In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.
Im Mummelsee, im dunklen See, Da blühn der Lilien viele, Sie neigen sich, sie beugen sich, Dem losen Wind zum Spiele; Doch wenn die Nacht herniedersinkt, Der volle Mond am Himmel blinkt, Entsteigen sie dem Bade Als Jungfern ans Gestade.
Es braußt der Wind, es saust das Rohr Die Melodie zum Tanze; Die Lilienmädchen schlingen sich Als wie einem Kranze, Und schweben leis umher im Kreis, Gesichter weiß, Gewänder weiß, Bis ihre bleichen Wangen Mit zarter Röthe prangen.
Es braußt der Sturm, es saust das Rohr, Es pfeift im Tannenwalde, Die Wolken ziehn am Monde hin, Die Schatten auf der Halde; Und auf und ab, durchs nasse Gras, Dreht sich der Reigen ohne Maaß, Und immer lauter schwellen Zum Ufer an die Wellen. Da hebt ein Arm sich aus der Fluth, Die Riesenfaust geballet. Ein triefend Haupt dann schilfbekränzt, Von langem Bart umwallet, Und eine Donnerstimme schallt, Daß im Gebirg es widerhallt: „Zurück in eure Wogen, Ihr Lilien ungezogen!“
Da stockt der Tanz, die Mädchen schrei’n Und werden immer bläßer: „Der Vater ruft! Puh! Morgenluft! Zurück in das Gewässer!“ Die Nebel steigen aus dem Thal, Es dämmert schon der Morgenstrahl, Und Lilien schwanken wieder Im Wasser auf und nieder.
Es steht ein Fischer an dem See: „Verschlinge mich und all mein Weh!
Mein Liebchen hat der Tod genommen, Was soll mir noch das Leben frommen?“ – Zum Sprung ist er bereitet schon, Da ruft es ihm mit Schmeichelton:
„Ja, komm zu mir, in meinen Armen Sollst du zu neuer Lieb’ erwarmen!“
Und auf dem Wasser sieht er klar Ein lichtes Mädchen, gold von Haar. Sie winkt zu süßem Liebesglücke, Er aber springt entsetzt zurücke:
„Nein, Dir gehört mein Herz allein, Mein liebes todtes Mägdelein! Und lieber bleib’ ich auf der Erden, Als dir im Wasser untreu werden!“
Der Fischer eilt nach Hause fort; Gar fromm und stille lebt er dort,
Und harrt geduldig, ohne Klage, Bis Gott ihn selbst zur Liebsten trage.
Glatt ist der See, stumm liegt die Fluth, So still als ob sie schliefe, Der Abend ruht wie dunkles Blut Rings auf der finstern Tiefe; Die Binsen im Kreise nur leise Flüstern verstohlener Weise:
„Wer schleicht dort aus dem Tannenwald mit scheuem Tritte her? Was schleppt er in dem Sacke nach so mühsam und so schwer?“ – „Das ist der rothe Diether, der Wilderer benannt, Dem Förster eine Kugel hat er ins Herz gebrannt, Jetzt kommt er, in die Tiefe den Leichnam zu versenken, Doch unser alte Mummler läßt sich so was nicht schenken.
