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Geschichte Preußens von den ältesten Zeiten bis zum Untergange der Herrschaft des Deutschen Ordens

Geschichte Preußens von den ältesten Zeiten bis zum Untergange der Herrschaft des Deutschen Ordens

Band 1 · 1827 · OCR, ungeprüft

1293 Min. Lesezeit· Johannes Voigt

In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.

Ungeprüfte OCR-Arbeitsfassung. Keine manuelle Gegenlesung. Haupttext, Anmerkungen, Register und Tabellen sind nicht redaktionell getrennt; Erkennungsfehler und fehlerhafte Lesereihenfolgen sind möglich. Alle neun Bände. Historische Orthografie und OCR-Fehler bleiben erhalten. Katalogfehler bei Namen und Jahresangaben werden nicht als Textkorrekturen übernommen.

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Geſchichte Preuſſens, von den älteften Zeiten bis zum Untergange der Herrſchaft des deutſchen Ordens, von Johannes Voigt. Erſter Band. Die Zeit des Heidenthums. f ß Königsberg, im Verlage der Gebrüder Borntraͤger. 1 8 2 75

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Vorrede. Den Vaterlande fen dieſes Werk gewidmet! Es iſt eine Schuld dankender Liebe, die ich lange entſchloſſen war, ihm einſt entgegen zu bringen. Es iſt ein ſchoͤner und erhebender Gedanke, die Geſchichte eines Volkes zu beſchreiben; zuerſt zu erfor⸗ ſchen, wie weit die Spuren ſeines Daſeyns und ſeiner Thaͤtigkeit auf dem heimatlichen Boden in das Dunkel der früheren Zeiten zuruck gehen, wie ſich die erſten Keime des Menſchengeiſtes zu einer Bildung entwickelt und die erſten Formen und Verhaͤltniſſe feines Lebens ſich geſtaltet, wie zur Foͤrderung der geiſtigen Entwi⸗ ckelung der Geiſt des Volkes auf die ſinnliche Welt des Bodens und dieſe wiederum auf den Geiſt einge⸗ wirkt, in welcher Wechſelwirkung alſo der innere geiſtige Menſch und die Natur um ihn her zu einander ge⸗ ſtanden, welchen Weg dann das geiſtige Leben der Menſchen in fortſteigendem Wachsthume ſeiner Ausbil⸗ dung genommen, welche Gedanken, Meinungen und Ue⸗ berzeugungen ſich in goͤttlichen und menſchlichen Din⸗ gen, im Glauben und in den Rechten, in den Geſetzen des Altars und des geſelligen Lebens ausgeſprochen. Es liegt ein hoher Genuß des Geiſtes in der Betrach⸗ tung, mit welcher treuen Hingebung und Liebe, mit welchen Opfern durch Gut und Blut, mit welchen Mu hen und Drangſalen ein Volk ſein Vaterland gegen

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VIII Vorrede. der Entſchluß zur freudigen Hingebung ſeiner Kraͤfte, zur freudigen Verwendung ſeiner Tage und Jahre fuͤr das heilige Kleinod eines Volkes, fuͤr die Geſchichte ſeines Lebens, ſeiner Vorfahren, ſeines Vaterlandes. Wer aber bedarf mehr, als der Geſchichtforſcher ſolcher Liebe zur Wiſſenſchaft, ſolcher Ermuthigung und Ermunterung in den Labyrinthen ſeiner Forſchungen? Selten oder nie geht er auf einer Bahn ohne Schwie⸗ rigkeiten und Hinderniſſe, die es ihm erſchweren, oft ſelbſt unmoͤglich machen, ſein Ziel zu erreichen. Die Geſchichte Preuſſens in den aͤlteſten Zeiten bietet dieſer Schwierigkeiten eine ſolche Menge dar, daß es die kuͤhnſte aller Hoffnungen wäre, fie einſt alle zu beſie⸗ gen. Nie hat in den Jahrhunderten des Heidenthums ein Chroniſt dieſes Land mit ſeinem Volke zum Gegen⸗ ſtande ſeiner beſonderen Beachtung genommen; nur hie und da blickt der eine und der andere, wie im Voruͤbergehen, auf daſſelbe hin. So liegt ein bedeu⸗ tender Theil jener Zeiten wie in einem dunkelen Nebel vor uns da. Ganze Jahrhunderte ſind in tiefe Nacht gehuͤllt, in welche kein Forſcher je wird Licht bringen koͤnnen, und bricht auch hie und da zuweilen der Schein einzelner Sterne durch, der es dem Forſcher moͤglich macht, den verlorenen Faden wieder aufzufaſſen und einige Zeit fortzuleiten, ſo gehen auch dieſe einzelnen Sterne bald wieder unter, die dunkele Nacht kehret zuruͤck und der Faden verliert ſich abermals ins Ungewiſſe. In dieſer dunkelen Welt ſteht der Geſchichtforſcher da ohne Fuͤh⸗ rer, ohne Bahn, ohne Licht und ſucht vergebens in den Ereigniſſen Ordnung und Zuſammenhang, in den

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Borrede. IX Erſcheinungen den wahren Sinn und die richtige Be⸗ deutung, in den Einzelnheiten Anfang und Ende. Ueber einem andern Theil dieſer älteren Zeiten aber liegt ein wunderlicher Daͤmmerſchein. Der Forſcher ſieht Ge⸗ ſtalten und Erſcheinungen, uͤber die es ihm kaum moͤg⸗ lich wird, zu einiger Klarheit zu gelangen. Neben der Geſchichte ſteht die Sage und umhuͤllt nicht ſelten das geſchichtliche Leben auf eine fo wunderbare Weiſe, daß es ſchwer iſt, das Gewebe zu entfalten und Wahrheit und Dichtung zu ſcheiden. Und endlich haben immer nur Ausländer, Fremdlinge und Chriſten hie und da vom Volke und vom Lande geſprochen. Verſtanden aber ſolche auch, das Volk in ſeinem Geiſte, in ſeinem eigenthuͤmlichen Weſen zu wuͤrdigen? Sah nicht in ihnen oftmals ſtolze Verachtung auf alles hin, was auch nur irgend bei dem ungebildeteren Nordlaͤnder zu finden war? Konnte es der befangene Chriſt auch im⸗ mer über ſich gewinnen, ſelbſt an dem Heiden zu ſchaͤ⸗ tzen und hoch zu achten, was an ihm groß und edel und achtungswerth erſchien? Und wenn nun der Ge⸗ ſchichtſchreiber für die Aufgabe feines Gemaͤldes, für die Schilderung des Lebens ſeines Volkes reine Farbe und reinen Stoff ſuchet, darf er hoffen, daß ſolche Quellen fie ihm bieten? Darf er meinen, daß das hingezeich⸗ nete Bild der vergangenen Zeiten treu und wahr und dem einſtigen Leben, wie es wirklich war, nachgebildet ſeyn werde? Mit ſolchen und andern Schwierigkeiten iſt viel gerungen und gekaͤmpft worden, um die Aufgabe zu loͤ⸗ ſen, die ich mir geſtellt hatte. Und das Bewußtſeyn

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* Vorrede. iſt lebendig in meiner Seele, daß ich immerdar mit Eifer und Muth, mit Luſt und Liebe geſtrebt habe, das moͤgliche Ziel zu erreichen, daß es nicht in meiner Kraft war, das Bild des aͤlteſten Lebens dieſes Volkes getreuer und wahrer und vollkommener zu zeichnen, als es daſteht, daß es keinen Farbenſtrich traͤgt, der nicht ſorgſam und mit Beſonnenheit gepruͤft, keinen Zug und keine Linie, uͤber welche nicht nach Kraͤften geforſcht und nachgedacht iſt. So darf ich ohne Ruhm das Zeugniß wohl mir ſelbſt ausſprechen, daß ich ge: than habe, was meine Kraͤfte vermochten, was die Beſchaffenheit des Gegenſtandes, was meine Quellen und Huͤlfsmittel, deren manche mangelten, mir irgend moͤglich machten. Ich habe das Land vielfach bereiſet; ich habe wichtige Gegenden und Orte wiederholt geſe— hen und was die Geſchichte darbot, mit der Geftalt und Natur des Landes zuſammen gehalten; ich habe manche lehrreiche Bemerkung von Landeskundigen ein⸗ geholt. Ob aber hie und da dennoch geirrt ſeyn mag, moͤgen nun Andere entſcheiden, denn uͤber das Maaß meiner Kraft, meines Geiſtes und meiner Kenntniffe habe ich nicht hinauszugehen vermocht. Nur zwei Bemerkungen moͤgen hier noch Raum finden, welche den Umfang und die Einrichtung dieſes erſten Theiles der Geſchichte Preuſſens betreffen. Zum erſten duͤrfte vielleicht Mancher die Meinung hegen, die Geſchichte dieſer Zeit des heidniſchen Lebens der Preuſſen ſey wohl in zu großer Ausfuͤhrlichkeit ges geben, hie und da moͤchten Umriſſe, allgemeine Zeich⸗ nungen genuͤgt haben, von dieſem und jenem koͤnnten

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Vorrede. XI nur allgemeine Ueberſichten, allgemeine Reſultate ent⸗ worfen ſeyn. Allein mich leitete eine andere Ueberzeu⸗ gung. Ein anderes wäre eine Geſchichte Preuſſens in einer Geſchichte der Volker und Staaten. Andere wer- den ſpaͤterhin die Geſchichte Preuſſens gewiß auch an ders ſchreiben. Ich meinte aber, das alte Volk der Preuſſen, ſo weit die Quellen es moͤglich machten, zu⸗ erſt einmal in ſeinem ganzen inneren Weſen, in allen Richtungen ſeines Charakters, in allen Erſcheinungen ſeiner Eigenthuͤmlichkeit darſtellen zu muͤſſen, theils um in folder Weiſe, wie Spittler es nennt, den Herrn⸗ hutiſchen Kirchhof zu vermeiden, theils um das Gemaͤlde, welches ich mir als die Aufgabe eines Geſchichtſchreibers einer Volksgeſchichte gedacht habe, aufs moͤglichſte zu vervollſtaͤndigen. Da ſchien mir jeder Zug und jede Einzelnheit, ſofern fie dem Ganzen mehr Treue und Wahrheit, mehr Licht und Leben ga— ben, ſo wichtig als nothwendig. Ich glaubte ferner, manches in einem andern Lichte zu ſehen, als andere es vor mir geſehen hatten. Hieruͤber war ich Rechen⸗ ſchaft ſchuldig; es mußten Gründe und Beweiſe geftellt werden, um zu überzeugen, wo ich mich überzeugt hielt. And dieſes leitet mich auf die zweite Bemerkung, Wie mir hier noch vergönnt feyn mag. Ich habe häufig mit Angaben der Quellen belegt, aus denen ich ge— ſchoͤpft und meiſt auch die Huͤlfsmittel genannt, welche ich benutzt. Es mag dieſes haͤufiger geſchehen ſeyn, a Mancher es für nöthig findet. Allein auch hiebei leiteten mich beſtimmte Gründe. „Ohne Beweiſe und ohne ſichere Data glaube ich ſelbſt nichts in der Hiſto⸗

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XII Vorrede. rie“, ſagt einmal Johannes von Muͤller, und ich habe dieſes auch zu meinem Grundſatze genommen. Wie konnte ich aber von andern Glauben verlangen, wo ich ſelbſt keinen Glauben hege? Ich wollte es alſo hie⸗ durch jedem moglich machen, mich zu prüfen und da zu verbeſſern, wo ich geirrt. Ich wollte uͤberall moͤg⸗ lichſt begründen, was und warum ich ſolches geſagt. Ich ſcheue allenthalben die Machtſpruͤche in der Ge- ſchichte; ſie ziemen keinem weniger, als dem Geſchicht⸗ ſchreiber. Ich huldigte endlich hiebei der Deutſchen loͤblichen Sitte in der Geſchichtſchreibung und glaubte, hieran wohl zu thun. — Wo es das Dunkele und Schwankende des Gegenſtandes erforderte, find ſelbſt die einzelnen kritiſchen Unterſuchungen in den Beilagen hinzugefügt; unter ihnen wird der Leſer, ich glaube nicht ohne Intereſſe, auch eine Abhandlung meines Freundes, des Herrn Prof. von Bohlen uͤber die Sprache der alten Preuſſen finden. Koͤnigsberg, den Sten October 1826. Johannes Voigt.

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Subſcribenten-Verzeichniß. Ord. Bel. Se. Koͤnigliche Hoheit der Kronprinz von Preuſſen 3 Se. Königliche Hoheit der Prinz Wilhelm von Preuſſen (Sohn Sr. Majeftät des Königs) 1 Se. Königliche Hoheit der Prinz Carl von Preuſſen (Sohn Sr. Majeftät des Königs ) i Se. Königliche Hoheit der Prinz Albrecht von Preuf fen 1 Se. Königliche Hoheit der Prinz Wilhelm von Preuſſen (Bruder Sr. Majeftät des Königs) 1 Se. Königliche Hoheit der Prinz Auguſt von Preuſſen 1 Se. Durchlaucht der Landgraf Victor Amadeus von Heffen- Rothenburg 1 e. Durchlaucht der Prinz Friedrich zur Lippe 1 Die reſpectiven Königlichen Behörden, welche im nachstehenden Subſcribenten⸗Verzeichniſſe genannt ſind, haben ſich der Sammlung von unterſchriften gütigft unterzogen, um die Frei⸗ Exemplare den Schulen ihres Wirkungs⸗Kreiſes zuwenden zu können.

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XIV Aachen Allenſtein Angerburg Amſterdam Berent Subſcribenten-Verzeichniß. Hr. Mayer, Buchhändler N für | = von Gols, Landrath und Polizei: | Director Koͤnigliches Landraths⸗-Amt für Hrn. Blechſchmidt, Steuer: Auffeher Friedrich, Regiſtrator Höppner, Canzleiverw. Kalwa, Premier: kieut. von Knoblauch, Landrath Rohfleiſch, Lehrer Schacht, Gutsbeſitzer auf Kutzborn Schulz, Pfarrer Schulz, Haupt⸗Steuer⸗Amts⸗Control. Amtmann Schorn, Domainen-In⸗ tendant Schoͤnbeck, Kreisrath Weinknecht, Calculator Lange, Land und Stadtger.⸗ Aſ⸗ ſeſſor Koͤnigliches Landraths⸗Amt fuͤr das Dominium Steinort Hrn. Werner, Rendant -C. Milthaler auf Milthalersberg Leitner, Juſtizrath Duͤmpte, Koͤnigl. Land⸗Baumeiſter Kiehl, Pfarrer in Engelſtein Hr. Müller et Comp., Buchhaͤndler für Hrn. Grafen van der Duyn van Maas: dam im Haag, 1 Exempl. Vel. W. Hoffmann, Geheimen Regie⸗ rungsrath im Haag B. Huͤlshoff J. Muͤller et Comp. 7 Exempl. Koͤnigliches Landraths⸗Amt für Hrn. Beeſel, Oberlehrer in Schoneck F n „u er ul d „ uu m „ won Mertens, Land- und Stadtrichter Schmidt, Haupt⸗Steuer⸗Caſſen⸗Rend. Ord. Vel. 6

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Berent Berlin Subſeribenten-Verzeichniß. Hrn. Beermann, Protocollfuͤhrer in Schoneck C. W. L. Menzel, Protocollf. daf. Schulze, Rector daſelbſt Blindow, Koͤnigl. Landr. in Berent Schulz, Koͤnigl. Intendanten dal. Hr. Amelang, Buchhändler von Below, Koͤnigl. Pr. Major Se. Exzellenz der Herr von Bern: ftorff, Koͤnigl. Pr. Cab. Miniſt. „Burchard, Buchhändler Hochloͤbl. Ate Diviſion Hr. Enslin, Buchhaͤndler fuͤr Hrn. Aſchenborn, Königl. Geh. Ober: Trib.⸗Rath Dr. Bartels Bauer, Koͤnigl. Juſtiz⸗Commiſſ. Bellert, Lehrer Berend, Dr. med. Die Bibliothek des hochloͤblichen Grena⸗ N dier Regt. Kaiſer Alexander Hrn. von Bismark auf Schönhaufen, Rittmeiſter a. D. | Bleich, Protocollfuͤhrer Bork, Geh. Hofrath Bormann, Koͤnigl. Geh. Ober⸗ Tribunalsrath Brockhaus, Königl. Geh. Ober⸗ Finanzrath un un u u» „ „ Fr. W. Bruntzlo w Buchholz, Juſtizrath von Buͤſching, Geh. Rath und Ober⸗Buͤrgermeiſter Bußler, Hofrath W. Conradi, Conditor Dortu, Hofſiscal und Juſtiz-Com⸗ miſſair E bart et Strehmann, Kaufm. E. H. Ebeling, Kaufm. Dr. Ehrenberg, wirkt. Ober⸗Con⸗ ſiſtorialrath „ „

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XvI Subſcribenten-Verzeichniß. Ord. Berlin Hrn. Enke, Profeſſor WM m un m n u um M un „ W M M MM W „ n Mu AN Mn h M h h M u » BT} Eversmann, Ober- Bergmeiſter Fehrmann, Hauptcaſſtrer beim Ober⸗Bergamt Felgentreff, Hofrath Friderici, Reg. Baurath W. Gropius sen. J. F. W. Gußfeldt, Kaufm. H. Habel, Weinhaͤndler. von der Hagen Hampel, Baurath Hartung, Profeſſor Helm, Prediger Dr. Herm ſbſtaͤdt, Geheimer Med. Rath von Herr, Regierungsrath Herrenburger, Maurermeiſter C. H. Herlich Hotho, Kaufmann Dr. Jacobi Kerſten, Kriegs- Commiſſair in Drieſſen Graf von Keyſerling, Koͤrigl. Pr. Major, 1 Exempl. Vel. Klein, Stadtrath Koͤhne, Hofrath Dr. von Koͤnen, Geh. Med. Rath Kramer, Regierungsrath Krausnick, Oberlandes-Gerichts⸗ rath Kremnitz, Geh. Exped. Secret. Leſſing, Juſtiz-Commiſſ. Leop. Limann Loos, General-Wardein. J. C. Lutter, Weinhoͤndler C. Martini, Kaufmann Moſer, Reg. Baurath von Muͤhlheim auf Morin Muͤller, wirkl. Geh. Kriegsrath Müller, Geh Ober-Trib. Rath J. D. Müller, Banquier Nauk, Buchhaͤndler Vel.

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Subſcribenten-Verzeichniß. XVII Ord. Vel. Hr. Dr. Neander, Probſt und wirkl. Ober⸗Conſiſtorialrath = Neumann, Handels⸗Commiſſair = Nikfe, Kreiseinnehmer zu Soldin Nicolas, Lehrer an der Koͤnigl. Berlin Realſchule Dr. Noodt, Diaconus an der Ni⸗ colaĩ⸗Kirche = Paaſche, Geh. Hofrath = Pietzker, Kaufmann Pit ſchel, wirkl. Geh. Kriegsrath Poſelger, Profeſſor „J. H. Rauspach Reymann, Capitain = Dr. Rhon, Cammer⸗Ger. Referendar -C. Ritter, Profeſſor Roͤſel, Profeſſor Dr. Sack, Hofprediger Saalbach, Rendant | = von Saldern = Schede, Regierungsrath =: von Schierftädt auf Schöningen „Schlee, Suftiz: Commiffair J. F. Schmidt, Gaſtwirth | J. G. Schmidt, Dr. med. „Schneider, Controleur von Schulenburg, Graf, Dechant des Hochſtifts Brandenburg = Sembed, Juſtiz-Commiſſ. Seger, Geh. Calculator Steinbeck, Hofrath „J. G. Stelzner, Kaufmann = Dr. Strauß, Königl. Hofprediger „Todt, Juſtiz⸗ Commiſſair | von Eſchirſchky, Geh. Trib. Rath | ⸗Tzſchoppe, Geh. Regierungsrath | „Vogel, Landrentmeiſter | Weimann, Geh. expedir. Juſtiz⸗ ! Secretair Fr. Wimmel auf Gieſſen Ih Ä *

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XVIII Berlin Bonn Braunsberg Subſcribenten-Verzeichniß. Hr. Graf von der Groͤben, Chef des Generalſtabes des Aten Armee⸗Corps Groſſheim, Divif. Auditeur Herbig, Buchhaͤndler Laue, Buchhaͤndler Logier, Buchhaͤndler Matthiſſon, Buchhaͤndler Mittler, Buchhaͤndler Nauck, Buchhaͤndler Nicolovius, wirklicher Geh. Ober: Regierungsraih f L. Oehmigke, Buchhändler Riemann, Buchhändler von Roeder, Major, Adjutant Sr. Koͤnigl. Hoheit, des Kronprinzen von Scharnhorſt, Major, Chef des Generalſtabes der Garde⸗Artillerie - von Schoͤning, Major, Adjutant Sr. Koͤnigl. Hoheit, des Kronprinzen = Stuhr, Buchhändler Hr. Weber, Buchhändler fuͤr Hrn. von Rehfues, Königl. Geh. Regie⸗ rungsrath und Bevollmaͤchtigter bei der K. Rhein⸗Univerſitaͤt Koch, Koͤnigl. Ober⸗Berg⸗Rath die Königl. Univerfitäts = Bibliothek Hr. Quix, Profeſſor in Aachen durch das Koͤnigl. Landraths⸗Amt fuͤr den wohlloͤbl. Magiſtrat in Braunsberg 8 = = »Wormditt Hrn. von Roebell, Intendant u. Haupt⸗ mann in Braunsberg „Ruhnau, Intendant und Oberamt⸗ mann in Wormditt Ein Hochw. Dom⸗Capitel in Frauenburg Hrn. Fotſchki, Dom⸗ Dechant daſelbſt von Hatten, Domherr und Weih⸗ biſchof daſelbſt von Grabezewski, Domherr daſ. von Sczuyski, Domherr daſ. » „ „** won W won Did. to a De — 2 S 14 Vel.

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Subſeribenten-Verzeichniß. Braunsberg [Hrn. Geritz, Domherr baf. Braun⸗ ſchweig Breslau Carthaus * Carlsruhe Caſſel Coblenz Coburg 2 Hr. Lamprecht, Domherr daſ. Zint, Dom⸗Vicar und Capitels⸗Se⸗ cretair daſ. Karpowski, Regiſtrator daſ. von Schau, Koͤnigl. Landrath und Landſchaftsdirector auf Korbsdorf von Baviere, Hauptamts⸗Rendant Höpfner, Kaufmann für Hrn. Barth, Negot. in Braunsberg „ * Hr. Bock, Pfarrer in Mehlſak Gerlach, Profeſſor in Braunsberg Rehfeld, Landbaumeiſter Schmuͤlling, Dr. der Theol. und Director des Gymnaſiums Stampe, Commerz. Rath Stengel, Cantor Lucius, Buchhaͤndler Schulbuchhandlung Hr. Abegg, Profeſſor Gaſchorsky, Buchhaͤndler fuͤr Hrn. Reyherr, Major, Chef des Gene⸗ ral⸗Stabes Koͤnigl. Diviſions⸗Kriegsſchule Hr. N „ n Mi die W. G. Korn, Buchhändler Leukart, Buchhaͤndler Max et Com., Buchhändler Neubourg, Buchhaͤndler Regenbrecht, Profeſſor Stenzel, Profeſſor Koͤnigl. Univerfitäts- Bibliothek durch das Koͤnigl. Landraths⸗Amt für Hrn. Welfenſtein, Gutsbeſ. auf Leeſen br. | 2 für Braun, Buchhändler Bohné, Buchhändler Ho elſcher, Buchhändler Biedermann, Buchhändler Meuſſel et Sohn, Buchhändler Hrn. Sartorius, Hofcbvocat Ord. — 2 — — 2 — 2 2 — — —ů—

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N Coͤln Coͤslin Colberg Conitz Copenhagen Creuzburg Deutſch⸗ Crone | Subſeribenten-Verzeichniß. Hr. Pet. Schmitz, Buchhändler für Hrn. G. de Beche, Rentier ⸗Hendeß, Buchhändler die Koͤnigl. Artillerie⸗Abtheilung Hr. Dr. Brillowski, Oberlehrer Gyldendahl, Buchhaͤndler Huiort Brauer, Rector Sam. Schmid durch Ein Koͤnigl. Landraths⸗Amt für Hrn. von Arnim, Koͤnigl. Geh. Rath und Landſchafts⸗ Director auf Hein: richsdorff. 1 Erempl. Vel. von Waldow auf Wallbruch = von Blankenſee in Brotzen Weiſe, Pfarrer in Brotzen | | EN 6 w „ von Buffe, Landſchafts-Rath auf Damlang Freyer, Landrichter in Jaſtrow Nehring, Kreis: Juſtizrath daſelbſt Höhn, Juſtizactuar. daſ. Prodehl, Steuerrath daf. Dalski, Official in Deutſch⸗Crone Perzynski, Schulpräfect. daſelbſt Schroͤder, Bau-Conducteur daf. Kirſch, Superintendent in Neuyolz Gramſe, Pfarrer in Schrotz von Zychlinski, Ritterſchafts⸗Rath auf Dyk Heintze, Gutsbeſitzer auf Preuſendorff von Beville, Major, auf Zuͤtzer Blobel, Pfarrer in Schloppe Iſrael Marcus Söhne in M. Friedland den Wohllöbl. Magiſtrat daſelbſt Hrn Schmeling, Apotheker daf. =: Stibö, Pfarrer daſ. - Schwanke, Pfarrer in Nakel „Grafen von Blankenſee, Major, auf Filehne | N ne u m » u „

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Subferibenten = Berzeichnik. Deutſch⸗ Hrn. Drewello, Gutsbeſitzer auf Schrotz Crone Pluͤmicke, Lieutenant zu Wiſſullti Boͤck, Juſtizrath auf Harmelsdorff | Boͤck, Appellations⸗Rath auf Hohen: ftein bi Ehlert, Oeconomie-Commiſſair in M. Friedland Wohlfromm, Juſtizrath daſelbſt | = Baron von Blankenburg, dal. | won Zeidler, Pfarrer zu Luͤben = Gebrüder Stargardt auf Seeligen⸗ felde : GEubid), Kreisſteuer⸗ Einnehmer in Deutſch⸗Crone die Iſraelitiſche Buͤrgerſchule in M. Fried⸗ land Hr. Dr. Deutſchert, Koͤnigl. Regiments⸗ | arzt | Halmhuber, Bürgermeilter 1 Culm von Gfug, Premier: Lieutenant e Bibliothek der Koͤniglichen Cadetten⸗ Anſtalt Hr. Ludwig, Premier: Lieutenant = Anhuth, Buchhändler Gerhard, Buchhändler durch das Koͤnigl. Landraths⸗Amt des Danziger Landkreiſes fuͤr Hrn. von Oſtau Lniski, Pfarrer in St. Albrecht ü von Gralath, Gutsbeſitzer und Landtags⸗Deputirter auf Sulnin Laechelin, Oberamtmann in Sob⸗ bowitz von Thiedemann, genannt von Brandis, Landſch. Director auf Wayanow Wolff, Pfarrer in Muͤhlbanz durch das Koͤnigl. Landraths Amt für den wohlloͤbl. Magiſtrat in Darkehmen Hrn. von Fahren heid auf Angerapp Danzig Darkehmen — m — SS 2 — 5 | |

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XIII Darkehmen Deſſau Duͤſſeldorf Elberfeld Elbing Subſcribenten-Verzeichniß. Hr. Laddey, Oberlandesger. Referend. | Ackermann, Buchhaͤndler fuͤr die herzogl. Bibliothek. Schreiner, Buchhaͤndler Schönian, Buchhaͤndler fuͤr Hrn. Dr. Kort um, Conſiſtorial⸗Rath in Duͤſſeldorf | = Dr. Frome, Oberlehrer daſelbſt Bruͤggemann, Profeſſor und Di⸗ | rector des Gymnaſtums daf, 1 1 Huͤlſtaedt, Oberlehrer daf | Fasbender, Regierungsrath daſ. die Schulbibliothek des Koͤnigl. Gymna⸗ ſiums daſelbſt die Koͤnigl. Landesbibliothek daf. durch E. Koͤnigl. Landraths⸗ Amt fuͤr 1 Hrn. Abramowski, Königl. Landrat) | = Muͤtzell, Superintendent y Mundt, Profeffor und Director des i Gymnaſiums Dr. Koehler, Koͤnigl. Kreis⸗Phyſicus N Krauſe, Stadtrath Krauſe, Schulinſpector und Predi⸗ | ger in Pr. Mark Krispien, Dr. med. Wiſſelink, Superintendent und Conſiſtor. Aſſeſſor | von Borries, Capitain im, Aten Regiment Buchholz, Stadtgerichts⸗ Director | 1 von Muͤllenheins, Capitain im! aten Regiment | G. T. Baum, Kaufmann E. G. Härtel, Kaufmann | von Sirkhahn, Capitain im aten Regiment | Leiner, Hauptſteuer⸗Amts⸗Aſſiſtent Burrucker, Deich-Inſpector Kozer, Amtsrath und Intendant „Baumgart, Kaufmann |

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Elbing Erfurt Subſeribenten-Verzeichniß. Niemann, Regierungs- Aſſeſſor und Juſtiz⸗Commiſſair Hrn. A. Buchner, Kaufmann | Buchner, Profeſſer Sahme, Oberlehrer vn Grunau, Cantor Haaſe, Ober-Buͤrgermeiſter G. von Rieſen, Kaufmann Jonaß, Poljzeirath J. G. Neumann, Kaufmann L. Houſſelle, Gymnaſiaſt F. Neumann, Apotheker Kuͤhn apfel, Prediger Houſſelle, Dr. med. Gertzen, Deichgeſchworner in Gr. Mausdorf | = Kummer, Deich-Bau⸗Conducteur in l A d un M N en „ Horſterburch Bach, Hauptſteuer-Amtscontrolleur Pohl, Lehrer am Gymnaſium Richter, Lehrer an bemf. Kelch, Profeſſor Schoͤnfeld, Cantor M. Merz, Oberlehrer Dr. Hoͤpfner, Profeſſor Grabe, Lehrer Neffelmann, Prediger in Fuͤrſtenau Rittersdorff, Prediger u. K. Schul⸗ inſpector in Gr. Mausdorff Otto, Koͤnigl. Oberförfter in Stellinen Hohmann, Pfarrer in Tolkemit Stoͤrmer, Juſtiz-Commiſſair E. Senger, Juſtiz-Commiſſair Die Keyſerſche Buchhandlung fuͤr die Bibliothek der Koͤnigl. Sten Diviſions⸗ Kriegs⸗Schule „Bibliothek des Koͤnigl. hochloͤbl. 32ften Infant. Regim. Hrn. Schmidt, Diviſions⸗Prediger Dr. Thierbach, Oberlehrer nun W a „ | Rehaag, Probft | Ord.

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Al Erfurt Preuß. Eylau Frankfurt am Main Frankfurt | j | | 5 | | | | | | * | Subſcribenten-Verzeichniß. Hrn. von Kinski, Obriſt u. Regiments⸗ Commandeur - Weißenfels von Tiedemann, Major und Ba⸗ taillons⸗Commandeur die Bibliothek des Koͤnigl. | 31ſten Infanterie - Regiments Hrn. Wenig, Gymnaſiallehrer durch das Koͤnigl. Landraths⸗Amt fuͤr Hrn. Ribbentrop, Juſtizr. in Landsberg Ziegner, Prediger daſelbſt Strauß, Steuer-Rendant „Valentini, Amtmann auf Hein⸗ riettenhoff » Briefe, Land- und Stadtrichter Die Undreäfhe Buchhandlung Hr. Broͤnner, Buchhaͤndler Jaͤger, Buchhändler davon 1 Exempl. für die Stadtbibl. Juͤgel, Buchhaͤndler nant Freiherrn von Wollzogen Varrentrapp, Buchhändler davon 1 Exempl. fuͤr Se. Durchlaucht den Fuͤrſten von Hatzfeld-Schoͤn⸗ ſtein zu Trachenberg = von Barfuß, Major an der Oder die Koͤnigl. Diviſions⸗Kriegsſchule Friedland „ Flittnerſche Buchhandlung Hr Hoffmann, Buchhaͤndler durch das Koͤnigl. Landraths⸗Amt fuͤr Hrn. von Hanſtein, Major und Ritter in Schippenbeil Beyer, Bürgermeifter daſelbſt Lehwald, Cantor daf. * neral der Infanterie, Ritter d. ſchwar⸗ zen Adler⸗Ordens, auf Abarten | = von Keftelot, Obrift- Lieutenant in! 1 | | für Se. Excellenz den Generat-Lieute-, von Stutterheim, Excellenz, Ge⸗ Frau Graͤfin von Kuhnheim a. Kloſchenen, Ord. * — — — — — — — —— ——éʃ' . — * — — — Sc.

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Subſcribenten-Verzeichniß. Gerdauen durch das Königl. Landraths⸗ Amt 3 fuͤr Hrn. von Wernsdorff auf Polleyken = von Wernsdorff, Rittmeiſter, Rit⸗ ter des eiſernen Kreuzes V. Claſſe, auf Truntlock Dangel, Landrath in Gerdauen Heymann, Vuchhaͤndler durch E. Koͤnigl. Landraths⸗ Amt fuͤr Hrn. Schröder, Superintendent Haupt, Pfarrer in Szittkehmen Stern, Pfarrer in Grabowen Goth Reuter, Juſtizamtm. in Blandau G a Glaͤſer, Buchhaͤndler hreifswalde Koch, Buchhaͤndler zumbinnen die Krau ſeneckſche Buchdruckerei fuͤr Hrn. Elsner, Amtmann in Uſzpiaunen = Grubert, Amtsrath in Lasdinehlen Hecht, Oecon. Commiſſ. in Neuhoff⸗ Lardehnen Pieper, Amtmann in Loͤbgallen 0 Wermbter, Praͤcentor in Willuhnen | I Glogau : Goldapp | * 0 „ a Lem u ns Marcus, Pfarrer in Kuſſen Wanner, Pfarrer in Mallwiſchken Luckenbach, Buͤrgermeiſt. in Pillkallen Krauſe, Superintendent daſelbſt | „ u u u“ Flottwerl, Landrath daf. Hecht, Amtmann in Gehlweide Steppuhn, Oberfoͤrſter in Nicolaiken Clemens, Kreis-Wundarzt in Gum⸗ binnen * u „ Kuͤßner, Oberlehrer Halberſtadt = uͤggemann, — Helm, Buchhaͤndler Halle Anton, Buchhändler Hemmerde et Schwetſchke für d. Königl. Univerfitäts-Bibliothet die Waiſenhaus⸗ Buchhandlung Herren Perthes et Beſſer, Buchhändl.| — 9 Ae Hamburg Ord.

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XXVI Hamburg Hamm Hannover Heidelberg Heiligenbeil Heilsberg Heinrichs⸗ walde Heydekrug Subſcribenten-Verzeichniß. Ord. davon 1 Exempl. fuͤr Hrn. Dr. Lap⸗ | penberg, Archivar | Die Schulziſche Buchhandlung 3 Hr. Wundermann, Buchhändler 1 fuͤr Hrn. Seibertz, Juſtizamtmann in Ruͤthen. Die Hahnſche Hofbuchhandlung 10 fuͤr Se. Excellenz Hrn. Freih. v. Arnswald, Koͤnigl. Staats: und Kabinets⸗Miniſter Hrn. Dr. Pertz, Archiv- Secretair = Seidenftider, Berg-Commiſſair in Clausthal = Goltermann in London = CThoͤrl, Paſtor in Celle Hr. Mohr, Buchhändler 4 Konigl. Landraths⸗Amt 3 fuͤr Hrn. von Auerswald, Landrath und Rittmeiſter a. D. ꝛc. auf Kl. Kallen = von Bardeleben auf Wuͤlknit - Schmidt, Lieutenant auf Schwengels Hr. Schroͤder, Superintendent Steenke, Reg. Conducteur Koͤnigl. Landraths⸗-Amt 4 fuͤr Hrn. von Spieß, Obriſtlieutenant auf Gr. Scharnick von Strachowski auf Elditten von Schimmelpfennig auf Schwengen = von Cunradi, Landrath auf Bun⸗ dien Koͤnigl. Landraths= Amt 1 fuͤr Hrn. Trudrung, Sequeſter in Gruͤnhayde Koͤnigl. Landraths⸗Amt 13 fuͤr Hrn. Anker, Spediteur in Ruß Atzpodien, Pfarrer in Kinten, ) 1 Exempl. Vel. Funk, Gutsbefiger auf Norkaiten 8 „u

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Subferibenten : Verzeichniß. XxXVII Ord. Vel. Heydekrug Hrn. Heinrich, Juſtizamtmann = Kempfer, Kreis⸗Caſſen⸗Controlleur = Knaus, Apotheker = Krieger, Intendant in Ruß = von Maliszewski, Rittmeiſter und Graͤnz⸗Inſpector Naugardt, Pfarrer in Werden Patzker, Spediteur in Ruß Rogge, Poſt-Exped. Schmidt, Kaufmann Stein, Lieutenant und Sportel⸗ Caſſen⸗Rendant Zobel von Zabeltitz, Koͤnigl. Landrath Preuß. Hol⸗ Koͤnigliches Landraths⸗Amt land für Se. Excellenz den Hrn. Grafen zu Dohna, Koͤnigl. Staats⸗Miniſt. auf Schlobitten Hrn. von Hake, Koͤnigl. Landrath Hr. von Bär, Oberlandesgerichts-Rath 1 Jul. von Sanden, Oberlandesger. Referend. 1 Heinr. von Sanden, Oberlandes⸗ ger. Referend. 1 = von Moorſtein, Oberlandesger. Referend. das Koͤnigl. Geheime Archiv Hr. Arndt, Pfarrer in Plibiſchken Barthold, Lehrer am Coll. Frideric. Bergau die Bibliothek des Altſtättiſchen Gymnaſ. 5 5 des Colleg. Frideric. |. = 4 „„ u * 1 Inſterburg Koͤnigsberg ya zum je je ja eb — des hochloͤbl. Garde⸗Land⸗ wehr Regiments . : des hochloͤbl. 1. Inf. Reg. : : des hochloͤbl. II. Inf. Reg. 5 5 des Seminar. in Karalene = der Stadt Königsberg Hr. Biens feld, Candidat | = Bittrid jun., Kaufmann | Dr. von Bohlen, Profeffor Bork, Pfarrer in Roſſitten — 2 — 2 2 2 —

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XXVIII Koͤnigsberg E » W n e „ N * * Subſcribenten-Verzeichniß. Hr. Braun, Stadtrath nun „ Mu M un * 1 * „n u on dur Braun, Steuer⸗Rend. in Fiſchhauſen von Breetz, Lieutenant im I. Reg. Bretſchneider, Oberlandesger. Referend. von Bruͤneck, Obriſt auf Belſchwitz Buchſteiner, Kaufmann von Buddenbrok J., Lieutenant Dr. Buͤttner von Burgsdorff, Landſtallmeiſter in Trakehnen Burolt, Regierungsrath Cannot, Regierungsrath von Cnobloch, Capitain auf Puſch⸗ kaiten Cunow, Prediger Doͤrk, Studios. Mathem. Drecus, Bauinſpector Ehm, Geheimer Tribunalsrath Dr. Elsner, Profeſſor Med. Elsner, Regierungs-Secretair Faber, Geheimer Archivar Ad. Fernitz, Kaufmann Fetichrien, Conrector Dr. Frey, Regierungs- Director Freytag, Oberamtmann in Lon⸗ korrek Friderici, Lehrer Friedländer, Lieutenant und Guts⸗ beſitzer auf Wangen | Gebauer, Studios. theol. Koͤnigl. Deutſche Geſellſchaft Goldmann, Lehrer Gottſchalk, Kaufmann Greis, Buchdruckereibeſitzer Joh. Haberbier, Maͤkler Haberland, Buchdruckereibeſitzer Baron von Hauſen-Aubier Hempel, Reg. Calculator Henſche, Apotheker ch Hrn. Hermann, Oberlandesger. 2 2 2 —— — — — mm —— — 2 — 22 me PM pi pa pi ja je je eb je je eb Secretair | 16 d

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Königsberg 1 Subſcribenten-Verzeichniß. für die Bibliothek des Königl. Oberlandesger. Hrn. von Wegnern, Chef-Präfident des „rn „ u nun = Rappolt, Oberlandesger. Secretair * Irn. Dr. Rudolph, Regiments: Arzt » „ un von Hippel, Hauptmann „Dr. Kähler, Pfarrer in Neuhauſen von Oſtpreußen Oberlandesger. 1 Exempl. auf Vel. u. 1 auf ord. Papier Zander, Oberlandesger. Director Kahl, Oberlandesger. Rath Seuffert, Oberlandesger. Rath Siehr, Oberlandesger. Rath Kaminski, Hauptmann und Ober- landesger. Referend. Bertram, Oberlandesger. Rath Herbig, Oberlandesger. Rath und Inquiſitoriats⸗Director, 1 Expl. Vel. Miegel, Stadt⸗Juſtizrath Matthies, Rendant Timm, Rendant der Haupt⸗Unter⸗ gerichts⸗Salariencaſſe und Archivarius Kieſer, O. L. Ger. Kanzelliſt Schüler, Oberlandesger. Canzl. Inſp. Bekherrn, Oberlandesger. Regiſt. Laubach, Oberlandesger. Regiſt. 1 — Lieutenant Hoburg von d. Artillerie fuͤr ſich und fuͤr Kitſcher, Prem. Lieut. von der Artill. Roͤmer, Lieutenant Schopf, Lieutenant von Gallwitz, Lieut. Dr. Kahler, Conſiſtorialrath * * » „ u „ „ Kawerau, Director d. Waiſenhauſes Baron von Keudell auf Gielgu⸗ diſchken Guſtav Korn Baron von Krafft, Gener. Land⸗ ſchafts⸗Director auf Kraftshagen E — ah u eb je — —— m

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xxx Subſcribenten-Verzeichniß. Königsberg [Hr. von Kuhnheim-Stollen auf Juditten ö 1 = Labſien, Mil. Intend. Secretair 1 „Laue, Stud. theol. 1 = Lehmann, Kaufmann 1 Liedtke, Kandidat in Paddeim 1 Lindemann, Kriegsrath 1 Link, Lehrer 1 Dr. Lucas, Lehrer am Stadt⸗Gym⸗ naſium | = von Mannftein, Obriſt u. Com- mandeur des Zten Cuiraſſ. Reg. | * 1 Joh. Meyer, Kaufmann 1 Neumann II., Stadt⸗Juſtizrath 1 Niederſtaͤtter, Lieut. in Marienhoff| 1 von Oelsnitz, Capitain 1 von Oelsnitz, Lieutenant u. Ober⸗ Salzinſpector in Soldau 1 -W. Oeſterreich, Gutsbeſitzer auf Bubdlitten Dr. Olshauſen, Profeſſor Theol. von Oſtau, Koͤnigl. Landrath von Perbandt auf Eichen durch das Koͤnigl. Polizei⸗Praͤſidium 13 fuͤr | Bm. Anders, Dom: Prediger Appelbaum, Kaufmann Aronſon, Kaufmann von Auerswald, Rittmeiſter im! Generalſtabe 1 Bär, Kaufmann Becker, Commerzienrath, 1 Ex. Vel. Beckenſtein, Kaufmann „ „ „ — 2 — — wow uw * Becker, Kaufmann Belau, Kaufmann Bender, Muͤhlenbeſitzer Boͤhnke, Stadtrath Dr. Barowski, Biſchof der evang. Kirche, Hochwuͤrden Brand, Criminalrath, 1 Ex. a. Vel. | Brockmann, Stadtrath Brockmeyer, Regierungsrath Wen a non

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Königsberg ö Subſeribenten-Verzeichniß. Ord. Hrn. Broſch, Polizeirath | „ un u u Eu „ un M M n M w n N Buske, Criminal⸗Aſſeſſor Edler, Polizeirath Cruſe, Stadtrath Danielzigk, Stadt-Juſtizrath Dr. Dirkſen, Profeſſor juris Eichler, Calculatur-Dirigent Eichling, Lehrer Director Engelſchmidt, Juſtiz⸗ Commiſſarius Erdmann, Regierungs-Fiscal Eſſig, Kaufmann Falk, Prorector von Fiſcher, Major im Generalſtabe Fothergill, Kaufmann u. Makler M. Friedmann, Kaufmann Friedrich, Kaufmann Friſch, Kaufmann Gaͤdike, Kaufmann Gladau, Cantor Goͤbel, Geheimer Juſtizrath und Director des Stadtgerichts Grabe, Polizei-Aſſeſſor Grube, Juſtiz-Commiſſ. und Uni⸗ verſitaͤts⸗Richter Gruͤtzmacher, Kaufmann Häbler, Kaufmann Hagen, Hofapotheker Dr. Hagen, Medicinalrath Hagen II., Regierungsrath und Profeſſor Hardt, Regierungsrath Henke, Intendanturrath Dr. Herbart, Profeſſor Philos. Jenſen, Mufif-Dirertor Jungmann, Fabrikant Kähler, Juſtizrath Graf von Kanitz, Oberlandesger. Rath Kannegießer, Poft: Infpector Kerch, Geh. Regierungsrath Kern, Regierungs- Fiscal — — — mb

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XXXII Subſcribenten-Verzeichniß. Ord. Vel. Koͤnigsberg [Hrn. Keſſel, Kaufmann Kiſt, Kaufmann „ Klebs, Juſtizrath J. J. Koch, Kaufmann Se. Excellenz Freih. von Krafft, Ge neral⸗Lieutenant, Commandirender General des 1ften Armee-Corps Den, Kroh, Juſtizrath Kreis, Director der hoͤhern Toͤchter⸗ ſchule, fuͤr die Schulbibliothek = Kreutzberger, Gouvernements⸗ Auditeur Kriele, Hauptm. u. Proviantmeiſter Kurella, Polizeirath Kurreck, Kaufmann und Makler Landmann, Geheimer Finanzrath Lehwes, Kaufmann Liſt, Oberbuͤrgermeiſter Lubbe, Aſſeſſor z Mailänder, Regierungsrath Manitius, Juſtizrath Meding, Chef⸗Praͤſident der scönigl. Regierung Meier, Juſtiz-Commiſſair Meier, Oberlandesger. Rath Michalski, Kaufmann Mielke, Regierungsrath Abr. Möller, Kaufmann Muͤnchenberg, Kaufmann N Nathan Jacob, Kaufmann Neumann I, Juſtizrath Niederſtaͤtter, Regier. Praͤſident Oberhauſer, Kaufmann Pilchowski, Kaufmann Pagenkopf, Kaufmann | wow Bee ww Peterſon, Intendantur-Rath Pfitzer, Hof-Poſtmeiſter Pohl, Juſtizrath de Rege, Militair- Intendant Richter, Commerzienrath, 1 Ex. Vel. | FT ichter, Criminal: Affeffor | Riemain, Archidiaconus und Prof. | W MWM Nm n M Mn u M M N M M *

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Königsberg orn. Subfcribenten-Verzeichniß. Ritzhaupt, Kaufmann Riebſamen, Kaufmann u. Maͤkler Sagelsdorff, Kaufmann Sanio, Commerzien-Rath Paul Sanio, Kaufmann Schammer, Ober-Regiſtrator Schartow, Stadtrath fuͤr die Ma⸗ giſtrats⸗ Bibliothek Schlubach, Banco-Director Schmidt, Polizei-Praͤſident Schneider, Kaufmann Schnell, Kaufmann Schnell, Regier. Commiſſarius Schultz, Regierungsrath Schulz, Kaufmann und Maͤkler Schwanfelder, Kaufm. u. Maͤkler Schweichel, Kaufmann Sembritzki, Kaufm. und Makler Senff, Kaufmann Slotko, Kaufmann Spiro, Kaufmann Steffen, Oberlandesger. Rath Stilow, Schul-Inſpector Stolzer, Ober-Steuerrath Storch, Inſpector, 1 Ex. a. Vel. von Stuͤlpnagel, General-Major und Brigade-Commandeur Thewing, Buchhändler Thiel, Oberlandesger. Rath W. Thiele, Kaufmann Dr. Unger, Medizinalrath u. Prof. Dr. Wald, Superintendent Warſchauer, Kaufmann Weger, Fiscal Weiß ner, Kaufmann Witt, Regierungsrath von Wittich, Obriſt und Brigade⸗ Commandeur Wittulski, Stadtrath Woide, Conſiſtorialrath Car! Wolff, Kaufmann J. C. Wolter, Kaufmann F u an v n mM d n n u n e e ee e e eee eee N i N M n e e . e * » „* ** Ord.

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XXXIV Subſcribenten-Verzeichniß. Koͤnigsberg Hrn. Wutzke, Regierungsrath | „Zacharias, Kaufmann = Zeihe, Regierungs-Fiscal Zippel, Domprediger 2 = Zolland, Kaufmann Hr. Raͤhter, Rector in Pillkallen = Reuſch, Geh. und Ober⸗Reg. Rath | = Dr. Rheſa, Profeſſor der Theol. Samelowicz, Protocollfuͤhrer in Grondowken Scherres jun., Kaufmann von Schoͤn, Obriſt-Lieutenant a. D., Gutsbeſitzer auf Friedrichsgabe = Scholle, Tribunalsrath Ihre Excellenz, Frau Canzlerin von Schroͤtter Hr. Leop. Schulz, Lehrer Schulz, Pfarrer in Liebwalde Siegfried, Gutsbeſitzer auf Canten Kierlo, Rektor in Wielitzken Streber, Stud. phil. von Twardowski, General-Major Unzer, Buchhaͤndler | für |Hrn. Kühnaft = Günther, Rector in Kl. Dexen - Jockel, Stadtrichter in Heiligenbeil - Dr. Schweickart, Tribunalsrath und Profeſſor * | | wa o Prang, Director in Gumbinnen Chrzeſcienski, Oberlehrer in Lyk Prengel, Profeſſor in Braunsberg Miſchel, Juſtizrath in Johannisburg Porrmann, Pfarrer in Kl. Koslau die Loͤbenichtſche höhere Stadtſchule Hrn. Kelch, Pfarrer in Neidenburg Hr. Ventzki, Hauptmann Vetter, Lieutenant und Lehrer Walter, Apotheker von Winterfeld, Oberforſtmeiſter Witt, Stud. philol. Dr. Woltersdorff, Pfarrer W M Mn N a n un u M Ord. a» — — —— 2 —— — 22 25 —— Vel.

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Subſeribenten-Verzeichniß. xxXXv 2 Koͤnigsberg Hr. Zander Lehrer 5 = Zeihe, Hofrath Labiau das Königliche Landraths-Amt für Hrn. Bolz, Amtsrath Padubrin, Amtsſchreiber = Grafen von Trenk auf Poparten = Kayfer, Juſtiz⸗Commiſſ. auf Gruͤnden „ Drewello, Wirthſ. in Rathswalde die Stadtſchule Hr. Barth, Buchhaͤndler „Brockhaus, Buchhändler fuͤr Hrn. von Raumer, Regie⸗ rungsrath Cnobloch, Buchhoͤndler „Kummer, Buchhändler die Weygandſche Buchhandlung Hr. Kuhlmey, Buchhändler das Königliche Landraths-Amt fuͤr E. Wobhllöbl. Magiſtrat in Neumark für die Elementarſchulen Hrn. Nebe, Domainen- Beamten in Brattien E. Wohllödbl. Magiſtrat in Löbau, fuͤr die Schulen Hr. Fabian, Oberlehrer die Creuzſche Buchhandlung Hr. Rubach, Buchhändler = Krieger, Buchhändler E. Wohllöbl. Magiftrat fuͤr Hrn. Häbler, Pfarrer u. Schulinſpector, Director der Koͤnigl. weſtpreuß. Ord. Vel. 0 Leipzig — u Liegnitz Lobau vorm e» Lyk Magdeburg 2 Marburg Marienburg — w w Lehrſchule die Bibliothek der Weſtpreuß. Lehrſchule 2 Exempl. E 5 » höheren Stadtſchule = ® des Schullehrer⸗Ver⸗ eins des Marienburger Schul-Kreiſes Hrn. Budde, Organiſt und Schullehrer j in Kumpendorff

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XXXVI Eubferibenten = Berzeihnif. Marienburg Hrn. Hecker, Schullehrer in Tiegenhagen Marienwer⸗ der Memel Muͤller, Schullehrer und Organiſt in Marienau Wyſocki, evang. Pfarrer in Katznaſe Hoburg, evang. Pfarrer in Loſendorff ne Schulbibliothek in Tiegenort Hrn. Heinel, evang. Pfarrer in Ladekopp Kae von Schoͤven, evang. Prediger in Schadwalde Hr. Kanter, Koͤnigl. Hofbuchdrucker fuͤr Hrn Flottwell, Regier. Chef-Präfident Dr. Röfner, Conſiſtorial⸗Director Kuͤnitz, Regierungs-Aſſeſſor die Koͤnigl. Regierungs- Bibliothek = Gymnaftal= Bibliothek Hrn. von Tettau, Chef: Präfident des M M nun * n * E. Koͤnigl. Oberlandesgerichts Graf von Kauitz, Oberlandesger. Rath - Buſch, Oberlandesger.⸗Rath Natau, Oberlandesger.-Aſſeſſor Dechend, Juſtiz-Commiſſarius Mebes, Regierungsrath Schmid, Juſtiz-Commiſſarius Freih. von Schroͤtter, Praͤſident der General-Commiſſion Holſt, Landrichter in Roſenberg Meyer, Kaufmann Dr. Grolp, Regierungs- u. Schulrath Königl. Landraths-Amt fuͤr Hrn. Lamott, Rathmann in Mewe M M un Spittel, Juſtiz-Actuarius daſelbſt Jury, Rathmann baf. Freytag, Poſthalter daf. Morawinski, Kaufmann daſ. Fraͤulein Rache Die Kaͤmmerei daſ. E. Koͤnigl. Landraths⸗Amt fuͤr E. hochloͤbl. Magiſtrat, 2 Exempl. 16

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Subſeribenten-Verzeichniß. ä Ord. Vel. Memel ers Sprengel, Superintendent Oſtermeyer, Pfarrer = Rappold, Pfarrer in Schwazort Graf von Werſowitz auf Gotzloten Hr. Wichers fuͤr Hrn. von Goldbeck, Geh. Rath und Ober-Poſt⸗Director C. F. Schwederski, Kaufmann = Wolfgramm, Juſtiz-Commiſſarius Marotzki, Kaufmann W. Muttray, Kaufmann Schroder, Lootſen-Commandeur Dr. med. Morgen, Hofrath Andr. Frobeen, Kaufmann J. Hering, Apotheker von Oertel, Lieutenant a. D. L. Ringelmann, Kaufmann Gerdin, Lehrer Haſſe, Candidat und Lehrer Hofrichter, Lehrer Hermes, Lehrer die Loge Memphis Hrn. W. J. Wichers Merſeburg [br. Sonntag, Buchhändler Mohrungen Königl. Landraths⸗Amt fuͤr E. n Magiſtrat x in Saalfeld IN Ep, Grafen zu Dohna, Obriſt-Lieute⸗ nant in Reichertswalde Grafen von Finkenſtein, General: Landſchafts-Rath in Jaͤskendorff von Polenz, General-Landſchafts⸗ Rath auf Venedien = Rinfterlin, Buchhändler für Se. Excellenz Hrn. Grafen von Mont: gelas, Koͤnigl. Miniſter Orn. Baͤr, Rath von Belli, Miniſterialrath | „J. A. Finſterlin 17 — — — Muͤnchen —

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XXXVIII Muͤnchen Muͤnſter Neubranden⸗ burg Neuſtadt (in Weſtpr.) Nordhauſen Dfierode am Harze Oſterode Oſtpr. Paderborn Pillau Potsdam Prenzlau Pyrmont in Subſcribenten-Verzeichniß. Hr. Fleiſchmann, Buchhaͤndler Lindauer, Buchhändler Regensberg, Buchhaͤndler Theiſſing, Buchhaͤndler L. Duͤmmler, Buchhändler Koͤnigliches Landraths-Amt Hrn. Grafen von Keyſerlingk, Major“ u u u » M nu „ „* Hr. „ u un M M u u M fuͤr auf Hof: Schmectau Hanke, Juſtizrath Loͤper, Landrichter Meske, Rittmeiſter und Oberamt⸗ mann in Czechoczin Rump, Lieutenant in Bruͤck Guͤtte, Hauptmann und Intendant in Zappott Graß, Gutsbeſitzer auf Kl. Starzin von Zabokrzicki, Gutsbeſitzer auf Kamlau von Uſtarbowski, Gutsbeſitzer auf Klanin Eſch, Amtsſchreiber in Czechoczin Heering, Gutsbeſitzer auf Occalitz Wilde, Landrichter in Putzig von Weiher, Landes-Director auf Smazin Landgraf, Buchhaͤndler Hirſch, Buchhaͤndler fuͤr Hrn. Advocat Dr. Koͤnig von Jaski, Landrath Weſener, Buchhändler Elſaſſer, Kaufmann Flach, Polizei-Director Hahn, Spediteur Peterſen, Gouvernements-Auditeur von Roggenbuke Horvath, Buchhändler Riegel, Buchhaͤndler Ra goczy, Buchhändler Uslar, Buchhaͤndler — m — — — e 2

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Subſcribenten-Verzeichniß. XXXIX Ord. Vel. Raſtenburg Hr. Stenzler, Amterath Rieſenburg 2 1 = Weiß, Pfarrer 3 für N die Bibliothek des hochlöbl. Sten Cuiraſſier⸗ Regiments = Bürgerfhule Hrn. Sawatzki, Amtmann und Guts⸗ . beſitzer auf Rahnenburg Riga Hr. Deubner, Buchhändler Roͤſſel Die Bibliothek des Königl. Gymnaſiums Roſtock Hr. Stiller, Buchhändler Rudolſtadt Die Hofbuchhandlung Schwetz Koͤnigl. Landraths⸗Amt fuͤr Hrn. Czichocki, Pfarrer in Topolno Kalicki, Pfarrer in Schwekatowo von Pradzinski, Official Goſziniecki, Pfarrer in Jezewo Okoniewski, Pfarrer in Lubiewo Lakometzki, Decan in Gruezno Neykinski, Vicarius in Cekczyn Szynalewski, Vicar. in Poln. Lonk den Schullehrer⸗Verein des Schwetzer Kreiſes Hrn. Dorbritz, Rector = Sablomski, Conrector „B. Taube, Cantor Stade Hr. Pokwitz, Buchhändler Stettin Morin, Buchhaͤndler Stralſund | von Kemphen, Königl. General: Major und Commandant Strasburg in Königl. Landraths⸗Amt Weſtpr. für Hrn. von Wybi, Koͤnigl. Landrath auf Gr. Konoiad Bredull, Apotheker Kalau, Land- und Stadt⸗Gerichts⸗ Director Poblawski, Domainen-Intendant in Gollub = Hofhauſer, Rector daſelbſt Schloſſ, Domainen-Intendant in Guttowo, 2 Exempl. — — ven nn En wor * “

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XXX Subſcribenten-Verzeichniß. Strasburg in Hrn. Deuk, Steuer⸗Einnehmer in Gol⸗ Weſtpr. lub Stuttgardt Hr. Geb. Frankh, Buchhändler = Loͤflund et Sohn, Buchhändler = Metzler, Buchhändler u Thorn Fiſcher, Koͤnigl. Ingenieur⸗Lieut. „Fromm, Capitain fuͤr Hrn. Beunkendorff von Hindenburg, Koͤnigl. Gener.⸗Major u. Command. = Mellien, Bürgermeifter und Poli: zei⸗Director die Rathsbibliothek Hrn. Dr. Brohm, Director des Gymnaſ. Diekel, Juſtiz-Director Eiſenhauer, Senior und Superin⸗ tendent Dr. Guͤle, Pfarrer Nadrowski, Pfarrer Hahn, Steuerrath Sponnagel, Gutsbeſitzer von Freysleben, Major Seidel, Juſtiz-Aſſeſſor Dr. Keſerſtein, Profeſſor Naſſe, Criminal-Director | ww von Wittke, Juſtiz-Aſſeſſor Roſenow, Caſſen-Rendant Huͤlſen, Juſtiz-Commiſſair von Fiſcher, Stadt-Gerichts⸗Aſſeſſor Dr, Prator ius, Präfident Wuͤnneberg, Hauptmann Fromm, Hauptmann und Ingenieur | in Platz Hr. Lehmann, Buchhändler | Tiegenhoff = Rhenius, Königl. Domain. Intend. für Hrn. Wiebe, Land: und Stadt⸗Gerichts⸗ Director | J. Kamke, Kaufmann die Tiegenhoͤfſchen Oberdoͤrfer das Baarenhoͤffſche Gebiet „%% h h uu u u un uu Ma u un u Ord. 10 7 | | | Vel.

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Subferibenten = Verzeihniß. X K u Tilſit 8 Ord. Tiegenhoff rn. Schwensfeuer, Pfarrer in Ma: rienau | Hinz, Pfarrer in Ladekopp | = Rhenius, Koͤnigl. Dom. Intendant [Hr. Seelmann, Rector | 5 für ſich und für Hrn. von Läbeck, Königl. Poſt⸗Director e | = von Haſenkamp, Major Tübingen Hr. Ofiander, Buchhändler Mar = Eaupp, Buchhändler arſchau Se. Durchlaucht der Fuͤrſt Czartory ski | auf Pullawy Hr. Glücksberg, Buchhändler Graf Joh. von Tarnowski W Die Kaiſerl. Koͤnigl. Univerſitaͤts⸗Bibliothek ehlau Hr. Dr. Schneider, Königl. Kreis— 5 ' Phyſicus in „W. Hoffmann, Buchhändler efe in Bagel, Buchhändler, für 5 ie Bibliothek des Gymnaſiums Wien Hr. Gerold, Buchhaͤndler Schaumburg et Comp. Buchhändler e = Warllishaufer, Buchhändler ae Albrecht, Buchhändler Züri hau = Darnmann, Buchhändler ich Ziegler et Söhne, Buchhändler Di 1 5 ; 2 e Fortſetzung dieſer Subſcriptions-Liſte folgt im 2ten Bande.

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Kapitel 1. Preuſſens Urzeit Bodenbildung Eu u BL er Er Die Niederungen und Nehringen - Aelteſte Griechen über Preuſſen (2). Phoͤnizier im Norden „„ Pytheas über das Bernſteinland . - und Diodor über das Bernſteinlannd ... Diodor über das Bernſteinland Sage von Bithyniſchen Reisenden omponius Mela über den Norden „ Reife des Roͤmiſchen Ritters ins Bernfteinland . Plinius uͤber die Baltiſchen Kuͤſtenlande. . — Raunonia. Abakus. Baſileia. Oſerictaa » Tacitus über die Baltiſchen Küſtenlande Völker⸗Bewegungen. Markmannen. Ptolemäus über die Suͤdbaliſchen Kuͤſtenlande Stammverwandtſchaft der Voͤlkerzweige Preuſſens . Ptolemäus uͤber die Suͤdbattiſchen Küftenlande . 22 Vernſteinhandel im Alterthum. Kapitel 11. Auswanderung Skandiſcher Gothen Skandiſche Gothen in Preuſſen Gothen, Gepiden, Burgundionen . Kriegerifche Bewegungen der Gothen 5 Beruͤhrungen nordiſcher Volker. Pruthunger, Withinger . e ae Zu Be Ne STEH Peuciner, Ptolemäus über die Battiſchen Lande. 10¹ 103 105 107

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XLIV Inhalt. Seite Dunkle Zeit im Norden e Veneder, Slaven, Slaviſche 8 V Die Vidivarier 5 i e I Hermanrichs Herrſchaft im Norden 120 Voͤlkerbewegungen im Norden 122 Wanderung der Slaven nach Norden. * „ Geſandtſchaft der Aeſtier an Theoderich den Großen . % a Bewegungen unter den Slaven im Suͤde n . 130 Wanderung der Slaven nach Nordens. 132 Niederlaſſung der Slaven im Norden. . 134 ungewiſſer Zuſtand der Völker in Preuſſenn . . 135 Geſchichte und Sage von Widewud und Brutno -» . 138 = = = von Widep nnd DR = 5 = = 5 und dem Griwe . . IH Das heilige HRomowe + = +» nis wm „39 Krieg mit Mafovin. - > > 2er. 1 Friede e e e Sage über die Etat. 8 „ „ I Geſchichte und Sage uͤber die eandeethelung „ „ A Die Namen der einzelnen Landſchaften .. „ „ „ „ % 17 Geſchichte und Sage Über die Landestheilunng .. 18ʃ Krieg mit den Maſovierern E. e re Sage von Polens Herrſchaft über Preuſſen a er Kapitel III. Zeit Carls des Großen. Der Norden. 187 Sage von Starkadders Thaten an der einbettiſchen 5 Kuſte . 18 Skandinaviſche Seeraͤuber auf der Oſtſee. 192 Auſturreich. Reithgothlan dd. 107 Kriegszug Jarmeriks, Fehden mit den Vikingerrn 19 Fehden mit den Vikingen 20¹ = = 02 = »Regnar Lodbro k.. „ 2 Däniſche Kolonien an der Südbaltiſchen Kuͤſte. 205 Dunkele Zeit. Wulfſtans Reiſeberichh t. 200 Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. 208 Kriegsfehde mit den Dinen - 2 = 2m...

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x Inhalt. Seite 26 Oiuſhe Niebetaffung auf Samland: Kapitel lv. . 2⁴⁰ Polens fruͤheſte Zeiten 1 j A Einführung des Chriſtenthums in Polen 1 IR 244 Die Kindheit des heiligen Adalbert s. 1 Adalberts Bildung in Magde bug e Adalbert Bjſchof von Prag r 253 Adalberts Kloſterleben zu Rom „ „ 0 Biſchof Adalbert von neuem zu Prag 259 Adalbert abermals im Kloſter zu Rom. 260 am Saiferhofe . Be . 2862 = bei dem Herzoge ven Polen 264 = Danzig . a nr . 266 als Apoſtel in Preuffen ig 1 0 Adalberts Maͤrtyrer⸗Tod . Kaiſer Otto III. an Adalberts Grabe. „„ „ ai Des heil. Adalberts Andenken. . . 276 „und Folgen f. Maͤrtyrer-Todes er Bruno. BE f . 287 Tod in Preuſſen . . 2 Chriſtenthum und Heident hum 2.2.24 Krieg mit Polen e 1 Die Däniſche Kolonie in Samland Namen des Landes Mreuſſen Urſprung des Namens Preuſſen Kapitel v. Polen unter Mjesko II. Der Heidenbekehrer Bruno's Maͤrtyrer⸗ 05 300 Maslavs Empoͤrung gegen Polen. 312 3 Krieg zwiſchen Caſimir und Maslav h = Caſimir von Polen und die Preuſſen 2 . 321 Krieg Boleslavs II. gegen ien >». . - 323 Preuſſens Vereinzelung im Kriege mit Polen —— 285 Kriegszug der Dänen gegen Samland 55 Handelsverkehr mit Preuffen . PR Krieg Wladislavs Herrmann gegen Pommern

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XLVI In halt. Seite Krieg Wladislavs Herrmann gegen Preuſſen . . . 335 Die Preuſſen, Huͤlfsvölker gegen Polen . 333 Verbreitung des Chriſtenthums in — „„ „ 4. BA Boleslav IV. von Polen e = „Kriegszug nach Preuſſen. 343 Blicke auf Pommern und Daͤnemakk . . 352 „ 5 Rullalı 4 u oo 8 „„ „3633 Kapitel VI. Caſimirs des Gerechten Krieg gegen Preuſen . 356 E 3 38 2 „gegen die Polexianer .. 359 Verwirrung Polens unter Caſimirs Nachfolgern 365 Herzog Conrad von Maſovie nnn 367 Blick auf Pommern n e e = 2 Polen, Rußland und eiäthaum . ER ee A s = Lirlands aͤlteſte Gefhihte. » » » 2 22... 30 Handelsverkehr von Bremen nach Livland. .. 383 Meinhard, Bekehrer der LivTee n. 385 Meinhard, Biſchof von Livlannd dd . 390 Berthold, Biſchof von Livland . » = 2 nenn. 3 Hemmung der Bekehrung der Liveenn. 398 Albert, Biſchof von Livland. r A Kreuzzug nach Livland unter Biſchof Albert ee Gründung Riga's durch Biſchof Albert. . 40 Stiftung des Ordens des Ritterdienſtes Chriſt i.. . 407 Hinderniſſe in der Bekehrung der Lizeernn. 412 Zwiſt zwiſchen Biſchof Albert und dem Orden . 414 Der Ordens⸗Meißter Vinn ooo . 417 Der Ordens-Meiſter Volqu nns . 49 Neuer Zwiſt zwiſchen Albert und dem Orden . 421 „Kreuzzug nach Livland. 423 Fortgang der chriſtlichen Sache in Livland. 425 Kapitel VII. Verſuche zur Bekehrung der Preuſſen Der Bernhardiner⸗Moͤnch Chriſtila ns. 430 Waldemars II. Kriegszug nach Preußen . . 434

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Inhalt. Der Mönch hriſtian, Vekehrer der Preuſſen Chriſtian, erſter Biſchof von Preuſſen - Kreuzzug nach Preuſſen. Das Kreuzheer im Kulmerlande - Das Bisthum KAÜm n Bedrängniffe Maſoviens a die spreuffen bein » Stiftung des Ordens der Nitter: Brüder von Do Der Orden der Ritter-Bruͤder von Dobrin - Schlacht bei Strasoug - - nn Pommerns Verhältniffe zu Preuſſen . 8 Zuverſicht zur Rettung durch den Deutſchen Orden Kapitel VIII. Inneres Leben Geſtalt des Landes Das Kulmerland Pomeſanien . Pogeſanien Ermland. Natangen B „ m . 2 u r Barten oder das Varterland Galindien Sudauen. r Nadrauen . 2 r ne el a Schalauen — — Verfaſſung und bürgerliche nung Kapitel IX. Kriegsverfaſſung und Kriegsart . Kapitel X. Haͤusliches und geſelliges Leben Kapitel XI. Religion und Getterdienſt Die Prieſter — 57⁴ . 600

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XLVIII Inhalt. Seite Prieſterinnen und Wahrſa gen.. 610 Die Prieſfee rr „„ „ 6B Neige ef „ Bi lLa ß en. Nie J. Ueber die Chronik Chriſtians, des erſten Biſchofs von Dreufon = = un = „ 617 Nie II. ueber die Bernſtein-Inſel bet, atus, Soft lia und Oſericta, Samland. „ 632 Nis III. ueber den heiligen Adalbert und deſſ en ee e 650 N’° IV. Ueber den Namen Preuſſee n 667 R 8 8 e e Nro VI. Otto 1. Nöm. Kaifer beftittigt 3 Schwert Brüder Orden in Livland alle ſeine damaligen und kuͤnftigen Beſitzungen. Dat. Laudan WEIT Febr. (27. Jan.) 1211. 675 PI!!! ¹w--k ae 0 Nro VIII. Beweis über den Untergang eines Landes neben Samland, Witland genannn!lt. 677 Nee IX. ueber die altpreuſſiſche Fahnen-Inſchriftt.. 686 Nie X. Ueber den Oberrichter und Oberprieſter Griwe . .. 696 Ueber die Sprache der alten Preuſſ g 711

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Erſtes Kapitel. Vasen Preuſſens Geſtalt und Beſchaffenheit in weältefter Zeit liegt tieſes, undurchdringliches Dunkel, und ſelbſt auch aus den Jahrhunderten, welche das Licht geſchichtlicher Kunde in andern Laͤndern ſchon beller beleuchtet, spricht noch keine menſchliche Stimme uͤber Preuſſen zu uns herüber. Alſo wird auch kein Forſcher die erſten Fragen uͤber des Landes Urgeſtalt, ältefie Schickſale und Natur je mit voller Gewiß⸗ beit aufzuldſen vermögen, und nie wird die reine Sonne geſchichtlicher Erkenntniß jene dunkelen Nebel brechen, die in der Nacht des hohen Alterthums ſich über Preuſſen aus⸗ breiten. Nur einige Sagen, wie fremde Boten aus einer andern Welt, kommen aus dem Dunkel dieſer älteften Zeiten zu uns herüber. Wie fie das Baltiſche Meer mit can Deut⸗ ſchen im ſüdlichen Theile der Cimbriſchen Halbinsel in enge Verbindung ſetzen, fo laſſen fie jenes auch ſeine wilden Wellen dort uͤber Pommern bis in die Lauſitz und hier uͤber Preuſſen bis nach Polen weit hineinſtrömen 9 ſie bringen ſelbſt den noͤrdlichen Decan in nahe Beruͤhrung mit dern Kaspiſchen Meere 5). . 4) Von Hoff Geſchichte der Erdoberfläche B. 1. S. 62. Piſa nski, über die Oſtſce S. 28. D Mannert der Norden der Erde S. 73. Haſſe Entdeckungen im Felde der älteſten Erd⸗ und Menſchengeſchichte S. 58 ff. Den Finmſchen Meerbuſen bringen die alten Geographen auch mit dem Pore tus in Verbindung, ſ. Schlö zer zum Neſtor u Heutſchlands urgeſchichte B. I. S. 147. Haſſe Preuſſens Anſpruͤche, als Bernſteinland das Paradies der Alten S. 21. J. 1

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2 Preuſſens Urzeit. Was aber auch in dieſen Sagen Wahrheit ſeyn und was der Dichtung und Vermuthung zugehoͤren mag: — die Nachrichten, welche ſie uͤber Preuſſen bringen, ſcheint das ſprechende Zeugniß der Natur in ihren Erſchei ungen viel— fach zu beſtaͤtigen. Es iſt hoͤchſt wahrſcheinlich und oft be= hauptet worden: Preuſſen ſey einſt völlig vom Gewaͤſſer des Meeres bedeckt geweſen; ſein Boden ſey ein Erzeugniß uͤber⸗ fluthender Gewaͤſſer, und da wo jetzt Staͤdte bluͤhen und fruchtbare Aecker gruͤnen, habe in uralten dunkelen Tagen die Thierwelt der See ihr naͤchtliches Leben durchlebt. Frei⸗ lich vermag keiner zu ſagen, zu welcher Zeit und wie lange die Wogen der Waſſermaſſe ſich uͤber Preuſſens Boden hin und her beweget; gewiß aber bedurfte es einer gewaltigen Umwaͤlzung und Veraͤnderung aller Dinge, um dieſes alte Meeres-Bette dem Lichte der Sonne zugaͤnglich und fuͤr das Leben der Thier- und Menſchenwelt geſchickt zu machen. Es iſt von gelehrten Kennern der Erdgeſchichte die Meinung ausgeſprochen worden: vor vielen Jahrtauſenden ſey unſere Erde ungeheueren Umwaͤlzungen unterworfen ge⸗ weſen; in einer dieſer gewaltigen Umwaͤlzungen habe ſich im Gegenkampfe des Waſſers mit dem Feuer durch Niederſchlag das Urgebirge, der Granit, das eigentliche Gerippe der Erde gibildet; Jahrtauſende nach dieſer Urzeit ſey dieſe aͤußerſte Granitrinde durch Einſtuͤrzung innerer großer Höhlen ge— brochen oder durch andere innere wirkende Kraͤfte zuſammen⸗ geſtuͤrzt; am Fuße dieſer eingeſtuͤrzten Trümmer hätten ſich in ſehr langen Zeitraͤumen die Ganggebirge von einfachem Thon und Kalk gebildet, in ihrem Innern die Lager der Erze enthaltend, und auf dieſe Bildung ſey in einem drit⸗ ten großen Zeitraume die der Floͤtzgebirge erfolgt, die aus manchfaltig abwechſelnden Schichten verſchiedener Stein -und Erdarten beſtehen; es ſey nicht unwahrſcheinlich, daß in die⸗ ſer dritten Bildungsperiode noch mehrere, zwar nicht mehr allgemeine, aber doch ſehr weit verbreitete oͤrtliche Umwaͤl⸗ zungen große Strecken des Meeresbodens abwechſelnd trocken gelegt und wieder uͤberſchwemmt haben; daß aber durch alle

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Preuſſens Urzeit. 3 dicſe Umwaͤlzungen auch eine Menge gaͤhrungsfaͤhiger Stoffe in das Innere der Erde vergraben worden ſey, welche tief im Schooße der Erde den Heerd von Vulcanen und Erb: beben gebildet, durch welche wiederum neue Umwaͤlzungen erzeugt worden ſeyen; durch dieſe letzten Umwaͤlzungen von neptuniſch-vulcaniſcher Art ſeyen nun wahrſcheinlich die Ueberreſte des ehemaligen Meeres voͤllig ausgetrocknet, un⸗ ſere Berge und Ebenen trocken gelegt, und dadurch endlich ſey dem Menſchen ſelbſt eine bleibende und ruhige Wohnſtaͤtte bereitet worden ). Dieſe Anſicht über die Bildung der Erdoberfläche vor: ausgeſetzt, duͤrfte es nun wohl nicht unwahrſcheinlich ſeyn, daß ſich einſtens in einer dieſer großen Umwaͤlzungen, ſo⸗ wohl in den von Preuſſen aus nach Suͤden, als nach Suͤd— Oſten gelegenen Nachbarlanden, zwei große Waſſerbecken ges bildet haben, die viele Meilen weit ſich ausdehnten und ihren Zufluß aus fernen Gebirgen erhielten 2). Lange moͤgen die Waſſermaſſen ſich dort geſammelt haben, bis endlich durch irgend ein großes Naturereigniß jene Waſſerkeſſel durch⸗ brochen worden ſeyn mögen und die Waſſermaſſe in gewal⸗ tigen Strömungen ſich theils nach Norden, theils nach Nord: Weſten bin geſtuͤrzt zu haben ſcheint. Dieſer Meinung ent⸗ ſpricht wenigſtens die bis zur hoͤchſten Wahrſcheinlichkeit nach- gewieſene Richtung der letzten großen Waſſerfluth von Suͤden und Suͤd-Oſten nach Norden und Nord- ⸗Weſten; es be⸗ ftätigen fie aber auch nicht minder die eigenthuͤmliche Lage der Hoͤhenzuͤge in Preuſſen, und die gewaltigen Strombetten feiner Fluͤſſe, z. B. des Weichſel- und des Pregel-Stromes, 1) Dieß iſt vorzuͤglich die Anſicht von Littrow uͤber die Bildung der Erdoberflaͤche in feiner „Populaͤren Aſtronomie.“ 2ter Thl. 1ſte Ab⸗ theil. S. 41 — 43. Es hat zweckmaͤßig geſchienen, fie zum Theil mit ſeinen eigenen Worten hier wiederzugeben. Vergl. damit, was Kant Phyſiſche Geographie B. I. S. 297 ff. über die Revolutionen der Erde fagt, und Link's urwelt und Alterthum. B. I. S. 11 ff. 2 Solche Erſcheinungen in den Veränderungen der Erde überhaupt nimmt auch Kant in feiner Phyſ. Geographie B. I. S. 299 an; ſ. auch S. 304. 1 *

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4 Preuſſens Boden-Bildung. deren faſt meilenbreite Ausdehnung ihre Entſtehung hoͤchſt wahrſcheinlich in jenen uralten Zeiten in der gewaltſamen Ausſtroͤmung jener Waſſermaſſen aus den ſuͤdlichen und ſuͤd⸗ oͤſtlichen Waſſerbecken erhielt. Demnach wuͤrde einſtmals, vielleicht vor mehren Jahrtauſenden, nicht bloß eine Zeit dageweſen ſeyn, in welcher das ganze Land Preuſſen eine große, unabſehbare Waſſerflaͤche bildete, ſondern auch eine Zeit, in welcher gewaltige Waſſerſtroͤmungen von Suͤden herab nach Norden und von Suͤd-Oſten noch Nord-Weſten zu Statt gefunden haben. Und zur Beſtaͤtigung dieſer Anſicht von Preuſſens Urgeſtalt liefert auch die Natur manche nicht unwichtige Beweiſe in verſchiedenen ihrer Er⸗ ſcheinungen. Dahin deuten naͤmlich erſtens ſchon die in Preuſſen ſo aͤußerſt zahlreich vorhandenen Verſteinerungen von Schal— thieren, Seegeſchoͤpfen und den vielfaͤltigen andern Erzeug⸗ niſſen des Meeres, die durch alle Theile des Landes, hie und da in bewunderungswuͤrdiger Menge, zerſtreut liegen ). Es ſind die Ueberreſte einer einſt belebten zahlreichen Waſſer⸗ welt von Thieren und Gewaͤchſen, die ſich vor Jahrtauſen⸗ den auf dem ehemaligen Meeresgrunde bewegt haben oder im Seegewaͤſſer ihre Nahrung fanden. Selbſt auf den Höhen des Landes ſind ſie als Zeugen der einſtigen Ueberfluthung zuruͤckgeblieben und geben nun den Maaßſtab, wie hoch einft die Gewaͤſſer über den Boden hin und her wogten 2). Oft tief in das Innere dieſer Hoͤhen vergraben, dienen ſie 1) Vergl. Bock's Naturgeſchichte von Preuſſen, B. II. S. 425 ff, Pisanski Comment. de montibus regni Prussiae notabilioribus g. 3. p. 3. „Occurrunt, fagt dieſer, frequenter concharum, ostrearum cornuumque Ammonis ingentes acervi. Heling Lithographia An- gerburgica, p. 67 seq. 2) So findet man ſelbſt auf einer der höchften Höhen von Preuffen, auf der Spitze des Galtgarben in Samland, in einer Hoͤhe von 370 bis 380 Fuß Über der Meeresfläche eine Menge von Muſchelkalkſteinen mit vielen verſteinerten Schalthieren; desgleichen auch in der gebirgi⸗ gen Gegend von Angerburg. Vergl. Beitraͤge zur Kunde Preuſſens, B. IV. S. 122. Heling I. c. p. 58 seq. Bock a. a. O. B. I. S. 410.

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Preuſſens Boden-Bildung. 5 zugleich auch zum Beweis, daß die Höhen durch vieljaͤhri⸗ ges Ueberfluthen des Gewaͤſſers und durch fortwaͤhrende Niederſchlaͤge der verſchiedenen Stoffe, welche das Waſſer mit ſich fuͤhrte, in ihrer Groͤße bedeutend gewachſen und in der Form, in welcher wir ſie jetzt ſehen, zum groͤßten Theile erſt durch das Waſſer gebildet ſeyn mögen . Ein anderes wichtiges Zeugniß fuͤr die Annahme, daß Preuſſens Boden einft von großen Waſſerſtroͤmungen uͤber⸗ zogen worden iſt, ſind ohne Zweifel die Reihenlagen von großen Felstruͤmmern und mächtigen Steinmaſſen, die in verſchiedenen Theilen des ſonſt ganz felſenleeren Landes ge— funden werden. Ihre Beſchaffenheit ſowohl, als die ganz eigenthuͤmliche Richtung ihrer Lage, hat von jeher die Aufs merkſamkeit forſchender Kenner angeregt, und jene wie dieſe haben die Meinung erzeugt, daß nur die Gewalt der maͤch⸗ tigſten Waſſerſtroͤmungen dieſe Felsmaſſen von einer entfern— ten Urheimat habe hinweg waͤlzen, an ihren Ecken ſo ſtark abrunden und bald mehr bald weniger durch langes Fort⸗ ſchieben abglaͤtten koͤnnen; daß aber jene Urheimat auch wohl kaum eine andere ſeyn könne, als die ſuͤdlichen Urgebirge der Karpathen, von welchen ſie durch irgend ein Naturereigniß losgeriſſen, durch ſtarke Waſſerſtroͤmungen, vielleicht in tau⸗ ſendjaͤhriger Arbeit nach Norden hinab fortgetrieben ſeyn moͤchten. Hiefuͤr ſpricht vorzuͤglich die wichtige Erſcheinung, daß dieſe Steinfamilien ſaͤmmtlich in der Richtung gegen die See zu gelagert ſind, eine Richtung, die nur als die Wir⸗ kung einer von Süden nach Norden in Bewegung geweſe⸗ nen Kraft zu erklaͤren iſt ). Dieſe Kraft aber lag ohne 1) Dieſer Beweis gilt freilich nicht allein für Preuſſen; er gilt nach der Meinung Kant's, Phyſiſche Geographie B. I. S. 294, von der ganzen Erde, denn „an allen Oertern der Erde, ſelbſt auf den Spitzen hoher Berge, findet man große Haufen von Seemuſcheln und andere Merkmahle des ehemaligen Meergrundes.“ Link Urwelt und Alterthum, B. I. S. 8 ff. 2) Vergl. was Bock in feiner Naturgeſchichte Preuſſens, B. II. ©. 332 — 336 über die Steinlagen ſagt. Es befinden ſich ſolche Felsmaſſen „hinter Taplaken, auf dem Wege zwiſchen Tapiau und Pogauen bei

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6 Preuſſens Booen-Bildung. Zweifel in der Richtung einer großen Waſſerfluth, die von Suͤden und Suͤd⸗Oſten nach Norden und Nord-Weſten, von den Karpathiſchen Gebirgen und der Wolga-Hoͤhe ge= gen das Baltiſche Meer zuſtroͤmte. Es zeugt nicht minder fuͤr dieſe Meinung uͤber die Ur⸗ geſtalt Preuſſens auch die Natur und Beſchaffenheit des Bo- dens. Es iſt gewiß, daß der Boden Preuſſens eine ge— meinſchaftliche Abdachung mit dem Karpathiſchen Gebirge und der Wolga⸗Hoͤhe hat; es iſt nicht weniger auch bekannt, daß in Preuſſens ſuͤdlichen Theilen ſehr bedeutende Sand— gegenden und hie und da ſelbſt eigentliche Sandſteppen von meilenweiter Ausdehnung zu finden ſind, und daß dagegen in ſeinem noͤrdlichen Gelaͤnde faſt uͤberall im Allgemeinen feinere und fruchtbarere Erdtheile den Boden bilden. Woher dieſe Erſcheinung? Sie möchte vielleicht dadurch am natuͤr⸗ lichſten zu erklären ſeyn, daß in der fortſtroͤmenden Waſſer⸗ maſſe die groͤberen und ſchwereren Sandtheile, die das Ge— waͤſſer mit ſich fortfuͤhrte, im Süden vor dem Hoͤhenzuge in der Mitte Preuſſens niederſanken und ſo die weiten Sandſtrecken erzeugten, waͤhrend dagegen die feineren und leichteren Erdtheile, durch das Gewaͤſſer uͤber den Hoͤhenzug hinweggetragen, erſt weiter noͤrdlich ſich niederſenkten, und in ſolcher Art den im Norden Preuſſens im Allgemeinen weit fruchtbareren Boden bildeten. Es ſpricht ferner fuͤr dieſe Annahme auch die ganz eigen⸗ thuͤmliche Geſtalt der Erdoberfläche Preuſſens. Der Menſch erfreut ſich hier weder jener gewaltigen Gebirgsmaſſen, noch der tiefen anmuthigen Thalgruͤnde, wie fie, durch einſtige große Naturereigniſſe erzeugt, die Bewohner Deutſchlands, der Schweiz, Italiens und anderer Laͤnder erfreuen und be— gluͤcken. Preuſſen liegt vielmehr im Ganzen aͤußerſt flach, berglos und eben da, durchaus ohne alle Spuren einſtiger Wilkinen, in Steinbeck, um den Pilßenkrug auf der Straße nach Weh⸗ lau im Sorquittiſchen Kirchſpiele, bei Trutenau, Mülfen und Schaken, in der Gegend um Bartenſtein, beim Dorfe Grodeck gegen Schwez zu, auch nahe bei Koͤnigsberg in einer kleinen Entfernung vom Pregel.

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Preuſſens Boden-Bildung. 7 vulcaniſcher Einwirkungen ). Wer fo das Land uͤberblickt, dem iſt es kaum moͤglich, ſich des Gedankens zu erwehren, daß dieſe ebene und bergloſe Oberfläche des Landes nichts anderes geweſen ſeyn koͤnne, als das tauſendjaͤhrige ruhige Bette des Meergewaͤſſers, deſſen Maſſe den Boden gegen die anderswo ſonſt ſo gewaltig wirkenden Naturereigniſſe geſchuͤtzt haben muͤſſe. Im Suͤden des Landes hat ſich jedoch unter der Waſſerfluth ſenkrecht gegen die Richtung ihrer Stroͤmung ein Hoͤhenzug gebildet, der jetzt einem Theile der Fluͤſſe des Landes ihre Richtung nach Suͤden, einem andern Theile derſelben aber die entgegengeſetzte Richtung anweiſet, und in ſolcher Weiſe die Hauptwaſſerſcheide des Landes iſt. Und an dieſen Haupthoͤhenzug lehnen ſich wiederum andere lange Hoͤhenlinien an welche, wie in ihrer aͤußeren Geſtal⸗ tung, fo in ihrer inneren Beſchaffenheit auf eine gleiche bil⸗ dende Wirkungskraft der Gewaͤſſer ſchließen laſſen. Die Un⸗ terſuchung hat gefunden, daß es auf Stein- oder Erdmaſſen aufgeſchwemmte Hoͤhen ſind, durch die Waſſerfluth in der Richtung ihrer Strömung aufgetriebene Verſandungen, die ihre Länge in der Regel von Süden nach Norden ausdehnen und faſt immer nur eine im Verhaͤltniß geringere Breite von Oſten nach Weſten haben, nordwaͤrts meiſtens mit ge— linderer und maͤßigerer Abdachung als gegen Suͤden. Dieſe eifoͤrmige Geſtalt der meiſten Hoͤhen deutet ſichtbar auf eine durch Ueberfluthung und Niederſchlag geſchehene Bildung hin, und ihr Schoͤpfer war alſo wohl kein anderer, als die auf dem ganzen Lande hin und herbewegte Waſſermaſſe, welche, die Bildungsſtoffe zuerſt bis auf eine gewiſſe Hoͤhe anhaͤufend, dann mehr und mehr ſich tiefer ſenkend und ihre Wirkung auf die Gipfel der Hoͤhen verlierend, die beiden Pole der Eiform bildete. Was aber die innere Beſchaffenheit dieſer Hoͤhen betrifft, ſo iſt durch Kenner laͤngſt entſchieden, daß 1) Hagen's Eroͤrterung der Frage: Hat Preuſſen ein Erdbeben zu befürchten? in den Beitragen zur Kunde Preuſſens, B. IV. S. 294 ff.; auch die ſchon erwähnte Comment. geographica de monlihus regni Pruss. nolahil. a Pisanski.

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8 Preuſſens Boden- Bildung. fie aufgeſchwemmt, alſo durch die Wirkung der Gewaͤſſer entſtanden find ). Sie gehören alle zu den Floͤzgebirgen, dieſen juͤngeren Erſcheinungen der Gebirgsbildung, in welchen ſich horizontal über einander liegende Schichten oder Floͤze von Sand, Erde und Steinarten befinden. Wieſe aber auch nicht ſchon dieſe innere Beſchaffenheit auf ihre Bildung durch Niederſchlag aus einer großen Waſſermaſſe aufs klarſte hin, fo würden offenbar, wie fo eben erwähnt, ſchon die zahl⸗ loſen, in ihrem Inneren verborgenen Verſteinerungen von Seethieren und andern Koͤrpern der Waſſerwelt fuͤr dieſen Urſprung zeugen 2). Und ſo ſind ſie unlaͤugbar die aͤlteſten Urkunden der Natur, über des Landes einſtige Beſchaffen— heit aus einer Zeit zu uns redend, aus welcher ſonſt noch kein Laut über dieſes Land vernommen werden kann 9). Aber wer ermißt die Zeit, wer zaͤhlet die unendliche Reihe der Tage, vielleicht die große Zahl von Jahrhunder⸗ ten, durch welche dieſer wuͤſte und formloſe Zuſtand hier fort- gedauert haben mag? Wir kennen keinen Zeitraum, weder des Endens dieſer gewaltigen Waſſerwuͤſte, noch des Anfan⸗ gens einer bewohnbar werdenden neuen Welt. Und wie uͤber die Zeit, ſo ſchweiget auch alles uͤber Anlaß und Urſache der Veraͤnderung des alten wuͤſten Zuſtandes; denn welche maͤch⸗ tige Kraft etwa einſtmals in Bewegung gekommen iſt, die den Meeresboden emporhob aus der Tiefe der Gewaͤſſer: ob die Niederſchlaͤge aus der Waſſermaſſe und die vielleicht Jahrtauſende fortgeſetzten Anſaͤtze von neuen Bildungsſtoffen, den Boden endlich ſo weit erhoͤht haben moͤgen, daß die Gewaͤſſer ihren natuͤrlichen Abfall nach Norden in die See erhielten und die bedeutende Zahl von Fluͤſſen entſtand; ob vielleicht auch, wie viele behauptet haben, die See in ihrer Waſſermaſſe von Jahrhundert zu Jahrhundert ſich ver- 1) Vergl. Wrede's Mineralogiſche Bemerkungen uͤber Preuſſen in den Beitraͤgen zur Kunde Preuſſens, B. I. S. 418. 2) Bock a. a. O., B. I. S. 408 — 409. 3) Vergl. Kant's Phyſiſche Geographie, B. I. S. 295. Link's Urwelt und Alterthum, B. I. S. 38.

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Preuſſens Boden-Bildung. 5 mindert ) und die ſonſt über dem Lande liegenden Gewaͤſſer an ſich gezogen habe, alſo daß die gebildeten Hoͤhenlinien zuerſt, nachmals auch der tiefer gelegene Boden dem Ge⸗ waͤſſer enthoben wurden und nur die tiefſten Niederungen und ausgehoͤhlten Schluͤnde zuletzt als Reſte des alten Meeres⸗ grundes in Binnen-Seen noch uͤbrig blieben; oder ob end⸗ lich in der Urzeit, aus welcher keine Schrift auf die Nach⸗ welt uͤberging, ein großes und allgewaltiges Näturereigniß irgendwo eine Welt zerſtoͤrte und zertruͤmmerte und hier einer andern ein neues Daſeyn gab, die Waſſermaſſe in die See und weiter in das Weltmeer trieb und ſo den Boden für den Menſchen, wie für die Thier- und Pflanzenwelt zugaͤng⸗ lich machte, ob alſo, wie juͤngſt wieder behauptet iſt 2), jener Mythe über Phaéthons Sturz vom Sonnenwagen und uͤber die in Bernſtein verwandelten Thraͤnen ſeiner Schweſtern irgend ein geſchichtliches und auf dieſes nordiſche Land be= zuͤgliches Ereigniß zum Grunde liege, auf welchem die Sage fpielt: über dieſes alles wird keiner je ein entſcheidendes Urtheil auszuſprechen wagen. Doch ſcheint der ewig ruhige Gang der Naturentwicke⸗ lung uns allerdings wohl zunaͤchſt auf jene allmaͤhlige Her⸗ 1) Die Meinung von der allmaͤhligen Abnahme des Waſſers in der Oſtſce iſt früher faſt allgemein angenommen worden; vergl. Hartmanni Ilistoria succini p. 18. Dalin's Gedichte Schwedens, B. I. S. 7. Thunmann's Geſchichte einiger noͤrdlichen Volker, S. 14. Sch oͤning in Schloͤzer's Nord. Geſchichte, S. 53 u. a. Die Schriften anderer Gelehrten, ſo wie die Gruͤnde, worauf ſie ihre Behauptung von der Verminderung des Waſſers in der Oſtſee ſtuͤtzten, fuͤhrt Hoff in ſeiner Geſchichte der Erdoberflache, B. I. S. 405 ff. an, beſonders S. 486. Dieſer Gelehrte beſtreitet die Behauptung jedoch mit manchen wichtigen Beweiſen. Indeſſen findet es doch noch Link in f. urwelt und Alter⸗ thum, B. I. S. 71 — 72 nicht unwahrſcheinlich, daß die Vorwelt groͤßere Meere, größere Landfeen und größere Suͤmpfe hatte, als jetzt die Ober: flache der Erde. Er widerlegt aber B. II. S. 26, daß an der deutſchen Kuͤſte der Oftfee eine Abnahme des Meeres Statt finde. D Radlof Zertruͤmmerung der großen Planeten Hesperus und Phasthon und die darauf erfolgten Zerſtörungen und ueberfluthungen auf der Erde. Berlin 1823.

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10 Preuſſens Boden-Bildung. ausbildung und jenes wachſende Emporſteigen des Landes aus dem Gewaͤſſer hinzuweiſen, und die Behauptung duͤrfte nicht unwahrſcheinlich ſeyn, daß waͤhrend des Ablaufes einer Zeit von mehren Jahrtauſenden das fluthende Gewaͤſſer immer neue Bildungsſtoffe des Bodens uͤber einander lagerte, daß ſich in ſolcher Weiſe das Waſſerbette immer weiter empors hob und die Niederſchlaͤge und Anſchwemmungen ſo lange fortdauerten, bis die Schichten der aufgelagerten und an— gehaͤuften Bildungsſtoffe fo hoch ſtanden, daß die Gewaͤſſer ſich in Flußthaͤler ſammelten und als Stroͤme und Fluͤſſe ſich ihre eigenen Betten und Wege bilden mußten. In ſolcher Weiſe und in Verbindung mit der Wirkung jener von Suͤden und Suͤd⸗-Oſten nach Norden und Nord-Weſten gehenden ſtarken Waſſerſtroͤmung wuͤrden die Weichſel, der Elbing, die Paſſarge, die Alle, der Pregel, die Memel und die uͤbrigen kleineren Fluͤſſe, und jenſeits des Haupthoͤhenzuges, dieſer natürlichen Waſſerſcheide, die Drewenz, die Neide, der Omu— leff und andere entſtanden ſeyn. Wo aber die unruhige Waſſermaſſe ihr Bette tiefer gegraben hatte, oder wo die Niederſchlaͤge der Bildungsſtoffe durch irgend einen Umſtand verhindert worden waren, oder auch wo aus der Tiefe der Erde bervorſprudelnde Quellen eine feſte Anlagerung der Bildungsſtoffe nicht zuließen, da blieben in den uralten Vertiefungen des Bodens die Gewaͤſſer als Seen ſtehen und — was viel zur Beſtaͤtigung dieſer ganzen Anſicht von Preuſſens Boden-Bildung beiträgt — das verhaͤltnißmaͤßig nicht große Land war noch in ſpaͤter Zeit von ſolchen Seen fo außerordentlich angefüllt, daß ihre Anzahl über zweitauſend ſtieg ), obgleich ohne Zweifel vorher ſchon viele ausgetrock⸗ net waren. Sie ſind wahrſcheinlich alle urſpruͤnglich nichts anderes geweſen, als Ueberreſte der ehemaligen Seegewaͤſſer, das Urbette der einſt das ganze Land bedeckenden Meeres⸗ fluth. | 1) Der alte Henneberger in ſ. Landtafel S. 5. und Hart: knoch in Alt. und Neu. Preuſſ. S. 11 geben 2037 Seen als einſt in Preuſſen vorhanden an.

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Die Niederungen und Nehringen. 11 Die ſpaͤteſten Erzeugniſſe dieſer in ſolcher Weiſe gebil⸗ deten neuen Welt find offenbar eines Theils die Niederun⸗ gen an der Weichſel, an einigen Küͤſtenſtrecken des Friſchen und des Kuriſchen Haffes und an der Memel, und andern Theils die Nehringen an der ſuͤdlichen Kuͤſte der Oſtſee. Jene erſtern, die Niederungen, ſcheinen überall die letzten Nieder- ſchlaͤge der Bildungsſtoffe aus der Waſſerfluth erhalten und noch lange unter den Gewaͤſſern geſtanden zu haben, als das uͤbrige Land ſich uͤber dieſelben ſchon emporgehoben hatte. Dieſe Behauptung ift ſchon ſehr alt und findet eine ſehr wichtige Beftätigung in dem merkwuͤrdigen Umſtande, daß man in dieſen Niederungen nicht nur keine andern Steine findet, als ſolche, welche Menſchenhaͤnde dort hingeſchafft haben, ſondern daß fie auch durchaus alles Quellwaſſers cr mangeln und die Beſchaffenheit des Bodens ohnedieß auch alle Beweiſe einer Bildung durch Anſchwemmungen, Auf⸗ lagerungen und Niederſchlaͤge darbietet ). Offenbar ſind auch die Nehringen ein ſpaͤteres Erzeugniß der bildenden Waſſerkraft. Sie konnten ſchwerlich wohl ſchon vorhanden ſeyn, als Preuſſen noch ganz von der großen Waſſermaſſe bedeckt war. Ihre Entſtehung ſcheint ſich am natuͤrlichſten durch die Wirkung zweier einander entgegen ſtrebender Kraͤfte erklaͤren zu laſſen. Es iſt naͤmlich unbe⸗ zweifelt und durch Beobachtung pruͤfender Forſcher unwider⸗ leglich dargethan, daß die Bewegung des Baltiſchen Meeres in ſuͤdlicher Richtung immer am heftigſten iſt und feine 1) Man findet uͤber einige dieſer Niederungen oder Werder mitunter gute Nachrichten in Hartwich's geographiſch- hiſtoriſcher Landes- Be⸗ ſchreibung der drei im Polniſchen Preuſſen liegenden Werder Königs: berg 1722. S. 6 heißt es: „Man hat aus der Erfahrung, daß im Werder ſelten oder gar keine Feldſteine gefunden werden, es ſey denn, daß ſie mit Fleiß dahin gebracht find.” Daſſelbe beftätiget auch Bock Naturgeſchichte Preuſſ. B. I. S. 419 — 420. Der Behauptung des Herrn von Hoff Geſchichte der Erdoberflache B. I. S. 71, „daß die Niederungen ohne Zweifel in älterer Zeit nicht ſo ganz mit Waſſer be⸗ deckt geweſen, fo lange noch die Fluͤſſe ihre Betten nicht fo ſehr verſan⸗ det und erhöht hatten,“ widerſprechen die geſchichtlichen Quellen, fo wie nicht minder die Beſchaffenheit des Landes.

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12 Die Niederungen und Nehringeh. Waſſermaſſe in ihrer Stroͤmung und ihrem Wellenſchlage vom Norden nach Suͤden hin ſich weit maͤchtiger, zugleich aber auch weit mehr zerſtoͤrend zeiget, als in entgegenge— fester Richtung ). Es iſt alſo eine Kraft vorhanden, welche in ruhiger, ſo wie in ſtuͤrmiſcher Zeit vorherrſchend und maͤchtig wirkend die Waſſermaſſe der Oſtſee gegen Suͤden druͤckt. Nun bringen aber die Stroͤme und Fluͤſſe, die ihre Waſſermaſſen aus Süden und Hſten herbeiführen, durch den Waſſerdruck, der in ihrem Gefaͤlle liegt, eine andere Kraft herzu, die von Suͤden nach Norden, alſo der vorherrſchen— den Bewegung oder Kraft der Baltiſchen Gewaͤſſer durch ihren Druck entgegenwirkt. Da wo ſich dieſe beiden Kraͤfte nun im aͤußerſten Drucke entgegenſtehen, haben ſich in alter Zeit maͤchtige Sandduͤnen gebildet, welche den Einbruch des Meergewaͤſſers in das feſte Land als natuͤrliche Schutzmauern verhindern. Dieß ſind die Nehringen. Eine wichtige Be— ftätigung findet dieſe Meinung über die Urſache ihrer Bil- dung in der merkwuͤrdigen Erſcheinung, daß uͤberall, wo be— deutende Stromgewaͤſſer mit ihrer Kraft jener Druckkraft der Waſſermaſſe der Oſtſee entgegengekommen ſind, auch dieſelbige Wirkung ſich in gleicher Weiſe immer wiederholt hat, und zwar immer nur an den ſuͤdlichen Kuͤſtenlanden des Baltiſchen Meeres. Es liegen ſolche Nehringen vor dem Oder-Strome, vor der Weichſel, dem Elbing und dem Pregel, vor dem Niemen und der Duͤna; dagegen finden ſie ſich nirgends an den andern Kuͤſten der Oſtſee vor den großen von Norden her kommenden Fluͤſſen, und es muß alſo die Erſcheinung dieſer Nehringen nothwendig mit jener ſuͤdwaͤrts druͤckenden Kraft des Waſſers im Baltiſchen Meere in Cauſalverbindung ſtehen 2). Ueberall haben ferner jene Ströme zwiſchen dem feſten Lande, aus welchem fie kommen, und jenen aufgehaͤuften Duͤnen große Waſſerbehaͤltniſſe, Bin⸗ nen⸗ ⸗Seen oder er Haſfe gebildet, die ihre Waſſermaſſen zu⸗ 1) ER Callediße Tableau de la Mer Baltique T. I. p. 51. Von Hoff Geſchichte der Erdoberfläche, B. I. ©. 64. 71. 2) Von Hoff a. a. O. B. I. S. 71.

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Die Nehringen und Haffe. 13 naͤchſt aufnehmen und zugleich die Kraft brechen, die fonft in unmittelbarer Wirkung mit dem Gewaͤſſer der See ſtand. Dieſe Haffe entſenden auf einem durchbrochenen Punkte der Sandduͤne den Ueberfluß ihrer Waſſermaſſe in die offene See. Nirgends aber haben dieſe Ausſtroͤmungen, Tiefe ge⸗ nannt, Öfter gewechſelt und nirgends hat dieſer Wechſel größere Veränderungen an dem nahen Kuͤſtenlande herbeige⸗ fuͤhrt, als an der Nordkuͤſte Preuſſens, wie weiterhin in dieſem Werke gezeigt werden wird. Dieſes ſind im Allgemeinen die Haupterſcheinungen, welche der Behauptung zur Stuͤtze und zum Beweiſe dienen, daß Preuſſen einſt von einer großen Waſſermaſſe bedeckt und das geſammte jetzt zu Tage liegende Land das einſtige Bette der Meeresfluthen geweſen ſey ). Wann nun aber und woher das von der Waſſermaſſe verlaſſene und trocken ge— legte Land ſeine erſten Bewohner erhalten, wie ſich das erſte Leben der Thier- und Menſchenwelt hier geſtaltet und wie lange die erſten Tage der unbekannten jungen Welt gedauert haben, das kann keiner erforſchen. Nur das ſcheint unbeſtreit— bar, daß damals eine Menge ganz anderer Gattungen von Thieren, Baͤumen und Pflanzen aus dem neuen Boden ihre Nahrung gewannen, die jetzt nicht mehr vorhanden ſind und nur noch einzelne Spuren ihres einſtigen Daſeyns hin= terlaſſen haben. Damals mochte in jugendlich friſchem Auf- wuchſe die Baumgattung grünen, aus welcher das Harz des Bernſteins träufelte; damals mochten die Luft jene Inſecten⸗ arten durchſchwaͤrmen, die in dem traͤufelnden Harze damals gefangen jetzt noch die einzigen Zeugen ihrer Gattungen find. „Wenn du erzählen koͤnnteſt, wie es zu deiner Zeit war, wie groß wuͤrde unſere Kenntniß ſeyn!“ ſagte einſt Kant beim Anblick einer in Bernſtein eingefchloffenen Fliege. So ſehnte ſich der große Philoſoph nach dem Lichte uͤber eine Zeit, uͤber welcher für den Sterblichen eine ewige ſin— 1) So wäre alſo Preuſſen eins der jüngeren Länder der Erde. Auch Link a. a. O. B. I. S. 76 hält noch die Meinung feſt, daß nicht alle Länder der jetzigen Erde von gleichem Alter ſind.

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14 Aelteſte Griechen über Preuffen. (2) ſtere Nacht ruhet und ſo ſehnt ſich mit ihm nach heller Erkenntniß jeder forſchende Geiſt. Das Streben des Menſchen nach Erkenntniß uͤber den Urſprung und die aͤlteſte Heimat ſeines Geſchlechtes iſt zu tief im Weſen ſeines Geiſtes begruͤndet, und im forſchenden Verſtande liegt ein zu maͤchtig wirkender Forttrieb nach Licht und Klarheit, als daß die Geſchichte, wo in ihr die Stimme des Menſchen uͤber die Erſcheinungen der Urzeit noch nicht ſelbſt redet, es nicht verſucht haben ſollte, ſich andern Quel- len zu naͤhern, aus denen der Durſt des Geiſtes geſtillt werden koͤnnte. So hat die geſchichtliche Forſchung, uͤber Preuſſens aͤlteſte Kunde, von redenden Zeugniſſen verlaſſen, den Bernſtein zu ihrem Fuͤhrer waͤhlen zu duͤrfen geglaubt, um dieſes Landes Bekanntſchaft bis ins hohe Alterthum hin⸗ ein zu verfolgen. Es hat nicht an Maͤnnern gefehlt, die in der Meinung, daß Preuſſen in allen Zeiten das alleinige Mutterland des Bernſteins geweſen ſey, geglaubt haben, da muͤſſe immer auch eine Bekanntſchaft, eine Verbindung und Gemeinſchaft mit Preuſſen vorhanden geweſen ſeyn, wo man des Bernſteins erwaͤhnt finde ). Es iſt viele Gelehrt⸗ heit aufgeboten worden, Preuſſen ſchon in den Büchern Moſis zu entdecken, und die Urheimat der Menſchheit, das Paradies, im Kuͤſtenlande der Oſtſee nachzuweiſen ). Auch in Homers Geſaͤngen fand man des Bernſteins gedacht und ſchloß hieraus auf eine Gemeinſchaft des alten Griechenlan⸗ des mit Preuſſen 3), wiewohl ſchwerlich der Beweis zu liefern iſt, daß es Bernſtein aus Preuſſen war, den Homer ſchon kannte. Vielmehr ſcheint ihn der alte Saͤnger fuͤr ein Erzeugniß Siciliens zu halten. 1) Schloͤzer Nordiſche Geſchichte S. 34. 2) 1. Moſis III. 6. Haſſe Preuſſens Anſpruͤche als Bernſteinland das Paradies der Alten, S. 19. 3) Homer Odyss. XV. 460. XVIII. 296. Uphogen Parerga historica p. 166 — 167. ;

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Aelteſte Griechen über Preuffen. (?) 15 Sicherer weiſet ſchon Herodots Nachricht von des Berne ſteins Erzeugung auf den Norden Europa's hin. Dieſer Vater der Geſchichte weiß es ſchon gewiß, daß mit dem Zinn auch der Bernſtein von Europa's aͤußerſtem Ende kommt; aber er kann nichts von dem Lande ſagen, in welchem er erzeugt werde, und er bezweifelt die ihm zugebrachte Nach⸗ richt, daß es dort einen Fluß gebe, den die Barbaren Eri⸗ danos nennten und an deſſen mitternaͤchtlicher Muͤndung in das Meer der Bernſtein gefunden werde ). Obgleich der alte Forſcher nun ausdruͤcklich noch hinzufuͤgt: er habe bei aller Mühe von keinem Augenzeugen Über Natur und Be— ſchaffenheit der Nordgegenden Europa's etwas Sicheres er— fahren koͤnnen, fo hat es dennoch nicht an vielfältigen Ver ſuchen gefehlt, den bezweifelten Strom Eridano's im Norden wieder aufzufinden und an ſeinen Ufern das Bernſteinland zu entdecken. Man ſah ihn bald in der Dina 2), weil Ptolemaͤus und Marcianus ſie mit dem aͤhnlich klingenden Namen Rhudon benannt haben ſollen ). Bald fand ihn allzugroße Vaterlandsliebe in der Radaune, einem Fluͤßchen bei Danzig, deſſen Unbedeutſamkeit das Gewicht der Sache leicht uͤberſehen ließ ). Andere, ſich vom Norden hinweg— wendend, erkannten ihn im Po, dem alten Padus, oder in dem Rhodanus, jetzt Rhone ); noch andere entdeckten ihn mit wichtigeren Gruͤnden im Rhein-Strome, um deſſen Nordmuͤndung, Britannien gegenuͤber, die Roͤmer auf dem 1) Herodot. L. III. c. 115. Bayeri Opuscula ad historiam antiqu. etc. p. 523 in der Abhandlung: De Venetis et Eridano Fluvio. 2) Bayer l. c. p. 527. Schloͤzer aber in der Nord. Geſchichte S. 9. widerſprach ſchon. 3) Voß zu Virgils ländl. Gedichten, B. III. S. 196. 4) So der Danziger Cluver in ſ. Germania antiqua p. 641. Schloͤzer a. a. O. S. 8. 36. Selbſt Joh. v. Müller Allgemeine Geſch. B. I. S. 35. Mennel Geogr. syst. of Herod. vergl. Bredow's Unterſuchung: über einzelne Gegenſtaͤnde der alten Geſchichte S. 397. 5) Plinii Ilist. Nat. L. XXX. II. Solinus c. IV. Wilhelm Germanien und ſeine Bewohner, S. 81. Vergl. über dieſe verſchiedenen Meinungen Uphagen 1. c. p. 172 seq.

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16 Phoͤnizier im Norden. (2) Eilande Auſtravia Bernſtein fanden . So ſchwankt die Deutung des Namens Eridanos von dem einen Lande zu dem andern und wir ſehen, daß wenn den Griechen der Bernſtein auch wirklich bekannt und ſein Herkommen nach ihrer Meinung an den Strom Eridanos geknuͤpft war, dar⸗ aus noch in keiner Weiſe auf eine ſichere Gemeinſchaft und Verbindung mit dem eigentlichen Bernſtein-Lande, ſelbſt nicht einmal auf eine beſtimmte Bekanntſchaft mit demſelben zu ſchließen ſeyn moͤchte. Aber haben denn nicht ſchon in uralter Zeit die ſee— kundigen Phoͤnizier auf ihren kuͤhnen Fahrten, wie Britan— niens Zinninſeln, ſo die Bernſtein-Kuͤſte Samlands beſucht und das hochgeſchaͤtzte, glaͤnzende Erzeugniß in die Laͤnder der alten Welt weithin verbreitet? So iſt ſchon oft gefragt worden, und uͤber die Frage iſt viel vermuthet, lange ge— ſtritten; ſie iſt bejahet und verneinet, und bis auf dieſen Tag doch noch nichts zur feſten Gewißheit hieruͤber gebracht worden. So zweifelhaft indeſſen es ſelbſt noch iſt, ob nicht die Säulen des Hercules auch die Graͤnzpunkte der Phoͤni— ziſchen Seefahrten waren, und ob der Phoͤnizier Kiele jemals den Ocean beſuchten; ſo vieles ferner auch dafuͤr ſpricht, daß der Phönizier, wie manche feiner übrigen Handelswaaren, fo auch das Zinn und den Bernſtein durch Zwiſchenhandel aus Gallien und Spanien zog, den Seeweg zu den Zinn— inſeln und dem Bernſtein-Lande wohl nur deswegen ver⸗ heimlichend, weil er ihn ſelbſt nicht kannte; und ſo wenig endlich an eine ſo ungeheure Kuͤſtenfahrt durch Untiefen, ſtuͤrmiſche Buchten und duͤrftige Barbaren des Nordens zu glauben iſt, ſo hat es doch manche gegeben, welche das kuͤhne, gewinnluſtige Handelsvolk bis an die Kuͤſte Preuſſens ſegeln ließen e), um hier den Bernſtein an feiner Haupt⸗ 1) Plin. H. N. IV. 27. Voß zu Virgil a. a. O. S. 198; vor⸗ zuͤglich deſſen Abhandlung über die alte Weltkunde in d. Senaif. Literat. Zeit. 1804. S. XXI — XXXII. 2) Schloͤzer Nord. Geſchichte, S. 105. Thunmann über den Urſprung der Preuſſen, S. 9. Heeren Ideen uͤber die Politik, den

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Phoͤnizier im Norden. (?) 17 quelle aufzuſuchen; ja man hat ſelbſt die Gruͤndung einer Phoͤniziſchen Colonie in der Naͤhe der Bernſteinkuͤſte nicht zu unwahrſcheinlich gefunden. Der eine meinte ſie in dem alten Scurgon auf der jetzigen Halbinſel Hela ), der ans dere in dem alten Culm zu entdecken ). Aber es ſind dieß alles nur Verſuche des forſchenden Geiſtes, um in die fin- ſtere Nacht ein daͤmmerndes Licht zu bringen, und wenn es auch ſchwerlich Gründe giebt, um die Möglichkeit von dem allen ohne Weiteres abzuläugnen, fo mangelt es doch eben ſo ſehr an voͤllig zureichenden Beweiſen, mit welchen die Wirklichkeit und die geſchichtliche Gewißheit, ſowohl jener kuͤhnen Seefahrten ins entfernte Bernſtein-Land, als dieſer Gruͤndung einer Phoͤniziſchen Pflanzſtadt außer allen Zweifel zu ſetzen waͤre. Viel ſicherer iſt die Nachricht, daß die Phoͤnizier mit Maſſilien, einer Pflanzſtadt der Phocaͤer in Gallien, in Handelsgemeinſchaft und Verkehr ſtanden, und von hier aus leuchtet der erſte Strahl, wenn gleich noch in mattdaͤmmern— dem Lichte uͤber das aͤlteſte Preuſſen. Es geſchah zur Zeit, als Alexander der Große auf ſeinem Heereszuge nach Aſien auch Phoͤnizien uͤberwaͤltigte und das gewaltige Tyrus de= muͤthigte, daß die Maſſilier, vielleicht begierig, Kunde uͤber die Zinninſeln und das ferne Bernſtein-Land zu erfahren Y, einen in der Sternkunde, Schiffahrt und Laͤnderkunde wohl bewanderten Mann ), deſſen Name Pytheas war, wie es Verkehr u. Handel 2 x. V. I. ©. 693. II. ©. 195. Joh. v. Müller, Allgem. Geſchichte, B. I. S. 35. 1) Uphagen Parerga histor. p. 186. seg. 2) Joh. v. Müller a. a. O. nach Uphagen J. c. p. 313. 3) Die Erzeugniſſe dieſer Laͤnder kannten die Maſſilier ſchon durch den Landhandel; Diodor. L. I. p. 348. Heeren Ideen x. B. II. S. 194. 4) Murray de Pythea Massiliensi in Nov. Commentar. Sociel. Golling. T. VI. p. 68 u. Adelung Aelteſte Geſchichte der Deutfchen S. 58 — 60 haben die Stellen der Alten uͤber Pytheas gelehrte Ver⸗ dienſte geſammelt. Saͤmmtliche Stellen der Claſſiker, die über Pytkeas handeln, findet man vereinigt in: Pytheae Massiliensis Fragmenta colleg. ei illustravit Audr. Arv. Arvedson. Upsal. 1824. 1.

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18 Pytheas uͤber das Bernſteinland. ſcheint zum erſtenmal aus der Meerenge bei den Saͤulen des Hercules hinausſandten, durch ihn erforſchen zu laſſen, wie die Laͤnder des Nordens geſtaltet ſeyen, von denen bis dahin ihnen faſt alles noch unbekannt war. Es war um die Zeit von etwa dreihundert und einigen zwanzig Jahren vor unſeres Herrn Geburt ), als eins der erſten Schiffe, fo viel wir ſicher wiſſen 2), Europa's weſtliches Ende um— ſegelte und der kuͤhne Seefahrer an Britanniens ſuͤdoͤſtlicher Spitze, zu Cantium, dem heutigen Canterbury landend, einen Theil des Eilandes bereiſete. Von da aus ging die Fahrt nordwaͤrts nach Thule, nach einigen das heutige Is⸗ land, nach andern die Nordkuͤſte Norwegens ). Dann nahm er in langſamer Fahrt ſeine Richtung nach Suͤden und ſah die Kuͤſten Preuſſens. „In dieſer kalten Zone,“ berichtet er nun, „kennen die Menſchen noch keine edlen Fruͤchte, und von zahmen Thierarten nur einige; ſie naͤhren ſich von Hir⸗ ſen und andern Kraͤutern, von Wurzeln und Fruͤchten. Die⸗ jenigen, bei denen Honig und Getreide gefunden werden, bereiten daraus ein Getraͤnk. Das Getreide aber dreſchen fie, weil heiterer Sonnenſchein felten iſt, in großen Gebaͤu— den, in welche die Aehren eingebracht werden, denn Tennen auf freiem Felde würden durch Regen und Mangel an Son: nenſchein ſehr bald verderben ).“ Darauf ſpricht Pytheas 1) Die unterſuchungen hieruͤber ſ. bei Murray p. 61. g. 1 de actate Pytheae; Adelung S. 57. Schloͤzer Nord. Geſch. S. 194. 2) Nur Himilco ſcheint des Pytheas Vorgaͤnger geweſen zu ſeyn; Murray p. 66. Sprengel Geſchichte der wichtigſten geograph. Ent⸗ deckungen ©. 57. 3) Vergl. Voß über Thule in Bredow's unterſuchungen über einzelne Gegenſtaͤnde der alten Geſchichte u. ſ. w. S. 122 ff. 4) So bei Strabo Rer. Geograph. L. IV. c. 5; To rd nrg md rwe T Alara, wc S D HE &Poglav rrccur EN, zav dE oravıv xe ö Kos c 0g Auxevong, x cer or . Sigceig relcceben rap 8 S ciroo N . vera; wa vo rofl evreb qe xen zov Ö2 1 ereid, roög Mονον, oux ExXovas xx- Hagobg, eu bog bree, rr rouot, curxe fais Sr, deügo van crx. dı vlg Des dl aexyera i , die To ld 109, Kol Toug Or ßeoug-

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Pytheas über das Bernſteinland. 19 auch von dem Volke, welches einen großen Theil der nor⸗ diſchen Lande bewohne. „Dort wohnen die Guttonen, ein Germaniſches Volk, an einer durch das eindringende Meer vielfach zerriſſenen und oftmals unterbrochenen Küfte, Men⸗ tonomon genannt, die ſich ſechstauſend Stadien weit aus⸗ dehnet. Eine Tagesſchiffahrt davon entfernt liegt die Inſel Abalus, an welche zur Fruͤhlingszeit durch die Fluthen des Meeres der Bernſtein ausgeſpuͤlt wird, ein Auswurf des verdickten Meeres. Die Bewohner gebrauchen ihn ſtatt des Holzes zur Feuerung, oder verkaufen ihn an die nach— barlichen Teutonen ).“ So lautet die erſte ſichere Nachricht uͤber Preuſſens ältefte Geſchichte, denn fo vielfach auch in früherer und in neuerer Zeit uͤber dieſen Bericht hin und her geſtritten wor— den iſt, ſo paßt das Ganze der Erzaͤhlung, und im ein⸗ fachen Zuſammenhange auch das Einzelne, doch auf kein Land des Nordens ſo gut, als auf das Kuͤſtenland Preuſſen. Fragt man zuerſt nach des kühnen Seefahrers eigentlichem Zweck bei ſeiner Fahrt in die nordiſchen Gewaͤſſer, ſo konnte er für den handelnden Freiſtaat Maſſilien wohl kaum ein an⸗ derer als ein Zweck für Handel und Erwerb ſeyn. Phtheas ſollte die Gegenden erforſchen und die Völker kennen lernen, bei welchen die zwei wichtigen Handelsgegenſtaͤnde, Zinn und Bernſtein, die bisher Maſſiliens Kaufleuten durch den Land⸗ handel uͤber Gallien zukamen, gewonnen wurden 2), Sp: mit waren Britannien und Preuſſens Bernſteinkuͤſte, der Natur der Sache nach, gewiß die zwei wichtigſten Punkte 1) So Plinius H. N. L. XXXVII. c. 2. Pyiheas Guttonibus Germaniae genli accoli aestuarium oceani Menionomon nomine, spalio stadiorum sex millium. Ab hoc dici navigatione insulam abesse Abalum. IIlo vere Fluctibus advehi et esse concreli maris purgamen- tum. Incolas pro ligno ad ignem uti eo, proximisque Teutonis vendere. 2) Voß Abhandlung über ältere Weltkunde, Jen. Lit. Zeit. 1804. S. XXXII. Er meint jedoch, Pytheas habe nur eine Strecke des Sky⸗ thiſchen Geſtades, welches fpäter Germania hieß, vielleicht bis zur Weſer oder hoͤchſtens bis zur Elbe beſchifft. Wir werden im Folgenden den Be⸗ weis verſuchen, daß Pytheas bis nach Preuſſen kam. 2 *

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20 Pytheas über das Bernſteinland. feiner Seereiſe. Beide mußte er beſuchen und wie er Bri— tannien begruͤßte, ſo ſah er offenbar auch Preuſſen. Zu ſeiner Fahrt nach dem dunkelen Thule, der Wunder-Inſel des Alterthums, trieb ihn ſonder Zweifel nur ſeine wiſſenſchaft⸗ liche Forſchbegierde, vielleicht auch manches, was ihm erſt in Britannien uͤber Thule erzaͤhlt wurde. Von dort aus, vom hohen Norden ſegelt nun Pytheas herabwaͤrts nach ſuͤdlichen Kuͤſten und trifft auf ein vielfach durch Meeres ſtroͤmungen durchriſſenes Geſtade, als deſſen Bewohner man ihm das Volk der Guttonen nennt. Gewiß wuͤrde die ge⸗ ſchichtliche Forſchung ganz unpaſſend verfahren, wenn ſie des Pytheas Beſchreibung der Kuͤſte auf die heutige Geſtalt des Oſtſeeſtrandes Preuſſens anwenden wollte. Wenn ſchon im Innern der Länder im Ablaufe einiger Jahrhunderte der An— blick und die Beſchaffenheit einzelner Landſchaften oft fo be— deutend veraͤndert werden, was muß in zweitauſend Jahren das ewig bewegliche, das oft ſo wild ſtuͤrmende und Tag und Nacht am Lande zehrende Element des Meeres an der Kuͤſte Preuſſens nicht alles umgeſtaltet haben, zumal da, wie erwaͤhnt, die Bewegungen der oſtſeeiſchen Gewaͤſſer in ſuͤdlicher Richtung ſeit ewiger Zeit am heftigſten geweſen; wie vieles einſt Dageweſene mag durch die Gewalt der See zerriſſen und in die Tiefe verſenkt, wie manches damals noch nicht Vorhandene mag ſeitdem neu geſchaffen und ſo das ganze Bild der Kuͤſtengegenden in tauſendfacher Weiſe um— gewandelt worden ſeyn )! Mit Recht mag alſo Pytheas von einem durch den Andrang der Seegewaͤſſer haufig durch— brochenen und vielfach durchriſſenen Küftenlande ſprechen 2). 1) Vergl. nur was Hoff Geſchichte der Erdoberflache B. I. S. 59 — 74 u. zum Theil auch Piſanski Einige Bemerkungen über die Oſtſee, inſonderheit an den Kuͤſten von Preuſſen S. 21 ff. uͤber die Ver⸗ änderungen an den ſtſeekuͤſten anführen. 2) Plinius II. N. L. XXXVIL c. 2 beſchreibt das Land nach der Angabe des Pytheas als ein Acstuarium. Schloͤzer g. a. O. S. 22 erklärte dieſes Wort durch „ſeichte und flache Stellen am Ufer, welche bisweilen unter Waſſer leben, biswellen trocken find, fo wie man fie häufig in Preuſſen findet.“ Die Erklarung des Wortes iſt aber weder

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Pytheas über das Bernſteinland. 21 Als ſein Name wurde ihm das Wort Mentonomon ge⸗ nannt. Ueber die Bedeutung deſſelben find in früherer und neuerer Zeit ſchon ſo viele und ſo verſchiedenartige Ver⸗ muthungen und Erklärungen aufgeſtellt worden, daß es wohl eben ſo ſchwer iſt, als es nutzlos ſcheinen moͤchte, ihre Zahl durch eine neue noch zu vermehren. Man hat gemeint, daß in dem jetzigen Kirchdorfe Medenau in Samland, deſſen — . — richtig, noch ift abzuſehen, wie ein ganzes großes Volk auf ſolchen ſeich⸗ ten und flachen Stellen am Ufer habe wohnen koͤnnen. Ganz anders nahm Reichard Germanien S. 86 u. 238 dieſes Work. Er findet in dem Aestuarium das friſche Haff und ſagt: „Ich begreife gar nicht, wie man dieſes Aeſtuarium, was Pytheas ganz gewiß durch das Wort c % ausgedruͤckt haben muß, mit dem Namen Kuͤſte belegen kann, wie doch fo Häufig geſchieht.“ Vergleicht man mit dieſen Worten aber, was er S. 86 darüber ſagt, fo ſcheint er doch eigentlich die Ku ſte des friſchen Haffs und nicht das Haff ſelbſt unter dem Aestuarium verſtan⸗ den zu haben; denn wiewohl er ſagt, daß „die Guttonen es nach Pytheas beſctzt hatten,“ fo kann doch unmoglich angenommen werden, daß fie das friſche Haff ſelbſt bewohnt haben ſollen. Offenbar giebt Reichard den Guttonen, wenn er das Aeſtuarium von der Weichſel bis Brauns⸗ berg oder Heiligenbeil ausdehnt, einen viel zu beſchraͤnkten Umfang. Auch iſt die Annahme, daß Pytheas das Wort dveixuaız gebraucht und Plinius es durch Aestuarium überſetzt habe, auf keinen Fall erweislich. Vergleicht man die Stellen mit einander, in denen das Wort ſonſt noch vorkommt, z. B. Caesar de bello Gall. II. 28. III. 9. Tacil. An. II. 8. Plin. ep. VIII. 33., jo kann es kaum etwas anderes bedeuten, als ein durch oͤftern Andrang und häufige Ueberſtromung des Waſſers von der See oder von Flüſſen überſchwemmtes, dadurch vielfach durchbroche⸗ nes und zerriſſenes Kuͤſten-oder uferland, wie es Preuſſen an der Oft: ſeekuͤſte wirklich auch jetzt noch iſt und einſt in feinen Niederungen ohne Zweifel noch weit mehr war. Nimmt man den ehemaligen Zuſtand die⸗ ſer Niederungen, die ſo ſehr bedeutenden Veraͤnderungen des friſchen Haffs, die ganz veraͤnderte Ausmuͤndung des Pregelſtroms, die völlig verſchiedene Veſchaffenheit der ganzen Samläͤndiſchen Kuͤſte u. des Kuri⸗ ſchen Haffs ( Hartmann Historia succini Pruss. P. 17) u. denkt man hinzu, was in zwei Jahrtauſenden die ſtuͤrmende See an der Küfte alles umgewandelt haben mag, ſo liegt wohl in der Sache ſelbſt die aufge⸗ ſtellte Erklaͤrung des Wortes. Wilhelm Germanien S. 327 ſtimmt im Ganzen damit überein. Voß erwähnte Abhandl. Jen. Lit Zeit. S. XXXII. Haflsar um — e Au 7.225 3 | „ 4 Manege 8 N Fer.

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22 Pytheas über das Bernſtein land. ganzes Gebiet einſt die Feldmark Medenau hieß ), der alte Name noch vorhanden ſey, und es koͤnne von dieſem Gebiete wohl ſelbſt auch das friſche Haff mit dieſem Namen bezeich⸗ net worden ſeyn ). Manche dagegen haben in dem Namen Montau an der Weichſel eine Aehnlichkeit des Namens ge= funden. Andere wußten das Wort aus dem Finniſchen zu deuten; im Finniſchen heiße nach dem Eſthniſchen, einer Mundart des Finniſchen, die Kuriſche Nehring am Kuriſchen Haff Mendaͤniemi, ſo viel als Fichten-Vorgebirg, von Mend eine Fichte und Niemi ein Vorgebirg, und dieſer Herleitung des Wortes find immer die meiften zugethan geweſen, mei⸗ nend, daß der Bernſtein, als „ein verhaͤrtetes Fichtenharz,“ ſchon von ſelbſt auf das einſtmalige Daſeyn ungeheuerer Fichtenwaͤlder laͤngs der ganzen Seekuͤſte hindeute ). Wie⸗ der andere, ſich in eine Deutung des dunkelen Wortes gar nicht weiter einlaſſend, haben überhaupt gezweifelt, ob Pytheas den Namen auch richtig genannt und richtig aufs gefaßt habe, ob das Wort nicht ſpaͤterhin von andern ſehr verſtuͤmmelt, oder vielleicht fehon von dem der Sprache un— kundigen Seefahrer verdorben niedergeſchrieben worden ſey *). Und ſie haben deshalb einigen Glauben fuͤr ſich zu erwecken gewußt, weil wahrſcheinlich auch in der Angabe der Laͤnge der Kuͤſtenſtrecke, welche Pytheas nach Plinius auf ſechs— tauſend Stadien oder hundert und funfzig Deutſche Meilen ausdehnt, ein Irrthum enthalten iſt; denn ſo viele Muͤhe auch aufgewandt worden iſt, um dieſe Laͤnge zu berechnen, und ſo ſcharfſinnig manche dieſe gewaltige Ausdehnung her⸗ ausgekuͤnſtelt haben, ſo iſt es doch immer das Kuͤnſtliche und Willkuͤhrliche der Berechnung, was ihr alle . Zu⸗ 1) Dusburg Chron. P. III. c. 70. 2) Uphagen Parerga p. 184. Hartknoch Alt- u. Neu-Preuſſen S. 28. Schloͤzer a. a. O. S. 36. 124. 3) Adelung Aelt. Geſchichte der Deutſ. S. 85 — 86 (wo auch Wachter's Ableitung in Praef. ad Glossar. &. 43 angeführt iſt) Schloͤzer a. a. O. S. 124. Buͤſching, Forſter u. a. 4) Sprengel Geſchichte der Entdeck. S. 81. Tuch Adelung a. a. O. neigt ſich dahin.

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Pytheas Über das Bernſteinland. 23 verläͤſſigkeit entnimmt ). Endlich dürfte wohl die Be hauptung nicht zu Fühn ſeyn, daß die Benennung Mento⸗ nomon, eben ſo wie die Namen Baſileia, Abalus und Oſe⸗ ricta, denen wit bald naͤher begegnen werden, griechiſchen Urſprungs ſey und vielleicht nichts anders bedeute als ein — Meere häufig beſtuͤrmtes und durchbrochenes Kuͤſten⸗ and ). Eine Tagesſchifffahrt von dieſem Mentonomon entfernt lag nach des Pytheas Bericht eine Inſel Abälus, an deren Kuͤſte die Meeresfluthen den Bernſtein ausſpuͤlten. Es war, wie Plinius verſichert, dieſelbige Inſel, welche Timaͤus Baſilia oder Baltia nannte. Schon früher haben ſorgſam forſchende Erdbeſchreiber gründlich dargethan 3) und wir wer⸗ den es mit neuen Beweiſen beſtaͤtigen, daß Abalus kein anderes Land als das auch in weit ſpaͤteren Zeiten noch oft als Inſel angeſehene Samland, das eigentliche Mutterland des Bernſteins ſeyn kann. 1) Murray de Pythea Mass. I. c. p. 93. Bayer l. c. p. 415— 416. Hartknoch Dissert. de antiquis Pruss. populis g. XI. nimmt einen Schreibfehler, Ego orxöluv für & Rαõν’ifuN arxölev an. [ 5 2) Schon Bayer J. c. 415 ſagt: Omne littus Suevici maris Mentonomon @ Graeeis nuncupatum. Einheimiſch d. h. den Guttonen eigenthuͤmlich mag das Wort wohl ſchwerlich geweſen ſeyn. Wir werden ſehen, daß die oben erwähnten Namen Baſileia, Abalus u. ſ. w. nur aus dem Griechiſchen eine vernuͤnftige Erklaͤrung ſinden koͤnnen. Wie wenn auch der Name Mentonomon griechiſch und eine Ueberſetzung fuͤr aestuarium wäre? Dürfte er vielleicht von kävıo Groll, Zorn, karlo grollen, zuͤrnen, palvw, palvarcı ic) werde raſend, ich gerathe in Leidenſchaft und vor.og ein Landſtrich, wie die Aegyptiſchen voror, ab: geleitet werden? Mevoue wird metaphor. vom Meere gebraucht. — Vergl. Bieſters Abhandlung: Waren die erſten Bewohner der Bran⸗ denburgiſch Preuſſiſchen Laͤnder an der Oſtſee Slawen oder Deutſche S. 19 20. 3) Schloͤzer Anmerk. zu Schoͤning's Abhandl. von den Be⸗ griffen und Nachrichten der alten Griechen und Römer von den noͤrdl. Ländern in der Nord. Geſchichte S. 23 ff. Murray p. 94. Bayer l. c. p. 415. Wilhelm S. 328 — 330. Schöning wußte aus den Namen Abalus u. Baltia „ die füblichen und dͤſtlichen Küften der Skandinaviſchen Halbinſel“ herauszukuͤnſteln.

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24 Pytheas über das Bernſteinland. Von noch groͤßerer Wichtigkeit als dieſe Laͤnder-Namen ſind die Benennungen der Voͤlker, deren Pytheas in ſeinem Berichte Erwaͤhnung thut. Er nennt das Germaniſche Volk der Guttonen ) und die Oſtiaͤer als Bewohner dieſer Laͤn⸗ der. So erſcheinen in Preuſſens Geſchichte zum erſtenmal zwei Voͤlker-Namen, die uns bei der geſchichtlichen Be— trachtung dieſes Landes durch viele Jahrhunderte begleiten werden. Die Guttonen ſind offenbar kein anderes Volk als die Gothenen oder Gothen ), die wir anderthalbhundert Jahre Ber Chriſti Geburt bei Ptolemaͤus ), etwa funfzig Jahre nach dem Anfange unſerer Zeitrechnung bei Plinius“) und im erſten Jahrhundert bei Tacitus 5) in den nämlichen Wohnſitzen wieder finden; es ſind dieſelbigen, deren fruͤhe Wanderung und Niederlaſſung in Preuſſen im ſechſten Jahr⸗ hundert auch Jornandes wieder beruͤhrt ) und deren Name ſich ſelbſt bis ins zwoͤlfte und dreizehnte Inhrhundert hinab bei den Nachbarvoͤlkern erhalten hatte ). Daher ſtimmen auch die gruͤndlichſten Forſcher uͤber ältere Erdkunde in der 1) Plin. II. N. XXVII. c. 2. nennt fie nach des Pytheas Bericht Guttones Germaniae genti accoli. Daß der Beiſatz „Germaniae genti necoli“ von manchen Gelehrten für Worte des Plinius gehalten werden und dem Pytheas nicht zugehoͤren ſollen, um die angebliche Neuheit des Namens bei Tacil. German. c. 2. zu retten, iſt ſchon von Ade⸗ lung a. a. O. S. 86 erwaͤhnt worden. Indeſſen iſt doch auch erwieſen, daß der Name Germanen ſchon ziem'ich lange vor Tacitus vorhanden war; ſ. Reichard Germanien unter den Roͤmern S. 1. Wilhelm Germanien S. 15 — 16. 2) Es iſt wohl ohne Zweifel eine ganz richtige Bemerkung bei Luden Geſchichte des deutſchen Volks B. I. S. 715, daß Colon, Burgundion, Teuton u. ſ. w. die Ausſprache der Deutſchen ſelbſt iſt für die jetzige Goten, Burgundien und daß Gothones das ſpaͤtere Go- Un, Burgundiones das ſpaͤtere Burgundii iſt. 3) Plolem. Geogr. III. 5. 4) Plin. H. N. IV. 14. 5) Taueil. German. c. 43. 6) Jornand. de reb. Getic. c. IV. Auch bei Paul Waurnefrid lee. 7) Kadlubko histor. p. 149—150. Boguphal p. 26. Amal. gent. Polon.

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Pytheas über das Bernſteinland. 25 Annahme faſt allgemein überein, daß es immer Voͤlker deſſel⸗ bigen Stammes und zwar Gothen geweſen ſind, die ſchon Pytheas als Bewohner des Landes fand ). — In gleicher Weiſe finden wir auch den Volks-Namen der Oſtiaͤer durch viele Jahrhunderte fortgepflanzt, denn es iſt nicht zu be⸗ ſtreiten, daß die Oſtiaͤer das naͤmliche Volk find, deſſen einige Jahrhunderte ſpaͤter Tacitus ) unter dem wenig ver⸗ aͤnderten Namen der Aeſtier noch an der Kuͤſte der Oſtſee in Preuſſen erwähnt und das im Anfange des ſechſten Jahr⸗ hunderts, noch immer an der Bernſteinkuͤſte hauſend, dem großen Gothenkoͤnige ein koſtbares Geſchenk von ſeinem Lan⸗ deserzeugniß brachte 2). Es find dieſelbigen Aeſtier, welche im achten und neunten Jahrhunderte zu Carl des Großen Zeit Eginhart als Anwohner der Oſtſee kennt) und gegen das Ende des neunten Jahrhunderts der nordiſche Seefahrer Wulfſtan noch unter demſelbigen Namen an der naͤmlichen Kuͤſte Preuſſens fand ). Dieſe Oſtiaͤer oder Aeſtier waren wohl ohne Zweiſel ein Zweig des Gothiſchen Volkes und vielleicht von den weſtlich wohnenden Guttonen wegen ihrer öftlichen Wohnſitze an der Bernſteinkuͤſte mit dieſem Namen bezeichnet, denn er iſt offenbar deutſch und bedeutet die Oeſtlichenͥ). In ſolcher Weiſe find alſo ſelbſt dieſe beiden 1) Uphagen l. c. p. 392. Sprengel a. a. O. S. 112 — 113. Adelung S. 93. Reichard S. 86. Wilhelm S. 258 — 259. Mannert Geogr. B. III. S. 406. 2) Tacit, German. c. 45. 3) Gassiodor. Variar. I.. V. ep. 2. 4) Eginhart c. XII. 5) Lungebeck Seriplores rer. Dauicar. T. II. Mone als Recenſ. von Vaters Werk: Sprache der alten Preuſſ. in den Heidelberg. Jahrb. 14ter Jahrg. S. 489 kann uns daher nicht überzeugen, wenn er bie Aeſtier nach Kurland, Livland u. Eſthland verſetzt. Die dort gegebene Erklärung des Namens, welche dieſe Ausdehnung beweiſen ſoll, beweiſt nach unſerem Beduͤnken nichts. 6) Der Name wird ſchon im Alterthum verſchieden angegeben. Strabo L. I. c. J. nennt das Volk N ,,j] So fand er den Namen im Bericht des Pytheas. Stephanus Dyzant. p. 490 ſagt aber: Oslio- nes populus ad Oceanum occidentalem, quos Cossinos Artemidorus

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26 Pytheas über das Bernſteinland. Voͤlker⸗ Namen ein wichtiges Zeugniß für die Wahrhaf⸗ tigkeit des Berichtes des Maſſiliſchen Seefahrers. Eine nicht minder wichtige Beſtaͤtigung geben aber außerdem auch noch die Einzelnheiten, die wenigen Zuͤge vom Lande und vom Volke, die uns Pytheas uͤberbracht hat. Am meiſten verdient Beachtung, was er von Preuſſens heimatlichem Erzeugniß, dem Bernſtein, berichtet. Wenn auch nicht abzuſtreiten iſt, daß Preuſſen weder in alter, noch in neuerer Zeit ſich allein und ausſchließlich den Beſitz deſ— ſelben hat zueignen duͤrfen, ſo iſt doch allbekannt, daß die Oſtſeekuͤſte Samlands von jeher die eigentliche Fundgrube dieſes Geſchenkes des Meeres war und daß er nirgends anderswo in ſolcher Menge gefunden wurde, daß der Han— del mit den nachbarlichen Teutonen ihn nicht einmal ganz abſetzte, ſondern das Ubermaaß ſelbſt zur Feuerung benutzt wurde ). So wenig wir nun auch uͤber jenen Handel zwiſchen Samlands Bewohnern und den nahe wohnenden Teutonen etwas naͤheres erfahren, ſo wichtig iſt uns doch ſchon die Nachricht von dem Daſeyn dieſer Handelsverbin⸗ dung in ſo hoher Zeit. Wie leicht mußte allerdings auch das Meer die Bewohner von Abalus oder Samland mit den Teutonen zu einem Verkehre verbinden, die vielleicht ſchon von der Naͤhe der Weichſel an, in einzelne Gaue ge— theilt und deshalb auch unter eigenen Namen erſcheinend, ſich auf dem langen Kuͤſtenſtriche bis zur Oder und Trave ausbreiteten und ſo auch fuͤglich die Nachbarn der Guttonen heißen konnten ). Wohin der Handel der Teutonen mit vocat, Pitheas vero Ostyaeos. IIis vero a sinistra Cossini Ostiones dich, quos Pythcas Ostyaeos appellat. 1) „Incolas pro ligno ad ignem uti eo“ ſpricht Plin. II. N. XXXVII. c. 2. dem Berichte des Pytheas nach. Man hat zwar dieſe Worte nicht auf den Bernſtein ſelbſt, ſondern auf das Seegras beziehen wollen, worin der Bernſtein gefunden wird; ſo Ewers vom Urſprung des Ruſſiſch. Staats S. 19; allein man trägt mit dieſer Meinung etwas in des Plinius oder vielmehr des Pytheas Worte hinein, was in ihnen nicht liegt. 2) Der Name Teutonen gehoͤrte durchaus nicht einem einzelnen Volkszweige an, ſondern er war ohne Zweifel der urſpruͤngliche Name

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Pytheas über das Bernſteinland. * Bernſtein weiter gegangen ſey, koͤnnen wir nicht mehr be⸗ ſtimmen; aber vermuthen laͤßt ſich, daß fie ihn ins innere Land betrieben und in ſolcher Weiſe das glanzende und hoch⸗ geſchäͤtzte Erzeugniß durch Zwiſchenhandel bis an das Adria⸗ tiſche Meer brachten ). Vielleicht würde das Dunkel über dieſen Gegenſtand vollig verſchwinden, beſaͤßen wir des Pytheas vollſtaͤndigen Reiſebericht und müßten wir uns nicht mit Trauer nur mit den wenigen Reſten begnuͤgen, die feindſelige Gegner ihm entlehnt haben. Wenn aber der Bernſtein der wichtige Gegenſtand des Verkehres mit den Teutonen war, warum, duͤrfte man verwundernd fragen, gebrauchten ihn die Bewohner von Abalus ſtatt des Holzes zur Feuerung? Lieferte nicht das gewiß auch damals ſchon ſo waldreiche Land hinlaͤnglich Holz zu gemeinem Zwecke? Zwei Ruͤckſichten dürfen hier für dieſe Fragen nicht unbeachtet bleiben. Zum erſten liegt ſichtbar, wie uͤber des Pytheas ganzem Berichte, ſo ins beſondere auch uͤber dieſer Angabe ein geheimnißvoller Schleier. Es iſt kaum denkbar, daß der Bernſtein von den Landeseinwohnern zum gemeinen Ge— brauche der Feuerung verwendet wurde, da es an zweck— maͤßigeren Brennſtoffen wohl ſchwerlich fehlen konnte; wohl aber duͤrfte aus ſpaͤtern Angaben vermuthet werden, daß man den Goͤttern Bernſtein opferte, daß das heilige, ewige Feuer mit dem edlen Erzeugniß zum Theil unterhalten und hie— von die Nachricht dem Seefahrer zugebracht ward 2). Zum andern iſt wohl glaubhaft, daß in ſo fruͤher Zeit die See den Bernſtein noch in weit groͤßerer Fuͤlle ausgeworfen habe, alſo daß der Handel ſeinen ganzen Ueberfluß noch nicht hin⸗ aller Germanen; damit ſtimmt auch Luden Geſchichte des deutſchen Volkes B I. S. 28 überein. CI. Joh. Müller de bello Cimbrico c. II. g. V. VI. Scandinaviam habuere Teutoni, Pharadenos atque Suevos vicinos. Adelung S. 87. Reichard Germanien S. 75. Uebri⸗ gens iſt nicht nothwendig, bei den proximis Teutonis an unmittelbare Gränznachbarn der Aeſtyer oder Guttonen zu denken. 1) Diodor. L. V. c. 23 beftätigt dieſes. 2) Dieß ſcheint um fo glaubhafter, da Pytheas, wie wir nachher ſehen werden, felbft in der Nähe des Ortes geweſen ſeyn mag, wo das heilige Feuer brannte. .

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28 Pytheas u. Diodor über das Bernſteinland. wegnahm und nur das Ausgewaͤhltere dem Handel darge— boten ward, denn gewiß iſt, daß erſt um drei Jahrhunderte ſpaͤter ein neues reges Leben in den Handel mit Bernſtein kam ). Außer dieſem Handel mit Bernſtein erwaͤhnt Pytheas als dem Lande der Guttonen und Oſtiaͤer beſonders eigen— thuͤmlich das Getränk des Methes. So lange die Geſchichte von den alten Preuſſen ſpricht, nennt ſie den Meth unter den erſten Lieblingsgetraͤnken des Volkes. Er ſetzt eine reiche Fuͤlle von Honig voraus, und in der That ward der Honig— bau auch noch im Laufe des ganzen Mittelalters mit dem ergiebigſten Ertrage betrieben 2). Ferner gedenket Pytheas auch des Hirſen- und Getreidebaues; bekanntlich in allen Zeiten zwei der vorzuͤglichſten Nationalerzeugniſſe Preuſſens; dabei das Getreide in ſolcher Uebermenge, daß es auch zur Bereitung eines Getraͤnkes verwandt werden konnte; das Bier aber gehoͤrt mit zu den uralten Getraͤnken der Be— wohner Preuſſens >). Dieß ſind die wenigen Zuͤge, die uns aus des Pytheas gewiß viel vollſtaͤndigerem Berichte über das alte Bernſtein⸗ land hinterlaſſen worden ſind. So zerriſſen und einſilbig uns dieſe Nachrichten auch erſcheinen muͤſſen, fo Höchft wichtig und ſchaͤtzbar bleiben ſie uns doch immer als die erſten Strahlen, die das Dunkel der alten Nacht durchbrechen und uns das Land mit ſeinen Bewohnern, mit ihren Sitten und Gebraͤuchen im erſten Daͤmmerlichte erblicken laſſen, als die fruͤheſten Laute, die dem forſchenden Geiſte die erſte Kenntniß uͤber das alte Bernſteinland moͤglich machen. Wel⸗ chen Erfolg des Pytheas kuͤhne Seefahrt für Maſſilien ge— habt habe, iſt nicht mehr zu ergruͤnden; aber es finden ſich wohl Andeutungen zu der Vermuthung, daß durch ſie der 1) Das „donec luxuria nostra dedit nomen“ des Tucit. Ger- man. C. 45 deutet dieſes an. 2) Schütz histor. rer. Prussicar. p. 3. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 206. Voigt's Geſchichte von Marienburg S. 198. 3) Davon weiter in PPulfstani Periplus ap. Langebeck Seri pl. ver. Dan. T. II., von welchen wir ſpaͤter ſprechen werden.

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Diodor Über das Bernſteinland. 29 Zinn⸗ und Bernſteinhandel eine bedeutende Umwandlung erlitten und Maſſilien ihn mehr als zuvor an ſich gezogen babe, indem ſeit dieſer Zeit der Handel der Karthager mit dieſen Producten ſehr geſunken ſeyn foll y). Das matte Licht aber, welches der kuͤhne Maſſilier durch feinen Bericht Über Preuſſen gegeben, verloͤſcht nach feiner Zeit wieder an drei Jahrhunderte hindurch, in denen auch nicht der mindeſte Laut uͤber dieſes Land in den Schriften der Alten vernommen wird. Erſt Diodor der Sicilier warf etwa zwanzig Jahre vor Chriſti Geburt wieder einen Blick auf jene Inſel im Norden, bei ihm Baſileia genannt, „an welche die Meeresfluth in Menge Bernſtein ausſpuͤlet, der ſonſt nirgend in der Welt gefunden wird ).“ Schon dieſe Worte ſind uns von Wichtigkeit. Zwar iſt die Angabe Diodors uͤber die Lage des Eilands „dem uͤber Galatien (Gallien — Germanien) liegenden Skythenlande gegenuͤber am Ocean )“ im Ganzen ſehr unbeſtimmt. Wie konnte aber Diodor, der nicht wie Pytheas als Augenzeuge, ſon— dern bloß nach Sagen und ungewiſſen Berichten ſchrieb, mit voller Beſtimmtheit Baſileias Lage bezeichnen! Und doch ſtimmt ſeine Nachricht, die, wie es ſcheint, keine an— dere iſt, als die des Timaͤus, welche Plinius aufbehalten ), mit dem, was wir durch Pytheas wiſſen, vollkommen uͤber— ein. Die Inſel Baſileiag iſt nach den Beweiſen, deren wir bald weiter gedenken werden, keine andere als des Pytheas Eiland Abalus oder das bernſteinreiche Samland. Auch Diodor kennt den Bernſteinhandel, durch welchen die Be— wohner des Eilands mit dem gegenüber liegenden Kuͤſten— lande im Verkehr ſtanden. Es iſt dieß offenbar kein anderes 1) Nach Diodor L. V. e. 22— 23. 38 ging fpäter der Zinn und Bernſteinhandel vorzuͤglich durch Gallien; Maſſilien war dafuͤr einer der wichtigſten Platze. Murray J. c. p. 97. Adelung a. a. O. S. 97. 2) Diodor L. V. c. 23. 3) Tag Tx UN TE bree va To r ντν vcog f rec, L 70V Q οον I Measayogeungeun BarglhElcæ- 4) Plin. H. N. L. IV. 13. XXXVIL 2. Voß Abhandl. über ältere Weltkunde a. a. O. p. XXXII.

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30 Diodor über das Bernſteinland. als das von Pytheas erwaͤhnte Land der Teutonen. Zu⸗ gleich aber fügt Diodor noch hinzu, daß von jenem Lande her der Bernſtein nach Italien gebracht werde. Wir finden alſo hiemit die erſte Spur eines Handelsverkehrs zwiſchen Italien und dem alten Bernſteinlande, und die Meinung Diodors, daß ſonſt nirgend als auf dem Eilande Bafileia Bernſtein gefunden werde, giebt eine Hindeutung, daß der Handel mit dieſem Erzeugniſſe nach Italien ſchon im vollen Leben und in Italien ſchon kein anderer Bernſtein mehr bekannt war, als den man von Baſileia erhielt. Allein man war zu Diodors Zeit keineswegs in dieſer Meinung allgemein einig. Der Erdbeſchreiber Strabo, Dio⸗ dors Zeitgenoſſe, konnte allen dieſen Berichten durchaus kein Vertrauen ſchenken. Des Pytheas Nachrichten faſt unge— ziemend bekaͤmpfend und alles, was er erzaͤhlt, fuͤr Fabeln und Maͤhrchen erklaͤrend ), giebt er die kecke Behauptung: „Alles Land jenſeits des Elb-Stromes bis an das große Meer hinauf, ſey noch voͤllig unbekannt, denn nie ſeyen die Roͤmer bis auf die andere Seite der Elbe gekommen und keiner habe noch zu Lande dieſe weiten Landſtrecken bereiſet?).“ Und dennoch tritt hier eine ſehr alte Sage ein, die uns von einer Reiſe weitentfernter Fremdlinge nach Preuſſen vieles Wunderbare zu erzaͤhlen weiß und ſchon ihres hohen Alters wegen ) hier eine Erwähnung verdient. Sie erzählt: 1) Strube Geogr. L. IV. c. 5. VII. 3. Zu bemerken iſt jedoch, daß Strabo dem Bericht des Pytheas in Ruͤckſicht deſſen, was er über die Gegenden der kalten Zone fagt, welt mehr Glauben ſchenkt. IIe, dt Tol rl Ougatviz x av ac: NH U 3 ucs HE KEXEATICH Tai moXypacı, “Oe = ccc E“ ge eee o. 2) Strabo Geogr. L. VII. c. 2. Te os e 0 Nobbi, TR argdg zu Nxzxvo, mavraraoı KyvWor« iu orw. Oüre vg rah een h Hape Tov mega rob ro METOIMEVOUG argdg 7x Lend teen, r N Tod erolaares e Kocœrriceg J- AXr7755 608 61 "Poypexiok re ro Sig To re E S 0⁰ A leg. 45 G' Lurcog ovdE E 0¹ TAEWÖzUK&TUV DUdsvec- 3) Schon Chriſtian, der erſte Biſchof von Preuſſen, fand dieſe Sage in einer alten Schrift und nahm ſie in ſeine Chronik auf, aus welcher

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Diodor über das Bernſteinland. 31 Zur Zeit als Kaiſer Auguſtus in Rom der Herrſchaft des Reiches vorſtand, ſandten ſternkundige Maͤnner aus Salura, einer Stadt Bithyniens, aus Begier, zu erforſchen, ob auch am Ende des ſiebenten Himmelskreiſes und im achten die Erde bei der heftigen Kälte von Menſchen noch bewohnt ſey, einige Maͤnner aus, die ſolches erkunden ſollten. Sie zogen durch die weiten Landſtrecken der Tartaren, hierauf durch Roxolanien, das große Gebiet von Moskau,, dann durch die Gegenden der Veneder und Alanen in Litfland. Von da gelangten ſie uͤber ein großes Waſſer in ein weites, wuͤſtes Land, das keinen beftändigen Namen trug, denn es ward bald Sargatia, bald Gelida, bald auch Vatina ges nannt. Da durchzogen ſie das Land weit und breit; aber ſie konnten mit keinem Menſchen reden, bis etliche Wenden aus Sarmatien zu ihnen kamen, deren Sprache ſie etwas verſtanden. Durch dieſe erfuhren ſie: das Volk ſey Ulmi⸗ gerer ) genannt, weil die Menſchen an Fluͤſſen unter Saal⸗ weiden wohnten, wo ſie von Schilf ihre Huͤtten baueten und ihre Kleider bereiteten; fie kennten weder Haͤuſer 2), Dörfer und Städte, noch Ackerbau; Fiſche feyen ihre einzige Speiſe und Waſſer ihr Getraͤnk; das Land reich an Ge— fie dann Lucas David in feine Preuſſiſche Chronik üvertragen hat. Vergl. die Abhandlung uͤber die Chronik des Biſchofs Chriſtian in der Beilage I. 1) Lucas David B. I. S. 10 — 11 führt die Namen Ulmigani, Culmigeri u. Ulmigeri an u. ſagt S. 145 ausdrücklich, daß der Biſchof Chriſtian fie Ulmigeri oder Ulmigani nenne. Hartknoch Alt- und Neu⸗Preuſſ. S. 26 will Ulmigeria in Culmigeria verwandeln und darunter das Culmerland verſtehen. Bemerkenswerth iſt, daß Jornan- des de reb. Geticis c. IV., indem er von der Wanderung der Gothen aus Scanzia ſpricht, ſagt: Gothi ut primum e navibus exeuntes, ter- ras atligere, illico Ioco nomen dederunt. Nam hodie illic, ut fertur, Gothiscanzia vocatur. Unde mox promoventes al sedes Ulmeru- gorum, qui iunc Orcani ripas insidebant, castrametali sunt. Das mit meint Jornandes nach feiner Anſicht von der Wanderung der Gothen ohne Zweifel Preuſſen, wie ſpaͤter näher erläutert werden wird. 2) Daſſelbe ſagt von den Sarmaten an der Weichſel Pompon. Meld 1. II. c. 1. III. c. 4. u. Jornandes de reb. Getic. c. V. von den an dieſem Strome wohnenden Slaven.

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32 Sage von Bithyniſchen Reiſenden. waͤſſern, Fluͤſſen und Seen, dabei auch ſtark mit Wald be⸗ deckt; ſeine Bewohner ein ſchlichtes, einfaches, gegen Fremd⸗ linge ſehr freundliches und wohlthaͤtiges Volk. Als Goͤtter verehre es Sonne und Mond. Die Schriftkunde ſey ihm unbekannt; daher es bei ihm Staunen errege, daß man durch Schriftzuͤge einem andern ſeine Gedanken bis in ein anderes Land hinüber mittheilen koͤnne. Die Zahl der Tage und den Mondwechſel bezeichne das Volk durch Kerbſtoͤcke oder Knoten an Schnuͤren. Die lange Winterszeit verbringe es im Schlafe oder in der Huͤtte am Feuer. Des Mannes Luſt dienten drei Weiber wechſelsweiſe, und ohne Scham bei eines Fremden Gegenwart pflege er der Umarmung. Doch gering ſey die Zahl der Kinder. So viel erfuhren, nach der Sage, die Bithynier von des Volkes Art und Sitte. Der Winter zwang ſie, im Lande zu verweilen. Als aber der Sommer herankam, erkrankten und ſtarben fie alle, bis auf einen, deſſen Name Divones war. Er begab ſich nach Ploczk, wo er ebenfalls ſtarb ) und ſeine aufgezeichneten Berichte ſpaͤtern Zeiten hinterließ. Sie kamen nachmals in die Haͤnde des Domprobſtes Jaros⸗ lav von Ploczk, von welchem ſie Chriſtian, der erſte Biſchof Preuſſens, zur Benutzung fuͤr ſeine Beſchreibung der alten Preuſſen erhalten haben ſoll. — Es iſt ohne Zweifel ganz unmöglich, bei dem Mangel älterer Quellen genau zu er mitteln, was an dieſer Erzaͤhlung wahrhaft geſchichtlich und was dagegen Sage ſey. Es mag allerdings zu kuͤhn ſeyn, ſie ganz in das Reich der Maͤhrchen zu verweiſen, wie ge— ſchehen iſt 2); doch kann nicht gelaͤugnet werden, daß die geſchichtliche Grundlage durch Sage und Dichtung ſtark um⸗ huͤllt und verſteckt worden iſt. Dieſe Grundlage koͤnnte vielleicht die Ausmeſſung des ganzen Roͤmiſchen Reiches ſeyn, welche durch Julius Caͤſar nach einem Senatsbeſchluſſe ver- anlaßt, zu Auguſtus Zeit zwei und dreißig Jahre hindurch 1) Nach Tiedemanns Chronik (Mſcr.) S. 4 kam Divones wie⸗ der zu den Seinigen nach Bithynien zuruͤck. 2) 8. B. von Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 20.

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Sage von Bithyniſchen Reiſenden. 33 von gelehrten und erfahrenen Maͤnnern fortgeſetzt ward und ſich in die Skythiſchen Länder bis an die Hſtſee erſtreckt haben ſoll. Nicht unmoglich wäre es, daß jener Theodotus, der bis zum zehnten Conſulate des Auguſtus die Ausmeſſung des Nordens uͤbernommen, kein anderer als Divones ge⸗ weſen ſey Y. Sonach wuͤrde dieſer der erſte Römer geweſen ſeyn, der dieſe Gegenden beſuchte und es waͤre denkbar, daß dieſes Ereigniß, in das Gewand der Sage gehuͤllt, ſich bis auf ſpaͤtere Zeiten Vorgepflanzt hätte 2). * 1) So würde wenigſtens in die Sage Sinn und Verſtändniß kommen. Der gelehrte Bayer, welcher ihr mehr Glauben ſchenkte, als ſonſt zu geſchehen pflegt, ſagt in feiner Abhandlung de numis Romanorum, in Opuscul. p. 430: Multa in Chronicis nostris de quodam Astrono- morum in has terras ingressu memoranlur, quae quia veterum , auctorum neminem prodidisse constabat, nostri inter fabulas refe- rebant. Invenio autem eius originem narralionis apud Aethicum. „Julius, inquit, Caesar, cum consulatus sui - ſasces erigerel, ex S. C. censuil omnem orbem iam Romani nominis admetiri per prudentissimos viros et omni philosophiae munere decoratos. A con- sulatu Julii Caesaris et M. Antoni usque in consulatum Augusti decimum annis XXIX. mensibus VII. diebus X. a Theodoro Sep- tentrionalis pars dimensa esı.“ Ilic est adeo ille, quem nostri alıqui Tironem, alii, ex quorum nun:ero Lucas David est, Divonem nun- cuparunt. — Aelhieus in der Vorrede zu feiner Cosmographie nennt jenen Theodorus Theæodotus. Ueber diefe Meſſung ſpricht auch Kruſe im Archiv für alte Geographie u. ſ. w. Heft II. S. 85 — 86 und beweiſet, daß auch Pin. II. N. III. 3. IV. 24. 26. ſich darauf bezieht und ſelbſt noch die Chronik von Ferrara bei Muratori Script. rer. Ital. T. VIII. p. 474 derſelben erwähnt. CI. Schiciclii Praefal. in ecard. de origine Germanor. P. 45. 2) Die Quelle, aus welcher der Biſchof Chriſtian dieſe Erzaͤhlung ſchoͤpfte, war, wie Lucas David B. I. S. 10 aus feiner Chronik erſah, „ein buch in Reuſcher ſprache, aber mit Greckſchen buchſtaben geſchrieben, das Ime von Saroflao die Zeit Thumprobſt zu Plotzka in der Maſauen geliehen wurden.“ Da wir aber weder dieſes uralte Buch, noch auch Chriſtians Chronik ſelbſt mehr haben und die Erzählung nur aus der dritten Quelle (Lucas David, Simon Grunau, Tiede— mann u. a.) ſchoͤpfen koͤnnen, ſo iſt uns eine genaue Unterſuchung und eine Zuſammenſtellung der Sage in ihrer Urgeſtalt mit der erwähnten Römiſchen Nachricht nicht mehr möglich. 1. 3

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34 Pomponius Mela Über den Norden. Aus reineren Quellen fließen aber auch unter Auguſtus glaͤnzender Herrſchaft und ſelbſt noch in den naͤchſtfolgenden Zeiten die Nachrichten uͤber dieſen Theil des Nordens nur ſehr ſparſam und ſie ſind meiſt ſo abgebrochen, ſo zerriſſen und unzuſammenhaͤngend, daß es dem Geſchichtſchreiber un⸗ möglich ift, aus ihnen ein auch nur etwas klares Bild des Ganzen zuſammen zu ſtellen. Die Kriegszuͤge des Druſus und Germanicus ins noͤrdliche Deutſchland blieben dem Lande viel zu fern, als daß ſie die Laͤnderkunde der Roͤmer dieſ— ſeits des Elb-Stroms beſonders hätten erweitern koͤnnen. Sie trugen kaum dazu bei, die Nachrichten uͤber die noͤrdlichen Inſeln, an deren Geſtaden Bernſtein gefunden wurde, etwas mehr zu berichtigen. Mehre derſelben fanden die Roͤmer unter Germanicus an der Frieſiſchen Kuͤſte und nannten die eine, die bei den Barbaren Auftravia hieß, wegen des dort reichlich gefundenen Bernſteins Gleſſaria, weil ihnen das Wort Glessum fuͤr Bernſtein durch die Germanen ſchon bekannt geworden war. Sorgfaͤltige Unterſuchungen erklaͤren fie für die Frieſiſche Inſel Ameland y. Selbſt auch nach dieſen Waffenzuͤgen ging der Roͤmer Laͤnderkunde noch nicht viel weiter, als fie ihre Adler ge- tragen hatten. Wie mangelhaft, unbeſtimmt und fabelvoll ihre Nachrichten uͤber die Oſtſee-Laͤnder noch funfzig Jahre nach Chriſti Geburt waren, beweiſet vor allem der Geograph Pomponius Mela, der von der Oſtſee und deren Küftengebie- ten kaum etwas mehr zu erzaͤhlen weiß, als einige ihm zugekommene wunderbare Sagen. Im Norden Germaniens liegt ihm „der große Codaniſche Meerbuſen, mit einer Menge kleiner und großer Eilande angefüllt, durch die nahen Kuͤſten aber ſo beengt, daß er kaum mehr einem Meere gleicht und 1) Plin. II. N. L. XXXVII. c. 3. IV. 27. Voß a. a. O. S. XXXIII. Wilhelm German. ©. 153. leitet den Namen Austeravia von Auſtern her. (?) Reichard erkennt darin die Inſel Rottum. Früher fand man unter dieſem Auſtravia Preuſſen und meinte, Germanicus habe die Roͤmiſchen Adler bis hieher getragen; cf. Erasmus Stella de Boruss. antiquit. p. 13. Leo Historia Prussiac p. 1.

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Pomponius Mela uber den Norden. 35 viel eher Stroͤmen ähnlich iſt. Das größte dieſer Eilande iſt Codanonia ).“ Wie in dem Codaniſchen Meerbuſen wohl unverkennbar der weſtliche Theil der Oſtſee, der Sund oder der große und kleine Belt gezeichnet iſt, ſo hat man in e Inſel die ſuͤdoͤſtliche Spitze Schwedens oder die Daͤniſche Inſel Secland gefunden 2). Noch wichtiger aber iſt fuͤr uns Mela's Schilderung des nordoͤſtlichen Theiles der Oſtſee, in⸗ dem er hier das Kuͤſtenland Preuſſen zu beruͤhren ſcheint. „Das Land, ſagt er, welches den Sarmaten gegenuͤber liegt, hat wegen des wechſelnden Andranges und Zuruͤckweichens der Meeresfluth und weil die Zwiſchenraͤume, die es trennen, bald durchs Gewaͤſſer bedeckt, bald wiederum trocken ſind, zur Zeit die Geſtalt von Inſeln, bald auch wieder von feſtem, zuſammenhaͤngenden Lande ).“ Wer denkt bei die⸗ ſer Bezeichnung des von Sarmatien aus noͤrdlich gelegenen Landes nicht unwillkuͤhrlich an des Pytheas Aeſtuarium? Das von Mela gemeinte Land iſt ohne Zweifel kein anderes als die Kuͤſtengebiete Preuſſens ), denn die Erſcheinung von Ebbe und Fluth, welche die Oſtſee bekanntlich gar nicht bat, kann Mela in jenen Worten nicht haben beſchreiben wollen 5). Das iſt es aber auch alles, was dieſer Geograph als ſichere Wahrheit von den oſtſeeiſchen Landen zu berichten weiß, denn um dieſe Küftengebiete nun auch zu bevoͤlkern lenkt er in das Feld der Fabel ein.“ In dieſen Landen, faͤhrt 1) Pompon. Mila de, situ orb. L. III. c. 3. 6. In neuern Aus: gaben hat der Name Corlanonia der Verbeſſerung Scandinovia weichen muͤſſen; Reichard's Gruͤnde aber zur Vertheidigung der alten Lesart ſind nicht ohne Gewicht. 2) Schloͤzer Nordiſche Geſchichte S. 65. Reichard S. 160. Wilhelm S. 333. 3) Quae Sarmatis adversa sunt, ob alternos accessus recursus- que pelagi, ei quod spatia, quis distant, modo operiuntur undis, modo nuda sunt, alias insulae videntur, alias una et continens lerra. Mela L. III. c. 6. 4) Reichard S. 161 findet in der Schilderung Mela's Scandina⸗ vien. Moͤglich iſt dieſes freilich ebenfalls. 5) Schoͤning alte nord. Geographie nach dem Mela, in Schloͤzer's Nord. Geſch. S. 61. 3 *

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36 Reife des Roͤmiſchen Ritters ins Bernſteinland. er fort, haufen die Däonen — Eier-Eſſer —, die nur von Eiern der Sumpfvoͤgel und von Hafer leben; auch ſoll es dort Hippopoden — Pferde-Fuͤßler — und Panoten — Ganz= ohren — geben, die ihren nackten Koͤrper in ihre ungeheuere Ohren ganz einhuͤllen Fönnen. Es find dieß freilich, fügt er wie ſich entſchuldigend hinzu, alles nur Fabeln; aber dennoch ehrenwerthe Schriftſteller berichten ſie ).“ So hatte alſo Mela von der Oſtſee kaum einen Begriff; von Scandinavien wußte er ſo wenig, als von Preuſſen etwas beſtimmtes zu ſagen; Sarmatien war ihm ſo unbekannt wie Skythien, und der ganze oͤſtliche Norden ein Land der Sage und der Fabel 2). Weit ſicherer und feſter begründet ward die Kunde der Roͤmer uͤber das eigentliche Mutterland des Bernſteins ſchon ein Jahrzehend nach Pomponius Mela, als Kaiſer Nero die Reichsverwaltung antrat. Es war ums Jahr 34 oder 55 nach Chriſti Geburt ), als dieſes Kaiſers wunderliche Glanz⸗ ſucht Anlaß gab, einen Roͤmiſchen Ritter ins Bernſteinland Preuſſen zu ſenden. Um ein glaͤnzendes Schauſpiel durch das hochgeſchaͤtzte Erzeugniß des fernen Bernſteinlandes noch mehr zu verherrlichen, ertheilte Nero dem Ritter den Befehl, den glanzvollen Schmuck im reichſten Maaße aus ſeinem Mutterlande ſelbſt herbeizubringen. Nach langer Reiſe auf ungebahnten Wegen, durch fremde Voͤlker und Laͤnder hin⸗ durch, langte der ausgeſandte Ritter an der Bernſteinkuͤſte an. Welchen Empfang er bei den Bewohnern gefunden, 1) Pomp. Mela L. III. c. 6. In his esse Oaeonas, qui ovis avium palustrium et avenis tantum alantur; esse equinis pedihus Hippopodas et Panotas, quibus magnae aures, et ad ambiendum corpus omne patulae, nudis alioquin pro veste sint, praeterquam quod Fabulis traditur, auctores etiam, quos sequi non pigeat, in- venio. lin. L. IV. c. 27 und Solinus c. 24 erzählen daſſelbige. 2) Schloͤzer a. a. O. S. 65. 3) ueber dieſe Zeitbeſtimmung ſpricht Bayer de numis Romanis, in opusc. p. 424. Von dem Ritter fagt er: Eques Foriassis negotia- tor, quales plurimi erant etiam integra republica, aut et ipse Nero- nis curator.

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Reife des Roͤmiſchen Ritters ins Bernſteinland. 37 wird uns nirgends berichtet. Erſt nach Jahresverlauf kam er reich beladen nach Italien wieder zuruͤck und Rom er⸗ ſtaunte, als bei dem Stiergefechte Netze, Waffen der Kaͤmpfer, die Tragbahren der Verwundeten und alles, was zum Feſte gehoͤrte, von Bernſtein prachtvoll glaͤnzte. Vor allem aber ward ein großes Stuͤck bewundert, welches das Gewicht von dreizehn Roͤmiſchen Pfunden oder nach heutigem Gewichte die Schwere von neun Pfund, acht und einem halben Loth hatte y. Fuͤr die genauere Kunde des nordiſchen Bernſteinlan⸗ des war dieſe Sendung ein aͤußerſt wichtiges Ereigniß, wenn gleich der Roͤmiſche Ritter, fo viel wir wiſſen, unmittelbar nichts fuͤr ſie gethan hat. Zwei bedeutende Folgen gingen daraus hervor, denn wir bemerken erſtens nun mit einemmale bei den Römern weit hellere Nachrichten und gewiſſere Bes griffe uͤber die Oſtſeekuͤſte dieſſeits der Weichſel und ſehen die Sage und Fabel verſchwinden 2); wir finden aber zwei⸗ 1) Plin. II. N. L. XXVII. c. 3. erzählt: D. C. ſere M. pas- suum a Carnunio Pannoniae abest littus Germaniae, ex quo in- vebitur (succmum), percognitum nuper. Vidit enim eques Roma- nus, missus ad id comparandum a Juliano, curaute gladiatorium munus Neronis principis, qui haec commercia et lillora peragravit, tanta copia invecla, ut relia arcendis ſeris podium protegentia succinis nodarenlur, arma vero el libitina, iotusque unius diei apparatus esset e succino. Maximum pondus is glebae attulit XIII. librarum. Vergl. über biefe Stelle Bayer opusc. p. 425 segg. Solinus 55 giebt die abweichende Nachricht: Nunere Neronis principis ap- paratus omnis absque succino inornatus est, quusmı per idem tempus XIII. millia ihrarum Rex Germaniae douo ei miserit. Woher hatte Solinus dieſe Nachricht von dem Geſchenke eines Deutſchen Koͤnigs? Wen kann er unter dem Rex Germaniae gemeint haben? Wußte er nichts von der Sendung jenes Roͤmiſchen Ritters? So wenig dieſe Fragen zu loͤſen find und fo auffallend die ganze Nachricht des Solinus daſteht, ſo waͤre doch die angegebene Maſſe des geſchenkten Bernſteins nach Hagen's Berechnung in den Beiträgen zur Kunde Preuſſens B. VI. S. 514 gerade keine Unmoͤglichkeit, da noch im Jahre 1770 über 411 Tonnen, alſo 65,760 Pfund eingeſammelt wurden. 2) Dieſe Folge ſpricht Plin. ausdruͤcklich in obiger Stelle in den Worten aus: percognitum nuper. Vidit enim eic.

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38 Plinius uͤber die Baltiſchen Kuͤſtenlande. tens auch, daß ſeitdem der Bernſteinhandel zwiſchen Preuſſen und Italien an Lebendigkeit merklich gewann, fo wie nun⸗ mehr auch der Gang, den er nahm, weit klarer und ſicherer nachzuweiſen iſt. Was nun in naͤherer Betrachtung das Erſtere, die ge— nauere Kenntniß des Bernſteinlandes und der Kuͤſtengebiete der Baltiſchen See betrifft, ſo iſt es wohl ſehr begreiflich, mit welchem Eifer um gewiſſere Nachrichten über das bisher fo dunkele Land die Ausſagen des Ritters uͤber die nordi— ſchen Gegenden den Geiſt forſchbegieriger Maͤnner erfuͤllen mußten. Die aͤlteren Vermuthungen uͤber Urſprung und Vaterland des Bernſteins, nach welchen er, wie Theophraſt meinte, in Ligyen gegraben oder in dieſem Lande aus Luchs— harn gebildet, und wie andere glaubten, von Baͤumen auf unwegſamen Felſen im Innern des Adriatiſchen Meeres in den Hundstagen ausgeſchwitzt werden ſolle, oder nach welchen ihn manche ſogar für verſteinerte Thraͤnen Meleagriſcher Vögel in den Adriatiſchen Elektriden hielten: alle ſolche und aͤhnliche Vermuthungen zerfielen nun in Nichts zuruͤck und wurden jetzt nur noch als Sonderbarkeiten aufgeſtellt ). Noch als Zeitgenoſſe jenes Ritters trat der Forſcher Plinius der Aeltere auf, der erſte unter den Roͤmern, welcher mit durchdrin— gendem und unerſaͤttlichen Forſchungsgeiſte die alte Nacht durchbricht und ein ganz neues, helleres Licht über des Lan— des Beſchaffenheit und Bewohner giebt. Er ſcheint mit ganz beſonderer Vorliebe alles, was fruͤhere Schriftſteller, beſon— ders der gelehrte Pytheas, was jener Roͤmiſche Ritter uͤber den Norden ſchon erforſcht hatten und was er ſelbſt durch eigene Erkundigungen erfahren, in ſeinem Werke geſammelt zu haben. Er hielt ſich ſelbſt eine Zeitlang in Kriegsge— ſchaͤften im Lande der Chaucen auf und mochte da manches uͤber die nordiſchen Gegenden naͤher erforſcht und erfragt haben. Sein Bericht gewinnt an Verſtaͤndlichkeit und Klarheit, wenn man dem Gange ſeiner Beſchreibung der Oſt- und 1) Man findet fie bei Pin. L. XXXVII. c. 2. Struho L. IV. c. .

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Plinius über die Baltiſchen Kuͤſtenlande. 39 Nordſee⸗Kuͤſten vom Oſten aus, wo er beginnt, nach Weſten bin Schritt vor Schritt nachfolgt. Er geht in ſeiner vänder⸗ beſchreibung, wie in der Aufzählung der Germanischen Völker⸗ ſchaften von den Rhipaͤiſchen Gebirgen aus, vorſchreitend bis an das aͤußerſte Ende der Oſtſee ). Da nennt er unter den fünf Hauptvölkerſtaͤmmen, in die er Germaniens Bewohner eintheilt, zuerſt den Stamm der Vindiler und zahlt zu ihm vorzuͤglich als einzelne Zweige die Burgundionen, die Va⸗ riner, die Cariner und Guttonen 2). Der zweite dieſem zunaͤchſt wohnende Stamm waren die Ingaͤvonen und Zweige von ihnen die Cimbern, Teutonen und die Völker der Chaucen. Nur ſo weit iſt fuͤr unſern Zweck des Plinius Nachricht von Wichtigkeit. Sein Vindiler-Stamm, der nach ihm den dſtlichſten Theil Germaniens im Beſitz hatte, ſind Kuͤſtenbewohner der Oftfeeländer. Darauf weiſet auch ſchon ihr Stammname, den Tacitus Vandalier ſchreibt ), deutlich hin ). Er war ohne Zweifel eine allgemeine Stammbezeichnung, unter welcher die einzelnen Zweige ihre eigenen Voͤlkernamen noch fortfuͤhrten, entlehnt aus der eigenthuͤmlichen Beſchaffenheit des Landes, welches der Stamm im Ganzen als Wohnſitz einnahm; denn die Erſcheinung iſt nicht ſelten, daß die Völker ſich nach der Natur des Landes benannten, welches ſie bewohnten. Entſtanden war er in uralter Zeit, als das verzweigte Voͤlkergeſchlecht die Meereswand oder die See— kuͤſten beſetzt hielt 5), und er blieb auch nachmals noch, als die verſchiedenen Zweige in andere Länder Europa's aus⸗ 1) Plin. II. N. L. Iv. c. 13. 0 2) „Germanorum genera quinque. Vindili, quorum pars Burgundiones, Varini, Carini, Guttones.“ L. IV. C. 14. 3) Tacit. German. c. 2. 4) Barth Deutfchlands Urgeſchichte B. 1. S. 109: „Wend oder Wand heißt im Altdeutſchen Küſte und Meer.“ Wilhelm German. S. 87. „Noch jetzt heißt bei dem gemeinen Dänen WVanded die Oſtſee. Wandalier wären demnach Meeranwohner oder Kuͤſtenbewohner.“ 5) Schon Tacil. Germ. c. 2. hatte die Nachricht, daß auch der ame Vandali unter die vera et autiqua nomina gezählt werde.

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40 Plinius über die Baltiſchen Küftentanbe. wanderten. Es beſtaͤtigt ſich dieſe Deutung des Namens, wenn wir naͤher auf die Wohnſitze der einzelnen Zweige hinſehen; denn es findet ſich in der That auch die entſchie— denſte Uebereinſtimmung zwiſchen der Oertlichkeit des Lan— des und der Bedeutung ihres allgemeinen Stammnamens, da ſie ſaͤmmtlich Bewohner von Kuͤſtenlaͤndern ſind. Die Variner, auch Pharodener genannt, und Cariner duͤrfen wir unbezweifelt im Mecklenburgiſchen und in Schwediſch-Pom⸗ mern ſuchen, wo der Fluß Warnow, Warnemuͤnde und mehre Ortsbenennungen ihren Namen aufbehalten haben. Die Burgundionen lagen im Kuͤſtenlande Pommern bis gegen die Weichſel hin, und laͤngs dieſes Stromes dieſſeits in Preuſſen herein die Guttonen ). Dieſes letztere Volk verdient fuͤr uns ſonder Zweifel die meiſte Beachtung. Es iſt von Wichtigkeit, daß wir vier Jahrhunderte nach des Pytheas Zeiten daſſelbe Volk noch in denſelbigen Wohnſitzen wieder finden, in welchen Pytheas feiner ſchon erwähnt. Daß Plinius der bernſteinſammeln⸗ den Aeſtier, die jener Seefahrer ſchon kannte, nicht weiter gedenkt, kann wohl keineswegs befremden, da es auf keine Weiſe ſein Zweck war, alle einzelnen Zweige des großen Vindiler-Stammes der Reihe nach aufzuzaͤhlen, und ſeine Abſicht offenbar nur darauf hinausging, eine bloß allgemeine Ueberſicht der Voͤlker Germaniens zu liefern. Es leidet aber keinen Zweifel, daß die Aeſtier auch noch um dieſe Zeit an der Bernſteinkuͤſte ihre Wohnſitze hatten 2). Dagegen fuͤhrt Plinius als Anwohner des Weichſel-Stromes außer den Sarmaten und Venedern noch zwei andere Voͤlkerzweige unter dem Namen der Sciren und Hirren auf ). So vers 1) Vergl. Reichart's Charte Germania Magna mit Reichart's Germanien S. 55. 61. 85. Wilhelm, ©. 254. 258. 275. Barth B. II. S. 195 — 196. 2) Taeit. Germ. c. 45. 3) Plin. I. N. L. IV. c. 13. „Quidam hacc habitari ad Vistulam usque Fluvium a Sarmatis, Venedis, Sciris, Hirris tradunt.“ Plinius ſpricht alſo hier ausdruͤcklich von fremden Berichten.

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Plinius über die Baltiſchen Küftenlande 41 ſchieden auch von gelehrten Forſchern die Wohnſitze dieſer Volker bezeichnet worden find, indem einige ſie vom Curi⸗ ſchen Haff an längs der Seekuͤſte hin bis an die Windau h, andere mit minderer Wahrſcheinlichkeit an der Weichſelmuͤn⸗ dung in der Nachbarſchaft der Guttonen wohnen laſſen ?), und fo vielfältig ſelbſt auch darüber geſtritten worden ift, ob fie immer in ihren alten Wohnſitzen geblieben und die Urväter der Kurländer find 9, oder ob fie nachmals bei der Wanderung der Gothen, dieſen ſich anſchließend, beim Ueber⸗ gange über die Donau unter dem etwas veraͤnderten Namen der Heruler wieder hervortreten und ein Zweig der Rugier find ), oder ob fie aus ihren alten Wohnſitzen an der Kur⸗ laͤndiſchen Küfte nachmals wenigſtens zum Theile auswan⸗ dernd, in der Geſchichte ſuͤdlicher Länder wieder erſcheinen und unter andern mit Odoakers Heerhaufen nach Italien ziehen >): fo iſt doch das ganz unbeſtreitbar, daß fie auf die nachfolgende Geſtaltung des Volkerlebens in Preuſſen nicht beſonders eingewirkt und daß ſie mit allen von Plinius genannten Anwohnern der Oſtſeekuͤſten zum großen Suevi⸗ ſchen Volks-Stamme gehörten, der ſich in feiner ungeheueren Ausdehnung von den innern deutſchen Gauen des Mains und der Donau bis an die Oftfee und ſelbſt noch über dieſe hinaus erſtreckte). Demnach umfaßte dieſer mächtige Sue⸗ 1) Reichart auf ſeiner Charte Germania Magna; vorzüglich Oſſolinski in feinem Werke: Vincent Kadlubek uͤberſetzt von Linde S. 149. 2) Wilhelm auf feiner Charte zu feinem Germanien. Schloͤzer a. a. O. S. 116 erklärt mit Harduin ohne weiteres den Namen Hirri fuͤr eine fehlerhafte Wiederholung des Namens Sciri. 3) Oſſolinski a. a. O. hagen Parerg. p. 184. gefällt ſich in ſeltſamen Hypotheſen über die Sciren, will dieſe aber von den ſpaͤtern Euronen unterſchieden wiſſen. . 4) Wie Wilhelm meint a. a. O. S. 267. — Suhm in ſeiner Geſchichte der Dänen macht die Sciren — lächerlich genug — ſogar zu Tuͤrken und die Hirren zu Herren. (1) 50) Jornand. de reb. Get. c. 53 — 54. De regnor. success. P- 130 — 131 edit. Lugd. Batav. 6) Taeit. Germ. c. 45 — 46. Barth B. II. S. 175 — 176.

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42 Plinius uͤber die Baltifhen Kuͤſtenlande. ven⸗Stamm auch den Vindiler-Stamm und deſſen einzelne Voͤlkerzweige unter ſich; ob aber auch das Volk der Vene⸗ der, welches Plinius den Sciren und Hirren benachbart nennt, noch zu dem großen Voͤlker-Stamme der Sueven zu rechnen ſey, daruͤber war man ſchon im Alterthum nicht ganz gewiß, wie wir ſpaͤter ſehen werden. Außer dieſen Voͤlkern am Oſtſeegeſtade nennt aber Plinius auch noch die wichtigſten Stroͤme, welche das Land durchſchneiden, und auch hiebei geht er vom Oſten nach Weſten fort. Als den entfernteſten im Oſten kennt er den Strom Guttalus ). Man bat vielfältig gefragt: welchen Strom Plinius mit dieſem fremden Namen habe bezeichnen wollen? Man nannte in früherer Zeit als ſolchen die Oder?), weil es befremdete, daß Plinius dieſes Stromes unter den uͤbrigen nicht erwaͤhnt haben ſollte, da er den Roͤmern doch ſicherlich weit bekannter ſeyn mußte, als jeder andere mehr oͤſtlich fließende Strom. Dagegen aber war. zu erwiedern: Wie konnte Plinius ganz wider ſeine ge— woͤhnliche Ordnung zuerſt die Oder, dann zuruͤckgehend die Weichſel, und nun die Oder uͤberſpringend die Elbe in der Reihe ſeiner Stroͤme nennen, da er ſie doch offenbar nach ihrer Lage aufzuzaͤhlen ſcheint? ) Man rieth daher auf einen mehr öftlich fließenden Strom“), bald auf die Me⸗ Reichard S. 20— 21. Luden Geſchichte des Deutſchen Volks. B. I. S. 176 — 177. 471. 1) Plin. H. N. L. IV. c. 14. Amnes clari in Oceanum deflu- unt: Guttalus, Vistillus sive Vistula, Albis, Visurgis, Amisius, Rhe- nus, Mosa. 2) Chwer German. p. 722. Aber auch ſchon Doguphal Chron. Polon. ap. Sommersberg Scriptt. rer. Siles. T. U. p. 20. fagt: per Oderam seu Guttalum. Thunmann Unterſuchung über einige nord. Völker ©. 39. 3) Freilich fagt Solinus Polyhist. c. 22. De internis eius (Ger- maniac) parlibus Albis, Gultallus, Visiula, amnes allissimi prae- cipitantur in oceanum; allein Solinus ercerpirte den Plinius, weshalb auf feine Ordnung wenig Gewicht zu legen ſeyn moͤchte. 4) Schloͤzer Nord. Geſchichte S. 120.

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Plinius über die Baltiſchen Kuͤſtenlande. 43 mel oder die Ruß y, bald auf die Alles). Am wahrſchein⸗ lichſten iſt, daß in alter Zeit der Pregel, der die Alle empfängt, den Namen Guttalus führte, denn Plinius bes graͤnzet ſein Germanien keineswegs bei der Weichſel, ſon— dern er kennt auch noch oſtwaͤrts von dieſem Strome Ger⸗ maniſche Voͤlker. Es wohnten, wie wir nachhin ſehen wer⸗ den, Gothen bis an den Pregel hin und es iſt ſehr wahr⸗ ſcheinlich, daß der Pregel als Graͤnzſtrom zwiſchen den Gothen und Aeftiern den Namen Guttalus führte, denn ofſenbar haͤngt dieſer Name mit dem der Guttonen zuſam⸗ men. — ) Weit beſtimmter nennt Plinius den Graͤnz⸗ from Preuſſens gegen Weſten, die Weichſel, die auch Pomponius Mela ſchon kannte, nur mit dem Unterſchiede, daß dieſer ihn fir Germaniens Graͤnze nimmt, während jener fie bis an den Guttalus reichen laßt“). Die Oftfee ſcheint Plinius nicht unter einem das Ganze bezeichnenden Geſammtnamen gekannt zu haben, denn ſein nördlicher Oceans) umfaßt ohne Zweifel noch weit mehr 1) Reichard's Charte Germania Magna. 2) Barth B. II. S. 40. 3) Wäre auf des Prätorius Nachricht in den Actis Boruss. , T. II. S. 900: „ Daß noch zu ſeiner Zeit die jetzige Nadrauiſche und Schalauiſche Sprache von den Preuſſen, die in Sudauen, Galinden, Nathangen, Pomeſanien wohnen, zumal von dem gemeinen Volke die Guddiſche Sprache genannt wird; wie denn noch die Nadrauer, Scha⸗ lauer von denen in Nathangen, Samland und bei Koͤnigsberg Gudden; desgleichen auch die Litthauer und Reuſſen noch jetzo Gudden heißen, daß alſo ihre Sprache noch die Guddiſche, das ift Gothiſche Sprache heißt!“ — irgend viel zu halten, ſo wuͤrde auch dieſes etwas zur Erklaͤrung des Namens Guttalus beitragen. Thunmann Unterſuchung uͤber einige nord. Volker S. 39 erklärt dieſen Namen durch Götha Alf, der Fluß der Witen oder Gothen; IIle oder Lä bedeute ein fließendes Waſſer. 4) Plin. nennt den Strom Vistillus sive Vistula. Ohne Zweifel entlehnte er dieſe Veraͤnderung des Namens aus zwei verſchiedenen Quellen. Die letztere Form als die gewoͤhnliche gebraucht er ſchon L. IV. c. 12. Auch Pompon. Mela L. III. c. 4 nennt ihn Vistula. Am- nian. Marcellin. XXXII. 8. dagegen Bisula, Solinus Viscla und Vistla, Piolem. Oviorobhc. 5) Plin. \. IV. c. 13. Oceanus seplentrionalis.

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44 Plinius über die Baltiſchen Kuͤſtenlande. als die Oſt⸗ und Nordſee und begreift überhaupt „alles Meer, welches vom Polarkreiſe an weſtlich und noͤrdlich von Norwegen liegt, mithin das Eismeer ).“ Indeſſen fand Plinius in ſeinen Quellen, in denen man ihn aͤngſtlich herumſuchen ſieht, auch noch mancherlei andere Namen fuͤr dieſes Meer. Hecataͤus nannte es Amalchium; Philemon dagegen gab ihm die Eimbriſche Benennung Morimarufa, ſo viel bedeutend als „das todte Meer.“ Weiter nach Nor⸗ den hinaus hieß es das Croniſche Meer 2). Unter dem Co⸗ daniſchen Meerbuſen begreift Plinius ſo wenig, als Mela den ganzen Umfang der Baltiſchen See, wie oft behauptet ift 2): vielmehr verſtehen beide darunter nur den Sund, das jetzige Kattegat nebſt dem großen und kleinen Belt. Eben ſo wenig gehoͤrt des Plinius Cylipeniſcher Meerbuſen an die Kuͤſte von Preuſſen “); er bezeichnet mit dieſer Benen⸗ nung den Rigaiſchen Buſen und die darin liegende Inſel Latris iſt ohne Zweifel keine andere als Oeſel. In gleicher Weiſe kann die bedaͤchtige Forſchung in des Plinius Eis land Nerigon ſchwerlich mehr die Preuſſiſche Nehring finden, wie wegen aͤhnlichen Klanges des Namens fruͤher geſchehen 1 ). Es iſt aufs klarſte bewiefen, dag Nerigon Norwegen bezeichne ). Doch wir eilen gerne aus dieſer trockenen Namenreihe hinweg, um ein Feld reicherer Betrachtungen zu betreten. 7 Reichard S. 238. Plin. L. IV. c. 19. gebraucht indeſſen die Bezeichnung Oceanus septentrionalis auch ſpeciell für die Nordſee. 2) Plin. L. IV. c. 13. Reichard S. 235 — 236 erwähnt fuͤr das Mare Cronium der Ableitungen von Krouos d. i. Saturnus, als Gott der Kaͤlte, oder von Groͤnland und nennt beide ſinnig. Uns ge⸗ fallen beide Herleitungen nicht. Wir moͤchten mit Barth B. I. S. 152 den Namen lieber von Croinn, Crunn, Cronni im Söländifchen ſ. v. a. dick, geronnen ableiten, fo wie auch Amalchium eius gentis lingua significat congelatum. 3) Hartknoch A. u. N. Pr. S. 5. Schoͤning ©. 31. 4) Sinus Cylipenus Plin. L. IV. c. 13. 5) Bayer Opusc. p. 433. 6) Clwer p. 140 — 141. Schoͤning S. 94. Suhm B. I. S. 102. Reichard S. 179. Wilhelm S. 341.

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Raun onia. Abalus. Baſileia. Oſericta. 45 Wenn man von den Rhipaͤiſchen Gebirgen heruͤber kommt, ſagt Plinius 9), ſollen dort mehre Inſeln liegen, deren Na men nicht bekannt ſind. Doch Timaͤus berichtet, daß die eine von ihnen, vor Skythien liegend und nur eine Tages⸗ ſchiffahrt von Skythien entfernt, Raunonia heiße; an ſie werde um die Fruͤhlingszeit von den Fluthen des Meeres der Bernſtein ausgeworfen 2). Somit erhalten wir zu den uns ſchon bekannten Benennungen Abalus und Baſileia fuͤr die nordiſche Bernſtein-Inſel einen neuen Namen Raunonia und zwar aus einer Zeit, die gegen drei Jahr hunderte älter iſt als Plinius, denn Timaͤus war ein Zeit⸗ genoſſe des Pytheas von Maſſilien. Dieſer Name Raunonia aber muß um ſo mehr befremden, da derſelbige Timaͤus die nordiſche Bernſtein-Inſel an einem andern Orte) auch Baſileia genannt hatte, ohne zu erwähnen, daß feine Raus nonia und Baſileia die naͤmliche Bernſtein-Inſel bedeuten. Und um das Dunkel des Raͤthſels noch zu vermehren, führt Plinius noch einen vierten Namen auf. Mithridates er⸗ zählte ihm: an Germaniens Küften liege eine Inſel, welche Oſericta heiße; ſie ſey von einer Ceder-Waldung bedeckt und von dieſer Baumgattung traͤufele der Bernſtein auf das Geſtein nieder). Somit ſtehen alſo vier Namen fir die nordiſche Bernſtein-Inſel da: Raunonia, Abalus, Bas ſileig und Oſericta. Es iſt ſeit alter Zeit alles, was Gelehrtheit und 1) Plin. L. IV. c. 13. 2) Plin. I. c. Insulae complures sine nominibus eo situ tradun- tur. Ex quibus ante Scythiam, quae appellatur Raunonia, unam abesse diei cursu, in quam veris tempore fluctibus electrum ejicia- tur, Timacus prodidit. So lieft die Ausgabe von Harduin. 3) Es iſt die Stelle bei Plin. L. XXXVII. c. 2, wo der Bericht des Pytheas mitgetheilt und dann hinzugefügt wird: Iuic et Timaeus credidit, sed insulam Basiliam vocavit, diefalbige Inſel nämlich, welche Pytheas Abalus nannte. 4) Plin. L. XXXVII. c. 2. Mithridates in Germaniae litoribus esse insulam, vocarique eam Oserictam, cedri genere silvosam: inde defluere in peiras (succinum).

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46 Raunonia. Abalus. Baſileia. Oſericta. Scharfſinn aufzubieten vermag, in Bewegung geſetzt wor⸗ den, dieſes wunderbare Raͤthſel zu loͤſen und den Namen Beziehung und Bedeutung zu geben. Daß Plinius oder ſeine Quellen mit dieſen Benennungen nicht die Gleſſarien, gleichfalls Eilande, welche Bernſtein lieferten, wie ſchon ihr Name bedeutet, haben bezeichnen wollen, darin war man einverſtanden, denn dieſe verſetzt er ſelbſt ausdruͤcklich ins deutſche Meer oder in die Nordſee ). Faſt eben fo einig war man in der Annahme, daß die eine oder die andere dieſer Benennungen auf die Bernſteinkuͤſte Samland deute. Aber woher die fremdartigen Namen? Wie ſollten fie erklaͤrt werden? Woher die eine Inſel unter mehren, fo verſchieden lautenden Benennungen? Dieß waren die Fra- gen, von welchen die Loͤſung des Raͤthſels abhing und fuͤr ſie fand man nirgends genuͤgende Antwort. Vielleicht aber gelingt die Aufloͤſung, wenn wir einige Umſtaͤnde und Ver⸗ haͤltniſſe beruͤckſichtigen, auf welche die bisherigen Forſchungen nicht beſonders geachtet haben. Schon in uralter Zeit naͤmlich war in Samlands weſtlicher Kuͤſtengegend, da wo noch jetzt der Bernſtein in größter Fülle gefunden wird, ein heiliger Goͤtterſitz, wo die Bildniſſe dreier Goͤtter in dem Stamme eines heiligen Eichbaums thronten. Sein Name war Romove. Zugleich aber war dieſer heilige Goͤtterſitz auch der Wohnort des oberſten Prieſters und Richters des Volkes, von welchem in goͤttlichen und weltlichen Dingen Geſetz und Ordnung, Befehl und Regel ausging. Als ſolcher war er der Herr- ſcherort, der Gebieterſitz, der Ort des Herrſchens und des Regiments; daher nannte man ihn auch Rikaito, Rikajoth und Rikta. Als der heiligſte Punkt des Eilandes — wie denn Samland lange Zeit hindurch immer als Inſel iſt be= trachtet worden — durfte er von keinem Fremdlinge betre⸗ ten werden; ſein Fußtritt galt fuͤr gottloſe Entweihung und mußte mit dem Leben des Suͤnders gebuͤßet werden. 1) Plin. L. IV. c. 13. 16. In Germanicum mare sparsae Gles- sariae, quas Eleciridas Gracci recentiores appellavere.

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Naunonia. Abalus. Baſileia. Oſericta. 47 Dieſes iſt das Eine, was wir hier zu betrachten haben ), Das Andere aber, was nicht unbeachtet bleiben darf, iſt der Umſtand, daß es nicht bloß Griechen waren, welche Plinius bei ſeinen Nachrichten uͤber die nordiſche Bernſtein⸗ Inſel benutzte, ſondern daß die Berichte des Pytheas, des Timaͤus und Mithridates auch ſaͤmmtlich in der Griechiſchen Sprache abgefaßt waren. Nun iſt mit hoͤchſter Wahrſcheinlichkeit anzunehmen, daß Pytheas, um das wahre Mutterland des Bernſteins zu erforſchen, bis an Samlands bernſteinreiche Kuͤſte ſelbſt gekommen ſey. Auf ſeine Frage: wie der Name dieſer Kuͤſte ſey? wurde ihm wahrſcheinlich die Antwort ertheilt: man nenne dieſen Ort Romove, damals vielleicht Raumove oder Raumovien. Aus dieſer Benennung aber entſtand entweder ſchon damals durch fehlerhafte Aufzeichnung des Pytheas ſelbſt, oder durch nachmalige fehlerhafte Abſchreibung der verſtuͤmmelte Name Raunonia, wie wir ihn durch Pli— nius erhalten haben 2). Bei weiterer Erkundigung darüber, was dieſes Romove eigentlich ſey, ward, wie es ſcheint, 1) Die Nachweiſungen über dieſen Goͤtterſitz, das Romove in Same land, in der Gegend, wo der heilige Adelbert erſchlagen wurde, ſind theils in der Beilage nro. II., theils ſpaͤter in dem Kapitel über die Religion der alten Preuſſen gegeben. Dort auch die Erklaͤrung des Namens Romove. 2) Die Richtigkeit der Lesart des Namens bei Plinius iſt noch immer im Zweifel. In den aͤltern Ausgaben las man den Namen bald Bannomanna (dieſe Lesart führt auch die Ausgabe von Harduin T. I. p. 768 an) bald Baunomanna, bald Baunonia, bald auch Banto- mannia. Harduin nahm aber aus Handſchriften die Lesart Raunonia als die wahrſcheinlich richtigſte auf, erklärte dieſes Raunonia jedoch nicht fuͤr den Namen der Inſel, ſondern fuͤr den Theil Skythiens, vor wel⸗ chem die Bernſtein-Inſel liege, um auf ſolche Weiſe den andern Namen Baſilia oder Baltia mit in Verbindung zu bringen. Id Seythicae illins plagae nomen, cui objacct insula, non insulae ipsius, quam ex codem Timaco Balliam appellari Plinius prodit. Was uͤbrigens Barth a. a. O. mit der Aenderung Rauronia gewonnen haben will, iſt nicht abzuſehen. Bei dieſer Unſicherheit der Lesart des Namens waͤre es alſo wohl möglich, daß urſpruͤnglich Raumovia im Texte geſtanden haͤtte.

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48 Raunonia. Abalus. Baſileia. Oſericta. dem Maſſilier berichtet: es ſey das Rikaito oder das Rikta des Volkes, der Herrſcherort, der Wohnſitz des Gebieters, des oberſten Prieſters und Richters, des Griwe. Als ſolchen bezeichnete ihn nun Pytheas auch in ſeiner Griechiſchen Sprache und fuͤgte dem Namen Raumovia die naͤhere Be⸗ zeichnung Becnhels hinzu, daher auch Plinius erwähnt, daß Pytheas die nordiſche Bernſtein-Inſel Baſilia nenne 1). Ohne Zweifel ſollte dieſes nicht eigentlich ein Name, ſon— dern nur eine nähete Bezeichnung ſeyn, welche Bedeutung jenes Romove fuͤr das Volk der Inſel habe 2). Dem Fremdlinge wurde ferner das Romove als ein heiliger Ort, als der heilige Wohnſitz des Gebieters, als das heilige Ri— kaito oder das heilige Rikta bezeichnet. Die Bezeichnung der Heiligkeit trug der Grieche durch ſeine Sprache, alſo ins Griechiſche, uͤber: der Name Rikaito oder Rikta blieb als fremd und dem Volke eigenthuͤmlich unveraͤndert, und es entſtand in ſolcher Weiſe der halb Griechiſche und halb auslaͤndiſche Name ‘Ocm-Ricta, das Osericta des Mithri— dates bei Plinius ). Endlich mußte wohl jeder Fremdling, ſobald er an der weſtlichen Kuͤſte Samlands landete, um ſo mehr auf das heilige Romove aufmerkſam gemacht wer— den, da es, wie erwaͤhnt, ſein Leben galt, wenn er das heilige Gebiet betrat und das Heiligthum durch ſeinen Fuß entweihte. Es war ja ſelbſt fir die Landesbewohner, viel- mehr noch fuͤr die Fremdlinge ein unzugaͤnglicher Ort. Als ein ſolcher ward er gewiß auch dem Seefahrer Pytheas bezeichnet und uͤberraſchend genug erklaͤrt uns dieſer Um— ſtand auch noch den Namen Abalus, welchen Pytheas ſeiner 1) Plin. L. IV. c. 13. Eandem Pytheas Basiliam nominat. 2) Der Name Basilia ift alfo nicht bloß „ſtark graͤciſirt,“ wie Wilhelm S. 329 meint, ſondern er iſt offenbar völlig griechiſch. 3) Daß Mithridates in Ruͤckſicht der geographiſchen Lage feiner Bernſtein-Inſel Oſericta von den übrigen Berichten inſofern abweicht, daß er ſie nicht in Skythien, ſondern in Germaniae littorihus findet, kann nicht befremden, da ja Plin. L. IV. c. 14 durch feinen Guttalus, Meld III. 3 und Zaeir. German. c. 1. Germanien noch über die Weichſel ausdehnen.

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Raunonia. Abalus. Baſileia. Oſericta. 49 Bernſtein⸗Inſel giebt, denn offenbar iſt dieſe Benennung eben ſo wie Baſilia aus dem Griechiſchen entſtanden. Das Griechiſche Wort "AREGyrog, von einem Orte gebraucht, fo viel bedeutend als beilig, geweiht, fuͤr Nichtgeweihte un⸗ zugaͤnglich, bietet ſich zur Erklaͤrung des Namens Abalus von ſelbſt dar und dieſer bezeichnet demnach nichts anderes, als den fuͤr Ungeweihte unzugaͤnglichen Ort des uralten Heiligthums. In ſolcher Weiſe moͤchten die Namen Rau⸗ move, (Romove — Raunonia) und das heilige Rikta — Oſericta — die altſamlaͤndiſchen, Baſilia aber und Abalus uͤberſetzte Griechiſche Benennungen der Bernſtein-Inſel Samland ſeyn ). Sie haben alle ihre Beziehung auf den heiligen Goͤtter- und Prieſter-Sitz an Samlands weſtlicher Kuͤſte 2), , Hieraus ergeben ſich aber einige fir Preuſſens aͤlteſte Geſchichte nicht unwichtige Folgerungen. Zum erſten naͤm⸗ lich geht aus dem allen hervor, daß ſchon in uralter Zeit an Samlands weſtlicher Bernſteinkuͤſte der alte, heilige Goͤtterſitz zu finden war. Schon hundert und zwanzig Jahre vor Chriſti Geburt ward er dem laͤnderkundigen Py⸗ theas und faſt um dieſelbige Zeit auch dem Sicilier Timaͤus unter verſchiedenen Namen genannt. Im Munde der Fremdlinge gab er der ganzen Landſchaft, die damals ſtets 1) Somit heben ſich zugleich auch alle Widerſpruͤche, die man bis⸗ her in den beiden Stellen des Plinius L. IV. c. 13 und L. XXXVII. c. 2 fand, indem er in der erſten Stelle ſagt: Timaͤus nenne die Bern⸗ ſtein⸗Inſel Raunonia, in der zweiten Stelle dagegen behauptet, daß die Inſel von Timaͤus Basilia, von Pytheas aber Abalus genannt werde, obgleich er von dieſem L. IV. c. 13 auch wieder anfuͤhrt, daß er fie Basilia nenne. In folder Weiſe wären alle Schwierigkeiten bes ſeitigt, welche Schlözer Nord. Geſch. S. 22 — 23 in der Erklarung des Namens Abalus und Wilhelm S. 329 in dem Verſuche fand, dieſe ſo verſchiedenen Namen fuͤr Eine Inſel zu vereinigen. 2) Koͤnnten wir annehmen, daß in des Pytheas Bericht alle vier Bezeichnungen für die Bernſtein⸗Inſel zuſammen geſtanden und Timäus und Mithridates ſie aus ihm entlehnt hätten, ſo duͤrfte dort geſtanden haben: Po, d Pherα BN, o HH (contr. H sc. Torrog.) . 1 300

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50 Tacitus Über die Baltiſchen Kuͤſtenlande. Fir ein Eiland galt, in der alten Welt Namen und Be⸗ kanntſchaft. Zum zweiten gewinnt hieraus der Reiſebericht des Pytheas noch mehr an innerer Glaubwuͤrdigkeit. Mag er nun wirklich ſelbſt, wofuͤr der Gruͤnde viele ſprechen, bis an die Kuͤſte Samlands gekommen ſeyn oder auch nur, wie andere meinen ), die Weſer oder hoͤchſtens die Elbe geſehen haben, fo iſt doch fo viel in keiner Weiſe zu be— ſtreiten, daß er von Preuſſen, beſonders aber von der Bernſtein-Inſel Samland ziemlich ſichere Kunde hatte. Zum dritten iſt es wohl ſchwerlich mehr zu bezweifeln, daß es Bernſtein aus Samland war, mit welchem man in Maſſilien Handel trieb, den man in Sicilien kannte, der in Rom zum Luxus und zur Pracht diente, ſelbſt bevor noch jener Roͤmiſche Ritter nach Preuſſen geſandt ward. Daher auch Diodor der Sicilier zur Zeit Caͤſars und Au— guſts die Behauptung ausſprach, daß ſonſt nirgends auf der Erde als auf der Inſel Baſileia Bernſtein gefunden werde ). Alſo ward auch nicht erſt zu Auguſtus Zeiten die Bernſteinkuͤſte Samlands durch den Erdbeſchreiber Dionyſius ſicher bekannt“). So weit beleuchtet das auch zu Plinius Zeit immer noch ſpaͤrliche Licht den Norden der Erde. Vielfach durch ſeine Quellen zerſtreut, bald zu der einen, bald wieder zu der andern Meinung fruͤherer Gelehrten hingezogen und da— durch außer Stand geſetzt, ſelbſt eine eigene klare Anſicht zu faſſen, weiß er nur das Eine gewiß, daß der Bernſtein auf Inſeln des nordiſchen Oceans gefunden und von den Barbaren Gleſſum genannt werde ). Mit dem Ende des erſten Jahrhunderts unferer Zeit: 1) So Voß, wie oben gezeigt iſt. 2) Diodor. L. V. c. 23: Ei; rauryw (sc. Boche) & 0 Excel Sci ⁴ TO xahauprevov HAeyzeov, odcr Yes TAG b Eu Oc HÆꝝ¹b ev. 3) Wie Voß in ſ. Abhandlung über die alte Weltkunde a. a. O. S. XXXIII. behauptet. 4) Plin. L. XXVII. c. 3.

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Tacitus über die Baltiſchen Kuͤſtenlande. 51 rechnung aber that der Geſchichtſchreiber Tacitus in ſeinem Werke uͤber Deutſchland wieder einige hellere Blicke mehr uͤber die Laͤnder des Nordens. Ihm waren andere Quellen geöffnet als feinem Vorgänger Plinius; zudem war auch ſein Zweck weniger Laͤnderkunde, als Sittengeſchichte der Voͤlker, die er uns kennen lehrt. Man hat nicht ohne Grund vermuthet, daß der ernſte Geſchichtſchreiber feine ge: naueren Nachrichten zum Theile von Roͤmiſchen Beobachtern hatte, die ſelbſt die Länder der Oſtſee beſucht, denn aller⸗ dings ſcheinen hie und da ihm Augenzeugen die Farben zu ſeinem Bilde dargeboten zu haben. Er nennt die Sueven als den Volksſtamm, der zu ſeiner Zeit den groͤßten Theil der nordiſchen Lande bewohnte. So unbeſtimmt und dunkel auch immerhin der Name und der urſpruͤngliche Sitz dieſes mächtigen Volksſtammes bleiben mögen, fo ift doch unber ſtreitbar, daß er feiner Bildung nach Norddeutſchland zu— gehört, und Tacitus ſelbſt kennt noch manche feiner noͤrd— lichen Zweige und beſchreibt ſie nach ihren Wohnſitzen, wie nach ihren Sitten). Hoch im Norden, im Ocean auf Scandinavien, obgleich er dieſes Namens noͤrdlicher Lande noch nicht erwaͤhnt, gedenkt er der Gaue der Suionen, dieſer alten Bewohner Schwedens und ſchildert ihre Sitten und Braͤuche ?). Von dorther geht nun der große Geſchicht⸗ ſchreiber an Preuſſens Kuͤſte heruͤber. „An des Sueviſchen Meeres, der Oſtſee, rechtem Geſtade, ſagt er, werden die Voͤlker der Aeſtyer beſpuͤlt; ihrem Brauche und ihrer Tracht nach find fie Sueven; ihre Sprache aber ſteht der Britan⸗ niſchen näher. Sie verehren die Mutter der Götter. Etwas Ausgezeichnetes ihres Glaubens iſt, daß ſie Geſtalten von 1) Taeit. German. c. 39 seqq. 2) Tacit. German. c. 44. Die Oſtſee nennt er bald ſchlechtweg Oceanus, bald Mare Suevicum, weil an ihrer Kuͤſte lauter Sueviſche Voller wohnten; Reichard S. 237. Doch ſoll nach anderer Gelehrten Meinung nicht die See vom Volke, ſondern das Volk von der See — Saiws, Sewe, das Meer — den Namen erhalten haben; ſ. Luden Geſchichte des Deutſchen Volkes B. I. S. 641. 4 *

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52 Tacitus über die Baltiſchen Kuͤſtenlande. Ebern tragen. Solches dienet ihnen ſtatt Waffen und jeg⸗ licher Schutzwehr und ſichert den Verehrer der Goͤttin auch unter Feinden. Selten iſt des Eiſens, haͤufig der Keule Gebrauch. Getreide und andere Fruͤchte bauen ſie mit mehr Anſtrengung, als nach der bei Germanen gewoͤhnlichen Traͤgheit. Aber auch das Meer durchſpuͤren ſie und allein unter allen ſammeln fie den Bernſtein, den fie ſelbſt Gle⸗ ſum — Glas — nennen, auf den Watten und am Ufer ſelbſt. Ob ihn jedoch die Natur oder die Kunſt erzeuge, laſſen fie nach der Barbaren Weiſe unerforſcht und unge⸗ pruͤft. Ja er lag lange unter den uͤbrigen Auswuͤrfen des Meeres, bis unſere Ueppigkeit ihm dem Namen gegeben Y. Fuͤr fie ohne Nutzen wird er roh von ihnen geſammelt, un⸗ geſtaltet dargeboten und verwundernd empfangen ſie den Preis dafuͤwr. Daß es jedoch ein Baumharz ſey, erkennt man daraus, daß gewiſſe Erd- und auch Fluͤgelthiere öfter durchſchimmern, die von der Fluͤſſigkeit umgeben bald bei Verhaͤrtung des Stoffes eingeſchloſſen ſind. Ich moͤchte deshalb glauben, daß ſich fruchtbarere Gehoͤlze und Haine, wie im Innern des Morgenlandes, wo Weihrauch und Balſam ausgeſchwitzt werden, auch in den Laͤndern und Inſeln des Abendlandes befinden, wo das, was durch die Strahlen der naͤheren Sonne ausgepreßt und fluͤſſig ge⸗ macht wird, in das nahe Meer fließet und durch die Ge— walt der Stürme an die gegenuͤberliegenden Kuͤſten ange⸗ ſchwemmt wird. Wenn man die Natur des Bernſteines durch Annaͤherung des Feuers pruͤfet, ſo brennt er wie Kienholz und naͤhrt eine fette und wohlriechende Flamme, wird dann aber zaͤhe wie Pech oder Harz.“ So ſpricht Tacitus uͤber das Volk der Aeſtyer, deren Wohnſitz von ihm zwar nicht genauer bezeichnet, aber ſonder Zweifel Samland iſt, da hier ſeit uralter Zeit der Bern⸗ ſtein immer in groͤßtem Reichthum gefunden wurde. Auch 1) D. h. „bis durch Roͤmiſche Ueppigkeit die Aufmerkſamkeit auf ihn gelenkt ward.“ Luden a. a. O. S. 476. 716.

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Tacitus Über die Baltiſchen Küftentande 33 wird man ſchwerlich in den Aeſtyern des Pytheas Oſtiaͤer verkennen, die ſchon vierhundert Jahre zuvor die Kuͤſten⸗ lande der Oſtſee bewohnten. Wie damals die Oſtiaͤer das Nachbarvolk der Guttonen, ſo ſind es auch die Aeſtyer noch zur Zeit des Tacitus. Er bemerket ausdruͤcklich: „Über die Lygier hinaus werden die Gotonen von Koͤnigen beherrſcht, ſchon etwas ſtrenger, als die übrigen Voͤlker der Germanen, doch aber noch nicht mit der Freiheit Verluſt. Weiter fort am Ocean ſind die Rugier und Lemovier. 177 Eigen⸗ thuͤmliche aller dieſer Voͤlker find runde Schilde, kurze Schwerter und gegen Könige Gehorſam ).“ Drei Volker begraͤnzen hier die Gotonen in nachbarlichen Landen, nach deren Lage die Wohnſitze der Gotonen zu beſtimmen ſind. Haͤtte der Geſchichtſchreiber den Weichſel⸗Strom zur Graͤnz⸗ marke genommen, fo wuͤrde fein Bild der Voͤlkerlage ohne Zweifel ungleich mehr an Beſtimmtheit und Klarheit gewonnen haben. Er war Jahrhunderte lang die Voͤlkerſcheide, denn bis zu ſeinem weſtlichen Ufer wohnten Lygiſche Volkszweige, Omaner oder Manimer und Helveconen bis dicht an die Weichſel ?), und zwiſchen ihnen nach Abend hin das ſtarke Volk der Burgundier ). Weiter nach Norden hin aber längs der Seekuͤſte von der Oder ab bis an die Mündung der Weichſel lagen die Rugier und Lemovier*). Da nun in ſolcher Weiſe von dieſen Voͤlkern das ganze weſtliche Land des Weichfel- Stromes beſetzt war und noch uͤber das l) Tacit. German. c. 43. 2) Tacil. German. c. 43. Ptolem. Geoge. L. II. c. II. Reichard S. 79 ff. Der Behauptung von Werfebe über die Völker und Voͤlker⸗ buͤndniſſe S. 241, daß die Mittel: und ukermark, die Priegnitz und das Meißnerland die Wohnſitze dieſer Voͤlker geweſen, fehlen die Be⸗ weiſe. 1 3) Piolem. l. c. Daß die Burgundier (Burgundionen) auch auf dem oͤſtlichen ufer der Weichſel geſeſſen haben, wie Barth B. II. S. 195 behauptet, möchte ſchwer zu erweiſen ſeyn, wenigſtens würde dieſes nur in den ſuͤdlichen Weichſel⸗Gegenden, rr v r Dν Tou OusorovAx vr ανẽ= (Piolem. III. 5.) der Fall ſeyn können. 4) Tacit. Germ. c. 43. Reichard S. 57.

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54 Cacitus über die Baltiſchen Kuͤſtenlande. Lygier⸗Volk hinaus die Wohnſitze der Gotonen zu ſuchen ſind, ſo konnte deren Gebiet nur erſt am oͤſtlichen Ufer des Stromes beginnen. Ob hier aber ihre Sitze bis an das Geſtade der See auch noch um dieſe Zeit gereicht haben, wie es der Fall war, als Pytheas das Volk ſah, läßt Ta⸗ citus im Zweifel; er nennt jedoch kein anderes Volk, welches uͤber den Gotonen die Seekuͤſte nach Nordoſten hin bewohnt hatten), Sonach hatten fie wohl das ganze nunmehrige . im Oſten der Weichſel und, wie es ſcheint, auch den groͤßten Theil des jetzigen Gebietes von Oſtpreuſſen in ihrem Beſitze ). Im Often, jenſeits der Graͤnze des Landes des Sueven-Stammes, begraͤnzet ſie Tacitus durch die Wohnſitze der Veneder, in deren Naͤhe er zugleich die Peuciner und Fennen nennt. Es iſt ſchwer, vielmehr un⸗ moͤglich, die Graͤnzen dieſer Voͤlker genau zu bezeichnen. Wenn man indeß die ausgedehnten Wohnſitze der Peuciner an der Nordſeite der Karpathen hin in der weiten Laͤnder⸗ 1) Wilhelm S. 258 ſcheint zu irren, wenn er meint, die Rugier und Lemovier haͤtten die Gotonen von der Kuͤſte der Oſtſee hinab ins Mittelland (alſo am weſtlichen ufer der Weichſel) gedrängt. Kein alter Schriftſteller ſagt beſtimmt, daß die Gothen je auf dem weſtlichen Ufer⸗ lande der Weichſel gewohnt haben; auch in der erwähnten Stelle ſteht weder hievon etwas, noch auch daß die Gotonen von den Rugiern und Lemoviern verdrängt worden. Nach Piolem. L. III. c. 5 und Plin. L. XXXVII. c. 2. koͤnnen die Gothen nur im oͤſtlichen Lande von der Weichſel aus geſeſſen haben. Um ſo befremdender iſt die Behauptung von Werſebe a. a. O. S. 242 — 243, daß die Gotonen ihre Wohn: fise in Mecklenburg gehabt; heißt denn traus Lygios bei Tacitus gera-“ dezu „weiter nordwaͤrts?“ 2) Reichard S. 86 ſagt: „Nach Plinius und Ptolemaͤus waren fie auf der Preuſſiſchen Küſte oͤſtlich der Weichſel, und da das aestuari- um Mentonomon, das ſie nach Pytheas beſetzt hatten, das Friſche Haff iſt, fo hatten fie die Preuſſiſche Kuͤſte von der Weichſel bis Brauns⸗ berg oder Heiligenbeil (wo die Venedi eintreten) landeinwaͤrts das Flußgebiet der Paſſarge und das Stück Land zwiſchen der Drewenz und Weichſel, dann das Delta dieſes Stromes und wahrſcheinlich auch noch einen Streif Landes auf deſſen Weſtſeite von Bromberg bis Danzig inne.“ Fuͤr dieſe letztere Behauptung iſt aber kein Beweis der „Wahr⸗ cheinli chkeit! zu führen.

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Tacitus über die Baltifhen Kuͤſtenlande. 55 ſtrecke bis an die Donau Mündung ), die der Fennen da⸗ gegen, der unbezweifelten Stammvaͤter der heutigen rn in den aͤußerſten Graͤnzgebieten des heutigen n und Litthauens und durch das alte Samaiten, 3 und Liefland hindurch ſuchen muß), fo wurden wir, durch Tacitus ſelbſt geführt”), zu feiner Zeit das Volk der Ve⸗ neder in der Mitte jener beiden, alſo in Litthauen und einem Theile Oſtpreuſſens finden duͤrfen; aber im Beften, wie im Oſten ſind die Graͤnzen ihrer Gebiete unmoglich zu beſtimmen ). Bis an das Friſche Haff aber mogen ſie ſich um dieſe Zeit wohl ſchwerlich ausgedehnt haben, denn noch wohnten, wie es ſcheint, Sueviſche Zweige an ll Küfte, zu welchen die Veneder nicht gehoͤrten ?). Tacitus iſt zwar ſelbſt zweifelhaft, ob er die Veneder mit den ennen und Peucinern noch zum Deutſchen Stamme red- 1) Strabo Geogr. L. VII. e. 3. Dionys. Perieg. V. 304. Plin. I. IV. c. 14. 2) Plin. L. IV. c. 17. Oſſolinski über Kadlubek ©. 149. 3) Gewiß nicht ohne beſtimmten Grund ſtellt Tacitus in ſeiner Aufzählung die Veneder in die Mitte zwiſchen die Peuciner und Fennen. Er ſagt ja auch ausdruͤcklich: Quicquid inter Peucinos Fennosque silrarum ac montium erigitur, latrociniis pererrant. Vergl. bie ganz abweichende Meinung von Werſebe a. a. O. S. 236, nach welcher die Peuciner ins weſtliche Großpolen, zwiſchen die Wartha und Weichſel, die Veneder aber an die rechte Seite der Weichſel, in die Woiwodſchaf⸗ ten Plocz und Maſuren verſetzt werden. 4) Sicherlich waren die Gränzen der Veneder anders zu des Taci⸗ tus und anders zu des Ptolemäus Zeiten. Zur Zeit des erſtern waren fie noch nicht fo weit nach Weſten hin vorgeruͤckt, als nachmals geſchah. Zwar ſagt Plin. I. IV. c. 13. allerdings: Quidam hee habitari ad Vistulam usque Fluvium a Sarmatis, Fenedis, Sciris, Hirris tra- dunt. Allein erſtlich iſt das aer eine ſehr unbeſtimmte Bezeichnung und außerdem nicht einmal ſicher in der Lesart; zweitens koͤnnen die Sarmaten, Sciren und Hirten unmöglich ſich bis an das nordoͤſtliche Ufer der Weichſel, wo die Gothen wohnten, ausgedehnt haben, und endlich macht das Iradunt die ganze Nachricht ſehr ungewiß. 5) Da wo Tacil. Germ. c. 45. von den Aeſtyern geſprochen hat, ſchließet er fein Suevenland: Ilic Sueviae Finis. Die Aeſtyer alſo und die nachbarlichen Gotonen gehören nach ſeiner Anſicht noch mit zum großen Sueviſchen Volksſtamme.

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56 Tacitus über die Baltiſchen Kuͤſtenlande. nen ſolle, da ſie vieles mit den nahen Sarmaten gemein hatten. Allein er ſchließet ſein Suevenland ſchon ausdruͤck⸗ lich mit den Wohnſitzen der Aeſtyer, und wenn er ſich auch zu der Meinung hinneigt, die Veneder ſeyen wohl Germa⸗ nen, „weil ſie ſich Haͤuſer bauen und Schilde fuͤhren, auch ſich der Schnelligkeit ihrer Fuͤße bedienen, was bei den Sarmaten alles anders iſt, die nur auf Wagen und Roſſen leben“ ), ſo koͤnnen Verhaͤltniſſe ſolcher Art doch wohl ſchwerlich als Beweiſe fuͤr eine Germaniſche Stammver⸗ wandtſchaft gelten, da die Sprache der Veneder doch keines⸗ wegs Germaniſch war. In ſolcher Weiſe faͤnden wir alſo nach dem Berichte des Tacitus in Preuſſen folgendes Voͤlkerbild: Im Weſten dem oͤſtlichen Ufer der Weichſel entlang, vom Drewenz⸗Fluſſe bis an das Geſtade der See hinab, und nach Oſten weit ins Land hinein in unbeſtimmbaren Graͤnzen, nordoͤſtlich am Ufer des Friſchen Haffs hin bis über die Paſſarge hin— aus das Volk der Gotonen oder die Gothen. Dort an— graͤnzend vielleicht ſchon in Ermland, Natangen, über den Pregel-Strom nach Samland hinein, laͤngs der damals wohl fruchtbareren Kuriſchen Nehring, und oſtwaͤrts durch Nadrauen hindurch in gleichfalls ungewiſſen Graͤnzen, gen Oſten hin die Voͤlkerſchaft der Aeſtyer. Hinter dieſen nord— oͤſtlich hinauf als Nachbarn die Fennen und im geraden Oſten das Volk der Veneder in weitverbreiteten Mohn: ſitzen ). 1) Tait. German. c. 46. 2) Offenbar muß die Voͤlkercharte von Preuſſen nach Tacitus ganz anders werden, als wenn fie nach Ptolemäus entworfen wird. Spren⸗ gel in ſeiner Ueberſetzung von Tacitus Germania hat eine ſolche ent⸗ worfen; allein ſie iſt nicht mit critiſcher Genauigkeit abgefaßt. Mit welchem Grunde werden die Lemovii an das oͤſtliche ufer der Weichſel geſetzt? Warum die Gotonen ſo tief nach Polen hinein? Warum die Veneder ſo tief nach Suͤden? Welcher Strom fließt zwiſchen den Aeſtyern und Fennen vom Suͤden nach Norden? Weit richtiger iſt ohne Zweifel die Charte von Kruſe, wenn gleich die Fennen wohl ſchwerlich nach Suͤden über die Drewenz gehören. Vergl. Thunmann Unterſuch. über nord. Volker S. 15 — 16.

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Tacitus über die Baltiſchen Kuͤſtenlande. 537 Nach dieſer allgemeinen Zeichnung des Voͤlker⸗Bildes in Preuſſen bleibt noch uͤbrig, auch einen Blick auf die Farben zu werfen, mit welchen Tacitus das Ganze freilich nur ſparſam beleuchtet hat. Alles, was er von des Volkes Sitte und Brauch berichtet, gilt nach feinem Berichte eis gentlich zwar nur allein die Aeſtyer an der Bernſteinkuͤſte; indeſſen mögen doch gewiß die wichtigſten Grundzüge nicht mit Unrecht auch auf die ſtammverwandten, nachbarlichen Gotonen übertragen werden können. Brauch und Tracht der Aeſtyer waren Sueviſch e); demnach banden fie das Haupthaar ſchraͤge geſcheitelt in einen Knoten; ſelbſt noch im Greiſen⸗Alter umwanden ſie das ſtruppige Haar mitten auf dem Scheitel; die Fuͤrſten trugen es mit Verzierungen. Das war das Unterſcheidende der Sueven von den uͤbrigen Germanen. Sonſt diente es zur Zierde, aber im Kampfe höher geſchmuͤckt zum Schrecken der Feinde ). Die Sprache der Aeſtyer nennt Tacitus der damaligen Britanniſchen näher verwandt. Zwar iſt es jetzt nicht mehr möglich, dieſe Behauptung genau zu pruͤfen; aber es ſcheint, daß die Germaniſche Wurzel, Germaniſcher Ton und Klang des wenigen, was der forſchende Geſchichtſchreiber von der Sprache der Aeſtyer vernommen haben mochte, ihm den Schluß auf eine nahe Verwandtſchaft dieſer Sprache mit der damaligen Britanniſchen, die ihm wohl bekannt war, an die Hand gaben ). Die wenigen Wörter, die uns der Zufall aus der Sprache der Aeſtyer aufbehalten hat, wie i 1 Auch Seneca Medea v. 712. ſetzt Sueven in das Bernſtein⸗ and. 2) Tacit. Germ. c. 38. 3) Wenn in fpäterer Zeit Cinnamus die Bogey oder reiz- u poge (die bekannten Wardger aus Skandinavien) ein zIvos Ber- T πνπττπ,.õ⁵ nennt und Codinus von ihnen ſagt: Kara Tyv Trargiov N oͤvrol YAwccay aurwv, yyouv IyxAwıori, fie alſo die Engliſche Sprache reden läßt, fo wird man hieraus doch ſchwerlich auf eine Aehnlichkeit der Skandinaviſch⸗Gothiſchen und alſo auch der Aeſtyſchen mit der alt⸗ brittiſchen ſchließen dürfen. Vergl. Strister Memoriae populorum eic. T. IV. p. 456 u. 470. Bayer de Varagis, in opuscul. p. 366 — 367.

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58 Tacitus über die Baltiſchen Kuͤſtenlande. Gleſum (der Bernſtein), das in Baſilia verborgene Rickaita oder Rikta find Germaniſch; aber fie laſſen gar keine Ver⸗ gleichung zu mit den Ueberreſten des Altbrittiſchen im Ga— liſchen der Schottiſchen Hochlande und auf der Inſel Man. Selbſt die Vergleichung der heutigen Eſthniſchen Sprache mit dem Galiſchen hat keine Erfolge gebracht, da der heu— tige Eſthniſche Sprachſchatz durchaus nur den Finniſchen, nicht den Germaniſchen Character an ſich trägt). Hoͤchſt wahrſcheinlich alſo war die untergegangene alte Sprache der Aeſtyer Germaniſch und hatte die naͤchſte Verwandtſchaft mit der nahe geſprochenen Gothiſchen, oder war nur eine befondere Mundart dieſer letztern 0. Dann wäre es moͤg⸗ lich, daß Tacitus in ihr eine Verwandtſchaft mit der da— maligen Britanniſchen finden konnte, wenn er nicht viel— leicht fehon aus wenigen ihm bekannt gewordenen Wörtern ſeinen Schluß baute 2). 1) Vater Sprache der alten Preuſſen S. V. Sprengel Tacitus German. S. 146. 2a) Schoepflin Vindiciae Celticae p. 115 baut zwar den Schluß: Britannicam linguam eandem cum Celtica, oriamque ex ea fuisse und die Aeſtyer ſeyen daher eine Celtiſche Colonie. Allein dieſer Schluß iſt nicht richtig. Wer ſagt, daß die Britanniſche Sprache die Celtiſche geweſen ſey? Tacitus Agricola c. 11 heißt es nur: Sermo (Brilan- norum) had ınultum diversus von der Sprache der Gallier. Alſo nur Aehnlichkeit fand Statt. Eine Stammverwandtſchaft der Aeſtyer mit den Celten laßt ſich hierauf aber ſchwerlich begründen. 2b) Die Pritannifche Sprache kannte Tacitus wohl weit genauer, als die Germaniſche. Man iſt zwar nicht gewiß, ob er feinen Schwie⸗ gervater Agricola, der Statthalter und Befehlshaber in Britannien ward, dahin begleitet und als Augenzeuge deſſen ruͤhmliche Thaten be⸗ ſchrieben habe; aber ſichere Nachrichten uͤber die Britanniſche Sprache hatte der fleißige Forſcher wohl ſicherlich eingezogen. Natuͤrlich bot fie ſich ihm auch immer zunäachſt zur Vergleichung mit andern Sprachen dar. Wie leicht veranlaßte wohl z. B. ſchon das Wort Clesum eine ſolche Vergleichung der Aeſtyſchen mit der Brittiſchen Sprache; denn auch in dieſer Sprache mag Tacitus dieſes Wort gefunden haben, da nach Plin. L. IV. c. 16. gegen Britannien über im Germaniſchen Meere die Glessariae lagen, quas Eleciridas Gracci recenliores appellavere, 2 quod ibi elecirum nasceretur. CL L. XXXVII. c. 3.

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Tacitus Über die Baltiſchen Kuͤſtenlande. 59 Vom Goͤtterdienſte der Aeſtyer weiß Tacitus nur der Verehrung der Mutter der Goͤtter zu erwaͤhnen. Man hat hiebei an den Hertha-Dienſt gedachk, den der Geſchicht⸗ ſchreiber bei mehren Sueviſchen Zweigen herrſchen laͤßt ). Man hat ferner auch die Hertha mit der Cybele, der Mutter der Goͤtter, und dieſe wieder mit der Wendiſchen Goͤttin Sieba und die Sieba mit der Skandinaviſchen Frigga vergleichend zuſammengeſtellt, um durch dieſe Stu⸗ fenleiter des Tacitus dunkeles Raͤthſel aufzuloſen 3. Nun iſt freilich zwar die Verehrung der Sieba bei den Germa⸗ niſchen Voͤlkern wohl ſchwerlich zu beweiſen; aber es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß die Aeſtyer mit den verwandten und nahe wohnenden Gotonen denſelben Goͤtterdienſt gemein gehabt und alſo auch bei ihnen die Frigga Gegenſtand der Verehrung geweſen ). Daß des Eiſens Gebrauch früher im Lande ſelten, häufiger dagegen die Keule des Volkes Streitwaffe war, beſtaͤtigen auch noch ſpaͤtere Quellen ). Von Wichtigkeit iſt die Erwähnung des emſigen Getreide- baues und der fleißigen Pflege anderer Fruͤchte, denn wie ſie des Pytheas fruͤher gegebene Nachricht aufs neue be— ſtaͤtigt?), fo ſtimmt fie mit des Landes heutiger Natur 1) Taeit. Germ. c. 40. 2) Wilhelm S. 345 — 346. 3) Hartknoch A. u. N. Preuſſen S. 27. 129. 155. Er vergleicht S. 136 den altpreuſſiſchen Gott Potrimpos mit der Gothiſchen Frigga. Thunmann a. a. O. S. 15. 4) Lucas David B. I. S. 4. Prätorius Schaubühne B. 1. S. 1258. en 5) Nach Strabo L. IV. c. 5. ſagt Pytheas: IIg 640 Os airo, xx ED YIAVETKI, xx 70 Töne dre NE Exem. Wenn Schoepflin Vindiciae Celticac p. 115 auf die Worte des Tail. Frumenta cae- lerosque fructus patienlius, quam pro soliin Germanorum inertia, laborant, die Behauptung baut: cullura agrorum, quod studium apud cos viguerat, Aestyos Germaunos non fuisse lestatur, fo ſcheint er die Worte des Tacitus nicht ſganz richtig gefaßt zu haben. Derſelbe will offenbar ſagen: dieſe Eigenheit zeichnet die Aeſtyer vor der gewoͤhn⸗ lichen — solita — Natur der Germanen aus; und als einen eigen⸗ thuͤmlichen Zug dieſes Volkes macht er es eben bemerklich.

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60 Voͤlker⸗ Bewegungen. Markmannen. und Beſchaffenheit noch vollkommen uͤberein. Was Tacitus endlich ſeiner Zeichnung des Volkes uͤber die Entſtehung und Bildung des Bernſteins anſchließt, zeugt eben ſo ſehr von der Glaubwuͤrdigkeit aller ſeiner Berichte uͤber die nordiſchen Laͤnder, als es beweiſet, wie weit genauer die Kenntniß der Roͤmer über dieſen Gegenſtand ſeit des Pli- nius Zeit, alſo ſeit etwa zwanzig Jahren geworden war; denn wie ſeltſam laufen die Fabeln uͤber des Bernſteins Erzeugung bei Plinius noch durch einander und wie ſicher und bewaͤhrt ſteht bei Tacitus die Nachricht da! — Das iſt es alles, was wir durch den Meiſter der Roͤmiſchen Ges ſchichtſchreibung uͤber die Bewohner Preuſſens zu ſeiner Zeit erfahren, wenig freilich fuͤr unſere Wißbegier und doch auch viel bei dem fo großen Mangel an andern gewiſſen Nach- richten. Von dem an aber geht mehr als ein halbes Jahr— hundert voruͤber, in deſſen Ablauf kein alter Geſchichtſchreiber weder Preuſſens, noch uͤberhaupt der nordiſchen Lande mit ſolcher Kenntniß gedenket. Erſt Ptolemaͤus giebt gegen die Jahre 170 — 180 wieder einen ſicherern Blick in die nor⸗ diſchen Gebiete. Allein ſeitdem hatte eine große Voͤlkerbe⸗ wegung auch im Germaniſchen Norden und zunaͤchſt ſelbſt in den Wohnſitzen der Bewohner Preuſſens manches anders geſtaltet. 8 Das maͤchtige Volk der Markmannen, durch die Kaͤmpfe mit Druſus in Rhaͤtien gebeugt und verzweifelnd an ſeiner Freiheit und an der Sicherheit ſeiner weiten Wohnſitze in den Gegenden des Neckars und am Main, in Franken und in Thuͤringen, war aus dieſen Sitzen aufgebrochen, und den kriegskuͤhnen Juͤngling Marbod als Feldherrn und Herr⸗ ſcher an ihrer Spitze war die ſtarke Voͤlkerhorde, die Hercy⸗ niſche Waldung durchwandernd, bis ins Bojenheim, die Heimat der Bojer, gedrungen, wo fie, das Bojervolk uͤber⸗ waͤltigend, neue Wohnſitze, ringsum durch Waͤlder und Ge⸗ birg geſchuͤtzt, gewann. Dort wollte Marbod, nach will⸗ kuͤhrlicher Herrſchaft duͤrſtend, fern von Roͤmiſcher Ueber⸗

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Völker: Bewegungen. Markmannen. 61 macht, ein feſtes und ſicheres Reich errichten"). Wohl ein⸗ ſehend, daß nur durch den Verein mächtiger Voͤlkerkraͤfte dieſe Sicherheit gegen den Roͤmiſchen Laͤndercoloß zu er⸗ reichen ſey, wußte er nahe und ferne Voͤlker durch Schwert und Sieg, durch Drohung und Ueberredung zu einem ge⸗ waltigen Bunde zu vereinigen. Zudem hatte auch Furcht und Schrecken vor den Eroberungs-Entwuͤrfen der Roͤmer die Voͤlker in Deutſchland mehr als je um dieſe Zeit ge— neigt gemacht, ſich dem Bunde anzuſchließen und ſich Marbods Willen zu untergeben. Wie damals die gemeinſame Ge- fahr vor Roms Zwanggeboten die norddeutſchen Voͤlker zu einer freien Bundesgenoſſenſchaft unter Herrmann, dem an⸗ erkannten Oberhaupte, zuſammengefuͤhrt, fo ſtanden auch die ſuͤddeutſchen Voͤlker unter Marbods ſtrengerer und will⸗ kuͤhrlicher Herrſchaft in einem Vereine zuſammen. Die Graͤnzen ſeiner Ausdehnung ſind freilich nicht mehr zu zeichnen; aber es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß auch die Voͤlker, die an den Kuͤſten der Oſtſee ihre Sitze hatten, alſo auch die Bewohner Preuſſens, wenigſtens die Gothen, mit im Markmanniſchen Bunde geſtanden und Marbods Machtgebot bis an das Baltiſche Meer gegangen ſey. War auch die Verbindung der Voͤlker um ſo loſer, je entfernter ihre Wohnſitze, ſo wird doch des nahen Lygierſtammes und wie es ſcheint auch des Volkes der Gothen als Theilnehmer der Bundesgenoſſenſchaft namentlich erwähnt). Wie indeß 1) Fellejus Pulercul. II. 95. 2) Strabo L. VII. c. 1 ſagt: Eurceve) Nd 68 (sc. 6 Magoßov- Sog) Zduvaorsuoe, v KaTerTYaaTo, 7g 51s Zimov, Ac TE, EY 20g, M Zofe, x Bourovag, * Mouyiwvos, x Zußmods, xal 28 di Toi aurav füt T 28006, Zevavaz. Iv rd ze rd Tong bd TE feu Euros dmg, T && gerôg od def, Sbg. 2076 TFT. Es iſt freilich eine ſchwierige Auf: gabe, mehrere dieſer einzig nur von Strabo hier genannten Volker geo⸗ graphiſch nachzuweiſen; denn wenn wir auch unter Strabo's Aovious wohl unbezweifelt die Lygier in ihrer weiten Ausdehnung (7 TS voc) finden, fo gehört doch ein ſtarker Glaube zu Reichard's (S. III.)

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62 Volker- Bewegungen. Markmannen. dem immer auch feyn mag, die Bewegung der Völker und ihre Gaͤhrung nahe und fern wurde bald allgewaltig. Die Semnonen und Longobarden riſſen ſich bald wieder vom Markmanniſchen Bunde los, und die Macht des Cherusker⸗ Volkes verſtaͤrkend halfen ſie unter Herrmanns Fahnen die Markmannen beſiegen ). Hiedurch kam Zwietracht und Spaltung unter die Markmannen ſelbſt; Marbods Macht war untergraben, ſein Anſehen geſunken; da kehrte ein kühner, fuͤrſtlicher Juͤngling, Catualda, der früher vor Marbods Gewalt fluͤchtend, bei den Gothonen im Norden Zuflucht und Schutz geſucht ), nach Bojenheim zuruͤck, und an der Spitze von Marbods Feinden und im Einverftänd- niſſe mit den großen Herren des Reichs gelang es ihm, den maͤchtigen Herrſcher aus dem Reiche zu vertreiben. Mit ihm war aus dem Norden zur Rache fuͤr Marbods Raubkriege eine ſtarke Mannſchaft aus Suevenvoͤlkern, zum Theil wie es ſcheint auch aus Gothonen oder Gothen be— ſtehend, in Marbods Reich eingebrochen). Schon dieſe Erklärung, nach welcher die Butones ein einzelner Gauzweig der nach Böhmen verſetzten Hermunduren ſeyn ſollen. Sie ſtuͤtzt ſich nur auf den äbnlichen Klang des Namens Budiſſin oder Budin. Uns ſcheint die Lesart des Caſaubonus T’ovrovs; nicht fo ganz verwerflich; auch Wil⸗ helm S. 216 vermuthet unter den Butonen die Gutonen oder Gothen. 1) Tail. Annal. II. c. 44 — 46. 2) Erat inter Gotones nobilis iuvenis, nomine Catualda, pro- fugus olim vi Marobodui, ſagt Taeit. Annal. II. c. 62. Daß Catu⸗ alda von Geburt ein Gothe geweſen ſey, liegt nicht eigentlich in des Tacitus Worten; wir glauben dieſe auch fo verſtehen zu können: unter den Gotonen lebte ein edler Juͤngling. Aber wer waren dieſe Gotonen? In der Germania kennt Tacitus keine andern als die im Norden, an der Kuͤſte des Baltiſchen Meeres, alſo in Preuſſen. War alſo dahin Catualda gefluͤchtet und waren vielleicht mit dem Semnonen und Longo⸗ barden auch die Bovrove; oder T’ourovss vom Markmanniſchen Bunde ſchon fruͤher wieder abgefallen? Vergl. Luden Geſchichte des Deutſchen Volkes B. II. S. 33. 3) Tacit. Annal. II. c. 62. Is valida manu fines Marcomanno- rum ingreditur — irrumpit regiam castellumque juxta situm. Feteres illi Suevorum praedae.

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Voͤlker⸗ Bewegungen. Markmannen. 63 Bewegungen der Voͤlker hatten gewiß manche Veränderung auch unter den Bewohnern der Baltiſchen Kuͤſtenlaͤnder her⸗ beigefuͤhrt. Darauf aber, zur Zeit des Kaiſers Domitianus, begann der ſchwere Markmanniſche Krieg mit den Roͤmern, durch welchen die Voͤlker abermals weit und breit bewegt und die Laͤnder erſchuͤttert wurden, und dieſe Erſchuͤtterungen erſtreckten ſich auch jetzt wieder bis in den Norden herauf, und von der Donau bis an die Oftfee brachten Roms Kaͤmpfe um feine Weltherrſchaft die Völker zum Aufſtande und zum Krieg. Schon unter Domitians Herrſchaft ſteht ein mächtiger Haufe von Gothen an den Ufern der Donau, dem Daciſchen Koͤnige Decebal ein willkommenes Huͤlfs⸗ volk gegen die Roͤmer ). Und um die naͤmliche Zeit kaͤmpften Roͤmiſche Heere auch gegen die noͤrdlichen Sar⸗ maten, und Jazygen verbanden ſich mit Sucviſchen Kriegs⸗ voͤlkern, um mit dieſen uͤber die Donau zu gehen?). Seit dem Jahre 166 aber ward im großen Markmanniſchen Kriege das ganze nordoͤſtliche Germanien und felbft die weite Landſtrecke Sarmatiens und Roxolaniens in allge— meine Bewegung geſetzt. Die maͤchtigſten der Nachbar⸗ volker Preuſſens, als Sarmaren, Lygiſche Zweige, Noros lanen, Baſtarner, Alanen, Coſtobocer und andere ſtanden mit den Markmannen im Bunde wider Rom. Auch des Suevenſtammes, zu welchem Preuſſens Bewohner gehoͤrten, wird als Bundesvolk erwähnt und es iſt nicht unwahr⸗ ſcheinlich, daß auch aus Preuſſens Landſchaften Huͤlfsvolker 1) Jornand. de rebus Geticis c. 13 läßt die Gothen, deren Fürſten er Dorpancus nennt, den Sieg über die Römifchen Heere da⸗ von tragen. Aber woher kamen dieſe Gothen an die Donau? Moͤglich iſt, daß Jornandes Gothen und Geten verwechſelt; aber es iſt eben ſo moͤglich, daß es ein aus dem Norden ausgewanderter Gothiſcher Haufe war, der damals ſchon an den Kriegen gegen die Roͤmer Theil nahm. Vergl. Maſcou Geſch. der Deutſchen B. I. S. 139. Luden Gelb. des Deutſchen Volkes B. I. S. 420 ff. 2) Sueton. Domit. c. 6. Dio Cass. L. LXVII. c. 5.

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64 Völker: Bewegungen Markmannen. hinzueilten ). Aber wer durchdringet Nacht und Nebel dieſer Zeiten in den nordiſchen Landen? Nur ſo viel iſt ge⸗ wiß, daß auch hier die Voͤlker der verſchiedenſten Laͤnder in dem langen und ſchweren Kampfe wild durch einander geworfen wurden, und die Geſtalt der Dinge vielfach veraͤndert worden iſt. Tauſende von barbariſchen Kriegern kamen als Gefangene in Roͤmiſche Laͤnder und Tauſende von Römern wurden unter gleichem Schickſale in entfernte nordiſche Ge⸗ genden hinweggefuͤhrt 2). Selbſt Römiſche Kriegsheere drangen weit in den Norden vor. Kaiſer Marcus Aurelius lag drei Jahre in dem Roͤmiſchen Waffenplatz Carnuntum an der Donau mitten unter barbariſchen Voͤlkern, gegen die er von da aus feine Kriege leitete ). Und in dieſer Zeit, oder unter der Herrſchaft des Commodus erwaͤhnt die Geſchichte der Gothen in einem Verhaͤltniſſe zu den Roͤ⸗ mern, in welchem wir ſie bisher noch nicht geſehen haben. „Tullius Menophilus war Statthalter von Moͤſien. Zu dieſem ſchickten die Karper, ein kleines unbekanntes Volk in der Naͤhe von Dacien, und beſchwerten ſich, daß die Gothen ein Jahrgeld von den Roͤmern erhielten, und ſie nicht, da ſie doch maͤchtiger waͤren, als die Gothen. Dieſer Vorgang ſcheint zu beweiſen, daß die Gothen damals noch als einzelnes Volk beſtanden und als ſolches keinesweges bedeutend waren. Das Jahrgeld erhielten fie vielleicht, da— mit ſie, im Ruͤcken der angreifenden Voͤlker ſitzend, nicht 1) Jul. Capitolinus in vita Marci c. 22 ſagt: Gentes omnes, ab Illyrici limite usque in Galliam, conspiraverant, ut Marcomanni, Narisci, Hermunduri, et Quadi, Suevi, Sarmatae, Latringes et Buri: hi aliique, cum Victovatis Sosibes, Sicobotes, Roxolani, Bastarnae, Alani, Peucini, Costoboci. Orosius L. VII. c. 15. Reichard ©. 84. 335. Luden Geſchichte des Deutſchen Volkes B. II. S. 22 — 23. 2) Gruteri Corpus Inscription. CCCLIII. Dio Excerpt. LXXI. 3) Eutrop. L. VIII. c. 5.6. Orosius L. VII. c. 15. Haul. Diacon. L. X. p. 245. Daß Marcus Aurelius wirklich in die feind⸗ lichen Laͤnder, namentlich in das der Burier vorgedrungen ſey, wiſſen wir aus einem aufgefundenen Votipſteine; ſ. Reichard S. 336.

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Völker: Bewegungen. Ptolemaͤus über die Baltiſchen Lande. 65 Theil nehmen ſollten an dem Kampfe wider Dacien ).“ Als nun der Markmanniſche Krieg uͤber zehn Jahre hin⸗ durch die Schickſale der Volker vielfach veraͤndert, ihre Wohnſitze zum Theil ganz umgewandelt und die Geſtalt der Laͤnder in mancherlei Weiſe ganz anders geſtellt hatte, da erſcheint Ptolemaͤus etwa in den Jahren 175 bis 182 mit ſeiner Erdbeſchreibung, um darin ein Bild des ihm be— kannten Erdkreiſes hinzuzeichnen, wie es in feiner Zeit auf- zufaſſen moͤglich war. Die gewaltigen Erſchuͤtterungen der Voͤlker aber hatten von der Donau an bis zum Geſtade der Oſtſee ungemein vieles umgewandelt; das alte Völfer- bild, wie Plinius und Tacitus es geſehen, war vielfach zerriſſen und durchbrochen und es kann uns nicht befrem= den, es muß uns vielmehr fuͤr die Glaubwuͤrdigkeit des Ptolemaͤus in nicht geringem Grade gewinnen, wenn er nach ſolchem gewaltigen Wechſel und ſolchen Umwaͤlzungen aller Dinge aus den ergiebigeren Quellen, die durch die Kriege feiner Forſchung eröffnet worden waren 2), auch ein ganz anderes, gewiß aber ein treues und wahrhaftes Bild vom Norden aufſtellt, ſo weit er es nach ſeiner Kenntniß treu und wahrhaft zeichnen konnte. Auch die Kuͤſtengebiete der Oſtſee oͤſtlich vom Weichſel-Strome hatte der fleißige Forſcher durch ſeine Quellen viel genauer kennen gelernt, als ſeine genannten Vorgaͤnger. Die wichtigſte Veraͤnderung, die ſich im Verlaufe des Markmanniſchen Krieges unter den Völkern Preuſſens zu- getragen, war unſtreitig das Vordraͤngen der Veneder aus ihren oͤſtlichen Wohnſitzen in die Gebiete der Gothonen, die entweder dieſe Gegenden zur Zeit der Voͤlkerbewegungen im Markmanniſchen Bunde freiwillig aufgegeben, zum Theil 1) So Luden Geſchichte des Deulſchen Volkes B. U. S. 53. Den Vorfall erzählt vollfiändiger Petrus Patricius in Exrerpl. de lega- Uionibus ap. Sitter T. IV. p. 40 — 411. 2) ueber des Ptolemaͤus Quellen vergl. Kruſe Archw für alte Geographie u. ſ. w. Heft II. S. 78. Heeren Beilage zum erſten Theil Ster Abtheil. feiner Ideen über die Politik u. ſ. w. S. 393. 1. 5

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66 Ptolemaͤus über die ſuͤdbaltiſchen Kuͤſtenlande. weiter nach Suͤden herabgezogen, zum Theil auch nach der Donau hin ausgewandert, oder durch den Andrang der Veneder und mit Waffengewalt gezwungen worden waren, die alten Wohnſitze am Geſtade der Oſtſee den Vordraͤngen⸗ den einzuraͤumen. Ptolemaͤus kennt als Anwohner der Oſtſee laͤngs der ganzen Einbiegung von der Muͤndung der Weichſel an weiter oͤſtlich fort bis gegen Samland und das Kuriſche Haff kein anderes Volk als die Veneder ). Ein Theil der Gothonen, den die Kriegsbewegungen und Voͤl— kerſtuͤrme nicht in andere Laͤnder gezogen, war durch das Volk der Veneder etwas weiter nach den ſuͤdlichen Theilen Preuſſens hinaufgedraͤngt worden; dort blieb er aber das Nachbarvolk der Veneder an der Weichſel entlang vielleicht bis an die Drewenz hinauf ). Bei Ptolemaͤus heißen fie Gythonen und hatten zu ihren ſuͤdlichen Nachbarn einen Zweig der Finnen, der ſich wahrſcheinlich beim Vordraͤngen der Veneder an dieſes Volk angeſchloſſen und ins Land ſuͤdwaͤrts von den Gothonen, ins Gebiet des nachmaligen Maſoviens eingedraͤngt hatte. Ueber den Finnen aber im eigentlichen Polen lag das Volk der Bulanen ). Somit 1) Ptolem. Geogr. L. III. c. 5. Karexsı dE ryv TcegficrI &9yy CET. 8. T Ovevedaı Tag 5Aoy Tov "Ovevesınov KöArray. Daß dieſer Venediſche Buſen die Oſtſee im Süden, an den Kuͤſtengebie⸗ ten Preuſſens ſey, iſt ausgemacht; auch iſt ſicher, daß er ſich nicht weiter als bis an die Memel erſtreckt habe, denn weiter noͤrdlich hinauf ſetzt Ptolemäus andere Völker, die keine Veneder find. Mannert der Norden der Erde S. 252. 2) Plolem. I. c. ſagt: ’Eldrrovx && En vH 7 oc pariav. arge flv TOv Ovio roc αhπαν,L ur Ovevsdocg, Trude 3) Ueber die Gythonen ſetzt Plolem. I. c. Fire Oivvol. Stra ob- Auves, GP dg Gpovyovvöiwes. Mannert a. a. O. S. 268 — 269. Ob unter den BovAavs; Polanen oder Polen zu ſuchen ſeyen, oder ob die ältere Lesart Torheves vorgezogen werden muͤſſe, kann hier dahin geftellt bleiben, wenn gleich es ſonderbar ſcheint, daß Lelewel in Oſſo⸗ linski über Kadlubek, S. 535 die von manchen hervorgehobene Na: mensaͤhnlichkeit zwiſchen BovAxve; und Polen „äuferft albern“ nennt. Vergl. auch Hartknoch A. u. N. Pr. S. 22.

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Ptolemaͤus über die ſuͤdbaltiſchen Küftenlande 67 bildete der Weichſel⸗Strom auch jetzt noch die Graͤnzſcheide der Gothonen, nur daß um dieſe Zeit an ſeinen Muͤn⸗ dungen, ſo weit die dortigen Gebiete damals bewohnbar waren, das Venedervolk angraͤnzte. An ſeinem weſtlichen Ufer durch das ſuͤdliche Pommern hindurch, an der Netze bis zur Warthe und Oder hin, lag auch zur Zeit des Pto- lemaͤus noch das maͤchtige Volk der Burgundionen, welches Plinius dort ſchon kannte ). Nordwaͤrts von ihm wohnte noch, wie zu des Tacitus Zeit, im heutigen Caſſubien der Lygierzweig der Helveconen, von Ptolemaͤus Aelvaͤonen ge⸗ nannt, und weiter noͤrdlich von dieſen dehnte ſich von der Muͤndung der Weichſel an dem Geſtade der Hſtſee hin das alte Volk der Rugier aus, welche Ptolemaͤus Ruticleer nennt. Ruͤgen und Ruͤgenwalde haben den alten Namen dieſes Volkes noch bis auf dieſen Tag erhalten ). Wenden wir uns nun aber von dieſen Nachbarvoͤlkern in die Öftlichen Gebiete des Weichſel-Stromes, fo eröffnet uns hier der alte Geograph noch weit wichtigere und zwar ganz neue Blicke in die Nacht des Alterthums. Außer den ſchon vor ihm bekannten Völkern der Veneder und Gothonen nennt er noch einige andere Voͤlkerzweige in Preuſſen, deren Namen in der ganzen Geſchichte des Landes bis tief ins Mittelalter hinein von aͤußerſter Wichtigkeit geworden find. Unter den Venedern, alſo ſuͤdlich von deren bezeichneten 1) Ptolem. L. U. c. 11. begeichnet und bie Wohnſitze der Bur⸗ an ganz denen; er fagt: "Or rie (sc. 8. ‚Feuwöves) daf Gerd 20 22 Grid Tod EipnpEvou ber aeg dvaralxz, KÄXE: Tod ounßou meraged. Kal 20 2 Bavyousrws 170 eg e (sc, cr Tod Gunßov ) ach EXE ro Oje vrrexövrwv. Plin. II. N. L. IV. c. 14. 2) Piolerm. L. II. c. 11. fagt: Erro Ziöyvol Köxggı π ine ν ᷣ r. rech, za Un’ & uro PO HE Kg. 0 dνEEmvα Torafiol, und dann weiter hin: Pour dE us Bouvrouvrav (i. e. Boup- youvrav) "Arovasavss. Die erwähnten Sidener des Ptolemäus (denn kein anderer Schriftſteller kennt fie weiter) hatten ihre Wohnſitze zwiſchen der Oder und der Thue oder Plön; vergl. Reichard S. 36. 200 Mannert Geograph. der Griechen u. Römer Th. 3. S. 438. e *

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68 Ptolemaͤus über die ſuͤdbaltiſchen Kuͤſtenlande. Wohnſitzen, bezeichnet Ptolemaͤus als nächfte Bewohner die Galinder, Sudener und Stavaner, die bis zu den Alaunen oder Alanen, reichten; unter jenen lagen nach ihm die Igyl⸗ lionen, deren Nachbarn die Koſtoboker waren ). Dieſe Voͤl— kernamen find in aller Weiſe von viel zu großer Erheblich— keit fir die Zeichnung des Voͤlkerlebens kuͤnftiger Zeiten, und ſie zeugen zu deutlich von Ptolemaͤus genauer Kenntniß der Einzelnheiten, als daß nicht eine naͤhere Betrachtung ſie etwas mehr beleuchten muͤßte. Am klarſten ſteht bei Ptolemaͤus der Volksname der Galinder da und auch uͤber das Land, welches ſie bewohn— ten, bleibt uns im Mittelalter kein Zweifel uͤbrig, denn es führt faſt durch dieſe ganze Zeit den Namen Galindien un⸗ verändert fort. Sein Umfang war fo zu Ptolemaͤus Zeiten, wie nachmals nicht unbedeutend. In jenen alten Tagen ſtieß es im Weſten wahrſcheinlich an die Wehnſitze der Gothonen und nach Norden hin an die der Veneder. Im Oſten be— ruͤhrte es das Land der alten Sudauer und ſuͤdlich lief es nachmals noch ziemlich tief nach Maſovien hinein 2). Diefen Umfang, vielleicht noch einen groͤßern und eine reiche Volks⸗ zahl, durch die es in ſpaͤtern Zeiten alle andern Landſchaften übertraf ), hatte Galindien wohl ohne Zweifel ſchon zu des Ptolemaͤus Zeit, und ſie gab eben dem Lande auch eine hinlaͤngliche Wichtigkeit, um feine Bewohner als eins der bemerkbarſten Voͤlker der Oſtſee-Laͤnder aufzufuͤhren. Das andere Volk, deſſen Ptolemaͤus gedenkt, ſind die Sudener, unbezweifelt der ſpaͤter unter dem Namen der Sudauer be— kannte Volkszweig, welcher im Oſten des Galinder-Landes, da wo jetzt die Gebiete von Sensburg, Rhein, Loͤtzen, Arys, 1) Piolem. L. III. c. 5. To & Eieypävov dam LM. αjaxe- g vd EU Tous Ovsveöaug mar Yee , ni αοꝗHνα,ðνe grauavol EI rab G οοο U bus AM, erc Kol- croß@xor. 2) Die genauere Bezeichnung des Umfanges, welchen das Galinder⸗ Land im Mittelalter hatte, werden wir ſpaͤter am paſſenden Orte geben. 3) Dusburg Chron. P. III. c. 4.

