngfrauen in Ruhe unbeſchwert und friedſam dort verbleiben ließen. Nach Brandis, Livl. Chron. Mon. Liv. 111, 41, (nach der ge- ilſchten Fundationöurkunde, vgl. Arndt im Archiv U, 82 = Kohl, Oſtſeeprovinzen 1, 273 ff. =- IW. Reval. Atman. 1856, S. 25 ff. Verſe von Fr. v. Hoeppener. 158. Der Plaiturm in Reval. Bald nach Revals Begründung ſtellte ſich das Bedürfnis her- aus, für fremde Seefahrer ein Zeichen zu errichten, welches ſie ge- fahrlos nach dem Revalſchen Hafen geleite. Nach desfallſiger Be- ratung ward von den Einwohnern der Stadt der Bau einer nenen Lirche mit einem ſehr hohen Turme beſchloſſen, ſo daß letzterer nicht nur fämtliche Kirchtürme des In- und Auslandes weit überragen, fondern auch zugleich ein Wunderwerk der Baukunſt darſtellen ſollte.
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122 Livländiſches Sagenbuch. Man rief einen geſchikten Baumeiſter aus fernem Lande herbei; dieſer kam, prüfte das Material, ſchritt ans Werk und vollendete in wenigen Jahren glücklich ſoweit den Bau, daß das Schiff und die Nebentürme ſtanden; doch wie er eben damit beſchäftigt war, ſeine Anordnungen zum Bau des Hauptturmes zu treffen, ſtürzte er vom Gerüſte und brach ſich das Geni. Die Stadt ließ einen neuen Meiſter kounnen, den das Schickſal ſeines unglücklichen Vorgängers bald ereilte, und in zwei darauf folgenden Jahren, während man mit der Arbeit nicht viel über die Turmmaner vorwärts kam, waren noch fünf andere Meiſter auf dieſelbe Weiſe umgekommen. Die Nach- richt dieſer ſieben Unglücksfälle verbreitete ſich bald überall. Niemand hatte mehr Mut und Luſt, die Hand an ein halsbrechendes Werk zu legen, von dem eine Sage ging, welcher zufolge der böſe Feind, der beim Untergange der Schiffe ſeine gute Rechnung fand, die Auſſtellung eines höheren Wegweiſers für fremde Seefahrer nicht zulaſſen werde. So ſtand der Ban ſieben Jahre ſtill; es wurden allmählich immer größere Summen für den Meiſter ausgeboten, der den Turmbau vollende; aber wie lo>end auch das Geld war, Nie- mand wollte ſein Leben einbüßen. Da kam endlich der große Olaf (Olew, Olaus) und übernahm es für tauſend Dukaten den Bau des verhängnisvollen Kirchturms zu vollenden. Jeßt ſchritt die Arbeit mit unglaublicher Schnelligkeit vorwärts; Olaf legte nicht nur überall jelbſt die Hand mit au, ſondern übernahm auch in der Regel ſolche Arbeiten, die mit größter Gefahr verknüpft waren; ja die lehten zehn Faden an der Turmſpitze ſoll er faſt ganz allein gebaut haben. Während er dieſe Rieſenarbeit verrichtete, ſah man ihn mit einem kleinen, in einen roten Mantel gehüllten Männlein vielfach verkehren, und ob zwar niemand das fremde Männlein kannte, noch einer ähnlichen Erſcheinung aus früherer Zeit ſich er- innerte, ſo wollte doch jedermann in dieſem Fremdling etwas Un- heimliches wittern, und manche ſagten dem Olaus geradezu nach, er ſtehe mit dem Teufel im Bunde. Da der Baumeiſter indeſſen ſeine übernommene Aufgabe löſte, verzieh man ihm == wie manchem andern berühmten Manue == gerne feine Fehler im Privatleben. Olaf hatte bei Übernahme des Turmbanes die Bedingung geſtellt: die Stadt Reval ſollte ihm am Morgen des Tages, wo er den Hahn auf die Turmſpiye ſehte, die bedungene Summe auszahlen, damit == falls ihm etwas Menſchliches widerführe => ſeine Familie verſorgt zurücbliebe. Als man dieſer Forderung genügt, ſchritt der fühne Meiſter unverzagt an die lette Arbeit, die er mit erſtaunens- werter Kühnheit im Angeſicht von unzähligen Zuſchauern glücklich
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Livländiſche3 Sagenbuch. 123 vollbrachte. Kaum hatte er jedoch den lezten Nagel") eingeſchlagen, als er == wie von plößlichem Schwindel ergriffen == das Gleich- gewicht verlor und hinabſtürzte. Der kleine Rotmantel erhob ein teufliſches Hohngelächter und war in demſelben Augenbli> in der Menſchenmenge verſchwunden. Alle hatten ihn geſehen und ſein Lachen gehört, aber niemand konnte es nachweiſen, wie er plöhlich verſchwinden konnte. Olaf's Leichnam fand man zerſchmettert, nur die Halswirbel und zwei Rippen waren ganz geblieben, den Kopf konnte man garnicht finden. Man legte der Kirche den Namen ihres Baumeiſters bei und hing ſeine wenigen Knochenüberreſte zu ſeinem Andenken in der Kirche auf, wo ſie bis auſ den lehten Brand noch aufbewahrt wurden. Olaf's Witwe aber ſoll das empfangene Geld noch an demſelben Tage zurügegeben und dabei erklärt haben: ihres Mannes Seelengeld könne ihr und ihren Kindern nimmer Heil und Segen bringen. Als Olaf ſtürzte und unten auf dem Boden aufſchlug, ſprangen ihm eine Kröte und eine Schlange aus dem Munde. Auſ dieſem Plaß ward Olaf auch begraben und ſie ſezten ihm einen Stein, darin ſein eigen Bildnis mit Kröte und Schlange gehauen war**). Die Kirche aber nannte das Volk ſeitdem Olai-Kirche, zum Ge- dächtnis ihres weiſen Erbauers. Je mehr aber alles Volk ſich des herrlichen Gotteshauſes freute, um ſo mehr verdroß es den Teuſel. Lange zerbrach er fich den Kopf darüber, wie er es anfinge die Kirche zu zerſtören. Wenn er ihr nur hätte nahe kommen können, ſo wäre es ihm ein leichtes geweſen; aber das durſte er nicht. Da fiel ihm endlich ein Mittel ein, wie er es von fern thäte. Er ſuchte ſich in Pernau eine derbe Schlender und nahm einen Anſa. Wie er nun gerade die Schlender umwirbelte, zerriß ſie unter der Laſt des ungeheuren Steines, aber der Stein flog dennoch über die Hälfte ſeiner Bahn ſort, bis er auf dem Felde beim Gute Ruil, an der Straße, die von Pernau nach Reval führt, liegen blieb. Und da ruht des Teuſels Schleuderſtein noch eben. Inland 1847, Ep. 1061 ff. von F. K(reuhwaid). = Zuland 1853, Ep. 344 ff. Verſe von Bertram: „Der Turm des Olaus. ») In alten Holzſchnitten in Geſangbüchern 2e. von Reval ſoll auch der Nagel des Olaf abgebiſdet ſein, 45) Vgl. Rickers, Etwas üb. d. S. Olaikirche. (Rev. 1820,) S. S. 34.
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124 Livländiſches Sagenbuch. Ein eſtu. Runenkreis." Nach 8 Runen, offenbar Bruchſtücken eines größeren, verloren gegangenen Gedichtes und mündl, Er- zählung. Hier ſtürzt Olaf, weil ſeine Frau feinen Namen nennt, was ihr verboten war, Anklänge an dieſe Runen auch in den Texten bei Eiſen, Eſiwanemate warandus, S. 25 u. Jannſen, Eftn. Märchen 11, 86. Vei letzteren allein der Schluß. >> Verſe von A. v. Vittorff im Inland 1860, Sp. 411 ff. = 159. Das Kloſter Brigitten. Die Stadt Reval war von wilden Heidenſcharen der Litauer hart bedrängt, als einem vornehmen und reichen Bürger ein Tranm- bild erſchien, das Rettung verkändigte, wenn die frommen Jung- franen des Syſternkloſters in feierlicher Prozeſſion ans Meeres- geſtade zögen, bis ſie eine Stree Weges von der Stadt eine ſchneeweiße Kuh mit drei weißen Rehzikeln an den Eutern fänden, an welcher Stelle ein Kloſter gebaut werden ſolle. Auderen Tages 309g die fromme Schar hinaus und fand wie verheißen das wunder- bare Zeichen; doch als der Zug ſich zur Rückkehr anſchite, da überfielen die Feinde die lo>ende Bente und ſchleppten ſie zu ſich ins Lager. Bei dieſer Gelegenheit ſah des Heidenfürſten Sohn Udo unter den Novizen die ſhöne Mechthild, die Tochter des un- glülichen Träumers, der all das Unheil angerichtet. Obgleich ſie, ihrem Glauben treu, der Werbung des ſchönen Fürſtenſohnes wider- ſtand, ſo erhielt der Zug doch anf ſeine Fürbitte freien Abzug und bald entſehte ein befreundetes Dänenheer die geängſtigte Stadt. Niemand dachte mehr an die geſchlagenen Feinde, als vielleicht Mechthild, da ſchlich ſich Udo, von wenigen Treuen begleitet, it die Stadt und wagte den Verſuch, die ſtolze Chriſtenjungfrau aus dem Kloſter zu rauben, doch die Tollkühnen wurden entdet, teils getötet, teils ins tieſſte Verließ geworfen. Letzteres Schieſal traf auch Udo. Faſt ein Jahr hatte er geſchmachtet, da drang in ſeinen Kerker die Kunde, Mechthild von Jungingen ſei auf den Wunſch ihres Vaters als eine der erſten Dienerinnen in das von ihm mitbegründete Brigittenkloſter getreten. In einer Nacht, die er wie viele zuvor verzweiflungsvoll dur<hwacht, gewahrte er einen Maul- wurf, der ſich durch eine Fuge in der Steindiele ſeines Kerkers arbeitete. Das war ihm ein wunderbarer Fingerzeig, im Ver- trauen auf die Götter das Unmögliche zu wagen. Mit ſeinen Gefährten machte er ſich nun an das Rieſenwerk, unter Land und Meer hindurch einen Gang bis zu dem faſt eine Meile entfernten
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Livländiſches Sagenbuch, 125 Kloſter zu graben. Und ſiehe, Glanbe, Liebe und Hoffnung, dieſe mächtigſten aller Genien, ſie ſührten das Unglanbliche zu Ende. Eines Sommerabends ſtand Udo an der noch vorhandenen Neben- pforte des Kloſters, wo Mechthild eben Almoſen an die Armen austeilte. Als alle beſchenkt fortzogen, fiel ihr Blick auf den Fremdling. Die freudige Überraſchung, mit der ſie ihn wieder- erfannte, verhieß dem kühnen Jüngling den ſchönſten Lohn für die unerhörte Liebesprobe und er beſchwor die Nonne, mit ihm zu fliehen. Doch anch jezt blieb ſie ſtandhaſt und Udo floh in wilder Verzweiflung in ſein Vaterland zurück, um in endloſen Kriegen feinen Jngrimm auszutoben uud endlich, von ſeinen Geſährten zur blutigen Rache an dem herzloſen Chriſtenvolke aufgeſtachelt, mit einem Kriegsheer mordend und ſengend nach Reval wiederzu- kehren. Noch entfernt von der Stadt aber ereilte ihn das Geſchi>. Ju einem harten Treffen beſiegt, blieb er ſchwer verwundet für tot auf dem Schlachtfelde liegen, bis vorüberziehende rigiſche Kanf- leute ihn aufnahmen und nach Reval zur Pflege ins Schwarzen- mönchen-Kloſter brachten, Das Auge der Liebe entdeckte ihn hier und allnächtlich erſchien mm die Nonne, um au ſeinem Kranken- lager zu wachen. Niemand wagte ſie darin zu ſtören, denn man hielt ſie für einen Engel oder ſonſt einen guten Geiſt, der zur Rettung des Fremdlings geſandt. Als Udo zum Leben zurück- fehrte, war durch Mechthilds Bemühungen auch ein neues Leben in ſeiner Seele erwacht. Jhm war das Geheimnis der ewigen Liebe anfgegangen und wie zu einer Heiligen ſchaute er nun zu ihr empor, deren Liebe unendlich größer geweſen war als die jeinige, denn ſie hatte entſagt und geduldet. In Jahresfriſt ließ Üdo ſich tauſen, trat unter dem Namen Deodatus ins Kloſter und wurde in wenigen Jahren deſſen Prior, denn ſehr bald ſtand er im Ruſe der Heiligkeit, wußte man ihu doch in beſtändigem Ver- fehr mit den höheren Mächten. Jahre waren vergangen, als Deodatus einſt vergeblich den gewohnten mitternächtlichen Beſuch erwartete. Am anderen Morgen hörte er von drüben über das Meer her das Sterbeglöklein von S. Brigitten ertönen. Die Äbtiſſin Mechthild war dahingegangen. In kurzer Zeit brach ihm das vereinſamte Herz und ſeinem Wunſche gemäß fand er bei der Gruft der Freundm in der Pfarrkirche zu S. Nikolai ſeine Ruheſtätte. Die erhaltenen Sagenträmmer ſcheinen nur in mehr oder weniger freien Bearbeitungen vorhanden Aohebne, Die jüngſten Kinder meiner Laune (Frankf. u. Lpz. 1797). == A. v- Sternberg,
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126 Livländiſches Sagenbuch. „Der unterird. Gang,“ Eſthona 1828/29, S. 33, 329, 347, 352, 361. = Als dramatiſches Fragment von F. Schleicher, ebenda S. 136, 148, 154, =- Nach Sternberg in Stavenhagen, Alb, balt. An- ſichten. Il. Brigitten, S. 7 |f. =- Balt. Schülerkalender 1385, „171 ff. 160. Die Kapelle bei Palms. Weil die Kathrinenkirche ſchr weit war und zur Zeit der ſchlechten Wege der Kirchenbeſuch den Leuten ſehr ſchwer fiel, ließ ein Herr von Pahlen ſeinen Gebietsinſaſſen auf ſeine Koſten eine Kapelle aufbauen. Als das neue Gotteshäuschen fertig war, machte es dem Herrn großen Kummer, daß die Kapelle keine Glocke hatte und Glocengießer gab es damals bei uns zu Lande nicht, Der Herr betete oftmals zu Gott, er wolle nach ſeiner eigenen Fügung helfen, das halb gebliebene Werk durchzuführen, Da erhob ſich eines Tages ein heftiger Sturm auf dem Meere und brachte ein mit reicher Fracht beladenes Schiff in große Gefahr. Der Schiffer gelobte in der höchſten Not, er wolle, wenn Gott ihnen helfe, lebendig das Ufer zu erreichen, der nächſten Kirche zwei Glocken ſchenken. Nach einigen Stunden legte ſich der Sturm und das beſchädigte Schiff erreichte glücklich den Strand von Palms, wo es ausgebeſſert wurde; die Kapelle aber erhielt auf dieſe Weiſe zwei ſchöne Gloen. Inland 1846, Sp. 148, == Kreußwald, Eeſtirahwa ennem. jutud, S. 355. -- Kreußwald-Loewe, Eſtn. Märchen 11 174. 161. Die Kir<e zu Iewe. Die Kirche zu Jewe liegt am Wege nach Narva in der Mitte eines Plaßes, der von einem Wallgraben umgeben iſt, ſo daß ſie gleichſam ein kriegeriſches Anſehen hat und man glauben ſollte, dort ſei früher ein Schloß oder eine Kriegsverſchanzung geweſen. Eine alte Sage von der Entſtehung dieſer Kirche weiß das zu erklären. Es lebten einſt in jener Gegend zwei Brüder von angeſehenem Geſchlechte, die ſehr begütert waren. Während der eine fern in den Krieg 30g, ſollte der andere, genommener Rückſprache gemäß, daheim beiden eine würdige Wohnung erbauen, ein auſchnliches feſtes Schloß. Solches that er denn nun auch nach ſeinem beſten Wiſſen an der Stelle wo gegenwärtig die Kirche ſteht. Als aber der wilde Krieger endlich zurückkam und den ſchon ziemlich vorgeſchrittenen Bau anſah, fand er dieſen nicht im Geringſten ſeinen ſtolzen Erwartungen gemäß.
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Livläudiſches Sagenbuch. 127 Da überlieſ ihn ein heſtiger Jähzorn, der durch einen kurz vorher ſtattgefundenen Streit noch ſchneller auſflammte. Er ſchalt mit rohen Worten den gleichfalls ſehr auſgeregten Bruder, und als dieſer ſich bei zunehmender Heftigkeit mit wenig Schonung verteidigte, ſchlug der andere ihn endlich zu Boden, ſo daß er das Leben verlor und jein Blut, von Bruderhand vergoſſen, die erſte, böſe Weihe des neuen Baues ward. Bald ergriff nun tiefe Reue den Mörder; aber ſeine Thränen und Klagen weckten den Toten nicht auf. Er ließ nun Alles zu- ſammenreißen, was vom Baue ſchon ſtand, und an deſſen Stelle jetzt die Kirche hinbauen. Da aber der Wallgraben des beabſichtigten Schloſſes ſtehen blieb, ſo erhielt dadurch das neue Gotteshaus die Unigebung, die manchem Fremden auffallend geweſen iſt. Voubrig nach ver Erzähl. des Seppa Ado in Verhandl. d. gel. eftn, Gej. 11, 3, 71. =- Pabſt, Bunte Bilder 11, 22. == Eiſen, Eſiwanemate" Det S. 34. 162. Die Kirchen auf PDeſel. Eine alte Volksſage, die noch jeht unter den oceſelſchen Eſten zirkuliert, erzählt die Erbauung der erſten Kirchen auf Oeſel jolgender Geſtalt. Als Gott beſchloſſen hatte, die <riſtliche Religion auf Oeſel einzuführen, ſtieg er ſelbſt vom Himmel herab und legte auſ der Stelle, wo ſein Fuß die Erde berührte, den Grundſtein zu einem Tempel ſeiner Ehre, Macht und Herrlichkeit. Dies geſchah zu Karris und der Tempel war die Karrisſche Kirche. Der Herr baute fleißig ſort und ſtand bald auf dem Gewölbe des ihm geweihten Hauſes. Der Sohn Gottes, dem Vater nachahmend, begann ebenſalls den Bau einer Kirche und zwar der Karmelſchen. Da er ſich aber zu dieſem Bau des Vaters Einwilligung nicht eingeholt hatte, ſo zürnte dieſer darob und beſchloß, den unerlaubten Bau des Sohnes zu zer- ſtören. In dieſer Abſicht hob er, ſtehend auſ dem Gewölbe ſeiner Kirche zu Karris, einen mächtigen göttlichen Hammer, nm mit einem Schlage die Kirche des Sohnes zu Karmel, deren Manern ſich be- reits erhoben, niederzuſchmettern. Der Sohn, die Abſicht des Vaters erratend, ſtellte geſchwind, ſeine Kirchenmauern zu ſchühen und zu ſtüßen, die äußeren Gewölbträger an die Mauern. Der heilige Geiſt war auch nicht unthätig, denn er baute die Kirche zu Pyhha, weil fie Pyhha-Kirrik heißt. Luce, Beitr. 3. ält. Geſch. Orfels, S. 162; nach dem eſtn. == Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 40. =- Pyhha == eſtn. heilig.
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128 Livländiſches Sagenbuch. 163. Die Erbauung der Kirche zu Peude. Als man mit dem Bay der Kirche zu Peude auf Oeſel be- gann, wollte es mit der Arbeit durchans nicht vorwärts gehen; es ging eher rückwärts. Eines Nachts ſchlief der Baumeiſter allein in ſeinem Zimmer. Da trat jemand, ohne daß er es hörte, zu ihm hinein. Als er ſragte: Wer da? brummte eine halbverſtänd- liche Stimme: „Ich.“ Der Baumeiſter ſtand auſ und erblickte ein halbgeſchundenes Pferd vor ſich mit einem menſchlichen Antlitz. Da erſchrak er ſo, daß er anfangs kaum ſprechen konnte. Endlich aber fragte er: „Wie biſt du hereingekommen, die Thür iſt doch verſchloſſen?“ Das Geſpenſt antwortete, es ſei hier in der Erde ſchon geweſen, längſt bevor das Haus erbaut worden, und es ſei ſelbſt derjenige, der den Bau der Kirche hindere. Sein Vater habe ihn hier in die Erde gebannt und dabei beſtimmt, daß er erſt dann aus ſeiner Gefangenſchaft befreit werden ſolle, wenn ſieben Brüder geopfert würden. Und jetzt verlange er eben, daß ſieben Brüder geopfert und nnter die Kirchenmaner begraben würden. Tann werde er befreit fein und die Kirche vollendet werden können. Souſt werde ſie nie ſertig werden; denn was am Tage erbant würde, werde nachts wieder abgeriſſen werden. =- Nun wurden anch wirklich ſieben Brüder geopfert. Wenn aber einmal ſieben Brüder ſich in der Kirche zuſammenfinden werden, dann ſtürzt die ganze Kirche von ſelbſt ein. = Die Arbeit ging hierauf ſchnell von ſtatten. Der befreite Geſangene ſagte- aber, ſolch" eine Kirche werde ganz Oeſel nicht wieder erhalten. Eeſti Kirjameeſte Seltſi aaſtaraamat 1890, Veil. S. 82. == Vgl. Nr. 144 und 149. 164. Der Peudeſche Kir<enſchaß. Der Schaß der Kirche von Peude auſ Oeſel liegt im Kacegi- Moraſt, wo er fich alle ſieben Jahre vom Roſte reinigt. Da iſt eine Menge Gold, Kirchenglocken und kirchliche Geräte. Einſt in der Sylveſternacht juhr ein Mann über den Kaegi-Moraſt; plößlich verſchwand ihm Pferd und Schlitten und der Mann beſand ſich in einer ungeheuer großen Schazkammer, wo man eine große Kirchen- glocfe läntete und was da in großen Haufen lag, von cinem Haufen auf den andern ſchüttete. Man gab ihm auch eine Wurfſchaufel und beſahl ihm, mitzuarbeiten. Es half ihm nichts, er mußte mit den andern arbeiten. Nach einer guten Weile hörte der Glo>en-
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Livländiſches Sagenbuch. 129 klang auſ. Die Lichter wurden ausgelöſcht und alles verſchwand wie Zinn in der Aſche. Der Mann ſand, daß ſein Pferd eine ziemliche Stree vom richtigen Wege abgekommen war. Als er zu Hanſe ſeine Stiefel auszog, fielen aus dem Stieſelſchaft etwa zehn ſchwediſche Thaler auf den Fußboden heraus. Als er das ſah, ging er am andern Morgen wieder auf den Weg, den er geſahren war, und fand noch einige folche, aber den großen Goldhauſen und die Kirchengloce ſah er nicht wieder und auch die Stelle nicht, wo er gearbeitet hatte; nicht die geringſte Spur mehr war davon vor- handen. Nur Einige noch außer ihm haben nachts das Glokenge- läute gehört, doch ohne zu erkennen, woher es komme. Jn alten Kriegszeiten aber ſind einſt die Schäße der Peudeſchen Kirche, ſowie die Glo>e dort vergraben worden, ſo erzählt das Volk, doch ſpäter hat man fie nicht mehr auffinden können. Eeſti Kirjameeſte Seltſi aaſtaraamat 1889, Il. Beil. S. 42. 165. Die Glocken von Zerell. In der Zerellſchen Gemeinde auſ Oeſel lebt folgende Sage: Als die Nachricht vom Einbruch des Feindes im März 1710 auch bis nach Zerell gelangte, jo war die Gemeinde bemüht die Glo>en der Kirche zu retten. Man verſenkte fie deshalb unweit der Küſte unter das Eis des Meeres und als der Feind nun wirklich an- langte, das Gut mit allen Gebäuden, ſowie das Dorf Lebarro niederbrannte, ſo konnte er doch die ſo gut bewahrten Glo>en nicht finden und mußte ohne dieſelben abziehen. Wie das Eis ge- ſchmolzen war, eilten die Älteſten und Vormünder aufs Meer an die von ihnen wohlgemerkte Stelle, um den vermeintlich ſo glü- lich geretteten Schaßz ihrer Kirche wieder an den heiligen Ort zu bringen. Aber leider war er troß des forgſältigſten Nachſuchens nicht mehr aufzufinden und blieb für immer verloren. Doch nicht ganz werden ſie den Bewohnern der Zerellſchen Küſte entzogen. Denn in den ſtillen Mondnächten zwiſchen Mariä Verkündigung und dem Oſterſeſte ertönt der Glockenklang dem gläubigen Lauſcher noch oft aus der Tieſe des Meeres und verhallt mit dem Rauſchen der nie ruhenden Brandung. Buxhöwden, Güter Oeſels, S. 22. =- Juland 1854, Sp. 388 (Pabſt). == Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 41. =- Auch in Verſen von Pabſt im Inland a. a. O. u. bei Rußwurm a. a. O. Vienemann, Sagenbuh. 9
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130 Livländiſches Sagenbuch. 166. Die Kirchen auf Dagö. Vor uralter Zeit kamen drei Brüder, die Ritter waren, aus Schweden oder Finnland an die Nordküſte von Dagö und ließen fich an den Stätten nieder, die Röiks, Siggale und Täkana ge- genannt wurden. Da das Land noch heidniſch war, beſchloſſen ſie, das Evangelium verkünden und jeder eine Kirche erbauen zu laſſen. Um den rechten Plaß dazu aufzufinden, ließen ſie die drei mit- gebrachten Ochſen ſrei laufen und beſtimmten, daß an den Stellen, wo ſie ſich ermattet niederlaſſen würden, Kirchen gebaut werden ſollten, und ſo errichteten ſie die Kirchen zu Röiks, Keinis und Pühhalep. Dieſe lehtere bekam von einem der Brüder, Laurentius, den Mia CE S. Lorenzkirche. 1, Sagen a. der Wiek, S. 49. =- Vgl. Rußwurm, ewe 8 OE 110, 8. 167. Die Kir<e zu Pühhalep. Vor Ankunft des Chriſtentums in unſerem Lande ſtand auf der Inſel Dagö ein großer Erlenhain, wo das Volk den Göttern Als das Chriſtentum ſich ausbreitete, ergehauen. Nur ein uralter herrlicher ieſem Baum wollte das Volk von Dagös die neue Kirche errichten, die Kreuzſahrer ſtritten aber heſtig da- gegen. Darüber entſtand zwiſchen ihnen ein Hader und weil niemand nachgeben wollte, drohte der Krieg aufs neue auszubrechen. Da gab ihnen ein Mann aus dem Volke einen guten Rat, mit dem auch die Kreuzfahrer zufrieden waren. Sie ſollten zwei Ochſen auſchirren, den Wagen mit dem Bauholz der Kirche beladen und dann die Ochſen gehen laſſen, wohin es ſie gelüſtete. Wo ſie aber ſtehen bleiben würden, dahin ſollten ſie die Kirche ſehen. Nun trieb aber der Mann die Ochſen zuvor zum Erlenhain, wo ein reichliches Gras wuchs, licß ſie da eine Weile freſſen und führte ſie dann zurüf zum Wagen ins Geſchirr. Kaum waren ſie geſchirrt und konnten gehen, wohin ſie wollten, da eilten fie ſogleich zurüc zum Raſen bei dem heiligen Hain, machten Halt und fingen an zu freſſen. Nach dieſem Zeichen konnten auch die Kreuzfahrer nichts mehr ausrichten und mußten es zufrieden ſein, daß die Kirche beim alten Baum errichtet werde. Als ſie aber vollendet war, ward ſie vom Volke nach der heiligen Erle die Kirche zu Pühhalep genannt.
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Livländiſches Sagenbuch. 131 Die neue Kirche war dem Böſen ein Dorn im Auge. Darum gedachte er ſie mit Steinwürfen zu zerſtören. In einer Nacht klomm er mit zwei gewaltigen Steinen auf den Apſelberg und be- gann zu werfen. Am Tage hatte er ſich die Lage der Kirche genau gemerkt und hoffte nun. ſicher, daß er an zwei Steinen genug haben werde, um ſie zu treffen. Da er aber die Kirche im Finſtern nicht ſah, warſ er doch ein wenig fehl. Der erſte Stein fiel dicht an der Kirche nieder, der andere etwas weiter. Da aber der Teufel kein Gepolter von den ſtürzenden Mauern hörte, ſprang er auf ſeine Mähre, ritt hin und wollte ſehen, wie es damit ſtände. Schon hatte er die Kirche erreicht, da krähte der Hahn. Zornig kehrte er um und eilte zur Hölle. Die Spuren von den Pferde- tritten ſind aber noc<h heute an jenem Orte zu ſchen, wo der Hahnenſchrei dem Böſen ins Ohr klang. Boubrig nach Seppa Ado'3 Erzählung, Verh. d. gel. eſtn. Gef |, 3, 62, =- Rußwurm, Eivofolte 8 8,307 6 „Der erf. Sagen 0 * Hopjal, S. 30. -- Derſ. Sagen Eſiwanemate warandus, S. 27. = RE chen 1. Sagen I1, 88. =- Vgl. die ähnliche Sage von Matten in der Schweiz, Grimm, D. Sagen, 2. Aufl. 1, 397 und o. Nr. 131, 132, 156, -- (Byhha'eſtn. = heilig; lep = Erle). == 168. Die Kirche auf Worms. Die Kirche auf der Juſel Worms, die ein Graſ Douglas zu gleicher Zeit mit der Stadt Reval gebaut hatte, ſollte erſt auf einem Hügel bei Suiby, der noch jeht Kerkebaca heißt, gebaut werden, aber was am Tage gebaut wurde, ſtürzte in der Nacht wieder ein, denn der Plaß gefiel Gott nicht. Ebenſo ging es auf einem Hügel bei Hullo und auch auf dem Windmühlenhügel bei Magnushof, welches die höchſten Punkte der Inſel ſind, die in alter Zeit, als der übrige Teil von Worms noch unter Waſſer ſtand, allein hervor-- ragten. Als man auf den Plaß gelangte, wo jeht die Kirche ſteht und wo damals ein Pferdeſtall war, ſo erſchien daſelbſt ein Kreuz , und als man anfing zu bauen, ſo kam in der Nacht ſo viel dazu, als am Tage vollendet war. Rußwurm, Eibofolke 8 397, 6. == Rußwurm, Sagen aus Hapſal, S. 30.
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132 Livländiſches Sagenbuch. 169. Der Totengeſang in Roſiften. In Livland liegt ein Schloß?) mit Namen Roſitten. Da zerſtörten die Moskowiter die Kirche und lange Zeit hörte man da Gotteswort nicht mehr, bis Gott mit einem Wunder kam. Einſt- mals hörte man aus der Kirche Geſang und Muſik erſchallen, aber niemand wußte, wer dort ſingen mochte. Da beſchloß man, etliche Paſtoren hinzuſenden, die ſollten nachſehen, wer in der zerſtörten. Kirche ſinge. Dieſe traten in Gottes Namen ein. „Heilig, heilig iſt unſer Gott! Heilig der Herre Zebaoth!“ ſcholl es ihnen ent- gegen und dann auch in mächtigen Akkorden das Lied: „Ein feſte Burg iſt unſer Gott.“ Da ſahen ſie viele Gräber offen ſtehen und eine große Schar von Menſchen, an die dreißig Perſonen, war da verſammelt, die waren es, die jene Lieder ſangen. Alle aber waren ihnen bekannt. Die Paſtoren fragten ſie, warum ſie hier ſingen? Sogleich erhielten ſie die Antwort; „Unſer Herz freut ſich, weil in kurzer Zeit der Tag des Herrn heraunaht und unſere Erlöſung nicht mehr weit entfernt iſt.“ Und als ſie das geſagt, da verſchwanden ſie alle plößlich, doch ihr Geſang ertönte noch fort, es klang als ob der Schall von unter der Erde hervor- dringe. Die Kirche aber, die übel zerſtört war, ſah nun gar ſauber aus, als wäre ſie rein gekehrt. Was ſolches Wunder aber bedeutet, das wird die Zeit offenbaren, „Das Lüfländiſche Todten Geſang . durch Herman Wart- mann, Burggraf, d. 19. May 1584 aus Gebharten von Nalten Mund nachgeſchrieben.“ 11 Strophen. =- Daſſ, 4 Bl., 49, Bamb. 1584, == Rewe zeittung aus Lyffland, Wie alda in einer . . - Kirchen ein Muſika . . von dreyßig Newlicher EN Geſtorb, per- fonen gehört worden. 1 Bl. fol. mit Holzſchn. (0. O, u. J. == 1584). Vgl. Winkelmann, Bibl. Nr. 5563. 64. =- Uhland, Deutſche Volks- lieder, S. 943 ff. =- Pabſt im Inland 1852, Sp. 38 ff. in hoch- deutſchen Verſen. =- 170. Mitau. Mitau, die Hauptſtadt des Herzogtums Kurland und Reſidenz. nebſt einem feſten und ſchönen Schloſſe, ſoll den Namen haben von zwei unter einander um dieſen Ort ſtreitenden Brüdern, deren einer dem andern zugeſchrien: „Et kommt mi tau!“ Verkenmeyer, Vermchrier curieujer Antiquarius (Hamb. 1711), S. 560, =- Inland 1844, Sp. 437. - 9) Zm ſogen. Polniſch-Livland,
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Livländiſches Sagenbuch. 133 171. Das verſunkene Mitau. Mitan (lett. Jelgawa) war einſt verſunken. Zu der Nähe des Ortes, wo es geſtanden hatte, hütete eines Tages ein Hüterjunge ſeine Schweine; nebenbei befand ſich ein Wald, wo gerade eine Jagd abgehalten wurde. Da kam ein Jäger auf den Häterjungen zu und fragte ihn, ob er nicht geſchen habe, wo ſeine Jagdhunde geblieben Feien. Der Junge antwortete: „Sie ſind nach Mitau (auch im lett.: Mihtawa) hineingelaufen.“ Kaum hatte er das geſagt, als ſich das verſunkene Mitau aus der Erde erhob, da der Junge ſeinen Namen erraten hatte. Lerch-Puſchkaitis, V1 211. Vgl. Nr. 177. 172. Der böſe Berr von Apſchuppen. In Apſchuppen in Kurland lebte in alter Zeit ein furchtbar böſer Herr. Seinen Arbeitern geſtattete er nicht einmal, ſich beim Eſſen niederzuſehen. Einſt hatten ſich die Arbeiter bei der Riege zum Eſſen niedergelaſſen. Gleich aber war der Herr mit dem Knüppel da und begann ſie zu prügeln. In dieſem Augenbli erſchien ein alter Mann und verwandelte den Herrn in ein Pferd. Der alte Mann aber war Gott. Das Pferd verkaufte er einem Juden und befahl ihm, dem Pferde nichts anderes zu geben als Langſtroh. Vom bloßen Stroh wurde das Pferd ſehr ſchwach; der Jude aber trieb ſeine Mähre an und ſchlug ſie, was das Leder halten mochte. Zu- fällig übernachtete der Jude im nächſten Jahre wieder einmal auf demſelben Gute. Er band das ermattete Pferd vor der Riege an und legte ihm etwas Langſtroh vor. In dieſer Nacht aber wurde der Herr von ſeiner Strafe befreit und wieder in einen Menſchen verwandelt. Er ging nun gleich zu ſeiner gnädigen Frau hinein, erzählte ihr alles und bat ſie ſogleich um Eſſen. „Du weißt gar nicht, wie mir jeht auch die Grüße der Arbeiter köſtlich ſchmecken würde, ſo ausgehungert bin ich. Hätteſt du geſtern Abend dem Juden nicht wenigſtens eine halbe Mühe voll Hafer für mich geben fönnen?“ „Auch ein ganzes Lof“, antwortete ſie, „hätte ich nur gewußt, daß du es biſt.“ Von der Zeit an aber hatten die Ar- beiter bei dieſem Herrn leichte Tage, ſo daß ſie nicht wußten, was ein böſes Wort ſei. Lerch-Puſchkaitis, 1 187.
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134 Livländiſches Sagenbuch. 173. Wie Mafftfkuln ſeinen Pamen erhielf. In alten Zeiten lebte in Mattkuln in Kurland ein ſehr böſer Herr, aber noch ein viel böſerer Wagger (Aufſeher); vor dem fürchteten ſich die Leute noch viel mehr, als vor dem Herrn ſelbſt. Einſt ſchickte der Herr den Wagger mit einigen Leuten in die Stadt, um Getreide zu verkaufen, und gab ihm den Auſtrag, einen Mats*) zu kaufen. Der Wagger kauſte auch einen ſolchen und ſteckte ihn in das mit- gegebene Säcchen. Beim Nachhauſeſahren ſah einer der Leute ſich das Gefäß genaner an, und ſand, daß es ſich auch ſehr gut zum kochen eignen würde, Gedacht gethan; er nahm das Geſäß an ſich. Und als der Wagger zu Hauſe das Geſäß nicht mehr im Wagen finden konnte, beſchloß er, den Thäter zu ſtraſen. Nach einigen Tagen kam die Frau eines Knechtes, um Mehl zu holen. Als ſie aber dem Wagger ein Säckchen reichte, erkannte dieſer es als das vermißte Säckchen und ließ ſogleich den Knecht rufen und ihn zu Tode prügeln, Als man nun die Frau fragte, ob ſie wiſſe, warum man ihn ſchlage, antwortete ſie: Mats kule! d. h. etwa Mats im Sa. Seitdem hat das Gut den Namen Mattkuln erhalten. Jelgawas beedr. Rakſtu krajums, Il 23. 174. Zabeln. In alten Zeiten war Zabeln die allergrößte Stadt, die Hauptſtadt Kurlands. Sie erſtreckte ſich vom heutigen Feten Z Zabeln bis zum Krons- gute Groß- bis zum und bis zur A überdem Gute Weggen. Al ennoch viele Trüm- mer im Flußthale beim Gute Neu-Wallgahlen rings um den Burg- und den Kirchenberg geſehen. Viele Baueru aus Wallgahlen haben aus dieſen Überreſten Steine und Ziegeln gebrochen, die ſie zum Bau ihrer Geſinde und der Herrenhäuſer nötig hatten, Die Kriege aber haben Zabeln bis zu ſeinem jetzigen Umſang heruntergebracht. Die Kirche ſtürzte grade am Pfingſtwontag in jenen hübſchen runden Hügel hinab, der heute noch nicht weit von dem Burgberge zu ſehen iſt. Auf dem Gipſel des Berges haben alte Leute noch ein Loch geſehen; warf man Steine in dies Loch, ſo wurde ein lauter Ton vernehmbar, Auf einigen der zerſtörten Pläße wachſen noch heute Buchen; die *) Mats iſt ein keſſelartiges Geſäß, das in verſchiedenen Größen be- ſonders die Müller als Maaß benußen.
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Livländiſches Sagenbuch. 135 ſind ein Überreſt jener Zeiten, Vom Burgberge beim Waldata-Ge- finde beim Kronsgute Rönnen führte ein Hauptweg längs dem Abau- ufer zu den Burgen Wallgahlen und Zabeln und auf dem andern Ufer führte ein zweiter Hauptweg zur Stadt Zabeln. Der zweite Weg war mit dem erſten durch einen Weg verbunden, der von der Heutigen Kronsforſtei bis zur Abau und hinüber bis zum anderen Wege führte. Wo heute die Forſtei liegt, war damals überall ein dunkler großer Wald, in dem viele Räuber hauſten. Alle dieſe Wege, die Balken von den Flußbrücen, die auch heute noch an einigen Stellen zu fehen ſind, waren in jener Zeit, als die Eingeborenen (die Letten) mit den Deutſchen kämpften, noch vorhanden. Die Deut- ſchen griffen Zabeln an, die Eingeborenen aber überfielen einen deut- ſchen Herrn und jagten ihn in die Abau zwiſchen den Geſinden Talei und Krojas und erſäuften ihn dort. Noch vor einigen Jahren er- zählten alte Leute, daß man in einer Untiefe der Abau die Räder einer herrſchaftlichen Kaleſche habe ſehen können. Eine andere Heeres- abteilung der Eingeborenen kämpfte mit den Deutſchen beim Gute Weggen und trieb auch ganze ſiebenhundert Deutſche in die Abau und ertränkte fie dort. Nach dem Siege aber prahlten die Letten: „Jeßt wollen wir auf der Zabelnſchen Brücke mit den Deutſchen Köpfen Riphen ſpielen.“ Brihwſemneeks, S. 27 ff. 175. Das ſchöne Fräulein von Zabeln. Lange nachdem die Deutſchen und unter ihnen vorzüglich Bal- duin von Alna, ein päpſtlicher Legat, mehrere Ortſchaften in der Nähe des jepigen Zabeln, wie Wallgahlen, Pedwahlen, Kandau, Rönnen und das etwas entfernter gelegene Puſſen zum Chriſtentum übergeführt hatten, ftand auf einem kegelförmigen Berge, der noch heutigestages den Fleden überragt, eine Burg, einem fchönen, jungen und reichen Fräulein gehörig. Wir wollen es Jrmegard nennen, da ihr wirklicher Name durch hundertjährige Tradition ent- ſtellt und verſtümmelt, auch dem igſt ein un- lö5bares Problem fein dürfte. Unzählige Freier fanden ſich, ange- lodt durch die hübſche. und reiche Erbin; aber Irmegard gab keinem den Vorzug und erklärte auf vieles Drängen endlich, nur den zum Ehegemahl annehmen zu wollen, der imſtande ſei, die ſteilſte Seite des Berges, auf dem die Burg ſtand, zu Pferde zu erklimmen. Viele Edle unternahmen das Wagſtü>, aber keinem von ihnen ge-
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136 Livländiſches Sagenbuch. lang es, und die meiſten von ihnen fanden ihren Tod in dem tiefen und breiten Graben numittelbar am Fuße des Berges. Nur wenige entfamen mit dem Leben, Haß und Rache gegen Jrmegard im Herzen. Da erſchien eines Tages ein Knappe in fremdartigem Ausputz mit der Botſchaft, ein Ritter ans Welſchland bitte um die Erlaubnis, den gefährlichen Ritt machen zu dürfen, füge aber die Bedingung hinzu, ſein Roß, im Falle er das Wagſtü>k vollbringe, in den Bankett- ſaal ſtatt in den Stall führen zu dürfen. Die Schöne gewährte höhniſch lächelnd die Bitte des fremden Ritters, glaubte ſie doch, daß er wie alle andern ſein Ziel niemals erreichen würde. Aber es kam anders. Auf ſchwerfälligem Roſſe erſchien der Welſchländer, durchſchwamm langſam den Burggraben, erklomm unter dem Zu- janchzen der unten ſtehenden Menge den Berg, führte, von der er- blaßten Irmegard geleitet, ſein Pferd in den Bankettſaal, wie er es ausbedungen, und verließ auf der anderen gebahnten Seite die Burg. Und wie einſt das Trojaniſche Pferd Männer, ſpie das künſtlich in Welſchland verfertigte Roß Harz, Schwefel und Feuer aus und bald ſtand die Burg in Flammen. Um Hilfe flehend ſtre>te Zrmegard den unten ſtehenden ihre Arme entgegen, verſprach unter tauſend Eiden, alles Land, ſoweit das Auge reiche, unter ſie zu verteilen und aus einem Schaße, der im Burgkeller vergraben liege, eine <hriſtliche Kirche bauen zu laſſen. Aber keine Hand rührte ſich und bald war die ſchöne Irmegard unter den Trümmern ihrer Burg begraben. Da das Land, das dem Fräulein gehört hatte, jezt ohne Herrn war, ſo teilten ſich die ärmeren Grundbeſitzer, die bei dem Brande zugegen waren, in dasſelbe und bauten ſich am Fuße des kegelförmigen Berges an. Aus dem Schaße aber wurde die erſte <riſtliche Kirche erbaut. Stavenhagen, Alb. balt. Anſichten, & Zabeln, S. 2 ff. = Böhm, deutſches Leſebuch f. mittl. Lehranſt. [ (4. Aufl.), S. 111. =- 176. Die heilige Linde von Unhen. In der Nähe des zum Gute Poopen in Kurland gehörigen Beihofes Anhen liegt ein bewaldeter Höhenzug, da ſteht am Abhang, umgeben von Kiefern und Ellerngebüſch, doch ziemlich frei eine Linde, wohl ſechzig Fuß hoch und über zwanzig im Umfang*). Keiner der umwohnenden Leute nahm früher einen der abgefallenen dürren *) Eine wenig ähnliche Abbildung davon in Kruſe, Necrolivonica, Tafel 67. --
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Livländiſches Sagenbuch. 137 Äſte anf, oder wagte es gar einen friſchen abzuhauen. Denn das bringe, glaubten ſie, unfehlbar den Tod. Als einſt die Schweden im Kriege das nah gelegene Schloß Anger- münde zerſtört hatten, hörte man das im Dorfe Anten == denn einen Hof Anten gab es damals noch nicht == zugleich mit der Nachricht, daß die Feinde auf dem Wege nach Schloß Dondangen das Dorf Anhen zer- ſtören wollten. Auf dieſe Kunde hin verſammelten ſich die Bewohner von Anten mit ihrem Geiſtlichen bei der heiligen Linde, um dort Gebet und Kommunion zu halten zur Abwehr der Feinde. Nach abge- haltenem Gottesdienſt nahmen ſie, einem überkommenen Gebrauche gemäß, Äſte von der Linde und warfen ſie in die nahe vorüber- fließende Stende. Wenn nämlich die Äſte ſtromaufwärts ſchwimmen, ſo galt dies für ein Zeichen von Gebetserhörung, und ſiehe da, zwei Äſte ſchwammen wirklich gegen den Strom, Alſobald kam auch die Nachricht, die Schweden ſeien gleich nach Überſchreitung der Anger beim Schloſſe Angermünde uneinig geworden und hätten ſich beim Steegelekaln blutig bekämpft. Die Toten wurden auf der Stelle der jetzt ſogenannten „Wezzikappi“ begraben. I. Döring in Sig: Ber. d. kurk. Geſ, 1877, S. 67 ff. 177. Schloß Dondangen. 1. Wo jetzt Schloß Dondangen liegt, war früher ein mooriger Berg. Hier in der Nähe des Berges hütete einſt ein Knabe Schweine. Da verſchwand ihm plöhlich der ſchwarze Eber, als hätte die Erde ihn verſchlungen. Der Junge dachte, das Tier ſei vielleicht nach Hauſe gelaufen; er ſah dort nach, aber auch da war es nicht. Er ſuchte den ganzen Nachmittag, doch konnte er es nirgends finden. Gegen Abend aber kroch der Eber aus einem verſteten Loche am Fuß des Berges hervor und hatte ſich ſo vollgefreſſen, daß er ſich kaum weiter bewegen konnte. Nun kroch anch der Hirtenjunge in das Loch hinein, um nachzuſehen, was es dort eigentlich gebe. Eine Strecke weit war er fortgekrochen, da befand er ſich auf einmal in einer großen Höhle mit Kornkaſten und Ställen, in denen Pferde und Kühe ſtanden. Aber alle dieſe Tiere waren ohne Leben, Ein wenig weiter hinter den Ställen erbliete der Junge eine prächtige Burg. In den Zimmern ſaßen an gede>ten Tiſchen viele Menſchen, aber auch dieſe waren ohne Leben. Mit Sonnenuntergang trieb er ſeine Schweine nach Hauſe und erzählte ſeinen Hausgenoſſen, was
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138 Livländiſches Sagenbuch. er geſehen habe. Die lachten ihn aus und ſagten, er ſhwärme und rede nur Unſinn; ob er vernünftigen Meuſchen Märchen erzählen wolle. „Glaubt's, oder glaubt's t!“ ſagte der Junge und legte ſich ſchlafen. In der Nacht träumte ihm, wie ein alter Mann auf ihn zutrete und ihm ſagte: „Höre, Junge, morgen, wenn du deine Schweine hüteſt, kriech wieder in die Höhle hinein und geh in die Burg, ſteig auf den Turm und läute die beiden Glocken, die dort hängen. Behalte aber gut, was die Glocken dir dann ſagen werden.“ Als der Junge des Morgens erwachte, ſprach er zu den Hausge- noſſen kein Wort mehr von dem Wunder, das er geſtern erlebt hatte. Wozu ſollte er unnüß den Mund aufthun, denn die Er- wachſenen hätten ihm wohl geſagt, daß er geträumt habe und ihn nochmals ausgelacht, So machte er, daß er ſtill mit ſeinen Schweinen davonkam und that, was man ihm aufgetragen hatte. Er ſtieg auf den Turm der Burg und ſah dort zwei Gloen hängen. Die be- gann er zu läuten und es kam ihm vor, als ſage die eine Glocke dabei immer „dun, dun,“ die andere „danga, danga*).“ Da lachte der Junge: „Die ſingen ja wirklich „Dundanga.“ Doch kaum hatte er das ausgeſprochen, als ſich die Burg aus der Tiefe erhob und Menſchen und Tiere Leben erhielten. Der Knabe ſelbſt aber wurde in einen Stein verwandelt, Lange noc<h wurde dieſer Stein auf dem Puiſche-Berge bewahrt und die Leute opferten dort im Sommer und im Winter. 11 Vor Zeiten war die ganze Gegend, wo heute Dondangen liegt, wegen undurchdringlicher Wälder und Sümpfe völlig unbekannt. pi aber bemerkten die Menſchen, weiter vordringend, eine Stelle, wo Schloß verſunken war. Als nun hier eine Menge Leute zuſammenſtrömend hin und her riet, rief ein Fremder, die ſchilf- reiche, ſumpfige “etwa I! aus und ſofort hob fich das Schloß und ward Dohndanga benannt. 1. Lerch-Puſchkaitis, V 409. 11. C, Wioldemar) im Inland 1855, Sp, 253. 178. DerFlud; des Elfenkönigs in Dondangen. Ungefähr zwanzig Fuß über dem kleinen Eingangsthor an der ſüdlichen Seite des im Caxre gebauten Schloſſes Dondangen ragt ) Dondangen, lett. = Dundanga.
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Livländiſches Sagenbuch. 139 ein mäßig großer Stein aus der Mauer hervor, wo der Sage nach in uralter Zeit ein Muttergottesbild hing. Ein Beſitzer des Schloſſes ward an dieſer Stelle einſt im Zwei- kampfe von einem andern Ritter getötet, und in demſelben Augen- blicke, wo der Burgherr von der Hand ſeines Gegners fiel, ſtürzte das Marienbild von ſeinem Plaße herab und erſchlug den feind- lichen Ritter. Soſort aber ſproß aus der Stelle, wo das Mutter- gotteSbild geſtanden, ein Birkenbäumchen hervor. Es war, als ich es ſah, kaum ein paar Fuß lang, ziemlich äſtig und blätterreich und hatte einen Stamm von etwa einem Zoll im Durchmeſſer. Dies myſteriöſe, aus den Steinen hervorwachſende Bäumchen grünte nun Jahrzehnte lang fort, ohne daß ein Größerwerden an ihm wahrgenommen werden konnte, und ward ein Gegenſtand der Bewunderung für alle, welche Dondangen beſuchten, um ſo mehr, als die Sage erzählte, daß ſich ein Fluch des Elſenkönigs an jenes Bäumchen knüpſe. Der Sohu jenes erſchlagenen Burgherrn nämlich, ein Baron Maypdell, ritt einſt von Dondangen nach Irben und ward auf dem Kreuzwege bei Schlüterhof, in der tiefen Dämmerung des Abends von einer kleinen glänzenden Erſcheinung angehalten, die eine Krone auf dem Haupte trug. „Ich bin der Elfenkönig, der die Davidshöhle bei Schlüterhof bewohnt,“ ſprach der fleine Gnom, „und bitte dich um die Gunſt, mir ſür die Sylveſternacht den Ritterſaal im Schloſſe zu Dondangen abzutreten, woſelbſt ich meine Hochzeit mit der Elfenkönigin ſeiern will. Zur Belohnung dafür verheiße ich dir den von dir ſo ſchr gewünſchten Sohn und einen ungeheuren Schaß, der unter einem der Grundſteine deines Schloſſes verborgen liegt. Aber ich mache die Bedingung, daß kein ſterbliches Auge unſer Feſt belauſcht und wehe dir, wenn dieſe Bedingung übertreten wird!" Der Burgherr ging ſogleich auf die Bitte des Elfenkönigs ein und ſchwur ihm einen heiligen Eid, daß in der Sylveſternacht kein menſchlicher Fuß ſich dem Ritterſaale nahen ſolle. Nach dieſem gegenſeitigen Vertrage verſchwand der Zwerg in der Dunkelheit, und der Ritter ſetzte gedaukenvoll ſeinen Weg fort. Bei ſeiner Heimkehr gebot er allen ſeinen Hauslenten bei Todes- ſtraſe, daß kein Menſch ſich unterſtehen ſolle, in der Sylveſternacht ſich dem Ritterſaale zu nähern, und glaubte nun, ſich ruhig ſchlafen legen zu können. Aber ach! eine Jungfer im Schloß, die ihrer grünen Kleidung wegen gewöhnlich die grüne Jungfer genannt wurde, empfand eine
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140 Livländiſches Sagenbuch. unüberwindliche Neigung zu erfahren, was ſich denn in dieſer Nacht geheimnisvolles im Ritterſaal zutragen ſolle. Von fieber- hafter Neugierde getrieben, ſchlich fie um Mitternacht zu einer Thüre des Saales, legte ihr Auge an das Schlüſſelloch und blickte hinein. Da ſah ſie mit dem äußerſten Erſtaunen, wie die kleinen Diener des Elfenkönigs geſchäftig alle Vorbereitungen trafen zu dem Hoch- zeitsmahl ihres Gebieters. Sie deten einen kleinen Tiſch und beſehten ihn mit Schüſſeln von glänzendem Kryſtall und Edelſteinen; fie zündeten tauſende von glänzenden kleinen Lampen an, die eine Tageshelle in dem düſteren Saal verbreiteten und die Lauſcherin hinter dem Schlüſſelloch hielt mit Entzücken den Atem an vor Be- wunderung und Erſtaunen, Als aber der Brautzug nahte, und ſie die Braut gewahrte am Arme des Elfenkönigs, die ſo ſchön war, ſo ſchön, daß menſch- liche Worte es nicht auszudrücken vermögen ==“ da konnte die grüne Jungfrau ſich nicht enthalten, ein leiſes Ach! auszuſtoßen, womit ſie ihrem Entzücken Luft machte. In demſelben Angenbli> hörte man einen fürchterlichen Knall, ver alle Bewohner des Schloſſes aus dem Schlafe aufſchrecte. Die Lampen waren erloſchen, die Elfen verſchwanden und die nnglück- liche Lanſcherin lag, in Zu>ungen ſich windend, auf der Diele an der Thüre des Ritterſaales. Sie hatte kaum Zeit, den Herbei- eileudeu ihre Übelthat zu bekennen, als ſie in Bewußtloſigkeit ver- fiel und noch vor Anbruch des Tages ihr Leben aushauchte. Das gewölbte Zimmer, welches ſie einſt im Schloß bewohnte, heißt noch immer das Zimmer der grünen Jungfer. Sie ſelbſt aber erſchien den Bewohnern desſelben von Zeit zu Zeit in den langen Korridoren des Schloſſes und klagte mit erſchütternden Tönen ihr Jahrhunderte ſhon dauerndes Leiden, wie ſie ruhelos nmher- wandeln müſſe und vergebens der Erlöſung harre. Bald nach jenem ſchreensvollen Neujahrstage ritt der Burg- herr wiederum na< Irben und auf dem Kreuzwege bei Schlüter- hof erſchien ihm abermals der Elfentöuig, aber diesmal in drohender Geſtalt. „Du haſt deinen Schwur nicht gehalten," ſprach er zürnend, „und zur Strafe dafür ſpreche ich einen Fluch über Schloß Don- dangen aus: das Geſchlecht der Maydell ſoll mit dir in Kurland erlöſchen. In Schloß Dondangen aber ſoll nie ein Majoratsherr ge- boren werden und es ſoll immer und immer von einer Hand in die andere übergehen, bis jene Birke in der Mauer groß genug ge-
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Lipländiſches Sagenbuch. 141 worden iſt, um aus ihrem Holze eine Wiege zu zimmern*). Die grüne Jungfer aber ſoll bis zu dieſem Zeitpunkte auch keine Ruhe finden in ihrem Grabe.“ Damit verſchwand der zürnende Gnom und mit ſehr traurigen Gedanken ritt der Burgherr weiter. Er blieb wirklich kinderlos, und mit ihm erloſch das Geſchlecht der Maydell in Kurland. Durch ſeine Gemahlin, Anna Sibylla von der Oſten-Sacken, kam das Gut in Saenſchen Beſitz und wurde zum Sadenſchen Majorat erhoben. Aber faſt alle Dondangenſchen Majoratsherren waren kinderlos und das große Gut erbte nie vom Vater auf den Sohn, ſondern ging immer nur an die nächſten Ver- wandten über. Im Jahre 1845 ſtarb der ebenfalls kinderloſe Majoratsherr, Carl von der Oſten-Sacfen, dem ſein jüngerer Bruder Theodor folgte, der bereits zwei Söhne beſaß, als er Dondangenſcher Majorats- herr wurde. Jene myſteriöſe Birke ſtand und grünte noch immer, Um ihr Wachstum zu fördern, ließ Theodor von der Oſten-Sacken die innere Wand des Schloſſes an der Stelle, wo die Birke wuchs, etwas aus- höhlen und f rde zum Schreen ſtarb das Bäumchen nun gerade ab. Man tröſtete ſich mit dem Glauben, daß die Strafzeit endlich abgelaufen und der Fluch nun gelöſet ſei, da bei der hohen Induſtrie der Jeßtzeit aus dem ſchwachen Bäumchen allenfalls eine Wiege gezimmert werden könnte, und als ſeinem Sohne, dem jetzigen Beſiher von Dondangen Carl von der Oſten-Sacken im Jahre 1859 ein Sohn geboren ward, der erſte Majoratöherr, der ü jemals in das Licht der Welt erblite == da ſchien der alte Fluch gelöſt, und der Vater des Kindes ließ das bereits vertrodnete Bäumchen abhauen und das Abbild einer Wiege davon verfertigen, womit man das erſte Ruhebett des kleinen Majoratsherrn verzierte. Die grüne Jungfer wird zuerſt erwähnt 1721 in Bankaus hiſtor. Gedicht „Dondangen.“ Inland 1855, Sp. 233. =- In- land 1855, Sp. 252, =- Vgl. auch (Schlippenbach) in Mitauſche wöchentl. Unterhalt. 11 (1805) S. 216. -- (G. Seeſemann), Erinnerungen an Dondangen (Mitau 1872), S, 5 |f. =- Peter- burgas awiſes (M W00ag Nr. Er = Stavenhagen, A! balt. Anſichten ngen, =- Böhm, De! ealſches Leſebuch f. mittl. „Branf 4. Aufl “ 110. = Vgl. u. Nr. 179. „) zul 2 1Zoge von Schloß Rauhene> in Öſterreich. Grimm, D. Sagen 1,
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142 Livländiſches Sagenbuch. 179. Schloß Edwahlen. Zwei Brüder Johann und Friedrich Behr, Enkel Johann Behrs, Statthalters des Herzog Magnus im Stifte Pilten und Erbherrn auf Schloß Edwahlen, freiten beide nach dem ſchönen Fräulein Sybille von Maydell, wohl aus dem Schloſſe Dondangen; ſie aber, eine wilde Jägerin, wollte vom Ehejoche nichts wiſſen, fie ſchweifte ſtets im grünen Jagdkleide im Walde umher und ſpottete ihrer vielen Freier. Johann glaubte den Bruder bevorzugt und erſchlug ihn in einſamer im Schloſſe wobei Blut die Wand des Gemaches beſpritte. Die That ward verheim- licht, die Wand gereinigt, Friedrich, als am Schlagſluß plößlich verſchieden, feſtlich beerdigt und Johann erlangte endlich die Hand der ſpröden und wilden Sybille, die von ihren Eltern zur Entſcheidung für einen ihrer Freier gedrängt wurde und zuleßt den wilden und in allen ritterlichen Künſten gewandten Johann allen andern vorzog. Während der Werbung um Sybille war die blutige That in Johanns Erinnerung in den Hintergrund getreten; ſtolz 3og er mit ſeiner Gemahlin in Edwahlen ein. Aber beim Eintritt in das Mordgemach erblite er den verhängnisvollen, wieder an der Wand zum Vorſchein gekommenen Blutſle> und ſtürzte bewußtlos nieder. In wilden Fieberphantaſien erwachte er und ſeine Reden erwecſten bei der jungen Frau Ahnungen der grauenvollen That, denen ein volles Geſtändnis in banger Krankheitsſtunde traurige Gewißheit gab. Allmählich genas Johann, aber ſein Mut war ge- brochen. Gewiſſenzangſt ließ ihn alle Menſchen meiden und trieb ihn unſtät im Walde umher, wohin ſelbſt Sybille nur ſelten ihn be- gleitete, denn ſie war von dem ſchweren Geheimnis belaſtet und maß ſich einen Teil der Schuld bei. Von dem geliebten Waidwerk bewahrte fie nichts als das grüne Kleid und wandelte meiſt allein im einſamen Schloſſe umher oder ſaß im alten Saale und ſpann. Um das Verbrechen zu ſühnen, baute Johann die Kirche in Edwahlen, aber damit kehrte die Ruhe in die Seelen der unglücklichen kinderloſen Gatten nicht ein. Einſt ſaß Sybille wieder an einem Herbſtabend allein an ihrem Spinnrade im Saal, da erſchien aus dem anſtoßenden runden Turm ein Zwerg. Sie erſchrak wohl, aber der Kleine ſprach ſo lieblich und fein, daß ſie ihn anhören mußte. Er bat um Abtretung des Saales zur Feier der Hochzeit ſeines Königs und verſprach dafür ein ſchönes Geſchenk, jedoch unter der Bedingung, daß kein menſchliches Auge dieſe Myſterien belauſchen dürfe. Sybille verſprach es und zog fich in ihr Schlafgemach zurück, indem ſie den Saal verſchloß.