Der Alte hat gar leisen Schlaf, ihn stört sogar ein Stein, Den man vielleicht aus Unbedacht ins Wasser wirft hinein;
Dann kocht es in der Tiefe, Gewitter steigen auf, Und flieht nicht gleich der Wandrer mit blitzgeschwindem Lauf, So muß er in den Fluthen als Opfer untergehen, Kein Auge wird ihn jemals auf Erden wiedersehen!“
Da steht der Frevler an dem See, wirft seine Bürde ab Und stößt hinab mit einem Fluch den Sack ins nasse Grab: „Da, jage du nun Fische da drunten in dem See, Jetzt kann ich ruhig pirschen im Walde Hirsch und Reh, Kann mich nun ruhig wärmen an deines Holzes Gluthen, Du brauchst ja doch kein Feuer da drunten in den Fluthen!“ Er sprichts und will zurück, doch hält ein Dorngestrüpp’ ihn an, Und immer fester zerrt es ihn mit tausendfachem Zahn; Da kocht es in der Tiefe, Gewitter steigen auf, Dumpf rollt ob dem Gebirge der Donner seinen Lauf, Der See steigt übers Ufer, es glühn des Himmels Flammen, Und hoch schlägt über dem Mörder die schwarze Fluth zusammen. – – Stumm liegt der See, als ob die Gluth Der Rache wieder schliefe; Glatt ist die Fluth, im Monde ruht Die unermeßne Tiefe – Die Binsen im Kreise nur leise Flüstern verstohlener Weise.
Was peitschet und schnaubet und billt und kracht, Und pfeifet und jauchzt durch die finstere Nacht?
Es rasseln die wüthenden Jäger herbei Mit schmetternden Hörnern, mit Hurrageschrei. Und drunten am Wasser hält stille der Troß, Da schwingt sich ein jeglicher Reiter vom Roß;
Es springen die Hunde hinab in die Fluth Und löschen des Durstes verzehrende Glut. Rings lagern die Jäger im Kreise herum, Es tönt aus der Tiefe das dumpfe Gebrumm.
Hell strahlet der Mond aus den Tannen hervor Und theilet die Wolken und lüftet den Flor.
Da tauchen mildlächelnde Mädchen empor, Aus plätschernden Wellen, aus säuselndem Rohr. Hoch schwingen sie Kannen mit funkelndem Wein Und schenken in silberne Becher ihn ein:
„Hier, trinket ihr Herren, wir bringens euch zu! Süß schmeckt auf der Jagd solch ein Schlückchen in Ruh!“ Aus trinken die Jäger: „Wir danken gar schön! Nun gehts wieder frisch über Thäler und Höhn.“
Es peitschet und gellet und billt und kracht, Es pfeifet und jauchzet und braußt durch die Nacht.
Da tauchen die Nixen zurück in ihr Schloß, Und ferne verklinget der wüthende Troß.
„Was, im Schilf dort ausgesetzt, Mag der Kord wohl hegen? Schaut! ein Knäblein unverletzt Lacht uns draus entgegen! Schwestern, unter Mutterhut Wollen wir es legen, Drunten in der kühlen Fluth Liebevoll sein pflegen.“
Und die Nixen tragen es Unter stille Wogen,
In dem Schoos des Mummelsee’s Wird es auferzogen; In der Wiege von Kristall Auf und ab geschaukelt, Unter süßem Liederschall In den Schlaf gegaukelt.
An der weißen Brüste Quell Darf das Kind sich laben, Und ist reift der Säugling schnell Zu dem schönsten Knaben; Blondgelockt das lange Haar, Milch und Blut die Wangen, Kommt er in der Nymphen Schaar Keck einhergegangen. Nun darf er zum erstenmal Aus den Fluthen steigen, Läßt sich Berg und Wald und Thal Von den Nixen zeigen; Schaut entzückt den Mondenstrahl Hinter Tannenzweigen, Mit dem Mädchen seiner Wahl Tanzet er den Reigen.
Und ein ungetrübtes Glück Wird ihm nun zu Loose, Oft noch kehret er zurück Aus der Wellen Schoose; Ueber Thäler, Berg und Ried Treibt es ihn zu wallen, Selig lauschet er dem Lied Süßer Nachtigallen. Doch er wandelt nicht allein: Aus der Nixen Schwarme Hält das schönste Mägdelein Kosend er im Arme;
In des Mondes Zauberschein Kann man Beide sehen, Unter Minneschmeichelei’n Aus dem Rohre gehen.