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Ptole maͤus uͤber die füdbaltifhen Kuͤſtenlande. 69 Johannesburg, Lyck und Oletzko ſind, ſeine Wohnſitze hatte. Die nachmalige Verſetzung eines bedeutenden Theiles dieſes Volkes nach Samland hat freilich die Spuren ſeines Namens hier weit mehr verwiſcht, als im Galinder-Lande ). Wie weit ſich aber das Gebiet dieſes Volkes zur Zeit des Ptole— maͤus gegen Oſten hin ausgedehnt habe, iſt unmoͤglich zu beſtimmen. Zuerſt bekannt ward dieſer Volkszweig, wie es ſcheint, durch den Markmanniſchen Krieg, und die Behaup⸗ tung iſt wohl nicht zu kuͤhn, daß die Sudiner, welche Ptole⸗ maus in einem Gaue neben den Markmannen, im Prachi⸗ ner Kreiſe an der Wattawa in Böhmen, wohnen laͤßt ?), nur ein abgeriſſener Zweig der Sudener in Preuſſen waren, wel⸗ cher, der Markmanniſchen Kriegsmacht zugezogen, ſich nach⸗ her daſelbſt auch niedergelaſſen hatte ). Weit ungewiſſer, als uͤber die Galinder und Sudener, bleiben wir uͤber das Volk der Stavaner. Es find in älterer und neuerer Zeit man— cherlei Verſuche gewagt, auch dieſen Volkszweig in ſpaͤteren Benennungen wieder aufzufinden. Man hat den Namen fuͤr verdorben gehalten, Slavaner leſen zu muͤſſen geglaubt und dieſe Slavaner in den Schalauern in den Gebieten der Me⸗ mel um Ragnit und Tilſit herum gefunden ). Dagegen 1) Es darf hier wohl ſchon bemerkt werden, daß doch noch einige dieſer Spuren geblieben find. So erwähnt Dusburg Chron. P. III. c. 213. ein im alten Sudauer⸗ Lande gelegenes territorinm Kirsoviae. Dieſes iſt offenbar kein anderes als der Landſtrich zwiſchen Oletzko und Arys, wo die drei Doͤrfer Krzywen in ihrem Maſuriſch geformten Namen die Gegend noch bezeichnen, wo das terrilorium Kixsoviae lag. 2) Ptolem. L. II. c II. ſchreibt: Ire 25% Taßeyrav D ME Aonava ν "aus Toοοο . 3) So beſtimmt Reichard S. 145. ihre Sitze und Kruſe wei⸗ ſet ſie ebenfalls auf ſeiner Charte Germania Magna daſelbſt nach. Wil⸗ helm S. 220 dagegen halt die Sudiner für die Zißwar bei Sirabo I.. VII. c. I., welche dieſer Geograph als ein den Markmannen unter⸗ würfiges Volk anführt. 4) So Hartknoch Dissertat. de anüiquis Prussiae populis $ VII. und deſſen A. u. N. Preuſſ. S. 24. Schloͤzer Nord. Geſchichte S. 37. Üphagen Parerga p. 535 ſagt: „Stavani, ul mine id nomen nobis sistitur, ‚sed Piolemaeus indubie aliter scripserat; pro incognitis illis

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70 Ptolemaͤus über die ſuͤdbaltiſchen Kuͤſtenlande. verſetzt ein neuerer Forſcher, ſich getreu an des Ptolemaͤus Namen haltend, das Stavaner-Volk ſuͤdlich unter die Ga⸗ linder und Sudener ins eigentliche Polen, wo die Orte Stabin an der Bobr und Stawißki am Narew den Namen noch aufbewahren ſollen 9). Nach dieſer Annahme aber würde dieſes Volk ſchon nicht mehr unter Preuſſens alte Bewohner zu zählen ſeyn. Seine Wohnſitze erſtreckten ſich oſtwaͤrts bis an die Alaunen tief in Sarmatien hinein. — Endlich ges denket Ptolemaͤus als Nachbarvoͤlker der Galinder und Su⸗ dener auch noch der Igyllionen und Koſtoboker die nach ſeiner Bezeichnung im Suͤden von jenen wohnen ſollten. Die erſtern ſcheinen ihre Sitze noch in Preuſſen gehabt zu haben und in der Landſchaft zunaͤchſt unter den Galindern, etwa von dem jetzigen Staͤdtchen Oſterode an bis Lautenburg und Soldau oder bis an die Graͤnze Polens verbreitet geweſen zu ſeyn; denn hier koͤnnten wohl der Name Gilgenburg, die Doͤrfer Gilgenau und Elgenau und das in alten Quellen vorkommende Gilgenfeld an die Benennung der alten Ber wohner zuruͤckerinnern. Die Koſtoboker aber gehören in kei— ner Weiſe mit zu den Bewohnern Preuſſens und das Dunkel ihrer alten Wohnſitze ift wohl nie ganz aufzuhellen ). Für das Voͤlkerleben in Preuſſen haben weder fie, noch die Igyl⸗ lionen irgend eine Bedeutung. Um aber das Voͤlkerbild zu vollenden, welches der alte n Stavanis enim Sthlabani s. Siblaveni sunt reponendi, ut quidam ad- hue juniores Byzantini, posiquam iste populus jam cum maximo vieinorum damno notissimum se reddidisset, nomen ipsius efferumt, Jordani cum aliis Sclavi s. Sclavini dicii. Ab his iisdem Schlavonia maxime borealis Prussiae provincia olim dicebatur, quam Dusbur- gius Scaloviam, incolasque Scalovitas appellat. 1) So Reichard S. 88. Wir wiſſen dieſer Angabe nichts ent⸗ gegen zu ſetzen. Die Namen, durch welche Reichard zu dieſer Verſetzung des Volkes bewogen zu ſeyn ſcheint, wuͤrden allerdings gut paſſen. Auch mit Ptolemaͤus ſtimmt dieſe Annahme wohl überein, wenigſtens weit beſſer, als die vorhergehende; denn an der Memel wohnend konnten die Sta vaner doch wohl ſchwerlich ihre Wohnſitze vers rou; o eg haben. 2) Ueber fie find Mannert der Norden der Erde S. 270. und Reichard S. 84. zu vergleichen.

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Ptolemaͤus über die füdbaltifhen Kuͤſtenlande. 71 Erdbeſchreiber von den ſuͤdbaltiſchen Landen giebt, folgen wir ihm nach Norden hinauf, wo uͤber dieſen erwaͤhnten Voͤlkern und über den Venedern längs dem Venediſchen Bu⸗ ſen oder an den Kuͤſten der Oſtſee zuerſt der unbekannte Volkszweig der Velten wohnte; uͤber dieſem weiter hin die Hoſier und am noͤrdlichſten die Karbonen ). Nach der Lage der Laͤnder wuͤrden die Velten etwa von der Memel an bis nach Kurland hinein, die Hoſier einen Theil von Kurland und Liefland und die Karbonen endlich in Eſthland ihre Wohnſitze gehabt haben. Man hat aber in den Hoſiern die Aeſtyer oder die Oſtiaͤer des Pytheas und in den Karbonen die Kuren oder Kuronen zu finden geglaubt und gemeint, die erſtern ſeyen waͤhrend der Zeit von Tacitus bis Ptole⸗ maͤus aus der Landſchaft Samland weiter nördlich hinauf⸗ geruͤckt, weshalb ihrer der letztere in Preuſſen auch nicht ausdruͤcklich erwaͤhne 2). Indeſſen erheben ſich dagegen doch manche nicht unbedeutende Bedenklichkeiten ). Den Schluß . 1) Piolem. L. WI. c. 5. Hh de 210 fue e chi ri "Ousve- de xf CH , »TEXovaom OH. ÜTER Oug Nee Etro vl Hg 0e ,,Eyc ol. 2) Schoͤning alte nord. Geographie in Schloͤzers nord. Geſch. S. 171. Worauf Wilhelm S. 351. die Behauptung ſtuͤtzt, daß die Veneder die Aefiyer von der Bernſteinkuͤſte verdrängt hätten, iſt nicht abzuſehen. Wir werden in der Folge manche Gründe zu dem Beweiſe anfuͤhren, daß auch forthin noch das Aeſtyer-Volk im Beſitze von Sam⸗ land geblieben iſt. 3) Es würde erſtens doch ſehr befremden, daß Ptolemaͤus, der die Namen der Galinder, Sudener, Gothonen, Veneder u. ſ. w. ſo richtig kennt, den gerade den Römern, wie überhaupt dem Auslande gewiß am meiſten bekannten Namen der Aeſtyer fo ſehr in Hoſier verſtuͤmmelt uͤber⸗ liefert. Freilich nennt Pytheas die Aeſtyer des Tacitus Oftiser; aber die Verſchiedenheit dieſer beiden Namen iſt bei weitem nicht ſo groß. Zwei⸗ tens finden wir ja auch das Aeſtyer-Volk noch nach des Ptolemäus Zeit, bei Jornandes, Kaſſiodor und Eginhart immer in Samland und zwar fort und fort als das bernſteinſammelnde Volk bezeichnet. Daß Ptole⸗ mäus ihrer nicht erwähnt, iſt kein Beweis, daß fie nicht mehr in Preuſ⸗ fen wohnten; es beweifet nur, daß Ptolemäus fie entweder nicht kannte oder nicht beachtete; er weiß ja auch von der ſonſt ſo beruͤhmten Bern⸗ ſteininſel nichts. Drittens würde des Ptolemäus Angabe ſelbſt durchaus gar “ g N

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72 Ptolemäans über die füdbaltifchen Kuſtenlande. dieſes nordiſchen Voͤlkerbildes mögen die Borusker machen, ein Volk, welches Ptolemäus mit den Savaren zuſammen⸗ ſtellend bis an die Rhipaͤiſchen Gebirge reichen laͤßt ). „Ge— troſten Muthes, fagt ein berühmter Geograph 2), würde ich dieſe Borusker für einen Litthauiſchen Zweig, für die Preuf- ſen erklaͤren, welche ſich nach dem Abzuge der Veneder an die Weſtkuͤſte in ihr ſpaͤteres Vaterland vordraͤngten, wenn ich begreiflich finden koͤnnte, daß Ptolemaͤus von den innern Gegenden Litthauens wirkliche Kenntniſſe hatte.“ Andere, fi) über dieſe Bedenklichkeit hinweghebend, haben dieſe Bo— rusker ohne weiteres fir die wirklichen Stammvaͤter der Preuſſen gehalten, laſſen fie ſpaͤterhin nach Preuſſen einwan⸗ dern und dem Lande und Volle ſeinen jetzt noch bleibenden Namen geben ). Wir geben der Namensaͤhnlichkeit, auf die hiebei ſo vieles gebaut worden iſt, durchaus keinen Werth, da Preuſſens Name gewiß ganz andern Urſprungs iſt; eben ſo wenig weiß die bedachtſame geſchichtliche Forſchung von einer Wanderung dieſes Volkes von Oſten nach Weſten an die Baltiſchen Kuͤſten, und ſo hat der Zweig der Borusker ſicherlich auch keine Bedeutung fuͤr die Geſchichte dieſes Landes. Fragen wir nun nach Urſprung und Stammverwandt⸗ ſchaft der verſchiedenen Voͤlker, welche Ptolemaͤus als Be— wohner Prcuſſens nennt, fo waren die ſuͤdweſtlichen Bewol- ner der Weichſelgegenden, die Gothonen oder Gothen ein reingermaniſches Volk und Sitte und Sprache erwieſen ihre Germaniſche Herkunft. Dort findet ſich deshalb auch unter nicht paſſen. Die Karbonen oder die Kuren wohnen nach ihm eri xuraroı am Venediſchen Buſen, alſo in Eſthland, wo doch nach Wil⸗ helm S. 351 die Aeſtyer ſeyn ſollen; die Hoſier liegen nach Ptolemäus in der Mitte der Velten und Karbonen, alſo in einem Theile Kurlands und Lieflands. I) Piolem. L. III. c. 5. Bopovcxor. 2) Mannert der Norden der Erde S. 271. 3) Erasmus Stella Antiquit. Boruss. L. I. Comer de vchus gestis Polonor. L. III. p... Leo Histor. Prussiae p. 2. Hartknoch A. u. N. Pr. S. 70.

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Stammverwandtſchaft der Völkerzweige Preuſſens. 73 den Älteften Ortsnamen, fo weit fie irgend in den erſten helleren Zeiten der Geſchichte verfolgt werden koͤnnen, ſchwer⸗ lich wohl ein einziger, der einen Slaviſchen oder Sarmati⸗ ſchen Urſprung verrathen konnte; eine bedeutende Zahl weiſet vielmehr auf die altgermaniſchen Bewohner, auf die Gothen hin. So find wohl ohne Zweifel die Namen Reſen oder Reſien, Culm, Thorn, Nogau oder Rogow, Löbau und manche andere dieſer Gegend urſpruͤnglich Gothiſche Benen⸗ nungen ); und wenn auch nicht zu erweiſen iſt, daß ihr Alter in ſo fruͤhe Zeiten zuruͤckgehe, ſo zeugen ſie doch uͤber den Urſprung und die Verwandtſchaft des Volkes, durch welches ſie entſtanden. Die weiter noͤrdlich liegenden Veneder waren dagegen ſicherlich kein Germaniſches Volk, wenn gleich Tacitus ſie deshalb als ſolches aufführt, „weil fie ſich Haufer bauten und Schilde führten, auch ſich des Gebrauches und der Schnel- ligkeit ihrer Füße erfreuten, welches bei den Sarmaten alles anders war, da dieſe nur auf dem Wagen und Roſſe leb⸗ ten).“ Da Tacitus fuͤr ihre Germaniſche Abſtammung keinen andern Beweis zu führen weiß, fo wird ſich ſchwer⸗ lich jemand durch dieſe Einzelnheiten uͤberzeugen laſſen, ſie für Germanen zu halten, da fie als Nachbarn Germa— niſcher Zweige ſich offenbar manches von dieſen angeeignet. Sie waren ohne Zweifel Sarmatiſchen Stammes, ſaßen fruͤherhin vom Dnieſter-Fluſſe noͤrdlich über den Karpathen und den Gepiden und moͤgen ſich, bevor ſie nach Weſten vordraͤngten, in jenen Wohnſitzen noch weiter ausgedehnt haben ) Wir werden ſpaͤterhin erfahren, wie dieſe Veneder 1) Von mehren dieſer Namen läßt ſich die Skandinaviſch-Gothiſche Abſtammung ziemlich gewiß nachweiſen. Von verſchiedenen dieſer und anderer Namen wird dieſes ſpaͤterhin geſchehen. 2) Teil. German. c. 46. 3) Andere alte Schriftſteller hielten die Veneder auch unbezweifelt fuͤr Sarmaten; ſo ſagt Piwlemacus L. III. c. 3. dE Ö8 vv Tepmarixv Y EI, 1 Te oe O Top S 2dY O- x N02 4 17€ ei \ G o xöhrov, c Unze rau daıiav Teuxivor re u Paorapvae.

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74 Stammverwandtſchaft der Voͤlkerzweige Preuſſens. als Wenden und als ein durchaus nichtgermaniſches Volk ſich in dem größten Theile des nördlichen Deutſchlands wei⸗ ter und weiter verbreitend manchen deutſchen Volkszweig aus ſeinen Wohnſitzen verdraͤngten. Welches Stammes die Zweige der Galinder, Sudener und Stavaner geweſen ſeyen, iſt ſchwer ſicher zu behaupten ). Da alle Quellen uͤber ihre Abſtammung voͤllig ſchweigen und ſelbſt Ptolemaͤus, der allein ſie nennt, uns keine Andeutung daruͤber hinterlaſſen hat, ſo koͤnnen, wie es ſcheint, nur die ächtalten hinterbliebenen Namen der Wohnſitze, wo fie lagen, über die dunkele Frage noch einigen Aufſchluß geben. Neh⸗ men wir dieſe aber zu Fuͤhrern in ſolcher Dunkelheit, ſo koͤnnen die Galinder kaum mit einem andern Volkszweige in ſo naher Verwandtſchaft geſtanden haben, als mit dem der Samlaͤndiſchen Aeſtyer, indem ſich zwiſchen beiden eine Menge von Sprachaͤhnlichkeiten auffinden laſſen 2). Selbſt der volksthuͤmliche Character der Galinder, ſo weit ihn uns die ſpaͤtere Geſchichte beurtheilen laͤßt, entſpricht wohl offen⸗ Er giebt hierdurch klar die Sarmatiſche Abſtammung der Veneder zu er⸗ kennen. Plin. L. IV. c. 13. fagt ebenfalls: quidam haec habitari ad Vistulam usque Fluvium a Sarmatis, Venedis, Scyris, Hirris tra- dunt; und auch noch Jornand. de reb. Gelic. c. 3. u. 23. rechnet fie zu den Slaven. Vergl. Bayer de Venedis ei Eridano Fluvio in opusc. c. 534; Mannert vom Norden der Erde S. 174. 1) Mannert a. a. O. S. 270. geſteht geradezu: „Sind ſie Sar⸗ maten, oder vom Eſthiſchen, Litthauiſchen Stamme? Ich weiß es nicht.“ Auch Reichard S. 87 bleibt zweifelhaft. 2 Es kann hier natuͤrlich nur von den aͤlteſten Ortsbenennungen beider Landſchaften im Mittelalter die Rede ſeyn und bei dieſen verdient vor allem aufmerkſam gemacht zu werden auf die ſowohl in Samland als im alten Galinder-Lande ſich völlig entſprechenden Endigungen der Ortsnamen in die Sylben itten, ehnen, ikken und ienen, Endigun⸗ gen, die in Ortsnamen gerade nur ſo weit reichen, als das Galinder⸗ Land bis gen Oſten fortging und nicht fremde Ortsnamen ſich ein: miſchten. In gleicher Weiſe findet ſich in beiden Landſchaften am haͤu⸗ ſigſten in Ortsnamen auch die Germaniſche Endſilbe owe, awe oder au. Selbſt auch völlige Aehnlichkeiten in alten Ortsnamen kommen in beiden oͤfter vor. So lag z. B. auch in Samland ein Galinder-Wald und auch hier wie in Galinden mit dem Namen Surken u. ſ. w.

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Ptolemaͤus über die ſuͤdbaltiſchen Küftenlande. 75 bar am meiſten dem der Samlaͤnder. Es iſt daher nicht unwahrſcheinlich, daß in aͤlteſter Zeit die Aeſtyer und Ga⸗ linder, Zweige Eines Stammes, vor dem Einzuge der zwi⸗ ſchen beide ſich eindraͤngenden Veneder, ſich einander in ih⸗ ren damals erweiterten Graͤnzen beruͤhrten, wie im Weſten die Graͤnzen der Galinder an die der Gothonen ſtießen und daß beide, Aeſtyer und Galinder, uͤberhaupt nur Neben⸗ zweige des uͤber Preuſſen verbreiteten Gothen-Stammes waren. Der Name der Galinder ſoll fo viel als „die Mäch- tigen, die Starken,“ nach einer andern Auslegung aber auch „Rauber“ bedeuten ). Doch weit wahrſcheinlicher iſt, daß er ſo viel als „die Aeußerſten, die Letzten“ bezeichnet und in ſo fern eine Aehnlichkeit im Sinne mit dem der Aeſtyer hat, weil beide Voͤlker die Letzten und Aeußerſten des Gothen⸗Stammes, alſo der Germanen im Oſten waren ?). Die Sudener und Stavaner gehoͤrten dagegen offenbar einem ganz andern Stamme an. Sie waren aus dem alten Sarmatien hervorgeruͤckt, vielleicht zugleich mit den Vene— dern, vielleicht auch von dieſen aus ihren fruͤheren Wohn⸗ 1) Dieſe Ableitung giebt Hartknoch dissertat. de lingua veter. Pruss. F. V.: Lithuanice dicitur Missgalindi i. e. omnipotentem, quam vocem et Prussi agnoscebant, inde Galindi Prussiae populi dicti sunt i. e. polentes. Alii Galindos interpretantur Latrones a voce gallintwey-i. e. oceidere: sed vix verisimile est, Prussos a la- trocinondi more, quem in vilio ponendum esse non nesciebant, sibi nomen fuisse sumpturos. 2) Dieſe Ableitung des Namens iſt aus der altpreuſſiſchen Sprache genommen. Galas, Gals und in Zuſammenſetzungen Gal hieß im Alt⸗ preuſſiſchen das Aeußerſte, das Letzte, das Ende, wie das Wort im Let⸗ tiſchen, wo es geblieben ift, dieſelbige Bedeutung hat. Daß dieſes Wort im Altpreuſſiſchen zu Orts- und alſo auch zu Länder-Namen gebraucht wurde, beweiſen mehre uͤbrig gebliebene Namen; z. B. bei Pillau Kam⸗ ſtigal ſ. v. a. Bucht⸗Ende von Kampas Bucht und Galas, Gal das Ende (Lucas David B. 1. S. 156.), Semgallen ſ. v. a. Lands⸗Ende, von Seme niedrig gelegenes Land, (Schlözers Neſtor S. 53). Ob auch Galgarben in Samland den àußerſten oder letzten Berg (Garbs) be⸗ deute, laſſen wir dahin geſtellt ſeyn, aber es ſcheint außer Zweifel, daß der Name des Landes Galinden mit dem Worte Galas einerlei Beben tung habe.

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76 Ptolemaͤus über die ſüdbaltiſchen Küſtenlande. ſitzen weiter im Oſten mit Gewalt verdraͤngt. Sie bleiben auch nachmals dem Sarmatiſchen Volkscharakter in Sitte und Eigenthuͤmlichkeit mehr getreu und uuterſcheiden ſich in der ſpaͤtern Geſchichte auch weſentlich von Preuſſens weſt⸗ lichen Bewohnern Germaniſchen Stammes. Die Ortsnamen der Sudener oder Sudauer weichen daher auch in ihrer Bildung von denen der Galinder und Aeſtyer ſo bedeutend ab, daß man kaum einige Aehnlichkeiten aufzufinden im Stande iſt. Ueberhaupt wird aus allem, was die nachmalige Geſchichte von dieſem Volke zu erzaͤhlen hat, klar hervor⸗ gehen, daß Natur und Art dieſer Sudauer den weſtlichen Bewohnern Preuſſens ganz fremd und entgegen war Y. Daß Ptolemaͤus den Weichſel-Strom als die Graͤnz⸗ ſcheide zwiſchen Germanien und Sarmatien nennet ) und lſo Preuſſen ſchon mit zu Sarmatien rechnet, kann nicht fuͤr einen Beweis gelten, daß auch die Voͤlker in dieſem Theile des Ptolemaͤiſchen Sarmatiens Sarmatiſchen Stam⸗ mes geweſen ſeyen. Germaniens oͤſtliche Graͤnze blieb lange Zeit fuͤr die alten Geographen ſo ungewiß, indem es in der That auch keine rechte natuͤrliche Graͤnzſcheide gab, daß man ſie entweder nur auf eine ſehr unbeſtimmte Weiſe, wie durch Tacitus geſchah, andeuten konnte ), oder endlich durch eine Art von „geographiſchem Machtſpruch“ ſicher zu ſtellen ſuchte, und hiezu gab ſich kein anderer feſter Punkt 1) Harihnocùi dissert. de auliqu. Pruss. populis F. VII. hält die Sudauer ebenfalls fuͤr einen Sarmatiſchen Zweig. Jedoch giebt Plole⸗ maͤus, wie Hartknoch annimmt, daruͤber keinen Auſſchluß; denn wenn des Ptolemaͤus Worte nach Hartknochs Auslegung erklärt werden bürf- ten, ſo muͤßten auch ſeine Gythonen, Burgundionen und Ombronen Sarmaten ſeyn. Daß Hartknoch auch die Galinder zu den Sarmaten rechnet, war uͤbrigens nach feiner Auslegung ſchon an ſich natuͤrlich. 2) Piolem. Kai Eri aurüc 6 rora dg (sc. OuisrovAa) Eu; Nolde o gige zuuu avarolınv ThE Jornand. de reb. Ge- lic. c. 3. Die drei Muͤndungen, welche Jornandes der Angabe des Pto⸗ lemaͤus unterſchiebt, kennt dieſer noch nicht. L. II. c. 10. 3) Tacit. Germ. c. I. Germnia — a Sarmatis Dacisque mu- uo metu aul montibus separalur.

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Ptolemäus Aber die ſuͤdbaltiſchen Kuͤſtenlande. 77 leichter, als die große Linie des Weichſel⸗Stromes, wie⸗ wohl auch öftlich von ihm noch Germanen wohnten.) Seine Muͤndung dienet dem Ptolemaͤus zugleich zur Beſtimmung des Anfanges des Venediſchen Buſens, womit er die ſtarke Einbiegung der Oſtſee von Hela an bis zur ſuͤdweſtlichen Küfte Samlands bezeichnet, denn die ganze Oſtſee erhält bei ihm den Namen des Sarmatiſchen Oceans“) Außer der Weichſel kennt Ptolemaͤus in ſeinem Sar⸗ matiſchen Lande noch vier andere Stroͤme, die in den Sar⸗ matiſchen Ocean münden. Zunaͤchſt der Weichſel nordoͤſtlich hinauf ſtroͤmte der Chronos, deſſen Muͤndung mit der des Weichſel⸗Stromes in gleicher Breite liegt. Alſo kann dieß wohl kein anderer Strom ſeyn, als der ins Friſche Haff ſich ergießende Pregel, wohin zum großen Theile auch die Weichſel ausmuͤndet. Befremden muß allerdings der jo fremdklin⸗ gende Name, der an den Kroniſchen Ocean oder an das Eismeer erinnern koͤnnte ). Bei Plinius fanden wir für dieſen Strom den Namen Guttalus und wir bezeichneten ihn als den Gothen-Strom. Sollte er nun vielleicht, nach— dem die eigentlichen Gothonen durch die Veneder von feiner Nähe verdrängt waren, auch dieſen an fie erinnernden Na— 1) Mannert a. a. S. 150. Wilhelm S. 25. Reichard S. 13. * . L. III. c. 5. HE Eugeömn Gen megiogigeran mo eU e E79 TE ae a WXERUG vc 10 oVevadındy xolroy De MEXge N on vd Ne. An das Wort Oceanus, ſagt Reichard S. 237, darf man ſich nicht ſtoßen, denn Ptolemaͤus hält, wie alle alten Geographen, dieſes Meer fuͤr einen Theil des noͤrdlichſten Oceans, weil fie Scandinavien nicht für ein feſtes Land hielten. 3) Prolem. L. II. c. 2. Der Text nennet ihn O wxeove; Jirrę- Ragaz; der Cod. Palatin. fügt aber hinzu: 6 &urog wr vr. Yo; hc RUS, xl Koovio; 55 vexpoo. Damit ſtimmt auch in der alten Sage des Lucas David B. 1. S. 15, die er aus der Chronik des Biſchofs Chriſtian nahm, der Name der Oſtſee Chronos, „ das iſt die geſalzene See“ uͤberein. Freilich kommt hier der Name wechſelnd bald Chronos, bald Krano und Crono vor. Vgl. darüber Schönina in Schloͤzers Nord. Geſch. S. 75 — 76.

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78 Ptolemaͤus über die ſuͤdbaltiſchen Lande. men Guttalus verloren und den Namen Chronos vom Kro⸗ niſchen Ocean erhalten haben? Oder follte vielleicht die Be⸗ deutung ſeines alten Namens, der Pragello war und einen Verſchlinger bezeichnen fol 9, durch das Griechiſche Wort Chronos wieder gegeben worden ſeyn, in eben der Art, wie die Griechen das angraͤnzende Samland durch die Griechi⸗ ſchen Benennungen Abalus, Baſileia und Oſericta bezeich- neten? Daß der alte Name des Pregels einſtmal in den jetzigen oder eigentlich in Pragello und Pergolla veraͤndert worden, erfahren wir aus ſpaͤteren Nachrichten, die uns erzaͤhlen: der neue Name habe daher ſeinen Urſprung, daß der Strom einſt Samo's einziges Weib Pergolla in ſeinen Wellen verſchlungen habe ). In ſolcher Weiſe würden die beiden Benennungen allerdings in Ruͤckſicht ihrer Bedeutun⸗ gen in einer nahen Beziehung ſtehen. Wie man indeſſen jenen alten Namen Chronos, welchen ſpaͤter auch noch Am⸗ mianus Marcellinus dem Ptolemaͤus nachſchrieb ), immerhin auch deuten und erklaͤren mag, ſo iſt doch unbeſtreitbar, daß nicht fuͤglich ein anderer Strom, als der Pregel in ihm ges ſucht werden koͤnne ). Zunaͤchſt dem Chronos floß noͤrdlich, nach des alten Geographen Bericht, der Fluß Rhubon, den Ammianus Rhudon nennet, ohne Zweifel die Memel, nur um einen Grad hoͤher, als der Strom Chronos. Dann weiter hinauf 1) Im Lettiſchen heißt praggars ein Gieriger, der alles verſchlingt, um ſich zu fättigen. 2) Vgl. Sucas David B. 1. S. 60. Daß der Name des Pre gels mit der geſchichtlichen Grundlage dieſer Sage in Verbindung ſtehe, wird auch dadurch noch um ſo wahrſcheinlicher, daß der Name fruͤher auch Pregora oder Prigora geſchrieben wurde und dadurch dem Worte praggars noch ähnlicher wird. Unter dieſem Namen kommt der Strom beſonders noch in den Urkunden des 13ten Jahrhunderts vor. 3) Ammian. Marcellin. rer. gestar. L. XXII. c. 8. nennet ihn Chronicus und die Weichſel Bisula. 4) So auch Mannert der Norden der Erde S. 257. Reichard auf ſeiner Charte German. Magna. Warum Wilhelm S. 350 die Memel unter dem Chronos vermuthet, iſt nicht abzuſehen.

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Ptolemäus über die ſuͤdbaltiſchen Lande. 79 der Turuntos, die Windau in Kurland und endlich der Strom Cheſinos oder die Duͤna, die bei Riga in die See ſtroͤmt. Gewiß moͤgen auch dieſen fremdklingenden Namen mancherlei Beziehungen unterliegen, aber noch iſt es nicht gelungen, ſie mit den ſpaͤteren einheimiſchen in irgend eine Verbindung zu bringen. Das iſt es alles, was wir durch Ptolemaͤus uͤber die Baltiſchen Laͤnder im Oſten der Weichſel und ihre Bewoh- ner erfahren, und hiemit endigen zugleich auch alle Nach⸗ richten, die uns die Alten uͤber dieſen Theil des Nordens hinterlaſſen haben. Was neben den genannten Schriftſtel⸗ lern noch andere, oder nach des Ptolemaͤus Zeit noch ſpaͤtere Gelehrte des Alterthums uͤber das Bernſteinland erwaͤhnen, iſt theils faft alles aus jenen entlehnt, theils find es dunkele Ahnungen und ſchwache Nachklaͤnge unbeſtimmter Sagen, die ſich uͤber den Norden verbreitet hatten. So konnte ſelbſt der beruͤhmte Erdbeſchreiber Dionyſius zur Zeit des Kaiſers Auguſtus des Bernſteins Herkunft nur nach den zwei un⸗ gewiſſen Stroͤmen Aldeskos und Pantikapes bezeichnen, die von den Rhipaͤiſchen Berghoͤhen in geſondertem Laufe herab⸗ frömen und an deren Mündungen in der Nähe des Eis⸗ meeres der Bernſtein erzeugt werden ſolle ). Agathmerus und Marcianus aus Heraklea wiſſen nach Ptolemaͤus nichts weiter vom Norden, als was dieſer ihr Vorgaͤnger berichtet und einige andere Quellen an die Hand gegeben hatten. Ueber die Baltiſchen Lande iſt in ihren Werken keine einzige Nachricht neu. N So liegt alſo durch das ganze Alterthum eine duͤſtere Nacht auf dem Lande, deſſen Geſchichte wir hier beſchrei⸗ ben. Nur einzelne Sterne leuchten hie und da freundlich, doch immer nur in mattem Lichte durch das Dunkel hin⸗ durch. Sie allein ſind die Leiter und Fuͤhrer auf der ge⸗ raden Bahn der Forſchung, um die wunderliche Welt der raume zu vermeiden, die den ſeekundigen Phoͤnicier um Afrika und nach Preuſſen und nach Amerika gebracht, im 1) Dionys. Perieg. v. 314.

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80 Bernſteinhandel im Alterthum. Strom Eridanus die Radaune und Duͤna, in den Hyper⸗ boreern Schwediſche Oferborne d. h. hochgeborene Barone, im Odyſſeus, der ſich Utis nannte, den nordiſchen Othin oder Odin gefunden hat ). Auch der alte Fuͤhrer geſchichtlicher Forſchung, der Bern— ſteinhandel, der in früherer Zeit die Roͤmiſche Welt mit dem Norden in Verbindung geſetzt und manchen helleren Blick in das Dunkel der kimmeriſchen Nacht moͤglich gemacht hatte, entſchwindet in den fpäteren Jahrhunderten und fei- ner geſchieht in den letztern Zeiten der Roͤmiſchen Herrſchaft keine Erwähnung mehr. Wie es ſcheint, waren die Han— delswege vom Norden nach Italien hinab bereits um des Ptolemaͤus Zeit ſchon verſchloſſen, wenn gleich auch jetzt noch einige Gemeinſchaft Statt fand. Da es vorzüglich der Bern⸗ ſteinhandel war, welcher die ſpaͤrliche Kunde uͤber die ſuͤd— baltiſchen Länder im Suͤden verbreitete, fo wird es hier paſ— ſend feya, was die Forſchung aus alten Quellen über feinen Gang und ſeine Richtung weiß, den Nachrichten der Alten uͤber das Bernſteinland anzuſchließen. Die erſte ſichere Nachricht uͤber den Bernſteinhandel vom Norden her gab, wie früher von uns bemerkt worden, der kundige Seefahrer Pytheas, der zugleich mit zu dem Zwecke ausgeſandt war, zu erforſchen, wo der Bernſtein erzeugt werde. Dieß ſetzet voraus, daß man zu ſelbiger Zeit, alſo mehr als dreihundert Jahre vor unſerer Zeitrechnung, in Maſſilien ſchon Nachricht von einem Handel mit dem ſchaͤtz⸗ baren Erzeugniſſe aus dem Norden hatte. Pytheas fand, daß dieſer Handelsverkehr von Abalus oder Samlands Kuͤſte aus mit dem Volke der Teutonen beſtand, welches da— mals den Gothonen benachbart an den Kuͤſtenlaͤndern der Oſtſee im Weſten der Weichſel ſich weit hin ausbreitete. Aber leider ſagt uns Pytheas uͤber den weitern Weg dieſes Handels nichts. Er ging wahrſcheinlich zu Lande ). Da zu 1) Voß uͤber alte Weltkunde a. a. O. S. XXXVI. 2) Freilich laͤßt ſich hierüber kein ſtrenger Beweis führen, denn Plin.

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Bernſteinhandel im Alterthum. 81 des Pytheas Zeit der Name Teutonen oder Teuten ohne Zweifel der eigentliche Name aller Germanen war und keines⸗ wegs nur ein einzelnes Volk bezeichnete; da auch in den naͤchſten Gebieten weſtwaͤrts vom Weichfel-Strome ſchon Germanen wohnten und die Wohnſitze der Teutonen ) bis an die Ufer dieſes Stromes reichten, ſo nahm wahrſcheinlich der Handel mit Bernſtein von Samland oder von den Aeſtyern und Gothonen aus den Weg zu den Germaniſchen Nachbarvoͤlkern der Weichſel, vielleicht zuerſt zu den Bur⸗ gundionen. Ob nun von dieſen das glaͤnzende Erzeugniß nach Weſten oder nach Suͤden weiter fortgefuͤhrt worden ſey, koͤnnte zweifelhaft bleiben; da aber der ſpaͤtere Handelsweg für den Bernſtein unſtreitig vom Norden nach Süden ging und damals ſolche Handelsſtraßen, die durch barbariſche Voͤl⸗ ker hindurch einmal eroͤffnet und gebahnt waren, ſich gewiß nur ſelten veränderten, fo ſpricht hohe Wahrſcheinlichkeit da- für, daß jener Handelsweg von den Teutonen aus, nachdem er bei Ascaucalis — Oſſielski unfern vom jetzigen Bromberg — das Weichfel-Gebiet verlaſſen hatte, zunaͤchſt durch die Zweige des Lygier-Volkes ging und zwar über den Ort Setidawa — Cydowo nahe bei Gneſen —, von da über Caliſia L. XXXVII. c. 2. ſagt nach des Pytheas Bericht nur ganz kurz: pro- admisque Teutonis oendere; aber vielleicht liegt in dieſen Worten doch eine Hindeutung auf den Landhandel. 1) Es darf natürlich hier unter den Teutonen nicht der ſpaͤtere ein⸗ zelne Zweig verſtanden werden, der in Verbindung mit den Eimbern gegen die Römer kaͤmpfte. Der Name Teutonen iſt ſicherlich viel um⸗ faſſender. Mannert Geograph. der Griech. u. Römer B. III. S. 347 nennt die Teutonen Nachbarn der Guttonen und ſetzt ſie ins innere Land der Weichſel. Wilhelm S. 150. Was Bieſter in feiner Ab- handlung: Waren die erſten Bewohner der Brandenburgiſch⸗Preuſſ. Län⸗ der an der Oſtſee Slawen oder Deutſche S. 1 — 14, gegen die Annahme der älteften deutſchen Bewohner dieſer Gegenden anführt, ſcheint une oberflächlich hingeſprochen. Seine Reſultate, nach welchen von jeher nur Undeutſche, Slaven an der Oſtſee wohnten, gehen zu ſehr von vorge⸗ faßten Meinungen aus und liegen in viel zu großen Widerſpruͤchen mit einer unbefangenen Forſchung in den Quellen, als daß fie viel Beruͤck⸗ ſichtigung verdienten. I.

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82 Bernſteinhandel im Alterthum. — Kaliſch — und in oͤſtlicher Richtung weiter nach Arſe⸗ nium — Marſenin bei Sieradz — fortlief. Von hier aus zog er fi) dann an der Warthe weiter durch das Volk der Burier nach Carrhodunum — Czarnowitz ) — ſofort bei Krakau uͤber die Weichſel durch das Volk der Sidoner und der Baſtarner hindurch hinab bis Aſanca — Alt⸗-Sandek —. Um hier die wilden und ungebahnten Sarmaten-Gebirge zu umgehen, auf welchen neben mancherlei Gefahren auch große Beſchwerlichkeiten und Muͤhen zuruͤckſchreckten, wandte ſich die Handelsſtraße von Aſanca aus weſtwaͤrts nach Setuia — Czyche — und weiter fort dem Waag⸗Fluſſe folgend uͤber Singone — Schintau — bis hinab nach Celemantia — Szo⸗ molyan — und von da nach Carnuntum an der Donau, den bekannten Waffenplatz der Roͤmer, wo endlich das nordiſche Erzeugniß aus den Haͤnden barbariſcher Voͤlker an die Roͤmer abgeſetzt ward 2). Dieß war gewiß ein uralter Handelsweg, auf welchem wohl ſchon vor Herodots Zeiten der Bernſtein vom Norden herab, von der Muͤndung der Weichſel an das Adriatiſche Meer gelangt war; und er beſtand auch noch nach Herodots Zeiten fort und fort ). Auf ihm gelangte auch jener Roͤ⸗ miſche Ritter, den Nero an die Bernſteinkuͤſte ſandte, von Carnuntum aus in das Weichſel-Land; daher den Roͤmern auch die Länge dieſes Weges ziemlich genau bekannt gewor- den war. Nach des Plinius Bericht betrug ſie ſechshundert Roͤmiſche Milliarien ), die gegen 120 bis 125 Deutſche 1) Reichard S. 305 nimmt Krakau dafuͤr an. 2) Bei Angabe dieſes Handelsweges iſt Kruſen Archiv für alte Geographie Heft III, deſſen Charte Germania Magna und zum Theil auch Reichard gefolgt worden. Die Zeichnung dieſer Handelsſtraße ſtuͤtzt ſich auf Zeugniſſe, die nicht zu bezweifeln find. 3) Mannert Geogr. der Griech. u. Römer B. III. S. 336 — 338. 4) Plin. L. XXXVII. c. 2. ſagt D C ſere M. passum a Car- nunto Pannoniac abest littus Germaniae, ex quo invehitur (sc. suc- cinum) percognitum nuper. Vidit enim eques Romanus —, qui haec commercia ei litiora peragravil. Der Ausdruck commercia bes deutet hier Handels⸗Stationen und zeigt deutlich an, daß die genannten

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Bernſteinhandel im Alterthum. 83 Meilen geben, und dieſe Angabe ſtimmt auch mit denEnt⸗ fernungen der Orte, wie Ptolemaͤus ihrer erwaͤhnt, faſt ganz genau uͤberein ). Genau bekannt war dieſer Handelsweg erſt kurz nach Chriſti Geburt geworden, denn bis dahin hatte ihn noch nie ein Roͤmer ſelbſt betreten. Man hatte bisher den Bernſtein, unbekuͤmmert, woher er komme, und unbe— kannt mit den weiten und fernliegenden Gebieten, die er durchwandern mußte, aus der Barbaren Haͤnden erhalten, und durch dieſe Unbekanntſchaft war lange Zeit dem Glauben Nahrung gegeben worden, daß er in den Waldungen am Po erzeugt werde ). Ohne bedeutende Schwierigkeiten kann dieſer Handelsweg auf der Länge von den Donau-Ufern bis fernhin an die Baltiſchen Kuͤſten allerdings wohl nicht ge weſen ſeyn. Aber erleichtert wurde der Handelsverkehr doch durch manche guͤnſtige Umſtaͤnde. Das Reich der Quaden, in welches im Suͤden herauf der Weg zuerſt hineinlief, war lange Zeit den Römern befreundet und ſelbſt in gewiſſer Hinſicht von ihnen abhängig). Das Gebiet dieſes Volkes ging bis an die Karpathen, wo man auf die ſo wohl be⸗ kannten Quellen des Weichſel-Stromes traf. Dort zog ſich die Handelsſtraße dann durch die Laͤnder der Oſen, Baſtar⸗ ner und Sidoner, zwar tapferer und kriegsluſtiger Voͤlker, die aber nur gereizt und in offener Feldſchlacht kaͤmpfend ihre wildſtuͤrmende Kraft bewieſen, den friedlichen Verkehr Orte, uͤber welche die Reiſe des Ritters ging, wirkliche Handelsplaͤtze waren. 1) Kruſe Archiv H. III. Mannert a. a. O. S. 471 ff. 2) Daher ſagt auch Solinus c. 33: Prelium operae est ire lon tzius, ne Padancae sylvae credantur lapidem (i. e. succinum) fle- visse. IIanc speciem in Illyricum Barbari intulerunt. Quae quum per Pännonica commerecia usu ad Transpadanos homines delata Toret, quod ibi primum nostri viderant, ibi etiam natam putaverunt. Vgl. auch Voß alte Weltkunde a. a. O. S. XXXIII. u. Virgils Ländl. Gedichte von Voß B. III. S. 195. 3) Jul. Capitolin. in Marc. Anton. Philos. c. 14. Turil. Ger- man. c. 42. 43. Vgl. vorzüglich über die Beſtimmung ihrer Wohnfit« Reichard ©. 146 fi. 6 *

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84 Bernſteinhandel im Alterthum. des Handels dagegen wohl ſchwerlich ſtoͤrten. Weiter nord⸗ waͤrts hin lief dieſer Verkehr durch die Gebiete der Lygiſchen Burier, die wir mehrmals ſogar mit den Roͤmern verbuͤndet finden ); dann durch andere Lygiſche Volkszweige weiter fort bis zu den Burgundern und in die Wohnſitze der Gothonen an der Weichſel ?). Aber nicht allein der Bernſtein gelangte auf dieſem Wege bis nach Rom; auch ein großer Theil der Kenntniſſe, welche die Roͤmer uͤber die Laͤnder und Voͤlker des Nordens hatten, wurde ihnen durch dieſen Handelsverkehr zugebracht. In fruͤherer Zeit freilich, als dieſer Verkehr, wie es ſcheint, ausſchließlich nur in den Haͤnden der barbariſchen Voͤlker war, konnte er in dieſer Hinſicht wohl von gar keinem Er⸗ folge ſeyn; als dagegen ſpaͤterhin dieſe Handelsſtraße auch den Römern ſelbſt geöffnet war, wird es erklaͤrlich, wie bald nach des Plinius Zeit die Kunde der Roͤmer von den Ger⸗ maniſchen und Sarmatiſchen Staͤmmen mit einemmale ſo ungemein bereichert werden konnte und wie vorzuͤglich Ta— citus und Ptolemaͤus bis an die Kuͤſten der Oſtſee neue Volker, neue Staͤdte und neue Laͤnder kennen lernen Fonn- ten. Gewiß alſo war es vorzuͤglich der Bernſteinhandel auf dieſer Handelsſtraße, der die Welt der Fabeln und Maͤhr⸗ chen verſcheuchte, welche das Alterthum ſich im Norden in früheren Zeiten ertraͤumt hatte ). Es iſt ferner nicht zu be⸗ zweifeln, daß größten Theils und faſt nur allein durch die— 1) Dio Cuss. LXXI. 18. LXXII. 2. 2) Bayer de numis Romanis in Prussia repert. in opusc. p. 418. ſagt: Mihi probabile est, ab Istriis fortasse Venetos, certe Ro- manos succina accepisse Istrii a Carnuto Pannonum habuere, cum a Germanis interiacenlium populorum spatüs impedirentur. Pan- noniam Romani, teste Plinio, ob succini commercia, quae cum Illyriis exercebant, maxime in potestalem suam redigere cupiverunt. Inde quomodo avectum sit in Italiam succinum, liquido tenemus. Pythiae etiam temporibus Pannones a Germanis accipiebant. Plinii aetate ex Germanis Vindelici et Norici Camutum asportabant. 3) Mannert a. a. O. S. 468 ff. Wilhelm S. 81. Voß a. a. O. S. XXXIV. Heerens Werke 12r Th. S. 393 ff.

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Bernſteinhandel im Alterthum. 85 ſen Bernſteinhandel auch die bedeutende Menge von Roͤmi⸗ ſchen Münzen nach den Oſtſeelaͤndern kam, die Theils ſchon in älteren, Theils auch in bedentender Zahl in neueren Zei⸗ ten hie und da gefunden worden, moͤgen ſie nun von rei⸗ ſenden Roͤmern ſelbſt, oder durch den Zwiſchenhandel der Germaniſchen Voͤlker hieher gebracht worden ſeyn ). Dabei iſt es merkwürdig, daß eine Münze Nero's bis jetzt, fo viel bekannt, die alleraͤlteſte iſt, die hier gefunden worden und vielleicht durch jenen Ritter nach Preuſſen gekommen iſt. Dadurch wird zugleich auch die Behauptung bekraͤftigt, daß wenn auch gewiß dieſer Handelsweg in die nordiſchen Laͤn⸗ der ſchon lange vor Nero's Zeit vorhanden war, doch erſt ſeit dieſes Kaiſers ſtolzprunkender Sendung jenes Ritters Röͤmiſche Bernſteinhaͤndler das hochgeſchaͤtzte Erzeugniß um: mittelbar aus feinem Vaterlande haben herbeiführen laſſen ?). Bald ſchloß ſich dieſem Verkehre auch der nordiſche Pelz⸗ handel beſonders aus Skandinavien an, und es ward in ſolcher Weiſe auch das Volk der Suionen, ſpaͤterhin Sue⸗ thans genannt, mit Rom in eine gewiſſe Verbindung geſetzt“). Es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß neben dem Bernſteiu auch aus Preuſſen Pelzwerk nach Italien gegangen ſey. Ferner knuͤpfte ſich ſchon fruͤh auf dieſem Wege an den Bernſtein⸗ handel auch der Handel mit nordiſchen Thieren, dem Auer⸗ 1) Allerdings laͤßt ſich nicht ſagen, ob oftmals oder auch zuweilen nur Roͤmer bis in die Nähe des Bernſteinlandes gekommen ſeyen; dar her auch Bayer de numis Roman. in opusc. p. 414 ſagt: Tametsi igitur inclinet animus, ut credam, per mercaturas illatos numos Romanos esse, lamen mercatores Romani, an Teutoni secum as- Portarint, haud quaquam liquido iudicaverim. — Vgl. Lilienthals Abhandlung über 1123 bei Oſterode im Jahre 1740 gefundene Römi- ſche Münzen im Erläutert. Preuff. B. V. ©. 134. 2) Bayer opuscul. p. 429. 3) Tacit. Germ. c. 44 rühmt ſchon, vielleicht nicht ohne Beziehung auf dieſen Handel, ihre Flotten u. Jornand. de reb. Gelic. c. 3 ſchreibt: IIi (sc. Sucthans) quoque sunt, qui in usus Romanorum Saphiri- nas pelles, commercio interveniente, per alias innumeras genies fransmittunt, ſaniosi pellium decora nitgredine. Rühs Geſchichte Schwedens B. I. S. 54.

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86 Bernſteinhandel im Alterthum. ochſen, dem Elendthiere, dem nordiſchen Roſſe und dem Skandinaviſchen Achlis oder Machlis, welches vielleicht von dieſer Quelle her Plinius kennt. Wenigſtens war dieſer Schriftſteller mit den genannten Thiergattungen ſehr genau bekannt) und es wird uns beſtimmt berichtet, daß Elend⸗ thiere vom Norden her in Römifchen Schauſpielen bewun⸗ dert wurden 2). Was den Bewohnern der Oſtſee-Lande außer den Muͤn⸗ zen fuͤr dieſe ihre Verkaufwaaren entgegen geboten worden, iſt uns nicht berichtet; doch darf man kuͤhn die Behauptung wagen, daß ein Theil der Gegenſtaͤnde ihres Schmuckes aus Italien kam und zum Tauſchmittel diente. Es finden ſich wenigſtens in den Begraͤbnißhuͤgeln öfter mancherlei Schmuck⸗ ſachen, die an Feinheit der Arbeit, an Gefaͤlligkeit und Schoͤn⸗ heit und in der ganzen Form und Geſtalt die entſprechendſte Aehnlichkeit mit den Gegenſtaͤnden haben, die man in Italien aufgefunden hat ), und hat nicht in allen Zeiten der gebil⸗ detere Menſch dem ungebildeten die koſtbarſten Schaͤtze ſeines Landes durch eitlen Tand und kindiſches Spielwerk zu entlocken gewußt? Am lebendigſten ſcheint jene Handelsſtraße und in der groͤßten Bluͤthe ſcheint jener Handelsverkehr mit den Bal⸗ tiſchen Ländern, wenn nach der Menge der aufgefundenen 1) Plin. L. VIII. c. 15 nennt als Scythica animalia boum fe- rorum genera, jubatos bisontes, excellentique et vi et velocitate uros, equorum greges ferorum, alcen, ni proceritas aurium et cer- vicis dislinguat, jumenlo similem, item notam in Scandinavia in- sula nec unquam visam in hoc orbe, multis tamen narralam mach- lin, haud dissimilem illi, sed nullo suffraginum flexu etc. Solinus 6. 22. 2) Julius Capitolin. in vita Gordian. c. 33. Flavius Fopiseus in vita Aurelian. c. 33. Solinus c. 22 ſagt ausdruͤcklich: Scandinavia insula e regione Germaniae millit animal, quales Alces, sed cuius suffragines ut Elephantis flecti nequeunt. J) So wird z. B. jedem die ſprechendſte Aehnlichkeit einleuchten, wenn er in Kaͤrchers Handzeichnungen zu deſſen Mythologie und Ar: chaologie des claſſ. Alterthums Heft III. Scct. III. Tab. VI. Nr. 6 die Spangen mit den aus altpreuſſichen Begraͤbnißhuͤgeln hervorgefundenen vergleicht.

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Bernſteinhandel im Alterthum. 87 Muͤnzen geurtheilt werden darf, zur Zeit der Antonine geweſen zu ſeyn ). Darauf aber mag ihn der Markmanniſche Krieg, in welchem gerade alle die Voͤlker, durch deren Wohnſitze der Handelsweg lief, gegen die Roͤmer auftraten, eine Zeitlang ſehr geſtoͤrt, vielleicht gänzlich unterbrochen haben, und wenn er ſpaͤterhin auch noch fortdauerte, wie die in Preuſſen noch ziemlich haͤufig gefundenen Muͤnzen aus dem dritten und vierten Jahrhunderte bezeugen, die in ſolcher Menge zwar zum Theil wohl auch durch die Kriege, jedoch am meiſten gewiß noch durch Handelsverkehr in das alte Bernſteinland herauf kamen 2), fo hatte doch der lange unruhige und Fries geriſche Zuſtand der Quaden, Markmannen, Lygier und Sueven ſeine ſchoͤnſte Bluͤthe fuͤr immer gebrochen. Wenn daher der Bernſteinhandel auch wirklich noch bis zur Zeit der ſogenannten Voͤlkerwanderung oder bis auf Juſtinians und Juſtins Regierungsjahre fortbeſtanden haben ſollte ), was kaum zu glauben, ſo wurde er gewiß, wenigſtens auf die⸗ ſem Handelswege, in den letztern Zeiten nur ſparſam be⸗ trieben. Nicht ſo ſicher unterrichtet ſind wir uͤber einen zweiten Handelsweg des Bernſteins, der nach Weſten ging. Wir wuͤrden ohne Zweifel ſehr irren, wenn wir allen weſtlichen Bernſteinhandel auf die Samlaͤndiſche Kuͤſte zuruͤckziehen wollten, denn keineswegs iſt der Bernſtein, der in den weſt⸗ lichen Laͤndern, beſonders in Gallien zum Gegenſtande des I) Bayer de numis Romanis eic. c. VI. p- 439. seq. 2) Vgl. Lilienthals Abhandlung im Erläutert. Preuſſ. B. V. S. 134. u. 166. 3) Bayer l. c. in opusc. p. 433 nimmt dieſes an, indem er fagt: Haque ergo liquido probavimus, numos Romanos neque ante Ne- ronem fuisse illatos, neque post impressionem barbarorum. Ante illa tempora in Prussiam non est itum ct postea succini commercia desiere. Und p. 432 heißt es: Post Justiniani et Juslini Thracis brincipatum omnis mercatus suceini neglectus ſuit. In hacc usque tempora numi apud nos inventi perlingunt. Nach der Meinung Mannerts Geogr. der Griech. u. Rom. B. III. S. 373 wurde der Bernſteinhandel ſchon früher geftört.

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88 Bernſteinhandel im Alterthum. Handels diente, jeder Zeit von den Baltiſchen Kuͤſten ge⸗ kommen, da ja nach alten Zeugniſſen bekannt iſt, daß auch die Nordſee einſtmals Inſeln hatte, an deren Kuͤſten das koſtbare Erzeugniß zu finden war ). Jedoch iſt eben fo ge— wiß, daß auch aus Samland die edle Waare ſchon in ſehr fruͤher Zeit nach Weſten hin ausgefuͤhrt wurde. Dahin deu⸗ tet ſchon des Pytheas Reiſe an die Samlaͤndiſche Kuͤſte, die ja zugleich mit durch den Bernſteinhandel auf dem Balti⸗ ſchen Meere veranlaßt ward. Sie ſetzt offenbar voraus, daß in Maſſilien ein Bernſteinhandel auf den Baltiſchen Gewäf- ſern und von deren Kuͤſten aus ſchon bekannt war. Von den Folgen dieſer Reiſe fuͤr den Handel Maſſiliens wiſſen wir freilich nichts zu ſagen. Keinem Zweifel aber unterliegt, daß über Maſſilien in folgender Zeit auch forthin noch ein Handelsweg fuͤr Bernſtein ging. Nun erhalten wir durch Diodor die ſichere Nachricht, daß von Samlands Kuͤſte aus der Bernſtein an ein gegenuͤberliegendes feſtes Land zu Schiff gebracht und von da dann weiter zu Land nach Süden ge— tragen oder verfahren werde ). Daß die Oſtſee ſchon in fruͤher Zeit von den Bewohnern weſtlicher Kuͤſtenlaͤnder viel befahren wurde und zwiſchen den Anwohnern der Nordſee und der Baltiſchen Gewaͤſſer eine Handelsgemeinſchaft be⸗ ſtand, kann nicht beſtritten werden. Von ewiger Zeit her haben Meere und Stroͤme den Menſchen durch Handel und Verkehr mit dem Menſchen verknuͤpft; von jeher hat die 1) Plin. I. XXXVII. c. 3. 2) Diodor. Sicul. L. V. c. 23. fagt: To Hhuer gon OUVAyYETOL ev 77 Mgosigyasen vic (i. o. Beg ?, vopigeraı ds vr rd EyXwpkav TrEOS TyV Hr yrreipov dl Je Ot geren gd r N tels 1d νν. Dieſe Stelle iſt von der des Plin. IL. XkXVII. c 2, wo dieſer von dem Handel an die naͤchſten Teutonen (alfo von einem Landhandel) ſpricht, offenbar ſehr verſchieden und bezieht ſich auf einen von Samland ausgehenden Seehandel, der nachher erſt zum Land⸗ handel uͤbergeht, wie ſchon die Worte Nulg eren, Tyv c⁴j,juũ gc yreıgav und Otęrrat klar beweifen, wenn nicht ohnedies auch der ganze Zuſammenhang bei Diodor darauf hindeutete.

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Bernſteinhandel im Alterthum. 89 verbindende See den Kuͤſtenbewohner zur Gemeinſchaft mit ſeinem Nachbar jenſeits der Meeresgewaͤſſer gelockt und auch der Ungebildete und der rohe Sohn der Natur hat dieſer lockenden Zauberkraft des Meeres nicht widerſtanden. So moͤgen auch die ſuͤdlichen und noͤrdlichen Anwohner der Bal⸗ tiſchen Gewaͤſſer mit andern Kuͤſtenlaͤndern ſchon laͤngſt vor der Roͤmer Bekanntſchaft in Verbindung durch Schiffahrt geſtanden haben, denn als Tacitus von dem Volke der Suionen auf Skandinavien vernahm, hoͤrte er ſchon von feinen mächtigen Flotten ), und dieſe nordiſchen Schiffe hat⸗ ten die Aufmerkſamkeit der Roͤmer in dem Maaße erregt, daß fie deren Einrichtung und Bau aufs genauſte kannten ). An den Skandinaviſchen Kuͤſten hatten ſie dieſe Schiffe nicht geſehen, ſondern ſie mußten ſie an der Germaniſchen Seite der Oſtſee kennen gelernt und es muß dorthin alſo offenbar ein Handelsverkehr Statt gefunden haben. Im Weichſel⸗ Lande knuͤpfte ſich ja, wie ſo eben bemerkt worden, an den Preuſſiſchen Bernſteinhandel auch der Schwediſche Pelzhandel. In der naͤmlichen Verbindung beſtand ein ſolcher Verkehr auch nach Weſten hin. Im weſtlichen Germanien ſchmuͤckten die Deutſchen ihre Wildhaͤute, die ihnen zur Kleidung dien⸗ ten, mit Streifen und Thierfellen aus dem entlegenen Ocean oder dem unbekannten Meere ) und ſelbſt in ſpaͤtern Zei⸗ ten fand noch ein ſolcher Pelzhandel von Samlands Kuͤſte nach Deutſchland Statt). Zudem waren auch die Gotho⸗ nen, Preuſſens alte Bewohner, in Schiffahrt und Seekunde keineswegs unerfahren ). Es iſt daher keinem Zweifel un⸗ terworfen, daß Samlaͤndiſcher Bernſtein zu Schiff bis an die Muͤndung der Oder oder der Elbe oder ie ſpaͤterhin 1) „Classibus valent. « 2) Tacit. German. c. 4. Murray de re navali velerum sep- temtrionalium in Comment. Soc. Goeit. T. IV. p- 121. seq. 3) Taeit. German. c. 17. Detracta velamina sparguni maculis pellibusque belluarum, quas exterior Oceanus atque ignotum mare Signit. 4) Adam. Bremens. de situ Daniae c. 227. 5) Zosimus Ilistor. L. I. c. 42.

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90 Bernſteinhandel im Alterthum. nach Schleswig ging, denn fo unbeſtimmt auch immer Dio- dors Bezeichnung „des gegenuͤberliegenden feſten Landes“ iſt, ſo kann es eins dieſer Gebiete doch ohne Zweifel geweſen ſeyn; wenigſtens finden wir in nachfolgenden Zeiten eben ſo einen Handelsweg an die Oder Muͤndung, wie an die Elbe und nach Schleswig von Samland aus im Gange ). Von da konnte der Bernſtein leicht auf Land- und Flußſtraßen bis an den Rhein, nach Gallien bis Maſſilien kommen, wo er von Phoͤni⸗ ciern und Karthagern geladen dem Morgenlande zugebracht oder auch ſonſt hie und da im Abendlande abgeſetzt wurde 2). Es bleibt endlich noch die Nachweiſung eines dritten Handelsweges uͤbrig, auf welchem der Bernſtein von den Baltiſchen Kuͤſten aus zum alten Boryſthenes nach Oſten ging ). Man hat zu beweiſen geſucht, Herodots Eridanos, der im Lande nordiſcher Barbaren am aͤußerſten Ende der Erde ſtroͤme und in deſſen Naͤhe der Bernſtein erzeugt werde, ſey kein anderer Strom als die Duͤna, der Rhudon der Alten. Obgleich es nun an dieſem Strom ſelbſt keinen Bern⸗ ſtein gebe, fo ſey der alten Welt doch die Sage vom Bern⸗ ſteinhandel an der Duͤna zugekommen. Es habe auch wirk⸗ lich dieſer Fluß einſt zum Handelsweg des Bernſteins ge- dient. Von ihm aus ſey dieſes Erzeugniß auf dem Bory⸗ ſthenes ſtromabwaͤrts bis zu den Waſſerfaͤllen von den Bory⸗ ſtheneiten gebracht und von den Olbitiſchen Griechen dort aufgenommen und weiter fortgeführt worden *) — Wahrheit 1) Adam. Bremens. de situ Daniae c. 208. Helmold Chron. Slavor. L. I. c. 1. Beſonders diente nachmals die Stadt Demmin zum Waaren⸗Umtauſch; vgl. Sell Geſch. von Pommern B. I. S. 33. 2) Vgl. was Bremer Entdeckungen im Alterthum B. 2. S. 437 ff. über die Flußſtraße zwiſchen dem Baltiſchen Meere, dem Rhein und dem Mittelmeere ſagt. 3) Dieſen oͤſtlichen Weg nimmt neben dem ſuͤdlichen nach dem Po hin auch Voß a. a. O. S. XXXIV. an; Murray de Pythea Massil. p. 97. 4) Auf dieſe Meinung hin bezieht ſich alles, was Ba yer in feiner gelehrten Abhandlung: De Venedis et Eridano ſluvio in opusc. p. 523 — 535 ſagt, wo er p. 529 als Reſultat feiner Forſchungen den

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Bernſteinhandel im Alterthum. 91 und Dichtung! Dichtung iſt, daß die Duͤna der Eridanos ſey, daß ſie zum Handelswege des Bernſteins gedient, da fie für dieſen aus Samland hinauf doch offenbar viel zu fern liegt. Wahrheit iſt, daß auf dem Boryſthenes leben⸗ dige Schiffahrt und bluͤhender Handel betrieben wurde ſchon ſeit uralten Zeiten . Durchs ganze Alterthum verband die⸗ fer Strom die Gewaͤſſer oͤſtlicher Länder mit den Baltiſchen Meere ). Daß aber von dieſer Gegend her aus den nor⸗ diſchen Landen auch Bernſtein gekommen ſey, ſagt uns der Erdbeſchreiber Dionyſius; denn nachdem er von dem gold— ſtrahlenden Pappelgummi am Keltiſchen Eridanos geredet, erwaͤhnt er bei der Gegend des Boryſthenes, der uͤber dem Iſter in das Euxiniſche Meer ausſtroͤmt, Dort ſind auch des Aldeskos und auch des Pantikapes Waſſer Die von Rhipaͤiſchen Höhn in geſondertem Lauf abrauſchen; Und an deren Erguß, dem erſtarreten Meere benachbart, 4 Wird Electros erzeugt, ſanftſchimmernder, gleich wie des Mondes Neu beginnender Glanz.) Moͤgen die Namen der Ströme, die hier erſcheinen, au noch fo unftät bei den älteren Geographen ſeyn und mögen ihre Gewaͤſſer auch nicht im Kroniſchen Ocean im aͤußerſten Norden oder im erſtarreten Meere, ſondern im Euxiniſchen Meere, deſſen Nordſeite gleichfalls gefriert, ausmuͤnden; des Bernſteins Erzeugung hatte im Glauben der Alten ſich feſt an die Namen des Aldeskos und Pantikapes geknuͤpft; die Meinung, daß von daher, wo dieſe Stroͤme am Boryſthenes ins Meer ausliefen, der Bernſtein komme, ſtellt den Be⸗ Satz aufſtellt: Iacc ratio merealus docet, suceina primum a popu- lis ad Eridanunm transmissa esse ad Scythas et secundo Borysthene ad cataractas, bie excepta esse a Borysthenitis Graecis, qui se Ol- bitas dicere malebant. Ferner ſpricht Bayer hievon auch in ſeiner Abhandlung: De numo Rhodio in agro Sambiensi reperto in opusc. b. 496 seq. 1) Herodot. L. IV. c. 53. 9 Vgl. hierüber Brehmer Entdeckung. im Alterthum B. 2. S. 5. ff. 3) Voß a. a. O. S. XXXIII.

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92 Bernſteinhandel im Alterthum. weis, daß aus Norden eine Handelsſtraße fuͤr Bernſtein über die Gegend des Boryſthenes gegangen ſey ). Die Natur aber hatte dieſen Handelsweg von der Baltiſchen See an bis zum Pontus Euxinus durch Strom- Verbindungen vor⸗ gezeichnet, ſey es nun, daß er auf dem Pregel, dem Gut⸗ talus oder Chronos der Alten, in den Pripez und von die⸗ ſem in den Boryſthenes bis nach Olbia an ſeiner Muͤndung im Pontus, oder auf dem Weichſel-Strome aufwaͤrts, von dieſem in den Bog, dann in den Pripez und den Bory⸗ ſthenes fortging 2). Schwierigkeiten hatte dieſer Handelsweg wohl allerdings; aber ſie wurden, zumal als die Veneder ſich weiter nach Weſten vorgedraͤngt, gewiß dadurch bedeu⸗ tend erleichtert, daß er durch Sarmatien faſt immer unter befreundeten und ſtammverwandten Voͤlkern fortlief. Bis zu den Alaunen erſtreckte ſich das Gebiet der Stavaner und in den Wohnſitzen der erſtern lagen die Quellen des Bory- ſthenes. Ohne Zweifel war es dieſer Weg, auf welchem ſchon in fruͤheſter Zeit, bevor noch jene Straße nach Pan⸗ nonien geoͤffnet war, der Bernſtein durch das alte Seythien zu den Griechen?) und weiterhin nach Aſien gelangte. Schwerlich war es bloß Getreide- und Pelzhandel, der dieſen wichtigen Handelsweg gen Often in älterer und mitt⸗ lerer Zeit fo lebendig machte); denn wenn Griechenland 1) Voß a. a. O. nimmt daher auch ohne weiteres an, daß in die⸗ ſer Stelle des Dionyſius eine ſichere Andeutung der Samlaͤndiſchen Bern⸗ ſteinkuͤſte liege. 2) Vgl. über dieſen Handelsweg vorzuͤglich Heeren Ideen über den Handel u. ſ. w. B. I. S. 914 ff. Brehmer Entdeckung. im Alterth. B. 2. S. 9 ff. 3) Daher auch der Glaube bei den Griechen: Scythien ſey das Va⸗ terland des Bernſteins. Philemon (bei Plin. XXXVIL c. 7) meinte: Fossile esse et in Scytbia erui duobus locis: candidum atque cerei coloris, quod vocaretur electrum: in alio loco fulvum, quod ap- pellaretur subalternicum; und Xenocrates (ibid.) war der Meinung: non succinum tantum in Italia, verum etiam thyon vocari, a Scy- this vero sacrium, quoniam et ibi nascatur. 4) Bloß für dieſe beiden Handelszweige betrachtet ihn Heeren a. O.

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Bernſteinhandel im Alterthum. 93 und Aſien ſeinen Bedarf an Bernſtein zum Theil wohl auch vom Adriatiſchen Meere her erhalten haben mögen, fo ſcheint doch unzweifelhaft, daß die Griechiſchen Handelsſtaͤdte an den Ufern des ſchwarzen Meeres auch durch den Handel mit Bernſtein in Verbindung geſtanden haben mit den Bewoh⸗ nern des Nordens. Dieß find die drei Handelswege, auf denen der Bern⸗ ſtein von Samlands Kuͤſten nach faſt allen Theilen der als ten Welt ausging. Zwar war der ſuͤdliche, der nach Pan- nonien hinabging, eine Zeitlang der gewöhnlichfte und bes ſuchteſte ); in höherem Alter aber mag ihm der oͤſtliche auf dem Boryſthenes ohne Zweifel voranſtehen, und durch laͤngere Dauer übertrifft ihn gewiß der weſtliche uͤber die See nach Germanien. In ſolcher Weiſe war Samlands Kuͤſte der viel⸗ geſuchte, ſelten erforſchte, immer geheimnißvolle Punkt, von welchem die erſten Bewegungen des regſten Verkehres und Betriebes unter Menſchen und Voͤlkern weitentlegener Laͤn⸗ der ausgingen. Die weite Verbreitung und Zerſtreuung ſei⸗ nes hochgeſchaͤtzten Erzeugniſſes und die Dunkelheit in welche das Mutterland des Bernſteins lange Zeit gehuͤllt blieb, er⸗ klaͤrt uns auch das Beſtreben der Alten, an den Orten im⸗ mer auch die Erzeugung der wunderbaren Gabe der Natur zu ſuchen, von welchen aus der Handelsverkehr ſie den ver⸗ ſchiedenen Ländern zufuͤhrte. — . —ꝛ— ) Auch Pin. L. XXXVII. c. 3 ſchließet die übrigen nicht aus, indem 1 fagt: Affertur a Germanis in Pannoniam maæime provinciam (sc. succinum); aber es liegt doch in dem maxime, daß zu feiner Zeit der Bernſtein über Pannonien im reichſten Maaße kam.

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Zweites Kapitel. Nach des Ptolemaͤus Zeit tritt uns eine Reihe von Er⸗ ſcheinungen und Veraͤnderungen der alten Voͤlker-Verhaͤlt⸗ niſſe in der Geſchichte des Nordens entgegen, in welche Ord— nung und Zuſammenhang zu bringen ſchwer iſt und uͤber die wir kaum im Stande ſind zu einiger Klarheit und Ge— wißheit zu kommen, wenn wir nicht neben der ſicheren ge— ſchichtlichen Forſchung auf dem Gebiete bewaͤhrterer Quellen auch der Sage Raum und Gehoͤr geben. Manches von dem, was in dieſem Abſchnitte als Sage und Geſchichte dargeſtellt wird, beruhet auf den Berichten des Gothiſchen Moͤnchs Jornandes. Ich verkenne keineswegs die große Kritikloſigkeit und den Mangel an Urtheilskraft, der ſich uͤberall in ſeinem Werke offenbart, auch nicht die Unwiſſenheit und die entſetzliche Verwirrung, mit der er Alles, Altes und Neues, Wahres und Falſches unter einander wirft; er iſt in aller Beziehung einer der ſchlechteſten Scribenten am Ein- gange des Mittelalters. Aber das iſt auch nicht zu verken⸗ nen, daß er hie und da Notizen liefert, denen geſchichtlicher Grund und Boden unterliegt, und in der wunderlich zuſam⸗ mengewuͤrfelten Geſchichte ſeiner Gothen doch manche geſchicht— liche Momente aufbehalten hat, die das Gepraͤge der Wahr⸗ heit an ſich tragen. Nur in dieſer Hinſicht werden wir ihm Glauben ſchenken und nur in ſo fern ſoll er uns dienen, den Faden, der ſonſt loſe und frei in der Luft haͤngen wuͤrde, an einzelne Punkte bei ihm anzuknuͤpfen. Schon vor des Ptolemaͤus Zeiten muß eine Wanderung

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Auswanderung Skandiſcher Gothen. 95 eines Gothiſchen Volkshaufens, vielleicht beim Vordraͤngen der Veneder in die Gebiete der Gothen, von Preuſſen aus nach Skandien erfolgt ſeyn, wo er ſich auf des Eilandes ſuͤdlichem Theile niederließ und vom genannten Erdbeſchrei⸗ ber unter dem Namen der Guten erwähnt wird ). Dort mag er eine Zeitlang verweilt und beim Genuſſe des Frie⸗ dens und in ruhiger Lebensweiſe den eingenommenen Land- bezirk bald uͤbervoͤlkert haben. Da geſchah nach des Jor⸗ nandes, des Gothiſchen Geſchichtſchreibers Bericht, der ſich auf alte Sagen und Geſaͤnge ſeines Volkes ſtuͤtzt, daß ein Gothiſcher Haufe aus Skandien, zur Auswanderung aus den beengten Graͤnzen der Heimath entſchloſſen, auf drei Schiffen uͤber die See fuhr und, das alte Vaterland von neuem ſuchend, ſich im Gebiete der Ulmerugier, in der Nähe der Weichſel⸗Muͤndung niederließ. Der Gebieter die⸗ ſes Volkes, der es aus Skandien ausgefuͤhrt und dem es auch in dem neuen Wohnſitze als ſeinem Oberherrn gehorchte, war König Berig ). Dort mögen die neuen Ankoͤmmlinge 1) Ptolem. L. II. c. II ſagt: Kaosxavar 776 Zxavbsias ro reaepßewe Dovrau. Er nennt neben ihnen noch die Chacdini, Pla- vonae, Phiraesi, Dauciones, Levoni. Daß dieſe Guten eines Stam⸗ mes mit dem Volke der Gothi oder Gothones, der Gythones des Ptolemäus im Weichſel⸗Lande und der Gutiones des Plinius ſeyen, iſt wohl kaum zu bezweifeln, zumal wenn man bedenkt, daß in den Sprach⸗ formen Gottones, Guttones „wie in Teutones, Ingaevones, Istae- vores, Burgundiones, Calucones » Curiones, u. a. nur die altger⸗ maniſche Ausſprache Gutton, Gothon für Gothen, Teuton für Teu⸗ ten, Ingaevones für Ingäven zum Grunde liegt und Guten und Gutton alſo völlig einerlei iſt. Vgl. über die Gutac des Ptolemaͤus auch Reichard S. 164. Wenn Luden in ſ. Geſchichte des deutſch. Volkes B. II. S. 473 keinen weitern Zuſammenhang zwiſchen den Go⸗ then in Skandinavien und den Gothen in den Weichſel-Landen Statt finden laſſen will, ſo beruht ſeine Annahme, wie es uns ſcheint, auf keinem triftigen Grunde. 2) Jornand. de reb. Getie. c. 4. Auch Paul Marnefrid L. I. * . erwähnt dieſer Auswanderung aus Skandinavien: Inira hanc am) constituti populi, dum in tantam multitudinem pullulas- (insula se 1 77 ß 5 nk, ut jam simul habitare non valerent, in tres „ut fertur oranem

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96 Auswanderung Skandiſcher Gothen. im Suͤden mit einem Theile der alten Gothonen, der bei der fruͤheren Auswanderung feiner Stammgenoſſen ſitzen ge⸗ blieben war, zuſammengeſtoßen ſeyn. Im Weſten am See⸗ geſtade waren ihre Nachbarn die Rugier, die ſie zum Theil aus deren oͤſtlichen Sitzen verdrängt, zum Theil auch in ſich aufgenommen hatten und ſo mit ihnen zu Einem Volke verſchmolzen ). Da ein Kampf mit den Ulmerugiern ihnen die neuen Wohnſitze hatte verſchaffen muͤſſen ), ſo moͤgen dieſe zum Theil in Knechtſchaft hinabgedruͤckt worden ſeyn. Mit dem übrigen Theile der Ulmerugier aber befreundeten fi) die Skandiſchen Auswanderer bald, lehrten ihnen Haͤu— ſerbau, Verfertigung beſſerer Kleidung, Bereitung des Me— thes aus dem im Lande reichlich gefundenen Honig, wodurch ſie das rohere Volk, welches bisher als Getraͤnk bloß Mol⸗ ken und Waſſer genoſſen, bald in dem Maaße fuͤr ſich ge— wannen, daß es in allem der Skandianer Sitte und Lebens— weiſe annahm und mit ihnen zu Einem Volke wurde 3). Im Oſten aber waren die naͤchſten Nachbarn der neuen Ankoͤmmlinge die Veneder, zu des Jornandes Zeit Vandalen genannt *), die damals ſchon mit ihren Wohnſitzen bis in catervam partes dividentes, quae ex illis pars patriam relinquere no- vasque deberet sedes exquirere, sorte perquirunt. Lucas David B. I. ©. 14. ff. erzählt die Begebenheit nach der verlornen Chronik des erſten Preuſſiſchen Biſchofs Chriſtian. Suhm Daͤn. Geſchichte B. 1. S. 94. ſetzt ſie ins Jahr 70, aber freilich ohne Beweiſe auch nur der Wahrſcheinlichkeit für dieſe Zeit. Jornandes laßt durch fein „quondam egressi“ gar keine genaue Zeitbeſtimmung zu. Auch Paul. Diacon. L. XII. p. 259 erwähnt der Auswanderung aus Skandien ohne Zeitangabe. Uebrigens wird keiner hier an die Wanderung eines Volkes denken; es war ein auswandernder Haufen, eine Horde, wie ſolche ſpaͤterhin öfter aus Skandinavien auszogen. 1) Procop. L. II. p. 258. ed. Hugo Grot. nennt die Rugii so- cius Gotthis populus cumque iis Ilaliam ingressus. Nachmals frei: lich ſtanden fie gegen die Gothen, Jornand. I. c. c. 54. 2) Eos commisso praelio propriis sedibus pepulerunt; Jornand. c. 4. 3) So die Sage bei Lucas David B. I. S. 15. Wir werden ſpaͤter ſehen, welches Volk wir unter dieſen Ulmerugiern zu ſuchen haben. 4) „Vicinos Wandalos“ Jornand. c. 4.

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Skandiſche Gothen in Preuffen. 97 die Nähe des Weichſel⸗Stromes vorgeruͤckt waren und alſo den ganzen Kuͤſtenſtrich des Friſchen Haffs inne hatten. Ih⸗ nen zunaͤchſt lag zwiſchen den alten Weichſelarmen, die bis zu ihrer Ausmuͤndung das Land zu einer Inſel bildeten, ein Nebenzweig des Gothen-Volkes, die Gepiden, welche ebenfalls aus Skandien, wiewohl etwas ſpaͤter, vielleicht fo- gar auf einer beſonderen Wanderung, hieher gekommen wa⸗ ren und ſich mit den ſumpfigen Wohnſitzen in den Niede⸗ rungen der noͤrdlichen Weichſelgegend hatten begnügen muͤſ⸗ ſen, weil oſtwaͤrts von ihnen alles Land ſchon die Veneder und das Gebiet nach Weſten hin, fo wie nach Suden hin— auf die fruͤheren Gothen und Skandiſchen Ankoͤmmlinge in Beſitz genommen hatten ). Ihren Namen hatten die Ge— piden, wie Jornandes bezeugt und der alte Sprachgebrauch beſtaͤtigt, daher erhalten, weil das Schiff, auf welchem ſie auswanderten, langſamer gefahren und ihre Ankunft alſo verzoͤgert worden war, ſie folglich ſpaͤter als die Skandi⸗ ſchen Gothen in ihren neuen Wohnſitzen anlangten ). 1) Ueber den Wohnſiz der Gepiden giebt uns Jornandes c. 17 beſtimmte Nachricht; er ſagt: Hi ergo Gepidae — commanebant in insula Visclae amnis vadis circumacta, quam pro patria sermone dieebant Gepidos. Für die Unterſcheidung zwiſchen Viscla und Vistula, wie Reichard S. 202. fie aufſtellt und in der Viscla die Wisloka fin: det, wird man ſich ſchwerlich beſtimmen konnen, da der Gothiſche Geſchicht⸗ ſchreiber ſich eben fo wenig in der Schreibart des Namens Vidioarii gleich bleibt. Wer beſtimmt auch, ob damals nicht beide Namen geltend waren? 2) So erklaͤrt Jornand. c. 17. den Namen, nam lingua eorum Pigra Gepanta dicitur. Damit koͤnnte die alte Sprachform: fie hatten gebeitet“ für „gezoͤgert“ zuſammenſtimmen. Uebrigens dürfte doch noch dahin ſtehen, ob Jornandes den Namen ganz recht erklart. Hugo Grotius Prolegom. ad Historiam Gothor. p. 28. fagt: Originem Ge- pidarum nominis Jornandes (c. 17) a mora ipsorum deducit, apud quem male Gepanta pro Gepaita nunc legitur, e enim Gepait Germanis is, qui moram fecit isque sonus eliam cla nor auditur in eodem nomine ut a Graccis effertur uircò gg.“ Dem Sprachkenner iſt bekannt, daß das Wort beyten, gebeiten, Beyter, noch während des ganzen Mittelalters fuͤr warten, zoͤgern, verweilen uͤblich war. 1. 7

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98 Skandiſche Gothen in Preuffen. Dieſe Skandiſchen Gothen lebten unter Koͤnigsherrſchaft: die Gepiden unter ihrer eigenen. Nach Berigs Herrſchaft, der die Auswanderung aus Skandien geleitet, folgte ihm zunaͤchſt mit koͤniglichem Namen der Fürft Filimer, nach deſſen Zeiten Filogud und hierauf Arigis. Waͤhrend der Zeit aber, da dieſe Koͤnige herrſchten, wuchs auch hier des Vol⸗ kes Zahl wiederum fo bedeutend an), daß die Wohnſitze zu enge wurden. In dem Streben, ſie zu erweitern, kamen die Gothen bald mit den nahen Venedern — Wandalen — in Kriege und es gelang, einen großen Theil dieſes Volkes an der Oſtſeekuͤſte zu unterjochen ). Um den erzwungenen Ge⸗ horſam des Veneder- Volkes aber deſto ſicherer zu befeſtigen, je mehr vielleicht die Bezwungenen ſich deſſen zu entſchlagen ſtrebten, errichteten die Gothiſchen Sieger in der ganzen Strecke von der Muͤndung der Weichſel an uͤber die Friſche Nehring hin und am ſuͤdlichen Strande des Hafls bis in die Naͤhe des Pregel-Stromes und zum Theil auch mitten im Lande der Veneder mehre Burgen und feſte Wehrplaͤtze, die ſie mit Kriegsleuten beſetzten. An der Weichſel-Muͤn⸗ dung ſtand bereits die Wehrburg Gothiſcanzia, welcher Name nachmals in Gidania, Gdancz und Danzig über- gegangen iſt ). Sie war die aͤlteſte der Gothiſchen Burgen, 1) Jornand. c. 4. 2) Vicinos Wandlalos jam tunc subjugantes suis applicuere vie- torüs. Jornand. c. 4. 3) Jornand. c. 4. gedenkt dieſes Namens zuerſt in den Worten: Qui (Gothi) ut primum e navibus exeuntes, terras alligere, ilico loco nomen dederunt. Nam hodie illic, ut ſerlur, Gofhiscanzia vocatur. Hugo Grot ius erklärte den Namen ſchon durch Gottheschans, Gothorum castellum. Faſt alle Forſcher uͤber dieſe ältere Zeitgeſchichte ſtimmen darin überein, daß hier von der Gruͤndung Danzigs die Rede ſey; To Uphugen Parerga 462 — 463; Gellarius German. antiqua p. 644, welcher ſich am meiſten darüber ausläßt. Das Daſeyn anderer Gothiſcher Namen in jener Gegend laͤngs der Weichſel, wie ſie zum Theil oben ſchon erwähnt find, kann dieſer Annahme zur Beſtaͤtigung dienen. Aber erſt der Autor vitae S. Adalberti v. Schott Prussia chri- stian. p. 58. sed. nennt nach Jornandes im J. 995 Danzig unter dem Namen Gidania wieder, bezeichnet es jedoch ſchon als Stadt. Vgl.

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Skandiſche Gothen in Preuffen. 99 denn die nordiſchen Ankoͤmmlinge errichteten ſie ſogleich nach ihrer Landung, bevor fie noch in der Ulmerugier Ge⸗ biet einbrachen, um an ihr zu ferneren Eroberungen einen feſten Haltpunkt zu haben!) Sonach erbauten ſie am Ufer des friſchen Haffs die Burg Peilpeillo, welche man fuͤr das ſpaͤtere Heiligenbeil erklaͤrt ); dann weiter nach Nordoſten hinauf die Burg Honeda auf einem Felſenberge, da wo nachmals die Burg Balga ſtand; doch iſt wahrſcheinlicher, daß Honeda der Name des Landgebietes geweſen ſey und die Burg ſchon damals Balga geheißen habe ). Weiter fort erhoben fie die Wehrburgen Wangaſt, welcher Name auf die Benennung des Berges Twangſte hindeuten ſoll, auf welchem in ſpaͤteren Jahrhunderten Königsberg gegründet wurde ), ferner Wuſtops, welches man in dem ſpaͤtern Nas men der Burg Wuſtopolo bei Schippenbeil wieder gefunden Hartknoch A. u. N. Pr. S. 428 — 429. Auf jeden Fall iſt Dan zig als Stadt viel Ätter als Anderſon Geſchichte des Handels B. I. ©. 633. es ſeyn laßt. Nach ihm S. 574 ſoll Waldemar I. die Stadt 1169 erbaut haben. 1) Wenn daher Jornand. I. c. ſagt: Inde (sc. a Gothiscanzia) mox promoventes ad sedes Ulmerugorum, fo widerlegen dieſe Worte ſchon allein des Hugo Grotius in prolegom. ad Histor. Gothor. p. 2. seg. ausgeſprochene Behauptung, daß unter Gothiscandza Gothland zu verſtehen ſey. 2) Diefe Burgen nennt Lucas David B. I. S. 15, aber ſchwer⸗ lich überall mit ganz richtigen we aus der Chronik des Biſchofs Chriſtian; auch Zeo Histor. Pruss. p. 2. Peilpeillo nahm Hennig zu Lucas David B. I. S. 84 für Seiligenbeil, mit der Vermuthung, daß der Name bei den alten Preuſſen Haitpit d. h. Haffburg geheißen habe. Da Hailibo oder Hail im Altpreuſſiſchen der Name des Haffs war, und Pil oder Peil die Burg hieß, ſo wiſſen wir dagegen nichts einzuwenden. 3) Daß Honeda das fpätere Valga geweſen ſey, iſt nur ſpaͤtere Sage. Wir werden in der Folge wahrſcheinlich zu machen ſuchen, daß das jetzige kleine Stück Land Huntau, früher auch Hunetau genannt, in älterer Zeit einen größeren Umfang gehabt habe und in Honeda der alte Name des ganzen Gaues enthalten ſey. 4) Des Berges Tuwangste erwähnt ſchon Dusburg P. III. c. 71 Lucas David B. IV. S. 12. 7 * 7

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100 Skandiſche Gothen in Preuffen. haben will ); außerdem noch Gallens, vielleicht in Sam— land bei Geidau, wo der Ort Kallen auf jenen Namen noch hindeuten koͤnnte 2). Endlich ſchloß dieſen Kranz von Bur⸗ gen, mit dem das Friſche Haff umzogen war, die Burg Naito, die zwiſchen der offenen See und dem Haff, alſo auf der Nehring gelegen haben ſoll ). Sind wir indeſſen uͤber die Lage, wie uͤber Zweck und Beſtimmung dieſer Bur⸗ gen im Einzelnen auch nur ſehr ſparſam unterrichtet und möchten ſich gegen Manches allerdings auch Einwuͤrfe jeg- licher Art erheben laſſen, ſo ſcheint doch die Behauptung wohl keineswegs zu kuͤhn, daß die Skandiſchen Sieger, ver— bunden mit den alten Stammgenoſſen, ihre Eroberungen rings um das ganze Haff in die Laͤnder der Veneder und in das Gebiet der Aeſtyer ausgedehnt und ſomit Preuſſen bis hinab in das Galinderland und im Nordoſten bis nach Samland unter ihre Herrſchaft gebracht haben. Des Jor⸗ nandes Zeugniß beſtaͤtiget ſolches; ſpaͤtere Quellen, die aus älteren floffen, ſtimmen damit überein und die Erſcheinun⸗ gen der kuͤnftigen Jahrhunderte erhalten nur dadurch Licht und Zuſammenhang. Und nun mußte bei ſolcher Ausdehnung der Gothiſchen Herrſchaft an den Kuͤſten der Oſtſee auch der alte Name Baltiens und des Baltiſchen Meeres von dem kuͤhnen Gothenvolke wieder erweckt und in neues Andenken gebracht werden, denn der Name des Venediſchen Buſens mußte wohl offenbar verſchwinden, ſobald an ſeinen Kuͤſten das Volk der Veneder nicht mehr herrſchend war. *). 1) Ich geſtehe, daß dieſe Ableitung wohl noch ſehr zweifelhaft iſt; denn Wustopolo wird nach Dusdurg L. III. c. 109 richtiger WVeistote- Pila geſchrieben und ſindet in dieſer Schreibart auch eine weit paſſendere Erklarung, wovon fpäter das Nähere. Auch liegt Schippenbeil wohl zu tief im Lande. 2) Kallen kommt oft in alten Urkunden vor. 3) S. Lucas David B. I. S. 17. Leo J. c. nennt fie Noyto. 4) Der Name Baltia und Balticum mare iſt ſehr alt, denn nach Plin. L. IV. c. 13. erwähnt feiner ſchon Kenophon aus Lampſacus; es heißt: Xenophon Lampsacenus, a litore Scytharum tridui navigatione, insulam esse immensae magnitudinis, Baltiam tradit. Eandem Py-

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Gothen. Gepiden. Burgundionen. 101 Jener Gothiſche Zweig aber, der um die Weichſelarme lag, die Gepiden genannt, brach ebenfalls bald aus ſeinen Wohnſitzen wieder auf, ſey es wegen Uebervoͤlkerung in den beengten Wohngebieten, oder aus Eroberungsluſt ſeines Kö: niges Faſtida, oder aus Wanderungstrieb und aus Verlan⸗ gen nach beſſeren Wohnorten, als die durchbrochene, ſum⸗ pfige Gegend dort darbot. Den Koͤnig an ſeiner Spitze ſiel das Gepidenvolk in die Gaue der Burgundionen jenſeits der Weichſel, im noͤrdlichen Flußgebiete der Netze. Ueber des Landes Beſitz entſchied zwiſchen den Voͤlkern ein furcht⸗ barer Kampf, der den Burgundionen faſt den Untergang brachte ). Durch Schwert und Blut gezwungen, die ur⸗ väterlichen Sitze zu verlaſſen, zog ein Theil derſelben, wie⸗ theas Basiliam nominal. Nach dieſer Stelle waͤre alſo Baltia und Ba⸗ ſilia eine und dieſe Inſel, d. h. Samland, für welches freilich die im- mensa magnitudo nicht paſſen wurde, wenn man unter Baltia nicht vielleicht den ganzen Kuͤſtenſtrich im Suͤden der Oſtſee bis an die Weich⸗ ſel begreifen wollte. Auf keine Weiſe aber hängt der Name Baltia mit Basilia zuſammen, wie Wilhelm S. 330 — 331 annimmt, eben fo wenig als mit den Belten, wie andere angenommen haben; wenigſtens bleibt die erſtere Herleitung eben ſo gezwungen, als die letztere unge⸗ woͤhnlich und unnatürlich. Andere haben vorgezogen, den Namen Baltia mit Abalus, Abaltia in Verbindung zu bringen ober ihn von WVitt- land, im Litthauiſchen Baltica, von baltas, weiß, abzuleiten, obgleich Wiuland keineswegs das weiße Land, ſondern das Withen-(Gothen⸗) Land heißt. Ich weiß nicht, ob man ſchon an das Gethiſche Wort Baltha gedacht hat, deſſen Jornandes de reb. Getic. c. 29. erwähnt. Es war ein altes herrſchendes Koͤnigsgeſchlecht der Gothen, das der Balthen ge⸗ nannt, Balıharum ex genere, qui dudum ob audaciam virtutis Bal- iha id est audax nomen inter suos acceperat. Waren vielleicht die am Oſtſee⸗Gebiete wohnenden Gothen ſchon Balthiſche, d. h. von Bal⸗ thiſchen Königen Beherrſchte, und erhielt vielleicht daher die See den Namen, oder iſt der Name nicht noch aͤlter, da ihn ja Xenophon von Lampfacus ſchon kennt? Annalistu Saco ap. ecard. Corp. histor. L. I. p. 282. weiß, daß sinus ille ab incolis appellatur Balticus, eo quod in modum baltei longo tractu per Sciticas regiones tendatur usque in Graeciam. Indeſſen gebraucht dieſer Chronift doch auch noch die Namen: Mare Barbarum und Mare Scythicum. ) Jornand. c. 17.

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102 Gothen. Gepiden. Burgund ionen. wohl der kleinere, uͤber die See und ſetzte ſich auf dem Ei⸗ lande Bornholm feſt, welches durch ihn ſeitdem den Namen Burgundoholm erhielt). Des Volkes größere Maſſe aber, durch Lygiſche Zweige, die von den Gepiden bekaͤmpft 2) ſich an ſie anſchloſſen, an Zahl bedeutend vermehrt, brach um die Zeit der Herrſchaft des Kaiſers Probus gegen Franken hin auf, wo ſie in der Naͤhe des Mains, den Allemannen benachbart, ſich niederließ 2). Dort erſt tritt das Burgun⸗ der⸗Volk groß und entſcheidend in die Weltgeſchichte ein. Waͤhrend in ſolcher Weiſe die Voͤlker an der Dftfeeküfte gegen einander in Bewegung ſtanden, kamen fie auch oͤfter in feindliche Beruͤhrung mit den Suͤdlaͤndern. Es iſt frei⸗ lich ſchwer zu ermitteln, wie weit und wie oft die zahl⸗ reichen Kaͤmpfe der Roͤmiſchen Kaiſer mit den Voͤlkern, die man mit den allgemeinen, in ihrem Begriff ſehr unbeſtimm⸗ ten Benennungen von Scythen und Sarmaten bezeichnete, auch die Bewohner der Baltiſchen Gebiete an der Weichſel in Bewegung geſetzt haben moͤgen. Gewiß aber wurden auch ſie ſowohl um dieſe, als in fruͤherer Zeit unter den Benennungen von Scythen und Sarmaten miteinbegriffen ), da die Schriftſteller gerne alle Voͤlker des Nordens, die au⸗ ßer dem Kreiſe ihrer Kenntniß lagen, unter dieſen unbe⸗ ſtimmten und bequemen Bezeichnungen zuſammen faßten; und ſo iſt es hoͤchſt wahrſcheinlich, daß auch die Bewohner 1) Otheri et Wulfstani Periplus in Langebeck Script. rer. Da- nic. T. II. p. 118. Torfuei historia rer. Nor weg. T. I. P. II. p. 288. Gruber Origines Livoniae p. 265. Burgunda insula bei S,j)i Grum- mal. 2) „Aliasque nonnullas gentes perdomuit “ Jornand. c. 17. Üphagen J. c. p. 464. 3) Joh. von Müller Schweizergeſchichte B. I. S. 85. Haul Diacon. L. XII. p. 258 fagt freilich erſt unter Valentinian: Burgun- dlionum quoque novorum hostium coepit nomen novum, qui plus- quam LXXX millia, ut fertur, armatorum ripae Rheni fluminis in- sederunt. * 4) So ſchon Ptolem. L. III. c. 5. Pornpon. Mela L. III. c. 4. Stritien Memoriae populor. T. I. p. 38 — 390. Mannert der Nor⸗ den der Erde S. 170.

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Kriegeriſche Bewegungen der Gothen. 10³ der ſuͤdbaltiſchen Lande nicht ſelten von jenen blutigen Krie— gen wenigſtens in mittelbarer Weiſe beruͤhrt worden ſeyen. Oft mögen fie mit andern Sarmatiſchen Voͤlkern als Huͤlfs⸗ ſchaaren und Verbuͤndete ihre Streitwaffen gegen die Roͤmi⸗ ſchen Adler gerichtet haben, und Kaiſer Maximinus mochte wohl die Erfahrung ſchwerer Kaͤmpfe mit Voͤlkern bis an das Baltiſche Meer vor Augen haben, als er den Gedanken hegte, nur wenn er des Nordens entlegene Lande bis an das Geſtade der Oſtſee unter Roͤmiſches Gebot zwinge, werde das wankende Reich in Ruhe kommen ). Er ſchritt auch wirklich zum Werke und nicht ohne Gluͤck, aber ohne es zu vollenden ). So mögen in den Kriegen, welche des Ma⸗ riminus Nachfolger, Trajanus Decius, Gallus, Hoſtilianus und andere Kaifer uit Scythiſchen und Sarmatiſchen Voͤl⸗ kern zu beſtehen hatten, auch Huͤlfsheere aus Baltiſchen Laͤn⸗ dern mitgefochten haben. Gewiß iſt wenigſtens, daß zu des Kaiſers Gallus Zeit, ums Jahr 253 Schaaren von Finnen, Galindern und Venedern gegen den Caͤſar Voluſianus, des Gallus Sohn, als er gegen die Sarmaten ſtritt, mit in den Reihen feiner Feinde ſtanden, weshalb er ſich ſtolzruͤh⸗ mend auch den Beſieger der Vandalen, Finnen, Galinder und Veneder nannte. Goldene und ſilberne Denktmünzen ſollten bezeugen, daß der Caͤſar durch Bezaͤhmung dieſer Voͤlker von da her dem Reiche Friede und Ruhe erworben habe >). 1) Julius Capitolin. in vita Maxim. C. 13. 2) Julius Capitolin. l. c. Pacata Germania Syrmium venit, Sarmatis inferre bellum parans atque animo habens, concupiens usque ad Oceanum septentricnales partes in Romanam ditionem redigere; quod fecisset, si vixissct, ut Herodianus dicii Graecus scriptor. Herodian. L. VII. c. 2. Faillant Numismal. Imperator. Ro- man. T. II. p. 201. 3) Zosimus I.. I. c. 25 — 26 erwähnt dieſer Kriege, aber nur im Allgemeinen als gegen die Scythen. Näheren Aufſchluß geben uns die Münzen, die man in Faillant Numismat. Imperat. Roman. I. II. P. 337 und in deſſen Numismal. Imperat. Roman. in coloniis cusa P. II. p. 220 beſchrieven findet. Die Inſchrift der einen lautet: "Auro-

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104 Kriegerifhe Bewegungen der Gothen. Daß Voluſianus unter den Voͤlkern des Nordens, de⸗ ren Beſieger er ſich ruͤhmend nannte, weder der Gothen, noch der Gepiden erwaͤhnt, war nach der Umwandlung der Dinge, die in den Baltiſchen Gebieten erfolgt war, wohl ganz natuͤrlich; denn alles hatte ſchon vor ſeiner Zeit wie— derum eine andere Geſtalt gewonnen. Als unter den Gothen oſtwaͤrts von der Weichſel der Koͤnigsname viermal gewech⸗ ſelt und die Menge des Volkes fuͤr das Land abermals zu ſtark vermehrt war, erzeugte theils die Uebervoͤlkerung, theils die al- len Germaniſchen Voͤlkern damals eigene Wanderungsluſt, viel⸗ leicht auch das Verlangen nach ſuͤdlicheren Wohnſitzen, die dem Volke in den Kaͤmpfen mit den Roͤmern wohl leicht bekannt geworden und in dem wankenden Roͤmer-Reiche auch leicht gewonnen zu werden ſchienen, in dem fuͤnften Gothiſchen Könige Filimer den Gedanken, die Kuͤſtengebiete der Oſtſee wieder zu verlaſſen ). Mit einem großen Theile des Vol⸗ kes aufbrechend aus den alten Wohnſitzen, zog er durch das nunmehrige Polen und dann nach manchem beſtandenen Un— gluͤcke, wodurch der Gothen Zahl ſehr vermindert ward, in das Gebiet der Spalier, deren Ueberwindung ihm den Weg unter Kämpfen mit den Roͤmern ) bis an den Don und „grog Nico Teuòcdhοẽꝑe Dwviroo, Tormweıno;, Ovsvögvmo; Ovolovsuavo; Zeßasror. Eine andere hat die lateiniſche Inſchrift: Imperalori Caesari Vandalico Finnico, Galendico, Vendenico Vo- lusjano Augusto. Vgl. Erlaͤut. Preuſſ. Th. 5. S. 164 — 165 und Baczko B. I. S. 120. Jornand. c. 19. 1) Jornand. c. 4. giebt durch die Worte: Ibi vero magna populi numerosilate crescente die Uebervoͤlkerung als den Hauptgrund dieſer neuen Wanderung an, wiewohl nach Uphugen I. c. p. 492. wohl auch manche andere, oben angedeutete Urſachen dabei eingewirkt haben moͤ⸗ gen. Auch Paul. Warnefrid L. I. c. 1, der ebenfalls fein Nord⸗ Deutſchland als den Urſitz der Gothen anſieht, hebt die Uebervoͤlkerung als den wirkſamſten Grund hervor. Als auswandernde Voͤlker nennt er Gothi, Wandali, Rugi, Heroli et Turcilingi. Paul. Diacon. I. XII. p. 259. 2) Zosimus I.. I. c. 23. Gibbon Geſchichte des Verfalls des Roͤm. Reichs B. II. S. 120.

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Kriegeriſche Berührungen nordiſcher Völker. 105 Mäotid öffnete 9. — Auch das Volk der Gepiden verließ wieder ſeine fruͤher gewonnenen Wohnſitze in dem jetzigen Pommern, zog unter ſeines Koͤnigs Faſtida Fuͤhrung an dem Weichſel-Strome hinauf, kam dort um neue Wohnſitze in Streit mit feinen Stammgenoſſen, den Gothen ), und uͤbernahm dann erſt, von Dacien aus, ſeine wichtige Rolle in den Ereigniſſen der Weltgeſchichte. Wenn auch nicht zu erweiſen iſt, was alles bei ſolchen Bewegungen der Volker in den Gebieten der Oftfeeländer durch die Wanderung fortgezogen und was dagegen in den altgewohnten Sitzen zuruͤckgeblieben ſeyn mag, fo ſcheint doch ſo viel außer Zweifel, daß ein nicht unbedeutender Theil des Gothiſchen Volkes, da es ſich mit den Venedern im Laufe der Zeit ſchon ſehr verſchmolzen hatte, den alten, urheimatlichen Boden, auf welchem ſo lange ſchon die Vaͤ⸗ ter gewohnt und an den ſo manches andere Band den Ein⸗ zelnen feſſeln mochte, nicht verlaſſen und auch fernerhin mit den Venedern vermiſcht daſelbſt gewohnt habe. Aber nicht minder iſt gewiß, daß die Veneder theils ſchon bisher, ſo lange die Gothen uͤber ſie maͤchtig waren, theils auch fort und fort noch durch das Zuſammenleben mit den zurüde bleibenden Gothen vieles aus Gothiſcher Sitte und Lebens⸗ weiſe, Sprache und Gdtterverehrung in ihre Volkseigenthuͤm⸗ lichkeit aufgenommen und ſich angeeignet hatten, wodurch erklaͤrlich wird, daß fie fo vieles in Sitte und Brauch mit den Germanen gemein hatten ). Worin ſich ſolches am be— 1) Ueber den Wanderungszug vgl. Jornandes c. 4 Uphagen p. 493 — 494. Gibbon B. II. S. 116. Dieſer fest die Wanderung in den Zwiſchenraum zwiſchen den Antoninen und Alexander Severus, alfo zwiſchen die Jahre 180 u. 230; uphagen dagegen ins Jahr 122. Lucas David B. I. S. 13. erzählt nach Jornandes. Praetorius Orbis Gothicus p. 39. 2) Jornand. c. 17. Paul. Diacon. L. XIII. p. 267. Uphagen P. 507. Nach Procop. L. I. c. 2. p- 5 ed. Hugo Grot. hatten ſie die Städte Singidon (Szegedin) und Sirmium jenſeits der Donau an der Drave inne. Vgl. Mascou B. I. S. 456. 3) So wird die Stelle bei Procop. L. I. c. 2 deutlich, wo es

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106 Kriegeriſche Berührungen nordiſcher Völker. merkbarſten zeige, wird fpäter darzulegen Gelegenheit ſeyn; hier mag es hinreichen, nur auf die Zeit hingewieſen zu haben, in welcher dieſe Vermengung und Vermiſchung Go: thiſcher und Venediſcher Volkseigenthuͤmlichkeit vorging. Aber ſelbſt noch in der zweiten Hälfte des dritten Jahr⸗ hunderts, als in Rom die verwirrte Herrſchaft der dreißig Tyrannen auftrat und die barbariſchen Voͤlkerſtaͤmme mehr als je das alte, morſche Gebaͤude des Roͤmer-Reiches von allen Seiten zu ſtuͤrzen ſuchten, blieben die Voͤlker des Nor⸗ dens und, wie es ſcheint, auch die Bewohner Preuſſens von dem gewaltigen Sturme nicht unberührt, der die Na— tionen aller Laͤnder zu Kampf und Schlacht aufregte. Als daher der Kaiſer Gallienus die Gothen fuͤr ihre Raubzuͤge in Illyrien zuͤchtigte und hiedurch Scythiſche Voͤlker weit und breit gegen Roms Waffen aufgeſchreckt wurden ) und Regillianus, einer der dreißig Tyrannen, die Sarmaten befriegte?), da mögen wohl immer auch die ſtammverwandten Völker vom Baltiſchen Meere her in dieſe Kämpfe mit hin⸗ eingezogen worden ſeyn ). Aber auch hier wieder laſſen die heißt: Cotthicae nationes multiplices et olim fuere el nunc sunt. Maximae harum et mobilissimae sunt Gotthi proprium nomen ex tota gente adepli, Fandali, Misigolihi et Gepidae, quos vetu- stas Sauromatas et Melanchlaenos vocabat. Sunt et qui Getas eos dixere. Neque alio ii, praeterguam nomine, differunt, candidi corpore ones, comas rutili, proceri, pulchra facie, leges eaedem, nec Dei cultus discrepat — lingua una, Gotthica quac dicitur. UL- que ego existimo, ab una omnes origine e ducum sibi nonıinibus discrimina sumpsere. Paul. Diacon. L. XIII. p. 267. Cl. Aucior historiae miscellae IL. XIV. Suhm Dän. Geſchichte B. I. S. 96. 1) Trebelli:s Pollio vita Galieni c. 13: Omnes inde Seythas Martianus varia bellorum fortuna agitavit: quae omnes Seythas ad rebellionem excitarunt. Zosimus J.. I. c. 31. 32. 34. 37 erwähnt die⸗ fer Kriege gegen die Scythen unter Gallienus ſehr oft. Cl. Siritter Memor. populor. T. I. p. 4. 2) Trebellius Pollin vita Regilliani c. 10. 3) Luden Geſchichte d. deutſch. Volkes B. II. S. 104. Wohl iſt es moͤglich, daß ſich der Bund der Gothen ſchon bis in ihre uralten Sitze ausbreitete.

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Peuciner. Pruthunger. Withinger. 107 allgemeinen Voͤlkerbenennungen von Scythen und Sarma⸗ ten keinen Blick auf das Einzelne zu. 2 Um fo wichtiger iſt es, daß unter der gewaltigen Voͤl— kerſchaar von dreimalhundert und zwanzigtauſend Kriegern, die um das Jahr 269, als Aurelius Claudius Kaiſer war, gegen das Roͤmiſche Reich anſtuͤrmten, aus der großen Zahl, als Scythiſchen Stammes, die Peuciner, Pruthunger, Oſtro⸗ gothen, Withinger und Gepiden genannt werden, denn alle dieſe Namen, wenn wir uͤber einzelne auch nicht ganz ſicher find und Zeit und Irrthum wohl manchen von ihnen ver⸗ dorben haben moͤgen, wecken doch die Erinnerung an die alten Bewohner der Oſtſeegegenden von neuem wieder auf ). Die Peuciner ſind jene alten Nachbarn der Veneder, als dieſe noch zu des Tacitus Zeiten in ihren alten öfttichen Wohnſitzen ſaßen. Wie diefe nach Weſten, fo waren jene ſuͤdwaͤrts an die Muͤndungen der Donau gezogen und hat— ten ſich einer zwiſchen den Muͤndungen jenes Stromes lies genden Inſel bemaͤchtigt, die ſeitdem von ihnen den Namen Peuce ererbte. Sie waren mit Kelten vermiſcht, weshalb ſie auch faſt immer mit Keltiſchen Zweigen verbunden er⸗ ſcheinen 2). — Die Pruthunger ſind hoͤchſt wahrſcheinlich ein I) Trebellius Pollio vita Divi Claudiani c. 6 giebt uns dieſe wichtige Nachricht. Die Stelle heißt bei ihm nach der Ausgabe Lugdun. Batav. 1671 jo: Mi Goubi, qui evascrant co tempore, quo illos Macrianus est perseculus, quosque Claudius- emitti non siveral, ne quid fieret quod effectum est, omnes gentes suorum ad Romanas iucitaverunt praedas. Deniyuwe Scytharum diversi populi, Peucini, Trutungi, Austrogotthi, Virtingui, Sigipedes, Celtae etiam et He- ruli praedac cupiditate in Romanum solum et Rempublicam vene- runt, atque illie pleraque vastarunt, dum aliis occupatus est Clau- dius. Auch Zosimus I. I. c. 42 erwähnt dieſes Ereigniſſes, aber er fagt nur: Kart rere , rov xeösov Zxrudov ai agiler, &x Toy Teo).ußouriws Seeg SOοοοονν Egovrou; Kal vr RU * Tér doe Txpwhrjsovre; etc. 2 Mannert d. Norden der Erde S. 225 hält für wahrſcheinli⸗ cher, daß die Inſel von ihnen und nicht ſie von der Inſel den Namen erhalten. Wilhelm Germanien S. 92. Werſebe über Völker und Volker ⸗Buͤndniſſe S. 248. Radlof Unterſuch. des Keltenthums S. 179.

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108 Peuciner. Pruthunger. Withinger. Gothiſcher Zweig, der mit den Gothen einſt an den Ruͤſten der Oſtſee gewohnt, bei ihrer Wanderung aber ſich an ſie angeſchloſſen und ſuͤdlichere Wohnſitze eingenommen hatte 9. Mag man nun annehmen, daß ein Theil dieſes Gothiſchen Zweiges bei der Wanderung ſeiner Stammbruͤder in den Gegenden der Baltiſchen See zuruͤckgeblieben iſt, ſich fort und fort vergroͤßert und dann, was wohl ſehr unwahrſchein⸗ lich, ſeinen Namen als den gemeinſchaftlichen aller Bewoh⸗ ner des Landes vom Weichſel-Strome bis zum Pregel und weiter hinaus geltend gemacht hat, oder mag man dem Na= men Preuſſen einen ganz andern Urſprung geben 3: fo ifl doch unbeſtreitbar, daß dieſes Volk der Pruthunger einſt am Geſtade der Oſtſee geſeſſen habe und ein beſonderer Ne— benzweig der Gothen geweſen ſey. Auch ſchon die Verbin— dung mit den andern Voͤlkern, neben welchen es genannt wird, würde darauf hinweiſen; denn außer den Oftgothen, I) Trebellius Pollio hat zwar in der fo eben angezogenen Stelle den Namen Trutungi; allein dieſe Schreibart des Namens iſt ſicherlich nicht richtig, denn ein Volk dieſes Namens iſt voͤllig unbekannt und wird bei keinem einzigen Schriftſteller gefunden. Die Lesart Tutungri, welche Salmaſius anfuͤhrt und dabei au die Thuringi erinnert, ift ſehr willkuͤhrlich und wie kämen Thüringer in dieſe Oſtgegenden? Paſſender wäre wohl ohne Zweifel ſchon die Lesart Gruthungi, deren Salmaſius ebenfalls erwähnt und die Greuthungi des Ammian. Marcellin. L. XXVII. c. 3. und XXXI. c. 3 darin findet. Sie waren ein oſtgothi⸗ ſcher Zweig, Nachbarn der Alanen und wohnten in der Naͤhe des Ta⸗ nais (Dons). Aber wie kaͤme es, dürfte man fragen, daß Pollio außer den Oſtgothen (Austrogotthi) dem Hauptſtamme ſelbſt, auch noch des beſondern Zweiges, der Greuthunger erwaͤhnt? — Wir ziehen hier die Lesart Pruthungi vor, denn erſtlich nennt auch Zosimùs L. IV. c. 38 ganz deutlich ein Volk dieſes Namens, indem er ſagt: 20 TI Cu- du versg Tav lergen SS rr. MDD Ti; EE“ vopu- ow. "Exadorv de Lees Gbr 0 Sec Gel GI. Dieſe Prothingi find offenbar keine anderen als Pollio's Pruthungi, wenn wir dieſe Lesart annehmen; wichtig iſt aber zweitens zur Beſtätigung dieſer Meinung, daß ſie zugleich mit den Withingern genannt werden, von welchen das naͤhere in der folgenden Anmerkung. 2) Wie ſpaͤterhin gezeigt werden ſoll.

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Peuciner. Prutbunger Withinger. 109 die nach ſicheren Beweiſen aus den Weichſel-Landen nach Suͤdoſten gewandert waren, iſt ganz vorzuͤglich die Erwäh- nung der Withinger von großer Wichtigkeit. Wir wiſſen aus ſicherer Quelle, daß dieſe Withinger, keine andern als Gothen, aus Skandien ſtammten ) und daß ſie bei jener Wanderung ſich getheilt haben, ein Theil des Volkes dort zuruͤckblieb, ein anderer Haufen aber nach der ſuͤdbaltiſchen Kuͤſte uͤberſetzte, eine bedeutende Landſtrecke am Friſchen Haff bin zum Wohnſitz erwarb und dort in ſeinen Nachkommen auch in ſpaͤtern Zeiten noch unter dem naͤmlichen Namen wieder hervortritt 2). Es iſt daher auch keinem Zweifel un- terworfen, daß auch dieſe Withinger, die jetzt mit Pruthun— gern, Oſtgothen und Gepiden vereinigt Roms Herrſchaft in fo große Gefahr ſetzten, ein Zweig jener Withinger in Preuſ— fen und in Skandien waren ). Kaiſer Claudius begegnete 1) In Skandinavien erſcheint der dort gebliebene Reſt des Volkes vorzüglich nur als Sceräuber. Adam. Bremens. dle situ Daniae c. 212. fagt: Lundonae in Sconia aurum est plurimum, quod raptu congeritur piratico: ipsi enim piratae, quos illi PF7ihingos appel lant, nostii Ascomannos, regi Danico tributwn solvant, ut liceat eis praedam exereere a barbaris. Daß dieſe Ascomannen oder bie Withinge noch fpäterbin ein bedeutendes Volk bildeten, erhellt daraus, daß fie in einer Schaar von 20,000 auftraten und verheerende Einfälle in Sachſen wagten; ſ. Adam. Bremens. Histor. Eceles. c. 73 — 74. Sidonius Apollinaris VII. nennt Vithungos; dieſes find offenbar keine anderen als Withinge. Ueber ihre nordiſche Herſtammung iſt zu vers gleichen Porstan. Chorographica Daniae descriptio p. 653. Bayer de Varagis, in opuse. p. 359 — 360, Wir werden ſelbſt noch öfter Ger legenheit haben, von dieſen Withingern zu fprechen. 2) S. meine Abhandlung uͤber die alten Withinge in Samland in der Geſchichte der Eidechſen-Geſellſchaft in Preuſſen S. 204. 3) Trebellius Pollio hat zwar im gewoͤhnlichen Text den Namen Virtingui. Daß aber dieſe Schreibart des Namens nicht richtig ſey, haben ſchon Salmaſius und Caſaubonus gefühlt. Jener Hält fie ganz richtig für die Vichungi des Sidonius Apollinaris und dieſer ſcheint die Lesart Viuingui vorzuziehen. Beide ſtellen fie mit den Juthungi zuſammen, welche Ammian. Marcellin. L. XVII. c. 6 aber zu einem Zweige der Alemannen macht. Aurelius Victor Caes. c. 35 nennt ſie indeſſen ebenfalls Vithungi. Vgl. Reichard S. 152 Mannert

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110 Dunkele Zeit im Norden. dem großen Sturme, der dem Reiche durch dieſe Voͤlker drohte, mit entſchloſſenem Geiſte und maͤnnlicher Tapferkeit. Die gewaltige Schlacht bei Naiſſus in Dardanien, welche der ſiegreiche Kaiſer gegen ſie ſchlug, warf die ſtuͤrmenden Voͤlker wieder zuruͤck und brachte ihm den gerechten Namen des Gothiſchen. Es war ſeine ruhmvollſte und groͤßte, aber auch die letzte That, die er zu des Reiches Rettung voll⸗ brachte ). Nach dieſen Zeiten aber hoͤren wir im dritten bis in die Mitte des vierten Jahrhunderts faſt keinen einzigen Laut mehr, der auf die Geſchichte der Bewohner Preuſſens auch nur mit einiger Klarheit hinwieſe. Vieles wird allerdings erzaͤhlt von Kriegen gegen die Sarmaten, die unter den Kaiſern Aurelianus und Probus gefuͤhrt, von Kaͤmpfen ge⸗ gen die Gothen, Alanen, Roxolanen und andere Voͤl⸗ ker und von prachtvollen Triumphen ), mit denen die Kaiſer ihre Namen im weiten Reiche zu verherrlichen und das ſchauluſtige Volk in Rom über die Beſiegung je- ner Voͤlker oftmals zu taͤuſchen wußten ): Schaaren der ſeltenen Thiere aus dem Norden und große Haufen gefan⸗ gener Gothen, Vandalen und Sarmaten mußten als Zeu⸗ gen dienen von der Ueberwindung der entlegenſten Feinde des Reiches; wir hoͤren, daß dieſe Kriege gegen Sarmati⸗ ſche Voͤlkerſchaften auch noch zur Zeit der Kaiſer Diocletia— nus und Conſtantinus des Großen ohne Unterlaß fortge⸗ ſetzt wurden); die Geſchichte berichtet ferner zwar auch von Heereszuͤgen und Kaͤmpfen, die von Roͤmiſchen Legionen Germanien S. 296. Pontanus l. c. p. 693. Luden a. a. O. B. II. S. 543 iſt übrigens über alle dieſe Voͤlker-⸗Namen ganz anderer Mei: nung. 1) Gibbon B. II. S. 217 — 220. Cuden a. a. O. B. II. S. 107. 2) Vgl. Luden a. a. O. S. 118 ff. 3) Flad. Lopiscus vita Aureliani c. 18. 30. 33; vita Probi c. 11. 16. 21. Uphagen p. 509. 4) Vgl. Stritter Memor. populor. T. IV. p. 307 — 524. Paul. Diacon, L. X. p. 249. Luden a. a. O. B. II. S. 133. ff.

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Dunkele Zeit im Norden. 111 gegen die Seythen unternommen wurden ); allein fo viel ſich in dieſer verwirrten Zeit erkennen laͤßt, ſind es alles mehr ſuͤdoͤſtliche Völker, die hier unter dieſen allgemeinen Benennungen begriffen werden, und es wird kein Zweig un⸗ ter ihnen hervorgehoben, der nur irgend an die Anwohner des Baltiſchen Meeres erinnern koͤnnte. Mag es nun ſeyn, daß die Geſchichte deshalb ſo lange Zeit nichts uͤber die Bewohner Preuſſens zu berichten weiß, weil vielleicht nichts unter ihnen geſchah, was der Aufzeich— nung werth ſchien, da ſie in Ruhe und Friede hinlebten, oder mag ihr langes Schweigen daher zu erklaͤren ſeyn, daß es keine Geſchichtſchreiber mehr gab, die über Italiens Haus und Heerd hinwegſehend und uͤber die Verwirrung und den Jammer der Zeiten erhaben, wie einſt Tacitus, das Leben der Voͤlker im fernen Norden zu beobachten und als Lehre und Warnung zu beſchreiben bemuͤht waren; — gewiß iſt wenigſtens, daß die Gebiete der Oſtſee in der Mitte des vierten Jahrhunderts den Roͤmern weit unbekann⸗ ter geworden waren, als in den Tagen des Tacitus und Ptolemaͤus oder in den Zeiten des blühenden Bernſteinhan⸗ dels unter den Antoninen. So weiß Ammianus Marcel⸗ linus um dieſe Zeit nur nothduͤrftig die Biſula als Weich⸗ ſel und den Chronus als Pregel zu nennen; ſeine Unkunde ſetzt an die Uferlande dieſer Ströme das Volk der Arym⸗ phaͤen e), wahrſcheinlich Herodots Argippaͤen, die bei weitem tiefer hinein in den Oſten oder nach Norden gehören ). Er 1) Stritier l. ce T. IV. p. 536 — 538. Von Conſtantin erzählt Paul. Diacon. L. X. p. 251: Etiam Gothos, fortissimas gentes et copiosissimas post civile bellum in illo barbaricissimo solo, hoc est, in Sarmatarum regione varie profligavit, pace his ad postremum data, ingentemque apud barbaras gentes memoriac gratiam collo- cavit. 5 2) Ammian. Marcellin. L. XXII. c. 8: Ergo in ipso huius compagis exordio, ubi Riphaei deficiunt montes, habitant Arym- Phaei, justi homines, placiditateque cogniti, quos amnes Chronius et Bisula praeterfluunt. 3) Mannert d. Norden der Erde S. 346.

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112 Dunkele Zeit im Norden. erwaͤhnt weder des Bernſteins, noch des Handels mit die⸗ ſem Erzeugniſſe, noch des Volkes, welches im Bernftein- lande wohnte, noch der andern in ſeiner Naͤhe liegenden Voͤlkerzweige. 0 Je ſparſamer aber die Nachrichten ſind, die uns uͤber die Beruͤhrungen der Bewohner Preuſſens mit andern Voͤl⸗ kern uͤberliefert worden, um ſo mehr erregen unſere Auf— merkſamkeit die nicht unbedeutenden Veraͤnderungen, welche in dieſen und den nachfolgenden Zeiten die Geſtalt der Dinge im Innern des Landes merklich umwandelten; denn der Ab: zug jenes großen Theiles des Gothiſchen Volkes aus den Baltiſchen Kuͤſtenlaͤndern und der Gepiden aus den alten Wohnſitzen der Burgundionen im Weſten der Weichſel hatte fuͤr die Geſtaltung der Voͤlkerſitze manche wichtige Folge. Das Volk der Veneder, welches ſich ſchon vor Zeiten in die Wohnſitze der Gothen bis gegen die Weichſel vorge— drängt hatte, war ohne Zweifel nur ein Zweig eines gro- ßen Stammes, der ſich weit uͤber die Laͤnder des Nordens ausgebreitet hatte. Winider oder Wenden war die allge— meine Bezeichnung fuͤr dieſen großen, weit verzweigten Volks⸗ ſtamm ), aus welchem um dieſe Zeit als zwei Hauptzweige die Slaviner oder Slaven und die Anten hervortreten. In dieſen beiden Hauptzweigen und manchen andern Neben— zweigen umfaßte das Volk der Winider oder Wenden den groͤßten Theil der nordoͤſtlichen Laͤnder, indem der große Zweig der Slaviner feinen Hauptſitz in Polen, vom Dnie- ſter an noͤrdlich über den Karpathen und den neuen Wohn- ſitzen der Gepiden, gegen Weſten hin bis an die Quelle der Weichſel und im Norden hinauf bis an die Drewenz hatte, der andere große Zweig aber, die Anten, in Ruß land oͤſtlich von den Slavinern vom Dnieſter an bis zum Tanais in einer Lange von vielen Tagreiſen verbreitet war 2). 1) „Winidarum natio populosa“ Jornand. c. 5. 2) Jornand. c. 5. ift hierüber die Hauptquelle. Vgl. Mannert d. Norden der Erde. S. 174— 175. Werfebe über die Völker und Voͤlker⸗Buͤndniſſe des alten Deutſchl. S. 250.

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Veneder. Staven. Slaviſche Wanderungen. 113 Wie in dieſen Ländern, fo verwandelte ſich bald auch in Preuſ— ſen, in den Wohnſitzen der Veneder, durch die Wanderun⸗ gen der Stammgenoſſen dieſes Volkes ) die Geftalt der Dinge in aller Weiſe; denn die Bewegungen der großen Voͤlkermaſſen im ſuͤdlichen, wie im oͤſtlichen Europa wirk— ten in ihren Folgen bis an die Kuͤſten der Oſtſee herauf. Und ſolche Bewegungen ereigneten ſich in dieſen Zeiten im Süden, wie im Oſten der Baltiſchen Gebiete. Slaviſche Voͤlkerſchaaren, die ſich früherhin vom Norden hinab gegen Dacien, Pannonien und Kaͤrnthen verbreitet hatten, kehr— ten von dieſen ſuͤdlichen Wohnſitzen wiederum nach dem Norden, nach Polen, Pommern und in die Weichſellaͤnder zuruͤck und erweiterten in ſolcher Art die Sitze des ſtamm— verwandten Volkes 2). Anderer Seits aber draͤngten auch ſchon tief im Oſten Voͤlker auf Voͤlker in Wanderungszuͤgen nach Weſten hin und das eine ſetzte das andere in Bewe— gung. Zunaͤchſt lag hinter den Venedern oder Wenden im Oſten das aus Afien ausgewanderte tapfere Nomadenvolk der Acaziren, bekannt unter dem Namen der Chaziren oder Chazaren 3), die für Viehweide und Jagdluſt immer groͤße⸗ 1) Daß die Veneder — gegen Tacitus — nicht Germaniſchen Urs ſprungs, ſondern Stammverwandte oder ein Zweig der Winider ſind, beftätigt um dieſe Zeit auch Jornandes; denn c. 5 ſagt er: Quorum (se. Winidarum) nomina licet nunc per varias familias ei loca mu- tentur, principaliter tamen Sclavini et Antes nominantur, u. c. 23 beſtimmt er dieſes näher, indem er ſagt: III (sc. Veneti) ut initio ex- positionis vel calalogo gentis dicere coepimus, ab una stirpe exorli, Ira nunc nomiua reddidere, id est, Veneti, Antes, Slavi. Procop. I. m. p. 338 — 339 ed. IIugo Grot. 2) Fine. Kadlubeck Ilistor. Polon. I. I. ep. 2., über welche Stelle Ossolinshi Vincent Kadlubeck S. 34 — 36 nachzuleſen iſt. Auch J And. c. 5 fagt: Ab orlu Vistulae Fluminis per immensa spaci- venit, WVinidarum nalio populosa consedil. 3) Bei Jornand. c. 5 heißt es: Quihus (sc. Estis) in austro adsedit gens Agazzirorum forlissima, frugum ignara, quae pecori- bus et venationibus victital. Anonym. Geogr. Ravennas I. IV. p. 134. Thunmann a. a. O. S. 28. 1. 8

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114 Die Vidivarier. rer Strecken bedurften und mit vermehrter Volksmenge auch ihre Graͤnzen immer weiter hinausruͤckten. Unter ſolchen Bewegungen der Voͤlker und in dieſem Draͤngen und Treiben rings um die Wohnſitze der Aeſtyer, Veneder und Gothen, in welchem auch in dieſen Beſorg— niſſe um die Sicherheit der alten Heimath erwachen muß⸗ ten, mag eine Erſcheinung ihren Urſprung gefunden haben, die uns in den Gegenden in der Naͤhe der Weichſel-Muͤn⸗ dungen entgegentritt und ſchon deshalb auch um ſo merk— wuͤrdiger iſt, weil ſie ganz aus dem Weſen und dem Leben Germaniſcher Volkseigenthuͤmlichkeit hervorgegangen zu ſeyn ſcheint. Dieſes ſind die Vidivarier oder Widi-varer. Waͤh⸗ rend die Geſchichte kaum nur einen matten Blick auf das Land oſtwaͤrts von der Weichfel zuläßt, treten fie gerade am hellſten hervor und erregten die Aufmerkſamkeit des Ge- ſchichtſchreibers. Schon dieſes dürfte vermuthen laſſen, dieſe Erſcheinung muͤſſe eine Bedeutung haben, die keineswegs zu den gewöhnlichen gehoͤrt. Jornandes naͤmlich berichtet: am Ufer des Meeres, wo in drei Muͤndungen die Gewaͤſ— fer des Weichſel⸗Stromes fi in die See ergießen, alſo in den Weichſel⸗Werdern, in denen früher die Gepiden hau⸗ ſeten, liege das Volk der Vidivarier ), aus verſchiedenen Nationen beſtehend, wie in einem Zufluchtsort verſammelt, doch in fich ein eigenes Volk bildend ?). Ueber die Wohn⸗ 1) Jornand. de reb. Getic. bleibt ſich in der Benennung entweder nicht gleich, oder die Stellen ſind bei ihm verdorben. C. 5. nennt er das Volk Vidioarii; c. 17 dagegen Vividarii, gens Vividaria. So hat wenigſtens die Ausgabe von Hugo Grotius. Schon Thun, mann a. a. O. S. 34 fand in andern Ausgaben c. 5 ſtatt Vidioarii die beſſere Lesart Vidivarü, und vermuthete mit Recht in der zweiten Stelle c. 17 nur eine Verſetzung der Buchſtaben d u. , fo daß es auch hier gens Vidivarıa und Vidivarii heißen muͤſſe. 2) Die beiden merkwuͤrdigen Stellen heißen bei Jornand. de reb. Gelic. c. 5 fo: Ad litus Oceani, ubi tribus faucibus fluenta Vistu- lae ebibuntur, Vidioarii (al. Vidivarii) resident, ex diversis natio- nibus aggregati. Post quos ripam Occani item Aeslii tenent, pa- catum hominum genus onmmino; — c. 17. Gepidae commanebant

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Die Vidivarier. 115 ſitze dieſer Vidivarier waltet demnach kein Zweifel ob, denn auf die Weichſel-Werder wird aufs beſtimmteſte hingewie⸗ fen. Im Norden reichten fie bis an die See und umfaß⸗ ten dort die Gegenden der drei Weichſelarme. Wie weit ſie ſich damals nach Oſten hin erſtreckten, bleibt unbeſtimmt, wiewohl es ſcheint, als habe der Gothiſche Geſchichtſchreiber ſie bis an die Gebiete der Aeſtier ausgedehnt. Wichtiger iſt uns die Frage uͤber den Namen, die Abſtammung und die Beſtimmung dieſes Vidivarier-Volkes. Der Name deu⸗ tet aber offenbar ſchon von ſelbſt auf ihre Abſtammung hin. Der weſentlichſte Theil der Vidivarier war unſtreitig aus Gothiſchem Blute entſproſſen, denn Viden, Viten oder Withen iſt eine alte Bezeichnung fuͤr den Namen Gothen, die ſich auch uͤberall da wieder findet, wo Gothen ihre Wohnſitze fanden ). Sie war ſicherlich ſchon vorhanden, als die Go⸗ then noch in den nordbaltiſchen Gebieten ſaßen und erhielt ſich in Skandinavien auch noch in ſpaͤterer Zeit ). Daher in insula Visclae amnis vadis circumacla, quam pro palrio sermonc dicebant Gepidos. Nunc eam, ut fertur, insulam gens Vividaria (— Vidixaria —) incolit, ipsis ad meliores terras meantibus. Qui Vividarii ( Vidivarii —) ex diversis nationibus acsi in unum asy- Aum collecti sunt et gentem fecisse noscuntur. 1) Pontanus Chorographica Daniae descriptio p. 653. Hugo Grotius histor. Gothor. p. 602 erklärt Widin für gleichbedeutend mit WVydwin late victor. Aber wir bedürfen kaum einer ſolchen Etymologie. Der Name der Gothen wechſelte von jeher ſo mannichfaltig in den For⸗ men Gothon, Gothin, Gothun, Gutton, Gython, Geten, Juͤten u. |. ws, daß wir den Uebergang in die Form Withen und Widen wohl nicht weit zu ſuchen haben. 2 Die Daniſchen Gothen heißen noch am Ende des 7ten Sahrhun: derts Viten; denn Beda Fenerabilis Histor. eceles. L. I. c. 15 ſagt: Angli de illa sunt patria, quae Anglus dieitur et ab eo lempore usque manere deserta inter provincias FRarum et Saxonum per- hibetur. Daß Beda unter dieſen Viten wirklich Gothen meint, beweifet eine andere Stelle, wo es heißt: Anglia velus sila est inter Saxoncs et Giotos. Ferner ſagt er: De Vitarum origine sunt Canlaurii et Vectaurii, hoc est, ea gens, quae Vectam tenct insulam, el ea quae usque hodie in provincia occidenſalium Saxonum Fitarum 8 *

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116 Die Vidivarier. hießen auch dort bie Gebiete, wo ſolche Withen oder Go— then wohnten, hie und da die Withlande oder Vitlande ). Dieſelbige Benennung findet ſich auch in Preuſſen, da wo ſich Gothiſches Volk niedergelaſſen und verbreitet hatte; auch hier treffen wir wiederum auf ein Withland, ein Land der Withen oder Gothen ). Der naͤmliche Name erſcheint ſelbſt auch noch in verſchiedenen Geſtalten in der Geſchichte der Gothen, die von der Oſtſee aus in ſuͤdoͤſtliche und ſuͤdliche Gegenden eingewandert waren ). Hienach duͤrfte es alſo natio nominalur, posita contra ipsam insulam Vectam. Ecard de orig. German. p. 99. 1) In der Historia gentis Danor. Erici Danor. Regis ap. Lin- denbrog Script. Septemtr. p. 262 heißt es: Dan Filius Humblae de Suecia veniens regnavit super Syalandiam, Onen, Falster et Laland, cuius regnum dicebatur WVithesletb. XVithesleth iſt fo viel als Feld, Gebiet, Land der Withen. Juͤtland, wo erweislich Gothen ſaßen, hieß bis tief ins Mittelalter hinein oft Vitland oder Vidland. Schon Procop. L. IV. p. 467. c. 20 ſoll nach Thunmann S. 38 mit feinem Brittia darauf hinweiſen; doch ſcheint uns die Aenderung in Bittia oder WV ittia allerdings zu kuͤhn. Dagegen ſagt Annalista Saxo ad ann. 952 ganz klar: Kodem tempore Daniam cistnarinam, yuarm Viliand incolae appellant, Rex Otto subjiciens. Bald nachher nennt er wieder Funen et Vidland neben einander. Auch noch in einer Ur⸗ kunde des 14ten Jahrhunderts (in Mesipliulin Script. rer. German. T. III. p. 362) wird Jütland Vithlandia genannt. Vgl. auch Thun: mann a. a. O. S. 37 — 38. 2) ueber das Withland in Preuſſen iſt ſchon mehres in meiner Ab⸗ handlung über die Withinge in der Geſchichte der Eidechſen-Geſellſchaft gefagt worden. Doch hat ſich beim weitern Forſchen meine Anſicht über dieſen Gegenſtand in vielem veraͤndert, wie aus dieſer ganzen Darſtel⸗ lung der Sache hervorgehen wird. 3) Der Anonym. Geogr. Ravenmas L. I. p.- 26 cd Porcher. fagt ganz beſtimmt, daß aus dem Scythenlande Viten nach Süden hin⸗ abgezogen ſeyen: Sexta ut hora noctis Scytharum est palria, unde Sclavinorum exorta est prosapia. Sed et Vites ei Chymabes ex illix egressi sunt. Hier verdienen aber auch Gothiſche Namen, befon= ders die Koͤnigsnamen eine vorzuͤgliche Beruͤckſichtigung. Wie der Name Amalarich auf das Geſchlecht der Amaler hinzielt und die meiſten Go⸗ thiſchen Koͤnigsnamen ihre beſtimmte Bedeutung haben (vgl. Barth Urgeſchichte B. II. S. 369), fo liegt auch offenbar in den Namen Vi- *

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Die Vidivatier. 117 wohl keinem Zweifel unterliegen, daß Withen, Gothen und folglich alte Bewohner der ſuͤdbaltiſchen Kuͤſtengegend in der Naͤhe der Weichſel ſind. Jornandes aber nennt uns als Anwohner des Weichſel⸗ Stromes nicht Withen oder Viten, ſondern Vidivarier, und dieſer Name bringt uns nun der Frage über die Beſtim⸗ mung und die Bedeutung dieſes Volkes näher. Man hat in vergangenen Zeiten über die Erklärung und über die Bildung dieſes Voͤlkernamens viel geſtritten und im Streite bald dieſes, bald jenes in ihm angedeutet gefunden ). Bli⸗ cken wir aber auf Deutſchlands aͤltere Voͤlkergeſchichte hin, ſo finden wir eine Reihe von Voͤlkernamen, die in demfel- bigen Verhaͤltniſſe zu einander zu ſtehen ſcheinen, wie die Namen Withen oder Viden und Vidivarier; es begegnen uns Brukterer und Bruktuarier, Chatten und Chattuarier, Bojer und Bojuvarier; auf ähnliche Verhältniffe deuten auch die Namen Angrivarier, Ampſivarier und einige andere hin. So verſchieden auch die Erklaͤrungen dieſer Namen in ges lehrten Unterſuchungen ausgefallen ſind ), ſo ſpricht doch fuͤr keine groͤßere Wahrſcheinlichkeit, als daß es bei mehren deut⸗ ſchen Voͤlkern Gewohnheit geweſen ſey, gegen bedrohte Theile ihres Landes Kriegswehren aufzuſtellen, die nach dem Volke tlimir‘, Videricus, Vitiges, Widicula, Withgar u. d. eine Hinwei⸗ fung auf das Volk der Viten oder Withen. 1) So leitet Cluver- German. antiqua p. 640 und mit ihm Kecard de orig. Germ. p. 99 den Namen geradezu von den Werdern her, und meint, es muͤſſe im Jornand. Viridarii und Viridaria geleſen werden; lenes ſeyen die Werderer und dieſes die Werder. Eben ſo Hartknoch im A. u. N. Pr. S. 34. Uphagen p. 513 und Thunmann a. a. O. hegten beide die nämliche Anſicht der Sache, indem fie meinten, die . Vidivarier ſeyen die Ueberbleibſel der weggewanderten Gothen; das be⸗ deute die Endigung varii. In die ebenfalls von einem Gelehrten ge: äußerte Vermuthung, daß Vinidarii zu leſen und die Winider oder Ve⸗ neder darunter zu verſtehen ſeyen, wird wohl keiner, der den Jornand. auch nur anſieht, leicht eingehen. Vgl. Acta Socictalis Jablonoxianae de Slavis, Venedis, Antis etc. p. 14. 2) Bol. z. B. Barth urgeſchichte B. II. S. 202. Adelun aͤl⸗ teſte Geſchichte der Deutſchen S. 211.

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118 Die Vidivarier. oder nach der Gegend benannt worden ſeyen, wider welche oder auch fuͤr welche ihnen die Vertheidigung zunaͤchſt ob⸗ lag ); daß es alſo Markmanneien gegeben habe, die unter dem Namen von Wehren an der Landesgraͤnze zu Schutz und Hut ſtanden. Wie demnach Chatt-Varier die Wehren gegen die Chat⸗ ten, Bojo-Varier die Wehren der Bojer, Bruct-Varier die Wehren der Bructerer, Ampſi-Varier die Wehren gegen die Ems bedeuten moͤchten 2), ſo bildeten wahrſcheinlich die Vidi⸗Varier die Landes-Wehre oder die Markmannei der Biden oder Gothen und der Name wuͤrde alſo fo viel hei— ßen, als Widen- oder Withen-Wehrer, eine durch die Wi⸗ then zur Vertheidigung ihrer Graͤnze nach Weſten am Weich⸗ ſel-Strome aufgeſtellte Wehrmannei ). Für dieſe Meinung aber bietet der Gothiſche Geſchichtſchreiber zu ihrer Beſtaͤti⸗ gung noch manche nicht unwichtige Gründe dar. Zum er⸗ ſten verdient ſchon feine Beſtimmung der Wohnſitze der Bis divarier an der Weichſel, dem Graͤnzſtrome des Landes, auch in dieſer Hinſicht Aufmerkſamkeit; dort konnten ſie die Landesgraͤnze gegen die herandraͤngenden Slaven am beſten bewehren und bewachen; dort hatten die Gothen ſogleich bei ihrer Einwanderung ins Land die Wehrburg Gothiscanzia errichtet“); in ihr bildeten die Vidivarier hoͤchſt wahrſcheinlich die vertheidigende Beſatzung, und reichten ihre Wohnſitze, wie Jornandes andeutet, bis an die Gebiete der Aeſtyer, ſo ſcheinen ſie die Wehrmannen der Burgen geweſen zu ſeyn, welche die Gothen, wie wir fruͤher ſahen, laͤngs dem Fri⸗ . 1) So erklärt Luden Geſchichte des deutſ. Volkes B. I. S. 466 und 713. die Namen. 2) Vgl. Luden a. a. O. J Wer dieſe Anſicht noch gerne durch Etymologie geſtuͤtzt ſehen möchte, dürfte allerdings wohl in dem Varii das deutſche Wehr oder Wehrer erkennen, oder er koͤnnte an das Gothiſche wair; der Mann, im Ulphilas Math. VII. 24. Luc. VII. 20, an das Angelſaͤchſiſche wer, und an das Sanscritiſche vira ſtark, tapfer, denken. 4) Jorrand. c. 4.

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Die Vidivarier. 119 ſchen Haff hin erbaut hatten. Zum andern waren die Bi: divarier ohne Zweifel die tapferſten Maͤnner des Landes; wenigſtens giebt ihnen Jornandes den Vorrang ſowohl vor den Venedern, als vor den Aeſtyern, indem er jene als in den Waffen unerfahren und nur durch ihre Menge mächtig ), dieſe als ein ruhiges und friedſames Volk “ ſchildert. Die Geſchichte der naͤchſten Jahrhunderte wird uns auch zeigen, daß es vor allem dieſe Vidivarier waren, die mit den Nach⸗ barn manchen harten Kampf mit ruͤſtigem Muthe unter if- rem Kriegshaupte beſtanden ). Zum dritten ſcheint in des Jornandes Erzählung von einer abſichtlichen Verſetzung der Vidivarier an die Ufer der Weichſel und von einer Ausleſe oder Zuſammenſetzung ihrer Zahl aus mehren andern Voͤl⸗ kern die Rede zu ſeyn; denn er ſagt ausdruͤcklich, ſie ſeyen dort wie in einem Zufluchtsorte verſammelt worden und haͤtten aus verſchiedenen Voͤlkern beſtanden ). Dieſe Voͤlker aber moͤchten wohl ſchwerlich andere als Veneder, Aeſtyer, Galinder und die nahen Rugier geweſen ſeyn. Aus ihnen waren, wie es ſcheint, die Tapferſten und Mannhafteſten auserwaͤhlt und zur gemeinſamen Wehr und Vertheidigung an die weſtliche Graͤnze und in die Schutzburgen des Lan⸗ 1) „Armis disperiü, sed numerositate pollentes“, Jornand. c. W. 2) „Pacatunı hominum genus omnino“, Jornand. c. 5. 3) Von der Tapferkeit der Gothen ſagt Jornand. c. 5: Adeo ſuere laudati Getac, ut dudum Martem- apud eos fuisse dicant exortum. 4) Dürfen wir auch bei Jornandes an keine ſolche Buͤndigkeit und ausgewählte Beſtimmtheit des Ausdrucks denken, wie bei Tacitus, fo find bei ihm die Worte: Vidivarii ex diversis nationibus acsi in unum asylum collecli sunt und ex diversis nalionibus aggregun, doch gewiß nicht ohne Abſicht gewaͤhlt. Wenn man bei dem Ausdrucke asylum nicht an Schußgewährung oder an den Ort denken will, woher Schutz kommt, welcher Schutz gewährt — was hier auch eine Bezie⸗ hung haben konnte —, fo dürfte anzunehmen ſeyn, Jornandes habe die Localität der Weichſelarme, zwiſchen welchen die Vidivarier zum Theil lagen, damit bezeichnen wollen. Uebrigens iſt gewiß, daß Jornan⸗ des die Bedeutung der Vidivarier nicht genau kannte und nur nach Hörenſagen das Gegebene niederſchrieb.

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120 Hermanrichs Herrſchaft im Norden. des verlegt worden. Gothen oder Viden mochten immer den Kern bilden und darum auch der Wehrmannei den Na⸗ men geben. Vielleicht war es dieſe tapfere Wehrmannſchaft der Vi⸗ den geweſen, die lange Zeit dem Lande Ruhe und Friede geſichert hatte. Aber es brach bald ein Sturm herein, dem auch ſie in keiner Weiſe gewachſen war. Waͤhrend die ent⸗ nervten Roͤmer lange nur bedacht ſeyn mußten, gegen die anſtuͤrmenden Germaniſchen Voͤlkerhorden ihre Graͤnzen und ihre naͤchſten Provinzen zu vertheidigen und in ben nöthis gen Schutz zu ſtellen, war im Oſten am ſchwarzen Meere das maͤchtige Reich der Oſtgothen auferſtanden und unter König Hermanrich durch Schlacht und Sieg uͤber nahe und ferne Voͤlker erweitert worden. Kampf und Eroberung hat⸗ ten dieſes Reich um die Mitte des vierten Jahrhunderts auch gegen den Norden herauf immer weiter und weiter ausgedehnt, un dals nun auch das ſtarke und ſtolze Volk der Heruler ) in einer großen Schlacht uͤberwaͤltiget und die dazwiſchen liegenden Zweige Sarmatiſchen Stammes der Herrſchaft des Siegreichen unterworfen waren, ſtießen die Graͤnzen feines maͤchtigen Reiches ſchon an die Gebiete der Veneder im oͤſtlichen Preuſſen 2). Auch hier hatte die Natur keine Graͤnzen gezeichnet, welche Hermanrichs Ero— berungsluſt Stillſtand hätten gebieten koͤnnen. Er wandte ſeine Waſſen auch gegen die Veneder. Nicht ſowohl Uebung und Erfahrung in der Waffenfuͤhrung, als vielmehr die reiche Menſchenzahl, die das Land vertheidigen konnte, gab dieſem Volke Vertrauen und Muth zum Widerſtand gegen den mächtigen und kriegeriſchen Gothen-Koͤnig. Da dieſer aber der großen Volkszahl der Veneder eine gleich ſtarke Kriegsmacht entgegenftellen konnte, fo gab für ihn die groͤ⸗ ßere Kriegskunſt und Waffenuͤbung feiner Heere die Ent⸗ 1) „Gens quanto velox, eo amplius superbissima “ Jornand. c. 23. Daneben ſagt freilich auch Procop. L. II. p. 259: Ilerulis vix reperias aut stolidiores aut leviores alios. 2) Jornand. c. 23. Werſebe, S. 263.

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Hermanrichs Herrſchaft im Norden. 121 ſcheidung im Siege. Sofort drang nach der Veneder Bes zwingung der große Koͤnig auch in das Gebiet der Aeſtier am aͤußerſten Geſtade des Germaniſchen Oceans. Das alte ſtammverwandte Volk und mit ihm, wie es ſcheint, auch das Vidivarier-Volk untergab ſich ſeiner Herrſchaft mehr freiwillig und mehr durch Hermanrichs kluge Mittel ge— wonnen, als durch die Macht der Waffen bezwungen ). In ſolcher Weiſe waren die Voͤlker in den Kuͤſtenge⸗ bieten des Baltiſchen Meeres oſtwaͤrts von der Weichfel unter die Herrſchaft des Oſtgothiſchen Koͤnigs gekommen. Aber es iſt völlig unbekannt, in welchen Verhaͤltniſſen fie unter dieſer Herrſchaft gelebt und wie weit ihre Freiheit durch des Siegers Macht erdruͤckt geweſen. Doch iſt zu vermuthen, daß die weite Entfernung des Gebieters dem freien Leben der Völker noch hinlängliche Beweglichkeit ge⸗ ſtattet habe, wie denn damals Ueberwindung der Voͤlker 1) Die ſchaͤtzbare Stelle des Jornandes de reb. Gel. c. 23 über dieſen Krieg iſt folgende: Post Erulorum cacdem idem Ermanaricus in Venetos arma commovit, qui quamvis armis disperiti, sed nu- merositate pollentes, primo resistere conabantur. Sed nihil valet multitudo in bello, praeserlim ubi et multitudo armata advenerit; nam bi, ut initio exposilionis vel catalogo gentis dicere coepimus (c. s.) ab una stirpe exorti, trina nunc nomina reddidere, id est, Vencti, Antes, Selavi: qui quamvis nunc ita facientibus peccatis nostris ubique desaeviunt, tamen tunc omnes Ermanarici imperiis serviere. Aestrorum quoque similiter nationem, qui longissima ripa Oceani Germanici insident, idem ipse prudentiae virtute su- hegit, onmibusque Scythiae ei Germaniae nationibus ac si proprüs laboribus imperavit, — Statt Aestrorum hat in dieſer Stelle Linden⸗ brogs Ausgabe Naestorum. Hugo Grotius behielt in ſeiner Ausgabe -\cstrorum bei; allein die Ambroſ. Handſchriften ſollen Aestiorum le- ſen, wie Gibbon, B. VI. S. 245 verſichert. Ammiun. Marcellin. U. XXXI. e. 3. ſpricht über Hermanrichs Siege nur im Allgemeinen. Üphagen, p. 516. Der Grund, warum Werſebe, S. 250 des Jor⸗ nandes Erzählung von Hermanrichs Eroberungszug nach dem Norden für erdichtet hatt, iſt ohne Gewicht. Wir dürfen vielmehr vermuthen, daß eben dadurch Jornandes ſeine Nachrichten uͤber die Vidivarier, Ve⸗ neder und Aeſtyer erhalten habe. Vgl. Luden a. a. O., B. II. S. 254 — 256,

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122 Voͤlkerbewegungen im Norden. nicht immer Gehorſam und Unterwerfung erzeugte. Auch uͤber die Folgen dieſes Ereigniſſes hat uns keiner unterrich⸗ tet. Aber es ſcheint, daß das Volk der Aeſtier aus der Be⸗ zwingung der Veneder, wie nicht minder aus ſeiner mehr freiwilligen Untergebung unter die Herrſchaft der Gothen doch manchen nicht unerheblichen Vortheil davon getragen. Wohl mußte ja ſchon die Stammverwandtſchaft gegen das Aeſtier-Volk den Sieger weit milder ſtimmen, als gegen das fremde Geſchlecht der Veneder, die ſich ihm mit Waf⸗ fengewalt entgegengeſtellt. Sey es nun, daß die Aeſtier, durch des großen Koͤnigs Milde und Gunſt gehoben, auch bald ſelbſt Hoͤheres erſtrebten und die Beengungen zu durchbrechen wußten, in denen das zahlreiche Veneder-Volk ſie bisher gehalten hatte, oder ſey es, daß die Veneder, durch den Gothiſchen Eroberer geſchreckt und gebeugt, ſich ſchon jetzt mehr nach Weſten uͤber die Weichſel in die al⸗ ten, jetzt weniger bevoͤlkerten Wohnſitze der ausgewanderten Gepiden zogen und in ſolcher Weiſe den uͤbrigen Voͤlkern in Preuſſen groͤßere Ausbreitung moͤglich machten: — wir ſinden die Aeſtier bald nach dieſen Zeiten in weit ausge⸗ dehnteren Wohnſitzen, denn ſie beſaßen nicht bloß immer noch wie fruͤherhin ganz Samland, ſondern ſie hatten ihre Graͤnzen auch weiter ſuͤdlich uͤber den Pregel nach Nathan⸗ gen und Ermland und nordweſtlich an dem langen Kuͤſten⸗ ſtriche der Oſtſee bedeutend erweitert ). Und es mußte ja auch an ſich ſchon ein Volk, welches faſt nie Krieg führte, von jeher gerne im Frieden lebte und ſeine ganze Thaͤtig⸗ keit auf Landbau und Handel wandte 2), das befchränfte 1) Sonſt haͤtte Jornand. c. 23. wohl ſchwerlich von den Aeſtyern zu feiner Zeit ſagen koͤnnen: Qui (Aestri) Zongissima ripa Oceani Germanici insident; und c. 5. ſagt er ganz allgemein: ripam Ocea- ni item Aesti tenent. Zwar kann dieſe longissima ripa eben fo gut nach Norden, als nach Suͤden und Suͤdweſten ausgedehnt gedacht wer⸗ den; allein wir werden ſpaͤterhin die nöthigen Beweiſe finden, daß der Gothiſche Zweig der Aeſtyer ſich auch längſt dem Friſchen Haff aus⸗ dehnte. 2) Wie es ſchon Tacitus German. c. 45, auch noch Jornandes

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Bölkerbewegungen im Norden. 123 Land bald ſtark mit Menſchen überfüllen und ſomit noth⸗ wendig zur Erweiterung der Graͤnzen ſeiner Wohnſitze ge⸗ zwungen werden ). Nun aber erfolgte in Hermanrichs letzten Lebensjahren jene gewaltige Voͤlkerbewegung, die man mit dem Namen der Voͤlkerwanderung bezeichnet hat: auch fuͤr die Kuͤſten⸗ laͤnder der Oſtſee ein ſehr folgenreiches Ereigniß. Damals geſchah es, daß das Nomadenvolk der Acaziren, deſſen vor kurzem ſchon erwaͤhnt ward, im Gefolge der Hunnenvoͤlker aus dem Oſten mit hervordrang und, nachdem es die Ala— nen am Don und das große Oſtgothiſche Reich Herman— richs mit hatte uͤberwaͤltigen helfen, nach Norden heraufzog, als es durch blutige Kaͤmpfe mit den Uguren und mit an⸗ dern Staͤmmen in der Naͤhe des Pontus gezwungen war, feine ſuͤdlicheren Wohnſitze zu verlaſſen 2). Im Norden er⸗ ſcheinen die Acaziren dann als oͤſtliche Nachbaren der Vene⸗ der und Aeſtier ). Dort mögen auch fie, im Oſten von an⸗— dern Voͤlkern bedruͤckt, mit beigetragen haben, die Veneder immer weiter nach Weſten zu draͤngen. Aber wer belehrt uns genau uͤber die Geſchichte und Schickſale einzelner Volker, Über Urſachen und Folgen ihrer Wanderungszuͤge in dem damaligen wilden Getreibe der Welt, da es keinen Geſchichtſchreiber gab, der mit großem Blicke die Verwand⸗ lung Europas beobachtete? Vieles, was damals geſchah, ruht in ewiger Nacht der Vergeſſenheit; anderes wird die geſchichtliche Forſchung nie in helles Licht zu ſetzen vermd- gen. So gruͤndet ſich auch die Behauptung, daß Attila's, des Hunnenkoͤniges, gewaltige Herrſchaft ſich auch uͤber ganz Scythien bis an des Oceans Inſeln, alſo uͤber Rußland, c. 5. als ein „ pacatum hominum genus omnino “, und fpäter ſelbſt noch Helmoldus Chron. Slavor. L. I. c. 1. ſchildern. 1) Uphagen, p. 516. 2) Priscus p. 55. Stritter T. I. p. 455. Ka ram ſin Ruf. Ge dichte B. I. S. 34. 3) Jornand c. 5: Quibus (sc. Aestüs) in austro adsedit gens Apazarorum forlissima.

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124 Wanderung der Slaven nach Norden. Preuſſen, Liefland und weiter hinauf uͤber die Laͤnder der Oſtſee erſtreckt habe, durchaus auf keine Beweiſe, denen in irgend einer Art viel zu trauen wäre Y. Weit ſicherer und zugleich auch wichtiger fuͤr uns iſt die Nachricht einer zweiten Wanderung einer großen Sla— venhorde vom Suͤden nach dem Norden herauf im Ablaufe des ſechſten Jahrhunderts: eine mittelbare Folge der Voͤl⸗ kerbewegungen in den Gegenden der Donau. Neſtor, der ältefte der Slaviſchen Chroniſten, der gegen das Ende des elften Jahrhunderts ſchrieb, giebt uns die ſchaͤtzbare Nach⸗ richt uͤber dieſes fuͤr die Geſchichte des Nordens aͤußerſt merkwuͤrdige Ereigniß. Wir wollen die Erzaͤhlung durch wenige Worte uͤber die vohergehenden Erſcheinungen, wel: che dazu Anlaß und Urſache waren, in den noͤthigen Zu⸗ ſammenhang ſetzen. Aus unbekannten Wohnſitzen in Aſien war vor meh⸗ ren Jahrhunderten der große und ſtarke Volks-Stamm der Slaven nach Weſten hervorgebrochen und hatte ſeine Zwei⸗ 1) Die Behauptung ift mehrmals, unter andern auch von Suh m in ſ. Geſchichte der Daͤnen B. I. S. 359 gethan. Gemeinhin wird Priscus, der als Geſandter an des Hunnen⸗Koͤniges Hofe war und erzählt, was er an dieſem Hofe geſehen und gehört, als Buͤrge für die Annahme einer ſo weit ausgedehnten Herrſchaft Attilas angefuͤhrt. Als ſicherer Zeuge kann er indeſſen um ſo weniger gelten, da Scythien, wel⸗ ches nach ihm unter Attila's Gewalt kam, ein Land ohne Graͤnzen war. Es kommt hinzu, daß andere Quellen gaͤnzlich daruͤber ſchweigen. Andere Schriftſteller ſprechen von Attila's Herrſchaft nur im Bauſch und Bogen; fo ſagt Procop. L. I. p. 15: miortuo Adtio Attila nullum jam habens sibi compositum parem, impune Europam vaslabat, et ulramque Imperii partem sibi habebat vectigalem. Was Priscus erzählt, findet man in Auszügen bei Sritlen T. I. p. 489 scey. und Maſcou B. I. S. 422 ff. Die Sache bleibt alfo immer ungewiß. Ei⸗ nige Wahrſcheinlichkeit gewinnt fie allerdings dadurch, daß unter den Voͤlkern, welche dem Gebote Altila's unterworfen waren, auch ſolche ge⸗ nannt werden, die vor Jahrhunderten in der Naͤhe und an den Kuͤſten des Baltiſchen Meeres gewohnt hatten, als Rugier, Sciren, Turcilin⸗ ger und Burgundier.

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Wanderung der Slaven nach Norden. 125 ge weit uͤber die öſtlichen Länder verbreitet ). Eine maͤch⸗ tige Horde dieſer Slaviſchen Voͤlker aber hatte fich im Vor: draͤngen auch in den geraͤumigen Laͤndern der Donau nie⸗ dergelaſſen ), wo nachmals Ungern und Bulgaren ſaßen. Dort lagen dieſe Voͤlker, durch neue Anzuͤge und friſche Wanderungshaufen immer ſtaͤrker vermehrt und in ihren Wohnſitzen immer mehr erweitert, auch noch um die Zeit, als der Hunnen-Koͤnig Attila fein maͤchtiges Reich errich⸗ tete. Auch ſie fielen unter ſeine Herrſchaft. Als aber mit Attila's Tod 454 durch die Zwietracht feiner Söhne um die Herrſchaft die große Macht der Hunnen erſchuͤttert und durch die Erbitterung und die Rache der beknechteten Voͤl⸗ ker endlich vollig gebrochen ward, als dieſe Volker die Ket⸗ ten zerſprengten, mit denen der gewaltige Eroberer ſie an das Hunnen-Keich gefeſſelt, veränderten mit einemmale die Voͤlker jener Gegenden alle ihre Wohnſitze. Die Gepi⸗ den, ſich zuerſt vom Hunniſchen Joche losreißend, erhielten mit des Kaiſers Mauritius Bewilligung Wohnſitze in Da⸗ cien; die Gothen warfen ſich nach Pannonien; Sarmatiſche Zweige bekamen einen Zufluchtsort in Illyrien; Scirren und Alanen ließen ſich in Klein-Scythien und in Unter⸗ Moͤſien nieder; Rugier ſetzten ſich in einem Theile Thra⸗ ciens feſt. So ſuchten auch die zerſtreuten Hunniſchen bald hie bald da wieder feſte Sitze zu gewinnen, wiewohl das Volk der Gothen, durch alten Haß und Rachſucht ge⸗ trieben, fie überall zuruͤckwarf. In dieſem wilden Sturme nun, da ſich Voͤlker auf Voͤlker warfen, bekriegten und un⸗ terjochten, verdraͤngten oder aufrieben, geſchah es auch, daß ſich ein Theil jener Slaviſchen Voͤlker in den Donau-Lan⸗ den, die Chrobaten, zuerſt erhoben, um in der Ferne ſiche⸗ re und ruhigere Sitze zu ſuchen ). Unter dem Namen von 1) Procap. L. IV. p. 418. L. III. p. 337. 2) „Per ingens spalium in altera Danubü ripa“ Procop. L. III. p. 339. Neſtor Ruſſ. Annalen überf. von Schlözer S. 74 — 75. 3) Ossolinski über Vincent Kadlubeck p. 164. Karamſin B. I. S. 17. 227 — 29. *

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126 Geſandtſchaft der Aeſtier an Theoderich den Großen. Tſchechen, Moraven, Serben, Choruthanen oder Kaͤrtner fanden ſie neue Wohnſitze in Boͤhmen, Maͤhren, an der Elbe und Saale und in Kaͤrnten ). Dieſes war der erſte neue Heeranzug Slaviſcher Volker aus den Donau-Gegen⸗ den in noͤrdlichere Laͤnder. Bevor aber eine zweite Wanderung ſolcher Voͤlker nach Norden erfolgte, miſcht ſich in dieſen Sturm unruhi⸗ ger Begebenheiten ein friedliches Ereigniß ein, welches auf die Kuͤſten der Baltiſchen See ein neues freundliches Licht wirft. Im nördlichen Italien war um das Ende des fünf: ten Jahrhunderts das Reich der Oſtgothen errichtet worden, und Theoderich der Große, der erſte große Stern, der am Himmel des Mittelalters leuchtet, ſtand ihm in glaͤnzender Größe vor. Seines Namens Ruhm ging bald durch die Laͤnder aller Völker, bis an das Geſtade der Oſtſee, ins Bernſteinland der Aeſtier. Ob die Erinnerung und das ſtolze Gefuͤhl alter Stammgenoſſenſchaft mit dem Volke der Oſtgothen und deſſen weitgefeierten Gebieter, oder ob die Bewunderung deſſen, was durch den großen Koͤnig in Ita⸗ lien geſchah, oder ob endlich mit beiden auch das Dankge⸗ fuͤhl fuͤr die Milde und Gunſt, mit der einſt Hermanrich das Volk der Aeſtier behandelt hatte, den Gedanken der Verehrung bei dieſem erweckt und den Blick zu ihm hin⸗ gezogen habe, daruͤber kann uns keiner belehren. Gewiß aber iſt, daß man im Aeſtier-Volke beſchloß, dem gefeier⸗ ten Koͤnige durch eine Ehrengeſandtſchaft mit einem Ehren⸗ geſchenke des koͤſtlichſten Bernſteines die Liebe und Ehr⸗ furcht zu bezeugen, die feine Thaten auch im hohen Nor- den unter den Völkern erregt hatten. Mehre der vornehm⸗ ſten Aeſtier zogen daher, vielleicht auf der alten Handels⸗ frage über Carnuntum, nach Italien hinab und überreich- ten dem Koͤnige das koſtbare Erzeugniß ihrer Heimat. Theoderich nahm ſie mit großer Freundlichkeit auf; es er⸗ freute ihn nicht bloß des Geſchenkes innerer Werth, ſondern 4) Nestor von Schloͤzer S. 77. ff.

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Geſandtſchaft der Aeſtier an Theoderich den Großen. 127 mehr noch die Geſinnung, in welcher es dargebracht ward und die Nachricht, daß ſeines Namens Ruhm bis an den Ocean des Nordens gelangt ſey. Nach einiger Zeit entließ er die Aeſtiſchen Geſandten mit einem reichen Gegenge— ſchenke und einem Dankſchreiben an das Aeſtier-Volk fol⸗ genden Inhalts Y): „In der Ankunft euerer Geſandten haben wir euer großes Verlangen erkannt, mit uns bekannt zu werden. Daß ihr, an des Oceans Kuͤſten wohnend, doch in Gefin: nung mit uns verbunden werden moͤchtet, iſt fuͤr uns eine aͤußerſt angenehme und werthe Bitte, fo wie es uns freut, daß auch zu euch unſer Name gedrungen iſt, an die wir 1) Der Brief iſt in der Urſchrift folgender: Haestis Ihendericus Ne. v. Illo et illo legatis vestris veniemibus, grande vos studium no- nine nostrae habuisse cognovimus: ut in Oceani litoribus consti- tuti, cum nostra mente jungamini: suavis nobis admodum et grata pelitio: ut ad vos pervenerit fama nostra, ad quos nulla potuimus destinare mandata. Amate jam cognitum, quem requisistis ambien- tes ignolum. Nam inter tot gentes viam praesumere, non est ali- quid facile concupisse. Et ideo salutatione vos affectuosa requiren- tes, indicamus succina, quae a vobis per harum portitores directa sunt, grato animo fuisse suscepla: quae ad vos Oceani unda de- scendens, hanc levissimam substantiam, sicut et vestrorum relatio continebat, exportat: sed unde veniat, incognitum vos habere dixe- runt, quam ante omnes hommes patria vestra offerente suscipitis. Hoc quodam Cornelio seribente, legitur in interioribus insulis Oceani ex arboris succo defluens, unde et succinum dicitur, pau- latim solis ardore coalessere. Fit enim sudatile metallum teneritudo perspicua, modo croceo colore rubens, modo flammen claritate pinguescens, ut cum in maris fuerit delapsa confinio, aestu alter- nante purgata, vestris Iitoribus tradatur exposita. Quod ideo judi- cavimus indicandum, ne omnino putelis notitiam nostram fugere, quod occultum creditis vos habere. Proinde requirite nos saepius per vias, quas amor vester aperuit. Quia semper prodest divitum regum acquisita concordia, qui dum parvo munere leniuntur, ma- iore semper compensatione prospiciunt. Aliqua vobis etiam per Je- gatos vestros verbo mandavimus: per quos quae grata esse debeant nos destinasse declaramus.

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128 Geſandtſchaft der Aeſtier an Theoderich den Großen. doch keine Befehle ergehen laſſen konnten. Liebet nun mich den euch Bekannten, den unbekannt ihr mit Sehnſucht aufgeſucht habt; denn unter ſo vielen Voͤlkern die Reiſe zu wagen, ſetzt einen dringenden Wunſch voraus. Euch alſo unſern geneigten Gruß wiederum entgegenbietend, melden wir, daß wir das Geſchenk des Bernſteins, welches von euch durch die Ueberbringer dieſes Schreibens an uns ge= langt iſt, in dankbarer Geſinnung aufgenommen haben. Die an euere Ufer ſtroͤmende Welle des Oceans bringt, wie auch der Bericht der Eueren enthielt, dieſen leichten Stoff an euer Land; aber woher er komme, ſey euch, wie ſie erklaͤrten, unbekannt, wiewohl ihr vor allen andern Men⸗ ſchen bei der Spende in euerer Heimat ihn einfammelt. Nach der Schrift eines gewiſſen Cornelius fließet er auf Inſeln mitten im Ocean als Saft aus einem Baume (ex arboris succo), weshalb er auch suceinum genannt wird und erhaͤrtet allmaͤhlich durch der Sonne Gluth. Denn es geht die helle, weiche Beſchaffenheit in ausgeſchwitztes Me⸗ tall uͤber, bald in gelblichrother Farbe glaͤnzend, bald in feueriger Helle ſchimmernd, ſo daß wenn es an die Mee— resgraͤnze hingleitet, durch die wechſelnde Meereswogung gereinigt, an eueren Ufern ausgeſpuͤlt werden ſoll. Dieß glaubten wir deshalb erwaͤhnen zu muͤſſen, damit ihr kei⸗ neswegs glauben moͤget, es ſey uns unbekannt, was nach euerer Meinung ein verborgenes Geheimniß iſt. Beſuchet uns jedoch in ſolcher Weiſe noch oͤfter auf den Wegen, die euere Liebe geoͤffnet hat, weil es immer frommt, reicher Koͤnige Gunſt zu erwerben, welche, wenn auch durch ein geringes Geſchenk zu milder Gunſt gewonnen, immer um groͤßere Belohnung bemuͤht ſind. Manches laſſen wir euch durch euere Geſandten auch muͤndlich uͤberbringen, durch welche wir, wie wir euch melden, auch uͤberſandt haben, was euch angenehm ſeyn muß.“ So ſchrieb der Gothen-Koͤnig an das Volk der Ae⸗ ſtier nicht ohne geſchmeichelten Stolz, dabei auch nicht ohne ſichtbares Wohlgefallen und mit dem Prunke einer, wenn

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Geſandtſchaft der Aeſtier an Theoderich den Großen. 129 gleich nur erborgten, doch ſich bruͤſtenden Gelehrſamkeit ). Theoderich uͤberſandte den Aeſtiern ein Gegengeſchenk, wie ſchon aus dem Schreiben ſelbſt hervorgeht. Zwar ſind wir nicht weiter unterrichtet, worin dieſes koͤnigliche Geſchenk beſtanden habe; allein es unterliegt wohl kaum einem er- heblichen Zweifel, daß Theoderich die Aeſtier mit Gold be= lohnte und daß wohl damals durch jene Geſandten der reiche Schatz von goldenen Münzen Roͤmiſcher Kaiſer an die Kuͤſte der Baltiſchen See kam, der juͤngſt durch Zufall in der Naͤhe der Stadt Braunsberg im Ermlande wieder aufgefunden wurde. Als ein Ehrengeſchenk des Koͤniges an das geſammte Volk konnte es nicht an Einzelne ver- theilt werden; es wurde als Ehrenſchatz des Volkes unver⸗ mindert aufbewahrt, vielleicht an einem heiligen Orte oder bei des Volkes oberſtem Gebieter ). Theoderich wuͤnſchte eine fortdauernde Verbindung mit dem Volke der Aeſtier; nicht ohne Grund lud er zu oͤftern Sendungen an ihn ein; es ſchmeichelte ihn die Ehrfurcht und die Freundſchaft eines Volkes am hohen Ocean, wel— ches nicht das Schwert und des Krieges Schrecken, ſondern 1) Sein erwaͤhnter Gewaͤhrsmann Cornelius iſt, wie jeder ſieht, kein anderer, als Cornelius Tacitus, mit deſſen Stelle in der German. c. 45. Theoderichs Worte auch überein ſtimmen. 2) Die Gründe zu dieſer Behauptung habe ich in meiner Abhand⸗ lung: „Ueber die bei Klein-Tromp unfern Braunsberg aufgefundenen Roͤmiſchen Goldmuͤnzen“ in den Beiträgen zur Kunde Preuſſens B. VI. S. 412 — 431 auseinander geſetzt. Dieſe dort ausgeſprochene Ver- muthung beftätiget auch Bayer in feiner Abhandlung: de Numis Ro- manis in Prussia repertis, in Opusc. p. 462. durch die Worte: Si intelligens et eruditus lector nostram de projocta in rogos aut ef- fusa ex urnis pecunia sententiam, non probet, superest, ut existi- memus in sacros Jucos projectam ſuisse. Tali munere deos propi- tiabant. Satis luculenter hanc septentrionalium caeremoniarum par- lem eruditi homines in Germania, Suecia, Anglia enarrarunt. In Curonia ad hunc usque diem luci aliqui superstitionis illius vesti- gia relinent, cum arbores onustae omnis generis rebus, antiqua etiam pecunia, sola religione et sacro, si diis placet, horrore, quod consecralum semel est, adversus rapinas salvum conservant““ I. 9

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130 Bewegungen unter den Staven im Süden. bewundernde Zuneigung zu ihm hingezogen hatte ). Aber es hat uns keiner unterrichtet, ob noch oͤftere Sendboten aus dem Bernſteinlande nach Italien gewandert ſeyen. Auch traten bald wieder ſo unruhige Bewegungen unter den Voͤlkern ein, daß wohl ſchwerlich eine ſolche Wanderung ge— lingen konnte. Cinige Zeit nämlich nach dem Aufbruche der Chroba— ten aus den Gegenden der Donau erhob ſich von dort aus zu einer gleichen Wanderung in ruhigere Wohnſitze der Slaviſche Zweig der Lechen. Anlaß hiezu gaben zum Theil, wie es ſcheint, die Bulgaren, zum Theil die Roͤmer. Jenes Volk, welches die aͤlteſten Berichte in den Landſtrecken zwiſchen dem Don und der Wolga wohnen laſſen 2), hatte dort mehre Voͤlkerhorden unter ſeine Herrſchaft gebracht und war in den erſten Jahren des ſechſten Jahrhunderts weiter nach Weſten bis an die Donau hervorgebrochen 9. Hier drangen die wilden Heerhaufen mit grauſamer Ver— wuͤſtung bald in alle benachbarten Laͤnder ein. Vergeblich ſuchte Kaiſer Anaſtaſius Schutz fuͤr das Reich hinter einer gewaltigen Mauer, die er gegen das rohe Bulgaren-Voll aufwerfen ließ; es brach dennoch ums Jahr 540 ins Roͤ⸗ miſche Gebiet mit wilder Verheerung ein ). In dieſem Sturme aber blieben auch die Slaviſchen Voͤlker an der Donau nicht in Ruhe; auch ihre Wohnſitze erlagen oftmals 1) Nicht ohne Beziehung auf dieſe nordiſche Geſandtſchaft ſagt Ennodius im Panegyricus auf den König Theoderich: „Non tibi ig- nolus est algor Sey tine“. CI. Bibſioth. Maxima patr. T. IX. p. 371. 2) Paul. Diacon. L. XIX. p. 207 — 298. 3) Stritter, T. II. p. 441 — 442. 495 — 496. Die abendländi⸗ ſchen Schriftſteller ſetzen den erſten Anfall der Bulgaren auf Moͤſien ſchon in die Jahre 487 u. 489. Paulus Diacon. 1. XVI. p. 270 fagt: anno imperii Anastasii undecimo Bulgares per Illyricum e Thraciam discurrunt priusquam agnoscerentur, cam crudeliter de- vastant. C. L. XVI. p. 275. L. XIX. p. 298. 4) Stritter l. c. Gibbon B. X. S. 221. ff. S. 24.

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Bewegungen unter den Slaven im Suͤden. 131 der Verwuͤſtung wilder Horden, die ohne feſte Heimat umherzogen. Selbſt mit den Roͤmern lebten dieſe Slavi⸗ ſchen Zweige ſchon lange Zeit in Zwietracht. Als nun Kai⸗ ſer Juſtinian im wankenden Reiche gebot, fielen ſie verhee⸗ rend in unermeßlichen Schaaren in Illyrien, Thracien und Griechenland ein; unbeſchreiblich waren die Grauſamkeiten und Verwuͤſtungen, welche auf Griechenlands Boden von ihnen veruͤbt wurden 9. Zwar wurden ſie kraͤftig von Ger⸗ manus, Juſtinians Neffen, der uͤber Thracien geſetzt war, zuruͤckgeſchlagen; aber Ruhe gegen das beutegierige Volk konnte auch hiedurch nicht gewonnen werden 2). Als jedoch im Jahre 530 der Kaiſer Juſtinian dem furchtbaren Chil⸗ bud die Verwalterſchaft uͤber Thracien anvertraute, wurden die Slaviſchen Voͤlker durch die Waffen dieſes ſtuͤrmenden Kriegers in dem Maaße erſchreckt, daß ſie drei Jahre lang es nicht mehr wagten, die Donau zu uͤberſchreiten: viel⸗ mehr brach Chilbud in ihre Gebiete ein, ſchlug, verheerte und fuͤhrte unzaͤhlige Schaaren von Gefangenen hinweg. Und fo groß war bei den Slaven der Schrecken vor Chil⸗ buds Namen, daß ſie nach ſeinem Tode — 533 — ſich noch vor ſeinem Schatten fuͤrchteten ). Seitdem war ihre ſtuͤrmende Kraft gebrochen; zwar wagten ſie von neuem kecke Einfaͤlle und Raubzuͤge in die Gebiete des Reiches; allein es riß bald innerer Zwieſpalt unter ihnen ein. Anten und Slaven bekaͤmpften ſich, und waͤhrend be⸗ deutende Slaviſche Heerhaufen ſich an die Roͤmer hingen, und in den Kriegsdienſt der alten Feinde traten, wurden andere bei ihren Einbruͤchen in die Graͤnzen des Reiches von den Römern fort und fort bekriegt. In ſolcher Weiſe waren in den Donau- Ländern die Voͤlker viele Jahre hin⸗ durch in beſtaͤndigen Kaͤmpfen begriffen und die Stuͤrme 1) Procop. L. III. p. #1. Gibbon B. X. S. 228 — 229. 2) Procop. L. III. p. 405. Stritter T. II. p. 25. 3) Procop. L. III. p. 338 ritter T. II. p. 27. 9 *

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‘132 Wanderung der Slaven nach Norden. der Zeit trieben ſie im wildeſten Wechſel bald hiehin, bald dorthin. Solches waren die Verhaͤltniſſe, die um die Mitte des ſechſten Jahrhunderts eine große Horde von Slaven an der Donau bewogen, jene unruhigen Wohnſitze zu verlaſſen und in andere Länder auszuwandern ). Unter dem gemeinſa⸗ men Namen der Lechen zog ſie laͤngs der Weichſel gegen Norden hinauf; die einzelnen Haufen aber erhielten nach den Wohnſitzen, die ſie nun einnahmen, ihre beſonderen Benennungen. So nannte ſich bald ein Theil dieſer Lechen Polanen, ein anderer Maſovier, ein dritter, der in die Ge- biete zwiſchen der Elbe und Oder einruͤckte, Luticier und ein vierter, der bis an das Kuͤſtenland der Oſtſee hinab⸗ zog, Pomeraner ). Unter dieſen Slaviſchen Zweigen ver- dienen hier die Luticier die wenigſte Beruͤckſichtigung ); wichtiger find uns die drei anderen Zweige als Nachbar⸗ voͤlker Preuſſens. Die Polanen oder Polen ſind demnach ein Lechitiſcher Slaven-Zweig, aus den Donau-Laͤndern um das Jahr 550 eingewandert, erſt in dem Feldlande — pole —, in welchem ſie ſich niederließen, von den andern Slaven durch den Namen Polen unterſchieden und ſtammverwandt mit den Maſoviern und Pommern ). Sie brachten bald in 7 1) Ewers, vom Urſprunge des Ruſſ. Staats S. 59. ff., ſetzt den Aufbruch der Slaven aus den Donau-Laͤndern nach Norden erſt ins te Jahrhundert. 2) Nach Neſtor von Schloͤzer S. 80. Auch Jornand. c. 5. deu tet dieſe Namen «Veränderung der Slaven nach ihren veränderten Wohn⸗ ſitzen an: Quorum (VVinidarum) nomina licet nunc per varias fa- milias et loca mutentur, principaliter tamen Sclasini et Antes no- minantur. Kantzow Pomerania B. I. S. 5. 3) Vgl. Lelewel Anhang zu Oſſolinski S. 535 — 536. 4) Lelewel a. a. O. S. 533. Ossolinski S. 4. Gercasius in descripl. tolius orbis ap. Leibnitz scripit. rer. Brunsw. T. II. p. 764 ſagt noch im Anfange des 13ten Jahrh.: „Inter Alpes Huniae et Oceanum est Polonia, sic dicta in eorum idiomate quasi Campa- nia, quac a Vandalo flumine suo terra dicitur, ut ab ipsis indige- nis accepi, Vandalorum. “

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Wanderung der Slaven nach Norden. 133 friedlichen Verhaͤltniſſen das verwilderte, wuͤſte Layd in beſſeren Anbau; Eigenthum erzeugte Recht und Geſetz un⸗ ter dem Volke; es begann die erſte buͤrgerliche Bildung. Die Verfaſſung, urſpruͤnglich in den alten Wohnſitzen frei und unbeſchraͤnkt 9), hatte ſchon durch die Wanderungszuͤge, auf denen gebietende Fuͤhrer an der Spitze ſtehen mußten, ein anderes Element bekommen, welches ſich nun im ſiche— ren Vaterlande immer feſter ausbildete. Es traten Haͤup⸗ ter unter dem Volke auf, Richter im Frieden, Fuͤhrer im Kriege, Herzoge und Könige genannt ). Aber die Urge⸗ ſchichte Polens iſt voll von unaufloͤslichen Raͤthſeln, denn wenn wir auch hoͤren, daß manche Fuͤrſten ſich um ihres Volkes erſte Bildung durch Geſetzgebung und Staatsan⸗ ordnungen Verdienſte erworben, ſo hat dabei die Fabel und Sage alles in ſo tiefes Dunkel verhuͤllt, daß uͤber weniges nur zu ſicherer Gewißheit zu gelangen iſt ). Auch über die Graͤnzen der neuen Wohnſitze der Polen bleiben wir ganz ungewiß. Nordwaͤrts von ihnen hatte ſich das Volk der Ma⸗ ſovier niedergelaſſen. Dieſe Maſovier, deren Namen aͤltere Polniſche Gelehrte von dem weit ſpaͤteren Maſo oder Maslav, der ſich in der Mitte des elften Jahrhunderts gegen Polen empoͤrte, haben herleiten wollen ), fanden bei ihrer Niederlaſſung ein wil- des, wuͤſtes Land, welches jedoch bald durch fleißigen An⸗ bau bewohnbarer wurde. Seine Graͤnzen fuͤr jene Zeit ſind ebenfalls ſchwer zu beſtimmen; doch ſcheinen ſie ſich damals noch nicht uͤber die Drewenz und gewiß noch nicht bis an die Oſſa erſtreckt zu haben. Denn laͤngs der Drewenz oſt⸗ 1) Wie Pröcop. L. III. p. 338 — 339 fie ſchildert. 2) Kadlubeck L. I. ep. 4. 3) Oſſolinski uͤber Kadlubeck und Lelewel in den Anhängen zu dieſem Werke haben ſich ubes dieſen Theil der Geſchichte Polens große Verdienſte erworben. 4) Joh. Crussinii Polonia in Kolof Scripu. histor. Polen. T. L. p. 426. Sig. Swigeicki Topograph. Masoviae ibid. J. 479. Auch Lucas David B. I. S. 158 nimmt dieſe Ableitung an.

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134 Niederlaſſung der Slaven im Norden. waͤrts finden wir auch in ſpaͤteren Zeiten immer noch das freie und kriegeriſche Volk der Galinder, uͤber welches die Maſovier, ſo viel wir wiſſen, nie geherrſcht haben. Auch gegen das Kulmerland hin gingen der Maſovier Wohnſitze ſchwerlich weiter als bis an den Drewenz-Fluß, denn bis dort hinab wohnten noch Ueberreſte vom Gothiſchen Volke und bis in ſpaͤtere Zeiten war es immer deutſches Leben, welches ſich in dieſem Lande bewegte ). Im Anfange die⸗ ſer neuen Anheimung waren aber ſonder Zweifel auch die Maſovier ein völlig freies und von den Polen ganz unab⸗ haͤngiges Volk, in welchem ſich die buͤrgerliche Ordnung und Verfaſſung unter aͤhnlichen Verhaͤltniſſen auch der der Polen ahnlich ausbildeten 2). In gleicher Weiſe waren urſpruͤnglich auch die Pom- meraner oder Pommern, die, wie bekannt, ihren Namen als Meer-Anwohner erhielten, ein freies Volk unter eige— nen Herzogen. Als fie in die neuen Wohnſitze einwander— ten, fanden ſie wahrſcheinlich ſchon Veneder oder Wenden im Lande, die nach der Gepiden Abzug die Weichſel uͤber— ſchreitend ſich in dem leergelaſſenen Gebiete niedergelaſſen batten, denn im beſtaͤndigen Vordraͤngen der Voͤlker vom Oſten her und durch Hermanrichs ſiegreiche Waffen ge— ſchreckt und vertrieben hatten die Veneder in Preuſſen den alten Graͤnzſtrom ohne Zweifel ſchon lange nicht mehr als Scheidewand betrachtet und waren ſchon weit nach Pom— mern vorgewandert ). Vorerſt blieb der Name dieſer fruͤ— heren Bewohner des Landes der herrſchende und ging auch auf die neuen Ankoͤmmlinge uͤber. Man begriff demnach das geſammte dort wohnende Volk unter dem Namen Wenden; das Land ſelbſt hieß viele Jahrhunderte hindurch das Wenden-Land 7). 1; Darüber ſpaͤterhin die Beweiſe. 2) Striykowski Sarmial. Europ. ap. Kolof p. 53. 3) Kantzow Pommerania B. I. S. 3. + Mulfsiaui Periplus ap. Zangebeck Serpli. rer. Danica. . II. p. DIS. Fragment. vetus Island. ap. Lengebeck T. II. p. 36: Neonodland ober Wiudland. Alnpeck Livland. Chron. S. 25.

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Ungewiffer Zuſtand der Völker in Preuffen. 135 So hatte ſich im Ablaufe des ſechſten Jahrhunderts die Geſtalt aller Nachbarlaͤnder Preuſſens mit einemmale gaͤnzlich veraͤndert. Rings umher war dieſes letztere Land mit SlaviſchenVoͤlkern, verwandten Zweigen Eines Stam⸗ mes umzogen. Der ganze Kuͤſtenſtrich der Oſtſee weftwärts von der Weichſel an, wo früher Germaniſche Völker ge— wohnt und deutſches Leben gewaltet hatte, erhielt durch die Einwanderung der Slaven und Wenden vom Suͤden und Oſten her ein ganz neues Element fuͤr die Entwickelung feiner Volkseigenthuͤmlichkeit. Für dieſe blieb auch ferner- bin der Weichſel-Strom die Graͤnzſcheide, denn uͤber die— ſen Strom nach Oſten hin war das neueingewanderte Volk nicht gekommen ). Hier aber ſcheint ſich im Laufe diefer Ereigniſſe die Geſtalt der Dinge ebenfalls merklich verän- dert zu haben. Der Gothiſche Geſchichtſchreiber, der bei der Ankunft der Skandiſchen Gothen Wandalen oder Wenden bekämpfen und nachmals durch König Hermanrich die Ve- neder bezwingen laͤßt, kennt, wie es ſcheint, zu ſeiner Zeit, alſo um die Mitte des ſechſten Jahrhunderts, in Preuſſen kein Volk dieſes Namens mehr. Es trat wenigſtens um dieſe Zeit nicht mehr ſo bemerkbar hervor, daß es der be— 1) Slasini — in borean Wiscla lenus commorantur: Zl. 6. 3. Die von Reichard German. S. 202 — 203 angenommene, von uns ſchon früher einmal beruͤhrte Unterſcheidung zwiſchen den Nu: men Vistula und Viscla, unter welchem letztern er die WVisloka, den Graͤnzfluß der Oſen nach Oſten, ſuͤdlich von der Woiwodſchaft Krakau, verſteht, widerlegt ſich durch genaue Vergleichung der Stellen im Jor⸗ nandes ſchon von ſelbſt. Wirklich bringt auch die Stelle des Jornand. c. 17, wo dieſer die Gepiden als Bewohner in insula Visclae amnis nennt, den erwaͤhnten Gelehrten in ſolche Verlegenheit, daß er geſteht: „ich fühle mich jetzt noch außer Stand, dieſes Raͤthſel zu loͤſen.“ Wir finden kein ſolches Nätbfel, vielmehr alles ſehr erklaͤrlich. Die Viscla, deren Inſel oder Werder zu des Jornandes Zeit die Vidivarier bewohn⸗ ten, kann nach allen fruͤher erwaͤhnten hiſtoriſchen Beweiſen durchaus keine andere als die Weichſel ſeyn. Wenn daher im Jornandes Visclae insula ſteht, ſo muß man annehmen, daß entweder ihm die Weichſel unter den beiden Namen Vistula und Viscla bekannt war oder daß der zweite Name durch die Abſchreiber verdorben iſt.

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136 Ungewiſſer Zuſtand der Voͤlker in Preuſſen. ſondern Erwaͤhnung werth gefunden worden waͤre. Nach ſeiner Darſtellung der Voͤlker-Verhaͤltniſſe ſeiner Tage lag im Weſten von der Weichſel an das uns nun ſchon be— kannte Volk der Vidivarier, und dieſes dehnte ſich in ſei— nen Wohnſitzen bis an die Gebiete der Aeſtier aus ). Wo um dieſe Zeit die Gebiete dieſer beiden Voͤlker ſich be= gegnet haben mögen, iſt um fo weniger zu beſtimmen, da beide Zweige Eines Stammes, ſich mehr und mehr in ein- ander verſchlingend, bald zu Einem Ganzen wurden; denn Sitte, Sprache, Lebensweiſe und Verfaſſung, gewiß an ſich ſchon nahe verwandt, tauſchten ſich gegenfeitig immer mehr aus. Was aus dem Volkscharakter, der Sitte und Lebens⸗ art der Veneder zu den Aeſtiern und Vidivariern uͤberge—⸗ gangen ſeyn mochte, mußte um ſo mehr in die Eigenthuͤm⸗ lichkeit beider Voͤlker verſchmelzen und konnte um fo we— niger vorherrſchend bleiben, da mit dem Abzuge des groͤßten Theiles des Veneder-Volkes ihm der feſte Halt entnom— men war und die Ueberbleibſel, die von den Venedern etwa im Lande ſitzen blieben oder in die fruͤheren Einwohner gleichſam ſchon verwachſen waren, keine Stuͤtze mehr darbo⸗ 1) Die ſorgſame Forſchung muß die Stellen des Vorhand. c. 5. 17. und 23. genau unterſcheiden. C. 23. nennt er allerdings die Ve- netos als die Nachbaren der Aeſtier; allein er ſpricht in dieſer Stelle offenbar von der Zeit des Koͤniges Hermanrich, der beinahe zweihundert Jahre vor ihm lebte. Der Kriegszug dieſes Koͤniges und die Ereigniſſe von zwei Jahrhunderten hatten ohne Zweifel die Lage der Dinge viel⸗ fach, wie ſchon oben angedeutet ift, verändert. Daher ſagt Jornand. c. 3. von feiner Zeit: Ad litus Oceani, ubi tribus faucibus ſluenta Vistulae fluminis ebibuntur, Vidioarii resident, — post quos ri pam Occaui item Esti Zerert und c. 17: zunc eam, ut ſertur, in- sulam gens Vividaria incolit. c. 23 bezeichnet er die Wohnſitze der Ae⸗ ſtier ebenfalls durch die Worte: qui (sc. Aestii) longissima ripa Ocenni Germanici insident, alſo gleichfalls durch die gegenwärtige Zeitform. Dieſe Stelle beweiſet auch zugleich, daß man c. 9. nicht le⸗ fen muͤſſe „liemesti;“ ein Volk Itemeſten kennt die Geſchichte nicht. Ich ſtelle anheim, ob man item Esli oder ſtatt item eine andere Les⸗ art wählen wolle. Est aber oder Aesli muß in jedem Falle geleſen werden

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Ungewiffer Zuſtand der Völker in Preuſſen. 137 ten. Indeſſen hatten doch die bisherigen Jahrhunderte, waͤhrend welchen Aeſtier, Galinder, Veneder, Gothen oder Vidivarier neben und unter einander auf Einem Boden gewohnt, mit einander in vielfacher Gemeinſchaft und taͤg⸗ lichem Verkehre gelebt, in Handel und Wandel, in Krieg und Frieden immer in Berührung geſtanden hatten, voll- kommen hingereicht, um eine eigenthuͤmliche Charakterbil⸗ dung fuͤr das in Preuſſen lebende Voͤlkergeſchlecht in der wechſelſeitigen Verſchmelzung der Eigenthuͤmlichkeiten der einzelnen Zweige zu bewirken. Aber die Zeichnung und Dar⸗ ſtellung dieſes eigenthuͤmlichen Volksthums muß ſpaͤteren Zeiten vorbehalten bleiben, in denen die Quellen ſich reich⸗ licher öffnen. Fuͤr dieſe Zeit des ſechſten Jahrhunderts fließen fuͤr die Geſchichte des Landes die Quellen noch viel zu ſparſam und zu truͤb, als daß wir in allem, was ſie uns liefern, auf ſichere geſchichtliche Gewißheit rechnen duͤrften. Statt ſiche⸗ rer Berichte drängt ſich auch hier immer noch die geſchwaͤ— tzige Fabel und Sage in das Bereich der Geſchichte ein, und wie in ber älteren Geſchichte alter Völker behauptet fie auch hier ihre dunkele Zauberherrſchaft bis auf die Zeiten, in de— nen helleres Licht ſie zuruͤckſcheucht. Doch ſpielet ſie ſonder Zweifel auch hier auf dem Grunde eines wahrhaft geſchicht— lichen Lebens, welches durch fie nur umhuͤllt, doch keines— wegs ganz unkenntlich geworden iſt. Fuͤr ſolche Zeiten muß ihr der Geſchichtſchreiber alſo auch ihr Recht laſſen; doch kann es ihm gewiß auch erlaubt ſeyn, die einzelnen Blicke des geſchichtlichen Lebens, die ſie der Nachwelt bemerkbar gelaſſen hat, aus ihrem Dunkel hervorbrechen und die Nacht beleuchten zu laſſen. Nachdem die Sage die Wanderung der Skandianiſchen Gothen ins Land der Ulmigerier erzaͤhlt, worin ſie bis auf die Ankunft jenes Volkes an der ſuͤdbaltiſchen Kuͤſte mit ſi⸗ cherern Berichten ziemlich genau uͤbereinſtimmt y, fährt fie 1) Vgl. Lucas David B. 1. S. 12 ff. und Jornand. c. 4. —

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138 Geſchichte und Sage von Widewud und Bruteno. alſo weiter fort. Als ſich das Skandiſche Volk nun in der Ulmigerier Lande niedergelaſſen und ſich mit dieſen mehr und mehr befreundet und zu Einem Volke vereiniget, das Land auch hie und da durch Burgen bewehrt hatte ), trd- ten unter ihm zwei Maͤnner auf, Bruteno und Widewud genannt, und beriefen, vielleicht aus Beſorgniß wegen der nahen Maſovier, die Kluͤgſten im Volke zu einer Berfamm- lung. Es ward berathen und fuͤr gut befunden, daß ein Oberhaupt an des Volkes Spitze ſtehe. Aller Wahl fiel auf Bruteno, Widewuds Bruder. Da jedoch dieſer ſein Leben dem Dienſte der Goͤtter gewidmet, ſo wandte er die Wahl des Volkes auf ſeinen Bruder Widewud, einen beherzten und verſtaͤndigen Mann, der demnach auf Bruteno's Rath auch zum Koͤnige der Skandianer erkoren ward. Betrachten wir die Sage naͤher, ſo weit ſie uns hier vorliegt, ſo geht ihre Beziehung, wie klar einleuchtet, nur auf den Theil von Preuſſe ens Bewohnern, der aus Skan⸗ dien eingewandert war, alſo auf die Skandiſchen Gothen, die ſich mit den ſogenannten Ulmigeriern vereinigt hatten. Fragen wir hier zuerſt nach der Stammverwandtſchaft die⸗ ſes letztern Volkes, ſo ſind dieſe Ulmigerier, welche Jornan⸗ des wohl ohne Zweifel richtiger Ulmerugier nennt, offenbar ein mit den Gothen enge verwandter Zweig. Schon die Nähe der Wohnſitze, in welche frühere Schriftſteller die Ru- gier und Gothen zu einander ſetzen ), koͤnnte von ſelbſt auf eine gewiſſe Gemeinſchaft und Verwandtſchaft ſchließen Taf ſen, wenn nicht ausdruͤckliche Zeugniſſe es auch beſtaͤtigten, daß die Rugier ein Zweig Gothiſchen Stammes ſeyen 5). 1) Lucas David B. I. S. 15 — 16. Es iſt auch hier wohl zu beachten, daß Lucas David dieſe Sage aus der alten Chronik des Bi: ſchofs Chriſtian entnahm, worin auch Simon Grunau Tr. 2. c. 2. F. 2. uͤbereinſtimmt. 2) Taeit. German. c. 43. 3) Spuren dieſer Verwandtſchaft beider Volker laſſen ſich ſchon in Skandien finden, denn Jornand. c. 3 kennt ſchon auf Scandia einen Volkszweig unter dem Namen Ethelrugi, welche Reichard S. 176 in dem Thale des Drammenflußgebietes, wo die Vogtei Rogen liegt,

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Geſchichte und Sage von Widewud und Bruteno. 139 Wenn nun die Sage die Ulmigerier oder Ulmerugier zu den Ureinwohnern Preuſſens macht, ſo bezeichnet ſie damit nichts anderes, als daß es jene alten Bewohner Preuſſens, die Gothen, geweſen ſeyen, zu welchen die Skandiſchen Go⸗ then heruͤbergekommen ſeyen. Ob aber in dem Zeugniſſe eines alten Chroniſten, daß die Ulmerugier ihren Namen „von den Salweiden erhalten haben, unter denen ſie an Fluͤſſen wohnten ), eine wahre Deutung liege, iſt, wie es uns ſcheint, eine Frage von geringem Gewichte. Unter dieſem vereinten Volke nun trat nach der Sage zu einer Zeit, als ihm Gefahr von den Maſoviern drohte, durch Volkswahl Widewud als Oberhaupt auf. Was zuerſt jene Gefahr betrifft, fo ſcheinen die Maſovier ſchon bald nach ihrer Einwanderung in ihre neuen Wohnſitze ihr Graͤnz⸗ gebiet uͤberſchritten zu haben. Die Zeitordnung nicht beach— tend berichtet uns die Sage, daß ſchon vor der Ankunft der Skandiſchen Gothen ein Maſoviſcher Fuͤrſt das Volk der Ulmerugier uͤberwaͤltiget, daſſelbe zur Auslieferung einer An— zahl Kinder als Tribut gezwungen und zu deſſen Empfang alljährlich das Land befucht habe. Und dieſes Opfer hätten die Ulmerugier auch gerne dargebracht, ja es ſelbſt für eine Ehre geachtet, daß der fremde Fuͤrſt die ſchoͤnſten ihrer Kin— der mit ſich in fein Land genommen. Als aber die Skan⸗ dianer zu den Ulmerugiern gekommen ſeyen, haͤtten ſie die— ſen den ſchnoͤden Tribut als Zeichen der Knechtſchaft darge⸗ ſtellt, fie zur Befreiung und zum Widerſtande gegen den fremden Gebieter ermuntert und zu dem Entſchluſſe be— findet. Procop. L. III. p. 309 aber ſagt ausdruͤcklich: Rugii autem nalio ei ipsa Gotthica est, sed propriis jam olim vivens legi- bus. Cl. Hugo Grotius in Prolegam. ad histor. Gothor. p. 9. Ro- derie. Toletan. L. I. c. 8. Procap. L. II. p. 258 nennt die Rugüü soeius Golihis populus. In Arenpeckü Chron. Austriac. ap. Pe Seriptt. rer. Austr. T. I. p. 1219 heißt es: daß Prussiam veleres Vliurigiam vocavere. Wir wiſſen dieſen Namen nicht zu erklären. Soll es vielleicht Ulmerugiam heißen? I) Lucas David B. I. S. Il. nach dem Viſchof Chriſtian.

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140 Geſchichte und Sage von Widewud. wogen, dem Maſovier forthin den Tribut zu verweigern ). Sehen wir davon hinweg, daß die Sage nach ihrer Art die Zeitfolge nicht beachtet, ſo ſcheint alles, was ſie uns berichtet, der Lage der Dinge, ſo weit uns die Ge⸗ ſchichte dieſe aufklaͤrt, in keiner Weiſe zu widerſprechen. Denn zum erſten iſt es wohl begreiflich, wie der Maſovier in ſeinen fruͤheren Wohnſitzen an der Donau an Kriege mit Nachbarvoͤlkern, an Einfaͤlle in fremdes Gebiet, an Raͤube⸗ reien, Erpreſſungen und an Unterwerfung nachbarlicher Zweige eines andern Volksſtammes gewoͤhnt, nun auch in der neuen Heimat dieſer ſeiner Natur um ſo mehr getreu bleiben und ſeinem alten Hange um ſo eifriger nachgehen mußte, da fein wilder und wuͤſter Boden ihn anfangs manches ent⸗ behren hieß, was er im angebauten Nachbarlande wohl leicht erlangen konnte. Zum andern iſt es ebenfalls wohl begreif— lich, daß die Maſovier dahin ſtreben mußten, aus dem Nach⸗ barlande, wo ſeit uralter Zeit Ackerbau und mancherlei Be trieb bluͤhete, junge und ruͤſtige Menſchen in ihr Land zu bekommen, die für fie den wuͤſten Boden bebauen, die rau— hen Waͤlder luͤften und uͤberhaupt des Lebens Laſt und Buͤrde tragen mußten. Und endlich iſt es ſelbſt auch nicht unbegreiflich, wie das ſo friedlich geſinnte 2) und an Volks⸗ zahl ſo reiche Volk der Ulmerugier, um Krieg zu vermeiden, lieber jaͤhrlich eine Anzahl junger Menſchen nach Maſovien ſtellen konnte, da ja das Loos, welches dieſe dort traf, wohl nichts weniger als ungluͤcklich zu nennen ſeyn mochte. So ſcheint alſo, wenn wir ſolchen Betrachtungen Raum geben, auch hier die Sage auf wahrhaft geſchichtlichem Boden zu ruhen. Dieſes Tributs Verweigerung aber erzeugte die Gefahr eines Krieges mit den Maſoviern. In ſolcher Lage bedurfte es eines oberſten Fuͤhrers, eines Volkshauptes und Wide⸗ 1) So die Sage bei Lucas David B. I. S. 39 nach der Chro⸗ nik des Biſchofs Chriſtian; eben ſo bei Simon Grunau Tr. II. c. J. F. 2. Jener nennt den Fuͤrſten Matzo, dieſer Maſo. 2) Lucas David B. I. S. 11.

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Geſchichte und Sage von Widewud. 141 wud ward nach der Sage zum Koͤnige erkoren. Es iſt ſeit alter Zeit bis auf die juͤngſte herab uͤber dieſe Erſcheinung eines königlichen Hauptes an den Ufern des Weichſel⸗Stro⸗ mes von gelehrten Maͤnnern viel vermuthet, viel gerathen und vieles, wie man meinte, als reingeſchichtliches Ergeb— niß hingeſtellt worden, und dennoch lag immer noch uͤber der ganzen Erſcheinung ein ſo dunkeler Schleier, daß es kaum moͤglich ſchien, irgend den Vorblick eines reinen ge⸗ ſchichtlichen Lichtes darin zu vernehmen. Dem einen war Widewud, den man auch Waidewut, Waidewud und Vito⸗ wudo genannt fand, der Fuͤrſt eines Alanenhaufens, der ins Land eingewandert die erſte Begruͤndung der Staatsordnung unter den Bewohnern Preuſſens veranlaßt haben ſollte Y. Ein anderer ſetzte ſeine Geſchichte mit einem Einfalle der Römer in Preuſſen in Verbindung ). Ein dritter ließ ihn aus der Eimbriſchen Cherſones nach Preuſſen wandern und da ein bedeutendes Reich gruͤnden ). Neuere Geſchichtſchrei⸗ ber verwarfen entweder die ganze Sage von Widewuds ein⸗ ſtiger Herrſchaft als ein bloßes Maͤhrchen ), oder ſie wuͤr⸗ digten fie als „maͤhrchenaͤhnlichen Angaben“ weiter keiner Aufmerkſamkeit ), oder ſie ſtellten ſie nackt und bloß als Sage hin und überließen jeglichem die beliebige Deutung und Erklaͤrung ), oder man fand den Schlüffel in der alt⸗ nordiſchen Mythologie und war dann um den Beweis be— muͤht, daß „der Preuſſiſche Waidewud und der vertriebene Odin entweder eine Perſon ſeyen oder gleichzeitig doch we— nigſtens in genauen Beziehungen zu einander ſtaͤnden ?) * 1) Kojalowit: histor. Litthuan. p. 17. Erasmus Stella de Bo- russ. antiquit. p. 25 — 30. 2) Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 67. 3) Schütz Chron. p. 2. 4. Hartknoch a. a. O. S. 45. Live manns Chron. (Mſcr.) 4) Schloͤzer Geſchichte von Litthauen S. 24. 5) Baczko Preuſſ. Geſchichte B. I. S. 143. 6) Kotzebue Aeltere Geſchichte Preuſſ. B. I. S. 37 und 27 l. 7) Hennig in ſ. Abhandlung: Odin und Waidewut. Eine hiſto⸗ riſche Parallele, in der Petersburg. Monatsſchrift Ruthenia Zr B. S. 131 f.

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142 Geſchichte und Sage von Wide wud. und dieſer nordiſche Odin gab allerdings der Deutungsſucht durch ſeine großen und wunderbaren Wanderungen Raum in großer Fülle, um mit allem, was man in feiner Wan- derungsgeſchichte fand ), auch wohl den König Widewud darin zu ſuchen. Es ziemt der Geſchichtſchreibung nicht, auf Sand Pa⸗ laͤſte zu erbauen und die Erſcheinungen des Lebens vergan— gener Zeiten auf unſicherem und faulen Boden ſpielen zu laſſen. Darum ſteht ihr die Forſchung zur Hand, die da, wo die Geſchichtſchreibung anpflanzen und aufbauen ſoll, zuvor die Sicherheit des Bodens pruͤfen und unterſuchen muß. Vor dem Gerichte dieſer pruͤfenden Forſchung aber wird nicht leicht eine jener Meinungen und Deutungen be— ſtehen koͤnnen. Vielleicht iſt es ihr gelungen, der Erſchei— nung Widewuds in folgenden Verhaͤltniſſen Sinn und Deu— tung zu geben. Jener Gefahr, die von Maſovien her drohte, konnte nur durch die bewehrte Mannſchaft des Volkes mit Kraft und Gluͤck begegnet werden. Dieſe Mannſchaft bil: deten die Wehren der Widen, die Vidivarier, da ihre Ber ſtimmung die Wehr und Vertheidigung des Landes gegen jeglichen Feind war. Zur Leitung dieſer Vertheidigung aber und zu des Krieges Führung und Ordnung bedurfte es ei- nes allgebietenden Oberhauptes an der Spitze der wehrhaf⸗ ten Widen und als ſolches ward Widewud vom Volke er= waͤhlt. Die Bedeutung ſeines Namens entſpricht dieſer Stellung. Der richtige Name iſt jedoch keineswegs Waide⸗ wut, — denn ſo nennen ihn nur ſpaͤtere Quellen —, ſon⸗ dern Widewuto 2), Vidowuto ?), Widewut ) u. ſ. w. Am 1) S. Lelewel über Matthaeus Chol. bei Ossolinski a. a. O. S. 561. 2) So Lucas David B. I. ©. 16. 17. 19; auch Widewutte S. 51. 63. Warzmanns Chron. (Mſcr.) 3) So Simon Grunau Tr. II. c. 1 f. 2. abwechſelnd auch Wi: dewuto und Widowuto. 4) Schütz Chron. p. 5. — Das Fragment der Chronik des Biſchof⸗ Chriſtian hat Wüdawuttus.

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Geſchichte und Sage von Widewud. 143 richtigſten geſchrieben aber wuͤrde der Name Widebod, Wi⸗ denbod oder Withebod heißen muͤſſen, denn Widen oder Withen, Vidivarier oder Gothen find das Volk, uͤber wel- ches er zum Oberhaupte erkoren ward. Dieſe Stellung be⸗ zeichnet der zweite Theil des Namens, denn in der altdeut⸗ ſchen Sprache bedeutet „Bod“ Gebieterſchaft, gebietende Macht, Herrſcherwuͤrde ). Demnach bezeichnet der Name Widewud, Widebod oder Withenbod nichts anderes als Wi- den⸗Gebieter, Widen-Fuͤrſt, Widen⸗Fuͤhrer, Widen-Ober⸗ haupt. So begegnet uns aus ſpaͤteren Zeiten der Name des altpreuffifchen Fuͤrſten Warpod oder Warbod ), fo viel bedeutend als Kriegsgebieter. Fuͤrſten-Benennungen bei andern Voͤlkern Germaniſchen Stammes beſtaͤtigen dieſe Er- klaͤrungen 3); der Name Widewud hat feine Deutung in den Verhaͤltniſſen des Landes ſelbſt gefunden; Widewuds Herr⸗ ſchaft iſt die oberſte Gebieterſchaft über die Vidivarier und es erhellt hieraus abermals ein Zeugniß fuͤr die Behauptung, daß die Sage von Widewuds Herrſchaft in Preußen auf geſchichtlichem? Boden ruhet )). 1) Wachter Glossar. German. p- 186: „Bod in nominibus propriis Veterum videtur ducem vel alium aliquem auctoritate ju- bendi pollentem denotasse, a Bieten mandare, praceipere. Daher Walıbote, Walbode potestate et auctorilate instructus; postea trans- ill in nomen gentile Dynastarum et Patriciorum nobilium. Seherz Glossar. German, s. h. v. Barth Urgeſchichte B. II. S. 366. 2) Lucas David B. I. S 3) Einige Beiſpiele moͤgen genuͤgen. So iſt Teutobod Teutonen⸗ Fuͤrſt, Marbod nach Barth a. a. O. S. 369 Reiterei⸗Gebieter, oder von mar groß, hoch, der große Gebieter; vielleicht auch Markomannen⸗Fuͤrſt. Hieher gehören auch die Namen Radbod und Sigibod ſ. Acta Zud- geri ap. Leibnitz T. I. p. 86. 88. Auf gleiche Weiſe zuſammengeſetzt find Genobaud, Cannobaud, Hariobaud, Mallobaud, wie auch Merobaud: alles Benennungen von Fuͤrſten Germaniſcher Völker. Machiler Glossar. German. p. 186. Adelung ält. Geſchichte der Deutſchen S. 327. Werſebe Völker und Völfer- Bünde des alten Deutſchl. S. 142. 4) Selbſt die Erwaͤhnung der Wahl Widewuds zum oberſten Haupte durch das Volk beftätigt die obige Anſicht. So erwählen in gleicher Weife auch die Longobarden nach ihrer Auswanderung aus Skandinavien aus

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144 Geſchichte und Sage von Widewud und dem Griwe. Als nun Widewud — ſo erzaͤhlt die Sage weiter — zu des Volkes Oberhaupt erkoren war, beſchloß er mit dem Volke, ſeinen Bruder Bruteno, der ſein Leben den Goͤttern geweiht, als gemeinſamen Oberherrn anzuerkennen, nichts Großes oder Kleines zu beginnen ohne ſeinen Willen, in Allem auf feinen Rath zu hören und ihm Gehorſam zu lei— ſten wie den Göttern ſelbſt. Als den Verkuͤnder des Goͤtter⸗ Willens nannten ſie ihn ſofort Griwe Griwaito, das iſt, Richter der Richter. Darauf beſchloſſen Widewud und Bru⸗ teno in einhelliger Geſinnung, daß ihr Volk hinfort keinem andern Dienſtſchaft leiſten oder Geſchenk und Tribut liefern, ſondern in Freiheit und nur im Gehorſam gegen die Goͤtter leben ſolle. Da baute Widewud nun eine feſte Burg, Naito oder Noytto genannt und zwiſchen der offenen See und dem Friſchen Haff gelegen ). Die Skandianer aber in der Schrift⸗ kunde, wie in der Kriegskunſt erfahrener und geuͤbter, in ihrer ganzen Lebensweiſe auch ſchon gebildeter, als das im Lande gefundene Volk, das weder Schrift noch Kriegs— geſchaͤft kannte, erhoben ſich bald uͤber die Ulmerugier, verachteten fie im Duͤnkel ihres Stolzes und zwangen fic mit Gewalt zu knechtiſcher Dienſtbarkeit. Da entftand gro- ßer Zwieſpalt unter den Voͤlkern, denn die Ulmerugier woll⸗ ten ſich nicht knechtiſch unterdruͤcken laſſen und verweigerten die aufgebuͤrdete Arbeit, bis endlich die Skandianer von den erzuͤrnten Ulmerugiern uͤberfallen und mehr als hundert dem Stamme ihrer bisherigen Fuͤhrer (duces) ein oberſtes Haupt, einen König, regem sibi ad ceterarum instar genlium statuerunt; Paul. VFarnefrid. L. I. c. 14. 1) Lucas David B. I. S. 17 ſagt: „zwiſchen Krano und Hailibo,“ das ware zwiſchen Chrono und Haalibo, mit welchen Namen er fpäterhin S. 60 die offene See und das Friſche Haff bezeichnet. Sir mon Greinau nennt die Burg Noytto, eben fo Leg p. 2 und legt ſie auf die Nehring. „Itzund“ ſagt Simon Grunau, wird es Neiten⸗ berg, nach Lucas David Neidenburg genannt. Wir haben aber in keiner alten Verſchreibung einen Namen in jener Gegend entdecken koͤn⸗ nen, der dieſem Naito oder Noytto ähnlich wäre. Man koͤnnte an Nidden denken; allein dieſes liegt auf der Kuriſchen Nehring.

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Geſchichte und Sage von Widewud und dem Griwe. 145 ihrer Höfe ſammt allem, was darin war, durch Feuer ver— tilgt wurden. Zwar ſuchte Widewud das empoͤrte Volk zu beruhigen; da er indeſſen kein Gehoͤr und keinen Gehorſam bei ihm fand, ſo berieth er ſich mit dem Griwe, wie es durch die Furcht der Goͤtter zur Ruhe zu bewegen ſey. Sie luden das geſammte Volk auf einen Tag vor die Burg Balga. Alle erſchienen. Aber es war ſchwer, den Frieden unter die erbitterten Völker zuruͤckzufuͤhren. Doch kam es endlich zwiſchen beiden wieder zur Vereinigung und es ward zur Begründung des Friedens der Vertrag geſchloſſen: „Kei— ner ſolle den andern verachten und wider Willen zur Arbeit zwingen. Beduͤrſe einer des andern Huͤlfe, fo möge er fie durch freundliche Gaben und Bitten oder andere Mittel der Milde zu erreichen ſuchen. Edler geachtet ſolle nur derjenige ſeyn, welcher durch edle Thaten ſich vor andern auszeichne, durch ſtattliche, ſchnelle Roſſe den Vorrang gewinne und ſich in Kriegsthaten uͤbe. Sonſt ſolle nur des Namens Klang den Skandianer vom Ulmerugier unterſcheiden ). Als nun in ſolcher Weiſe die Voͤlker wieder vereinigt waren, verordnete der Griwe auf dem Tage vor Balga auch mehre Geſetze, welche des Volkes inneres Leben, Sitte und Brauch betrafen. Die wichtigſten dieſer Verordnungen, deren zum Theil wir nachher noch weiter gedenken werden, zielten auf die Gruͤndung eines gemeinſamen Goͤtterdienſtes des wieder vereinten Volkes hin. Nachdem der Griwe die verſammelte Menge zur Beachtung der Geſetze ermahnt und gewonnen hatte, wurde verordnet: Es ſolle hinfort nie: mand ohne den Griwe die Goͤtter des Volkes anbeten und keiner aus fremden Landen einen andern Gott ins Land bringen. Die drei oberſten Götter follen ſeyn Potrimpos, Perkuno und Pikullos. Um dieſer Goͤtter willen ſollen der Griwe Griwaito und ſeine Nachfolger, welche die Goͤtter geben und die Prieſter waͤhlen werden, fuͤr die oberſten D Wie Lucas David B. I. S. 19 — 20 es ausdrückt: „doch bleib der underſcheit, das der Scandianer Nabmen ſich endigen auf ein D, aber der Uulmiganer auf ein S. J. 10

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146 Geſchichte und Sage von Widewud und dem Griwe. Herren des Landes gelten. Ihnen wie den Goͤttern ſelbſt gebuͤhre Furcht und Gehorſam. Wer dieſe ihnen zolle, er- warte jenſeits dieſes Lebens reiche Belohnung; wer fie da- gegen verweigere, werde durch Qual, Jammer und Angſt geplagt. Alle Nachbarn, welche dieſe Götter ehren und mit Opfer beſchenken, ſolle man lieben und achten; die fie je- doch verſchmaͤhen und verachten, ſolle man mit Feuer und Keulen verfolgen. Als dieſes Geſetz verkuͤndigt und das Volk entlaſſen war, beriethen Widewud und der Griwe, wie dieſes Volk durch die Furcht vor den Goͤttern auch fernerhin in Ruhe und Eintracht erhalten werden koͤnne; und ſie beſchloſſen die Gruͤndung eines Romowe. Da fand der Griwe auf einer anmuthigen Aue eine maͤchtige, dicke Eiche, deren Aeſte ſich weit ausgebreitet und deren Umfang von hohem Alter zeugte. Dahin entbot er das geſammte Volk, ihm verkuͤndigend, daß die allmaͤchtigen Goͤtter ſich dort einen Ort auserſehen haͤtten, an welchem ſie unter dem Volke wohnen wollten. Als nun das Volk in großer Zahl verſammelt war, zeigte man ihm die drei aus Skandien mitgebrachten Goͤtterbil— der, welche der Griwe nicht fern von der Eiche aufgeſtellt hatte, alſo daß ſie jeglicher ſehen konnte. Das Volk freute ſich deſſen; am meiſten ſtaunten des Landes aͤltere Bewoh⸗ ner, die nie zuvor das Bild eines Gottes geſehen, ſondern nur Sonne und Mond angebetet hatten. Dann trat Wide⸗ wud auf, das Volk zum Danke gegen die Goͤtter ermah— nend, daß ſie ihm dieſes Land verliehen haͤtten, und ihm verkuͤndigend, daß es ihr Wille ſey, daß die aͤlteren Landes⸗ bewohner und die neuen Ankoͤmmlinge ſich gegen einander freundlich und bruͤderlich verhalten und unter ſich einig le— ben ſollten. Als reiche Folgen bruͤderlicher Eintracht verhieß er Sieg uͤber die Feinde, Reichthum durch Raub, Ruhm unter den Voͤlkern. Den Ungehorſamen, die dieſer Gebote der Goͤtter nicht achteten, verkuͤndigte er als Strafen Qual durch boͤſe Geiſter, Krieg durch nachbarliche Voͤlker, Ueber⸗ waͤltigung im Kampfe, Tod und Gefangenſchaft durch Feinde,

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Geſchichte und Sage von Widewud und dem Griwe. 147 Knechtſchaft, harte Arbeit und Jammer und Elend jegli- cher Art. Als nun das Volk nach ſolcher Ermahnung dem Koͤnige den ſchuldigen Gehorſam gelobt, befahl der Griwe, in den hohen Eichenſtamm drei Niſchen einzuhauen, und da dieſes geſchehen war, wurden von ihm die drei Goͤtterbilder mit großem Gepraͤnge und tiefer Ehrfurcht in dieſen Standorten aufgeſtellt und jeglichem Gotte ſein Kleinod und ſeine Opfer dargebracht. Darauf gebot der Griwe dem Volke, in fol— gender Nacht an dem Orte zu verweilen, weil es die Goͤt— ter wollten, daß er am folgenden Tage ihren Willen dem Volke verkuͤndige. Ein dunkeles Gewitter umwoͤlkte in der Nacht den Himmel; Blitz und Donner ſchreckten das Voll Als aber am friſchen Morgen die Sonne hell und freundlich heraufſtieg, ließ der Griwe einen Holzſtoß aufrichten; die Prieſter trugen ihn hinauf und riefen das Volk näher herz bei. Dann erhob der Griwe das Wort und ſprach: „Ahr habt in vergangener Nacht vernommen, wie unſere Goͤtter durch Perkuno's donnernde Sprache mit mir geredet und geboten, euch kund zu thun, daß ihr hinfuͤro nur an die⸗ ſem Orte und in dieſem heiligen Walde, der Wohnung der Goͤtter, Opfer und Gaben bringen ſollet. Doch nur allein geweihte Prieſter ſollen die dargebrachten Opfer den Goͤttern uͤberreichen. Darum ſollen auch die Prieſter, Waidelotten genannt, immerdar in des Heiligthums Naͤhe wohnen. Es ſoll aber dieſes Land, das uns die Goͤtter verlieben, hinfort nach meinem, des erſten Griwe Namen Bruteno, das Bru- tener-Land genannt werden, auf daß auch biedurch die neuen Ankoͤmmlinge und die alten Landesbewohner ſich in Einigkeit verbinden und die Getrenntheit und Spaltung der Volker vergeſſen werde. Endlich iſt es auch der Götter Wille, daß dieſer Ort, wo an der heiligen Eiche die Goͤtter walten und der Griwe mit den Prieſtern wohnet, hinfort Rikaita oder Romove heiße.“ Nach erneueter Ermahnung zum Gehor⸗ fan und zur Ehrfurcht gegen die Götter und zur Einigkeit unter einander entließ der Griwe die verſammelte Menge. e

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148 Geſchichte und Sage von Widewud und dem Griwe. So ſpricht die Sage.) Die Frage nach ihrer geſchicht⸗ lichen Bedeutung und' ihrem Sinn findet ihre Beantwor⸗ tung, wie es uns ſcheint, in den Verhaͤltniſſen des Landes und der Zeit, von welchen die Sage redet. Sie ſpricht offenbar von einer Zeit wo die verſchiedenen Bewohner Preuſſens noch nicht voͤllig zu einem Ganzen verſchmolzen waren und noch eine gewiſſe Getrenntheit unter den verſchie— denen Voͤlkerzweigen herrſchte. Der eine dieſer Zweige war nach der Sage ein neueingewanderter, der andere ein ſchon ſeit Alters her im Lande eingeſeſſener. In jenem erſtern er- kennen wir die Skandiſchen Gothen, die Widen und Vidi— varier, deren Oberhaupt Widewud war; in dem andern fin— den wir die alten Ulmerugier, alfo ein Volk, deſſen ge— miſchte Theile alte Gothen, Galinder, Aeſtier und Veneder waren. Zwiſchen dieſen beiden Zweigen brach bald, nach dem Berichte der Sage, Unfriede und Feindſchaft aus. In den Verhaͤltniſſen aber, in welchen die Skandianer oder die neuen Ankoͤmmlinge zu des Landes aͤlteren Bewohnern, den Ulmerugiern ſtanden, ſcheint ein baldiger Zwieſpalt unter beiden Voͤlkern allerdings eine fo natürliche, als leicht be— greifliche Erſcheinung. Mit den Waffen waren die Skan⸗ dianer gekommen, erobernd hatten ſie im Lande der Ulme— rugier Wohnſitze geſucht und gefunden. Es war nothwendig, 1) Nach Lucas David B. J. S. 17 — 32. Es iſt nicht unwich⸗ tig, zu bemerken, daß Lucas David bei der Erzählung dieſer Sage ſei⸗ ner alten Quelle, des Biſchofs Chriſtian, nicht ein einzigesmal erwahnt. Es iſt alſo zu bezweifeln, daß er fie aus dieſer Quelle ſchoͤpfte. Beſta⸗ tigt wird dieſes auch noch dadurch, daß 1) Lucas David am Ende der Sage S. 38 anhebt: „Itzt wollen wir weitter die geſchicht, ſo ſich ungefehr (wie Herr Chriſtianus der erſte Preuſſiſche Biſchoff ſetzt) im Jar Chriſti 550 zugetragen, ertzehlen;“ daß 2) Simon Grunau Tr. II. c. 2. F. 3. seg. in feiner Art der Erzaͤhlung bedeutend von Lucas Das vid abweicht und die Sage in dieſer Ordnung nicht hat, wie ſie Lucas David erzäblt und daß 3) Simon Grunau mit dem Fragment aus Ehri⸗ ſtiane Chronik, welches von dieſer Sage nichts weiß, hier genau uͤber⸗ einſtimmt. S. das Weitere in der Abhandlung uͤber die Chronik des Biſchofs Ehriftian, Veilage Nro. J.

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Geſchichte und Sage von Widewud und dem Griwe. 149 daß fie die Waffen in der Hand beyielten; aus ihrer Zahl vorzüglich mochte die Wehrmannſchaft der Widen, das Volk der Vidivarier beſtehen. Wie die Gothen uͤberhaupt auf ihren Wanderungszuͤgen immer als kriegeriſch geſinnt er ſcheinen, ihre ganze Geſchichte faſt immer nur von Kriegen, Schlachten und Eroberungen ſpricht und das geſammte Volk auf feinen Heerfahrten im Waffengebrauche als weit geuͤb— ter hervortritt, weil Waffenuͤbung ihm ſelbſt zum Scherz und Spiele diente ), ſo nennt auch die Sage die einge— wanderten Skandianer, ohne Zweifel in Beziehung auf die Widen⸗Wehren, als im Gebrauche der Waffen weit erfah— rener. Dagegen ſchildert die Sage, wie die Geſchichte, des Landes alte Bewohner, die Ulmerugier, alſo die älteren Gothen, die Aeſtier und Veneder ſtets als ein friedliches und ruheliebendes, dem Kriegsgeraͤuſche abholdes und des⸗ halb in den Waffen auch ungeuͤbtes Geſchlecht 2). Daneben aber ſtand das Gothiſche Volk allerdings auch in ſeiner gan— zen Bildung und in ſeinem geiſtigen Streben ungleich hoͤher, als die andern barbariſchen Voͤlker; fie ſelbſt ruͤhmten ſich als weiſer und gebildeter ). Stellte ſich nun vergleichend der gebildetere Skandianiſche Gothe, der kriegsgeuͤbte Vidi— varier dem roheren Ulmerugier, dem friedlich geſinnten Ae— 1) Roderieus Toletanus c. IX ſagt von ihnen: Liberlaiem sem- per bello quam pace potius servavere; in bellandi necessitute vires precibus praetulere, et in armis spectabiles, hastis et jaculis, ar- cubus et sagittis, ensibus alque clavis, equestri et pedestri proelio conſligebant. Cura tamen equorum carior illis fuit; telis et jaculis pro recrealione praeludere affeetabant. Ludorum cerlamina usu ge- rebant in armorum experientia. Jornand. c. 5. 2) Schon Jai. German. c. 45 deutet darauf hin; noch beſtimm⸗ ter ſpricht Jornand. c. 5 und 23; in ſpaͤterer Zeit Helmold. Chron. I. I. c. 1. Adam. Bremens. de situ Dan. ap. Lindenbrog Seripil. = Sept. p. 59. Vgl. damit die Sage bei Lucas David B. J. 3) Jornand. c. 5: Nec defuerunt, qui eos sapientiam erudirent. Unde et pene omnibus barbaris Gothi sapientiores semper exilr- runt, Graecis pene consimiles, ut reſert Dio. Damit übereinfüm mend Lucas David B. I. S. 18.

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150 Geſchichte und Sage von Widewud und dem Griwe. ſtier, dem in den Waffen unerfahrenen und kriegsſcheuen Veneder gegenüber, fo war Stolz, Verachtung und herri⸗ ſcher Druck gegen dieſe letzteren wohl eine natuͤrliche und dem menſchlichen Geiſte ſtets eigen geweſene Erſcheinung, zumal da Duͤnkel und Stolz dem Gothiſchen Volke auf ſei⸗ nen Zuͤgen immer ſchon eigenthuͤmlich war ). Dies waren die Quellen des Druckes und der knechtiſchen Behandlung, welche die Ulmerugier von den Skandianern zu erdulden hatten. Die gedruͤckten und verachteten alten Bewohner des Landes empoͤrten ſich aber gegen die herriſchen Widen, und die Haͤupter des Volkes mußten um fo mehr auf Mittel denken, die neue Spaltung zu heilen und die Zwietracht zu verbannen, da die von Maſovien her drohende Gefahr noch keineswegs voruͤber war. Der Sinn der ganzen Sage zielt daher auf eine Ausgleichung des Zwieſpaltes, auf eine freundliche Verſoͤhnung, auf eine innigere Vereinigung und Verſchmelzung beider Voͤlkerzweige zu Einem Ganzen hin. Es zielt dahin jene ſinnvolle Verſammlung beider Volks⸗ zweige vor der Burg Balga und alles, was dort fuͤr Ver⸗ mittlung und Herſtellung des inneren Friedens und fuͤr die engere Verbindung der Bewohner des Landes geſchah. Nicht ohne beſondere geſchichtliche Wichtigkeit erwaͤhnt die Sage, daß das alte Landesvolk, die Ulmerugier nur wenig auf Widewuds mahnendes Wort gehört und ihm fo wenig Ach- tung, als Gehorſam bezeigt ), daß dagegen des Griwe Ge— bot und Befehl maͤchtigen Eindruck auf die Gemuͤther ge— vabt habe ); daß daher auch Widewud beſchloſſen, zur Ber: führung und Vereinigung der Voͤlker den Bruteno als ober⸗ ſten Griwe, als ſeinen und ſeines Volkes oberſten Herrn und Richter anzuerkennen. Hier aber erhebt ſich die wich— tige Frage: wer war dieſer Bruteno? War der Name Griwe, der ihm ertheilt wurde, vielleicht eben ſo entſtanden, wie 1) Dieſer Stolz ſpricht ſich auch in Caſſiodors Worten aus, L. VII. ep. 25. ) Lucas David B. I. S. 19. 27. 3) Ebendaſ S. 20.

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Geſchichte und Sage von Widewud und dem Griwe. 151 der Name Widewud und hat er aͤhnliche Beziehungen und ahnliche Bedeutung? Dürfen wir endlich geſchichtliche Wahr⸗ beit darin ſuchen, daß ihn die Sage gleichfalls einen Volks⸗ fuͤhrer aus Skandien und einen Bruder Widewuds nennt? Es mag keinem mehr gelingen, dieſe Fragen bis zur rein⸗ geſchichtlichen Gewißheit zu beantworten; aber es darf wohl verſucht werden, der geſchichtlichen Wahrheit, die in das dunkele Feld der Sage entruͤckt iſt, vielleicht in etwas naͤher zu treten. Es iſt bei allen Voͤlkern aller Zeiten Sitte und Brauch geweſen, daß derjenige unter den Menſchen, welchen koͤrper⸗ liche Kraft, kriegeriſcher Sinn und Muth, maͤnnliche Hel⸗ dentugend und Tapferkeit auszeichneten und aus der Menge bervorhoben, ſich an die Spitze der Krieger ſtellte, zum Fuͤh⸗ rer im Kampfe erkoren ward oder zur Vertheidigung die Oberanfuͤhrung der Wehren erhielt; ſo wie wiederum der⸗ jenige, dem hohes Alter reiche Erfahrung in menſchlichen Dingen und tiefe Ehrfurcht verlieh, zur Ordnung und Bes ſtimmung in Sitte und Geſetz, in Recht und Gewohnheit, in Gericht und Gerechtigkeit berufen war. So war es auch bei den Voͤlkern Germaniſchen Stammes; ſo hieß bei ihnen der erſtere der Fuͤrſt, der Führer oder der Herzog; der an⸗ dere, den die Erfahrung des hohen Alters zum Wuͤrdigſten erhob, ward der Graue, der Grav oder Graf genannt ). So war es bei den Germanen uͤberall, ſo insbeſondere auch bei den Gothen und namentlich auch bei den Zweigen dieſes Volkes an den Baltiſchen Kuͤſten. Widewud lernten wir kennen als den Fuͤrſten der Widen, den Fuͤhrer und Herzog der Widen-Wehren, der Vidivarier, vom Volke gewählt zur Abwehr der Gefahren, zur Sicherung und Ver⸗ theidigung des Landes durch Waffengewalt. Neben ihm ſtand auch hier der Graue, der Grave, Grewe oder Griwe. Die⸗ ſer Name Griwe iſt unbezweifelt Germaniſch und zwar auch Gothiſch. In ſeiner urſpruͤnglichen Bedeutung bezeichnete er 1) Ludens Allgemeine Geſchichte der Volker und Staaten Lr Th. Ale Abtheil. S. 45. Deſſ. Geſchichte des deutſchen Volks B. I. S. 408.

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152 Geſchichte und Sage von Widewud und dem Griwe. das Alter; dann aber ging in ähnlicher Weiſe, wie bei an- dern Voͤlkern, dieſe Bedeutung auch auf die Wuͤrde, das Amt, die Stellung und die Lebensverhaͤltniſſe über, zu de— ren Verwaltung und Anordnung das Alter die noͤthige Er⸗ fahrung, das noͤthige Anſehen und die noͤthige Wuͤrdigkeit verlieh ). Vorzuͤglich aber bezeichnete man in alter Zeit, beſonders auch im Skandinaviſchen Norden und uͤberall, wo Gothen gelebt, mit dem Worte Grewe den Richter, den Pfleger der Gerechtigkeit 2). Nun liefert aber die Ge— ſchichte der Gothen auch zahlreiche Beweiſe, daß mit dem Richteramte bei dieſem Volke, fo lange es noch dem Hei: denthum huldigte, auch das Prieſterthum vereinigt war. Schon dem Odin wird die Anordnung von zwölf geachteten und angeſehenen Maͤnnern zugeſchrieben, welche zugleich als Oberprieſter und Oberrichter die Sorge für die Götterver: ehrung durch Opfer tragen und uͤber das Volk das Richter⸗ amt führen ſollten ). Im Volksheiligthume zu Upfala war 1) „Graue, Gerontes, Gerufia, Senatores, Senatus, Majores natu, Aelteſte, Eldermen, Seniores, Seigneurs — ſind von Bedeutung in aller Geſchichte.“ Luden a. a. O. S. 724. 2) Schon Thunmann unterſuch. über die Geſchichte einiger nord. Völker S. 79 war auf dem richtigen Wege, indem er den Namen „Kriwe“ von Grewe ableitete, „womit ſo wohl die Gothen als die Sachſen in Britannien und Deutſchland und die Skandinavier die rich⸗ terliche Obrigkeit bezeichneten.“ Auch bemerkt Hennig in ſ. Abhand⸗ lung über Odin und Waidewut a. a. O. S. 207, daß noch jetzt in Niederſachſen, in der Weſtpreuſſiſchen Niederung, wo ſich die Preuſſiſchen Gothen am laͤngſten erhielten, und an andern Orten Grebe oder Graͤff einen Dorfrichter oder Schulzen bedeute. Noch jetzt heißt auch in Lit⸗ thauen das Amtszeichen eines Schultheißen, ein krummer Stab, die Kriwule; ſ. Donaleitis Gedicht: das Jahr uͤberſ. von Rheſa S. 159. Rhesa Progr. de religionis christian. in gente Lithuan. initus P. III. p. 6. In den Niederungen von Elbing und Marienburg haben die richterlichen und verwaltenden Vorſteher uͤber die Teich⸗ und Damm. Angelegenheiten den aͤmtlichen Namen Teichgraͤfen. 3) Snorro Sturl. Vnglinga- Saga P. I. c. 2. „ Skylldo deir rada fyrer Blotom oc Domom Manna imille; dat ero Diar kallader eur Droitaar, deim skylde dianosio veita og Lotniug alli Folk; i.

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Geſchichte und Sage von Widewud und dem Griwe. 153 der oberſte Prieſter zugleich auch mit der Wuͤrde eines Ober⸗ koͤniges geſchmuͤckt ). Es ſcheint ſich alſo auch durch die Geſchichte der Gothen die Behauptung zu beſtaͤtigen, daß unter den deutſchen Voͤlkern keine Prieſterſchaft, d. h. kein geſchloſſener, aus der uͤbrigen Geſellſchaft der Menſchen her⸗ austretender, nur in Dingen der Religion beſchaͤftigter Stand von Prieſtern Statt gefunden habe, daß vielmehr die Prie= ſter Maͤnner waren, die vom Volke zu beſtimmten Geſchaͤf⸗ ten gewaͤhlt, vielleicht ohne Lehre, ohne Weihung, ohne Verbindung nur Prieſter durch die Geſchaͤfte wurden ). So finden wir in den Skandinaviſchen Reichen lange Zeit die Prieſterwuͤrde mit den Geſchaͤften der Rechtspflege und mit Richtergewalt vereinigt und es knuͤpfte ſich ſelbſt auch noch in andern Laͤndern bei den Gothen und den mit ihnen ver- buͤndeten und verwandten Voͤlkern an die Richterwuͤrde ein ſo hohes Anſehen, daß ſogar der Koͤnigsname mit dem des Richters wechſelte ). Ueberhaupt gebrauchten die Gothen zur Bezeichnung ihrer Oberhaͤupter lieber den Namen eines Rich⸗ ters, als den eines Koͤniges ). Schon dieſes beweiſet, daß der Begriff des Richteramtes den Gothen hoͤher ſtand, als „„ Ibi (sc. Asgardi) quoque locus immolationibus ei cultu Idolorum maxime conspicuus: ibique mos obtinuit, ut duodecim Praefecti veteris eminenliores, Diar seu Drotinar, hoc est, Principes seu Do- mini dieti, curam gerereni sacrorum et populo jus dicerent. Vgl. Suhm Geſchichte der Daͤnen B. I. S. 50. 1) Rühs Geſchichte von Schweden B. 1. S. 39. Suhm a. a. O. S. 32. 2) So Luden Geſchichte des deutſch. Volkes B. I. S. 568. 3) Ammian. Marcel. L. XVII. c. 12. XXVII. c. 5. ed. Gronox. not. d. e. Roderieus Toletanus c. IX, 4 So ſagt Themistius in Orat. X. ad Valent. vom König Atha⸗ narich, den Ammian. Marcel. L. XXVII. c. 5 Judex polenlissimus nennt: Oro Jον ryv ev TOV eo NES, TyvV Tou dh ard de cg. do zxeivo (EV Öuvdpewg irg entter, To os go- Pixs. Themiſtius nennt den König auch zrgenyogos, weil er bei der Unterhandlung mit Valens der Wortfuͤhrer, wie im Kriege der Heer⸗ fuͤhrer geweſen war; ſonſt aber heißt er bei ihm Sicc? und KEITNE-

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154 Geſchichte und Sage von Widewud und dem Griwe. der der Koͤnigsmacht, mit welcher des Volkes Freiheit ihnen ſchwer vereinbar ſchien, und wenn ſie ſich auch fuͤr ihre Volkshaͤupter des Koͤnigsnamens bedienten, fo iſt doch un⸗ beſtreitbar, daß die Bedeutung des Koͤniges fuͤr ſie ganz anders war, als für Voͤlker ſpaͤterer Zeiten ). Das Pric- ſterthum aber war mit dem Richteramte nur ſo lange ver⸗ bunden, als in dem Volke der Glaube an die alten Goͤtter und an die alten Heiligthuͤmer noch in vollem Leben herrſchte und auch nur ſo lange konnte an feierlichen Opferfeſten dem Volke Gericht geſprochen und des Volkes Gemeinweſen be— rathen werden ). Denn als das Chriſtenthum bei ihm die Prieſterwuͤrde vom Richteramte trennte, indem es eigene Pfleger des Gottesdienſtes verlangte, blieb bei den chriſtli— chen Gothen die Richterwuͤrde zwar noch in jener alten ho— hen Ehrfurcht und Achtung, aber das Prieſteramt ward nun- mehr einem beſondern geiſtlichen Stande zuertheilt. Wenden wir nun, von den übrigen Gothiſchen Volker zweigen auf die in Preuſſen blickend, dieſe geſchichtlichen Lebensverhaͤltniſſe auf den Griwe in Preuſſen an, ſo zer— fallen von ſelbſt alle kuͤnſtlichen Erklaͤrungen und Deutungen, in denen man ſich uͤber die Bedeutung ſeines Namens, ſei⸗ ner Wuͤrde und ſeines Amtes in alter und neuerer Zeit ge— fallen hat ). Es ſcheint wohl kaum noch einem Zweifel zu unterliegen, daß der Griwe unter dem Volke in Preuſſen in Beziehung auf feine Stellung, fein Amt, feine Wirf- ſamkeit eine gleiche Bedeutung gehabt habe, wie der Grewe, 1) Vgl. was Luden von der Bedeutung der Koͤnigswürde bei den alten Deutſchen a. a. O. B. I. S. 510 ff. ſagt und hier zum Theil auch Anwendung findet. 2) Ruͤhs a. a. O. S. 4. 3) Eine Menge dieſer Auslegungen und Deutungen findet man in Hartknochs Alt und N. Pr. S. 147 und in Hartknochii Disser- tat. IX. h. 1; auch in Prätorius Schaubuͤhne B. IV. c. XII. 8. 3. Mone in ſ. Geſchichte des Heidenthums S. 83 billigt die Ableitung des Namens von Krawia, Blut, welches Wort im Preuſſ. Katechismus dei Vater S. 126 zwar allerdings einigemal vorkommt; aber was iſt mir einer ſolchen Ableitung gefoͤrdert? *

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Geſchichte und Sage von Widewud und dem Griwe. 155 der Grave, der Graue bei den andern Germaniſchen Voͤl⸗ kern. Wie bei dieſen der Herzog der Fuͤrſt des Heerlagers, der Fuͤhrer der Wehrmannen, das Oberhaupt der Krieger⸗ ſchaaren war, fo ſtand bei den Gothiſchen Zweigen in Preuſ⸗ ſen Widewud als Widen-Fuͤrſt an der Spitze der Widen⸗ Wehren, der geſammten Kriegsmannſchaft. Wie bei jenen der Grave oder der Graf das Gericht übte, für Geltend- machung der Geſetze forgte, Sitte und Ordnung in der Volksgemeinde aufrechthielt, als Haupt des Gaues die in⸗ nere Ruhe, die Sicherheit und das Wohlſeyn des gefellig- bürgerlichen Zuſammenlebens der Gau-Bewohner zu be- wahren hatte, zum Prieſter der Volksgemeinde erwaͤhlt den Goͤttern die oͤffentlichen Opfer brachte und ſo als „Prieſter des Staats )“ den Einklang und die verſoͤhnende Verbin⸗ dung des buͤrgerlichen Lebens im Staate mit der hoͤheren Waltung der Goͤtter vermittelte 2), ſo ſtand bei den Gothi⸗ ſchen Zweigen in Preuſſen der Griwe als Vermittler des Goͤttlichen und Menſchlichen, als Handhaber und Pfleger des Geſetzes, der ſittlichen und buͤrgerlichen Ordnung, als Richter fuͤr Recht und Strafe, zugleich aber auch als Diener der Goͤtter und als oberſter Verweſer alles deſſen, was Re⸗ ligion und Goͤtterdienſt betraf, in der Volksgemeinde da. So⸗ nach entſpraͤche alles, was uns vom Widewud und von dem Griwe erzaͤhlt wird, der gemeinſchaftlichen Verfaſſung und der bürgerlichen Ordnung der übrigen Germaniſchen Voͤlker; es entſpraͤche den ewigen Beduͤrfniſſen alles geſellſchaftlichen Le- bens; es kaͤme Einklang und Bedeutung in alles, was uns im Gewande der Sage aus alter Zeit uͤberkommen iſt. Wenn aber die Sage ferner den Griwe mit dem Namen Bruteno bezeichnet und ihn einen Bruder Widewuds nennt, ſo koͤnnte man entweder in jenem Namen nur einen Verſuch ſpaͤterer Zeit zur Erklärung der Benennung Brutener, Pru⸗ tener oder Preuſſen erkennen, wohin die Sage ſelbſt auch deutet, oder man duͤrfte mit großer Wahrſcheinlichkeit in 1) „Sacerdos civitatis“ Teeit. German. c. 10. 2) Luden Geſchichte des deutſch. Volkes B. J. S. 498. 568

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156 Geſchichte und Sage von Widewud und dem Griwe. dem Namen Bruteno die Bezeichnung der Einſicht, der Kenntniß und Erfahrung des Griwe als Richter und Prie— ſter finden ). Ob man in der Bezeichnung des Griwe als eines Bruders Widewuds nach dem Sinne der Sage an eine wirkliche bruͤderliche Verwandtſchaft beider Volkshaͤup⸗ ter denken duͤrfe, koͤnnte uneroͤrtert bleiben, wenn es nicht wahrſcheinlich wuͤrde, daß entweder die Sage hiedurch auf die nothwendige innere Verbindung und Vereinigung des Krieges und des Friedens, des Schwertes und des Altars, des Heer⸗Lagers und des Buͤrgerlebens hindeuten wollte, oder daß vielleicht mit noch mehr Gründen der Wahrſchein⸗ lichkeit an die bruͤderliche Verwandtſchaft der Gothiſchen Zweige in Preuſſen in der Anerkennung eines gemeinſamen Mutter- Volkes hiebei gedacht werden dürfte. Die Wurzel der Zweige der Aeſtier, der Galinder, der Ulmerugier war, wie die der Widen aus Skandien und der Vidivarier, un— bezweifelt Gothiſch; in allen dieſen Bewohnern Preuſſens bewegte ſich Gothiſches Blut, das Blut einer gemeinſchaft⸗ lichen Mutter. War alſo urſpruͤnglich der Griwe vielleicht das verwaltende Oberhaupt der friedſamen Aeſtier und der ſtillen Ulmerugier geweſen? Legten dieſe vielleicht deshalb auf ſein Wort ſo hohes Gewicht und bewieſen ſie ihm dar— um fo willigen Gehorſam, weil fie von alter Zeit her fei- nen Geboten gefolgt waren und ſeinem Namen hohe Ehrfurcht bezeigt hatten? Fand dagegen Widewud, vielleicht urſpruͤng⸗ lich das alleinige Oberhaupt und der Führer der kriegeri⸗ ſchen Widen aus Skandien, der Fuͤrſt und Herzog der Vi- divarier, deshalb ſo wenig Gehoͤr und ſo wenig Achtung ſeiner Gebote bei den Ulmerugiern und den andern alten Landesbewohnern, weil ſie, dem Kriege abhold, die Macht 1) Prätorius Schaubuͤhne I. I. c. 2. §. 11. erwähnt des alt- preuſſiſchen Wortes pruntu, ich verſtehe, begreife, habe Einſicht und Kenntniß; daher pruota, im Litthauiſchen protas der Verſtand, Witz, Klugheit; im Lettiſchen iſt es übergegangen in prast verſtehen, begrei⸗ fen, und prahts der Verſtand. Hartkn och A. u. N. Preuſſ. S. 7: führt an: daß pruola oder prulo eigentlich sugacitas bedeute. *

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Geſchichte und Sage von Widewud und dem Griwe. 157 des Schwertes nicht anerkennen wollten und derum Druck und Knechtſchaft von denen aus Skandien ertragen mußten, bis jene vom Suͤden her drohende Gefahr in den beiden Oberhaͤuptern den Gedanken einer Verſoͤhnung der Voͤlker, einer Ausgleichung der Spannung, einer Vereinigung der geſammten Volkskraͤfte, einer Verſchmelzung der verſchiede⸗ nen Volkstheile erzeugte? War alſo dieſes und das Be— wußtſeyn gleicher Abſtammung und naher Verwandtſchaft das Band der Bruͤderſchaft, durch welches der Kriegsfuͤrſt Widewud und der Friedensfuͤrſt Griwe ſich zu einander hin- gezogen fuͤhlten? Sonach duͤrfte vielleicht aus allem, was uns die Sage von der Verbruͤderung des Griwe und des Widewud und von der Vereinigung und Verbindung der Voͤlker berichtet, die geſchichtliche Thatſache hervorgehen: der Widen⸗Fuͤrſt, deſſen Gewalt ſich vordem vorzüglich nur auf das Widen-Volk aus Skandien und auf die Widen-Weh⸗ ren erſtreckte, deſſen Macht uͤber die alten Laudesbewohner wenigſtens nicht rechtlich anerkannt ward, und der Griwe, der oberſte Richter und oberſte Prieſter, das Oberhaupt der alten Landesbewohner, deſſen Herrſchaft nicht uͤber das Volk der Aeſtier, Galinder und Ulmerugier hinausging, verein⸗ ten ſich bei einer von Suͤden her drohenden Gefahr, ihre doppelte Macht gegenſeitig auszugleichen, das Regiment des Friedens und des Krieges uͤber Preuſſens geſammtes Volk unter ſich zu theilen, die Getrenntheit der Voͤlkerzweige auf⸗ zuheben, durch Vereinigung des Volkes geſammte Kraft zu verſtaͤrken und alles Eigenthuͤmliche der Bruͤdervoͤlker in Sitte und Lebensweiſe, in Geſetz und Goͤtterdienſt zu verfchmel- zen und in Einklang zu bringen. Die Gewalt des Griwe erſtreckte ſich nunmehr auch uͤber das geſammte Volk der Widen und uͤber die kriegeriſchen Widen-Wehren; ſie ge⸗ horchten ſeinem Geſetze im Rechte und ſeinem Gebote im Goͤtterdienſte. Der Widen⸗Fuͤrſt, Widewud, wurde nun: mehr Kriegsoberſter des geſammten vereinten Volkes und gebot in ſeiner Kriegsmacht auch uͤber die Ulmerugier, Ga⸗ linder und Aeſtier. Darum iſt es nicht ohne Wichtigkeit,

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158 Geſchichte und Sage von Widewud und dem Griwe. wenn die Sage erzaͤhlt, daß Widewud nun auch im Aeſtier⸗ Lande die Burg Naito errichtet habe, denn es erhellt hier- aus nicht bloß, daß ihm das Amt der Landesvertheidigung auch bis dorthin oblag, ſondern daß ſich nun feine Ober- macht auch bis ins Gebiet der Aeſtier erſtreckte. Dieſer vorwaltende Sinn der Sage von einer innige⸗ ren Verbindung und Verſchmelzung der Voͤlkerzweige an der Oſtſee⸗Kuͤſte, beſonders der Hauptzweige der Widen und der Aeſtier und die nicht weniger in der Sage hervorgeho- bene Hindeutung auf die Erweiterung und Verbreitung der Macht des Kriegsfuͤrſten Widewud und der Gewalt des Ober- richters und Oberprieſters Griwe laͤßt ſich allerdings auch durch manche geſchichtliche Spuren noch nachweiſen. Das Ereigniß namlich, wovon dieſe Umwandlung der Dinge Folge war, muß im Ablaufe des ſechſten oder des ſiebenten Jahrhunderts vor ſich gegangen ſeyn, denn in den Tagen des Koͤnigs Alfred des Großen war jene Verſchmelzung der Voͤlkerzweige längft vollendet. Das Widen-Land oder With⸗ land begann um dieſe Zeit in feiner alten Graͤnze am Weich— ſel-Strome, ging durch die Gegend hindurch, in welcher fpäterhin Elbing erbaut ward ), dann durch den weſtlichen Theil der nachmaligen Landſchaft Ermland und endigte nach fpätern urkundlichen Zeugniſſen im ſuͤdweſtlichen Theile Sam⸗ lands, wo zwiſchen Pillau und Fiſchhauſen das Gebiet von Withlandsort des Widenlandes Graͤnze bildete 2). Und wie in ſolcher Weiſe das Widenland ſich weit nach Nordoſten ausdehnte, ſo liefen die Wohnſitze der Aeſtier hinwiederum weiter nach Süden hinab und hatten ſich dergeſtalt mit de: nen der Widen vermiſcht und in einander durchkreuzt, daß eine Begraͤnzung gar nicht Statt fand, die alte Sonderung der Voͤlker ganz aufgehoben war und nur das Friſche Haff durch feinen damaligen Namen des Aeſt-Meeres 3) zu er— I) Otheri et Wulfstani Periplus ap. Langebeck Seripit. rer. Danicar. T. II. p. 119 — 120. 2) Vgl. die urkunde bei Kotzebue B. I. S. 418. Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſchaft in Preuſſ. S. 206 — 207. 3) Otheri et Nulſstani Peripl. I. c. p. 120.

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Das heilige Romowe. 159 kennen gab, daß neben den Widen ein bedeutender Theil feiner Kuͤſtenbewohner Aeſtier ſeyen. So ſaßen alſo dar mals Widen und Aeſtier unter und neben einander und auf dieſe Miſchung und Vereinigung in Ruͤckſicht ihres Ur⸗ ſprunges deutet offenbar in ihren Angaben auch unſere Sage bin ). Auf eine ſolche Verbindung und Verſchmelzung der verſchiedenen Voͤlker-Theile zielt ſichtbar auch alles das hin, was uns die Sage von der Gruͤndung des Heiligthums Romowe erzaͤhlt. Da ſie hier aber mit den Beweiſen der Geſchichte, nach welchen ein ſolches Heiligthum, wie früher dargethan iſt, an Samlands Kuͤſte ſchon vor langer Zeit vorhanden war, in offenbarem Widerſpruche ſteht, fo er⸗ bebt ſich die fuͤr die ganze Landesgeſchichte nicht unwichtige 1) Es kann nicht zufällig ſeyn, daß wir in dem ganzen bezeichne⸗ ten vandſtriche eine Menge von Ortsnamen finden, die offenbare An: klänge auf den Namen der damaligen Bewohner der Widen oder Go⸗ then enthalten und einigen Aufſchluß über ihre Wohnſitze geben koͤnnen. Im großen Werder an der Weichſel erwaͤhnt ſchon, nicht ohne Hindeu⸗ tung auf die früheren Gothen, Cluver German. antig. p. 635 eines Dorfes mit Namen Gutland oder Gootland; auch Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 27 leitet dieſen von den Gothen her. Zwiſchen Marien: burg und Ghriftburg liegt der alte Ort Choy en, wahrſcheinlich ein An: klang auf Gothen; bei Elbing ein Wittenfelde: von da oͤſtlich in gera⸗ der Linie das Dorf Judendorf, in alter Zeit Gudendorf geſchrieben, wei⸗ ter ſuͤdoͤſtlich Gottchendorf, bei Liebſtadt noͤrdlich Gudnik, weiter öͤſtlich Guttſtadt, bei Melſack noͤrdlich Gauden und unfern davon Guttenfeld (ein bedeutendes Kirchdorf), bei Domnau ein Wittenfeld und Deutſch⸗ Witten, noͤrdlich hinauf in der Naͤhe des Pregel-Stromes abermals ein Guttenfeld und dabei ein Wittenberg, ein ſolches ebenfalls bei Allen⸗ burg; in Samland bei Rudau ein Wittehnen, bei Pobethen ein altes Dorf Gotin oder Goytten, jetzt Goythenen genannt, hart am Strande Godnicken; hieher gehoͤren vielleicht auch Geydau, Widitten und Judit⸗ ten; ferner bei Balga ein Guttenfeld. Auch der Name der alten heid⸗ niſchen Burg Partegal oder Portegal unfern von Balga deutet auf Gothiſchen urſprung hin, denn wir finden diefen Namen auch ſonſt bei den Gothen als Stadt- oder Burg Benennung. So erwähnt z. B. Beatus Rhenanus p- 58 ed. Froben einer Gothiſchen civitas Burde- gala.

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160 Das heilige Romowe. Frage: Gab es fuͤr das geſammte Volk nur ein einziges ſolches Heiligthum oder entſtanden vielleicht von dieſer Zeit an mehre ſolche heilige Orte, denen der Name Romowe zu— ertheilt ward? So wichtig dieſe Frage, ſo ſchwierig iſt ihre Beant wortung. Am allgemeinſten iſt von jeher die Behauptung geweſen: in der Landſchaft Natangen bei der Stadt Schip⸗ penbeil an der Alle habe der Griwe im heiligen Romowe feinen Sitz gehabt und die Dörfer Rohmsdorf und Ryk⸗ garben gäben noch die Erinnerung an die Namen Romowe und Rikaita oder Rikta. Als bloße Anklaͤnge koͤnnten in⸗ deſſen dieſe Namen ſchwerlich wohl eine beſondere Wichtig- keit erhalten und noch weniger zur Entſcheidung in der Sache dienen, vereinten ſich dort dem Forſcher nicht noch einige andere bedeutſame Erſcheinungen, die ihn allerdings beſtimmen, jener Gegend eine einſtige wichtige Bedeutung beizumeſſen. Nach dem Vorgange des Ordenschroniſten Dus⸗ burg verſetzten andere den heiligen Ort in die Landſchaft Nadrauen, denn dieſe ward mit aller Beſtimmtheit als die begluͤckte Gegend genannt, in der das alte Heiligthum ge: ſtanden habe ). In den Worten dieſes Chroniſten aber: das Romove habe in des Volkes Mitte, naͤmlich in Na drauen gelegen, erkannte man bald einen offenbaren Wider⸗ ſpruch, da Nadrauen in keiner Weiſe als des Landes Mitte betrachtet werden konnte. Außerdem fand ſich in dieſer Landſchaft auch durchaus kein Ort, der im Namen oder durch Lage und Beſchaffenheit nur in irgend einer Art auf 1) Die Stelle in Dusburg Chron. P. III. c. 5 ift folgende: Fuit aulem in medio nationis huius perversae, scilicel m Nadrovia lo- ens quidam dietus Romow, trahens nomen suum a Roma, in qua habilabat quidanı dietus Criwe, quem colebant pro Papa. So lieſt man die Worte auch in dem Mſcr. der Dusburgiſchen Chronik in ber Berliner Bibliothek. In einem Mſcr. der aus dem Scrofchin wieder ins Lateiniſche zuruͤckuͤberſetzten Dusburgiſchen Chronik heißt die Stelle aber fo: In medio ehm fuit sita civitas Romowe dieta a roma, in qua habilabat eorum hobilior dietus Criwe, quem pagani pro papa ha- bebant.

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Das heilige Romowe. 161 das Heiligthum hinzudeuten ſchien. Man half deshalb den Beſtimmungen des Chroniſten nach, wie man konnte und wollte. Man glaubte ſich zu der Annahme berechtigt, der Chroniſt habe in der Angabe der Landſchaft geirrt und Na⸗ drauen ſtatt Natangen genannt, oder man ruͤckte mit Will⸗ kuͤhr Nadrauens Graͤnzen ſo weit nach Suͤden hinaus, daß ſie die Gegend von Schippenbeil noch umfaßten, und ſo wußte man des Chroniſten Angabe mit jenen Namensklaͤn⸗ gen der Dörfer Rohmsdorf und Rykgarben in ſolche Ver⸗ bindung zu bringen, daß die Meinung, welche Romowe in der Naͤhe von Schippenbeil fand, noch ein bedeutendes Gewicht mehr zu bekommen ſchien Y. Es fehlte endlich auch nicht an ſolchen, die durch eine einzige Namensaͤhnlichkeit geleitet das heilige Romowe nach Galinden verſetzten, mei- nend, das Dörfchen Rom erinnere an das alte Heiligthum 2), und ſelbſt auch nicht an ſolchen, welche es, Sagen und aus— laͤndiſchen Berichten folgend, bei der jetzigen Stadt Heili⸗ genbeil finden wollten ), weil da die gewaltige heilige Eiche geſtanden habe, die nach der Sage Anſelmus, Ermlands erſter Biſchof, im heiligen Eifer umſtuͤrzte *). So wechſelten die Meinungen und keine brachte Ge— wißheit. Nur das Eine war allen gemein, daß ſie nicht mehre heilige Oerter dieſes Namens, ſondern fuͤr Preuſſens geſammtes Volk nur Ein Heiligthum Romowe ſuchten. Dar⸗ in ſtimmt mit jener Angabe des Chroniſten auch unſere Sage uͤberein und es ſcheint alſo die Behauptung gewagt werden zu koͤnnen, daß es fuͤr die Zeiten, von welchen die Sage ſpricht, auch in der That nur Ein Romowe für Preuf- 1) Dieſe Annahme hat vorzuͤglich Hartknoch in ſ. Dissertat. de locis divino cultui dicatis 8. XI und im A. und N. Preuſſ. S. 124 in Umlauf gebracht, und fie iſt ihm vielfältig von fpäteren Schriftſtellern nachgeſ eben worden. S. z. B. Oſtermeyer crit. Beitrag zur alt⸗ preuſſ. N ligionsgeſchichte S. 42 43. Baczko B. 1. S. 160. 2) Fr. Knoch Disserlat. VI. f. XI. Schütz Chrou. p. 3. 3) Hartknoch A. und N. Pr. S. 123. 4) Arnoldt Kirchengeſchichte von Preuſſ. S. 23. I. 11

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162 Das heilige Romome. ſens ſaͤmmtliche Bewohner gegeben habe. Sie ftellt aber die Anordnung des Heiligthums als eine ganz neue Gruͤn⸗ dung dar und in ihrem ganzen Inhalte ſcheint es ihr Ziel zu ſeyn, die ganze neue Schoͤpfung der Dinge von dem Volke der Skandiſchen Gothen abzuleiten. Auch hier bleibt die Sage dem Charakter der Mythe getreu. Es iſt das Ei⸗ genthuͤmliche mythiſcher Sagen, daß ſie dem Seyenden ein Werden, dem Vorhandenen einen Anfang, dem Zuſtande einen feſten Punkt des Beginnens zu geben ſuchen. So kannte unſere Sage ein im Lande vorhandenes Romowe, einen mächtigen Griwe; fie erkannte in beiden auch Gothi⸗ ſchen Geiſt und Gothiſchen Charakter. Aber ſie weiß nicht, daß Preuſſens aͤlteſte Bewohner aus Gothiſchem Blute wa⸗ ren; ſie kennt nur jene aus Skandien heruͤbergekommene Gothen. An dieſe nun knuͤpft ſie alles an, was Gothiſchen Geiſt verrieth; fie läßt alles das, was Gothiſchen Urſprun⸗ ges war, durch die von Skandien kommenden Gothenhau— fen nach Preuſſen bringen. So wandern nach ihr auch der Griwe als Bruteno mit ſeinen Goͤttern und dieſe Goͤtter mit ihrem Romowe aus Skandien heruͤber, weil die Sage dieſem Gothiſchen Griwe, den Gothiſchen Goͤttern und dem Gothiſchen Romowe keinen andern Urſprung, als den aus Skandien zu geben wußte. Aber auch hier wirft das Licht der Geſchichte einen Strahl in das Dunkel der Sage und erlaubt uns einen helleren Blick in die Nacht alter Zeiten. Es giebt Gründe zu der Behauptung, daß jenes uralte Ro— mowe an Samlands Kuͤſte, von deſſen Daſeyn wir ſchon fruͤher ſprachen, in der That Gothiſchen Urſprunges war, denn es ſtand ſchon da, als noch das alte Volk der Gutto⸗ nen an den Kuͤſten der Oſtſee wohnte und die Oſtiaͤer, die nachmaligen Aeſtier, ein Gothiſcher Zweig, an Samlands Ufern den Bernſtein ſammelten. Demnach ſcheint der geſchichtliche Sinn der Sage in Ruͤckſicht auf Romowe's Gruͤndung etwa folgender zu ſeyn. Die beiden Volkshaͤupter, Widewud an der Spitze der Widen und Griwe, das Oberhaupt der alten Landesbewoh⸗

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Das heilige Romowe. 163 ner, erkannten, daß vor allem ein gemeinſamer Götterdienft und ein gemeinſchaftliches Volksheiligthum die beiden Voͤl⸗ kerzweige aufs innigſte zu Einem Volke vereinigen und für immer an einander binden werde. Der Griwe uͤbertrug daher den Goͤtterdienſt der alten Landesbewohner mit Wi⸗ dewuds Beiſtand durch Gebot und Ermahnung auch auf das Volk der Skandinaviſchen Widen; der alte Götterfik Romowe ward nunmehr auch fuͤr dieſe ein hehres Heilig⸗ thum. Vielleicht waren die naͤmlichen oder aͤhnliche Goͤtter von den Widen auch ſchon in Skandien verehrt worden; vielleicht gab es auch dort ſchon einen aͤhnlichen Goͤtterſitz; wir vernehmen wenigſtens in der Sage, daß die Goͤtter der alten Heimat die Skandianer auf ihrer Fahrt in das neue Land begleitet. Gewiß mag auch der Goͤtterglaube der alten Landesbewohner mit dem der Widen aus Skan⸗ dien in naher Verwandtſchaft geſtanden haben. Wie fuͤr die alten friedlichen Ulmerugier und die ſtillen Aeſtier das Kriegsoberhaupt und die ſtets bewaffnete Wehrmannſchaft der Widen eine neue, zuvor nie gekannte Erſcheinung war, ſo war fuͤr dieſe Widen die Macht des Griwe mit ſeinem heiligen Romowe eine neue Schoͤpfung im neuen Vater⸗ lande. Sonach gab es fuͤr dieſe Zeit hoͤchſtwahrſcheinlich nur Ein Romowe fuͤr Preuſſens geſammte Bewohner und die Gewalt und Herrſchaft des Griwe im Kreiſe ſeines Wirkens hatte ſich erweitert bis an die Ufer des MWeichfel- Stromes. Daß jemals ſeine Macht ſich uͤber Preuſſen hin⸗ aus, beſonders nach Oſten und Norden hin erſtreckt habe, iſt eben ſo unglaublich, als es gewiß zu ſeyn ſcheint, daß fpätere Ordens-Chroniſten und unter dieſen vorzuͤglich Dus⸗ burg!) ſich eines Theils in wunderlichen Deuteleien gefie- len, indem fie Romowe's Namen von der Stadt Rom ab- leiteten und den Griwe mit dem Papſte verglichen, andern Tbeils wohl auch nur ſpaͤtere Volksſagen, die ſich um die alte einfache Erſcheinung umher geſchlungen hatten, treu⸗ I) Duisburg P. III. c. 5. 11 *

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164 Krieg mit Maſovien. glaͤubig nachſchrieben, wenn ſie behaupteten, die einſtige Herrſchaft des Griwe in Preuſſen habe ſich auch über Kits thauen und die Voͤlker in Liefland und andern nahen Laͤn⸗ dern ausgedehnt ). Ohne Zweifel gingen in dem Ablaufe ſo vieler Jahrhunderte in der Stellung des Griwe mancher⸗ lei Veraͤnderungen vor, die, ſo weit ſie angedeutet worden ſind, nicht unbeachtet bleiben duͤrfen, wenn die Erſcheinung richtig verſtanden und gewuͤrdigt werden ſoll. In ſolcher Weiſe waren alſo die bisher getrennten Voͤl⸗ kerzweige durch gleichen Goͤtterglauben, durch ein gemein- ſames Volksheiligthum, durch einen uͤber das ganze Land gebietenden Oberprieſter und Oberrichter und durch einen gemeinſchaftlichen Anfuͤhrer der Kriegswehren zu einem Gan⸗ zen verbunden. Wie die Sage andeutet, hatte jene Gefahr, die von den Maſoviern drohte, dieſe Vereinigung zunaͤchſt bewirkt. Lange Zeit harrete nun der Maſovier Fuͤrſt auf den gewohnten Tribut. Nicht ohne Beſorgniß vernahm er, wie das ſonſt ſo arme und dienſtwillige Volk „an Vieh, Volk und Nahrung merklich zunahm, Gold und Silber hatte, in Kriegsuͤbungen gewandter ward, ſich einem Ober- prieſter untergeben und einen Kriegsfuͤrſten gewählt ).“ Da entſandte der Maſoviſche Fuͤrſt Andislaus ) eine Botſchaft in das Land, den ſchuldigen Tribut fuͤr die ganze verfloſſene Zeit verlangend. Die Brutener aber — ſo nennt nun die 1) Wir werden ſpaͤterhin an paſſenden Orten Gelegenheit nehmen, auch über die politiſch⸗bürgerliche und religiöfe Bedeutung des Griwe und des Romowe mehres zu ſagen und dort auch die Zweifel beruͤckſichti⸗ gen, die man in neuerer Zeit gegen die Exiſtenz des Griwe geäußert hat. Dort wird auch von der hier nur angedeuteten Wichtigkeit und Bedeutung der Gegend von Schippenbeil, Rohmsdorf und Rykgarben und anderer Ähnlichen Orte weiter die Rede ſeyn. 2) Lucas David B. I. S. 40. 3) Lucas David B. I. S. 43 nennt den Fuͤrſten Andislaus, aber auch Anthonius, welchen Namen er bei andern Chroniſten fand. Jener iſt wohl ohne Zweifel der richtigere. Bei Simon Grunau Tr. II. c. 2.8. 8 findet ſich der Name Anthones, in Tiedemanns Chron. S. 13 Anthonius, bei Leo p. 5 Antonos.

