In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.
In reicher Flur, auf waldumbüschten Höhen, Wo stolz der Rhein begrüßt die Ortenau, Sieht man der Burg bemooste Trümmer stehen, Von ferne schon, auf Felsen steil und rauh:
Dort tönt es in der Morgenwinde Wehen Oft süß, wie Harfenklang – im Abendthau Erhebt sich neu die schaurig – milde Weise, Und Geistertritte wandeln ernst und leise.
Dort wohnte Staufenberg, ein edler Ritter, Mannhaft und kühn, wie Richard Löwenherz; Groß war sein Muth im Schlachtenungewitter, Und Lanzenbrechen war ihm Spiel und Scherz. Der Liebe Reiz auch kannt’ er, süß und bitter, In mancher Wonn’, in manchem wilden Schmerz, Und bleiben soll, weil ihn ein Weib betrogen, Sein Sinn allein der freien Lust gewogen.
Einst kehrt mit seiner Schaar aus Thal und Sträuchen Der Ritter von der Jagd im dunkeln Hain, Und als das Dörflein Nußbach sie erreichen, Läßt er die Knappen vor, und bleibt allein: Nah’ ist ein Quell, umweht von alten Eichen, Und glänzend nun im goldnen Abendschein; Hier weilt er oft, und läßt in Traum und Sehnen Auf seiner Laut’ ein Minnelied ertönen. Wie staunt sein Blick, als er an dieser Quelle Jetzt eine wunderschöne Jungfrau fand: Sie schaut mit Lächeln auf die Silberwelle, Ihr blondes Haar umschlingt ein Rosenband; Mild ist ihr Angesicht, wie Frühlingshelle, Und weiß wie Schnee ihr schimmerndes Gewand. Er grüßt: die Maid erhebt sich aus dem Grünen Und danket ihm mit sittig holden Mienen.
Und als mit Namen sie darauf ihn nennet, Verwundert sich darob der Rittersmann: „Es scheint, o Fräulein, daß Ihr schon mich kennet?“ Die Schöne sagt: „Mein Sitz ist neben an; Ich seh’ Euch oft, wenn Ihr im Fluge rennet Dem Walde nach feldab und hügelan; Und schöpft ihr dann den Trunk am Quell der Wiesen, Hör’ ich die Jäger Euch mit Namen grüßen.“
Sie spricht noch mehr in himmlisch holden Tönen; Der Liebesgöttin gleicht sie von Gestalt. Der Ritter fühlt ein unnennbares Sehnen, Es hält ihn fest mit zaubrischer Gewalt. Er horcht der feinen Sprache dieser Schönen Entzückt; doch ach! die Stunde flieht zu bald; Da geht er bei des sanften Mondes Blicke, Und kehrt beim nächsten Abendroth zurücke.
Er setzt sich hier auf einen Felsen nieder, Schaut in das Feld, auf die kristallne Fluth; Ein süßer Schauer wallt durch seine Glieder, Und in dem Herzen brennt der Liebe Gluth. Doch warten ist umsonst, sie kehrt nicht wieder: Er schleicht zur Burg; ihm sinken Kraft und Muth – So kommt er jeden Abend her und klaget, Daß ihm nicht mehr erscheint die holde Maget.
Am sechsten Tag, im späten Dämmerlichte, Harrt Staufenberg und seufzt: „Ach! wie so lang! Will denn mein Loos, daß ich auf sie verzichte?“ Da tönt ein leiser, lieblicher Gesang. Er horcht, und späht bis in des Haines Dichte. Doch schien’s, daß aus dem Quell die Stimme drang; Da sitzt, als nun sein Schritt zum Wasser eilet, Die Jungfrau auf dem Stein, wo er geweilet. O welches Glück! Er hat sie nun gefunden! Schon lächelt ihm der schönsten Träume Ziel: Doch soll sein Fragen nichts von ihr erkunden, Und lächelnd scherzt sie nur im Wörterspiel. Ach! süß betäubt, zu mächtig überwunden, Bekennt er nun sein liebendes Gefühl; Sie sinnt voll Ernst und spricht: „An dieser Stelle Seyd morgen früh, noch vor des Tages Helle!“
Und eh’ die Stern’ entflohn auf andre Bahnen, Erscheinet, kaum der Wonne sich bewußt, Der Held, es wehn des Morgens lichte Fahnen, Da steht die Reizende vor ihm, o Lust! –
Umkränzt ihr Haar von bläulichen Cyanen, Geschmückt mit jungen Rosen ihre Brust. Sie sieht ihn an mit unschuldvollen Blicken, Und Worte kaum vermag er auszudrücken. Sie winkt zum Sitz: er folgt ihr gluthbeseelet, Faßt ihre Lilienhand und sagt dabei, Wie stets um sie die Flamme noch ihn quälet; Die Maid antwortet: „Eine Wasserfei Bin ich – von solchen wird ja oft erzählet – Auch Menschen lieben wir; doch redlich sei, Wer ein Verlangen fühlt, um uns zu werben; Sonst wird uns tiefe Qual, und ihm – Verderben.