Bei Nacht ist ein Klingen und Singen im See, Es stutzen im Forste die Hirsch’ und die Reh’, Die Vögelein schütteln sich munter. Es schallet und hallet ein lustiger Lärm, Es tauchen die Mummler in buntem Geschwärm Die Fluthen herauf und hinunter. Heut hat ja ihr König die niedlichste Fee, Die schöne Merlina genommen zur Eh’; Dies will er auf’s Herrlichste feiern; Nun steiget das lustige Völkchen ans Land, Im blauen mit Silber gestickten Gewand, Die Dämchen in silbernen Schleiern. Der König, die Krone von Schilf auf dem Haubt, Geformt aus Beryll, mit Smaragden umlaubt, Im Mantel von Purpur und Sammet; Die Königin, strahlend von Schönheit und Glanz, Im goldenen Haar den saphirenen Kranz, Der von Amphitrite noch stammet.
Nun pflücken sie Blumen und grünendes Reis, Und bauen gar zierlich am Ufer im Kreis Sich Lauben mit Tischen und Bänken; Dann sehen sich alle zum köstlichen Mahl, Es geht in der Runde der Muschelpokal, Gefüllt mit den feinsten Getränken.
Es blasen aus Flöten von Binsen und Rohr Viel herrliche Stücklein die Musiker vor, Und laden die Gäste zum Tanze;
Nun singt es und springt es und schwingt es und saust, Daß selber der See nun melodisch erbraußt, Zu seinem umwirbelnden Kranze.
Die Geister der Nachbarschaft stiegen herbei: Die wüthenden Jäger mit Hurrageschrei, Die Gnomen, Koboldchen und Zwerge, Und mischen sich alle im schönsten Verein Zur lustigen Tafel, zum tanzenden Reih’n, Es hallen im Echo die Berge. So schallet und hallet die Hochzeit am See, – Da wird es dem lieblichen Bräutchen so weh, Sie kann nicht die Landluft ertragen; „Eins“ rufet die Glocke vom Kirchlein im Thal, Und über der Geister unendliche Zahl Die Wasser, die braußenden, schlagen.
Es sitzt ein Hirtenknab Am Ufer dort und singt, Daß in die Fluth hinab Die süße Stimme dringt. Da steigt die schönste Fee Im Liliengewand, Wohl aus dem finstern See Zum Hirten an das Land.
Sie hat ihn bald berauscht Mit süßem Minnespiel Und täglich ward getauscht Der heißen Küsse viel.
Doch pünktlich jedesmal Versank die holde Fee Beim letzten Abendstrahl Hinunter in den See.
Einst sprach das schöne Weib: „Bleib’ ich einmal zu Haus, O Freund, so ruf’ bei Leib’ Nicht meinen Namen aus! Sonst muß ich sterben gleich, Du siehst mich nimmermehr; In diesem Wasserreich Ist das Gesetz gar schwer!“ – Schon mancher Tag verfloß Dem Hirten an dem See, Doch aus der Wellen Schoos Stieg immer keine Fee.
Einst in dem Abendglanz Der arme Knabe saß, Und des Verbotes ganz In seinem Schmerz vergaß.
Er ruft voll Liebesgluth Den theuern Namen aus – Da reget sich die Fluth Mit zischendem Gebraus,
Und aus der Tiefe gellt Ein dumpfer Schmerzensschrei, An das Gestade schwellt Ein Strom von Blut herbei. Es schwimmt zum Ufer da Ein weißes Röslein her – Kein Aug’ auf Erden sah Den Hirtenknaben mehr.
