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Geſchicht e Preuſſens, von den aͤlteſten Zeiten bis zum Untergange der Herrſchaft des deutſchen Ordens, von Johannes Voigt. Zweiter Band. Die Zeit von der Ankunft des Ordens bis zum Frieden 1249. Koͤnigsberg, im Verlage der Gebrüder Bornträger. 27.
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Druck und Papier von Friedrich Vieweg und Sohn in Braunſchweig.
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Vorwort. Die Zeit des Heidenthums, die Geſchichte Preuſſens der aͤlteſten Zeiten, die erſte Bekanntſchaft des Landes unter fernen und nahen Voͤlkern durch den Handel mit ſeinen eigenthuͤmlichen Erzeugniſſen, die erſten Be⸗ ruͤhrungen und Begegnungen des Volkes im Krieg und Frieden mit Nachbarn und Fremdlingen und das Bild feines Lebens im Innern in allen noch er- kennbaren Zuͤgen und Beziehungen hat der erſte Theil dieſes Werkes dargeſtellt. Nun folget in dieſem zwei⸗ ten Theile zuerſt die Zeit des Urſprunges und der fruͤheſten Geſchichte des Deutſchen Ritterordens im heiligen Lande, ſeine aͤlteſten dunkelen Tage unter den drei erſten Meiſtern, dann ſeine Erhebung zur Macht und Groͤße unter dem Meiſterthum des edlen Hoch⸗ meiſters Hermann von Salza durch des Kaiſers hohe Gewogenheit und Freundſchaft und durch die zahlreichen Verleihungen und Beguͤnſtigungen der Paͤpſte.
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vi Vorwort. Ich habe dieſen Abſchnitt mit groͤßerer Ausfuͤhr⸗ lichkeit bearbeitet, als es manchem zu einer Geſchichte Preuſſens im erſten Augenblicke wohl nothwendig ſcheinen duͤrfte. Es geſchah indeſſen ſolches aus meh⸗ ren Gruͤnden, welche der denkende Leſer zum Theil in dieſem Abſchnitte ſelbſt leicht auffinden wird. Vor al⸗ lem ſchien mir auch dieſer Theil der Geſchichte des Ordens noch nirgends in ſolcher Art, in ſolchem Lichte und mit ſolcher Klarheit bearbeitet zu ſeyn, als es noͤthig war, um zu erkennen, wie es kam, daß der Deutſche Orden ſich maͤchtig genug fuͤhlte, die ſchwere Eroberung eines Landes, wie Preuſſen war, zu uͤber⸗ nehmen, und wie ihm durch die Mithuͤlfe und die Theilnahme, welche er in ſeiner großen Sache vor⸗ nehmlich in Deutſchland fand, die Unternehmung in ſolcher Weiſe gelingen konnte. In Hermanns von Salza Seele kam der Gedanke des großen Zieles zur Reife; darum ſchon gebuͤhrte dieſem edlen Meiſter vor allem ein Ehrenplatz in dieſem Werke. Ueberdieß aber zog mich auch der reine Adel der Seele und die erhabene Geiſtesgroͤße des Mannes ſo maͤchtig zu ihm hin, daß ich in waͤrmſter Liebe und Verehrung mit aller Sorgfalt gerne alle Zuͤge zu ſeinem Bilde ſam⸗ melte und geſammelt zum Ganzen vereinte.
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Vorwort. vu Hierauf folget in dieſem Werke die Unterneh: mung zur Eroberung und Bekehrung Preuſſens ſelbſt. Die gewaltigſte Kraft, welche in ihr wirkte und in die Erſcheinung trat, war jener wunderbare, maͤchtige Geiſt der Zeit, der in der Menſchheit des Abendlandes am Schluſſe des elften Jahrhunderts erwachte, im zwölften jene Züge ins Morgenland in Bewegung ſetzte und auch im dreizehnten Jahrhunderte noch kraͤftig nachwirkte, zwar mehr nur im Nachhall jener Begeiſterung und jenes Kreuzesrufes, welcher die Voͤl⸗ ker Europa's zur Errettung und Befreiung des heili⸗ gen Grabes aufregte, aber auch jetzt noch tief genug gefuͤhlt und ſtark genug vernommen zur Ausfuͤhrung des Gedankens des Gewinnes der nordiſchen heidni⸗ ſchen Voͤlker fuͤr den Glauben an das Evangelium. Ich habe die Erſcheinung des Deutſchen Ritterordens, wie er in Preuſſens Landſchaften mit dem Kreuze und mit dem Schwerte auftrat, aus dem Geiſte jener Zeit darzuſtellen geſucht, und die Beſtrebungen und die An⸗ ſicht von der Beſtimmung und dem Ziele des Lebens vorwalten laſſen, wie ſie damals in den Seelen der Menſchen lebten und wirkten. Alſo ſind es nicht ei⸗ gentlich die Ueberzeugungen, die Gedanken und Em⸗ pfindungen der Seele des Geſchichtſchreibers, die er in
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VIII Vorwort. die Bruſt der Menſchen jener Zeiten hineingedacht, ſondern es ſind die Ueberzeugungen, die Gedanken und Stimmungen aus jener Zeit heraus, die er in der Gemuͤths⸗ und Gedankenwelt jener Menſchen walten und wirken laͤßt. In dieſer Welt aber liegt ihm zu⸗ gleich das richterliche Geſetzbuch und der wahre Maß⸗ ſtab im Richteramte uͤber die Erſcheinungen und Be⸗ ſtrebungen, welche in der Unternehmung des Ordens gegen das heidniſche Preuſſen an den Tag treten. Der Kampf des Deutſchen Ordens mit dem heidniſchen Volke Preuſſens und mit deſſen Schirm⸗ herrn, dem Herzoge Suantepolc von Pommern macht den weſentlichſten Theil dieſes zweiten Bandes aus. Ich habe das Gemaͤlde dieſer Kaͤmpfe — das iſt mein lebendigſtes Bewußtſeyn — mit aller Unparteilichkeit gezeichnet und es hier nicht anders niedergelegt, als wie es ſich mit ſeinen Lichtfarben und ſeinen Schat⸗ tenzuͤgen in meiner Seele durch treueſtes Studium der Quellen geſtaltet hatte. Ich habe nichts dem Aehnlichen gehuldigt, was in irgend einer Weiſe Ten⸗ denz genannt werden koͤnnte; ich meide und mißbillige eine ſolche uͤberall in der Geſchichte. Wo ich aber warm für den Freiheitskampf und über die Freiheits⸗ ſache der Preuſſen ſprach, da fuͤhlte ich aus der Seele
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Vorwort. 1X des Volkes heraus den ſchweren Jammer und das namenloſe Ungluͤck, welche durch die aufgedrungene Rit⸗ terherrſchaft uͤber ſchuldloſe Menſchen gebracht wurden, den harten Druck fuͤr ſie in dem Verhaͤltniſſe des Eroberers zu den Beſiegten, den tiefen Schmerz uͤber den Verluſt der Freiheit des alten Lebens, des Glau⸗ bens an die urvaͤterlichen Götter und alles deſſen, was als heilig und theuer dem Volke durch die Ver⸗ gangenheit war zugebracht worden. Wo ich warm über die Eroberungs= und Bekehrungsſache des Or⸗ dens ſchrieb, da ſprach ich in der Ueberzeugung der Ordensritter von der Pflicht und der Beſtimmung ih: res Vereines fuͤr Kirche und Glauben, von ihrem Be⸗ rufe zur Vertheidigung und zum Schutze bedraͤngter Chriſten, da ward in mir der Gedanke lebendig, wel⸗ ches Heil und welche große Erfolge für freiere Ent- wickelung und menſchliche Bildung daraus hervorgin⸗ gen, daß die Deutſchen ſich der Kuͤſten des Baltiſchen Meeres bemaͤchtigten und der freiere Geiſt Deutſcher Eigenthuͤmlichkeit Raum gewann zu ſeiner Entfaltung in einem Lande, welches ſpaͤterhin vielleicht das Schwert Slaviſcher Geſchlechter uͤberwaͤltigt haͤtte, ſo wie zur Vermittelung Deutſcher Bildung in die nahen Voͤlker. Wo ich endlich den Herzog Suantepolc von Pommern
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X Vorwort. in ſeinem Kampfe gegen die Ordensherrſchaft recht⸗ fertigte, da ſprach ich die Anſicht, die Beſtrebungen und Beſorgniſſe eines um die Freiheit ſeines Landes, um die Erhaltung ſeines Herzogsſtuhles und um die Eigenthuͤmlichkeit ſeines Volkes ſchwer bekuͤmmerten Fuͤrſten aus; — und dieſes alles, ſo weit es mir moͤglich war, mich in die Welt dieſer einander entge⸗ genſtehenden und entgegenwirkenden Beſtrebungen, Ue⸗ berzeugungen, Gedanken und Gefuͤhle hineinzuver⸗ ſetzen. Ich habe in dieſem gewaltigen Widerſtreben feindlicher Kräfte zuvoͤrderſt immer die Idee feſtgehal⸗ ten und den Gedanken vorwalten laſſen, der ſich in ihm ausſprach: Kampf des Chriſtenthums mit dem Heidenthum; Sieg der Macht chriſtlicher Ue⸗ berzeugung uͤber den Glauben im Goͤtzendienſte; Sieg des Lichtes im Worte des Erloͤſers uͤber die Finſter⸗ niß des Geiſtes in der Zeit des Machtgebotes heid⸗ niſcher Prieſter; — ſiegreiche Herrſchaft und Verbrei⸗ tung des Deutſchen Geiſtes über ein Land, welches ſeit den aͤlteſten Tagen ſeiner Geſchichte fuͤr Deutſches Leben, Deutſche Geſinnung und Deutſche Sitte be⸗ ſtimmt geweſen war. Darum mußte aus dem heili⸗ gen Lande heruͤber, wo das ſegensreiche Licht der evan⸗
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Vorwort. xı geliſchen Erkenntniß entzündet worden war, der Deutſche Ritter kommen, um in Preuſſen den letzten Goͤtzen zu flürzen, der in Europa noch angebetet wurde und um ein Land dem Deutſchen Reiche zuzueignen, das nun noch heute ſich eines Deutſchen Koͤniges erfreut. Anderwaͤrts iſt der Orden in ſeinem Streben in einem ſehr unfreundlichen und zuruͤckſchreckenden Bilde gezeichnet worden. Ich habe mich in keiner Weiſe um dieſes Bild bekuͤmmert, fo verfuͤhreriſch auch immer⸗ hin die Farben in demſelben aufgetragen ſind und ſo verderblich es auf das wahrhafte, ernſte Studium der Geſchichte des Vaterlandes gewirkt hat und von Tag zu Tag noch fortwirket. Steht die Zeichnung in die⸗ ſem Werke anders da, ſo darf ich offen bekennen, daß weder Groll noch Vorliebe die Farben gemiſcht und Licht und Schatten gewaͤhlt haben; es iſt das Bild, wie es die unbefangenſte, ſorgſamſte und treueſte For⸗ ſchung in den Quellen mir in die Seele gab. Das Werk erhaͤlt in dieſem zweiten Bande eine Charte aller Burgen in Preuſſen zur Zeit des Deut⸗ ſchen Ordens, ſowohl der heidniſchen, ſo weit ſolche irgend noch zu ermitteln waren, als der biſchoͤflichen und Ritterburgen. Sie ſoll dem Leſer die Buͤhne ſeyn, auf welcher ſich die Ereigniſſe mehrer Jahrhun⸗
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XII Vorwort. derte bewegen. So viel ich weiß, beſitzt noch keine Geſchichte eines Deutſchen Landes etwas Gleiches. Die⸗ ſes ſchoͤne Verdienſt um die Geſchichte Preuſſens hat ſich mein verehrter Freund, der Herr Major von Fiſcher im hieſigen Generalſtabe erworben. Zeuge der unendlichen Muͤhe in Erforſchung der Einzelnhei⸗ ten, des ſorgſamſten Studiums der vaterlaͤndiſchen Ge⸗ ſchichte und des großen Zeitaufwandes, den dieſes im Entwurfe, wie in der Ausfuͤhrung ganz neue Werk ihm gekoſtet hat, kann ich nicht umhin, ihm hiermit oͤſſentlich meinen freundlichſten und innigſten Dank zu bezeugen und gewiß ſpreche ich ſolchen auch in der Seele und im Namen aller Freunde der vaterlaͤndi⸗ ſchen Geſchichte aus ). Koͤnigsberg, am 20ten Februar 1827. Johannes Voigt. ) Gewiß wird ſich der freundliche Leſer durch dieſes belehrende Ge⸗ ſchenk für das Titelkupfer hinreichend entſchaͤdigt finden, welches fruͤher zu dieſem Bande hinzukommen ſollte.
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Fortſetzung und Schluß des Subferibenten- Verzeichniſſes. Ord. Bel. Se. Durchlaucht der Fuͤrſt Hein⸗ rich LX. Reuß von Plauen auf Tirſchtigel u. Klauptzig) 1 durch Hrn. Buchhändler Darnmann in Zuͤllichau. Aachen Hr. Mayer, Buchhändler, noch Bamberg Oreſch, Buchhändler Berlin Amelang, Buchhändler, noch Ferd. Dümmler, Buchhändler Duncker et Humblot, Buchhaͤndl. Logier, Buchhändler, noch Mittler, Buchhändler, noch Nauk, Buchhaͤndler, noch Riemann, Buchhaͤndler, noch v. Tippelskirch, Koͤnigl. Preuff. General = Lieutenant und Comman⸗ dant von Berlin „Trautwein, Buchhändler die Voßſche Buchhandlung Bonn Hr. Dr. Naeke, Profeſſor „Dr. Ritter, Profeſſor 2 Dr. Schopen Deutſch⸗ durch Ein Königl. Landraths⸗Amt noch Crone für Hrn. Kegel, Gutsbeſitzer auf Kattun Korner, Gutsbeſitzer auf Stibbe | Elb „„ Mund, Kreis ⸗Secretair erfeld Hr. Schoͤnian, Buchhändler, noch 1 logau die Neue Guͤntherſche Buchhandlung 1 a nenn on Fam [> W u m un un uu u unn 220
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xIv Fortſetzung und Schluß Goͤttingen Hr. Sartorius, Hofrath und Profef| | for, Ritter des Guelphen⸗Ordens „Dietrich, Canonicus u. Seminar: Director für ſich und für die Bibliothek der Leyr⸗Pflegeſchule Greifswalde Hr. Koch, Buchhändler, noch Graudenz Gumbinnen | = v. Keler, Lieutenant Hamm Die Schulziſche Buchhandlung, noch Inſterburg [Hr. Born, Lehrer an der hohen Buͤr⸗ gerſchule Koͤnigsberg Hr. Albrecht, Profeſſor v. Baer, Profeſſor Bar an owski v. Borke, Ingenieur: Major Buettorf, Lieutenant die Koͤnigl. Diviſions⸗Kriegsſchule Hr. Engel, Pfarrer in Barthen B. Lorck, Kaufmann Mielſch, Pfarrer in Muͤhlhauſen Mueller, Ingenieur = Lieutenant. Nitſch, Kaufmann W. A. Unzer, Buchhändler, noch für Hrn. Krudziorra, Pfarrer in Bialla „ Schlenther, Referendarius in Heinrichswald Welk, Regierungs⸗Conducteur Kulm Roſenhagen, Landrath Leipzig Hr. Hartmann, Buchhaͤndler = €. Klein, Buchhändler „Kollmann, Buchhändler = Liebestind, Buchhändler » m u un » m n un u n * Lemgo die Meyer ſche Hofbuchhandlung Marien⸗ Hr. Kanter, Hofbuchdrucker, noch für werder Hrn. Mores, Regierungs⸗ Calculator Memel Hr. A. F. Beyme Mietau Reyher, Buchhändler Muͤnchen Neiſſe Lindauer, Buchhaͤndler, noch Einert, Buchhaͤndler für Hrn. J. H. Richter „Scholz, Director des Gymnaſiums „ n n Ord. mm d % 222 pe fe „„ FE vrren Bel
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des Subfcribenten-Berzeihhniffes. Nürnberg Raſtenburg Stettin Stralſund Thorn Tilſit Wilna Zuͤrich Hr. Felſecker, Buchhaͤndler durch Ein Koͤnigl. Landraths⸗Amt fuͤr Hrn. Dietrich, Oberlehrer van Gemmel, Pfarrer in Leuenburg v. Gerhard, Lieutenant a. D. Dr. Göbel, Gutsbeſ. a. Baumgarten die Koͤnigl. Gymnaſial⸗Bibliothek. Hrn. Kruͤger, Director des Gymnaſiums Kuhnke, Pfarrer in Wenden. den Magiſtrat Hrn. Moldaͤhnke, Gutsbeſ. in Jun⸗ vw Su u * n u nu u un u n u * kerken Skupeh, Pfarrer in Beeslack v. Stechow, Landrath in Rehſtall Weyl, Oberlehrer. Morin, Buchhändler noch Loͤffler, Buchhändler E. A. Spiller, Cammer⸗Caſſen⸗ Aſſiſtent fuͤr Huhn, jun. Cammer⸗Caſſen⸗Aſſiſtent v. Kolokowski, Canzley⸗Inſpector Podzinski, Cammer⸗Caſſen⸗Rendant Preuß, Cammer⸗Caſſen⸗ Buchhalter Schoͤnfeld, Calculator Steinicke, Cammer⸗Caſſen⸗Aſſiſtent Wehmeyer Ottacewicz, Profeſſor Ziegler et Soͤhne, Buchhaͤndler do man]
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SS ne ha 2.1 Kapiter I. R Die Ritterorden im Morgenlande Der Johanniterorden Der Femwpelerd en 8 Das Deutſche Marien⸗Hoſpital zu Jeruſalem Seite Baar sr 10 Gefahren für das Deutſche Hoſpital zu Jeruſaleem. 15 Der Verluſt Jeruſaleaess Kreuzzug Friederichs des Erſten Belagerung von Akkoeon Stiftung des Deutſchen Orden??? Der Ordensmeiſter Heinrich Walpot von Baſſenheimm . 36 Der Deutſche Orden in Akkon . 40 Erſte Verfaſſung des Deutſchen Ordens a 45 Erſte Beſitzungen des Deutſchen Ordens 3 49 Neuer Kreuzzug Deutſcher Fuͤrſten Her Fe Der Ordensmeiſter Otto von Kerpen 1 rae 56 - © Hermann Barth x. ent 58 Wichtigeres Hervortreten des Deutſchen Orden? . 63 Streit über den Ordens mantel 5 64 Hermann Barth ſtirbt . 2 67 Kapitel IL, Hermann von Salza md n Ma r 68 Verpflanzung des Deutſchen Ordens and Deutſcland 4 73 Begünſtigung des Deutſchen Ordens nut 76 Friederich der Zweite und Hermann von Salzzzaz 78 Päpſt. Beguͤnſtigungen des Deutſchen Ordens 82
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XVIII Inhalt. Kreuzzug des Koͤniges Andreas von Ungern Hermann von Salza vor Damiette 8 Zerſtoͤrung des Deutſchen Hoſpitals zu ER Hermann von Salza vor Damiette . - - = 2 2 in Staten „er. mi RM, Neue Beguͤnſtigungen des Deutſchen Ordens ; Befeindung des Deutſchen Ordens durch die Geiſtlichkeit Halbbrüderſchaft im Deutſchen Orden Befeindung des Deutſchen Ordens von der Geiſtlichkeit Päpftliche Beguͤnſtigungen des Deutſchen Ordens 1 Kaiſerl. und Paͤpſtl. Begünftigungen des Deutſchen Ordens Streitigkeiten des Deutſchen Ordens . Koͤnig Andreas von Ungern und der Deutſche Orden Kaiſer Friederich II. und Hermann von Salza zu Ferentino Hermann von Salza im Morgenlande 5 Neue Paͤpſtl. Beguͤnſtigungen des Deutſchen Ordens Hermann von Salza in Deutſchland er s 3 s und König Andreas von Ungern Der Vertrag von S. Germano Fortwährende Umtriebe des Clerus gegen den Orden Hermann von Salza Schiedsrichter zwiſchen Kaiſer und Papſt Hermanns von Salza Erhebung zum Reichsfuͤrſten Größe und Verbreitung des Deutſchen Ordens Kapitel III. Beruſung des Deutſchen Ordens gegen die Preuſſen Verleihung des Kulmerlandes an den Deutſchen Orden Die erſten Ordensritter in Maſoviiensns Unterhandlung mit Herzog Conrad von Mafovien . Hermann von Salza und Gregorius I. . Sendung der Deutſchen Ordensritter gegen die Preuſſn Ankunft der Deutſchen Ordensritter bei Conrad v. Maſovien Der Dobriner Orden 3 Die Ordensburg Neſſa u Verhandlungen über das Kulmerlaanddz 2... . mit dem Biſchofe Chriſtia n
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Inhalt. XIX Kapitel IV. e Hermann von Salza und der Kaiſer im Morgenlande . 205 : a „Vermittler zwiſchen Kaiſer und Papſt 212 Kreuzpredigt gegen die eie eee ee eee ee Erbauung der Burg Thorn „1 220 Säuberung des Kulmerlandes 1 e 224 Verhandlungen mit dem Biſchofe Chriſtia » -» 2 226 Kreuzzug nach Preuſſen — re 2 Gründung der Stadt Thorn = = = Kulm „ne: 2 N 5 Burg Marienwerder 234 Verfahren des Ordens bei feinen Eroberungen 235 Die Kulmiſche Handfeste e e re ee 6 Ein neues Kreuzheer in Preuſſ nun 2243 Gründung der Stadt Marien werde 244 Truͤgeriſches Verfahren der Mae Peter ee 245 Zwieſpalt im Kreuzheer e. 2246 Päpſtliche Ermahnungen N 4 248 Einbruch in Pomefanien 2 2... 0 85 250 Die Schlacht an der nnn ie 2 Zerſtörung des Klosters Ola. 254 Gruͤndung der Burg und Stadt Rheden 2235 ene Spaun ee ur re 286 Der Papſtl. Legat Wilhelm von Modena in Preuſſen 258 Vereinigung des Dobriner⸗Ordens mit dem Deutſchen Orden 260 Einwirken des Papſtes in die Verhältniſſe Preuſſens 281 NEUE Wachsthum des Orden gn 207 Hermanns von Salza Thoͤtigkeit in Italien 270 Hermann von Salza in Deutſchland . 2273 Vergleich zwiſchen dem Deutſchen Orden und Conrad von 5 FW ünkrin cutn malte Keen az 377 Kreuzzug Heinrichs von Meißen. 278 Eroberung Pomeſaniens 6 23 ⁰ : Pogeſaniens — 282 * *
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XX Inhalt. Gruͤndung der Stadt Elbing ee | Behandlung und Verhaͤltniſſe der Neubekehrten = der Neubekehrten Chriſtliche Lehrer der Neubekehrten . Peſt in Preuſſen Neue Bevoͤlkerung Preuſſens durch Polen und Pommern Kapitel V. Unterwerfung Eſthlands durch den Livlaͤndiſchen Orden Die Dänen in Eſthland » 5 Dänen und Schweden in Eſthland - » Die Dänen in Eſthland Steigende Macht des Ordens in Livland. Wilhelm von Modena in Livland. Feindſchaft der Daͤnen und Deutſchen in irland 25 „ Gefahren für den Ritterorden in Livland. Plan zur Vereinigung des Lioländiſchen und Deutſchen Ordens Verhinderungen der Vereinigung beider Orden Vereinigung des Livländiſchen und des Deutſchen Ordens Niederlage des Livländifhen Ordens Vereinigung des Livländifhen und des Deutſchen Ordens Kapitel VI. Hermann Balks Gluͤck in Livland Hermann von Altenburg Neue Gefahr und Unglück des Ordens in Preuſſen . Feindliche Spannung zwiſchen Herzog Suantepolc und Orden Feindliche Stellung der Nachbarlande gegen den Orden Hermann Balk in Preuffen . Hermanns von Salza Tod. Hermann Balls Tod. Groͤße Des Biſchofs Chriſtian Klage gegen den ech 5 Kapitel VII. Landgraf Conrad von Thuͤringen A Hochmeiſter
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In halt. Balga belagert. 4 Balga belagert und eingenommen Kampf um die Burg Balga Belagerung der Burg Balga Treue des Ordens gegen den Kaiſer Streit mit Conrad von Maſovien, wegen Loͤbau Balga's Rettung durch Herzog Otto von Braunſchweig Burgen Bau in Natangen . = = im Barterlande = : in Warmien en 8 Herzog Otto's Rückkehr nach Braunſchweig Deutſche Einzöglinge . Stimmung der Neubekehrten Die Mongolen — Stimmung der Neubekehrten 5 Die Preuſſen und Herzog Suante polo Streit mit Suantepole und den Johannitern Tod Conrads von Thuͤringen Wahl Gerhards von Malberg. Te Suantepolcs feindliche Geſinnung gegen den Orden Abfall der Preuſſen vom Orden Krieg mit Suantepolc und den Preuſſen Eroberung der Burg Zartowiz „ Das Haupt der heiligen Barbara Belagerung Von Zartow zm Kriegsfehden mit Herzog Suantepolc Suantepolc und feine Bruͤder Guͤnſtige Stellun Erhebung der Friede mit He Kapitel VIII. Der Blſchof Chriſtian Sein Tod. S Eintheilung Preuſſens iu Bisthuͤmer Die erſten Biſchoͤfe in Preuſſen — N 9 des Ordens gegen Suantepolc Sache des Ordens durch den Papſt rzog Suantepollle won XXI Seite 332 384 386 389 392 395 397 402 404 406 408 409 411 413 45 417 421 423 425 427 430 433 436 438 440 443 446 448 450 453 457 463 465 468