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Krieg mit Maſovien. 165 Sage das vereinte Volk — ertheilten die Antwort: Was der Fuͤrſt aus Maſovien jährlichen Zins nenne, den er fruͤ⸗ her erhalten, ſeyen nur Ehrengaben und Geſchenke geweſen, die ſie dem Nachbar entboten. Zu Zinsgaben ſeyen ſie nie verpflichtet und als ein freies Volk ſtets nur ihren Goͤttern und deren Dienern unterthan. Wolle der Maſovier die fruͤheren Gaben als pflichtigen Zins betrachten, ſo verlange man die uͤbergebenen Kinder zuruͤck. Daruͤber erwarte man Antwort von den Maſoviern “) Dieſe Antwort aber verblieb. Vielmehr ruͤſtete ſich der Maſoviſche Fuͤrſt mit ſtarker Macht, erhielt bedeutendes Huͤlfs⸗ volk aus Roxolanien vom dortigen Könige Czimbech und ließ den Brutenern die Drohung entbieten: Wollten ſie nicht willig den pflichtigen Tribut leiſten, ſo werde er ihn mit Heeresmacht aus ihrem Lande einholen. Da ſammelte Widewud eiligſt feine Kriegerſchaaren und zog den Maſo⸗ viern entgegen bis zur Graͤnze, denn nur ſein Land wollte er ſchirmen, den Krieg nicht ſelbſt beginnen, meinend, die Goͤtter wuͤrden die Heimat mit ihrer Macht vertheidigen helfen ). Bald darauf erſchien der Feind, Andislaus an der Spitze und mit ihm auch Czimbech, Roxolaniens Koͤ⸗ nig, mit einem maͤchtigen Heere. Es geſchah eine gewal— tige Schlacht; lange ſchwebte der Kampf. Da erlagen end— lich die Brutener des Feindes größerer Zahl und der Un- gleichheit in der Waffenart, denn die Maſovier ſtritten mit ſtarker Reuterei mit Schwert und Bogengeſchoß geruͤſtet, gegen welche die lange und ſchwere Streitkeule und der Wurfknuͤttel der Brutener in der Ferne wenig brauchbar N) Lucas David B. J. S. 42. 2) Geſchichtlich iſt, daß überhaupt ſolche Germaniſche Gränz⸗Weh⸗ ren, wie die Vidivarier waren, nur bis an die gefährdeten Marken des Landes zogen und an dieſen aufgeſtellt blieben, denn ſie hatten nur die Aufgabe, die Graͤnzen der Gauen gegen die Angriffe des gefuͤrchteten Feindes zu ſchuͤtzen, nicht die Verpflichtung, erobernd in feindliches Land einzubrechen. Auch dieſes giebt hier Licht in die Erſcheinung. Vgl. duden Geſchichte des deutſch. Volkes B. 1. S. 528.

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166 Krieg mit Mafovien. waren, da dieſe Waffenart mehr zum handgemeinen Kampfe diente, welchem des Feindes Reuterei ſtets auszuweichen ſuchte. So ward Widewud mit ſeiner Macht in die Flucht geſchlagen. Der Feind brach in das Land, fing die ſchoͤn⸗ ſten Juͤnglinge auf, raubte Viehheerden und anderes Gut und zog dann ſchwer mit Beute beladen in die Heimat zuruͤck. Aber es entkamen viele der fruͤher dem Maſoviſchen Fuͤrſten uͤbergebenen und in dieſem Kampfe gefangenen Juͤng⸗ linge, aus Maſovien flüchtend, zu ihren Vätern zuruck; und im Waffengebrauche der Maſovier geuͤbt, in deren Kriegs⸗ kuͤnſten erfahren, wurden ſie in der Heimat die Lehrer krie⸗ geriſcher Uebungen in Maſoviſcher Weiſe. Als nun das Kriegsvolk der Brutener in der Art des feindlichen Kam⸗ pfes erfahren und geuͤbt war, berief der Griwe mit Wide⸗ wud vereinigt das Volk vor das heilige Romowe, ihm nach dargebrachten Opfern verkuͤndigend: Es ſey der Götter Rath und Wille, die Schmach und Demuͤthigung am Maſoviſchen Volke zu raͤchen im erneuerten Kampfe gegen deſſen Fuͤrſten. Ein Freudenmahl bei Romowe ermuthigte das Volk und als es ſich dann zum neuen Krieg geruͤſtet, zog Widewud gegen Maſovien hinab, brach nunmehr aber in des Feindes Land und begegnete bald dem Maſoviſchen Fürften, der auch jetzt wiederum mit dem Könige Rorolaniend vereinigt war, zur Schlacht. Der Kampf aber entſchied ſich jetzt bei glei⸗ cher Waffenart fuͤr die Wehrmannen Widewuds; viele Tau⸗ ſende von Maſoviern und Roxolaniern bedeckten den Kampf⸗ platz. Auch die beiden Fuͤrſten ſielen im Streite und eine große Zahl der Feinde erlagen auf der Flucht. Das Ma⸗ ſoviſche Land ward weit und breit durch Raub verwuͤſtet und durch Entfuͤhrung vieler Gefangenen entvoͤlkert. Dann kehrte Widewud mit reicher Beute zum Opfer fuͤr ſeine Goͤtter wieder heim ). 1) So erzaͤhlt den Verlauf der Sache Lucas David B. I. S. 44 — 46 und Simon Grunau Tr. II. c. 2.88 Beide nennen hiebei ausdruͤcklich die Chronik des Biſchofs Chriſtian als ihre Quelle.

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Friede mit Maſovien. 167 Da verſammelte der Griwe das Kriegsvolk vor dem heiligen Romowe, um den Göttern fir den verliehenen Sieg in feſtlichen Opfern Dank zu bringen. Und damit das Volk ſtets dankbar bei ſeinem Kampfe ſeiner Götter gedenken moͤge, ward fuͤr immer verordnet, daß jeglicher Raub, im Kriege gewonnen und in die Heimat gebracht, jeder Zeit in vier Theile geſondert und ein Theil den ſchuͤtzenden Goͤt⸗ tern als Dankopfer geweiht, ein anderer dem Griwe und ſeinen Prieſtern dargereicht, die ihre Goͤtter um Sieg an⸗ gerufen, der dritte Theil aber den Kriegern bewilligt wer⸗ den ſollte, die den feindlichen Einfall ins Land gewagt und den Sieg erfochten. Der vierte Theil endlich ſolle denen zugewandt werden, die im Lande geblieben der Heimat Graͤnzen gegen den einfallenden Feind geſchuͤtzt hätten ) Da geſchah, daß Czamwig 9, des erſchlagenen Maſo⸗ viſchen Fuͤrſten Sohn, fremder Huͤlfe entbloͤßt und ohne Macht in ſeinem verheerten und entvoͤlkerten Lande, mit Rath ſeiner Landesobern ſich zum Griwe und zu Widewud begab, um Friede bei ihnen zu ſuchen. Die Gunſt des Griwe erwarb ſich der kluge Fuͤrſt durch die Bitte um die Erlaubniß, den Goͤttern des Landes ein Opfer bringen zu duͤrfen. Und da ſie ihm ertheilt war, ließ er ein weißes Roß auf freiem Felde muͤde rennen und dann zum Opfer lebendig verbrennen, mit dem Schwure, daß er die Goͤtter dieſes Landes hinfort auch als die ſeinigen verehren wolle. Tiedemanns Chron. S. 13. Der fpätere Leo p. 5 ſetzt die Bege⸗ benheit in das Jahr 586, wahrſcheinlich aus dem Grunde, weil Lucas David S. 38 den erſten Krieg gegen die Maſovier 40 Jahre nach dem Jahre 350 fallen läßt. 1) Lucas David B. I. S. 46 — 47. Es liegt hierin, wie es ſcheint, die Andeutung, daß die Wehrmannei der Widen ſich theilte und in zwei Klaſſen zerfiel, indem die Graͤnz⸗Wehren auch ferner nur die Hut der Graͤnzen und den Schirm des Landes auf ſich hatten, waͤhrend die Schaaren anderer Kriegsmannen ins feindliche Land einbrachen. 2) Die Schreibart dieſes Namens wechſelt bei den Chroniſten. Lu⸗ cas David nennt ihn bald Czamrig, bald Czamwig; Simon Gru⸗ nau Czanwig; Leo dagegen Zangwigu.

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168 Friede mit Maſovien. Darauf ward mit ihm ein ſicherer Friede geſchloſſen. Bald vergaßen die Voͤlker der vorigen Feindſchaft; es trat Han⸗ del und Wandel zwiſchen ihnen ein; Maſovier vermaͤhlten ſich mit Toͤchtern der Brutener. Die Waffenkunſt der Ma⸗ ſovier ward bekannter im Lande der Brutener und ſo dauerte dieſer Friede zwiſchen beiden Voͤlkern lange Zeit ). Als aber in ſolcher Weiſe — fo erzählt die Sage wei- ter — der Friede mit dem Nachbarlande geſichert war, er: hob ſich auch Zwieſpalt und Streit im Innern des Landes ſelbſt. Da Widewud ſchon hochbetagt war, fo entſtand un— ter feinen zwölf Söhnen Hader und Zwiſt wegen der Herr⸗ ſchaft, denn jeder begehrte die Obergewalt des Vaters, zu: erſt ins Geheim, dann mit erworbenem Anhange unter dem Volke auch oͤffentlich. Solchem Unheil vorzubeugen, beſchloß der Griwe, der nun ſchon hundert und zwei und dreißig Jahre zaͤhlte, mit Widewud, deſſen Alter ſich auf hundert und ſechszehn Jahre belief, die Vornehmſten des Volkes vor die heilige Eiche nach Romowe zu verſammeln; und als alle erſchienen waren, trat der Griwe unter ihnen auf, be= richtend: wie das Volk ins Land gekommen ſey, wie man ihn zum Oberprieſter fuͤr den Dienſt der Goͤtter, Widewud zum Fuͤrſten zu des Landes Vertheidigung erkoren und die Knechtſchaft unter der Herrſchaft der Maſovier verdraͤngt habe. Dann erwaͤhnte er des Unfriedens, der nun im ei— genen Lande unter Widewuds Soͤhnen, den Vornehmſten und dem Volke ſich erhoben und verkuͤndigte, daß er den Willen der Goͤtter um das Regiment nach Widewuds Tod 1) Die hier mitgetheilte Erzählung über die erſten feinduchen Ver⸗ haͤltniſſe der Bewohner Preuſſens mit dem ſuͤdlichen Nachbarlande liegen zwar zum Theil noch mit im Bereiche der Sage, indeſſen ruhet doch auch fie gewiß auf geſchichtlichem Grund und Boden. Zeitgenöſſiſche Quel- len fehlen uns freilich hier noch ganz. Lucas Da vid ſowohl als Si⸗ mon Grunau ſchoͤpften ihre Erzaͤhlung dieſer Ereigniſſe aus der Chro⸗ nik des Biſchofs Chriſtian, allein dieſe verlorne Quelle läßt ſich ebenfalls nicht mehr prüfen und wir find daher genöthigt, die Nachrichten jener beiden Chroniſten ſo anzunehmen, wie ſie uns von ihnen dargeboten werden.

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Sage Über die Landestheilung. 169 befragen wolle, damit die Zwietracht geſtillt und der Friede des Landes befeſtigt werde. Die Rede beſchloß das Opfer eines Bockes, der an einem Feuer von den Blaͤttern des heiligen Eichbaumes gebraten ward. Der Tag endigte mit einem Freudenmahle. Am kommenden Morgen aber erſchien der Griwe mit Widewud vor der heiligen Eiche und ver— kuͤndigte dem Volke: Es ſey der Goͤtter Wille, das ge⸗ ſammte Land unter die zwoͤlf Bruͤder zu theilen und jeg⸗ lichem in feinem Theile einen Ort zu beſtimmen, von wel- chem aus er herrſchen ſolle. Jeder aus dem Volke aber ſolle dem, unter deſſen Herrſchaft er kommen werde, Treue und Gehorſam leiſten. 7 Hierauf rief der Griwe Litwo, Widewuds älteften Sohn, vor die heilige Eiche und ließ ihn durch einen Eid Ehr⸗ furcht gegen die Goͤtter und Gehorſam gegen den Griwe geloben. Da ſolches geſchehen war, ertheilte ihm Widewud das Land vom Boicko und Niemo, den fließenden Waſſern, bis zu dem Walde Thanſamo. Litwo erbaute darin eine Feſte nach ſeinem Sohne Garto benannt und ertheilte dem Lande den Namen Litthauen ). Nach dieſem berief der Griwe Widewuds zweiten Sohn Samo und nachdem auch dieſer das naͤmliche Geluͤbde gethan, verlieh ihm Widewud das Land zwiſchen den Gewaͤſſern Chrono und Haalibo bis an den Strom Skara, der nachmals, da Samo's Weib Pergolla darin ertrank, den Namen Pergolla erhielt. Auch Samo erbaute in ſeinem Lande, nach ihm Samland ge— nannt, eine Burg, die Gailtegarwo hieß ). Samo aber 1) Die Fluͤſſe Boicko und Niemo find, wie ſchon Hennig zu Lu⸗ cas David B. I. S. 59 erklärt, offenbar der Bug und der Niemen. Jener ſollte die fübliche, dieſer die nördliche Gränge bezeichnen. Der Wald Thanſamo iſt jetzt unmoglich mehr zu beſtimmen; wahrſcheinlich bedeutete der Name auch überhaupt nur fo viel als Eichen-Land oder Eichen⸗Feld, denn im Eſthniſchen heißt Tam eine. Eiche und Semme bes deutet eine Mark, ein niedriges Land. — Garto iſt das alte Garthen, das heutige Grodno, wie Lucas David a. a. O. ſelbſt erklärt. 2) Chrono, ſonſt von Lucas David B. I. S. 17 auch Krano genannt, iſt nach ſeiner eigenen Erklärung (S. 15) die offene See und

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170 Sage über die Landestheilung. hatte größere Ehrfurcht vor den Göttern als die übrigen Bruͤder und ſein Volk diente denſelben mit mehr Froͤmmig⸗ keit, als die andern Landesbewohner. In einem heiligen Eichenwalde jenes Landes unterhielt man deshalb auch mit heiliger Scheu eine Menge Schlangen den Goͤttern zu Eh⸗ ren ). Der dritte Sohn Sudo erhielt von Widewud das alte Land der Veneder, nachmals Kothphania und nach Su⸗ do's Namen Sudauen genannt ). Widewuds vierter Sohn Nadro bekam ſein Land zwiſchen den Gewaͤſſern Skara oder Pergolla, Boicko und Kurteno, baute darin eine Feſte Staindo und hegte in ſeinem Gebiete nach der Sage das heilige Romowe »). In gleicher Weiſe fielen auch Wide⸗ wuds übrigen Söhnen Schalauo, Natango, Barto, Galin⸗ do, Warmo, Hoggo, Pomezo und Chulmo ihre beſonderen Landestheile zu und ſie ertheilten dieſen die Namen Scha⸗ lauen, Natangen, Barten, Galinden, Warmien, Hocker⸗ land, Pomezanien und Kulmerland. In jeglichem Lande Haalibo das Friſche Haff. Der Name Haalibo oder Hailibo, wie ihn Lucas David auch ſchreibt, iſt aus dem Gothiſchen genommen, wo hails friſch, geſund und unhails ungeſund, krank, bedeutet; ſ. Lhilus Math. IX. 12. Marc. V. 34. Ob die Silbe bo aus dem Eſthniſchen zu erklären fey, wo wo oder wee eine Fluth, einen Waſſerſtrom be⸗ deutet, mag hier unentſchieden bleiben; vielleicht aber ließe ſich aus dem Gothiſchen wato, das Waſſer, eine Form gewinnen. Ueber den Namen Pergolla oder Pregello iſt ſchon früher geſprochen. Gailtegarwo iſt der jetzige Berg Gallgarben in Samland, in den Urkunden Gailgarben ge⸗ nannt. 8 1) Wohl eine unverkennbare Hindeutung auf das heilige Romove und den heiligen Wald in Samland! 2) Im Texte des Lucas David iſt hier, wie ſchon Hennig in einer Anmerk. zu B. I. S. 62 dargethan, eine offenbare Verwechſelung der Älteren Wohnſitze der Sudauer mit ihren ſpaͤtern. Die früheren Wohnſitze dieſes Volkes waren im ehemaligen Podlachien, im Ruſſiſchen Gouvernement Bialyſtock, dem alten Vaterland der Jazygen (Jatwin⸗ ger), von wo fie erſt im 13ten Jahrhundert nach Samland verſetzt wurden. 3) Kurteno iſt nach Lucas David B. I. S. 63 das Kuriſche Haff.

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Sage über die Landestheilung. 171 aber erhob ſich eine Burg, von welcher jeder fein zuertheil⸗ tes Gebiet beherrſchen ſollte. In Schalauen entſtand die Feſte Ragnit, vom Fluſſe Rango ſo benannt. Natango hatte ſeinen Sitz auf Honeda (Balga), Barto den ſeinigen auf der Burg Barto; Galindo herrſchte auf einem hohen Berge, wo ſeine Burg Galindo ſtand. Warmo gebot auf der Burg Tolo, ſtarb aber noch vor ſeinem Vater und hin⸗ terließ das Land ſeiner Wittwe Erma, nach welcher fortan das Land Ermland genannt ward. Hoggo's Burg hieß Tolko; er hinterließ drei Toͤchter Mita, Cadina und Pog⸗ gezana ), von welchen die letztere ſich den Göttern wid⸗ mend eine Prieſterin ward, im Volke hoch geachtet war und dem Lande den Namen Pogezanien gab. Pomezo hatte keinen feſten Wohnſitz und wohnte bald hier bald da unter einem Zelte. Seine ſtarken Soͤhne aber, die alle Koͤnige — Fuͤrſten — waren, bauten ſich feſte Burgen zu Biſno, Bolto, Weſo und Nargoltens. Chulmo endlich errichtete zwei Burgen in ſeinem Lande, die eine Chulmo, wo er ſelbſt herrſchte, die andere Poto für feinen Sohn Poto 2). Da nun das ganze Land in ſolcher Art getheilt war und jeder Fuͤrſt die ihm zugewieſene Landſchaft in Beſitz genommen, blieb Widewud noch eine Zeit hindurch oberſter Gebieter und Koͤnig. Darauf aber beſchloß er mit ſeinem Bruder, dem Griwe, im hohen Alter ſich zur feſten Be⸗ waͤhrung ihrer Geſetze und Ordnungen den Goͤttern vor der heiligen Eiche zu opfern und ſie beriefen die Soͤhne, die Edlen und das Volk vor das Heiligthum Romowe. 1) Offenbare Anſpielungen auf Ortsnamen: Tolko — Tolkemit, Cadina — Cadinen. 2) Dieſe Sage über die Landestheilung erzählt Lucas David B. J. S. 58 — 75 ſehr weitſchweiſig. Außer ihm hat fie auch Simon Grunau Tr. II. c. IV. f. 1 — 13. und nach dieſen erwähnen ihrer faſt alle Preuſſiſchen Chroniſten. Daß jene beiden die Sage aus der Chronik des Biſchofs Chriſtian genommen hatten, ſagen ſie nicht bloß ausdrücklich ſelbſt, ſondern es beweiſet dieſes auch das aufgefundene Fragment dieſer Chronik. Vgl. die Beilage Nro. I.

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172 Sage über die Landestheilung. Und als dieſe erfchienen waren, traten der Griwe in feſt⸗ lichem Kleiderſchmucke, doch nicht im Prieſtergewande, und Widewud im koͤniglichen Kleide vor das Volk, ihm ver- kuͤndigend, daß die Goͤtter ſie zu einem Freudenfeſte jen⸗ ſeits dieſes Lebens eingeladen; darum moͤchten die Edlen nach ihrem Tode einen andern Koͤnig erwaͤhlen, der das Volk ſchuͤtze, Ordnung und Einigkeit erhalte, auf die Ge⸗ ſetze achte, die Goͤtter ehre und dem Griwe Gehorſam leiſte. Die Prieſter aber moͤchten einen Griwe ernennen, der des Amtes und des Dienſtes gegen die Götter wohl pflege; ihm ſolle der König ſammt dem ganzen Volke wie den Göttern ſelbſt gehorſam ſeyn. Im Volke moͤge Einigkeit und Friede herrſchendes Geſetz ſeyn; nur der Eintracht folge der Goͤtter Gunſt und Huld, dem Unfrieden aber und der Feindſchaft Zorn und Verderben. Nach ſolcher Ermahnung umarmten ſich die beiden Greiſe und beſtiegen Hand in Hand unter Geſang den Scheiter— haufen an der Seite der heiligen Eiche, den die Prieſter anzuͤndeten. Waͤhrend die Flammen emporſchlugen, verkuͤn⸗ digten unter dem Jammer und Staunen des Volkes die Goͤtter ihren Willen durch des Donners Sprache in einem gewaltigen Ungewitter. Nach kurzer Zeit traten die Edlen zur neuen Koͤnigswahl zuſammen. Allein das mahnende Wort Griwe's und Widewuds ward nicht befolgt. Zwie⸗ tracht trennte die Gemuͤther, je länger man die Wahl be⸗ rieth und niemals ward wieder ein Koͤnig erkoren, der, wie Widewud, uͤber das Land gebot. Mit den Nachbarn aber, zumal mit den Maſoviern, die gleiche Goͤtter anbe— teten, hielt man lange Zeit ungeſtoͤrte Freundſchaft. Wie unter den Edlen, ſo erhob ſich auch Feindſchaft unter den Prieſtern bei der Wahl des neuen Griwe, denn einige meinten, daß Bruteno, der Bruder von Nadro's Weib, andere, daß Apeles, der Bruder von Lithwo's Weib von den Goͤttern zu ihrem Dienſte berufen ſey. Daruͤber entſtand auch Neid und Hader unter den beiden Bruͤdern ſelbſt und da einſt Nadro von Lithwo's Dienern uͤberfallen

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Geſchichte und Sage Über die Landestheilung. 173 ward und von dieſen verfolgt in einem Strome ertrank, fo ward Lithwo, weil er dem Bruder nach dem Leben ges ſtrebt, von der heiligen Eiche zu Romowe auf ewig ver⸗ bannt, gründete nun in feinem Lande ein eigenes Romowe , ſetzte einen Griwe ein und ordnete dieſem auch Prieſter zu. Dennoch aber wurden die wichtigſten Opfer aus Litthauen auch fernerhin noch an den Oberprieſter in Preuſſen geſandt, weil dort die Goͤtter nicht ſelbſt walteten, und ſo groß war die Achtung des letztern auch in Litthauen, Kurland, Sa— maiten und Livland, daß man feinen Geboten ſtrengen Ge⸗ horſam leiſtete 2) So erzaͤhlt die Sage des Landes Theilung, des Griwe und Widewuds Opferung für ihr Volk und Litthauens Trennung von den übrigen Landſchaften. — Werfen wir jetzt einen fragenden Blick auf ihre geſchichtliche Bedeutung, fo ergiebt ſich uns auch hier wieder die ſchon erwähnte Er⸗ ſcheinung, die in den Anfaͤngen des geſchichtlichen Lebens der Voͤlker ſtets wiederkehrt. Der ſpaͤtere Menſch ſucht beim Ruͤckblicke auf die Vergangenheit einen feſten Punkt des Beginnend für das vor ihm Seyende. Er findet den Be⸗ ginn aber nicht in dem allmaͤhligen Werden im Ablaufe der Zeiten, ſondern im Handeln durch einen beſtimmten Men⸗ ſchen, an deſſen feſte Geſtalt es ſeinem Geiſte leicht wird, das ſonſt durch die Zeit hindurch gezogene Werden ſicher anzuknüpfen. So iſt es im Geiſte des Menſchen in anfan⸗ gender Bildung begruͤndet. Dunkele Erinnerungen aus dem vergangenen Leben, von Mund zu Mund fortgepflanzt, ur⸗ 1) Lucas David B. I. S. 80 vgl. mit Dusdurg P. III. c. 252. Nhesa Program. de religionis christ. in Lithuan. gente pri- mordliis P. II. p. 15. P. III. p- 3. 2) Dieſe ausgedehnte und weitverbreitete Gewalt ſchreibt dem Griwe auch Dusburg P. III. c. 5 zu, indem er ſagt: Quia sicut dominus Papa regit universalem ecclesiam fidelium, ita ad istius nutum seu mandatum non solum gentes praedictae, sed et Leithowini et aliae nationes Livonise terrae regebantur. Aber man ſieht klar, daß der Ohroniſt durch dieſe große Herrſchaft, die er dem Griwe beimißt, nur ſeine ganz unpaſſende Vergleichung mit dem Papſte zu halten ſucht.

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174 Geſchichte und Sage über die Landestheilung. ſpruͤnglich in einfacher geſchichtlicher Wahrheit vom Vater auf Sohn und Enkel uͤbergetragen, dann durch Bild, Phan⸗ taſie und Dichtung immer mehr ausgeſchmuͤckt und endlich wie Nebelgeſtalten im Dunkel der Vergangenheit zuruͤcklie⸗ gend: — ſolche Erinnerungen aus dem abgelaufenen Leben alter Zeiten geben den Boden und bilden die Buͤhne, auf welchen die Welt der Sage ſpielend ſich bewegt. Nach ei⸗ nigen Jahrhunderten, wo ſchon ein helleres Licht auf Preuf- ſens Geſchichte faͤllt, war das geſammte Land, dem fruͤher ein einziger Kriegsfuͤrſt, der Fuͤhrer der Widen, und ein einziger oberſter Richter und Prieſter, der Verwalter inne⸗ rer Ordnung im Goͤttlichen wie im Menſchlichen, vorge- ſtanden, in viele Landſchaften zerfallen und in jeglicher ſaß auf einer Burg ein Fuͤrſt, der das ihm zugehoͤrige Gebiet beherrſchte ). Die Herrſchaft des Einen alſo war unter Viele getheilt ). Die ſpaͤtere Zeit aber ſuchte einen beftimm- ten Anfang fuͤr dieſe Geſtaltung der Dinge und die Sage knuͤpfte die Trennung und Theilung des Landes an zwoͤlf dem alten Widen⸗Fuͤrſten zugeſchriebene Soͤhne. Die Land⸗ ſchaften und ihre Herrſcher-Burgen traten mit Namen ber- vor, fuͤr welche die ſpaͤtere Zeit eine Erklaͤrung ihres Ur⸗ ſprunges verlangte und die Sage knuͤpfte in gleicher Weiſe die ſonſt unerklaͤrlichen Benennungen an die Namen von Widewuds zwölf Söhnen. Wie das Einzelne der Sage in reingeſchichtliche Wahrheit aufzuloͤſen ſey, iſt allerdings wohl ſchwer zu ſagen. Aber Folgendes moͤchte weder dem Gange der Geſchichte, noch dem Charakter der Sage irgend wider— ſprechend ſeyn. 1) So fand namentlich Wulfſtan das Land. In Mulfstani Pe riplus ap. Zangebeck T. II. p. 121 heißt es: Daet Eastland is svide mycel. And thaer bid side manig burh and on aelcere byrig bid Cyninge; i. e. Acstlandia est admodum ampla, ibique plurima sunt castra (arces, burk, Burgen) atque in unaquaque arce Rex est. 3) Helmold. Chron. L. I. c. 1 fagt von den Bewohnern Preuſ⸗ ſens in feiner Zeit: Nullum inter se dominum pati volunt. Adam: Bremens. de situ Daniae,

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Geſchichte und Sage über die Landestheilung. 175 Als der Fuͤhrer der Widen-Wehren, Widewud, an die Spitze der geſammten Wehrmannei des vereinten Volkes trat, mußte er zur Ausfuͤhrung ſeiner Kriegsgebote, ſeiner Anordnungen und Befehle, wie nicht minder zur Samm— lung des Kriegsvolkes bei drohender Gefahr nothwendig in den einzelnen Theilen des Landes beſondere Kriegsoberſten, Befehlshaber und Vorſteher der Wehren jeglicher einzelnen Landſchaft anordnen. Es liegt in der Natur ſolcher Ver⸗ hältniffe, daß vor allem ſolche, die ſich durch Reichthum, Macht, Anſehen und beſondere hervorglaͤnzende Eigenſchaf⸗ ten vor andern auszeichneten, daß alſo die Vornehmſten in den Landſchaften zu ſolchen Verwaltern des Gemeinweſens erwaͤhlt wurden. Als ſolche hatten ſie, wie es ſcheint, den Namen Koͤnige oder nach der altgothiſchen Sprache Reiks. So war es ſicherlich bei andern Germaniſchen Völkern ): fo war es ohne Zweifel auch bei den Gothen an der Oſtſee⸗ Kuͤſte. Und wie ſich die Grundform dieſer Verfaſſung bei allen Germaniſchen Voͤlkern wiederholt, fo findet fie ſich auch uͤberhaupt bei den nordiſchen Gothenzweigen. In Skan⸗ 1) Wir erlauben uns hier zur Vergleichung und Erläuterung der Sache eine Stelle aus Ludens Geſchichte des deutſch. Volkes B. J. S. 513 auszuheben. — „Sobald ein deutſches Volk Eroberungen machte und andere Menſchen unterwarf, ſo herrſchte daſſelbe uͤber dieſe Unter⸗ worfenen, und das Haupt des herrſchenden Volkes wurde im eigentli⸗ chen Sinne Herr in ſeinem Verhaͤltniſſe zu den Unterworfenen. Als⸗ dann mag der Name des Herzogs, oder jede andere Benennung, die man dem Heerfuͤhrer beilegte, verändert ſeyn in einen Namen, der ſei⸗ ner neuen Stellung entſprach. Daſſelbe mag geſchehen ſeyn, wenn im Innern Deutſchlands ein Volk herrſchend ward über das andere. Das aͤlteſte Denkmal deutſcher Sprache, die Ueberſetzung unſerer heiligen Buͤ⸗ cher durch den gothiſchen Bischof Wulfila, und der Umſtand, daß ſolche Herrſchaften den Namen Reiche erhalten haben, machen es wahrſchein— lich, daß dieſer Name Reiks geweſen ſey oder Reikiſta. In der Folge der Zeit aber, als die Herrſcherwuͤrde erblich ward und in demſelben Hauſe fortbeſtand von Geſchlecht zu Geſchlecht, hat ſich auch dieſer Name verloren und der Name Koͤnig iſt an ſeine Stelle getreten.“ In den Anmerkungen S. 728 belegt dieſes Luden durch den Sprachgebrauch im Ulfilas.

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176 Geſchichte und Sage über die Lan destheilung. dinavien, in Daͤnemarks und Schwedens aͤlteſter Geſchichte ſtehen gleichfalls neben dem Oberkoͤnige geringere Unterfönige, Provinzen⸗Verwalter, Fuͤhrer des Kriegsvolkes einzelner Land⸗ ſchaften, die ſich nachmals zu freien, unabhaͤngigen Herren er⸗ heben ). In Preuſſen waren ſehr wahrſcheinlich dieſe Reiks ur- ſpruͤnglich, fo lange der Kriegsfuͤrſt Widewud die Geſammt⸗ Gewalt uͤber die ganze Wehrmannei in der Hand hatte, nur bloße Kriegsoberſten. Nun erzaͤhlt aber die Sage, daß nach Widewuds Tod kein allgemeiner Krfegsfuͤrſt, Herzog oder Koͤnig wieder gewaͤhlt, vielmehr ſeine Macht unter ſeine Soͤhne vertheilt worden ſey. Jene Kriegsoberſten wur⸗ den alſo freie Herren in ihren Landſchaften; ſie wurden Reiks oder Koͤnige in ihren kleinen Reichen, die nicht mehr wie zuvor im Kriegsgebote unter dem allgemeinen Machthaber aller Wehrmannen ſtanden, ſondern nunmehr frei ihre ei— genen Wehren fuͤhrten. Und ſolche Fuͤrſten, Reiks oder Könige werden auch wirklich mehrmals in den aͤlteſten Quel⸗ len der Geſchichte Preuſſens genannt ). Da dieſe fruͤheren 1) Sehr merkwuͤrdig und wichtig iſt in dieſer Hinſicht eine Stelle der Ynglinga⸗Sage bei Srorro c. 40, wo es heißt: Reges Upsalen- sium absoluta potestate in Suionia eminebant, cum reguli plures ibi dominarentur, ab eo videlicet tempore, quo Odinus in Suioniı principatum tenebat: monarchae cum absoluto imperio, usque ad mortem Agni Upsalae residebant: atque tum primum regnum inter ſratres partitum est: post baec regnum principatusque inter stirpes, pro earum gradibus distribuebantur. Nonnulli etiam Regum incul- tas latasque exscindere sylvas coeperunt, aedificia exstruere, nee aliis quam his initiis regna sua firmare. Vgl. Rühs Geſchichte Schwedens B. I. S. 12; ferner über die Ober⸗ und Unterkoͤnige im älteſten Daͤnemark Suhms Geſchichte v. Daͤnemark B. I. S. 82. 2) Den triftigſten Beweis für dieſe Reiks oder Provinzial: Könige giebt die oben ſchon angeführte Stelle aus WMulſstani Periplus, wo fie ausdruͤcklich „Cyninge, Könige genannt werden. Ihrer erwähnt auch Dusburg P. III. c. 5 unter der Benennung Heges und unterſcheidet fie noch von den Nobiles. In dem alten Privilegium von Bartenſtein vom Jahre 1332 heißt es, daß „veieres Prussi dicuntur fuisse sub Regibus; ſ. Hartknoch A. und N. Pr. S. 239. Selbſt Lucas David B. I. S. 138 nennt fie Kunigs. Der Keim dieſer Verfaſſung

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Geſchichte und Sage über die Landestheilung. 177 Kriegsoberſten mit dem Kriegsfuͤrſten Widewud ſtets in engſter Verbindung geſtanden, immer nur in feinen Gebo- ten gehandelt, ihm zu Gehorſam verpflichtet und mit feſter Treue an ihn und feine Verordnungen gebunden geweſen waren, ſo konnte wohl allerdings die Sage dieſe einzelnen Kriegsoberſten oder Wehrenfuͤhrer Widewuds Soͤhne nennen. Auch ihre Namen ſcheinen nicht unerklaͤrlich. Im Kriegs⸗ heere, wenn die Wehrhaufen der einzelnen Gaue zuſammen— ſtießen, mögen die Kriegsoberſten als Führer ihrer Kriegs⸗ ſchaaren gemeinhin auch den Namen ihrer Wehrmanneien geführt, der Anführer der Galinder mag alſo wohl der Ga- linder, der der Natanger mag der Natanger, der der Po— meſanier mag der Pomeſanier geheißen haben. Es ging ſo— mit alſo wahrſcheinlich der Name des Gaues oder der Land— ſchaft und des Volkes auf den Kriegsfuͤhrer über, ſtatt daß die Sage den Namen des Krlegsoberſten auf die Landſchaft übertragen läßt. Es iſt wenigſtens geſchichtlich nachzuwei— ſen, daß die Namen einiger der genannten Gau-Voͤlker ſchon laͤngſt vor der Zeit, von welcher die Sage ſpricht, wirklich vorhanden waren. So werden, wie fruͤher erwaͤhnt worden, die Galinder, die Sudauer und mie es ſcheint auch die Schalauer (?) ſchon von Ptolemaͤus, alſo ſchon mehre Jahrhunderte vor dieſer Zeit genannt, woraus erhellt, daß, wenn der Sage hier irgend ein geſchichtlicher Grund unter— liegen ſoll, der Name des Volkes zum Namen des Kriegs— oberſten wurde. So war es wenigſtens auch in der Sitte anderer Germaniſcher Voͤlker begründet y und vorzuͤglich ſelbſt bei den Gothen herkömmlich. lag ſicherlich ſchon in der fruͤhſten Geſchichte des Gothiſchen Volkes an der Oſtſee, denn Tacil. German. c. 43 ſagt ſchon: Trans Lygios Go- !hones reenantur., paulo jam addictius, quam ceterae Germano- rum geutes, nondum tamen supra libertatem. + 1) So iſt Zeuiobod der Bod, Führer, Befehlshaber der Teutonen; Boiorix bedeutet den Reiks der Bojer; Livius l. XXXIV. ©, 4% nennt ausdruͤcktich einen Boiorix regulus Boiorum und wie ſchon Werfel, a. a. O. S. 118 ſagt, haben die Worte boch und reiks gleiche Be— 1. 12

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178 Die Namen der einzelnen Landſchaften. Aus der Sage aber ſcheinen wir ferner auch als ge— ſchichtliche Thatſache annehmen zu koͤnnen, daß um das Ende des ſechſten und im Anfange des ſiebenten Jahrhunderts die Namen der einzelnen Landſchaften und ihrer Bewohner be— merklicher hervortreten. Als Widewuds Gebieterſchaft mit feinem Tode zu Ende ging, mochten jene Reiks oder Kriegs- oberſten der Landſchaften, durch keine Gefahr von außenher mehr geſchreckt, ſich nicht entſchließen koͤnnen, von neuem dem Gebote und dem Gehorſam eines allgemeinen Widen— Bods oder Kriegsfuͤrſten, deſſen Nothwendigkeit nur die Kriegsgefahr von den Maſoviern erzeugt hatte, ſich zu un— terwerfen. Zwiſtigkeiten uͤber die Wahl mochten vielleicht in ihnen den Gedanken erzeugen, fortan frei und unab— haͤngig neben einander dazuſtehen; vielleicht alſo deutet auch hier die Sage in ihrer Erzaͤhlung uͤber den Streit unter Widewuds Söhnen um die Herrſchaft auf beſtimmte ge— ſchichtliche Ereigniſſe hin. Seitdem aber die Kriegsoberſten zu Fuͤrſten ihrer Landſchaften emporſtiegen, war ein ſchaͤr⸗ feres Hervortreten der einzelnen Volkstheile in ihren beſon⸗ deren Landſchaften mit ihren eigenen Benennungen eine da⸗ mit natuͤrlich verbundene Folge. Was die Bedeutung und den Urſprung dieſer Volks⸗ namen und der Benennungen der Landſchaften betrifft, ſo liegen manche von ihnen in ſo entfernter Zeit zuruͤck und andere in fo tiefem Dunkel, daß es kaum möglich feheint, die Spuren ihrer Entſtehung wieder aufzufinden. Ob über: haupt Wortableitungen zu ihrer Erklaͤrung viel austragen, mag billig dahin geſtellt ſeyn. Wenn wir auch beſtimmt wuͤßten, die Galinder bedeuteten die Letzten und Aeußerſten des Gothen-Stammes ), ſo bleiben uns die Namen der deutung und bezeichnen einen Gebieter. Barth B. I. S. 296. So mag Ambiorix den reiks der Ambianer bedeuten. So ſcheinen auch der Name des Sigamber:Fürften Deudorix, der des Eimbern-Fuͤrſten Ge: forir u. a. zuſammengeſetzt. So erwähnt auch Paul. Diacon. L. XII. h. 259 eines einſt in Skandien gebietenden Gothen⸗Koͤnigs Godaricus — Goda-reiks, Vater des früher erwähnten Filimer. 1) Wie ſchon oben beruͤhrt iſt.

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Die Namen der einzelnen Landſchaften. 179 Sudauer und Stavaner — Schalauer? — doch immer unerklaͤrlich oder wenigſtens doch zweifelhaft). Manche der Namen moͤgen ohne Zweifel durch die Gothen mit aus Skan⸗ dinavien gekommen ſeyn, denn die Aehnlichkeit von einigen in beiden Laͤndern iſt offenbar viel zu groß, als daß dabei an bloßen Zufall zu denken waͤre. Dieß iſt der Fall mit Warmien, Warmeland oder Ermland ), vielleicht auch mit Samland, wiewohl dieſer Name auch die Lage und Be— ſchafſenheit des Landes bezeichnen und „Niederland“ bedeuten kann ). Der Name des Barterlandes ſcheint ebenfalls Go— thiſchen Urſprungs zu ſeyn; es wird wenigſtens eines Volks⸗ zweiges, der die Barder hieß, in der Geſellſchaft der Go— then, Wandalen und Sarmaten erwaͤhnt ). Die Namen 1) Bei der etymologiſchen Erklaͤrungsluſt früherer Gelehrten hat es freilich an ſolchen Ableitungen der Voͤlker-Namen auch in Preuſſen nicht fehlen koͤnnen. So erklaͤrt Prätorius in der Schaubuͤhne B. II. c. 13. den Namen der Sudauer durch Sudyti richten, Suduns, Sud- ziuns, Sudzia ein Richter, weil Widewud aus den Sudauern, bie we: gen der Nähe der Polen die gebildetſten Landbewohner geweſen, feine Richter genommen. Aber gab es ſchon ſo gebildete Polen in den Ta⸗ gen des Ptolemaͤus? — Ob etwas gewonnen iſt, wenn man an die geus Suethans, quae velut Thuringi equis utuntur eximüs, in ©fan: dinavien wohnte (Jornand. c. 3.) und heruͤber gewandert ſeyn koͤnnte, denken wollte, mag dahin geſtellt bleiben. 2) Daß Warmeland oder Wermeland in Skandinavien eine alte Provinzial: Benennung iſt, geht aus der Feglinga- Saugt c. XLVII. XIIX, aus dem Fragment. Island. ap. Langebeck T. II. p. 267, Adam. Bremens. de situ Daniae c. 231, Ruͤhs Geſchichte Schwe⸗ dens B. I. S. 9. u. a. klar hervor. 3) Der Name Samland koͤnnte wohl mit dem der großen Land⸗ ſchaft in Gothland Smaland zuſammen geſtellt werden, wenigſtens liegt die Aehnlichkeit der Namen ſehr nahe. Hennig zum Lucas David B. I. S. 158 erklärt den Namen durch Niederland, ihn ableitend vom Lettiſchen Worte semme, Erde, Land, beſonders niedrig gelegenes Land. Schloͤzer Nord. Geſchichte S. 301 nimmt Same oder Suoma nach dem Finniſchen fuͤr Moraſt. 4) Adam. Bremens. histor. eccles. L. I. c. 3. Ob man den Namen aus dem Gotbiſchen erklaren dürfe, wo bairthei fo viel als hell, glänzend, berühmt bedeutet — tlas Math. VI. 6. Luc. XIX. 19. — mag dabin geſtellt bleiben. 2

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180 Die Namen der einzelnen Landſchaften. Natangen, Hockerland und Pomeſanien hat man nach ihrer Lage und natürlichen Beſchaffenheit zu erklären geſucht und in Natangen die Bedeutung des Hinterlandes, in Hocker⸗ land die des Gebirgs- oder Oberlandes und in Pomeſanien die des Landes an der Maſau zu finden gewußt ). So iſt man auch bemuͤht geweſen, der Bedeutung der Namen Nadrauens und Pogeſaniens nachzuſpuͤren und ſuchend hat man gefunden, daß jenes erſtere eigentlich das Land der Waldhonigſammler und Pogeſanien das Land der Starken bedeuten ſolle 2). Nach gleicher Erklaͤrungsweiſe iſt endlich im Namen des Kulmerlandes die Bedeutung des hochgele— genen Landes gefunden worden ); wiewohl dieſer Name wohl eher auf Gothiſchen Urſprung hinzuweiſen ſcheint. Aus dem allen aber geht hervor, daß in ſolchen Dingen ſchwerlich immer geſchichtliche Gewißheit zu erreichen iſt und daß die meiſten Benennungen der alten Landſchaften Raͤthſel blei- ben, deren Auflöfung vielleicht für immer eben fo unmoͤg— lich, als unfruchtbar ſeyn duͤrfte. Noch raͤthſelhafter und dunkler iſt die Sage in Ruͤck⸗ ſicht deſſen, was ſie von der zwiſtigen Wahl des Griwe und von der Trennung Litthauens berichtet und welche ge— ſchichtliche Ereigniſſe hiebei wohl zum Grunde liegen mögen. Es iſt kaum moͤglich, in dieſem Theile naͤchtlicher Vergan⸗ genheit auch nur Einen hellen Stern zu finden, der uns auf ſicherer Bahn weiter fuͤhren koͤnnte. Wir finden in fpäteren Zeiten faft in jeder Landſchaft Preuſſens einen hei- ligen Wald, wie er in Samland das heilige Romowe um⸗ 1) So Hennig zum Lucas David B. J. S. 158. Aber wer buͤrgt für die Richtigkeit der Ableitung Pomeſaniens? 2) In ſolchen Erklaͤrungen gefällt ſich beſonders Prätorius Schau: bühne B. III. c. 4. 9. 11 und 25. Nadrauen leitet er ab von nadra- win, welches Wort im Altpreuſſiſchen „Waldbienen⸗Honig einſammeln“ bedeuten ſoll, weil die Nadrauer einſt bedeutend viel Waldhonig geſam⸗ melt hätten. Den Namen Pogeſanien erklart er durch Pojein -ziernme d. h. der Starken Land. 3) Praͤtorius a. a. O. g. 4.

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Geſchichte und Sage über die Landestheilung. 181 ſchloß; wir entdecken Spuren, nach deren Bedeutung in dieſen heiligen Waͤldern Herren-Sitze und Richter-Orte, vielleicht Wohnſitze fuͤr Griwen geweſen zu ſeyn ſcheinen. Hatte dieſes alles vielleicht damals ſeine Entſtehung? Ward vielleicht damals der Berg Grewoſe am heiligen Walde an der Sirgune y) wo nachher Chriſtburg gegründet wurde, zum Sitze eines Griwe für Pomeſanien erhoben? Bekamen vielleicht in jener Zeit ſchon die Orte Rohmsdorf und Ryk⸗ garben und das naheliegende Schippenbeil, einſt Wallewona genannt, ihre Beſtimmung als Herren-Sitze und Richter⸗ Orte 2)? Findet vielleicht in jenen Zeiten die Sage ihre Begruͤndung, daß im heiligen Walde Nadrauens der Griwe zu Romowe feinen Sitz gehabt? Theilte ſich alſo wie din Macht des Widenfuͤrſten Widewud, ſo auch die Gewalt und Wuͤrde des Griwe und erhielt vielleicht nun jegliche Land 1) Hieruͤber an einem ſpaͤteren Orte das Nähere. >) Außer der ſchon erwähnten alten Sage, daß bei dieſen Orten das Romowe einſt geweſen ſey, liegen allerdings auch in den Namen dieſer Dörfer einige nicht unwichtige Andeutungen. Der Name Ryk garben bezeichnet fo viel als Herren-Berg; er iſt zuſammengeſetzt aus Rickys, Reiks, Herr, Gebieter, Herrſcher, und garhs, garbos, Hügel, Berg, welches in altſamlaͤndiſchen Ortsbenennungen Öfter vorkommt. Da im Namen Romowe die erſte Silbe Rom allerdings die weſentlichſtr iſt, weil die Silben owe, wie auch in vielen andern altſamländiſchen Ortsnamen ſo viel als Aue bezeichnen, ſo hat gewiß auch der Name Rohmsdorf ſeine beſtimmte Beziehung. Ueberhaupt kommen Ortsna⸗ men mit ſolchen Zuſammenſetzungen in Preuſſen fo hauſig vor, daß vielleicht auch hieraus auf eine beſtimmte Bedeutung derſelben zu ſchlie⸗ ßen iſt, fo Rohmanen bei Ortelsburg, Romansgut bei Heiligenbeil, wo ein heiliger Wald war, Rohmau bei CTapiau gleichfalls bei einem heiligen Walde, Rombitten bei Saalfeld, Romitten bei Pr. Eilau, Romlau bei Kreuzburg am Friſching, Rom im alten Lande Galinden u. a. Nicht unwichtig iſt auch der Umftand, daß wie bei dem Romowe in Samland eine Brandſtätte (der einſtige Ort des heiligen Feuers) war, ſo auch bei Rohmsdorf ein Ort Brandlauken genannt wird, der fo viel als Brandftätte heißt, denn laukas iſt im Lettiſchen campus. Ueber Mallewona und Schippenbeil wird fpäter das Noͤthige geſagt werden.

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182 Geſchichte und Sage über die Landestheilung. ſchaft noch ſein beſonderes Romowe und ſeinen eigenen Griwe, vielleicht in gewiſſer Abhaͤngigkeit von dem alten Griwe und alten Romowe, worauf die Sage hinzudeuten ſcheint? Dieß alles find Fragen, die keiner mehr zu loͤſen vermag. Werfen wir nun aber noch einen Blick auf die ganze Sage zuruͤck, ſo ſcheint es wohl unbeſtreitbar, daß ſie in ihrem innerſten Weſen auf wirklich geſchichtlichem Boden erwachſen iſt und daß in ihr des Landes aͤlterer Zuſtand in ſeiner Verfaſſung, wenn auch umhuͤllt und umzogen von dem, was der Sagenzeit angehoͤrt, wieder gegeben wird. Davon zeugen theils Beweiſe aus zeitgenöffifchen Schrift⸗ ſtellern ſtammverwandter Völker, wie Jornandes; es zeugt davon theils auch die Uebereinſtimmung der Angaben ſpaͤ⸗ terer bewährter Quellen, die uns über Einzelnes Beſtaͤti⸗ gung geben, was die Sage als Sage hinſtellt ); es zeugt ferner hievon auch die Gleichheit und Aehnlichkeit in Ver— faſſung, Sitte und Brauch des Volkes in Preuſſen mit denen derjenigen Voͤlker, die ihm ſtammverwandt und glei⸗ ches Urſprunges waren, wie aus der ſpaͤteren Darſtellung der Religion, Sitte und Lebensweiſe der Bewohner Preuf- ſens noch mehr erhellen wird; es ſpricht endlich hiefuͤr ſelbſt der Zuſammenhang und die Gleichſtimmung der Geſchichte ſpaͤ⸗ terer Zeiten und des ganzen Ganges des Volkslebens im Lande ſelbſt, denn die Geſchichte kennt in den naͤchſten Jahrhun⸗ derten wirklich eine ſolche Theilung des Volkes in verſchie— dene Landſchaften; ſie findet in der That auch ſolche Lan⸗ desfuͤrſten, ſolche Reiks auf ihren Burgen, wie die Sage ſie ſchildert; ſie nennt ſelbſt neben den noch fortdauernden Namen der Aeſtier, der Widen oder Gothen auch die Be— wohner der einzelnen Landſchaften mit denſelben Namen, wie die Sage fie angiebt. Wenn alſo der Urſprung dieſer Namen auch immer dunkel und manches Einzelne der Sage I) 3. B. FFulfstan. Persplus, „dam. Brem., Hebmoltd., Dus burg.

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Krieg mit den Mafoviern. 183 unauflösliches Raͤthſel bleibt: — das Wefentliche der Sage, ihr innerer Kern beruht unſtreitig auf dem Grunde eines wahrhaft geſchichtlichen Lebens, und es muß ſelbſt auch die Zeit feſtgehalten werden, von welcher die Sage erzählt; es muß alſo im Ablaufe des ſechſten und in der erſten Haͤlfte des ſiebenten Jahrhunderts das Weſentliche dieſes Lebens, wie es die Sage ſchildert, in Preuſſen beſtanden haben ). Von da an ſchweigt die Sage eine Zeit hindurch. Erſt nach vielen Jahren, fährt fie fort ), erhob ſich ein blutiger Krieg zwiſchen dem Volke in Preuſſen und den Maſoviern. Der Fehde Anlaß war folgender. Ein reicher, edler Ma- ſovier vernahm, daß der Fuͤrſt ſeines Landes mit ſeinem Weibe verbotenen Umganges pflegte. Vergebens warnte er: und da er einſt nach Haufe zuruͤckkehrend die beiden Schul- digen in der Umarmung fand, ſo durchbohrte er fie beide mit dem Spieße. Den Rachzorn der Maſovier fuͤrchtend ergriff er eilig die Flucht nach Preuſſen, wo er am heili⸗ gen Romowe Schutz zu finden hoffte für fein Leben. Und er fand ihn. Doch als die Maſovier ſolches vernahmen, brach des ermordeten Fuͤrſten Bruder mit einem großen Heerhaufen auf, zog vor Romowe, verbrannte den Griwe ſammt feinen Prieſtern in ihren Wohnungen, toͤdtete den gefluͤchteten Maſovier mit grauſamer Pein und trat, als er 1) An eine feſte Beſtimmung ber Jahre im Einzelnen iſt natürlich hiebei nicht zu denken. Lucas David B. I. S. 33 ſetzt die Landes: theilung nach der Angabe des Biſchofs Chriſtian in das Jahr 573 und hierin ſtimmt auch Simon Grunau Tr. II. c. IV. g. 1 überein. Späterhin aber S. 76 giebt Lucas David das runde Jahr 600 als die Zeit der Theilung und Opferung der beiden Volkshaͤupter an und Simon Grunau Tr. II. c. V. g. 2. hat hier ſogar das ganz falſche Jahr 50 oder 500. 2) Lucas David B. I. S. 92 erwähnt aber, daß er biefe Er zahlung aus „etlichen Geſchichtſchreibern der Preuſſiſchen Geſchichte,“ alſo nicht aus feiner bisherigen Quelle, der Chronir des Biſchofs Ehri- ſtian genommen habe.

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184 Krieg mit den Mafoviern. in der Kandfehaft ) alles verheert und die wehrhaften Maͤn⸗ g ner ermordet hatte, die Ruͤckkehr an. Da ſtanden plotzlich, aufgeſchreckt durch die Nachricht von des Griwe und der Prieſter Ermordung und von der Verwuͤſtung, im nachbar⸗ lichen Lande die Samlaͤnder und Sudauer auf, ereilten die Maſovier und kaͤmpften gegen ſie mit ſolchem Gluͤcke, daß dieſe die Flucht zu ihrer Rettung ſuchten. Auch aus den andern Landſchaften, aus Natangen, Ermland, Pogeſanien, Pomeſanien, Galinden und Barterland eilte die ſtreitbare Mannſchaft zuſammen, um in Maſovien einzufallen und an dem frevelnden Volke noch größere Rache zu üben. Al⸗ lein die Vornehmſten und Weiſeſten hielten es für ruͤhm⸗ licher und den Goͤttern erwuͤnſchter, bevor der Frevel am Maſoviſchen Volke vergolten werde, das heilige Romowe wiederherzuſtellen und einen Griwe mit ſeinen Prieſtern wieder einzuſetzen. Erſt als ſolches geſchehen war, brach das neuverſammelte Kriegsvolk, von dem Glauben begei— ſtert, daß die Goͤtter ſelbſt an ihren Feinden die furchtbarſte Rache verlangten, in Maſovien ein, verwuͤſtete das Land durch Feuer und Schwert, ſchleifte Feſten und trieb Men⸗ ſchen und Vieh in großen Schaaren hinweg. Kaum aber hatte das Heer das veroͤdete Land verlaſſen, als die Maſo⸗ vier zur Vergeltung des Graͤuels ſich von neuem verſam— melten und unvermuthet ins feindliche Land einbrechend mit gleicher Verwuͤſtung durch Raub und Brand neue Rache uͤbten. Und in ſolcher Weiſe dauerte der Blut- und Raub⸗ krieg elf Jahre hindurch, bis die Voͤlker im Frevel endlich ermuͤdet Friede ſchloſſen. Das Volk in Preuſſen vergaß auch bald die alte Zwietracht und trat mit den Maſoviern wie zuvor durch Handel und Wandel in freundliche Ge⸗ meinſchaft. Nur die Vornehmern in Preuſſen waren ſchwe⸗ rer zu verfühnen; doch ſuchten die Maſovier fie auf jegliche Weiſe, ſelbſt auch durch reiche Opfer an ihre Goͤtter und I) Lucas David B. 1. S. 95 nennt Nadrauen, weil er das Nomowe nach Nadrauen ſetzt.

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Sage von Polens Herrſchaft über Preuffen. 185 durch haͤufigen Beſuch des heiligen Romowe's zu neuer Gunſt zu gewinnen. An dieſe Sagen ſchließt ſich endlich auch noch die Nach⸗ richt Polniſcher Geſchichtſchreiber von der Herrſchaft ihrer aͤlteſten Könige über Preuſſen an. Wie fie erzählen, fol ſchon der alte fabelhafte König Leſcheck der Dritte nicht bloß über die Parther — Pietſchinger —, ſondern auch über die Gothen im alten Preuſſen ſeine wunderbare Machthaber⸗ ſchaft ausgedehnt und ſeiner Gemahlin Julia, nach der Sage einer Schweſter Julius Caͤſars, die Landſchaft Samland zum Geſchenke gegeben haben ). Hierauf fol auch Leſchecks aͤlteſter Sohn Popiel der Erſte oder Pompilius Beherrſcher des ganzen Slaven-Landes und der angraͤnzenden Laͤnder geweſen ſeyn ). Wohl waͤre es moͤglich, daß zwiſchen je⸗ ner Sage vom Kriege gegen die Maſovier und dieſer Herr⸗ ſchaft Popiels uͤber die Nachbarlande ein gewiſſer Zuſammen⸗ hang Statt gefunden und fremde Gewalthaberſchaft vom 1) Dieſe wunderliche Nachricht hat Aadiubeck L. I. ep. 16. Er ſagt vom Könige Leſcheck: nam et Gethis et Pärthis ac Transpartha- uis regionibus imperavit. IIuic tandem Julius jure aflinitalis gau- del »foederari, sororem nomine Juliam eius matrimonio sociat eique jure dolis a fratre Bavaria, donationis vero propter nuplias a vivo Sambiensis condonata est provincia. — Das beſte kritiſche und geſchichtliche Urtheil uͤber dieſe ſonderbare Stelle giebt Lelechel bei Os- solinski a. a. O. S. 353 ff. Er beweiſet, daß die ganze Stelle ſehr ver⸗ dorben iſt, namentlich ſtatt Sambiensis in mehren Handſchriften Sar- biensis und Surbiensis geleſen werde und in andern die ganze Stelle gar nicht vorhanden ſey. Er hält die ganze Nachricht für eine Erdich⸗ tung des 14ten Jahrhunderts. Dann fügt er hinzu: „In dieſem Le⸗ ſcheck finden wir die Spur von dem Andenken an die weitläuftige Herr⸗ ſchaft des Ermanarik im Aten Jahrhundert, dem auch die Slavaken unterthaͤnig waren (Ammian. Marcel. L. XXXI. c. 3. Jornand. de reh. Gel. c. 24.) Der Name Gethen iſt der Name ber damaligen Pruſ⸗ ſaken (Boisken, ingleichen Eſthen).“ 2) Kadiubeck L. I. ep. 16: Pompilium vero jure primogenitu- rut regem omniun slatuik: cuius nutu non Slaviae duutaxat mo- uarchia, sed elianı Gnitimorum gubernata sun imperia. Ossolinslti S. 43. Lelewel ebendaſ. S. 560.

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186 Sage von Polens Herrſchaft über Preuſſen. Suͤden her ſich uͤber einen Theil Preuſſens verbreitet habe; allein es iſt keiner Forſchung mehr moͤglich, in jenes un— durchdringliche Dunkel irgend einen hellen Lichtſtrahl zu bringen. Es deckt jene Zeiten die ewige Nacht der Ver⸗ geſſenheit.

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Drittes Kapitel. Auch in den Zeiten des großen Franken-Reiches bleiben wir uͤber die Schickſale und Verhaͤltniſſe des Volkes der ſuͤdbaltiſchen Kuͤſtenſtrecke im Oſten des Weichſel-Stromes faſt ganz unbelehrt; denn ſo groß auch die Bewegungen der Voͤlker und die Umwandlung beinahe ganz Europa's in jenen Jahren waren, als der maͤchtige Franken-Koͤnig, Kaiſer Carl der Große das Scepter und Schwert fuͤhrte, fo haben doch alle feine Kämpfe, ſowohl die gegen die Sach⸗ fen, als auch die gegen die nordoͤſtlichen Slaven-Voͤlker keineswegs den Erfolg fuͤr uns gehabt, daß die Geſchichte dieſes Theiles der Oſtſee-Laͤnder um irgend etwas aufge⸗ hellt und die Kunde uͤber die Voͤlker im Oſten vermehrt worden wäre. Wie erfahren nicht einmal, daß feine Kriege mit den Wilzen an der Oder irgend eine Ruͤckwirkung auf die Slaviſchen Zweige zwiſchen der Oder und Weichſel und durch dieſe auf die Bewahner des Landes deeſſeits des letz⸗ tern Stromes gehabt haben. Die Nachricht aber, daß, waͤh⸗ rend Carl mit den Sachſen kaͤmpfte, ein Heerhaufe dieſes Vol⸗ kes, die bedraͤngte Heimat verlaſſend und auf Schiffen fluͤch— tend, endlich in Preuſſen gelandet ſey und hier ruhigere Wohnſitze gefunden habe, ſtammt wenigſtens aus ſo ſpaͤter Zeit, daß fie ſchwerlich zu verbürgen ſeyn duͤrfte ). Nur 1) Martin. Gallus iſt es, der uns dieſe Nachricht giebt. Er ſagt ii 91: Non est inconveniens, er relatione majorum aliquid addi- disse, Tempore nanıque Garoli Magni Francorum Regis cum Sa- nia sibi rebellis existerel, nee dominationis jugum nee fidem

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188 Zeit Carls des Großen. Der Norden. das Eine erfahren wir mit voͤlliger Gewißheit, daß man im Franken⸗Reiche auch zur Zeit Carls des Großen die Be— wohner Preuſſens noch unter dem alten, allgemeinen Namen der Aeſtier oder Aeſten kannte und von den Slaven unter— ſchied, denn ſo nennet Eginhart, der Lebensbeſchreiber Carls des Großen, die Voͤlker an der Suͤdkuͤſte der Oſtſee Y. Bald aber faͤllt vom Norden herab, aus Skandinavien, ein neuer hellerer Lichtſtrahl auf die ſuͤdlichen Oſtſee-Laͤnder und zunaͤchſt auch auf Preuſſen. Das allverbindende Meer ſetzte auch hier ſchon in alter Zeit entfernte Völker und Laͤn⸗ der in Gemeinſchaft und Beruͤhrung. Preuſſen hatte einen bedeutenden Theil ſeiner Bewohner auf der Woge des Mee— res aus dem Norden erhalten und Skandinavien war ſchon in uralten Tagen von ſuͤdbaltiſchen Kuͤſten aus mit neuen Ankoͤmmlingen bevoͤlkert worden. Die gewaltigen Bewe⸗ Christianam susciperet, populus iste cum navibus de Saxonia trans- meavit, et regionem istam (i. e. Prussiam) et regionis nomen oc- cupavil. Adhuc ila sine rege sine lege persistunt, nec a prima perfidia nec ferocitate desistunt. Uphagen Parerga p. 585. Wie Martin Gallus die Nachricht giebt, kann fie ſchwerlich wahr ſeyn; denn ſaſt ſcheint es, als ſpraͤche er vom ganzen Volke der Sachen. Er ſchreibt ex relatione majorum; ſollte vielleicht wirklich eine Auswande⸗ rung eines Haufens von Sachſen bieher erfolgt ſeyn und das kleine Land Saſſen oder Saſſovien hinter Löbau (woruͤber ſpaͤterhin das Nä⸗ here) daher ſeinen Namen erhalten haben? Oder gab dieſes Laͤndchen mit feiner Saſſenpile oder Saſſenburg Anlaß zur Entſtehung der Sage von einer Einwanderung von Sachſen? Daß die alten Sachſen viele Zuͤge zur See unternahmen, iſt bekannt, aber eben ſo gewiß, daß dieſe Züge ſich meiſt auf die Nordſee beſchraͤnkten; ſ. Werſebe a. a. O. S. 131. Eine geſchichtliche Begruͤndung der Nachricht von Martin Gallus iſt alſo wohl ſchwerlich moglich. Cl. Eerard de origine Ger- manor. p. XIII. 1) Eginhart c. 12: Dani siquidem ei Sueones, quos Nord- manmos vocamus et septenlrionale littus et omnes in eo insulas te- nent. At Üittus australe Sclavi et Aisti et aliae diversae incolunt naliones: inter quas vel praecipui sunt quibus tunc a rege bellum inferebalur WWelalabi. Der Weichſel erwähnt Eginhart unter bem Namen Vistula; c. 15,

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Sage von Starkadders Thaten an der ſuͤdbaltiſchen Kuͤſte. 189 gungen unter den Voͤlkern, welche Roms Eroberungsluſt und Carls des Großen Kriege veranlaßten, trieben Völker aus dem Suͤden nach dem Norden und zogen große Heer— haufen vom Norden nach dem Suͤden ). Auch eine große Schaar von Gothen war, wie es ſcheint, von den Kuͤſten des ſchwarzen Meeres in Skandinavien eingewandert und ein Theil des Heruler-Volkes, durch eine große Schlacht gegen die Longobarden aus ſeinen ſuͤdlichen Wohnſitzen an der Donau verdraͤngt und weiter und weiter nach Norden wandernd, drang durch die weiten Gebiete der Slaven⸗ Voͤlker bis zu den Warnern zwiſchen der Oder und Elbe hindurch und ſetzte zu den Daͤnen uͤber ). So war durch manches Hin- und Herwandern ſchon in früher Zeit immer eine gewiſſe Berührung zwiſchen den nördlichen und ſuͤd— lichen Kuͤſtenlaͤndern des Baltifchen Meeres bewirkt worden. In alter Zeit mag zum Theil wohl auch jener Handel, der von den ſchiffreichen Suionen betrieben ward, die Gemein— ſchaft mit unterhalten haben. Im Ablaufe des fuͤnften und ſechſten Jahrhunderts aber gaben noch mancherlei andere Ur⸗ ſachen Anlaß zu gegenſeitigen Beruͤhrungen und zwar faſt immer nur zu feindlichen Begegnungen, in denen ſich die Kuͤſten einander gleichſam näher ruͤckten. Auch hier wieder— um muͤſſen wir zuerſt das unſichere Gebiet der Sage be- treten. Der alte Skandinaviſche Held der Sage, Starkadder, Storwerks Sohn, des aͤltern Starkadders. Enkel, der Her⸗ cules des Nordens iſt es, der uns hier zuerſt begegnet. Am Hofe des Daͤnen-Koͤnigs Harald mit deſſen Sohn Wikar auferzogen und ſo beruͤhmt als gefuͤrchtet wegen rieſenhafter Staͤrke, ging dieſer Held in den erſten Zeiten des fuͤnften 1) Montesquieu Considerat. sur les causes de la grandeur des Romains ei de leur décadence c. XVI. - 2) Procop. L. II. c. II. p. 259 — 260. Xdelung ättere deutſch Geſchichte S. 82. Eccard. I. c. p. XXII XXIII - xxv. Anna ste Saxo p. 338 kennt die Ileruli vel Meveldi inter Albiam et Oderam.

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190 Sage von Starkadders Thaten an der fuͤdbaltiſchen Kuͤſte. Jahrhunderts, da die Koͤnige Halfdan und Friedleif und nach ihnen Frode der Vierte in Lethra — in Daͤnemark — herrſchten, vielfach auf Kriegsfahrten, um Proben ſeiner gewaltigen Heldenkraft zu geben. Da ward er einſt vom König Frode ausgeſandt, um dem Abfalle oͤſtlicher Volker vorzubeugen, die damals dem Koͤnige der Daͤnen zinsbar waren und begab ſich zuerſt nach Rußland. Darauf aber mit dem Slaviſchen Fuͤrſten Wino ſich verbindend, zog er auch zum Kampfe gegen die Kurlaͤnder, Sembier oder Sam⸗ laͤnder, Semgallen und alle andern oͤſtlich wohnenden Voͤl⸗ ker, die ſich der Dienſtbarkeit des Daͤniſchen Koͤnigs ent⸗ ſchlagen wollten. Glaͤnzende Siege waren uͤberall ſeines Schwertes Gefolgen, ſo weit er die Voͤlker bekaͤmpfte, bis der Ruf des wunderbaren Kaͤmpfers Wiſinn ihn wieder nach Rußland zog und ſpaͤter auch Polen im Streite gegen den Kämpfer Wasce feine Heldenkraft bewunderte ). Freilich iſt es unmöglich zu erforſchen, was an dieſer und an aͤhylichen Sagen der Geſchichte und was der Dich— tung zugehoͤrt. Aber nicht unwahrſcheinlich iſt, daß wir in Starkadders Heldenthaten das Bild des Skandinaviſchen Lebens jener alten Zeiten haben, daß die Sage auf Wahr⸗ heit, daß ſie auf jener Sitte ſeeraͤuberiſcher Helden-Fahrten beruhet, die von Skandinaviens Reichen aus wie nach den weſtlichen Laͤndern Europa's, ſo auch nach Oſten hin auf der Baltiſchen See ſchon in fruͤheſter Zeit haufig unternom- 1) So erzählen die Sage, fo weit fie Preuſſen berührt, die norbi- ſchen Quellen: Saxo Grammat. ed. Stephani p. 105. Petri Olai Chron. Reg. Danor. ap. Langebeck Scriptt. rer. Dan. T. 1. p. 92: „Starcatherus cum Wino principe Slavorum mittitur a Frothone contra orientales populos, jam Regi Danorum sub tributo servien- les, nunc autem rebellare volentes, ut aut in ſide contineret, aut ad juga revocaret, qui pugnaverunt contra Curetes, quorum natio extat in Livonia, et contra Sembos i. e. Pruscos et contra Semi- gallos i. e. Tracias, et postremo contra omnes orientales preliati sunt, et claras vietorias longe lateque reportabant. Cf. Th. Gheys- meri Compend. histor. Danic. ap. Langebeck. T. II. p. 318. Suhm Geſchichte der Daͤnen B. I. S. 287 ff.

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Sage von Starkadders Thaten an der ſuͤdbaltiſchen Kuͤſte. 191 men wurden. Zu dieſer Uebereinſtimmung mit der nordi⸗ ſchen Sitte kommt auch noch hinzu, daß vom Koͤnige Frode ausdruͤcklich erzählt wird, er habe oft die Baltiſchen Gewäf- fer durch feine ſeeraͤuberiſchen Fahrten unſicher gemacht ). Er führte ſelbſt auch Kriege gegen die Kuren in den Oft? laͤndern und gegen die Ruſſen, waͤhrend auf ſein Geheiß König Omund von Schonen und Halland an die den Dä- nen unterworfenen Slaven Geſandte ſchickte, den Tribut von ihnen einzuholen, ſtatt der Schatzung aber Raben und Hunde erhielt und dann in Juͤtland vom Slaviſchen Volke heimgeſucht ward, wo er in einer ſchweren Schlacht ſieben Slaviſche Koͤnige uͤberwand und das ganze Volk wieder zum Tribut noͤthigte ). Vielleicht iſt dieſes zum Theil mit der geſchichtliche Boden, auf welchem die Sage von Star⸗ kadders Heldenthaten ſpielt. Wenn daher auch vieles von ihnen der Dichtung zugehoͤrt, ſo duͤrfte es doch nicht un⸗ wahrſcheinlich ſeyn, daß die Wurzel des Ganzen auf ge— ſchichtlichem Leben eingepflanzt iſt, daß bei ſolchen raͤuberi⸗ ſchen Seefahrten auch frühzeitig ſchon Preuſſens Kuͤſtenge⸗ biete zuweilen heimgeſucht und von ruhmfüchtigen Seeraͤu⸗ bern, die man vielleicht durch einige Geſchenke zur Weiter⸗ fahrt bewogen hatte, als unter ihre Herrſchaft gebracht be— trachtet wurden 5). Dieſe Erſcheinungen aber liegen begründet in der Na⸗ tur des Landes. In alter Zeit hat der Norden immer mehr 1) Snorro Ynglinga Saga c. 31: Rex Frotho mare Ballicum piralica expeditione infestum reddidit; c. 35. Gebhardi Geſchichte von Livl. Eſthl. u. Kurland S. 305. 2) Suhm Daͤn. Geſchichte B. L S. 339. ) Depping in feiner gekrönten Preisſchrift: Histoire des expedi- tions maritimes des Normands. Paris 1825 T. I. p. 45, wo er von Starkadders Thaten ſpricht, ſagt ebenfalls: Je woserais aflırmer que toutes ces. aventures, racontées parmi beaucoup autres par les dagas, soient exactement vraies; mais du moins elles sont con- formes aux moeurs barbares des Scanditaves, moeurs qui degene- vaient quelquefois, chez les champions, en ferocite.

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192 Skandinaviſche Seeraͤuber auf der Oſtſee. Menſchen erzeugt, als die Natur und Beſchaffenheit der Laͤnder zu ernaͤhren geſtattete. Die Rauhigkeit des Clima's. die Laͤnge des Winters, die Maſſe ungeheuerer Waldungen, die Ungezaͤhmtheit wilder Stromgewaͤſſer, denen damals noch seine Dammgraͤnzen angewieſen waren, die Unbekanntſchaft der Menſchen mit einem zweckmaͤßigen Anbau des Landes, die den Barbaren eigene Traͤgheit und Ungeſchicklichkeit im Ackerbau, die Unſicherheit und Seltenheit reicher Ernten: dieſes alles waren große Hinderniſſe für die naturgemaͤße Unterhaltung der erzeugten großen Menſchen-Menge. So war Mangel an Nahrung und Hungersnoth keine ſeltene Erſcheinung ). Da entlud ſich die Ueberzahl der Menſchen⸗ Maſſen, ſo lange es die Verhaͤltniſſe Europa's geſtatteten, durch Öftere Auswanderungen in ſuͤdlichere Gegenden. Aber auch den Zuruͤckbleibenden boten Ernten und Jagden nicht immer die noͤthigen Mittel fuͤr Nahrung und Unterhalt Die Noth trieb fie zum Fiſchfange auf die See; tägliche Uebung brachte täglich größere Geſchicklichkeit und Kuͤhn— heit; aus leichten Kaͤhnen wurden Schiffe; aus Fiſchern wurden Seeleute; das Landleben ward zum beſtaͤndigen Seeleben. Bald wurden auch fremde Kuͤſten beſucht, bald zum Umtauſch mit deren Erzeugniſſen, bald zum Raub deſſen, was der heimatliche Boden nicht darbot. Da kam es hiebei zu Kaͤmpfen und Fehden mit den Eingebornen; der Seefahrer bedurfte kriegeriſcher Tapferkeit und Uebung in den Waffen. Der Sieg brachte zugleich Ehre und Beute und je oͤfter er dieſes brachte, um ſo hoͤher ſtieg der Reiz und die Luſt zu immer neuen Verſuchen. So ward der Skandinavier ein kuͤhner Seeraͤuber ), und die Raubzuͤge zur See wurden ſomit zum Ehrengeſchaͤft. 1) Depping 1. c. P. 9 — 11 führt mehre Beifpiele aus den lte ſten Zeiten an. 2) Depping p. 17 fagt: II falloit combattre ou du moins £ive toujours prét au combat; les succès dans ces rencontres honoraien. le vainqueur et tournaient à son profit; c’&tait Tencourager à en obtenir de nouveau. Ainsi Pavidite, P’honneur et la jolousie natio-

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Skandinaviſche Seeräuber auf der Oſtſee. 193 Was in fruͤhſten Zeiten vielleicht ſeltener und nur im Einzelnen geſchehen war, das ward nachmals gleichſam zum Syſtem und zur Ordnung. Je oͤfter man an fremden Kuͤ⸗ ſten von den kuͤhnen und raͤuberiſchen Skandinaviſchen Abentheurern Friede und Schonung durch Geſchenke er- kaufte, um fo häufiger erſchienen fie in größerer Zahl auch wieder, wie dieſes in den oͤſtlichen und weſtlichen Küften- laͤndern Europa's geſchah. Das alte Geſchenk ward dann geſteigert, bald auch ertrotzt und als Zins und Tribut ge fordert. So lockte denn jeder Raubzug mehr im Verhaͤlt⸗ niß feines Ertrages, und die Zahl der Raubſchiffe ward grö- ßer, je größer die Hoffnung zu Gewinn und Beute. Im Norden kannte man dieſe Skandinaviſchen Seeraͤuber unter dem Namen der Vikinger ) und ihre geſammte Schaar, wenn ſie auf raͤuberiſche Fahrten auszog, erſchien unter der Benennung eines Viking-Flock 2). Die Zahl derer aber, die einen ſolchen Viking-Flock bildeten, war meiſtens um fo größer, je berühmter durch Kuͤhnheit und Tapferkeit in ſolchen Unternehmungen das Oberhaupt oder der Anfuͤhrer nale, et quelqueſois ia necessite engageaient A ces luites maritimes dans les parages du Nord; honneur el bulin, soils les deux aiguil- lons des marins scandinaves. 1) Srorro War. Harſag. Saga c. 33: Halfdan Svarii oc Halſdan Iviti lago i Ving oc heriado um Austurveg, i. . Halldanus Ni ger, alterque Albus piratieae vacabant, ac in mari Orientali prae- dabantur. Ueber die manchfaltigen Ableitungen des Wortes Viking findet man vieles in Olai Wormii Monument. Dan. P. 269 — 270. Suhm zieht die von ig, Niederlage, als die beſte vor; indeffen ſcheint doch die von Viig oder LVick, welches bei den Dänen einen Meerbu⸗ fen, eine Bucht bedeutete, mehr für ſich zu haben. Depping T. I. p. 73 biuigt ebenfalls dieſe Ableitung. Auch die Angelſachſen nannten die Dänifhen Seeräuber Viccinger oder XVygeyng; ſ. Aelfrie in Cam- deni Pritiannia p. 161. Wahrſcheinlich hangt der Name mit der Er⸗ zählüng zuſammen, die in Torfaei Histor. rer. Norweg- T. I. p. 195 ed. vorkommt. Auch felbft Norwegen wird zuweilen Vikin genannt, ſo im Fragm. Island. ap. Langebeck J. II. p. 280. Adamı. Bre- nens. de situ Dan. C. 212 führt fie unter dem Namen von XVI thingi an. 2) Suhm Geſchichte der Dänen B. 11 S. 25 I.

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194 Skandina viſche Seeränber auf der Oſtſee. und je vornehmer das Geſchlecht, aus welchem er ſtammte. Sie betrug nicht ſelten viele Tauſende, da ſelbſt große Hel⸗ den und Koͤnigsſoͤhne ſich an die Spitze ſolcher Horden ſtellten ). Da das abgelegene und beſchraͤnkte Land Skan⸗ dinaviens fuͤr die jugendliche und ruͤſtige Naturkraft des Volkes nicht Raum und Gelegenheit genug darbot, ſich völ- lig auszuleben, ſo zog das nahe Meer und was alles auf ihm an Ebre, Ruhm und Gut gewonnen werden konnte, auch die Vornehmſten und Ausgezeichnetſten aus dem Volke auf ſich hin. Kiempur, Kaͤmpe oder auch Kappar hießen die kampf⸗ und raubluſtigen Edlen ), die als Fuͤhrer und Häupter die Unternehmungen leiteten und Ruhm und Ver⸗ herrlichung im Geſange der Skalden auf den Wogen des Meeres ſuchten. Auch Könige und Koͤnigsſoͤhne, die in der Heimat gegen den Erſtgeborenen kein Erbtheil an der Herr: ſchaft fanden oder im Wechſel mit den Bruͤdern bald die Herrſchaft auf dem Lande, bald die auf dem Meere fuͤhr⸗ ten ), ſuchten auf den Gewaͤſſern der See ihren Muth, ihre Ruhmbegier, ihr Streben nach ihres Namens Verewi⸗ gung, auch wohl ihre Sehnſucht nach einſtiger Belohnung im gluͤcklichen Walhalla zu bewaͤhren ). Sie hießen des⸗ halb Sokkongar, Sekonunge oder Seekoͤnige ). Wie in ſpaͤtern Zeiten und in andern Laͤndern Stechbahn und Tur⸗ nier für Fürftenföhne und Ritter die Bühne ritterlicher 1) Saxo Grammat. p. 92. ed. Stephan. Suhm B. I. S. 219. 2) Bayer de Varagis in opusc. p. 359 — 360. Denping T. 1. p. 39. Kaempe, Kiempur war der Daͤniſche Name, Cappar der Is, ländiſche, daher Kaper. Heldenthum, Kampf und Seeraub waren die drei Begriffe, die mit dem Namen verbunden wurden. 3) Dieß iſt das Divisum terrae ei pelagi imperium oder bie pe- lagi dominatio, deren Sπ ] Granmmat. einigemal erwähnt. Depping T. I, p, 30. fagt: C'est ainsi que les denx fils du roi des Angles Rerek-Breki regnaient alternativement chacun trois ans sur fun et l’auire el&menti. 4) Depping T. I. p. 17. 34. 5) Snorro Xnglinga Saga c. 34. Depping T. I. p. 30 — 31. Suhm B. II. S. 133. 293.

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Skandinaviſche Seeraͤuber auf der Oſtſee. 195 Thaten und der Schauplatz des Muthes und der Tapfer⸗ keit waren, ſo glaubten in den aͤltern Zeiten des Nordens Koͤnige und edle Geſchlechter ſich nur dann ausgezeichnet und ihren und des Vaterlandes Namen nur dann verherr⸗ licht zu haben, wenn ſie an der Spitze einer Seeraͤuber⸗ ſchaar als Führer oder Theilnehmer unter Mühen und Ge- fahren, unter Kaͤmpfen und Blutvergießen viele ſolcher Raubzuͤge veranlaßt oder ausgefuͤhrt hatten ). Landete nun ein ſolcher Anführer einer Vikings-Horde an einer fremden Kuͤſte, ſo blieb eine geringe Mannſchaft bei den Schiffen als Schutzwache zuruͤck: die Übrige Schaar drang unter Raub und Pluͤnderung ins Innere des Landes ein und griff, wo ihr kein Widerſtand geſchah, alles auf, was ihr begegnete, oder fie wagte mit den Landesbewohnern den Kampf, deſſen Gewinn ihr bei ihrer ſtuͤrmenden Tapferkeit und Streituͤbung ſelten entging oder auch ſie erkaufte den Frieden durch Geſchenke an Gold, Koſtbarkeiten, Sklaven oder Lebensmitteln. Dann kehrte ſie reich und beutebela— den und mit dem Ruhme, das Volk des Landes zu Tri⸗ but und Gehorſam gezwungen zu haben, zu ihren Schiffen zuruͤck. Dieſes Leben aber, wie es hier zum Zwecke dieſes Werkes nur in einigen Zuͤgen hat geſchildert werden duͤr⸗ fen ), dauerte im Norden Europa's mehre Jahrhunderte 1) So erzählt Snorro in der Yuglinga Saga c. 36 vom Könige Yngwar: Is virtute bellica claruit ei in navibus suis piralieis ut plurimum versabatur. "Tune enim Suionia crebris bellis a Danis aliisque ex mari Baltico piratis vexabalur. Ingvarus itaque pacta cum Danis pace, piraticam in mari Baltico aggressus esl. Und in einer andern Stelle heißt es: Sub idem quoque tempus multi Daniae Norvegiaeque reges Suioniam depraedabantur, nec non plurimi reges maritimi (maegir soekongar) validis suſſulti copiis ac nullo licet peculiari regnorum dominio gaudentes. Proinde is merito rex maritimus appellabatur, qui sub fuliginoso tigno somnum nun- quam eapichal, nec ante ſocum, ex cornu potare solitus erat. Bei⸗ ſpiele hievon geben Depping l. c. und Rübs Geſchichte Schwedens B. 1. S. 23 — 24. 2) Am vollſtändigſten findet man es bargeftellt in dem ſchon oft 13 *

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196 Skandinaviſche Seeraͤuber auf ber Oſtſee. hindurch ). Die Raubzuͤge dieſer Skandinaviſchen Raub⸗ helden in der Nordſee an Englands, Schottlands, Frank⸗ reichs und Spaniens Kuͤſten ſind hinlaͤnglich bekannt und gehören der Geſchichte dieſer Reiche an. Aber auch die Oſt⸗ ſee ward viel von ihnen heimgeſucht und die Baltiſchen Laͤnder waren ohne Zweifel die erſten, welche ſchon in ſehr fruͤher Zeit die Skandinaviſchen Raubhorden an ihren Kuͤ⸗ ſten landen ſahen. In wunderbarer Verbindung ſtanden hier Handel und Raub neben einander, ſelbſt ſich gegenſei⸗ tig befoͤrdernd 2). In der nordiſchen Sprache hieß die Oſt— fee Eyſtra⸗ſalt, auch Auſturweg und man begriff darunter, wie ſchon der Name bezeichnet, beſonders denjenigen Theil der See, welcher die oͤſtlich gelegenen Laͤnder befpület, etwa von der Muͤndung des Weichſel-Stromes bis an den Bu⸗ fen von Finnland ). Die ſaͤmmtlichen Kuͤſtenlaͤnder des oͤſtlichen Theiles der Oſtſee wurden deshalb auch das Au: ſtur⸗Land — das Oſt-Land — oder das Auſtur-Rike — das Oſt⸗Reich — genannt und es umfaßte ohne Zweifel Eſthland, Lettland, Kurland, Semgallen, Samaiten, Sam: land und Überhaupt ganz Preuſſen bis an den Weichſel— erwähnten Werke von Depping Wistoire des expedilions maritimes des Normands T. I. et II. und in Suhms Geſchichte der Dänen B. I — II. 1) In der Vita S. Elphegi ap. Langebeck T. II. p. 439 heißt es von dieſen Seeräubern noch im elften Jahrhundert: Per idem tem- pus Piratae (i. e. Dani) pessimum genus praedonum, propteren quod illos et egestas audaces et error investigabiles et desperatio facit iincibiles, ducibus Swano (i. e. Sweno Tiugskeg) et Thur- killo, Prineihus Danorum fortissimis, nonnullam terrae Anglorum maculam intulerant. Piratac ommes porlus maris oberrantes et nunc hie, nune illie e navibus prosilientes, magno tam vicinis dam no, quam longinquis formidmi fuere. CL. Alpertus de diversitate ſemporum ap. Eccard. Corp. IIistor. T. I. p. 97. 2) Depping T. I. p. 63. 3) Srorro Ynglinga Saga c. 36. Nervar Saga c. 13. Har. Har- Sag. Saga c. 33. Barer opuse. p. 361. Depping T. I. p. 68. Schloͤzer Nord. Geſchichte S. 543; derſ. zum Neſtor S. 80. GEwere vom Urſprunge des Ruſſ. Staats S. 21. *

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Auſturreich. Reithgothland. 197 Strom ). Nach Oſten aber zog ſich dieſes Auſturreich i! unbeſtimmter Weite in die Laͤnder hinein, indem man gerne alles unter dieſem Namen zuſammenfaßte, was man im fernen Oſten kennen lernte 2). Daneben behielten jedoch die einzelnen Laͤnder noch ihre beſonderen Namen. So be— zeichnete man einen großen Theil der eigentlichen Oſtſee länder zu der Zeit, als die Skandinaviſchen Seeraͤuber⸗ ſchaaren ſie pluͤndernd heimſuchten, gemeinhin auch mit der Benennung Reithgothland. Gothland hieß er offenbar we— gen des Gothiſchen Urſprunges des groͤßten Theiles ſeiner Bewohner, denn die Erinnerung an die alte Stammgenoſ— ſenſchaft konnte noch nicht erloſchen ſeyn. Sitte und Ver: faſſung, Lebensweiſe und Goͤtterglauben riefen noch immer jeglichem das Andenken alter Verwandtſchaft zuruͤck. Doch umfaßte man bald mit dieſem Namen auch ſolche Völker, die zwar keineswegs Gothiſche Zweige waren, mit Gothi— ſchen Abkoͤmmlingen aber in Gemeinſchaft und ſelbſt durch die Heimat in gewiſſer Verbindung und engerer Beruͤh— rung ſtanden. Reithgothland ward dieſer Theil der Oſtſee— laͤnder genannt im Gegenſatze des eigentlichen felſigen und ſteinrcichen Gothlands, weil er ſich durch feine ebenen, zum Theil feur waſſerreichen, ſumpfigen und moraſtigen Gegen— den, durch ſeine Rieth-Strecken von dieſem merklich unter ſchied ). In frupfier Zeit ſoll dieſer Name die Länder ſuͤd⸗ 1) Suunto Vngling. Saga c. 46. Heimskring. Saga p. 485. Suhm B. II. S. 214. 2) Snorro Waraldsons-Saga c. SL; hier heißt es von Thorgny⸗ tuu, dem Richter, quod in vigore aelatis conslitutus, milituibus es- pedittombus ut plurimun intentus fnerat, ac quolannis peregre profeetus Fiulandiam, Ryrialaudiam, Esthoniam Curlandiamque ac qua late in Orienten exienduntur regiones (Kyrialaud, Eystland, o Kurland, oc Y, um. Austur Zaund) in suam polestalem re- degeril. Bayer opusc. p. 302. 3: Rieth, Ried oder Reith iſt eine ſumpfige, moorige Gegend, eine Bedeutung, die in vielen Gegenden Deutſchlands noch jetzt gang⸗ bar iſt. Der ganze mit Wald bewachſene, niedrige Strich am Rhein beißt im Elſaß das Rieth und auch in Franken giebt es noch Gegenden

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198 Auſturreich. Reithgothland. waͤrts der Oſtſee von der Weichſel an bis an den Finni⸗ ſchen Meerbuſen umfaßt haben, wo nach alter Sage Odin an der Duͤna das neue Asgard gründete. Es iſt nicht ab— zulaͤugnen, daß daher vielleicht das Land den Namen erhal- ten konnte ); doch iſt wahrſcheinlicher, daß der Name des Widenlandes und des Widenvolkes in Preuſſen den erſten Anlaß zur Entſtehung der Benennung Reithgothland dargebo⸗ ten und dieſer Name alſo hier ſeinen Urſprung gefunden habe, denn daß namentlich auch Preuſſen vom Weichſel-Strome an mit dieſem Namen bezeichnet und in den ſpaͤter erwei- terten Begriff ſeines Umfanges mit eingeſchloſſen wurde, iſt keinem Zweifel unterworfen ). Dieſer fruͤhere Umfang des Reithgothlandes erweiterte ſich in den folgenden Zeiten und es umfaßte dann die ganze weite Laͤnderſtrecke von Ingermannland laͤngs der Oſtſee hin bis nach Wagrien und umſchloß ſomit auch das Slaviſche Pommern, uͤber welche Gebiete nachmals mehre Daͤniſche Könige die Ober— berrfchaft behaupteten oder behauptet haben ſollen 2). Dort ging freilich der Name wieder eher unter; aber fuͤr Preuſ— ſen, Kurland und Liefland erhielt er ſich weit laͤnger. Von fruͤheſter Zeit an ſcheinen dieſe Reithgothiſchen Länder den raͤuberiſchen Angriffen der Skandinaviſchen See: fahrer am meiſten offen geſtanden zu haben; ſie waren of— fenbar die erſten Laͤnder, zu welchen die Vikinger ſich hin wagten und es erzaͤhlt auch die nordiſche Sage ſchon in dieſes Namens. Die Schreibart „Nied“ Hält Adelung für nicht fo richtig, als Rieth oder Reith; ſ. Adelungs deutſch. Wörterbuch. 1) So iſt Suhms Meinung B. I. S. 45 — 46. 2) Nach dem Fragment. Island. ap. Zengebeck T. II. p. 280. erhält Regnar Lodbroks dritter Sohn Hwidſerk bei der Theilung des väterlichen Reiches Reidogolandiam ct Vindlaudiam. Dieſes letztere iſt Slavien und namentlich Pommern; jenes aber begreift die oͤſtlich gelegenen Länder, alſo auch Preuſſen. Damit ſtimmt auch Benning T. I. p. 68 überein: la Reidgothie situde aussi sur la Vistule, et qui avait été probablement penplee par les Goths ou par quelque peuple du Nord. 3) Suhm B. J. S. 27.

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Kriegszug Jarmeriks. Fehden mit den Vikingern. 199 fruͤhen Jahrhunderten von manchem kuͤhnen Kriegszuge Skandinaviſcher Seehelden, welche den Auſturweg zu Ruhm und Beute beſuchten. Doch ſcheinen die fruͤheſten dieſer Zuͤge wohl mehr die nordiſchen Theile Reithgothlands gegen die Duͤna, Eſthland und Kurland betroffen zu haben ). Die Reithgothiſchen Gebiete in Preuſſen und die näheren Nach barlande ſahen die Haufen der Vikinger und die Naubflot- ten der Skandinaviſchen Seekoͤnige meiſt erſt um die Mitte und das Ende des fuͤnften Jahrhunderts. Unter die erſten mit gehört der Kriegszug Jarmeriks, des Koͤniges von Hal- land. Nachdem er früher ſchon unter feinem Vater, dem Könige Sivar, gegen die Slaven in Pommern geſtritten, dort im Kampfe aber gefangen worden war, dann ſich be⸗ freit und hierauf den Schwediſchen König Ottar oder Go⸗ thar bekaͤmpft, uͤberwunden und ſo ſeines Reiches ſich be— mächtigt hatte, geſchah es, daß Helge, König von Däne- mark, die Slaven bekriegte, da ſie ihm mehre Inſeln weg⸗ genommen hatten. Zu Huͤlfe gerufen zog ihm auch Jar⸗ merik zu, ſey es daß ex den Slaven feine einſtige Gefan- genſchaft vergelten wollte oder daß er auch nach andern Ge— winnen an Tribut und Beute oder nach Erweiterung ſei— nes Herrſchergebietes ausging. Er brach in das Slavenland ein: der Wendiſche König Skalk ward im Kampfe uͤber⸗ wunden und erſchlagen und fein Land der fremden Herr— ſchaft unterworfen. So groß aber war Jarmeriks Rach⸗ wuth, daß er vierzig gefangene Slaven an Wolfe feſtbinden und zum jaͤmmerlichſten Tode in die Wälder treiben ließ. Und als er dieſes Land bewaͤltiget und ſeiner Oberherrſchaft geſichert zu haben glaubte, ging er weiter, brach auch in Preuſſen ein, bezwang die Samlaͤnder, darauf die Kurlaͤn⸗ der und andere oͤſtliche Voͤlker oft mit ſchwerem Blutver⸗ gießen und großer Grauſamkeit. Da hatten die Slaven, dieſe Entfernung benutzend, ſich wieder ermuthigt und em⸗ poͤrt und waren, nachdem fie die zur Wacht bei ihnen ein- 1) Depping F. I. p. 68. Suym B. J. S. 175. 177. 2.

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200 Kriegszug Jarmeriks. Fehden mit den Vikingern. gelegten Beſatzungen ſaͤmmtlich erſchlagen, pluͤndernd in Daͤnemark eingefallen. Jarmerik eilte von feiner Freibeu- terei zuruͤck, ſchlug und zerſtreute die Feinde nicht nur gaͤnzlich, ſondern uͤbte an den gefangenen Slaven auch eine ſo unmenſchliche Grauſamkeit, daß erſchreckt ſich das ganze Volk feiner Macht wieder unterwarf. Solche Kriegs- und Raubzuͤge in die Reithgothiſchen Laͤnder ſetzte Jarmerik auch noch ſpaͤter fort; aber ſie ſcheinen von dem an nicht mehr Preuſſen betroffen zu haben ). In gleicher Weiſe waren auch durchs ſechſte Jahrhun- dert hindurch die Voͤlker dieſſeits und jenſeits der Balti— ſchen See noch fort und fort unter der Fuͤhrung kriegslu⸗ ſtiger Fuͤrſten in kriegeriſchen Bewegungen gegen einander. Denn nachdem die Slavenvoͤlker an der Oſtſeekuͤſte von Skandinavien aus durch pluͤndernde Vikinger-Haufen oft gereizt, durch kriegeriſche Ueberfaͤlle raͤuberiſcher Seekoͤnige ſchwer gedruͤckt und befehdet worden waren, trieb auch ſie die Rachgier zur Vergeltung und Raubſucht zu Verhee— rungszuͤgen nach Daͤnemark. Vieles, was auf ſolchen ein⸗ zelnen Zügen mit männlicher Tapferkeit und Kuͤhnheit voll- bracht wurde und was zum Theil auch andern Helden des Volkes aus dieſer Zeit angehoͤren mag, hat die Sage in dem Heldenleben des Slaviſchen Koͤniges Wizymir, den andere Ismar nennen, zu Einem Bilde zu verbinden ge— wußt 2). Ein gleich thatenreicher Name war der des kuͤh— nen Helden und Vikings-Fuͤhrer Heidreck, eines Enkels des maͤchtigen und durch Skaldengeſang weit gefeierten 1) Suxo Grammat. p. 155 — 156. Petri Ojui Chron. Reg. Dan. ap. Langebeck T. I. p. 105. Gheysmer. Compend. ap. Lan- gebeck T. II. p. 334. Depping T. I. p. 62. Suhm B. II. S. 6. 2) Dieſe Züge berührt auch Kadlubeck I. I. ep. I. Vgl. über dieſe Stelle Ossolinski über Kadlubeck S. 42 und beſonders Lelewel ebendaſ. S. 458. Auch San erwähnt der Anfälle der Slaven auf Daͤnemark oft, z. B. p. 84. 155 — 156. 204. 2366 — 267. Es waren vorzuͤglich die Wenden und Pommeriſchen Slaven, welche mit den Dä: nen in oͤftern Kriegshändeln lebten. S. Depping . I. p. 62.

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Fehden mit den Vitingern. 201 Kaͤmpfers Angantyr, der viele Jahre lang auf Fehden und Kriegsabenteuern in den Gebieten Reithgothlands umher⸗ zog und endlich Windland oder das Land der Wenden, welches Pommern geweſen ſeyn ſoll und damals noch Reith⸗ gothland begraͤnzte, zu ſcinem Beſitze erwarb. Zwar laͤßt ſich das Einzelne feines thatenreichen Lebens ſchwerlich feſt beglaubigen; allein es iſt das lebendigſte Bild eines kuͤh⸗ nen nordiſchen Abentheurers, eines tapſeren Skapdinavi⸗ ſchen Seebelden an der Spitze feines Vikinger-Haufens herrlich in ihm aufgeſtellt ), und wer koͤnnte oder wer wollte das Gemälde verwiſchen und die Harmonie der Harz ben vertilgen, um die Leinewand zu unterſuchen, auf der ſie ihr Leben und ihre Friſche haben? In gleicher Art erzählt die Sage auch noch im Ablaufe des ſiebenten Jahrhunderts von mancher kuͤhnen Helden— fahrt Skandinaviſcher Kaͤmpfer; aber es kann auch hier der forſchenden Geſchichte noch keineswegs gelingen, ſicheren Bo— den zu gewinnen. Außer dem Streite, den der kampflu⸗ ſtige König Hogne in Ringſted im Auſturwege geführt ha— ben ſoll, um das von Slavenvoͤlkern immer mehr bedraͤngte und beengte Reithgothiſche Reich zu ſchirmen 2), führt die Sage auch den mächtigen König Iwar Widfadme von Le⸗ thra als Herrſcher in das Auſturreich und laͤßt ihn die klei⸗ nen Koͤnige der Reithgothiſchen Lande, alſo auch die in den Gebieten Preuſſens bis zur Knechtſchaft darnieder druͤ— cken 2). Doch dieſe Könige, offenbar keine andere als jene Reiks, wie fie nach der Herrſchaft Widewuds auftraten ), 1) Man endet das Bild bei Suhm B. II. S. 86 — 99 ges ſchildert. 2) Suhm B. II. S. 195. 3) Snorre Ynglinga Saga c. 45. Suhm B. II. S. 214 — 215. c Auch Depping T. I. p. 27 ſagt bei dieſer Gelegenheit: Le lite de roi ne siguifia't que chef indépendant; le maitre d'un vil- lage ou d’un iloi s'en decorait, Les auteurs du Nord ont compared Avec raison ce pays a la Greece, telle qu'elle &tait dans les premiers “ges, TorsqwWune multitude de petits chefs, dont les diats se lou-

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202 Fehden mit den Vikingern. Regnar Lodbrot. erhoben ſich bald wieder, denn als Harald Hildetan am Schluſſe des ſiebenten und im Anfange des achten Jahrhun—⸗ derts in Daͤnemark regierte, ſtanden ſie in ihren einzelnen kleinen Reichen oder vielmehr Landſchaften wieder frei da und ſcheinen während der vielfachen und verwirrten Kriegs— fehden der Daͤniſchen Oberkoͤnige ziemlich unabhängig re⸗ giert zu haben. In dieſem freieren Verhaͤltniſſe ſtehen ſie wenigſtens noch zur Zeit des Daͤniſchen Koͤniges Regnar Lodbrok. Wenige Fuͤrſten Skandinaviens duͤrſteten ſo nach dem Gluͤcke, ihren Namen durch den Geſang der Skalden ver- herrlicht zu ſehen, nach dem Ruhme, ihrem Vaterlande und ihrer Herrſchaft die entfernteſten Voͤlker und Ränder unter⸗ worfen zu haben, und nach der Hoffnung, dereinſt in Wal⸗ halla's gluͤcklichen Auen die Verdienſte ihres Heldenthumes. belohnt zu ſinden, als dieſer Koͤnig Regnar Lodbrok, der in der Mitte des achten Jahrhunderts zur Regentſchaft kam. Um die abgefallenen Reithgothiſchen Lande wieder in ſtren⸗ gere Unterthaͤnigkeit zu bringen, unternahm er mehre Zuͤge auf dem Auſturwege, ſtets von den tapferſten und kuͤhnſten Kaͤmpfern ſeines Reiches umgeben. Auf einem der wichtig⸗ ſten dieſer Züge, den man in die Jahre 777 und 778 ſetzt, war es ſein Zweck, das Volk Biarmiens im Finniſchen Nor⸗ den, welches gleichfalls den Abfall verſucht hatte, von neuem zum Gehorſam zu bringen, denn ſchon laͤngſt hatte Biar- miens Reichthum an Getreide und an koͤſtlichem Pelzwerke die Raubſchiffe Skandinaviens zu ſich hingezogen). Da aber eine ſchreckliche Witterung in jenem Lande den chaient, se partageaient PautoritE et guerroyaient les uns contre les auires. I) Depping L. I. p. 68 fagt: Sous le nom de Biarmaland, ou Biarmie, on designait la Permie des Russes, ou les pays arrosds par la Dina de la mer Blanche, d'est-a-dire Perm, Viatka, Vologda et Ar- changel; un peuple finneis, indépendant, habitait les bords du fleuve. Les Scandinaves, surtout les Suédois, paraissent avoir vi- site ce pays de bonne heure, pour se procurer d’abord des grains, huis des pelleleries, et peut- ele aussi des peissons.

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Daͤniſche Colonien an der ſuͤdbaltiſchen Kuͤſte. 203 Kampf verhinderte und viele von des Koͤnigs Streitman⸗ nen dem Hunger und der Seuche erliegen mußten, ſo brach er ſuͤdlich herab in das Gebiet der Kurlaͤnder ein und als dieſe den gefuͤrchteten Koͤnig ohne Widerſtreit als ihren Herrn aufnahmen und leiſteten, was er verlangte, zog er weiter abwaͤrts auch in das Land der Samlaͤnder, die ihn gleichfalls ohne Kampf als ihren Gebieter begruͤßten. In ſolcher Weiſe durchs Gluͤck ermuthigt und durch Stolz er— hoben, überfiel er von neuem das Gebiet der Biarmier und vereinte nun auch dieſes mit feinem mächtigen Reiche ). Nach des Koͤniges Tod aber ward dieſes Reich unter ſeine Soͤhne alſo vertheilt, daß der eine von ihnen, Hwidſerk ge⸗ nannt, alle Reithgothiſchen Lande nebſt einem Theile des Wendenlandes erhielt, und dieſes Reich beherrſchte er bis gegen den Anfang des neunten Jahrhunderts, wo er durch Daxon, einen Reithgothiſchen Unterkoͤnig, ſeinen Tod fand 2). Seit dieſer Zeit nun, — es waren die großen Tage, in welchen der maͤchtige Carl uͤber das weite Frankenreich ge— bot, — nahmen nun zwar die Kriegs- und Naubzüge der nor⸗ diſchen Abenteurer mehr als bisher ihre Richtung nach der Nordſee, wo ſie die dortigen Kuͤſtengebiete nicht ſelten in große Bedraͤngniß und Gefahr brachten; allein es blieben auch forthin noch die Länder im Oſten und im Suden des Baltiſchen Meeres von feindlichen Einfaͤllen aus Skandi⸗ navien keineswegs verſchont und fuͤr und fuͤr trieb noch 1) Seb p. 173 erzählt, nachdem er des Zuges gegen die Biarmier erwähnt hat: ita Danorum plerique dubia coeli qualitate conclusi, passim oborta corporum pestilentia decesserunt. Cumque se Reg- nerus adulterina magis quam vera abris vi praepeditum animadver- teret, uicunque navigatione producia, in Curonum Semborumque regionem accessit, qui majestalem eins perinde alque honoratissimi victoris amplitudinem impensius venerali sunt. Quo beneſicio Rex magis adversus Biarmorum insolentiam efferatus, spreiae majesta- lis suac vindictam inopinalo petivit assultu. So berichtet die Sache auch Glien mer Comp. p. 342. Suhm B. II. S. 326 — 327. 2) Samen p- 74. Suhm B. II. S. 371.

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204 Daͤniſche Colonien an der ſuͤdbaltiſchen Kuͤſte. Ruhmſucht und Raubluſt Skandinaviſche Königsfühne und Edle an der Spitze ſtarker Vikings-Haufen auf dem Au⸗ ſturwege nach Reithgothland, Biarmien und andere noͤrd— liche Lander. An dieſen feindlichen Zügen fand auch jetzt noch die friedliche Gemeinſchaft des Handels ihre Stuͤtze und Haltung und es beſtand neben den Fehden und Kaͤm— pfen ein Verkehr, der von den Handelsorten der Oſtſee aus durch Rußland bis an das Kaspiſche Meer und bis nach Arabien und Perſien hinein ging ). Waͤhrend aber jene feindlichen Raubzuͤge in alter Weiſe fortdauerten, ſiedelte ſich auch hie und da mancher Krieger— haufe, der aus Skandinavien zunaͤchſt um Raub und Beute ausgezogen war, im uͤberfallenen und gewonnenen Lande an. Die erſten uns bekannten Spuren ſolcher Dä- niſchen Colonien zeigen ſich uns in der Mitte des neunten Jahrhunderts, als ſich unter dem Koͤnige Lothekent, dem Sühne Eriks Barn, eine bedeutende Schaar gemeinen Bol: kes, aus Knechten und andern Menſchen niedrigen Stan— des beſtehend, in Daͤnemark zuſammenfand, uͤber die See ſetzte, an den ſuͤdbaltiſchen Kuͤſten landend ganz Preuſſen, Semgallen, Carelien und andere Laͤnder durchwanderte, die Gebiete einzeln unterwarf, die Bewohner zum Theil ermordete und ſich dann da anſiedelte, wo das Gluͤck fie beguͤnſtigte und die Natur fie anzog ). Die weitere For⸗ 1) Frähn Ibn - Foszlan's und anderer Araber Berichte über die Ruſſen älterer Zeit. Petersburg 1823 S. 79. Denping T. I. p. 67. 2) Petri Olai Chron. Reg. Dan. p. 114: „Lotheknut, ſilius Ericı Barn, regnavit XI aunis. Iluius tempore quilihet tertius de servis et popularibus exivit de Dacia, totamque Pruciam, Semigal- ham, Kareliam aliasque plures terras vicerunt, occisis viris, re- manentque ibi usque in praesens. Faſt eben fo das Chronic. Eriei Regis ap. Lungebeck T. I. p. 158, nur daß dieſes noch hin⸗ zufuͤgt: delectati ierrarum ubertale nolucrunt redire, sed ibi rema- nent usque in praesentem diem; woraus zu ſchließen iſt, daß die Schaar eine foͤrmliche Kolonie wurde und ſich als ſolche lange Zeit er⸗ hielt. Depping T. I. p. 12 nennt dieſes eine Emigration provoqude par Ja diseite; er ſagt: Comme il u' eut pas aussen de vivres pour

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Daͤniſche Colonien an der ſuͤdbaltiſchen Kuͤſte. 205 ſchung aber, ob damals auch Preuſſen ſolche Daͤniſche An⸗ ſiedelungen in ſich aufnahm und in welchen ſeiner Land⸗ ſchaften ſie ſich etwa niederließen, macht zur Zeit der Man⸗ gel und die Duͤrftigkeit der Quellen noch unmoͤglich. Doch hatten die Daͤnen in gleicher Art zum Theil ſchon fruͤher in den andern Gebieten Reithgothlands und beſonders auch ſchon in dem Laͤnderſtriche von der Weich- ſel bis nach Meklenburg hin einzelne Niederlaſſungen ge— gründet, die in den erſten Zeiten ihres Daſeyns wohl meis ſtens der Herrſchaft des Mutterlandes unterthaͤnig blieben und durch Handel und Verkehr mit ihm in Verbindung ſtanden. Oft war es Noth und Mangel, welche das Va⸗ terland zwang, einen Theil ſeiner Bewohner in die Fremde auszuſenden, um eine neue Heimat zu ſuchen ); nicht felten aber mögen auch andere freiwillig den beſchraͤnkten vaͤterlichen Boden verlaſſen haben, um in fremden Wohn⸗ ſitzen ſich von neuem einzuheimen. Immer aber konnten ſolche Niederlaſſungen vom Vaterlande aus nicht anders als mit guͤnſtigem Auge betrachtet und in jeglicher Weiſe befoͤrdert werden, denn fie mußten nicht bloß Stüßen für die ſchon begruͤndete Herrſchaft der Daͤnen ſeyn oder Halt⸗ punkte, von welchen aus die Herrſchaft ſtaͤrker befeſtigt und erweitert oder auch beim etwanigen Abfalle der bezwunge— nen Laͤnder die Wiedereroberung immer bedeutend erleich⸗ tert werden konnte, ſondern ſie boten auch in friedlichen Verhaͤltniſſen, im Handel und Verkehr fuͤr das Mutterland bedeutende Vortheile dar, die von einem Volke, welches toute la population, il ſut resolu que chaque troisieme serſf el homme du peuple s’expatrierait. On tira au sort; ceux qui ſurent designes durent chercher à vivre ailleurs. Er ſetzt die Begebenheit in das Jahr 880; doch laßt ſich dieſe Zeitangabe aus den Quellen nicht begründen. Vielleicht ſtim nt hiemit uͤberein, was Nestor in der Ausgabe Schloͤzers S. 154 jagt: „Im Jahre 859 kamen Waräger jenſeits des Meeres her und belegten die Slaven, Tſchuden, Meren und Kri⸗ witſchen mit Tribut. 1) Beiſpiele bei Depping T. I. p. 10 — 1.

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206 Dunkele Zeit. Wulfſtans Reiſebericht. ſchon früh gewohnt war, fremde Kuͤſten zu beſuchen, gewiß nicht unbeachtet bleiben konnten. Daher iſt es wohl auch erklaͤrlich, wie es dem Daͤniſchen Koͤnige Gorm dem Alten im Ganzen ſo leicht ward, ſeinen Geboten auch in einem großen Theile des Wendenlandes, in Pommern und Mek⸗ lenburg fo ſicheren Gehorſam zu verſchaffen ). So oft indeſſen im Laufe dieſer Jahrhunderte Preuf- fen vom Norden her befucht worden war, fo manchfaltig unter ſolchen Ereigniſſen die Voͤlker ſich begegnet und be- ruͤhrt hatten und ſo viel in dieſen Zeiten auch immerhin in einem regen und bewegten Leben auf ſeinem Boden ge— ſchehen ſeyn mag, fo hat das alles doch aͤußerſt wenig bei- getragen, das alte Dunkel uͤber des Landes Verfaſſung und des Volkes Sitte und Art mehr aufzuhellen. So wahr iſt es, daß Jahrhunderte und das Leben und Wirken von Tauſenden in ewige Nacht verſinken, wenn nicht die Geſchichtſchreibung, von Geſchlecht zu Geſchlecht ver- kuͤndend, was einſt geſchah und durchlebt wurde, ſie der Nachwelt uͤberbringt. Dem Skaldengeſange, der Sage und einigen ſpaͤteren Chroniſten verdanken wir es, daß mehre Jahrhunderte in dieſes Landes Geſchichte nicht ganz ins Dunkel der Vergeſſenheit uͤbergegangen ſind, und liegen die Ereigniſſe dieſer Zeiten auch allerdings in einem wunder⸗ lichen Zwielichte zwiſchen der Daͤmmerung der Sage und dem hellen Tage der Geſchichte, zwiſchen Dichtung und Wirklichkeit, fo iſt es uns durch jene doch möglich gewor⸗ den, eine Ahnung zu faſſen von dem Leben und Treiben der Voͤlker des Nordens in dieſen Jahrhunderten. Wo dem Geſchichtſchreiber die Farben fehlen, die dem Bilde Leben und Sprache geben, da geziemt es ihm nur, ſo weit er vermag, Linien und Züge zu zeichnen, die einſt dem Cha⸗ rakter des Gemaͤldes zum Grunde lagen. Anders ſchon iſt es mit einer Erſcheinung, der wir im letzten Theile des neunten Jahrhunderts begegnen: ei⸗ er a 1) Adam. Bremens. histor. eccles. L. I. c. 47 — 18.

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Dunkele Zeit. Wulfſtans Reiſebericht. 207 nem Ereigniſſe, welches in aller Hinſicht fuͤr Preuſſens ältere Geſchichte von aͤußerſter Wichtigkeit iſt. Ein kuͤhner Seefahrer, Wulfſtan genannt, uͤber deſſen Heimat und Herkunft jedoch keiner uns genau belehren kann ), unternahm gegen das Ende des neunten Jahrhun⸗ derts, wie es ſcheint, auf Anlaß des Koͤniges Alfred des Großen von England eine Seefahrt an Preuſſens Kuͤſte und berichtete dann, gluͤcklich heimgekehrt, dem Koͤnige al⸗ les von dem Wege, auf welchem er Preuſſen gefunden, und von der Beſchaffenheit des Landes und der Sitte des Volkes, wie er fie felbft geſehen hatte ). Von dem vielbeſuchten und durch reichen Verkehr be= lebten e Haethum — Hedaby in Schleswig — ) 1) ueber Wulfſtans Vaterland, wie uͤber Eins fonftigen Lebensum⸗ fände laͤßt ſich durchaus nichts ermitteln. Daß ihn manche einen Eng: länder nennen, beruht eben ſo wenig auf ſicheren Beweiſen, als die Annahme, daß er ein Schleswiger geweſen ſey. Langebeck, der in der Sammlung der Script. rer. Danicar. T. II. die Reiſebeſchreibung oder den Periplus Wulfſtans mittheilt, nimmt in der Vorrede p. 107 Schleswig als ſeinen Wohnort an, aber auch nur aus dem nicht zu⸗ reichenden Grunde, weil er von da aus feine Seefahrt antrat. Upha- gen Parerga p. 589. — uebrigens finden ſich die Literärifchen Nach⸗ richten über die früheren Bearbeitungen dieſes Reiſeberichts bei Lange- ett J. e. In der neueſten Zeit hat ſich Dahlmann in feinen For: ſchungen auf dem Gebiete der Geſchichte B. I. S. 403 — 456 um die Erläuterung und Aufklärung dieſes für die nordiſche Geographie und Geſchichte wichtigen Reiſeberichts aͤußerſt verdient gemacht. 2) Langebeck T. II. p. 107 nimmt an, daß Wulfſtan einige Zeit vor dem Jahre 890 zum Koͤnige Alfred gekommen ſey. Es läßt ſich dagegen gerade nichts Bedeutendes einwenden, fo wie es aber auch für dieſe Zeit keine beſtimmten Beweiſe giebt. 3) Daß Haethum der alte Handelsort Hedaby in Schleswig ſey, zeigte ſchon Zangebek T. II. p. 116. Forſter in ſ. Geſchichte der Entdeck. und Schiffahrt. im Norden S. 95 wußte ſich mit dieſem Orte nicht zurecht zu finden, obgleich er in den nordiſchen Quellen fo haͤu⸗ fig vorkommt. Nach Dahlmann S. 427 vgl. mit S. 441 war es ſicher ausgemacht, daß Hedaby mit ſeinem Hafen darunter zu ver⸗ ſtehen fey. Die gründlichſte Forſchung und die vollſtändigſten Nachrich⸗ ten aus den Quellen uͤber dieſes Hedaby findet man in Outzen's

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208 Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. fuhr Wulfſtan mit ſeinem Schiffe aus. Auf ſeiner Fahrt lag ihm nun zur rechten Hand oder, wie er als Seemann in der Schifferſprache ſich ausdruͤckt, am Steuerbord ein Land, welches Weonodland oder das Wendenland genannt ward; zur linken Hand dagegen oder am Backbord blieben ihm Langeland und Laͤland, dann Falſter und Schonen — Sconeg — liegen. Alle dieſe Lande gehörten damals, wie der Reiſende berichtet, zu Daͤnemark. Dann weiter fah⸗ rend hatte er zur linken Hand Burgendaland — Born holm —, wo ein eigener Koͤnig herrſchte. Nach Born⸗ holm lagen ihm zur linken Seite die Lande Blekingen, dann Moͤre — Meore —, Oeland — Eovland — und Gothland — Gotland — und dieſes Land gehörte zu Schwe⸗ den. Das Wendenland aber blieb ihm den ganzen Weg über bis an die Weichſel-Muͤndung zur Rechten liegen. Schon bis hieher iſt uns Wulfſtans Bericht von gro⸗ ßer Wichtigkeit. Was vor allem die Nachricht vom Wen- denlande, fuͤr uns als Nachbarland Preuſſens das wichtigſte, betrifft, fo dehnt es Wulfſtan, wie klar hervorgeht, von der Mündung der Weichſel an auf die ganze Südfüfte der Oſtſee, alſo bis über Meklenburg nach dem alten Wagrien hin aus. Dieſen Namen hatte dieſe ganze Landſtrecke von ihren Bewohnern, den Slaven erhalten, die man, ſo ver— ſchieden auch unter ſich ihre einzelnen Zweige waren, unter dem Geſammtnamen von Wenden begriff und ſie behielt dieſe Benennung auch noch in der folgenden Zeit ). Es Unterſuchungen über die denkwuͤrdigſten Alter eh ner Schieswigs. Al⸗ tona 1826. 1) Das Fragment. vetus Island. ap. Zengebeck T. U. p- 36 nennt das an Preuſſen weſtlich graͤnzende Land ebenſulls noch Vindland. Es heißt naͤmlich: Vindland er vestazt nacst Danmork. En ausir fra Polena er Reidgota land, i. e. Vindlandia versus occidentem proxime ad Daniam vergit. Sed in oriente a Polonia est Reidgo- lia. Das von Bergmann herausgegebene „Fragment einer Urkun⸗ de der aͤlteſten Livland. Geſchichte (Aln pe ck) S. 25 bezeichnet gleich⸗ falls Pommern noch wit dem Nawen „Wentlande.“ Und Ruͤhs Ge ſchichte Schwedens B. I. S. 96 verſichert, daß bei den Skandiern auch

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Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. 209 iſt uns ferner aber auch von Wichtigkeit, daß Wulfſtan die⸗ ſes Wendenland unter die Herrſchaft der Daͤnen verſetzt, denn es beſtaͤtigt ſich hiedurch die Nachricht, daß Gorm der Alte, Koͤnig von Daͤnemark, der uͤberhaupt als Schoͤpfer des heutigen Daͤnemarks und als Reichsvereiniger anzuſe⸗ hen ift Y, feine Herrſchaft auch über einen Theil des Wen- denlandes verbreitet habe 2). Nun betritt Wulfſtan das Gebiet des Weichſel-Stro⸗ mes. Die Weichſel, ſagt er, iſt ein ſehr großer Fluß und hat zur Seite Witland und Wendenland. Das Witland neigt ſich zu den Eſten hin. Die Weichſel aber kommt aus dem Wendenland herab und fließet in das Eſtenmeer. Dieſes Eſtenmeer aber iſt zum wenigſten funfzehn Meilen breit. Ferner laͤuft der Ilfing im Oſten in das Eſtenmeer, an welches Meeres Geſtade Truſo liegt. Beide ſtroͤmen gemeinſam ins Eſtenmeer, der Ilſing im Oſten von Eſten⸗ land und die Weichſel von Suͤden vom Wendenlande; und hier benimmt die Weichſel dem Ilfing ſeinen Namen und geht aus dieſem Meere nordweſtwaͤrts in die See; daher heißet man dieſes Weichſelmuͤnde ). noch ums Jahr 1000 die Pommeriſche Kuͤſte Wendland geheißen habe. Alfred nennt in ſeiner Germania (Oroſius) das Land ebenfalls Vine- daland oder Wendiſches Land, fuͤgt aber hinzu, daß man es auch Syſſyle heiße; vgl. Dahlmann a. a. O. S. 419. Dieſer leitet daher auch den Namen Wendelfä, welchen Alfred dem Mittelmeere giebt, gar nicht unwahrſcheinlich von den Vandalen ab, die zu beiden Seiten deſ⸗ ſelben in Spanien und in Afrika wohnten. 1) Uphagen Parerga p. 586. Dahlmann S. 433 — 435. 2) Sar p. 179 ſagt von den Soͤhnen Gorms: Maraldus atque Kanulus cum virilem alligissent aetatem, exerta classe effrenatam Sclavorum insolentiam domuerunt. Uphagen p. 590 ſpricht nur von einem Freundſchaftsbuͤndniß zwiſchen den Wenden und den Dänen. 3) In der Urſprache heißet die Stelle fo: Seo Wisle is svide my- cel ea, and bio to lid Wiiland and Weonodland. And thael WVit- land belimped to Estum. And seo Wisle lidut of Weonodland, and lid in Estmere. And sc Esimere is huru fiftene mila brad Donne cymed Ifing eastan in Estmere, of fham mere Ihe Truso standeth in stade. And cumad at samod in Estmere. Ilfing eastarı l. 14

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210 Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. Schenken wir dieſem Theile der Beſchreibung des Lan⸗ des an der Weichſel und dem Elbing einige Aufmerkſam— keit, fo treffen wir hier auf die uͤberraſchendſte Weiſe wie- der auf das alte Widenland, die fruͤhere Heimat der Wi— den, der Gothen, der Vidivarier, noch zu Wulfſtans Zeiten Witland genannt, wie wir dieſes Namens auch noch in den folgenden Jahrhunderten erwaͤhnt finden 9). Die Weich⸗ ſel bildete auch jetzt noch, wie in der alten Zeit der Vidi— varier, die Graͤnze zwiſchen dem Slaven- oder Wenden— lande und dem Widlande. Dieſes letztere zog ſich nach der Gegend der Eſten, der Aeſtier, hin ). Den Namen der Widen als den eines Volkes kennt Wulfſtan ſchon nicht mehr. Ihm heißen alle Bewohner dieſſeits der Meichfel Eſten; oder man müßte annehmen, daß er durch den Na- men Witland ebenſo zugleich auch des Landes Bewohner be— zeichnete, wie dieſes durch die Namen Wendenland und Eſt⸗ land geſchah. Wie weit ſich aber dieſes Witland nach Nord— oſten erſtreckt habe, finden wir nicht angedeutet, vielleicht weil es Wulfſtan ſelbſt nicht ganz genau wußte, da er in die nordoͤſtlichen Gegenden Preuſſens nicht hinauf gekom⸗ of Easlande. And WVisle sudan of Winod lande. And thonne benimd Wisle Ilfing hire naman, and liged of thaem mere vest and nord on sae, fordy hit man hact Wislamud. — Meine Ab: weichungen in der Meberfegung dieſer Stelle von der Dahlmanns werden ſich aus dem . ergeben. 1) Uphagen l. c. p. 591. Bei Wulfſtan wird es WVicland ge: ichrieben; ſpaͤter finden r Wizhland, 2) Dahlmann uͤberſetzt bie Worte: baer WVitland belimped 10 Eslum, durch: „das Witland gehört den Eſten.“ Die akte Las teiniſche Ueberſetzung gab fie ebenfalls durch: „VVitland vero Her- tinet ad Estos, Ich glaube, daß das Stammwort des Wortes belimped das Wort 10 lean oder 10 line iſt, welches dem Griechiſchen „ entſpricht und „anliegen, lehnen, ſich neigen,“ bedeutet, jo daß alſo belimped nicht den Befi oder das Zugehoͤren, ſondern die Rich⸗ tung ſeiner Lage bezeichnet. — Uebrigens iſt die Endigung des Namens Estum in die Silbe um in jener Zeit nicht ungewöhnlich, wie denn Hedaby in dem Periplus auch Hacthum heißet; vgl. Beiſpiele in Du: ße n's Unterſuchungen über die Alterthuͤmer Schleswigs S. 40 — 41.

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Wulfſtans Reiſebericht über Preuffen. 21 men zu ſeyn ſcheint, vielleicht auch weil die Graͤnze ſchwer zu beſtimmen war, da die Eſten oder Aeſtier und die Wi⸗ den ſich vermiſcht hatten, die Graͤnzen verworren durch ein⸗ ander liefen, Eſten ſuͤdlich herunter und Widlaͤnder noͤrd⸗ lich hin am Friſchen Haffe bis an die ſuͤdliche Kuͤſte Sams lands wohnten, wo nachmals Widland bei der ſpaͤtern Or⸗ densburg Lochſtaͤdt endigte ). Die Weichſel ergießt ſich nach Wulſſtans Bericht in das Eſtenmeer. Daß dieſes der alte Name des Friſchen Haffes ſey, leuchtet klar ein. Es iſt der erſte deutſche Name, unter welchem wir es erwaͤhnt finden. Von einer Theilung des Weichſel-Stromes in mehre Arme ſcheint Wulfſtan keine Kunde zu haben; wenigſtens erwaͤhnt er weder des weſtlichen Armes, der nach Danzig geht und bei dem ſpaͤ— teren Weichſelmuͤnde in die See fällt, noch auch der Nogat unter dieſem Namen 2). Außer der Weichſel nennt Wulf: ſtan von Preuſſens Fluͤſſen nur noch den Ilfing oder den Elbing im Oſten von der Weichſel aus ). Die Breite 1) Wir duͤrfen den ſpaͤter vorkommenden Namen Withlands wohl nicht zur Norm feines fruͤhern Umfanges nehmen, wie Forſter inf. Geſchichte der Entdeckungen und Schiffahrt, S. 97 thut, indem er Witland nur allein in Samland findet, weil es dort noch zwei Urkun⸗ en aus fpäteren Jahrhunderten nennen. Daher iſt auch feine Ueber⸗ etzung der Worte: and hio to lid Witland and VVeonodland durch „und nahe dazu liegt Witland und Wenodland“ weder richtig, noch mit ſeiner Meinung zu vereinigen. 2) Wulfſtan hat die Theilung des Stromes, wenigſtens in ſeinem Berichte, nur unbeachtet gelaſſen; denn des dreifachen Weichſel-Armes erwähnt ſchon Jorzand. c. 3. und S. und im zehnten Jahrhundert wird auch im Leben des h. Adalberts geſagt, daß dieſer zu Schiffe auf der Weichſel nach Danzig gefahren ſey. Vgl. Uphagen p. 591. 3) Die Worte: Donne cymed Ilſing castan in Estmere, oftham mere Ihe Truso standet in stade. And cumad at samod in Est- mere. IIſing castan of Eastlande, and WVisle sudan of Winod- lande, hat Dahlmann ſo uͤberſetzt: „Der Ilfing (Elbing) laͤuft von Oſten in das Eſtenmeer von der See her, an deſſen Geſtade Truſo ſteht; fie ſtroͤmen beide gemeinſam ins Eſtenmeer aus, Ilſing aus Oſten von Eſtland und die Weichſel aus Suͤden vom Wendenlande.“ 14 *

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212 Wulfſtans Reiſebericht über Preuffen. des Friſchen Haffes von funfzehn Engliſchen oder drei Deut: ſchen Meilen iſt im Ganzen die naͤmliche, die es an manchen Orten zu unſerer Zeit noch hat ). Wenn jedoch dieſe Breite an vielen Orten jetzt auch weit geringer iſt und etwa nur zwei Meilen betraͤgt, ſo hat dieſes kei— neswegs feinen Grund in der von manchen Gelehrten be— haupteten Abnahme der Waſſermaſſe der Oſtſee ), ſondern die Haupturſache liegt offenbar darin, daß das Haff ſich in feiner oͤſtlichen Ausdehnung, wie anderwaͤrts erwieſen wird, wirklich verlaͤngert hat und dagegen an manchen Orten durch Anſetzung neuen Bodens mehr Land gewonnen und ſonach in der That die Breite des Haffes verringert wor— den iſt. Sobald nun aber nach Wulfſtans Bemerkung die Weichſel und der Elbing im Friſchen Haffe ſich vereinigten, benahm jene dem letzteren ſeinen Namen und ſie floſſen „nordweſtwaͤrts“ in die See, woher der Name Weichſel— muͤnde entſtanden. So befremdend dieſer Bericht beim er— ſten Ueberblicke immer auch ſeyn mag, ſo erleichtert der Name Weichſelmuͤnde doch des Raͤthſels Loͤſung. Wenn der Dieſe Ueberfegung aber ſtimmt mit der örtlichen Beſchaffenheit des be⸗ ſchriebenen Gegenſtandes in keiner Weiſe uͤberein. Daß Wulfſtan ſich geirrt oder die Lage der Dinge uͤberhaupt nicht recht gekannt habe, kann um fo weniger angenommen werden, da er die Lage von Truſo fo ges nau bezeichnet und alſo offenbar auch den rechten Lauf des Ilfings kannte. Dieſer kann nun aber aus Local⸗Urſachen niemals von Oſten her gekommen ſeyn, am wenigſten „von der See her,“ wie Dahlmann uͤberſetzt. Es iſt kein Zweifel, daß er ſchon damals ſeine Richtung von Süden nach Norden, alſo gegen die See hin hatte. Wenn demnach die Worte der Sache nicht widerſprechen ſollen, fo muß eastan nur die öſtliche Lage des Elbings gegen die weſtliche Weichſel bedeuten und die Worte: IIſing castan of Easlande and Wisle sudan of Winodlande heißen dann: der Elbing geht oͤſtlich von oder aus dem Eſtlande und die Weichſel vom Suͤden her aus dem Wendenlande oder aus dem ſuͤdlichen Wendenlande in das Eſtenmeer. 8 1) Piſanski Bemerkungen über die Oſtſee S. 46. 2) Worüber das Gruͤndlichſte in v. Hoffs Geſchichte der natuͤrli⸗ chen Veränderungen der Erdoberfläche Ir Th.

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Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. 213 Name des Fluſſes Elbing nach ſeiner Vereinigung mit der Weichſel ſich verlor und das Gewaͤſſer jenes Fluſſes nun als Gewaͤſſer der Weichſel bei Weichſelmuͤnde in die See muͤndete, ſo muß dieſes Weichſelmuͤnde offenbar die Aus⸗ ſtroͤmung aus dem Haffe in die offene See ſeyn, die wir jetzt das Tief zu nennen pflegen ). Hier aber erhebt ſich nun die Frage: Wo war zu Wulfftans Zeit dieſe Muͤndung der Weichſel oder das ſogenannte Tief? Es iſt bekannt, daß dieſe Ausmuͤndung des Haffes im Laufe der Zeiten vielfach gewechſelt hat. Das aͤlteſte Tief, ſo viel uns die Geſchichte daruͤber lehrt, finden wir nahe an Samlands Weſtkuͤſte, bei der nachmaligen Ordensburg Lochſtaͤdt. Zu welcher Zeit dieſes Tief entſtanden iſt, weiß die Geſchichte nicht zu ſagen, und ſelbſt die Nachricht von feiner Vernich⸗ tung durch drei ungewoͤhnliche Stuͤrme laͤßt ſich auf keine Weiſe ganz ſicher verbuͤrgen 2). Dieſes Tief jedoch kann Wulfſtan aus mehren Gruͤnden durchaus nicht gemeint ha⸗ ben; denn zum erſten laͤßt er das Wendenland ſich bis ge— gen Weichſelmuͤnde hin erſtrecken. Bis in die Naͤhe von Samland aber auf der Nehring hin befanden ſich in dieſer Zeit ſicherlich keine Slaven, welche Wenden hätten genannt werden koͤnnen. Zum zweiten laͤßt Wulfſtan die beiden Fluͤſſe, nachdem ſie ſich vereinigt, „weſtlich und noͤrdlich,“ wie er ſich ausdruͤckt, vom Haffe in die See ſtroͤmen. Die⸗ 1) Daß Wulfſtan durch die Worte: and liged of ſhaem mere vest and nord on sue, den Ausfluß der Weichſel aus dem Haff oder aus dem Eſtenmbere in die offene See bezeichnen wollte, iſt nach dem Sprachgebrauche wohl ganz klar, denn das Wort Sac gebraucht auch Other immer von der Oſtſee, fo p. 108. 10g. 112. 115. Mere dagegen iſt bei Wulfſtan immer das Haff. 2 Es beruht dieſe Nachricht Hennebergers Preuſſ. Landtaf. S. 264 auf den hoͤchſt unſicheren Angaben von Wuͤlfelts Chronik und Simon Grunau's, die fuͤr dieſe Sache gar kein Gewicht haben. Ei⸗ nige ſetzen dieſes Ereigniß ins Jahr 1311, andere in das Jahr 1395. Zeitgendͤſſiſche Annalen und Chroniſten, wie Dusburg und Johannes von der Puſilie (eindenblatt) erwähnen in dieſen Jahren dieſes für ganz Preuſſen ſo wichtigen Umſtandes mit keiner Silbe.

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214 Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. ſes aber widerſpricht durchaus ganz der oͤſtlichen Lage des uns bekannten aͤlteſten Tiefes bei Lochſtaͤdt n); vielmehr wei⸗ ſen uns die Worte des Reiſebeſchreibers ganz offenbar auf eine weſtliche Lage ſeines Weichſelmuͤnde hin. Zum dritten darf wohl ſicher angenommen werden, daß Wulfſtan ſich in ſeiner Angabe nicht irrete und daß er die Lage des dama— ligen Tiefes oder ſeines Weichſelmuͤnde ganz genau kannte. Er kannte, wie aus ſeinem ganzen Berichte hervorleuchtet, die weſtliche Gegend Preuſſens und namentlich auch den weſtlichen Theil des Haffes weit genauer, als die öftlichen Gegenden, die er wohl ſchwerlich auch geſehen hatte, denn ſonſt hätte er den Pregel-Strom gewiß eher, als den min- der bedeutenden Fluß Elbing nennen muͤſſen. Nach dem Handelsorte Truſo, wo er wahrfcheinlich war, hatte er zu Schiffe nur durch die Einfahrt in Weichſelmuͤnde gelangen koͤnnen. Er hatte alſo ſeine Nachricht uͤber Weichſelmuͤnde wohl keineswegs durch Hoͤrenſagen, ſondern er gab ſie als Augenzeuge. Dieſes alles berechtiget uns nun zu dem Schluſſe, daß dieſes Weichſelmuͤnde oder das Tief zu Wulf— ſtans Zeiten im weſtlichen Theile des Friſchen Haffes ge— ſucht werden muͤſſe. Wo es aber damals geweſen ſeyn mag, ob dem Staͤdtchen Tolkemit gegenuͤber, wo auf der Nehring jetzt der Ort Kahlberg, die Nehring ziemlich ſchmal iſt und bedeutende Sandhoͤhen neben ſtarken Vertiefungen befind— lich find, die allerdings dort auf große Veränderungen hin⸗ zubeuten ſcheinen ), oder Elbing gegenüber oder vielleicht 1) Anzunehmen, daß im Original⸗Texte vielleicht ſtatt „vest aud nord geſtanden habe enslan nord, dafur fehlen uns alle Beweiſe. 2) Auf einem im geheimen Archive zu Koͤnigsberg aufbewahrten, genau gezeichneten Riß uͤber die Nehring und das Friſche Haff aus der Mitte des 17ten Jahrhunderts iſt bei dem Städtchen Tolkemit gegen⸗ uͤber eine eben ſolche Vertiefung in der Nehring bemerklich gemacht, wie bei dem aͤlteſten Tief bei Lochſtaͤdt, um anzuzeigen, daß dort ein- mal das Tief geweſen ſeyn koͤnne. Die dortige Gegend iſt dann auf meine Veranlaſſung durch einen in der Terrainkunde bewanderten Mi⸗ litär genauer unterſucht worden und ſeine Meinung geht ebenfalls da⸗ hin, daß dort ein altes Tief geweſen ſeyn muͤſſe.

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* Wulfſtans Reiſebericht uͤber Preuſſen. 215 noch weiter weſtlich und naͤher dem Einfluſſe der Nogat und des Weichſelarmes in das Haff, dieß iſt bei dem gaͤnz⸗ lichen Schweigen aller alten geſchichtlichen Quellen und bei der großen Veraͤnderung, welcher die Nehring ſchon von Na= tur und durch ihre Lage zwiſchen den Stuͤrmen und den gewaltigen Kraͤften zweier Gewaͤſſer unterworfen iſt, durch⸗ aus nicht mehr zu erforſchen ) Von großer Wichtigkeit iſt ferner in Wulfſtans Be⸗ richt die Erwaͤhnung des Handelsortes Truſo am Geſtade des Eſtenmeeres ). Dieſes Truſo war das Ziel von Wulf: ſtans Seefahrt, welches er von Haͤthum — Hedaby — aus Tag und Nacht ſegelnd in ſieben Tagen erreicht hatte. Es iſt hoͤchſt wahrſcheinlich, daß dieſes Ziel ſeiner Seefahrt dem Wulfſtan, wenigſtens dem Namen nach, ſchon vor ſeiner Fahrt bekannt war. Es kann demnach dieſes Truſo auch wohl ſchwerlich etwas anderes, als ein Handelsort und ein Stapelplatz fuͤr fremde Kaufleute und Seefahrer geweſen ſeyn ?). Der Drauſen-See, welchen man früher zuweilen darunter erwähnt gefunden hat, war es ſicherlich nicht; war⸗ um hätte dieſer gerade und nicht lieber das weit größere Gewaͤſſer des Friſchen Haffes Wulfſtans Reiſe-Ziel ſeyn ſollen? Truſo war alſo offenbar ein Ort, von welchem der 1) Die Sache iſt, wie die Worte Wulfſtans vor uns liegen, nicht aufs Reine zu bringen. Auch wenn angenommen wuͤrde, Wulfſtans Weichſelmuͤnde ſey bei Kahlberg geweſen, paſſen die Worte nicht genau, denn „Vest“ oder weſtlich iſt dieſes von keinem der beiden Fluͤſſe. Weich⸗ ſelmuͤnde bei Danzig anzunehmen, geht noch weniger an, denn Wulfſtan bezeichnet durch die Worte: VVisle lidut of \Veonodland and lid in Üsimere, ganz klar den in das Friſche Haff gehenden Weichſelarm und mit ihm Illing cunad at samod in Estmere, alſo beide vereinigen ihre Gewaͤſſer im Friſchen Haffe. 2) Die Worte: of ihaem mere the Truso standelh in stade kôn⸗ nen wohl ſchwerlich anders verſtanden werden. 3) Darauf deutet wohl auch ſchon das Wort im Sinne des Eng⸗ liſchen to stand hin. Deſſelben Wortes bedient ſich auch Other, um die Lage des Hafenortes Haethum anzugeben; es heißt p. 116: Se (i. e. Ihe port, ihe mon haet aet Haedum) sten, belvuh! WVinedum and Seaxum cie.

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216 Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. Drauſen⸗See erſt feinen Namen erhielt, und wahrſchein⸗ lich da gelegen, wo die erſte Gründung Elbings geſchah Y. Für den Handel aber, der in jener Zeit von verſchie— denen Laͤndern her mit Preuſſens Bewohnern betrieben ward, war ein ſolcher Stapelplatz auch durchaus nothwen— dig. Es iſt gewiß, daß um die Zeit des Kaiſers Otto des Erſten, alſo gegen dreißig Jahre nach Alfred des Großen Tod, ein nicht unbedeutender Handelsverkehr zwiſchen Preuf- ſen und Schweden beſtand. In Schweden war Birca oder Sigtuna, unfern von dem beruͤhmten heiligen Tempel zu Upſala der reichbeſuchte Handelsort, wo ſich die Schiffe der Normannen, Dänen, Slaven und anderer nordiſcher Voͤl— ker, aber auch die der Samlaͤnder aus Preuſſen zum Um— tauſche der Handelswaaren der verſchiedenen Laͤnder zuſam— menfanden und ein ſehr lebendiger Verkehr beſtand ). Die 1) Für einen Stapelplatz oder Hafen nahm es auch ſchon Lange- beck 1. c. p. 120 not. h., wo er ſagt: Fuit ea sine dubio portus sive secura navium stalio el quasi emporium quodduam, a merca- toribus et nautis propter electrum aliasque merces adducendas au- tiquitus visilalum ac situm eodem cireiter loco, quo postea Elbinga civitas scculo XIII fundata est. Hiemit ſtimmen auch Thun mann Unterſuch. über einige nord. Voͤlker S. 50 und Forſter a. a. O. S. 96 uͤberein. 2) Adam. Bremens. histor. eccles. c. 48 fagt über dieſen Genen: ſtand: Birca est oppidum Gothorum, in medio Sveoniae positum, non longe ab eo templo, quod celeberrimum Sueones babent in cultu Deorum Ubsola dicto. In quo loco sinus quid m eius freti, quod Balticum vel Barbarum dieitur, in boream vergens, portum facit barbaris gentibus, quae hoc mare diffusi habitant, optabilem; sed valde periculosum incaulis et ignaris eiusmodi locorum. Ad quam statiouem, quae fulissoma est, in maritimis Sveoniae regioni- bus solent Danorum, Nordmannorum, Slavorum atque Sermborum naves, aliisque Scythiae populi pro diversis commerciorum ncces- sitatibus solenniter convenire. S. Anscharü vita per Rembert ap. Langebeck T. I. p. 459. Chron. Slavor. ap. Leibnits T. II. p. 744. Eine ſehr vollſtändige Nachricht uͤber Birca giebt die Anmerkung bei Langebeck T. I. p. 445. Vgl. auch Bayer opusc. p. 433. Fiſcher Geſchichte des deutſchen Handels B. I. S. 214. Anderſon Geſchichte des Handels B. J. S. 393 — 394. 478.

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Wulfſtans Reiſebericht über Preuffen. 217 Geſchichte ſpricht ferner auch von einer ſehr regen Handels— verbindung zwiſchen Preuſſen und Julin, dieſem alten, weitberuͤhmten Stapelplatz der Slaviſchen Kuͤſte, der an Reichthum in jener Zeit unter den nordiſchen Handelsorten wohl wenige ſeines Gleichen fand. Von ihm aus ging die belebte Handelsſtraße zunaͤchſt nach Demmin an der Peene und von da ſegelte man nach Preuſſen, namentlich auch an die Bernſteinkuͤſte Samlands ). Ohne Zweifel ging auf dieſer Handelsſtraße damals vorzuͤglich der Bernſtein nach Deutſchland, der dort in großer Maſſe zu kirchlichem Vers brauche verwandt ward, denn dieſer Umſtand gab im Mit⸗ telalter dem Bernſteinhandel eine ungemeine Lebendigkeit. Außerdem wiſſen wir beſtimmt, daß auch zwiſchen Preuſſen und jenem wichtigen Hafen Hedaby in Schleswig, von wo aus Wulfſtan eben Preuſſen beſuchte, eine rege Handelsge— meinſchaft Statt fand. Rembert, der das Leben des heili— gen Anſcharius, des bekannten nordiſchen Apoſtels, beſchrieb, traf dort Kaufleute aus allen Kuͤſtenlanden der Oſtſee, Nor⸗ weger, Schweden, Ruſſen, Slaven u. f. w. und den Hafen ſah er angefuͤllt mit Schiffen aller nordiſchen Voͤlker, die mit Kaufguͤtern beladen dort gelandet waren 2). Beſonders war von dort aus der Handel mit England ſehr lebendig, wodurch des Nordens Erzeugniſſe, als Pelzwerk, Bernſtein, Fiſche und dergl. uͤber England nach Frankreich, Spanien und anderen weſtlichen Ländern gingen ). Die Geſchichte bez I) Adam. Bremens. hist. eceles. c. 66. Nobilissima civitas Julinum celeberrimam barbaris ei Graecis, qui in circuitu, prae- stat stationem. Est sane maxima omnium, quas Europa claudit, civitalum, quam incolunt Slavi cum aliis gentibus Graccis ac bar- baris. Urbs illa mercibus omnium septentrionalium nationum lo- cuples, nihil non habet jucundi aut rari. Ab illa autem civitale brevi remigio ad urbem trahuntur Deminem, quae sita est in oslio Peauis fluvii, ubi ei Rhuni habitant. Ibi ad Sermland provincium, quam possident Pruzzi, navigatur. Anderſon a. a. O. B. I. S. 475. 2) Rermbert. in vita S. Auscliarii c. 21. 29. Ch. Langebeck J. I. p. 43. not. r. 3) Orüutzen a. a. O. S. 80 ff.

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218 Wulfſtaus Reiſebericht über Preuffen. zeuget aber ausdrücklich, daß auch zwiſchen Hedaby und Samland eine Handelsverbindung Statt fand und daß Schiffe aus jenem Hafen auch nach der Bernſteinkuͤſte ſe— gelten ). Außerdem ging auch über Preußen ein bedeuten— der Durchgangshandel aus Europa's weſtlichen Laͤndern nach Rußland und vielleicht aus den nordiſchen Reichen Skan— dinaviens durch Preuſſen auch nach Polen hin. Es lag ja mitten im Auſturwege, der von den nordiſchen Seefahrern fo vielfach theils zum Seeraube theils auch für den Han— del beſucht wurde ). Auf dieſem Zwiſchenhandel durch Rußland gelangten Preuſſens Erzeugniſſe ſogar bis nach Aſien und beſonders nach Arabien, wenn gleich zwei— felhaft bleibt, ob nicht die Araber vielleicht auch ſchon da— mals den Bernſtein unmittelbar aus Preuſſen ſelbſt abhol- ten ). Die Hauptgegenſtaͤnde dieſes Handels zwiſchen 1) Die zur Aufklaͤrung des Zweckes von Wulfſtans Reiſe nach Preuf⸗ en ſehr wichtige Stelle im Adam. Bremens. de situ Daniae c. 208 iſt folgende: Hanc quondam regionem Caesar Otto tribulo subji- ciens, in ires divisit Episcopalus, unum constiluens apud Sliaswig, quae et Heithebu dicitur, quam brachium quoddam freti Barbari al- luit, quod Sliam vocant, unde et civitas nomen trahit. x quo portu naves emitti solent in Slavaniam vel in Suediam, sel ad Semland et usque in Gracciam. Annalista Saxo ap. Eccard Corp. histor. T. I. p. 282. Daher zog Hedaby feinen ungemeinen Reichthum, fo daß das Chron. IIolsatiae ap. Nesiphalen Monument. inedit. T. III. p. 26 ſagt: Sleswicensis civilas quae alio nomine Ileddabu dicta fuil, illis diebus ditissima fuit. Vgl. Outzen a. a. O. S. 81. 2) Vgl. Schloͤzer zum Neſtor S. 88 — 89. 3) Frähn zu Ibn-Foszlan u. ſ. w. S. 79 ſagt: „Wir wiſſen, daß die im Norden des Kaspiſchen und Schwarzen Meers hauſenden Voͤlker, nicht bloß zum Theil mit den Griechen, ſondern auch mit den Arabern, nachdem ihre Macht ſich uͤber Perſien und die benachbarten Provinzen verbreitet hatte, in mannigfaltigen Beruͤhrungen und in ei⸗ nem lebhaften Handelsverkehr ſtanden. Eben fo kann es keinem Zwei— fel mehr unterworfen ſeyn, daß es eine Zeit gab, wo eine Straße Mor⸗ genländiſcher Handels⸗Carawanen vom Kaspiſchen Meere an durch Ruf: land nach den Stapelplaͤtzen der Oſtſee fuͤhrte und bis zu Anfang des Alten Jahrh. beſtand.“ Unter den Ländern aber, deren Handelsgemein⸗

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Wulfſtans Reiſebericht über Preuffen. 219 Preuſſen und den erwähnten Ländern waren vorzuͤglich Eoft- bares Pelzwerk, welches auf die reichbeſuchten Maͤrkte von Birka, Julin und Hedaby gebracht ward, wo es ſehr ge— ſchaͤtzt war und zum Umtauſche für wollene Kleider diente, die man dort Paldonen oder Faldonen nannte ). Außer⸗ dem bot ferner auch um dieſe Zeit noch der Bernſtein ein eben ſo weit geſuchtes, als hochgeſchaͤtztes Mittel zum Um⸗ tauſche gegen andere Gegenſtaͤnde dar, denn wenn dieſes Erzeugniß auch nicht mehr, wie in alter Zeit zu Rom, in dem Maaße zu Schmuck und verſchwenderiſchem Glanze verwandt wurde, fo gebrauchte man es noch um ſo reich⸗ licher als Rauchwerk, vorzuͤglich wie ſchon erwaͤhnt iſt, beim Gottesdienſte ). Hoͤchſt wahrſcheinlich waren auch die manchfaltigen Gegenſtaͤnde des Kleiderſchmuckes, die ſchoͤn gearbeiteten Armſpangen, Ringe, Haarnadeln und was ſonſt als Schmuckwerk in den alten Begraͤbniſſen Preuſſens gefunden wird, durch Tauſchhandel aus Julin, Hedaby und andern weſtlichen Handelsorten nach Preuſſen gekommen und es darf nicht unbemerkt bleiben, daß vor⸗ zuͤglich die Gegend, wo einſt der Handelsort Truſo gele— gen haben ſoll, in dieſer Beziehung ſich vor allen andern ſchaft mit den Arabern ſich aus Arabiſchen Muͤnzen nachweiſen laſſe, nennt der erwähnte Gelehrte auch Preuſſen. 1) Adam. Bremens. de silu Dan. c. 227 fagt von den Preuſſen in Beziehung auf dieſen Handel: Aurum et argentum pro minimo ducunt, pellibus abundant peregrinis — itaque pro laneis indumenlis, quae nos dicimus Paldones, illi offerunt tam pretiosos martures. Cl. Helmold. Chron. Slavor. L. I. c. 1., wo ſtatt Paldones — Fal- dones ſteht. Huͤllmann deutſche Finanz-Geſchichte des Mittelalters erklart S. 84 Paldones durch Polröde d. h. Faltroͤcke und erwähnt, daß ſchon früher die Wenden ſolche den Franken als Tribut hätten Vie: fern muͤſſen. 2) Bayer de numis Roman. in opusc. p. 432 — 433 meint, daß der Bernſteinhandel jetzt aufgehoͤrt haben muͤſſe, weil deſſen keine Er⸗ wähnung geſchehe. Allein der Schluß vom Stillſchweigen der wenigen Schriftſteller der nordiſchen Geſchichte dieſer Zeit auf den Stillſtand des Bernſteinhandels iſt offenbar zu voreilig.

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220 Wulfſtans Reiſebericht Über Preuffen. auszeichnet). Daß auch, wie behauptet iſt, Menſchenhan⸗ del nach Preuſſen betrieben worden ſey und daß die Preuf- fen an die Staven und Ruſſen ihre Sklaven verkauft ha= ben, iſt wenigſtens nicht ſicher zu erweiſen 2). Zu dieſem ganzen Handelsbetriebe theils in Preuſſen ſelbſt, theils nach dieſem Lande hin, theils von feinen Kuͤ— ſten aus in andere Laͤnder, war nun ohne Zweifel ein eben ſolcher Handelsort zum Tauſch und Umſatz und ein ſolcher Stapelplatz nothwendig, wie ihn Schweden an Birka, das Slavenland an Julin, Schleswig an Heda oy u. ſ. w. hat⸗ ten, und ein ſolcher war offenbar das von Wulfſtan beſuchte Truſo am Friſchen Haffe, dem damals wahrſcheinlich ihm gegenuͤber befindlichen Weichſelmuͤnde oder Tief gerade am bequemſten gelegen 2). Daher duͤrfte wohl auch die Be- hauptung Statt finden, daß Wulfſtan dieſes Truſo vorzuͤg⸗ lich aus Handelsintereſſen beſucht habe und daß ſeine Be— richterſtattung uͤber das Land und deſſen Bewohner nicht eigentlich Zweck, ſondern nur Folge ſeiner Reiſe geweſen ſey. Ob damals ſchon neben Truſo auch noch einige an— dere Handelsorte und Stapelplaͤtze an Preuſſens Kuͤſten oder in deſſen Naͤhe gebluͤht haben, iſt in fruͤherer Zeit zwar hie und da behauptet, aber nicht ſtreng erwieſen wor— 1) Vgl. hieruͤber die Abhandlung von Krauſe uͤber die Nachgra— bungen zu Weklitz und Meislatein bei Elbing in den Beitraͤgen zur Kunde Preuſſ. B. VII. S. 72 ff. 2) Fiſcher in ſ. Geſchichte des Handels B. I. S. 191 ſtellt dieſe Behauptung auf. Allein die von ihm angefuͤhrten Beweisſtellen find nicht zulaͤnglich, denn Adam. Bremens. de situ Dan. c. 224 ſpricht nicht, wie Fiſcher annimmt, von Preuſſen, ſondern von Eſthlaͤndern und Lomonoſoff's alte Ruſſ. Geſchichte iſt fuͤr dieſe Zeit keine bewaͤhrte Quelle. 3) Daß in den nordiſchen Quellen, bei Adam. Bremens, Hel mold., in den Script. rer. Danicar. ap. Langebeck. faſt immer nur Samland als die Gegend Preuſſens genannt wird, nach welcher hin und von welcher aus der Handel gegangen ſey, kann nicht befremden, ſobald man weiß, daß Samland wegen des Bernſteins im Auslande ſchon im Alterthum immer der bekannteſte Theil Preuſſens war und als pars pro toto genannt wurde.

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Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. 221 den. Man hat Danzig, Hela und Kulm fuͤr ſolche Orte angeſehen. Daß Danzig um dieſe Zeit wohl ſchon als Stadt beſtand und auch ſchon einigen Handel trieb, kann nicht beſtritten werden; allein von ſeiner Handels-Wichtig⸗ keit darf ſchwerlich jetzt ſchon die Rede ſeyn ). Hela's ein⸗ ſtige Bluͤthe und lebendiger Handelsbetrieb beruht auf ei— ner Muthmaßung, die gründlich widerlegt iſt ). Kulm end- lich iſt allerdings ein ſehr alter Ort, ohne Zweifel wohl älter, als die Ankunft des deutſchen Ordens und wahrfchein- lich um dieſe Zeit ſchon vorhanden. Ueber ſeine Gruͤndung aber, wie uͤber ſein fruͤheres Handelsleben weiß die Ge— ſchichte dieſer Zeit nichts zu ſagen und nur unſichere Ver— muthungen haben auch ihm ſchon jetzt eine beſondere Wich- tigkeit zumeſſen wollen). Truſo bleibt alſo ziemlich ſicher der einzige Ort, von welchem aus der Handel auf der Oft- ſee mit Preuſſens Erzeugniſſen betrieben wurde und der zum Mittelpunkte des Handels der weſtlichen Slavenlaͤnder, der nordiſchen Reiche, Rußlands und vielleicht auch Polens diente, wenn gleich nunmehr bald auch Danzig und Kulm beide an dem natürlichen Handelswege des Weichſel-Stro— mes gelegen, mit in den Betrieb des Handels beſonders nach Polen hin eingegriffen haben moͤgen. 1) Fiſcher a. a. O. S. 195 giebt dem Handel von Danzig auch ſchon für dieſe Zeit eine beſondere Wichtigkeit. Allein er folgt hierin einzig nur Uphagen Parerg. p. 398 — 402, der freilich im Stande war, für fein altes Preuſſen und fein Danzig durchaus Alles zu bewei⸗ fen. Aus dem Leben des heil. Adalberts laßt ſich kein Beweis für Danzigs bedeutenden Handel fuͤhren, ſondern nur darthun, daß Danzig damals ſchon eine Stadt war. S. Preuſſ. Samml. B. I. S. 340 ff. 2) Uphagen Parerga p. 187 seq. glaubte gegen Lungebeck T. II. p. 113 — 114 beweiſen zu koͤnnen, daß das in Others Periplus fünf: mal vorkommende Sciringes heal kein anderer Ort, als Hela ſeyn koͤnne und er fand Anhänger in dieſer Annahme z. B. Sommer, Buſ⸗ ſaͤus, Fiſcher u. a. Allein Dahlmann a. a. O. S. 441 — 443 hat aufs klarſte bewieſen, daß Sciringes- heal das Norwegiſche Skirings- sal iſt. 3) Uphagen 1. c. p. 313 — 318. Fiſcher a. a. O. S. 193.

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222 Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. Bei dieſer Handelsverbindung aber kam Wulfftan ge⸗ wiß auch nicht ganz unbekannt mit des Volkes Sitte, Le⸗ bensweiſe und Sprache nach Preuſſen; denn wie man Schiffe aus Preuſſen in Birka ſah, fo ſegelten andere fi- cherlich auch nach Hedaby, wo Wulfſtan von Preuſſiſchen Seefahrern ſchon vorher die noͤthige Kunde über Volk und Land eingezogen haben mochte ). Nachdem nun Wulfſtan in ſolcher Weiſe des Landes Gewaͤſſer, ſo weit er mit ihnen bekannt war, und deſſen wichtigen Handelsplatz nach ſeiner Lage erwaͤhnt hat, faͤhrt er in ſeiner Beſchreibung in folgender Art weiter fort: „Das Eſtland iſt ſehr groß und es liegen dort viele Bur- gen und in jeglicher Burg iſt ein Koͤnig. Auch iſt da viel Honig und Fiſcherei, und der Koͤnig und die reichſten Männer trinken Pferdemilch, und die Unvermögenden und Sklaven trinken Meth. Es iſt viel Streit unter ihnen. Bier wird bei den Eften nicht gebraut, da dort Meths ge⸗ nug vorhanden iſt ).“ Auch in dieſem Theile ſeines Berichtes giebt uns Wulf⸗ ſtan wieder manchen hoͤchſt wichtigen Aufſchluß uͤber des Landes aͤlteſte Beſchaffenheit. Dem Eſtlande ertheilt er eine ſehr große Ausdehnung. Dieß kann ſchwerlich etwas an- ders heißen, als daß das Volk, welches man zu Wulfſtans Zeit mit dem Namen der Eſten bezeichnete, auf einem wei= ten Landgebiete wohnte oder daß der Eſten Name ſich ſehr 1) Adam. Bremens. hist. eccles. c. 48 fagt ausdruͤcklich, daß nach Birka in Schweden auch Sernborum naves solent convenire, daß alſo Preuſſen auf ihren eigenen Schiffen dahin ſegelten. In den beiden andern erwähnten Stellen heißt es dagegen nur ad Semland na- vigalur; naves emitli solent ad Sermland. 2) Der Original ⸗Text iſt folgender: Daet Eastland is svide my- cel. And thaer bid svide manig burh and on aclcere byrig bid Cyninge. And ihaer bid ssyde micel hunig and ſiscad. And se Cyning and ıba ricostan men drincad myran meole. And tha un- spedigan and tha theovan drincad medo. Der bid svide mycel ge- vinn beiveonan him. And ne bid ihaer naenig ealo gebroven mid Estum, ac thaer bid medo genoh.

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Wulfſtans Reiſebericht über Preuffen. 223 weit verbreitet hatte. Man wird alſo jetzt nicht mehr an den geringen Umfang des alten Wohnſitzes der Aeſtier in Samland denken duͤrfen. Der Name der Widen und der Vidivarier war um dieſe Zeit, wie es ſcheint, in den der Eſten uͤbergegangen und wenn gleich auch der Name des Witlandes die alte Erinnerung noch lebendig erhielt, fo hie— ßen doch offenbar dieſes Landes Bewohner ebenfalls ſchon Eſten; denn nur dieſe weſtlichen Eſten an der Weichſel und am Elbing lernte Wulſſtan am genaueſten kennen und von ihnen vor allen gilt die Schilderung der Sitten und Braͤu— che in ſeinem Berichte. Von dort erſtreckte ſich nun das von den Eſten bewohnte Land uͤber den groͤßten Theil von Preuſſen nach Oſten, ſo weit wir fruͤher Wohnſitze der Go— then fanden und im Norden hinauf lief es in unbeſtimm— baren Graͤnzen fort ). In dieſem Eſtlande, erzaͤhlt der nordiſche Reiſende, be— fanden ſich viele Burgen und auf jeglicher Burg ?) ein 1) Adam. Bremens. de situ Dan. c. 224 erwähnt ebenfalls eines Eſtlandes und bezeichnet es als eine große Inſel: „Pracierea re- citalum est nobis, alias plures Insulas in eodem ponto esse, qua- rum una grandis Estland dieitur. Allein dieſes Eſtland iſt offenbar ein ganz anderes, als das Wulfſtans. Adam von Bremen, der gegen zwei⸗ hundert Jahre fpäter ſchrieb, meint darunter das noͤrdliche Eſtland, wie ſchon daraus hervorgeht, daß er es ſogleich nach Kurland erwaͤhnt. Im c. 227 unterſcheidet er davon auch ausdruͤcklich das ihm wohl be⸗ kannte Samland, waͤhrend er ſeine Nachricht uͤber ſein Eſthland nur durch Hörenfagen hatte — recitatum est nobis. Karamſins Behaup⸗ tung in feiner Geſchichte des Ruſſ. Reiches B. I. S. 215, daß Eſthland bei den Skandinaviern in der Vorzeit die ganze oͤſtliche Kuͤſte des Bal⸗ tiſchen Meeres, von der Muͤndung der Weichſel bis zum Finniſchen Meer⸗ buſen umfaßt habe, iſt wohl ſchwerlich in aller Beziehung richtig. 2) Warum Forſter a. a. O. und Dahlmann das Angelfächfifche Wort burh und byrig durch „Staͤdte,“ uͤberſetzen, iſt nicht abzuſehen. Der lateiniſche Ueberſetzer gab es ebenfalls unrichtig durch oppidum, wiewohl unter dieſem Worte nach dem Latein des Mittelalters noch eher der richtige Sinn zu finden ſeyn moͤchte. Wie ſchon Zangebeck T. I. P. 445 bewieſen hat, iſt das Angelſaͤchſiſche buch und byrig ganz ent⸗ ſprechend unſerem „Burg “.

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224 Wulfſtans Reiſebericht über Preuffen. Koͤnig. Staͤdte hatte Preuſſen damals wohl eben ſo wenig, als die Nachbarländer Polen, Rußland, Schweden, Kurland und Liefland. Ueberall aber wird dagegen auch ſolcher befeſtigten Orte oder Burgen erwaͤhnt, wie ſie Preuſſen hatte ). Nicht unwichtig iſt die Uebereinſtimmung dieſer Nachricht mit der fruͤber erwähnten Sage, nach welcher je— der von Widewuds Soͤhnen ſich in ſeinem Herrſchergebiete eine Burg erbaute, wo er wohnte und herrſchte. Koͤnige nennt Wulfſtan dieſe Landesfuͤrſten oder die Reiks einzelner Gebiete Preuſſens, wie wir ſie fruͤher aus der Sage kennen lernten; aber es iſt wahrſcheinlich, daß er die Benennung Reiks nicht fuͤglich anders, als durch das Angeſſaͤchſiſche Wort „Kyninge“ geben und verſtaͤndlich machen konnte ). Neben dieſen Reiks oder Koͤnigen bezeichnet ferner Wulfſtan auch einen gewiſſen ſtaͤndiſchen Unterſchied unter des Landes Bewohnern, beruhend nach feinem naturgemaͤ— ßen Urſprunge auf Reichthum und Armuth, auf Freiheit und Dienſtbarkeit. Die Reichen waren die Vornehmen 3), dieſelben, welche in andern Quellen die Edlen oder der Adel des Volkes genannt werden). Durch welchen Na⸗ men ſie von dem uͤbrigen Volke unterſchieden wurden, ob Wulfſtans Bezeichnung „die Reichſten — Ricoſtan“ — ihr wirklicher Rang-Name war, laͤßt ſich zwar nicht klar darthun; doch iſt das letztere ſehr wahrſcheinlich. Dagegen 1) Kadlubeck L. I. ep. 16. Boguphal ap. Sommersberg Script. rer. Siles. T. II. p. 21 — 22. Lelewel bei Ossolinsleii S. 558. — Karamſin Geſchichte des Ruſſ. Reichs B. I. S. 52 — 56. Schloͤ⸗ zers Neſtor S. 35. 126. Heinrich der Lette in Gruber. Origin. Livon. p. 4. $. 5. Rühs Geſch. Schwedens B. I. S. 62. 2) Lucas David B. I. S. 138. 3) „Da odre heah dungene men,“ wie fie gleich nachher von Wurf: ſtan genannt werden. 4) „Nobiles et potentes“ Dusburg P. III. c. 133. „Pruthenos nobiles“ ibid. „Namile quidam Nobilis de Pomesania,“ c. 140. Be- lichow Nobilis de Pomesania“ c. 143. „Plures de Nadrovia viri potentes et Nobiles “ c. 170. 181. 200. 202. Lucas David B. I. S. 19. 45. 51. 54, beſonders 139 und oͤfter.

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Wulfſtans Reiſebericht über Preuffen. 225 unterliegt es keinem Zweifel, daß dieſe Vornehmeren eben fo wenig Zupane hießen, als die Landesfuͤrſten Pane, denn dieſes ſind Bezeichnungen, die wir nur bei reinſlaviſchen Voͤlkern, nie aber in bewaͤhrten Quellen der Geſchichte Preuſſens finden, obgleich fie durch Mißverſtaͤndniß der Ge⸗ ſchichtſchreiber in der letztern lange eine wichtige Rolle ge— fpielt haben 9). Die ſorgſamere geſchichtliche Forſchung kennt ſie in Preuſſen nicht und wir duͤrfen daher auch von dem, was dieſe Pane, Zupane und wie die Machthaber bei den Slaviſchen Voͤlkern ſonſt noch heißen moͤgen, bei den Sla⸗ ven waren, durchaus keinen Schluß auf die Landesherren und den vornehmeren Stand in Preuſſen machen, da hier gewiß in allen Zeiten das Verhaͤltniß der Machthaber zum Volke ein ganz anderes war, als bei den Slaven. In Preuſſen hatte ſich offenbar die Lage und Natur aller Din: ge mehr aus dem Germaniſch-Gothiſchen Volks-Charakter herausgebildet und die Zahl der Vornehmeren beſtand hier offenbar nur aus ſolchen, welchen groͤßerer Reichthum an Landbeſitz, an Vieh, an Sklaven und dergleichen mehr Mit⸗ tel an die Hand gab, ſich hohes Anſehen bei dem Volke und Einfluß und Gewicht bei den Landesfuͤrſten, den Reiks, zu erwerben 2). Dieſer Einfluß mochte die letzteren wohl 1) Das Wort Pan iſt Polniſch oder uͤberhaupt Slaviſch; ebenfo Shupan oder Zupan. Nur bei Slaviſchen Völkern wurden die Theil⸗ nehmer der oberſten Macht durch die Namen Bojar, WVojwod, Knjas, Pan, Shupan, Karol oder Kral u. a. bezeichnet; ſ. Karamſin B. J. S. 61. 279. Anton über die alten Slaven S. 87 — 91. Schloͤ⸗ zers Neſtor S. 33. 174. Bei den Polen iſt die Herrſchaft der Pane uralt; ſ. Kadlubeck p. 32. Lelewel bei Ossolinski p. 479. 541. Czatzki ebendaſ. S. 363. Suritter I. c. T. II. p. 395 — 396. Con- stanlin. Por pli. de Admin. imp. 29 — 30. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 239. Prätorius Schaub. B. I. S. 8.0. Hennig zum Lu: cas David B. J. S. 139 beſtritt ſchon die Ausdruͤcke Pan und Zupan. 2) Nach Ludens (Geſchichte des deutſch. Volkes B. 1. S. 719) ſcharfſinniger Erklarung des Wortes adclingus, Adalingus von Od, ein Gut, ein Beſitzthum, würde auch hier der Begriff von Guͤter⸗Reich⸗ thum und Adeligkeit zuſammen fallen. I. 15

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226 Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. öfter auch beſtimmen, ſich des Beirathes und der Mithuͤlfe der Vornehmeren in Dingen, welche damals des Landes Verwaltung betrafen, zu bedienen. Es finden ſich daher auch Spuren, daß dieſe Vornehmeren zuweilen zu Verſamm⸗ lungen berufen wurden ), und ſelbſt die im Volke noch fortlebende Sage ſpricht hie und da von den Orten, wo unter großen, weitverzweigten Bäumen ſolche Verſamm⸗ lungen gehalten worden ſeyn ſollen ). Im Kriege bildete dieſer vornehmere Stand natuͤrlich den Kern der Kriegs— macht und mit ihm beriethen ſich zuvor wohl auch die Reiks über die Art der Führung 5). Unter dieſen Reicheren und Vornehmeren ſtand nun zunaͤchſt diejenige Klaſſe von Menſchen, die zwar der Frei— heit genoß, aber in ihrem Beſitzthum und Vermoͤgen be— ſchraͤnkt war. Wir duͤrfen fie als die wahrſcheinliche Mehr— zahl wohl füglich das eigentliche Volk des Landes nennen ). In welchen Verhaͤltniſſen aber das Volk um dieſe Zeit zu den Landesfuͤrſten und zu den Vornehmeren geſtanden und ob bei allgemeinen Landesangelegenheiten Verſammlungen und Berathungen deſſelben Statt gefunden haben, wie fol- ches bei ſtammverwandten Völkern allerdings der Fall war 5), darüber gehen uns die genaueren Nachrichten gaͤnz— 1) 3. B. in der aus der Chronik des Biſchofs Chriſtian entlehnten Sage bei Lucas David B. I. S. 44. 54. 57.79. 2) Solche Sagen finden Statt uͤber den noch jetzt vorhandenen ge⸗ waltigen Baum bei Romansgut zwiſchen Heiligenbeil und Brandenburg; ferner bei Pobunden im Samland, wo unter einer großen Linde, da wo jetzt die Ruinen des Schloſſes ſtehen, ſolche Verſamamlungen gehal⸗ ten worden ſeyn ſollen. 3) Lucas David B. I. S. 19. 45. 4) Adel und Volk unterſcheidet auch Lucas David B. J. S. 95 — 96. 139. Im Bartenſteiniſchen Privilegium heißt es ebenfalls: re- ges, nobiles et communis populus. Hartknoeh Dissert. de republ. veter, Pruss. F. VI. Prätorius Schaub. B. II. 5) Wir finden ſie wie bei den alten Daͤnen, ſo bei den Schweden. Bei jenen hießen fie Thing, bei dieſen WVarph. Cf. Adam. Bremens. de situ Dan. c. 29. Suhm B. I. S. 237. Ruͤhs B. S. 44.

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Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. 227 lich ab. In fruͤheren Zeiten wird nach der Sage vom Kriegsfuͤrſten Widewud und vom Griwe das „geſammte Volk“ mehrmals vor das heilige Romowe zuſammenberu⸗ fen. Jetzt konnten ſolche allgemeine Verſammlungen ſchwer⸗ lich mehr Statt finden; es ſcheint vielmehr, daß in dieſer Zeit nur das Volk der einzelnen Landſchaften bald vom Landesfuͤrſten, bald vom Griwe zur Gerichtspflege und zur Berathung uͤber die gemeinen Angelegenheiten der einzel— nen Gaue zuweilen zuſammenberufen worden ſey ). Die niedrigſte Klaſſe der Bewohner Preuſſens waren zu Wulfſtans Zeit die Sklaven oder Knechte ). Ueber ihr Schickſal aber wiſſen wir aus dieſer Zeit noch gar nichts. Ihr Loos hatte ihnen zum Theil wohl gaͤnzliche Verar⸗ mung, zum groͤßten Theile jedoch ohne Zweifel der Krieg zugezogen, denn es wird ausdruͤcklich berichtet, daß man bei Einfaͤllen in feindliches Land vorzuͤglich auch große Men- ſchenhaufen in Gefangenſchaft mit fortgeführt habe, wie ſolches im Kriege gegen die Maſovier namentlich immer der Fall war ). Auf ihnen lag aber ohne Zweifel das ge— meine Leben mit ſeiner ganzen Schwere und mit allen ſei— nen Muͤhen und raſtloſen Arbeiten. Unter dieſen vier Menſchen-Klaſſen bemerkte nun Wulfſtan einen ihm ſehr auffallenden Unterſchied in Ruͤck— ſicht der Getraͤnke. Nur die Landesfuͤrſten, die Reiks und die Reichſten tranken Pferdemilch, die niedrigeren und aͤr— meren Klaſſen dagegen nur Meth. Es iſt ſo auffallend, als es ſchwierig iſt, den Grund aufzufinden, warum Wulf— 1) Andeutungen „ daß ſolche landſchaftlichen Verſammlungen ſpaͤter, als die Ordensritter die Preuſſen bekriegten, wirklich beſtanden, finden ſich hie und da bei dem Chroniſten Dusburg. 2) Dem Worte Theovan, womit Wulſſtan dieſe Klaſſe bezeichnet, ſcheint das Engliſche down „niedrig“ und als Zeitwort „erniedrigen“ zum Grunde zu liegen. 3) Lucas David B. I. S. 46. 95. Doch nennt dieſer Chroniſt nur drei Stände S. 138. „Die Kunigs, die Subpanen und das ge⸗ meine Volk.“ Er kennt alſo dieſen Stand der Knechte nicht. 135 *

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228 Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. ſtan gerade dieſen Zug der Sitten des Volkes ſo beſonders hervorhebt. Stand er vielleicht am meiſten im Widerſpruche mit der Sitte in ſeinem Vaterlande? Daß außer dem Waſſer auch Meth, Milch und beſonders Pferdemilch das gewoͤhnliche Getraͤnk der Preuſſen war, melden uns auch andere Berichte). Stutenmilch war ein uraltes Getraͤnk der Bewohner dieſes Landes und es ſcheint, daß ſie mit Blut verſetzt und dadurch in Gaͤhrung gebracht wurde, wo— durch dann das Getraͤnk eine ſtark berauſchende Kraft er⸗ hielt. Bei den Gothiſchen Voͤlkern war es vor langer Zeit im Gebrauche und ſehr beliebt?) und es mag daher das Volk in Preuſſen dieſe Art des Getraͤnkes immer als ein altes, vaterlaͤndiſches betrachtet haben. Indeſſen trank man es wenigſtens in ſpaͤterer Zeit nie eher, als bis eine Art von Weihe über daſſelbe ausgeſprochen war ). Uebrigens genoſſen ſie dieſes Getraͤnk, zumal wenn Gaͤſte ihnen bei⸗ wohnten oder wenn Feſte begangen wurden, bis zu voͤlli— ger Trunkenheit und achteten den Gaſt ſchlecht bewirthet, wenn er mit ihnen nicht gleiches that ). Die berauſchende t) Adam. Bremens. de situ Dan. c. 227. Dusburg P. III. 6. 5. Lucas David B. I. S. 15. 150. 2) Bei Adam. Bremens. c. 227 ſteht in der hieher gehörigen Stelle die alte Scholie: Gothi a Romanis Getae vocantur, de quibus Virgilius (Georg. III. 461): 2.2.00, . Acerque Gelonus Quum fugit in Rhodopen, alque in deserta Getarum Ei lac concretum cum sanguine polat cquino. Se ut Und des wilden Geloners Wann er zum Rhodope ſtuͤrmt und zur Einoͤde der Geten Und geronnene Milch zum Trunk ſich menget mit Roßblut. Vgl. Voßens Anmerk. S. 649. Der erwähnte Scholiaſt fuͤget hinzu: Hoc usque hodie Gothi et Serabi (nach andern Gembi oder Sembi) facere dieuntur, quos ex lacte jumentorum inebriari cer- unn esl. Vgl. darüber Hartknoch A. und N. Preuſſ. S. 196 — 197. 3) Dusburg P. IM. c. 5: Pro potu habent simplicem aquam, et mellicratum seu medonem, et lac equarum, quod lac guondamı non biberuut, nisi prius sanelificarentur. 4) Adam. Bremens. I. c. Carues eliam jumentorum pro ciho

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Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. 229 Kraft dieſes Getraͤnkes war wohl ohne Zweifel auch der Grund, warum fein Genuß nur den Vornehmeren zugeſtan⸗ den war; denn allerdings finden wir auch bei andern noch ungebildeten Völkern die Sitte, daß nur die Vornehmeren ſich dem Rauſche uͤberlaſſen konnten ). Als Folge ſolches uͤbermaͤßigen Genuſſes fuͤhrt Wulfſtan an, daß viel Streit und Unfriede unter ihnen herrſche ). Maͤßiger blieb das aͤrmere Volk beim Meth, dieſer faſt allgemeinen Getraͤnkart des Nordens, denn auch bei Preuſſens Nachbarvoͤlkern war der Meth von jeher ein beliebtes Getraͤnk und iſt es in manchen Gegenden noch bis auf unſere Zeit. Man wußte ihn durch hinzugeſetzte Kraͤuter wohlſchmeckender und be— rauſchend zu machen und dann hieß er Poßkailes ). Da zur Zubereitung des Methes Honig genug im Lande war, ſo war, wie es ſcheint, der uralte Gebrauch des Bieres, deſſen ſchon Pytheas erwähnt, in Abnahme gekommen 9. Daß ſolches dem nordiſchen Reiſenden bei der ſonſtigen Be— liebtheit dieſes Getraͤnkes im Norden 5) befremdend war, zeiget der Umſtand an, daß er es als eine beſondere Eigen: thuͤmlichkeit von Preuſſens Bewohnern bemerkte. sumunt, quorum lacte vel cruore utuntur in potu, ita ul inchriari dicamur. Dusbuiig J. c. Non xidetur ipsis, quod hospites bene procuraverunt, si non usquc ad ebrietatem sumpserunt polum suum. 1) Vgl. Forſters Gefchichte der Entdeck. S. 99, 2) Die Worte: Der bid svide mycel gevinn belveonan him überſetzt der lateiniſche Interpret: Multum ini est etiam inter cos und Zangebeck p. 121 giebt ſich viele Muͤhe, aus fpäteren Beiſpielen zu beweiſen, daß in Preuſſen wirklich auch Wein gebaut worden ſey. Fruchtloſe Gelehrſamkeit! Vom Weinbau war im 10ten Jahrhundert in Preuſſen gewiß noch keine Spur. Gevinn iſt ohne Zweifel das Anz gelſaͤchſiſche Win Streit, Kampf, Krieg. S. Fahrenkruͤgers Engl. Woͤrterbuch B. I. S. 1202 unter Whinvard. 9 Ba 3) Lucas David B. I. S. 57 Rühs Geſchichte Schwed. B. 4. M pn J. S. 64. Karamſin B. I. S. 277. 4) Doch erwaͤhnet Wulfſtan des Bieres fpäterhin ſelbſt noch. 5) Rühs a. a. O. Dainos oder Litthauiſche Volkslieder von Rheſa S. 311 — 312.

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230 Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. Hierauf faͤhrt Wulfſtan in des Volkes Schilderung alſo weiter fort: „Es iſt Sitte unter den Eſten, daß wenn jemand geſtorben iſt, er im Hauſe unverbrannt bei ſeinen Verwandten und Freunden einen, zuweilen auch wohl zwei Monde liegen bleibt; und zwar die Koͤnige und die andern vornehmeren Maͤnner um ſo laͤnger, je groͤßer ihr Reichthum iſt; zuweilen dauert es ein halbes Jahr, daß ſie unverbrannt bleiben und außer der Erde in ihren Haͤuſern liegen, und in der Zeit, daß die Leiche im Hau— ſe liegt, ſoll da Trinken und Spiel ſeyn bis zu dem Tage, da man fie verbrennet ). Darauf an demſelben Tage, an welchem ſie den Ver— ſtorbenen zum Scheiterhaufen tragen wollen, da theilen ſie ſeine Habe, ſo viel davon nach dem Trinken und Spielen noch uͤbrig iſt, in fuͤnf oder ſechs, zuweilen auch in mehre Theile, je nachdem davon noch uͤbrig iſt. Hierauf legt man fie vertheilt aus, den größten Theil wenigſtens eine Meile ) vom Hofe entfernt, dann den zweiten, dann den dritten Theil, bis es alles auf die Weite einer Meile ausgetheilt iſt. Doch der geringſte Theil muß am naͤchſten an dem Hofe liegen, wo der todte Mann befindlich iſt ). 1) Der Original-Tex“ iſt folgender: And thaer is mid Estum deav, thonne thaer bid man dead, thael he lid inne unforhaerned mid his magum and ſrenndum monad, gevhilum tvegen. And tha (yuingas and da odre heah dungene men, sva micel lenge sva hi mavan speda habbad, hvilum healf gear, ihaeı hi beod unſorbear- ned. And liegad buſan eordan, on hyra husum. And ealle tha bvile the thaeı lic bid inne, thaer sceal beon gedryne and plega od ihone daeg hi hine forbacrned. 2) Es iſt hier natuͤrlich überall nur von Engliſchen Meilen die Rede. 3) „Donne thy ylcan daeg hi hine to thaem ade beran villad, thonne io doelad hi his feoh, thact ihaer to laſe, bid aefter Ihacm gedrynce aud thacm plegan, on fif odde syx hvilunı on ma, sva vn thaes ſeos andefn bid. Alecgad hit Ihonne for hvacga on anre mile, thone maestan dacle fram ihaem tune, thonne oderne, ihonne Ihaene thriddan, oth the hyt cal aled bid on thaere anre mile.

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Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. 231 Sodann verſammeln ſich alle diejenigen Maͤnner, wel⸗ che die raſcheſten Roſſe im Lande haben, wenigſtens in fuͤnf oder ſechs Meilen von der Habe. Nun ſprengen fie alle auf die Habe los. Der Mann, der das ſchnellſte Roß hat, kommt zu dem erſten und größten Theile, und fo einer nach dem andern, bis alles genommen iſt. Der aber er— hält den geringſten Theil, welcher am naͤchſten zum Hofe nach der Habe reitet. Dann zieht jeder ſeines Weges mit ſeiner Habe und darf alles fuͤr ſich behalten. Darum ſind da die ſchnellen Pferde auch ungewoͤhnlich theuer ). Wenn nun alſo das Gut alles zerſtreut iſt, dann traͤgt man den Todten hinaus und verbrennet mit ihm Waffen und Kleider. Meiſtentheils aber wird alle feine Habe ver⸗ ſchwendet durch das lange Darinliegen des Todten und durch das, was ſie auf den Weg auslegen, wonach die Fremden reiten und es nehmen. Es iſt ferner Sitte bei den Eſten, daß die Gebeine eines jeden todten Mannes, aus welcher Gegend er auch ſey, verbrannt werden muͤſſen, und wenn jemand irgend ein unverbranntes Gebein findet, ſo muß man es mit etwas Großem erbitten ). Es iſt bei den And sceall beon se Iacsta dacl nyhst thaeni tune, Ihe se deada nun on lid. 1) „Donne sceolan beom gesamnode calle Iha men, Ihe syyl- toste hors habbad on thaem lande, for Ivacga on fif milum odde on syx milum fram ihaenı ſeo. Donne arrnad hy ealle toveard Ihaem ſco. Thonue cymed se man se thact sviſte hors hafad to thaem acrestan dacle and to thaem macstan. And sva elc aeſter odrum, oth hit bid call genumen. And se nimd thone laestan dael, se nihst thaem tune thaet feoh geaerned. And thonne rided acle his veges mid tha fro, and hyt molan hablıan call. And forthy daer beod tha sviftan hors ungefoge dyre. 2) Die Worte: hi hit sceolan miclum gebetan werden verſchieden überfegt. Der lateiniſche Interpret giebt fie durch: id graviler vindi- cent. Forſter überiehte fie: So erregt es einen großen Swift, Dakl mann dagegen: fo ſoll man es mit großem (Opfer) fühnen. Ich glaube der Sprache am getreuſten zu bleiben, wenn ich es gebe: ſo muß man es (das unverbrannte Gebein) mit crwas Großem erbetten. To ber iſt

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232 Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. Eſten auch eine Kunſt, daß ſie verſtehen, Kaͤlte zu bewir⸗ ken und darum liegen die Todten fo lange da und verwe— ſen nicht, da ſie eine ſolche Kaͤlte um ſie bewirken. Und wenn man zwei Gefaͤße voll Bier oder Waſſer hinſetzt, ſo koͤnnen ſie es dahin bringen, daß ſie uͤberfrieren, es ſey Sommer oder Winter ). So weit geht Wulfftans intereſſanter Bericht über die ihm merkwürdig ſcheinenden Sitten und Bräuche des Vol- kes in Eſtland oder Preuſſen. Die Art der Todtenbeſtattung muß ihm beſonders wichtig geſchienen haben, da hierüber ſeine Nachricht ſo ſehr ins Einzelne geht. Auch fuͤr uns iſt es ein belehrender und heller Blick auf des Volkes Sitte und Art und deshalb noch um fo wichtiger, da andere ſpaͤ— tere Quellen hieruͤber im Ganzen mit Wulfſtans Schilde— rung ſo ſehr uͤbereinſtimmen, nur daß im Einzelnen ſich manches in ſpaͤterer Zeit veraͤndert hatte, wovon wir ſpaͤter noch naͤher ſprechen werden 2). Wir erfahren aber aus Wulf⸗ ſtans Bericht, daß auch die Preuſſen damals ſchon der all— gemeinen nordiſchen Sitte), die Todten zu verbrennen, ergeben geweſen. Doch ſcheint auch der Gebrauch der Beer⸗ fo viel als to beg, verwandt mit to bid, durch das Gothiſche bidjan bitten, erbitten, betteln. 1) And thonne bis gestreon beod Ihus call aspeded, thonne byrd man hine ut, and forbaerned mid his vacpnum and hraegle. And suidost ealle his speda hy forspendad mid than langan legere ihaes deadan mannes inne. And thaes Ihe hy be thaem saegum alecgad, the tha fremdan to aernad and nimad. And thact is mid Estum iheav, thaet thacr sceal aelces gedeodes man beon forbaer- ned. And gyf har man an ban findeth unforbaerned, hi hit sceo- Jan miclum gebetan. And ihaer is mid Eastum au macgd, khaet hi magon cyle gewryrcan. And thy thaer liegad tha deadan men sva lange and ne fuliad, thact hy vyrcad thone cyle hine on. And theah man aselle tregen faclels full calad odde vaeteres, hy gedod, ihaet other bid ofer froren, sam hit sy summor sam vinter. 2) Diefe jpätere Quelle iſt vorzuͤglich Lucas David, der uns B. I. S. 138 — 143 die Begraͤbnißart der alten Preuſſen ſchildert. 3) Suhm B. I. S. 51. 167. Ruühs B. I. S. 67. Karamſin B. I. S. 83.

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Wulfſtans Reiſebericht über Preuſſen. 233 digung wenigſtens in etwas ſpaͤterer Zeit nicht ungewöhn- lich geweſen zu ſeyn ). Wir erſehen ferner auch, daß Preuſ⸗ ſen damals ſchon treffliche Roſſe zog und daß ſie in hohem Werthe ſtanden 2). Es erhellt außerdem daraus auch die von andern oft erwaͤhnte Neigung der alten Preuſſen zu ſchwelgenden Gaſtgelagen, wobei vor allem dem Trunke ſtark gefroͤhnt wurde. Was endlich die Kunſt belangt, durch welche man eine gewiſſe Kaͤlte zu ſchaffen wußte, ſo ſcheint es am beſten, zu geſtehen, daß wir nicht wiſſen, welche Mittel dabei im Spiele waren, da es doch immer nur Ver⸗ muthungen bleiben, auf welche man dieſe oder jene Mei- nung baut ). Das geſammte Volk alſo, welches Wulfſtan im Oſten des Weichſel⸗Stromes kennen lernt, bezeichnete man zu ſei⸗ ner Zeit noch mit dem Namen der Eſten. Ob ihm auch die Namen der einzelnen Landſchaften bekannt geworden ſind, bleibt ungewiß. Er ſo wenig, als Koͤnig Alfred in ſeiner Beſchreibung Germaniens erwaͤhnen ihrer. Der letztere hatte überhaupt nur eine ungefähre Vorſtellung von dem Lande und dem Volke dieſſeits der Weichſel. „Oeſtlich vom Lande der Maͤhren, ſagt er, liegt das Weichſelland und oͤſtlich von dieſem Dacien, wo früher Gothen waren. Die Nord⸗Daͤnen haben nördlich von ſich denſelben Meeres-Arm, den man Oſt⸗ ſee nennet und oͤſtlich von ihnen wohnet das Volk der Oſten und die Obotriten ſuͤdlich. Die Oſten haben noͤrdlich von ſich denſelben See-Arm, wie die Wenden und Born⸗ 4) Lucas David B. I. S. 139. — Auch bei einigen Ruſſiſchen Voͤlkern fand die Sitte des Begrabens der Todten ſchon fruͤhzeitig Statt; ſ. Karamſin a. a. O. 2) Adam. Bremens. de situ Dan. c. 223 fagt auch von Kurz land: ihi equi oplimi. 3) Forſter a. a. O. S. 101 meint, die ganze Kunſt habe in nichts weiterem, als in einem guten Eiskeller beſtanden, den jeder an⸗ geſehene Preuſſe in oder neben ſeinem Hauſe gehabt. Warum aber wuͤrde es dann Wulfſtan als etwas ganz Beſonderes, als eine Kunſt anführen? Dahlmann glaubt, daß doch wohl auch noch andere Kuͤnſte dabei im Spiele geweſen ſeyen. Aber welche? Etwa die heutigen?

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234 Kriegsfehde mit den Dänen. holmer und ſuͤdlich von ihnen wohnen die Heveller — Haͤfel⸗ dan ). — Sehen wir auch den koͤniglichen Erdbeſchreiber ſich in der Richtung der Wohnſitze der verſchiedenen Voͤlker etwas verwirren, ſo ſcheint doch ziemlich ſicher, daß ſeine Oſten keine andere ſind, als Wulfſtans Eſten, beſonders wenn man die noͤrdliche Erweiterung ihrer Wohnſitze bis gegen Kurland hinzunimmt ). Weit bekannter als dem Koͤnige Alfred ward im Laufe des zehnten Jahrhunderts den Skandinaviern, insbeſondere den Daͤnen Preuſſen mit ſeinen Bewohnern. Wir ſahen früher, daß die Dänen ſchon laͤngſt hie und da an den Baltiſchen Kuͤſten Eroberungen gemacht und an verſchiede— nen Orten auch ſchon foͤrmliche Niederlaſſungen verſucht hatten. Koͤnig Gorm der Alte hatte ſich auch ſchon eines bedeutenden Theiles des Wendenlandes bemeiſtert und ſi— cherlich wuͤrde er weiter gegangen ſeyn, wenn nicht Koͤnig Heinrich der Erſte von Deutſchland ihn zu ſehr beſchaͤftigt haͤtte. Nach ihm beſtieg nun ums Jahr 935 ſein Sohn Harald der Zweite oder Blaatand Dänemarks Thron, noch eifriger in fremden Eroberungen, als fein Vater. Da be— maͤchtigte er fich nicht bloß eines Theiles des Slavenlandes und ſicherte Julin in dieſem Lande durch ſtarke Beſatzun⸗ gen, die nicht ſelten Land und Meer weit umher durch ihre Raubzuͤge beunruhigten *), ſondern er wandte bald fein Augenmerk auch weiter hin nach Oſten. Der eine ſeiner Soͤhne, Haquin, unternahm es, Daͤnemarks Reichsgraͤnzen auch in die öftlihen Lande weiter hinaus zu ſtecken. Von Natur durch Gaben ausgeſtattet, die ihm beim Volke Ver— 1) Nach Dahlmann a. a. O. S. 40 — 421 und Forſter a. a. O. S. 82 — 84. 2) Derſelben Meinung find auch Forſter und Dahlmann. Er⸗ ſterer giebt in feinen Anmerkungen die nöthigen Erläuterungen zu Al⸗ freds Angaben. 1 3) Petri Olai Chron. ap. Lungebeck T. I. p. 117. PFitichindi Annal. ap. Meihom. Seriptt. rer. German. T. I. p. 647. Mallets Geſchichte von Daͤnemark, B. I. S. 223. j

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Kriegsfehde mit den Dänen. 235 trauen erwarben, ſaiamelte er leicht eine Zahl rüftiger und kuͤhner Kriegsleute, mit denen er nach Art der alten See⸗ koͤnige die Oſtſee durchſegelte und an Samlands Kuͤſte lan⸗ dete. Da ſammelten fi die Samlaͤnder in großen Schaaren, den Fremdlingen den weitern Eintritt in das Land zu wehren und das alte Heiligthum Romowe's zu beſchuͤtzen. Es erhob ſich ein blutiger Kampf, in welchem die Daͤnen bei ihrer geringen Zahl durch der Samlaͤnder Tapferkeit ſo ermuͤdet wurden, daß eine Flucht auf ihre Schiffe und großer Verluſt zu befuͤrchten war. Solchem vorzubeugen, ſeine Krieger zum Kampfe auf Leben und Tod zu zwingen und in der Verzweifelung der Gemuͤther neuen Muth zu erwecken, ließ Haquin plotzlich die ganze Flotte durch Feuer vertilgen. So war jetzt nur die Wahl zwiſchen Sieg und Tod und nur im verzweifelten Kampfe die Möglichkeit einer ruͤhmlichen Rettung. In doppelter Ge⸗ fahr erneuerten die Daͤnen das grauſame Schlachten. Die tapferen Samlaͤnder wurden uͤberwaͤltigt, die waffenfaͤhigen Maͤnner durch die erbitterten Daͤnen zum groͤßten Theile ermordet und die Frauen gezwungen, ſich mit den Siegern ehelich zu verbinden. So ließen ſich nun die Daͤnen in dem gewonnenen Lande nieder und gruͤndeten in Samland eine eigene Colonie, weshalb auch, wie nordiſche Quellen bemerken, die Samlaͤnder nicht ohne Grund ihr Geſchlecht von den Dänen herleiten ). 1) Die merkwürdige Stelle des Saure Grammmat. ed. Stephan p. 184 iſt folgende: Haraldum duos ex Gyritha filios sustulisse me mo- riae proditum est. Quorum major Haquinus excellentissimae indo- lis habitu ac foclieissimis naturne incrementis, fratris Sueonis ful- gorem suppresscral. Idem Sembos aggressus, cum militum animos periculosi belli respectu aliquanto infracliores animadverteret, quo mehus fluctuantibus fugae sbem demeret, ignem subductae classi subjecit, eoque necessilalis duramento imbecillitalis ignaviam repu- lit. Effecit enim, ut navigiorum facultate defecti, reditum victoria slruendum animadverlerent. Itaque quo acquiore animo se ipsum classe spoliavit, co tuliore hosli spolia detraxit. Miserta est tunc proſocio fortuna Danici ducis, a navigiorum jactura nautarum prae-

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236 Daͤniſche Niederlaffung auf Samland. In welchem Jahre der Regierung Haralds des Zwei⸗ ten dieſe Eroberung Samlands durch die Dänen erfolgt ſeyn mag, iſt ſchwerlich ſicher zu ermitteln. Für Sam— lands Verfaſſung aber und ferneres Schickſal war es ſonder Zweifel ein Ereigniß von aͤußerſter Wichtigkeit. Gewiß theilten ſich die gluͤcklichen Sieger in das gewonnene Land in der Weiſe, daß jeglicher in dem Gebiete, welches ihm zufiel, des Gebietes eigentlicher Herr blieb, waͤhrend die alten Bewohner deſſelben als Ueberwundene feine dienſt— pflichtigen Unterthanen bildeten. Es entſtand in ſolcher Art, wenn man den Ausdruck gebrauchen darf, ein foͤrmliches ariſtokratiſches Herrenthum, unter welchem fuͤr das eigent⸗ liche Volk nur ſo viel freie Beweglichkeit des Lebens uͤbrig blieb, als Gunſt und Wille der Herren zuließen. Und die Geſchichte beſtaͤtiget wirklich in den nachfol⸗ genden Jahrhunderten dieſe aufgeſtellte Vermuthung. Sie weiſet in der That eine fuͤr Samland ganz eigenthuͤmliche und von der der uͤbrigen Landſchaften Preuſſens bedeutend abweichende Verfaſſung und Geſtaltung der Dinge nach. Sie zeigt uns eine ſolche Anzahl vornehmerer und über gewiſſe Landgebiete herrſchender Familien, denen die uͤbri⸗ gen Bewohner als dienſtbar untergeben waren. Zur Zeit, als der Orden das Land ſchon in Beſitz genommen, er- ſcheint dort ein edlerer und vornehmerer Herren-Stand unter der allgemeinen Benennung der „alten Withinge,“ hoͤchſt wahrſcheinlich fo genannt als Abkoͤmmlinge des Wi: sidia mutuantis, cum summam classis inopiam opem victoriae cer- neret. Igitur ut prudenti, ila periculoso consilio salutarem mini- stravit eventum. Potiti enim Sembia Dani, nceatis maribus foeminas sibi nubere coegerunt, rescissaque domeslicorum matrimoniorum fide, externis avidius inhaerentes, suam cum hoste fortunam com- muni nuptiarum vinculo partiti sunt. Nec immeriio Sembi sangui- nis sui conlextum a Danicae gens familia numerant. Adeo enim caplivarum amor victorum animos cepit, ut omissa redeundi cupi- ditate, barbariem pro patria colerent, alienis quam suis conjugiis propriores. — Vgl. hierüber auch Peiri Olai Chron. ap. Langebeck T I. p. II7. Gheysmeri Comp. ibid. T. II. p. 347.

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Daͤniſche Niederlaſſung auf Samland. 237 den⸗Volkes oder des Gothen-Stammes, aber zugleich ein Name, der zur Zeit Adams von Bremen auch den kuͤhnen raͤuberiſchen Abenteurern eigen war ). Vor des Ordens Ankunft, wie es ſcheint, mit reichlichem Landbeſitz verſehen, mit mancherlei bedeutenden Vorrechten ausgezeichnet, durch großes Anſehen und mächtigen Einfluß auf das Volk herz, vorglaͤnzend und darum auch nachmals vom Orden ganz beſonders beguͤnſtigt, koͤnnen ſie ſchwerlich etwas anderes, als die Nachkommen jener Daͤniſchen Sieger ſeyn, die ſich des Landes als Eroberer bemaͤchtigt hatten. Selbſt ihr Name ſcheint auf dieſen Urſprung hinzudeuten. Und ſo moͤchte dieſes die eigentliche Zeit ſeyn, in welcher dieſe Withinge zuerſt nach Samland kamen. Wie ſtark ihre Zahl bei ih⸗ 1) Hieher gehoͤrt vorzuͤglich die ſchon oben angezogene Stelle des Adam. Bremens. de situ Dan: c. 212: Lundonae in Sconia aurum est plurimum, quod raptu congeritur pixalico: ipst enim piratae, quos illi Withingos appellant, nostri Ascomaunos, regi Danico Aributum solvunt, ut liceat eis praedam exercere a barbaris. Dieſe Worte geben uns Über die in Urkunden fo häufig vorkommenden Withinge Samlands allerdings manches erfreuliche Licht. Zwar meint Bayer in opusc. p. 339, es mülle in dieſer Stelle ſtatt Withingos geleſen wer⸗ den Vikingos, weil eigentlich die Benennung VVikingar für Seeraͤu⸗ ber bei den nordiſchen Schriftſtellern vorkomme. Allein es ſcheint kein Grund vorhanden, warum die letztere Benennung die erſtere verdraͤn⸗ gen ſolle, zumal da Samlaͤndiſche Urkunden aus dem 13ten Sahrhun. derte den Namen XVithiutzi ſicher verbürgen. Es wäre moͤglich, daß dieſer Name WWithintzi aus XWikingar entſtand; aber wahrſcheinlicher iſt doch, daß Witbingi ein Geſchlechtsname iſt und auf die Abſtam⸗ mung von den Widen, Witen oder Gothen hindeutet, denn die auch in andern Namen oft vorkommenden Silben „inge“ find nichts anders, als das alte Inge, Yng, Ingle, unſer Junge, Juͤngling, in Namen fo viel als Sproͤßling, worüber vergl. Barths urgeſchichte B. II. S. 369. So erwähnt Jornand. de reb. Get. c. 3 auch eines Volkes Othingi, ein Name, dem gewiß eine aͤhnliche Herſtammung zum Grunde liegt. Suhm B. II. S. 111. Auch die Bildung des Worts Lithingi, womit bei den Longobarden quacdam nobilis prosapia bezeichnet wurde, “ft ſehr ähnlich; Paul. Nurnefrid. L. I. c. 21. Am Ende kommt es freilich auf Eins hinaus, denn Withinge waren Seeraͤuber, alſo Vi⸗ Finger ihrem Geſchaͤft und Gothen oder Widen ihrem Stamme nach.

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236 Daͤniſche Niederlaſſung auf Samland. rer Ankunft geweſen ſey, wird uns nicht berichtet; wir wif- ſen jedoch aus andern Beiſpielen, daß ſolche Unternehmun⸗ gen von Skandinavien aus oſt mit einer ſehr zahlreichen Huͤlfsgenoſſenſchaft, zuweilen mit vielen Tauſenden ausge⸗ führt und der Gewinn aus der Gefahr dadurch um fo fi- cherer geſtellt wurde ). Die neue Niederlaſſung in Sam⸗ land geſchah aber vorzuͤglich in deſſen mittlern Gegenden, nördlich von Laptau herunter über Rudau, am Galtgarben bis Medenau herab und dann fort bis Quedenau, denn in dieſen Gebieten ſcheint der urſpruͤngliche Stammſitz der Withinge geweſen zu ſeyn, von welchem aus dann ihre weitere Verzweigung in die öftlichen Theile geſchah 2). Sie hatten alſo in dieſer Zeit ihrer erſten Eroberung nur den größten Theil des weſtlichen Samlands, das Kuͤſtengebiet, an welches der Bernſtein ausgeſpuͤlt wird und folglich zu= gleich auch die Gegend im Beſitze, wo das heilige Romowe lag, und vielleicht, daß dieſer Umſtand auch am meiſten dazu beitrug, die alten Landesbewohner in ihrem Gehorſam zu erhalten. In welchem Verhaͤltniſſe aber dieſe Daͤniſche Anſiede⸗ lung in Samland forthin mit dem Mutterlande geſtanden habe, ob ſie mit dieſem in freundſchaftlicher Verbindung, vielleicht in Handelsgemeinſchaft oder in einer Art von Un— terthaͤnigkeit geblieben ſey, oder ob ſie ſich gleich Anfangs als voͤllig unabhaͤngig betrachtet und vom Vaterlande gaͤnz⸗ lich losgeriſſen habe, das alles hat in dieſer Erſcheinung die Sparſamkeit geſchichtlicher Quellen voͤllig im Dunkel gelaſſen. Es ſcheint jedoch, als habe die Kolonie ſich gleich Anfangs fuͤr voͤllig frei und unabhaͤngig von Daͤnemarks 1) Adam. Bremens. histor. eceles. c. 73 — 74 führt ſogar einmal eine Schaar von 20,000 an. Unter dem Namen von Ascoman- nen fielen ſie im Jahre 996 in bedeutender Zahl auch in die Gegen⸗ den der Elbe bei Stade ein; ſ. Ditmar Merseburg. p. 77 — 78. Wedekinds Noten zu einigen Schriftſtellern des M. A. H. I. S. 30. 2) Vgl. meine Abhandkung über die Withinge in der Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſchaft S. 221.

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Daͤniſche Niederlaſſung auf Samland. 239 Herrſchaft angeſehen, waͤhrend man im Mutterlande ſelbſt eine gewiſſe Oberherrſchaft auch uͤber dieſe Kolonie, wie über die andern im Slavenlande behaupten zu koͤnnen ges glaubt habe. In den erſten Zeiten freilich, als nach Harald Blaatands Tod Koͤnig Swen der Erſte auf dem Oaͤniſchen Throne ſaß, zogen die verwirrten Kriege mit Norwegen und die wiederholten Verſuche zu Englands Eroberung die Thaͤtigkeit der Daͤnen viel zu ſehr nach Norden und nach Weſten hin, als daß man der neuen oͤſtlichen Kolonie be- ſondere Aufmerkſamkeit haͤtte ſchenken koͤnnen. Wir werden aber ſpaͤter ſehen, daß nach Englands Eroberung, als Ka— nut der Große zum Throne Daͤnemarks gelangte, auch die Geſtalt der Dinge in Samland ſich merklich aͤnderte. Wenden wir zuerſt nun unſern Blick auf Preuſſens ſuͤdliche Landſchaften und auf den erſten Verſuch hin, das Volk im Kuͤſtenlande der Oſtſee zum chriſtlichen Glauben zu bekehren.

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Viertes Kapitel. Preuſſens ſuͤdliche Landſchaften hatten Maſovien und Po- len zu Nachbarlanden. Schon in fruͤhen Zeiten waren die Voͤlker dieſer Laͤnder, wie vorhin erzaͤhlt worden, einander mehrmals feindlich begegnet. Zwar hat die Sage die Nach— richten uͤber dieſe feindlichen Beruͤhrungen vielfach umwebt und verdunkelt; allein auf der Bildungsſtufe und unter den Verhaͤltniſſen, in welchen damals Maſoviens und Polens Voͤlker fanden, liegen Begegnungen ſolcher Art der Natur des Menſchen viel zu nahe, als daß nicht auch hierin ſchon eine geſchichtliche Begruͤndung fuͤr jene Ereigniſſe gefunden werden duͤrfte. Die Geſchichte aber fuͤhrte auch hier den Menſchen weiter in der Geſtaltung ſeiner Verhaͤltniſſe und in der Ordnung ſeines Lebens. Nach jenen Kaͤmpfen und Fehden zwiſchen den Voͤlkern Maſoviens und Polens und den Bewohnern Preuſſens machten die innern Bewegungen und die gaͤhrende Unruhe, die in Polen mit der Heranbil- dung des getheilten Volkes zum Verbande und zum Gan— zen eines Staates verknuͤpft waren, auf viele Jahre hin die Beachtung des Friedens mit dem noͤrdlichen Nachbarlande ſchon von ſelbſt nothwendig. Es war naͤmlich in alter Zeit auch Polen, in gleicher Weiſe wie Preuſſen, von einzelnen kleineren Voͤlkerſchaften bewohnt. Zwar war es Ein Stamm, dem ſie alle ange⸗ hoͤrten; allein bei der Einwanderung in das Land hatte ſich das heranziehende Volk in einzelne Schaaren getheilt und wo es ihnen gefiel, hatten dieſe Haufen ihre Wohnſitze

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Polens frühefte Zeiten. 241 eingenommen. Die Fuͤhrer dieſer Volkshaufen waren auch nach erfolgter Niederlaſſung als Haͤupter und Vorſteher uͤber ihnen ſtehen geblieben und ordneten und regierten nun das Gemeinweſen in einzelnen Gebieten unter den Namen von Kniaſten, Panen, Woiwoden oder Zupanen. Lange ſtanden dieſe verwaltenden Gebieter ohne ein gemeinſames Band frei neben einander da, das Volk unter ihnen zwar in pflichtigem Gehorſam, jedoch immer auch in ziemlich freier Beweglichkeit ). So war in den allgemeinſten Zuͤgen die Geſtalt des Landes und das Bild des Lebens in jenen dunkeln und fa= genvollen Zeiten, als der Fuͤrſtenſtamm der Leſcheks unter den Oberhaͤuptern des Volkes mehr und mehr hervortritt. Schon des dritten Leſcheks Sohn, Popiel der Erſte, Herzog oder Fuͤrſt von Gneſen, hatte uͤber eine viel bedeutendere Macht zu gebieten, als des Landes uͤbrige Fuͤrſten neben ihm, denn außer Gneſen ſtand auch ſchon Cruſchwitz unter feiner Herrſchaft ). Höher aber erhob ſich nach ihm der Stamm Piaſts, als deſſen Sohn durch die Sitte der Haar⸗ beſchneidung zu des Volkes Heerfuͤhrer und des Landes Regenten erkoren ) und Semovit genannt, jenes Popiels Geſchlecht durch Mord vertilgte und in ſolcher Weiſe durch Blut und Graͤuel das Herrenthum der fruͤher gebietenden Fuͤrſten mehr zum Ganzen einer feſten Herrſchermacht ver⸗ einte ). Dieſe Macht aber wirkte bald noch weiter; denn Semovit erweiterte die Graͤnzen feines Herrſchergebietes auch ſchon nach außenhin, wiewohl fie damals ſich weder ſchon auf Pommern, noch auf Preuſſen erſtreckten ). Auch 1) Die Beweiſe für dieſe Darſtellung der Dinge liegen bei Kadlu- beck L. I. ep. 16. p. 78; Martin Gallus p. 58, Boguphal Chron. ap. Sommersberg script. rer. Siles. T. IL p. 20 — 21. Vgl. auch Lelewel bei Ossolinski ©. 572. 2) Boguphal, p. 22. 3) Martin. Gallus p. 58. Lelewel a. a. O. S. 574. 4) Martin Gallus p- 58 — 59. Kadlubeck L. II. ep. 3. p. 104. Boguphal p. 23. 5) Martin Gallus I. c. — Nur der fpätere, unkritiſche Dlugoss . 16

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242 Einführung des Chriſtenthums in Polen. noch unter feinem Sohne Leſchek und feinem Enkel Ziemo⸗ mysl, beide Kriegsluſtige und durch Tapferkeit im Kampfe hervorglaͤnzende Fürften, und ſelbſt noch zur Zeit Mjesko's, der mehre Nachbarvoͤlker mit Krieg heimſuchte und vielfach beunruhigte, blieben doch immer noch Preuſſen ſowohl, als das nachbarliche Pommern von den Waffen der Polen un: beruͤhrt und noch ging hier kein Gebot uͤber Polens Graͤn⸗ zen hinaus ). Durch dieſen letzten Fuͤrſten aber erhielt nun auch der chriſtliche Glaube ſeine erſte feſte Begruͤndung in Polen, denn Mjesko's Liebe zu der ſchoͤnen Boͤhmiſchen Fuͤrſten⸗ tochter Dombrowka, die ſeine Gemahlinn ward, bewog ihn, ſeinen ſieben Frauen zu entſagen und die Weihe der Taufe zu empfangen. Solches geſchah im Jahre 966. Und dem Beiſpiele des Fuͤrſten folgte dann auch das Volk, doch weit mehr durch Mittel des Zwanges getrieben, durch ſtrenge Gebote und harte Strafen zur Beobachtung chriſtlicher For⸗ men und chriſtlicher Gebraͤuche gezwungen, als gewonnen durch belehrende Ueberzeugung und hingezogen durch die Macht der chriſtlichen Wahrheit 2). Nach alten Sagen aber war es nicht das erſtemal, daß das göttliche Licht chriſtlicher Erkenntniß in den nordi⸗ ſchen Landen zu leuchten begann. Viele Jahrhunderte zu⸗ vor ſoll ſchon der heilige Andreas nach dem Norden wan- dernd im Scytiſchen Lande den Glauben an das Kreuz weit und breit verkuͤndigt haben ), und nachmals iſt das chriſtliche Werk, wie die Sage weiter erzaͤhlt, auch durch histor. Polon. T. I. p. 85 weiß von mancherlei Kriegen gegen die Preuf- fen, Pommern und Kaſſuben unter Semovit zu erzählen. 1) Lelewel bei Ossolinski S. 574 — 576. 2) Martin. Gallus p. 59. Boguphal p. 24. Kadlubeck L. U, ep. 9. p. 121. .Ditmar Merseburg. ed. Mader p. 89. Annalisiu Samo p. 345. Vgl. vorzuͤglich Zeiewei bei Ossolinski S. 565 in dem beſondern Abſchnitte Über die Einführung des Chriſtenthums in Polen. 3) Marian. Scotti Chron. ap. Pistor. T. I. p. 555. Nicephori

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Einführung des Chriſtenthums in Polen. 243 die heiligen Maͤrtyrer Simon und Thaddaͤus theils wieder⸗ um neu begonnen, theils weiter fortgeſetzt worden ). Nach andern Berichten kam im ſiebenten Jahrhundert der heilige Suibert aus Britannien nach Preuſſen, um hier das Evan- gelium Jahre lang unter den Heiden zu verkuͤndigen 2), Aber ſicher laͤßt ſich ſolches nicht begründen. Höhere Ge⸗ wißheit hat jedoch die Nachricht, daß zu der Zeit, als die berühmten Heidenbekehrer Methodius und Eyrillus unter den Maͤhren den Glauben predigten, mehre von ihnen ent⸗ ſendete Apoſtel auch unter die noͤrdlichen Slaven-Voͤlker nach Schleſien und Polen gewandert ſeyen und dort das Wort des Herrn nicht ohne Erfolg verkuͤndigt haben >). Wenn aber damals bei dieſen Voͤlkern auch wirklich die er— ſten Strahlen des chriſtlichen Lichtes zu leuchten begannen, fo waren doch jene Förderer des Glaubens weder nach Preuſ— ſen, noch bis ins nachbarliche Pommern gekommen. Hier war noch bis ins zehnte Jahrhundert kein Laut einer chriſt— lichen Verkuͤndigung vernommen worden, denn es iſt ſelbſt zweifelhaft, ob nach der Gründung der Polniſchen Bisthuͤ⸗ mer das Wort des Evangeliums heruͤber ins Kulmiſche Land gekommen ſey. ). Desgleichen hatte auch auf das benach⸗ barte Pommern der Polen fruͤhere Bekehrung weiter keinen Einfluß; auch dort lebten noch die alten Goͤtter in voller Kraft des Glaubens ihrer Verehrer und der Prieſter Swan- Callisti histor. eccles. L. II. c. 39. Cf. Schotti Prussia Christiana sive de introductione religionis christianae in Prussiam per Mar- tyres tentata. Gedan. 1734. p. 8 — 10. 1) Otto Frisingens. Chron. L. III. c. 15. Andere nennen ſtatt des Simon den heil. Bartholomäus. Hartknoch Dissert. de origine religionis christianae in Prussia $. 1. : 2) Clagius in Linda Mariana L. I. c. 7. Leo histor. Pruss. p. 34 fagt geradehin: Suibertum per biennium primum in Prussia evangelium Christi pracdicasse. 3) Baronii Annal. cceles. T. X. an. 867. Hartknoch l. c. $. 2. Schott]. c. p. 11 — 14. Lelemel d. a. O. S. 565. 4) Schott. I. c. p. 15. 16 *

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244 Die Kindheit des h. Adalberts. tewits ſtand noch da in ſeiner ganzen hoch erhobenen Macht und in dem Glanze feiner Heiligkeit ). Da geſchah aber, daß um das Jahr 950 in der Graf⸗ ſchaft Lubik in Böhmen dem Grafen Slawnik ein Sohn geboren ward ), welchem die Aeltern den Namen Woycech ertheilten, wie man ſagt, nicht ohne Hinblick auf eine ganz andere Beſtimmung des Sohnes, als ſie ihm nachmals zu Theil wurde ). Des Knaben Aeltern waren mit mehren fuͤrſtlichen Haͤuſern nahe verwandt, und wenn des Vaters Verwandtſchaft mit dem damaligen koͤniglichen Haufe Deutſchlands auch nicht klar nachzuweiſen iſt, wiewohl von manchen fie vorgegeben wird?), fo war doch Woycechs Mutter, Strzezislawa genannt ), aus dem Herzogshauſe in Boͤhmen entſproſſen und, wie einige behaupten, eine 1) Helmoldi Chron. Slavor. c. 6. L. II. c. 12. 2) ueber das Geburtsjahr Adalberts iſt man im Zweifel, indem die alten Lebensbeſchreiber deſſelben nicht erwähnen; vgl. Felwich Exer- citatio historica de vita S. Martyris Adalberti, Regiomont. 1693. F. 1. Seyler im Erlaͤutert. Preuſſ. B. II. S. 82. Hartknochs Kirchengeſchichte S. 13 und Arnold in ſ. Kirchengeſchichte S. 69 neh⸗ men, auf fpätere Angaben geſtuͤtzt und ohne weitere Erweiſe, das Jahr 939 als das Geburtsjahr an. Scholl. l. c. S. 19 bringt mehre Gründe bei, daß Adalbert ſpaͤter geboren ſey; doch iſt das von ihm angenom⸗ mene Jahr 950 oder 953 wohl keineswegs ganz ſicher zu ſtellen. An- nalista Saxo p. 333 ſetzt den Tod des Vaters Adalberts (von ihm Dux Slaswe genannt) ins Jahr 981. Die Mutter ſtarb 987 nach dem⸗ ſelben Chroniſten p. 346. 3) Die Legenda de S. Adalberto (von welcher ein alter Druck mit der Angabe: Impressum Cracovie in eclibus providi viri Joannis Haller. Anno partus virginalis Millesimo quiugentesimo undecimo. die Mereurii. vigesima quarta mensis Decembris vor mir liegt) er⸗ klaͤrt den Namen Woycziech ex vulgari bohemico durch hellum quie- tans aut mitigans seu bellatores consolans, und Helwich I. c. F. I. führt an, daß Zoleluezky in rosa Bohem. P. II. p. 32 den Namen durch consolatorem exercitus deute. Uebrigens kommt der Name oft ſehr verdorben vor; Annual. Samo ſchreibt XWogteh. 4) Vgl. Schott. p. 23 — 24. 5) Legenda de s. Adalb. p. 90. Kadlubeck ed. Gedan. p. 34.

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Die Kindheit des h. Adalberts. 245 Schweſter des Herzogs Boleslav des Zweiten und Wences⸗ lavs von Boͤhmen ). An Reichthum und hohem Anſehen unter den Edlen Boͤhmens, wie an allgemeiner Achtung unter dem Volke kamen dem Grafen wenige unter Boͤh⸗ mens Großen gleich und an weiblicher Tugend, an Froͤm⸗ migkeit der Geſinnung und an Reinheit des Wandels und der Sitte konnte die Mutter kaum uͤbertroffen werden: ſchon ihr Name deutet auf ihres Lebens Reinheit hin 2). Von dieſen Aeltern im Kreiſe ſeiner andern Bruͤder ſorgſam gepflegt, wuchs der Knabe zum Juͤngling heran und feine ausgezeichnete koͤrperliche Schönheit ließ fie die Hoffnung faflen, daß er einft fein Gluͤck in der Gunſt fuͤrſt⸗ licher Höfe finden werde. Seine Erziehung zielte daher in allem auf weltliche Bildung fuͤr hoͤhere Kreiſe hin ). Al⸗ lein das Schickſal wollte es anders. Da eine ſchwere, haͤß⸗ liche Krankheit des Juͤnglings bluͤhende Geſundheit gaͤnz⸗ lich zerruͤttete und der Tod ihm drohete, ſo widmeten die ſchwerbekuͤmmerten Aeltern in der Angſt der Todesgefahr vor dem Altare der heiligen Jungfrau den wiedergeneſen⸗ den Sohn dem Dienſte Gottes und der Kirche. Und da 1) Autor Chron. Magdeburg. in Meibomii Script. T. II. p. 275. Schott p. 21. Die Legenda de s. Adalb. p. 90 fagt: beatus Adalbertus ex nobili et prmiaria ducali ac christiana slirpe proge- nitus und von den Aeltern: hi parentes quemadmodum illustres ge- nere, sic et celebres nominibus claruerunt. 2) Cosmas ‚Pragens. vita s. Adalberli in Freheri Scriptt. rer. Bohem. p. 74. Der Vater wird jedoch des unerlaubten umganges mit mehren Frauen beſchuldigt; ſ. Suni vita s. Adalbert. Vom Na: men der Mutter ſagt die Legenda de s. Adalb.: nomen Strzezyslawa prae se fert ſamae honestatisque custodiam. ueber die bedeutenden Beſitzungen, welche Adalberts Vater hatte, ſpricht Annalisia Saxo p- 333. 3) Legenda de s. Adalb. p. 90. Cosmos Pragens. 1. c., wo die Worte: inter magnanimos juvenes, quos procreaverunt, natus est illis puer speciosior eunclis zu erkennen geben, daß Woycech noch mehre ältere Bruͤder hatte. Annaliste Saxo p. 361 nennt noch fünf Bruͤder Adalberts, naͤmlich Sobebor, Spitimir, Dobraizlau, Porei und Caslau; vgl. p. 400.

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246 Adalberts Bildung in Magdeburg. der Juͤngling ſeitdem genas, ſo erfuͤllten die Aeltern das fromme Geloͤbniß. Es war der glaͤubigfromme Geiſt der Zeit, daß die neue Gabe des Himmels auch nur allein der Sache des Himmels gewidmet ſeyn dürfe ). Die fromme Mutter lehrte ihn nun die Pfalter beten und gab ihm Un⸗ terricht im Glauben. Da aber Woyeech in das Alter eintrat, in welchem er zu ſeiner einſtigen Beſtimmung des ernſteren Unterrichts und umfaſſenderer Belehrung in goͤttlichen und weltlichen Dingen bedurfte, ſo ſandte ihn der Vater in die zwar un⸗ laͤngſt erſt gegruͤndete, aber ſchon in großer Bluͤthe ſtehende Schule an der Kirche zu Magdeburg im Kloſter des heil. Mauritius 2). Noch nicht ein halbes Jahrhundert vorhan⸗ den, verdankte dieſe mit dem erzbiſchoͤflichen Stifte in Ver⸗ bindung ſtehende Anſtalt ihren ſchnellen Glanz und großen Ruhm dem damaligen Erzbiſchofe Adalbert, der zuvor als Abt des Kloſters zu Weiſſenburg im Bisthum Speier zur Verbreitung des Glaubens nach dem Norden 2) gewandert war, aber ohne Erfolg zuruͤckgekehrt und zum erzbiſchoͤfli⸗ chen Stuhle erhoben, in ſeinem Amte ſich hohe Verdienſte wie um den Altar, ſo um die Welt erwarb. Dieſer Mann, in dem damaligen Kreiſe des gelehrten Wiſſens durch fruͤ— here Studien als Moͤnch im Kloſter S. Maximin zu Trier eben ſo bewandert und in ſeinen Kenntniſſen bewundert, 1) „Parentes veniunt ad lemplum cum magna humilitate et dejectione cordis ponentesque puerum supra altare S. Mariae vo- inm placabile voverunt cum Domino.“ Cosmas Pragens. p. 74. Legenda de s. Adalb. p. 90, 2) Rathmann Geſchichte der Stadt Magdeburg B. I. S. 43. 3) Nach einigen begab ſich Adalbert nach Ruͤgen, nach andern nach Rußland. Wenn indeſſen manche den Abt ſtatt nach Rußland nach Ruͤgen wandern laſſen, fo ſcheint dies nur ein Irrthum des Chron. Magdeburg. ap. Meibom. T. II. p. 273 — 274 zu ſeyn, der aus Dimar Merseburg. p. 29 zu verbeſſern iſt. Doch koͤnnte hier wohl auch eine Verwechſelung zweier Männer des Namens Adalbert Statt finden; ſ. Chron. Hirsaug. T. I. p. 104. Annalista Saso ap. Eerard. T. I. p. 302. 317.

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Adalberts Bildung in Magdeburg. 247 als wegen der Reinheit feines Wandels und der Biederkeit ſeiner Geſinnung, wegen ſeiner aufrichtigen Gottesfurcht und wegen ſeines taͤglichen Strebens, durch That und Hand⸗ lungen zu bewaͤhren, was die Zunge lehrte, als Menſch ſo hoch geachtet durch die Offenheit ſeines Charakters, als Prieſter durch Wachſamkeit und Treue in ſeinem Amte ſo ſehr aller Verehrung wuͤrdig, die ihm auch nahe und fern zu Theil ward, und als Verkuͤndiger des Glaubens unter den Heiden, vornehmlich unter den Slaven-Voͤlkern ſo hoch verdient, ſo ſtandhaft unter allen Muͤhen, ſo beharrlich ſelbſt in den Gefahren ſeines Lebens, daß ihn Kaiſer und Papſt mit hoher Gunſt beſchenkten ), dieſer Mann, deſſen Name im ganzen Reiche mit Achtung und Ehrfurcht ges nannt ward, nahm den jungen Grafen Woycech mit einer Liebe und Freundlichkeit auf, die den Juͤngling nicht min⸗ der uͤberraſchte, als fie ihn mit waͤrmſter Liebe erfüllte >). Seitdem war Adalbert des Juͤnglings Muſter und Ziel ); für den Aufſchwung feines Geiſtes ein mächtiger Antrieb! Große Beiſpiele ſind immer die ſchoͤnſte Schule des Le⸗ bens. So trat der aufſtrebende Juͤngling in eine große Zahl von jungen Deutſchen ein, welche der weite Ruf der Mag- deburgiſchen Schule aus allen Theilen des Vaterlandes hier zuſammengefuͤhrt hatte, denn fuͤr den hoͤheren Stand gab es in damaliger Zeit keine andere Bildungsanſtalten, als ſolche mit geiſtlichen Stiftern verbundene Pflanzſchulen. Die zu Magdeburg glaͤnzte damals aber vor allen hervor, denn ſie ſtand zunaͤchſt unter der Leitung Otherichs, eines Mannes, deſſen Gelehrſamkeit in allem, was in jener Zeit den Kreis des menſchlichen Wiſſens bildete, in ganz Deutſch⸗ land geruͤhmt ward und die Bluͤthe der Schule nicht we— 1) Chron. Magdeburg. p. 273. 2) Cosmas Pragens. p. 74. Legenda de s. Adalb. p. 91. 3) Ueber Adalberts Lob giebt es nur Eine Stimme; Dinmum Mer- seburg. P. 29. Annalista Samo ap. Eccard. Seriptt. T. I. p. 302 Legenda de s. Adalb. p. 90.

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248 Adalberts Bildung in Magdeburg. nig mit beförderte !). Ihm hatte der Erzbiſchoſ Adalbert den Juͤngling zunaͤchſt anvertraut und an ihn ſchloß ſich dieſer auch mit aller Waͤrme ſeines Herzens an. Als nun nach Verlauf einiger Zeit der Erzbiſchof dem jungen Manne die Weihe zum geiſtlichen Stande ertheilte, legte er ihm ſtatt ſeines weltlichen Namens Woycech den ſeinigen bei, zum Beweiſe, welche Hoffnungen in feiner neuen Beſtim— mung auf ihn geſetzt ſeyen 2). Der junge Adalbert ent⸗ ſprach auch bald ſolchen Erwartungen durch ſeinen Ernſt beim Unterrichte, durch die lebendigſte Theilnahme in allen Uebungen zur Bildung ſeines Geiſtes, nicht minder aber auch durch die ſtrengſte Reinheit und Froͤmmigkeit ſeines Wandels und durch den regſten Eifer in allen goͤttlichen Dingen. Ohne jemals Theil zu nehmen am luſtigen Spiele und an den Vergnuͤgungen ſeiner Schulgenoſſen zog ihn die Neigung einer ſinnigen Schwaͤrmerei, damals der Geiſt der Froͤmmigkeit, nicht ſelten hin an die Begraͤbniſſe ver- ehrter Maͤrtyrer, oder an ſtille, einſame Orte zur Andacht im Gebete; dort fang er die Pſalme Davids zu feiner Er⸗ hebung, und oftmals brachte er Naͤchte in den Kirchen vor den Bildniſſen der Heiligen, oder in der Pflege der Armen und Kranken zu. In ſolcher Weiſe aber erwarb er ſich die ungetheilte und waͤrmſte Liebe des Erzbiſchofs und ſeines Lehrers Otherich 2). Andere Zeiten wuͤrden der Geiſteskraft Adalberts eine andere Richtung und ſeiner Bildung einen 1) Dieſer Otherich war Scholaſticus des Kloſters zu Magdeburg. Cosmas Pragens. I. c. nennt ihn plulosophus. Das Chron. Magde- burg. p. 277 fagt von ihm: multos liberalium artium disciplinis no- biliter instruxerat, quia et sapientia et ſacundia sui temporis ma- gistris incomparabilis erat. Vgl. über ihn die geſammelten Stellen in Helwig de vita s. Adalb. $. 2. Weber die damaligen Schulen zu Magdeburg ſ. Rathmanns Geſch. d. Stadt Magdeburg B. I. S. 90. 2) Legenda de s. Adalb. p. 91. Cosmas Prag. p. 75. Paul Langü Chron. Citicens. ap. Pistor. T. I. p. 1127. Canisi vita de s. Adalb. p. 334. 3) Cosmas Pragens. I. c. Legenda de s. Adalb. p. 91. Canisü vita s. Adalb. p. 334.

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Adalberts Bildung in Magdeburg. 249 andern Charakter gegeben oder wenigſtens doch moͤglich ge⸗ macht haben; damals aber hieß es Groͤße des Geiſtes, Er⸗ habenheit uud Edelmuth der Seele, Tugend in Thaten und Geſinnungen, ſo zu leben, wie Adalbert. „Dieſen Juͤng⸗ „ling hat Gott geſegnet, der ſchon in ſo zarter Jugend zu „ſolchen herrlichen und bewunderungswuͤrdigen Werken der „Tugend ſich erhebt!“ ſprachen die, welche ihn in ſeinem Lebenswandel kennen lernten ). Zu dem aber, was Adal⸗ bert ward, hatten ihn vorzuͤglich der Erzbiſchof und ſein Lehrer Otherich gebildet; zu beiden hegte Adalbert fort und fort die innigſte Anhaͤnglichkeit und waͤrmſte Liebe; beide waren ihm die hoͤchſten Muſter in allem, was in goͤttlicher und menſchlicher Erkenntniß und im frommen Wandel vor Gott und Menſchen zu erſtreben iſt. Adalbert genoß jedoch Otherichs Unterricht nur einige Jahre. Ein Zwiſt zwiſchen dieſem hochgeſchaͤtzten Lehrer und dem Erzbiſchof bewog den erſtern, ſeinem Lehramte zu entfagen und ſich an den Hof des Kaiſers Otto des Zwei— ten zu begeben, wo ihn dieſer zu feinem Caplan erhob 2). Um ſo mehr ſchloß ſich nun der junge Adalbert an ſeinen hohen Goͤnner, den Erzbiſchof, mit ungetheilter Liebe an; allein auch dieſer ward ihm am 21ſten Mai des Jahres 981 plotzlich durch den Tod entriſſen, und Adalbert begab ſich jetzt, nachdem er gegen neun Jahre in Magdeburg im Moritzkloſter verlebt hatte ), nach Boͤhmen zuruͤck, um in 1) Talibus et his similibus virtutum exereitiis deo plenus pue- rulus multorum in se defixit oculos mirantium et dicentium: Bene- dicens benedixit hunc puerum deus, qui jam in hac actate tam ienera ad optima et admiranda virtutum opera sic consurgit, Le- genda de s. Adalb. p. 91. 2) Die Legenda de s. Adalb. I. c. druͤckt dieſes ſo aus: Magistro suo nomine Odone quodam philosopho in tota Saxonia ſamosissimo in clientelam Imperatoris transeunte. Nach Rathmann a. a. O. S. 91 vertrieb Otherichen der Neid des Erzbiſchofs. Chrom Magde- burg. p. 277. Cosmas Prag. l. c. Schott. p. 29. Canisii vita s. Adalb. p. 335. Annalista Saxo p. 331. 3) Vita s. Adalb. ap. Surium. Nach Cosmas Prag. Chron.

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250 Adalbert, Biſchof von Prag. Prag unter dem Biſchof Diethmar in den Dienſt der Kirche zu treten. Hier bekleidete er das Amt eines Subdiaco⸗ nus ), und gewann durch ſeinen Eifer im kirchlichen Dienſte und durch die Reinheit feiner Sitten bald eben fo das Vertrauen und die Liebe ſeines Biſchofs, als die Gunſt und Hochachtung ſeines Fuͤrſten 2), des Herzogs Boleslav des Erſten, der erſt kurz zuvor das Bisthum Prag errich- tet hatte. Auch hier lebte Adalbert nur dem Berufe ſeines Am— tes, ſeinen Pflichten des Gottesdienſtes, der Wohlthaͤtigkeit gegen Arme und Leidende und der Beſchaͤftigung in ſeinen Buͤchern, die er in großer Zahl aus Magdeburg mit ſich gebracht hatte 2). Und da der Biſchof Diethmar bald nach⸗ her gegen das Jahr 983 ſtarb und der biſchoͤfliche Stuhl zu Prag von neuem beſetzt werden ſollte, wußte Herzog Boleslav und die Großen des Landes, die zur Wahl beru- fen waren, keinen wuͤrdigeren Nachfolger, als den frommen, vom Volke hochgeachteten Adalbert). So ward er ein⸗ muͤthig und mit jauchzendem Zurufe des geſammten Volkes zum Biſchof des Landes erwaͤhlt ), und durch das ganze p. 15 war Adalbert jedoch länger als zehn Jahre in Magdeburg ges weſen. In Canisii vita s. Adalb. p. 335 heißt es: Quot annis stu- duit, incerlum est. Wenn nach Annalista Su. vo p. 333 Adalberts Vater im Jahre 981 ſtarb, fo kann ihn auch dieſer Umſtand zur Rück kehr nach Boͤhmen bewogen haben. Auch dieſer Chroniſt giebt Adalberts Aufenthalt in Magdeburg auf etwa 10 Jahre an. 1) Vita s. Adalb. ap. Surium. Cosmas Prag. Chron. p. 15 Canisii vita S. Adalb. I. c. Annalista Saxo p. 335. 2) Legenda de s. Adalb. p. 91. 3) „Non modicam librorum copiam referens.“ Annulista Saxo p. 335. 4) Cosmas Prag. Chron. I. c.; doch irrt dieſer Chroniſt in Ruͤck⸗ ſicht der Zeitangabe. Vgl. Baronii Annal. Eecles. T. X. p. 839. Dubravii Historia Bohemica p. 44. Schott p. 32 — 34. 5) Inquisitione facta, quem sibi constituant episcopum, res- ponderunt clamantes unanimiter onmes una voce coelitus inspirali: quem alium uisi indigenam nostrum dominum Adalbertum, cuius actus, vita atque nobilitas, divitiae, scientia el sanclitas cum ho-

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Adalbert, Biſchof von Prag. 251 Land verbreitete ſich die allgemeinſte Freude und Zufrieden⸗ heit uͤber den neuen Hirten der Kirche. Da begab ſich Adalbert nach Verona, um dort, empfohlen von dem Her⸗ zoge ſeines Landes, vom Kaiſer Otto dem Zweiten durch Ring und Stab die Beſtaͤtigung ), und dann auch nach Mainz, um von dem dortigen Erzbiſchofe Williges, unter def- ſen geiſtliche Obhut das Prager Bisthum geſtellt war, die bifchöfliche Weihe zu erhalten 2). Ueberall begleitete den neuen Biſchof ein bedeutendes Gefolge, welches der Herzog zu feinem Schutze ihm zugeordnet hatte. Als er aber heim⸗ kehrend vor Prag wieder ankam und das jauchzende Volk in großer Zahl ihm entgegenſtroͤmte, zog er baarfuß und ohne Schmuck und Glanz in die Stadt ein und beſtieg nun erſt den Biſchofsſtuhl 3). Aber nur zu bald verwandelte ſich der ganze Zuſtand der Dinge. Denn ſo groß auch immerhin die Achtung und die Liebe war, die ihm beim Volke die ſittliche Reinheit ſeines Lebens, ſeine Mildthaͤtigkeit und ſein Mitleid gegen Arme und Ungluͤckliche, und ſein frommer, gottergebener Wandel erwarben, ſo ward doch bald auch ſein Eifer in nore concordant. Legenda de s. Adalb. p. 91. Canisii vita s. Adalb. p. 336. Annalista Samo p. 335 berichtet, daß „ ſacla est haec electio non longe ab urbe Praga in oppido Levigradeo XI Kal. Marti, eodem anno, quo obiit Tbietmarus Episcopus, qui IV non. Ja- nuarii decesserat.“ 1) Annalista Samo p. 336 läßt die Beſtätigung am Zten Juni erfolgen. 2) Vita s. Adalb. ap. Surium. Canisii vita s. Adalb. p. 336. c. 10. Cosmas Prag. I. c. Legenda de s. Adalb. p. 91. Nach Anna- lista Saxo p. 336 war der Erzbiſchof von Mainz mit zu Verona und verichtete dort die Weihe. Aber er läßt ihm dort auch erſt den Namen Adalbert ertheilen, fuͤgt freilich hinzu, daß ihn auch der Erzbiſchof von Magdeburg ſchon ſo genannt habe. 5 3) Die Legendu de s. Adalb. I. c. giebt hiebei das Jahr 969 an und ſagt, Adalberts Weihung ſey geſchehen in ſesto apostolorum Petri et Pauli. Diefe letzte Beſtimmung hat auch die vita s. Adalb. ap. Canis. Allein jenes offenbar ganz unrichtige Jahr läßt dieſe weg. Annalista Sazxo p. 336 verbeſſext jenes Jahr 969 in das Jahr 983.

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252 Adalbert, Biſchof von Prag. Vertilgung der Laſter und Graͤuel, die noch als Ueberreſte des heidniſchen Lebens im rohen Volke herrſchten, der Vielwei⸗ berei, der noch die Reichen und Großen Boͤhmens faſt uͤber⸗ all ergeben waren; es ward ſeine ſcharfe Predigt gegen das rohe und ſinnliche und genußfüchtige Leben und die große Sittenloſigkeit, welcher ſelbſt die Geiſtlichen, die berufenen Verkuͤndiger der Tugend, froͤhnten; es ward ſein raſtloſer Kampf gegen alles, was das Evangelium ſuͤndlich und un⸗ chriſtlich und verdammlich hieß, bei Hohen und Niedern mit ſolchem Undank und Haß, mit ſolcher Verlaͤumdung und Verfolgung belohnt, daß er nach kurzem ſchon beſchloß, das gottlofe und trotzige Volk wieder zu verlaſſen . Zwar hatte Mlada, des Herzogs Boleslav von Boͤhmen Schwe⸗ ſter, wie nicht minder der Herzog ſelbſt, dem Biſchofe oft ſchon große Beweiſe ihrer Hochachtung und Zuneigung ge— geben und durch reiche Geſchenke ihn und ſeine Kirche zu erfreuen geſucht ). Da aber Adalbert taͤglich mehr be— merkte, daß man ſein mahnendes Wort unbefolgt ließ und ſelbſt verachtete, ſeine ſtrafende Predigt verſpottete, daß man ihn und ſeine Kirche vermied, und daß es eitel und frucht⸗ los ſey, das ſuͤndhafte Volk zur Tugend zu fuͤhren, da konnte ihn nichts mehr troͤſten über den quaalvollen Ge- danken, daß einſt dem Hirten die Verderbtheit der Heerde zur Schuld werde zugemeſſen werden >). Eine nächtliche Erſcheinung, die ihm ein Traum zugefuͤhrt, worin ihm Chriſtus erſchien, gab die Entſcheidung. Unter dem Vor⸗ 1) Cosmas Pragens. p. 77 führt an: Ad ultimum cogitat, me- lius esse relinquere, quam in caeco et sponte pereunte populo operam perdere, quod maxime de trıbus causis actum esse dicunt, qui huius rei ordinem, ipso narrante, compererunt. Prima et ve- lut principalis causa, propter plures uxores unius viri. Secunda propter detestanda conjugia Clericorum. Tertia propter captivos et mancipia Christianorum, quos mercator videns infelici auro emerat, emptosque tot Episcopus redimere non potuit. Dubdravü Histor. Bohem. p. 45. Canisii vita s. Adalb. p. 339. 2) Annalista Saxo p. 336. 3) Legenda de s. Adalb. p: 9%. Annal. Saxo Pb. 348.

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Adalberts Kloſterleben zu Rom. 253 geben einer Pilgerreiſe zum heiligen Grabe des Herrn ver⸗ ließ Adalbert ini Jahre 984 feinen bifchöflichen Stuhl und trat in Begleitung einiger ſeiner Vertrauten eine Wande⸗ rung nach Rom an ). Ueber die Beſetzung des heiligen Stuhls zu Rom war damals gerade, als Adalbert dort ankam, vielfacher Streit. Es beſaß ihn auf kurze Zeit Johannes der Vierzehnte. Adalbert erſchien vor dem Papſte mit tiefer Ehrfurcht und eröffnete ihm die betruͤbenden Urſachen, warum er fein biſchoͤfliches Amt habe verlaſſen muͤſſen. Durch die Zus ſtimmung des heiligen Vaters getroͤſtet und erfreut, legte Adalbert ſeinen Biſchofsſtab in des Papſtes Haͤnde nieder und begab ſich darauf nach dem Kloſter Caſſino, um von dort aus ſeine Wanderung zu dem Grabe des Heilandes anzutreten 2). Er verweilte daſelbſt eine Zeit lang; allein je laͤnger er verweilte, deſto mehr feſſelte ihn der Reiz des, einſamen Kloſterlebens auf dem Berge Caſſino. Bald hatte er alles, was er beſaß, beſonders aber ein reiches Geldge⸗ ſchenk, welches ihm die Kaiſerin Theophania, damals zu Nom, für feine Pilgerreife ins heilige Land gegeben hatte, unter die Armen und Kranken der umliegenden Gegenden vertheilt. Da bedurfte es kaum noch der Ermahnungen des dortigen Abtes, feine Wanderung nach Jeruſalem aufs zugeben und ſich dem ſtillen und beſchaulichen Leben des Kloſters zu widmen. Man wuͤnſchte, daß Adalbert im Klo⸗ ſter zu Caſſino bleiben moͤge, da er als geweihter Biſchof fuͤr dieſes Kloſter in verſchiedener Hinſicht ſehr heilſam hätte wirken koͤnnen ). Gerade dieſer Umſtand aber, daß man ihn hier noch als Biſchof betrachtete, verleidete ihm 1) Legenda de s. Adalb. p. 92. Canisii vita s. Adalb. P- 339 c. 14. Schott p. 38. Leo histor. Pruss. p. 37. 2) Cosmas Pragens. vita s. Adalb. p. 78. Canisii vita s. Adalb. P. 340. Legenda de s. Adalb. p. 92. 3) Die Legenda de s. Adalb. p. 92 und Canisii vita s. Adalb. p. 341 c. 18 deuten dieſes ausdruͤcklich an.

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254 Adalberts Kloſterleben zu Rom. den längeren Aufenthalt auf Caſſino und er begab ſich bald darauf in das Kloſter Vallis Lucis, dem der beruͤhmte Abt Nilus vorſtand, deſſen Gelehrſamkeit und frommer Wandel weit und breit bekannt waren. Weil jedoch in dieſem Klo⸗ ſter nur griechiſche Mönche nach der Regel des heiligen Ba⸗ ſilius lebten, ſo verweigerte der Abt Adalberts Aufnahme, rieth ihm dagegen, nach Rom zuruͤckzukehren und dort in das Kloſter des heiligen Alexius einzutreten. Adalbert folgte dem freundlichen Rathe, ward auf des Nilus Empfehlung in Rom aufs liebevollſte aufgenommen, und empfing vom Abt Leo das Moͤnchsgewand Y. Ruhig verlebte nun Adalbert mehre Jahre in ſeinem Kloſter auf dem Aventiniſchen Berge entfernt von allem Weltgetreibe. Dort unterzog er ſich in tiefer Demuth und in voͤlliger Vergeſſenheit ſeiner Geburt und ſeiner fruͤheren Wuͤrde den niedrigſten kloͤſterlichen Dienſten und den be— ſchwerlichſten Arbeiten. Darin fand die Zeit die Zeichen demuͤthiger Gottergebenheit. Schon als Biſchof hatte Adal⸗ bert Entſagung alles Weltlichen und Ertoͤdtung alles irdi— ſchen Strebens Tag fuͤr Tag als die erſte und nothwen— digſte Bedingung gottſeliger Tugend geuͤbt; ſchon damals ſchlief er mit ſeinem vertrauten Freunde Gaudentius, der fein ſteter Begleiter war ), meiſt auf bloßem nackten Bo⸗ den im haͤrenen Gewande. Gewoͤhnlich ruhte ſein Haupt auf einem harten Steine. Tage lang entbehrte er alle ‚Speife. Gerne darbte er, um in Wohlthaten und im reis 1) Nach Cosmas Prag. Chron. p. 16 geſchah dieſes im Jahre 990. Cosmas Prag. vita s. Adalb. p. 78. Leo Ostiens. L. II c. 17. Baronii Annal. eccles. T. X. p. 850 — 851. Legenda de s. Adalb. p- 93. Canisii vita s. Adalb. p. 342 c. 19. Leo J. c. p. 37. Schott p- 40 — 41. — In der Legenda heißt es: Anno domini noningen- tesimo octuagesimo nono, die qua dominus pedes discipulorum la- vit, suscepit habitum monachalem. Annalista Saxo p. 348. 2) „Solus frater Gaudentius secutus est eum, qui carne ei spiritu germanus sibi ab infantia ei ſidelissimus comes ſuil.“ Le- genda de s. Adalb. p. 93.

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Adalberts Kloſterleben zu Rom. 255 chen Almoſen Verdienſt und Seligkeit im Himmel zu fin⸗ den. Ganze Naͤchte brachte er am Krankenlager leidender Armen zu; nur wenige Stunden goͤnnte er dem Koͤrper Schlaf und Erholung. Auf Reiſen war ſein Pferd kein beſſeres, als das eines Bauern, geleitet durch eine ſchlechte Halfter aus Hanf ). Auch im Kloſter zu Rom fand Adal⸗ bert in ſolchen Uebungen der Entſagung und Erniedrigung das Ziel ſeiner Tugenden. Er verwaltete dort wie der ge— ringſte Kloſterbruder die gemeinen Wochendienſte, reinigte die Küchen, ſaͤuberte das Eßgeraͤthe, zog Waſſer aus dem Brunnen, bediente die Kloſterbruͤder am Tiſche u. dgl. In ſolcher Lebensweiſe und in der ſtrengſten Beobachtung ſeiner kirchlichen Pflichten, im Faſten und Gebet ſah Adalbert die vollendete Erfuͤllung aller Forderungen ſeiner Tugendlehre. Und in ſolcher Art brachte er mic ſeinem gleichgeſinnten Mitbruder Gaudentius in * Einſamkeit zu Rom mehre Jahre hin 2). Da geſchah, daß der Erzbiſchof von Mainz auf die Klagen des boͤhmiſchen Herzogs Boleslav Über den gaͤnz⸗ lichen Verfall des Kirchenweſens während Adalberts Abwe⸗ ſenheit zwei Biſchoͤfe nach Rom ſandte, den Papſt Johan⸗ nes den Funfzehnten um eine neue Beſetzung des biſchoͤfli⸗ chen Stuhles, oder um Adalberts Ruͤckkehr nach Prag zu erſuchen. Es ward ſofort eine Synode zuſammenberufen, und nach ihrem Beſchluſſe erhielt Adalbert vom Papſte die Weiſung, zum Heil ſeiner Kirche nach Prag zuruͤckzukehren und ſein biſchoͤfliches Amt von neuem zu uͤbernehmen. Un⸗ gern folgte er dieſem Befehle; unter Thraͤnen ſchied er aus den ſtillen Mauern des Kloſters, in denen er ſo lange in ſtrengen Uebungen und harten Dienften Freude und Troſt 1) Vgl. Cosmas Prag. vita s. Adalb. p. 74 — 75. Legenda de s. Adalb. p. 91. Canisii vita s. Adalb. p. 338. 2) Legenda de s. Adalb. p. 93. Canisii vita p. 343. Baronii Annal. eccles. T. X. p. 851.

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256 Biſchof Adalbert von neuem zu Prag. gefunden hatte, und kummervoll und ſchwer beſorgt kam er im Jahre 993 in Prag wieder an ). Er kam aber nicht bloß mit demſelbigen Geiſte und mit derſelben Ueberzeugung von den Pflichten ſeines Am⸗ tes, ſondern es waren ſeine Grundſaͤtze uͤber das, was er als Tugendpflicht eines jeglichen Menſchen anſah und was nach feiner Tugendlehre jeglicher Chriſt üben und unterlaf- ſen ſollte, waͤhrend ſeines Kloſterlebens in Rom und unter feinen Moͤnchsuͤbungen nur noch ungleich ſtrenger geworden. Und wer kann deshalb den frommen Biſchof tadeln, der vom Geiſte ſeiner Zeit durchdrungen war? Wer richtet uͤber Adalberts innere Ueberzeugung von dem, was ihm als zum tugendhaften Leben nothwendig erſchien? Wer entſcheidet in menſchlicher Einſicht, was hienieden in der Zeit Tugend heißt und was vor der Gottheit Tugend iſt? Das iſt in der Geſchichte Tugend, was der Menſch mit moͤglicher Einſicht ſeines Verſtandes als ſolche erkennt und in reinſter und tiefſter Ueberzeugung des Wahren, des Gu— ten und des Rechten als ſolche uͤbet. Die Menſchen ſehen die Form und richten uͤber ſie anders und anders; vor Gott gilt nur der Geiſt, die Geſinnung und die Ueberzeugung. Das aber kann ſchwerlich einem Zweifel unterliegen, daß Adalbert in allem, was er mit ſolcher Kraft der Entſa— gung, mit ſolcher Staͤrke des Willens und mit ſolchem Feuereifer ſeiner Seele erſtrebte und uͤbte, nur die Pflicht des Chriſten, das Gebot des Evangeliums, die Lehre der Kirche und das hoͤchſte Geſetz der Tugend erkannte. Als daher Adalbert vor Prag wieder ankam, konnte ihn das Jauchzen und der Zuruf des entgegenziehenden Volkes wohl wenig erfreuen ). Er kannte des gemeinen 1) Canisü vita s. Adalb. p. 344. c. 25. Cosmas Pragens. vita s. Adalb. p. 80. Legenda de s. Adalb. p. 93. Baronii Annal. ec- cles. T. X. p. 860. 2) Venientibus Pragam omnes ipsum pari voto et ardenti sus- eipiunt afſectum. Omnis actas et conditio cum laetitia ei obviam exierunt. Denique spondent pristinam vitam secundum consilium

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Biſchof Adalbert von neuem zu Prag. 257 Haufens wandelbare Geſinnung, der Großen Hartnaͤckigkeit in ihren Suͤnden und ihre Schwachheit in ihren Luͤſten, und hieraus ahnete er die Zukunft. Sobald er aber ſein Amt von neuem angetreten, kuͤndigte er den Laſtern des Volkes und dem ſuͤndlichen Leben der Großen abermals den Kampf an, und drang mit noch ſtrengerem Nachdrucke auf Verbannung der aus dem Heidenthum noch zuruͤckgebliebe⸗ nen Mißbraͤuche und der noch immer feſtgehaltenen uuchriſt— lichen Sitten; und dieſes unchriſtliche Leben des Volkes, die Graͤuel und Laſter in der Lebensweiſe der Vornehmeren und die zucht⸗ und geſetzloſen Sitten der Geiſtlichkeit ver: folgte er mit ſolcher Strenge, mit ſo feurigem Eifer und mit ſolcher Ruͤckſichtsloſigkeit auf Perſon und Stand, daß die Erbitterung und der Haß gegen den laͤſtigen Eiferer bald wieder auf den hoͤchſten Grad ſtiegen ). Da brachte folgendes Ereigniß die Stimmung zum Ausbruch. Die Frau eines vornehmen Mannes lebte mit einem Geiſtlichen in Prag in verbrecheriſchem Umgange. Die Aeltern des gekraͤnkten Mannes ſtellten dem Weibe nach, um nach alter Landesſitte ihr als Ehebrecherin den Kopf abſchlagen zu laſſen. Allein ſie fluͤchtete ſich in den Schutz des Biſchofs, der ihr das S. Georgs -Kloſter als Zufluchtsort anwies. Daruͤber erhob ſich in der ganzen Stadt ein ſchrecklicher Aufruhr. Wie kann der Suͤndenei— ferer, riefen die erbitterten Haufen, eine Ehebrecherin in Schutz nehmen und ihr in den geweihten Mauern eines Kloſters den Aufenthalt geſtatten? Von doppeltem Zorne entbrannt ſtuͤrmte das Volk mit Waffen gegen des Biſchofs Wohnung und verlangte unter Schmaͤhworten und Dro⸗ hungen die Auslieferung bes verbrecheriſchen Weibes. Da trat Adalbert muthig und gefaßt unter dem erbitterten Volkshaufen auf, in feſter Zuverſicht, daß er gewiß als Op⸗ et praeceptum sanclı praesulis emendare; sed non post mullum temporis ad retroacta scelera relabuntur. Legenda I. c. 1) Cosmas Prag. vita s. Adalh. p. 80. I. 17

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258 Biſchof Adalbert von neuem zu Prag. fer des Volkshaſſes fallen werde; er verweigerte nicht bloß aufs ſtandhafteſte des Weibes Freilaſſung, ſondern ſtellte ſich ſogar ſelbſt als den Verbrecher dar ). Allein das Volk glaubte ſeinen Worten nicht; vielmehr ſtuͤrmte ein großer Haufe gegen das S. Georgs-Kloſter an, erbrach die Mau⸗ ern, bemaͤchtigte ſich der Ehebrecherin, überlieferte fie ihrem Manne zur gerechten Strafe, und weil dieſer ſie nicht voll⸗ ziehen wollte, ſo mußte ihr eine gemeine Dirne mit dem Schwerte den Kopf abſchlagen ). Dieſes Ereigniß aber griff tief in Adalberts Seele. Erzuͤrnt uͤber die gewaltthaͤtige Entheiligung der kloͤſterlichen Freiſtaͤtte, erbittert durch die verlaͤumderiſchen Schmaͤhun⸗ gen und Drohungen, welche das Volk in feiner Wuth ge= gen ihn ausſtieß, und verzweifelnd an der Möglichkeit der Beſſerung legte er abermals ſein Biſchofsamt nieder und ging im Jahre 995 wieder nach Rom in die Stille des Kloſterlebens zuruͤck. Er nahm den Weg durch Ungern und weihte zu Gran den Ungeriſchen Prinzen und nachherigen Koͤnig Stephan den Heiligen in Gegenwart des Kaiſers Otto des Dritten und des Herzogs Heinrich von Baiern, der nachmals Kaiſer ward, durch die Taufe ins Chriſten⸗ thum ein >). 1) Crimen quoque in se referre voluit, ut se sceleris auctore magnum aliquid fieret, scilicel ut pro poenitentiae fructibus aut illam vitae seryaret aut ambo simul jussi morerentur. Qua volun- tale, quia martyrii coronam exposcens erat, adimpleret utique quod voluit, nisi eum prudenter Dominus Willico prohiberet. Cosmas Pragens. vita s. Adalb. p. 80. Die Legenda de s. Adalb. p. 93 ſagt ebenfalls: "Tune desiderio marlyrii quasi in auctionem sceleris in se ipsum crimen retorqueri voluit. 2) So liefern die Erzählung Cosmas Prag. I. c. Legenda de s. Adallı. p. 93. Canisii vita de . Adalb. p. 345. c. 27. Baronii Annal. eceles. T. X. p. 861. 3) Chron. epp. Verdens. ap. Leidnitz T. II. p- 215. Baronü Annal. eceles. T. X. p. 861. Schott. p. 45 — 48. Feßler Ge ſchichte der ungern B. I. S. 310. 369. —— der Wiſſenſch. und Kuͤnſte Th. I. S. 397.

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Adalbert abermals im Kloſter zu Rom. 259 Im Kloſter des heil. Alexius zu Rom ward Adalbert von den Moͤnchen und ihrem Abte mit außerordentlicher Freude wieder aufgenommen . Während er aber hier in alter Weiſe ſich wieder den ſtrengen Uebungen des beſchau⸗ lichen Lebens hingab, war in den Boͤhmen die Begierde nach Rache an dem entwichenen Biſchofe von neuem er⸗ wacht. Es geſchah naͤmlich auf Adalberts Bericht von dem ſuͤndhaften Leben der Geiſtlichkeit und von der Sittenloſig⸗ keit der Großen und des Volkes, daß der Papſt die Boͤh⸗ men mit dem Kirchenfluche belegte. Dadurch war der Zorn des Volkes, welches den Biſchof als den Anſtifter dieſer Strafe anſah, aufs hoͤchſte geſteigert worden, und weil man an ihm ſelbſt keine Rache uͤben konnte, ſo uͤberfiel eines Tags ein wilder Haufe Adalberts Geburtsort, ermordete ſeine Bruͤder unter grauſamen Quaalen, und ſuchte durch Verbrennung des Ortes alles zu vertilgen, was nur irgend die Erinnerung an den verhaßten Biſchof erwecken konnte ). Adalbert aber verweilte dieſesmal nur kurze Zeit in ſeiner kloͤſterlichen Einſamkeit. Es geſchah naͤmlich im Jahre 996, daß Kaiſer Otto der Dritte in Begleitung des Erz- biſchofs von Mainz und vieler anderen Geiſtlichen ſich nach Rom begab. Da erſuchte der genannte Erzbiſchof auf Bo⸗ leslavs, des boͤhmiſchen Herzogs Anliegen 3), den neuer⸗ waͤhlten Papſt Gregorius den Fuͤnften abermals um Adal⸗ berts Zuruͤckſendung in ſeine verlaſſene Kirche. Anfangs indeſſen war dieſer durch keine Bitten zu bewegen, ſein bifchöfliches Amt wieder aufzunehmen; er bat den Papſt aufs dringendſte, ihm zu geſtatten, daß er das Ende ſeiner 1) Legenda de s. Adalb. p. 94. 2) Manche ſetzen dieſe Begebenheit in die Zeit waͤhrend des erſten Aufenthalts Adalberts in Rom. Sie gehoͤrt indeſſen offenbar in die Zeit ſeiner zweiten Anweſenheit oder ins Jahr 995. Vgl. Cosmas Prag. Chron. p. 17. Eiusd. vita s. Adalb. p. 80. Vita s. Adalb. ap. Su- rium. Schott. p. 49. Annalista Samo p. 361 erzaͤhlt dieſe Begeben⸗ heit unter dem Jahre 995. 3) Annalista Sumo p. 361. 178

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260 Adalbert am Kaiſerhofe. Tage in der Einſamkeit des Kloſters verlebe. Gregorius ſchien dieſem Wunſche geneigt; allein fortwaͤhrend durch die Klagbriefe des Erzbiſchofs beſtuͤrmt, wuͤnſchte er endlich ſelbſt auch des Biſchofs Ruͤckkehr nach Prag; doch geſtand er dieſem auch gerne die Bitte zu, daß er, ſofern die Boͤh⸗ men ihn mit denſelben feindlichen Geſinnungen aufnehmen und ſeinen Ermahnungen nicht folgen wuͤrden, in die Laͤn⸗ der der Heiden ziehen und da das Evangelium verkuͤndi⸗ gen dürfe . So verließ Adalbert ſchon im Jahre 996 voll Trauer und Betruͤbniß ſein Kloſter wieder, ging uͤber die Alpen zuruͤck und begab ſich zuerſt nach Mainz, wo damals ge= rade Kaiſer Otto der Dritte Hofſtatt hielt ?). Schon in Ungern und nachmals auch in Rom hatte der Kaiſer Adalberten kennen und ſchaͤtzen gelernt; an dem letzteren Orte war die⸗ fer faſt beſtaͤndig in des Kaiſers Umgebung geweſen. Zu Mainz aber nahm ihn Otto mit ganz vorzuͤglicher Aus zeichnung und Freundlichkeit und mit allen Beweiſen einer beſondern Liebe an ſeinem Hofe auf, und je laͤnger Adalbert bei dem Kaiſer verweilte, um ſo inniger ward Beider Freundſchaft und vertrauungsvolle Liebe. Kein Tag ging voruͤber, an welchem Otto Adalberten nicht um ſich ſah und ſich mit ihm in Geſpraͤchen vergnuͤgte ). Auf des 1) Consolabatur tamen per hoc animam eius, quia si in po- pulo suo fructum salutis operari nequisset, gentibus non baptisatis auctoritate apostolica predicator fieret destinatus. Legenda de s. Adalb. p. 9. Baronii Annal. eccles. T. X. p. 907. Canisü vita s. Adalb. p. 348. Annalista Sa.co p. 361. 2) Vita s. Adalb. ap. Surium. Canisiü vita I. c. Legenda p. 94. Cosmas Prag. p. $l. Annalista Sao l. c. 3) Venerunt Moguntiam, ubi regressus ab Italia Otto Impera- tor tune morabatur, quoniam beato Adalberto erat familiarissimus Imperator; charitate autem ipsius astrictus mansit aliquot diebus apud ipsum amicissimusque sui cubiculi secretarius nocte ac die ipsum ad contemptum mundi alque ad amorem christi ac patriae coclestis desiderium sanclis exhortationibus inducens commovebat. Legenda de s. Adalb. p. 94. Cosmas Prag. p. 81.