Von Straßburg drei muntre Gesellen Durchstreifen Gebirg und Thal; Im Schwarzwald wollen sie sehen
Den wunderbarsten der Seeen, Den Mummelsee, doch einmal. Doch nah’ schon den Hornisgrinden Verlieren sie spurlos den Weg Die lustigen Kamerädchen, Da hüpften drei zierliche Mädchen Herüber vom Tannensteg. Sie grüßen mit schelmischem Kichern: „Wo wollt ihr denn hin, ihr Gesell’n?“ – „Zum Mummelsee wollen wir reisen, Könnt etwa den Weg ihr uns weisen, Ihr allerliebsten Mamsell’m?“ „Ei freilich, mit vielem Vergnügen! Da braucht ihr mit uns nur zu gehn; Es führt ja der Zufall gerade Auch uns zu des Seees Gestade, Wo unsere Wohnungen stehn.“ – Die Bursche, sie nehmen mit Freuden So hübsche Geleiterschaft an; Nun geht’s unter Plaudern und Kosen Vereint mit den Mädchen, den losen, Von Halde zu Halde hinan. Die Jüngferchen scheinen nicht spröde; Verlocket von ihrem Geneck, Versuchens die Wandrer schon lange, Zu rauben mit raschem Umfange Ein Küßchen den Lippen so keck. Doch entschlüpft den umschlingenden Armen Sind die Dirnchen, behend wie der Aal: „Wartet nur, das sollt ihr uns büßen! Meint ihr denn, wir lassen uns küssen So leicht wie die Mädchen im Thal?“ –
So neckend und schäckernd gelangen Sie bald an des Mummelsees Strand. Wie still im Schlummer ruhten Die schwarzen Wasserfluthen Im Mittagssonnenbrand! „Ihr Herren, wir sind am Ziele, Dies ist der Mummelsee! Hier könnt ihr euch baß erfrischen Mit Seewein und mit Fischen; Ade, ihr Herren, Ade!“ – „So sagt uns doch, eh’ wir scheiden, Allerliebste Fräulein ihr: Wie können wir euch denn lohnen? Wo haust ihr denn?“ – „Wir wohnen, Ganz in der Nähe hier. Ihr seyd wohl matt und müde Und durstig obendrein? Wißt ihr was: kommt mit nach Hause, Da sollt ihr mit Trank und Schmause Vollauf bewirthet seyn.“ Wie nehmen die Bursche mit Freuden Die freundliche Ladung an! Und sieh nur, statt feuchten Sandes, Aus dehnt sich längs des Strandes Ein grüner Wiesenplan. Voran die Jüngferchen tanzen, Die Bürschlein folgen nach; Doch sind sie kaum bis zur Mitten, Da bricht unter ihren Schritten Der Boden mit dumpfem Krach. Plumps! liegt die ganze Gesellschaft Im kühlen Wogenbett; Die Bürschlein zappeln im Schilfe
Und schreien erbärmlich um Hilfe; Ach, nirgends ein Rettungsbrett! Hell auf aber lachend schwimmen Die Jungfern wie Enten im See; Die Bürschlein sinken und sinken, Schon sind sie nah dem Ertrinken, Da dauert die Mädchen ihr Weh. Ein Wink, und ein mächtiger Fluthschwall Wälzt sachte die Drei aufs Gestad’; Die Jüngferlein aber riefen Sich tauchend in die Tiefen: „Gesegn’ euch Gott das Bad! Wohl bekomm’ euch die Erfrischung In unserm Mummelpalast! Und hat es euch drinn gefallen, So seyd ihr in seinen Hallen Für immer willkommen zu Gast!“ Da schließen sich murmelnd die Wogen Dicht über den Jüngferchen zu; Ein Kichern nur tönt noch leise Im Busch und Geröhricht im Kreise, Dann liegt Alles in tiefer Ruh. Die nassen Gesellen, sie schleichen Beschämt von dem Mummelsee, Sich zu trocknen auf sonnigem Plätzchen, Und sagen auf immer den Schätzchen In der wäßrigen Herberg Ade!
„Mann, du mußt den Pfaffen holen, Daß den Spuck er banne! Alles wird uns sonst gestohlen Noch aus Topf und Kanne!
Mag ich Alles auch verschließen, Speis’ und Trank verbergen, Nichts ist sicher mehr vor diesen Unverschämten Zwergen!