Gern, Ritter, sah ich Euch an dieser Stelle; Drum, wenn Ihr mein Gemahl zu seyn begehrt, Bleib’ Eure Treu’ so rein, wie meine Quelle, Und dauernd, wie der Stahl an Eurem Schwert! Doch wenn sich von Erlinen je der schnelle Und leichte Sinn zu andern Frauen kehrt, Wird Noth und Fall sich über Euch vereinen, Und nur mein Fuß zum Zeichen noch erscheinen.“
Er ruft: „Ha! ohne dich ist mir kein Leben, Und ewig feste Treue schwör’ ich dir!“ Sie eilt erröthend ihm ein Pfand zu geben: Es ist ein Ring von Demant und Saphir. Er drückt sie an die Brust mit süßem Beben Und spricht: „Ach! welche Wonne finden wir, Nicht mit dem Gold der Erde zu erkaufen, Auf holder Flur in meiner Burg zu Staufen!“ Es wird bestimmt, daß mit dem jungen Strahle Des vierten Tags die Trauung soll geschehn. Als dieser naht, und setzt auf Flur und Thale Der Morgen steigt herab von Purpurhöh’n Da eilt aus dem Gemach zum hohen Saale Der Ritter schon, und sieht drei Körbchen stehn, Recht künstlich fein, geweiht dem Minnesolde, Und voll von Silber, Edelstein und Golde.
Bald öffnen sich des Marmorsaales Thüren: Erlina tritt im Hochzeitsschmuck herein; Sechs Mädchen folgen noch aus den Revieren Des Quellenreichs, Undinen, blond und fein. Schon sieht das Volk zur Burgkapelle führen Die Glücklichen, wo, ihren Bund zu weih’n, Der Priester harrt, und bald dem edlen Paare Den Segen spricht am heiligen Altare. – Wie selig fühlt sich an Erlina’s Wangen Der Ritter nun! Wie dünkt ihm öd’ und rauh Die stürm’sche Lust der Welt! Sie ist vergangen, Sein Herz schlägt nur der häuslich-milden Frau. In sanfter Schönheit lockt sie sein Verlangen, So wie den regen West die Blumenau: Ein Jahr entfloh, da lacht – o süße Gabe Des Bundes! – ihr im Schooß ein holder Knabe.
Jetzt hört man, daß dem Frankenkönig dräuet Mit starker Macht ein Feind von Süden her, Und daß der Held die edlen Schaaren reihet, Der Gränze nah’, zur tapfern Gegenwehr. Schon ordnet rings im Waffenglanz und freuet Sich auf den Streit das sieggewohnte Heer; Auch Ritter von dem rechten Rheingestade Betreten kühn mit ihm des Ruhmes Pfade.
Und Staufenberg? – das rüstige Beginnen Entflammt auch ihn zu neuer Ritterthat: Er will zur Liebe neuen Ruhm gewinnen, Wiewohl er Lorbeern schon errungen hat; Und vor die Gattin tritt, nach langem Sinnen, Der Rittersmann, fragt zärtlich sie um Rath, Wie er soll thun; weil Angst und Kummer litte Ihr Herz vielleicht, wenn er zum Kampfe ritte. Da fließt, der Perle gleich an Saba’s Strande, Ein Thränchen von Erlinens Angesicht; Sie faßt sich und erwiedert: „Heil’ge Bande, Wie unsre, tilgen Zeit und Ferne nicht.