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Livländiſches Sagenbuch. 143 Johann war ſpät von ſeinen einſamen Streiſereien heimge- kehrt und lag halb wachend halb träumend auf ſeinem Lager. Da hörte er wunderbar liebliche Muſik vom Saale herübertönen. Halbbewußten Sinnes ging er der füßen Melodie nach, ſchaute, da er die Thür verſchloſſen fand, durch das Schlüſſelloch und ſah da die glänzende Hochzeit der Zwerge. An einem Ende des Saales war ein kleiner Altar errichtet, vor dem ein Zwergprieſter ein nied- liches, mit Krone und Szepter geſchmäcktes Paar einſegnete. Von da ging der Zug zur prächtigen Hochzeitstaſel in einem anderen Teile des Saales, wo kleine Pagen die gepußzten Dämchen und Herrchen mit kleinen goldenen Schüſſeln und kryſtallenen Flaſchen bedienten. Nach gehobener Taſel ging man in einen anderen hell- erleuchteten Teil des Saales und tanzte den Hochzeitsreigen. Immer begleitete die bezaubernde Muſik in den mannigſaltigſten Weiſen das Feſt durch ſeine verſchiedenen Phaſen, bis die ganze Zwerggeſellſchaft, das junge Königspaar voran, in kleinen bereitſtehenden Wagen aus dem Saale nach dem Turme fortfuhr und dort verſchwand. Da graute der Morgen und wankenden Schrittes ging Johann zur eben erwachten Sybille, um ihr das Erlebte zu erzählen. Sie jammerte laut auf, indem ſie wegen des enthüllten Geheimniſſes der Zwerge und des ihnen gegebenen Verſprechens ſchlimmes ahnte. Auch Johann ergriff tiefe Angſt; er wollte aus dem unheimlichen Schloſſe entfliehen, warf ſich auf ein Pferd und ſtürmte ſort. Bald aber kehrte das Roß ohne Reiter, zitternd und mit Schaum bede>lt in den Schloßhof zurück. Sybille eilte mit ihren Leuten in wilder Angſt hinaus, um den Gatten zu ſuchen und ſand ihn unweit des Schloſſes, entſeelt am Fuße der noc< jeht im Parke von Edwahlen ſtehenden Eiche. Schlaflos ſaß Sybille ſpät abends wieder allein im ſtillen Schloſſe neben dem müßigen Spinnrade, als derſelbe Zwerg, eine goldene Spindel in der Hand, wieder erſchien und zu ihr ſprach: „Deinen Gemahl hat jein wohlverdientes Geſchick ereilt; das menſchliche Auge, das unſere Myſterien geſehen, muß fich auf immer ſchließen; einer der unſrigen ſcheute an jener Eiche das Roß, ſo daß der Reiter abgeworfen wurde und ſterben mußte. Doch auch der er- wieſene Dienſt bleibt nicht unbelohnt. Unſer König ſendet dir dieſe goldene Spindel. Sorge, daß ſie in dieſem Schloſſe erhalten werde; dann wird es auch beſtehen und das Glü> ſeinen Beſitzern hold jein.“ Sybille ließ die Spindel in eine Maner des Saales ein- Mauern und übergab dem lehten Bruder Johanns, Ulrich, als recht- mäßigem Erben, das Schloß mit deſſen ſchauerlichen und wunder-
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144 Livländiſches Sagenbuch. baren Geheimniſſen. Nur kurze Zeit noch lebte ſie darauf und hielt ſich ſtets im alten Saale auf, die ihr anvertraute Spindel bewachend. Da fand man ſie eines Abends entſeelt ſigen, das Antliß dahin gewendet, wo die Spindel eingemauert war. Selbſt nach dem Tode noch ſoll ſie öfters im grünen Jagdkleide des Nachts in den Gängen des Schloſſes und im alten Saale erſchienen ſein, für die anvertraute Spindel und mit ihr für das Geſchi> des Schloſſes und ſeiner Bewohner ſorgend. Der Blutſle> an der Wand des Mordgemachs wollte gar nicht verſchwinden und troß allen Übertünchens ſchimmerte er immer wieder durch, jo daß man einen Schrank davor ſtellen mußte. Der Beſizer Edwahlens, Baron Adolf Behr und ſeine Gemahlin Eveline, geborene Gräfin Keyſerling-Rautenburg, ließen das Schloß in den Jahren 1835-1841 im alten Stil reſtaurieren und ansbauen. Da wurde auch der Blutfle> im Schloſſe getilgt, indem ein Kamin an der Stelle in die Wand hineingebrochen und ſo durch das Feuer des häuslichen Heerdes der Mord geſühut wurde. Bei dieſem Umbau ſtarb im erſten Jahre plößlich der Architekt im Schloſſe und ſein Nachfolger fand ebenfalls ſeinen Tod durch eineu Sturz vom Ge- rüſte. Da ſagten die Leute, daß die grüne Frau die Änderungen nicht leide, für ihre Spindel fürchtend. Als aber der Beſiher nun ſelbſt die Leitung übernahm, ging der Bau ohne Unfall glücklich zu Ende. Die Ahnfrau im grünen Kleide mochte ihm wohl ver- trauen, daß er die Spindel nicht verleßen werde, was auch ſorg- fam vermieden wurde, indem man die Stelle der Mauer, wo fie verborgen liegt, nicht entfernt berührte, und ſo das Andenken der Zwerge ehrte, deren Verheißung ſich nun ſchon zwei Jahrhunderte lang bewährt hat und noch lange bewähren möge. Stavenhagen, Album balt. Anſichten Bd. 1, Edwahlen, S. 4 ff. = 180. Das Burgfräulein von Kokenhuſen., Ein wunderſchönes Burgfräulein von Kokenhuſen hatte einſt den ſchmuden Sohn des Gärtners vom Schloſſe zu ihrem Liebſten erforen, mit dem ſie ſchon als Kind zuſammen geſpielt hatte. Der Vater aber, ein ſtolzer Ritter, entdeckte dieſe Liebe der Tochter und verbot ihr aufs ſtreugſte, noc weiter an den Jüngling zu denken. Da dies Verbot nun keinen Erfolg hatte, ließ er die Tochter in einen Turm ſperren, das ein Fenſter zur Perſe hin hatte. Durch dieſes Fenſter ſandte der fich in Sehnſucht verzehrende Jüngling
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Livländiſches Sagenbuch. 145 ſeine Lieder und Harfenklänge in früher Morgenſtunde, wenn noch alles im Schloſſe ſchlummerte, aus dem duftenden Perſethal zu dem Ohr der Geliebten hinauf. Aber nichts vermag deren Geſchi> zu ändern. Und einmal, an einem wonnigen Maimorgen, als der Geliebte wieder mit den Nachtigallen um die Wette ſeine Liebe der Jungfrau ins Herz ſang, da konnte ſie ihre Schnſucht nicht mehr bemeiſtern, ſie ſtürzte ſich vom hohen Turm herab in die Perſe; der Jüngling aber eilt zu ihr, er kaun ſie nicht mehr retten und ſo dete beide das Wellengrab. Der grauſame Ritter aber verließ alsbald, vom grauſen Tode der Tochter ergriffen, für immer Kokenhuſen. J. und S., Führer durch d. Dünathal (Riga 1887), S. 44. 181. Die V<ſenhaut und Rigas Gründung. Als die Bremiſchen Kaufleute mit den Liven an der Düna vertraut geworden waren, baten ſie ſich vom Könige derſelben ſo- viel an Grund und Boden aus, als fie mit einer Ochſenhaut um- greifen könnten. Der König ahnte nicht, daß unter dieſer Bitte ein Trug verſte>t liege, und bewilligte ſie. Da zerſchnitten die Deutſchen eine Ochſenhaut in ganz feine Riemen und umfaßten damit einen Teil des Landes, wo jeht Riga gelegen iſt und fingen daſelbſt an, von Steinen ihre Gebäude zur Bergung der Waaren aufzuführen. Um aber von den Heiden nicht beraubt zu werden und ſicherer in ihrer Mitte zu wohnen, ſuchten ſie beim König um Erlaubnis nach, ein Steinhaus vor Gewalt zu erbauen, wo ſie ſich ſchüßen könnten, wenn ihnen von den Heiden Gewalt widerführe. So ließen fie Baumaterial aus Deutſchland kommen und fingen zuerſt an, dem Heil. Mauritius auf einer Inſel, die mitten im Waſſer des Dünafluſſes gelegen iſt, eine Kirche zu erbauen und nach deren Vollendung führten ſie die Burg Üxküll und Dahlen auf. Nele Hist, Liv. 88. rer. Liv. IL. -- Inland 1851, 94 (durch E. Papſt). =- Pabſt, Bunte Bilder 1 26. =- Lerch- Biigaitis, VI 216, 182. Die Gründung Rigas und der große Chriſtoph. Vor alten alten Zeiten floß in Riga ungefähr da, wo jeht der Stadtgraben iſt, ein Flüßchen, das in die Düna mündeie und Riefing Bienemann, Sagenbuch.
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146 Livländiſches Sagenbuch. genannt wurde. Wenn die Leute über dieſen Fluß wollten, ſo gab es da fei! rücke, auch keine Fähre, ſondern ein großer Rieſe, der ſeine Höhle bei den Kaſematten an der Karlspforte hatte, trug die Leute auf ſeinen Schultern durch den Fluß. Nun begab es fich in einer Nacht, da es ſehr finſter war, daß ein lautes Rufen den Rieſen in ſeiner Höhle weckte. Er ſtand auf und da er in der Finſternis niemand gewahr werden konnte, zündete er ſeine Laterne an und leuchtete in die Nacht hinaus. Da ſah er am jenſeitigen Ufer ein armes Kind ſtehen, das weinte ſehr und bat, es hinüber zu holen. Der Rieſe watete durch den Fluß, hob das Kind auf die Schulter und brachte es in ſeine Höhle, wo er ihm ein Nachtlager bereitete. Am andern Morgen war das Kind verſchwunden, aber wo es geruht hatte, da war eitel Gold, das hat der Rieſe in einer großen Tonne in ſeiner Höhle bewahrt und als er bald darauf geſtorben iſt, hat man mit dem Gelde die Stadt Riga erbaut, des Rieſen Bildnis mit dem Kinde aber zum ewigen Andenken in der Gegend ſeiner Höhle aufgeſtellt. Nach mündl. Erzählung eines eie Mannes von A. Pohrt in Rig. Stadtblätter 1852, S. 348; vgl. S. 356: Die drei Wahr- zeichen Rigas, 183. Riga und die Kentuberge. In alten Zeiten, als Riga ſich noch dort befand, wo jetzt die Kentu-Berge im Ürküllſchen ſich erheben, ſtarb eine alte Frau. Nach einiger Zeit aber ſtand ſie von den Toten auf, ging nach Riga und verkündete: „Riga wird brennen, Riga wird verſinken und die Kentu-Berge ſollen ſich erheben!“ Und o Wunder! nach hundert Jahren verſauf Riga wirklich, denn dort befand ſich auf beiden Seiten ein Sumpf, und an ſeiner Stelle erhoben ſich die Kentu-Berge. Noch vor kurzem ſah man dort einen koſtbaren, heiligen Stein; auf dem ſtand aufgeſchrieben, daß in alter Zeit Riga ſich an dieſer Stelle befunden haben ſoll. Aber dem Steine gefiel es nicht, daß die Leute ihn ſo hoch und heilig hielten, darum verſauf er in die Erde und jeht kann man ihn nicht mehr finden. Lerch-Puſchkaitis, V 384, 184. Weshalb es in Riga keine Elſtern giebt. 1. Als das Heer der Ruſſen unter Kaiſer Peters Führung Riga belagerte, das von den Schweden verteidigt wurde, hatte es
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Livländiſches Sagenbuch. 147 zuerſt gar nicht den erwarteten Erfolg. Die Ruſſen verloren mit der Hoffnung auch den Mut, während aus der Stadt ſtet8 das Geläute der Glo>en und heller Freudenjubel erklang. Da die Spione nichts ordentliches erfahren konnten, begab Peter ſich ſelbſt verkleidet in die Stadt. Als er eines Abends ſpät die Schanzen beſah, hörte er wie zwei auf Wache ſtehende Soldaten ſich unter- hielten. Einer von ihnen machte ſich über die Feigheit der Ruſſen luſtig, da ſie nicht einmal eine halbverhungerte Stadt einnehmen könnten; er ſelbſt hätte das mit einem hundertmal kleineren Heere zuſtande gebracht, Als die Soldaten ſich nun trennten, befahl Peter dem einen, ihn im Weigerungsfalle mit dem Tode bedrohend, ihm zu folgen. Der Soldat gehorchte. Wie ſie nun im Lager Peters ankamen, erzählte der Soldat, daß Riga von einer ſchwediſchen Prinzeſſin, einer Zauberin, beſchüßt werde, die ſich, in eine Elſter verwandelt, nachts in einem Loch an einer Schanze verberge, das er kenne, Wenn aber ein na>ter Menſch bei Sonnenaufgang in dies Schanzenloch eine ſilberne Kugel hineinſchöſſe, dann müſſe die Prinzeſſin für alle Zeit eine Elſter bleiben. Peter begab ſich ſo- gleich zur Stadt zurüc, um es mit der ſilbernen Kugel zu ver- Füchen, Als er geſchoſſen hatte, verbrannte der Schwede auf dem Fle, die Zauberin aber flog aus ihrem Loche heraus, ließ ſich anf dem Kirchenturm nieder und ſchrie laut: „Rrr, Kaiſer Peter iſt auch in den Mauern Rigas.“ Die Feldherren gaben ſogleich Befehl, daß die Thore geſchloſſen werden ſollten. Um nicht ge- fangen zu werden, begab ſich Peter zu einem deutſchen Kutſcher, namens Schwark, der gerade Kehricht ausführte; hier legte er ſich «auf den Wagen und ließ den Kehricht auf ſich draufſchütten, um ſich ſo aus der Stadt herausfahren zu laſſen. Der Kutſcher that das auch. Auf den Kehrichthaufen aber ließ ſich nun die Prinzeſſin- Elſter nieder und ſchrie da geraume Zeit. Daher verfluchte Peter fie, daß ſie anf ewig aus Riga verſchwinden ſolle, Am ſelben Tage aber nahmen die Ruſſen Riga ein. Von dieſer Zeit an iſt in Riga und fünf Werſt weit in der Umgegend keine Elſter mehr zu ſchen. IL Die Polen hatten einſt Riga eingenommen. Da zogen die Schweden heran, um es ihnen wieder abzunehmen. Aber die Tochter des Polenkönigs, eine große Zauberin, ſaß auf einem Turme Rigas und verzauberte die Kugeln der Schweden, ſo daß fie. alle abprallten. Endlich erſchoß ein ſchwediſcher Soldat die Zauberin mit einer ſilbernen Kugel. Sie wurde in eine Elſter 10"
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148 Livländiſches Sagenbuch. verwandelt und verſank in der Düna. Hundert Jahre ſpäter kam ſie eines Nachts aus der Düna heraus und bat einen Rigenſer ihr ein Kreuz herbeizubringen. Der aber weigerte ſich und die Elſter fiel wieder in die Düna zurü>, um dort abermals hundert Jahre zu ſchlafen. Und ſo lange wird ſich in Riga niemals eine Elſter zeigen, als die Zauberelſter in der Düna lebt. 1. Jelgawas beedr. Rakſtu krajums 1V. 35. =- Brihwiem- neeks, S. 33. EN 1. daſ. die Anm., wo zwei weitere Varianten angeführt worde Lerch-Puſchkaitis V 107. =- Ebenda eine andere kurze ei „über das Fehlen der Elſter in Riga. 185. Die Ronneburgſchen Geſinde, Früher lagen die Geſinde der Ronneburger Gemeinde zu- ſammen. Einſt aber hatten die Ronneburger einen Herrn, der war ein großer Verſchwender, Um ſeiner Schulden ledig zu werden, verkaufte dieſer die Geſinde für zehn Tonnen Goldes dem Teufel. Der Teufel ſtete nun alle Geſinde in einen Sa>, um ſie zur Hölle zu tragen. Aber der Sa zerriß und die Geſinde fielen Heraus, jedes in eine andere Gemeinde. Lerch-Puſchkaitis, VI 203. 186. Die Gründung Wolmars. König Waldemar Il. von Dänemark hatte einſt einen heftigen Kampf mit den Eingeborenen Livlands zu beſtehen. In einer Schlacht, als die Entſcheidung ſchwankte und ein Prieſter in inbrünſtigem Gebet wie einſt Moſes mit erhobenen Händen den Sieg herabflehte, da fiel eine weiße, mit einem roten Kreuz geſchmüctte Fahne vom Himmel. Das Wunder belebte den Mut der Krieger jo, daß ſie die Menge der Feinde ſiegreich zerſtreuten und Gott für das herrliche Banner prieſen, das den Dänen noch oft in ſchweren Kämpfen den Sieg erwirkte. Es iſt der Danebrog. Zur Erinnerung an jenen wunderbaren Sieg aber wurde eine Stadt und ein Schloß erbaut, die man Waldemar (Wolmar) benannte. Zuerſt wohl bei Pontanus, Rer. Dan. hist. (Amstel. 1631) S. -=- Die übrige Literatur vgl. bei Heine, Beitr. z. Geſch. EE (Riga 1894) S. Die Sage wird übrigens auch von Reval erzählt, vgl. Papſts Ausg. Heinr. von Lettl. S. 252 Anm. 17.
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Livländiſches Sagenbuch. 149 187. Wie Marienburg ſeinen Yamen erhielt. Einſt belagerten große Heere eiſerner (geharniſchter) Männer vas Schloß Allukſne; vergebens bemühten ſie ſich, dasſelbe ein- 1 denn die kämpſten ütig, ß an Übergabe nicht zu denken war. Schon begannen die „eiſernen Männer“ zu weichen, ſchon ſang die Beſehung von Allukſne Lob- lieder und brachte den Göttern Opfer dar, da zeigte ein Böſewicht aus der Zahl der Belagerten den „eiſernen Männern“ ſür eine große Geldſumme ein verborgenes Thor, durch welches man ins Schloß gelangen konnte. In einer Nacht, als alle um ein Feuer fich geſchart hatten, als die Jungfrauen den Kriegern den Becher fredenzten, erſchienen die „eiſernen Männer“ plößlich in der Burg. Die Verteidiger des Verließes kämpften tapfer, doch fielen ſie bis auf den lezten Mann; ſogar die Jungfrauen kämpften voll Feuer. Als der Befehlshaber des Schloſſes ſah, daß alles verloren, zündete ex die Burg an; ſie brannte ab, deögleichen verbrannten die ge- töteten und verwundeten Krieger. Durc<h Verwandlung wurden aus den Geiſtern der verſtorbenen Burgyverteidiger == Vögel, welche ſich in die Lüfte erhoben und ſtöhnend die Feuerflammen und Burgtrümmer umſchwebten. Die „eiſernen Männer“ wollten die Burg von neuem auf- bauen, aber die Vögel, die Geiſter der Verſtorbenen, ſtörten ſie immer bei ihrer Arbeit. Das, was während des Tages auſgebant wurde, zerſtörten während der Nacht die Vögel, die auch die Arbeiter bei ihrem Thun zu hindern ſuchten. Als mm die „eiſernen Männer“ ſahen, daß ſie das Schloß nicht erbauen konnten, be- rieten ſie miteinander, was zu thun ſei. Sie kamen überein, dem See ein Menſchenopſer darzubringen, damit man ſo die Vögel beruhige. Doch nach einigen Tagen erſchien aus einem fernen Lande ein Zauberer, welcher den Eiſenmännern erklärte, die Burg werde man nicht früher fertig ſtellen, bevor man nicht eine gute und ſchöne Jungfrau gefunden hätte, welche bereit ſei, für immer die Schlüſſel des Schloſſes in Verwahrung zu nehmen, Die „eiſernen Männer“ freuten fich über den Beſcheid, luden ſämt- liche Mädchen aus Allukſne zu einem Gelage ein und fragten die- jelben, ob fie willens wären, für immer den Schlüſſel zur Burg aufzubewahren. Allein die Vögel verrieten den Jungfrauen, daß die Schlüſſelbewahrerin einen ſchrelichen Tod zu erwarten habe, deshalb übernahm keine dieſes Amt. Mit gutem war alſo keine Schlüſſelbewahrerin zu finden. Zwar wußten die „Eiſenmänner,“
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150 Livländiſches Sagenbuch. daß nicht allzuweit von Allukſne ein ſehr hübſches Mädchen lebte, doch dieſes war auf keine Weiſe zu veranlaſſen, dem Feſte beizuwohnen. Jenes Mädchen war eine Waiſe, denn ihr Vater war mit den Kriegern ausgezogen, um die Burg zu beſchirmen, war aber nicht zurückgekehrt; um ihren Vater weinte das Mäd- <hen Tag und Nacht. In einer Nacht überfielen die „eiſernen Männer“ das Mädchen, führten ſie zur Burg und gaben ihr ihrer Schönheit wegen nach der Gottesmutter den Namen Maria. Als das Mädchen aber von den Freuden und Luſtbarkeiten der Feinde nichts wiſſen wollte, kündete man ihr an, daß ſie ſterben und die Schlüſſel der Burg in Verwahrung nehmen müſſe. Die „Eiſen- männer“ ergriffen ſie und mauerten ſie lebendig mitſamt den Schlüſſeln ein. Nun waren ſie ſicher, daß kein Feind die Burg einnehmen könne, da ja die Schlüſſelbewahrerin für den Nicht-Eingeweihten unauffindbar war. Sieben Tage und ſieben Nächte ſtöhnte und wimmerte das unglücliche Mädchen in den Mauern. Die Vögel umflatterten zwar nach alter Art des Nachts die Burg, zwar wollten ſie die Mauern wieder niederreißen, allein das Stöhnen des Mädchens erſchreckte ſie ſo ſchr, daß ſie weit fortflogen und nicht mehr wiederkamen. Am achten Tage verſtummte das Wimmern der Unglülichen; die Mauern erhoben ſich immer höher und höher und ſchon nach einem Jahr konnte die Burg eingeweiht werden. Nach dem eingemauerten Mädchen wurde das Schloß Allukſue „Marien- burg“ genannt, aber die umwohnenden Letten gebrauchen bis auf den heutigen Tag den alten Name I. FAN atw. teifas iz : Maieenas, Hrög, von P. Behr- ſinich 1 (Riga 1888), S. 24 ff. == N. Krimberg, Rig. Tagebl. 1893, Nr. 13 188. Die ſchöne Anne. Eine ſchöne Lettin, Anne, lebte einſt in den Oppekalnſchen Bergen. Der Bewunderer zählte ſie viele, doch keiner vermochte ihre Liebe zu gewinnen. Zwei Nachbarsſöhnen aber hatte ihr ſeelen- volles Auge das Herz gleich heiß entflanmnt, daß ſie beide Anne liebten, mehr als ihr Leben. Als endlich das Mädchen ſah, daß ſie für den einen oder den andern ſich entſcheiden müßte, brachte die Wahl ihr namenloſe Pein. Zur Kürzung der Liebesqualen verſtändigten ſich endlich die beiden Bewerber, mit einander um den
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Livländiſches Sagenbuch. 131 Beſitz der Heißgeliebten zu kämpſen. Welch ein Kampf entbrannte da in den Gluten der Liebe und Eiferſucht! Keiner ſiegte, keiner wich, bis endlich von Wunden bede>t beide Kämpſer entſeelt zu Boden ſanken. Anne ſah es und zum erſtenmale regte die Liebe ihren Buſen. Unverſiegbare Thränen entſtrömten ihren Augen. Anne weint noch heute. „Anne raud“, Anne weint, heißt bis auf die Gegenwart das Haus, wo ſie trauerte. Dort auſ dem Felde moderten noch lange die Gebeine der beiden Bewerber; die des einen wurden weiß, die des andern ſchwarz. „Baltais-kauls“, Weißes Ge- bein, heißt noc<h immer der Bauernhof zur Seite von Anneraud und „Mellais-kauls", Schwarzes Gebein, das zur andern Hand. Stavenhagen, Album balt. Anſichten Bd. 11, Oppekaln, S. 7. 189, Dorpats Dame. Woher die Stadt Dorpat urſprünglich den Namen überkommen, iſt ungewiß. Doch wollen einige, es komme der Name her von ven beiden niederſächſiſchen Wörtern „dar bet“, das iſt „dort weiter.“ Denn da die Deutſchen, ſagen ſie, ſich dieſes Ortes bemächtigt und allda eine ordentliche Stadt zu bauen Balken den Strom herab- geflößt, ſolche Balken aber an einem Ort des Uſers angeſtoßen und ſtehen geblieben, haben etliche aus denſelben ſolches für ein gut Zeichen gehalten und gewollt, daß man an ſelbigem Orte die Stadt anlegen ſollte. Andere aber haben dieſem widerſprochen mit den Worten: „Dar bet!“ das iſt „Dort weiter!“ Und weil dieſer lezten Willen den Plat behalten, ſei folgends die Stadt ge- nannt worden Darbet. Kelch Chronik, S. 68. =- Jnland 1851, Sp. 497. =- Pabſt, Bunte Bilder, 11 26, 190. WieNeu-Pernau verbrannt werdenſollte. In alten Zeiten wohnte in Alt-Pernau ein Biſchof, der mit Neid eine Anſiedlung auſ der ſüdlichen Seite des Fluſſes anſah, da er ſürchtete, daß dadurch ſeine Stadt leiden würde. Zwar waren es nur etwa zwanzig kleine Fiſcherhäuſer, die an der Stelle errichtet waren, wo ſpäter eine Kapelle ſtand und in neueren Zeiten zwei Kreuze errichtet ſind zum Andenken an einen polniſchen General und ſeinen Diener, die hier bei der Verteidigung der Stadt gegen
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152 Livländiſches Sagenbuch. die Schweden gefallen ſein ſollen. Der Biſchof hatte einen Knecht und eine Magd, die ſich gerne heiraten wollten, aber keine Mittel beſaßen, um ein Hausweſen zu gründen. Dieſen verſprach ihr Herr eine große Summe Geldes, wenn ſie die Fiſcherhäuſer, den Anfang der neuen Stadt, anzünden wollten. Dies geſchah und als die Flammen in die Höhe ſchlugen, machte der Biſchof auf einem bereitgehaltenen Schiffe ſich davon und fuhr nach Deutſchland. Da ie Mordbrenner ergriffen und zum Feuertode verurteilt waren, wurde das Urteil vollſtre>t auf dem Hochgericht, deſſen Stelle noch jeht eine [24 Linde an dem Wege nach Reval bezeichnet. irm, Nachrichten über Alt-Pernau (Rev. 1880), S. 13 ff. AE: (Ee "Pernauſcher Fiſcher). =- Die Sage hängt zuſammen mit dem Verſuch des Pfaffen Joh, Droſte, Neu-Pernau 1533 in Brand ſtecken zu laſſen; vgl. ebenda S. 13. 191. Der Kapellenherr in Fiel. Ein Beſiher des Gutes Fickel in Eſtland war ein ſehr böſer und tückiſcher Herr und quälte ſeine Leute unbarmherzig. Sto> und Peitſche arbeiteten in den Händen der Frohnvögte vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen. Das ſchlimmſte Leben aber hatte der Kutſcher. Wenn der Herr von Hauſe war, konnten die anderen aufatmen, während beim Kutſcher dann erſt recht die Tage der Pein begannen. Endlich ſtarb der böſe Herr. Vor ſeinem Tode hatte er ganz nahe bei der Kirche eine kleine Kapelle erbauen laſſen; und in dieſer Kapelle, hatte er befohlen, jfolle man ihn beerdigen, in der Hoffnung, daß der Teufel ihn dort nicht erreichen könne. Aber ſchon in der folgenden Nacht hörte der Kutſcher das laute Geraſſel eines Wagens immer näher herankommen; er dachte, fremde Herrſchaſten kämen zum Beſuch, und lief zum Stall, um die Pferde entgegenzunehmen. Wie er- ſchrak er aber, als er ſah, daß die prächtige Kutſche mit acht kohlſchwarzen Hengſten beſpannt war, die in ſauſender Karriere her- anjagten und aus deren Mänleru und Nüſtern ein Feuerſtrom hervorſprühte. Und der auf dem Kutſchbo> ſaß, das war niemand anderes, als der frühere Gutaherr, während der Teufel in der Kutſche lehnte und zum Zeitvertreib mit der Peitſche ſeinem Kutſcher tüchtig den Rücken bearbeitete. Vor der Treppe des Herrenhauſes bleiben die Pferde ſtehen. Der Teufel ſpringt aus der Kutſche und der tote Herr vom Kutſchbo>. Die Thitren öffnen ſich vor
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Livländiſches Sagenbuch. 153 ihnen von ſelbſt, beide treten hinein und wandern dann mit lautem Geräuſch und Gepolter aus einem Zimmer ins andere. Endlich als der Hahn krähte, liefen beide ſchnell wieder hinaus; hier ſpringt der Herr auf den Kutſchboc>, der Teufel in die Kutſche, und die Pferde raſen wie der Wind davon; der Gehörnte aber, beginnt von neuem mit der Peitſche des Herrn Fell zu gerben. Das alles ſah der Kutſcher aus der Entfernung mit an, doch wagte er es nicht, näherzutreten. Am nächſten und an jedem folgenden Abend wiederholte ſich genau dasſelbe. Der Kutſcher freute ſich anfangs ſchr, daß dem Herrn jeht ſeine Thaten heimgezahlt würden. Auf die Dauner wurde es jedoch ihm ſogar zu viel. Denn während der Teufel und der Herr des Nachts im Herrenhauſe polterten und lärmten, konnte der Kutſcher kein Auge ſchließen. Da e3 nicht beſſer wurde, ging er zu einem weiſen Mann. Der ſagte, um das Wiederkehren des Teufels und des verſtorbenen Herrn zu verhindern, ſei weiter nichts nötig, als auf jedem Fenſter der Kapelle ein Kreuz zu machen und ſie alsdann zuzumanern; dann würden die Be- wohner des Gutes von den nächtlichen Gäſten befreit werden. Inzwiſchen hatte die Schloßherrin in großer Angſt alles gethan, um den Heimgänger von fich fern zu halten, allein vergeblich. Niemand wußte Rat. Endlich bot ſie demjenigen eine Tonne Gold, der Hilfe ſchaffen würde. Der Kutſcher, von dem weiſen Manne unter- richtet, meinte, der Herr werde nun ſchon genügend gepeinigt ſein. So ging er zur Frau und verſpra<, das Geſpenſt zu vertreiben, wenn ſie ihm den verſprochenen Preis zahlen wolle. Dieſe ver- ſprach es und nun wies der Kutſcher ſie an, was ſie zu thun hätte. Die Fenſter der Kapelle wurden zugemauert und ſind es von der Zeit an bis heute geblieben. Als darauf der Kutſcher zur Schloßherrin ging, um ſeinen Lohn zu empfangen, hieß dieſe ihn warten, denn ſie könne nicht ſicher ſein, daß der Herr mit dem Teufel nicht wieder des Nachts käme, um fie zu quälen. Der Kutſcher wartete einige Wochen; doch auch jekt erhielt er dieſelbe Antwort. Er ging zum drittenmal hin; aber auch diesmal kein beſſerer Beſcheid. Nun wurde es ihm klar, daß man ihm gar feine Belohnung geben wolle. Nochmals ging er zu der Frau und drohte, den Herrn wieder herbeizuruſen, wenn ſie ihr Ver- ſprechen nicht halte. Vergebens. Aber der Kutſcher verſtand keinen Spaß. Ohne Zögern lenkte er ſeine Schritte zur Kapelle, brach in ein Fenſter ein Loch hinein und ſchlug das Kreuz heraus; dann ging er nach Hauſe, als wäre nichts geſchehen. Mit Sehnſucht erwartete er hier den Abend.
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154 Livländiſches Sagenbuch. Und der Abend kam und mit ihm die alten Gäſte: wieder führ eine Kutſche, mit acht Pferden beſpannt, in den Hof; der Herr jaß auf dem Boc>, der Teufel in der Kutſche und bis zum Hahnenſchrei polterten und lärmten ſie wieder im Herrenhauſe. Am anderen Morgen war das erſte, was die Frau that, daß ſie den Kutſcher rufen ließ und ihn bat, daß er die Geſpenſter wieder banne. Der verlangte ſeinen verſprochenen Lohn und ſofort ließ nun die Frau ihm eine Tonne Goldes anszahlen. Dagegen nahm nun der Kutſcher einen Maurer mit, zeigte ihm das Loch im Feuſter der Kapelle, ließ ein neues Kreuz vorlegen und dann das Loch wieder zumauern. Von der Zeit an ſind der Teufel und der Herr nicht mehr zum Veſuch auf dem Gute erſchienen. Eiſen, Eſiwanemate warandus, S. 90 ff. =- Auch von einem böſen und harten Gutöherrn von Pallo (bei Weiſſenſtein), der als Wiedergänger erſcheint, weiß die Sage zu erzählen, vgl. Eeſti fkirjameſte Seltſi aaſtaraamat 1890, Beil. S. 9: 192. Die Vonnen von Dirſlät. Das Wohnhaus des Gutes Dirſlät in Eſtland ſoll früher ein Nonuenkloſter geweſen ſein und man unterſcheidet noch jekt einzelne Zellen und Gewölbe, in denen die Nonnen gelebt haben. Auch ging die Sage, daß öfter weiße Geſtalten in den Zimmern it die des Hauſes Das Gut wurde verkauft und der Käufer, ein Graf Rehbinder, zog ein, ohne auf die Gerüchte von umgehenden Geſpenſtern zu achten. Eines Abends aber jah er ganz deutlich eine größere und eine kleinere weißgraue Geſtalt durch das Zimmer ſchweben, mehrere Gemächer und Gänge durchwandeln und endlich in einer Kammer verſchwinden. Er erzählte die Sache dem Prediger, der an der Stelle, wo die Geſtalten in die Erde geſunken waren, nachgraben ließ und menſch- liche Gebeine, größere und kleinere, daſelbſt faud. Dieſe wurden auf dem Kirchhofe Gn und ſeitdem hat ſich nie etwas ge- ſpenſtiſches wieder ſehen laſſe Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 59. Aus Hapſal, deutſch. Ähnliches von Linden. 193. Die Geldmünzer von Leal. Wer nach dem Städtchen Leal kommt, dem fällt ſchon von fern das Gemäuer des alten Schloſſes ius Auge, das die Geſtalt eines
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Livländiſches Sagenbuch. 155 großen Hundes zu haben ſcheint. Dieſe Geſtalt hat es aber, wie die Leute ſagen, deshalb,- weil in dieſem Schloſſe einſt der Höllen- hund hauſte. In Kriegszeiten ward das Sc<loß verheert, aber auf des mächtigen Hundes Gebot blieb ein Teil der Mauern in Hunde- geſtalt ſtehen. Da trieb der Höllenhund ſein Weſen wie ehedem. Von den Menſchen wagte es keine Seele abends oder nachts dem Schloſſe nah zu kommen, denn wenn es finſter war, hörte man dort immer ein Getöſe und Gepolter. Ein junger Edelmann, der von der Geſchichte des Schloſſes hörte, nahm ſich vor hinzugehen, um zu erfahren, was es uachts im Schloſſe gäbe. Wohl warnten ihn ſeine Freunde, aber er achtete deſſen nicht, lachte ſie mit ihrer Furchtſamkeit aus und ging tapfer hinauf zum Schloß. Mitten auf dem Wege trat ihm ein langer Mann in ſchwarzen Kleidern entgegen und hieß ihn zurückgehen. Der Edelmann kehrte ſich aber nicht daran, ſondern ſchritt rüſtig weiter. Plößlich verſchwand der Boden unter ſeinen Füßen und er ſank in die Tiefe. Endlich gewann er wieder Halt, ſchlug die Augen auf und fand, daß er auf ein Strohlager gefallen war. Er ſtand in einem weiten Saale, der viele Ausgänge hatte. Ein lauter Lärm ſchlug an ſein Ohr. Jeßt ſah er ſich genauer um und be- merkte, daß eine von den Thüren halb geöffnet war und daß in dem anſtoßenden Saale viele Werkleute arbeiteten. Furchtlos trat er über die Schwelle in den Saal. Da lagen ungeheure Haufen von eitel Silber und Gold, davon trugen die Männer Stü> um Stück auf den Ambos und ſchlugen alles zu Geld. Staunend be- trachtete der Edelmann das Werk der Geldmünzer. Plöhlich er- blite ihn einer von den Männern. . . . Du mußt ſterben! rief er aus. Bisher hat noc<h keines Menſchen Auge unſere Arbeit be- lauſcht! =- Laſſen wir ihn am Leben! riefen die anderen. Er muß aber geloben, nichts davon zu verraten, was er hier ſicht. Sonſt wird ihn unſer Wirt, der Hund, von der Oberwelt hierher bringen und ihm auferlegen, bis in Ewigkeit Geld zu ſchlagen! Der Edelmann gelobte mit einem Eide Stillſchweigen. Damit gaben ſie ſich zufrieden und bevor er ſich noch recht beſinnen konnte, verſchwand alles vor ſeinen Augen und er ſtand wieder oben vor dem Gemäuer. Der Edelmann hielt ſein Wort. Zehn Jahre gingen ſo vor- über und niemand hatte etwas davon gehört, was mit ihm unter dem Schloſſe geſchehen war. Als er unn eines Tages alles deſſen gedachte, ſtand auf einmal ein ſchwarzer Mann neben ihm, ſtellte einen tüchtigen Sac vor ihu hin und ſprach: Das ſoll dein Lohn
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156 Livländiſches Sagenbuch. ſein, weil du dein Wort gehalten haſt! =- Der Sa aber war voll Gold und Silber. Jett begann für den Edelmann ein neues Leben. Ohne Unter- laß gab er Feſte und ſuchte Luſtgelage. Von ſeinem großen Vorrat nahm er Gold und Silber nach Bedarf, aber der Schaß ward darum nicht kleiner. Alle wunderten ſich über ſeinen Reichtum und ſuchten zu erforſchen, woher er ihn habe. Einſt feierte der Edelmann ein prächtiges Feſt. Da brachten fie wieder die Rede auf ſeinen Reichtum. Der Edelmann aber, dem der Wein die Zunge löſte, erzählte den Gäſten alles, was ſich zu- getragen. Doch kaum war das Feſt zu Ende und die Gäſte vom Hof gefahren, als der Edelmann ſpurlos verſchwand. Wohl ſuchten fie ihn allerwegen, aber vergeblich. Endlich fiel es ihnen ein, was er von der Drohung der Unterirdiſchen geredet hatte. Da nun viele von ihnen, als ſie von jenem Feſte heimfuhren, einen ſchwarzen Hund auf dem Edelhofe geſehen hatten, ſo meinten ſie, das könne kein anderer geweſen ſein, als der Schloßhund von Leal, der den Schwäßer geholt und zur Münzerarbeit abgeführt habe. Rußwurm, Sagen, a. der Wiek, S. 67. (Aus Hapſal, deutſch; etwas abweichend.) =- Jannſen, ehen u. Sagen 11 132 ff. = Eiſen, Eſiwanemate warandus, S. 55 194. Das Geiſterfeſt zu Lode, Eines Abends war ein alter Diener aus dem wiekiſchen Schloß Lode ins Dorf gegangen, wo er ſich im Kruge mit einigen Freunden unterhielt. Da ſeine Herrſchaft nicht zu Hauſe war, ließ er ſich Zeit und kehrte erſt um Mitternacht zum Schloſſe zurü. Als er fich näherte, ſah er zu ſeinem größten Erſtaunen das ganze obere Stodwerk hell erleuchtet, und da er glauben mußte, daß ſeine Herr- ſchaft unvermutet wieder angekommen ſei, befiel ihn eine große Angſt; denn alsdann mußte er vermißt worden ſein und konnte für den andern Morgen auf eine gute Tracht Prügel rechnen, zumal wenn auch Beſuch von Fremden daſein ſollte, bei deren Aufwartung thätig zu ſein er verpflichtet geweſen wäre. Was blieb zu thun? Sich zu Überzeugen, ob die ganze Erſcheinung nicht etwa nur ein Blend- werk ſeiner geängſteten Sinne ſei, eilte er hinzu, ſegte die Leiter an und gute oben durch's Fenſter. Der große Saal war durch viele Lichter erhellt, aber nicht ſeine Herrſchaft erblickte er, ſondern eine zahlloſe Menge kleiner Geſtalten, die ſich in lebhaftem Tanze
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Livländiſches Sagenbuch. 157 drehten; eine leiſe, liebliche Muſik tönte dazu, und ganz entzückt ſchaute er das Treiben der niedlichen Leutchen an, die ſich in ihrem Vergnügen durch ihn keineswegs ſtören ließen. Unwillkürlich klopfte er an's Fenſter, aber in demſelben Augenbli> erhielt er auch von unſichtbarer Hand eine ſo derbe Ohrfeige, daß er von der Leiter herabſtürzte und halb bewußtlos liegen blieb. Als er ſich wieder beſonnen hatte und nach den Fenſtern hinaufblikte, waren die Lichter ausgelöſcht und alles verſchwunden, auch ließ ſich hernach in dem Zimmer nicht die geringſte Unordnung oder Veränderung ſpüren. Beitr. z. Kunde Eſt-, Liv- u, Kurl. 1 343 (Rußwurm, Aus Hapfal, deutſch). 195. Der Mönd; in Yode. Vor vielen Jahren kehrte ein Oſfizier in dem Schloſſe Lode ein und wurde vom dem Graſen aufgenommen und eingeladen, die Nacht da zuzubringen. Zwar könne er ihm kein anderes Zimmer anweiſen, als eins am äußerſten Ende des Schloſſes, in welchem es bisweilen ſpukte. Der Oſfizier äußerte ſich ſehr zuſrieden damit, da er dann doch vielleicht Ge- ſellſchaft haben werde, und legte ſich getroſt ſchlafen. Um Mitter- nacht hörte er ein Geräuſch, blickte auf und ſah einen Mön<h vor ſich ſtehen, der ihm winkte, ihm zu folgen, Dies geſchah, und der Mönch führte ihn durch lauge Gänge bis in eine Eke, wo er den Kalk von der Wand abſchlug und einen Wandſchrank öffnete. Aus demſelben nahm er einen großen Schlüſſel, reichte ihn dem Oſfizier und führte dieſen dann zum Hauſe hinaus vor das Thor auf einen kleinen Hügel. „Hier“, ſprach er, „grabt nach, und wenn ihr auf eine große eiſerne Thür ſtoßt, ſo ſchließt ſie mit dem Schlüſſel auf.“ Darauf verſchwand er. Der Offizier aber ſank ermattet von der großen Auſregung hin und verlor das Bewußtſein. Als er am andern Morgen erwachte, hatte er den Schlüſſel, der noch jeht in Lode auſbewahrt wird, in der Hand und erzählte von der Erſcheinung; doch ſand man es nicht ratſam, eine Nachgrabung anzuſtellen. Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S, 62 (Aus Hapfal, deutſch). 196. Das Amen. Ein Prieſter nahm zwei arme Knaben zu ſich, um ſie für den Kirchendienſt zu erziehen. Beide lernten auch außerordentlich raſch ihre Pflichten und dienten bei der Meſſe und allen heiligen Hand-
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158 Livländiſches Sagenbuch. lungen als Chorgehilfen mit großen Eifer, doch waren ſie in ihrer Sinnesart ſehr verſchieden. Während der eine demütig nur Gottes Ehre bei ſeinen geiſtlichen Verrichtungen im Auge hatte, dachte der andere nur an die durch ſein muſterhaftes Betragen erworbene Ehre und die Beſörderung zu einträglichen Stellen. Er gelangte auch zur Würde eines Prieſters und zulekt eines Domherrn in Hapſal (?), ja er hatte ſogar Ausſicht, zum Biſchof gewählt zu werden. Doch Gott gefiel nicht ſein hochmütiger Sinn, der ſich unter anderem darin zeigte, daß er bei ſeinen Gebeten ſtets das Amen wegließ. Ehe noch die Wahl angeſtellt wurde, verfiel er in eine Krankheit und ſtarb. Zur Strafe wurde ihm auferlegt, daß er das ihm anſtößige Wort Amen gänzlich vergeſſen und ſo lange ruhelos auf Erden umherſchweifen ſolle, bis er es wieder finde. So mußte denn der Unglückliche Jahre lang aus ſeiner Ruheſtätte aufſtehen und zeigte fich beſonders in mondhellen Nächten den Vorübergehenden, erſchien auch, nachdem ſchon die katholiſche Religion abgeſchafft war, in den Zimmern des Schloſſes, am häufigſten in dem Studierzimmer des Schloßpredigers, der ſich ſo an ſeinen Anblick gewöhnt hatte, daß er ruhig ſortſtudierte, wenn das Geſpenſt in einer Ecke ſaß und murmelte, Eines Abends hörte er deutlicher als biöher den Wieder- gänger ein Gebet herſagen und erkannte bald, daß er das Vater- unſer in lateiniſcher Sprache bete, aber jedezmal das Amen weg- laſſe. Als das Geſpenſt wieder ans Ende des Gebets kam, rief er mit ſtarker Stimme: „Amen!“ dazu. Fröhlich wiederholte der Geiſt das Amen, dankte dem Prediger, verſchwand und hat ſeitdem Ruhe im Grabe gefunden. Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 35 (Aus Hapfal, deutſch). 197, Revals Gründung. 1. Vor mehr als achthundert Jahren lebte in Dänemark ein König, deſſen beide Kinder, ein Sohn und eine Tochter, in verbrecheriſche Liebe gegeneinander entbrannt waren. Als der König dieſe ſtraf- bare Zuneigung entdeckte, verbannte ſein gerechter Zorn die Prin- zeſſin, als den am meiſten ſchuldigen Teil, für immer aus dem Lande. Sie in: auf ein Schiff gebracht mit der Weiſung, 5% nun ſelbſt für ihre übrige wählen, Der Sturm trieb die reuige Verbannte an die Küſte Eſtlands und die Stelle wurde ihr ſo lieb, daß ſie beſchloß, ſich hier niederzu-
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Livländiſches Sagenbuch. 159 laſſen und von ihren mitgebrachten Schäßen eine Stadt zu gründen, die nachher Tani-lin, Dänenſtadt, genannt wurde, jeht aber Reval heißt. Auf dem Domberge daſelbſt ſoll das Schloß der Prinzeſſin ge- ſtanden haben. Jn ſpäterer Zeit hat der König von Schweden ſie wieder mit ihrem erzürnten Vater verſöhnt und Eſtland kam bei dieſer Ge- legenheit nach und nach immer mehr unter die Herrſchaft der Dänen. bin Reval, geht die gemeine Sage, habe den Namen von dem Fall eines Rehes, das auf dieſem Plaß ſein Ende genommen haben joll. Denn wie König Woldemar dieſe Lande bekrieget und zum Glauben bracht, ſei er, ſagt man, eines Tages mit ſeinem Hofge- finde ſpazieren ausgeritten und zur Ergößung ſei ein Jagen für- genommen worden. Nun ſei eben unter andern Tierlein dieſer Landesart auch ein ſchönes Reh mit aufgetrieben, welches dem König inſonderheit ſo wohl gefallen, daß er befohlen habe, dasſelbe wo- möglich lebendig zu bekommen. Wie auch ein jeder ſich darauf bemüht und das arme Rehlein geſchen, daß es von allen Orten her umſchränft war, ſei es dieſem Ort zugelaufen und endlich, da ihm Menſchen und Hunde emſig nachgehängt, man auch nicht anders vermeint, als daß es da beſtehen bleiben und ſich gefangen geben müßte, nicht wiſſend wo mehr aus oder ein, zum Teil aus Schre>en, zum Teil aus Müdigkeit über den Klint oder Felſen herunter ge- ſtürzt und im Fall den Hals gebrochen. Iſt mir auch wohl eher der Ort des ſpißen und ſcharf herfürragenden Steinfelſes oder Klints, der in der Höhe zwiſchen der Schweſter-Pforten und der andern vorgebaueten Pforten, da die Zugbrücke iſt, ſich ſehen läßt, vor die rechte Malſtatt gezeigt und gewieſen worden, von dannen herunter das Reh ſeinen tödlichen Fall ſoll genommen haben. 1. Nach mündl. Erzählung des Seppa Ado von Boubrig, Ver« handl. der gel. eſtn. Geſ., Bd. 11, 3, 72. Bab, Bunte Bilder l, ie Eiſen, Eſiwanemate warandus, S. 2: I. M. Brandis, Liefl. Geſch. Mon. liv. Es IN, 88, =- Inland 1848, Sp. 525 ff. in Verſen. =- Vgl. Kruſe im Inland 1851, Sp. 429 ff. 198. Die Rieſenjungfrau und Reval. Von der dicken und hohen Mauer, die zur Seite des ſoge- nannten langen Domberges in Reval die Unterſtadt von dem Dome trennt, erzählt der Eſte, eine ſtarke Jungfrau =- wahrſcheinlich eine Rieſen- oder Kalewsjungfrauen = habe ſie aufgebaut, nachdem fie die Steine dazu in ihrer Schürze herbeigetragen.