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XXII Inhalt. Erzbiſchof Alber Das Bisthum Kum * «ö Pomeſanſe n * . * Ermland 0 Stellung der Bifchöfe zu dem Orden Kapitel IX. Neuer Krieg mit Herzog Suantepole Die Schlacht am Renſen⸗ See Belagerung von Rum Abzug Suantepolcs von Kulm Ruͤckkehr Suantepolcs 2 Niederlage Suantepolcs bei Kulm Paͤpſtliche Beguͤnſtigungen des Ordens Gerhards von Malberg Abdankung Heinrich von Hohenlohe Hochmeiſter Unternehmung auf Samland Stteit mit Lübek k N: Poppo von Oſterna Landmeiſter me Erneuerung des Kriegs mit Herzog Suantepole Des Papſtes Ermahnung an den Herzog Einwirken des Papſtes auf den Krieg mit Sunktepelt Die Burg Ses Befeſtigung Kum Suantepolcs Zug gegen Elbing Ai e ee Kriegsfehden auf dem Weichſel⸗ Strome Neues Gluͤck der Ordensritter Neue Kreuzfahrenrn u. Der Hochmeiſter in Preuſſen Neuer Kampf mit Suantepolc Niederlage Suantepolcs Neuer Friede Kapitel X. Der Hochmeiſter in Preuſſen N Entſcheidung des Streites mit Luͤbeck
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Inhalt. XXIII Seit e Das Elbingiſche Privilegtum 5 * Livländiſche Angelegenheiten. 0 372 Fürſt Mindowe und Herzog Suantepolc . s 574 Gränzſtreitigkeit zwiſchen Suantepolc und dem Orden at Neue Kreuzfahrer en eee 380 Alt⸗Chriſtburgs Eroberung „ Erneuerung des Krieges mit Suantepolc 383 Verluſt Alt⸗Chriſtburgs „. 586 Aufbau Neu⸗Chriſtburgs 588 Der Päpſtl. Legat Jacob von Lüttich Pr 390 Niederlage der Preuſſen und des Herzogs Suantepolc . 592 Friede mit Suantepolc e en Verſuche zur Verföhnung Suantepoles mit feinen Brüdern — 603 Herzog Suantepolc und ſeine Bruͤder „ e Kriegszug nach Warmien und Natangen 611 Unterwerfung der abgefallenen Lanöfhaften - » 615 Friede mit den Preuffen. -»- - rennt 620 Beilagen. N- J. ueber die Zeit der Stiftung des Deutſchen Ordens 637 Ne II. Ueber das Todesjahr und den Todestag Hermanns von S a ru e Nre III. ueber die Theilnahme des Deutſchen Ordens an der Mongolenſchlacht vei Liegnitz 660 I IV. ueber die vormalige Erzbiſchoͤfliche Würde in Preuſſen 666 V. Im Jahre 1453 abgefaßte Beſchreibung der jetzt nicht mehr vorhandenen Urkunde des Friedens Vertrags vom J. 1249 671
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Erſtes Kapitel. Ueber vier Jahrhunderte war Jeruſalem, jene heilige Stadt, in welcher Chriſtus gelebt, gewirkt und gelitten hatte, in der Macht der Unglaͤubigen und unter den Geboten der Fuͤrſten des Islam geweſen, als durch den wunderbaren Geiſt, der in den Völkern des Abendlandes ſich entwickelt hatte und in der Erſcheinung des erſten großen Kreuzzuges in ſeiner gewaltigen Kraft und Wirkung ſichtbar ward, der heilige Boden und je⸗ ner heilige Ort in dem letzten Jahre des elften Jahrhunderts fuͤr chriſtliches Gebet und chriſtliche Herrſchaft wieder gewon⸗ nen wurde. Jene chriſtlichen Helden, die in dem erſten Kreuz⸗ zuge unter Jammer und Elend, unter Kaͤmpfen und Schlach⸗ ten, unter den ſchrecklichſten Leiden und Opfern, immer aber in freudiger Begeiſterung und mit innigſter Sehnſucht der Seele bis gen Jeruſalem vorgedrungen waren, errichteten dort ein neues Koͤnigreich und erwaͤhlten den ritterlichen Herzog Gottfried von Bouillon zum Verweſer deſſelben und zum Bes ſchuͤtzer des heiligen Grabes; denn nicht König wollte er an dem Orte heißen, wo ſich der Heiland einen Knecht und Die⸗ ner Gottes genannt, und keine goldene Krone wollte er in dem Lande tragen, in welchem der Erlöfer eine Dornen⸗Krone getragen hatte. Aber nur auf kurze Zeit verwaltete Gottfried das hehre Amt der Vertheidigung des Grabes Chriſti; denn als das neue Königreich durch die wunderbare Schlacht bei Askalon gegen die naͤchſte Gefahr geſichert, durch Vertraͤge mit den Beſehlshabern von Ptolemais, Askalon, Caͤſarea und mit II. 1
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2 Die Ritterorden im Morgenlande. dem Fuͤrſten von Damascus vorerſt gegen den Anſturm naher Feinde verwahrt, auch durch Eroberungen hie und da ſchon erweitert war, ſtarb der Held des heiligen Grabes in der Fuͤlle des Ruhms und der Verehrung nach kaum vollendetem erſten Jahre ſeines koͤniglichen Amtes. Aber laͤngſt war die Einigkeit des Willens ſchon ent⸗ ſchwunden, mit welcher die Fuͤrſten und Fuͤhrer der Kreuz⸗ heere im Abendlande zuſammengetreten waren und Schwert und Kreuz zur Befreiung des heiligen Landes ergriffen hatten. Fuͤrſt Boemund von Tarent hatte, als ihm der Beſitz von Antiochien geſichert war, an der Eroberung Jeruſalems ſchon gar nicht Theil genommen. Graf Raimund von Torlouſe lebte mit den uͤbrigen Fuͤrſten in ſolcher Zwietracht, daß er fogar die Unglaͤubigen mit Rath und Huͤlfe gegen feine Glau⸗ bensgenoſſen unterſtuͤtzte, und aus Jeruſalem hinwegeilend durch Boemund in Laodicea ein eigenes Fuͤrſtenthum gewann. Selbſt die Geiſtlichkeit, auch dort, wo der Heiland in Demuth und Erniedrigung gewandelt, von hierarchiſchem Geiſte getrie⸗ ben, lag mit den weltlichen Fuͤrſten in Hader und Feind⸗ ſchaft; und dieſe Spaltung und Spannung der Gemuͤther ward nicht gehoben, vielmehr noch verſtaͤrkt, als die Erledi⸗ gung der Koͤnigswuͤrde durch Gottfrieds Tod der Leidenſchaft der Herrſchluſt neue Nahrung gab. Es begannen fuͤr das neue Königreich die traurigſten Verhaͤltniſſe. Zwar erhielt Gottfrieds Bruder, Graf Balduin von Edeſſa, wenn gleich nicht von ſolcher Reinheit und ſo hohem Adel der Geſinnung durchdrungen, wie ſein Bruder, doch in jeder Weiſe der wuͤr⸗ digſte unter den Fuͤrſten, die koͤnigliche Wuͤrde; allein die Feind⸗ ſchaft unter den chriſtlichen Fuͤrſten und mit ihr drohende Gefah⸗ ren von allen Seiten fuͤr das Koͤnigreich waren dadurch nur ver⸗ mehrt worden. Die Zahl derer aber, welche dieſes Reich ver⸗ theidigen ſollten gegen die Macht der Tuͤrken, war von Tag zu Tag geringer geworden, denn viele von den Kriegern Chriſti, in deren Seele die Sehnſucht nach dem Grabe des Herrn geſtillt war, bei denen irdiſche Ruͤckſichten und weltliche Beſtrebungen wieder Raum in der kaͤlteren Bruſt gewonnen
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Die Ritterorden im Morgenlande. 3 hatten, waren in die Heimat zurückgegangen, ſobald ihrer Herrſchluſt, ihrer Habſucht und ihrem Eigennutze nicht Genuͤge geſchehen war; andere, zum Ziele ihrer Leidenſchaft gelangt, kuͤmmerte nur die Sicherheit des erworbenen Gewinnes. Das Vaterland war ferne und für die Kräfte, durch welche des neuen Reiches fernere Erhaltung und Errettung nur allein möglich ſchien, floß die Quelle nur in den entlegenen Lanz dern Europa's, waͤhrend der erbitterte und aufgehetzte Feind rings um die chriſtlichen Beſitzungen ſeine Macht immer ſchnell wieder aus ſich ſelbſt in der Naͤhe ergänzen konnte. Nun langten zwar bei der Kraft der Begeiſterung, die im Abend⸗ lande trieb, der Pilgrime in einzelnen Schaaren fort und fort noch viele an und erſetzten zum Theil die erlittenen Ver⸗ luſte; allein ein neuer großer Kreuzzug, der in Frankreich durch den jungen Grafen Wilhelm von Nevers, Grafen Stephan von Blois, Hugo den Großen, Graſen von Verman⸗ dois, Grafen Wilhelm von Poitou in Bewegung geſetzt ward, hatte einen fo unglücklichen Ausgang, daß er für die mißli⸗ chen Verhaͤltniſſe des Königreiches Jeruſalem faſt gar nichts austrug und den König Balduin um feine ſchöͤnſte Hoffnung betrog. Darum zeugt es wohl immer von dieſes Königs großem Geiſte, daß er in ſolcher Lage der Verhaͤltniſſe achtzehn Jahre hindurch die wankenden Stuͤtzen ſeines Reiches und das Waf⸗ ſengluͤck der Chriſten nicht bloß immer aufrecht hielt, ſondern une den Gewinn der wichtigen Küften Städte, als Akkon, Tripolis, Sidon, Berytus, Biblium und anderer auch die Gränzen der christlichen Herrſchaft bedeutend erweiterte, ja den Krieg bis in das Innere Aegyptens, an die Ufer des Nils trug. Aber was fruchtete all ſolches Glück, der Heldenſinn der Ritter, das Vertrauen und die Tapferkeit der Krieger, die Anſtrengung und Begeiſterung neuer Pilger im Kampfe mit dem Glaubensfeinde, gegen das, was dem Koͤnigreiche zu Heil und Gedeihen für die Dauer Noth that! Schon als König Balduin im Jahre 1118 auf einer Kriegs fahrt nach Aegypten ſtarb und ſein naͤchſter Verwandter, Balduin von 1 *
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4 Die Ritterorden im Morgenlande. Bourges, Fuͤrſt von Edeſſa, die Koͤnigswuͤrde uͤbernahm, brach eine neue ſchwerbedrohete Zeit an. Was die fortwaͤhrenden Kaͤmpfe mit den Tuͤrken und die blutigen Kriege mit den Aegyptern koſteten und was ſonſtiges Ungluͤck und Krankheiten unter den Chriſten dahinrafften, konnte die Ankunft neuer Pilgrime kaum wieder erſetzen und dennoch in dem Maße, als die innern Kraͤfte des chriſtlichen Reiches abnahmen, mehr⸗ ten ſich die aͤußeren Gefahren. So konnte es auch bald dem Fuͤrſten von Aleppo Ilgazi, zumal als er ſeine Macht mit der des Fuͤrſten Togthekin von Damascus und eines Emirs der Araber vereinigt hatte, gar nicht ſchwer fallen, das Kriegs⸗ gluͤck der Chriſten tieſ zu erſchuͤttern und ihnen ſelbſt mehre Staͤdte und feſte Plaͤtze auf dem Wege von Antiochien gen Jeruſalem wieder zu entreißen; und haͤtten nicht Ilgazi's Fehden mit Nebenbuhlern in der Herrſchaft und die Zwiſtig⸗ keiten mit ſeinen eigenen Soͤhnen ſeine ganze Kraft hinweg⸗ gezogen und waͤre nicht ſchon im Jahre 1122 ſein Tod er⸗ folgt, fo wuͤrden ſonder Zweifel die Verluſte für das Koͤnig⸗ reich noch von groͤßerer Bedeutung geweſen ſeyn. Auch das Ungluͤck der Gefangenfchaft, in welche Koͤnig Balduin in eben dem Jahre bei dem Orthokiden Balak gerieth, als er den ge⸗ fangenen Grafen Joscelin von Edeſſa befreien wollte, wuͤrde von weit wichtigeren Folgen geweſen ſeyn, zumal da zur naͤm⸗ lichen Zeit auch Antiochien ohne Herrn und Haupt war, wenn nicht die Muſelmaͤnner fort und fort innerer Hader und Zwiſt beſchaͤftiget und der Fuͤrſt von Sidon und Caͤſarea, Euſtach Werner, des Koͤnigreiches Verwaltung nicht mit ſo viel Klugheit und Umſicht geführt hätte. So gelang es die⸗ ſem, mit klug vereinter und weiſe geleiteter Kraft nicht nur ein Heer Aegypter zu ſchlagen, welches die Herrnloſigkeit Je⸗ ruſalems zu benutzen gedachte, um die chriſtliche Macht zu flünzen, ſondern es gluͤckte ihm auch im naͤchſten Jahre (1124) mit Beihuͤlfe einer Venetianiſchen Flotte, ſelbſt Tyrus zu er⸗ obern. Und als Koͤnig Balduin um dieſe Zeit wieder frei ward und ſich ein neuer Kampf um die Bezahlung des ver⸗ heißenen Loͤſegeldes mit dem Fuͤrſten Akſonkor von Moſul
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Die Ritterorden im Morgenlande. 5 erhob, gewannen die Chriſten auch uͤber dieſen den Sieg. Dieſes Gluͤck der chriſtlichen Waffen beruhte allerdings wohl, wie nicht zu verkennen iſt, zum Theil mit auf der al⸗ ten Feindſchaft, die unter den Muſelmaͤnnern ſelbſt herrſchte, auf der Zerſplitterung und Vergeudung ihrer Kraft, jener ge⸗ genſeitigen inneren Befeindung natuͤrlichſten Folge, auf der gaͤnzlichen Planloſigkeit ihrer Kriege und Fehden gegen die chriſtlichen Fuͤrſten, auf der inneren Zerriſſenheit ihres politi⸗ ſchen Lebens und auf der argen Spaltung in ihrem Glauben. Aber es beruhte auch jenes Gluͤck zum größeren Theil auf der gewaltigen Macht des Geiſtes, die in den meiſten Pil- grimen des heiligen Landes immer noch lebendig war und oft wunderbar zu Entſchluß und That, zu Opfer und Hinge⸗ bung den Menschen forttrieb; es beruhte auf dem Fräftigfrom- men, tief gewurzelten Glauben: es ſey Alles Gottes Wille, was da komme, und Alles Gottes Werk, was geſchehe; auf dem großen Gedanken: Gottes Sache werde immerdar auch in den Schwachen maͤchtig ſiegen; und es beruhete endlich auf der Alles üͤberwindenden Ueberzeugung: jeglicher Kampf für das heilige Land, jegliches Opfer fuͤr die Vertheidigung des heiligen Grabes, jede Entſagung fuͤr den heiligen Zweck, jede Hingebung für das Heil der großen Sache, jedes Be⸗ muͤhen, jede Beſtrebung, jede Sorge und jede Arbeit fuͤr alle ſolche, die mit dem Kreuze ſich und ihre Kraft dem Werke Gottes geweiht, Alles, was fuͤr die Errettung und Erhaltung des heiligen Landes geſchehe, geſchehe dem zu Dienſt und Wohlgefallen, der am Kreuze die Menſchheit mit ſeinem Blute erkauft. Durch dieſen Geiſt aber und in dieſer großen Ueberzeu⸗ gung waren bereits Yängft ſchon auch zwei ritterliche Vereine entſtanden, die nicht minder auf die Vertheidigung des hei⸗ ligen Landes und auf die Aufrechthaltung des Gluͤckes der Chriſten von dem mächtigften Einfluſſe waren, als ſie durch den Zweck und die Beſtimmung ihrer Verbindung jenem Geiſte immer neue Nahrung gaben und jene Ueberzeugung ſtets neu belebten, befeſtigten und zu Wirkung und That trieben.
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6 Der Johanniterorden. Noch vor dem Anfange der Kreuzzuͤge, um die Mitte des elften Jahrhunderts, als jener Geiſt, der ſpaͤterhin in den Pilgerzuͤgen ſelbſt ſo gewaltig wirkte, ſchon zahlreiche Pilger⸗ haufen gen Jeruſalem hinzog und die Sehnſucht und der Eifer für das heilige Grab ſchon lebendiger in der Bruſt erwachte, hatten Kaufleute aus Amalfi, deren Namen die Geſchichte nicht mehr nennt, mit Erlaubniß des Aegyptiſchen Chalifen einen Steinwurf weit vom Grabe des Herrn ein Kloſter zu Ehren der Jungfrau Maria erbaut, in welchem Benedictiner⸗ Moͤnche den Gottesdienſt in lateiniſcher Sprache und nach abendlaͤndiſchem Gebrauche hielten. Damit aber Pilgrime, die oftmals nach den Muͤhen der langen Pilgrimsreiſe ohne Obdach, ohne Erquickung und Unterſtuͤtzung unter Jammer und Elend umher irreten, die noͤthige Pflege finden koͤnnten, ward bald nachher von jenem Kloſter aus zu ihrer Aufnahme ein Hoſpital errichtet, welches der Abt dem Patriarchen Jo⸗ hannes dem Mildthaͤtigen im Sinne ſeines Zweckes widmete 2). „Reinheit des Willens, Entſagung und Aufopferung war der Geiſt dieſer frommen Gruͤndung und der Geiſt der Maͤnner, die ſich der Verpflegung ungluͤcklicher Menſchen widmeten ).“ Lange beſtand dieſe Anſtalt im Stillen, nur durch Gaben aufrecht erhalten, die ihr Froͤmmigkeit und menſchliches Mit⸗ leid zuwieſen. Als aber nun das heilige Land in die Gewalt der Chriſten kam und die Zahl der Huͤlfsbeduͤrftigen und Ver⸗ pflegten ſich bedeutend mehrte, mußte die fromme Stiftung bald die Aufmerkſamkeit Gottfrieds von Bouillon auf ſich ziehen. Er beſchenkte ſie mit anſehnlichen laͤndlichen Beſitzungen und nun trennte ſich das mildthaͤtige Hoſpital unter ſeinem Vor⸗ ſteher Gerhard aus der Provence von jenem Kloſter. Doch erſt als im Jahre 1100 die frommen Bruͤder, welche die Pflege im Hoſpitale beſorgten, die Regel und Kleidung der 1) Wilhelm. Tyr. Histor. p. 934. Jacob de Vitriaco Hi- stor. Hieros. p. 1082. Alberici Chron. p. 23. Sanuti Secreta fidelium crucis L. III. P. VIII. c. 3. 2 Luden Allgem. Geſchichte der Voͤlker und Staaten 2ter Th. 2te Abth. S. 297.
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Der Johanniterorden. 7 Auguſtiner Chorherren und auf das Kleid ein weißes Kreuz mit acht Spitzen annahmen, bildete ſich eigentlich eine beſon⸗ dere Congregation und wahrscheinlich erſt bei dieſer Umwand⸗ lung ward Johannes der Taͤuſer zum Schutzheiligen der Ver⸗ aunderung erwählt. Seitdem hießen nun die mildthaͤtigen Pilgerpfleger Hoſpitalbrüder des heiligen Johannes von Jeru⸗ ſalem. Auch König Balduin der Erſte belohnte ihre Ver⸗ dienſte durch beträchtliche Geſchenke; es folgten deſſen Bei⸗ ſpiele mehre andere christliche Fuͤrſten und alſo geſchah, daß das Johannis- Hoſpital bald zum Beſitze bedeutender Guͤter wobl im Morgenlande, als in Europa gelangte. Schon im Jahre 1113 beſtaͤtigte der Papſt Paſchalis der Zweite alle feine Beſitzungen, gab den Bruͤdern das Recht, nach Ger⸗ hards Tode ihre Vorſteher ſelbſt zu waͤhlen, und befreite ſie vom Zehnten an den Patriarchen von Jeruſalem ). Die Stif⸗ tung ſchritt nun immer weiter in ihrer innern Ausbildung. Durch den Gedanken getrieben, daß auch in der Pflege und Wartung erkrankter, armer Pilgrime hohe Verdienſte um die Sache des Heilandes zu erwerben ſeyen und daß der demuͤthige Dienſt chriſtlicher Erbarmung und Wohlthaͤtigkeit vor Gott höher ſtehe und Chriſti Beiſpiel näher liege, als die Pflicht des weltlichſtolzen Ritterdienſtes, traten nunmehr in die fromme Stiftung auch Ritter ein, und nun ſchien es noth⸗ wendig, fir die an Stand, Charakter und Geiſt ſo verſchie⸗ denen Hoſpitalbruͤder gewiſſe Lebensregeln feſtzuſtellen, die für alle zur Norm und Richtſchnur dienen könnten. Der Ritter Raimund von Puy, nach Gerhards Tode zum Vorſteher er⸗ wählt, entwarf im Jahre 1118 eine dem erweiterten Umfange der Stiftung angemeſſene Verfaſſung, in welcher die Gelübde der Armuth, der Keuschheit und des Gehorſams die Grund⸗ geſetze bilden und das ritterliche Leben in Elöfterlicher Weiſe mit moͤnchiſchen Regeln befreundet wurde. Seitdem hoben Paͤpſte und weltliche Fuͤrſten durch Gunſt, Geſchenke und 1) Vilhelm. Tyr. p. 935. Verto Histoire des cheval. de S. Jean T. I. p. 578.
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8 Der Tempelorden. Vorrechte den neuen Orden immer mehr empor und er wuchs im zunehmenden Verhaͤltniſſe ſeines Anſehens, ſeines Ruhmes, ſeines Glanzes und ſeiner Wirkſamkeit auch immer mehr an Wohlhabenheit, an Reichthum und an ſeiner Glieder Zahl. Der Vorſteher hieß bald Meiſter, bald Großmeiſter, und es theilten ſich nun auch die Ordensglieder bald in Ritter-, Prie⸗ ſter⸗ und dienende Bruͤder, deren Thaͤtigkeit, Beſtimmung und Lebensregeln im Geſetze des Ordens genau vorgezeichnet waren. So ſicher aber Sinn und Stiftung dieſes Ritter-Ordens tief im damaligen Geiſte des Lebens ſelbſt lag und der Or⸗ den, wenn auch, wie uns duͤnkt, durch Zufall und ungefaͤhres Gluͤck veranlaßt und emporgehoben, als eine ſinnvolle Er⸗ ſcheinung und Aeußerung des eigenthuͤmlichen Lebens jener Zeit hervortrat, ſo gewiß konnte das Beiſpiel, in ſolcher Art gegeben, nicht ohne Nachahmung bleiben und der Eine Stamm des Lebens mußte mehre Zweige gleicher Art treiben. Chriſtus war den Menſchen nirgends mehr, als auf dem heiligen Bo⸗ den, den ſein Fuß beruͤhrt hatte, das Vorbild und das Ideal, dem man nacheiferte, der Angel, um welchen ſich alles im Le⸗ ben drehete; aber nicht Chriſtus, das hohe Bild reiner geiſti⸗ ger Vollkommenheit, ſondern Chriſtus, wie er ſinnlich auf dieſem Boden gewandelt, als das vollendetſte Bild der Ar⸗ muth, der ſittlichen Reinheit, des Gehorſams, der Mildthaͤtig⸗ keit ). Daher geſchah, daß in demſelben Jahre (1118), als Raimund von Puy den Johannisbruͤdern Regel und Verfaſ⸗ ſung gab, neun tapfere und fromme Ritter aus Frankreich, an ihrer Spitze Hugo von Payens und Gottfried von St. Omer, eine aͤhnliche ritterliche Verbruͤderung bildeten ). Wie im Verein der Hoſpitalbruͤder das Ritterthum dem Moͤnchs⸗ thum untergeordnet war, ſo ſollte hier das Moͤnchsthum dem Ritterthum untergeordnet ſeyn ). Darum konnten die drei 1) S. Statuten des Deutſch. Ordens herausgegeben von Hennig S. 40. 2) Jacob de Vitriaco h. H. p. 1083. Wilhelm. Ayr. p. 819 — 820. 3) Luden a. a. O. S. 298.