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Adalbert am Kaiſerhofe. 261 Kaiſers religiöfe Denkart, wie Überhaupt auf feine ganze An⸗ ſicht der Welt hatte dieſe tägliche gegenſeitige Mittheilung und Unterhaltung uͤber Gegenſtaͤnde des Glaubens und des Le⸗ bens gewiß einen ſehr bedeutenden Einfluß. Selbſt auch die Art der Reichsverwaltung ward zuweilen der Gegen: ſtand ihres Gefpräches ). Durch dieſe hohe Gunſt und in- nige Freundſchaft des Kaiſers ward jedoch Adalbert in ſei— nen Grundſaͤtzen der Demuth und chriſtlichen Erniedrigung keineswegs erſchuͤttert, denn er fand hierin nun einmal das Anzeichen und den Werth der wahren Froͤmmigkeit. Auch am Kaiſerhofe unterzog er ſich den gemeinſten Dienſten und verrichtete ſelbſt die Arbeiten der kaiſerlichen Bedienten. Waͤhrend ſie des Nachts ſchliefen, putzte er heimlich die Schuhe und Stiefeln des ſaͤmmtlichen Gefolges, vom Thuͤr⸗ waͤrter an bis zum Kaiſer hinauf, ſo daß am Morgen jeder die ſeinigen in Ordnung fand; und je niedriger ſolche Dienſte waren, um fo lieber übernahm er fie 2). In Mainz kam Adalberts Entſchluß, fobald das Volk der Boͤhmen ihm auch forthin noch mit ſolchem Trotze und in ſo feindlichen Geſinnungen entgegen treten werde, bei irgend einem heidniſchen Volke das Evangelium zu ver— kuͤndigen, zu voͤlliger Reife. Theils wirkten auf ihn die Ermunterungen des Kaiſers, der ihn oͤfter aufforderte, das Chriſtenthum unter den Slaven-Voͤlkern des Nordens zu verbreiten ), theils blieben auch mancherlei Träume und naͤchtliche Erſcheinungen auf Adalberts aufgeregten Geiſt nicht ohne bedeutenden Einfluß ). Sie befeſtigten in ihm 1) Instruebat cum etiam, qualiter in republica gubernanda et in factis suis omnibus coram deo et hominibus se regere deberet. Legenda l. c. 2) Cosmas Prag. vita s. Adalb, p. 82. Legenda de s. Adalb. b. 94. Canisü vita s. Adalb. p. 348. 3) Theodor. de Niem Nemoris Unionis Labyrinth. Tr. VI. c. 3. verwechſelt Otto 1. mit Otto III., wenn er ſagt, daß jener den heil. Adalbert zur Bekehrung der Preuſſen ausgeſandt habe. +) Vgl. die erwähnten Biographen, die fie alle erzählen.

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262 Adalbert bei dem Herzoge von Polen. immer tiefer die Ueberzeugung, daß er von Gott beſtimmt ſey und eine hoͤhere Macht es ihm beſchieden habe, ſich im Werke der Verbreitung des Glaubens die Krone des Maͤr⸗ tyrerthumes zu erwerben ). Auf das Anliegen des Erzbiſchofs von Mainz beſchloß jedoch Adalbert, zuerſt die Geſinnungen des boͤhmiſchen Vol⸗ kes gegen ihn naͤher zu pruͤfen. Nachdem er auf einer Reiſe in Frankreich die damals ſehr beruͤhmten Kloͤſter zu Tours, Paris und Fleury beſucht hatte, begab er ſich zunaͤchſt nach Polen, weil zu dem Herzoge dieſes Landes, Boleslav dem Tapfern, ſich einer ſeiner Bruͤder gefluͤchtet hatte, der auch jetzt bei ihm noch in Kriegsdienſten ſtand. Der Herzog nahm den weit gefeierten, vom Kaiſer ſo hoch geachteten Mann auch ſchon um des geſchaͤtzten Bruders willen mit großer Liebe auf, gab ihm uͤberall die Beweiſe hoher Ehr⸗ erbietung und ſandte ſofort auch eine Botſchaft an die Boͤhmen, zu erforſchen, ob ſie den Biſchof wieder willig aufnehmen und ſeinen Anordnungen Folge leiſten wollten. Die Boͤhmen aber ertheilten eine verneinende, ja ſelbſt ſpoͤttiſche Antwort, meinend, er komme nur zuruͤck, um durch Rache an ihnen zu beſtrafen, was fie an feinen Bruͤ⸗ dern verübt hatten 2). In ſolcher Weiſe von ſeinem Volke und Vaterlande verſchmaͤht und aus ſeinem Amte auf immer zuruͤckgewie⸗ ſen, verweilte Adalbert zuerſt noch eine Zeit lang bei dem Herzoge von Polen, in deſſen großer Achtung und Liebe er immer höher ſtieg, je näher dieſer ihn kennen lernte ). Er 1) Cosmas Prag. p. 82. Legenda p. 94. 2) Fragment. ex Chron. Magdeb. ap. Garisium T. III. p. 64. Cosmas Prag. I. c. Legenda p. 95. Canisü vita s, Adalb. p. 350. c. 36. F 3) Kadlubeck L. II. ep. II. p. 128. Martin. Gallus p. 60: „Ipse beatum Adalbertum in longa peregrinatione et a sua rebelli gente Bohemica multas injurias perpessum ad se venientem, cum magna veneralione suscepit eiusque praedicalionibus et instilutio- nibus fideliter obedivit.

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Adalbert bei dem Herzoge von Polen. 263 war noch unentſchloſſen, zu welchem Volke er ſich als Apo⸗ ſtel des Glaubens wenden ſollte. Einige Zeit arbeitete er mit großem Eifer an der Bekehrung des Volkes im Kra⸗ kauiſchen Chrobatien, oder ſuchte dort die Neubekehrten im Glauben noch mehr zu befeſtigen; er begab ſich nachher zu demſelben Zwecke auch nach Ungern und in die nachbarli⸗ chen Länder ). Als er indeſſen von da nach Polen zuruͤck⸗ kehrte, ward es immer mehr das Ziel aller ſeiner Gedanken, bei einem noch ganz heidniſchen Volke den Namen Chriſti zu verbreiten und ſo der chriſtlichen Kirche ein ganz neues Land zuzuweiſen. In vieler Hinſicht beſaß Adalbert auch die trefflichſten Eigenſchaften zu einem Apoſtel des Evangeliums. Da die Boͤhmiſche Sprache ſeine Mutterſprache war, ſo konnte es ihm nicht ſchwer werden, auch bald die andern verwandten Slaviſchen Mundarten genauer kennen zu lernen. Die deutſche Sprache war ihm ſchon während feines Aufent- haltes in Magdeburg gewiß bekannt genug geworden, we⸗ nigſtens wußte er ſich ſchon damals in drei verſchiedenen Sprachen auszudrucken ). Vor allem glänzend aber war ſeine Gabe der Beredſamkeit. Er ſprach ſtets vom Worte Gottes mit ſolcher Begeiſterung, mit ſolcher Salbung, mit ſo viel innigem Gefuͤhle und ſo hinreißendem Eifer, daß keiner, der ihn hoͤrte, unerwaͤrmt und unerſchuͤttert blieb, ja daß ſelbſt die Sage entſtand, Thiere haͤtten, ihre Natur verändernd, mit Staunen auf feine Worte gehorcht ). An Entſagung und Entbehrung aber, an Erduldung und Er- tragung aller Muͤhen und Beſchwerden konnte Adalbert 1) Legenda de s. Adalb. p. 95. 2) Die Legenda de s. Adalb. p. 91 fagt: Ferlur etiam : es siu- penda quod iribus linguis pro una loculus sit inter flagella, ma- gistrum precibus interpellans. 3) Etwas wunderlich druͤckt ſich darüber Dudrav. histor. Boben. p. 47 aus: Res tum dictu mira contigit, ul starent arreclis aurıbus boxes, equi, asini, caprac, snes, el quasi bene per Adalberium monita sentirent intelligerenique nutu illa capilum approbabant.

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264 Adalbert bei Danzig. wohl ſchwerlich von irgend einem uͤbertroffen werden. Faſt ſein ganzes Leben war eine fortgehende Uebung in dieſen Tugenden geweſen. Er kannte keine andere Beduͤrfniſſe, als die zur ſpaͤrlichen Friſtung des Lebens aufs ſtrengſte nothwendig ſind. Und endlich war wohl ſchwerlich je in einer Zeit ein Apoſtel der Heiden mehr als er von der le— bendigſten Ueberzeugung zu ſeinem Berufe und von dem gluͤhendſten Eifer fuͤr die Verbreitung des Evangeliums entflammt. Je weniger es ihm gelungen war, auf dem Boden, von welchem er ſelbſt ſtammte, das wilde Unkraut auszurotten, welches dort den friſchen Aufwuchs der Pflan= zung des Chriſtenthums verhinderte, um ſo dringender war jetzt ſein Wunſch, auf einem ganz neuen Boden den heilbringenden Saamen der chriſtlichen Verkuͤndigung aus zuſtreuen, Tauſenden zum Segen und zur ewigen Erret— tung! Fuͤrwahr ein Entſchluß, der die Seele eines ſo fromm geſinnten Mannes bis zur hoͤchſten Begeiſterung er= greifen konnte! Lange ſann Adalbert ſchwankend, welchem der nach— barlichen Heidenvoͤlker er ſich widmen ſollte, ob den Preuſ— ſen oder den Lutiziern, einem Slaven-Volke in Pommern. Er entſchied ſich endlich für die erſtern, weil fie die naͤch— ſten, ihre Laͤnder dem Herzoge von Polen am meiſten be— kannt waren und dieſer dorthin auch am leichteſten die noͤ⸗ thige Huͤlfe und Unterſtuͤtzung bringen konnte ). Des freute ſich Herzog Boleslav, denn der rohen Preuſſen Bekehrung im Nachbarlande mußte ihm allerdings wohl am erwuͤnſch⸗ teſten ſeyn. Von ihm erhielt Adalbert ein Schiff nebſt dreißig Bewaffneten zu Begleitern. Es befand ſich aber damals bei ihm noch ein anderer frommer Mann, der bis⸗ her faſt alle Schickſale mit ihm getheilt und deshalb Adal⸗ berts innigſtes Vertrauen und waͤrmſte Bruderliebe ſich er ) Cosmus Prag. p. 83: Tandem alternandi potior sententia successit anime, ut quia hace regio proxima el nota fuit Duci prae- icio, Pruztae Deos et idola iret debellaturus.

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Adalbert bei Danzig. 265 worben hatte. Dieß war der ſchon früher genannte Gau⸗ dentius. Beide umſchlang ein ſo feſtes Band der innigſten Freundſchaft und der treueſten Herzensliebe, daß man ſie fuͤr leibliche Bruͤder gehalten, denn ſeit der fruͤheſten Ju⸗ gend waren fie unzertrennlich ). Mit dieſem Gaudentius und einem andern getreuen Gehuͤlfen, dem Presbyter Benedict?) trat Adalbert, voll des Vertrauens auf deſſen Beiſtand, deſſen Wort des Lich⸗ tes und des Lebens er verkuͤndigen wollte, die gefahrvolle Reiſe ins heidniſche Land an. Begleitet von jener bewaff- neten Schaar fuhr er die Weichſel hinab bis Danzig ). ) Dazu hat offenbar der Ausdruck „frater,“ mit welchem Gau⸗ dentius als einſtiger Moͤnch bezeichnet wird, Anlaß gegeben. Er war aber nach Erweis der bewaͤhrteſten Quellen nur Adalberts Freund und vertrauter Begleiter. Cosmas Prag. I. c. ſagt: dilectus et a puero sibi comes frater Gaudentius erat. Daß er fein beſtändiger Begleiter und in Rom auch Moͤnch in dem naͤmlichen Kloſter geweſen, beweiſen auch andere Stellen, als p. 74. 78. 79. So heißt es: Duo autem ex fratribus, qui cum eo erant, jam dudum videntes, quia se mona- chum facere vellet, non bene relicto clypco fugam dederunt. So- lus vero Gaudentius, exemplo constantis viri, remanens cum beato viro, Monachicam alque probabilem conversionem consecutus est: qui etiam sibi carne et spiritu duplex germanus et ab infantia sem- per fidissimus comes adhaesit. Mit dieſen letzten Worten will Cos⸗ mas ohne Zweifel nur fo viel fagen, daß Gaudentius mit Leib und Seele ſein Freund und als Kloſterbruder wie in Geſinnung jetzt ſein Bruder geworden ſey. Vgl. Canisil vita s. Adalb. p. 351. c. 39. Uebrigens ſcheint Gaudentius juͤnger als Adalbert geweſen zu ſeyn; denn ums Jahr 995 wird jener in der Legenda p. 92 validus juvenis ge= nannt. 2) Canisii vita p. 351. Wenn einige den zweiten Begleiter Bor nifacius nennen, ſo ſcheint hiebei nur eine Verwechſelung mit dem ſpaͤ⸗ tern Bonifacius zum Grunde zu liegen. S. Baronii Annal. eccles. T. X. p. 918. Der Polniſche Scribent Zudienski in vita Episcop- Ploc. p. 312 nennt außerdem noch als Begleiter Adalberts einen Jo⸗ hannes, Matthaͤus, Iſaac und Chriſtin; allein alte Quellen und na⸗ mentlich auch Adalberts Biographen wiſſen von dieſen nichts. 2) Ipse vero primo adiit urbem Gidanie, quam Ducis Iatissima 'ogna dirimentem maris confinia tangunt, Cosmas Prag. p · 83.

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266 Adalbert als Apoftel in Preuſſen. Hier vernahm er das erſte Zeichen der goͤttlichen Gnade, die ſein Werk zu beguͤnſtigen ſchien. Große Schaaren, die ſich um ihn verſammelten, ſein Wort zu hoͤren, empfingen von ihm in der Taufe die Weihe des Chriſtenthums. Hier las er die erſte Meſſe und opferte dem Erloͤſer, dem er nach wenigen Tagen ſelbſt zum Opfer werden ſollte. Was von dem heiligen Opferbrote uͤbrig blieb, ließ er ſammeln und in einem reinen Tuche zu weiterer Wegezehrung aufbe- wahren ). Von hier beſchloß Adalbert ſich ins oͤſtliche Preuſſen 2) zu begeben und beſtieg daher des andern Tages, nachdem er die Neugetauften geſegnet, mit ſeiner Begleitung das Schiff und fuhr den Weichſel-Strom hinab in die offene See. Mit guͤnſtigem Winde gelangte er in ſchneller Fahrt?) an das Ufer des Haffes, wo er landend das Schiff nebſt den bewaffneten Begleitern zuruͤckſandte. Bei ihm blieben nur feine beiden vertrauten Gefährten Gaudentius und Be— nedict, denn gewiß hatte Adalbert die gerechte Beſorgniß, daß die bewaffnete Begleitung aus einem Volke, welches mit den Preuſſen ſchon oͤfter Kriege gefuͤhrt hatte und deshalb gefuͤrchtet und gehaßt war, weit mehr Mißtrauen und Er⸗ bitterung erregen, als ihm und den Seinigen Schutz ge⸗ waͤhren werde. In ſolcher Weiſe nun von aller aͤußeren Huͤlfe entbloͤßt, aber voll des Vertrauens auf den Beiſtand des Erloͤſers betraten ſie hierauf eine kleine Inſel, die ein heranſtroͤmender Fluß in gekruͤmmtem Laufe ringsum ein⸗ ſchloß. Es war dieß wahrſcheinlich in der Naͤhe der da⸗ mals ganz anders geſtalteten Mündung des Pregel-Stro⸗ In der Legenda de s. Adalb. p. 95 heißt es: Praestante tandem illo sibi duce Boleslav praedicto et suis militibus bonesto conductu in civitatem Gedanum pervenit. Cf. Schott. p. 58 — 62. 1) So Cosmas Prag. p. 83. Canisü vita s. Adalb. p. 351. c. 38. Legenda p. 95. 2) Transitum decrevit facere in Prussiam ulteriorem. Le- genda J. c. >) Post paucos dies heißt es in der Legenda J. e.

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Adalbert als Apoſtel in Preuſſen. 267 mes ins Friſche Haff. Kaum aber hatten die Bewohner des Ortes den Zweck der Ankunft der Fremdlinge vernom⸗ men, als fie in Haufen herbeieilten, fie zu vertreiben ). 1) So erzählen die oft erwaͤhnten Biographen. Hier liegt aber nun die Frage am naͤchſten: Wo geſchah das eben Erzaͤhlte? Alle An⸗ gaben laſſen Adalberten nach ſeiner Entfernung aus Danzig hinaus auf die offene See fahren; denn bei Cosmas Prag. p. 83 heißt es: im- ponitur carinae et pelago; bie vita s. Adalb. ap. Surzum p. 836 fagt: non post multos dies carina secante terga maris, Deum ne- scientibus illabumur Prussorum terris. Die Legenda de b. Adalb. P. 95: Ab ipsis navem imponitur et post paucos dies transcurso pelago remittit navem. Aber wo landet nun Adalbert? Die Angaben der Biographen find hier ſehr dunkel. Cos mas Prag. I. c. fagt: nau- ticum iter velocissimo cursu peragens post paucos dies maritimum littus egreditur, — tunc intrant parvam insulam, quae curvo amne circumvecta formam circuli adeuntibus monstrat: eben fo druͤckt ſich die Vita ap. Canisium aus. In ber vita bei Surius heißt es: Miles Dei cum duobus sociis intravit in paroum quendam locum, qui circumbibente unda flumimis imitatur insulae vultum. Die Legenda ſagt: navigio pervenit in quandam insulam, ex curvo amne haben- tem formam circuli in transiiu ianuae strictam. Aus dieſen Anga⸗ ben ſcheint zunaͤchſt hervorzugehen, daß Adalbert ins Friſche Haff ein geſegelt ſeyn muͤſſe. Zwar wird dieſes in keiner Stelle ausdrücklich ges ſagt; allein eine Inſel, die durch den Lauf eines Stromes gebildet wurde, iſt nach der Beſchaffenheit der See-Ufer in dieſer Gegend außerhalb des Haffes gar nicht denkbar. Wo aber lag nun dieſe Inſel, auf welcher Adalbert landete? Alle Angaben ſcheinen uns auf die Naͤhe der dama⸗ ligen Pregel-Muͤndung hinzudeuten; denn erſtens fahren fie velocissimo cursu und dennoch paucos dies; ſie muͤſſen alſo eine bedeutende Strecke von Danzig entfernt gelandet ſeyn Zweitens iſt ausgemacht, daß da⸗ mals die Muͤndung des Pregels ganz anders befchaffen war und weft licher lag, als jetzt, indem da, wo ſie ſich jetzt befindet, noch ein gro⸗ ßer Theil des Friſchen Haffes feſtes Land war. Drittens iſt aus ur⸗ kunden zu erweiſen, daß in fruͤherer Zeit vor der Muͤndung des Pre⸗ gels wirklich Inſeln lagen, welche in ſpaͤtern Zeiten durch die Gewaͤſſer untergraben und vernichtet worden ſind. (S. meine Geſchichte der Ei⸗ dechſen-Geſellſchaft S. 208). Eine dieſer durch die Ausſtroͤmung des Pregels gebildeten und etwa dem jetzigen Orte Brandenburg gegenuͤber gelegenen Inſeln ſcheint es geweſen zu ſeyn, auf welcher Adalbert zuerſt landete. Dieß wird auch dadurch noch beftäfigt, daß Adalbert, von dort vertrieben, ohne weiteres in das nahe Samland geht, alſo ſchon

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268 Adalbert als Apoſtel in Preuſſen. Unerſchrocken und unbekuͤmmert um des Volkes wildes Ge⸗ ſchrei fang Adalbert einen Pſalm, als ploͤtzlich einer aus dem Haufen, der ihm zunaͤchſt ſtand, das Ruder eines Schiffes ergreifend dem Betenden einen gewaltigen Schlag zwiſchen die Schultern verſetzte. Der Pſalter flog aus der Hand; Adalbert ſtuͤrzte wie todt zu Boden; doch bald ſich wieder ermannend rief er ſeufzend aus: „Dank dir, Herr Jeſus! daß ich gewuͤrdigt worden, wenigſtens Einen Schlag fuͤr meinen Gekreuzigten zu erdulden!“ Da begab ſich Adalbert auf das andere Ufer des Fluſ— ſes ). Es war an einem Sabbate und als der Abend her- ankam, fuͤhrte ihn nebſt ſeinen Gefaͤhrten der Herr eines Dorfes in feine Beſitzung, die, wie es ſcheint, ein Han— delsort war ). Hier verſammelte ſich abermals ein großer Haufe des umherwohnenden Volkes, voll Erwartung, was die Fremdlinge wollten und zu welchem Zwecke ſie gekom⸗ men feyen. Es wird gefragt: wer fie ſeyen? woher fie Fä- men? und aus welcher Urſache ſie hier gelandet? Darauf erwiederte Adalbert: „Von Geburt bin ich ein Slave, mei— nem Volke nach ein Boͤhme. Ich heiße Adalbert, war vor⸗ mals Biſchof, bin Moͤnch und jetzt meinem Amte nach euer Apoſtel. Der Zweck meiner Reiſe iſt euer Heil; ich bin gekommen, auf daß ihr euere ſtummen und tauben in der Nähe geweſen ſeyn muß. — Wenn Scholl. p. 63 den Ort Cho- mor als dieſe Inſel nennt, ſo iſt er dazu nur durch das bekannte Pri⸗ vilegium vom J. 1249 verleitet worden, wo geſagt ift: die Pomeſanier ſollten unter andern auch eine Kirche erbauen in Chomor sancli Adal- berti. Aber in Pomeſanien kann doch Adalbert unmoͤglich gelandet ſeyn, und wer wird dieſen Ort des Namens Adalberts wegen in Samland ſuchen! 1) Transiens vero in ali mm partem fluminis, ſagt Cosmas Prag J. c.; auch dieſes deutet auf die angezeigte Gegend hin. Wir ſehen dar⸗ aus, daß nur der Fluß jene Inſel von Samland trennte. 2) Cosmas Prag. I. c. und die Legenda nennen den Ort ſchlecht⸗ weg villa. Die vita ap. Surium aber fagt: veniunt in mercalum, i. e. emporium, Marktflecken, Handelsort. Canisü vita p. 352: vespere lacio dominus villag divinum heroa Adalberlum trausduxit in villam.

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Adalbert als Apoſtel in Preuffen. 269 Goͤtzen verlaſſet und eueren Schoͤpfer erkennet, der nur ein Einiger iſt und außer welchem es keinen andern Gott mehr giebt, daß ihr glaubet in ſeinem Namen und der himmliſchen Freuden Belohnung empfanget.“ Kaum hatte Adalbert dieſe Worte geſprochen, ſo erhebt das Volk ein laͤſterndes Geſchrei gegen ihn und den Gott, den er ihm verkuͤndigen wollte; voll Grimm drohen die Erbitterten ihm den Tod, zerſtampfen die Erde, ſchwingen ihre Keulen uͤber ſein Haupt und rufen von Wuth entbrannt ihm zu: „Es ſey dir genug, daß du ungeſtraft hieher gekommen biſt; jetzt rettet dein Leben nur die ſchnellſte Ruͤckkehr; der geringſte Verzug bringt dir den Tod. Uns und dieſes ganze Reich, an deſſen Eingang wir wohnen, beherrſcht nur Ein Geſetz und Eine Lebensweiſe. Ihr aber, einem andern, uns fremden Geſetze untergeben, findet morgen den Tod, wenn ihr nicht dieſe Nacht noch entweichet ).“ Da begaben ſich in folgender Nacht die frommen Pil- ger auf ein Schifflein, fuhren wieder ruͤckwaͤrts und lande— ten an der ſuͤdweſtlichen Kuͤſte Samlands, wo ſie in einem Dorfe fünf Tage lang verweilten 2). Hier berieth ſich Adal⸗ bert mit ſeinen Begleitern, ob es nicht beſſer ſey, dieſes 1) Merkwuͤrdig find die Worte: Nobis et tot hie regno, cuius nos fauces sumus, communis lex imperat et unus ordo vivendi. Darf man hiebei nicht vielleicht an das Romowe, Rikta oder Rikaita denken, an deſſen ſuͤdlichſtem Ende Adalbert gelandet war? 2) So Cosmas Prag. p. 82; die vita ap. Surium, die Legenda; auch in Canisii vita s. Adalb. heißt es: Ipsa nocte naviculae imponeban- tur et reiro ducli manserunt quinque dies in vico quodam. Es iſt un- moͤglich zu beſtimmen, welcher Ort hierunter gemeint ſey. Zuerſt befand ſich Adalbert auf einer Inſel; dann aber transiens in aliam partem ſluminis ſcheint er das füböftliche Ufer Samlands an der damaligen Muͤndung betreten zu haben. Dort konnten die Bewohner wohl aller⸗ dings am paſſendſten ſagen cuius sc. regni nos fauces sumus. Wenn nun Adalbert in folgender Nacht mit ſeinen Begleitern wieder zuruͤck⸗ fuhr — retro ducti —, fo konnte das Dorf, wo fie verweilten, nur am ſuͤdweſtlichen ufer von Samland, etwa in der Naͤhe der jetzigen Stadt Pillau liegen.

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270 Adalberts Maͤrtyrer-Tod. hartnaͤckige Volk wieder zu verlaſſen und den Lutiziern die Lehre des Chriſtenthums zu verkuͤndigen. Mittlerweile aber offenbarte ſich Adalberts nahes Schickſal durch man⸗ cherlei Traͤume und Erſcheinungen nicht bloß einem ſeiner früheren Mitbruͤder in einem fernen Kloſter Italiens, ſon⸗ dern ſelbſt auch ſeinem treuen Gefaͤhrten Gaudentius. So ſah dieſer im Traume einen goldenen Kelch, halbvoll Wein, auf einem Altare. Kein Waͤchter war in der Naͤhe. Da er aber des Weines koſten wollte, trat ihm ein Altar-Die⸗ ner entgegen und wehrte ihm mit Ernſt, den Kelch zu be—⸗ ruͤhren, ſprechend: der Kelch ſey am naͤchſten Tage fuͤr Adalbert gefuͤllt. Bei dieſen Worten erwachte Gaudentius aus dem Schlafe und zitternd erzaͤhlte er Adalberten das Traumgeſicht. Da rief ihm dieſer zu: „Fuͤge es Gott, mein Sohn, daß deine Ahnung in Erfuͤllung gehe; doch ſoll man dem truͤgeriſchen Traume nicht trauen!“ Als nun der Morgen anbrach, wanderten ſie weiter, Chriſtum im Gebete preiſend und ſich den Weg durch den Geſang eines Pfalmes verkuͤrzend. Es war ſchon Mittag, als ſie aus der wilden Waldgegend, die ſie durchzogen hat⸗ ten, auf freies, angebautes Feldland heraustraten ). Waͤh⸗ 1) Bei Cosmas Prag. p. 83 heißt es: Nach Verlauf des fünften Tages jam exsurgente purpureo die coeplum iter agunt, et Davidico carmine viam sibi adbreviant et duleis vitae gaudium conlinuo ap- pellant Christum. Inde nemora et feralia lustra linquentes, sole ascendente ad meridiem, campestria loca adierunt. Die Legenda p- 96 fagt: Mane autem facto procedunt inde et davidico carmine viam alleviunt, dominum nostrum Jesum Cbristum, dulce refu- gium, ex oralu continuo invocantes: unde nernora et feralia lustra Iinquentes sole ad meridiem ascendente in loca campestria perve- nerunt. In der vita ap. Surium aber heißt es: Ipse beatus Adal- bertus in terra pagana cum sociis suis carpit iter secus lillora ma- vis et fit repente collisio undarum, quasi se moveat bellua maris. — Sexta feria Gaudentius, sancto viro duplex germanus, cum scandens sol tres horas prope complesset, Missarum solemnia in laeto gramine celebrat. Nehmen wir alle biefe Ortsbezeichnungen zu: ſammen, fo paſſen fie auf keine Gegend beſſer, als auf die zwiſchen Pillau und Fiſchhauſen. Dort war noch zur Zeit der Ankunft des Dr:

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Adalberts Maͤrtyrer-Tod. 271 rend hier Gaudentius Meſſe las, nahm Adalbert das heilige Mahl und genoß dann einige Speiſe, um ſich nach kurzem Schlummer zur neuen Reiſe zu ſtaͤrken. Darauf legten ſich die frommen Maͤnner zur Ruhe nieder, Adalbert einen Steinwurf weit von den Freunden entfernt. Aber eine ſchreckliche Gefahr ſchwebte uͤber ihren Haͤuptern. Ohne es zu ahnen, hatten ſie den heiligen Wald durchwandert und das heilige Feld betreten, welches ſich von hier bis nach Romowe hinaufzog. Auch da noch, wo fie ruhten, war ge⸗ weihtes, heiliges Land, welches nach des Landes Geſetzen kein Ungeweihter, am wenigſten ein Chriſt beruͤhren durfte, ohne mit dem Leben zu buͤßen ). So hatten die frommen Pilger in den Augen des heidniſchen Volkes ein Verbrechen begangen, fuͤr welches es keine Begnadigung und keine andere Suͤhne, als die durch den Tod gab. Deſſen unbewußt ruhten die frommen Pilger ſorglos im Schlafe. Da ſchreckte fie plotzlich ein wildes Geſchrei auf. Ein ergrimmter Haufe heranſtuͤrmender Heiden ſtuͤrzte über fie her, umringte und feffelte fie im ſchrecklichſten Un⸗ geſtuͤm. Und als Adalbert ſo in Banden ſeinen beiden Ge⸗ treuen gegenuͤber ſtand, da gedachte er des Kelches, der ihm gefüllt war; doch unverzagt und ſtandhaften Geiſtes ſprach er den Freunden die troͤſtenden Worte zu: „Trauert nicht, meine Bruͤder! denn ihr wiſſet, wir erleiden ſolches alles nur fuͤr den Glauben, fuͤr den glorreichen Namen Gottes und unſeres Herrn Jeſu Chriſti, welcher allein Herr iſt uͤber Leben und Tod, deſſen Tugend uͤber alle Tugenden, deſſen dens alles waldige Gegend. Der heilige Wald lief durch Samland her⸗ ab bis ans Friſche Haff; hier hieß er Poys. Aber er erſtreckte ſich auch ziemlich weit in der Richtung gegen Pillau hin. Dieſen Wald, nemora et feralia lustra, durchwanderten die Pilgrime und kamen dann in cam- pestria loca; dieß war in der Naͤhe des Dorfes Tenkitten, unfern vom Ufer der See; damals indeſſen noch weiter von der Oſtſee⸗Kuͤſte ent⸗ fernt. Alſo kann recht gut geſagt werden: carpit iter secus littora maris. 1) Helmold. Chron. Slavor. L. I. c. 1. Lucas David B. I. ©. 31. Schütz Chron. Pruss. p. 3.

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272 Adalberts Märtyrer-Tod. Herrlichkeit uͤber alle Zierde gehet, deſſen Macht unaus⸗ ſprechlich, deſſen Guͤte ohne Ende, deſſen Froͤmmigkeit un⸗ erreicht iſt! Was iſt erhabener, was herrlicher, was ſuͤßer, als fuͤr Chriſtus, den Heiland, das Leben hinzugeben!“ Und kaum waren dieſe Worte des Troſtes und der Begeiſterung geſprochen, da ſtuͤrzt ploͤtzlich aus dem ergrimm⸗ ten Haufen ein Siggo, ein Prieſter hervor und ſtoͤßt mit aller Kraft einen ſtarken Wurfſpieß durch Adalberts Bruſt. Der Goͤtzenprieſter, Fuͤhrer des wilden Haufens, ſchien es der Pflicht ſchuldig zu ſeyn, die erſten Wunden zu verſe— gen ); denn nun ſtuͤrzen alle herbei und Fühlen ihren Rach⸗ zorn im Blute des Heiligen. Von ſieben Lanzen wird er durchbohrt; aus ſieben Wunden rinnt das Blut; noch ſteht er aufrecht; Augen und Haͤnde betend gen Himmel. Die Banden werden geloͤſet; die Arme ausbreitend und fuͤr ſeine Moͤrder bei Gott um Gnade flehend ſtuͤrzt er in Form eines Kreuzes zu Boden und giebt den frommen Geiſt auf:). So ſtarb Adalbert am drei und zwanzigſten April des Jahres 997 3). 1) Die Legenda de b. Adalh. p. 95 ſagt: Hic autem, qui hoc fecit, sacerdos erat ydolorum duxque diabolicae cohortis et veluti ex debito prima inferre vulnera tencbatur. Vorher nennt fie ihn lictor ferus; den Namen Siggo hat fie nicht; wir finden ihn aber in Canisii vita mit dem Beiwort igneus, ebenſo bei Cosmas Prag. 2) So erzählen einſtimmig Adalberts Tod Cosmmas Drag. p. 84. Legenda de s. Adalb. p. 95. Canisii vita s. Adalb. p. 353. c. 45. Nur die vita s. Adalb. ap. Surium p. 839 weicht etwas ab, indem fie erwähnt: Aiunt, qui illi agoni interfuerunt, quod nec verbum unum ediderit, pallens episcopus, nisi quando ligatum ad montis supercilium duxerunt, ubi septem lanceis pulchra eius viscera fo- rarunt, ad illum tunc, cuius lancea debuit ictum et toryo adspectu occidendum martyrem in loco statuit, hoc unum verbum: Quid vis? pater exili voce interrogans fatur. Dieſes supercilium montis müßte die Anhöhe ſeyn, die ſich im Oſten des Seeufers erhebt; ſonſt iſt in 85 dortigen Gegend kein eigentlicher Berg vorhanden. Cf. Schott P-⸗ . 3) Vgl. über dieſe Zeitangabe Scott p. 67 — 69, wo man die Beweiſe dazu zuſammengeſtellt findet. Die Legenda fagt: Passus est

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Adalberts Maͤrtyrer-Tod. 273 So war die Rache um Entweihung des heiligen Bo⸗ dens geuͤbt; die beleidigten Götter waren wieder verſoͤhnt; das Geſetz war erfuͤllt und das durch den Fuß eines Chri⸗ ſten entweihte Land war durch das Blut des Verbrechers wieder geheiligt 9. Auf die Nachricht des Ereigniſſes aber ſtroͤmten bald aller Seits Volkshaufen herbei, fielen uͤber den entſeelten Koͤrper her, um auch ihre Rache zu kuͤhlen, trennten die Glieder und das Haupt vom Koͤrper, ſteckten das letztere auf einen Pfahl, ließen den Leichnam auf der Erde liegen und zogen dann mit jauchzendem Geſchrei je⸗ der in feine Heimat zuruͤck ). Adalberts treue Gefährten Gaudentius und Benedict wurden in Feſſeln hinwegge⸗ fuͤhrt; nachmals aber frei gelaſſen, entkamen ſie nach Polen, dem Herzoge Boleslav den traurigen Tod ihres Lehrers und Freundes verkuͤndigend “. b. Adalbertus anno domini DCC C CXC Vll. IX calend. Maji, feria sexta, die qua dominus Jesus Christus dignatus est pro omnibus nobis pati. Ditmar Merseburg. Lamb. S. Schaffnab. Vgl. die Beilage Nro. III. 1) Beachtet man den ganzen Zuſammenhang der Dinge, ſo ſcheint Adalberts Tod mehr eine Beſtrafung wegen Entweihung des heiligen Bodens, als eine Folge wegen ſeines Strebens zur Ausbreitung des Chriſtenthums geweſen zu ſeyn. Wenigſtens hatte er dieſe hier, wo er ſtarb, ſo viel wir wiſſen, noch gar nicht verſucht. Damit laͤßt ſich dann auch vereinigen, daß nur er allein, und nicht auch die beiden Gefährten ermordet wurden. Sein Blut genügte ſchon zur Verſuͤhnung des Ver: brechens. 2) Cosmas Prag. p. 84. Legenda p. 96. Annalista Saxo p- 363 fagt: Ad augmentum sui sceleris, divinaeque ultionis corpus beatum pelago merserunt, caput sude conviciando figentes ac exul- tando redeuntes. 3) Cosmas Prag. und die Legenda fagen von ihrem weiteren Schickſale nichts. Die vita s. Adalb. ap. Sur iim erzählt bloß: Inipii viri duos fratres immisericorditer ligatos secum ducunt. Von ihrer Freilaſſung erwähnt zwar keiner der Biographen etwas. Da indeſſen Herzog Boleslav die genaue Nachricht von Adalberts Schickſal nur durch ſie erhalten haben konnte und Gaudentius nachmals Erzbiſchof von Gne⸗ ſen wurde, ſo liegt ihre Freilaſſung ſchon im Zuſammenhange der Dinge ſelbſt. Vgl. Schott p. 69. IE 18

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274 Kaiſer Otto 111. an Adalberts Grabe. Mittlerweile geſchahen an dem verſtuͤmmelten Leich⸗ nam und am getrennten Haupte mancherlei Wunder und Zeichen, in deren finnigen und ſchoͤnen Erzählungen die Sage zu bezeugen ſucht, wie in dem heidniſchen Lande der hehre Leichnam des Maͤrtyrers durch die geheimen Kraͤfte ſeiner Heiligkeit bis zu ſeiner fernern wirkungsreichen Be⸗ ſtimmung erhalten worden ſey ). Was jedoch auch im⸗ merhin an dieſen Sagen nur fromme Dichtung ſeyn mag: — als Herzog Boleslav von Polen das ungluͤckliche Schickſal des Maͤrtyrers erfahren, beſchloß er, die vergaͤngliche Huͤlle des entſeelten Freundes als theueren Schatz um jeden Preis von den Preuſſen zu erkaufen. Da verlangten dieſe aber ſo viel an Silber, als der Koͤrper ſchwer ſey. Dennoch entſandte der Herzog ſeine Boten nach Preuſſen. Der Leich— nam ward gewogen; aber wunderbar leicht gefunden und nach Polen in ein Kloſter gefuͤhrt ). Bald darauf aber verordnete der Herzog, um das Andenken des frommen Freundes und des ſtandhaften Kaͤmpfers in der Sache Got⸗ tes noch mehr zu verherrlichen, daß der Leichnam in einem feierlichen Zuge nach Gneſen gebracht und dort in der Hauptkirche beigeſetzt werde ?). Hier aber ſah man bald an Adalberts Grabe Wunder und Zeichen, von denen die Erzählung durch Polen, Böh- 1) Man findet dieſe Wunder⸗Erzaͤhlungen in Anonymi Chron. Bohemic. ap. Mencken. T. III. p. 1648, zum Theil auch in der Le- genda de s. Adalb. p. 97 — 98. 2) Den Kauf des Koͤrpers des heil. Adalberts durch den Herzog von Polen berühren viele alte Quellen; unter andern ſagt Marlin. Gallus p. 60: postea vero corpus ipsius ab ipsis Prussis Boleslaus auri pondere comparavit; ferner auch das Cbron. Magdeburg. ap. Meiborn. T. II. p. 280. Bei Dittmar Merseburg. ap. Leibnitz T. I. p. 353 heißt es: Quod Bolislaus Miseconis filius comperiens data mox pecunia Martyris mercatur inclyta cum capite membra. Diu- goss. T. I. p. 127 nennt das Kloſter, wohin Adalberts Leichnam zuerſt gebracht wurde, Trzemesno und bezeichnet es als ein Auguſtiner⸗ Kloſter. 3) Chron. Magdeburg. I. c. P. 280. Martin. Gallus p. 60.

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Kaiſer Otto III. an Adalberts Grabe. 275 men, Deutſchland und bis nach Italien hinab ging. Dort vernahm ſie auch Kaiſer Otto der Dritte mit der traurigen Botſchaft von Adalberts, des theueren Freundes, jammer⸗ vollem Tod. Die duͤſtere Schwermuth, die ſich ſchon zuvor Otto's jugendlicher Seele bemaͤchtigt hatte, ward hie— durch noch vermehrt. Dem Vaterlande entfremdet und un⸗ ter Italiens Himmel von Gedanken getrieben, denen die Welt, wie ſie war, feindlich entgegenſtand, beſchloß er, das wunderthaͤtige Grab feines Lehrers und Freundes in Gne— ſen zu beſuchen. Es war gerade das wunderbare Jahr 1000 nach unſeres Herrn Geburt, als Otto die Pilgerreiſe an— trat ). Sein Empfang bei dem Herzoge von Polen war uͤberaus glaͤnzend und prachtvoll, denn alles, was Reichthum und Schaͤtze hieß, war von dieſem aufgeboten, den Kaiſer wuͤrdig in ſeinem Lande aufzunehmen. Die Schaaren der Ritter, die Zahl der Fürften, die große Menge der Edlen und Vornehmen, der glanzvolle Hof des Herzogs, alles die⸗ ſes war auf einer weiten Ebene verſammelt, in den koſt⸗ barſten Prunkgewaͤndern, goldreichen Kleidern und ſeltenem Pelzwerk, und von da die ganze Straße nach Gneſen hin an zwei Meilen lang mit den ſchoͤnſten Tuͤchern bedeckt 7). Da nun der Kaiſer der erſehnten Stadt ſo nahe kam, daß er ſie ſchon ſehen konnte, ſtieg er von ſeinem Roſſe und 1) Kadlubeck L. U. ep. 11. p. 129 macht den Beſuch des Kai: ſers bei dem Herzoge Boleslav zur Hauptſache und die Pilgerſchaft zum Grabe Adalberts zum Nebenzweck; er fagt: Imperator Olio rufus, desiderio experiendi ea, quae fama de Boleslao diffuderat, Polo- niam ingreditur, quasi beato Martyri Adalberto votivam exhibiturus reverentiam. Boguphal ap. Sommersberg p. 25 ſtellt dagegen den Beſuch des Grabes Adalberts, quem Imperator in vita valde dilexerat, als den Hauptzweck dar. Eben fo die Annales IIildesheim. ad an. 1000 und Chronograph. Saxo an. 996. Annaulista Saxo p. 372. 2) Martin Gallus p. 60— 61 giebt die vollſtaͤndigſte Beſchreibung des prachtvollen Empfanges. Ditmar Merseburg. p. 83 ſagt nur: Qualiter aulem Caesar ab eodem (Duce) tunc susciperetur, et per sua usque ad Gnesin deduceretur, dictu ineredibile ac inefßbile est. So auch Annalista Sama p. 372. 18 *

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276 Des heil. Adalberts Andenken. ging baarfuß bis an die Kirche, wo Adalberts Gebeine ru⸗ heten. Dort fiel er im Gebete vor den Ueberreſten des Heiligen nieder und bat in tiefer Andacht und in Thraͤnen der Wehmuth und der Erinnerung an den einſtigen ge— treuen Lehrer und Freund um ſeine Fuͤrbitte bei dem Er⸗ loͤſer ). Darauf folgten die Tage feſtlicher Mahle, an denen Herzog Boleslav ſeinen ganzen außerordentlichen Reichthum offenbarte. Da ſoll, verwundert uͤber die Zahl und die Koſt⸗ barkeit der Schaͤtze, der Kaiſer die eigene Krone von ſeinem Haupte genommen und ſie dem Herzoge aufgeſetzt haben mit den Worten: Eines ſolchen Fuͤrſten iſt es nicht wuͤrdig, daß er Herzog heiße; er muß durch den Schmuck der Krone auf den Koͤnigsthron erhoben werden. Dann be— ſchenkte ihn, wie berichtet wird, der Kaiſer zur koͤniglichen Heerfahne mit der Lanze des heiligen Mauritius und ei⸗ nem Nagel vom heiligen Kreuze. Dem Kaiſer dagegen verehrte Boleslav einen Arm vom heiligen Adalbert 2). Und um das Band der Freundſchaft beider Regenten noch fe ſter zu knuͤpfen, gab der Kaiſer ſeine Schweſter Boleslavs 1) Ditmar Merseburg. P. 84. Chronograph. Samo an. 996. Annalista Saxo p. 372. 2) So erzählen die Polniſchen Chroniſten; |. Marlin. Gallus p. 61. Kadlubeck L. II. ep. 11. p. 130; vgl. Struoii Corpus historiae Germanicae p. 267 — 268. In der vita s. Stanislai (Mſcr. des geh Archivs zu Königsb.) heißt es: Decet utique, ait Imperator, virum tam magnificum non principem, sed regem censeri nostrique ac Romanorun Imperii socium et amicum appellari et regio diademate insigniri. Deinde de capite suo coronam deposuit et capiti Boles- lai imponens, ipsum in Regem Poloniae et omnium circumjacen- tium regionum nationum, quas suo subjugaverat imperio consecrari praecepit, deditque Imperator Boleslao Regi pro regalibus insignüs lanceam beati Mauritii et clavum domini. Haec autem regalia in- signia, corona videlicet, sceptrum et lancea usque in bodiernum diem in armario Cracoviensis Ecelesiae ad memoriam posteriorum jacent recondita. Wie weit aber dieſen Nachrichten zu trauen ſey, kann hier nicht weiter eroͤrtert werden; vgl. Conring de ſinibus Im- perü c. 18. Wagner Geſchichte von Polen S. 65.

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Des heil. Adalberts Andenken. 277 Sohn und einſtigem Nachfolger Mjesko zur Gemahlinn Y. Darauf erhob Otto Gneſen zu einem Erzbisthum und be⸗ ſtellte als deſſen erſten Erzbiſchof, wenn gleich ohne Einſtim⸗ mung des Bifchofs von Poſen, deſſen Kirchenſprengel Gne⸗ ſen bis dahin untergeben geweſen war, den getreuen Ge⸗ fährten Adalberts, Gaudentius, indem er der neuen Stif⸗ tung die Bisthuͤmer Kolberg, Krakau und Breslau unter⸗ gab 2). So das Andenken ſeines Freundes auf lange Zei⸗ ten hinaus verherrlichend, zog Kaiſer Otto in ſein Reich wieder zuruͤck. Auch Herzog Boleslav ſuchte die Erinnerung an dieſe Begebenheit auf mancherlei Weiſe feſt zu halten. So ließ er unter andern eine goldene Muͤnze praͤgen, um der Nachwelt auch in ſolcher Art kund zu thun, welchen Glanz und welches Heil der heilige Adalbert feinem Reiche ge— bracht habe ). — Gneſen blieb jedoch nicht lange im Be⸗ 1) Boguphal ap. Sommersberg T. II. p. 25. Doch unterliegt auch dieſe Nachricht einem Zweifel, denn wir finden nur Richſa, eine Tochter des Pfalzgrafen Hezilo vom Rhein, als Mjesko's Gemahlin ge⸗ nannt. 2) Ditmar Merseburg. p. 84 nennt den erſten Erzbiſchof von Gneſen Nadim; es iſt dieſes aber nur eine Verſtuͤmmelung des Namens Radzin und dieſer Name iſt nichts weiter als eine Polniſche Ueberſetzung des Namens Gaudentius; vgl. Linde Poln. Woͤrterbuch B. V. S. 7. Ad. Naruszewiesa IIislorya Narodu Polskiego T. II. Ksiega Pierwsza p. 104 seqd. Daß Gaudentius zum Erzbiſchof von Gneſen ernannt wurde, erwähnen auch Laib. Schaffnaburg. an. 1000. Chronograph. Saxo an. 9906. Annalista Saxo p. 372. Dubrav. Histor. Bohem. p. 47. 60. Dlugoss. Ilistor. Polon. T. I p. 149. 3) Im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts wurde eine ſolche Münze beim Dorfe Gembice in der damaligen Woiwodſchaft von Poſen in einer Urne ausgepfluͤgt. Sie zeigte auf dem Avers den gekroͤnten Kö: nig Boleslav mit einem uͤber den Knien liegenden breiten Schwerte und der Umſchrift: Bulezlaus; auf dem Revers den Kopf des heil. Adalberts mit einem Heiligen⸗Schein und der Umſchrift: S. Adalbertus. Sie befand ſich fruͤher in einem Muͤnzkabinet zu Danzig. Vgl. uͤber ſie eine kleine Abhandlung im Erlaͤut. Pre fin B. II. S. 79, wo ſich auch ein Abdruck davon befindet. S. Preuff. Samml. B. III. S. 133 — 134.

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278 Des h. Adalberts Andenken u. Folgen ſ. Maͤrtyrer⸗Todes. ſitze der wunderthaͤtigen Ueberreſte des frommen Maͤrtyrers; denn als ums Jahr 1038 der Boͤhmen Herzog Brzetislav im Kriege gegen Polen Gneſen erſtuͤrmte, entführte er au⸗ ßer manchen andern Heiligthuͤmern auch Adalberts Leich⸗ nam nach Prag und Severus, damals Biſchof dieſer Stadt, benutzte den nun erſt erwachten Glauben der Böh- men an Adalberts Heiligkeit und an ſeine Wunderthaten, um den Gehorſam gegen die Kirche und die ſtrengſte Be— obachtung chriſtlicher Sitten und Gebraͤuche als die einzige Bedingung der Verſoͤhnung des Volkes mit dem Heiligen und der Verſetzung ſeiner hehren Ueberreſte in ſeine Mitte nach Prag für immer feſt zu ſtellen . In ſolcher Weiſe hatte Adalberts Maͤrtyrer-Tod und das Andenken an das, was er gewollt und erſtrebt, eine Wirkung, die alles uͤbertraf, was er durch das lebendige Wort ſeiner Rede und durch den feurigen Eifer ſeines Gei⸗ ſtes bei den Böhmen ſowohl, als bei dem Volke der Preuf- ſen ins Werk zu ſetzen geſucht hatte. Darum hat ihn die Nachwelt auch weit mehr verherrlicht und verewigt, als feine Mitwelt ihn ſchaͤtzte und feinem Worte folgte In frommer Erinnerung an ſein Wirken und Streben und im frommen Glauben an ſeines Namens Heiligkeit erbaute man ihm Kirchen in Italien, in Polen, in Boͤhmen, in Schleſien, in Ungern, in Pommern und in Preuſſen 9. In dem letztern Lande ward ſein Andenken ſpaͤterhin noch vielfach gefeiert ); er wurde als Schutzheiliger des Bis— 1) Dubrav. IIistor. Bohem. p. 60. 2) Schott. p. 72 — 7.5 zählt fie der Reihe nach auf. 3) S. Arnolds Kirchengeſchichte von Preuſſen S. 73 — 74. Die aͤlteſte Kirche, welche dem heil. Adalbert zu Ehren in Preuſſen erbaut wurde, war in Pomeſanien in dem Dorfe Chomor s. Adalberti, welche in dem Vertrage vom J. 1249 die Pomeſanier zu errichten verſprechen mußten. S. Fabers Abhandl. uͤber die Theilung Pomeſaniens zwiſchen dem Orden und dem Biſchofe u. ſ. w. in den Beiträgen zur Kunde Preuſſ. B. III. S. 341. Ob Adalbert an dieſem Orte gelehrt hatte und warum dieſes Dorf ſchon vor Errichtung der Kirche Chomor oder Ko-

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Des h. Adalberts Andenken u. Folgen ſ. Maͤrtyrer⸗Todes. 279 thums Samland angerufen). Die Domkirche zu Koͤnigs⸗ berg ward ihm zu Ehren und unter ſeinem Namen ge— gruͤndet ?). An dem Orte, wo er erſchlagen ward, unfern vom Meeresufer wurde ihm in ſpaͤteren Zeiten eine Kapelle erbaut und nach ſeinem Namen benannt; zu ihr kamen Pilgrime aus weit entfernten Landen, denn Papſt Euge⸗ nius der Vierte hatte allen denen, die hier in Andacht und Gebet Adalberts Andenken erneuern und die Stiftung durch Spenden mit unterhalten wuͤrden, eine hunderttaͤgige In⸗ dulgenz ertheilt ). Nun ſind es nur noch wenige Mauer⸗ ſteine, welche dem Wanderer dieſen einſt den Heiden, wie den Chriſten heiligen Boden bezeichnen koͤnnen ); aber es find Ueberreſte, an welche ſich in der Geſchichte dieſes Lan—⸗ des eine große Erinnerung knuͤpft, die Erinnerung an den Mann, deſſen Seele innigſt von dem Wunſche ergluͤhte, von hieraus den erſten Lichtſtrahl der Lehre des Gekreuzig⸗ ten uͤber das ganze Land leuchten zu laſſen. Adalberts Name aber ward ſogleich in den erſten Jah— ren nach ſeinem Maͤrtyrer-Tode uͤberall, wo man den frommen, gottergebenen Mann im Leben gekannt, zu hoch gefeiert und verherrlicht; des Kaiſers Pilgerfahrt an ſein Grab gab den Verdienſten des Maͤrtyrers in den Augen der Welt eine zu große Wichtigkeit und erhabene Bedeu— tung; die Sagen von den Wunderthaten an ſeinem Grabe hatten auf die Gedanken und Gefuͤhle von Tauſenden eine zu tiefe Wirkung; es war ferner auch dieſer Zeit des Mit- telalters nur zu ſehr eine frommphantaſtiſche Schwaͤrmerei in Gedanken uͤber Verdienſte um den Himmel und ſeine mor sancli Adalberti hieß, bleibt ungewiß. Sollte dieſes Komor viel: leicht fo viel bedeuten als Kummer, alſo S. Adalberts Kummer ? 1) Nach dem Zeugniß vieler Urkunden. 2) Lucas David B. I. S. 157. 3) Hartknoch Dissertat. de orig. relsz. Christian. $. XIII. p. 232 4) Ueber die Errichtung und die Schickſale dieſer Kapelle, fo wie uͤber verſchiedene andere zu eroͤrternde Fragen in Beziehung auf Adal⸗ berts Leben vgl. die Beilage Nro. III.

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280 Des h. Adalberts Andenken u. Folgen ſ. Maͤrtyrer⸗Todes. Sache ganz beſonders eigen, und die gewaltige Spannung der Gemuͤther der chriſtlichen Welt, die mit dem tauſend⸗ ſten Jahre nach des Heilandes Geburt eine ganz neue Welt mit wunderbaren Erſcheinungen, ja ſogar die Wieder⸗ kunft des Erloͤſers ſelbſt und die Auferſtehung aller Todten erwartet hatte, war noch zu neu und in dem Innern der ganzen chriſtlichen Menſchheit noch zu lebendig, als daß nicht die naͤmliche gluͤhende Sehnſucht nach Verdienſten um den Himmel und um die Sache des Heilandes, und der⸗ ſelbe Gedanke, der den heiligen Adalbert unter die Heiden des Nordens getrieben hatte, auch bald in einem andern Menſchen von neuem haͤtte erwachen muͤſſen. Adalberts Schickſal und ſein Jammer-Tod konnten damals, wie die Welt geſtimmt war, wohl keinen abſchrecken; er konnte viel⸗ mehr nur anreizen, erwaͤrmen, beleben und begeiſtern. Ergriffen von dieſem Gedanken und bewogen durch Adalberts Maͤrtyrer⸗Tod ſoll zunaͤchſt nach dieſem der Be⸗ nedictiner Bonifacius, ein Verwandter des Kaiſers Otto des Dritten und ausgezeichnet durch ſeine gelehrte Bildung und feine Kenntniß der Muſik, zuvor auch ſchon zum Erz⸗ biſchof im Gebiete der Unglaͤubigen geweiht, nach Preuſſen gezogen ſeyn, getauft und gepredigt und zuletzt ebenfalls die Märtyrer- Krone errungen haben. Die pruͤfende Un⸗ terſuchung indeſſen verweiſet dieſen Apoſtel ins Gebiet des Irrthums, ſobald von ihm als einem beſondern Bekehrer der Preuſſen die Rede iſt ). 1) Dieſer Bonifacius iſt zwar ſchon durch einen früheren gruͤndli⸗ chen Forſcher, nämlich durch Scolt Pruss. Cbristian. p. 81 — 85 aus der Geſchichte Preuſſens mit allem Rechte verwieſen worden; allein er iſt deſſen ungeachtet doch immer wieder in dieſelbe zuruͤckgekehrt; |. A r⸗ nolds Preuſſ. Kirchengeſchichte S. 76 — 77. Hartknochs Kirchen: geſchichte S. 22. Kotzebue Preuſſ. ätt. Geſch. B. I. S. 119. Die Sache beruhet offenbar auf einer bloßen Namen-Verwechſelung. Der Heidenbekehrer Bruno nämlich hatte bei der Firmung nach damaliger Sitte den Namen Bonifacius erhalten. Das Chron. Magdeburg. ap. Meibom. T. II. p. 284 nennt ausdrücklich Brunonem cognomento

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Der Heiden-Bekehrer Bruno. 281 Sonder Zweifel aber war dieſer Bonifacius kein an⸗ derer, als der Benedictiner Bruno, der durch Adalberts ho⸗ hes Beiſpiel getrieben und gelockt den Gedanken faßte, des gefeierten Vorgaͤngers Werk noch einmal zu beginnen und wo moͤglich zu vollenden. Geboren war Bruno zu Quer⸗ furt, aus dem Stamme eines edlen freiherrlichen Geſchlech⸗ tes ), welches lange ſchon ſich bei den Kaiſern des Saͤch⸗ ſiſchen Hauſes durch hohe Verdienſte nicht minder um dieſe ſelbſt, als um des Reiches Schirm und Vertheidigung Gunſt und Hochachtung erworben hatte. Sein Vater war Bruno der Zweite, geruͤhmt von ſeinem Zeitgenoſſen und Verwandten, dem hochverdienten Biſchof Ditmar von Mer⸗ ſeburg, dem Geſchichtſchreiber dieſer Zeit, und ſeine Mutter Ida aus einem graͤflichen Haufe 2). Die Aeltern, lange in Bonifacium und p. 275 heißt es: sanctus Bruno qui et Bonifacius. Nun kennt Deirus Damiani in vita s. Romualdi dieſen Bruno nur unter dem Namen Bonifacius, nennt ihn einen martyr, einen Apoſtel der Ruſſen und erzählt vieles von feinen Verſuchen zur Ausbreitung des Chriſtenthums. Baronius Annal. cccles. T. X. p. 906 und 918 — 919 aber, ſich ſtuͤtzend auf Petrus Damiani, nahm dieſen Bonifacius fuͤr eine von Bruno ganz verſchiedene Perſon und fuͤhrte ihn als einen beſondern Heidenbekehrer in die Geſchichte ein. 1) Langii Chron. Citizens. ap. Pistor. T. I. p. 1127: „ natione Saxo, ex illustri baronum de Querfurt prosapia genitus. Ditrnar Merseburg. p. 177 ſagt bloß: ex genere clarissimo editus. — Ueber Bruno's Leben haben wir eine eigene Schrift unter dem Titel: Bruno Apostolus oder des Roͤmiſchen Apoſtels in Preuſſen Brunonis Leben, Tod und Verehrung nach dem Tode, wie auch der bei ſeiner Capelle und Wallfahrt auf der Eſels⸗Wieſe zu Querfurt entſtandenen Oſter⸗ Mark beſchrieben von B. L. S. Halle 1714. Der Verfaſſer iſt, wie Schott I. c. p. 79 dargethan, D. S. Büttner, Diakon zu Querfurt. S. 22 ff. ſpricht der Verfaſſer von Bruno's edler Abſtammung. — (ue⸗ brigens iſt dieſe Biographie faſt ohne allen Werth.) 2) So nennt Ditmar Merseburg. p. 177 die beiden Aeltern. Vom Vater ſagt er: Pater Bruno egregius et per cuncta laudabilis, ami- cus mihi consanguinitate et omnihus erat proximus familiaritate. Chron. Magdeburg. p. 279. Annalista Samo p. 409 nennt außer dieſen Aeltern auch einen Bruder Bruno's Gebhard. Spangenberg Querfurt. Chron. B. II. c. 7.

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282 Der Heiden-Bekehrer Bruno. kinderloſer Ehe ſich einen Sohn erſehnend und den Erwar⸗ teten ſchon vor der Geburt dem geiſtlichen Stande wid— mend, pflegten den Sproͤßling ihrer Ehe mit waͤrmſter Liebe und ſorgten treu fuͤr ſeine Bildung. Sie ließen ihn zuerſt in der Domſchule zu Magdeburg unterrichten, wo damals ein beruͤhmter Lehrer Giddo der Anſtalt vorſtand ). Dort genoß zu jener Zeit auch der nachmalige Biſchof Ditmar von Merſeburg des Unterrichtes, der uns berichtet, daß ſchon in dieſen Jugendjahren Bruno die Einſamkeit geliebt und während die Schulgenoſſen ſich im Spiele vergnügt, zum ſtillen Gebete ſich gerne an entlegene Orte entfernt habe 2). Wie lange er dort mit dem etwas aͤlteren Ditmar zuſammen gelebt), iſt ungewiß. Es ſcheint jedoch, daß Bruno ſchon ums Jahr 988 ein Canonicat an der Kirche von S. Mauritius zu Magdeburg erhalten habe, zu welchem Amte ihn ſeine Wißbegierde vollkommen faͤhig und ſein reiner, frommer Wandel auch voͤllig wuͤrdig gemacht hatte). Sein Werk war damals der Aufbau der Schloß— kirche zu Qucrfurt >). Mittlerweile war Bruno dem Kaiſer, Otto dem Drit- ten, bekannt geworden, denn dieſer liebte ſolche Maͤnner, die ſich durch Bildung, durch Froͤmmigkeit im Geiſte der Zeit und durch eine gewiſſe Schwaͤrmerei der Gefuͤhle vor andern hervorthaten, wie ſolches ſchon ſeine große Liebe und Vertraulichkeit zu Adalbert bewies. Er zog auch den juns gen Bruno an ſeinen Hof, ohne daß uns berichtet wird, 1) Ditmar Merseburg. Pp. 177. 205. Annalista Samo p. 409. Spangenberg ea. a. O. 2) „Cum mane ad scholam ire debuisset, antequam ab hospi- tio exiret, veniam petüt et ludentihus nobis in oratione is fuit.““ Ditmar 1. c. Annalista Saxo |. c. 3) Ditmar nennt ihn contemporalis et conscholasticus. 4) Ditmar l. c. fagt: Otio negotium praeposuit et sic fructiſi- cans ad maturitatem pervenit. Das Chron. Magdeburg. p- 284 nennt ihn Sancii Mauritii Magdeburg. Canouicum. Spangenberg B. II. c. 8. Bruno Apostolus S. 34. Annalista Saxo p. 409. 5) Bruno Apostolus c. 35.

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Der Heiden-Bekehrer Bruno. 283 welches Amt dieſer dort verwaltet habe ). Nach Ditmars, ſeines Zeitgenoſſen und Verwandten Zeugniß, duͤrfte man faſt glauben, daß ihn der Kaiſer bloß des Umganges und der gelehrten Unterhaltung wegen zu ſich gerufen habe ). Nun geſchah aber, daß Kaiſer Otto im Jahre 996 mit feinem Neffen Bruno, dem Sohne des Herzogs Otto von Baiern, nach Italien zog, theils um dieſen nahen Verwand⸗ ten auf den paͤpſtlichen Stuhl zu erheben, theils um dann 1) Man nimmt allgemein an, daß Bruno am kaiſerlichen Hofe der Vorſteher der kaiserlichen Kapelle geweſen ſey und gründet dieſe Annahme auf Petrus Damiani in vita s. Romualdi, welcher fagt: Erat autem apprime liberalium artium doctrinis instructus, maximeque in mo- dulationis musicae studiis approbatus. Is itaque in capella regia morabatur. So hat dieſe Stelle auch Daronius Annal. eccles. T. X. p. 906 auf feinen vermeintlichen und von Bruno verſchiedenen Apoftel Bonifacius bezogen. Schott in ſ. Pruss. Christ. p. 83 ſchrieb ohne weiteres bier dem Baronius nach und ließ unſern Bruno ebenfalls Ka⸗ pellen⸗Vorſteher ſeyn. Es beruht aber auch dieſes alles auf einer Ver⸗ wechſelung des Namens, zu welcher Petrus Damiani den erſten Anlaß gab. Jener Bruno namlich, von welchem Pet. Damiani ſpricht, war keineswegs der unſerige aus Querfurt, ſondern es war Otto III. Neffe Bruno, Sohn des Herzogs Otto von Baiern; ſ. Ditmar Merseburg p. 79. Von dieſem Bruno wird nun durch den zeitgenoͤſſiſchen Verfaſ⸗ fer der vita s. Adalb. ap. Canisium p. 347 gerade alles erzählt, was der fpäter lebende Peirus Damiani auf den nachmaligen Heidenbekeh⸗ rer Bruno überträgt. Es heißt nämlich: Erat item in Capella Regis quidam Clerieus Bruno, secularibus litteris egregie eruditus, et ipse regio sanguine genus ferens, magnae indolis; sed quod minus bo- num, multum fervidae juventutis. Dieß war derſelbe, der um dieſe Zeit unter dem Namen Gregorius V. den paͤpſtlichen Stuhl beſtieg. Ditmar. I. c. vita s. Adalb. I. c. Bowers Geſchichte der Paͤpſte B. I. S. 339. — Hiemit fällt dann auch die von Schott p. 82 behaup⸗ tete Verwandtſchaft unſeres Bruno mit dem Kaiſer Otto IM weg und gehört jenem Bruno an, der mit dem Kaiſerhauſe wirklich verwandt war. 2) Ditmar p. 177 ſagt naͤmlich ganz einfach: A Lertio desidera- iur Ottonc et suscipitur. Von einer Anſtellung in Otto's Kapelle weiß alſo Ditmar durchaus nichts. Das Chron. Magdeburg. p. 284 ſagt gleichfalls nur: posten (d. h. nach feinem Canonicat) in palatio regio adsumium.

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284 Der Heiden-Bekehrer Bruno. von ihm die Kaiſer-Krone zu empfangen. Da war auch jener Bruno aus Querfurt in des Kaiſers Begleitung, ſah jetzt Italiens freundlichen Himmel und begrüßte dort wahr⸗ ſcheinlich den damals noch in Rom lebenden Adalbert, der zu jener Zeit ja viel um den Kaiſer war. Ob vielleicht auf Bruno's Stimmung der Umgang mit Adalbert oder was ſonſt in Rom auf ſeinen Geiſt eingewirkt haben mag: — Bruno beſchloß, den kaiſerlichen Hof mit aller Luſt der Welt gaͤnzlich zu verlaſſen und trat, wie einige meinen, durch den Anblick der Kirche des alten Maͤrtyrers und Glaubenshelden Bonifacius auf dem Aventinus- Berge tief erſchuͤttert, in den Moͤnchs-Orden der Benedictiner ein. Hier führte er mit zwei gleichgeſinnten Freunden und Or: densbruͤdern Johannes und Benedict ein ſtrengmoͤnchiſches und einſiedleriſches Leben, nur der Beſchauung, der Sorge um die Seele und den Pflichten ſeines Ordens hinge— geben ?). So verweilte Bruno in Italien bis nach Otto des Dritten Tod. Da war in ihm aber, vielleicht zunaͤchſt durch den weitgefeierten Maͤrtyrer⸗Tod Adalberts aufgeregt, der Gedanke lebendig erwacht, dieſelbe Bahn zu betreten, auf welcher Adalbert ſo großen Ruhm und ſolche Verherr— lichung unter den Menſchen, ſo hohes Verdienſt und ſo viel Gnade vor Gott ſich erworben hatte. Er legte dem Papſte, damals war es Sylveſter der Zweite, feinen Ent⸗ ſchluß vor und erhielt von ihm nicht bloß die Erlaubniß zu dem frommen Unternehmen, ſondern zugleich auch die Wuͤrde eines Erzbiſchofs in dem Lande der Heiden. So— 1) Ditmar Merseb. p. 176 fagt: Quem (Otionem) non longe post desere$s, solitariam quaesivit vitam. Das Chron. Magdeburg. P. 284 nennt ihn „Fugientem cum deliciis suis seculum, ut sibi lu- crifaceret Christum, sicque apud Italiae eremum cum beatis sociis Benedicto atque Johanne in monachica religione perfectissime con- versatum. Des durch die Kirche des heil. Bonifacius bewirkten An⸗ laſſes erwaͤhnt Petrus Damiani vita s. Romualdi. Annalista dn. v p. 40.

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Der Heiden-Bekehrer Bruno. 285 fort begab er fich zur Zeit, als Heinrich der Zweite den deutſchen Koͤnigsthron ſchon beſtiegen hatte, nach Merſeburg und erhielt vom Erzbiſchof Dagino von Magdeburg die Weihe und das erzbiſchoͤfliche Pallium. Dieſes geſchah etwa um das Jahr 1004 ). Der Krieg jedoch, welchen Herzog Boleslav der Ta⸗ pfere von Polen ſchon ſeit mehren Jahren zur Erweiterung ſeiner Reichsgraͤnzen nach Deutſchland hin mit dem Kaiſer führte und auch in dem eben bezeichneten Jahre noch fort- ſetzte, mag Bruno gehindert haben, das Werk ſogleich zu beginnen, zu welchem er ſich durch eine höhere Stimme be= rufen glaubte. Da aber Boleslav durch der Deutſchen Tapferkeit und groͤßere Kriegserfahrung gedemuͤthigt, der Streit ſomit beendigt war und der Erzbiſchof Dagino von Magdeburg im September des Jahres 1005 nach Poſen zum Herzoge ging, um mit ihm in des Kaiſers Namen den Frieden zu verhandeln ), ſcheint Bruno, ihn beglei⸗ tend, an den Hof des Polniſchen Fuͤrſten gekommen zu ſeyn. Er fand bei Boleslav, dem die Bemuͤhung um die Bekeh⸗ rung des nahen Volkes der Preuſſen jeder Zeit erwuͤnſcht kam, die guͤnſtigſte Aufnahme, ward von ihm und den an⸗ dern Großen des Hofes öfter reichlich beſchenkt, vertheilte jedoch alles wieder unter die Armen und Kranken oder an 1) Ditmar Merseburg. p. 176. Cbron. Magdeburg. p. 284: Deinde a Romano pontifice ad regem Henricum et eundem Archie- piscopum (Daginonem) directum consecraverat Archipraesulem gen- tum, eique, quod Apostolico detulit, circumposuerat pal- lium, qui posthaec signis clarus pro Deo ab ipsis gentibus cum est marlyrisatus, sicut indicat liber gestorum eius, veraci relatione conscriptus. Arnalista Saxo p. 410. Dagino wurde im Jahre 1004 Erzbiſchof von Magdeburg und unmittelbar nach feiner Wahl begab ſich Heinrich nach Merfeburg; ſ. Vita Henrici S. Imperat. ap. Leibnitz T. I. p. 437. Ditmar Merseburg. p. 119. Rathmann Geſchichte von Magdeburg B. 1. S. 121 — 122. 2) Ditmar Merseburg. p. 137 — 138 fagt: Tagino Archiepis- copus cum aliis familiaribus regis ad civitatern (Poſen) a Bolez- lavo rogatus, venit. Chronograph. Saxo p. 218. Annalista Smæo p. 403 — 404.

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286 Der Heiden-Bekehrer Bruno. die Kirchen, um in ſeiner Tugend der Entſagung und Ent⸗ haltſamkeit feſt und treu zu bleiben Y. Doch nicht fo guͤnſtig, wie Bruno's Aufnahme bei dem Herzoge, war fuͤr ſein Werk die Zeit, in welcher er es be— ginnen wollte. In Polen ſelbſt war ſeit des Kaiſers Otto Tod alles in Gaͤhrung und kriegeriſcher Bewegung, denn der ſo kampfluſtige als herrſchbegierige Herzog hatte es ſeitdem ſchon nach mehren Seiten hin verſucht, die Graͤnzen ſeiner Herrſchaft zu erweitern. Wie Pommern, ſo ſcheint auch Preuſſen von den Waffen der Polen nicht ganz unbe— ruͤhrt geblieben zu ſeyn, wiewohl die Duͤrftigkeit ſicherer Quellen uͤber dieſe Zeit die naͤheren Verhaͤltniſſe beider Laͤn⸗ der im Dunkel laͤßt ). Wenn es demnach auch ungewiß bleibt, ob Preuſſen und Polen ſchon in dieſer Zeit der Herrſchaft Boleslavs in Waffen gegen einander geſtanden hatten, ſo war doch ſicherlich noch nichts geſchehen, um den alten Haß und das Mißtrauen der Preuſſen gegen das Nachbarland zu beſchwichtigen; vielmehr mußte es Boles— lavs Herrſchluſt und Begierde nach Erweiterung ſeines Reiches nur noch mehr verſtaͤrken und von neuem aufregen. Selbſt die Beendigung des Krieges mit Deutſchland, der bisher Boleslavs ganze Aufmerkſamkeit nach Weſten gezo- gen, mußte unter den Preuſſen die Beſorgniß erregen, daß Boleslav die nie ruhenden Waffen nun gegen ihre Freiheit 1) Ditmar Merseburg. p. 176: Dehine ob luerum animae la- borem subüt diversae ac grandis viae, castigans corpus inedia et erucians vigilia. Multa a Bolizlavo caeterisque divitibus bona sus- cepit, quae mox Eccelesiis ac familiaribus suis et pauperibhus nil sibi retinendo divisit. Annalista Saxo p. 40 ſchreibt Ditmar nach. 2) Helmold. Chron. Slavor. L. I. c. 15 fagt zwar: Eodem quo- que tempore Bolizlaus Polonorum Christianissimus Rex, confoe- deratus cum ÖOttone terlio, omnem Slaviam, quae est ultra Odo- ram tributis subjecit, sed et Russiam et Prussos, a quibus passus est Adelbertus Episcopus, cuins reliquias tunc Bolizlaus transtulit in Poloniam, Allein die hier zuſammengefaßten Ereigniſſe gehören of: fenbar verſchiedenen Zeiten an. An eine Unterwerfung der Preuſſen zu Otto des Dritten Zeit iſt wenigſtens wohl ſchwerlich zu denken.

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Bruno's Maͤrtyrer-Tod in Preuffen. 287 wenden und an ihrem Lande verſuchen werde, was ihm bei ſeinen weſtlichen Nachbarn nicht gegluͤckt war. Bruno, dieſe Verhaͤltniſſe erwaͤgend, beſchloß daher, ſein Bekehrungswerk noch einige Jahre auszuſetzen, zugleich auch um Zeit zu gewinnen, durch Erlernung der Preuſſi⸗ ſchen Sprache ſich noch beſſer auf daſſelbe vorzubereiten. Erſt als der Krieg zwiſchen Boleslav und Deutſchland von neuem begonnen hatte und das Heer der Polen bis an die Elbe erobernd vorgedrungen war, trat Bruno im Jahre 1008 die Wanderung nach Preuſſen an ). Achtzehn feiner 1) Wir muͤſſen uns hier uͤber einen ſtreitigen Punkt in Betreff dieſer Wanderung etwas näher erklaͤren. Die meiſten neuern Geſchicht⸗ ſchreiber, wie Bruno Apostolus S. 125, Baczko Pr. Geſchichte S. 90 und in der Encyklopaͤid der Wiſſenſchaft. und Kuͤnſte unter dem Ar⸗ tikel Bruno, Kotzebue B. I. S. 120 nehmen eine doppelte Reiſe Bruno's nach Preuſſen an und ſetzen die erſtere ins Jahr 1000, die zweite aber ins Jahr 1009. Sie folgen hierin vorzüglich den Angaben in Spangenbergs Chron. von Querfurt S. 125, der zugleich be= hauptet, daß Bruno im Jahre 1000 den Kaiſer Otto zur Pilgerreiſe an Adalberts Grab durch Ueberredung bewogen und ihn dahin begleitet habe. Dabei ſtuͤtzt man ſich auf die Annahme, daß Bruno erſt nach ſeiner Ruͤckkehr von ſeiner erſten Reiſe die Stelle eines Vorſtehers der kaiſerlichen Kapelle in Merſeburg ums Jahr 1004 uͤbernommen habe. Dieſe Angabe iſt nun von uns ſchon widerlegt; aber wir koͤnnen uns auch nach genauer Prüfung ber aͤlteſten und zuverlaͤſſigſten Quelle von einer doppelten Reiſe Bruno's nach Preuſſen auf keine Weiſe uͤberzeugen. Schon Schott in Pruss. Christian. p. 86 — 88 hat ſich dagegen gruͤnd⸗ lich erklaͤrt. Der wichtigſte Beweis fuͤr die Annahme von nur einer ein⸗ zigen Reiſe liegt offenbar in der Angabe des zeitgenoͤſſiſchen und mit Bruno’s Schickſalen gewiß genau bekannten Ditmar Merseburg, p. 176, indem dieſer ſagt: In duodecimo conversionis ac inclylae conversa- tionis suae anno ad Prussiam pergens, steriles hos agros semine divino studuit foecundare. Nach Italien und in den Moͤnchsſtand be: gab ſich Bruno im Jahre 996 in Begleitung des Kaiſers. Von da an gerechnet war das Jahr 1008 duodecimus conversionis annus. Von einer Reiſe nach Preuſſen aber in dieſer Zwiſchenzeit weiß Ditmar durch⸗ aus nichts. Wie hätte er fie aber in Merſeburg, in der Naͤhe des noch lebenden Vaters ſeines Freundes nicht wiſſen ſollen, wenn ſie vorgefal⸗ len wäre? und wie haͤtte er in dieſer Art ſchreiben koͤnnen, wenn Bruno ſchon einmal im Jahre 1000 in Preuſſen geweſen waͤre? Es kommt

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288 Bruno’s Maͤrtyrer⸗Tod in Preuffen. Gefährten, und unter dieſen auch Johannes und Benedict, jene zwei Moͤnche des Benedictiner-Ordens, die mit ihm im vertrauteſten Umgange in Italien in der Einſamkeit gelebt, begleiteten ihn. Die Preuſſen aber hatten Adalberts Bemuͤhungen zur Vertilgung ihres Glaubens und ſeine Schmaͤhung und Verachtung ihrer Eoͤtter und Heiligthuͤ⸗ mer noch keineswegs vergeſſen; vielmehr war ihnen ſeitdem alles, was chriſtlich hieß, nur noch verhaßter geworden. Warnend riethen ſie daher dem neuen Apoſtel, die Predigt gegen ihre Gottheiten nicht fortzuſetzen und zur Rettung feines Lebens das Land eilig zu verlaſſen. Allein das Gluͤck, womit im Einzelnen ſein Bemuͤhen begleitet geweſen ſeyn ſoll, ſcheint den eifrigen Glaubensverkuͤndiger bewogen zu haben, der Warnung nicht zu folgen, vielmehr in ſeinem Werke mit Muth und freudiger Hoffnung fortzufahren. Er war ſchon weit in die Landſchaften hineingezogen und nahte Preuſſens oͤſtlichen Graͤnzen, als er eines Tages waͤhrend der Verkuͤndigung des chriſtlichen Wortes plotzlich uͤberfal⸗ len, gefangen genommen, am vierzehnten Februar 1008 mit allen ſeinen Gefaͤhrten enthauptet und ihre Leichname an Haͤnden und Fuͤßen aufs ſchrecklichſte verſtuͤmmelt wur⸗ den. Der Ort, wo ſolches geſchah und wo ihre Körper un- beerdigt liegen blieben, wird uns nirgends genannt; ge= wiß iſt aber, daß Bruno Samland nicht betreten, vielmehr weiter nach Oſten hin ſeinen Tod gefunden hatte ). Als hinzu, daß auch das Cbron. Magdeburg. einer doppelten Reife mit kei⸗ ner Sylbe erwähnt. Die irrige Annahme beruht alſo ganz allein auf dem ſpaͤtern, oft ſo ganz unkritiſchen Spangenberg. 1) Dümar Merseburg. p. 176 beſchreibt Bruno’s Tod mit fol- genden Worten: "Inne in confinio praedictae regionis (Prussiae) et Russiae cum praedicaret, primo ab incolis prohihetur, et plus evangelizans capitur, deindeque amore Christi, qui Ecclesiae caput est, XVI Cal. Martii mitis ut agnus decollatur cum suis XUX. Cor- pora tot martyrum insepulta jacuerunt, quoad Boleslavus id com- periens, eadem mercatur ac domui suae futurum acquisivit solatium. ‚Den Todestag Bruno's giebt Ditmar ſehr genau an; das Todesjahr bezeichnet er durch duodecimo conversionis anno, welches 1008 iſt.

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Bruno's Maͤrtyrer-Tod in Preuffen. 289 nun Herzog Boleslav dieſes traurige Schickſal Bruno's und ſeiner Begleiter erfuhr, ſandte er eine Botſchaft nach Preuſſen, ließ die Leichname loskaufen und „zum kuͤnfti⸗ gen Troſte für fein Haus“ nach Polen bringen. Bruno’s Vater, ein hochbetagter Greis, als er die Nachricht von ſeines Sohnes Maͤrtyrer-Tode vernahm, begab ſich, auf deſſen fruͤher ſchon ertheilten Rath, in ein Kloſter, ſiechte hin und ſtarb unter Schmerz und Jammer ). So hatte Bruno auf der naͤmlichen Bahn daſſelbe Loos gefunden, welches feinem großen Vorbilde, dem heili= gen Adalbert, den er noch ſelbſt in Italien geſehen, deſſen Leben er beſchrieben und zu deſſen Tugenden und Verdien⸗ ſten er immerdar hinangeſtrebt hatte, zu Theil geworden war. Die Schriften religioͤſen Inhalts, die er der Nach: welt hinterlaſſen wollte, find laͤngſt der Vergeſſenheit uͤber⸗ geben; ſie haben ſeinen Namen nicht verewigen ſollen. Weit glaͤnzender iſt dieſer durch ſeinen Maͤrtyrer-Tod geworden, wenn gleich er auch nicht in ſo allgemeiner Verherrlichung gefeiert worden iſt, wie der Name Adalberts. In Preuſſen ſoll nachmals Braunsberg, ſonſt auch Brunsberg genannt, dieſem Märtyrer zu Ehren erbaut worden ſeyn 2). Hierin ſtimmt mit ihm auch überein Marian. Scotus an. 1008, wo es heißt: Brunus episcopus a Prucis, multis suppliciis afſectus ei pedibus ei manibus abscissis, postremo capite plexus coelos petüts ferner Chron. Ursperg. p. 164. Chron. Stederburg. ap. Meibom. T. I. p. 450 u. a. Siegebert Gemblae. ap. Pistor. T. I. p. 827 hat das Jahr 1009; eben ſo Annalisia Saxo p. 409. In Ruͤckſicht der Gegend, wo Bruno ſtarb, find alle Angaben nur ſehr allgemein, wie bei Ditmar. Im Chron. Magdeburg. p. 275 heißt es: in confinio Rus- sine et Lituae regionum martyrisatus est. Cosmas Pragens. Chron. p. 21 ſagt überhaupt nur in partibus Poloniae. Annalista Saito p. 410 fagt: in conſinio Rusciae et Lituae. 1) Ditmar Merseburg. I. c. Annalista Saxo J. e. 2) Hartkno:h ad Dusburg Chron. P. III. c. 27. p. 113. Wir werden fpäter davon handeln, bemerken jedoch hier ſchon, daß wie in der bekannten Friedensurkunde vom J. 1249 der Name S. Adalberts durch eine Kirche in Chomor S. Adalberti verherrlicht werden ſollte, auch I. 19

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290 Chriſtenthum und Heidenthum. In ſolcher Weiſe waren alſo beide Verſuche, unter dem Volke der Preuſſen den Samen des Chriſtenthums anzu= pflanzen und ſo einen neuen Voͤlkerzweig der chriſtlichen Kirche zuzuführen, ohne allen Erfolg geblieben; ja fie hat⸗ ten vielmehr in der Stimmung und Geſinnung der Preuf- ſen gegen alles, was chriſtlich hieß, eine Wirkung erzeugt, nach welcher gluͤcklichere Erfolge fuͤr die naͤchſte Zukunft wohl unmöglich gemacht wurden und eine baldige Bekeh⸗ rung des Volkes zum Evangelium nicht zu erwarten war. Sie hatten das Chriſtenthum den Preuſſen nur noch mehr verhaßt gemacht und in den Gemuͤthern des Volkes gegen alles Chriſtliche ein Mißtrauen und einen Widerwillen auf⸗ geregt, der Jahrhunderte hindurch nicht wieder vertilgt wer⸗ den konnte. Dieſe Erfolgloſigkeit aller Bemuͤhungen zur Bekehrung der Preuſſen kann jedoch den Betrachter des Voͤlker⸗Lebens in der Geſchichte gewiß in keiner Weiſe befremden. Es iſt an ſich ſchon die geſchichtliche Erfahrung allbekannt, daß die Voͤlker auf ihrem urheimatlichen Boden und im alten un⸗ veraͤnderten Vaterlande, wo die Natur des Landes, wo Berge, Fluͤſſe, Waͤlder und Haine mit in den Goͤtter⸗Glau⸗ ben des Menſchen hineingewachſen find und der Glaube hinwiederum das Goͤttliche in die Natur hinuͤbergetragen hat, wo das Irdiſche vom Goͤttlichen nicht mehr zu tren— nen und das Heilige mit den Dingen der Welt innig ver⸗ ſchwiſtert iſt, weit ſchwerer zu bekehren und in den Kreis der Gedanken und Lehren eines andern Glaubens uͤberzu— führen find, als ſolche Voͤlker⸗Zweige, die durch Wanderun⸗ gen oder durch Kriege von ihrem alten Boden hinweggezo⸗ gen und den alten Heiligthuͤmern des Vaterlandes ent— fremdet, auch fuͤr die Annahme eines neuen Glaubens weit geneigter und empfänglicher wurden ). — Sehen wir Braunsberg hoͤchſtwahrſcheinlich, da es in derſelben Urkunde in gleicher Bezie⸗ hung genannt wird, feinen Namen von dem Märtyrer Bruno erhalten hatte. 1) So die Sachſen im alten Sachſenlande und die Sachſen in Bri⸗ tannien; — die Gothiſchen Voͤlker im Norden und die im Suͤden u. ſ. w.

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Chriſtenthum und Heidenthum. 291 aber noch naͤher auf den Vorgang und die Beſchaffenheit der Dinge, wie fie in Preuſſen waren, fo konnte der Er: folg aller Bemuͤhungen der Glaubens-Verkuͤndiger auch ſchwerlich wohl ein anderer ſeyn, als die Geſchichte ihn be—⸗ richtet. Denn vor allem, was bot das Chriſtenthum, zumal in ſeiner damaligen Form, dem Volke Preuſſens auf der Stufe feiner Bildung an die Stelle ſeines alten Goͤtter⸗ Glaubens dar? Jahrhunderte hatten dieſen alten Glauben mit ſeinem heiligen Romove, mit ſeinen heiligen, anmu— thigen Hainen, mit ſeinen zahlreichen Freuden, ſeinen Feſten und mit aller ſeiner Luſt geheiligt. Soweit das Andenken in die Zeiten der Urvaͤter zuruͤckging, war das Volk in treuem Gehorſam und in feſter Liebe zu ſeinen Goͤttern durch Gluͤck und Wohlfahrt in ſeinem haͤuslichen Leben und durch Freiheit und Unabhaͤngigkeit in ſeinem öffentli- chen Verhaͤltniſſe geſegnet geweſen. Durch die alten Goͤtter und vom heiligen Romowe her war ihm bisher alles zuge— kommen, was das Leben heiter und freundlich gemacht, al— les Gedeihen, aller Reichthum, aller Wohlſtand, alles Wohl⸗ ſeyn; an fie waren die fröhlichen Feſte geknuͤpft, mit ihnen verbunden waren die froͤhlichen Gelage, bei welchen der ſinnlichen Natur des Volkes in fo uͤbervollem Maaße ge— huldigt wurde. Waren es auch todte Bildniſſe, die in der heiligen Eiche ſtanden, ſo lebten doch die alten Gottheiten in dem Leben, in der Luſt und in der Freude ihrer Ver— ehrer. Der ganze heitere Theil dieſes Lebens ſelbſt war zugleich ein Leben in der Verehrung und Heilighaltung der ſchuͤtzenden Goͤtter. Die Religion war Freude und die Freude war Religion. Und was ſtellte dagegen nun das Chriſtenthum auf? Es verkuͤndigte vor allen einen am Kreuze geſtorbenen Heiland, einen Erretter, deſſen Leben ſelbſt voll Armuth, Jammer und Truͤbſal geweſen war bis an ſeinen Tod, deſſen Lehre, wie ſie damals gepredigt ward, nur Entfagung und Entbehrung, nur Trauer in der Sün- de, nur Ertöotung des Fleiſches mit allen feinen Lüften, ur Faſten und Betruͤbniß an ſeinen Gedaͤchtnißtagen und 19 K

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292 Chriſtenthum und Heidenthum. eine Anbetung ohne Feſtgelage und ohne Freudentage for⸗ derte. Es lehrte einen Gott, der geſtorben war, der nur im Geiſte verehrt ſeyn wollte, deſſen Bild nur den Anblick eines jammervoll ſterbenden Menſchen darbot, der, wie es ſchien, vom Kreuzestode ſich ſelbſt nicht hatte retten koͤnnen; einen Gott, deſſen Huͤlfe, deſſen Wirken auf das Leben, deſ⸗ ſen Allmacht in ſeinem ohnmaͤchtigen und huͤlfloſen Zuſtande am Kreuze gar nicht zu begreifen war. Wie konnte der heidniſche Preuſſe es faſſen, wenn die Apoſtel der chriſtli— chen Lehre dieſen Sterbenden einen Ewiglebendigen, dieſen Ohnmaͤchtigen am Kreuze den Allmaͤchtigen, dieſes Bild des Mitleids und Erbarmens den Ewigguͤtigen und Ewig⸗ rettenden, dieſen Ermordeten den Heiland des Lebens nannten? Und ferner, wer waren dieſe chriſtlichen Prieſter gegen die heidniſchen, die mit dem alten Goͤtter-Glauben zugleich untergehen ſollten, die man verbannen und vertreiben wollte? Dieſe heidniſchen Prieſter, zugleich auch Richter des Volkes, hatten von jeher beinahe das ganze Leben des Volkes in ihren Haͤnden; ſie gaben die wichtigſten Geſetze; ſie pflegten des Rechts; ſie brachten die Befehle des Ober⸗ prieſters zu Romowe, deſſen Geboten alles unterlag; ſie waren die Maͤchtigſten im ganzen Volke; ihren Lehren und Anordnungen waren alle, ſelbſt des Landes Oberſten und Fuͤrſten, unterworfen; ihre Herrſchaft und Macht war durch das Alter von vielen Jahrhunderten faſt unerſchuͤtterlich feſt begruͤndet. Durch ihre Goͤtter aber konnten ſie ſchrecken und erfreuen, wie es dienlich und rathſam ſchien, denn ihre Gewalt ruhte feſt auf des Volkes altem Glauben; ſie ruhte auf Perkuno's Zorn und ſtrafendem Worte im Donner, auf Pikullo's drohender Vernichtung und zermalmendem Tode, wie auf Potrimpos freundlichem und verſoͤhnungs⸗ vollem Blicke aufs dargebrachte Opfer. — Und dieſen maͤchtigen Prieſtern gegenuͤber erſchienen nun die beiden chriſtlichen Apoſtel mit ihrer Begleitung von Moͤnchen und Geiſtlichen, Maͤnner, die aller Luſt der Erde und aller

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Chriftentbum und Heidenthum. 293 Freude der Welt durch ihre Geluͤbde entſagt, nur dem ftil- len und beſchaulichen Leben ergeben, nur in Entſagungen und Entbehrungen ihre Tugend und ihr Verdienſt, nur in der Ertoͤdtung und Peinigung ihres Fleiſches ihre Luſt und Freude fanden; ſie erſchienen einfach, voll Demuth, ohne Pracht, ohne Glanz, ohne Macht, zwar mit dem feurigſten Eifer ihres Wortes und mit Begeiſterung in ihrer Rede, aber mit einem Altar ohne Opferfeuer, mit einem todten Bilde am todten Holze, nicht mit der ewigbrennenden Flamme und der ewiggruͤnenden Eiche in Romowe's Hei- ligthum; fie erſchienen ohne einen Gott, der, wie Potrim— pos, ewig laͤchelte oder durch den Donner der Prieſter Wort befräftigte und dem Ungehorſamen augenblickliches Verder⸗ ben und ſchnelle Vernichtung ſandte. — Und dieſe ohn— mächtigen und armen Prieſter nannten nun die ewigwal- tenden Götter ſtumme und taube Goͤtzen ); ſie laͤugneten das Daſeyn, das Walten und die Macht der Gottheiten, die ſich ſo lange ſchon ſo maͤchtig und ſo gewaltig gezeigt hatten, und mahnten an die Verehrung eines Weſens, das nicht zu ſchauen, nie zu begreifen und deſſen Macht und Daſeyn nie zu vernehmen war )! Sie wagten die heili— gen Waͤlder und den geweihten Boden zu betreten, wohin nicht einmal den Eingebornen der Zugang verſtattet war, und entweihten ſomit alles, was viele Jahrhunderte hin— durch für heilig gehalten ward ). — Endlich kamen dieſe Prieſter jedesmal von dem Volke her, mit welchem ſchon ſo manche feindliche Beruͤhrung und ſelbſt Begegnungen mit den Waffen Statt gefunden, deſſen Fuͤrſt in eben been⸗ digten Kriegen ſein Gebiet immer zu erweitern geſucht, der durch Erhebung ſeiner Macht ſeines Volkes Freiheit ſchon erdruͤckt und jetzt, wie es ſcheinen konnte, nicht ohne Zweck 1) „Simulacra mula et surda;“ cf. vita s. Adalb. ap. Cinis. P. 352. 2) Wie Adalbert den Preuſſen zurief: „Agnoscatis creaiorem vestrum, qui solus et extra quem alter Deus non est.“ 3) Adam. Bremens. de situ Dauiae c. 277.

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294 Krieg mit Polen. und Plan ſich als Freund und Beſchuͤtzer dieſer Prieſter ge⸗ zeigt hatte. Wie haͤtte nicht das Mißtrauen und der Haß gegen jenen Fuͤrſten und jenes Volk auch auf die Schuͤtz⸗ linge und ihre Lehre uͤbergehen muͤſſen, und wie konnte uͤberhaupt bei ſolchen obwaltenden Verhaͤltniſſen das Werk gelingen, fuͤr welches Adalbert und Bruno mit ihren Ge— huͤlfen ihr Leben einſetzten? In der That, es wäre ein Wunder, wenn es auf dieſer Bahn gelungen waͤre! Was aber dem friedlichen Worte der Predigt nicht ge⸗ lungen war, das ſollte das blutige Schwert erzwingen. Herzog Boleslav Chrobri oder der Tapfere von Polen hatte bereits Pommern zum größten Theile unterworfen ). Da beſchloß er, dem Chriſtenthum durch Kampf und Sieg bei den Preuſſen einen gluͤcklicheren Eingang zu eroͤffnen und mit der chriſtlichen Kirche auch feiner Herrſchaft Graͤn— zen bis uͤber Preuſſen auszudehnen. Spaͤtere Geſchicht⸗ ſchreiber berichten, daß Herzog Boleslav ſchon vom Kaiſer Otto dem Dritten die Erlaubniß erhalten habe, die Wen⸗ den, Pommern, Preuſſen und ſelbſt die Ruſſen zu über waͤltigen, um ſie zum Chriſtenthum zu fuͤhren ). Wie dem auch ſey, Boleslav ſammelte, ſo wird erzaͤhlt, um das Jahr 1015 ein maͤchtiges Kriegsheer und brach durch das Culmerland herab in Preuſſen ein. Die wenigen Burgen, welche damals dort das Land beſchuͤtzten, ohnedem auch nur aus Holz erbaut, fielen in des Siegers Haͤnde; Rheden — Radzin — Honeda — Balga — und manche andere wur⸗ den durch Feuer vernichtet; nirgends fand der Feind Wi⸗ derſtand, denn die Bewohner hatten ſich in ihre dichten Wälder und unzugaͤnglichen Brüche geflüchtet. Das Land ward weit und breit verwuͤſtet und ſelbſt das heilige Ro— mowe entweiht und die Goͤtter-Wohnung vernichtet. Da 1) Helmold. Chron. Slavor, L. I. c. 1%: ommen Slaviam, quae csi ultra Oderam tribulis subjecit. Martin. Gallus p. 60. Kadlu- beck bistor. Polon. L. II. cp 13. p. 138. Dlugoss. L. I. p. 161. 2) Kantzow Pomerania, herausgegeb. von Koſegarten Th. l. S. 47. Narussewiez l. c. . II. p. 152 — 133.

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Krieg mit Polen. 295 verzweifelten die Fuͤrſten und die Vornehmern des bedraͤng⸗ ten Volkes, erſchienen vor dem Herzoge mit Bitten um Schonung fuͤr ihr Land, gelobten Gehorſam und jaͤhrlichen Zins und untergaben ſich mit dem Geluͤbde der Taufe der Oberherrſchaft Polens. Stolz in ſeinem Siege zog nun der Herzog mit feinem Heere zuruͤck. Am Fluſſe Oſſa aber ließ er als Denkmal ſeines Heereszuges in der Mitte der Wellen eine große eiſerne Saͤule errichten, die man viele Jahre nachher auch wieder aufgefunden haben will. So berichten es polniſche und preuſſiſche Geſchichtſchreiber ſpaͤ— terer Zeiten. Aber warum, fragt ſchon zweifelnd ein preuf- ſiſcher Chroniſt, ließ der Stolze die Siegesſaͤule nicht lieber in der Memel oder in einem Fluſſe Nadrauens aufſtellen, wenn er bis in dieſe Landſchaften vorgedrungen war )? Es bleibt dem Zweifel in dieſem Berichte Überhaupt wohl noch mancher Raum; doch fo viel ſcheint gewiß, daß Her— zog Boleslav das Land feindlich uͤberzogen, einige Land⸗ ſchaften bewältigt und als neue Erweiterung feines Reiches betrachtet habe. So viel nur berichten ältere und bewaͤhr⸗ tere Quellen ). Sicherlich erkannten auch die Preuſſen die 1) Merkwuͤrdig iſt, daß Kadlubecle 1. I. ep. 13. p. 138 die Nachricht von der Siegesſaͤule auf die Saͤchſiſche Saale uͤbertraͤgt, in⸗ dem er ſagt: Imo et Saxones indomitos adeo domuit, ut in Sala llumine columnam fixerit ferrcam, quasi quibusdanı gradikus sui lines imperii ab Oriente Occidenteque disterminans. Daſſelbe berich⸗ tet eine alte Polniſche Chronik, betitelt: Chron. princip. Polon. (Mfer. im geh. Archiv zu K.) Vgl. Zelewel bei Ossolinski p. 577. 2) Marlin. Gallus p. 60 nennt auch Preuſſen mit unter den von Boleslav bezwungenen Ländern, indem er ſagt: Ipse namque Se- leuciam, Pomeraniam et Prussiarm usque adeo vel in perſidia re- sistentes contrivit, vel conversos in fide solidavit, quod Ecclesias ibi multas et Episcopos per Apostolicum, imo Apostolicus per eum ordinavit. Bei Kadlubeck I. II. ep. 13 p. 138 heißt es: in arıno- rum strenuitate resplenduit, quibus Seleueiam, Pomeraniam, Prus- siam, Russiam, Moraviam, Bohemiam sune subjiciens ditioni, suis posteris reliquit vectigales; und in der Danziger Ausgabe des Auudlu- beck p. 13 heißt es noch: Ilie Boleslaus Pruthenos in lanta stravit copia, donce Aumen cruoris concretum est coagulo. Auch Frlmolid.

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296 Die Danifhe Colonie in Samland. Herrſchaft der Polen mehr nur in der Letzteren Meinung, als der That nach an, und der Gehorſam dauerte wohl ohne Zweifel ſchwerlich laͤnger, als bis Boleslav des Lan⸗ des Graͤnzen wiederum verlaſſen hatte. Kaum war dieſer Sturm vom Suͤden her voruͤber, ſo drohte ſchon vom Norden her ein anderer. Bis hieher ſchweigt die Geſchichte von dem Fortleben und den Schick⸗ ſalen jener daͤniſchen Colonie in Samland. Anfangs viel⸗ leicht mit dem Mutterlande durch Handel und Verkehr noch in Verbindung ſtehend, hatte ſie in dieſem, wie es ſcheint, den Gedanken einer gewiſſen Abhaͤngigkeit wohl um ſo mehr erhalten koͤnnen, da ihr freies Leben dadurch nicht beſonders geſtoͤrt werden konnte. Die alten Verhaͤltniſſe aber mögen ſich mit der Zeit veraͤndert, die lockeren Bande moͤgen ſich völlig aufgeloͤſt und die Verwendung aller Kraft der Daͤ⸗ hron. L. I. c. 15 führt die Preuſſen unter den bezwungenen Völkern auf: omnem Slaviam, quae est ultra Oderam, iributis subjecit, sed et Russiam et Prussos; er ſetzt dieſen Krieg aber in cine frühere Zeit, wenn er ſagt: Reliquie s (s. Adalberti) iune Bolizlaus transtulit in Poloniam. ‚Boguphal p. 25 läßt nur im allgemeinen die Graͤnzen Polens bis zum mare septemtrionale ausdehnen. Die Chron. princip. Poloniaefagt: Contra ruthenos, pomeranos, lithvanos, Geitas, Danos pugn ns conlinue necnon Saxones el nationes vicinas perdomuit. Daß die Geten die Preuſſen find, beweiſt auch die Grabſchrift Boleslav's: Tu possedisti — velut athleta Christi — regnum Slavorum — Gotbo- rum seu Polonorum („seu“ im Latein des Mittelalters haͤufta für ei; ſ. Lelewel bei Ossolinski p. 555.) Und ſelbſt auch dieſe Grab⸗ ſchrift zeugt fuͤr die Unterwerfung der Preuſſen durch Boleslav. S. Hartknoch A. u. N. Preuf. S. 27. — Die ſpaͤtern Chroniſten da⸗ gegen, welche nach obigem Berichte die Sache erzählen, find Diugoss. T. I. p. 162 — 163. Mathias de Mechow Chron. p. 29. Cromer de orig. et rch. gestis Polon. p. 62. Nach dieſen erzählt auch Lucas David B. I. S. 96 — 98, boch mit Zweifeln an der Wahrheit der Polniſchen Scribenten; vgl. 155. Ueber die Zeit des Krieges geben die Quellen älterer Zeit gar keine Beſtimmung. Diugoss. ſetzt ihn ins Jahr 1015, Lucas David ins Jahr 1013, Naruszewiez T. U. p- 154 ins Jahr 1014. Dieſer laßt auch den Herzog Boleslav mit dem er⸗ kauften Körper Bruno’s zurückziehen. (9) —

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Die Daͤniſche Colonie in Samland. 297 nen auf Englands Eroberung mag die Tochter gegen den Mutterſtaat vielleicht auch kecker und kuͤhner gemacht haben, alſo daß um dieſe Zeiten ſchon keine Spur von Abhaͤngig⸗ keit zwiſchen Samlands Kuͤſten und der Daͤniſchen Herr: ſchaft mehr vorhanden war. Es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß auch die Verbreitung des Chriſtenthums in Daͤnemark vieles dazu beigetragen habe, die blutsverwandten Sam⸗ laͤnder vom Mutterlande mehr zu trennen ). Durch ihren Abfall ermuthigt hatten bereits auch die daͤniſchen Anſiede⸗ lungen in Pommern ſich von dem Mutterſtaate losgeriſſen und ihre alten Stammbruͤder öfter ſogar ſchon feindlich be= handelt. Erlaubt es die Armuth und die Zerriſſenheit der geſchichtlichen Quellen dieſer Zeit auch nicht, hier die ein— zelnen Ereigniſſe und Erſcheinungen zu verfolgen, welche den Faden der Geſchichte bilden, ſo liegt eine ſolche Loͤſung der erſten engeren Verhaͤltniſſe zwiſchen dem Mutterſtaate und den Colonien zu ſehr in dem ganzen Gange der Ge— ſchichte begruͤndet, als daß wir nicht die allgemeinen Urſachen, die jeder Trennung der Pflanzſtadt von dem Mutterlande zum Grunde liegen, auch hier vorausſetzen koͤnnten. Kaum aber hatte nach Harald des Dritten Tode Ka— nut der Große ums Jahr 1016 den Thron Daͤnemarks be⸗ ſtiegen, als er beſchloß, die abgefallenen Theile ſeinem Ge— bote wieder zu unterwerfen. Er ruͤſtete ſofort eine maͤch— tige Flotte, und mit ſtarker Mannſchaft bezwang er nicht bloß Slavien oder die Daͤniſchen Colonien und andere Ge: biete in Pommern wieder, ſondern er unterjochte auch von neuem Samland und andere kleinere Beſitzungen. Ueber Pommern und vielleicht zugleich auch uͤber Samland ſetzte er als Statthalter feinen Sohn Sueno 2). Aber auch über Erm⸗ 1) Same Grammmat. p. 192 berichtet uns nur, daß der Abfall Samlands bald nach Haquins, wie es ſcheint, gewaltſamen Tod er⸗ folgt ſey. 2) Sar Grammat. p. 192 hat die wichtige Nachricht: Canutus Danorum solio funcius — —primum Slaviac ac Sernbiae, perinde ac debiliorihus regnis ferrum injicere statmit. Quarum alteram

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298 Die Daͤniſche Colonie in Samland. land ſcheint Koͤnig Kanut ſeine Herrſchaft ausgedehnt zu haben, alſo daß vielleicht der groͤßte Theil der Kuͤſte des Friſchen Haffes damals das Daͤniſche Gebot anerkennen mußte ). In ſolcher Weiſe bekam alſo der Gedanke, daß Sueno, tametsi graves injurias passus, obst ente religionis vinculo, concutere formidabat; altera ab Haqquino oppressa, absumpto co, rebelles Danis manus exercuit. Solerter igitur a Danici regiminis successore provisum est, ul in hac paterui gravaminis, in illa de- ſectionis noxam puniret.— Cuius propositi compos spes suas duabus splendidissimis vicloriis alitas, tertiam ab Auglis expelere docuil. — In Petri Olai Excerpi. ap. Langebeck T. II. p. 205 und 206 wird außer Sclavia auch Sembia cel Estonia zu den Ländern gezählt, uͤber welche Kanut herrſchte. Unter Estonia begreifen die Skandinavi⸗ ſchen Chroniſten überhaupt oft alle Küftengebiete, welche die alten Ae⸗ ſtier in ihrer nachherigen weiten Verbreitung einnahmen. Daher heißt es bei ihnen bald Sembia oel Estonia, bald Sembia er Estonia; f. ap. Langebeclt T. II. p. 209; auch die Anmerkung ibid. p. 158. Sueno Aggon. histor. Regum Danor. ap. Langebeck T. I. p. 54. Gheys- meri Comp. histor. Dan. T. II. p. 351. Nici Regis Chron. ibid. F. I. p. 159. 1) Hierauf fuͤhrt die Stelle in der Genealog. Regum Danic. ap. ‚Langebeck T. II. p. 156, wo es heißt: Roanos quoque, Pomeranos, Sclavos, Herminos et Samos, omnes paganis ritibus deditos, sibi fecit tributarios. Langebeck in einer Note zu dieſer Stelle erklärt ſchon, daß der Abt Wilhelm, der Verfaſſer dieſer Genealogie, wohl ſchwerlich bei dem Namen Ulermini an die IIermiones oder Ilerminones des Plinius und Tacitus gedacht haben koͤnne. Zwar ſetzt auch Porn- hun. Mela L. III. c. 3 die Hermionen an die aͤußerſte Graͤnze von Germanien im Norden; allein es iſt wohl kaum zu glauben, daß der allgemeine Stammname im 13ten Jahrhunderte (der Zeit der Abfaſſung jener Genealogie) noch beſtanden habe und jetzt einem ſo kleinen zwiſchen den Pommern und Samlaͤndern wohnenden Volkszweige eigen geweſen ſey. Daher ſagt Langelech: polius IHlerulos, quos gentem forte Sclavicam putavit, aut Prussos voluit, siquidem cos inter Slavos et Samos uominal. Aber auch an die Heruler koͤnnen wir in dieſer Zeit wohl ſchwerlich denken. Es bleibt alſo, auch ſchon der Lage nach, nur ein Volk in Preuſſen uͤbrig und die Ermlaͤnder paſſen auf jede Weiſe hier am beſten. Andere nordiſche Quellen umfaßten Ermländer und Samlänter unter der ſchon bekannten Benennung Aeſtland; fo fagt das Fragment. Island. ap. Zungebeck L. II. p. 427: Sua segia Dauskir menn, at Knulre Konungr vaun under sek Kistlaud.

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Namen des Landes Preuffen. 299 die Koͤnige Daͤnemarks wegen der fruͤheren Niederlaſſung auch Anſpruͤche auf Samland haͤtten und daß dieſes zum Gehorſam gegen ihr Gebot verpflichtet ſey, wieder neue Feſtigkeit und behielt dieſe auch noch in der folgenden Zeit. Und auf dieſe neue Erwerbung Samlands legte Kanut eis nen ſolchen Werth, daß er ſich in ſeinem Titel oͤfter auch König in Samland nannte ). Welche Anſtalten zur Be⸗ hauptung dieſes Landes vom Sieger getroffen worden ſeyen, bleibt uns zwar unbekannt; aber zu vermuthen iſt, daß er von feinem Thinglith 2), einer Horde der ausgeſuchteſten und trefflichſt bewaffneten Kriegsleute, eine Anzahl als Beſatzung ins Land gelegt und einem tapfern und erfahre⸗ nen Fuͤhrer untergeben habe. Durch dieſe Kriegszuͤge der Daͤnen gegen Preuſſen aber, durch die Eroberungsverſuche des Herzogs Boleslav des Tapfern, nicht minder auch durch die Bemuͤhungen jener Apoſtel zur Verbreitung des Evangeliums und durch die noch fortdauernde Handels-Verbindung zwiſchen Preuſ— ſen und den Kuͤſten der Oſtſee, ward dieſes Land den Nach⸗ barvoͤlkern um dieſe Zeit immer mehr bekannt und es er⸗ hellte ſich allmaͤhlig das geheimnißvolle Dunkel, mit wel⸗ chem dieſer Theil des Nordens bisher immer noch bedeckt geweſen war. Bekannt aber wurde das Volk in Preuſſen den Fremdlingen unter mancherlei Namen. Die Skandi⸗ navier nannten es bald nech mit der alten Bezeichnung Aeſtier und das Land Aeſtland, Eſtonien ), bald auch mit der Benennung Samen, Semen, Sember und das Land 1) Soenonis Aggon. histor. legum castrens. Regis Canuti Matzui ap. Zangebeck T. III. p. 143 not. X und T. II. p. 158: „in- ler titulos, quibus Canutus in legibus suis castrensibus salulalur, occurrit et „Konung i Semland“ Sembiae Rex. 2) Seeon. Aggon. histor. ibid. p. IH. 3) Fragment. Island. ap. Zungebeck T. II. p. 427. Erici Ne- gis Chron. T. I. p 159. Petri Ola Exeerpt. T. II. p. 206. Wie eben erwähnt iſt, wurde ber Begriff von Ksthonia oft auch weiter aus⸗ gedehnt. Sun Grummat. p. 212.

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300 Namen des Landes Preuffen. Sambien, Sembien und Samland ). An den Nordkuͤſten Deutſchlands kannte man in fruͤheren Zeiten, ſo viel wir wiſſen, noch keinen andern Namen als Samland, ſey es, daß man hierunter nur die einzelne Landſchaft meinte, die noch jetzt ſo benannt wird, oder daß darunter im allgemei⸗ nen ganz Preuſſen bis an die Weichſel begriffen ward. Den Norddeutſchen hießen die Bewohner bald Sember oder Sa⸗ men, bald Aeſtier, Eſten oder Withen; mit den letztern Be⸗ nennungen bezeichnet fie wenigſtens der Seefahrer Wulf- ſtan. Der Name Pruzzen oder Preuſſen kommt in den norddeutſchen Quellen erſt etwas ſpaͤter vor ). Bei den Polen ſcheint der Name Gothen, Gethen oder Geten die aͤlteſte Bezeichnung für ihre noͤrdlichen Nachbarn geweſen zu ſeyn; er war in uralter Zeit allgemein und nachmals auch in dem Namen Reithgothland aufbehalten worden. Er hatte ſich indeſſen auch noch bis auf dieſe Zeit herab erhal— ten und wechſelte mit den Namen Pruſſen und Pruſſien >). 1) Wie die bisher angezogenen Stellen aus den Skandinaviſchen Chroniſten ſchon hinlaͤnglich dargethan haben. Vgl. auch die gelehrt? Anmerkung bei Zangebeck T. II. p. 157 — 158. 2) In den norddeutſchen Quellen findet ſich der Name Pruzzi erſt bei Adam. Bremens. H. E. c. 66., alſo erſt in der Mitte des Iiten Jahrhunderts. Die Namen Pruzzi oder Prutzi (wie der Name de situ Daniae c. 227 ſteht) und Sembi find dem Adam von Bremen noch ganz gleichbedeutend, wie aus den Stellen de situ Dan. c. 227. II. E. · c. 66 und c. 48 hervorgeht. So ſcheint ihm auch der Rame Semland bald eine Benennung fuͤr ganz Preuſſen, bald nur fuͤr eine Landſchaft geweſen zu ſeyn; bald nennt er es eine insula, bald eine provincia. Aus ihm entlehnte Helmold. Chron. Slavor. L. I. c. 1. den Namen Pruzi oder Prussi c. 15. Im Ganzen aber hatte Adam. Bremens. einen ſehr beſchraͤnkten Begriff von Preuſſen; denn die Gebiete oͤſtlich von der Weichſel gehoͤren nach ihm ſchon zu Polen, welches gleich hinter Pommern liegt und ſich bis Rußland erſtreckt. Cf. de situ Daniae c. 221. Seine Namen beziehen ſich alſo bloß auf die nördlichen Gegenden. 3) Wir finden daher bei den älteften Polniſchen Chroniſten theils den Namen Prussi, theils die Benennung Gothi oder Gethae. Martin. Gallus p. 60. Kadlubeck p. 138. L. II. ep. 15. p. 150. III. 31. p. 374. c. 19. p. 510. Auch Boguphal p. 26 braucht Gothi und Pru- theni für einerlei; doch lieſet die Handſchrift bes geh. Archivs zu Köͤ⸗

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Namen des Landes Preuffen. 301 Im mittlern Deutſchland kannte man das Volk nur unter der Benennung von Pruzzen und das Land unter der von Pruzien oder Pruzzien, und nach dem Alter der vorhande— nen Quellen finden wir dort dieſen Namen auch am fruͤ⸗ heſten im Gebrauche. Gaudentius, der Begleiter und Le⸗ bensbeſchreiber Adalberts, iſt der erſte, der uns zwiſchen den Jahren 997 und 1006 den Namen Preuſſen entgegen- bringt ). Bis dahin iſt er in den Quellen noch ganz un⸗ bekannt, denn der Seefahrer Wulfſtan, obgleich er ſelbſt in Preuſſen war, hatte in dieſem Lande von dem Namen Preuſſen nichts gehoͤrt; gewiß wuͤrde er ihn genannt haben. Der naͤchſte aber, welcher ihn nach Gaudentius nennt, iſt der Geſchichtſchreiber Ditmar von Merſeburg, der ihn hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich erſt durch die Schickſale feines Freundes Bruno erfah- ren hatte?). Von dieſer Zeit an wird er dann bei den Deutſchen ſowohl, als bei den Polen und andern nahen Voͤlkern mit Ab- wechſelung der ſchon erwaͤhnten Benennungen ganz gewoͤhnlich. Zuweilen wird jedoch ein Unterſchied zwiſchen Samlaͤndern und Preuſſen bei den Schriftſtellern bemerklich gemacht, alſo nämlich daß Preuſſen die Bewohner der Landſchaften von der Weichſel an nach Oſten hin, Samlaͤnder dagegen die von den Preuſſen verſchiedenen Bewohner Samlands und der naͤchſt umliegenden Gegenden heißen ). nigsberg ſtatt Gothos — Gethas. Ferner die Grabſchrift Boleslavs bei Lelewel p. 555. Wie aber dieſer Gelehrte nach der Analogie feiner Polaken und Slavaken den uns nie vorgekommenen und an ſich ſchon wunderlichen Namen Pruſſaken hat bilden und gebrauchen koͤnnen, iſt unbegreiflich. 1) Vita S. Adalbert. ap. Canis. p. 351, wo Pruzzi und Pruzia ſteht. 2) Bei Ditmar Merseburg. ed. Mader. p. 176 ſteht Prussia; bei Leibnitz Scripit. rer. Brunsw. T. I. p- 353 findet man Pruco- rum (denn paucorum iſt eine unrichtige Lesart). Auch die Legenda s. Adalbert. hat den Landesnamen Prussia einigemal. Vaters Angabe in ſeiner Schrift: Die Sprache der alten Preuſſen S. V., daß Adam von Bremen den Namen Preuſſen zuerſt nenne, iſt ſchon von Dahl mann in f. Forſchungen im Gebiete der Geſchichte B. I. S. 220 widerlegt. 3) Dieſen Unterſchied ſcheinen wir wenigſtens bei den Skandinavi⸗

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302 Urſprung des Namens Preuſſen. In ſolcher Weiſe tritt uns alſo mit dem Anfange des elften Jahrhunderts der Name Pruſſen oder Preuſſen mit einemmale entgegen, ohne daß wir irgend durch die Quellen, die ihn zuerſt nennen, uͤber ſeine Entſtehung und feine Ableitung im mindeſten unterrichtet werden. Die— ſes Dunkel aber, welches uͤber ſeinem Urſprunge liegt, fordert den Forſcher um ſo mehr zur Beantwortung der fo oft ſchon erhobenen Frage auf: wie mag der Name Preuſſen wohl entſtanden und wie mag er zu er— klaͤren ſeyn? Zur Loͤſung dieſer Aufgabe ſcheint es vor allem noth⸗ wendig, auf die Verhaͤltniſſe hinzuſehen, unter denen uns der Name zuerſt entgegen kommt. Der Lebensbeſchreiber des heiligen Adalbert, Gaudentius, der ſeinen Freund und Lehrer auf ſeiner Reiſe nach Polen und Preuſſen begleitete, iſt, wie erwaͤhnt, der erſte, welcher dieſen Namen nennt. Bevor Adalbert nach Polen kam, ſcheint ihm der Name des Volkes, dem er ſpaͤterhin das Evangelium verkuͤndigen wollte, noch unbekannt geweſen zu ſeyn, denn erſt am Hofe des Herzogs Boleslav wurden ihm die Lutizier und die „Pruſſen“ als die beiden Voͤlker genannt, die der chriſt— lichen Verkuͤndigung beduͤrften ). Als hierauf zehn Jahre nach Adalberts Tode der Biſchof Bruno zu dem Herzoge von Polen kam, wurde auch ihm wieder durch die Polen das Volk, unter welchem er als Apoſtel auftreten wollte, „Pruſſen“ genannt, und ſein Jugendfreund, der Biſchof ſchen Quellen machen zu muͤſſen. So ſagt das Chron. Danicum ap. Langebeck T. II. p. 172: ſacta est expeditio in Pruciam et Sam- land; eben fo heißt es in Petri Olai Excerpt. p. 256: fecit expedi- lionem in Pruciam et Samland; fo auch in Erici Regis Chron. T. I. p. 165. Annal. Esrom. p- 243. Die Annal. Minorum Wis- byens. p. 254 ſagen: in Prysciam et Sameland. 1) „Animo deliberare cocpit, ulrum Luiticenses, quos Chri- stiauorum praeda miserorumque hominum damma pascunt; an Pi zorum ſines adiret, quorum Deus venter est, et avaritia iuncla cum morle est.“ Vita s. Adalb. ap. Canis. P. 351. Cosmas Pra- gens. vita s. Adalb. p. 83.

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Urſprung des Namens Preuffen. 303 Ditmar von Merſeburg, der die Nachricht uͤber Bruno's Maͤrtyrer-Tod nur von Polen her hatte erfahren koͤnnen, ſchrieb den Namen des Volkes nach, wie er ihn vernom— men hatte ). Es unterliegt alſo wohl kaum noch einem Zweifel, daß wir den Namen Preuſſen zuerſt bei den nach— barlichen Polen finden, denn es gebrauchen ihn zugleich auch ihre aͤlteſten Geſchichtſchreiber ?). Erſt von Polen aus ſcheint er ſich unter die Slaviſchen Voͤlker und dann auch nach Skandinavien verbreitet zu haben, wo fruͤherhin durch Handelsgemeinſchaft nur der Name der Samlaͤnder bekannt geweſen war ). Es erhebt ſich aber hier die neue Frage: woher hatten die Polen fuͤr ihr noͤrdliches Nachbarvolk dieſen Namen er— halten? — Bei den Preuſſen ſelbſt iſt er bis zum Anfang des zehnten Jahrhunderts ſicherlich noch nicht vorhanden ge— weſen, fo wenig als damals unter ihnen ein einzelner Voͤl⸗ kerzweig zu finden war, der durch uͤberwiegende Macht oder durch etwanige Herrſchaft uͤber die andern Bewohner ſeinen Namen geltend machte und die Einzelnamen der uͤbrigen Zweige in die Vergeſſenheit zuruͤckdraͤngte; denn der nor= diſche Reiſende Wulfſtan, der uns die Namen der Voͤlker in Preuſſen nennt, haͤtte beides unfehlbar erwaͤhnen muͤſſen. Auch in andern Quellen der Geſchichte leuchtet keine Spur von einem Volkszweige unter dieſer oder einer aͤhnlichen Benennung, der erweislich um dieſe Zeit an den Oſtſeekuͤ⸗ ſten gelebt haͤtte. Es iſt demnach wohl außer allem Zwei⸗ fel, daß der Name nicht unter den Preuſſen ſelbſt entſtan⸗ den iſt; es darf vielmehr die Behauptung ausgeſprochen werden: der Name Pruſſen oder Preuſſen hat nicht bloß ſeine Verbreitung unter andern Voͤlkern, ſondern auch ſeine 1) Dinar Merseburg. p. 177 hat nur den Namen des Landes — Prussia. 2) Vgl. Lelewel bei Ossolinski p. 556. 3) Hieraus erklart ſich dann auch der Wechſel in der Benennung von Samlaͤndern und Preuſſen, wie er ſich bei Adam von Bremen und bei den Skandinaviſchen Chroniſten findet.

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304 urſprung des Namens Preuffen. Entſtehung durch die Polen erhalten. Die Art ſeines Ur⸗ ſprunges war, wie es uns ſcheint, folgende. Die alten allgemeinen Benennungen, Widen oder Wi⸗ ten, Aeſtyer oder Aeſtier, unter denen man fruͤherhin Preuſ⸗ ſens geſammte Bewohner begriffen hatte, waren durch die Getrenntheit des Volkes in einzelne Landſchaften und durch die Namen, durch welche ſich die Bewohner dieſer Landes⸗ theile von einander unterſchieden, faſt gaͤnzlich untergegan⸗ gen. Zwar kannte Wulfſtau noch die Namen der Eſten und des Witlandes; allein beide Benennungen begriffen erſtens bei weitem nicht alle Bewohner Preuſſens, da ſie ſich vorzuͤglich nur auf die näheren Anwohner der Küften- gebiete bezogen; ſie waren aber zweitens auch um das elfte und zwoͤlfte Jahrhundert ſo ungewoͤhnlich geworden, daß wir ihrer kaum noch erwähnt finden ). Nun hatten zwar die Polen, wie eben geſagt iſt, fuͤr ihre noͤrdlichen Nachbarn die Benennung Gethen oder Gothen, erinnernd an des Volkes alte Abſtammung, womit auch der Name Widen in engſter Verbindung ſteht; allein auch unter die ſem Namen verſtanden die Polen ebenfalls nur einen Theil des geſammten im nachbarlichen Lande wohnenden Volkes, nämlich nur vorzüglich die uns ſchon bekannten Widen, alſo meiſt nur die Kuͤſtenbewohner am Friſchen Haff ent⸗ lang 7). Sonach gab es alſo fuͤr die Nachbarvoͤlker eigentlich gar keinen allgemeinen Volksnamen, mit welchem ſie die geſammte Maſſe der Bewohner in den Gebieten von der Weichſel an bis gegen Rußland haͤtten bezeichnen koͤnnen; kein Zweig in dieſer Volksmaſſe war fo übermächtig und vorherrſchend und keine Eigenthuͤmlichkeit war in dem 1) Doch erwähnt des Namens Eſten oder Aeſten noch Annal. Samo ap. ecard. Corp. histor. T. I. p. 283, indem er fagt: Ad littus australe Slavi, Haisti aliaeque diversae nationes incolunt. 2) Diefes geht aus allen ſchon vorerwähnten Stellen des Martin Gallus und Kadlubeck bervor, in welchen der Gethen Erwaͤhnung ge⸗ ſchieht.

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Urfprung des Namens Preuffen. 305 Maaße hervorſtechend und durchgreifend, daß von jenem oder von dieſer aus ſich ein allgemeiner Volksname haͤtte bilden koͤnnen. Wollte man daher das ganze Volk oder die geſammte Maſſe der Bewohner dieſer weiten Gebiete mit einem Geſammt-Namen bezeichnen, ſo blieb nichts an⸗ deres übrig, als die Oertlichkeit und die Lage ihrer Wohn— gebiete zum Gegenſtande dieſer Bezeichnung zu waͤhlen. So nannten alſo die Polen die ſaͤmmtlichen Bewohner des noͤrdlichen Nachbarlandes „die an den Ruſſen“ oder „die an den Ruſſen Wohnenden,“ in ihrer Sprache Po-Ruſſen oder P'Ruſſen, verkuͤrzt Pruſſen ). Nach damaliger Län- derkunde naͤmlich graͤnzte das Land der Preuſſen im Oſten unmittelbar an die Ruſſen, denn das Zwiſchenland Litthauen wurde früher wie ſpaͤter mit unter Ruſſien oder Rußland begriffen ). Der Name Ruſſen aber, ſchon uͤber hundert 1) In der Polniſchen Sprache ift Po eine Präpofition, welche die Local-Bedeutung „an, bei“ hat, locum indicans, quo vel super quem quid versatur. Daß fie beſonders auch zur Namen-Compoſition gebraucht wird, ſagt nicht bloß der gründliche Polniſche Sprachforſcher Linde inf. Polniſchen Woͤrterbuche s. h. v., ſondern es beweiſet es auch die Benennung Pomerani-Po — morski, d. h. die an dem Meere, an der Seekuͤſte gelegenen; daher auch Pomorje ein Küftenland, ein Land am Seeufer; alſo Pomerani, quasi marini sive accolae maris. Daraus erklärt es ſich auch, daß bei den Polniſchen Chroniſten ſo oft unter maritima, regio maritima Pommern zu verſtehen iſt. 2) Daß mit dem Namen Pruſſen ſich auch der Begriff von der Nahe oder der Graͤnze der Ruſſen verbreitet hatte, erſehen wir deutlich aus Ditmar Merseburg. p. 176, wo biefer Chroniſt von Bruno ſagt: er habe gepredigt in vonfinio praedictae regionis (Prussiae) et Rus- sine; aus welchen Worten man faſt ſchließen möchte: Ditmar habe ſich den Namen Prussia erklären laſſen und er ſey ihm erklärt worden durch regio in conſinio Russiae j. c. Po - Russia, Prussia. In gleicher Art ſagt Adam. Bremens. de situ Dan. c. 227 von Samland, auf welchem feine Pruzzi oder Prutzci wohnen: dieſes Land lege contigua Ruzzis; daher er auch Pruzzi ſchreibt. Daß Litthauen als mit zu den Ruſſen gehörig betrachtet wurde, weil es dieſen zinsbar war, und daß die Litthauer feibft für Ruſſen angeſehen wurden, ift unbezweifelt. Vgl. daruͤber Fraun Ihn - Fosslan's und anderer Araber Berichte üser die J. 20

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306 Urfprung des Namens Preuffen. Jahre vor Adalberts Erſcheinen in Preuſſen entſtanden, war, wenn auch vielleicht noch nicht im innern Deutfch- land, wo man vom Volke und Lande noch zur Zeit wenig wußte, doch in den Nachbarlanden und namentlich auch in Polen durch friedliche und durch kriegeriſche Beruͤhrun— gen ſchon allgemein bekannt und für das gefammte öftliche Volk hinter Polen und Preuſſen um dieſe Zeit ſchon der gewoͤhnlichſte geworden). Sonach theilten die Polen die geſammten noͤrdlich von ihnen wohnenden Voͤlker in dem ganzen großen Laͤnderſtriche von dem Oder⸗Strome an bis an Rußlands Graͤnzen dem Namen nach in zwei große Theile; beide bezeichneten ſie nach der Lage und Oertlichkeit ihrer Wohnſitze; den einen Theil dieſer Völker, die das Kuͤſten⸗ land von der Weichſel aus weſtwaͤrts bewohnten, nannten fie „die am Meere,“ Po-morski, Pomeranen, Pommern; dagegen hieß bei ihnen der andere Theil der Voͤlker, die ihre Wohnſitze oſtwaͤrts von der Weichſel bis an die Grän- zen der Ruſſen hatten, „die an den Ruſſen,“ Po-Ruſſen, P'Ruſſen oder Pruſſen. Es ſtimmt aber endlich mit dieſer Annahme uͤber die Entſtehung dieſes Namens zu ihrer Beſtaͤtigung auch die Schreibart deſſelben ſowohl bei den aͤlteſten Chroniſten, als in den aͤlteſten Urkunden voll⸗ kommen uͤberein, denn in beiden Quellen findet ſich der Name Pruſſi und Pruſſia, Pruzzi und Pruzzia, Pruzi und Pruzia, oder Prucia, Pruſcia und auf aͤhnliche Weiſe ge— ſchrieben ). Ruſſen aͤlterer Zeit S. 171. Karamſin Geſchichte des Ruſſ. Reichs 2.1. S. 190 und 378. 1) Vgl. über die Wohnſitze der Älteften Ruſſen, Sendſchreiben an Ewers. Dorpat 1825 S. 23 ff. Karamſin a. a. O. S. 40 — 41. 2) Außer den ſchon angeführten Stellen der Chroniſten vgl. die Ur⸗ kunden bei Lucas David B. II. S. 22 — 23. 24. 27. 38. Acta Boruss. T. I. p. 414. 402. 405. 406. 417. Dreger Cod. Pome- ran. Nro. 38. In der Schenkungsurkunde des Kaiſers Friedrichs II. Nro. 65 werden die Preuſſen Prutheni, das Land aber Prussia genannt = eben fo in Nro. 70 und 72. Der Biſchof von Ploczk nennt die Preuf;

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Urfpeung des Namens Preuffen. 307 Demnach bedarf es zur Auflöfung der Frage über den Urſprung und die Herkunft des Namens Preuſſen weder eines uralten Stammvaters, noch eines beſondern Volks- zweiges, noch eines Heerfuͤhrers und Koͤniges, die dieſen Namen geführt hätten, noch auch der ſonſtigen fo zahlrei— chen Ableitungen, aus denen man den Urſprung deſſelben auszuforſchen geſucht hat. Bei allen Forſchungen früberer Zeiten war das Näthfel über die Benennung Preuſſen im- mer um fo fehwieriger und dunkeler geworden, je weiter man ſich im Suchen und Forſchen aus der Gegend ent⸗ fernt hatte, von welcher aus es ſeine Loͤſung erhalten mußte ). fen Prusci und das Land Prussia Nro. 78. Vgl. Baczko B. J. S. 125 — 126. 132. 133. Auf dieſe aͤlteſte Schreibart weiſen auch ſchon Lucas David B 1. S. 4. (obgleich er feiner Ableitung von den Bru⸗ ten oder Pruten getreu bleibt) und Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 1 — 2 und Dissertat. II. §. 1 III. 8. 13, wo er auch von der oben erwähnten Ableitung des Namens ſpricht. - Die Veränderung des Na⸗ men in Pruteni hängt mit der des Ruſſiſchen Namens Russi in Ru- iheni zuſammen, denn auch Rutheni wurde ſchon ſehr fruͤh geſchrieben. Ditmar Merseburg. p. 251 hat zwar noch Russi und Russia, und Adam. Bremens. de situ Dan. 227 und 239 Ruzzi und Ruzzia; aber Mathaͤus im Aadlubeck L. II. ep. 13. p. 140 ſchreibt neben Russia ſchon Rutheni, eben fo in der edit. Gedan. p. 28. Martin Gallus p. 61. — Wie man nun Po- Russi und P’Russi ſagte, fo bil⸗ dete man auch Po- Rutheni und P’Rutheni oder Pruteni nach. 1) um den Leſern auch unter den uͤbrigen Ableitungen des Namens die Wahl zu ſtellen und fie mit den früheren Angaben über dieſen Punkt bekannt zu machen, werden die wichtigſten in der Beilage Nro. IV an⸗ geführt werden. Wir bemerken aber hier am Schluſſe, daß wir die Schreibart Preuſſen für richtiger halten, als die gewohnliche Vreu ß en.

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Fuͤnftes Kapitel. Nach jenem Kriegszuge gegen die Preuſſen ſtand Herzog Boleslav der Tapfere von Polen noch zehn Jahre der Herr— ſchaft vor. In dieſer Zeit aber hielten ihn beſtaͤndige Kaͤmpfe und Kriegsfehden zum Theil in Deutſchland mit dem Kai⸗ ſer, Heinrich dem Zweiten, zum Theil in Rußland gegen den Großfuͤrſten Jaroslav ) fo unablaͤſſig beſchaͤftigt, daß er mit Preuſſen in weiter keine Beruͤhrung gekommen zu ſeyn ſcheint. Es wird uns nirgends berichtet, ob die ge— ſtellten Friedensbedingungen von den Preuſſen erfüllt wor⸗ den ſeyen, ob ſie wirklich den jaͤhrlichen Zins entrichtet und ob der Herzog weiter auf die Annahme der Taufe gedrun⸗ gen habe. Und als nun der letzte jener Kriege mit Ruß⸗ lands Großfuͤrſten beendigt und Kaiſer Heinrich im Jahre 1024 geſtorben war, da glaubte Herzog Boleslav jetzt am Abende ſeines ſturmvollen Lebens ſich endlich auch am Ziele aller ſeiner Beſtrebungen. Er entſchlug ſich der Un⸗ terwuͤrfigkeit gegen Kaiſer und Reich, nahm den Koͤnigs⸗ Namen an und ließ ſich unter prunkenden Feſtlichkeiten die Krone auf das Haupt ſetzen. Aber neben dieſem Ziele ſei— ner Wuͤnſche ſtand auch das Ziel ſeiner Tage. Sein kampf⸗ volles Leben endigte mit dem Frühling des Jahres 1025 2). 1) Dieſe Kriege erzählt Divmar Merseburg. L. VII. ueber die Kriege gegen Rußland vgl. Karamſin B. II. S. 9. ff. 2) FFippo in vita Conradi ap. Pistor. T. III. p. 470 ſetzt die Kroͤnung und den Tod Boleslavs in nahe Beziehung: Bolislaus, Scla- vigena, Dex Bolanorum, insiguia regelia et regium nomen in in-

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Polen unter Mjesco II. 309 Darauf betrat den neuerbauten Koͤnigsthron fein Sohn Mjesco der Zweite, noch ein junger Fuͤrſt, den freilich we⸗ der des Vaters Eigenſchaften, kriegeriſcher Geiſt, Kuͤhnheit der Gedanken und entſchloſſener Muth im Kampfe den Feinden des Reiches furchtbar, noch milde Tugenden ſeinem eigenen Volke beſonders werth und achtungswuͤrdig machen konnten ). Kein koͤniglicher Gedanke begleitete ihn auf den Thron; er erbte, was er weder behaupten konnte, noch deſſen er ſich wuͤrdig zeigte. Und doch ſtanden rings um das neue Koͤnigreich die durch Boleslavs Hochmuth, Kriegsluſt und Herrſchbegier aufgereizten und tiefgekraͤnk⸗ ten Voͤlker als Feinde da, nur die Zeit zur Rache erwar⸗ tend. Den König von Deutſchland aber hielten nur wich⸗ tigere Ereigniſſe von dem Wunſche zuruͤck, die Strafe des Abfalles vom Reiche, die der Vater verdient, am Sohne auszuuͤben 2). Neben dieſen Gefahren aber, die von außen drohten, war das Leben des Volkes auch im Innern voll Feindſchaft und Zwietracht und nirgends Halt und Zuſam⸗ menhang. Ein wilder Bruderkrieg verheerte das Land, denn Boleslavs zweiter Sohn Otto machte ſeinem Bruder Mjesco den Thron ſtreitig und mußte zuletzt als Fluͤcht⸗ ling das Land verlaſſen. Kaum aber befreit von dieſem Gegner, der die wenige Kraft Mjesco's noch in Thaͤtigkeit erhalten hatte, uͤberließ ſich dieſer dem Triebe ungezaͤhmter Lüfte und dem Sturme feiner Leidenſchaften, unbekuͤmmert um Staat und Volk und nur darauf bedacht, wie dem Genuſſe des Lebens der lockendſte Reiz verſchafft und die Freude in vollen Zuͤgen genoſſen werden koͤnnte. Kein Wunder alſo, daß unter dem ſchlaffen Sohne juriam Chuonradi Regis sibi aptavit, cuius temeritatem cita mors exinanivii. Martin, Gallus p. 67 — 68. Kadlubeck ed. Gedan. b. 12. ! 1) Kadlubeck L. II. cp. 15. p. 146: fagt von ihm: nec civihus tam gloriosus, nec hostibus adeo visus est terribilis. 2) Vippo l. c. p. #0 — 471. Als eine injuria Regis Chuon- rudi ward Boleslavs regium nomen angeſehen.

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310 Polen unter Mjesco 1. darniederſank, was der ſtarke Vater emporgehoben hatte; denn kaum gewahrten die nahen Voͤlker dieſen Zuſtand des neuen Koͤnigreiches, ſo verweigerten ſie den abgetrotzten Zins und entſchlugen ſich des erzwungenen Gehorſams. So ging unter andern Pommern eine Zeitlang wieder verloren und gewiß haben ſich damals auch die Theile Preuſſens, die durch Boleslavs Schwert einige Zeit zum Gehorchen und zur Zinsleiſtung gezwungen geweſen ſeyn moͤgen, dem laͤſtigen Joche wieder entwunden ). Von ſon⸗ derlicher Bedeutung mag uberhaupt dieſes unterthaͤnige Verhaͤltniß ſowohl Pommerns, als Preuſſens auch ohnedem wohl nicht geweſen ſeyn; nirgends hoͤren wir wenigſtens, daß Kriegsvoͤlker aus Preuſſen den Heeresfahnen Boleslavs als gezwungene Huͤlfsgenoſſen hätten folgen muͤſſen; hoͤch⸗ ſtens mögen alſo vielleicht nur die naͤchſten Graͤnz-Gebiete zur Erhaltung des Friedens durch Ueberſendung alljaͤhrlicher Zinsgeſchenke dem Gebieter Polens den prunkhaften Schein des Gehorſams gerne gelaffen haben. Mjesco's verwirrungs- volle Herrfchaft aber war auch nicht einmal geeignet, ſelbſt nur dieſen Schein des Gehorchens in irgend einer Weiſe aufrecht zu erhalten. Pommern ſoll er zwar wieder unter ſein Gebot zu bringen verſucht und Bela, den fluͤchtigen Bruder des Koͤniges Stephan des Heiligen von Ungern, dem er ſeine Tochter gab, dort als Statthalter eingeſetzt baben ); allein mit Preuſſen ſcheint er dieſen Verſuch nicht 1) Kadlubeck ed. Ged. p. 13 nennt die Voͤlker nicht einzeln; aber es iſt genug, wenn er ſagt: coeperunt extrancae naliones, quae principi suo vechgales fuerant, minus timoris, reverentiae et hono- ris eidem impendere et tributa regionum denegare. BDoguphal p. 25 erwähnt ebenfalls keines Namens, druͤckt ſich aber noch etwas ſtäͤr⸗ ker aus, wenn er ſagt: Tempore eienim suo esterae naliones ab obedientia sua recesserunt et desidium suarm considerantes tributa balri suo consuela dari, solvere denegarunt. Dlugoss. T. I. p. 185. bucas David B. I. S. 157 führt unter den abgefallenen Voͤlkern die Preuſſen ausdruͤcklich an. 2) Aeltere Quellen wiſſen freilich von dieſem Ereigniſſe nichts und nur de ſpatern Chronfſten Plug uss. T. I. p. 185 scq. Cromer, p.

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Polen unter Mjesco II. 31¹ einmal gewagt zu haben, ſo daß nun auch ſelbſt der ſchein⸗ bare Gehorſam der Preuſſen an den Graͤnzen für Polens Thron nicht behauptet ward ). Faſt zehn Jahre brachte Mjesco hin unter Luͤſten und Schwelgereien, in einem Kriege mit dem Kaiſer Conrad dem Zweiten, unter einem feigen Kampfe um den Thron, deſſen ſich fein Bruder Otto bemaͤchtigte, in einer ſchimpf⸗ lichen Flucht nach Böhmen, waͤhrend welcher unter des Kai— ſers Beiſtand Otto die ſchlaffen Zuͤgel der Regentſchaft hielt, dann unter demuͤthiger Ruͤckkehr auf den wuͤrdeloſen Thron und unter der erneueten Oberherrſchaft des Kaiſers und des Reiches. Und als dieſe Stuͤrme ihm auch die Kraft zum Genuſſe der alten Luͤſte gebrochen zu haben ſchienen, gedachte er endlich unter der Suͤnden Laſt durch Gruͤndung frommer Stiftungen und durch die Einrichtung der Bisthuͤmer in Maſovien und Cujavien den beleidigten Himmel zu verſöhnen; er ſtarb indeſſen mitten in dieſen Beſtrebungen im Jahre 1044. Sein Leben hatte Polen tief in der Achtung der Voͤl— ker herabgewuͤrdigt; fein Tod ſchien das Reich der völligen Aufloͤſung nahe zu bringen. Zwar hinterließ er einen Sohn Caſimir, dem die Herrſchaft nun zufallen ſollte; allein ſchon fruͤher wegen haͤuslicher Zwietracht mit ſeiner Mutter Richſa aus Polen geflüchtet, lebte dieſer jetzt als Moͤnch im Benedictiner-Klofter Cluͤgny. Außer ihm aber war keiner, dem ein Recht zur Nachfolge zuſtand, denn Otto, 68. Mechow p. 36 und andere erzählen davon vieles. Vgl. Naru- szewies T. II. p 193 — 195. Kannegießer Geſchichte von Pom⸗ mern B. I. S. 308 — 314. 1) Naruszewies T. II. p. 370 Nro. 412 behauptet, aber ohne egruͤndeten Erweis, daß die Preuſſen um dieſe Zeit den nachbarlichen Pommern gegen die Polen als Huͤlfsvolk beigeſtanden. Daſſe be behaup⸗ tet auch Kannegießer a. a. O. S. 311; allein die Quelle des letz⸗ tern iſt der einzige Dluguss. p. 186, bei welchem wir der Preuſſen nicht einmal erwaͤhnt gefunden und auf deſſen einzelne Worte bei ſeiner ekelhaften Geſchwaͤtzigkeit ohnedieß auch wenig Gewicht gelegt werden darf.

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312 Maslavs Empörung gegen Polen. Mjesco's Bruder war ermordet. So kannte man im Reiche nun weder Herrſchaft, noch Gehorſam. Bald ſtanden Par⸗ teien gegen Parteien, jede von ihren eigenen Zwecken der Selbſtſucht getrieben. Jeder Mächtige erhob ſich zum Despo⸗ ten derer, die er bedruͤcken konnte, und Graͤuel und Ge— waltthaten geſchahen im Uebermaaße. Kaum gab es noch irgend ein Geſetz und eine Ordnung. In mehren Theilen des Reiches ſchlug ſogar das Heidenthum wieder neue Wurzeln im verwilderten Gemüthe und die edle Pflanzung des Chriſtenthums erſtarb unter dem Mangel der Pflege ). Da fluͤchteten viele von dieſem Schauplatze der Unordnung und Geſetzloſigkeit hinweg, theils um des Glaubens willen, theils um der Wuth der Parteien zu entweichen, und be— gaben ſich in die ruhigere Landſchaft Maſovien, Preuſſens naͤchſtes Nachbarland, deſſen Bevoͤlkerung hiedurch bald un— gemein vermehrt ward. Hier hatte auch Maslav, Mjesco's vormaliger Mundſchenk und Guͤnſtling, Sicherheit und Ruhe gegen die Verfolgung der Partei geſucht, welche die Ruͤck— kehr des verſtoßenen Prinzen Caſimir betrieb, an deſſen Vertreibung Maslav mit großem Eifer gearbeitet. Sein Zufluchtsort ward bald der Sammelpunkt der Fluͤchtlinge. Da ſtiegen hoͤhere Gedanken in ihm auf und zugleich durch Ehrgeiz und Herrſchluſt, wie durch Furcht vor Caſimirs Ruͤckkehr getrieben, ſchwang er ſich zum Fuͤrſten Maſoviens auf und bewog die Landſchaft Mafovien zum Abfalle von dem faſt ſchon gänzlich aufgelöfeten Reiche 2). Mittlerweile brach Herzog Breczislav von Boͤhmen, die Verwirrung der Dinge benutzend, um altes Unrecht der 1) Welchem jammervollen Zuſtande Polen damals hingegeben war, berichten Kadlubeck L. II. ep. 15. p. 148 — 149. Martin. Gallus P. 70. Diusoss. T. L p. 193 — 194. 2) Kadtubeck ed. Ged. p. 14. Boguphal p. 26. In Ruͤckſicht der niedrigen Herkunft Maslavs ſtimmen die Polniſchen Chroniſten ziem⸗ lich alle uͤberein; nur in der Schreibart des Namens ſind ſie verſchieden, denn fie nennen ihn Mezzlaus, Maslaus, Mazslaus, Mezslaus; Naru- szewiez ſchreibt den Namen Mieczyslaw.

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Krieg zwiſchen Caſimir und Maslav. 313 Polen an ſeinem Herzogthume zu raͤchen und zugleich die Graͤnzen ſeiner Herrſchaft zu erweitern, ums Jahr 1038 in Polen ein und da niemand widerſtand, drang er bis Poſen und Gneſen, bemaͤchtigte ſich dort der Leichname des heiligen Adalbert, des Gaudentius, Bruno's und deſſen Gefaͤhrten, und fuͤhrte ſie mit vielen andern Reliquien, Kirchenſchaͤtzen und ſonſtigem reichen Raube nach Böhmen ). Dieſes Ungluͤck des ganzen Landes aber, Polens ſchreck⸗ liche Verwuͤſtung durch den Feind, die gaͤnzliche Aufloͤſung aller Ordnung im Innern, die ſeit vielen Jahren fortge= ſetzte Zertretung alles Rechts und Geſetzes hatten endlich derjenigen Partei das Uebergewicht verſchafft, die in Gafis mirs Zuruͤckberufung auf den Thron das Heil und die eins zige Rettung des Reiches erkannte und deshalb fort und fort für fie thaͤtig geweſen war. Als man ſich daher um Caſimirs Entſagung des geweihten Standes mit dem Papſte und mit dem Abte von Cluͤgny abgefunden, folgte der junge Fuͤrſt im Jahre 1041 einer Botſchaft Polniſcher Ed— len unter einem Huͤlfshaufen des Kaiſers, ſeines Oheims, nach Polen zuruͤck, um den entwuͤrdigten Thron feiner Voͤ⸗ ter zu beſteigen 2). Er beſtieg ihn aber mit wuͤrdigeren Gedanken, als fein Vater; denn kaum hatte er die Krone aufgenommen und kaum war die wilde Gaͤhrung im In⸗ nern beſchwichtigt und Ordnung und Geſetz wieder herge— ſtellt, als er ſich ſofort zum Kriege gegen Maslav rüftete, um Maſovien ſeiner Herrſchaft wieder zuzueignen. Der neue Fuͤrſt Maſoviens aber hatte laͤngſt alle Mit⸗ tel aufgeboten und mit klugem Geiſte benutzt, um ſich in feiner neuen Würde zu behaupten. Maslav war damals gewiß einer der ausgezeichnetſten Maͤnner des Landes, voll Muth und entſchloſſenen Geiſtes, beharrlich in feinen Bes ſtrebungen bis zum letzten Augenblicke, erfahren im Kriegs- 1) Cosmas Pragens. Chron. p. 25. Martin. Gallus p. 70. Dubrae. histor. Bohem. p. 60. 2) Kadlubeck I. c. Martin. Gallus . 70. Huguphe p. 26. Diugoss. I. I. p. 198 — 207.

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314 Krieg zwiſchen Caſimir und Maslav. weſen und kaum uͤbertroffen in der Tapferkeit beim Kampfe ). Seiner Beredſamkeit gelang, die Gemuͤther der Maſovier zu gewinnen; feine Betriebſamkeit und ruͤ— ſtige Thaͤtigkeit brachte ſchnell alle Anſtalten zur Gegen⸗ wehr zur Vollendung. Die Vornehmern des Landes folg— ten theils den Lockungen feiner Geſchenke und Verheißun— gen, theils ſchreckte fie fein herriſcher Zorn zum Gehorfam. In ſolcher Weiſe hatte er im eigenen Lande alles zum Wi- derſtande vorbereitet. Er rechnete aber bei feinem Plane auch auf die Huͤlfe des Auslandes; er kannte den Haß der Nachbarvoͤlker gegen Polen und rief die Daͤniſchen Sam— laͤnder, die Preuſſen und Ruſſen gegen Koͤnig Caſimir zum Beiſtande auf 2). Dieſe letzteren waren wahrſcheinlich Lit⸗ 1) Boguphial I. c. ſchildert ihn als strenuus et robustus anımo, Ierox ac bellorum exercitatione consuetus. 2) Die auch in anderer Hinſicht ſehr merkwürdige Stelle des 80 guphal (im Mſcr. des geh. Archivs zu Koͤnigsb.) iſt folgende: Quidam de inſimo genere, strenuus tamen el robustus animo, ferox ac bellorum exercilalione consuetus, Mazslaus nomine, Mazoviensem provinciam occupaverat, proceres provincie illius quosdam muneribus, quos- dam tyranide ad sui ohedientiam atraxit, Dacosque, Gethas seu Pruthenos et Ruthenos sibi in auxilium contra Kasimirum invocavit; quorum adjutus presidio bellum campestre Karimiro indicere pre- sumpsit. In der Ausgabe des Boguphal bei Sommersberg T. I. p. 26 ſteht ſtatt Dacosque Gethas die wunderliche Lesart Ducesque Gothos. Daß Dacosque Geihas die richtige Lesart iſt, beweiſet die Stelle bei Kadlubeck L. II. ep. 15. p. 150, wo es heißt: non mino- res virorum rursus vires instaural, quatuor maritimorum acies, to- tidem Gelicas, nee non Dacorum ac Ruhtenorum larga asciscens suflragia. Eben fo die edit. Gedan. p. 14. Die Chron. principum Polon. fagt: Maslaus mala malis accumulans congregala multitudine Prutenorum, Dauorum Maritimorum, Gellarum, Ruthenorum et Mosaviorum. Man muß dieſe Stellen gegen einander halten, wenn man fie richtig verſtehen will; fie klaͤren ſich gegenſeitig auf. Die Daci oder Dani ſind offenbar keine andern, als die Samlaͤndiſchen Daͤnen, jene Coloniſten in Samland, die, wie wir hiebei erfahren, um dieſe Zeit noch ihren alten Namen Dänen bei den Polen führten und ſich uͤberhaupt von den andern Bewohnern Preuſſens, den Geihis seu Pru- thenis, noch unterſchieden. Es darf kaum erinnert werden, daß Däne:

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Krieg zwiſchen Caſimir und Maslav. 315 thauer, denn um dieſe Zeit ward dieſes Volk noch mit dem Namen der Ruſſen bezeichnet. So zogen nun auf das Verſprechen eines beſtimmten Soldes zu Maslavs Bei⸗ ſtand vier Heerhaufen aus Pommern nach Maſovien hin⸗ auf; eben ſo viele Schaaren folgten auch aus Preuſſen, wahrſcheinlich von den Landesfuͤrſten oder den Reiks ange⸗ führt; doch ſcheinen die Samlaͤndiſchen Dänen mit dem Heerhaufen der eigentlichen Preuſſen oder der Gethen nicht verbunden geweſen zu ſeyn; auch dieſe ſtanden wahrſchein⸗ lich unter der Führung eines eigenen Kriegsoberſten ). Nicht minder thaͤtig und eifrig hatte ſich König Caſi⸗ mir zum Kriege geruͤſtet; auch er war auf fremde Beihuͤlfe bedacht geweſen; ihm zog ſein Schwager, der Großfuͤrſt mark damals auch Dacien — Dacia — und bie Dänen Daci genannt wurden. Dieſer Benennung bedienten ſich namentlich auch die Polni⸗ ſchen Chroniſten, fo Martin. Gallus p. 57. Cromer p. 23 u. a. Wenn nun in den erwähnten Stellen neben den Pommern — Maritimis —, Preuſſen und Reuſſen auch Daci genannt werden, jo kann man dar⸗ unter durchaus keine andern, als Dänen verſtehen. Lelewel bei Osso- insel S. 461 iſt freilich anderer Meinung, da er, unbekannt mit der Daͤniſchen Colonie auf Samland, dieſe „Daken“ in Preuſſen nicht uns terzubringen weiß. Er glaubt daher, „man koͤnne den Namen auf die Podlachiſchen Jagdzwinger anwenden und von da zu den in Dacien wohnenden Jaziger Sarmaten weiter gehen, um ſo die Poblachier, Litthauer und Preuſſen, die von Alters her auch Geten (Daken) genannt wurden, von den Sarmaten abzuleiten.“ Wir ſehen hiebei aber nur Lelewels Verlegenheit; er giebt ſogleich auch ſelbſt zu verſtehen, daß es ihm mit dieſer Erklarung der Sache nicht rechter Ernſt geweſen ſey. Wir können nach dem Sprachgebrauche der Zeit die Daken ODaci) für nichts anders halten, als für Dänen, und da nun an die Dänen jenſeits der Oſtſee gar nicht zu denken und ihre Verbindung mit den Preuſſen, Pommern und Ruſſen ganz klar iſt, fo behaupten wir: es waren die Samlaͤndiſchen Dänen, welche von Maslav zur Huͤlfsleiſtung gewonnen wurden. Die Chron. princip. Polon. nennt fie ohne weiteres Dani; zwar koͤnnte bei ihr an Pommeriſche Daͤnen gedacht werden; dagegen aber ſpricht ganz klar Kaudllubecll. Die Gethen find die Bewohner der Landſchaften Pomeſanien, Pogeſanien u. ſ. w. 1) Dieſes geht bei naͤherer Betrachtung aus den erwaͤhnten Stellen der Polniſchen Chroniſten hervor.

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316 Krieg zwiſchen Caſimir und Maslav. Jaroslav aus Rußland zu ). Mit dieſem Huͤlfsgenoſſen und mit der Kriegsmacht ſeines Landes brach nun Caſimir gegen das Jahr 1042 in Maſovien ein. Maslav ſtellte ſich ohne Zaudern zur Schlacht; allein ſein Heer wurde ge— ſchlagen, durch die Flucht aufgeloͤſt und vom Feinde ſo ver— folgt, daß Maslav ohne Schutz und Huͤlfe ſeine Rettung bei den Preuſſen ſuchen mußte 2). Dort gewann er aber bald durch das Verſprechen eines bedeutenden Soldes eine neue betraͤchtliche Kriegsſchaar, jedoch vielleicht mehr nur in Preuſſens ſuͤdlicheren Landſchaften, und kehrte mit dieſer zur Behauptung feiner Fuͤrſten-Wuͤrde nach Maſovien zu— ruͤck. Caſimir fuͤhrte ihm dieſesmal ein weit ſchwaͤcheres Heer entgegen, denn auch die Maſovier fielen ihrem Für- ſten Maslav wieder in großen Haufen zu. Dieſes Gefühl der Schwaͤche, innere Gewiſſensqual uͤber die nicht erfuͤll⸗ ten Geluͤbde ſeines Kloſterlebens, uͤber welche ſich Caſimirs Geiſt auch auf dem Throne nicht zu erheben wußte, vor allem aber der entſchloſſene Muth und die Zuneigung des Maſoviſchen Volkes zu ſeinem neuen Herrn machten den Koͤnig bei dieſem zweiten Kriegszuge viel zaghafter und ſchwankender als zuvor. Erſt ein Traum im Kriegslager brachte ihm den noͤthigen Muth zum Kampfe und mit dem Muthe auch den abermaligen Sieg. Die Schlacht koſtete dem Fuͤrſten Maslav eine ſo große Zahl ſeiner tapferſten Krieger, beſonders auch ſeiner Huͤlfsvoͤlker aus Preuſſen, daß er abermals fluͤchtend ſeine Rettung in dieſem Lande ſuchen mußte ). Auch jetzt verzagte er noch nicht, hoffend, 1) Karamſin B. II. S. 22. Vielleicht ſtand auch Jarcslavs Angriff auf die Litthauer in Verbindung mit dieſem Kriege. 2) Kadlubeck ed. Ged. p. 14. 3) Kadlubeck L. II. ep. 15. p- 150; ed. Ged. p. 14. Eine zweimalige Huͤlfsverſtärkung aus Preuſſen wird deutlich erwähnt; Chron. Princip. Polon. Cucas David B. I. S. 158. Marlin. Gallus p. 71 ſpricht nur von einer einzigen Schlacht und weiß nichts von Mas⸗ lavs Flucht zu den Preuſſen. Auch Boguphal p. 26 erwähnt nur Gi: ner Schlacht, laͤßt nach dieſer aber den Fuͤrſten nach Preuſſen ent⸗ fliehen.

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Caſimir von Polen und die Preuſſen. 317 er werde hier abermals die noͤthige Macht ſammeln koͤnnen, um den Krieg von neuem zu beginnen. Allein die Preuf- ſen, wohl erkennend, daß der Fremdling ihre Kraͤfte nur fuͤr ſeinen Ehrgeiz vergeude, zudem auch ſchwer erbittert uͤber das Hinſchlachten ihres Volkes zur Saͤttigung der Herrſchbegier des Fuͤrſten, verlangten nun von ihm die Er= fuͤlung der Verheißungen, forderten den Sold und da er ihn nicht zu entrichten vermochte, fo legten fie den Aben- teuerer in Gefangenſchaft. Auf ihn allein haͤufte man nun alle Schuld des Verderbens und der neuen von Polen her drohenden Gefahren. Es traf ihn die Rache des erbitter— ten Volkes zum Opfer für die Gefallenen. Schwer gepei= nigt knuͤpften ihn endlich die Erzuͤrnten an einem Baume auf, ihm ſpoͤttiſch zurufend: „Du haft die Höhe erſtrebt, jetzt halte dich in der Höhe!” ) In ſolcher Weiſe war Maſovien fuͤr den Koͤnig von Polen wiederum gewonnen. Fuͤr die Preuſſen aber war dieſes ein Ereigniß, welches keineswegs eine ruhige Zukunft verſprechen ließ, denn nun graͤnzte Caſimirs Reich an Preuſſen wieder als unmittelbares Nachbarland; vor allem jedoch war zu befuͤrchten, daß die eifrige Unterſtuͤtzung des 1) Kadlubeck J. c. Ambitionis ille Princeps ad Gethas trans- fugit, ubi celsiore dignitatis gradu sublimatur. Gethae namque non parva suorum caede sauch, omnes in illum causam conferunt, omnium in eo necem uleiscuntur, quem post multa demum sup- plicia eminentissimo affıgunt patibulo dicentes: Alta petisti, alta tene. Boguphal p. 26 eben ſo. Die Chron. Princip. Polon. fagt: Quorum (sc. Getharum) etsi princeps factus fuisset, lamen propter necem illorum alto patibulo est appensus. Mit den Worten des er: ſten Satzes hat der Chroniſt ohne Zweifel nur ſagen wollen, daß Mas⸗ lav im Kriege der Oberanführer auch der Preuſſiſchen Huͤlfsvoͤlker war; denn daß er ihn nicht als eigentlichen Fuͤrſten der Preuſſen hat bezeich⸗ nen wollen, liegt im Zuſammenhange der Erzaͤhlung der Chronik ſelbſt. Uebrigens ſcheint Maslav feinen Tod in einer der ſuͤdlichen Landſchaften — apud Gethas — gefunden zu haben. Noch iſt über dieſen Krieg, fo weit er die Theilnahme der Preuſſen betrifft, zu vergleichen Dgoss. T. I. p. 194. Cromer p. 74 — 75. Mechow p. 40 — 4. Naru- szewies T. II. p. 216 — 219. n

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318 Caſimir von Polen und die Preuffen. Empoͤrers in Maſovien von Polens erzuͤrntem Könige mit ſchwerer Rache wuͤrde vergolten werden, da ihm ſchwerlich unbekannt war, daß nur der Haß der Preuſſen gegen die Polniſche Gewaltherrichaft fie zur Theilnahme an Maslavs kuͤhnem Unternehmen getrieben hatte. Und in der That ward es den Preuſſen auch nicht vergeſſen, daß ſie einem Abtruͤnnigen des Koͤnigshauſes Beiſtand und Schutz verlie- hen; denn bald nachher ruͤſtete fich Caſimir zu einem Kriegs— zuge nach Preuſſen, um an dem Volke Rache zu uͤben. Allein die Preuſſen, um zu kraͤftigerer Vertheidigung die noͤthige Zeit zu gewinnen, ohnedieß auch durch die Unfälle der letzten Kämpfe in ihrer Kriegsmacht bedeutend ge= ſchwaͤcht, wußten durch den Schein der Unterwerfung und des Gehorſams des Königs Zorn zu beſchwichtigen. Einige Geißeln und Geſchenke, unter dem Namen eines Tributes dargebracht, hatten die erwuͤnſchte Folge und er— ſparten dem Volke die Opfer eines ſchweren Krieges ). So ließ ſich der Koͤnig gerade jetzt um ſo leichter beliſten und bethoͤren, da ohnedieß fein beſchraͤnkter Geiſt, an woͤn⸗ chiſchen Gottesdienſt und kloͤſterliche Uebungen gewoͤhnt, fi) mehr in frommen Stiftungen von Kloͤſtern, in Be— ſchenkungen der Kirchen und in andern Werken bußfertiger Froͤmmigkeit und Mildthaͤtigkeit zu gefallen ſchien. Während indeß die Preuſſen in Polen für tributpflich⸗ tige Unterworfene gelten mochten, blieben ſie immerdar wach und thaͤtig fuͤr die Behauptung ihres freien Lebens. Ob ſchon damals das nahe gelegene Culmerland in einer ge— wiſſen Abhaͤngigkeit von Polen geſtanden habe und die Oſſa deshalb als der Graͤnzfluß des Koͤnigreichs betrachtet worden ſey, laͤßt ſich fuͤr dieſe Zeiten nicht ganz ſicher be⸗ 1) Es ſprechen freilich von dieſer Unterwerfung der Preuſſen auch nur die fpäteren Polniſchen Chroniſten, als Diugoss. T. I. p. 227. Cromer p. 76; wir mögen daher die Sache nicht ganz verbürgen ; aber wir koͤnnen ſie auch nicht weglaͤugnen, denn moͤglich wäre es, daß ‚Diugoss. fie aus einer uns fremden, alten Quelle ſchoͤpfte. Vgl. Yu: cas David B. J. S. 159.

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Caſimir von Polen und die Preuſſen. 319 haupten, wiewohl nicht unwahrſcheinlich iſt, daß die Sage von jener im Oſſa-Fluß durch Herzog Boleslav errichteten Saͤule eine geſchichtliche Hindeutung auf dieſe Begraͤnzung des Reiches enthalte ). Faſt ſcheint es, daß auch die Preuſſen das Culmerland ſchon nicht mehr als zu ihrem Gebiete gehoͤrig betrachtet, vielmehr ſchon ſelbſt die Oſſa als die Graͤnze ihres freien Landes angeſehen haben. Wirklich hatte auch die Natur die Graͤnze vorgezeichnet, denn es trennte dort die ſchwer durchdringliche, faſt ganz unwegſame Wildniß einer dichten Waldung das Culmer— land von Pomeſanien, als ein natuͤrlicher Schutzwall gegen Polniſches Geſetz und Polniſche Gewaltherrſchaft 2). Dieſe Waldwildniß aber benutzten jetzt die Bewohner Pomeſa— niens zur Verwahrung ihrer Freiheit, denn während König Caſimir, begnuͤgt mit dem Scheine einer Herrſchaft über Preuſſen und eine Zeitlang getaͤuſcht uͤber dieſen Schein durch dargebotene Geſchenke, in andern Dingen beſchaͤftigt war, erbauten dort die Preußen zur Hut ihrer Graͤnze ge— gen die Polen an der Weichſel, da wo die Oſſa ſich mit dieſem Strome verbindet, die ſtarke Burg Graudenz, wel⸗ cher Name, vielleicht urſpruͤnglich von der angraͤnzenden Waldwildniß herſtammend, von den Polniſchen Chroniſten in Grodeck umgewandelt ward ). Schon ihre Lage zwi: 1) Daß man ſpaͤterhin das Culmerland als zu Polen oder zu Ma: ſovien gehörig anſah, iſt bekannt; ſ. lug oss. T. I. p. 118. Cromer ſagt daher ganz dreiſt hin: Caeterum Culmensis et Pomerania Polo- niae, non Prussiae partes ſuere. 2) Vgl. meine Geſchichte der Stadt und des Ordenshauſes Ma⸗ rienburg S. 3. 5 3) Graudenz ſcheint wohl allerdings der eigentliche älteſte Name und Grodeck nur der Poloniſirte zu ſeyn, denn wir lernen den letztern bloß durch die Polniſchen Chroniſten, z. B. durch Martin. Gallus p. 71 kennen. Vgl. Naruszewiez T. II. p. 459. Auch Lucas David B. I. S. 159 nennt uns nur den Namen Grodeck und Grodna, da er uͤber dieſe Zeit auch nur aus Polniſchen Chroniken compilirte. Der aͤl⸗ teſte Ordenschroniſt Dusburg P. III. c. 187 und die Handfeſte der Stadt Graudenz haben dagegen den Namen Grudenz; f. Preuſſ. Samm-

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320 Caſimir von Polen und die Preuffen. ſchen den Gewaͤſſern der Oſſa und des Weichſel-Stromes gab ihr eine fuͤr damalige Zeiten außerordentliche Feſtig⸗ keit, und eine ſtarke Beſatzung machte ſie faſt unuͤberwindlich. Caſimirs Beſchaͤftigungen im Innern feines zerrütteten Reiches hatten ihm weder Zeit gelaſſen, auf das Nachbar= volk zu achten, noch auch Kraft, den Aufbau der gefaͤhrli— chen Burg zu hindern. Ohnedieß bewahrten auch die Preuſſen bis zu des Koͤniges Tod im Jahr 1058 mit al- ler Klugheit den Frieden. Als hierauf aber Caſimirs aͤlte— ſter Sohn, Boleslav der Zweite, der Kühne zubenannt, den Thron beſtieg, verweigerten jene nicht bloß die bisherigen Tributgeſchenke, an welche Polens Koͤnige die Meinung der Unterthaͤnigkeit und des Gehorſams knuͤpften, ſondern es fiel auch, während Boleslav in Kriegen mit den Böhmen beſchaͤftigt war, die Mannſchaft jener Burg wiederholt zu Raub und Pluͤnderung bald in die nahen Gebiete Pom— merns, bald auch in Polen ein ). Boleslav, noch ein ra— ſcher, junger Fuͤrſt, dabei kriegeriſch geſinnt und ehrgeizig, lung B. I. S. 161. Hoͤchſt wahrſcheinlich hing dieſer Name mit dem Worte Grauden zuſammen, eine auch in ſpaͤterer Zeit in Preuſſen gewöhnliche Benennung für Wildniß, dicht und wild verwachſene Wal: dung, wie ſie damals in der Naͤhe der neu errichteten Burg wirklich war. Naruszewiez a. d. O., mit dieſer Benennung unbekannt, hält den Namen Grodeck fuͤr Slaviſch und zuſammenhaͤngend mit dem Worte grodkami oder grodami, welches Gärten bedeutet; er meint auch, daß die Slaven die Burg ſchon fruͤher erbaut und die Preuſſen ſich ihrer zur Verwahrung ihrer Schaͤtze nur bemaͤchtigt haͤtten. Aber wo ſtehen die Beweiſe fuͤr ſolche Behauptungen? Wer ſind die Slaven, die die Burg erbaut haben ſollen? Etwa die Polen? Wenn Narufzewicz ohne bieie Annahme die Geſchwindigkeit des Aufbaues der Burg ſonſt unbegreiflich findet, fo finden wir es noch unbegreiflicher, wie Naruſzewicz von die⸗ fer Geſchwindigkeit irgend etwas weiß; keine ältere Quelle erwähnt ihrer und im Zuſammenhange der Ereigniſſe liegt fie nicht im mindeſten. 1) Boguphal p. 27: Tempore autem, quo in terris Bohemo- rum et Australium Rex Boleslaus intraret, corum terras hostiliter devastando Prutheni et aliae nationes paganicae, de reditu Boleslai dubitantes, Pomeraniam hostiliter invadunt.

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Krieg Boleslavs Il. gegen Preuffen. 321 vor allem aber in der jugendlichen Seele den Gedanken naͤhrend, daß er alle ſeine Vorfahren auf dem Throne Po⸗ lens an Macht und Groͤße uͤbertreffen muͤſſe, konnte es nicht ertragen, daß das Nachbarvolk, welches unter ſeinem Vater ſich ſo ruhig verhalten, nun unter ſeiner Herrſchaft das Reich mit Pluͤnderung und Verbeerung fernerhin heim— ſuche. Schnell vermittelte er Friede mit den Boͤhmen; dann kehrte er eiligſt nach Polen zuruͤck, ſammelte raſch ein ſtarkes Heer von allerlei Volk und zog heran, um vor als lem die Burg Graudenz zu erſtuͤrmen. Er fand den Feind ſchon auf neuen Pluͤnderungen in Pommern, warf ihn zu= ruͤck bis an die Oſſa und ruͤckte dann heran, um die Burg anzugreifen. Allein der Preuſſen Tapferkeit in der Ver⸗ theidigung, die Unerfahrenheit der Polen in der Belagerung und die Feſtigkeit und guͤnſtige Lage der Burg vereitelten alle Verſuche des Koͤniges. Auch hatte Mangel an Raub und Lebensmitteln in der Naͤhe der großen Wildniß den Muth ſeines Kriegsvolkes ſo geſchwaͤcht, daß er die fernere Belagerung aufgeben mußte, hoffend, den beutegierigen und raubſuͤchtigen Preuſſen bald mit groͤßerem Gluͤcke in offener Feldſchlacht zu begegnen. 8 Hiedurch nun ermuthigt wagten die Preuſſen abermals einen Einfall in Pommern, gewannen einen großen Theil des Landes und bewogen die Bewohner zu einer Verbin— dung mit ihnen und zu einem Angriffe auf Polen. Da nun in ſolcher Weiſe durch die Preuſſen auch Pommern vom Reiche wieder abtruͤnnig geworden, war der Zorn des Koͤniges doppelt gereizt. Schnell ein neues Heer ſammelnd brach Boleslav in Pommern ein, theils um dieſes wieder zum Gehorſam zu bringen, theils auch um die Preuſſen, ſobald fie den Pommern zu Huͤlfe eilen würden, in offener Schlacht anzugreifen. Durch Kundſchafter unterrichtet, daß ſich ein ſtarkes Heer von Preuſſen am Ufer der Oſſa zum Schutze der Burg Graudenz gelagert habe, zog er herbei, es ſchnell zu überfallen. Allein der ſtark angeſchwollene Fluß hinderte den Uebergang. Da warf ſich der Koͤnig, I. 21

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322 Krieg Boleslavs ll. gegen Preuſſen. geruͤſtet wie er war, kuͤhn in die reißenden Gewaͤſſer; fein Heer folgte ihm nach; die Schwerbewaffneten gingen in den Wellen unter; auch viele von den uͤbrigen Heerhaufen ertranken. Die Schaar der Geretteten aber, der kuͤhne Koͤ⸗ nig an ihrer Spitze, griff unvermuthet die Preuſſen an. Der ſchnelle Anſturm des Feindes ließ dieſen kaum Zeit uͤbrig, ihre Streithaufen zu ordnen, und in offener Feldſchlacht noch weniger geuͤbt, als im Kampfe durch wechſelnde Flucht und Angriff aus dem Hinterhalte und aus ihren Waͤldern, erlitten ſie eine ſo ſchreckliche Niederlage, daß nur wenige ſich retten konnten, der Koͤnig das wehrloſe Land weit und breit uͤberzog, zum Gehorſam zwang und zum Tribut ver⸗ pflichtete. Gerne mochte Boleslav des Feindes Schrecken zu weiteren Eroberungen benutzen; da aber ſein Kriegsheer ſchon ins ſiebente Jahr in den Nachbarlaͤndern Polens in unaufhoͤrlichen Kriegen ermuͤdet und durch den Verluſt in den Gewaͤſſern der Oſſa bedeutend geſchwaͤcht worden war, ſo verlangten die Befehlshaber nach der Heimkehr und der Koͤnig zog nach Polen zuruͤck. Es erfolgten uͤbrigens dieſe Ereigniſſe im Jahre 1064 ). 1) Es iſt hoͤchſt ſchwierig, faſt unmöglich, über dieſe Ereigniſſe ganz ins Klare zu kommen. Selbſt die älteſten Quellen der Polniſchen Ge: ſchichte — und dieſe ſind leider hier ganz allein unſere Fuͤhrer — ſind in ihrer Darſtellung von einander eben jo verſchieden, als fie ſich in ih⸗ rer Unwiſſenheit über die näheren Verhältniffe der Nachbarvoͤlker, wie in der Geſchichte uͤberhaupt einander völlig gleich ſind. Martin. Gal- Ius p. 71 weiß nichts von den vorhergegangenen Einfaͤllen der Preuf⸗ ſen in Polen, beruͤhrt aber die fruchtloſe Belagerung von Grodeck, in⸗ dem er ſagt: Cum in principio sui regiminis et Polonis et Pome- ranis imperaret, eorumque multitudinem ad castrum Grodeck ob- sidendum innumerabilem congregaret, suae contumaciae negligen- tia, non solum castrum non habuit, verum etiam Bohemorum in- sidias vix evasit, ac Pomeranorum dominium sic amisit. So wa: ren alſo nach dieſem Chroniſten auch Pommern bei der Belagerung Grodecks in Boleslavs Heer und vielleicht war dieſes der Grund der Feindseligkeiten der Preuſſen gegen Pommern. Was ſollen aber die übrigen Worte des Chroniſten fagen? Er eroberte die Burg nicht suae

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Preuſſens Vereinzelung im Kriege mit Polen. 323 In ſolcher Weiſe war der weſtliche Theil Preuſſens abermals dem Koͤnigreiche Polen zu Tributgeſchenken ver⸗ contumaciae negligenlia? Der Chroniſt ſieht freilich den König als einen Mann an, „quem quedam vel ambicionis vel vanitalis super- fluilas agitavit; aber lag hierin das Mißlingen der Eroberungen? und dann Dohemorum insidias vix evasit? Was thun die Boͤhmen hier? Oder traͤumt der Chroniſt hier noch vom Voͤhmen⸗Krieg und will er von Preuſſen ſtatt von Böhmen ſprechen? Der Chroniſt Kadlubeck L. II. ep. 19. p. 167. ed. Gedan. p. 15 weiß von der Belagerung Grodecks wieder gar nichts, ſpricht nur von den Näubereien der Pom⸗ mern, ohne, ſo wenig als Martin Gallus, der Preuſſen zu erwähnen. Wie dieſer nennt auch er den Fluß nicht, an welchem er die Schlacht ge⸗ ſchehen läßt. Sonſt ſtimmt er in der Hauptſache mit den andern Quellen überein. Am wichtigſten iſt hier ohne Zweifel Doguphal p. 27, der, nachdem er den Einfall der Preuſſen und anderer heidniſchen Völker in Pommern erzählt hat, alſo fortfaͤhrt: Quod cum ad noticiam Boles- lai pervenisset, Bohemorum et Australium impugnatione obmissa ad propria convolat et hostes (alſo die Preuſſen) in Pomerania reperiens invadit; quos fugientes in Sarum fluvium insecutus, ibique non pauci de suis, non ab hostibus, sed a, morum pondere pressi in profundum demerguntur. Ob hoc Poloni in antea plenis armis nolebant; (dieſe Stelle iſt verdorben und muß nach Kudlu- beck p. 15 wahrſcheinlich heißen: Ob hoc Poloni ut antea plenis ar- mis uti nolebant). Hostibus itaque sic fugatis, eorundem hostium et aliorum dominia decreverat impugnare; sed quia seplimus annus ab exitu sui ad prelia jam finem dabat, in quibus septem annis tam ipse, quam proceres Regni illius Polonie uxores et pueros non viderant — ad propria sunt reversi. Boguphal fpricht alſo deutlich von den Preuſſen. Aber auch ſeine Erzählung iſt verwirrt. Wo bleibt bei ihm die Belagerung von Grodeck? Welchen Fluß meint er unter dem Sarus? Diefen Namen hat weder ein Fluß in Pommern, noch in Preuſſen. Vielleicht iſt der Name (bei dem ohnehin ſo ſehr verdorbenen Texte des Boguphal) nur verſtümmelt ſtatt Ossa, denn den Sarus in der Paſſarge zu finden, wie Naruszewiez T. II. p. 460 will, iſt viel zu gewagt und paßt nicht in Ruͤckſicht der Lage. Auch die Chron. Prin- cip. Polon. ap. Sommersberg T. I. p. 23 giebt bei ihrer ueberein⸗ ſtimmung mit den erwähnten Quellen kein weiteres Licht. Unter den ſpätern iſt zu vergleichen Diugoss. T. I. p. 255, der das Jahr 1064 nennt, Cromer p. 81. Mechow p. 43, Lucas David B. 1. S. 159 Hält fi) an dieſe ſpäteren Polen. Simon Grunau Tr. II. e. 5. $. 5 nennt die Weichſel ſtatt der Oſſa. 21 *

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324 Preuſfens Vereinzelung im Kriege mit Polen. pflichtet; der oͤſtliche dagegen und der nörbliche, die keinen Theil am Kriege genommen, blieben offenbar frei von die⸗ ſer Laſt. Ueberhaupt finden ſich wenig Spuren von einer engen Verbindung der Landſchaften unter einander, auch ſelbſt zur Zeit kriegeriſcher Gefahren nicht; ſey es, daß die fo hoͤchſt duͤrftigen geſchichtlichen Quellen über dieſe Zeit, ohnedieß auch alle nur im feindlichen Auslande fließend, viel zu wenig auf Preuſſens innere Beſchaffenheit und Ver⸗ faſſung achteten, um uns in dieſer Beziehung beſſer beleh⸗ ren zu koͤnnen, oder ſey es auch, daß wirklich eine engere Verbindung und Gemeinſchaft der einzelnen Landſchaften gar nicht Statt fand. Dieſes letztere iſt allerdings das Wahrſcheinlichere. Eine bundesmaͤßige Vereinigung der Landestheile, uͤber welche die einzelnen Reiks oder Fuͤrſten geboten, ſcheint in der Verfaſſung des Landes uͤberhaupt in keiner Art begruͤndet geweſen zu ſeyn; denn nachdem die fruͤher beſtandene und in der geſchichtlichen Sage vom ge— meinſamen Widewud und dem gemeinſamen Griwe ange— deutete Einheit und Verbindung des geſammten Volkes durch die Landestheilung zerfallen war, ſcheint kein auf ir- gend eine Weiſe verbindendes Verhaͤltniß an deren Stelle getreten zu ſeyn. Die Fuͤrſten, wie die Voͤlker der ver ſchiedenen Landſchaften ſtanden vereinzelt fuͤr ſich da, jedes auf eigene Gefahr fuͤr ſeine Wehr und Sicherheit beſorgt. Hie und da mochte wohl die geneigte Geſinnung und Freundſchaft der Volks⸗Haͤupter oder auch die nachbarliche Zuneigung der Landſchaften bei dringender Noth und Ge— fahr von außen zu gegenſeitiger Huͤlfsverbindung Anlaß geben, und ſo ſcheinen allerdings auch die Kriege mit den Koͤnigen von Polen eine Vereinigung einiger ſuͤdweſtlichen Landſchaften zuweilen bewirkt zu haben; allein es blieb die⸗ ſes wahrſcheinlich immer nur Sache der einzelnen Fuͤrſten und ihres Willens oder aͤußerer Bedraͤngniß. Nirgends hoͤren wir in dieſen Kriegen den Namen eines allgemeinen Kriegführers, der an der Spitze des Kriegsheeres des ge⸗ ſammten Volkes die oberſte Leitung des Kampfes uͤber ſich

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Preuſſens Vereinzelung im Kriege mit Polen. 325 gehabt hätte; nie tritt ein Oberhaupt hervor, welches den Krieg beſchließet oder im Namen Aller dem Sieger die Friedensbedingungen verbuͤrget; denn was eine ſpaͤtere truͤbe und ungeſaͤuberte Quelle ) von einem Eingreifen des Ober: prieſters Griwe in dieſe Ereigniſſe vorerzaͤhlt, das ſind ſichtbare Erdichtungen, die keine Beachtung verdienen. So ſcheinen demnach dieſes alles nur Kämpfe mit den Bewoh— nern einzelner Landſchaften geweſen zu ſeyn, die ſiegend al— len Gewinn, beſiegt alle Laſten trugen. Vielleicht alſo mag ſich auch der Krieg mit Boleslav dem Kuͤhnen nicht viel weiter, als uͤber Pomeſanien und das zunaͤchſtliegende Po— geſanien erſtreckt haben ). So lange dieſer kriegeriſche Fuͤrſt lebte und in den Kaͤmpfen mit den Boͤhmen und Ruſſen das Gluͤck ſeinen Waffen unaufhaltſam nachging, naͤhrten die Bewohner je⸗ ner Landſchaften durch Darbringung der gewöhnlichen Tri⸗ butgeſchenke bei den Polen gerne die Meinung vom un— terthaͤnigen Gehorſam. Bei Boleslavs kriegsſtuͤrmiſchem Geiſte wuͤrde der Verſuch zur Befreiung von dieſer Laſt ohne Zweifel nur ſehr ſchwer und der Erfolg des Mißlin⸗ gens gewiß nur noch ungleich druͤckender geworden ſeyn. Als aber dieſer Fuͤrſt, eben erſt zum Koͤnige gekroͤnt, von wilder Begier und Leidenſchaft getrieben und von Zorn und Rachwuth hingeriſſen, den ihm mit Strafen des Him- mels drohenden Biſchof Stanislaus von Krakau an heili⸗ ger Stätte mit eigener Hand ermordete, und der Bann— ſyruch des Papſtes Gregorius des Siebenten ihm das Reich und das Leben raubte ), und nun, um's Jahr 1079, ſein Bruder Wladislav Herrmann die Herrſchaft übernahm, da 1) Simon Grunau an mehren Orten. 2) Dieſes ſcheint auch Boguphal anzudeuten, wenn er von Bo⸗ leslav fagt: Eorumdem hoslium et aliorum dominia decreverat impugnare. 3) Vita s. Stanislai (Mſcr. des geh. Archivs) Martin. Gallus p. 73. Kadlubeck L. II. ep. 21. p. 176. Chron. Princip. Polon. ap- Sommersberg T. I. p. 23.

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326 Kriegszug der Dänen gegen Samland. warfen mit den Ruſſen und Pommern, die von Boleslav in gleicher Weiſe beknechtet worden, auch die Preuſſen ſelbſt den Schein einer Bejochung von ſich ab, indem ſie die Tributleiſtung verweigerten ). Mittlerweile hatten auch die noͤrdlichen Landſchaften Preuſſens nicht immer friedliche Zeiten geſehen. Vor allem lag das durch ſeinen Handelsbetrieb reichere Samland auch jetzt noch den raubſuͤchtigen Abenteuerern der nordiſchen Reiche viel zu bequem fuͤr ihre Zwecke und die gewonnene Beute war viel zu lockend, als daß es nicht immer wieder von ihnen haͤtte heimgeſucht werden ſollen. Gewiß mag ſolches noch weit oͤfter geſchehen ſeyn, als die duͤrftigen und luͤckenhaften Quellen davon Erwaͤhnung thun. Auch jetzt noch waren die Gebiete von Slavien, Preuſſen, Samland und Eſthland ſelbſt fuͤr Koͤnigsſoͤhne gerne beſuchte Kriegs⸗ plaͤtze für ritterliche Heldenthaten, für Ruhm und Glanz, für Beute und Gewinn, wie überhaupt für die Auslebung jugendlicher Kraft und jugendlichen Muthes. Durch ſolchen Fehdegeiſt getrieben, um nicht in ſchlaffer Ruhe und ruhm— loſer Muße die Jugendjahre zu vergeuden, ſammelte in dem letzten Viertel des elften Jahrhunderts der tapfere Kanut, Sohn des ritterlichen Königs Sueno Eſtritſon von Daͤ— nemark und Bruder des Koͤnigs Harald des Dritten, eine kriegsluſtige Schaar und zog mit ihr auf Raubfahrten in 1) Martin. Gallus p. 80 ſpricht nur vom Abfalle der Pommern und vom Kriege Wladislavs gegen dieſe; eben fo erwähnen auch Kad Aubeck L. II. ep. 23. p. 188, Boguphal p. 29 und die Chron. Prin- cip. Polon. p. 24 nur der Pommern in dieſer Beziehung und keiner der Preuſſen. Allein ungeachtet dieſes Schweigens der aͤlteren Polni⸗ ſchen Quellen duͤrfen wir doch annehmen, daß auch die Preuſſen dieſe Gelegenheit nicht unbenutzt gelaſſen haben mögen, die Tributgeſchenke zu verweigern, denn von einem eigentlichen Abfalle, wie bei den Pom⸗ mern, konnten die Quellen in Ruͤckſicht der Preuſſen auch nicht wohl ſprechen. Von der Verweigerung des Tributs der Preuſſen zeugen auch fpätere Quellen, als Dlug oss T. I. p. 317. Mechow p. 54. Cro- mer p. 94. Kantows Pommerania B. I. S. 66. Lucas David B. I. S. 162.

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Kriegszug der Dünen gegen Samland. 327 die erwaͤhnten Laͤnder; denn immer noch hatte der Norden Menſchen in Ueberzahl, die ſich gerne fuͤr ſolche Unterneh⸗ mungen gewinnen ließen oder ſelbſt auch durch Mangel und Noth gezwungen wurden, den heimiſchen Boden zu ver⸗ laſſen ). Kanuts Namen aber verherrlichten ſchon in fei- ner Jugend manche in Samland und Eſthland errungene Siege und um fein Vaterland erwarb er ſich neue Ver⸗ dienſte durch Vertilgung der Seeraͤuber-Schaaren auf den oſtſeeiſchen Gewaͤſſern ). Es ſcheint aber, daß Kanut dieſen Kriegszug in die Oſtlaͤnder mehr im Auftrage feines Vaters Sueno Eſtrit⸗ ſon unternahm, vielleicht auch um das vermeinte Recht der Krone Dänemarks auf Samlands Beſitz durch den Schres cken ſeiner Waffen aufrecht zu erhalten; denn ſchwerlich mögen die Samlaͤndiſchen Dänen dieſes Recht auf das durch ihre Tapferkeit gewonnene und mit ihrem Blute be⸗ zahlte Land je anerkannt haben. Als nun Kanut im Jahre 1080 aus Schweden herbeigerufen den Thron Daͤnemarks ſelbſt beſtieg, beſchloß er einen neuen Kriegszug in vie Laͤn⸗ der, die er ſchon in feiner Jugend kennen gelernt, doch 1) S. bei Depping T. II. p. 267 die gefammelten „temoignages des historiens au sujet de l’expatriation de la jeunesse du nord. 2) Saxo Grammat. p. 211 — 212 erzählt: Veniam nunc ad Canutun Suenonis ſilium, qui propitiae fortuuae beneficio summis naturae dotibus cumulatus, magno cum indolis experimenlo aeta- tem animo praecucurrit. Quippe contracta juventute, myoparo- num piralica monsira perdomuit, Seinbicis atque Esthonicis il- lustrem trophaeis adolescentiam egit, novisque virium gradibus pa- terni roboris fundamenta transcendit. Quae victoria futurum eius dominium ominata est. In Gheysmeri Comp. ap. Langebeck T. II. p. 357 heißt es: Kanutus, ſilius Regis (Suenonis) statim in ipsa adolescentia mira probitate pollebat. Nolens autem inercia et de- sidia gravari, sicut frater suus Iaraldus, collectis sociis, de Semi- bia et Estonia trophaca sollempnia reportabat, atque pro tuenda patria jugiter circuibat piratasque consumebat, adeo ut eum regni dominum futurum nullus dubitarei. — Petri Olai Excerpta ap. Langebeck T. IL p. 209; cf. p. 158.

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328 Handelsverkehr mit Preuffen. jetzt nicht wie damals durch Ruhmbegier und jugendliche Fehdeluſt getrieben, ſondern von dem Gedanken geleitet, die oͤſtlichen Laͤnder durch Anpflanzung des Evangeliums fuͤr die Kirche zu gewinnen, wie er denn auch in ſeinem eigenen Reiche den chriſtlichen Glauben mit allem Eifer verbreitete und ſich durch ſeine Verdienſte um die Kirche den Beinamen des Heiligen erwarb ). Er begann fein Werk in Samland, zog dann auch nach Kurland und Efth- land; allein es iſt uns nicht vergoͤnnt geweſen, uͤber den Erfolg ſeiner Bemuͤhungen genauer unterrichtet zu werden, denn es wird uns nur erzaͤhlt, „er habe in ſeinem Begin— nen nicht eher nachgelafjen, als bis er die Reiche der Sam⸗ laͤnder, der Kurlaͤnder und Eſthlaͤnder von Grund aus zer— ſtoͤrt gehabt ).“ Nicht minder dunkel bleibt uns auch al- les uͤber das Verhaͤltniß, in welchem die erwaͤhnten Laͤnder nach dieſem Kriegszuge des Koͤniges Kanut zum Dänifchen Reiche geſtanden haben moͤgen; doch ſcheint es, daß es das alte geblieben, daß alſo auch die Samlaͤnder, nachdem der wilde Kriegsſturm voruͤber war, forthin noch eben ſo frei und unabhaͤngig ſich ſelbſt regiert haͤtten. Sehen wir aber von dieſem Sturme kriegeriſcher Un— gewitter einen Augenblick hinweg auf des Landes fried— liches Leben, ſo ſcheint durch jene blutigen Kriegszuͤge die Handelsverbindung und der Verkehr der Samlaͤnder mit den weſtlichen Slaven-Laͤndern nach Julin, mit Schleswig 1) Chron. Eriei Regis ap. Langebeck T. I. p. 160. Saxo 221 2) Samo Grammat. p. 214: Canulus fraternis suffragiis in reg- ni fasligium revocalus, Orientale bellum, quod in adolescentia or- sus, in exilio auspicatus fuerat, accepto solio, potius amplificandae religionis, quam explendae cupiditatis gratis tolis viribus innovan- dum curabat, cum incrementis forlunae eliam claritatis augmentum apprehendere cupiens. Nec ante manum ab incoepio retraxit, quam Curonum, Sembonumque ac Esthonum funditus regna delessel. Aehnliches in Petri Olai Excerpt. ap. Langebeck T. II. p. 209. Gheys- mer! Comp. ibid. p. 358. Vgl. Mallets Geſchichte von Dänemark Th. I. S. 289.

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Hanbdelsverfehr mit Preuffen. 329 nach Hedaby, mit Schweden nach Birka und andern bes deutenden Handelsorten weſtlicher Laͤnder nicht weiter ge— ſtoͤrt worden zu ſeyn, denn gerade in dieſer Zeit bewegte ſich auf den Gewaͤſſern des Baltiſchen Meeres ein aͤußerſt reges Leben im Handel und Verkehr. Namentlich aber giebt uns ein Zeitgenoſſe, der beruͤhmte Domherr Adam von Bremen, die Nachricht, daß auch mit Samlands Kür ſtengebiet die Handelsgemeinſchaft in ſehr lebendiger Thaͤ⸗ tigkeit geſtanden, die Tauſchwaaren der Samlaͤnder beſon— ders hoch geſchaͤtzt geweſen und Handelsſchiffe aus Sam— land in allen beſuchteſten Haͤfen der Oſtſee geſehen worden ſeyen ). Uebrigens aber beſtand auch noch um dieſe Zeit dieſer Handel mit Preuſſen einzig und allein im Umtauſche; er war alfo reiner Tauſchhandel, denn Gold und Silber in Muͤnze und als Mittel des gegenſeitigen Verkehres ſtand bei den Preuſſen in keinem Werthe 2). Des letztern be= dienten fie ſich auch jetzt noch nur zum Schmucke in filber- nen Spangen oder Ringen. Somit erledigt ſich auch die oft gethane Frage: ob die Preuſſen in ihrer heidniſchen Zeit wohl ſchon eigenes Geld gehabt? wenn ſie nicht auch ſchon dadurch verneint wuͤrde, daß unter den Hunder— ten in Todtenurnen aufgefundener Roͤmiſcher Münzen noch zur Zeit keine einzige altpreuſſiſche angetroffen worden iſt. Dieſes wenige aber ausgenommen, was uns Adam von Bremen, vielleicht durch Kaufleute daruͤber unterrichtet, oder durch den Daͤniſchen König Sueno im Geſpraͤche be⸗ 1) Darüber find früher die Beweiſe gegeben. Vgl. noch Annalisla Sa. xo p. 339. 2) „Aurum argentumque pro minimo ducunt“ ſagt Adam. Bre- mens. von den Preuſſen. Dieſer Sittenzug mußte dem Domherrn mit am meiſten aufgefallen ſeyn; doch erwahnt er de situ Dan. c. 229 et⸗ was Aehnliches auch von den Schweden, wenn er fagt: Omnia instru- menta vange gloriae, hoc est, aurum, argentum, sonipedes regios, pelles castorum et marturum, quae nos admiratione sui demeutes faciunt, illi pro nihilo ducunt. Man ficht, die Bemerkung iſt nicht ohne beifaͤlligen Blick auf die Einfachheit dieſer Volker, und nicht ohne Tadel gegen die Prunkſucht jener Zeit geſchrieben.

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330 Krieg Wladislavs Herrmann gegen Pommern. lehrt), vom Handel der Preuſſen und einigen Zügen ihrer fittlichen Bildung hinterbracht hat, erfahren wir aus die⸗ ſen Jahrhunderten faſt gar nichts uͤber des Volkes inneres Leben, uͤber ſeine Verhaͤltniſſe im Staate, uͤber ſein haͤus⸗ liches Weſen und Wirken, uͤber ſeine Sitten und Braͤuche oder wodurch ſonſt der Menſch in der Geſchichte beachtungs⸗ werth hervortritt. So liegen dieſe Jahrhunderte bei der Duͤrre und Trockenheit der Chroniſten in der Geſchichte da wie eine leere und ſtille Wuͤſte, die wir durchwandern müf- fen, zufrieden, daß die Kriege mit den Nachbarvoͤlkern uns hie und da noch die Merkzeichen geben, daß das alte Volk den alten Boden noch bewohnte, denn auch dieſe Kriege hellten die Kenntniß des Volkes an der Kuͤſte der Oſtſee nicht beſonders viel auf; uͤber das innere Leben im Lande laſſen ſie kaum hie und da einen ſchwachen Blick zu. Die Kriege mit Polen aber dauerten auch noch in der nachfolgenden Zeit in gleicher Weiſe fort; doch ſcheint der neue König von Polen Wladislav Herrmann die Preuf- ſen mehr nur als Verbuͤndete der abgefallenen Pommern und in deren Kriegsheeren, als in unmittelbaren Angriffen bekaͤmpft zu haben. Denn nur in Pommern hatte es der König gewagt, zur Bejochung und völligen Bezaͤhmung des Volkes fremde Hauptleute und Voͤgte einzuſetzen 2), die durch gebieteriſchen Stolz, herriſchen Druck und harte Er— preſſungen das verzweifelte Volk zur Empoͤrung reizten und es bewogen, die nachbarlichen Preuſſen, welche, von gleichem Haſſe getrieben, auch Gleiches zu befuͤrchten hatten, zum Beiſtande aufzurufen. Als daher der ſonſt gutmuͤthige und 1) Daß Adam von Bremen vom Daͤniſchen Koͤnige Sueno, den er oft über die Geſchichten der Länder und Voͤlker befragte, vieles er⸗ fuhr, fagt er ſelbſt: — Narravit nobis diu memorandus Rex Dano- rum, qui omnes Barbarorum res geslas ac si scriptae essent, in memoria lenuit. Annalista Samo p. 283. 337. 2) Martin. Gallus p. 80: Suos vasaldiones et comites in locis principalioribus et municioribus ordinavit.

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Krieg Wladislavs Herrmann gegen Pommern. 331 ſanfte, aber durch den Abfall der Völker ſchwer gereizte“) König Wladislav Herrmann im Sommer des Jahres 1091 in Pommern einbrach, um die Empoͤrer zu zuͤchtigen und von neuem zu bejochen, ſtanden auch Preuſſiſche Huͤlfshau⸗ fen mit in dem Heere ſeines Feindes ). Und in dieſem Heere ward in dem blutigen Kampfe unfern von Nakel bei dem feſten Platze Raciaſz am Tage von Maria's Him⸗ melfahrt — am 15ten Auguſt — auch die Schaar der Preuſſen mit den Pommern vom Koͤnige ſo entſchieden ge— ſchlagen, daß das Volk, durch der Gefallenen große Zahl geſchwaͤcht und am ferneren Gluͤcke in den Waffen verzwei— felnd, den Polen wiederum Gehorſam und Ergebenheit gelobte >). Aber ſelten macht das Kriegsgluͤck den Sieger mäßig und bedachtſam. So waren auch die Mittel, deren Wla- dislav Herrmann ſich bediente, das bezwungene Volk Pom⸗ merns in Zucht und Zaum zu halten, in keiner Weiſe ge— eignet, den Beſiegten den Gehorſam ertraͤglich zu machen. Taͤglich erinnerten gebrochene Landesburgen an die Zeiten alter Freiheit, neu erbaute Zwingfeſten an die neuen Feſ— 1) Kadlubeck L. II. ep. 23. p. 185. 188. BDoguphal. p. 9. 2) Pomerani cum barbaris Pruthenicis juncti; Dlugoss T. I. p- 317. 3) Die Älteren Polniſchen Chroniſten betrachten biefen Krieg nur als einen Krieg mit den Pommern und erwaͤhnen daher auch hier der nur als Huͤlfsvolk daran Theil nehmenden Preuſſen nicht beſonders. Als Verbündete werden dieſe genannt von Diugoss T. I. p. 317 — 318, wo es heißt: Hac pugna Pomerani et Prutheni fracti ad obe- dientiam reversi, se suaque omnia XWIadislao Duci tradunt, veniam certatim deprecantur; Cromer p. 94. Mechow p. 54 — 55. Kan: tzow B. I. S. 66. Lucas David B. I. S. 162. — Eine fpecielle Beſchreibung dieſer Pommeriſchen Kriege kann hier keiner erwarten; man findet fie in Kannegießers Geſchichte von Pommern B. I. S. 331, wo zugleich auch Erörterungen über den Schlachtort Raciaſz ge: geben ſind. Gewiß aber kann dabei an die Gegend von Rheden im Culmerlande in keiner Weiſe gedacht werden; es war daher wohl uͤber⸗ flüffig, dieſe Hypotheſe mitzutheilen.

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332 Krieg Wladislavs Herrmann gegen Pommern. ſeln, geforderte Zehnten und eingetriebene Steuern an das harte Joch und an die knechtiſche Erniedrigung, uͤbermuͤ— thige Gebote und herriſcher Druck der Voͤgte und Haupt⸗ leute an die jammervollſte Sklaverei und die befohlene Duldung chriſtlicher Prediger an den Untergang des alten Glaubens und der alten Götter ). Dieſes eingepreßte Leben aber, dieſes Elend der Be— knechtung und dieſen Schimpf des aufgedruckten Joches konnte das Volk nicht ertragen. Schon im naͤchſten Jahre 1092 ging durch das ganze Land eine neue Empoͤrung; das Volk trat wiederum unter die Waffen und die Preuſ— ſen ſchloſſen abermals ein Huͤlfsbuͤndniß mit den Pommern. Da zog eiligſt Wladislav Herrmann mit einem kleinen, aber wohlgeuͤbten Kriegsheere herbei, er ſelbſt gegen Pom— men hin, ſein Feldherr Sczech aber, Palatin von Krakau, gegen Preuſſen mit getheilten Kriegshaufen, um in ſolcher Weiſe die Verbindung der Völker zu verhindern und den Aufruhr im Keime zu erſticken 2). Aber weder die Pom— mern, noch die Preuſſen, in ihren Waͤldern und Wildniſſen verſteckt, wagten ſich zum offenen Kampfe hervor, waͤhrend das Kriegsvolk der Polen im Verlaufe der eben eingetrete— nen Faſtenzeit die Laͤnder weit und breit durchraubte und durchplünderte. Da entſchloß ſich Wladislav, nach Polen zuruͤckzukehren, als ihm auf der Heimkehr bei Drieſen, das mals Orzen genannt, durch Kundſchafter die Nachricht uͤber— bracht ward, daß ein ſtarkes Heer von Pommern mit Preuſ— fen in Verbindung in ſchuellem Anzuge und nur noch fünf Meilen von feinem Lager entfernt ſey. Durch die auskund— ſchaftete geringe Zahl der Polen ermuthigt war dieſes eilig geſammelte Heer dem Feinde nachgezogen, ihm im Ueber— falle die gemachte Beute wieder zu entreißen. Anfangs 1) Kadlubeck L. II. ep. 23. p. 188. Martin. Gallus p. 80. Diugoss. p. 318. 2) Auch hier nur die fpäteren Chroniſten Dlugoss. T. I. p. 321. Hromer p. 94. Mechox p. 55. Chron. Princip. Polon. p. 24.

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Krieg Wladislavs Herrmann gegen Pommern. 333 zweifelnd, ob fein geringerer Heerhaufe der weit mächtigeren Schaar der Pommern und Preuffen im Kampfe gewachſen ſeyn werde, beſchloß Wladislav endlich dennoch den Angriff. Er geſchah. Der Streit war aͤußerſt hartnaͤckig und blutig; man kaͤmpfte beider Seits mit groͤßter Erbitterung, die Pommern um alles, was ihnen in der Heimat heilig und werth war. Fruͤh am Morgen war begonnen und bis zum Abend ſchwankte noch der Sieg, als er bei anbrechender Nacht ſich den Waffen der Pommern zuzuwenden ſchien. Da ermannte ſich aber der Streithaufe der Polen noch einmal, drang von neuem mit Muth und Verzweifelung in die Reihen des Feindes ein und brachte das Heer der Pommern und Preuſſen zur Flucht, doch ohne es zu be— ſiegen, denn der Verluſt der Polen war ſo bedeutend und ihre Kraft ſo ermattet und gebrochen, daß ſie den fliehen— den Feind nicht zu verfolgen wagten und ſich der Graͤnze Polens eiligſt zuwandten ). Zwar erſchien Wladislav im Laufe des Jahres 1092 noch einmal in Pommern und die Preuſſen ſtanden auch jetzt wieder treu an der Seite ihrer Verbuͤndeten; allein es kam zu keiner entſcheidenden Schlacht; das Land ward weit durchpluͤndert und da man endlich zur Eroberung der Grünßfeſte Nakel ſchritt, wurde das Polniſche Heer Tag und Nacht vom Feinde ſo geneckt und oͤfter in ſolche Gefahr und Bedraͤngniß geſetzt, daß es ohne Erfolg nach Polen zuruͤckeilen mußte 2). Die Voͤlker aber waren viel zu ſehr gereizt und der Haß gegen den herrſchbegierigen Nachbar war in allen Ger 1) Martin. Gallus p. 80. Kadlubeck L. II. ep. 23. p. 188. Boguphal p. 29. Chron. Princip. Polon. p. 24. Der Preuſſen wird auch hier nur bei ſpaͤteren Chroniſten erwähnt; ſ. vorzuͤglich Diu- goss. T. I. p. 321 — 322. Naruszewiez T. III. p. 49 seg. erzählt meiſt alles nach Dlugoss; woraus zu ſehen iſt, daß es auch in Polen keine beſonderen, noch ungedruckten Quellen uͤber dieſe Zeit mehr geben muß. 2) Martin. Gallus p. 81. Chron. Princip. Polon. p. 24. Ka n⸗ eow B. I. S. 66.

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334 Krieg Wladislavs Herrmann gegen Pommern. muͤthern viel zu tief gewurzelt, als daß Wladislav irgend Gehorſam gegen ſein Gebot oder auch nur Ruhe fuͤr ſein Reich haͤtte erwarten duͤrfen, wenn er die noͤrdlichen Nach⸗ barn nicht voͤllig beſiegt und geſchwaͤcht mit den Ketten feines Herrſcherthums für immer geſeſſelt habe, denn roher Voͤlker Freiheit iſt immer um ſo ſchwerer zu erdruͤcken, je einfacher bei ihnen noch alle Verhaͤltniſſe des Lebens ſind, je leichter das Aufgeloͤſete wieder verbunden und je weni⸗ ger noch die Ordnung des Staates durch Stürme des Krie- ges bei ihnen geſtoͤrt werden kann. — Wladislav erkannte, wie nothwendig fuͤr das Gedeihen ſeines Reiches die Be— zaͤhmung der nachbarlichen Völker ſey und brach im Anz fange des Sommers des naͤchſten Jahres 1093 mit aͤußer⸗ ſter Anſtrengung der Kraͤfte ſeines Reiches abermals in Pommern ein. Zahlreicher als je zuvor war dieſesmal die Zahl ſeines Heeres. Aber die Vorgaͤnge im vorigen Jahre bei der Graͤnzfeſte Nakel hatten ihm die Erfahrung gebracht, daß es gegen ein ſolches Volk nicht fruchte, Zeit und Kraft durch Belagerungen der Burgen zu vergeuden. Er durch— zog daher mit Raub, Brand und Verheerung das ganze Land, um durch die feigen Mittel der Pluͤnderung und des Feuers des Volkes Kraft zu ſchwaͤchen, welche das Schwert ſeines Heeres im gerechten Kampfe noch nicht hatte brechen koͤnnen. Und in ſolcher Art fiel er auch, über die Weich- ſel ziehend, in das Gebiet der Preuſſen ein und auch hier mit Brand und Verwuͤſtung durchs Land hindurch wuͤ— thend, ließ er eine große Schaar Gefangener und geraub⸗ tes Vieh als eitle Beute mit hinwegfuͤhren ). Siege und Kriegsruhm hatte Wladislav nicht errungen; aber was auch dem Raͤuber und dem Mordbrenner gelingen kann: er hatte die Laͤnder durch ſeine Verheerung mit ſolchem Jammer und Elend uͤberfuͤllt, den Wohlſtand der Voͤlker in dem Maaße zerruͤttet und das friſche und muthige Le⸗ 1) Diugoss. T. I. p. 324. Cromer p. 96; nach ihnen Naru- szewicz T. III. p. 48 — 49,

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Krieg Wladislavs Herrmann gegen Preuſſen. 335 ben durch feine Gräuel fo darniedergetreten, daß die Ver⸗ zweifelten durch Geſandten fuͤr Gehorſam und Ergebung Friede von ihm erbaten, doch mit der Bedingung, daß er ihnen Verzeihung und Gnade widerfahren laſſe. Wladis⸗ lav verſprach ihnen ſolches; dennoch ließ er wortbruͤchig die Vornehmſten der Pommern, die im Kampfe an ihres Vol⸗ kes Spitze geſtanden hatten, theils hinrichten, theils in ans dere Gegenden verbannen ). So hatte Wladislav erreicht, was er erſtrebt; es trat auf mehre Jahre für die Preuſſen friedliche Ruhe ein. Denn als im Sabre 1096 Wladislav's natuͤrlicher Sohn Sbignew, ein raſcher, kraftvoller und muthiger Juͤngling, das Kloſter in Sachſen, wo man feinen regen und aufſtre— benden Geiſt in Moͤnchsuͤbungen und Kloſterbußen hatte erdruͤcken wollen, durch hoͤhere Gedanken getrieben verließ und zum Kampfe gegen ſeinen Vater auch fremde Huͤlfe ſuchte, traten zwar mit den erbitterten Pommern auch die Preuſſen in die Zahl feiner Huͤlfsvoͤlker und ſchlugen mit ihm am See Goplo bei Kruſchwitz die ungluͤckliche Schlacht gegen Wladislav ); allein die innere Ruhe Preuſſens ward hiedurch nicht geftört und an dem ferneren Verlaufe jenes Krieges ſcheinen die Preuſſen auch weiter keinen Theil ge— nommen zu haben ). Auch ließen Krankheit, Alter und Kriege mit Rußland und Pommern den ſchwachen Wladis⸗ lav nicht an Rache wegen jener Beihuͤlfe der Preuſſen fuͤr den empoͤrten Sohn denken. Unter dieſen Ereigniſſen war Wladislavs jüngerer Sohn Boleslav zum tapferen und kriegsluſtigen Juͤngling 1) Boguphal p. 29 und die fpäteren Chroniſten. 2) Martin. Gallus p. 82. Kadlubeck L. II. ep. 23. p. 191. seq- ed. Gedan. p. 18. Als Hülfsvoͤlker erwähnt der Preuſſen Dau- goss. T. I. p. 335. Cromer p. 100. Mechow p. 57. Kantz ow B. I. S. 67. Ueber den Krieg vgl. Kanngießer a. a. O. B. I. S. 354 ff. Y Die genannten Chroniſten erwähnen ihrer wenigſtens nicht weiter.

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336 Die Preuſſen, Huͤlfsvoͤlker gegen Polen. herangewachſen, und den maͤnnlichen Jahren naͤher gekom⸗ men, hatte er in den Kämpfen gegen die Pommern und Preuſſen ſich durch geſchickte Fuͤhrung des Heeres, wie nicht minder durch Tapferkeit im Streite in aller Weiſe ſo wuͤr⸗ dig gezeigt, daß Wladislav, der Herrſchaft muͤde, am Ende ſeiner Tage beſchloß, die Verwaltung niederzulegen und die Gebiete ſeines Reiches, um kuͤnftigem Zwiſte vorzubeu⸗ gen, unter die Söhne zu theilen. Boleslav erhielt in die⸗ ſer Theilung Krakau, Sendomir, Siradien und Schleſien, offenbar den vorzuͤglicheren Antheil; Sbignew dagegen, dem aͤlteren, aber unehelichen Sohne, fielen Pommern, ein Theil von Groß-Polen, Lanczyz, Kujavien und Maſovien zu ). Aber auch hier ging die Klugheit zur Schande an der Leidenſchaft. Wladislav hatte aus Vorliebe fuͤr den juͤn⸗ geren Sohn ungleich getheilt und ſo lag ſchon in dieſer Theilung wiederum neuer Stoff zum Zwiſte unter den Bruͤdern, der noch vermehrt ward durch die große Ver⸗ ſchiedenheit ihrer Geſinnungen und aller ihrer Veſtre⸗ bungen. Kaum war daher Wladislav im Jahre 1102 geſtorben, als über die verfügte Theilung der befürchtete Streit aus⸗ brach. Boleslav, unter dem Beinamen Krzywouſty — Krummmaul — bekannt, hatte noch im Jahre vor ſeines Vaters Tode die Ruſſen bekaͤmpſt und es waren in dieſen Krieg durch Huͤlfsbuͤndniſſe auch die zu jeglichem Kampfe 1) Martin. Gallus p. 83. Chron. Princip. Polon. p. 25. Diu- goss. T. I. p. 338. Das Merkwuͤrdigſte für uns bei dieſer Reichsthei⸗ lung iſt ohne Zweifel der Umſtand, daß weder ganz Preuſſens, noch ei⸗ nes einzelnen Theiles deſſelben bei irgend einem Chroniſten, ſelbſt nicht einmal bei Dlugoß, der ſonſt ſo gerne die Preuſſen zu Unterthanen der Polen macht, mit einer Silbe erwaͤhnt wird — ein Beweis mehr, daß Wladislav und ſeine Vorgänger ſich nicht eigentlich als Herren von Preuſſen anſehen konnten, ſondern das ganze abhaͤngige Verhaͤltniß Preuſſens von Polen, von welchem in den ſpaͤteren Polniſchen Chroni⸗ ſten fo viel die Rede iſt, in nichts weiter beſtand, als in der veiſtung der gewöhnlichen erzwungenen Tributgeſchenke.

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Die Preuſſen, Huͤlfsvoͤlker gegen Polen. 337 gegen Polen bereit ſtehenden Preuſſen und Pommern hin: eingezogen worden ). Das Waffengluͤck aber, mit welchem Boleslav dieſen Krieg ſchnell beendigte, und der Stolz, den er die Beſiegten fühlen ließ, hatten alle dieſe Voͤlker ſchwer gegen ihn erbittert; daher fand nun auch fein Bru— der Sbignew um ſo leichter an ihnen huͤlfsverbuͤndete Freunde. So ſtanden viele Jahre hindurch in dem heillo— ſen Buͤrgerkriege der beiden Bruͤder auch die Preuſſen auf Sbignews Seite als Verbuͤndete; ſie folgten ihm, ſo oft er ſie zum Kampfe gegen den Bruder aufrief, und ſelbſt ungerufen fielen ſie nicht ſelten mit Raub und Verheerung in Boleslavs Lande ein, ohne daß dieſem die ſchweren Kriege mit den Boͤhmen, den Ruſſen und Pommern, der Kampf mit feinem Bruder und die Fehden mit dem Kai— fer Heinrich dem Fuͤnften 2) nur irgend Zeit und Kraft uͤbrig ließen, den Preuſſen zu vergelten. Nur einmal war es ihm vergoͤnnt, durch einen Einfall in ihre Gebiete am feindlichen Volke Rache zu nehmen. Da aber nirgends ein Heer zum offenen Kampfe entgegen trat und die Preuf- ſen nach gewohnter Weiſe ſich in ihre Waͤlder verſteckten, ſo durchzog er das Land mit Feuer und Pluͤnderung und 1) In Anonymi vita s. Oitonis ap. Zudewig Script. rer. Ger- man. T. I. p. 649 heißt es von Boleslav: Erant autem, cum quibus divisim, diversis temporibus, cerlamen habebat — — ex alia parte Rutheni, gens crudelis et aspera, qui Flavorum, Prussorum et Po- meranorum freti auxiliis, acrius diutiusque illi restiterunt, sed frus- tra, quia tandem superati ab eo contriti, post multas clades, pa- cem ab eo postulare cum rege suo decreverunt. Von dieſem Kriege erzählt auch Martin. Gallus p. 85, aber ohne der Preuſſen zu erwaͤh⸗ nen. Chron. Princip. Polon. p. 26. Wagner Geſchichte von Polen S. 113 bringt alles in Verwirrung, wenn er die Rutheni für Preuſ⸗ fen nimmt und den Namen Stlaven, Flavi oder Plawi (verſchrieben für Slavi) auf ſie anwendet. Wahrſcheinlicher koͤnnten die Rutheni Lit⸗ thauer ſeyn. 2) ueber dieſe Kriege, deren Erzaͤhlung nicht in dieſes Werk ge⸗ hört, vgl. vorzuͤglich Martin. Gallus p. 84 seq. Boguphal p. 29 eq. Naruszewiez T. III. ik 22

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338 Die Preuſſen, Huͤlfsvoͤlker gegen Polen. kehrte dann mit ſchwerer Beute und einer großen Schaar Gefangener wieder heim Y. Zuruͤckgeſchreckt von fernerer thaͤtiger Feindſchaft waren die Preuſſen auch durch dieſe Verheerung ihres Landes noch keineswegs. Vielmehr war ihr Haß gegen den Polniſchen Namen ſeit vielen Jahrzehnten zu tief gewurzelt in ihrer Seele, und die wechſelſeitigen Kämpfe, Raͤubereien und Landesverheerungen hatten die Erbitterung in allen Gemuͤ— thern viel zu hoch geſteigert, als daß fuͤr Voͤlker, denen der Krieg Luſt und Lieblingsſache, der Raub willkommenes Ge— ſchaͤft, und Brand und Laͤnderverheerung Sitte und Zeitver⸗ treib geworden waren, fuͤr die naͤchſte Zeit Ruhe, Friede und Verſoͤhnung auch nur denkbar geweſen wären. Die Preuſſen ſtanden daher auch fort und fort mit Boleslavs feindſeligem Bruder gegen den Bruder, und mit dem Pom— mernvolke, ſelbſt mit den Ruſſen gegen die Polen in huͤlfs⸗ pflichtiger Verbindung. So traten ſie mit den Pommern ins Buͤndniß, als im Jahre 1108 der ſo tapfere, als ſchlaue Gnewomir, Herr von Czarnkow, welchen Boleslav zum Befehlshaber über einen Theil Pommerns erhoben hatte, 5 5 Martin. Gallus p. 91 ſagt von dieſem Einfalle in Preuſſen: lzitur in Prussiam, terram salis barbaram est ingressus, unde cum preda multa, et factis incendiis cum pluribus caplivis, quereus bel- lum nec inscniens est reversus, Dlugoss. T. I. p. 406 ſetzt einen ſolchen Einfall ins Jahr 1115 und ihm erzählt Naruszewiez T. III. b. 153 nach. Wenn dieſes jedoch der nämliche ſeyn ſoll, deſſen Martin Gallus erwaͤhnt, ſo muͤßte er noch vor das Jahr 1110 fallen, denn mit dieſem Jahre ſchließet dieſer ſeine Chronik. Die Chron. Princip. Pol. p. 35 giebt hier folgende Nachricht: Postea Boleslaus non velut desidosius jacuil in quiete, sed dum tempus hyemale adessct, for- lissimis terra constricta frigoribus Prussiam intravit, et glaciebus in illis paludosis partibus pro pontibus utebatur, cumque periran- silis paludibus ad terram habitabilem pervenisset, ei quis ibidem non sunt comperta Castella seu Opida invadenda, sed exercitus Boleslai passim discurrens, cepit predam immensam, viros et mu- lieres, pueros ei puellas captivas abduxit, nec non villarum edifieiu concremavil, remeaus Poloniam sine bello hostibus eireun:quaqne plurimum refrenatis.

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Die Preuſſen, Huͤlfsvölker gegen Polen. 339 unter den Freiherren dieſes Landes den Gedanken der Be⸗ freiung Pommerns von Polens Joche von neuem lebendig erweckte und einen abermaligen Abfall von der Polniſchen Herrſchaft bewirkte n). Sie verbanden ſich ferner auch im Jahre 1112 mit den Pommern zu einem verheerenden Einfalle in Maſovien, wo des Landes Statthalter Graf Magnus ihrer viele Hunderte erſchlug ). Sie ſtanden dann wieder im naͤchſten Jahre mit in den Heerhaufen der Pommern, die durch Boleslavs gluͤckliche Waffen jene furcht- bar blutige Niederlage bei der Graͤnzburg Nakel erlitten, durch welche die meiſten Landesburgen Pommerns in der Polen Macht kamen und forthin Polniſchen Hauptleuten übergeben wurden ); — einer derſelben war Suantepolc aus dem alten Polniſchen Geſchlechte der Gryphen ), deſ⸗ ſen Nachkommen uns in der Geſchichte Preuſſens noch oft begegnen werden. — Sie ſchloſſen ſich endlich im Jahre 1119 auch dieſem Lehnsherzoge Suantepolc von Pommern an, als dieſer den Gedanken faßte, der Pommern feindliche Stimmung und Erbitterung gegen die Polen zu benutzen, um ſich einen unabhaͤngigen Herzogs-Stuhl aufzurichten, ſich zum freien Fuͤrſten des öftlihen Pommerns zu erheben und fo das Joch der Dienſtbarkeit für immer zu zerbrechen: — ein Plan, der freilich durch Boleslavs Sieg Über Suan- tepolc bald nach feiner Entſtehung wieder vernichtet ward 5). 1) Boguphal p. 33. 2) Chron. Princip. Polon. p. 31. Dlugoss: T. I. p. 392. 3) Martin. Gallus p- 96. Boguphal. p- 34. Chron. Princip. Polon. p. 31. Dluguss. p- 394 — 399. Kantzow B. J. S. 80 — 81. 4) Dlugoss. p. 308. Kanngießer a. a. O. B. 1. S. 487 — 488. 5) Chron. Princip. Polon. p. 36. Diugoss. p. 442 — 413. Die: ſer letztere ſagt hiebei: Eo praelio Pomerani ei Prutheni, velut fa- tali et extremo victi, quod ingentem Iucium simul ei pavorem apud cos concitäverat, quippe in co quod floris, quod roboris in res- tante juventute erat, amiscrant, se in graliam Boleslai Ducis Po- lonorum dediderunt, nes ausi sunt ultra calcaneum suae rebellio- 22*

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340 Die Preuſſen, Huͤlfsvoͤlker gegen Polen. So hatte ſich alſo das Volk der Preuſſen beſtaͤndig zu den Feinden Polens gehalten und Gut und Blut geo— pfert, um die alte Freiheit des Vaterlandes zu retten ge— gen das fremde Joch und die gehaßte Herrſchaft des Nach⸗ bars von den Kuͤſtenlanden der Oſtſee zuruͤckzuhalten oder, wenn ſie auf eine Zeitlang auch errungen ſchien, ſie wieder zu verdraͤngen ). Zu dieſem Intereſſe aber für Freiheit nis conlra Boleslaum movere, ex co quoque lempore Dux usque ad vitae suae tempora utramque terram Pomeranicam videlicet ei Pruthenicam possedit. 1) Es muß dem Quellenforſcher, wenn er das Gewicht ſeiner Quel⸗ len auch nach der Zeit, in welche ſie fallen, kritiſch abwaͤgt, allerdings wohl befremdend ſeyn, daß die aͤlteſten Chroniſten der Polen in ihren Berichten uͤber dieſe Begebenheiten des Bundesverhaͤltniſſes zwiſchen den Pommern und Preuſſen nur ſelten oder auch gar nicht erwaͤhnen und die Kriege faſt durchgaͤngig nur als zwiſchen den Polen und den Pome mern gefuͤhrt darſtellen. Man wird daher wohl hie und da verſucht, zu glauben, dieſes Verhaͤltniß möge vielleicht nicht fo oft eingetreten ſeyn, als nach den ſpaͤtern Chroniſten anzunehmen if. Bei genauerer Erwaͤ⸗ gung finden ſich indeſſen Gruͤnde zu der Annahme, daß die Preuſſen faſt beſtändig mit den nachbarlichen Pommern wirklich im Bunde ge⸗ ſtanden haben. Denn 1. ſagt Martin Gallus, der gleichzeitige Chro⸗ niſt, im Eingange feiner Chronik p. 57 wie ein- für allemal, daß conira ferocissimas nationes, Selcuciam, Pomeraniam ei Prussiam Polonorum Dux assidue pugnat. 2, Deutet auch Kadlubeck in meh- ren Stellen eine ſolche Verbindung der Bewohner der oſtſeeiſchen Küften: laͤnder, Pommerns und Preuſſens an. In der Bezeichnung der Pom⸗ mern wechſelt er mit der Benennung Pomerani und Maritimi ab; in einzelnen Stellen aber, z. B. p. 17. 20. 21. ed. Gedan. ſcheint er un⸗ ter provinciae maritimae auch Preuſſen mit zu umfaſſen; und dieſes allgemeineren Ausdruckes bedient ſich oft auch Doguphal, wiewohl die⸗ fer auch da, wo nach ausdrücklichen Zeugniſſen die Preuſſen mit den Pommern zuſammenſtanden, nur der Pommern allein erwaͤhnt. 3. Liegt offenbar der Hauptgrund, warum der Pommern namentlich und vor— zugsweiſe Erwaͤhnung geſchieht, in der Sache ſelbſt. um Pommern ward immer hauptſaͤchlich gekämpft; Pommern war faſt immer der Kriegsſchauplatz; die Pommern bildeten beftändig die Hauptmacht der Kriegeheere, alſo natuͤrlich, daß die Preuſſen, immer nur als Huͤlfs⸗ baufen erſcheinend, in der Beachtung der Chroniſten zuruͤckſtanden. 4. Liegt eine Verbindung beider Voͤlker zur Abwehr der beiden gleichmäßig

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Verbreitung des Chriſtenthums in Pommern. 341 und Vaterland trat im Laufe dieſer Kriege noch ein an— deres, im Geiſte jener Voͤlker nicht minder wirkſames und maͤchtiges hinzu. Die alte Erinnerung, daß es von Polen aus ſchon einigemal verſucht worden war, durch die Anz pflanzung eines neuen Glaubens unter den Heidenvoͤlkern die erſte Grundlage der Herrſchaft Polens zu errichten, war in den Preuſſen ſicherlich noch nicht erloſchen ). Auch Bo⸗ leslav ward von dieſem Gedanken geleitet; feinen Kriegen lag immer auch die Abſicht unter, zum wenigſten gab er es als Zweck derſelben aus, die heidniſchen Voͤlker der chriſt— lichen Kirche zuzuwenden. Zuweilen ſchien ſich dieſer Plan des Herzogs zu verwirklichen, denn es geſchah zu Zeiten, daß die Vornehmeren, die freien Herren an des Volkes Spitze, von Boleslav beſiegt, die Taufe nahmen oder ſie wenigſtens zu empfangen gelobten, um des Siegers Zorn zur milden Nachſicht und zur Schonung zu bewegen. Je oͤfter aber das Bekenntniß des Chriſtenthums ihnen als Friedensbedingung hingeſtellt ward, um fo mehr betrachte ten ſie ſolches als eine laͤſtige Nachwehe des Krieges und als ein feindliches Joch, deſſen fie ſich ſtets wieder entledig- ten, ſo oft ſie neue Kraft und neuen Muth in ſich fuͤhl— ten ). Das alles ſteigerte die Abneigung der Voͤlker ges gen den chriſtlichen Glauben immer hoͤher und hoͤher bis zum Grade des bitterſten Haſſes und des Abſcheues. Denn gefährlichen fremden Herrſchaft ſchon in der Lage der Verhaͤltniſſe ſelbſt. Die Preuffen leitete ſters ein ſehr nahe liegendes Intereſſe, das Polni⸗ ſche Gebot auch im Nachbarlande Pommern mit vernichten zu helfen. 1) Dafür ſpricht auch die Stelle des zeitgenoͤſſiſchen Adam. Bre- mens. de situ Dan. c. 227. 2) Martin Gallus p. 57 ſagt hieruͤber: Ad mare scptentrionale tres babet (Polonia) affınes Barbarorum gentilium ferocissimas na- ciones, Seleuciam, Pomeraniam et Prussiam, contra quas regiones Polonorum Dux assidue pugnat, 2 eas ad fidern eoncerlat. Sed nec gladio predicationis cor eorum a perfidia potuit revocari, nee glrdio jugulacionis eorum peuitus viperalis progenies aboleri sepe tamen principes eorum a Dure Polonie prelio superati ad baptismum confugerunt, itemque collectis viribus ſidem Christia- nam abneganles, contra Christianos bellum denuo paraverunl.

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342 Verbreitung des Chriſtenthums in Pommern. abgeſehen von ihrer innigen und treuen Ergebenheit an ihre alten Goͤtter und an ihre Heiligthuͤmer, war ihnen das Evangelium ſtets nur eine dem ungluͤcklichen Kampfe nachfolgende Zuͤchtigung und Strafe, die der Sieger uͤber fie verfügte. Nun geſchah aber, daß um diefe Zeit auch neue Apo= ſtel des chriſtlichen Wortes in Pommern erſchienen. Ein zu Rom geweihter Biſchof Bernhard ), welcher lange Zeit in der Einſamkeit gelebt und ſich durch Uebungen moͤnchi⸗ ſcher Gottesfurcht mit Eifer vorbereitet, kam ums Jahr 1122 zum Herzoge Boleslav von Polen, ihm ſeinen Plan eroͤffnend, den Pommern das Evangelium zu verkuͤndigen. Allein der Herzog, mit des Volkes Stimmung und Geſin— nung wohl bekannt, erwiederte ihm warnend: der Pom— mern trotziger und wilder Geiſt gehe ſo weit, daß ſie ihn wohl eher toͤdten, als ſich dem Joche des Glaubens fuͤgen wuͤrden 2), Bernhard wagte dennoch den gefährlichen Ver— ſuch, ward aber nicht gehört, und unter Mißhandlungen nach Polen zuruͤckgeſchickt. Wenige Jahre nachher rief Herzog Boleslav, der end— lich nur in der Gewalt des chriſtlichen Glaubens auf die Gemuͤther der Menſchen das ſicherſte Mittel zum dauernden Gehorſam der Pommern fand, den Biſchof Otto von Bam— berg zu dem Werke ihrer Bekehrung auf, und dieſer er— ſchien im Jahre 1124 unter des Herzogs Beihuͤlfe und Schutz in Pommern ). Ihm gelang die Anpflanzung des Chriſtenthums, beſonders im weſtlichen Pommern, zwar al— 1) „Episcopus quidam mirae sanctitatis ei scientiae, Bernhar- dus nomine, Hispanus quidem genere, sed Romae ad episcopa- tum electus et conseeratus,“ Andreas de vita s. Ollonis ap. Zude- wig Script. rer. German. T. I. p. 461. 2) Dux benigne respondit: Se quidem ardori tam samciae vo- lunlatis eius congralulari; sed tantam gentis illius esse ferocilatem, ut magis necem ei inferre, quam jugum fidei subire, parata sit. Andreas vita s. Otton. l. c. ) Andreas vita s. Olton. ibid. p. 460.

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Verbreitung des Chriſtenthums in Pommern. 343 lerdings mit weit gluͤcklicherem Erfolge; allein dort gerade wirkten in Otto's Werk auch ganz andere Verhaͤltniſſe ein, als fie im oͤſtlichen Pommern und in Preuſſen Statt fan- den ). Dort war namentlich der Haß gegen Polen und der Gedanke an die mit der Annahme des Chriſtenthumes verbundene Knechtſchaft bei weitem nicht ſo lebendig auf— geregt und ſo tief in die Seele gegangen, als in dieſen Landen. Und wenn die Preuffen nun auf das chriſtlich ge— wordene Nachbarland Pommern hinſahen und die Folgen betrachteten, welche die Taufe dort mit ſich gefuͤhrt; wenn ſie bemerkten, wie neue Steuern und ſchwere Laſten das Land druͤckten, welche Laͤnderſtrecken den Bewohnern entzo— gen wurden, um Kirchen und Kloͤſter damit zu begaben und zu bereichern, wie große Schaaren von Fremdlingen beſonders aus Deutſchland einwanderten, um die frucht— barſten Gegenden in Beſitz zu nehmen, wie der Slave zu— ruͤckgedraͤngt, gedruͤckt, verachtet und in Armuth geſtuͤrzt, der Deutſche dagegen hervorgehoben, bevortheilt, bevorrechtet und bereichert ward, wie Sitte und Sprache und Verfaſ— fung der Urvaͤter erdruͤckt und verbannt, wie das alte Le— ben mit Vernichtung des alten Glaubens tief in der Wur— zel vertilgt und ein fremdartiges und ungewohntes Weſen an feiner Stelle geltend gemacht wurde 7): in der That wenn ſie dieſes alles von ihrer Anſicht aus uͤberſahen und erwogen, mußte es den Haß gegen die Chriſten und den Abſcheu gegen das Chriſtenthum nicht noch um ſo hoͤher ſteigern, da ihnen dieſes alles als die unſeligſte Folge der Bekehrung erſcheinen mußte? So ward im Volke die Ueberzeugung immer lebendiger und der Gedanke ſchlug in den Gemütbern immer tiefere Wurzeln, daß die Freiheit und das alte heitere Leben auch forthin nur beſtehen koͤnne 1) Vgl. Kanngießer Geſchichte Pommerns im Sten Buche, wo die Geſchichte der Bekehrung der Pommern gruͤndlich beſchrieben iſt. Auch in Busch Memoria Oltonis Episcopi Bamb. Pomeranor. Apo- stoli. Jenae 1824. 2) Kantzow B. I. S. 211. 217. Kanngießer B. J. S. 827 ff.

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344 Boleslav IV. von Polen. in und mit der treueſten Anhaͤnglichkeit und der feſteſten Ergebenheit an den alten Glauben und daß der Dienſtbar⸗ keit, der Knechtſchaft und dem Jammer anheim falle, wer die Goͤtter und die alten Heiligthuͤmer verlaſſe. Aufrecht erhalten ward dieſe Ueberzeugung des Volkes, die Mutter der Tapferkeit, der kriegeriſchen Begeiſterung und des unbezwinglichen Muthes, auch noch fernerhin durch den fortdauernden Kampf mit den Polen fuͤr Glauben und Freiheit, fuͤr Goͤtter und Vaterland. Boleslav theilte am Abende ſeines Lebens ſein Land unter ſeine Soͤhne in der Art, daß der aͤlteſte von ihnen, Wladislav, die Gebiete von Krakau, Siradz, Lancicz, Schleſien und Pommern mit dem Vorrechte der Oberherrſchaft uͤber ſeine Bruͤder, Boleslav, der zweite Sohn, Maſovien, Dobrin, Cujavien und das Culmerland, der dritte Sohn, Mjesco, Gneſen Poſen, Ka⸗ liſch mit den zugehoͤrigen Landestheilen, und der vierte end— lich, Heinrich, die Gebiete von Sendomir und Lublin er— hielten. Der juͤngſte der Soͤhne, Caſimir, der damals noch ein Kind war, ward bei der Theilung weiter nicht bedacht Y. Allein ſchon in dieſer fo ungleichen, als ungerechten Theis lung ſelbſt lag hinlaͤnglicher Stoff zu endloſen Unruhen und Zwiſtigkeiten; und kaum war Boleslav der Dritte im Jahre 1138 geſtorben, als dieſer Stoff durch menſchliche Leidenſchaft auch ſogleich zur hellen Flamme der Zwietracht unter den Brüdern entzuͤndet ward. Wladislavs Gemah— linn Chriſtina, des Kaiſers Heinrich des Fuͤnften Tochter, 1) Kadlubeck L. III. ep. 27. p. 347. BDoguphal p. 4. Von dieſem Chroniſten wird das Culmerland ausdruͤcklich als ein dem zweiten Sohne, Boleslav, zugefallener Landestheil angefuͤhrt und Culmensis Ca- stellania genannt. Dieſes iſt uns inſofern von Wichtigkeit, als wir hier⸗ aus beſtimmt ſehen, daß das Culmerland jetzt ſchon als zum Polniſchen Reiche gehoͤrig betrachtet wurde, die Gränze Preuſſens alſo die Oſſa war und ein Polniſcher Caſtellan dieſen Landſtrich verwaltete. Die Chron. Princip. Polon. p. 37 nennt bei dieſer Theilung das Culmer⸗ land nicht und Führt bloß Cujavien und Maſovien als die dem Boles⸗ lav zugefallenen Landestheile an.

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Boleslavs IV. Kriegszug nach Preuffen. 345 war des Unfriedens Stifterinn, denn durch den Ehrgeiz dieſes Weibes bewogen, ſuchte Wladislav ſich auch der Laͤndertheile feiner Brüder zu bemaͤchtigen ). Da brach ein heilloſer Buͤrger-Krieg aus, in welchem Polen bis zur Auflöfung aller Ordnung und Verfaſſung verwirrt und ver⸗ wuͤſtet ward, bis Wladislav, zum Kaiſer Conrad entfliehend, die Herrſchaft feinem naͤchſten Bruder Boleslav dem Bier: ten, mit dem Beinamen des Krauſen hinterließ 2). Die Preuſſen hatten dieſen Zuſtand der Verwirrung in Polen weder zum Kriege, noch zu den gewohnten raͤuberiſchen Einfaͤllen benutzt, ſey es, daß das Waffengluͤck Boleslavs des Dritten ſie zu ſehr eingeſchreckt, oder daß ſie ungereizt und ohne aͤußeren Anlaß nicht gerne Krieg begannen. Dieſen Frieden bewahrten die Preuſſen auch noch in den erſten Zeiten der Regentſchaft Boleslavs des Vierten. Dieſer ſo ruͤſtige, als tapfere Fuͤrſt aber, deſſen Landestheile Maſovien, Dobrin, Cujavien und Culmerland theils den Preuſſen ſo nahe lagen, theils unmittelbar an deren Gebiete graͤnzten, mußte wohl bald Anlaß ſuchen oder ſolchen auch erhalten, um den alten Gedanken der Unterwerfung Preuſ— ſens wieder aufzufaſſen; und an dieſen Gedanken knuͤpfte ſich auch bei ihm die Meinung, daß nur die chriſtliche Be⸗ kehrung das bezwungene Volk im Joche des Gehorſams feſthalten werde. Des Krieges naͤhere Urſache bleibt uns jedoch unbekannt, denn noch in den Jahren 1156 und 1157, als Boleslav vom Kaiſer Friederich dem Erſten um ſeines flüchtigen Bruders Wladislav willen mit Krieg überzogen ward, ſehen wir die Preuſſen im Polniſchen Heere als Bunbegeraſfn oder doch wenigſtens als Mitſtreiter ). 1) Kadlubeck L. III. ep. 27. p. 348. cp. 29. p. 358. Boguphal P. 41. Chron. Montis - Sereni an. 1146, p- 38. 2) Man lieſet den Krieg der Brüder gegen einander genauer bei den eben erwähnten Chroniſten; auch in Kadiubeck ed. Gedan. p. 50. in der beigefügten Chronik; am wortreichſten aber bei Dig oss. T. I. p. 456 seq. CI. Chron. Mont. Seren. p. 38. 3) Gunther. Ligurin. L. VI. ». 1033. co castra Polonos

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346 Boleslavs IV. Kriegszug nach Preuffen. Was jedoch immerhin die Zwietracht auch veranlaßt haben mag: Herzog Boleslav rüftete ſich bald nach jenem Kriege mit aller Macht zu einem Heereszuge in das Land der Gethen, denn ſo nannten die Polen abwechſelnd auch noch um dieſe Zeit das Volk der Preuſſen ). Mit einer ſtarken Macht brach er ins nachbarliche Land ein, und mit ihm zugleich eine Anzahl chriſtlicher Prieſter, die, wo das Schwert die Menſchen gebeugt und gedemuͤthigt, ſie wieder erheben ſollten zur Anbetung des einzigen Gottes und des Erloͤſers. Unter großen Beſchwerden, denen fein Heer un: terworfen war, gelang es ihm, einige Landſchaften zur Anz erkennung ſeiner Herrſchaft zu bewegen. Da erließ er das Gebot: wer von den Ueberwundenen den chriſtlichen Glau— ben annehme, ſolle ſich der vollkommenſten Freiheit erfreuen und an feinem Beſitzthume durchaus keinen Schaden erlei— den; wer hingegen den heidniſchen Goͤtzendienſt nicht ver— laſſen werde, folle unverzüglich mit dem Leben dafür bü- ßen. Somit ſuchte Boleslav der Meinung zu begegnen, daß mit dem Untergange des alten Goͤtterglaubens auch alle Freiheit des Lebens erſterbe und des Siegers Drohung beugte die Erſchreckten; viele empfingen die Taufe, gelob- ten die Entrichtung eines jaͤhrlichen Zinſes und Herzog Bo— leslav, in freudiger Hoffnung, der Saame ſey nun gekeimt und die junge Pflanzung duͤrfe nur durch die Hand zuruͤck— Pomericos, Bruscos, Parthos simul atque Rutenos, Atque iruces populos Scythiae totius haberent. Itadewie. Append. ad. Otton. Frising. L. I. c. 3, wo Pruschos flieht. Beim Dichter hat eine andere Lesart Prussos, ohne Zweifel die richtigere. — Die Frage: ob die Preuſſen bei dem Polniſchen Heere als freiwillige oder erzwungene Bundesgenoſſen oder vielleicht auch als ge⸗ wonnene Soldtruppen geſtanden haben, iſt ſchwer zur Entſcheidung zu bringen; doch iſt das Erſtere nicht das Wahrſcheinlichſte, denn welch ein Intereſſe konnte ſie bewegen, freiwillig den Polen gegen den Kaiſer bei⸗ zuſtehen? 1 So nennt fie namentlich jetzt noch der Zeitgenoſſe Matthäus bei Kadluberk L. III. ep. 27. p. 374.

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Boleslavs IV. Kriegszug nach Preuſſen. 347 gelaſſener Prieſter ferner noch mit Eifer gepflegt werden, kehrte nach Polen zuruͤck. Doch dieſe Hoffnung taͤuſchte; denn kaum war das Land vom fremden Krieger wieder frei, als ermuthigt durch das Vertrauen auf ihrer Goͤtter Huͤlfe das Volk dem nur zum Scheine verlaſſenen Glauben der Vaͤter wieder zufiel, die Goͤtter durch neue Opfer ver⸗ ſoͤhnte und die chriſtlichen Prieſter aus dem Lande vers trieb . In Beſorgniß aber, daß Boleslav deshalb Rache uͤben werde, fandten die Preuſſen zu ihm eine Botſchaft, ihm die Bitte vorzulegen, daß er ſich mit der Leiſtung des Tributs begnuͤgend ihnen geſtatten wolle, zum Glauben ih— rer Vaͤter zuruͤckkehren zu duͤrfen. Da dem Herzoge das Chriſtenthum nur das Mittel zur feſteren Begruͤndung ſei— ner Herrſchaft hatte ſeyn ſollen, ſo legte er nach erreichtem Zwecke auf des Mittels Fortdauer nicht beſonderen Werth und gewaͤhrte das Geſuch, nicht achtend des Gebotes, „daß nicht nur dem Kaiſer, was des Kaiſers, ſondern auch Gotte, was Gottes iſt, geleiſtet werden ſolle.“ Allein die halbe Maaßregel hatte auch hier ihre gewoͤhnliche Folge; denn die 1) Der Zeitgenoſſe Matthäus bei Audlubeck L. III. ep. 31. p. 374 erzählt: Praecipuum industriae studium in populandis Getha- rum provinciis Boleslaus impendit, quos non tam personis, quam animabus constat esse inſestos. Quorum quibusdam vis tandem post multa bellorum discrimina subaclis, hoc edicto jussit promui- gari, ut qui Chrislianae caracterem religionis elegissei, absolutissima donatus libertate, nullum in personis, nullum in fortunis pateretur dispendium, qui autem sacrilegum gentilitatis ritum deserere ne- glexissei, ullimo capitis infortunio indilate plecteretur. Sed ad mo- dicum parens vapor illorum religio ſuit, lanto videlicet brevior, quamto coactior. Mox etenim fallax illa ramunculorum lubricitas in apostasiae resilit gurgitem, inclytis (inolitis) idolatriae sordibus obscurius immergilur. Daft mit den nämlichen Worten ſteht dieſe Erzählung in Kadlubeck ed. Gedan. p. 52. Zn dem Worte Getha- rum iſt hier zur Verdeutlichung noch hinzugeſetzt: et Prussorum. Dem Berichte bei Xadlubgalt nachgebildet iſt die Erzählung bei Boguphat b. 43. gucas David B. I. S. 163 — 164.

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348 Boleslavs IV. Kriegszug nach Preuſſen. Preuſſen, durch Boleslavs leichtfertige Nachſicht im Muthe geſtaͤrkt, verweigerten bald nicht bloß den verſprochenen Tri- but, ſondern fielen auch in die nahen Graͤnzlande ein, pluͤnderten alles aus und kehrten dann mit großer Beute in die Heimat zuruͤck ). Da verſammelte Boleslav im Jahre 1161 ein feh zahlreiches Heer der geuͤbteſten Krieger und brach von Zorn erfuͤllt ins Gebiet der Gethen oder Preuſſen ein. Er er: ſchien aber dieſesmal nicht in der Abſicht, das ſtoͤrrige und abtruͤnnige Volk wieder unter den Gehorſam zu bringen, ſondern mit dem Gedanken, alles im feindlichen Lande bis auf den letzten Mann aufzureiben und ſo das ganze Volk zu vertilgen. Die Stille des Kirchhofes war das Ziel, dem dieſesmal der Herzog nachſtrebte. Aber es fiel das Loos ganz anders, als er es erwartete. Schon die Natur des Landes, wie ſie damals war, ſicherte und bewahrte mehr, als anderswo Burgen und Feſten, des Volkes Freiheit. Dichte Waldungen und große, undurchdringliche Wildniſſe, zahlreiche Seen, eine Menge unzugaͤnglicher Suͤmpfe und Moraͤſte, alles Ueberbleibſel aus der alten Zeit, als Preuf- ſen noch vom Meeresgewaͤſſer bedeck: war, und ſelbſt die noch ungezaͤhmten Gewaͤſſer der Ströme liefen damals weit und breit durch das Land und legten dem Fortzuge feindlicher Heere unſaͤgliche Schwierigkeiten entgegen. Das Culmerland und Pomeſanien trennte, wie fruͤher ſchon er— wähnt, eine dichte, kaum durchdringliche Wildniß und” dief- ſeits dieſer unwegſamen Waldung lag wie im Vorhofe ei— nes Durchganges zum bebauten Lande Pomeſaniens ein mit wildem Dorngeſtraͤuche dicht verwachſener Hain, in welchem ein bodenloſer Moraſt unter dem uͤppig aufgewach- ſenen Unkraut verborgen war. In dieſer Gegend drang 1) Boguphal p. 43, wo es von Boleslav heißet: Sufficere si- quidem sibi arbitratus est Boleslaus, si quod principis est, deferatur prineipi, licet quod Dei est, Deo denegetur. Vgl. auch Kadlubeck I. c. und ed. Ged. p. 52.

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Boleslavs IV. Kriegszug nach Preuſſen. 349 Boleslav mit feinen ſtarken Heerhaufen in Preuſſen ein ). Das Heer war in drei Haufen getheilt, deren einen Herzog Boleslav ſelbſt, den andern Mjesco, Herzog von Groß⸗Polen, den dritten aber Herzog Heinrich von Sen— domir anfuͤhrten 2). Als dieſe Schaaren den Fluß Oſſa uͤberſchritten hatten, erboten ſich dem Herzoge Boleslav vier Preuſſen vornehmes Stammes als Wegefuͤhrer durch die Wildniß und das gefaͤhrliche Geſuͤmpf, und ohne zu ahnen, daß dieſe Maͤnner, denen er ſonſt ſchon Vertrauen geſchenkt, von ihren Landesgenoſſen zu ſeinem Verderben gewonnen waren, nahm er ihr Anerbieten gerne an, da ſie verſpra— chen, das Heer auf einem ſicheren und gebahnten Wege vorwaͤrts zu fuͤhren. So zog der Herzog in das Land her— ein, bald mitten in eine wilde und wuͤſte Gegend gelan— gend, wo ringsum Geſuͤmpf und Moraſt und nur ein eng⸗ begraͤnzter Weg zum Durchgange noch uͤbrig war. Bis bicher hatten ihn die Führer geleitet; da ſtuͤrzen plotzlich die im Hinterhalte verborgenen Heerhaufen der Preuſſen mit Schlachtgeſchrei hervor, ſchleudern ihre Geſchoſſe in un— fäglicher Zahl auf den Feind und bringen alles in die furchtbarſte Verwirrung und Unordnung. Da die Polen, 1) Die Stellen bei Kadlubeck L. III. ep. 31. p. 375. ed. Ge- dan. p. 52. Bosuphal p. 44, wo die Beſchreibung dieſer Gegend zu finden iſt, find außerordentlich verdorben. Der letztere Chroniſt ſagt: Tandem Boleslaus congregata exercitatissimorum innumera multi- tudine Polonorum provincias Getharum ſeroci animo aggreditur, hostes non lam propul:ans, sed animo delere intendens, quorum provincie nulla prorsus arle munite, sed nature situ inaccessabiles estant. Est autem locus transmeatus de vestibulo densalis diluvio- rum undique consertus paludine, in quo limosi bituminis abissus sub quadam graminum virencia degliscit. Bei Kadlubeck ed. Ge- dan. heißet es dagegen: Est autem lucus in ipso transmeatus vesti- bulo, densatis undique dumorum rapsalibus consertus, in quo li- mosi abyssus bituminis sub quadam graminis vernancia delitescit. Die Ausgabe von Dobromil und das Mfer. des Boguphal weichen im Einzelnen von dieſen Stellen ebenfalls wieder ab. 2) Dfugoss. T. I. p. 305.

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350 Boleslavs IV. Kriegszug nach Preuſſen. auf die Enge des Weges eingepreßt, keinen eigentlichen Widerſtand zu leiſten vermochten, ſo konnte es nicht zum Kampfe kommen, denn der Feind draͤngte ſie immer mehr aufs Geſuͤmpf, wo der weiche Boden bald einbrach und ſie verſchlang. Viele zog die Schwere ihrer Waffenruͤſtung in die grundloſe Tiefe hinab und was in ſolcher Weiſe nicht in dem Sumpfe jaͤmmerlich umkam, erlag den Keulen und Wurſſpießen des Feindes, denn nirgends war ein Ausweg zur Rettung und je mehr andere Schaaren zur Beihuͤlfe herzueilten, um ſo ſchrecklicher ward die Gefahr, um ſo ge— wiſſer der Untergang. Viele, von den Preuſſen ergriffen, wurden mit zuſammengewundenen Ruthen und Zweigen erwuͤrgt oder ſtarben unter den ſchrecklichſten Grauſamkeiten und ſo erlag dem jammervollſten Schickſale faſt der ganze ſchoͤnſte Theil des Heeres. Auch des Herzogs Bruder, Hein— rich, dem Anführer des einen Heerhaufens, ward das ſo un— gluͤckliche, als unruͤhmliche Loos. Was ſich gerettet hatte, floh zerſtreut der Heimat zu. Boleslav entkam mit einer kleinen Zahl dem allgemeinen Verderben und von den Preuſſen verfolgt erreichte er unter großer Gefahr kaum noch Polens Graͤnze ). 1) Boguphal p. 44 fährt in feiner Beſchreibung fo fort: Per hee aulem loca quidam Gothe seu Prussi Boleslai familiarissimi, sed proditores nequissimi Pruthenorum denariis corrupti, turbas elec- tissime gentis Lechitarum ducere alfırmant securissime, transitum planum et securum proſitentes, in quo lurbarum prime ruunt acies, per angustum semite limitem. Videntes nam ex insidiis hostes ebulliunt, spieula jactant et quasi cuiusdam torcularis impressos absque prelio conculcant; Lechitis ultro aprorum more in cuspi- des irruentibus; nonnullos armorum pondere pressos abıssi pro- fundum absorbuit. — Kadluberk I. c. füget hinzu: Quidam rama- lium nexibus ac veprium intercepti obtruncantur, omnes repenlinae caligo mortis involvit. Vgl. ed. Gedan. p. 52. Daß Herzog Hein⸗ rich von Sendomir dabei umkam, deutet nicht bloß Kadluberk p. 377. an, ſondern die alte Chronik bei Andlubeck ed. Gedan. p. 36 fagt es auch ausdruͤcklich. Nach dieſen älteſten Chroniften iſt die obige Er: zählung gegeben. Gpitere Ausſchmuͤckungen des Einzelnen findet man

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Boleslavs IV. Kriegszug nach Preuſſen. 351 So war im ruhmloſeſten Tode die ganze Bluͤthe der Polniſchen Kriegsmannſchaft zum Jammer des geſammten Landes durch die Liſt der Preuſſen vernichtet und das Cul⸗ merland nebſt Maſovien waren der ſchrecklichſten Verhee⸗ rung und der Pluͤnderungswuth des verfolgenden Feindes Preis gegeben. Es war das ungluͤcklichſte Jahr, welches Maſovien und Polen jemals geſehen hatten, denn unruͤhm⸗ licher und verderblicher war faſt noch nie ein Krieg gefuͤhrt worden ). Herzog Boleslav, durch das ſchmachvolle Un⸗ glück zu einem Rachekrieg gegen die Preuſſen viel zu fehr entmuthigt und zugleich durch innere Unruhen und Bewe— in Dlugoss. T. I. p. 509 — 512. Cromer p. 150. Mechow p. 9 — 93. Lucas David B. I. S. 163. ff. giebt einen zwiefachen Bericht aus Polniſchen und Preuſſiſchen Geſchichtſchreibern. Namentlich erwähnt er aus den letzteren eines Buͤndniſſes mit den Fuͤrſten der Pommern und Ruͤgier bei dem Einfalle ins Gebiet des Herzogs von Polen. Dieſe Quellen aber ſind aus zu ſpaͤter Zeit, als daß ihnen vol⸗ ler Glaube zu ſchenken waͤre. I) Ueber die Beſtimmung dieſes Kriegsjahres herrſcht in den Quel⸗ len große Verſchiedenheit. Die meiſten Neueren, namentlich auch Naru- szewiez E III. p. 283 u. 451 folgen in der Annahme des Jahres 1167 dem Ding oss. T. I. p. 509. Encas David B. I. S. 171 nimmt die Jahre 1164 und 1165 an, wogegen andere Polniſche Ges ſchichtſchreiber, wie Mechow p. 93, die Begebenheit ins Jahr 1173 verlegen. Am gruͤndlichſten hat die Zeitbeſtimmung fuͤr dieſes Ereigniß Lelewel im Anhange zu Ossolinsſei p. 440 ff. erörtert. Er beweiſet, daß das Jahr 1161 das richtige iſt. Seine Hauptgruͤnde ſtuͤtzen ſich 1) auf die Chronik bei Kadlubeck ed. Gedan. p. 36., wo es bei dem Jahre 1161 heißet: Dux Sandomiriensis Henricus una cum exercitu occisus est in bello in Prussia. — (Freilich iſt dieſer Chroniſt in feinen Zeitangaben nicht immer ganz ſicher, denn er ſetzt ſogleich in dieſes Jahr auch die Zerſtoͤrung Mailands, obgleich dieſe erſt im Jahre 1162 er: folgte); 2, auf das Todesjahr des Viſchofs Matthäus von Krakau, der dieſen Krieg noch beſchreibt und im Jahre 1166 ſtarb. Er koͤnnte da⸗ her nach der Zeitangabe in Diugoss dieſen Krieg gar nicht gekannt haben. Dieſer Chroniſt ſetzt ohnedem auch ſelbſt ſchon den Tod des Matthäus ins Jahr 1165. Da nun der Krieg offenbar noch vor des Matthaͤus Tod fallen muß, fo giebt jene Chronik den Nusſchlag für das Jahr 1161. Vgl. Ossolinski S. 113.

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352 Blick auf Pommern und Dänemark. gungen in feinem eigenen Lande beſchaͤftigt, konnte an keine Vergeltung des Unheiles denken. Das Beſitzthum ſeines gefallenen Bruders Heinrich uͤberwies er ſeinem juͤngſten Bruder Caſimir, der, wie fruͤher erwaͤhnt, bei der Theilung des Landes nicht bedacht worden war. Seit je nem traurigen Schickſale ſeines Heeres in Preuſſen begeg⸗ neten ihm wenige erfreuliche Ereigniſſe mehr, wiewohl er noch zwoͤlf Jahre durchlebte. Er ſtarb kummervoll im Jahre 1173. Mit Boleslavs Tode aber trat für Preuſſen eine ziem= lich lange Zeit der Ruhe ein. Das Volk war frei von al- lem Einfluſſe Polens; auch frei von der Beſorgniß, daß vom erbitterten Nachbar noch einmal Rache geuͤbt werden koͤnne, denn dieſer Friede ward auch unter Boleslavs Nach— folger, feinem Bruder Mjesco aufrecht erhalten, und er dauerte ſelbſt noch fort, als der juͤngſte der Brüder, Caſi⸗ mir, welcher den Beinamen des Gerechten fuͤhret, im Jahr 1178 zur Regierung gekommen war. Auch ihn hielten in den fruͤheren Jahren die inneren Verhaͤltniſſe ſeines Landes, vielfache Streitigkeiten mit den Soͤhnen ſeiner Bruͤder viel zu ſehr beſchaͤftigt, um nur irgend an die alten vermein— ten Anſpruͤche auf den Gehorſam der Preuſſen denken zu koͤnnen. Mit Pommern waren die alten freundſchaftlichen Ver⸗ haͤltniſſe ganz aufgeloͤſt. Das Chriſtenthum war nun ſchon bis an das Ufer der Weichſel fortgepflanzt und hatte zwi⸗ ſchen die beiden Voͤlker eine gewaltige Kluft gebracht. Zu der Zeit, als in Polen Boleslav und Mijesco regierten, hatte Hinterpommern ſchon ſeinen erſten chriſtlichen Fuͤrſten an Subislav dem Erſten, der ſich durch Vertilgung der Ueberreſte des Heidenthums eben ſo hohes Verdienſt um den Glauben erwarb, als er durch die Gründung des fchö- nen Kloſters Oliva bei Danzig um das Jahr 1170 ſeinen 3) cf. Naruszewivz T. III. p. 290.

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Blick auf Pommern und Dänemark 353 Namen verewigte ). Auch für Preuſſens Geſchichte war dieſes Ereigniß von hoher Wichtigkeit, denn in Oliva ward die Pflanzſchule gegruͤndet, aus welcher der Saame chriſt⸗ licher Erkenntniß einſt auch auf Preuſſens Boden ausgeworfen werden ſollte. Vorerſt aber hatte das Chriſtenthum, dieſer von den Preuſſen ſo gehaßte und ſo oft verfolgte Glaube, alle Bande der alten Freundſchaft nicht bloß gelöft, ſondern ſelbſt Feindſchaft und Haß unter ihnen erzeugt. Nament- lich ſollen die Preuſſen allen Handel mit dem Nachbarlande unterſagt, die Kaufleute aus Pommern gefangen genom— men, ihre Schiffe aufgegriffen und mehrmals in Streifzuͤ— gen das Land bis gegen Stettin hin verheert und durch— pluͤndert und viele Bewohner als Gefangene hinweggefuͤhrt haben, bis endlich bei einem wiederholten Einfalle die Pommern fie überfallen und alle erſchlagen haben ſollen 2). Ueber die Verhaͤltniſſe zwiſchen Daͤnemark und Preuf- ſen bleiben wir fuͤr dieſe Zeit in voͤlliger Ungewißheit und wir muͤſſen vermuthen, daß, weil die Chroniſten daruͤber viele Jahre hindurch gaͤnzlich ſchweigen, auch nichts geſche— hen ſeyn moͤge, was der Aufzeichnung werth geachtet wurde. Wenigſtens ſcheinen die Kriege des Koͤniges Waldemar des Großen mit den Pommeriſchen Wenden und mit den Ruͤgiern die Preuſſen nicht weiter beruͤhrt zu haben, da dieſe an den Ereigniſſen in Pommern uͤberhaupt keinen 1) Das Chron. Olivens. p. 3. (Mscr.) und alle andern be währten Nachrichten geben dieſes Jahr als das der Erbauung Oliva's an und die ältefte Urkunde des geh. Archivs zu Königsberg, worin des Herzogs Subislab Sohn Sambor das Kloſter mit ſieben Dörfern be⸗ ſchenkt, beweiſet auch, daß es ſchon vor dem Jahre 1178 erbaut gewe⸗ ſen ſeyn muß, denn von dieſem Jahre iſt die erwaͤhnte Urkunde. Vgl. Sell Geſchichte des Herzogthums Pommern B. I. S. 308. 2) „Sollen,“ denn dieſe Nachricht theilt uns nur der fpätere Chroniſt Kantzow Pommerania B. I. S. 127 — 128 mit, bemerkt dabei aber, daß Andere dieſes von den Ruͤgiern erzählten. Sell a. a. O. S. 142 bezieht die Nachricht ebenfalls auf die Ruͤgier und von die⸗ fen ift fie wohl auch wahrſcheinlicher. J. 23

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354 Blick auf Rußland. Theil mehr nahmen ). Selbſt nicht einmal die Fehde, welche Waldemar mit dem nahen Herzoge Subislav von Hinterpommern führte, ſtoͤrte Preuſſens Ruhe 2). Wenn alſo jener Koͤnig von dem Kaiſer Friederich dem Erſten auch wirklich das foͤrmliche Anrecht auf die Herrſchaft ganz Nordalbingiens und aller im Nordoſten der Elbe gelegenen Lande erhielt ), fo dehnte er es doch jetzt noch nicht auf Preuſſen aus. Eben ſo dunkel ſind uns die Verhaͤltniſſe, in welchen um dieſe Zeit Samland zu Daͤnemark geſtanden haben mag. Waren auch die alten vermeinten Anſpruͤche der Daͤniſchen Koͤnige auf dieſes Land, wie wir ſpaͤterhin ſehen werden, noch keineswegs vergeſſen, jo konnten fie we= nigſtens jetzt, wie es ſcheint, nicht in Wirkung treten und Samland genoß daher gegen ſeinen alten Feind Daͤnemark derſelben Ruhe und Freiheit, wie die ſuͤdlichen Landſchaften jetzt gegen Polen. Mit den Ruſſen ſtanden zur Zeit die Preuſſen in noch gar keiner naͤheren Verbindung, denn uͤber den von Preuſſens Kuͤſten aus nach Rußland gehenden Handel ſind wir in dieſer Zeit viel zu wenig unterrichtet, als daß wir davon auf eine beſondere Gemeinſchaft beider Voͤlker ſchließen duͤrften. Selbſt mit den oͤſtlichen und noͤrdlichen Nachbarn, den Lit⸗ thauern, Samaiten und Kurlaͤndern fand keine enge Be⸗ ruͤhrung Statt, wenn gleich einmal die Preuſſen den Lit⸗ thauern (oder den Ruſſen) als Huͤlfsvolk zur Seite geſtan⸗ den zu haben ſcheinen ). Ob dieſe Voͤlker nicht etwa der 1) Helmold. Chron. Slavor. L. II. c. 4. Mallet Geſchichte von Danemark B. I. S. 324 ff. Raumer Geſchichte der Hohenſtau⸗ fen B. II. S. 216. 2) Mallet a. a. O. S. 347. Sell a. a. O. S. 308. 3) Chron. Danic. ap. Langebeck T. II. p. 171. 4) Wenn namlich wirklich die Ruteni in der Historia Anony mi de vita S. Otton. ap. Zudewig T. I. p. 649, wie es wahrſcheinlich iſt, Litthauer waren. Karamſin B. II. S. 68 erwaͤhnt, „daß nach den Nachrichten des Verfaſſers von dem Leben des Heiligen Otto die Ruſſen ihr Wort gegeben, nie mit den Pommern und andern Heiden

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Blick auf Rußland. 355 Handel den Preuſſen näher gebracht habe, bleibt gänzlich) ungewiß. Die Kriege aber, welche die Fuͤrſten Rußlands in verſchiedenen Zeiten gegen die Tſchuden oder Eſthlaͤnder und die wilden und grauſamen Litthauer wegen ihrer Raub⸗ zuͤge nach Rußland fuͤhrten ), lagen den Preuſſen offenbar viel zu ferne und beruͤhrten das Intereſſe ihres Landes viel zu wenig, als daß ſie zur Theilnahme waͤren bewogen worden. 0 So waren alfo eine Zeit hindurch Preuſſens Verhaͤlt⸗ niſſe mit allen ſeinen Nachbarlaͤndern friedlicher Art oder es war wenigſtens die Lage der Dinge nach allen Seiten hin ſo geſtaltet, daß es nirgends zu offenen Feindſeligkeiten mit Preuſſens Bewohnern kam. Und in ſolcher Weiſe gehen faſt zwanzig Jahre unbekannt vorüber, von denen der Ges ſchichtſchreiber nichts berichten kann, vielleicht auch deshalb, weil nichts in dieſer Zeit geſchah, was der Aufzeichnung würdig ſchien. Den ſtillen Gang des inneren Lebens aber haben die meiſten Geſchichtſchreiber der damaligen Zeit auch in Beziehung auf Preuſſen ſo unbeachtet gelaſſen, daß der matte Griffel ihrer Geſchichtſchreibung ruhen mußte, wenn nicht die Erzählung von Krieg und Schlacht ihn in Bewer gung ſetzte. und Feinden von Boleslav, nie mit den Preuſſen und den Polowzern in ein Buͤndniß zu treten.“ Die von Karamſin gemeinte Stelle ſcheint in der Historia Anonymi etc. p. 651 zu ſeyn, wo freilich nur von den Pommern die Rede iſt. 5) Karamſin B. II. S. 144. B. III. S. 32.