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160 Livländiſches Sagenbuch. Pabſt in ZU. Reval. Alman. 1856, S. 42, Nach einer von Rußwurm in Kertell auf Dagö gehörten Verſion iſt es ein „unter- irdiſches“ Mädchen, das die Steine in der Schürze herbeiträgt und die Mauer an einem Morgen vor acht Uhr erbaut. Ebenda. 199. Warum Revalniemalsferfig werden darf. Jeden Herbſt einmal ſteigt in finſterer Mitternacht ein kleines, graues Mänulein aus dem Oberen See bei Reval, geht den Berg hinunter an das Stadtthor und fragt den Thorwächter: „Iſt die Stadt ſchon fertig, oder giebt es dort noch etwas zu bauen?“ Jn großen Städten pflegt es nun ſo zu ſein, daß die Bauarbeit ſelten feiert, denn wenn auch keine neuen Gebäude auſgeſührt werden, ſo giebt es doch allerorten an den alten zu beſſern und zu fliken und ſonſtiges zu thun, ſo daß kaum eine Zeit eintritt, wo alle Werk- leute ruhen. Sollte aber auch einmal alle Arbeit ſtillſtehen, ſo darf man doc< das dem Seemännlein nicht verraten. Deshalb iſt von Obrigkeit wegen allen Thorwächtern ſtreuger Beſehl gegeben, auf die Frage des alten grauen Männleins jedesmal zu antworten: „Die Stadt iſt noch lange nicht fertig, viele Gebäude ſind erſt zur Hälfte aufgeführt und es kann noch manches liebe Jahr währen, bis alle Arbeiten zuſtande gekommen ſind.“ Das fremde, alte Männ- lein ſchüttelt dann zornig den Kopf, murmelt etwas in den Bart, was der Wächter nicht verſteht, dreht ſich raſch um und geht zum Oberen See zurück, wo ſein bleibender Aufenthalt iſt ollte ihm auf ſeine Frage jemals die Antwort gegeben werden, daß es in der fertig gewordenen Stadt nichts mehr zu bauen gebe, ſo würde Reval zur ſelbigen Stunde ein Ende nehmen, weil der Obere See mit ſeiner ganzen Waſſermaſſe vom Laaksberge herab ins Thal ſtürzen und die Stadt ſamt allem, was darinnen iſt, erſäufen würde. D' Arlincourt, L'&toile polaire (Paris 1843) II 80, =- Kreuß- wald, Eeſtirahwa ennemuiſteſed jutud, S. 336. =- Kreußwald- Loewe, Eſtn. Märchen, S. 152, =- GEEISE 1867, Nr. 18. = Siß: Ber, d. gel. eſtn. Geſ. 1867, S. 10, (Durch Micwiß, der die Sage, vgl. daſ., mit der über die Entſtehung des Oberen Sees durch Lindas Thränen aus dem Kalewipoeg V. 350 ff. i! Zuſammenhang bringt.) 200. Das Sanepi-Dorf. Auf einem Felde des Gutes Karrits bei Weſenberg befinden ſich noch heute die Spuren eines alten Dorfes. Dieſe Stelle wird
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Livländiſches Sagenbuch. 161 noch jetzt vom Volke Küllaaſeme-mäggi (Berg der Dorfſtelle) ge- nannt. Alte Leute erzählen, daß dort in alten Zeiten das präch- tige Dorf Sanepi geſtanden habe, deſſen Einwohner die reichſten und ſtolzeſten Leute in ganz Wierland geweſen ſeien. Sie wußten oft nicht mehr, was ſie in ihrem Stolz und Übermut alles thun ſollten. Häufig ſpannten die jungen Leute des Dorfes um Johannis ihre Pferde vor eiſerne Schlitten, um ſo zur Kirche zu fahren. Die Pferde waren ſo ſchön und ſtark, daß man die des Gutsherrn mit ihnen gar nicht vergleichen konnte, Und auch die Männer von Sanepi ſelbſt waren groß und kräftig wie Rieſen. Einſt verſuchten zwei Männer mit einer eiſernen Brechſtange ihre Kräfte im „Wägipulka“*) und zogen ſo ſtark, daß ſie die Stange krumm bogen. Ein anderes- mal ritt ein Mann aus Sanepi eines Sonntags morgens mit jeinem Hengſt in die Kirche hinein mitten unter die verſammelte Gemeinde, kehrte dort um und ritt nach Hauſe. Unterwegs aber nahm ſein Pferd reißaus und brachte ihn auf eine tro>ene Wieſe nach Borkholm, wo es den Unglülichen gegen einen Stein ſchleu- derte, ſodaß ſein Übermut dort für immer ein Ende fand. Die Einwohner von Sanepi beſaßen auch ihre eigene Branntweinbrennerei, von der noc<h jeht eine große Grube oder Höhle auf dem Külla- aſeme-mäggi zeugt. In dieſer Brennerei, ſagt man, haben die Männer von Sanepi der Reihe nach Branntwein gebrannt, ein jeder ſeinen jährlichen Bedarf. Heute weiß niemand mehr zu berichten, wann dieſes ſtolze Dorf verſchwand oder wer es zerſtört hat. Nichts iſt von ihm übrig geblieben, als der Name Sanepi, der dem Berge und dem in der Nähe liegenden Birkenwäldchen beigelegt worden iſt. " I: Kunder, Eeſti mwinas jutud (Raſweres, Weſenberg 1885), 201. Die Kaufmannsfochter von Yarva. In der Sadt Narva war vorzeiten großer Reichtum, und derſelbe wurde durch den Handel mit der Kunglainſel und mit andern Ländern jenſeits des Meeres von Jahr zu Jahr größer. Man erzählt, daß jeden Sommer hunderte von fremden Kauf- fahrern aus allen Gegenden in den Hafen von Narva einliefen, um ausländiſche Waren zu bringen und dafür die Erzeugniſſe unſeres *) Das iſt eine Kraftprobe, wobei zwei mit den Füßen gegeneinander auf der Erde ſißen und mit einem gemeinſchaftlich angefaßten Stoke ſich gegenſeitig in die Höhe zu ziehen ſuchen. Bienemann, Sagenbuch. 11
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162 Livländiſches Sagenbuch. Landes zu holen. . Von Narva aus nahmen die Waren dann eine doppelte Richtung: ein Teil wurde nach Dorpat verführt, der andere größere über Pleskau nach Rußland; deshalb mußten die Fahr- zeuge der narvaſchen Kaufleute im Sommer ununterbrochen auf dem Fluſſe und auf dem Beipus ſchiffen, während im Winter die EIDER übers Eis zog: u der Zeit, wovon die Rede iſt, beſaß ein Kaufmann in En ein ſo daß die großen K ölbe unter ſeinem Hauſe von der Diele bis zur Deeke mit Tonnen Goldes und Silbers angefüllt waren. Aber Gott hatte dem reichen Manne nur eine einzige Tochter gegeben, die all das Geld nach ihrer Eltern Tode erben ſollte, Es läßt ſich leicht denken, daß es ihr an Freiern nicht fehlte, weil reiche Mädchen damals ebenſo hoch im Preiſe ſtanden und ebenſo geſucht waren wie heutzutage. Die Bewerber um die Hand der reichen Kaufmannstochter ſtrömten aus allen Landen her- bei, darunter auch Söhne vornehmer Leute, aber keines einzigen Branntwein wurde angenommen. Wie es nicht ſelten geſchieht, daß in Heiratsangelegenheiten reiche wie arme Mädchen ganz anders denken und ganz andere Wünſche hegen als ihre Eltern, jo wars auch hier der Fall, Während die Eltern einen reichen oder auch einen vornehmen Schwiegerſohn wollten, hatte ſich ihr Töchterchen in der Stille einen Liebſten erwählt, der weder einen großen Namen no< Reichtümer noch jonſt etwas beſaß, was ihn über die andern hätte erheben können; gleichwohl liebte ihn das reiche Mädchen von ganzem Herzen und war feſt entſchloſſen, entweder dieſes Jünglings Gattin zu werden, oder als alte Jungfer hinter ihren Geldkiſten zu verwelken. Zwar wußte ſie ſo gut wie ihr Geliebter, daß die reichen Eltern einem ſo lumpigen Freier ihr einziges Kind nicht geben würden; allein die Liebenden hofften zuverſichtlich, daß irgend ein unvorhergeſehener Glücksfall ihnen zu Hilfe kommen werde. Da ſegelte eines Tages ein junger Schwedenkönig in den Hafen von Narva ein, ſtieg aus dem Schiffe und begab ſich gerades- weges in die Wohnung des reichen Kaufmannes, =“ wie die Leute meinten, um Geld zu borgen. Aber nach einigen Stunden war es in der ganzen Stadt bekanut, daß der junge König des reichen Kaufmanns Schwiegerſohn werden ſollte. Der hochgeborene ſtolze Freier war von den Eltern ſogleich mit ſolcher Freude empfangen worden, daß es ihnen gar nicht eingefallen war, vor Annahme ſeines Branntweines erſt ihre Tochter zu fragen, ob ſie dieſen Bräutigam auch wolle. Das Sträuben und Weinen der Tochter wurde als kindiſche Thorheit verlacht, und ohne darauf Rücſicht
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Livländiſches Sagenbuch. 163 zu nehmen, verlobten die Eltern ihr Kind dem Könige; die Hoch- zeit ſollte binnen einer Woche gefeiert werden. Einige Tage vor der Hochzeit hatte des Königs Braut noc< einmal eine heimliche Zuſammenkunft mit ihrem früheren Geliebten, dem ſie einen koſtbaren goldenen Ring zum ewigen Andenken ſchenkte und zugleich beteuerte, wenn kein anderer Retter käme, ſo ſollte der Tod ſie von dem Schwedenkönige befreien. Drohungen dieſer Art hatte fie ſchon zuvor ihren Eltern gegenüber wiederholt verlauten laſſen, aber man glaubte nicht daran und machte ſich nicht das geringſte daraus. Die Hochzeit wurde feſtlich begangen, aber in das Herz der jungen neuvermählten Frau drang keine Freude, vielmehr war ſie anzuſehen wie eine Blume, die im Sonnenbrande verdorrt. Als nun der König gleich nach der Hochzeit zu Schiffe gehen und mit ſeiner Gemahlin nach der Heimat ſegeln wollte, fiel die junge Frau einmal über das andere in Ohnmacht, alſo daß ſie halbtot aufs Schiff getragen wurde. Am anderen Tage, als das Schiff ſchon auf hoher See ſchwamm, legte die junge Frau dieſelben Feſtkleider an, in denen ſie getraut worden war, und verlangte aufs Verdeck, um friſche Luſt zu ſchöpfen. Der König führte ſie ſelbſt die Treppe hinauf; oben ging ſie einigemal auf und nieder und ſtürzte ſich alsdann plöhlich, ehe jemand es hindern konnte, über Bord. Wohl empfanden die Eltern bitteren Schmerz, als ſie die Nachricht von dem unglücklichen Ende ihrer Tochter erhielten, aber was fonnte das jeht helfen? Den Toten kann all unſere Reue nicht wieder ins Leben zurückrufen. Man erzählt, daß noc<h gegenwärtig, wenn der Wind von Schweden her kommt und die Wogen peitſcht, mitten im Brauſen des Sturms ein feines Ohr das Klagen und Weinen der jungen Königsfrau vernehmen kann. Kreußwald, Eeſtirahwa ennem. jutud, S. 346, =- Daraus überſ. v. F. Löwe, Beiträge 3. Kunde Eſt-, Liv- u. Kurl, 1, 108. == Kreußwald-Löwe, Eftn. Märchen Il 161, =- 8, Sit: Ver. d. Narvaſchen Alt: Geſ. 1865, S. 24 (Von Kreußwald, kurz). 202. Rrensburg. Die Inſel Oeſel war früher viel kleiner und es lebten nur zwei Bauern darauf, die aber beide ſtarke und mächtige Männer waren. Der eine von ihnen, Arnz, griff ſeinen Nachbar, Mohn, mit dem er ſchon öfter in Streitigkeiten verwickelt geweſen war, an und zwang u.
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164 Livländiſches Sagenbuch. ihn endlich aus Oeſel zu weichen und ſich auſ eine benachbarte kleinere Inſel zurückzuziehen, die nach ſeinem Namen Mohn ge- nannt wurde und auf welcher er eine große feſte Burg errichtete. Arnz aber erbaute eine Feſtung, ein Schloß mit einer Stadt, die nach ihm den Namen Arensburg erhielt. Zwiſchen der Wand des alten Schloſſes zu Arensburg und dem Walle iſt ein kleiner Teich, der jeht gewöhnlich ausgetro>net liegt. An der Wand ſicht man die Überreſte eines Vorſprungs, der ſonſt eine Kanzel geweſen ſein ſoll und den man deshalb die Biſchofskanzel nennt. Als nämlich die Feinde einſt im Begriff waren, in das Schloß einzudringen, beſtieg der Biſchof die Kanzel und ermahnte die Verteidiger zu tapſerer Gegenwehr. Da er aber bemerkte, daß die Feſtung doch in die Hände der Feinde geraten würde, ſtürzte er ſich in den Teich und ertrank. Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 36. (Aus Sanlep eſtn. und aus Arensburg/ „deutich). -- [Körber] Deſel einſt u. jeht (Arensb. 1887) 1, 203. Die Erbauung Sonneburgs. Die Oeſelaner gewannen nichts mehr durch Schiffsſtrandungen ſeitdem die vorſichtigen Dänen an der weſtlichen Küſte der Inſel eine Feuerbake errichtet hatten. Der Eigennuß und die Habſucht riet ihnen demnach auf die Zerſtörung des Lenchtturms zu ſinnen. Solches glaubten ſie dadurch zu bewerkſtelligen, daß ſie an der Spitze desſelben ein langes Schiffstau befeſtigten und an das untere Ende des Taues einige Züge Ochſen anſpannten. Da nun die vorderſten das Seil anzogen, ſo wurden die hinteren natürlich etwas in die Höhe gezogen, wobei die Antreiber der Tiere gerufen: „Halt, Brüder! Das geht nicht jo. Seht ihr nicht, daß die Ochſen gen Himmel ſahren?“ Zur Straſe dieſes ihres Vorwites hätten ſie das Schloß Sühneburg (Sonneburg) erbauen und, wie die Sage geht, den Kalk ſtatt mit Waſſer mit ſüßer Milch ein- rühren müſſen. Zuerſt Nyenſtedt, Mon. Liv. ant. Il 9, -- Arndt, Livl. Chron. 11 98, =- Körber im Inland 1589, == Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 39. Vgl. Aa "dazu: Das Volk in der Strandwiek belegt noch ie [1861] die Inſulaner im Wortwechſel mit dem Schimpfwort: „Sinna torni kiſtuja!“ d. h. du Turmzieher!
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Livländiſches Sagenbuch. 165 204, Der ſchlafende König. Vor vielen Jahren hielt ein däniſcher König, der die Inſel Worms mit Gewalt der Waffen erobert hatte, ſein Nachtlager in dem Dorfe Norby, und zwar in dem Geſinde Hetmann. Ehe er fich ſchlafen legte, ſagte er: „Wenn ich dieſe Nacht ruhig ſchlafen kann, will ich das Dorf verſchonen; ſonſt wird es morgen abgebrannt.“ Alles war ſogleich ſtill, das Vieh wurde entfernt, die Hähne in den Wald gebracht, und bald lag ſtiller Friede über der ganzen Gegend, ſo daß der König feſt einſchlief. Doch ſaßen die Wirts- Leute ängſtlich horchend im Vorhauſe, um jede etwa entſtehende Störung ſogleich entfernen zu können. Um Mitternacht glaubte die Wirtin im Zimmer des Königs etwas ſich bewegen zu hören, Fchlich leiſe hinein und entdeckte im halben Mondſcheine auf dem Tiſche etwas, von dem ein regelmäßiges Nagen oder Picken aus- ging. In der Meinung, es ſei eine Maus, die des Königs Kleider zernagen oder ihn gar aus dem Schlafe wecken könne, ſchlug ſie darauf und zertrümmerte == des Königs Uhr. Als am andern Morgen die Sonne aufging, lag der König noch im feſten Schlafe, und als er erwachte, fühlte er ſich ſo geſtärkt und zufrieden, daß er Befehl gab, gegen die Bewohner des Dorfes keine Feindſelig- keiten vorzunehmen. Beim Ankleiden bemerkte er, daß jeine Uhr zerſtört ſei, ließ unwillig ſogleich die Wirtsleute holen und be- drohte ſie mit ſtrenger Strafe. Zitternd fiel die Wirtin vor ihm auf die Knie, erzählte von ihrem Jrrtum und von ihrer Sorge für des Königs Kleider und Ruhe und bat um Gnade und Ver- ſchonung. Gerührt und lachend über ihre Unwiſſenheit verzieh ihr der König und verließ das Dorf voller Huld, begleitet von den dankbaren Segenswünſchen der Bauern. Rußwurm, Eibofotte 8 132 ? (Aus Worms, ſchwed.) = Ruß- wurm, Sagen a. der Wiek, S. 205. Busby. Die Bauern von Busby auf der Inſel Worms waren ehemals reiche Leute; auf jedem der fünfzehn Haken dieſes Dorfes wohnte nur ein Bauer. Aber ſie trieben großen Übermut. Die jungen Burſchen z. B. ritten anf ihren ſtolzen Pferden nie ohne Sattel und trugen große Reiterſtiefel und Sporen; die Mädchen ſchmückten fich mit goldenen und ſilbernen Ringen und Spangen. In einem
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166 Livländiſches Sagenbuch. Jahre waren in Busby fünfzehn Hochzeiten, bei denen es hoch her- ging; außerdem lebten da fünfzehn Paare, die ſich gar nicht hatten trauen laſſen. Der Tanz, das Eſſen und Trinken hatte kein Ende. So tanzten ſie in ihrem Übermut und in der Trunkenheit nach der Muſik des Dudelſa>s auch im Freien. Da erſchien aus dem Waſſer ein Meermann, wie eine große menſchliche Geſtalt, miſchte fich unter die Tanzenden, und da der Spielmann nicht ſo ſpielte, wie es der Meermann verlangte, pate dieſer ihn beim Kopf, drehte ihm den Hals um und nahm dann ſelbſt das Inſtrument zur Hand, auſ dem er mit ſolcher Meiſterſchaſt blies, daß alle in wilder Luſt und Freude herumtanzten. Als er endlich wieder aufſtand und ins Meer zurückkehrte, folgte ihm die ganze Geſellſchaft tanzend nach und verſank ins Meer. Zu gleicher Zeit wurde das Dorf vom Meere überſchwemmt und nur ein Bräutigam rettete ſich auf den Boden einer Kornkammer und zog an ſeinem Gürtel, der mit meſſingnen Schnallen verziert war, auch ſeine Braut nach ſich. Als die Bewohner der andern Dörſer nach Busby kamen, fanden ſie den Ort wie ausgeſtorben; der Muſikant war das einzige menſch- liche Weſen, das ſich vorfand, aber er war tot und an einer Thür gefreuzigt; neben ihm lag ſein Dudelſa>. Nach längerem Suchen gab ſich auch das verſtete Brautpaar zu erkennen. Der Edelhof auf Worms zog inſolge dieſer Begebenheit das Dorf Busby ein, deſſen Gebiet jeht die Felder von Magnushof bildet, Die Worms- ſchen aber, die noch heutzutage den Weg zu zeigen wiſſen, auf dem die Unglüclichen in die See getanzt ſind, verabſcheuen ſeitdem den Gebrauch des Dudelſas. Rußwurm, Eibofolfe 8 381, 9. -- Derf. Sagen a. Hapſal, S. 23. -=- Derſ. I. tev. Alman. der Wiek, S Manchmal eiſe int der Ne> auf Busbyholm als apfelgraues Pferd am Ufer; man vermutet, daß es derſelbe ſei, der die Busbyſchen weggeführt. Eibofolke 8 382, 3. =- 206. Die Burgen in Polniſch-Livland. In der prächtigen Hügelwelle, die Polniſch-Livland durchzieht, erreicht der noch heute mit ſeinem deutſchen Namen genannte Wolken- berg die größte Höhe, gekröut von den Trümmern einer alten Burg- rxnine. Am Süduſer des herrlichen Rasno-Sees gelegen, deſſen Wellen vor Jahrhunderten vielleicht ſeinen Fuß unmittelbar be- netten, ſteigt der Berg an drei Seiten ſteil empor, während die
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Livländiſches Sagenbuch. 167 vierte ſich ſauft zur Ebene niederſenkt. Meilenweit ſtreift der Bli> von der Höhe des Berges ins Land hinein, hinweg über dunkle Tannenwälder, glißernde Seen und wogende Felder. An dieſen Berg knüpft ſich folgende Sage: Vor alten Zeiten gehörte dieſe ganze Gegend einer ftolzen Fürſtenwitwe, der edlen Gebieterin auf Wolkenberg. Da ſie jedoch keine mäunlichen Erben, fondern nur drei ſchöne erwachſene Töchter hinterlaſſen, ſo wurde das ganze Land in drei Gebiete geteilt und jedes davon mit einer beſonderen, nach dem Namen der jungfräu- lichen Beſiherin benanuten Burg verſehen. Die älteſte der drei Töchter, Roſalie, erhielt Rofitten, die zweite Lueia=-Ludſen, die jüngſte Marie--Marienhauſen. Das Mutterſchloß auf dem Wolken- berge aber blieb nach dem Tode der alten Herrſcherin unbewohnt und fiel der Verödung anheim. wi Baron Manteuffel in Siß: Ber. d. Rig. Alt: Geſ. 1878, . 62. Vgl. Neumann in Mitth. a. d. livl. Geſch. XIV, 300. 207. Bare Wolkenberg. In unterirdiſchen Gemächern des Wolkenberges in Polniſch- Livland ſiht eine von ihrem eigenen Vater verwunſchene, bildſchöne Jungfrau und in den Kellerräumen der alten Burgruine ſind viele Schäße verwahrt, die von zwei großen Hunden bewacht werden. Zur Nachtzeit aber kamen einſt drei Hexen, die in der Nähe des See's gewohnt, die eine auf einem Beſen, die andere auf einer Brotſchaufel und die dritte auf einer hölzernen Mörſerkeule über den Rasno-See auf den Berg gelogen, um dort allerlei Teufels- werk zu verrichten: Auf Pergament ſchrieben ſie verwünſchte Schrift, marterten ein unſchuldiges Kind, drückten zum Spott ein Siegel auf die Schrift und warfen dieſe für ewige Zeiten in den See. Nachts foll der See furchtbar rauſchen und ſtöhnen, während die Hexen mit den Teufeln auf dem Berge tanzen. Matzulewicz, Pawujeiszonas un wyssodi sposobi del zemniku Latwiszu (Wilna 1850), S, 202. -- . vd. Manteuffel in Sih: Ber. d. Rig. All 24. == Bielenſtein in Valt. Monatsſchr. Bd. . 208. Der Scaß bei Sirgen. In der Nähe des Kirchhofs zu Sirgen in Kurland befindet ſich eine Grube, die man die „Geldgrube“ (Nandes bedre) nennt. Einſt
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168 Livländiſches Sagenbuch. hieß der Gutöherr einige Arbeiter, den Schaß, von dem ſo viel ge- redet wurde, ausgraben; doch gebot er aufs ſtrengſte, daß keiner beim Graben ein Wort rede. Während der Arbeit aber bemerkten die Leute, daß ſich auf dem gegenüberliegenden Hügel ebenfalls eine Schar Arbeiter einfand, die hurtig daran gingen, einen Galgen zu errichten. Und kaum hatten die Arbeiter den großen Geldkeſſel wirflich gefunden, da waren die auf der anderen Seite auch mit dem Galgen fertig. Als ſie nun deu ſchweren Keſſel herausheben wollten, da riefen jene Henker: „Wen von dieſen nehmen wir nun zuerſt vor?" „Den Kahlkopf, den Kahlkopf,“ antwortete einer von ihnen. Einer der grabenden Arbeiter hatte nämlich einen Kahl- kopf und dieſer rief nun entgegen: „Warum denn nicht dich ſelbſt?“ Doch kaum hatte er das geſagt, als der eine Henkel des Keſſels vom Hebebaum abglitt und der andere ſamt cinem großen Stink des Keſſels herausbrach. Der Keſſel ſelbſt aber verſank mit großem Getöſe in die Erde nud im ſelben Augenbli> waren anch die Henker ver- ſchwundeu. = Der Keſſelhenkel lag noch lange Zeit in den Kleten des Gutes umher, einige ſagen, er ſei noch eben dort. Lerch-Puſchkaitis, V 398. 209. Der Schaß in Kokenhuſen. In einem Keller in der Ruine des Schloſſes Kokenhuſen liegt ein großer Kaſten voll blanker Münze; auf dem Kaſten liegt aber ein grimmiger ſchwarzer Hund, der ihn bewacht und nur durch ge- wiſſe Teufelskünſte iſt es möglich, zu dem Schaß zu gelangen. == Einſt kam ein Arbeiter von der Bilſteinshofſchen Seite zur Perſe-Brücke. Da lief ihm vom Ruinenberge ein Mäushen ent- gegen mit einem Dukaten in den Zähnen. Er beobachtet das Mäus- <hen und ſieht, wie es mit dem Goldſtü> am Bilſteinöhofſchen Ab- hang unter einen Stein kriecht, ohne jenes zurückkehrt und ſich nach einem neuen Goldſtük auf den Weg macht. Nach längerer Beob- achtung hob der Mann den Stein auf und fand einen ganzen Haufen Goldſtüke darunter. Da jehüttete er die blanken Dukaten in ſein leeres Haferſäkc<hen und ging damit froh nach Hauſe. I. und 6. - Führer durch d. Dünathal (Riga 1887), S. 48 (nach dem let.
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Livländiſches Sagenbuch. 169 210. Der Schaßkeller in Kokenhuſen. 1. Als Stocmannshof noch zu Kokenhuſen gehörte, weilte eine ſenſche Dame öſters in Einſt kam ſie wieder in das dortige Herrenhaus zum Beſuch. Der Kutſcher ſpannte die Pferde aus und legte ſich in der Kaleſche vor der Stallthür ſchlafen. Um Mitternacht aber weckte ihn jemand: „Steh auf, fahr mit mir nach Kokenhuſen! ich werde dir Geld geben!“ Der Kutſcher richtet fich auf und erblickt einen Reiter, der an der Kaleſche hält. Da dachte er, weiß Gott, was das für ein Menſch iſt und was für Geld er mir verſpricht, und antwortete: „Nein, es iſt Nachtzeit, ich fahre nicht!“ Da ritt der Reiter davon. =- Um dieſelbe Zeit in der nächſten Nacht weckte der Reiter den Kutſcher abermals: „Steh auf, fahr mit mir zum Kirchhof*), dort iſt Geld!“ Der Kutſcher dachte, es iſt doch nicht weit bis zum Kirchhof; in einer halben Stunde kann man hin und zurück. „Gut,“ ſagte er dem Reiter, „reiten wir!“ Er ſeßte ſich aufs Pferd und beide ritten davon. Kaum aber waren ſie aus dem Flecken heraus, da ließ der fremde Reiter ſeinem Pferde die Zügel ſchießen, daß nur ſo die Funken ſtoben; kaum, kaum konnte der Kutſcher mit ihm Schritt halten. So jagten ſie dahin; plößlich, bei einem tiefen Graben, der ſich am Kirchhof vorbei bis zum Wege hinzieht, wurde es auf einmal tag- hell, und ſie erbliden viele Menſchen, die ihnen entgegenkommen, ein Haufen nach dem andern, wie Arbeiter zur Frohnarbeit ziehen. Der Kutſcher ſchämte ſich gleichſam vor dieſen vielen Menſchen == ritten ſie doch wie Verrückte, ohne Ziel dahin! Ach, dachte er, hol' der Kucku> alles Geld! wandte ſein Pferd um und ſprengte zurück. Als er aber wieder beim Stalle anlangte, verſchwand auf einmal die Helligkeit und alle Menſchen und es war dunkle Nacht wie zuvor. Der Reiter jedoch ließ dem Kutſcher noch keine Ruhe. In der dritten Nacht erſchien er wieder, wet ihn: „Steh auf!“ und ſagt, als der Kutſcher aufwacht: „Nun gut! Zwei Mal haſt du nicht auf mich gehört; doch denke an meinen Rat. Wenn du nach Kokenhuſen kommſt, dann geh um Mitternacht ins Schloß; dort wirſt du einen Keller finden; geh hinein; dort erblicſt du eine eiſerne Thür, an der hängt ein Schlüſſelbund; nimm einen von dieſen Schlüſſeln mit der und der Nummer, öffne die Thür und ') So wird hier eine Gruppe Fichten genannt, etwa 2*/, Werſt von Stockmannshof am Wege nach Kokenhuſen; das Volk ſagt, hier ſei ein alter Kirchhof und hier ſei auch ein Schaß vergraben.
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170 Livländiſches Sagenbuch. geh in den Keller hinein; dort wirſt du ganze Futterkaſten voll Gold- und Silbergeld ſehen. Freilich bewacht ein großer ſchwarzer Hund den Schatz, doch ſürchte ihn nicht, tritt hinzu und ninm dir Geld wieviel du magſt.“ So ſprach der Reiter und verſchwand. Der Kutſcher aber dachte: das iſt ja eine wunderliche Sache; ih will doc<h wirklich einmal ins Schloß gehen. Nach einigen Tagen, als die Dame wieder nach Kokenhuſen fuhr, ging der Kutſcher um Mitternacht ins Schloß. Als er an den Mauern vorbeiging, ſtieß er auch gerade auſ den ihm ange- gebenen Keller. Er ſteigt hinab und erblickt wirklich die eiferne Thür und den Schlüſſelbund; er öffnet die Thür, tritt hinein. Du gütiger Gott, was lagen da für Schätze aufgehäuft! An einer Seite des Kellers ſtand ein Futterkaſten voll mit Geld, mit Gold- und mit Silbergeld, das wie Korn hineingeſchüttet war. Auf dem Geld- haufen aber lag ein großer ſchwarzer Hund und wachte. Er ver- juchte näher zu treten, ſogleich aber hob der Hund ſeinen Kopf und fletſchte die Zähne. Der Kutſcher bedachte fich und bedachte ſich = wie gern hätte er das Geld gehabt! Aber er fürchtete fich doch an den und tief in den hinein- zugreifen. So kehrte er um, verließ den Keller ohne irgend etwas mitzunehmen und ging nach Hauſe. Am anderen Morgen ging er wieder hin und fuchte nach dem Keller. Aber er fuchte ganz ver- geblich; fogar die Stelle erkannte er nicht wieder. Nur an einer niedriger gelegenen Ee des Schloſſes, die zur Düna und zur Perſe hin liegt, fand er auf der Erde einen alten ſchwediſchen Thaler. Den hatte ihm offenbar jener fremde Reiter als ein Zeichen dage- laſſen. u. Einſt fuhren Bauern aus Lixua an Kokenhuſen vorüber und machten am Großen Kruge Halt. Es war ſchon Nacht; die Leute fütterten alſo ihre Pſerde und legten ſich ſchlaſen, jeder auf ſeinen Wagen. Nur einer von ihnen hatte immer noch etwas zu thun und blieb auß, bis es ſchon faſt Mitternacht war. Dann zündete er ein Licht an und ſehte fich auf feinen Wagen, um zu Abend zu eſſen. Auf einmal trat ein Mann auf ihn zu und fagte: „Gnten Abend, Bruder!“ Der Bauer erſchraf anfangs, doch ant- wortete er: „Was Bruder! I< kenne dich gar nicht!“ Der Fremde antwortete: „Ja, du biſt mein leiblicher Bruder. Deine Mutter hat mich als kleines Kind getötet, und jeht bin ich hier im Schloß von Kokenhnſen zum Schatzhüter beſtellt. Das werde ich fo lauge bleiben, bis die Mutter fiirbt; dann löſt fie mich ab. Dich
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Livländiſches Sagenbuch. 171 aber habe ich hierher fahren ſchen und ich will dir etwas gutes erweiſen. Mein Herr iſt heute nicht zu Hauſe, er iſt zum Karten- ſpiel geeilt. So bin ich heute frei. Komm mit ins Schloß. Doch haſt du einen Sack bei dir?“ „Jawohl, einen Haferſa>,“ ant- wortete der Bauer. „Nun gut, nimm dieſen Sack mit dir.“ Beide gingen alſo zum Schloß. Der jüngere Bruder führte den Bauern geradewegs in einen großen Keller. Wie der ſich umſchaut, du lieber Gott, was da für Schäße lagen, ein ganzer Futterkaſten voll Gold- und Silbermünzen. „Nun, halte einmal deinen Sa her!“ ſagte der Führer und ſchüttete ihm eine Menge Geld hinein. Dann führte er ihn wieder hinaus und begleitete ihn zurüd bis zum Kruge; unterwegs aber ſagte er ihm: „Wechſle weder in dieſem noch in dem andern Krüge das Geld ein. Denn mein Herr kommt oft zum Kartenſpiel hierher; wenn er ſein Geld erkennt, dann iſt es ſchlimm für mich und für dich!“ Der Bauer that auch ſo, wie ſein jüngerer Bruder ihm riet: weder in dem einen, noch im andern Kruge wechſelte er das Geld ein und zeigte es auch niemand. So wurde er aber, wie er ſelbſt ſagte, ein reicher Mann. 1. Brihwſemneeks, S. 30 ff. =- 1l, Ebenda S. 32 ff. = 211. Der Saß bei Kaipen. In der Nähe des Rittergutes Kaipen in Südlivland befindet fich ein kleiner Quell, der reines, friſches Waſſer ſpendet. Vor vielen Jahren weideten dort Hütermädchen das herrſchaftliche Vich. Einſt, ihr Frühſtüf an der Quelle verzehrend, fingen ſie an, ſich von den Schäßen zu unterhalten, welche in derſelben verborgen ſein ſollten. „Die alten Leute ſagen, daß ein ganzer Kaſten voll Geld in dieſer Quelle liege, niemand aber weiß, wie denſelben zu holen,“ meinte die eine. Die andere aber ſagte: „Ich gäbe ſofort die beiden beſten Stiere unſerer Herde für den Scha hin!“ Kanm geſagt, beginnt's in der Quelle zu klirren und zu rauſchen == und lang- ſam ſteigt ein großer eiſerner Kaſten empor. Zu gleicher Zeit aber gewahren die Mädchen zwei mächtige weiße Wölfe, die gerade auf die Herde zulaufen, Da erſchraken die Armen fehr, ſchrieen um Hilfe und hezten ihre Hunde auf die Raubtiere. Dieſe flohen == ſofort aber ſank auch der Kaſten mit Geklirr und Gebraus in die Tiefe zurück. Brihwſemneeks, S. 87. =- Andrejanoff, Lettiſche Märchen,
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172 Livländiſches Sagenbuch. S. 57. = Ähnliche Sagen finden ſich in großer Zahl aus den verſchiedenſten Gegenden. 212. Der Schaßquell bei Difau. Wo jeht die Nitauſche Kirche in Livland liegt, ſtand früher eine prächtige Burg. Während eines Krieges wurde die Burg er- obert und der Burgherr fuhr mit ſeiner ganzen Familie in einer Kutſche davon und ſtürzte ſich mit Pferd und Wagen in den Sumpf, der nicht weit von der Kirche liegt, um nicht lebendig den un- <hriſtlihen Feinden in die Hände zu fallen. Seine Reichtümer aber hatte er ſchon tags zuvor in einem Sarge in einen grundloſen Quell verſenkt, der ſich auch in jenem Sumpfe befand. =- Einſt ging um Mitternacht ein Burſch an dieſer Schaßzquelle vorüber und bemerkte, daß das Waſſer zu rauſchen und gleichſam zu ſieden anfing. Zu- gleich erhob ſich ein ſtarker Wind und der einſt dort verſenkte Sarg mit dem Schaße ſtieg empor und wurde an den Rand der Quelle geſpült. Der Burſch dachte ſich, der Schaß ſei wohl für ihn beſtimmt und erfaßte den Sarg, In demſelben Augenblie> aber riß der Wind, ihn mitſamt dem Sarge wieder in den Quell hin- ein. Ein Glück war es, daß er noch Zeit hatte zu rufen: „Gott, hilf mir!“ Sobald er dieſe Worte ausgeſtoßen hatte, vermochte er fich, wenn auch ganz durchnäßt, wieder ans Ufer herausznziehen. Lerch-Puſchkaitis, Vl 206. =- Vgl. Nr. 27. 213. Der Saß bei Vdenpä. 1. Es lagen am Schloßberge von Odenpä früher zwei Bauern- geſinde, deren Gebäude erſt vor wenigen Jahren abgeriſſen wurden. In einem von dieſen lebte einſt ein Wirt, der großes Gelüſten nach den beim Schloſſe vergrabenen Gütern bekam. Um recht ſicher zu gehen, fragte er einen Weiſen (tark) um Rat, wie er wohl die Sache am klügſten anzufangen hätte? Man gab ihm die Antwort: Er ſolle nur gerade zur Predigtzeit ein paar Bimdel trockene Reiſer auf den Rücken nehmen, fie den Schloßberg hinantragen, und dort bei der Ruine warten, da ſich denn ſchon das weitere von ſelbſt ergeben würde. Der habſüchtige folgte der Vorſchrift und wartete oben geraume Zeit, ohne daß eine weitere Weiſung erfolgte. Aber er verſäumte unterdeß ſündlich den Gottesdienſt, und noch Zeit darüber.
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Livländiſches Sagenbuch. 173 Endlich ward er des Wartens ſatt, und trat den Rückzug au, gar böſe Worte hervorſtoßend. Siche, da kam ihm der Teuſel von der Kirche aus, wo er ſich auch immer etwas in der Nähe zu ſchaffen machte, mit raſchen Schritten entgegen, und gab ihm hohn- lachend mit einer eiſernen Stange, die er in der Hand trug, drei ſo gewaltige Hiebe, daß ſich die Stange krumm bog. Die Dreizahl der Schläge ging darauf, daß der Sünder durch Habſucht, Ver- ſäumung des Gottesdienſtes und Fluchen drei Gebote übertreten hatte. Kaum war der geſchlagene Mann nach Hauſe gekommen, als er ſich gleich zu Bett legen mußte. Nachdem er ein Jahr geſiecht und viele Schmerzen erduldet hatte, iſt er elendiglich um- gefommen. - IT. Einige andere Geldſüchtige ſuchten den Schaß des odenpä- ſchen Schloßkellers auf ganz verſchiedenem Wege in ihre Hände zu bekommen. Kluge Leute hatten ihnen nämlich geſagt, daß ſie unfehlbar zum Ziele gelangen würden, wenn ſieben Perſonen männlichen Geſchlechtes ſich nat auszögen, und alsdann mit ſieben E22 Ziegenböten eine 202,0 Stelle | des Schloßberges in der Nähe des bes Arbeit würde fich ſogleich ein Zugang zum Schaße NEU Dieſer Anleitung ſolgten ſieben Hüterjungen treulich. Sie zogen nackt mit ihren ſieben ſchwarzen Böen auf den Berg und pflügten im Schweiß ihres Angeſichts. Aber mitten in der Arbeit brach plößlich aus dem verrufenen Keller ein gräßlicher Kerl mit einem großen dreiefigen Hute und ſcheußlich verzerrtem Angeſichte hervor, der brüllend auf ſie eindrang und mit einer langen ſauſenden Peitſche ſie den Schloßberg hinunter jagte. Wie vom Sturmwinde ge- trieben, ſtoben die nackten Jungen und die Ziegenböke durchein- ander mit verzweiſlungsvollem Geſchrei den Berg hinab und waren froh, nur das Leben zu retten. Nie haben Schabgräber nachher wieder einen ähnlichen Verſuch gemacht, ſondern man hat vielmehr immer eine ängſtliche Scheu vor der geſährlichen Stelle getragen. IIL. Etwa eine Werſt von dem Gute Samhof liegt das Aggarikko- Geſinde nahe an einem kleinen Teiche. In dieſen leteren hatte der Teufel einſt einen großen Keſſel mit Geld verſenkt, und ein altes Weib aus dem angezeigten Geſinde hatte dies geſehen oder ſonſt er- fahren. Natürlich glaubte die Alte, das Geld beſſer anwenden zu können, als es der Eigentümer wenigſtens vorläufig zu verſtehen Iehien, indem er es in Schlamm und Moder vergrub. Nicht im
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174 Livländiſches Sagenbuch. geringſten fiel es ihr ein, daß dieſer Schaß als Köder für geld- hungrige Seelen ſchon in beſter Benußung war. In einer hellen Nacht trat ſie an den Teich und rief mutig den Teufel, der denn auch keineswegs auf ſich warten ließ. Er beſtätigte auf Erkundigung ganz freundlich das im Teiche gemachte Depoſitum. Infolge des von der Alten geäußerten Wunſches, in Beſiß jenes Geldes zu kommen, wurden nähere Unterhandlungen angeknüpft. Man weiß fchon, daß der Teufel ein Liebhaber ſchöner Töchter iſt. Nun befaß die Alte eine ſolche. Daher that der Schwarze ganz unbefangen der Mutter den Vorſchlag: den Keſſel mit Geld für die Tochter einzutauſchen. Die Alte ging darauf ein, und es wurde ein Abend feſtgeſeht, an welchem die Answechſelung geſchehen ſollte. Allein je näher dieſer herankam, deſto mehr ſchlug der Alten das Gewiſſen. Sie konnte ſich nicht entſchließen, wie ſie anfangs gewollt, zur be- ſtimmten Zeit die Tochter zur Begleitung aufzufordern, und ſie dann dem Böſewichte als ſein Eigentum zu überliefern. Endlich fiel es ihr ein, einen Verſuch zu machen, ob ſie nicht dennoch den Scha in ihre Hände bekommen, hinterher aber doch eine Friſtverlängerung für die Erfüllung der gemachten Bedingung gewinnen könne. Als- dann wollte fie ſchon zuſchn, ob ſie den Teufel nicht ganz und gar zu prellen vermöchte, mit dem es aufzunehmen ein altes Weib ſich wohl zutraut. Mit ſolchem liſtigen Vorſaße ging ſie denn am beſtimmten Abende ganz allein an den Teich, vorbereitet zu den ſchönſten Redensarten. Allein der Tenfel war diesmal doch klüger, als ſie gedacht hatte. Er merkte ſogleich Unrat, als er die Alte ohne ihr Kind kommen ſah, und rächte ſich nun, ohne weiter zu fragen, an der Spißbübin auf die allerempfindlichſte Weiſe. Glänzend und fchimmernd ließ er den Geldtopf aus der Tiefe des Waſſers empor- ſteigen, ſo daß er gleichſam alle ſeine Herrlichkeit vor den funkelnden Augen des gierigen Weibes entfaltete; als aber die Alte ſchnſüchtig beide Arme darnach ausſtrecte, da fank der Topf wieder langſam ins Waſſer zurück, und der Teufel fuhr mit kränkendem Hohnge- lächter und unbilligem Geſtauke von dannen, ohne auf weitere Bitten der beſtürzten im zu hören. == Voubrig in Verhandl. d. gel. eftn. Geſ.. Bd. 1, 2, 83 ff. (L., IL, IM.) -- Eiſen, Eſiwanemate warandus, S. 95. (1.) ==
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Livländiſches Sagenbuch. 175 214. Die ſchwediſche Kriegskaſſe bei Pölwe. Ein alter Bauer des Gutes Hahnhof in Livland hatte in ſeiner Jugend in Riga die eines alten i gemacht, der ihm folgendes erzählt hat: Eine ſchwediſche Kriegskaſſe ſei von Dorpat aus über Pölwe der Armee nachgeſandt worden. Zehn Werſt hinter Pölwe ſeien ihr aber beim Gute Alt-Koiküll Flüchtlinge begegnet, die nach eben verlorener Schlacht vor den ſieg- reichen Ruſſen flohen, wodurch ſich die Eskorte der Kriegskaſſe eben- falls zum Umkehren bewogen fühlte. Bis Pölwe zurückgekehrt er- kannte die Eskorte endlich die Notwendigkeit, ihre Flucht vor den immer näher rüenden Ruſſen zu beſchleunigen, ſah ſich daran aber durch das ſchwere Gepäc> gehindert. Sie vergrub daher die Kaſſe in der Nähe des Weges am Rande eines Moraſtes und überließ fich dann der ſchleunigſten Flucht. Sl(chwart)z im Inland 1836, Sp. 516. Daß in jener Gegend bei Alexandershof an der Landſtraße bei Ordukülla gegenüber dem :awaſchen Hauſe unter einem großen Stein ein im Kriege ver- graßener Echa, liege, berichtet auß eine andere Sage: Eeſti Kirjameeſte Seltſi aaſtaraamat 1889, 11, Beil. S. 51 215. Äkkis Schaß in Rllaßkiwwi. Am Ende des vorigen Jahrhunderts ſchlih Mikko Tomas, aus Tellerhof, betrübt an der heiligen Eiche am Peipusſtrande vorbei dem Fiſcherdorfe zu; er fah den Untergang ſeines Hauſes voraus, er hörte das gebieteriſche Wort der Auspfändung hinter ſich, falls er nicht am nächſten Tage ſeinem Gläubiger die Schuldſumme aus- zahlte, = was ſollte er dann beginnen, wo ſollten im rauhen Winter Weib und drei Kinder Obdach und Brot finden, = das lag ihm ſchwer auf dem Herzen. Da hört er's rufen vom Eichbaum her, beſtimmter Worte konnte er ſich ſpäter nicht erinuern, = kurz, es rief ihn jemand hin zum Eichbaum, und da er kam, ſo trat eben ein Greis hinter dem mächtigen Stamme hervor und ſprach: „Tomas, worüber trauerſt du? lebt der alte Eſten-Vater nicht mehr? fiehe, ich bin's!" =- Worte fand der gebeugte Landmann zur Ant- wort nicht, == da er aber von ſeinem Schre ſich erholt, ſah er fich in einer weiten Höhle, deren Wände eitel Gold und Silber waren, welche eine helle Flamme beſchien, die bald hierhin, bald dorthin umherſprang. Der Greis, der ihn vorhin begrüßte, ſtand vor dem zitternden und rief ihm mit tief eindringender, fürchter-
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176 Livländiſches Sagenbuch. lich lauter Stimme zu: „Gedenke deiner Abſtammung!“ Alsbald war er wieder auf der Erde und auſ dem Wege zu ſeiner Behauſung, den er nun noch ganz betäubt von dem Geſchehenen, ohne Auſ- ſehen verfolgte. Da die Hunde aus ſeinem Hoſe an ihm umher- ſprangen, da bemerkte er erſt, daß er zu Hanſe angelangt ſei, und da ſein Weib ihn fragte, wo er geweſen, da wußte er's nicht zu ſagen. Es war Abend und der Kienſpan drohte allmählich zu ver- löſchen, =- er ging an ſeinen Kaſten, um nachzuſehen, ob wohl noch Brot zu morgen vorhanden ſei, und gedachte dabei des her- annahenden Elendes; neues Erſtaunen ergriff ihn, der Kaſten war bis an den Rand gefüllt mit neuer, glänzender Münze! Stumm ſchloß er den Schaß und kündete niemandem, was er entdeckt. m nächſten Morgen bezahlte er ſeine Schuld, drei Tage darauf kaufte er ſich die ſchönſte Stute in der ganzen Gegend, dann war Markt in der Stadt und er fuhr mit Weib und Kind hin, um allerlei Kram einzukaufen und ſich gütlich zu thun, denn, ob er auch aber- und abermals in den Kaſten griff, immer war der Münzen Menge gleich; den Weg zur Kirche ſand er nicht mehr. Der Tomas hieß bald der reichſte Mann weit und breit, =- doch die Nachbarn und alten Weiber ſteckten die Köpfe zuſammen und ſragten ſich, wo er's ) her haben möge, daß er ſo praſſen könne? Der Teuſel mag's il begab es ſich, daß der Tomas mit guten Freunden, und deren hatte er jeht viele, in der Schenke ſaß und laute und herriſche Rede führte; ein Fremder, wohl ein Reiſender aus fernem Lande, fragte ihn, ob er wohl dem Paſtor das Predigen abgelernt habe, == und Tomas antwortete hoffärtig, ſeit er wöchentlich einmal zur Stadt ſahren müſſe, habe er des Paſtors Rede nicht gehört, könne ſie demnach anch ihm nicht nachſprechen. „Nun, ſo ſollſt du bald in die Kirche gehen und dich vermahnen laſſen.“ Durch dieſe in der anweſenden Geſellſchaft ſo unerwartete Rede erſchret, ſprang der Tomas auf und eilte heim. Er gri einigen Silberſtüken, er war voll Sägeſ) wandte und wandte, ſo ſand er endlich eine alte Kupfermünze; weder er aber noch ſeine Nachkommen haben troß ſorgfältigen Forſchens je wieder etwas von einem Schate in dieſer Truhe ent- deen können. Serhandl. 2 be eftn. Geſ,, Vd. Ul, 1. 36 ff, durch Dr. Schul. -- Vgl.