Geliebter, eile denn zum Schutz der Lande! Nicht hemmen werd’ ich deine Ritterpflicht; Nur, bis dich gute Stern’ uns wieder schenken, Woll’ treulich mein und deines Kinds gedenken!“
Der Ritter schwört es ihr bei Heil und Leben, Drückt sie an’s Herz, und bald im Morgenschein Zieht er, vom Trupp der Reisigen umgeben, Durch heim’sche Fluren fort und über’n Rhein. Wo Herzog Otfrieds Banner sich erheben, Reiht er sich schnell mit seinen Kämpfern ein; Dann eilt das Heer fernhin, auf manchen Wegen Zu Roß und Fuß, dem wilden Feind entgegen. Nicht lange drauf erschallt die hohe Kunde: „Im Pyrenä’ngebirg war eine Schlacht, Auf Felsenhöh’n und in des Thales Schlunde; Bald wich, bald drang voran des Königs Macht. Es schlug der Kampf wohl manche heiße Stunde – Doch plötzlich ward ein heft’ger Stoß gebracht Des Feindes Heer’, es fielen alle Schranken, Die Heiden flohn, und Sieg umweht die Franken.“
So ist es. Doch wer brach im Schlachtgewühle Der Gegner Mitte nun? Wer hat erhellt Dem tapfern Heer die Bahn zum frohen Ziele? Vor Allen Staufenberg, der kühne Held: Das erste Treffen lenkt’ er, und noch viele Der Kämpfe sehn Berg, Haine, Thal und Feld, Bis sich des Feindes Kräfte ganz ermüden, Und glorreich schließt mit ihm der König Frieden.
Ach! süße Tön’ in Leid und Sorgen waren Erlinen dies; schon lächelt Wiedersehn! Bald hört man, daß der Krieger tapfre Schaaren Nach ihrer Heimath im Triumphe gehn; Doch hat vorher noch Staufenberg erfahren, Wie Geist und wackre That den Mann erhöhn: Der König läßt ein goldnes Schwert ihm reichen, Und Michaels geweihte Ordenszeichen.
Auch Otfried, Herzog in dem Rhein’schen Franken, Will ihn, der ruhmvoll seine Schaar geführt, Vor dem der Sarazenen Banner sanken, Hoch ehren, wie dem Helden es gebührt, Und möcht’ ihm gern auf würd’ge Weise danken: Da, wo sein Hof des Rheines Gauen ziert, Lädt er in einen Kreis erhabner Gäste Den Rittersmann zum hohen Siegesfeste.
Wie glänzt der reiche Saal in stolzer Feier! Wie wird beim Mahl die Freude hoch und laut! Der Minnesang ertönt zur goldnen Leier, Und an der Fürstentochter Seite schaut Man Staufenberg, der Allen werth und theuer; Ein Flüstern geht: „Nur er verdient die Braut!“ Auch spricht er gern zur schönen Adeline; Gern lauscht sie ihm mit Huld und sanfter Miene. Als froh der zweite Tag in Schatten sinket, Da tritt in sein Gemach ein Höfling ein, Und spricht: „Ihr wünscht, o Herr, wie uns bedünket, Der reizenden Prinzessin euch zu weih’n, Auch sie – vernehmt, wie Glanz und Wonne winket! Scheint nicht dem Helden abgeneigt zu seyn. Drum, wollet mir nur Eure Wünsche nennen, Der Herzog wird Euch gern als Sohn erkennen!