Speck und Eier, Rahm und Butter Aus der Speisekammer, Aus dem Stall sogar das Futter, – Ist das nicht ein Jammer? – Alles uns hinwegstipitzen Thun sie Nachts im Stillen, Und durch Schlüsselloch und Ritzen Schlüpfen sie wie Grillen.“ „Frau, ach Frau! das sind die Zwerge Aus des Seees Grunde, Wo sie wohnen hinterm Berge Mit der Höll’ im Bunde; Alle Nacht zur Geisterstunde Schleicht ein Trapp ins Thal sich, Beiden Wirthen in der Runde – Holen sie das Mahl sich.
Diese Woche ist die Reih’ hier Nun an uns gekommen, Und der Pfaffe, Gott verzeih’ mir! Wird da wenig frommen. Doch will ich, ’s kann ja nicht schaden, Zu dem heil’gen Manne, Auf heut Nacht ihn einzuladen, Daß den Spuck er banne.“ – Pünktlich stellt bei unserm Paare Nachts der Pfarrer ein sich; Daß er kühnen Muth bewahre, Stärkt er erst mit Wein sich, Zündet an hierauf im Kreise Die geweihten Kerzen, Denn mit Geistern solcher Weise, Läßt sich ja nicht scherzen.
Dann besprengt er Tisch’ und Bänke Rings mit Weihewasser; Tisch’ und Bänke, Heerd’ und Schränke Werden immer nasser, Immer nasser Flur und Wände Bis in alle Ritzen, Tausend unsichtbare Hände Aus dem Kessel spritzen.
Aus den Decken, aus den Ecken Wasserschäume wallen, Mann und Frau voll Todesschrecken Auf die Kniee fallen; Auch das Pfäfflein muß im Tormel Sich zu Boden strecken, Jede Geisterbannungsformel Bleibt im Hals ihm stecken. Plötzlich auf mit dumpfem Krachen Wird die Wand gebrochen, Daraus kommt mit hellem Lachen Zwerg auf Zwerg gekrochen; All’ mit Eiern, Speck und Schinken Vollgepfropft die Taschen, Und dazwischen sieht man blinken Weingefüllte Flaschen.
Doch der Dickste von dem Haufen Klatschet in die Hände, Und die Wasser sich verlaufen Wieder durch die Wände; Dann mit spött’scher Miene kehrt er Sich zum armen Pfaffen: „Sehl, uns bangt nicht, Hochgelehrter! Vor der Kirche Waffen! Mit des ganzen Bannes Strahle Krümmt Ihr uns kein Härchen, Und, wo nur in diesem Thale Lebt ein geizig Pärchen,
Wie hier diese Eheleute, – Machen wir die Runde, Um zu holen unsre Beute In der Geisterstunde.
Was wir stehlen bei den Reichen, Bringen wir den Armen, Weil sich doch von Euresgleichen Keiner will erbarmen. Wollt Ihr frei seyn vom Verdrusse Unsrer nächsten Einkehr, So vergesset im Genusse Nicht der Armuth Pein mehr!
Nun Ade, du zitternd Kleeblatt! Wollt ihr uns verklagen, Müßt ihr schon in unsre Seestadt Euch hinunter wagen; Dort, vor unsres Königs Throne Mögt ihr processiren; Aber glaubt mir, zweifelsohne Werdet ihr verlieren!“ Und der Mummelzwerglein Truppe Lachend sich davon macht; Unsrer Geisterbanner Gruppe Aber liegt in Ohnmacht. Doch seit dieser Nacht entschwunden Ist der Geiz vom Pärchen, Jeder Arme hats empfunden, Dank dem Mummelschärchen.
Verglommen ist schon lange Der Sonne letzter Strahl, Da wankt mit müdem Gange Ein Männlein noch durchs Thal;
Ein Wandrer grau von Bart und Tracht Im sanften Antlitz Trauern, Mit seinem Pilgerstabe sacht Klopft er an’s Haus des Bauern. Hans riegelt auf den Laden Und sieht den Zwerg da stehn; Solch einen Kameraden Hat er noch nie gesehn! Ob der Figur, so wunderlich, Möcht’ er beinahe lachen, Fühlt er nicht insgeheim in sich Des Mitleids Trieb erwachen.