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Livländiſches Sagenbuch. 177 216. Der Braumeiſter und der Schaß in Lais. Im Laisſchen Kirchſpiel in Livland liegen die Ruinen des alten Schloſſes Lais, die noch heute eine Vorſtellung von ſeiner Schönheit und Feſtigkeit geben. Schon von weitem erblift man hohe Türme; große Steine hängen an den Mauern über und drohen herabzuſtürzen; aber ſchon hunderte von Jahren hängen ſie da und find dennoch nicht gefallen. Das Schloß ſelbſt iſt von einer hohen Mauer umgeben. Doch Kriege und Kämpfe haben es längſt zer- trümmert. Unter dem Schloſſe, ſagt man, ſind große Kellerräume mit ſtarken eiſernen Thüren. Dort ſollen ſo große Schäße liegen, daß man damit das ganze Schloß ebenſo prächtig wieder aufbauen könnte, wie es einſt geweſen. Und mancherlei weiß die Sage da- von zu erzählen. In alten Zeiten, als beim Schloſſe Lais eine große Branerei war, in der Tag und Nacht Bier gebraut wurde, kam einſt am Weihnachtsabend ein großer fremder Mann dahin. Die Arbeiter waren alle beſchäftigt und der Braumeiſter rührte gerade die Bier- würze um. Der Fremde grüßte ihn ehrerbietig und bat um einen Trunk. Der Braumeiſter erfüllte ſeine Bitte und gab ihm eine - große eſtniſche Kanne voll Bierwürze, dann noch eine zweite und eine dritte Kanne voll. Der Fremde trauk ſie alle aus. Dann dankte er dem Braumeiſter und ſagte: „Tauſend Dank für deine Mühe und Freundlichkeit. Komm nun hinaus und folge mir, ich will dir deine Mühe und das Bier bezahlen.“ Der Braumeiſter wollte anfangs nicht; der Fremde aber ſagte: „I< thue dir nichts Schlimmes, fürchte dich nicht, ſondern folge mir nach.“ Da ging der Braumeiſter denn mit. Vor den Schloßruinen wiederholte der Fremde ſeine Aufforderung, ihm dreiſt nachzufolgen. Als ſie bei den Ruinen anlangten, war aber von dieſen nichts mehr zu ſehen, ſondern anſtatt ihrer ſtand da ein ſchönes, prächtiges Schloß. Der Fremde zog einen großen Schlüſſelbund aus der Taſche, an dem wohl einige Dußend Schlüſſel hingen. Den größten davon ſuchte er hervor und öffnete damit die Pforte. Al3 ſie auf den Hof traten, ſahen ſie, wie aus den Sälen des Schloſſes ein herrlicher Licht- ſchein hervordrang, denn viele Dutzend Kronleuchter mit hunderten von Lichtern erleuchteten die Schloßräume. Der Fremde forderte den Braumeiſter auf, mit ihm in den Schloßkeller hinabzuſteigen und ſchloß die ſchweren eiſernen Thüren knarrend auf. Im Keller waren drei Abteilungen: die eine war mit Gold, die zweite mit Silber und die dritte mit Kupfergeld gefüllt. Aus jeder nahm der Vienemanu, Sagenbuch. 12
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178 Livländiſches Sagenbuch. Fremde eine Wurfſchauſel voll Geld, ſchüttete es in den Rozipfel des Braumeiſters und ſagte: „Jeßt ſind wir quitt!“ Dann geleitete er ihn wieder hinaus und ſchloß die Thüren ab, dankte nochmals und verſchwand dann plöhlich. Der Braumeiſter blickte noch einmal auf das Schloß zurü; aber, o Wunder! von dem Schloß und von den Lichtern war keine Spur mehr zu ſehen, alles war verſchwunden, nur die alten Schloßruinen ſtanden noch da. Wie eine Geſpenſter- erſcheinung war alles vorüber und nur das Geld im Rotzipſel erinnerte ihn an den wirklichen Vorgang. Jn der Brauerei erzählte er den andern, was er geſehen; die glaubten ihm aber anfangs nicht und hörten ſeiner Erzählung voll Verwunderung zu, die ſich beim Anbli> des Geldes noch ſteigerte. Der Braumeiſter jedoch gab jedem von ihnen einen Teil des Geldes und ſo wurden ſie alle reich. Eeſti Kirjameeſte Seltſi aaſtaraamat 1889, Il, Beil. S. 43 ff. 217. Die Scweinehirtin und der Schloß- geiſt von Lais. Einſt in alter Zeit hütete eines Sonntags nachmittags ein armes Mädchen an der Schloßmauer von Lais die Schweine des Gutes. Nur in armſelige zerfezte Lumpen war ſie gekleidet; der ſchneidende Herbſtwind blies ſo kalt, daß ſie fror und zitterte wie ein Espenblatt. Die Schweine weideten zerſtreut in der Nähe der Schloßmauern und das Mädchen ſaß am Abhang und ſuchte Schuß vor Kälte und Wind; geraume Zeit ſaß ſie ſo da, an ihre Not und ihr Elend denkend und Thränen rollten über ihre Wangen. Endlich ſchrefte ſie von ihren Gedanken auf und bli>te um ſich, ob die Schweine noch alle da ſeien, Inzwiſchen hatte ſich ſchon die Dämmerung herabgeſenkt und ſo ſammelte ſie ihre Schweine, um ſie nach Hauſe zu treiben. Doch ſiehe da, der größte bunte Eber fehlte. Überall ſuchte ſie, doch nirgends fand fie ihn; endlich ging fie zwiſchen die Schloßmanern, um dort den Eber zu ſuchen. Da ſaß ein freutder Mann an einem Feuer und wärmte ſich; das Mädchen grüßte ihn und ſragte: „Höre, lieber Fremder, haſt du nicht meinen bunten Eber geſehen?“ Der Fremde blickte umher und ſagte: „Goldenes Kindchen, du ſcheinſt kalt zu haben, komm her zu mir, ich will dir Kohlen geben, geh zu den Schweinen und mache dir dort ein Feuer an, wärme dich ordentlich und geh dann mit den Schweinen nach Hanſe. Morgen wirſt du gewiß
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Livländiſches Sagenbuch. 179 das Schwein finden!“ Das Mädchen erfüllte ſeinen Wunſch und näherte ſich dem Feuer. Der Fremde nahm nun die Schaufel, mit der er das Feuer ſchürte, und nahm damit drei Schanfeln voll glühender Kohlen, die er ihr in den Schoß ſchüttete, Das Mädchen eilte zu ſeinen Schweinen und ſchüttete die Kohlen jchnell aus ſeinem zuſammengerafften Röckchen, weil es fürchtete, daß die Kleider verbrennen würden. Wie wunderte es ſich aber, als es merkte, daß dieſe gar nicht beſchädigt waren und daß die Kohlen einen Klang gaben und nicht einmal warm waren. Es lieſ wieder zum Fremden in den Schloßmauern, um ihm zu ſagen, daß dieſe Kohlen doch weder Feuer noch Wärme gäben. Dort aber war kein fremder Mann, kein Feuer mehr zu ſehen. Das Mädchen ſuchte noch in den Mauern nach dem Eber; aber da er nicht mehr zu finden war, ging es wieder zu ſeinen Schweinen, nahm die Kohlen in ſein Röckchen und dachte: „I< will ſie do<h nach Hauſe bringen und den Eltern zeigen, was das ſür Kohlen find.“ Dann trieb es ſeine Schweine nach Hauſe. Hier erzählte es ſeinen Eltern alles, ſchüttete die Kohlen vor fie aus und ſagte: „Hier ſind die Kohlen, aber ſie geben keine Wärme.“ Die Eltern betrachteten ſie und ſagten: „Liebes Kindchen, das iſt ja reines Gold. Nun find wir glülich!" Sie ſammelten das Gold in eine Meße, die da- von faſt ganz gefüllt wurde. Am andern Tage gingen fie mit dem Mädchen zu den Schloßmauern, um das Schwein ſuchen zu helſen; aber fie fanden nichts. Da gingen fie wieder nach Hauſe, bezahlten auf dem Gute das Schwein, dangen an Stelle ihres Kindes einen neuen Schweinehirten und lebten herrlich und in Freuden, Eeſti Kirjameeſte Seltſi aaſtaraamat 1889, 11, Beil. S. 46 ff. 218. Torſten Grön in Ringen. Der Herr Reichsrat von Flemming hatte anf Ringen einen Hoſſchuſter Namens Torſten Grön, einen Schweden, nicht weit von Upſala geboren. Dieſer reiſte als Handwerksburſche in fremde Länder und nahm endlich zu Wilna in Litanen bei einem Meiſter Arbeit. Hier ging er mit ſeinen Kameraden des Sonntags aus, fich zu verluſtieren und ſchob in einem Kruge unweit der Stadt Kegel bis es dunkel ward. Bei dem Kruge war ein hoher Sand- berg. Im Rücwege zwang ihn die Natur, von ſeinen Mitgeſellen fich zu trennen und hinter den Berg zu gehen. Hier erblickte er einige Flämmchen, die wie kleine Wachslichter aus dem Sande 12*
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180 Livländiſches Sagenbuch. herausſuhren. Er geht dem Feuer nach, ſcharrt den Sand weg und findet eine Schatulle, die er öffnet und das Gold und Silber daraus nimmt. Unter der Schatulle lag eine große zinnerne Kanne, aus der er ſoviel Geld nimmt, als er tragen kann. Das übrige läßt er liegen und wie er zu Hauſe alles wohl und gut verwahrt hat, fordert er von ſeinem Meiſter Abſchied, den er auch gleich er- hielt, und reiſt nach Sto>holm. Hier verwandelte er ſein Geld in Bankozettel und Obligationen. Das Gold aber, etwa vierhundert Dukaten, trug er in einer Kaße um den Leib und nahm bei dem Herrn von Flemming Dienſte an, der ihn mit nach Ringen ſührte. Er hatte ſich ſchon drittehalb Jahr da aufgehalten, als er einſt in ſeiner Kammer war, deren Fenſter in den Garten, die Thür aber in einen großen Saal ging, und ſah zum Fenſter hinaus. Da hört er im alten Schloſſe die Trompeten blaſen. Er wundert ſich darüber, weil weder die Herrſchaft noch Fremde auf dem Hoſe waren. Die Neugierde trieb ihn hinaus, genauer nach- zuhören, aber alles war ſtill und er ging wieder in ſeine Kammer. Kaum ſieht er zum Fenſter hinaus, hört er die Trompeten zum andern Mal klingen. Er las nun nochmals ſeinen Abendſegen, be- fahl fich Gott und ſchlieſ ein. Nach einiger Zeit wet ihn ein Poltern und Krachen auf, daß er glaubte, das ganze Haus wolle einfallen. Er ſah zugleich alle Wände ſeiner Kammer rund umher mit brennenden Wachslichtern beſtekt und zwei Frauensperſonen vor ſeinem Bett ſtehen, von denen die eine rot, die andere grün gekleidet war. Dieſe boten ihm ihre Hand und forderten ihn zum Tanz in den großen Saal auf. Der Schuſter glaubte, es wären Hofmädchen, und weil er noch halb im Schlaſe war, ſagte er zu ihnen: „Geht zum Teuſel! Was iſt das für Zeit zum Tanzen.“ Die Frauen antworteten: „Du ſollſt an das Geld denken, das du bei Wilna aus dem großen Sandberge gehoben haſt!" Hierauf gingen ſie in den großen Saal und ſchlugen die Thüren zu, daß alles zitterte, worauf auch gleich alle Lichter erlöſchten. Nach einigen Seuſzern und unruhigen Gedanken ſchlieſ der Schuſter wieder ein. Wie er des Morgens erwachte, ſah er ſein Lager verändert. Er lag mit der Hälſte des Leibes über der hohen Schwelle des großen Saales und die Füße lagen in ſeiner Kammer. Er empfand ſehr große Schmerzen, als ob er in Feuer läge, ſchwoll am ganzen Leibe ſehr auſ und hatte zwei Händezeichen an ſich, an denen man alle Finger ſehen konnte, ſehr groß und ganz blau. Dieſe Zeichen blieben auch nach ſeinem Tode, nachdem er ſeine Geſchwulſt und
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Livländiſches Sagenbuch, 181 ſeine Schmerzen ein ganzes viertel Jahr hatte fühlen müſſen. Sein Ende geſchah bei gutem Verſtande, nachdem er kurz vorher ſein Teſtament gemacht und für die Kirche ſeinen Gürtel mit vier- hundert Dukaten zu einer Glocke beſtimmt hatte. Hundert Thaler, die er in der Kammer vergraben hatte, ſollten dem Armenhauſe zu- fallen. Obgleich er nun die Schlüſſel immer unter dem Kiſſen, auch ſeine Bankozettel verſchiedenen Perſonen gezeigt und den Ort des Vergrabenen richtig angegeben hatte, auch die Schlöſſer un- verleßt befunden wurden, ſo hat man doch nach ſeinem Tode nicht das Geringſte gefunden, nicht einmal den angegebenen Trauer- mantel, einen großen Spiegel, ein paar Handſchuh mit ſeidenen Krauſen, noch anch die Dukaten, ſondern uur ſieben Thaler Spiel- gelder. Der Verſtorbene hat in ſeiner Krankheit ſein wunderbares Schiclfal vielen Leuten erzählt. Sein Leichnam liegt in der Ringen- ſchen Kirche unter der Kanzel begraben. Gel. Veitr. zu den Rig. Anzeigen 1764, St. XXU[, S. 174 ff. Angebl. nach Eintragung im Ringenſchen Kirchenbuch vom I. 1725. Dies K:buch iſt jeht nicht mehr vorhanden. Das jehige eſte beginnt erſt mit 1743. -- Eiſen, Eſiwanemate warandus, 2 ff. = Jannjen, Märchen u. Sagen 11, 137 ff. 219. Der Sinihalliku-Schaß bei Fellin, Auf der Grenze von Schloß Fellin und dem Gute Kerſel, in der Nähe des Sinihalliku-Burgberges, befindet ſich eine große ſchöne Quelle, die faſt wie ein kleiner Teich ausſicht und ein ſo ſchönes und klares Waſſer hat, daß man bis in den Grund alles ſicht, anch beobachten kann, wie das Waſſer aus der Erde herausſprudelt und wie dort die Sandkörnlein, wie kochende Grüße, ſich bewegen. Dieſe Quelle nennt man Sinihallik oder Blauquelle. Aus dieſer Quelle ſoll niemand trinken dürfen, weil er ſonſt bald vom Senſen- manne geholt werde. Von dieſer Quelle erzählt die Sage, daß daſelbſt in alten Zeiten eine Kriegskaſſe mit Gold- nnd Silbergeld in einem großen Henkelkeſſel geborgen worden ſei. Durch den Henkel dieſes Keſſels hat man einen langen ſtarken Eichenbalken geſchoben, in deſſen Mitte dann der Geldkeſſel gehangen, während die Enden des Eichenbalkeus auf den Ufern der Quelle gelegen; doch hat niemand dieſes Geld erreichen können. Einſt wurde dem Kerſelſchen Gntsherrn im Traume gejagt, daß er den Schaßz heben könne, wenn er der Quelle einen
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182 Livländiſches Sagenbuch. ausgerüſteten Ritter opfere. Der Gutsherr ging darauf zu einem jungen Wirte, deſſen noch heute ſtehendes Geſinde (das Lüütri-Ge- finde) ſich in der Nähe dieſer Quelle befunden, und verſprach dieſem, ihm das genannte Geſinde zu ſchenken und ihn ſelbſt freizulaſſen, wenn er als Ritter ausgerüſtet, dreimal über den eichenen Balken der Blauquelle reite. Der Mann bedachte ſich und durfte ſich auch nicht gut widerſeßen; ſchließlich nahm er das Anerbieten des Herrn an, obwohl er wußte, daß man ihn auf dieſe Weiſe dem Gehörnten oder Geldhüter zum Opfer bringen wolle. Nun rüſtete man den Bauer, der Türri geheißen, als einen Ritter prachtvoll aus; als er aber das Pferd beſtieg, murmelte er vor ſich hin: „Gott Vater, Sohn und Heiliger Geiſt, ſei du mein Schüßer!“ Als der Guts- beſizer dieſes hörte, wurde er darüber böſe und ſagte: „Was Teufel ſprichſt du da?“ Türri antwortete: „Nichts!“ Nun befreuzte er ſich noch und ritt dann mit ſeinem Hengſte über den eichenen Balken, der über die Blauquelle gelegt war, ohne daß ihm irgend etwas paſſierte. Nun hatte er noch zweimal über die Quelle zu reiten. Beim zweiten Ritt krümmte ſich der Eichenbalken nach der Tiefe hin recht ſtark, ſo daß des Reiters Füße das Waſſer bereits ſtreiften, aber doch kam er no< ungefährdet hinüber. Als er aber zum dritten Male über den Balken ritt, da barſt derſelbe mit gewaltigem Krachen in der Mitte und der Geldkeſſel fiel mit großem Geklirr in endloſe Tiefe, wobei auch des Reiters Pferd rülings hineinfiel, aber doch ſamt dem Reiter wieder heranskam. Der Kerſelſche Gut8- herr war darüber wohl ärgerlich, daß der Geldfang ihm entgangen, aber er ſchenkte dem Türri trozdem das Pferd und gab ihm das verſprochene Geſinde. Seit dieſer Zeit nannte man dieſen Bauer- hof Rüütli-Geſinde (Nitter-Geſinde), woraus aber ſpäter der Name Lüütri-Geſinde gemacht wurde. =- Noch heute ſollen die Enden des erwähnten Balkens an den beiden Seiten der Quelle zu ſehen ſein. Eiſen, Eſiwanemate warandus, S. 20 ff. = Z. Jung in Si: Ber. d. gel. eſt. Geſ. 1886, S, 115 fR. 5 I- ung, Sotala maa (Kodu-maalt Nr. 7, Dorp, 1878), S. 220. Der Schaß bei Karkus. In der Nähe des Schloſſes Karkus iſt der Sage nach eine Kriegskaſſe vergraben. Jm Garten des Gutes Panga (?) wachſen mehrere uralte Linden ganz nahe bei einander; der Boden rings herum iſt mit großen Granitſteinen bedeckt. Unter dieſen Bäumen
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Livländiſches Sagenbuch. 183 iſt eine ganze Tonne Goldes verſteekt; doch niemand kann ſie finden. Auch in einer E>fe der Karkusſchen Schloßmauer iſt ein Schaß ver- graben. Wohl iſt von ihm in alten ſchwediſchen Papieren die Rede, aber hier wiſſen die Leute nicht, wo er liegt. " I. Jung, Sakala maa (FKodu-maalt Nr. 7, Dorp. 1878), . 83, = 221. Der winſelnde Fußknödel. Wenn man aus dem Jömperſchen Dorſe Arukülla nach der S. Katharinenkirche bei Weſenberg geht, ſo führt der Weg durch eine Schlucht, wo vormals, wie ſich alte Leute noch deutlich er- innern, bei nächtlicher Weile oſtmals ein Winſeln gehört wurde, welches wie die Klage eines gequälten Geſchöpfes klang. Mancher hatte auch in heller Nacht einen fich drehenden Gegenſtand wahrgenommen, von dem das Gewinſel etwa herrühren konnte. Bei Tage fand ſich am Orte nichts weiter als ein menſchlicher Fußknöchel der unbeweglich da ſtand. Niemand wußte mit Beſtimmtheit zu ſagen, ob der Fußknöchel mit dem nächtlichen Winſeln und Drehen etwas gemein habe oder nicht. Nun hatte aber ein beherzter junger Mann aus dem Dorfe Arutülla keine Ruhe bis er Klarheit in die Sache brächte. Er war ſchon einige Male ſtehen geblieben wenn die Andern erſchreft davon eilten, und da hatte er geſehen, daß allerdings die Drehung des Fußnöchels das Gewinſel hervorbrachte, weshalb er im Stillen den Vorſatz faßte, der Sache völlig auf den Grund zu kommen. In einer mondhellen Nacht machte er ſich zur Schlucht auf, hörte ſchon von weitem das Gewinſel und ſah, als er näher kam, die wunderliche Drehung des Fußknöchels. Er beobachtete eine zeitlang den närriſchen Wirbeltanz und überzengte ſich, daß das Winſeln wirklich von der ſchnellen Umdrehung herrührte. Da ſprang er hinzu und pate mit beiden Händen den Knöchel, der darin noch zappelte, als wolle er dem dreiſten Manne mit aller Gewalt entſchlüpſen. Aber des ſtarken Mannes Lederhandſchuhe, in denen eiſerne Finger ſteckten, ließen den eingefangenen Gegenſtand nicht ſo leicht wieder los. Allmählich hörte das Zappeln des Knöchels auf und plölich ſtand ein fremder Mann, wie vom Himmel gefallen, vor unſerm Freunde. Der Fremde ſprach: „Habe tauſend Dank ſür dieſe Wohlthat, daß du kamſt, mich von langer
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184 Livländiſches Sagenbuch. Pein zu erlöſen, in welcher meine arme Seele bis heute keine Ruhe finden konnte. Wohl kamen Leute genug vorbei, aber keiner hatte den Mut, den tanzenden Knochen in die Hand zu nehmen, wie du gethan haſt, wa>erer Maun. Beſorge nun weiter alles, wie ich dir angeben werde, damit meine müde Seele einmal zur Ruhe fomme, dann ſollſt du einen fürſtlichen Lohn für deine Mühe er- halten. Morgen früh, wenn die Morgenröte heraufſteigt, grabe da wo wir jeht ſtehen ein Grab von ſieben Fuß Tiefe und ſechs Fuß Länge, lege den Knochen auf den Grund desſelben au das öſtliche Ende und dann geh und bitte den Prediger her, daß er mit Gebet und den bei Beſtattungen üblichen Segensſprüchen dieſen Knochen begrabe, ſo werde ich aus meiner Pein erlöſt und finde die ewige Ruhe. I< war zu meiner Zeit ein reicher und großer König in Schwedenland. Übermut trieb mich an, dieſes Land mit Krieg zu überzi wo ſehr viel unſ Blut vergoſſen wurde; deshalb mußte ich zur Strafe meiner Sünden im Schlacht gewühl an dieſer Stelle eine unglückliches Ende finden. Der größte Teil des Heeres fiel an dieſem Tage mit mir, was ver- ſchont blieb ergriff die Flucht, ſo daß niemand Zeit behielt ſich um die Toten zu kümmern. Die Feinde plünderten mich kapp und kahl und ließen mich nat liegen wie einen Hund. Darnach fraßen wilde Tiere meinen Leichnam, ſo daß nichts übrig blieb als bloß dieſer Fußknöchel, der hier zum Winſeln feſtgebannt wurde, bis ſich jemand über ihn erbarmen würde, ſo daß der Knochen eine Grab- ſtätte und meine Seele Erlöſung von der Sündenqual fände. Wenn der Fußknöchel nun ſo wie es ſich gebührt beſtattet und eingeſegnet iſt, und der Prediger drei Schaufeln Erde auf denſelben geworfen hat, ſo ſchütte das Grab noch nicht mit Erde zu, ſondern warte, bis der Prediger nach Hauſe gegangen iſt. Dann höhle den öſt- lichen Rand des Grabes noch einen halben Fuß tiefer aus, ſo findeſt du den Lohn für deine Mühe. Von dem vorgefundenen Gelde bezahle dem Prediger fünfundzwanzig Thaler für die Be- erdigung, fünfzig Thaler laß unter die Kirchenarmen verteilen, und was dann noch übrig bleibt iſt alles dein, und du kannſt damit machen, was du willſt.“ Mit dieſen Worten war der Fremde ebenſo wunderbar verſchwunden, wie er gekommen war. - Unſer Freund ſtete einen Pflo> in den Boden um die Stelle zu bezeichnen, wo er das Grab graben ſollte, ging daun uach Hauſe um eine Schaufel zu holen und war mit Anbruch der Morgenröte ſchon an der Arbeit. Der Fußknöchel lag neben dem Pilode wie er hingelegt worden war, ohne ſich zu rähren. Um
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Livländiſches Sagenbuch. 185 Mittag war das Grab fertig geworden, der Mann legte den Fuß- knöchel hinein und ging dann um den Prediger herzubitten, dem er ſein nächtliches Erlebnis von Anſang bis zu Ende erzählte; doh ließ er nichts von dem Lohn ſür das Begräbnis verlauten, weil er ja ſelbſt noch nicht wußte, ob er etwas finden würde und nicht mit leeren Verſprechungen zum Lügner werden wollte. Der Prediger wunderte ſich wohl gar ſchr über das, was er von dem Maune hörte, doch ſträubte er ſich weiter nicht, ſondern ging mit ihm, um den ruheloſen Menſchenknochen nach <riſtlicher Weiſe zu begraben. Als der Prediger nach erteiltem Segensſpruch ſich ent- fernt hatte, grub der Mann laut Vorſchrift das Grab um einen halben Fuß tiefer aus, da ſtieß er auf einen großen kupfernen Deckel. Als er den Deckel auſbrach, ſand er eineu 4 Zuber großen kupfernen Keſſel, der bis an den Rand mit ſchwediſchen Thalern angefüllt war. Er verſuchte den Keſſel mittels einer Stange heraus- zuheben, es war aber ganz unmöglich; drum ſtand er von der ver- geblichen Arbeit ab, zog ſeinen Ro> ans, breitete ihn auſ den Boden, und that mal auf mal ſo viel Geld darauf, als er auſ dem Rücken gen konnte. Die fi fen ſchüttete er etwas weiter ab unters Gebüſch, bis der Keſſel gänzlich geleert war; auf dem Grunde hatte er noc<h faſt ein halbes Kälmit an purem Golde geſunden. Den leeren Keſſel ließ er an Ort und Stelle, füllte das Grab mit Erde auf, glättete die Oberfläche und ging dann um aus dem Dorfe ein Pſerd zur Fortbringung des Schaßes zu holen. Das Pferd hatte aber zweimal ſchwer zu ziehen, um alles Geld fortzubringen. Jeht zahlte der glü>liche Finder dem Prediger den Begräbnislohn und händigte ihm auch fünfzig Thaler ein, mit der Bitte, ſie gleichmäßig unter die Armen des Kirchſpiels zu verteilen. Nach einigen Tagen kaufte er ſich zwei ſtarke Pferde und einen mit Eiſen beſchlagenen Wagen, lud das Geld daranf und zog aus ſeinem Orte weg. Wohin? Das hat ſpäter niemand vernommen, man meint aber, daß er übers Meer, ſei es nach Finuland oder nach Schweden gezogen war, weil die gefundenen Thaler ſämtlich königlich ſchwediſches Gepräge hatten und dort mehr wert ſind als hier zu Lande. Nach dieſer Zeit hat keines Menſchen Ohr mehr in der Schlucht das Winſeln des Fußknöchels gehört, welches, ehe derſelbe begraben wurde, noch mein Großvater, wenn er vorbeiging, manches Mal vernommen hat. Kreußwald, Eeſtirahwa ennem. jutud, S. 339. == Kreuß- wald-Loewe, Eſtn. Märchen 11, 155 ff. == Eine ähnliche Sage
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186 Livländiſches Sagenbuch. von einem winſelnden Schienbein beim Ea] ve Fidel in Eſtland, vgl. Eiſen, Eſiwanemate warandus, 222. Wo Narvas früherer Reichtum liegt, In den Tagen, als Narva noch eine reiche Stadt war, zog einſt von Rußland oder von Polen her der grimmige Feind mit großer Heeresmacht heran, um die Stadt einzunehmen und auszu- plündern. Zum Glück erhielten die Bewohner einige Tage vorher durch ihre Spione Nachricht, ſo daß ſie noch Zeit hatten, den größten Teil ihres Goldes und Silbers zuſammenzuraffen und in der Mündung des Fluſſes unweit der See zu verſenken. Darauf wurden die Thore geſchloſſen und die Schanzen beſetzt. Mit Pro- viant war die Stadt ſo reichlich verſchen, daß eine Hungerönot nicht zu beſorgen ſtand; die feſten Manern und Werke rings um die Stadt, der tiefe, breite Fluß einerſeits und die mit Waſſer gefüllten Wallgräben andrerſeits wehrten den Feind ab, ſo daß er nicht eindringen konnte. Er belagerte die Stadt bis zum Herbſt, mußte aber dann unverrichteter Sache abziehen. Nach dem Abzuge des Feindes hatten die Bürger der Stadt nichts Eiligeres zu thun, als an die Mündung des Fluſſes zu gehen, um ihren Scha aus ſeinem Verſte> heraufzuholen. Unglürklicher Weiſe aber hatten ſie ihn zu nahe am Meere auf den Grund des Fluſſes geſenkt, die heftigen Stürme hatten oftmals die Tieſe aufgewühlt und die Goldfäſſer gegen einander geſchüttelt nud zerbrochen, der vom Meere ansgeworfene Sand aber hatte alles bede>t und feſtgelegt, ſo daß man nur wenig von dem verſenkten Goſde wieder erlangte. Der größte Teil dieſes Schaßes der Vorzeit ruht bis zum heutigen Tage auf dem Grunde des Fluſſes und des Meeres, und niemand weiß, welchem Glückskinde er einmal in die Hände ſallen wird. Kreußwald, Eeſtirahwa ennem. jutud, S. 340, =- Daraus über. von F. Löwe, Veiträge 3. Kunde ER, Liv m. Kurt. 1, 110. =- Kreußwald-Löwe, Eſtn. ED 1, 163. == 8. Siß! Ver. d. Narvaſchen Alt: Gef. 1865, S. 24 (Von Kreuhwald, kurz). 223. Der Zauberſtab des Barons Saſſen. Als einſt eine große Brücke gebaut wurde, die erſt nach wieder- holten Verſuchen zuſtande kam, fand ein Baron Saſſen in der Erde einen ſilbernen Stab von drei Fuß Länge mit einem Griffe von
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Livländiſches Sagenbuch. 187 Ebenholz. Am entgegengefezten Ende war eine runde Scheibe, etwa wie ein Kompaß, befeſtigt. Erfreut brachte er ſeinen Fund nach Hauſe und dachte das Silber zu einer Theekanne oder Tabaks- doſe umarbeiten zu laſſen. In der Nacht aber erſchien ihm im Tranme ein Greis mit einem langen eisgrauen Bart und mit filber- weißen Haaren. Dieſer ſprach zu ihm: „Du darfſt den gefundenen Stab nicht zerſtören, denn er beſißt Zauberkräfte. Durch ihn kanuſt du verborgene Schäße ans Licht ziehen; denn weun du den Stiel in die Hand nimmſt und den Kompaß auf der Erde ruhen läßt, jo wird er ſich von felbſt in Bewegung ſehen und ſich wie ein Rad drehen. Folge ihm dann nach und er wird dich zu einem Schaße führen, der deiner Familie beſtimmt iſt." Aufgeregt durch diefen lebhaften Traum erwachte der Baron und beſchloß, noch in derſelben Nacht einen Verſuch zu machen. Sobald er ſeinen Stab in die Hand genommen, fühlte er, daß diefer ihn nach einer beſtimmten Richtung ziehe. Er folgte ihm und kam nach einiger Zeit in einen Moraſt, auf dem er unter mancherlei Gefahr vorwärts ſchritt, bis er zu einem Walde gelangte, in dem er endlich vor einer großen Höhle ſtehen blieb. Zwei ungeheure Hunde, an Größe faſt Pferden gleich, bewachten die Thür und ſtierten ihn mit feurigen tellergroßen Augen an. Erſchreft wollte er ſchon umkehren, da erblickte er den bekannten Greis, der ihm freundlich winkte näher zu treten. Mutig ſchritt er auf ihn zu und ſah neben ihm ein Faß von Eichenholz, mit eiſernen Reifen beſchlagen, welches ganz mit alten Goldſtücken gefüllt war. Der Greis erlaubte ihm zu nehmen, ſo viel er tragen könne, aber der Schaß ſei nicht für ihn beſtimmt, fondern für einen ſeiner Nachkommen, den jüngſten Sohn feines Enkels. Sobald dieſer vierundzwanzig Jahr alt ſei, dürfe er die Hebung des Schaes verſuchen und müſſe dann zuerſt einen Becher, der in der Höhle ſtehe und mit einem halbflüſfigen Tranke gefüllt ſei, austrinken; dann werde er ſich vor keiner Gefahr fürchten. Der Baron nahm eine Handvoll von dem Golde und hinterließ auch feinen Kindern die Nachricht von diefem Schaße, der auch von denſelben öfter be- ſucht wurde. Jedesmal aber, wenn ſie etwas davon nahmen, ſchwoll ihnen das Geſicht an. Der unermeßliche Scha harrt indeſſen noch ſeiner Hebung. Rußwurm, Sagen a. der Wi« „Die Brlicke ſoll bei ard ſein.“ S. 108 (Aus Hapſal, deutſch).
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188 Livländiſches Sagenbuch. 224. Scäße im Kloſter Padis. Das Kloſter Padis war mit kluger Vorſicht ſo eingerichtet, daß es ſich allezeit gehörig gegen andringende Feinde zur Wehr ſehen konnte, Starke Verſchanzungen umgaben es von allen Seiten. In den alten großen Kellern habe ich ſelbſt eine Menge ſehr alter Kugeln geſehen, von denen mehrere geplaßt waren. Unſere Leute jagen ferner, daß in dieſen Kellern zur Kriegszeit von den Mönchen viele und große Schäße vergraben worden ſeien. Gott allein weiß, wo ſie liegen. Mancher könnte ſonſt glülich durch ſie werden, in- ſofern er das von Geld und Gut erwartet. „Voubrig nach Seppa Ado's Erzähl. in Verhandl. der gel. ein. 225. Der Saß von YXodenſee. Bei Lodenſee in der Nähe von Baltiſchport in Eſtland liegt, von Wald umgeben, ein ſchöner See. Zur Zeit der erſten Küſten- invaſion, ſo erzählt das Landvolk der Gegend, haben die damaligen Beſißer Lodenſees all ihr Geld, Silbergerät und ſonſtige Koſtbar- keiten in den See verſenkt und die Stelle genau bezeichnet. Ein Waſſerne> aber nahm darauf dieſe Schäße in Beſitz und bewachte ſie ſeitdem eiferſüchtig, jo daß man die Stelle, als die Feinde ab- gezogen, nicht mehr auffinden konnte, ja daß jeder, der einen Ver- juch machte nach den unterſeeiſchen Schätzen hinabzutauchen, von den Wellen verſchlungen wurde und man dem See endlich ſeine Beute unberührt überlaſſen mußte. Die Eſten nennen die Stelle, wo jener Schaß noch jeht liegen ſoll, „Kullakrunt“, d. i. Goldgrund. Gewiß iſt, daß man noch jeht an mehreren Stellen des Sees bei klarem Waſſer auf dem Grunde regelmäßige Steinhaufen und tief unter der Oberfläche eingerammte Balken erblicken kann. Stavenhagen, Alb. balt. Anſichten, Bd. 111, Lodenſee, S. 4. 226. Der Schaß bei Rieſenberg. Beim Gute Rieſenberg in Eſtland liegt ein Hügel, der den Namen Uſſimäggi, Schlangenberg, führt. Das Volk hat die Sage,
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Livländiſches Sagenbuch. 189 er berge | in feinem Innern reiche Schäße, die von Schlangen be- wacht wi Stavenhagen, Alb. balt, Anſichten 111, Rieſenberg, S. 4. 227. Schäße im Schloß zu HBapſjal. 1. Im Schloſſe zu Hapſal liegen viele Schäße vergraben, die von einem ſchwarzen Hunde bewacht werden. Manche kühne Männer haben ſich den Stellen genähert, an welchen man Schäte vermutete, aber Geiſter blieſen ihnen die Lichter aus, oder andere Schreckbilder benahmen ihnen den Mut, weiter zu forſchen. in Schwede, der 1773 aus Bisholm nach Hapſal zog, wurde daſelbſt als Nachtwächter angeſtellt und kam einſt um Mitternacht in das alte Schloß. Hier ſah er einen großen ſchwarzen Hund mit feurigen, tellergroßen Augen, der auf einer Kiſte mit Geld lag. = Was er mit dem Hunde geredet, weiß man nicht, auch nicht, was die Kiſte enthielt, aber von Stund an wurde er ſehr reich, trieb Handel, kaufte Häuſer in der Stadt und hatte großen Kredit, ſo daß viele Bauern ihm ihr Geld aufzubewahren gaben. Endlich aber, da die Zeit abgelaufen war, mußte er in den Wald gehen und ſich aufhängen. II. In Hapſal lebten zwei Brüder, von denen der eine reich und angeſehen, doch ſchr geizig war, der andere aber ſich mit Schuhſlicen ein kümmerliches Brot erwarb, ſo daß er oft mit feiner Familie hungrig ſchlafen gehen mußte. Leßterem träumte in einer Nacht, es erſcheine ihm ein graues Männlein, welches ihm eine Stelle in der Ruine zeige, an welcher er nachgraben ſolle, um einen Schaß zu finden. Am andern Morgen erinnerte er ſich deutlich des Traumes und der Verheißung, hielt es aber nur für ein Blendwerk der Phantaſie und beachtete es nicht weiter. In der folgenden Nacht erſchien der graue Mann wieder, rüttelte ihn am Arme und forderte ihn auf, ſogleich hinzugehen und den Scha zu heben. Er erwachte, aber aus Gleichgültigkeit oder Furcht unterließ er den Gang. Am Morgen früh kam ſein Bruder zu ihm und jener erzählte, was ihm in der Nacht widerfahren ſei. Der Bruder beſtärkte ihn in ſeiner Meinung, daß ein ſolches Traumgeſicht keine beſondere Bedeutung habe, ging aber in der Nacht an den bezeichneten Platz und fand daſelbſt nac< langem Graben nichts weiter als einen toten Hund. In der Meinung,
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190 Livländiſches Sagenbuch. ſein Bruder habe ihn zum Beſten gehalten, nahm er den Hund und warf ihn durch das Fenſter in ſeines Bruders Zimmer, ſo daß die Scheiben klirrend zur Erde fielen. Erſchre>t erwachte der Schuhflicer, ſand aber auf der Diele einen großen ledernen Sac mit Dukaten gefüllt. III. Eines Abends kamen zwei Männer in ungewöhnlicher ausländiſcher Tracht auf Manltieren reitend, deren De>en Schellen trugen, zum Gerichtsvogt in Hapfal und baten um Erlaubnis im Schloſſe mit der Wünſchelrute nach unterirdiſchen Schäßen ſuchen zu dürfen. Es wurde ihnen unter der Bedingung geſtattet, daß das gefundene Geld geteilt werden ſollte, ſie aber das Graben ſelbſt zu bewerkſtelligen hätten. Die Männer gingen umher, die Rute ſchlug an auf dem Plaße vor der Schloßkirche, und ſie begannen zu graben. Um jeden Unterſchlag zu verhindern, waren Wachen dazugeſtellt. Aber als es dunkel wurde, ohne daß man bisher etwas gefunden hätte, gingen alle für die Nacht nach Hauſe. Am andern Morgen jedoch waren die Reiſenden verſchwunden und man bemerkte, daß in der aufgeworfenen Grube ein großer mit Eiſen beſchlagener Kaſten gelegen haben mußte. Auch 1843 erſchienen zwei ſchwarzgekleidete Männer in Hap- ſal, gruben die Nacht hindurch im Schloſſe und waren am Morgen darauf verſchwunden. Rußwurm, Sagen a. Hapſal, S - 5. (1) (Aus Hapfal, deutſch; 1. auch aus Nuö, ſchwed.) tußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 34. (11.) =- Von Rußwurm im Zl. Revaler Almanach 1856, S. 22. (l., 111.) =- Rußwurm, Schloß Hapſal, S. 87 |. (l., I1,, 111.) =- Stavenhagen, Alb. balt. Anſichten. Bd. 111. 228. Die Geldlade in Kertell. Ein großer Krieg war entbraunt. Überall verwüſtete man das Land und tötete die Leute. Auch die Inſel Dagö blieb nicht von der Geißel verſchont. Auch dahin drangen die Feinde und fehten daſelbſt ihr blutiges Werk fort, das fie auf dem Feſtlande begonnen. Sie hieben alles Volk nieder und führten Hab und Gut mit ſich fort. So herrſchte überall Furcht und Schre>en. Nur die Männer von Kertell wollten nicht leichten Kaufes ſich und ihr Gut an den Feind verlieren. Sie zimmerten eine mächtige Lade zurecht, ließen ſie vom Schmied mit ſtarkem Eiſen beſchlagen, thaten all ihr Gold und Silber hinein und verſenkten ſie darauf im Fluſſe bei der alten Brücke. Sie ſelbſt aber flohen in die Wälder. Doch
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Livländiſches Sagenbuch. 191 die feindlichen Scharen durchſtreiften auch die Wälder und viele Flüchtlinge mußten unter ihrer Hand das Leben laſſen. Andere retteten ſich zwar, da aber bald auf den Krieg eine große Peſtilenz folgte, ſo kamen auch dieſe um. Von allen, die den Schaß in Kertell verſenkt hatten, war jeht niemand mehr am Leben. So ging wohl ein Gerücht im Lande um, daß ein großer Schaß irgendwo verborgen ſei, aber niemand wußte ſeinen Ort anzugeben. Seitdem waren viele Jahre vergangen und die Rede von dem Schatz im Volke faſt ſchon verſtummt. Als nun eines Abends ein Mann noch ſpät zum Kruge wollte und eben an den Fluß gelangt war, da erblickte er am Ufer eine kleine Flamme, die einige Zoll hoh über dem Boden in der Luft brannte. Gleich fiel ihm die Rede vom verſenkten Schaß ein, er nahm die Pfeife aus dem Munde, legte ſie neben ſich auf einen Stein und ſchlich dann auf den Zehen dem Flämnchen näher. Als er ſchon hart dabei war, erloſch plöß- lich das Licht und jo viel er ſich auch mühte, entdeckte er doch nicht die kleinſte Spur davon. Verdrießlich kehrte er um. Wie er nun nach ſeiner Pfeife auf dem Stein griff, gab es neuen Ärger, denn auch die Pfeife war verſchwunden. Er blickte ſchärfer hin und ge- wahrte nun, daß ſtatt deſſen Geld auf dem Steine lag. Er ſah ſich um, gewahrte niemand, ſtete das Geld ein und eilte zum Kruge, wo er ſich an dieſem Abend für den Fund einen ſchweren Kopf erwarb. Am anderen Abend trieb es ihn wieder zum Kruge und wie zum Scherz ging er auch an dem -Stein vorbei. Sieh, da lag wieder Geld auf dem Stein! Damit that der Mann wie am erſten Abend. So oft nun auch in Zukunft der Mann jeinen Stein aufſuchte, immer fand er da Geld. Alle Nachbarn wunderten fich darüber und wollten wiſſen, wie er zu ſeinem Reichtum ge- kommen wäre. Er leugnete es auch nicht und ſagte ihnen Alles, Thor! ſprachen ſie, merkſt du nicht, daß da die Geldlade der Leute aus der Peſtzeit liegt? Laß uns eilig einen Schwarzkünſtler um Rat in dieſer Sache fragen! Der Mann ſtete eine tüchtige Branntweinflaſche zu ſich und machte fich ungeſäumt auf den Weg zu dem Zauberer. Dieſe Gabe löſte des Zauberers Zunge und als er alles von ihm erſahren hatte, ſpraß er zu dem Mann: Wenn du die .Geldlade erlangen willſt, ſo haſt du nichts anderes zu thun, als an dreien Douners- tagen abends an den Ort zu gehen, wo du das Flämmchen er- blikteſt, und daſelbſt jedesmal einen Hahn zu ſchlachten. So wirſt du ſchon erfahren, was dann geſchieht. Sprich aber zu niemandem ein Wort darüber, dann wird dir die Lade ſicher zufallen!
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192 Livländiſches Sagenbuch. Der Mann daukte dem Schwarzkünſtler für den guten Rat, eilte davon und richtete ſich auſ ſein Vorhaben ein. Am Abend des erſten Donnerstages ſchlachtete er am Ufer einen Hahn, aber es wollte ſich ihm nichts zeigen. Nicht anders geſchah es am zweiten Donnerstage. Am dritten aber nahm er mehrere Geſährten mit fich und ſchlachtete den dritten Hahn. Kaum war das vollbracht, als plötzlich die große Geldlade auf dem Waſſer erſchien. Sogleich ſandte der Mann ſeine Gefährten nach Seilen, Hebeln und Stangen und als ſie damit zurückkehrten, ging man aus Werk. Aber die Lade war ſchwer wie Blei, ſodaß die Männer alle ihre Kraft daran ſehen mußten. Mit großer Anſtrengung gelang es ihnen endlich doch, die Lade bis ganz ans Ufer zu ſchaffen. Dabei blickte einer von den Männern zufällig auf, ſah nach der Brücke hin und ge- wahrte da einen kleinen Jungen, der auf einem Schwein hergeritten kam. Das ſchien ihm ſo wunderlich, daß er unverſehens rieſ: Seht doch das Männchen, das da herkommt! Sobald er aber dieſe Worte geſagt hatte, verſchwand das Schwein mit dem Knaben, die Hebel und Stangen brachen und die Geldlade ſank wie ein Stein ins Waſſer zurück, wo ſie in der Tiefe verſchwand. Wohl ſchlachteten die Männer in Zukunft abends an den Donnerstagen noch manchen Hahn, aber die Geldlade kam nimmer wieder zum Vorſchein. Rußwurm, Sagen a. Hapſal, S. 6. =- Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 102, =- Eiſen, Eſiwanemate warandus, S. 48 ff. == Jann- jen, Märchen u. Sagen 11, 135; vgl. daſ, die Anm. S. 200. 229. Der Schaß bei Wallipä. Ungeſähr zwei Werſt ſüdlich von Großenhoſ auf Dags, nicht weit vom Strande des Meeres, aber früher unmittelbar von dieſem beſpült, liegen die geringen Überreſte eines alten Schloſſes Wallipä, an die ſich manche Sagen knüpſen. Dort ſind Schäße vergraben, aber die Geiſter, welche dieſe Schäße hüten, laſſen die Hirtenknaben nicht in der Nähe der alten Wälle ſchlafen. Rußwurm, Eibofolke 8 98; 371, 5. 230. Der Sclangenkönig. Auf einer großen Haide auſ der Inſel Worms waren unendlich viele Schlangen, deren König in einer Höhle wohnte, aus der er bis-
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Livländiſches Sagenbuch. 193 weilen hervorkam, um ſich zu ſonnen. Ein Anführer der Roſto>ar*), denen ſonſt die Verteidigung der Landesgrenzen übertragen war, jah auf dem Kopfe des Schlangenkönigs eine goldene Krone glänzen und faßte den Plan, ſich derſelben zu bemächtigen. Alſo ritt er zur Öffnung der Höhle hin und wartete mit geſchwungenem Schwerte auf den König. Sobald dieſer erſchien, hieb er ihm den Kopf ab, legte ihn in ein Schächtelchen, ſchwang ſich anf ſein Pferd und ſprengte davon. Die Schlangen aber, in Wut verſeßt durch die Ermordung des Königs, verfolgten ziſchend und ſchäumend den Flüchtigen, und nur dadurch, daß er einen tiefen Graben mit dem Pferde überſprang, über den die Schlangen nicht ſo ſchnell kommen konnten, rettete er ſich vor unvermeidlichem Verderben. Der Kopf aber mit der Goldkrone verlich ihm in allen Kämpfen Glü> und ſchüßte ihn vor aller Verwundung. == So lautet die Sage anf Dagden, ähnlich die auf Worms ſelber. Rußwurm im Jill. Reval. Alman. 1856, S. 17. =- Derſ, Sagen a. Hapſal, S. 8. =- Derſ, Sagen a. der Wiek, S. 108. Daſelbſt noch andere Schlangenjagen. 231. Der Unglückskünder der Familie v. Behr. Sobald der Kurländiſchen Familie v. Behr ein U vorſteht, zeigt ſich auf den Schloßbergen der beiden Familiengüter Poopen und Angermünde ein kleiner alter Mann, in den Händen trägt er zwei große filberne Lenchter, >uf denen Kerzen brennen, und unter Wehklagen bläſt er die Lichter aus. IJ. Döring in Siß: Btr. d. kurl, Geſ. 1870 (2, Aufl.). S. 400. =- Rigaer Tagebl. 1891, Nr. 232. Der Pfahl im Burtneklſchen See. Mitten im Burtuekſchen See ſoll ein Pfoſten mit einem goldenen oder verguldeten Kranz ſtehen, den man eingeſegt habe, um den See in zwei gleiche Teile zu ſcheiden; ihn zu ſehen mag wohl nicht jedermann glücfen. Die Familie Koskull bejaß im dreizehnten Jahrhundert beide Seiten des Sees; bei entſtandenem Streit aber im vierzehnten Jahr- *) Ruſtkarlar, die vom Lande geſtellten Reiter, Landmiliz. BVienemann, Sagenbuch. 13
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194 Livländiſches Sagenbuch. hundert verglich fie ſich dahin, daß ein Bruder die Seite gegen Salisburg, wo das Stammhaus Oſtrominsky liegt, der andre aber den burtnekſchen Strich behalten ſolle, Der leztere ließ zur Be- zeichnung der Grenze einen Eichenbalken mit eiſernen Reifen in den See einrammen, änderte auch ſeinen Namen und nannte ſich „von der Pahlen.“ Pabſt, Bunte Bilder 1[. 30. =- Vgl. Hupel, Topogr. Nachr. 11, S. 61, wonach Pabſt. 233. Der Herr von Koskull. Ein livläudiſcher Edelmann hatte eines Tages das Unglüc, bei einem Spaziergang ſo tief in den Moraſt zu ſinken, daß er ſich nicht wieder herauszuhelfen vermochte; er ragte nur noch mit ſeinem Kopfe hervor. Da kam ein lettiſcher Bauer vorüber. Dieſen ruft er um Hilfe an. Der Bauer nimmt ſeineu langen Speiſeſa>, wie ihn dort zu Lande jeder zu tragen pflegte, wirft dem Herrn das eine Ende desſelben hin und ruft ihm fortwährend zu: „Kohd kulle! fohd knlle!“ d. h. beiß den Sack. Der Edelmann wurde gerettet und hieß ſeitdem der Herr von Koſchkull oder Kosknull. Sein Ge- ſchlecht blüht noch im Lande. Inland 1851, S. 382. Durch E. Pabſt nach mündl. Er- zählung aus Lettland. Der Name Koskull iſt eſtniſch! 234. Das Mädchen von HBodchroſen. Noch wars nicht allzulange her, ſeit Schloß Hochroſen erbant worden war*), da wohnte in ſeinen Mauern ein augeſchener, ſchon ergranter Ritter mit einer einzigen, von ihm innig geliebten Tochter, einem jungen Mägdlein von wunderbarer Schönheit. Außer den vielen Schloßlenten und Söldnern, die in ſeinen Dienſten ſtanden, hatte ſonſt niemand Zutritt zu dem ſtattlichen Hanſe, denn der Schloßherr war ein Mann von gar menſchenfeindlichem Sinne und duldete feinen Fremden in ſeiver Umgebunug. Er war nicht immer ſo geweſen, aber herbes Leid und bittere Erfahrungen hatten das *) Es ſoll 1272 von Chriſtian v. Roſen erbaut worden ſein, Mojahn etwa um dieſelbe Zeit von Fabian v. Roſen zu Roop. Beide beſanden ſich bis zum Ende des XV1. Jahrhunderts im Beſig der Familie Roſen.
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Livländiſches Sagenbuch. 195 Gemüt des einſt ſo fröhlichen Mannes verdüſtert und ſein Herz unempſänglich gemacht für jedwede menſchliche Liebe und menſchliche Freundſchaft. Sein nächſter, drei Wegſtunden entfernter Nachbar war der Schloßherr von Mojahn, mit dem er aus einem und dem- ſelben Hauſe ſtammte, ein verſöhnlicher und mild geſinnter Mann, der es zu wiederholten Malen verſucht hatte ein freundſchaſtliches Verhältnis mit ſeinem benachbarten Verwandten anzuknüpfen, aber ſtets war er in kalter und beleidigender Weiſe zurückgewieſen worden und hatte demnach auch alle derartigen Verſuche auſgegeben. Glaubte doch der Herr des Schloſſes zu Roſen Grund genug zu haben zu erbitterter Feindſchaſt gegen den Nachbar, der einſt ſein liebſter Freund geweſen und ihn dennoch um ſeine Jugendliebe betrogen hatte. War doch der blühende Sohn des Mojahners, der in Wald und Feld ſo oft ſeinen Weg kreuzte, das Kind des Weibes, das er dereinſt ſo innig geliebt, das ihm ſo heilige Treue geſchworen und dieſelbe dennoch freventlich gebrochen hat, während er ſelbſt im Felde und längere Zeit abweſend war; hatte ſie ihn doch verlaſſen, die Treuloſe, und ſich ſeinem Vetter zugewandt, der ihm in allen Dingen jo weit nachſtand, außer daß er von ſchönerer Geſtalt und ſanſterem Gemüte war! Der Ritter von Hochroſen hatte ſich damals grollend in die Einſamkeit ſeines Schloſſes zurücgezogen, die Erinnerung an die erlittene Schmach war nach und nach ſchwächer geworden und er hatte ſich nach einiger Zeit ein anderes tugendſames Weib er- wählt; ein neues Glüc> begann ihm in ſeinem Hauſe zu erblühen. Es glätteten ſich die Ummutsfalten auf der Stirne des verſchloſſenen Mannes, wenn er ſein kleines Töchterchen auf den Armen wiegte und ſie ihm den ſüßen Vaternamen zuliſpelte; aber das Schiſal hatte noch nicht aufgehört, ihn mit harten Schlägen zu verfolgen, auch das zweite Weib, dem er ſeine Liebe zugewandt, ward ihm plößlich genommen. Der dem Schloſſe benachbarte Berg, dem man den Namen Kreuzberg beigelegt hat, war ein Lieblingsaufenthalt der dahinge- ſchiedenen Schloßdame geweſen, er war das Ziel ihrer Spazier- gänge, und ihr Herr und Gemahl hatte daher auf der Berghöhe zu ihrer Erholung ein reizendes Luſthänschen errichten laſſen, wohin ſie ſich faſt an jedem Sommertage, von ihren Dieuerinnen begleitet, hinbegab und einige Stunden verbrachte. An jeuer Lieblingsſtätte wünſchte ſie nun anch begraben zn werden, und ihr Gatte ließ das heitere Luſthänschen in eine düſtere Kapelle umwandeln, von einem Mönche, der ſich im Schloſſe aufhielt, weihen und die Leiche ſeines geliebten Weibes in derſelben beiſehen. 13*
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196 Livländiſches Sagenbuch. Jahre waren inzwiſchen verfloſſen und das Kind des Ritters herangewachſen zur blühenden Jungfrau, vergeblich war aber all ihr Bemühen, die finſtern Wolken von des Vaters Stirn zu ſcheuchen und ſeine in verſchloſſenem Unmut hingebrachten Tage zu erheitern. Anch ihr Leben floß einſam und einförmig dahin, denn nie betrat ein Fremder die Burg, nie durfte ſie dieſelbe verlaſſen und Verkehr pflegen mit benachbarten Edelſranen und Jungfrauen; ihr einziger Gang war zum Grabe der Mutter, zur kleinen Kapelle auf dem Kreuzberge. Dorthin zog es ſie aber auch ſtets mit unwiderſteh- licher Macht, dort pflegte ſie die Blumen, die auf ihr Geheiß rings im das Kirchlein gepflanzt worden waren, dort ſaß fie ſtundenlang mit ihren Dienerinnen in munterem Geſpräch begriffen oder mit jen und ſonſtiger weiblicher Arbeit beſchäftigt. Der Vater ließ es geſchehen, begleitete ſie aber troß ihrer Bitten nie dahin, er ſcheute ſich davor, durch den Anblick der Grabeöſtätte erinnert zu werden an all den Schmerz ſeiner Jugend- und Mannestage; düſter und ſchweigend hörte er zu, wie ſein Kind ihm erzählte von den lieblichen Blumen und den grünen Bäumen, die ſeines Weibes Grab überſchatteten, hie und da entwand ſich auch ein tiefer Seuſzer ſeiner Bruſt, dann aber trat die frühere eiſige Kälte wieder auſ jeine Züge, das Gepräge eines glühenden Haſſes gegen Schickfal und Menſchen, die ihm ſo viel, ſo viel genommen. Eine einzige Zer- ſtrenung gab's, die ihn oſt und immer wieder aus der Burg her- auslocfte, nämlich die Jagd. Da war ihm deun ſo wohl ums Herz, wenn er dahinjagen konnte über Flur und Feld, wenn ſein Unmut ſich eine Bahn brechen konnte in der Verſolgung des heulenden Wolfs und des rieſigen Bären, und ſeine Diener und Genoſſen, ſie ſcheuten zurück vor dem grimmigen Ausdrucl, den ſeine Züge dann angenommen hatten, war's ihm doch, als jage er alle ſeine Feinde vor ſich her und wolle ſie treffen mit totbringendem Pfeil und ge- wichtigem Speer. Auſ dieſen Jagdzügen geſchah es nun oft, daß er wit dem jungen Ritter von Mojahn im dunkeln Walde zu- jammentraf, denn auch jener war ein eifriger Waidmanu und die Verfolgung des Wildes brachte ihn oft in die Hochroſener Gehege, da ging dem Alten jedesmal ein ſtehender Schmerz durch die Seeie, dem bald eine Anwandlung entſetlicher Wut folgte, da griff er nach einem Speer, um ihn auſ den blühenden Jüngling zu ſchleudern, =- aber eine Regung beſſeren Gefühles hielt ihn davon zurü; mit einem ſchmerzlichen Seuſzer aus tiefſter Bruſt gab er ſeinem Roſſe die Sporen und jagte dahin mit Windeseile, als folgten ihm ſämtliche Geſpenſter der Hölle auf dem Fuße nach. Der junge
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Livländiſches Sagenbuch. 197 Ritter aber ſchaute verwundert drein, bekreuzte ſich und betete ein andächtiges Ave Maria ſür das Wohl der geängſteten Seele des menſchenfeindlichen Mannes, der zudem als Verwandter ganz be- ſonders ſein Mitgeſühl in Anſpruch nahm. Auf einer ſolchen Jagdſtreiferei war der Jüngling einſt bis in die Nähe des Krenzberges bei Hochroſen geraten und wenn es ihn auch antrieb, ſo bald als möglich aus dem Geſichtskreiſe des ſeindlichen Schloſſes zu kommen, ſo bewog ihn doch die Rück- ſicht auf ſein ermüdetes Roß, am Fuße des Berges abzuſteigen und dasſelbe in den umliegenden Gebüſchen ein wenig graſen zu laſſen. Er ſelbſt warf ſich im Schatten eines Erlengebüſches auf den Boden, um auch ſeinerſeits der Ruhe zu pflegen. Plötzlich drang ein ſchwacher Schrei von der Höhe des Berges herab an ſein Ohr, = er ſprang empor, lauſchte =- mehrere halbunter- drückte Hilferuſe folgten raſch auſ einander, Da hielt's den jun- gen Ritter nicht mehr bei ſeinem Roß, behend ſprang er den kleinen Kiesweg, der zum Berge hinaufführte, hinan und befand fich nach wenig Augenblicken bei der oberwähnten kleinen Kapelle. Ein gar überraſchender Anblick war es, der ſich dem Auge des mutigen Junkers bot. Da lag eine liebliche, zarte Jungſran bleich und anſcheinend leblos auf dem Boden und neben ihr kniete ein wild ansſchender Mann, im Begriff, ſie alles deſſen, was ſie Wertvolles an ſich trug, zu berauben; ein zweiter mühte ſich zu- gleich ab, die ſich nach Kräſten wiederſehende Magd des Fränleins zum Schweigen zu bringen, indem er ihr ein großes Tuch um den Kopf zu winden ſuchte. Hier galts ſofort zu handeln; mit einem geſchicten Stoß ſeines Jagdſpeeres ſtre>te der Ritter den knieenden Räuber leblos zu Boden, der zweite aber, wie er ſeinen Genoſſen verſcheiden ſah, hielt ein längeres Bleiben nicht mehr ſür ratſam und verſchwand mit Windeseile hinter das umliegende Ge- büſch. Nun machte fich der Jüngling daran, das ohnmächtige Mädchen wieder ins Leben zurü&zurnſen, er richtete ſie in ſeinen Armen auf, neßte ihr Antliß nnd Schläfe mit eiskaltem Waſſer, das die Dienerin aus einer naheliegenden Quelle herbeigebracht hatte nnd bemerkte bald mit inniger Frende, daß die Jungfrau das matte Ange auſſchlug und die umliegenden Gegenſtände ver- wundert anſchante. Bald kehrte ihr die volle Beſinnung zurück und eine tiefe Röte malte ſich auf ihren Wangen, als ſie ſich in den Armen eines ihr ſremden Jünglings erblickte; ſie verſuchte fich zu erheben, war aber zu ſchwach dazu und ſank wieder zurück an die Bruſt des Ritters, der ſie mit ſtarkem Arm erfaßte und
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198 Livländiſches Sagenbuch. zu einem nahen Sitze geleitete. Daſelbſt kehrten ihre Kräfte all- mählich wieder, kaum aber war ſie der Leiche neben ſich gewahr geworden, da fiel ihr auch plötlich alles ein, wie ſie hierherge- fommen zum Grabe der Mutter, wie ſie von zwei Wegelagerern überfallen und zu Boden geworfen, wie ſie darauf die Beſinnung verloren und nur durch ein Wunder gerettet worden ſei; eine entſeliche Angſt überkam das zitternde Mädchen, mit flehender Miene ergriff ſie ihres Retters Hand und bat ihn, ſie unverzüg- lic in die Burg zurückzubringen. Es war das eine ſchwere Auf- gabe, denn der junge Jäger wußte nur zu wohl, daß es keine beſondere Empfehlung für ihn in Hochroſeu jein werde, wenn er an der Seite des Burgfräuleins vor dem Thore erſchiene; hier gab es aber keine Wahl, hier ſtand vor ihm eine ſchwache, zarte Jungfrau, die des Schußes bedurfte und ſolchen durfte er ihr nicht verjagen. Daher ſchleifte er zunächſt den Leichnam des Räubers tief ins Gebüſch und bot dann dem bebenden Mädchen den kräftigen Arm, um ſie ſicher ins Schloß zu geleiten. Der Weg war weit und das Mädchen ſo ſchwach, daß er fie mehr tragen als führen mußte, ſie gelangten aber ungefährdet und ungeſehen bis an den Fuß des Schloßberges: hier erklärte der Ritter, daß er ſie nicht weiter zu begleiten wage, denn er ſtehe in erbittertem Feindesverhältnis mit ihrem Vater und es werde demſelben nicht ſehr willkommen ſein, ſeine Tochter in ſolchem Schuße zu wiſſen. Mit tiefer Ehrfurcht küßte er ihr die zarte Hand und eilte zurück zu ſeinem noch graſenden Roſſe, während die Dame an der Hand ihrer Dienerin ſich in die Burg begab, auf ihr Zimmer zurückzog und anf ein Ruhebett warf, um fich durch Erholung zu ſtärken von dem ſchre>lichen Erlebnis, das fie ſo ſehr ergriffen. Wo blieb er aber, der erſehnte Schlaf, der jonſt ungerufen an das Lager der Jungfrau getreten war und ſich auf die müden Augenlider geſenkt hatte, warum kam er jeht nicht, wo ſie ſeiner am meiſten bedurfte? Er ward verſcheucht und fern gehalten durch ein Bild, durch ein neues, dem Mägdlein noch ſo ungewohntes und doc<h ſo liebes Bild, durch das Bild eines hochherzigen, mu- tigen Jünglings, der fie aus großer Gefahr befreit, der ſie in ſeinen Armen gehalten, der ſie mit ſo viel Liebe angeſchaut, == die Soune ging unter am abendlichen Horizout, ſie ſtieg wieder anf in goldener Morgenpracht und noch immer ſchlief die ermüdete Jungfran nicht, ſie tränmte nur einen Traum == einen lieblichen Tranm im halben Wachen: und ſie ſchaute hinaus auf den rötlich ſtrahlenden Morgenhimmel, er leuchtete wie Blut, wie rotes Blut,
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Livländiſches Sagenbuch. 199 und in dem blutigen Strahlenmeer ſpiegelte ſich wieder das Bild des Jünglings - . . - - - da endlich überkam ſie ein ſanfter Schlaf, aus dem ſie neugeſtärkt erwachte, als die Sonne ſchon hoch ſtand am mittäglichen Himmel. Der junge Ritter von Mojahn hatte unterdeſſen ſein Pferd beſtiegen und ſich eiligſt heimwärts gewandt, bald aber mäßigte er den Schritt ſeines Roſſes und ritt langſam dahin, in tiefes Nachdenken verſunken. Was er ſo eben erlebt, ließ er von neuem an ſeinem Geiſtesauge vorübergleiten und ſiehe, das Bild gewann für ihn immer mehr und mehr Reiz, die zarte Geſtalt des Mädchens welches er befreit, ſchwebte noch immer vor ſeinen Blicken, ihre flehende Stimme, wie ſie ihn vertrauensvoll um ſeinen Schuß an- gegangen, tönte noch immer ſo ſanft in ſein Ohr, und aus dieſen lieblichen Träumereien wurde er erſt erweckt, als ſein Pferd ihn ſchon in den Schloßhof der väterlichen Burg getragen und vor der Thür zu den Wohngemächern ſtehen geblieben war. Tag um Tag ſchwand dahin und noch immer konnte der Jüngling die frühere Heiterkeit nnd Sorgloſigkeit nicht wiedergewinnen, ſo daß der Vater, der dieſes einem körperlichen Unwohlſein zuſchrieb, ihm den Rat gab, ſich doch durch eine neue Jagdpartie in freier Natur zu zerſtreuen. Halb willenlos folgte der junge Mann dieſem Rate und von einem einzigen Knappen begleitet, der ihm vor allen lieb war, begab er ſich in den nahen Wald. Hirſch und Reh waren aber noc< nie ſo ſicher geweſen vor ſeinem ſonſt ſo gefahrbringenden Speer und Pfeil, denn beides lag unangerührt ihm zur Seite und ohne Ziel und Zwe ritt er vorwärts, er wußte ſelbſt uicht, wohin. Da leuchteten plößlich die Zinnen von Hochroſen vor ihm auf und ein neues Leben durchbebte das Herz des träumenden Jünglings. Dort lag der Kreuzberg, dort die kleine Kapelle, deren er ſich nur gar zu lebhaft erinnerte, =- dort ſchlängelte ſich der kleine, wohl- bekannte Kiesweg den Berg hinan, == er mußte das alles uoch einmal ſehen, er mußte an Ort und Stelle alles noch einmal durchleben, was ihn an dieſen Ort geführt; darum gab er ſeinem Pferde die Sporen, befand ſich in kurzem an dem Fuß des Berges, ließ daſelbſt ſeinen Knappen mit den Roſſen zurück und ſtieg ſelbſt ſchnellen Schrittes den Berg hinan. Doch wer malt ſein Erſtaunen, als er die liebliche Jungfrau, die alle ſeine Träume belebte, anf derſelben Bank ſihend und mit einer weiblichen Arbeit beſchäftigt fand, wo er ſie mit ſeinen Armen geſtüht und durch ſeine Ve- mühungen zum Leben zurücgerufen hatte! Auch ſie hatte ein dunkles Sehnen immer wieder an den Ort
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200 Livländiſches Sagenbuch. da ihr der fremde Jüngling als ein vom Himmel ent- feengel erſchienen war, ſie kounte dieſem Sehnſuchtsdrange nicht länger widerſtehen, und ein alter treuer Diener ihres Hauſes, dem ſie das gefahrvolle Erlebnis bei der Kapelle mitgeteilt hatte, erbot ſich gern, den Leichnam des Ränbers in der Stille der Nacht fortzuſchaffeu, an irgend einem verborgenen Ort zu ver- ſcharren und ſo auch die lezte Spur der Erinnerung an jenen furchtbaren Augenblid von dem ihr ſo lieben Berge zu entfernen. Auch dazu erklärte er ſich bereit, ſein junges Fräulein fortan auf ihrem alten Spaziergauge zu begleiten und gegen jede etwaige Gefahr ſicher zu ſtellen. Ihrem Vater gegenüber hatte die Jung- frau jenes Ereigniſſes nie Erwähnung gethan, fürchtete ſie doch mit Recht, daß in ſolchem Falle ſein Zorn gegen den jungen Mojahner von neuem erwachen und er ihr den Beſuch des Krenz- berges ſtreng unterſagen würde. Es war heute das erſte Mal, daß ſie wieder zur kleinen Kapelle hinangeſtiegen war, mit Hilfe ihrer Magd hatte ſie die Blumen begoſſen, die um der Mutter Grabſtätte blühten, für die Seele der Verſtorbenen ein frommes Gebet zum Himmel geſchit, fich daun auf jene Bank, an die ſich ſo liebliche Erinnerungen knüpften, geſeht und ihre Stickerei zur Hand genommen, an ſie mit gewohnter Kunſtfertigkeit zu ſchaffen begaun. Die Magd hatte ſich zu dem alten Kriegsknecht begeben, der unter einer be- nachbarten Eiche in behaglicher Ruhe am Voden lagerte und ſich mit ihm in ein eifriges Geſpräch vertieft; jo befand ſich denn das Burgfräulein von Hochroſen allein neben der Kapelle, als der junge Ritter die Höhe des Berges erreicht hatte, Ein glühendes Rot überflog die zarte, bleiche Wange, als ſie zufällig aufſchauend, den Gegenſtand ihrer Gedaufen und ihrer Sehnſucht vor ſich erblicte, ſie verſuchte ſich zu erheben, aber zitternd ſank ſie auf die Bauk zurüf und die Arbeit entfiel ihren Häuden, Es bedurfte hier keiner Worte, um dem Jüngling zu ſagen, warum das Mädchen bei jeinem Anblick in ſolche Erregung verſeßt worden ſei, warum ſie ihren Bli ſo flehentlich auf ihn gerichtet halte, als wollte ſie ihn bitten, ihrer Schwäche zu ſchonen; in leidenſchaftlicher Eile ſtürzte er zu ihren Füßen und bedeckte ihre Hand mit glühenden Küſſen. Das war zu viel für die ſchwache Kraft der zarten, von den letzten Schrecniſſen her nur zu leicht erregbaren Jungfrau, halb be- wußtlos ſank ſie in die Arme des raſch zu ihrem Beiſtande ſich aufrichtenden Geliebten. Die beiden Dienſtleute waren bei dem erſten Geräuſch herbeigeeilt, aber in ehrfurchtsvoller Ferne ſtehen
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Livländiſches Sagenbuch. 201 geblieben, als ſie den Sohn des angeſehenen Schloßherrn von Mojahn an des Fräulein Seite ſihen und ſie mit kräftiger Hand in ihrer Schwäche aufrichten ſahen; ſie entfernten ſich auf einen Wink von ihm ſogleich wieder und begaben ſich voll Verwunderung an ihren frühern Plaß. Schön und herrlich iſt das Erwachen ans dem Taumel über- ſtürzender Gefühle, wenn es im Arm der Liebe geſchieht; =- die entſcheidende Stunde hatte geſchlagen, das liebliche Mädchen ſcheute nicht mehr davor zurück, an der Bruſt des Jünglings zu ruhen, ſie umſchlang ſeinen Hals mit ihren zarten Armen, ſie ſchaute mit unausſprechlicher Liebe ihm in das ſchöne Ange, ſie erwiederte ſeine Küſſe mit ſeliger Luſt! Die Sonne hatte ihren Höhepunkt am Himmel erreicht, ſie jenkte ſich raſch hinab zum Untergange == und noch ruhte die Jungfrau jo ſelig au der Bruſt des Geliebten, noch immer hatten ich ſo viel zu erzählen, zu geſtehen, noch immer hatten ſie Schwüre der Treue und Geſtändniſſe herzinniger Liebe zu tauſchen! An die Gefahren, die ihrer Liebe drohten, an die bittere Feind- ſchaft ihrer Eltern dachten ſie nimmer, war doch ihre Seligkeit zu groß, als daß kalte, klügelnde Vernunftgrände auch nur den ge- ringſten Raum in ihnen hätten gewinnen können. Doch der nahende Abend mahnte zur Heimkehr und ſchon lange hatten die beiden Dienſtleute voll Beſorgnis in der Ferne geſtanden und vergebens der Gebieterin geharrt, =- endlich ſahen auch die allzuglü>lichen Liebenden die bittere Notwendigkeit ein, ſich trennen zu müſſen; noch einen langen, innigen Kuß drückte das liebliche Mädchen zum Ab- ſchiede auf die Lippen des Jünglings, verſprach ihm, recht oft hier- her zurückzukehren und eilte dann, von ihren Dienern geleitet, den Berg hinab zur väterlichen Burg. Noch lange ſaß der Ritter auf jener Bauk, da ihm ſo ſelige Stunden erblüht und ſchaute der forteilenden Geliebten nach, bis auch der lezte Saum ihres hellen Gewandes hinter dem dichten Gebüſch verſchwunden war. Um Mitternacht laugte er wieder in Mojahn an, aber es dauerte lange, bis ein ſanſter Schlaf die Augen des Glüclichen ſchloß; dann aber umgaukelten ihn ſelige, liebliche Träume und das ſchöne Bild des geliebten Mädchens, es lächelte ihn auch jeht noc jo ſanft und traulich an. Es war ein ſchöner, ſchöner Monat, der dem ſoeben beſchriebenen Tage folgte, täglich fanden ſich die beiden Liebenden auf der traulichen Bauk neben der kleinen Kapelle ein und die Stunden entflohen in geflügelter Eile unter ſüßem Geſpräch und herzinnigen Liebkoſungen.