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Der Tempelorden. 9 Moͤnchsgeluͤbde nicht hinreichend erſcheinen für die Pflichten, zu welchen ein chriſtlicher Ritter am Grabe des 1 ſich angetrieben fand. Kampf und Krieg zur Vertheidigung des beiligen Landes und Schutz und Sicherheit der Pilger auf ihren Wallfahrten ſchien nicht minder nothwendige und vers dienſtliche Pflicht. Sie ſcheint daher bei den genannten Rit⸗ tern auch der erſte Anlaß zur Begruͤndung eines neuen Ritk⸗ tervereines geweſen zu ſeyn ). Es legten demnach die Stif⸗ ter auch noch das vierte Geluͤbde in die Hand des Patriar⸗ chen von Jerusalem: für Schutz und Schirm der Pilgrime und für die Vertheidigung des heiligen Landes durch Kampf und Schwert zu leben und zu ſterben. a Wenn nun ſchon die Verbruͤderung des Hoſpitals bei ih⸗ rem beſchraͤnkteren Ziele durch den Geiſt des Lebens und die Stimmung der Zeit ſchnell emporgehoben worden war, fo mußte eine Stiftung mit ſo erweitertem Zwecke bald noch mehr durch dieſelbe Stimmung emporgetragen werden. Kö: nig Balduin der Zweite nahm ſich derſelben mit ungemeinem Eifer an, wies ihr nicht bloß ſogleich beſtimmte Einnahmen zu ihrer Erhaltung zu, ſondern raͤumte den frommen Rit⸗ tern ſogar einen Theil feines Palaſtes an der Oſtſeite des Tempels Salomons ein und gab hiedurch Anlaß zu ihrer Be⸗ nennung: Brüder des Ritterdienſtes des Tempels, Tempels berren oder Tempeler. Und bald folgten des Königes Bei⸗ piele in reicher Begabung und Unterftügung des fo tapferen als frommen Rittervereins auch noch andere chriſtliche Fuͤrſten, denn die Achtung und das Vertrauen, welches man ihm ſchenkte, erhohte ſeine Tapferkeit und feine tapferen Thaten vermehrten ſeinen Ruhm. Neun Jahre hindurch hatte ſic mm der Orden ſchon fo emporgehoben, daß König Balduin ihn den Schutze der Kirche empfahl und den Papſt Honorius den Zweiten um ſeine Beftätigung erſuchte. Zugleich begaben ſich zwei Glieder des Ordens ins Abendland zu dem beruͤhm⸗ ten und hochverdienten Abt Bernhard von Clairvaux, um von 3) Willi. Tyr. p. 820. Sant. L. III. P. VIII. c. 3.
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10 Das Deutſche Marien: Hofpital zu Jeruſalem. dieſem eine Regel und Verfaſſung fuͤr den Orden zu erbitten. Er entwarf ſie und auf der Kirchenverſammlung zu Troyes im Jahre 1128 erhielt der Orden mit jener Regel die paͤpſt⸗ liche Beſtaͤtigung ), zugleich auch ein weißes Ordenskleid, welchem nachmals (1146) der Papſt Eugenius einen weißen Mantel mit einem rothen Kreuze bezeichnet hinzufuͤgte. Seit⸗ dem ſtieg nun dieſer Orden, beſonders durch den Ruhm und Glanz, welchen ihm die Lobreden des weltberuͤhmten Abtes von Clairvaux erwarben 2), in beiden Welttheilen eben ſo ſchnell als maͤchtig an Guͤterreichthum, wie an Achtung und Anſehen unter den Menſchen empor und uͤberſtrahlte bald bei weitem den aͤlteren Orden der Hoſpitalbruͤder. In dem nämlichen Geiſte ward um dieſelbe Zeit in ſtiller Verborgenheit auch die Stiftung des Deutſchen Ritter⸗ Ordens vorbereitet. Die Ueberzeugung eines Mannes, daß nicht bloß im Kampfe und Streite mit den Unglaͤubigen, die das heilige Land entweihten, ſondern auch in ſorgſamer und mildthaͤtiger Pflege armer und erkrankter Pilgrimme ein gott⸗ ſeliges Verdienſt in der Sache Chriſti zu erwerben ſey, war der Gedanke, auf welchem der fruͤheſte Beginn dieſer Stif⸗ tung beruhte, und die edlen Gefuͤhle menſchlichen Mitleids und Erbarmens uͤber ungluͤckliche chriſtliche Bruͤder waren die Quellen, aus denen Entſchluß und That hervorgingen. Es war ums Jahr 1128, als ein frommer Deutſcher, der zu Jeruſalem mit ſeinem Weibe lebte, tief geruͤhrt von dem jammervollen Elende, in welchem er fo manche Pilgrime durch Hunger, Ermattung und Krankheit leiden ſah, den Ge⸗ danken faßte, fuͤr ſeine erkrankten und huͤlfloſen Landsleute, die das Grab des Herrn beſuchten, aus den Mitteln ſeiner Habe ein Pilgerhaus zu erbauen, denn in den andern Stif⸗ tungen ſolcher Art, die zur Zeit in Jeruſalem beſtanden, 1) Alberici Chron. p. 224. Baronü Annal. Eccles. T. XII. an. 1127. Nr. 8. 2) Vgl. Wilcke Geſchichte des Tempelherrenordens B. I. S. 28. aus Bernhards liber de laude novae militiae ad milites templi.
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* Das Deutſche Marien⸗-Hoſpital zu Jeruſalem. 11 hinderte ſchon die Unkunde der deutſchen Sprache eine ſorg⸗ . Pflege der erkrankten Deutſchen. Dieſes aber war zu⸗ 9 a — Grund, daß dieſes deutſche Hoſpital von ſol⸗ ken Baier Pflege Pr ihrer Krankheit und Erquickung in ih⸗ he: von Nöthen war, bald zahlreich beſetzt wurde. den heilt Se Deutſche, die neben Gebet und Andacht an ne: rten auch durch Werke menſchlicher Liebe und 1 8 gkeit des Himmels Gnade zu erwerben ſtrebten, er gern die Pflicht der Pflege der Ungluͤcklichen uͤber und beſchenkten die Stiftung mit milden Gaben. Da erregte fie die Aufmerkſamkeit des Patriarchen und es ward a, eng Zuſtimmung und Unterſtuͤtzung neben dem Hoſpi⸗ rb 2 6 ein Bethaus für Deutſche errichtet und beides in der Jungfrau Maria geftellt . De 155 der Stiftung iſt das Jahr 1128 angenommen. Es bewährteſte 3 . auf Jacob de Fitriaco p- 1085, welcher als der Fabre giebt 1 über diefen Gegenstand ſeine Erzählung unter dieſem Wade Gand ſicher iſt die Zeit der Stiftung freilich dadurch noch Angabe ie es ſcheint beinahe, als 9 ſie wirklich älter. Auf die Ar a? — — S. 4, nach welcher das Deutſche Hoſpital 1 Pr + aiſerin Helena Conſtantins Mutter, erbaut, dann un⸗ Balduin 1 rſchaft der Türken wieder zerſtoͤrt und erſt vom Koͤnige . a 117 neuem errichtet worden ſeyn ſoll, iſt wenig Gewicht zu derppri * 1 85 Gründung durch kaiſerliche und Königliche Hand wi⸗ wichtigſt 8 eſtimmte Angabe des genannten Chroniſten. Da er die gſte Quelle über dieſe Stiftung iſt, ſo mag man hier ſeine eigenen Worte I E . ao . . — — fen: Cum civitas sancta post elus liberationem habita- retur a Christi rıs n — .. 2 lianis, et mulli ex Teutonicis et Alemannıs causa pere grinati 8255 1 5 . Ai - . rarent, inspi s pergenies Wierusalem linguam civitalis igno- 5 sravit divi A 8 we 118 a ar divina clementia cuidam honesto et religioso onie a quatenus co, qui in civitate cum uxore sua morabatur, quo pau ui xenodochium de b er . 2 = Fe us et infirmis Teutonicis ıbus „ - Eee noti sibf 10 autem ad ipsum ratione commercii linguae et i idiomatis, de gente illa mu onis suis construerel, in hospitalitatem exhiberet. Sr Itis pauperibus et pere- rinis, d . consensu et voluntate domini Patriarchae quoddam Dei 10 N Ne m praedietum hospitale in honore beatae genetriel Mariae. — Gben ſo berichtet Same. E. HI. p. VIII. c. 3. Chron. S. Bertini ap. Martene T. III. p. 626.
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12 Das Deutſche Marien Hofpital zu Jeruſalem. Das war der erſte Beginn des Deutſchen Hoſpitals zu Jeruſalem, der erſte Grundſtein zum Bau des Deutſchen Ritter⸗Ordens. Lange Zeit aber waren die Mittel zur Un⸗ terhaltung der frommen Stiftung noch ſehr beſchraͤnkt; an ei: genen Beſitzungen blieb fie arm und nur was in mildthäti- gen Spenden oder durch Sammlungen gewonnen ward, deckte kaͤrglich die Koſten der Pflege armer Kranken. Doch die Stimmung der Zeit wirkte Anfangs wenigſtens fuͤr die Er⸗ haltung und nachmals auch fuͤr die Erweiterung des Hoſpi⸗ tals. Es fanden fi) mehr und mehr fromme Deutſche Pil⸗ grime, die ſich berufen glaubten, dem weltlichen Leben fuͤr immer entſagend ſich fuͤr ihr ganzes Leben dem Dienſte Got⸗ tes und den Werken der Liebe und Barmherzigkeit zu wid⸗ men und in der Wartung und Pflege ungluͤcklicher Pilgrime im Hoſpitale das heilbringende Verdienſt ihrer Seligkeit zu ſuchen. Darum legten ſie auch das weltliche Kleid ab und zeichneten ſich durch weiße Maͤntel vor den uͤbrigen Deut⸗ ſchen Pilgern aus). In ſolcher Weiſe geſchah es, daß in den Mauern der heiligen Stadt neben den beiden Verbruͤde⸗ rungen des Hoſpitals und des Tempels noch ein dritter from⸗ mer Bruͤderverein entſtand, deſſen Glieder ſich Bruͤder des S. Marien-Hoſpitals zu Jeruſalem nannten und in ihrer Lebensweiſe der Regel des heil. Auguſtinus folgten 2). 1) Nach Jacob de Vitriaco p. 1085. u. Sanut. I. c. ſollen ſie damals ſchon auf dem weißen Mantel ein ſchwarzes Kreuz getra⸗ gen haben; nach dem Cbron. S. Bertini p. 626 aber ſcheinen ſie die⸗ ſes Zeichen erſt ſpaͤter angenommen zu haben. 2) Merkwuͤrdig iſt in mehrfacher Hinſicht eine Stelle im Chron. S. Bertini p. 626., wo es heißt: Vir iste cum viris Alemannis sibi adjunctis carilatis oſſicia sicut IIospitalarii viris Aleman- nis pauperibus ei inſirmis devote exhibuerunt, de suo atque ſidelium eleemosynis necessaria ministrando. Uxor quoque ejus in aliud hospitale seorsum et juxta illud mulieribus Ale- mannis pietalis officia ministrabat. Crescente devotione cre- vit et numerus fratrum ibi Domino servientium, et se ad or- dinem seu regulam S. Auguslini disposuerunt, mantellos al- bos deferentes; successu temporis sicut ospitalarii quasi co-
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Das Deutſche Marien⸗Hoſpital zu Jeruſalem. 13 Nun geſchah aber, als die Zahl der frommen Pfleger im Hoſpitale ſich mehrte und auch Deutſche Ritter und andere Edle in den Brüderverein eintraten, daß zur Zeit allgemeiner Gefahren und bei dringender Noth die edleren Bruͤder auch das Schwert ergriffen zur Vertheidigung des heiligen Bodens, S. Auch in ſolcher Weiſe ſich Verdienſte zu erwerben in der Sache des Heilandes. Dadurch wurde der Kreis der Wirk⸗ famfeit und fo auch bald der Zweck des Deutſchen Bruͤder⸗ vereind ungleich mehr erweitert und zugleich dem des Or⸗ dens des Tempels und Hoeſpitals merklich näher gebracht. Beide Orden waren nun den Deutſchen Hoſpitalbrüdern Vor⸗ bild und Muſter in ihrer Lebensweiſe, in ihren Pflichten und in ihren Beſtrebungen ), und ſo erregte bald das Deutſche Hoſpital auch die Aufmerkſamkeit der Kaiſer und der Paͤpſte. = den Bemühungen der Deutſchen Brüder, die, wie es ſcheint, damals noch ohne Haupt und Vorſtand waren, jeder Zeit bie nöthige Richtung und ihrer ſchönen Stiftung fefteren Halt zu geben, verordnete der Papſt Cdleſtin der Zweite ums Jahr 1143, daß das Marien⸗Hoſpital zu Jeruſalem forthin unter der Aufſicht und Obhut des Großmeiſters des Johanniter⸗ Ordens ſtehen ſolle und daß unter einem gewaͤhlten Vorſteher oder Prior ſtets nur Deutſche Pilgrime als Mitglieder des Vereines aufzunehmen ſeyen 2). Dieſe Anordnung beſtaͤtigte nachmals auch Papſt Hadrian der Vierte. Fe ——— acta arma sumserunt patriae Deo et regulae beati Augustini votis se asiringentes, eruces nigras albis Domini MCXXVI „et in defensionem lerrarum suarum el vestibus superaddentes atque vexillis, anno 1. — Aſſo zugleich auch ein Hofpital für deutſche Frauen, von beſſen Schickſal wir aber nichts wiſſen. 10 Sanut. I. c. ſagt daher von den Deutſchen Hoſpitalitern: Hii ex primis duobus ordinibus aliqua sumpserunt: professionem et regulam et inslitutiones militum Templi, tam in bello, quam in pace Prorsus observant; infirmos et peregrinos sicut fratres Hospitalis sollicite et devote procurant. 2) Codice diplomat. di Malta p. 272. Bull. VI. Cf. Histoire de POrdre Teutonique T. I. p. 13. De Wal Recherches sur lancienne institution de Pordre Teuton. T. 1. p. VI. bemerkt,
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14 Das Deutſche Marien-Hoſpital zu Jeruſalem. Bald aber zählte das Deutſche Marien⸗Hoſpital auch die Kaiſer aus dem Hauſe der Hohenſtaufen unter ſeine Wohlthaͤ⸗ ter und Beſchuͤtzer. Schon Kaiſer Friederich der Erſte ver⸗ mehrte durch milde Geſchenke die Mittel zu feiner Erweite⸗ rung; auch deſſen Nachfolger, Heinrich der Sechste, verlieh ihm mehre Beſitzungen nebſt verſchiedenen Gerechtſamen und nahm ſich uͤberhaupt der Hoſpitalbruͤder mit beſonderer Zunei⸗ gung an ). Zwar mußte gewiß ſolche Gunſt der beiden Oberhaͤupter der Chriſtenheit den Eifer des frommen Bruͤder⸗ vereines in Erfuͤllung ſeiner Pflichten ungemein beleben; allein ſein ſtilles Wirken in der Pflege armer Pilgrime im Kran⸗ kenhauſe hat die Geſchichte im Strome ſo großer Ereigniſſe, wie ſie damals das heilige Land faſt taͤglich ſah, nicht beach⸗ tet und die Fehden und Kaͤmpfe, welche die Deutſchen Hoſpi⸗ talbruͤder im Verein mit den Rittern des Tempels und des Johannis- Ordens beſtanden, hat fie lange Zeit dieſen allein zugerechnet 2). Ohne Zweifel alfo find die Schickſale dieſer beiden Ritter⸗Orden im Ablaufe mehrer Jahrzehnde im Allge⸗ daß zwiſchen den deutſchen Hoſpitalbruͤdern und dem Johanniter⸗Or⸗ den Mißhelligkeiten entſtanden ſeyen, die der Papſt auf dieſe Weiſe habe beſeitigen wollen. 1) Wir erſehen ſolches aus einer Urkunde bei Duellius Historia Ordin. Teuton. p. 9, in welcher Kaiſer Friedich II. ſagt: Sacra do- mus IIospitalis S. Mariae Teutonicorum in Jerusalem a Praedecessoribus nostris pielalis intuitu propagata in multi- plices fructus prodiit fide dignos etc. In ben Selectis Privi- leg. Nro. XVI. p. 15 nennt derſelbe Kaifer das Deutſche Haus Di- vorum Augustorum Aol et Patris nostri ac nostra struetura specialis. Da nun der Deutſche Orden unter Friederichs II. Großva⸗ ter noch nicht beſtand, fo kann ſich Friedrichs I. Wohlthätigkeit auch nur auf die urſtiftung des Deutſchen Ordens, naͤmlich auf jenes Ma: rien⸗Hoſpital zu Jeruſalem beziehen. 2) Daher kennen die meiſten Chroniſten die eigentlichen Deutſchen Hoſpitalbruͤder gar nicht; fo Vincentius Belluacensis, der alle Er- eigniſſe nur durch die fratres Hospitalis et Templi milites oder templarios et hospitalarios geſchehen läßt und dieſe letzteren find bei ihm immer nur die Johanniter; cf. LXXX. c. 38. 43. Eben fo Guilielm. Neubrig. IIisior. rer. Anglicar. L. III. c. 16.
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Gefahren f. d. Deutſche Hofpital zu Jeruſalem. 15 meinen auch die des Hoſpitals von Jeruſalem, und mit Recht theilt es mit ihnen auch das Verdienſt und den Ruhm, den fie durch menſchliche Milde und Wohlthaͤtigkeit, wie durch Muth und Tapferkeit im Kampfe gegen die Unglaͤubigen vor Gott und Menſchen erwarben Y. So geht denn eine Reihe von Jahren voruͤber, in wel⸗ chen die Geſchichte des Hoſpitals zu Serufalem nicht beſonders erwaͤhnt und nur einzelne Spuren ſind uns hinterlaſſen, die uns bezeugen, daß ihm die Gunſt und das Vertrauen vorneh⸗ mer Pilgrime, welche die heilige Stadt beſuchten, nie ent⸗ ging J. So geſchah, daß Theodorichs des Siebenten, Gra⸗ fen von Holland, fromme Wittwe, Sophie, Tochter des ed⸗ len Pfalzgrafen Otto von Schleyern, als ſie auf ihrer dritten Pilgerreiſe an das Grab des Herrn in Jeruſalem ſchwer er⸗ krankte, an die Bruͤder des Hoſpitals die Bitte that, auch nach ihrem Tode bei ihnen ruhen zu duͤrfen und ſie fand in der Marienkirche des Deutſchen Hofpitals ihre Ruheſtäͤtte 3). i r dem er von allen drei Verb zuere initia, VII, c. 3 ſpricht dieſes ganz klar aus, in⸗ ruͤderungen ſagt: Uii omnes talia ha- taliaque praeludia sanctitatis: humiles erant in obsequiis Pauperum, audacesin armis, Christianis benigni, ter- ribiles Saracenis, pro fide proprium sanguinem fundere non Hmepios; Propter quod in omnem terram exivit sonus, et 1 eien Machabeorum gesta linguae fidelium persona- ant. 2 Sollte z. B. kal unter Heinrich der Löwe nicht auch das deutſche Hoſpi⸗ Mark S da er in Jeruſalem dem Tempelorden über 1000 p. 305. ? Bodonis Synlagma ap. Meibom. T, II. riis et II lt duͤrfte wenigſtens ſeyn, daß unter den Templa- Ospitalariis, cum grandi comitatu et honestissime ex auch die Bruder des Hoſpitals waren; Helmold. III. c. 2. Hier werden auch die Hospitalarii eſchenkt genannt. T. v 530 e Holland. ap. Matthaei Analect. veter. sex] Bei 195 1 1 Im Jahre 1128 war Theodorich ſelbſt in Tod So un 1 1 In welches Jahr die dritte Pilgerreiſe und der nach = 2 iR nicht beſtimmt zu ermitteln; aber gewiß erſt fag an Jahre 163, in welchem Theodorich ſtarb; jenes Chronikon at ausdrücklich: Sepulta est in hospitali Teutonum.
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16 Gefahren f. d. Deutſche Hoſpital zu Serufalem. Die Verhaͤltniſſe des heiligen Landes aber geſtalteten ſich in den letzten Jahrzehnden des zwoͤlften Jahrhunderts in einer Weiſe, die alles fuͤr den Untergang der frommen Stiftung befürchten ließ. Im Jahre 1173 erhielt zum Unheil ein drei⸗ zehnjaͤhriger kranker Knabe, Balduin der Vierte, die Wuͤrde eines Koͤniges von Jeruſalem. Um die Verwaltung des Rei⸗ ches, zu welcher jener voͤllig unfaͤhig war, haderten auf die aͤrgerlichſte Weiſe die Vornehmen, die zu allen ihren Beſtre⸗ bungen ſich des Koͤniges zu bemaͤchtigen wußten. Raͤnke und Haͤndel um Gewinn, Macht und Herrſchaft hielten den Geiſt, der ſonſt nur auf die heilige Sache gerichtet geweſen, fort und fort beſchaͤftigt; das Grab des Herrn war fuͤr viele ſchon zum leeren Steinhaufen geworden und die Geſchichte der Zeit iſt in eben dem Maße leer und arm an großen Ereigniſſen und wuͤrdigen Thaten, die den Geiſt erheben und das Herz erfreuen koͤnnten, als ſie reich und uͤberfuͤllt iſt von inneren Zwiſtigkeiten, Zerwuͤrfniſſen und Ausbruͤchen wilder Leiden⸗ ſchaft. Und doch ſtand unter dieſem Gewirre der verkehrteſten Beſtrebungen der Machthaber dem ſchwachen und immer tie⸗ fer ſinkenden Koͤnigreiche in dem ſo tapferen als edelgeſinnten Saladin, dem großen Sultan von Aegypten, gerade jetzt ein Mann gegenuͤber, wider deſſen Macht und Heldenmuth die Rettung der chriſtlichen Herrſchaft im Morgenlande kaum nur denkbar war ). Das erkannte auch ſchon Balduins Nachfolger, Koͤnig Guido (Veit) von Luſignan und ſchloß deshalb mit dem drohenden Gegner ſogleich beim Antritte feis ner Regierung einen Waffenſtillſtand e). Aber der Wurm hatte ſchon zu tief gefreſſen und das Verderben, welches in dem Geiſte der Chriſten ſelbſt begruͤndet lag, war hiedurch nicht mehr abzuwenden. Die Entartung und Sittenloſigkeit wucherte wie Unkraut unter allen Staͤnden ſchon ſo allge⸗ mein, daß von der alten Begeiſterung fuͤr das heilige Land kaum hie und da noch eine Spur bemerklich wurde. Auch 1) Surregit Saladinus, non jam virga, sed malleus, fagt Guilielm. Neubrig. L. III. c. 10. 2) Roger de Hoveden an. 1186.