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Sechſtes Kapitel. Eines ſolchen Friedens und einer ſolchen dem Lande ge— deihlichen inneren Ruhe, wie Preuſſen ſie im Verlaufe von zwanzig Jahren genoß, erfreute ſich während deſſen keines⸗ wegs Polen und Caſimir des Gerechten Regierung war nichts weniger als ruhig und gluͤcklich. Die Quelle alles Uebels und faſt alles Unfriedens in dieſem Lande war der Mangel einer feſten Ordnung und geſetzlichen Beſtimmtheit in der Regenten⸗Folge: daher Parteiungen unter den Vornehmen, Verraͤthereien unter den Großen, Spaltungen im Volke, Bruder ⸗ und Buͤrgerkriege und alles Ungluͤck und aller Jammer in deren Begleitung. Auch die Regierungs-Zeit Caſimir des Gerechten ſtellte davon den Beweis. Der matte und traͤge Fuͤrſt Miesco war durch die Umtriebe des Bi— ſchofs Getko oder Gedion von Krakau von ſeiner Wuͤrde verdrängt worden). Es zeugt für Caſimirs gerechte Ge- ſinnung, daß er nur im Zwange und nach vergeblicher Wei: gerung in ſeines Bruders Stelle trat. Aber funfzehn Jahre lang dauerte nun der Krieg der Parteien und der Wechſel⸗ kampf des Bruders gegen den Bruder um den beneidungs— loſen Herzogstitel, bis endlich, als das Land verwüftet und 1) Freilich war die Drohung, die er gegen die Großen — optima- tibus suis — ausſprach: minimus digitus meus grossior est dorso patris mei, pater meus cecidit vos virgis, ego scorpionibus vos ce- dam, eben auch nicht geeignet, ihm die Herzen zu gewinnen; Kadlu- Beck ed. Gedan. p. 53. ed. Dobrom. L. III. c. 3 — 4. Boguphal p- 45.

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Caſimirs des Gerechten Krieg gegen Preuffen. 357 alles Gluͤck und Wohlſeyn des Volkes untergraben war, die feindlichen Brüder im Jahre 1191 ſich verfühnten und Ca⸗ ſimir'n die Herzogswuͤrde nun unbeſtritten uͤberlaſſen ward. Kaum war jedoch das Kriegsſchwert im Innern des Landes zur Ruhe gekommen, als Caſimir beſchloß, daſſelbe gegen die nachbarlichen Preuſſen zu wenden. Was ihn zur Erneuerung des Krieges mit dieſem Volke bewogen habe, iſt ſchwer zu ſagen. Vielleicht wollte er mit kriegeriſcher Rache jene Beihuͤlfe vergelten, welche die Pommern und wahrſcheinlich auch die Preuſſen vorlaͤngſt ſeinem Bruder Mjesco in jenem Kriege gegen ihn geleiſtet hatten ); viel⸗ leicht auch waren feindſelige Vergehungen zu beſtrafen, wel⸗ che die Preuſſen waͤhrend jenes Krieges im Gebiete Polens veruͤbt hatten 2); doch hat man auch gemeint, der Herzog habe jetzt erſt daran denken koͤnnen, den Tod ſeines bereits vor dreißig Jahren von den Preuſſen erſchlagenen Bruders Heinrich zu raͤchen ). Mag nun irgend einer dieſer Be— weggruͤnde bei dem Herzoge vorgeherrſcht, oder mögen wie: derholte Raubzuͤge der Preuſſen ihn gereizt oder auch Er⸗ oberungsluſt getrieben haben; — er ruͤſtete im Jahre 1192 zu einem ſchweren Kriege gegen die Preuſſen, entſchloſſen, dieſes Volk endlich fuͤr immer zu bezaͤhmen. Sofort erging durch alle Theile Polens ein allgemeines Heergebot und an die verwandten Fuͤrſten ſeines Hauſes wandte ſich Caſimir um Beihuͤlfe mit ihren Kriegshaufen. 1) Kadlubeck L. III. c. 12. p. 472. Vielleicht geſchah die Bei hülfe der Preuffen zu der Zeit, als Miesco Cujavien und Maſovien er: oberte. Cromer p. 164. 2) Dieſes koͤnnte man aus den Worten bei Kadlubecſꝶt I.. III. e 19. p. 510 ſchließen: Horum (i. e. Prussorum) Zatrunculos quidem Ruthenorum Drohicinensis Princeps fovere clanculo consueverat. 3) Dieſen Beweggrund giebt Diugoss T. I. p. 564 an, indem er fagt: Ad ulciscendum fratris Henrici primi Sandomiriensis Ducis ei exercitus Polonici fraude a Pruthenis locorum iniquitate circum- venti mortem, animum intendit. Dem ſtimmen auch Cromer p. 168 Mechow p. 105 und Lucas David B. I. S. 173 bei. Indeſſen hat dieſes gewiß die wenigſte Wahrſcheinlichkeit fuͤr ſich.

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358 Caſimirs des Gerechten Krieg gegen Preuffen. Mjesco der Alte, Herzog von Groß-Polen, ſandte ſeinen Sohn Boleslav mit einer reiſigen Schaar. Die Fuͤrſten von Schleſien aber, Herzog Boleslav der Große von Bres— lau und Mjeslav Herzog von Ratibor, Caſimirs Neffen, führten ihre herbeigebrachten Heerhaufen ſelbſt an. Und als die einzelnen Schaaren geruͤſtet und alles zum Kampfe be⸗ reit war, zogen ſie zur Graͤnze hin und ſammelten ſich in einem Feldlager in der Gegend, in welcher nachmals Thorn erbaut ward, wo fie den Weichſel-Strom uͤberſchritten y. Hierauf durch das Kulmiſche Gebiet hindurchziehend, betrat das Heer, als es uͤber die Oſſa gegangen war, das Gebiet der Preuſſen. Die warnende Erinnerung fruͤherer Gefahren, denen hier die Polen ſchon mehrmals unterlegen hatten, rieth zur Vorſicht im Fortſchreiten, wie zur Behutſamkeit im Lager. Nach alter Weiſe hatten die Preuſſen ſich auch jetzt in ihren Waͤldern und hinter ihren Suͤmpfen verſteckt, waͤhrend der raubluſtige Pole das Land hiehin und dorthin unter Pluͤnderung und Brand durchzog. Doch hie und da, wo Zeit und Ort paſſend ſchien, wagten die Preuſſen oͤfter ploͤtzliche Ueberfaͤlle gegen den beutegierigen Feind und es kam nicht ſelten zu blutigen Gefechten. Dem Volke Preuf- ſens brachten jedoch ſolche Kämpfe wenig Heil, da des Fein- des Macht viel zu ſtark war, als daß fie durch ſolche Feh- den haͤtte geſchwaͤcht oder auch nur ermuͤdet werden koͤnnen. Da erſchien endlich, als das Land ſchon weit und breit ver— wuͤſtet war, eine Geſandtſchaft der Vornehmeren des Volkes vor dem Herzoge Caſimir, bat um Schonung und Friede, erbot ſich wiederum zu Tribut und Gehorſam und gelobte, alles zu erfüllen, was nur irgend ein nachſichtiger und ge= rechter Oberherr vom Volke verlangen werde. Der Herzog forderte den ruͤckſtaͤndigen, bisher verweigerten Zins, Frei⸗ 1) Diugoss. T. I. p. 564 ſagt: Cum autem singulae copiae ad oppidum Thorun super Wislam situm convenissent etc. Wahr⸗ ſcheinlich wollte der Polniſche Chroniſt mit dieſen Worten nur die Ge: gend bezeichnen, wo das Heer ſich verſammelte, denn er mußte doch wohl wiſſen, daß die Stadt Thorn damals noch nicht vorhanden war.

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Caſimirs des Gerechten Krieg gegen die Polexianer. 359 gebung der Gefangenen und hundert Geiſſel zur Buͤrgſchaft ferneren Friedens und der verſprochenen Leiſtungen. Und da die Preuſſen alle dieſe Forderungen willig erfüllten, zog er mit feinem Heerhaufen nach Polen wieder zuruck y. Doch auch jetzt war des Herzogs Waffen noch keine Ruhe vergoͤnnt; denn in den Preuſſen war nur der eine Feind des Reiches zum Frieden gezwungen; ein anderer noch gefaͤhrlicherer lag an Polens oͤſtlicher Graͤnze. Dort wohn⸗ ten als Nachbarvolk die heidniſchen Polexianer, ein Zweig des alten Volkes der Jazwinger, der ſich ſchon in fruͤherer Zeit von Rußland und Wolhynien bis gegen Maſovien, Litthauen und Preuſſen weit hin ausdehnte 2). Das Land, in welchem dieſes Volk in zerſtreuten Wohnſitzen ſaß, um— faßte die weiten Gebiete der jetzigen Landſchaften Podleſien oder Podlachien, Brzesc, Nowogrod und Chelm und im Norden ging es herauf bis an die ſuͤdliche Graͤnze von Gal— indien. Doch ſcheinen um dieſe Zeit die Graͤnzen der Wohn— ſitze der Polexianer ſchon beſchraͤnkter, als fruͤherhin gewe— ſen zu ſeyn, nur daß die noͤrdliche Graͤnze immer noch an 1) Die vollſtaͤndigſte Quelle über dieſe Unternehmung gegen die Preuſſen iſt zwar nur Dlugoss. T. I. p. 564; allein auch die älteren Chroniſten deuten bieren Krieg wenigſtens an. So ſagt Kadlubeck L. III. c. 19: Compos itaque Regni Cazimirus, cerlus amicorum, sed incertus amicitiarum, Gethicos magnanimiter sudores aggredi- tur. Quorum contiguis per nimium afflietis et per creberrima vix adaclis praelia, in Pollexianorum cervicosanı ſeritatem animosius accingitur. Damit uͤbereinſtimmend Doguphal p. 49. Es geht bier aus zugleich hervor, daß der Krieg gegen die Preuſſen dem gegen die Polerianer voranging. 2) Vgl. über die ältere Geſchichte des Jazwinger⸗Volkes Hennig Comment. de rebus Jazygum sive Jazvingorum ex Asia in Unga- riam et Poloniam transgressornm, in Prussia exlirpatorum. Regio- mont. 1812. Ueber die Wohnſitze deſſelben heißt es hier p. 10: Inha- bitaverunt 1) occidentalem Polesiae partem, quomobrem et Polle- xiani dieti sunt; 2) totam Podlachiae provinciam; 3) totam illam Masoviae parlem, quae inter fluvios Walboschum, Narevam in- Irantem, ei Bugum sita est; 4) veterem Sudaviam, Prussicam et Samaitico - Littuanicam.

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360 Caſimirs des Gerechten Krieg gegen die Polexianer. die Preuſſiſche Landſchaft Galindien ſtieß ). Dieſe Nachbar⸗ ſchaft Galindiens hatte zur Folge gehabt, daß die Polexianer ſich manches aus den Sitten und Gebraͤuchen der Galindier angeeignet hatten; vielleicht ſtanden beide Voͤlker auch Handelsverkehre mit einander; es iſt wahrſcheinlich, daß von dorther die Preuſſen einen Theil ihrer koſtbaren Pelzwerke und andere Waaren zogen, mit welchen ſie den Handel nach Weſten trieben. Da nun die Polexianer weder zum Slaviſchen Stamme der Polen, noch Ju den eigentlichen Ruſſen gezählt werden konnten, ohnedem auch wohl mit den Preuſſen bald gemeinſchaftlich, bald doch wenigſtens gleichzeitig und aus gleichem Haſſe gegen die Polen Eins faͤlle und Raubzuͤge in deren Lande unternahmen, ſo konn— ten fie von den Schriftſtellern jener Zeit, die mit der Voͤl— ker⸗Verwandtſchaft ohnedem hoͤchſt unbekannt waren, wohl leicht für einen Zweig des Preuſſiſchen Volkes gehalten wer— 1) Die gelehrte Anmerkung des MNarussewiez Historya Narodu Polskiego T. IV. L. I. c. 26 Nro. 115 über die Abſtammung ſowohl, als über die Wohnſitze der Polexianer uͤberhebt uns hier einer weiteren Auseinanderſetzung dieſes Gegenſtandes, der ohnedem auch die Geſchichte Preuſſens mehr nur berührt, als ihrem Gebiete zugehört. So lange man früher (wie ich ſelbſt irrig in meiner Geſchichte Marienburgs S. 2 gethan) dieſes Voik nach Preuſſen feste, ſchien es auch fuͤr dieſes Lan⸗ des Geſchichte von größerer Wichtigkeit. Jetzt kann es unſere Aufmerk⸗ ſamkeit nur als Nachbarvolk auf ſich ziehen, indem es einigemal mit Preuſſen in Beruͤhrung kam. Indem wir daher den Leſer zur weiteren Belehrung auf Naruszewicz verweiſen, liegt uns hier nur die von dieſem Schriftſteller nicht gekannte Nachbarſchaft der Polexianer und Galinder vor Augen. Verſchiedene Urkunden beweiſen die Nachbarſchaft beider Länder ganz unzweifelhaft. Die eine iſt vom Jahre 1255 in den Act. Boruss. T. III. p. 140 und fuͤhrt die beiden Landſchaften Polexia und Galen (Galindien) als neben einander liegend an. Eine andere, vom Jahre 1277 nennt beide Nachbarlaͤnder Polexia und Galandia (im geh. Archiv Schiebl. I. Nro. 4.) vgl. Kotzebue B. I. S. 313, wo ſtatt 1250 ſtehen muß 1257. Hiebei darf nicht vergeſſen werden, daß Galin⸗ dien ſich ziemlich weit in die Gegend des Narew hinabzog und einen Theil des nachmaligen Maſoviſchen Gebietes umfaßte, wie an andern Orten dieſes Werkes bewieſen iſt.

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Caſimirs des Gerechten Krieg gegen die Polexianer. 361 den ). Rauh und wild, trotzig und aͤußerſt grauſam, krie⸗ geriſch und raubgierig, wie dieſes Volk damals noch war, mußte es von den Nachbarn noch um fo mehr gefürchtet und gehaßt werden, da unabſehbare Wuͤſten, grauenvolle Waldwildniſſe und große Moraͤſte und Sümpfe in feinem Lande es unangreifbar und dadurch um fo Feder und kuͤh— ner bei ſeinen Raubzuͤgen in die nachbarlichen Lande machten. Schon laͤngſt herrſchte daher auch zwiſchen den Polen und jenem Volke, wie zwiſchen ihm und den benachbarten Ruſſen arge Feindſchaft und bitterer Haß, zumal da es auch jedem andern Feinde der beiden Voͤlker ſtets zum Raub— kriege gegen Polen oder Rußland bereit ſtand oder gerne zuzog. Ein ſolcher Feind Polens war vorzuͤglich auch der Fuͤrſt von Drohiczyn, deſſen Herrſchaft um den Bug lag und der ſchon lange der Polexianer raͤuberiſche Einfälle in das Gebiet der Polen im geheimen beguͤnſtigt hatte ). Dies fen beſchloß Caſimir zuerſt feine Rache fühlen zu laſſen. Er zog vor allem vor des Fuͤrſten Wohnſitz Drohiczyn, die Hauptſtadt ſeines Fuͤrſtenthums am Bug gelegen und be— drängte fie mit einer fo harten Belagerung, daß fie endlich nach verweigerter Bedingung der Uebergabe auf Gnade, ſich zu ewiger ſklaviſcher Unterthaͤnigkeit dem Sieger unterwer⸗ fen mußte ). Da zog Caſimir weiter, um nun auch das Volk der 1) Schon Kadlubeck L. III. c. 19 ſagt: Sunt Pollexiani Getha- rum seu Prussorum genus. Eben fo Boguphal ap. Sommersberg T. II. p. 49. Dagegen lieſet das Mſcr. des Boguphal im geh. Archive ſtatt Geiharum — Lechilarum, rechnet fie alſo zu den Polen. Die Chron. Princip. Polon. p. 41 nennt fie aber ebenfalls Gethae. Diu- goss. T. I. p. 394 hat die Bemerkung: Gens Jacwingorum nalione, lingua, ritu, religione et moribus magnam habebat cum Lithuanis, Pruthenis et Samogitis conformitatem, cultui idolorum ei ipsa dedita. 2) Kadlubeck L. III. c. 19. 3) Die Erzählung von der Belagerung Drohiczyn's hat weder Kadlubeck ed. Gedan. noch Boguphal. Sie befindet ſich aber im Kadlubeck ed. Dobrom. l. c.

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362 Caſimirs des Gerechten Krieg gegen die Polerianer. Polexianer zum Kampfe aufzuſuchen ). Drei Tage lang ging das Heer im eiligſten Fortzuge durch weite, faſt un= zugängliche Wuͤſten. Am vierten Tage mit der Sonne Auf⸗ gang ließ er dem ganzen Heere durch den Biſchof von Ploczk das heilige Abendmahl reichen und den Kriegern verkuͤndi⸗ gen: der Kampf gelte die Feinde des Glaubens und ſcheuß— liche Goͤtzendiener; deshalb nicht auf die Waffen, ſondern mehr auf den Glauben an das Evangelium muͤſſe das Ver⸗ trauen zum Siege gebaut ſeyn. Dann zog das Heer vor— waͤrts, den Kampf zu ſuchen. Aber nirgends zeigte ſich der Feind, der ſich in feinen Wäldern und Schlupfwinkeln verborgen hielt, denn nicht gerne wagte er ſich in offene Feldſchlachten, mehr gewohnt, den Gegner durch kuͤhnen Ueberfall zu uͤberliſten. Da uͤberließen ſich die Polen der Pünderung und ſchonungsloſer Verwuͤſtung; Burgen und Doͤrfer und alles, was dem Volke werth und heilig war, vernichtete das Feuer oder die muthwillige Hand des Pluͤn— derers, bis endlich der Fuͤrſt des Landes — Pollexius nennt ihn die Chronik ) — im Scheine demuͤthiger Unterwerfung vor Caſimir erſcheinend, ſich fuͤr beſiegt erklaͤrt, um mitlei⸗ dige Schonung flehet und ſich zu dienſtwilligem Gehorſam und zur Zinsleiſtung erbietet. Vertrauungsvoll nimmt Caſimir den Fuͤrſten auf; geſtellte Geißeln, deren Zahl der Fuͤrſt noch zu 1) Alſo zuerſt wurde der Fuͤrſt von Drohiczyn, dann das Polexia⸗ ner⸗Volk bekaͤmpft. So ift Ordnung im Verlaufe der Ereigniſſe. Va- ruszewicz verwirrt dieſe Ordnung, wenn er das Polniſche Heer erſt nach dem dreitaͤgigen Zuge durch die Wuͤſten vor Drohiczyn ankommen läßt. Nach Kadlubeck l. c. war dieſes ſchon erobert, als Caſimir dann — subinde — durch das wuͤſte Gebiet gegen die Polexianer zog. So auch Wagner Geſchichte von Polen B. I. S. 153. 2) Kadlubeck I. c. Naruszewiez irrt, wenn er den Princeps Dro- hicinensis für einerlei mit dieſem Pollexius hält; wie hätte Kadlubeck ihn einen Princeps Rutenorum nennen koͤnnen, da er die Polexianer ja fuͤr Gethen oder Preuſſen hält. Auch giebt der richtig verſtandene Text Kadlubecks ſchon von ſelbſt zu verſtehen, daß beides verſchiedene Perſonen find. Uebrigens muß es dahin geftellt bleiben, ob es mit dem Namen Pollezius feine richtige Bewandniß habe.

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Caſimirs des Gerechten Krieg gegen die Polexianer. 363 vermehren verſpricht, ſcheinen das Verſprechen des Gedemuͤ⸗ thigten noch zu verbuͤrgen und das Polniſche Heer, ſich voͤl⸗ lig ſicher glaubend, beginnt ſorglos den Ruͤckzug. Mittlerweile aber hatten die Polexianer, wo nicht Sim: pfe und Moraſt den Weg ſperreten, durch zahlreiche und ſtarke Verhaue dem Feinde nicht nur den Ruͤckzug, ſondern auch den Erwerb der noͤthigſten Lebensmittel abgeſchnitten, nicht achtend des gewiſſen Todes der uͤberlieferten Geißeln, da ſie meinten, ihr Leben duͤrfe des geſammten Volkes Frei⸗ heit und Errettung nicht zum Hinderniß dienen, und da der Gedanke der Seelen-Wanderung ), der ſie belebte, fie uͤber die kleinliche Furcht des Todes eben ſo leicht hinweg⸗ hob, als er im Kampfe ihre Tapferkeit erhoͤhete. So hatte auch dem rohen Volke das Leben nur einen Werth in dem Werthe des Lebens. Die Gefahr aber, in welche des Her— 3098 Heer auf ſolche Weiſe verſetzt war, erzeugte die höchfte Verzweiflung. Jetzt galt keine Schonung und kein Erbar⸗ men mehr. Die Polen wuͤtheten gegen den Feind mit Feuer und Schwert auf die fuͤrchterlichſte Weiſe; alles, was je die Menſchenhand erſchaffen, ward der Vernichtung Preis gege— ben, bis endlich das ſchreckliche Blutvergießen und das Elend uͤber das ganze Land den wortbruͤchigen Fuͤrſten und die Maͤchtigen des Volkes bewog, ſich dem Sieger zu ergeben. Vor Caſimir erſcheinend baten ſie in Demuth auf den Knieen um Schonung und Erbarmung fuͤr das, was der Ingrimm des Feindes noch nicht vernichtet hatte, und erboten dienſt⸗ willigen Gehorſam und jaͤhrlichen Tribut. Der Herzog be- willigte Gnade, empfing die dargebrachten Geſchenke als erſte Zeichen der Unterwuͤrfigkeit und als er ſich des beſieg⸗ 1) Kadlubeck I. c. ſagt bei dieſer Gelegenheit, aber in nächfter Beziehung auf die Polexianer: Est enim omnium Getharum com- munis dementia, ezutas corpore aninias nascituris denuo infundi corporibus. Wir werden ſpaͤterhin hieruͤber weiter ſprechen. Wir koͤn⸗ nen aber hier ſchon darauf aufmerkſam machen, daß auch Herodot. L. IV. c. 93 die Trac robe G. Noro org nennt und c. 94 die Art ihres Glaubens an Unſterblichkeit weiter beſchreibt.

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364 Caſimirs des Gerechten Krieg gegen die Polexianer. ten Volkes völlig verſichert glaubte, kehrte er mit Sieges ruhm in die Heimat zuruͤck. Es war die letzte That, wel: che Caſimir vollbrachte; denn als er beimgekehrt am Tage des heil. Florianus ein prachtvolles Freudenfeſt wegen der Siege uͤber des Reiches Feinde fuͤr die Großen ſeines Lan— des feierte und an der reichen Tafel des Herzogs Gluͤck ge— prieſen und ſein Siegerruhm und des Landes ſegensreiche Zeit erhoben ward, ſtarb Caſimir plotzlich zum Schrecken der verſammelten Gaͤſte und zum Jammer des ganzen Landes, im Jahre 1194 ). — Wie lange aber nach des Herzogs Tod das bezwungene Volk Polcxiens unter der Obermacht der Polniſchen Herzoge geſtanden habe, iſt nicht zu beſtim⸗ men. Wir werden jedoch ſpaͤter feine Schickſale weiter var- folgen, ſo fern ſie die Geſchichte Preuſſens irgend naͤher beruͤhren. Unter Caſimirs des Gerechten Regentſchaft war Polen mehr als je zu einem Ganzen vereint geweſen und im In— nern gegen die Großen des Landes war Friede, wie nach außen hin gegen die unruhigen Nachbarvoͤlker die Sicherheit und die Wohlfahrt des Reiches aufrecht erhalten worden. Mag in Caſimirs ſonſtigem Leben manches mit Recht hart zu tadeln ſeyn: der Ruhm darf ihm nicht beſtritten werden, daß er das Scepter mit einer Kraft und Wuͤrde zu halten wußte, wie wenige vor ſeiner Zeit. Ganz anders aber ward der Dinge Geſtalt unter ſeinen Nachfolgern. Wer aber ſollten dieſe Nachfolger fern? Dieſe Frage ſetzte abermals mehre Jahre hindurch Waffen und Volk in allgemeine Bewegung. Noch lebte Mjesco der Alte, Cafi- mirs Bruder, der mit dieſem ſich verſoͤhnend nur aus Rüde ſicht auf deſſen Großmuth der Verwaltung entſagt hatte, jetzt aber die alten, ihm zugebrachten Anrechte auf Polens Herrſchaft wieder gültig zu machen beabſichtigte 2). Seine 1) Kadlubek L. III. c. 19. Boguphal p. 48. Chron. Princip. Polon. p. 40. Alle drei ſagen: Morbo incertum est extinctus an veneno. Auch Diugoss. T. I. p. 567 führt die Sage von einer Vergiftung an. 2) Kadlubeck L. III. c. 2.

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Verwirrung Polens unter Caſimirs Nachfolgern. 365 Verwandtſchaft mit nahen Fürftenhäufern, die Erfahrung feines Alters und die Geneigtheit eines Theiles des Volkes ſchienen ihm hinreichende Stuͤtzen zur Behauptung ſeiner Rechte. Anders geſinnt waren die Großen, beſonders die hohen Geiſtlichen und unter dieſen vorzüglich der angefehene Biſchof Fulco von Krakau. Caſimir hinterließ zwei unmuͤn⸗ dige Soͤhne, deren aͤlteſter Leßco, der andere Conrad hieß, Dieſe empfahl der genannte Biſchof in einer berufenen Ver⸗ ſammlung den Großen des Landes als die einzig rechtmaͤ⸗ ßigen Erben des Herzogthums und den aͤltern, Leßco, als den geſetzmaͤßigen Nachfolger feines Vaters ). Fulco's ge⸗ wichtvolle Stimme in Sachen des Landes, das Anſehen ſei⸗ nes Bruders, des beruͤhmten Woiwoden Nicolaus von Kra— kau und die fuͤr die Großen des Landes eroͤffnete Ausſicht zum freieren Schalten und Walten unter der Herrſchaft der Juͤnglinge gaben der Empfehlung des Biſchofs das erwuͤnſchte Gewicht. Leßco wurde als des Landes Regent begruͤßt und ſeiner Mutter, welche uͤber die Soͤhne die Vormundſchaft fuͤhren ſollte, wurden Fulco der Biſchof und ſein Bruder Nicolaus, Woiwode von Krakau, als Mitvormuͤnder und Landesverweſer zur Seite geſetzt 2). Somit begann nun um die Herzogswuͤrde ein wilder und blutiger Buͤrgerkrieg. Mjesco, entſchloſſen ſeine Anſpruͤche durch die Gewalt der Wafſen geltend zu machen, rief die Herzoge von Schleſien, Mjesco von Opeln und Ratibor und Boleslav den Großen von Breslau um Beiſtand an. Jener kam ſelbſt; dieſer ſandte ſeinen Sohn Jaroslav und auch aus Pommern eilte eine Huͤlfsſchaar herbei ). In 1) Fulco's Rede in der Verſammlung bei Kadlubeck L. III. c. 21. Boguphal p. 50. Dlugoss. T. I. p. 569. 2) Dlugoss. T. I. p. 569. Vom Woiwoden von Krakau heißt es bei Boguphal p. 51: Primus ille Comes Nicolaus princeps milicie omnibus summe negociatus, omnes de constancia et forma fideli- tatis ammonet et informal, eosque, ne cuiquam in contrarium suam Possini mutare voluntatem, jusjurandi religione constringit. 3) Boguphal p. 51. Chron. Princip. Polon. p. 40. Diugoss. AL p- 571.

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366 Verwirrung Polens unter Caſimirs Nachfolgern. gleicher Weiſe ſuchten auch Leßko's Vormuͤnder Beiſtand im Auslande und fanden ſolchen bei dem bedraͤngten Fuͤrſten Wolhyniens Roman Mſtiſlawitſch, der ſich von Polen aus Unterſtuͤtzung gegen feinen Schwiegervater Rurik, den Fürs ſten von Kiev verſprach !). So begann der Kampf im Jahre 1195. Miesco ſiegte zwar in der blutigen Schlacht beim Fluſſe Mozgava und Roman, ſchwer verwundet und an die Graͤnze Wolhyniens gebracht, konnte auf keine Weiſe bewogen werden, mit ſeinen Kriegern zur Errettung Kra⸗ kau's wieder herbeizuziehen ). Allein fo lange dieſe Haupts ſtadt des Landes in den Händen der Feinde Mjesco's blieb, brachte ihn das augenblickliche Waffengluͤck ſeinem Ziele nicht näher. So zog ſich der frevelhafte Streit um die Herrſchaft Polens noch Jahre lang hin und je laͤnger er dauerte, um ſo ſchrecklicher ward der Zuſtand des Landes, um ſo groͤßer die Aufloͤſung aller Ordnung, um ſo gefahrvoller die Ver⸗ wirrung und die Sorgloſigkeit in der Verwaltung. Ueber⸗ liſtung, Schrecken und Waffengewalt waren die Mittel, in welchen die Parteien für ihre Zwecke gegenſeitig wetteifer- ten ). Und dieſer heilloſe Wechſel der Dinge, in welchem bald Mjesco, bald wieder Leßco Herr des Landes hieß, wo nur Betrug und Gewalt die Masken aͤnderten, wo man die ſparſame Kraft auch noch in Kriegen gegen das Aus⸗ land, beſonders gegen Roman, den Fuͤrſten Wolhyniens ver⸗ geudete und Polen von dieſem mehrmals feindlich uͤberfallen ward: dieſe widerliche Reihe von Blutſcenen und andern ekelhaften Ereigniſſen, die nur in wildeſter Begierde und ungezuͤgelter Leidenſchaft ihre Quelle und ihre Richtung fan⸗ den, füllt die ganze Geſchichte der Zeit bis zum Jahre 1206, nachdem Mjesco ſchon im Jahre 1202 und Roman von 1) Kadlubeck L. III. c. 23. Karamſin B. III. S. 77. 2) Vgl. Kadlubeck L. III. c. 23. p. 540 — 544. Boguphal b. Sl. 3 3) Sidere Casimiri occidente, exortum est quasi quoddam chaos et quaedam rerum ac personarum confusio, fagt Kadlubeck L. IU. e. 21. p. 527.

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Herzog Conrad von Mafovien. 367 Wolhynien im Jahre 1205 geftorben n), Leßko aber und Conrad, nun volljaͤhrig geworden, unbeſtritten Herren der Lande ihres Vaters waren ?). Da geſchah nun im Jahre 1206, als jene ſtuͤrmiſche Zeit ausgetobt hatte, daß beide Bruͤder ſich in die vaͤter⸗ lichen Lande alſo theilten, daß Herzog Leßco als der Erſt⸗ geborne die Gebiete von Krakau, Sandomirien, Pommern, Lancicz und Syradien, Conrad dagegen, Caſimir's zweiter Sohn, ganz Maſovien und Kujavien nebſt den Dobriner⸗, Michelauer- und Kulmerlanden erhielt). So ward Ma⸗ ſovien, welches unter Caſimirs Herrſchaft mit dem Ganzen vereinigt geweſen ), nun als ein eigenes, unabhängiges Fuͤrſtenthum von Polen wieder getrennt und blieb forthin einem beſondern Herzoge unterthan. Dieſer Herzog Conrad von Maſovien hat im Verlaufe der Ereigniſſe fuͤr die Geſchichte Preuſſens eine beſondere hohe Wichtigkeit gewonnen, aber keineswegs durch inneren Werth und eigenes Verdienſt, denn er war nichts weniger als ein Mann, deſſen die Geſchichte mit Ruhm gedenken kann. Die Zeitgenoſſen haben uͤber ſeinen Charakter geſchwiegen, aber die Nachwelt hat in der Geſchichte uͤber ihn gerichtet. Seine Handlungen ſtellen ihn dar als einen aͤußerſt leiden⸗ ſchaftlichen Mann, wild und zuͤgellos in ſeinen Sitten, ohne Maaß und Scham in ſeinen Luͤſten und Begierden, grau⸗ ſam und tyranniſch in feinem Zorne, unverſoͤhnlich in ſei⸗ nem Haſſe, uͤbermuͤthig im Gluͤcke und feig und kraftlos 1) Alberici Chron. in Leibnit. Access. histor. T. II. p. 439. 2) Wer die Verhältniffe Polens in dieſer Zeit näher kennen lernen will, mag die Schilderung bei Kadlubecht L. III. c. 24 — 26 und Boguphal p. 53 — 56 nachleſen. 3) So erwähnen der Theilung Kadlubeck ed. Gedan. p. 30 und Boguphal p. 56, zum Theil auch die Chron. Princip. Polon. p. 40. Dieſe letztere nennt zwar als Conrads Antheil nur Maſovien und Ku⸗ javien, begreift darunter aber auch die übrigen drei Gebiete. Diugoss. T. I. p. 602, welcher die Theilung fälſchlich ins Jahr 1207 ſetzt, er⸗ wähnt ausdrücklich auch des Dobriner⸗ und Kulmerlandes. 4) Dlugoss. p. 349 — 551.

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368 Herzog Conrad von Maſovien. im Ungluͤcke. Nichts war ihm werth und heilig, ſelbſt bruͤ— derliche Liebe nicht, wenn irgend dadurch die Befriedigung feiner luͤſternen Wünfche verhindert ward. Als einen ſolchen bewies ſich Conrad vorzüglich gegen feinen ehemaligen Er⸗ zieher und Lehrer Criſtin, Woiwoden von Maſovien, einen Mann von außerordentlichen Verdienſten um das Land, von allgemeinſter Hochachtung ſchon wegen feiner vornehmen Herz kunft, noch mehr aber wegen feiner unermuͤdlichen Thaͤtig⸗ keit zur Befoͤrderung des Gemeinwohls des Landes, ſo wie wegen der Reinheit ſeines Charakters und der Rechtſchaffen— heit ſeines Wandels. Im Gefuͤhle dieſes ſeines Werthes und ſeiner Achtung unter den Menſchen glaubte Criſtin einſt, es uͤber ſich nehmen zu koͤnnen, dem jungen Herzoge zuerſt im geheimen, dann aber auch oͤffentlich in der Verſamm— lung der Raͤthe uͤber ſeine tadelnswerthen Sitten und uͤber ſein ungezuͤgeltes Leben ernſtliche Vorſtellungen zu machen. Allein die Folge dieſer wohlgemeinten Ermahnungen war ſtatt Beſſerung bittere Feindſchaft und ungeſtuͤmer Haß ge— gen den rechtſchaffenen Mann, den Criſtins Neider und Geg- ner bald auch zu Verlaͤumdungen und Anklagen bei dem Herzoge benutzten. Dieſem kam die Gelegenheit, ſich des Mannes zu entledigen, ſehr erwuͤnſcht. Er ließ ihn gefan⸗ gen nehmen und in einen ſchmutzigen Kerker ſetzen, bis neue Anſchuldigungen und Verlaͤumdungen dem Herzoge Anlaß boten, den Unſchuldigen zuerſt des Augenlichts berauben, und bald darauf unter grauſamen Qualen erwürgen zu laſſen ). Und dieſer Mann ohne eigene Haltung, ohne feſten Willen, ohne jene moraliſche Kraft des Geiſtes, die im Sturme der Zeit nur um ſo mehr im Vertrauen auf ſich ſelbſt erſtarkt und waͤchſt, ohne Liebe und Achtung unter den Menſchen und ohne Zuverſicht auf die Huͤlfe einer höoͤ⸗ 1) Diugoss. T. I. p. 620 — 621 ſchildert Criſtin als Militem strenuissimum, totius Masoviae florem, virum clırum et heroicis splendentem operibus; id sibi nomen eamque famam a propriis et exteris quaesierat, ut magnus Masoviae Palatinus a propriis et fi- nitimis vocitaretur.

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Herzog Conrad von Maſovien. 369 heren Macht, dieſer Mann, der ſich ſelbſt nicht zu lenken und zu beherrſchen verſtand, war beſtimmt, ein Land zu regie⸗ ten, in deſſen Innern das Geſetz vergeſſen, die Ordnung zertreten, der Wohlſtand vernichtet, das Gluͤck verſcheucht und die Wohlfahrt und der Friede der Bewohner durch lang⸗ wierige Fehden faſt untergraben waren, Herr zu ſeyn in einem Fuͤrſtenthume, deſſen Einwohner Jahre lang durch Krieg und Graͤuel, durch Raub und Pluͤnderung hin und her getrieben und an ein wildes und wuͤſtes Leben gewoͤhnt waren und deſſen Graͤnzgebiete außerdem noch von gereizten und erbitterten Nachbarvoͤlkern fort und fort uͤberfallen, durchpluͤndert und verwuͤſtet wurden. Und gegen dieſe feind⸗ lichen Voͤlker, gegen die Preuſſen im Norden und die un⸗ ter jenen Unruhen wahrſcheinlich wieder frei gewordenen Po⸗ lerianer im Oſten, von welchen beiden Conrads Land im⸗ mer noch am ſchwerſten heimgeſucht wurde ), war weder in ſeinem eigenen Volke die noͤthige Kraft vorhanden, noch aus den uͤbrigen Nachbarlanden Huͤlfe und Beiſtand zu er⸗ warten. Klarer wird dieſes einleuchten und heller noch wird das Bild jener Zeit hervortreten, ſchenken wir zuvor den geſchichtlichen Verhaͤltniſſen dieſer Länder einige Aufmerk⸗ ſamkeit. Das oͤſtliche Pommern — denn nur dieſes allein haben wir etwas naͤher zu betrachten — hatte ſich in dem langen Laufe jener ſturmvollen Ereigniſſe, die in Polen bisher ob: gewaltet, von dem alten abhängigen Verhaͤltniſſe zu dieſem Lande frei gemacht. Es waren, beguͤnſtigt durch jene un⸗ ruhevolle Zeiten in Polen, eigene Herzoge aufgeſtanden, die nun ſchon als völlig unabhängige Herren über das Land geboten. Es iſt fruͤher ſchon erwaͤhnt, wie einer dieſer Her⸗ zoge, Subislav, dem jüngft erſt verbreiteten chriſtlichen Glau⸗ ben durch die Gruͤndung des ſchoͤnen Kloſters Oliva einen eben ſo feſten Halt, als freundlichen Lichtpunkt der bis hie⸗ her ſchon gelangten chriſtlichen Erkenntniß gegeben hatte. I) Bosuphal p. 59. 1

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370 Blick auf Pommern. Und wie ein Lieblingskind des Landes angeſehen ward es von jedem Herzoge neu bereichert, neu beguͤnſtigt, neu ge— pflegt und jeder ſuchte in ſeiner Bereicherung, Beguͤnſtigung und Pflege die Befoͤrderung des einſtigen Heiles ſeiner Seele zu finden. Von Subislav's zwei Söhnen, Sambor und Meſtwin, ſchenkte ihm der erſtere, der nach ſeinem Vater die Herzogswuͤrde erhielt, im Jahre 1178 ſieben Doͤrfer und begabte es mit manchen wichtigen Freiheiten 9. Es kann keinem Zweifel mehr unterliegen, daß auch dieſer Herzog Sambor ſchon als völlig unabhängiger Herr und frei von allem Polniſchen Obergebote in ſeinem Gebiete herrſchte und über feine Lande und Beſitzungen verfuͤgte 2). Seinen Wohn⸗ ſitz hatte der Herzog auf der alten Burg zu Danzig. Sambor war jedoch keineswegs Herr der ſaͤmmtlichen Lande Oſt-Pommerns, denn ſchon um dieſe Zeit ſaß neben ihm in den Gebieten von Stargard und Schwetz ein ande— rer Herzog, welcher Herr dieſer Landestheile war und ſich ſelbſt einen der Fuͤrſten Pommerns nennt. Dieſes war Gri— 1) Das Original dieſer Schenkungsurkunde im geheim. Archiv zu Koͤnigsb. (Schiebl. L. V. Nro. I.); abgedruckt iſt fie in Gerkens gruͤndl. Nachricht von den Herzogen von Pommern, Danziger Linie, S. 25. Vgl. auch Annal. Monaster. Oliv. p. 2 — 3. 2) Dieſes beweiſet auch ſchon die eben erwähnte Urkunde, in wel: cher Sambor ſich princeps Pomeranorum nennt und von den Moͤnchen in Oliva fagt: quos Dei pietas collocavit in loco, qui Olyva dieitur, constructo in ea propria possessione, que mihi evenit de Ha- terna hereditate. Freilich liegt ſtreng genommen in dieſen Worten die Unabhaͤngigkeit des Herzogs nicht ausgeſprochen, denn es duͤrfte noch gefragt werden: was war jene propria possessio? Das Herzogthum oder Erbguͤter im Herzogthum? Im erſtern Sinne wäre die Unahaͤn⸗ gigkeit ganz klar. Der Hauptbeweis fuͤr dieſe aber iſt offenbar der Man⸗ gel aller buͤndigen Beweiſe von dem abhängigen Verhaͤltniſſe Pommerns von Polen auch uoch in dieſer Zeit; denn alles, was hieruͤber in der Schrift: „Ehrenrettung der älteren Polnischen Geſchichtſchreiber gegen die neulich im Drucke erſchienene: Gruͤndliche Nachricht von den Herzo⸗ gen von Pommern Danziger, Linie“ geſagt iſt, läßt ſich leicht wider⸗ legen.

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Blick auf Pommern. 371 mislav ), der gegen das Jahr 1198 eine Schaar von Jo⸗ hanniter-Rittern in feine Beſitzungen rief und für feiner Seele Heil ihnen feine Burg Stargard an der Veriffe (Verſe) gelegen nebſt mehren Laͤndereien verſchrieb. Die Bewohner dieſes Gebietes von allen ſonſt ihm, dem Landesfuͤrſten, ge⸗ lieferten Abgaben und geleiſteten Dienſten frei ſprechend und ſie an die herbeigerufenen Bruͤder des Johanniter-Ordens weiſend, erhob er dieſe gewiſſermaßen zu freien Herren uͤber dieſes Beſitzthum und gruͤndete hiedurch die erſte Nieder⸗ laſſung dieſes ſpaͤter in Pommern weiter verbreiteten Ritter⸗ Ordens 2). Schon hieraus leuchtet ein, daß auch dieſer Fuͤrſt von Pommern ein völlig unabhängiger Herr feiner Beſitzungen war, denn ſchon ſeine Vorfahren hatten dieſe Gebiete ſeit langen Zeiten als eigene Erbguͤter beſeſſen ) Eine Handelsſtraße, welche von Danzig aus nach Stargard durch des Fuͤrſten Land ging und ſeinen Namen fuͤhrte, laͤßt 1) Schon in der Urkunde des Herzogs Sambor vom Jahre 1178 wird unter den Zeugen ein „Dominus Grimizlaus aufgeführt; wohl moͤglich und ſelbſt ſehr wahrſcheinlich, daß dieſes der zwanzig Jahre nach⸗ her unter dem Titel eines princeps Pomeraniae vorkommende Grimislav iſt. Es beſtaͤtigt ſich dieſes auch durch ſeine eigene Urkunde, indem auch in dieſer einigemal der „via domini Grimislavi,“ erwähnt wird. 2) Das Original dieſer Urkunde im geh. Archiv zu Koͤnigsb.; ab⸗ gedruckt in Dreger Cod. diplomat. Pomeran. Nro. 32. Grimislav nennt ſich darin Dei gratis unus de prineipibus Pomeraniae. Daß er die Johanniter-Ritter zum Schutze gegen die Preuſſen herbeigerufen habe, wie manche vermuthen, iſt in der Urkunde wenigſtens nicht geſagt. Es heißt vielmehr: dudum audiens a multis de hospitali- Jberosolomitano, quanta in co misericordie opera circa pauperes et infirmos pervisitatores dominici sepuleri jugiter exhibentur, tante mercedis iantorumque beneſiciorum atque orationum tante multi- tudinis ob remissionem peccalorum meorum, quibus me graviter oppressum recognosco, aliquam cupiens porcionem habere, ad hec sequenda prefata misericordie opera me coadjulorem constituere volens secundum facultatem mihi divinitus concessam, 3) Daher fagt aud) Grimislav in dieſer Urkunde: Ad honorem Dei sanctique sepuleri sanctique Johannis baptiste de propria here- ditate mea ab avis et attavis mcis mihi relicta, 24*

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872 Blick auf Pommern. wohl auch auf einen Handelsverkehr und auf eine Verbin⸗ dung mit dem Seehandel ſchließen. Da Stargard gewifſt keineswegs der wichtige Ort war, daß dieſer Handel dort ſein Ziel haͤtte finden koͤnnen, ſo iſt wohl zu vermuthen, daß dieſe Handelsgemeinſchaft ſich noch weiter nach Suͤden erſtreckte. Auch hat ſich dieſer Handelsweg nachdem noch mehre Jahrhunderte hindurch erhalten). Seit mehr als zwanzig Jahren war ſchon in dieſen Gegenden das Licht des Chriſtenthums aufgegangen und mancher Lichtſtrahl des Glaubens mochte ſich von Oliva aus auch hicher ver— breitet haben. Chriſtliche Kirchen ſtanden um dieſe Zeit ſchon in Lubiſſow, in Wiſſegrod, und in Schwetz am Weich⸗ ſel⸗Strome ward gerade in dem erwaͤhnten Jahre 1198 eine neue Kirche eingeweiht. Sie gehoͤrten alle zum Kirchen: ſprengel des Biſchofs von Leßlau ). Ueberall alſo bier ſchon die Anfaͤnge aufkeimender Bildung: Chriſtenthum, Handel und Ackerbau 3). Wie in dieſen Gebieten von Danzig und Stargard, fo ſaßen ſicherlich auch noch in andern Theilen des oͤſtlichen Pommerns ahnliche kleine, aber freie und unabhängige Fin— ſten oder Herzoge ), welche das fruͤhere Polniſche Joch ſchon lange nicht mehr kannten oder doch laͤngſt ſchon nicht mel! anerkannten. Zu Fuͤrſten des Landes erhoben hatten ſie ſich wohl alle zur Zeit jener ſtuͤrmiſchen Ercigniſſe in Polen. Urſpruͤnglich reiche Beſitzer großer Landgebiete, wie die Ed⸗ len in Preuſſen, mochten ſie wegen ihres Anſehens und Ein— fluſſes auf das umherwohnende Volk von Polens Herzogen 1) Dieß iſt die »in donn Grimislasi. Sie kommt noch bis ins late Jahrhundert vor; Cl. Dreger l. e. b. GL. mot. c 2) Vat. Grimislads Urkunde bei Dreger J. e. 3) Auch über den Ackerbau und die Viehzucht enthaͤit die erwahnte Urkunde Andeutungen. 4) Darauf deutet ſchon die Bezeichnung bin, welche ſich der Ken Grimislav giebt; denn wenn er ſich e de prineipibus Pomerania nennt, ſo muͤſſen außer ihm in dem dſtlichen Pommern noch mehre ſolche Fuͤrſten dageweſen ſeyn.

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Blick auf Pommern. 373 in der Zeit kriegeriſcher Ueberwaͤltigung zu Voͤgten und Statthaltern der umhergelegenen Gebiete ernannt worden ſeyn. So zu abhaͤngigen Oberherren emporgeſtiegen hatten fie gehorcht, fo lange fie gehorchen mußten. Polens unru⸗ hige und verwirrte Zeiten aber, in denen keiner Herr war, weil viele Herren ſeyn wollten, waren gewiß fuͤr dieſe Statt⸗ halter in Pommern Aufforderung genug, des pflichtigen Ge— horſams nicht ferner mehr zu achten, bald auch ihn zu ver— weigern. Und wenn nun jenes Streben nach Freiheit und Unabhaͤngigkeit in ihnen wach geworden war, wer anders als ſie mußten bei den Verſuchen des Volkes zur Befreiung von Polens Herrſchaft ſich an die Spitze ſtellen, die Heere anfuͤhren und das Ganze leiten? Was war fuͤr ſie zu ver— lieren und zu gewinnen? Ihre Beſitzungen, mit der Zeit gewiß auch vergroͤßert, hatten ſie ja erblich und an das Erbgut knuͤpfte ſich leicht auch die Erblichkeit der amtlichen Wuͤrde. Bei dem Abfalle von Polen blieben ſie dann, was ſie vorher ſchon geweſen, Vorſteher, Verweſer und Haͤupter des Volkes; aber unabhaͤngig uͤber ihrem Volke ſtehend und frei von Polens Joche nannten ſie ſich nun Fuͤrſten und Herzoge der Landesgebiete, uͤber welche ſie als Statthalter geſtanden hatten. In ſolcher Weiſe zu unabhängigen Fuͤr— ſten emporgeſtiegen mochten ſie jedoch wohl ſchwerlich von den Herzogen Polens, die das alte Verhaͤltniß nicht vergef- ſen konnten, als freie Fuͤrſten anerkannt werden; vielmehr blieb es ſtets der letzteren Beſtreben und der Verſuch ward von ihnen nicht ſelten gewagt, den fruͤheren Stand der Dinge in Pommern wieder geltend zu machen ). 1) Dieſes ſcheint im Allgemeinen der Gang geweſen zu ſeyn, auf welchem die Herzoge von Pommern zu ihrer Unabhängigkeit gelangten; er widerſpricht weder der Bildung und Entwickelung ſolcher Verhältnife überhaupt, noch den beſondern Andeutungen der Geſchichte dieſes Landes. Auf ſolche Weiſe läßt ſich dann auch der oft ſchon erwahnte Widerſpruch zwiſchen den Angaben der Urkunden, nach welchen ohne Zweifel die Her⸗ zoge von Pommern ganz unabhaͤngig waren, und denen der Polniſchen Shroniften, nach welchen ſich Polens Herzoge immer noch als Oberher⸗

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374 Blick auf Pommern. Wie wenig dieſes indeſſen gelang und wie viel fehwe- rer ein ſolches Gelingen im Verlaufe der Zeit immer wer- den mußte, beweiſet ſchon die Geſchichte der naͤchſten Jahr— zehnte. Sambor, Herzog vom Danziger Gebiete, zeigte ſich wie in ſeinen frommen Schenkungen, ſo nicht minder auch in der Vergroͤßerung ſeines Herzogthums und in der Gruͤn— dung verſchiedener Staͤdte und Burgen, unter denen Schlo— chau, Konitz, Schlupitz, Dirſchau und Mewe genannt wer⸗ den ), als ein freier und unabhängiger und für das Auf— kommen und Gedeihen ſeines Landes eifrig thaͤtiger Herr. Der Ruf dieſer fuͤrſtlichen Sorge fuͤr ſein Land verbreitete ren von Pommern anſahen, auf das befte beſeitigen. Wenn alſo Kad lubecſe ed. Gedan. p. 30 erzählt: Lesiko albus Pomeraniam intrat, ibique honorifice ab omnibus maritimorum proceribus tanquam le- gilimus eorum Dominus est susceptus, statuto itaque loco sui pro- curatore seu capitaneo terre, viro utique potente Swantopelkone ac omnibus rite ordinatis, ad sedem regni sui reverlilur, fo wollte und konnte er, — der ja als Zeitgenoſſe auch für feine Zeitgenoſſen ſchrieb — gewiß keine Unwahrheit ſagen und es kann daher wohl an der That: ſache ſchwerlich gezweifelt werden; wohl aber darf an der Geſinnung und an der Anerkennung als Oberherrn von Pommern gezweifelt werden, welche Kadlubeck den Pommern unterſchiebt. Leßco kam, wie wir ſehen, friedlich in das Land; ſein Erſcheinen hatte offenbar auch wohl den Zweck, die noch immer feſtgehaltene Idee der Oberherrſchaft der Polniſchen Her⸗ zoge uͤber Pommern durch die alte Form eines Statthalters oder Haupt mannes wieder geltend zu machen. Aber wurde dieſer Zweck erfuͤllt? Gilt es fuͤr einen Beweis, daß wenn Leßco honoriſice aufgenommen wurde, man ihn auch lanquam legitimus Dominus anſah? Schrieb nicht auch Kadlubeck in der Polniſchen Anſicht? Daß in Pommern ſelbſt die Oberherrſchaft Leßco's nicht mehr anerkannt wurde, ſetzen Urkunden außer allen Zweifel. Daß ferner auch Sambor nicht ein Geſchoͤpf Ca: ſimirs des Gerechten, auch nicht Markgraf von Danzig — wie eine alte Polniſche Chronik hinter Kadlubec cd. Gedan. p. 55 behauptet — ſondern unabhängiger Herzog von Pommern war, hat ſchon Ger: ken in ſ. gruͤndl. Nachricht von den Herzogen von Pommern S. 24 bewieſen. 1) Sell Geſchichte von Pommern B. J. S. 311 führt hiezu als Quelle Engelbrechts ungedr. Geneal. an. Vgl. auch Kantzow B. I. S. 217.

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Blick auf Pommern. 375 ſich bald auch in das Ausland. Es wanderten Schaaren deutſcher Koloniſten aus Sachſen, Braunſchweig, Luͤneburg und andern Laͤndern in die menſchenleeren Gebiete Pom: merns ein und fo die Bevoͤlkerung des Herzogthums bes deutend vermehrend brachten fie zu der chriſtlichen Erleuch— tung auch den erſten Saamen deutſcher Bildung, deutſches Denken, deutſche Ordnung, deutſches Geſetz und deutſche Sitte in das Slaviſche Leben ). Die friedliche Zeit aber, unter welcher Sambor herrſchte, foͤrderte auch und beguͤn⸗ ſtigte das bewegliche und ruͤhrige Fortſchreiten und das Ge⸗ deihen dieſes neuen Lebens in jeglicher Weiſe; denn ſelbſt mit den nachbarlichen Preuſſen ſcheint, wenn auch keine beſondere freundliche Gemeinſchaft — das Chriſten⸗ thum hinderte ſolche —, doch Friede und Ruhe Statt ge⸗ funden zu haben; wenigſtens iſt von Krieg und offener Feindſchaft der Voͤlker keine Spur vorhanden. Und unter dieſem friſchen und jugendlichen Aufbluͤhen des Pommern— landes fol Herzog Sambor faſt dreißig Jahre regiert ha— ben und erſt 1207, alſo wenige Jahre nach der Theilung Polens in zwei Herzogthuͤmer, geſtorben ſeyn 9). \ Ihm folgte zunaͤchſt fein einziger Sohn Subislav der Zweite, obgleich auch Sambors Bruder Meſtwin noch lebte; woraus erhellt, daß unter Pommerns Herzogen die Regierung in gerader Linie forterbte. Streng geordnet war indeſſen dieſe erbliche Nachfolge in der Herzogswuͤrde noch keineswegs. Es ſcheint vielmehr, daß dieſe Wuͤrde, gleich⸗ ſam nur als Nachklang der ehemaligen Amtsbezeichnung, von dem eigentlichen Landbeſitze im Herzogthum noch ganz getrennt war. Es konnten demnach zu gleicher Zeit mehre Sproͤßlinge deſſelben Stammes den herzoglichen Namen führen und jeder durfte uͤber das ihm durch Erbfolge zu: 1) Kantzow B. I. S. 215 — 216. Daher ſpaͤterhin in den Ur⸗ kunden auch die Menge deutſcher Namen in dieſen Gegenden. 2) Fuͤr dieſes Todesjahr fehlen zwar urkundliche Beweiſe; aber die Annal. Monast. Oliv. p. 5 und Kantzow B. I. S. 218 nennen es und ihnen muͤſſen wir hier folgen.

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376 Blid auf Pommern. gefallene Landeigenthum nach freier Willkuͤhr verfügen. In ſolcher Art regierte neben Subislav auch Sambors Bruder Meſtwin als wirklicher Herzog von Pommern in Danziger Linie ). Aus ihrem Leben hat aber die ſpaͤr⸗ liche Geſchichte dieſer Zeit faſt nichts weiter aufbehalten, als die Beweiſe ihrer frommen Freigebigkeit an die Klöfter zum Heile ihrer Seele. So zeigte ſich Meſtwin, uͤberhaupt ein friedeliebender und frommer Fuͤrſt, eben ſo mildthaͤtig und freigebig gegen das neue Kloſter Suckow, dem er au- ßer mehren laͤndlichen Beſitzthuͤmern auch den dritten Theil des Zolles in Danzig verlich?), als gegen das Kloſter Oliva, dem auch er durch reiche Schenkungen ſeine beſonders große Gunſt bewies). Und durch gleiche Vorliebe zu dieſem Kloſter bewogen bereicherte auch Herzog Subislav das kloͤ⸗ ſterliche Beſitzthum durch die Schenkung von fuͤnf Dörfern aus ſeinem vaͤterlichen Erbtheile mit allen dazu gehoͤrigen Rechten und Freiheiten ). 1) Zu dieſer Anſicht, durch welche ſich die noch nirgends recht. ent- wickelte Verwirrung in der Chronologie der früheren Herzoge von Pom- mern am beſten aufloͤſet, führen die noch aufbehaltenen Urkunden aus dieſer Zeit. So ſagt in der einen der ‚nachmalige Herzog Suantepolc: Mortuo Samborio frater pro fralre, pater meus scilicet cepit re- gnare. Alſo trat nach Sambors Tode Meſtwin wirklich die Regierung an. Daß aber zu gleicher Zeit auch Sambors Sohn Subislav (in der Urkunde Sobezlaus genannt) als Herzog regierte, bezeugt theils dieſe Urkunde Suantepolcs ſelbſt durch die Erwähnung einer von ihm geſche⸗ henen Schenkung von Dörfern an das Kloſter Oliva, theils auch Su⸗ bislavs eigene Urkunde, in welcher er ſich Dux Pomeraniae nennt. 2) Gralaths Beiträge zur Geſchichte von Hela in den Preufſ. Lieferung. B. I, ©. 763. Gerken Gruͤndl. Nachrichten u. ſ. w. S 28. Meſtwin nennt ſich in der Schenkungsurkunde, die vom Jahre 1209 ſeyn ſoll, Dei gratia princeps in Gdansk. Nach dieſer Urkunde muß die Stadt Danzig mit zu dem Beſitzthume dieſes Herzogs gehört haben. 3) Die Annal. Monast. Oliv. P. S ſagen: Hic Mistwinus Prin- ceps paciſicus sane et devolus extitit, qui ei ipse Monasterium hoc benigno prosecutus favore notabilibus illud possessionibus et liberta- tibus juxta ducalem munificentiam cumulavit. 4) Urkunde im Original im geh. Archiv, Schiebl. LV. Das Da:

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Blick auf Pommern. 377 So viel bekannt iſt, lief auch unter dieſen Fuͤrſten, wenigſtens bis zum Jahre 1210 die Zeit in Pommern ru- hig hin und die Verhaͤltniſſe mit den nahen Preuſſen ſchei⸗ nen in dieſer Zeit ſich noch nicht veraͤndert zu haben. Und was hätte fie auch verändern ſollen? Der Weichſel⸗ Strom bildete eine natuͤrliche Graͤnzſcheide zwiſchen den Laͤndern beider Voͤlker. Die Herzoge Pommerns hatten noch nie den mindeften Verſuch gemacht, dieſe Natur⸗ Graͤnze zu uͤberſchreiten. Auch zur Verbreitung des Chri- ſtenthums unter den Preuſſen war bis jetzt von Pommern aus noch kein Schritt gewagt. Es war uͤberhaupt von dort her noch nichts geſchehen, was den aͤußeren Frieden beider Voͤlker irgend hätte ſtoͤren koͤnnen. Ungereizt aber und ohne gegebenen Anlaß pflegten die Preuſſen die Nachbarlande nie mit Feindſchaft, mit Krieg und Raub heimzuſuchen. Sie hatten von jeher den Ruhm behauptet, daß ſie den Frieden liebten. — Ueberblicken wir nun aber dieſe Verhaͤltniſſe zu Polen und zu den Preuſſen, ſo konnte Herzog Conrad von Maſovien zu ſeines Landes Sicherung und Vertheidi— gung gegen die Raubzuͤge der gereizten Preuſſen wohl ſchwerlich Beiſtand von Pommern aus erwarten. Wie durfte er glauben, daß die Herzoge dieſes Landes, um Ma⸗ ſovien und das Kulmerland zu ſchuͤtzen, das friedliche Ver⸗ haͤltniß mit den Preuſſen brechen und dieſes Volk zu glei- chen Raubzuͤgen in ihr eigenes Gebiet reizen wuͤrden? Und wie konnte ſolche Beihuͤlfe, wenn ſie nicht freiwillig er⸗ folgte, von Polen aus gefordert werden, da die Herzoge Pommerns des alten unterthaͤnigen Verhaͤltniſſes zu jenem Lande ſchon laͤngſt nicht mehr achteten und ſich als völlig tum derſelben iſt: Gdancz in vigilia nalivit. Mariae M. CC. XV. Merkwürdig iſt, daß unter den Zeugen auch ſteht Swantopolcus frate: nosler. Da Subislav, ſo viel wir wiſſen, keinen leiblichen Bruder hatte, ſo ſcheint unter dieſem Suantepolc ſeines Oheims Sohn gemeint zu ſeyn und „rater“ nur die nahe Verwandtſchaft mit dieſem zu be: zeichnen, oder man müßte wirklich einen leiblichen Bruder Subislavs annehmen.

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378 Blick auf Polen, Rußland und Litthauen. freie und unabhängige Herren ihres Gebietes betrachteten? Noch geringer aber war die Hoffnung zu einer Bei⸗ huͤlfe gegen die Preuſſen, wenn Conrad von Maſovien auf die Lande ſeines Bruders, des Herzogs Leßco von Polen hinſah. Wären auch beide Brüder in ihrer gegenſeitigen Denk— art und Geſinnung einander geneigter und naͤher geweſen, als es, wie es ſcheint, der Fall war ) und haͤtten auch beide Fuͤrſten nicht ſchon in andern Verhaͤltniſſen ſo ſehr entfernt von einander geſtanden, ſo war doch Polens ganze innere Lage und beſonders auch ſeine Stellung zu ſeinen Nachbaren nicht im mindeſten zu einer bedeutenden An— ſtrengung ſeiner gebliebenen Kraft geeignet. Die tiefen Wunden, welche jener ſchreckliche Buͤrgerkrieg geſchlagen, konnten ſchwerlich ſchon alle geheilt ſeyn; viele waren in kaum begonnener Heilung durch neue Kriege ſeitdem wie— der aufgeriſſen worden. So hatte jener Fuͤrſt von Wolhy⸗ nien, Roman Mſtiſlawitſch, uneingedenk Leßco's fruͤherer Huͤlfsleiſtungen, Polen in den letzten Jahren ſeines Lebens mehrmals feindlich durchzogen und ſelbſt auch nach Ro— mans Tode zogen ?) die unruhigen und verwirrten Der: haͤltniſſe Rußlands Lesco's Augenmerk und kriegeriſche Thaͤ⸗ tigkeit fortwährend auf ſich⸗). In ſolcher Weiſe war alfo Polen von allen Seiten hinlaͤnglich mit ſich ſelbſt beſchaͤf— tigt. Zwiſchen Rußland und Preuſſen fand auch jetzt noch faſt gar keine Gemeinſchaft Statt. Wenn auch, wie fruͤher erwaͤhnt iſt, im Kriege des Herzogs Caſimir gegen den neuen Fuͤrſten Maslav von Maſovien Huͤlfsvoͤlker aus bei⸗ 1) Wenn wir dem Dlugoss. T. I. p. 602 etwas trauen dürfen, ſo zeigte ſich ſchon bei der Theilung der vaͤterlichen Lande von Conrads Seite eine unfreundliche Geſinnung und gegen Leßco's Wittwe und Sohn bewies ſich wenigſtens Conrad nachmals nichts weniger als brü- derlich geſinnt; vgl. Doguphal p. 58. 2) Nestor von Scherer S. 265. Dlugoss. T. I. Pp. 5%. Ka⸗ ramſin B. III. S. 92. 276 — 277. 3) Vgl. hierüber Karamſin B. III. S. 105 — 106. 109.

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Blick auf Polen, Rußland und Litthauen. 379 den Laͤndern in den Heeren beider Fuͤrſten einander feind⸗ lich gegenuͤber geſtanden hatten, ſo war doch dieſes ohne Folgen für den nachher noch fortdauernden Frieden geblie- ben. Selbſt die Kriege Ruſſiſcher Fuͤrſten gegen die Po- lexianer oder Jazwinger und deren Raubzuͤge in die Ruſ— ſiſchen Gebiete, beſonders in die Gegend von Wladimir) hatten das friedliche Verhaͤltniß der Voͤlker im Ganzen keineswegs geſtoͤrt. Nur mit den Litthauern, einem armen, aber wilden, raubgierigen und grauſamen Volke, fuͤhrten die Ruſſen ſchon ſeit laͤnger als zwanzig Jahren abwech— ſelnd blutige Kriege. Früher den Ruſſiſchen Fuͤrſten un⸗ terthan und zum Tribut verpflichtet, der in Pelzwerk, ſelbſt in Beſen und Lindenborke beſtand, hatten die Litthauer, die innere Zerruͤttung Rußlands und die Schwäche der ein— zelnen Fuͤrſten, ihrer Oberherren, benutzend, ſich des Joches nicht nur zu entſchlagen gewußt, ſondern auch durch oͤftere Raubzuͤge und durch Verheerung von Feldern und Doͤrfern die nahen Gebiete Rußlands wiederholt heimgeſucht. Furcht— bar waren die Verwuͤſtungen, das Morden und die Grau— ſamkeit, welche das fluͤchtige und leichtbewegliche Reitervolk überall da ausübte, wo es feine Raubzuͤge hin richtete 2). Und mit dem Anfange des dreizehnten Jahrhunderts wur— den dieſe Kriege mit noch größerer Erbitterung gefuͤhrt, als je zuvor. Nun wandte zwar jener Fuͤrſt Wolhyniens Roman nach Bezwingung der uͤbrigen Fuͤrſten Rußlands ſeine ganze Kraft auf die Unterjochung der unruhigen Kits thauer, eroberte nach mehren Siegen einen großen Theil des Landes und ließ die Litthauiſchen Gefangenen wie das Zugvieh vor Pflug und Wagen ſpannen; zwar kaͤmpften ferner auch gegen die Litthauer nicht minder gluͤcklich die Ruſſiſchen Fuͤrſten von Tſchernigow 3); allein nach Ro⸗ 1) Karamſin B. III. S. 106. >) Schloͤzers Geſchichte von Litthauen S. 32. Karamſin B. III. S. 52 — 33. 3) Kojalowiez IIistor. Lithuan. p. 49. Karamſin B. III. S 90. 92. 277.

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380 Blick auf Livlands ültefte Geſchichte. mans Tode ermannten ſich die Litthauer wieder, uͤberfielen von neuem unter ſchweren Verheerungen und Mißhandlun⸗ gen die Gebiete von Novogrod, Luczk und Wladimir und kehrten mit unſaͤglicher Beute zuruͤck. Zwar wurden fie auf dem Ruͤckwege von einem ſtarken Ruſſiſchen Heere er⸗ eilt und faſt bis auf den letzten Mann erſchlagen ); indef- fen hörten hiemit die altgewohnten Raubzuͤge noch keines- wegs auf. Am meiſten aber zieht in der Geſchichte des Nordens um dieſe Zeit den Blick eine Erſcheinung in Livland auf fich, die ſchon früh in ihrer Entſtehung, vor allem aber in ihren großen Folgen die Geſtalt aller Dinge dort verän- derte und das ganze alte Leben gleichſam umwarf. Die Geſchichte dieſes Theiles des Nordens, nämlich Livlands. Kurlands und Eſthlands in den früheren Zeiten kann frei- lich mitnichten in dieſes Werk gezogen werden, denn da— mals berührte fie das Volk, deſſen Geſchichte hier Hauptge⸗ genſtand iſt, faſt noch in keiner Hinſicht, weder durch Kriege, noch durch Handel, noch durch ſonſtige Verhaͤltniſſe 2). ) Kojalowiez J. c. p. S0. ſagt: Repetitis interen Lituani per intervalla praedationibus et amissi anno proximo (1205) exercitus damnum insigniter ulti sunt et praedis ingentibus rem suam auxe- runt. Dlugoss. T. I. p. 599. Schloͤzer a. a. O. S. 32. 2) Auch durch Verwandtſchaft des Stammes ſtanden die Bewoh⸗ ner dieſer Länder dem Volke in Preuſſen nicht nahe. Zwar iſt in vie⸗ len geſchichtlichen Werken die Behauptung ausgeſprochen, die Bewohner Eſthlands ſeyen die alten Aeſtier in Samland; allerlei ungluͤck in ihrem Lande, Einzuͤge fremder Voͤlker in ihre Gebiete, Eroberungen ihrer al- ten Heimat hätten fie hier verdrängt und weiter und weiter nach Nor⸗ den getrieben; allein es iſt uns kaum begreiflich, wie dieſes hiſtoriſche Luftgebäu ſich jo lange hat halten koͤnnen, da ihm nichts weiter als der bloße ähnliche Name als Grundlage unterliegt, — ein Name, wel⸗ cher zu ſolchen Schlußfolgerungen nicht im mindeſten berechtigt, da er überhaupt ja nur die öſtliche Lage der Voͤlkerſitze bezeichnete. Man denke an Auſturweg, Auſturrike, Eyſtar⸗ſalt, Oſtſee. Ein gruͤndliches Stu⸗ dium der älteſten Geſchichte dieſer Gegenden wird jeden überzeugen, daß die Aeſtier und Eſthen in Abſtammung und Verwandtſchaft durchaus

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Blick auf Livlands aͤlteſte Geſchichte. 381 Lange aber hatten die Bewohner Livlands unter einer Ver- faſſung und Geſtalt ihres inneren Gemeinweſens, die der in Preuſſen nicht unaͤhnlich geweſen zu ſeyn ſcheint, ein freies, durch keine fremde Herrſchaft gebundenes oder be— ſchraͤnktes Leben genoſſen; doch um die Zeit, als Caſimir der Gerechte in Polen das Scepter hielt, war dieſe Frei⸗ beit ſchon dahin und die Liven trugen das Joch frem— des Gebotes. Oft ſchon hatten die Fuͤrſten von Novgorod und Polozk das Volk befämpft und lange hatte es mit ſeinen Feinden gerungen, um ſeine Freiheit zu behaupten; aber an ſich ſchon arm und nicht ſehr zahlreich an kriege— riſcher Mannſchaft hatte es nicht das Gluͤck erreicht, das letzte und hoͤchſte Gut in ſeiner Armuth, ſein freies und unabhaͤngiges Leben zu erhalten. Fuͤrſt Wladimir von Po⸗ lozk, Rußlands andere Gebieter in feiner Macht weit über: wiegend, hatte ſein Herrſchergebiet durch ſeiner Waffen Gluͤck bereits an der Duͤna herab bis zu deren Muͤndung ausgedehnt und mit den uͤbrigen Voͤlkern umher mußten ihm auch die Liven durch Leiſtung eines Tributes ihren Ge— borfam bezeugen ). Das Volk der Liven aber hielt dieſer nichts gemein haben. Zur allgemeinen Belehrung dienen ſchon außer Schloͤzers und Gebhardi's Geſchichte von Litthauen, Kurland und Liefland, unter den Neuern beſonders Essai critique sur Fhistoite de la Livonie, par L. C. D. B. (Bray) Dorp. 1817. beſonders der Ab: ſchnitt: Eıat de la Livonie, avant Parrivée des Allemands und Watſons Abhandlungen: Ueber den Lettiſchen Volkerſtamm; über de Abſtammung der Lettiſchen Sprache von der Slaviſch-Nuſſiſchen und über den Einfluß des Gothiſchen und Finniſchen aufs Lettiſche; und Darſtellung der alten Eintheilung von Kurland, wie die Deutſchen ſolche vorfanden. Sie befinden ſich in den Jahresverhandlungen der Kurländiſchen Geſellſchaft fuͤr Literatur und Kunſt er Bd. Mietau 1822. — Doch bei dem allen — dieſe Länder erwarten noch ihren kri. ziſchen Forſcher und ihren Geſchichtſchreiber. ) Arnold. Lubee. Cliron. Slavor. L. VII. c. 9: Rex Russiae de Plosecke de ipsis Lvonibns quandoque tributom colligere cm- Steverat. Es erwähnt dieſer Sache e auch Heinrich der Fette in Gruber Origines Livonige p. 3. Pontan. Rer. Dan. I. * J. „. M

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382 Blick auf Livlands aͤlteſte Geſchichte. Fuͤrſt wegen ſeines langen Kampfes um ſeine Freiheit in beſonders ſtrenger Unterthaͤnigkeit und jeglicher Verſuch zu Befreiung ward von ihm mit harten Strafen geahndet. Obgleich er ſelbſt ſchon Chriſt war, ſo geſchah doch nichts von ihm zur Verbreitung der chriſtlichen Lehre unter den ihm unterworfenen Voͤlkern, wie denn zu jener Zeit in Rußland überhaupt wenig Eifer zur Erweiterung der chriſt— lichen Kirche lebte. Dagegen hatte man von Schweden und Daͤnemark aus am Ufer des Baltiſchen Meeres ſchon den Verſuch gewagt, die heidniſchen Bewohner zum Ghri- ſtenthum zu zwingen; allein der Zwang durchs Schwert hatte großen Widerſtand erzeugt und ſo waren dieſe Be— muͤhungen ohne beſonderen Erfolg geblieben ). Doch das heilige Licht des Glaubens leuchtete auch hier bald maͤchtiger auf, aber aus anderen Gegenden her— beigebracht, als es früher verſucht worden war. Der Zu— fall entzuͤndete ſeinen erſten Funken. Es geſchah gegen das Jahr 1158, daß Kaufleute aus Bremen, ſey es durch Stuͤrme aus ihrer Richtung nach andern Gegenden vertrieben oder wie wahrſcheinlicher iſt durch Gewinnſucht zu dieſen öffli- chen Landen hingelockt, in den Rigaiſchen Meerbuſen ein⸗ laufend an der Muͤndung des Duͤna-Stromes landeten 2). 1) Pray Essai crilique sur Thistoire de la Livonie. T. I. p- 67. 2) Bangert in ſ. Ausgabe des Arnold. Lubec. Chron. p. 513 und Gruber Origines Livon. p. 3. ſtreiten ſich über die Frage: ob die Kaufleute aus Bremen oder aus Luͤbeck geweſen ſeyen; erſterer iſt für Luͤbecker; letzterer dagegen führt das wichtige Zeugniß Heinrich des Letten an, welcher ſagt: Multa quidem ei gloriosa contige- runt in Livonia tempore conversionisgentium ad ſidem Jesu Christi per annos LXVII. practeritos, ex quibus primo inventus est a mer catoribus Bremensibus portus Livonicus. Gegen dieſe Ausſage find Bangerts Gründe von keinem Belange. Ihm folgte auch Heriknoch in d. Ausgabe von Dusburg P. III. c. 28 a. — Ueber das Jahr 1158 iſt zu vgl. Gruber I. c. p. 2. c. Chron. Bremense p. 71: Bremen- ses — — — novi honoris gloriacque et commerciorum quaeren-

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Handelsverkehr von Bremen nach Livland. 383 Aber auch hier hatten die fruͤheren Verſuche zur Verbrei⸗ tung des Chriſtenthums durch Schwert und Blut im Volke gegen alles, was chriſtlich hieß, Haß und Widerwillen auf⸗ geregt, vor allem aber gegen das Volk der Daͤnen bittere Feindſchaft erzeugt. Darum war auch die erſte Begegnung der Bremiſchen Handelsleute mit dem anwohnenden Volke nichts minder als friedlich; denn ſo bald die Liven, gewohnt nur Seeraͤuber oder feindſelige Heidenbekehrer aus Däne- mark an ihren Ufern landen zu ſehen, die Ankunft des Schiffes gewahrten, verſammelten ſie ſich in großer Zahl zu ſeiner Pluͤnderung und zum Kampfe mit der Mannſchaft, die fie für Dänen hielten ). Es kam zu einem blutigen Streite und viele von den Liven wurden erſchlagen; da ſie aber endlich ſahen, daß ihre roheren Waffen der weit geuͤb— teren Kriegsart der Deutſchen nicht widerſtehen konnten, fo baten ſie um Friede, den fie erlangend nach ihrer Lan— desſitte durch einen Schwur bei der Weide oder einem Stricke von Weidenruthen zu halten gelobten und nun den Kaufleuten auch erlaubten, ihre Waaren gegen Erzeugniſſe des Landes auszutauſchen e). Bei dieſem friedlichen Verkehre mochte der ungluͤck⸗ liche Irrthum ſich ausgewieſen haben; denn freundlich von den Liven eingeladen kamen die Kaufleute aus Bremen dorum causa tempestatibus adacti sunt in fluvium Dunam. Cbron. ondin. Teuton. ap. Matthaei veter. aevi Analecta T. V. p. 699. 1) Das Cbron. Bremens. p. 71 giebt als Haupturſache der feind⸗ lichen Begegnung an, daß die Liven die Ankömmlinge für Danos sibi tunc femporis inimicissimos gehalten. 2) S. Fragment einer Urkunde der aͤlteſten Livländiſchen Geſchichte in Verſen, auch bekannt unter dem Titel: Alnpeks Liefländ. Reim⸗ Chron., herausgegeben von Dr. Liborius Bergmann. Riga 1817. Das Gedicht ſelbſt iſt betitelt: „Der Ritterlichen Meiſter und Bruder zu Nicflant Geſchicht, wie ſie von wegn des Chriſtenglaubens vom tu⸗ ſent hundirt und dri virzig iar au, bis uf tuſent zwey hundirt neunzig iar mitt den heiden gott zur ere, inen zur ſelen ſeligkeit gefochten haben.“

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384 Handelsverfehr von Bremen nach Livland. nachmals noch oͤfter zu ihnen hin und wurden ſtets mit Liebe und Freundlichkeit von ihnen aufgenommen, da we- der Herrſchluſt, noch Bekehrungseifer bei den Liven Miß⸗ trauen erweckten, vielmehr der Tauſchhandel die friedliche Verbindung immer mehr verſtaͤrkte und die Menſchen im: mer naͤher zu einander führte ); zurem wußten die Deut⸗ ſchen der Liven Freundſchaft und Zuneigung auch durch Geſchenke von Meth und Wein ſich zu erwerben 2). In ſolcher Weiſe hatte urſpruͤnglich nur der friedſame Verkehr des Handels die Liven in die erſte Beruͤhrung mit den Deutſchen gebracht und es war für die Ereigniſſe der fol- genden Zeiten von großer Wichtigkeit, daß die Deutſchen das Volk der Liven in ſeinen Sitten und Gebraͤuchen, in feiner ganzen Denk- und Lebensweiſe kennen lernten und dieſe wiederum den Deutſchen mit offener Zuneigung und mit Vertrauen entgegen kamen. Die Verbindung aber ward bald erweitert; denn neben Livlands Fruchtbarkeit und deſſen eigenen Erzeugniſſen lockte die Deutſchen auch bald der weitere Handelsverkehr mit den tiefer in Lande wohnenden Ruſſiſchen Voͤlkern, mit denen man im deut⸗ ſchen Norden lange ſchon gerne in Handelsgemeinſchaft ge⸗ ſtanden hatte und zu deren Laͤndern der Duͤna-Strom nun ein eben fo erwuͤnſchter, als ſehr bequemer Führer war >). 1) Heinrich der Lette p. 3.: Teulonici paulo ante mercato- res, Livonibus farniliaritate conjuncii, Livoniam frequenter navi- gio per Dunae flumen adire solebant. Alnpeks Liefl. Reim: Chron. S. 6. Cbron. Bremens. p. 72. Das Chron. ordin. Teuton. ap. Matthaei Analecia T. V. p. 700 berichtet hierüber mehres. 2) „Beide mete und win — die kaufluͤte ſchenketen do — den hei⸗ den und waren vro — “ Alnpek. S. 6. Das Chron. ordin. Teut. J. c. ſpricht von dem Inhalte eines mit den Liven geſchloſſenen San: delsvertrages. „Sy mancten dor voirt enen vaſten vrede mitten hey⸗ denſche Lieflanders, als dat ſe dahr weder comen ſouden. Ende woude vic yemant mit hem comen om comanſcap, die ſoude oic mede in den vrede weſen ende tillecoem ſyn.“ Dann ſpricht es von dem Fortgange dieſes Handels. 3) Fraun Jbn-Foszlan eic. p. 79. Bray Essai eritigw> T. 1 We

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Meinhard, Bekehrer der Liven. 385 So hatte der Handel die erſte Bahn zu den großen Erſcheinungen gebrochen, die nun in kurzer Zeit das ganze Leben des Volkes in dieſem Lande verwandelten. An den Handel ſchloß ſich auch hier die Sache der Religion. Mehr als zwanzig Jahre hatte dieſer Verkehr zwiſchen den Liven und den Deutſchen ſchon beſtanden, als einſt die nach Liv— land ſegelnden Kaufleute aus Bremen auch ein Auguſtiner— Moͤnch aus dem Kloſter Sigeberg im Holſteiniſchen beglei— tete. Meinhard war fein Name ). Obwohl ſchon hoch im Alter fühlte ſich der fromme, tugendreine, gottergebene Greis doch noch voll friſchen Muthes und jugendlicher Kraft fuͤr das Werk der Verkuͤndigung des Chriſtenthums, und tief ergriffen und begeiſtert für die erkannte heilige Beſtimmung der Verbreitung des Evangeliums unter den Heiden wagte er noch am ſpaͤten Abende ſeiner Tage die gefahrvolle Fahrt auf der ſtuͤrmiſchen See. Das iſt die Macht der Idee im Geiſte des Menſchen, daß ſie, zur Vollendung und zur Wirklichkeit ſtrebend, unbekuͤmmert iſt, ob das, was der Erde und dem Staube zugehoͤrt, zerbreche und zertruͤmmere. Das Gefuͤhl der Heiligkeit ſeines Unternehmens und die feſte Zuverſicht auf das Gelingen ſeines Werkes trieb den frommen Greis vorwaͤrts und er vereinte hiemit eine Klug— heit, eine Bedachtſamkeit und eine Vorſicht in allen ſeinen Schritten, wie ſie ſelten den Bekehrern der Heiden eigen zu ſeyn pflegt 2). 5 1) Schon Gruber Origines Livon. p. 2 bemerkt, daß die eigent: liche Zeit der Ankunft Meinhards zweifelhaft ſey; er ſchwankt ſelbſt zwi⸗ ſchen den Jahren 1170 und 1186. Fuͤr beide giebt er Gruͤnde; doch entſcheidet er ſich am meiſten für das Jahr 1186. Dieſes beſtaͤtiget auch Anselmi Gemblac. Chron. ap. Pistor. T. I. p. 995. Das Chron. Bremens. p. 74 giebt das Jahr 1188 an. Heinrich der Lette nennt Meinharden Sacerdos ex Ordine b. Augustini in coenobio Sigeber- gensi; Anselm. Gemblae. I. c. aber sacerdos Lubecensis. Nach Arnold. Lubecens. L. VII. c. 8 war er Sigebergensis Canonicus und fo bezeichnet ihn auch das Cron. Brem. |. c., fuͤgt aber hinzu: ſeine Sendung nach Livland ſey geſchehen consilio Archiepiscopi et Capituli Bremensis. 15 Alnpeks Reim⸗Chronik S. 6: 8 *

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386 Meinhard, Bekehrer der Liven. Am Ufer der Duͤna gluͤcklich angelangt, bat er, bevor er das Werk begann, den Herrn des Landes, den Fuͤrſten Wladimir von Polozk um die Erlaubniß, dem heidniſchen Volke das chriſtliche Wort predigen zu duͤrfen, und als ihm dieſe vom Fuͤrſten nicht bloß bereitwillig ertheilt ward, ſon⸗ dern auch Geſchenke ihm Wladimirs beſondere Gunſt bezeug⸗ ten, unternahm er fein Werk der Bekehrung mit eben fo viel Vorſicht und Kuͤhnheit, als Begeiſterung und chriſtli— chem Vertrauen ). Und in ſolchem Vertrauen geſprochen erweckte ſein eifriges Wort auch wiederum Vertrauen bei dem heidniſchen Volke; in ſo feſter Zuverſicht des Gelingens begluͤckte auch wirklich den eifrigen Mann das Gelingen ſeines heiligen Unternehmens. Viele, uͤberwaͤltigt von dem Feuer ſeines Wortes und uͤberzeugt von der, Wahrheit ſeiner Predigt entſagten dem alten troſtloſen Glauben und empfin⸗ gen durch die Taufe die Weihe ins Chriſtenthum. Vor allem wirkte hiezu einflußreich das Beiſpiel eines der An— geſehenſten und Maͤchtigſten unter dem Volke, Kaupo oder Kobbe genannt ?), der mit zahlreichen Verwandten und ei— Nu was als ich han vernomen Ein wiſer man mit in komen Der in ſanc und las Wen er ein reiner priſter was Der here hies meynhart Er was mit zuchten wol bewart Und was wis und clug Er hatte tugende genug. 1) Heinrich der kette p. 3 — 4. Bray T. I. p. 88. Sa ramſin B. III. S. 72. 2 Nicht der Erſte, welcher getauft ward, ſondern der Angeſehenſte unter den Getauften war dieſer Kaupo. Dafuͤr ſpricht das Zeugniß Heinrich des Letten p. 4, wo er ſagt: Ex cadem villa (Xkeskola) primus Ylo, pater Kulewene, el Viezo, paler Alonis, primi bapti- zantur: aliis vicissim sequentibus. Kaupo's Taufe erwähnt er nicht beſtimmt; vgl. p. 18 not. c. Dagegen nennen Alnpeks Reimchron. S. 7, die Ordenschronik p. 27 und das Cbron. ordin. Leut. ap. Matth. T. V. p. 200 jenen Kobbe oder Kope (nach Alnpeks Schreibart) als den erſten Getauften.

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Meinhard, Bekehrer der Liven. 387 ner großen Zahl andern Volkes dem chriſtlichen Glauben zuſagte. Er hatte ſeinen Wohnſitz auf der Burg Kubbeſele im Gebiete von Thoreyda, war einer der Stammaͤlteſten der Liven, von welchem, wie es im Lande Sitte und Wer- faſſung mit ſich brachte, ein großes um ihn her wohnendes Geſchlecht geleitet und gewiſſermaßen beherrſcht ward. Be— gonnen hatte Meinhard das Werk feiner Bekehrung in Ykes⸗ kola n) nun zur Zeit Irkul genannt, einem Orte an der Duͤna auf einer Berganhoͤhe gelegen, wo die Deutſchen für ſich und ihrer Waaren Sicherheit ſchon eine Burg erbaut batten. Unter dem Schutze ihrer Mauern aber richtete Mein— hard fuͤr ſeine neue Gemeine die erſte chriſtliche Kirche auf 7). Waͤhrend aber Meinhard in freudiger Begeiſterung und mit nie ermuͤdetem Eifer ſein Bekehrungswerk fortſetzte und unter den umherwohnenden Voͤlkern die Nachricht ber kannt ward, daß unter den Liven das Chriſtenthum ſich weiter und weiter verbreite, ſammelte ſich im naͤchſten Win⸗ ter eine große Schaar von Litthauern, Ruſſen und andern heidniſchen Voͤlkern und mit ſchwerer Verwuͤſtung in Liv⸗ land einbrechend und alles mit ſich fortreißend, zogen ſie gegen die Duͤna an, um dort den neuen Glauben der ihren Goͤttern hoͤhnte und den Untergang drohte, mit den Waffen wieder zu vernichten. Da trat aber Meinhard, der hochbe— tagte Greis, an die Spitze ſeiner Neubekehrten; alle die von ihm die Weihe der Taufe empfangen, ſtanden ihm zur Seite, begeiſtert durch das Beiſpiel des frommen Lehrers, der mit dem Schwerte nun vertheidigen wollte, was ſein Eifer angepflanzt und aufgebaut. Sie zogen dem wilden Feinde bis in einen Wald entgegen und griffen ihn dort 1) Heinrich der Lette p. 4 Alnpek S. 6. Ehron. ord. Teut. J. c. 2) Die Frage: wo die erſte chriſtliche Kirche in Livland erbaut wor⸗ den ſey? entſcheidet Gruber Orig. Livon. p. 6 fuͤr Irkul nach dem Zeugniſſe Heinrichs des Letten. Andere geben Kirchholm als die erſte Kirche an und Bray T. I. p. 88 ſtimmt dieſen bei. 25 * ©

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388 Meinhard, Bekehrer der Liven. mit ſolchem Muthe an, daß er eiligſt die Flucht ſuchte und eine große Beute zuruͤckließ Y. Fuͤr Meinhards Anſehen und fuͤr die Sache des Glau— bens war dieſer Sieg über die Heiden von ungemeiner Wich- tigkeit; denn er beſtaͤrkte nicht bloß in vielen Gemuͤthern die Zuneigung zu dem neuen Glauben, ſondern er uͤber— zeugte das Volk auch leicht von der Nothwendigkeit, das Land durch Burgen und Verſchanzungen gegen die heidni— ſchen Feinde ſtaͤrker zu verwehren. Man nahm nun Mein— hards Rath mit Freude an und im naͤchſten Sommer rief er Handwerker und Arbeitsleute jeglicher Art aus Gothland herbei, die den Bau beginnen mußten, denn noch war das Volk im Lande mit dem Mauerhandwerke ganz unbekannt. Daher geſchah auch, daß die heidniſchen Semgallen auf die Nachricht von dem Aufbaue dieſer Burgen, einſt in großen Schaaren heranzogen, um mit Schiffsſeilen den ſteinernen Bau än die Duͤna zu ziehen, denn ſie wußten nicht, daß Stein mit Stein durch Mörtel zuſammengehalten wird. Man empfing ſie aber mit ſtarken Steinwuͤrfen durch Wurf— maſchinen geſchleudert und ſo zogen ſie mit großem Ver— luſte davon 2). Indeſſen begleitete daſſelbe Gluͤck, wie es Meinharden im Beginne erfreut hatte, ſein Werk nicht in gleicher Art beim weiteren Fortgange. Oft ſchwankte auch bei dem ro— hen Volke der Glaube und das Vertrauen zu ſeinem Worte: oft brach man das gegebene Verſprechen, dem Chriſtenthume getreu zu bleiben, wenn Anforderungen geſchahen, die man nicht erwartet, oder Vortheile nicht erfolgten, auf welche man gerechnet hatte. Manche, denen der Nutzen der neuen Wehrburgen bald einleuchtete, ſuchten durch den Empfang der Taufe auch ihre Gebiete durch ſolche Burgen geſchuͤtzt zu ſehen und traten dann, wenn ſie erbaut ſtanden, zum * 1) Heinrich der Lette p. 4. Alnpek S. 7. Chron. ordin. Teut. ap. Matth. p. 701. Bay T. I. p. 88. 2) Heinrich der Lette p. J. Bray p. 88.

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Meinhard, Bekehrer ber Liven. 889 Glauben an ihre alten Götter zuruͤck. So geſchah es von den nahen Bewohnern von Holm 9. So ward das ſo erfreulich begonnene Werk immer ſchwieriger und Meinhard, immer mehr heranalternd, ſah ein, daß ſeine Kraft allein zu des Volkes Bekehrung keines⸗ wegs mehr hinreiche. Er erwog zugleich auch, daß es in jeder Weiſe heilſam wirken werde, wenn ihn die maͤchtigere Hand des Papſtes unterſtuͤtze und wenn es ihm gelingen koͤnne, mit höherer Würde und höherem Anſehen unter dem Volke aufzutreten. Und ſein Wunſch gelang. Von jenem Kaupo, dem Haupte ſeiner neuen Chriſtengemeinde, be— gleitet begab er ſich gegen das Jahr 1191 nach Bremen?) und wie es ſcheint, von da auch nach Rom, erſtattete dem Papſte Bericht uͤber die Voͤlker und Laͤnder des Nordens, 1) Heinrich der Lette p. 4 — 5. 2) Es iſt hieruͤber noch manches im Dunkel geblieben, was auch Grubers Gruͤndlichkeit nicht aufzuhellen vermocht hat. So wurde er ſelbſt uͤber die Beſtimmung des Jahres nicht gewiß, in welchem Mein— hard zum Biſchofe von Livland ernannt wurde. Zwar giebt Arnold. Lubec. Chron. L. VII. c. 9 dieſes ſehr beſtimmt an, indem er ſagt: Anno verbi incarnati M. C. LXXXVI fundata est sedes episcopalis in Livonia a venerabili viro Meinardo, intitulata patrocinio beatac Dei genetricis Mariae, in loco, qui Riga dicitur. Allein dieſer Un: gabe iſt keineswegs zu trauen, da Arnold wahrſcheinlich hier das Jahr der Ankunft Meinhards in Livland mit der Zeit der Errichtung des Bisthums verwechſelt und ohnedem auch die zu fruͤhe Erwaͤhnung von Riga die ganze Stelle ſehr verdächtig macht. Es iſt oben das Jahr 1191 als das der Errichtung des Bisthums angenommen; aber es iſt ebenfalls keineswegs ganz gewiß, denn ſchon in der Bulle des Papſtes Clemens III, der im März 1191 ſtarb (ſ. Gruber Orig. Livon. p. 203) wird des Bisthums in Livland erwaͤhnt. Indeſſen iſt die Aechtheit dieſer Bulle nicht außer allem Zweifel, wie Gruber ſchon erwogen hat und fie wurde alfo die Annahme des Jahres 1191 gerade nicht wider⸗ legen. Nach dem Zuſammenhange der Ereigniſſe, wie Hein rich der Lette p. 4 — 5 fie erzählt, müßte Meinhard ſchon nach dem erſten Jahre feiner Ankunft, alſo ſchon im Jahre 1187 nach Bremen zuruͤck— gegangen und Biſchof geworden ſeyn. Allein auch dieſe Annakme iſt ſehr zweifelhaft, denn Heinrich der Lette erzählt hier ſichtbar ſehr abge riſſen und lückenhaft.

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390 Meinhard, Biſchof von Livland. beſonders auch uͤber das Volk der Liven und über den bis⸗ herigen Fortgang ihrer Bekehrung und ward hierauf auf des Papſtes Geheiß von dem Erzbiſchofe Hartwich von Bre— men zum Biſchof der neuen Kirche in Livland feierlich ge— weiht ). Waͤhrend Meinhards Abweſenheit aber waren die fuͤr den Schutz des Landes begonnenen Wehrburgen kaum voll— endet, als die meiſten der getauften Liven, lange Zeit von ihrem Lehrer verlaſſen und ohne das beſtaͤndig mahnende Wort zur Treue und Beharrlichkeit, dem chriſtlichen Glau— ben wieder entſagten und ihrer Geluͤbde vergeſſend in Schaa— ren ſich an die Duͤna begaben, um durch das Waſſer des Stromes, wie fie waͤhnten, die Taufe wieder von ſich ab- zuwaſchen. Wohl mochte der Glaube des Chriſtenthums, fo weit ſie ihn damals kannten, ihr Leben noch viel zu wenig erfreuen und die Leere ausfuͤllen, die durch die Entſagung ihrer alten Goͤtter und Heiligthuͤmer entſtanden war; gewiß war die ihnen ertheilte chriſtliche Belehrung nur ſehr mans gelhaft und fluͤchtig geweſen, und was war von den nahen heidniſchen Voͤlkern alles zu befürchten, wenn fie fernerhin dem neuen Glauben getreu blieben! Als daher der neue Biſchof in das Land zuruͤckkehrte, fand er, tief betruͤbt, faſt fein ganzes Werk wiederum vernichtet; nur ſehr wenige hat- ten am Glauben feſtgehalten und begrüßten den zuruͤckkeh— renden Lehrer mit Freude. Die meiſten empfingen ihn mit unfreundlichen Geſinnungen. Man wollte ihn ſelbſt aus 1) Gleiche Ungewißheit herrſcht auch über den Umſtand, ob Mein⸗ hard nur nach Bremen ging und von dort aus dem Papſte feinen Be: richt erſtattete, oder ob er Rom ſelbſt beſuchte. Heinrich der Lette und mit ihm auch einige andere Quellen wiſſen nichts von einer Reiſe nach Rom. Dagegen erzaͤhlt Alnpeks Reim-Chron. S. 7 — 8 vieles von Meinhards Reiſe und Anweſenheit in Rom, wo dieſer dem Papſte die Verhaͤltniſſe der Völker im Norden auseinander geſetzt haben ſoll. Das nämliche berichtet auch die Ordenschronik S. 27 und bei Matthaeus T. V. p. 701. Offenbar aber iſt das Jahr 1170, welches hier als die Zeit der Anweſenheit Meinhards in Rom angegeben iſt, ganz un⸗ richtig.

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Meinhard, Biſchof von Livland. 391 dem Lande vertreiben. Seinen neuen Gefaͤhrten im Apo⸗ ſtelamte, den Ciſtercienſer-Moͤnch Dieterich, hatten die Li⸗ ven aus dem Gebiete von Thoreida, welches jetzt Treiden heißt, zum Opfer fuͤr ihre Goͤtter beſtimmt; bereits war uͤber ihn die Looſung angeordnet und nur der gluͤckbringende Tritt des wahrſagenden Roſſes konnte den Gefeſſelten vom Jammertode retten ). Zwar gewann Meinhard in dieſem Gebiete bei dem Volke bald wieder mehr Vertrauen durch die Heilung eines vornehmen Liven von einer ſchweren Krankheit und es gelang ihm auch, einige von neuem zur Taufe zu gewinnen; allein er ſah doch immer klarer ein. daß das friedliche Wort der Predigt keinen erwuͤnſchten Ers folg mehr habe und beſchloß daher, auf Schiffen, die eben aus Gothland gelandet waren, nach Deutfchland zuruͤckzu⸗ kehren, um dort neue und kraͤftige Mittel zu des Volkes Bekehrung aufzubringen. Da erfchrafen die Liven, der al- ten Zeiten gedenkend, in welchen Skandinaviens Koͤnige mit Schwert und Gewalt den alten Goͤtterglauben zu ver⸗ tilgen geſucht und baten den Biſchof aufs dringendſte, ſie nicht zu verlaſſen, und der Gefahr ihrer Feinde Preis zu geben. Sie verſprachen ſaͤmmtlich, abermals die Taufe an- zunehmen und dem neuen Glauben forthin immer getreu zu bleiben >). Meinhard traute dieſen Verſprechungen und blieb im Lande, nachdem die Kaufleute aus Gothland ihm die feſte Verſicherung gegeben, daß ſie ſicherlich die Huͤlfe bewaffne⸗ ter Macht aus Deutſchland und Skandinavien herbeifuͤhren wuͤrden, ſobald er irgend durch Wankelmuth und Untreue des Volkes in neue Gefahr kommen werde. Die Schiffe hatten aber kaum die Anker gelichtet und die Gefahr ſchien entfernt, als man dem Biſchofe wieder mit derſelben feind— lichen Geſinnung, ſelbſt auch mit Spott und Verachtung begegnete. „Sey gegruͤßt, Rabbi,“ riefen ſie ihm voruͤber⸗ 1) Heinrich der Lette p. 7. Intereſſant ſind hiebei die Sitten⸗ zuͤge, welche dieſer Chroniſt Über das Volk mittheilt. 2) Heinrich der Leite p. 8.

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392 Meinhard, Biſchof von Livland. gehend entgegen, „wie theuer kauft man Salz und grobes Tuch in Gothland )?“ Einſt bis zu Thraͤnen betruͤbt uͤber ſolche Verhoͤhnung feiner Bemuͤhung um des Volkes Gluͤck begab er ſich nach Mkeskola in feine Behauſung und ordnete dort einen Verſammlungstag an, um das wankelmuͤthige Volk an ſein Verſprechen zu erinnern. Da aber niemand auf dem Tage erſchien und keiner ihn mehr hoͤren mochte, ſo beſchloß Meinhard, das Land lieber zu verlaſſen und ſich nach Eſthland zu begeben, um mit den dort uͤberwintern— den Kaufleuten im naͤchſten Fruͤhling nach Gothland zu ſe— geln. Da faßten die Liven, hievon benachrichtigt und beſorgt, daß er mit fremder Waffengewalt zurückkehren moͤchte, den Plan, ihn auf dem Wege zu ermorden und Meinhard wuͤrde dem Tode kaum entgangen ſeyn, waͤre er nicht von einem edlen Manne aus dem Gebiete von Tho— reida von dem Vorhaben feiner Feinde unterrichtet und ge— warnt worden. So verweilte er nun lange Zeit kummer— voll und thatlos auf feiner Burg zu Ykeskola. Mittlerweile aber gelang es feinem Gchülfen Dieterich, unter dem Vor: geben, an der Graͤnze einen Kranken zu beſuchen, aus dem Lande zu entflichen. Er begab ſich eiligſt zum Papſt, der von Meinhards trauriger Lage und von des Volkes Hart— naͤckigkeit unterrichtet, fofert zu einem Kreuzzuge nach jenen Gegenden aufforderte unter Verkuͤndigung reicher Suͤnden⸗ vergebung fuͤr alle, die im Norden die Sache des Glaubens mit dem Schwerte befoͤrdern wuͤrden ). 1) Post discessum mercalorum redeuntem Episcopum IIoliuen- ses salufatione et animo Judac salutant: Ave Rabbi, dicentes, et quo prelio Sal aut Waimal in Gotlandia comparctur, inquirunt. Heinrich der Lette p. 9. Ohne Zweifel waren dieſes die zwei Haupf: handelsartikel, die man aus Gothland nach Livland brachte und nun zur Verhoͤhnung der Verbindung Meinhards mit den Kaufleuten von Gothland dienen mußten. 2) Heinrich der Lette p. 9: Summus Pontifex, audilo nu- mero baptizatorum, non cos deserendos censuit; sed ad observa- tionem ſidei, quam sponte promiserant, cogendos decrevit. Remis- sionem quippe omnium peccatorum indulsit omnibus, qui ad re-

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Meinhard, Biſchof von Livland. 393 Bevor indeſſen zu dieſer Huͤlfe auch nur einige Hoff⸗ nung war, verfiel Meinhard unter dem Drucke hoher Jahre und unter Muͤhen und Kummer in eine ſchwere Krankheit und da er ſich bald dem Tode nahe fühlte, ließ er diejeni⸗ gen der Stammälteften des Volkes, die im Glauben treu geblieben waren, zu ſich rufen, ſie zu befragen: ob ſie nach ſeinem Tode ohne Biſchof bleiben wollten oder einen an— dern an feine Stelle wuͤnſchten? Und als fie einſtimmig einen Nachfolger verlangten, ließ Meinhard den Erzbifchof von Bremen von dieſem Wunſche noch benachrichtigen und ſtarb bald nachher im Jahre 1196 ). Sofort ſandten die Neubekehrten in Livland, die es mit der feſteren Begruͤndung des Glaubens redlich meinten, eine Botſchaft an den Erzbiſchof von Bremen mit der Bitte um einen wuͤrdigen Nachfolger im biſchoͤflichen Amte und jener erwählte hiezu den Abt Berthold vom Ciſtercienſer— Kloſter Lucca in Nieder-Sachſen, einen ſo frommen und tugendreinen, als in Geſahren ſtandhaften, entſchloſſenen und in jeglicher Hinſicht ſehr achtungswerthen Mann 2). suscilandam illam primitivam ecclesiam accepta eruce transcant. Arnold. Lubee. c. 8 ertheilt Meinharden gewiß zu viel Gluͤck, wenn er von ihm fagt: Ipse (Meinardus) humilis et devotus suis auditori- bus verbi spargens semina, arguendo, obseerando, magis tamen obsecrando duritiam geutilium fraugens, ipsorum corda non minus muneribus, quam exhortationibus paulatim ad quod volebat, Deo annuente, perducebat. Uebrigens weiß weder Alnpeks Reim: Chron. noch die Ordenschronik irgend etwas von der Widerſpenſtigkeit der Liven und von allen dieſen aus ihr hervorgehenden Verhäͤltniſſen. 1) In dieſer Zeitangabe ſtimmen altere und neuere Geſchichtſchreiber überein. Gruber l. c. p. JO ermittelte die Richtigkeit dieſes Todesjahres Meinhards aus dem Todesjahre ſeines Nachfolgers 1198, indem dieſer fein biſchͤfliches Amt nur zwei Jahre verwaltete. Alnpeks Angabe S. 10, daß Meinhard 23 Jahre in Livland thaͤtig geweſen ſey, iſt of: fenbar ganz unrichtig. Auch Meinhards Grabſchrift im Dom zu Riga bat das Jahr 1196 als ſein Todesjahr. Gadebuſch Livländ. Jahrb. B. I. S. 24. Hiärns Ehſt⸗, Liv- und Lettland. Geſchichte S. 92— 93. 2 „Ein vromer helt“ ſagt Alnpek S. 10. Reverenda persona nennt ihn Heinrich der Lette S. 10. Vgl. uͤber ihn: De origine

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394 Berthold, Biſchof von kivtano. Ungern verließ er die ſtillen Mauern ſeines Kloſters, ward in Bremen geweiht und begab ſich, nur den Bitten des Erzbiſchofs und dem Rufe Gottes zu feiner neuen Beſtim— mung folgend, zu Schiff nach Livland. Zwanzig Mark jaͤhr⸗ licher Unterſtuͤtzung hatte ihm die Kirche zu Bremen bewil⸗ ligt, weil die junge chriſtliche Gemeine in Livland des Bi⸗ ſchofs Unterhalt noch nicht beſtreiten konnte ). Zu Yfeskola von dem dortigen Volke mit allen Zeichen der Freude em- pfangen, ließ er die Vornehmeren unter den Liven, Heiden ſowohl als Neubekehrte, zu ſich einladen, beſchenkte und be- wirthete fie und ſuchte in jeglicher Weiſe des Volkes Zus neigung und Vertrauen zu gewinnen ). Kaum aber hatte er das Werk der Bekehrung begonnen, als auch ihm Mein— hards Schickſal, Haß, Feindſchaft und Verfolgung von den heidniſchen Liven zu Theil ward. Man beſchloß feine Er- mordung bei der Weihung des Kirchhofes zu Holm und es war nur noch Zweifel unter den Erbitterten, ob man ihn mit der Kirche ſelbſt verbrennen oder plotzlich überfallen oder in die Duͤna ſtuͤrzen wollte, als er gewarnt die Weihung unterließ, ſich ins geheim zu Schiffe begab, zuerſt nach Gothland und von da nach Deutſchland ſegelte, um zur Bezaͤhmung des treuloſen und halsſtarrigen Volkes mit be- waffneter Macht zuruͤckzukehren. Dem Papſte, dem Erzbi— ſchofe von Bremen und wo er hin kam, ſchilderte er den troſtloſen Zuſtand der jungen Kirche in Livland und die Gefahren derer, die dort das Kreuz bereits erkannt hatten >). et abbat. Monasterii Luccensis in Leibnit. Script. rer. Brunsw. T. III. p 693. Daß die Liven ſelbſt dieſen Abt Berthold erwählt haben, wie Gadebuſch a. a. O. S. 26 annimmt, iſt unwahrſcheinlich, obgleich Arnold. Lubec. I. c. darauf hindeutet. Heinrichs des Letten Zeugniß widerſpricht dieſem auch. 1) Arnold. Lubec. c. 9. Bray T. I. p. 90. Hiärn a. a. O. S. 93. 2) Heinrich der vette p. 11. 3) Heinrich der kette S. 11. Hiärn S. 94. Gadebuſch a. a. O. S. 28.

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Berthold, Biſchof von Livland. 395 Da gebot der Papſt Coͤleſtin der Dritte abermals, un- ter Verkuͤndigung des Suͤndenerlaſſes gegen die heidniſchen Liven das Kreuz zu predigen und ertheilte hiezu dem Bir ſchofe Berthold ſelbſt urkundliche Vollmachtsbriefe 9. Es war gerade die Zeit, als im Geiſte der Kreuzzuͤge Europa in fo allgewaltiger Bewegung war und jeder glaubte, im Streit und Kampf fuͤr die Kirche das Ziel der Seligkeit zu finden. Da ſchien es manchem erwuͤnſcht, das abgelegte Ge— luͤbde lieber binnen den Graͤnzen Europa's gegen ein minder furchtbares Voͤlklein, als der Glaubensfeind in Afien war, auf dieſe Weiſe erfüllen zu koͤnnen. Andern duͤnkte es eben ſo gottgefaͤllig und erſprießlich fuͤr die Seligkeit, hier den Glauben mit dem Schwerte zu verbreiten, als dort die Kirche unter Kaͤmpfen zu vertheidigen. Auch war um dieſe Zeit gerade kein Kreuzzug ins Morgenland in Bewegung und die Verdienſte um den Himmel waren im Gewinne gleich, denn der Papſt hatte die Heerfahrt nach Livland im Dienſte des Gekreuzigten mit eben den Spendungen des Segens zu belohnen verheißen, wie die an das Grab des Heilandes ). So geſchah, daß auf die Predigten vom Kreuze ſich aus Sachſen, Weſtphalen, Friesland und andern Gegenden nicht unbedeutende Schaaren ſammelten, die ſich in Luͤbeck vereinigten und dort ausgeruͤſtet und mit Lebensmitteln verſehen unter des Biſchofs Leitung den Weg zur See nah— men. Im Meerbuſen an Livland angelangt, fuhren die Schiffe den Strom der Düna aufwärts bis in die Gegend, wo nachmals an einem Berge, Righe genannt, die Stadt 1) Heinrich der Lette p. 12. 2) Arnold. Lubec. L. VII. c. 9: Quia proſectio sive peregri- natio IIicrosolymitana tunc vacare videbatur, ad supplementum huius laboris Dominus Coelestinus Papa indulserat, ut quicunque pere- grinationi memoralae se vovissent, huic itineri, si tamen ipsis com- placuisset, se sociarent, nec minorem a Deo peccatorum remissio- nem reciperent.

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396 Berthold, Biſchof von Livland. Riga erbaut ward ). Dort die Schiffe zuruͤcklaſſend zog der Biſchof Berthold mit dem Kreuzheere bis an die Burg Holm (Kirchholm), die in der Mitte des Stromes auf ei— ner Inſel ſtand. Von da aus ſandte er einen Abgeordne— ten an das Volk jenſeits des Stromes, es zu befragen: ob es den chriſtlichen Glauben annehmen und fernerhin auch feſt und treu an ihm halten wolle? Die Antwort des Vol— kes war verneinend. Gerne hätte der Biſchof die Wider- ſpenſtigen ſogleich mit ſeinem Heere uͤberzogen; allein die Schiffe lagen ihm zu fern und er fand fuͤr beſſer, mit der Kriegsſchaar bis in die Gegend des Righe wieder zuruͤck— zukehren 2). f Waͤhrend hier der Biſchof ſich mit den Fuͤhrern ſeines Heeres berieth, wie das Volk zu bezwingen ſey, hatten fich die Liven jenſeits des Stromes in bedeutender Zahl geſam— melt und dem chriſtlichen Heere nachziehend lagerten ſie ſich dem Berge Righe gegenuͤber als zum Kampfe bereit. Es begannen noch einmal Unterhandlungen. „Entlaſſe Dein Kriegsvolk, ließen die Liven dem Biſchofe antworten, und kehre mit den Deinen friedlich in dein Bisthum zurüd; dann magſt du immerhin die bereits Getauften mit Ge— walt zur Treue an Deinem Glauben zwingen; andere aber mußt Du mit Worten des Friedens, nicht mit dem Schre— cken der Waffen zu gewinnen ſuchen.“ Der Biſchof ver: langte dagegen Geißeln zur Buͤrgſchaft des Friedens. Aber die Liven verweigerten dieſe; doch erboten ſie ſich zu einem Waffenſtillſtande und nach Landesſitte ſchickte man ſich ge— genſeitig Lanzen als Zeichen der Beſtaͤtigung der Waffen: ruhe. Allein ſchon nach wenigen Tagen wurden mehre Pil- gerbruͤder, die fuͤr ihre Pferde Futter ſuchten, von den Liven erſchlagen. Darob erzuͤrnt ſandte Berthold ſogleich die Frie— denszeichen zuruͤck und der Krieg war hiemit angekuͤndigt “). 1) Heinrich der Lette p. 12. Bray T. I. p. 157. 2) Heinrich der Lette p. 12. Hiärn S. 94. Gadebuſch a. a. O. S. 27. 3) Heinrich der Lette 5. 12 — 13, nach ihn Gade buſch S. 27.

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Berthold, Biſchof von Livland. 397 Da geſchah, daß die Liven am vier und zwanzigſten Juli des Jahres 1198 ploͤtzlich ein wildes Kriegsgeſchrei erhoben und das Heer der Deutſchen zum Kampfe auffor⸗ derten. Eiligſt trat die Schaar der Kreuzbruͤder in Schlacht— ordnung und that dann auf die Feinde einen entſchloſſenen Angriff. Als dieſe flohen und Biſchof Berthold, der erſten einer, „ein Held zur Noth,“ ) fie allzu nahe verfolgte, fo gerieth er, nicht mehr vermoͤgend, ſein unbaͤndiges Roß zuruͤckzuhalten, mitten in den fliehenden Streithaufen der Liven. Zwei wilde Krieger ergriffen ihn und ein dritter, Ymant genannt, ſtieß ihm ruͤcklings feine Lanze durch den Leib. Der Leichnam ward zerfleiſcht auf dem Felde zuruͤck⸗ gelaffen e) und die Liven, durch einen der Ihrigen, der ſich den Helm eines erſchlagenen Deutſchen aufgeſetzt, getaͤuſcht und meinend, das Kreuzheer folge ihnen auf der Flucht nach, zogen ſich weit zurüd, bis ihre Waldungen ſie ſchuͤtz⸗ ten. Als aber die Kreuzbruͤder Bertholds verſtuͤmmelten Leichnam aufgefunden, ward die Erbitterung ſo groß und der Durſt nach Rache ſo allgemein, daß man keines Leben mehr ſchonte, daß man die reifenden Saaten anzuͤndete und mit Feuer und Schwert alles vernichtete. Da erſchra— ken die Liven uͤber die furchtbare Verwuͤſtung, baten um Friede und Schonung, luden die Geiſtlichen nach Holm ein und nahmen an funfzig aus der Zahl der Vornehmeren und am andern Tage noch hundert zu Bkeskola die Taufe. 1) „Wan er was ein helt zur not, Er bleib bie ſinen ſchafen tot.“ Alnpeks Reim-Chron O. 10. 2) Heinrich der Lette p. 13 bezeichnet freilich den Biſchof als einen ſchlechten Reiter, indem er fagt: dieſer ſey oqui, ab eo male de- tenti velocitate in den Feind gerathen. Bei ihm heißt es auch: „quem (Episcopum) ali membratim dilacerant. Nach Arnold. Lubec. L. VII. c. 9. dagegen: inventum est corpus Episcopi intac- tum et incorruptum. Ueber die Richtigkeit des Todestages iſt nach Heinrich des Letten Zeugniß kein Zweifel. Sein Todesjahr 1198 giebt auch Albert. Stadens. ap. Schilter. Script. rer. Germ. p. 208 rich⸗ lig an.

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398 Hemmung der Bekehrung der Liven. Und um das feindliche Heer zum baldigen Abzuge zu be— wegen, nahmen ſie die chriſtlichen Prieſter in ihre Burgen auf, belegten zu deren Unterhalt jeden Pflug mit einer Kornſteuer und beſtimmten alsbald auch eine Geſandtſchaft an den Erzbiſchof von Bremen mit der Bitte um einen neuen Biſchof ). Die Kreuzbruͤder trauten dieſen Maaßregeln der Liſt und des Truges und traten bald die Ruͤckkehr an. Nur die Geiſtlichen und ein Kaufmannsſchiff blieben zuruͤck. Kaum aber hatten die Schiffe die Muͤndung der Dina verlaffen, als die Liven in Haufen an den Strom kom— mend wie zuvor das Taufwaſſer wieder abwuſchen, um, wie ſie ſagten, den Deutſchen ihr Chriſtenthum auf den Wellen der Duͤna wieder nachzuſchicken ). Auch ein ver— meintes Goͤtzenbild der Deutſchen, einen in Holz geſchnitz— ten Menſchenkopf, warfen ſie hoͤhnend in den Strom, da— mit er den Kreuzbruͤdern nachfließe >). Kaum einen Monat hielten fie den Chriſten im Lande den angelobten Frieden, nahmen bald mehre unter graufa- men Mißhandlungen gefangen, pluͤnderten und verheerten ihre Felder, raubten ihre Pferde und ſetzten die Geiſtli— chen, die fie am meiſten haßten, zuletzt in ſolche Bedraͤng- niß, daß dieſe von Ykeskola nach Holm entfliehen mußten, in banger Beſorgniß, welch ein Loos ihrer noch erwarte. Und in der That ward um die Faſtenzeit des naͤchſten Jah⸗ res 1199 in einer Verſammlung der Liven auch beſchloſſen, ſich fuͤr immer von dem Joche des Chriſtenglaubens zu be— 1) Heinrich der Lette p. 13. Hiärn ©. 94. Alnpeks Reim⸗Chrvn. S. 12. 2) „De balneis egressi Dunae fluminis aqua se profundunt, dicentes; Hic jam baptismatis aquam cum ipsa christianitate re- movemus aqua fluminis, et ſidem susceptam exſestucantes, post Sa- xones recedentes transmittimus. „Heinrich der kette p. 14. Ueb⸗ rigens giebt dieſes einen klaren Beweis von der mangelhaften Belehrung, die man den Liven ertheilt hatte. 3) Heinrich der Lette p. li.

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Hemmung der Bekehrung der Liven. 399 freien und jeden Geiſtlichen zu ermorden, den man nach Oſtern noch im Lande finden werde. Hievon benachrich⸗ tigt, entflohen dieſe daher insgeſammt nach Deutſchland und die dort zuruͤckgehaltenen Kaufleute konnten ihr Leben nur durch reiche Geſchenke an die Stammaͤlteſten retten ). In ſolcher Art war in kurzer Zeit in Livland faſt alles, was chriſtlich geweſen, wieder vernichtet und durch die Macht des alten Glaubens zertreten. Die wenigen noch dort ge— bliebenen Chriſten hatten ſich zum Schutze fuͤr ihr Leben in die Burg Messkola geflüchtet und waren kaum im Stande, ſich gegen die Anfaͤlle der Heiden bis zur Ankunft neuer Huͤlfe zu vertheidigen. Waren aber andere Erfolge zu erwarten bei ſolchem Stand der Dinge, als die Ge— ſchichte ihn vorlegt? Wer waren dieſe eifrigen Apoſtel, die den Glauben verkuͤndigten und mit welchem Geiſte ſprachen ſie vom Worte des Evangeliums? Es waren, wie dort die Heidenbekehrer in Preuſſen, fo auch hier nur Mönche, Kloſtergeiſtliche, unerfahren in Dingen der Welt, unbekannt mit den Sitten und Eigenthuͤmlichkeiten der Voͤlker, ſelbſt auch des Volkes, unter welchem ſie als Apoſtel aufzutreten wagten und gewiß auch ſelten vermoͤgend, mit dem Volke in ſeiner eigenen Sprache zu reden. So konnte Berthold den Chriſten gewiß in aller Hinſicht ehrwuͤrdig und ach- tungswerth erſcheinen, aber kaum beſaß er unter allen ſei— nen Tugenden und Eigenſchaften, die bei den Chriſten Ach- tung und Ehrfurcht erweckten, eine und die andere, welche 1) Die Hauptquelle bleibt hier immer der Zeitgenoſſe Heinrich der Lette. Im Weſentlichen ſtimmt mit ihm Arnold. Lubee. L. VII. c. 9 immer überein, und aus ihnen ſchoͤpften Hirn, Gabe: buch und das meiſte anch Pray. Keiner von biefen hat indeſſen Alnpeks Reim⸗Cbronik benutzt. Freilich ift dieſe hier eine ſehr unlau⸗ tere Quelle. Sie läßt dem Biſchof Berthold fein Amt elf Jahre lang verwalten und zieht daher vieles in ſeine Geſchichte hinein, was ſchon in der Zeit feines Nachfolgers liegt. Nach Alnpek wird daher durch Berthold auch ſchon die Stadt Niga gegründet und fo vielfache Ver⸗ wirrung in dem Zuſammenhange der Ereigniſſe veranlaßt.

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400 Albert, Biſchof von Livland. den Heiden zu ihm hinzog und bleibend gewann ). Und in welchem Geiſte ſprachen dieſe Maͤnner zu den Heiden vom Chriſtenthum und welche Lehre brachten ſie ihnen auch hier entgegen? Sie brachten ihnen das Chriſtenthum des Mittelalters, die Religion der Moͤnchszellen, die Lehren von chriſtlicher Traurigkeit, chriſtlicher Entbehrung und Entſa— gung in Faſten und Bußen, chriſtlicher Verachtung aller Freuden der Welt und aller ſinnlichen Dinge, die Lehre von einer Froͤmmigkeit in der Kreuzigung des Fleiſches und in vergoͤttlichten Schmerzen und Leiden, und als Zei— chen des Bekenntniſſes dieſes Glaubens voll trauriger Ent— menſchlichung, voll Jammer und Elend galt die Taufe, ein leichtfertiges und fluͤchtiges Beſprengen mit Waſſer. Kein Wunder, wenn die Heiden mit gleicher Leichtfertig— keit dieſen armſeligen Glauben mit Waſſer wieder abſpuͤlten. Wie es ſcheint, erkannte man in Bremen bei der Wahl eines neuen Biſchofs fuͤr Livland, daß die Tugenden des Kloſters den Mönch nur ehrwuͤrdig und lobenswerth in ſeinen Mauern machen und daß der Bekehrer der Hei— den ganz andere Eigenſchaften und Gaben beſitzen und in ganz anderem Geiſte gebildet ſeyn muͤſſe. Man ſah aber gleichfalls ein, daß fuͤr die Lage der Dinge in Livland ein Mann erforderlich ſey, der in aller Hinſicht weit mehr in ſeinem Geiſte vereinige, als was ſonſt die gewoͤhnlichen Leiſtungen in einem biſchoͤflichen Amte erheiſchen mochten. Und einen ſolchen Mann glaubte der Erzbiſchof Hartwich von Bremen in dem bisherigen Domherrn ſeines Stiftes Albert von Apeldern zu ſinden 2). In der That war dieſer 1) Wenn alſo Arnold. Lubee. I. c. an ihm rühmt gratiam con- versationis, temperanliam sobrietatis, modesitam patientiae, virtu- temque abstinentiae, instanliam pracdicntionis, iocunditatem aſſabi- litatis, fo waren dieſes alles keine Eigenſchaften und Vorzuͤge, die ihn zum Heidenbekehrer machten; denn die gratia conversationis und io- cunditas aſſabilitatis gingen ohne Zweifel verloren, wenn er zu den Bir ven in ihrer Sprache reden ſollte. 2) Ueber den richtigen Geſchlechtsnamen Alberts ſind die Angaben

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Albert, Biſchof von Livland. 401 Mann auch in aller Beziehung dazu geeignet, den Hoff⸗ nungen zu der Verbreitung des Evangeliums in Livland am beſten zu entſprechen. Noch in dem kraͤftigſten Lebens⸗ alter, voll Feuer und Eifer zu dem wichtigen Werke, zu welchem er berufen war, nicht ohne Kenntniſſe und gelehrte Bildung, zeichnete er ſich daneben auch durch den ſtreng⸗ ſten ſitttlichen Wandel, durch Entſchloſſenheit in Gefahren und Erfahrung in den Welthaͤndeln, aber nicht minder auch durch Beſonnenheit, Verſtand, kalte Ueberlegung und Klug⸗ heit aus.) Sobald Albert die biſchoͤfliche Weihe empfangen hatte, begann er die Vorbereitungen zu einem neuen Kreuzzuge nach Livland mit ungemeiner Thaͤtigkeit und mit dem le⸗ bendigſten Eifer, denn wie der Stand der Verhaͤltniſſe bei den Liven nun einmal war, fand auch er fuͤr nothwendig, daß Waffengewalt dem Worte Kraft und Nachdruck geben muͤſſe. Schon ſeine Abſtammung von einem vornehmen Geſchlechte, die große Zahl ſeiner Verwandten und Freunde ſetzte ihn in manche fuͤr ſein Unternehmen ſehr guͤnſtige Verbindungen 2). Aber auch die Großen der Welt, Könige und Fuͤrſten gewann er zur Förderung und Unterſtuͤtzung feines Werkes durch feinen thaͤtigen Eifer. Von Gothland, wohin er ſich wegen des Intereſſe, welches dieſes wegen des Handels nach Livland an der Bekehrung der Liven nahm, ſowohl älterer als neuerer Gelehrten ſehr verſchieden. Scriptores Livo- nici omnes Albertum de Buxhoeveden vocant, ſagt Gruber Orig. Livon. p. 16. und neuere Geſchichtſchreiber z. V. Hiärn S. 95. Bray T. I. p. 93 behielten dieſen Namen bei, obgleich Gruber J. c. alle Muͤhe aufgewandt hat, zu beweiſen, daß Albert von Apeldern ſein richtiger Name ſey. Er ſucht darzuthun, daß Albert der Sohn Adelheids, einer Halb⸗Schweſter des Erzbiſchofs Hartwichs von Bremen, alſo mit dieſem ziemlich nahe verwandt geweſen. 1) Als ſolchen bewaͤhrt er ſich in ſeinem ganzen Leben und als ſol⸗ chen ſchildern ihn auch die Quellen. Arnold. Lubee. L. VII. c. 9. 2) Arnold. Lubee. I. c.: „ Quia v. parentatus erat, ornatus fratribus et amicis, in vinea Domini cooperatores habebat plurimos. Gruber l. e. I. 26

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402 Kreuzzug nach Livland unter Biſchof Albert. zuerſt begab und wo er gegen fuͤnfhundert Krieger zu ei⸗ ner Fahrt nach Livland mit Kreuzen bezeichnete, ging er nach Dänemark, wo ihn der König Kanut der Vierte, Herz zog Waldemar und der Erzbiſchof Abſalon von Lund mit reichen Geſchenken beehrten. Hierauf nach Deutſchland zu⸗ ruͤckkehrend, begab er ſich nach Magdeburg, wo damals — im Januar des Jahres 1199 — der eben gekroͤnte König Phi⸗ lipp Hofſtatt hielt, der ihm die Zuſicherung ertheilte, daß die Guͤter und alles Eigenthum derer, die an der Kreuz⸗ fahrt nach Livland Theil naͤhmen, eben ſo dem Schutze des apoſtoliſchen Stuhles anheim geſtellt ſeyn ſollten, wie es fuͤr ſolche verordnet ſey, die zum heiligen Grabe nach Je⸗ ruſalem pilgerten, da ja fuͤr jene auch gleiche Suͤndenver⸗ gebung verliehen fey n). Ueberhaupt fand Albert allenthal⸗ ben bei geiſtlichen und bei weltlichen Fuͤrſten rege Theil⸗ nahme und aufmunternde Unterſtuͤtzung für feine Sache 2). In ſolcher Weiſe wohl vorbereitet trat Biſchof Al⸗ bert im Jahre 1199 in Begleitung des Grafen Kon⸗ rad von Dortmund ), des edlen Ritters Harbert von 1) Heinrich der Cette p. 17: Coram codem Rege (Philip- po) in sentenlia quacritur, si limina in Livoniam peregrinantium sub tuitione Papae ponantur, sicut corum, qui IIierosolymam va- dunt. Responsum vero est, ca sub proteclione Apostolici compre- hendi, qui peregrinationem Livoniae in plenariam peccatorum re- missionem coaequavit viac Ilierosoly mitanae. 2) Arnold. Lubee. VII. c. 9: Nec facile exprimere potero, quantam invenerit gratiam apud Reges et magnates, qui ei coope- rabantur pecunüs, armis, navibus, victualibus, inter quos De minus Andreas (?) Archispiscpus Lundensis, Bernhardus Pachelburgen- sis, Iso quoque Verdensis manus suas Domino consecraverunt. Heinrich ber Lette, p. 75 erwahnt dieſer ſpaͤterhin ebenfalls; der Pachelburgensis iſt der von Paderborn, den Heinrich Pathelbornensis nennt. 3) Es gab in dieſer Zeit mehre Grafen dieſes Namens. Ein Kon⸗ rad von Dortmund, welcher deutſcher Ordensbruder war, fiel im Jahre 1243 in einer Schlacht gegen den Herzog Suantepolc von Pommern; vgl. Dusburg P. III. c. 34. Vielleicht ging dieſer damals als junger

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Kreuzzug nach Livland unter Biſchof Albert. 403 Iburg ) und einer nicht unbedeutenden Schaar von Kreuz⸗ bruͤdern auf drei und zwanzig Schiffen die Fahrt nach Liv⸗ land an ). Gluͤcklich wurde die Mündung der Duͤna er⸗ reicht und dort mit allen den Seinigen im Gebete ſich Gott vertrauend, zog Albert mit dem Kreuzheer gegen Holm zu, um von da weiter nach Bkeskola zu gehen. Zwar griffen die Liven die Chriſten auf dem Wege an und toͤd⸗ teten mehre; allein der Biſchof langte dennoch nach vielen Beſchwerden bei der letztern Burg an und ein freudiger Jubel und ein allgemeines Jauchzen der Chriſten, die ſich bis jetzt noch in der Burg gehalten, kamen ihm dort ent⸗ gegen. Da erſchienen die Liven mit der Bitte um eine dreitaͤgige Waffenruhe, da ſie waͤhrend dieſer Friſt erſt ihre Kriegsmannſchaft verſammeln wollten. Biſchof Albert ge⸗ ſtand ſie zu, um dem Kreuzheere einige Tage Ruhe zu goͤnnen. Allein die Heiden brachen den Stillſtand ſchon am andern Tage, indem ſie die Mannſchaft der Chriſten, die aus den Schiffen des Biſchofs Schmuck und Geraͤthe herbeibringen ſollte, ploͤtzlich überfielen und ermordeten und darauf den Biſchof, der ſich nach Holm begeben hatte, in der Burg belagerten. Zwar wurde die in der Burg bald entſtandene Hungersnoth durch das in Gruben unter der Erde aufgefundene Getreide wieder gehoben; allein der Ritter mit dem Biſchof Albert nach Livland, trat dann in den Schwert⸗ bruͤder⸗Orden und ging bei der Vereinigung dieſes Ordens mit dem Deutſchen Orden in den letztern uͤber. Ein anderer Graf Konrad von Dortmund ſtand ums Jahr 1214 mit auf der Seite des Kaifers Otto IV. und ward bei Bovines gefangen; ſ. Alberiei Chron. an, 1214. Ein dritter Graf dieſes Namens lebte ums Jahr 1225 am Hofe des Erzbiſchofs von Köln. Vielleicht hat Gruber Orig. Livon. p. 18. nicht Unrecht, wenn er alle drei für eine und dieſelbe Perſon hält. 1) Dieſer Harbert von Iburg war aus dem Osnabruͤckiſchen und kommt als Zeuge im Jahre 1189 in Osnabruͤckiſchen urkunden vor; |. Möfers Osnabr. Geſchichte 2. Thl. im urkundenb. S. 109 und 115. 2) Heinrich der Lette p. 18. Arnold. Lubee. L. VII. c. 9. ipsum sequebatur multitudo maxima et militum manus copiosa. Das Cron. Bremens. p. 76 nimmt das Jahr 1198 an. 26 *

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404 Kreuzzug nach Livland unter Biſchof Albert. Feind gab die Belagerung nicht eher auf, als bis er ſeine Saatfelder rings umher durch die Kreuzbruͤder aus Fries⸗ land in Brand geſteckt ſah und aus Beforenig noch groͤße⸗ rer Verheerungen um Frieden bat. Der Biſchof bewilligte dieſen zwar, begab ſich mit ſeinem Heerhaufen und vielen Stammaͤlteſten der Liven gegen den Righe hinab und ließ die letzteren da taufen; indeſſen traute er ihrem friedlichen Verſpiechen nicht und ließ ſie daher alle, unter dem Scheine eines Gaſtmahles zu ihm eingeladen, in feſte Verwahrung bringen. Aus Furcht nach Deutſchland entſandt zu werden, veranſtalteten fie, daß dem Biſchofe bald darauf dreißig ih- rer vornehmſten Juͤnglinge aus dem Gebieten der Dina und von Thoreida als Geißeln und zur Buͤrgſchaft des Friedens geſtellt wurden ). Dieſe Zeit der Ruhe beſchloß der Biſchof Albert zur Vermehrung der Sicherheit der Chriſten im feindlichen Lande zu benutzen, denn er erkannte wohl, daß das Ungewitter des Zornes und der Erbitterung der Heiden noch nicht ausgetobt und der Stuͤrme noch mehre folgen wuͤrden. Darum faßte er den Gedanken, an dem Righe-Berge, hart am Duͤna-Strom und unfern von deſſen Muͤndung in den nahen Meerbuſen, wo die Verbindung mit der of- fenen See durch die Natur gegeben war, die Stadt Riga aufzubauen. Beabſichtigt ſoll ihre Gruͤndung ſchon mehre Jahre zuvor geweſen ſeyn, denn nach einer noch verhande— nen Urkunde des Roͤmiſchen Koͤniges Heinrich des Sechsten ſoll dieſer den damaligen Biſchof von Livland Berthold nicht bloß unter die Zahl der Reichsfuͤrſten aufgenommen und mit oberhoheitlichen Rechten in ſeinem Gebiete verſe⸗ ben, ſondern ihm auch ſchon die Erlaubniß zur Gründung einer Stadt am Riga ertheilt haben ). Iſt wirklich damals 1) Heinrich der Lette p. 18. 2) Dieſe Angabe iſt hier abſichtlich als noch zweifelhaft hingeſtellt. Sie beruht zwar auf einer Urkunde, die ſich im geheim. Archiv zu Kb nigsberg aufgefunden hat und in der Beilage Nro. V. abgedruckt er⸗

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Gruͤndung Riga's durch Biſchof Albert. 405 dieſer Plan ſchon vorhanden geweſen, ſo moͤgen wohl die fo ſchwankenden und unruhevollen Verhaͤltniſſe des Landes zur Zeit des Biſchofs Berthold dem Aufbau einer neuen chriſtlichen Stadt beftändige Hinderniſſe in den Weg gelegt haben. Biſchof Albert aber, von der Nothwendigkeit eines ſicheren Vereinigungspunktes fuͤr die Chriſten zu ſehr uͤber⸗ zeugt, bot alles auf, den Gedanken in Ausfuͤhrung zu brin⸗ gen und in wenigen Jahren ſtand Riga durch ihn gegruͤn⸗ det da y und bewahrt dankbar ihres Gruͤnders Andenken noch bis dieſen Tag. Je mehr indeſſen der Biſchof Albert die geiſtige Ei⸗ genthuͤmlichkeit und den ganzen Charakter des Liviſchen Volkes kennen lernte und je vielfältiger er die Erfahrung ſcheint; allein ihre Aechtheit iſt nicht ſtreng zu beweiſen, wenn auch viele Gründe dafür ſprechen. Sie iſt nur noch in einer alten Abſchrift vorhanden und kein Livländiſcher Schriftſteller ſcheint fie gekannt zu ha⸗ ben. Wenn man den Anfang der Indiction mit dem erſten Januar annimmt, fo kann das Datum kaum richtig ſeyn, denn die Indict. XIV. faͤllt ins Jahr 1196 und im December dieſes Jahres befand ſich der Koͤnig Heinrich VI. in Italien. Indeſſen macht doch bekanntlich eine falſche Angabe der Indiction allein eine Urkunde noch nicht geradezu unächt. Verdächtiger moͤchte der ganze Inhalt ſeyn, beſonders wenn man an die nachfolgenden argen Streitigkeiten des Erzbiſchofs von Riga mit dem deutſchen Orden denkt. Fuͤr unſern Zweck wuͤrde eine gründliche Unterſuchung uns hier zu weit führen und es mag alſo ges nug ſeyn, vorerſt auf dieſe Urkunde aufmerkſam gemacht zu haben. 1) ueber die Gruͤndung Riga's iſt viel hin und ber geſtritten wor⸗ den. Nach Hein rich dem Letten p. 19 ſcheinen die Stammaͤlte⸗ ſten der Liven ſelbſt dem Biſchofe den Ort zur Anlegung der Stadt be merklich gemacht zu haben; er ſagt: Livonum Seniores Episcopo lo- cum civitatis commonstrant, quem et Rigam appellant vel a Riga lacu. Aber auch als Berg wird von Heinrich dem Letten der Riga einigemal, z. B. p. 12, angefuͤhrt. Ueber das Jahr der Gruͤndung, welche Heinrich der Lette p. 20 im Sommer 1200 erfolgen laßt, find die von Gruber Orig. Livon. p. 20 angezogenen Chroniſten und Gadebuſch a. a. O. S. 33. zu vergleichen. Uebrigens ſagt das Chron. Brem. p. 76: Nova civitas Riga Bremensis civitatis insig- nia suscepit.

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406 Gründung Riga's durch Biſchof Albert. machte, welche Ueberwindung und welchen Kampf es ſelbſt Einzelnen koſte, ſich des alten Volkslebens, der alten Sit- ten und Bräuche in der Lebensweiſe und des alten Götter- glaubens zu entſchlagen, um ſo klarer ſah er ein, daß das wandelbare und unſichere Mittel der Pilgerheere in keiner Weiſe hinreichen koͤnne, der neuen Geſtaltung der Dinge im Lande irgend ſichere Haltung und Feſtigkeit zu geben. Nach Jahresverlauf kehrten die Kreuzbruͤder faſt immer wieder heim und ſomit kehrte auch der bange Zuſtand der Hülflofigfeit und des Mangels einer zureichenden Kriegsmannſchaft ge⸗ gen das wankelmuͤthige Volk der Liven immer wieder zu⸗ ruͤck. Dieſen mißlichen Verhaͤltniſſen glaubte Albert durch zwei Mittel am beſten begegnen zu koͤnnen. Das eine die⸗ ſer Mittel zielte darauf hin, durch Austheilung laͤndlichen Beſitzthums an ausgezeichnet tapfere Krieger das Intereſſe dieſer Maͤnner an die Erhaltung und Vertheidigung des Landes auf immer feſt zu knuͤpfen. Weil jedoch zur wei- ten Ausdehnung dieſes Mittels — denn nur in weiter Verbreitung konnte es den Zweck erfuͤllen — ſchon eine bedeutende Maſſe von Landbeſitz zur Vertheilung in ſeinen Haͤnden ſeyn mußte, eine ſolche aber den Landeseingebore⸗ nen ohne geſteigerte Erbitterung des ganzen Volkes nicht entzogen werden konnte, ſo ſollte ein anderes Mittel dieſes zuerſt vorbereiten. Und dieſes zweite Mittel war der Plan, einen beſonderen Ritter-Orden zu ſtiften, deſſen Zweck es ſeyn ſollte, das Reich des Glaubens und der Kirche unter den Voͤlkern des Nordens immer mehr zu erweitern, das für das Chriſtenthum gewonnene Land und die in ihm gegruͤn⸗ dete chriſtliche Kirche gegen den heidniſchen Feind mit aller Macht zu vertheidigen und ſo in ſeiner ganzen Beſtim— mung eine feſtſtehende, dem Landesbiſchof in jedem Augen⸗ blick bereite Heeresmacht für die Sache Chriſti zu bilden ). 1) Nach der Angabe mancher Quellen ſoll Albert dieſen Plan und ſo auch ſchon die Erlaubniß zu ſeiner Ausfuͤhrung vor ſeiner erſten Hin⸗ reife nach Livland, alſo gleich nach der Uebernahme des biſchoͤflichen Am⸗

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Stiftung des Ordens des Ritterdienſtes Chriſti. 407 Um dieſen Gedanken auszufuͤhren, begab ſich der Bi⸗ ſchof noch im Ablaufe des Jahres 1199 nach Deutſchland zuruͤck. Seine naͤchſte Abſicht war, ein neues Kreuzheer aufzubringen, um unter deſſen Schutz die erſte Grundlage ſeines Planes deſto ſicherer aufbauen zu koͤnnen. Die Ein⸗ willigung des Papſtes Innocenz des Dritten brachte ihm der ſchon fruͤher erwaͤhnte Dieterich von Thoreida, ſein Freund und Gehülfe, den er, eingeweiht in feinen Gedan⸗ ken, nach Rom geſandt und mit einem Entwurfe ſeines Planes verſehen hatte ). Mittlerweile war er ſelbſt eifrigſt bemüht geweſen, eine neue Schaar von Kreuzbruͤdern zu⸗ ſammen zu bringen und kehrte dann mit dieſer im naͤchſten Jahre nach Livland zuruͤck. Zweien der mit ihm gekom— menen Ritter Daniel Bannerow und Konrad von Meyen— dorf uͤbergab er nun in Lehnsweiſe die beiden Burgen Le⸗ newarden und Bkeskola 2). Durch die Entſchiedenheit und tes gehabt und die Stiftung des Ordens alsbald nach ſeiner Ankunft im Lande ausgefuͤhrt haben. Darauf deutet ſchon Arnold. Lubee. L. VII. c. 9 in den Worten hin: Obtinuerat eliam a sede Apostolica, ut si quos invenisset viros religiosos et verbi Dei erogatores, sive de ordine Monachorum, sive regularıum Canonicorum vel aliorum religiosorum, ipsos suo labori cooperatores eſſiceret. Auch Alnpeks Reim :Chron. S. 12 und die Ordenschronik bei Mathaeus T. V. p. 702 und andere Chroniſten folgen dieſer Annahme. Indeſſen überwiegt dieſe doch alle das vollguͤltige Zeugniß des zeitgenoͤſſiſchen und wohlun⸗ terrichteten Heinrich des Letten, der den Urſprung dieſes ſo wichtigen Ereigniſſes gewiß genau und richtig kannte und die Begebenheiten in der Zeitfolge erzählt, wie fie oben dargeſtellt find. 1) Ich beziehe die dunkele Stelle in Heinrich dem Letten p. 19 f. 6 auf dieſen Plan. Offenbar war Dieterich von Thoreida wegen der Stiftung des neuen Ritter-Ordens nach Rom gegangen und brachte die Beſtätigung des Papſtes — literas ab eo praenominatas et benigne porrectas — nun zurüd. 2) Die Familie der Meyendorfe oder Meindorf war im Holſteini⸗ ſchen, Magdeburgiſchen und in der Mark ſehr ausgebreitet. Vgl. Gru- ber Orig. Livon. p. 20. Wohlbruͤcks Geſchichtliche Nachrichten von dem Geſchlechte von Alvensleben Th. I. S. 86. Die Burg Lenewarden 5 gleichfalls an der Düna, da wo jetzt Lenewaden ſuͤdlich von Uexkul iegt. :

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408 Stiftung des Ordens des Ritterdienſtes Chriſti. Kraft des Willens aber, mit welcher der Biſchof in allem gegen die Liven verfuhr, wurden die Kurlaͤnder und Lit⸗ thauer bewogen, freiwillig um Frieden zu bitten und Albert erfreut, gegen dieſe beiden nahen und gefaͤhrlichen Voͤlker geſichert zu ſeyn, bewilligte ihn ). Als hierauf zur weiteren Verbreitung des Evangeliums durch Wort und Lehre in Riga auch ſchon einige Moͤnchs⸗ Kloͤſter gegruͤndet waren, ging Biſchof Albert ſeinem wich⸗ tigen Plane der Stiftung eines beſonderen Ritter-Ordens nun naͤher entgegen. Zu dieſem Gedanken gefuͤhrt war er offenbar durch die Erfolge, welche die Stiftung der geiſtli⸗ chen Ritter-Orden im Morgenlande in dem Kampfe fuͤr den Glauben Chriſti und in der Vertheidigung ſeiner Kir⸗ che gegen die Unglaͤubigen gehabt hatte, wovon Albert in Deutſchland ſich genau hatte unterrichten koͤnnen. Sie wa⸗ ren ihm daher auch fuͤr ſeinen neuen Orden Muſter und Beiſpiel und wahrſcheinlich hatte ſeine und ſeines Freundes Dieterichs Reiſe nach Deutſchland ) und Italien zugleich auch mit den Zweck gehabt, die Verfaſſung und die inne⸗ ren Verhaͤltniſſe dieſer geiſtlich⸗ ritterlichen Stiftungen aufs genauſte kennen zu lernen. Vor allem aber war es die Regel und Verfaſſung des Templer-Ordens, welche der Bi⸗ ſchof nach des Papſtes Anrathen bei der Stiftung ſeines neuen Ordens zum Grunde legte ). 1) So Heinrich der Lette p. 20 — 21. Es beziehen ſich hier⸗ auf auch die Worte bei Arnold. Lubee. L. VII. c. 9: Cumque fre- quenter aeslivo lempore exercitum duceret contra crucis Christi ini- micos, non solum Livones, verum etiam alias barbaras nationes ita sibi subjecerat, ut ab eis obsides acciperet et pacis conditiones cum eo faceret. 2) Heinrich der Lette p. 21 erwähnt außer der erſten Reife nach Deutſchland im Jahre 1199 noch einer zweiten, die er ins Jahr 1201 fest, indem der Biſchof die zuruͤckkehrenden Kreuzbruͤder begleitete. 3) Heinrich der Lette p. 2 ſagt: Quibus (fratribus) Domi- nus Papa Innocentius III. Regulam Templariorum commisit, Hie⸗ mit ſtimmen auch andere Quellen überein: fo Arnold. Lubee. L. VII. c. 9. In Alnpeks Reim⸗Chronik S. 12 ſagt der Papſt zum Biſchof Aubert:

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Stiftung des Ordens des Ritterdienſtes Chriſti. 409 Die Glieder des neuen Ordens nannte Albert „Bruͤ⸗ der des Ritterdienſtes Chriſti ),“ um ſchon in dieſer Be⸗ nennung des Ordens Zweck und Beſtimmung zu bezeichnen, denn das ganze Leben und alles Thun und Wirken der neuen Ritter-Bruͤder ſollte nur dem Dienſte Chriſti, der Verbreitung und Erhaltung des Glaubens an den Gekreu⸗ zigten, dem Schutze und der Vertheidigung ſeiner Kirche gewidmet ſeyn. Dieſen Sinn ſprachen auch das Kreuz und das Schwert auf dem weißen Mantel aus, welchen Albert den Ritter-Bruͤdern als ihr Ordenskleid beſtimmte ). Da das Kreuz das gemeinſame Zeichen aller ſolcher geiſtlich-rit⸗ terlichen Orden war, ſo galt das Zeichen des Schwertes fuͤr das ausgezeichnetere und man nannte bald nach ihm die Ritter dieſes Ordens auch die Schwert-Bruͤder oder Schwert⸗Traͤger ). Es ward ferner auch verordnet, daß die Ritter dieſes Ordens im Dienſte fuͤr die Kirche dem Sint die lant ſin alſo geſtalt Stifte ein geiſtliches leben Nach dem tempil us gegeben Die gotes ritter heiſen da. 1) „Fratres Militiae Christi.“ 2) Der ganze früher zur Zeit der Schurzfleiſche — el. Schurzflei- Schi Historia Ensiferorum — über die Inſignien dieſes Ordens ge⸗ führte Streit wuͤrde nicht entſtanden ſeyn, wenn man ſich mehr an die Hauptquelle der Geſchichte dieſes Ordens, an Heinrich den Letten gehalten und nicht durch die verdorbene Stelle des Dusburg P. II. c. 4, wie fie in der Ausgabe von Hartknoch ſteht, hätte verführen laſſen. Wir werden von dieſer Stelle noch ſpaͤterhin ſprechen, bemerken jedoch hier ſchon, daß von einem Sterne bei den Livlaͤndiſchen Ordens⸗ zeichen in keiner Weiſe die Rede ſeyn kann. Heinrich der Lette P. 22 fagt ausdruͤcklich: Signum in veste ſerendum dedit, scilicei Gladium et Crucem. Arnold. Lubec. L. VII. c. 9 erwähnt nur des ausgezeichneteren Zeichens, naͤmlich des Schwertes: professionis suae signum in forma gladii, quo pro deo certabant, in suis vesti- bus praeſerebant. 3) Auch dieſer Name wurde ihnen ſchon in den erſten Zeiten gege⸗ ben. Er kommt ſchon bei Heinrich dem Letten p. 136 vor, wo dieſer fie gladiferi nennt. Ensiferi heißen fie bei ihm aber niemals.

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410 Stiftung des Ordens des Ritterdienſtes Chriſti. jederzeitigen Biſchofe des Landes als ihrem oberſten Herrn zum Gehorſam verbunden ſeyn ſollten 9. Zu ihrem Unter⸗ halte wurde der dritte Theil des Landes beſtimmt, welches dem Biſchofe bereits als chriſtlich zugehoͤrte ). Als ihren erſten Meiſter weihte Albert den ritterlichen Vinno von Rohrbach ), einen erfahrenen Kriegsmann, der ſich des Or— dens Aufkommen und Bluͤthe auch in aller Weiſe fehr an⸗ gelegen ſeyn ließ. Die Zahl der Ordens-Bruͤder war je= doch im Anfange nur gering; ſie vermehrte ſich aber in der Folge von Jahr zu Jahr und ſchon im Jahre 1202 traten auch die edlen Ritter Arnold von Meyendorf, Bern— hard von Seehauſen, Dieterich von Apeldern, des Biſchofs Albert Bruder, nebſt mehren andern ritterlichen Kriegern, welche den Bifchof aus Deutſchland nach Livland begleite— ten, in den Orden ein), fo daß in wenigen Jahren die Zahl der Ordens-Bruͤder ſchon ziemlich bedeutend war s). Bei dem allen duͤnkte jedoch dem Biſchofe dieſe zu feinem Dienſte ſtets bereit ſtehende Kriegsmacht noch keines wegs zureichend, um feine neue Pflanzung gegen die rings— umher drohenden Gefahren ganz ſicher zu ſtellen; denn au= ßer den Liven, Eſthen, Kurlaͤndern und Litthauern, die, 1) „Et sub obedientia sui Episcopi esse mandavit.“ Heinrich der Lette p. 22. 2) So war ohne Zweifel Anfangs die Beſtimmung, uͤber welche nachher der Orden mit dem Biſchofe in großen Streit gerieth. 3) Ob ihm der Name von Rohrbach mit Recht zukomme, iſt frei⸗ lich nicht ganz gewiß, wie ſchon Gruber Orig. Livon. p. 58 angiebt. Man hat ihn ſpaͤter fo genannt. S. Dray T. I. p. 97. Die Chro⸗ niken nennen ihn beſtaͤndig nur Vinno oder Vinne. Uebrigens iſt ſonſt feine Familie ganz unbekannt. Vgl. Arndts Livländ. Chron. Th. II. SH. 4 Heinrich der kette p. 23. 5) Arnold. Lubee. I. c. fagt: Multi eliam continentias voven- ies ei soli Deo militare cupienles, ſorma quadam Templariorum omnibus renunciantes, Christi mililiae se dediderunt. Im Jahre 1206 bemerkt Heinrich der Kette p. 47: Faclum est aulem eodem tempore, ut augeret Dominus de die in diem numerum et ſamiliam Fratrum Militiae.

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Stiftung des Ordens des Ritterdienſtes Chriſti. 411 wenn auch vorerſt den Frieden noch bewahrend, doch im⸗ mer mit feindlichem Auge und mit Groll im Herzen den neuen Glauben weiter und weiter verbreiten und mit Er⸗ weiterung dieſes Glaubens auch eine neue fremde Herrſchaft uͤber ſich heranwachſen ſahen, regte ſich bald auch in der Seele des chriſtlichen Fürften von Polozk Mißtrauen und Eiferſucht bei dem, was in Livland vorging ). Und dieſes Mißtrauen wurde doppelt bei ihm lebendig, als er jene geiſtlich⸗ritterliche Kriegsmacht ſich immer mehr erweiternd auf den Gebieten emporſteigen ſah, aus welchen ihm ſonſt, wenn gleich nur in aͤrmlichen Leiſtungen, doch im jaͤhrli⸗ chen Tribute die Zeichen gehorſamer Unterwuͤrfigkeit waren entgegen gebracht worden. Dieſe mißtrauiſche Geſinnung bewies der Fuͤrſt ſchon im Jahre 1202 bei einem Einfalle in Livland, als er einen unbedeutenden Vorfall benutzte, um die Burg Bkeskola zu belagern, jedoch ohne fie zu er⸗ ſtuͤrmen, da er ſich durch Geldgeſchenke zum Abzuge gewin⸗ nen ließ ). Er zeigte dieſelbe feindſelige Geſinnung aber von neuem im Jahre 1205, als die Liven ihn fuͤr den Verſuch zu gewinnen ſuchten, die Deutſchen mit der Ge— walt der Waffen aus Livland wieder zu vertreiben ). Dieſes alles machte es doppelt nothwendig, daß der Biſchof fort und fort bemüht ſey, außer der ſtehenden Kriegs⸗ macht ſeines Ordens auch immer noch die Kreuzzuͤge nach Livland in Bewegung zu erhalten, weshalb er auch faſt jedes Jahr nach Deutſchland ging, theils um die in Liv— 7 1) Nach Karamſin B. III. S. 116 hatte der Fuͤrſt eine feſte Burg an der Duͤna, Kukenois jetzt Kokenhuſen, in Beſitz. Diefes be⸗ ſtaͤtigt auch Heinrich der Lette p. 33 36. 2) Heinrich der Lette p. 26. Bei Arnold. Lubec. 1. c. heißt es: Verum inter haec prospera non deſuerunt adversa. Siquidem Rex Russiae de Plosceke de ipsis Livonibus quandoque tributum colligere consueverat, quod ei Episcopus negabat. Unde saepius Sraves insultus ipsi terrae et eivilati sacpe dietac faciebat. Nach Karamſin B. III. S. 117 hob der Fuͤrſt die Belagerung auf, weil er gehört, daß fremde Schiffe ſich den Küften von Livland näherten. 3) Heinrich der Lette p. 35.

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412 Hinderniſſe in der Bekehrung der Liven. land geweſenen Pilgerhaufen in ihre Heimat zuruͤckzubeglei⸗ ten, theils vorzuͤglich auch um immer neue Schaaren von Pilgerbruͤdern aufzubringen und nach Livland zu fuͤhren ). Es war aber ferner auch nicht minder nothwendig, daß der Biſchof in beſtaͤndiger Verbindung mit dem deutſchen Rei⸗ che blieb und daß er am Roͤmiſchen Hofe immer eine le= bendige Theilnahme an der Erweiterung der chriſtlichen Kirche in Livland aufrecht zu erhalten ſuchte. Jenes be⸗ wirkte er durch feine öfteren Reiſen nach Deuſchland, wo er die Reichsgroßen und Fuͤrſten fuͤr ſeine Sache gewann; dieſes erreichte er, indem er den Papſt beſtaͤndig von den Fortſchritten, wie von den Hinderniſſen und Hemmungen ſeines Werkes in Kenntniß ſetzte. So geſchah dieſes unter andern ſchon im Jahre 1202, als der Abt Dieterich von Thoreida mit dem bekehrten Stammaͤlteſten des Gebietes von Thoreida, jenem ſchon erwähnten Kaupo 2), durch Deutſchland nach Rom zog, wo dieſer letztere vom Papſte Innocenz dem Dritten mit ausgezeichneter Achtung behan⸗ delt und reich beſchenkt wurde: ein Ereigniß, welches auf den Fortgang der Bekehrung in Livland den guͤnſtigſten Ein⸗ fluß hatte. Indeſſen gelang doch dieſes Werk der Bekehrung in Livland auch in der nachfolgenden Zeit nur unter vielem Blut und Schweiß und unter unaufhoͤrlichen ſchweren und harten Kaͤmpfen theils mit jenem Fuͤrſten von Polozk, der bald als der erbittertſte Gegner der Liviſchen Chriſten auf⸗ trat und an welchen ſich auch andere Ruſſiſche Fuͤrſten jener Gegenden anſchloſſen ), theils auch fortwaͤhrend mit den umherwohnenden heidniſchen Voͤlkern, die ſich lieber der Herrſchaft jener Ruſſiſchen Fuͤrſten fuͤgen, als durch die 1) Nach Heinrich dem Letten geſchah dieſes in den Jahren 1203, 1204, 1205. 2) Heinrich der Kette p. B nennt bei dieſer Gelegenheit dieſen Kaupo quasi Rex et Senior Livonum. 3) S. Heinrich den Letten p. 40 — 41. Karamſin B III. S. 117.

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Hinderniſſe in der Bekehrung der Liven. 413 Aexte der Chriſten die Bildniſſe und Wohnſitze ihrer Götter, des mächtigen Weltſchoͤpfers Jumala, des Donnergottes Perkun, des Fruͤchteſpenders Seminik zertruͤmmern laſſen wollten; denn ſo hatte ſich bei den Liven der Haß gegen die Deutſchen geſteigert, daß ſie den Sterbenden mit den Worten zu troͤſten pflegten: „Gehe Ungluͤcklicher in die beſ⸗ ſere Welt, wo die Deutſchen nicht mehr Deine Gebieter, ſondern Deine Knechte ſeyn werden.“ Dieſem Haſſe in⸗ deſſen und jener feindlichen Geſinnung der Ruſſiſchen Fuͤr⸗ ſten ſtellten die Kreuzheere, vor allem aber die Ritter des neuen Ordens beſtaͤndig eine ſo ausharrende Tapferkeit und einen ſo unerſchuͤtterlichen Heldenmuth entgegen, daß die Sache des Glaubens, wenn auch vielfach gehemmt und in ihrem vollen Siege oft gehindert, doch immer weiter vor⸗ waͤrts ſchritt ). Der Krieg mit den Ruſſiſchen Fuͤrſten war eigentlich freilich nur ein Kampf um Land und Beſitzthum, doch ſtritt auch hier der Biſchof mit den Seinen im Ge⸗ fühle einer gerechten Sache; denn wenn auch zweifelhaft bleiben mag, ob ſchon der Kaiſer Heinrich der Sechſte dem Biſchofe von Livland das Beſitzrecht uͤber das ganze Land mit hohen Vorrechten zugeſprochen hatte ), fo iſt doch ge⸗ wiß, daß ihm der Roͤmiſche König Philipp ) und nach⸗ 1) Die Geſchichte dieſer Kaͤmpfe gehoͤrt nicht in dieſes Werk und muß dem Geſchichtſchreiber jener Länder uͤberlaſſen bleiben. Hier kann nur der Gang der Ereigniſſe im Allgemeinen und der Zuſammenhang der Verhaͤltniſſe vorgezeichnet werden. Ueber jene mag nachgeleſen wer⸗ den Heinrich der Lette, Alnpeks Reim-Chronik, Arndts Liv⸗ länd. Chronik, Bray, Schloͤzers und Gebhardi's Geſchichte von Litthauen, Kurland und Livland u. a. 2) Naͤmlich in der Urkunde Heinrichs VI, in der Beilage Nro. V, von welcher oben S. 404 die Rede geweſen. 3) Wir befigen dieſe Beſtaͤtigungs⸗urkunde Philipps zwar nicht mehr im Original; aber Heinrich der Lette p. 46 fagt: (Albertus) perlustrata Saxonia, Westphalia, Frisia landem ad curiam Regis Philippi pervenit (anno 1205) et cum ad nullum Regem auxilii ha- beret respectum, ad Imperium se convertit et Imperium salutat, ac ab eo ex communi Imperatoris et statuum suffragio Lioo-

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414 Zwiſt zwiſchen Bifchof Albert und dem Orden. mals auch der Kaiſer Otto der Vierte das ganze Land als rechtmaͤßiges Beſitzthum foͤrmlich und urkundlich zuerkann⸗ ten ). Hiedurch aber wurde die Verbindung Livlands mit dem Deutſchen Reiche nicht nur immer inniger und enger, ſondern es ward auch die Unabhängigkeit des neuen Bis— thums von aller fremden Herrſchaft durch die Idee, daß der Kaiſer mit allem Rechte uͤber die Laͤnder der Heiden verfuͤgen koͤnne, immer klarer gefaßt und allgemeiner an⸗ erkannt. Je feindlicher aber und erbitterter die gereizten und von den Ruſſen aufgehetzten heidniſchen Voͤlker rings um das kleine bereits chriſtlich gewordene Land ſtets zum Kampfe geruͤſtet ſtanden, um ſo gefahrvoller ward ein Streit, der ſchon nach Verlauf der erſten Jahre zwiſchen dem Biſchofe Albert und den Ordens⸗Rittern ausbrach, indem durch ihn die fo nothwendige Einheit und das bisherige innige Vers haͤltniß des Biſchofs und des Ordens zum erſtenmale ge: ſtoͤrt wurde. Die Zahl der Ordensritter hatte ſich, wie ſchon erwähnt, in wenigen Jahren anſehnlich vergrößert. Nicht ſelten waren deutſche Ritter und Krieger, die mit den Schaaren der Pilgerbruͤder herbeigezogen, am Kampfe gegen die Heiden Vergnuͤgen, Ruhm und Gelegenheit zur Uebung ritterlicher Tugenden fanden, als Glieder in den Orden getreten. Nun reichte aber der zuertheilte Landbe— ſitz zu ihrem Unterhalte bald nicht mehr hin. Daher legten ſie im Gefuͤhle des Rechts, daß ihnen bei dem Kampfe ge⸗ gegen die Heiden und bei der Hinopferung ihres Blutes auch ein Theil des Gewinnes im Kampfe zufallen muͤſſe 2), niam recipil. Rex vero antedlictus Philippus quolibet anno sibi in auxilium dari centum mascas argenti Promisit, si promissis quis- piam dives esse poterat. Und p. 48 heißt es: Ipse (Albertus) Li- voniam cum omni dominio et jure ab Imperator. receperat. Dieſe Angabe ſtuͤtzt ſich wohl offenbar auf eine damals vorhandene Ur: kunde. 1) Vgl. die Abſchrift der Beſtätigungsurkunde in der Beilage Nro. VI. 2) Heinrich der Lette ſagt p. 47: Quibus (fratribus) visum

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Zwiſt zwiſchen Biſchof Albert und dem Orden. 415 dem Biſchofe im Jahr 1206 die Forderung vor: „daß er ihnen ſofort den dritten Theil von ganz Livland als Be⸗ lohnung ihrer Muͤhen abtreten moͤge; daß ihnen aber in der Folge der Zeit auch noch der dritte Theil der zur Zeit noch nicht bekehrten und noch uneroberten Laͤnder zufallen moͤge, ſobald ſie fuͤr den chriſtlichen Glauben gewonnen wuͤrden, damit ſie in ſolcher Weiſe fuͤr ihre erweiterten Be⸗ duͤrfniſſe und ihre vergroͤßerten Verwendungskoſten ſich auch reichlicherer Einkuͤnfte zu erfreuen haͤtten ).“ Der Biſchof, dem unter den drohenden Gefahren alles an dem Aufkom— men und an der Vermehrung des Ordens in feiner Ritter zahl gelegen ſeyn mußte, erfüllte ohne beſondere Schwierig⸗ keiten das eine Geſuch der Ordens-Bruͤder, indem er ih⸗ nen ein Drittheil des Landes, ſo wie der Kaiſer es ihm zugeſprochen, mit allen Hoheitsrechten abtrat 2). Allein der Orden begnuͤgte ſich hiemit noch keineswegs und drang auch auf die vorläufige Abtretung des dritten Theiles von allen den Landen, die durch ſeine Mitbemuͤhung ferner noch dem Chriſtenthum zugewendet werden moͤchten. Da ſolches der Biſchof entſchieden verweigerte und der erhobene Streit un— ter beiden auf keine Weiſe beigelegt werden konnte, ſo est, ut, sicut accresceret eis in personis et laborihus, sic acerescere deberet et in rebus et in bonis, ut qui in bellis et aliis Iaboribus continuis portabant pondus diei et acsins, simul et reciperent con- solationem laboris sui, denarium diurnum. 1) Heinrich der Lette p. 48 belehrt uns uͤber ihre Forderung durch folgende Worte: Petebant a Domino Episcopo instantia quo- tidiana tertiam partem tofius Livoniae, nec non ct aliarum terra- rum zel gentium in circuitu, nondum conversarum, quas per eos Dominus simul cum aliis Rigensibus in posterum fidei subjiceret christianae, ut, sicut maioribus sollicitarentur expensis, sic pluri- bus gauderent reditibus. Arnold. Lubee. L. VII. c. 9. : 2) Heinrich der kette I. c.: Episcopus — laboribus et ex- pensis eorum respondere volens, terliam partem Livoniac eis con- cessit. Et quia ipse Livoniam cum omni dominio ct jure ab Im- Peratore receperat, eis suam terliam pariem cum omni jure et do- minio reliquit.

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416 Zwiſt zwiſchen Biſchof Albert und dem Orden. brachte man die Sache endlich an den Roͤmiſchen Stuhl, bei welchem die Entſcheidung dahin fiel, daß bei den noch nicht erworbenen Laͤndern eine Theilung noch gar nicht moͤglich ſey und der Orden ſich vorerſt mit dem dritten Theile des erworbenen Landes begnuͤgen muͤſſe; doch ſolle auch von dieſem Theile der vierte Theil des Zehnten als Zeichen und als Anerkenntniß des Gehorſams des Ordens gegen das Gebot des Biſchofes dieſem uͤberliefert werden ). Somit war der bedenkliche Streit vorerſt beſchwichtigt. Auf des Biſchofs Bitte theilten die Ordens-Bruͤder ganz Livland, ſo weit es chriſtlich war, in drei Theile. Dem Biſchofe, als dem eigentlichen Oberherrn, blieb die Wahl des erſten Theiles und er wählte als ſolchen Kaupo's Herr⸗ ſchaft oder das Gebiet von Thoreida. Dann waͤhlten die Ordens = Brüder die Landſchaft Saccalanien jenſeits des Goiwa⸗Fluſſes als ihren Theil und der dritte Theil fiel von ſelbſt dem Biſchofe zu. Dieſem ſowohl, als dem Or⸗ den war uͤberlaſſen, in den ihnen zugefallenen Landſchaften die Verfaſſung und Verwaltung in der Art anzuordnen, wie es ihnen gut duͤnke ). Der Zwiſt aber ruhte nur, denn voͤllig beigelegt war er noch keineswegs, da ja mit jeder neugewonnenen Landſchaft auch immer wieder neuer Stoff zur Erweckung des Streites gegeben wurde. Sofort ordnete nun der Ordens-Meiſter Vinno in der 1) Heinrich der Lette p. 48 ſagt uͤber die Entſcheidung des Papſtes: Qui (Pontifex Romanus) simili sententia terras nondum acquisitas Deo commiltens, de acquisilis tertiam partem eis asscrip- sit, relicta etiam Episcopo Livoniensi quarta parte decimarum in parlibus ipsorum ad obedientiae recognitionem. Dieſe Angabe ver⸗ vollſtaͤndigt Arnold. Lubee. I. c. indem er ſagt: Dicebant sane fra- tres, ipsorum juris esse tertiam partem totius gentilitatis, quam Dominus Episcopus vel verbo praedicationis vel violentia expedi- tionis obtinere potuisset. Quod cum Episcopus omnino eis negaret, facta est inter eos gravis discordia, ita ut multum contra ipsum in curia Romana laborarent, nec minus Dominus Episcopus suam sententiam conſirmaret. 2) Heinrich der Lette p. 48.

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Der Ordens-Meiſter Vinno. 417 dem Orden zugehörigen Landſchaft die nöthige Verwaltung an. In Wenden erhob ſich eine Ordens-Burg, die von ?Ddeman als der Hauptſitz des Ordens galt und als erſten Ordens⸗Komthur den Ritter Berthold erhielt. Zugleich aber war ſie auch der Wohnſitz des Ordens-Meiſters Vinno h); doch hielt ſich dieſer öfter auch in Riga auf >). Indeſſen ſtand dieſer Meiſter nur noch kurze Zeit an des Ordens Spitze. Die Art ſeines Todes aber iſt gleichfalls ein Beweis, daß die Zwietracht zwiſchen dem Orden und dem Biſchofe noch keineswegs gelegt, vielmehr die fein- liche Spannung zwiſchen ihnen noch in fortwaͤhrendem Steigen war. Es geſchah naͤmlich im Jahre 1208, daß der Ordens⸗ Ritter Wigbert), ein Mann, der eben fo ſehr von der Luſt zum Weltleben hingeriſſen, als voll Widerwillens ge- gen die ſtrenge Ordnung und kloͤſterliche Entſagung des Ritter⸗Ordens war und darum unter den Übrigen Ordens—⸗ Bruͤdern auch ſchon oͤfter Unfrieden und Zwietracht erregt hatte, aus dem Ordens-Hauſe zu Wenden entfloh und ſich zu einem Prieſter nach Ydumea begab unter dem Vorge— ben, dort wolle er des Biſchofes erwarten und ſich dieſem dann zu Gehorſam ergeben. Allein die Ordens-Bruͤder, der Komthur Berthold von Wenden an ihrer Spitze, ſetzten ihm nach und zu Bdumea gefangen genommen brachten ſie ihn nach Wenden ins Gefaͤngniß. Als er hier nun des Biſchofs Ankunft vernahm, bat er um ſeine Befreiung und um die Erlaubniß, nach Riga gehen zu duͤrfen, um ſich dem Biſchofe und dem Orden dort zu neuem Gehorſam zu verpflichten. Der Komthur von Wenden, den Worten 1) Heinrich der Lette p. 36. 58. 59. 60. 2) Gruber Orig. Livon. Pp. 56. not. d. 3) Einige ſpaͤtere Schriftſteller nennen ihn Wigbert von Soeſt; fo Alnpets Reim-Chronik S. 13 „Von fofat einen hunt gebur.“ Broy L. I. p. 105 führt ihn unter dem Namen Wigbert de Serrat auf. I

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418 Der Ordens-Meiſter Vinno. des Ritters trauend und hoffend, er werde in reuiger Buße ſich den Geſetzen des Ordens fuͤgen, nahm ihn in die Ge⸗ meinſchaft des Ordens wieder auf und ſandte ihn ſeinem Wunſche nach gen Riga. Dort ſann aber der ergrimmte Ritter nur auf eine Gelegenheit, ſeinem Grolle gegen die Ordens⸗Ritter Raum zu geben. Als einſt an einem Feier⸗ tage die Ordens-Bruͤder mit den übrigen Leuten ins Klo⸗ ſter zum Gebete gegangen waren, beredete er den Ordens⸗ Meiſter Vinno und einen Ordens-Prieſter Johannes, mit ihm in ein entferntes Gemach zu gehen, vorgebend, er wolle ihnen dort verſchiedene geheime Dinge eroͤffnen. Kaum aber war der Meiſter in das Gemach eingetreten, als ihm der Boͤſewicht mit einer Streitart den Kopf ſpaltete, auch den Prieſter ermordete und ſich dann in eine naheliegende Kapelle fluͤchtete. Da die furchtbare That den andern Brüdern bekannt ward, ſtuͤrzten fie dem Moͤrder nach, nab- men ihn gefangen und uͤbergaben ihn dem weltlichen Ge— richte zur Verurtheilung und Hinrichtung ). So endigte durch eine gottloſe Graͤueltbat eines Ordens-Bruders der erſte Meiſter mitten in ſeinen Verdienſten, hochgeachtet von feinen Brüdern, gefürchtet von feinen Feinden, ſtets tapfer und heldenmuͤthig im Kampfe gegen die Heiden. Da traten die Ordens-Ritter nach ihrem Geſetze zur Kuͤr eines neuen Meiſters zuſammen und erwaͤhlten zu ih— rem Haupte den braven und tapferen Kriegsmann, Ritter Volquin e), denn ihn am meiſten empfahl der allgemeine 1) So erzählt die Begebenheit Heinrich der Lette p. 60--6l, mit ihm im Ganzen uͤbereinſtimmend auch Alnpeks Keim-Ghron. ©. 13 — 14 und die Ordens⸗Chron. bei Marthaeus T. V. p. 703. Durch Heinrichs des Letten Zeugniß werden zugleich auch alle Angaben ande⸗ rer fpäterer Qucllen widerlegt, nach welchen Vinno fein Amt bis zum Jahre 1223 verwaltet haben ſoll. Auch Alnpek läßt ihn achtzehn Jahre lang das Meiſter⸗Amt fuͤhren. 2) Ueber ſeinen vollſtändigen Namen iſt es ſchwer, etwas ſicheres zu ermitteln. Schon Gruber Orig. Livon. p. 61. kam darüber zu kei⸗

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Der Ordens⸗Meiſter Volquin. 419 Ruf feiner hohen Tugenden, feiner Froͤmmigkeit und mil- den Guͤte, ſeiner Redlichkeit und Wahrheitsliebe, wie nicht minder feiner kriegeriſchen Eigenſchaften ). Und eines Man⸗ nes von ſolchen Tugenden und Eigenſchaften bedurfte es gerade um dieſe Zeit auch mehr als je, denn ſchon verſtan⸗ den ſich gegenſeitig die umherwohnenden feindlichen Voͤlker immer mehr in dem Plane einer allgemeinen Vereinigung ihrer Kräfte zur Vertreibung aller Chriſten und Deutſchen aus Livlands Gebieten. Mehrmals verbanden ſich zu die— ſem Zwecke die noch unbekehrten Liven mit den Eſthen, Ku- ren, Litthauern, Semgallen und Ruſſen, griffen bald Riga, bald andere Burgen des Biſchofes oder des Ordens an und boten alles auf, um den chriſtlichen Glauben mit der chriſtlichen Herrſchaft im ganzen Lande bis auf die Wurzel wieder auszutilgen, denn ſo feindlich ſich auch ſonſt einige dieſer Voͤlker einander behandelten, im Haſſe gegen die Chriſten und in dem Gedanken der Vernichtung der deut— ſchen Herrſchaft waren ſie alle Eines Sinnes und Eines Willens ). Bei einer ſolchen vereinten feindlichen Macht ner Gewißheit; er ließ es wenigſtens darauf beruhen, ob Volquin von Winterſteden der richtige Name ſey. Vgl. Arndts Livl. Chron. Th. II. S. 8. Gadebuſch Livländ. Jahrbuch. Th. I. S. 61. I) „Non minus pium ac benignum, quam in omnibus v»irtuli- bus institutum nennt ihn Heinrich der Lette p. 61. Alnpek S. 14 beſingt ihn als: Wahrhaft mit ſinen worten Er was an allen orten Getruwe unde ſtete uf alle falſche rete Acht er minner dan ein har Was er gelubete das was war. 2) So heißt es unter andern im Jahre 1209 bei Heinrich dem Letten p. 66: Nliserunt invicem nuncios: Livores primo ad Cu- rones, Curones ad Estones, ecnon ad Letthones, Semigallos et Ru- thenos, quacrentes omne consilium, qualiter Rigam delerent et Teutonicos omnes dolo tenerent ei oceiderent, 27*

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420 Der Ordens-Meiſter Volquin. aber waren die Gefahren und Bedraͤngniſſe fuͤr die weit geringere Streiter-Zahl der Chriſten oftmals unbeſchreib⸗ lich groß und nicht ſelten drohte dem Kreuze der völlige Untergang. Dennoch blieb es unter allen Stuͤrmen und Ungewittern da aufrecht ſtehen, wo es einmal hingepflanzt war und vorzuͤglich hielten es zwei Umſtaͤnde gegen die Heiden empor; denn erſtens war es bei den Feinden des Glaubens doch meiſt nur die Staͤrke der koͤrperlichen Kraft, die man zu bewaͤltigen hatte, einer Kraft, welcher meiſtens alle kluge Leitung, verſtaͤndige Verbindung und Vereini⸗ gung und geſchickte Anwendung abging. Der Glaube an die alten Götter hätte dieſer Kraft wobl allerdings feſten Halt und Einheit geben koͤnnen; aber auch dieſer Glaube war bei vielen ſchon untergraben und er wankte in den Gemuͤthern um ſo mehr, wenn man ſah, daß die Beile der Chriſten die Bildniſſe der alten Goͤtter und ihre heiligen Haine vernichten durften, ohne daß dieſe im Stande wa⸗ ren, ſich ſelbſt zu vertheidigen oder die Frevler zu beſtrafen. Zweitens aber fehlte auch der verbundenen Macht der Hei- den die innere Einigkeit und Feſtigkeit. Was der Haß ge- gen die Ehriften und der Gedanke der Befreiung von den Deutſchen auf einige Zeit verbunden hatte, das riß die Leidenſchaft, die Feindſchaft und der Zwieſpalt unter den verſchiedenen Völkern nicht ſelten wieder aus einander. Das Band der Vereinigung dieſer Voͤlker ward geſchlungen und loͤſte ſich, je nachdem Gefahr und Bedraͤngniß oder innerer Unfriede ſtaͤrker auf fie einwirkten. Zwar herrſchte auch un⸗ ter den Chriſten nicht immer innerer Friede und Einheit; aber eine große, maͤchtig wirkende Idee ging durch all ihr Leben und Streben: die Idee des Glaubens und des Evan⸗ geliums, die tiefe Ueberzeugung von dem Siege des Kreu— zes, der Gedanke des großen Berufes zum Kampfe in der Sache deſſen, der für Alle am Kreuze gekaͤmpfet. Und die⸗ fer Gedanke, vorzuͤglich immer feftgehalten durch die Brü- der des Ritterdienſtes Chriſti, erzeugte die berrlichſten Tha⸗ ten im Streite gegen die Heiden, durch deren Betrachtung

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Neuer Zwiſt zwifchen Biſchof Albert und dem Orden. 421 auch der ſpaͤtere Menſch hingezogen wird zur Bewunderung und hohen Achtung. Dieſer Sieg des Kreuzes aber wuͤrde gewiß weit fruͤ— her gefeiert und der gluͤcklichere Fortgang der chriſtlichen Sache bedeutend gefoͤrdert worden ſeyn, waͤre die Gewalt jener großen Idee in ihrem Wirken nicht durch weltliche Leidenſchaft und irdiſches Intereſſe ſo ſehr gehindert und wäre nicht der Zwiſt zwiſchen dem Biſchofe und dem Or⸗ den über die Theilung Livlands und nun auch ſchon Eſth⸗ lands wie ein ſtoͤrender Daͤmon in die heilige Sache getre— ten. Beide, der Biſchof und der Ordens-Meiſter fuͤhlten dieſes; beide hegten deshalb den ſehnlichſten Wunſch, den Streit endlich voͤllig beigelegt zu ſehen und begaben ſich daher im Jahre 1210 nach Rom, dort vom Papſte die Entſcheidung zu erhalten ). Sehr freundlich aufgenommen und in ihrer Streitſache verhoͤrt, erlangten ſie am zwan⸗ zigſten October 1210 vom Papſte Innocenz dem Dritten den richterlichen Beſcheid: die Bruͤder des Ritterdienſtes Chriſti ſollen den dritten Theil Livlands und Lettlands vom Biſchofe zugetheilt erhalten und ihm dafuͤr zu keinem andern zeitlichen Dienſt verbunden ſeyn, als welcher zur Vertheidigung der Kirche und des Landes gehoͤrt. Der zei⸗ tige Ordens⸗Meiſter aber bleibt dem Biſchofe von Riga zum Gehorſam verpflichtet; doch ſind die Ordens-Ritter und Prieſter-Bruͤder von Entrichtung des Zehnten, der Erſtlinge, des Opfergeldes und der jaͤhrlichen Leiſtung zum Zeichen ihres Gehorſams ) forthin völlig frei. Nur die Bauern des Ordenstheiles ſollen von ihrem Einkommen den Zehnten an die Kirchen liefern und deſſen vierter Theil 1) Heinrich der Lerte p. 74. Alnpeks Reim⸗Chron. ©. 15 — 16. 2) Der Papſt nennt in der Bulle dieſe Abgabe cathedraticum, i. ©. pensio, quae Episcopo ab ecclesiis quotannis solvitur in signum snbjectionis; ſ. Du Fresne Glossar. ad script. med. et inf. latinit. Gadebuſch a. a. O. S. 73 giebt es durch Stußlgeld.

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422 Neuer Zwiſt zwifchen Biſchof Albert und dem Orden. ſoll dem Biſchofe zufallen, wofern er nicht freiwillig und aus nothwendigen Urſachen ſolchen erlaſſen will. Zur Be⸗ ſetzung der Kirchenaͤmter ſeines Gebietes ſoll der Orden das Recht haben, dem Biſchofe von Riga paſſende Perſo— nen vorzuſchlagen, damit dieſer ſie zur Seelſorge einweihe. Von allem übrigen Lande aber, welches der Orden außer— halb Livlands oder Lettlands forthin noch erwerben wird, ſoll er an keine Rechenſchaft gegen den Biſchof gebunden ſeyn und dieſer die Ordens-Ritter hieruͤber in keiner Weiſe belaͤſtigen. Nur mit den dort zu waͤhlenden Bi— ſchoͤfen ſoll der Orden ſich in füglicher Art verſtaͤndigen und daran halten, was der apoſtoliſche-Stuhl daruͤber an— ordnet. An der Form und Regel des Tempel-Ordens ſol⸗ len die Ordens-Bruͤder auch fernerhin noch feſthalten, auf dem Ordens -Kleide jedoch ein anderes Zeichen tragen, um darzuthun, daß fie jenem Orden in keiner Weiſe unterwor- fen ſeyen y. Guͤnſtiger haͤtte fuͤrwahr der paͤpſtliche Ausſpruch fuͤr den Orden gar nicht ſeyn koͤnnen. Schon hierin ſprach ſich eine beſondere Geneigtheit des Papſtes für die Ordens— Ritter aus und es zeigte ſich uͤberhaupt am paͤpſtlichen Hofe fuͤr den Orden eine Vorliebe und ein Wohlwollen, welches dem Biſchofe in ſeinen kirchlichen Beſtrebungen nicht ſelten hinderlich entgegentrat ?). Je mehr nun aber 1) Dieſes iſt mit uebergehung einiger minder wichtigen Punkte, die bei Kirchenviſitationen dem Biſchofe zu leiſtenden Fuhren und die Begraͤbniſſe der Ordens⸗Ritter betreffend, der weſentliche Inhalt der paͤpſt lichen Bulle, in welcher Innocenz III. feine Entſcheidung ausſprach. Man findet ſie vollſtändig bei Gruder Orig. Livon. in der Silva Do- cument. nro X., und die an den Ordens⸗Meiſter Volquin gerichtete Bulle gleiches Inhaltes ebendaſ. nro. XI., auch in den Epistolis Inno- cent. III. L. XIII. ep. 141 — 142. p. 479 und im Cod. diplom. Polon. T. V. nro IV. Deutſch in Arndts Livl. Chron. S. 87. Vgl. Schlözers Geſch. von Litthauen, Kurland u. ſ. w. S. 334. Gas debuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 72 — 73. 2) Merkwürdig iſt für uns die Aeußerung Heinrichs des Let:

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= Neuer Kreuzzug nach Livland. 42 der Orden im Streite gegen die Heiden ſeinem eigenen Vortheile nachging, um ſo wichtiger war es dem Biſchofe, fuͤr ſeine Zwecke auch fernerhin noch die Kreuzfahrten nach Livland in beſtaͤndigen Gange zu erhalten. Nachdem er ſich daher vom Papſte eine neue Vollmacht zur Kreuzpre— digt ausgewirkt, begab er ſich nach Deutſchland zuruͤck, ſammelte neue Schaaren von Pilgerbruͤdern und trat mit dieſen die Ruͤckreiſe nach Livland an. Es begleiteten ihn, wahrſcheinlich auf des Papſtes Aufforderung, auch drei deutſche Biſchoͤfe, Philipp von Ratzeburg, Yfo von Verden und Bernhard von Paderborn ); außer dieſen zogen mit ihm auch der ritterliche Bernhard von Lippe, einſt Anfuͤh⸗ rer der Heere Heinrichs des Löwen 9, jetzt im Ueberdruſſe des Weltlebens Ciſtercienſer-Moͤnch ), ferner Helmold von Pleſſe und mancher andere tapfere Krieger. Die Gegenwart dieſer Maͤnner war fuͤr die waͤhrend der Öfteren Abweſenheit des Biſchofes und des Ordens— Meiſters nicht ſelten ſchwer bedraͤngten Chriſten in Livland eben ſo erfreulich, als ſie fuͤr den Fortgang der chriſtlichen Sache und für die neue Geſtaltung fo mancher Verhaͤlt— ten p. 75, wo er vom Biſchofe jagt: Et missis rescriplis prixilegio- rum versus Prussiarn, in Livonia orınem populum non modicum iaelificavit. Dieß ſoll aber wohl ſchwerlich beißen: er ſandte die Ab: ſchriften der Privilegien noch Preuſſen, wie es Arndt a. a. O. S. 86. genommen hat; was haͤtte man damals in Preuſſen damit thun ſollen? Der Chroniſt wollte alſo offenbar nur fagen: er ſandte die Ab⸗ ſchriften der Privilegien auf dem Landweg durch Preuſſen nach Livland, um feine Geiſtlichen von der Beilegung des Streites zu benachrichtigen, denn er verweilte erſt noch in Deutſchland und nahm dann den Weg zur See. 1) Heinrich der Lette p. 75; auch in mehren Urkunden des geh. Archivs zu Koͤnigsberg. 2) Chron. Monlis- Screni p. 43. 3) Alberici Chron. P. 445 ſagt von ihm: Alberto Ipiscopo as- sociatus est in praedicatione vir mirabilis et nobilis Comes, Bern- hardus de Lippa in Westphalia. Chron. Monts Soreni p. 89 Heinrich der Lette p. 79.

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424 Neuer Kreuzzug nach Livland. niſſe theils des Kirchenweſens theils auch der Landesver⸗ waltung böchft wichtig wurde. Vor allem aber benutzte man ſofort die anweſenden Pilgerhaufen zur Bekaͤmpfung der Eſthen und die Hoffnung ihrer Bekehrung ward we— nigſtens doch ſchon ſo weit erfuͤllt, daß Biſchof Albert dar⸗ an denken konnte, ein neues Bisthum von Eſthland ein— zurichten und Dieterich, den Abt von Duͤnamuͤnde, zum Biſchofe der Eſthen zu ernennen ). Daneben wirkten die oben erwähnten Deutſchen Bi⸗ ſchoͤfe beſonders auch fuͤr die Befeſtigung und Herſtellung des inneren und aͤußeren Friedens. Zwiſchen dem Biſchofe von Riga und den neubekehrten Liven vermittelten ſie ei— nen Vertrag wegen der von den letzteren erbetenen Erleich— terung des Zehnten, um durch ſolche Nachſicht und Scho— nung ihre Treue und ihre Neigung zur chriſtlichen Kirche immer mehr zu befeſtigen 29. Sie waren ferner auch be— muͤht, den Großfuͤrſten von Polozk von den heidniſchen Voͤlkern zu trennen, für die Chriſten zu gewinnen und ſo— mit einen der gefaͤhrlichſten Gegner des Ordens zu verſoͤh— nen. Biſchof Albert verſprach die Uebernahme des Tribu— tes, welchen fruͤherhin die Liven dem Fuͤrſten entrichtet hat⸗ ten und um deſſen Verweigerung zum Theil bisher die Chriſten in Livland von ihm bekriegt worden waren >). Nach verſchiedenen Unterhandlungen uͤberließ der Fuͤrſt dem Biſchofe nicht nur ganz Livland frei und ohne Tribut, 1) Nach Heinrich dem Letten p. 76 — 78 that dieſes der Bi- ſchof accepta a summo ponliſice auclorilate, in transmarinis terris, quas Deus per Livoniensem Ecelesiam ſidei subjiceret Christianae, eice Arehiepiscopi, Episcopos creandi et consecrandi. 2) Heinrich der kette p. 79. 3) Nach Heinrich dem Letten p. 85 erklärte der Ruſſiſche Fuͤrſt hiebei ganz offen: In sua potestale esse, servos suos, Livones vel baptizare, vel non baptizatos relinquere; est enim, fügt der Chro⸗ niſt hinzu, consueiudo Regum Ruthenorum, quamcunque gentem expugnaverint, non fidei Christianae subjicere, sed ad solvendun sibi tributum et pecuniam sulijugare.

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Fortgang der chriſtlichen Sache in Livland. 425 ſondern er ſchloß mit ihm auch ein inniges Friedensbuͤnd⸗ niß ſowohl gegen die auch ihm gefaͤhrlichen Litthauer, als gegen alle beidniſchen Voͤlker). Endlich ward auch, um hinfuͤro allen Zwiſt zwiſchen dem Biſchofe und dem Or⸗ den zu entfernen, durch jene Deutſchen Biſchoͤfe die Lan⸗ destheilung aufs genaueſte beſtimmt und mit moͤglichſter Sorgfalt der den Ordens-Rittern zufallende Theil ermit⸗ telt und bezeichnet ). Es geſchah dieſes, wie es ſcheint, im Anfange des Jahres 1211, und um die naͤmliche Zeit nahm auch Kaiſer Otto der Vierte den Ritter-Orden ſammt allen ſeinen jetzigen und ferner noch zu erwerbenden Beſitzungen in ſeinen beſonderen kaiſerlichen Schutz, jegli⸗ chen mit einer namhaften Strafe bedrohend, welcher den Orden in irgend einer Weiſe belaͤſtigen oder in ſeinen Be⸗ ſitzungen beſchaͤdigen werde >). Warf man nun nach ſolchen Ereigniſſen um dieſe 1) Ebendaſ. p. 86. 2) Da die hieruͤber abgefaßte Urkunde, ſo viel mir wenigſtens be⸗ wußt, noch ungedruckt iſt (ſ. Bray T. I. p. 110), für die folgende Ordens⸗Geſchichte Preuſſens nach der Verbindung des Schwert-Or⸗ dens mit dem deutſchen Orden aber auch fuͤr uns ihre beſondere Wichtigkeit bekommt, fo wird fie hier in der Beilage Nro. VII. mitgetheilt. Sie befindet ſich im geh. Archiv zu K. in einem Notariatsinſtrument, deſſen Formeln aber zur Sparung des Raumes im Abdrucke weggelaſſen ſind. 3) Die Urkunde des Kaiſers, von welcher Kotzebue B. I. S. 329 — 330 eine ſchlechte deutſche Ueberſetzung in einem eben fo ſchlech⸗ ten und fehlervollen Abdruck gegeben hat, befindet ſich in einer Abſchrift aus dem Anfange des Löten Jahrhunderts in Lateiniſcher Sprache im geh. Archive. Wir geben ſie in der Beilage Nro. VI. Man hat des⸗ halb an ihrer Aechtheit zweifeln wollen, weil darin ſchon von einem Erzbiſchofe von Riga die Rede iſt, da bekanntlich der Rigaiſche Biſchof erſt fpäter zu dieſer Wuͤrde erhoben wurde. Da indeſſen dieſer Biſchof vice Archiepiscopi wirklich ſchon erzbiſchoͤfliche Officien verwaltete, da wir ferner auch von der Urkunde das Original nicht mehr ſelbſt beſitzen und wohl ſehr leicht ein Schreibfehler vorgefallen ſeyn kann — welches ſehr wahrſcheinlich iſt —, fo laßt ſich die Urkunde keineswegs ſchlecht⸗ hin als unächt verwerfen.

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426 Fortgang der briftlihen Sache in Livland. Zeit einen Blick auf Livlands Lage und auf den Stand ſeiner Verhaͤltniſſe, ſo ließ ſich allerdings zwar noch man⸗ cher bedeutende Sturm, noch mancher harte Kampf erwar⸗ ten, der mit den nachbarlichen Heiden-Voͤlkern um ihren Glauben, um das alte Vaterland, um ihre Freiheit, um ihre Verfaſſung und ihre gewohnte, von den Urvaͤtern er erbte Lebensweiſe gekaͤmpft werden mußte; aber es ließ ſich unbezweifelt in den Kaͤmpfen doch auch der endliche Sieg erwarten, der Sieg fuͤr das Licht des Chriſtenthums, der Sieg reinerer Gottes-Erkenntniß, der Sieg für den Geiſt Deutſcher Bildung, Dentſcher Denk- und Lebensweiſe und Deutſcher Sitte. Und es ließ ſich dieſer Sieg um ſo ſicherer erwarten, wenn man hinſah auf das rege Intereſſe, welches die Kaiſer und Fuͤrſten des Reiches an der neuen Auspflanzung Deutſcher Eigenthuͤmlichkeit in die entfernten nordiſchen Lande nahmen, an die warme und thaͤtige Theil⸗ nahme, welche der Hof zu Rom an der Erweiterung der chriſtlichen Kirche und an der Verbreitung chriſtlicher Lehr— ſaͤtze in feinem Geiſte, wie nicht minder an der Ausdeh⸗ nung ſeiner Macht und ſeines Anſehens in den Graͤnzlan⸗ den der damaligen chriſtlichen Welt bezeigte. Erwarten ließ ſich endlich jener Sieg auch ſchon uͤberhaupt aus dem Geiſte der damaligen Zeit, indem Tauſende und aber Tau⸗ ſende an der Vertheidigung und Erweiterung der chriſtli— chen Kirche unter den Unglaͤubigen ſtets das heiligſte Ver: dienſt fuͤr den Himmel, das wirkſamſte Mittel fuͤr Suͤn— den- Reinigung und den ſicherſten Weg für der Seelen einſtige Seligkeit zu finden meinten. Noch war in Mit⸗ wirkung jenes Geiſtes der Zeit das Predigtwort des Bi- ſchofes Albert nie ohne befriedigenden Erfolg geblieben; immer hatten ihn bedeutende Schaaren von Kreuzbruͤdern aus Deutſchland zum verdienſtlichen Kampfe gegen die Hei⸗ den begleitet. Der Sieg uͤber das Heidenthum konnte alſo nunmehr ſchon nicht zweifelhaft bleiben; die Idee ſtirbt nicht aus, wenn fie den Menſchen im Menſchen uͤberwaͤl⸗ tigt hat; die Ueberzeugung kennt keinen Tod als den im

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Fortgang der chriſtlichen Sache in Livland. 427 Siege und das Evangelium mußte endlich ſiegen, weil die Menſchen nicht anders wollten, als daß es ſiege und ver: trauend glaubten, des Heilandes Sache koͤnne nicht anders als nur ſiegen Y. 1) Es dürfte am Schluſſe dieſes Abſchnittes wohl die Bemerkung nicht unnuͤtz ſeyn, daß bei der Darſtellung der zeitigen Ereigniſſe in Livland es fo wenig, als bei den Hinblicken auf die Übrigen Nachbar⸗ länder Preuſſens auf eine irgend vollſtändige, eigentliche Geſchichte die⸗ fer Länder abgeſehen ſeyn konnte. Nur die wichtigſten Ereigniſſe und Verhältniffe mußten zum Ueberblicke und für den Zuſammenhang mit nachfolgenden Begebenheiten hervorgehoben werden. Daß Livland etwas näher betrachtet und der Gang der Dinge dort etwas mehr im Einzel⸗ nen gezeigt werden mußte, hat ſeinen Grund in der nachmaligen Ver⸗ bindung des Schwert-Ordens mit dem Deutſchen Orden und in der fo nahen und engen Berührung, in welche Livland mit Preuſſen kam. Deshalb wird fpäterhin die Geſchichte den hier unterbrochenen Faden wieder aufnehmen und fortfuͤhren.

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Sie bentes Kapitel. Wenn Herzog Conrad von Maſovien in ſolcher Weiſe die nachbarlichen Lande um ſich her uͤberſah und ihre Verhaͤlt⸗ niſſe erwog, ſo konnte ihm ſchwerlich entgehen, daß von ihnen aus zur Rettung ſeines Herzogthums und zur Ab— wehr gegen die Raubzuͤge der heidniſchen Preuſſen durchaus keine Huͤlfe zu erwarten ſey. Aber ein Blick auf die Um- wandlung der Dinge in Livland mußte ihn bald uͤberzeu— gen, daß nur im Chriſtenthum, nur in der Preuſſen Be— kehrung fuͤr ſein Land Heil und Ruhe zu finden ſey. Dieſe Bekehrung ward alſo bald ſein wichtigſtes Ziel. Sie ward es jedoch keineswegs um der Sache des Evangeliums Wil⸗ len; ſie war nicht Sache ſeines Herzens, ſondern vielmehr nur Sache feines Verſtandes, nur ein politiſches Klugheits- mittel zur Sicherſtellung ſeines Landes, nur Waffe gegen das nachbarliche Heidenvolk. Daher beguͤnſtigte er gerne auch jeden Verſuch, welcher dieſen Zweck zum Ziele hatte. So geſchah es wahrſcheinlich auf ſeine Ermunterung, daß im Jahre 1207 zuerſt wieder ) der Abt Gottfried vom Klo= 1) Nach Adalberts und Bruno's Bemuͤhungen war dieſes ohne Zweifel wieder der erſte neue Verſuch zur Bekehrung der Preuſſen. Die Behauptung Hartknochs in feiner Kirchengeſchichte S. 26, daß auch der Norwegiſche Koͤnig Olof der Heilige, der ums Jahr 1032 erſchlagen ward, nicht ohne Erfolg die Bekehrung der Preuſſen und namentlich der Samlaͤnder verſucht habe und daß es damals in Samland ſchon chriſtliche Gemeinen gegeben haben muͤſſe, beruht ſicherlich auf einem zu voreiligen Schluſſe, welcher auf die Stelle bei Adam. Bremens. Hi- stor. eccles. c. 96 gegründet iſt, indem es hier heißt: Cuius (sc. Re-

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Verſuche zur Bekehrung der Preuffen. 429 ſter Lukina in Polen in Begleitung des Moͤnchs Philipp die Weichſel hinabfuhr und im Gebiete der Preuſſen lan⸗ dend ſich vor allem das Vertrauen und die Zuneigung der oberſten Volkshaͤupter, der Reiks, zu erwerben ſuchte. Und in der That gelang es ihm auch bald, zwei von den Lan⸗ desfuͤrſten mit Namen Phalet und deſſen Bruder Sodrech zum Bekenntniſſe des Glaubens zu gewinnen, denn beide ließen ſich taufen. Da man aber, hiedurch ermuthigt, das ſo gluͤcklich begonnene Werk weiter fortſetzen wollte und nun vielleicht nicht mehr ſo bedachtſamen Schrittes vorwaͤrts ging, ward der Moͤnch Philipp, wir wiſſen nicht durch welchen Anlaß, von den Preuſſen erſchlagen und wahrſchein— lich hinderte dieſer Umſtand alle weiteren Bemuͤhungen des Abtes Y). gis Olaph) passionis festivitas IV Kal. Augusti omnibus Septentrio- nalis Oceani populis, Suconum, Gothorum, Semborum, Danorum atque Slavorum aecterno cultu memorabilis. Wiewohl aus biefer Stelle auch Prätorius Schaubuͤhne S. 506 (Mfer.) auf einen Ber: ſuch zur Bekehrung der Preuſſen ſchließen zu dürfen glaubte, ſo hat doch ſchon Arnold in ſ. Kirchengeſchichte S. 83 gegen dieſe Annahme Zweifel erregt. Wir duͤrfen aber wohl kuͤhn die Behauptung Hartknochs vollig laͤugnen, denn erſtlich ſagt kein einziger alter Schriftſteller des Nordens irgend etwas von Olofs Verſuch zur Bekehrung der Samlän⸗ der; zweitens ſteht die Behauptung mit Adam, Bremens. de situ Daniae c. 77 und Helmold. I. I. c. 1 in offenbarem Widerſpruche, indem bier beide ausdrücklich ſagen, daß die Samländer oder Preuſſen zu ihrer Zeit das Chriſtenthum noch nicht bekannten, vielmehr deſſen praedicatores immaniter persequnntur. Wie konnte drittens Adam von Bremen die Bedeutung eines ſolchen Feſtes bei den Samländern fo genau kennen? und warum haben ſich ſpaͤterbin nicht die mindeſten Spuren weder von dieſem Feſte, noch vom Chriſtenthume uͤberhaupt in Samland erhalten? Wir duͤrſen es alſo mit ſeiner Aufzählung der Voͤlker, bei welchen Slofs Andenken gefeiert ward, nicht fo ganz genau nehmen. 1) Diefe Nachricht giebt uns das Cron. Allerici p. 444 — 445, indem es ſagt: De principio Christianitatis in Prulia. Abbas Gode- Tridus de Lukina in Polonia cum Monacho suo Philippo Wiselara fluvium Pagonos dividentem et Chiristianos Iransivif, el Prutensibus (Prutenis) paulatim pra«dicare incipiens Ducen: Phalet ad fidem

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430 Der Bernhardiner Moͤnch Chriſtian. Wenige Jahre nachher aber trat zuerſt der Mann auf, der unter dem Volke Preuſſens nunmehr ein bleibendes Licht des göttlichen Glaubens entzuͤndete und durch den Ei- nen Gedanken, der ſeine Seele bis auf die letzten ſeiner Tage trieb und belebte, des Landes Schickſale für viele Jabr⸗ hunderte hindurch beſtimmte und geſtaltete. Dieſer Mann war Chriſtian, ein Mönch des Ciſtercienſer-Ordens, und das goͤttliche Licht, welches er auf Preuſſen brachte, kam aus dem ſchoͤnen Kloſter Oliva in Pommern, deſſen Gruͤn⸗ dung wir fruͤher gedacht haben. Geboren zu Freienwalde in Pommern zeichnete ſich Chriſtian ſchon als Knabe und Juͤngling in der Schule durch Fleiß und Lernbegierde vor vielen ſeines Alters aus und die Kenntniſſe, welche er ſich erwarb, waren, wenn auch nicht ausgezeichnet, doch für jene Zeiten nicht unbedeutend ). Es war moͤnchiſche Bildung, in der er aufgewachſen war. Als er daher die geſetzlichen Jahre erreicht hatte, beſchloß er, dem Weltleben zu entſagen und trat als Moͤnch in das Bernhardiner-Kloſter Kolbatz bei Neumark in Pommern, welches von dem Pommeriſchen Fuͤrſten Wratislav dem Zweiten geſtiftet und reich begabt war. Wie lange hier Chriſtian verweilt, iſt unbekannt; auch wiſſen wir nicht. durch welche Urſachen er bewogen ward, dieſen Aufenthalt zu verlaffen und ſich in das Kloſter Oliva bei Danzig zu begeben. Gewiß aber iſt, daß er nicht als Abt dahin ge— convertit, et postmodum fratrem eius Regem Sodrech: monachus Philippus ibi martyrizatus est et post eum fuit quidam Episcopus nomine Christianus. Merkwürdig iſt in dieſer Stelle die Wahl des Wortes Dux für Phalet und des Wortes Res fir Sodrech. Dieſes Rex verſtehen wir als eine Bezeichnung für einen der Reiks des Landes. Iſt die andere Bezeichnung Dus für Phalet abſichtlich gewählt und wollte der Chroniſt biemit einen beſtimmten Unterſchied angeben, ſo müßte Phalet ein Kriegsfuͤhrer, vielleicht im Gebiete feines Bruders ge: weſen ſeyn. 1) Lucas David B. I. S. 9: „Nachdem er in ſeiner Jugent zimlichen durch gottes gnade und ſeinen fleiß in der ſchulen zugenom⸗ men und ein gelarter geſell geworden.“ —

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Der Bernhardiner-Moͤnch Chriſtian. 431 kommen iſt ). Hier ergriff ihn bald der Gedanke, unter den nahen heidniſchen Preuſſen als Apoſtel des chriſtlichen Glaubens aufzutreten, ſey es daß der erſte guͤnſtige Erfolg, welcher den Abt von Lukina im Beginne ſeines Werkes er⸗ freut, dieſen Gedanken in ſeiner Seele erweckte, oder daß er ſelbſt hierin ſeine Beſtimmung erkannte, denn fuͤrwahr wo waren für einen Mann, deſſen Beſtrebungen für Chri- ſtenthum und menſchenfreundliches Wirken im Sinne Chriſti über die beſchraͤnkten, ermattenden und alltäglichen Andachts⸗ uͤbungen und Bußwerke des Kloſters hinausgingen, hoͤhere und bleibendere Verdienſte wie fuͤr das Evangelium ſelbſt, ſo fuͤr die Kirche und Menſchbeit zu erwerben, als in der Auspflanzung einer Lehre, von deren heilbringendem Geiſte er tief durchdrungen und von deren Kraft fuͤr Seele und Seligkeit er aufs innigſte erwaͤrmt war! Und in der That vereinte um dieſe Zeit auch ſchwerlich irgend jemand mehr als er alle die Tugenden und Eigenſchaften, die zur Ber I) Lucas David B. I. S. 9. II. S. 5 bat die Nachricht, daß Chriſtian als Abt nach Oliva gerufen worden ſey und Arnold a. a. O. S. 86. Bayer opusc. p. 372. Baczko B. I. S. 92. Kotzebue Al. D. 122 haben dieſes auf guten Glauben nachgeſchrieben. Dieſe Behaup⸗ tung läßt ſich jedoch durchaus nicht begründen, vielmehr beweiſen, daß Chriſtian nie Abt von Olwa geweſen ſeyn konne. Furs erſte ſtimmen damit die Annal. Monaster. Oliv, gar nicht überein; ſie nennen den er- fien Abt von Oliva Ditbard; dieſem folgte der Abt Heinrich, der fein Amt zur Zeit des Herzogs Meſtwin J. alſo gerade in der Zeit verwal⸗ tete, in welcher Chriſtian fein Bekehrungswerk begann; eben ſo wird auch unter Heinrichs Nachfolgern kein Chriſtian als Abt des Kloſters ge⸗ nannt. Zweitens bezeichnen dieſe Annal. Monast. Oliv. den Chriſtian immer nur ſchlechtbin mit der Benennung: Dominus Christianus Or- inis Cistereiensis el Monasterii nostri Olivensis Professus. Wüͤr⸗ den fie nicht gerne und ſtolz biefen berühmten Mitbruder ihres Kloſters ihren Abt genannt haben, wenn er es geweſen waͤre? Drittens giebt es keine einzige Urkunde, ſelbſt unter den fruͤhſten paͤpſtlichen Bullen keine (vgl. Acta Boruss. T. J. p. 249. 254), in welcher von ihm, ob⸗ gleich er darin öfter genannt wird, als Abt von Oliva die Rede wäre. Chriſtian kam alſo als bloßer Moͤnch nach Oliva und blieb es auch da⸗ ſelbſt.

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432 Der Bernhardiner-Moͤnch Chriſtian. kehrung eines Volkes erforderlich waren, in welchem die bisherigen Verſuche zur Verdraͤngung ſeines alten Glau⸗ bens eine fo gewaltige Abneigung gegen den chriſtlichen Namen erzeugt und in Mark und Blut des Volkes einge⸗ floͤßt hatten. Mild in ſeinen Geſinnungen, fleckenrein in ſeinem Wandel, bedaͤchtig und voll Vorſicht im Handeln, klug und verſtaͤndig in der Wahl und Berechnung ſeiner Mittel, belehrt und vielfach gewarnt durch die ungluͤcklichen Beiſpiele derer, die vor ihm mit gleichem Willen nach ei⸗ nem gleichen Ziele geſtrebt hatten, geſchickt, ſich in vier Sprachen, in der Lateiniſchen, Deutſchen, Polniſchen und Preuſſiſchen dem Zuhoͤrer leicht verſtaͤndlich zu machen 2), mit der Sitte und Lebensweiſe der Preuſſen weit mehr bekannt, als alle ſeine Vorgaͤnger, dabei auch ſonſt in al— lem bewandert, was in damaliger Zeit zur geiſtlichen Bil— dung gehoͤrte, ſo ſtand Chriſtian am Morgen ſeines Werkes da, ſo trat er dieſes Werk in aller Weiſe wohl vorbereitet an, ſo begann er es mit Vorſicht bei jeder That, mit Maͤ⸗ ßigung in jeglichem Schritte, und dennoch voll Feuer des Geiſtes und des waͤrmſten Eifers, mit feſtem Vertrauen auf des Himmels Beiſtand und doch auch mit dem leben⸗ digen Gefuͤhle einer in ihm regſam erwachten Kraft fuͤr feine Beſtimmung, mit ſicherer Zuverſicht eines Apoſtels ei- ner göttlichen Lehre und dennoch auch mit kluger Nachſicht gegen die Sitten und Irrthuͤmer derer, die er zu Licht und Wahrheit fuͤhren wollte. Nachdem Chriſtian mit ſeines Abtes Erlaubniß noch einige andere ſeiner Ordens⸗Bruͤder, deren einer Philipp hieß, für das Unternehmen zu gewinnen gewußt »), die ihm 1) So bezeugt es Lucas David B. II. S. 5. 2) Nach Alberiei Chron. p. 445 iſt es durchaus unwahrſcheinlich, baß Chriſtian mit dem Abte Gottfried von Lukina in Verbindung ge⸗ ſtanden habe, denn dieſer Chroniſt ſagt ausdruͤcklich: ei Hos! eum fuit quidam Episcopus nomine Christianus. Alſo war auch der Moͤnch Philipp, der als Chriſtians Begleiter genannt wird, verſchieden von dem Gefährten jenes Abtes, der als Maͤrtyrer in Preuſſen ſtarb. Chri⸗

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Der Bernhardiner-Moͤnch Chriſtian. 433 nachmals lange huͤlfreich zur Seite ſtanden, ging er mit ihnen uͤber die Weichſel ins Kulmerland. Ohne Zweifel ge⸗ ſchahen ſeine erſten Bekehrungsverſuche unter dem Schutze des Herzogs Conrad von Maſovien vom Kulmerlande aus im Gebiete von Löbau!) und an den Graͤnzen von Pome— ſanien, denn dort war den heidniſchen Preuſſen wegen der Naͤhe der Chriſten im Kulmiſchen Gebiete das Chriften- thum in feiner aͤußeren Geſtalt wohl ſchon am bekannte— ſten; dort mochten vielleicht auch ſchon die Belehrungen des Abtes Gottfried von Lukina einigermaßen vorbereitet haben und es duͤrfte ſelbſt nicht unwahrſcheinlich ſeyn, daß es dort das Gebiet des Landesfuͤrſten Sodrech war, welches Chri— ſtian zuerſt betrat. Gewiß aber war es in aller Weiſe von bedeutendem Gewichte in ſeiner Sache, daß er nicht wie die bisherigen Prediger des Chriſtenthums aus dem ver— haßten Polniſchen Volke her, ſondern aus dem immer mehr befreundeten Pommern heruͤber kam. Daher geſchah auch, daß feine Bemühungen bald durch manchen gluͤcklichen Er— folg belohnt wurden. Nachdem ſchon mehre Vornehme aus dem Volke ſich zum neuen Glauben bekannt und die Taufe empſangen hatten, begab ſich Chriſtian in den Jahren 1209 und 1210 in Begleitung mehrer ſeiner Gehuͤlfen nach Rom, um im Auftrage ſeines Abtes dem Papſte Innocenz dem Dritten von den Erfolgen ſeines Bekehrungswerkes Rechenſchaft zu geben ?). ſtians Gefährte wird ohnedem auch vom Papſte in feinen Bullen ſpä⸗ terhin ausdruͤcklich noch genannt. Vgl. Acta Boruss. T. I. p. 249. 251. 1) Lucas David B. I. S. 9. B. II. S. 6. 2) Einige nehmen dieſe Reiſe nach Rom viel fruͤher an. Nach Bayer opusc. p. 372 kehrte Chriſtian ſchon im Jahre 1198 aus Rom zuruck und brachte des Papſtes Bulle an den Erzbiſchof von Gneſen mit; vgl. Acta Boruss. T. I. p. 249 und Hartknochs Kerchengeſch. S. 30. Offenbar aber hat Bayer das Jahr der Wahl Innocenz des Dritten und das Datum dieſer Bulle nicht zuſammengehalten, denn im Januar 1198 wurde Innocenz erſt zum Papſte erkoren. Den erſten I. 28

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434 Waldemars II. Kriegszug nach Preuſſen. Waͤhrend Chriſtians Abweſenheit aber brach uͤber die nordoͤſtlichen Theile Preuſſens, die ſo lange Friede genoſſen, ein wilder Kriegsſturm herein. Mit den Pommern hatte bereits ſchon der Daͤniſche König Waldemar der Erſte wie— derholt gluͤckliche Kriege geführt und in mehren Friedens— ſchluͤſſen war es ihm gelungen, die Pommeriſchen Fuͤrſten bald zum Bekenntniſſe der Unterthaͤnigkeit, bald wenigſtens zur Entrichtung beträchtlicher Geldſummen zu zwingen Y. Zwar hatten die bedraͤngten Fuͤrſten nachmals Schutz und Rettung gegen die Daͤniſche Herrſchaft unter dem Reichs— paniere geſucht, waren vom Kaiſer zu Reichsfuͤrſten und Herzogen von Pommern erhoben worden und hatten, um ſich des Daͤniſchen Gebotes gaͤnzlich zu entſchlagen, ihre Lande vom Reiche zu Lehen genommen 2); Waldemars Nach- folger aber, König Canut der Sechſte, erkannte dieſes Ver— haͤltniß nicht an und den Krieg in Pommern unter ſchreck— lichen Verheerungen erneuernd zwang er den Herzog Bo— Anlaß zur Annahme einer ſo fruͤhen Reiſe mag Lucas David B. II. S. 5 gegeben haben, da er ſagt, die Reiſe ſey geſchehen zur Zeit des Papſtes Coͤleſtins III, welcher im Januar des Jahres 1198 ſtarb. In dieſem Falle muͤßte freilich Chriſtian etwa in den Jahren 1196 oder 1197 in Rom geweſen ſeyn. Allein Lucas David widerlegt ſich ſelbſt B. I. S. 9, indem er in dieſer Stelle Chriſtians Reiſe in die Zeit In⸗ nocenz III ſetzt. Für das Jahr 1210, welches wir als die Zeit der Reiſe nach Rom annehmen, ſpricht erſtlich das Chron. Montis Sereni ad an. 1209, indem es in dieſes Jahr 1209 den erſten neuen Bekehrungs⸗ verſiich in Preuſſen ſetzt, da es fagt: Primi praedicatores genti Pru- tenorum missi sunt. Chriſtian hatte aber das Evangelium ſchon eine Zeitlang gepredigt, als er nach Rom ging. Zweitens fuͤhrt der Papſt in dem Schreiben an den Erzbiſchof von Gneſen die oben erwähnten Moͤnche aus Pommern als „nuper ad Sedem Apostolicam venientes * an. Dieſes „nuper“ aber im Jahre 1211 geſchrieben wuͤrde gewiß ſchwerlich zum Jahre 1198, wohl aber auf das Jahr 1210 paſſen. Zlay- nald. Annal. cecles. an. 1210. Nro 27. 1) Saxo Grammat. L. XIV. p. 317. L. XV. p. 362. Sau mer Geſchichte der Hohenſtauf. B. II. S. 216. 2) Saxzo Grammat. L. XV. p. 371.

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Waldemars II. Kriegszug nach Preuſſen. 435 gislav, ſich feiner Herrſchaft wiederum zu fügen ). Sobald indeſſen Bogislavs zwei Soͤhne, Caſimir der Zweite und Bogislav der Zweite der Minderjaͤhrigkeit entwachſen und zur Herrſchaft gekommen waren, ſuchten fie, zwei entſchloſ⸗ ſene und muthvolle Fuͤrſten, ſich dem Daͤniſchen Gebote in jeder Weiſe zu entwinden und die Zeit, in welcher Canuts des Sechſten Nachfolger, Koͤnig Waldemar der Zweite, auf feinem Seezuge nach Eſthland und Livland ), mit kirchli⸗ chen Verhaͤltniſſen ſeines Landes und in Fehden an der Elbe fort und fort beſchaͤftigt war ), ſchien ihr Streben zu beguͤnſtigen. Waldemar aber ſann auf Rache und Zuͤchti— gung. Im Jahre 1210 ruͤſtete er ein maͤchtiges Kriegsheer und ſetzte dieſes auf einer zahlreichen Flotte zuerſt nach Preuſſen uͤber. Samland, wo noch die Nachkoͤmmlinge der alten Daͤniſchen Kolonie wohnten, ward durch die Macht des Feindes leicht unterworfen. Dann zog der König, als les wie im Sturme uͤberwaͤltigend, durch die Kuͤſtengebiete am Friſchen Haffe hin bis an die Weichſel. Jenſeits die⸗ ſes Stromes ward Danzig erobert und der Herzog des Landes, Meſtwin der Erſte, zur Huldigung gezwungen 9. Hierauf brach das Heer weiter in Pommern vor und nd- thigte auch des Landes uͤbrige Fuͤrſten, ſich der Herrſchaft des Königes von neuem zu unterwerfen. So ging der Sturm über Preuſſen ſchnell und wie es feheint auch ohne beſondere Folgen voruͤber; denn mochte den ſtolzen Skandi⸗ naviern der Kriegszug durch die Landſchaften Preuſſens im⸗ merhin eine Eroberung und Unterwerfung heißen, ſo war er doch der That nach offenbar nichts weiter als ein bloßer Pluͤnderungs- und Verheerungszug, der freilich vieles, was 1) Chron. Danor. ap. Langebeck T. II. p. 633. T. III. p. 261: Bugislaus, dux Pomeranorum ſactus est homo regis Canuti. 2) Heinrich der Lette p. 42. 3) Petri Olai Excerpt. ap. Langebech T. II. p. 256. 4) Chron. Eriei Regis ap. Langebeck T. I. p. 165. Meſtwin beißt hier „dux Poloniae. * 28 *

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436 Der Moͤnch Chriſtian, Bekehrer der Preuffen. in der Ruhe eines langen Friedens gedeihlich emporgeſtie— gen war, wieder niederſtuͤrzte und vernichtete, aber doch hoͤchſtens fuͤr Daͤnemark nur das alte vermeinte Anrecht der Koͤnige dieſes Reiches auf den Beſitz von Samland wieder in Erinnerung bringen konnte ). Das Land war alſo vom ſtuͤrmenden Feinde ſchon wieder frei und die Stille des Friedens wieder eingetreten, als Chriſtian mit feinen Gefährten aus Rom nach Preuf- ſen zuruͤckkehrte. Mit Freude hatte der Papſt den Bericht uͤber den gluͤcklichen Verſuch der Bekehrung der Preuſſen, „das gedeihliche Aufkeimen des ausgeſtreueten Samens in dem Weinberge des Herrn“ vernommen; mit ſichtbarem Wohlgefallen hatte er den thätigen Eifer bemerkt, mit wel⸗ 1) Petrus Olaus in Excerpt. ap. Zangebeck T. II. p. 256. fagt über dieſen Kriegszug: Eodem anno (1210) Waldemarus fecit expedilionem in Prusciam et Samland ct Finland et subjugavit sibi terras illas. Et Mistivi Dux Polonie (i. e. Pomeraniae) homagium fecit Regi XValdemaro. Waldemarus autem multis jam victorüs auctus Prusciam sibi subjugavit, ut dietum est, inde movens con- tendit adversus Duces Pomeraniae, quos ut Obotritos sue voluit parere dilioni, quo expedito, jam omnem marilimam teneret Wan- daliam. Beftätigt wird diefes in Petri Olai Chron. ap. Langebeck T. I. p. 121. Eriei Regis Chron. ibid. p. 165. Annal. Minor. Wisbyens. p. 254 u. Annal. Esrom. p. 243, wo aber faͤlſchlich die Unternehmung in das Jahr 1209 geſetzt wird. In Hams-Fortii Chronol. p. 284 heißt es nur: Dani populantur Borussiam. Einige nordiſche Chroniſten haben Finland ſtatt Samland. Wie Petrus Olaus beide Länder neben einander nennt, fo ſagt Gheysmeri Comp. ap. Langebeck T. U. p. 385: Anno suo oclavo misit exercitum in Pru- ciam et Fynland et subjugavit sibi terras illas. Dieſes Fynland aber ift offenbar nichts anderes, als das alte Vyndland oder WVindland, Wendenland oder Pommern. Dieſes beftätigt auch die Chronica Sla- vor. ap. Leibnits T. II. p. 751, indem fie fagt: Waldemarus, Rex Danorum, terram Pruthenorum suae subjugavit ditioni, et fecit cam sibi tributariam virtute gladii. Quo expedito, exercitum suum direxit in Stetinensern Ducatum, in quo sibi subjugavit civitates ei oppida multa. Herman. Corneri Chron. ap. Eccard. T. II. p. 835 fest die Begebenheit in das Jahr 1211.

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Der Moͤnch Chriſtian, Bekehrer der Preuſſen. 437 chem Chriſtian und ſeine Gehuͤlfen „die Anpflanzung des Wortes Gottes im Schatten des Unglaubens und in der Finſterniß der Unwiſſenheit )“ begonnen hatten 2). Dieſe Freude ſprach der Papſt auch in einem Schreiben aus, in welchem er dem Erzbiſchofe von Gneſen auftrug, ſich der neuen Anpflanzung des Evangeliums in Preuſſen thaͤtig und mit Eifer anzunehmen, die Moͤnche und ihre helfenden Bruͤder bei dem Werke der Bekehrung huͤlfreich zu unter⸗ ſtuͤtzen und die Gemeine der Neubekehrten fo lange in ſei⸗ ner geiſtlichen Obhut zu halten, bis ſie zahlreich genug ſeyn werde, um über fie einen eigenen Biſchof zu ſetzen; end⸗ lich aber auch die Geiſtlichen und die Fuͤrſten der nachbar⸗ lichen Lande angelegentlich zu ermahnen, daß ſie ſich allen denen, welche das Werk der Bekehrung auf ſich genommen, guͤnſtig und hülfreich beweiſen möchten ). Die freundliche Aufnahme bei dem Papſte, deſſen Em— pfehlung an den Erzbiſchof von Gneſen und ſeine lebendige Theilnahme an den gluͤcklichen Erfolgen, das hiedurch in Chriſtians Seele ſelbſt noch klarer gewordene Bewußtſeyn der Verdienſte um die Kirche und um alle diejenigen, welche er aus der Finſterniß des Goͤtzendienſtes zum Lichte 1) „Sermonem verbi Dominici seminando in umbra inſideli- latis et tenebris ignorantiae. “ Innocent. Epistol. in Balis. T. II. L. 13. ep. 128. 2) Der Papſt ſagt in dem eben erwaͤhnten Schreiben: „Quidam Magnates ct alii regionis illius sacramentum baplismatis receperunt, et de die in diem proſicere dignoscuntur in doctrina ſidei ortho- doxae, sicut iidem Monachi nuper ad Sedem Apostolicam venien- tes, nostro Apostolatui referarunt. 3) Dieſes an den Erzbiſchof von Gneſen gerichtete Schreiben des Papſtes ſteht in Balu. Epist. Innocent. III. T. II. L. 13, ep. 128; auch in den Actis Boruss. T. I. p. 249 — 250, wiewohl hier ſehr fehlerhaft und in Hartknochs Kirchengeſch. S. 30 — 31. Das Da: tum iſt: Pridie Nonas Scptembr. Anno pon. XIII. Dieſes iſt aber nicht das Jahr 1209, wie in den Aclis Boruss. I. c. ſteht, ſondern das Jahr 1211, indem Innocenz im Jahre 1198 zur paͤpſtlichen Wurde ge⸗ langt war.

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438 Der Mönch Chriſtian, Bekehrer der Preuffen. des Evangeliums führte, ohne Zweifel auch das ermun⸗ ternde Beiſpiel der Maͤnner, die in Livland zur ſelbigen Zeit auf gleichem Wege dieſe Verdienſte in weiter Ausdeh⸗ nung ſich ſchon erworben und ihre Belohnung in der Erhe— bung zur biſchoͤflichen Wuͤrde gefunden hatten: — das alles mußte Chriſtians Eifer und Thaͤtigkeit in feinem Werke nach ſeiner Ruͤckkehr wohl nicht in geringem Grade erheben und beleben. Um fo bedeutender aber waren auch die Er- folge; denn im Jahre 1213 war die Zahl der Neubekehrten ſchon ſehr anſehnlich und vermehrte ſich im Gebiete von Löbau und an den Graͤnzen Pomeſaniens noch von Tag zu Tag 9. K Das Anſehen aber und die Gunſt, welche ſich Chriſtian mit feinen Gehuͤlfen auf dieſe Weiſe bei dem Erzbifchofe von Gneſen und ſelbſt bei dem Papſte erwarb, erregte auch bald bei ihren eigenen Ordens-Bruͤdern Neid und Eiferſucht. Es war damals wie heutiges Tages, daß der Menſch, wel- cher große Vorſaͤtze verfolgt und ſeine Kraft und ſein Le⸗ ben an große Entwuͤrfe ſetzt, nicht unangetaſtet bleibt vom boͤſen Leumunde und gemeine Seelen im Schmutze neidi- ſcher Leidenſchaft Unkraut in ſeine Saat zu pflanzen ſuchen. Weil jene edlen Mönche, ſtets mit dem Werke der Bekeh⸗ rung beſchaͤftigt, felten in ihr Kloſter kamen, ſelten die kloͤ⸗ ſterlichen Uebungen beſorgten, ſich wenig um das gewoͤhn— liche Tagesgetreibe in den Kloſtermauern bekuͤmmerten und überhaupt ſich an die ſtrengen Geſetze und Regeln des Klo— ſterlebens nicht gebunden glaubten, ſo ſchalten ihre eigenen Ordens-Bruͤder fie mit dem alten, gemeinen Schimpf— 6) In dieſem Jahre ſchreibt der Papſt an die Aebte des Ciſtercien⸗ ſer⸗Ordens in Beziehung auf die Bekehrung der Preuſſen: Sicut enim comperimus veridica relatione muliorum, Dominus eis fratribus aperuit oslium, ita ut per ministerium eorumdem intelligentibus, qui non audierant et videntibus (quibus non fuerat nuntiatum) multi ad agnitionem perveniunt veritatis. Balus. Epist. Innoceni. L. XV. ep. 147. a

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Der Moͤnch Chriſtian, Bekehrer der Preuffen. 439 worte „die Hauptloſen“ oder „Acephaler ).“ Unter dem Vorwande, daß fie durch ſolche Losſagung von den ſtren⸗ gen Moͤnchsregeln aus dem Orden ausgeſchieden ſeyen, ver- weigerte man ihnen hie und da auch die Aufnahme in die Hoſpitien der Ciſtercienſer-Kloͤſter. Dieſe Befeindung hatte bereits manche, welche den harten Schmaͤhreden ihrer Or— dens-Bruͤder zu entgehen ſuchten, ſogar bewogen, ſich von Chriſtian zu trennen, um ſich in andere Gegenden zu be— geben ). Der Papſt, dem ſolches alles kund geworden war, ruͤgte in einem ernſten Schreiben an die Aebte der Ciſter— cienſer-Kloͤſter die Ausbruͤche der Eiferſucht mit der nach— druͤcklichſten Ermahnung an dieſe Aebte, daß fie ſofort ſolche Unordnungen abſtellen und den Verkuͤndigern des Evange— liums in aller Weiſe foͤrderlich und behuͤlflich ſeyn ſollten. Zugleich aber trug der Papſt dem Erzbiſchofe von Gneſen auch auf, diejenigen, welche er zur Verkuͤndigung des Chri— ſtenthums unter den Heiden geſchickt finde, mit Empfeh⸗ lungsſchreiben zu verſehen, damit nicht ſolche, die ſich faͤlſchlich für Chriſtians Gehuͤlfen ausgäben, den Kloͤſtern beſchwerlich fallen koͤnnten ). Zu derſelben Zeit erließ In⸗ 1) „Eos acephalos reputalis“ ſagt der Papſt in dem erwahnten Schreiben. Es war dieſes eine alte Schimpfbenennung für ſchismatiſche Moͤnche. Urſpruͤnglich nannte man fo „einen Haufen Aegyptiſcher Moͤnche und Prieſter, die ſich von der Gerichtsbarkeit und Kirchenge— meinſchaft des Patriarchen von Alexandrien, Petrus Mongus, losſagten und abgeſonderten Gottesdienſt hielten.“ Nachher wurde dieſer Name auf mehre Moͤnchsſecten ausgedehnt. S. Erſch und Gruber Ency⸗ klopäd. der Wiſſenſch. und Künfte. Th. II. S. 291. 2) Dieſes bezeugt der Papſt, dem ſolches berichtet worden war, in dem genannten Schreiben ſelbſt: Quidam vestri Ordinis Fratres in illis partibus constituli eisdem in hospiliis debita bumanilatis solatia non impendunt: quin imo adco verbis exasperatis cosdem, ut pro- pter increpaliones vestras mulliplices nonnulli eorum dicantur ab illis partibus abscessisse. Baluz. I. e. 3) Diefes Schreiben befindet ſich in Baluz. Epistol. Innocent. III. L. XV. ep. 147; in Aclis Boruss. T. I. p. 251, hier ſehr fehlerhaft und in Hartknochs Kirchengeſch. S. 31 — 32. Das Datum deſſel⸗

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440 Der Moͤnch Chriſtian, Bekehrer der Preuffen. nocenz auch ein Schreiben an die Herzoge von Pommern und Polen, da er benachrichtigt war, daß dieſe die Neube- kehrten gleich als ihre Unterthanen oft mit ſklaviſchen Laſten bedraͤngten, ſie ermahnend, „die neuen Soͤhne der Kirche“ hinfort nicht mehr um irdiſchen Gewinnes Willen mit un- billigen Forderungen zu belaͤſtigen, vielmehr ihnen mit Milde und Schonung entgegen zu kommen, weil ſie ſonſt, noch ſchwach in dem neuen Glauben, leicht wieder in den alten Irrthum des Heidenthums zuruͤckfallen koͤnnten Y. So miſchte ſich auch wieder in die reine Sache der Ver— kuͤndigung des Glaubens ſogleich irdiſche Begier, menſchliche Herrſchluſt und weltliche Habſucht ein, denn offenbar be⸗ trachteten die Fuͤrſten das Chriſtenthum als ein Joch, durch welches der Heide unter den Zwang ihrer Gebote gebeugt werde ). Wiewohl dieſer Umſtand den ſchnelleren Fortgang des Bekehrungswerkes in mancher Hinſicht ſehr gehindert hatte, ſo ward doch im naͤchſten Jahre 1214 Chriſtian'n die Freude zu Theil, daß abermals zwei Landesfuͤrſten, War⸗ poda, Gebieter und Herr des Landes Lanſanien in der Landſchaft Pogeſanien und Suavabuno, Herr des Gebietes von Loͤbau, ſich zum chriſtlichen Glauben bekannten. Ohne ben ift: Signiae IV. Idus Augusti pontif. nostri anno quinto de- cimo; dieſes iſt das Jahr 1213, nicht aber 1211 oder 1212, wie die Acta Boruss. und Hartknoch angeben. Vgl. auch Arnolds Preuff. »Kirchengeſch. S. 88. Raynalal. Annal. eccles. T. XIII. an. 1212. Nro. 5. 1) Baluz. Epistol. Innocent. III. L. XV. ep. 148. Acta Boruss. T. I. p. 253 — 254. Dogiel Codex diplom. Polon. T. IV. Nro. I. il. 5 2) Der Papft bezeichnet dieſe Geſinnung der Fuͤrſten ſelbſt in dem Schreiben an fie, indem er von ihnen ſagt: Quam cito intelligunt, aliquos e gentilibus per Prussiam constitulis novae regeneralionis graliam suscepisse, stalim oneribus eos servilibus aggravant et ve- nientes ad Christianae fidei liberlatem deterioris conditionis effi- ciunt, quam essent, dum sub jugo servitutis pristinae perman- serunt.

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Chriſtian, erſter Biſchof von Preuſſen. 441 Zweifel alſo war nun ſchon der groͤßte Theil dieſes letzteren Landes dem Chriſtenthume zugewandt und es ſcheint, daß Chriſtian feine Bemühungen nun auch ſchon in die Umge⸗ genden des Drauſen-Sees richtete ). Nach dem Beiſpiele Alberts, des Biſchofs von Livland, begab er ſich mit die— ſen beiden Fuͤrſten noch in dem naͤmlichen Jahre nach Rom, um fie dem Papſte vorzuſtellen und dieſem muͤndlichen Be⸗ richt uͤber den Fortgang ſeines Werkes abzuſtatten. Da nun die Zahl der Neubekehrten in Preuſſen, wie Chriſtian dem Papſte berichtete, ſchon ziemlich bedeutend war, beide Fuͤrſten ihre Landesgebiete ihrem chriſtlichen Lehrer aus Dankbarkeit als Geſchenk angeboten hatten, dadurch alſo auch ſchon fuͤr ſeinen Unterhalt geſorgt war, und da end— lich auch erwartet werden konnte, daß Chriſtian, von ſeinen kloͤſterlichen Verhaͤltniſſen völlig befreit, noch weit erfolgrei⸗ cher werde wirken koͤnnen, ſo erhob ihn jetzt Papſt Inno⸗ cenz zum Biſchofe von Preuſſen, ließ durch ihn zu Rom die beiden Fuͤrſten feierlich taufen, Warpoden unter dem 1) In der Urkunde bei Lucas David B. II. S. 22 heißt das Gebiet Warpoda's Lausania. Unter dieſem Namen aber hat ſich in den zahlreichen Verſchreibungen des Landes kein Gebiet auffinden laſſen. Dagegen lag in der Nähe von Elbing ein Gebiet Lansania ober Lan- zania, welches wohl ohne Zweifel das Land Warpoda's war. Da wir die Urkunde bei Lucas David nur in Abſchrift haben, fo koͤnnte wohl leicht Jausania für Lansania verſchrieben ſeyn, wie denn auch Fuchs in ſ. Geſchichte von Elbing jenes Gebiet bei Elbing wieder Lauſanien ſtatt Canfanien nennt. In der von mir ſelbſt copirten Fundations-ur⸗ kunde der Stadt Elbing habe ich aber ausdruͤcklich Lanzania geleſen und an dieſem Namen iſt um fo weniger zu zweifeln, da das Kirch: dorf Lentzen zwiſchen Elbing und Tolkemit noch auf den Namen Lan- sania hinweiſet. — Den Namen \Varpoda konnte man auflöfen in War, Krieg oder Wehre und bod, Führer, Befehlshaber, alſo Kriege: oder Wehrenfuͤhrer. Dieſes wuͤrde mit der Bezeichnung des ſchon fruͤ⸗ her erwähnten Phalet durch Dux wohl uͤbereinſtimmen. — Das Land des andern Fürften heißt in der Urkunde Lubovia, welches offenbar der Name vom Loͤbauiſchen Gebiete iſt. Der Name des Fuͤrſten dieſes Lan⸗ des wird ſehr verſchieden gefunden. In der Urkunde lautet er Suava- buno. Bayer Opusc. p. 372 fand ihn Suavabrim geſchrieben.

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442 Chriſtian, erſter Biſchof von Preuſſen. Namen Philipp und Suavabuno unter dem Namen Paul und begruͤndete ſomit in Preuſſen zuerſt die chriſtliche Kirche ). Auf die Bitten der beiden neugetauften Fuͤr⸗ ſten beſtaͤtigte hierauf der Papſt durch zwei Bullen am achtzehnten Februar des Jahres 1215 dem neuerwaͤhlten Biſchofe die Schenkung der beiden Laͤnder als erſtes Be— ſitzthum des neugegruͤndeten biſchoͤflichen Stuhles ). Nach⸗ dem nun Chriſtian, wie man meint, in Deutſchland die bifchöfliche Weihe erhalten, kehrte er noch in dem naͤmlichen Jahre nach Preuſſen zurüd. Hier aber fand er in des Volkes Geſinnungen eine bedeutende Veraͤnderung. Wodurch ſie bewirkt worden, iſt uns nicht genau bekannt. Sey es, daß dem Volke kund geworden, der neue Biſchof habe in Rom um die Erlaub— niß zu einer Kreuzpredigt nachgeſucht und Preuſſen ſomit einen Kampf zu befuͤrchten, wie er in Livland durch die Kreuzheere gegen die Eingebornen gefuͤhrt ward, oder ſey es, daß man in dem Biſchofe, in dem Herrn uͤber zwei Landgebiete jetzt einen ganz andern Mann wahrnahm, als man ihn zuvor im armen und beſcheidenen Mönche gefun⸗ 1) Die Ernennung Chriſtians zum Biſchofe muß im Herbſte des Jahres 1214 oder im Anfange des Jahres 1215 erfolgt ſeyn. Am 18ten Februar 1215 nennt ihn wenigſtens der Papſt ſelbſt ſchon Bi: ſchof von Preuſſen; ſ. Lucas David B. II. S. 22 — 23. Das Chron. Mont. Sereni an. 1215 fest die Weihe Chriſtians in das Jahr 1215, indem es ſagt: Anno 1215 Christianus primus post beatum Adalbertum genti Prutenorum consecratus est Episcopus. 2) Die beiden Bullen ſtehen in Lucas David B. II. S. 22 — 23. Act. Boruss. T. I. p. 259 — 261. Merkwuͤrdig iſt in der, welche die Schenkung Suavabuno's betrifft, die Stelle: Quam (i. e. terram Lubovie) ipse et consortes sui, prout ad ipsos de jure spectabat, tibi et successoribus tuis in jus et proptielatem libere contulerunt intuitu pielatis. Alſo hatte das Land dem Fürften Suavabuno nicht ausſchließlich allein zugehoͤrt, denn Consortes proprie dicuntur eius- dem agri vel dominii parlicipes, qui sortes suas vicinas habent. Demnach waren auch dieſe Consortes mit zum Chriſtenthum uͤberge⸗ treten.

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Chriſtian, erſter Biſchof von Preuſſen. 443 den hatte, oder daß fich Chriſtian nach feiner Ruͤckkehr mehr als vordem an den Herzog von Maſovien zur etwa noth— wendigen Vertheidigung ſeiner neuen Beſitzungen anſchloß, oder endlich daß andere Verhaͤltniſſe unguͤnſtig auf des Volkes Stimmung eingewirkt hatten: — die heidniſchen Preuſſen ſahen ihn nach ſeiner Ruͤckkehr als ihren Feind und Widerſacher an, fielen in das Gebiet von Loͤbau und ins Kulmerland mit ſchrecklicher Verwuͤſtung ein, brannten alles nieder, vernichteten die Landesburgen von Pomeſa— niens Graͤnzen an bis an die Drewenz hin und bewogen dadurch viele von den Neubekehrten, die ſich vor dem wil- den Anſturme zu retten ſuchten, zur Ruͤckkehr in das Hei— denthum ). Fuͤr Biſchof Chriſtian waren es die traurigſten Tage ſeines Lebens, als dieſes Ungluͤck uͤber ſeine neue Pflanzung heranſtuͤrmte. Da Herzog Conrad von Maſovien außer Stande war, dem erbitterten Feinde kraͤftigen Widerſtand zu leiſten, ſo wandte ſich der Biſchof nach Rom mit der Bitte um die Erlaubniß, gegen das ergrimmte heidniſche Volk und zur Vertheidigung der neuen chriſtlichen Ge— meine das Kreuz predigen zu dürfen. Allein die Zeitver— haͤltniſſe waren Anfangs ſeiner Bitte wenig guͤnſtig. Sein alter Goͤnner, der Papſt Innocenz der Dritte ſtarb gerade in dieſer Zeit, am 16ten Juli 1216 und der neue Papſt Honorius der Dritte war ſogleich nach ſeiner Wahl mit 1) Dieſer feindliche Einfall muß ſogleich nach Chriſtians Ruͤckkehr, noch im Laufe des Jahres 1215 erfolgt ſeyn, denn im Jahre 1216 war der Biſchof ſchon um die Aufbringung eines Kreuzheeres bemüht, nach Lucas David B. II. S. 23. Wahrſcheinlich ward bei dieſer Verheerung des Kulmer andes auch die Burg Kulm zerſtoͤrt, denn Her zog Conrad von Maſovien ſagt im Jahre 1222: Castrum Colmen per multos annos a Prulenis destructum et tolaliter desolatum. Eben fo ift nicht unwahrſcheinlich, daß damals auch die übrigen Lan desburgen, welche Conrad „quondam castra“ nennt, vernichtet wur: den. Vgl. Dreger Cod. diplom. Pomeran, Nro. 58. p. 106.

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444 Chriſtian, erſter Biſchof von Preuffen. ungetheiltem Eifer in ganz andern Dingen beſchaͤftigt ). Es wurde damals gerade im Abendlande das Kreuz fuͤr die Noth des Morgenlandes allen Chriſten gepredigt und der neue Papſt betrieb die Sache dieſes neuen Kreuzzuges mit einer Thaͤtigkeit und mit einem Feuer ), daß er kaum mit einiger Theilnahme an die neue Kirche im Norden den⸗ ken konnte. So ging ein ganzes Jahr hin und erſt am dritten Maͤrz 1217 erhielt Chriſtian durch eine paͤpſtliche Bulle die Erlaubniß, zur Rettung der neuen Chriſten aus ihrer Bedraͤngniß in den nachbarlichen Lander alle Diejeniz gen mit dem Kreuze zu bezeichnen, dke zur Huͤlfe herbei— kommen wollten, doch die ausgenommen, welche das Kreuz ſchon fuͤr das heilige Land angenommen oder durch ihre Gaben den Kreuzzug ins Morgenland zu unterſtuͤtzen ans gelobt. Doch ſolle jenen die naͤmliche Vergebung der Suͤn— den verheißen ſeyn, wie ſolchen, die gen Jeruſalem wall— fahrteten ). Da indeſſen der Sturm jenes Einfalles der Heiden ins chriſtliche Gebiet ſchnell voruͤbergegangen und ſeitdem wieder einige Ruhe, wie es ſcheint, zuruͤckgekehrt war, ſo machte der Biſchof nicht ſogleich Gebrauch von des Papſtes Erlaubniß. Beſonnen und maͤßig, wie er immer handelte, zog er es vor, in ſeinem Bekehrungswerke wie bisher, ſo auch fernerhin ſo lange als moͤglich auf dem Wege des Friedens fortzugehen und es zeigten ſich bald auch in der vermehrten Zahl der Bekehrten wieder erfreuliche Erfolge ſeines Verfahrens. Er meldete dieſes dem Papſte mit der Bitte, daß zum beſſeren Gedeihen ſeines Beſtrebens ihm nur eine größere Zahl von Gehuͤlfen zur Seite treten moͤch— 1) Lucas David B. II. S. 23. Raumer e der Ho⸗ henſtaufen B. III. S. 306. 2) Raumer a, a. O. S. 311. 3) Die Bulle ſteht in Act. Boruss. T. I. p- 262 — 263; Lucas David B. II. S. 24. Baczko B. I. S. 131. Vgl. auch Raynald. Annal. eccles. T. XIII. an. 1217. Nro. 47.

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Chriſtian, erſter Biſchof von Preuſſen. 445 ten, indem die Erndte des Samens, den er ausgeſtreuet, ſchon hie und da überall zur Frucht reife ). Und der Papſt ertheille ihm hierauf die Vollmacht, an paſſenden Orten in Preuſſen und nach Beſchaffenheit der Verhaͤltniſſe Kathe⸗ dral⸗Kirchen zu erbauen und zu dem Amte der Kirche ſchickliche Maͤnner zu Biſchoͤfen zu erwaͤhlen und ſolche im Beiſeyn von zwei oder drei andern Biſchoͤfen an des Pap⸗ ſtes Stelle in ihre Würde einzuweihen 2). War dieſe Ver⸗ ordnung des Papſtes wohl allerdings noch viel zu fruͤh, ſo gab ſie dem neuen Bifchofe Preuſſens doch immer ein An— ſehen, welches durch das in ihn von Seiten des Hofes zu Rom geſetzte Vertrauen in anderer Hinſicht fuͤr ſeine Be⸗ ſtrebungen gewiß ſehr guͤnſtig wirken konnte. Bald aber wurde Chriſtians friedliches Wirken von neuem unterbrochen. Die Preuſſen wiederholten im Jahre 1218 ihre feindlichen Einfaͤlle theils ins Kulmerland, theils auch weiterhin in das Gebiet Maſoviens unter den ſchreck⸗ lichſten Verheerungen und mit wilder Verwuͤſtung alles deſſen, was chriſtlich hieß. Bald zaͤhlte man in beiden Lan⸗ den dreihundert Kirchen und Kapellen, die von ihnen durchpluͤndert, verbrannt oder ſonſt vernichtet worden wa⸗ ren ). Am grauſamſten behandelten fie die chriſtlichen Prieſter, wenn dieſe in ihre Gewalt geriethen. Zum Ruͤckzuge konnte man die raubgierigen Haufen immer nur durch Tributge⸗ ſchenke bewegen, und je bereitwilliger dieſe dargeboten wur⸗ den und je mehr die Preuſſen hierin die Schwaͤche und 1) Bei dem Mangel anderer Quellen ſchließen wir ſolches nur aus den Worten des Papſtes in ſeiner Bulle vom Jahre 1218: Cum in partibus Prussiae multiplicata, per Dei gratiam, messe fidelium et regionibus circumquaque albescentibus jam ad messem, necesse sit, sicut asseris, operariorum numerum adaugeri, etc. Cſ. Acta Bo- russ. T. I. p. 264. 2) Die Bulle in den Act. Boruss. T. I. S. 264. Lucas Da⸗ vid B. II. S. 24. Das Datum iſt: Romae apud 5. Petrum III. Non. Maji Pontif. anno secundo — Sten Mai 1218. 3) Ordens⸗Chron. S. 22. (Mſcr.), bei Matiliacus T. V. p. 692.

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446 Kreuzzug nach Preuffen. Huͤlfloſigkeit des Herzogs von Maſovien erkannten, deſto oͤfter und zahlreicher erſchienen ſie immer wieder. Ihre ver⸗ langten Gaben waren meiſtens ſchoͤne Kleider und Pferde, und von dieſen war Herzog Conrad durch das oͤftere Er— ſcheinen des Feindes endlich ſo entbloͤßt, daß er einſtmals, als die raubluſtigen Preuſſen ſein Land abermals uͤberzo⸗ gen hatten, die reichſten und vornehmſten Großen des Lan⸗ des ſammt ihren Frauen zu einem Gaſtmahle einlud und waͤhrend ſie am Tiſche ſaßen, ihnen ihre abgelegten Kleider und ihre Roſſe wegnehmen ließ, um ſolche als Tributge— ſchenke den Preuſſen uͤbergeben zu laſſen ). Unter ſolchen Ereigniſſen ſah Biſchof Chriſtian nun klar ein, daß nur ein Kreuzheer feiner neuen Ghriften= Ge- meine die noͤthige Sicherheit und Conrads Landen die er⸗ wünſchte Ruhe verſchaffen koͤnne, denn das friedliche Wort der Bekehrung und Ermahnung fand nun ſchon keinen Ein- gang mehr in die erbitterte Bruſt des raubgierigen Fein- des. Fuͤhrte doch damals gerade auch der Biſchof Albert von Riga ſolche Heerhaufen auf dem weit beſchwerlicheren Wege der See bis an das Ufer der Duͤna, und was war dieſem dort nicht alles ſchon gelungen! So ward denn theils durch Chriſtian ſelbſt, theils auf ſeinen Anlaß das Kreuz fuͤr einen Heereszug nach Preuſſen in faſt allen nahe liegenden Laͤndern gepredigt und es ſammelten ſich bald beträchtliche Heerhaufen in Deutſchland, Böhmen, Mähren, Schleſien, Polen, Pommern und Ungern ). Auch der Papſt wirkte hiebei mit regſtem Eifer ein; denn auf des Biſchofs dringende Bitten, der jungen Kirche in Preuſſen jetzt in ihrer großen Bedraͤngniß zu Huͤlfe zu kommen, erließ er im Juni des Jahres 1218 Aufforderungen an die Erzbi— ſchoͤfe von Mainz, Trier, Koͤln, Magdeburg, Salzburg, Gne⸗ 1) Ordens-Chron. S. 23. (Mſcr.) und bei Matthaeus l. c. 2) Alle dieſe Laͤnder, mit Ausnahme Schleſiens, nennt der Papſt in einer Bulle; ſ. Acta Boruss. T. I. p. 265. Daß aber auch in Schleſtien das Kreuz gepredigt wurde, lehrt der Erfolg.

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Kreuzzug nach Preuffen. 447 fen, Bremen und Lund und an ihre Suffragane, daß fie diejenigen, welche mit dem Kreuze bezeichnet die Pilger fahrt gen Jeruſalem nicht unternehmen koͤnnten, ermahnen moͤchten, ſich der Kreuzfahrt nach Preuſſen anzuſchließen. „Dort iſt ein Volk,“ ſchrieb der Papſt, „welches von al— „lem, was Glauben heißt, entfremdet und mehr als thieri— „ſcher Wildheit ergeben iſt, in welchem der Vater alle Toͤch— „ter, die ihm die Gattin bringt, bis auf Eine ermordet, „wo ohne Scheu und Scham Toͤchter und Frauen wilder „Luſt Preis gegeben werden, wo man die Gefangenen den „Goͤtzen opfert und Schwert und Lanze mit deren Blute „faͤrbt. Aus der Mitte dieſes Volkes hat der Herr ſchon „eine Gemeine zur Erkenntniß ſeines Wortes gefuͤhrt; ſie „unterliegt aber ſchrecklicher Bedraͤngniß und vielfältiger „Anfechtung, um ſie in die Finſterniß des Heidenthums „wiederum zuruͤckzufuͤhren. Der Biſchof von Preuſſen und „die Gehuͤlfen ſeines Werkes ſind geſonnen, ſobald ihnen „die noͤthigen Mittel zur Hand ſtaͤnden, die zum Tode be⸗ „ſtimmten Toͤchter loszukaufen, fie erziehen zu laſſen und „für das Chriſtenthum zu gewinnen, ferner dort für „Preuſſiſche Knaben Schulen zu errichten, um an dieſen „geſchickte Prediger und Lehrer des chriſtlichen Wortes un- „ter ihrem eigenen Volke zu bilden, weil dieſe ihre eige— „nen Volksgenoſſen gewiß weit wirkſamer im Evangelium „werden belehren koͤnnen, als die fremden Ankoͤmmlinge. „Darum rufen der Biſchof und ſeine Mitgehuͤlfen den Bei— „ſtand aller derer an, welche das Zeichen des Kreuzes noch „nicht empfangen haben oder zum Heereszuge in das „genannte Land es nicht auf ſich nehmen koͤnnen, daß „ſie in ſolcher Beihuͤlfe ein frommes Geluͤbde erfuͤllen „moͤgen ).“ 1) Raynald. Annal. eccles. T. XIII. an. 1218. Nro. 43 — 44. Es iſt hier dieſem paͤpſtlichen Schreiben die Bemerkung beigefügt, daß der Papſt donalionem insuper jam ante, nimirum salutis anno MCXU. ab WVratislao Duce de Kalis Christiano Prussiae Episcopo

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448 Kreuzzug nach Preuffen. Im Fruͤhling des Jahres 1219 zogen nun die Schaa⸗ ren des Kreuzheeres gegen Preuſſen heran. Aber es lebte keineswegs in allen das reine Intereſſe zur Sache des Glau— bens, der reine Eifer zur Verbreitung und Vertheidigung des Evangeliums. Wenige hatte die Ehre des Heilandes in das unglaͤubige Land getrieben; viele lockte nur irdiſcher Gewinn theils am eroberten Lande der Unglaͤubigen, theils an ertraͤumten Reichthuͤmern. Andere, meinend, das Land muͤſſe erſt zur Wuͤſte umgewandelt und das Unkraut des Heidenthums erſtickt und bis zur Wurzel ausgerottet wer— den, trieb der wilde Glaubenseifer zur völligen Beknechtung und Vertilgung des heidniſchen Volkes ), weil dann erſt, wie ſie glaubten, der reine und wahre Glaube werde ge— deihen koͤnnen. Der Papſt Honorius kannte ſeine Zeit; er wußte, wie ſich das weltliche Intereſſe, die kalte Berech— nung von Vortheil und Gewinn uͤberhaupt ſchon in die heiligen Heerfahrten für den Glauben eingemiſcht; auch die ſelbſtſuͤchtigen Beſtrebungen der Führer des Kreuzheeres, welches nach Preuſſen zog, waren ihm nicht unbekannt. Darum erließ er am zwoͤlften Mai 1219 an den Biſchof Chriſtian den Befehl, die Fuͤhrer des Pilgerheeres uͤber den wahren Zweck ihrer Heerfahrt ernſtlich zu belehren; nur zur Vertheidigung der neuen Kirche und der Neubekehrten, nicht um weltlichen Gewinnes Willen ſey ihnen das Kreuz gepredigt; nicht zur Bezaͤhmung der Heiden unter das Joch ihrer Knechtſchaft ſey der Kreuzzug verordnet worden, da dieſe Heiden dann nur um ſo hartnaͤckiger in ihrem Irrwahne beharren wuͤrden; vielmehr ſeyen ſie nur ausge— zogen fuͤr die Sache des Heilandes als gerechte Kaͤmpfer, die ſich aller unerlaubten Handlungen enthalten und in al⸗ lem nur dem Rathe und der Fuͤhrung des Biſchofs des Landes Gehorſam leiſten muͤßten. Endlich bevollmaͤchtigte ſaclam sua auctoritate munivit firmavitque. Allein dieſe Zeitangabe iſt offenbar falſch. . 1) Acta Boruss. T. I. p. 265. Lucas David B. II. S. 25.

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Kreuzzug nach Preuffen. 449 der Papſt den Biſchof Chriftian zur Strafe des Bannes gegen jeglichen, der wider ſeine Verordnungen handeln, ihm den Gehorſam verweigern, in irgend einer Weiſe die Be⸗ kehrung der Heiden verhindern oder die Lage der ſchon Bekehrten verſchlimmern werde ); und um dem Ganzen die noͤthige Wirkung und Richtung zu geben, uͤbertrug der Papſt dem Erzbiſchofe von Gneſen das Amt eines paͤpſtli⸗ chen Legaten in Preuſſen ?). Ohne Zweifel war dieſe paͤpſtliche Verordnung durch den Biſchof Chriſtian zunaͤchſt veranlaßt worden. Es konnte ihm bei öfteren Unterredungen mit heidniſchen Preuſſen nicht entgangen ſeyn, daß fie mit der Annahme des chriſt⸗ lichen Glaubens ſtets auch den Verluſt ihrer bisherigen Freiheit in Sitte und Verfaſſung befuͤrchteten und daß dieſe Beſorgniß den Fortgang der Bekehrung beſtaͤndig ſehr gehindert hatte. Er fand es deshalb fuͤr ſo nothwendig, als heilſam, dem Volke dieſe alte Freiheit in aller Weiſe ſicher zu ſtellen. Daher ſtand er, als das Kreuzheer im Lande eingezogen war, auch faſt unausgeſetzt als Fuͤhrer an feiner Spitze ). Drei Jahre lagen theils dieſe Heerhaufen im Lande, theils erſetzten die abziehenden einzelnen Schaa⸗ ren immer wieder neue Ankoͤmmlinge; denn außer Chri⸗ ſtians fortwaͤrrender Thaͤtigkeit in der Verkuͤndigung des Kreuzes, wuchs mit den Erfolgen in dem Glaubenswerke in Preuſſen auch bei dem Papſte die Theilnahme und der Eifer. In einem Schreiben, welches er im Jahre 1220 an die Neubekehrten in Preuſſen erließ, ermahnte er ſie mit vaͤterlicher Liebe nicht bloß zum chriſtlichen Dulden 1) Dieſe Bulle ſteht in den Act. Boruss. T. I. p. 265 — 266. Das Datum iſt: Romae apud S. Peirum IV Idus Maji Pontif. no- stri anno tercio — 12ten Mai 1219. S. Baczko B. I. S. 132. 2) Raynald. Annal. eecles. I. XIII. an. 1219. Nro. 34. 3) Im Jahre 1220 befand ſich Chriſtian wieder in Deutſchland, wahrſcheinlich um die Zahl der Kreuzbruͤder noch zu vermehren. Nach dem Chron. Mont. Sereni p. 81. wohnte er damals der Einweihung der Kirche zu Halberſtadt bei. J. 29

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450 Das Kreuzheer im Kulmerlande. und Ausharren in ihren Bedraͤngniſſen und verhieß ihnen auch forthin ſeinen Troſt und ſeine Huͤlfe, ſondern er ver⸗ ſprach auch, ihre Freiheit in aller Weiſe aufrecht zu erhal- ten, ſie mit ſeiner Gunſt zu erfreuen und ſobald der Krieg gegen die Unglaͤubigen im Morgenlande beendigt ſey, be⸗ deutende Schaaren von Kreuzbruͤdern zu ihrer Huͤlfe her⸗ beizuſenden ). Aber ſelbſt bei dieſer langen Dauer, in welcher die Heerhaufen der Kreuzbruͤder in Preuſſen verweilten, ſcheinen ſie nie tief ins Innere des Landes vorgedrungen zu ſeyn. Dem Biſchofe Chriſtian lag immer nur am meiſten an der Befreiung und Sicherſtellung des Kulmerlandes und des Gebietes von Loͤbau, weil dieſe beiden ſchon chriſtlich gewordenen Laͤnder ihm zur Grundlage und zu ſicheren Haltpunkten beim weiteren Fortbau des chriſtlichen Werkes dienen mußten. Als daher im Jahre 1222 außer andern Kreuzbruͤdern ) auch der Herzog Heinrich von Schleſien, die Bifchöfe Laurentius von Breslau, Laurentius von Le 1) Dieſes Schreiben des Papſtes befindet ſich bei Raynald. An- nal. eccles. T. XIII. an. 1220 Nro. 40 — 41. Unter andern heißt es Vobis in omnibus, quibus possumus, libentissime assistemus, omne vobis solatium et auxilium impensuri, et quoniam in libertatem vocati estis adepti gratiam ſiliorum, vos conversos ct caeteros ad Dominum convertendos in omui couservabimus libertate, aliisque dignis favoribus prosequemur. Das Schreiben ift gegeben Viterh, VIII. Id. Maji pont. an. V. — Sten Mai 1220. 2) So erzählt unter andern das Cbron. Mont. Sereni p. 82. Anno MCCXXII. Poppo Novi operis et Otto S. Mauricii Hallensis Pracpositi, XVII. Kal. Juni a Sereno-monte in Pruciam proſecti sunt. Dann heißt es aber in dem naͤmlichen Jahre noch: Pracpositus vero paucis post festum Purificationis diebus domum reversus est, absolutione proſectionis suae in Pruciam sub testimonio litterarum poenitentiarüü impetrata, quia ad subsidium terrae illius cruce si- gualus erat. Modus autem absolutionis erat, ut ires marcas annis singulis terrae illi solveret, donec XX ınarcarım numerus exple- relur.