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w S8 = Livländiſches Sagenbuch. Aber es blieb nicht lange aus, das drohende Ungewitter, denn unter den Blüten war eine Schlange verborgen, eine tückiſche, giftige Schlange in Geſtalt eines verräteriſchen Menſchen. Der alte Kriegs- knecht und die Dienerin, welche das liebende Mädchen ſtets zur Kapelle begleiteten, wahrten zwar das ihnen anvertraute Geheimnis mit Ergebenheit und Treue, es gab aber in der Nähe ein anderes boshaſtes Weſen, dem nichts heilig, nichts teuer war, und welches aus rachſüchtigen Gründen dem Liebestraume der Beiden ein nur zu ſchnelles, ſchre>liches Ende bereitete. Im Schloſſe zu Hochroſen diente ein Söldner, der früher ein Knecht des Ritters von Mojahn geweſen, von demſelben aber öfteren Diebſtahls und gewiſſenloſer Veruntreuung wegen hart beſtraſt und aus dem Dienſt getrieben worden war. Ihm war es darauf gelungen, in die Zahl der Burg- leute zu Hochroſen aufgenommen zu werden und ſich ſhon nach kurzer Zeit die genheit des ſonſt j; Schloßherrn zu erſchleichen, weil er deſſen Grimm gegen das Haus Mojahn durch allerlei Lügen und SEE nur noch mehr wußte und in Erfi gegen ſeinen frühern Herrn ſich als unerſchöpflich bi, In Wald und Feld herumſchleichend, war er auch mal zufälligerweiſe den Kreuzberg hinangeſtiegen, hatte daſelbſt bekannte Stimmen vernommen, ſich näher herangeſtohlen und war nun von ſeinem Verſte> aus ein Zeuge geworden des Liebesverhältniſſe8, welches zwiſchen der Tochter ſeines Herrn und dem Sohne ſeines tötlichſten Feindes ſich ent- ſponnen hatte. Es gab nun nichts Eiligeres für ihn, als ſich ohne Verzug auſs Schloß zu begeben und den alten Ritter von dem Geſehenen in Kenntnis zu ſeßen, der ſich in höchſter Wut aufmachte, aufs Pferd warf und in möglichſter Eile dem nahen Kreuzberge zuſprengte. Es giebt keine Worte, das Entſehen der Liebenden zu ſchildern, als ſie den ergrimmten Vater mit einer dunkeln Zornes- wolke auf ſeinem Angeſicht plötzlich vor ſich ſtehen und ſie mit furcht- barem Blicke muſtern jahen! Mit der einen Hand hatte er den Griff ſeines Dolches geſaßt und ſchien unſchlüſſig, ob er den Sohn es Feindes, der ihm ſein teuerſtes Heiligtum geſtohlen, der ihm das Einzige genommen, was er noch auf Erden beſaß und lieb hatte, auf der Stelle töten, oder ob er ihn durch gewaltſame und ewige Trennung von ſeiner Tochter ebenſo unglücklich machen jollte, als des Jünglings Vater einſt ihn ſelbſt gemacht. Der junge Ritter hatte ſich inzwiſchen ein wenig gefaßt, war von ſeinem Siße aufgeſtanden und ſchi>te ſich ſoeben zum Reden, zur Entſchuldigung an, == da erwachte die rachſüchtige Zornes-
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Livländiſches Sagenbuch. 203 glut des Alten von neuem, ſchon zückte er den Dolch gegen die ihm wehrlos ſich bietende Bruſt des Jünglings, nicht achtend des Zuſtandes ſeiner Tochter, die mit einem herzzerreißenden Schrei be- ſinnungslos zu ſeinen Füßen hingeſunken war, == da tönte aus dem Innern der benachbarten Kapelle ein dumpfes Seufzen zu ihm herüber, als wolle es ihn warnen vor der gräßlichen Unthat; der eiſerne Mann ſchauderte ſichtlich zuſammen und zog das Mord- gewehr wieder zurück, es war ja die Mutter ſeines Kindes, die hier begraben lag und deren Grab er bisher noch nie beſucht hatte, -=- es war ja der Sohn des Weibes ſeiner erſten Liebe, der an der Seite ſeiner Tochter hier vor ihn ſtand, =- in gräßlichem Kampfe ſurchtbarer, widerſtreitender Gefühle ſtieß er den Jüngling mit mäch- tiger Fauſt von ſich, raffte das zu ſeinen Füßen liegende Mädchen vom Boden auſ und rannte mit der leichten Laſt, wie von den Furien der Hölle gehetzt, den Kreuzberg hinab, entriß den Zügel jeines Roſſes der Hand des dort harrenden Knechts und ſprengte in raſender Eile dem Schloſſe zu. Dort angelangt, wandte er alles an, um ſein Kind zum Leben zu erwecken; ſie kam auch wieder zu fich, die arme Jungſrau, aber der Schlag, der fie getroffen hatte, war zu unerwartet und zu ſurchtbar gekommen, als daß ſie ihn hätte ertragen können, ein hißiges Fieber bemächtigte ſich bald aller ihrer Lebensgeiſter, gräßliche, phantaſtiſche Tränme kamen über ſie und in lautem Jammer machte ſich die verzehrende Qual Luſt, die in ihrem Innern wütete. Bald lag auf ihren Zügen eine freudige Erregung und mit den zärtlichſten Namen nannte ſie den fernen Geliebten, bald rieſ ſie nach ihm mit herzzerreißendem Tone und verlangte zu ihm geführt zu werden, bald flehte ſie den Vater auſ die erſchütterndſte Weiſe an, des Lieblings ihrer Seele zu ſchonen und ihm nicht das Leben zu nehmen. Starr und in ſich gekehrt ſaß der alte Ritter Tag und Nacht an dem Lager des geliebten Kindes und es überflog nur ein ſchmerzliches Zueen ſein finſteres Antliß, ſo oft er von den Lippen des kranken Mägdleins den ihm jo verhaßten Namen des Junkers von Mojahn vernahm. Dieſer hatte inzwiſchen, als er von der Krankheit der Ge- liebten hörte, ſowohl jelbſt mehrmals um Zulaß zu dem Schloß- herrn von Hochroſen gebeten, auch durch Vermittlung Anderer ihn verſöhnlich zu ſtimmen geſucht, auf alle ſeine Bitten aber nur be- leidigende Entgegnungen erhalten und der alte Ritter hatte ihm zuleht ſtreng anſagen laſſen, daß er alle dergleichen Verſuche unter- laſſen möchte, widrigenfalls er ſowohl ſelbſt als auch ſeine Zwiſchen- träger an dem äußern Schloßthor zu Hochroſen auſgehängt werden
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204 Livländiſches Sagenbuch. würden, ſo man ihrer nur in der nächſten Umgebung der Burg gewahr werden ſollte. Um der Geliebten willen verbiß der junge Edle ſeinen Grimm über dieſe beſchimpfende Drohung und beſchloß den Ausgang der Krankheit in Geduld abzuwarten. Tag um Tag verging ihm in bangen Beſorgniſſen, == o wie langſam ſchlichen jeht die Stunden dahin im Vergleich mit jener ſeligen Zeit, die er auf der Höhe des Kreuzberges verbracht! Endlich, endlich ward ihm durch jeune Dienerin, die das Fräulein von Hochrojen in frühern Tagen ſtets zum Kreuzberge zu begleiten pflegte und die für das unglücliche Paar eine herzliche Teilnahme geſaßt hatte, die Nach- richt zugeſandt, daß ſich das Fieber gelegt habe und daß ihre kranke Dame, wenn auch noch ſehr ſchwach, jo doch auf gutem Wege zur Geneſung ſei. Durch Vermittlung derſelben Dienerin wußte nun auch der Jüngling ſeiner Geliebten Kunde von ſich zu geben und als Zeichen treuer Liebe ihr ein halbvertro>netes Blümchen zukommen zu laſſen, das ſie ihm ſelbſt einſt in jenen glücklichen Stunden als ein kleines Andenken ans Gewand geheftet hatte, denn die damals ſehr ſeltene Kunſt des Schreibens verſtand er nicht und hatte ſomit auch kein anderes Mittel, um dem Mädchen ſeiner Liebe ſeine Er- gebenheit und Treue zu beweiſen. Dies Blümchen wirkte mehr, als alle Sorge und Pflege, alle Tränklein und heilſame Sprüche bisher vermocht, bald ſproßten junge Roſen auf den bleichen Wangen der Geneſenden und nach einiger Zeit war ſie ſchon im Stande, ohne Beihilfe ihrer Dienerin in den Schloßgemächern herumzugehen. Doch mit der ſtets zunehmenden Geſundheit der Tochter wuchs auch der Argwohn des Vaters, es kam ihn eine große Furcht an, als könne der Innker von Mojahn bald Mittel und Wege finden, ſich des ihm herzlich ergebenen Mägdeleins zu bemächtigen, ſie aus dem Vaterhauſe zu entführen und ihm ſomit alles zu nehmen, was ihm von allen Freuden und Schäßen des Lebens noch geblieben war, was ihn uoch an dieſe Erde band. Darum unterſagte er es ſeiner Tochter aufs ſtrengſte, das Schloß jemals zu verlaſſen, außer in ſeinem Beiſein und wies ihr ein Zimmer an im obern Sto>- werk des mächtigen Turmes, deſſen Fundamente noch heutzutage an der nordweſtlichen Ee des Schloßberges zu gewahren ſind. Das junge Fränlein wurde von nun an wie eine Gefangene behandelt und namentlich ging der Vater nie darauf ein, ſie auf den Kreuz- berg zum Grabe der Mutter zu geleiten, denn zu ſeiner alten Scheu vor der Kapelle dort oben kam noch die wohlgegründete Beſorgnis, es möchte der Anbli> der Stätte, da ſie ſo ſelige Stunden verlebt, das Andenken an den Junker von Mojahn in dem Herzen des
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Livländiſches Sagenbuch, 205 liebenden Mägdleins mit erneuerter Kraft wach rufen und die Schn- ſucht nach ihm noch verſtärken. Nur von ferne durſte ſie ihre Blicke nach dem ſo lieben Ort richten und im Geiſt all die ſchönen Tage noch einmal durchleben, an welche ſie jener Berg jo lebhaft erinnerte. Ein Troſt war jedoch der Jungfrau geblieben, daß man ihr näm- lich jene treue Dienerin, die damals ſtets an ihrer Seite geweſen war, gelaſſen hatte, ſo befand ſich doch wenigſtens eine Seele in ihrer Umgebung, die ſie verſtand, und mit der ſie immer und immer wieder ſprechen konnte von dem fernen Geliebten, durch die ſie Mittel und Wege fand, ihm Grüße und Nachrichten von ſich zu- zuſenden. Die Magd hatte nämlich einen verſchwiegenen Mithelfer an jenem alten Kriegsknecht, den wir auch früher an der Kapelle kennen gelernt haben, und der den jungen Ritter von Mojahn tag- täglich an einem beſtimmten Ort in der Nähe des Schloſſes traf und ſo den Verkehr zwiſchen den beiden Liebenden vermittelte. Troß- dem wurde aber dieſer Zuſtand dem Junker je länger je unerträg- licher und er ſann anf allerlei Mittel, um irgendwie ins Roſener Schloß zu gelangen und die Herzgeliebte aus ihrer ſo drüFenden Lage zu beſreien. Das war aber nichts weniger als leicht, denn das Schloß war wohlbewacht und wohlbefeſtigt und der Argwohn des alten Ritters rege. Endlich kam er anf einen Plan, der die Möglichkeit des Gelingens nicht ganz ausſchloß. Der Schloßberg war an der Ee, wo jener Turm ſtand, in dem ſein Mädchen nun- mehr wohnte, nicht ſo ſteil wie an den andern Seiten und mit keiner allzugroßen Mühe zu erklimmen. Zudem war der daranſtoßende Graben zwar ſehr tief, aber dennoch troen und dazu von leicht abſchüſſigen Wänden begränzt. Kleines Geſträpp hatte ſich an den Seiten des Schloßberges angeſezt und eignete ſich gar wohl dazu, einen in finſterer Nacht ſich an die Burg heranſchleichenden Mann zu verdeen und vor den Angen der Wächter zu verbergen. Ver- mittelſt einer feſten Strickleiter kounte er ferner bis an das Fenſter gelangen, das ins Zimmer ſeiner Geliebten führte, die er dann in ſeinen Arm faſſen und mit ihr zuſammen denſelben gefahrvollen wieder zurümachen wollte. Der Plan wurde der Jung- frau mitgeteilt und in ihrer hohen Freude über die Ausſicht auf ein ſo nahes Wiederſehen fühlte ſie ſich ſtark geung, das Aben- teuer zu wagen. Da ſich aber eine ſo lange und feſte Strick- leiter, als hierzu von nöten war, auf keine Weiſe ins Schloß ſchaffen ließ, ohne Aufſchen zu erregen, das Zimmer der Burg- dame aber weit genug entfernt lag von allen andern Schloßge- mächern und von den ſonſtigen Bewohnern, mit Ausnahme jener
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206 Livländiſches Sagenbuch. ſehon erwähnten Dienerin, nie beſucht wurde, auch der alte Ritter jelbſt ſeit der Geneſung ſeiner Tochter nie in ihr Gemach kam, jo machten ſich die beiden Mädchen, Herrin und Dienerin, ſelbſt fleißig an die Arbeit; aus Flachs- und Seidenſäden ward eine Striefleiter möglichſt ſtark und ſeſt zuſammengedreht, und es ging gar raſch vorwärts damit, denn Liebe, Sehnjucht und Hoffnung auſ ein ſchönes Wiederſehen waren kräſtige Antriebe zum emſigſten Fleiße und die Mädchen in derlei Arbeiten wohl erfahren. End- lich war die Leiter ſertig und es wurde das dem Junker, der voll Ungeduld auſ eine Nachricht wartete, auf dem gewöhnlichen Wege mitgeteilt. Schon neigte ſich der Sommer dem Herbſte zu, die Nächte waren länger und dunkler geworden, und ſo wurde denn eine Nacht ſeſtgeſeht, in welcher das Unternehmen ausgeſührt werden ſollte. Schöne und liebliche Hoffnungen waren in den Herzen der Liebenden erblüht, fröhlicher als ſeit vielen Tagen be- gleitete die junge Burgdame ihren Vater auf ſeinem Spazierritte und ſuchte ihm durch allerlei heitere Einſälle die finſtern Wolken von der Stirne zu ſcheuchen, =+ doch alles ging an ihm ſpurlos vorüber, die Schönheit der Natur um ihn herum, die fröhliche Laune ſeiner ſonſt ſo traurig geſtimmten Tochter, nichts vermochte die eiſige Rinde zu brechen, die ſich um ſein Herz gelagert hatte. in Maun war aber in ſeinem Gefolge, dem die ungewöhnliche Fröhlichkeit des Mädchens mehr auffiel, als dem verſchloſſenen Vater, und der daraus folgerte, daß es ganz beſondere Beweggründe ſein müßten, die im Staude ſeien, eine ſo große Veränderung hervorzu- bringen, == es war das jener verräteriſche Kuecht, der ſchon einmal jo großes Unglücf über ſeine junge Gebieteringebracht hatte. Mißtrauiſch folgte er ihr nun Schritt für Schritt und ließ ſie nimmer aus den Augen, ſchlich ihr nach, als ſie, in die Burg zurückgekehrt, ſich anf ihr Zimmer begab und beobachtete ſie durch eine Thür- jpalte genau, in der Hoffnung, etwas erſpähen und erfahren zu können, was ihm Nuten bringen dürfte, wenn er es ſeinem Herru mitteilte. Allzugroße Freude und Hoffnung macht unvorſichtig, es iſt das eine alte Wahrheit und mußte ſich hier zum Verderben des lieblichen Mägdleins ebenfalls bewähren. Sie erging ſich ihrer Dienerin gegenüber in fröhlichen Reden über das ihr nun bevor- ſtehende Glück, über die Seligkeit, den langerſehnten Geliebten nun wieder einmal an ihrer Seite zu ſchen, = holte die ſertige Strickleiter aus einem Wandſchranke hervor, beſah dieſelbe, prüfte ihre Stärke, wie auch die Feſtigkeit der eiſernen Zapfen, die jener alte Kriegsknecht mit großer Mühe in die Wand unter dem
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Livländiſches Sagenbuch. 207 Fenſter getrieben hatte, damit die Leiter an denſelben befeſtigt werden könne, =- und alles dieſes hörte und jah der Verräter, alles dieſes ward dem Burgherrn getreulich mitgeteilt und der Plan desſelben war bald gefaßt. Laſſen wir uur das Mägdlein in ihrer kindlichen Freude auf ihrem Turmgemache, laſſen wir ihren Vater im großen Ritterſaale, wie er mit grimmiger Miene auf und nieder geht auf dem tönenden Eſtrich, abgeriſſene Worte vor ſich hermurmelt und von Zeit zu Zeit mit der Hand an das Heft ſeines ſcharfen, zweiſchneidigen Dolches fährt und wenden wir uns zu dem Junker von Mojahn und begleiten ihn bei ſeinem kühnen Vorhaben, zur Rettung der Geliebten. Schon ſenkten ſich die erſten Schatten der Nacht auf die ru- henden Gefilde, als zwei wohlbewaffnete Reiter auf einem kleinen Waldwege von Mojahn her auf Hochroſen zugeritten kamen und in einem dichten Erlengebüſch, von dem aus man das ganze Schloß und alles, was an der Außenſeite desſelben vorging, über- ſchauen konnte, Halt machten. Hier raſteten ſie bis zur dunklen ſchlichen dann in durch den Burggraben in möglichſter Stille bis an den Schloßberg, dann, durchs verwachſene Geſtrüpp geborgen, denſelben hinauf und erreichten endlich wohlbehalten das Fundament des Schloſſes. Nach kurzem Suchen fand der Stattlichere von ihnen das Ende einer von der Höhe des Turmes herabhängenden Stritkleiter, ergriff dieſelbe und begann mit möglichſter Sorgfalt und Stille dieſelbe hinanzuklettern, der andere blieb unten und zog die Leiter ein wenig von der Wand ab, damit ſein emporklimmender Herr es einigermaßen bequemer habe. Glücklich langte der Junker au dem Fenſter der Geliebten an, noch ein Sprung =- und er lag in den Armen der vor unſäglicher Freude halb lachenden, halb weinenden Jungfrau, die durch dieſen einen Augenbli der Liebes- feligfeit herrlich gelohnt wurde für all die viele Arbeit, für all die viele Traurigkeit und all die vielen Thränen, die in den lezten Monaten ihr alleiniges Los geweſen. Doch hier war's nicht an der Zeit, ſich lange dem Freudentamnel des Wiederſehens hinzugeben, und der Junker drängte das vor Freude bebende Mädchen zu ſofortigem Auſbruch. Er hüllte ſie in ein dichtes Tuch, um ſie ſo einigermaßen gegen die Kühle der Nacht zu ſchüten, ſtieg dann ſelbſt zum Fenſter hinaus, faßte auf der Leiter feſten Fuß und ſtreckte ſo eben die kräftige Linke aus, um mit derſelben die Ge- ſtalt der ihm folgenden Geliebten zu empfangen == da vernichtete
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208 Livländiſches Sagenbuch. ein plötlich dazwiſcheutreteudes Ereignis alle ſeine wandelte die ſo nahe Ausſicht auſ Freude und Glü> beiſpielloſen Jammer! Kaum war der Junker hinangeklettert und in die Fenſter- öffnung verſchwunden, da wurde ſein unten ſtehender Knappe von mehreren kräftigen Fäuſten erfaßt, ſein Haupt mit einem Tuche umſchlungen und der Unglückliche auf der Stelle erdroſſelt. Den Leichnam ſchleifte man eiligſt in den Burghof, warf in daſelbſt in eine Scheuer, entfeſſelte dann die vier blutdürſtigen Wolfshunde des Burgherrn und führte ſie an die Außenſeite des Turmes, aus deſſen oberem Fenſter der Junker vou Mojahn ſoeben herausſtieg. Das liebende Mädchen machte ſich bereit ihm zu folgen und ſich ſeinem ſchüßenden Arme anzuvertrauen, ſchon nahte ſie entſchloſſen dem Fenſter == da ward die Thür ihres Gemaches mit Gowalt aufgeriſſen und hereinſtürzte der Vater, die Züge verzerrt von raſender Wut, ſchlenderte die Jungfrau vom Fenſter zurüc, durch- ſchnitt mit einem Hiebe jeines Dolches die Fäden der Stritleiter und lautlos ſtürzte der unglücliche Junker hinab in die furcht- bare Tiefe! Der Sturz hatte ihm uicht den Tod gebracht und uoc<h ein Mal erhob er das blutrünſtige Haupt in leiſer Be- wegung, == da ſtürzten die entſetzlichen Hunde auf ihn los, ihre ſcharfen Zähne wühlten in ſeinem Fleiſch und nach wenigen Augen- blicken war nichts von ihm übrig, als eine blutige, unkenntliche Maſſe. Die Leichname des Herrn und des Dieners, wie auch die Körper der aus dem Gebüſch herbeigeholten, ſoſort getöteten Pferde wurden mun in aller Stille verſcharrt und ſämtlichen bei der ſchander- haften That mitbeteiligten Knechten des Schloßherrn unter den fürchterlichſten Drohungen tiefes Schweigen auferlegt. Hell und klar ſtieg die Sonne hinter jenem Berge empor, der auf der andern Seite des Sees dem Schloſſe Hochroſen ge- genüber liegt, und beleuchtete mit ihrem Strahl die blutgetränkte Stätte, =- doch ſiehe, ſie lag ſo ſtill und ruhig da, als hätten ſich Freundſchaft und Liebe über ihr die Hand gereicht; nur einige blutige Tropfen, die an den Grashalmen häugen geblieben waren, kennzeichneten noch den Todesort des mutigen Jünglings, das Grab jo vieler Hoffuungen, ſo inniger, ſo treuer Liebe! Es breitet eine Ulme ihr ſchattiges Gezweig über jene Gräuel- ſtätte und in jedem Frühling kehrt eine Nachtigall zu derſelben wieder; ſie ſingt eine jo klagende und fanſte Weiſe, ſie ſingt ein wehmütig von Sehnſucht und Liebe, und dieſes Lied, es tönet daſelbſt ſchon viele hundert Jahr
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Livländiſches Sagenbuch. 209 und wird auch ferner noch ertönen, ſo lang es noch Herzen giebt unter den Kindern Livlands, die den Sinn des Liedes verſtehen und in denen die Klage der Wehmut lieblichen Wiederklang zu er- weden vermag! Das Mädchen von Hochroſen erfuhr nichts von dem ſchre>- lichen Ende ihres Geliebten, denn ſeit jener entſehlichen Nacht war ſie unempfänglich für alles, was man ihr erzählte, für alles, was man ihr erwies; ein ſtiller Irrſinn hatte ſich ihrer bemächtigt und das Licht ihres Geiſtes verdüſtert. Wie eine Leiche wandelte ſie teilnahmlos unter den Lebenden umher und das einzige Zeichen, daß ihr noc< ein ſchwacher Strahl der Erinnerung ge- blieben ſei, war eine inſtinktmäßige Scheu vor ihrem unmenſch- lichen Vater, denn ſo oft ſie ihm in den Gängen des Schloſſes oder im Burghoſ begegnete, ſtieß ſie einen herzerſchütternden Schrei aus und floh vor ihm, wie ein geſcheuchtes Reh, bis ſie in irgend einem dunklen Winkel erſchöpft niederſank. Der Ritter ließ ſie auch frei gewähren, das entſehliche Bewußtſein, den Sohn des ihm einſt ſo teuren Weibes grauſam gemordet, ſein einziges, innig geliebtes Kind in dumpfen Wahnſinn geſtürzt zu haben, laſtete zu ſchwer auf ſeinem, wenn auch noch ſo verhärteten Ge- wiſſen, als daß er es über ſein Herz hätte bringen können, dem hohlen, finnloſen Schaffen und Treiben des unglülichen Mädchens Einhalt zu thun. So ſchweifte ſie denn, gewöhnlich von der ihr anch jeht noch treu gebliebenen Dienerin geleitet, in Feld und Flur umher, indem ſie eine Blume nach der andern abpflüte und ſie gedankenlos zerblätterte ; nie war ſie aber in die Nähe des Kreuz- berges zu bringen, ſie mied mit ängſtlicher Sorgſalt den dorthin führenden Weg und nahm ihren Lieblingsaufenthalt auf der Wieſe am Ufer des Sees. Da ſaß ſie ſtundenlang, ſchaute in die ſpielen- den und einander vorwärts drängenden Wellen, warf einige Blumen- blätter ins Waſſer und freute ſich kindlich, wenn ein Blatt nach dem andern von den Wellen fortgetragen wurde und ihren Blicken entſchwand. So ſaß ſie auch eines Abends am Seeufer; ſie war allein, denn ihre Dienerin hatte ſich auf einige Augenbli>e ins Schloß hin- auf begeben; der Wind hatte ſich gelegt und wie ein weiter, ſchöner Spiegel lag vor ihr das von den lezten Abendſtrahlen ver- goldete Gewäſſer; tiefer und tiefer ſenkte ſich ihr Bli> in die Fluten, es war, als zöge ſie eine unſichtbare Macht hinab, als lächle das Bild des toten Geliebten ſie an vom tieſen Grunde und lade ſie zur ſtillen Hochzeitsfeier in dem kühlen, feuchten Saal Bienemann, Sagenbuch. 14
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210 Livländiſches Sagenbuch. = -- ein plätſchernder Ton, ein Zuſammenſchlagen der Wellen, und begraben lag in der Tiefe dies arme, umnachtete Herz, das jo manch glühendes Wehe getroffen; nun ſchlug's nicht mehr in un- ſtäter Angſt, in bangen Schmerzen, nun war es endlich zur Ruhe gekommen, die Bande des Jrrſinns, ſie waren gelöſt! = Von Fr. Dſirne in „Felliner Blätter“ (Dorp, 1859), S. 73--93. Hier mit Fortlaſſung weniger, reflektierender Stellen. == Woher Dſirne den Kern der Sage hat, weiß der Hrög. allerdings nicht zu ſagen; dennoch mochte er die ſchöne Sage nicht gern in der Sammlung miſſen. 235. Ringen und Randen. Zur Zeit des lezten Herrmeiſters Gotthard Kettler war ein Ritter Tödwen Erbherr des Schloſſes Ringen und ein Tieſenhauſen Erbherr von Randen. Damals war es die allgemeine Sitte des Landes, daß die Nachbarn und auch weitere Freunde ſich wöchent- lich beſnhten, ſchmauſten und dabei einer dem andern den ausge- laſſenſten Mutwillen verſtatteten. Der Herr von Tieſenhauſen hatte einen wohlgebildeten und artigen Sohn, den der von Tödwen zur Taufe gehalten und ihm das Dorf Lapoti>kma*) zum Patenpfennig geſchenkt hatte. Dies Dorf, das ehemals zu Schloß Ringen ge- hörte, iſt nach dieſer Zeit zu Randen gezogen worden. Als beide Herren noch in der „beſten Freundſchaft ee FEEN fie, wie man glaubt, nicht zur deu , um fich mit einer Spazierfahrt zu beluſtigen. Der von Tieſenhauſen war aufgeräumt und ſagte zu dem von Tödwen: „Bruder, da du meinem Sohn ein Dorf geſchenkt, ſo will ich dir einen Heuſchlag wiedergeben, Wirf mit deinem Happak (Streithammer) ſo weit, als er auf dem Eiſe laufen will, ſo viel Heuſchlag ſollſt du von mir haben.“ Der Happak fuhr au dem Ufer des Sees ſo weit hin, daß der Ranm fünf Kniſtellen ausmachte. Alſo bekam der von Tödwen einen Heuſchlag, der von Ranno Haus mit ſeiner Grenze von einem Graben bis au den andern Graben gegen Gallo hin reichte, davon der Heuſchlag Rinno-kaiwar heißt und jet zur Kirche gehört. Denn weil der Herr Reichsrat von Flemming zu Zeiten des ſel. Paſtors Sveno Bornins deu Kirchenhenſchlag, weil er gleich unterm Hofe hinter der Ziegelſcheune lag, zum Hofe ge- +) Lappetufma.
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Livländiſches Sagenbuch. 211 zogen, ſo hat er dieſen am Wirtsjärw auf königlichen Befehl au deſſen Stelle wiedergeben müſſen. Die Vertraulichkeit dieſer beiden Herren ging noc< weiter. Sie nahmen gar in Abrede, Gemeinſchaft unter ihren Ehefrauen einzu- führen. Die Frau von Tödwen, deren Abkunft nicht bekannt ge- worden, hatte nichts dagegen. Ganz anders aber war die Ge- finnung der Frau von Tieſenhauſen, Sie widerſehte ſich dem un- gebührlichen Antrag des von Tödwen mit Ernſt. Der Herr von Tieſenhauſen, der über die Treue und Herzhaftigkeit ſeiner Gemahlin ein heimliches Vergnügen empfand, ließ den von Tödwen kurz ab- laufen, als er ihm die Widerſpänſtigkeit derſelben klagbar eröffnete. Leßterer, der ein geheimes Einverſtändnis zwiſchen Mann und Frau daraus merken wollte, ſchwieg hierauf ſtill und entſchloß fich zu einer ganz abſcheulichen Rache. Er kam in dieſer Abſicht wieder nach Randen und bat ſich nach wohlgenoſſener Bewirtung mit heim- tüciſchem Herzen den jungen Tieſenhauſen, ſeinen Paten, zur Ge- ſellſchaft auf die Jagd aus, erſuchte auch den Herrn von Tieſen- hauſen mit ſeiner Gemahlin den folgenden Tag nachzukommen und anf ein Stü> Wildpret bei ihm vorlieb zu nehmen. Kaum kam der junge Tieſenhauſen auf Ringen an, der in ſeiner Unſchuld von dem, was vorgefallen, nichts wußte, als er in einen großen ge- wölbten Keller geführt ward, der ſich noch da befindet. Der Koch empfing gleich den Befehl, dem jungen Herrn mit ſeinem Schlachter- beil den Kopf abzuhanen, und das übrige ſeines Körpers in Koch- ſtüfe zu zerhacken, die den Fremden von Randen auf der Tafel vorgeſeht werden ſollten. Dem Hofmeiſter, der bei dieſer Mordthat zugegen geweſen, wurde der Kopf in einer ſilbernen Schale zur Ver- wahrung übergeben. Wie der Herr von Tieſenhauſen den dritten Tag mit ſeiner Gemahlin nach Ringen kommt und ſie ſich zu Tiſche ſehen, ſo läßt der von Tödwen zwei Schüſſeln auftragen, beide auf einerlei Art zugerichtet, in deren einer ſich das Fleiſch des jungen Herrn, in der andern das gewöhnliche Eſſen befand. Der Hofmeiſter legte dem Herrn von Tieſenhauſen und ſeiner Gemahlin das Fleiſch ihres eignen Kindes vor, der Wirt aber nebſt andern Anweſenden befamen ihre Teller aus der andern Schüſſel gefüllt. Die Frau von Tieſenhauſen, der dies befremdlich vorkam, fragte verwundert, warum diesmal zwei ganz gleiche Gerichte aus zwei verſchiedenen Schüſſeln vorgelegt würden, was ſie ſonſt nie geſehen habe. Der Herr von Tieſenhauſen fragte nach der Gattung des Fleiſches, weil es ihm ſo ſüß und weich vorkam, daß ers in ſeinem Leben
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212 Livländiſches Sagenbuch. jo delikat gegeſſen zu haben ſich nicht zu erinnern wüßte. „Es iſt ein junges Elen,“ antwortete der von Tödwen, „das meine Leute von der Jagd nach Hauſe gebracht haben.“ „I< habe,“ verſezte der von Tieſenhauſen, „vielmal junges Elenfleiſch gegeſſen, aber nie von ſolchem Geſchma als dieſes.“ Die Frau von Tieſen- hauſen wird hierbei ganz ängſtlich und fragt, wo ihr Sohn ſei. Er iſt, hieß es, noc< auſ der Jagd mit ſeinen Leuten. Sie antwortete aber gleich: „Was iſt das jeht für eine Zeit zum jagen, da es ſchon ſpät Die bekümmerte und ſchwermütige Mutter konnte nicht das geringſte genießen und weil ihr die Rache eines abgewieſenen Liebhabers auſs Herz fiel, gab ſie ſich nicht zuſrieden und rief nur nach ihrem Sohn. Der von Tödwen wollte ihr erſt ſalſchen Troſt zuſprechen und gab vor, daß er nach ihm geſchit habe und er bald kommen werde. Ehe aber die Taſel aufgehoben ward, ſprach er zu dem beſtürzten Vater: „Bruder, willſt du wiſſen, wo dein Sohn iſt, ſo will ich dir ihn zeigen!" Und hier winkte er ſeinem Hofmeiſter, der auch gleich den Kopf des ermordeten jungen Herrn hervorbrachte und ihn bede>t auſ den Tiſch ſette. Ein ſchrelicher Anbli> bot ſich jedem, der nichts drum wußte. Kaum war der Deckel abgehoben, als die zärtliche Mutter ihres Kindes Geſicht erkannte und vom Schmerz überwältigt mit dem Stuhl zu Boden und in Ohnmacht fiel. Der Wirt ſtürzte auf ſie zu, allein der erbitterte Vater griff nach dem Degen, weshalb der von Tödwen von ihr ließ und ſich mit ſeinen Leuten zur Wehr ſelte. Weil der von Tieſenhauſen zu ſchwach war und ſeine Leute ſich übermannt ſahen, ſo entwiſchte er kaum mit zwei Pferden, obgleich er mit acht und noc< mehr Leuten, die aber meiſt ver- wundet oder tot waren, nach Ringen gekommen war. Er bot in der Verbitterung die Nacht darauf alle ſeine Leute auf und branute das unter dem Schloß Ringen gelegene Hakelwerk ab, wo viel deutſche Handwerker und anderes Geſinde wohnten. Das gleiche verübte er auch an zwei anderen Dörſern, wogegen der von Tödwen, der ſich den Schaden der unſchuldigen Unglüclichen zu Herzen nahm, im Randenſchen ſengte nud brannte. Der Herrmeiſter Kettler, der dieſe Ausſchweifungen mit äußerſtem Mißfallen vernahm, brach ſelbſt mit dreißigtauſend Mann auf und belagerte zwei Jahre lang das Schloß Ringen. Als aber die Belagerten weder Proviant noch Leute mehr hatten, da ließ ſich der von Tödwen mit drei oder vier Söhnen aus einem Fenſter herab und entfam zu Fuß nach Litauen. Daſelbſt ſand der Haupt- mann von Ringen die Tödwenſche Familie noch im Jahre 1685
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Livländiſches Sagenbuch. 213 und forderte ihr die Dokumente von Ringen ab, aus denen dieſe Geſchichte durch den Paſtor Staalfoot*) in plattdeutſcher Sprache in das Kirchenbuch eingetragen worden. Die Frau von Tödwen mußte im Schloſſe ſich endlich auf Diskretion ergeben. Sie wurde gefänglich nach Hapſal gebracht und daſelbſt von einem Hauſe her- abgeſtürzt, daß ſie das Geni> brach. Ihr Leichnam wurde auf den Miſthaufen geworfen und alle vorübergehenden ſagten: „Hier liegt die große Erbfrau, damit jeder ſähe, womit ſie geſündigt hat.“ Sie ſoll ſpäter von „Hunden zerriſſen worden ſein. 4. d. Rigiſchen Anzeigen. 1764, St. X S. 171 ff: Sonderbar Begebenheit auf dem Schl. Ringen,“ mach dem Ringenſchen Kirchenbuch, das jezt nicht mehr vorhanden iſt. Vgl. Nr. 218, =- Kohl, Oſtprovinzen (1841) l, 246. =- Rußwurm, Schloß Hapſal S. 81. Kurz. Vergl. daſ. die Anm. =- Eiſen, Eſi- wanemate warandus, S. 236. Die Frau von Ringen, Zur Zeit der lezten Herrmeiſter lebte auf dem Schloſſe Ringen in Livland ein Herr Johann v. Tödwen mit ſeiner Fran Anna, geb. von Tieſenhauſen, und einer einzigen Tochter. Er war ein reicher und angeſchener Mann, der viele Güter beſaß und es an Macht und Üppigkeit allen Vornehmen des Landes zuvorthun konnte. Auch ſeine Frau war aus einer ſehr wohlhabenden Familie und liebte ihre Tochter ſehr. Um ſie zu erfreuen, wollte ſie ihr ein ſo prächtiges Kleid machen laſſen, das ſeines Gleichen in Livland nicht gefunden werde und das ganze Land davon zu reden und zu fabulieren habe. Daher ließ ſie einen geſchieten Schneider aus Dentſchland verſchreiben, der fein zu ſtiken und mit Gold und Edelſteinen in geſchlungenen Linien das Gewand zu ſchmücken ver- ſtände. Als ſie einen ſolchen Künſtler gefunden, fragte ſie ihn, ob er ſich getraue, ein Kleid zu fertigen, an dem ſie und ihre Tochter Gefallen finde. Er antwortete hochmütig, wie es die Art der deutſchen Schneider zu ſein pflegt: „Wahrlich, ſolche Kunſt ver- ſtehe ich und bin gewiß, daß man meine Arbeit loben wird, denn ich will ein ſolches Kleid machen, daß ſelbſt der Teufel ſich nicht enthalten kann, darüber zu lachen.“ begann nun mit drei geübten Geſellen die Arbeit, konnte aber kaum in Jahresfriſt das Verſprochene leiſten, ja er verlor *) Andreas Stählfoot, Paſtor in Ringen 1681-1715.
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214 Lipländiſches Sagenbuch. infolge der angeſtrengten feinen Stickerei das Augenlicht. Sobald das Kleid vollendet war, führte die Mutter ihre Tochter in den Saal, verſchloß die Thür und legte ihr das prächtige Gewand an. Da nun dieſe in dem neuen herrlichen Kleide vor den Spiegel trat und ſich ſelbſt bewunderte, hörten ſie plößlich in dem Zimmer, in welchem doch niemand außer ihnen ſich befand, ein lautes unge- wöhnliches und ſonderbares Lachen*), ſodaß ſie vor Schrec> zitternd und bebend eilig das Zimmer verließen. Nicht lange nachher drangen die Ruſſen ins Land, erorberten die Burg und übergaben ſie den Flammen. Der Herr von Tödwen fiel bei der Verteidigung, ſeine Frau flüchtete aus dem brennenden Schloſſe, wurde aber von ihrer Tochter getrennt, die entweder er- ſchlagen oder in die Geſangenſchaſt nach Moskau geführt wurde. Sie ſelbſt erreichte unter vielen Geſahren Hapſal, wo ſie, da fie ihr ganzes Vermögen verloren hatte, in ſolche Not geriet, daß ſie bald nachher in der größten Dürſtigkeit ſtarb. Bei ihrer Ve- erdigung fand ſich für ihren Leichnam nicht einmal ein Leichen- tuch, ſondern ſie wurde ohne Kleider nur in eine alte Decke ge- wickelt zu Grabe getragen. Dion. Fabrieins. 88, ror. Liv. Il, 472. =- Val. Kelch, Chin S. 327 F. =- Rußwurm, Sagen a. opel, S. 3. wurm, Schloß Hapſal, S. 80. Vgl. die Anm, -- Inland I| Sp. 1065 in Verſen von H.- Bllindne) | [-Buſſe]. 237. Die Meermaid und der Berr von Pahlen. Vor Zeiten erging ſich einmal ein Herr von Pahlen am Strande des Meeres, da ſah er auf einem Steine eine Jungfrau ſiken, die bitterlich weinte. Der Herr trat alsbald näher und fragte ſie, was ihr ſchle, daß ſie ſo bitterlich weinte. Die Jungſrau ſah ihn eine Weile mit thränenden Augen au, ſeufzte tieſ auf, antwortete aber nicht. Da ſtreichelte ihr der Herr ſauſt Kopf und Wangen und fragte abermals mit liebreicher Rede: „Sage mir deines Herzens Kummer, denn ich frage nicht zum bloßen Zeitvertreib, ſondern will, wenn irgend möglich, dir helſen und deine Thränen trocknen.“ Die Jungſrau erwiderte weinend: „Du biſt ein ſterblicher Menſch, darum kannſt du mir keine Hilfe bringen, da ich unter einem höheren Ge- jeye ſtehe, aber da du ſreundlich gegen mich warſt, ſo will ich dir ) Bei Fabricius lacht der Teufel nicht im ſelben Zimmer, ſondern hinterläht. ſeine merttücen Spuren im Nebengemach:
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Livländiſches Sagenbuch. 215 meine Not klagen. Sieh, ich bin des Meervaters einzige Tochter und muß feine Befehle unweigerlich ausführen, wenn mir auch das Herz zu ſpringen droht und die Thränen mir aus den Augen ſtürzen. Heute morgen erhielt ich den Befehl, vor Abend die Wellen hoch aufſchäumen zu machen und fie die Nacht durch im Toben zu er- halten. Denke ich daran, wie viele Schiffe und Menſchen da zu Grunde gehen werden, ſo kann ich mein kummervolles Herz nicht beſchwichtigen,“ Der Herr forſchte nun weiter, weshalb der Meeres- vater ein ſo grauenvolles Spiel liebe, welches niemandem Nuten bringe, worauf das Mädchen erwiderte: „Ic<h glanbe, er wirkt die Verzauberung der Wellen lediglich der Windesmutter zum Ergößen, mit welcher er heimlich Freundſchaft geſchloſſen hat und nach deren Pfeife er jeht tanzen muß. Wenn jemand den Machtring mir vom Finger ablöſen könnte, ſo daß es mir unmöglich würde, die Wellen zu erregen, dann hätte der Vater von mir gar keine Unterſtüßung, fondern müßte die häusliche Arbeit allein vollbringen.“ Der Herr bat, den Ring beſehen zu dürfen und fand, daß derſelbe ganz in's Fleiſch hinein gewachſen war, und daß keine Gewalt ihn abzuzichen vermochte. Nachdem nun der Herr den Machtring eine Zeit lang betrachtet hatte, bat er die Jungfrau, ſie möchte ihm erlauben zu verfuchen, ob es nicht möglich ſei den Ring durchzubeißen. „O, wenn dir das möglich wäre!“ rief ſie freudig =- „dann würde ich dir ewig dankbar ſein und dir reichen Lohn für deine Mühe zahlen.“ Darauf pate der Herr den Ring kräftiglich mit den Zähnen, die Jungfrau ſchrie vor Schmerz auf == ein Ru! und der Ring war mitten durchgebrochen. Jeht fiel die Jungfrau dem Herren um den Hals, dankte und reichte ihm den durchgebiſſenen Ring mit den Worten: „Nimm ihn zum Andenken und verliere ihn ja nicht, er wird dir Glü> bringen. Morgen ſollſt du den Lohn für deine Mühe empfangen.“ Dann ging ſie ſingend und hüpfend dem Meere zu, ſehte ſich auf den Kamm einer Welle und ſchwamm wie eine Wildgaus bald ſo weit, daß der Herr ſie aus den Augen verlor. Als der Herr am andern Morgen erwachte und die Augen weit aufthat, ſtanden zwei mit farken Eiſenreifen beſchlagene Tonnen vor ſeinem Bette. =- Niemand konnte Auskunft darüber geben, wie die Tonnen dahin gekommen waren, denn ſoviel das Gutsge- finde wußte, war keine fremde Seele, weder am Abend noc< am Morgen dageweſen, und in der Nacht waren alle Thüren ver- fchloſfen geblieben. Die Tonnen wurden ſo ſchwer gefunden, daß drei ftarke Männer ſie nicht vom Fle> ſchieben, geſchweige denn
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216 Livländiſches Sagenbuch. aufheben konnten. Als man die Deckel durchbrach, fand ſich, daß beide Tonnen bis zum Rande mit Silber gefüllt waren. „Gott ſei gedankt!“ rief der Herr aus == „jeht kann ich meines Herzens Sehnſucht ſtillen nud den Armen Gutes thun!“ Noch ſelbigen Tages ließ er die Leute des Gebiets zuſammenrufen und teilte jedem Ge- ſinde eine Handvoll Geld aus -- damit erſchöpfte er die eine Tonne. Von der anderen Tonne ſchenkte er die Hälfte zu Kirchenbanten, die andere Hälfte der Stadt Reval, damit ihre Ringmauern verſtärkt würden. Daher alſo ſtammt der alte Reichtum des Pahlenſchen Gebietes, der ſich bis auf den hentigen Tag erhalten hat. =- Kreuhwald, Eeſtirahwa mR jutud. S. 354. =- Kreuß- wald-Loewe, Eſtn, Märchen 11, 172. 238. Der Frauen von Pahlen Todesbofen. Alte Leute erzählen, daß Gott den Frauen von Pahlen das beſondere Glück verlieh, daß er ihnen jedesmal, wenn das Scheiden aus dieſer Welt „ ihre T1 voraus ü ließ. Dies geſchah jo, daß ſie einige Tage vor ihrem Tode ſich ſelbſt erblicken mußten, ſei es nun, daß ihre eigene Geſtalt ihnen irgendwo entgegentrat, oder auf demſelben Stnhle ſaß, wo fie täglich ſelbſt zu ſien pflegten oder vor ihren Augen ſchlafend im Bette lag. Hatte eine Frau von Pahlen ihr eigenes Bild auf dieſe Weiſe erblickt, ſo wußte ſie, daß nach einigen Tagen ihr Ende bevorſtehe, denn es war mit ihren Müttern und Großmüttern ganz ebenſo geweſen. = Einer dieſer Frauen war ihr Ebenbild auf der Schwelle erſchienen und hatte ſie mit betrübtem Bli>e angeſehen. Eine andere wollte ſich eben zu Tiſche ſehen, als ſie ſich ſelbſt ſchon auf dem Stuhle ſihend gewahrte. == Znlanb 1846. Sp. 148, -- Kreußwald, Eeſtirahwa ennem. jutud. S. 357, =- Kreußwald-Loewe, Eſtn. Märchen Il, 175. 239. Die Rettung des belagerten Reval. Reval, welches darum das es Heißt, weil kein Feind es jemals bezwungen hat, war einſt einen ganzen Sommer hindurch von einem feindlichen Heere umzingelt. Obgleich nun die rings
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Livländiſches Sagenbuch. 217 um die Stadt laufenden Mauern und Schanzen ſtark genug wareu, den Feind abzuwehren, ſo kam es doch mit der Zeit dahin, daß der Hunger die Bewohner quälte und daß bei der von Tag zu Tag wachſenden Not die Shwächern ſchon verzweiſeln wollten. Ju dieſer Bedränguis wurde wieder ein Pahlen ihr Retter. Liſtiger Weiſe ließ er, als wollte er den hungernden Bewohnern der Stadt Proviant zuführen, eine Frachtfuhre vom Laaksberge her in die Nähe des feindlichen Lagers abgehen, wo dann die mit Lebens- mitteln und Bier beladenen Wagen ſofort ſeſtgehalten wurden. Im Lager aber herrſchte nicht viel weniger Mangel als iu der Stadt, weswegen die Kriegsleute ſich wie hungrige Wölfe auf den Proviant ſtürzten, ſodaß niemand Zeit hatte, auſ die Stadt viel Acht zu geben. Dieſen kurzen Zwiſchenraum ſuchte nun der Herr von Pahlen zur Rettung der Stadt zu benußen. Er ließ zur See einen ge- mäſteten Ochſen nebſt einigen Scheffeln Malz heimlich in die Stadt bringen. Die Einwohner brauten alsbald ſriſches Bier, brachten zur Nachtzeit große Kuſen auſ die Stadtwälle, kehrten ſie um und goſſen das gährende Bier darauſ, ſodaß der Schaum über die Ränder floß. Dann wurde der Stier auſ den Wall gelaſſen, der brüllend umherlieſ und mit den Hörnern die Erde aufwarſ. Als nun die Feinde die ſchäumenden Bierfäſſer und den gemäſteten Ochſen gewahr wurden, da ſank ihnen plößlich der Mut: „Hol" euch der und jener!“ rieſen die Kriegsleute == „wer noc< ſo viel Bier brauen und Maſtochſen auf den Wällen umherlauſen laſſen kann, den können wir nicht durch Hunger aus der Stadt treiben, vielmehr werden wir ſrüher dem Hunger verſallen als jene.“ Am andern Morgen ſah man wie- der Feind das Lager räumte und den Rückmarſch autrat; Reval aber war wiederum gerettet. 1. Die Stadt Reval iſt einmal in furchtbare Not geraten, indem ſie durch ein Heer von 70000 Ruſſen belagert wurde. Die Ein- wohner konnten ſich indeſſen ſo lange noch ziemlich halten, als ſie vom ſogenannten Oberen See her durch unterirdiſchen Zufluß mit Trinkwaſſer verſorgt wurden. Da iſt aber ein altes Weib zur Verräterin geworden, indem ſie den Feinden die verborgenen Waſſer- wege zeigte, die nun von jenen verſtopſt und abgeſchnitten wurden. Bald gingen auch alle Lebeusmittel in der Stadt aus, daß man ſich mit Hunden und Katen behelſen mußte. Dennoch verlor man den Mut nicht und rettete ſich zuleßt durch eine Liſt. Man ſpannte
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218 Livländiſches Sagenbuch. auf den Wällen der Stadt eine Menge Ochſenhäute aus und ſtellte dort zugleich eine Reihe von großen Bierkufen auf, dem Feind damit anzudeuten, daß es noch genug Speiſe und Trank in Reval gebe. Oder es begaben ſich, wie auch erzählt wird, die ſechzehn Gerber der Stadt auf die dazumal breiteren und mit Gras be- wachſenen Mauern und fingen daſelbſt eine Menge Botksfelle zu gerben an; die Ruſſen, dachte man, würden in der Ferne leicht Ochſenhäute darin erblicken, deren es doch keine mehr in der Stadt gab. Wiederum andere wollen wiſſen, es hätten ſich (nämlich bei der Belagerung von 1577, wie hier ausdrülich hinzugefügt wird) 35 Gerbergeſellen in Bokshäute „gehüllt auf den „Mauern zeigen müſſen, um den noch Vocffleiſch habe. Kurz, die Liſt gelang vollſtändig, Eines Morgens war rings um Reval her alles ſtill, die Feinde waren davongezogen. 1, Inland 1846, Sp. 149. =- Jlluſtr. Revaler Alman. 1856, S. 35 durch 4502 =- Kreußwald, Eeſtirahwa ennem, jutud. S. eußwald-Loewe, Eſtn. Märchen 11, 175, = 1. Zuſt! Revaler Alman. 1856, S. 39. Nach mündl. Über- lieferung in Reval. 240. Die Steindenkmale der Bungersnof. Wer je nach Palms in Eſtland gekommen iſt, der hat wohl auch jene Steinhaufen geſehen, welche an vielen Orten auf den Gutsſeldern ſtehen. Wie die alten Leute zu erzählen wiſſen, ſind jene Steinhaufen alle zur Zeit einer ſchweren Hungerönot zuſammen- getragen worden, was ſo zuging: Die Herren von Pahlen hatten ſeit unvordenklichen Zeiten die Gewohnheit, einen reichen Getreide- vorrat in den Gutskleten anzuſammeln, auf daß, wenn einmal die Leute durch Mißwachs Mangel litten, die Gutsklete ſie bis zur neuen Ernte ernähren könnte. Da geſchah es, daß eines Jahres eine bittere Hungersnot in Eſtland herrſchte, daß die Leute aller Orten hinſtarben wie die Fliegen. Wer aber noch ſoviel Kraft hatte, fich nach Palms aufzumachen, der war gerettet. Daher kamen hier nach und nach Hunderte von Menſchen zuſammen, welche der Herr von Pahlen aus ſeiner Klete verſorgte und es war ein ſo reicher Gottesſegen vorhanden, daß die Kornkaſten nicht leer wurden. Ob- gleich nun der Herr dafür keine Arbeit von den Leuten verlangte und ſie zu keinerlei Leiſtung anhielt, ſondern ihnen aus Erbarmen
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Livländiſches Sagenbuch. 219 das Brot gab, ſo hielten es doch die Leute ihrerſeits für Pflicht, für den Herrn irgend eine Arbeit zum Dauk für ſeine Wohlthat auszuführen. Weil nun die Pahlenſchen Felder ſchr ſteinig waren, jo faßten die Leute einmütig den Beſchluß, alle Steine von den Feldern abzuſammeln und in Haufen aufzutürmen. Dieſe Stein- haufen führen de8halb den Namen: „Steindenkmale der Hungers- not.“ Man ſagt ferner, daß ſeit der Zeit bis auf unſere Tage herab die Pahlenſchen Felder reich geſegnet ſind, und wenn auch ringäum Mißwachs eintritt, ſo bleiben dieſe Felder doch bewahrt, weil die Thränen der Hungrigen ſie betaut haben und die Dank- gebete der Geſättigten zu Gottes Ohr gedrungen ſind. = Inland 1846. H 148. =- Kreußwald, Eeſtirahwa ennem. jutud. S. 35 'eußwald-Loewe, Eſtn. Gag 11, 168. = Stavenhagen, | AGE balt. Anſichten Bd. I11. 241. Der Herren von Pahlen Schußgeiſt. Schon von Alters her war es den Leuten wohl bekannt, daß die Herren von Pahlen einen Schußgeiſt hatten, der ſie in jeglicher Not vor Schaden hütete. Alle Männer aus dem Geſchlechte der Pahlen waren von hohem Wuchſe und ſtarkem Körperbau, ſo daß ſie immer mindeſtens um eines Kopfes Länge andere überragten, und ihre Schußgeiſter waren noch um einen Kopf höher als ſie ſelbſt. So erzählt man von einem dieſer Herren, daß ſeine Höhe derjenigen der gekappteu Fichten gleich kam, die wie eine Gaſſe den Gemüſegarten durchſchnitten. Wenn er nun unter dieſen Bäumen luſtwandelte, ging der Schußgeiſt ihm zur Seite, an Geſichtsbildung und Geſtalt dem Herrn gleich und auch wie er gekleidet, der Kopf aber ragte über die Fichten hinaus. Zuweilen hörte man auch beide mit einander reden, aber in einer fremden Sprache, welche kein anderer verſtand. Hatte der Herr ſich zur Tafel niedergelaſſen oder ſonſt auf einem Siße Plaß genommen, ſo kauerte der Geiſt neben ihm am Boden, ohne ſich je zu ſehen, nachts aber ſchlief er mit dem Herrn in einem Bette. Doch konnte es immer für einen Aus- nahmefall gelten, weun der Geiſt von andern Leuten erbli>t wurde, meiſt blieb er fremden Augen unſichtbar. Es geſchah einmal wäh- rend einer ſchweren Peſt, daß die Seuche die Menſchen zu Hun- derten hinraffte und die Kranken allerwärts darnieder lagen, ohne daß jemand ihnen zu Hilfe kam. Da ging der Herr von Pahlen täglich in den Dörfern umher nach den Kranken zu ſehen, brachte
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220 Livländiſches Sagenbuch. ihnen Getränk und andere Stärkungen und tröſtete ſie auf jegliche Weiſe, ſo daß er den Bedrängten wie ein rettender Engel erſchien. Auf ſolchen Gängen wurde ſein Schußgeiſt immer neben ihm er- blift, ein ſchwarzes Sä><hen in der Hand, ans welchem er unab- läſſig Nebel ausſtreute, ſo daß der Herr wie im dichten Nebel da- hinſchritt. Dies geſchah, damit die Seuche ihn nicht anſteken könne. Als der ſelbige Herr in ſeiner Jugend Kriegsmann geweſen war, hatte ihm weder eine Degenſchneide noch eine Flintenkugel etwas anhaben können, ſondern Beide waren immer von ihm ab- geprallt. Wenn er gefragt wurde, ob ihm denn die Kugeln nicht wehthäten, ſo antwortete er lachend: „I< habe nur das Gefühl, als ob mich jemand mit Wacholderbeeren würfe.“ Als der Lebens- abend des alten Herrn herangekommen war und derſelbe aus dieſer Welt abberufen wurde, war der Schußgeiſt von ihm geſchieden. Ju der Nacht vor ſeinem Tode vernahm das ganze Gutsgeſinde einen gewaltigen Lärm im Waffenſaale und es kam ihnen vor, als würden die Waffen von einer Wand an die andere geworfen, jo daß Wände und Eſtrich erbebten. Niemand hatte Mut genug hinzugehen um das grauſe Spiel mit anzuſehen, das bis über Mitternacht dauerte; aber wunderbar war es, daß der kranke Herr in ſeinem Bette nichts von dem Getöſe hörte. Als die Diener am nächſten Tage im Waffenſaal nachſahen, wo nach ihrer Meinung alles wirr durcheinander am Boden liegen mußte, da fanden ſie zu ihrem Erſtaunen, daß jedes Stü> an ſeinem alten Fle> am Nagel hing und auch nicht ein einziges Spinngewebe auf den Waffen zerſtört war. Das vernommene nächtliche Gelärme hatte nichts andres zu bedeuten gehabt, als daß es den Leuten die Todesſtunde des alten Herrn verkünden ſollte. Inland 1846, Sp, 146. -“-Kreuhwald, Eeſtrahwwa ennem. jutud. 52, =- Kreußwald-Loewe, Eſtn. Märchen 11, 169. Stavenhagen, Album balt. Anſichten. Vd. Il. = 242. Der aus den Klauen des Adlers gereffete Königsſohn. Von einem andern Herrn von Pahlen, der in ſeiner Jugend im Ruſſenheere gedient hatte, wird ebenſo wie von dem vorher er- wähnten erzählt, daß er gegen Hieb und Schuß gefeit ſei. Noch in den ſpäteren Lebensjahren, wo er von ſeines Tagewerkes Laſt und Hiße in Palms ausruhte, ſollte er durch Zufall zum Lebens- retter eines Königsſohnes werden. Er war eines Tages auf der
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Livländiſches Sagenbuch. 221 Jagd von ſeinen Begleitern abgekommen und an das Ufer eines kleinen Fluſſes geraten, da hörte er plöhlich ein ſeltſames Sauſen und Brauſen in der Luft wie von einer heranfahrenden Hagel- wolke. Dennoch war ſoweit das Auge reichte, der Himmel über- all klar, von einer Wolke nirgends eine Spur; als aber der Herr ſchärfer hinſah, bemerkte er am ſüdlichen Horizonte ein ſchwarzes Klümpchen, welches raſch näher kam und immer mehr an- ſchwoll =- es war die Urſache des vernonnmnenen Geräuſches. Zu ſeinem Erſtaunen wurde der Herr gewahr, daß die ſchwarze Maſſe nichts anderes war als ein ungeheuer großer Adler; in ſeinen Fängen hing ein Kind, ob tot oder lebendig? wer konnte es wiſſen. Der alte Herr ſchloß alsbald aus der Beſchaffenheit des Adlers, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugehe, riß einen ſilbernen Knopf von ſeinem Wamms, ſtieß ihn in die ſchon mit Pulver geladene Flinte, zielte und ſchoß auf des Adlers Leib. Der ſchlimme Vogel ließ das Kind fahren und ſuchte mit furchtbarem Flügelſchlage das Weite. Das Kind fiel in den Fluß, aber ein auf den Knall der Büchſe herzugeeilter Diener ſprang dem Kinde nach und rettete es glüclich aus der neuen Gefahr. Am Halſe des Kindes hing an goldener Kette ein kleines goldnes Täfelchen, auf welchem eingegraben ſtand, daß das Kind ein Königsſohn aus fernen Landen ſei. Der alte Herr ſandte nun das Kind durch zwei zuverläſſige Männer den Eltern zurüs, welche um den Verluſt des- ſelben in ſchwerer Sorge waren, Der König bot nun dem Retter ſeines Kindes reiche Dankesgaben, die jedoch der Herr von Pahlen nicht annahm, indem er ſagte: „Für ein gerettetes Menſchenleben be- darf es feines zeitlichen Lohnes, denn ich habe damit nur meine Pflicht gethan.“ Später ließ er an der Stelle, wo das Kind ins Waſſer gefallen war, eine Mühle bauen, welche noch gegenwärtig die Adlermühle genannt wird, doch beſorge ich, daß hentzutage unter den Beſuchern der Mühle nicht viele ſind, welche zu ſagen wiſſen, wovon die Mühle ihren Namen erhalten hat. Inland 1846 Sp. 141. =- Kreußwald, Eeſtirahwa ennem. jutud. S. 353, =- Kreußwald-Löwe, Eſtn. Märchen 11, 171. =- Stavenhagen, Album balt. Anſichten. Bd. 111, == 243. Ein Schwarzhäupterſtreich. Als Zar Peter nach Eſtland 3og, belagerte er Reval; jein Lager ſchlug er am Obern See auf und ſeine Vorpoſten ſtanden
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222 Livländiſches Sagenbuch. am Laaksberge, auf dem vier Kanonen aufgeſtellt wurden. Der Feld- herr Scheremetjew aber ſtand am Harkſchen See. Ju der Stadt herrſchte ſchließlich große Not und Angſt und der ehrſame Rat wußte ſich kaum mehr zu helfen. Da erbot ſich der Älteſte des Schwarzhäupterkorps, namens Lanting, dem Feinde einen Streich zu ſpielen. Er ſammelte die gewappnete Schaar der Schwarz- häupter und der Schmiedegeſellen, kaum hundert waren es, und ritt an ihrer Spiße zur Lehmpforte hinaus. Als ſie im Morgen- dämmern gegen den Laaksberg anritten, da ſtieg der aufgewirbelte Sand, vom Winde getragen, wie eine Wolke empor und verhüllte Roſſe und Reiter dem Feinde. Als dieſe nun die große Staub- wolke herannahen ſahen, meinten ſie, die ſchwediſche Kavallerie mache einen Ausfall. Sie ließen die Kanonen im Stich und flohen zum Lager. Die Revalſchen Reiter aber nahmen erfreut die Kanonen und brachten ſie in die Stadt. Als der erzürnte Zar mit Truppen heranrücfte, waren ſie längſt ſchon fort. Aber doch ließ die Stadt ſich nicht halten; man beſchloß ſich zu ergeben. Aber da man ſich vor dem Zaren fürchtete, brachte man die Schlüſſel dem Feldherrn Scheremetjew. Als der Zar nun in Reval eingezogen war und auf dem Rathauſe erſchien, fragte er gleich, wer ihm feine Kanonen genonmnen habe. Voller Bangen meldete ſich Lanting und warf ſich dem Zaren zu Füßen. Der aber hieß ihn aufftehen und ſagte, eine finſtere Miene aufſeßend: „Jch will dich gerecht belohnen! Du biſt ein kühner Geſelle und ſollſt fortan von Lantinghaufen heißen.“ Die vier Kanonen ſollen im Schwarzhäupterhanſe in Reval be- wahrt worden ſein. In Verſen von R. Fal> im Inland 1847. Sp. 507, mit der Bemerkung, daß er die Sage aus mündl. Überlieferung habe. 244. Eines Stael Braufwerbung. Ein junger Herr aus dem Geſchlechte derer von Stael kam eines Tages, mit H it auf ſeinem Schi zu einem Schloſſe unſeres Landes herangeritfen. Man erkannte ihn und was er im Schilde führe, von weitem noch eben zur rechten Zeit; ein Schimmelreiter war damaligem Gebrauche gemäß ſoviel als ein Freiersmann. Im Schloſſe befanden ſich zwei Töchter. Die ältere von ihnen eue „äligſt in den 135 „Ünabg ſchit, um Bier ünſc Gaſt; die jüngere dagegen wurde haſtig EINE 6. trat der
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Livländiſches Sagenbuch. 223 Freier ins Zimmer; nur die jüngere Tochter war da; ſie wurde ihm vorgeſtellt. Aber gleich darauf kam die ältere mit ihrem Bierhumpen ans der Kellerluke geſtiegen, wie dieſe denn vorzeiten unmittelbar in der Diele des Wohnzimmers angebracht war. Als- bald ließ der fremde Herr die jüngere Tochter ſtehen und wandte fich mit freudigem Geſicht der älteren zu. „Die will ich zur Frau haben!“ jagte er; „ein wirtſchaftlich Weib habe ich nötig, die da werde meiner Ehre und meines Vermögens Schloß!“ Pabſt, Bunte Bilder 11, 65 nach mündl. Erzähl. a. Eſtland. 245. Veckmannsgrund. 1 Auf dem nördlich von der dagöſchen Halbinſel Köppo ge- legenen Riffe Ne>kmannsgrund ſtranden alljährlich Schiffe, die durch den Bergeanteil dem Beſiger von Hohenholm bedeutenden Gewinn bringen. Auf der Untiefe liegt beſonders in ſtürmiſchen, dunklen Nächten ein großer Hund, der durch ſein Bellen die Schiffer an- lot und, wenn ſie ſcheitern die Mannſchaft unters Waſſer taucht. Die Überreſte der Schiffe werden dann ans Ufer getrieben und fallen zum Teil dem Gutsherrn zu, während ſeine Bauern ſich durch die, wenn auch gefährliche, doch gut bezahlte Arbeit, oft auch auf unrechtmäßige Weiſe bereichern. Einer der früheren Beſiher erwarb ſich auf ſolche Weiſe ein unermeßliches Vermögen, da ein Schiff nach dem andern, meiſtens mit ſchr reicher Ladung, auf ſeinen Strand geriet. Er ſtand nämlich mit dem Böſen im Bunde, wußte durch magiſche Künſte Sturm, Regen und Schneegeſtöber und eiſter ſeinen Befehlen. Auch durch falſche Feuer ſuchte er die Seeleute zu täuſchen, indem er in ziemlicher Entfernung von der alten Bake ein Luſthaus mit großen Glasfenſtern erbaute und dieſes in den dunklen Herbſt- nächten hell erleuchten oder auch den am Strande weidenden Ochſen Reiſigbündel an die Hörner binden und dieſe anzünden ließ. Einen Schiffer, der ſich errettet hatte und ihm ſeine Gottloſigkeit vorhielt, ließ er umbringen und ſeinen Leichnam in den Rauch hängen. Als er ſpäter gefangen wurde und nach Sibirien gebracht werden ſollte, befreiten ihn ſeine Geiſter aus den Händen der Wachen, riſſen ihm ſeine Ketten ab und brachten ihn weit übers Meer in ein fernes Land, wo er noch lange lebte, endlich aber, um ſeine Sünden zn ſühnen, eine Kirche baute und dadurch ſeine Seele rettete.