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Gefahren f. d. Deutſche Hofpital zu Jeruſalem. 17 die beiden Ritter⸗Orden hatten unter dem Volle bereits be⸗ deutend in ihrer Achtung verloren; ja die Geiſtlichkeit hatte fie auf Öffentlicher Kirchen⸗Verſammlung ſchwerer Verbrechen beſchuldigt und vorzüglich war gegen die Tempelherren überall ein fo bitterer Haß verbreitet, daß auch der Koͤnig Guido, der in ihnen ſeinen größten Schutz zu finden glaubte, in im⸗ mer tiefere Verachtung ſank ). Zudem lagen die beiden Rit⸗ ter⸗Orden ſelbſt im aͤrgerlichſten Hader und Zwiſt gegen ein⸗ ander, denn auch fie fingen ſchon an, von ihrer fhönen Bahn abzuweichen, ihres heiligen Zweckes zu vergeſſen und nur nach Vorrechten, Beſitz und Reichthum zu geizen ). Stand auch das Deutſche Marien -Hofpital noch unberührt von dieſen Ge⸗ brechen und Verderbniſſen der Zeit und hielten die Deutſchen frommen Bruͤder in maͤßigem Beſitze auch noch feſt an ihrer urſpruͤnglichen Beſtimmung der Pflege für Arme und Ungläck⸗ liche ), ſo war doch ihr Einfluß auf den Gang des Lebens um fie her viel zu gering, als daß ſie, in ſo kleiner Zahl, dem Verderben hätten Einhalt thun können. Fuͤhrte doch in den Mauern Jerusalems ſelbſt der Patriarch Heraclius mit einer Buhlerin, der Ehefrau eines Specereihaͤndlers aus Neapel, das gottlofefte und aͤrgerlichſte Leben und hingen doch ſchon chriſtliche Fürften, wie Graf Raimund von Tripolis, in fre⸗ velhaften Verbindungen gegen die Vertheidiger des Grabes — — 263 Po, Wilken Geſchichte der Kreuzzüge Ster Th. 2te Abth. S. „aumer Hohenſtauf. B. II. S. 378. - 2) Sunue. |, ©. fagt von ihnen: Procedente tempore de pa- trimonio Cruciſixi impinguati sunt, incrassati, dilatati, divi- His er delitis afiluentes, in quibus perüt etiam Salomon. Guilielm. de Nangis Chron. ap. D’Achery Spicileg. T. III. p- 15. Mansi . XXII. p. 222. c. 9. 3) Davon ſpricht das Zeugniß des Chroniſten Jacob de Vitriaco P. 1085: Quoniam usque ad Zempora praesentia in humilitate Paupertatis et fervore religionis permanserunt, avertat Domi- nus ab eis Superbas, avaras, litigiosas et solicitudine anxias et religioni inimicas divitias. u. —
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18 Der Verluſt Jeruſalems. Chriſti ſich an die Feinde des Glaubens und ſelbſt an den gewaltigen Saladin y. Da geſchah das Unvermeidliche. Schwer erzuͤrnt uͤber die Beraubung ſeiner Mutter auf einer Reiſe nach Damascus durch Rainald von Chatillon waͤhrend des angelobten Waffen⸗ ſtillſtandes und erbittert uͤber den unverſtaͤndigen Hochmuth, mit welchem der Koͤnig Guido ſeine Forderung wegen Erſatzes des Geraubten zuruͤckwies, brach Saladin mit ſeiner ganzen Macht zur Rache an den uͤbermuͤthigen Chriſten auf. Koͤnig Guido und die uͤbrigen chriſtlichen Fuͤrſten zogen dem Feinde mit einem Heere entgegen, wie fie es in ſolcher Stärke ſeit vielen Jahren nicht hatten aufſtellen koͤnnen. An Kraft ward alles aufgeboten, was moͤglich war; aber die Seele dieſer Kraft, der einſtige maͤchtige Glaube, der ſonſt ſo gewaltig in den Kreuzheeren gewirkt hatte, konnte nicht wieder hervorge⸗ zaubert werden. Da gab am fünften Juli 1187 die ungluͤck⸗ liche Schlacht bei Hittin, eine furchtbare Niederlage der Chri⸗ ſten, die ſchmachvolle und ſchreckliche Entſcheidung. Die mei⸗ ſten Ritter des Tempel- und Johannis-Ordens waren im Kampfe gefallen; andere geriethen in die Gefangenſchaft des Sultans 2); dieſes letztere Schickſal theilten auch König Guido und der Großmeiſter des Tempel-Ordens und nachdem Tibe⸗ rias, Joppe, Akkon und mehre andere Staͤdte Palaͤſtina's dem 1) Guilielm. Neubdrig. L. III. c. 15 druckt ſich über dieſe Ver: derbniß am ſtärkſten aus, indem er ſagt: Erant enim in Jerusalem et regno eius non, ut olim, viri religiosi ex omni nalione, quae sub coelo est, sed ex omni gente Christiana facinorosi, luxuriosi, ebriosi, mimi, histriones, hoc genus omne in ter- ram sanctam, lanquam in sentinam quandam confluxerat, eamque obscenis moribus et actibus inquinabat. Vgl. Wilken a. g. G. S. 297. 2) Ueber das ungluͤckliche Schickſal der Tempelherren, von denen Saladin die meiſten hinrichten ließ, ſ. vorzuͤglich Finisauf Ilinerar. regis Anglor. Richardi ap. Cale Script. histor. Brit. T. II. p. 251. Guilielm. Neubrig. L. III. c. 17. 21. Guil. de Nangis p- 14. Walteri Hemingford Chron. ap. Gale T. II. p. 509. Godefrid. Monach. ap. Freher. T. I. p. 251.
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Der Verluſt Jeruſalems. 19 Feinde zugefallen waren, fiand Saladin vor den Mauern der heiligen Stadt. Es war am dritten October des Jahres 1187, als auch dieſe in des Siegers Gewalt fiel. Auf Sa⸗ ladins Befehl mußte alles, was den chriſtlichen Namen be⸗ kannte, die heiligen Mauern verlaſſen ); nur wenigen ward vergönnt vort ferner zu verweilen, und unter dieſen auch eini⸗ gen Gliedern des Deutſchen Hofpitals, die auch forthin noch in der frommen Stiſtung der armen Pilgrime pflegten 2). Sa⸗ ladin war zu edel in ſeinen Geſinnungen, viel zu menſchlich⸗ mild und zu weit entfernt von gemeiner Rachluſt, als daß er eine Stiftung hätte vernichten ſollen, die ſo ganz aus den reinſten Gefuͤhlen des Mitleids und der Erbarmung fuͤr menſch⸗ liches Elend und Unglück hervorgegangen war. Vielmehr er⸗ theilte er den Hoſpitalbruͤdern ausdruͤcklich die Erlaubniß, auch fernerhin noch in Jeruſalem verweilen zu duͤrfen, ſo lange noch Kranken und Ungluͤcklichen dort ihre Pflege und War⸗ tung noͤthig fey, Doch mögen im Deutſchen Hoſpital, wie auch in dem der Johanniter, nur diejenigen Brüder zuruͤckge⸗ blieben ſeyn, die unter dem Namen von dienenden Brüdern ſich ganz ausſchließlich der Krankenpflege gewidmet hatten, waͤhrend die übrigen, die mit dem Schwerte den heiligen Bo⸗ den vertheidigt, wohl meiſt in dem ſchweren Kampfe bei Hit⸗ tin gefallen waren, zum Theil aber auch mit den uͤbrigen Chriſten Jeruſalem verlaſſen mußten ). —— 1) Pincent. Belluae. L. XXX. c. 44. Guil. Neubrig. l. c. „ 18. Wilken u. a. O. S. 281 ff. Raumer B. II. S. 398 ff. 2) Die Ordens⸗Chron. S. 7 fagt: „Welche Cryſten zeu Jerw⸗ ſalem bleyben wolten unter dem Trybut, mochten bleyben, dy zwene Hoſpital auch zu nutzungen der armen pilgerlewthe.“ ) Der Großmeiſter der Tempelherren berichtet unter andern dem Könige von England in einem Briefe in Baronii Annal. ecelns, T. XII. an. 1187 nro, 7: Ipse Saladinus in domo Mospitalis permisil remanere decem de Fratribus IIospitalis ad custodien- dum infirmos usque in unum annum. Daſſelbe bezeugt Guil, Neubrig. LE II is Debilium quoque in famosissimo illo hospitali 4 . # °_ 6 sive beati Joannis decumbenlium, sive humanilas, si 85 Br. 1 3 et Pro gloria misericordiam babuit: eorumque donec vel m 9 *
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20 Kreuzzug Friederichs des Erften. Unnennbar aber war der Schrecken, der Schmerz und der Jammer, der durch die Laͤnder Europens ſich in Aller Herzen verbreitete, als die Nachricht von dem Verluſte des heiligen Grabes ankam. Ein Geſchrei der Wehklage ging durch die ganze Chriſtenheit ); denn je tiefer in den Menſchen das Vertrauen und die feſte Zuverſicht gewurzelt war: das Grab des Erloͤſers, mit dem Blute fo vieler Tauſenden aufgekauft, Fünne nie wieder verloren gehen, um ſo ſchreckenvoller erwachte man nun bei dem ungeheuren Ungluͤcke aus der Ruhe, in der man jetzt nur Suͤnde und Verbrechen ſah. Ueberall hoͤrte man wieder wie vor neunzig Jahren, als der erſte Zug ins Morgenland begann, den Ruf des Kreuzes. In Deutſchland aber ward die Bewegung erſt allgemein, als in der Faſtenzeit des Jah⸗ res 1188 der Kaiſer Friederich der Erſte auf dem Reichstage zu Mainz das Kreuz aus den Händen des Cardinal-Biſcho⸗ ſes Heinrich von Albano und des Biſchofes Gottfried von Wuͤrzburg empfing, um den Abend feiner Tage dem Dienſte des Herrn zu widmen ). Zwanzigtauſend Ritter und unzaͤhl⸗ rentur, vel convalescerent, curam haberi voluit, quibusdam ex fratribus hospitalariis hanc operam secure et libere exe- quendam commiltens. Auch beftätiget dieſes das Chron. Ordinis ap. Matthaei Anal. c. 36. Vgl. den Brief des Papſtes Gregorius bei Baronii Annal. eccles. T. XII. an. 1187 Nro. 13, wo unter den Hospitalariis ohne Zweifel die Deutſchen- und Johanniter⸗Hoſpi⸗ talbrüder begriffen find. Finisauf p. 254. Verbot Histoire de Ordre de Malthe T. I. L. II. p. 235. De Val Ilistoire de Ordre Teut. T. I. p. 19 — 20. Recherches sur l’ancienne institulion. T. I. p. VIII. Z) n al Athir bei Wilken B. IV. S. 71 ſagt freilich: das Haus der Hoſpitaliter zu Jeruſalem ſey zu einem prächtigen Collegium, in welchem das Schafeitiſche Lehrſyſtem vorgetragen wurde, umgeſchaffen worden. 1) Vox iurturis, vox doloris et gemitus ſines Christiano rum usque ad mundi ultima lamentabili novitate rumoris per- culit. Godefrid. Monach. ap. Freher. Script. T. I. p. 250. Guil. Neubrig. L. III. c. 23: 2) Otton. de s. Blasio Append c. 31. Godefrid. Monach. p- 251. Alberiei Chron. p. 375. Arnold. Lubee. Chron. L. III. c. 28. Kortüm Kaiſer Friedrich der Erſte S. 223.
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Kreuzzug Friederichs des Erſten. 21 bare Schaaren von Geiſtlichen, Buͤrgern und anderem Fuß⸗ volke ſammelten ſich im Fruͤhling des Jahres 1189 bei Re⸗ gensburg zur Theilnahme am Wiedergewinne der heiligen Stadt, und als nun der Kaiſer, zwar ſchon im ſieben und ſechzigſten Lebensjahre, aber noch mit dem Feuereifer eines Juͤnglings und mit der Umſicht, Kraſt und Weisheit, die ihn überall eigen waren, alles wohl vorbereitet und des Reiches Wohl⸗ fahrt und Sicherheit aufs beſte beſorgt, geſchah im Mai der Aufbruch. Wegen des gleichzeitigen Kreuzzuges, welchen die beiden Könige von England und Frankreich zur See unter⸗ nehmen wollten, ward für das Deutſche Kriegsvolk der Weg zu Land als der beſſere vorgezogen 9. Mit dem Kreuze be⸗ zeichnet waren im Geleite des Kaiſers ſein eigener Sohn, Her⸗ zog Friederich von Schwaben, Bertold von Andechs, Herzog von Meran, Herzog Ottokar von Steiermark, der Markgraf Hermann von Baden. Auch der in der Dichtkunſt gefeierte Landgraf Ludwig der Milde von Thüringen und fein Bruder, der Pfalzgraf Hermann von Sachſen nahmen damals mit vie⸗ len Grafen und Rittern ihrer Laͤnder das Kreuz, ſchifften ſich aber mit dem Biſchofe von Bremen in Brunduſium ein 2). Unter neunzehn Grafen, die mit dem Kaiſer zogen, glängten vor allen Robert von Naſſau, Heinrich der juͤngere von Diez, Poppo von Henneberg, Ulrich von Kyburg, Bertold von Zaͤh⸗ ringen und manche andere; unter den Bifchöfen waren die von Muͤnſter, Meißen, Luͤttich, Utrecht, Paſſau, Wuͤrzburg, Osnabrück, Verden, Baſel und Straßburg und an ihrer Spitze der Erzbischof von Trier. An dieſe Fuͤrſten und Geiſt⸗ lichen schloß ſich endlich eine Zahl von Rittern an, deren Namen ganz Deutſchland feierte 2). — un 1) Cuil. Neu rosolym. p. 1158. 2) Ursini Chron. rig. L. III. c. 24. 27. IV. 13. Historia Hie- Thuring. ap. Mencken. T. III. p. 1272. Wilken B. IV. S. 250. Beil. IV. S. 97, wo unter denen, welche die Seefahrt vorzogen, auch der Biſchof von Bremen genannt iſt. g 3) Es iſt für die Geſchichte des urſprunges und der erſten zellen des deutſchen Ordens nicht unwichtig, über die Fürſten und Biſchoͤfe,
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22 Kreuzzug Friederichs des Erſten. Selten war ein Kriegszug mit groͤßerer Freudigkeit und mit ſicherern Hoffnungen angetreten worden. Alles ſah auf den Kaiſer hin, den ergrauten Helden, als den Mann, dem allein es noch vergoͤnnt und moͤglich zu ſeyn ſchien, den heiligen Boden noch einmal von den Unglaͤubigen zu ſaͤubern und der Chriſtenheit das heilige Grab wieder zuzueignen. Und dieſe die an dieſem Zuge Theil nahmen, ſichere Nachrichten zu haben. Wir finden fie in folgenden Quellen: Tugero Descript. expedit. Asiat, Friderici Imperat. contra Turcos ap. Freher T. I. Append. p. 6, wo es heißt: Cum eo fılius eius Fridericus, dux Alemanniae, Bertoldus dux Meraniae, ex Bavaria de castro Andechs natus, Hermannus marchio Badensis, episcopi Herbipolensis, Mo- nasteriensis , Dietpoldus Bathaviensis, Offenburgensis (der von Osnabruͤck) Misnensis, cum multis regni Comitibus, cum magna multitudine populi. Am volftändigften findet man die Theilnehmer aufgezählt in Ansber£i historia de expeditione Friderici Impe- rat, im Auszuge bei Wilken Beil. IV. S. 95 — 96. Damit ift zu vergleichen beſonders in Ruͤckſicht der Fuͤhrung der einzelnen Heerſchaa⸗ ren Anonymi Expedit. Asiat. Friderici I in Canisii Lection. antiq. T. V. p. 64. Lambert. Schaffnab. Addit. ap. Pistor. T. I. p. 430 nennen die Theilnehmer noch genauer: Signati sunt do- minica cruce Gotefridus Wurtzburgensis episcopus, Ilerman- nus Monasteriensis, Martinus Misnensis, Rodolphus Leodien- sis, Heinricus Argentinensis et alii plures episcopi; Ludovicus comes provincialis Thuringiae, Poppo comes de Ilennenberg, Adelbertus de Grumbach, Albertus de Iiildenburg, aliique multi principes, comiles et nobiles. Außerdem nennt das Chran. Abbat. Ursperg. p. 229 als bemerkenswerthe Ritter Fridericus de Bergilen, Conradus de Dombach et Fridericus frater eius, Gobertus et Poppo. Daß auch die Grafen von Flandern, Geldern und Holland Theil nahmen, bezeugen Anselm. Gemblac. Chron, ap. Pistor. T. I. p. 999, Nilhelm. Egmondan. Chron. ap. Matthaei Anal. T. II. p. 473 und Godefrid. Monach. p. 252, der auch den Biſchof von Utrecht nennt. Die IIistor. IIierosol. P- 1160 begnuͤgt ſich bloß mit Angabe der Zahlen: Erant Antistites septem, Archipraesul unus, Duces duo, Comites XIX, tres vero Marchiones. Chron. S. Petri Erfurt. ap. Mencken. T III. p. 231. Finisauf p. 260 nennt dieſelben Zahlen, aber ebenfalls ohne namentliche Anfuͤhrung. Vgl. Chron. German. ap. Pistor. T. II. p. 794.
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Kreuzzug Friederichs des Erſten. 23 Hoffnungen wurden noch gehoben durch das Gluͤck, von wel⸗ chem das Kreuzheer auf feinem Zuge durch Ungern beguͤnſtigt ward. Darauf aber hinderten ſchon den ſchnelleren Fortzug die durch den Griechi ſchen Kaiſer veranlaßten Angriffe der wilden und trotzigen Bulgaren, und als das Heer weiter vordrang, nicht minder auch die Fehden und Kämpfe der arg: liſtigen Griechen ). In ſolcher Weiſe war der Kaiſer ſo lange verzögert worden, daß er erſt im Maͤrz des Jahres 1190 den Boden Aſiens betrat. Auch dort noch von Griechiſcher Heim⸗ tuͤcke verfolgt und dann auf Tuͤrkiſchem Gebiete durch zahllose feindliche Schwaͤrme un d unaufhoͤrliche Kämpfe aufgehalten, in ſeiner Macht ſelbſt nicht wenig geſchwaͤcht, gelangte das Kreuzheer unter den ſchrecklichſten Leiden und Beſchwerden erſt im Hochſommer in das Gebiet von Armenien und lagerte an den kühlen Ufern des Fluſſes Saleph, bei der Stadt Seleu⸗ cia. Da geſchah aber, als das Heer weiter ziehen wollte, daß Kaiſer Friederich in den Wellen des Fluſſes ſeinen Tod fand. Keins der beſtandenen Leiden war dieſem Ungluͤcke gleich zu meſſen und ſo allgewaltig war der Schrecken, der Jammer und die Verzweiflung im ganzen Heere, daß viele, denen fuͤr immer alle Hoffnung entſchwunden war, die Krie⸗ ger des Kreuzes verließen, um in die Heimat zuruͤckzukehren N. Doch als das uͤbrige Heer von ſeiner tiefen Betruͤbniß ſich wieder ermannt, folgte es der Fuͤhrung des Herzogs Friede⸗ rich von Schwaben „des Kaiſers Sohn, und zog von ihm ge⸗ leitet nach Antiochien. Hier aber warteten ſeiner neue Lei⸗ Unmäßiger Genuß nach fo langen Entbehrungen und die Folgen der ſchlechten Nahrungsmittel, zu denen auf dem Zuge Noth und Mangel getrieben hatten, erzeugten furchtbare Krankheiten, denen ein noch groͤßerer Theil des Heeres er⸗ lag ), als bisher alle Kampfe mit dem Feinde gekoſtet hat⸗ 1) Cut. Neubr; 6. I. IV. c. 13. Das Nähere über diefen Zug bei Wilken und Raumer. 2) Tageno J. c. P. 14. Guil. Neubrig. 13 IV. 13. P- 392. 3) Abulfedae Annal. Muslem. T. IV. p. 107. Ansberti Nistoria expedit. Frider, bei Wilken B. IV. Beil. IV. S. 1053.
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24 Belagerung von Akkon. ten. Dort ſtarb auch der Biſchof Gottfried von Wuͤrzburg und mit ihm mancher ritterliche Held. Erſt nachdem die Pil⸗ grime ſich wieder etwas erholt, traten ſie den Zug uͤber Ty⸗ rus nach Ptolemais oder Akkon an ). Noch vor Jeruſalems Eroberung war außer mehren an⸗ dern Städten, als Sidon, Tiberias, Byblus, Nazareth, Hebron, Bethlehem u. a. auch Akkon in Saladins Gewalt gefallen und hatte Tuͤrkiſche Beſatzung erhalten ). Je ſchmerz⸗ licher aber für die Chriſten des Morgenlandes des Hafens we⸗ gen der Verluſt dieſer Stadt war, um ſo lebendiger und thaͤtiger zeigte ſich auch ihr Eifer um die Wiedereroberung. Sobald daher König Guido, aus feiner Gefangenſchaft von Saladin entlaſſen, mit, dem Markgrafen Bonifaz von Mont⸗ ferrat, dem Großmeiſter des Tempel⸗ Ordens, Gerhard von Riderfort, und andern vornehmen Herren ſich dorthin begeben ), hatte ſich vor den Mauern dieſer Stadt auch faſt die ganze uͤbrige chriſtliche Kriegsmacht des Morgenlandes verſammelt, um durch den Hafen von Akkon die aus dem Abendlande er⸗ wartete Huͤlfe deſto leichter an ſich ziehen zu koͤnnen ). Auch die Ritter des Tempel⸗ und Johanniter-Ordens lagen mit bei dieſem Heere vor Akkon ). In der That landete dort auch bald eine Flotte von funfzig Schiffen mit zehntauſend J) Ueber dieſen Kreuzzug und die betreffenden Quellen iſt zu vers gleichen Wirken B. IV. Raumer B. II. und Kortuͤm Kaiſ. Frie⸗ derich der Erſte S. 217 ff. 2) Finisauf p. 252. Guil. Neubrig L. IV. c. 19. p. 415. 3) Jacob de Fitriaco p. 1162 — 1163. Finisauf c. 26. Hemingford c. 34. 4) Die Belagerung begann nad) Jacob de Fitriaco p. 1163 im Auguſt 1189. Finisauf l. c. fagt: Exeunte Augusto, die S. Augustini gravis illa et longa cepit obsidio. 5) Guil. de Nangis p. 16. ſagt, daß nach dem Auszuge aus Serufalem Regina Sybilla, cum Heraclio Patriarcha, Templa- riis et Hospitalariis, ac immenso exulantium coetu apud An- tiochiam est profecta. Von dort folgten dann dem Könige bie Templer und Johanniter mit nach Akkon.
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Belagerung von Akkon. 25 Pilgern ) und es lagerte alſo in birzem eine nicht unbedeu⸗ tende Kriegsmacht vor den Mauern der Stadt. Sie war freilich an Kriegerzahl der der Tuͤrken um Akkon bei weitem nicht gleich, und beſtand aus Menſchen der verſchiedenſten Art; die meiſten waren aus England, Frankreich, Jalien, Deutſch⸗ land und ſelbſt aus dem hohen Norden, aus Dinemark, den größeren Kreuzheeren vorangeeilt, hier zufammen kommen 2). Der friſche Muth dieſer Pilgrime aber, mancherler Vorzeichen für glͤcklichen Erfolg, die Tapferkeit der Ritter des Hoſpitals und des Tempel⸗Ordens, deren Zahl bald durch Ordensbruͤder aus dem Abendlande wieder verſtaͤrkt wurde ), ließen leicht die Meinung entſtehen, daß nach der Ankunft des Deutſchen Pilgerheeres unter Herzog Friederich von Schwaben die Er⸗ oberung der Stadt bald gelingen werde. Allein diefe Hoff⸗ nung täuſchte; denn noch bevor Herzog Friederich mit den Seinen vor Akkon erſchien, war der maͤchtige Sultan Saladin mit einem ſtarken Heere herangezogen, drohend ſich an der einen Seite der Stadt lagernd. Zudem ward auch die Be⸗ ſatzung von der See her durch eine aͤgyptiſche Flotte bald ſo reichlich mit Lebensmitteln verſorgt und die Stadt durch ihre zahlreiche Kriegsmannſchaft ſo entſchloſſen und tapfer verthei⸗ digt, daß alle Hoffnung einer baldigen Einnahme ſchwinden mußte ). Sie ſchwand aber um ſo ſchneller, dieſe Hoffnung, als Herzog Friederich mit ſeinem aͤußerſt geſchwaͤchten, entmuthig⸗ ten, ermatteten und erkrankten Pilgerheere erſt im Herbſt des 1) Jacob de Fitriaco p. 1164. Albericr Chron. p. 392. FPinisauf c. 27. Vgl. Wilken B. IV. S. 254. 2) Alberic. Chron. 1. c. nennt viele der dort verſammelten Ritter namentlich und ſpricht als Augenzeuge. Guil. Neubrig. L. III. c. 27. Bernard. Thesaurarius ap. Murat. T. VII. p. 806. 3) Guil. de Nangis p. 16 fagt: Templarii, IIospitalarii, virique fortes quamplurimi transfretant, ut oppressis terrae sanctge succurrant. 4) Jacob de Fitriaco p» 1167. Guil. Neubrig. L. IV. c. 19. Alberic. p. 386.