Und Staufenberg versetzt in Gluth und Beben: „Nicht jetzt – doch morgen sei mein Wunsch erklärt!“ Er fühlt in sich der Ehrsucht hohes Streben Und daß sein Herz die Liebliche begehrt; Als des Gewissens Schauer sich erheben – Denkt er: „Wer ew’ge Treu’ der Gattin schwört, Sollt’ eben so die heil’gen Worte brechen, Wie ihm ein falsches Weib? – Gott wird es rächen!“
In wankendem Entschluß, in Noth und Thränen, Geht ihm die schlummerlose Nacht vorbei. Zu Otfried eilt er, als die Vögel tönen Ihr Morgenlied, und sagt ihm endlich frei,
Nach der Erhabnen stehe nur sein Sehnen, Doch knüpf’ ihn schon das Band an eine Fey. Der Herzog staunt ob solchen Wunderdingen Und meint, dies werd’ ein böses Ende bringen. Er sinnt vergebens, ob ein Rath sich fände; Darum befragt er seinen Hofkaplan. Der spricht: „Erlauchter Fürst, der Himmel wende Das Unheil ab von dieses Edlen Bahn! Nur wenn sich eine Gattin ihm verbände, Die Lehr’ und Taufe, so wie er, empfah’n, Könnt’ er des Spuks verworfne Bande lösen Und sich befrei’n von dem Gespensterwesen.“
Der Rittersmann entschließt sich: ach! er trauet So bald dem gleisnerischen Priesterwort! Der Bund, auf den er stolze Plane bauet, Die neue Gluth, reißt ihn gewaltsam fort. Als auf die Flur der dritte Abend thauet, Sieht man verlobt am glanzerfüllten Ort Den tapfern Staufenberg mit Adelinen; Rings tönts: „Ein schönes Paar! – Heil, Heil sey ihnen!“ – Sie schauen soll der zwölfte Tag verbunden; Da langt zuvor ein Knecht von Staufen an. Der Ritter stutzt, und fragt ihn, welche Kunden Er melden soll? Hierauf versetzt der Mann: „Herr! mit dem Kind ist Euer Weib verschwunden So schnell, daß Niemand es begreifen kann; Dies war am Abend der Verlobungsfeier.“ „Seltsam, ruft Staufenberg, und nicht geheuer!“
Es war, – so denkt er – jener Bund geschlossen, Wenn christlich, doch in schlimmer Geister Sinn; Wohl mir, daß sich das wahre Licht ergossen! Und leichten Muths geht er zur Trauung hin. Schon lacht der Mai und milde Bächlein flossen In dem Gefild; es blüht der Hain, worin Des Fürsten hohes Lustschloß sich erhebet, Von Dienern und von Zofen neu belebet.
Dort, als vollbracht die kirchlichen Gebräuche, Empfängt die Tafel rund im Rittersaal Den Hof, auch viel der Großen aus dem Reiche, Der Herrn und Damen zu dem Hochzeitmahl. Horch! Hörnerschall! die Braut, die göttergleiche, Beut lächelnd ihrem Lieben den Pokal, Er nimmt ihn, blickt empor – wird wie versteinet, Weil – an der Wand ein Frauenfuß erscheinet. Kalt fährt es ihm und heiß durch alle Glieder; Nur er kann sehn den niedlich-schönen Fuß; Der schwindet nun: Der Ritter faßt sich wieder, Trinkt rasch und murmelt: „Geh’s denn, wie es muß!“ Man will, da schon die Sonne steigt hernieder, Zur Hofburg ziehn noch vor des Tages Schluß. Doch Staufenberg? – – Man sieht, er kann nicht hehlen, Daß plötzlich ihn geheime Schauer quälen.
Die Wagen gehn im stolzen Pomp zurücke; Mit Knechten folgt zu Roß der Bräutigam; Er tauscht mit seiner Holden Liebesblicke, Und birgt nach aller Macht den innern Gram. Im offnen Feld erscheint die Bogenbrücke, Und während jetzt der Zug hinüber kam, Will durch den seichten Fluß vor seinen Knappen Der Ritter schnell, und lenkt hinein den Rappen. Doch in der Mitte schnaubt das Roß – nicht weiter Will es voran; nichts helfen Sporn und Hand; Es bäumt und überschlägt sich mit dem Reiter – Ha! dieser fällt, der Hengst entspringt an’s Land. Schnell wächst der Strom, ergießt sich wild und breiter, Und überfluthet schon den hoben Strand; Er rauscht, die Wellen thürmen sich voll Grausen Hochauf, der Donner hallt und Stürme sausen.
Wie läßt sich laut der Frauen Klage hören! Ja, auch den Männern sinkt der tapfre Muth; Ach! die Vermählte bebt in heißen Zähren – Da sieh! mit einmal weicht der Stürme Wuth;
Neu will die Au’n der Sonne Schein verklären, Das Wasser fällt und sanft hin wallt die Fluth; Die Lerche singt, des Zephirs Hauche wehen – Jedoch der Ritter ward nicht mehr gesehen.