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Das Kreuzheer im Kulmerlande. 451 bus und mehre Barone jenes Landes herbeigezogen waren ), beſchloß man, vor allem unter dem Schutze der neuen Heer⸗ haufen das Kulmerland, deſſen Wehrburgen faſt alle vernich⸗ tet waren, beſſer zu befeſtigen. Mit des Biſchofs Einwilli⸗ gung und auf die Bitte des Herzogs Conrad von Maſo⸗ vien, dem immer am meiſten die Sicherheit ſeines Landes am Herzen lag, uͤbernahmen vorzuͤglich die erwaͤhnten Pil⸗ grimme den Wiederaufbau der von den Preuſſen ſchon laͤngſt zerftörten Burg Kulm 2). Den Herzog Heinrich von Schleſien leitete hiebei auch eigenes Intereſſe, denn auch er ſcheint Beſitzungen im Kulmiſchen Gebiete gehabt zu ha⸗ ben ), die von den Preuſſen verwuͤſtet worden waren. Waͤhrend nun in ſolcher Weiſe die Burg Kulm aus ihren Truͤmmern wieder emporſtieg, bemuͤhte man ſich von allen Seiten, die Beſitzungen des neuen Bisthums zu er⸗ weitern und dem Biſchofe Chriſtian fuͤr ſeine Bemuͤhungen um die Herbeifuͤhrung der Kreuzheere Beweiſe des Dankes darzubringen. Vor allem geſchah ſolches durch Herzog Con⸗ rad von Maſovien, denn er verlieh ihm erſtlich einen Theil des Kulmerlandes und die einſtmaligen Burgen Grudenc, Wabsko, Coprinen, Williſas, Colno, Ruch, Ryſin, Glam⸗ bofi, Turno, Pin und Ploch) mit allen ihren Dörfern 1) Henelii ab Hennenfeld Annal. Siles. ap. Sommer sberg script. rer. Siles. T. II. p. 244.: Cruce signati milites in auxilium contra Prutenos undique evocati, quos inter facile Principes fuere; Henricus Dux Slesiae, WVratislaviensisque et Lehusiensis Episcopi multique e nobilitate Polonica ac Silesiaca. Nec tamen perdomari ab eo exercitu Pruteni potuerunt. Bzooi Annal. Eccles. T. XIII. an. 1220. p. 181. Vgl. die Urkunde bei Dreger Cod. dipl. Pomer. Nro. 58. p. 106. 2) Dreger l. c. — Die Burg Kulm ſtand demnach ſchon lange vor der Ankunft des Ordens da. Uphagen Parerga p. 313. 3) Dieſes wird durch die Urkunde bei Dreger J. c. höͤchſt wahr⸗ ſcheinlich. 4) Die Namen der meiſten dieſer Burgen laſſen fich auch in jetzi⸗ gen Ortsnamen im Kulmiſchen Gebiete noch auffinden. Grudene 29 *

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452 Das Kreuzheer im Kulmerlande. und ſonſtigen Zubehoͤrungen unter herzoglichem oder ober⸗ herrlichem Rechte). Er trat ihm ferner noch hundert Doͤr⸗ fer, Beſitzungen und erbliche Grundſtuͤcke im Kulmiſchen Gebiete ab, welche zum Theil um Kulm vorher ein Graf Syro beſeſſen hatte?) Somit erhielt das Bisthum Kulm ſchon eine bedeutende Menge von eigenen Beſitzungen. Bisher hatte im Kulmerlande auch der Biſchof von Ploczk, zu deſſen Kirchenſprengel früher dieſe Landſchaft gehört, mehre Beſitzungen gehabt. Er trat ſie jetzt alle an den Biſchof von Kulm ab )), leiſtete außerdem auch Verzicht auf jegliches geiſtliche und weltliche Recht, welches er ſonſt im Kulmerlande gehabt, und uͤbertrug dieſes uͤber das ganze Kulmiſche Gebiet an den neuen Biſchof von Preuſſen 9. it Graudenz, in deſſen Nähe unbezweifelt eine alte Burg ſtand. Coln o iſt das jetzige Koͤln etwas noͤrdlich von Kulm an der Weichſel. Pin unverkenntlich das jetzige Pien, hart an der Weichſel, noͤrdlich vom Kirchdorfe Oſtrometzko. Tur no lag hoͤchſt wahrſcheinlich an dem Orte, wo nun Alt⸗Thorn iſt und wo ſchon vor der Ankunft des Ordens eine alte Burg geſtanden haben mag. Nuch moͤchte Rogowo nordoͤſtlich von Thorn ſeyn, denn die beiden letzten Silben des Namens ſind Polniſch. Bei Ryſin darf nicht an das Gebiet Reſien in Pomeſanien gedacht werden; da aber ein ähnlicher Name im Kulmiſchen nicht zu finden iſt, ſo moͤchte wohl die Lesart Kyßyn in einigen Abſchriften dieſer Urkunde richtiger ſeyn und das jetzige Gzyn noͤrdlich von Oſtrometzko den Ort der alten Burg bezeichnen. Doch iſt auch moͤglich, daß es eine Burg Ryſin im Kulmiſchen gab. Vgl. unten S. 456 Not. 1. 1) „Cum ure ducali in remissionem peccatorum mcorum liberrime donavı. “ 2) Von dieſen Dörfern laſſen ſich jetzt nur aͤußerſt wenige wieder auffinden; auch lauten die Namen in den verſchiedenen Abſchriften der Urkunde ſehr verſchieden, wie ſchon aus einer Vergleichung bei Draeger l. c. und in den Act. Boruss. T. I. p. 63 und 269 hervorgeht. 3) „Ut predieti episcopi Prussie ad reedificandum castrum Col- men bona volunias el consensus accederet“ heißt es in der Urkunde Der damalige Biſchof von Ploczk war Geſchko. 4) Das dominium Culmense, über welches dem Biſchof von Ploczk das erwähnte Recht bisher zugeſtanden kette, wird in der Urkunde fo bezeichnet: Ab eo loco, ubi Drewanza de Prussia egreditur juxta

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Das Bisthum Kulm. 453 In ſolcher Weiſe erhielt der Biſchof Chriſtian jetzt die ganze Kulmiſche Landſchaft zu ſeinem biſchoͤflichen Spren⸗ gel und es entſtand nun erſt das eigentliche Bisthum Kulm, wiewohl der Biſchof auch forthin noch Biſchof von Preuſſen hieß. Die Burg Kulm ward zugleich fuͤr ihn und die um ihn ſeyenden Geiſtlichen zum Wohnſitze be⸗ ſtimmt, denn bisher hatte der neue Biſchof noch keinen feſten Aufenthaltsort gehabt ). Um dieſem endlich auch die noͤthigen Einkuͤnfte zu ſichern, ward durch den Herzog Con⸗ rad feſtgeſtellt, daß der jederzeitige Herr der Landſchaft Kulm, mit Ausſchluß der Beſitzungen des Biſchofes, alle aus dem Lande gewonnenen Einkuͤnfte mit dieſem zur Haͤlfte theilen ſolle. Der Biſchof von Ploczk aber trat ihm den ganzen Zehnten aus dem Lande ab, doch alſo daß Her⸗ zog Heinrich von Schleſien ſich uͤber ſeine Beſitzungen noch beſonders mit dem Biſchofe Chriſtian vereinigen ſollte ). terminos Prussie in Ossam (dieſes iſt die öftlihe Graͤnze bis ge: gen Strasburg hin, dann an den Graͤnzen Preuſſens hin an die Oſſa? dieß trifft gerade auf die Gegend, wo die alten Kulmiſchen Graͤnzbur⸗ gen Plowenz, Oſtrowitt, Wanzino, Kowaleck u. a. die Landſchaft Kulm von Preuſſen trennten) et sic inferius per Ossam in Wis- lam et sic per Wislam sursum usque ad Drewanzam (jenes die noͤrd⸗ liche, dieſes die weſtliche Graͤnze) et sic per Drewanzam sursum usque ad locum, uhi Drewanza egreditur de Prussia (füdliye Graͤnze). 1) Die Worte der Urkunde: Preterea in castro Colmensi curiam propriam et conventum qualem voluerit, ipsc opiscopus Prussie habebit, und die von dem Biſchofe Chriſtian erſt erbetene Erlaubniß zum Aufbau von Kulm, mögen Anlaß zu der Behauptung (Baczko B. I. S. 106) gegeben haben, daß Herzog Conrad fich Kulm wieder zugeeignet habe. Möglich wäre dieſes; aber ſtreng erweislich iſt es nicht. Hoͤchſtens nahm er nur die Wehr- und Schutzpflicht der Burg auf ſich. 2) Die Urkunde hierüber in Leibnitz Cod. jur. gent. diplom. p. 6 — 8. Lengnichs Poln. Biblioth. St. IV. Acta Boruss. T. T. p. 62 — 65. vgl. S. 268. Dreger Cod. diplom. Nro. 58 p. 106. Dogiel Cod. diplom. Polon. T. IV. p. 2. Ein Auszug bei Baczko B. J. S. 133. Aber beinahe keiner von dieſen Abbräcen ſtimmt mit dem andern ganz uͤberein, beſonders find mitunter die Namen ſehr feh⸗

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454 Das Bisthum Kulm. Alle dieſe Beſchenkungen an das neue Bisthum beſtaͤtigte dann im folgenden Jahre auch der Papſt durch eine Bulle Y. So wichtig aber und vortheilhaft dieſe Gewinne an Land und Einkommen für das Kulmiſche Bisthum immer— hin auch ſeyn mochten, indem es in ihrem Beſitze ſeine erſte feſte Grundlage erhielt, ſo lag doch eigentlich in den Beſchenkungen ſelbſt kein allzugroßes Verdienſt. Das ganze Land war ja nichts weiter, als ein wild verwuͤſtetes, zum Theil ſelbſt ganz menſchenleeres Gebiet. Seit Jahren hatte die Rachgier der Preuſſen in ihm alles zerworfen und zer⸗ ſtoͤrt; faſt alle Landesburgen waren abgebrochen oder auf- gebrannt, die meiſten Chriſten durch die feindlichen Einfälle verſcheucht, die Kirchen ſaͤmmtlich in Schutt und Stein⸗ haufen verwandelt. Was alſo vom Herzog Conrad ſowohl, als vom Biſchofe von Ploczk durch jene Verſchenkungen als eigener Beſitz aufgegeben ward, das war fuͤr beide ge— wiß ſchon laͤngſt ohne Ertrag und ohne Vortheil geweſen. Weit wichtiger war fuͤr den Herzog der Gewinn, den er gerade durch die Verſchenkung eines Theiles des Kulmer⸗ landes fuͤr ſeine eigene Sicherheit erlangte. Er gab eine Wuͤſte hin, um dadurch eine Vormauer fuͤr die Ruhe ſei⸗ nes Herzogthums zu gewinnen; denn nunmehr war es fuͤr den Biſchof Chriſtian nicht mehr bloß die geiſtige Anpflan⸗ zung des Chriſtenthums, die in ihrem Gedeihen zu ſichern war; es waren nicht mehr bloß die beiden ihm früher ge⸗ ſchenkten Laͤndchen, welche vertheidigt werden mußten; ein foͤrmliches Bisthum und nicht unbedeutende eigene Be— ſitzungen verlangten jetzt von ihm, als eigenem oberſten lerhaft. Das Datum iſt überall Lonys anno 1222, Non. Augusti — 5. Aug. Statt Lonys muß aber ohne Zweifel Lovys gelefen werden, denn Lowitz, fünf Meilen von Rawa, war zu Zeiten eine Reſidenz der Erzbiſchoͤfe von Gneſen mit einem erzbiſchoͤflichen Schloſſe. Der Erzbi⸗ ſchof von Gneſen aber war bei der Ausfertigung der Urkunde gegen⸗ waͤrtig. 1) In den Act. Boruss. T. I. p. 271 — 273. Dogiel T. IV. p. 3. Vgl. Lucas David B. II. S. 28.

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Das Bisthum Kulm. 455 Herrn, Sicherheit und Schutz gegen den heidniſchen Feind, ſey es durch ferner herbeigerufene Kreuzheere, ſey es auf andere Weiſe. Gewiß alſo hatte Herzog Conrad feine Rech⸗ nung wohl überdacht und es mochte ihm im Gefühle ſei⸗ ner Schwaͤche kein geringer Gewinn ſcheinen, ſein Herzog⸗ thum durch jenes Bisthum, fo weit es ſich an feinen Graͤn⸗ zen ausdehnte, gegen den laͤſtigen Feind vom Norden her gerade am meiſten gedeckt zu ſehen. Waͤhrend aber die Haufen der Kreuzbruͤder auch noch im Jahre 1223 im Lande lagen ), folgten dem Beiſpiele des Herzogs Conrad und des Biſchofes von Ploczk in der Beſchenkung des Biſchofes Chriſtian auch noch manche an⸗ dere Der Herzog Leßko von Polen, Conrads Bruder, verlieh ihm das Gut Malymnow mit Markt- und Boll freiheit für die Bewohner 2). Crucco, ein vornehmer Un- terthan des Herzogs von Maſovien, ſchenkte ihm das Dorf Coſſebude mit allen Zubehoͤrungen ). Der Ritter Chriſtin von Chrosna verſchrieb dem Biſchofe ſeine beiden Guͤter Tarchomino und Gradcowo mit ewigem Beſitzrechte ). Am naͤmlichen Tage fuͤgte dieſer Beſchenkung der Herzog Con⸗ rad auch noch eine andere uͤber die Doͤrfer Sparno, Rudko und Tuſchino hinzu). Außerdem kaufte Biſchof Chriſtian 1) Daß ſich auch im Jahre 1223 noch ein Kreuzheer in Preuſſen befand, beweiſen die Zeugen-Angaben in den Urkunden vom Auguſt dieſes Jahres. So heißt es in der Urkunde bei Lucas David B. II. S. 28 ausdruͤcklich: die Urkunde ſey gegeben „coram omni exercitu crucesignalorum.““ 2) urkunde in Act. Boruss. T. I. p. 273. 3) urkunde ebendaf. S. 274. 4) Urkunde bei Lucas David B. II. S. 27. Ihr Datum ift: Bresno X Kal. Aug. — 23. Juli — 1223, coram omni exercitu crucesignatorum. Dieſes Bresno iſt wahrſcheinl ich der jetzige Ort Brzyszno nordoͤſtlich von Thorn. Denmach würde damals das Kreuz⸗ beer dort fein Heerlager gehabt haben. Nahe dabei liegt das Kirch⸗ dorf Gronowo, welches vielleicht das dem Biſchofe geſchenkte Dorf Grod⸗ cowo ſeyn koͤnnte. 5) Urkunde in Acı. Boruss. T. I. S. 275. Szarno koͤnnte das

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456 Das Bisthum Kulm. ſelbſt auch noch die Güter Radzin — das nachmalige Rhe⸗ den — fuͤr neunzig Mark Silber von den Vormuͤndern der Söhne eines gewiſſen Chriſtian zur Auslöfung der Gei⸗ ßeln, die fuͤr deſſen Gefangenſchaft den Preuſſen hatten ge⸗ ſtellt werden muͤſſen ). Aber auch nur von dieſem ſchnellen Aufwuchſe des er- ſten Bisthums in Preuſſen waͤhrend der Jahre, in denen die Pilgerhaufen im Lande lagen, hat uns die Geſchichte genauer belehren wollen. Daruͤber hat ſie den Sturm des Krieges und der Kämpfe der Kreuzbruͤder gegen die heib- niſchen Preuſſen entweder gaͤnzlich vergeſſen oder wenig⸗ ſtens der Aufzeichnung nicht werth gefunden, weil er ohne beſondere Folgen und ſpurlos voruͤberging. Vielleicht aber darf man aus dem Schweigen der Quellen auch ſchließen, daß die Preuſſen, die gut geruͤſteten, ſtark gepanzerten und wohl geuͤbten Krieger des Kreuzes fuͤrchtend, ſich im Ver⸗ laufe dieſer Jahre meiſt ruhig verhalten und bei etwanigen Einfaͤllen der Kreuzbruͤder in ihre Gebiete in die unzu⸗ gaͤnglichen Schlupfwinkel ihrer Wälder ſich geflüchtet ). So tritt alſo in dieſer ganzen Zeit kein bedeutender Kampf und keine große That auch nur irgend bemerkbar hervor. Kaum aber hatte das Kreuzheer noch im Laufe des Kirchdorf Sarnowo und Rudko das etwas noͤrdlicher liegende Rudnik zwiſchen Kulm und Graudenz ſeyn. 1) Urkunde in Aci. Boruss. T. I. S. 276. Die Söhne hießen Swebor und Peterco. In einer ſpaͤtern Urkunde (1231), in welcher dieſe Befitzung dem Orden übergeben wird, heißt fie nicht Radzin, ſon⸗ dern predium in Rezin; ſo in dem Original im geh. Archiv und in den Act. Boruss. T. I. S. 411. Es ſcheint alſo das Gut um die Burg Nyfin geweſen zu ſeyn, vielleicht da wo nachher Rheden erbaut wurde. 2) Einzelnes mag vorgefallen ſeyn; man koͤnnte dieſes wenigſtens daraus ſchließen, daß von dem Heere des Herzogs von Schleſien geſagt wird: nec lamen perdomari ab eo exercitu Pruteni potuerunt Al⸗ lein auch Lucas David B. II. S. 26 ſagt ſchon, daß er über die kriegeriſchen Ereigniſſe nichts von Wichtigkeit in ſeinen Quellen gefun⸗ den habe.

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Das Bisthum Kulm. 457 Jahres 1223 das Land verlaſſen und Herzog Suantepolc von Pommern, der es mit Huͤlfe unterſtuͤtzt y, feinen Streit⸗ haufen uͤber die Weichſel zuruͤckgefuͤhrt, als die Preuſſen, durch das Herbeirufen des Kreuzheeres nur um fo mehr er⸗ bittert, die wilden Raubzuͤge von neuem begannen. Sie ſtuͤrmten zuerſt abermals in das Kulmerland hinein, alles, was in den wenigen Jahren neuangebaut und wiederher⸗ geſtellt war, mit ſolcher Wuth durch Raub und Feuer ver⸗ heerend, daß das ganze Land wiederum wie zur Wuͤſte und Einöde ward 2). Darauf überzogen fie auch Maſovien, ver⸗ wuͤſteten dort die Kirchen, erſchlugen die Prieſter, raubten, was ſie fanden, drangen ohne Widerhalt bis Ploczk, er⸗ ſtuͤrmten, pluͤnderten und verbrannten die Stadt und Fehr- ten dann mit Beute beladen in die rauhe Heimat zuruͤck >). Der reiche Raub aber lockte bald zu wiederholten Einfaͤllen in Herzog Conrads Lande. Zweihundert und funfzig Kir⸗ chen und Kapellen wurden gezählt, die in ſolchen Raubzuͤ⸗ gen vom Feinde waren durchpluͤndert und verwuͤſtet wor⸗ den. Am weiblichen G Jſchlechte wurden die ſchrecklichſten Grauſamkeiten und Gewaltthaten veruͤbt und ganze Schaa⸗ ren von Frauen, Jungfrauen und Kindern in die Gefan⸗ genſchaft hinweggefuͤhrt. Geiſtliche und Moͤnche fanden ſtets den jammervollſten Tod; Nonnen opferten die wilden Krie⸗ ger ihrer Leidenſchaft oder trieben ihren Spott mit ihnen ). 1) Dieſes geht aus der Urkunde des Herzogs Conrad in Act. Bo- russ. T. I. S. 275 hervor. Indeſſen iſt kaum zu glauben, daß Suan⸗ tepolc und fein Bruder Wratislav eigentlich mit zum Kreuzheere gehört haben. Sie unrerſtuͤtzten dieſes wahrſcheinlich nur durch einen zuge⸗ führten Huͤlfshaufen. 2) Annal. Monast. Oliv. p. 11. Ordens⸗Chron. S. 23 (Mſcr.). Bei Matthaeus p. 692. Lucas David B. II. S. 30. 3) Lucas David B. II. S. 30 — 31. Die Ordens⸗Chron. ©- 23. Diugoss. T. I. p. 628 ſetzt dieſen Einfall unrichtig in das Jahr 1222. Damals ſollen die Preuſſen auch durch eine Huͤlfsſchaar aus Litthauen unterſtuͤtzt worden ſeyn; Kojalowiez L. III. c. 62. 4) Dusburg P. II. c. 2. Annal. Monast. Oliv. p. 11.

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458 Bedraͤngniſſe Maſoviens durch die Preuffen. Und dieſes furchthare Ungluͤck, dieſes Elend und dieſen Jammer vom Lande abzuwehren, war Herzog Conrad we⸗ der durch ſeine Kriegsmacht, noch nach ſo oft ſchon wieder⸗ holten Spenden an den habgierigen Feind auf eine andere Weiſe irgend mehr im Stande. Von allen ſeinen Landes⸗ burgen und ſonſtigen Befeſtigungen war ihm zuletzt nur noch die feſte Wehrburg Ploczk an der Weichſel zum ſiche⸗ ren Aufenthalte übrig geblieben ). So brach unter ſchwerer Bedraͤngniß und hartem Lei⸗ den des Landes das Jahr 1224 an, aber ohne irgend eine Ausſicht zur Rettung, ohne ein kraͤftiges Mittel zur voͤlli⸗ gen Befreiung von dem wilden einde. und in den dama⸗ ligen Verhaͤltniſſen der Zeit?) auch ohne die Hoffnung, bald ein neues Kreuzheer nach Preuſſen herbeizurufen. Waͤre indeſſen dieſe Hoffnung auch minder ſchwach und ſchwankend geweſen, ſo ſah doch Biſchof Chriſtian, wie vor⸗ dem der Biſchof Albert von Livland, auch bald klar ein, daß in der wiederholten Herbeifuͤhrung von Kreuzheeren durchaus kein dauerndes Heil und keine ſichere Ruhe zu erwarten ſey. Weit zweckdienlicher mußte ihm das Mittel ſcheinen, welches dieſer Biſchof von Livland ergriffen hatte, wenn er ſah, wie weit die Bekehrung und die Beruhigung der Liven durch den dort geſtifteten Ritter-Orden des Rit⸗ ter⸗Dienſtes Chriſti bereits wirklich ſchon um dieſe Zeit gediehen war, wenn er hinblickte auf den ritterlichen Kampf, den dieſer von Tag zu Tag kraͤftiger aufwachſende Orden nun ſchon zwanzig Jahre hindurch für die Verthei⸗ digung, wie fuͤr die Erweiterung der Kirche in jenem Lande gekaͤmpft hatte. Da ſtieg in Chriſtians Geiſt der Gedanke auf, einen aͤhnlichen Ritter-Orden fuͤr die Ver⸗ theidigung der neuen Kirche in Preuſſen und zur Abwehr des nahen Heidenvolkes von ſeinen und Herzog Conrads 1) Dusdurg P. II. c. 2. 3. Ordens ⸗Chron. bei Malthaeus |. c. Lucas David B. II. S. 30 — 31. 2) Vgl. Raumer a. a. O. B. III. S. 383 — 384.

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Bedraͤngniſſe Maſoviens durch die Preuſſen. 459 Landen zu ſtiften. Der Herzog, dem er dieſen Gedanken mittheilte, griff den Plan mit vieler Freude auf und ver⸗ ſprach, zu deſſen Ausführung auf alle Weiſe mitzuwirken y. Da geſchah, daß gegen das Ende des Jahres 1224 der Papſt Honorius der Dritte den in der Geſchichte des Nordens ſo beruͤhmten Wilhelm von Savoyen, damals Biſchof von Modena, einen in Sachen der Kirche und des Glaubens eben ſo eifrigen, als in Dingen des Weltlebens bewanderten, viel erfahrenen, ſehr gebildeten und kenntniß⸗ reichen Mann, in verſchiedenen kirchlichen Geſchaͤften, zu⸗ naͤchſt auf die Bitten des Biſchofes Albert von Livland, herauf in die nordiſchen Laͤnder als paͤpſtlichen Legaten ſandte. Seine Hauptbemuͤhungen betrafen zwar die An- ordnung des kirchlichen Weſens in Livland, wo er ſich des⸗ halb auch laͤngere Zeit aufhielt ); da er indeſſen vom Papſte den ausdruͤcklichen Befehl hatte, auf ſeiner Sendung auch Preuſſen zu beſuchen ), ſo begab er ſich auch in dieſes Land, wahrſcheinlich in das Kulmiſche Gebiet, und ver— weilte dort bei dem Biſchofe Chriſtian ſo lange, daß er die Preuſſiſche Sprache erlernen konnte; und als er dieſer fo weit kundig war, daß er ſich fuͤglich in ihr verſtaͤndlich ma⸗ chen konnte, bewog er viele aus dem heidniſchen Volke durch ſeine zweckmaͤßige Belehrung zur Annahme des Chri⸗ ſtenthums und uͤberſetzte dann auch, wiewohl mit vieler Muͤhe, den Donat, dieſen Fuͤrſten der Grammatik, in die 1) Lucas David B. II. S. 6 ſagt ausdruͤcklich, und auch aus Dusburg P. II. c. 4 iſt klar zu ſehen, daß der erſte Gedanke zur Stif⸗ tung eines Ordens vom Biſchofe, nicht aber, wie manche fpätere Schriftſteller wollen, vom Herzoge ausgegangen ſey. 2) Die vollftändigfte Nachricht hierüber giebt Heinrich der Lette p. 172 sed. Vgl. auch Raynald. Annal. eccles. an. 1221. Nro. 38. an. 1225 Nro. 16. 3) Vgl. das Schreiben des Papſtes in Haynalld. I. c. aun. 12233 Nro. 38 und in Gruber Orig. Livon. p. 265. wo namentlich unter den Ländern, welche der Biſchof beſuchen ſollte, auch Samlandia genannt wird, damals noch oft die Benennung fir Pteuſſen.

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460 Stiftung des Ordens der Mitter-Brübder von Dobrin. Preuſſiſche Sprache, wie es ſcheint zum Gebrauch in Schu⸗ len, in welchen Preuſſiſche Juͤnglinge unterrichtet wurden ). In dieſer Zeit nun, als der paͤpſtliche Legat im Kul⸗ merlande bei dem Biſchof Chriſtian verweilte, alfo im Ab⸗ laufe des Jahres 1225 war es hoͤchſt wahrſcheinlich, daß dieſer unter dem Beirathe und der Mitwirkung des Lega⸗ ten ſeinen Plan zur Stiftung eines eigenen Ritter-Or⸗ dens ausfuͤhrte ). Die Erlaubniß des Papſtes hiezu, wenn 1) Wir verdanken dieſe intereſſante Nachricht dem Alberici Chron. p. 327, wo es heißt: In Prulia vero, quae est ultra Poloniam ci ul- tra Pomeraniam Episcopus Mutinensis Guillelmus missus a Papa Legatus ingenio et sapientia sua, non fortitudine multos paganos ad fidem attrasit, et linguam eorum ex maxima parte didicit. In- super principem arlis grammalicae, scilicet Donatum in illam bar- baram linguam cum maximo labore Iranstulit; erant autem hoc mo in illis partibus quinque tantummodo provinciae paganorum acquirendae, ista videlicet de qua agitur Prutia, Curlandia, Letho- nia, WVithlandia et Saumbria. Der Moͤnch Alberich fest dieſe Sen⸗ dung des Legaten zwar erſt in das Jahr 1228; allein es iſt kein Zwei⸗ fel nach den eigenen Briefen des Papſtes Honorius III. (der am 18ten März 1227 ſchon ſtarb), daß die Sendung ins Jahr 1221 oder wenig: ſtens in den Anfang des Jahres 1225 fällt, worüber Hein rich der Lette p. 172 sed. Offenbar verwechſelte Alberich mit der Hinreiſe des Biſchofes Wilhelm feine Ruͤckreiſe, die nach Godefrid. Monach. p. 296 im Jahre 1228 erfolgte, denn dieſer fagt in dem genannten Jahre: Eandem ctiam excommunicationem posten ligat (legatus) pro eo, quod Episcopum Mutinensem de Prutia post legationem suam re- deuntem dicti fautores Imperatoris Aquisgrani ccperant et captum detinuerant, magna quanlilate auri oblata. 2) Die Beſtimmungen der Chroniſten über die Zeit der Stiftung find ſehr unſicher. Dusdurg P. II. c. 4 giebt bei feiner Erzählung der Sache gar keine Zeit an. Lucas David B. II. S. 6 ſchwankt hin und her und iſt in ſeinem ganzen Berichte uͤber die Stiftung viel zu irrig und verwirrt, als daß er irgend eine Stimme abgeben konnte. Es liegt an ſich ſchon in dem ganzen Zuſammenhang der nad): folgenden Ereigniſſe, daß der Orden noch vor dem Jahre 1226 geſtiftet war. Dieſe Annahme beſtaͤtigt aber auch Dusburg P. II. c. S., indem er ſagt, erſt ex quo viderei, quod fraires mililes Cbrisli per cum ad hoc instiluli non proficerent in hac causa, habe Conrad von

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Stiftung des Ordens der Ritter-Bruͤder von Dobrin. 461 fie irgend noͤthig war, hatte vielleicht der Legat ſchon mit aus Rom gebracht oder er ertheilte dieſelbe kraft ſeiner Vollmacht. Offenbar aber ſah Biſchof Chriſtian bei dem Entwurfe zur Verfaſſung und Lebensweiſe dieſes Ordens auf die Bruͤder des Ritter-Dienſtes Chriſti in Livland hin ) und welches Muſter lag ihm wohl näher bei den gluͤcklichen Erfolgen, welche dieſe für die Vertheidigung und Erweiterung der Kirche in Livland bereits ſchon bewirkt hatten! Demnach war die Verfaſſung und Regel des Tem⸗ pelordens auch bei dieſem neuen Orden die eigentliche Grundlage des ritterlichen Lebens. Wie anderwaͤrts die fromme Begeiſterung der Zeit fuͤr alles, was Schutz und Vertheidigung des Glaubens hieß, die ſchon beſtehenden geiſtlichen Ritter-Orden aͤhnlicher Art zu großer Bluͤthe, Macht und Umfang gerade in dieſen Jahren außerordent⸗ lich emporgehoben, ſo fanden ſich bald durch Conrads und Chriſtians Bemuͤhungen auch mehre tapfere Ritter, welche Maſovien an die Unterhandlung mit dem Deutſchen Orden gedacht. Nun geſchah aber dieſes letztere ſchon im Jahre 1226; er muß alſo die Erfahrung, daß der neuerrichtete Orden zur Vertheidigung nicht hin⸗ reiche, um dieſe Zeit ſchon gemacht haben. Sit aber der Orden nicht früher, als 1225 geſtiftet worden? Die Chroniſten geben allerdings eine frühere Zeit an; fo Sehütz p. 16 ſchon das Jahr 1222; ebenſo Henelii ab Hennenfeld Annal. Siles. ap Sommersberg T. II. p. 244. Annal. Mon. Oliv. p. 11. Dlugoss. T. I. p. 631 feßt die miß⸗ verſtandene Berufung des Schwert-Ordens aus Livland wenigſtens ſchon ins Jahr 1224. Allein wir koͤnnen dieſen verſchiedenen chroniſti ſchen Angaben ſchwerlich viel trauen, da ſie alle nicht von der Stiftung⸗ eines neuen Ordens, ſondern von der Berufung der Schwert-Bruͤder aus Livland ſprechen, und höher als etwa in den Ausgang bes Jahres 1224 oder in den Verlauf des Jahres 1225 koͤnnen wir die Stiftung nicht ſtellen. 1) Dusburg P. II. c. 4 ſagt ausdruͤcklich: der Orden ſey geſtiftet worden ad modum eorum, qui tunc in parlibus Livoniae fuerunt, und Herzog Conrad nennt die neuen Ordens-Bruͤder ſratres militaturi contra Prutenos more Livoniensi; Urkunde in Act. Boruss. T. I. pb. 396.

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462 Der Orden der Ritter-Bruͤder von Dobrin. dieſen neuen Orden zu begruͤnden wuͤnſchten. Vierzehn war die Zahl derer, welche der Biſchof bei der Weihe mit dem Ordenskleide ſchmuͤcken konnte. Einen aus ihrer Mitte, Bruno genannt, erhob er zum Meiſter und Haupt der uͤbrigen. Obwohl zu gleichem Zwecke und mit gleicher Verfaffung geſtiftet, wie der Orden des Ritter-Dienſtes in Livland, unterſchied er ſich von dieſem doch durch Namen und Zeichen. Man nannte naͤmlich dieſen ritterlichen Ver⸗ ein den Orden der Ritter Chriſti und ſeine Glieder bald „Ritter Chriſti,“ bald „Bruͤder des Ritter⸗Dienſtes Chriſti in Preuſſen,“ bald auch bloß „Ritter von Preuſſen“ und oft auch „Ritter-Bruͤder von Dobrin ).“ Auf ihrem Ordens⸗ kleide, einem weißen Mantel, trugen ſie als Ordenszeichen ein rothes Schwert und einen Stern, und durch dieſen letz⸗ tern vorzuͤglich unterſchieden ſie ſich von den Ordens-Rit⸗ tern in Livland e). Um aber einem ähnlichen Streite vorzubeu⸗ gen, wie ihn der Biſchof Albert mit dem Ritterorden in Liv— land wegen des Beſitzrechtes der den Heiden abgewonnenen Länder hatte führen müffen, ward ſogleich bei dieſes Ordens Stiftung zwiſchen dem Herzoge Conrad und den neuen Or⸗ dens⸗Gliedern der Vertrag geſchloſſen, daß der Herzog ihnen zu ihrem Wohnſitze die Burg Dobrin an der Graͤnze Maſo⸗ 1) ueber dieſe Namen, wie uͤber die Stiftung dieſes Ordens über- haupt vgl. meine Abhandlung: „Ueber die Stiftung und Aufloͤſung des Ordens der Brüder von Dobrin“, in meiner Geſchichte der Eidech⸗ ſen⸗Geſellſchaft in Preuſſen, Beil. Nro. XII. S. 250 ff., wo alles zur Sache Gehoͤrige zuſammengeſtellt und kritiſch gewuͤrdigt iſt,, um das Reſultat feſtzuſtellen: der Orden der Bruͤder von Dobrin iſt ein neuer, beſonders geſtifteter, nicht aber aus Livland herbeigerufener Orden. Hier koͤnnen aus jener kritiſchen Unterſuchung nur die Reſultate auf⸗ genommen werden. 2) Dusburg P. U. Cc. 4 ſagt ausdruͤcklich: die Ritter Chriſti ſeyen geſchmuͤckt geweſen cum albo pallio, rubro gladio et stella. Statt dieſes Sternes hatten die Ritter in Livland das Kreuz, wie Heinrich der Lette p. 20. genau bemerkt. Es läßt ſich aber durch keine bewährte Quelle beweiſen, daß auch ſchon die Livländiſchen Or⸗ dens⸗Ritter den Stern am Mantel getragen.

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Der Orden der Ritter-Bruͤder von Dobrin. 463 viens und des Kulmerlandes erbauen helfen und alles den Ungläubigen abgewonnene Land mit den Ordensbruͤdern zu gleichen Theilen theilen wolle, alſo daß ſie die eine Hälfte dieſes Landgewinnes mit foͤrmlichem Beſitz- und Eigenthumsrechte erhalten ſollten!). Zu ihrem einſtweili⸗ gen Unterhalte aber verlieh ihnen der Herzog ſogleich das Gut Cedlitz im Cujaviſchen Lande 9. So ſtand nun in den nordiſchen Landen zur Bekaͤm⸗ pfung der Heiden ein zweiter Ritter-Orden da. So gering im Anfange die Zahl der neueingeweihten Ordens-Ritter immerhin auch war, ſo hegte man von dieſen ritterlichen Kaͤmpfern fuͤr die Sache des Glaubens doch große Erwar⸗ tungen, denn man hoffte um ſo mehr des Ordens baldige Vergroͤßerung, da es ja auch bei der Stiftung des Ordens in Livland nur eine geringe Zahl geweſen war, die den ritterlichen Verein begründet hatte. Und in dieſer Hoff- nung begann nun Herzog Conrad ſchnell den Aufbau der Ritterburg Dobrin in der Gegend, wo die Drewenz Maſo⸗ vien vom Kulmerlande ſcheidet ). 1) Dusburg 1. c. giebt uns den Inhalt des Vertrages durch die Worte: Convenerunt ipse Dux et fratres sub his pactis, quod ipsi aequaliter dividerent inter se terram inſidelium, quam possent sibi, cooperante Domino, imposterum subjugare. Ohne Zweifel wurde da: mals ſowohl hieruͤber, als uͤber verſchiedene andere Punkte eine foͤrm⸗ liche Vertrags Urkunde ausgefertigt; fie war aber nachmals, wie Lu: cas David B. II. S. 7 fagt, vernichtet worden. Ueber den Auf⸗ bau von Dobrin ſ. Lucas David a. a. O. Ordens-Chron. Mspt. Nro. 75 in der Wallenrod. Biblioth. zu Königsberg. 2) Dieſe Beſchenkung geſchah wahrſcheinlich ſogleich oder bald nach der Stiftung. Dusdurg l. c. nennt das Gut allodium seu prae- dium in lerra Cujaviae, quod ſuit Cedelicze nuncupatum. Naͤher bezeichnet feine Lage Herzog Conrad ſelbſt in der Urkunde in Act. Bo- russ. T. I. p. 396; er nennt es villam ante Juvenem — W. ladislaum, quae vocatur Sedlce (Sedlie) villa. Es iſt das jetzige Dorf Lieslin bei Inowraclaw. J Der Herzog erbaute die Burg mit Beihülfe der neuen Ordens⸗ ritter; daher ſagt Dusburg l. c. Hoc facto idem Dux ipsis fratribus

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464 Der Orden der Ritter-Bruͤder von Dobrin. Da nun der Bau der Burg bald ſo weit vollendet war, daß die Ordens-Ritter in ihren Mauern Schutz und Sicherheit fanden, ſuchten ſie ihres Ordens Ruhm auch durch Thaten zu begruͤnden, fielen oͤfter in die noͤrdlichen Theile des Kulmiſchen Gebietes ein, um die Preuſſen, die ſich dort hie und da feſtgeſetzt, aus dem Lande zu vertrei⸗ ben. Ihre Kuͤhnheit und kecker Muth trieb ſie ſelbſt bis nach Pomeſanien hinab uͤberall vom Gluͤcke begleitet, und ſie brachten nicht ſelten an Menſchen, Vieh und ſonſtigem Gute beträchtliche Beute zuruͤckr). Die Preuſſen befrem⸗ dete Anfangs der ſeltſame Anblick dieſer Ritter und ſcheuchte fie zuruͤck in das Dunkel ihrer Waͤlder. Je oͤfter aber die wunderbaren Krieger zu Raub und Pluͤnderung in das Land kamen, um ſo mehr erbittert und gereizt ſammelten ſich die Preuſſen zu einem maͤchtigen Heere und drangen durch das Kulmerland hinab, um die Burg zu vernichten, wo die Ritter hauſeten. Da die Ordens-Bruͤder den An⸗ zug des ſtarken Heeres vernahmen, entboten ſie ſchnell dem Herzoge, daß er eiligſt ſeine ganze Mannſchaft ſammele und ihnen zu Huͤlfe komme; ihre Zahl ſey gegen den maͤch⸗ tigen Feind viel zu ſchwach; ihnen drohe der unvermeidliche Untergang, ſeinem Lande ſchreckliches Verderben. In groͤßter Eile machte ſich Conrad mit ſeiner ganzen Kriegsmacht auf und da die Preuſſen im Kulmerlande ſich im Pluͤndern und Rauben verweilt, fo gelang es ihm, ſich mit den Rit⸗ ter⸗Bruͤdern von Dobrin zu vereinigen und dem Krieger: ſchwarme des Feindes entgegen zu gehen. Er fand ihn in der Gegend, wo nachmals Strasburg erbaut ward ). Dort geſchah der Angriff. Die Ordens-Ritter ſtanden an der aedificavit castrum dictum Dobrin, de quo ipsi fralres postea de Dobrin ſuerant appellati. In einem andern Mſcr. des Dusburs (vgl. Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſch. S. 257) heißt es dagegen: Eis dux dedit castrum Dobrin ediſicandum. Cucas David B. II. S. 7. 1) Lucas David B. II. S. 7. 2) Lucas David B. II. S. 7 — 8.

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Schlacht bei Strasburg. 465 Spitze des Maſoviſchen Heeres und leiteten die Schlacht; wiewohl ſie aber die Kriegsmacht des Herzogs weit beſſer zu ordnen verſtanden, als die Preuſſen die ihrige, ſo währte doch der blutige und grauſe Kampf zwei volle Tage hindurch, denn keiner wollte weichen; jeder durſtete nach Sieg. Nur Einem gebrach es endlich am Muthe in der Bruſt, am Vertrauen auf ſich ſelbſt, am maͤnnlichen Gefühle feiner Tugend. Das war der Herzog von Mafo- vien. Verzweifelnd an dem Siege ergriff er die Flucht; ihm folgten auch ſeine im Kampfe ermuͤdeten und geſchwaͤch⸗ ten Kriegshaufen. Da war kein Widerſtand mehr moͤglich. Alle Ordens-Ritter bis auf fünf waren im Streite gefal- len und kaum dem Tode entrinnend kehrten dieſe wenigen in ihre Burg zuruͤck. Das Heer des Feindes aber eilte den Fluͤchtigen nach und umlagerte die Burg, fo daß die Ritter, ohne Hoffnung zur Entſetzung, ohne Kraft und Mittel der Vertheidigung, von Hunger und Durſt gequaͤlt, unter Angſt und Noth ſich kaum in ihren Mauern halten konnten. Keiner durfte fi) aus dem Burggehege hervor: wagen, denn fo kuͤhn war durch den Sieg der Feind ge= worden, daß auch nach des groͤßern Heeres Abzug vier bis fuͤnf Preuſſen bis unter die Mauern der Burg noch oft beranſtuͤrzten und alles in Angſt und Schrecken ſetzten ). So traurig und niederſchlagend war das Loos, wel⸗ ches den tapferen Rittern von Dobrin gleich in den erſten Tagen ihres Daſeyns gefallen war. Zwar verweilten die wenigen Ordens-Bruͤder noch mehre Jahre in ihrer Burg, ſtets hoffend, ihre Zahl werde ſich bei der etwanigen Ans kunft eines Kreuzheeres wieder bald vermehren und der er— littene Verluſt erſetzt werden?); Herzog Conrad aber und 1) Dusburg P. II. c. 4. 7. Lucas David B. II. S. 9. 2 ueber die Nachricht des Lucas David B. II. S 9 und an, derer Chroniſten, daß die Dobriner-Bruͤder uach Livland zuruͤckgegan⸗ gen ſeyn und die Burg aufgegeben haben ſollen — eine Annahme, die auch in allen neueren Geſchichtſchreibern Preuſſens Glauben gefunden J. 30

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466 Schlacht bei Strasburg. der Biſchof Chriſtian hatten feit jenem ungluͤcklichen Kampfe all ihr Vertrauen und ihre Hoffnung auf dieſen Nitters Orden aufgegeben ). Wie konnte erwartet werden, daß die fo kleine Zahl von Rittern in kurzer Zeit auch nur irgend ſtark genug zur Abwehr der täglich mehr und mehr drohen⸗ den Gefahren heranwachſen werde? Es erloſch aber in bei⸗ den auch noch der letzte Funke dieſer Hoffnung, wenn ſie auf die damalige Geſtalt der Dinge in Deutſchland ſahen und es bei der allgemeinen Thaͤtigkeit und dem außeror⸗ dentlichen Eifer des Papſtes, vorerſt nur alles in der Chri— ſtenheit für die große Kreuzfahrt ins Morgenland in Ber wegung zu ſetzen, gewiß fuͤr ganz unmoͤglich halten mußten, jetzt auch nur einige irgend bedeutende Heerhaufen von Kreuzbruͤdern nach Preuſſen herbeizufuͤhren. Und doch ward ſeit jenem ungluͤcklichen Tage bei Strasburg die Noth und Bedraͤngniß immer ſchrecklicher, denn das kecke Volk der Preuſſen erneuerte ſeine Raubzuͤge mit ſeiner alten Beute⸗ gier und Vernichtungswuth nicht nur öfter wieder ins Kul- merland und bis weit nach Maſovien hinein 2), ſondern es uͤberzog von Zeit zu Zeit mit ſeiner Raubluſt ſelbſt die nahen Gebiete von Pommern und beſchaͤftigte auch die Fuͤrſten dieſes Landes mit beſtaͤndigen Fehden. Pommern naͤmlich war ſeit einiger Zeit zu den Preuſ— ſen in ein ganz anderes Verhaͤltniß getreten. Herren die— ſes Landes waren um dieſe Zeit Meſtwins, des ſchon fruͤher erwähnten Herzogs von Pommern, Söhne Suantepolc, Sambor, Ratibor, und Wartislav ). Dieſe Brüder hatten hat — findet man die Widerlegung in der erwähnten Abhandlung in meiner Geſchichte der Eidechſen-Geſellſch. S. 262 ff. 1) Dusburg P. II. c. 5. 2) Lucas David B. II. S. 10. Eine alte Chronik aus der Or⸗ denszeit ſagt: „Lobaw und Colmerland dis was allis wuͤſte, er den dy bruder dewtſches ordens quomen yn Pruſen.“ 3) ueber die ſonſt fo verwirrten chronologiſchen Beſtimmungen die⸗ ſes Theiles der Geſchichte Pommerns iſt zu vergleichen Lucas de hel- lis Suantopolci Ducis Pomeran. Regiomont. 1823 und meine Recen⸗

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Pommerns Verhaͤltniſſe zu Preuffen. 467 ſich in die Lande dergeſtalt getheilt, daß Suantepolc, der Erſtgeborene, das Gebiet beſaß, welches vom Meere und den Fluͤſſen Wipper, Bra und der Weichſel umſchloſſen wird ). Seinen Wohnſitz hatte er auf der alten Hofburg zu Danzig, weshalb er auch oftmals ſchlechthin Herr Suan- tepolc von Danzig oder Herzog von Danzig genannt ward e). Die uͤbrigen Gebiete des Landes beſaßen die drei juͤngeren Brüder, alſo daß Sambor feine Wohnburg zu Lubeſow oder Lyubeſow ), Ratibor die ſeinige zu Belgard *) und Wartislaw feinen Hofſitz zu Mewe oder Gymew ) hatten und nach dieſen Burgen ſich meiſtens auch benannten 9). Ueber die beiden juͤngſten Bruͤder Ratibor und Sambor führte Suantepole eine oberherrliche Vormundſchaft; fo hatte es der alte Herzog Meſtwin verordnet, denn als dieſer dem Tode nahe war, rief er die Soͤhne vor ſein Lager und empfahl dem aͤlteſten Suantepolc zunaͤchſt feinen Bruder Sambor und deſſen Landestheil in ſeine Pflege und ſeinen Schutz auf zwanzig Jahre ). Hienach verwaltete Herzog Suantepolc von Danzig aus den größten Theil des Pom— ſion dieſes gediegenen Werkchens in der Leipzig. Literat. Zeit. Jahrg. 1824 Nro. 306 — 307; wo zugleich auch die abweichende Schreibart des Namens Suantepolc gerechtfertigt iſt. 1) Dreger Cod. diplom. Pomer. Nro. 39 p. 72. 2) Dreger Nro. 77. p. 135. Urkunde bei Lucas David B. III. S. 5. Auch kommt vor Princeps de Danzig. 3) Dreger Nro. 77. Urkunde im geh. Archiv, Schiebl. LV. Bu: weilen heißt die Burg auch Lynbeſow. 4) Dreger ibid. Urkunde im Fol. Privilegien vom Culmer⸗Ge⸗ biet p. XXVII. II. im geh. Archiv. 5) Dreger ibid. Lucas de bellis Suantop. p. 57. 6) In Zeugen-Angaben ſtehen fie in folgender Reihe: Wartislav, Sambor, und Ratibor. Vielleicht gilt dieſe Folge auch in Ruͤckſicht ihr res Alters. Wartislav war wenigſtens nach Suantepolc ber ältere; ſ. Lucas David B. III. Beil. S. 4. Aber Ratibor moͤchte wohl älter, als Sambor geweſen ſeyn. 7) Die Urkunde bei Kotzebue B. I. S. 398. Kantzow B. I. S. 227. 30 *

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468 Pommerns Verhaͤltniſſe zu den Preuſſen. meriſchen Gebietes im Oſten und gerne nannte er ſich da⸗ her auch ohne beſchraͤnkende Bezeichnung „Herzog von Pommern ).“ Die Geſchichte aber nennt ihn kaum zum erſtenmale, als er ſogleich mit freiem und feſten Geiſte auf ihrer Buͤhne daſteht. Ein Gedanke geht durch ſein ganzes Leben hindurch und dieſer Gedanke erfuͤllte ſchon jetzt ſeine ganze Seele, bewegte alles Sinnen und Denken ſeines großen Geiſtes und bezeichnete alle ſeine Schritte. Es war kein anderer, als unbeſchraͤnkter Herr und freier Gebieter des ganzen oͤſtlichen Pommernlandes zu ſeyn. Von Polens Oberherrſchaft über Pommern konnte jetzt ſchon gar nicht mehr die Rede ſeyn ). Aber ſchon in den erſten Jahren feiner Regierung befreite er das Land auch wieder von der Herrſchaft Daͤnemarks, welcher ſein Vater ſich hatte untergeben muͤſſen. Von Waldemars, des Daͤniſchen Königs Gefangenſchaft in feinem Unternehmen ſehr beguͤn— ſtigt, vertrieb er die Daͤniſche Beſatzung aus Danzig und zog als freier eigener Herr in feine Burg wieder ein >). In jenen Jahren aber — 1222 und 1223 —, als die Kreuzheere gegen Preuſſen herbeizogen, ſchloß ſich die— fen zum Kampfe gegen die Heiden auch Herzog Suante⸗ pole mit feinem Bruder Wartislav an, beide an der Spitze zweier nicht unbedeutender Heerhaufen. Da bis da— hin zwiſchen beiden Nachbarvoͤlkern, fo viel wir wiſſen, Friede und Ruhe geherrſcht hatte, ſo ſcheint es chriſtliche Ueberzeugung und das Gefuͤhl chriſtlicher Pflicht geweſen zu ſeyn, welches angeweckt durch des Papſtes Ermahnung 1) So nannte ſich Suantepolc ſchon in den aͤlteſten Urkunden und wir werden ſpaͤter ſehen, daß ſolches nicht ohne Grund geſchab. Vgl. Dreger Nro. 30 p. 7I. Lucas David B. III. Keil. Nro. I. S. 5. Kotzebue B. I. S. 40% 2) Vgl. (Gerken) Gruͤndliche Nachricht von den Herzogen von Pemmern Danziger Linie S. 9 — 11. 3) Petri Olai Excerpt. ap. Zungebeck T. I. p. 258. San: tzow B. I. S. 228.

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Pommerns Verhältniffe zu ben Preuſſen. 469 die Herzoge zur Theilnahme an dem Kreuzzuge gegen die heidniſchen Preuſſen bewog, denn eine fromme Geſinnung im Geiſte der Zeit hatten beide ſchon oft bewieſen ). AL lein ſeit dieſe Herzoge im Gebiete der Preuſſen mit den Waffen geſtanden, ſahen auch in ihnen dieſe letztern die ge= fährlichen und feindlichen Nachbarn, welche auf ihres Glau⸗ bens und ihrer Freiheit Untergang bedacht waren. Und es ward ihnen nicht vergeſſen, daß ſie im Nachbar den Freund aufgegeben, um ihn im fernher kommenden Chriſten zu finden. Denn kaum hatte das Kreuzheer, in feine Länder heimkehrend, die Gebiete am Weichſel-Strome verlaſſen, als im Sommer des Jahres 1224 ein großer Heerhaufe aus Preuſſen, meiſt aus Pomeſaniern und Pogeſaniern be— ſtehend, uͤber den Graͤnz-Strom ſich nach Pommern ſtuͤrzte, das Land weit und breit mit Raub und Brand verheerte, uͤber Danzig hinaus bis zum Kloſter Oliva vor⸗ dringend dieſes erſtürmte, die Moͤnche gefangen und unter ſchrecklichen Mißhandlungen nach Danzig fuͤhrte und dort alle am 27ſten September mit grauſamen Quaalen ermor⸗ dete ). Wir hören nirgends, daß die Preuſſen bei dieſem Raubzuge bedeutenden Widerſtand gefunden, weder daß die Ritter des Johanniter-Ordens, die in dieſen Gebieten Pommerns ihre Beſitzungen hatten, zur Gegenwehr aufge— ſtanden ſeyen, noch daß Herzog Suantepolc ſeines Landes Verheerung am feindlichen Nachbarvolke zu raͤchen geſucht habe, auch nicht einmal, daß dieſer Fuͤrſt ſich mit dem gleichbedraͤngten Herzoge Conrad von Maſovien zur Be— kaͤmpfung des gemeinſamen Feindes verbunden habe. Nur ſo viel erfahren wir, daß, waͤhrend er die geſchlagene Wunde ſeines Landes wieder zu heilen geſucht und das aufgebrannte Kloſter Oliva bald nachher durch die Beihuͤlfe frommer Spenden feiner Brüder wieder aufbaute 3), feine Hoffnung 2) Annal. Monast. Oli. p. 11. Schütz p. 32. Lucas David B. II. S. 10. 3) Annal. Monast. Oliv. p. 11. Der damalige Abt des Kloſters

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470 Pommerns Verhältniffe zu den Preuffen. zur Bezaͤhmung des nahen Feindes auch auf dem Orden der Ritter von Dobrin geruht habe, denn er ſuchte das Aufkommen und Gedeihen dieſes Ordens auch dadurch zu befoͤrdern, daß er ihm in ſeinem Lande unbeſchraͤnkte Frei⸗ heit ertheilte, ihn in ſeinen beſonderen Schutz nahm und jede Beleidigung und Beeintraͤchtigung der Ordens-Ritter in ſeinen Gebieten ſtreng unterſagte. ). Herzog Conrad von Maſovien hatte bereits feine Hoff- nung zur Errettung von den Drangſalen des Nachbarvolkes auf eine andere Huͤlfe geſetzt. Aus ſeinem eigenen Lande, durch die Beihuͤlfe der nachbarlichen Fuͤrſten, von dem bis zur Ohnmacht niedergeſchlagenen Orden der Ritter von Dobrin, nirgends um ihn her war gegen den Jammer der Verheerung und Eroͤdung ſeines Landes Huͤlfe und Erret— tung zu erwarten. Nur eine ſtarke, immer im Lande ver— weilende und fort und fort mit der Bekaͤmpfung der Hei⸗ den bis zu ihrer völligen Demuͤthigung beſchaͤftigte Kriegs⸗ macht konnte Befreiung bringen von dem Elende und den Muͤhſalen des Landes, die bisher faſt jedes Jahr wieder: kehrten. Dieſelbe Ueberzeugung theilte mit ihm der Bi⸗ ſchof Chriſtian, der mit jammernder Seele ſeine ſchoͤne hieß Etheler. Eine Schenkungsurkunde des Herzogs Sambor — ſ. bei Lucas de bellis Suantopolci p. 51 und im Original im geh. Archiv zu Königsberg Schiebl. LV. — iſt außerdem auch noch dadurch merk⸗ wuͤrdig, daß der Herzog fie mit dem sigillo fratris Florencii magistri fratrum Calatraviensjum in Thymava beſiegeln ließ und außer dieſem auch noch ein Siegel mit dem Bilde der Maria und des Sefus : Kinder, nebſt der Umſchrift sigillum fratrun Sancte Marie in ihimava daran befindlich if. Endlich find unter den Zeugen auch drei fratres de ihy- mava genannt. Es gab alſo damals in dem Orte Timau zwiſchen Mewe und Neuenburg eine eigene Bruͤderſchaft des Ordens von Gala= trava, von welcher aber alle andere Quellen gaͤnzlich ſchweigen. 1) Die Urkunde hieruͤber ſteht bei Kotzebue B. I. S. 402 und im Lucas David B. III. Beil. Nro. I., wo Hennig ganz richtig bemerkt, daß ſie nicht, wie Kotzebue that, auf den Deutſchen Orden zu beziehen iſt. Sie iſt ohne Angabe des Jahres, muß aber im Jahre 1226 oder 1227 ausgeſtellt ſeyn.

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Zuverſicht zur Rettung durch den Deutſchen Orden. 471 Pflanzung, das Werk fo mancher Opfer, fo mancher muͤhe— vollen Jahre, in den Stuͤrmen der Zeit faſt gaͤnzlich wie⸗ der vernichtet, hier völlig zertreten und ausgerottet, dort wenigſtens vom nahen Untergange bedroht ſah. Da warf er einen Gedanken in des Herzogs Seele, der, als er nach— mals ausgefuͤhrt war, alle Gefahren, die dem Frieden der Laͤnder und dem Gedeihen des Chriſtenthums drohten, beſeitigte, die Schickſale der Voͤlker im Norden auf Jahr⸗ hunderte hinaus beſtimmte, faſt alles umwandelte und um— geſtaltete, was in den Baltiſchen Gebieten auf der Bildung der ganzen Vergangenheit ruhete, in ſeinen Folgen fuͤr die ganze Geſchichte der Europaͤiſchen Menſchheit von keinem Sterblichen zu berechnen iſt: — es war der Gedanke, zum Frieden und zur Ruhe der Lande, zur Bezaͤhmung des nahen heidniſchen Feindes, zur Anpflanzung und zum Ge— deihen des Glaubens an den Erloͤſer und zum unerſchuͤtter— lichen Aufbau feiner Kirche rings in den Landen der Hei: den den Deutſchen Ritter-Orden herbeizurufen, deſſen gro— ßen Meiſter Herrman von Salza der Biſchof fruͤherhin in Italien kennen gelernt hatte. Es war ſonder Zweifel der groͤßte Gedanke, der je in Chriſtians Geiſte erwacht iſt; aber freilich ahnete damals keiner, was die Jahrhunderte der Zukunft an ihn anknuͤpfen würden. Wie der Biſchof Chriſtian, ſo berechnete ihn der Herzog von Maſovien nur fuͤr die Noth und Gefahr der Gegenwart, nur fuͤr die Rettung der Lande von den Muͤhſalen des Tages. Und nur in dieſem Sinne griff Herzog Conrad den Gedanken mit Freude auf. Doch auch in ſeiner Berechnung fuͤr die Gefahr der Gegenwart war keiner ſo, wie Biſchof Chriſtian im Stande, dieſen Gedanken klar in ſeinen Folgen zu durchdenken. Er kannte jenen Ritter-Orden in ſeinem kriegeriſchen Geiſte, in ſeiner Bluͤthe und Macht, in ſeiner ganzen Ordnung und Verfaſſung. Aber er kannte auch wie kein anderer die ganze Lebensweiſe, die Denkart, den Charakter, die Verfaſſung, die Kriegsfuͤhrung, die Religion und die Sitten und Braͤuche des Volkes, gegen welches

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472 Zuverſicht zur Rettung durch den Deutſchen Orden. jener Orden Rettung und Ruhe bringen und in welches er durch ihn die Keime edlerer Menſchlichkeit niederlegen ſollte. Es war vielleicht um dieſe Zeit, als der Biſchof die wichtigſten Zuͤge des Lebens dieſes Volkes, wie er es durch Umgang und langen Aufenthalt kennen gelernt, in einem eigenen Werke aufzeichnete ), um ſolches bei der Ausführung feines Gedankens zu benutzen. Die Zeit hat dieſes Werk nicht bis auf unſere Tage kommen laſſen und das eigene Wort des Biſchofs iſt fuͤr uns verſtummt; aber zu ſpaͤteren Chroniſten hat er durch dieſes Werk uͤber das alte Volk der Preuſſen noch ſelbſt geſprochen und ſo durch dieſe ihn zum Fuͤhrer nehmend, fo weit er uns jetzt noch die Hand bietet, wollen wir das geſammte innere Leben des Volkes, fo viel es ſich im Dun⸗ kel der Vergangenheit noch uͤberblicken laͤßt, in den wich: tigſten Zuͤgen nachzeichnen. 1) Wir verweiſen auf einige nähere Nachrichten über dieſes unter dem Titel: Liber Filiorum Belial bekannte Werk auf die Beilage Nro. I.

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Achtes Kapitel. Ez ſind die Scheidejahre eines alten Glaubens im Geiſte des Heidenthums und eines neuen Glaubens im Geiſte des Evangeliums, an deren Ablauf wir in der Geſchichte Preuſſens jetzt verweilen; — in dem ganzen bisherigen Leben des Volkes ſonder Zweifel die wichtigſte und bedeu⸗ tungsvollſte Zeit; eine Zeit, von welcher an alles nun ſich aͤnderte und verwandelte, was bisher in irgend einer Hin— ſicht der Natur dieſes Volkes eigen war und ſein eigen— thuͤmliches Weſen bezeichnete. Preuſſens Volk theilt mit den Voͤlkern anderer Laͤnder nicht das Schickſal, daß der Stamm des Lebens, wie er im Ablaufe der Zeiten ſich im Geiſte des Volkes feſtgewurzelt und in den Veraͤſtungen und Verzweigungen ſeiner Verhaͤltniſſe ausgebreitet hatte, auch für ſpaͤtere Zeiten ſtehen blieb und das Chriſtenthum nur als eine geiſtige Veredlung ſeiner Natur auf ſich nahm, um die friſche Jugendkraft, die in dem Stamme lebte und wirkte, der neuen veredelten Bluͤthe zum Forttriebe, zur Entwickelung, zum Gedeihen und zur Reife ſchoͤner Früchte zuzubringen. Es wuchs in Preuſſen nicht, wie in andern Laͤndern, auf dem in der Verfaſſung, im Geſetze, in der Lebensweiſe, in Sitte und Sprache ausgeſprochenen Le⸗ bensgeiſte des Volkes der neueingepflanzte Glaube des Chriſtenthums in das alte, ihm zugebrachte und durch Jahrhunderte feſtbegruͤndete Leben hinein und gab ihm

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474 Inneres Leben. einen edleren Charakter, geiſtigen Adel und hoͤheren Schwung; ſondern die Schickſale, die von nun an dem Volke Preuſſens bevorſtanden, riſſen den alten Stamm des Lebens ſo gaͤnzlich mit ſeinen Wurzeln aus dem Volke aus, durchbrachen und vernichteten die bisherigen Verhaͤlt⸗ niſſe jenes alten Lebens dergeſtalt, und wandelten alles, was in der Verfaſſung, im Geſetze, in der Lebensweiſe, in der Sprache und in Sitten und Braͤuchen durch die Zei— ten herangebildet war, ſo gaͤnzlich um, daß mit dem neuen Glauben des Chriſtenthums auch das ganze Leben in allen feinen Erſcheinungen und Erzeugniſſen ſich voͤllig neu geſtaltete. ’ Aber der gewaltige Kampf, den es koſtete, ehe das ſtarke und kraͤftige Volk dieſen alten Stamm ſeines Lebens darniederwerfen ließ und der Umſtand, daß wir das Volk bisher nur meiſt in feinen Beruͤhrungen mit dem Aus— lande, in ſeinen Verbindungen mit Fremdlingen, in ſeinen Kriegen und Fehden mit den Nachbarn, wie uͤberhaupt nur in feinen Verhaͤltniſſen nach außenhin haben kennen lernen koͤnnen, macht es nothwendig, daß wir jetzt am Abend ſei⸗ nes heidniſchen Lebens noch einen Blick ruͤckwaͤrts werfen und den Geiſt betrachten, der ſich in ſeiner buͤrgerlichen Ordnung und Verfaſſung, in ſeinen Geſetzen, in ſeiner Kriegsführung, in feinem inneren friedlichen Leben, in ſei— ner Thaͤtigkeit und im haͤuslichen Betriebe, in Sitten und Braͤuchen und in dem Hoͤchſten und Heiligſten, was der Menſch in ſich traͤgt, in ſeiner Religion geoffenbart hat. Woher aber die reinen Farben fuͤr dieſes Bild, auf daß es nicht bloß Leben erhalte und durch Geiſt zum Geiſte ſpreche, ſondern auch innere Wahrheit und Treue in ſich trage? Nie hat einer aus dem Volke ſelbſt uͤber ſein Volk geſprochen. Alles, was wir an Quellen zur Geſchichte des aͤlteren Preuſſens beſitzen, iſt weder in irgend einer Weiſe vollſtaͤndig, noch völlig zuverläffig, weil theils nur feindliche Nachbarn hie und da einzelner Zuͤge des inneren Lebens erwähnen, theils nur fpätere Chroniſten, befangen

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Inneres Leben. 475 in den Begriffen und Sitten ihrer Zeit, unbekannnt mit der Geſchichte anderer Voͤlker, voll Haß und moͤnchiſcher Verachtung alles deſſen, was heidniſch hieß und von einem Chriſtenthum ergriffen, welches eine gerechte Wuͤrdigung des Lebens heidniſcher Völker unmöglich machte, einiges von den inneren Lebensverhaͤltniſſen der Preuſſen aufzu- zeichnen bemüht geweſen find. Und doch iſt der Geſchicht— ſchreiber bei ſeinen Forſchungen uͤber des Volkes inneres Still-Leben nur allein auf dieſe truͤben, entfernten, nicht ſelten entgeiſtigten und ermatteten, oft vielfach die Wahr— heit der Geſchichte entſtellenden Quellen hingewieſen. Er will aus dem Werke des Biſchofs Chriſtian ſchoͤpfen; aber er kann es nur drei Jahrhunderte nachher aus einer Quelle, in welche jene fruͤhere Quelle uͤbergefloſſen iſt und nach der Art und nach dem Inhalte, wie jenes Werk in den Geſchichtsbuͤchern Lucas Davids und Simon Grunau's noch vor uns liegt; er iſt auf den Ordens-Chroniſten Dus- burg hingewieſen; aber wie wenig verſtand dieſer eine ge— rechte Wuͤrdigung des heidniſchen Volkes, wie vieles war zu ſeiner Zeit ſchon vergeſſen und untergegangen, wie we— nig war ihm die alte Zeit bekannt und wie oft verkannte er Sinn und Bedeutung des Wenigen, was aus alter Zeit noch uͤbrig war! So bleibt es dem Geſchichtſchreiber nur moͤglich, Folgendes als die Grundzuͤge uͤber die Geſtalt des Landes und über das Leben des Volkes in alter Zeit hin— zuzeichnen. Geſtalt des Landes. Buͤrgerliche Ordnung und Verfaſſung. Die Theilung und Getrenntheit des Landes in einzelne Landſchaften, deren Entſtehung wir in fruͤherer Zeit ſchon erwähnt, beſtand auch jetzt noch fort uns es find noch dies ſelben Benennungen, mit denen ſie bezeichnet vor uns

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476 Das Kulmerland. liegen. Schon in alter Zeit wurden elf dieſer Landichaf: ten gezaͤhlt und durch die Namen: Kulmerland, Pomeſa⸗ nien, Pogeſanien, Warmien oder Ermland, Natangen, Bar⸗ tien oder Barterland, Galindien, Sudauen, Samland, Na⸗ drauen und Schalauen unterſchieden ). Ueber ihre Be⸗ graͤnzung, Lage und Geſtalt iſt uns Folgendes uͤberliefert worden. Kulmerland. Das Kulmerland war das unmittelbare Nachbarland Maſoviens, von welchem es die Drewenz als Graͤnzfluß trennte. Seine weſtliche Graͤnze bildete der Weichſel— Strom, der es ſuͤdweſtlich von Cujavien und nordweſtlich von Pommern ſchied. Im Norden ſchnitt es die Oſſa von der Landſchaft Pomeſanien ab 2). Daneben aber diente auch die ſchon erwaͤhnte große Wald-Wildniß zur Graͤnz⸗ ſcheide beider Länder, wiewohl fie ſich in unbeſtimmbarer Richtung und Ausdehnung in die Gebiete beider Land— ſchaften hinein erſtreckte ). Gen Oſten ging das Kulmer⸗ land um dieſe Zeit eigentlich nur bis an das Ufer der Drewenz, wo ſie von Neumark und Strasburg herab nach Golub fließet. Im Gegenſatze von ihm nannte man das Land jenſeits dieſes Fluſſes im Allgemeinen Preuſſen ); in beſonderen Benennungen aber graͤnzten dort das Gebiet von Loͤbau und das Laͤndchen Saſſovien oder Saſſen. In weiterer Ausdehnung gehoͤrten ſie beide, gewiß wenigſtens 1) Dusburg P. III. c. 3. Lucas David B. I. S. 60 ff. Eine kleine Abhandlung Über die Namen der Landſchaften, die mir erſt ſpaͤ⸗ ter ins Gedaͤchtniß zurückgekehrt iſt, ſteht im Preuſſ. Tempe 1780. Quart. IV. S. 639. 2) Von dieſer Gränze iſt früher geſprochen. 3) Duisburg P. III. c. 12. Solitudo, quae fuit inter ierram Po- mesaniae et Colmensem. Eine andere Chronik nennt fie desertum inter Pomesaniam et Culmensem terram. Lucas David B. II. S. 77. 4) Davon der Beweis in der Urkunde des Biſchofs von Ploczk f- oben S. 432 Anmerk.

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Das Kulmerland. 477 in etwas ſpaͤterer Zeit, noch mit zum Kulmerlande und es lief dann dieſe Landſchaft fort bis an das Graͤnzgebiet Galindiens, d. h. bis gegen Hohenſtein und Neidenburg 9. Das kleine Land Saſſen, fruͤherhin in feiner Lage fo unbe- ſtimmt, ſtieß im Weſten an das Loͤhauiſche Gebiet und hatte ſeine Graͤnzen im Norden am Drewenz-See bei Oſterode, im Suͤden am Roman-See bei Gilgenburg und gen Oſten an der Drewenz ). Wie dieſes Laͤndchen an ſeiner Burg 1) Daß das Culmer- und Löbauerland zufammengehörten, lag ſchon in der Schenkung des Gebietes von Löbau an den Biſchof Chris ſtian und erhellt auch aus dem Diplome des Kaiſers Friedrichs II. ſ. Dreger Cod. Pomer. Nro. 65. p. 118 und Hartknochs A. und N. Preuſſ. S. 273 vgl. mit Dusburg P. II. c. 3. Dieſer Chroniſt zählt fie beide in der Stelle P. III. c. 3. auch als Eine Landſchaft bil⸗ dend auf. Daß beide immer noch neben einander genannt werden, ſtreitet nicht gegen die Annahme, daß ſie Eine Landſchaft bildeten, denn geographiſch waren fie eigentlich immer zu fehr getrennt, als daß ſich ihre Graͤnzen hätten verlieren koͤnnen. Es blieben alfo immer Landge⸗ biete, aber in Einer Landſchaft. In ſolcher weiten Ausdehnung ward auch das Laͤndchen Saſſen oder Saſſovien mit zur Kulmiſchen Land: ſchaft gerechnet, wie es denn nachmals auch mit in die Kulmiſche Dioͤ⸗ cefe gehörte. Vreger Nro. 352. p. 463. 2) Für die Beſtimmung der fruͤherhin fo zweifelhaften Lage die⸗ ſes Landes Saſſen iſt eine Urkunde von Wichtigkeit, in welcher bei ei⸗ nem Streite des Biſchofs Herrmann von Kulm mit dem Landmeiſter Conrad Sack wegen der Gränzen zwiſchen Löbau und dem Lande Safe fen dieſe Gränzen in folgender Art bezeichnet werden: A primo termi- no, qui est super Driwanzam, ubi in ipsum fluvius Griselancs in- uit, per ascensum ipsius fluyii ascendendum consensimus usque ad vallum, quod Sassenpile dicitur in vulgari ad nos (sc. Episco- pum) integraliter pertinens, a quo directe usque ad Campum Mole (das jetzige Kirchdorf Mühlen) et abinde directe usque ad locum, ubi fluvius Ramnite scaturit sive oritur, deinde vero di- recte super fluvium WVykaram, ubi lacum Roman inſluit. (Diefer letztere lag bei Gilgenburg). Die Urkunde, im Jahre 1303 abgefaßt, ſteht im Fol. Handfeſt. des Kulm. Landes p. X. Wie ungewiß man in früherer Zeit über die Lage dieſes Landes geweſen, erſieht man aus Henneberger in der Landtafel Vorrede p. 2. und p. 436. Praͤtorius Schaubuͤhne B. I. S. 191. Nicht zu verwechſeln iſt mit dieſem Lande

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4786 Das Kulmerland. Saſſenpile — Saſſenburg — feine beſondere Landesfeſte hatte, vielleicht die Wohnburg ſeines Oberherrn, ſo waren auch das Gebiet von Loͤbau, beſonders aber das eigentliche Kulmerland ſchon in damaliger Zeit beinahe ganz ange— fuͤllt von ſolchen feſten Burgen, deren Zweck vor allem des Landes Sicherheit gegen die nahen feindlichen Preuſſen war. Als die namhafteſten werden uns genannt die Bur— gen Kulm, wahrſcheinlich von jeher die Hauptlandesburg, Grudenc — Graudenz, Colno — Köln, Pin — Pien, Turno — Thorn, Ruch — Rogowo, Ryſin — Gzyn (2) oder Rheden, Dfehivo — Orziechowo, Jablonowo — Sa— blonowo, Williſas — Wielſons, ferner Wabsko, Coprinen, Glamboki, Ploch, Poſtolsko, Beltz, Nevir Bobroſky u. a. Mehre ſolcher Burgen lagen in dem oͤſtlichen Theile des Kul— merlandes gerade in der Gegend von woher die Preuſſen öfter in daſſelbe einzufallen pflegten; dort finden wir zwiſchen einer Reihe von Seen, welche das Land beſchuͤtzen halfen, die Burgen Wanzino — Wondzyn, bei dem Kirchdorfe Lem— berg am See; Sſtrovith — Sſtrowitt, ein Kirchdorf in ſuͤdlicher Richtung von Biſchofswerder; Plovenzo — Plo— wenz, ein Kirchdorf unfern von Oſtrowitt an einem See; Kovaleko — Kowalek, über Plowenz am nöͤrbli⸗ chen Theile des Sees ). Manche dieſer Burgen moͤgen ihre Gruͤndung von Polen und Maſovien aus erhalten haben, ſeit das Kulmerland der Herrſchaft Polens und Ma— ſoviens untergeben war, da man durch ſie die Landſchaft gegen die raͤuberiſchen Einfaͤlle der Preuſſen bewehren und Saſſovien die Burg Saſſovien im Schalauiſchen, Dusdurg P. III. c. 182. 1) S. die Urkunde bei Dreger Nro. 58 und in den Act. Boruss. J. I. p. 62; aber an beiden Orten iſt fie nicht ganz vollſtaͤn⸗ dig. Auch find in den Abdruͤcken die Namen zum Cheil ſehr verſtuͤm⸗ melt, ſelbſt in alten Abſchriften oft ſehr unrichtig. Daher iſt es nicht moͤglich, alle genannten Burgen in heutigen Orten wieder aufzufin⸗ den. Manche moͤgen nach ihrer Zerſtoͤrung auch nie wieder aufgebaut worden und ſo die Namen untergegangen ſeyn.

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Pomeſanien. 479 den im Lande wohnenden Chriſten an ihnen ſichere Bus fluchtsorte geben wollte). Andere aber mögen in ihrem Alter weit höher, vielleicht in die Zeiten der Gothen hinauf⸗ ſteigen und in jenem Jahrhunderte erbaut ſeyn, von wel: chem wir fruͤherhin die Sage haben ſprechen hoͤren 2). Jetzt freilich waren dieſe Burgen alle zerſtoͤrt und das ganze Land mit dem Gebiete von Loͤbau wie in eine Wuͤſte verwandelt, aus welcher alles, was chriſtlich war, ſich hinweg gefluͤchtet hatte. Ein bedeutender Theil dieſes verödeten Landes war Eigenthum des Kulmiſchen Bißthums; ein anderer gehoͤrte noch dem Herzoge von Maſovien, obgleich er fuͤr ihn kaum noch einen Werth haben konnte. Pomeſanien. Nördlich an das Kulmerland graͤnzte die zweite Land⸗ ſchaft Pomeſanien, von jenem durch die Oſſa und die Wald⸗ Wildniß getrennt ). Gen Norden bildete das Friſche Haff, wie gen Weſten die Weichſel ihre Graͤnzen. Im Often lief ihr Gebiet bis an den Fluß Elbing, den Drauſen-See, dann in gerader Richtung am Fluſſe Sirgune — Sorge 1) Daß ſchon lange Zeit Chriſten im Kulmerlande wohnten, be⸗ zeugt die päpſtliche Bulle bei Dreger Nro. 160. p. 246, fo wie eine andere Bulle Gregorius IX, die wir an ihrem Orte mittheilen werden. 2) Lucas David B. 1. S. 74 — 75. Kulm wird ausdruͤcklich als damals erbaut genannt und offenbar iſt dieſe Burg ſehr alt und Gothiſchen Urſprungs. Selbſt ihr Name deutet darauf hin. Bei Kulm wurde damals auch ſchon die Burg Petterberg erbaut, wie Lucas David a. a. O. bezeugt; ſie wurde ſpaͤter zur Zeit des Ordens wie⸗ der aufgerichtet, ſ. Dusdurg P. III. c. 46. Manche der obigen Bur⸗ gen⸗Namen ſind ſicherlich Gothiſch, ſo z. B. Ryfin, wie Reſien, Rieſen, das Scandinaviſche Risar, Risaland; ſ. Rasmussen de Arabum Per- sarumque commercio cum Russia ct Scandinavia. Hayniae 1825. 3) Von dieſer Wald⸗Wildniß leitet Oſter meyer im Preuſſ. Tempe J. 1780 S. 641. den Namen Pomeſanien ab; medis, medzio das Holz, der Baum; po- medziani Leute, die an einem Gehoͤlze woh⸗ nen.

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480 Pomeſanien. — hinauf bis an die Offa, fo daß die Gebiete von Chriff- burg und Rieſenburg noch innerhalb dieſer Landſchaft lagen ). So umfaßte fie, wenn gleich minder groß als das Kulmer- land, doch einen ziemlich bedeutenden Landſtrich. Aber ein großer Theil Pomeſaniens, beſonders in den noͤrdlichen Ge— genden der Niederungen, in der Nachbarſchaft der Weichfel und der Nogat, war zur damaligen Zeit wegen der zahl— reichen Seen und Suͤmpfe und wegen oͤfterer Ueberſchwem— mungen der ungezaͤhmten Ströme zum Theil ganz unbe- wohnt 2), zum Theil wenigſtens minder volkreich als an= dere Gebiete Preuſſens. Wir treffen aber hier zuerſt auf ei eine Erſcheinung, die faſt in allen Landſchaften Preuſſens wiederkehret und noch klarer hervortreten wuͤrde, wenn die Quellen nicht ſo un— lauter und truͤbe floͤſſen. Jede Landſchaft Preuſſens zerfiel wieder in einzelne kleinere Landestheile, einzelne kleine Gaue, Territorien) von bald kleinerem, bald größeren Umfange, meiſt nach den Hauptorten oder nach den Lan— desburgen genannt, die in ihnen lagen. Es iſt kaum zu bezweifeln, daß dieſe einzelnen Landestheile oder kleinen Gaue die Beſitzthuͤmer der vornehmeren Landesbewohner oder der ſogenannten Edlen des Landes und die Landesburgen deren Wohnſitze waren. Daß nicht blos in fruͤheren Zeiten, wie wir ſchon erwähnt haben ), ſondern auch in dieſen 1) Die oͤſtliche Graͤnze Pomeſaniens wird auf dieſe Weiſe theils urch Chroniken, theils durch Urkunden beſtimmt; ſ. Dusburg P. III. 6. 14. Lucas David B. I. S. 73. Henneberger Landtaf. S. 357. Dieſer erwähnt jedoch faͤlſchlih der Weſeke und der Drewenz als Graͤnzfluͤſſe; die erſtere floß ſchon in Pogeſanien, die letztere war Graͤnz⸗ fluß zwiſchen Kulmerland und Maſovien. Die hieher gehoͤrigen Urkun— den findet man in Fabers Abhandlung über die Theilung Pomeſa⸗ niens in ben Beiträgen zur Kunde Preuſſens B. III. S. 331 ff. 2) Lucas David B. V. S. 81. Val. meine Geſchichte Marien⸗ burgs S. 32. 3) So nennt fie beſtaͤndig Dusdurg, wie wir in vielen Stellen frhen werden. 4) Vgl. was oben über den Reiſebericht Wulfſtans geſagt iſt.

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Pomefanien. 481 Jahrhunderten wie in Pomeſanien, fo in allen andern Land⸗ ſchaften ein vornehmerer Stand, eine Klaſſe von Landes⸗ edlen uͤber die gewoͤhnliche Maſſe der Landesbewohner em⸗ porragte, liegt klar am Tage. Und worin anders haͤtte ſich bei einem Volke, welches ſchon ſeit Jahrhunderten den Werth des Ackerbaues kannte, der Reichthum und in dem Reichthume das hoͤhere Anſehen, das hoͤhere Gewicht, der höhere Stand, der Adel mehr zeigen koͤnnen, als in grö- ßerem Landbeſitze? So waren alſo dieſe Edlen des Landes die reichen Gutsbeſitzer, die Herren der kleinen Gaue, die Eigenthuͤmer der einzelnen Landestheile der Landſchaften. Auf ihren Burgen wohnend war ihnen das uͤbrige aͤrmere Volk ihres Gaues als eigen und dienſtpflichtig untergeben, wie ſie denn ſelbſt wieder den Landesfuͤrſten oder den Reiks unterworfen waren. Solche edle, vornehmere Gau-Herren ſaßen auch in Pomeſanien !) und auch dieſe Landſchaft war in ſolche Lan⸗ destheile oder Gaue getheilt. Als ſolche werden erwaͤhnt das Gebiet von Alyem, wo nachmals das erhabene Ordens⸗ Haus Marienburg erbaut wurde 2); das Gebiet von Reſien oder Reyſen, von einem beſonders ruͤſtigen und tapfern Kriegsvolke bewohnt, vielleicht die Nachkommenſchaft der alten tapferen Kriegswehren, der Vidivarier, die den krie⸗ geriſchen Geiſt ihrer Vaͤter noch in ſich fortgeerbt ); ferner 1) So wird erwähnt bei Dusburg P. III. c. 7: Pipinus Nobilis de Pomesania. Hie Pipinus f@t pater illius Nobilis viri de Pome- sania, qui dicebatur Macce: ferner c. 140: Samile quidam, Nobilis de Pomesania; c. 143: Nobilis de Pomesania dictus Jones. 2) Dusburg P. III. c 138. Geſchichte Marienburgs S. 1. 3) Dusburg P. III. c. 14.: territorium dictum Reysen, in quo viri famosi ct bellatores morabantur. Lucas David B. II. S. 71. 82. Faber a. a. O. Die nachherigen Orte Rieſenburg, Rieſen⸗ kirch, Rieſenwalde, in den älteflen Urkunden Reſinburg u. ſ. w. geſchrie⸗ ben, lagen in dieſem Gebiete und haben von ihm den Namen. Uebri⸗ genus war die Gegend von Rieſenburg noch mit einer Menge von Seen verſehen, die jetzt nicht mehr vorhanden ſind; mehre werden noch in dem Privilegium von Rieſenburg vom Jahr 1330 erwahnt. J. . 31

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482 Pomefanien. die Gebiete Prezla, Paſſaluc, Poſolua, Lynguar, Loypicz, Komor und mehre andere ). Auch mit Burgen war die Landſchaft Pomeſanien theils zur Wehr gegen die Feinde, theils als Wohnſitze ihrer Edlen ziemlich reich verſehen. Die Burg Belichow, auf welcher der Edle Jones hauſete, lag unfern von der Oſſa, in der Nähe der Bindings-Berge 2). Eine Burg auf dem Berge Grewoſe, auf welchem nach⸗ mals die alte Chriſtburg erbaut wurde ), duͤrfte vielleicht eine hoͤhere Wichtigkeit gehabt haben; dort war in ihrer Naͤhe ein heiliger Wald; alte Goͤtter-Namen deuteten auf ein altes Heiligthum *) und fo wird es nicht unwahrſchein⸗ lich, daß der Landes-Griwe Pomeſaniens auf jener Burg ſeinen Wohnſitz gehabt. Andere Wehrburgen des Landes lagen bei Stuhm, bei Poſtolin, im Gebiete Reſien, am Drauſen-See, in der Gegend des jetzigen Dorfes Willenberg und an dem Weich⸗ 1) Die Namen laſſen ſich in heutigen Orten nicht mehr alle auffin⸗ den. Lynguar, auch Lingues ift ohne Zweifel Linken, jübwärts von Chriſtburg; Poſolua das jetzige Pofilge, Loypicz, auch Lyopicz, das je: tzige Lippitz oͤſtlich von Chriſtburg. Das Fluͤßchen, an welchem dieſes liegt, kommt in urkunden noch unter dem Namen Loypiz vor; jo im Jahre 1303. 2) Duisburg P. III. c. 143. Der Ort iſt noch vorhanden unter dem Poloniſirten Namen Bialochowo, bei dem Kirchdorfe Mokrau, auf dem nördlichen Uferlande der Oſſa. 3) Dusburg P. III. C. 57: castrym Pomesanorum, quod situm unc ſuit in loco, qui nunc dicitur Chrisburg antiquum; eine andere Chronik ſagt: Castrum in Pomezania in loco, ubi adhuc vallum castri manet, dietum anliquum Christhurg; Dusdurg P. III. c. 61. Auch Urkunden aus dem 13ten und Aten Jahrhundert erwähnen dort öfter eines alten Burgwalles. Den Namen des Berges Grewoſe nennt uns Lucas David B. III. S. 87. 4) Die Gegend des Dorfes Heiligenwalde heißt in Urkunden noch silva sacra. Südlich war das Heiligthum, wie das Romove in Samland, durch eine Wehr beſchuͤtzt geweſen; in einer Urkunde vom Jahre 1303 kommt dort vor ein locus, qui jacet inter Koenigssee villam ei antiquam civilatem, ‚quem nos Lantwer dieunus in vul- garı.

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Pomeſanien. 483 ſel⸗Strome ). So weiſet auch ſchon die Lage dieſer Bur⸗ gen darauf hin, daß der öftliche und ſuͤdliche Theil Pome⸗ ſaniens damals weit volkreicher, der noͤrdliche große Land⸗ ſtrich dagegen von Marienburg bis Elbing hinuͤber und zwiſchen der Nogat und der Weichſel noch wenig oder gar nicht bewohnt war. Daſſelbe bezeugen auch die Ortsnamen, die im Suͤden und Oſten der Landſchaft zum groͤßten Theile altpreuſſiſch, in den noͤrdlichen Gebieten dagegen faſt alle deutſchen Urſprungs ſind. Im Weſten, wo der Weichſel⸗ Strom die Landſchaft ſcharf begraͤnzte, gehoͤrten zu ihr auch noch verſchiedene Werder oder Inſeln, welche ſpaͤter des Stromes reißende Gewalt zum Theil vernichtet hat. Eine ſolche war z. B. die Inſel Quidino oder Quidzin?) Da⸗ gegen waren die Inſeln Santir oder Zanthir, Bern und einige andere in dieſer Zeit noch im Beſitze der Herzoge von Pommern. Endlich durchzogen das Land damals auch noch bedeutende Waldungen. Außer der Wald-Wildniß im Suͤden bedeckten auch der Soweten-Wald und ein anderer zwiſchen Stuhm und Marienburg einen bedeutenden Theil des Landes >). Po geſanien. Die dritte Landſchaft Pogeſanien graͤnzte weſtlich an Pomeſanien, von welchem ſie durch den Elbing und den Drauſen⸗See getrennt war. Gen Norden war ſie vom 1) Dusburg P. III, c. 14 nennt ſie propugnacula; eine andere Chronik fagt von ihnen: castra, quae hahebant (Pomesani), uhi modo sita est Resenburg et Resenkirche, juxta Postelen et Stume, Wil- denberg, juxta Stagnum Drusin. An der Weichſel lag die Weichſel⸗ burg bei dem Kirchdorfe Nebrau, deren Alter ebenfalls in die heidni⸗ ſchen Zeiten hinaufging- 2) Dusburg P. III. c. 9. 44. Urkunde in Fabers Abhandl. a. a. O. S. 337. 3) Daß Pomeſanien damals weit mehr mit Wald bedeckt war, geht aus den Urkunden des 13ten Jahrhunderts hervor. In ihnen wird auch der genannten Silva Soweten erwähnt. Auch die Gegend nach dem Drauſen hinuͤber war noch mit Waldungen verſehen. 81 *

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484 Pogeſanien. Friſchen Haffe umfloſſen, im Oſten durch die Paſſarge und im Suͤden durch den Weske⸗Fluß eingeſchloſſen, wenigſtens ſcheint ſie hier nicht bedeutend uͤber dieſen Fluß hinausge⸗ gangen zu ſeyn, wenn ſie die Hoͤhen von Holland auch vielleicht noch in ſich faßte ). Schon dieſe Begraͤnzung zeiget, daß ſie eine der kleineren Landſchaften war. Gegen das Friſche Haff hin weniger zahlreich bewohnt, weil ſie dort ſtark mit Wald bedeckt war, ernaͤhrte ſie ein kraͤftiges und tapferes Menſchengeſchlecht auf ihren ſuͤdlichen Hoͤhen, auf dem Hochlande, welcher Landſtrich nachmals den Na⸗ men des Hokerlandes erhielt ?). Am meiſten Beachtung ver: dient in dieſer Landſchaft der uralte Handelsort Truſo am Drauſen⸗See, wahrſcheinlich in der Gegend gelegen, in welcher nachmals Elbing erbaut ward. Aber ſeine Schick⸗ ſale ſind ſo gaͤnzlich dunkel, daß wir nicht einmal beſtimmt wiſſen, ob er um dieſe Zeit wirklich noch vorhanden gewe⸗ ſen iſt. Ohne des nordiſchen Seefahrers Wulfſtans Bericht uͤber dieſe Gegend wuͤrde ihn uͤberhaupt die Geſchichte gar nicht kennen. Die ſpaͤtere Zeit aber hat aus dieſer Zeit noch manche Spuren eines gewiſſen Wohlſtandes entdeckt, der ohne Zweifel ſeinen Grund in dem Handel Truſo's hatte ). Der Drauſen⸗See hatte damals einen ungleich 1) Die Weſt⸗, Nord⸗ und Oſt⸗Graͤnzen Pogeſaniens ſind feſt be⸗ ſtimmt; ſ. Henneberger Landtaf. S. 352. Ungewiſſer iſt die Suͤd⸗ Granze; doch wird faſt allgemein die Weske als ſolche angegeben, fo im Lucas David B. I. S. 72. Prätorius Schaubuͤhne B. I. S. 185, Manche Chroniſten, wie Waiſſel S. 4 Tiedemann Mſcr. u. a. bezeichnen die ſuͤdliche Graͤnze nicht näher, wahrſcheinlich weil fie ſolche nicht genau kannten. 2) Lucas David a. a. O. Henneberger a. a. O. Waiſſel S. 4 ſchreibt Hoggerland, vom mythiſchen Fͤrſten Hoggo, dem Vater der Fuͤrſtin Pogeſania. 3) Darüber ift ſchon früher einiges geſagt. Nirgends in Preuſſen hat man bei den Nachgrabungen alter Begraͤbnißhuͤgel ſo viel Sachen von Silber und alles fo ſchoͤn und zierlich bearbeitet gefunden, als im ehemaligen Pogeſanien, namentlich in der Nähe von Elbing, zu Weklitz und Meislatein. Sowohl die Gegenftände von Metall, als die mit

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Pogefanien. 485 bedeutenderen Umfang und nahm ſomit auch einen größeren Theil dieſer Landſchaft ein. Im Norden zog er ſich offen⸗ bar viel weiter nach der jetzigen Stadt Elbing herab, die jetzt eine Meile von ihm entfernt liegt). Auch in ſuͤdli⸗ cher Richtung lief er viel weiter in die Gegend von Chriſt⸗ burg hin. Es gab eine Zeit, in welcher er bis an das Dorf Baumgart ging und fruͤherhin koͤnnte er ſich bis in die Naͤhe von Chriſtburg erſtreckt haben ). Auch in der Breite hatte er einſt einen weit bedeutenderen Umfang, denn weſtwaͤrts lief noch in ſpaͤterer Zeit fein Gewaͤſſer bis in die Feldmark des Kirchdorfes Thiergart ) und im Oſten haben einſt die Hoͤhen von Holland ſeine Graͤnze ge⸗ bildet, wie ſchriftliche Beweiſe und die Beſchaffenheit des Bodens deutlich darthun ). Gold uͤberzogenen Wachsperlen und Glaskorallen, die zum Theil wie Moſaik gearbeitet ſind, zeichnen ſich in der ganzen Alterthuͤmer⸗Samm⸗ lung des Archivs zu Koͤnigsberg vor allen andern aus. Auch die au gebranntem Thone geformten Korallen ſind mit niedlichen Verzierungen verſehen, wie man ſolche ſonſt ſelten hier findet. Vgl. Krauſe's Ab⸗ handlung uͤber die Nachgrabungen zu Weklitz und Meislatein in den Beitraͤgen zur Kunde Preuſſ. B. VII. S. 72 ff. 1) Fuchs Beſchreibung der Stadt Elbing B. I. S. 326. 2) Jetzt iſt Chriſtburg wohl über drei Meilen vom Drauſen-See entfernt. Im Privilegium von Chriſtburg aber vom Jahre 1290 wird des Drauſen als eines nahe bei Chriſtburg liegenden Sees erwähnt. Es heißt: Preierea conferimus inhabitantibus preſatam civitatem haute libertatem, quod quilibet in propria cymba sive navi nullo dato naulo potest facere passagium liberaliter trans lacum, qui Drusin est appellatus. Ferner erhalten die Chriſtburger auch die freie Fiſcherei mit dem Setzhamen in der Sirgune (Sorge) bis an den Draufen: See. Die Nähe des Drauſen⸗Sees beweiſet ferner auch die Verſchreibung des Dorfes Baumgart vom Jahr 1354. Dann deuten auf das allmaͤhlige Zuruͤcktreten des Sees auch die dortigen Ortsnamen, denn es ſind alles neu gebildete deutſche Namen, waͤhrend die Orte der umherliegenden Höhen faſt alle preuſſiſche Namen haben. 3) Verſchreibung des Dorſes Thiergart vom J. 1350 im geh Archiv. 4) Pisanski de montibus regni Prussiae notabilioribus p. 7. Preuſſ. Tempe Quart. IV. S. 757. 1780.

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486 D Pogeſanien. Auch dieſe Landſchaft war in kleinere Landgebiete ab⸗ getheilt, die in gleicher Weiſe wie in Pomeſanien die Be⸗ ſitzthuͤmer einzelner Edlen waren. Ein ſolches finden wir unter dem Namen Lanzanien oder Lanſanien in nordoͤſtli⸗ cher Richtung von Elbing, wo heute noch das Dorf Lenzen den Namen erhält ). Ein anderes war das Gebiet Kadie⸗ nen und ſo moͤgen auch die Hoͤhen dieſer Landſchaft in ein⸗ zelnen Theilen verſchiedenen Herren zugehoͤrt haben. Auch Pogeſanien hatte feine edlen Gau-Herren, die im Lande umher auf ihren Burgen wohnend das umherliegende Ge⸗ biet als ihr Eigenthum beherrſchten ). Solche fand hier ſchon der Seeſahrer Wulfſtan und ſie hatten ſich erhalten bis auf dieſe Zeit. Die alte Burg Kadienen ſtand einſt da ), wo nachmals im Kloſter gleiches Namens die Moͤn⸗ che ihre Horen fangen; eine andere zwiſchen Tolkemit und Frauenburg auf dem Berge Tolko ). Im ſuͤdlichen Theile 11 Landſchaft ſchuͤtzte auf der Hoͤhe die Burg Weklitz das mherliegende Gebiet bis gegen den Drauſen hin, eine der bedeutendſten Feſten Pogeſaniens ). So moͤgen auch noch in den andern Theilen der Landſchaft mehre Burgen wie zur Hut des Landes, ſo zum Wohnſitze der Edlen dage⸗ ſtanden haben; allein die Zeit mit ihren wandelnden Schick⸗ ſalen hat ihre Spuren gaͤnzlich vertilgt und keiner ſagt uns mehr, wo die wahrſagende Richterin Pogeſana im heiligen Eichwalde ihren Sitz gehabt ). Ermland. Die vierte Landſchaft Preuſſens Ermland, in alter Zeit 1) Privilegium der Stadt Elbing vom Jahre 1246. 2) Dusburg P. III. c. 163: Quidam de Pogesania nobiles. 3) Lucas David B. I. ©. 72. 4) Lucas David a. a. O. 5) Dusburg P. III. c. 164 not. c. Eine andere Chronik nennt fie Wentlitz. Vgl. Kraufe’s Abhandl. uͤber die Anſicht der Feſte bei me in den Beitrag. zur Kunde Preuſſ. B. V. S. 539. B. VII. S. 75. 6) Lucas David B. I. S. 72.

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Ermland. 487 auch Warmien genannt, gränzte weſtwaͤrts an Pogefanien und war von dieſem durch die Paſſarge oder Serie getrennt. Zur nördlichen Graͤnze hatte fie das Friſche Haff. Im Oſten ſtieß ſie an die Landſchaft Natangen und an das Barter⸗ land, und ſuͤdwaͤrts lief ſie hinauf bis an die Landſchaft Galindien. Ueber die genauere Beſtimmung dieſer Oft- und Suͤd⸗Graͤnzen aber ſchwanken die Quellen hin und her und es iſt faſt unmöglich, hier etwas Sicheres feftzu- ſtellen, denn ſpaͤterhin waren hier offenbar die Graͤnzen ganz anders, als in früheren Zeiten )9. Gen Nordoſten dehnte ſich Warmien fruͤherhin ſo weit aus, daß es noch die Burg Balga oder das Gebiet von Honeda in ſich faßte, ja ſelbſt eine Strecke nach Nordoſten hinauf lief 2). Dort ſollen es einige kleine Fluͤſſe von Natangen geſchieden haben ). Von hier lief dann die Graͤnzlinie zwiſchen Warmien und Nas tangen zwiſchen den Städten Kreuzburg und Zinten durch und ging bis an die Alle ). Hier war die Graͤnze der ältern Landſchaft Warmien ) und jenſeits dieſes Fluſſes hob 1) Zu dieſer Bemerkung kam auch [on Hartknocli ad Dusburg L. III. c. 18. n. a. 2) Die Beweiſe hievon liegen in Dusburg P. III. c. 18 und 20 und bei Henneberger Landtaf. S. 24. Auch die Urkunde bei Ko: tzebue B. I. S. 419. (die wir im zweiten Theile dieſes Werkes richtig abgedruckt liefern werden) duͤrfte dieſe nordoͤſtliche Ausdehnung War: miens beſtaͤtigen. 3) So geben Waiſſel S. 2. Tiedemanns Chron. Mſcr. die Graͤnze gegen Natangen an. Es müßten dieſes die kleinen Fluͤſſe ſeyn, die bei Schoͤlen, Fedderau und Pommern ins Haff gehen. 4) Nach Dusburg P. III. c. 27 gehörte die Gegend von Kreuz: burg ſchon offenbar zu Natangen; Zinten dagegen nach alten Urkunden zu Warmien. 5) Bartenſteins Umgebung gehoͤrte offenbar nicht mehr zu War⸗ mien; eben ſo wenig die Gegend von Heilsberg und noch weniger das Gebiet von Roͤſſel, wie ſchon aus Dusburg P. UL. c. 27 hervorgeht. Daß Heilsberg hier als in Warmien gelegen bezeichnet wird, beweiſet nur, daß der Chroniſt die ſpaͤtere Eintheilung der biſchöͤflichen Didcefen nicht vergeſſen konnte. Warmien ging nicht über die Alle, denn öftlich von diefer begann ſogleich das Barterland.

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488 Ermland. ſogleich das Barterland an. Noch unbeſtimmter iſt die ſud⸗ liche Gränze, wo Warmien an Galindien ſtieß. Es ſcheint, daß ein Punkt dieſer Graͤnze bei Mohrungen war, wo noch jetzt das Dorf Gallinden den Namen erhaͤlt. So war der Umfang dieſer Landſchaft allerdings bedeutend und umſchloß in ihren Graͤnzen bei weitem mehr bewohnbares Land, als die bisher erwaͤhnten Landſchaften. Daß auch in ihr das geſammte Land in einzelne Gebiete zerfiel, iſt ſchon des⸗ halb nicht zu bezweifeln, da es auch hier edle Geſchlechter gab, die in gleicher Weiſe die Eigenthuͤmer bedeutender Landſtrecken ſeyn mochten. Es finden ſich ſelbſt Spuren, daß die Edlen in Warmien noch reicher und maͤchtiger geweſen ſeyn moͤgen, als die in den andern Landſchaften ); wenig⸗ ſtens vermochte das ſehr maͤchtige edle Geſchlecht der Glot⸗ tiner allein eine ſehr anſehnliche Heeresmacht zur Verthei⸗ digung des Landes zu ſtellen ). Es beherrſchte wahrſchein⸗ lich das Gebiet um Guttſtadt zwiſchen der Alle und Paſ⸗ ſarge, wo der uralte Name noch in dem Dorfe Glottau aufbehalten iſt ). Dieſes Glottau und Balga (Honeda) ausgenommen, kennen wir keine Namen der Burgen mehr, die ſonſt gewiß bei der Menge der Edlen in Warmien dieſe Landſchaft geſchuͤtzt und geſchmuͤckt haben moͤgen. Natangen. Gen Norden graͤnzte an Warmien Preuſſens fuͤnfte 1) Dusburg P. III. c. 21: Plures nobiles et potentes viri de Warmia; ferner c. 26. 2) Dusburg P. III. c. 3: In terra Warmiensi fuerunt qui- dam viri praepotentes dicti Gobatini. Das Elbingiſche Mſcr. lieſet, wie es ſcheint richtiger Glottini, und fo muß auch in alten Manuſcrip⸗ ten des Dusburg der Name gelautet haben, denn in einer alten Ab⸗ ſchrift des geh. Archivs iſt er ebenſo. Das Berliner — 5 hat Gobo- tini. Lucas David B. II. S. 112. 3) Dusburg P. III. c. 268: Territorium Pre. Warmien- sis dioecesis. Henneberger Landtaf. S. 141. Es waͤre moͤglich, aber nicht ſo wahrſcheinlich, daß das Dorf Glautienen bei Zinten die ehemalige Lage des Landgebietes Glottowien andeute.

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Natangen. 894 Landſchaft Natangen. Das Friſche Haff bildete ihre weſt⸗ liche und zum Theile auch noͤrdliche Graͤnze, welche dann am Pregel⸗Strome fort lief bis an die Alle. Dieſer Fluß war ihre öftliche Graͤnzſcheide und trennte fie vom Barter⸗ lande ). Natangens ſuͤdliche Graͤnze war die ſchon bezeich- nete nördliche von Warmien, lief alfo etwas nörblich von Balga vom Friſchen Haffe aus, ging zwiſchen Zinten und Kreuzburg alſo durch, daß das ſuͤdlich von Kreuzburg lie⸗ gende Doͤrſchen Kruke noch zu Natangen gerechnet wurde und ſtieß bei Schippenbeil wieder auf das Barterland ). Von Bedeutung war demnach der Umfang dieſer Landſchaft keineswegs; allein ſie galt in Ruͤckſicht ihrer inneren Be⸗ ſchaffenheit fuͤr eins der ſchoͤnſten Gebiete Preuſſens und war von jeher von einem kraͤftigen, tapferen und arbeitſamen Geſchlechte bewohnt. Auch hier findet ſich wieder die Thei⸗ lung der Landſchaft in einzelne kleinere Landgebiete, die einzelnen edlen Herren gehoͤrten. So lag in der Gegend, wo nachmals Kreuzburg erbaut ward, das Gebiet Solidau, einem Edlen zugehoͤrig, der auf dem Berge ſeine Wohn⸗ burg hatte, auf welchem nachmals die Kreuzburg empor— ſtieg ). Ein anderes ſolches Gebiet war Sclumen unfern 1) Aus Dusburg P. III. c. 72 erhellt, daß das Gebiet, wo nach⸗ mals die Stadt Wehlau erbaut wurde, ſchon zu Nadrauen gehörte. Auch das Gebiet von Wohnsdorf am oͤſtlichen ufer der⸗Alle wurde nicht zu Nadrauen gerechnet; ſ. Dusburg P. III. c. 73 — 74. Dieſes be: ſtätigt auch eine Theilungs⸗ Urkunde vom Jahre 1326 in dem Buche: Nigaiſche Handlung p. 104 im geheimen Archiv. 2) Dusburg P. III. c. 65. Henneberger Landtaf. S. 327 ge⸗ ſteht offen, daß er die ſuͤdliche Graͤnze von Natangen nicht anzugeben wiſſe. Wenn er aber S. 328 noch Balga, Heiligenbeil und Zinten zu Natangen rechnet, ſo iſt dieſes offenbar fuͤr die Zeit, von welcher wir bier ſprechen, ganz unrichtig. Waiſſel S. 2 und Tiedemann laſ⸗ fen Natangen ſogar bis an die Paſſarge gehen. 3) Dusburg P. III. c. 125: Territorium Nattangioe, quod di- eitur Solidow, circa castrum Cruceburg. Der Name iſt noch jetzt in den Dörfern Groß: und Klein⸗Sollau aufbehalten, welche in der Nähe von Kreuzburg liegen.

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490 Natangen. von Bartenſtein ). Bei Brandenburg lag das Gebiet Po- karwen !) und ſuͤdwuͤrts von dieſem vom Fluſſe Friſching an bis gegen Balga hin das bedeutende Gaugebiet Honeda oder Honedau ). Die Namen der alten heidniſchen Bur⸗ gen, die einſt auf Natangen ſtanden, hat die Zeit faſt alle vergeſſen. Im Gebiete von Honeda aber lag eine ſolche in der Nähe des Friſchings unfern vom Dorfe Perwilten, ſuͤd⸗ oſtwaͤrts von Brandenburg. Sie war vielleicht die Wohn⸗ burg der Gau - Herren von Honeda ). Die alte Burg Beſelede, unfern von Bartenſtein, war ohne Zweifel der Wohnſitz der Edlen, die uͤber das Gebiet von Sclumen herrſchten ). Barten oder das Barterland. Barten, die ſechſte Landſchaft, lag im Suͤdoſten Na— tangens, von welchem ſie die Alle trennte. Im Norden lief ſie bis an den Pregel und gen Oſten vielleicht bis an die Angerap oder doch wenigſtens bis in die Gegend von Drengfurt. Im Suͤden graͤnzte ſie unterhalb Raſtenburg 1) Dusburg P. III. c. 255 führt den Namen Sclumen und Sclunien an. Andere ſchreiben Slumen. Lucas David B. V. S. 124 hat Sclunien nach Dusburg. 2) Dusburg P. III. c. 24. 86. Lucas David B. IV. S. 90. Henneberger S. 352. 3) ueber dieſes Gebiet wird ſpaͤter mehres zu ſagen ſeyn. 4) Der Landrath des Kreiſes berichtet hieruͤber, daß noch jetzt die Spuren dieſer Burg am Walde hinter Perwilten vorhanden ſind. „Ei⸗ ner alten Sage nach ſoll vor alten Zeiten daſelbſt die Burg Hunnetau, bewohnt von dem Beherrſcher dieſer Gegend, gelegen haben.“ 5) Dusburg P. III. c. 169 fagt, dieſe Burg habe gelegen in sylva dicta Kertene juxta Bartenstein. Dieſes bezeichnet ihre Lage ſehr genau bei dem jetzigen Dorfe Beisleiden auf dem Wege von Bartenſtein nach Pr. Eylau. Dort iſt im Namen des Dorfes Kaͤrthen auch der Name des Waldes Kertene noch vorhanden. Henneberger Landtaf. S. 31 ſagt, daß man noch zu ſeiner Zeit den Schloßberg und die Schanzen von Beſelede geſehen habe. Es iſt daher unrichtig, wenn Lucas David B. IV. S. 125 die Burg Beſelede (Baiſeleda) nach Simon Grunau ins Galinderland verſetzt.

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Barterland, 491 an die Landſchaft Galindien ). Sonach war das Barter⸗ land eine der bedeutenderen Landſchaften; es zerfiel aber in zwei groͤßere Theile, in das eigentliche Barten und in Plica-Barten, welche Theile fpäterhin durch Groß- und Klein-Barten unterſchieden wurden ). Außerdem aber ent⸗ hielt auch dieſe Landſchaft ihre einzelnen kleineren Landge⸗ biete. Ein ſolches war vor allem das Gebiet von Wohens⸗ dorf, Wohnsdorf oder Wunsdorf ſuͤdwaͤrts von Allenburg zwiſchen der Alle und dem Omet. Es ſcheint dieſen Ger- maniſchen Namen ſchon in der heidniſchen Zeit gehabt zu haben ). In ihm lagen die Burgen Kapoſtete, Ochtolit- ten, wo jetzt das Kirchdorf Auglitten den Namen noch er— haͤlt ); Unſatrapis, worin man Inſterburg erkennen will °); 1) So waren die Graͤnzen vom Barterlande nach der Zuſammen⸗ ſtellung aus Dusdurg P. III. c. 27. 111 — 112. Henneberger S. 26. Eine Urkunde vom Jahr 13 6 beſtaͤtigt dieſe Chroniſten. Sie zaͤhlt den See Reeſau, bei ihr Reſow genannt, oͤſtlich von Drengfurt noch zum Barterlande. Die Landſcheide von Galindien und Barten ſetzt ſie in die Gegend von Wopelauken bei Raſtenburg. 2) Dusburg P. III. c. 3 nennt als die elfte Landſchaft Barthe et Plica - Bartha, quae nung major et minor Bartha dicitur. Ein Mſcr. des Dusburg führt den Namen Plica- Bartha nicht an und fagt bloß: Barthinense, quod modo vulgariter dicitur maius Barlin et minus. Hartknoch ad Dusb. p. 75 vermuthet, daß plica ein alt: preuſſiſches Wort ſey und „klein“ bedeute. Aber ließe ſich der Name nicht vielleicht aus dem Lettiſchen erklaͤren, wo pliks ſo viel heißt als kahl, nackt, bloß, fo daß Plica⸗Bartha das kahle, waldloſe Barten be: deute? Damit ſtimmt auch Oſtermeyer im Preuſſ. Tempe 1780 S. 645 uͤberein. 3) Dusburg P. III. c. 73 nennt es terra Wobensdorpf; ein Mſcr. deſſelben territorinm Wunsdorfl. 4) Der Name dieſer Burg wird verſchieden angegeben. Dusburg P. III. c. 74 hat Ochtoliten; Jeroſchin lieſet Auctolite; andere Ochtadite, ſogar Holite; Lucas David B. IV. S. 14 Ouchtolitten. Dieſes und Ochtoliten ſcheint wohl dem richtigen Namen am nächſten zu kommen, denn das im Wohnsdorſiſchen Gebiete liegende Dorf Aug⸗ litten hat ohne Zweifel den alten Namen erhalten. 5) Auch die Schreibart dieſes Namens wechſelt. Dusburg l. c- hat Unsatrapis; ein Mſcr. von ihm Satrapis, Lucas David a. a.

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492 Barterland. die Burg Gundau, deren Name noch jetzt im Dorfe Gun⸗ dau aufbehalten wird und Angeteten, vielleicht unfern da⸗ von beim Dorfe Englau ). Mehre ſolcher Burgen hat das Barterland ohne Zweifel auch an andern Orten gehabt, denn das Volk der Barter zeigte ſich nachmals eben ſo ſtandhaft und entſchloſſen in der Vertheidigung ſeiner Burgen und Lan⸗ deswehren, als tapfer und kriegeriſch in offener Feldſchlacht. Am wichtigſten aber iſt in dieſer Landſchaft fuͤr die Ge⸗ ſchichte dieſer Zeit die Gegend, wo ſich der Guber- Fluß mit der Alle verbindet und jetzt die Stadt Schippenbeil liegt. Sie hat immer ſchon die Aufmerkſamkeit der For⸗ ſcher auf ſich hingezogen und man fand ſo manches dort vereinigt, was die Vermuthung begruͤnden konnte: dort muͤſſe einſt der heilige Goͤtterſitz Romove geſtanden haben 2). Man legte hiebei freilich nur das meiſte Gewicht auf die dort befindlichen Doͤrfer-Namen Romsdorf und Ryckgarben. Allein es bezeugen die einſtige große Wichtigkeit der Ge— gend um Schippenbeil noch ganz andere Umſtaͤnde. Unfern bei einander lagen dort am Ufer des Guber-Fluſſes zwei O. Unsapotraps. Jetzt erinnert kein Name mehr an dieſe alte Burg. Man hat den Namen ableiten wollen von Inster und Angerap und dann Inſterburg darin gefunden. Wäre aber dieſe Ableitung auch nicht fo gezwungen, fo liegt Inſterburg doch viel zu entfernt vom Wohns⸗ derfiſchen Gebiete. 1) Auch den Namen Angetete, wie Dusburg 1. c. ſchreibt, haben die Quellen verſchieden; Lucas David Angelitten; dieſes entſpricht dem Namen des Dorfes Englau. Helwing in ſ. Topographie von An: gerburg behauptet, die Burg habe am Mauer ⸗See gelegen. Nach Dus⸗ burg aber iſt dieß unglaublich. 2) Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 124; beſonders Oſtermeyers kritiſcher Beitrag zur altpreuſſ. Religionsgeſchichte S. 42 — 43. Man⸗ ches erklaͤrt dieſer zwar ganz unrichtig z. B. Ryckgarben durch Ryle das Reich und Garbe die Ehre, alſo die Herrlichkeit des Landes; allein er erwähnt dort eines ihm ſehr merkwuͤrdigen Eichenwaldes. Auf die Sache ſelbſt geht er freilich nicht gründlich ein. Vgl. Jeschke Disser at. bistorica de quercu Romorve gentilibus olim Prussis sacra. Re giomonl. 1674.

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Barterland. 493 Burgen, die eine Weiſtote⸗Pil, die andere von den Preuſ⸗ fen Wallewona, nachmals aber Wiſenburg genannt ). Dieſe Namen beider Burgen aber haben ohne Zweifel ihre eigene Bedeutung und Beziehung. Weiſtote-Pil oder wohl rich⸗ tiger Waiſtote-Pil war die „Burg des Aufſehers, des Vor⸗ geſetzten, des Oberherrn“ der ganzen Landſchaft?) und ſteht ſonach im Einklange mit dem Namen Ryckgarben, welcher den Herrn- oder Gebieter-Berg bezeichnet ). Wallewona, der Name der andern Burg, der ſich noch bis dieſen Tag erhalten hat und eine aufgefchüttete ſteile Anhöhe nahe bei Schippenbeil, hart am Alle-Fluß bezeichnet), hat eine 1) Dusburg P. III. c. 109: Castrum dictum VVeistotepila, si- lum in litiore fluvii Gobonis (i. e. Guber). Lucas David B. IV. S. 64. — 65 ſchreibt bald VVaistotepill, bald Weistotepil. Ueber bie andere Burg ſagt Dusburg c. 111: Castrum Wisenburg, quod a Pruthenis Wallewonna dicitur, situm fuit in terra Barthensi in Jutore fluminis Gobrionis. 2) Der Litthauiſche Sprachkenner Prof. Rheſa theilte mir folgende Erklärung dieſes Namens mit: „Waistotepil iſt aus zwei Wörtern zufammengefeßt. Die Silbe Pile, Pille, welche in vielen altpreuſſiſchen Ortsnamen ſich vorfindet, bedeutet urſpruͤnglich eine Aufſchuͤttung, Schanze, Feſte, von pilti ſchuͤtten. Das erſte Wort Waislole ſcheint verwandt mit dem Litthauiſchen Weizdeli ſehen und dem Altpreuſſi⸗ ſchen Waidintwey zeigen. Waizdas, Uzwaizdas heißt eiu Aufſeher, Vorgeſetzter. 3) Ryks, Reiks iſt Herrſcher, Gebieter; garbs eder garps im Altpreuſſiſchen ein Berg. 4) Der Landrath des Kreiſes berichtet über dieſen Gegenſtand Fol⸗ gendes: „Bei Schippenbeil, ganz nahe am adel. Dorfe Anger und hart am Alle⸗Fluß befindet ſich der ſ. g. Woll⸗ oder Wall⸗Berg, eine ſteile Anhöhe, an welcher nicht zu verkennen iſt, daß die Kunſt ſie ſchuf. Drei Viertheile derſelben werden durch einen Graben bewehrt; den vier⸗ ten, ſüdoͤſtlichen Theil befpület der Alle⸗Fluß. Dieſer Berg iſt beinahe ganz rund und hat auf der Krone eine große Vertiefung, die rund herum mit einer ſtarken Bruͤſtung umgeben iſt. An der nordweſtlichen Seite ſchlängelt ſich ein Bach, der im Herbſt und Frühjahr ſtark an⸗ ſchwillt und bei Anger ſich in die Alle ergießt. Die Vermuthung, daß auf dieſem Berge fruͤher eine Burg geſtanden habe, gewinnt dadurch Glauben, daß der Beſitzer des adel. Guts Prantlak bei der Beackerung x

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494 Barterland. mit dem Namen Waiſtote-Pil ziemlich gleiche Bedeutung, denn er heißt fo viel als „Gebieter-Ort, Herrſcher-Woh⸗ nung ).“ So koͤnnten wohl ſchon dieſe Namen zu einer Ver⸗ muthung uͤber die einſtmalige Wichtigkeit und Bedeutung dieſer Gegend führen. Aber andere alte Erinnerungen lei⸗ ten uns noch weiter. Alte Urkunden erwaͤhnen unfern von Schippenbeil eines heiligen Waldes. Dieſes war ohne Zwei⸗ fel der Wald, welcher ſuͤdwaͤrts von jener Stadt, in den Graͤnzen des Gutes Prantlak liegend, jetzt der Burgwald genannt wird und eine Halbinſel bildet, indem ihn einer Seits der Guber-Fluß umgiebt. Die andern Seiten um⸗ laͤuft ein tiefer Graben, der in alter Zeit durch den Fluß mit Waſſer gefüllt war, fo daß der Wald eine völlige In⸗ ſel ward. An dieſem Walde liegt eine zweite aufgefchüttete ſteile Anhoͤhe, auf welcher einſt jene zweite Burg Waiſtote⸗ Pil geſtanden zu haben ſcheint. So dürfte nun die Be⸗ hauptung nicht zu kuͤhn ſeyn, daß in dieſer Gegend des Barterlandes die Wohnſitze des Landesfuͤrſten, des Reiks und des Griwe geweſen ſeyen und die eine Burg zum Wohn⸗ orte des einen, wie die andere zum Wohnſitze des andern gedient habe. Wie am heiligen Walde bei dem Romove in Samland eine Brandſtaͤte den Ort bezeichnete, wo einſt das ewige, heilige Feuer brannte, ſo deutet hier der Name Prantlak — Brandlak ?) oder Brandfeld auf eine gleiche eines Theils des Berges eine Menge dicht neben einander in der Erde liegender Steine gefunden hat und noch jetzt vorfindet. Sie ſchienen ihm Ueberbleibſel des Fundaments alter Burggebaͤude zu ſeyn.“ 1) Rheſa gab von dieſem Namen folgende Erklarung: Es liegt hier das Litthauiſche Wort Waldawimas nahe, welches „Herrſchaft“ heißt, von walditi, im Altpreuſſiſchen waldintwey, herrſchen, im Go⸗ thiſchen waldan; vgl. las Marc. X. 42. Die Endung wone kommt bei mehren Hauptwoͤrtern vor, deren verwandte verbs im Infinitiv oti haben, z. B. dekawone Dank, von dekawoli, buddawone Bau, von buddawoti u. a. Auch in andern Ortsnamen kommt die Endung wone vor, z. B. Galwunen im Raſtenburgiſchen heißt in Urkunden Galwone. 2) Dieſer Ort hieß fruͤherhin Brandlauken; in einer Urkunde vom

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Barterland. 495 einſtige Beſtimmung hin. Hier waltete demnach der Lan⸗ desfuͤrſt vom Barterlande; hier opferte der Griwe des Lan⸗ des am heiligen Feuer; hier ſprach er das Gericht. In ſol⸗ cher Weiſe wuͤrde auch der Name der jetzigen Stadt Schip⸗ penbeil auf die einſtmalige Wichtigkeit der Gegend hindeu⸗ ten. In alter Zeit „Scheppenbil und Scheffenbil“ ge- nannt ), wuͤrde fie die Wohnburg der Richter, der Schoͤp⸗ pen oder Schöffen geweſen ſeyn; und fo wuͤrde ſich auch die Hartnäckigkeit des Kampfes erklären laſſen, der nach⸗ mals von den Preuſſen gegen die Ordens-Ritter zur Ver⸗ theidigung dieſer Gegend gekaͤmpft ward ). Galindien. Im Süden ſtieß an das Barterland die ſiebente Land⸗ ſchaft Galindien, ein Name, der, wie ſchon fruͤher bemerkt iſt, bis in die Zeit des Erdbeſchreibers Ptolemaͤus zuruͤck⸗ geht und, durch die Sagenzeit von Widewud hindurchlau⸗ fend, ſich bis auf dieſes Jahrhundert herab erhalten hatte. Er umfaßte Preuſſens bedeutendſte Landſchaft. Im Weſten hob ihre Graͤnze am Lande Saſſen, in der Richtung von Hohenſtein und Neidenburg an den Quellen der Alle an und ſchied ſich zugleich durch dieſen Fluß von der Landſchaft Warmien ). Weiter fort graͤnzte fie nordwaͤrts an das Jahre 1468 iſt er Brandlauwkyn geſchrieben; lauck oder lack iſt be: kanntlich fo viel als Feld. Bei dieſem Brandlauken wird ferner in al: ten Urkunden auch erwähnt eines Pollen: Waldes, einer Pollen⸗Wieſe und eines Pollen⸗Gartens. Dieſer Name iſt kein anderer als der an- derwaͤrts vorkommende Potollo, z. B. bei dem ehemaligen heil. Drei: faltigkeits⸗Kloſter, und Potollo iſt der verdorbene Name des Gottes Pikullo. 1) So iſt der Name in Urkunden fruͤherhin faſt immer geſchrieben. Daß das Wort Schöffen, Scheffen, Scheppen für Richter ſehr alt ift, ſagt jedes Gloſſar. 2) Vgl. Dusburg P. III. c. 109 — 112. 3) Henneberger Landtaf. S. 136 nimmt die Gränze zwiſchen Ermland und Galindien bei Bertung, unfern von den Quellen der Alle an. Die Gegend von Wartenburg lag allerdings ſchon in Ga⸗ lindien.

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496 Galindien. Barterland, alſo daß in der Richtung von Nöffel und Ra⸗ ſtenburg die Scheide beider Gebiete war. Gen Suͤden war Galindiens Nachbarland Maſovien; aber ein bedeutender Theil des Landes, welcher jetzt zum Reiche Polen gehoͤrt, war in damaliger Zeit noch Galindiſches Gebiet. Es be⸗ gann naͤmlich die Graͤnze Maſoviens und Galindiens an dem Orte, wo der Fluß Wyſa ſich in den Bobr ergießet; dann fuͤhrte der Fluß Wyſa ſie weiter bis an den Wald Narwomede; von da lief ſie bis an den Fluß Vincente, wo ſich dieſer in die Piſch verlieret. Von hier zog ſie wei⸗ ter am See Ribno, damals Rubins, voruͤber bis zum Fluſſe Turoszl, damals Turgawiten genannt; hierauf durch die Wald⸗Wildniß Über den Fluß Skwa damals Ditwo, bis an den Fluß Roſoga, fruͤher Ruzogo genannt; dann weiter weſtlich fort uͤber den Omuleff, damals Luko, bis an den Fluß Orzic, welcher in jener Zeit Aretis hieß ). Sonach gehoͤrte alſo der ganze betraͤchtliche Landſtrich von dem Staͤdtchen Radzilowo an der Wyſa bis gegen die Stadt Chorzele am Orzic-Fluſſe zu dem Galinder-Lande. Gen Oſten erſtreckte es ſich in unbeſtimmbarer Graͤnze bis an das Nachbarland Polexien, deſſen früher ſchon in Ruͤck⸗ ſicht feiner Lage gedacht worden iſt. Noͤrdlich hinauf granzte Galindien an die Landſchaft Sudauen; aber auch hier iſt für dieſe Zeit die Scheide beider Länder unmöglich zu er⸗ mitteln. Wie es ſcheint, begann fie am Spirding-See und zog ſich dann nach der Goldap hinauf. Hiedurch aber wird begreiflich, wie das Volk dieſer ausgedehnten Landſchaft ſchon von alten Zeiten her als ein ſo maͤchtiges und zahlreiches geſchildert werden konnte, daß die Kunde von ihm ſelbſt Ptolemaͤus erhielt. Sonſt war 1) Dieſe für die ältere Geſchichte Preuſſens wichtige Beſtimmung über die ſuͤdlichen Graͤnzen des Galinder⸗Landes befindet ſich in einem Folianten des geh. Archivs betitelt: Privilegien des Stifts San nland p- 227 unter der Ueberſchrift: Hec sunt antique grauwicie sive gude inter terram Galindin et Masoviam. Vgl. Preuſſ. Sammlung B. I. S. 640 — 64.

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Galindien. 497 keine andere Landſchaft durch eine ſo erſtaunliche Menge von größeren und kleineren Seen und Gewaͤſſern fo viel- fach zerriſſen, mit dichten Waldungen und Wildniſſen fo ſtark bedeckt und in Berg und Thal fo verſchieden wech⸗ ſelnd, wie Galindien. In ſolcher Weiſe wies auch ſchon die Natur von ſelbſt das Volk in ſeiner Nahrung auf Jagd und Fiſchfang hin und darum war es natürlich, daß das weniger angebaute Land ſich leicht mit Menſchen über: füllte n), zumal da Kriege und Fehden in dem wald- und ſeereichen Gelaͤnde die Menſchenzahl wohl ſchwerlich je be⸗ deutend verminderte. In ſeinen weſtlichen Theilen mag es von frühen Zeiten her wohl immer am beſten ange- baut und am ſtaͤrkſten bevoͤlkert geweſen ſeyn. Dort moͤ⸗ gen auch Burgen ſeine Vertheidigung gegen Maſovien und Polen erleichtert haben; aber von keiner hat uns die Ge— ſchichte einen Namen überliefert; fie ſagt uns nicht einmal, wo jene heilige Prophetin ſaß, die durch ihr Anſehen und durch ihr wahrſagendes Wort faſt alles im Lande lenkte und leitete ). Der Fuͤrſt des Landes — Jeſugub nennt ihn ein ſpaͤterer Chroniſt — ſoll unfern von Loͤtzen in der Mitte eines Sees ſeine Wohnburg gehabt haben ). Von einer Claſſe von Edlen des Landes geben die fo aͤußerſt fpärlichen Quellen keine Spur; aber ihr Schweigen gebie— tet roch keinen Zweifel. Sudauen. An Galindien graͤnzte. nordwaͤrts die achte Landſchaft Sudauen, von jenem durch den Spirding-See, durch die bis nach Rhein hin gehenden Talter-Gewaͤſſer und durch die Seen bei Johannisburg getrennt. Im Oſten ſtieß fc 1) Dusburg P. III. c. 4. Lucas David B. I. S. 70. 2) Desturz P. III. c. 4: Domina, quae secundum ritum ip sorum sacra et Prophetissa repulabatur, ad cuins imperium huius terrae facta singula regebantur. Y Henneberger Laudtaf. S. 136. Aber wo hat dieſer Chroniſt die Nachricht her? J. 32

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498 Sudauen. an Litthauen, in einer Linie, die von den Quellen der Vincenta aus uͤber den Fluß Lyck, dann uͤber den See bei Raigrod und nordwaͤrts zwiſchen Oletzko und Baklar⸗ zewo hinauf bis an die Romintiſche Heide ging. Gen Norden ſcheint dic Pyſſa in ihrem Laufe von Oſten nach Weſten ihre Graͤnzen gebildet und Sudauen von Scha⸗ lauen und Nadrauen getrennt zu haben. Im Weſten end⸗ lich graͤnzte fie an das Barterland ). Sonach umfaßte die Landſchaft Sudauen die ganze Gegend, in welcher jetzt die Städte Oletzko, Lyck, Biala, Aris, Rhein und Loͤtzen lie gen ). Die Beſchaffenheit des Landes gab ihm ſeinen Namen Sudauen, der ſo viel bedeutete als Sumpf⸗ oder Scen-Land, denn auch dieſe Landſchaft war einſt noch weit mehr als jetzt von Seen, Suͤmpfen und Teichen angefuͤllt). Wir finden auch hier wieder die Ein- theilung in einzelne Landgebiete; es werden genannt das Landgebiet von Kemenau mit einer Burg gleiches Na— mens, auf welcher ein edler Sudauer als Herr des Gebie— tes hauſete *); ferner das Landgebiet Kirſau in der Gegend, 1) Henneberger Landtaf. S. 442. Hennig zu Lucas Da- vid B. I. S. 62 ſagt: Sudauen iſt das ehemalige Podlachien, das jetzige Nuſſ. Gouvernement Bialyſtock, das Vaterland der Jazygen oder Jazweſter (Jatwinger). Dieſe unrichtige Behauptung änderte Hennig ſelbſt in ſ. Commentat. de rebus Jazygum sive Jazvingorum. Re- giomont. 1812. S. 35 dahin ab: Sudauen iſt, ſammt dem alten Pob: lachien, das ſpaͤtere Vaterland der Jazygen oder Jazwinger. Ganz richtig ſagt er: Sudavia continet regionem paludibus repletam, Ms sovia, Pedlachia (terra Bielcensi, hodie Gubernio Russico Bialy - stock), Littuanix el antiquis Prussiae orientalis provinciis, Nadra- via, Bartonia et Galindia inclusam, nunc regimini Dittuanico-Prus- sico subjeclam. 2) Hennig Commentat. de reb. Jazygum p. 35. Nach Henne- berger S. 136 wuͤrde freilich Lötzen nicht zu Sudauen zu rechnen ſeyn. 3) Hennig l. e- 4) Dusturg P. III. c. 212: Territorium Sudaviae dictum Ki- mendw et castrum eiusdem nominis; c. 214: Jedetus quidan vir nobilis et genere et moribus potens et dives, Capitaneus Sudowi-

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Sudauen. 499 wo jetzt Oletzko liegt); dann die Gebiete Merunisken, Pokinen, Kraſinen, Selien und manche andere 2). Alle dieſe Landgebiete waren auch hier maͤchtigeren Sudauern unterthan, welche den Stand der Edlen bildeten ?). Doch ſaßen hier in einzelnen Gebieten auch mehre Herren als Eigenthuͤmer; ſo wurden einſt im Gebiete Merunisken nicht weniger als achtzehn Herren erſchlagen ). Wie Su⸗ dauen im ſuͤdlichen Theile ſtark mit Seen und Suͤmpfen uͤberfuͤllt, fo war es im nördlichen dagegen mit großen Waldungen bedeckt. Demnach mag auch hier ein großer Theil des Volkes ſeinen Unterhalt in Jagd und Fiſchfang gefunden haben; doch trieb der Sudauer auch Ackerbau und Viehzucht ). Nadrauen. Nordwaͤrts graͤnzte Sudauen an die neunte Landſchaft Nadrauen und wo die Pyſſa fließet ſcheinen beide Fand: ſchaften ſich von einander getrennt zu haben. Weiter weſt⸗ lich hin war Barten das ſuͤdlich liegende Nachbarland, fo daß der Pregel-Strom und die Angerapp die Laͤnder von einander ſchied, doch finden wir in ſpaͤterer Zeit, daß Na⸗ drauiſches Gebiet bis gegen Nordenburg hinauf lief ). Gen Oſten graͤnzte die Landſchaft an Litthauen und Samaiten; doch ſind die Graͤnzen fuͤr dieſe Zeit hier unmoͤglich ſicher tarım de Kymenovia. Hennig l. c. vermuthet, es koͤnne vielleicht Kumilsko ſeyn. 1) Dusdurg P. III. c. 213. Henneberger Landtaf. S. 244. 2) Dusburg c. 192. 197. 204. 205. 207. Hennig I. c. p. 36. 3) Dieſes Standes der Edlen in Sudauen wird öfter erwähnt. Dusburg P. III. c. 200 fagt: Lxores Nobilium, filios el ſilias et familiam caplivavit; c. 202: quidam Nobilis Sudowita dictus Russi- genus; ſo auch c. 207. 214. 4) Dusburg P. III. c. 192: Oceidit dominos huius territorii ſamosos XVIII. 5) Dusburg c. 19. 6) Urkunde vom Jahre 1326 in einem Buche des geh. Archivs, ber titelt: Rigaiſche Handlung p. 10. . 32* *

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300 Nadrauen. zu bezeichnen. Beſtimmter war die nördliche Gränzlinie durch den Memel-Strom gezogen, welcher Nadrauen von der Landſchaft Schalauen ſchied, denn zu der letztern ge⸗ hörte offenbar ſchon die Umgegend von Ragnit ) Am ſchaͤrfſten trennte im Weſten die Deime Nadrauen von der Landſchaft Samland. In ſolcher Weiſe war Nadrauen an drei Seiten durch drei Fluͤſſe ziemlich genau begraͤnzt 2); aber es dehnte ſich mehr von Weſten nach Oſten in die Fänge, als in die Breite aus. Auch in ihm wiederholt ſich die oͤfter erwaͤhnte Eintheilung in einzelne Landgebiete. Als ein ſolches wird das Gebiet von Kathau genannt, wo die Burg Otholichien lag '). Ein anderes war Rechow oder Rechau, in welchem mehre Burgen ſtanden ). Die ganze Landſchaft war uͤberhaupt zahlreich mit Burgen und Weh⸗ ren verſehen, die ihre ſtarke Kriegsmannſchaft auch ruͤhm⸗ lich zu vertheidigen wußte). So ward die Burg Wehlau noch in der Heiden-Beit gegründet ). Weit älter aber war ohne Zweifel die Burg Caminiswike an dem Kamswikus⸗ Berge unfern von Inſterburg, in welcher ſich eine Schaar 1) Dusburg P. III. c. 176. 177. Eine ganz ſcharfe Graͤnze ſcheint freilich die Memel nicht gebildet zu haben, denn Dusbrrg J. c. be merkt: Terra Scalowitarum sita est in utroque litiore Memelae. 2) Nach Dusdurg P. III. c. 170. 171. 172. Henneberger Landtaf. S. 331. 3) Dusburg P. III. c. 172. Ein Mſcr. von Dusburg nennt das Gebiet Kattowyn. Es iſt hoͤchſt wahrſcheinlich die Gegend nordoͤſtlich von Gumbinnen, wo der Berg und das Dorf Kattenau liegen. Sen: neberger Landtaf. S. 331 führt beide noch unter dem Namen Car⸗ towen auf. An die Burg Otholichien oder Otholich erinnert kein aͤhn⸗ licher Name mehr. Lucas David B. V. S. 3. 4) Dusburg P. III. c. 171 nennt es territorium Rethowi; ein Mſcr. des Dusburg ſcheint aber richtiger Rechow zu leſen. Der Name deutet auf die Gegend von Wehlau hin, in welcher mehre Orte mit Namen Richau liegen. Erwaͤhnt werden ausdruͤcklich zwei Burgen in dieſem Gebiete. Lucas David B. V. S. 3. 5) Dusburg P. III. c. 175: Nadrowitae habuerunt magnam potentiam armatorum et plures munitiones. 6) Dusburg P. III. c. 72. 170.

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Nadrauen. 501 von zweihundert Kriegern halten konnte ). Die Sage er⸗ zaͤhlt, daß hier einſt der Landesfuͤrſt von Nadrauen Kamis⸗ wiszkis ſeinen Wohnſitz gehabt, und auf eine hoͤhere Wich⸗ tigkeit des Ortes ſcheint allerdings auch manches Andere hinzudeuten ). Herren dieſer Burgen waren die Edlen des Landes, denn auch hier ragte ein reicherer und vorneh⸗ merer Stand uͤber das uͤbrige Volk hervor ). In ſeiner Naturbeſchaffenheit unterſchied ſich Nadrauen dadurch von den bisher erwaͤhnten Landſchaften, daß es faſt gar keine Seen hatte, deſto reichlicher aber mit großen und dicht ver- wachſenen Waldungen bedeckt war. Eine bedeutende Wald⸗ wildniß, die uns nachmals unter dem Namen des Grau⸗ den genannt wird, zog faſt durch den ganzen oͤſtlichen Theil der Landſchaft hin, lange Zeit die Behauſung vieler wilden Thiergeſchlechter ). 1) Dusburg P. III. c. 173 nennt die Burg Caminiswika; ans dere Kamenswik. Der Ort Kamswik bei Inſterburg würde an ſich ſchon die Lage dieſer Burg ſehr genau bezeichnen, wenn nicht auch die Ueberbleibſel alter Befeſtigungen am jetzt ſ. g. Kamswikus⸗Berge deut⸗ lich darauf hinwieſen. Der Landrath des Kreiſes berichtet darüber Fol: gendes: „Der Berg iſt ein hoher Wall, der die nach einer ſtarken Krümmung der Angerapp bis auf 100 Fuß ſich nähernden ſteilen Ufer des Fluſſes verbindet und ſomit eine Halbinſel von der Landſeite befe⸗ ſtiget. In einer Entfernung von 30 Schritten von dieſem Hauptwalle nach der Binnenſeite iſt die Halbinſel durch einen jetzt noch 15 Fuß tiefen Graben durchſchnitten, der zu beiden Seiten ſich in den ſteilen ufern des Fluſſes verliert. Auf dem Berge ſelbſt kann die alte heidni⸗ ſche Burg unmoͤglich geſtanden haben, da der Raum oben viel zu be⸗ ſchraͤnkt iſt; die Wohnung des Fuͤrſten muß alſo innerhalb des tiefen Grabens und des Walles gelegen haben. Sonſt hat man auf dem Berge mancherlei Alterthuͤmer, Streitäxte, Ringe, Münzen, Todten⸗ Kronen gefunden.“ 2) Pisanski Disputat. de montibus regni Prussiae notabiliori- bus p. 17. Werner Geſammelte Nachrichten u. ſ. w. S. 203: Bi: ſtoriſche Nachricht von dem im Preuſſ. Amte Inſterburg bei Cameswick gelegenen Schloß⸗Berge. Hennigs Topograph. hiſtor. Beſchreibung von Inſterburg. Koͤnigsb. 1794. 3) Dusburg P. III. c. 170: Plures de Nadrovia viri potentes et Nobiles, 4) Henneberger Landtaf. S. 143. 331.

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502 Samland. Samland. Im Weſten Nadrauens lag die zehnte Landſchaft Sam⸗ land. Wenige Namen aus dem Norden haben bis in das hohe Alterthum hinauf im Ruhme der Menſchen ſo hoch geſtanden, faſt keiner hat in ſo entfernte Voͤlker und ſo entlegene Laͤnder weit hinaus geglaͤnzet und den Zauber⸗ glanz ſeines heimathlichen Erzeugniſſes, des Bernſteines, in ſolcher Art auf ſich zuruͤckgenommen, wie der Name Sanı- lands. Keine Landſchaft Preuſſens iſt von fernherkommen⸗ den Fremdlingen mehr beſucht, keine ward in ihren Ge— ſchenken der Natur mehr beneidet, keine iſt durch ihre Schickſale in den aͤlteren Jahrhunderten des Heidenthums der Geſchichte werther und wichtiger geworden, als dieſe. Keine aber iſt endlich in allem, was in Laͤndern und Voͤl⸗ kern ſich aͤndern und wechſeln kann, auch mehr umgeſtaltet und umgewandelt, als gerade ſie. Im Allgemeinen waren freilich die Graͤnzen Samlands meiſt immer dieſelben ge— blieben: im Weſten trennte es die Deime von Nadrauen; im Suͤden der Pregel-Strom und das Friſche Haff von Natangen; gen Norden und Weſten umarmten es die See und das Kuriſche Haff. Aber dennoch war das Bild, wel⸗ ches Samland in den Tagen des Heidenthums darbot, ganz anders als in ſpaͤteren Zeiten, zumal in feinen weft- lichen Theilen, wo die zehrenden und zerreißenden Sturm— gewaͤſſer der Oſtſee und des Friſchen Haffes die Kuͤſtenge⸗ genden faſt ins unglaubliche veraͤndert haben ). In der Zeit naͤmlich, von welcher wir hier reden, alſo noch vor des Deutſchen Ordens Ankunft und ſelbſt noch in den erſten Jahrzehnten feiner Herrſchaft war die oͤſtliche Beſchaffen⸗ 1) Manche gute Bemerkungen hieruͤber, ſo wie uͤberhaupt uͤber die Erdoberflache Samlands findet man in einer Abhandlung von Wrede: Mineralogiſch-geognoſtiſche Bemerkungen uͤber die oſtpreuſſ. Provinz Samland im Königsberger Archiv für Raturwiſſenſch. und Mathematik B. I. S. 41 ff. Wrede ſtimmt in manchen ſeiner Anſichten mit der fruͤher aufgeſtellten Meinung über die Entſtehung der Erdoberfläche Preuſſens voͤllig uͤberein.

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Samland. 303 heit des Friſchen Haffes offenbar ganz anders, als in ſpaͤ⸗ teren Tagen. In der Richtung von Lochſtaͤdt und Pillau heruͤber gegen Brandenburg und Bölga hin, da wo jetzt das Gewaͤſſer des Haffes tief in das Land ofiwärts herein⸗ gedrungen iſt, war damals nach ſicheren Beweiſen alles noch feſtes Land, auf welchem geweidet und gepfluͤgt ward. Man ging auf feſtem Grunde von der Graͤnze Ermlands und von dem weſtlichen Natangen bis an die ſuͤdweſtliche Kuͤſte von Samland. Es war ſonach weder jene tiefe Bucht vorhanden, welche das Haff jetzt von Alt-Pillau bis nach Fiſchhauſen hin und weiter oſtwaͤrts bildet, noch ſprang es in der andern Bucht nach Oſten in der Richtung gegen Koͤnigsberg ſo weit vor. Der Pregel-Strom muͤndete nicht wie jetzt bei Holſtein, ſondern weit mehr weſtlich hin ins Friſche Haff. Dort nahm er den Namen Lipßs an und bildete an ſeiner Muͤndung einen ſchoͤnen Hafen, deſſen un⸗ ter dem naͤmlichen Namen erwaͤhnt wird. In ſolcher Weiſe graͤnzte alſo das ſuͤdliche Samland unmittelbar an Natan⸗ gen und wahrſcheinlich auch noch an den aͤußerſten nord⸗ weſtlichen Theil von Warmien. Dieſes ſpaͤterhin durch die anprallenden Sturmgewaͤſſer des Haffes unterſpuͤlte, zerriſ— ſene und endlich voͤllig verſchwemmte und untergegangene Land gehoͤrte jedoch zu keiner der eben genannten Land— ſchaften, ſondern es war ein Theil des ehemaligen Witlan— des, deſſen Name in den fruͤheren Zeiten weit nach Suͤd— weſten ausgedehnt geweſen, nun aber auf dieſen kleineren Landestheil zuruͤckgetreten war. Er hatte ſich bis auf dieſe Zeiten erhalten und es hieß deshalb auch die weſtliche Graͤnze, wo dieſes Land bei Lochſtaͤdt endete, noch lange Zeit Witlands⸗Ort, d. h. Witlands⸗Ende ). So knuͤpfte ſich hier in Samland an dieſen Namen die Erinnerung 1) Den diplomatiſch geſchichtlichen Beweis uͤber das einſtmalige Da⸗ ſeyn dieſes Landes liefern wir in der Beilage Nr. VIII. Wrede in der erwähnten Abhandlung beruͤhrt dieſe im Suͤden erfolgten großen Veränderungen nicht; er ſpricht nur uͤber die im Weſten und im Nor⸗ den Samlands.

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504 Samland. jener alten dunkelen Zeiten, da die Macht der Widen oder Gothen dem ganzen Kuͤſtenlande von der Weichſel bis nach Samland hin den Namen verliehen. Wie hier aber die Gewaͤſſer des Haffes die Geſtalt des Landes im Laufe der Zeit ſo gaͤnzlich veraͤndert, ſo ward in gleicher Weiſe durch den oͤfter ſo gewaltigen Anſturm der Meeresfluthen die weſtliche Kuͤſte Samlands im Ab⸗ laufe der Jahrhunderte bedeutend umgewandelt, denn das Strandland lief in fruͤherer Zeit offenbar betraͤchtlich weiter nach Weſten fort und wo jetzt die Welt der Fiſche ſpielt und der Bernſtein in größtem Reichthume aus der geheim— nißvollen Tiefe des Meeres zu Tage kommt, war einſt⸗ mals meilenweit noch feſtes Land. Aber Tauſende von See: ſtuͤrmen und der ewige Anprall der Meereswellen unter⸗ wuͤhlten, durchgruben und zerriſſen Jahrhunderte hindurch den feſten Boden mehr und mehr, und entfuͤhrten ſomit ein Land, von welchem nun keine Spur zuruͤckgeblieben iſt y. Und ſo hat unter gleichen Wirkungen des Meergewaͤſſers auch Samlands noͤrdliche Kuͤſte gleichen bedeutenden Ver⸗ änderungen unterliegen muͤſſen, wie ſchon jeglichen die Be⸗ trachtung jener Strandgegenden ſelbſt uͤberzeugt, wenn auch aus jenen Tagen, von denen hier geredet, keine gefchicht- liche Zeugniſſe hiefuͤr mehr aufzuweiſen find ). Blicken wir aber auf Samlands inneren Zuſtand in damaliger Zeit, fo iſt auch hier im Ablaufe der Jahrhun⸗ derte manches ganz anders geworden. Zahlreiche Seen ſind vertrocknet und wo ſonſt große Suͤmpfe und Moraͤſte ) 1) Vgl. die erwähnte Beilage Nr. VIII. Roppolt Meditatio epi- stolar. de origine succini in littore Sambiensi p. 6. Piſanski Ber merkungen über die Oſtſee S. 47. v. Hoff Geſchichte der Erdoberflaͤche B. I. S. 73. Ueber die geognoſtiſchen Beweiſe fuͤr den Untergang die⸗ ſes bedeutenden Landſtrichs vgl. Wrede in der erwähnten Abhandl. S. 47. ff. 2 Aber die Natur liefert hiezu Beweiſe; ſ. Wrede a. a. O. 3) Es ließen ſich hiefuͤr aus urkundlichen Nachrichten Beiſpiele in Menge anfuͤhren.

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Samland. 505 ſtanden, bluͤht jetzt dem Landmanne der Segen ſeiner Ar⸗ beit. Große Landgebiete waren damals noch mit hohen und dunkelen Waldungen bedeckt, die Preuſſens Binnen⸗ land gegen die Sturmwinde aus Weſten und Norden weit mehr ſchuͤtzten, als nun geſchieht. So lief im Weſten der Land⸗ ſchaft der große heilige Wald, in deſſen Inneren der heilige Goͤtterſitz Romove lag, von der aͤußerſten Nordkuͤſte durch ganz Samland hindurch bis herab an das Ufergebiet des Friſchen Haffes ). Andere große Waldgebiete gingen in weiter Aus⸗ dehnung von Weſten nach Often fort, alle der Aufenthalt wilder Thiergeſchlechter; noch ſtammt aus jenen Zeiten das in Samlands Waldungen hauſende Elendthier. Auf den Hoͤhen des Landes ſtanden alte Burgen, Wohnſitze der Haͤupter und Edlen der Landſchaft. Eine ſolche trug der Rinau, ſchon in alter Zeit auch der Gailgarb oder Galgar⸗ ben genannt, auf deſſen Gipfel die Sage ſchon Widewuds Sohn Samo eine Burg zu ſeiner Fuͤrſtenbehauſung errich⸗ ten laͤßt ). Auf feiner Höhe, meilenweit in Samland und Natangen geſehen, ſollen zur Zeit kriegeriſcher Gefahr durch aufloderndes Feuer die Zeichen zum kriegeriſchen Aufſtande des Volkes und als Aufruf der Wehrmannen zur Verthei⸗ digung des Landes gegeben worden ſeyn, wenn der an der Kuͤſte gelandete Feind zu Raub und Pluͤnderung ins Land hereinſtuͤrmte ). Das Gebiet rings umher, wahrſcheinlich 1) S. die Beilage uͤber das heilige Romove Nr. II. 2) Lucas David B. I. S. 60 ſagt: „Er (Samo) bawete auff einen mechtigen Sandbergk, der das meiſte beſchuͤttet wardt, eine feſte, die nannte er Gailtegarwo.“ Demnach war der Name Gailgarb oder Galgarben ſehr alt und hoͤchſt wahrfcheinlich der urſpruͤngliche, denn er iſt ächt altpreuſſiſch. Wie ſchon erwähnt, bedeutet garbs oder garbe fo viel als Berg und es kommt dieſes Wort in zuſammengeſetzten Namen Preuſſens und beſonders Samlands, namentlich in bergigen Gegenden ſehr häufig vor. So der Laygegarbs in der Naͤhe der alten Burg Zie⸗ genberg, ferner Mantegarbs, Lulegarbs, Lappegarbs, Smaidigarbs u. a. 3) Henneberger Landtaf. S. 136. Pisanski de montibus regni Pruss. notabilioribus p. 12. Faber geſchichtliche Nachrichten

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306 Samland. fo weit es dem Fuͤrſten auf dem Galgarben als eigen zu— gehoͤrte, hieß das Rinauer-Land ). Auch zu Medenau ſcheint eine ſolche Burg geſtanden zu haben, der Stamm— ſitz und Wohnort eines edlen Geſchlechtes, die Candeyne geheißen, deren Name nachmals in des Landes Geſchichte zu hohem Ruhme gelangte. Sie waren Herren des Gebie⸗ tes von Medenau 2). Andere edle Geſchlechter, als die Si⸗ payne, die Karioten, die Greybower, die Syken, die Way⸗ doten u. ſ. w. beherrſchten von ihren Burgen herab die Landgebiete von Quedenau, Germau, Rudau, Waldau, Caymen, Powunden, Tapiau und andere ). Der Burg Sugurben, da wo jetzt Tapiau liegt, und der Burg bei Rudau, ſo wie der Edlen, die dort ſaßen, wird ausdruͤck⸗ lich erwaͤhnt ). Ingleichen werden auch Schaken, War⸗ gen, Pobeten und Bethen als ſolche einzelne Landestheile in Samland genannt 5) und es tritt ſomit dieſe Einthei⸗ lung der Landſchaften in einzelne Gaugebiete nirgends ſo ſcharf und klar hervor, als in der Landſchaft Samland. Sie waren ſonder Zweifel insgeſammt das Eigenthum ſolcher edlen Familien, wie ſie eben genannt ſind. Es moͤchte aber wohl ſchwerlich einem Bedenken unterliegen, den Urſprung dieſer edleren Geſchlechter Samlands in den Schickſalen zu vom Galtgarbenſchen Berge in den Beiträgen zur Kunde Preuſſens B. IV. S. 122. 1) Dusdurg P. III. c. 105 — 106. 2) Dusburg P. III. c. 70 erwähnt dieſes Geſchlechtes unter dem Namen Candym; gens illorum, qui dicuntur Candym. Aus Urkun⸗ den aber erhellt, daß das Geſchlecht Candeyne hieß und bei Medenau ſeinen Sitz hatte. 3) Dusburg P. III. c. 70. und urkundliche Nachrichten aus alten Samlaͤndiſchen Verſchreibungen. 4) Dusburg J. c. Die Burg Sugurbi oder Sugurben ſoll noch im Jahre 1262 auf dem jetzt ſ. g. Schloß: oder Goldberge bei Tapiau geſtanden haben. Noch vor wenigen Jahren fand man dort Spuren alter Befeſtigungen und ein Theil des alten Burggrabens iſt noch jetzt ſichtbar. 5) Duisburg P. III. e. 102 — 103. Oefter auch in Urkunden.

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Samland. 507 finden, welchen dieſe Landſchaft ſchon in frühen Zeiten hatte unterliegen muͤſſen. Denn es waren dieſe vornehmeren Herren des Landes offenbar nichts weiter, als die Nach— koͤmmlinge jener Skandinaviſchen Kriegshorden oder deren Anführer, die ſich, wie früher berichtet, des Landes bemei⸗ ſtert, die bewaffnete Wehrmannſchaft ermordet, das Land unter ſich getheilt, das uͤbrige Volk zu Gehorſam und Dienſtbarkeit gezwungen, zu ihrer Sicherheit ſich auf den Hoͤhen des Landes feſte Burgen erbaut und in ſolcher Weiſe ſich als Herren des Landes feſtgeſetzt hatten. Die Sproͤßlinge dieſer Eroberer hatten die Herrſchaft über die den Vaͤtern zugefallenen Landestheile, jene genannten Gebiete, von Geſchlecht zu Geſchlecht aufrecht zu erhalten gewußt. Als die Gebieter und reichſten Inhaber des Landes hießen fie die Ed- len und als Nachkoͤmmlinge jener Skandinavier mochten ſie gerne durch einen Namen an die einſt ſo maͤchtigen Stammvaͤter der Gothen oder Widen erinnern und nann— ten ſich die Withinge ). Als Herren des Landes waren ſie nur ihrem Griwe zu Romove untergeben, denn es iſt nicht wahrſcheinlich, daß uͤber Samland in dieſen ſpaͤteren Zeiten noch ein beſonderer Landesfuͤrſt als Obergebieter ge— herrſcht habe. Sie leiteten zur Zeit des Krieges die wehr- 1) Ueber dieſe Withinge vgl. meine Abhandlung in der Eeſchichte der Eidechſen-Geſellſch. in Preuſſ. S. 204. Die Behauptung aber iſt hier neu, daß die Withinge die Abkoͤmmlinge der einſt in Samland ge⸗ landeten Skandinaviſchen Seeraͤuber oder jener ſeefahrenden Kriegsſchaa⸗ ren waren. In Betreff des Beweiſes hierüber beziehe ich mich auf das früher über jene Raubfahrten zur See Geſagte. Es iſt aber dieſe Bes hauptung wohl um fo wichtiger, da ſich durch fie auch die letzten un: auflöͤslich ſcheinenden Fragen und Zweifel heben, die in jener Ab⸗ handlung noch uneroͤrtert blieben; denn es wird nun leicht begreiflich, warum ſie Withinge hießen, warum ſie auch nobiles genannt werden, (S. 226), ferner warum man ſie mit der Benennung antiqui et primi Witbingi unterſchied (S. 227), warum fie gerade ausſchließlich nur in Samland gefunden und als die vornehmſten Häupter der obengenannten Gebiete angeſehen wurden (S. 213 ff.), warum der Orden fie fo vor: zugsweiſe beguͤnſtigte und bevorrechtigte u. ſ. w.

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508 Samland. Schalauen. hafte Mannſchaft; aus ihnen ward alsdann auch der oberſte Feldherr erwaͤhlt, der wie einſt der Landesfuͤrſt allen übrigen vorſtand J. So war es alſo, wenn man ſo ſagen darf, nur der reiche und maͤchtigere Adel, der edle, freie Landbe⸗ ſitzer, der gebietende Herr des einzelnen Gebietes, welcher, jeder nach eigenem Wunſche und Willen, den ihm zugehöͤ⸗ rigen Landestheil beherrſchte und über ſeinen Gautheil die Verwaltung führte. Wer ſonſt in feinem Gebiete lebte, diente ihm als Untergebener und als kriegspflichtiger Wehrmann 2). Schalauen. Die elfte der Landſchaften endlich, Schalauen genannt, ſchied an ihrer ſuͤdlichen Graͤnze der Memel-Strom von Nadrauen; im Weſten begraͤnzte ſie das Kuriſche Haff; gen Oſten lief fie wahrſcheinlich bis an die Swente. Wie weit fie ſich aber im Norden hinauf erſtreckte, iſt für dieſe Zeiten nicht zu beſtimmen; doch ward das Gebiet von Memel dieſer Landſchaft noch zugerechnet. Dort graͤnzte ſie oͤſtlich und noͤrdlich an Samaiten und zum Theil an Lit⸗ thauen ). Auch dieſes Land war damals ſchon hie und da mit ſtarken Burgen verſehen. Genannt wird eine ſolche auf einem Berge bei Ragnit, wo nachmals das Ordens⸗ Haus gleiches Namens erbaut wurde ). Schon durch eine 1) Der bei Dusburg P. III. c. 84 als Anführer und Kriegshaupt genannte Glande war hoͤchſt wahrſcheinlich der im Privilegium der al⸗ ten Withinge (in der erwähnten Abhandl. S. 214) als Withing ange⸗ fuͤhrte Glande. Andere Beiſpiele ſ. S. 219. 2) Daruͤber das Naͤhere, wenn von der Unterwerfung Samlands durch den Orden und der nachmaligen Beguͤnſtigung der Withinge durch die Ordens⸗Ritter die Rede iſt. 3) Keine Quelle giebt über die Graͤnzen dieſes Landes nur irgend genaue Nachricht; auf die Angabe bei Lucas David B. I. S. 65 iſt nicht ſonderlich zu bauen, und Henneberger S. 410 weiß ebenfalls keine genauen Beſtimmungen zu geben. Praͤtorius Schaubuͤhne B. I. S. 190. - 4) Dusburg P. III. c. 176. 177. Die Burg, welche Dusburg

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Schalauen. 509 Art von Vorburg befeſtigt, hatte ſie in ihrer Naͤhe noch manche andere Gebaͤude, der erſte Beginn der nachmaligen Stadt Ragnit. Eine zweite Burg der Schalauer, an der Graͤnze gegen Litthauen gelegen, war Sareka, der Wohn⸗ ſitz des maͤchtigen und tapferen Schalauiſchen Kriegers Sa⸗ rekte und wahrſcheinlich zur Vertheidigung der Graͤnze ge⸗ gen das wilde Volk der Litthauer errichtet ). Eine der wich⸗ tigſten Feſten des Landes war die alte Burg Saſſau am ufer eines Fluſſes gelegen; doch iſt ihre Lage unbeſtimmt, denn einige ſuchen ſie an dem Fluſſe Schiesze, der ſich in die Ruß ergießet, andere in der Naͤhe der Inſter, wo alte Befeſtigungen bei dem Dorfe Saſſupoͤnen allerdings auf eine Burg der heidniſchen Zeit hinweiſen ). Solcher feſten Burgen mag auch dieſe Landſchaft noch mehre gehabt ha— ben; aber Name und Lage ſind in den kargen Berichten über dieſes Land nicht aufbehalten worden. Auch Schalauen ſcheint um dieſe Zeit keinen Landesfuͤrſten mehr gehabt zu c. 178 unter dem Namen Ramige anführt, iſt keine andere als Rag⸗ nit; der Name Ramige iſt in der Ausgabe Hartknochs nur verſtuͤmmelt. Das alte Mſcr. des geh. Arch. hat Ragnita; das Berliner Mſcr. Raganita und Jeroſchin Ranginte. Lucas Da vid B. V. S. 5. 8. Es befinden ſich aber auch unfern von Ragnit bei dem Dorfe Schuppinnen noch Spuren alter Befestigungen, wie es ſcheint aus der heidniſchen Zeit. 1) Dusburg P. III. c. 181. Wenn dieſe Burg Sareka vielleicht das jetzige Scharke unfern von Schelen iſt, ſo ging das Gebiet des da maligen Schalauens weiter nach Oſten hin, als die jetzige Preuſſiſche Graͤnze. Lucas David B. V. S. 9 fagt: die Burg Sareile habe gelegen „auf der andern Seiten des Fluſſes Memel, nemlich die an Littauen ſtoͤßet.“ 2) Dusbirg P. III. c. 183 bezeichnet die Lage der Burg nicht weiter. Prätorius Schaubuͤhne B. 1. S. 192 fest fie an die Schiesze, ehemals Zyſe oder Suſſa genannt. Lucas Da vid B. V. S. 11. ſagt ebenfalls über ihre Lage nichts. Zwiſchen den beiden Fluͤß⸗ chen Eimeninis und Saſſuppe, ſuͤdoͤſtlich vom Kirchdorfe Kraupiſchken an der Inſter, liegt ein mit Wall und Graben verſehener Berg, vom Volke der Schloßberg genannt. Eine alte Befeſtigung iſt dieſes ohne Iweifel und der Name Saſſupoͤnen koͤnnte auf Saſſau hinweiſen; als lein dieſe Gegend liegt eigentlich ſchon in Nadrauen.

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510 Verfaſſung und bürgerlihe Ordnung. haben. Wir hören nur von mehren mächtigen Herren, die über Land und Volk geboten und über fein Schickſal ver— fuͤgten; als ſolche werden genannt Surbanis, Suisdeta und Surdeta n). Aus der Zahl dieſer vornehmeren Landesber⸗ ren erwaͤhlte man den Feldherrn; ein ſolcher war Slinegota oder Stenegaude ). Wichtige Verhaͤltniſſe beriethen die aͤlteren Maͤnner des Volkes in berufenen Verſammlungen, wo ſie zugleich zur Kriegszeit die Kriegsleute nach ihrer Zahl und Tuͤchtigkeit erkoren und ihnen den als Fuͤhrer vor— ſetzten, dem fie zu Kampf und Fehde folgen ſollten ). Sonach wird ſich aus dem, was bisher uͤber die ein- zelnen Landſchaften geſagt iſt, wenigſtens im Allgemeinen ein Ueberblick und Begriff von der damaligen aͤußeren Be- ſchaffenheit und Geſtalt des Landes gewinnen laſſen. Die Quellen aber, aus denen wir zu ſchoͤpfen genoͤthigt ſind, fließen viel zu duͤrftig, viel zu truͤbe und viel zu entfernt, als daß es moͤglich wäre, die Zahl der Fragen zu loͤſen und die Dunkelheiten aufzuhellen, die dem Forſcher uberall ent= gegen treten. So bleibt auch hier unſer Wiſſen immerdar nur Stuͤckwerk. Nicht minder ſchwierig und vielleicht noch ſchwieriger iſt eine auch nur in einiger Hinſicht genaue und klare Dar- ſtellung von des Landes inneren Verhaͤltniſſen, buͤrgerlichen Ordnung und eigentlichen Verfaſſung. Manches, was dies ſen Gegenſtand beruͤhrt, hat ſchon fruͤher hie und da in I) So Dusburg P. III. c. 183. Eine alte Handſchr. nennt fie Surbantz, Swiscete und Surdete; Lucas David B. V. S. 12 Eur: bantz, Swiſtete und Sardete. 2) Den erſtern Namen hat Dusburg c. 180. Das alte Mſcr. dagegen Stenegote; fo auch Lucas David B. V. S. 9; das Berli- ner Mſcr. von Dusburg Stinegota. Das Richtigſte ſcheint wohl Ste negande zu ſeyn, denn dieſer Name kommt in alten Samläͤndiſchen Verſchreibungen ſehr haufig vor. 3) Darüber giebt Dusbrerg P. III. c. 179 einiae Anbeutungen.

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Verfaffung und bürgerliche Ordnung. 511 dieſem Werke Erwähnung gefunden und konnte dort, um das Dunkel einigermaßen in einzelnen Erſcheinungen auf⸗ zuklaͤren, nicht fuͤglich uͤbergangen werden. Wir faſſen jene Zuͤge hier zum Ganzen eines Bildes zuſammen. An der Spitze der einzelnen Landſchaften ſtanden auch jetzt noch, wie ſchon in früherer Zeit, zwei leitende und ge⸗ bietende Oberhaͤupter, deren eines als oberſter Landesfuͤrſt der Reiks oder Koͤnig, das andere der Griwe hieß. Jeder dieſer Reiks war nur der oberſte Herr feiner einzelnen Land— ſchaft und galt als ſolcher gegen die übrigen für völlig un— abhaͤngig ). Neben ihm aber ſtand in jeder Landſchaft, wie es ſcheint, ein Griwe, ob ihm vorgeſetzt, ob ihm unterge— ordnet oder ob in gleichem Anſehen und gleicher Macht neben ihm gebietend, kann keiner beſtimmt mehr ſagen. Die Behauptung aber beruht offenbar auf Irrthum und Mißverſtaͤndniß, daß ein einziger Griwe, der Oberprieſter zu Romove, deſſen Geboten im ganzen Lande der ſtrengſte Gehorſam geleiſtet worden ſeyn ſoll, auch immerfort und 1) Daß ſolche Reiks in Preuſſen ſchon in älterer Zeit vorhanden waren, iſt fruͤher bewieſen worden. Aber auch in dieſer Zeit ſtanden fie noch als Häupter da. Dusburg P. III. c. 5, der feine Nachrichten uͤber das Volk aus der Zeit nahm, als der Deutſche Orden ins Land trat, erwähnt ihrer ausdrücklich unter dem Namen Reges und, wie wir ſehen werden, auch unter der Benennung Capitanei. Eben fo Lucas David B. I. S. 138, welcher die Benennung „Kunigs“ als ihren eigenthuͤmlichen Namen anführt; vgl. die Anmerk. Hennigs S. 139. Im Privilegium von Bartenſtein kommen ſolche Reiks, freilich in einer großen Umwandlung ihrer Verhoͤltniſſe, ebenfalls noch vor, indem es da beißt: Si Pruteni sub zegibus Prutenicalibus residentes et alii Pruteni advenae advenientes in supradicio civilatis judicio excesse- rim seu duxerint contendendum, cives ipsius civitatis ipsorum cau- sam prout justum fuerit, judicabunt. Daß dieſe Reiks auch der Ger⸗ maniſchen Verfaſſung entſprechen, iſt fruͤher ſchon beruͤtrt; vgl. auch Barths Deutſchlands Urgeſchichte B. II. S, 365. Lu den Geſchichte des Deutſch. Volkes B. I. S. 314 vermuthet wohl ganz richtig, daß der Name Keiks oder Reikiſta der Ältefte und urſpruͤngliche für Herr: ſcher geweſen und die Benennung Kuning, Konung, Kunig, König erſt ſpaͤter durch die Erblichkeit der Herrſcherwuͤrde entſtanden ſey.

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512 Verfaſſung und bürgerlihe Ordnung. in allen Zeiten mit gleicher Machtfuͤlle der Oberherr aller Reiks des Landes geweſen ſey und uͤber alle Landſchaften, ſelbſt bis nach Litthauen und Livland ſeine Machtgebote habe ausgehen laſſen ). Allerdings gab es eine Zeit, in wel- cher der Oberprieſter zu Romove dieſe Fuͤlle von Macht und Anſehen beſaß; dieſe Zeit aber war laͤngſt voruͤber und im Ablaufe der Jahrhunderte hatte ſich hierin al- les geändert. Folgendes möchte über dieſe Umwandlung der alten Verhaͤltniſſe und uͤber die Entſtehung und Ent⸗ wickelung der neuen Lage der Dinge vielleicht einiges Licht verbreiten und manche ſonſt dunkele Erſcheinungen etwas naͤher aufklaͤren. f Es gab eine Zeit in der Geſchichte dieſes Volkes — und keiner, der nicht das Recht der Sage im geſchichtlichen Gebiete mit Leichtſinn zertreten will, darf fie keck hinweg⸗ laͤugnen —, in welcher die Verwaltung der Verhaͤltniſſe des Landes zur Friedenszeit von dem Amte der Kriegsfuͤh⸗ rung inſofern getrennt war, als ein allgemeines Kriegs— oberhaupt zur Zeit aͤußerer Gefahr alles das lenkte und leitete, was zur Abwehr des Feindes und zu des Landes Sicherheit durch Kriegsmacht und Waffengewalt nur irgend dienen mochte. Wir ſahen, daß Widewud als Wehrenfüh— rer der Name dieſes kriegeriſchen Hauptes war. Des Lan⸗ des innere Verwaltung dagegen fuͤhrte durch Erfahrung des Alters und durch prieſterliches Anſehen im Volke ein hoch— geachteter Oberrichter, der Oberprieſter Griwe, deſſen Name ſchon auf ſeines Amtes Wuͤrde und Beſtimmung hindeutete. Wir ſahen aber das Amt jenes allgemeinen Kriegsoberhaup⸗ tes untergehen, ſobald die Gefahr von außenher voruͤber und des Landes Sicherheit nicht ferner mehr bedroht war. Wir ſahen damals auch, wie die einzelnen Kriegsfuͤhrer der Wehrmannen der Landſchaſten an der Spitze ihrer Wehren fernerhin noch ſtehen blieben, wie fie nun, dem allgemei⸗ nen Kriegsfuͤrſten nicht mehr untergeben und untergeordnet, 1) Dusburg P. III. c. 5.

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Verfaſſung und bürgerliche Ordnung. 313 frei in ihren Landſchaften da ſtanden und unter dem Namen von Reiks, Herrſcher, Gebieter oder Koͤnige das Kriegsge⸗ bot uͤber die Wehrmannſchaften ihrer Gebiete allein und unabhaͤngig in ihrer Hand behielten. In dieſer Stellung nun blieben ſie ohne Zweifel auch fernerhin; der Sohn und Enkel trat hin, wo der Vater und Urvater geſtanden hatten. Die Hauptbeſchaͤftigung ihres Amtes als Landesfuͤrſten blieb zumeiſt immer, was ſie urſpruͤnglich geweſen war, naͤmkich die Kriegsfuͤhrung und die Landesvertheidigung, und als ſolche erſcheint ſie auch ſelbſt noch in den Zeiten, von wel— chen hier geſprochen wird; es erſcheinen jene Landesfuͤrſten beſtaͤndig und hauptſaͤchlich immer nur als Kriegsoberſten, Hauptleute und Heerführer. Solche waren Codrune und Pyopſe im Gebiete Warmiens, ein ſolcher Tirsco in der Landſchaft Nadrauen, ein ſolcher Goducke im Lande Natan⸗ gen, ein ſolcher, aber gewählter Kriegsoberſt war Glande in Samland, ein ſolcher Autume in Pogcſanien, ein ſol⸗ cher Divan im Barterlande u. ſ. w. ). Konnte wohl aber eine ſo wichtige Erſcheinung, wie jene Trennung des Landes in einzelne Landſchaften, das Hervortreten jener Reiks in ihren einzelnen Landestheilen als Landesfuͤrſten, die nunmehr auch eintretende Beſchraͤn⸗ kung der wichtigſten Verhaͤltniſſe der buͤrgerlichen Ordnung und Verfaſſung auf die Gebietsbezirke der einzelnen Land⸗ ſchaften: — konnte dieſes alles ohne den wichtigſten Einfluß 1) Als ſolche Kriegsoberſten oder als Hauptleute ihres Volkes lernte ſie nachmals der Orden in ſeinen Kriegen mit den Preuſſen ken⸗ nen und als ſolche nennen ſie auch die Ordens-Chroniſten. Dusbung erwähnt ihrer beftändig unter dem Namen Capitanei oder Duces enereitus; vgl. P. III. c 19. 20. 70. 75. 84. 85. 90. 112. 130 etc. Dar. aus erklart ſich auch der ſonſt fo auffallende Umſtayd, daß dieſer Chro⸗ niſt P. III. c. 5. der Reges der Preuſſen erwähnt, ohne dieſe Reges unter dieſer Bezeichnung auch nur in einer einzigen Stelle ſeiner Chro⸗ nik wieder anzufuͤhren. Er führt fie allerdings ſehr oft wieder an, aber nur unter der Benennung Capitanci. — Beiläufig mag erinnert wer⸗ den, daß etwas dieſer Verfaſſung Aehnliches Procop. L. II. p. 260 von Thule berichtet. I. 33

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x 214 Verfaſſung und bürgerlihe Ordnung. und ohne eine voͤllige Umwandlung in der Wuͤrde, in dem Amte und in der Macht des Griwe bleiben? Es iſt kaum denkbar, daß hierin nicht auch nothwendig eine gaͤnzliche Veränderung in der Form aller Dinge habe erfolgen muͤſ— ſen; es iſt vielmehr ſehr wahrſcheinlich und dem Gange der Geſchichte, wie einzelnen Spuren geſchichtlicher Quellen völlig entſprechend, daß in eben der Weiſe wie das Amt des oberſten Kriegsfuͤrſten, auch die Gewalt und Wuͤrde des oberſten Richters und Oberprieſters ſich zerſpalten und getheilt, daß alſo in jeglicher Landſchaft, in welcher nun= mehr ein beſonderer Reiks ſaß, auch ein eigener Griwe jene Gewalt und jene Wuͤrde, jene Geſchaͤfte und jene Verwal⸗ tung der inneren Ordnung in goͤttlichen und menfchlichen " Dingen für feine beſondere Landſchaft geuͤbt habe, die frü- herhin dem Oberprieſter und Oberrichter Griwe uͤber das ganze Land zuſtand. Es find uns hie und da Spuren be⸗ gegnet, aus denen wir ſchließen durften, daß wohl jede einzelne Landſchaft ihren eigenen Oberprieſter und Oberrich- ter, ihren beſonderen Griwe gehabt haben und die vielfaͤl⸗ tigen Meinungen über den Goͤtterſitz Romove und über den Wohnort des Griwe nicht ohne Bedeutung ſeyn mögen. Wir fanden ſolche Spuren in Pomeſanien am heiligen Walde bei Chriſtburg auf dem Berge Grewoſe; wir hoͤrten in Galindien von einer heiligen Prophetin, deren wahrſa— gendes Wort uͤber alle Verhaͤltniſſe des Landes entſcheiden⸗ des Gewicht hatte, in Pogeſanien von der wahrſagenden Richterin Pogeſana im Feiligen Eichwalde, die ſich dem Goͤtterdienſte geweiht. Wir ſahen im Barterlande in einer der Burgen Wallewona und Waiſtote-Pil am heiligen Walde den Wohnſitz eines Griwe, einen ſolchen auch im Samlande bei dem heiligen Romove. Wir hoͤren die Nachricht, daß ein ſolches Romove, ein Goͤtter- und Prieſterſitz auch in Nadrauen, bei Heiligenbeil im Ermlande, in der Landſchaft Natangen unfern von Domnau, wo nachmals das Kloſter der beiligen Dreifaltigkeit erbaut ward, geweſen ſeyn ſolle. Duͤrfte die Annahme alſo wohl zu kuͤhn ſeyn, daß neben

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Verfaſſung und buͤrgerliche Ordnung. 515 dem Reiks, dem Fuͤrſten, welcher die Sache des Krieges, die Pflicht der Landesvertheidigung, die Hut der Sicher⸗ heit ſeines Gebietes uͤber ſich hatte, in jeglicher Landſchaft auch ein beſonderer Griwe fuͤr Geſetz und Gerechtigkeit, fuͤr Ordnung und inneren Frieden und uͤberhaupt fuͤr die fried⸗ lichen Verhaͤltniſſe des buͤrgerlichen Stilllebens gewacht, daß aber ferner auch in jeglicher Landſchaft an den heiligen Or⸗ ten, in den heiligen Waͤldern auch ein eigener Griwe als Oberprieſter auf die Verehrung der Goͤtter geachtet, die Weihopfer dargebracht, den goͤttlichen Willen verkuͤndigt und alles, was Religion und Goͤtterdienſt betraf, geleitet und gepflegt habe? Freilich war das Amt des Griwe in keiner Weiſe ge- eignet, ſeine Wirkſamkeit in Zeiten des Krieges — und nur aus ſolchen haben wir unſere Nachrichten uͤber das Volk des Landes — beſonders bemerkbar hervortreten zu laſſen; freilich machke es auch das Geſetz, welches jedem Fremdlinge den Zugang zu der Goͤtter- und Prieftermoh- nung und zu den heiligen Waͤldern bei Verluſt des Lebens verbot, ſchon an ſich unmöglich, über das Wirken und We⸗ ſen, ja ſelbſt auch nur uͤber das Daſeyn der Landes-Griwen beſtimmtere Nachrichten zu geben. Darum iſt alles ſo dun⸗ kel und geheimnißvoll; darum ſind wir uͤber die Stellung des Griwe zum Landesfuͤrſten, über feinen Einfluß auf die Ordnung des buͤrgerlichen Lebens, uͤber ſeine Wirkſamkeit in religioͤſen Dingen und über all fein Thun und Walten ſo hoͤchſt duͤrftig unterrichtet und nur Folgendes moͤchte das Wichtigſte ſeyn, was wir davon wiſſen. Der Griwe war in jeder Landſchaſt Richter und Ge⸗ ſetzgeber ). Seine Geſetze und Verordnungen waren fuͤr 1) Zu dem, was fruͤher ſchon uͤber die Abſtammung und Bedeu⸗ tung dieſes Namens erwaͤhnt worden iſt, darf hier nur noch hinzuge⸗ fügt werden, daß auch in den Angelſächſiſchen Geſetzen der Gerefa, Sciregerefa für die richtige Nuffaſſung der Bedeutung des Griwe man: chen Aufſchluß giebt; vgl. Leg. Edowardi Reg. Angl. c. 35 bei i kins Leg. Anglo Sax. p. 20; Eichhorne Ocutſche Staats- und 33 * -

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516 Verfaſſung und bürgerliche Ordnung. die ganze Landſchaft gültig und hatten felbft auch für den Landesfuͤrſten verbindende Kraft und Wirkſamkeit 9, fie mochten nun durch ihn ſelbſt oder durch einen feiner Bluts- verwandten oder durch einen feiner Boten, die ſich als ſol⸗ che durch einen Stab, eine Griwule oder ein anderes be— kanntes Zeichen bemerklich machten, in der Landſchaft gebo⸗ ten werden 2). Schon fein oberprieſterliches Anſehen und ſeine hohe Wuͤrde gaben ſeinen Geſetzen eine gewiſſe Heilig⸗ keit, zumal da man im Volke gefliſſentlich den Glauben unterhielt, daß es Geſetze der Goͤtter ſeyen, nur durch des Griwen Mund verkuͤndigt ). Es wird vermuthet, daß auch die Landesfuͤrſten ſelbſt für ihre Landſchaften Geſetze gegeben ‚haben, die aber des Griwen Genehmigung und Beftäti- gung bedurft. Zwar iſt ſolches keineswegs unglaublich, zumal wenn man an Verordnungen denkt, welche des Lan des Ordnung und Sicherheit betrafen; doch läßt ſich dieſes durch keine vollguͤltigen Zeugniſſe ganz beſtimmt nachwei- fen ). Es gab Fälle, in welchen der Landesfuͤrſt vor dem Griwe im heiligen Goͤtter-Haine in Perſon erſcheinen durfte oder auch einen angeſehenen Boten dahin ſenden konnte. Begleitet von ſeinen vornehmſten Dienern fand er dann den Griwe auf einem hohen Holzſtoße und fragte ihn in ſeiner Sache um Rath. Fremden Geſandten aber war der Zu— gang bis zum Oberprieſter nicht geſtattet; ihnen ward im nahen Walde ein Zelt angewieſen, wo ſie verweilten, bis Rechtsgeſchichte B. I. S. 47 und was Phillips in ſ. Verſuche einer Dacſtellung der Geſchichte des Angelſaͤchſiſchen Rechts S. 78 — 82. 171 daruͤber ſagt. 1) Dusburg P. III. c. 5, 2) Dusburg P. III. c. 5. Eine alte Preuſſ. Chronik (Mſcr. und meiſt aus Dusburg entnommen) ſagt S. I.: „Sy woren ym alle un⸗ dertan, Sy irbotin ym groze ere und wirdikeit und wo ber yn dy land eynen boten ſante, der ſyn czeichen weiſete, den boten erten konige und beren umb ſeynen willen.“ Hochmeiſter-Chron. (Mfer.) S. 20. 3) Lucas David B. J. S. 27. Praͤtorius Schanbühne B. II. S. 1252.

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Verfaſſung und bürgerliche Ordnung. 517 der Griwe ihnen die Antwort auf ihr Vorbringen durch einen andern zukommen ließ ). Außer der Kriegsfuͤhrung — in kriegeriſchen Zeiten al⸗ lerdings immer das wichtigſte und ausſchließliche Geſchaͤſt der Reiks — mag in friedlichen Tagen wohl immer auch ihre naͤchſte Pflicht die Aufrechthaltung der geſetzlichen Ord— nung ihrer Landſchaften, die Beobachtung der geſetzlichen Gewohnheiten unter ihren Unterthanen geweſen ſeyn. Sie walteten und regierten; die Griwen richteten und ſtraften; doch iſt es ſchwer, ja wohl unmoͤglich, die Graͤnzen zu be— ſtimmen, uͤber welche die Wirkſamkeit der Reiks und der Griwen nicht hinausgehen durfte. Bei der Einfachheit des Lebens und aller ſeiner Verhaͤltniſſe gab es ohne Zweifel nur wenige Geſetze im Lande und meiſtens mochten die alten, im Volke als geltendes Recht fortlebenden Sitten, Braͤuche und Gewohnheiten im Allgemeinen wohl zureichen. Aus alter Zeit werden folgende als die wichtigſten er— waͤhnt. Der Mann durfte drei Frauen zur Ehe nehmen ?); es wird indeſſen hiemit nicht geſagt, daß jeglicher immer auch ſo viele Frauen gehabt habe, denn wahrſcheinlich galt auch hierin bei den Preuſſen überhaupt nur die alte Germani- ſche Gewohnheit ). Wer außer feinen Frauen noch eine Jungfrau erkannte, den ſollten zu Schmach und Schimpf die Hunde zerreißen). Wenn aber eheliche Treue auch 1) Prätorius a. a. O. B. 1. S. 360 ſagt ausdruͤcklich, daß Brettchen, deſſen Chronik er benutzte, dieſe Nachricht aus der Chro⸗ nik des Biſchofs Chriſtian entnommen habe. 2) Die Vielweiberei war ohne Zweifel ein Ueberbleibſel der alten Gethen⸗Zeit. Wenigſtens erwähnt das Wiſigothiſche Geſetz L. IV. Tit. V. Abſ. 4 derſelben ebenfalls. Eben fo war Vielweiberei bei den Schwe⸗ den; Adam. Bremens. de situ Dan. c. 229. Ruͤhs Geſch. Schwer: dens B. I. ©. 57. 3) Vgl. darüber Ludens Geſchichte des deutſchen Volkes B. 1. S. 378. g 4) Lucas David B. J. S. 21 — 22 erwähnt dieſer ehelichen Geſetze. Von den Schweden jagt Adam. Bremens. J. c. wegen Ver⸗

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518 Verfaſſung und bürgerliche Ordnung. durch das Geſetz als heilige Tugend geboten und deren Verletzung ſelbſt mit entehrendem Tode beſtraft ward, fo ſoll doch Keuſchheit, Enthaltſamkeit und Scham nicht uͤber⸗ all im Volke gefunden worden ſeyn ). Der Ehebrecher und die Ehebrecherin wurden nach dem Geſetze wohl auch leben- dig verbrannt, ihre Aſche auf den Wegen zerſtreut und ihre Nachkommen des Prieſteramtes für unwuͤrdig erkannt. Es war ferner auch Geſetz, daß wer durch unſittliches Betaſten eines Weibes oder einer Jungfrau Schamgefuͤhl verletzte, nach dem Willen des beleidigten Theiles dem Feuertode uͤbergeben werden ſollte. Verſagte das Weib dem Manne die eheliche Pflicht, ſo ſtellte das Geſetz es in den letzteren Willen, ob er ſie verbrennen wolle. Dann waren zugleich auch des Weibes Schweſtern ſtrafwuͤrdig, weil fie es ver- abſaͤumt, die Schweſter Über den pflichtigen Gehorſam ges gen den Mann gebuͤhrend zu belehren 2). Schalt oder fluchte die Frau des Mannes Namen, ſo verordnete das Geſetz, daß ihr vier große Steine an den Hals gehaͤngt und ſie damit durch eine Anzahl naher Dörfer umhergetrieben werde, bis der Ausſpruch des Griwen fie von der Laſt befreite. Faſt eben ſo beſtraſte der Germane in alter Zeit den Ehe⸗ bruch ). Sofern die Frau den Mann, wenn auch nur durch einen Schlag, mißhandelte, ſo ſchnitt man ihr die Naſe ab und nahm ihr alles Recht im Haufe; nur ihr Ehe= bette durfte ſie behalten. Wenn ein junges Weib des Man⸗ nes Namen heimlich verunglimpfte, ſo ward es mit Ruthen gepeitſcht; geſchah aber ſolches von einer bejahrten, nicht mehr kinderfaͤhigen Frau, ſo buͤßte ſie das Verbrechen durch den Tod im Feuer ). letzung ehelicher Treue: Capitali vero mulctatur poena, si quis alte- rius uxorem cognoverit aut vi oppresserit viriginem. 1) Wenigſtens ſagt der Papſt Honorius III in einem Schreiben über die Preuſſen bei Auynald. Annal. Eccles, an. 1218. Nro. 43. Passim ei sine verecundia plures eorum proslituuat ſilias et uxores. 2) Lucas David B. J. S. 22. 3) Zacits German. c. 19. Luden a. a. O. S. 581. 4) Lucas David B. I. S. 71. Dieſe letzteren Geſetze werden

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Verfaſſung und. bürgerliche Ordnung. 519 Neben diefen Geſetzen für häuslichen Frieden und ehe⸗ liche Einigkeit, erlaubte es das Recht des Mannes, der mit kranken Frauen, Kindern, Bruͤdern, Schweſtern oder Geſinden beladen oder ſelbſt auch krank war, die ſiechende Perſon oder ſich ſelbſt zu verbrennen, „denn, fuͤgt es hinzu, unſerer Götter Diener ſollen nicht ſtoͤnnen, ſondern lachen.“ Ein anderes Geſetz geſtattete: „Wenn jemand bei geſundem Leibe ſich ſelbſt, ſein Kind oder Geſinde den Goͤttern opfern und verbrennen will, ſo ſoll ihm ſolches unverwehrt ſeyn, denn durchs Feuer werden ſolche geheiligt, felig und wuͤrdig, mit den Goͤttern zu lachen und wohl zu leben !).“ Hatte der Hausvater gebrechliche, blinde oder mit irgend einem Fehler behaftete Soͤhne, ſo erlaubte ihm das Geſetz, ſolche im Waſſer zu verſenken oder durch Feuer oder mit dem Schwerte umzubringen, „weil das Elend der Menſchen Göttern und Menſchen eine Trauer ift 2).“ Zu viele Toͤch⸗ ter des Hauſes wurden getoͤdtet, bis auf eine, welche be— ſtimmt war, das Geſchlecht ſortzupflanzen °); es ſcheint auch, der Erma, Gemahlin des Warmo, Landesfuͤrſten von Warmien zuge⸗ ſchrieben, indem geſagt wird: „Dieſe Erma dis Recht in gantz Prute- nia mit Verwilligung der Gotter ſatzte.“ Es iſt hoͤchſt wahrſcheinlich, daß Lucas David dieſe Geſetze durch die Chronik des Viſchofs Chriſtian kennen lernte. 1) Lucas David B. I. S. 21.22. 2) Lucas David B. I. G. 138. Hartknoch A. U. N. Preuſſ. Z. 178. Daß die Preuſſen in ſolchen und ähnlichen Fällen ihre Kinder zöbteten, beſtaͤtiget auch das bekannte Privilegium vom Sabre 1249, ioo es heißt: Quod nullus ſiliunn suum vel ſiliam quacunque de causa per se vel per alium abjiciel vel occidet de caetero publice vel occulte vel ab alio talia quocunque modo fieri consenlict vel permittet. Dieſelbe Sitte herrſchte auch bei den Schweden, ſ. Nuͤhs B. I. S. 59. 3) „Quotcumque foeminini sexus mater pariat, perimunt prae- ter unam“ ſagt Papſt Honorius III. in dem erwähnten Schreiben von den Preuſſen; ſ. Rayndld. I. c. Damit ſtimmt auch überein, was Dusburg P. III. c. 4 von den Galindern erzählt: Istis videbatur con- sultum, quod quiequid nasceretur sexus foeminini, oceideretur, et masculi ad bellum servarentur.

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520 Verfaſſung und bürgerliche Ordnung. daß man fie hie und da an Fremdlinge verkaufte ). Es gab aber ein Geſetz den Soͤhnen auch das Recht, kranke und kraftloſe Aeltern den Leiden und Muͤhen des Lebens durch den Tod zu entziehen. 2). Sonſt ward jeder eigentliche Mord mit Blutrache be= ſtraft. Des Ermordeten Freunde hatten uͤber den Moͤrder volle Macht zu Leben und Tod und gemeinhin wurde der Mörder getödtet. Eine Wehrleiſtung oder ein Wehrgeld — Compoſition — als Schadenerſatz fand nicht Statt, bevor nicht der Moͤrder oder einer ſeiner Verwandten von den Verwandten des Ermordeten getoͤdtet wars). Sicherheit des Eigenthums gewaͤhrte ein ſcharfes Geſetz gegen den Dieb— ſtahl; denn bei dem erſten Verbrechen wurde der entdeckte Dieb mit Ruthen gepeitſcht; bei dem zweiten wurde er mit Knuͤtteln geſchlagen, und ergriff man ihn bei dem drit⸗ ten Verbrechen, ſo wurde ſein Koͤrper durch wilde Hunde zerriſſen ). Bei dem allen aber liegt noch uͤber viele dieſer Ver⸗ haͤltniſſe ein unaufklaͤrliches Dunkel. Ob uͤber ſchwere Ver⸗ brechen und uͤber wichtige Streitſachen der Griwe immer 1) Dieſes ſetzt das erwaͤhnte Schreiben des Papſtes Honorius we⸗ nigſtens voraus. 2) Lucas David B. I. S. 138. Es war dieſes Überhaupt ein im Norden ziemlich allgemeiner Gebrauch. S. Karamſin B. l. S. 3. Gebhardi Geſchichte der Wenden B. I. S. 9. Sell Geſchichte von Pommern B. I. S. 10. Kojalowiez L. I. p. 6 — 7. 18. 3) Dusburg P. III. c. 5: Si homicidium committitur, inter eos nulla potesi composilio intervenire, nisi prius ille homicida vel propinqui eius ab occisi parentibus occidatur. (Statt propinqui leſen aber die Handſchriften richtiger propinquus). Lucas David B. I. S. 22. 4) Lucas David B. J. S. 23. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 165. Von dieſen Geſetzen, die zum Theile dem Widewud zugeſchrie⸗ ben werden, ſagt zwar Hartknoch Dissertat. XVII de jure Prussor. d. 2: Verum ut ommia propemodum, quae de Waidewuto et [ra- tre ipsius Bruteno ferunlur, fabulas redolent aniles, ita etiam quid de legibus bis sit sentiendum, nemo non jntelligit. Allein wir be⸗ ziehen uns hier auf das früher Über Widewud Gejagte.

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Verfaſſung und bürgerliche Ordnung. 521 allein, oder in Verbindung mit dem Landesfuͤrſten oder mit Beirath feiner Prieſter und Unterrichter das Gericht ge⸗ ſprochen; ob uͤber manche Vergehungen in ſeiner Landſchaft nicht auch der Reiks die Entſcheidung und Strafe verhaͤngt und ob mit ihm vielleicht die Vornehmeren und Edlen eine Art von Richterverein fuͤr manche Verhaͤltniſſe gebildet haben, das alles iſt in Dunkel gehuͤllt. Doch iſt die An⸗ nahme wohl nicht unwahrſcheinlich, daß die Edlen oder die Herren der einzelnen Landgebiete wenigſtens auf ihrem laͤnd⸗ lichen Eigenthum uͤber die darauf wohnenden Familien die Gerichtsbarkeit ausuͤbten ). Neben dieſem Walten und Wirken des Griwen in Sa⸗ chen des Friedens und der Ordnung des Landes und ne= ben dieſer fuͤrſtlichen Herrſchaft der Reiks fanden auch Zus ſammenkuͤnfte des Volkes oder Volksberathungen Statt. Theils wird ihrer einigemal ausdruͤcklich erwähnt ), theils ſcheinen manche Angelegenheiten nicht anders, als in allge⸗ meinen Verſammlungen der Bewohner einer Landſchaft ha⸗ 1) Man darf dieſes vielleicht aus der Geſchichte der Withinge ver⸗ muthen, da man ihnen bei der großen Beguͤnſtigung, die ſie bei dem Orden nachmals fanden, doch gewiß alle Rechte ließ, die ſie vordem gehabt hatten. Vgl. meine Abhandl. uͤber die Withinge in der Ge⸗ ſchichte der Eidechſen-Geſellſch. S. 223. Hiemit ſtimmt auch Hart⸗ knoch A. u. N. Preuſſ. S. 239 — 210 überein. 2) Eine ausdruͤckliche Stelle darüber befindet ſich bei Dushurg P. III. c. 5, wo es heißt: Quando inter se vel ipsi cum aliis ali- quod placitum et parlamentum volunt servare, datur certus nume- rus dierum. Eine andere Handſchrift lieſet: vel ipsi cum alienis, fo auch das Berliner Mſcr. In den Preuſſ. Samml. B. III. S. 549 wird die Lesart vorgezogen: inter se vel ipsi, vel cum aliis eic. Aber man mag die eine oder die andere dieſer Lesarten wählen, ſo iſt doch offen⸗ bar darin von offentlichen Verſammlungen oder Berathungstagen die Rede. Eine andere Stelle Über ſolche öffentliche Berathungen iſt in dem Privilegium vom Jahre 1249, wo es von den Preuſſen heißt: ha- bito inter se consilio. Mehre Beweisgruͤnde für die Sache findet man in den Prenſſ. Samml. B. III. in der Abhandlung: Freiheiten der Preuſſen in Landes: Sachen.

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522 Verfaſſung und bürgerlihe Ordnung. ben berathen werden zu koͤnnen ). Ohne Zweifel ſtammten dieſe Gau⸗Verſammlungen aus den aͤlteſten Zeiten her; den Gothen waren fie, wie allen Germaniſchen Voͤlkern eigen ). Wo Gothiſche Voͤlker ſich niederlaſſen, erſcheinen ſolche Ver⸗ ſammlungen auch immer in ihrer Verfaſſung ). Wir fin⸗ den daher ſolche Verſammlungen bei den Bewohnern Preuf- ſens auch ſchon in der fruͤhern Sagenzeit, wiewohl ſie dort meiſtens nur als von den beiden Volkshaͤuptern, dem Wi⸗ dewud und dem Griwe, berufen und geboten erſcheinen. Sie fanden damals zum Theil am heiligen Romove Statt“ und es ließe ſich demnach vermuthen, daß auch in ſpaͤteren Zeiten die Berathungsorte in der Naͤhe der heiligen Waͤlder und der Griwe der Landſchaft wohl nicht ohne beſonderen Einfluß auf die Berathungen geweſen ſey. Duͤrften wir dem Ausdrucke des Chroniſten in aller Hinſicht Glauben ſchenken, ſo koͤnnte man ſchon damals eine doppelte Art ſolcher berathenden Verſammlungen annehmen, eine Bera— thung der Volkshaͤupter mit dem geſammten Volke ), in welcher vielleicht ſpaͤterhin der Griwe einer Landſchaft die Berathung leitete, und eine andere aus dem Stande der Vornehmeren, aus einer Anzahl angeſehener Maͤnner des Volkes ), in welcher nachmals der Reiks den Vorſitz ge- 1) 3. B. die von Dusburg P. III. c. 4 erzählte Begebenheit von den Galindern; oder die Berathung über den Abfall vom Orden, Dus- burg P. III. c. 84. 2) Die bekannte Stelle in Tacit. German. c. II. 3) Wir finden fie in der Verfaſſung der Skandinaviſchen Volker. Von den Schweden ſagt Adam. Bremens. de situ Dan. c. 220: Con- cilium populorum commune, quod ab ipsis Warph, a nobis Thinc vocatur. Ferner c. 230: Histor. Eecles. c. 22: generale populi pla- citum. Vita Anscharii per Hembert. ap. Langebeck T. I. p. 475. Von den Dänen ſ. Suhm B. I. S. 237. Solche Verſammlungen fanden aber auch bei den andern nahen, nichtgermaniſchen Voͤlkern Statt; fuͤr ſie waren hie und da die Continen beſtimmt; ſ. Sell B. I. S. 67 — 68. Karamfin B. I. S. 60. 77. 279. 4) Lucas David B. J. S. 19. 25. 39. 44 5) In den eben erwähnten Stellen des Lucas David. 6) eucas David B. I. S. 15. 34.

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Verfaſſung uno buͤrgerliche Ordnung. 323 habt haben koͤnnte. Gewiß iſt wenigſtens, daß auch in fpäteren Zeiten noch bei drohenden Gefahren das Volk ei: ner Landſchaft von ſeinem Landesfuͤrſten oder Krie gsoberſten zu Verſammlungstagen geboten wurde und dann bewaffnet erſchien, um des Fuͤrſten Gebote zu vernehmen oder mit ihm zu berathen ). Im uͤbrigen ſcheint in dem Verhaͤltniſſe des Reiks zu feinen Unterthanen für dieſe ein ziemlich freies und beweg⸗ liches Leben Statt gefunden zu haben. Es wird nicht er⸗ waͤhnt, daß ſie zu Abgaben oder ſonſtigen Leiſtungen an ihre Landesoberen verpflichtet geweſen. Doch koͤnnten ſolche in eben der Art, wie bei andern Germaniſchen Völkern, in einer gewiſſen Vermoͤgensſteuer beſtanden haben, die der Freie von ſeinem ſreien Eigenthum der Volksobrigkeit zu leiſten hatte, eine Heerbannsſteuer, die zur Beſtreitung der gemein⸗ ſamen Kriegsbeduͤrfniſſe verwendet ward ). Sonſt reichte fuͤr des Fuͤrſten eigene Beduͤrfniſſe bei der Einfachheit des Lebens ohne Zweifel ſchon der Ertrag feiner Beſitzungen hin, denn der Reiks ſcheint in ſeiner Landſchaft immer auch bedeutende eigene Beſitzungen gehabt zu haben. Wahrſchein⸗ lich gehoͤrte ihm als eigenes Gut immer das naͤchſte Land⸗ gebiet im Umkreiſe ſeiner Wohnburg ). Ueberhaupt moͤgen die einzelnen Landgebiete, jene Territorien, deren wir in den Landſchaften ſo oft erwaͤhnt ſinden, wohl immer theils den Reiks, theils deren Nachkommen oder den Edlen und 1) Dusburg P. III. c. 85, wo freilich mehr der Tag zum Aus: bruche einer Verſchwoͤrung gemeint iſt, aber eine vorausgegangene Be: rathung doch nothwendig war. Deutlicher iſt die Stelle c. 98, wo es heißt: Cum Prutheni per hunc modum non proſicerent, convene- runt iterum et excogitalis varlis modis, quibus inceptam mali. iam perſicerent, omnium sententia convenit in hoc, quod eic. 2) Savigny Geſchichte des Roͤm. Rechts im Mittelalter B. 1. S. 173. 3) Dieſes geht ziemlich klar aus Dusburg P. III. c. 75. hervor. So mochte fruͤherhin das Gebiet von Rinau dem Samländiſchen Reiks auf dem Galgarben zugehört haben.

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324 Verfaſſung und buͤrgerliche Ordnung. Vornehmeren als eigene Beſitzungen gehört haben ). Ein⸗ zelne Theile dieſer Landgebiete hatten ſie Andern zur Be⸗ nutzung uͤbergeben und empfingen von dieſen als Grund- herren einen Theil des Ertrages; hin und wieder mochten ſie ſolche auch wohl zu Dienſten verpflichten. Wir finden dieſe Belehnten ſpaͤterhin unter dem Namen „Familien“ noch in dem naͤmlichen Verhaͤltniſſe 2). Ueber die Nachfolge in der Fuͤrſtenwuͤrde oder im fuͤrſt⸗ lichen Amte der Reiks ſind wir nicht weiter unterrichtet; doch iſt nicht unwahrſcheinlich, daß ſtets der aͤltere Sohn dem Vater in der Wuͤrde folgte, ſobald ihn ſeine Eigen⸗ ſchaften dazu nur irgend tauglich machten. Die uͤbrigen Söhne dagegen mögen wohl immer mit Landbeſitz befrie- digt worden ſeyn und dann zur Zahl der Landes-Edlen gehört haben ). Dieſes iſt das Weſentlichſte, was uͤber die Geſtalt, buͤrgerliche Ordnung und Verfaſſung des Landes als Zuͤge des alten Bildes vom Volksleben der Preuſſen aus den ſo aͤußerſt ſparſamen Angaben der Quellen hat hingeſtellt wer⸗ den koͤnnen. Aber Dunkelheiten in Menge finden keine Auf⸗ klaͤrung, Fragen in großer Zahl erhalten keine Beantwor⸗ tung, da von denen, welche in jener fruͤheren Zeit auf das Volk in ihren Schriften hinblickten oder es auch beſonders zum Gegenſtande ihrer geſchichtlichen Ueberlieferungen mach⸗ ten, das innere politiſche Leben deſſelben nur aͤußerſt we- nig beachtet wurde. Die Stuͤrme des Krieges beſchaͤftigten ihr Auge; darum ſind auch ihre Nachrichten uͤber des Vol⸗ kes Kriegsart und kriegeriſche Verfaſſung ſchon merklich voll⸗ ſtaͤndiger. 1) Darum hießen ſie die Ricostan, die Reichſten, wie ſie Wulf⸗ ſtan nennt, oder Potentes, Nobiles, wie fie bei Dusburg vorkommen. 2) Meine Abhandlung uͤber die Withinge a. a. O. S. 223. 3) So war Pipin Capitaneus d. h. Reiks von Pomeſanien; ſein Sohn Macce wird aber bloß Nobilis genannt, Dusburg P. III. c. 7.

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Neunte s Ka pe e. . Kriegsverfaſſung und Kriegsart der Preuſſen. In fruͤherer Zeit behaupteten Preuſſens Bewohner in na⸗ hen und fernen Landen den Ruhm friedlicher und men— ſchenfreundlicher Geſinnungen ). Immerdar nur beſchaͤftigt mit dem Anbaue ihres Ackers, mit der Pflege ihrer Heer— den und mit dem Betriebe ihres Handels hatten ſie ſelten oder niemals Anlaß und Aufmunterung, ſich in den Kuͤn⸗ ſten des Krieges zu üben. Darum blieb lange Zeit bei ih- nen auch alles, was Kriegsfuͤhrung und Kriegsverfaſſung heißt, in groͤßter Einfachheit und groͤßter Rohheit. Erſt Noth und Gefahren brachten Kunſt, Geſchick und Erfahrung. Man lernte erſt dann den Krieg, als man ihn lernen mußte. Am fruͤheſten moͤgen die ſuͤdoͤſtlichen Voͤlker der Galinder und Sudauer in das Gewirre kriegeeiſcher Ereig⸗ niſſe mit hinein verflochten worden ſeyn oder ſich auch wohl gerne felbft mit hineingemiſcht haben, denn die Jagd gegen die wilden Thiere ihrer Waͤlder war ihnen Voruͤbung zum Kriege geweſen und die Lage ihrer Laͤnder forderte ſie mehr als andere zur Theilnahme an den Kriegsſtuͤrmen im Suͤden auf ). In den weſtlichen und noͤrdlichen Landſchaf⸗ ten wirkten am meiſten die feindlichen Verhaͤltniſſe mit den 1) Jornand. de reb. Get. c. 5. „pacatum bominum genus.“ Adam. Brem. c. 226. „Sembi vel Prutzci hominum humanissimi, « Helmold. L. I. c. 1. 2) Daher auch ihre fruͤhere Bekanntwerdung im Suͤden — bei Ptolemäus.

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526 Kriegsverfaſſung und Kriegsart. Polen und den Vikinger-Schaaren aus Skandinavien auf die Ausbildung des Kriegs weſens hin. Was aus der Sagen⸗Zeit über die kriegeriſchen Ver— haͤltniſſe des Landes aufbehelten iſt, was die Erſcheinung Widewuds als eines kriegeriſchen Oberhauptes der Witen edeute, wer die Vidivarier als Kriegs-Wehren geweſen und wie ſich beim Untergange jenes allgemeinen Heechaup⸗ tes die Kriegsoberſten der Landſchaften als Reiks ihrer bisherigen Wehrgebiete zu Fuͤrſten und Landesherren em- porgehoben: das alles ifi ſchon früher in dieſem Werke zu feiner Zeit berührt worden. Seitdem aber dieſe Reiks als freie Gebieter in ihren Landſchaften aufgetreten waren, blieb es das wichtigſte Geſchaͤft ihres fuͤrſtlichen Amtes, ihre Gebiete gegen Gefahren ſicher zu ſtellen und gegen die drohenden Feinde mit Kraft zu vertheidigen. Zur Zeit des Krieges alſo trat der Reiks jeder Zeit an die Spitze ſeines Kriegsvolkes. Als Heeroberſter hieß er der Hauptmann oder Fuͤhrer ). Zuweilen fand auch, wie es ſcheint, eine Wahl der Kriegsfuͤhrer Statt, vielleicht wenn der Reiks von der Kriegsfuͤhrung abgehalten ward oder ſonſtige Verhaͤltniſſe eine ſolche Wahl nöthig machten 2). Gewoͤhnlich mag ſolches geſchehen ſeyn, wenn mehre Land— fchaften ihre einzelnen Heerhaufen zu einem großen Kriegs- heere zuſammenthaten und ein gemeinſamer Oberanfuͤhrer der geſammten Kriegsmacht erkoren werden mußte. Dann 1) Dusburg in den fruͤher erwähnten Stellen bedient ſich immer nur der Nusdruͤcke Capilaneus und Dus; P. III. c. 85 verbindet er die Worte Capitanei et Duces exercitnum. 2) Wenn es bei Dusburg P. III. c. 84 von den Bewohnern der verſchiedenen Landſchaften heißt: in Capitaneos et Duces sui exerci- tus elegerunt, fo ſcheint dieſes allerdings auf eine ſolche Wahl hinzu⸗ deuten. Allein in dieſem Falle iſt die Sache ſehr zweifelhaft; denn wo⸗ her wußte Dusburg in ſeiner Zeit etwas Gewiſſes von dieſer Wahl und wer ſah um die Zeit dieſes Ereigniſſes ſelbſt ſo ſicher in das Innere Preuſſens und in den Zuſammenhang der Verſchwoͤrung zum Abfalle vom Orden hinein?

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Kriegsverfaſſung und Kriegsart. 52 wurden, wenigſtens in ſpaͤterer Zeit, wohl ſelbſt auch fremde Fuͤrſten zu oberſten Anfuͤhrern der Heere gewählt; fo geſchah es einſt bei Herzog Suantepole von Pommern ); fo bei dem Fuͤrſten Wizlav dem Dritten von Rügen ). Stand der Kriegsoberſte oder der Reiks an der Spitze feiner Heer- ſchaar, jo hatte er in allem, was den Krieg betraf, völlig unumſchraͤnkte Gewalt und kein Beiſpiel ſpricht dafuͤr, daß je eines Griwen Macht und Wirkſamkeit die des Anfuͤh⸗ rers beſchraͤnkt habe ). Außer den Reiks aber ſtanden oͤfter auch die Edlen der Landſchaften, tapfere und entſchloſſene Maͤnner aus dem Stande der Vornehmeren an der Spitze einzelner Kriegs— haufen. Bei großen Heeren fuͤhrten ſie unter des Reiks Oberbefehl wahrſcheinlich die einzelnen Abtbeilungen der Kriegsmacht. Doch traten ſie oft auch ganz unabhaͤngig mit einem eigens geſammelten Heerhaufen auf?) und zo— gen auf eigene Hand gegen den Feind des Vaterlandes, oder es thaten ſich auch wohl mehre ſolcher Edlen mit ih— ren Schaaren zufammen ), den Feind in ihrer Landſchaft belaͤſtigend, bedraͤngend und bekaͤmpfend, wie und wo ſie konnten, oder fie fielen pluͤndernd und verheerend in die feindlichen Gebiete ein. An eigentliche Kriegskunſt aber war bei allen dieſen Kriegsoberſten in einem Volke, wel: ches ſeit alter Zeit den Krieg ſo wenig betrieben hatte, S 1) Dusburg P. III. c. 34: Congregati ergo Prutheni omnes, quasi Vir unus ei idem Sventopelcus factus feil Dux ci Capitaneus eorum. 2) Dusburg P. III. c. 222. 3) Man hat aus dem Vorfalle, deſſen Dusburg P. III. c. 86 ers wähnt, ſogar beweiſen wollen, daß ſelbſt die Prieſter⸗Beſchluͤſſe von den Kriegsoberſten zuweilen umgangen werden durften; daruͤber Präto: rius Schaubuͤhne S. 1203. 4) Dusburg P. III. c. 7 5) Dusburg P. III. c. 23. 26: Omnes poliores VVarmiad, Nat- tangiac et Barilae et alii ad bellum apti convenerunt; c. 133: Duo Nobiles et polentes Stumo et Stulze cum magno exereitu venerunt ante Balgam.

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528 Kriegsverfaffung und Kriegsart. ſchwerlich zu denken. Kuͤhnheit, Tapferkeit, Liſt, Verſchla⸗ genheit und Ausdauer waren ſtets die Haupttugenden ei⸗ nes ſolchen Befehlshabers und hierin ſuchte er ſich vor den Augen des angefuͤhrten Heerhaufens beſonders auszu⸗ zeichnen ). So wenig der Anfuͤhrer eines Heerhaufens eigentliche Kenntniſſe im Kriegsweſen beſaß, ſo wenig war auch das Kriegsvolk ſelbſt in der Waffenkunſt geübt. Nur eine ge⸗ wiſſe Naturgabe gab für jenen, wie für dieſes die Rich⸗ tung zur Anwendung der Kraft. Dieſes Kriegsvolk aber bildeten zur Zeit großer Gefahren die geſammten wehrhaf⸗ ten Maͤnner einer Landſchaft und ihre geſammte Zahl hieß die Kriegsmacht oder das Heer des Reiks, auch wenn es nicht verſammelt war?). Wie lange jene Wehrmannſchaft der Vidivarier oder der Witen-Wehren beſtanden und ſtets geruͤſtet die Graͤnzen verwahrt und bewacht habe, iſt nicht beſtimmt zu fagen; fie dürfte ſich aber wohl aufgelöft und in die Bewehrung des ganzen Landes gewiſſermaßen ver— loren haben, als die Reiks in ihren Landſchaften als un: abhängige Fuͤrſten auftraten. Wenn aber der Reiks eines Landes das Kriegsgebot ergehen ließ, fo mußte jeder Wehr- bafte auf dem Tage und an dem bezeichneten Waffenplatze erſcheinen; jeder mußte für Haus und Heerd, für Vater⸗ land und Fürſten kaͤmpſen. Daher ift es auch wohl glaub- lich, daß die Kriegsheere der Preuſſen, ſelbſt wenn die Wehrmannſchaft nur aus einer einzigen Landſchaft verſam⸗ melt war, oft ſehr bedeutend und zahlreich waren ). Es wird berichtet, das volkreiche Samland habe eine Heerſchaar 1) Von Pyopſo, dem Hauptmanne der Warmier, heißt es bei Dusburg P. III. c. 20: Quia caput fun aliorum, ipse ut Dux belli prae aliis in praclio se voluit ostentare. 2) Dusburg P. III. c. 20: Congregata omni potentia exerci- tus sui; c. 72: congregata magna exercitus sui potentia; c. 85: Capilanei et Duces exercitaum statuerunt diem certum ad hoc, ut ommes convenientes in armis. 3) Dusburg ſpricht ſehr oft von den ſehr ſtarken Hecren der Preuſſen; fo P. III. c. 11. 23. 54. 72. 90. 112,

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Kriegsverfaſſung und Kriegsart. 529 von 4000 Reitern und 40,000 Fußkaͤmpfern ſtellen koͤnnen ), indem aus einem einzigen Dorfe des Gebietes von Bethen, wo die Zahl der waffenfaͤhigen Kriegsleute beſonders ſtark war, eine Schaar von 500 ſtreitbaren Maͤnnern auftreten konnte ). Sudauen hatte eine Kriegsmannſchaft von 6000 Reitern und eine unzaͤhlige Schaar von Fußvolk ). Na⸗ drauen ſoll uͤberhaupt 60,000, Natangen 56,000, Ermland 60,000, Pomeſanien 80,000, das Hochland 44,000, Galin⸗ dien 16,000 und Schalauen 32,000 haben aufbieten koͤn⸗ nen ). Bei einer Heerſchau der geſammten Preuſſiſchen Kriegsmacht ſoll der Reiks von Sudauen feine Kriegerzahl 16,000, der von Samland die ſeinige 12,000, der von Nadrauen die ſeinige 11,000, der von Schalauen die ſei⸗ nige 9000, der von Natangen die feinige 14,000, der vom Barterlande die ſeinige 14,000, der vom Hochlande die ſeinige 10,000, der von Galindien die ſeinige 4,000, der von Warmien die ſeinige 15,000 und der von Pome— ſanien die ſeinige 20,000 Mann ſtark gefunden haben 5). Demnach würde laut jener erſtern Nachricht Preuſſens ge= ſammte Kriegsmacht über 400,000 Mann und nach dieſer Muſterung gegen 125,000 Mann betragen haben. Laſſen ſich immerhin gegen dieſe Angaben bedeutende Zweifel er- heben, die ſelbſt dann auch nicht zu loͤſen find, wenn man alle waffenfaͤhigen Maͤnner des Landes mit in die Schaar 1) Dusburg P. III. c. 3: Sambia populosa et opulenta poluii hhabere quatuor millia equitum et XL millia Pugnatorum. 2) Dusburg c.103: In terra Sambiae est quoddam territorium dictum Beihen, in quo homines feroces habitabant et adeo poten- tes, quod de una villa quingenti viri ad bellum habiles poterant procedere. 3) Dusburg c. 3. 4) Diefe Angaben liefert freilich nur Praͤtorius in ſ. Schaubuͤhne S. 1206; zwar wie es ſcheint aus Brettchens Chronik, allein es iſt an ihrer Richtigkeit wohl ſehr zu zweifeln. 5) So giebt die Zahlen Lucas David B. II. S. 18 aus Pol: niſchen Chroniſten an; aber auch hier bleibt manchem Zweifel Raum. I. 34

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530 Kriegsverfaſſung und Kriegsart. der Krieger zaͤhlt ); ſo mag doch ſo viel wohl gewiß ſeyn, daß die Kriegerzahl aus allen Landſchaften Preuſſens aller⸗ dings immer ſehr bedeutend geweſen und daß es keine Land— ſchaft gab, welche nicht wenigſtens an 2,000 Reiter und eine große Schaar Fußvolkes zum Kampfe ſtellen konnte 2). Oft kaͤmpfte nur die Kriegsmacht einer Landſchaft al⸗ lein unter der Fuͤhrung ihres eigenen Reiks fuͤr eigenes Haus und Heerd ). In den früheren Kämpfen mit Polen war, wie es ſcheint, dieſes immer der Fall. Nachmals aber traten auch nicht ſelten die Wehrmannen aus mehren Land- ſchaften zu einem gemeinſamen Heere zuſammen oder es bildeten die Kriegsſchaaren verſchiedener Landſchaften auch abgeſonderte Heere, die aber gemeinſchaftlich und nach einem einverſtandenen Plane handelten ). Nie aber findet ſich ein Beiſpiel, daß Preuſſens geſammte Kriegsmacht und die Wehrmanneien aus allen Landſchaften zum Kampfe ge- gen den Feind ausgezogen waͤren. Die Kriegsmacht uͤberhaupt beſtand aus Reiterei und Fußvolk ). Dieſes letztere bildete des Heeres eigentliche Staͤrke; deshalb bediente man ſich ſeiner auch vorzuͤglich bei Belagerungen und zum feſten und ſtaͤtigen Kampfe „). Die Reiterei benutzte man zu ſchnellen Streifzuͤgen, zur 1) So moͤchte ſich an der Richtigkeit jener Zahlen zweifelnd fragen laſſen: ob es den Preuſſen denn wohl auch möglich war, fo große Zah— len wirklich zu zählen? Wenn fie nach Dusdurg P. III. c. 5 eine kleine Zahl von Tagen auf eine ſo unbehuͤlfliche Weiſe durch Knoten⸗ ſchuͤrzen bezeichnen mußten, fo ſcheint jenes keineswegs der Fall ge: weſen zu ſeyn. 2) Das Wahre mag alſo ſeyn, was Dusburg P. III. c. 3. ſagt: Vix aliqua istarum nationum ſuit, quae non haberet ad bellum duo millia virorum equitum, et multa millia pugnaiorum. 3) Dusburg P. III. c. 99. 112. 119. 4) Dusburg P. III. c. 72. 85. 89. 5) Dusburg unterſcheidet fie meiſtens durch die Ausdrucke Equi- tes und Pugnatores. Dieſe letzteren find bei ihm immer Fußvolk. Doch gebraucht er für dieſes auch das gewoͤhnliche Wort Pedites. Hartknoch A. und N. Preuſſ. S. 227. 6) Dusburg c. 100. 112.

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Kriegsverfaffung und Kriegsart. 531 Pluͤnderung, zum plößlichen Ueberfalle des Feindes u. f. w. ). Wer geſetzlich zu Fuß ſtreiten konnte und wer zu Roß erſcheinen mußte, wird uns nirgends geſagt; gewiß aber entſchieden hiebei Stand und Vermoͤgen das Meiſte. Der Waffen Gebrauch war nach den Zeiten verſchieden. In den fruͤheſten Jahrhunderten waren eiſerne Waffen fel: ten und ungewoͤhnlich. Die Aeſtier kannten als uͤbliche Waffen nur Keulen ). Die Wenden hatten auch Schilde. Weil damals das Volk wenig Krieg fuͤhrte, ſo blieben die Waffen lange Zeit noch einfach, roh und unausgebildet. Man gab der Keule nachmals dadurch eine noch ſtaͤrkere Wirkung, daß man ſie vorne mit Blei beſchwerte, um den Schwung zu vermehren 3). Es gehörten zwei Gattungen der⸗ ſelben zur Ruͤſtung, eine lange Streitkeule, deren jeder Streiter nur eine trug, und kleinere Wurfkeulen, deren jeder Wehr⸗ mann ſechs bis acht oder auch mehre in einem Gürtel um den Leib bei ſich hatte “). Den ſicheren Wurf mit dieſer Waffe uͤbte man zum Spiele in Friedenszeiten, Juͤnglinge am meiſten ), War die Wurfkeule geworfen, ſo griff der Streiter zur Steinſchleuder, zu ſeinen ſpitzgeſchaͤrften Wurf⸗ ſteinen oder er ging mit ſteinernen Streithaͤmmern und 1) Dusburg P. III. c. 138. 2) Taeit. German. c, 45. Das: rarus ferri, frequens ſustium asus, ſchließet freilich andere Waffenarten nicht ganz aus. Die Keule aber war uͤberhaupt eine allgemeine beliebte Streitwaffe der aͤlteſten Gothen. Nach Ammian. Marcellin. LXXXI. c. 7. bedienten ſich die Gothen der clavae praeustae gegen die Römer. Loceenius Antiquit. Suco-Goth. L. III. c. 2. 3) Lucas David B. I. S. 44 Nur auf die früͤheſten Zeiten paßt die Nachricht des Lucas David, daß die Preuſſen keine andere Waffen gekannt hätten, als dieſe Keulen. S. die Ordenschronik bei Baczko B. I. S. 242. 4) Lucas David a. a. O. Hartknoch A. und N. Preufl- S. 224. 5) Diefe uebung will Prätorius (. Schaubuͤhne S. 258) noch zu ſeiner Zeit unter den Nadrauern gefunden haben. Er beſchreibt fie in der ihm eigenen Weitſchweiſigkeit genauer. 34 *

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532 Kriegsverfaffung und Kriegsart. Streitärten zum handgemeinen Kampfe. Die letzteren hatte man von Stein und Eiſen ). Auch Wurfſpieße waren den Preuſſen ſchon früh bekannt 2). Die übrigen Waffen⸗ arten kamen vorzuͤglich erſt durch die Kriege mit den Po⸗ len in Gebrauch. Bei dieſen ſollen ſie zuerſt das Schwert kennen gelernt haben ); ſahen fie dieſes aber nicht viel⸗ leicht ſchon früher bei den Dänen und in ihren ſuͤdlichen Kaͤmpfen? Gegen die Polen bedienten ſich die Preuſſen auch ſchon vergifteter Wurfgeſchoſſe und es ſcheint, daß ſolche bei ihnen auch ſonſt ſchon uͤblich geweſen ). Erſt ſpaͤter findet man in ihren Kriegen auch den Gebrauch der Schilde und der Lanzen, welche letzteren zum Angriffe auf feindliche Reiterei dienten. Zur Zeit des Kampfes gegen die Ritter des Deutſchen Ordens ſcheint dieſe Waffe die gewöhnliche geweſen zu ſeyn ). Die Armbruſt ſollen die Preuſſen erſt waͤhrend ihres Kampfes mit dem Deutſchen Orden kennen gelernt haben , wiewohl es auffallend wäre, 1) Die Alterthuͤmer⸗Sammlung des geh. Archivs zu Königsberg beſitzt ihrer eine ziemliche Anzahl von verſchiedenen Formen und viele ſind im Lande noch zerſtreut in den Händen der Finder. Die dem Nor⸗ den eigenthuͤmliche Streitaxt findet ſich auch in Dänemark und Schwe⸗ den noch zur Zeit Waldemars I. Saxo Grammat. p. 296. Ruͤhs B. I. S. 47. 2) Schon von dem Prieſter, der den heil. Adalbert ermordete, heißt es in der Vita S. Adalberli ap. Canis p. 353: Totis viribus ingens jyaculum movens. 3) Zur Zeit Caſimirs J, als die Preuſſen dem Maſovier Mjeslav als Huͤlfsvolk dienten, war die Polniſche Spata im Gebrauche. Kad- Aubeck ed. Gedan. p. 14 fagt: spata est gladius ab utraque parte acutus, quae vulgariter szabla (Sobel) dicitur. 4) Kadlubeck L. III. ep. 21. p. 375 führt es als etwas Beſon⸗ deres an, daß ſich die Preuſſen der vergifteten Geſchoſſe im Kriege ge⸗ gen Boleslav von Polen nicht bedient hätten, wie fie ſonſt zu thun pflegten, — nec venenatis, ut alias assolent, jaculantur spiculis. — unter spiculis ſind hier wohl offenbar vergiftete Wurfſpieße ge⸗ meint. 5) Dusburg P. III. c. 54. 65. 165. 6) Dusburg P. III. c. 100 erzählt das Ereigniß, bei welchem die

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Kriegsverfaſſung und Kriegsart. 533 wenn ſie dieſe Waffenart nicht ſchon fruͤher in ihren Krie⸗ gen mit den Polen, mit den Daͤnen, den Kreuzbruͤdern, und mit den Rittern des Dobriner-Ordens geſehen und ihre Benutzung erprobt haͤtten. Und haͤtte nicht außerdem der Handel ihnen dieſe Waffe auch fruͤher ſchon bekannt machen koͤnnen )? War das Kriegsgebot ergangen, die Wehrmannſchaft mit dieſen Waffen geruͤſtet am beſtimmten Orte verſam⸗ melt und alles zum Auszuge gegen den Feind bereit, ſo ging man zuvor noch zu dem Rathe der Götter, denn es war loͤbliche Sitte im Volke, in allem, was man Wichti⸗ ges begann, durch ein uͤbliches wahrſagendes Loos der Göt- ter Willen und Rath Über Erfolg und Ausgang zu befra⸗ gen ). Der Gebrauch war folgender. Man bemühte ſich, noch vor dem Auszuge aus dem feindlichen Heere oder aus deſſen Lande einen Gefangenen zu erhalten. Sobald man einen ſolchen bekommen, feſſelte man ihn an einen Baum — doch nie an eine Eiche — und ſchoß nahe ſtehend einen Pfeil oder Spieß in ſein Herz. Wenn nun ſogleich das Blut heftig und reichlich hervorquoll, ſo erfreute das Heer ein gluͤckdeutendes Zeichen, denn es galt dieſes als Beweis, Preuſſen die balista zuerſt geſehen und ſagt: alli circumstantes admi- rali fuerunt ultra modum, quid esset, quia prius talia (sc. balistam) non viderunt. Daß hier, wie im Latein des Mittelalters uͤberhaupt balista eine Armbruſt bedeuten ſoll, beweiſen andere Stellen Dusburgs, worin er dieſes Wort in eben dieſer Bedeutung braucht; z. B. P. III. c. 117: cum balista sagiltans. 1) Da alle bisherigen Feinde der Preuſſen die Armbruſt im Kriege gegen fie gebraucht hatten und dieſes Geſchoß namentlich auch den Daͤ⸗ nen wohl bekannt war — Saxo Grammat. p. 191 —, fo ſetzen wir auf das von Dusburg aufbehaltene Geſchichtchen nicht beſonderes Gewicht. 2) Dusburg P. III. d. 5. Prutheni raro aliquod factum notabile inchoabant, nisi prius missa sorte secundum ritum ipsorum a diis suis utrum bene vel male debeat eis succedere sciscitarentur. Ueber den Glauben an aͤhnliche Vorbedeutungen beim Kriege bei den Herulern Procop. L. II. p. 258 und über eine gleiche Sitte der heidniſchen Pom⸗ mern zu Arkona Saxo Grammat. p. 321. Sell B. 1. S. 62.

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534 Kriegs verfaſſung und Kriegsart. daß die Goͤtter Sieg verleihen wuͤrden. Wofern aber das Blut nur langſam und mäßig hervordrang, war Un⸗ heil bei dem Auszuge zu fuͤrchten, indem der Goͤtter Wille das Heer dann nicht begleitete ). Zog nun das Heer zum Kampfe aus, fo ſoll ein gro— ßes Kriegspanier vor ihm her getragen worden ſeyn: ein weißes Tuch an einem Speere mit den Bildern der drei Hauptgötter in blauer Farbe, oder das Bild eines von zwei Roſſen gehaltenen Schildes, auf welchem das Bruſtbild ei⸗ nes Menſchen mit einem Baͤrenkopfe und geoͤffnetem Ra⸗ chen ). Als ein anderes Panier der Preuſſen wird uns ein in zwei Haͤlften getheiltes Schild bezeichnet, auf wel⸗ chem zwei Kronen ſtanden, deren obere gerade aufrecht ſte— hend mit blauer Farbe im gelben Felde, die untere jener entgegengekehrt mit gelber Farbe im blauen Felde, beide alſo dergeſtalt geſtellt, daß die Oeffnungen derſelben einan⸗ der gegenüber ſtanden ). Auf dem einen dieſer Kriegspa⸗ niere, dem Schilde mit dem Menſchenbilde und dem Baͤ⸗ 1) Lucas David B. l. S. 47. Simon Grunau Tr. III. c. V. g. I. Henneberger de vet. Pruss. p. 20. 2) So Lucas David B. I. S. 40. Simon Grunau Tr. Il. c. V. Henneberger l. c. p. 21. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 226 — 227 zweifelt an der Wahrheit der Sache. Allein wir finden ſolche Kriegsfahnen doch auch uͤberall bei den Nachbarvoͤlkern. Bei den Pommern hieß die Heerfahne Stanitz. Saro Grammat. p. 322 fagt: Inter quas erat Stanitia magnitudine et colore insignis, cui tan- tum venerationis a populo Rugiano tributum est, quantum om- ninm pene deorum majestas obtinuit. Eam enim prae se ferentes, in humana divinaque grassandi potestatem habehant, nec quic- quam eis, quod libitum foret, illicitum habebatur. Vgl. Ditmar Merseburg. L. VI. p. 135 ed Mader und p. 151 — 152 ed. Wagner. Auch in Skandinavien waren Kriagspaniere die Vereinigungszeichen der einzelnen Haufen; Suhm B. I. S. 268 — 269. Ruͤhs B. I. S. 48. Warum alſo auch ſolche nicht bei den Preuſſen? Eine andere Frage aber waͤre, ob die uns uͤberlieferte Beſchreibung derſelben ganz richtig iſt? Waren vielleicht die Zeichen der Eber, deren Tacit. Germ. c. 45 bei den Aeſtiern erwähnt, etwas Aehnliches? 3) Lucas David B. I. S. 41.

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Kriegsverfaſſung und Kriegsart. 535 renkopfe, ſollen Schriftzeichen geſtanden haben, um deren Entzifferung ſich ſchon laͤngſt gelehrte Forſcher viel bemüht ). Kam das Kriegsheer in des Feindes Naͤhe, ſo nahm es den Anſturm des Gegners, wenn dieſer den Angriff be— gann, mit herzhafter Kuͤhnheit auf und focht die Schlacht tapfer durch, ſelbſt wenn ſie ſichtbar ungluͤcklich fuͤr ſeine Waffen endete 2). Oftmals aber, wenn der Feind zu mäch- tig und zu ſtuͤrmend eindrang, ergriffen die Preuſſen auch ſchnell die Flucht ). Fliehen galt nicht für ſchimpflich, ſo⸗ bald es geſchah, um das Leben fuͤr fernere Kaͤmpfe zu ret⸗ ten. Die eigentliche offene Feldſchlacht mieden ſie mehr, als fie fie ſuchten ). Darum griffen fie den zum Kampfe geordneten Feind nicht gerne ſelbſt an, ſondern zogen es vor, durch Auflauern zum ploͤtzlichen Anfalle auf den un⸗ vorbereiteten Feind guͤnſtige Gelegenheiten zu erſpaͤhen, ſich in Kluͤften, Schluchten und Waͤldern zu verbergen, um un⸗ erwartet das feindliche Heer durch Ueberfälle zu verwirren) oder es in Suͤmpfe und Moraͤſte zu verlocken und aus dem Hinterhalte hervorbrechend zu vernichten oder gefangen zu nehmen „). In ſolcher Weiſe, die auch den Slaviſchen Voͤl⸗ kern eigen war ), machten fie oft die Kriegszuͤge bedeuten⸗ der Polniſcher Heere und deren guͤnſtige Stellungen völlig erfolglos und entgingen den Gefahren des offenen Kampfes. Darum ſtanden ſie bei den Nachbarvoͤlkern auch mehr im J) Wir ſtellen die Reſultate dieſer Forſchungen in der Beilage Nro. IX. zuſammen, ſie mit einigen Bemerkungen begleitend, wodurch die Autenticität der Schriftzeichen allerdings ſtarken Zweifeln unterworfen wird. 2) Dusburg P. III. c. 26. 3) Dusburg P. III. c. 11. 17. 4) Doch heißt es einmal auch bei Dusburg 1. c: Invenerunt Pru- thenorum magnum exercitum congregatum in armis et paratum jam ad proelium. 5) Kadlubeck L. IV. c. 19. 6) Kadlubeck ed. Gedan. p. 52. Dusburg P. III. c. 67. 111. 7) Helmold. L. II. c. 13: Slavi clandestinis insidiis maxime valent. Schloͤzer Nord. Geſchichte S. 349.

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536 Kriegsverfaſſung und Kriegsart. Rufe kriegeriſcher Kuͤhnheit und kriegeriſcher Liſt, als krie⸗ geriſcher Tapferkeit. Wollte daher der Gegner das Kriegs⸗ volk der Preuſſen mit Erfolg bekaͤmpfen, ſo mußte er mit ihrer eigenthuͤmlichen Kriegsart bekannt ſeyn ). Der Unerfahrene ward leicht durch verſtellte Flucht von ih⸗ nen getaͤuſcht, aus dem Hinterhalte uͤberfallen und dann vernichtet ). Gerne ſammelten ſich auch große Kriegshaufen zum bloßen Pluͤnderungskriege oder zu raͤuberiſchen Einfällen in Feindes Land. Ein Vornehmer raffte eine Schaar zu⸗ ſammen, trat als Führer an ihre Spitze, brach ins feind⸗ liche Gebiet ein, raubte was er fand, verwuͤſtete das Land durch Feuer und Schwert und kehrte mit der Beute in die Heimat zuruͤck ). Solche Raubluſt war urſpruͤnglich nicht in der Preuſſen Natur; fie war von ihren Feinden zu ihs nen uͤbergegangen und ward auch ſtets nur gegen dieſe geübt. In der Vertheidigung ihrer Landesburgen bewiefen fie ſich eben ſo tapfer und beharrlich, als geſchickt und umſich⸗ tig in deren Anlage. Am liebſten erbauten ſie ſolche theils auf natuͤrlichen oder aufgeſchuͤtteten Anhoͤhen zu Wehr und Schutz der Graͤnzen, theils an Fluͤſſen, Seen und Moraͤſten, alſo daß gemeinhin ſchon die Beſchaffenheit des Ortes und deſſen naͤchſte Umgebung erwuͤnſchte Sicherheit gab und die Vertheidigung erleichterte. Dieſe Burgen, durch Waͤlle und Graben umſchloſſen, oft von mehren Seiten mit Waſſer umgeben, zuweilen an großen Waldungen liegend und fuͤr friedliche Zeiten auch zur Bewohnung eingerichtet, ſcheinen meiſt nur von Holz erbaut, die Waͤlle mit einem Palliſa⸗ 1) Herzog Suantepolc und fein Bruder Sambor gewannen nach⸗ mals den Sieg an der Sirgune, weil fie experti in bello Pruiheno- rum vias circa indagines cum suis armigeris occupaverunt. Dus- burg P. III. 11. 2) Dusburg P. III. c. 133. 3) Annal. Monast. Oliv. p. 11. Dusburg P. II. c. 3. III. c. 72. 119.

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Kriegsverfaſſung und Kriegsart. 537 den⸗Werke bewehrt) und der Zugang nur von einer Seite moͤglich geweſen zu ſeyn ). Außerdem gab es im Lande auch Wehren oder Befeſtigungen, die in bloßen Verſchan⸗ zungen durch Waͤlle und Graben beſtanden, in welchen die Kriegsmannſchaft beim ſtarken Andrange des Feindes ſich vertheidigte und des Gegners Vorruͤcken hinderte). In dringender Noth dienten jedoch dieſe Wehrſchanzen auch zur Bewohnung ). Zur Belagerung der Burgen des Feindes ſchritt man ſtets mit einer ſtarken Kriegsmacht ), ſo daß ſie rings um⸗ zingelt werden konnten und den Belagerten jeder Ausgang unmöglich gemacht ward ). Zur Vernichtung der feind- lichen Burgen bediente man ſich, wenigſtens zur Zeit des Kampfes mit dem deutſchen Orden, auch ſchon mehrer Be— lagerungsmaſchinen ). Gerne errichtete man in der Naͤhe 1) Daher konnten dieſe Burgen eben fo leicht und ſchnell aufge baut werden, als fie leicht und ſchnell verbrannt wurden; Dusdurg P. III. c. 7. 14. 26. 73. 74. etc. 2) Davon uͤberzeugen an vielen dieſer alten heidniſchen Befeſtigun⸗ gen die noch jetzt vorhandenen Spuren, wje bei Schippenbeil, am Pill⸗ berge unfern von Koͤnigsberg u. a. 3) Dusburg unterſcheidet in vielen Stellen Castra und Propug- nacula, z. B. P. III. c. 14. 18. 22. 23. 26. Unter den propugna- culis ſind in der Regel bloße Wehrſchanzen zu verſtehen, obgleich Dus⸗ burg im Gebrauche dieſes Wortes in dieſer Bedeutung ſich nicht immer ganz gleich geblieben zu ſeyn ſcheint. Schon in fruͤheren Zeiten fielen die vielen Burgen im Lande den Fremdlingen auf; ſo dem Seefahrer Wulfſtan und auch Dusdurg P. III. c. 3. ſagt noch: Quaelibet ista- rum gentium habebat multa castra et firma, Wenn daher Martin. Gallus p. 91 ſagt: Terra illa lacubus et paludibus est adeo com- munita, quod non esset vel castellis vel civitatibus sic munita, fo darf man dieſe Stelle nicht, wie geſchehen iſt, ſo verſtehen, als laͤugne hiedurch dieſer Chroniſt das Daſeyn der Caſtelle. 4) Bei Dusburg P. III. c. 7 heißt es wenigſtens von dem edlen Pomeſanier Pipin: Circa stagnum, quod a nomine suo dicitur stag- num Pipini, habitabat in quodam propugnaculo, cum multis inſi- delibus latrocinia exercens. 5) Dusburg P. III. c. 20. 21. 23. 110. 6) Dusburg P. III. c. 23. 90. 7) Dusburg P. III. c 89. 112. 113. 114. 117.

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338 Kriegs verfaſſung und Kriegsart. der belagerten Burg ſtarke Wehrſchanzen zu eigener Si⸗ cherheit, wenn der Feind etwa Ausfälle wagte ). War man durch ſolche gegen den Angriff des Feindes geſichert, fo ward dann die Beſtuͤrmung der feindlichen Burg mit fol- cher Hitze begonnen und mit ſolcher Ausdauer fortgeſetzt, daß ſelten ein Tag ohne Kampf voruͤberging ). — Größere Landſtrecken, beſonders Waldungen, die man gegen das Ein— dringen des Feindes zu vertheidigen ſuchte, bewehrte man durch ſtarke Verhaue, hinter welchen ſich die Kriegsmann⸗ ſchaft zum Gegenkampfe aufſtellte *). Kehrte das Heer, durch Sieg erfreut, in die Heimat zuruͤck, fo brachte man gerne einen der vornehmſten Gefan⸗ genen den Göttern zum Opfer dar). Schon den Gothen war dieſe Sitte eigen, da ſie meinten, die Goͤtter durch Blut gefangener Feinde am leichteſten verſoͤhnen zu koͤn⸗ nen ). Hiezu entſchied das Loos unter den Vornehmſten der Gefangenen. Welchen ſolches traf, den band man in — 1) Dusburg P. III. c. 90. 93. 113. 114. 115. Meiſt waren es drei Wehrſchanzen und drei Belagerungsmaſchinen, welche bei einer Be: lagerung gebraucht wurden. 2) Dusburg P. III. c. 117. 3) Indagines nennt ſolche Verhaue Dusburg P. III. c. 11. 118: Prutheni vallati indaginibus fortiter in primo restiterunt. Man machte durch ſolche auch Wege fuͤr den Feind ungangbar; ſo bei den Polexianern Kadlubeck L. IV. c. 19. Henneberger Landtaf. S. 413. 4) Dusburg P. III. c. 5: Post victoriam Dis suis vielimam ofſerunt. Procop. L. II. p. 261. Papſt Honorius III. fagt in einem Briefe von den Preuſſen: Captivos immolant dis suis intingentes gladios et lanceas, ut prosperam fortunam habeant in sanguine praedictorum. Raynald. Annal. Eccles. T. XIII. an. 1218. 5) Jornand. de reb. Get. c. 5: Martem Gothi semper asper- rima placavere cultura; nam victimae eius mortes fuere captorum, opinantes bellorum praesulem aptius humani sanguinis effusione placandum. Huic praedae primordia vovebantur, huic truncis sus- pendebantur exuviae. Solinus c. 24 fagt von den Nordlaͤndern über: haupt: Populis istis deus Mars est, pro sirgulacris enses coluni, homines victimas habent, ossibus adolent ignes focorum.

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Kriegsverfaſſung und Kriegsart. 539 voller Kriegsruͤſtung auf fein Streitroß, deſſen Füße an vier tief in die Erde geſchlagenen Pfaͤhlen befeſtigt waren. Dann thuͤrmte man einen ſtarken Holzftoß um und unter das Pferd, zuͤndete dieſen an und verbrannte ſo Ritter und Roß mit Waffen und Ruͤſtung den Göttern zu Ehren Y. Auch gefangene Jungfrauen, mit Blumen geſchmuͤckt, wur⸗ den den Göttern zum Opfer gebracht ). Dieſe Sitte der Menſchenopfer hatten Übrigens die Preuſſen mit den mei⸗ ſten ihrer Nachbarvoͤlker gemein ). Die Gefangenen wurden meiſt ſehr grauſam behandelt, oft jaͤmmerlich ermordet, mit ſchweren Arbeiten zu Tode gequaͤlt, ſelbſt Frauen und Kinder nicht geſchont ). Zuwei⸗ len wurden fie auch zu ewiger Sklaverei am Leben erhal: ten. Am graufamften verfuhr man mit chriſtlichen Prie— ſtern oder ſolchen, die ſonſt den Zorn des Volkes erregt hatten. So geſchah, daß man den Hals eines Prieſters zwiſchen zwei Stangen preßte, bis er ſtarb ), oder man 1) Lucas David B. I. S. 47 — 48. Dis burg P. III. c. 86. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 158. 229. Dieſelbe Sitte herrſchte nach Wigand von Marburg in Litthauen noch im 14ten Jahr⸗ hundert; doch geſchah dort die Opferung nicht immer durch Feuer, denn Wigand erzählt im Jahre 1376 von den Litthauern: Quendam fratrem captivatum alligabant ad arborem et lanceolis suis multis vulneri- bus oceisum diis obiulerunt. Ein Beiſpiel vom Feuertode erzählt Dusburg c. 331. 2) Der Papft Gregorius IX ſagt in einem Schreiben bei Ray nal an. 1232 nr. 6: Juvenes, quos capiunt, continuis et horrendis la- boribus consumendo, virgines pro ridiculo floribus coronalas in ignem daemoniis immolant; senes occidunt, pueros necant, quos- dam infigendo verubus, quosdam ad arbores allidendo. 3) Suhm Geſch. der Dänen S. 56. Schaeffer Upsal. antiqua p. 137. 149. Ruͤhs B. I. S. 40 bezweifelt die Menſchenopſer, aber mit ſchwachen Gruͤnden. Sie fanden auch bei den Slaven in Pommern Statt; Helmold. L. I. c. 52. 8.2. Von den Scrittfinnen ſagt Pro- cop. L. II, p. 261: Hosliarum potissimum homo habetur, quem brimum bello ceperint, eum Marti immolant, summo apud ipsos Deo. 4) Dusburg P. III. c. 18. 34. 35. 164. 5) Dusburg P. III. c. 85.

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540 Kriegs verfaſſung und Kriegsart. ſchnitt dem Gefangenen den Nabel aus dem Leibe, nagelte dieſen an einem Baume an und trieb dann den Unglüd- lichen mit Keulenſchlaͤgen ſo lange um den Baum herum, bis alle Eingeweide herausgewunden waren und der Menſch todt niederfiel ). Die dem Feinde genommene Beute ward jeder Zeit in drei Theile getheilt. Der erſte und auserleſenſte Theil fiel als Dankopfer den Göttern zu; den andern Theil er hielten der Griwe und ſeine Prieſter und der dritte ver— blieb den Kriegern und Ueberwindern ?). 1) Dusburg P. III. c. 65. Dieſe Strafe übte auch der Daͤniſche König Erich Ejegod an den zu den Julinern gefluͤchteten Dänen; f. Samo Grammat. p. 225. Die Slaven in Pommern verfuhren mit ihren Gefangenen auf gleiche Weiſe; Helmold. L. I. c. 52. $. 4. 2) Es iſt hierüber keine Uebereinſtimmung bei den Chroniſten. Dis- burg P. III. c. 5 giebt ohne Zweifel die richtigſte Nachricht, indem er ſagt: Omnium eorum, quae ralione victoriae consecuti sunt, ter- iam partem dicto Criwe praesentarunt, qui combussit lalia. Dem: nach geſchah alſo die Theilung in drei Theile. Nach Lucas David B. I. S. 46 theilte man in vier Theile und gab den vierten Theil de nen, die daheim geblieben waren und das Land gegen den Feind be⸗ ſchuͤtzt hatten. Eine alte mit Dusburg uͤbereinſtimmende Chronik (Mfer.) ſagt: das dritte teil vom robe gobe ſye Criwen, der is czu hant eren göten vorbrante zcu eren. S. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 229.

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Zehntes Kapitel. Der Preuſſen haͤusliches und geſelliges Leben. Sitten und Gebraͤuche. 8 Es koͤnnte viel Loͤbliches in ſeinen Sitten von dieſem Volke gefagt werden, wenn es den Glauben Chriſti hätte,” ſagt ein Chroniſt des Nordens von den Preuſſen ) und dieſe Worte erhöhen den Reiz, der immer ſchon in der Be- trachtung liegt, wie ſich ein Volk, bevor das Licht des Chriſtenthums ſein urſpruͤnglich eigenthuͤmliches Weſen ver⸗ aͤnderte, in ſeinem haͤuslichen und geſelligen Leben, in ſei⸗ nen Sitten und Gebraͤuchen ausgeſprochen, wie es die ei⸗ gene, ihm eingeborene Natur in den Verhaͤltniſſen und Ver⸗ zweigungen ſeines inneren, friedlichen Wirkens, Seyns und Denkens entfaltet und wie ſich der Menſchengeiſt in ſeinem eigenthuͤmlichen Weſen ohne fremdartigen Einfluß in ſei⸗ nem Gitten= Gemälde offenbare. Aber ſelten läßt uns die Geſchichte in ſo entfernten Zeiten das Ganze eines ſolchen Sitten⸗ und Charakter Bildes uͤberblicken; es pflegen meiſt nur einzelne Zuͤge, einzelne Umriſſe, einzelne Schatten⸗ und Lichtpunkte zu ſeyn, mit denen der Betrachter ſich be⸗ 1) Helmold. Chron. Slavor. L. I. c. 1: Multa poterant. dici de hoc populo laudabilia in moribus, si haberent solam fidem Christi.

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342 Haͤusliches und gefelliges Leben. gnuͤgen muß und ſelbſt dieſe einzelnen noch uͤbrig gebliebe⸗ nen Theile des Ganzen ſtehen nicht immer vor uns da in ihrem wahren Lichte, in ihrer hellen Farbe. Fremdlinge haben das Bild nachgezeichnet, meiſt mit unbehuͤlflicher und verwöhnter Hand, haben den alten Geiſt des Gemaͤldes verwiſcht, mißverſtanden, falſch gedeutet und in einer Weiſe entſtellt, daß es unmoglich wird, den wahren Sinn des Ganzen wieder zu erkennen. Und ſo iſt es leider auch in dieſem Theile der Geſchichte Preuſſens zur Zeit des Heiden⸗ thums. Aber ſollen wir auch hier die alten Klagen wieber- holen und den Verluſt alles deſſen bejammern, was in ewige Vergeſſenheit übergegangen iſt und nie ein Sterbli⸗ cher wieder hervorfuͤhren wird? Beſſer wir wenden uns zu dem, was uns als das Wichtigſte aus dem einſtigen Lebensbilde noch aufbehalten worden iſt. Schon in ſehr alter Zeit war Ackerbau eins der ge— woͤhnlichſten Gefchäfte der Bewohner Preuſſens und fie be⸗ trieben ſolchen mit einem Eifer und einer Emſigkeit, die ſelbſt fern herkommenden Fremdlingen ſehr merkwuͤrdig ſchie⸗ nen. So erwähnt, wie wir fahen, ſchon der Maſſilier Pytheas des fleißigen Getreidebaues in dieſem Lande und der Be⸗ nutzung des gewonnenen Ueberfluſſes zum Getraͤnke. Auch die Art, wie man in großen Scheunen die Aehren auszu⸗ dreſchen pflegte, erregte ſeine Aufmerkſamkeit, weil ſie von der Gewohnheit der Suͤdlaͤnder abweichend war ). Die Er⸗ waͤhnung der großen Scheunen aber laͤßt zugleich auch auf reichlichen Ertrag ſchließen. Des betriebſamen Ackerbaues gedenkt ferner nachmals auch Tacitus in ſeiner Schilderung der Aeſtier und erhebt deren Emſigkeit in der Feldarbeit im Gegenſatze der gewöhnlichen Germaniſchen Traͤgheit 2. Wird nun ſpaͤterhin in den Geſchichtſchreibern dieſer emſi⸗ gen Betriebſamkeit in Benutzung des Bodens zum Fruͤchte⸗ bau auch nicht weiter erwaͤhnt, ſo iſt doch nicht zu zwei⸗ 1) Strabo Rer. Geogr. L. IV. c. 3. 2) Tacit. German. c. 45.

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Häusliches und gefelliges Leben. 543 feln, daß der Ackerbau, auf welchen ſchon die Natur den Bewohner des Landes von jeher hingewieſen, auch in den folgenden Zeiten mit fleißiger Hand betrieben worden ſey ). Aber gewiß war damals der Betrieb des Ackerbaues noch hoͤchſt einſach und die friſche Kraft des Bodens erſetzte, was an Kenntniß und Kunſt gebrach. Veredelte Fruchtarten gab es in fruͤherer Zeit wenige oder keine. Es wurden Hirſen und Kuͤchengewaͤchſe gebaut, aber auch andere Fruͤchte und Wurzeln als Speiſe benutzt ). — Neben dem Acker⸗ baue ward auch Viehzucht betrieben, doch in aͤlteſter Zeit weniger, als in der fpäteren ). Daß ſich in ſolchen Be⸗ ſchaͤftigungen im Ablaufe fo vieler Jahrhunderte manches veraͤndert habe, anderes zu vollkommnerer Ausbildung ge⸗ diehen ſeyn moͤge, liegt im Fortſchreiten menſchlicher Bil⸗ dung auch ſelbſt noch heidniſcher Voͤlker. Zu Jagd und Fiſchfang lockte und trieb den Preuſſen ſchon ſeines Landes Beſchaffenheit. Jene uͤbte er aber nicht allein der Nahrung *), ſondern auch der koſtbaren Pelze wegen 5), mit denen Han⸗ del in ferne Lande Statt fand. Die großen Waldungen und Wildniſſe, mit denen damals jetzt angebaute, weite Landſtrecken noch bedeckt waren, hegten eine ungemeine Menge wilder Thiergattungen, auf welche Jagd gemacht 1) Erasmus Stella de Boruss. antiq. p. 12 fagt zwar: Terram hanc Borussi undiquaque foecundam longe lateque incolentes, p- sam tamen minime excoluere, vel ob ignorantiam rei rusticae, vel ne bonitate soli deprehensa, et ipsi ſinitimorum metui obnoxii fie- rent, indeque eliminarzntur, vel quod vicium e terra nascentibus nondum novere. Allein dieſer Scribent denkt ſich die Preuſſen in al: ler Weiſe gar zu einfältig und feig. Seine beweislos hingeworfene Behauptung hat auch ſchon Hartknoch im A. u. N. Preuſſ. S. 204 und in f. Dissertat. de re oeconom. veter, Pruss. $. 7 wider⸗ legt. 2) Strabo L. IV. c. 5. 3) Strabo J. c. fagt: Caav YpEpwv amaviv. 4) Dusburg P. III. c. 130. 5) „Pretiosos martures “, wie fie Adam. Bremens. de situ Dan. c. 227 nennt.

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544 Haͤusliches und geſelliges Leben. wurde. Zahlreich waren damals noch in den gewaltigen Wildniſſen die Geſchlechter der Auerochſen und Elendthiere ), die man zuweilen auch lebendig fing und ins Ausland, unter andern bis nach Italien hin im Tauſchhandel ver⸗ kaufte. Außerdem hauſeten in den Waͤldern auch noch Baͤ⸗ ren und wilde Pferde, und Wölfe, Luchſe, Marder und Il⸗ tiſſe waren noch weit zahlreicher als jetzt, nicht zu geden⸗ ken der damals noch viel haͤufigeren übrigen Wildarten 2). Vorzuͤglich ſorgſam gehegt wurde die Biene wegen des ſtar— ken Verbrauches des Honigs zum Meth). Die Stunden aber, welche der Mann nicht auf den Ackerbau, auf Jagd und Fiſchfang verwandte, fuͤllte er, wie die Frau, mit Flachsſpinnen und Wollenarbeiten aus)); ſonach muß im Lande auch ſchon Flachsbau und Schaafzucht betrieben wor⸗ den ſeyn )). Schon in fruͤheſter Zeit ſahen wir den Bewohner Preuf- ſens in Handelsgemeinſchaft mit dem Auslande und gerne tauſchte er ſeines Landes Erzeugniſſe gegen fremde Waaren, Muͤnzen, wollene Kleider, Schmuckſachen und dergleichen 1) Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 211, wo zugleich auch die Art beſchrieben iſt, wie die Auerochſen lebendig zu fangen waren. 2) ueber verſchiedene Thiergattungen des Nordens im Mittelalter ſ. Otheri Periplus in Langebeck Script. rer. Dan. T. II. p. 111. 3) Strabo L. IV. c. 5. HWulfstani Periplus ap. Langebeck Lee, 4) Dusburg P. III. c. 5 fagt: Mulieres et viri solebani nere, aliqui linea, aliqui lanea, prout credebant Diis suis complacere. Die Stelle iſt in den letzten Worten dunkel. Herrſchte etwa in der Wahl der Arbeit oder in der Kleidertracht ein religioͤſer Aberglaube? Oder gehoͤren vielleicht die Worte: prout credebant Diis suis compla- cere zu dem vorhergehenden Satze, der das Baden betrifft und zu welchem ſie auch weit beſſer paſſen wuͤrden? Eine alte Handſchrift des Dusburg druͤckt die Sache fo aus: Utriusque sexus Prutenorum ſila- bant. Jene Worte fehlen hier ganz. 6) Auch die Wenden in Pommern verſtanden ſchon fruͤh die Kunſt, Leinwand zu weben, und bauten ihren Flachs und Hanf ſelbſt. Vita Olton. p. 324. Sell B. I. S. 16. Hüllmann deutſch. Finanzge⸗ ſchichte im Mittelalter S. 85.

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Häusliches und gefelliges Leben. 545 Dinge um. Ein anderer Handelsbetrieb als Umtaufc ſcheint bei ihnen nie Statt gefunden zu haben, obgleich Geldes⸗ werth ſpaͤterhin ihnen nicht unbekannt blieb, denn ſie ließen Gefangene durch Geld auslöfen . Wir ſahen ſchon früher Handelsleute aus Preuſſen haͤufig zur See ſelbſt fremde Laͤnder beſuchen; man ſegelte von Samland aus nach Julin in Pommern, nach Hedaby in Schleswig; man fand Sam⸗ laͤndiſche Schiffe im Hafen von Birca in Schweden ). Es ſcheint alſo, daß man auch ſchon mit dem Baue ſolcher Schiffe und Fahrzeuge bekannt war, die ſich den Gewaͤſſern der Oſtſee anvertrauen konnten. Wenn der Fremdling den Namen Samlands nicht gar zu oft auf ganz Preuſſen aus— gedehnt haͤtte, ſo koͤnnte man nach der oͤfteren Erwaͤhnung dieſer Landſchaft in Beziehung auf Seefahrten und Handel ſchließen, daß ſich die Samlaͤnder hierin ganz beſonders ausgezeichnet. Da fie die Gefahren des Meeres ſelbſt kann— ten, ſo kamen ſie ſehr bereitwillig auch ſolchen zu Huͤlfe, die auf der See Gefahr litten oder von Seeraͤubern ver- folgt wurden ). Das ruͤhmten ſelbſt Fremdlinge von ihnen. Zuweilen wandten ſie ſpaͤterhin ihre Schiffe auch im Kriege gegen ihre Feinde und zwar mitunter in großer Zahl an). Ueberhaupt war Thaͤtigkeit im ganzen Volke eine ruͤhm⸗ liche Tugend, und Traͤgheit und Arbeitsſcheu galten für Yafter, die den Namen ſchaͤndeten. Nur das Alter befreite von des Lebens Muͤhen. Arme Greiſe wurden von Haus zu Haus verpflegt und geſpeiſt. Man fand im ganzen Lande keinen Bettler. Der Duͤrftige, der ſich durch Arbeit nicht mehr ernähren konnte, durfte frei in jedes Haus einkehren und empfing zur Sättigung, was man hatte s). Daher ward p. 276. 2) Adam. Bremens. Histor. Eecles. c. 48. 3) Adam. Bremens. de situ Dan. c. 227: Qui (Sembi) ob- viam tendunt ad auxiliandum his, qui in mari periclitamur vel qui a piratis infestantur. Bredow Carl d. Gr. S. 37. 4) Dusburg P. III. c. 97. 5) Dusburg P. III. c. 5: Nullus inter eos permittitur mendi- I. 35

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546 Haͤusliches und geſelliges Leben. wie bei den nachbarlichen Pommern auch in Preuſſen ſelten Diebſtahl veruͤbt, und wenn Speiſen oder Getraͤnke heimlich oder mit Gewalt entwendet wurden, ſo entſchuldigte man ſolches leicht mit dem Vorwande der Gaſtfreundſchaft ). Nichts galt heiliger, als dieſe den Nordlaͤndern allgemein eigene Tugend e). Den Fremdling, der bei ihnen als Gaft einſprach, betrachteten ſie als ein von ihren Goͤttern zuge⸗ ſandtes Gluͤck. Konnte er bei dem Eintritte in das Haus des Wirthes Namen nennen, ſo ſtand ihm alles zu Gebote, was im Haufe war und er blieb fo lange, als es ihm ge- fiel. Den Gaſt gegen alle Gewalt und Gefahr zu ſchuͤtzen, war heiligſte Pflicht. Eine Beleidigung des Gaſtfreundes im Hauſe ward mit dem Tode beſtraft, denn ſie galt fuͤr eine Verſchmaͤhung des Geſchenkes der Goͤtter ). Man hielt es fuͤr tadelswerthe Sorgloſigkeit um den Gaſt, wenn man mit ihm am Trinkgelage nicht bis zu voller Trunkenheit geſeſſen hatte. Es war Sitte im Volke, daß man beim care; libere vadit inter eos de domo ad domum, et sine verecundia comedit, quando placel. Die Ordens-Chronik ſagt: Diſſe Prewßen hatten eyne ſolche gewonheyt, welcher under ynen arm was, der muſte nicht bettelen ym lande umbgan, ſunder aß hewten myt eynem, morgen myt dem andern und gaben yhme was von nothen was, welches wol das beſte under all yhren wercken was, ſo ſie an Inen hetten und brawchten.“ Lucas David B. I. S. 145. Dieſelbe Sitte bei den Pommern ſ. vita Otion. p. 292. Sell B. J. S. 9. 1) Helmold. L. I. c. 82. 2) Adam. Bremens. de situ Dan. c. 229 ſagt von den Nord⸗ ländern: Quamvis omnes Hyperboraci hospitalitate sint, praecipui sunt nostri Sucones; quibus est onini probro gravius, hospitium negare transcunlibus, ita ul certamen habe:nt inter se, quis dig- nus sit, hospilem recipere. Cui omnia exhihens humanitatis jura, quot illic commorari voluerit diebus, ad amicos suos illum certa- lim, per singulas dirigit mansiones. Hugo Grotius Histor. Gothor. p. 19. Ruͤhs B. I. S. 65. 3) Lucas David B. I. S. 145 — 146. Dusburg P. III. c. 3: Hospitibus suis omnem humanitatem, quam possunt, ostendunt, nec sunt in domo sua esculenta vel potulenta, quae non commu- nicent eis illa vice. Ro/alowicx L. I. c. 19.

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Haͤusliches und geſelliges Leben. 547 Trinkgelage ſich gegenſeitig zu gleichen und unmaͤßigen Por⸗ tionen von Getraͤnken verpflichtete. Kam nun ein Gaſt ins Haus, fo überreichte ihm jeder Hausgenoſſe ein gewif- ſes Maaß von Getraͤnk unter der Anmuthung, daß wenn er getrunken habe, der Gaſt daſſelbe Maaß entgegen trinke, und dieſe Darbietung ward dann ſo oft wiederholt, bis der Gaſt mit allen Hausgenoſſen, die Frau mit dem Man⸗ ne, der Sohn wie die Tochter voͤllig berauſcht waren. Das galt fir geziemende Bewirthung des Gaſtes und fuͤr erſte Pflicht der Gaſtfreundſchaft ). Dieſe Tugend der Gaſtfreund⸗ ſchaft und jene Bereitwilligkeit zur Huͤlfleiſtung gegen Un⸗ gluͤckliche beſonders auf der See hatten die Preuſſen im Auslande in guten Ruf gebracht und man ruͤhmte ſie als menſchenfreundlich und mildthaͤtig gegen Nothleidende 2). Ungereizt waren auch in der That die Preuſſen ein fried⸗ liebendes, filled und gutmuͤthiges Volk, welches in frühe- rer Zeit weder die Nachbarvoͤlker je beunruhigte, noch See⸗ raͤuberei trieb . Von jeher war der Preuſſiſche Volksſtamm ein geſun⸗ des und kraͤftiges Geſchlecht; der Koͤrperbau feſt und gedrun⸗ gen, der Wuchs gerade, hoch und ſchlank, alſo daß ſich lange Zeit die Sage von einſtigen wunderbaren Rieſenge⸗ 1) Dieſe Sitte beſchreibt Dusburg P. III. c. 5. Eine alte Chro⸗ nik (Mfer) S. 1 erzählt: „Wen yn geſte quomen, den toten ſy das beſte, das ſy mochten. Och dawchte ſy das ſye das dy geſte nicht wol betten gepflogen, wenn ſy alle nicht vol worden, das ſy ſpeyten, alſo trank eyner dem andern zeu halben und vollen und der vil und liſſen den nappe keyne ruh, her uf hon und lif her, iczunt vol, iczunt leer, alſo lange treben ſy das das weib und man alle trunkin worden, das dauchte ſy kurcze weile und große ere ſeyn. Lepner der Preuſſ. Lit⸗ thauer S. 40. 2) Adam. Bremens. c. 227 nennt fie daher auch homines hu- manissimi; Helmold. L. I. c. 1: homines multis naturalibus bonis peaediti, humanissimi erga necessilatem patientes. 3) Gewiß auch auf bie Preuſſen kann man anwenden, was Sao Grammat. p. 186 von den Slaven ſagt: Eo tempore piraticac usus nostris creber, Slavis perrarus exstitit, 33 *

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548 Haͤusliches und geſelliges Leben. ſtalten unter dem Volke erhalten hat ). Wohl mag die Größe und Feſtigkeit des Koͤrperbaues ein Erbtheil der Ab⸗ ſtammung und eine Folge des Klima's ſeyn. Der Norden erzeugte uͤberhaupt von jeher große und kraͤftige Menſchen⸗ geſtalten ). Die Gothen aber, der Preuſſen Urvaͤter, zeich— neten ſich vorzuͤglich durch Groͤße und Kraft ihrer Koͤrper aus ). Abhaͤrtung und Einfachheit der Lebensweiſe ſicherte ſeſte Geſundheit und verlieh lange Lebensdauer und noch in ſpaͤterer Zeit war beſonders bei des Volkes weniger mit Fremdlingen vermiſchten Zweigen in Samland, Nadrauen und Schalauen ein Alter von mehr als hundert Jahren eine nicht ungewöhnliche Erſcheinung ). Der feſten Geſundheit Zeuge, die Farbe des Geſichtes war roth und friſch, das Auge blau, das Haupt ſtark mit goldfarbigen langgewach⸗ ſenen Haaren bedeckt ): alles Kennzeichen der alten Vers 1) Prätorius in ſ. Schaubuͤhne S. 142 redet in einem langen Kapitel von den Rieſen in Preuſſen. Auch die fruͤheren Chroniſten ſpre⸗ chen hie und da von außerordentlich großen, rieſenartigen Menſchen in Preuſſen; fo nennt Dusdurg P. III. c. 148 einen virum longissimum, qui plus quam ab humero et sursum omnes alios in longitudine excedebat; das aber war freilich auch eine befondere Ausnahme. Vgl. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 81 — 82. 2) Vitruo. L. V. c. 1 ſagt von den Nordlaͤndern: Sub septem- trionibus nutriuntur gentes immanibus corporibus, candidis colori- bus, directo capillo et ruſo, oculis caesiis, sanguine multo, quo- niam ab humorum plenitate coelique refrigerationibus sunt confor- mati. Auch Plin. II. N. L. II. c. 78 ertheilt den Nordlaͤndern über: haupt proceritatem corporum. Tacif. German. c. 4.20. Paul Mar- nefrid, L. I. c. I erklart: Septentrionalis plaga, quanto magis ah aestu solis remota est ct nivali frigore gelida, tanto salubrior cor- poribus hominum et propagandis est gentibus magis coaptata. 3) Isidorus Cbron. p. 371 ed. Hugo Grot. ſagt von ihnen: Robore corporis validi, staturae procerilate ardui habituque con- spicui. 4) Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 82 — 83. 5) Adam. Bremens. de situ Dan. c. 227 nennt die alten Preuſ⸗ fen homines caeruleos, facie rubra et crinitos. Helmold. L. I. c. 1. Tucit. Germ. c. 45 ertheilt den Aeſtiern ritus habitusque Suevornm; ef. c. 4. 38.