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26 Belagerung von Akkon. Jahres 1190, am achten October vor Akkon ankam ). Schon vorher hatten die Chriſtan mehrmals großen Mangel an Le⸗ bensmitteln gelitten and nun wuchs die Noth mit der An⸗ kunft jedes neuer Pilgerhaufens 2). Saladin ſuchte uͤberdieß einer entſcheiderden Hauptſchlacht beſtaͤndig auszuweichen, mei⸗ neud, daß Hunger, Verzweiflung und Krankheiten unter den Belagerern m Akkon ſchon von ſelbſt retten wuͤrden. Dar⸗ um war es auch ſein naͤchſter Plan, ihnen vorerſt nur jede Zufuhr von Lebensmitteln gaͤnzlich abzuſchneiden. Und das Ziel ſchien nicht ferne, denn es brach im chriſtlichen Lager eine ſo ſchreckliche Hungersnoth ein, daß man Pferdefleiſch, Gras und Warzen, ſelbſt das Ekelhafteſte genoß 3), daß man aus Mangel an Holz ſelbſt Schiffe verbrannte und manche aus Verzweifelung ſogar zu den Tuͤrken uͤbergingen; und das natürliche Geleite dieſer Noth waren Seuchen und allerlei ſchreckliche Krankheiten. Am meiſten aber litten unter dieſen Schreckniſſen die Deutſchen Pilgrime, die groͤßtentheils ſchon durch die vielen Muͤhſeligkeiten, Gefahren, Entbehrungen und beſtaͤndigen Kämpfe auf ihrem Wege ermuͤdet, entkraͤſtet und erkrankt vor Akkon angelangt waren und nun um ſo leichter von den Seuchen ergriffen wurden ). Ihr Loos war in 1) Oie Quellen ſprechen einſtimmig uͤber den geſchwaͤchten und klaͤglichen Zuſtand des Deutſchen Heeres. Der Augenzeuge Albericus P- 391 ſagt: Fredericus Dux Suaviae cum‘ paucis ante Acram venit; Cuil. Neubrig. L. IV. c. 13 bemerkt: Tantus exercitus ber viam longissimam paulatim bellis morbisque confectus at- que imminutus, ita tandem laboris iniolerantia sumptuumque penuria elanguit atque deflusit, ut nulla re memorabili facta contemptibiles ex eo reliquiae Palestinam cum Duce memo valo venisse dicantur, Eben fo Hemingford c. 50. Abulfeda T. IV. p. 107 ſagt, daß von dem ganzen Heere kaum 1000 Mann vor Akkon angekommen ſeyen. 2) Sanut. p- 196. Jacob de Fitriaco p. 1121. 1169. 3) Chron. Abbat. Ursperg. p. 229. Guil, Neubrig I. IV, c. 19. Bernard. Thesaurar.]. c. p. 807. A) Nach Tageno l. c. p- 15 ſtarb unter andern damals auch der Biſchof von Paſſau und wurde bei Akkon begraben. Von dem Zuſtande
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27 Belagerung von Akkon. jeder Weite das fchredtichfte, denn für fie war Fr eine Erleichterung und Hülfe vorhanden, wie Be en aus ger feyenden Tempelherren fie vorzüglich ben Bien Or⸗ Frankreich und die Ritter und Bruͤder des Johann — die dens den ungluͤcklichen Italienern fie darreichten, . uſa⸗ kleine Zahl von Brüdern des Deutſchen Hospitals in Jer lem, die etwa unter den Johannitern mit na Men — men waren, unmoglich leiſten konnte, was die e derte. Ohne dieß nahmen auch die unaufhörlichen ins um⸗ bald mit der Beſatzung der Stadt, bald mit ien hr in herſchweifenden Heerhaufen jene Ordensritter viel zu ſeh 85 Anspruch, denn ihre Zahl war, wie erwähnt iſt, 115 der Schlacht bei Hittin bedeutend vermindert — ſetzt Verluſt durch die neuen Ankoͤmmlinge noch eng 175 So lagen denn die unglücklichen Kranken oft oh dem und Pflege, ohne Obdach und Hoffnung der Geneſung, ; en Jammer und der Verzweifelung uͤberlaſſen da und ſtarb auf dem Sande 0. Unter ſolchen Schreckniſſen und Leiden geſchah die Stif- tung des Deutschen Ordens. Aus Mitleid und chriſtlichem m —— 112 : Defuncti des Deutſchen Heeres ſagt der Augenzeuge Alberie. p. 387 0 i laborum per- toris Frederici respectu suorum, qui 5 fee fksdke 7 7 Is vel in taesi domos redierant, seu perierant in bellis e aulo post imbelles, vix cum paucis ad nos evascral comitatus, p P timor hostium 1 intus obsessoru lilius Impera i i de nobis am de foris nos obsidentium, quam " — En i ul cum duabus ex se genitis ſiliabus, 7 1 n — . ” age tia graviter nimis exercitum quam si flag a ; 5 1 8 imore quia tri plici eoepit affligere Chrislianum: nam prae 11 victualium ad nos m delicet et pestilen „ nohis ad victualia rarus aul — — accessus, nec aliquis alicui patebat e castris in. en morlis egressus, hinc fames urgebat populum, kun 2 Manta plione se comprimentium pestilentia consurgebat talıs nn duod per eam duabus exercitus nostri parlibus 1 u IV. vel occumbentihus lerlia vix remansit. Guil. eg 4 O. c. 19. Ansberti Historia exped. Frider. bei Wilken c. a. S. 105. en - afflictus ut. P. 196: Multis proinde angustüs tune afflic
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28 Stiftung des Deutſchen Ordens. Erbarmen uͤber das jammervolle Schickſal der ungluͤcklichen Deutſchen hatten einige Buͤrger aus Bremen und Luͤbeck, die mit dem edlen Grafen Adolph von Holſtein nach dem heili⸗ gen Lande geſegelt waren und vor Akkon wit im Lager der Deutſchen links am Berge Toron, an der ſuͤdlichen Seite, in der Naͤhe der Moſchee oder Mahumeria lagen, vermittelſt ih⸗ rer Schiffsſegel Zelte aufgeſchlagen, unter deren Schutz ſie die aufgenommenen kranken Deutſchen Pilgrime pflegten und erquickten, fo viel es ihnen moͤglich war n). Mit ihnen aber verbanden ſich auch zum chriſtlichen Werke der Liebe und des Mitleids die Bruͤder des Deutſchen Hoſpitals von Jeruſalem, die unter den Tenpelern und Johannitern mit vor Akkon ge⸗ zogen und wahrſcheinlich durch herbeigekommene Mitbruͤder aus ihrem Stiftungshauſe in Jeruſalem an Zahl noch ver⸗ mehrt worden waren ). Sie vor allen forderte ja ihr Ge⸗ luͤbde und der Zweck ihrer Verbruͤderung zu einem ſolchen Werke auf. Ohnedieß war in Serufalem felbft ihre Beftim- mung auch ſchwerlich in ihrer ganzen Ausdehnung mehr zu erfuͤllen und die ihnen vom Sultan Saladin geſetzte Zeit ih⸗ res Aufenthalts in ihrem Hoſpital war auch bereits laͤngſt voruͤber. Es geſchah im Herbſt des Jahres 1190, daß ſich est populus Christianus ante adventum Regum Franciae et Angliae: hostis enim, et a tergo et a facie imminebat; intem- peries abris, ac pestilentia, dysenteriae: multi inedia coram civitate in sabulo peribant. Jacod de Fitriaco p. 1% fagt: Quantas tribulationes et angustias, quot pericula et detrimenta, antequam venirent Reges Franciae el Angliae, perpessi sint, longum esset enarrare. Nam eo machinas frequenter Sara- ceni combusserunt; multos autem sagittis et spiculis laetaliter vulnerantes, frequenter occiderunt: multo autem plures ine- dia, labore, et aeris corruptione vitam in sabulo ante civita- tem finierunt. Cbronicon German. ap. Pistor. T. II. p. 795. 1) ©. die Statuten des Deutſchen Ordens, herausgeg. von Hen⸗ nig S. 31. Dusburg Chron. P. I. c. 1. Cbron. Slavica ap. Lindenbrog script. sept. p. 205. Chron. Ordin. ap. Matthaei Anal. T. V. p. 655. 2) Guil. Neubrig. L. IV. c. 19. Vgl. über dieſe Stelle die Beilage Nro. I.
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Stiftung des Deutſchen Ordens. 29 in ſolcher Weiſe die frommen Bruder des Deutſchen Hoſpi⸗ tals mit den mildthaͤtigen Bürgern aus Lübeck und Bremen zur Pflege der Ungluͤcklichen vor Akkons Mauern vereinigten 95 So hatten menſchliches Elend und Leiden und menſchli⸗ ches Mitleid und Erbarmen eines Schiffes Segel zu einem Hoßpitale geſchaffen und keine Seele ahnete damals noch, was 8 dieſes an ſich in feinem erſten Beginne ſo unbedeutende Ereigniß fuͤr die Weltgeſchichte, fuͤr das Schickſal von Laͤn⸗ dem und Völkern geschehen war; kein Auge uͤberſah es noch, daß hier i h bier in der Weltordnung ein Faden angefnüpft war, der ſich in wunderbaren g g Verſchlingungen durch mehre Jahrhunderte bindurchziehen werde. Der Geiſt aber, der in dem chriſtlich⸗ frommen Werke lebte und wirkte, der Geiſt reiner menſchli⸗ cher Liebe und chriſtlicher Mildthaͤtigkeit und der thaͤtigfromme Eifer, mit welchem die Buͤrger aus Luͤbeck und Bremen und die Bruͤder aus Jeruſalem ſich der Pflege der Ungluͤcklichen und Leidenden unter Muͤhen und Entſagungen, unter Opfern und Entbehrungen fo freudig hingaben, erregte bald der Fuͤr⸗ ſten, vor allen des Herzogs Friederich naͤhere Aufmerkſamkeit. Der Hinblick auf die beiden ſchon beſtehenden Orden, von de⸗ 1 0 re Gyr x ven ber eine mehr nur für Pilgrime aus Italien, der an ) Daß bei dieſer eigentlichen Stiftung des Deutschen Ordens in manchen Chroniſten, ſelbſt in den Ordens⸗ Statuten von dieſen alten Hoſpitalbruͤdern nicht weiter die Rede iſt, darf ſchon deshalb nicht auf⸗ fallen, weil es ſich jetzt Überhaupt um die Gründung eines ganz neuen Inſtituts handelte. Daß aber damals Brüder jenes Hoſpitals mit vor Akkon waren, geht ſchon aus dem altdeutſchen Gedicht über die Kreuz⸗ fahrt des Landgrafen Ludwig von Thüringen hervor, wo ihrer, wie men [bon aus Wilken B. IV. S. 21 (Beilagen) erſieht, ausdrück⸗ lich erwähnt wird. Ohne Zweifel ſtanden ſie damals noch unter der Döhut des Johanniter⸗ Ordens, und deshalb hat ſich bei einigen Chro⸗ niſten die Nachricht erhalten, daß der Deutſche Orden uͤberhaupt aus dem Johanniter ⸗Orden hervorgegangen ſey. So heißt es z. B. bei folewink Fascicul. Tempor. ap. Pistor. T. II. p. 79: Ordo Teutonicorum dominorum incepit circa haec lempora in Prus- sia (1) sub Coelestino Papa terlio; ortum babuit ex ordine sancti Johannis Hierosolymitani. — Ueber die Verbindung der Deutſchen Hoßpitalbrüder und die Zeit der Entſtehung des Deutſchen Ordens ſiehe die Beilage Nro. I.
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30 Stiftung des Deutſchen Ordens. dere mehr nur fuͤr ſolche aus Frankreich geſtiftet war, die dringende Nothwendigkeit einer aͤhnlichen Stiftung auch für Deutſche, die fernerhin das heilige Land beſuchen wuͤrden, die Beſorgniß, daß jener Verein mildthaͤtiger Pilgrimsbruͤder ſich wieder auflöfen werde, wenn ihn nicht noch ein anderes Band feſter zuſammenhalte, die Tapferkeit und die ruhmvollen Tha⸗ ten, welche bisher ſchon jene beiden Ritter-Orden in den Kaͤmpfen gegen den Chriſtenfeind und in der Vertheidigung der Sache Chriſti an den Tag gelegt: das alles mochte vor Herzogs Friederich Seele ſtehen, als er den Gedanken faßte, jenem Werke der Liebe und des Mitleides eine ſicherere Grund⸗ lage und eine feftere Stuͤtze zu geben. Im Rathe verſammelt mit den Fuͤrſten und Biſchoͤfen, die ihn begleitet, mit dem Koͤnige und dem Patriarchen von Jeruſalem, den beiden Meiſtern vom Tempel- und Johanni⸗ ter⸗Orden und manchen andern geiſtlichen und weltlichen ho⸗ hen Herren des Abendlandes und des Morgenlandes ), ſprach der edle Herzog den Entſchluß aus, nach der Weiſe der Tem⸗ peler und Johanniter-Ritter auch für Pilgrime aus dem Va⸗ terlande, aus dem Deutſchen Volke einen Ritter-Orden zu ſtiſten und als ſolchen die Brüder des Deutſchen Hoſpitals von Jeruſalem zu erheben, damit auch für fein Volk ein Ver- ein vorhanden ſey, in welchem der fromme Pilgrim edleren Geſchlechtes, der Welt und ihrer Luſt entſagend, im Kampfe fuͤr des heiligen Landes Errettung und Vertheidigung, im Schutze bedraͤngter Pilger und in der Pflege und Wartung armer, ungluͤcklicher Wallbruͤder ſich Verdienſte um des Er⸗ loͤſers heilige Sache und um das Heil der Kirche zum Beſten feiner Seele erwerben koͤnne 2). I) Von einer ſolchen Berathung ſprechen die Ordens⸗Statuten in der Vorrede S. 32; die Ordens⸗-Chronik (Mſcr.) ©. 8, und bei Matthaeus Analect. T. V. p. 657; Dusburg P. I. c. 1. Lucas David B. II. S. 143. Ueber die Angaben dieſer Chroniſten in Beziehung auf die bei der Berathung gegenwaͤrtig geweſenen Per⸗ ſonen fugen wir das Nöthige in der erwähnten Beilage. 2) Dieſe Beſtimmung bes Ordens bei ſeiner Stiftung ſpricht vor⸗ zuͤglich die Vorrede zu den Ordens⸗ Statuten aus.
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Stiftung des Deutſchen Ordens. 31 Des Herzogs Gedanke fand Beifall in der ganzen Ver⸗ nlung und die beiden Meiſter des Tempel⸗ und Johan⸗ niter⸗Ordens, nebſt dem Patriarchen und andern hohen Geiſt⸗ lichen wurden fofort beauftragt, ſich uͤber Regel und Geſetz zu berathen, unter denen die Ritterbruͤder des neuen Ordens leben und wirken ſollten ). Man fand am zweckmaͤßigſten, fuͤr den neuen Orden die Regeln und Geſetze der Tempeler und Johanniter in ſolcher Weiſe zu verbinden, daß das Leben des neuen Ordensbruders als Ritter und Streiter Chriſti und der Kirche nach dem Geſetze und der Ordnung der Tempel⸗ herren, feine Pflichten aber in chriſtlicher Mildthaͤtigkeit gegen Arme und Unglückliche und in der Pflege der Leidenden nach den Regeln der Johanniter geordnet ſeyn ſollten ). Es war aber biefe Anordnung auch ſchon um deßwillen für die zweck⸗ dienlichſte erfunden worden, weil ja die Deutſchen Bruͤder des Hospitals zu Jeruſalem ſchon ſeit ihrer Stiftung in der hei⸗ ligen Stadt und waͤhrend ihres Zuſammenſeyns mit jenen beiden Orden immer nach den Geſetzen und Verfaſſungen die⸗ ſer ritterlichen Vereine, vorzuͤglich nach den Regeln der Tem⸗ peler gelebt und für ihre Beſtimmung gewirkt hatten, ſo weit fie wenigſtens in ihren Verhaͤltniſſen für fie anwendbar ge⸗ 1) Ordens⸗ Statut. S. 32. Ordens⸗Chron. S. 8. Lucas David B. II. S. 144. 2) Dieses bezeuget die Vorrede zu den Ordens Statut. S. 37, wo es heißt: „Es ſey dem neuen Orden gegeben das leben an ſichen dach dem ſpitale ſente Johannis, und die ritterſchaft nach dem orden uus tempels oder wie Dusburg P. I. c. I. es ausdrückt: In dieto Hospital (sc. Teutonicorum) Ordinem fratrum Ilospitalis in Female (i. e. S. Johannis) circa pauperes et infirmos, ſratrum vero militiae templi circa Clericos et milites et alios 7 ists. Eben ſo die Ordens⸗Chron. S. 8. bei Mat !haeus J. c. p. 637. Die Paͤpſte ſagten das Nämliche in ihren Bullen de ſo heißt es in einer an den Deutſchen Orden gerichteten Bulle arne balgen Papſte Gregorius IX. vom Jahre 1227: Cum or- W Bam bospitalis Jerlimitani circa pauperes et infir- nos Lratrum vero Militiae Templi circa clericos ei milites ac alios fratres in domo vestra proinde institutum laudabililes observetis _ etc. famt
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32 Stiftung des Deutſchen Ordens. weſen ). Geſtiftet aber ſollte der neue Orden ſeyn zur Ehre der Jungfrau Maria. Darum ſollten auch die Glieder deſſel⸗ ben Ritter unſerer lieben Frauen 2) oder Deutſche Bruͤder der Kirche der heiligen Maria zu Jeruſalem zur Erinnerung an ihrer Bruͤderſchaft einſtigen Urſprung genannt werden >). Aber gering und beſchraͤnkt blieb vorerſt noch der Beginn der jungen Stiftung, denn als die frommen Pilgrime aus Luͤbeck und Bremen mit dem Grafen Adolph von Holſtein in ihre Heimat zuruͤckkehrten, uͤberließen fie die zu einem Hoſpitale aufgerichteten Zelte an den Kämmerer und den Kapellan des Herzogs Friederich, und erſt nach der Zeit erbaueten dieſe ſtatt des Zeltes ein Haus mit einer der Jungfrau Maria geweih⸗ ten Kapelle, und nannten dieſes Haus „das Hoſpital unſerer lieben Frauen der Deutſchen“ 5). Da nun in ſolcher Weiſe zur Stiftung des neuen Rit⸗ ter- Ordens alles vorbereitet war, ſandte man Botſchafter an den Papſt und an den Roͤmiſchen König Heinrich den Sechs⸗ ten mit der Bitte, den Orden mit ihrer kirchlichen und koͤ⸗ niglichen Macht zu beſtaͤtigen, ihn unter ihren Schutz zu 1) Jacob de Fitriaco p. 1085. Chron. Bertini p. 6%. Sanut. L. III. P. VII. c. 3. 2) So die Ordens-Chron. (Mſcr.) S. 8. und bei Matthaeus 1. c. P. 657. 3) „Fraires theutunici ecclesiae sanctae Mariae Jerusale- mitanae“ nennt fie der Papſt Clemens III. in der erſten fie betreffen: den Bulle. Der Behauptung des De Mal Recherches sur Lin- stitut, T. I. p. XIX, daß zwiſchen dem Deutſchen Hoſpitale zu Jeru⸗ ſalem und dem neuen Orden bei ſeiner Stiftung gar keine Gemein⸗ ſchaft Statt gefunden habe, können wir nicht beipflichten; die von die⸗ ſem Verfaſſer angegebenen Gruͤnde ſind in keiner Hinſicht zure ichend und feine Herleitung des Namens „Deutſches Haus von Jeruſalem“ iſt offenbar zu kuͤnſtlich. Unſere Unterſuchung hieruͤber hatte uns längſt hierbei auf das Reſultat geleitet (wie aus unſerer Recenſion des Hand⸗ buches der Geſchichte Preuſſ. von Foͤrſter in der Leipz. Literat. Zeit. Nro. 246 vom J. 1821 zu ſehen iſt), als wir jetzt aus Wilken B. IV. S. 317 ſehen, daß auch dieſer Gelehrte damit uͤbereinſtimmt. 4) Hermann Corneri Chron. in Eecard. Corp. bistor. med. aevi L. II. p. 793.
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Stiftung des Deutſchen Ordens. 33 nehmen und ſein Aufkommen und Gedeihen in jeder Art zu fördern ). Zu de r Zeit ſaß auf dem paͤpſtlichen Stuhle noch Clemens der Dritte. Erfreut uͤber die Begruͤndung des er Ritter⸗ Vereines, der nach der Weiſe der beiden andern 5 den zur Errettung des heiligen Landes eine ſtehende Kriegs⸗ macht bilden und dem Chriſtenfeinde dort widerſtehen konnte, nahm er die neue Bruͤderſchaft der heiligen Jungfrau, fammt ihrer Kirche zu Jeruſalem und was ihr ſonſt an Beſitz eigen war und noch eigen werden konnte, unter den Schutz des Apoſtels Petrus und fi eines Stuhles zu Rom. Es geſchah ſol⸗ ches am ſechsten Februar des Jahres 1191, wenige Wochen vor feinem Tode ). Auch König Heinrich beſtaͤtigte den Or⸗ den und gab in einem Schreiben dem Koͤnige von Jeruſalem und ſeinem Bruder, dem Herzog Friederich von Schwaben den Auftrag, die Stiftung des Ordens, ſo weit es noͤthig ſey, ferner zu befeſtigen, die in den Verein eintretenden Glie⸗ 1 — — 1) Dusburg P. I. c. 1. Ordens-Chron. S. 8. Ordens⸗Sta⸗ tut. S. 32. Lucas David B. II. S. 144. 5 s 2) Dieſe Bulle des Papſtes Clemens III. iſt erſt in neuern Zeiten durch Hennig im Lucas David B. IV. Vorr. p- IV. en as Datum derſelben ift: Laterani VIII. Idus Februar. ri anno quarto. Da nun Clemens am 19ten Decemb- 1187 zum Papſte erwählt war, fo fällt die Ausſtellung dieſer au ei den 6ten Februar 1191. Er ſtarb am 25ften Marz 1191, u 1 die Bulle ſieben Wochen vor ſeinem Tode. Die Aechtheit derſe 1 ſchon von Hennig a. a. O. außer Zweifel geieht und es darf hier Br Beflätigung nur noch hinzugefügt werden, daß im Eingange der Ko: fariatöformel die Bulle genannt wird: Litterae Apostolicae in xpo Patris et domini domini Clementis pape tercii, und daß nach der Beſchreibung der daran haͤngenden Bulle geſtanden hätten ab una parte hee dicciones; Clemens pp III. Der Notar hatte alſo > Original vor Augen. Demnach war der Papſt Göleftin III., wie all⸗ gemein, ſelbſt auch noch von Wilken a. a. O. behauptet wird, ſtreng genommen nicht der erſte Papſt, welcher den Orden beftätigte, denn ſchon in dieſer Bulle liegt eine offenbare Anerkennung und rn des Ordens. Nicht ganz derſelben Meinung iſt De Wal in ſ. Re- cherches T. I. P. XIV — XV.; aber er kannte die erwaͤhnte Bulle nicht. II. geworden. D Ponlif. nost 3
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34 Stiftung des Deutſchen Ordens. der zu Rittern zu ſchlagen und ihnen ſodann das Recht zuzu⸗ fprechen, daß fie hinfuͤro felbft aus kaiſerlicher Macht den Rit⸗ terſchlag ertheilen koͤnnten ). Herzog Friederich aber erlebte die Ankunft dieſer Beſtaͤ⸗ tigungsbriefe im Morgenlande nicht. Schon am zwanzigſten Januar 1191 erlag der jugendliche Held der ſchrecklichen Seu⸗ che, die im Lager der Chriſten noch immerfort herrſchte, und es mußten daher die noch uͤbrigen Deutſchen Fuͤrſten die an ihn ergangenen Aufträge in Ausführung bringen 2). Da ver⸗ ſammelten der Koͤnig von Jeruſalem und die Deutſchen Fuͤr⸗ ſten die Deutſchen Bruͤder des Hoſpitals und wer noch ſonſt in den Orden aufgenommen zu ſeyn wuͤnſchte, und vierzig Maͤnner edlen Standes und frommen Wandels waren es, welche die Weihe in den ritterlichen Bruͤder-Verein verlang- ten. Als fie auf den Knieen vor der fuͤrſtlichen Verſammlung ihre Bitte erklaͤrt, da ſchlug der Koͤnig den Erſten zum Rit⸗ ter und dann ertheilten die Deutſchen Fuͤrſten und ritterlichen 1) Das Schreiben hieruͤber iſt nicht mehr vorhanden. Die Nach⸗ richt davon giebt uns aber die Ordens-Chron. S. 9 und bei Mat- thaeus p. 661. 2) Es ift hier unmöglich, die abweichenden Zeitangaben der Quel⸗ en auf irgend eine Weiſe mit einander zu vereinigen. Nach allen Or⸗ dens⸗Ehroniſten, denen freilich in der Zeitbeſtimmung hier wenig zu trauen iſt, muͤßte Herzog Friederich noch nach der Wahl des Papſtes Coͤleſtin III (28. Maͤrz 1191), ja ſelbſt noch nach der Ankunft von deſſen Beſtaͤtigungsbulle im Morgenlande gelebt haben. Dem wider— ſtreiten aber durchaus alle Angaben auswärtiger Chroniſten uͤber Frie⸗ derichs Tod. Ganz gewiß iſt, daß Friederich bei der Ankunft des Köͤ⸗ niges Philipp Auguſt von Frankreich im Lager vor Akkon, am 14. April 1191 nicht mehr lebte. Raumer B. II. S. 437 und Wilken B. IV. S. 314 erweiſen aus morgenländifhen Quellen, daß der 20. Ja⸗ nuar 1191 Friederichs Todestag iſt. Andere ſetzen ihn noch fruͤher. Otto de S. Blasio c. 35 ſagt: ubi (bei Akkon) modico manens tempore febre corripitur, immaturaque morle raptus, cum maximo planciu ibidem sepelitur. Eben fo Guil. Neubrig. L. IV. c. 13 und Arnold. Lubee. L. III. c. 34. Die Sache hat ihre Wichtigkeit in Beziehung auf die Stiftungszeit des Ordens. S. Bei⸗ lage Nro. J.