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224 Livländiſches Sagenbuch. 1. Auf der Inſel E>holm lebte der Baron Ekholm (!). Man erzählte fich nicht viel gutes von ihm: er lebe einſam auf ſeinem Schloſſe; nur zuweilen gehe es hoch her; er beraube die hier ſtrandenden Schiffe, unternehme geheimnisvolle Reiſen; er laſſe am Ufer große Scheiterhauſen anzünden, von denen angelo>lt die Schiffe hier ſcheiterten und die ans Land geworfenen Güter eine Beute des Barons und ſeiner Leute würden. Unter den Seeleuten hätte Ex>holm die Bezeichnung: die Inſel der falſchen Feuer. An einem Herbſtabend ließ der Baron wiederum zwei große Holzhaufen am Ufer anzünden und die dadurch entſtehende Helle ließ ein mit den Wogen kämpfendes Schiff erkennen. Doch ſchien es, daß das Schiff vorbeifahren wolle. Da beſteigt der Baron ein kleines Boot, um zum Schiff zu gelangen. Von ſeinen Bauern will ihn niemand begleiten. Endlich findet ſich ein Jüngling; ſie ſtoßen vom Ufer ab, aber die Wellen werfen das Boot wie eine Nußſchale und der Jüngling wird herausgeſchleudert. Der Baron iſt allein; umzukehren iſt unmöglich, er muß das Schiff erreichen. Vom Schiff ertönt ein Schuß. Endlich hat der Baron das Schiff erreicht, beſteigt die Treppe und befindet ſich auf dem De>. Ein erſchreliches Bild bietet ſich ihm dar: vor ihm liegt eine Anzahl Leichen; das ſind die Leichen der an der Küſte E>holms Ertrunkenen und am Steuerruder ſteht mit ſtieren Augen der tote alte Kapitän. Der Baron erſchriet; er will zurück in ſein Voot, aber das iſt längſt fort. Die Segel des Schiffes ſchwellen und das Schiff mit dem Baron wird weit hinausgetrieben ins Meer. Seit jener Zeit, erzählen die Anwohner dieſer Küſte, durchfährt der Baron E>holm auf dem Totenſchiff das Meer. In beſonders ſtürmiſchen Nächten iſt das Schiff mit ſeinen Segeln ſichtbar, ferne Kanonenſchüſſe laſſen ſich hören = dann bekreuzigen ſich die fremden Leute und ſagen: Gebe Gott, daß wir nicht dem Baron E>holm begegnen, das bedentet Schlimmes! 1. Rußwurm, Sagen a. der Wiek S. 51. = 11, Wochenſchrift Bukpyr'b cura 1885, Nr. 3, S. 39 ff. == Siß: Ber. d. gel. eſtn. Gef. 1885 S. 29. =- Die Sagen beziehen fich auf die Thatſache, daß gegen Ende des vorigen Jahrh. der Veſiger von Hohenholm auf Dags, ein Baron Ungern-Sternberg, falſche Leuchtfeuer benußte, um Schiffe zum Scheitern zu bringen. Vgl. (Petri?) Denkwürd. Memoiren des Gf. von Unſgern) St(ermwbier)g, eines d. Jehtwelt gr. u. merkwürd. Verbrechers. Aus deſſen Akten gezogen, Rev. 1807, = Der Stoff iſt öfters auch novelliſtiſch behandelt worden. Als Kuriojum fei hier auch
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Livländiſches Sagenbuch. w is [4 ein 1862 in Salzburg erſchienenes Druckblatt erwähnt, das in Proſa und Knittelverſen dieſe Seeräubereien phantaſtiſch behandelt. Es hat den Titel: „Bericht über das Todesurtheil der 25 See- ränber, welches zu Riga in Rußland an ihnen vollzogen wurde wegen vieler Verbrechen und Morde, und wie ſelbe 100 Schiffe an den Küſten Livlands in die Geſahr zum Untergang brachten.“ 246. Yngwar. Yugwar hieß der Sohn des Königs Eyſtein's, „der König da ward über der Schweden Macht“; er war ein gewaltiger Heermann, und war oft auf Heerſchiffen, darum daß früher das Schwedenreich oft ward beſchädigt, beides von den Dänen und den Anſterwegs- Männern (Oſtländern, Eſt-, Liv- und Kurländern). König Yngwar machte Frieden mit den Däuen; begann da zu heeren durch die Auſtrvegir (Oſtgegenden). In einem Sommer führte er Heer hin- aus und fuhr nach Eiſtland, und heerte dort den Sommer hindurch, wo es at Steini (zum Stein) heißt. Da kamen die Eiſtir (Eſten) herab mit gewaltigem Heer, und ſie hatten eine Schlacht; da war das Landheer ſo ſtark, daß die Schweden keinen Widerſtand leiſten fonuten; da fiel König Yngwar, aber ſein Volk floh. Er iſt in einem Hügel begraben, dort an der See ſelbſt, das iſt anf Adal- jysla*). Die Schweden zogen heim nach dieſem Unſiege. Nach Ge Inglingaſaga, Kap. 36, in Verhandl. d. gel. eſtn. AMD . 1117 1, 75. == Rußwurm Sagen a. der Wiek, S. 20. =- Derſ. Schloß Hapſal, S. 96. 247. Egil und Thorolf. Es geſchah zu einer Frühjahrözeit, daß zween tapfere Norweger, Egil und Thorolf, Skallagrim's Söhne, ein großes Langſchiff aus- rüſteten und Männer in ihr Schiff nahmen, womit ſie den Sommer darauf nach der Oſtſee fuhren und heereten. Da hielten ſie viele +) Eyſyſſel iſt Oeſel, Adalſyſſel das gegenüberliegende Feſtland. =- Zwei Stellen bezeichnet der Volkämund als das Grabmal eines alten ſchwediſchen Königs: Einen Hügel, den Porrimäggi bei Saſtama, auf dem eine Menge ſaft regelmäßig geſchichteter „Steine etwa 12 Fuß hoch aufgetürmt ſind (Rußwurm, Eiboſolke der. Sagen a. der Wiek, S. 20), und großen, robben 'n Granitſtein in der Nähe des Dorſes Puriſt bei Kimidepa, gegenüber Saſtama (Smiſſen in Bunge's Archiv IV, 155; Ruß- wurm a. a. DO. S. 21.) Bienemanu, Sagenbuch, 15
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226 Livländiſches Sagenbuch. Kämpfe und erlangten unermeßliche Beute. Und fuhren da auch nach Kurland und blieben eine Zeit lang an dieſem Lande liegen und ſchloſſen mit “den Einwohnern einen halbmonatlichen Frieden und kaufſchlageten. Aber nach Verlauſ dieſer Zeit huben ſie wieder an zu heeren und legten bei an verſchiedenen Stellen, wo es ihnen gelegen ſchien. Eines Tages legten ſie bei in der großen Mündung eines Fluſſes, und war ein großer Wald dort zu Lande. Da ſtiegen ſie ans Ufer, und die Leute wurden in Rotten geteilt, und waren zwölf Mann in jeglicher Rotte. Sie gingen in den Wald, und es währte nicht lange, ſo erreichten ſie eine bewohnte Gegend, und fanden fie wenige Wohnungen zuerſt. Die Wikinger fingen ſogleich an, Beute zu machen und Menſchen zu erſchlagen. Wälder zogen ſich daſelbſt zwiſchen den Dörfen hin, und das Volk flüchtete ſich davon und war niemand, der ſich jenen widerſeßte. Als aber der Tag vorgerrüFt war, ließ Thorolſ ſeinen Leuten zum Rückzug blaſen, worauf ſie, wo eben ein jeder ſich befand, in den Wald zurückgingen und endlich am Strande wieder zuſammen- trafen. Und als Thorolſ angelangt war und nun ſeine Leute über- zählte, war Egil und ſeine Rotte nicht gekommen. Weil nun bereits die Dunfelheit der Nacht hereinbrach, gaben ſie den Ge- danfen auſ, ihn zu ſuchen. Nun iſt von Egil zu ſagen, daß er durch den Wald gegangen war und zwölf Maun mit ihm, und er ſah dort große ebene Felder und eine bewohnte Gegend. Eine große Dorſſchaſt ſtund nicht weit entſerut, und ſie eileten darauf zu. Und als ſie zum Dorfe kamen, lieſen ſie in die Häuſer hinein und traſen keinen Menſchen darin und nahmen weg alles, was ſich nehmen ließ. Da waren viele Häuſer zu durchſtöbern, weshalb ſie dort länger verweileten. Und als ſie wieder hinauszogen aus der Dorfſchaft, da war der Feind gekommen mitten zwiſchen ſie und den Wald und machte einen Angriff. Ein hoher hölzerner Zaun zog ſich von der Dorfſchaft aus uach dem Walde hin; da befahl Egil, ſie ſollten dieſen Zaun entlang und unter deſſen Schuße vorwärts gehen, damit ſie nicht von allen Seiten umgangen werden könnten. So thaten ſie; Egil ging voran und dann einer nach dem andern, ſo nahe, daß ſie nicht von einander getrennt werden mochten. Und die Kuren ſehten ihnen heftig zu, doc< meiſt mit Lanzen und Wurſſpeeren; deun zum nahen Kampfe kamen ſie nicht. Da bemerkten Egil und die Seinen als ſie längs des Zaunes gingen, zu ſpät, daß ſich auch auf der andern Seite von ihnen
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Livländiſches Sagenbuch. 227 ein Zaun hinzog und der Zwiſchenraum zwiſchen beiden Zäunen allmählich ſchmäler wurde, bis daß beide zuſammentrafen und keinen Durchgang mehr geſtatteten. Die Kuren ſezten teils den zwiſchen der Umzäumung Eingeſchloſſenen nach, teils faßten ſie ſie von außen her an mit Spießen und Schwertern von den Bäumen her, teils warfen ſie Kleider auf die Waffen derſelben, daher dieſe ſchwer verwundet und bald darnach alle gegriffen und gebunden und alſo heimgebracht wurden zur Dorfſchaft. Der Mann, dem die Stätte zugehörte, war ein reicher und ſehr mächtiger Mann; der hatte einen erwachſenen Sohn. Da ſehte man ſich zu Rate, was mit den Geſangenen geſchehen ſollte. Da ſagte der Bauer, er gebe den Rat, man ſolle ſie einen nach dem andern totſchlagen. Aber des Bauern Sohn ſagte, die Nacht ſei bereits vor der Thür und man werde alſo keinen Genuß haben an ihrer Hinrichtung; er bat dem- nach, man möge damit warten bis morgen. Dieſer Vorſchlag ging durch. So wurden ſie alle in ein Haus eingeſchloſſen und in Banden gelegt. Egil ward gebunden an einen Pfahl, beides an Händen und Füßen. Darnach wurde das Haus feſt verſchloſſen; die Kuren aber gingen in eine Stube und ſchmauſeten und zechten in großer Fröh- lichkeit. Da machte ſich Egil aus Leibeskräften daran, an dem Pſahle zu arbeiten, und rüttelte ſo lange an demſelben, bis der aus dem Boden geriſſen war. Und nachdem der Pfahl gefallen war, machte Egil ſich von demſelben los und löſete dann ſeine Hände mit den Zähnen. Und als erſt ſeine Hände ſrei waren, machte er auch ſeine Füße von den Banden los. Darnach beſreite er auch feine Genoſſen. Und als nun alle gelöſet waren, forſchten ſie nach im Hauſe, ob nicht irgendwo hinauszufommen wäre. Das Haus hatte Wände von großen Balken, aber an dem anderen Ende des Hauſes war ein einſaches Bretterwerk. Egil forderte ſeine Leute auf, alle gegen lehteres anzurennen und es zuerſt zu zerbrechen. Das geſchah alſo, ſie zerbrachen die Bretterwand: aber da wars ein anderes Haus, in das ſie kamen, und war auch dieſes mit Balkenwerk umgeben. Da hörten ſie Menſchenſtimmen unter ihren Füßen. Sie ſorſcheten eine Weile nach und entde>ten eine Thür im Fußboden; die machten ſie auf, und war darunter eine tiefe unterirdiſche Grube. Als ſie hier nun die menſchlichen Stimmen höreten, da fragte Egil, was für Menſchen da wären. Da nannte ſich der, welcher mit ihm redete, Aki. Egil fragte, ob er aus der Grube wolle, und Aki jagte, daß ſie das gerne wollten. Danach ließ Egil und die Seinen 15.
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228 Livländiſches Sagenbuch. die Bande hinab in die Grube, mit welchen ſie zuvor waren ge- bunden geweſen, und ſie zogen da drei Männer empor. Aki ſagte, die bei ihm wären, ſeien ſeine beiden Söhne; ſie wären däniſche Männer und im vorigen Sommer gefangen genommen, „worauf ich," fuhr er fort, „wohlgehalten ward den Winter über und meine Sachen behielt, und beſorgte großenteils die Wirtſchaft des Banern; aber dieſe meine Söhne wurden zu Knechten gemacht und hatten es gar übel. Darum verſuchten wir im lehten Früh- jahr zu entlaufen, wurden aber darnach wieder gegriffen und dann in dieſe Grube geſtoßen.“ „Dir iſt gewiß alle Hausgelegenheit hier bekannt,“ ſagte Egil, „wie iſt es am bequemſten hinauszukommen?“ Aki ſagte, es ſei noch eine andere Bretterwand da: „die brechet auf; von da werdet ihr in eine Kornklete gelangen und möget von dort hinausgehen nach Belieben,“ Alſo thaten ſie denn, Egil und die Seinen; ſie brachen das Bretterwerk los, gingen in die Klete und von da ins Freie. Tiefe Finſternis war dranßen. Da rieten die Gefährten Egils aus einem Munde, man ſolle ſich ſchnell in den Wald machen. Egil aber ſprach zu Aki: „So du dieſer Wohnung kundig biſt, wirſt du uns gewiß den Weg zu irgend einer Beute zeigen können.“ Aki ſagte: „Hier wird kein Mangel an Geräten ſein. Hier iſt ein großes Zimmer, darin der Hausherr zu ſchlafen pflegt; darin ſind Waffen die Fülle.“ Egil gebot da den Seinen, zu dieſem Zimmer hinzugehen, und als ſie die Treppe hinaufgekommen waren, da ſahen ſie, daß das Zimmer offen ſtand; es war Licht darin, und Dienſtleute waren damit beſchäftigt, die Betten zu machen. Egil gebot da etlichen, draußen zu warten und dafür zu ſorgen, daß niemand herauskäme; er ſelbſt aber drang in das Zimmer ein und griff nach den Waffen, daran hier kein Mangel war. Sie erſchlugen da alle Männer, ſo ſich darin befanden, und nahmen ſich ein jeder da eine volle Rüſtung. Und Aki ging nach einer Stelle, wo ein Deeel war im Fuß- boden, und machte die Luke auf und ſagte, ſie ſollten jeht hier hinunterſteigen in das untere Gemach. Da nahmen ſie Licht und gingen dorthin. Da lagen die Schäte des Bauern, koſtbar Gut und eine Menge Silbers, deren nahm ein jeglicher ſoviel, als er tragen mochte, und ſchleppten es hinaus. Egil nahm ein ganz großes Faß mit Meth unter ſeinen Arm und trug es hinaus. So fuhren ſie zu Walde. Und als ſie kommen in den Wald, bleibt Egil ſtehen und
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Livländiſches Sagenbuch. 229 ſpricht: „D der Schande! Dieſe Fahrt iſt gar ſchnöde und eines Kriegsmannes unwürdig! Wir haben den Bauer beſtohlen wie die Diebe, ohne daß er davon weiß! Solche Schmach ſoll uns nimmer befle>en! Fahren wir wieder zum Hauſe hin und laſſen die Leute da wiſſen, wie es ſich verhält!“ Alle ſprachen gegen dieſes tollfühne Zumuten und erklärten, ſie wollten zum Schiffe gehen. Egil aber ſeßte ſein Methſaß nieder, darauf hub er an zu lauſen und rannte zurüf nach der Wohnung. Und als er wieder nahe war, ſah er, daß die Knechte eben ans der Küche gingen mit Schüſſeln und dieſe ins Zimmer hineintrugen. Egil ſah ſerner, daß in der Küche ein großes Feuer loderte, Keſſel darüber. Dahin ging er. Da waren Bof Balten angeſahren und runde Feuer gemacht, wie dort zu Lande üblich iſt, alſo daß das Feuer die Balkenenden zuerſt erſaßt und daun den ganzen Balken allmählich auſbrennt, Egil griff einen Feuerbrand auf und trug denſelben an die Stube hin und hielt das Ende, welches brannte, an den Vorſprung des Daches und an die Enden und die Rinde des Dachholzes, welches dem Feuer ſogleich Nahrung gab. Und die, welche im Innern ſaßen und zechten, bemerkten nichts eher, als bis die Lohe durch das Dach hereinſchlug. Da lieſen die Männer zur Thür hin; I hier war nicht leicht teils weil Holz war, teils weil Egil der Thür wartete. Da ſchlug er die Leute beide in der Thür und draußen vor der Thür nieder. Der Bauer fragte, wer da über das Feuer gebiete. Egil ſagte: „Derjenige allein gebietet über das Feuer, welcher dir mochte am unwahrſchein- lichſten dünken geſtern Abend, und ſollſt du nicht verlangen heißer zu balken, als ich heize. Sollſt haben ein reiches Bad ſür weiches Bett, welches du darboteſt mir und meinen Kameraden. Hier iſt nun eben derſelbe Egil, welchen du ließeſt ſeſſeln und binden an den Pſoſten in deinem Hauſe, welches von dir ſorgſältig war zu- geſchloſſen worden ; er will dir nun lohnen den Empfang, wie du es wert biſt.“ == Währenddes ſuchte der Bauer zu entſchlüpfen und hinauszufliehen ins dunkle, aber Egil ſtund nahe und hieb ihm augenblicflich Todeshieb, ihm und vielen andern. Und es währete nur kurze Zeit, da war die Stube abgebrannt und ſtürzte zuſammen, und verbrannten alle Leute, ſo darinnen waren. Und Egil ging wieder zum Walde und fand dort ſeine Ge- ſährten. Da zogen ſie alleſamt zum Schiffe hin. Da ſagte Egil zu ihnen, daß er jenes Methſaß, welches er bei ſich trug, haben wolle im voraus ; das war aber ganz voller Silber.
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230 Livländiſches Sagenbuch. Als nun Egil wieder anlangte, wurde er von Thorolf und den Übrigen mit Freuden empfangen, als wäre er von den Toten wieder auferſtanden. Und mit dem erſten Morgenlichte ſtießen ſie vom Lande ab und Aki mit ſeinen Söhnen trat in die Schar Egils. Sie ſegelten, als der Sommer vorgerüt war, von Oſten gen Däne- mark, und lauerten auch dort die Skallagrimsſöhne Thorolſ und Egil auf die Kanffarteiſchiffe und machten Beute, wo ſie nur da- zukommen konnten. Aus Kurland aber hat Egil unter anderm auch ein Schwert heimgebracht, welches er Notter nannte. Das war eine gar gute Waffe. Aus der Egils Saga, überſeht von Pabſt im ZU. Revaler Alman. 1856 S. 71 ff. = 248. ÜkRi und Terrande. Wo der große eſtniſche Held dem armen Waiſenknaben an den Tag legte, daß er ſein Beſchüßer, wo Kallewipoeg mit einem Steinwurfe den Wolf erſchlug, der das einzige Schaf des Knaben rauben wollte, und zum Zeichen feiner Gegenwart die Spuren ſeiner Finger an dem Steine zurücließ*), da lebte Terrande, wohl- bekannt weit und breit, und lebte herrlich und in Freuden, holte ſeine Gerſte fern von Sonnen-Untergang her, hatte die weiteſten Nee im großen See, daß er mit deren Beute das Korn ertanſchte, um zum Mahle ſeinen Bierkrug immer gefüllt zu haben, = da jſpracß Terrande Hohn den Fremden, welche auf einer Fahrt um Korn zu handeln ihm verſprachen, ihn zu beſuchen. Einen Sohn hatte Terrande, einen braven Jüngling, weiſe im Fiſchfang, wach- ſam auf der Jagd, klug, wenn die Bienen ſchwärmten, dankbar den Göttern. Weiter ins Land hinein, wo der Kuſe-Fluß am Bette des Kallewi-Sohnes deſſen Schlaſgeſang hält, da lebte Äkti*), nicht minder reich denn Terrande, den die Nachbarn um Rat fragten, wenn's galt den Erzfeind zu bekriegen, der wenig ſprach, aber wenn er ſprach, ſo war's Wahrheit, denn er kannte die Worte der Morgendämmerung und wußte zu deuten den Nachruf des Abend- rots, er ſprach in den hellen Winternächten mit den Abgeſchiedenen auf den Sternen und lauſchte am Boden den kleinen Geiſtern. Bei Wah, - 8 vn dortigen Burgwall vgl. Staelberg . livl, Weſch. 111, 2] ih 1854 befand is im 3 Allatiwwiſchen ein Geſinde namens Ätti oder Etke-maa.
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Livländiſches Sagenbuch. 231 Seine Tochter war die Trägerin ſeiner Befehle, war die Künderin ſeiner Ausſprüche, wenn die eiligen Freunde im Hoſe ihre Pferde hielten, == ein blühendes Mädchen, ſchlanken Leibes, breithüſtig, mit kleiner Naſe, blauen Augen und weißem Haar. Doch einen Sohn hatte er nicht und trauerte drum nicht, denn es galt einen Eidam, der mit doppeltem Beſiß ein doppelt Gewicht in die Wag- ſchale legen könne am Verſammlungstage, wenn die zerſtreuten Stämme ſich einten ihre Selbſtändigkeit zu bewahren; und Terrandes Sohn war der Erkorene: Äktis Tochter liebte Terrandes Sohn. Den Hügel kennt jedermann, wo der brave Jüngling die ſchöne Maid auf ſeinen Armen wiegte und ihr viel erzählte von ſeinen Streifzügen an des Vaters Seite, und von der ſchönen Zukunſt, wenn er in Äkkis Hoſe einſt Herr ſein werde, denn der alte Äkti wollte bald heimfahren zu den Vätern. Wenn in Terrande die hohen eiſernen Thore am Abend zuſammenſchlugen, ſo ſchallte es durch den Wald bis nach Äkki, und wenn in Äkfi die ſorgliche Tochter den Hof ſchloß, daß des Vaters Herden vor den Tieren des Waldes geſichert ſeien, ſo hörte man's in Terrande, dies war das Zeichen für die Zuſammenkunft des liebenden Paares. Wenn die Väter heimgekehrt mit den kornbeſchwerten Schlitten und das Bier bereitet, dann ſollte das Feſt gefeiert werden, da der junge Terrande in Äktis Haus zöge und es ihm dort wohlgeſalle. Der Winter war hereingebrochen, Eis deckte, ein Kryſtallſpiegel, des großen Sees fiſchreiches Waſſer, = Terrandes Sohn ſammelte die Genoſſen zum Fiſchſang, denn nun galts einen Wels zu fangen, daß er munde den Gäſten beim Feſte und ein gut Zeichen ſei für die neue Wirtſchaft. Äkkis Maid lauſchte, Morgenröte auſ den Wangen, am Geſtade der Heimkehr des Geliebten. Ein Sturm kam von Mittag her und es erzitterte das junge Eis ob des grauſen Störers ſeiner Herrſchaft, die Maid ſeufzte im Vorgeſühle des nahenden Ungewitters; noch ein Windſtoß, und es krachte fürchter- lich von Mittag bis gen Mitternacht durch den See, das Eis war geborſten, der Geliebte jenſeits des weiten Riſſes, Da rief die Weißhaarige laut und klagte am einſamen Uſer, =- Terrandes Sohn hörte ſie, heiße Schnſucht ergriff ſein Herz, er ſezte über den jähen Schlund der ihn zu umfangen drohte und eilte in die Arme ſeiner Verlobten; == doch immer wütender ward der Sturm, er brach ein und konnte nur nach unſäglicher Anſtrengung das ſichere Uſer gewinnen, wo ex, von Liebe glühend, doch bleichen Angeſichts, mit zerſchlagenen Armen ſeinen Kopf in den Schoß ſeines Mädchens legte. Lebend trug das Weib den Mann in die väterliche Be-
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232 Livländiſches Sagenbuch. hauſung, ſammelte Kräuter und ſang am Krankenlager die alten Lieder der Väter, daß er geneſe. Die Väter kehrten heim und das Bier war bereit, =- der Schnee ſchmolz an den warmen Strahlen der Sonne und die Waldblumen ſchloſſen ſich auf, Terrandes Sohn aber lag, lahm an Gliedern ohne Hoffnung auf Geneſung, unge- heilt durch die Thränen ſeines treuen Mädchens, an der Schwelle des Hauſes. Und wiederum rüſtete ſich der alte Terrande zur Fahrt zu ſeinen Hausfrennden jenſeit der Pöltſe, da flehte Äktis gebeugte Tochter, er möge holen einen weiſen Mann, der den Ge- liebten kräftige, und Terrande verſprachs. Wie er nun kam ins Kornland, das geſegnete, da war großer Lärm und viel Plaudern ob eines Fremden, der ein fremdes Kleid hatte, aber ſich alle Mühe gab der Stammgenoſſen Rede zu erlernen und ſich ihnen zu be- freunden, alſo daß er bald wohl geſchen war im ganzen Korn- lande. Zu dem ging Terrande mit ſchönen Gaben in beiden Händen, und bat, daß er komme Geſundheit zu bringen dem Sohne, nichts Arges bedenkend. Der Fremde war bereit, dreimal neigte ſich die Sonne, dreimal erwachte ſie wieder, und der Fremde trat ein in Terrandes gaſtliches Haus. Finſter faltete ſich des alten Äkkis Weisheit ſprechendes Antlitz, da er den ſchwarzen Fremdling ſah, der unbehilflich im weiten Kleide einherſchritt, Terrandes ſchönſte Koſt und Bier ſich wohlſchmeken ließ und mit beredter Zunge von Herrlichkeiten ſchwate, die geheimes Grauen erregten; er warnte den Nachbar vor dem ſchlauen Baue des Fuchſes, aber die Tochter umfaßte des Gaſtes Knie, flehte und verſprach ſich und ihre Habe dem großen Manne, von dem, ſo hörte ſie, die Macht komme, die Kranken geſund zu machen. Da goß der Schwarzro& Unrat in den Keſſel, ſo hing am uralten Haken in der Küche*), und berückte das Mädchen, daß es willig ſeinen Vorſchlägen hörte, freudig ſich ent- ſchloß mit ihm nach Tarto zu gehen, wo eben jener große Heils- mann angelangt fein ſollte und ohne Arg von dem ſiechen Ge- liebten ſich treunte, Dieſer ließ ſich hinaustragen und lauſchte an der Erde den allmählich verhallenden Tritten der Wanderer. Dahin ging Ättis einſt ſo ſtolze Tochter, der Stern der Eſten vom Kullawerre bis zum Emmajöggi, Thränen weinte der Himmel da ſie ging, der Sturm brauſte durch den Kiefernwald, Altvater kündete ſeinen Geliebten den nahen Untergang. Terrandes Sohn harrte ſeiner Braut, die Nächte wurden immer länger und als ſie begannen x Haken wurde noch wenige Jahre vor 1854 in einem Ge- finde vs "Boris Pärjekiwwi gezeigt.
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Livländiſches Sagenbuch. 233 fürzer zu werden, war ſein Geiſt nicht mehr auf dieſer Erde. Der alte Äkki las fleißig in den Sternen und fühlte wohl, was ſeinem Volke bevorſtand, er ſammelte ſeine Schäße und begrub ſie in den Schoß des väterlichen Bodens. Terrande eilte, ein Schemen, durch die Wälder und lebte mit den Tieren, ſeine Schnur kehrte nicht heim. Als aber die Wäſſer los wurden und die Vögel von fern her famen bei uns zu niſten, als der alte Kuſe- Bach wieder wimmelte von Enten, da zog ein Trupp ſchwerer Kriegsknechte zu Roß und zu Fuß daher, auſ jedem ſeiner Tritte Verwüſtung hinter- laſſend. Terrande ſah ſein ſtattliches Haus nicht mehr; da er auf einem Faulbaume ſaß und an den Beeren ſeinen Durſt ſtillte, traf ihn ein giftiger Pfeil. == Äktis Tod blieb unbekannt, er ging wohl ſelbſt unter die Erde, deren Schäpe ihm ſchon bei Lebzeiten bekannt waren. Wer aber in dieſen Landen ſich den Fremdlingen wiederſehte, wer den blutigen Kampſ in der Waldſchlucht, wo jezt das ſteinerne Kreuz ſteht hinter Koido, kämpſte und den Kampf überlebte, ward in Ätkis ſichern Hof geſperrt, und da der Geſangenen wohl ſchon an hundert waren, wurden auſ demſelben Hügel, der des Brautpaares Umarmungen geſehen hatte, Galgen errichtet, die Grauſamen tanzten Haud in Hand einen Rund- tanz und ſchmähten ihrer, =+ noch jezt heißt der Hügel Lülli-mäggi. Die Weiber und Mägde ſammelten ſich bei Terrandes verwüſteter Be- ſihung, das Waſſer ihrer Thränen floß zu einem Bache zuſammen, der das alte eiſerne Thor untergrub und dem großen See zuführte; jeht treibt er eine Mühle. So geſchah's durch Überredung und ſchwarze die Macht der Beſieger war jedoch eine ſcheinbare, denn iſche Weiber hatten ſich in Männerkleider geſte>t und auſ Roſſe geſeßt, wie's der Wirt in Üllejaöts erfuhr, da er auſ dem Ofen der Tenne den Eindringlingen lauſchte; behutſam ſchlichen ſie herein, ſchöpſten Waſſer in einen Trog und wuſchen ſich die Füße, da ſah er, daß es Weiberſüße ſeien, griff zu dem Prügel und trieb die Weiber Ä ſeinem Hauſe hinaus. = Ir. Schulß in Verhandl. d. gel. ein Gei. Bd. I11. 1, 32 ff. (Wändl. 1851 von einem Eſten). == Vgl. Nr. 215. == 249. Die Waldleute. In jenen Zeiten, als die Herren (die Deutſchen) den Letten Livland entriſſen und ſie zu ihren Knechten machten, gab es viele
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234 Livländiſches Sagenbuch. tapſere Männer, die ſich nicht unterwerſen wollten und darum in die ſogenannten „Klahni“, die großen Sümpfe beim Lubahnſchen See flüchteten. Ihre Zahl wuchs ſtändig durch Zuzug neuer Flücht- linge. Da verließen ſie die „Klahni“ und ſiedelten in die jehigen Domopolſchen Sümpſe und Wälder (in Polniſch-Livland) über. Auf einer Inſel mitten in Wäldern und Sümpfen erbauten ſie eine ſtarke Feſte, fällten die Bäume, rodeten den Wald aus und verwandelten unſruchtbare Sümpfe in Wieſen und fruchtbare Felder, kämpften mit Bären und Auerochſen und gewöhnten ſich ſo an Krieg, Kampf und Gefahren. Aus den Sklaven der Herren wurden jeht tapfere Männer und ausgezeichnete Jäger. Bald aber wurden die Wälder der nächſten Umgebung ihnen zu eng und daher vereinigten ſie ſich in großer Anzahl und brachen zu mehreren Malen in Livland ein, wachten nicht nur Jagd auf die Tiere des Waldes, ſondern über- fielen auch die Burgen der Herren, plünderten ſie und kehrten dann wieder in das Verſte> ihrer Sümpfe zurück. Anfänglich beachteten die livländiſchen Herren dieſe Einfälle wenig, aber als das Heer der Meſcha- neſchi, der Waldleute, immer größer wurde und ſie zu kühn wurden, be- ſchloſſen die Herren, ſie zu vernichten. Von allen Seiten ſammelten ſich ihre Heerhaufen und rückten in die Gegend, wo die Waldleute lebten, in der Hoffnung, ihrer leiht Herr zu werden. Der Kampf war aber ſo leicht nicht, wie die Angreiſer ſich gedacht hatten. Da die Herren den Weg durch die ſchrelichen Sümpfe nicht kannten, verſanken ſie in großer Anzahl in den grundloſen Untieſen oder fielen durch das Schwert der Waldleute. Mit großer Mühe und großen Verluſten gelangten ſie endlich in die Nähe der Burg der Waldleute, die auf einer Inſel des Sumpſes lag, und forderten dieſe auf ſich zu ergeben, dann werde man ſie leben laſſen. Die Waldleute ſchickten den Herren aber einen dürren Birkenaſt und ließen ihnen ſagen: „Wir werden wie die Hirſche Baumäſte be- nagen, werden kämpfen und ſterben, doch ergeben werden wir uns nie!“ Da ſie nun die Burg mit Gewalt nicht einnehmen konnten, jo wollten die Herren ihre Verteidiger anshungern. Tage und Monate vergingen, aber die Verteidiger der Burg ergaben ſich nicht. Man konute nicht begreifen, wovon ſich die Leute in der Burg eigentlich nährten; man riet hin und her, allein vergebens. Da kam eines Tages ein Mann zu ihnen und ſagte, er ſei ein be- rühmter Zanberer aus dem ſchwarzen Eſtenlande; der erbot ſich gegen hohe Belohnung, ihnen mitzuteilen wie man die Burg ein- nehmen könne. Die Herren warens zufrieden, und nachdem der Zauberer in ein Geſäß mit Waſſer geblickt hatte, ſagte er: „Im
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Livländiſches Sagenbuch. 235 Burghof liegt ein See, der iſt ſchr reich an Fiſchen. Grabt einen Höhlengang aus dem Thale unter die Burg, dann wird der See abfließen und den Leuten dort drinnen nichts anderes übrig bleiben, als ſich zu ergeben.“ Die Belagerer thaten alſo, wie der Zauberer ſie lehrte. Nachts als die Verteidiger der Burg das Feſt der Wald- mutter feierten, kamen die Herren in der Stille heran und begannen zu graben. Um das Unglücd abzuwenden, ſandte aber die Mond- mutter Vögel, die den Feſtgenoſſen das Vorhaben der Feinde ver- künden ſollten. Wohl ſang auf dem Pfoſten die Meiſe traurig: „Es wird nicht gut enden! Es wird nicht gut enden!“; wohl flog die Elſter um den Burgberg herum und ſchrie: „Man wird anfangen! Man wird anſangen!“ == die fröhlichen Feſtgenoſſen wurden der Feinde dann erſt gewahr, als der See ſchon gänzlich abgefloſſen war. Der See aber wurde das Verhängnis der Herren ſelbſt; ſein Waſſer überſchwemmte ihr Lager, und Rettung ſuchend, zerſtreuten fie ſich, da fie nicht wußten, wohin ſie fliehen, was ſie ergreifen, wie ſie ſich retten ſollten. Da fielen auch noch die Waldleute mit großem Ungeſtüm über ſie her; ſie flohen, aber der größte Teil fiel unter den Schwertern der ergrimmten Leute des Waldes. Nur wenigen gelang es, aus den Sümpſen zu entkommen und den Liv- ländern zu melden wie es den Belagerern der Waldleute ergangen war. Die Sieger jubelten: „Wir haben die Herren zerſtampft wie in einem Mörſer!“ Die Herren aber erſchraken und hatten nicht den Mut, noch einmal gegen die Waldleute auszuziehen. Als dieſe ſahen, wie leicht es ihnen geworden war, die Herren zu beſiegen, gedachten ſie ihnen Livland zu entreißen und ihre Stammesgenoſſen zu befreien. Daher ſandten ſie Boten nach Livland und ſorderten alle auf, ſich gegen die Unterdrüer zu erheben. Die unterdrückten Livländer hatten aber nicht den Mut, ſich zu empören und ant- worteten: „Seht, die Herren haben in ihrem Leben ſehr viel ge- ſündigt. Wenn wir ſie aber im Kampfe erſchlagen, dann wird Gott ihnen ihre Sünden vergeben, aber die Sünden der Erſchlagenen auf uns laden. Dafür haben wir die ewige Verdammnis zu er- warten. Denn je ſchwerer es uns auf dieſer Welt geht, deſto größere Freude und Glü> werden wir in jener erlangen. Darum wollen wir unſer Kreuz mit Geduld tragen,“ Als die Waldleute ſolches hörten, ergrimmten ſie ſchre>lich, aber ſie gaben den Gedauken auſ, Livland den Herren zu entreißen, ſtellten mit der Zeit ihre Raubzüge ein und wurden zu friedlichen Landleuten. Wenn ſie jetzt ihrer einſtigen Thaten und Kämpfe mit den Herren gedenken, dann ſagen noch jeht die Waldleute, die Letten in Polniſch-Livland:
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236 Livländiſches Sagenbuch. „Vir allein ſind die echten Letten, die Livländer aber ſind bloß folche „Tſchuli“ und Schwächlinge!“ I. Krehölin, Latw, teikas is Maleenas. Herausg. von P. Behrſinſch, 1115 ff. 2350, Die Seeräuber. In der Zeit, da der lutheriſche (d. i. <riſtliche) Glaube auf- kam, waren die Dagioten noch Heiden. Der König von Schweden ſehte daher ſeine Unterthanen hierher, um die Schiffahrt vor den ſeeräuberiſchen Eſten zu ſchüßen, welche unter anderm in Spitham eine Niederlage hatten und in großen Kellern die geraubten Güter verwahrten. Da die Heiden alle Gefangenen als Knechte behielten oder als Sklaven verkauften, ſollten die Anſiedler zugleich den ſchiff- brüchigen ſchwediſchen Seeleuten zu Hilfe kommen. Deshalb wohnten ſonſt an der ganzen Küſte von Hohenholm auf Dagö bis Reval Schweden. Ruſwurm , Eibofolke, S. 79. == Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 50. 251. Hermann Barfh. Im Jahre 1201 mußte ſich die gute Stadt Lübeck, vom Reich verlaſſen, dem däniſchen König in die Hand geben. Dieſer ſette einen Vogt über ſie, einen ſtrengen Ritter, Herrn Hermann Barth. Nun war es harter Winter, daß die Pflaſterſteine froren, da ſah er eines Abends ein armes Weib mit ihrem Kinde auf der Straße elend liegen. Sie flehte ihn an, nicht für ſich, ſondern für ihr kleines Kind ; er aber ſagte barſch: „An fremden Kindern und Hunden verliert man Koſt, Arbeit und Mühe.“ Nun hatte er in der Nacht einen entſehlichen Traum mit Heulen und Zähneklappen. Erſchro>en ſtand er auf, weckte ſeine Diener und befahl ihnen, die Unglüclichen in ſein Haus zu holen. Da fand man ſie erfroren. Sein Ge- wiſſen aber ließ ihm keine Ruhe, bis er das Kreuz u Von Stund an legte er ſein Amt nieder und ging mit den Gottesrittern nach Livland, wo er Ordensmeiſter geworden ſein ſoll. Deee, Lübiſche Erſchien] und Sagen (Lüb. 185 Stadtblätter 1852, S. = Rig.
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Livländiſches Sagenbuch. 237 252, Indul und Nrri. Wer je die Landſtraße über Nigranden nach Libau in Kur- land paſſiert hat, wird ſich vecht gut das Kuilikaln zu erinnern wiſſen, au dem der Weg in mehreren Windungen zu einem Flüß- <en hinabführt, um ebenſo ſteil wieder CE val um dann wieder mit einigen nach Grobin hin, wieder abzufallen. Rechts 15 H auf der Höhe des Kuilikaln ſehen wir das rote Ziegeldach der Ambotenſchen Kirche hinter Bergen und Banmwipfeln hervorſchimmern. Wenn wir den kleinen Nebenweg dahin einſchlagen, ſo haucht uns bald die liebliche Friſche üppiger Wäldchen und im bunteſten Farben- ſchmud prangender Wieſen an. Allmählich jenkt ſich der Weg, an Thalrändern hinlauſend, in ein weites Been, das von hohen, wald- bekränzten Höhen eingeſchloſſen wird, und in deſſen Mitte ſich der Schloßberg mit dem Herrenhauſe und der Kirche erhebt. Dasſelbe Flüßchen, das wir am Fuße des Kuilikaln begrüßten, umfließt ihn von zwei Seiten und treibt, zu einem anmutigen Teiche geſtaut, eine Mühle am Fuße des Schloßberges. Das Herrenhaus oder das Schloß, wie es noch immer heißt, gehört einer jüngeren Zeit an. Nur ein alter Turm hat den vielen Kriegen, die unſer armes Hei jahrelang n, wil und bildet einen in die Augen ſpringenden Kontraſt mit dem Schloß „u jeinen um- lauſenden Gallerien, die eine herrliche Ausſicht auſ die umliegenden Höhen und das Thal geſtatten. Dieſes liebliche Thal nun, berichtet die Sage, war in alter, vorchriſtlicher Zeit der Sitz eines freien und tapferen Lettenſtammes unter wächtigen Fürſten. Damals ſchon krönte den Schloßberg eine ſtattliche Veſte, von der aus Fürſt Indul weit und breit zum Segen ſeiner Unterthanen herrſchte und manche Übergriffe Mindowes, ſeines mächtigen und gefür<teten Nachbars, und der deutſchen Ritter, die das Schloß Goldingen erbaut hatten, zurüfwies. Letten und Li- tauer erfannten nur zu jpät, welche Geſahren ihrer Freiheit durch die fremden Eindringlinge drohten. Nur zu ſpät ſchloſſen Indul und Mindowe gegen ſie Bündniſſe. Immer weiter und weiter drangen die fremden Ritter vor, jeden Widerſtand mit dem Schwerte niederwerfend. Ambotens Stunde hatte geſchlagen. Mutig rückte Indul den Deutſchen entgegen, nachdem er zu Mindowe um ſchleunige Hilſe geſandt hatte; mutig griffen die ſchlecht bewaſſneten Letten ihre Gegner an. Am Abend irrte der Reſt der geſchlagenen lettiſchen Helden zer- ſtreut in den Wäldern umher, = es war der Abend ihrer Freiheit.