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Häusliches und gefelliges Leben. 549 wandtſchaft mit nordgermaniſchen Völkern; fonft die Kör- perfarbe blendendweiß, wie bei allen Nordlaͤndern ). Der Bart blieb ungeſchoren und galt für des Mannes Schmuck). Die Kleidung war einfach und ſchlecht in der Art, wie noch jetzt bei dem gemeinen Volke im Polniſchen Litthauen >). Auf reichliche und koſtbare Kleider legte man keinen ſonder⸗ lichen Werth; auch wechſelte man ſelten; man trug das näm= liche Kleid Tag für Tag und im Anzuge herrſchte Sorg⸗ loſigkeit)). Ein enger Rock, bei Aermeren von Leinwand, bei Reicheren von ſchlechtem weißen Tuche, durch einen ledernen Guͤrtel zuſammen gehalten, reichte bis an das Knie. Hals, Bruſt und Kopf blieben im Sommer unbedeckt; nur im Winter erwaͤrmte den letzteren eine Muͤtze von Pelz⸗ werk); dann ſchuͤtzten überhaupt Thierfelle gegen die Kälte‘). Den Unterleib bis an die Fußknoͤchel bedeckten weite Bein⸗ kleider, den Fuß rauhes Leder oder zuſammengeheftetes Baumbaſt ). — Nicht minder einfach war die Bekleidung der Frauen. Ein langes linnenes Kleid von bleigrauer Farbe reichte bis an die Knoͤchel und ließ Bruſt und Arme 1) Plin. H. N. L. II. c. 78. Füruwo. I. c. Procop. Ilisior. Vandal. L. I. p. 5. ſagt von den Gothen: Neque alio ii, praeterquam nomine, diſſerunt; candidi corpore omnes, comas rutili, proceri, pluchra facie. Vgl. andere Quellen bei Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 77. 2) Vita S. Adalb. ap. Surium p. 837. 3) Lepner der Preuſſ. Litthauer S. 62 —- 63. 4) Dusburg P. III. c. 5: Vestes superfluas aut preciosas non curabant nec adhuc curant, sicut quis hodie ipsas exuit, ita eras induit, non attendens, si sint transversae. Ordens-Chron. S. 20. 5) Lucas David B. 1. S. 61 — 62. Eben fo bei den Schwe⸗ den, Ruͤhs B. I. S. 64; bei den Wenden, Sell B. I. S. 16; bei den Litthauern, Lepner S. 63. 6) Tacit. Germ. c. 40 von den Finnen vestitui pelles. Adam. Bremens. d. s. D. c. 227. Hartknoch A. u. N. Preuff. S. 203. 7) Ovid fagt von den Gothen: Pellibus et sutis arcent mala frigora hraccis. Die Litthauiſche Fußbekleidung kommt der altpreuſſi⸗ ſchen wohl am ähnlichften. Die Litthauer nennen die baſtenen Schuhe paveskai. Preuſſ. Tempe Quart. IV. S. 797.

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550 Haͤusliches und geſelliges Leben. unbedeckt. So beſtand alſo gemeinhin die Kleidung des Volkes aus des Landes Erzeugniſſen. Doch tauſchte man auch auslaͤndiſches Tuch gegen Pelzwerk ein, bis man es ſelbſt zu verfertigen lernte ). Von jeher mögen die Vor⸗ nehmeren, beſonders die Heerfuͤhrer und Reiks ſich beſſer gekleidet haben, als das gemeine Volk. Zur Zeit der Kriege mit dem Herzoge von Maſovien waren ſie es wenigſtens, die von ihm auch ſchoͤnfarbige Kleider als Tribut und Frie⸗ denspreis verlangten ). Man tauſchte auch gerne fremdes Schmuckwerk im Aus⸗ lande ein. Die Frauen begnuͤgten ſich nicht mit den ein⸗ heimiſchen Bernſteinſchnuͤren an Hals und Bruſt; fie ſchmuͤck— ten gerne Finger und Ohren mit auslaͤndiſchen Ringen; die Bruſt mit kuͤnſtlichen Ketten von Meſſing, die Arme mit zierlich gearbeiteten Spangen. Das Haupthaar hielt eine gebogene Haarnadel, das Bruſtkleid am Saume eine ſchoͤn gearbeitete Schnalle oder Spange, zuweilen ſelbſt von Sil— ber. Auch der Mann vornehmeren Standes verſchmaͤhte aͤhnliches Putzwerk nicht; auch er liebte an ſeinem Kleide kuͤnſtliche Schnallen und Spangen von Silber und Meſ— fing, am Halſe zierliche Ketten). Dieſe Metalle ſchaͤtzten die Preuſſen aber nur in Schmuckwerken; ſonſt hatten Gold und Silber bei ihnen fo wenig, als bei andern nachbarli— chen Voͤlkern einen beſondern Werth *); und wie dieſe hats ten auch fie ſicherlich kein eigenes Geld, da ihnen die Kunft, Metall zu Muͤnzen zu praͤgen, zur Zeit noch ganz unbe⸗ 1) Adam. Bremens. I. c. In Pommern legten Reiche und Vor⸗ nehme ſchon einen hohen Werth auf feine und koſtbare Tuͤcher. Vita S. Olion. p. 80. 2) Dusburg P. II. c. 3. 3) Von allen dieſen Einzelnheiten des Schmuckes der Maͤnner und Frauen hat ſich theils durch Sammeln und freundliche Beiträge, theils durch Aufgrabungen heidniſcher Begraͤbniſſe eine nicht unanſehnliche Sammlung im geh. Archive zu Koͤnigsberg veranſtalten laſſen. 4) Adam. Breinens. d. s. Dan. c. 227 ſagt von ihnen: Aurum, argentumque pro minimo ducunt. Helmold. L. I. c. 1.

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Haͤusliches und gefeiliges Leben. 551 kannt war). Wozu bedurfte es auch bei ihnen klingender Muͤnze, da ihr Betrieb mit fremden Voͤlkern noch aus⸗ ſchließlich nur im Tauſchhandel beſtand? Indeſſen hatten doch die fremden Muͤnzen, welche fruͤherhin durch Handel aus dem Auslande, beſonders durch die Roͤmer ins Land gekommen waren, fuͤr ſie einen eigenen Werth. Wenn ſie auch nicht zum Schmucke gedient haben moͤgen, ſo waren ſie doch immer, wie es ſcheint, Gegenſtaͤnde liebevollen An— denkens, mit denen man ſich gegenſeitig beſchenkte und die man unter dem übrigen Schmucke als Kleinode den Ber: ſtorbenen in den Grabhuͤgel mitzugeben pflegte ). Erſt in ſpaͤterer Zeit durch die Kriege mit den Polen haben die Preuſſen auch den Gebrauch und Handelswerth des Geldes mehr kennen gelernt und nach und nach in Anwendung ge— bracht 3). So ſchlicht und einfach, wie ſein ganzes Weſen, war auch das Haus, welches der Preuſſe bewohnte. Am lieb— ſten lebten des Landes aͤlteſte Bewohner in den freien Um— 1) Hieruͤber iſt bereits fruͤher geſprochen und es duͤrfte hier nur noch zu vergleichen ſeyn, was die Chron. Slavica c. XV von den Ruͤgiern ſagt: Porro autem apud Ranos non habebatur moncta, sed commulabant pro panno lineo, quoſquot volebant, aurum et argentun, quod rapinis et captionibus hominum vel undecunque acquisierunt, cultibus uxorurn impendebant aut in aerarium Dei sui conferebant. 2) Bayer de numis Roman. in Prussra repert. p. 450 ſagt: Monetae memoriae causa asservabantur et denique inter pretiosas res in tumulos inferebantur. Romani moris fuisse, pecuniam con- dere cum morluis, salis conslat. Omnium fere septentrionalium populorum, Scytharum eliam eadem consuetudo, ducta ab anti- quissimis communis religionis lemporibus ſuit. Auch bei den Gothen war ſchon dieſe Sitte. 3) Darüber ſ. oben S. 240. Die Stellen bei Du:sdurg P. III. c. 5: Uxores suas emunl pro certa summa pecuniae und Lucas David B. I. S. 40 beziehen ſich offenbar mehr nur auf einen for⸗ mellen Gebrauch, beweiſen aber doch das Vorhandenſeyn fremden Gel⸗ des. Dusburg bezieht die Sitte auch mehr eigentlich auf ſeine Zeit durch die Worte: habent Prutheni in usu adhue.

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552 Haͤusliches und gefelliges Leben. gebungen der Natur und das Haus war nur Obdach gegen Kaͤlte und unfreundliche Witterung. Darum wandte man auch nur ſo viel Kunſt und Sorgfalt auf ſeine Erbauung, als dieſer Zweck erforderte. In den aͤlteſten Zeiten ſollen des Landes Bewohner den eigentlichen Haͤuſerbau noch nicht gekannt und als rohe Soͤhne der Natur in Hoͤhlen und Schilfhuͤtten am liebſten in der Nähe der Fluͤſſe und Ströme gewohnt haben ). Wie alſo in früheren Zeiten den Sta: ven, ſo genuͤgten auch ihnen anfaͤnglich bloße Wohnungen von zufammengeflochtenen Weiden und Baumzweigen ). Ein eigentliches Nomadenleben hat das Volk, ſo viel wir wiſſen, nie gefuͤhrt; das hinderte der Ackerbau. Doch ſol⸗ len früher einzelne Landesfuͤrſten keinen feſten Wohnſitz ge— habt haben 2). Wie dieſe aber ſpaͤterhin in Burgen von Holz und Stein wohnten, ſo erbaute auch das gemeine Volk bald Steinwohnungen, in deren Mitte ein großer ausge⸗ hoͤhlter Stein zum Feuerheerde diente *), bald auch Haͤuſer aus Holz. In dem Verlangen nach nachbarlicher Mitthei⸗ lung und Huͤlfe ruͤckte man dieſe nahe an einander, und es entſtanden Doͤrfer ). In welcher Weiſe aber und unter welchen 1) Lucas David B. J. S. 11 nach der Chronik des Biſchofs Chriſtian. 2) Procop. Histor. Goth. p. 339 jagt von Slaven: Vivunt in miseris tuguriis, salis longo intervallo separati, nec ibidem diu, sed mutalis crebro sedibus. Helmold. L. II. c. 15: Nec in con- struendis aedificiis operosi sunt, quin potius casas de virgultis con- texunt, necessitati tantum consulentes adversus tempestates et pluvias. 3) Henneberger Landtaf. S. 357 berichtet es z. B. von dem Landesfuͤrſten von Pomeſanien. 4) Solche Steinwohnungen fand noch Prätorius (Schaubuͤhne S. 1322) zu ſeiner Zeit in den dunkelen Waldungen von Litthauen, Nadrauen und Schalauen; ſie waren von allen Seiten mit Moos und Erde uͤberwachſen. Eigentliches Mauerwerk mit Kalk ſcheint im Nor⸗ den uͤberhaupt in fruͤherer Zeit noch nicht bekannt geweſen zu ſeyn. Rumohr Samml. für Kunſt und Hiſtorie B. I. S. 27. 31. Vita S. Otton. p. 308. 5) Die erſte Erwähnung der Burgen und Dörfer in Preuſſen ge:

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Haͤusliches und geſelliges Leben. 553 Regeln der Ordnung die Bewohner eines Dorfes mit ein⸗ ander gelebt haben mögen, daruͤber hat uns niemand Be⸗ richt gegeben. Staͤdte kannte Preuſſen in damaliger Zeit noch nicht. Im Hauſe ſelbſt lebten bei dem Manne mehre Frauen. Das Geſetz erlaubte ihrer zwei oder drei, den Reiks und den Vornehmeren vielleicht noch mehre ). Nach der Sage ſoll Widewud verſucht haben, die Ehe mit Einer Frau im Lande zum Geſetz zu machen, nachmals aber doch drei Frauen ge⸗ ſtattet haben, von denen die eine ſtets die erſte und oberſte ſeyn ſollte ). Wahrſcheinlich bedingte die Zahl der Frauen vorzüglich der Zuſtand des Vermögens, wie bei andern Voͤlkern des Nordens ); der Aermere mag ſich meiſt mit Einer Frau begnuͤgt haben. Die Kinder wurden betrachtet als des Vaters Eigenthum und ſtanden unter feiner will- kuͤhrlichen Gewalt. Darum mußten nach alter Sitte die Töchter zur Heirath vom Vater durch ein gewiſſes Loͤſegeld freigekauft werden ). In früherer Zeit war der Kaufpreis der Braut eine gewiſſe Anzahl Vieh oder ein beſtimmtes Maaß Getreide, an deren Stelle wohl erſt ſpaͤterhin eine gewiſſe Geldſumme getreten iſt ). In der Wahl der Braut ſchieht in Mulſstani Periplus p. 121 und 122. Jene nennt der An: gelſachſe burh, dieſe tune (town). 1) Die verſchiedenen Meinungen und Angaben der Chroniſten hier⸗ über find geſammelt in Hartknoch Dissertat. de nuptüs veter. Prus- sor. 9. 2. Im Vertrage vom Jahre 1219 verfprachen bie Preuſſen dem Orden: quod duas vel plures uxores simul de caetero non ha- bebunt. Arnkiels Cimbriſch. Alterth. Th. I. S. 112. 2) Lucas David B. I. S. 21 — 23. Harıknoch I. c. Ro- jalowiez IIistor. Litthuan. p. 18. Die erſte und oberſte Frau hieß, wie es ſcheint, vorzugsweiſe die Gemahlin. Duszurg P. III. c. 75. 3) So fagt Adam. Bremens. d. s. D. c. 229 von den Schweden: Quisque secundum facultatem virium suarum duas aut tres vel am- plius simul (mulieres) habet; diviles et Principes absque numero. Ruͤhs B. I. S. 37. 4) Noch zur Zeit Dusburgs war nach P. III. c. 5 die Sitte nicht Janz untergegangen. 5) Lucas David B. J. S. 133 — 134 nennt die Preisſumme

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554 Haͤusliches und geſelliges Leben. fand gar keine Ruͤckſicht auf Verwandtſchaft Statt. Der Sohn konnte ſich nach des Vaters Tod ſelbſt mit der Stief- mutter verehelichen oder es fiel dieſe, wenn der Vater ſtarb, ſchon von ſelbſt als erkauftes Eigenthum und als ein Theil des Erbes dem Sohne zu, dem ſie als Frau dienen mußte ). Auch dem Sohne erkaufte der Vater eine Braut, ſobald jener zu dem Alter maͤnnlicher Reife kam ). Wie man in ſolcher Weiſe die Frau als Sache erkaufte, ſo war auch ihre Behandlung im Hauſe des Mannes nicht viel anders, als die einer Sklavin. Sie diente dem Hausherrn wie eine Magd, ward von ihm mit Strenge zur Beſorgung der Hausgeſchaͤfte angehalten und unterlag jeder Strafe, die ihr der Mann wegen Fahrlaͤſſigkeit und Verſaͤumniß zuer⸗ kannte. Sie aß mit ihm nicht an einem Tiſche, mußte aber jeden Tag ihm, den Gaſtfreunden und den ſonſtigen männlichen Hausbewohnern die Füße waſchen 2). Sie hatte alſo auch in Preuſſen, wie uͤberhaupt in den nordiſchen Ländern ), nicht die geringſte Bedeutung einer bürgerlichen von 10 Mark. Auch der Vertrag vom Jahre 1249 erwähnt der Sitte in den Worten: Promiserunt eliam (Prutheni) quod uullus eorum de cactero ſiliam suam vendel alteri matrimonio copulandam et quod nullus uxorem ſilio suo emet vel sibi. Dieſer Brautkauf fand überhaupt in den meiſten Laͤndern des Nordens Statt; vgl. Rühs B. I. S. 57. Anton von den alten Slaven ©. 127. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 177. Arnkiels Cimbriſch. Alterthum. Th. 1. S. 214. 4) Lucas David B. J. S. 133. Von dieſer Sitte ſagt der Vertrag vom Jahre 1249: Inter illos (Pruthenos) talis consueludo, sicut intelleximus, inolevit, qualis nec inter geules, ut videlicet uxcrem palvis sui aliquis habeat. Cum enim pater aliquam uxorem de pecunia communi sibi et ſilio emerat, hactenus servaverunt, ut mortuo patre uxor eius ad ſilium devolveretur, sicul alia here- ditas de bonis communibus comparala. Vgl. Neſtor von Schlö— zer S. 135. 2) S. den Vertrag vom Jahre 1249. 3) Dusburg P. III. c. 5: Uude servat eam sicut ancillam nec cum ca commedit in mensa et singulis diebus domesticorum et hos- pitum lavai pedes. Lucas David B. I. S. 133. 4) Ruͤhs B. 1. S. 59.

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Haͤusliches und geſelliges Leben. 555 Perſon. Doch ward ſtets die erſte der Frauen aus vorneh— merem Gebluͤte beſſer gehalten als die uͤbrigen, die auch ihr als Maͤgde dienen mußten. Unter den Heirathsgebraͤuchen waren manche ſinnig und ſchoͤn und zeugen von einem trefflichen Sinne fuͤr Haͤuslichkeit und weibliche Beſtimmung. War die Braut vom Vater erkauft und hatte der Freier ihr als Brautge— ſchenk eine Borde und einen Mantel verſprochen, ſo ver— ſammelte ſie ihre Freundinnen, Frauen und Jungfrauen und ſtimmte mit ihnen ein Klagelied an, Aeltern, Vieh und Feuer bejammernd, die ſie ungepflegt und ungewartet im Hauſe zuruͤcklaſſe. Die Freundinnen ſtimmten ein, ſie bald beklagend, bald troͤſtend ). Dann fandte der Bräuti- gam einen Wagen, die Braut heimzufahren. Wenn ſie des kuͤnftigen Mannes Graͤnze erreicht, kam ihr ein Mann ent⸗ gegen, in der einen Hand einen lodernden Feuerbrand, in der andern ein volles Trinkgefaͤß entgegenhaltend. Dreimal umrannte er erſt den Wagen; dann ihr das Getränk über: reichend, rief er der Jungfrau zu: Wie ſonſt in Deines Vaters Hauſe, ſo bewahre nun das Feuer in Deinem eige— nen. Langte der Wagen vor des Braͤutigams Hauſe an, ſo mußte der Fuhrmann, in der Preuſſiſchen Sprache Kelle— weſe genannt 2), ſich behend ins Haus flüchten und ſchnell einen Stuhl, mit blau durchwirktem Linnentuche geſchmuͤckt, ergreifen. Gelang ihm der ſchnelle Sprung, ſo war das Tuch ſein Lohn; mißgluͤckte es ihm, ſo ſchlugen die Gaͤſte, ſo viele ihrer waren, auf ihn los. Dann ward die Braut mit Ehren im Hauſe empfangen. Kelleweſe reichte ihr den I) Lucas David B. L S. 134. Von ſolchen Klagegefängen der Braut aus den altpreuſſiſchen Hochzeitgebräuchen haben ſich unver: kennbare ähnliche Spuren in den Litthauiſchen Volksliedern bis auf dieſen Tag erhalten, noch jetzt im Munde des Volkes lebend; vgl. Rheſa's Dainos oder Litthauiſche Volkslieder S. 145. 177. 181. 2) Die Benennung Kellewese oder Kellewesze läßt ſich aus dem Litthauiſchen erklaren, wo Kelis der Weg und WVeszti führen bedeutet, alſo Wegefuͤhrer, Fuhrmann. S. Lepner der Preuſſ. Litthauer S. 44.

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556 Haͤusliches und gefelliges Leben. eroberten Stuhl. Sie trank zum zweitenmale und an den Feuerheerd gefuͤhrt wuſch man ihr die Fuͤße und beſprengte mit dem Waſſer Gaͤſte, Brautbette, Vieh und alles Haus⸗ geraͤthe. Hierauf benetzte man ihr den Mund mit Honig und fuͤhrte ſie mit verbundenen Augen an jede Thuͤre des Hauſes. Auf den Zuruf des Brautfuͤhrers: Stoß an! ſtieß fie mit dem Fuße an die Thuͤre und jede öffnete ſich. Dann mit Getreide jeglicher Art ſie beſtreuend, rief man ihr entgegen: Halte feſt am Glauben unſerer Goͤtter, ſo werden ſie dir alles geben! Nun folgt ein heiteres Mahl mit Luſt und Tanz bis ſpaͤt am Abend, waͤhrend eine Freundin der Braut das jungfraͤuliche Haar abſchneidet und einen Kranz mit weißem Tuche umnaͤht ihr auf den Kopf ſetzt. Ihn traͤgt die junge Frau als Schmuck bis zu des erſten Sohnes Geburt. Zum Brautbette treibt man die Braut mit Schlaͤgen ); zuvor aber bringt man dem Brautpaare einen gebratenen Hahn, der Brauthahn ge— nannt, nebſt Bocks-und Baͤren-Nieren, indem man dieſen Speiſen eine beſondere Wirkungskraft der Fruchtbarkeit beilegte ). Der andere Morgen war fuͤr die Frau der erſte Tag eines ſtreng untergebenen Lebens. Die Kinder, die ſie dem Manne brachte, unterlagen als ſein Eigenthum betrachtet ſeiner freien Willkuͤhr; kranke und gebrechliche konnte er ausſetzen oder toͤdten, um ſich von deren Laſt zu befreien >). Toͤchter galten als vom Fleiſche der Mutter, Soͤhne als 1) Eben fo noch bei den ſpaͤteren Litthauern; Lepner ©. 41. 2) Wir haben dieſe Hochzeitgebraͤuche nicht ganz uͤbergehen mögen, obgleich nicht ſicher auszumachen iſt, ob ſie in der Art alle ſchon in der heidniſchen Zeit herrſchend geweſen ſind. Wir haben fuͤr ihre Beſtaͤti⸗ gung keine Ältere Quelle als Lucas David B. I. S. 134 — 137 und die Waldeckiſche Ordens⸗Chronik. Aber in vielen Einzelnheiten ſtimmen die ſpaͤteren Litthauiſchen Hochzeitgebraͤuche mit den Altpreuſſiſchen uͤber⸗ ein; vgl. daruͤber Lepner S. 35 — 48. Arnkiels Cimbriſch. Alter⸗ thuͤm. Th. I. S. 216. 3) Lucas David B. I. S. 21. Eben ſo bei den Schweden, ſ. Ruͤhs B. 1. S. 59.

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Haͤusliches und geſelliges Leben. 557 vom Fleiſche des Vaters entſprungen ). Die Kinderzucht war in allem hart und ſtreng. Sobald der Sohn erwach⸗ ſen war, trat er in allen Geſchaͤften dem Vater zur Seite, ging mit ihm zum Kriege und theilte mit ihm Freude und Leid und jegliche Beſchwerde 2). In das vaͤterliche Erbe theilten ſich nach des Vaters Tode auch nur die Söhne; die unverehelichten Toͤchter blieben der Freigebig— keit der Brüder uͤberlaſſen ). Niemals hatte der Sohn den Namen des Vaters oder der Bruder den des Bruders“). Man hat verſucht, die Namen alter Preuſſen in ihre Bedeutungen aufzulöfen und es ſcheint, daß ſie meiſtens Beziehungen auf die Perſonen, bald auf ihren Wohnſitz, bald auf ihre Eigenſchaften, auf ihre koͤrperliche Beſchaffenheit, ihre Beſchaͤftigung oder auf irgend eine ſonſtige perſoͤnliche Eigenheit in ſich fallen 9). So wuͤrde der Name Kerſe fo viel bedeuten als der Faͤn— ger, Theyſote der Geruͤhmte, Wargule der Schwächling, Gedauthe der Netzeweber, Welote der Erwuͤnſchte, Sym⸗ mute der Schiefmaͤulige ). Andere haben viele dieſer alt⸗ 1) Lucas David B. I. S. 137. 2) Wir finden nicht feiten Vater und Sohn im Kriege vereint: 5. B. Dusburg P. III. c. 72. 75. 3) Vertrag vom Jahre 1249 in der Ausgabe Dusburgs von Hartknoch p. 464. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 566. 4) Diefes geht ſchon aus Dusburg P. III. c. 7. 70. 72. 96 her. vor, und andere aus Urkunden entnommene Beifpiele beftätigen ſolches. Grasuthe und Sy meko find Bruͤder; Pamana und Temperbut Brü- der und Manata ihr Enkel. Gedaute und Panote Brüber ; Masicken, Sudir und Powiren Brüder; Waydote und Keyline Brüder; Wis- sebuthe und Nidioxen Vater und Sohn; Mantot und Tawikin Vater und Sohn; Nassude und Kypene Bruͤder; Sangawe und Gaudesse ‚Brüder; eben fo Windeko und Qeilang; Nakaym und Mediten ; Gastune und Luchymer u. a. 5) Der angedeutete Verſuch iſt gemacht von Vater in feiner Schrift: Die Sprache der alten Preuſſen S. 145 ff. Es iſt aber zu bemerken, daß die von Vater erklaͤrten Namen nicht alle richtig ſind; ſo nennt er den in der vorigen Anmerkung genannten Sohn des Wiſſebuthe Indiox, da ihn die Urkunden doch Nidioxen nennen. 6) Vaters Erklärung meiſt nach dem Lettiſchen und Litthauiſchen.

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558 Haͤusliches und geſelliges Leben. preuſſiſchen Perſonen-Namen mit Skandinaviſchen zuſam⸗ mengeſtellt und hie und da verwandte Anklaͤnge gefunden, die allerdings nicht ohne Intcreſſe find ). Jeder Preuſſe hatte nie mehr als einen einzigen Namen, deſſen Beſtim⸗ mung ohne Zweifel vom Vater abhing. Die Bildung die— fer Perſonen-Namen blieb in den verſchiedenen Landſchaf⸗ ten im Allgemeinen ſich gleich und wir finden oft den naͤmlichen Namen in Samland, in Warmien und auf den Höhen des Oberlandes. In den meiſten ſpricht ſich eine gewiſſe ſanfte Milde ihres Klanges und eine liebliche Be— weglichkeit in ihren Bildungsformen aus, fo in den Nas men Samile, Nautinge, Wiſſemante, Naſyne, Schudie, Wodune, Napelle, Graſuthe, Symeko, Tuliſede, Sude, Samoke, Mirkothe, Saleide, Geduthe, Sangede, Kaybuthe, Medite, Wiſſewil, Baudin, Sambango, Rigede u. a. Frauen⸗Namen ſind weit wenigere uͤbrig geblieben und es laͤßt ſich nicht entſcheiden, ob die Frauen ihren Jungfrau⸗ Namen bei der Vereheligung geaͤndert haben. Außer den Namen Nomeda und Namego kennen wir kaum noch ei— nen andern Frauen-Namen 3). Außerdem gab es auch noch ſolche Namen, welche ganze Geſchlechter führten; vorzüglich - finden ſich ſolche in Samland, wo die Geſchlechter der Si— payne, der Karioten, der Greybowen, der Candeynen leb⸗ ten ). In Warmien wohnte das maͤchtige Geſchlecht der 1) In einer von Dorow mir geſchehenen Mittheilung, deren Ver⸗ faſſer Arndt in Bonn ſeyn ſell, werden zuſammengeſtellt: Rigen pr. und Reginn ſcand., Schude-Skuta, Symmute-Sigmundr (7), Au- stigaudis, Astiotb - Astgaut (ſem.), Steynegaude - Steingautr, Skolin- Skali, Keytil-Keull: andere find freilich nicht fo nahe, als: WVelot- Valgautr, Tustim - Thorstein. Aber es entfprechen ſich VVissebuthe und VWVisivaldr, Vbuthe und Eyvaldr, wenn man die Silben buthe für . das altdeutſche bod hält, wie in Weidewud. 2) Dusturg P. III. c. 169. erwähnt der Nomeda. Namego war eine Samlänberin; fie kommt in einer urkunde vom Jahre 1348 vor und wird darin Domina genannt. 3) Vgl. meine Abhandlung uͤber die Withinge in der Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſch. S. 222.

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Häuslihes und geſelliges Leben. 559 Glottiner; hier hatte ſich auch noch ein Geſchlecht unter dem alten Namen der Witen oder Widen erhalten; die al- ten Preuſſen Celneke, Dywols, Panſude und Sankete fin⸗ den wir als Glieder deſſelben an der Paſſarge genannt ). So lebte in der Landſchaft Barten das Geſchlecht der Mon⸗ teminer ). Es ſcheint aber, daß ſolche Geſchlechts- Namen nur den Edlen und Vornehmen eigen waren und auch nur von dieſen gefuͤhrt werden durften. Sparſam und einfach war die Koft, mit welcher der Preuſſe ſich begnuͤgte. Fleiſch von zahmen und wilden Thie— ren galt bei dem Mahle als das vorzuͤglichſte Gericht ), Daß es die Preuſſen aber, nachdem fie ſchon fo viele Jahr- hunderte hindurch mit ſolchem Fleiße den Ackerbau und die Viehzucht betrieben, nicht einmal zu kochen verſtanden ha= ben ſollen, iſt kaum zu glauben?). Milch- und Hafer⸗ ſpeiſen wechſelten mit dem, was ſonſt der Acker oder der Wald oder Fluͤſſe und Seen ihnen darboten. Nur Kraͤuter⸗ ſpeiſen genoſſen ſie nicht und wunderten ſich nachmals, als ſie vernahmen, daß die Deutſchen Ritter auch Kraut als 1) Nach einer Urkunde vom Jahre 1348. Das Feld Kems an der Paſſarge war ihr Beſitzthum. 2) Dissburg P. III. c. 23. 169. 3) Adam. Bremens. de situ Dan. c. 227 hebt dieſes, wie es ſcheint, ganz abſichtlich hervor, indem er ſagt: Carues eliam jumento- runı pro cibo sumunt. 4) Die Ordens-Chronik S. 20 ſagt: „Viſche, fleyſch wuſten ſie nicht zu kochen, noch einicherlei Wurcze czu eſſen.“ Offenbar aber geht dieſe Chronik nur darauf aus, die Preuſſen vor der Ankunft des Ordens ſo roh und ungebildet als moͤglich darzuſtellen und ſie hat in der That nicht wenig beigetragen, die heidniſchen Preuſſen wie Ameri⸗ kaniſche Wilde zu denken. Jedes Thieropfer für ihre Götter hätte die Preuſſen Über die Kunſt und die Vortheile des Kochens und Bratens belehren muͤſſen. Auch widerſpricht es dem, was Lucas David hie und da, z. B. B. I. S. 102. 137 ſagt. Und endlich lernten die Preuf⸗ fen durch ihre Beruͤhrungen mit den Polen, Pommern, auf ihren Han: delswegen zu den Schweden, Schleswigern u. a. denn gar nichts? Auch nicht einmal etwas für Zunge und Gaumen?

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560 Haͤusliches und geſelliges Leben. Nahrung benutzten ). Auch Brot und Kuchen verſtanden fie zu backen ). In Getraͤnken mag die Sitte gewechſelt haben. Schon in fruͤher Zeit waren Bier und Meth die beliebteften Getraͤnke ) und beide im Norden überhaupt weit verbreitet. Nachmals mag der Gebrauch des Bieres etwas ſeltener geworden ſeyn und Meth und Stutenmilch wurden vorherrſchend, jener bei den aͤrmeren Leuten, dieſe bei den Vornehmeren und Reichen “). Milch trank man jedoch nicht eher, als bis ſie durch einen Spruch geheiligt worden war ). Gegohrene Milch und Rinderblut “) waren wegen ihrer berauſchenden Wirkung beſonders beliebt und wurden an feſtlichen Mahlen bis zu voͤlliger Trunkenheit genoſſen. Ueberhaupt war der Preuſſe wie der alte Ger- mane zum Trunke ſehr geneigt und fand am Zechgelage ſein groͤßtes Vergnuͤgen ). Daher bei Fremdlingen das Sprichwort galt: „der Preuſſen Gott iſt ihr Bauch »)!“ — Zur Leibespflege gehoͤrte endlich noch das Bad; doch 1) Dusburg p. III. c. 69. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 194. Die Finnen aber aßen nach Teil. Germ. c. 46 Kraͤuterſpeiſen, victui herba. Vielleicht war manches Litthauiſche Gericht, wie Le p⸗ ner es beſchreibt, auch ſchon bei den alten Preuſſen gewöhnlich. 2) Lucas David B. I. 82 — 83. 3) Strabo L. IV. p. 139. Ruͤhs B. I. S. 64. 4) Nulſstani Peripl. ap. Langebeck T. II. p. 121. Lucas David B. I. S. 150. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 197. us cas David erwähnt B. I. S. 57 auch eines Getraͤnkes Poßkailes ges nannt, aus gutem Methe bereitet, vielleicht der Allaus der Litthauer. Vgl. Dainos oder Litthauiſch. Volkslieder von Rheſa S. 312. 5) Dusburg P. III. c. 5: Pro potu habent simplicem aquam et mellicratum seu medonem, et lac equarum, quod lac quondam non biherunt, nisi prius sanctiſicaretur. 6) Adam. Bremens. d. s. D. 227: Quorum (jumentorum) lacte et cruore utuntur in potu ita, ut inebriati dicantur. Vielleicht wußten ſie, wie die Schweden, auch noch durch hinzugeſetzte Kräuter die Getraͤnke wohlſchmeckender und berauſchender zu machen. 7) Dusbierg l. c. Eben fo der Litthauer; Lepner S. 93. 8) „Prussorum Deus venter est!“ Vita s. Adalb. ap. Canis. b. 353.

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Haͤusliches und geſelliges Leben. 561 war dieſes nicht allgemein, denn nur ſolche, die des Got⸗ tesdienſtes pflegten oder Opfer brachten, gebrauchten daſ⸗ ſelbe Tag für Tag aus Ehrfurcht gegen die Götter. Andere badeten ſich niemals ). Die Kuͤnſte hoͤherer Bildung waren im Volke zum Theile noch ganz unbekannt, zum Theile wenigſtens noch hoͤchſt unvollkommen. Es wird berichtet, daß noch zur Zeit der Ankunft des Deutſchen Ordens der Bewohner Preuſſens der Schrift und Schreibekunſt ſo unkundig geweſen ſey, daß er ſich gewundert habe, wie jemand einem Abweſenden durch Schriftzeichen feine Gedanken mittheilen koͤnne 2). So beftemdend dieſe Unbekanntſchaft mit der Schreibekunſt bei den Handelsberuͤhrungen mit ſchon gebildeteren Völkern immerhin auch iſt, ſo hat ſich doch in Einſtimmung mit dieſer Nachricht noch bis jetzt auf keinem einzigen alter⸗ thuͤmlichen Denkmale aus heidniſcher Zeit irgend die ge— ringſte Spur von Schriftzuͤgen aufgefunden 2). Wenn alſo manche auch vermuthet haben, daß wenigſtens doch wohl die Griwen und die Prieſter im Beſitze einer Art von Ru— nenſchrift geweſen ſeyn moͤchten und daß die Schreibekunſt aus Pommern oder Polen heruͤber gebracht ſeyn koͤnnte, ſo hat ſich ſolches doch noch zur Zeit durch keinen Beweis irgend ſicher begruͤnden laſſen. Moͤglich waͤre es indeſſen, I) Dusburg P. III. c. 5: Aliqui omni die balneis utebantur ob reverenliam Deorum suorum; aliqui balnea penitus detestaban- tur. Preuſſ. Tempe Quart. IV. S. 799. 2) Dusburg I. c: Mirabantur ultra modum in primitivo, quod quis absenti intentionem suam potuit per litteras explicare. Ordens⸗ Chronik S. 20. Lucas David B. I. S. 11. aus der Chronik des Biſch. Chriſtian. 3) Der Brief des Oſtgothiſchen Koͤniges Theoderich an die Aeſtier wird ſchwerlich als vollkommener Beweis dienen koͤnnen, daß die Preuſ⸗ ſen Schrift und Schreibekunſt verſtanden. Wir ſind uͤberhaupt uͤber dieſe ſo einzeln daſtehende Thatſache viel zu wenig unterrichtet, als daß wir darauf feſte Schluͤſſe bauen koͤnnten. Vgl. Baczko Annalen des Königreichs Preuſſ. Iſtes Quart. 1793. S. 20 eine kleine Abhandlung über die Schreibekunſt der Aeſtier und den Brief des Königs Theo⸗ derich. J. 3 6

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562 Haͤusliches und geſelliges Leben. daß einzelne Vornehmere, deren Bildung im Auslande mehr gefoͤrdert war, noch vor des Ordens Ankunft mit der Schriftkunde und Schreibekunſt keineswegs ganz unbekannt geblieben wären ). — Was zu zählen war, bezeichnete man durch mancherlei ſinnliche Merkmale. Sie verſtanden es nicht, Tage und Naͤchte auf eine gewiſſe Zeitbeſtimmung durch Zahlen zuſammen zu zaͤhlen. War demnach irgend etwas, z. B. eine Verſammlung zu gemeinſamer Bera⸗ thung auf einen beſtimmten kuͤnftigen Tag verabredet, ſo merkte jeder von ihnen auf einem Holze an jeglichem Tage ein Zeichen an oder knuͤpfte einen Knoten an einem Rie— men oder am Guͤrtel, bis der Tag herankam, uͤber welchen man ſich vereinigt hatte ). Wahrſcheinlich beſtimmten auch die Preuſſen nach Art aller Germaniſchen Voͤlker die Zeit nicht nach Tagen, ſondern nach Naͤchten ). Den Tag theilten ſie in verſchiedene Zeiten ein, aber nicht nach Stunden, denn ſolche kannten ſie nicht, ſondern nach dem Sonnenlichte und nach ihren Beſchaͤftigungen ). Zur Be⸗ 1) Dusburg I. c. ſagt auch nur „in primitivo“ und man koͤnnte dieſes Wort wohl auch uͤberhaupt auf die fruͤheren Zeiten des Volkes beziehen. Im Kulmerlande war ohne Zweifel die Schreibekunſt ſchon früher bekannt. Und wie konnten auch die Übrigen Preuſſen bei dem umgange mit den fremden, ins Land kommenden Handelsleuten und bei ihren Seereiſen ins Ausland mit der Schrift ſo ganz unbekannt bleiben, daß ſie ſich wunderten, wie uͤberhaupt jemand ſeine Gedanken durch die Schrift ausdruͤcken koͤnne? 2) Dusdurg l. c. Eine Handſchrift des Dusburg, welche dieſen öf: ters umſchreibt, ſagt: Nec habebant differentiam dierum aut sepli- manarum, sed quociens aliquid agere aut consiliare proponebant, tunc numerum dierum notabant ad zonas nodis vel ad baculum in- scidebant. Lucas David B. I. S. 11. 3) Mallet B. I. S. 174. Rühs B. I. S. 72. 4) Man darf hier die Analogie anderer nordiſcher Voͤlker wohl unbedenklich als Beweis gelten laſſen. Mallet a. a. O. Anton uͤber die Slaven S. 161. Prätorius Schaub. S. 404 giebt folgende Ta⸗ ges- und Nacht⸗Eintheilung an. Der Morgen, Ritas genannt, begann mit der Schimmerung Briegstiks; dann folgte die Zeit des Wolken⸗ brechens Priblindums, dann die Morgenröthe Auszra; Sonnenaufgang Pusrilis; Vormittag Puspietus; Hochmittag Pietus oder Tikras pie-

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Haͤusliches und gefelliges Leben. 563 ſtimmung der Jahreszeit bildete wahrſcheinlich, wie bei an⸗ dern nahen Voͤlkern, die Erndte den wichtigſten Zeitab— ſchnitt, und wie es ſcheint, begannen auch die Preuſſen da⸗ mit den Anfang eines neuen Jahres ). Das Jahr zerfiel auch bei ihnen nur in zwei Theile, in Sommer und Win— ter und dieſe Zeiten beſtimmten fie wieder nach dem Mond— wechſel. Noch in ſpaͤteren Zeiten hatten die Monate die von Naturerſcheinungen hergenommenen ſinnigen Namen: Winter, Kraͤhen⸗, Tauben-, Guckucks, Birken-, Saat-, Linden⸗, Getreide-, Brunſt-, Blätterabfalld-, Erdfroſt⸗, duͤrrer Monat). So war es alſo gewiſſermaßen das fin- nige Zuſammenleben mit der Natur, nach welchem ihre Zeit nach einzelnen Zeiträumen berechnet wurde. — In wie weit die Kuͤnſte zur Beſtreitung der Beduͤrfniſſe ihrer taͤglichen Beſchaͤftigungen, als des Ackerbaues, der Kriegs— werkzeuge, der Jagd, des Fiſchfanges und dergl, von ihnen ausgebildet und vervollkommnet geweſen, daruͤber hat uns keiner belehrt. Das meiſte aber, was ihnen hiezu noth— wendig war, bereiteten ſie wohl ſelbſt, zwar einfach, ſchlicht, und grob, aber doch wie es fuͤr ihre Sitte und Art am paſſendſten war 3). tus der rechte Mittag; Nachmittag Popieuis; Abend Wakars; Ves⸗ perzeit Paludenis; Viehfuͤtterung Apilope; Dämmerung Prietemis; Finſterwerden Wakaris; fpäte Abend Iszwakaras; erſte Schlaf Immi- gis; Mitternacht Guddumas; Hahnengeſchrei Gaidgysto. Es iſt indeſſen nicht ausgemacht, daß dieſe Zeiteintheilung nach dieſen Benennungen wirklich ſchon in früher Zeit beſtanden habe, denn Prätorius erwähnt ausdruͤcklich, daß er ſie zu ſeiner Zeit bei den Nadrauern ſo gefunden. 1) Dieſes iſt angedeutet in Lucas David B. I. S. 91. Eben fo die Schweden; Ruͤhs B. I. S. 73. 2) Auch hiefuͤr iſt freilich nur Prätorius Schaub. S. 405 die Quelle. Die Preuſſiſchen Benennungen der Monate in obiger Reihe giebt er fo an: Wassaris (oder Wassans), Kowinnis, Karwelinnis, Geguszinnis, Birzelis (auch Suliekis), Semenis, Lepinnis, WVisjau- wis, Rujos menu, Lapkristis, Grodis, Sausis. Dieſe Benennungen ſind jedoch eigentlich alle Litthauiſch. Vgl. Preuſſ. Archiv S. 211. Preuſſ. Tempe Quart. IV. S. 799. 3) Da wir den geſchwägigen Praͤtorins, der Alles, Altes und 36 *

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564 Haͤusliches und geſelliges Leben. Befiel den Mann, beſonders den aus vornehmerem Geſchlechte, eine ſchwere Krankheit, ſo rief man einen Prie⸗ ſter herbei, der den Kranken Tag und Nacht wartete und taͤglich eine gewiſſe Anzahl Segensformeln uͤber ihn aus⸗ ſprach. Sehr wahrſcheinlich waren dieſes die Prieſter, welche Tuliſſonen und Ligaſchonen hießen ). Ihren Segen ſetzten ſie fort, bis zweimal der Neumond erſchienen war. Dann geſchah zur Verſoͤhnung des Zornes der Götter ein Ge⸗ luͤbde. Blieb auch dieſes ohne Erfolg, fo nahten die Prie- ſter der heiligen Eiche an der Goͤtterwohnung, nahmen von der Aſche des heiligen Feuers und gaben ſolche dem Kran⸗ ken als Geneſungsmittel. Brachte endlich auch dieſes keine Huͤlfe, ſo hielten Kinder und Freunde einen Rath uͤber den Kranken. Beſchloſſen ſie, zweifelnd an aller Rettung, den Tod des Kranken, ſo erſtickten ihn die Prieſter mit einem Kiſſen, denn ein ſolcher Tod ſchien eine freundliche Gabe gegen die Schmerzensleiden unheilbarer Krankheiten 2). Ein krankes Kind oder Juͤnglinge und Jungfrauen vornehmer Aeltern wurden in ſchweren, hoffnungsloſen Krankheiten auf dem Scheiterhaufen verbrannt >). Fuͤr die Art der Todtenbeſtattung war die Verſchie⸗ Neues bunt durch einander wirft, durchaus nicht wie andere (3. B. Kotzebue) für eine critiſche und ſehr glaubhafte Quelle anſehen Eönnen, fo mögen wir in Ermangelung anderer ſicherer Quellen feine hieruͤber gegebenen Nachrichten nicht aufnehmen. 1) Tulissones vel Ligaschones neunt fie der Vertrag vom Jahre 1249. Wir werden dieſe Benennungen gleich näher zu erklären ſuchen. 2) So Lucas David B. I. S. 137 — 138 und damit uͤber⸗ einſtimmend Prätorius Schaub. S. 479 ff. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 181. Aoyalowiez Histor. Lithuan. p. 18 Ob dieſe Sitte von den Gothen herſtammte, iſt nicht zu beſtimmen. Von den Heru⸗ lern aber, die lange Zeit mit den Gothen in Verbindung ſtanden, er⸗ zahlt Aehnliches Procop. Histor. Gothor. L. II. p. 256: Neque seni- bus neque morbidis permissum vivere, sed ubi gravis aetas aut va- leiudo deterior, tenebantur ipsi supplicare propinquis, ul se aerum- nis rebusque humanis eximerent. Nur geſchah bei ihnen die Zöbtung durch den Dolch. Arnkiels Eimbriſche Alterthuͤm. Th. I. S. 257. 3) Auch hier Aehnliches bei den Herulern nach Procop. I. c.

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Häuslihes und geſelliges Leben. 365 denheit des Standes von wichtigem Einfluſſe. Es iſt ſchon fruͤher erwaͤhnt, welches Mittels man ſich im neunten und zehnten Jahrhunderte bediente, um den Koͤrper eines Ver⸗ ſtorbenen mehre Monate, ſelbſt wohl ein halbes Jahr lang gegen die Verweſung zu ſichern und welche Gebräuche da— mals der Seefahrer Wulfſtan bei der Beſtattung der Tod⸗ ten unter den Preuſſen herrſchend fand. Brach nun der Tag heran, an welchem die letzte Feier zur Ehre des Ver⸗ ſtorbenen begangen werden ſollte, ſo ward der Leichnam noch einmal gebadet, dann mit weißen Kleidern geſchmuͤckt und im Kreiſe gebetener Freunde und Verwandten auf ei⸗ nen Stuhl geſetzt. Es begann ein Trinkgelage, bei wel⸗ chem auch dem Verſtorbenen unter vielem Wehklagen noch einmal zugetrunken wurde ). Beim Abſchiedstrunke trugen ihm die Gaͤſte Gruͤße an ihre verſtorbenen Verwandten auf, ſchmuͤckten ihn dann mit einem andern Kleide, guͤrteten ihm ein Meſſer oder ein Schwert um und gaben ihm et⸗ was zur Zehrung, den Frauen auch Nadel und Zwirn mit auf den Weg. Auf einem Wagen ward der Leichnam dem Begraͤbnißplatze nahe gebracht ). Die Freunde begleiteten ihn und ſuchten boͤſe Geiſter von ihm fern zu halten ), waͤh⸗ rend andere nach oben erwaͤhnter Weiſe den Wettlauf um des Verſtorbenen Habe hielten ). Weiber folgten wehkla⸗ gend dem Todten nur bis zur Graͤnze des Dorfes, wo 1) Trinkgelage bei Leichenbeſtattungen waren überhaupt unter den nor diſchen Voͤlkern eine allgemeine Sitte. So ſagt Heinrich der Lette p. 58 von den Eſthen: Funera igne cremantes, exequias cum lamentatiouibus et potationibus multis more suo celebrabant. Cf. p- 93. 2) Lucas David B. I. S. 141. 3) Nach der vita s. Otton. herrſchte dieſelbe Sitte auch bei den Pommern, nur daß man ſtatt der Schwerter, womit die Preuſſen die böjen Geiſter von den Verſtorbenen entfernten, dort ſich gemeiner Pruͤ⸗ gel (fustes) bediente und dieſe dann auf den Grabhuͤgel legte. 4) Etwas Aehnliches war die Trizna der alten Ruſſen, worüber Nestor von Schloͤzer S. 126 — 127. Karamſin B. I. S. 83 nennt es ein Kampfſpiel zu Ehren des Todten.

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569 Haͤusliches und geſelliges Leben. dieſes Wettrennen begann. Mittlerweile ward um den Leich⸗ nam lautes und laͤrmendes Geſchrei zur Vertreibung der boͤſen Geiſter fortgeſetzt, bis er am Orte des Begraͤbniſſes angekommen war. Hier war zur Beſtattung ein Begräb- nißhuͤgel zubereitet, auf deſſen noͤrdlichem Theile !) ein Schei- terhaufen aufgerichtet ſtand, auf welchem den Leichnam ein Bette von Stroh empfing. Waͤhrend nun die Flamme des Scheiterhaufens emporloderte, erhoben jene erwähnten Prie— ſter, die Tuliſſonen und Ligaſchonen, das Lob des Verſtor⸗ benen, prieſen ſeine Thaten, die er auf Raubzuͤgen im feindlichen Lande oder ſonſt im Leben begangen, und flam⸗ mende Lichter hoch emporhaltend riefen fie in lautem Ges ſchrei den Umſtehenden zu: Schon ſehen wir den Verſtor— benen am Himmel hindurch auf einem Roſſe eilen mit blitzenden Waffen geſchmuͤckt, einen Raubvogel ) in der Hand haltend und mit großem Geleite in die andere Welt hinuͤbergehend ). 1) Wie die Erfahrung bei oͤfteren Nachgrabungen mir bewieſen. Auf dem Zitelfupfer zu dieſem Werke iſt es in Nro. III. der nördliche, durch einen Graben von dem übrigen Begraͤbnißhügel abgeſonderte Theil. 2) Kotzebue B. I S. 66 giebt dem Todten drei Sterne in die Rechte und den Falken in die Linke. Ein luſtiger Leichtſinn! Das Wort nisum hatte derjenige, von welchem Hartknoch A. u. N. Preuſſ S. 187 ſeinen Text nahm, nicht leſen koͤnnen und die Luͤcke durch drei Sterne bezeichnet. Und Kogebue — der die Quellen geleſen haben will — giebt flugs dieſe Luͤckenbuͤßer dem Verſtorbenen in die Hand. 3) Die merkwuͤrdige Stelle hierüber in der Vertrags : Urkunde von 1249 lautet fo: Promiserunt etiam, quod inter se non babebunt de eelero Tulissones vel Ligaschones, hiomines videlicet mendacissimos bistriones, qui quasi gentilium sacerdotes in exequiis defunctorum ne tormentorum infernalium pena premereniur dicentes malunı bonum et laudantes mortuos de suis furtis et spobiis immundiciis el rapinis ac aliis viciis et peccatis, que dum viverent perpetrarunt, ac erectis in celum luminibus exclamantes mendaciter asscrunt, se videre presentem defunctum per medium celi volantem in equo armis ſulgenlibus decoratum nisum in manu ferentem et cum co- nıitatu magno in aliud seculun procedentem. Was die Namen der

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Haͤusliches und geſelliges Leben. 567 Da es Glaube im Volke war, daß jeglicher, er ſey arm oder reich, höheren oder niederen Standes, das Leben dieſſeits in gleicher Weiſe auch im jenſeitigen wieder fort: ſetzen und unter gleichen Beſchaͤftigungen und Verhaͤltniſſen leben werde, fo verbrannte, man auf dem naͤmlichen Schei— terhaufen auch des Verſtorbenen Waffen, Geraͤthe, Roſſe, Knechte und Maͤgde, Kleider, Jagdhunde und Jagdvoͤgel oder was ihm ſonſt zu ſeinem Leben noͤthig war. Denen geringeren Standes gab man die Geraͤthe ihrer Beſchaͤfti⸗ gungen und ihres Gewerbes mit ins Feuer, in der Mei— nung, daß ihnen ſolches alles in jenem Leben wieder dienen koͤnne 9. Daß wie bei andern Voͤlkern des Nordens ſich auch die Frauen mit ihren Männern haben verbrennen laſ⸗ fen ); iſt nicht wahrſcheinlich >), und eben fo wenig, daß Tuliſſ onen und Ligaſchonen anlangt, ſo findet man eine Ableitung in Hariknoch Dissertat. de sacerd. veter. Pruss. $. 5; allein fie ſtuͤtzt ſich auf eine falſche Lesart der Namen. Wie fie hier nad) dem Origi⸗ nal der Urkunde geſchrieben ſind, koͤnnte man ſie aus dem Eſthniſchen herleiten, wo Tulli oder Tulle das Feuer und Tulle riit der Scheiter, haufe heißt. Es konnten alſo dieſe Prieſter fo genannt ſeyn, weil fie den Scheiterhaufen fuͤr den Verſtorbenen errichteten und anzuͤndeten; oder der Name wäre zuſammengeſetzt aus Tulli und Soxna, das Wort (woher Sonnelema ſ. v. a. Worte wechſeln), alfo Priefter, die beim Feuer oder Scheiterhaufen ſprechen, womit die Worte der Urkunde ſehr gut paſſen würden. Der Name Ligaschones bezeichnet offenbar, wie ſchon das verbindende „vel“ beweiſet, die naͤmlichen Prieſter und iſt alſo nur eine andere Benennung. Man koͤnnte ihn ableiten vom Eſth⸗ niſchen Worte Leck, gen. Legi und Lege Flamme (daher Tulle leck Feuerflamme, legima flammen) und Sonna das Wort, alſo in derſel⸗ ben Bedeutung wie Tulissones, Prieſter, die bei der Verbrennung der Todten lobend reden. 1) Dub P. III. c. 5. Orbens-Ehron. S. 21. Lucas David B. I. S. 130. Auch die Vertrags Urkunde von 1249 erwähnt der Sitte. Kojalowiez L. I. p. 7. Daſſelbe von den Litthauern. 2) Wie bei den Schweden, wo ſich die Nachricht freilich mehr auf Sagen ſtuͤtzt; f. Ruͤhs B. I. S. 67. Von den Slaven wird es be: hauptet; Sell B. I. S. 19. Ueber die alte Sitte der Heruler f- Procop. L. II. p. 256. 3) In keiner einzigen alten Quelle wird der Frauen in dieſer Bezie⸗ bung erwähnt. Auch erhielt ja der Sohn des Vaters Frau als Erbtheil.

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568 Häusliches und geſelliges Leben. ſich Freunde mit Freunden den Flammen hingegeben ). War nun der Leichnam verbrannt, ſo ſammelten die Freunde die uͤbrig gebliebenen Gebeine ſammt der Aſche und brachten fie in eine bald zierlich gearbeitete und ge ſchmuͤckte, bald auch ganz einfach und grob verfertigte Urne, in welche ſie zugleich auch alles andere, was dem Verſtor⸗ benen lieb und werth geweſen, Ringe, Schmuckketten, Arm⸗ ſpangen, Haarnadeln, kuͤnſtliche Schnallen, auch ſonſtiges Schmuckwerk von Meſſing und Eiſen, Kuͤgelchen von far⸗ bigem Thone, Korallen, Bernſtein bald roh, bald auch zu Kugeln bearbeitet, Muͤnzen beſonders aus Roͤmiſcher Zeit und anderes ſolcher Art beilegten ). So ward die Urne in den Grabhuͤgel beigeſetzt. Dieſe Grabhuͤgel waren verſchieden nach dem Stande des Verſtorbenen. Vornehmere begrub man gerne auf Anz hoͤhen in der Nähe ihrer Wohnſitze. Die Bauart der Huͤ⸗ gel weiſet auf eine beſtimmte Ordnung, die ihre Beziehung auf Stand und Wuͤrde des Verſtorbenen hatte. Rings lau⸗ fen um das Ganze zuerſt einige Kraͤnze großer Steine, welche den Begraͤbniß⸗Bau zuſammenhalten muͤſſen, oder das Ganze bildet die Geſtalt eines Sternes, deſſen Strab⸗ 1) Olaus Magnus Monument. Dan. p. 50. 2) Vgl. Reusch Dissert. de lumulis et umis sepulcralibus in Prussia. Bayer de numis Roman. in Opusc. p. 410; er beſchreibt p. 455 — 456 einen Grabhuͤgel, worin man ſogar noch Muͤnzen vom Hochmeiſter Michael Kuͤchmeiſter von Sternberg gefunden haben will. Iſt die Sache richtig, ſo beweiſet dieſes, wie ſpaͤt im Stillen die Sitte noch herrſchte. Erlaͤut. Preuſſ. B. III. S. 399 — 424 und 539 — 582, wo genaue Beſchreibungen altpreuſſiſcher Grabhuͤgel zu finden find. Ba yer ſucht es wahrſcheinlich zu machen, daß die Münzen nicht nach dem Verbrennen des Leichnams in die Urnen gelegt, ſondern beim Ver⸗ brennen ins Feuer geworfen worden ſeyen, weshalb ſie meiſtens auch auf der einen Seite mehr geſchmolzen und Bild und Schrift ſehr un⸗ leſerlich ſeyen; filberne ſeyen auch wegen des leichteren Schmelzens we: nigere vorhanden, als Eupferne: eine Meinung, welche die Erfahrung doch nicht überall beſtätiget. Die Sitte, den Todten Münzen mitzu⸗ geben, war uͤbrigens im ganzen Norden herrſchend; f. Olaus Magnus p. 45. Suhm B. II. S. 3 — 24. Rühs B. 1. S. 42.

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Haͤusliches und gefelliges Leben. 569 len durch gerade vom Scheitel herab laufende Steinreihen dargeſtellt ſind. Der Ort, wo die Urne ſtehen ſollte, meiſt gen Suͤden und dem Verbrennungsplatze gegenuͤber, iſt mit großen, aufrecht geſtellten Steinen ſorgſam ausgelegt und ſtark befeſtigt, ſo daß nichts umher die Urne beſchaͤdigen konnte. Den Eingang in dieſes Gehaͤuſe verſchließet ein gewaltiger Schlußſtein ). In der Mitte des Baues ſtehen meiſt mehre kleine irdene Gefaͤße, einſt mit Getraͤnk ge⸗ fuͤllt ), und nebenbei findet ſich einzelnes Schmuckwerk, oft auch einige ganz rund geſchliffene oder vom Seewaſſer rund geformte Steine, an welche ſich irgend ein frommer Glaube knuͤpfen mochte ). Zuletzt wird die Urne von oben mit einem breiten, flachen Steine bedeckt und mit Sand uͤberſchuͤttet. Faſt immer aber umfaßt derſelbe Huͤgel noch mehre Begraͤbnißſtaͤtten, von Urnen, Schmuckwerk, und aͤhnlichen Dingen angefuͤllt und auf ihrer Spitze durch ei⸗ nen Steinkranz und einen in deſſen Mitte liegenden Schluß⸗ ſtein ausgezeichnet); ſey es, daß dieſes die Begraͤbniſſe naher Angehoͤrigen und ſpaͤter beigeſetzter Freunde oder auch die der mit dem Herrn verbrannten Knechte und Maͤgde waren. Nicht dieſe Sorgfalt verwandte man auf die Begraͤb⸗ niſſe der Verſtorbenen niederen Standes. Oft ſetzte man die Urnen dann nur ins freie Feld oder in Waͤldern unter die Erde oder in bloße Sandhuͤgel ohne den kuͤnſtlichen Steinbaus). Es ſcheint aber, daß manche jener Begraͤb⸗ 1) S. das Zitelfupfer an der ſuͤdlichen Seite bei uro. a. 2) Lucas David B. J. S. 139. Hartknoch A. u. N. Preuff S. 186. 3) Die Sammlung des geh Archivs beſitzt deren mehre. 4) S. das Titelkupfer nro. bbbb. Vgl. Arnkiels Cimbriſche Kt: terthuͤm. Th. I. S. 257. 5) Einen ſolchen Unterſchied in Ruͤckſicht der Begräbnißhuͤgel, der übrigens auch in Pommern Statt findet, wie Sell B. I. S. 22 be: zeugt, wird jeder bald entdecken, der auch dieſem Theile der Alterthums⸗ kunde die ihm gebuͤhrende Aufmerkſamkeit widmet. Dieſes aber und das Auffinden des in der Bauart befolgten Syſtems war bei den von

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570 Haͤusliches und geſelliges Leben. nißhuͤgel auch gemeinſame Familien- Begraͤbniſſe geweſen ſeyen, in welchen ſogleich bei ihrem Aufbaue auch fuͤr die irdiſchen Ueberreſte von fpäter fierbenden Angehörigen Be⸗ gräbnififtätten eingerichtet wurden. — Die Sprache der al⸗ ten Preuſſen nannte alle dieſe Begraͤbnißorte Kapurnen, ein Name, der auch jetzt im Lande noch nicht vergeffen iſt . Schwer trennte ſich der Preuſſe von dem Gegenſtande ſeiner Liebe und Werthſchaͤtzung, von dem theuren Gefaͤhr⸗ ten ſaines Lebens. Nachdem er die entſeelte Hülle des Ge— liebten fo lange als möglich in feinem Haufe bewahrt, dauerte das Andenken des Hingeſchiedenen auch nach der Beſtattung in trauriger Feier noch lange fort. Dreißig Tage lang erſchien die Wittwe unter Klagen und Thraͤnen am Grabhuͤgel ihres Mannes und acht Tage hindurch kam der Mann an den Ort der Ruhe ſeiner Frau. Am dritten Tage nach des Mannes Beſtattung ward am Huͤgel ein Trinkgelage als Todtenfeſt veranſtaltet, desgleichen wieder am ſechſten, am neunten und am vierzigſten Tage 2). Zu znir öfter veranſtalteten Aufgrabungen immer mit ein Hauptgegenſtand der Unterſuchung. — Ob die Sitte des bloßen Begrabens der Leich⸗ name damals auch in Preuſſen herrſchend geweſen, wie ſie es in einigen andern Ländern des Nordens war, iſt ungewiß; wenigſtens iſt der von Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 183 dafür aufgeſtellte Beweis keines⸗ wegs genuͤgend. 1) Lucas David B. I. S. 142 ſchreibt Capernau. Hennig er⸗ Hört das Wort aus dem Lettiſchen, wo Kaps ein Grab, und Kappenes oder Kapschta eine Begraͤbnißſtaͤtte heißt. Hartknoch a. a. O. €. 181 ſchreibt Caperneur und verfieht darunter die ganze Gegend, in welcher ſolche Begraͤbnißhuͤgel in großer Zahl gefunden werden. In ſei⸗ ner Dissert. de funeribus veter. Pruss. $. 5 nennt er auch die Huͤgel ſelbſt fo, Manches, was Praͤtorius zu feiner Zeit in dieſer Hinſicht noch fand, beſchreibt er in ſ. Schaubuͤhne S. 481 ff. — Die gemeinen Begraͤbniſſe ſollen Mogillen geheißen haben. Auch in Poinmern hatten ſolche Begraͤbniſſe ihre eigenen Namen, worüber Sell B. I. S. 20. 2) Henneberger de veter. Pruss. p. 23. Ganz ähnliche Todten⸗ feſte hielten am 30ſten, 60ſten und 100ſten Tage auch die Pommern. Sell B. I. S. 23. Bei den Letten hieß das Feſt die Seelenſpeiſe; ſ. Pr. Tempe Quart. IV. S. 789.

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Haͤusliches und gefelliges Leben. 571 jeglichem dieſer Feſte ward der Verſtorbene eingeladen und ihm ſein Theil an Speiſe und Getraͤnk vorgeſetzt. Mit Jahresverlauf feierte man ein allgemeines Todtengedaͤcht⸗ niß, Vornehmere und Reiche fuͤr ſich allein, Aermere in Geſellſchaft von vier bis fünf Familien . Der Hauptgedanke aber, der in allen dieſen Gebraͤu⸗ chen hindurch herrſchte und in manchen andern Erſcheinun⸗ gen des Lebens dieſes Volkes ſich hindurch bewegte, war der Gedanke an ein jenſeitiges Leben, noch roh gefaßt, ſinn⸗ lich ausgeſchmuͤckt, aus dem Getreibe des dieſſeitigen Le— bens genommen und in denſelbigen Verhaͤltniſſen in ein unſichtbares Seyn hinuͤber getragen, aber immer doch voll Einfluß, Kraft und Wirkung auch fuͤr das Leben dieſſeits. Er war es vor allem, der die Sorgfalt um den Hinge— ſchiedenen erzeugte, der ihm das Leben jenſeits zu ſchaffen ſuchte, wie es dieſſeits geweſen war, der dem alternden und kranken Preuſſen die Furcht vor dem Tode benahm, der es Kindern und Verwandten leichter machte, den letzten Le⸗ bensfunken des ſiechen Vaters, des rettungsloſen Freundes durch ein gewaltſames Mittel zu verloͤſchen, der ſelbſt auch dem kraͤftigen Manne Math im Streite und hohe Tapfer⸗ keit im Todeskampfe einfloͤßte ?). Man hat den Preuſſen 1) Es iſt kein Zweifel, daß dieſe Todtenfeſte ihren Urſprung in der heidniſchen Zeit hatten; aber es iſt eben fo wenig zu verkennen, daß in den Charakter, voie fie Lucas David B. I. S. 143 — 144 und Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 187 — 188 nach Waißels Chronik beſchreiben, ſich ſchon manches Chriſtliche eingemiſcht hatte Und es hatte dieſes wohl um ſo mehr geſchehen muͤſſen, weil die Preuſſen im Ver⸗ trage vom Jahre 1249 verſprochen hatten: quod ipsi et heredes corum in mortuis comburendis vel subterrandis — vel etiam in aliis qui- buscunque ritus gentilium de celero non servabunt, sed mortuos saos jusia morem Chrislianorum in cemiteriis sepelient et nan exira. 2) Hievon zeugt Kadlubeck L. IV. c. 19. p. 511 — 3512; und Appian de reb. Gall. c. 3 nennt die Germanen Überhaupt deshalb r Toruay Ipanvrarcı zu dv xarapeovnras di Ermiez 25 * i gig HF.

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572 Haͤusliches und gefelliges Leben. auch die Idee der Seelenwanderung zugeſchrieben und fie den Glauben hegen laſſen, daß die vom Koͤrper geſchiede⸗ nen Seelen in andere kuͤnftig geborene Koͤrper uͤbergingen, manche aber in Thierkoͤrper uͤberwandernd auch thieriſche Natur annaͤhmen ). Wenn indeſſen vielleicht in früherer Zeit die Bewohner Preuſſens die auch ſonſt noch im Nor⸗ den hie und da gehegte Meinung von der Seelenwan⸗ derung auch wirklich mit andern Völkern Germaniſchen 2) und beſonders Gothiſchen Stammes 3) getheilt haben koͤnn⸗ ten oder wenn wenigſtens vielleicht bei einigen ſuͤdlichen Zweigen, beſonders bei den Galindern dieſer Glaube auch in der That Statt gefunden haben möchte *), fo finden wir doch auch die beſtimmteſte Nachricht, daß in ſpaͤterer Zeit der Begriff von dem Zuſtande der Seelen nach dem Tode offenbar ganz anders war. Man trug das ganze dieſſeitige Leben mit allen ſeinen Verhaͤltniſſen, ſelbſt ſogar in ſeiner buͤrgerlichen Form, nur als verherrlichte Fortſetzung in je⸗ nes kuͤnftige Seyn uͤber; der Edle blieb auch dort noch fer⸗ ner edel, der Vornehme auch dort vornehmen und der Ge⸗ meine gemeinen Standes; der Reiche behielt dort ſeinen Reichthum, der Arme blieb arm ). Und wie in folcher 1) Dieſe Meinung ſchreibt Kadlubeck l. c. den Preuſſen zu, in: dem er ſagt: Est enim omnium Getharum communis dementia, exulas corpore animas nascituris denuo infundi corporihus; quas- dam etiam brutorum assumptione corporum brutescere. 2) Von den Galliern bekanntlich Caesar de b. Gall. L. VI. c. 14. Diodor. L. III. c. 28. Gibbon vom Verfall und Untergang des Roͤm. Reichs B. 3. S. 156. 3) Arnkiels Eimbriſche Alterthum. Th. I. S. 251. 4) Es darf nicht unbemerkt bleiben, daß Kaclluberk 1. c. dieſer Lehre zunaͤchſt in Beziehung auf die Polerianer erwähnt, die an Ga⸗ lindien graͤnzten. 5) Darüber ſpricht ſich ganz deutlich Dusdurg P. III. c. 5 aus Pruiheni resurreclionem carnis credebant, non tamen ut debehant. Credebant enim si quis nobilis sel ignobilis, dives vel pauper, potens vel impotens esset in hac vita, ita post resurrectionem in vita futura Arnkiels Eimbriſche Alterthum. Th. I. S. 250.

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Haͤusliches und geſelliges Leben. 573 Weiſe das Verhaͤltniß der verſchiedenen Staͤnde in das kuͤnftige Leben uͤbergetragen ward, ſo dachte man ſich auch die Art der Beſchaͤftigungen und Vergnuͤgungen eines jeden in dem jenſeitigen Leben fortgeſetzt; der Krieger bedurfte auch dort noch ſeiner Waffen, der Jaͤger ſeiner Hunde und Jagdvoͤgel, der Arbeiter feiner Geraͤthe ). Doch nur ſolche, welche den Goͤttern und dem Griwe Gehorſam bezeigt und ihre Geſetze be⸗ folgt, erhalten von den Goͤttern auch jenſeits ihre Belohnung: „ſchoͤne Frauen, viele Kinder, gute Speiſen, ſuͤße Getraͤnke, „im Sommer weiße Kleider, im Winter warme Roͤcke „und ruhigen Schlaf auf großen, weichen Betten, alſo „daß fie in voller Geſundheit ſtets lachen und fpringen ?).“ Anders die Boͤſen, die den Goͤttern nicht die gebuͤhrende Ehre und dem Griwe keinen Gehorſam erwieſen haben; „ihnen werden die Goͤtter alles wegnehmen, was ſie haben, „und ſie mit Angſt und Qualen plagen, daß ſie heulen „und ſtoͤhnen und die Haͤnde ringen muͤſſen von großer „Angſt und Wehe wegen ).“ — Ob die Preuſſen jene Be⸗ lohnung, wie dieſe Beſtrafung, ob ſie uͤberhaupt den kuͤnf⸗ tigen Aufenthalt der Abgeſchiedenen an beſtimmte Orte ge⸗ ſetzt oder ſich etwas dem Aehnliches geſchaffen haben moͤgen, was den Skandinaviern ihr Walhalla fuͤr die ſelige Be⸗ lohnung oder fuͤr die Beſtrafung das eiskalte und nebelige Nifelheim war, iſt wenn auch allerdings wohl wahrfchein- lich, doch keineswegs ſicher nachzuweiſen ). 1) Dusburg I. c. Hartknoch Dissertat. de funeribus veter. Pruss. $. 8. A. u. N. Preuſſ. S. 188. Von den Litthauern ſpricht in dieſer Beziehung Kojalowicz Histor. Lithuan. p. 140. 2) Lucas David B. I. S. 21. 3) Lucas David a. a. O. 4) Analog waren ſich ſicherlich auch hier die Begriffe der verwand⸗ ten Volker. Juͤngere Angaben nennen den Ort der Belohnung Rogus, den der Beſtrafung Pekla. Im Lettiſchen bedeutet noch jetzt Pekle die ‚Hölle.

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EH ftes Kapiten Religion und Goͤtterdienſt. Jedes Volk, in feiner Bildung noch auf einer Stufe ſte⸗ hend, auf welcher das Sinnliche im Menſchen den Geiſt mehr beherrſcht, als der Geiſt mit ſeiner Kraft und ſeinem Streben nach Erkenntniß der Natur der Dinge es vermag, das Weſen der ſinnlichen Welt forſchend zu durchdringen, wird immer in den Erſcheinungen der Natur, die ihm taͤg⸗ lich im Naturleben ſo nahe liegt, in die er ſich ſo tief und weit mehr als der gebildetere Menſch hineinlebt, die ihm in ihrem Auf- und Ableben doch ewig als dieſelbe und in ihren Verwandlungen doch immer wieder als neu erſcheint, ein hoͤheres und geheimes Walten, ein uͤber dem Wandel der Natur daſeyendes, alles bewegendes und in allem wir: kendes Princip ahnend ſuchen. Das iſt der erſte Laut des Gedankens eines Gottes im Geiſte des Mepſchen. Die Na⸗ tur giebt dem Ungebildeten die erſte Offenbarung für Glau⸗ ben und Religion. Aber die Einheit der Natur in ihrem ganzen unermeßlichen Bereiche iſt ein unbegreiflicher und unerfaßlicher Gedanke fuͤr Voͤlker, bei welchen der denkende Geiſt vom Sinnlichen noch uͤberwaͤltigt iſt und ſeine Kraft der Erforſchung und Erkennung des wahren Weſens der ſinnlichen Welt und ihrer Erſcheinungen noch nicht erkannt hat und folglich noch nicht ausuͤbt. Darum ſind dieſe Er⸗ ſcheinungen dem rohen Menſchen immer nur Einzelnheiten;

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“ Religion und Goͤtterdienſt. 575 aber er ahnet in ihnen das Leben und Wirken höherer Kräfte, das Walten maͤchtiger Weſen. Wo ſind nun fuͤr ihn dieſe maͤchtig waltenden Weſen? Nicht in der Natur, die in ewigem Wechſel auflebt und hinſtirbt, die nur die Wirkun⸗ gen jenes hoͤheren Waltens zeigt; auch nicht in ihm ſelbſt, denn er ahnet ſie außer ſich. Er findet ſie leicht am ewi⸗ gen Himmel, der in ſeinen großen Erſcheinungen immer derſelbe iſt und ſichtbar die Natur bewegt, belebt, verwan⸗ delt und beherrſcht. Von jeher ſahen in den ewig leuchten⸗ den, ewig erwaͤrmenden und Leben bringenden Geſtirnen rohe Völker ihre erſten Götter. Das iſt der Gang der fruͤheſten religiöfen Bildung bei jedem Volke, weil es der Gang der ganzen Menſchheit iſt; darum auch bei allen Voͤl⸗ kern auf gleicher Bildungsſtufe die nahe Gedankenverwandt⸗ ſchaft, die Menge der Ideenaͤhnlichkeiten. Auch Preuſſens aͤlteſte rohe Bewohner verehrten Sonne, Mond und Sterne als ihre Gottheiten und Sternendienſt war ihr frühefter Goͤtterdienſt ). Von den Aeſtiern weiß Tacitus zu berichten, daß fie die Mutter der Götter ver: ehret und als etwas Ausgezeichnetes ihres Glaubens, daß ſie Geſtalten von Ebern getragen haben, in dem Wahne, dieß ſeyen Schutzwaffen, die den Verehrer der Goͤttin ſelbſt unter Feinden ſicher ſtellten ). Aber dieſe Angabe des Roͤ⸗ mers iſt ſo karg, als unverſtaͤndlich; und doch iſt dieſes wenige zugleich ſchon alles, was wir von der aͤlteſten Re⸗ ligion der Bewohner Preuſſens wiſſen; denn andere Goͤtter ſollen ſie in fruͤheſter Zeit nicht gekannt und von keinem 1) Duslurg P. III, c. 5 ſpricht daher offenbar von dem älteften Religions⸗Cultus, wenn er ſagt: Deum non cognoverunt; ideo conligit, quod errando omnem creaturam pro Deo coluerunt, sc. Solem, Lunam et Stellas. Daß es die fruͤheſte Zeit iſt, in welche der Ordens ⸗Chroniſt dieſen Sternendienſt ſetzt, beweiſet er ſelbſt dadurch, daß er kurz vorher den Ausdruck „in primitivo“ zur Beſtimmung der Zeit gebraucht, in welcher er den Bildungs⸗Stand der Preuſſen ſchil⸗ dert. Vgl. Lucas David B. I. S. 12. Simon Grunau Tr. II. c. 1. 8. 2 nach der Chronik des Biſchofs 8 2) Taeit, German. c. 45.

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576 Religion und Götterbienft. Gotte irgend ein Bildniß gehabt haben ). Auf niedriger Bildungsſtufe aber iſt der Menſch geneigt, neben den Kraͤf⸗ ten der Natur und den Erſcheinungen des Himmels auch den Wirkungen etwas Geheimnißvolles und Heiliges zuzu⸗ meſſen und ſie in das Bereich eines gewiſſen goͤttlichen Waltens zu erheben. So wirkt die grauſe Erſcheinung des Gewitters, des Blitzes, des Donners, des Sturmes zu maͤchtig auf des rohen Menſchen ſinnliche Seele, als daß er nicht auch in ihr ein geheimnißvolles, hoͤheres und maͤch⸗ tiges Weſen haͤtte ahnen muͤſſen und er fand darin bald das Wirken und die Stimme eines Gottes. Schon fruͤh verehrten auch die Preuſſen den Donner in der Reihe ihrer Goͤtter ). Ueberhaupt aber iſt im Gedankenkreiſe roher Voͤlker nichts leichter und natuͤrlicher, als der Uebergang des Glaubens im Sternendienſte zum Glauben im Natur⸗ dienſte und von dem Glauben im Naturdienſte zum Glauben im Goͤtzendienſte. Urſache und Wirkung, Kraft und Erzeugniß ſtehen dem ungebildeten Naturmenſchen zu nahe und koͤnnen von ihm in ihrem Weſen viel zu wenig als verſchieden gedacht werden, als daß nicht bald die eine fuͤr die andere gelten und bald die Wirkung fuͤr eben ſo heilig, als die Kraft gehalten werden ſollte. Dann iſt das Feuer ſo heilig ver⸗ ehrt, als der feuerſpendende Gott, das Gewaͤſſer der Fluͤſſe fo heilig gehalten, als das hoͤhere Weſen, welches das Waſſer ſendet. Und ſo finden wir, wie bei den Slaven, auch bei den aͤlteſten Bewohnern Preuſſens außer dem mächtigen Gotte des Blitzes ) auch die Heilighaltung des Feuers, der Fluͤſſe, Quellen, Haine und Waͤlder )). Dieſes war ohne Zweifel der aͤlteſte Religionsglaube dec Preufien; die einzelnen Andeutungen der Geſchichte 1) Lucas David B. I. S. 12. 2) Daher ſetzt auch ſchon Dusburg P. III. c. 5: „ tonitrua “ un- ter die Zahl der älteſten Preuſſiſchen Götter. 3) Procop. Histor. Gothor. L. III. p. 339: Deum unum ful- minis opiſicem putant, cui res parere omnes. 4) Procop. I. c. Helmold. L. I. c. 83.

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Religion und Goͤtterdienſt. 3% bezeugen ſolches ) und der Gang der fruͤheſten Entwickelung der religioͤſen Bildung anderer Voͤlker beftätiget dieſe An⸗ nahme. Aber ein tiefes, undurchdringliches Dunkel liegt vor uns da, wenn wir fragen: welche Verwanblung der alte religiöfe Glaube etwa durch die Vermiſchung der Go: then mit den Venedern, durch die Wanderungen, Beruͤh⸗ rungen, feindlichen und friedlichen Verhaͤltniſſe mit andern Voͤlkern erlitten habe? Was etwa den aͤlteſten Bewohnern Preuſſens rein eigenthuͤmlich, was in ihnen ſelbſt erwacht und ausgebildet und was dagegen an religioͤſen Ahnungen. Vorſtellungen und Gedanken ihnen durch Fremdlinge zuge— bracht und in ihre geiſtige Welt hineinverwachſen ſey? Es giebt wenige Religionen heidniſcher Voͤlker, in denen ſich nicht Anklaͤnge, Aehnlichkeiten, Gedankenverwandtſchaften, Gleichheiten in Ideen und Voeſtellungen wieder finden, und wer daraus Syſteme von Voͤlkerverwandtſchaften und Voͤl⸗ kervermiſchungen und Voͤlkerberuͤhrungen erbauen will, fin det Stoff in reichlichem Maaße. Beſchraͤnken wir uns aber fuͤglicher hier nur auf das, was uns die aͤlteſten Quellen der Geſchichte an die Hand geben, ſo ſcheint vor allem die neue Einwanderung der Skandiſchen Gothen fuͤr die Feſtſtellung und Ausbil⸗ dung des religioſen Glaubens- und Goͤtter-Syſtems von großer Wichtigkeit geweſen zu ſeyn. So viel dabei auch immerhin der Sage angehören mag, fo kann doch die Be: hauptung wohl ſchwerlich beſtritten werden, daß nun erſt die Vorſtellungen und Ahnungen vom Goͤttlichen und Hei⸗ ligen eine feſte Richtung, eine beſtimmtere Geſtaltung und ein gewiſſes Syſtem erhielten; daß folglich erſt um dieſe Zeit der Kern und Hauptſtamm der altpreuſſiſchen Glau⸗ bens⸗ und Goͤtter-Lehre ſich vollkommner ausbildete 2). Aus den Quellen vernehmen wir hierüber Folgendes. 1) Der r Feuerdienſt war gewiß bei den Bewohnern Preuſſens aral ſ. Lucas Da vid B. I. S. 150. Henneberger de vet. Pruss. p- Hartknoch Dissert. de cultu Deorum apud veter. Pruss. 9. 1. e und N. Preuſſ. S. 145. 2) Die Zweifel, welche Aeriknoch Dissert. de diis Pruss. veter. J. 37

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Religion und Goͤtterdienſt. Auf ihrer Götter Geheiß und Rath waren die Skan⸗ diſchen Gothen aus ihrer nordiſchen Heimat ausgewandert. Mit der Verheißung, daß ihnen ein neues Land zum Wohn: ſitze ertheilt werden ſollte, waren die Gothiſchen Wanderer den Göttern in das Kuͤſtenland der Baltiſchen See gefolgt ), und mit dem Glauben, daß da, wo ſie wohnen ſollten, auch ihre Goͤtter herrſchen und walten, verehrt und ange— betet werden müßten 2), ließen die Gothen ſich in den neuen Wohnſitzen nieder. Sie kamen aber zugleich mit der Ueberzeugung, daß ihre Goͤtter auch von des Lan— des vorgefundenen alten Bewohnern anerkannt und in Vers ehrung aufgenommen werden muͤßten, und es ward dieſe Ueberzeugung noch um fo lebendiger in ihnen, da es ſtamm— verwandte Voͤlker waren, in deren Lande fie ſich anheim: ten, da ſie mit dieſen bald zu Einem Volke wurden und gewiß auch ohnedem die religioͤſen Begriffe und Vorſtellun⸗ gen beider Voͤlker ſich nahe verwandt einander begegneten. Wie die Sage ferner berichtet, erklaͤrte ſich einer der An— führer der Skandiſchen Wanderer zum oberſten Prieſter der Goͤtter, um ſein Leben lang den Goͤttern zu dienen, im Frieden uͤber das Volk als Griwe Recht und Geſetz zu handhaben und in folcher Weiſe in goͤttlichen und menſch⸗ lichen Dingen als oberſter Prieſter und oberſter Richter uͤber Volk und Land zu herrſchen. Wir ſahen fruͤherhin, welche Bedeutung in der Sitte und Verfaſſung des Gothi⸗ ſchen Volksſtammes dieſe Erſcheinung hatte; wir betrachte ten damals den Griwe als Grewen, Grawen, als Richter und Geſetzgeber; es iſt hier der Ort, ihn auch als Prieſter, * 2 E Majoribus g. 2. und im A. und N. Preuſſ. S. 127 gegen die Glaub⸗ wuͤrdigkeit des altpreuſſiſchen Goͤtter-Syſtems aufſtellt, werden ſich im Verkaufe der Auseinanderſetzung dieſes Gegenſtandes wohl leicht von ſeleſt heben. 1) Lucas David 8.1. S. 15. Es muß hierbei ausdruͤcklich bemerkt werden, daß Lucas David hier die Chronik des Biſchofs Chri⸗ ſtian benutzte. ) Lucas David B. I. S. 20. 25.

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Religion und Götterdienft. 579 als erſten Boten und oberſten Diener der Götter, als Ord⸗ ner und Geſetzgeber in allem Goͤttlichen und Heiligen dar⸗ zuſtellen. Als ſolcher trat er ſogleich in ſeinen erſten reli⸗ gioͤſen Geſetzen auf. Drei maͤchtige Hauptgöͤtter waren es, welche aus Skandien mitgebracht ), nach des Griwen erſtem Geſetze ) auch in dem neuen Lande allgemein verehrt, aber nie ohne ihn ſelbſt an heiligen Orten angebetet werden ſollten, weil ſie den Wanderern die neue Heimat verliehen hatten. Ihre Namen waren Perkunos, Potrimpos und Pikullos. Außer ihnen ſollte kein fremder Gott mehr ins Land gebracht wer⸗ den. Wie in der alten Skandinaviſchen Heimat dieſe Götter ihren Wohnſitz an einem heiligen Orte gehabt ), fo gab ihnen der Griwe nun auch in dem neuen Vaterlande ein beſonderes Heiligthum zur Wohnung ein. Das heilige Romowe ward als ſolche auserwaͤhlt, der hehre Ort, an welchem ſchon in uralter Zeit *) die Götter geahnet, ver- ehrt und angebetet worden waren und wo ſich nun der 1) vuc as David B. I. S. 20. 25. 2) Lucas David a. a. O. S. 20. 3) Daß die Gothen in Skandien eben ſo, wie die uͤbrigen Skan⸗ dinavier einen heiligen Wohnſitz für ihre Götter gehabt, iſt um fo we: niger zu bezweifeln, da ſolche heilige Götterfige im Norden überhaupt gewöhnliche Erſcheinungen find. Etwas dem Romowe aͤußerſt Aehnliches war das bekannte Upſala, von welchem Adam. Bremens. de situ Dan. c. 233 berichtet: Nobilissimum illa gens (i. e. Sveones) iem- plum habel, quod Upsola dieitur, non longe positum a Sictona ci- vitaie vel Birka. In boc templo, quod lotum ex auro paratum est, statuas ſrium Deorum ee e populus, Eriei Olai Upsal. IIi- storia ed. Messenii p. 2. Olaus Normius p- 15. Albert. Cranzius. Mallet Geſchichte von e B. I. S. 68 — 69. 4) Daß Romowe weit aͤlter iſt, als es die Sage bei Lucas David B. I. S. 25 ff. ſeyn läßt, möchte nach dem, was theils früher, theils in der Beilage Nro. II. daruͤber geſagt iſt, mit keinen erheblichen Zwei⸗ feln mehr zu beftreiten ſeyn. Da die Sage in Ruͤckſicht der Goͤtterver⸗ ehrung Alles an Eine Zeit und an die Ankunft der Skandinavier knüpft, fo iſt es wohl begreiflich, warum fie auch das Heiligihum jetzt erſt entſtehen laͤßt. 37 *

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580 Religion und Goͤtterdienſt. Glaube beider Völker Eines Stammes um fo mehr begeg⸗ nete und um ſo leichter zu einem Ganzen vereinigte. An dieſem heiligen Orte — wir kennen feine Lage —, dem Orte der ſtillen Ruhe und des tiefen Schweigens ), grünte auf einer weiten, anmuthigen Aue zu Sommer- und Win⸗ terzeit ein hoher, kraͤftigſtarker Eichbaum, deſſen Aeſte und Blaͤtter rings umher einen großen Raum beſchatteten und gegen Regen und Sonnengluth beſchuͤtzten ). Hier ſollte nach nordiſcher Religionsſitte der neue Wohnſitz der Götter ſeyn. Und in drei in den dicken Stamm der heiligen Eiche eingehauenen Blenden wurden die Bildniſſe jener drei oberſten Goͤtter zur Verehrung aufgeſtellt. Des wun⸗ derten ſich, bemerkt die Sage, die alten Bewohner des Landes, da ſie zuvor noch kein Bild eines Gottes geſehen, ſondern nur Sonne und Mond angebetet und für ihre Götter gehalten hatten ). Sonach moͤchte es ſcheinen, daß die neuen Ankoͤmmlinge nur den Uebergang vom Sternen⸗ und Naturdienſt zum Goͤtzendienſte am heiligen Romowe veranlaßten und die Bedeutung der Bildniſſe, die am hei— ligen Eichbaume zu Romowe aufgeſtellt wurden, koͤnnte ſolches beflätigen. Perkunos, des gewaltigen Donnerers, des Feuer-Got⸗ tes, des Goͤtter-Koͤniges Bild war das eines zornent—⸗ 1) So erklart Ahesa Program. de religionis christ. in Lithua- nor. genie primordiis P. II. p. 15 den Namen Romowe und dieſe Er⸗ klaͤrung ſcheint uns unter allen die gluͤcklichſte. Er ſagt: Nomen istud e lingua Lithuanica, quae cum velere Prussorum idiomate conve- nit, fortasse melius derivatur. Romas enim et ramus, adjectiva Lithuanica vim quictis ct silentii habent. Unde Roma weta locum quielis et silentii indicat. 2) Man begegnet bekanntlich im Norden dem heiligen Baume am Gotterſitze oͤfter; es ſtand ein ſolcher auch an der Goͤtterwohnung zu Upfala. Der Scholiaſt zu Adam. Bremens. I. c. c. 233 fagt: Prope illud iemplum est arbor maxima, late πuð,Ws calendens, «estate et hyeme semper. viridis, cuius illa generis sit, nemo seit. Albert. Crans. 3) Lucas David B. J. S. 26.

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Religion und Götterdienft. 581 brannten Mannes, fein Geſicht feuerfarbig mit krauſem Barte, das Haupt mit Feuerflammen gekroͤnt ). Als das Bildniß des erſten und des oberſten der Goͤtter ſtand es in der Mitte der andern ). Seine Verehrung, weit in den nordiſchen Landen verbreitet, fand man bei den Slaven in Maͤhren, Boͤhmen, bei den Ruſſen und wahrſcheinlich in fruͤher Zeit auch bei den Polen ). Darum iſt ſein Name nicht Skandinaviſch, ſondern ohne Zweifel Slaviſch; noch jetzt lebt er in den Volksgeſaͤngen Litthauens fort und wei⸗ fet in der Form feines Gebrauches auf die alte Vergoͤtte— rung hin ). In Prcuſſen war der Gott bei dem ganzen Volke hoch verehrt; es gab kaum einen heiligen Ort, wo ihm nicht Opfer gebracht, keinen heiligen Wald, in welchem nicht ſein Dienſt gefeiert wurde und noch jetzt ſind die An⸗ zeichen der einſtigen goͤttlichen Anbetung nicht alle aus der Erinnerung verſchwunden; noch oft finden wir in einzelnen Namen die Orte der einſtigen göttlichen Feier bezeichnet ). 1) Lucas David B. 1. S. 25. Leo IIisior. Pruss. p. 4. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 131. 2) Im Tempel zu Upſala ſtand in der Mitte das Bild des Gottes Thor; „Adam. Breinens. I. c. Eriei Olai IlIistor. 1 psal. p. 2. 3) Nestor überſ. von Scherer S. 97. Karamſin B. l. S. 72. 283. Maſch Obotrit. Alterthuͤm. S. 29. Thunmann Unter: ſuchungen über einige nord. Völker S. 317. In Rußland ſtand Per: kunos Bild von Holz mit einem ſübernen Kopfe und einem goldenen Schnurrbarte in Kiev auf dem Huͤgel von Wladimirs Hofe. 4) S. Dainos oder Litthauiſche Volkslieder uͤberſ. von Rheſa S. 316: „Noch heutiges Tages heißt Perkunas im Litthauiſchen der Don: ner; aber in allen Redensarten ſteht das Wort als handelndes Sub⸗ ject: Perkunas grauja, Perkunas mussa, Perkunas donnert, Perkunas ſchlaͤgt; Perkuns didey supykes, darob ergrimmte Perkun; ſ. S. 92 — 95. Dieſe Perſonificirung iſt um ſo merkwuͤrdiger, da ſie ganz of⸗ fenbar auf die alte Vergoͤtterung hinweiſet. 5) Beſonders oft weiſet der Doͤrfername Perkuiken d. h. Per⸗ kunsdorf auf den alten Gott hin. Wir finden ein ſolches in Samland am Fritzenſchen Forſte am See bei Miſchen; ein zweites unfern von der Deime auf der Landſtraße zwiſchen Tapiau und Labiau; ein drittes unfern von Bartenſtein an dem Alle-Fluß; ein viertes noͤrdlich von

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582 Religion und Goͤtterdienſt. — Vor allem aber brannte ihm zu Romowe vor der heiligen Eiche ein ewiges Feuer aus geheiligtem Eichenholze, bei deſſen Verloͤſchen die Prieſter, welche es unterhalten muß⸗ ten, mit dem Leben buͤßten ). War in ſolchem Ungluͤcks⸗ falle neues Feuer dem Steine wieder entlockt, ſo krochen die Prieſter auf den Knien an den heiligen Eichbaum hinan, entzuͤndeten die heilige Flamme wieder und ver⸗ brannten dann in ihr den ſaͤumigen Prieſter zur Suͤhne des erzuͤrnten Gottes?). Der Donner, ſeine Sprache, in welcher er den Prieſtern feinen Willen verkuͤndete, war ein Schre— cken für die Menſchen, und alles Volk. fiel, wenn er ſich vernehmen ließ, voll Furcht auf die Erde, laut rufend: Diewas Percunos abgehle nus, d. h. Gott Perkunos er— barme dich unſer )! Hatte der Gott im Donner mit dem Griwen geredet und dieſer Gluͤckliches verkuͤndigt, fo er⸗ folgten froͤhliche Gaſtgelage und reiche Opfer fielen ihm dann am heiligen Feuer. Als ſolche wurden ihm nicht bloß Roſſe und Thiere der Heerden, ſondern auch Gefangene dargebracht. Welchen im Blitzſtrahle fein geſchleuderter Don- nerkeil traf, den hatte Perkunos in der Goͤtter Gemein— ſchaft gerufen; darum war es ſtets der Griwen hoͤchſter Wunſch, ihren Tod durch die himmliſche Flamme zu fin⸗ Pr. Eilau. In Litthauen unter gleicher Bedeutung Perkunischken weſt⸗ lich von der Inſter und von Moulienen; ein anderes an der Ruß bei Schakuhnen. Perkunlauken erinnert deutlich an das Feld Perkunos; es lag bei Gumbinnen, in einer Gegend, die überhaupt in religioͤſer Hinſicht merkwuͤrdig iſt: in der Naͤhe der heilige Berg Kattenau, da⸗ neben das Doͤrfchen Romanuppen und das Fluͤßchen Romone; bei Per: kunlauken der Ort Pakullauken, gegen Trakehnen hin das Doͤrfchen Kurpchen. 1) Lucas David B. J. S. 29. Arnkiels Cimbr. Alter: thüm. 109. 2) Praͤtorius nach Roſenzweigs Chronik S. 316. Er erzählt auch, daß die Chronik des Biſchofs Chriſtian von einem Schwefelquell bei Romowe berichtet habe, bei welchem die erloͤſchte Flamme wieder an: gezuͤndet worden ſey; doch bezweifelt er die Thatſache ſchon ſelbſt. 3) Lucas David B. J. S. 35. 84. Hartknoch A. u. N.

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Religion und Götterdienft. 3583 den ). Aber nicht bloß als Donnergott, ſondern auch als Spender des Sonnenſcheins und Regens und uͤberhaupt als eine Macht, welche alle Lufterſcheinungen beweget, wurde er allgemein verehrt ?). Ob er deshalb mit der Sonne zu vergleichen und als Sonnengott zu betrachten ſey ), da die Sonne ſchon in fruͤheſter Zeit in Preuſſen Verehrung fand, kann dahin geſtellt bleiben. Am meiſten verglichen iſt Perkunos mit dem Skandinaviſchen Gotte Thor; allein wenn auch mancherlei Anklaͤnge und Aehnlichkeiten als Zweige wie aus dem Beifte Eines Stammes hervorgewach⸗ fen, vorhanden find, ſo iſt doch eine völlige Gleichheit bei- der Götter nicht nachzuwejſen ). Auch als Spender der Geſundheit und als Huͤlfsgott der Kranken ward Perkunos haͤufig angefleht. Die Aſche feines heiligen Feuers diente als Mittel gegen Krankheiten; daher richtete man an ihn auch Geluͤbde und Dankopfer für die Wiedergeneſung ſie— cher Freunde und Verwandten ). Auch dem Gewaͤſſer der ihm geheiligten Seen, die deshalb ſeinen Namen Perkune trugen, ſchieb man heilbringende Kräfte zu 9). Preuſſ. S. 160. Ryeſa ſchreibt in den Dainos S. 317 die Anrufungs- worte, nach dem Litthauiſchen: Die we Pereune apsangok mus. An: ders Hennig bei Lucas David a. a. O., wo das gewoͤhnliche „ah solo mus“ in das beſſere abgehle nus verändert iſt. 1) Prätorius nach Roſenzweigs Chronik S. 320. 2) Lucas David B. I. S. 89. 3) Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 133. Mone Geſchichte des Heidenthums B. I. S. 94. 4) Olaus Morinius p. 13. Adam. Bremens. c. 233. Eriei Olai Upsnl. Histor. p. 2. Wenn dieſer letztere fagt: Pro pluvia el aura necessaria invocabant Thorum, tauquani polentemin sublimi, cuius eljam patrorinio se sperabaut ab incommodis impressionum, tonilruo ac lempeslalibus, fulmine grandineque conservari, cui. sin- gulis hebdomadis quinta feria per deput»ios sacerdotes sacriſicia olferebant; fo Eönnen ſolche Aehnlichkeiten leicht zu Vergleichungen fuͤh⸗ ren. Am meiſten gefaͤllt fi in ſolchen Hartknoch A. u. N. Preuſf. S. 132 und unter den Neuern Mone B. I. S. 94. 5) Lucas David B. l. S. 137 — 138. 6) Es gab deren mebre im Lande. Es kommt unter andern ein

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584 Religion und Goͤtterdienſt. Potrimpos, der Spender des Gluͤckes im Kriege, wie im Frieden, Geber der Fruchtbarkeit und des Gedeihens, Beſchuͤtzer der Saaten und des Ackerbaues, der Gott des Wohlſtandes und des Segens, war die zweite Gottheit, de⸗ ren Bildniß an dem heiligen Eichbaume zu Romowe auf- geſtellt war, wie uns die Sage berichtet ). Wie in Per⸗ kunos der Gott des erwaͤrmenden und gedeihlichen Feuers erkannt wurde, ſo in Potrimpos der Gott des fruchtbaren Gewaͤſſers 2). Darum vielleicht ſtand auch ſein Bild jenem zulaͤchelnd zur Seite: ein bluͤhender Juͤngling, ſein Haupt mit einem Kranze von Getreideaͤhren geſchmuͤckt ). Als Opfer brannten ihm Getreidegarben und Weihrauch in brennendes Wachs geſtreut; auch Kinder wurden ihm zum Opfer gebracht, denn er fand uͤberhaupt Gefallen an Men— ſchenblut ). Es galt als Ehrendienſt, in einer großen Urne ihm eine Schlange zu ernaͤhren, auf deren Erhaltung und Pflege die Prieſter die ſtrengſte Sorgfalt wenden mußten. Milch war ihre Nahrung und unter Getreideaͤhren ward ſie beftändig verborgen gehalten ). Daher war die Schlange überhaupt den Preuſſen ein heiliges Thier ); fie galt de⸗ nen, die zum Kriegskampfe auszogen, als ein Zeichen der Gegenwart des freundlichen Gottes Potrimpos ). Sollte ihm ein großes Ehrenopfer gebracht werden, ſo mußte der Opferprieſter ſich zuvor drei Tage hindurch in ſtrengem Fa⸗ ſten vorbereiten, auf bloßer Erde ſchlafen und in das ewige ſolcher Lacus Perkune (Parkun) dictus, der bei den Dörfern Seefeld, Woppen und Glanden, oͤſtlich von Melſack lag, in einer Urkunde vom Jahre 1374 vor. Vgl. Dogiel Cod. diplom. T. IV. p. 74. 1) Lucas David B. I. S. 25. 34 Arnkiel Eimbr. Alterth. B. J. 18. 35. 128. 2) Schütz Histor. rer. Pruss. Pp. 2. 3) Lucas David B. I. S. 25. +) Lucas David B. J. S. 35. 5) Lucas David B. 1. S. 29. Leo histor. Pruss. p. 4. Bart: knoch A. u. N. Pr. S. 161. 6) Arnkiels Eimbr. Alterthuͤm. S. 4. 7) Hartknoch a. a. O. S. 163. Prütorius Schaub. S. 347 ff.

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Religion und Goͤtterdienſt. 585 Feuer von Zeit zu Zeit Weihrauch ſtreuen ). Es ſcheint nicht, daß ihm beſondere Waͤlder, Seen oder Orte im Lande geweiht geweſen; wenigſtens weiſet weder in aͤlteren ur⸗ kundlichen Nachrichten, noch in jetzt noch vorhandenen Na- men irgend eine Spur auf ihn hin. Auch finden wir nicht, daß Potrimpos unter dieſem oder einem aͤhnlichen Namen bei andern Voͤlkern Verehrung genoſſen babe. Manche ha⸗ ben in ihm die Sonne oder „den priapiſchen Friggo in Upſala“ oder die Skandinaviſche Frigga zu finden ges glaubt ). Verwandte Ideen und Ähnliche Begriffe ſcheinen ſich allerdings auch hier wieder zu begegnen und da wir dieſen Gott bei keinem Slaviſchen Volke wieder finden, ſo ließe ſich wohl auf Skandinaviſche Abkunft ſchließen; oder war vielleicht Potrimpos ſeinem Weſen nach jene Mutter der Goͤtter, die Tacitus ſchon bei den Aeſtiern ver⸗ ehrt fand? Das dritte Bild, an der heiligen Eiche zu Romowe aufgeftelit, war das des Gottes Pikullos, Pekollos, Patello, Patollo, Potollos 2) des Oberherrn des Todes und der Ver⸗ nichtung, denn was Potrimpos ſchuf, ward durch ihn ver⸗ tilgt. Wie jener das Princip des Schaffens, des Gedei- hens und der Fruchtbarkeit, ſo war dieſer das Princip des Verderbens und des Todes. Dem entſprach auch zu Ro— mowe ſein aufgeſtelltes Bild; die Geſtalt eines Greiſes 1) Lucas David B. J. S. 34. 2) Hartknoch Dissert. de diis Pruss. veter. maiorih. f. 6. und A. u. N. Preuſſ. S. 136. Mone a. a. O. S. 94 ſagt: Potrimpos mit Garbe, Topf, Schlange und Milch iſt der Fruchtgott und kein an⸗ derer als der priapiſche Friggo in upſala. Er iſt die Erde und wie Friggo Mannweib; darum ſchaute auch das Bild des Perkunos den Potrimpos an, der Mann, en ter, die Frau, bie Fruchtträgerin. Vgl. Rühs B. I. S. 31. 3) So wechſelt der er. in den Quellen. Hennig im Lucas David B. I. S. 33 ſtellt ihn mit dem Lettiſchen Worte Pelikle, die Holle, zuſammen, welches auch in der altpreuſſiſchen Sprache vorhanden war; ſ. Vater die Sprache der alten Preuſſen S. 131, wo Pickuis der Teufel und Pekla im Litthauiſchen die Hölle vorkommt.

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586 Religion und Goͤtterdienſt. mit langem grauen Barte, die Geſichtsfarbe todtenbleich, das Haupt mit einem weißen Tuche umwunden. Drei Todtenkoͤpfe, der eines Menſchen, eines Pferdes und einer Kuh waren feine Sinnbilder ). Beim Opferfefte brannte ihm ein Topf voll Talg; aber auch Menſchen, Rinder, Pferde, Schweine und Boͤcke wurden ihm als Opfergaben dargebracht und deren Blut am Stamme der heiligen Eiche ausgegoſſen, wodurch ihr ewiges Gruͤnen mit bewirkt ſeyn fol ). Wie Potrimpos von feinen Verehrern geliebt, fo war Pikullos allgemein gefuͤrchtet, denn er verlangte als Opfergabe ſtets das Theuerſte von. feinen Anbetern )). Quaal und Angſt der Menſchen war ſeine Freude. War bei einem Edlen ein Hausgenoſſe geſtorben, ſo mußte ihm geopfert werden; der Saͤumige ward durch Schrecken und Quaal von ihm geplagt und fiel ihm das verlangte Opfer nicht bis zum dritten Tage, ſo konnte der erzuͤrnte Gott nur durch Blut wieder verfühnt werden ). Auch an ſolchen uͤbte er die Strafen, die des Griwen Gebote nicht geachtet, der Goͤtter Willen nicht befolgt hatten oder im Opfern karg geweſen. Im ganzen Lande waren ihm haͤufig heilige Orte geweiht und überall brannten ihm Opfer zur Verſoͤh⸗ nung feines Zornes und zur Abwehr feiner Strafen. Noch jetzt erinnern zahlreiche Orte ſeines Namens an feine ein- ſtige allgemeine Verehrung). Unter dem Namen Pikullos 1) Lucas David B. I. S. 29. Schütz p. 3. Henneberger de veter. Pruss. p. 10. Leo p. 4. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 134. 160. 2) Prätorius nach Roſenzweigs Chron. S. 313. 2) Lucas David B. J. S. 33. ) Lucas David a. a. O. Hartknoch a. a. O. S. 1.34 1651. 5) Denken wir an den Wechſel des Namens dieſes Gottes, ſo er⸗ innern an ihn die Namen der Orte: Potollen, ein ehemaliges Gut im Kammeramte Brandenburg (Urkunde von 1467 und 1515); Pachollen bei Chriſtburg, wo ſonſt der heilige Wald ſtand; Pokellen, einſt ein Dorf bei Preuſſ. Mark; Patollen, ein Hof bei Cremitten am Pregel⸗ Strome, ebenfalls da, wo ſonſt ein heiliger Wald war (Urkunde von

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Religion und Goͤtterdienſt. 587 nden wir übrigens auch dieſen Gott bei fremden Voͤlkern nicht verehrt; aber verglichen iſt er bald mit dem Monde, bald mit dem Pluto, bald auch mit dem Gothiſchen Othin ). Dieſes waren, wie die Sage berichtet, die drei Haupt⸗ götter der Preuſſen; ſie haben deshalb von jeher auch die Forſchung gelehrter Maͤnner am meiſten beſchaͤftigt und wie manche in voreiligem Zweifel ihre einſtmalige Verehrung ſehr beſtritten und ihre Namen fuͤr Erdichtungen muͤßiger Chroniſten gehalten haben 2), fo ſuchten andere in ihnen die Ahnung hoher Gedanken, den Glauben an eine Drei— einigkeit, oder andere tiefgedachte Ideen durch fie ausge⸗ ſprochen ). Wir huldigen keiner dieſer Meinungen. An ihrer einſtigen Verehrung iſt nach den Zeugniſſen, welche für fie ſprechen, ſchwerlich wohl zu zweifen ). Nicht min⸗ 1485); ein Ort Potollen einſt an der Stelle, wo nachmals das Kloſter der heil. Dreifaltigkeit noͤrdlich von Domnau erbaut ward (Urkunde von 1465); Bakollen einſt ein Dorf in Samland, nachmals Wirde⸗ githen genannt; Pakullen, ein Dorf in Litthauen, nordweſtlich von Oft: wethen; Pakaleben am Kamswikusberge oͤſtlich von Inſterburg; Packal⸗ niſchken noͤrdlich von Gumbinnen und ein anderer Ort dieſes Namens noͤrdlich von Trakehnen. Bei Germau in Samland noch jetzt eine Pachullen-Wieſe. Sonſt lag ein Dorf Pokolln oder Pakuln bei Bar⸗ tenſtein im Kammeramte Kirſchitten (Urkunden von 1357, 1392 und 1400. 1) Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 134 — 136. Oſter meyer krit. Beitrag zur Altpreuſſ. Religionsgeſch. S. 19. Mone B. J. S. 93. 2) Hartknoch a. a. O. S. 127 — 128. 3) Kotzebue B. J. S. 75. Mone B. 1. S. 95 — 96. 4) Der Hauptgrund des Zweifels an der einſtigen Exiſtenz des Glaubens an dieſe Götter war immer darein geſetzt, daß weder Dus- 5/g, noch irgend eine Urkunde ihrer erwaͤhne. um fo wichtiger iſt eine urkundliche Stelle in der Collatio Episcopi Warmiensis faclu coram Summo ponlifice per dominum Andream plebanun in Danczk vom Jahre 1418, worin zuerſt die Erhabenheit des Standes der Ritterſchaft ſeit uralter Zeit geprieſen wird und dann vom Deutſchen Orden geſagt ift: „ Quantam fidem ad Deum habuerit (sc. Ordo Teuton.), pro- bat primo multiplex et alifficflis labor acquisitionis terre Pruwseie, de qua ah inicio expelleude erant ei expulse sunt gentes servientes demonibus, colentes Pall, Patrimpe ei alia iguominiosa lau-

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388 Religion und Goͤtterdienſt. der ſchwer aber moͤchte auch zu glauben ſeyn, daß das im Ganzen noch fo ungebildete, in feinem Denken noch fo ein⸗ fache und natuͤrliche, und in vielen Dingen der geiſtigen Welt noch ſo rohe und rauhe Volk ſo hohe Gedanken, als man ſie geahnet, bei ſeinen Goͤttern gedacht habe. Wir finden in allem nichts anderes, als die Verkoͤrperung des alten Naturdienſtes, wie er allen rohen Voͤlkern eigen iſt, eine ſinnbildliche Darſtellung der verehrten und in das Bereich des Goͤttlichen enthobenen Naturkraͤfte in ſinnlichen Bildniſſen. Was aber jene Dreiheit betrifft, auf welche man eine ſo wichtige Bedeutung gelegt hat, ſo wird ſie ſogleich durch einen vierten hinzutretenden Gott geſtoͤrt, deſſen Bild die Sage zwar nicht im heiligen Romowe an die heilige Eiche ſtellt, deſſen hohe Verehrung und Anbetung aber nicht we⸗ niger allgemein im ganzen Lande war. Cure?) ward dieſer Gott genannt und verehrt wurde er als Nahrungs⸗ ſpender, als der freundliche Geber der Speiſen und Ge— traͤnke. Sein Wohnſitz war nicht im Heiligthum Romowe; aber fein Bild ſtand immer auch unter einer großen heili⸗ gen Eiche, fo unter andern da, wo jetzt die Stadt Heili⸗ genbeil iſt; bei jeglichem heiligen Walde war ein Ort fei- ner Anbetung und Verehrung, und zahlreiche Orte ſeines tosmala, ut locaremur ibidem veri adoratores adorantes christum filium dei impotentis. Patet, quod multi fraires, aliqui incarcerati, aliqui mutilati, aliqui imposili eculeis sedentes super equos igne sacrificali sunt diis hostium et hoc tartareo more Litwanorum. S. Fol. C. p. 71 im geh. Archiv zu Koͤnigsb. Hier find alſo die beiden Goͤtternamen Pacullus (Pikollos) und Potrimpos ſelbſt urkundlich noch im Anfange des 15ten Jahrhunderts genannt. Dazu noch die Ortsna⸗ men und die offenbaren Anklaͤnge der heidniſchen Mythologie in den Litthauiſchen Volksliedern, worüber Rheſa in den Dainos S. 314 — 316. 1) Curche wird der Name dieſes Gottes in der Original- Ver: tragsurkunde vom Jahre 1249 geſchrieben. Gorcho oder Gurcho oder Kurko, wie er bei Tucas David B. I. S. 82 vorkommt, find ver⸗ ſtuͤmmelte Namen; aber in fpäterer Zeit ſcheint der Name in dieſer Verſtuͤmmelung allgemein gebraͤuchlich geweſen zu ſeyn.

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Religion und Goͤtterdienſt. 589 Namens erinnern noch bis dieſen Tag an ſeine einſtige göttliche Feier. Gewiß alſo war die Verehrung dieſes Got⸗ tes, wie ſo oft behauptet iſt, nicht an einen beſtimmten Ort gebunden, und nicht bloß an einer heiligen Eiche auf einem Steine bei dem Orte Swentomeſt, wo nun Heili— genbeil liegt ), wurden ihm die Opfer gebracht; ſondern es lagen vielmehr die Opferſteine, auf welchen dem Curche die Erſtlinge der Früchte, aber auch ſonſt Speiſen, Ge- traͤnke, Fiſche, Fleiſch, Mehl, Honig, Meth und Bier dar- gereicht wurden, durch das ganze Land zerſtreut ?). Wir finden Spuren der Verehrung zwiſchen Tolkemit und Frau⸗ enburg ), an den Seen bei Hohenſtein, wo einer der Seen ihm heilig war und ein Ort den Namen des Gottes führte ). Ueberhaupt wurde auch bei dieſem Gotte der Ort oder das Feld, wo ein Opferſtein des Curche lag, nach ſeinem Namen benannt. So hieß jene Gegend bei Hohen— Kein, wo dem Curche geopfert ward, Curchenfeld oder Kur⸗ koſadel ). Ein anderer Opferſtein, der für heilig galt, lag ſonſt unfern von Gumbinnen, wo noch jetzt der Name des 1) Lucas David B. I. S. 83. Hartknoch a. a. O. S. 139. 2) Darauf deutet auch [hen Hartknoch a. a. O. S. 161 hin. 3) Hartknoch a. a. O. 4) Dieſes Opferſteines wird als Graͤnzmarke noch in den Jahren 1428 und 1440 in Urkunden erwähnt. Es heißt: „Man ſoll vortan geen uff die ortgrenicze czu Korkaw, do eyn groß lang ſteyn zewuſchen czween andern ſteynen yn eyner weße leyt.“ Dieſes Korkaw deutet klar auf Curche hin. Der See, an welchem der Opferſtein lag, hieß Swyn⸗ ey, oder der heilige See, von dem altpreuſſ. Worte Swints, heilig. S. die Urkunde im geh. Archiv XIII. Auch Henneberger führt auf ſeiner Landtafel den Ort Gurken am See liegend an. Die neueren Charten haben dort das Dorf Kurken. 5) Kurkosadel kommt oͤfter in Urkunden des 14ten und 18ten Jahrhunderts vor; ſ. Urkunde im geh. Archiv L. I. 8; auch im Dogle / Cod. diplom. Polon. T. IV. Nr. 68. p. 75. So heißt in einer Ver⸗ ſchreibung des Hochmeiſters Ludolf Koͤnig von Weizau ein Feld Kur kelauk und Taauk bedeutet eben fo wie Sadel ein Feld, einen Land- ſtrich.

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590 Religion and Goͤtterdienſt. Ortes Kurpchen an den Gott erinnert ); andere fand man hinter Nordenburg, zwiſchen Biſchofsburg und Wartenburg, hinter Johannisburg, unter Kreuzburg, Chriſtburg, bei War⸗ gen im Samlande und an vielen andern Orten 2). So⸗ nach war Curche unbezweifelt gleich den drei genannten Hauptgoͤttern ebenfalls ein allgemeiner Landes-Gott, wie es denn auch an ſich ſchon in ſeinem Weſen und in ſeinem Begriffe lag. Ueberall ward alljährlich bei wiederkehrender Erndte Zeit fein Bild an den ihm geweihten Orten von neuem verfertigt und durch geſpendete Weihopfer göttlich verehrt. Wie es ſcheint, war das Bild des Gottes, auf einer hohen Stange getragen, mit einem Ziegenfelle beklei⸗ det und mit Buͤſcheln von Getreide und mancherlei Fruͤch— ten und Kraͤutern geſchmuͤckt ). Waͤhrend der Prieſter dem Gotte die Opfer brachte, tanzte das freudige Volk um das aufgeſtellte Goͤtterbild, welches nach dem Opfer dem opfern⸗ den Prieſter zufiel. Die Kräuter vertheilte dieſer unter das 1) Praͤtorius Schaubuͤhne S. 326 erinnerte ſich dieſes Steines noch. 2) An allen dieſen Orten ſpielen Doͤrfer-Ramen auf den Namen des Curche hin: bei Nordenburg ein Kurkowchen und nahe dabei ein Kurkenfeld; zwiſchen Biſchofsburg und Wartenburg ein Kurken; hinter Johannisburg ein Kurschen; unter Kreuzburg und Chriſtburg Goͤrken; unter Soldau ein Kurkau; bei Wargen im Samlande ein Korkehnen. Sonſt lag noch ein Kurkau im Gilgenburgiſchen im Komthuramte von Oſterode (Urkunde von 1338); ein Gurgelauken (oder Curchen-Feld) an einem heiligen Walde an der Alle. 3) In der Vertragsurkunde von 1249 heißt es von dem Büldniſſe dieſes Gottes: Ydolo quem (nicht quod, wie andere verbeſſern) semel in anno collectis frugibus consueverum confingere ei pro deo co- lere, cui nomen Cuche imposuerunt, vel aliis diis, qui non fe- cerunt celum et terram, quibuscunque nominibus appellentur, de cetero non libabunt. Die Stelle ift alſo weder in Dregers Cod. diplom. Pom. p. 200, noch in Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 140, noch in der Ausgabe von Dusburg p. 467 richtig gedruckt. Von einem Zerbrechen des Bildes (confringere) ift in der Original: Urkunde nichts geſagt, und es ruͤhrt dieſe Angabe einzig nur von dem unrichti⸗ gen Leſen des Wortes conſingere her.

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Religion und Goͤtterdienſt. 591 Volk als heilbringende Gaben ). Daß aber Curche ur- ſpruͤnglich ein auslaͤndiſcher Gott geweſen und von den Maſoviern entlehnt ſey?), ſcheint eben fo wenig begruͤndet, als zu erweiſen iſt, daß er der Hauptgott der Vomeſanier geweſen, da ſo viele Spuren auf eine allgemeine Verehrung im ganzen Lande hindeuten ). Außer dieſen vier oberen Gottheiten aber verehrte das Volk noch eine Menge niederer goͤttlicher Weſen, die man bie und da wohl nicht ganz paſſend in Götter des Him⸗ mels, der Erde, des Waſſers, des Menſchen, des Viehes, der Unterwelt, in Arbeits- und Handels-Goͤtter, in gute und zürnende Götter eingetheilt findet“). Es war Natur⸗ glaube, der uͤberall, wo er große Wirkungen, gewaltige Bewegungen und Schoͤpfungen in der Natur wahrnahm, die geahneten Urſachen und ſchaffenden Kraͤfte in das Reich göttlicher Weſen erhob, der die ganze Natur durch das Wir⸗ ken und Walten hoͤherer Goͤtter bewegt, getrieben und be— lebt ſah, der in den Anfaͤngen menſchlicher Bildung alles Leben und Bewegen im Bereiche der Natur als ſchoͤpferiſche Willensaͤußerungen hoͤherer, geheimer geiſtiger Naturen er⸗ kannte, unter deren Wirken und Schaffen alles geſchab, was in der Natur Leben und Bewegung offenbart. Daß dem wirklich alſo ſey, darauf weiſen ſelbſt ſchon die Namen dieſer goͤttlichen Weſen deutlich und beſtimmt 1) So beſchreibt Praͤtorius Schaub. S. 329 die Sache und ſie bekommt dadurch Bekraͤftigung, daß ſich die Worte der erwähnten Ur⸗ kunde: quem semel in anno colleclis frugibus consueverunt conlin - gere et pro deo colere, auf dieſe Weiſe am beſten erklären. 2) Lucas David B. I. S. 82. 3) Backo B. I. S. 166. Der Hauptgrund, warum nur dieſer Gott in der erwaͤhnten Vertragsurkunde namentlich genannt iſt, iſt wahrſcheinlich nur die naͤhere Bekanntſchaft des Ordens mit dieſem Gotte wegen der allgemeinen Verehrung im ganzen Lande. Baczko hat ihn zum Ritter S. Georg machen wollen, worüver vgl. Annalen des Koͤ⸗ nigreichs Preuſſ. 4tes Quart. 1793. S. 13. 4) Oſtermeyer krit. Beitrag zur altpreuſſ. Religionsgeſchichte S. 10 ff.

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592 Religion und Götterdienft. hin. Okopirn, ein Gott, der am Himmel und auf Erden wirkte, erzeugte die Sturmwinde. Der Sternengott Swair- tigr verlieh das Himmelslicht und Sternenſchein. Bang⸗ puttys, der Wellengott, und Antrimpos machten das Meer ſchaͤumend und bewegten die Seegewaͤſſer ). Wurskaite und Szwambraite waren die alten vergoͤtterten Volks⸗ haͤupter Widewud und Bruteno, Schutzgoͤtter der Heerden und des Gefluͤgels, denen Opfer unter Eichbaͤumen darge⸗ bracht und deren Bilder im ganzen Lande angebetet wur⸗ den. Ihre Namen hatten Beziehung auf die Gegenſtaͤnde, denen fie Schutz und Gedeihen verliehen oder auf ihre ein⸗ ſtige Stellung zu dem Volke ). Gardetis und Jautiu⸗ Bobis waren verehrt als Schutzgoͤtter der Rinder- und Schaafheerden und Perdoytos, der fuͤr Fiſcher und Seefah⸗ rer die Gewaͤſſer bewegte, war zugleich der Schutzgott des Handels und als ſolcher vorzuͤglich von den Anwohnern der 1) Die Namen laſſen ſich faſt alle in der Sprache auflöfen. Oko- pirn kann abgeleitet werden von auka im Lettiſch. der Sturmwind und perreht erzeugen; Oſtermeyer a. a. O. S. 10 zieht die Ableitung von Oko das Auge und perun für Perkunos vor. — Swaixtig vom Altpreuſſ. Swaigst der Schein oder vom Lettiſch. Swaigsne der Stern, im Altpreuſſ. Sweigsde der Stern, Swaigsnotces im Lettiſch. ſich be⸗ ſternen; f. Lucas David B. I. S. 86. Hartknoch a. a. O. S. 141. — Bangputtys, der Wellenſchäumer, vom Litthauiſch. banga die Welle und putta der Schaum; auch kommt vor Bangu diewaitis, der Wellengott; ſ. Rheſa Dainos S. 319. Oſtermeyer S. 11. ueber Antrimpos vgl. Prätorius a. a. O. S. 289. 335. Oſtermeyer S. 12. 2) Wurskaite mag man ableiten von wurst, der Oberſte, der Fürft und kaitsja der Beſchuͤtzer oder mit Oſtermeyer S. 18 von Werszis ein Kalb, ein junges Rind. Szwambraite oder wohl richti⸗ ger Szwanbraite von sswentas (swints) heilig und brati der Bruder, in Beziehung auf den Bruder des heiligen Griwe oder nach Oſter⸗ meyer S. 18 Iszwambratis geſchrieben von Wisztos Hühner, Feder⸗ vieh. Vgl. Lucas David B. I. S. 81 — 82. Hartknoch a. a. O. S. 141. Dieſe Vergoͤtterung alter verdienter Volkshaupter und Könige harmonirt uͤbrigens mit Skandinaviſchem Gebrauche; ſ. Suh m Geſch. von Dänemark B. I. S. 74.

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Religion und Goͤtterdienſt. 593 Seekuͤſte hoch verehrt ). Puskaitis, der Wald⸗ und Baum⸗ gott, im ganzen Lande hoch gefeiert, wohnte unter Hollun⸗ derbaͤumen, die man deshalb das heilige Holz nannte und die von niemand umgehauen und ausgerottet werden durften. Ihm waren in allen Landſchaften heilige Haine gewidmet, wo er eine Menge verſchiedenartiger Zwergweſen zur Be- dienung um ſich hatte 2). Segen und Wachsthum für Feld⸗ fruͤchte verlieh Pergubrius; Zemberys beſtreute die Erde mit Sanien und bekleidete fie mit Blumen und Kräutern; Pelwitte ſpendete den Reichthum in Haus und Scheune >). Ein Gott der Geſundheit, welcher Kranken und Gebrechli— chen half, war Auſchweitis oder Auſweikis ). Auch weibliche goͤttliche Weſen erheiterten das Leben mit ihren Gaben und durch ihre freundliche Huͤlfe. Im 1) Gardetis nach Oſter meyer S. 18 von gardas eine Schaaf: heerde. — Jautiu Bobis von Jautis ein junges Rind und haubju ich bruͤle. — Perdoytos vom Altpreuſſ. perdauns verkaufen, im Lettiſch. pahrdobt verkaufen, Handel treiben. Lucas David B. I. S. 86 verändert den Namen in Gardiaito und Hartknoch S. 142 behaup⸗ tet, daß Gardoaetos und Perdoytos ein und derſelbe Gott fey. 2) Puskaitis entweder vom Eſtyn. pu Holz, Baum, oder von puszis eine Fichte und kaitja der Beſchuͤtzer. Vgl. Lucas David B. I. S. 126. Hartknoch S. 162. Dieſer Gott wurde auch von den Litthauern, Liven und Ruſſen verehrt. S. Lange Lettiſch. Woͤr⸗ terbuch S. 243. 3) Pergubrius nach Oſtermever S. 14 von perguboti wieder: bringen, ein Fruͤhlingsgott. — Zemberys von Zeme die Erde und beriu ich beſtreue. — Pelvittus oder Pilvitus vom Lettiſch. pils vol, gefüllt, vollauf, pilu füllen, und widda die Wohnſtube; im Altpreuſſ. pilnan voll und wedde er brachte. Lucas David a. a. O. Pr: torius S. 339. Oſtermeyer S. 16. 4) Der Name iſt offenbar verunſtaltet. Hartknoch nennt ihn Ausschweytus; Brettchen in feiner Chron. Auszweikus, Ofter: meyer Alsweikincius. Die Ableitung von sweiks geſund, sweikas die Geſundheit, atsweikti wieder geſund werden, liegt ſehr nahe. Lu⸗ cas David B. I. S. 86 hat den ganz verdorbenen Namen Ausch- lauts. Arnkiel Cimbr. Alterthuͤm. hat ſowohl dieſen, als manchen andern dieſer Goͤtter⸗Namen unrichtig. I. 38

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594 Religion und Goͤtterdienſt. Aufkeimen und Gedeihen des Saatgetreides zeigte die freund⸗ liche Jawinne ihre milde Huld. Melletele lockte auf Auen und Gaͤrten das Gruͤnen, und Srutis an Blumen die Farben hervor. Gabjauja brachte Reichthum ein. Guze ge- leitete den Wanderer. Swaigsdunoka, die Sternengöttin, die Braut des Sternengottes, führte die Sterne ihre Bah— nen. Laima oder Laimele war Huͤlfsgoͤttin bei der Geburt und beſtimmte dem Neugebornen ſein Schickfal 9. Aber andere Göttinnen erregten Schrecken und Angſt. Die ge- fuͤrchtete Giltine, die Wuͤrgerin, brachte ſchmerzvollen Tod): Magila, die Zorngoͤttin, verhängte qualvolle Strafen; Lau⸗ me neckte den Menſchen in allerlei Plagen, entfuͤhrte huͤlf⸗ loſe Kinder >). Dieſer Verehrung hoͤherer goͤttlicher Weſen zur Seite ſtand der Glaube an Schutzgeiſter, an Wald-, Waſſer- und Erdgeiſter. Eine dieſer Geiſtergattungen waren die Bar⸗ ſtucken oder Perſticken, Waldmaͤnnchen und Elfen, des Wald⸗ gottes Puskaitis Zwergdiener; aͤhnlich waren die Markope⸗ ten, Nachtgeiſterchen, die zur Zeit der Abenddaͤmmerung ihre naͤchtliche Heimat verlaſſend ſich Speiſe ſuchten; man bemuͤhte ſich, ihre Gunſt durch Opferſpeiſen zu gewinnen, denn fie waren Schutzgeiſter des Hauſes und der Scheune ). 1) Jawinne von Jawai das Getreide. — Gabjauja von gabenti bringen. Laima bedeutet Schickſal, Gluck. In den Dainos der Fit: thauer kommt dieſe Eoͤttin noch Öfter vor; ſ. Rheſa Dainos S. 309. Noch jetzt ſagt der Litthauer: Taip Taime lönıe, fo hat es Laima gefuͤgt. 2) Ueber Giltine vgl. Donaleitis das Jahr herausgeg. von Rheſa S. 141. 3) Oſtermeyer S. 19 — 20. Von einer Todesgoͤttin Hela, die in der Edda vorkommt und nach Baczko's Vermuthung (im Preuff. Magazin Heft 1. S. 50) Veranlaſſung zum Namen der Halbinſel Hela gegeben haben ſoll, wiſſen die Preuſſ. Geſchichtsquellen nichts. 4) Lucas David B. l. S. 86. 127. Hartknoch a. a. O. S. 162. Oſtermeyer S. 15. 21. Aehnliche kleine geiſtige Weſen, Elfen und dergl. kommen im Norden vielfach vor: ſ. Olaus Magnus ist. Septentr. L. III. c. 10. Olaus VFormius Monument. Dan. p. 19. Suhm Geſch. der Dänen B. I. S. 211, ebenfalls ſolche Erd⸗

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Religion und Goͤtterdienſt. 595 Die kindliche Phantaſie des Volkes gefiel ſich in der wun⸗ derlichſten Ausbildung dieſer geiſtigen Zwergweſen, die wie Mittelglieder zwiſchen den Göttern und Menſchen ſtanden. Wo aber ſolche Goͤtter wohnten, wo man ihr Walten und Wirken ahnete, wo ihnen geopfert oder die Weihgabe dargebracht ward, da war alles rings umher heilig und der Boden geweiht. Der heiligſte Ort im ganzen Lande war in alter Zeit der Hauptgoͤtter-Sitz Romowe. Kein Ungeweihter durfte ihn betreten und nur die Landesfuͤrſten oder Reiks konnten bisweilen ſich des Gluͤckes erfreuen, mit dem Griwe zu Romowe ſelbſt von Mund zu Mund zu re den ). Doch die Goͤtterbildniſſe blieben auch ihnen ver: huͤllt, denn die heilige Eiche, in welcher ſie ſtanden, war rings mir hohen Tuͤchern umhaͤngt ). Von allen Seiten umſchloß den heiligen Goͤtterſitz der heilige Wald in meilen⸗ weiter Ausdehnung ). Keines Fremdlings Fuß durfte ihn beruͤhren, wie denn auch jeder andere heilige Ort im Lande allen, die nicht den Landesgoͤttern huldigten, beſonders den Chriſten unzugaͤnglich war ). Wer aber den heiligen Wald mit feinem Tritte entweihte, deſſen Blut mußte der Göt- ter Zorn verſoͤhnen ). Nicht minder ſchwer war das Ver⸗ brechen deſſen, welcher einen Baum des heiligen Haines ge— faͤllt ). Außer dieſem uralten Heiligthume aber gab es im und Bergmaͤnnchen. Vulpius Handwörterbuch der Mythologie S. 123. 120. Arnkiels Cimbriſche Alterthuͤm. Th. I. S. 30. 1) Lucas David B. I. S. 31. Preuſſ. Tempe St. XII. S. 788. 2) Ebendaf. 3) S. die Abhandlung uͤber das alte Romowe in der Beilage Nr. II. 4) Adam. Bremens. c. 227 fagt in dieſer Hinſicht von den Preuſ⸗ ſen: Usque hodie profecto inter illos, cum omnia communia sint nostris, solus accessus prohihetur lucorum et fontium, quos autu- mant Christianorum pollui. Daß hier insbeſondere von heiligen Hai: nen und heiligen Quellen die Rede iſt, ergiebt ſich von ſelbſt. 5) Schütz Chron. Pruss. p. 3. 6) Mit Upſala hat auch in Lieſer Hinſicht das heilige Romowe große Aehnlichkeit. Von dem heiligen Haine, welcher dort den Wohn: 38 *

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596 Religion und Goͤtterdienſt. Lande noch manche andere heilige Orte, welche zum Theil hoͤchſtwahrſcheinlich ebenfalls einen auf die ſtille Ruhe und das tiefe Schweigen hindeutenden Namen, alſo einen dem Worte Romowe gleich oder ähnlich lautenden Namen fuͤhr⸗ ten. Darauf weiſen ſo manche Spuren hin, denen wir im Lande hin und wieder begegnen ). Vielleicht hatte jeder Ort, wo ein Griwe ſeinen Wohnſitz hatte und ein naher heiliger Wald ein Heiligthum der Goͤtter umſchloß, dieſelbe bedeutungsvolle Bezeichnung ). Gewiß iſt, daß es über- all im Lande heilige Waͤlder und heilige Haine gab, in denen kein Baum gefällt, kein abgeſtorbenes Holz hinweg getragen, kein Zweig verſehrt, kein Thier erlegt werden durfte, denn jeder Baum, jeder Zweig und alles, was darin lebte, ward für heilig geachtet). So lebte alſo auch in ſitz der Götter umgab, ſagt Adam. Bremens. c. 234: Is lucus (qui proximus est lemplo) tam sacer est Gentilibus, ut singulac arhores eius, ex morte vel cibo immolatorum divinae credantur. 1) Jeden muß die große Zahl von Ortsnamen in Preuſſen befrem- den, in welchen das Wort Romas oder Raruus i. e. quies, silentium die Grundlage bildet; wir wollen nur einige als Beiſpiele aufführen : Rombitten bei Salfeld am Ewing-See, ein uralter Ort; Romitten noͤrdlich von Pr. Eilau, in der Naͤhe von Perkuicken oder Perkunsdorf; Romlau am Friſching noͤrdlich von Tharau; Romansgut noͤrdlich bei Heiligenbeil, wo Curche verehrt wurde; Romau bei Tapiau, in der Nähe von Heiligenwalde, wo einſt ein heiliger Wald ſtand. Rohms- dorf bei Schippenbeil, von deſſen einjt:ger veligiöfer Bedeutung ſchon geſprochen iſt. Romahnen in der Berggegend noͤrdlich von Ortelsburg. Rom im alten Galinderlande. Auch in Litthauen deuten viele Namen darauf hin; fo der Rambin, der heilige Berg; Romanuppen am Berge Kattenau, anbei das Fluͤßchen Romone; Rominten am Fluͤß⸗ chen Rominte u. f. w. 2) Dieſes wird auch dadurch noch um fo wahrſcheinlicher, da Lit⸗ thauen einen heiligen Goͤtterſitz mit demſelben Namen hatte. Ayjalo- wiez Ilistor. Lithuan. p. 21. 32. nennt ihn Romnove et Romove, krive kriveiti postea sacrorum apud Lituanos praesidis sedes. Dis- burg P. III. c. 252 nennt es villa dicta Romene, quae secundum ritus eorum (sc. Lituanorum) sacra fuil. Kojalowiez p. 35. 3) Dusburg P. III. c. 5: Ilabuerunt etiam lucos, campos et aquas sacras, sic quod secare, aut agros colere, vel piscari nusi

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Religion und Goͤtterdienſt. 597 dieſer Erſcheinung im Volke Preuſſens der alte Germani⸗ ſche Glaube fort und mit derſelben heiligen Scheu betrach- tete der Preuſſe die heiligen Waͤlder in Samland bei Po⸗ bethen ), zwiſchen Königsberg und Tapiau am Pregel⸗ Strom, unfern von Chriſtburg am Sirgunen-Fluſſe, bei den Dörfern Plauth und Seefeld, unfern von Melſack 2), bei Schippenbeil und an mehren andern Orten. Auch einzelne Baͤume wurden fuͤr heilig gehalten, weil man in ihnen ein hoͤheres Weſen ahnete, weil ſie fuͤr Wohn⸗ fige der Götter galten, wo dieſen geopfert ward. Nicht bloß die hehre Goͤttereiche im alten Romowe, auch andere maͤchtige Eichbaͤume ſtanden im Glauben hoher Heiligkeit und man nahte ſich ihnen nur mit Scheu und Ehrfurcht. Berühmt und von Opfernden viel beſucht war die Eiche bei Heiligenbeil, an deren Stamme dem Gotte Curche ge— opfert ward; auch ſie ſoll des ganze Jahr hindurch ge— gruͤnt haben ). Einen andern heiligen Eichbaum ſetzt die Sage in die Gegend von Marienburg. Ein aͤhnlicher bei Wehlau, unfern von Rohmau ward erſt in ſpaͤterer Zeit ge⸗ fällt und maß einen ſehr bedeutenden Umfang ). In gleicher Weiſe galten auch ſtarke Linden, der Hollunder, der Lieb— lingsſtrauch des Puskaitis und verſchiedene andere Baͤume fuͤr heilig und niemand wagte es, einen Zweig von ihnen abzubrechen ). Auch heilige Berge gab es, auf denen man non fuerant in eisdem. Lucas David B. I. S. 150. Arnkiels Cimbriſche Alterthuͤm. Th. I. S. 172. 1) Henneberger Landtaf. S. 350. 2) In einer Urkunde vom Jahre 1325 (Ermländ. Privilegienbuch p. 35) wird dort erwähnt ein nemus, quod a Prutenis sanctum ne- mus dicitur. 3) Lucas David B. I. S. 82 — 84. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 118. 4) Hartknoch a. a. O. S. 119. Henneberger Landtaf. S. 473. Prätorius Schaub. S. 267 ff. 5) Lucas David B. I. S. 150. Hartknoch a. a. O. S. 120. Prätoriusa. a. O. S. 272 beſchreibt uns auch die Art der Baum⸗ Weihe, jedoch nur aus Berichten fpäterer Zeit.

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598 Religion und Öötterdienit. der Götter Gegenwart ahnete und ihnen Weihopfer dar⸗ brachte. Ein ſolcher lag bei Brandenburg in der Naͤhe des Friſchen Haffes ); ein anderer war der Kattenau in Lit⸗ thauen. Heilige Felder befanden ſich faſt immer in der Naͤhe der heiligen Waͤlder und durften nie bebaut werden . Ein ſolches war am heiligen Romowe in Samland, am heiligen Walde an der Sirgune, bei Heilsberg, am heili⸗ gen Berge Kattenau und an mehren anderen Orten 2). Hie und da gab es heilige Quellen, aus denen keiner ohne ei— nes Prieſters Beiſeyn ſchoͤpfen und heilige Seen, in wel— chen niemand fiſchen durfte ). Ein Chriſt durfte ſich fol- chen niemals nahen, ohne ſofort mit dem Leben zu buͤßen ). Auch in das Thierreich traͤgt der rohe Sohn der Na— tur in der Kindheit ſeiner Bildung gerne die Ahnung des Heiligen Über und fo galt dem einſtigen Bewohner Preuſ— ſens in ihm alles das für heilig, was in irgend einer naͤ⸗ heren Beziehung mit einem ſeiner Goͤtter ſtand ). Dieſen Vorzug hatte vor allem die Schlange, des Potrimpos Lieb— ling, die Segensſpenderin fuͤr Haus und Hof. Man hielt fie für unſterblich, meinend, daß fie bei jedem Wechſel ih- rer Haut verjuͤngende Kraft annehme. Mit großer Sorg⸗ falt ward ſie als Schutzgeiſt in alten ausgehoͤhlten Eichbaͤu⸗ men, in Staͤllen und Wohnhaͤuſern gepflegt und verehrt. Unfruchtbare Frauen brachten ihr Milch als Nahrung und J) Es erwähnt feiner eine Urkunde vom Jahre 1446. 2) Dusburg P. III. c. 5. 3) Sie kommen häufig in Urkunden vor. Die Gegend um Heils⸗ berg (Heiligenberg?) ift überhaupt in religioͤſer Hinſicht merkwürdig; außer dem dortigen heiligen Felde verdient auch der Name des Orts Parkitten Aufmerkſamkeit. 4) So war unter andern der Wulpinker-See bei Thomsdorf ſuͤd⸗ lich von Allenſcein heilig und wurde ſonſt auch der heilige See genannt. Val. Arnkiels Cimoriſche Alterthuͤm. S. 118. 5) Dusburg P. III. c. 5. Adam. Bremens. c. 227. Helmold. I. I. c. I. Lucas David B. I. S. 150. Olaus Wormius p. 19. 6) Dusburg I. c. faßt dieſes alles unter den Worten zufammen: volatilia, quadrupedia eliam usque ad bufonem.

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Religion und Goͤtterdienſt. 599 fleyten dabei um Segen zu der Göttin Laima ). Auf Sorgloſigkeit in ihrer Pflege oder auf Verletzung ihres Koͤr⸗ pers folgte im Hauſe Schaden und Unheil aller Art. Und es erhielt ſich dieſer Glaube an die Heiligkeit der Schlange wie in Preuſſen, fo in den Nachbarlanden im gemeinen Volke noch mehre Jahrhunderte hindurch, nachdem laͤngſt ſchon das Chriſtenthum den alten Goͤtterdienſt verdraͤngt hatte 2). Auch das Roß, beſonders das von weißer Farbe ward in Preuſſen, wie bei den alten Germanen, beſonders im Norden, wegen feiner wahrſagenden Gabe für heilig gehalten und als Eigenthum der Götter geweiht ). Dar⸗ um wagte es keiner, die Roſſe ſolcher Farben, unter denen ſie fuͤr heilig galten, jemals zu beſteigen und Unheil traf den, welcher daran ſrevelte ). Ob auch das Elendthier in die Zahl der heiligen Thiere zu rechnen ſey, bleibt zweifel— haft 5); wie aber waͤre ein Handel mit dicſem Thiere mög- lich geweſen, wenn es im Lande fo hehr gehalten wurde“ Unter den Voͤgelgeſchlechtern erwies man den Eulen eine ge— wiſſe Verehrung, weil man meinte, daß ſie ihre Guͤnſtlinge vor Ungluͤck warnten °). Bei einer ſolchen Zahl von Göttern aber war, wie be— greiflich iſt, auch eine ausgebreitete Prieſterſchaft nothwen⸗ 1) Lucas David B. 1. S. 150. Praͤtorius q. a. O. S. 350. 2) Hartknech X. u. N. Preuſſ. S. 143. Prätorius a. a. O. Arnkiel S. 122. 3) Taeit. German. c. 10. Dumas. Merseburg. IL. VI. p. 135. Saxo Grammat. L. XIV. p. 321. Man findet dieſen Glauben an die Wahrſagung der Pferde bei allen Slaviſchen Völkern; Ossolinski über Kodlubeek S. 45. 175 — 176; auch bei den Liven; Heinrich der Lette p. 7. 4) Dusburg P. III. e. 5: Aliqui equos migros, quidam alterius coloris propler Deos suos non audebant aliqualiter equitare. 5) Es ift hierüber kein aͤlteres Zeugniß, als das des Krasın. Stella Boruss. antig. L. II. p. 28 vorhanden, denn Hartknoch a. a. O. S. 144 und Prätorius S. 351 ſchreiben es dieſem nach. 6) Duisburg l. c. Statt der gewoͤhnlichen Lesart bufones moͤchte wohl eher Pubones zu leſen ſeyn; freilich haben die Handſchr. buſones.

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600 Die Prieſter. dig, die den Dienſt derſelben zu beſorgen hatte. Um je⸗ doch die Bedeutung und die Stellung dieſer Prieſter rich⸗ tig zu verſtehen und in die Benennung keinen falſchen Be⸗ griff zu miſchen, ſcheint es zweckdienlich, zuvor das Amt und das Weſen der einzelnen Prieſterklaſſen etwas naͤher zu beleuchten. An der Spitze der geſammten Prieſterſchaft ſtand als Oberprieſter der Griwe, deſſen wir hier nur in Hinſicht ſeiner prieſterlichen Macht und Bedeutung zu gedenken ha⸗ ben, da uͤber ſeinen Einfluß auf des Volkes weltliches und buͤrgerliches Leben und über feine Stellung zu den Landes⸗ fürften fruͤher ſchon geſprochen if. So iſt es auch ſchon verſucht, die Behauptung zu begründen, daß nach des Lan⸗ des Vereinzelung in Landſchaften eine jede von dieſen ihren eigenen Griwen als oberſten Richter und Oberprieſter ge— habt und daß in jeder an einem heiligen Orte, in ei— nem heiligen Walde, an einem beſonderen Romowe ein Wohnſitz des Gau⸗Griwen (Gau-Grafen) beſtanden habe. Wenn ihm als Oberprieſter zunaͤchſt die ganze Anordnung, Regelung und Oberaufſicht des geſammten Goͤtterdienſtes zuſtand, ſo kann doch ſicherlich ſeine prieſterliche Gewalt ſich nicht uͤber die Graͤnzen ſeiner Landſchaft erſtreckt haben. Darum beruhet die uns ſpaͤter zugebrachte Nachricht gewiß auf einem Irrthume, daß auch in ſpaͤteren Zeiten des Hei⸗ denlebens noch Ein allgemeiner Griwe in goͤttlichen Din⸗ gen uͤber das ganze Land geboten und ſeine unumſchraͤnkte oberprieſterliche Macht ſelbſt uͤber die Voͤlker in Livland, in Kurland und Samaiten, wie in Litthauen und mehren Ge— bieten in Rußland ausgedehnt und ausgeuͤbt habe, daß auch aus dieſen fernen Landen die Botſchafter von Koͤnigen, Fuͤr⸗ ſten und deren Voͤlkern oder auch Koͤnige und Fuͤrſten ſelbſt vor ihm erſchienen ſeyen, um aus ſeinem Munde den Willen der Goͤtter zu vernehmen ). Der Irrthum des al⸗ 1) Bekanntlich iſt es einzig nur der Ordens⸗Chroniſt Dusburg P. III. c. 5, welcher uns dieſe Nachricht giebt; er nennt als Voͤlker, über welche des Griwen Gewalt gegangen ſey, die Leihowini et aliae

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Die Prieſter. 601 ten Chroniſten, der uns dieſe Nachricht hinterbracht, iſt leicht erklaͤrlich. Nehmen wir an, daß in jeglicher Land⸗ ſchaft wirklich ein eigener Griwe als Oberrichter und Ober⸗ prieſter ſaß, daß es alſo ſo viele Griwen im ganzen Lande gab, als Landſchaften gezählt wurden, fo lag es doch offen- bar im ganzen Weſen ihres Amtes und in der Bedeutung ihrer Wuͤrde, daß dieſes Amt, dieſe Wuͤrde, daß uͤberall ihre Gewalt, ihre Stellung zu dem Reiks, zu dem Volke, zu den untergeordneten Prieſtern, daß in allen Landſchaften ihre Achtung und Verehrung immer dieſelbe war. Ueberall erſchienen vor dem Griwe der Landſchaft der Reiks, die Edlen und das Volk mit gleicher Ehrfurcht; uͤberall wurden ihm dieſelben feſtlichen Opfer und Weihgaben für die Goͤt— ter dargebracht n). Nirgends durfte ein Fremdling, der bei dem Griwe Rath ſuchte, ſeinen Wohnſitz ſelbſt betreten; er mußte fern in einem Walde verweilen, bis die Prieſter ihm auf die Anfrage Antwort ertheilten ?). Ueberall zeigte ſich der Griwe ſelbſt ſeinem eigenen Volke ſo ſelten, daß derjenige es für ein hohes Gluͤck feines Lebens hielt, wel- chem der Oberprieſter einmal ſichtbar geworden war. Ueber⸗ all alſo lebte der Griwe einer Landſchaft in dem geheimniß⸗ vollen Dunkel feines heiligen Waldes. Der Griwe war ſo— nach überall Eine und dieſelbe Erſcheinung, die ſich in al naliones Livoniae: Lucas David B. I. S. 80 und 94 giebt außer Preuſſen Litthauen, Samaiten, Livland, „Oeſten“ und Kurland an; Oeſten ſoll bei ihm Ehſtland ſeyn. Daher ſchließt auch Karamſin B. I. S. 73, „daß die Ruſſen, wenn auch nicht alle, doch wenigſtens einige Slaviſche Staͤmme in Rußland — wahrſcheinlich die Kriwitſchen und die Letten dieſelbigen Götter hatten; denn ihr (der Kriwitſchen) Name bezeugt, wie es ſcheint, daß ſie den Lettiſchen Hohenprieſter Kriwe fuͤr ihres Glaubens Oberhaupt erkannten.“ Wir werden aber ſehen, daß ſowohl dieſe, als manche andere in Schloͤzers Nord. Geſchichte S. 494 — 495 und in der Petersburg. Monatsſchrift von Schroͤder B. III. S. 65 ff. gegebenen Anſichten auf keinem feſten Grunde be⸗ ruhen. 1) Lucas David B. I. S. 80. 2 Prätorius Schaub. S. 360 nach Brettchens Chronik.

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602 Die Prieſter. len Landſchaften in gleicher Art wieder fand. Nimmt man nun hinzu, daß es nach der Sage einſt eine Zeit gab, in welcher wirklich nur Ein Griwe das oberrichterliche und oberprieſter⸗ liche Amt uͤber das geſammte Land verwaltete; nimmt man ferner das geheimnißvolle Dunkel hinzu, in welchem ſich beftändig der Griwe verborgen hielt und erwägt man end— lich die unermeßlichen Hinderniſſe, die dem Fremdlinge alle genauere Kenntniß von dem Amte und der Stellung des— felben faſt ganz unmöglich machten, fo iſt es leicht begreif⸗ lich, wie ſich die Meinung bilden konnte, ja ſelbſt bilden mußte: es herrſche überhaupt Über alle Landſchafien Preuſ— ſens und ſogar uͤber deſſen Craͤnzen weit hinaus nur ein einziger Griwe als ein Geſammt-Oberhaupt uͤber alles, was Religion und Prieſterthum heiße ). In der That war es dem Weſen, der Wuͤrde und der Bedeutung nach auch nur Ein Bild des Griwe, welches man uͤberall wieder fand und es wechſelten nur die Orte, wo ſich daſſelbe Bild im— mer wiederholte und die Perſonen, die es gleichſam trugen und es konnte ſomit die dem Fremdlinge zugekommene Nach— richt, daß in Preuſſens Landſchaften ein Griwe das oberſte Prieſteramt verwalte, gar leicht den Glauben erzeugen, daß dieſer Griwe auch nur in Einer Perſon und an Einem Orte vorhanden geweſen ſey. Selten, vielleicht nie ertheilte der Griwe die nöthigen Gebote und Befehle dem Volke ſelbſt. Er ſandte feine Bo— ten aus, bevollmaͤchtigte ſolche durch Uebergabe eines Ge⸗ bieterſtabes oder eines andern bekannten Machtzeichens, Griwule ward es genannt, und ließ durch ſie ſeine Gebote verkuͤndigen ). Solchen Geſetzen aber mußte ſich jeglicher fuͤgen; keinem war Widerſpruch erlaubt; vielmehr galt der 1) Es find. dieſes die Hauptreſultate einer genaueren Unterſuchung dieſes Gegenſtandes. Da bekanntlich in neuerer Zeit an der Exiſtenz des Griwen als eines Oberprieſters uͤberhaupt gezweifelt worden iſt und alles, was von ihm berichtet wird, ein Mißverſtaͤndniß des Dusburg zur Quelle haben ſoll, fo wird es nicht uͤberfluͤſſig ſeyn, jene Unterſu⸗ chung in der Beilage Nro. X. mitzutheilen. 2) Dusburg P. III. c. 5 ſagt: Der Bote (nuncius) ſey erſchiener.

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Die Prieſter. 603 ſtrengſte Gehorſam als erſte Pflicht wie bei dem Volke, ſo bei den Prieſtern ſelbſt. Des Griwen Befehl ward ſtets betrachtet als der Götter Wille ) und in ſolcher Weiſe ſtand der Griwe einer Landſchaft in ſeiner Macht bedeutend hoͤher, als jeder Landesfuͤrſt ?). Auf welche Art er zu diefer Fülle des Anſehens und der Gewalt gelangt war, kann aus der mangelhaften Geſchichte dieſer Zeit zwar nicht nachgewieſen werden; aber es lehrt die Geſchichte anderer Zeiten und Voͤlker den ganzen Gang dieſer Erſcheinung; es zeigt ihn die Geſchichte Aegyptens, des Mittelalters und man- cher einzelnen Laͤnder, uͤber deren Bewohner in den An— cum baculo suo vel alio signo noto. Lucas David B. I. S. 80 nennt das Zeichen einen Stab und Praͤtorius giebt ihm den Namen „Krewule oder Krywulle. Die Sache hat ſich noch bis auf die fpäte- ren Litthauer erhalten, bei denen ein krummer Stab — » — gewoͤhn⸗ lich aus der Wurzel eines jungen Baumſtammes genommen, das Amts⸗ zeichen des Schultheißen iſt. „Will der Schultheiß die Dorfſchaft ver⸗ ſammeln oder einen Befehl ankuͤndigen, ſo ſendet er das Krummholz zu dem naͤchſten Nachbar und dieſer muß es gleich weiter ſenden, bis es vom letzten Einwohner wieder zum Schultheiß zuruͤckkehret. Dieſes Amtszeichen ſteht in großer Achtung und keiner der Cigenthuͤmer darf nach Umgang der Kriwule zuruͤckbleiben.“ So Rheſa in den Anmer⸗ kungen zu Donaleitis Jahr S. 159; Geſang IV. v. 153 heißt es Kri- wulei. Mit der hier gegebenen Ableitung des Wortes vom Litthaui⸗ ſchen Kreiwas, krumm, kann ich nicht uͤbereinſtimmen, indem ich die Abe ſtammung vom Griwe vorziehe und deshalb Griwule ſchreibe. Es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß fpäterhin, als man die ältere Bedeutung und den Zuſammenhang des Zeichens mit dem Griwe vergeſſen hatte, den Stab nur deshalb krumm wählte, weil im Litthauiſchen kreiwas krumm be⸗ deutet. Vgl. Oſtermeyer a. a. O. S. 31 — 32. Etwas vollkom⸗ men dem entſprechendes hatten die alten Schweden in ihrer Budlaſa; worüber Stiernhöck de jure we L. I. c. 6. 1) Lucas David B. I. S. 20. 27. 7. 33. 80. 2) Befremden kann dieſe 3 wohl um ſo weniger, da wir eine fo ausgedehnte prieſterliche Macht im Norden auch ſonſt noch fin ben. Sie war in Skandinavien, wie wir in der Beilage Nro. X ge⸗ zeigt haben. Von den Slaven aber ſagt Helmeld. L. II. c. 12: Rex apud eos modicae aestimationis est, comparatione ſlaminis. Ille anim responsa perquirit, et eventus sortium explorat. Ille ad nu- zum sorlium et porro rex et populus ad illius nutuxa pendent. Karamſin B. I. S. 79.

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604 Die Priefter. fängen menſchlicher Bildung die Prieſterſchaft die Mittel wirken ließ, welche jede Religion eben ſo zur Erweckung des Schreckens, der Furcht, des blinden Gehorſams, der Demuͤthigung und der Einſchuͤchterung des menſchlichen Ger muͤthes, als zum Troſte, zur Seligkeit, zur Freude, zur Erweckung und zur Erhebung des menſchlichen Geiſtes an die Hand bietet. Wo des Volkes Bildung noch blinden Glauben, blindes Folgen und blindes Gehorchen zulaͤßt, da iſt uͤberall hierarchiſche Gewalt und ungemeſſene Macht des Prieſterthums natuͤrliche Folge. Sie iſt nirgends und nie einzig Sache der Prieſterſchaft; ſie iſt vielmehr immerdar im Leben ſchon ſelbſt gegeben; ſie iſt nothwendig fuͤr die Zeit und ſie dauert, ſo lange das Leben ſie traͤgt. Auch in Preuſſen lag der Traͤger dieſer Prieſtermacht im rohen Zu— ſtande des Volkes, in der Stufe ſeiner Bildung und auch hier hatten gewiß die Prieſter die Mittel nicht verſchmaͤht, die ihnen hohe Achtung, Ehrfurcht und Heilighaltung und im Volke Scheu, Furcht und ſtrengen Gehorſam erwecken konnten. Sie deuteten auch hier die geheimen Zeichen der Wahrſagung, erklaͤrten die Sprache des Donners und ſtraf⸗ ten mit der Flamme des Himmels 9. Darum ward das Wort, wie die Perſon des Griwen fuͤr heilig und unver⸗ letzlich gehalten. Es gelangte aber zu dem hohen Amte eines Oberprie⸗ ſters immer nur ein bejahrter Mann ). Es wählten ihn die Prieſter aus ihrer Mitte, wenn die Götter ihnen dar⸗ uͤber ihren Willen kund gethan ). Der Gewaͤhlte erhielt die oberprieſterliche Würde ſtets auf Lebenszeit und wir hoͤ⸗ ren nicht, daß ſich je einer des hohen Amtes unwuͤrdig be⸗ wieſen. Doch konnte er freiwillig ſich deſſelben entledigen. Es geſchah ſolches aber nur, wenn er zu ſeines Namens ewigem Andenken und zu ewiger Verehrung unter dem 1) Lucas David B. I. S. 30. 35. 84. 2) Lucas David B. I. S. 31. 3) Ebendaſ. S. 78. Doch wird einmal auch von einem Zwieſpalte der Prieſter bei der Wahl des Griwen geſprochen; S. 79.

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Die Priefter. 605 Volke nach dem Beiſpiele des erſten Griwen durch den Feuertod ſich den Goͤttern opfern wollte. Dann beſtieg er einen Haufen von heiligem Holze, exmahnte die Prieſter und das verſammelte Volk und ließ zur Verſoͤhnung des Zornes der Goͤtter verbrennen ). So ſollen die meiſten der Griwen ſich ſelbſt hingeopfert haben. Ein Verzeichniß al⸗ ler Griwen von Bruteno's Zeiten bis auf den letzten ſetzt die Zahl auf ein und funfzig; allein die Richtigkeit deſſelben iſt ſchwerlich zu verbuͤrgen und nicht mit Unrecht galt es ſchon in früherer Zeit für eine bloße Erdichtung eines mü- ßigen Moͤnches 2). 1) Die Feier der Verbrennung erzaͤhlt Lucas David B. I. S. 76. 85. Simon Grunau Tr. III. c. 1. Prätorius Schaubuͤhne B. IV. c. 12. $. 26. 2) Man findet dieſes Verzeichniß ſaͤmmtlicher Griwen in Henne- berger de vet. Pruss. p. 14, der es aus Simon Grunau's Bor rede $. 31 entnahm; bei Prätorius Schaub. B. IV. c. III. §. 13. in Hartknoch dissertat. de sacerdot. vet. Prussor. F. 2. A. u. N. Preuſſ. S. 149. Leo Ilistor. Pruss. p. 5. Es laſſen ſich gegen bie Autenticität dieſes Verzeichniſſes mancherlei Zweifel erheben; denn 1) fragt es ſich: Woher hat man dieſes Namenverzeichniß der Griwen er⸗ halten? Verfolgt man die Quelle, aus welcher alle Werke, die es ent⸗ halten, es entnahmen, fo wird man immer auf den unzuverläffigen Simon Grunau als die eigentliche Urquelle zuruͤckgefuͤhrt und die⸗ ſer auch ſonſt ſo hoͤchſt unkritiſche Chroniſt ſagt kein Wort daruͤber, wo er das Verzeichniß gefunden haben will. In der Chronik des Biſchofs Chriſtian kann es wohl ſchwerlich geſtanden haben. Lucas David würde es dann ohne Zweifel in ſeine Chronik aufgenommen oder ſeiner wenig⸗ ſtens erwähnt haben. Dieſes iſt aber nicht nur nicht der Fall, ſondern es ſteht auch ſelbſt bei Simon Grunau ganz außer der Reihe deſſen, was er aus dem Biſchof Chriſtian entlehnt hat. 2 Erwecken auch ſchon die Namen ſelbſt an ſich einiges Mißtrauen gegen ihre Aechtheit. Manche klingen durchaus nicht Preuſſiſch; ſo Marco, Ronis, Bolloysus; einige ſind offenbar mehr Litthauiſche Namen, ſo Jaygello, Jargallo, Pomoloys. Am meiſten aber befremdet die Endigung der mehrſten die⸗ fer Namen auf o. Zwei und dreißig derſelben haben dieſen Endlaut und doch endigen unter einer Menge der uns bekannten altpreuſſi⸗ ſchen Maͤnner-Namen nur ſehr wenige mit dieſem Laute. Ueberhaupt klingen die meiſten dieſer Namen viel weicher, als dieſe angeblichen Griwen⸗Namen.

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606 Die Prieſter. Unter dem Griwe ſtand aber ferner noch eine zahlreiche Prieſterſchaft, verſchieden in ihrem Range, in ihren Be⸗ nennungen und ihren Verrichtungen. Doch wurden alle, wie es ſcheint, unter dem allgemeinen Namen Waidelotten begriffen, welcher wiſſende Maͤnner, Weiſſager, Seher be— deutet ). Weil fie aus geheimen, bedeutungsvollen Zeichen den Willen der Götter erforſchten, ſolchen dem Volke ver— kuͤndigten, in die Zukunft ſahen, Gluͤck und Ungluͤck deute⸗ ten und uͤberhaupt, wenn man ſo ſagen darf, die Inhaber und Pfleger hoͤherer Wiſſenſchaft und Kenntniß waren, ſo konnte wohl fuͤglich dieſer Name auch alle Prieſter umfaf- fen 2). Die erſte Claſſe unter ihnen bildeten ohne Zweifel diejenigen, welche beſtaͤndig im heiligen Romowe, in des Griwen Naͤhe lebten, und ſchon darum bei dem Volke hohe Verehrung und hohes Anſehen genoſſen, weil ſie ſich ſtets der Nähe der Götter und des täglichen Umganges des Ober- prieſters erfreuen durften. Sie hießen Griwaiten und bil⸗ deten hoͤchſtwahrſcheinlich, wie ſchon ihr Name zeigt, ein eben ſolches prieſterliches Zwoͤlf-Maͤnner-Gericht, wie es in älterer Zeit in Skandinavien beſtand ). Ihre Zahl duͤrf⸗ te daher auch wohl nicht hoͤher, als zwoͤlf geweſen ſeyn. Sie bildeten demnach wahrſcheinlich des Griwen oberſten 1) Man hat mehre Ableitungen dieſer Benennung; aber die mei⸗ ſten laufen auf eins hinaus. Die natürlichfte und einfachſte ſcheint uns immer die von dem altpreuſſiſchen Worte Waichnt wiſſen, Waidys ein Seher, Wahrſager, Waidin die Wiſſenſchaft. 2) In dieſer allgemeinen Bedeutung nimmt auch Lucas David an vielen Stellen den Namen. Manche aber, wie Oſtermeyer S. 35 nehmen die Waidelotten fuͤr eine beſondere Klaſſe von Prieſtern. Daß dieſes unrichtig ſey und Waidelotten eine Bezeichnung fuͤr alle Prieſter war, beweiſet unter andern auch noch der Umſtand, daß dieſer Name noch fpäterhin für allerlei Wahrſager und Zauberer gebraucht wurde; ſo gebietet z. B. der Hochmeiſter Siegfried von Feuchtwangen in feiner Landes⸗Ordnung, daß unter andern auch keine „Waideler“ im Lande geduldet werden ſollten. S. Preuſſ. Samml. B. II. S. 100. 3) Suhm B. I. S. 50. Mallet B. I. S. 75. Rühs B. I. S. 45. Thunmann S. 79.

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Die Prieſter. 607 Rath und hießen darum auch die oberſten Waidelotten !). In ihre Zahl verſetzte der Griwe, wie es ſcheint, auch ſeine Verwandten, wenn ſolche Prieſter waren 2). Aus ihrer Mitte geſchah durch ſie die jedeswalige neue Wahl des Oberprieſters 2). Dieſem aber ſtanden ſie ſtets in beiden Beziehungen wie als Richter, ſo als Prieſter zur Seite und nichts von Wichtigkeit ward ohne ihren Beirath be= ſchloſſen und vollfuͤhrt. Wenn ſie dem Volke Befehle er⸗ theilten oder des Griwen Gebote verkuͤndigten, ſo bedurfte es bei ihnen nicht des Gebieterſtabes, der Griwule oder eines andern Machtzeichens; jeder leiſtete ihnen ſchon von ſelbſt augenblicklichen Gehorſam ). Wie der Griwe und alle an⸗ dern Prieſter, ſo waren auch ſie ehelos und gelangten zu ihrer höheren Würde durch die Erhebung des Oberprieſters und wahrſcheinlich erſt nach der Verwaltung niederer Prie- fterämter >). Ihnen zunaͤchſt im Range fanden die Siggonen oder Siggonoten, denn auch ſie lebten, wie es ſcheint, zum größten Theile in den Umgebungen des heiligen Remowe, da einer derſelben am heiligen Walde Samlands den hei— ligen Adalbert erſchlug „). Ihr Name deutet auf Ertheilung des Segens an das Volk, wahrſcheinlich ihr wichtigſtes Amtsgeſchaͤft ). Aus Adalberts Beiſpiel dürfte zu ſchließen 1) Lucas David unterſcheidet bloße Waidelotten von den ober⸗ ſten Waidelotten und unter dieſen meint er wohl beftändig die Griwai⸗ ten; ſ. B. I. 27. 52. 79. 95 vergleicht er fie mit den Domherren der Wiſchofe oder mit den Gardinälen des Papſtes. 2) Dusburg P. III. c. 5. ſpricht wenigſtens von Bluto verwandten des Griwen, die im Range höher ſtanden, als andere. 3) Lucas David B. J. S. 27. 79. 4) Dieſes beweiſen zum Theil Dusburgs Worte a. a. O. 5) Lucas David B. 1 S. 31. Prätorius Schaub. S. 373. 6) Igneus Siggo, sacerdos idolorum wird er in der vita S. Adal- bert. ap. Canis. p. 353 genannt. Die Legenda S. Adalb. nennt ihn lictor ferox und gleichfalls sacerdos idolorum, aber ohne den Namen Siggo anzufuͤhren. 7) Der Name iſt entnommen aus dem altpreuſſ. Worte signat

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608 Die Priefter. ſeyn, daß fie zugleich die nächfte Aufſicht über den heiligen Wald am heiligen Romowe führten ) und es wäre demnach nicht unwahrſcheinlich, daß ſie auch an andern heiligen Or⸗ ten, an heiligen Quellen, auf heiligen Bergen, in heiligen Hainen, an einzelnen heiligen Baͤumen die oberſten Aufſeher geweſen, welche die dargebrachten Opfergaben in Empfang nahmen und den Opfernden das Wohlgefallen der Götter, den Segen, verkuͤndigten. Ueber ihre näheren Verhaͤltniſſe aber ſind wir weiter nicht belehrt. Außer dieſen zwei Ordnungen werden auch noch die Wurskaiten als Prieſter genannt. Ihren Namen ſollen ſie nach der Meinung Einiger vom Gotte Wurskaite haben, welchem fie dienten ); doch dürfte wohl zu zweifeln ſeyn, ob wirklich dieſer Prieſter-Name fuͤr Diener des Wurskaite in aͤltere Zeiten hingehoͤre. Andere bezeichnen ſie uͤberhaupt nur als die Alten, ſtellen ſie dem Griwe zunaͤchſt zur Seite und geben ihnen die Leitung der gottesdienſtlichen Gebraͤuche als vorzuͤglichſtes Amtsgeſchaͤft ). Vielleicht war ihr Haupt⸗ gefchäft die Heiligung und Einweihung und Opferung der Apferthiere, vielleicht ihre urſpruͤngliche Beſtimmung ), denn der Gott, deſſen Name auch der ihrige war, wurde betrachtet legnen, signassen der Segen; ſ. Vaters Sprache der alten Preuſſen S. 136. Oſtermeyer S. 36 ſtimmt im Ganzen uͤberein, indem er das Wort Zegnoti ſegnen als Stammwort anfuͤhrt und den Namen eigentlich Zegnoczei ſchreiben will. Prätorius Schaub. S. 379, dem auch Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 150 folgt, leitet den Namen vom altpreuſſ. Zigas Ordnung und macht die Siggonoten zu einer Art von Ordensprieſtern, Mone B. J. S. 85 ſogar zu einer Art Moͤnche. 1) Es heißt namlich von dem Siggo, welcher Adalberten erſchlug: dux diabolicae cohortis veluti ex debito prima inferre vulnera fe- nebatur. Es forderte es alſo gewiſſermaßen fein Amtsgeſchaͤft. 2) Schon Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 141 iſt uͤber die Sache ſehr zweifelhaft. 3) So Oſtermeyer S. 35, der ihren Namen von Woras alt ableitet und die VVoruszkaczei Seniores, Presbyteri, Directores sa- crorum ſeyn läßt. A) Nach Lucas David B. I. S. 88. 101. 103. Meletii Epist. ad Sabinum p. 3.

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Die Prieſter. 609 als Schutzgott der Heerden und folglich auch der Opferthiere. Dieſe drei Ordnungen umfaßten, wie es ſcheint, die vornehmſten Prieſter des Landes. Außer ihnen aber finden wir auch noch mehre Claſſen von Unterprieſtern, die des⸗ wegen in niederem Range ſtanden, weil ſie nicht in den Umgebungen des heiligen Romowe's und in der Nähe des Griwen lebten, auch nicht Vorſteher und oberſte Auffeher heiliger Orte waren, ſondern zerſtreut unter dem Volke wohnten und deſſen Belehrung uͤber Religion und Goͤtter beſorgten ). Jedes Dorf ſcheint einen ſolchen Unterwaide⸗ lotten in ſeiner Mitte gehabt zu haben. Es gehoͤrten fer⸗ ner in dieſe niederen Prieſterclaſſen auch noch verſchiedene Arten prieſterlicher Perſonen, denen eigene prieſterliche Ge— ſchaͤfte oblagen. Als ſolche find ſchon früher erwähnt die Tuliſſonen und Ligaſchonen, Kranken- und Leichenprieſter, über deren Geſchaͤfte ſchon oben gefprochen ift ). Zweifel⸗ hafter aber iſt es, ob die Swalgonen, Hochzeitsprieſter, die Richter Über Bräutigam und Braut, welche die Ehe ein—⸗ ſegneten und über der Neuvermaͤhlten Gluͤck und Unglüd weiſſagten ), die Puttonen, Wahrſager aus dem Schaume des Waſſers, die Wejonen, welche die Zukunft aus den Winden verkuͤndigten, die Puſtonen, welche die Wunden und Ausſchlaͤge durch ihren Hauch heilten, die Saitonen, welche ſich ſelbſt verwundeten, um die Goͤtter zu verſoͤhnen, die Burtonen, welche aus geworfenen Looſen weiſſagten, und die Swakonen, die aus der Flamme und dem Rauche des Lichtes die Zukunft enthuͤllten, — ob dieſe Prieſter wirklich alle der früheren heidniſchen Zeit angehörten ). Aber nicht allein den Prieſtern waren die Weiſſagun⸗ gen anvertraut; es gab in Preuſſen auch wahrſagende 1) Lucas David B. I. S. 35 — 37. 2) Es erwaͤhnt ihrer bekanntlich die Vertragsurkunde vom Jahre 1240. 3) Ob dieſe Erklärung ihres Amtsgefchäftes richtig iſt, bezweifeln wir ſelbſt; vielleicht iſt Oſtermeyers Erklärung des Namens von Zwalgyti genau beſehen, betrachten, alſo Beſchauer des Opferviehes richtiger. 4) Es läßt ſich hieruͤber auf keine Weiſe zur Gewißheit kommen 1. 39

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610 Prieſterinnen und Wahrſager. Frauen, weibliche Waidelotten, wenn man ſie ſo nennen will. Freilich find wir Über ihre näheren Verhaͤltniſſe faſt gar nicht unterrichtet, wie ſelbſt ſchon die Behauptung ſehr ungewiß iſt, ob wirklich auch im heiligen Romowe Prieſte⸗ rinnen des Dienſtes der Götter gepflegt ). In der Erſchei⸗ nung dieſer wahrſagenden Frauen aber im Allgemeinen ſpricht ſich auch hier wieder der Germaniſche Geiſt und Charakter der aͤlteren Bewohner Preuſſens aus, denn auch bei ihnen ruhte dieſe Erſcheinung auf dem altgermaniſchen Glauben, es ſey etwas Heiliges und Zukunft-Ahnendes in einzelnen Frauen ); und wie die Germanen in ihrer Ve— leda, Aurinia und Ganna prophetiſche Verkuͤndigerinnen der Zukunft verehrten, ſo ſuchten auch die Preuſſen oͤfter Rath bei ihren heilig gehaltenen, weiſſagenden Frauen, die in den Landſchaften hie und da zerſtreut lebten. Als eine ſolche nennt ſchon die alte Sage die Prieſterin Pogezana im Pogeſaniſchen Lande ). Noch ſicherere Nachricht aber haben wir von einer andern, die im Galinderlande lebte, dort in ungemeinem Anſehen ſtand und durch ihre Ausſpruͤche und der gänzliche Mangel älterer Quellen macht alle dieſe Prieſter⸗ gattungen, wenn wir ſie ſo nennen duͤrfen, ſehr zweifelhaft. Nur die Tuliſſonen und Ligaſchonen ſind urkundlich begruͤndet. Ueber die andern geben nur Nachricht Meletius Epistola ad Sabinum und Präto: rius Schaub. S. 383. Dieſer Scribent aber, der außer den genann⸗ ten noch mehre Prieſterclaſſen aufzaͤhlt, hatte feine Berichte groͤßtentheils nur aus dem Munde des Volkes ſeiner Zeit, beſonders in Nadrauen. Und in vielen ſpricht ſich offenbar eine weit ſpaͤtere Zeit aus. Ueber⸗ haupt ſammelte Prätorius feine Notizen fo ganz ohne alle Kritik und ſorgſame Sichtung, daß ſie immer nur mit groͤßter Vorſicht benutzt werden muͤſſen. Aus ihm entnahm, obwohl oftmals ſchon zweifelnd an der Wahrheit, Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 153 und aus dieſem wieder Mone B. I. S. 85 — 86 feine Nachrichten. Oſtermeyer S. 36 iſt in ſeinen Erklaͤrungen gewiß oft gluͤcklicher; er kannte offen⸗ bar die Sprache genauer als Praͤtorius. 1) Wie Hartknoch a. a. O. S. 151 annimmt. 2) Inesse quin etiam sanctum aliquid ct providum putant. ait. German. c. 8. J Pucas David B. I. S. 72.

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Prieſterinnen und Wahrſager. 611 alles lenkte und leitete ). Wie gewaltig in jener Landſchaft ihr Einfluß war, leuchtet aus folgendem Ereigniß ein. Das Galinder- Volk hatte ſich im Gluͤcke eines lan⸗ gen Friedens ſo zahlreich vermehrt, daß das Land die Be⸗ wohner kaum noch faſſen und ernähren konnte. Da beſchloſ⸗ ſen die Vornehmſten der Landſchaft, daß auf eine Zeit alle weiblichen Kinder getoͤdtet und nur die Knaben zur Fuͤh⸗ rung des Krieges auferzogen werden ſollten. So geſchah es. Muͤtterliches Mitleid aber verbarg öfter die neugebo- renen Toͤchter und weibliche Liſt wußte ſie im Geheimen am Leben zu erhalten. Aus Zorn ſchnitten daher manche der Männer den ungehorſamen Frauen die Bruͤſte ab, da— mit fie niemals wieder Kinder faugen koͤnnten. Da bega⸗ ben ſich die Frauen, ergrimmt uͤber dieſe Frevelthat, zu ih- rer Landes-Prophetin, die uͤberall im Rufe hoher Heilig⸗ keit ſtand, und fragten ſie um Rath und Beiſtand in ihrer Noth. Durch Mitleid zu ihrem Geſchlechte bewogen, berief dieſe ſofort die Vornehmſten des ganzen Landes vor ihren Wohnſitz, ihnen verfündigend: es ſey der Götter Wille, daß fie alle ohne Wehr und Waffen oder was ſonſt zur Verthei⸗ digung diene, ins Land der Chriſten einbrechen ſollten. Und dem Worte der maͤchtigen Prieſterin folgend, machte ſich ſchnell alle waffenfaͤhige Mannſchaft auf, übte im nahen chriſtlichen Lande ſchreckliche Thaten und fuͤhrte eine zahlloſe Beute mit zuruͤck. Doch auf der Heimkehr noch wurden die Galinder von den Chriſten angegriffen, bis auf den letz⸗ ten Mann erſchlagen, ihr Land aber ward von den erzuͤrnten Nachbarvoͤlkern uͤberfallen und ſo ſchrecklich verwuͤſtet, daß ſeitdem das Galinder-Land immer ein veroͤdetes und men- ſchenleeres Land blieb. So hatte die maͤchtige Prieſterin ihr Geſchlecht geraͤcht ). 1) Dusburg P. III. c. 4. Die Worte dieſes Chroniſten: Quae (Domina) secundum ritum ipsorum sacra et prophetissa reputaba tur, laſſen darauf ſchließen, daß es ſolcher mehre in Preuſſen gab. 2) So erzählen Dusburg P. III. c 4 und nach ihm viele andere Landeschroniſten das Ereigniß. Nach Dusburgs Darſtellung aber ſcheint 39 *

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612 Prieſterinnen und Wahrſager. Es gab außerdem aber auch Prieſterinnen, welche nicht mit ſo bedeutender Gewalt verſehen waren und nicht in dieſem hohen Rufe der Heiligkeit ſtanden; denn oft wurden auch Witwen, die in der Ehe kinderlos geblieben, nachmals durch einen unverehelichten jungen Mann ver— ſucht, geboren hatten, in die Zahl der Waidelottinnen aufge⸗ nommen ). Wie die niederen Waidelotten zerſtreut im Lande wohnend, pflegten ſie des Goͤtterdienſtes und der Weiſſagung 2), und es ſcheint, daß die verſchiedenen Goͤt⸗ tinnen auch nur durch Prieſterinnnen mit Opfer und Weih— gaben verehrt werden konnten. Sehen wir aber auf das Leben dieſer Prieſterſchaft im Allgemeinen hin, ſo mußte jeglicher, dem dieſe Wuͤrde durch den Griwe zuerkannt ward, einen reinen, ſittſamen und tadelloſen Wandel fuͤhren, der Prieſter ohne Frau und die Prieſterin ohne Mann leben. Fuͤr alle war Keuſchheit und ſittenreines Leben das erſte und heiligſte Gebot. Wer es uͤbertrat, ward fern von den Goͤttern als ein Graͤuel des Landes dem Feuertode uͤbergeben s). In die hohen Wuͤr⸗ den der Griwaiten oder oberen Waidelotten wurden auch ſtets nur betagte und ehrwuͤrdige Maͤnner erhoben, deren ſittlichen Wandel ein langes Leben ſchon erprobt hatte. She ren Unterhalt fanden die Prieſter wahrſcheinlich theils in den zahlreichen Opfern und reichgeſpendeten Weihgeſchen— ken, die täglich im heiligen Romowe den Göttern zuge: bracht wurden, theils auch wohl in mancherlei Gaben, welche man ihnen ſelbſt zuwandte. Und ſo mochten auch die niederen Waidelotten und die Prieſterinnen den Bedarf ihres Lebens im reichlichen Ueberfluſſe bei den Bewohnern der ſich das prophetiſche Anſehen und der große Einfluß dieſer Prieſterin nicht uͤber die Graͤnzen Galindiens hinaus erſtreckt zu haben, wenig⸗ ſtens laſſen uns dieſes die Worte ſchließen: ad cujus (prophetissae) imperium huius terrae facia singula regebantur. Freilich iſt hiemit nicht geſagt, daß man nicht auch aus andern Landſchaften bei ihr Wahrſagung einholte. 1) Lucas David B. I. S. 23. 2) Lucas David B. I. S. 35. 36. Oſtermeyer S. 39. 3) Lucas David B. I. S. 31. 32. 38. 99. Leo IIistor. Pruss. p. 4.

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Die Priefter. 613 Gegend finden, in welcher fie das Prieſteramt verwalteten ). Wie aber waren die Prieſter zu dieſem Einfluſſe und zu dieſer Macht gekommen? Wie hatte ſich das Prieſter⸗ thum mit dem Richteramte vereinigt? Auf welchem Wege war die hohe Stellung des Griwen als Oberprieſter ent⸗ ſtanden? Das Richteramt des Griwen war hoͤchſtwahrſchein⸗ lich das aͤltere und urſpruͤngliche; darauf deutet ſchon jene alte Sage hin, welche den Griwe, den Richter in Friedens— ſachen, dem Widewud, dem Oberfien in Kriegsſachen, ge= genuͤber ſtellt. Prieſter im eigentlichen Sinne ſcheint der Griwe in der aͤlteſten Zeit keineswegs geweſen zu ſeyn oder er war es nur inſofern, als ihm, dem ſchon wegen ſeiner Richterwuͤrde und wegen ſeines ſonſtigen Einfluſſes in der Volks-Gemeine am meiſten geachteten und angeſe— henen Manne wohl auch das Geſchaͤft uͤbertragen war, den Goͤttern von Zeit zu Zeit oder bei beſonderen wichtigen Veranlaſſungen die beſtimmten Opfer zu bringen. In die— ſem Falle trat der Griwe gleichſam aus dem buͤrgerlichen Leben zu dieſem religiöfen Geſchaͤfte nur auf einen Augen⸗ blick heraus, um fuͤr dieſen Zweck Prieſter der Volks-Ge⸗ meine oder Prieſter des Staats zu ſeyn ). Sonach war urſpruͤnglich, wie bei den alten Germanen auch hier der Graf oder der Kriwe zugleich auch der Prieſter und die prieſterliche Würde mit dem bürgerlichen Amte verbunden >). Es gab alſo auch in der Geſchichte des Germaniſchen Volks⸗ ſtammes in Preuſſen eine Zeit, in welcher noch kein be= ſonderer, abgeſchloſſener Prieſterſtand vorhanden war und der Prieſter im buͤrgerlichen Amte des Griwen gleichſam noch verborgen lag. Aber es folgte dann auch eine Zeit, 1) Lucas David B. I. S. 38. 99. 2) Der Sacerdos civitalis, wie ihn Tacitus Germ. c. 10 nennt. 3) Zwar hat man neuerdings dieſe Verbindung bei den Germanen bezweifelt; ſ. Tudens Geſchichte des Deutſch. Volkes B. I. S. 747. Allein durch Vergleichung aller hierher gehoͤrigen Stellen des Tacitus und Gäfar hat ſich auch bei mir die oben ausgeſprochene Behauptung beftätigt und fie hat mir mit den Nachrichten des Tacitus zen unvereinbar gefchienen.

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614 Die Prieſter. in welcher der Prieſter mehr und mehr hervortrat und die Prieſterwuͤrde in ihrer Wichtigkeit, in ihrer Bedeutung und in ihrem Einfluſſe neben dem richterlichen Amte ſtand. Die Religion bot von jeher, welches Geiſtes und Weſens ſie auch ſeyn mochte, Mittel in Menge und von ungemein wirkender Kraft dar, um Anſehen, Gewicht und Einfluß auf die Menſchen zu gewinnen. Wer immerdar den Wil⸗ len der Goͤtter gleichſam in den Haͤnden hat und dieſen Willen deuten und nach Gutduͤnken lenken und beziehen kann, wird ſchwerlich der Verſuchung widerſtehen, ihn auch auf fein Wollen und Wirken, auf feine Wuͤnſche und Be- ſtrebungen zu deuten, zumal wenn die Bildung und Ver— haͤltniſſe der Zeit ſich guͤnſtig ihm entgegen bieten. Und ſollte nicht der Griwe in gleichem Streben gehandelt und für ſich benutzt haben, was ihm die Zeit entgegenbrachte? Das Leben aber verzweigte und die Verhaͤltniſſe erweiter— ten ſich; es traten richterliche Gehuͤlfen an des Griwen Seite und es ging natuͤrlich bald auch auf ſie uͤber, was in dem Prieſteramte des Griwe verbunden war oder ſie ſtrebten fuͤr ſich auf demſelben Wege, auf welchem dem Griwen fein Streben gelungen war. Und welches mäch- tige Mittel war auch für fie hiebei die Wahrſagung, die ihnen die Schickſale der Menſchen, ihr Gluͤck und Ungluͤck, ihr Wohl und Wehe, in die Haͤnde gab? Außer dem eigentlichen Goͤtterdienſte aber, der durch Prieſter gepflegt ward und theils im Darbringen der Opfer, im Empfange der Weihgeſchenke, theils in der Aufſicht uͤber die heiligen Orte, in der Pflege der heiligen Thiere, theils in der Verkuͤndigung des Willens der Goͤtter, in der Er⸗ forſchung der Zukunft durch Weiſſagung und Wahrſagerei, theils endlich in der Belehrung des Volkes in goͤttlichen Dingen beſtand, gab es auch mehre religioͤſe Feſte, die durch die Prieſter angeordnet und geleitet werden mußten. Und auch in dem Geiſte dieſer Feſte, fo weit wir über fie unterrichtet ſind, verraͤth ſich der Urſprung und die Stamm⸗ verwandtſchaft der Bewohner Preuſſens mit Skandinavi—

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Religioͤſe Feſte. 615 ſchen Gothen, denn auch hierin uͤberraſcht eine auffallende Aehnlichkeit. Wie in Skandinavien, ſo ward auch hier kein religiöfes Feſt gefeiert, welches nicht mit heiterer Luft, mit Freudenmahlen und fröhlichen Trinkgelagen verbunden war Y. Das erſte dieſer Feſte war das Fruͤhlingsfeſt, dem Gotte Pergubrius, dem Spender des Wachsthums und des Segens fuͤr die Feldfruͤchte geweiht. Ehe der Pfluͤger den Feldbau begann, verſammelten ſich die Bewohner eines Dorfes bei einigen Faͤſſern voll Bier. Dann nahm ein Prieſter eine Schale voll des Getraͤnkes und ſie emporhe⸗ bend ſprach er ein Lobgebet auf den Gott Pergubrius als den Beſchuͤtzer und Pfleger der Feldfruͤchte 2). Sobald er dieſes geendigt, faßte er den Rand der Schale mit den Zähnen, trank fie aus, ohne fie mit den Händen zu berüh- ren und warf ſie mit dem Munde ruͤckwaͤrts uͤber den Kopf. Von einem andern aufgefangen und zum zweiten⸗ male gefuͤllt, ward ſie vom Prieſter unter dem naͤmlichen Gebrauche abermals geleert, nachdem er zuvor den Gott Perkunos um Regen und Sonnenſchein angefleht und ihn gebeten, den Gott Pikullos und die ſchaͤdlichen Geiſter von den Saaten und Fruͤchten ferne zu halten. Hierauf ward die Schale zum drittenmale gefüllt und Swairxtigx, der Sternen: Gott, um Licht und Wärme für Früchte, Kraut, Vieh und Menſchen, und Pelwitte, der Spender des Reich— thumes fuͤr Haus und Scheune um ſeinen Segen gebeten, und dann die Schale zum letztenmale vom Prieſter geleert, ruͤckwaͤrts über den Kopf geworfen. Hierauf von neuem gefuͤllt ging ſie im Kreiſe der Anweſenden umher und ward von jedem, ohne daß eine Hand beim Trinken ſie beruͤhrte, in gleicher Weiſe ausgeleert. Mit Trinken und Schmauſen, un⸗ ter Freudenjubel und Geſang ward dann das Feſt beendigt ). 1) Vgl. Mallet B. I. S. 70. Suhm B. I. S. 50 — 31. Ruͤhs B. I. S. 41. Eine Vergleichung der Skandinaviſchen und alt preuſſiſchen religidſen Feſte bietet Arnkiel Eimbr. Alterthuͤm. Th. J. S. 155 ff. dar. 2) Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 167. 3) Die naͤhere Beſchreibung dieſes Feſtes geben Lucas David

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616 Religiöfe Feſte. Ein zweites fröhliches Feſt ſcheint beim Beginne der Erndte und ein drittes nach vollendeter Erndte gefeiert worden zu ſeyn. Wenn der Prieſter den Goͤttern fuͤr den verliehenen Segen gedankt oder die Menſchen bei ſpaͤrlichem Ertrage der Felder, den fie ſtets als Strafe der Götter be= trachteten, ihre Vergehungen gegen die Götter bereut und Beſſerung in Opfern und Weihgaben verſprochen hatten, folgte ein feſtliches Mahl und froͤhliches Trinkgelage. Den Goͤttern Perkunos, Pergubrius, Swaixtigr und Pelwitte wurden hehre Opfer geſpendet; von jeglicher Thiergattung des Hauſes ward ein Maͤnnliches und ein Weibliches theils zur Opferweihe fuͤr die Goͤtter, theils zum Schmauſe ge— ſchlachtet und ſo auch dieſe Feſte unter Luſt und Jubel, mit Geſang und Tanz beendigt. Es wohnten ihnen immer auch Prieſter bei, welche die Dankopfer ſpendeten und die Feſtgetraͤnke weihten ). Es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß in dieſen letzteren Feſten auch die bekannte Bocks-Heili⸗ gung ihren Urſprung erhalten habe, obgleich wir von dieſer Sitte nur aus ſpaͤteren Zeiten Berichte uͤberkommen haben ?), B. I. S. 89 — 91. Waißel Chron. S. 19. Meletius in Epistol. ad Sabin. p- 2. Prätorius Schaub. B. V. c. 2. 8. 1. Hartknoch Dissert. de festis veter. Pruss. diebus g. 2. A. u. N. Preuſſ. S. 167. In allen dieſen Quellen iſt aber ſichtbar das Feſt aus fpäterer Zeit be⸗ ſchrieben und manches in die alte Sitte eingewebt, ſo z. B. bei Lucas David der Gemeinde- Acker, der Verkauf des darauf gewachſenen Ge⸗ treides und das daraus gelöfete Geld u. dergl. 1) Naͤher beſchrieben find dieſe Feſte bei Lucas David B. I. S. 91 — 92 und den eben genannten Chroniſten, aber ebenfalls wieder nur aus ſpäterer Zeit. Melelius in Epistol. ad Sabin. nennt das erſte Erndtefeſt Zazinek, und das andere Orinek, „lingua Rutenica “ fagt er. Offenbar find in der Beſchreibung, die uns Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 168 — 169 davon giebt, fremdartige Nachrichten eingemiſcht. Lucas David ſcheint die Erzaͤhlung noch mit am rein: ſten erhalten zu haben. 2) Ueber dieſe Bocks⸗Heiligung ſchweigt felten einer der Preuffi- ſchen Chroniſten. Hinlaͤngliche Belehrung hierüber giebt ſchon Lucas David B. I. S. 87. 98 ff.

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Beilage al Ueber die Chronik Chriſtians, des erſten Biſchofs von Preuſſen. Ein nicht unwichtiger Theil der aͤlteſten Nachrichten über Preuf ſen beruhet in ſeiner geſchichtlichen, ſicheren Begruͤndung auf dem Zeugniſſe, welches mehre, und unter dieſen ſelbſt die wichtigſten ſpaͤteren Chroniſten und Geſchichtsſammler aus einem laͤngſt verlo⸗ renen Buche des erſten Biſchofs von Preuſſen, Chriſtian entnom⸗ men haben. Waͤre dieſer auch nicht der aͤlteſte unter Preuſſens Chroniſten und verdiente er auch nicht ſchon aus dieſem Grunde eine genaue Unterſuchung in dem, was er uns von Preuſſens älteftem Zuſtande hinterbracht hat, fo iſt es doch ſchon zur Bes gruͤndung der Glaubwuͤrdigkeit der ſpaͤter aus ihm ſchoͤpfenden Chroniſten nothwendig, Über das, was Chriſtian in feiner Chro— nik geliefert, die möglich genauſten Nachrichten zuſammen zu faſ⸗ ſen, zumal da in neuerer Zeit ſelbſt an der jemaligen Exiſtenz eines ſolchen Werkes von dem genannten Biſchofe gezweifelt wor⸗ den iſt .). Unter den ſpaͤteren Chroniſten ſind in der erſten Haͤlfte des 16ten Jahrhunderts Simon Grunau, Moͤnch zu Danzig und Lucas David, Rath des Markgrafen Albrecht und Herzogs von Preuſſen, die wichtigſten ſchon deshalb, weil ſie beide, wie ſich erweiſen wird, Chriſtians geſchichtliches Werk vor Augen hat⸗ ten und bei Verfertigung ihrer Chroniken auch wirklich noch be nutzten. Zwar ſollen es auch andere Preuſſiſche Chroniſten, als Brettchen in feiner Historia Prussiae, Erasmus Stella in ſei⸗ nen Büchern von Preuſſiſchen Alterthuͤmern gebraucht haben 2); zwar fuͤhren ferner auch andere ſpaͤtere Chroniken-Schreiber, z. B. Tidemann es als einſt dageweſen an; allein wir wollen uns 1) Baczko Geſchichte Preuſſ. B. I. S. 218. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 128. 8 ze Prätorius Schaubuͤhne B. I. S. 6. 316. Kotzebue B. I. S. 294.

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618 Ueber Chriſtians Chronik. vorerſt auf dieſe Angaben nicht weiter einlaſſen und das Wichti⸗ gere beruͤckſichtigen. Dieſes Wichtigere iſt uns das Zeugniß Simon Grunau's und Lucas David's. Woher dieſe Chriſtians Chronik erhalten haben, ſagt keiner von beiden. Simon Grunau iſt der erſte, der ihrer in ſeiner Chronik an mehren Stellen erwaͤhnt. Es iſt moͤglich, daß er ſie in Danzig, vielleicht in ſeinem oder einem andern Kloſter der Stadt wieder aufgefunden. Er benutzte ſie ziemlich fleißig, denn ein großer Theil ſeiner Nachrichten in den erſten Tractaten ſeiner Chronik iſt aus ihr entnommen, wenn er auch nicht immer ſo treu, wie Lucas David, ſeine Quelle anfuͤhrt. In der Vorrede erwaͤhnt er ihrer unter ſeinen Quellen ausdruͤcklich, indem er ſagt: „Dominus Christianus Biſchof von Prewſen ein Buch von in (nämlich den Preuſſen) ſchreibt und dis hebet ſich fo an: Liber Filiorum Belial cum suis superstitionibus Brutice factionis in- cipit cum moesticia cordis. In dieſem Buche er viel ſaget von den Hiſtorien Jaroslaı und me (mehr) addiret von den geſchichten.“ Dieſe Nachricht Simon Grunau's uͤber ſeine Quellen, ſo gruͤndlich genau ſie wohl immer auch zu ſeyn ſcheint, wuͤrde uns bei dem an andern Orten ſchon begruͤndeten Mißtrauen gegen ſeine Glaubwuͤrdigkeit auch noch kein ſonderliches Vertrauen in der An: gabe ſeiner Quellen zu ihm faſſen laſſen, ſtaͤnde ihm nicht vor allem Lucas David als Gewaͤhrsmann zur Seite und ſtellte uns dieſer nicht, wie wir zeigen werden, die Wahrheit der Ausſage jenes Chroniften ganz ſicher. Er ſagt naͤmlich: „Dieſer Chris ſtianus der erſte Preuſſiſche Biſchoff ſchreibt im Buche, daß er hin⸗ der ſich gelaſſen von ſeinen Pfarkindern, nemlich den vom Teuf⸗ fel vorblendeten und vorſtockten Preuſſen, in latiniſcher ſprache gemacht, des Titel oder uͤberſchrift iſt, Liber Filiorum Boelial et eorum superslitionibus, daß iſt das Buch von den Belials Kindern und Irem mißglauben, das Ime von Jaroſlao die Zeit Thumprobſt zu Plotzka in der Maſauren ein Buch in Reuſcher ſprache, aber mit Greckſchen Buchſtaben geſchrieben, geliehen wurden ꝛc.“ Nun ſchrieb aber Lucas David freilich ſpaͤter, als Simon Grunau und es koͤnnte wohl, da jener des letzteren Chronik bei Bearbeitung der ſeinigen vielfach benutzte, die Vermuthung ent⸗ ſtehen, daß Lucas David vielleicht nicht bloß die Notiz uͤber Chri⸗ ſtians Buch, ſondern auch alles, was er aus ihm anfuͤhrt, nicht aus ihm unmittelbar, ſondern aus Grunau's Auszuͤgen entnom⸗ men habe, ſo daß uns folglich L. David durchaus kein ſelbſtſtaͤn⸗ diger Zeuge fuͤr des Biſchofs Werk ſey. Fuͤr die Glaubwuͤrdigkeit L. Davids in ſeinen aͤlteſten Nachrichten wird dieſer Gegenſtand von beſonderer Wichtigkeit und es iſt daher gegen dieſe Vermu⸗

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Ueber Chriſtians Chronik. 619 thung der Beweis nothwendig, daß L. David das aus Chriſtians Chronik Angefuͤhrte keineswegs aus Grunau, ſondern aus dem Werke Chriſtians unmittelbar entnommen habe. Der Beweis, daß L. David unter ſeinen zahlreichen andern Quellen auch die da⸗ mals noch vorhandene Chronik Chriſtians in Händen gehabt, be⸗ ruht auf folgenden Gruͤnden. Zum erſten duͤrften wir dieſes ſchon aus dem emſigen Be⸗ muͤhen ſchließen, mit welchem ihm ſein Landesherr alles zur Hand zu ſtellen ſuchte, was ihm nur wuͤnſchenswerth und nothwendig und zur Vervollkommnung ſeines Werkes irgend dienlich ſeyn konnte. Im geh. Archive befinden ſich mehre Schreiben des da⸗ maligen Landesherrn, worin unter andern auch die Städte El⸗ bing, Thorn und Danzig aufgefordert werden, dem Geſchicht⸗ ſchreiber Preuſſens zur Vervollkommnung feines Werkes alles mit⸗ zutheilen, was ſich irgend an alten Buͤchern, Membranen, Brie— fen oder ſonſt an geſchichtlichen Nachrichten in ihrem Bezirke auf⸗ finden laffe (vgl. Lucas David B. I. Vorred. S. XIV XV) und die Antwortſchreiben dieſer Staͤdte, gleichfalls noch vorhan— den, geben uns den Beweis, daß man dem Wunſche des Fuͤrſten bereitwillig nachzukommen ſuchte. Es iſt alſo ſehr moͤglich, daß Danzig das Exemplar von Chriſtians Chronik damals nach Koͤ— nigsberg ſchickte, welches Simon Grunau bei Abfaſſung ſeiner Chronik in Danzig gebraucht hate. Wirklich hatte der Markgraf Albrecht die Nachricht erhalten, daß ſich bei den ſ. g. ſchwarzen Moͤnchen im Kloſter zu Danzig, in welchem Sim. Grunau ge⸗ lebt hatte, eine ſehr merkwuͤrdige Chronik befinde, und wandte ſich, um ſolche dem Luc. David zu verſchaffen, an den Vorſteher dieſes Kloſters Georg Scheveke mit der Bitte, ſie ihm zuzuſen⸗ den. Aus der Antwort dieſes Mannes vom 12ten Januar 1542 erſehen wir zwar, daß dieſer wenig Werth auf ſie legte; aber der Herzog ließ fie dennoch kommen, wie uns ein Brief vom 15ten Februar beweiſet und haͤndigte ſie dem Luc. David ein. Freilich wird ſie nicht ausdruͤcklich Chriſtians Chronik genannt und es wäre möglich, daß es Sim. Grunau's Chronik geweſen fen; aber es iſt eben ſo moͤglich, daß es die des Biſchofs Chriſtians war. Zum andern iſt es nach Luc. Davids eigener Ausſage wohl unumſtoͤßlich gewiß, daß er ein Exemplar von jenem Buche in den Haͤnden hatte. An mehren Stellen ſeiner Chronik ſpricht er daruͤber ſelbſt zu deutlich, als das noch irgend ein Zweifel ob⸗ walten koͤnnte. Schon die Art, wie er ſeinen Dominus Chri- slianus neben ſeinen andern Quellen, den Jornandes, Aeneas Sylviu's, Mathias von Mechow, Cromer, Erasmus Stella u. a. citirt, duͤrfte den Schluß folgern laſſen, daß er Chriſtians Chronik eben ſo, wie die Schriften dieſer Maͤnner wirklich vor

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620 Ueber Chriſtians Chronik. ſich hatte. Man vergl. B. I. S. 11. 15. 16. 38. aus welcher letztern Stelle auch Hennig ſchon den Schluß zog, daß Luc. Da⸗ vid Chriſtians Werk beſeſſen haben muͤſſe. Zur völligen Gewiß⸗ heit gelangt jene Behauptung dadurch, daß er S. 53 fagt: „Umb daß Jahr nach der geburth Chriſti 573, da Bruteno der Krivo Kirwaito alt war, laudts der ſchrifft Domini Ch ri— ſtiani des Preußchen Biſchoffs (von deme Ich dieß thun bieß daher am meiſten habe) u. ſ. w.“ So konnte ein Mann, der wie Luc. David in der Angabe ſeiner Quellen ſonſt ſo genau iſt, wohl unmoͤglich ſchreiben, wenn er das Buch, aus welchem er jene Nachricht entnahm, nicht unmittelbar ſelbſt benutzte. Hätte er hier den Simon Grunau ausgeſchrieben, fo wuͤrde er dieſen, wie er ſonſt immer thut, auch genannt und ge⸗ wiß jene Worte nicht geſchrieben haben. Da wo er S. 156 die Geſchichte des heil. Adalberts erzaͤhlt, fuͤgt er hinzu: „Hab auch wohl ſchreiben funden, daß nicht Adalbertus, ſondern Gauden⸗ tius in Preußen ſei kommen. Aber Herr Chriſtianus, der erſte Preuſche Biſchoff in Preuſſen, dergleichen auch andere glaubwir⸗ dige ſchriefften bezeugen, daß S. Albertus mit Gaudentio ſeinem Caplan fein in Samland kommen.“ Hieraus geht wiederum her— vor, daß Luc. David des heil. Adalberts in Chriſtians Werke ſelbſt erwaͤhnt gefunden und daß er ſelbſt die Nachricht geleſen, welche dieſer uͤber ihn aufbewahrt hatte. Denſelben Beweis ergiebt auch die Stelle B. II. S. 94, welche der Leſer ſelbſt nachſehen moͤge. Zum dritten hat Luc. David das Werk Chriſtians an meh⸗ ren Stellen, wie er ſelbſt ſagt, benutzt, wo Sim. Grunau des Biſchofs gar nicht weiter erwaͤhnt. Dieſes iſt z. B. der Fall bei der Geſchichte des heil. Adalbert B. I. S. 156. Auch Sim. Grunau Tr. IV. c. 2. $. 2. erzählt die Geſchichte dieſes Heiligen, aber ohne des Biſch. Chriſtians im mindeſten zu gedenken; aus ihm alſo konnte Luc. David feine Notiz des Biſch. Chriſtian un⸗ moͤglich haben; er mußte ſie aus der Quelle ſelbſt entnehmen. So ſpricht Sim. Grunau Tr. VI. c. 7. $. 1. von einer großen Sterblichkeit in Preuſſen ſchon in der Zeit des Ordens; aber ohne zu erwaͤhnen, daß er dieſe Nachricht aus Chriſtians Chronik habe. Luc. David B. II. S. 94. führt dagegen ausdruͤcklich den Biſchof Chriſtian als feinen Gewaͤhrsmann bei dieſer Sache an, und bes weiſet bierdurch abermals, daß er Chriſtians Werk nicht in den Auszuͤgen Sim. Grunau's benutzte. Waͤre es noͤthig, ſo ließen ſich dieſe Beiſpiele noch vermehren; aber dieſe beiden beweiſen chon genug. Zum vierten kommt hiezu noch ein wiederaufgefundenes Fragment aus Chriſtians Chronik, welches bisher unter den Pa⸗

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Ueber Chriſtians Chronik. 621 pieren Luc. Davids, welche das Archiv aufbewahrt, verborgen lag. Wir theilen es hier buchſtaͤblich mit: Borussorum origo ex Domino Christiano. Tempore Justiniani imperatoris et Papae Vigilii, Gothi cum Rege suo Vvitigo venerunt ex Ilispania in italiam, et in ea parte, quam Longobardiam vocant, Ravennam exaedifi- caruut, sedemque regiam in ea conslituerunt. IIos Narse- tes bello vicit. Reliqui qui superfuerunt, utpote 15,000 fuga sibi consulentes, venerunt in Bavariam, ac tandem in Vvestphaliam, ubi recensentes suos inventi sunt 36,000 tam viri quam mulieres et pueri. Hie Gotlingen extruxerunt. Tandem progressi in novam Marchiam et ad Regem Daniae Teudot pervenerunt, qui illis Insulam cambriam, id est, Gotlandiam inhabitandam concessit, quam populi ex Scandia tum tenebant, Hi populi Cambriae et Cimbriae Gothis ces- serunt, ac per mare Gothicum, quod olim Crono dietum ſuit ), et Hailibo quod nobis das friſche hab dicitur, nu- mero 46,000, Anno Christi 523 in Ulmiganiam, id est, Prussiam venerunt, indigenasque vicerunt. Horum popu- lorum Cambriae Duces fuere duo, nempe Bruteno et Wu- dawutto, quorum alterum, scilicet Bruteno sacerdotem crearunt, alterum scilicet Wudawutto in Regem elegerunt, qui arcem Neidenberg postea dictam, auff der Nerung, aedi- ficavit. Rex Wudawutto duodecim liberos masculos ha- bebat, quorum nomina fuerunt Litpho, Saimo, Sudo, Nai- dro, Scalawo, Natango, Bartho, Galindo, Warmo , Hog- go, Pomeszo, Chelmo. His suis liberis distribnit Wuda- wulto tolam provinciam in duodecim ducatus, unde adhuc denominationem retinent. Borussi ilaque orti sunt a Cim- bris, qui in Insula Gotlandia habitarunt et dieti die Scanden. Warmo nonus filius Wudawutti, a quo Warmia dicta, reliquit uxorem Arma, unde Ermelandt. Haec Arma inter- fecit Ducem Masonum, id est Masoviae, in bello und cum ipsius uxoribus et liberis numero triginta sex. Flumen quod dieitur nobis der Pregel, olim Scaret appellatum fuit. Sed postea a nobili puella nomine Percolla, quae in eo periit, Bornsis Pergolla nominatum fuit. Wenedia olim, nunc Lithphania, hinc sinus Venedicus dicitur, das keuriſch hab. Die reußen oder Mosqowitter ſindt vor Zeiten Roxolaner ges nandt. Dieſes iſt das ganze Fragment. Ehe wir es nach ſeinem 1) Am Rande ſteht „das ſandtmehr.“

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622 Ueber Chriſtians Chronik. Inhalte mit dem, was Sim. Grunau und Luc. David aus Chri⸗ ſtians Chronik entnommen, in Vergleichung ſtellen, zuvor etwas über fein Aeußeres. Die Schrift zeigt klar, daß es nicht von Luc. David ſelbſt geſchrieben, wohl aber aus ſeiner Zeit iſt. Es wird daher wahrſcheinlich, daß er es fuͤr ſich abſchreiben ließ oder, wie es noch mehr ſcheint, einem andern dictirte; denn in der Schreib- art, wie es hier vor uns liegt, kann es unmoͤglich im Original geſtanden haben; das beweiſet ſchon die Schreibart des Namens Borussi und Borusi neben Prussia und der Wörter Papae, ex- aedificarunt, Danige, Cimbriae, da dieſe Schreibart überall jünger if. Eben fo deuten die Arabiſchen Zahlzeichen auf eine fpätere Zeit in feiner Abſchreibung hin. Endlich aber zeigt fich auch ſchon beim erſten Blicke, daß das Fragment ein rhapſodiſcher Auszug aus Chriſtians Chronik iſt und daß es in dem Zuſammen⸗ hange, wie es vor uns liegt, im Originale nicht geſtanden ha= ben kann. Am deutlichſten beweiſet dieſes der letztere Theil des Fragments, indem die abgeriſſenen Saͤtze offenbar auf einen blo⸗ ßen Auszug hindeuten, gerade wie wir unter Luc. Davids hin⸗ terlaſſenen Papieren ſolche Excerpte auch aus andern Quellen z. B. aus Helmoldus finden. In jeder Weiſe aber bleibt uns das Fragment in Ruͤckſicht ſeines Inhaltes von großer Wichtigkeit, indem es uns die Frage: Was Chriſtians Chronik uͤberhaupt enthalten habe? weit leichter beantworten laͤßt. Hiermit aber beruͤhren wir einen andern ſehr wichtigen Punkt, worauf bei der Unterſuchung uͤber Chriſtians Chronik ſehr viel ankommt, die Frage naͤmlich: Was hat Chriſtians Chronik eigentlich enthalten und was haben Sim. Grunau und Luc. Da⸗ vid aus ihr entnommen? Werfen wir zuerſt einen Blick auf den Titel, den Luc. David kuͤrzer als Sim. Grunau anfuͤhrt, ſo kann die Bezeichnung der Heiden oder der Preuſſen durch die Worte Filii Belial ſich eben ſo gut auf ihr Heidenthum und ihre ganze heidniſche Lebensweiſe, als auf eine vom chriſtlichen Prie⸗ ſter ihnen angedichtete ſchlechte und ſuͤndhafte Geſinnung beziehen. Beide vom Standpunkte des damaligen Chriſtenthums aus nahe verwandte Bedeutungen laſſen ſich auf die heidniſchen Preuſſen anwenden. Bekanntlich ſchrieb man dem Satan auf die Geſin⸗ nung der Heiden eine ganz beſondere Macht zu, wie ſolches in Ruͤckſicht auf die Preuſſen unter andern auch Dusburg P. III. c. 5. 31. thut. Sie konnten daher im Sinne jener Zeit auch Soͤhne und Untergebene des Teufels genannt werden; denn dieſer Chro⸗ niſt nennt ſelbſt den Herzog Suantepolc von Pommern wegen der den heidniſchen Preuſſen geleiſteten Unterſtuͤtzung einen Filius Diaboli. Aber auch Chriſten, vom Wege des Rechts und des Geſetzes abgewichen und auf ſuͤndhafte Bahn gerathen, wurden

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Ueber Chriſtians Chronik. 623 Kinder des Teufels genannt; fo bezeichnet Kadlubko p. 395. die Feinde des geſetzmaͤßigen Herzogs Mjesco III. von Polen mit dem Ausdrucke viri Belial. — Ferner erwaͤhnen beide Chroniſten, daß Chriſtians Chronik die superstitiones der Preuſſen, d. h. vorzüglich ihre irrige und aberglaͤubiſche Goͤtter- und Religions⸗ lehre enthalten habe. Daruͤber nachher noch einiges Naͤhere. Befremdend ſind bei Sim. Grunau aber vorzuͤglich die Worte: Brutice factionis. So ſchrieb zu Chriſtians Zeit ſicherlich kein Menſch den Namen der Preuſſen, indem bekanntlich nicht Bruti, Brutti oder Bruteni, ſondern Pruci, Pruzi, Pruzzi oder Prusci die aͤlteſte Schreibart iſt. Sicherlich alfo find dieſe Worte entweder von dem Namenverſtuͤmmler Sim. Grunau ſelbſt oder von ſeinen Abſchreibern verfaͤlſcht worden. Endlich wird uns im Titel bei Sim. Grunau auch noch der Anfang der Chronik durch die Worte angedeutet: incipit cum moestitia cordis. Der Titel bei Luc. David ſcheint wohl uͤberhaupt richtiger. — Gehen wir nun auf die Darlegung des Inhalts der alten Chronik naͤher ein. 1. Enthielt Chriſtians Chronik einen Auszug aus einer Schrift, welche ihm der Domprobſt Ja— roslav von Plotzk zur Verfertigung ſeiner Chronik geliehen hatte. Es war der Reiſebericht jenes Bithyniſchen Reiſenden, Diwones, der zur Zeit des Kaiſers Auguſtus aus Salura mit ſeinen Gefaͤhrten in den Norden und namentlich auch nach Preuſſen kam, wie Luc. David B. I. S. 9. und Sim. Gru⸗ nau Tr. II. c. 1. §. 1. berichten. Jener nennt es in mehren Stellen, S. 11. 12. ein Verzeihniß und dieſer fagt: „Dieſer Diwonis hatte abngefchrieben Alle Tagen-Reiſen und gelegenheit der Zeit und der lande, do er tag bei tag war gelegen und Allis irforſte von den einwonern nach Vermogen und mit fleis ein⸗ ſchrieb.“ Das Ganze war alſo ein Reiſe-Tagebuch jenes Dy⸗ wones, der, wie Luc. David (S. 12.) in Chriſtians Buche fand, in Plotzk geſtorben, fein Reiſe-Verzeichniß dort zuruͤckgelaſſen hatte. Aber wie hatte ſich dieſes von Auguſts Zeiten an bis zum Jahre 1210 erhalten? Luc. David giebt uns daruͤber wenigſtens einigen Aufſchluß, indem er S. 10. ſagt: Chriſtian ſchreibe in ſeinem Buche, daß ihm von Jaroslav, damals Domprobſt zu Plotzk ein Buch „in Reuſcher ſprache, aber mit Greckſchen Buch⸗ ſtaben“ geſchrieben, geliehen worden, „in welchem buch, laudts derſelben ſchriefft einer Diwones genanndt vorzeichnet hatte, das er mit etlichen Ime zugegebenen geſellen, zur Zeit des Kayſers Octaviani Auguſti auß Salura der ſtadt in Bythinia gelegen von etlichen Aſtronomis ausgeſchickt wurden.“ Daraus erſehen wir, daß es nicht das Verzeichniß des Dywones ſelbſt war, welches Chriſtian benutzte, ſondern daß das ihm geliehene, in Reußiſcher

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624 Ueber Chriſtians Chronik. Sprache und mit Griechiſcher Schrift geſchriebene Buch Jaros⸗ lavs jenes Verzeichniß entweder ganz oder im Auszuge enthielt. Nicht fo deutlich drückt ſich darüber Sim. Grunau aus; vielmehr koͤnnen ſeine Worte in obiger Stelle ſo verſtanden werden, als ſey das geliehene Buch der von Dywones verfaßte Reiſebericht ſelbſt geweſen. Dieß war ohne Zweifel ein Mißverſtand Sim. Grunau's; denn wie haͤtte dieſer Reiſebericht in Reußiſcher Spra⸗ che geſchrieben ſeyn koͤnnen? Ferner Luc. David laͤßt den Dom⸗ probſt dem Biſchofe Chriſtian nur ein Buch leihen. Sim. Gru⸗ nau dagegen macht jenen ſelbſt zum Verfaſſer eines Buches, wel⸗ ches er unter dem Titel anfuͤhrt: Liber originis et furiarum gentis indomitae Brutorum in sanguinem Christianum; allein es läßt ſich nicht ermitteln, in wiefern dieſe Nachricht gegründet ſey. Nur ſo viel iſt gewiß, daß nach Luc. David S. 9. Chri⸗ ſtian mit dem Biſchof und den Domherren von Plotzk, alſo auch mit Jaroslav wirklich bekannt war und da er die Polniſche Spra⸗ che verſtand, wohl auch im Stande ſeyn konnte, das Reußiſche Buch zu verſtehen. Aus dieſem Buche nun nahm Chriſtian die Erzaͤhlung von Dywones Reife und deſſen Beſchreibung von der Beſchaffenheit des Landes und den Sitten der Bewohner in ſeine Chronik auf. Aus dieſem hatte auch Sim. Grunau ſeine Nachrichten von Dy⸗ wones, wie außer feiner ausdruͤcklichen Angabe auch feine Ueber⸗ einſtimmung mit Luc. David faſt in allen Punkten beweiſet. Nur in einigen Nebendingen weichen beide von einander ab: wie⸗ derum ein Beweis, daß ſie unabhaͤngig von einander Chriſtians Chronik benutzten; fo Sim. Grunau Tr. II. c. 1. $. 2. und Luc. David B. 1. S. 11. Dagegen genau uͤbereinſtimmend Sim. Grunau Tr. II. c. 1. &. 2. und Luc. David B. I. S. 12. 2. Enthielt Chriſtians Chronik die Geſchichte von dem Einzuge der Gothen nach Preuſſen. Da wir uͤber dieſen Punkt mit den beiden erwähnten Chroniſten auch das mitgetheilte Fragment vergleichen koͤnnen, ſo ergiebt ſich hier⸗ aus, daß Sim. Grunau in der Benutzung der Chronik Chriſtians ſich meiſt viel genauer an ſeine Quelle bindet, als Luc. David. Sim. Grunau hatte uͤber die Erzaͤhlung der Einwanderung frem⸗ der Voͤlker nach Preuſſen drei Quellen vor ſich liegen, naͤmlich den Aeneas Sylvius, Erasmus Stella und die Chronik Chri⸗ ſtians. Unbehuͤlflich in deren Benutzung weiß er ihre Angaben durchaus nicht zu vereinigen und berichtet daher zuerſt, was Aeneas Sylvius uͤber die Sache ſagt; dann geht er auf die An⸗ gabe des Erasmus Stella uͤber und mit dieſen beiden Quellen vergleicht er nun ſeinen Biſchof Chriſtian; da ſieht er erſtlich, daß Aeneas Sylvius den Namen Ulmiganien eben fo habe, wie Do-

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Ueber Chriſtians Chronik. 625 minus Christianus, daß aber zweitens von den Voͤlkernamen des Erasmus Stella der Biſchof Chriſtian nichts wiſſe. Er fagt: „Von dieſen nichts ſetzet Nominus Christianus, ſondern wohl ſpricht, wie in Ulmiganiam oder Bructeram find gekommen Sytones und Maxobei u. ſ. w.“ Nachdem nun Sim. Grunau in ſolcher Weiſe die Angaben ſeiner verſchiedenen Quellen neben einander hinſtellt, wendet er ſich näher an feinen Biſchof Chri- ſtian und fuͤhrt deſſen Darſtellung ausfuͤhrlicher an. Vergleicht man nun aber dieſe mit dem Inhalte des mitgetheilten Frag⸗ ments und nimmt man hinzu, daß dieſes, wie ſeine ganze Form lehrt, nur ein Auszug aus Chriſtians Chronik iſt, ſo bleibt gar kein Zweifel uͤbrig, daß Sim. Grunau wirklich, wie er ſagt, aus dem Werke Chriſtians nicht bloß geſchoͤpft habe, ſondern es wird aͤußerſt wahrſcheinlich, ja faſt ganz gewiß, daß er in dieſer Dar⸗ ſtellung Chriſtians eigene Worte geradezu nur uͤberſetzte. Dieſes beftätiget ſich noch, wenn man mit beiden den Luc. David B. I. S. 14 — 15. vergleicht. Er ſagt ebenfalls, daß er bei dieſem Gegenſtande Chriſtians Chronik benutzt habe; aber er haͤlt die gluͤckliche Mitte zwiſchen dem etwas kargen Fragmente und der weitſchweifigen Darſtellung Sim. Grunau's, der alles fo hin⸗ nahm, wie es ihm Chriſtian darbot. Er beruͤhrt den Aufenthalt der Gothen in Italien nur in wenigen Worten, uͤbergeht ganz ihren Aufenthalt in Weſtphalen und laͤßt ſie ohne weiteres zuletzt nach Daͤnemark kommen. Von da an ſtimmt er im Weſentlichen mit Sim. Grunau's Erzaͤhlung uͤberein, doch aber in der Art, daß man klar ſieht, Luc. David habe ſich bei weitem nicht ſo ſkla⸗ viſch an Chriſtians Worte gebunden, ſondern freier und ſelbſt— ſtaͤndiger gearbeitet. Dieſer alſo benutzte ſeine Quelle; Sim. Grunau dagegen uͤberſetzte fie meiſt den Worten nach. Und ach⸗ ten wir auf die Art des Gebrauches, den Luc. David von ſeiner Quelle machte, ſo finden wir bei ihm eine kritiſche Sichtung, die ſowohl dem Fragmente, als dem auch ſonſt ſo unkritiſchen Sim. Grunau gaͤnzlich abging. Dieſe beiden laſſen die Gothen unter dem Koͤnige Witiges aus Spanien nach Oberitalien ruͤcken. Die Erzaͤhlung gilt, wie ganz klar iſt, die Oſtgothen, die aber, wie jeder weiß, keineswegs aus Spanien, ſondern aus den oͤſtlichen Laͤndern, auch nicht unter Witiges, ſondern unter Theodorich nach Italien einwanderten. Lucas David kannte, wie es ſcheint, dieſe und andere Irrthuͤmer ſeiner Quelle und laͤßt ſowohl den Namen des Koͤniges Witiges, als die Zeitangabe der Einwande⸗ rung in feiner Erzählung aus; und auf dieſe Weiſe verfaͤhrt er auch mit den uͤbrigen Irrthuͤmern ſeiner Quelle, wie jedem eine Vergleichung leicht zeigen wird. 3. Enthielt die Chronik Chriſtians den Bericht I. 40

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626 Ueber Chriſtians Chronik. uͤber die erſten Einrichtungen der Scandianer in Preuſſen oder in dem damaligen Ulmigerien. So⸗ wohl Sim. Grunau Tr. II. c. 2. $. 3. als Luc. David B. I. S. 15. ſagen ausdruͤcklich, daß ſie dieſen Bericht aus Chriſtian ent⸗ lehnt haben und beide ſtimmen in ihren Angaben auch vollk om⸗ men uͤberein. Die Koͤnigswahl beruͤhrt ganz kurz auch das Frag⸗ ment und Luc. David S. 16. erwaͤhnt, daß Chriſtian auch dieſe Begebenheit erzähle. Auch hier Hält ſich Sim. Grunau wieder weit ſtrenger an die Quelle, indem Luc. David das aus Chriſtian entlehnte Material mehr theilt und anders ordnet. Hie und da aber weicht dieſer auch von Sim. Grunau ab. So nennt der letztere da, wo vom Gehorſam gegen die Goͤtter und von den Opfern geſprochen wird, die drei Hauptgoͤtter „Patollo, Pa⸗ trimpo und Perkuno.“ Luc. David dagegen ſpart ſich dieſe Na= men bis S. 25. auf und handelt dann von ihnen ausführlicher. Daſſelbe thut er bei den Namen der zwoͤlf Soͤhne Widewuds, die er erſt ſpaͤter von S. 58. an mit der Theilung des Landes an— fuͤhrt, waͤhrend Sim. Grunau in Uebereinſtimmung mit dem Fragmente ſie ſogleich nach Erwaͤhnung des Baues der Burg Naito der Reihe nach nennt und zwar ganz in der Reihenfolge, wie ſie das Fragment und ſpaͤter auch Luc. David haben. 4. Enthielt die Chronik Chriſtians die erſte Preuſſiſche Geſetzgebung durch den Koͤnig Widewud. Aus Luc. David wird dieſes zwar nicht ganz klar, denn nachdem er S. 18. manches berichtet, wovon ſich nicht ermitteln läßt, ob er es aus Chriſtian entlehnt habe, faͤhrt er S. 19. fort, die Ge⸗ ſchichte jener Geſetzgebung zu erzaͤhlen, ohne ausdruͤcklich zu er⸗ waͤhnen, daß Chriſtian davon ſpreche. Eben ſo wenig geht dieſes aus dem Fragmente hervor. Dagegen berichtet Sim. Grunau Tr. II- c. 3. $. 1. ausdruͤcklich, daß er feine Nachricht Über die Geſetzgebung durch „Dominus Christianus“ habe und dann fol⸗ gen bei ihm die einzelnen Geſetze ganz in derſelben Ordnung, wie bei Luc. David. Aber auch hier bemerkt man wieder, daß beide unabhaͤngig von einander den Text ihrer Quelle uͤberſetzten. Sim. Grunau zaͤhlt jedoch nur 13 auf Honeda gegebene Geſetze, waͤh⸗ rend Luc. David ihrer 17 auffuͤhrt, indem er noch vier andere Verordnungen hinzufuͤgt, die etwas ſpaͤter zu Romowe gegeben wurden. Ob auch dieſe in Chriſtians Chronik befindlich waren, ſagt weder Sim. Grunau, der fie Tr. II. c. 3. §. 3 — 6. eben⸗ falls anfuͤhrt, noch auch Luc. David. 5. Enthielt die Chronik Chriſtians die Geſchichte des Krieges der Preuſſen gegen den Maſoviſchen Für ſten Matzo. Hier ſtimmen L. David und S. Grunau völlig uͤber⸗ ein. Die Sache aber hat eine andere bedeutende Schwierigkeit.

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Ueber Chriſtians Chronik. 627 Luc. David B. J. S. 38. fagt: „Ist wollen weiter die gefchicht, ſo ſich ungefehr (wie Herr Chriſtianus der erſte Preuſſiſche Biſchoff fest) im Jar Chriſti fuͤnffhundert und funfsig zugetragen ertzehlen. Derſelbe vormeldet in ſeinem Buche, daß er von den Kindern Belial, das iſt den Preuſſen hatt geſchrieben, das obgenandter Divones in feiner vortzeichnus auch ſetzt, daß faſt Jerlich ein Herr Matzo genendt, zu den Ulmiganern kommen u. ſ. w.“ Sim. Grunau erzaͤhlt von dieſer Begebenheit an zwei verſchiedenen Or⸗ ten; einmal läßt er die Erzählung über den ſ. g. Matzo ſogleich auf den Bericht des Dywones uͤber die Beſchaffenheit des Landes fol⸗ gen Tr. II. c. 1. §. 2., dann aber ſagt er Tr. II. c. 3. §. 8. auch ausdruͤcklich: „ich habe obene geſagt nach der Beſchreibung Chri- stiani aus den Buͤchirn Diwonys, wie Maso ein fürft Jor jer⸗ lich in Ulmigancam itzundt Preuſen genant, quam“ u. ſ. w. — Beide Chroniſten alſo ſagen, nach Chriſtians Chronik ſolle Dy- wones uͤber ein Ereigniß geſchrieben haben, welches ins Jahr 550 geſetzt wird. Das iſt eine Unmoͤglichkeit und ſolglich eine hiſtoriſche Ungereimtheit. Und wer hat dieſe verſchuldet? Offen⸗ bar zunaͤchſt Dominus Christianus, denn in ſeiner Chronik hat ſie offenbar geſtanden und Luc. David und Sim. Grunau berich⸗ ten nur, was ſie in Chriſtians Buche gefunden. Ob Chriſtian aber der eigentliche Urheber derſelben ſey? Ob er vielleicht mit feinem geliehenen Buche „in Reußiſcher Sprache und Greckſchen Buchſta⸗ ben“ doch nicht recht fertig werden konnte? Ob er etwa das, was der ſpaͤtere Verfaſſer dieſes Buches ſagte, mit dem darin enthaltenen Verzeichniß des Dywones verwechſelte? Wer will dieſe Fragen jetzt entſcheiden? — Uebrigens weichen Lue. David und Sim. Grunau im Weſentlichen der Erzaͤhlung des Krieges nicht von einander ab, nur daß erſterer mehr als freier Bearbei⸗ ter, letzterer dagegen mehr als bloßer Ueberſetzer erſcheint. Aber das Meiſte, was Luc. David uͤber dieſe ganze Begebenheit mit⸗ theilt, war aus der Chronik des Biſchofs genommen, daher er S. 54, wo er auf einen andern Gegenſtand uͤbergeht, bei der neuen Erwaͤhnung ſeiner Quelle, naͤmlich des Domini Christiani, auch ganz offen ſagt: „von deme ich dieß thun bieß daher am meiſten habe.“ 6. Enthielt die Chronik Chriſtians die Einthei— lung des Landes in zwölf Landſchaften unter zwölf Fuͤrſten. Hieruͤber find die Beweiſe nicht fo klar, als bisher. Sim. Grunau giebt dieſesmal ſeine Quelle gar nicht an. Luc. David S. 53 — 54 nennt allerdings zwar die Schrift des Biſchofs da, wo er von der Landestheilung zu ſprechen anfaͤngt; aber man Eönnte dieſe Erwähnung des Zeugniſſes Chriſtians auch wohl fuͤg⸗ lich nur auf die Angabe des hohen Alters des Bruteno beziehen. 40 *

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628 Ueber Chriſtians Chronik. Allein das Fragment giebt hier die Entſcheidung und einen ziemlich ſicheren Beweis, daß in Chriſtians Chronik von der Landeseinthei⸗ lung wirklich die Rede geweſen ſeyn muß; denn es heißt: His suis liberis distribuit Wadawutto totam provinciam in duodecim ducatus, unde adhuc denominationem retinent. Alſo ift nicht zu zweifeln, daß Chriſtian die Erzählung von der Landes— theilung gekannt habe. Doch aber iſt auch gewiß, daß Luc. Da⸗ vid nicht alles, was er uͤber dieſe Landestheilung hat, aus Chri⸗ ſtian entnommen. So erwähnt er z. B. S. 61 feibft des Sim. Grunau (hier zum erſtenmale) und beruft ſich auf deſſen „alte Buͤcher“, aus denen dieſer die Graͤnzen des Landes entnommen habe, welches dem Sudo zufiel. Hätten dieſe Graͤnzen im Chris ſtian geſtanden, er wuͤrde gewiß auch hier, wie bis dahin immer, dieſen als Zeugniß angeführt haben. Ohnedem gehört auch alles, was Luc. David S. 62 erzaͤhlt, einer ſo ſpaͤten Zeit an, daß man klar ſieht, er ergaͤnzte hier die vielleicht nur ſparſamen An⸗ deutungen Chriſtians aus mehren andern Quellen. Dieſe Andeu— tungen verraͤth uns auch noch das Fragment in dem, was es von Warmo und feiner Gattin Arma (f. Luc. David S. 70) erzählt, mit Luc. David uͤbereinſtimmend, ſo wie in dem, was es von der Namensverwandlung des Fluſſes Skara in Pergolla oder Pre— gel anfuͤhrt, womit Luc. David S. 60 zu vergleichen iſt. 7. Enthielt die Chronik Chriſtians die Ge ſchichte der Aufopferung des Koͤnigs Widewud und des Griwe Bruteno. Hieruͤber haben wir bloß das Zeugniß des Luc. David, indem er S. 76 ſagt: „Wie mehr gedachter Bi— ſchoff Chriſtianus ſetzt im 600 Jahr nach der Geburt Chriſti u. ſ. w.“ Aber auch ohne dieſe ausdruͤckliche Ausſage traͤgt ſchon die ganze Erzählung völlig denſelben Charakter, welchen Luc. Da⸗ vids uͤbrige Auszuͤge aus Chriſtians Chronik haben. Die lange Rede z. B., die von den beiden Alten an das Volk gehalten wird und fruͤher erwaͤhnten andern aus Chriſtian gezogenen Reden dem Charakter nach ſo ganz aͤhnlich iſt, kann nur aus Chriſtian ent⸗ nommen ſeyn. Der Umſtand aber, daß Luc. David hier ſeine Quelle nur allein nennt, ohne daß Sim. Grunau "Tr. II. c. 5. §. 2. Chriſtians im mindeſten erwähnt, iſt ein neuer Beweis zu der Behauptung, daß jener Chriſtians Chronik nicht erſt durch dieſen kennen lernte, ſondern unabhaͤngig von dieſem benutzte. 8. Enthielt die Chronik Chriſtians verſchiede— nes uͤber die Religion, Sitten und Gebraͤuche der alten Landesbewohner. Luc. David fuͤhrt uns hierzu S. 145 und 146 einige Beiſpiele an, indem er nach Chriſtians Zeug⸗ niß der Wohlthaͤtigkeit der Preuſſen gegen Arme, ihrer Gaſt⸗ freundſchaft gegen Fremde und ihrer Huͤlfsleiſtung gegen Ungluͤck⸗

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Ueber Chriſtians Chronik. 629 liche, beſonders zur See erwaͤhnt; dann auch einen Beweis vom Aberglauben des Volkes aus Chriſtians Chronik mittheilt. Sim. Grunau Tr. II. c. 2. §. 3. aber laͤßt uns nicht ungewiß, daß auch manches uͤber die Religion der alten Preuſſen darin enthal⸗ ten war; er führt daraus wenigſtens die drei Hauptgoͤtter zu Romowe an. 9. Enthielt die Chronik Chriſtians auch noch manches aus der Zeit, als der Orden ſchon im Lande war. Luc. David B. II. S. 94 fagt: „Schreibet ehegedachter Herr Chriſtianus in ſeinem Buche, das er von den Preuſſen hin— ter ſich gelaffen, das im ſiebenten Ihare, nachdem des D. O. Brudere in Preuſſen angefangen zu regiren, ein ſehr haͤfftigh Ster⸗ ben eingefhallen. Gott weiß, fagt er, ob es von wegen der vorgiff: ten Lufft halben geſcheen, oder das es die ſo auß deutſchen landen zun Brudern in Preuſſen komen waren, mitgebracht, weil es in Deutſchen landen ſehr geſtorben.“ Dieſes ſowohl, als was Luc. David noch ferner von dieſer Sache erzaͤhlt, iſt wiederum ein neuer Beweis, daß er das Buch Chriſtians ſelbſt benutzte; denn Sim. Grunau Tr. VI. c. 7. §. 1. erwähnt dieſes Ereigniſſes faſt mit den naͤmlichen Worten, aber ohne Chriſtians zu gedenken. Wie haͤtte nun Luc. David wiſſen koͤnnen, daß die alte Chronik des Biſchofs dieſe Nachricht darboͤte, wenn ex fie nicht ſelbſt in ihr geleſen haͤtte. Dieſes iſt im Allgemeinen der Inhalt der Chronik des Bi⸗ ſchofs Chriſtian, fo weit es möglich iſt, ihn aus Luc. David und Sim. Grunau kennen zu lernen. Es war nothwendig, ihn vor Augen zu legen, um dadurch die falſche Meinung zu beſtreiten, als habe Luc. David das Werk Chriſtians nur aus Sim. Gru⸗ nau kennen gelernt. Es iſt aber auch nöthig, noch einen Augen: blick bei den Zweifeln zu verweilen, die man gegen das Daſeyn von Chriſtians Chronik aufgeſtellt hat. So weit ſolche Zweifel von Hartknoch in ſ. Dissert. de scriptorib. histor. Pruss. p. 4 und im A. und N. Preuff. S. 128 erhoben find, hat ſchon Kotzebue Aeltere Geſchichte Pr. B. J. S. 155 ff. über die Sa⸗ che nicht unpaſſend geſprochen. Der Einwand, daß vor Sim. Grunau kein Polniſcher und Preuſſiſcher Geſchichtſchreiber von ei> ner Chronik Chriſtians etwas wiſſe und daß ſelbſt Dusburg ihrer nicht erwaͤhne, iſt ohne alles Gewicht. Dieſe Geſchichtſchreiber nennen uͤberhaupt ihre Quellen aͤußerſt ſelten, und iſt vorauszu⸗ ſetzen, daß fie Chriſtians Chronik gekannt haben müßten, fie, die mit der Geſchichte Preuſſens ſo aͤußerſt unbekannt waren? Kennt denn auch nur einer von ihnen, kennt der ſpaͤtere Dlugoß die Jahrbuͤcher Lindenblatts oder Johannes von der Puſilie? Liegt uͤberhaupt nicht eine ſchiefe Folgerung in dem Satze: Kein Pol⸗

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630 Ueber Chriſtians Chronik. niſcher und Preuſſiſcher Schriftſteller vor Grunau kennt die Chro⸗ nik Chriſtians — folglich war ſie nie vorhanden? Wer erwaͤhnt vor Sim. Grunau's Zeit der Annalen Wigands von Marburg ? Kennt ihn ein Preuſſiſcher oder Polniſcher Geſchichtſchreiber? Und iſt er dennoch wenigſtens in einer lateiniſchen Ueberſetzung neuerlich nicht wieder gefunden worden, nachdem man ihn fuͤr immer verloren hielt? Ohne Zweifel würde Hartknoch feine Zweifel zuruͤckgenommen oder gar nicht aufgeſtellt haben, wenn er den Luc. David gekannt haͤtte, den er nicht einmal unter Preuſſens Geſchichtſchreibern im A. und N. Preuſſ. (Vorrede) zu nennen weiß. Ueberhaupt wird jeder, der die gegen das Daſeyn der alten Chronik aufgeworfenen Zweifelsgruͤnde uͤberwaͤgt, ihr Gewicht ſo ſchwach finden, daß ſie außer dem, was Kotzebue ſchon daruͤber geſagt, gar keiner Widerlegung ferner mehr beduͤrfen. Nach Luc. Davids Nachricht B. II. S. 94 muß Chriſtian ſeine Chronik erſt nach dem Jahre 1237, alſo in ſeinen letzten Lebensjahren geſchrieben haben, in einer Zeit, als er mit dem deutſchen Orden ſchon in offener Fehde ſtand und die Ordensrit⸗ ter ſchon oͤffentlich bei dem Papſte angeklagt hatte. Wenn nun der Biſchof in ſeinen Werke eines Ereigniſſes aus dem Jahre 1237 erwaͤhnt, ſo ſchrieb er ſicherlich auch noch uͤber die Jahre 1238 und 1239, und konnte er hieruͤber ſchreiben, ohne ſeiner zwiſtigen Verhaͤltniſſe zu gedenken und ohne die Beſchuldigungen gegen den Orden, die er bei dem Papſte ſchon anbrachte, noch zu verſtaͤrken und zu vermehren? Geſchah aber ſolches, fo for derten es die Klugheit und das Intereſſe des Ordens, Chriſtians Chronik nicht bekannt und verbreitet werden zu laſſen; und man entzog ſie den Laien dadurch, daß man ſie in die Bibliotheken oder „Libereien“ der Ordenshaͤuſer nahm. Und wenn wir uns nicht ſehr taͤuſchen, fo finden wir fie in dieſen auch wirklich wie der. In den Verzeichniſſen der Libereien der verſchiedenen Or— denshaͤuſer, die in dem ſ. g. Aemtereuche im geh. Archive enthal— ten find, finden wir einigemal einer „Pruſchen Chronica, Chro= nike von Prüffen, oder Chronica der Pruͤſſen“ erwähnt; vergl. Lindenblatts Jahrbuͤch. S. 18; Geſchichte von Marienburg S. 382. Welche Chronik koͤnnte dieſes geweſen ſeyn? Ein Ver⸗ faſſer oder eine naͤhere Bezeichnung wird nirgends angegeben. Eine Ordens-Chronik war es gewiß nicht, denn dieſe werden hie und da namentlich als Ordens-Chroniken genannt und ſelbſt der Name „Pruſchen Chronica“ oder „Chronica der Pruͤſſen“ würde dann nicht paſſen. Wuͤrde aber nicht die Chronik Chriſtians auf dieſe Weiſe richtig bezeichnet werden? Waren nicht gerade die Preuſſen, ihre aͤlteſte Geſchichte, ihr Leben, ihre Sitten, ihr Goͤtterdienſt, ihr erſter Kampf mit dem deutſchen Orden der recht

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Ueber Chriſtians Chronik. 631 eigentliche Gegenſtand, welchen ſie behandelte? Und ferner ſaͤhen wir hier nicht ganz klar Urſache und Grund, warum die Chronik Chriſtians waͤhrend der Ordens-Zeit unbekannt, unbenutzt und in den Gewoͤlben der Ordensburgen verborgen blieb, bis dieſe Burgen zum Theil von Feindes Macht gebrochen, der Orden auf⸗ gehoben, die Buͤcherſammlungen zerſtreut und ſo auch jene „Pru⸗ ſchen Chronica“ dem Sim. Grunau und Luc. David zur Be⸗ nutzung zugaͤnglich wurde? — Noch darf die Hoffnung nicht ganz aufgegeben werden, Chriſtians Chronik einſt noch wieder aufzufinden; vielleicht aber erſt, wenn es im Vatican lichter wird und ſeine Schaͤtze ferner nicht mehr dem Staube und dem Moder, ſondern der Wiſſenſchaft uͤbergeben werden.

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Beilage N II. Ueber die Bernſtein-Inſel Raunonia, Abalus, Basılia und Osericta — Samland. (Vorgeleſen in der Koͤnigl. Deutſchen Geſellſchaft zu Königsberg am Geburtsfeſte Sr. Majeftät des Königs, am Zten Auguſt 1825.) Ueber wenige Gegenſtaͤnde der aͤlteren nordiſchen Erdkunde iſt ſeit der Zeit, als man die Geſchichte des Nordens mit mehr Gruͤnd— lichkeit zu bearbeiten anfing, ſo viel gezweifelt, ſo viel gefragt, vermuthet, aufgebaut und wieder niedergeworfen worden, als uͤber die ſchon im Alterthum ſo weit beruͤhmte Bernſtein-Inſel Rau⸗ nonia, Abalus, Baſilia und Oſericta. Die ganze Oſtſee iſt nach allen Richtungen hin durchſucht worden, um ſie irgendwo wieder aufzufinden, und gefunden hat man ſie bald in Preuſſen in der Landſchaft Samland, bald in Skandinavien, bald ſelbſt in der Inſel Oeſel im Rigaiſchen Meerbuſen. Hatte man nun aber auch irgend einen feſten Punkt fuͤr dieſe Inſel angenommen und ſelbſt den ſchwierigen Unſtand hinweg geraͤumt, daß in ſpaͤterer Zeit nirgends der Bernſtein in ſo großer Menge, als einſt auf jener Inſel gefunden werde, fo bot die Vereinigung der ſo verſchie⸗ denartigen Namen auf eine und dieſelbe Inſel der Schwierigkeiten von neuem eine große Zahl dar, denn jedem leuchtete ein: die Namen muͤßten in irgend einer Weiſe fuͤr Eine Inſel zu vereini⸗ gen ſeyn. Ein Ausweg, ſie zu trennen, bot ſich nirgends dar. Plinius legte ſie nach Angabe ſeiner Quellen alle Einer Inſel bei. Die ſchwierigen Stellen dieſes Autors waren folgende. Im Aten Buche im 13ten Kapitel, wo er von den namenloſen Inſeln im noͤrdlichen Oceane geſprochen hat, faͤhrt er alſo fort: Ex quibus (insulis) ante Scythiam quae appellatur Hau- nonia abesse a Scythia diei cursu, in quam veris tempore lluctibus electrum ejiciatar, Timaeus prodidit. Gleich nachher aber heißt es weiter: Aenophon Lampsacenus a litore Scytharum tridui naviga- tione insulam esse immensae magnitudinis, Baltiam tiradit. Eandem Pyıheas Basiliam nominat.

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Die Bernſtein-Inſel im Norden. 633 Dagegen ſagt Plinius im 37ſten Buche im 2ten Kapitel: Pyiheas Guttionibus Germaniae genüi accolae aestuari- um oceani Menionomon nomine, spacio stadiorum sex mil- lium. Ab hoc diei navigalione insulam abesse Abalum. Illo vere fluctibus advehi (sc. succinum) etc. Huic et Timaeus eredidit, sed Basiliam vocavit. Und gleich darauf fährt er fort: Mithridates in Germaniae littoribus esse insulam, vo- cari eam Oserictum, cedri genere silvosam: inde defluere in petras (sc. succinum.) Ueberblickte man dieſe Stellen, fo erhoben ſich eine Menge von Fragen, deren Aufloͤſung kaum denkbar ſchien. Wie konnte Timaͤus, ſo durfte man fragen, die Bernſtein-Inſel, die er ein⸗ mal Raunonia nannte, nachher wieder Baſilia nennen? Meinte er zwei verſchiedene Bernſtein-Inſeln, welche war dann Rauno⸗ nia? welche Baſilia? Bezeichneten aber die beiden Namen nur Eine Inſel, ſo erhielt ſie nach des Pytheas Zeugniß noch einen dritten Namen, naͤmlich Abalus. Wie konnte ferner Pytheas dieſelbe Inſel einmal Baſilia und dann wieder Abalus nennen? Und dann wie kam dieſe eine Inſel zu den drei fo ſehr verſchie— denen Benennungen? War endlich des Mithridates Bernſtein⸗ Inſel Oſericta von dieſer noch verſchieden? Wo war ſie dann zu ſuchen 2 Und war ſie nicht verſchieden von jener, wozu denn noch ein vierter Name, da fie durch jene drei ſchon hinlaͤnglich bezeich- net war? — Von ſolcher Art waren die Fragen, die man hie⸗ bei zu loͤſen hatte und gelöft wurden fie zum Theil auf die ſonder⸗ barſte Weiſe. Eccardy fiel auf die laͤcherliche Meinung: der Name Aba⸗ lus ſey in dem verdorbenen Namen Pillau noch vorhanden und bedeute wohl urfprünglich „Anfall“ d. h. den Ort, wo der Bern⸗ ſtein anfalle oder ausgeworfen werde. Baſilia ſey ins Lateiniſche überfegt Regia-Insula Koͤnigs-Inſel und es gehe daraus hervor, daß der Name Koͤnigsberg ſchon ſehr alt und nicht erſt im drei⸗ zehnten Jahrhunderte entſtanden ſey. Der gelehrte Bayer behauptete: Oſericta ſey Samland; die Griechen hätten dieſes Land Baſilia, die Deutſchen Oſericta, gleichſam das öftliche Reich oder das Aeſtier-Reich auf Celtiſch genannt, weil es ein Königreich geweſen ſey. Die Aeſtier ſelbſt, Samlands Bewohner, möchten es wohl Abalus genannt haben 2). 1) Eccard de origine Germanorum p. 98. 2) Bayer Opuscul. p. 415: Si quis hanc Sembiam Oserietam dictam putet, erroris haud facile coargui possit, praesertim si Diodori Siculi Basileam objectet. Graeci igitur Basileam, Germani Oseri- ctam, veluti orientale aut Aestiorum regnum Celtica lingua dicas, ob

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634 Die Bernſtein-Inſel im Norden. Hiemit meinte der ſonſt fo gründliche Bayer die wichtigſten Fra⸗ gen beantwortet zu haben. Er fuͤhlte, was freilich leicht zu fuͤh— len war, daß Baſilia eine Griechiſche Benennung und in Oſericta ein Deutſches Wort verborgen ſey. Allein es mangelte feiner Er⸗ klaͤrung doch in aller Weiſe an gruͤndlichen Beweiſen; es ließ ſich bei ihr auch wieder fragen: Warum gaben denn die Griechen ge⸗ rade dieſer Bernſtein-Inſel den Namen Baſilia, den wir doch ſonſt in ähnlichen Fällen von ihnen gar nicht angewandt finden? Ferner wie kann Oſericta „öftliches Reich“ oder „Aeſtierreich“ bedeuten, da es dann doch offenbar Ot ericta oder Ae ft ericta heißen muͤßte? Und endlich woher weiß man denn, daß die Aeſtier ſelbſt die Inſel Abalus nannten? Fuͤr alles fehlten die Zeugniſſe und es konnte daher auch Bayers Erklaͤrung nicht ſon— derlich Beifall finden. Ganz anderer Meinung war Schoͤning ). Zwar bezeich⸗ neten auch ihm die Namen Abalus, Baltia und Baſilia ein und daſſelbe Land. Dieſes Land aber ſuchte er wegen der Aehnlichkeit des Namen-Klanges in der Naͤhe der Belte oder Balte und fand es „auf den ſuͤdlichen oder oͤſtlichen Kuͤſten der Skandinaviſchen Halbinſel.“ Dort, meinte er, vereinige ſich alles, was zur Aufklaͤ⸗ rung der dunkelen Fragen nöthig ſeyp. Das Wichtigſte indeſſen konnte Schoͤning doch nicht erweiſen, den Umſtand naͤmlich, daß in Skandinavien jemals Bernſtein in ſolchem Reichthume gefunden worden ſey, daß damit ein fo weit verbreiteter Handel hätte ge⸗ trieben werden koͤnnen. Schon Schloͤzer?) aber hat Schoͤnings Luftgebaͤu fo gewaltig zerriſſen und durchbrochen, daß es hier einer Widerlegung des Einzelnen gar nicht weiter bedarf. Schloͤzer jedoch riß hier nur nieder, ohne etwas Haltbares auf der Stelle wieder aufzubauen, denn das Wenige, was er hin⸗ ſtellte, war ſo faul und grundlos, daß ihm Keiner dabei Glau⸗ ben ſchenken konnte. Ein einziges Beiſpiel kann hinreichen. „Aba⸗ lus, Baltia und Baſilia, ſagt ers), ſcheinen ſogar nur Ein Wort zu ſeyn. Boltia durch eine kleine Veraͤnderung, die ſich ein Grieche wohl erlaubte, ward zu Baſilia und bekam dadurch ein Griechiſches eam caussam cognominarunt, quod ad Sueonum Sinlonumque ex- emplum, regis imperio, inter tantam vicinorum libertatem, ad- strictiori, majores nostri uterentur. Aestios ipsos credibile est, Abalum vocassc. Xenophonti Lampsaceno cum Diodoro convenit, sed Pytheas Timaeusque Basileam et Baltiam videntur confudisse. Pytheas utique Basileam et Abalum distinguit. 1) Sn feiner Abhandlung von den Begriffen und Nachrichten der alten Griechen und Römer von den nördlichen Ländern in Schloͤzers Nord. Geſchichte S. 23. ff. 2) In den Anmerkungen in f. nord. Geſchichte. 3) Nord. Geſchichte S. 23. Anmerk. P.

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Die Bernſtein-Infel im Norden. 635 Anſehen, wie Eridanus aus Radaune. Ein anderer brachte, ich weiß nicht wie, ein A fuͤr dieſes Baltia und ſo entſtand Abalus.“ So machte ſich die Sache bei Schloͤzern wie von ſelbſt. Den Namen Baltia holte er ſich fuͤr die Inſel aus dem Baltiſchen Meere und aus Baltia ging dann wieder Baſilia, Abalcia und Abalus hervor, gerade wie nach Schloͤzern der Name Norwegen aus dem Worte Nordſee entſtand ). Der ſonſt ſo originelle Uphagen ging hier doch meiſt den ſchon betretenen Weg. Oſericta war ihm nicht bloß die Bern⸗ ſtein⸗Inſel, ſondern das ganze Gothiſche Reich und der Name bedeutete nichts weiter als Ooſtryk, Oeſterreich, wie Auſtrania, Oſt⸗Strand, und Auſturweg, der oͤſtliche Weg?). In der Er⸗ klaͤrung des Namens Bafilia ſtimmte er im Ganzen mit Bayer uͤberein, meint jedoch, es koͤnne im Worte wohl auch eine An⸗ ſpielung auf den Namen der Weichſel liegen ?). Nur in der Deus tung des Namens Abalus ließ Uphagen ſeinem kuͤhnen Genius, wie gewöhnlich, ungezuͤgelten Lauf. Er knuͤpft den Namen an die Sagengeſchichte des Koͤniges Arthur von England. Es fey bekannt, ſagt er, daß dieſer Koͤnig, obgleich er in der Schlacht gegen Modred toͤdtlich verwundet nach Glaſton getragen und da geſtorben ſey, nach dem Glauben des Volkes eine Reiſe in ein fernes Land, nach der Inſel Avalonia weit im Oſten gemacht habe und von da einſt wieder kommen wolle. Die Namen Gla⸗ ſton und Avalonia entſpraͤchen ſich. Der erſtere bedeute Glasin⸗ ſel (vitri insulam). Avalonia habe ſeinen Namen von einer Aepfel⸗Art, welche die Gothen in fruͤher Zeit an die Cimbern uͤberbracht. Daher ſey der Ort, von welchem die Eimbern dieſen Apfel erhalten hätten, Avalonia genannt worden. Es ſey dieſes aber kein anderer geweſen, als der rothkantige Danziger Apfel, der in ſolcher Weiſe der Weichſelgegend den Namen Avalonia, Apfelland gebracht habe. Da nun die Gothen den Cimbern auch Bernſtein zugefuͤhrt haͤtten, ſo habe man auch den Bernſtein als aus dem Apfellande, aus Avalonia kommend angeſehen und auch das Bernſtein-Land Avalonia genannt, woraus Abalus ent⸗ ſtanden ſey. So habe ſich Wahrheit und Dichtung in Glaſton, der Glas-Inſel und in Avalonia, der Bernſtein-Inſel, verei⸗ 1) Ebendaſ. S. 37. 2) Uphagen Parerga historica p. 477. 3) Ibid. p. 481. Scientes nempe, circa Balthicum mare etiam insulam quandam, seu terram pro insula reputatam, simili quo- dam nomine gaudere, Baltiam inde nobis forte efformarunt. Hinc porro et Basiliae nomen natum esse potest, ideo inde exsculptum, quod terra ista sub strictiori regali imperio staret, quam aliae vi- cinae, ſorte ei allusione aliqua ad Vistulae nomen adjuvante.

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636 Die Bernſtein⸗Inſel im Norden. nigt, indem Koͤnig Arthur in der erſtern wirklich geſtorben, nach der andern aber laut der Sage hingewandert ſey ). — Dieſe Er⸗ klaͤrung iſt Uphagen ganz eigen geblieben; es hat fie ihm keiner nachgeſchrieben, aber gewiß auch keiner nachgeglaubt. So wurde in aͤlteren Zeiten auch von andern Gelehrten „der etymologiſche Nothſtall“, wie Adelung dieſes beliebte Vehikel nennt, muͤhſam durchſucht, um in irgend einer Weiſe den deus herauszufinden, der die Raͤthſel loͤſen koͤnne. Und doch wurde Adelung, um Abalus zu erklaͤren, ſelbſt genöthigt, ſich in bie ſem Nothſtalle etwas umzuſehen. Aus Forſter?) erſah er, daß die Gegend auf Samland, wo der Bernſtein am haͤufigſten an das Ufer geſpuͤlt wird, noch zur Zeit der Kreuzherren Wittland oder Wittlands⸗Ort geheißen habe. Er nahm dieſes für Weiß Land, welches im Litthauiſchen durch Balticka, von Baltas, weiß, ausgedruͤckt werde. Und nun macht Adelung mit Forſter ſofort den Sprung: für Abalus möchte lieber im Plinius Abaltia (Bal⸗ tia oder Abaltica) zu leſen ſeyn >). Unter den neuern Gelehrten hat uͤber dieſen Gegenſtand Huͤllmann einen neuen Weg betreten ). Unter Baltia kann nach ſeiner Meinung nichts anders, als das ſuͤdliche Finnland verſtanden werden. Dieſes ſucht er aus dem Gange zu beweiſen, den Plinius in ſeiner Beſchreibung des Nordens von Oſten nach Weſten nimmt. Die Anwendung des Namens Raunonia auf eine Inſel nennt er einen Irrthum und verſteht unter Raunonia mit Schloͤzer 3) das ihr gegenuͤberliegende Kuͤſtenland. Baſilia und Abalus werde von Pytheas ſelbſt nicht für einerlei gehalten. Das erſtere ſey gleichbedeutend mit Baltia, alſo das ſuͤdliche Finn⸗ land und Abalus ſey Ruͤgen, als die einzige erhebliche Inſel den ganzen Kuͤſtenſtrich entlang zwiſchen dem Niemen und der Trave. Es dürfte wohl nicht ſchwer ſeyn, dieſe Behauptung zu widerle— gen. Sie hat aber bei ſpaͤteren Forſchern eben ſo wenig Beifall gefunden, als die fruͤheren, da Huͤllmann den Hauptumſtand viel zu wenig beachtet hat, ob naͤmlich im ſuͤdlichen Finnland wirklich der Bernſtein in ſo reicher Fuͤlle ausgeworfen werde, daß damit ein ſo bedeutender Handel getrieben werden konnte. Darum haben auch andere Forſcher ſich immer wieder nach dem Bernſtein-Lande Samland gewandt, Schloͤzers Meinung beachtend, daß leichter wohl die Alten in ihren Nachrichten uͤber 1) Parerga p. 482 — 485. 8 2) Geſchichte der Entdeckungen und Schiffahrten im Norden . 36. 3) Adelung aͤlteſte Geſchichre der Deutſchen S. 88. 4) Handbuch der Geſchichte von Schweden S. 4 ff. 5) Nord. Geſchichte S. 22.

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Die Bernſtein-Inſel im Norden. 637 ſo weitentlegene Weltgegenden geirrt, als die Natur in dieſen Gegenden ſich veraͤndert habe). Mannert nimmt daher auch als ſicher an, bei zwei der erwaͤhnten Namen liege Preuſſens Kuͤſte doch immer zum Grunde ). Abalus und Naunonia find nach ihm die beiden Nehringen, weil da auch jetzt noch Bernſtein gefunden werde. Baſilia dagegen muͤſſe man, meint er, fuͤr den füdtichen Theil von Schweden erkennen. Der wahre Name fey wohl Baltia, Baſilia aber bloß eine Unwandlung der Abſchreiber für das Griechiſche Ohr geweſen ?). Die neuefte Erklärung, die uns noch zu erwähnen übrig bleibt, ift von Wilhelm ). Sie ſcheint ſich dadurch eine be quemere Bahn zu brechen, daß ſie gleich vorne herein annimmt: „Die Nachricht des Plinius in den entfernteſten Theilen ſeines großen Werkes, in dem Aten und 37ſten Buche, enthielten offen- bare Widerſpruͤche oder mit gelinderem Ausdrucke, Schreibfehler ?).“ Einen ſolchen Fehler findet Wilhelm ſchon zwiſchen den Namen Abalus und Baſilia. „Bei dem Zuſatze in der zweiten Stelle: Iluic et Timaeus credidit, sed insulam Basiliam vocavit, hat ſich Plinius wohl ſchwerlich an das erinnert, was er uns im 4ten Buche (in der erſten Stelle) uͤber denſelben Gegenſtand mitge⸗ theilt hatte ).“ — Allein dieſen dem alten gelehrten Römer in den Buſen geſchobenen Vergeßlichkeitsfehler darf man doch wohl nur als einen Nothbehelf anſehen, um den Knoten keck zu durch⸗ hauen, ſtatt ihn bedachtſam zu loͤſen. Beinahe eben fo ergeht es den Namen Raunonia und Baſilia, indem es heißt: „Bei dem Namen Raunonia findet Verſchiedenheit in den Manuſcrip⸗ ten ſtatt: fie leſen Baunomanna und Baunonia (auch Ban- nomanna); aber keins nennt die Inſel Basilia, wie fie Plinius im 37ſten Buche von demſelben Timaͤus, den er hier als Quelle anfuͤhrt, nennen laßt. Ob in Basilia oder in Raunonia der Irrthum verborgen liege, wage ich nicht zu entſcheiden; doch ſcheint Basilia mehr Stimmen fuͤr ſich zu haben.“ Weil nun Wilhelm aus Raunonia nichts weiter zu machen weiß, fo fügt er endlich das Geſtaͤndniß hinzu: „Wie Timaͤus oder wahrſchein⸗ licher Plinius zu dem Namen Raunonia gekommen ift, möchte ſchwerlich auszumitteln ſeyn, wenn wir nicht der Erklärung Harz duins beiſtimmen wollen,“ welcher nämlich annahm, daß Rau⸗ nonia nicht der Name der Inſel, ſondern des Theiles von Sey⸗ 1 Nord. Geſchichte S. 34. 2) Geographie der Griechen und Roͤmer B. III. S. 343. 3) Ebendaſ. S. 345. 4) Germanien und ſeine Bewohner. Weimar 1823. 5) Ebendaſ. S. 328. 6) Eben ſo Mannert a. a. O. S. 342.

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638 Die Bernſtein-Inſel im Norden. thien ſey, vor welchem die Bernſtein-Inſel liege. Wilhelm ſchien ſelbſt zu fühlen, daß es ſchwer ſey, dem Harduin beizuſtimmen, denn in der That iſt deſſen Erklaͤrung auch nur ein Behelf der Noth, um fein Raunonia irgendwo im fabelhaften Scythenlande unterzubringen ). Auch über den Namen Oſericta hat Wilhelm eine eigene Meinung aufgeſtellt. Dieſer Name, fagt er, erin⸗ nere an die Inſel Oeſel und Oeland, an Auſturike und Auſturaat, Oſtland, oͤſtliche Graͤnze und an Auſturweg und Eiſtarſalt, der Oſtſee alte, nicht ungewöhnliche Benennung ?); es ſey nicht noͤ⸗ thig, daß wir die Inſel Oſericta, von welcher Mithridates nach Plinius behauptet, daß auf ihr der Bernſtein von einer Cedern⸗ Gattung auf die Felſen niedertraͤufele, fuͤr dieſelbe mit Abalus und Baltia halten. Zwar werde ſie durch die Nachbarſchaft der Germaniſchen Kuͤſte einigermaßen beſtimmt; doch ſcheine Plinius in der Meinung zu ſtehen, daß erſt von da der Bernſtein durch die Fluthen an die eigentliche Bernſtein-Inſel getrieben werde, wie auch Tacitus annehme ). — Es iſt ſchwer, dieſer Meinung beizupflichten. An Oeſel oder Oeland kann Oſericta etwa nur ſo erinnern, wie Eridanus an Radaune; und wenn die Silben Ose auch wirklich an Oeſel anklingen, was wird denn aus ricta? Bei Oeland koͤnnte dieſes ricta wohl „Land“ bedeuten; aber wo: hin fällt das weſentliche s in Ose beim Uebergang in Oe? Daß ferner Plinius, wie Wilhelm ſagt, in der Meinung zu ſtehen ſcheine: „der Bernſtein werde von da erſt durch die Flu— then an die eigentliche Bernſtein-Inſel getrieben,“ ſteht nach meinem Beduͤnken keineswegs in des Plinius Stelle; denn erſtlich ſpricht ja Plinius nicht ſeine Meinung aus, ſondern die des Mithridates, und zweitens iſt in den Worten: Mithridates in Germaniae littoribus esse insulam, vocari eam Oserictam, cedri genere silvosam; inde delluere in petras (succinum ) weder „von den Fluthen“ des Meeres, noch von der „eigent— lichen Bernſteinkuͤſte“ die Rede. Was Plinius ſelbſt von dem Anfluthen des Bernſteins an die eigentliche Bernſteinkuͤſte meinen mag, geht dieſe Stelle ſo wenig an, als die angezogene Stelle des Tacitus ſie erklaͤrt. Auch ſpricht ja Plinius ſeine Meinung in einer ganz andern Stelle aus ). Doch genug von fremden Meinungen! Sie wurden nur er⸗ 1) Barth in f. Urgeſchichte Deutſchlands B. I. S. 143 und 150. hält Naunonia ebenfalls für einen Namen des Skythiſchen Landes; meint aber, es koͤnne auch eine der Nehringen, eine Inſel oder feſtes Land darunter verftanden ſeyn. 2) S. 331; und wortlich fo auch Barth a. a. O. S. 152. 3) Tubit. German. C. 45. 4) Plin. H. N. L. XXXVII. c. 3.