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Stiftung des Deutſchen Ordens. 35 Herren auch den Uebrigen den Ritterſchlag. Hierauf fielen die jungen Ritter auch vor dem Patriarchen von Jeruſalem und den verſammelten Biſchöfen in Demuth nieder und baten um die heilige Weihe. Der Patriarch ertheilte fie, legte ih⸗ nen ein geweihtes weißes Ritterkleid mit einem ſchwarzen Kreuze an ) und erklaͤrte ihnen nach Inhalt der paͤpſtlichen Bulle, daß ihre Kirche zu Serufalem ſammt ihren Perſonen und Guͤ⸗ tern im Schutze des Apoſtels Petrus ſtehen ſollten. Genannt aber ſollten ſie forthin ſeyn Deutſche Bruͤder der Kirche der heiligen Maria zu Jeruſalem. Und als ihnen hierauf der Koͤ⸗ nig von Jeruſalem im Auftrage des Papſtes und des Römi⸗ ſchen Könige ihre Beſtimmung und ihre Pflichten im ritter⸗ lichen Dienſte für Gottes Sache, im Schutze und in der Ver⸗ theidigung des heiligen Landes und der chriſtlichen Gebiete ge⸗ gen Gottes Feinde, im Schirme der Kirche und ihrer Diener, in der mildreichen Huͤlfe gegen Wittwen und Waiſen und in der Pflege und Wartung der Kranken und Leidenden beleh⸗ rend vorgelegt und ſie ermahnt, an der Ehre und Zucht des Ordens immerdar feſt zu halten, ſchritt man zur Wahl eines Vorſtehers oder oberſten Meiſters aus ihrer Mitte 2). 1) Daß ſchon der Papſt Clemens den Gebrauch des weißen Man⸗ tels mit dem ſchwarzen Kreuze genehmigt habe, beweiſet eine Bulle des Papſtes Innocenz III, worin dieſer ſagt: daß mantellorum alborum usus a quibusdam nostris predecessoribus romanis pontifici- bus vobis extiterit conſirmatus. Stine beiden Vorgänger aber wa: ven Clemens III und Götefiin III. Zugleich beweiſet auch dieſe Be⸗ ziehung auf Clemens III. Beſtimmung, daß dieſer Papſt außer der ſchon erwähnten Bulle noch eine eigene Beſtätigungsbulle ausgefertigt haben müffe. 2) Die Frage: ob dieſe III oder erſt von ſeinem Na in großem Dunkel und kan en und Urkunden aus dem dens⸗Chroniſten ſtehen hier ſpruche mit den ſicheren Ze III etwa Beſtimmungen ſchon vom Papſte Clemens chfolger Coͤleſtin gegeben ſeyen? liegt noch n vielleicht einſt nur durch nähere Nachrich⸗ päpſtl. Archive aufgeklärt werden. Die Or: insgeſammt in dem unauflöslichften Wider: itangaben anderer Quellen. Von Clemens Mitwirken bei der Stiftung des Ordens iſt ihnen eben ſo wenig s, als die erwähnte Bulle bekannt. Sie ſchreiben die erſte Beſtaͤ⸗ 3 *
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36 Der Ordensmeiſt. Heinr. Walpot v. Baſſenheim. Als der wuͤrdigſte unter allen wurde befunden der fo ta⸗ pfere als fromme Ritter Heinrich Walpot von Baſſenheim, aus den Rheinlanden gebuͤrtig, wo ſein Geſchlecht noch Jahr⸗ hunderte nach ihm fortgebluͤht ). Von ihm, einem Manne tigung und die ganze erſte Verfaſſung des Ordens dem Papſte Göleftin III zu, der, wie erwähnt, erſt feit dem 28. März 1101 auf dem päpft: lichen Stuhle ſaß. Dennoch aber iſt nach den Ordens-Chroniſten bei der ganzen Ausführung der durch Coͤleſtin gegebenen Anordnungen auch der Herzog Friederich von Schwaben noch thätig wirkſam, wie⸗ wohl dieſer ſchon einige Monate vor Coͤleſtins Erhebung geſtorben war. Da nun dieſer Widerſpruch in irgend einer Weiſe ausgeglichen werden muß; da zweitens durch obige Bulle Clemens III auch ſicher ſteht, daß dieſer mit der Stiftung und erſten Anordnung der Verhältniffe des neuen Ordens in Beruͤhrung war; da drittens die Stiftung, wie in der Beilage Nro. I. erwieſen iſt, noch in die Regierungszeit dieſes Papſtes faͤllt und endlich viertens in allen Quellen Herzog Friederich von Schwaben als der eigentliche Stifter des Ordens anerkannt wird; fo mag die obige Darſtellung in dieſen Gründen ihre Rechtfertigung finden und alſo auch die Behauptung nicht zu gewagt ſeyn, daß die erſten oben erwähnten Grundſteine der Ordensverfaſſung ſchon von Cle⸗ mens III gelegt ſeyen. 1) Bachem in ſ. Verſuch einer Chronologie der Hochmeiſter des Deutſchen Ordens S. 14 läßt dieſen Meiſter aus Lübeck gebürtig ſeyn und nennt als Quelle das Bremer Wappenbuch (Mſcr.). Wir kennen aber das Gewicht dieſer Quelle nicht. Lucas David B. II. S. 152 ſagt freilich auch, er ſey im Bisthum Bremen geboren geweſen. Allein es ſcheint, als wenn beide ihn gerne zu einem der Bremer oder Lü: becker Buͤrger haben machen wollen, die vor Akkon lagen. — Wir ken⸗ nen das alte, edle Geſchlecht von Baſſenheim am Rhein ſchon im 12ten und 13ten Jahrhunderte. Es kommt in Urkunden jener Zeit dort ſehr oft vor; vgl. daruͤber Günther Cod. Diplom. Rheno- Mosel. Ein- leit. zum Aten Th. S. 51 und in den Urkunden T. II. p. 83. 158. 168. 315. T. III. p. IX. Seine Stamaguͤter lagen in dem ehemali⸗ gen Eifelgau; Cf. Eiſlia IIlustrata von Schannat herausgegeben von Bärfd ir B. 2te Abth. S. 595. Rittershuſius hat bie Ge: nealogie dieſes Stammes geliefert und er kommt bis auf die neueſten Zeiten vor; vgl. Pfeffinger Vitriar. T. IV. p. 210 — 211. Cuden, Cod diplom. T. II. p. 483 und 499 behauptet, dieſer Hochmeiſter ſey aus Mainz gebuͤrtig geweſen und nicht aus dem Geſchlechte der Baſſenheime, denn dieſes komme im 13ten Jahrhundert noch nicht mit *
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Der Ordensmeiſt. Heinr. Walpot v. Baſſenheim. 37 noch friſchen Alters und hochgeachtet bei Fuͤrſten und Herren, war fuͤr des Ordens jugendliches Erheben gewiß alles zu 38 warten, was die Verhaͤltniſſe der Zcit nur irgend moͤglich machten. Seine Tapfer keit im Kampfe, ſein ritterlicher Sinn, feine Mildthaͤtigkeit und Sorgfalt gegen unglückliche Pilgrime zeigten ihn in jeder Weiſe der hohen Achtung wuͤrdig, die er als Meiſter des neuen Ordens nun allgemein genoß. Dabei iſt nicht unwahrſcheinlich, daß er ſchon vor des Ordens ei⸗ gentlicher Beſtätigung das Vorſteheramt in dem bereits geſtif⸗ teten Nitter- Orden verwaltet und man nachmals ſeine Mei⸗ ſterwürde nur beſtätigt habe ). Ohne Zweifel geſchah es in den erſten Zeiten ſeines Amtes, daß des Herzogs Friederich Kapellan und ſein Kaͤmmerer ſtatt des Zeltes zu beſſerer Pflege der Kranken im Lager der Deutſchen einige Wohnun⸗ gen und daneben ein Bethaus erbauten und dieſes alles der Sorgfalt des neuen Ordensmeiſters uͤbertrugen 2). en en der Amtsbezeichnung Walpot vor; dagegen habe in Mainz ein Ge: ſchlecht Namens Walpot gelebt. Aber wiſſen wir, wie ſich dieſer Hoch⸗ meiſter eigentlich genannt hat und konnte der Name Walpot nicht erſt ſpäter hinzugefügt werden, als das Geſchlecht ihn annahm? Walpot oder Waldpot war urſpruͤnglich nicht Name, ſondern Amtstitel, wor: uͤber die gruͤndlichſte Erklarung in Bodmanns Rheingauiſch. Alterthum. II. S. 503; vgl. auch Oetters Verſuch einer Geſchichte der Burg: Hafen von Nürnberg B. 3. S. 31 — 52. In den Rheingegenden mt dieſer Amtstitel mit dem Namen verbunden öfter vor; ſ. Gu- Sad. diplom, . I. P. 256. 330. 934. Günther l. e. 3r Th. S. 12. 29. 38. 73. 81. De Lang Regesta Boica T. II. p. 242. Im Auct, Aguicinet, p. 998 wird als der Name des erſten Ordens⸗ meiſters blos Heinricus Walpot angegeben. In der Schreibart Wal⸗ pot folgen wir nur dem Gebrauche, nicht der richtigen Ableitung dieſes Wortes. 1) Hochmeiſter⸗ Verzeichniß in eindenblatts Jahrb. S. 359. Dus burg P. I. e. 2 IIistoire de FO. T. T. I. p. 40. ) So ſcheint ſich die Angabe der Chron. Slavica ap. Linden- drog p. 205 mit Dusburg P. I. c. 2 vereinigen zu laſſen; denn ene erſtere ſagt: Ipsis (sc. Bremensibus et Lubec.) cum comite Adolpho redeuntibus, comiserunt illud hospitale Capellano Friderici Ducis Sueviae — et Camerario eiusdem Capellani,
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38 Der Ordensmeiſt. Heinr. Walpot v. Baſſenheim. Es waren aber Tage voll Jammer, Elend und Gefah⸗ ren, unter denen der neue Ritter-Orden die erſten Monate feines Daſeyns verlebte. Faſt nie ruhten die Waffen gegen Saladins Schaaren oder gegen die Vertheidiger der Stadt und doch brachte kein Kampf irgend eine Entſcheidung; taͤglich mehrten ſich die Kranken und Verwundeten unter den Bela⸗ gerern; immer größer ward die Zahl derer, die in den Spi⸗ talen der Ordens-Ritter Huͤlfe und Rettung ſuchten und doch minderten ſich mit jedem Tage bei dem allgemeinen Mangel der nothwendigſten Beduͤrfniſſe auch die Mittel der Kranken⸗ pflege. Viele Arme, die keine Pflege fanden, unterlagen dem Hungertode, andere friſteten das traurige Leben auf die jaͤm⸗ merlichſte Weiſe ). Es kam hinzu, daß auch mancher Goͤn⸗ ner des neuen Ordens, der die Bruͤder mit mildthaͤtigen Ga⸗ ben unterſtuͤtzt, als Opfer der Anſtrengungen, der täglichen Kaͤmpfe oder der ungeſunden, verpeſteten Luft vor Akkons Mauern feinen Tod fand. Der Landgraf Ludwig von Thuͤ⸗ ringen hatte ſchon fruͤher auf den Rath der Aerzte ſeiner geſchwaͤchten Geſundheit wegen das Lager vor Akkon verlaſſen und war auf Cypern geſtorben ). Bald nach Herzogs Fries derich Tod erlagen auch der edle Graf Poppo von Henneberg, der tapfere Ritter Adalbert von Grumbach, der Biſchof von Meißen, der von Paſſau und mehre andere ausgezeichnete Herren geiſtlichen und weltlichen Standes ). Da verloren qui aediſicaverunt ibi domicilia et capellam in honorem b. Ma- riae virginis. Nach Dusburg aber uͤbergeben die Bürger aus Bre⸗ men und Luͤbeck das Hoſpital cum omnibus eleen:osynis et atti- nentiis dent erſten Meiſter des Ordens. 1) Val. die Angaben bei Wilken B. IV. S. 311 — 313. 2) Finisauf c. 43. p. 280. Wilken B. IV. Beil. S. 68. 3) Tageno p. 15. Chron. August. p. 363. Chron. S. Petri Erfurt. p. 231. Arnold Lubec. L. III. c. 36. Auch von den nicht⸗ deutſchen Grafen und Rittern ſtarben ſehr viele, worüber Alberir. Chron. p. 393. Matthaeus Paris p. 156. Bernard. Thesau- rar. de acquisil. sanctae terrae ap. Murator. T. VII. p. 810. Wie ſchon oben erwähnt ift, ſetzt Tagendo p. 15 den Tod des Biſchofs von Paſſau in etwas frühere Zeit. Ansbert historia expedit. bei
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Der Ordensmeiſt. Heinr. Walpot v. Baſſenheim. 39 viele andere alle Hoffnung, kehrten ins Vaterland zuruͤck oder ſuchlen auf andere Weiſe dem Elende und dem Verderben zu entfliehen. So geſchah, daß in kurzem die Deutſchen Pil⸗ grime, die im Vertrauen auf baldige Hülfe vor Akkons Mau⸗ ern zuruͤcblieben, faſt ganz ohne Fuͤhrung, ohne Vorſorge umd ohne Rath waren. Vier Wochen lang mußte, wie es ſcheint, der Meiſter des Deutſchen Ordens, Heinrich von Baſ⸗ ſenheim dem noch uͤbrig gebliebenen kleinen Theile des Deut⸗ ſchen Heeres vorſtehen ). In der That bildeten die Ritter⸗ bruͤder der drei geiſtlichen Orden in dem Belagerungsheere jetzt, nach der Heimkehr oder nach dem Tode der meiſten uͤbrigen Fuͤrſten, Ritter und 9 erren noch den eigentlichen Kern des Ganzen und belebten durch ihren Muth, durch ihre Entſchloſ⸗ ſenheit und Tapferkeit auch immer wieder das Vertrauen und die Hoffnung des Übrigen Heeres, wenn ſie ſinken wollten. Die erſten im Kampfe und die letzten in der Schlacht waren ſie dem Feinde bald unter allen Kriegern auch am furchtbar⸗ fien geworden und ihre Ruhe ſuchten und fanden ſie nur am Krankenlager und bei der Pflege der Verwundeten 2). Vor allen zeichnete ſich in dieſer harten Zeit der Pruͤfung und der Wilken B. IV. tus de Grunibac 1) Es iſt ſehr S. 96 nennt den Adalbert von Grumbach Adilber- h, wohl nur verſchrieben fuͤr Grumbach. wahrſcheinlich, daß es der Meiſter des Deutſchen Dur 1 mar; freilich ſagt Godefrid Monach, pp. 258 nur unbeſtimmt: Post J einricus quidam per quatuor seplimanas, ac deinde per VI quidam Gerhardus exercilui praefuerunt; wäre aber darunter =; 5 e Graf Heinrich von Troyes gemeint, fo würde ihn der we gewiß zu nennen gewußt haben. Den verlaſſenen Zuſtand der noch bafeyenden Deutſchen ſchildernd, fügt Gottfried hinzu: Desolati 1 e e e jacentes sicut oves non habentes pastörem, ae dispersi ah invicem et unusquisque in viam suam ad patriam declinasit. a 2) Daher wendet Jacob de Vitriaco p. 1084 auf fie das Sprich⸗ w ars ee triplex difficile rumpitur. Von der Tapfer⸗ keit und der Theilnahme der Ritter⸗Orden an den Kämpfen gegen die Ungläudigen geben Wilken B. IV. Vertot Histoire de T Ordre de Malte T. I. P. 262 und das altdeutſche Gedicht über die Kreuz⸗ fahrt Ludwigs von Thüringen auch aus dieſer Zeit Beiſpiele genug.
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40 Der Deutſche Orden in Akkon. Noth auch der Meiſter des Deutſchen Ordens aus. Mochte der Kampf mit den Tuͤrken ſeine Tapferkeit und ſeinen mu⸗ thigen Arm in Anſpruch nehmen oder mochte die Pflege er⸗ krankter Pilgrime und verwundeter Krieger ſeinen Rath und feine huͤlfreiche Hand verlangen: in beiden »übertraf ihn keiner an Eifer, an Ausdauer und Aufopferung ). Jeder, der die Deutſche Sprache redete und durch Leiden und Siechthum be⸗ druͤckt war, fand bei ihm und feinen Bruͤdern Unterſtuͤtzung und Erhaltung 2). Aber zwei Jahre hatte man Akkon nun ſchon belagert und auch jetzt war noch keine Ausſicht einer baldigen Erobe⸗ rung. Erſt vor kurzem hatte der durch ſeine Weiſſagungen damals berühmte Abt Joachim verkuͤndet: „ noch ſey die Zeit nicht gekommen, des Herren Haus zu erbauen ).“ Da er⸗ ſchien endlich die laͤngſt erſehnte Huͤlfe aus dem Abendlande. Koͤnig Philipp Auguſt von Frankreich landete am dreizehnten April 1191 nach gluͤcklicher Fahrt bei Akkon zwar nur mit wenigen Schiffen; aber es langte bald darauf auch Herzog Leopold der Sechste von Oeſterreich mit einem Deutſchen Pil⸗ gerhaufen und eine bedeutende Schaar von Wallbruͤdern aus Coͤln und aus den Staͤdten am Niederrhein an und im An⸗ fange des Juni erreichte endlich auch Koͤnig Richard von Eng⸗ land mit fuͤnfundzwanzig Schiffen unter großem Jubel der Belagerer die Kuͤſte bei Akkon). Außer einer zahlreichen 1) Ordens⸗Chronik S. 11 (Mſcr.) und bei Malthacus J. c. p- 665. 2) Dusdurg P. I. c. 2. 3) Sanut. L. III. P. X. c. 4. Reumer B. II. S. 466. Cuil. de Nangis p. 17. De Kronika fan Saſſen herausgegeb. von Scheller S. 121 — 122. 4) Jacob de Fitriaco p. 1121: portui Accon applicantes nostrorum exercitum immenso gaudio repleverunt. Godefrid. Monach. p. 259 — 260. Otto de S. Blasio c. 36. Arnold Lu- bee. L. III. c. 37. Guil. ont 2 IV. c. 19. 21. Matthaeus Haris p. 157. Sanut. IL. III. P. X. c. 4. Guil. de Nangis p- 17. Daß Leopold von Oeſterreich erſt im Jahre 1191 ins Morgenland gegangen ſey, ſagt Calles Ann. Austriae T. II. p. 99 — 100;
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Der Deutſche Orden in Akkon. 41 ſtreitbaren Mannſchaft brachte dieſer auch einen außerordent⸗ lichen Vorrath von Lebensmitteln für die darbenden Belagerer mit ). Nun wurden die vom Koͤnige Philipp ſchon begon⸗ nenen Verſu che zur Erſtuͤrmung der Stadt verdoppelt, und hinderte auch beider Könige Eiferfucht um den Ruhm der Er⸗ Richards Krankheit noch einige Zeit die Ein- nahme, fo wirkten doch im Heere der Belagerer die verſtaͤrk⸗ ten Kraͤfte, der Muth der Ritter⸗Orden 2), die wetteifernden Geſchenke der Koͤnige fuͤr die tapferſten und kuͤhnſten Pilgri⸗ me °), und dagegen in der belagerten Stadt die Muthloſigkeit und der Mißmuth der Beſatzung, der Tag und Nacht wieder⸗ holte Schrecken der Beſtuͤrmung, die Noth an Lebensmitteln und trinkbarem Waſſer und der Mangel an Ausſicht zum Ent⸗ ſatze und zur Errettung bald fo mächtig in alle Verhaͤltniſſe en, daß ſchon am zwölften Juli 1191 Akkon den Streiten Chriſti in die Hände fiel 9. Unter den mit großem Jubel in die Stadt einzichenden chriſtlichen Kriegern waren auch der Meiſter und die Brüder des Deutſchen Ordens. Doch unberuͤhrt von dem aͤrgerlichen Hader und ohne Theilnahme an dem unwuͤrdigen Zwiſte der beiden Könige und des Herzogs Leopold uͤber die Theilung der gefundenen Beute und über den Beſitz der Stadt °), aber unter dieſen Feindſeligkeiten zwiſchen den chriſtlichen Fuͤrſten we — andere ſeßen feine Pilgerfahrt ſchon ins Jahr 1190; dieſen folgt Wil⸗ ken B. IW. S 28. 5 9 Famelico exercitui victualia ministravit. Matthaeus Da- FF 2. Al, 2) Die Ciferfucht der Könige hatte ſelbſt auf dieſe Ritter⸗Orden verderblichen Einfluß, denn die Tempeler ſtanden auf der Seite des Kö- niges von Frankreich, wie die Johanniter auf der des Koͤniges von England; Bernard, Thesaurar. ap. Murat, . VII. P. 810. 9) Cuil. Neubrig, I. IV. e. 1. 21. 4) Expugnata est anno a partu Virginis M. C. LXXXXL quinto Idus Juli anno, ex quo in manus Turcorum incide- rat, quarto, giebt Guil, Neubrig. L. IV. c. 22 an; Guil. de Nangis P. 17. Abulfeda T. IV. p. 109. 5 Vgl. Finisauf I. III. c. 18. Jacob de Füriaco p. 1122. oberung und
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2 Der Deutſche Orden in Akkon. auch ohne die Hoffnung, daß die Koͤnige einen wirkſamen Verſuch zur Wiedergewinnung Jeruſalems machen ) und da⸗ durch die alte Heimat der Deutſchen Hoſpitalbruͤder, das Deut⸗ ſche Hoſpital und die S. Marien⸗Kirche wieder in Beſitz ge⸗ nommen werden wuͤrde, beſchloß der Meiſter der Deutſchen Ritter⸗Bruͤder, ſeinem Orden eine feſte Heimat und Nieder⸗ laſſung in Akkon zu verſchaffen. An zwei Seiten, gegen Suͤden und gegen Weſten die Stadt beſpuͤlend bildete das Meer an ihrem ſuͤdlichen Theile durch einen mäßig einſpringenden Buſen einen Hafen 2), der einer Seits durch einen bis ins Meer hinein fortlaufenden und am Ende durch einen ſtarken Thurm geſchloſſenen Wall, und anderer Seits durch einen im Meere ſtehenden feſten und ho— hen Thurm geſchuͤzt war. Jener Wall, in gerader Linie fortlaufend, ſchloß den oͤſtlichen Theil der Stadt ein und vier ſtarke Thuͤrme gaben ihm ſeine große Feſtigkeit, zuerſt nahe am Meere der Thurm des Patriarchen, dann der Bruͤcken⸗ thurm, weiterhin der Thurm des heil. Nicolaus und am Ende der Wall⸗Linie der verfluchte Thurm, deswegen fo genannt, weil, wie die Sage ging, in dieſem Thurme die Silberlinge geprägt ſeyn follten, für welche Judas den Heiland verrieth >). In gleicher Richtung vom Meere her lief weiter nach innen noch eine zweite ſtarke Wallmauer, die mit fünf feſten Thuͤr⸗ men verſehen die Stadt an dieſer Seite zunaͤchſt einſchloß. Durch den mittlern dieſer Thuͤrme fuͤhrte das Nicolaus⸗Thor nach der aͤußeren Umwallung hin. Hier lag bisher ein gro⸗ ßer Garten, der nach der Seite des Meeres hin an die Um⸗ gebungen des Patriarchats und gen Weſten an das Kloſter 1) Einen ſolchen Verſuch, gegen Jeruſalem hin aufzubrechen, machte zwar König Richard, aber erſt nach des Königes von Frankreich Auf⸗ bruch zur Heimkehr und ohne Erfolg. Jacob de Vitriaco I. c. 2) IIistoria Hierosol. p. 1166. S. den Plan der Stadt Akkon in Bongars. Gesta Dei per Francos Nro. V. 3) Finısauf c. 28. 32. p. 272: „nam argenlei, quibus Do- minum Judas proditor vendidit, ibi facti fuisse dicuntur. Hi- stor. Hierosol I. c.