„Freund, wollt mir doch gestatten Für heut ein Nachtquartier! Kaum tragen mich die matten Gebeine mehr von hier; Durchwandert hab ich ohne Frucht Viel schwere schwüle Stunden, Ach! und das Ziel, das ich gesucht, Noch immer nicht gefunden.“
Hans, ohne langes Fragen, Schließt ihm die Thüre auf Und weist ihm einen Schragen: „Da, Kleiner, leg’ dich drauf!“ Dann geht er selber auch zu Bett, Sein Gast macht ihm nicht Sorgen, Und beide schnarchen um die Wett’ Bis an den lichten Morgen. Da rafft sich schnelle schnelle Vom Lager auf der Zwerg: „Hab Dank, hab Dank, Geselle, Für deine Nachtherberg! Zu diesem Liebesdienst jedoch Erweis’ mir einen zweiten Reich sey dein Lohn, willst du mich noch Zum Mummelsee geleiten.
Fremd bin ich hier zu Lande; Wohl ahnst du nicht, daß hier In diesem Staubgewande Ein König steht vor dir! Ein Fürst von einem schönen See, Fern dieser Berge Kreise, Ein Gatte, den unsäglich Weh Trieb auf so weite Reise. Zwei Monde sinds gerade, Lustwandelnd ging allein An unsrem Seegestade Mein Weib im Abendschein; Da plötzlich stürzt auf sie ein Hauf Von fremdem Seegezwerge, Und fort mit ihr im Sturmeslauf Gings über Thal und Berge.
Zu spät erhielt ich Kunde, Wer malet meinen Graus! Rings in die weite Runde Sandt’ ich Vasallen aus; Umsonst! ich forschte her und hin An allen Nachbarseeen; – Von meiner blonden Königin War keine Spur zu sehen.
Da bin ich ausgezogen Mit diesem Pilgerstab; Wo nur ein See mag wogen, Bin ich getaucht hinab! Jetzt bleibt mir nur die Mummelfluth Noch zu durchforschen heute, Mir ahnt’s, dort ruht mein höchstes Gut, Des Räuberkönigs Beute. Komm, führe mich geschwinde Zu seinem Ufer hin, Und nimm als Angebinde Dies goldne Fingerlin!
Wenn Blitz dir oder Hagel droht, So brauchst du’s nur zu drehen, Und Feuers- oder Wassersnoth Wird stets dein Haus entgehen!“
An Worten fehlt’s dem Bauern Für seine Dankbarkeit, Voll Staunen und Bedauern Gibt er ihm das Geleit; Und als sie vor dem schwarzen Kreis Des Mummlers endlich stehen, Da ruft der Zwerg: „Ade! wer weiß, Ob wir uns wiedersehen? Doch was mich auch erreichen Mag drunten für ein Loos – Mein Stab gibt dir ein Zeichen Noch aus der Wellen Schoos!“ So taucht er in den finstern Grund, Drin stets nur Tücke lauert, Das Bäuerlein am Ufer stund, Von Ahnung bang durchschauert.
Hohl kocht es in der Tiefe, Schaumblasen wirst der See, Dem Bauer ists, als riefe Der Abgrund nichts als Weh! Ja Wehe! denn empor die Fluth Sieht er als Zeichen kommen In einem Kreis von rothem Blut Des Männleins Stab geschwommen.
„So hat er sie gefunden Die blonde Königin? Doch ach! nur Todeswunden Sind seiner Treu’ Gewinn! Fluch dieser Wasser Mörderbrut, Daß Gott sie einst verschütte!“ Fort von der Fluth mit schwerem Muth Wankt Hans nach seiner Hütte.