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238 Livländiſches Sagenbuch. Mit Mühe nur war es Indul gelungen, ſich aus dem Ge- wühl der Schlacht zu retten. Der Schatten des Waldes entzog ihn ſeinen Verfolgern und ermüdet ſprang er vom Pferde, um aus- zuruhen. Alles hatte er verloren; die Leiche manches Freundes dete das Schlachtfeld ; das Schloß ſeiner Väter war ein Raub des Feindes geworden, und ſeine Unterthanen wurden mit Feuer und Schwert den alten Göttern, unter deren Schuß ſie von Gene- ration zu Generation gelebt hatten, entriſſen. Der Morgen graute, als Jndul aus ſeinem unruhigen Schlummer erwachte, in den ihn die Strapazen des vorhergehenden Tages verſenkt hatten. Pferde- gewieher entriß ihn ſeinem Brüten, auffpringend gewahrte er einen Ritter auf ſich zureiten. Seine Streitaxt ergreifend und ſich dem Feinde entgegenſtürzend, war er feft entſchloſſen, ſein Leben ſo teuer als möglich zu verkaufen. Auch der Ritter ſprang vom Pferde und griff ihn mit dem Schwerte an. Hieb auf Hieb wurde ge- führt und pariert, beider Schilde dröhnten von kräſtigen Hieben ; immer ausweichend und parierend drang Indul, durch keine Rüſtung gehindert, auf ſeinen Gegner ein. Mehr und mehr ſanken des Feindes Kräfte, der zurückweichend plößlich das Gleichgewicht verlor und zugleich, von einem kräftigen Hiebe Induls getroffen, mit ge- Fpaltenem Helm betäubt niederftürzte. Indul löſte die Schnallen des Helms und eine reiche Fülle dunkler Lo>en ſehte ihn nicht wenig in Erſtaunen; dieſe und die bleichen feinen Züge des ge- fallenen Feindes verrieten nur zu deutlich ſein Geſchlecht. Betroffen ſtaunte Indul ſie an, als ein leiſes Zu>en der Lippen die Wieder- fehr des Lebens der Schönen bezeugte. Waſſer aus dem nahen Quell belebte ſie raſch wieder. Verwirrt ſchlug ſie die Augen auf; die Gegenwart eines fremden Mannes, der ſich ſo eifrig um ſie befchäftigte, die Ahnung, ſich erkaunt zu ſehen, und die bedeu- tende Verlehung verwirrten den kräftigen Geift der Jungfrau. Wilde Fieberphantafieen durchtobten ihr Gehirn und nur mit Mühe gelang es Indul, die Schöne niederzuhalten, bis ſie erſchöpft in einen tiefen unruhigen Schlummer fank. Lange ſchwankte Indul, was er beginnen ſollte; ſollte er ſie allein, ferne von den Jhrigen und jeder Pflege, im Walde zurülaſſen, ſollte er ſie mitnehmen und vielleicht durch ſie, in ſeiner Flucht gehindert, ſeinen Verfolgern in die Hände fallen? Einen langen Kampf führten die Liebe zur Freiheit und Mitleid in ſeiner Bruſt; leteres ſiegte. Raſch entledigte er ſie des läſtigen Panzers, legte ſie auf eine Bahre aus Zweigen, die er zwiſchen beiden Pferden befeſtigt hatte und fehte ſeinen Weg auf den ſtillen, jſchweigſamen Waldpfaden fort. Dann und wann war ſeine ſchöne
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Livländiſches Sagenbuch. 239 Gefangene erwacht, um ein wenig Waſſer zu ſich zu nehmen und dann wieder in unruhigen, fieberhaften Schlaf zu verſinken. Die Sonne ſtand ſchon hoch im Mittag, als Indul eine Lichtung im Walde erreichte, in deren Mitte aus einem Wäldchen die Dächer eines ſtillen Gehöftes hervorſchimmerten. Als er die lange Gaſſe des Gehöftes betrat, begrüßte ihu das Gebell der wachſamen Haus- hunde. Ein paar freundliche Worte und munter bellend ſprangen die Rüden ihn erkennend um ihn her. Ein altes Mütterchen, durch das Hundegebell in die Thüre des Wohnhauſes gelo>t, begrüßte ehrerbietig den Fürſten. In der Kürze teilte er ihr die Begeben- heiten der leßten Tage mit. Manche Thräne, mancher Seufzer bebten auf den Lippen der umſtehenden Weiber und Mädchen, die ſich allmählich, den Fürſten erkennend, verſammelt hatten. Im Lager der Deutſchen herrſchte eine große Aufregung; die ſchöne Arri war verſchwunden, die ſchöne Arri, der Liebling der rauhen Kriegsmänner, die alle Gefahren und Mühſeligkeiten mit ihnen geteilt hatte, die aus Liebe zu ihrem Vater die ſtillen fried- lichen Auen am heimatlichen Rhein verlaſſen hatte. Boten kamen und gingen; traurig harrend ſaß der Vater oft tagelang im alten Stammſiß Juduls am Fenſter. Täglich ſchwand mehr und mehr vie Hoffnung dem treuen Vaterherzen, ſein geliebtes Kind je wieder- zuſehen. Mancher Ritter glanbte, ſie im Gewühl der Schlacht an ſeiner Seite geſehen zu haben, ſelbſt der Vater glaubte oft im dichteſten Gedränge des Kampfs einen Ritter auf weißem Zelter neben ſich geſehen zu haben, der, ſeinen Rücken vor tötlichen Hieben ſchüßend, ihn mehr als eimmal der drohendſten Todesgefahr entriß. Doch auch unter den Gefallenen war Arri nicht. Sie war und blieb verſchwunden. Wir verließen Arri und Judul vor der Thür des einſamen Waldgehöſtes. Liebevolle Pflege, die Ruhe der Umgebung, die Heiterkeit der Bewohner, die wieder nac< der Wiederkehr Puttriks mit ſeinen Söhnen in den kleinen Kreis eingezogen war, wirkten jo wohlthätig auf die Kranke, daß ſie in einigen Tagen ſchon das Haus verlaſſen konnte. Indul und Arri ſchweiſten unbelauſcht durch Wald und Wieſen; unbelauſcht hatten ſie ſich ihre Liebe ge- ſtanden. Natürlich konnte und mochte dies Verhältnis dem Hauſe kein Geheimnis bleiben; die Alte, Puttriks Mutter ſchüttelte wohl den Kopf, denn nichts Gutes hatte ihr Tilis, die Göttin der Weiber und Ehen, aus dieſer Verbindung für Indul im ux geoffenbart. Von Tage zu Tage erblühte Arri mehr und m« doch mit wiederkehrender Geſundheit wuchs auch die SIE
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240 Livländiſches Sagenbuch. nach den Ihrigen. Indul konnte die dadurch bewirkte Veränderung in ihrem Weſen nicht entgehen, und weit entfernt, ſie auch nur einen Augenbli> zurückhalten zu wollen, forderte er ſie vielmehr noch auf, den Zeitpunkt der Rückkehr zu ihrem Vater doch zu be- ſtimmen. In ſeinem und Puttriks Geleit konnte fie ungefährdet in zwei Tagen die Reiſe nach Amboten vollenden, von wo aus die Deutſchen noch immer Nachforſchungen nach Arri, die Indul feineswegs unbekannt blieben, anſtellten. Gleich an demſelben Tage waren alle Zurüſtungen getroffen, und der andere Morgen begrüßte unſer Paar unter Begleitung Puttriks und ſeiner Leute auf dem Wege nach Amboten. Ungefährdet kamen ſie auf den ſchattigen Waldpfaden am Abend des zweiten Tages vor Amboten an. Von allen Bewohnern freudig beglückwünſcht und begrüßt eilte Arri in die Arme ihres geliebten Vaters und geſtand ihm, nachdem der erſte Rauſch des Wiederſchens vorüber war, ihre Liebe zum armen heimatloſen Lettenfürſten. Einen langen Kampf koſtete es dem ſtolzen Sieger, die Hand ſeines einzigen Kindes dem geſchlagenen und gebannten Heiden zu geben, doch die Liebe zu Arri, ihre Thränen und Bitten brachen den Widerſtand des harten Mannes, und unter der Bedingung, daß Indul ſich taufen ließe, empfing dieſer die Hand des geliebten Mädchens. Puttrik eiferte heftig gegen die Taufe und wandte alle Mittel an, Indul den alten Göttern treu zu er- halten. Umſonſt malte er ihm die Macht und Herrlichkeit Perkuns, die nimmer ruhende Rache Korches, die Hinterliſt und Tüken Jods und die Ohnmacht des Chriſtengottes ; umſonſt erzählte er ihm die böſen Ahnungen und Träume, umſonſt malte er ihm das Elend und die Ki ft der in Sem- gallen und Livland. Indul, von Arris Reizen und glühender Leidenſchaft zu ihr hingeriſſen, blieb taub gegen alle Bitten, den Kampf gegen die Fremden wieder aufzunehmen. Er ließ ſich taufen und führte Arri bald darauf zum Altar. Traurig und gebrochen wohnte Puttrik der feierlichen Handlung bei und nur mit halbem Herzen konnte er an dem Glücke ſeines Fürſten und Kampfgenoſſen teilnehmen. Mindowe, dem Bundesgenoſſen Induls, war dieſe neue Bot- ſchaft raſch hinterbracht worden. Entrüſtet über deſſen Abfall, in der Hoffnung, den tapfern und mächtigen Indul durch eine Heirat an ſein Haus zu feſſeln, betrogen, rüſtete er mit doppeltem Eifer. Von weit und breit zogen kräftige, kampfgeübte Litauer zum Heere Mindowes herbei, das ſich in kleinen Tagemärſchen gegen Amboten bewegte. Immer neue Scharen ſchloſſen fich ihm an, unabſehbar
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Livländiſches Sagenbuch. 241 dehnte ſich der Zug in den Thälern und auf den Höhen hin. Sclachtlieder und Götterhymnen tönten von vielen tauſend Kehlen des Abends an den langen Reihen der Lagerfeuer hin. Ein mutiges, zahlreiches Heer führte Mindowe gegen den gefährlichen, drohenden Feind. An Juduls Hochzeitsabend leuchteten die Lagerfeuer der Litauer auf den Höhen um Amboten. Schre>en und Verwirrung bemächtigte ſich der kleinen Beſatung, als Kundſchafter die Nachricht von der fürchterlichen Übermacht der Litauer brachten. Nur Arris Vater verlor nicht die Beſinnung. Seine Mahnung zur Ruhe und Aus- dauer, ſowie feſtes Vertrauen auf Gottes Hilfe in der drohenden Gefahr beruhigte alle Gemüter. Seine raſchen, entſchiedeten Be- fehle und ſeine unerſchroene Haltung fachten den alten Mut und die alte Siegesgewißheit in den Herzen ſeiner Kampfgenoſſen an. An vielen Stellen der Burg wurden große Kuben mit Waſſer auf- geſtellt, um die Paliſadenwände, die die einzige Wehr der alten Lettenburgen bildeten, vor den feurigen Pfeilen der Feinde zu ſchüßen. Mit klopfendem Herzen, aber feſt entſchloſſen bis zum leten Mann auszuhalten, erwarteten die Deutſchen den anbrechenden Morgen. An eine litauiſche Gefangenſchaft dachten Deutſche und Letten mit gleichem Grauen, denn nur zu bekannt war ihnen das Schiſal ihrer Kameraden, die in früheren Kämpfen dieſen Heiden in die Hände gefallen waren. Trojtlos ging Indul umher, der ſonſt ſo mutige und entſchloſſene Mann fand kein Wort der Er- mutigung für ſeine Leute, denn die raſtloſen Zuflüſterungen Puttriks fanden ein nur zu offenes Ohr bei Judnl, der in dieſem Kriege nur die Rache der ſchwer beleidigten Götter ſah. Um jeden Preis, auch um den ſeines Lebens, mußten die zürnenden, verlaſſenen Götter wieder verſöhnt werden. Puttrik atmete anf, als er dieſen Plan vernahm und zollte ihm natürlich volle Billigung. Unbemerkt ſchlüpfte Indnl ins Freie, lautlos ſchlüpfte er im Schatten der Nacht und im Schuß überhängenden Gebüſch's an den litauiſchen Lagerwachen hin. Immer weiter führte ihn ſein Weg in eine eng verwachſene Thalſchlucht hinein; undurchdringliche Nacht umgab ihn und unheimlich knacten und rauſchten ſeine Schritte auf den dürren Blättern und Zweigen am Boden; endlich hielt er auf einem kleinen offenen Plate, dem Wilkulauks, einem dem Jods ge- heiligten Orte. Hier flehte Indul um Schuß, Hilfe und Gnade zu Jods, dem Gott der Unterwelt; immer brünſtiger wurde jein Flehen, mehr und mehr ſtieg ſeine Seelenangſt, zu immer ernenertem Flehen trieb ihn Bienemann, Sagenbuch. 16
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242 Livländiſches Sagenbuch. der Gedanke an Arri, ſein ſchöues junges Weib, bis er endlich, er- ſchöpſt von Angſt und Auſregung faſt beſinnungslos niederſank. Da hörte er ein dumpfes Rollen unter ſeinen Füßen, der Boden bebte, näher und lauter hörte er den Donner, ſtärker zitterte und bebte der Boden und plöhlich ſchoß eine breite Feuergarbe, zu den Gipfeln der Bäume aufzüngelnd, mit einem weit den Donner übertönenden Gekrach vor ihm aus dem Boden auf. Entſetzt prallte Indul zurück; mit ſteigendem Grauen ſah er, wie die Flamme, ſich allmählich ge- ſtaltend, die Formen einer rieſenmäßigen menſchlichen Figur annahm. Er ſchauderte und ſchloß die Augen. Als er ſie öffnete, ſtand Jods mit drohendem ernſtem Geſicht vor ihm. Mit harten Worten tadelte er Induls Abfall von ihm und den übrigen alten Göttern; doch verſprach er ihm zu verzeihen, wenn er gelobte, nie mehr ihnen untreu zu werden. Auch verſprach er ihm und der Beſaßung ſchleunige und wunderbare Hilſe. Ein leiſes Rauſchen, und die Göttererſcheinung löſte ſich in ein lichtes Wölkchen auf, das vom Morgenwinde getragen, in den hohen Baumwipfeln verſchwand. Die erſteu Strahlen der Morgenſonne zitterten auſ den thauigen Wipfeln der Bäume, als Jndul ſeinen Rückweg antrat. Von Zeit zu Zeit hörte er den fernen Donner, die mächtige Stinnne Perkuns, den Jods, der ſein Reich, die Oberwelt, betreten hatte, zum Kampfe herausfordernd. Dann und wann leuchteten grelle Bliße durch die dunfle, von der Morgenſonne noch nicht beſchienene Schlucht; näher rollte der Donner, ſchon fielen hier und da einige ſchwere Regen- tropfen, die Kundſchafter Perkuns, die er dem ſich verbergenden Jods nachſandte. Bevor noch Judul die Schlucht verlaſſen hatte, tobte ſchon der Gewitterſturm in den tauſendjährigen Wipfeln des Waldes, in Strömen ſtürzten Regen und Schloßen nieder, ſeurige Blitze lenchteten am dunklen Himmel und knatternd und praſſelnd hallte der Donner von Wald und Höhen wieder. Aber raſch und ſreudig ſehzte Judul ſeinen Weg ſort, denn die Götter hatten ihn erhört; der alte Mut war wieder in die Bruſt Induls zurü- gefehrt. Vergebens ſuchte Arri nach Indul, der ſich in der Stille aus der Burg entfernt hatte. Wie ein dunkles Geſpenſt ſchwebte ihr immer und immer wieder der ſchreliche Verdacht vor, daß Indul aus Angſt und Sorge um ſie fich den alten Göttern zugewandt habe. Das ruhige, faſt heitere Benehmen Puttriks beſtätigte ihn nur zu ſehr, Mit jeder Stunde ſtieg ihre Angſt; inbrünſtig betend kniete ſie vor dem Muttergottesbilde nieder, um durch den lindernden Balſam des Gebets ihr bang klopfendes Herz zu beruhigen. Der
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Livländiſches Sagenbuch. 243 Morgen graute und Jndul war noch immer nicht zurück. Selbſt Puttrif wurde unruhig; den ungeſtümen Bitten um Auskunft über Judul und ſeiner innigen und aufrichtigen Anhänglichkeit zum werten Waffengenoſſen und Fürſten nachgebend, rüſtete er ſich, um in Begleitung Arris den Weg zum Wilkulaufs einzuſchlagen. Schon rollte der Donner dumpf und ſeierlich am Firmament, fahle Blitze zuten und blendeten die raſch und geräuſchlos an den Lager- wachen der Litauer Dahingleitenden; große Regentropfen raffelten auf die vom Sturm gepeitſchten Gebüſche nieder, als Arri und Puttrik aus dem Schatten des Gebüſches hervortretend, Indul, vor dem Unwetter Schutz ſuchend, einer mächtigen, hundertjährigen Linde zueilen ſahen. Arri und Puttrik lenkten dahin ihre Schritte, und entzückt fanfen ſich die beiden Gatten an die Bruft. Vieles hatten fie fich zu vertrauen, zu ſragen, zu bekennen, doch der Augenbli> des Wiederſchens wirkte zu mächtig, zu überwältigend auf ſie, als daß an ſolche Dinge, die der Sphäre ruhiger Beſonnenheit ange- hörten, gedacht werden fonnte. Wie das wild aufgeregte Meer nach einem Orkan lauter ſeine Wogen, wenn auch von leichten Winden umfächelt, gegen die Küſte donnert, ſo wallte Jnduls Herz auſ, als er ſein Weib in die Arme ſchloß. Zum zweiten Male hatte er um ſie gefämpſt, die Rache der Götter hatte er in Gnade und Rettung umgewandelt. Glüliche, fchöne Jahre träumte Indul an ihrer Seite noch zu erleben; da plöhlich lenchtete es im Gipfel der Linde, ſie krachte, ſtürzte, und getroffen vom Bliß ſanken Arri und Judul tot nieder. Beide hatte der Bliß getroffen und ſie einer fchöneren Welt, einer Welt der Freude und des Friedens, zugeführt. Entſcht ſtarrte Puttrik auf die Leichen, und nur die Rache der Götter in dieſem Unglüc> ſehend, floh er ſchleunig in den Wald, um nie mehr dieſes Unglüc>sthal zu betreten. Vom Lager der Litauer aus war der Tod JInduls geſehen worden. Freudig begrüßten fie ihn als Akt der gerechten Rache Perkuns an dem treuloſen abgefallenen Fürſten. Mit wachſender Siegeshoffnung führte Mindowe ſeine Scharen ins Thal; rund um die bange ſchweigſame Feſte ertönten die Siegeslieder der Feinde. Reihe auf Reihe verſtärkte die den Schloßberg heranklimmenden Feinde, ſelbſt Mindowe beſand fich unter der Schar der Stürmenden. Mit jeder Minute ftieg die Gefahr der Belagerten; wie dem Tode geweihte Schlachtopfer ſtanden Ritter und Knappen auf den Bruſt- wehren, feſt entſchloſſen, nur über ihre Leichen ſollte der Feind den Weg in die Burg finden. Da plößlich bebte der Boden; mit Staunen und Entſegen ſahen Freund und Feind das Füßchen zum
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244 Livländiſches Sagenbuch. mächtigen Strom anſchwellen; die Erde ſchien ihre Schleuſen zu öffnen, in Strömen ſtürzten die Gießbäche von den Höhen, mit Grauen ſahen ſie ungehenere Maſſen von Steinen und Erde unter- halb der Burg ſich zu einem mächtigen Walle unter donnerähnlichem Geräuſch anhäufen. Ohnmächtig ſchäumte und brandete die auf- geregte Regenflut gegen dieſen an, und ehe noch die Litauer an eine Flucht auf die Höhen denken konnten, ſpülten die zum See angewachſenen Wogen des Flüßchens über ſie hin und begruben Roß und Reiter in ihren ſchmußigen Wellen. Nur mit Mühe rettete Mindowe ſich ans Land, um in eiliger Flucht mit den geringen Überreſten zurüfzukehren, und um in die Heimat die Nachricht von dem ſchrelichen Untergang ſeines ſtattlichen Heeres zu bringen. Allmählich ſpülten die Wogen ſich einen Durchgang, und noch jetzt zeigt man den Berg, der nach der Sage der Wall ſein ſoll, durch den Jods, die Waſſer des Thals zum See um die Burg ſtauend, die verſprochene Hilfe und Rettung, ſeinem Worte getren, Chriſten und Heiden brachte. Inland 1859, Sp. 615 ff. (aus dem Munde einer Bäuerin). Vgl. die Anm. am Schluß: „Sollten einige Facta - nicht mit der von Mirbach in ſeinen kur. Briefen überlieferten Sagen überein- ſtimmen, jo bitte ich es nicht auf Rechnung meiner Phantaſie zu ſchreiben.“ =- Mirbach, Briefe v. u. nach Kurland 11, 300, =- Rig. Almanach 1861, S. 13 (in Verſen). =- Adolphi's Poet. Nachlaß. (Riga 1877) S. 148 |. 253. Die Rigaſche Jungfrau auf Rügen. Dicht bei Stubbenkammer auf Rügen erhebt fich am Strande des Meeres der Waſchſtein. In einer Höhle unter demſelben hat vor Zeiten der berüchtigte Seeräuber Störtebeker feine Niederlage gehabt ; dorthin zog er, um von ſeinen Räubereien auszuruhen mit ſeiner Bande, die im Lande den Namen der Vitalieunbrüder hatte; dort verbarg er ſeine großen geraubten Schäte. Dieſer Zufluchts- ort war allen ſeinen Verfolgern unbekannt und er war deshalb in ihm ſicher vor Verfolgung. In dieſer Höhle iſt es noch jeht nicht geheuer und man trifft allnächtlich um Mitternacht einen ſeltſamen Spuk darin. Jnsbe- ſondere ſicht man oſt eine trauernde Jungfran daraus hervorkommen mit einem blutigen Tuche in der Hand. Mit demſelben begiebt ſie fich an das Waſſer, um die Blutſle>en herauszuwaſchen. Aber dies will ihr nicht gelingen und ſie geht dann ſenfzend in die dnnkele Höhle zurück. Von dieſer Jungfran erzählt man, daß ſie ein vor-
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Lipländiſches Sagenbuch. 245 nehmes Fräulein aus Riga geweſen iſt. Die hat Störtebeker ein- mal auf einem Ranbzuge nach Livland gefangen und mit ſich weg- geführt, gerade als ſie ihrem Bräutigam ſollte angetraut werden. Der Ordensmeiſter hat ihn zwar mit vielen Schiffen verſolgt, ihn aber nicht einholen können. Darauf hat Störtebeker ſie in die Höhle am Waſchſtein gebracht und wie er wieder zu einem neuen Zuge in See gegangen, hat er ſie darin ſamt allen ſeinen geraubten Schäpen eingeſchloſſen. Von dieſem Zuge iſt er aber nicht wieder heimgekehrt; denn es war im Jahre 1402 und in dieſem ſelbigen Jahre wurde er mit 711 ſeiner Spießgeſellen von den Hamburgern nach einem blutigen Treffen eingefangen und nach Hamburg gebracht, wo ſie ſämtlich hingerichtet wurden. Die Jung- frau mußte darauf, weil niemand ſie beſreien konnte, in der Höhle am Waſchſtein einen ſchrecklichen Tod ſterben und ſie hat noch immer bei den Schäßen, die ſie bewacht, keine Ruhe finden können. Vor vielen Jahren ſah einmal ein Fiſcher, wie ſie unten am Waſchſtein ſtand und das blutige Tuch vergebens ins Meer ein- tauchte und vergebens die Blutſle>en herauszuringen ſuchte. Er faßte ſich ein Herz und ruderte näher zu ihr hin und redete ſie an mit den Worten: „Gott helf, ſchöne Jungfrau! Was machſt du ſo ſpät hier noch allein ?“ Die Jungſran verſchwand darauf ; aber der Fiſcher war wie von einer Zauberei befangen, ſo daß er nicht von der Stelle kounte. Und wie nun Mitternacht kam, da jah er die Jungfrau wieder ; ſie trat zwiſchen den Kreidefelſen her- vor auf ihn zu und ſprach zu ihm: „Weil du Gott helf zu mir geſprochen, ſo iſt dein Glü> gemacht ; folge mir nach!" Damit kehrte ſie zwiſchen die Felſen zurü und er folgte ihr in eine große, weite Höhle, die er vorher noch nicht geſehen. Darin lagen un- ermeßliche Haufen von Silber, Gold, Edelſteinen und Koſtbarkeiten aller Art. Wie der Fiſcher die noch überſchaute, ſo hörte er auf einmal auf der See Ruderſchlag und als er ſich danach umblicte, da ſah er ein großes ſchwarzes Schiff nahen; aus dem ſtiegen an die tauſend Männer, alle in dunkler alter Tracht und alle das Haupt unter dem Arme tragend. Die ſchritten ſtill und ohne ein Wort zu ſprechen in die Höhle hinein und fingen an in den ge- raubten Schäßen zu wühlen und ſie zu zählen. Das waren die Geiſter des geköpſten Störtebeker und ſeiner Genoſſen ; ſie kommen jede Nacht ſo dahin und zählen ihren Raub, ob er noc< vorhanden iſt. Nachdem ſie lange in dem Golde herumgewühlt hatten, ver- ſchwanden ſie alle wieder ; und nun füllte die Jungfrau dem Fiſcher einen Krug mit Gold und Edelſteinen, daß er zeitlebens der Reich-
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246 Livländiſche8s Sagenbuch. tümer genug hatte. Darauf geleitete ſie ihn zu ſeinem Schiffe zu- rü und als er ſich wieder nach ihr umſah, war ſie zuſamt der Höhle verſchwunden. Temme, Volksjagen von Pommern u. Rügen. S. 248 |. -- Lapſt im Inland 1852, Sp. 641, vgl. daſ, die weitere Litte- ratur. == Über die Bedeutung der Vitalienbrüder für Livland, vgl. Schiemann, Archivatiſche Studien, S. 3 ff. 254. Die Seeräuber auf Worms. Vorzeiten lebten auf der Oſtſee grimmige Seeräuber, die man Mönche (Munkar) nannte. Sie waren furchtbar groß, hatten ſchre>- liche Geſichter mit langen Naſen und eine donnernde grobe Stimme; auch konnten ſie durch den Geruch Menſchen ausſpüren und wenn ſie Chriſtenmenſchen in ihre Gewalt bekamen, jo brieten ſie das Fleiſch und fraßen es. Auch raubten ſie junge Mädchen und Weiber, die ſie in fremde Länder verkauften. Deshalb waren an allen Ufern die Menſchen in großer Furcht vor ihnen und wenn ſie ihre Schiffe entdeften, jo verhängten ſie die Fenſter oder flüchteten in die Wälder. Einſt landeten ſie auf Worms und ſchleppten ein junges Weib aus Gerdes Geſinde in Rälby fort. Der Mann, dem ſie zwei Kinder hinterließ, war untröſtlich, mußte ſich aber nach Verfluß einiger Zeit entſchließen, der Kinder wegen aufs neue zu heiraten. Die Geraubte, die wohl zum Verkauf beſtimmt war, wurde übrigens auf dem Schiffe nicht ſchlecht behandelt, bekam ſüße Milch und Wallnüſſe zu eſſen, doch verſtand ſie nicht8 von dem, was die Räuber ſprachen und wurde von Sehnſucht nach der Heimat verzehrt. End- lich nach etwa drei Jahren landeten die Mönche bei einer Stadt und erlaubten auch ihr, ans Land zu gehen, welche Erlaubnis ſie ſogleich benußte, um ſich in Freiheit zu ſehen. Um aber den Spür- najen der Räuber zu entgehen, bettelte ſie ein Cülmit Salz zu- ſammen und ſtreute es auf den Weg. Glücklich fand ſie den Weg nach Hauſe und als ſie ans Ufer von Worms kam, jang ſie voller Freude ein Dauflied. Der Mann hörte den Geſang und rief voll Verwunderung : „Herr Gott, das iſt ja unſerer Marri Stimme!“ Mit der größten Freude wurde die Verlorengeglaubte empfangen und ihre beiden Kinder liefen ihr mit Jubel entgegen. Doch die neue Heirat drohte den Frieden zu ſtören. Die Wiedergefundene erklärte zwar, er möge doch die andere Frau behalten, indeſſen legte er doch dieſer ein Rätſel vor: „I< hatte meinen guten Kaſten-
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Livländiſches Sagenbuch. 247 ſchlüſſel verloren und ließ mir einen neuen machen, der mir nicht ganz nach dem Sinne war. Nach einiger Zeit fand ich den alten wieder. Welchen ſoll ich behalten ?" Sie antwortete: „Ic<h würde den alten wiedernehmen !“ „Gut," erwiderte er, „du haft dein eigenes Urteil geſprochen !“ entließ ſie und nahm ſeine alte Frau wieder. E Rußwurm, Eibofolke 8 393, 6. =- Derſ. Sagen a. Hapſal, S. 31, =- 255. Die Belagerung Veuhauſens. Der Großfürſt von Moskau ſelbſt belagerte mit einer Armee von 300 000 Mann Neuhauſen. Als der Befehlshaber des Schloſſes nach langer heldenmütiger Gegenwehr ſchon verzweifelte, die Feſtung länger behaupten zu können und ſeinen und der Beſatzung ſchmäh- lichen Tod vor Augen fah, hat er an einem Freitag fich vor dem Altar auf die Knie geworfen, die ganze Nacht in den inbrünſtigſten Gebeten verbracht und gefleht, Gott möge ein Wunder thun, um den Ort zu entſehen. Mit Sonnenaufgang, da die Ruſſen fich ſchon die Eroberung als unfehlbar vorgeſtellt und bereits Sturm zu laufen begonnen hatten, hat er feinen Bogen genommen und aus dem Burg- fenſter einen Pfeil auf die Stärmenden abgeſchoſfen, damit aber ge- rade den Großfürſten felbſt getroffen und ihm das Herz durchbohrt, worauf das geſamte rufſiſche Heer in die größte Beſtürzung geraten iſt, unverzüglich die Belagerung aufgehoben und mit der Leiche des Großfürſten ſich nach Moskau zurückbegeben hat. (Der Gewährs- mann Bredenbachs, der Dörptifſche Domherr Dr. Philipp Olmen hat ſelber auch noch den merkwürdigen Köcher geſehen, der zum Andenken am Altar des Doms zu Dorpat aufgehängt gewefen, und erſt nach der Eroberung diefer Stadt durch Zar Joann Waffſil- jewitſch auf deſſen Beſehl abgenommen und nach Moskau gebracht worden iſt). Nach Tilemann Vredenbach, Arndt, Lin. Chron. 11, 3. Hupel, Rig. u. Rev. Statth., ewis, Denkmäler der Boreit 1 X =< Stavenhagen, Alb. balt. Anf, 11. Neuhaufen, Belagerung fand 1370 ſtatt, doch war der Groß- für elbſt icht dabei. ==
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243 Livländiſches Sagenbuch. 256. Des YVrdensmeiſters Sifrid Lander von Spanheim Tod. Im Jahre 1424, des Montags nach Mittfaſten*), ſtarb di Meiſter von Livland, Sivert von Spanheim, in wunderlicher Wei als er geladen ward vor den Richtſtuhl Chriſti. Nämlich zu der Zeit war in Livland ein friſchlicher Kauf- mann, liebgehabt von allen Lenten, geheißen Marqnard Clemgouwe, geboren von Lübe>d. Dem wollte der vorgenannte Meiſter geben zur Ehe eine berüchtigte Frau und, als man ſagte, ſeine Konku- bine. Als nun Marquard die nicht nehmen wollte um Schande willen, da verklagte ihu dieſelbe Frau, Odele genannt, vor demſelben Meiſter und legte ihm Dieberei fälſchlich zu; denn da ſie ſah, daß er ſie verſchmähete, da erdachte ſie dieſe Lüge auf ihn. So ließ der Meiſter zuhand greifen den Kaufmann und ließ ihn binden und gefangen legen, und wiewohl daß ſich der Kaufmann redlich unſchuldigete und ſeine Unſchuld klärlich beweiſete und darzu viele gute Leute für ihn baten, doc< ja ward der Mut des Meiſters nicht gewandelt, ſondern er richtete ihn ungerecht zum Galgen. Alſo da Marquard ſtund bei dem Galgen und mußte ſterben, da rief er lauter Stimme, daß das alles Volk hörte und viele Leute darvon weinten, und ſprach: „Nachdemmale daß ich vou dieſem irdiſchen Richter mit Un- rechte bin verurteilt zu dem hohnlichen Tode, ſo beſcheide ich mein Recht vor den ewigen, wahren Richter und lade vor ſeinen Richt- ſtuhl den ungerechten Richter Sivert von Spanheim, den Meiſter von Livland, daß er an dem dreizehnten Tage dar komme und höre ein wahr und ein gerecht Urteil!“ Da er das geſagt hatte, da ward er gehängt und ſtarb. Und Meiſter Sivert kehrete ſich nicht an die Ladung, vielmehr er blieb bei ſeinem Sinne. Jedoch als der dreizehnte Tag kam, und der Meiſter lag in ſeinem Bette, da ward er haſtig ſiech, und als die Knechte zu ihm kamen, da ſagte er mit bebender Stimme: „Bittet alle Gott für mich; denn ich muß allzuhand von hier und ſehe den, der mich geladen hat, und hier iſt keine Hoff- nung des Lebens.“ == Alſo verkehrte er ſeine Augen und Angeſicht und ſtarb. Darnach in Kurzem ward dasſelbe quade Weib angeſprochen um Dieberei willen, die ſie wahrlich gethan hatte. Aber ſie ward verbürgt zu Rechte, und noch vor der Zeit des Gerichts ließ ſie *) Wohl richtiger Montag vor Mittfaſten, 27. März. (?)
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Livländiſches Sagenbuch. 249 ſich ſcheeren als einen Schüler und ward heimlich zu Pferde weg- geführt in Preußen. Herm. Corner's Chron. novella, Dann auchbeianderen Chroniſten. =- Pabſt, Bunte Bilder 1, 2. =- Inland 1851, Sp. 6! Stadtbll. 1816 S. 141 ff; 1855 S. 231 ff. => Vgl. Didebrans, Livl, Urkb., Bd. V11., Einl, S. X1V, Anm, 1, u. Amelung, Balt. Kulturſtudien, Bd. 1, 144 F. 257. Die Sprengung Fellins. In alter Kriegszeit, erzählt die Volksſage, wurden die Mauern des Schloſſes Fellin untergraben und Pulver hingethan, um es in die Luft zu ſprengen, Ein Mann legte die wachsgeträukte Zünd- ſchnur an, entzündete ſie und ritt dann ſelbſt ſo raſch, als das Pferd laufen konnte, davon. Schon war er beim Gute Perſt an- gekommen, als die Funken der Zündſchunr das Pulver erreichten und alles in die Luft flog. Ein Mauerſtük aber flog dem Manne bis nach Perſt nach, fiel ihm gerade auf den Kopf und ſchlug ihn auf der Stelle tot. Dieſes Mauerſtüs ſoll noch vor kurzem, in der Erde auf ſeiner Kante ſtehend, zu ſehen geweſen ſein. =“ Andere aber erzählen, daß der Mann in einer Kutſche bis zum kerſelſchen Kruge gefahren war, der von Fellin zwölf Werſt entfernt iſt, und dort habe das nachgeflogene Mauerſtü> ihn erſchlagen. I. Jung, Sakala maa (-Kodu-maalt Nr. 7. Dorp. 1878) S. 61. == 258. Die Belagerung Bapfſals. Vor vielen Jahren wurde das feſte Schloß Hapſal vom Feinde belagert, doch widerſtand die Beſahung den Feinden ſieben Jahre lang. Durch einen unterirdiſchen Gang, der unter der See hin- durch nach Neuenhoff führte, wurden die tapferen Kämpfer hin und wieder durch Lebensmittel und Kriegsmunition unterſtüht, doch war der Zugang gefährlich, denn grade in der Nähe von Neuenhoff*) +) Andere laſſen den Gang nach Weißenfeld, Röthel (vgl. Nr. 151) oder Jeſſe führen. Solche unterirdiſche Gänge ſchreibt die Sage auch anderen Orten zu; ſo erzählt man von einem Gang vom Schloß Arensburg bis zum loſter Karmel; vom Dorpater Dom bis zum Kloſter Falkenau; von Schloß Goldingen unter der Windau durch bis ans andere Ufer; von Reval nach Kloſter Brigitten (vgl. Nr. 159); von Weißenſtein bis Müntenhof (vgl. Nr. 262); von Wenden bis Arraſch; von Bauske bis Bornsmünde oder gar bis Mejothen; von Edwahlen unter dem Fluſſe dnrch zu einer Kirche und wohl auch noc< von anderen.
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250 Livländiſches Sagenbuch. ſtand das feindliche Lager. Daher gerieten die Belagerten in die größte Hungersnot. Die Polen aber litten auch Mangel und ſchickten einen Spion ab, um zu erkunden, ob das Schloß ſich noch lange werde halten können. Dieſer Plan wurde dem Kommandanten des Schloſſes verraten; daher ließ er ans den lezten Reſten der vorhandenen Gerſte ſtarkes Bier brauen, und befahl, dem einzigen noch übrig gebliebenen Ochſen davon zu ſaufen zu geben, ſoviel er wolle. Dann wurde derſelbe überall innerhalb der äußern Ring- mauer umher geſührt und zum Brüllen gereizt, ſo daß der Kund- ſchaſter an den verſchiedenſten Stellen dies Lebenszeichen vernahm und auch die Bierkufen ſah, die man auſ der Mauer dem Feinde zur Schau ausgeſtellt hatte. So berichtete er dann dem Heer- führer, es ſei in der Feſtung noch hinreichender Vorrat an Fleiſch und Korn, daher an eine baldige Ergebung nicht zu denken ſei. Dies bewog die Feinde, das Lager abzubrechen, die Belagerung aufzuheben und von dannen zu ziehen. Rußwurm, Eibofolke 8 397, 1. Aus Hapfal, Nus u. Taibel, deutſch, ſchwed, eſtn. =- Derſ. im Zlluſtr. Revaler Almanach 1856, 37. == Rußwurm, Sagen aus Hapſal S. 3, =- Rußwurm, agen a. der Wiel, S. 29. Nennt die Polen als Fei Eſiwanemate warandus S. Rußwurm, Schloß Hapfal S. 76. Val. daſ. die Anm. =- Eiſen, 3. = Vergl. Nr 239. = 259. Die Reigentänze u Pebalg. Als der rigiſche Erzbiſchof Markgraf Wilhelm von Branden- burg, der nicht nur zum Prieſter und Erzbiſchof nicht eingeweiht worden, ſondern auch ein ſchier weltlich Leben geführt und ein Liebhaber von Trinkgelagen, Tänzen und andern Narreteidingen geweſen, ſich einsmals zu Pebalg auf ſeinem Schloſſe befunden und ſehr viele edle Gäſte, jowohl Herren als Frauen, bei ſich gehabt, da hat der Markgraſ, welcher ſchon in der heiterſten Stimmung war, gegen Abend vor Sonnenuntergang in eigener Perſon den Reigentanz mit einer gewiſſen vornehmen Frau, der Dame von Pürtkel, eröffnet, denen etliche zwanzig Paare von Edelen und Höſlingen geſolgt ſind. Siehe da, auf dem runden und hochragenden Berge, ſo dem Schloſſe gegenübergelegen und vorzeiten eine Feſte der Letten geweſen iſt, auſ dem erblikt man andere Reigentänze, doch ganz in demſelben Habit, == dieſelben Perſonen, dieſelbe Muſik, wie fie der Erzbiſchof in ſeinem Schloß hatte! Solches Spektakulum ward dem Markgraſen ans einem Feuſter ſeines
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Livländiſches Sagenbuch. 251 Palaſtes gewieſen. Und da er vermerkte, daß er von wegen ſeiner Narreteidinge vom Satan geäfft würde, hat er geſprochen: „Laſſe man den Böſen! Nach ſo viel jammervoller Pein will er auch mal ein bißchen luſtig ſein!“ Fabricius S. 105, == Inland 1851, Sp. 383. -- Pabſt, Bunte Bilder 1, 97, = Rußwurm, Sagen a. der Wiek, S. 126 Anm. 260. Die Hinrichtung des Grafen von Urhe. Als der Graf Johann von Arhe auf dem Schloſſe Helmet von ſeinen eigenen Leuten feſtgenommen und alsdann an den Herzog von Kurland nach Riga ausgeliefert, daſelbſt Mittwochs vor Weih- nachten 1563 wegen ſeiner Unterhandlungen mit dem Moskowiter erbarmungslo8 und ſcheußlich hingerichtet wurde, da ſind viele Zeichen geſchehen. Ein Ratsherr, Vincent Claudorff, ſieht, daß er eines ſo erbärmlichen Todes ſterben muß, geht nach Hauſe, legt den Roc> ab und bleibt ſofort tot. Eine Frau geht auf den Boden die Marter anzuſchen, wie er auf einen Wagen gebunden die Gaſſen entlang geführt und mit heißen Zangen geriſſen wird, fällt von oben herunter und ſtirbt. Ein undeutſcher Bauer ſicht auch die ſchreliche Exekution an, ſchlägt ein Meſſer in ſeine Bruſt und ſtirbt. Des Büttels Knecht, der die Kohlen angeblaſen, die Zangen zu heizen, ſteigt nach geſchehener Exekution vom Wagen, legt den Kopf auf den Blaſebalg und ſtirbt zur Stunde, Aber auch die Verräter des Grafen, die ihn gefangen genommen, haben mehren- teils ein bös Ende genommen; eßliche von ihnen ſind bald darauf ſtokblind geworden. Wie wunderbar ſind doch die Gerichte des Herrn! Nach Nyenſtedt, Livl. Chron. Alon. Liv. 11, 66. => Feiern Mitauiſche Mon: ſchriſt 1784, 2, Quart. S. 263 ff. =- Pabſt Inland 1852, Sp. 88, =- Jn Verſen von N. Bltindne)r (Duſſe) im Inland 1847, Sp. 505. 261. Herzog Magnus. Der Biſchof Johann von Münchhauſen verkaufte ſeine Bis- tümer Oeſel und Kurland dem König Friedrich Il. von Dänemark, der die Verwaltung ſeinem Bruder, dem Herzog Magnus von Hol- ſtein überließ. Magnus war der Sohn Chriſtians II]. von Däne-
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252 Livländiſches Sagenbuch. mark. Seine Eltern waren beide Katholiken, denn damals herrſchten noch nicht die Irrtümer der lutheriſchen Kehereien wie ſpäter. Seine Mutter, die Königin, war eine fromme, gottergebene Frau. Gleich nach ihrer Niederkunft fragte ſie die Hebamme nach dem Geſchlecht und Ausſchen des Kindes. Dieſe berichtete ihr, das Kind ſei un- geheuerlich und ſchrelich anzuſchen, geſchlecht8lo8, habe nur ein Auge und der eine Fuß ſei einem Gäuſefuß ähnlich. Die Mutter erſchraf und da ſie vorausſah, daß ſolch ein Ungetüm nur ein Ab- ſchaum der Menſchheit werden könne, befahl ſie, es ins Meer zu werfen. Die Großen des Reichs aber ſtinunten dieſem Entſchluß nicht bei, ſondern gaben den Rat, das Kind einer Amme zu über- geben und das weitere Gott anheimzuſtellen. Ungern gab die Königin ihnen nach und befahl, wenn ſie ſich gleich wenig Troſt und Freude verſprach, das Kind aufzuziehen. Einige Jahre ſpäter gebar ſie zu größerer Freude einen andern Sohn, namens Friedrich. Als nach dem Tode der Eltern die Söhne herangewachſen waren, wieſen die Reichsſtände einſtimmig den älteren Bruder, der als ein Scheuſal der Natur für den Thron nicht geeignet ſei, von der Regierung zurück und wählten Friedrich Il, der ſeinem Bruder die Bistümer Oeſel und Kurland erwarb. Magnus kam nach Livland*), verband fich mit Jwan von Rußland, wurde König des Landes, nachher aber verjagt und zog ſich nach Semgallen zurück, wo er ſich dem Freſſen und Saufen und aller Schwelgerei ergab, bis er zuleßt, von ſeinen Freunden verlaſſen, in Elend und Not ſein Leben be- ſchließen mußte*). Nach Fabricius S. 116. = Inland 1851, Sp. 493. = Ruß- wurm, Sagen a. der Wiek, S. 7: 262, Der Scijaß und die Belagerung von Weißenſtein. Vor mehr als dreihundert Jahren wohnte in Weißenſtein in Eſtland ein ſehr reicher Schloßkommandaut, der ganze Tonnen voll Gold und Silber beſaß. Wenn er ausging, pflegte er ſich eine goldene Kette umzulegen, die vierzig Pfund ſchwer und ſo lang war, daß die Diener ſie tragen mußten, wie man mancher hoch- gebornen Dame die Schleppe nachträgt. Von dem Reichtum und in Pilten.
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Livländiſches Sagenbuch. 253 dem Vermögen des Schloßhauptmanns wurde überall in Eſtland geſprochen. Als nun der ruſſiſche Großfürſt Eſtland mit Krieg überzog, hörte auch er davon ; das war für ihn ein ſüßer Le>er- biſſen. Mit hunderttauſend Mann zog er vor Weißenſtein, um die Stadt zu erobern und den Schaß ſich anzueignen. So groß aber ſeine Macht auch war, er konnte Weißenſtein nichts anhaben. Dies hatte tiefe Gräben und hohe Manern rundum, hinter denen die Stadtbewohner nichts fürchteten. Die Ruſſen konnten ihr großes Kriegsheer überhaupt nicht ins Feuer ſchien, denn von drei Seiten war das Schloß auch von Moraſt umgeben, durch den die Feinde nicht hindurch konnten. Die Bewohner der Stadt lachten über die Belagerer und fügten ihnen, die keinen Schuß hatten, ſehr viel Schaden zu. Die Wut des ruſſiſchen Herrſchers war ſchre>lich groß; er ſchwor, daß er Weißenſtein nicht eher verlaſſen wolle, als bis er es erobert habe und wenn es auch ſieben Jahre dauern ſollte. Er umzingelte die Stadt nun ſo, daß keine lebendige Seele hinein- kommen founte. Denn ſo wollte er die Bewohner durch Hunger zur Unterwerfung zwingen. Der Schloßhauptmann kümmerte ſich nicht darum. Vom Schloſſe führte ein unterirdiſcher Gang bis zum Gute Müntenhof, woher man immerwährend neue Proviſion ins Schloß brachte, ſo daß die Einwohner keinen Mangel litten. Ein ganzes Jahr dauerte die Belagerung, Die Ruſſen hätten end- lich ſicherlich leer abziehen müſſen, wenn ſie nicht ein altes Weib gefangen und dieſe ſo lange geprügelt hätten, bis ſie eingeſtand, daß von der Stadt ein unterirdiſcher Gang nach Müntenhof führe, von wo man die Stadt mit Proviant verſorge. Sogleich ſchickte nun der ruſſiſche Fürſt eine Menge Kriegsleute nach Müntenhof, um dies Gut zu bewachen und zu verhindern, daß irgend etwas in die Stadt gebracht werde. Jett entſtand in Weißenſtein große Not ; die Lebensmittel gingen zu Ende und neue konnte man nicht mehr erlangen, weil die Feinde vor der Öffnung des Ganges ſtanden. Da beſchloß der Kommandant endlich, ſich zu ergeben. Doch wollte er ſeinen großen Schatz den Ruſſen nicht überlaſſen, ſondern ver- grub alles. Als nun Schloß und Stadt in der Ruſſen Hände fielen, war deren erſtes Verlangen, den Ort zu wiſſen, wo des Hauptmanns Schat verſteckt ſei. Dieſer aber geſtand es nicht ein. Da er es gutwillig nicht that, ſo wollte man ihn dazu zwingen : Man ſtete ihn in einen großen Keſſel mit Öl und erhitzte dieſes dann; aber ſo ſchre>liche Schmerzen der Hauptmann auch erdulden mußte, er geſtand den Ruſſen doch nicht ein, wo er ſein Gold und Silber vergraben hatte. Und noch heute ruht der Schaß in der
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254 Livländiſches Sagenbuch, Erde. Alljährlich aber in der Neujahrönacht erſcheint eine weiße Geſtalt und ſordert die Menſchen, die zuſällig in der Nähe weilen, auf, den Schaß aus der Erde zu heben. Aber noch niemand hat n Mut gehabt, der Aufforderung Boge zu leiſten. Viele haben doch d Schaß hat noch keiner gefunden. Eiſen, Eſiwanemate warandus, [5 ff. =- Ganz kurz wird der GE auch erwähnt | Savona Al balt. Anſ, Ill, Weißen- ſtein = W. wurde 1560 acht Wochen lang vergeblich von den Rufen belagert, und von Caöpar von Oldenbokum rühmlich verteidigt. Erobert wird es 1573 und der Statthalter Hans Boje nebft vielen anderen, wie Ruſſow erzählt, lebendig an einen Spieß gebunden und zu Tode gebraten. == Vgl. Nr. 258 263. Die Zerſtörung der Burg von Rlf-Pebalg. Ein ſchrelicher Krieg brach über Livland herein; in un- zähligen Schaaren erſchienen die Feinde bei der Burg von Alt- Pebalg und wollten die Mauern durchbrechen, == doch umſonſt; denn jede Kugel, welche die Mauern traſ, prallte von ihnen zurück. Lange mühten ſich ſo die Feinde vergeblich ab und zuleßt wurden fie überdies noch von den Burgbewohnern wegen ihrer Ungeſchiek- lichkeit verlacht, Da träumte in einer Nacht der ſeindliche Feld- herr, es gäbe eine Stelle in der Mauer, die man doch durch- brechen könne. Am nächſten Morgen verſuchte man es an der be- treffenden Stelle, und in der That, gleich die erſte Kugel durch- bohrte die Mauer. Als die Belagerten ſolches ſahen, ſtürzten ſie ſich ins Waſſer und wollten ſich durch Schwimmen retten, doch er- tranken ſie alleſamt. Die Feinde zogen die Leichen nunmehr ans Land, brachten voll Freude in ihren Mühen Sand herbei und ſchütteten dieſen auſ die Leichen, wodurch) ein Berg entſtand, der noch heute zu ſehen iſt und ſich eine Viertel-Werſt von der Burg- ruine befindet. Nachdem ſie die Burg zerſtört, ſuchten die Feinde nach Koſtbarkeiten, doch ſanden ſie ſelbige nicht, da ein Drache im Burgkeller ſie bis auſ den heutigen Tag bewacht, welcher Unhold noch heute die Schatzgräber töten ſoll. Lerch-Puſchkaitis V, 386. =- N. ſrimberg) im Rigaer Tagebl. 1896, Nr. 176. =- Die Burg Alt-Pebalg, 1345 von Biſchof Friedrich gegründet, wurde von Jwan Groönyj 1575 zerſtört, doch hat fie
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Livländiſches Sagenbuch. 255 nicht blo8 im Ruſſen-, ſondern auch im Schwedenkriege ſchwere Zeiten durchleben müſſen, wie ſolches die auf einer Halbinſel ſich unt Ruſſenkriege ſoll der Prediger von Alt-Pebalg die heiligen Geräte und ſeine eigenen Wertſachen im nahen See verſenkt haben, wo fie noch heute ruhen ſollen. 264, Wie Seßwegen erobert wurde. Wo jeht die Kirche von Seßwegen in Livland ſtcht, erhob fich in früheren Zeiten eine Burg, Das Ruſſenheer konnte dieſe Burg einſt nicht einnehmen, da man nicht wußte, an welcher Stelle fich die Pforte befinde. Eines Morgens trugen die ruſſiſchen Sol- daten beim Seßwegenflüßchen mit Ranzen und Säckchen runde und viereckige Hügel zuſammen, die noc< jeht zu ſchen ſind. Hier ſtellten fie die Kanonen auf und begannen die Burg zn beſchießen, von Weſten her ſchoſſen ſie jedoch vom Karatberge aus. Eigentlich beſtand die Burg aus zwei Teilen, der oberen und der unteren Burg. In die untere gelangten die Ruſſen durch die Waſſerleitung; in die obere aber, die ſich auf einem Berge aus hartem rotem Lehm erhob, konnte niemand hinein und ſo gelang es auch nicht, ſie einzunehmen. Hier hatte man dazu auch genügend Proviant und einen Brunnen, ſo daß es den Belagerten an nichts fehlte. Endlich, als das ruſſiſche Heer ſo gar keinen Erfolg hatte, brach es auf und zog längs dem Karatberge ab in die Rigaſche Gegend. Als die Leute in der Burg das ſahen, freuten fie ſich ſchr und ſchiten ein Mädchen zum Soldatenbrunnen beim Schlakaskruge nach Waſſer. Unglücklicher Weiſe aber ſchlief noch ein Soldat, der zurückgeblieben war, auf dem Karatberge; dieſer bemerkte beim Er- wachen, wie ſich in der Burgmauer eine Steinthür geöffnet hatte, aus der das Mädchen mit ihrer Waſſereimertragſtange heraustrat und nach Waſſer ging. Der Soldat betrachtete ſich alles genau, merkte ſich die Stelle und lief ſeinem Heere nach, das er beim Urdan- flüßchen in dem Augenblick erreichte, als man die Kanonen das ſteile Ufer hinaufziehen wollte. Der Soldat meldete ſeinem Oberſten, was er geſchen habe. Zwar wollte der Oberſt es nicht glauben, ſchickte aber endlich doch eine Reiterabteilung mit dem Soldaten hin, um ſich von der Wahrheit zu überzeugen. Als der Oberſt ſelbſt bei der Burg ankam, war die Pforte bereits erbrochen und ohne Widerſtand konnte das Heer in die Burg einziehen. Auch das Mädchen fand man, das Waſſer getragen hatte; man brachte
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256 Livländiſches Sagenbuch. fie zum Kriegsheer, damit ihr nichts Schlimmes widerfahren möge. Die Burg aber wurde von Grund aus zerſtört, ſo daß kein Stein auf dem andern blieb. Später wurde aus den Trümmern der Burg eine Kirche erbaut und dicht um die Mauer Bäume gepflanzt. Die grünen noch jeht, aber an Stelle jener alten Kirche iſt ſchon längſt eine neue erbaut worden. Dort wo die Toten begraben wurden, hatte man große Gräber aufgeſchüttet, die man noch heute, nördlich von der Kirche, ſehen kann.*) = Jenes Seßwegenſche Mädchen heiratete der Oberſt, dem der Kaiſer zur Belohnung ſür die Eroberung der Burg Kerſtenbehm ſchenkte, deſſen Grenzen ſich längs dem Augul- bache bis dicht an die untere Burg erſtrecken. Von Paſchn wurden die Wälder zu vom S ſinde die Wieſen. So alſo war die Burg in den Beſik des Oberſten gelangt, der als gottesfürchtiger Mann daſelbſt die genannte Kirche erbauen ließ. Nach einigen Jahren nahm die Krone Kerſtenbehm wieder zurück; die bisherigen Beſiher wußten es jedoch ſo einzurichten, daß ſie die Wälder und Wieſen und den größten Teil des Aerlandes behielten und daß jo nur ein kleiner Teil bis zum Urdanflüßchen der Krone als zu Kerſtenbehm gehörig zurückgegeben wurde. So kam es, daß Kerſtenbehm bis heute keinen Wald beſit. Jelgawas beedr. Rakſtu krajums, 1V 1, =- Seßwegen wurde 1577 von den Ruſſen erobert und zerſtört. 265. Die Karmunkar. Die Karmunkar waren furchtbare Räuber mit Hundegeſichtern und Hundsaugen und plünderten überall an den Küſten ; beſonders gern raubten und fraßen ſie Chriſtenmenſchen. So hatten ſie auch einmal drei Mädchen von Worms geraubt, von denen eins aus Rälby war, ein anderes namens Kerſti aus Barby aus dem Ge- finde Linnanas. Sie wurden weit weggeführt und dann dem An- führer der Karmunkar übergeben, der ſie auf ſeiner Burg in ein Gefängnis einſperrte und mit Milch und Nußkernen fütterte, damit ſie fett und ſchmachaft werden möchten. Eines Tages war der alte Karmunk ausgeritten und ſeine Frau ſagte zu den Mädchen: *) Von den Kellern der unteren Burg, deren Spuren im jetzigen Guts- garten ſein ſollen, wird erzählt, daß da allerlei alte Waſſen und Gerät- ſchaften ſein follen; doch ſei es nicht gelungen, ſie herauszuholen.
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Livländiſches Sagenbuch. 257 „Heute bringe ich euch zum lehten Male etwas zu eſſen; denn morgen werdet ihr geſchlachtet.“ Die Mädchen erſchraken, aber ſie hatten ſich eine kleine Schauſel zu verſchaffen gewußt und ſchon angefangen, mit dieſer unter den Balken des Hauſes hindurch ein Loch zu graben. Dies erweiterten ſie nun ſchnell, ſo daß gegen Morgen zwei von ihnen hindurch kriechen und ſich in Freiheit ſehen konnten ; Kerſti aber, die ſehr di> war, blieb in der Öffnung ſtecken. Als nun die Frau hereinkam und die Flucht der beiden Gefangenen entdeckte, wurde ſie ſehr böſe und machte gleich Anſtalt, die Dieke zu braten. Sie befahl ihr, nachdem das Brot aus dem Backofen genommen war, ſich auſ das Brotbrett zu ſehen, damit ſie ſie in den Oſen ſchieben könne. Kerſti aber ſtellte ſich dumm und bat die Frau, ihr zu zeigen, wie ſie es machen ſollte. Dieſe that es und Kerſti ſchob ſie geſchwind in den Ofen und riegelte ihn zu. Dann entfloh ſie, nahm aber ein Külmit Salz mit, womit ſie ihre Fußſtapſen beſtreute, damit die Hunde ihre Spur nicht wittern könnten. Dann verbarg ſie ſich in der Nähe der Burg unter einer Brücke und wartete voller Angſt den Ausgang ab. Bald nachher fam der Karmunk nach Hauſe, ro< den Bratengeruch und ſreute ſich in der Ausſicht auf einen ſchönen Biſſen ; doc<ß merkte er gleich, daß ſeine Frau nicht da war, und der Geruch kam ihm wie der von ſeiner Frau vor, ſo daß er ausrief: „Das iſt meiner Mutter Duſt!“ Schnell ſehte er nun den Flüchtigen nach, ging mit ſeinen Hunden über die Brücke, unter der Kerſti ſaß, aber bemerkte ſie nicht. So zog ſie denn weiter und kam nach vielen Irrfahrten zurüc nach Worms. Als ſie an den Strand kam, jubelte ſie laut ; ihr Bruder, der in der Nähe das Vieh weidete, hörte ihre Stimme und rieſ hocherfreut: „Unſere Kerſti iſt da!“ Auch die beiden anderen Mädchen kamen bald nachher glücklich nach Hauſe. Rußwurm, Eibof. 8 393, 7, = Derſ, Sagen aus der Wiek . 99; vgl. Anm. S. X11. (Aus Worms ſchwed.) =- Lettiſch ganz ähnlich (auch mit den Anklängen an das Märchen von Hänſel und Gretel) von den ſumpurni=Hundeſchnauzen, ſtatt der Karmunkar: Zelgawas bedr. Rakſtu krajums 11 14; IV 62, -- Lerch-Puſchkaitis , 1; VI 24, 1, IL. -- Brihmſemneeks S. 105. =- Andrejanoff, H Märchen, S. 19 ff. Hier verſteckt ſich die Fliehende auf einen Baum, weil man ſich nur ſo vor den Spürnaſen der Sum- vurni verbergen kann; aber KN Bild ſpiegelte ſich im Waſſer; die jumpurni glauben, das ſei die Geſuchte, und trinken das Waſſer jo lange, bis ſie plaßen. =- Die Karmunkar (ſpäter wohl auch mit den „Kalmucten“ in Verbindung gebracht) ſind die munkar, Mönche, eſtn. munga rahwas. Vgl. oben Nr. 112, 254 und Inland 1851, Sp. 413, ſowie die Anm. bei Nußwurm, Eis; |. 8 393, 11. Manche Züge Bienemann, Sagenbuch. 17
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258 Livländiſches Sagenbuch. mögen aus hiſtor. Zeit von Seeräubern u. ſ. w. entlehnt ſein. == Zu den Hundeſchnauzen vgl. Nr. 266, 267, == 266. Die Hundeſchnauzen. Die Sage berichtet von Menſchen mit Hundeſchnanzen, die man ehemals in Eſtland geſchen habe. Sie wurden in Ketten vorbei- geſchleppt und ließ man ſie los, fo fielen ſie über jedermann her. Pabſt im Inland 1851, Sp. 416 (mündlich aus Reval). == Eftn. heißen ſie koerakoonlaſed, lett. ſumpurni. Es iſt zunächſt mytholog. Vorſtellung: ſie ſind die lehten Wächter, die den Reiſenden nicht geölten, bis ans Ende der Welt zu reiſen, vgl. Kalewipoeg, Geſang XVI v. 904 ff. und Blumberg, Quellen u. Realien S. 35. Später mit Seeräubern, vgl. Nr. 254, mit Tataren oder Kalmücfen, die als Feinde ins Land fielen, in Verbindung gebracht. Vgl. unten Nr. 267 auch 268, 285. 267. Die HBundeſchnauzen. In den eſtniſchen Sagen iſt ſehr oft von den „koerakoonud“, „loerakoonlaſed“ oder „peninukid“ die Rede*). Das find Menſchen mit Hundegeſichtern und -ſchnauzen. Von ihnen wird erzählt, daß fie in alten Zeiten nach den Kriegen Land und Vol? verwüſteten und vernichteten, daß ſie die geflohenen Menſchen aus den tiefſten Verſte>en aufſpürten und in ſchrelicher Weiſe töteten. Manchmal führte der Feind ſolche Ungetüme an Ketten mit fich und ließ ſie hier 108, damit alle Leute gefangen und getötet würden. Die koerafoonud konnten mit ihren Hundeſchnauzen die Flüchtlinge überall aufſpüren und der Verfolgte konnte ſich vor ſeinem ſchree- lichen Feinde nur dadurch retten, daß er auf einen Baum kletterte, wodurch ſeine Spuren aufhörten, oder dadurch, daß er durch Waſſer watete, wodurch ſeine Spuren anch verwiſcht wurden. Beſonders war der Faulbaum geeignet, fich auf ihm zu retten; denn dieſer Baum und der Menſch haben einerlei Geruch. Wenn ſich ein Menſch auf einen Fanlbaum flüchtete, dann mnkreiſte ihn der koe- rakoonud, ſchnupperte und ſagte: „Jſt das nun der Geruch eines Menſchen oder der des Faulbanms?“ und erwiſchte den Menſchen nicht. Einmal verfolgte eine Hundeſchnauze einen Menſchen, der anf einem in einer Waſſerpfühe ſehenden Faulbaume Zuflucht ſuchte. *) Im Halliſtſchen heißt poni Hund und unk Schnauze.