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Die Bernſtein-Inſel im Norden. 639 waͤhnt, eines Theils um zu zeigen, wie verſchiedenartig und ab⸗ weichend von jeher die Geographen jene Namen erklaͤrt und auf die verſchiedenſten Laͤndertheile des Nordens angewandt haben, andern Theils aber auch, um damit die Wichtigkeit darzuthun, die man immer ſchon auf die richtige Auslegung der erwaͤhnten Namen für die berühmte nordiſche Bernſtein-Inſel gelegt hat. Meine Anſicht der Sache weicht von allen bisherigen Mei⸗ nungen und Deutungen in allen Beziehungen gaͤnzlich ab. Nur darin ſtimme ich mit mehren der erwaͤhnten geographiſchen For⸗ ſcher überein, daß die vier Namen Raunonia, Abalus, Basilia und Osericta eine Inſel oder ein als Inſel von den Alten angeſehenes Land bezeichnen, wo Bernſtein geſammelt wurde, und das ſcheint Plinius in den vier erwahnten Stellen auch ganz klar auszuſpre⸗ chen. Die Namen ſelbſt klingen zum Theil Griechiſch; bei Ba⸗ ſilia iſt dieſes offenbar. Abalus ſchien Mannerten „vielleicht ein Roͤmiſcher Name.“ Oſericta nahm man meiſtentheils für Deutſch. Wenn man die Sache genau bedenkt, fo koͤnnen die Namen ent⸗ weder nur Griechiſche oder nur einheimiſche, d. h. nur ſolche ſeyn, wie man ſie im Lande ſelbſt ſprach. Nur durch ſolche, welche Griechiſch ſprachen und Griechiſch ſchrieben, durch Pytheas, Ti— maͤus, Xenophon von Lampfakus und Mithridates Eupator und von dieſen durch Plinius ſind uns dieſelben uͤberliefert. Auf die Frage: ob die drei zuletzt genannten Autoren die Namen aus des Pytheas Bericht uͤber ſeine nordiſche Reiſe entlehnt und ob auch Diodor dieſen benutzt oder ob ſie dieſelben aus andern, uns unbe⸗ kannten Quellen entnommen haben? — eine Frage, die ſich ſchwerlich zur evidenten Entſcheidung bringen laͤßt, da die Werke der genannten Maͤnner alle verloren ſind — kommt im Ganzen wenig an. Wir nehmen die Namen, wie ſie uns nun einmal ge⸗ geben ſind; wir zeihen den ſonſt ſo genauen und ſorgfaͤltigen Pli⸗ nius keines Fehlers und keines Leichtſinns und ſehen die Verſchie⸗ denheit der Benennungen nur als Beweis an, daß man fie wirk— lich auch verſchieden gehoͤrt hatte. Wir ſtellen aber bei unſerer Erklaͤrung die Behauptung an die Spitze, daß in Samland einſt der heilige Goͤtterſitz Remove Rickaita gelegen habe und dieſe Behauptung erfordert buͤndige und gründliche Beweiſe. Bei der aͤußerſt großen Verſchiedenheit der Chroniſten und der ſpaͤteren Geſchichtſchreiber in ihren Angaben uͤber die einſtige Lage dieſes uralten Heiligthums kann eine ſichere Unterſuchung nur auf urkundliche Quellen gebaut und die Angabe der Chroniſten nur etwa als Beſtaͤtigung der urkundlich dargetha⸗ nen Reſultate benutzt werden und dieſen ſicheren Weg wollen wir hier betreten. Die älteren Urkunden der Landesgeſchichte ergeben aber den

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640 Das alte Romowe in Samland. Beweis, daß ein heiliger Goͤtterſitz, Romove genannt, einſt wir: lich in Samland, in der Nähe der weſtlichen Seekuͤſte, unfern von dem Kirchdorfe Germau, bei dem jetzigen Dorfe Lengnitten gelegen habe. Zu dieſer Behauptung giebt es folgende Gruͤnde. 1. In der bezeichneten Gegend liegt jetzt noch das Dorf Romehnen. Urkunden beweiſen, daß dieſes Dorf nicht nur fehr alt iſt, ſondern daß fruͤher auch ſein Name etwas anders war. Sein Alter koͤnnen wir bis nahe an das dreizehnte Jahrhundert verfolgen und daß der Ort ſchon vor der Ankunft des Ordens vor⸗ handen geweſen und von den heidniſchen Preuſſen gegruͤndet ſeyn muß, beweiſet ſchon ſein aͤchtpreuſſiſch klingender Name. Eine Verſchreibung des Biſchofs Johannes von Samland vom Jahre 1325 nennt das Dorf Rummove ). Dieſes iſt die aͤlteſte Be⸗ nennung, die wir haben auffinden koͤnnen und ſie klingt zugleich dem Namen des alten Heiligthums am aͤhnlichſten. In einer an⸗ dern Verſchreibungsurkunde deſſelben Biſchofs vom Jahre 1335 wird des naͤmlichen Dorfes unter dem Namen Romayn erwähnt und dadurch der Uebergang des Namens Rumove in Romayn und in das heutige Romehnen dargethan ?). Doch nennt noch eine Urkunde des Biſchofs Jacob vom Jahre 1349 das Feld um jenes Dorf „Campus Rumbow ,“ eine Veränderung, die nach der altpreuſſiſchen Mundart, nach welcher auch Rombhove ge ſprochen wurde?), nicht weiter befremden kann. Daß aber Ro- may n um dieſe Zeit ſelbſt auch die gewoͤhnliche Benennung des Dorfes war, beweiſet eine Urkunde des Biſchofs Johannes vom Jahre 1343, worin er den alten Stammpreuſſen Scroyten, Queipo⸗ ding, Bignen und Nakay eine Strecke Landes in der Feldmark des Dorfes „Romayn “e verfchreibt, und eben fo nennt daſſelbe Dorf neben dem Dorfe Lankeniten, welches das jetzige Lengnilten iſt, auch eine Urkunde, worin die Graͤnzen des Biſchofstheiles von Samland verzeichnet werden. Die deutſche Ueberſetzung die⸗ ſer Urkunde hat den Namen Romaynis. In der einen dieſer Urkunden wird neben dem Dorfe auch eines Sees erwähnt*). Ges 1) In Matric. Fischkus p. 18 im geh. Archiv zu K. 3 In den Samlaͤndiſchen Orts-Namen, die ſich jetzt auf „ehnen“ oder „au“ endigen, iſt die urſpruͤngliche Form uͤberall ove oder owe geweſen; dieſe ging dann abwechſelnd in die Silbe ayn oder au uͤber. So hieß Germau urſpruͤnglich Girmove; ſpäter kommt vor Girma und Girmaue. Die Silbe ayn aber verwandelte ſich in „ehnen.“ & hieß Kirpehnen bei Germau in der Nähe von Romehnen fonft Kirpayn; Kumehnen am Galtgarben fonft Komayn. So iſt in gleicher Weiſe aus Rumove Romayn und aus dieſem 1 geworden. Urkun⸗ den geben über ſolche Umwandlungen hinlaͤngliche Beiſpiele. 3 Prätorius Schaubühne B. I. S. 264 (Mfer. im geh. Archiv.) 4) Ein ſolcher See iſt auch jetzt noch vorhanden.

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Das alte Romowe in Samland. 641 wiß iſt alſo, daß ein uralter Ort Rumove einſt da lag, wo jetzt Romehnen ſteht. 2. In der Umgebend dieſes Dorfes hieß einſt eine Gegend „das heilige Feld, sacer campus." Dieſes iſt ohne Zwei⸗ fel das Feld, welches die eine der erwähnten Urkunden auch cam- pus Rumbow nennt. Erwaͤhnt wird dieſes heiligen Feldes bei dem alten Rumove ſchon in einer Urkunde ) vom Jahre 1322, aus welcher wir erſehen, daß es nicht ferne vom Meere lag, vom Fluͤßchen Laſſe durchwaͤſſert, reich an Bernſtein und bei der Thei⸗ lung Samlands zwiſchen dem Orden und dem Biſchofe fruͤherhin ungetheilt geblieben war. Merkwuͤrdig iſt dieſer Umſtand um fo mehr, da es ganz unbewohnt war, denn als es fpäterhin dem Biſchofe von Samland zugefallen und alſo Samlaͤndiſches Kir⸗ chengut geworden war, verſchrieb es der Biſchof Johannes in dem genannten Jahre 1322 den Conventsrittern zu Koͤnigsberg zur Benutzung für Roßweide und zum Heuſchnitte auf feine Lebens⸗ zeit und mit Vorbehalt des Einſammelns des Bernſteins zugleich mit den Unterſaſſen der Conventsbruͤder zu Koͤnigsberg, woraus zu ſehen iſt, daß gerade am heiligen Felde der Auswurf des Bern⸗ ſteins bedeutend geweſen ſeyn muß. Dieſes heiligen Feldes wird außerdem auch noch in mehren Graͤnzverzeichniſſen erwähnt und 1) Dieſe in mancher Hinſicht merkwuͤrdige Urkunde iſt folgende: In nomine domini amen. Nos frater Johannes dei et aposto- lica providencia Episcopus ecelesie sambiensis notum facimus uni- versis presentem litteram inspceturis, quod honorabiles viros Com- mendalores et fratres in Runingisberch nosiros fautores ct fratres karissimos pio prout decet prosequeutes affectu ipsis liberaliter fa- cimus graciam infrascriplarn , hane videlicet, quod ipsis sacrum Compi perlinentem ad . lerciam sorlis nostre pro pasca- lura equorum suorum et alcatura feni concedimus pro toto tem- pore vile nostre nullum tamen ex hac concessione nostris successo- ribus prejudicium inducturi, sic tamen ut homines nosiri inibi ha- bitantes sua prata suasque pascuras el agros et silvas, quas habue- runt ex anligquo et habere debent de jure retinennt inconvulse no- bisque in dandis decimis, prestandis serviciis et iuribus ommibus remaneant obnoxii nullique alteri in his quam nobis pareant ei intendant. Item quod iidem hommes a loco, in quo fluvius Lassa influit mare salsum usque ad graniciam quercus site iuxta curiam fratrum saeri ecampi lapideın marinum communiter vel divisim cum hominibus fratrum possint colligere, quem lapidem nulli alteri quam nobis aut nostro oſſiciali vendere aut presenlare cogantur, el quod in salso marı piscari valeant prout anten consueverunt. liem contulimus eisdem fratribus et amicis nostris karissimis eciam pro tempore vite nostre piscariam nostram et ad ecclesiam nostram spec- lantem in recenti mari sub silva dicta Povs, nobis tamen ad pis- candum ibidem duobus magnis relibus reservalis; etc. Datum et actum in ecclesia nostra kathedrali Kuningisberch. Anno domini Millesimo CCCo. XXII. XIII. Kal. Jun. — 1 41

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642 Das alte Romowe in Samland. aus dieſen geht zugleich noch hervor, das es auch in dieſer Zeit noch reichlich mit ſtarken Eichen beſetzt war, die zu Graͤnzmarken dienen mußten. Die Ausdehnung, welche es um dieſe Zeit noch hatte, iſt nicht mehr zu beſtimmen; nur ſo viel hat ſich ermit⸗ teln laſſen, daß es ſich nördlich hinaufzog bis gegen Wangnicken und im Weſten an die See anſtieß ). Dieſes trifft gerade in die Gegend, wo Heilige-Kreutz liegt, der einzige Ort in jenen Um⸗ gebungen, der einen Deutſchen Namen fuͤhrt. Es iſt kaum zu bezweifeln, daß Heilige-Kreutz auf dem einſtigen heiligen Felde liegt und daß man durch Errichtung der dortigen Kirche unter die⸗ ſem Namen den einſt heidniſchheiligen Ort auch den Chriſten fort— hin heilig erhalten wollte. 3. In den Umgegenden des alten Rumove und dieſes heili— gen Feldes ſtand auch ein heiliger Wald. Es wird ſeiner zu— erſt etwa dreißig Jahre nach der letzten Empoͤrung der Samlaͤn— der gegen den Orden, naͤmlich im Jahre 1292 in einer Ver⸗ ſchreibung des Komthurs von Koͤnigsberg Berthold von Bruͤhaven erwaͤhnt, indem dieſer einem gewiſſen Konrad Koch ein Landge— biet verſchreibt, welches am heiligen Walde hinabwaͤrts ſich bis gegen den Pregel erſtrecken ſoll ?). Dieſe ſo weit nach Suͤden ge⸗ zogene Lage, welche der heilige Wald hiemit bekommt, koͤnnte auf die Vermuthung fuͤhren, daß dieſes ein ganz anderer Wald ſeyn muͤſſe; allein es iſt zu erweiſen, daß dieſer heilige Wald ſich wirklich vom Friſchen Haffe an, alſo von Samlands ſuͤdlich⸗ ſter Graͤnze noͤrdlich hinauf bis uͤber Romehnen, das alte Romowe hinaus erſtreckte. Er zog ſich naͤmlich vom Pregel aus gegen das Kirchdorf Medenau hin, wo das alte biſchoͤfliche Schloß Ziegen— berg und das Dorf Cragen, jetzt Kragau, lagen?). Von da lief er durch die Feldmarken des Dorfes Geydau hindurch bis an die Kuͤſte der Oſtſee, wo die beiden Doͤrfer Neuendorf und Dargen, — in alter Zeit Dargowayn — lagen) und wo der heilige Adal— 1) Die Beweiſe hievon in den folgenden Anmerkungen. 2) „lusta sacram silvam in descensu usque ad Prigoram.““ 3) Dieſes beweiſet eine Verſchreibung des Biſchofs Siegfried von Samland vom Jahre 1309, worin er den beiden Preuſſen Herrmann Maldite und deſſen Bruder Strambote ſechs Hufen Landes bei ſeinem Schloſſe Ziegenberg verſchreibt und in der Granzangabe ſagt: Prima granicia est quercus circa fluvium, qui fluit inſra castrum (Cygen- berch) et curiam supradictam, a qua quercu est eundum directe versus villanı dietam Craghen ad arborem circumſossam, a qua ar- bore linealiter procedendum est versus Siloam sucram usque ad curıulum unum etc. A) Dieſe Begraͤnzung des heil. Waldes wird durch eine Urkunde des Biſchofs Johannes von Samland vom Jahre 1327 beſtimmt, indem es dort in der Bezeichnung der Graͤnzen des Dorfs Neuendorf heißt: Ab cadem granicia adscendendo sursum contra’ salsum inare per inci-

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Das alte Romowe in Samland. 643 bert, als er dort den heiligen Wald betrat, von dem heidniſchen Prieſter erſchlagen wurde. Dieſer heilige Wald lief aber von die⸗ fer bezeichneten Richtung von Oſten nach Weſten auch weit nord: waͤrts hinauf. Wir finden ihn namentlich zunaͤchſt unfern vom Galtgarben, bei welchem weſtlich das Dorf Naſtrohnen, ſonſt Naſtrayn genannt, am heiligen Walde lag). Von da aus ging er dann nordweſtlich hinuͤber nach Romehnen, wo er das alte Heiligthum Romowe ſelbſt umſchloß, dort einen Theil des heili— gen Feldes bedeckte und ſich gegen die See hin zog?). — Aus dem allen geht nun klar hervor, das der heilige Wald den groͤß— ten Theil des weſtlichen Samlands, die ganze Seekuͤſte von Fiſch⸗ haufen bis nördlich hinauf an die Nordſpitze von Bruͤſter⸗Ort um⸗ faßte und ſich ins innere Land hinein bis an den Galtgarben und am Friſchen Haffe hin bis an die Muͤndung des Pregels ausdehnte. 4. Wir finden an dem heiligen Felde und namentlich in der Naͤhe vom alten Romowe, dem jetzigen Romehnen auch eines Or— tes erwähnt, welcher ſchon in ſehr alter Zeit „die Brand— ſtauͤtte“ hieß. Zwar find wir Über die einſtige Beſtimmung des Ortes und uͤber die Beziehung feines Namens nicht weiter unter— richtet. Hoͤchſtwahrſcheinlich aber war er in alter heidniſcher Zeit die Stätte geweſen, wo in der Nahe der Goͤtterwohnung das hei— lige, ewige Feuer brannte und die Opfer dargebracht wurden. Wie die uͤbrigen bezeichneten Gegenden, ſo hatte ohne Zweifel auch die Brandſtaͤtte als Opferſtaͤtte ihren alten Namen behalten; aber wie vom heiligen Walde und vom heiligen Felde die altpreuſſiſche Benennung untergegangen iſt, ſo hat ſich auch von dieſem Orte nur die deutſche Bezeichnung erhalten. Daß wirklich ein ſolcher Ort, wo ein ewiges Feuer brannte, bei dem Heiligthume war, iſt siones arborum usque ad viam, quae de villa Dargowayn ducit versus Sabenow. Item adscendendo eandern viam versus Sabenow us que ad aliam viam, qune ad sinistram sive laevamı manınn occur- rıt et ducit ad sacramı silcam. 1) Der Biſchof Jacob von Samland verſchreibt daſelbſt im Jahre 1357 dem Heinrich von Regenwalde pralum unum sub silva, quac dicitur Heylige walt \Vyssckynt situm. 2) Dieſes beweiſet eine Urkunde des Biſchofs Johannes von Sam⸗ land, worin er in der Umgebung des Dorfes Romehnen ein emu sacrum: nennt. Und in einer Graͤnzangabe des Biſchofs heißt es: De quo (sc. palo matgno) direcle e est ad nemus, quod saerum nemus nominalur, versus mare salsum usque ad arborem ibidem signatam, deinde eımdum est versus saerum campum. Aus einer Urkunde des Komthurs von Königsberg, Heinrichs von Iſenhofen, vom Jahre 1322 erfahren wir, daß ein Theil des heiligen Feldes mit Wald bedeckt war. Er ſagt: In parte ecclesie silee sacri Ci nihil juris habemus; und dann heißt es: Item reservant sibi homines suos in eadem parle sarri campi morantes. 41*

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644 Das alte Romowe in Samland. außer Zweifel), und dieſe Brandſtaͤtte lag nach der uns aufbehal⸗ tenen Nachricht ganz in der Nähe von Romowe 2). So weit ergeben alte Urkunden den Beweis, daß wirklich in Samlands weſtlichem Kuͤſtenlande das alte Heiligthum Romowe geſtanden haben muͤſſe. Aber auch nicht unwichtige Zeugniſſe der Chroniſten beſtaͤtigen dieſe Behauptung. Offenbar zielt dahin ſchon die alte Sage, daß Samo, Widewuds zweiter Sohn, mit ſeinem Volke in Samland den Goͤttern mit weit groͤßerer Andacht gedient, als die uͤbrigen Bewohner Preuſſens und deshalb in ei⸗ nem Eichenwalde zu Ehren der Goͤtter eine Menge von Schlan— gen unterhalten worden fen’). — Ferner nennt auch die alte Ordens-Chronik das Dorf „Romawe“ auf Samland als den Ort, wo einſt die heidniſchen Götter gewaltet und der Oberprie— ſter Griwe feinen Wohnſitz gehabt habe?). — So kann auch des Chroniſten Henneberger Bericht von „dem ſtarken Hagen von großen Bäumen und Ricken,“ welchen die Samlaͤnder bei der Ans kunft des Landmeiſters Heinrich von Wida „vom Seeſtrande an bis in das Friſche Haff“ machten, auf nichts anders hindeuten, als auf eine ſtarke Verſchanzung und einen Verhau des heiligen Waldes, durch welchen man den Einbruch des Feindes in das Hei— ligthum abzuhalten ſuchte ). Und endlich mag auch der entſchloſ— ſene, blutige Kampf, den die Samlaͤnder mit ſolcher Erbitterung bei Germau gegen Heinrich Stange, Komthur von Chriſtburg fochten, nicht ohne Beziehung auf die Errettung des heiligen Goͤt⸗ terſitzes geweſen ſeyn ?). Daher behauptete auch ſchon ein neue— rer Forſcher der Geſchichte Preuſſens, wenn gleich mehr nur ver— 1) Dusdurg P. III. c. 5. Lucas David B. I. S. 3]. 2) Die auf dieſe Brandftätte bezuͤgliche Stelle ſteht in der erwaͤhn⸗ ten Urkunde uͤber die Graͤnzberichtigung des Bisthums Samland und lautet ſo: Procedendum est ad quercum viridem stantem prope Sa- erum campum; demde ad salsum mare; item redeundo de sal- so mali procedendum est ad ar circumfossum, qui Zocus Brandstat dieitur. Deinde ad alıum palum cireumfossum in agris inter villas Romayn et Lankenitten (Zengnitten). Bei Nachforſchung an Ort und Stelle erfuhr ich in Lengnitten, daß in der Feldmark die⸗ ſes Dorfes ein Ort von bedeutendem Umfange ſey, den man die Kohle ſtaͤtte nenne, weil man dort ziemlich tief in die Erde hinein Kohlen finde, wiewohl ſich niemand erinnern koͤnne, daß jemals da Kohlen gebrannt worden ſeyen. Vielleicht iſt dieſes die alte Brandſtaͤtte. 3) Lucas David B. I. S. 60. 4) Ordens⸗Chronik S. 20. (Mſcr. im geh. Archiv zu Koͤnigsb.) Matthaeus veier. aevi analecta T. V. p. 686: „Ende die Paus (Papft) woonde altyt in Sarnelant, in een dorp dat Romawe hiet, en- e dat noemden sy also na Romen; ende dese Paus was altyt ge- noemt Crywe.“ 5) Hennebergers Landtaf. S. 413. 6) Dusburg P. III. c. 67.

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Romowe — Raunonia. 645 muthend, als beweiſend, „daß der Criwe immer in dem alten Witland, als dem Vaterlande der Nation ſich aufhielt ).“ Auf dieſen Beweis nun, daß auf Samlands Kuͤſtenland un⸗ bezweifelt das alte Heiligthum Romowe ſtand — einen Beweis, dem wohl nichts von Wichtigkeit entgegen zu ſtellen ſeyn moͤchte — gruͤnde ich meine Erklaͤrung der der Bernſtein-Inſel des Nor⸗ dens beigelegten Namen. Ich behaupte alſo zuerſt, daß der Na⸗ me Raunonia kein anderer iſt, als der verſtuͤmmelte Name Ro- movia oder Raumovia. Wie dieſer Name bei Plinius vorkommt, iſt er offenbar verdorben. Dahin deuten ſchon die manchfaltigen Lesarten in demſelben, indem naͤmlich ſtatt Raunonia auch Bau- nonia, Baunomanna, Bannomanna und Bantomanna gelefen wird. Erſt Harduin hat die Lesart Raunonia als die wahrſchein— lich beſte in den Text aufgenommen. Es iſt kaum zu zweifeln, daß Timaͤus Popovix oder vielleicht auch PovRονν in feinem Werke geſchrieben hatte. Entweder aber ward der Name ſchon in dieſem Werke ſelbſt in Pawvovix oder durch die Abſchreiber des Plinius in Raunonia verſtuͤmmelt. Landete der Fremdling an Samlands Weſtkuͤſte, am reichſten Bernſtein-Ufer, ſo geſchah ſolches unfehlbar immer in der Naͤhe des heiligen Waldes, der ja die ganze weſtliche Kuͤſte einnahm. Da konnte ihm der Name Romove unmoglich ungenannt und unbekannt bleiben, und als der wichtigſte Ort ganz Samlands und aller ringsum wohnenden Völker, deren Heiligthum und Prieſterſitz es war, mußte ſich die⸗ ſer Name dem Fremdlinge gewiß auch am tiefſten ins Gedaͤchtniß prägen. Da nun aber alles, was der Fremdling ſah, heiliger Wald des Romowe war, ſo bezeichnete er mit dieſem Namen auch die ganze Bernſtein-Inſel, da er Samland als Inſel betrach— tete. Als ſolche mußte es jeder Fremdling auch noch in ſpaͤteren Zeiten?) um ſo mehr anſehen, da es keinem erlaubt war, den hei— ligen Wald zu betreten, alſo ins Innere Samlands zu gelangen. Er ſah nur im Suͤden das Friſche Haff und im Norden an der Nordſpitze die See ſich ſo nach Oſten weit hineinziehen, daß er glauben konnte, auch im Oſten ſey das Land durch Waſſer abs geſchnitten. So haͤtten wir alſo im Plinius den wahren Namen von Komove wieder aufgefunden. Aber auch der zweite Name Abalus iſt nichts anders, als eine Bezeichnung fuͤr das Heiligthum Romowe. Wie eben ſchon erwaͤhnt iſt, durfte kein Fremdling ſich dem Heiligthume nahen. Selbſt nicht einmal alle Landeseingeborenen durften den heiligen 1) Thunmann Unterfuchungen über die Geſchichte einiger noͤrdl. Volker. S. 66. 8 2) Adam. Bremens. de situ Dan. ſagt noch: Tertia insula est illa, quae Semland appellari solet, contigua Ruzzis.

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646 Romowe — Abalus. Wald betreten. Nur die Reiks oder die Landesfuͤrſten durften ins Heiligthum kommen und ſich des Gluͤcks erfreuen, mit dem Gri— we von Mund zu Mund zu reden ). Betrat ein Fremdling den heiligen Wald, ſo mußte er, wie dort dem heiligen Adalbert ge⸗ ſchah, das Verbrechen mit dem Leben buͤßen und ſelbſt wenn er entronnen war, mußte die Entweihung mit Menſchenblut wie— der verſoͤhnt und der betretene Ort von neuem geheiligt werden 2). Deshalb fuͤhrt es auch der Chroniſt Helmoldus als etwas ganz Eigenthuͤmliches von den Preuſſen an, daß ſie keinem Chriſten den Zugang zu ihren Hainen und Quellen geſtatteten, aus Be⸗ ſorgniß, daß fie entweiht würden -). — Auch in Griechenland gab es fuͤr den religiöfen Volksglauben ſolche Orte, die, weil ſie fuͤr heilig gehalten wurden, von keinem andern Menſchen, als nur von Geweihten betreten werden durften. Die Griechiſche Sprache nannte ſolche Orte rorcı zB£2yr0, heilige und deshalb unzugaͤngliche Orte). Landete nun der Grieche an Samlands Kuͤſte, ſo wurde er ohne Zweifel gewarnt, den heiligen Boden Romowe's nicht zu betreten. Romowe und der heilige Wald wurden ihm, wie jedem Fremdlinge als ein heiliger und unzu— gaͤnglicher Ort genannt. So war alſo auch dem Griechen das ganze Küftenland Samlands ein 26 «2£ win Als ein fol: cher erſchien es auch dem Maſſilier Pptheas und als ſolchen be: zeichnete er die Samlaͤndiſche Bernſtein-Inſel auch in ſeinem Reiſeberichte. Mag nun er ſelbſt oder moͤgen andere, die ſeinen Bericht benutzten, dieſe Bezeichnung als den Namen des Landes genommen haben: das Wort Ks ging in ein nomen pro- prium Über; die zweite, ſchon in der Bildung des Wortes ſehr ungewöhnliche Silbe verlor ſich leicht in die dritte gleichlautende; 0 wurde in 6h zuſammengezogen und es entſtand in ſolcher Weiſe der Name Aso oder Abalus, wie ihn Plinius aus Pytheas anfuͤhrt. So fremdartig alſo die beiden Namen N Lucas David B. J. S. zl. 2) Schütz Chron. Pruss. p. 3. 3) Helmold Clirou. L. I. c. I: Usque hodie brole clo inter il- los (i. c. Pruzos), cum caelera ommia commmaia sunl cum no- stris, solus prohibetur accessus lusorum et fontium, quos au- Lumant pollut Gheistianorum accessu. 4) Kustath iu Iliad. „*. p. 156 ed. Rom.: OBE Kal Toro ben, 0 e vd c erg ol. ‚Ammor:ius de adfın. voc: ıbul, signif. in v. E : 0 C ev ele 7 ir g 540 c C 22 b db itte. Lekkor Anecdot. T. I. b. 3235 "AßeRnhos! 10 Nee gg.. 7 0e BHD To dere xegiz vi ige, zul 6 10 rox o. Bay, Movor: 2 7016 Sega 100% Seovs- EFH SE SEνν,jj⁶s To se b fαο ir. oyrw Zopoxdys. Kiymolozp. Magı. 195. :

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Romowe — Baſilia. 647 Raunonia (für Romovia) und Abalus beim erſten Anblicke find, fo bezeichnen fie doch beide nur einen und denſelben Ort, das hei— lige, unzugaͤngliche Komove. Außer dieſem gewöhnlichen Namen Romowe aber hatte der alte heilige Goͤtterſitz auch noch die Benennung R) kajoth, Ri- ckaito, Rickojot, Rikaita und Rikaiten, denn fo verſchieden in feinen Endſilben wird der Name in verſchiedenen Chroniſten gefunden. Auch dieſer Name iſt ſo alt, als die Sache ſelbſt und bedeutet nichts anders, als das heilige Romowe ). Daß dieſer Na⸗ me auf Herrſchen und Regieren hindeute, liegt klar am Tage. Die altpreuſſiſche Sprache beweiſet, daß dieſe Benennung eine einheimiſche war, denn Ribs oder Ry ks bedeutet in ihr das Reich, Rikausna die Regierung, Rik)s der Herrſchende, Ribyans die Herren, Ryebi das Koͤnigreich, Rykint regieren). Die Wur⸗ zel dieſer Woͤrter liegt im Altgothiſchen, wo Reiks der Gebieter heißt und im Lettiſchen iſt das Wort Reikis, der Herrſcher, ge— blieben ). Demnach iſt wohl kein Zweifel, daß Rikaito oder nach Bildung der Namen vielleicht richtiger Rib arina fo viel be⸗ deute, als Herrſcher-Ort, Sitz des Gebieters. Als ſolcher wurde er ohne Zweifel auch den Fremdlingen genannt, die an der Bern— ſteinkuͤſte landeten. Dem Griechen mußte das Wort Rikaiten in ſeiner Bedeutung eines Herrſcher-Ortes ins Griechiſche verdoll— metſcht werden und kein anderes Wort als Bagels war dazu das paſſendſte. So geſchah es wohl auch, als der Maſſilier Py— theas an Samlands Kuͤſte landete; er nahm es in feinem Bes richte als Benennung der Bernſtein-Inſel auf, weil es ihm als Name genannt worden war und fo kam die Benennung Brawei« bei den Griechen und von dieſen durch Plinius der Name Basilia in Gebrauch. Somit entſpricht alſo das Raunonia und Basilia vollkommen dem Romove und Rikaiten. Mithridates nannte aber, wie wir ſahen, eine Inſel an Germaniens Kuͤſten, wo der Bernſtein von einer Cedern-Gat⸗ tung auf Felſen herabtraͤufele, auch Osericta. Keiner von den uͤbrigen Namen der Bernſtein-Inſel hat die Ausleger ſo viel be⸗ ſchaͤftigt, keiner aber hat auch fo weit in die Irre geführt, als 1) Luc. David B. I. S. 32. 44. 54. Henneberger Landtaf. S. 464 — 465. Hartknoch A. u. N. Preuf. S. 125. Prätorius Schaub. B. IV. c. 12. F. 9. 2) Vater die Sprache der alten Preuſſ. S. 134. Hartknoch Dissert. de lingua veter. Prussor. $. X. Deſſ. A. u. N. Preuſſ. S. 103. 3) Lſilus Maith. IX. 18. Joh. VII. 26. Rom. XIII. 3. Auch im Angelſaͤchſiſchen iſt das Wort geblieben; rice heißt die Herrſchaft, Leibnitz script. rer. Bruns. T. I. p. 46. Das Wort iſt uͤberhaupt Deutſch. Stammes. Thunmann a. a. O. S. 84.

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648 Romowe — Oſericta. gerade dieſer. Man hat an Auſturike, Oſtland, am Oſtiaͤer oder Aeſtier⸗Land, wie an Oeſel und Oeland erinnert, und doch muͤßte bei allen dieſen Ableitungen der Name ſtatt Osericia notbwendig Ostericta heißen, da wohl ſchwerlich irgend ein Name aufzufinden iſt, in welchem Ost, Aust, Eist oder Est in Ose übergegangen. Eine andere Lesart aber im Plinius, die Ostericta hieße, iſt bis jetzt ganz unbekannt. Außerdem wuͤrde auch ricta in der Bedeutung von Reich fuͤr Samland wohl ſchwerlich paſſen. Wir erhalten dieſen Namen nicht, wie die drei andern, zunaͤchſt von Timaͤus oder Pytheas, ſondern von Mithridates Eupator durch Plinius. Die— ſes veranlaßt zu der Annahme, daß jene beiden dieſen Namen gar nicht kannten und Mithridates ihn aus irgend einem andern Reiſeberichte entnommen hatte. Durch' den Mund eines Griechen aber haben wir dieſe Benennung der Bernſtein-Inſel ebenfalls erhalten. Das giebt uns wichtigen Aufſchluß uͤber ihre Beziehung und Bedeutung. Es bezieht ſich naͤmlich dieſer Name offenbar ebenfalls auf nichts anderes, als auf das heilige Romove oder Rikaiten. Ueber die wahre Form dieſes letztern Namens find wir, wie die ſchon erwaͤhnten Abweichungen lehren, keinesweges ganz gewiß. Wir haben dieſe Benennung nur durch Chroniſten uͤber— liefert bekommen; allein ſelbſt unter dieſen nennt Luc. David an drei verſchiedenen Orten das Heiligthum bald Rickaito, bald Ro- kaito (in einer andern Handſchrift Rokoite) bald Rikaiten . Bei den Formen Rickaito und Rickaiten bleibt er am beſtaͤndig⸗ ſten und es ſcheint, daß er dieſe aus der Chronik des Biſchofs Chriſtian genommen hatte. Es iſt indeſſen ſehr zu bezweifeln, ob die beiden letzten Silben „aito, ojoih oder aiten“ ganz richtig ſind; ſie ſcheinen vielmehr durch die ſorgloſen Chroniſten an das Stammwort angehaͤngt oder wenigſtens doch verſtuͤmmelt. Es iſt zu dieſem Zwecke der ganze uns uͤbrig gebliebene altpreuſſiſche Sprachſchatz durchgeſehen und nicht ein einziges Subſtantiv gefun— den worden, welches ſich auf aito, aiten, oder ojoth oder auch nur auf den Laut o endigte. Es darf alfo unbezweifelt die Bes hauptung gewagt werden, daß nicht Rickaito, ſondern Rickaita oder abgekuͤrzt Ricta der wahre, in Samland gewoͤhnliche Name für Romowe war, denn in den Laut; endigen fich die meiſten Subſtantive der altpreuſſiſchen Sprache?). — Wie man indeſſen dieſe Sache auch immerhin anfehen mag: man nannte dein Fremd» linge, der an Samlands Kuͤſte landete, ſtatt der bisher erwaͤhn⸗ ten Namen wohl auch „das heilige Rikaita oder Ricta,, als den Ort, in deſſen Naͤhe er angelangt war. In der Wiedernennung I) B. I. S. 21. 25. 32. 2) Vater a. a. O. S. 74 ff.

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Romowe — Dfericta. 649 behielt der Grieche das Wort Rikaita oder Ricta bei, weil es ein Local-Name war. Die Beziehung „heilig“ aber, die er in ſei— ner eigenen Sprache wieder gab, druͤckte er durch das Griechiſche Beiwort oͤcle, im Joniſch. Dialekt on aus, weil dieſes Wort alles bezeichnete, was durch göttliche und menſchliche Geſetze ge: heiligt iſt; und fo entſtand aus dem Ooln- Pirræ das bei Plinius erwähnte Osericta in der Bedeutung des heiligen Ricta für das heilige Romowe. In ſolcher Weiſe ſind alſo die vier Namen, die wir bei den Alten für die nordiſche Bernſtein-Inſel finden, in Uebereinſtim— mung gebracht und aus der Natur der Sache ſelbſt, die fie bes zeichnen, erklärt. Die Reſultate aber, die aus dieſer Unterſuchung für die aͤlteſte Erdkunde und Geſchichte Preuſſens hervorgehen, ſind ſchon fruͤher am gehoͤrigen Orte mitgetheilt.

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Beilage NMlII. Ueber den heiligen Adalbert und deſſen Biographen. Die Hauptquelle zu Adalberts Leben ſind deſſen Biographien. Wir haben deren mehre. Die eine unter dem Titel: Vita vel Passio Sancti Adalberti Episcopi et Marty ris Christi und mit den Anfangsworten: „Est locus in partihus“ befindet ſich in Canisii Lect. Antiq. T. V. P. 2. p. 329 — 354 oder in der edit. Basnage T. III. P. p. 43 — 65., in den Actis Sanctor. T. III., ferner in Freheri rerum Bohemicar. antig. scriplt. in der Ausgabe des Cosmae Pragensis eceles. Decani Chron. Bohem. p. 74. Caniſius fand feine vita S. Adalb. auf einem Pergament: Manuferipte im Kloſter Windberg in Baiern an der Boͤhmiſchen Graͤnze mit der Aufſchrift: De S. Adalberto Pra- gensi Kpiscopo et Martyre, Ottoni III. Imperatori perquam familiari, Prussorum, Boemorum, Polonorum , Ilunga- rorum Apostolo. Freher hat feinen Abdruck von Caniſius er- borgt, wie der Augenſchein lehrt; ob er dabei auch ein altes Manuſcript verglichen habe, iſt von ihm ſelbſt nicht angegeben. Die wichtigſte Frage bleibt uns hiebei immer die uͤber den Verfaſſer dieſer Biographie, denn von ihr zunaͤchſt hängt die Glaub⸗ wuͤrdigkeit der in ihr gegebenen Berichte ab. Die Wichtigkeit die⸗ fer Frage fuͤhlend ſtellte ſchon Caniſius (in Lect Antiq. I. V. P. 2. p- 331) aus der Biographie ſelbſt gewiſſe Merkmale auf, woraus hervorzugehen ſchien, daß der Verfaſſer ein Zeitgenoſſe des heili— gen Adalberts geweſen ſeyn muͤſſe. Wir wollen dieſe und einige ans dere Gründe, welche die Abfaſſung der Biographie durch einen Zeit⸗ genoſſen Adalberts unbeſtreitbar darthun, etwas naͤher betrachten. 1) Der Verfaſſer war unbezweifelt noch ein Zeitgenoſſe des Kaiſers Otto des Dritten; denn eines Theils ſpricht er von ihm, als von dem zur Zeit der Abfaſſung der Biographie noch lebenden Kaiſer, anderen Theils weiſen darauf auch die ehrfurchtsvollen Lo— beserhebungen hin, mit denen er dieſes Kaiſers oͤfter gedenkt. So ſagt er unter andern p. 340: Erat autem ipsis diebus Ro-

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Der heilige Adalbert. 651 mac imperatrix augusta Theophania, mater eius, 9% modo regnat, Tertius el Deo iuvante Maximus Otto. Nun flarb aber Otto III. im Jahre 1002; folglich müßte die Lebensbeſchrei⸗ bung abgefaßt worden ſeyn zwiſchen den Jahren 997 und 1002. Wohl nicht ohne Abſicht auf den noch lebenden Kaiſer erwaͤhnt er auch mehrmals der vertrauten Freundſchaft, die zwiſchen dieſem und Adalbert beſtanden habe und vom Verfaſſer ganz beſonders hervorgehoben wird; er ſagt z. B.: IIis temporibus Christia- nissimus ille Caesar, cui circa servos Dei maximum studi- um semper et diligens cura fuit, cerebro alloquitur sanctum Adalberlum, et habebat eum sibi familiarem, audiens li- benter quaecunque sibi diceret. — Der Verfaſſer dieſer Bio— graphie war 2) noch ein Zeitgenoſſe des beruͤhmten Abts Nilus vom Kloſter Vallis Lucis, unfern vom Kloſter Caſſino. Nilus hatte den Adalbert, als dieſer vom Kloſter Caſſino zu ihm kam, genauer kennen gelernt. Der Biograph aber, der Adalberts große Froͤmmigkeit und ſeinen Eifer im Glauben ſchildern will, ſagt nun: Qucm (Adalbertum ) intuitus dominus Abbas Nilus, cuius merili in conspectu Domini viveret, jam in primo sermone cognovit, qui ei usquc hodie ita amore Christi ferventem non meminit se vidisse aliquem juvenen. So konnte doch offenbar jemand nur in der Zeit ſchreiben, als der Abt noch lebte. Wir wiſſen aber, daß Nilus erſt nach dem Jahre 1000 ftarb (S. Baroni i Annal. eceles: T. X. p. 934), fo daß alſo dieſe Angabe mit der erwaͤhnten Annahme der Jahre 997 bis 1002 genau uͤbereinſtimmt. — Daß der Verfaſſer bald nach Adalberts Tod die Biographie ſchrieb, geht 3) auch aus der Er— waͤhnung der noch lebenden Perſonen hervor, mit denen Adal—⸗ bert in Beruͤhrung gekommen war. So erwaͤhnt er einer wun— derthaͤtigen Heilung Adalberts an der Tochter „cuiusdam Jo- hannis (in Rom) qui nunc urbis Pracſectus esse dignosci- tur. Er erzaͤhlt ferner von einer Erſcheinung oder einem Traum⸗ geſichte, welches ein Moͤnch des Kloſters, wo Adalbert gelebt hatte, Namens Johannes Canaparius, als Ahnungszeichen von Adalberts Tod gehabt und bedient ſich dabei der Worte: ut ad- huc hodie meminit Auch der Abt und die Mönche des Kloſters S. Bonifacii in Rom werden noch als lebend und als Zeugen angefuͤhrt uͤber Adalberts Vollkommenheit in jeglicher Tugend: Dicunt autem Abba el fratres eius de co, quia in omni vir- tute ad unguem perſectus est. — Ein wichtiges Zeugniß für die Annahme eines nahen Zeitgenoſſen Adalberts als Verfaſſer feiz ner Lebensbeſchreibung liegt 4) auch in dem, was der Biograph von Magdeburg berichtet. Er nennt die Stadt naͤmlich“ urbs quondam nota populis et una ex magnis urbibus, dum Otto

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652 Der heilige Adalbert. primus sceptra regalia rexit, nunc autem pro peccatis semiruta domus et malefida statio nautis. Magdeburg war alfo in dem Glanze, in welchem es zu Otto des Erften Zeit ftrahlte, um die Zeit des Verfaſſers ſo geſunken, daß es wie ein halbzerruͤttetes Haus daſtand. Um dieſes ſchnelle Sinken Magdeburgs zu erklaͤ⸗ ren, iſt es weder nöthig, dieſe Stelle fuͤr eine ſpaͤtere Interpo⸗ lation des Cosmas Pragenſis zu halten, noch die Chroniken durchzublaͤttern, um eine große Feuersbrunſt aufzuſuchen, die Magdeburg zerſtoͤrt hat (wie Kotzebue B. I. S. 318 thut). An Haͤuſerzahl und an aͤußerer Pracht ſtand es allerdings noch einige Jahrhunderte ziemlich unverſehrt da; aber der Glanz ſei— nes Ruhmes verloſch ſchon bald nach des Erzbiſchofs Adalbert Tod; denn nachdem der beruͤhmte und gelehrte Otherik um das erzbiſchoͤfliche Amt betrogen und fein Betrüger Giſeler zu der Wuͤrde gelangt war, ging alles, was Adalbert geſtiftet und ge⸗ gruͤndet, in einen ſo argen Zuſtand der Verwirrung, Unordnung und des Verfalls über, daß das Chron. Magdeburg. ap. Mei- Lom. T. II. p. 278, welches dieſen Zuſtand naher beſchreibt, end» lich ausruft: Ob hanc ergo causam ultro divina patriae fit magna ruina, und iimar Merseburg. p. 54, der die Lage der Dinge ſo genau kannte und den Erzbiſchof Giſeler „non pastor, sed mercenarius ad majora semper tendens nennt, gebraucht zur Bezeichnung dieſes Zuſtandes von dem verbrecheriſchen Erzbi⸗ ſchofe die Worte: Quanto altior gradus, tanto gravior ſit ca- sus und fügt hinzu: non illi solum, sed communibus nostri- met imputo peccatis domesticis, quibus quicquid adversi accidit, juste ascribitur.“ Die Verwirrung im Erzbisthum war aber gerade in der Zeit, als der Biograph Adalberts Leben geſchrieben haben muß, am hoͤchſten geſtiegen, denn Giſeler mußte im Jahre 1002 feiner Würde entſagen; ſ. Ditmar Merseb. p. 118 — 119 und Chron. Magdeburg. I. c. p. 282. Alſo mit Recht nannte der zeitgenoͤſſige Biograph Magdeburg eine pro peccatis semiruta domus und eine malefida statio nautis, weil, wie das eben erwaͤhnte Chronicon ſagt, gentes, quae paullo ante ſidem catholicam susceperant, imperioque sub tributo serviebant, a suavi jugo Chrisli se excutiunt et una- nimi conspiralione arma corripiunt. Vergl. Rathmanns Geſchichte der Stadt Magdeburg B. I. S. 110. — Dieß wird hinreichen zur Begruͤndung der Behauptung, daß ein naher Zeit⸗ genoſſe Adalberts dieſes ſein Leben beſchrieben haben muͤſſe, denn minder wichtige Beweiſe, deren noch manche in der Biographie zu finden ſind, koͤnnen nach Eroͤrterung dieſer entſcheidenden Gruͤnde wohl fuͤglich uͤbergangen werden. Es dringt ſich uns nun aber die Frage auf: Wer war ei⸗

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Der heilige Adalbert. 653 gentlich unter Adalberts Zeitgenoſſen der Verfaſſer feiner Lebens: beſchreibung? Auch von dieſer Frage haͤngt ein großer Theil der Glaubwürdigkeit der im Leben Adalberts uns mitgetheilten Nach⸗ richten ab. Man hat von jeher auf dieſe Frage verſchieden geant— wortet. Daß der Biſchof Cosmas von Prag, der ſeine Chronik erſt zur Zeit Heinrichs IV. ſchrieb, unter Heinrich V. ſtarb, alſo zur Zeit des Todes Otto III. noch nicht einmal geboren war, der Verfaſſer der Biographie unmoͤglich ſeyn kann, iſt ſowohl aus den obigen Beweiſen klar, als auch von andern ſchon dargethan (Schotti Prussia Christiana p. 17. Hartknoch dissert. II. $. 1). Der Hauptgrund, warum man dem Cosmas von Prag fruͤher die Lebensbeſchreibung beigelegt hat, fand ſich in den falſch gedeuteten Worten feiner Chron. p. 17: „Quid sibi (I. e. Adalberto ) suus grex responderit, aut quam ob causam eum non re- ceperit, vel ad quas gentes inde transierit, quanta etiam frugalitas omnibus diebus sui episcopii ſuerit, quanta mo- rum honestate enituerit, scire poterit, qui vitam eius seu passionem legerit. Nam mihi iam dicta bis dicere non licet ista. Daß Cosmas dieſe vita seu passio geſchrieben habe, liegt durchaus nicht in dieſen Worten, er würde ſich gewiß weit deut⸗ licher als Verfaſſer genannt haben, wenn er es wirklich geweſen. Wir ſehen daher aus dieſer Stelle nur ſo viel, daß Cosmas das Leben Adalberts kannte, indem er auf daſſelbe hinweiſt. Selbſt die Behauptung (Kotzebue's B. JI. S. 317), daß Cosmas die alte Biographie interpolirt habe, iſt aus dieſer Stelle wenigſtens auf keine Weiſe zu begruͤnden. Andere aͤltere Gelehrte z. B. Bzooius Continuat. Baron. Annal. eccles. T. XX. p. 568 ha⸗ ben den Papſt Sylveſter II. dieſe Lebensbeſchreibung verfaſſen laſ— fen. Allein dieſe Annahme beruht auf gar keinen Gründen von bes ſonderer Wichtigkeit, denn die Zeugniſſe, auf welche ſich Bzovius ſtuͤtzt, können für den eigentlichen Beweis keine Stimme abgeben. Weit wichtiger iſt uns aber die Frage: Ob vielleicht nicht Gaudentius, Adalberts treuer und ſteter Gefaͤhrte, der Verfaſſer der Biographie ſeyn koͤnne? Daß ſie ein ſehr vertrauter Freund Adalberts geſchrieben haben muͤſſe, koͤnnen wir auch ohne des Surius De probatis Sanctorum historiis p. 826 ausdruͤckliche Angabe ſchon aus der Lebensbeſchreibung ſelbſt abnehmen. Wenn es zwar möglich wäre, daß auch ein anderer mit Adalbert ſelbſt nicht in ſo engem Verhaͤltniſſe geweſener Mann von ſeiner Froͤm⸗ migkeit, von ſeinem Eifer im Glauben, von ſeinen Tugenden der Entſagung, der Wohlthaͤtigkeit, der Barmherzigkeit gegen Lei⸗ dende und von ſeiner unermuͤdlichen Bemuͤhung zur Verbreitung des Evangeliums zu ihm hingeriſſen, fuͤr ihn erwaͤrmt, begeiſtert und zur Abfaſſung ſeines frommen Lebenswandels durch den Drang

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654 Der heilige Adalbert. der Liebe bewogen worden ſeyn koͤnnte; ſo iſt es doch nicht denk— bar, daß ein ſolcher die Lebensbeſchreibung in dieſer Art haͤtte liefern können. Es duͤrfte ſich vielmehr die Behauptung erweiſen laſſen, daß entweder Gaudentius ſelbſt der Verfaſſer der Biogra⸗ phie ſeyn muͤſſe oder daß er wenigſtens einen bedeutenden Theil der Materialien dazu an die Hand gegeben habe. Die Gruͤnde, welche die Behauptung unterſtuͤtzen, daß Gau: dentius ſelbſt der Verfaſſer der Biographie ſey, ſind folgende. 1) Gehört hierher der auch von andern (Kotzebue B. J. S. 317) ſchon angefuͤhrte Grund, der ſich aus den Worten: Secundlum regulam S. patris nostri Basilii und aus der andern Stelle: Confessoris nostri el patris Benedicti entnehmen läßt. Das „ Noster “ ſcheint anzudeuten, daß der Verfaſſer beiden Moͤnchs— orden angehoͤrte; und dieß kann kaum auf irgend jemanden beſ— fer paſſen, als auf Gaudentius, der erſt mit Adalberten ins Benedictiner-Kloſter zu Caſſino ging, dann ihn ins Kloſter des Abts Nilus vom Orden des heiligen Baſtlius begleitete und end— lich mit ins Kloſter des heiligen Alexius in Rom wanderte. 2) Werden in der Biographie gewoͤhnlich die um die Zeit der Ab— faſſung derſelben noch lebenden Perſonen entweder mit dem Ti: tel Dominus oder mit Angabe ihrer Amtswuͤrde bezeichnet. Gaudentius ſelbſt dagegen hat immer nur die Beziechnung (rater und einmal die Bezeichnung ſeines Alters durch juvenis. Wenn ſich hierin wohl eine gewiſſe Beſcheidenheit ausſprechen ſoll, fo finden wir doch anderer Seits auch der innigen Vertrautheit und langen Freundſchaft zwiſchen Adalbert und Gaudentius ſo oft erwahnt und dieſes Verhaͤltniß abſichtlich fo vielmal und ſo ſtark hervorgehoben, daß wir unwillkuͤhrlich auf die Meinung geführt werden, der Verfaſſer hatte ein ganz eigenes Intereſſe da— bei, die Freundſchaft Adalberts und des Gaudentius ganz beſon— ders bemerklich zu machen. So heit es p. 74: Nocte vero (Adal- bertus) aut habuit fratreın Gaudentium, aut coecum natum; extra quos suo cubili amicissima familiaritate junctos, et se lertium nemo quarlus recubuit in una domo. P. 79 wird die große Anhänglichkeit des Gaudentius zu Adalbert ſo geſchildert: Duo autem et fratribus, qui cum co erant, jam dudum vi- dentes, quia se monachum facere vellet, non bene relicto clipeo fugam dederunt. Solus vero Gaudentius exemplo con- stanlis viri remanens cum beato viro Monachicam atque probabilem conversationem consecutus est: qui etiam sibi carne et spiritu duplex germanus et ab infantia semper fi- dissimus comes adhaesit. P. 33 wo von Adalberts Begleitern nach Preuſſen die Rede iſt, heißt es: alter presbyter Benedic- tus, alter dilectus et a puero sibi comes frater Gaudentius

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Der heilige Adalbert. 655 eral. Dieſe abſichtlich wiederholte Hervorhebung der innigen Ver⸗ traulichkeit zwiſchen beiden ſetzt ein Intereſſe voraus, welches wir uns nur bei Gaudentius ſelbſt recht erklaͤren koͤnnen. Wenn alfo Gaudentius als muthmaßlicher Verfaſſer nur in der dritten Per⸗ ſon von ſich ſpricht und hierin wohl eine gewiſſe Beſcheidenheit gefunden werden kann, ſo hebt er ſein Verhaͤltniß zu Adalbert doch bemerklich genug hervor, um ihn hieran erkennen zu koͤnnen. 3) Gaudentius war offenbar juͤnger als Adalbert. Im Jahre 983, als Adalbert das biſchoͤfliche Amt in Prag antrat, mußte er doch gewiß ſchon einige dreißig Jahre alt ſeyn. Gaudentius begleitet ihn nach Italien, um mit ihm zum heiligen Grabe zu wandern; dieß geſchieht im Jahre 984. Da wird Gaudentius noch juvenis genannt, kann alſo hoͤchſtens 25 Jahre alt geweſen ſeyn. In Magdeburg war er daher wohl noch nicht mit Adalber— ten zuſammen oder wenn er es auch war, ſo war er ſicherlich doch ſpaͤter als Adalbert dahin gekommen. Wenn es alſo heißt: Quot annis (Adalbertus) studuit, incertum est, fo kann diefe Unbekanntſchaft mit der Anzahl der Studienjahre Adalberts in Magdeburg nicht als Beweis gegen die Autorſchaft des Gauden⸗ tius aufgeſtellt werden. — Der Hauptgrund fuͤr die Annahme, daß Gaudentius das Leben Adalberts geſchrieben habe, liegt aber 4) in den, was in der Biographie über Adalberts Bekehrungsverſuche der heidniſchen Preuſſen gefagt wird. Nach Preuſſen begab ſich Adal⸗ bert nur mit zwei Gefaͤhrten; was hier geſchah, was hier gehoͤrt und geſehen wurde, das konnten entweder dieſe beiden Begleiter nur ſelbſt aufſchreiben oder ein anderer Biograph konnte die genauen Berichte nur von ihnen erhalten. Wer indeſſen dieſen Theil der Biographie in der ganzen Art der Abfaſſung, in der Genauig⸗ keit der Localangaben, in der Sorgſamkeit der Erzaͤhlung jedes Einzelnen, was zur Erhaltung und Verherrlichung des Andenkens des frommen Lehrers und Freundes nur irgend dienen konnte, ei⸗ ner genauen Betrachtung wuͤrdigt, wird ſich ſicherlich uͤberzeugt halten, daß hier kein Fremdling die Feder führte, daß es hoͤchſt wahrſcheinlich Gaudentius ſelbſt war, der die letzten Tage des frommen Freundes beſchrieb. — 5) Hatte Gaudentius vielleicht auch noch eine beſondere aͤußere Veranlaſſung zur Abfaſſung dieſer Biographie. Er wurde, wie früher geſagt iſt, zum Erzbiſchofe von Gneſen ernannt und bekleidete dieſes Amt bis zum Jahre 1006 (©. Diugoss histor. Polon. T. I. p. 149). Es ift denk⸗ bar und ſelbſt ſehr wahrſcheinlich, daß der Herzog Boleslav von Polen, „quia sibi amicissimus erat“ wie es p. 82 heißt, den Wunſch gehegt habe, das Leben Adalberts genau zu kennen, und daß auch dieſes Verlangen ſeines Landesfuͤrſten den Erzbiſchof mit bewogen habe, das Leben Adalberts zu beſchreiben.

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656 Der heilige Adalbert. Iſt nun aber durch diefe Gründe die Behauptung, daß Gau: dentius ſelbſt der Verfaſſer der Biographie des heiligen Adalberts ſey, ziemlich ſicher geſtellt (Uphagen Parerga bistor. p. 611), ſo gewinnen nicht nur alle Nachrichten, die wir uͤber Adalberts frühere Lebensverhaͤltniſſe durch fie erhalten, ſondern vorzuͤglich auch der Bericht uͤber Adalberts Bekehrungsverſuche in Preuſſen alle moͤgliche Glaubwuͤrdigkeit, denn wir erfahren dann alles durch einen Mann, der ſeit ſeiner fruͤhen Jugend mit Adalberten bekannt war, mit ihm in vertrautem Umgange gelebt, der ihn in alle Laͤnder begleitet, mit ihm auch Preuſſen ſelbſt beſucht, hier alles mit eigenen Augen geſehen und dem ganzen Verlaufe der Ereigs niſſe theilnehmend ſelbſt beigewohnt hatte. So erſcheint uns alſo auch dieſe Quelle der Geſchichte Preuſſens in einem viel wichtiges ren Lichte. Eine zweite Lebensbeſchreibung, die wir über den heiligen Adal— bert noch haben, ſteht in Surius de probatis Sanctorum historiis T. II. p. 826 und hat die Anfangsworte: Nascitur purpureus los. Surius gab ihr die Ueberſchrift: Vita S. Adalberü, se- cundi Pragensis episcopi el martyris, auctore quidem ano- nymo, sed monacho docto ac bonae fidei eiusque contem- poraneo, et ut videlur, etiam familiari amico. (Mit dem Beiſatze: stylum aliquot locis modice correxit F. Laur. Su- rius). In Hinſicht des geſchichtlichen Stoffes, den dieſe Biogra⸗ phie liefert, hat fie fuͤr uns weit weniger Wichtigkeit. Aus genauer Vergleichung beider Lebensbeſchreibungen ergiebt ſich naͤmlich ganz klar, daß dieſe zweite Biographie eigentlich nichts weiter iſt, als eine mit vielen frommen Spruͤchen und einem unertraͤglichen, redneriſchen Pompe ausgeſchmuͤckte Umarbeitung der fruͤhern Lebensbeſchreibung, als deren Verfaſſer wir Gauden⸗ tius angenommen haben. An eigentlichen Thatſachen in Bezie⸗ hung auf Adalberts Leben liefert ſie eigentlich faſt gar nichts Neues, wenigſtens nichts von Wichtigkeit. Sie bedient ſich vielmehr nur des aus der Biographie des Gaudentius erborgten und oft mit denſelbigen Worten aus ihr wiederholten Materials, um gottſe⸗ lige Betrachtungen daran anzuknuͤpfen oder es mit einem Schwalle von Redensarten zu verwaͤſſern oder hie und da mit entlehnten Dichter-Stellen auszuſchmuͤcken. Als den Verfaſſer dieſes Mach⸗ werkes hat ſchon Schott Prussia Christiana p. 90 — 91. den heiligen Bruno ausgemittelt, von welchem das Chron. Mag- deburg. ap. Meibom. T. II. p. 275 auch ausdruͤcklich erwähnt, daß er uͤber das Leben des heiligen Adalbert geſchrieben habe. Gegen Schotts Beweis laͤßt ſich ſchwerlich etwas einwenden; viel⸗ mehr würde er ſich, wenn die Sache von Belang wäre, auch noch

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Der heilige Adalbert. 657 durch manche andere, von ihm nicht beruͤhrte Gruͤnde unterſtuͤtzen laſſen. Auffallend aber iſt vorzuͤglich der Umſtand, daß der Ver⸗ faſſer dieſer Biographie mit keinem Worte erwaͤhnt, daß er zu der ſeinigen eine andere benutzt habe. Er ſucht dieſes vielmehr, wie es ſcheint, abſichtlich zu verheimlichen. Er erklaͤrt z. B. p. 827, wo vom Tode des erſten Biſchofs von Prag die Rede iſt, das gehört zu haben (vt audivimus), was er offenbar in der Biographie von Gaudentius p. 75 geleſen hatte. Dazu kommt auch noch, daß er des Gaudentius vertrauten Umganges und der langen Bekanntſchaft mit Adalbert mit keiner Silbe erwaͤhnt, als verſchweige er abſichtlich eine Sache, von der gerade in der Bio- graphie des Gaudentius wiederholt die Rede iſt. Nur gegen das Ende der Lebensbeſchreibung, wo der Verfaſſer nicht umhin konnte, ſeiner zu gedenken, wird ſein Name genannt, jedoch nur mit dem kalten Beiſatze: ex parle patris caro et frater suus und bald darauf mit den Worten: sancto viro duplex germanus. — Demnach ſcheint es alſo, daß Bruno entweder den Gaudentius abſichtlich nicht als Verfaſſer der von ihm benutzten Biographie nennen wollte, oder daß er ihn als ſolchen nicht kannte. (Ueber eine weſentliche Abweichung beider Biographien in Beziehung auf Gneſen und Danzig werden wir nachher noch einiges ſagen). Es bleibt jetzt noch uͤbrig, auch die Quellen in Betrachtung zu ziehen, deren fi Baronius in ſ. Annal. Eeeles. T. X. p. 839 seqq. in feinen Nachrichten über den heiligen Adalbert bediente. Nachdem er einiges Allgemeine Über ihn geſagt hat, fügt er in der erwähnten Stelle hinzu: Hlaec omnia pluribus, qui res ab eo (Adalberto) gestas pracclare conscripsit auctor eiwsdem temporis. Alia eiusdem vitae Acta extant antiquitus scrip- ta in codice pervetusto monasterii sanctae Caeciliae in Urbe, in quo plura, quae desiderantur in aliis habentur. Ubi non Voicechus, sed Vuenlius in baptismate vocatus asseritur. Horum igitur geminorum Actorum subsidio, quae de ipso dicenda erunt, omni fide promentur. In prioribus autem Actis, quae apud Surium extant, promotio eius ad Episco- patum ila narratur. Hierauf wird woͤrtlich die Biſchofswahl Adalberts aus der Biographie Brund's, wie fie Surius hat, nacherzaͤhlt, woraus wir klar ſehen, daß die eine Quelle des Baronius keine andere als die Brunoiſche Umarbeitung war. Aus einer andern Stelle, die Baronius ſtreng woͤrtlich aus der Lebensbeſchreibung des Gaudentius genommen, erhellt, daß der von ihm erwähnte codex pervetustus monasterii Sanctae Cae- ciliae die eben beruͤhrte Biographie des Gaudentius war. Dieſe beiden Quellen ſind es aber auch faſt ganz allein, aus denen T. 42 "

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658 Der heilige Adalbert. Baronius alles uͤber Adalbert Geſagte geſchoͤpft hat. Wir erhalten daher von ihm weiter nicht viel Neues. — Somit bezieht ſich denn uͤberhaupt alles, was wir in Betreff der Biographien vom heiligen Adalbert beſitzen, auf die Original-Biographie des Gau⸗ dentius bei Canisius und in Freher zuruͤck. Sie iſt die einzige ungetruͤbte Quelle und für uns daher auch die wichtigſte. Was nun die letzte Zeit in Adalberts Leben anlangt — denn dieſe zieht für die Geſchichte Preuſſens unſere Aufmerkſam⸗ keit billiger Weiſe am meiſten an — ſo iſt die Behauptung fruͤ⸗ herer Scribenten, daß Adalbert Erzbiſchof von Gneſen geweſen und als ſolcher nach Preuſſen gekommen ſey, laͤngſt widerlegt, wie fie denn auch mit der Angabe der bewaͤhrteſten Quellen gar nicht zu vereinigen iſt. Ditmar Merseb. p. 83 — 84 kann al⸗ lein ſchon hinreichen, jene Behauptung völlig zu widerlegen, denn wie hätte dieſer ſagen können: (Otto III.) ſecit ibi Archiepis- copatum, ut spero legitime, sine consensu tamen pracfati pracsulis (nämlich des Biſchofs Unger von Poſen, der den Kai— fer in Gneſen empfangen hatte), cuius dioecesi omnis haec regio subjecta est, commiltens eundem pracdieli martyris fratri Kadimo (?)! Den erſten Anlaß zu dieſer irrigen Behaup⸗ tung, die beſonders durch Polniſche Schriftſteller ( Diugoss T. 1. P. 117 u. a.) lange feſtgehalten worden iſt, gab ohne Zwei⸗ fel die Biographie Bruno's bei Surius, wo alles das, was die Biographie des Gaudentius von Danzig erzaͤhlt, wunderlicher Weiſe auf Gneſen uͤbertragen iſt. Was jenen Biographen veran⸗ laßt habe, ſtatt Gidania in feine Biographie Gnesna aufzuneh⸗ men, iſt kaum abzuſehen. War ihm vielleicht Giclania ganz un⸗ bekannt und hielt er es fuͤr einen verfaͤlſchten Namen Gneſens? Oder glaubte er, daß weil der Leichnam Adalberts nachmals nach Gneſen gebracht wurde, der fromme Märtyrer dort auch vors her ſein Bekehrungswerk angefangen habe? Auf jeden Fall aber war es ein großer Fehler, den Bruno hiebei beging, denn Gne fen und die ganze Umgegend war zu der Zeit, als Adalbert da= hin kam, offenbar ſchon chriſtlich und, wie Ditmar von Mer⸗ ſeburg in der erwaͤhnten Stelle bezeugt, ſchon dem Biſchofe von Poſen untergeben. Die Stadt hatte auch bereits eine Kirche; vgl. Martin Gallus p. 60. Boguphal p. 25. Wenn man Bruno's Irrthum entſchuldigen will, ſo duͤrfte man nur annehmen, daß er gehoͤrt habe: Adalbert ſey nach Gneſen gekom⸗ men und habe in Polen das Chriſtenthum befeſtigt. Dieſe beiden Säge aber, wie fie unter andern die Chron. brevior Annoymi Achidiaconi Gnesnens. ap. Sommersberg T. II. p. 79 aus⸗ druͤckt: Sanctus Adalbertus Gneznam veniens fidem Catholi-

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Der heilige Adalbert. 659 cam in Polonia roboravit, mochte dann Bruno zuſammenfaf⸗ ſen und das Chriſtenthum durch Adalbert in Gneſen verbreiten laſſen. N Ueber die Zeit der Ankunft Adalberts in Preuſſen und feines Maͤrtyrertodes ſind die Angaben in den Quellen ſehr verſchieden. Am gewiſſeſten berichtet ſind wir uͤber den Todestag, denn die wichtigſte dieſer Quellen, nämlich die Lebensbeſchreibung des Gau⸗ dentius nennt ſelbſt dieſen Tag ſehr genau, indem fie ſagt: Pas- sus est autem Sanctus et gloriosissimus Martyr Christi Adal- bertus nono Calendas Maji imperante rerum Domino Ottone tertio et elarissimo Caesare, feria sexta, scilicet ut qua die Dominus Jesus Christus pro homine, eadem die homo ille pro Deo suo pateretur. Dieß ift der 23ſte April. Ueber dieſe Angabe kann ſchon wegen des Gewichts dieſer Quelle kein Zwei⸗ fel Statt finden; uͤberdieß ſtimmt auch der Zeitgenoſſe Ditmar Merseburg. ap. Leibnitz Seriptt. rer. Brunsw. T. I. p. 353 ge⸗ nau damit überein. Weit mehr wechſeln dagegen die Chroniſten in der Beſtimmung des Todesjahres. Das Chron. Abbat, Urs- perg. p. 163 und andere Chroniſten geben das Jahr 994, Mari- anus Scotus dagegen 995 und Cosmas Pragens. Chron. p. 17 mit Erwähnung des eben bezeichneten Todestags das Jahr 996 an und hierin folgen ihnen verſchiedene andere Chroniken. Daß indeſſen keines von dieſen erwähnten Jahren das richtige ſeyn kann, daruͤber entſcheidet ſchon die im Mai des Jahres 996 erfolgte Kaiſerkroͤnung Otto's III. (über deren Zeitbeſtimmung durchaus kein Zweifel herrſcht), welche nach der Angabe der vita S. Adalb. ap. Freher. p. 81 dem Maͤrtyrertode Adalberts voran- ging. Denn nach dieſer Krönung, alſo erſt nach dem Monat Mai 996, begab ſich Adalbert über die Alpen zuruͤck nach Frank⸗ reich, beſuchte dort mehre Kloͤſter, hielt ſich dann in Mainz, nachher auch bei dem Herzoge Boleslav von Polen auf und konnte folglich erſt im Fruͤhlinge des Jahres 997 nach Preuſſen gehen. Es beſtaͤtigen aber endlich dieſes Jahr auch die wichtigſten Chroni⸗ ſten der damaligen Zeit. Am entſcheidendſten ſpricht daruͤber Dir- mar Merseburg. ap. Leibnitz T. I. p. 353. Die merkwürdige Stelle ift folgende: In prima aestate Adalbertus Bohaemiorum Episcopus, qui nomen, quod Woitech sonal in baptismate, aliud in confirmatione percepit ab Archiepiscopo Partheno- politano, in eadem urbe ab Ochirico superius memorato li- teris instructus, cum sibi commissos ab antiquae pravitatis errore, monitis divini praeceptis amovere nequivisset, om- nes excommunicans, Romam ad excusandum se apud Apo- stolicum venit, eiusque licentia sub districta Bonifacii Re- gula, humiliter multo tempore conversatus bono deguit ex- 42*

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660 Der heilige Adalbert. emplo, postquam cum permissu eiusdem Patris Prucorum mentes a Christo alienas freno sanctae praedicationis edo- mare tentaret, cuspide perfossus nono Kal. Majı capitis ab- scissione.“ Daß diefes aber Ditmar vom Jahre 997 berich- tet, beweiſet wieder die Kaiſerkroͤnung Otto's III., die er un⸗ mittelbar vorher erzaͤhlt. Ferner giebt dieſes Jahr 997 auch Lambert. Schaffnaburg. ap. Pistor. T. I. p. 316 an. Andere Beweiſe für dieſe Zeitbeſtimmung findet man noch in Schotti Prussia Christiana p. 66 — 69. Endlich bleibt uns noch die Frage uͤber die eigentlichen Ur⸗ ſachen des Todes des heiligen Adalberts zu beantworten uͤbrig. Es iſt Über dieſe Sache von jeher viel hin und her gerathen wor— den; man hat die Urſachen der harten Begegnungen, der Ver— treibung aus einem Orte in den andern und des endlichen jam— mervollen Todes, dem ſich Adalbert hinopferte, bald in dem Miß⸗ trauen gefunden, welches die Polniſche Begleitung, die ohnedem noch bewaffnet war, bei den Preuſſen erweckt haben ſoll. (Ency⸗ clopaͤdie der Wiſſenſchaften und Kuͤnſte von Erſch und Gruber B. I. S. 398). Andere ſetzen ſie in den zu haſtigen Bekehrungseifer, mit welchem Adalbert die alten Sitten und Gebraͤuche, den alten Glauben und die alten Götter der rohen Preuſſen mit einemmale verbannen und ſtuͤrmend durch Predigten dem Volke entreißen wollte. Man meint, Adalbert ſey in aller Weiſe zu wenig klug verfahren; er habe die Alten gewinnen, Geſchenke mitbringen, mit den Kindern ſpielen muͤſſen u. dgl. (Kotzebue B. J. S. 115). Es iſt wohl nicht zu laͤugnen, daß das Mißlingen ſeiner Bekehrungs⸗ verſuche, die in Danzig, dem gebildeteren Handelsorte, mehr ge langen, großen Theils in Adalberts Verfahren ſeine Urſachen hatte, daß er nicht langſam genug und nicht vorſichtig ging, daß er den Baum, um die Früchte zu genießen, lieber gleich fällen wollte. — Was nun aber Adalberts Tod anlangt, ſo mußte dazu offenbar noch eine andere Urſache hinzukommen; denn wo man Adalberten bei ſeinen fruͤhern Landungen nicht hoͤren wollte, da verjagte man ihn, da drohte man ihm, wenn er nicht entfliehen werde, mit dem Tode. In Samland aber waren die Verhaͤltniſſe, in wel⸗ che der eifrige Apoſtel ohne es zu ahnen eintrat, ganz anders. Hier war ein großer Theil der Landſchaft heiliges Land und mit dem heiligen Walde bedeckt. Ob Adalbert dieſes gewußt und ob er gegen die Warnung ſeines Gaſtfreundes, bei dem er mehre Tage war, das heilige Land und den heiligen Wald doch betreten habe, wird uns nicht geſagt. Gewiß aber iſt, daß er beides be- treten hatte und daß in dieſem Verbrechen die Haupturſache ſei— nes Todes zu ſuchen iſt. Der Beweis hievon ergiebt ſich aus Urkunden, die über die Localitaͤt der Gegend gerade Auskunft ges

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Der heilige Adalbert. 661 ben, in welcher Adalbert feinen Tod fand. In einer diefer Urkunden, ausgeſtellt von dem Komthur von Königsberg Heinrich von Iſen⸗ hofen im Jahr 1322 und eine Auseinanderſetzung mit dem Bis ſchofe und Capitel von Samland enthaltend, heißt es unter andern: Sub tenore presencium publice recognoscimus et fatemur, quod in piscaria (in einer andern Abſchrift: piscatura ) Eecle- sie Sambiensis sub siloa Pors in mari recenti et in parle Ecelesie sie sacri Campi nichil juris habemus neque do- minii, sed ea de gralia et liberalitate venerabilis patris do- mini Johannis dei et apostolica providencia Ecclesie Sam- biensis Episcopi precario possidemus, qui nobis piscaturam in aqua, pascua et prala in siloa predicta sacri Campi con- tulit tenenda. Die silva Poys lag alſo in mari recenti oder am Friſchen Haff; in andern Urkunden wird ſie uns als der Wald bezeichnet, der oͤſtlich von Fiſchhauſen, auf der in das Friſche Haff hereinſpringenden Erdzunge liegt, wo noch jetzt das Doͤrfchen Peyſe den Namen des Waldes erhalten hat. In der Naͤhe dieſes Waldes wird nun in der Urkunde die silva saeri Campi erwähnt. Daß dieſer Wald des heiligen Feldes nach der offenen See hin lag, ergiebt ſich aus folgender Stelle derſelben Urkunde, wo es heißt: Item reservavit sibi (sc. Episcopus) homines suos in cadem sua parle sacri campi moranles cum decimis, servi- ciis, pralis, et pascuis et collectura lapidis marini piscatu- raque in salso mari. Ging nun aber dieſer Theil des heiligen Feldes vom Walde Poys nach der See hin, fo traf er gerade in die Gegend zwiſchen Dargen und Tenkitten, wo Adalbert erſchla⸗ gen wurde und wo die Ueberreſte der S. Adalbertscapelle noch bis dieſen Tag zu ſehen ſind. Noch klarer wird die Sache durch die Gruͤndungsurkunde des nahe am Seeſtrande liegenden Dorfs Neuendorf, welche vom Biſchof Siegfried von Regenſtein gegen das Ende des 13ten Jahrhunderts ausgeſtellt und vom Biſchof Johannes von Samland im Jahre 1327 beſtaͤtigt und naͤher be⸗ ſtimmt wurde. In der Angabe der Feldmark dieſes Dorfes heißt es namlich: Primo incipiendo a Geydow in bonis fratrum et descendendo juxta aquam molendini per viginti duos fu- nes ad quandam graniciam ibi factam, et ab eadem granicia ascendendo sursum contra salsum mare per incisiones arbo- rum usque ad viam, que de villa Dargowayn ducit versus Sabenow, item ascendendo candem viam versus Sabenow usque ad aliam viam, que ad sinistram sive levam manum occurrit et ducit ad sacram sileam. Auch diefe Stelle führt uns wieder darauf hin, daß in der Nähe der genannten Dörfer Geydau, Dargen, Neuendorf und Sabenau der heilige Wald war; ſie liegen alle in der Gegend umher, in welcher Adalbert

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662 Der heilige Adalbert. feinen Tod fand. Hiernach iſt es alſo wohl unbeftreitbar, daß der Märtyrer auf dem heiligen Felde der alten Preuſſen erſchlagen wurde und es wird dadurch zugleich die Behauptung bekraͤftigt, daß ſein Betreten des heiligen Bodens die Haupturſache ſeines Todes war. Es laſſen ſich hiefuͤr aber außerdem auch noch Beweiſe aus früheren Chroniſten beibringen. Ilelmoldus Chron. Slavor. L. I. c. 1. ſagt: Multa poterant dici de hoc populo (i. e. Pruzis) laudabilia in moribus, si haberent solam fidem Christi, cuius praedicatores immaniter persequuntur. Apud illos martyrio coronains est illustris Boemiae Episcopus Adel- bertus. Usque hodie profecto inter illos, cum caetera om- nia communia sint cum nostris, solus prohibetur accessus lucorum et fontium, quos autumant pollui Christiano- rum accessu. Merken wir auf die Verbindung, in welcher Helmold des Todes Adalberts und dieſes Verbotes der Preuſſen gegen Betretung ihrer heiligen Haine und Quellen erwaͤhnt, fo duͤrfte der Schluß wohl nicht zu kuͤhn ſeyn, daß ſich der Chro⸗ niſt auch einen Zuſammenhang zwiſchen Adalberts Maͤrtyrertod und der Uebertretung dieſes Geſetzes durch ihn gedacht haben muͤſſe. (Adam. Bremens. de situ Daniae c. 227). Hiermit ſtimmt auch der Polniſche Chronift Mathias de Miechovia Chron. Polonor. L. II. c. 8 überein, welcher fagt: Circuibat (Adalbertus) vicos et oppida praedicando Prutenis per in- terpretem et idola confutando, docens solem, lunam, ig- nem, lacus et sylvas, quae adorabant, non esse deos, sed creaturas dei. Sacerdotes autem et pontifex lingua ipsorum Criwe dictus, ne amplius prophanando deturparei deos et ritus eorum, conspiraverunt necandum. Die ergo Veneris nonas Kalendas Majı in colle saxoso cuidam vico imminenti, juxta littus maris, prope oppidum Feszhaush invenerunt sanctum dei divina celebrantem. Dann heißt es nach Erzaͤh— lung des Todes und der Benachrichtigung des Herzogs Voleslav: Misit ergo Boleslaus viros ecclesiasticos cum certis militi- bus, qui juxta Romove corpus oblatum primum recognos- centes esse sancti Adalberti in altera parte tabulae appende- runt argenti quantitatem, quantam estimabant appendere corpus etc. Wenn gleich Mathias von Mechow an ſich für eine ſo weit vor ſeiner Zeit liegende Sache keine ganz vollguͤltige Stim⸗ me hat, ſo bleibt es doch immer ſehr merkwuͤrdig, daß er den Tod Adalberts als eine Sache des Beſchluſſes des Griwe und der Prieſter anſieht, daß er ganz gegen die gewoͤhnliche Meinung, wiewohl vollkommen richtig den heiligen Goͤtterort Romowe in die Nähe der Gegend ſetzt, wo Adalbert erſchlagen wurde, und

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Die S. Adalberts-Capelle. 663 moͤglich waͤre es ja wohl, daß dieſer Polniſche Scribent bie Nach⸗ richt in irgend einer alten Quelle fand, die uns nicht mehr zu= gaͤnglich iſt. Die Sanct Adalberts-Capelle am Strande der Oſtſee. In der Gegend, wo der heilige Adalbert im Werke des Glaubens war erſchlagen worden, gruͤndete man nachmals zu ſeines Namens Andenken eine Capelle, von welcher in unſern Tagen nur noch weniges Mauerwerk die heilige Stelle bezeich— net. Sie geht indeſſen in ihrer Gruͤndung bei weitem nicht in die frühe Zeit zuruͤck, in die man fie bisher geſetzt hat (S. Baczko B. I. S. 88). Wir wiſſen vielmehr aus archivaliſchen Quellen, daß ihre Erbauung in die Jahre 1422 bis 1424 fällt und daß der damalige Ordensmarſchall Ludwig von Lanſe ihr Gründer war. Wir beſitzen auch noch den Entwurf zu der Anord⸗ nung, wie es in S. Albrechts Kirche (ſo wird ſie darin genannt) mit dem Gottesdienſte und ihrer Erhaltung beſtellt werden ſolle. Der Stifter ſetzte naͤmlich vier Prieſter oder Vicare, nebſt zwei Schülern und einen Glockner ein, welche die Kirche mit Gefängen und Gottesdienſt alſo halten ſollten, daß man durchs Jahr hin⸗ durch ſingen ſolle die Zeiten von unſerer lieben Frauen und die Meſſe anheben fruͤh um vier Uhr. Am Oſterfeſte aber, am Pfingſtfeſte, am S. Adalberts⸗Tage, am Tage des heiligen Leich⸗ nams und am beiligen Chrifttage follten die gewöhnlichen Gefänge des Tages geſungen werden. Zwiſchen 6 und 7 Uhr ſollten die Prieſter eine Fruͤhmeſſe und zwiſchen 8 und 9 Uhr eine Hochmeſſe leſen auch an ſchlechten Werktagen. Jeden Sonnabend und Sonn: tag mußten die Hochmeſſe von unſerer lieben Frau und andere Feſtgebete gehalten werden. An den Feſten des heiligen Lauren⸗ tius, Martinus und Nicolaus mußte gepredigt werden, „ſo viel als es nach Innigkeit und Zuflucht der Leute Noth wird ſeyn.“ Damit dieſes alles nun in guter Ordnung gehalten werde, ſo wurde vom Ordensmarſchall feſtgeſetzt, daß einer der vier Priefter Pfarrer ſeyn und die Beiſorge der Seelen fuͤhren ſolle; er ſolle den Andern mit Rath zur Seite ſtehen, ihre Zinſen und ſonſti⸗ gen Gefaͤlle erheben, alle ihre Nothdurft uͤbernehmen und ihnen daruͤber Rechnung ablegen. Wie lange ein ſolcher Pfarrer bleibe, ſolle ſtets vom Willen des zeitigen Ordensmarſchalls und des Bernſteinmeiſters abhaͤngen; dieſe beiden ſollten die Oberaufſicht fuͤhren und zuſehen, „daß es die Prieſter redlich unter einander balten und ehrlich leben daß der Gottesdienſt mit Geſang und

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664 Die S. Adalberts⸗Capelle. andern Dingen unverſaͤumlich gehalten werde. Alles was geopfert wird, es ſey Geld, Wachs und irgend etwas anders, folle zur Haͤlfte den Prieſtern gehören; die andere Hälfte ſolle der Bernſtein⸗ meiſter zu Gebäuden oder zu andern noͤthigen Dingen der Kirche verwenden. Jeder Prieſter ſolle einen jährlichen Zins von zwölf Mark erhalten; außerdem bekommen ſie alle zur Fiſcherei einen Keutelbrief. Der Decem und das Opfer, welches zuvor der Pfarre vor dem Ordenshauſe Lochſtaͤdt zugehoͤrte, ſolle nunmehr an die Kirche zu S. Adalbert gebracht werden. Die Herrſchaft ſolle zuerſt den Prieſtern die noͤthigen Gebaͤude beſorgen und ihre Wohnungen bauen laſſen. Darnach aber ſollten die Prieſter ihre Gebaͤude ſelbſt erhalten. Eben ſo ſolle ihnen die Herrſchaft auch den Teich an der Kirche daͤmmen und zurichten. Die Prieſter erhalten freies Holz und einige Morgen Wieſen, dabei etliche Huben Landes zu Getreidebau. Jaͤhrlich ſolle ihnen der Bern— ſteinmeiſter einige Tonnen Salz geben. Beim Tode eines Prieſters ſolle alles, was bei ihm an Geld, Geräthe oder an Buͤchern ge— funden wird, nach Rath des Bernſteinmeiſters oder deſſen, dem der Marſchall es befehlen wird, zum Nutzen der andern Prieſter, zur Verbeſſerung der Zinſen, der Gebaͤude oder zu andern noͤthi⸗ gen Dingen verwandt werden. Wenn Gott es fuͤgt, daß der Zins vermehrt werden kann, ſo ſollten in der Folge noch mehr Prieſter eingeſetzt werden. — Dieß war die Stiftung der S. Adalberts-Capelle, die alſo auf keine Weiſe dem Biſchof Johan⸗ nes I. von Samland, der gegen das Ende des 13ten Jahrhun⸗ derts lebte, beigelegt werden darf (Arnolds Kirchengeſchichte von Preuſſen S. 170. Leo Histor. Pruss. p. 117. Schott Pruss. Christiana p. 74). So ſuchte ein Ordensbruder nach mehren Jahrhunderten das Andenken des frommen Mannes zu verherrlichen, der mit dem Opfer ſeines Lebens Preuſſen der chriſtlichen Kirche zuzuwenden geſtrebt hatte. Auch der Papſt zeigte ſich dafuͤr dankbar. Da die Capelle ſchon ein Wallfahrtsort fuͤr nahe und ferne Gegenden geworden war, ſo ertheilte Eugenius IV. eine Bulle im Jahre 1431, in welcher die ganze Chriſtenheit zur frommen Wanderung an den heiligen Ort ermuntert, und der Beſuchende mit einem Ablaſſe von hundert Tagen belohnt wurde. (Baczko B. I. S. 89). Oft beſuchten fie auch die Hochmeiſter des deutſchen Or⸗ dens und jaͤhrlich wurden mehrmals feierliche Proceſſionen zu ihr angeſtellt (Iariknoch Dissert. XIV. p. 232). Spaͤterhin hatte der Hochmeiſter die Beſetzung der Vicarien der Capelle; zuweilen ſchlug ihm der Pfleger von Lochſtaͤdt verdiente Maͤnner als Vi⸗ care vor, wie dieß im Jahre 1465 geſchah. Der Hochmeiſter war alſo, wie er dieß im Jahre 1487 in einem Briefe an den

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Die S. Adalberts-Capelle. 665 Bifchof von Samland ausdruͤcklich ſagt, Patron der Capelle, praͤ⸗ ſentirte bei entſtandener Erledigung dem Samlaͤndiſchen Biſchof den Pfarrer oder Rector und bat um deſſen Inveſtitur. Indeſſen muß doch gegen das Ende des 15ten Jahrhunderts der Zuſtand der Capelle nicht mehr ſehr guͤnſtig geweſen ſeyn. Wir hoͤren den Pfarrer von S. Albrecht in einem Schreiben an den Hochmeiſter Heinrich von Richtenberg uͤber Kummer und Armuth klagen und um eine Hube Land von den Beſitzungen des Schloſſes Lochſtaͤdt bitten. „Wir flehen zu Euch um Gottes Ehre und um das Ge— dächtniß willen des heiligen Biſchofs Adalbert, der dieſes Land mit feinem Blute hat geheiliget, daß Euer Gnade uns von ſon⸗ derlicher Gnade wolle belehnen mit einer Hube Acker, anſehend die gar ſchwere unſerer Wohnung Gelegenheit, die Grauſamkeit und Ungeſtuͤmigkeit der unuͤberſehlichen See voller Stuͤrme und Winde, auf daß Euere Gnade mitſammt Euerem wirdigen Orden in Freuden, Geſundheit und aller Wohlfahrt durch die Huͤlfe und Verdienſtniß des heiligen Adalberts zu verhofften langen ſeligen Zeiten moͤge enthalten werden. Dabei geloben wir bei unſerem guten Gewiſſen, auf nächft kommendem erſten Tage nach Aegidii und ſofort alle Jahre auf beruͤhrtem Tage herrlich mit Vigilien und Meſſen zu begehen die Seele des wuͤrdigen Herrn Ludwigs von Lanſe und ſeines Geſchlechts, der da ein Stiffter dieſer Vi— carien geweſen iſt. In ſolchem jaͤhrlichen Begaͤngniſſe wollen wir auch unvergeſſen ſeyn der Seele Euerer Gnade.“ Um dieſelbe Zeit legte der damalige Ordensmarſchall Eras- mus von Reizenſtein (der ſein Amt von 1489 bis 1498 verwal⸗ tete) einen Pfeil in die S. Adalberts-Capelle nieder, den er vierzehn Jahre lang nach einer Schlacht, im Kopfe getragen hatte, bis er durch ein Geſchwuͤr davon befreit worden war. Der Pfeil an einer ſilbernen Kette haͤngend und mit einem Schildchen verſehen, worauf die Thatſache kurz eingepraͤgt war, blieb zum Andenken in der Capelle bis zu ihrem Untergange, kam dann nach Königsberg in die kurfuͤrſtliche Bibliothek und befindet ſich jetzt noch in den alterthuͤmlichen Sammlungen des geheimen Ar⸗ chivs. (Hartknoch Disseri. XIV. P. 133), Von den letzten Schickſalen der Capelle ift übrigens wenig mehr bekannt. Sie ſcheint mehr und mehr verarmt zu ſeyn. Im Jahre 1511 nahm ſich ihrer der Bernſteinmeiſter Leo von Waiblingen ſehr thaͤtig an, da ihr manche Zinſen ſechs Jahre lang waren vorenthalten worden, manche Guͤter und Gelder ihr entfremdet waren und die armen Prieſter ſich bald kaum mehr erhalten konnten, wie wir aus einem Briefe des genannten Bern= ſteinmeiſters an den Biſchof von Samland erfahren. (Orginal⸗ Abſchrift im geh. Archiv.) Spaͤter erwachte in dem letzten Hoch⸗

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666 Die S. Adalberts-Capelle. meiſter Albrecht von Brandenburg noch einmal der Gedanke, „die alte Stiftung des heiligen Himmelsfuͤrſten Sanct Albrechts, wieder mehr anzupflanzen und zu erhoͤhen“ und es erging des⸗ halb eine Aufforderung an alle Bewohner Samlands, „deſſen Patron der heilige Adalbert war,“ um thaͤtige Mithuͤlfe und Beiſteuer. Allein es iſt nicht zu ermitteln, welchen Erfolg dieſes Bemuͤhen gehabt habe. Nach der Einfuͤhrung der Reformation ſcheint die Stiftung zerfallen und die Capelle ihrem Untergange entgegen gegangen zu ſeyn, bis ſie endlich durch einen großen Sturm im Jahre 1669 umgeſtuͤrzt wurde.

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Breiiage Be IV Ueber den Namen Preuffen. Ueber wenige Völkernamen iſt wohl mehr geforſcht, gemuthmaßet, erſonnen und etymologiſirt worden, als uͤber den Namen Preuſſen. Die Zahl der Ableitungen iſt daher bereits auch ſo groß und die Moͤglichkeit der Auffindung einer neuen gleichſam ſo erſchoͤpft, daß es unter die geringſten Verdienſte um die Geſchichte Preuſſens ge— hoͤren wuͤrde, den vorhandenen noch eine andere hinzuzufuͤgen. Genug, wenn nur erwieſen iſt, daß eine ſich auf vorliegende ge⸗ ſchichtliche Thatſachen ſtuͤtzt, mit den Zeitumſtaͤnden, unter denen der Name zuerſt erſcheint, genau zuſammen ſtimmt, auf keinen unerweislichen Behauptungen beruht und deshalb vor den uͤbrigen den Vorzug verdient. Da jedoch der Geſchichtſchreiber niemals Machtſpruͤche thun ſoll, und es gewiſſermaßen zur Geſchichte der Geſchichte der Preuf- fen gehört, zu ſehen, wie man ſich den Namen Preuffen zu er⸗ klaͤren geſucht hat, ſo moͤgen hier die wichtigſten Verſuche zur Ab⸗ leitung dieſes Namens der Reihe nach aufgefuͤhrt werden. Daß auch hier im weiten Felde der Etymologien die wun⸗ derlichſten Deuteleien zu Tage gefoͤrdert ſeyn moͤgen, laͤßt ſich wohl ſchon von ſelbſt erwarten. Es darf daher wohl kaum erin⸗ nert werden an die Ableitung vom nordiſchen Mythenkoͤnige Bo⸗ reas, deſſen Volk die Boreer, die uͤber dieſen hinaus wohnenden Hyperboreer, deren Name in der Stammwurzel von Borbur oder im altdeutſchen Bor, geboren liegt, woher im Skandinaviſchen Borusgoß, die Aeltern, Gebaͤrer, und Boruſker ſo viel als Er⸗ zeuger der Menſchen. In die naͤmliche Claſſe gehoͤrt die Herlei⸗ tung vom Könige Pruſias von Bithynien, der im Kriege Hanni⸗ bals gegen die Roͤmer aus ſeinem Reiche vertrieben, in den Nor⸗ den gewandert und Preuſſen den Namen gegeben haben ſoll, wo⸗ her man dann auch die Aehnlichkeit der Litthauiſchen Sprache mit der Griechiſchen zu erklären geſucht hat (Dlugoss. T. I. p. 119. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 59 — 60). Eben fo wenig Beachtung verdient die Behauptung, daß der Name durch ein

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668 Der Name Preuffen. Schimpfwort der Maſovier entſtanden ſey, indem fie die Preufs fen Unvernuͤnftige, bruti geſcholten hätten und dieſe Benennung dann als Volksname auf das ganze Volk uͤbergegangen ſey (Hart- knoch Dissert. III. $. 13). Gewiſſermaßen hing damit zuſam⸗ men die Ableitung des Namens vom altpreuſſiſchen Worte prutu und pruntu, klug, verſtaͤndig ſeyn; man meinte, fo hätten ſich die Preuſſen ſelbſt wegen eines gewiſſen Duͤnkels auf ihre Klug⸗ heit und ihren Witz genannt, ſeyen aber deshalb von ihren Fein— den, den Maſoviern mit der entgegengeſetzten Bezeichnung beehrt worden. (Praͤtorius Schaubuͤhne B. J. C. 2. &. 11.) Die alten Landeschroniſten faſeln in gleicher Weiſe uͤber den Urſprung dieſes Namens. So ſagt der alte Ordenschroniſt: „Nachdem das Volk allda mit groben heidniſchen Sitten und Manieren ihr Leben fuͤhr— ten, da ward das Land geheiſen Brutonica, das iſt ein Beſtia⸗ liſch Land; darnach in etlichen Jahren iſt der erſte Buchſtab B verwandelt worden in ein P und hies nun Prutonica, das iſt Preuſer-Land.“ Bekannt iſt auch, daß Lucas David den Namen vom ſagenhaften Bruteno ableitet und deshalb dem Volke den Namen Brutener giebt. l Weit mehr Beachtung verdient, um andere Erklaͤrungsarten zu uͤbergehen, die Ableitung, welche Friedrich der Große in ſeinen Memoiren zur Brandenburgiſchen Geſchichte, Berlin 1782. S. 46, gegeben hat, indem er fagt: „Der Name Borus- sia, woraus man Preuſſen gemacht hat, heiſt nahe bei der Ruſſe (denn bo heiſt nahe bei); die Ruſſe iſt ein Arm des Niemens, den man jetzt die Memel nennt.“ Gegen dieſe Hypotheſe laͤßt ſich indeſſen manches einwenden; denn erſtlich heißt nicht bo, fon= dern po ſo viel als nahe bei; zweitens iſt Borussia eine viel zu junge Schreibart des Namens, als daß wir fie für die urfprüng- liche halten koͤnnten. Schloͤzer im Neſtor S. 56 fagt darüber: „Die Verfaͤlſchung Borussia kam von einer Grille des Kanz— lers Ludewig her, der in einem griechiſchen geographiſchen Sam- melſurium von unbekanntem Zeitalter, das man Ptolemäus nennt, den Namen Bocvenic geſehen zu haben meinte.“ Wenn indeſſen ſo jung die Schreibart Borussia auch keineswegs iſt, denn fie kommt einmal auch ſchon in einer Urkunde aus dem letzten Theile des 13ten Jahrhunderts vor, ſo kann ſie doch nicht für die urſpruͤngliche gelten. Drittens endlich möchte ſich auch wohl fragen laſſen: warum denn gerade dieſer eine Arm des Nie— men die Ehre gehabt haben ſolle, den Preuſſen ſeinen Namen zu leihen? Gab es nicht größere Ströme im Lande, nach denen das Volk fuͤglicher haͤtte benannt werden koͤnnen? — Uebri⸗ gens ſpricht von dieſer Ableitung des Namens auch ſchon Hart- knoch Dissert. de originib. gentium Prussicar. $. 13. und fügt

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Der Name Preuffen. 669 hinzu, daß auch das Kuriſche Haff fonft wohl Rusna genannt worden ſey, wie er aus einer Urkunde des 15ten Jahrhunderts beweiſt. Vergl. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 9., wo ſich dieſer alte verdiente Hiſtoriker im Ganzen doch fuͤr die Ableitung von Po-Russi oder Porussi, „an Rußland graͤnzende“ ent— ſcheidet. — Ueberhaupt haben alle Ableitungen der Voͤlkerna⸗ men von ſolchen Localbenennungen einzelner Fluͤſſe und Seen die Schwierigkeit gegen ſich, daß ſelten zu begreifen und nachzu⸗ weiſen iſt, wie ein ſolches Gewaͤſſer eine ſo große Wichtigkeit habe erlangen koͤnnen, daß die nahe und fern wohnenden Menſchen ſich ihre Benennung davon entlehnt haben ſollten. S. Oſter⸗ mepers Gedanken von den alten Bewohnern des Landes Preuſ— ſen S. 58 — 59. Um zu den neuern Erklaͤrungen des Namens uͤberzugehen, ſo hat auch Hennig in feiner Ausgabe des Lucas David B. I. S. 32 eine neue Ableitung deſſelben verſucht. Er fagt naͤm⸗ lich: „Alle gewöhnlichen Ableitungen des Namens Preuſſen ſcheinen mir gezwungen. Der aͤlteſte Name des Volks „Pruzzi“ hat die mehreſte Aehnlichkeit mit dem Namen der Wendiſchen Voͤlkerſchaft Briezen, ſo wie der Name der Littauer und Letten mit dem der Lutizen. Daß dieſe beiden Wendiſchen Voͤlkerſchaften ſich im 5ten oder 6ten Jahrhundert von der Mark und Pommern aus weiter gegen Nordoſten gezogen haben, laͤßt ſich ſogar hiſto— riſch darthun.“ Statt dieſen Beweis aber zu fuͤhren, ſagt uns Hennig an einem andern Orte nur ſo viel, daß die Namen der Prignitz, Treuen-Briezen, Pritzwald u. dgl. von jenem Volke den Urſprung erhalten und daß unter den Voͤlkern, gegen welche Teberius Nero im Pannoniſchen Kriege focht, auch eins war, welches Breucae genannt wurde; ſ. Seton. Tiber. C. IX. -— So hat Hennig nur fluͤchtig hingeworfen, was er gruͤndlich haͤtte beweiſen ſollen. Seiner hypothetiſchen Wanderung der Briezen oder Brizaner aus der Mark nach Nordoſt, deren hiſto— riſch darthuenden Beweis er ſchuldig geblieben iſt, ſteht der merk⸗ liche Umſtand entgegen, daß wir dieſes Volk noch zu Helmoldus Zeit bei Havelberg und Brandenburg finden, da dieſer ſagt L. I. c. 37: Cum ergo vice quadam Brizanorum et Stoderanorum populi, hi videlicet qui Havelberg et Brandenburg habitant, rebellare pararent, visum est Henrico, armis adversum cos ulendum etc. und von Albrecht dem Bär heißt es L. I. c. 88: Omnem enim terram Brizanorum, Stoderanorum, multarum- que gentium habilantium Havelam et Albiam misit sub ju- gum. So iſt bekannt, daß auch die Lutizen lange nach der Zeit, als die muthmaßliche Wanderung derſelben nach Nordoſt erfolgt ſeyn ſoll, noch zwiſchen der Elbe und Oder ſaßen. Soll aber

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670 Der Name Preuffen. von dieſen Voͤlkern nur ein losgeriſſener Theil ausgewandert ſeyn, ſo fragen wir: wo ſaßen dieſe Briezen in Preuſſen ſo lange Zeit ganz unbekannt, bis fie urploͤtzlich dem ganzen Volke den Namen Preuſſen geben konnten? Wodurch gelangten ſie zu die⸗ ſer Wichtigkeit? Wie hat aus Brizani und Briezen mit einem⸗ male Prussi oder Pruzzi entſtehen koͤnnen? — Wenn Hennig die gewohnlichen Ableitungen des Namens Preuffen für gezwungen erklärte, fo hat ſicherlich nur das Neue der feinigen fie ihm leicht ſcheinen laſſen. Der Unbefangene wird fie ſicherlich zu den aller gezwungenſten und unerweislichſten zaͤhlen. Andere haben den Urſprung des Namens Preuſſen im Pto— lemäus gefunden. Dieſer ſagt naͤmlich I. III. p. 73: nachdem er von den nördlich wohnenden Karbonen geſprochen hat: wu G jf E ðHννE&l“hmꝛ xl S0. 5 o &ya9upsor, eire. aöpsaı, 000 Ta&yupiret, GP dvs gad, x Bopovoxoı, GEX gi Toy G %,ðj? oH. Nach dieſer Stelle wohnte alſo am Rhipaͤiſchen Gebirge, dem alten Sitze des mythiſchen Boreas, ein Volk mit Namen Borusker, von welchem wir freilich nichts weiter wiſſen, als nur den nackten Namen. Doch manchen iſt ſchon dieſer ge— nug geweſen, um den Urſprung des Namens Preuſſen daran zu knuͤpfen. Schon Frasmus Stella de Borussiae antiquitatibus p- 11. ſagt: Ultimo regionem (i. e. Prussiam) Borussi in- travere, populi qui Ptolemaeo teste ad Ripheos montes, ubi in septentrionem fusius excurrunt, nec longe qua Tanais ex eis erumpit, sedes habuere, qui in felicitate sua conciti (perpeluis namque nivibus algoribusque illic terra riget, ad omneque naturae ministerium damnata est) ad novas sedes capessendas patriam egressi in haec loca delapsi sunt. Quae tum soli fertilitate, tum pascuorum, lacuumque amoenitate ipsis, quum primum placuere, nec non ultra progressi sunt, hic sedes unanimi consensu sibi desumentes, utque ac po- steris perpetuo essent duraturae, terram vocabulo gentilitio Borussiam appellavere, quae usque hodie unius literae sup- pressione Brussia vulgo dicitur. Haec est vera huius gentis origo. — Dieſe Ableitung des Namens Preuſſen hat bis auf die neuern Zeiten herab mehr Beifall gewonnen, als ſie wohl verdie⸗ nen mochte. Leo histor. Pruss. p. 2 folgte ihr und ſetzte die Wanderung der Borusker nach Preuſſen ins Jahr 523 oder 550. Eben fo ſpricht fie Cromer histor. Polonor. p. 60 nach. Hart knoch A. u. N. Preuſſ. S. 70 — 71 wagte es wenigſtens nicht, ſie ganz zu verwerfen und widerlegte den Cluver, der diejenigen für verruͤckt erklaͤrte, welche den Namen Preuſſen von den Borus⸗ kern herleiteten. Mannert in f. Norden der Erde ſagt S. 271: „Getroſten Muthes wuͤrde ich dieſe Borusker fuͤr einen lithaui⸗ *

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Der Name Preuffen. 671 ſchen Zweig, für die Preuffen erklären, welche ſich nach dem Abs zuge der Venedaͤ an die Weſtkuͤſte in ihr ſpaͤteres Vaterland vor⸗ drängten, wenn ich begreiflich finden koͤnnte, daß Ptolemaͤus von den innern Gegenden Lithauens wirkliche Kenntniſſe hatte.“ Man⸗ nert trug alſo doch Bedenken, die Borusker ohne weiteres fuͤr die Urväter der Preuſſen zu erklären; indeſſen möchte die von ihm geaͤußerte Bedenklichkeit noch nicht die bedeutendſte ſeyn; denn weit ſchwieriger erſcheint der Beweis von einer wirklichen Wan— derung jener Borusker nach Preuſſen, und auch hier wiederholt ſich die Frage: Wo lebten dieſe Borusker in Preuſſen ſo lange bis fie im zehnten Jahrhundert unter dem Namen Preuſſen wie⸗ der erſcheinen? Was gab Anlaß, daß nun und nun erſt ihr Name vor allen hervorſtach und wie iſt die Aenderung Borusker in Preuſſen erfolgt? Eine der neuſten Erklaͤrungen des Namens Preuſſen iſt die des Herrn von Hammer, die er in einem kleinen Aufſatze in Kruſens Archiv für alte Geographie, Geſchichte ꝛc. Heft 11. S. 127 ausgeſprochen hat. Er ſagt naͤmlich: „Außer dem Stammnamen der Germanen befinden ſich auch faſt die meiſten andern Deutſchen noch im heutigen Perſiſchen, vor allem aber der Name der Preuſſen als eigentlicher Volksname, indem Pru— ſchan oder Peruſchan eigentlich das Volk bedeutet. Im Meninski (J. S. 533) ſteht Beruſſan und Beruſchan als communitas eiusdem religionis, es fehlt aber Peruſchan oder Poruſchan oder auch Berpruſchan, welches im Ferhengi Schuuri mehr als einmal vorkommt (1. Th. B. 182 v. I. z und S. 183 r. 2.) Beruſchan oder Pruſchan oder Preuſſen iſt daher der Geſammtname fuͤr Volk.“ Ob ſich dieſe Herleitung des Namens Preuſſen vie⸗ len Beifall erwerben wird, laſſen wir billig dahin geſtellt ſeyn. Des Perſiſchen unkundig und kein Freund etymologiſcher Erklaͤrun⸗ gen dieſer Art uͤberheben wir uns alles Urtheils hieruͤber. Die neueſte Hypotheſe uͤber unſern Namen hat, ſo viel uns bekannt iſt, Herr Radlof in ſeinen „Neuen Unterſuchungen des Keltenthumes zur Aufhellung der Urgeſchichte der Deutſchen, Bonn 1822. S. 132 — 133 gegeben. Er ſpricht vom Heereszug des Brennus und den deshalb in der Geſchichte des Keltenthums ent— ſtandenen Verwirrungen,“ weil die ſpaͤtern Schriftner, aus Unkunde mit dem fruͤhern Sprachgebrauch, nunmehr Alles den Galliern zuſchrieben, was die fruͤhern von den Kelten (in Germanien) behauptet hatten; und fahrt dann fort: „Dieſes begegnete faſt Allen, welche ſpaͤterhin uͤber den Heereszug des Brennus geſchrie⸗ ben. Strabo z. B. läßt den letzter nur darum aus Toloſa in Gallien herſtammen, weil dort noch Tectoſagen wohnten, die vormals aus jenem Heereszuge reiche Schaͤtze von Delphi mit zu⸗

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672 Der Name Preuſſen. ruͤckgebracht. Allein auf des Ptolemaͤus Laͤndertafeln finden ſich auch Tectoſagen im deutſchen Norden, alſo in der Naͤhe des al⸗ ten Bernſteinfluſſes; und es iſt gar nicht ſelten, den juͤngern gleichnamigen Ausflug eines Volkes im Weſten, und den aͤltern im Oſten wieder zu finden. Ueberdieß waren zu dem Heereszuge nach Griechenland Völkerhaufen aus Gallien, Belgien und Ger⸗ manien, alſo aus dem ganzen alten Keltenlande vereinigt. Wenn daher Strabo ſagt: „verſchiedene Geſchichtſchreiber verſichern, Brennus ſey ein Prauͤſier geweſen, doch ich wette, daß ſich Keis ner unſrer jetzigen Erdbeſchreiber erkuͤhnen wird, die Wohnplaͤtze dieſes Volkes zu beſtimmen,“ ſo kann man nicht umhin an die jetzigen Bewohner der deutſchen Oſtkuͤſte in Preuſſen zu denken. Wohnten ſchon Bryſa in Thracien (Plinius II. N. IV. 18), ſo konnten Prauͤſuͤ auch damals in jenen Gegenden wohnen, mit welchen Strabo ganz unbekannt war; finden wir doch bei Ptole— maͤus in jenen Gegenden bereits den Stamm der Gallindier, und ſchon in der tiefen Vorzeit des Proetus Tochter Galinthias als Wehemutter des griechiſchen Hercules.“ So weit Radlof. Wenn man jedoch zur Erklaͤrung eines Namens ſchon fo weit gegangen iſt, ſo iſt nicht abzuſehen, warum man bei Preuſſen nicht auch an Briſaͤos oder Briſeus, den Dionyſos, den Gott der Bienen, den Bienenvater, den Erfinder der Bienenzucht denken ſollte, da ja bekannt iſt, daß Preuſſen ſich einſt durch die Bienenzucht ſo ſehr auszeichnete, daß ſchon Pytheas der Bereitung des Meths erwähnt; oder auch an die Honigjungfrau Briſa — von Bris ſuͤß oder Briz Honig —, eine Nymphe, die den Dionyſos erzog und ihn Honig aus Scheiben zu preſſen lehrte. (S. Er ſch und Gruber Encyelopädie der Wiſſenſchaften und Kuͤnſte u. d. W.) 11 Die Ableitung des Namens, welche Raſk gegeben hat, in⸗ dem er Alfreds Horithi in Porizzi oder Poryzzi und die wieder in Preuſſen verwandelt, duͤrfen wir hier nach dem, was Dahl— mann in ſeinen Forſchungen auf dem Gebiete der Geſchichte 8.1. S. 455 darüber geſagt hat, wohl ganz uͤbergehen. Die vorne in dieſem Buche angenommene Ableitung des Na⸗ mens von Po-Russi, P'russi ift ſchon von früheren Gelehrten in Vorſchlag gebracht geweſen. Hartknoch ſagt in feiner Dissert. III. $. 13: Porussi et contracte Prussi dicti esse videntur hi populi nostri, quia fuerunt accolae Russorum. Quibus (Prussis) certe contermini fuerunt Russi, cum non sit igno- tum, magnam Lithuaniae hodiernae partem a Russis iis tem- poribus fuisse regnatam. Dann freilich ſagt er auch: suspi- cari eliam licet, Prutenos dictos esse quasi Po- Ruthenos i. e. accolas Ruthenorum. Rutheni autem ab eorum tempo-

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Der Name Preuſſen. 673 rum scriptoribus appellantur incolae Rugiensis insulae. Ueber- haupt ſchwankt Hartknoch in feiner Wahl hin und her, ohne fich feſt fuͤr eine Meinung zu entſcheiden; doch ſcheint er auf die Ab⸗ leitung von Po- Russi im Ganzen den meiſten Werth gelegt zu haben. Andere haben ſich fuͤr dieſe Ableitung entſchieden erklaͤrt, z. B. Oſtermeyer Gedanken von den alten Bewohnern Preuſ⸗ ſens, S. 39.

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Beilage NV. Iinricus Dei gratia Romanorum rex et semper augustus Universis imperii fidelibus, ad quos he littere pervenerint graliam suam et omne bonum, Ad peticionem venerabilis Livoniensis Episcopi marchiam unam per iotum eius episco- patum per Livoniam videlicet et Letliam Lehale et terras maritimas instiluimus et eundem ipsi principatum, jure alio- rum principum munificencia regali concessimus Dantes ei potestatem faciendi monetam et fundandi civitatem in Riga et in locis aliis in quibus eas fieri oportuerit Si autem in partibus illis vena metalli cuiuslibet, sive thesaurus occultus manifestatus fuerit, in huiusmodi jus nostrum speciale ipsius fidei de consilio principum nostrorum commisimus Statui- mus igitur et sub interminacione gralie nostre firmiter precipimus, quatenus Episcopo prenominato de omni- bus iusticiis et racionibus ad regalem jurisdictionem pertinentibus plene respondeatis, et per omnia intendatis, Scituri quod Ipsum tamquam dilectum principem imperü sincere diligimus quod cum per eum imperiales termini dilatenlur et barbarorum infidelitas, annuente domino, cri- stiano cultui subjugetur, Nichil eorum obmittere volumus quod commodo suo conducere poterunt et honori Huius no- stre concessionis Treverensis et Salceburgensis Archiepiscopi, Herbipolensis Augustensis Bamburgensis Bazowiensis et Ei- stadiensis Episcopi Austrie Saxonie Bawarie et Carinthie Duces et alii quam plures principes Nobiles et Imperii mini- steriales. Datum apud Norenberg Kalendas Decembris Indi- ctione XIIII. Auschultata est presens Copia per me Richardum Smy dt Clericum Mindensis Diocesis publicum sacra apostolica auctoritate Notarium et transsumptum est ex quodam Libello quem Matriculam ecclesie Rigensis appellant et concordat cum eodem quod protestor hac mea manu.

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Beilage M Wi Otto IV. Röm. Kaifer beftättigt dem Schwert-Brüder-Drden in Lief⸗ land alle ſeine damaligen und künftigen Beſitzungen. Dat. Laudan VI Kal. Febr. (27. Jan. (1211. Dei gracia Otto quartus Romanorum Imperator et semper auguslus Licet omni catholicorum homini sacri pallacij nostri sculum debeat esse defensio et luvamen. Specialiter tamen adlethas. Christi. qui contemptis delicijs mundi personas suas. divinis mancipaverunt obsequijs sub patrocinio Imperialis emimencie. conservare dignum repulamus. et manu tenere. Inde est quod nos advertentes. continuum laborem conventus Christi militum. quem iugiter ad honorem christiane religio- nis eciam usque ad effusionem sagwinis sustinere non formi- dant. ut eorum utilitatibus amplius. provideamus. et pleros- que alios. ad idem. onns. portandum. cum ipsis attencius in- vitemus. Universas possessiones. quas ipsi nunc possident vel domino dante in futuro. iusto acquisicionis Litulo. adipisci po- terunt. quasve eciam a sarracenis. sive quibuscunque christiane Religonis contrarijs hominibus evinci poterunt. Imperiali eis auctoritate. confirmamus. Salva tamen in omnibus conven- cione facta inter memoratum conventum milicie christi. et Archiepiscopum Rigensem et Episcopum de Estlandia Om- nesque possessiones eorum. sub Imperialem protectionem recipimus, Statuentes ct Imperiali edicto. firmiter preci- ientes. ut nulli umquam persone. alte vel humili. Ecclesia- stice vel seculari. licitum sit huic confirmacioni nostre. ali- quo contradictionis obstaculo obviare. Quod qui facere pre- sumpserit pro sua presumpcione Centum libras auri purissi- mi componat medietatem fisco nostro Reliquam vero medie- tatem Injuriam passis persolvendam. Huius Rei testes sunt. Wilhelmus marchio montis ferrati, Manfredus marchio Sa- lacij marchio malaspine. Ezelinus de Tarsuisio. Salin Werra. de ferraria, Comes hinricus de Swerin Comes Hermannus de Harispurc. marchio de baden et alii quam plures. Datum apud Laudan Anno domini M CC XI VI. Kal. Febr. In- diecione XV. 43 *

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Beilage M VII In nomine sancte et individue Trinitatis. A. dei gracia Ri- gensis, B. Paderburnensis, I. Verdensis, Ph. Razeburgen- sis Episcopi cunclis christi fidelibus in perpetuum, Notum sit omnibus tam futuris quam presentibus quod sopita per dominum papam controversia, habita inter Rigensem Epis- copun el nulites christi super divisione Lyvonie ac Lethtie communicato prudentum virorum consilio, decretum est, quod Leithia et Castrum Kukonois a senioribus terre in tres partes eque divideretur, tercia parte predictos milites christi contigente, Castrum vero quod asscrad dicitur cum omnibus suis attinenciis eisdem militibus perlinebit integra- liter, duas quoque villas quas perdiderunt in terminis Ca- stri Remin Episcopus ipsis recompensabit. Item terciam parlem de Castro Holme, in hominibus agris et decimis sepedicti milites oblinebunt. Ipsi autem quartam partem, mensure que pro decima institnta est, Episcopo solvent, quam mensuram nec Episcopus nce ipsi mutabunt, Item ipsi iurgustrium et Insulam Regis in tercia parte habebunt, partem vero insule eis recompensabit Episcopis in agris aliis, quod si eadem insula in dieionem redigerit Episcopi, de ipsa terciam partem ınilitibus restiluel, et suos..... recipiet, Quitquid autem infra predictam insulam in insulis agris seu areis cuilibet Episcopus in beneficio contulit, ratum erit, Si qua de predictis Episcopo vacaverint in posterum seu juste ipse ea requisierit, suam eis porcionem alribuet, Ceterum, si homines ipsorum agros sub sorte habuerint Episcopi ei de ipsis agris, sicut homines ipsius Episcopi servient, et econtra bomines Episcopi si sub militibus bona habuerint ipsis inde servient. Rursus si quos agros Episcopus homi- nibus ipsorum abstulerit eis reslituet, vel in beneplacito oblinebit. Ipsi quoque idem hominibus Episcopi facient. Nos gitur que gesta sunt lilteris nostris et sigillis conſirm a- mus. Testes sunt huius rei Theodericus Episcopus Estonie Bernhardus Abbas de Dunamine, lohannes prepositus de sancta Maria Rotmarus frater Episcopi Rigensis, Helmoldus de Plesse nobilis homo Rudolfus de Iericho, Gerlagus de Dolen Tydericus frater Alberti Fpiscopi, Milites christi Rutherus Rudolphus Bertoldus, Marqwardus Constantinus et alii quam plures.

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Beilage Ne VIII. Beweis uͤber den Untergang eines Landes neben Samland, Witland genannt. Daß das Friſche Haff feinen umfang beſonders nach Osten hin bedeutend erweitert habe und daß da, wo heutiges Tages zwiſchen der alten Ordensburg Balga und der Stadt Pillau alles vom Gewaͤſſer des Haffes bedeckt iſt, in einer fruͤheren Zeit feſtes und angebautes Land geweſen fen, iſt keineswegs eine ganz neue Bes hauptung. Schon der Chroniſt Lucas David B. II. S. 102 hat die Nachricht, daß „zu der Zeit (des Landmeiſters Hermann Balk) des Habes Waſſer oder Flut nicht ſo nahe an das Ge— birge (bei Balga) flos als itzo, ſunder under dem gebirge gar ſchoͤne wiſen biß an das Waſſer, da auch ſchoͤne und gute Doͤrffer gelegen waren.“ Noch zur Zeit dieſes Chroniſten, alſo um die Mitte des 16ten Jahrhunderts, war das Haff unter Balga nicht beſonders tief, Schiffe konnten die Gegend wegen der großen Steinmaſſen und Steinriffe, welche das Waſſer aus dem vor— mals feſten Lande ausgewuͤhlt hatte, ohne große Gefahr nicht durchſegeln und es war ſchon damals zu beſorgen, daß das Ge— waͤſſer dort noch tiefer ins feſte Land eindringen werde; ſ. Lucas David B. II. S. 108. Noch beſtimmter erklaͤrt ſich hieruͤber Henneberger in ſ. Erklaͤr. der Landtaf. S. 43: „Man fügt, da noch das Tief an Lochſtetten geweſen, ſey es von Camſtigal hinuͤberwaͤrts nach Balga Land geweſen und dazwiſchen nur ein Refirchen, daß wenn man auf einen Schaafkopf, fo darinnen ge⸗ legen, getreten, man trockenen Fußes hinuͤbergegangen. Nun aber iſt es lauter Waſſer, an die fuͤnfviertheil Meilen breit.“ Dieſe Nachrichten ſchrieben denn auch verſchiedene ſpaͤtere Gelehrte nach. Piſanski in ſ. Bemerkungen uͤber die Oſtſee S. 45 erwaͤhnt ihrer mit der Angabe, daß das Meer auch an dem weft: lichen und noͤrdlichen Ufer von Samland immer weiter um ſich greife, daß die Bewohner des Samlaͤndiſchen Strandes verſicher⸗ ten, von ihren Aeltern gehoͤrt zu haben, daß ehemalige lange Strecken, die zum Theil mit Waͤldern beſetzt geweſen, durch die

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678 Das untergegangene Witland. Wellen abgeriſſen und dadurch große Buchten und Winkel ent- ſtanden ſeyen. Die Fluthen der See werfen zuweilen Stuͤcke von verfaulten Aeſten und Wurzeln der Baͤume ans Land und es laſſen ſich ſolche auch auf dem Meeresgrunde ſelbſt finden. Daraus erklaͤrt Piſanski auch die Erſcheinung, daß Orte, welche nach zuverlaͤſſigen Nachrichten einſt ziemlich weit vom Meere ent⸗ legen geweſen, demſelben nach und nach immer naͤher gekommen ſeyen. Zum Beweiſe erwaͤhnt er der S. Adalberts-Capelle, die nach ihm vom Samlaͤndiſchen Biſchof Johannes J. gegen das Ende des 13ten Jahrhunderts erbaut (2), damals eine Meile von der Oſtſee entfernt geweſen ſeyn ſoll. Er bezieht ſich hierbei auf die Angabe des ehemaligen Profeſſors Rappolt in ſ. Me- ditatio epistolaris de origine succint in littore Sambiensi p. 6, wo dieſer ſagt: Extant documenta, quae templum D. Adal- berto olim dicalum, cuius adhuc rudera in littore supersunt, hodiernum peregrinantibus religiosis frequentata, ad millia- ris distantiam a mari fuisse remotum, loquunlur. In ber Mitte des 17ten Jahrhunderts war aber dort die See ſchon fo weit vorgedrungen, daß die Ruinen der Capelle nur noch eine ſtarke Viertelmeile von ihr entfernt waren und jetzt betraͤgt dieſe Entfernung kaum noch einige Hundert Schritte. Dieſe Abnahme des Landes in dortiger Gegend bezeugt außerdem auch das Loch— ſtaͤdtiſche Beſtaͤndnißbuch vom Jahre 1667 (Piſanski a. a. O. S. 47), welches bemerkt, „daß jaͤhrlich, ja ſchier täglich die Oſtſee mit ihrem Strande je mehr und mehr naͤher kommt und die Ae— cker, Wieſen und Trifften ſtark verſanden.“ Was hier von der eigentlichen Kuͤſte Samlands geſagt iſt, gilt auch von der Nehring. Schon Schott Prussia christiana p. 64 erwähnt: addimus, quod ante septem secula Neringiam latiorem fuisse, hodiernae probent arenarum congestiones. In illa enim insula quotidie aliquid districtui frugifero sen- sim decrescere, incolac experiuntur; und Piſanski a. a. O. S. 46 bemerkt, daß auf der friſchen Nehring die Sandberge zwar nicht niedriger, ſondern vielmehr hoͤher wuͤrden, weil vom Winde immer mehr Sand hinaufgewehet werde, ſo daß ſie an manchen Orten ſchon ſechs Ruthen in der Perpendikellinie hoch ſeyen, daß aber die Nehring ſelbſt doch von Zeit zu Zeit ſchmaͤler werde, indem das Meer ein Stuͤck nach dem andern davon abſpuͤle. Dieſes waren im Ganzen die Hauptbeweiſe fuͤr das ehema— lige Daſeyn eines bedeutenden Theiles von Samland, der jetzt nicht mehr vorhanden iſt. Sie beruhten, wie man ſieht, theils auf überlieferten Sagen der Vorfahren, theils auf oͤrtlichen Be: obachtungen, und beide verbunden gaben der Annahme allerdings den hoͤchſten Grad der Wahrſcheinlichkeit. Aber es war noch

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Das untergegangene Witland. 679 nicht verſucht, den Beweis auch aus den aͤlteſten Urkunden des Landes zu fuͤhren und der Sache dadurch die voͤllige Gewißheit zu geben. Es geſchah dieſes zuerſt in einer Anmerkung zu mei— ner Abhandlung uͤber die alten Withinge in Samland in mei⸗ ner Geſchichte der Eidechſen-Geſellſchaft in Preuſſ. S. 206 — 208; allein es konnte dort der Sache nur beilaͤufig erwaͤhnt und der Hauptbeweis nur auf eine Urkunde geſtuͤtzt werden, die eine auf dem untergegangenen Landestheile vorgenommene Meſſung enthält. Wir muͤſſen hier die Unterſuchung gruͤndlicher vers folgen. 5 Die bis jetzt bekannte aͤlteſte Urkunde, welche auf das ein⸗ ſtige Daſeyn eines untergegangenen Theiles von Samland ſchlie⸗ ßen laßt, iſt die vom Jahre 1246 bei Kotzebue B. 1. S. 418 — 422. Sie enthaͤlt die Beſtimmung der Landestheile, welche die Luͤbecker für ihre bei der Bekämpfung der Samlaͤnder geleiſtete Huͤlfe in Preuſſen und namentlich in Samland, Witland und einem Theile von Ermland vom Deutſchen Orden erhalten ſollten. In dieſer Urkunde wird uns zuerſt der Streitpunkt ſelbſt von Wichtigkeit, welchen fie erörtern ſoll. Er handelt naͤm⸗ lich, wie es heißt, de libera civitate ipsis civibus edificanda et de quibusdam terris scilicet tercia parte Sambie et Wid- landie et quadam parte Warmie et quibusdam aliis, que Predicti cives (i. e. Lubecenses) ex privilegio eis collato a fratre I. de Wida tunc Magistro pruscie sibi (nicht eis) de- beri dicebant. Es wird alfo vor allem hier Witland als von Sam: land verſchieden genannt. Dieſe Unterſcheidung iſt weſentlich, und wir finden ſie ſchon im Jahre 1224 in einer Bulle des Pap⸗ ſtes Honorius III., wo dieſer neben Samblandia Willandia noch beſonders nennt, ſ. Gruber Orig. Livon. p. 265 (woſelbſt aber ſtatt Wirlandia zu leſen iſt Witlandia, wie ſchon Thunmann in ſ. Unterſuch. S. 53 bewieſen hat). So unterſcheidet beide Länder auch der Moͤnch Alberich, indem er in feiner Chronik (Leibnitz Access. Iistor. p. 527 und Gruber I. c. p. 171) beim Jahre 1228 fagt: Erant autem hoc anno in illis parti- bus quinque tantummodo provinciae paganorum acquiren- dae; ista videlicei, de qua agitur Prucia, Curlandia, Letho- nia; Withlandia et Sambria. Dieſes berechtigt uns nun ſchon zu der Behauptung, daß es außer Samland auch noch ein Land gab unter dem Namen Witland, ein Ueberbleibſel des ehemaligen Witlandes, welches ſich bis an das oͤſtliche Ufer der Weichſel erſtreckte. . Ein zweiter wichtiger Punkt, zu welchem die Urkunde Anlaß giebt, betrifft die Frage: wo dieſe Landſchaft Witland eigentlich zu fuchen ſey? Nach der Namenfolge in jener Stelle der Urkunde

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680 Das untergegangene Witland. muß ſie als in der Mitte von Samland und Ermland liegend gedacht werden, denn die Luͤbecker ſollen ja Land de terlia parte Sambiae et Widlandiae et quadam parte Warmiae als Ver⸗ guͤtung erhalten, und dieſe Lage Witlands unterſtuͤtzen auch wirk— lich noch andere Gruͤnde. Zuvoͤrderſt lag es in der Natur der Sache, daß die Luͤbecker, denen es bei der ganzen Unternehmung offenbar vor allem um die Anlegung einer Kolonie fuͤr ihren Han— del zu thun war, ſich ein zuſammenhaͤngendes Landgebiet um die von ihnen beabſichtigte zu gruͤndende Handelſtadt ausbedungen haben werden. Das forderte ſchon ihr Zweck bei dieſer Anlage und dieſer Zweck laͤßt klar auf einen unmittelbaren Zuſammen— hang der Landgebiete von Samland, Witland und Ermland hin— ſchließen. — Es beſtaͤtigt ſich dieſes aber ferner auch durch die Art, wie die Streitſache entſchieden ward. Laut der Urkunde naͤm— lich ſollten die Ordensherren am Hafen Lipze eine Stadt gruͤn— den mit Beihuͤlfe der Luͤbecker. Fragen wir nach der Gegend, wo dieſe Stadt entſtehen ſollte, wo alſo der Hafen Lipze ſeyn mußte, ſo weiſet freilich jetzt kein Name mehr darauf hin. Wir erfahren aber aus andern Urkunden, daß der Pregel, beſonders bei feiner Ausmuͤndung in das Haff auch den Namen Lipze fuͤhrte; ſo heißt es z. B. in der Urkunde uͤber die Eintheilung der Bisthümer bei Dusburg p. 478: Tertiam quoque limitavi- mus, sicul claudil recens mare ab occidente ad flumen, quod dicitur Pregora sive Lipsa. Acta Boruss. T. II. p. 613. Der Pregel alſo und die Lipze war ein und derſelbe Fluß, der an ſei⸗ ner damaligen Ausmuͤndung einen Hafen bildete, welcher eben— falls den Namen Lipze fuͤhrte. Folglich ſollte die neue Seeſtadt der Luͤbecker am Ausfluſſe des Pregels in das Friſche Haff erbaut werden. Wir kommen naͤher zum Ziele, wenn wir eine andere Stelle dieſer Urkunde hinzunehmen. Zur Ermittelung eines feſten Be: ſitzes fuͤr die neuen Koloniſten dieſer Seeſtadt ward durch das ſchiedsrichterliche Erkenntniß in der Urkunde Folgendes beſtimmt: Habebunt etiam cives sepedicti medietatem unius Lercie par- lis Sambie, que fralres contingit, quam fratribus dividenti- bus elegerint ipst cives et in Warmia mansos duo milia et quingentos a Lemptenbure contra Lipzam mensurandos in lilore in una parte et in altera contra Natangiam donee in ipsa WWarmia conligue ipsorum mansorum numerus implea- inr. Um dieſe Stelle vollkommen zu verſtehen und auf unſern Gegenſtand anwenden zu konnen, ware es freilich wuͤnſchenswerth, die genaueſte Beſtimmung uͤber die Lage von Lemptenburg (nicht Cemptenbece, wie Kotzebue hat) geben zu koͤnnen. Allein zur volligen Gewißheit iſt hierüber ſchwer zu kommen. In einer Ur⸗

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Das untergegangene Witland. 681 kunde des Biſchofs Anſelmus von Ermland, die bei Baczko B. J. S. 289, aber ohne die Angabe der Zeugen ſteht, kommt das Lemtenburg ebenfalls vor, indem dort Radolfus in Lemien- burg plebanus genannt wird. Lindenberg in der Naͤhe von Balga, alſo eigentlich noch im alten Warmien liegend, kann darunter ſchwerlich verſtanden ſeyn; eher koͤnnte Lemptenburg in der Burg Lencenberg in der Naͤhe von Brandenburg (Dusburg P. III. c. 83), welche eine alte Chronik Lentzinburg und Lucas Da vid B. IV. S. 36 Lenzenburg nennen, zu finden ſeyn, obgleich dieſe Lenzenburg wohl nicht eigentlich mehr im Ermlande, ſondern ſchon in Natangen gelegen haben kann. Nimmt man nun dieſes als das Wahrſcheinlichſte an, ſo ſollten die Luͤbecker erſtlich die Haͤlfte eines dritten Landtheiles von Samland erhalten, welcher dem Orden zufallen wuͤrde und bei der Theilung der Ordens-Ritter einen Theil ſich auswaͤhlen duͤrfen. Sie ſollten aber zweitens in Ermland auch noch 2500 Morgen Landes bekommen und dieſes Landgebiet ſollte abgemeſ— ſen werden einer Seits von Lemptenburg gegen die Lipze zu am Ufer hin und anderer Seits gegen Natangen zu, fo weit bis naͤchſt an Ermland ſelbſt die Morgen-Zahl vollzaͤhlig werde. Eine ſolche Meſſung aber iſt nach den jetzigen Localverhaͤltniſſen der Gegend auf feſtem Lande durchaus gar nicht moͤglich. Wenn von Ermland aus gegen den Pregel zu Land gemeſſen werden ſoll, ſo kann der Unterſchied in den Richtungen contra Lipzam in litore in una parte und in altera parte contra Natangiam gar nicht Statt finden; es iſt jetzt nur die eine Richtung contra Natan- giam möglidy, da alles, was von Ermland aus gegen den Pregel gemeffen werden kann, das Gebiet von Natangen iſt und an eis nem Ufer hin gar nichts an feſtem Lande zu meſſen iſt, was nicht zu Natangen gehörte. — Das Reſultat iſt alfo: Wenn von Erm— land oder von Lemptenburg aus gegen den Pregel hin am Ufer Land hat gemeſſen werden konnen, welches nicht in der Richtung contra Nalangiam lag und alfo von dieſem verſchieden war, fo muß L) die Lipze oder der Pregel ihre oder feine Ausmuͤndung in das Haff weit mehr weſtlich, als jetzt, gehabt haben; es muß 2) zwi⸗ ſchen dieſer Muͤndung des Pregels und der jetzigen Kuͤſte von Ermland feſtes Land gelegen haben, welches nicht zu Natangen, ſondern mit zum Ermlande gehoͤrte, und es muß 3) dieſes Land vom Haff beſpuͤlt worden ſeyn, denn die Meſſung gegen den Pre⸗ gel hin ſoll in litore geſchehen. Welches Land kann nun dieſes zwiſchen Ermland, Natan⸗ gen und Samland liegende Beſitzthum der Luͤbecker geweſen feyn? Wir glauben behaupten zu dürfen, daß es das von den Luͤbeckern angeſprochene und in der Urkunde zwiſchen Samland und Erm—

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682 Das untergegangene Witland. land genannte Witland war. Wir haben zu dieſer Behauptung folgende Gruͤnde. Erſtlich gab es um dieſe Zeit noch wirklich ein Land, welches ſich durch ſeinen Namen Witland von Samland, Natangen und Ermland unterſchied. Das bezeugt die Urkunde ſelbſt. Wo koͤnnte aber anderwaͤrts ein ſolches Land, welches zu keiner der drei genannten Landſchaften gehoͤrte, gelegen haben, als zwiſchen dieſen Landſchaften, da wo jetzt die Gewaͤſſer des Friſchen Haffes ſind? — Zweitens muß das Witland an Samland ge⸗ graͤnzt und namentlich muß die Suͤdkuͤſte des jetzigen Samlands einen Theil dieſes Witlandes gebildet haben; wenigſtens muß die Gegend um Lochſtaͤdt ein Theil von Witland geweſen ſeyn. Dieſe Gegend naͤmlich, ſo wie die nachmalige Burg Lochſtaͤdt hießen in fruͤherer Zeit Witlandsort, d. h. ſo viel als Witlands-Graͤnze. Unter dieſem Namen kommt die Burg bei Dusburg P. III. c. 107 und die Gegend mehrmals in Urkunden vor. Am klarſten ſpricht hieruͤber die Urkunde des Biſchofs Heinrich von Samland, bei Dreger p. 476 vgl. mit Acta Boruss. T. III. p. 146, worin dieſer dem Orden ſeinen Antheil von Witlandsort gegen eine an— derweitige Entſchaͤdigung abtritt, um es dem Orden möglich zu machen, dort zur Sicherheit der ein- und auslaufenden Schiffe eine Feſtung anlegen zu koͤnnen. Zwei Theile beſaß der Orden ſchon an ſich und weil des Biſchofs Antheil zu klein war, um ſelbſt dort einen feſten Platz zur Sicherung der Schiffahrt erbauen zu koͤnnen, ſo uͤberließ er ſeinen Theil dem Orden. Bevor alſo die Burg Witlandsort oder das nachherige Lochſtaͤdt erbaut wurde, hieß die ganze dortige Gegend Witlandsort und klein kann das mit dieſem Namen bezeichnete Landgebiet auch wohl nicht gewe⸗ ſen ſeyn, da es in drei Theile hatte getheilt werden koͤnnen. — Wenn wir nun hier aber einen Ort finden, der Witlands Graͤnze bezeichnet, ſo muß nothwendig das Witland ganz in der Naͤhe gelegen haben. In Samland ſelbſt kann ein ſolches Land unter dieſem Namen nicht vorhanden geweſen ſeyn. Wir kennen dieſe Landſchaft zu genau. Es muß folglich an der jetzigen Suͤdkuͤſte von Samland und zwar da geſucht werden, wo jetzt zwiſchen der Gegend von Lochſtaͤdt und Brandenburg das Friſche Haff iſt. Bis an Witlandsort ſelbſt aber kann jedoch ſchon um das Jahr 1246 nicht mehr alles feſtes Land geweſen ſeyn, denn in der Urkunde von dieſem Jahre erhalten die Luͤbecker auch die Erlaubniß, in dem Gewaͤſſer bis Witlandsort Fiſcherei treiben zu dürfen: »ip- sis eliam civibus usque Widlandesort piscari licebit. Sonach kann die Uferlinie des feſten Landes damals nicht bis an die nach⸗ malige Ordensburg Lochſtaͤdt gegangen ſeyn. Welche Richtung ſie aber genommen habe, kann bei den dortigen bedeutenden Ver⸗ aͤnderungen urkundlich nicht mehr nachgewieſen werden. Die

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Das untergegangene Witland. 683 Bucht bei Lochſtaͤdt war damals wohl wenigſtens zum Theil ſchon vorhanden, denn dort liefen ja ſchon die Schiffe aus und ein, fuͤr deren Sicherheit der Orden ſorgen wollte. In der Form aber und Ausdehnung mag ſie ſich ſeitdem bedeutend veraͤndert haben. Von großer Wichtigkeit für das einſtmalige Daſeyn eines ſolchen Landes zwiſchen Samland, Natangen und Ermland iſt ferner auch noch eine Urkunde des Vice-Landmeiſters Gerhard von Hirzberg vom Jahre 1258, die eine Ausmeſſung und Thei— lung zwiſchen dem Gebiete des Ordens und des Biſchofs von Samland enthaͤlt. Zu den Landgebieten, welche bis zu dieſem Jahre zwiſchen beiden noch ungetheilt geblieben waren und deren Vermeſſung jetzt vorgenommen wurde, gehoͤrten namentlich auch die Nehring und das Gebiet von Witlandsort. Die Reſultate, welche aus dieſer Urkunde für unſeren Zweck gewonnen find, er— geben deutlich, daß erſtlich der Ort Velowe, wahrſcheinlich Pillau, damals noch als mit zur Nehring gehoͤrig gerechnet wurde, in— dem das Tief zu dieſer Zeit noch zu Witlandsort oder Lochſtaͤdt war; daß zweitens die damalige Nehring um Pillau von weit bedeutenderem Umfange geweſen ſeyn muß, als die Umgebung bei Pillau heut zu Tage noch iſt, wodurch ſich Piſanski's Bemer— kung ſelbſt urkundlich beſtaͤtigt, daß die Nehring im Laufe der Zeit bedeutend ſchmaͤler geworden iſt; daß alſo drittens auch hier feſtes Land, welches mit zu Samland gerechnet wurde, durch die See, durch die Gewaͤſſer des Friſchen Haffes und durch die An— fluth des Meerſandes untergegangen iſt. Es leuchtet viertens aus dieſer Urkunde auch ein, daß ſuͤdlich vom Ufer des Haffes, an welchem Witlandsort lag, nach Balga hin noch feſtes Land vor handen geweſen ſeyn muß, denn von Balga aus wird eine Land— meſſung gegen Witlandsort vorgenommen, da wo jetzt nichts als das Gewaͤſſer des Haffes iſt. Wir erſehen fuͤnftens, daß in der Richtung von Balga und Pillau die entgegenſtrebenden Wirkun⸗ gen und Kraͤfte der Gewaͤſſer des Haffes und des Pregel-Stro⸗ mes hie und da ſchon das Land durchbrochen und Inſeln gebildet hatten und daß eine ſolche von nicht geringem Umfange an der Muͤndung des Pregels in der erwaͤhnten Richtung gelegen habe. Und eine andere Urkunde aus dem naͤmlichen Jahre beſtaͤtiget die Erſcheinung, daß der Pregel dort noch fortwaͤhrend Inſeln bildete und ſein Flußbette veraͤnderte und erweiterte, indem er immer mehr feſtes Land an feinen Ufern losriß. Dieſes alles aber Lies fert uns zugleich auch den Beweis, daß damals ſchon das feſte Land jener Gegenden vielfach zerriſſen und ſeinem Untergange ſchon nach und nach entgegengebracht wurde. Endlich ſechstens werden wir durch die erwaͤhnte Urkunde auch belehrt, daß die in dieſer Richtung befindlichen Inſeln und das dortige feſte Land im

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684 Das untergegangene Witland. Jahre 1258 noch bewohnt und mit Doͤrfern beſetzt waren. Die Urkunde nennt ſie uns ausdruͤcklich, mehre als auf der erwaͤhnten größeren Inſel liegend, als Caymen, Leythen, Bonowe, Lynthowe, Sunegowe u. a. Es iſt merkwuͤrdig, daß wir die Namen dieſer Dörfer nachmals zum Theil auf dem feſten Lande in Natangen und Samland wieder finden, wie Balga, Caymen, Lehden, Bo: nau u. a. und es waͤre wohl moͤglich, daß ſich die Bewohner je— ner Orte beim drohenden Untergange der Inſeln auf das feſte Land gefluͤchtet und da ihre Wohnungen unter demſelben Namen wieder aufgerichtet hätten. Es dürfte ſich endlich aus dieſer Ur— kunde die Vermuthung begruͤnden laſſen, daß die von ihr auf je— ner größeren Inſel erwähnte Stadt (civitas) keine andere gewe⸗ fen ſey, als die im Jahre 1246 beabſichtigte Seeſtadt der Luͤbe— cker, die demnach im Jahre 1258 in ihrer jungen Bluͤthe wirk— lich vorhanden geweſen, nachmals aber mit dem Lande ſelbſt wie— der verſchwunden waͤre. Doch hievon das Naͤhere an einem an— dern Orte. So weit kann der Beweis uͤber das einſtige Daſeyn Mit: lands an der Suͤdſeite von Samland aus Urkunden gefuͤhrt wer— den. Es moͤgen hier nun noch einige Bemerkungen ſtehen, die mein verſtorbener College, Profeſſor Wrede uͤber dieſen Gegen— ſtand mir mittheilte. 1) Der mit Waſſer bedeckte Raum zwiſchen Kablholz und Camſtigal iſt ungefaͤhr 1900 Ruthen und das uͤber neun Fuß tiefe Becken an dieſer Stelle beilaͤufig 1100 Nuthen breit. Daß dieſes nicht die uralte, unveraͤnderte Ausmuͤndung des Ge— waͤſſers zwiſchen Brandenburg, Fiſchhauſen und Peyſe geweſen ſey, dafür ſpricht nicht nur das aͤlteſte Tief bei Lochſtaͤdt, ſondern auch die uͤbereinſtimmende Höhe des Balgaiſchen und Camſtigal— ſchen Vorſprungs. Ihre gegenwaͤrtige weite Trennung iſt nichts anderes, als ein allmaͤhliger Erfolg theils der Eisgaͤnge, theils der Wellenſchlaͤge, theils der Sturmfluthen. Bei dieſen letztern wird das Waſſer oft 8 bis 10 Fuß aufgeſtauet und dedeckt das Pregel— thal faſt bis Tapiau hinauf mit einem See. Laſſen die Sturm— winde nach, fo hat dann das abſtroͤmende Waſſer ſtatt der ges wohnlichen Geſchwindigkeit von 3 bis 4 Zoll eine von 3 Fuß und iſt nun vollkommen im Stande, Uferbruͤche zu veranlaſſen. Denken wir uns dieſe geſammte Waſſerkraft von jeher wirkſam, fo laͤßt ſich leicht begreifen, welche Zerſtoͤrung fie in einem Zeit⸗ raum von mehren Jahrhunderten anrichten konnte. 2) Wenn man ſich bei Vermutzungen über dieſen Gegen— ſtand durch den Anblick der Charte und das Geſetz der Stroͤme leiten laßt, fo ging das Pregelbette ehemals vom Littaus-Sand⸗ riffe ungefahr 3500 Ruthen ſuͤdweſtlich fort, beugte ſich dann ge⸗

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Das untergegangene Witland. 685 gen Norden, ſo daß es zwiſchen dem Peyſeſchen und Camſti⸗ galſchen Haken durchgehend bei Lochſtaͤdt oder Witlandsort aus⸗ muͤndete. Die Balgaiſche und Camſtigalſche Hoͤhe hingen als Waſſer-Scheide zwiſchen dem Pregel- und Weichſel-Thale zu⸗ ſammen und das letztere oͤffnete ſich entweder bei Pillau oder weſtlicher. Mit der Zeit nagten die einander entgegenkommen— den Stromfluthen des Pregels und der Weichſel die Waſſer⸗ Scheide weg, erweiterten ſich beide zu ſtagnirenden Gewaͤſſern und nun erſt erfolgte die Vereinigung, deren Henneberger Landtaf. S. 43 gedenkt. Dieſes iſt die einfachſte und hydrau⸗ liſch gerechte Vorſtellung, wie die beiden jetzt zwiſchen Camſtigal und Kahlholz ſich beruͤhrenden Eintiefen in uralter Zeit durch Waſſerkraft entſtanden ſeyn koͤnnen. Gab es in dieſer Graͤnzlinie ſelbſt oder in ihrer Nähe ſpaͤterhin Inſeln, fo konnen dieſe hier, wo an keine vulkaniſche Wirkungen zu denken iſt, bloß durch das Zerreißen des ehemaligen Zuſammenhanges entſtanden ſeyn. 3) Dazu kommt noch die bedeutende Antiefe des aͤußerſten oſtlichen Theiles vom Friſchen Haff zwiſchen dem Dempelkruge, Caporn und Haberſtrom, wo das tiefſte Fahrwaſſer nur 9 bis 10 Fuß hat. Dieß letztere wird uͤbrigens durch den noͤrdlichen Fortſatz des Dempelhakens der Brandenburger Haken genannt und durch das von Caporn her ihm entgegenkommende Littaus⸗ Sandriff dergeſtalt beengt, daß der ganze faſt 2000 Ruthen lange Raum unterhalb der jetzigen Pregel-Muͤndung nur als ein aus den engen Ufern ausgetretener Strom angeſehen werden kann. Es gab alſo, nach der oͤrtlichen Beſchaffenheit des Trocke⸗ nen und Naſſen in dieſer Gegend zu urtheilen, eine Zeit, in wel— cher das jetzt auf beiden Seiten des Pregels drei, hoͤchſtens vier Fuß tief eingetauchte Vorland aus dem Waſſer hervorragte. Ge— hen wir von da weiter in die Vorzeit zuruͤck, warum ſollte nicht auch der Raum zwiſchen Patersort, Peyſe und Caporn, ferner warum nicht auch der Raum zwiſchen dem Kahlholziſchen, Cam— ſtigalſchen Haken und Fiſchhauſen eine allmaͤhlig vom Waſſer ausgewaſchene Gruft ſeyn, da alle einander gegenuͤber liegenden Untiefen unleugbar darauf hindeuten?

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Beilage NI Ueber die altpreuſſiſche Fahnen-Inſchrift. Die beiden aͤlteſten Quellen, aus denen wir dieſe Fahnen-In⸗ ſchrift kennen lernen, ſind die Chronik des Moͤnchs Simon Gru⸗ nau und die des Lucas David, jene im Tr. II. c. 4., dieſe im B. I. S. 40. Da beide der Zeit ſchon ſehr entfernt lebten, in welcher dieſe Inſchrift auf der Kriegsfahne der heidniſchen Preuſſen ge⸗ ſtanden haben ſoll und keiner von ihnen uͤber ſie als Augenzeuge ſchreibt, ſo iſt die erſte Frage, die dem kritiſchen Forſcher entgegen treten muß, wohl die: Aus welcher Älteren Quelle haben die ge⸗ nannten Chroniſten ihre Nachricht ſowohl uͤber die Kriegsfahne ſelbſt, als uͤber die darauf befindlich geweſene Inſchrift entnom⸗ men? Da dieſe Frage uns Aufſchluß über die Autenticitaͤt der Inſchrift uͤberhaupt geben muß, ſo darf weiter auf ihre Wichtig⸗ keit nicht aufmerkſam gemacht werden. Weil Lucas David ſpaͤter ſchrieb als Simon Grunau, fo ſetzt jene Frage zuerſt eine andere voraus, nämlich die: Benutzte Lucas David bei ſeiner Nachricht uͤber dieſe Inſchrift eine ge⸗ meinſchaftliche Ältere Quelle mit Simon Grunau? oder entnahm er dieſe ſeine Nachricht aus dem letztern? — Beide ſetzen ihren Bericht uͤber dieſe Kriegsfahne in verſchiedenartigen Zuſammen⸗ hang mit andern Begebenheiten. Lucas David bringt ihn in Verbindung mit ſeiner Erzaͤhlung uͤber die Art, wie ſich die aͤlte⸗ ſten Bewohner Preuſſens, die Ulmigerier auf Anrath der Scan⸗ dianer von der Zinspflichtigkeit der Maſovier wieder frei gemacht, ſich im Kriege geuͤbt und auch ein beſonderes Kriegspanier ge⸗ braucht haͤtten. Simon Grunau dagegen ſchließt die Nachricht uͤber dieſe Kriegsfahne ſeiner Erzaͤhlung uͤber die Landestheilung unter Widewuds Söhne an, indem er zuletzt des Chelmo und ſei⸗ nes Abfalls von den Goͤttern zu Romowe erwaͤhnt und daher die nachmalige Verwuͤſtung des Kulmerlandes ableitet. Da fuͤgt nun

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Die altpreuffifhe Fahnen-Inſchrift. 687 der Chroniſt eigentlich ohne rechten Zuſammenhang mit einem⸗ male ſeine Nachricht uͤber die Fahne und deren Inſchrift bei und ſchließt damit ein Capitel. Offenbar ſteht fie hier an einem fehr unpaſſenden Orte, waͤhrend ſie bei Lucas David weit beſſer im Zuſammenhang erſcheint. Schon dieſer Umſtand koͤnnte uns zu der Vermuthung fuͤh⸗ ren, daß beide Chroniſten ihren Bericht nicht aus einer gemein⸗ ſchaftlichen Quelle, die älter war als beide, genommen haben koͤnnen. Dieſe Vermuthung aber bewaͤhrt ſich, wenn wir den Bericht beider Chroniſten etwas naͤher betrachten. Simon Gru⸗ nau's Worte ſind folgende: „Das Bannir war ein weiß tuch, Welen langk, III elen breit „und hett in ſich gewurcht III bilde der geſtalt, wie Mennir, „blo waren ire Cleider und woren Bruſtbilder in ſolcher Kor: „men ꝛc. (Nun folgt die Beſchreibung der drei Hauptgoͤtter, „wie ſie Lucas David kurz vorher B. J. S. 32 — 33 gegeben „hat). Suſt abir, wu es ein ſchilt war, waren ſtetis II weiſe „Pferde, die in bilden zwiſchen In, auff dem ſchilde war ein „Bruſtbilde wie ein menſch und ein angeſicht wie ein Beer „mit offenem munde, So waren im ſchilde und im Bannir „buchſtaben und ſchriffte unß unbekant, nach ſolcher form und „weiſe, wie hie undene iſt gemerkt und geſehen.“ (Nun folgen „die Zeichen.) Die Beſchreibung des Lucas David lautet ſo: „Darumb fie dann in uͤbung Irer Kriegs Ruͤſtung brauchten in „einem Banier ein weiß Tuch fuͤnff elen lang und drey breidt, „darin hetten ſie gewirckett drey Bruſtbilde der geſtalt wie dro— „ben Ire drey Götte, fo in die groſſe eiche geſatzt waren, be⸗ „ſchrieben fein. Doch alſo das dieſelben drey menner blaw „waren, als were Ire Kleidung blauer farben, der geſtalt, wie „du die allhie abgemahlet findeſt. Sonſten aber, wo es ein „ſchildt war, waren allwege zwei weiſſe Pferde gemacht, die In „hielten zwiſchen ſich. Auff dem Schilde aber war ein Bruſt⸗ „bilde wie ein Menſch, und ein angeſicht wie eines Berenß „mit offnem munde. So waren im ſchilde und auch im „Banier Buchſtaben und ſchrieffte unß unbekandt nach ſolcher 11 ig weiſe wie hernach iſt gemerckt und hierunden zu ehen. “ Aus der Vergleichung dieſer beiden Stellen geht wohl aufs deutlichſte hervor, daß hier ein Chroniſt den andern, daß nament⸗ lich Lucas David den aͤltern Simon Grunau ausgeſchrieben hat. Hätten beide eine ältere Quelle, die in dieſer Sache wohl keine andere, als die Chronik des Biſchofs Chriſtian haͤtte ſeyn koͤnnen, vor ſich gehabt, ſo wuͤrden offenbar bei dem beiderſeitigen Ueber⸗

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688 Die altpreuffifhe Fahnen-Inſchrift. ſetzen des Lateiniſchen ins Deutſche größere Abweichungen Statt gefunden haben. Hier aber hat offenbar Lucas David den Si⸗ mon Grunau Wort für Wort nur abgeſchrieben und nur die Bes ſchreibung der Goͤtterbilder, die er ſchon früher gegeben, weggelaſ⸗ ſen. Dieß beſtaͤtigt ſich dadurch noch, daß Lucas David auch die Erzaͤhlung von Chelmo's Abfall von feinen vaͤterlichen Goͤt⸗ tern, bei welcher im Simon Grunau die Erzaͤhlung von der Kriegs⸗ fahne angeſchloſſen iſt, ebenfalls faſt Wort fuͤr Wort aus Simon Grunau in ſeine Chronik aufgenommen hat. Wenn wir demnach nach der Autenticität der Fahnen⸗Inſchrift fragen, fo kann hier die Glaubwuͤrdigkeit des Lucas David durchaus keine Entſcheidung geben, da er alles dem Simon Grunau, auf Treue und Glauben nachgeſchrieben hat. Die Autenticität der Inſchrift beruht folglich ganz allein auf dem Chroniſten Simon Grunau und es entſteht hiermit die Frage: Aus welcher Quelle hat dieſer Chroniſt ſeine Nachricht uͤber die Fahne und deren Inſchrift entnommen? Von groͤßtem Gewichte wuͤrde es uns ſeyn, wenn ſich ermitteln ließe, daß er ſeinen Bericht aus der ihm noch vorliegenden Chronik des Biſchofs Chriſtian entlehnt habe; denn zu Chriſtians Zeit konnte eine ſolche Fahne wohl noch vorhanden geweſen ſeyn, er konnte fie ſelbſt noch geſehen und die Schriftzuͤge in feine Be⸗ ſchreibung des alten heidniſchen Preuſſenvolkes aufgenommen ha⸗ ben. Allein es laſſen ſich gegen dieſe Annahme ſehr erhebliche Zweifel aufſtellen. Wir wiſſen ganz ſicher, daß auch Lucas Da⸗ vid die Chronik des Biſchofs Chriſtian noch zur Hand hatte und vieles aus ihr in die ſeinige aufnahm. Wenn nun aber in Chri⸗ ſtians Chronik auch jene Beſchreibung der Fahne mit ihrer In⸗ ſchrift enthalten geweſen waͤre, was haͤtte wohl den Lucas David bewegen koͤnnen, ſeine aͤltere, weit glaubwuͤrdigere Quelle ohne weiteres auf die Seite zu legen und den ſpaͤten Moͤnch Simon Grunau auszuſchreiben? Ein trifftiger Grund hiezu laͤßt ſich durchaus nicht auffinden; vielmehr wuͤrde hier Lucas David ein Verfahren beobachtet haben, welches mit ſeiner ſonſtigen geſchicht⸗ lichen Compoſition gar nicht uͤbereinſtimmt. Hätte ihm Chri⸗ ſtians Chronik die erwuͤnſchte Nachricht gegeben, er würde fie fi: cherlich aus dieſem ſelbſt benutzt und uns deſſen Darſtellung der Sache überliefert haben. — Ein anderer Zweifel erhebt ſich da⸗ durch, daß Simon Grunau und Lucas David die Nachricht uͤber die Fahne in ganz verſchiedenem Zuſammenhange geben. Haͤtte Chriſtians Chronik beiden in dieſer Sache als Quelle vorgelegen, ſo wuͤrden doch hoͤchſt wahrſcheinlich auch beide die Beſchreibung in dem Zuſammenhange wieder gegeben haben, in welchem ſie ſie in ihrer gemeinſchaftlichen Quelle fanden. Allein wir ſehen im

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Die altpreuſſiſche Fahnen-Inſchrift. 689 Lucas David offenbar, daß er die im Simon Grunau ganz ohne Zuſammenhang und gleichſam wie nur hingeworfene Erzaͤhlung abſichtlich mit einem paſſenden Ereigniſſe in Verbindung zu brin⸗ gen geſucht hat, indem er ſie ſo abgeriſſen, wie er ſie bei Simon Grunau fand, nicht wieder hinſtellen wollte. — Es ſcheint alſo ausgemacht, daß Simon Grunau ſeine Nachricht uͤber die Fahne nicht aus Chriſtians Chronik entnommen und dieſe uͤberhaupt nichts uͤber dieſe Sache enthalten habe. Aber woher hatte denn nun dieſer Chroniſt ſeinen Bericht ſonſt? Dieſe Frage iſt durch⸗ aus nicht zu beantworten. Von einer alten, nur ihm allein ei- genen und nicht auch dem Lucas David zugänglichen Quelle wif: ſen wir nichts, denn eine ſolche Quelle muͤßte es wohl offenbar geweſen ſeyn, aus welcher Simon Grunau ſchöpfte; ſie muͤßte dem Lucas David gar nicht zur Hand geweſen ſeyn oder beide muͤßten aus irgend einer ganz unbekannten Quelle woͤrtlich ihre Beſchreibung entlehnt haben. Ehe wir nun aber aus dem Geſagten eine Folgerung ziehen, wollen wir zuvor die verſchiedenen Verſuche, die man bisher zur Aufhellung und Erklärung der Inſchrift gemacht hat, etwas näher beleuchten. — Unter die erſten, welche nach Lucas David uͤber die Inſchrift ſprechen, gehört Praͤtorius in ſ. Schaubuͤhne B. XVI. Cap. 4. §. 5 — 7. Er kannte die Charaktere aus Simon Grunau und meinte, ſie ſeyen den Ruſſiſchen Buchſtaben aͤhnlich und es koͤnnten leicht die Preuſſen, wie die Litthauer und Samai⸗ ten, ihre Buchſtabenſchrift von den nachbarlichen Ruſſen entlehnt haben. Doch fügt er ſogleich die Vermuthung hinzu: Es koͤnne wohl auch der Preuſſiſche Griwe eine eigene Schrift zur Aufmer⸗ kung feiner Geheimniſſe erfunden haben. Dann zweifelt er auch an der Richtigkeit der Schriftzuͤge, indem er Brettchens Meinung anfuͤhrt, daß man in verſchiedenen Exemplaren auch etwas andere Züge gefunden habe, die den Ruſſiſchen Buchſtaben näher Eämen, wie denn auch Roſenzweig die Schrift fuͤr Ruſſiſche halte. Auf eine Erklärung der Schrift laͤßt ſich Praͤtorius uͤbrigens nicht ein. Nach Praͤtorius erregte die Inſchrift auch des gelehrten und ſcharfſinnigen Bayers Aufmerkſamkeit. Er theilte die Charak⸗ tere in einer doppelten Abſchrift aus Simon Grunau und Lucas David in einer kleinen Abhandlung im 2ten Bande der Com- ment, Academ. Soc. I. Petrop. p. 470 mit, aus welcher fie dann in feine Opuscula von Klotz p. 371 aufgenommen wurde. In der Abhandlung aber ſtellt Bayer mehre Vermuthungen auf, die durchaus alles Beweiſes ermangeln. So ſpricht er gleich im Anfange die Behauptung aus, daß Simon Grunau und Lucas David die Inſchrift aus der Chronik des Biſchofs Chriſtian ent⸗ nommen haben. Wir haben gegen dieſe Annahme aber ſchon I. 44

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690 Die altpreuſſiſche Fahnen-Inſchrift. Zweifel aufgeſtellt, die ſich ſchwerlich leicht heben laſſen. Schon zu Bayers Zeit herrſchte eine doppelte Meinung uͤber die Schrift; nach der einen ſollte das Ganze eine bloße Erdichtung, nach der andern ſollten die Züge Runen fern. Beide Meinungen ſucht Bayer zu widerlegen und ſtellt endlich die Behauptung hin, die Schriftzuͤge ſeyen Iberiſch. Auf eine Entzifferung derſelben läßt er ſich indeſſen weiter nicht ein und bringt uns alſo in der Sache auch nicht weiter vorwaͤrts. Man gab nun lange Zeit alle Hoffnung zur Erklaͤrung auf, bis funfzig Jahre nachher Thunmann in Halle in ſeinen „Un⸗ terſuchungen über die alte Geſchichte einiger noroiſchen Voͤlker“ die Sache wieder aufgriff. Auch er ſetzte die unerweisliche Behaup— tung voraus, daß die Inſchrift in der Chronik des Biſchofs Chri— ſtian geſtanden habe und von den beiden erwaͤhnten Chroniſten daraus entlehnt worden ſey, S. 225. Die Meinung Bayers, daß die Schriftart Iberiſch fen, beſtreitet er und giebt durchaus keine Aehnlichkeit zwiſchen beiden Schriftgattungen zu; er behaup— tet dagegen, „daß die Buchſtaben in der Preuſſiſchen Aufſchrift im Grunde einerlei mit den Celtiſchen und nur in Kleinigkeiten von ihnen verſchieden ſeyen.“ Hierauf ſucht er auch in einigen Saͤtzen zu zeigen, wie dieſe Schrift durch die Gothen nach Preuſ⸗ ſen gekommen ſey. Zugleich iſt Thunmann der erſte, der eine Erklaͤrung der Schrift gab und zwar ſie ſo las: Dew korg sup) K s pustitiais ystuk ssus oder nach der heutigen Ausſprache: Diew korg supyk su pustitoieis uztik szus Ueberſetzt: Gott Korche! zuͤrne mit den Verheerern, thue ihnen Boͤſes (oder, ſchlage ſie)! Dieſe Erklaͤrung ſucht dann Thunmann zuerſt durch Erlaͤu— terungen und Vergleichungen der Schriftzeichen und dann auch durch ſprachliche Bemerkungen zu rechtfertigen. Gegen dieſe Erklaͤrung erhob indeſſen Hennig in ſeiner Ausgabe des Lucas David B. J. S. 41 und B. III. Vorr. p. V. einige bedenkliche Zweifel. Denn 1) ſagt er, ſeyen die herausge⸗ brachten Worte mehr Lettiſch als Altpreuſſiſch, welches ungleich mehr Gothiſche Woͤrter in ſich enthalte, als das eigentliche Let⸗ tiſche und Litthauiſche; und 2) ſey die Verehrung des Kurcho oder Korcho, als eines Kriegsgottes bei den Preuſſen, noch immer nicht fuͤr gewiß anzunehmen. Hennig meint dagegen, daß, wenn die Preuſſen wirklich eine Schrift gehabt haͤtten, es die Runen⸗ ſchrift geweſen ſey, indem auch viele von den Zeichen der In⸗ ſchrift den Runen aͤhnlich ſeyen. Dabei wirft er die Vermuthung auf, wenn Korcho der h. Georg fen, fo möge die den Preuſ⸗

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Die altpreuſſiſche Fahnen-Inſchrift. 691 ſen von den Rittern abgenommene Fahne mit dieſer Inſchrift eine von den Maſuren oder Ruſſen eroberte und die Inſchrift Slavoniſch geweſen ſeyn, denn mehre der Schriftzeichen ſeyen auf den Siegeln ver Polniſchen und Ruſſiſchen Fuͤrſten wieder zu finden, die im Ordens Archiv zu Koͤnigsberg lägen. So ſchwankte auch Hennig hin und her; ſeine Hypotheſe vom heil. Georg iſt nichts weiter, als ein Griff ins Blaue und ſelbſt ſeine Annahme, daß die Fahne den Preuſſen von den Rittern abgenommen und daß ſie von den Ruſſen erobert worden ſey, iſt voͤllig uner⸗ weislich. In der neueſten Zeit hat Grimm in ſeiner Schrift uͤber deutſche Runen auch einige Worte uͤber dieſe Inſchrift geſagt. Wir fuͤhren ſeine eigenen Worte aus dieſer Schrift S. 325 an: „Dieſe Schrift hat nicht nur im Ganzen viel aͤhnliches mit der „gothiſchen und runiſchen, ſondern ſehr merkwuͤrdiger Weiſe fin⸗ „den ſich darin in voͤlliger Uebereinſtimmung die hier vor allen „wichtigen gothiſchen und runiſchen Buchſtaben ur und öthil, „jener iſt der Ste (bei Thunmann), dieſer der 15te der Inſchrift. „Der ötbilrune gegenuͤber iſt auch das einfache und runde 0 „der ste Buchſtab) vorhanden. Selbſt das Th (Buchſt. 19 und „26) hat in feiner Geſtalt Aehnlichkeit mit dem gothiſchen. Es „ beſtaͤtigt ſich dadurch aufs neue die Unabhaͤngigkeit des gothi⸗ „ſchen Alphabets von dem griechiſchen, fo wie die nähere Ver⸗ „wandtſchaft der Gothen mit den Völkern, die uͤber ihnen nach „Norden zu ihre Sitze hatten, woher ſie ja ſelbſt nach alter Sage „ ſuͤdlich ſollen herabgezogen ſeyn.“ Auf eine Erklaͤrung der Schriftzuͤge ging Grimm nicht weiter ein, vielleicht weil dieſe ſei⸗ nem Zwecke zu fern lag. So weit haben nun bisher alle Bemuͤhungen uͤber die Er⸗ mittelung der Schriftart und Über ihre Erklaͤrung geführt. Da Thunmanns und Grimms Unterſuchungen wenigſtens einigerma⸗ ßen ein Reſultat gegeben zu haben ſcheinen, fo wird es noͤthig ſeyn, hieruͤber noch ein Wort zu ſagen. Thunmanns Erklaͤrung, wenn ſie irgend ſprachlich richtig iſt (woruͤber gelehrte Sprach⸗ kenner entſcheiden muͤßten) giebt einen Sinn, der fuͤr die Sache im Ganzen wohl paßt. Der Einwurf Hennigs, daß der Gott Kurcho bei den Preuſſen nicht als Kriegsgott angeſehen wurde, ſcheint von keiner großen Wichtigkeit, denn es ließe ſich wohl ſa⸗ gen: Kurcho, der Nahrungsſpender, der Erndtenpfleger, der Gott der Saaten, konnte wohl allerdings als Raͤcher gegen die Erndten und Saaten vernichtenden Feinde angerufen und gleichſam aufgefordert werden; nicht alſo als Gott des Krieges, ſondern als ſtrafende und raͤchende Gottheit überhaupt. Auch der zweite Einwurf Hennigs gegen Thunmanns Ertiäcung ver⸗ 44

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692 Die altpreuffifhe Fahnen-Inſchrift. liert wohl etwas von ſeiner Wichtigkeit, wenn man bedenkt, daß die Worte, welche Thunmann entziffert, nach ſeiner Meinung dem 13ten Jahrhunderte angehörten, während das Altpreuſſiſche, wo: mit es Hennig verglich (naͤmlich mit dem im Preuſſiſchen Katechis⸗ mus) der Mitte des 16ten Jahrhunderts zufällt: alſo ein Zeitz raum dazwiſchen liegt, in welchem die Sprache allerdings beſon⸗ ders bei ſolchen Schickſalen eines Volkes außerordentliche Veraͤn⸗ derungen erleiden konnte. Sonach erſcheinen alſo dieſe Einwuͤrfe gerade nicht als die wichtigſten. Von weit groͤßerem Belange iſt wohl folgendes, was Thunmanns Erklaͤrung entgegengeſetzt wer⸗ den kann und dieſelbe faſt ganz wieder vernichtet. Thun⸗ mann hat nach Schriftzeichen erklaͤrt, die durchaus nicht aͤcht, vielmehr willkuͤhrlich und, wie es ſcheint, hie und da ſogar abſicht— lich veraͤndert und umgeſtaltet ſind. Vgl. Hennigs Vorrede zu Lucas David B. III. p. X. Er geſteht S. 235 ſelbſt, daß er den Schriftzeichen des Lucas David habe folgen wollen, weil es ihm ſcheine, daß dieſer den Simon Grunau, wo er irrt, habe verbeſ— ſern wollen. Abgeſehen von dieſer unerweislichen Vorausſetzung hat aber Thunmann nicht einmal Wort gehalten und ſich hie und da in den Schriftzeichen Veraͤnderungen erlaubt. Die Verglei— chung ergiebt, daß die Zeichen 2. 3. 4. 7. 8. 9. 15. 16. 18. 20. 22. 24. 26. 27. 29. 30. alſo von 31 Zeichen 16 bald mehr bald weniger von Thunmann verändert worden find. Eben fo wenig ſtimmen Thunmanns Zeichen mit den Original-Schrift⸗ zuͤgen des Simon Grunau uͤberein; man findet veraͤndert die Zeichen: 4. 7. 8. 9. 11. 15. 16. 18. 20. 21. 22. 24. 27. 30,, alſo hier von 31 Zeichen 14. Dazu find nicht gerechnet die Ver⸗ änderungen, die Thunmann in der Punctation der Schrift vor— genommen hat, indem nach Simon Grunau und Lucas David das Ate Zeichen noch zu den drei erſten gehört und das Punct erſt nach ſich hat: eben ſo beim Sten Zeichen, welches nach beiden Chroniſten zu den Zeichen 5. 6. 7. gehoͤrt und ebenfalls das Punct erſt nach ſich hat; desgleichen beim Zeichen 14, welches durch ein Punct vom Zeichen 15 getrennt iſt; eben fo beim Zei: chen 18, welches ein Punct vom Zeichen 19 trennt; ſo nimmt Thunmann das Zeichen 24 mit zu 25. 26. 27. 28, obgleich es Komme David und Simon Grunau noch zu den Zeichen 19. 20. 21. 22. 23. hinzurechnen. Ben man nun dieſe Zahl von willkuͤhrlichen Veränderun: gen uͤberblickt, ſo beantwortet ſich die Frage: was von Thun⸗ manns Erklaͤrung der alten Inſchrift zu halten ſey? ſchon von ſelbſt ſehr leicht. Sie iſt offenbar ein auf Willkuͤhrlichkeiten beru⸗ hender, verungluͤckter Verſuch, dem die erſte Regel hiſtoriſcher Treue und Wahrheit abgeht, und der ſomit auch in ſein Nichts zu⸗

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Die altpreuffifhe Fahnen-Inſchrift. 693 ruͤckfält. — Auch Bayerd Abdruck der Schriftzeichen iſt nichts weniger als treu. Daß er, wie Hennig bei Lucas David S. 40 vermuthet, feine Abweichungen aus den Decrel, et epist. Inno- cent. IH. ex ed. Baluz. genommen haben könne, iſt nicht glaub: lich. Doch übergehen wir die Sache, da Bayer keine Erklaͤrung verſucht hat. Auch Grimms Unterſuchungen ſcheinen ein Reſultat gegeben zu haben. Dieſer ſcharfſinnige Gelehrte hat Gothiſche Schrift und Runen darin gefunden. Bei dem Zeichen 3 wollen wir dieß zugeben, obgleich das Zeichen weder bei Bayer, noch bei Thun⸗ mann ganz genau dem bei Simon Grunau und Lucas David entſpricht. Die Othilrune aber wuͤrde Grimm im Zeichen 15 wohl ſchwerlich gefunden haben, wenn er die Original-Zeichen im Lucas David und Simon Grunau vor ſich gehabt haͤtte, denn in beiden iſt das Zeichen anders. Das Zeichen 19, worin Grimm das Gothiſche TIL entdeckt, iſt ebenfalls etwas unſicher, da ſich im Simon Grunau eine Correctur befindet. Wenn alſo unter den 31 Zeichen ſich auch eins oder das andere befindet, welches einer Rune aͤhnlich ſaͤhe, fo iſt dadurch doch für das Ganze noch wenig gewonnen. Es waͤre zu wuͤnſchen geweſen, daß Grimm die Original⸗Zuͤge, nicht aber die veränderten Abdruͤcke bei Bayer und Thunmann vor Augen gehabt hätte. Man hat fi hie und da bei Unterſuchung dieſer Fahnen⸗ Inſchrift auf die Schriftzeichen gewiſſer Muͤnzen bezogen, die nach Schuͤtzens Bericht in ſ. Chronik p. 7. b. auf dem Hagelsberge bei Danzig gefunden worden ſeyn und aus der heidniſchen Zeit ſtammen ſollen. Bayer ſagt Opusc. 373: Caspar Schuzius quoque numos quosdam ex agro erutos in chronico produ- cit litteris non abborrentibus ab illarum forma. Ich habe zufällig ein Exemplar der Schuͤtziſchen Chronik in den Händen, in welchem dieſe (in den gedruckten Ausgaben nicht vorhandenen) Charaktere am Rande beigezeichnet ſind. Es ſind der Zeichen acht; allein ich finde darin durchaus keine Aehnlichkeit; kaum laͤßt ſich in dem einen dieſer Zeichen das Thunmanniſche Zeichen 29 ent⸗ decken. Vielmehr ſcheinen die Zeichen bei Schuͤtz große lateiniſche, vielleicht auf den Münzen nur noch unleſerlich vorhanden gewe⸗ ſene Buchſtaben geweſen zu ſeyn, ein C. I. K. (vielleicht Ec- clesie) iſt wenigſtens ganz deutlich zu leſen. Für die Erklaͤrung der Fahnen-Inſchrift tragen alſo dieſe Schriftzeichen durchaus gar nichts aus und Bayer, der ſie litterae non abhorrentes ab illarum forma nennt, kann wohl ſchwerlich eine recht aufmerk— ſame Vergleichung zwiſchen beiden angeſtellt haben. Sonach iſt alſo fuͤr die hiſtoriſch begruͤndete Erklaͤrung der Fahnen⸗Inſchrift eigentlich beinahe noch gar nichts gethan. —

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694 Die altpreuffifche Fahnen-Inſchrift. Wird aber denn auch jemals etwas dafür zu thun ſeyn? Mir ſcheint es, als habe man bisher die Hauptfrage noch bei weitem nicht genau beachtet, die allen Unterſuchungen uͤber dieſe dunkele Sache vorangehen muß, die wichtige Frage naͤmlich: Iſt denn wirklich die Schrift auch aͤcht? d. h. iſt ſie in der That jemals vorhanden geweſen? gab es jemals eine Sprache, die mit ſolchen Schriftzeichen geſchrieben wurde? Man hat ſchon fruͤherhin die Meinung gehegt, die Schrift⸗ zeichen ſeyen erdichtet. Bayer ſagt p 373: Nonnulli ab otiosis vonfictas esse opinati sunt: alii runas esse contenderunt. Er antwortet darauf: Utrique mihi compendium facere sunt vis. Nam quae quis non intelligit, ea, si somnia et nugas di- cat esse, in perpetuum se expedire videtur ab inquirenda veritate, ne tamen confiteatur se hominem esse et aliquid ignorare. Waͤre indeſſen Bayer etwas tiefer auf den Grund der Sache eingegangen, ſo wuͤrde er dieſe Meinung nicht ſo ſchnell auf die Seite geſchoben haben. Die Autenticitaͤt der Schriftzeichen iſt allerdings großen Zweifeln unterworfen, denn 1) Lucas Da⸗ vid gilt durchaus nicht fuͤr einen Zeugen ihrer Glaubwuͤrdigkeit; er hat, wie wir geſehen, einen fruͤhern Chroniſten auf blinden Glauben hier Wort fuͤr Wort bloß abgeſchrieben. Dieſer Chro— niſt iſt 2) Simon Grunau; er iſt eigentlich alſo die einzige Quelle für dieſe Inſchrift. Wo er fie hergenommen hat, ver- ſchweigt er. In Chriſtians Chronik kann ſie, wie wir oben zeig⸗ ten, ſchwerlich geſtanden haben. So bleibt denn Simon Gru⸗ nau der einzige Buͤrge fuͤr ſie. Dieſer Moͤnch aber iſt 3) die allerunſicherſte und kritikloſeſte Quelle der ganzen Preuſſiſchen Geſchichte. Es iſt erwieſen und theils von andern (ſ. Faber in den Beitraͤgen zur Kunde Pr. B. V. H. 6. S. 525), theils von mir (f. Jahrb. Johannes Lindenblatts S. 9) auch durch Beiſpiele dargethan, daß Simon Grunau ſich offenbare Unwahr⸗ heiten, Erdichtungen und ſelbſt erſonnene Maͤhrchen hat zu Schulden kommen laſſen, daß er Ereigniſſe erzaͤhlt, die niemals vorgefallen ſind, Namen von Perſonen nennt, die niemals exiſtirt haben, daß er uͤberhaupt das Wahre, was ſeine Chronik enthaͤlt, mit einem ſolchen Dunſt von luͤgenhaften Nachrichten und ers dichteten Erzaͤhlungen umhuͤllt, daß ſelbſt das Wahre kaum noch glaubhaft ſcheint. Dieſem faſelnden Moͤnche nun ſollen wir als der einzigen Quelle uͤber die Fahnen-Inſchrift ihre Autenticitaͤt aufs Wort glauben? Ihm, der Hunderte von Unwahrheiten in ſeine Chronik aufgenommen oder ſelbſt erſonnen hat, ſollen wir hierin gerade unbedingten Glauben ſchenken? Sind nicht deswe⸗ gen vielleicht alle Verſuche der Gelehrten, die Schriftgattung die⸗ der Inſchrift aufzufinden, verungluͤckt, weil es keine Schriftart iſt

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Die altpreuffifhe Fahnen-Inſchrift. 695 und das Ganze nur im Kopfe eines luͤgenhaften Moͤnchs feinen Urſprung erhalten hat? Sonach ſcheint alſo die alte Meinung, daß dieſe Schrift⸗ zuͤge erdichtet find, nicht fo verwerflich, als der gelehrte Bayer ſie ſchildert; wenigſtens wird jeder neuen Unterſuchung uͤber die Verwandtſchaft und den Urſprung dieſer Schriftzeichen und uͤber ihren Inhalt eine gruͤndliche Eroͤrterung uͤber ihre Autenticität vorangehen müffen, wenn nicht abermals alle Bemühungen ohne Nutzen und Erfolg ſeyn follen.

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Beilage NX. Ueber den Oberrichter und Oberprieſter Griwe. Es iſt in neuerer Zeit an der Exiſtenz des Oberrichters und Oberprieſters Griwe in Preuſſen nicht bloß ſtark gezweifelt wor— den, ſondern man hat ihn ein moͤnchiſches Phantom, eine hiſto— riſche Mißgeburt genannt, die als ſolche fernerhin keine Stelle mehr in der Geſchichte Preuſſens mit Ehren einnehmen duͤrfe. Lehrberg — ein Name, auf welchem wegen großer Verdienſte um die Geſchichte des Nordens hohe Achtung ruhet — war der Urheber dieſer Zweifel in einer Abhandlung: „Ueber den Criwe oder den nordiſchen Papſt.“ Das Hauptreſultat feiner Unter: ſuchung aber ſprach zuerſt Vater aus in einer Anmerkung ſeines Werkes: Sprache der alten Preuſſen, Vorrede S. 35. Nur dies ſes Reſultat war mir bekannt, nicht aber der Gang der bis jetzt noch ungedruckten Lehrbergiſchen Unterſuchung, nicht die Gruͤnde und Beweiſe, auf welche Lehrberg ſeine Zweifel an der Exiſtenz des Griwe und ſeine verlangte Verbannung dieſes „Phantoms“ aus dem Reiche der Geſchichte ſtuͤtzet. Bevor mir daher die Ab— handlung durch die guͤtige Mittheilung der Kurlaͤnd. Geſellſchaft für Literatur und Kunſt in die Hände kam, unterwarf ich die Sache einer eigenen kritiſchen Unterſuchung, die ich hier, wie ſie damals war, mittheile, um nachher eine Bemerkung in Bezie— hung auf die Lehrbergiſche Abhandlung anzuſchließen. Die Frage über die einſtmalige Exiſtenz des Oberrichters und Oberprieſters Griwe beruht vor allem auf der Ausſage des Ordens⸗Chroniſten Dusburg, welcher P. III. c. 5. von dem Gri⸗ we Folgendes ſagt: Fuit in medio nationis huius perversae, scilicet in Nadrovia locus quidam dictus Romow, trahens nomen suum a Roma, in quo habitabat quidam dictus Criwe, quem colebant pro Papa, quia sicut Dominus Papa regit uni- versalem ecclesiam fidelium, ita ad istius nutum seu manda- tum non solum gentes praedictae, sed et Lethowini et aliae na-

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Der Griwe. 697 tiones Livoniae terrae regebantur. Tantae fuit aucloritatis, quod non solum ipse vel aliquis de sanguine suo, verum et nuncius cum baculo suo vel alio signo noto transiens terminos infidelium praedietorum a ragibus et nobilibus et communi populo in magna reverentia haberetur. — Ehe wir dieſe Worte des Chroniſten naͤher betrachten, fuͤgen wir die Stelle bei, wie ſie ein ſpaͤterer Umarbeiter der Dusburgiſchen Chronik (Mſcr. im geheim. Archiv zu Koͤnigsberg) wiedergegeben hat. Sie heißt hier fo: In medio eorum fuit sita civitas Romowe dicta a roma, in qua habitabat eorum nobilior dietus Criwe, quem Pagani pro papa habebant, cui omnes non solum pruleni, sed et litwani et Livonienses, veluti cristiani pape, obediebant ei tantum venerabantur, quod eciam suos nuncios, qui eius bacu- lum aut signum aliquod porlabant ab eo missum, principes eciam et communis populus multo honore colebant et omnia precepta eius firmiter servabant. Wie jeder ſieht, herrſcht in dieſen beiden Stellen eine merkliche Verſchiedenheit, theils ſchon darin, daß in der letzteren die Angabe der Landſchaft, in welcher das heilige Romowe liegen ſollte, ganz weggelaſſen iſt, theils auch in der Bezeichung des Griwe durch die Worte „corum nobilior“ fo daß man faſt glauben möchte, der Text des Dusburg ſey nicht ganz richtig. Indeſſen ſtimmt mit ihm doch der alte Ueberſetzer Jeroſchin zu genau überein, nur mit der einzigen nicht ganz un⸗ bedeutenden Ausnahme, daß da, wo Dusburg bloß „ quidam dictus Criwe“ ſagt, Jeroſchin die Verſe hat: Wann da was wonende irkant Der obirſte Ewarte Nach heideniſcher Arte Criwe was genant ſin Nam. Vergleicht man nun dieſe drei Stellen mit einander, ſo iſt gewiß jedem befremdend, daß wir in der erſten, bei Dusburg ſelbſt den Griwe nur durch das nichtsſagende quidam, in der zweiten durch den Ausdruck nobilior und in der Ueberſetzung durch das Wort Ewarte bezeichnet finden. Entweder nun wußte Dusburg aus dem Griwe nichts zu machen und hatte uͤberhaupt nur im Allgemeinen etwas von ihm und ſeinem Gebieterſtabe vernommen, oder der Text iſt bei ihm nicht vollftändig und bei dem „quidam“ iſt irgend etwas ausgelaſſen. Wenn wir nach äußeren Aucto⸗ ritaͤten urtheilen duͤrfen, ſo iſt dieſes letztere nicht der Fall, denn keine der vor uns liegenden Handſchriften lieſet anders, als der Text bei Hartknoch iſt. Es bliebe alſo die erſtere Annahme uͤbrig, daß Dusburg wirklich nicht recht gewußt habe, was der Griwe eigentlich geweſen ſey. Dieſes beſtaͤtigt auch der Umarbei⸗ ter Dusburgs durch die Einſchaltung des Wortes nobilior. Man

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698 Der Griwe. ſieht klar, daß dieſer bei dem vagen quidam irgend etwas ver: mißte; aber man ſieht zugleich auch, daß er die gefühlte Luͤcke nicht recht auszufuͤllen wußte, denn ſein nobilior bringt uns um nichts weiter. Unterrichteter ſcheint ſchon Jeroſchin geweſen zu ſeyn; er nennt den Griwe den „obirſten Ewarten.“ Dieſe Be⸗ zeichnung entſpricht ganz dem, was der Griwe in einer Beziehung war, denn dieſes Wort bedeutet, wie Mugo Grotius Histor. Gothor. p. 575 und ‚Scherz Glossar. Germ. p. 364 es erklaͤren, „ legis custos, sacerdos; ewa lex et testamentum, quia vim habet legis; inde en- werd.“ Sehen wir nun auf den Inhalt der Stelle Dusburgs ge— nauer hin, fo find offenbar zwei Beſtandtheile des Inhaltes ſorg⸗ ſam zu unterſcheiden. Der eine iſt das eigentliche Geſchichtliche, die Thatſache, die Erſcheinung; der andere dagegen iſt die Anſicht, die Meinung des Chroniſten von der geſchichtlichen Thatſache. Fuͤr beide gehört, wenn der Kritiker fie in Ruͤckſicht ihrer inne- ren Wahrheit ſorgſam würdigen will, offenbar ein ganz verſchie⸗ dener Maaßſtab, denn das Eine, das Geſchichtliche oder die That⸗ ſache kann allerdings immer wahr und gegruͤndet ſeyn, wenn auch das Andere, die Meinung oder die Anſicht des Geſchichtſchreibers von der geſchichtlichen Thatſache völlig unwahr und grundlos iſt. Das Reingeſchichtliche oder die Thatſache, die uns Dusburg mit⸗ theilen will, liegt, wie jeder ſogleich ſieht, in den Saͤtzen: Fuit in medio nationis huius perversae, scilicet in Nadrovia lo- cus quidam dictus Romow, in quo habitabat quidam dictus Criwe, — ad istius nutum, seu mandatum non solum gen- tes praedictae, sed et Letthowini et aliae nationes Livoniae terrae rege bantur. Die Anſicht des Chroniſten dagegen enthal— ten die Säge: trahens nomen suum a Roma — quem cole- bant pro Papa — sicut Dominus Papa regit universalem Ecclesiam fidelium. Daß hierin wirklich nur die Meinung des Chroniſten ausgeſprochen werde, iſt eben ſo wenig zu bezweifeln, als es gewiß iſt, daß die Preuſſen ſelbſt ihr Romowe nicht von Rom werden abgeleitet und ihren Griwe nicht mit dem Papſte werden verglichen haben. Fuͤr den Chroniſten aber und beſonders fuͤr den Ordens⸗Bruder lag in der That auch eine ſolche Vergleichung ſehr nahe. Romowe von Roma abzuleiten, moͤchte wohl gewiß auch fuͤr die Etymologen unſerer Tage noch Reiz und Lockung genug haben; und da hiemit nun Rom ſchon gegeben war, ſo moͤchte man es ein Wunder nennen, wenn der Ordensbruder, der Paͤpſt⸗ ling, bei dem Griwe nicht auch auf den Papſt hingeſehen und beide mit einander verglichen haͤtte. Daß die Vergleichung eben ſo abgeſchmackt und unpaſſend, als die Ableitung des Namens Romowe von Rom linkiſch und ſinnlos ſey, das fuͤhlte der ge⸗

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Der Griwe. 699 wiß nicht beſonders gebildete Ordens-Chroniſt weiter nicht. Ja es duͤrfte gar nicht unwahrſcheinlich ſeyn, daß er unter dieſer Vergleichung nur feine Unkunde uͤber den „quidam dictus Cri- we‘ habe verbergen wollen. Wir ſchenken alſo dem Dusburg dieſe Parallele als ihm allein eigen, als einen Einfall ſeines Ko⸗ pfes, der fuͤr uns keinen Werth hat und keine weitere Bedeutung. Es iſt daher auch gewiß ganz unpaſſend, dem Chroniſten Dus⸗ burg die abgeſchmackte Vergleichung fernerhin noch nachzuſpre⸗ chen und den Griwe „den nordiſchen Papſt“ zu nennen, wie oft geſchehen iſt. Sehen wir nun aber auf den andern Beſtandtheil des In— haltes der erwaͤhnten Stelle hin, ſo fragt ſich: Hat dieſer, alſo die Thatſache oder das Geſchichtliche, durch jene darauf ange— wandte Vergleichung und Beziehung irgend etwas an feiner inne⸗ ren Wahrheit verlieren koͤnnen? Iſt dieſes Geſchichtliche dadurch zweifelhaft geworden? Iſt der Griwe durch das Abgeſchmackte der Vergleichung zum Unding geworden? — Keinesweges! Es koͤnnte in ahnlicher Weiſe jemand nach taufend Jahren den wun⸗ derlichen Einfall haben, Petersburg fuͤr eine Burg des Apoſtels Petrus zu halten, den Namen mit der Peterskirche zu Rom zus ſammen zu ſtellen und die Ruſſiſchen Popen für nordiſche Paͤpſt⸗ linge zu erklaͤren; man würde den Einfall ſinnlos und verkehrt nennen; aber gewiß koͤnnte es keinem einfallen, deshalb an Pe— tersburg ſelbſt und an dem Daſeyn der Popen zu zweifeln. Wenn daher Vater a. a. O. S. 36 ſagt: „Es habe wohl allerdings Je⸗ manden bei dem Namen Romowe ein Papſt wie in Rom in den Sinn kommen koͤnnen,“ ſo iſt dieſes etwas leicht hingeſagt und faſt eben ſo, als wenn man die Popen in Rußland fuͤr ein Unding, für eine Erdichtung halten wollte, weil Jemand Petersburg von der Peterskirche in Rom abgeleitet haͤtte. Es iſt alſo, zum min⸗ deſten geſagt, ſorglos und uͤbereilt, wenn man den Griwe in Preuſſen als ein Unding und als eine Erdichtung aus der Ge— ſchichte verbannen wollte, weil er das fatale Ungluͤck gehabt hat, ſammt ſeinem Romowe von einem Chronikenſchreiber mit dem Papſte zu Rom verglichen worden zu ſeyn. Aber worauf beruht denn die Wahrheit dieſer Erſcheinung und welche Gründe verlangen, den Griwe fuͤr eine wirkliche ge- ſchichtliche Thatſache zu halten? Vor allem kann die Glaubwuͤr⸗ digkeit des Ordens⸗-Chroniſten in feiner Schilderung der alten Preuſſen, die er in dem naͤmlichen Kapitel giebt, gar keinem Zweifel unterliegen. Es waren kaum erſt hundert Jahre nach der Ankunft des Ordens und erſt einige vierzig Jahre nach der eigentlich vollendeten Unterwerfung aller Preuſſen, als Dusburg dieſe Sitten⸗Schilderung des Volkes ſchrieb und ſeine Chronik

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700 Der Griwe. im Jahre 1326 feinem Hochmeiſter überreichte. Viele von denen, deren Väter noch Heiden geweſen und durch deren mündliche Ueber— lieferung ſich die Nachrichten uͤber des Landes ehemaligen Zuſtand und uͤber der Vorfahren Sitten und Braͤuche fortgepflanzt hatten, lebten noch zu Dusburgs Zeit, alſo daß er uͤber alles, was er von der Art und Weiſe der heidniſchen Zeit ſagen wollte, gewiß die ſicherſten Berichte erhalten konnte. Er ſagt daher im Prolog. P. 10. auch ausdruͤcklich: „ Deseribam — quomodo fratres in- traverunt in terram Pruschiae, — de bellis et aliis, quae gesta sunt in dicta terra, quorum pauca quae vidi, alia quae audioi ab his, qui viderunt et interfuerunt, cactera quae relatione veridica intellexi.“ Kann Jemand offener über feine Quellen ſprechen? Entweder ſelbſt als Augenzeuge, oder aus Mittheilung von Augenzeugen und Theilnehmern oder nach wahr— haften Berichten ſchreibend konnte und mußte Dusburg die Wahr— heit ſagen. Oder konnte er es wagen, unter den Augen ſolcher Menſchen, die theils des Landes ehemaligen Zuſtand noch ſelbſt kannten, theils wenigſtens daruͤber ganz ſichere Nachrichten leicht erfragen konnten, konnte er es wagen, unter den Augen des Hochmeiſters, ſeines Herrn, der vorher als Ordensbruder ſchon mit dem Lande bekannt geworden und ſeit dem Jahre 1315 Großkomthur geweſen war, eine Erſcheinung, wie der Griwe war, geradehin zu erdichten und als Thatſache hinzuſtellen? Haͤtte er heibei nicht befuͤrchten muͤſſen, von ſeinem Meiſter widerlegt und von Hunderten ſeiner Zeitgenoſſen einer Unwahrheit uͤberwieſen zu werden? Sehen wir auf die übrigen Nachrichten hin, die uns Dusburg in dem naͤmlichen Kapitel uͤber die Lebensweiſe und uͤber die Sitten und Bräuche der alten Preuſſen uͤberliefert, fo ſpricht für fie nicht bloß ihre innere Wahrheit und der Gang der Geſchichte der nach— folgenden Zeiten, ſondern ihre Glaubwuͤrdigkeit unterſtuͤtzen auch die aͤußeren Zeugniſſe anderer ſowohl auslaͤndiſcher, als inlaͤndiſcher geſchichtlicher Quellen, unter denen wir nur Wulfſtan, Adam von Bremen, Helmold, verſchiedene Briefe der Paͤpſte, den wichtigen urkundlichen Vertrag vom Jahre 1249, Luc. David zu nennen brauchen. Es unterſtuͤtzen fie ferner eine Menge von Ana- logien und entſprechende Aehnlichkeiten theils der ſtammverwand— ten Skandinavier, theils der nahen Nachbarvoͤlker, der Pom— mern, Litthauer u. a. Und mitten unter dieſen durch die Zeug niſſe der Geſchichte feſtbewaͤhrten Nachrichten ſoll die Erdichtung des Griwe, dieſes hiſtoriſchen Undings ſtehen? Darf man in allen andern Nachrichten dieſes Kapitels dem Chroniſten trauen und nur den Griwe fuͤr ein Phantom ſeines Kopfes halten? Außerdem aber liegt fuͤr die Annahme, daß Dusburg wie

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Der Griwe. 701 über den Inhalt dieſes Kapitels Überhaupt, fo insbeſondere auch uͤber die einſtige Exiſtenz eines Griwe in Preuſſen bewaͤhrte Nach⸗ richten gehabt haben muͤſſe, auch noch ein wichtiger Grund im Zuſammenhange ſeiner eigenen Mittheilung. Er ſpricht naͤmlich auch von dem einſtmaligen Daſeyn eines heiligen Romowe, als des Wohnſitzes des Griwen. Dieſes Romowe ſcheint man (nach Vater a. a. O. S. 36) auch nicht weglaͤugnen zu wollen und man thut Recht daran; denn daß es ein ſolches Romowe wirk— lich gegeben habe, daß das aͤlteſte, welches wir kennen, an der Samlaͤndiſchen Kuͤſte gelegen und daß nachmals in jeglicher Land⸗ ſchaft wahrſcheinlich ein ſolcher heiliger Goͤtter-Ort beſtanden habe, iſt an andern Orten dieſes Werkes theils aus urkundlichen Bes weiſen klar dargethan, theils bis zum hoͤchſten Grade wahrſchein— lich gemacht worden. Wenn nun aber an dem heiligen Romowe nicht zu zweifeln iſt und Dusburgs Nachricht Über deſſen Exiſtenz ſelbſt durch Urkunden Beſtaͤtigung erhält, wie kann man den mit dieſem Romowe bei Dusburg in engſter Verbindung ſtehenden Griwe fuͤr eine Dusburgiſche Chimaͤre erklaͤren? Augenſcheinlich hatte der Chroniſt feine Nachricht von dem Griwe aus der naͤm— lichen Quelle, aus welcher auch ſeine Erwaͤhnung des Romowe floß. Wenigſtens haͤtten alſo die Zweifler am Griwe conſequent bleiben und auch an dem einſtigen Daſeyn Romowe's zweifeln muͤſſen. So ſpricht alſo bei Dusburg ſelbſt alles, was nur fuͤr hiſto— riſche Glaubwuͤrdigkeit zu verlangen iſt, fuͤr die Annahme, daß der Chroniſt die Nachricht vom Griwe keineswegs erdichtet, ſon— dern durch Mittheilung anderer erhalten hatte, daß er fie für wahr hielt und als geſchichtliche Thatſache mittheilte. Iſt es nun zur Sicherſtellung der Sache durch aͤußere Zeugniſſe noch noͤthig, an die beiden ſpaͤteren Chroniſten Lucas David und Simon Grunau zu erinnern, welche hieruͤber noch mehres enthalten, als uns Dusburg uͤberliefert hat? Nur eine Bemerkung mag hier Raum finden. Dieſe beiden Chroniſten verſichern ausdruͤcklich, Luc. David B. I. S. 16 53 — 54 und Simon Grunau Tr. II. c. 1. L. 4., daß fie ihre Nachrichten über die Einrichtung eines Romowe und uͤber die Anordnung eines Griwe auf die Chronik des erſten Preuſſiſchen Biſchofs Chriſtian ſtuͤtzten. Es ſpielt hier aller— dings zwar noch die Sage in das Gebiet der Geſchichte hinein; allein wir haben anderwaͤrts in dieſem Werke ſchon dargethan, daß die Sage ohne allen Zweifel auf geſchichtlichem Boden ruhe. Der Griwe aber iſt in dieſer geſchichtlichen Sage von fo großer Bedeutung und in aller Beziehung ein ſo wichtiger Haltpunkt der ganzen Erzaͤhlung, daß mit feiner Weglaͤugnung gewiſſermaßen das ganze Gebaͤude jener Darſtellung zuſammenfallen wuͤrde. Zu

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702 Der Griwe. gleich aber müßte gegen die offene und ausdruͤckliche Erklärung des Lucas David auch entweder geläugnet werden, daß die Chro⸗ nik des Biſchofs Chriſtian die von jenem Chroniſten mitgetheilts Nachricht uͤber den Griwe wirklich enthalten habe oder man muͤßte uͤberhaupt die jemalige Exiſtenz dieſer Chronik ſelbſt laͤugnen. Da über dieſes Letztere in der Beilage Na I. das Noͤthige geſagt iſt und in dem erſteren Falle dem Lucas David eine offenbare Un: wahrheit vorzuwerfen waͤre, ſo ſcheint man zu der Behauptung berechtigt zu ſeyn, daß ſchon die Chronik des Biſchofs Chriſtian von dem Griwe und dem Romowe geſprochen und ihre einſtige Exiſtenz außer Zweifel geſetzt habe. Dieſen aͤußeren Beweisgruͤnden laſſen ſich aber auch noch ei— nige andere anſchließen, die aus der Sache ſelbſt hergenommen ſind. Wie uns Lucas David verſichert, ſoll die Anordnung eines Griwe und die Einrichtung eines Romowe in Preuſſen durch die Gothen geſchehen ſeyn, die aus Skandien an die ſuͤdlichen Ufer der Oſtſee zogen und ſich da anheimten. Sonach wuͤrde die Herrſchaft des Griwen ein Gothiſch-Skandinaviſches Inſtitut ſeyn und es duͤrfte fich erwarten laſſen, daß auch bei den in Skandinavien ge— bliebenen Gothiſchen Voͤlkern, bei den Schweden und Daͤnen etwas Aehnliches oder Entſprechendes, daß zum wenigſten einzelne un— verkennbare Spuren davon zu finden ſeyn muͤßten, indem ja dieſe Anordnung ſo tief ins ganze Leben des Volkes eingriff und der ganzen Verfaſſung des buͤrgerlichen Lebens ihren eigenthuͤmlichen Charakter aufdruͤckte. In der That aber iſt dieſes auch der Fall. Wir wollen hieruͤber zuerſt den gelehrten Ruͤhs ſprechen laſſen. Er ſagt in feiner „Ausfuͤhrlichen Erläuterung der erſten zehn Kapitel des Tacitus uͤber Germanien“ S. 309: „Auch im Norden waren „die Stammhaͤupter zugleich die Vorſteher des Gottesdienſtes; in „dieſer Eigenſchaft uͤbten fie auch die Gerichtsbarkeit aus und was „ren die Vollzieher der Urtheile, und dieſer Umſtand erklaͤrt viel⸗ „leicht die fruͤhere Nachricht des Tacitus, daß es nur den Prie— „ſtern erlaubt ſey, zu ſtrafen. Bei einigen Voͤlkern hatten ſich „die Verhättniffe beſtimmter ausgebildet; beſonders da, wo große „Haupttempel einen groͤßern Vereinigungspunkt darboten, wie „in Schweden und Daͤnemark; hier ſchloſſen die Prieſter ſich mehr „an einander, doch ohne in Hinſicht ihres Standes in eine vers „aͤnderte Lage zu treten. Es iſt auffallend, daß die germaniſchen „Sprachen ſo arm an Ausdruͤcken fuͤr Prieſter ſind. — Die „Deutſche Sprache har nur den Ausdruck Ehwart, den Geſetz⸗ „waͤrter.“ Wer denkt hiebei nicht an den von Jeroſchin Ewart genannten Oberprieſter Griwe und an die in ſeinem Weſen, wie in ſeinem Namen enthaltene Verbindung ſeiner prieſterlichen und richterlichen Amts verwaltung! So gab es in Schweden wirk—

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Der Griwe. 703 lich auch einen Oberprieſter, welcher zugleich Oberrichter war und als ſolcher die Würde eines Oberkoͤnigs hatte; Ruͤhs Ge⸗ ſchichte Schwedens B. 1. S. 39. Das National-Heiligthum des Landes war der große Tempel zu Upſala; dort ſtanden, wie im heiligen Romowe, die Bildniſſe der drei oberſten Goͤtter; Adam. Bremens. de situ Dan. c. 233; dort wohnten auch, wie zu Romowe, die fuͤr den Dienſt der Goͤtter beſtellten Prieſter und wahrſcheinlich auch der Oberprieſter; Lam. Bremens. c. 235 ſpricht von sacerdotibus, qui ad Ubsolam Daemonibus astare solebant. Dorthin brachten, wie nach Romowe, Voͤlkerſchaften, Koͤnige und wer ſonſt wollte, den Goͤttern ihre Opfergaben; ibid. c. 234; dort war ebenfalls das Heiligthum von einer heiligen, ewig gruͤnenden Eiche beſchattet und ein Gehege und ein heiliger Hain umſchloß das Ganze; ibid. c. 234. Ja ſelbſt der Name des Ortes ſtimmt auffallend mit der Bedeutung des Namens Griwe überein. Sala heißt im Altdeutſchen das Gericht und Oberſala fo viel als Obergericht, wie ſchon Du Fresne Glossar. ad Script. med et inf. lat. s. h. v. und Moͤſer Osnabruͤck. Geſchichte B. J. S. 352 das Wort erklären, weshalb auch Ruͤhs a. a. O. S. 39 den Namen Upſala durch Oberſala, Obergericht zu deuten geneigt iſt. Da dieſer Erklaͤrung gewiß nichts von Wichtigkeit entgegen ſteht, fo würde Upſala für nichts anders zu halten ſeyn, als für den oberſten Gerichtshof, für den heiligen Götterfig, wo zugleich Gericht geſprochen ward. Geſprochen aber wurde dieſes dort ohne Zweifel vor dem im Heiligthum wohnenenden Prieſter, der durch ſeine doppelte Wuͤrde auch dem Orte ſelbſt eine doppelte Wichtig⸗ keit als heiligen Goͤtterſitz und als oberſten Gerichtshof gab und fo würden ſich die Namen Upfala und Griwe in ihren Beziehun— gen aufs vollkommenſte entſprechen. Das Bild aber kann in der That ganz vollendet werden, denn auch der Gebieterſtab, der baculus des Dusburg, durch welchen des Griwen Befehle ver— kuͤndigt wurden, fehlte den Schweden nicht. Johan. Stiernhoeck de jure Sueonum L. I. c. 6. fagt hierüber: Budlafla in pris- cis Sueonum legibus dicebatur citatio in ius in causis ordi- nariis per baculum, quem Baculum notitiae vel Nuntialorium vocabant. Hune iudex nota utrimque inustulata emittebat singulum singulis territorii quadrantibus, ut per manus vici- norum extraditus et facli nolitiam simul et comparandi man- catum circumferret: quomodo non iudicia tantum, sed et promiscue omnes conventus publici indicti fuerunt, ubi de casu aliquo extra ordinem deliberandum erat, aut indican- dum. Erat autem hic baculus nuncialorius eflectus ad mo- dum rei, de qua in Conventu tractalio instituenda fait, ut, si res sacra, crux lignea, si homicidium, ligneum telum aut

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704 Der Griwe. securis. cf. Du Fresne Glossar. s. h. v. Offenbar ſtammte dieſer Gebrauch der Budlafla aus den fruͤheſten heidniſchen Zeiten her, denn wir finden dieſelbe Sitte auch in Daͤnemark. Der Dü- niſche Budſtikke war gar nichts anders, als ein ſolcher Gebieter⸗ ſtab, wodurch der König feine Befehle zu erkennen gab und Ges horſam gebot; vgl. Suhm B. I. Ar Th. S. 156. Um alſo et⸗ was der Griwule Entſprechendes zu finden, iſt es nicht noͤthig, mit Hartknoch in der Anmerk. d) zu Dusburg und mit Va⸗ ter a. a. O. S. 36 an eine aͤhnliche Mongoliſche Sitte zu erin— nern; wir ſehen dieſe Griwule nur anders benannt, bei nahen, ſtammverwandten Voͤlkern und wir ſehen bei dieſen neben ihr auch den Oberprieſter an dem oberften. Gerichtsorte und zugleich alles, was wir zu Romowe ſahen. Dieſe inneren und aͤußeren Beweisgruͤnde zuſammen genom— men, duͤrften wohl ſchon zu dem Schluſſe berechtigen, daß wo ein Romowe, ein heiliger Götterfig war, wo eine Menge Prieſter zum Dienſte der Goͤtter und zur Abwartung der heiligen Ge— braͤuche wohnten, wo eine Griwule das Daſeyn eines befehlen— den Oberhauptes vorausſetzt, wo Sage und Geſchichte, wo die Analogien anderer ſtammverwandter Volker uͤbereinſtimmen, auch ein Oberprieſter und Oberrichter, ein Griwe dageweſen ſeyn muͤſſe. Der Griwe in Preuſſen iſt demnach eine Erſcheinung, die in keiner Weiſe befremden kann, ſobald man fie in ihrem wahren Wer ſen kennt. Der Name und Charakter ſeiner Wuͤrde ſind Germa— niſchen und zwar Gothiſchen Urſprunges und aus dem innerſten Volksgeiſte des Gothiſchen Lebens hervorgegangen. So bleiben jetzt nur noch einige Einwuͤrfe uͤbrig, die man unſerer Anſicht der Sache und unſerer ſo eben ausgeſprochenen Behauptung machen koͤnnte. Wir duͤrfen auch dieſe nicht unbe: ruͤckſichtigt laſſen. Dusburgs Nachricht von einem Griwe, ſagt man (Vater a. a. O.) „beruhe wahrſcheinlich bloß auf einem Mißverſtaͤnd⸗ niſſe, daher entſtanden, weil die Ruſſen, noch im Lettiſchen Kris wen genannt, ſo hießen.“ Bei dieſem Einwurfe ſcheint man ſich kaum etwas Klares und Zuſammenhaͤngendes gedacht zu haben. Dusburg ſchrieb ſeine Chronik etwa zwiſchen den Jahren 1320 bis 1326; alſo gerade in einer Zeit, in welcher bedeutende Kriege in Litthauen vom Orden geführt wurden, die zugleich auch vieles zur Kenntniß der oͤſtlichen Graͤnzvoͤlker Preuſſens mit beitragen mußten. Wie war es moͤglich, daß Dusburg, wenn er den Na⸗ men der Ruſſen Kriwen hörte, dieſen fo gaͤnzlich mißdeuten konnte, daß bei ihm daraus ein Preuſſiſcher Oberprieſter Griwe entſtand? Wuͤrde eine ſolche Mißdeutung und Verkehrtheit den Chroniſten nicht geradezu dem Gelaͤchter bei allen ſeinen Zeitgenoſſen Preis

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Der Griwe. 705 geſtellt haben? Und wo lag für Dusburg denn der Anlaß, aus einem Namen der Ruſſen einen Preuffifchen Oberprieſter mit dem- ſelben Namen zu ſchaffen und keck hin in das Gebiet der Ge⸗ ſchichte zu bringen? Wo iſt irgend ein Zuſammenhang, wo ein Mittelglied, welches zum Mißverſtaͤndniſſe Urſache gab? Und wenn Dusburg das Volk der Kriwen kannte, kannte es nicht auch der Hochmeiſter, kannten es nicht weit beſſer die Ordensgebietiger, die jene Kriege leiteten, und konnte der Chroniſt vor deren Augen aus jenem Namen eine ſo abgeſchmackte Erdichtung hinſtellen? Ferner duͤrfte man ſagen: Dusburgs Nachricht von dem Griwe wird dadurch ſehr verdaͤchtig, daß er die Macht des Gri— wen nicht bloß auf Preuſſen, ſondern auch uͤber Litthauen und Livland ausbreitet, wiewohl die geſchichtlichen Quellen dieſer Laͤn— der durchaus nichts davon wiſſen. Wir wollen dieſen Einwurf einen Augenblick zugeben und zugeſtehen, daß Dusburg ſich irrte und die Macht des Griwen viel zu weit ausdehnte; aber hebt ein Irrthum und ein Miſperſtaͤndniß über eine Sache die Exiſtenz der Sache ſelbſt auf? Iſt deswegen kein Griwe vorhanden gewe— ſen, weil Dusburg das Bereich ſeiner Gewalt zu weit ausdehnte? Wir haben fruͤher ſchon erwaͤhnt, daß der Chroniſt die Stellung, die Wuͤrde, den Kreis der Wirkſamkeit des Griwe nicht genau kannte. Wir haben an andern Orten dieſes Werkes durch Gruͤnde unterftügt die Behauptung ausgeſprochen, daß es in den ſpaͤtern Zeiten des Heidenthums in jeder Landſchaft Preuſſens wie ein be— ſonderes Romowe, ſo auch einen beſondern Griwe gegeben habe und daß Dusburg nur von einem einzigen Griwe in Nadrauen ſagt, was allen andern zugleich zugehoͤrte. Faͤllt aber mit dieſem Irrthum denn die Erſcheinung des Griwen uͤberhaupt hinweg? Erwaͤhnen ferner nicht Dusburg P. III. c. 252 und Kojalowicz p- 32. 35. wirklich eines Romowe in Litthauen und ſpricht nicht ebendafelbft ſchon die alte Sage von einem ſolchen? Und wenn nun ein Romowe oder vielleicht wie in Preuſſen mehre ſolcher heili— gen Orte in Litthauen wirklich waren, wenn die Griwule noch bis heutiges Tages in jenen öftlichen Gegenden nicht vergeſſen iſt, wird es dann ſo unglaublich, daß die Erſcheinung des Griwen vor Dusburgs Zeiten auch in jenen Landen zu finden geweſen ſey? — Warum aber berichtet in Beziehung auf Livland Hein— rich der Lette nichts von einem Griwen, der uͤber das Land ſeine Herrſchaft ausgeuͤbt? Man koͤnnte zugeben, daß in Livland keine Spur von einem Griwen vorhanden geweſen ſey; man koͤnnte ferner auch zugeben, daß Dusburg in feinem Irrthum über die große Ausdehnung der Gewalt des Preuſſiſchen Griwen auch Livland um ſo lieber von dieſem beherrſcht glaubte, je mehr da— durch ſeine ſeltſame Vergleichung des Griwen mit dem Papſte 1. 45

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706 Der Griwe. Haltung und Bedeutung erhielt; ja man darf wohl unbedenklich be⸗ haupten, daß nie ein Preuſſiſcher Griwe über Livland irgend eine Herrſchaft ausgeuͤbt habe. Aber faͤllt dadurch denn die Exiſtenz des Griwen in Preuſſen ſelbſt hinweg? Iſt denn in der Geſchichte Livlands nur alles das dageweſen, deſſen Heinrich der Lette er— waͤhnt? Gab es in Livland uͤberhaupt gar keine Prieſter, weil dieſer Chroniſt keine kennt und keine nennt? Hat er die ganze Geſchichte des Landes in ſeiner Chronik erſchoͤpft? Hier aber beruͤhren wir einen dritten Einwurf, der gegen die einſtige Exiſtenz des Griwen in Preuſſen gemacht werden koͤnnte, nämlich den, daß das gaͤnzliche Stillſchweigen aller andern ges ſchichtlichen Quellen uͤber dieſen Griwe den Bericht Dusburgs doch immer ſehr zweifelhaft machen muͤſſe. Es iſt wahr, kein Chroniſt des Auslandes, keine einzige geſchichtliche Quelle, weder Wulfſtan, noch Ditmar von Merſeburg, noch Adam von Bremen oder Hel— mold, noch die Polniſchen Annaliſten, keine Urkunde des In⸗ landes erwähnen des Griwen mit einem Worte. Aber man be— teachte, um den Einwurf in feiner Bedeutung kennen zu lernen, die Sache etwas naͤher. Sprechen denn Wulfſtan, Ditmar von Merſeburg und die andern Chroniſten uͤberhaupt von der Religion, von der Geſetzgebung, von der inneren Verfaſſung und dem gan— zen inneren Leben der Preuſſen? Wie viel iſt denn deſſen uͤber— haupt, was wir durch ſie uͤber die inneren Verhaͤltniſſe Preuſſens erfahren? Was erzaͤhlen uns denn die aͤrmlichen Chroniſten des nahen Polens uͤber Sitte, Art und Verfaſſung der Preuſſen? Hatten dieſe auslaͤndiſchen Schriftſteller ſo nahen Anlaß, vom Griwen zu ſprechen? Und wenn ſie ſolchen hatten, wußten ſie auch etwas von ihm? War nicht jeglichem Fremdlinge der Zu— gang zum Heiligthum Romowe bei Lebensſtrafe verpoͤnt? Sah der Fremde, den der Handel ins Land fuͤhrte, den Oberprieſter, ihn, der ſelbſt den Eingeborenen ſo ſelten erſchien und immer im geheimnißvollen Dunkel feines heiligen Waldes lebte? Wer frei⸗ lich den Griwen ſich als nordiſchen Papſt denkt, wer Dusburgs Vergleich für baare Waare nimmt und den Oberprieſter Preuſ— ſens fuͤr einen gewaltigen Herrſcher in den Kuͤſtenlaͤndern des Bal⸗ tiſchen Meeres haͤlt, der muß ſich uͤber das Stillſchweigen der nachmaligen Chroniſten allerdings wohl wundern; es muß ihn ſelbſt ſcheu und zweifelhaft gegen die ganze Erſcheinung machen. Wenn man aber weiß, was der Griwe um die Zeiten jener Chro⸗ niſten fuͤr ſeine Landſchaft in Preuſſen war, welche Bedeutung er nur fuͤr ſeinen einzelnen Gau hatte, wie ſeine Wirkſamkeit nur in den inneren Verhaͤltniſſen der Landſchaft und nur im eigentli⸗ chen Stillleben des Volkes bemerklich wurde, fo kann es in kei⸗ ner Weiſe befremden, daß jene Chroniſten, die von dem inneren

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Der Griwe. 707 Leben der Preuffen ſo gar wenig wiſſen, über den Griwen gaͤnzlich ſchweigen. Wer dieſes Schweigen aber für einen Beweis nehmen wollte, daß es in Preuſſen keinen Griwe gegeben habe, der koͤnnte eben ſo leicht beweiſen, daß um die Zeit jener Chroniſten kein Bernſtein mehr in Preuſſen vorhanden geweſen ſey, denn kein eins ziger von ihnen erwaͤhnt des Bernſteins oder des Bernſteinhan⸗ dels auch nur mit einer Silbe. Aber wuͤrde nicht der Griwe in der wichtigen Vertrags⸗Ur⸗ kunde vom Jahre 1249 genannt ſeyn? Hätte er darin nicht nothwendig genannt werden muͤſſen? Wir glauben dieſe Frage verneinen zu duͤrfen. Wenn man die Wichtigkeit und den Inhalt dieſer Urkunde richtig wuͤrdigen will, ſo muß man ſie von den Verhaͤltniſſen aus beurtheilen, unter welchen ſie gegeben wurde. Man wuͤrde ſehr irren, wenn man glaubte, der Zweck dieſer Ur: kunde ſey geweſen, den geſammten alten heidniſchen Zuſtand des Volkes aufzuheben und ein neues chriſtliches Leben zu begruͤnden. Vieles von jenem alten heidniſchen Zuſtande war ſchon aufgeho— hen und verdraͤngt, als jener Vertrag zwiſchen dem Orden und den Preuſſen abgeſchloſſen ward. Sobald der Orden die Landſchaf⸗ ten erobert hatte, gab es in ihnen eben ſo wenig Griwen mehr, als Reiks. Ihre Herrſchaft hatte in dem Augenblicke aufgehoͤrt, in welchem die des Ordens begonnen hatte und von den Preuſſen anerkannt war. Wie hätte nun in jener Urkunde etwas aufge⸗ hoben, verboten und alſo in dieſer Beziehung genannt werden koͤnnen, was gar nicht mehr vorhanden war und was ſich ſchon von ſelbſt aufgetöfet hatte? Warum hätten die Preuffen verſpre⸗ chen ſollen, ihrem Griwen ferner nicht mehr zu gehorchen, da ein ſolcher nicht mehr da war, nicht mehr gebieten konnte? Es wuͤrde offenbar ſogar befremdend ſeyn, wenn die Urkunde etwas dieſer Art enthielte. Endlich duͤrfte noch gefragt werden: Warum erwaͤhnt denn Dusburg feines Griwen in feiner ganzen Chronik nicht ein einzi⸗ gesmal wieder? Wie kommt es, daß fein als fo gewaltig geſchil— derter Oberprieſter in dem Verlaufe der von ihm erzählten Ereig⸗ niſſe gar nicht wieder erſcheint? Auch dieſe Fragen beantworten ſich leicht, ſobald man bedenkt, was der Griwe fuͤr jede Landſchaft war und worin ſein Wirkungskreis beſtand. Auf dem Schau⸗ platze der Kriege, welche Dusburg erzaͤhlt, trat der Griwe niemals auf. Hoͤchſtwahrſcheinlich war er nie einem Ordens-Ritter ſichtbar geworden, denn alles, was Krieg hieß, lag ganz außer ſeinen Bereiche. Wie weit er auf ſein Volk im Verborgenen wirk⸗ te und was er aus dem Innern ſeines heiligen Waldes fuͤr die Vertheidigung des Vaterlandes, der Goͤtter und Heiligthuͤmer ge⸗ bot und that, das hat wohl nie einer von den enen der Preuſ⸗ 45

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708 Der Grime. fen erfahren. Dusburg aber wollte ja nur ſchreiben, „quae erdi, alia quae audivi ab his, qui eiderunt et inter ſuerunt, cae- tera quae relatione veridica intellexi. Es war alfo wohl kaum möglich, daß Dusburg des Griwen nech öfter in feinem Werke erwaͤhnen konnte. Mit dieſen Beweiſen nun und mit dieſer Beruͤckſichtigung der etwanigen Einwuͤrfe glaube ich die geſchichtliche Exiſtenz des Griwen in Preuſſen gegen die juͤngſt erhobenen Zweifel gerettet und zugleich eine neue Beſtaͤtigung der Glaubwuͤrdigkeit des alten Or⸗ dens⸗Chroniſten Dusburg gegeben zu haben. Ich moͤchte wuͤnſchen, daß es mir erlaubt geweſen ſey, bei einer neuen Umarbeitung dieſer Abhandlung die Lehrbergiſche Un: terſuchung zu benutzen oder auch nur zu beruͤckſichtigen. Allein ich erhielt dieſe Abhandlung Lehrbergs von der Kurlaͤndiſchen Ge⸗ ſellſchaft für Literatur und Kunſt nur unter der Zuſage, weiter keinen literaͤriſchen Gebrauch davon machen zu wollen, und fo muß ſie denn auch von mir gaͤnzlich unberuͤckſichtigt bleiben. Aber verlieren wird der Leſer dadurch nicht beſonders viel. Lehrbergs Zweifelsgruͤnde waren gewiſſermaaßen ſo ſehr aus der Naͤhe ge— nommen, daß ich faſt alle ſchon hie und da in meiner Abhand— lung beruͤhrt hatte und das Unhaltbare derſelben im Ganzen ſchon dargethan war, To daß die Benutzung der Lehrbergiſchen Unters ſuchung nur noch dazu haͤtte dienen koͤnnen, manches Einzelne noch ſchaͤrfer hervorzuheben. Vielleicht aber wird auch dieſes noch erreicht, wenn die erwaͤhnte verehrte Geſellſchaft zur Steuer der Wahrheit ſich entſchließet, die mit vieler Gelehrſamkeit geſchriebene Abhandlung bald dem Drucke zu uͤbergeben. Vorerſt fuͤhle ich mich verpflichtet, ihr meinen Dank fuͤr die guͤtige Mittheilung der⸗ ſelben hier oͤffentlich zu bezeugen.

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Ueber die Sprache der alten Preuſſen, vom Profeſſor von Bohlen.

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Ueber die Sprache der alten Preuffen. „Wenn du reden Fönnteft, kleine Muͤcke, wie anders ſtaͤnd' es „um unſer Wiſſen!“ ſoll der unſterbliche Kant einem Thierchen zugerufen haben, das einſt in grauer Vorzeit in den leuchtenden Fluthen des Bernſteines ſein Grab gefunden. Wenn ihr's zu kuͤnden vermoͤgtet, ſtille Huͤgel der baltiſchen Kuͤſte, weſſen Staub dieſe Urne bewahrt, weſſen Haupt dieſer Helm geziert und weſſen Hand dieſer Speer gewaffnet — wie wuͤrde die Nachwelt lauſchen und eure Worte mit ehernem Griffel in das Buch der Geſchichte eintragen! Aber ſtumm ſind jene Ueberreſte der einſtigen Be— wohner Preuſſens; ſtumm ihre Aſche wie das Steingehaͤge, das ſie Jahrhunderte umſchloß und gegen verwehende Stuͤrme ge⸗ ſchuͤtzt: nur der Geiſt, der ſie einſt belebte, redet noch in kaum vernehmlichen Toͤnen zu uns heruͤber und wenige Sprachreſte find der ſchwache Nachhall ſeines fruͤheren Lebens, ſind ein treuer Ab— druck feiner damaligen Bildung, aber auch zugleich der wehmuͤ⸗ thigſte Schwanengeſang eines dahinſchwindenden Voͤlkchens. Wer immer in einer ausgeſtorbenen Sprache mit einem gewiſſen ſchmerzlich- frohen Gefühle den innigſten, jetzt gleichſam verſtei— nerten Grundton eines menſchlichen Herzens nachzuempfinden ſucht; wer darin nicht bloß ſtumme Laute, ſondern die redendſten Zeugen von dem Thun und Handeln einer Nation, ihrer Sitte und Denkart, ihrer Geſchichte und Abkunft zu finden ſich be⸗ muͤht: dem wird das geringſte Sprachdocument eines erſtorbenen Volkes heilig ſeyn muͤſſen, und theurer, als die Blätter von Ro- mowen's Eiche es je ſeyn koͤnnten, wird er auch die wenigen Blaͤtter halten, die mit der Sprache der alten Oſtſeeanwohner, vom Strudel der Zeit verſchont, im Samlande ſelbſt erhalten wurden: denn fie zeigen, obwohl im Welken, dennoch den kraͤfti⸗ gen Urſtamm, aus welchem ſie entſproſſen. Zwar ſind dieſe uͤbri⸗ gen Sprachtruͤmmer der alten Preuſſen als Einfaſſung chriſtlicher Ideen auf uns gekommen und der Geſchichtsforſcher koͤnnte in Verſuchung gerathen, ſie einem einzigen heidniſchen Volksliede nachzuſetzen; zwar find fie ebenfalls aus einer Zeit, wo das Ges baͤude der Sprache ſelbſt ſchon zum Theil zerſtoͤrt war; wo deutſche

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712 Ueber die Sprache der alten Preuſſen. Anſiedler ſich darin eingebuͤrgert und feſtgeſetzt hatten: aber eine Sprache möge in ihren innerſten Grundfeſten erſchuͤttert werden, ihre Elemente mögen ſich abſchleifen, oder, zum Baue einer an⸗ dern verwendet, in neuer Form erſcheinen, immer werden noch ſelbſt die Truͤmmer, wo nicht auf den ganzen Umfang des Ge— baͤudes, doch auf die alte Bauart ſchließen und erkennen laſſen, ob glaͤnzend der Styl oder prunklos, ob aus der Ferne die Ma⸗ terialien oder heimiſch geweſen. Dieſe Unterſuchung zu fuͤhren, iſt die Sache des Sprachforſchers, der mit einer heiligen Scheu die verwitterten Hallen betritt, jedes Steinchen vom Staube zu ſaͤubern, jede Wand vom Mooſe zu entbloͤßen und ſowohl Grund⸗ lage als Gefuͤge dem pruͤfenden Auge darzulegen ſucht — ein Weg, hoͤchſt trocken und dürre fuͤr denjenigen, dee ihm in jene La⸗ byrinthe nicht folgen mag, von der groͤßten Wichtigkeit und Be⸗ lehrung aber fuͤr Alle, die die Sprache eines Volkes als Dolmet— ſcherin feiner Geſchichte, als Gefäß feiner Ideen anzuſehen ges wohnt ſind. Die erſte und einzige Kunde von der Sprache der heidni— ſchen Preuſſen ſind wir dem edlen Markgrafen Albrecht ſchuldig, der bei ſo manchen wohlthaͤtigen Einrichtungen vor Allem das Seelenheil feiner Unterthanen zur Hauptangelegenheit feiner frommen Thaͤtigkeit machte und daher den Entſchluß faßte, die Grundſaͤtze des gelaͤuterten chriſtlichen Glaubens durch die Schrift zu firiren, damit fie durch zweckmaͤßige Belehrung immer mehr unter dem Volke ausgebreitet werden moͤchten. Schon ſeit dem XIII. Jahrhunderte waren die Strahlen des Chriſtenthums mit dem deutſchen Orden bis zur Samlaͤndiſchen Kuͤſte gelangt, aber nur ſpaͤrlich hatten ſie eindringen koͤnnen, da man ſich um den Unterricht eines in knechtiſcher Abhangigkeit gehaltenen Volkes zu wenig kuͤmmerte und eine fremde Sprache jeden Fortſchritt er— ſchwerte; indem doch immer nur Einzelne als fogenannte Tolken oder Dolmetſcher die Lehren des Evangeliums verkuͤnden konnten. Wie die Sprache dieſes Volkes damals beſchaffen geweſen, koͤnnen wir nur aus ihren noch lebenden Dialecten einigermaßen ahnen, denn einzelne, von Chronikenſchreibern aufbewahrte, Woͤrter koͤn— nen begreiflicher Weiſe hier nicht in Anſchlag kommen: ſo viel iſt klar, daß ſich fruͤhe ſchon manches fremde Wort in dieſelbe eingeſchlichen, manche Form ſich aufgedraͤngt und nach und nach jene Verſtuͤmmlung und Abnutzung bewirkt habe, die jetzt in den gedruckten Documenten zu Tage liegt und das alte Genräge zum Theil unkenntlich macht. Selbſt dialectiſche Verſchiedenheiten fanden Statt; als daher die erſte Ausgabe des luther. Catechis⸗ mus, die Albrecht 1545 veranſtalten ließ, ſich die Miſchung und Vereinigung dieſer kleinen Abweichungen zur Aufgabe gemacht

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Ueber die Sprache der alten Preuffen. 713 hatte, wurde die Sprache fo wenig im Samlande, als in Nas tangen ganz verſtanden und es mußte im ſelben Jahre ein vers beſſerter Abdruck in reinem Samlaͤndiſchen beſorgt werden. Nur von dieſem hat ſich das Original (auf der Biblioth. des geheimen Archivs zu Königsberg) erhalten; aber beide Ausgaben find ab— gedruckt in Lilienthal's preuſſ. Zehnten B. III. ſo wie theil⸗ weiſe bei Hartknoch in feinen Commentationen zum Dus— burg ſchen Chronikon p. 84 und eine Vergleichung derſelben zeigt, daß die groͤßte Verſchiedenheit nur auf andrer Vocaliſation beruhe, woraus dann zugleich hervorzugehen ſcheint, wie genau ſich der Leſer an die Schreibart gehalten habe und wie ſicher man auf dieſelbe fußen koͤnne ). Beide Catechismen enthielten nur die zehn Gebote, den Glauben und die Einſetzungsformel der Sa— cramente: ſey es nun, um die Liturgie zu vervollſtaͤndigen, oder weil man ſelbſt in der zweiten Ausgabe noch immer einige Ver⸗ ſtoͤße gegen die Ausſprache wahrnahm, genug, ſechszehn Jahre ſpaͤter wurde dem Pfarrer zu Pobeten, Abel Will, aufgetragen, den vollſtaͤndigen lutheriſchen Catechismus in die Landesſprache zu uͤberſetzen und ſo erſchien: Enchiridion, der kleine Ca⸗ techismus Dr. M. Luthers, teutſch und preuſſiſch, Koͤnigs b. 1561, 4., den der fleißige Dr. Vater der Verbor⸗ genheit zu entreißen, das Verdienſt hat in ſeiner: Sprache der alten Preuſſen, Braunſchw. 1821. 8. Hier koͤnnten wir, auch abgeſehen davon, daß ſeitdem noch zwei Exemplare dieſes Catechismus aufgefunden worden, von welchem Vater nur ein verſtuͤmmeltes benutzen konnte (S. deſſen Einleitung p. XX.) und daß der Herausgeber leider faſt in jeder Zeile die Laͤnge der Vo⸗ cale genau zu bezeichnen verabſaͤumte, auf jenes Buch verweiſend die Feder niederlegen, wenn wir nicht hoffen dürften, bei unſrer kurzen Unterſuchung einen andern Standpunkt nehmen zu koͤn— nen, als es Vatern moͤglich war, indem wir eine Sprache des Alterthums, die Sanskrita, die den meiſten bekannten Sprachen bei der Vergleichung als Grundlage dienen muß, in unſern Kreis zu ziehen und dadurch einige Dunkelheiten in dem altpreuſſ. Idi⸗ ome aufzuhellen verſuchen werden. Um indeſſen nicht in zu feine Zergliederung des ganzen verwandten Sprachſtammes eingehen zu dürfen, wobei nothwendig überall die Dialecte des Preuſſiſchen, 1) So ſchreibt die erſte Ausgabe assa (ab), die II. aesse; die J. swelan (mundum), II. swytan; I. bha (et), II. Phe; I. eden (cibus), II. ydi; I. stasmu (huic) II. stesmuz I. pogeitty (bibite), II. puieiti; nur wenige Wortabweichungen finden Statt, z. B. I. laeims (impe- rium), II. rycky; I. menentwei (memini), II. westwei; I. anterpins- quan (inutifiter), II. enbaendan; I. pattiniskan (conjugium), II. sa- lobisquan; u. ſ. f.

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714 Ueber die Sprache der alten Preuffen. beſonders das vollkommnere Litthauiſche zu Hülfe genommen wer- den muͤßten, ſey es erlaubt, hier nur die Hauptreſultate, die eine durchgefuͤhrte analytiſche Vergleichung dieſer Sprachen gewinnen laͤßt, anzugeben, im Uebrigen aber auf eine kleine Abhandlung uͤber das Litthauiſche zu verweiſen, die einen comparativen Ueber⸗ blick dieſes Sprachſtammes bezweckt und ausfuͤhrlichere Beweiſe wird liefern koͤnnen. Die noch lebenden, engverbundenen Schweſterdialecte des Altpreuſſiſchen ſind anerkannt das Lettiſche in Cur- und Lettland und das Litthauiſche, beſonders das mehr verderbte, ſogenannte Polniſch⸗Litthauiſche oder Schamaitiſche, weshalb auch ſchon Praͤ— torius (bei Vater p. 150 seq.) das Preuſſiſche mit letzterm ganz identiſch hielt und ſomit jede Abweichung darnach aͤndern zu muͤſſen glaubte: ein Verfahren, das Vater beſonnen beſtrei- tet, fo wie er auch (Einl. p. V. u. XXXI.) von dieſem Dialecten⸗ kreiſe das Eſthniſche mit vollem Rechte ausſchließt, da es ganz ei— nem andern, als dem Indiſch-germaniſchen Stamme angehört- Beide Dialecte nun, Litthauiſch und Lettiſch, ſtehen ſich an lexi— caliſchem Umfange und Reichthume faſt gleich, nur daß ſich im Lettiſchen verhaͤltnißmaͤßig mehr ſpaͤter aufgenommenes Deutſch findet; beide weichen aber in grammatiſcher Beziehung gar ſehr von einander ab; denn wo das Litthauiſche, durch ſeine Iſolirung vor jeder Ausartung geſichert, mit bewundernswuͤrdiger Treue ſeine alte Formvollkommenheit aufbewahrt und, ohne durch Schrift gehalten zu werden, fetbftändig ſich fortgebildet hat, mit⸗ hin durch freiere Conſtruttion und kuͤhneren Periodenbau noch mehr der Euphonie, als der Logik huldiget, da iſt das Lettiſche ſchon eben fo formlos und abſtract geworden, wie etwa das Per: ſiſche, Engliſche und Neudeutſche: die Caſusendungen find abge: ſchliffen, der Inſtrumentalis iſt ganz verſchwunden, der Locativus obſolet, vom Dual keine Spur mehr vorhanden, das Verbum flectirt ſich mit vorgeſetztem Pronomen, alles Fremdartige hat ſich mit der Sprache feſt amalgamirt und kurz, der Dialect hat bereits einen ſtehenden Typus angenommen, nachdem er diejenige Gaͤhrung uͤberſtanden, die durch aufgedrungene Elemente noth⸗ wendig entſteht ). Zwiſchen beiden Idiomen in der Mitte ſteht der Altpreuſſiſche; ſein Wortreichthum kann aus dem wenigen Sprachvorrathe nicht ermittelt werden; indeſſen laſſen mehre Sy⸗ nonyma ſchließen, daß er hierin nicht nachgeſtanden; aber in feis 2 Wenig Brauchbares, ſondern nur vage Etymologie, liefert Hen⸗ nig: grammat. critiſche Unterſuchung uͤber den Urſprung der Lettiſchen Sprache und uͤber ihre Verwandtſchaft mit dem Altpreuſſ. und Litth. (im Preuſſ. Archiv. 1796).

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Ueber die Sprache der alten Preuſſen. 715 ner Grammatik offenbart ſich eine eigene Miſchung von altem und neuem Sprachgute und der oben angedeutete Kampf wird hier recht lebendig ſichtbar: mehre Jahrhunderte haben ſchon ih: ren Einfluß ausgeuͤbt und noch immer widerſtrebt die Sprache, Alles aufzunehmen, was ihr angedrungen wird. Indeſſen iſt ſie auf dem Punkte, zu erliegen, viele ihrer Formen neigen ſich dem Untergange hin, fremde haben bereits Buͤrgerrecht erhalten und ſtehen ſiegreich neben den verdraͤngten da: daher denn das er⸗ ſtaunliche Schwanken, beſonders beim Nomen und Verbum, die keine Flexion mehr durchführen laſſen (S. z. B. bei Vater S. 105), ) daher auch mehr oder minder die Annäherung an das Stavifche oder Germaniſche, die ſelbſt einen großen Sprachkenner irre leiten konnte?): denn wenn auch Form und Gepraͤge durch Abnutzung einige gemeinſchaftliche Eigenthuͤmlichkeiten mit dem Slaviſchen erhalten, z. B. runkans ſtatt rankans (manus p. 27) wofür ſchon rukans (p. 8) — etwa wie das Litth. düdu (do) ſtatt düdumi (im Sanskr. dadämi); suwu (suo ich nähe) für su- wumi (S. suwämi) ſpricht; wenn auch einzelne Wurzelbeſtand⸗ theile dem Polniſchen ausſchließlich angehoͤren moͤgen, wo der Preuſſe die Sache nicht kannte z. B. peisai (scribunt, poln. pi- sac“), oder demſelben aͤhnlich ſind, weil ſie in allen verwandten Sprachen ſich finden, fo erſcheinen unſere drei Dialecte dennoch nur als Nebenzweige jener Staͤmme, die nicht von ihnen ausgegangen ſeyn koͤnnen, ſondern ſich wie Abſen— ker deſſelben Urſtammes zu einander verhalten, ſich zwar am engſten und gleichſam als leitende Mittel: glieder an das Gothiſche ſchließen), oft aber Voll— kommenheiten aufweiſen, die ſich aus keiner euro— päifchen Sprache erklaren laſſen, ſondern erſt ih— ren Haltpunkt im Sanskeit wieder finden. Um dieſe kuͤhn ſcheinende Behauptung zu rechtfertigen, hier nur aus dem Wortvorrathe, denn auf Flexionsendungen ſoll unten aufmerkſam gemacht werden, einige Beiſpiele: Das ſanskr. Dewas (Deus) findet ſich nur rein im Litth. Diewas, Lett. Dews und Preuſſ. Deiws wieder, daher pr. dei- 1) Jedoch iſt feſtzuhalten, daß die Sprache, als ſchriftloſe, keine feſte Schreibart haben konnte und daß alſo z. B. assei und asse (es); ten- nau, tennen und tannan (eos) eben nicht große Abweichungen find. 2) Linde in feiner Beurtheilung des Vaterſchen Werkes o jezyku Dawnych Prusaköw. Warsch. 1822. 8. g 3) Man unterſcheide aber alte Formen, wie kaimo (vicus) goth. haim, werts (dignus) goth. wairths; surgaut (curare) goth. saurga (cura); rikys (dominus, res) goth. reiks und viele andere von fpäter aufgenommenen deutſchen Wörtern: kelkis (calix), kirkis (ecclesia) jurmprawa (virgo), höftmaunis (centario) u. f. w.

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716 Ueber die Sprache der alten Preuffen. wuts (pius, devotus) im Sanskr. deiwat. Dieß darf einigerma⸗ ßen zu dem Schluſſe berechtigen, daß die nordiſchen Staͤmme die⸗ ſes Wort daher mitgebracht, woher es Griechen und Römer hats ten, an deren Einfluß hier, wie an einem andern Orte bewieſen werden ſoll, nicht gedacht werden darf ). An eine Mittheilung durch Perſer iſt eben ſo wenig zu denken, denn dieſe bezeichnen mit dem Worte Dew einen böfen Dämonen, theilten aber wahr⸗ ſcheinlich den germaniſchen Voͤlkern ihr choda (Deus, goth. Guths) mit; das flavifche Bog dahingegen ſteht iſolirt da. Wisampatis ferner bedeutet im Sanskr. 1) Herr der drit— ten Caſte, der Wisa’s, 2) Herrſcher Überhaupt; das Litth. wiezpats (dominus) Pr. waispattis (domina) mag alſo ſchwer— lich ſeinen Urſprung verlaͤugnen unb aus dem verderbten ſlaviſchen gospodin, woran ſich auch decrorgs ſchließt, in die reinere Ges ſtalt zuruͤckkehren. Das einfache ſanskr. patis (dominus) fin⸗ det ſich ſogar im Litth. pats; der Stamm iſt pa (regnare), aus welchem mit der Ableitungsſylbe na (vergl. das obſolete ſanskrit. di [dies] litth. deena, preuff. deyna) ſich im Litth. ponas (do- minus) und Preuſſ. su- puni (uxor) bildet; letzteres hat ſogar die indiſche Femininalform und das su iſt eine bekannte Partikel im Sanskr., gut bedeutend. Eben daher erklärt ſich das Preuff. pati - niskwa (conjugium), welches ſchon Praͤtorius richtig als Abſtractum auffaßte, durch: Vereinigung des Mannes und Weibes. Bei der analytiſchen Vergleichung verwandter Sprachen hat man, um ihre Verhältniffe zu einander auf eine untruͤgliche Art zu ermitteln, nicht ſowohl auf die Uebergaͤnge der Vocale, als ganz beſonders auf die der Conſonanten zu merken. Fuͤr erſtere giebt es im Sanskrit ſtehende Geſetze, nach welchen ein abgelei— tetes Wort aus ſeinem primitiven Verbalzuſtande erſt durch die Verſtaͤrkung des ſogenannten Guna und Wriddhi (S. Bo pp Lehrgeb. §. 33) ſich bildet, folglich yauwana (juventus) fpäter iſt, als yuwan (juvenis) u. ſ. f. Daſſelbe Geſetz findet in den verwandten Sprachen Statt (vgl. z. B. caupo und copa von cupa, preuſſ. widdai (vidit. ſanskr. wid) cauſſal. waidinna (ostendit, ſanskr. waid), und giebt uns ein Recht, das ver⸗ ſtaͤrkte, goth. wair (Vir) u. a. für ſpaͤter zu halten, als das preuſſ. 1) Wie wenig hier die augenſcheinlichſte Aehnlichkeit beweiſe, zeigen alle ſolche Wörter, die ihren Verbalſtamm auf das Sanskr. zuruͤckfuͤh⸗ ren laſſen, z. B. preuff. unds (aqua, unda) lett. uhdens, vergl. ſanskr. ud und und (fluere); preuſſ. idis (cibus) ideiti (edite) im Sanskr. ad (edere); preuſſ. eit (it), pereit (venire), ſanskr. eti (it) vom Stamme 1; preuſſ. wartinna (vertit) ſanskr. wartali; pr. wyms (vomere) litth. wemju, ſanskr. wam; pr. widdewu (vidua) ſanskr. widhawä eic.

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Ueber die Sprache der alten Preuffen. 717 wyrs, ſanekr. wiras, wenn auch die Dialecte den Urvocal nicht ſo feſtzuhalten pflegen, als das vollkommene Sanskrit, welches durch das Verlaſſen ſeiner homogenen Vocalclaſſe ſeine Reinheit willkuͤhrlich zerftören wuͤrde ). Unwandelbarer find in den ver⸗ wandten Sprachen die Conſonanten bef. der gutturalen, dentalen und labialen Claſſe, nur gilt im Allgemeinen die Regel, daß wo eine Tenuis mehr der Urgeſtalt angehoͤrte, dieſe bei der Dialecten⸗ abſtufung gerne eine Adſpiration annimmt und ſo nach und nach in die media ihrer Claſſe uͤbergeht (S. Grimm d. Gramm. Th. I. p. 584 2te Ausg.); vgl. das goth. Pron. interog. hwas mit dem ſanskr. kas, ki, kim, welches ſich mit feinen abgeieiteten Formen am reinſten in unſern nordiſchen Dialecten wiederfindet, pr. u. litth. kas (quis); quei (ubi) ſanskr. kwa; sen ku (quo- cum), welche Grundform ſelbſt im Indiſchen fehlt. Eben ſo hat das Sanskr. anyas (alius) compar. any ataras, &, am, preuſſ. antars, antra im Goth. ſchon die Spirans anthars und verweicht ſich endlich in d. — Schwankend iſt der Uebergang der, dem Sanskr. eigenthuͤmlichen, palatalen Conſonanten, doch nie ſo grell und willkuͤhrlich, daß das Wort dadurch unkenntlich wuͤrde, z. B. chaturthas (ſpr. tscha- quartus) pr. ketwirts, litth. ketwirtas; janä (fpr. dschänä mulier) pr. ganna, goth. qwino; jiwa und jiwita (vita) pr. giwei, lett. dsihwe; litth. gywatä, vgl. goth. qwiws (vivus); tejas (honor) nur noch im Altpr. teisis. — Am unbeſtaͤndigſten find h, r und s durch ihre Ver- wandtſchaft unter ſich und die Neigung des Letztern; ſich in k zu verhaͤrten ?); allein wir enthalten uns hier der Beiſpiele, da nicht allein die Verbalverwandtſchaft der alten Sprache Indiens mit dem preuff. litthauiſchen Stamme ſchon durch das Angefuͤhrte ge: nugſam begruͤndet ſcheint, ſondern auch jeder, der einigermaßen den Gang der Sprachen beobachtet hat, gewiß dem ausgeſproche⸗ nen Satze beipflichten wird, daß wenigſtens an keine Ableitung aus dem Gothiſchen, wie dieſes im Ulphilas vorliegt, zu denken ſey. Oft haben die nordiſchen Stämme die Form eben fo getreu * 1) Beiſpiele ſolcher Uebergaͤnge im Altpr. find: ſanskr. ubha (ambo ) pr. abbai; ſanskr. gan (agere) pr. gun - wei; ſanskr. ma- tri, nominalio, mata (mater) pr. muli, lett. mate; ſanskr. mänsä (caro) pr. mensai (das Polniſche mit untergeſchriebenem Naſal mięso, den das Ruſſ. und Lett. ſchon ganz ausſtoßen); ſanskr. pätum (bibere) pr. poufon u- L W. 2) Vgl. ſanskr. dasa (decem) & pr. dessimton — satam (cen- tum); dis (indicare) dzixw;, dris (videre) Ge gn swan (canis) xu@v; pasu (pecus) pr. pecku; brit (cor) litth. szirdis, pr. siras; ſanskr. en: (hierns, nix) lett. sema; litt. ziema; mah (posse, ma- gnum esse) pr. wisse-mokin; wisse-musingis (omnipotens) massi (potest) eic.

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718 Ueber die Sprache der alten Preuffen. aufbewahrt (z. B. ſanskr. sünas (filius) goth. und litth. sunus, pr. souns); oft findet ſich in ihnen ein ſonſt verlorenes Wort wieder (z. B. ſanskr. wiswa (omne) preuſſ. wissa, lett. wiss, litth. wissas); ja oft weiſen fie bei ihrem eingeſchraͤnkten Wort: vorrathe noch Vollkommenheiten auf, die das Sansk. ſchon ver⸗ mißt), und wie wichtig uͤberhaupt die Kenntniß des Sanskrit ſey, um im Preußiſchen den Stamm und die wahre Etymologie zu finden, koͤnnte durch eine Menge Beiſpiele erhaͤrtet werden 2). — Die Eigennamen im Altpreußiſchen enthalten, wie in jeder tod⸗ ten Sprache, noch manches verlorne Sprachgut und Vater ge⸗ ſteht ihnen deshalb einige Wichtigkeit zu: um ſie indeſſen mit Sicherheit aufloͤſen zu koͤnnen, muͤßte weit mehr von der Sprache ſich erhalten haben, denn jede von außen hineingetragene Etymo⸗ logie muß hoͤchſt ſchwankend werden; einige Huͤlfe bietet indeſſen auch hier das Sanskrit, ſo, bei Ortsnamen mit Wangen die, wie Turwangen, Kinwangen u. a. im Walde liegen, dürfte wohl das ſanskr. wana (sy lva, lucus) althochd. wane (Grimm II. S. 533) verglichen werden und Lauks (ager) in Mehlauken, Taurlauken, Taplaken findet Berührung mit dem Sanskr. loka (locus, mansio, mundus etc.). — Es bliebe uns nur noch ein Blick in die Formlehre uͤbrig und hier iſt es, wo die Sprache, wie ſchon angedeutet worden, in einem aͤrmlichern Gewande auftritt, als ihre litthauiſche Schwe⸗ ſter; ſie erſcheint bereits ihres beſten Schmuckes beraubt und hat von Fremdlingen erborgen muͤſſen, was ſie einſt in reicherem Maße beſeſſen — kein Wunder, da ſchon 1309 ein Decret des Hochmeiſters Siegfried von Feuchtwangen ſie aus dem Volke zu bannen erſtrebte: ein Verfahren, das ſicherlich die Belehrung 1) So iſt preuſſ. kittas (alter), lett. zits, noch wirkliches Pronomen deſſen Neutrum chit im Sanskr. nur noch als Beſtimmungsſylbe lebt: kaschit (quicunque); eben fo kommt im Sanskr. nur noch der adver⸗ biale Accuſat. naktam (noctu) vor, waͤhrend das Litth. und Preuff. noch nactis (nox) haben ꝛc. 2) Man vergl. nur: touls (plus) tulan (multus), ſanskr. tul (im- plere); tals (ultro, tandem) ſanskr. tal (ſinire Tce); enterpon (utilis) ſansk. tarpas von trip (Tegrw); bhae, bhe (et) ſanskr. wa, perſiſch. ba; myls (carus) mile (amaut) ſanskr. mil; hou-ton (esse) ſanskr. bhü; rams, lett. rahms (tranquillus, moriger) ſanskr. ram tranquillum esse, gaudere); au-laut (mori) au-launs (mortuus) ſanskr. lü (solvere, Aw ), daher auch Litth. Iawonas (cadaver) wie das Sanskr. lawanas bilden konnte. Daß zuweilen dialeckiſche Verſchie⸗ denheit Statt finde, darf nicht auffallen, z. B. sen-rinka (colligit) ſanskr. rang (ordinare) daher ranga (ordo Nalus 3, 3) preuß. ranka (ma- nus) woher ranctwei (furtum committere); fo iſt preuß. segge (ſa- cere), lett. sag-1 (furari) und ſanskr. sak (posse) wohl fuͤr dieſelbe Wurzel zu halten.

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Ueber die Sprache der alten Preuffen. 719 und den Unterricht der Preußen im Chriſtenthum erſchwerte, weil man der Nation das Theuerſte nahm — ihre Gedanken! Aber bei allem Schwanken zwiſchen eigenthuͤmlicher und aufgedrunge⸗ ner Bildung laͤßt der altpreuſſ. Dialect noch manche Grundzuͤge einer vollkommenen Sprache durchblicken und dieſe moͤgen, ohne die ganze Grammatik darzulegen, kurz aufgefuͤhrt werden. Die Declination des Nomen hat wenig Eigenthuͤmlichkeiten mehr aufzuweiſen; die Caſus find mangelhaft, inſofern Inſtru⸗ mentalis und Locativus gaͤnzlich fehlen, oder verſtuͤmmelt und in vielen Faͤllen, wegen unſicherer Rection der Praͤpoſitionen, gar nicht zu beſtimmen; von einem Duale findet ſich ſelbſt beim Pro— nomen, welches ſich länger als irgend ein Nedetheil zu halten pflegt, keine Andeurung mehr und ſelbſt die Spuren von einem Neutrum ſind ſchwankend, da emnen (nomen) und andere, die man dafuͤr halten möchte, nie mit dem Artikel fo beſtimmt vor⸗ kommen; auch bei dieſem (stas, stai, sta wie Vater ordnet, im Litth. aber tas, ta, tai) das Neutrum zu ungewiß iſt, als daß man es mit einiger Sicherheit nachweiſen koͤnnte. Die erſte Declination laͤßt ſich vollſtaͤndig aufſtellen: der Charakter des nom. ift beim mascul. s (deiws, deus) mit ausgeſtoßenem Bindevo⸗ cal (vergl. litth. diewas, ſanskr. dewas) der im Genit. wieder her⸗ vortritt (deiwas, ſanskr. dewasya); der Dativ geht nach goth. Art auf n aus und wird fo dem Accuſ. gleich (deiwan, ſanskr. dewam); der Vocat. verliert bloß das s des Nominat. (deiwa, ſanskr. de- wa), welches nur in einigen Beiſpielen mißbraͤuchliche Ausnah⸗ men findet. Der Nominat. im Pur. lautet deiwai (ſanskr. de- wäs), der Genit. deiwans (ſanskr. dewänäm), der Dat. zeigt wieder einige Berührung mit der alten Form, wobei eine kleine Buchſtabenverweichlichung nicht in Anſchlag zu bringen iſt: wyri- mans (viris, ſanskr. wirebhyas); der Accuſ. hält im Preuſſ. fein s feſt, welches die Euphonie im Sanskr. abzuwerfen gebot: wy- rans, ſanskr. wirän. — Das Feminin. der erſten Decl. lautet auf a aus, wie im Sanskr. (ganna mulier, daia donum), fle— ctirt ſich uͤbrigens wie das Mascul. Als zweite Decl. ließe ſich aufſtellen: masc. rikys (dominus) ſem. teisi (honor), die im uͤbrigen ganz der gewoͤhnlichen Abwandlung folgen. Einige wichtige Archaismen bieten die Pronomina dar, bei deren engen Beruͤhrung mit dem Sansk. ſelbſt das Litth. nachſte⸗ hen muß. Das Pron. demonſtr., welches die Stelle des Artikels vertritt, lautet slas und iſt hoͤchſt wahrſcheinlich aus zwei Prono⸗ minen verſchmolzen, aus sas und tas, die ſich beide im Sanskr. wiederfinden *); hievon bewahrt das Preuß. den Accuſ. Singul. 1) Eben fo halte ich das preuß. schis (hic) für identiſch mit dem ſanskr. eshas, ebenfalls aus dem Stamme i (S. Bopp zum Nalus p.

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720 Ueber die Sprache der alten Preuffen. stan (Sanskr. tam), wo ſchon das Litth. fein a virgulatum ſetzt, alſo wenigſtens nicht vollftändig mehr ſchreibt und ſich ſchon dem Lett. (to) nähert. Der Genitiv ferner steisai, fem. steises berührt ſich näher mit dem Sansk. (tasya, lem. tasyäs) als das abge: kuͤrzte litth. Lo, fem. 10s; der Dativ aber tritt jener fo nahe, wie keine Sprache mehr, indem er die Sylbe smu als charakteriſti⸗ ſche Endung gebraucht (vergl. Kasmu (cui) ſanskr. kasmai; stes- mu, ſanskr. tasmai), die ſonſt nirgend fo rein vorkommt (vergl. litth. tämui, goth. thamma mit ausgeſtoßenem s). Das Femi⸗ nin im Preuſſ. hat im Dativ stessiei, ahnlich dem ſansk. tas yal. Uebrigens werden kas und stas im Preuß. relativ durch die Sylbe wyds, wie im Sanskr. durch wad: kawyds (qualis) stawyds (talis). Das perfönl. Pronomen as (ego) ſcheint urſpruͤngliche Form, das ſanskr. ah-am aber ſchon verweicht, da hier der status abso- lutus as-mat lautet und ſich aus unzähligen Beiſpielen zeigen ließe, wie s in h, aber ſelten umgekehrt, uͤbergehe (vergl. ſanskr. ashia octo, goth. ahtau u. a.). Die uͤbrigen Beugfaͤlle nehmen, wie im Sanskr. einen andern Stamm zu Huͤlfe, z. B. Dativ maim (dem ſanskr. mayam näher als das litth. man); dahinge⸗ gen nimmt die zweite Perfon iu (im Sanskr. ſchon mit dem Suffir am: iwam) kein Subſtitut an: Dativ tebbei ſansk. tubhyam; nur im Plural jous (vos) ſanskr. yüyam iſt eine neue, bei beiden gleiche, Wurzel yu. Vom Verbum endlich laͤßt ſich durchaus keine regelmaͤßige Conjugation durchfuͤhren; daß aber auch hier die Sprache einſt an Vollkommenheit dem Sanskr. nahe gekommen ſey, beweiſt noch das Verbum Subſtantivum, welches, abgeſehen davon, daß der Dual fehlt, zum Theil ſich im Praͤſens durch das Feſthalten ſeines Wurzelvocals beſtaͤndiger flectirt, als ſelbſt das Indiſche. Hier das Schema: asmai (sum) ſanskr. asmi assi — — asi (ſtatt assi) ast — — asi asmai — — csmas (ſtatt as mas) astei — — tha (ſtatt astha) ast — — santi (ſtatt asanti). Der Infinitiv geht im Preuſſ. auf taus: bout (esse p. 10), enimt (sumere p. 62), madlit (precari p. 14), pout (bibere p. 17) und zwar iſt dieß die haͤufigere Endung, die aber ſchon 197) und sas zuſammengeſetzt, wie iste im Latein.; das Preuſſ. iſt dann ſelbſt der Euphonie getreuer geblieben inſofern es den Ziſchlaut beibehielt, den Vater (p. 71) mit Unrecht verdaͤchtig macht.

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Ueber die Sprache der alten Preuſſen. 721 als abgeſchliffen zu betrachten iſt und vollftändig einen Naſal an⸗ nehmen müßte: bouton (p. 28) enimton (p. 62) madliton (P. 62) pouton (P. 32) wodurch er denn dem ſanskr. Infinit. oder eigentlich Gerundium gleich kommt: pätum (potum) u. ſ. f. Daß Vater aber jenes ton fuͤr bloßes Anhaͤngſel halten will (p. 102), iſt einem Sprachforſcher ſchwer zu vergeben. Eine eigne Infinitivform iſt die auf wei: biatwei (timere) bilitwei (dicere), welche Endung ſchon Praͤtorius für einen Zuſatz ers klaͤrte, der häufig wegfiele. Etwas voreilig if aber der Schluß Vaters (p. 101): „Daß aber jenes wei oder wi“ (letzteres kommt indeſſen nie als Infinit. Endung vor) „ein bloßer, wahr⸗ „ſcheinlich faſt ganz bedeutungsloſer Anhang geweſen, erhellet „daraus, daß auch zuweilen Perſonalformen der Verben ihn has „ben.“ Allerdings hat dieſe Sylbe Bedeutung, denn merkt man auf den Gebrauch jenes Infinitivs, ſo wird man ihn meiſt nach der Praͤp. prei (ad) finden: prei poutwei (zu trinken p- 31) prei madlitwei (zu bitten p. 20), beſonders häufig nach turri (habere): turri westwei (du haſt z u fuͤhren P. 2) wogegen: massimai west (daß wir führen mögen p. 43); turri aus- kandints postatwei (du haft ein Erfäufter zu werden p. 24) vergl. postat p. 60. Beiſpiele finden ſich faft in jedem Gebote; nur iſt die Regel nicht feſtgehalten, weil das Verbum turri auch ſollen bedeutet; wir duͤrfen daher nicht anſtehen, jene Infinitive auf wei oder twei fuͤr das Gerund. zu halten, welches im Sanskr. auf twä ausgeht. Findet ſich hingegen wı und wie (niemals wei) als Perſonalform, z. B. gerdawi (lo- quor), fo iſt fie von einem Infinitiv auf aut, indem das u in w überging, wie rikauite (regnate) von rikaut; an der der drit⸗ ten Perſon Plur. endlich z. B. poskuläwie (admonent p. 32) iſt die Endung ein Pronom. recipr., wenn auch wans (vobis) vor⸗ hergeht, wie aus dem dabeiſtehenden perstallé (administrant) klar wird, eben fo wie ſich si als Reciprocum anhängt, ohnerach⸗ tet sien (se) pleonaſtiſch vorherging, z. B. dätunsi (dare se p. 20) grikisi (ſich verfſündigen p. 15), mukinsusin (lehre ſich b. 36) welches Vater richtig uͤberſetzt und doch p. 102 si und sin ebenfalls als muͤßigen Zuſatz verurtheilt. Die Participia, welche Vater p. 98 aufführt, beduͤrfen einer genauern Sonderung, bei welcher nur das Sanskr. die Hand bietet: mehre naͤmlich gehoͤren den Infinitiven an, wie die auf ton (nicht aus Verſehen wie S. 101 behauptet wird); mehre auf ns ſind der Form nach Particip. Paſſivi, die ſich im Sanskr. mit nas und tas bilden, z. B. au-launs (mortuus) und manche, von Vater p. 75 zu Verbalſubſtantiven gerechnete, ſind Part. Activi Praͤſ. wie dilants (operans), waitiantin (loquentem) vergl. 1.

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722 Ueber die Sprache der alten Preuffen. ſanskr. pacban, Acc. pachantam (coquentem). — Zu den als terthuͤmlichen Vollkommenheiten des preuſſ. Dialects ſind auch jene untrennbaren Partikeln zu rechnen, die, wenig an der Zahl, dem Verbo eine reiche Menge von Modificationen zu geben ver⸗ mögen und, einige Verſtuͤmmlung abgerechnet, dieſelben find, wie fie im Sanskr. ſich finden (S. Bopp. Lehrgeb. §. 111), wenn auch, wie faſt natuͤrlich, ihre Bedeutung zuweilen abweicht; am haͤu⸗ figſten find per (ſanskr. para), pa und po (ſanskr. upa), prei (ſanskr. prati) en (im Sanskr. à, oder an als Ältere Form) is und esse (ſanskr. ul), na (ſanskr. anu), sen (ſanskr. sam) ). In der Folge werden ſolche Partikeln zu wirklichen Nominalpraͤpoſi⸗ tionen und dieſe Criſis iſt grade im Preuſſ. ſichtbar, weshalb ihre Rection fo unſicher und ſchwankend iſt. So tiefeingreifend dieſer Bildungsgang bei dem Verbo des indiſch-germaniſchen Sprachſtammes iſt, eben ſo durchgefuͤhrt iſt die Art der Bereiche⸗ rung beim Nomen und Adjectiv durch Ableitungsſylben oder ſo⸗ genannte Suffixa, durch welche dieſe Sprachen den groͤßten Reich⸗ thum in der Wortbildung entfalten. Jedoch ſind dieſe auslau⸗ tenden Anhaͤnge ein freies Erzeugniß jedes einzelnen Dialectes, und, auf analoge Weiſe angefügt, koͤnnen fie durch Ton und Bedeutung hoͤchſt verſchieden ſeyn. Am reichſten ſind hier die Sanskr., die Griech. und Germaniſche Sprachen und ſelten trifft derſelbe Ausgang mit dem Aehnlichen eines andern Dialects uͤber⸗ ein, wie einige Beiſpiele zeigen mögen: von dem Stamme ag und ak (videre) bildet das Sanskr. ak-sha (oculus) das preuſſ. ackis, das griech. oxxoc, das lat. oc-ulus; — von dak bildet das Sanskr. dakshana (dextra), das Griech. örzie, das Altpreuſſ. tickra u. ſ. f. Das Preuſſ. bietet dieſer Endungen viele dar (bei Vater p. 74 seq.), die ſich am engſten mit dem Litthauiſchen und Lettiſchen, mitunter ſchon mit dem Germaniſchen beruͤhren; es wuͤrde zu weit fuͤhren ſie alle aufzuzaͤhlen und mit aͤhnlichen Suffiren aus dem Sanskr. zu vergleichen. Die Fähigkeit endlich, Compoſita zu formiren, hat die preuſßlitth. Sprache mit ihren ver⸗ wandten Staͤmmen gemein und zwar giebt es Beiſpiele von echt⸗ indiſcher Compoſition, z. B. wenn das erſte Glied im abſoluten Stande in irgend ein Caſusverhaͤltniß gedacht werden muß, wie 1) Vergl. ſanskr. sth& (place) preuſſ. po-stat (fieri), stanintei (stans) preistaitinnimai (collocamus); — ſanskr. sthal (collocare) preuſſ. perstalle (collocatus est); stalle (stal), istallit (nach dem Deutſch. ausſtehen); — ſanskr. sad und sid (sedere) preuſſ. sidons (sedens) ensaddinons (ein:gefeßt); — ſanskr. wach (appellare), preuſſ. wackitwei, preiwacke (compellat), enwacke (acclamant) po-wackis- na (clamor); — ſanskr. labh und lambh (capere Axgfavw) preuſſ pallaipsitwei (cupere) po-laipinna (jubeo) pallaips (jussum) u. ſ. w

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r Ueber die Sprache der alten Preuſſen. 723 but-sargs (pater familias), wogegen auch der wahre Genitiv vor⸗ kommt: buttas-iaws; eben fo bildet ſich von der Partikel sa (ſanskr. sa) und lub (amare, ſanskr. lubh, lubere) das Compo⸗ fitum saluban (matrimonium, mit Liebe ſeyend), und ans dre mehr, die aber mitunter erſt dem Deutſchen nachgebildet ſcheinen, wie kaimalncke (heim⸗ſuchen). Die Conſtruction hat ſich ebenfalls ſchon nach dem deutſchen Sprachgenius bequemt, weil die Sprache bereits ihre Beſtimmtheit verloren hatte; wie klangreich ſie aber noch damals geweſen ſey und ſich in Metra willig geſchmiegt habe, zeigt die Ueberſetzung des bekannten Ver⸗ ſes: ein jeder Lern’ fein Lection ꝛc., der bei Abel Will ſo lautet: Erains mukinsusin swaian mukinsnan Tit wisst labbai stalliuns enstan buttan.

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Verbeſſerungen zur Geſchichte Preuſſens. Erſter Theil. Seite 7 Zeile 27 v. o. lies: Waſſermaſſe, welche die — 18 — 3 v. u. — gu yropuadsevruv —_— u DD v. u. — GA xn — 23 — 20 v. o. — Eomexiiv — SFEMνννιν — 24 — 10 muß es heißen: die wir etwa funfzig Jahre nach dem Anfange unſerer Zeitrechnung bei Plinius, im erſten Jahrhundert bei Tacitus und anderthalbhun⸗ dert Jahre nach Chriſti Geburt bei Ptolemäus in den naͤmlichen Wohnſitzen wieder finden. — 30 — 4 v. u. lies: P — 31 — 9 v. o. — Livland — (und fo immer) — 33 — 9 v. o. — fortgepflanzt — 49 — 19 v. o. — dreihundert — 66 — 10 v. u. — "Oviorouiav — 71 — 19 v. o. — dom — 76 — 3 v. u. — Jon — 77 — 13 v. u. — oagkarına — 93 — 15. o. — ihren Bedarf — 133 — 5 v. u. — um dieſen — 137 — 20 v. o. — aller Voͤlker — 141 — 20 v. o. — maͤhrchenaͤhnliche — 194 — 22 v. o. — Soekongar — 204 — 16 v. o. — Lotheknut, dem Sohne — 229 — 13 über Poßkailes ſ. die Verbeſſerung bei Lucas Da: vid Bd. III. Vorr. p. IV. — 284 — 7 v. u. lies: deserens — 333 — 15 v. u. — Graͤnzfeſte — 360 — 10 v. o. — ohnedieß 7 3d — deman — 478 — 22 v. o. — Kovalevo — 503 — 3 v. o. — Balga — — — 15 v. o. — Lipza — 518 — 12 v. o. — in des — 587 — 1 v. o. — finden wir — 605 — 4 v. o. — ließ ſich

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Geschichte Preußens von den ältesten Zeiten bis zum Untergange der Herrschaft des Deutschen Ordens, Sagenarchiv Verlag Kawerau, hrsg. von Verlag Kawerau. https://sagenarchiv.de/archive/orden-geschichte-preussens-voigt-1827-1839/textzeugen/orden-geschichte-preussens-voigt-1827-1839-band-01