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Der Deutſche Orden in Akkon. 43 von S. Lazarus anſtieß. Dieſen Garten erkaufte damals der Meifter des Deulſchen Ordens und erbaute daſelbſt ein Ho⸗ ſpital, daneben eine Kirche und verfchiedene Wohngebäude ). Eine Mauer im Fuͤnfeck ſchloß das Ganze ein und ein hoher Thurm im Süden, der Thurm der Deutſchen genannt, diente zugleich als Eingang und als noͤthige Schutzwehr ?). Man nannte das Ganze das Deutſche Haus oder das Hoſpital des Deutſchen Ordens ). Seitdem hießen nun auch die Bruͤder des Ordens gemeinhin die Ritter vom Deutſchen Hauſe oder . — 1) Auf dem erwähnten Plane bei Bongars. wird der Ort durch den Namen Alamani und ein dabei ſtehender Thurm durch die Worte zurris Alamanorum bezeichnet. Das S. Lazaruskloſter, an welches jener Garten anſtieß, war nicht das Moͤnchskloſter des heil. Lazarus, denn dieſes lag nahe am Hafen bei dem Hospitium hospitalis, dem Quartier der Johanniter, ſondern das Nonnenkloſter des heil. Lazarus. 2 Dusburg P. I. c. 2 fagt: Post captionem civitalis Acho- nensis idem frater Henricus emit quendam hortum, infra mu- ros ante portam S. Nicolai, in quo Ecclesiam, Hospitale et mansjones diversas exstruxit. Auch nach der Ordens-Chronik S. 11. 17 und bei Matthaeus l. c. p. 666 hat man nicht an ein einzelnes Haus, ſondern an „eyn ſere ſtark Caſtell oder hoff mit ſtarken wonungen, eyne kyrche darczu in dem hofe und eyn Spitall“ zu den⸗ ken. Es war alſo eigentlich ein foͤrmlich befeſtigtes Quartier, welches bie Ordens⸗ Brüder errichteten. Und mit dieſen Angaben der Chro⸗ niſten ſtimmt vollkommen die Beſtimmung in dem Plane von Akkon bei Bongars. überein. Das Quartier, welches durch Alamanni be⸗ zeichnet wird, liegt wirklich infra muros, namlich innerhalb der dop⸗ pelten umwallungsmauern und ante portam S. Nicolai, nämlich in⸗ nen von der Stadt aus denn der zweite Thurm der aͤußern Wall: mauer hieß turris S. Nicolai und bildete das Thor nach dieſer Seite hin. In der Mitte des im Fünfeck gebauten Quartieres ſtand ein großes Gebaͤude wie eine Burg mit drei Thuͤrmen, das wahrſcheinliche Haus der Ordens⸗Bruͤder. Ein ſolches Haus zur Wohnung, ein Spi⸗ tal zur Krankenpflege und eine Kirche zum Gottesdienſt waren die drei Gebäude, welche die drei geiftichen Orden da, wo fie wohnen woll⸗ ten, nothwendig haben mußten. Chron. S. Bertini ap. Marten T. III. p. 626 — 627. 3) Chron. Halberstad. ap. Leibnitz T. II. p. 138.
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44 Der Deutſche Orden in Akkon. auch in Beziehung auf ihre aͤlteſte Heimat die Ritter des Deutſchen Hauſes zu Jeruſalem ). So ward Akkon des Deutſchen Ordens erſte Heimat. Als aber das Haus der Deutſchen Ritter-Bruͤder vollendet und die Ordenskirche geweiht war, wurde in einem feierlichen Gottesdienſte, dem auch die beiden Meiſter und die Ritter⸗ Bruͤder der zwei andern Orden beiwohnten, der Leichnam des Stifters, des Herzogs Friederich von Schwaben in der Or⸗ denskirche nach ſeinem letzten Willen zur Ruhe in geweihter Erde beigeſetzt ). Es ward verordnet, daß hinfort fuͤr die Ruhe feiner Seele in allen Haͤuſern, welche der Orden errich⸗ ten werde, von Zeit zu Zeit Meſſen und Gebete gehalten wer- den ſollten >). Mittlerweile war man auch darauf bedacht geweſen, Ak⸗ kon auf jede Weiſe ſtaͤrker zu befeſtigen und die zerſtoͤrten Mauern wieder aufzurichten. Koͤnig Richard wandte darauf alle Sorgfalt, denn man erkannte nur gar zu bald, daß der erbitterte Sultan ſeine bei der Uebergabe gegebenen Verſpre⸗ chungen keineswegs zu erfüllen gedenke). Akkon aber, durch ſo theuere Opfer erkauft, mußte unter jeder Bedingung erhal⸗ ten werden; es war die Pforte fuͤr das Abendland nach dem Morgenlande und jetzt der wichtigſte Waffenplatz fuͤr die dor⸗ tigen Chriſten. Freilich hinderten ihre Thaͤtigkeit eine ſchreck⸗ 1) Bei den Deutſchen Chroniſten findet man meiſtens dieſe Benen⸗ nungen: militia, quae de Teutonica domo appellaiur. Chron, Mont. Sereni p. 51; Ordo militum Teutonicorum, Aquicinct, Auct. ap. Pistor. T. I. p. 998. Ordo militum de domo Teuto- nica, Chron. Verdens. ap. Leibnitz F. II. p. 218. Im Chron. Bruns w. picturat. ap. Leibnitz T. III. p- 352 heißen fie die Man: telherren oder die Gottesritter; im Chron. S. Bertini P. 627 mili- tes Dei; im Chron. S. Aegidii p. 586 Ordo fratrum Teutoni- cae domus. 2) Fragment. histor. anonymi ap. Ürstis. P. II. p. 86. Chron. Halberstad. p. 138. Dusburg P. I. c. 2. Or dens-Chron. S. 12. 3) Ordens⸗Statut. S. 217. 4) Finisauf J. IV. c. 1. 2. Cuil. Neudrig. L. IV. c. 23.
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Erfie Verfaſſung des Deutſchen Ordens. 45 liche, auch nun in der Stadt noch fortherrſchende Sterblich⸗ keit, Krankheiten aller Art und bald auch hier wieder eintre⸗ tender M angel an Nahrung, Kleidung, Waffen und Pferden ). Auch die Bruͤder des Deutſchen Ordens litten manches unter biefem Ungemache; zudem war ihre Anzahl damals, wie es ſcheint, noch viel zu gering, als daß ſie die Verluſte leicht haͤtten erſetzen oder in dem vom Koͤnige Richard bald wieder mit den Tuͤrken irgend bemerkbar hätten e ereignet. Der Papſt Clemens der \ fünf und zwanzigſten März 1191 geſtorben und wenige Tage nachher hatte der Cardinal Hyacinth unter ern Namen Cbleſin des Dritten den paͤpſtlichen Stuhl be⸗ fiegen, „So hochbejahrt aber dieſer Mann auch zur paͤpſtli⸗ chen Wuͤrde gelangte, ſo war es für den Orden doch ein boͤchſtgänſiiges Ereigniß, daß ihn gerade die Wahl traf, denn ir bewies ſich bald als einen der größten Gönner und Befür- derer der Deutſchen Ordens⸗ Ritter. Er beſtaͤtigte nicht bloß, we fein Vorgänger, den Orden von neuem durch eine beſon⸗ dere Bulle und nahm ihn unter des heiligen Stuhles Schutz ), 1) Alberier Chron. P. 393. Guil. Neubrig. I. c. Finisauf J. IV. c. 6. 9. 2) Theil nahmen die Deutſchen Ritter an den Kämpfen gewiß eben ſo gut, als die beiden andern Orden; aber erwähnt werden von den Chroniſten auch jetzt immer nur Templarii und Hospitalarii ; vgl. Pinisauf -I. IV. c. 12. 14. 15. 19. 20. 32. 35. Auch in den mergenländiſchen Quellen muß der Deutſchen Ordens⸗Ritter keine Er⸗ wähnung geſchehen, denn auch Wilken B. IV. S. 404. 409. 414. nennt immer nur jene beiden Ritter Orden. Selbſt nicht einmal in der Schlacht bei Arſuf am 7ten Sept. 1191 wird irgend etwas von den Deutſchen erwähnt. Daß Herzog Leopold von Oeſterreich daran Theil nahm, findet auch Wilken B. IV. S. 45 unzweifelhaft. Das Chron. S. Bertini P- 678 bezeugt auch, daß wirklich Deutſche mit im Heere waren; es nennt z. B. Ducem Limburgensem, comites de Hoste et de Cleve Theutonicos. Die Theilnahme des Deut⸗ ſchen Ordens an dieſen Kämpfen beruͤhrt wenigſtens die Ordens⸗ atthaeus J. c. P- 667. Chron. S. 18 und bei 3) Es iſt über dieſen Gegenſtand viel Zweifel und Streit erhoben
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46 Erſte Verfaſſung des Deutſchen Ordens. ſondern er erwarb ſich auch um die Vervollkommnung ſeiner Verfaſſung und um die beſtimmtere Anordnung der Lebens⸗ weiſe der Ordensglieder noch beſondere Verdienſte. Ueber dieſe letzteren Anordnungen ſcheint der Papſt mit dem Kaiſer Heinrich dem Sechsten, des Herzogs Friederich von Schwa⸗ ben Bruder, der im Fruͤhling des J. 1191 zu Rom die Kai⸗ ſerkrone erhielt, in Berathung getreten und von ihm um die Vervollſtaͤndigung der Verfaſſung des Ordens gebeten wor⸗ den zu ſeyn 1). Er genehmigte den weißen Mantel mit dem worden. Wir haben allerdings wohl eine ſolche Beſtaͤtigungs⸗Bulle des Papſtes Coͤleſtin III; fie befindet ji) in Leo Histor. Pruss. p. 62, in Lünig Spicileg. Ecclesiast.; ferner in Nenator vom Mo: rianiſch⸗Deutſchen Ritterorden S. 8, in Hartknochs A. u. N. Preuſſ S. 252, in De Mal Nisteire de “O. T. T. I. p. 44; allein die Aechtheit dieſer Urkunde iſt von mehren in Zweifel gezogen und es ſind die unverkennbarſten Spuren ihrer Unaͤchtheit von anderen aufgedeckt wor⸗ den. Die Beweiſe, welche ſchon Duellius p. 6. und beſonders De Wal 1. c. p. 45 gegen ihre Aechtheit angeführt haben, find fo überwiegend, und für jeden Diplomatiker hat die Bulle fo viel Verdaͤchtiges, daß ſie auf keine Weiſe wird gerettet werden koͤnnen. Schon nach ihrem Da⸗ tum vom 12ten Februar 1191 koͤnnte fie dieſem Papſte gar nicht an⸗ gehören. Daß aber deßungeachtet Coͤleſtin III. den Orden wirklich be⸗ ſtätigt und unter den Schutz des Roͤm. Stuhles genommen habe, iſt gar nicht zu bezweifeln, denn außer den Chroniſten , die es bezeugen — Dusburg Praefat. p. 12. Ordens-Chron. S. 8. Auct. Aqui- cinct. p. 998, welche das falſche Datum 22. Febr. 1191 angiebt, Staindelii Chron. in Oefelii Script. rer. Boicar. T. I. p. 498 — beſtätigen es auch die Ordene⸗Statut. S. 32 und Baron. Annual. Eccles. T. XII. an. 1198 Nr. 2. Der wichtigſte Beweis hiefuͤr aber iſt, daß Coͤleſtins Nachfolger ſich auf deſſen Beſtatigungs⸗Bulle aus⸗ drücklich beruft. Innocenz III. ſagt in ſeiner Bulle vom J. 1215: Hospiiale S. Marie Alemannorum Jerus. — 44 exemplar felicis recordationis Celestini pape predecessoris nostri sub beati Petri et nostra proteclione suscipimus. Honorius III. be dient ſich dann in ſeiner Bulle vom J. 1216 derſelbigen Worte und er⸗ waͤhnt dabei auch der Beflätigungs- Bulle feines Vorgängers Innocenz III. Demnach iſt es gewiß, daß eine ächte Beſtaͤtigungs⸗Bulle Coͤle⸗ ſtins III. vorhanden geweſen, aber verloren gegangen iſt. 3) Ordens⸗Statut. S. 32. Ordens⸗Chron. S. 8. Baron. Annal. Eccles. I. c. fagt auch geradezu: Rogatus ab Henrico
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Erfie Verfaſſung des Deutſchen Ordens. 47 ſchwarzen Kreuze als Ordenskleid; als Wappen und = beſtimmte er ein weißes Schild mit einem ſchwarzen e er ſetzte ferner, wie es ſcheint, auch feſt, daß ſich die glieder forthi n Bruͤder des Hoſpitals der Deutſchen von S. 5 te Marien zu Jeruſalem nennen, dabei aber auch alle 5 Begünftigungen und Freiheiten genießen follten, die bon den b eiden Orden der Tempeler und Johanniter ver⸗ liehen waren y. N 0 Außerdem erließ der Papſt auch noch verſchiedene Auf träge an den Meiſter zur Vervollkommnung der Verfaſſung und der Lebensweiſe der Ordensbruͤder. Als erſtes Grundge⸗ ſetz ward ſchon jetzt die Verordnung aufgeſtellt, daß hinfuͤro nur i t, von freiem und edlem Stamme es Ordens aufgenommen werden a ildete ſich ferner auch ſchon in dieſer Zeit der Anterſchied der Ordensbruͤder in zwei Claſſen weiter aus. Die tägliche Gefahr des Kampfes mit dem Feinde des Glau⸗ bens erforderte, daß ſich auch jeden Tag eine Anzahl von reitharen Ordensbruͤdern zu Krieg und Wehr gegen den Feind bereit hielt. Es waren immer ſolche, die im Schwerte Gottes Lohn und Gnade, im Kampfe für des heiligen Landes Erhaltung und weitere Eroberung fromme Verdienſte und ritterlichen Ruhm ſuchten, alſo die kampfluſtigſten und ſtreit⸗ barſten Ritterbruder. Ihre Lebensweiſe in dieſer Beziehung war nach des Ordens erſter Begründung durch die Geſetze und Ordnungen der Tempelherren geregelt. Während aber dieſe Zahl von Rittern dem Kampfe mit dem Feinde nach⸗ in die Ritter⸗Brüderſchaft d ſollten. Es b Imperatore donay nıgra „ subjecit ver g - 1) Dusturg p. I. c. 1: Omnesque libertates, immunita- tes et indulgentias venerandis domibus praedictorum Hospita- Du Templi a Postolica sede concessas indulsit, ut eis ulerentur libere sicut illi. Ordens-Chron. S. 9. 10. ; bei Matthaeus I. e. P. 662: „Ende die Paus Celeſtinus Tertius gaff die Duytſche Oirden alle die ſelve aflaten, vriheit, ende privilegien, die die Oirde von 41 bei Tempel ende die Oirde van Sinte Johans hadden. Lucas David B. II. S. 146. it eosdem idem Pontifex veste alba et cruce 0 Regula S. Augustini.
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48 Erſte Verfaſſung des Deutſchen Ordens. ging, durfte auch die Pflege und Heilung der Kranken in den Hoſpitalen nicht verabfaumt werden!) Sie war des Ordens gleich hohe Pflicht und gleich wichtiges Ziel; mit ihr beſchaͤf⸗ tigte ſich ein anderer Theil der Ordensbruͤder in der Stille des häuslichen Gemaches. Außer dem neuerbauten Hoſpital zu Akkon ſtand auch noch jenes urſpruͤngliche Hoſpital zu Je⸗ ruſalem da und weil noch fortwaͤhrend Pilgrime die heilige Stadt beſuchen durften, ſo befanden ſich immer auch noch Kranke und Leidende von Deutſcher Abkunft darin, die der Pflege und Huͤlfe bedurften ). Auch Eöleftin hatte den Wunſch erklart, daß dieſes Hoſpital, als des Ordens erſtes Eigenthum, noch fortdauern moͤge und der Meiſter ſandte daher wahrſchein⸗ lich mit Saladins Erlaubniß auch eine neue Anzahl ſeiner Bruͤder dahin, welche die Pflege der Siechen und Ungluͤckli⸗ chen beſorgen mußten ). Wenn auch kaum zu glauben iſt, daß er ſelbſt öfter nach Jeruſalem zur Aufſicht über die Kran⸗ kenpflege gekommen ſey ), ſo iſt doch ausgemacht, daß er ei⸗ nen Verweſer oder Vorſteher anordnete, der bald mit dem Namen eines Großkomthurs bezeichnet in des Meiſters Abwe⸗ ſenheit die beſtaͤndige Aufſicht über das Hoſpital zu führen hatte 5). 1) Ein ſolcher uUnterſchied liegt überhaupt im Weſen des Ordens ſelbſt und auch ſchon in der erſten Begruͤndung deſſelben; vgl. Jacob de Vitriaco p. 1085. Chron. S. Bertini p. 626; auch Des burg P. I. c. 1. Ordens⸗Statut. S. 35. 2) Ordens⸗Chron. S. 12 bei Matthaeus J. c. p. 664 — 665. Lucas Da vid B. II. S. 152. Daß dieſes Hoſpital in Jeru⸗ ſalem im Jahre 1216 noch als ein dem Orden zugehoͤriges Kranken⸗ haus vorhanden war, beweiſet auch die Bulle des Papſtes Innocenz III. bei Lucas David B. II. S. 205. 3) Ordens⸗Chron. S. 12. 17. 4) Wie Lucas David B. II. S. 154 behauptet. 5) Daß die Anordnung eines ſolchen Aufſehers ſchon vom erſten Ordensmeiſter geſchehen ſey, bezeuget Lucas David B. Il. S. 154. So jung dieſe Quelle auch iſt, To läßt ſich doch nicht bezweifein, daß dieſer oberſte Spitalaufſeher, Präceptor, nachmals Großkomthur genannt, ſchon zu den älteften Einrichtungen gehöre. Dieſes beweiſen ſchon die Ordens-Statute S. 180. Wir finden aber auch noch in einem
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Erſte Beſitzungen des Deutſchen Ordens. 49 Außer dieſen Ordensbruͤdern wurden ſchon unter dieſem Meiſter auch Prieſter in den Dienſt genommen, welche taͤglich die ſieben Gezeiten halten, die Meſſe leſen und überhaupt den Gottesdienſt beſorgen mußten. Eigentliche Ordensglieder wa⸗ ren ſie freilich um dieſe Zeit noch keineswegs, erhielten aber Koſt, Kleidung und Sold vom Orden ). Es dauerte noch gegen dreißig Jahre, ehe der Orden die Erlaubniß bekam, auch Prieſterbruͤder in feine Mitte aufnehmen zu können N. Rief den Ordensbruder nicht der Kampf auf das Schlacht⸗ feld, ſo befahl ihm eine Verordnung dieſes Meiſters, Tag und Nacht nach Elöfterlicher Weiſe in den beſtimmten Gezei⸗ ten dem Gottesdienſte beizuwohnen, wo ihm die Zahl ſeiner Gebete geſetzlich beſtimmt war. Die Mittel ſeiner Erhaltung, ſo wie der Krankenpflege, fand Anfangs der Orden mehr in frommen Gaben und mil⸗ den Spenden wohlthaͤtiger Gönner, als in eigenen Beſitzun⸗ gen. Vor Akkons Einnahme hatte Herzog Friederich von Schwaben ihn durch Geſchenke unterſtͤtzt⸗) und nach Erobe⸗ rung der Stadt war dem neu errichteten Hoſpitale, wie es ſcheint, auch ſchon einiges laͤndliche Eigenthum zu ſeiner Un⸗ terhaltung angewieſen worden ). Reichlicher aber bedachte Transſumt e iner Bulle des Papſtes Honorius III. dieſen „magnus Preceptor domus Hospitalis sancte Marie theutonicorum Jeru- salemitani « in einer zu Akkon ausgeſtellten Urkunde angeführt. Ohne: dieß beſtand dieſe Wurde auch lange ſchon bei den Tempelherren; f. ilke Geſchichte des Tempelherren⸗Ordens B. I. S. 105. edens⸗Chron. ©. 11. 17. bei Matthaeus l. c. P. 664. Lucas David B. I. S. 154. De Wal Recherches sur l'insti- tution de Ordre Tent. T. II. p. #1. 2) Bulle des P. Honorius III. in Duellius Selecta privileg. Nro. I. P. 2. De Waı Ic 3) Schütz P. 15. 4) Wenn auch nicht ganz gewiß, ſo iſt doch ſehr wahrſcheinlich, daß damals ſchon das Ordenshaus zu Akron einen Theil der ländlichen Beſizungen erhielt, die ihm nachmals dort zugehorten; vgl. die Bulle Innocenz III. bei Lucas David B. II. S. 205. Ob damals ſchon der Orden auch Beſitzungen in Deutſchland hatte, iſt noch zweifelhaft; zwar fuͤhrt Lang Regesl. Boica . I. p- 357 eine Urkunde an, II. 4
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50 Erſte Beſitzungen des Deutſchen Ordens. ihn bald der Kaiſer Heinrich der Sechste. Es iſt bekannt, welche Kaͤmpfe dieſer Kaiſer Jahre lang zu beſtehen und welche Schwierigkeiten jeglicher Art er zu befeitigen hatte, um den Koͤnigsthron Siciliens in feinen Beſitz zu bringen, auf welchen er durch ſeine Gemahlin Conſtanze, eine Tochter des Koͤniges Roger und Erbin des Reiches unbeſtreitbare Rechte hatte, deſſen ſich aber nach Koͤnig Wilhelm des Zweiten Tod der beguͤnſtigte Graf von Lecce Tancred durch die Gunſt der Großen des Reiches und durch die Bemuͤhung des klugen Kanzlers Mathaͤus bemaͤchtiget ). Da nun Heinrich im Jahre 1197 abermals zu dieſem Zwecke in Apulien war, damit be⸗ ſchaͤſtigt, feine Gegner zu vertilgen und die Krone Siciliens ſicher auf ſein Haupt zu bringen, vernahm er, daß auch die Ciſtercienſer-Moͤnche des Kloſters der heil. Dreifaltigkeit in Palermo die Partei des Königes Tancred gehalten und feinen Rechten mit moͤnchiſcher Starrheit widerſtritten hatten, denn der Kanzler Mathaͤus war der Gruͤnder dieſes Kloſters. Er nahm Rache an den Moͤnchen, vertrieb ſie aus Palermo und erließ am 18ten Auguſt 1197 eine Urkunde, in welcher er das Kloſter ſammt allen ſeinen Beſitzungen zum Eigenthum der Bruͤder des Deutſchen Ordens verſchrieb, ihnen Zollfrei⸗ beit für alles, was zu des Hauſes Bedarf durch die Thore der Stadt einging, bewilligte und zugleich auch die Erlaub⸗ niß ertheilte, auf den koͤniglichen Muͤhlen ihr Getreide um⸗ ſonſt mahlen zu duͤrfen. Es ward außerdem allen Deutſchen der Umgegend verſtattet, von den Prieſtern des Hauſes die letzte Oehlung zu empfangen und ſich in der Kirche der Deutſchen Ordensbruͤder beerdigen zu laſſen. Die Bewohner dieſer neuen Ordensguͤter ſollten aber nach der kaiſerlichen Be⸗ ſtimmung einzig nur der Gerichtsbarkeit des Komthurs des Hauſes untergeben ſeyn, ausgenommen in Faͤllen von Leibes⸗ nach welcher Crafto quidzm, Jerosolimas pergens, fratrihus ho- spilalis Jerosolomitani donat possessiones in Althausen, Cuni- geshoven, Ippehoven, Swegern et Bocksberg, im Jahre 1192; allein es koͤnnte ſich dieſes auch auf den Johanniter⸗Orden beziehen. 1) Vgl. Sismondi Geſchichte der Ital. Freiſtaaten B. II. S. 322 ff. Raumer B. III. S. 13. ff.