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Livländiſches Sagenbuch. 259 Die Hundeſchnauze folgte ihm bis an den Rand des Waſſers, und erblidte den Schatten des Menſchen auf dem Baume, der ſich im Waſſer wiederſpiegelte. Da fing ſie an, das Waſſer zu trinken, um den Menſchen aus dem Waſſer zu erfaſſen. Aber bevor ſie die Pfühe ausgetrunken hatte, plaßte ſie. Eine andere Art Peiniger waren die „pargi- oder pardiajajad“, die Ententreiber. Sie erſchienen immer nach den Kriegen und beraubten das Land und peinigten das Volk. Sie hatten aber keine Hundegeſichter, ſondern waren wie natürliche Menſchen, doch hatten ſie einen ſehr ſcharfen Geruchs- finn, wie die Hunde, ſo daß ſie entflohene Menſchen nach dem Geruch der Spuren aufſuchten, beraubten und erwürgten. Be- ſonders ſchreflich waren die ruſſiſchen Weiber in Männerkleidern, die die Einwohner des Landes töteten und beraubten. Einige von ihnen fielen aber in die Häude der Eſten und wurden erſchlagen; dann erſt erkannte man, daß es Frauen waren. Sie wurden im Dörptſchen „Siſſi“ genannt. I- Jung, Sakala maa (-Kodu-maalt Nr. S. = Vgl. Nr. 265, 266, 268, 284, 7, Dorp. 1878) 268. Die Zufluchtshöhlen. In alter Zeit, erzählen die Eſten, wurden an vielen Orten unterirdiſche Zufluchtsſtätten errichtet, die Kinder, Greiſe und wehr- loſe Weiber bewohnten, während die ſtreitbaren Männer gegen den Feind im Kriege abweſend waren. Solche Schlupfwinkel wurden am liebſten in Sandbergen ausgegraben, in der Nähe von Flüſſen und Seen angelegt, mit denen ſie in verborgener Kommunikation . FE Duin befanden ſie ſich auch in verl Nähe des Meeres, ſe der Flüſſe "hatte einen doppelten Zwe>. Sie jollte "nämlich nicht bloß die Höhlenbewohner mit dem nötigen Waſſer verſorgen, ſondern hanptjächlich beim , Bau der Höhle weſentliche Dienſte verrichten. Denn der aus den unterirdiſchen Gängen ausgegrabene Sand wurde zum Fluſſe oder See getragen, wo er ausgeſchüttet oder erſt eine Strecke weit geflößt und dann den Wellen überlaſſen blieb. Dieſe Vorſicht war notwendig, um jede Spur zu verwiſchen, die dem Feinde den Aufenthalt der Flüchtlinge hätte verraten können. Die Ausgrabungen ſelbſt wurden im Schoße des tieſſten Friedeus ans- geführt und es mußten alle Arbeitsfähigen, ſelbſt Kinder und Greiſe mitwirken. So ſollen zuweilen ganze Diſtrikte an ſolchen Höhlen 17*
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260 Livpländiſches Sagenbuch. gemeinſchaftlich gearbeitet haben; auch ſtellte man nach allen Rich- tungen Vorpoſten aus, damit keine feindlichen Kundſchafter die Arbeiter überraſchten. Außer dem verborgenen Wege zum Waſſer wurden die Eingänge von außen mit aller Sorgfalt vermacht, ja Felbft die in der Nähe befindlichen Wohnungen den Flammen ge- opfert, damit kein Gegenſtand die Aufmerkfamkeit des ſeindlich geſinnten Fremdlings hier lange feſſeln ſollte. Niemand durfte in dem unterirdiſchen Aſyl Feuer anmachen; die Übertretung dieſes Gefetzes wurde mit dem Tode beſtraft. =- Später aber vermochten die unterirdiſchen Behaufungen keinen Schuß mehr zu gewähren, weil der Feind von der Exiſtenz ſolcher Schlupfwinkel unterrichtet, Spürhunde mit ſich führte, die die Flüchtlinge ans den verborgenſten Höhlen hervorſuchten. F. Kreußwald (aus dem Munde des Volks) im Inland 1844, Sp. 699 im Anſchluß an die Erörterung über eine Höhle bei Dorpat. Vgl. dazu Sp. 812 ff. u. 814, wo E. Ahrens Kreuß- walds Auffaſſung des eſtn. Ausdrucs „loerafoonlajeb“, weenſchen mit Hundeſchnauzen = Hundeführer bekämpft. Vgl. dazu In- land 1837, Ep, 134; 1851, Sp, 416 IE oben Nr. 285, 268, , 285. = Über die intereſſante Höhle bei Wendau im eer ree die 1702 aufgefunden wurde (Weber, Veränd. Rußl. 11, 167), vgl. die Beſchreibung bei Kelch, Chron. Contin. S. 312; Fri riebe, Bhyj. u. vec. Bemerk. S. 17; Hupel, Rig. u. Rev. Statthalt. S. 482. => 269. Die Tataren bei Saulep. In einem Kriege zogen die Tataren durchs Land, plünderten und mordeten und begingen unzählige Greuel. Eine Abteilung von ihnen fam auch nach Saulep, wo ſie viele Menſchen in ein Haus zuſammentrieben und dieſes dann anzündeten. An dem Mühlbache faßen mehrere eftniſche Weiber, die fich gebadet hatten und auf einem Balken fihend fich wieder aukleideten. Die Tataren ſchlichen fich näher heran und ſchoſſen ſie von hinten tot. Ein jolcher tatariſcher Räuber kam auch in ein Bauernhaus, in dem nur ein Weib mit ihrem Kinde zurückgeblieben war, da die übrigen Bewohner fich ſämtlich in den Wald geflüchtet hatten. Die Mutter kletterte in ihrer Todesangft auf den Ofen, das Kind, das eben etwas ſprechen konnte, blieb in der Wiege liegen und fing an zu ſchreien. Der Räuber ergriff es und wollte es eben in den brennenden Oſen werſen, als die verzweifelte Mutter einen großen Stein vom Ofen ergriff und ihn dem Räuber fo glülich an den
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Livländiſches Sagenbuch. 261 Kopf warf, daß er bewußtlos niederſtürzte. Schnell ſprang ſie herab und tötete ihn vollends mit einigen Steinwürſen. Als man den Toten unterſuchte, fand man in ſeinem Gürtel eine Menge Gold und Silber, wodurch die arme Familie aus aller Not errettet und wohlhabend wurde. Ruſwurm, Sagen a. der Wiek, S. 70. 270. Die Polen bei Wichferpal. Als die Feinde einſt in die Gegend von Wichterpal in Eſtland vorrückten, wohnten zwei Brüder, der eine reich, der andere arm, im Walde an einer Stelle, die jeht Galheim heißt. Der Reiche ſtieg auf einen hohen Tannenbaum und ſah, daß die Polen ſchon bei Pädas angekommen ſeien, daher führte er ſeine Sachen in den Wald; der andere aber gab ſich nicht die Mühe, ſondern ſehte nur ſeinen Hahn unter ein Külmit, damit man ihn nicht hören ſollte, und lieſ weg. Die Feinde, die den Hahn doch krähen hörten, ſanden und plünderten die Häuſer, verbrannten ſie und ſührten das Geraubte weg. Der Reiche flüchtete auf die Landſpiße Kolwik bei Kibbro, ſand hier eine alte weiße Stute der Reiter und ließ ſich an demſelben Orte nieder. Rußwurm, Eibofokke 8 190. =- Pädas wurde 1575 von den Polen oder Ruſſen zerſtört. 271. Der Polenfürſt. Zur Zeit, als ein König in unſerem Lande herrſchte, ich glaube es war der König von Schweden, zog ein polniſcher Fürſt mit ſeinen Soldaten durchs Land und plünderte überall in den Dörfern. Wenn die Bauern nicht geſtehen wollten, wohin ſie ihr Geld ver- graben hatten, ließ er ſie binden und auſs grauſamſte peinigen, um ſie zum Bekenntnis zu zwingen. Sie wurden mit Kohlen gebrannt, andern ſchnitt man die Haut von den Fingern bis zur Schulter auf und zog ſie ihnen in einzelnen Riemen ab, wie man ſie braucht, um den Ochſen das Joch an die Hörner zu binden. Zwar flüchteten die Einwohner in die dichteſten Wälder und verbargen ſich in Löchern unter der Erde, doch ahmten die Polen die Stimme der Eingeborenen nach und riefen: „Kommt hervor, Gret, Hans, Anno! die Polen ſind fort!“ Wer dadurch ſich täuſchen ließ und
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262 Livkändiſches Sagenbuch. zum Vorſchein kam, wurde ergriffen und gequält oder gefangen fortgeführt. Der Fürſt nun fuhr hin und her durchs Land in einem großen Wagen mit vier Pferden beſpannt, und daran hing eine Glocke, die einer Kirchenglo>e glich, ſo daß man ſchon von weitem ihren dumpfen Ton klong, klong! hören konnte und eiligſt davor floh. Gefleidet war er in einen großen Mantel, der ſo wie man jeht zuweilen Silberrubel um den Hals trägt, über und über mit großen Geldmünzen beſeht war, die wie Fiſchſhuppen über einander lagen; auch ſeine Mühe war auf ähnliche Weiſe geſchmüct, ſo daß eine auf ihn abgeſchoſſen Flintenkugel ohne Erfolg zurü prallte. Daher waren vielfache Verſuche, ihn umzubringen, ver- geblich, bis es zwei Schüßen, die ihm lange aufgelauert hatten, gelang, ihn mit einer Büchſe, aus welcher die Kugel mit einem leiſen Pfiff hervorgeht, vorn an der Kehle zu treffen, wo der Mantel etwas offen ſtand. Der Fürſt ſank tot nieder, die Schüßen bemächtigten ſich ſeines Mantels und ſeiner Schäße; dann ſchnitten ſie ihm den Kopf ab und einer brachte denſelben nebſt dem Mantel ihrem Könige, der lehteren noch aufbewahren läßt. Die Polen begruben ihren Fürſten unter einem großen Steine auf einem Hügel zwiſchen Hohenholm und Orrenhof und hieben ein Kreuz hinein. Noch jett wird dieſer Stein benußt, um ſich von Flechten und anderen Krankheiten zu befreien, indem man ein Geldſtä dreimal um den Kopf ſchwingt und es auf dem Steine liegen läßt oder mit einem Badequaſt erſt das Kreuz und dann die kranke Stelle betupft. rm, Sagen a. der Wiek, S. 31. Aus Hohenholm eſtn. Ähnlich ebenda S- 30 aus Pönal und Taibel eſin. Vgl. Eibo- folfe 8 127. 272. Pontus De la Gardie's Zug nach Weſenberg. Einſt gab es in Eſtland eine wirre Zeit und langen Krieg; das arme Landvolk barg ſich in Wäldern und Sümpfen und unter- irdiſchen Höhlen. In Weſenberg aber ſaßen die Ruſſen, die man nicht vertreiben konnte, da ſie den Feind immer ſchon von weitem herankommen ſahen. Da kam ein Rieſe her, um ſie zu vertreiben, das war Jaak Lagadis. Er kam von Finnland über das Meer herüber. Es war gerade Winter, aber das Meer noch offen, nur hier und da ſchwamm ſchon eine Scholle Eis. Auf einer dieſer
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Livländiſches Sagenbuch. 263 Schollen ſchiffte der Rieſe ſich ein, ſeine ganze Mannſchaſt aber ſtete er in einen Sack, den er unter ſeinen Kopf legte; ſeinen Mantel ſpannte er wie ein Segel aus und kam ſo an die Küſte Eſtlands. Es wehte gerade ein ſtarker Schneeſturm; der Rieſe aber öffnete ſeinen Sac> und blies ſeine Mannſchaſt hinaus; alle waren in Federn verwandelt und von den Schneeflocken garnicht zu unterſcheiden. So führte er ſie nach Weſenberg und überrumpelte die Ruſſen, die an keinen Überſall dachten. Das that Jaak Lagadis, den die Deutſchen anders nennen, aber es iſt derſelbe rieſige Schweden- hauptmann, der hier vor vielen hundert Jahren gelebt hat. Inland 1851, Ep. 579 in Verſen von H. Bl(indner) [-Buſſe). 273. Pontus De la Gardie. Vor mehreren hundert Jahren fielen zwiſchen Schweden und Rußland blutige Kriege vor, in denen lepteres durch ſeine Über- macht immer die Oberhand behielt. Als aber endlich die Schweden zu einer Zeit, wo dieſe es am wenigſten erwarteten, einen neuen Heerführer, namens Pontus, bekamen, der mit den Geiſtern in ge- heimem Bunde ſtand und unglaubliche Wunder verrichtete, da nahm plötzlich die Sache der Schweden eine günſtigere Wendung. Raſch durchſlog dieſer Feldherr Gebirge, Thäler und Moräſte und ver- breitete Schreken durch ſeine Ankunft, denn er verheerte und zer- ſtörte alles, wohin er kam. Einſt hatte ſich dieſer Verheerer unter einer roten Fichtt zur Ruhe niedergelegt, als ihm während des Schlaſes plötzlich ein großer Baum über dem Naen wuchs, ſodaß er beim Erwachen nur mit vieler Mühe von der Erde auſſtehen konnte. Dieſen Zuſall ſah er als eine Straſe Gottes an; er ver- ſammelte daher ſogleich alle ſeine Krieger, ſehte ſeinen Zug weiter fort und iſt ſeit dieſer Zeit nicht mehr erſchienen. Vor dieſem hatte man ihn oſt auf dem ſogenannten Pontus-Berge*) geſehen wo er in den Thälern dieſes Berges blutige Schlachten lieſerte. Hipping, P. De la Gardie, od. Nachſorſch. über e. in der Sete um St. Peteröburg bekannte Volköſage 65:0 1819) 31. Sih. d. Alt: Geſ. in Narva (1868) S. | 4) Bei Toxowa in Jugermannland.
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264 Livländiſches Sagenbuch. 274. Der Gerblederverkäufer. In alter Zeit erblicte man am Laafksberge bei Reval in mond- hellen Nächten oftmals einen gepanzerten Mann auf hohem weißem Roſſe, der ein Bündel gegerbten Leders unter dem Arme trug, das er den Wanderern, auf die er ſtieß, zum Kauf anbot. Aber niemand mochte die angebotene Waare kaufen, weil ein widriger Geruch wie von Menſchen daran haftete, der die Käufer abſchreäte. Eines Nachts kam ein kleiner alter Mann mit einem Ziegenbarte des Weges und fragte: „Was für einen Preis verlangſt du für deine Felle, Brüderchen?“ Der Gepanzerte erwiderte: „Die Ruhe im Grabe, die mir bis jekt nicht gegönnt war.“ Der Alte forſchte weiter, um welcher Schuld willen der ſtattliche Reiter die Grabes- ruhe nicht finde und wer ihn zwinge, hier allnäctlich umherzu- reiten. Der Gepanzerte gab zur Antwort: „I< war zu meiner Zeit ein berühmter Kriegsmann mit Namen Pontus*); ich licß den im Kriege Gefallenen die Häute abziehen, ſie gerben und dann ſtatt tieriſcher Felle verwenden, ſo daß in meinem Hauſe keine anderen Lederſachen zu finden waren als jolche, die aus gegerbter Menſchenhaut gemacht waren. Die Stiefel, die ich anhabe, Wams und Hoſen, die ich unter dem Panzer trage, ebenſo der Sattel, die Zügel und alles andere Riemenwerk, was du hier ſiehſt, ſind aus gegerbten Menſchenhäuten gemacht. Vor meinem Tode blieb noch eine Menge von dem gegerbten Leder übrig, weil ich ja nun keinerlei Ledergerät mehr brauchen konnte. Als ich an die Pforten jener Welt kam und eben eintreten wollte, rief der Thorwächter: „Halt, dich darf ich nicht eher einlaſſen, als bis du das noch unver- arbeitete Menſchenleder verkauft haſt und da es- dir nicht geſtattet iſt, bei Tage das Grab zu verlaſſen, ſo mußt du dir bei nächt- licher Weile Käufer ſuchen. Reite drum immer von Mitternacht bis zum Hahnenſchrei in der Nähe des Laaksberges umher, bis du jemanden findeſt, der dir die gegerbten Häute abnimmt." Obgleich ich nun ſchon zwei Generationen hindurch den Leuten meine Waare angeboten habe, ſo wollte ſie doch niemand kaufen, weil ihr ein widriger Geruch wie von Menſchen anhafte.“ „Nun“, erwiderte der Alte, „um dieſes Fehlers willen werde ich deine Waare nicht verſchmä Wenn du dafür keinen höheren Preis forderſt, als die Erlöſung von dem nächtlichen Reiten, ſo wollen wir den Handel durch Handſchlag feſtmachen. Steige vom Pferde und komm mit *) Pontus De la Gardie,
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Livländiſches Sagenbuch. 265 mir.“ Poutus freute fich, daß er einen Käufer gefunden hatte, nahm ſein Bündel und ging mit dem Alten. Aber der Käufer brachte ihn geradewegs in die Hölle. Als der Alte an die Schwelle kam, nahm er ſeine wahre Geſtalt an =- Hörner am Kopfe und einen Schwanz hinten = ſtieß den Pontus hinein und rief mit grenlicher Stimme: „Ihr von Pontus geſchundenen Männer, tretet her!“ Da kamen ſcharenweis Männer ohne Haut heran, die ſämtlich die Hülle für ihr blutiges Fleiſch zurückforderten. Der alte Höllen- wirt aber ſagte zähnefletſchend: „Zieht ihm die Haut vom Leibe und redet ſie alle Tage ſo lang aus, bis ihr genug habt, um ener Fleiſch und Bein damit zu bedeen,“ ÄKreußwald, ee berg „aind, S. 337. = Kreub- wald-Loewe, Eſtn. Märch: 275. Der Teufel zu Berſohn. Anno 1598 hat ein Mann den Teufel auf dem Schloß Berſohn in Geſtalt des abweſenden Ritterſchaftshauptmanns Johann von Tieſenhauſen und in ſeinem beſten Habit augenſcheinlich ſpazieren gehen geſehen. Was ſind da für grenliche Mißgeſtalten und Ge- bärden erlebet, Nyenſtedt, Chron, S. 128. Darnach Inland 1851, S. 382 durch E. Pabſt. Vgl. Fabricius S. 158, 160. 276. Die Freibauern auf Mohn. Auf Mohn wohnen in einem Dorfe drei Bauern, die nur die Poſt über den kleinen Sund bringen müſſen, dafür aber von aller Hofsarbeit frei ſind. Der Urahn dieſer Bauern war der Begleiter eines Königs und folgte ihm auch einſt in eine heftige Schlacht, in der das Pferd ves Königs fiel und er ſelbſt in die augenſchein- lichſte Gefahr geriet, gefangen zu werden. Schnell drängte ſich ſein treuer Diener durch die Feinde, half dem König auf ſein eigenes Pferd und machte ihm eine Bahn, damit er wieder zu den Seinigen gelangen könne. Er ſelbſt aber ſank, von Wunden überdeckt, für ſeinen Herrn den Heldentod erduldend, nach langem tapferem Wider-
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266 Livländiſches Sagenbuch. ſtand entſeelt zu Boden. Zum Dank befreite der König ſeine Nach- kommen auf ewige Zeiten von der Hofsarbeit. Rußwurm, Sagen aus der Wiek, S. 44; aus Mohn u. Saulep eſtn. Nach andern habe ihnen der urſprüngliche Herr des Landes, Arnz, dieſe Freiheit gege Einen Freibrief gab ihnen in Wirk- lichkeit Walter v. Plettenberg. =- In der Shlacht bei Kirchholm 1604 opferte fich Heinr. Wrede für Karl IX. auf. 277. Jacob De la Gardie. Der ſchwediſche Feldherr Jacob De la Gardie, Beſitzer des Schloſſes zu Hapſal, war in allen ſeinen Unternehmungen glüclich, aber er that alles mit großer Langſamfeit, Ruhe und Bedachtſam- keit, daher ihn die Eſten „laiſk Jaako“, den faulen Jacob nannten. Als er einſt in der Badſtube war, meldete ihm ſein Adjutant, daß ein unzähliges feindliches Heer im Anmarſch ſei. Er legte ſich ruhig auf die andere Seite und ſagte : „Die müſſen warten, bis ich fertig bin!“ und ohne ſich zu übereilen vollendete er ſein Bad. Dann aber trat er dem Heere der Feinde entgegen, nahm ein Federkiſſen, öffnete es und ließ die Federn im Winde fliegen. Indem er rief: „Heraus, heraus, Roß und Mann!“ verwandelte ſich jede Feder in einen Reiter zu Pferde, und ſo gelang es ihm leicht, der Feinde mächtig zu werden. Ein anderes Mal fehlte es ihm wieder an Truppen und ſein Bundesgenoſſe, der Teufel, mußte auf das Dach einer Kirche == zu Hapſal, zu Worms oder zu Reval =- ſteigen und Späne herab- hauen. Indem er bei jedem Hiebe rief: „Häſt och man (Pferd nud Mann)!“ verwandelte ſich jeder Span in einen Reiter und ſo gewann er den Sieg. Um ſich von der unbequemen Verbindung mit dem Teufel zu löſen, erbaute er die ſchöne Jaeobskirche in Stockholm und betete lange am Altar. Während dieſer Zeit hörte man deutlich das Raſſeln eines Wagens und ſah Funken aus dem Steinpflaſter hervorbrechen. Wahrſcheinlich war dies der Teufel, der fich ärgerte, daß ihm ſein Opfer entgangen ſei. Als der Teufel ſchon einmal früher die Seele des alten Feld- herrn zu holen kam, lag dieſer noch im Bette und bat den böſen Feind, nur ſo lange mit ihm Geduld zu haben, bis er fertig an- gekleidet ſei. Dies verſprach jener, erklärte aber, länger auf keinen Fall warten zu wollen, da er ſchon öfter durch nichtige Vorwände hingehalten worden ſei. „Gut,“ antwortete Jakob, „aber nun werde
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Livländiſches Sagenbuch. 267 ich mich wohl hüten, jemals fertig angefleidet zu ſein!“ Daher fehlte ihm immer etwas an ſeiner Kleidung, ein Strumpfband, ein Halstuch oder ein Stiefel, und ſo oft der Teufel den Verſuch machte, ihn davon zu führen, mußte er immer unverrichteter Sache weichen, [2 endlich durch Gottes Gnade und die Erbauung der Kirche der von ſeiner ei be- reiſe freit wurde. Dalin, Geſch. Schwedens 11, 625 erwähnt eine ähnliche Sage von Knut Poſſe. =- Aſzelius, Sv. folkets ſago-häfder (Stoch. 1839) IV, 38, =- Varelius, Beitr. z. Kenntnis Finnlands (Pbg. 1849) S. 79. =- Jnland 1850, Sp. 678, =- Rußwurm, Eibofolke 8 391, | em, Nuckö und Finnland, ſchwed.) =- Derſ, Sagen ' = Derj. Sagen a. der Wiek, S. 78. == Derſ- Zie taal Em 278. Der Majvratsherr von YBurmhuſen. Lebrecht von Fir>s, Majoratöherr der Nurmhuſenſchen Güter, hatte == mon weiß nicht, warum =- einen bittern Haß auf die Krone Polen geworfen und ſuchte ihr deshalb, wo er nur konnte, zu ſchaden. Dieſer Haß trieb ihn an, überall, wo es nur möglich war, die ſchwediſche Krone zu unterſtühen. Er wurde völliger Parteigänger und ſchonte ſeines Geldes und Gutes nicht, der einen Krone zu ſchaden, der anderen zu nüßen. Jedoch mußte dies Alles aus leicht zu begreifenden Gründen ſehr heimlich geſchehen. == Aber ſo heimlich die Sache auch betrieben wurde, ſo fein die Fäden auch waren, woran der Polenfeind die Gewichte ſeines Haſſes hängen wollte, ſie wurde doch dem Auge des Rächers ſichtbar, ſie wurde doch ruchbar und öffentlich =- die ſo geheim gehaltene Sache. Der Hofeöſchnied Andreas, ein ebenſo verſchmißter, als heim- türkiſcher Menſch, dabei der höchſten Verſtellungskunſt fähig, beſaß das ganze Vertrauen ſeines Herren. Dieſer hatte ihn in früheren Zeiten einmal unrechtmäßigerweiſe beſtrafen laſſen. Der Herr hatte dieſes längſt vergeſſen, nicht ſo der Knecht. Dieſer trug vielmehr das Andenken an ſeine Züchtigung in tiefſter Seele mit ſich umher und wartete mit eiſerner, aber zitternder Geduld auf die ſichere Rache. Die tiefe die er dem Maj , war nur eine Beſchleunigung derſelben. Dieſen Menſchen gebrauchte der Herr von Fir>s als Boten in die Schwediſchen Lager und an die ſchwediſchen Herren, mit welchen er zum beabſichtigten Unheil Polens in Verbindung ſtand.
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268 Livländiſches Sagenbuch. Es hatte ſich dieſer Menſch lange geübt, den rechten Augenbli ge- duldig zu erwarten und ihn dann auf das Vorteilhafteſte zu be- nuhen, und ſo machte er es auch hier. Erſt als die Frucht voll- ſtändig reif war, ſchüttelte er ſie vom Baume und nun mit um ſo geringerer Mühe, je näher ſie ſelbſt der Vollendung war. Gerade im rechten Moment zeigte er den ganzen Handel den polniſchen Behörden an und brachte ſolche Dokumente bei, die keinen Zweifel weiter zuließen. Die gewaltſame Geſangennehmung des war die unmit Folge dieſer Verräterei, In Pe war man in Verlegenheit, was man mit dem Gefangenen anfangen ſollte, Man ſürchtete, in der Verurteilung des Einen den ganzen Adel gegen ſich aufſähig zu machen, was in jenen be- denklichen Zeiten für die Krone Polen ſehr unangenehm geweſen wäre. Man glaubte ſich nicht beſſer aus der Verlegenheit ziehen zu können, als wenn man den kuriſchen Adel ſelbſt zum Richter über ſeinen Mitbruder machte. Und dieſer Weg wurde eingeſchlagen. Es verſteht ſich nun wohl von ſelbſt, daß der Adel in dieſem Handel nicht anders als nach dem ſtrengſten Rechte verfahren konnte, denn die Sache war von allzu zarter Natur, als daß ſie Krüm- mungen und Nebenwege zugelaſſen hätte und ſo wurde der Un- glüfliche zum Tode durch das Schwert verurteilt. In einem Zimmer des Schloſſes zu Nurmhuſen ward an einem ſonnigen Maimorgen in aller Frühe bloß in Gegenwart von den dazu verordneten Zeugen das Urteil vollzogen, -- Noch jeht zeigt man in Gemauerthof den Stuhl, auf welchem der Verurteilte den Todesſtreich empfing. Auch das Schwert ſoll dort noch vorhanden ſein, das Leib und Seele trennte. Znland 1852, Sp. 717. 279. Das Freigeſinde Kuiwſapa. Beim Gute Alt-Karrishof im Halliſtſchen Kirchſpiel in Liv- land lag ein Geſinde namens Kuiwſapa, das außer einer ganz ge- ringen Geldpacht von allen Laſten frei war. Die Halliſtſchen Bauern aber wußten darüber folgendes zu erzählen: König Karl XI1. von Schweden verlor einſt auf der Jagd unweit des Kuiwſapa-Geſindes im Moraſt einen Stiefel. Von dem damaligen Wirte des Ge- findes erhielt er einen trocenen Stiefel und verbrachte die Nacht bei ihm. Aus Dankbarkeit verlich er ihm das Geſinde ſür ewige
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Livländiſches Sagenbuch. 269 Zeiten in Erbpacht und zur Erinnerung an dieſes Ereignis und den (Enfan Stieſel iſt das Geſinde „Kuiwſapa" genannt worden. Dehn im Znland 1860, Sp. 258. Vgl. daſ. über das hiſt iiche des Geſindes. == J. Zung, Sakkala maa (-Kodu-maalt. Nr. 7. Dorp. 1878) S, 69; hier verliert der König aber den Stiefel in der Schlacht. == Vgl. Nr. 280. == 280. Die Flucht des Königs, Auf dem Lande des Kuiwſapa-Freigeſindes bei Karrishof in Livland entſtanden zwei weitere Geſinde, von denen das eine Hen- driku Hanſu- oder auch Sapa-Geſinde heißt. In dieſem Geſinde beſand ſich noch 1878 ein Kriegerhelm, der wohl aus ſchwediſchen Zeiten ſtammte und der, wie man ſagt, dem ſchwediſchen König oder einem großen Heerführer einſt gehört hat. Früher wurden dort auch noch andere Sachen bewahrt: ein großer Degen, eine Lanze, eine große Streitaxt mit breiter Schneide und ein hölzernes, Fadenſtokartiges Gerät. Jeht ſind dieſe Sachen aber nicht mehr vorhanden und auch die Einwohner des Geſindes wiſſen über ihren Verbleib nichts, nur erzählen ſie, daß das Fellinſche Ordnungsge- richt in alten Zeiten alljährlich im Geſinde nachgeſehen habe, ob über dieſen Sachen das Hausdach heil ſei. Die Sage weiß da- rüber folgendes: Als die Ruſſen das ſchwediſche Heer bei Tuka- lane ſchlugen, floh der ſchwediſche Heerführer oder König und kam ins Pulli-Geſinde, an deſſen Stelle jeht das Gut Pollenhof liegt. Der Wirt des Geſindes führte den Flüchtling mit ſeinem Pferde jofort weiter nach Pernau zu bis zum Hindriku Hanſu- (Sapa-) Geſinde am Halliſtefluß. Da die Verſolger ihnen aber dicht auf den Ferſen waren, ſo konnte der Wirt den Flüchtling nicht anders verſteeken als im Ofen, worauf er Brennholz nachſchob. Als die Ver- folger anlangten und nach dem Flüchtling fragten, ſagte der Wirt, daß er niemanden geſehen habe, und ſtellte ſich an, als wolle er das Holz im Ofen anzünden. Die Verfolger ſuchten alles durch, doch janden ſie nichts und kehrten um. Nun holte der Wirt den König wieder aus dem Oſen hervor und brachte ihn, was ſein Pferd lauſen konnte, an den Pernauſchen Strand, von wo der König in ſeine Heimat zurückkehrte. Gewiß ſind damals der Helm und die Waffen des fliehenden Königs im Sapa-Geſinde zurückge blieben. Für dieſe Rettung hat die ſchwediſche Regierung das Pulli- und Sapa- Geſinde den Wirten zu ewigem Eigentum ge-
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270 Livländiſches Sagenbuch. ſcheut, worüber das Sapa-Geſinde noch jeht alte Dokumente be- fipt; das Pulli-Geſinde braunte einmal ab und damit auch die Schenkungsnrkunde. I. Jung, Sakala maa (-Kodu-maalt Nr. 7, Dorp. 1878) S. 70 ff. = Vgl. Nr. 279. 281. Kafk (die Peſt) in Pölwe. Zur Zeit des ſchwediſchen Krieges*) machte Katk ſeine Rund- reiſe durch das Land, um die Menſchen zu töten. Anf ſeiner Fahrt kam er auch in das Dorf Himmaſt**). Die Einſahrt ins Dorf iſt ſteil und, wenn man nicht vorſichtig iſt, gefahrvoll und ſchon mancher hat daſelbſt ſein Wagenrad oder ſeine Achſe gebrochen. Dem eiligen Katk erging es nicht anders; er fuhr zu raſch, der Wagen fiel um und ein Rad zerbrach. Ju der Verlegenheit, nicht anders weiter zu kommen, mußte er die Hilfe der Menſchen, die er zu verderben hinausgezogen war, in Anſpruch nehmen und um ein neues Rad bitten. Der Wirt des nächſtliegenden Geſindes gab ihm ein ſolches. Aus Dankbarkeit verſchonte Katk nicht nur da- jondern er gelobte auch, nie in der Zukunft das- Wie die alten Leute erzählen und glauben, ſo hat er = jein Gelübde getreulich gehalten bis auf den EE Tag. on IJ. Hurt in Schriften d. gel. eſtn. Geſ, 11, 8. = Jannſen, Märchen u. Sagen 11 153 (ohne Drlbangale). 282. Der ſchwarze Tod auf Rogö. Vorzeiten wütete in unſerem Lande oſtmals Katk, der ſhwarze Tod. Wohin er nur kam, da forderte er ſeine Opfer. Die Dörfer wurden leer und auf den Bauernhöſen ſtarb die lezte Seele aus. Gar ſelten traf man noch auf einen Menſchen im Lande. Einſt war der ſchwarze Tod wiederum erſchienen. Überall hatte er ſeine Opſer verlangt, nur die Inſel Rogb war noch ver- ſchont geblieben. Darum hoffte das Juſelvolk ſicher, daß auch in Zukunſt das Meer ſie vor dem Tode ſchüßen werde. Eines Tages waren Inſulaner aufs Feſtland gezogen. Als jie nun heimkehren wollten und ihr Schifflein bereit hielten, ſahen *) Das iſt der nordiſche Krie 35) An der Straße von Pölwe, "nach Rappin, 4 Werſt von Pölwe.
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Livländiſches Sagenbuch. 271 ſie plöplich einen ſchwarzen Mann, der eine große Senſe trug, eilends auf ſich zukommen. Staunend blieben ſie ſtehen, betrachteten den ſeltſamen Mann und ſtießen nicht vom Ufer ab. Aber kaum hatte er ſie erreicht, ſo ſprang er ſchweigend in das Schiff und ſtieß es ins Meer. Schon von ſern erſpähten die Leute auſ der Inſel das Schiff der Heimkehrenden und nahmen voll Verwunderung den ſchwarzen Mann wahr, der unbeweglich am Steuer ſaß. Sobald nun das Schiff an der Inſel gelandet, eilte das Volk hinzu, um die Schiffer zu empfangen und den ſchwarzen Mann zu ſehen, Die Schiffer aber ſaßen ſtumm und ſtarr im Fahrzeug und keiner von ihnen gab Antwort auſ Gruß und Frage der Seinen. Da merkte das Volk, daß ſie alle ohne Leben wären. Im ſelben Augenbli> ſprang der ſchwarze Mann aus dem Schiff. Kaum geſchah das, da blieben die Leute auſ dem Ufer wie Salzſäulen ſtehen, ein kalter Schauer überlieſ ſie, = fie fielen hin und hauchten ihre Seelen aus. Das war der ſchwarze Tod, der vom Feſtland mit dem Schifflein her- gefommen. Jeßt trat er an Rogös Land, um das Volk zu töten. Von den Leuten am Ufer hatten nur wenige in ſchneller Flucht das Leben gerettet. Dieſe verkündeten auf der Inſel die ſchre>liche Botſchaft. Furcht und Entſetzen ergriff die Herzen aller. Aber bevor ſie ſich beſinnen konnten, war ſchon der ſchwarze Tod mitten unter ihnen und mähte alles nieder, was vor ihm ſtand. Keiner, auſ den er einmal blicte, fand Gnade vor ihm. Einige haben ihn ſelbſt geſehen, andere nicht. Wer ihn aber ſah, dem erſtarrte im Schre> das Herz, bevor er nur einen Laut hervor- bringen konnte. Eines Abends zog ein heſtiges Wetter auſ, Ein altes Mütter- <hen ſaß allein in ſeiner Hütte und ſpann. Auf einmal that ſich die Thür auf und im fahlen Licht des Wetterſtrahls trat der ſchwarze Tod ein, die große Senſe in der Rechten. Jett hat mein leßtes Stündlein geſchlagen! dachte die alte Frau, Schon ſühlte ſie, wie ihr das Blut zu erſtarren begann. Da nahm ſie alle Kraſt zuſammen und rieſ dem Manne laut entgegen: Sei gegrüßt in Gottes Namen! Der ſchwarze Mann erſchrak, blite zur Seite und murmelte: Sei's damit genug! Augenblicklich ging er aus der Thür und ſchwand der Alten aus den Angen. Ihr Blut kam wieder in jeinen Lauf und das Leben kehrte ihr zurück. Als ſie ins Freie trat, ſah ſie, wie der ſchwarze Mann mit ſeiner Senſe in ein Boot ſtieg, vom Ufer ſtieß und das Fahrzeug
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272 Livländiſches Sagenbuch. in die weite See ſteuerte. Je weiter er hinaus gelangte, um ſo ruhiger wurde das Unwetter und als das Boot verſchwunden war, da war auch der Donner verſtummt. Seitdem ſtarb niemand mehr. Der Himmel war in ſeinem Grinun gekommen und hatte den Katk gemahnt, von ſeinem Werke abzulaſſen. Darum, als der Tod den mutigen Gruß des Mütterchens und den Namen Gottes vernahm, mußte er die Menſchen fürder verſchonen. Und ſeitdem hat man ihn nirgends mehr geſehen. Of. Rehbinder, Inland 1851, Sp. 12, =- Pabſt, Bunte Bilder 11, 90 ff. = Nuhwarm, | Eibofolke 8 395, 5, 18. = Rußwurm, Sagen a. Haſpal, S. 28 (aus Worms, ganz ähnlich) Eiſen, Eſiwanemate rn S. 58 ff. = Jannſen, Märchen und Sagen 11 150 ff.; vgl. daſ. Anm. = Böhm, Deutſches Leſebuch f. mittl. Deh auſt. 4. Aufl. 1 1 -=- Vgl. auch Inland 1849, Sp. 785 ff. = 283. Kafk auf Vuckö. Einſt war Katk auf der Juſel Nucks erſchienen. Da ſah man ihn als einen grauen Mann. In der einen Hand trug er ein Licht, in der andern einen Stab, im Arm ein Buch und auf dem Kopfe einen dreie>igen Hut. Der graue Mann wanderte nachts von Hof zu Hof, ſchlug nach in ſeinem Buche, wer ihm zum Opfer beſtimmt wäre und leuchtete ſolchen ins Geſicht, ob er auch den rechten getroffen. Wen er dann zu fordern hatte, den berährte er mit ſeinem Stabe. = Zu jener Zeit der Peſt konnte eines Abends ein Bauer auf ſeinem Lager keinen Schlaf finden. Plöhlich hörte er die Thür knarren. Er hob den Kopf, ſchaute hin und nahm wahr, wie der graue Mann mit dem Licht eintrat, auf die Schläfer zuging und alle mit ſeinem Stabe berührte, worauf ſie tief zu ächzen begannen. In der Wiege ſchlief ein kleines Kind, bei dem blieb der graue Mann ſtehen, blätterte in ſeinem Buche und wandte ſich ab, ohne es zu berühren. Am andern Morgen in der Frühe lag das ganze Geſinde ſchwer krank darnieder, nur der Bauer ſelbſt und ſein Kind waren wohlauf. Die Kranken aber ſtarben alle be- vor noc<h der Hahn gekräht. Eiſen, Eſiwantmate warandus, S. 61. == Jannſen, Märchen u. Sagen 11 152. =- Ganz ähnlich aus Worm: Eibofolke 8 395, 19. =- Derj. Sagen a. Hapfal, Ee Sagen aus der Wiek, S. 8.
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Livländiſches Sagenbuch. 273 284. Die Räuber und die Peſt. Früher, in Krieg3zeiten, gab es ſchweres Unglück, die Räuber und die Peſt, vor denen man ſich ſchwer ſchüßen konnte. Die Räuber zogen immer den Heeren voraus, plünderten die Häuſer, ſchlachteten das Vieh und ſteten die Gebäude in Brand. Die Leute konnten fich vor ihnen nur in die Wälder und Sümpfe retten. Manchmal legten die Räuber auch ihre Kriegerkleidung ab und zogen Frauen- kleider an, um die Leute leichter überfallen zu können. Dem Kriege aber folgte immer die Peſt; das war ein großer Maun in ſchwarzen Kleidern. Manchmal nahm die Peſt aber auch die Geſtalt von Tieren an. Wenn nun jemand aus Unwiſſenheit der Peſt ant- wortete oder ſie anredete, ſo mußte er ohne Erbarmen am dritten Tage ſterben. V 396 (aus dem 285. Mehris, die Peſt, Jn alter Zeit wütete die un ſchredlich in Livland. Kleine weiße Vögelchen flogen da umher, und wer ſie anſah, der mußte ſterben. Die Leute gruben ſich ſelber Gräber, zogen ſich die beſten Kleider an, ſekten ſich an den Rand und warteten, bis die Peſt heranfam, damit ſie ſterbend gleich ins Grab fallen könnten, weil es keine Leute mehr gab, die die Geſtorbenen hätten beerdigen können. Alle Häuſer waren wie ausgeſtorben. Fand ein Menſch die Fußſpur eines andern, ſo küßte er ſie und verfolgte ſie, hoffend, doch einen Mitmenſchen zu treffen. Es war ſchwer, noch irgendwo Überlebende zu finden. Denn wer von der Peſt verſchont geblieben war, wurde von den Hundeſchnauzen (ſumpurni) „reſſen, die Spuren trefflich x der konnte ſich vor ihnen retten, der ſeine Paſteln mugekehrt legt ſo daß die Spihe ſich am Haen befand, Jm Salisburgſchen im Pulaur- und Silſemneek-Geſinde kämpfte eine Peſt mit der andern. Die eine hatte weiße Kleider an und ritt auf weißem Pferde, ihr folgten weiße Vögelchen. Dieſer Reiter wollte in das genannte Geſinde hinein; aber die andere Peſt, die einen bläulich ſchimmernden Rappen ritt und rote Kleider trug, wollte den weißen Reiter nicht hereinlaſſen. Da kämpften beide ſo lange, bis der Reiter auf dem BVienemann, Sagenbuch.
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274 Livländiſches Sagenbuch. Rappen den Sieg davontrug. In dieſen Geſinden ſtarb aber von der Zeit an niemand mehr an der Peſt. 1. Einſt kam ein weißgefleideter Mann auſ einem weißen Pferde zu einem Banerngeſinde an der Düna geritten. Am Arm hingen ihm ſieben Ringe aus Baſt, Er bat die Bauern, ihn über die Düna nach Livland überzuſeßen, und einer von den Bauern erfüllte ſeine Bitte. Kaum aber hatten ſie das andere Ufer erreicht, da ſagte der weiße Reiter, in einem Buche blätternd: „Nun mußt du ſterben dafür, daß du mich über den Fluß gebracht haſt, denn ich bin die Peſt, und wo ich einen dieſer Ringe hinwerfe, da müſſen alle Leute ſterben.“ Und der Bauer ſtarb auch ſofort. 1. Jelgawas beedribas Rakſtu krajums 11 18. Zu den Hunde- ſchnauzen vgl. Nr. 265, 266, 267, 268, == 1. Brihwſemneeks, S. 114. 286. Die Peſt, das Kelle-Dorf und das IJak-Konfor in Pernau. Während der großen Peſt ſtarben ſo viele Menſchen, daß in der Wiek in den beiden Kirchſpielen Hanchl und Karuſen nur je ein Mann übrigblieb, der eine in Karuſen im Kamſa-Geſinde in der Nehatſchen Gemeinde, der andere in Hanehl in der Werderſchen Gemeinde im Kelle-Geſinde. Als EA Peſt aufhörte, begann pi Mann aus dem & ſinde 9 nun die Häuſer alle menſchenleer En ſo wanderte er in alle 5: finde und nahm ſich mit, was ihm paßte. Einen Eigentümer dieſer nachgelaſſenen Sachen gab es ja nicht, Judem er ſo ſammelte, brachte er bald ein paar Loof Gold zuſammen, an Silber aber eine volle Tonne; Kupſer nahm er zwar auch manchmal mit, aber er hielt es für ſo wertlos, daß er es nicht einmal maß. So viele Reichtümer er nun auch zuſammenhäufte, ſo war er dabei doch nicht glüclich, denn er war allein und fühlte Langeweile ; ihm ſehlte ein freundliches Weib, das um ihn war und ihm Geſellſchaſt leiſtete. Aber woher das nehmen? Die Peſt hatte alle ins Grab getragen. Weit und breit ſand er keine Menſchenſeele. Endlich entſchloß er ſich nach Oeſel zu gehen, um zu ſehen, ob nicht dort das Glück ihm günſtig ſein würde, Ohne zu zögern, ſehte er ſich in ein Boot,
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Livländiſches Sagenbuch. 275 ergriff die Ruder und fuhr über den Sund nach der Inſel Moon. Hier hoffte er zu finden, was er ſo von Herzen gern begehrte. Kreuz und quer durchwanderte er die Inſel, aber nirgends erblikte er eine Menſchenſeele. Auch hier hatte die Peſt alle niedergemäht, wie auf dem Feſtlande. Nur die übrig gebliebenen Tiere begegneten ihm hier und da und ſtaunten, daß ſie nach ſo langer Zeit einen Menſchen ſahen. Von Moon ging er nach Oeſel ; aber anch hier hatte er kein beſſeres Glück. Obgleich er die Inſel durchkrenzte und durchquerte, gewahrte er überall nur die vernichtende Arbeit des Todes; Grabesſtille herrſchte überall. Da wurde der Mann tief traurig. Es ſchien ihm, als ſei er allein in der Welt übrig geblieben. Dies einſame Leben hatte ihm keinen Wert mehr und er meinte, es ſei beſſer zu ſterben, als ſo allein zu leben. Bevor er aber ernſtlich ans Sterben dachte, wollte er noch einen lehten Verſuch machen und nach Dagö gehen. Mit ſchwerem Herzen ruderte er über den Soela-Sund. Er hatte keine große Hoffnung mehr übrig und wirklich wanderte er auch hier zwei Tage vergebens von einem Ort zum andern. Plößlich aber am dritten Tage wurde ihm eine unerwartete Freude zuteil. Bei der Roikſchen Kirche erblite er endlich einen Menſchen und das war eine ſchöne Jungfran, die dort traurig das Vieh hütete. Die Freude der beiden war nnendlich groß, denn beide glaubten, daß ſie die einzigen Menſchen in der Welt ſeien. Und ehe ſie ſich deſſen verſahen, waren ſie ſchon große Freunde geworden, ſetzten ſich ins Boot und ruderten nach Werder in die Heimat des Mannes, der nun das Mädchen heiratete und mit ihrer Hilfe begann, das Geſinde zu bewirtſchaſten. Im Laufe der Zeit wurden ihnen ſieben Söhne geboren. Als dieſe erwachſen waren, gründete jeder ſich vom Vermögen der Eltern ein neues Geſinde. So entſtanden im Werder- ſchen Kelle-Dorf ſechs Bauergeſinde. Der jüngſte Sohn Jacob aber hatte nicht Luſt, Landwirt zu werden. Er ließ ſich vom Vater ſein Erbteil an8zahlen und ging nach Pernan, wo er ein Handels- geſchäft eröffnete. Da er hierbei reichlich Glü> und Gewandtheit beſaß, ging es ihm ſehr gut, ſo daß er endlich ſogar ein Handels- kontor eröffnete. Auch die Brüder halfen ihm mit ihrem Vermögen, das ſie ihm alles anvertrauten ; doch niemandem wollten ſie deſſen Größe bekannt machen und daher ließen ſie ihr Geld nicht ein- tragen, ſondern machten nur ab, daß alles für immer in der Hand des Bruders verbleiben ſollte, dafür ſie aber aus dem Kontor des Bruders allzeit ſo viel Waaren erhalten ſollten, als ſie nur immer nötig hätten. Dem neuen Kontor legte das Volk allmählich den Namen „Jak“ bei, weil der Gründer jedesmal, wenn ſein Kopf 18*
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276 Livländiſches Sagenbuch. warm war, von einem Fuße auf den andern hüpfte und dabei aus- jef: „Heiſa Jak! Heiſa Jak Eiſen, Eſiwanemate warondus, S. 36 ff. =- Vgl. Rußwurm, Eibofolke 8 394, der mehrere kurze, ſagenhafte Traditionen aus orms und Nucks anführt, die auch erzählen, wie in einigen Dörfern nur einzelne Menſchen von der Peſt verſchont blieben. 287. Die Siſſi in Pölwe. Die Siſſi waren Ruſſen, die zu Kriegszeiten über die Grenze in unſer Land kamen und hier plünderten, raubten und mordeten. Wenn die Männer in den Krieg gezogen waren, überfielen ſie die Heimgebliebenen, brachten Greiſe und Kinder um, ſchändeten Weiber und Jungfrauen, branuten Häuſer nieder und führten alles, was ſie an Vieh, Getreide, Geld und ſonſtigem beweglichem Gut vor- fanden, mit ſich fort. Was noch der Krieg verſchont hatte, wurde unvermeidlich Beute der Siſſen, was Peſt und Hungerönot noch nicht getötet, wurde von dieſen Unmenſchen erbarmungslos hinge- ſchlachtet. Selbſt Weiber in Mannestracht begleiteten die Männer anf dieſen Raub- und Mordzügen und halfen ihnen bei dieſen Greuelſzenen. Zur Zeit des ſchwediſchen Krieges kamen die Siſſen einſt auch in das Dorf Mammaſt*) und trieben daſelbſt wie überall ihr blutiges Handwerk. Jn dem Geſinde Oodſi fanden ſie unter anderm ein beträchtliches Quantum Branntwein, an dem ſie ſich dermaßen betranken, daß ſie alle wie tot liegen blieben. Als nun der Wirt des Geſindes, der ſich gerettet hatte, wieder den Raſen- plaß ſeines Hofes betrat und die Böſewichte wie die Fliegen ab- gefallen ſah, ergriff er racheſchnaubend ein Beil und tötete ſie alle bis auf den lezten Mann, indem er ihnen mit dem Rücken des Beiles den Schädel zerſchmetterte. Doch holte auch der Wirt ſich dadurch ſelbſt den Tod. Er ging nämlich erhißt vor Wut, Auf- regung und Schlachtarbeit zum Brunnen, that einen kalten Trunk und fiel tot nieder, Die Eine des Dorfes Ed erwiſchten einmal einen Siß in M« auf de Ihr wurde auf der Stelle der Prozeß gemacht, eine Stange durch den Leib getrieben und der aufgeſpießte Leichnam unweit der Landſtraße in *) An der Straße von Pölwe nach Dorpat, ca. 3 Werſt von der Kirche. 4*) Zwiſchen Pölwe und Rappin, ca 12 Werſt von Pölwe.
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Livländiſches Sagenbuch. 277 eine Sumpfquelle geſte>t. Die Duelle führt noch bis auf den heu- tigen Tag den Namen Siſſi-läte. Von J. Hurt in Schriften d. gel. eſtn. Geſ. 11, 6. =- Vgl. Ar, 267, 284. 288. Pefer der Große in Livland. In alten Zeiten überwarf ſich der Ruſſenkaiſer Peter mit den livländiſchen Edelleuten und ließ ihnen ſagen: „Jc<h will von Liv- land nur Waſſer, Erde und Steine übrig laſſen!“ Als er nun zum erſtenmal kam, um hier Krieg zu führen, hatte er gar keine Erfolge. Als er aber das zweitemal kam, ſagte er: „Weit will ich nicht gehen, aber in der Nähe werde ich nichts verſchonen!“ Dennoch konnte er ſie nicht vollſtändig beſiegen. Als er dann das drittemal kam, ſagte er: „Mag der Hirte ruhig an der Straße weiden, mag der Pflüger ruhig ſein Feld bearbeiten, == ich werde niemand ein Leid anthun. Aber wenn Gott mir hilft, will ich aus dieſer Gegend mir eine Fran nehmen!“ Um dieſe Zeit war das Heer bei der Burg Lennewarden an- gekommen. Dieſe Burg war mit Wall und Graben gut befeſtigt, jo daß ſein Heer ſie erfolglos beſtürmte. Da trugen aber eines Nachts die Ruſſen nur in ihren Müßen und Mantelzipfeln deu ganzen ſogen. Apalais-kalns zuſammen*) und begannen mit Tages- anbruch die Burg von dieſem Verge aus zu beſchießen. Das half. Gleich fielen die Mauern ein und die deutſchen Frauen liefen mit gerungenen Händen in die Düna hinein und ertranken. Noch heute ſoll man ſie nm Mitternacht an den Fenſtern der alten Burg ſehen, wie ſie da ihre Haare flechten. Nun ließ Kaiſer Peter bekannt machen, daß alle Lettenmädchen, die ein beſonderes Merkwal hätten, ſich bei ihm verſammeln ſollten. Eine Jungfrau Katharina hatte Ohrgehänge; die erwählte er ſich zu ſeiner Gemahlin. Dieſe Jungfrau hatte vordem in Klein-Stal- daten gewohnt; als der Kaiſer ſie aber zu ſeiner Gemahlin er- wählte, hatte ſie in Oger, gegenüber Groß-Staldaten eine Waſch- küche. Von dieſer Waſchküche konnte man noch vor kurzem einige Balken ſehen. Einige Jahre ſpäter ſchrieb Katharina einſtmals an ihre Ver- wandten nach Lennewarden, ſie mögen zu ihr nach Peteröburg *) Ahnliches we vom Walna- nene] 1 bei Nitau erzählt. Vgl. a. a. O. S. 206. = S. auch Ni
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278 Livländiſches Sage nbuch. kommen. Aber dieſe waren ſchon alle geſtorben. Nur eine einzige Verwandte war noch am Leben; die ging mit dem Briefe zum Paſtor und bat, er möge ihn ihr vorleſen. Der Paſtor aber blickte nur in den Brief hinein und warf ihn dann ſogleich in den Ofen. Lerch-Puſchkaitis, V1 202. 289. Beideberſt. In Sonnaxt - Paſtorat im Kuriſchen Oberlande war es, wo vor bald zweihundert Jahren ein Vetter der Gemahlin Peters Tu ſ flikte. Dem armen Teufel pod freilich mager und manchmal ſeufzte er: Warum denkt mein Vetter, der Peter, nicht an mich?! Aber er dachte doch und eines Tages ſteht eine Kibitke vor der Thür des armen Schuhmachers und holt ihn zur Zarenreſidenz ab. Es ſoll ein Verſuch mit ihm wie mit audern Verwandten der Kaiſerin gemacht werden, ob den einfachen Leuten durch nachgeholte Er- ziehung vielleicht Hoffähigkeit beizubringen ſei. Es ſcheinen die pädagogiſchen Verſuche zu ſpät gekommen zu ſein. Sie find miß- lungen und die Kibitke hat den Heidebeeſt wieder nach Sonnaxt gebracht und Heidebeeſt hat wieder Stiefel geflickt und von dem Wohlleben in dem Zarenpalaſt geträumt. So lautet die Sage vom armen Heidebeeſt. Vielenſtein in Balt. Mouatsſchr., Bd. Fürſtlich priv. Hoſbuchdrucerei (F. Mitlaſſ), Rudolſtadt.
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eie m Q Berichtigungen. 39 Anm. zu Nr. 38 iſt zur Literatur zu ergänzen: Adolphi, Poetiſcher Nachlaß (Riga 1877) S, 121 ff. Ballade. 71 lies: 3. 9. Manteuffel), „Slupi Rog,* im Praeglad Powmzechny VI 199 ff und Sep: Abdr. Krakau 188; 72 Um. zu Nr. 88 iſt zur Literatur zu ergänzen: Adolphi, Poet. Nachlaß S. 139 ff. Bal . 182 3. 10, 14, 26 von EN . Jürri ſtatt Türri.
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YVachträgl. Ergänzungen und Berichtigungen. Zu Nr. 151 S. 117: : Ern zur r Litt. Liv- u. Kurl, V Zu Nr. 152 Liv- u. Kurl. V, Zu Nr. 156 S. 120: Ergänze | zur Litt.; Eine ähnliche Sage von S. Zirgens [ Ehland: inkler in Veitr. 3. kunde Ei, Liv- u. Kurſands Winkler in Beitr. z. Kunde Eſt-, : Ene zur Lit Winkler in Beitr. z. Kunde Eſt, Zu 5 160 S. 126: Grän zur Litt.: Winkler in Beitr. z. Kunde Eſt-, Liv- u. Kurl. V, 1, S. Zu Nr. 161 S. 17: rs zur Litt.: Winkler in Veitr. z. Kunde Eſt-, Liv- u. Kurl. Nach Nr. 161 wären EN ſolgende Sagen zu ergänzen: Die Kirche von Waiwara. Etliche Schißen, die als Fremde des Ortes unkundig, waren einſt auögegangen Wild zu ſchießen. Wie ſie nun dahin gekommen, 1vo jeßt die Kirche ſteht, war es Abend, jo daß ſie allda übernachten mußten und ein Feuer aumachten. Als ſie ſich aber zum Schlaſen niederlegten, fanden ſie dennoch keine Ruhe. Immerſort hörten ſie GEWE 4 Da es mm Morgen ward, hörten fie das Meer brauſen, gingen ſie ſt in und weil damals ein großer Wald da war, hieben ſie mit ihren kleinen Beilen Zeichen in die Bäume, Endlich gelangten ſie zu einem Dorf und zögerten nicht, den Leuten zu er- zählen, was ſie in der Nacht gehört. Da ſind die Leute ihnen nach- gefolgt, haben die Stätte beſchaut und etliche Totengebeine gefunden, 1wa3 je Gewogen, bajebt eine Kirche zu hauen. Etwa 1650 vou Paſtor Wichler auſgezeichnet, Winter in Ba n. Kunde Eſt-, Liv- u. Kurl, V, tr. 132 Anm. Die Kirche 4 Hinpel. Als die Kirche gebaut und man nneinig war, welchen Namen mau ihr geben ſolle, ſeien drei Stiere aus dem Rakamois'ſchen Flüßchen emporgeſtiegen und hätten laut gebrüllt (eſt. nmuma), worauf ſie wieder verſchwunden ſeieu. Von dieſet ammn- wine hätte die Kirche den Nameu Ambla-irik (Ampel) erhalten. Winkler in Beitr, z. Kunde Eſt-, Liv- und Kurl. V, S. 30. Die Rir<e von 8, Marien-Magdaleuen, Die S« M erzählt, die Kirche ſei während eines Krieges zerſtört und das Kirchſpiel ſo menſchen» leer geweſen, daß undurchdringlicher Wald die Trümmer des ehemaligen Gotteshauſes bedec>t habe a „ihr Gedächtnis bei den wenigen Über- lebenden erloſchen war. Ein Jäger habe ſie wieder auſgeſundeu, deſſen Hund bei den Trümmern ein 10884 Gebell angeſchlagen. Winkler in Beitr. z. Kunde Eſt, Liv- und Kurl. S. 30. =- Dieſelbe Sage wird anch vou Turgel in Eſtland erzählt.
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