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Neuer Kreuzzug Deutſcher Füͤrſten. 51 ſtrafen ). So ward hiedurch der Grund zur Ballei des Deutſchen Ordens in Sicilien gelegt, die ſich nachmals be⸗ deutend vergrößerte, Mittlerweile hatten ſich die Verhaͤltniſſe des Morgenlan⸗ des, unter welchen der Orden dort emporwuchs, manchfach verändert, Die Deutſchen Pilgrime, erzuͤrnt über die Art, wie der herriſche und ſtolze König Richard von England ei⸗ nen Deutſchen Fuͤrſten, den ritterlichen Herzog Leopold unge⸗ buͤhrlich behandelt und das im Vaterlande ſo hochgeachtete Oe⸗ ſterreichiſche Banier entwuͤrdigt ), hatten das Kreuzheer be= reits Längft verlaſſen und kein Deutſcher nahm mehr Theil an dem Kampfe, wel chen jener Koͤnig forthin mit dem maͤchtigen Sultan zu führen hatte. Hoͤchſt wahrſcheinlich war dieſes der — daß auch der Deutſche Orden, erbittert uͤber die lde Kränkung der Deutſchen Ehre, ſich aller Gemeinſchaft mit König Richard entſchlug ). Da nun des Koͤniges Plan Bar Croberung der heiligen Stadt felbft duch den Rath und Ausſpruch derer mißlang, welchen Stand und Pflicht die erſte Aufforderung dazu hätten geben müſſen, da nämlich ſelbſt die 1) Die Urkunde befindet ſich in Nongitor Monumenta histo- ica sacrae domus mansionis S. Trinitatis militaris Ordinis Theutonicorum urbis Panormi p. 13. Ich habe indeſſen dieſes Werk ſelbſt nicht erhalten können und kenne den Inhalt des Diploms nur aus der IIIstoire de l’Ordre Teut. T. I. Pp. 77 seg. Re- cherches T. II. p. 11. 2) Die Sache, welche nachmals Anlaß zu Richards Gefangenneh⸗ mung gab, erzähnt Godefrid. Monach. P. 260, wo er von Richard ſagt: Rex suspectain habens virtutem Alamannorum. Otto de S. Blasio e. 36. Ohne Zweifel fielen zwiſchen Leopold und Richard mehrmals unangenehme Auftritte vor, wie ſchon aus Rau mer B. II. S. 485 und am gruͤndlichſten aus Wilken B. IV. S. 468 — 471 hervorgeht. 3) Dieſes iſt ohne des Deutſchen Ordens keiner Quelle erwaͤhnt Zweifel auch mit ein Grund, daß um dieſe Zeit bei der Erzählung der Kriegsereigniſſe faſt in wird. Vinisauf gedenkt uͤberhaupt in ſeinem ſpeciellen und wortreichen Berichte nicht einmal eines Deutſchen; zwar kommt I. VI. c. 22 ein Henricus Teutonicus als signifer Regis vor; allein es bleibt dunkel, wer dieſer eigentlich war. 4 *
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52 Neuer Kreuzzug Deutſcher Fuͤrſten. Ritter des Tempel⸗ und Johanniter⸗Ordens, nachdem ſchon alles zum Wiedergewinn Jeruſalems vorbereitet war, ſich gegen Richards Gedanken erklaͤrten ), fo blieb dieſem kaum etwas ande⸗ res uͤbrig, als mit Saladin im Herbſte des Jahres 1192 einen Waffenſtillſtand zu ſchließen, der den Chriſten auf drei Jahre Ruhe gewähren ſollte ). Bald nach Richards Heimkehr ſtarb nun zwar 1193 der maͤchtige Sultan; allein die Schwaͤche der Chriſten in Syrien ließ aus dem Zwieſpalte, der unter Saladins Soͤhnen ausbrach, und aus den inneren Feindſelig⸗ keiten der Unglaͤubigen keinen bedeutenden Vortheil ziehen. Nun geſchah aber im Jahre 1195, daß in Deutſchland die fromme Begeiſterung fuͤr das Grab des Herrn abermals aͤußerſt lebendig erwachte, ein neues Kreuzheer fi in Bewer gung ſetzte und im September des Jahres 1196 im Hafen von Akkon landete. Die Erzbiſchoͤfe von Mainz, Koͤln und Bremen, die Bifchöfe von Halberſtadt, Naumburg, Verden, Regensburg, Wuͤrzburg und Prag, die Herzoge von Meran, Brabant, Kaͤrnthen und Oeſterreich, der Pfalzgraf Heinrich, der Landgraf von Thuͤringen, der Graf Adolf von Holſtein, der von Limburg und viele andere Grafen und edle Herren ſtanden an ſeiner Spitze ). Auch aus Luͤbeck nahmen an vierhundert tapfere Männer an dem Zuge Theil ). So un⸗ gern die Ankunft diefer Deutſchen Fuͤrſten auch vom Grafen 1) Pinisauf L. VI. c. 2. Guil. Neubrig. L. IV. c. 28. Raumer B. II. S. 495. Wilken B. IV. S. 563. 2) Guil. Neubrig. I. c. c. 29. Abulſeda T. IV. p. 123 — 126. Wilken a. a. O. S. 569. 3) Otto de S. Blasio c. 42. Arnold. Lubec. L. V. c. 1. Guil. de Nangis p. 18. Hemingford c. 85. Auch der Markgraf Otto von Brandenburg hatte das Kreuz genommen, wurde aber durch den Papſt von feinem Geluͤbde wieder entbunden. Ordens⸗Chron. bei Matthaeus I. c. p. 667. Chron. German. ap. Pistor. T. II. p. 798. Bernard. Ihesaur. ap. Muratori T. VII. p. 815. Robert. de Monie ap. Pistor. T. I. p. 939. Herm. Corner . 808. a A) Arnold. Lubec. I. c.: Inter quos in civitate Lubeca de valentioribus circa quadringentos viros signati sunt.
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Neuer Kreuzzug Deutſcher Fuͤrſten. 53 Heinrich von Champagne, welchen Koͤnig Richard als Statt⸗ halter von Syrien und Palaͤſtina zuruͤckgelaſſen, von den bei⸗ den Orden der Tempeler und Johanniter, die in ihrem An⸗ ſehen und ihrem Einfluffe bisher weit über dem Deutſchen Orden geſtanden hatten, und von den meiſten übrigen chriſt⸗ lichen Bewohnern Syriens aus mancherlei Rückſichten geſehen wurde h), fo war fie doch fuͤr den Deutſchen Orden von be⸗ deutender Wichtigkeit. Denn abgerechnet, daß die Kraft, mit welcher das Deutſche Heer gegen die Saracenen auftrat, auch das Anſehen und Gewicht des mit ihm verbundenen Deutſchen Ordens wieder bedeutend hob und daß die Deutſchen Ordens⸗ Ritter auch wieder mehr in den Kampf gegen den Glaubens⸗ feind hineingezogen wurden, mußten offenbar bei der Gegen⸗ wart jener angeſehenen Deutſchen Fuͤrſten auch des Ordens äußere Lebensverhaͤltniſſe in jeder Weiſe beſſer geſtellt werden . are wid Tiefen ſchon die Pilgrime aus Lübeck die Ctiftung ih rer Mitbuͤrger nicht unbedacht. Ohne Zweifel aber erhielt da⸗ mals bereits der Deutſche Orden ſeine Beſitzungen in Scalone mit ſeinen Weinbergen, wo bald nachher auch ein Ordenshaus erbaut wurde, ſeine Güter um Tyrus, wo ebenfalls nachher ein Ordenshaus ſtand, und manches andere Eigenthum an anderen Orten Syriens, denn aus Tyrus, Sidon und Bery⸗ tus wurden die Saracenen verdraͤngt; Byblus, Gibellum und Laodicea gaben fie freiwillig auf >) und es ſcheint, daß man die Tapferkeit der Deutſchen Ordens-Ritter, wo ſie ſich ge⸗ zeigt, auch überall belohnt und hiedurch ihrer Stiftung from⸗ men Zweck immer gerne beförbert habe, denn feit dem Kreuz⸗ zuge dieſer Deutſchen Fuͤrſten hatten ſich die Beſitzungen des Ordens bedeutend an Zahl vermehrt *). 1) Woruͤber zu vergleichen Otto de S. Rlasto c. 42. 2) Vielleicht ließe ſich hieraus auch der in der Beilage Nro. I. beſprochene Irrthum erklären, daß man die Theilnehmer dieſes Kreuz: zuges als bei der Stiftung des Ordens gegenwärtig enfah. 3) Godefrid. Monach, P. 263. Arnold. Lubee. L. V. c. 3, Jacob de Vitriaco P. 1124. Historia terrae sanctae ap. Ec- card. T. II. p. 1354, ) Dieſe Beſitzungen hatte der Orden wenigſtens ſchon unter Cd⸗
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54 Neuer Kreuzzug Deutſcher Fuͤrſten. Doch dieſe fuͤr das Gedeihen des Deutſchen Ordens ſo guͤnſtige Zeit ging bald voruͤber, denn ſchon die Nachricht von des Kaiſers Heinrich Tode bewog manche der vornehme⸗ ren Deutſchen, ihre Heimkehr zu beſchleunigen und im Maͤrz des J. 1198 folgten jenen auch die uͤbrigen, alſo daß der Erfolg dieſes Kreuzzuges fuͤr das heilige Land nicht von be⸗ ſonderer Wichtigkeit war ). Während aber bald hierauf im Abendlande eine neue Kreuzfahrt in Bewegung geſetzt ward, ſtarb der erſte Meiſter des Deutſchen Ordens zu Akkon am vierundzwanzigſten October des Jahres 1200 2), nachdem er zehn Jahre lang treu in ſeinen Ordenspflichten, tapfer und ritterlich gegen des Glaubens Feinde, mildthaͤtig gegen Arme und Leidende und als ein Muſter der Froͤmmigkeit fuͤr ſeine Bruͤder dem Orden vorgeſtanden. In der Ordenskirche zu Akkon ward feine Hülle beigefegt >). leſtins Nachfolger Innocenz; vgl. darüber die Bulle dieſes Papſtes bei Lucas David B. II. S. 205. Es iſt kaum abzuſehen, bei welcher andern ſchicklicheren Gelegenheit er fie erhalten haben koͤnnte. I) Guil. de Nangis p. 19. Bernard. Thesaurar. I. c. p. 818. 2) Dusburg P. I. c. 2 ſagt: Obiit nono Calendas No- vembr. el sepulius est Accon. Hartknoch fuͤgt hinzu: Diem obitus primorum illorum Magistrorum habet Dusburgius ex Anniversariis sacris. Singulis enim annis Ordo Teutonicus memoriam Magistrorum optime meritorum celebrabat, ut d- huc in antiquis cruciferorum Fastis videre licet. Or dens Chron. S. 18. Bachem Chronologie der Hochmeiſter S. 14. His- toire de P’O. T. T. I. p. 81. Der Nekrolog Liber. Annivers. bei De Nal Recherches sur Vinstitution de I'O. T. T. II. p- 247 giebt den Iten Novemb. an. 3) Lucas David B. II. S. 155 berichtet außerdem noch, daß dieſer Meiſter im Jahre 1195 zu Akkon ein Kapitel gehalten, darin den Gottesdienſt der Ritter regulirt, daß er ferner auch das Geſetz gegeben habe, die Ritter ſollten den Bart nicht ſcheren, um den Feind deſto mehr zu ſchrecken; auch ſoll er ſtets hundert wohlgeruͤſtete Reiter und für die Kranken erfahrene Doctoren, Chirurgen und Apotheker gehalten haben u. ſ. w. Indeſſen laſſen ſich dieſe und ähnliche Nachrichten durch keine bewährte alte Quelle ſicher verbuͤrgen.
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Neuer Kreuzzug Deutſcher Fuͤrſten. 55 Ein Jahrzehent ſtand nun zwar der Orden ſchon da, aber noch keineswegs in der Bluͤthe und mit der großen Be⸗ deutſamkeit, ſo wie auch nicht mit dem wichtigen Einwirken in die großen Ereigniſſe des Morgenlandes, wie die been andern Orden; denn an ſich ſchon ſchwaͤcher in feiner Bruder Zahl, minder reich an Gütern und Beſitzungen und deshalb auch weniger glänzend vor der Welt, war er immer noch durch jene älteren und reicheren Orden uͤberſchattet und zurückge⸗ drängt ). Aber er blieb in dieſer ſtillen Zuruͤckgezogenheit, in der er mehr und mehr emporſtieg, auch frei von den Verderb⸗ iffen und von den unziemlichen Verirrungen, die ſchon jetzt an den beiden andern Orden oft ſchwer geruͤgt wurden. Da⸗ ie Achtung, die ihm auch in feiner ſtillen Zeitgenoſſen zu Theil ward ). Langſam aber Fräftig und geſund wuchs die junge lange heran, die einſt als ſtarker Baum über Länder und olker ſich ausbreiten und verzweigen ſollte. So iſt der Gang der Dinge in der Natur, ſo im Menſchenleben. Auch unter dem Nachfolger des verſtorbenen Meiſters ge⸗ ang es dem Deutſchen Orden noch keineswegs, jenen mäch⸗ tigeren Orden an Anſehen und Gewicht bedeutend näher zu kommen. Erwaͤhlt wurde als neuer Meiſter durch die Ordens⸗ a er — 1) Ueber die früheren ſebr beſchränkten Umftände des Ordens und über feine Armuth ſpricht ſich beſonders Dusburg im Prologus p. 6 aus. 2 So ſagt Jacob de Vitriaco p. 1085 von ihm: Inſirmos, peregrinos et alios in hospitali suo recipiunt, eisdem cum omni devotione et pietate necessaria sufficienier ministranies: domino Patriarchae et aliis ecclesiarum praelatis humiliter obedientes, Decimas aut possident, secundum tio, reddentes em integras ex omnihus bonis, Nas quod exigit ordo juris el divina 1 » ecclesiarum Praelatos non molestant. Hi * tem quasi a modico et tenui fonte principium habentes in magnum fluvium excreverunt, beata virgine Maria eorum ad- vocala, cui cum omni devotione et humililate serviunt, eos tam in bonis spiritnalibus quam temporalibus subsidiis pro- movente et incremenium largiente.
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56 Der Ordensmeiſter Otto von Kerpen. bruͤder der tapfere und fromme Ritter Otto von Kerpen oder Karpen, ſchon ein hochbejahrter Mann ) und ſonder Zweifel einer jener vierzig Ritter, die durch ihren Eintritt den Orden begruͤndet. Ob er aus Bremen gebuͤrtig und, wie manche behaupten, eines dortigen Freiherrn Sohn geweſen ſey, iſt zweifelhaft 2); eher moͤchten die Rheinlande fein Geburtsland ſeyn, denn dort bluͤhte das Geſchlecht von Kerpen gerade um dieſe Zeit und noch lange nachher ). Wuͤrdig war Otto von Kerpen dieſer Erhebung gewiß in jeder Weiſe; tapfer und kuͤhn im Streite gegen den Feind auch noch im hohen Alter, freund⸗ lich und liebevoll gegen ſeine Ordensbruͤder, ſorgſam und mild⸗ thaͤtig gegen Ungluͤckliche und Kranke, die er oft mit eigener Hand pflegte und wartete, genoß er bei Allen hohe Liebe und Verehrung. Sein frommer und reiner Lebenswandel war al⸗ 1) Der Name wird Kerpen und Karpen geſchrieben gefunden; Lindenblatts Annalen S. 359 nennen ihn Kirpin. Kerpen iſt of⸗ fenbar das Richtigere. Er ſoll ſchon octogenarius geweſen ſeyn; Hen- neberger de veter. Pruss. Landtaf. p. 364. Tidemanns Chron. S. 26. Schütz Histor. Pruss. p. 16. Lucas David B. II. S. 160. 2) Lucas David a. a. O. nennt ihn eines Bürgers Sohn aus Bremen, doch ritterlichen Standes; Henneberger Landtaf. p. 364. Tidemann a. a. O. Die Ordens-Chron. S. 18 „eines freyen edlen Herren ſon.“ Histoire de l'Ord. Teut. T. I. p. 81. 3) Vgl. Günther Cod. diplom. T. I. p. 297, wo eine Urs kunde vorkommt, in welcher Koͤnig Conrad III im Jahre 1145 dem St. Caſſiusſtifte zu Bonn die Freiheit des von Dudechin von Kerpen gekauften Gutes zu Vaͤvernich (Vernich) in der Grafſchaft Ahr beftätigt; als Dudechins Bruͤder werden genannt Nicolaus, Garſilius und Her⸗ mann; ferner S. 499, wo ein Dieterich von Kerpen in den Jahren 1190 — 1212 im Gebiete des Erzbiſchofs von Trier vorkommt; T. II. p. 134 ein Heinrich von Kerpen im J. 1218; T. III. p. 76 ein Wilhelm von Kerpen ums Jahr 1335. Hontheim Historia Trevi- rens. T. I. p. 588. 630. 717. Gudenus Cod. diplom. T. II. p. 1104 Dieterich und Johann von Kerpen. Vgl. auch Sehaten. histo- ria Westphaliae p. 986. Schannat Beſchrrib. der Eifel von Baͤrſch S. 170. Hanſelmann v. der Hohenloh. Landeshoh. B. II. S. 127. Hellbachs Adels-Lexicon B. I. S. 646.
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Der Ordensmeiſter Otto von Kerpen. 57 len Brüdern Beiſpiel und Muſter d. Die Geſchichte aber, um dieſe Zeit auf die großen Ereigniſſe hingerichtet, die durch ein maͤchtiges Kreuzheer in der Eroberung der Griechiſchen Kaiſerſtadt und in der Errichtung eines Lateinischen Kaiſer⸗ thrones in den Mauern Conſtantinopels geſchahen, geht völlig ſchweigend vor dem vorüber, was in jenen Jahren durch und für den Deutſchen Orden bewirkt wurde. Und in gleicher Weiſe war auch im Abendlande zur ſelbigen Zeit Aller Blick nur auf die neue Erſcheinung im alten Griechiſchen Kaiferreiche hingeheftet, ohne ſich mit dem früheren lebendigen Intereſſe auf die kleinartigen Begebenheiten in Syrien und Palaͤſtina hinzuwenden. So liegt alſo das Buch der Geſchichte uͤber die ſechs Jahre, in welchen dieſer Meiſter dem Orden vor⸗ ſtand, uͤber alles, was ſeine Schickſale betrifft, ſtumm und ſprachlos da, nur das Einzige noch meldend, daß von dieſem Meiſter das erſte Ordens⸗ Siegel ſtamme: die Mutter Chriſti auf einem Eſel ſitzend, auf ihrem Arme das Jeſuskind, vor ihnen Joſeph mit dem Wanderſtabe das Thier leitend, als auf der Flucht nach Aegypten begriffen und dem Sterne fol⸗ gend, der vor ihm hergehet e). In ſolcher Weiſe in feinen ſtillen Beſtrebungen wenig von den Geſchichtſchreäbern beachtet, ſtarb Otto von Kerpen am zweiten Juni 1206 und ward zu Akkon in der Ordenskirche neben feinem Vorgänger beigeſetzt ). 1) Die Ordens ⸗Chron. bei Matthacus p. 681 zeichnet dieſen Mei⸗ ſter in Rückſicht ſeiner frommen und edlen Geſinnung ganz beſonders aus. Lucas David B. II. S. 160. 2) Lucas David führt B. II. S. 161 an: es habe die Um: ſchriſt gehabt: Sigillum officii Magisterialitalis domus Theuto- nicac. Irrig behauptet aber dieser Chroniſt, daß auch die ſämmtlichen nachfolzenden Hochmeister dieſes Siegel geführt haben. Es wird ſpäter⸗ hin das Nähere hierüber geſagt werden. 3) Seinen Todestag giebt Dus burg P. I. c. 3 an. Ordens⸗ Chron. S. 18, bei Matthaeus J. c. p. 681. Lucas David B. II. S. 160 läßt ihn erſt im Jahre 1207 ſterben. Nach Lindenblatt S. 359 war aber 1206 ſein Todesjahr. Der Nekrolog Liber. Anni- vers. bei De Nau Recherches T. II. p- 247 nennt als Todestag den 7. Februar.
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58 Der Ordensmeiſter Hermann, Barth. Da traten die Ordensbruͤder abermals zur Wahl zuſam⸗ men und erkoren zu ihrem Meiſter den Ritter Hermann Barth , den einige einen Sproͤßling des altbaieriſchen Geſchlechtes der Edlen von Barth ), andere einen Brudersſohn des Herzogs von Bahrt, deſſen Land Bahrt in Pommern die Ruͤgier ge⸗ gen das Ende des zwoͤlften Jahrhunderts dem Pommeriſchen Herzoge Bogislav dem Erſten weggenommen hatten 3), noch andere einen Abkömmling des Geſchlechtes von Barth im Hol⸗ ſteiniſchen nennen). Die Sage berichtet, daß er fruͤher noch vor ſeiner Pilgerfahrt ins Morgenland als Amtmann der Köoͤ⸗ nigin von Daͤnemark in Luͤbeck waͤhrend eines kalten Winters einem armen Weibe mit ihrem Kinde ein Almoſen mit den harten Worten verſagt habe: An fremden Hunden und Kin⸗ dern verliert man Koſt, Muͤhe und Arbeit. Bald nachher ſey die arme Wittwe mit dem Kinde erfroren auf dem Miſte gefunden worden. Da ſey jenem im Traume Gottes Gericht erſchienen und durchs Gewiſſen gequält über feine That habe er das Geluͤbde einer Wallſahrt nach Jeruſalem gethan 5). Er ſoll, bevor er nach Akkon kam, Vorſteher des Deutſchen Ho⸗ ſpitals zu Jeruſalem geweſen ſeyn ). Auch ihn erhob zum 1) Faſt alle Chroniſten und ſelbſt die älteften, als Dusdurg P. I. c. 4, Ordens⸗Chron. S. 18, Lindenblatt S. 359, nennen ihn Hermann und ohne Zweifel iſt dieſes auch ſein richtiger Name. Nur der im Jahre 1440 geſchriebene Ordens Kalender ( Mſcr. im geheim. Archive zu Koͤnigsberg) giebt ihm den Namen Heinrich, wahrſcheinlich nach einer falſch erklärten Sigle. 2) Sinapius Curiosit. Siles, nobilium familiar. B. I. ©. 242. Hellbachs Adels⸗Lexicon B. I. S. 104. Kotzebue B. I. S. 364. 3) Ordens-Chron. S. 18. Schütz p. 16. Histoire de l'O. Teut. T. I. p. 92. Sell Geſch. von Pommern B. I. S. 197. 4) Bachem S. 16. Lucas David B. II. S. 162. Schütz: P. 16. Auch in Thüringen gab es eine Familie von Barth; ſ. Fal⸗ kenſtein Thuͤr. Chron. S. 1341. 8 5) Lucas David B. II. S. 163; doch iſt zu beachten, daß die Sage aus Simon Grunau Tr. V. c. VII. g. 2 if. 6) Lucas David a. a. O., ebenfalls nach Simon Grunau a. a. O.
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Der Ordensmeiſter Hermann Barth. 59 Meiſteramte des Deutſchen Ordens ſeine gottergebene Fröm⸗ migkeit, fein Eifer in der Krankenpflege und feine Mildthaͤ⸗ tigkeit gegen Unglückliche und Leidende; nicht minder aber auch ſeine Tapferkeit im Kampfe gegen die Unglaͤubigen ?). Bedeutend konnte ſich der Orden auch unter dieſem Meiſter noch nicht emporheben. Die Verhaͤltniſſe ſowohl im Abend⸗ lande, als in Syrien und Palaͤſtina waren für ihn nichts weniger als guͤnſtig. Zwar ſaß in Innocenz dem Dritten um dieſe Zeit ein Mann auf dem paͤpſtlichen Stuhle, der bei ſei⸗ nem gewaltigen Geiſte und bei dem Feuereifer ſeiner Seele für Alles, was die Macht, die Würde und Verbreitung ber Kirche Roms foͤrdern konnte, auch die moͤgliche Wirkſamkeit eines fo kraͤtigen Mittels für feine Zwecke, als der Orden in jeder Weiſe werden konnte, wohl ſchwerlich uͤberſah. Allein die erſten Jahre ſeines Papſtthums nahmen die ſchrecklichen Verwirrungen in Italien nach Heinrich des Sechsten Tod. beſonders die unruhigen Bewegungen in Apulien viel zu ſehr in Anſpruch, als daß er jetzt eine rege Theilnahme an dem Orden hätte beweiſen können. Und nicht minder verwirrungs⸗ voll und unruhig war damals auch das Reich: Koͤnige und Sürften wider einander im Kampfe; ganz Deutschland geſpal⸗ ten durch eine zwiefache Koͤnigswahl; hiedurch alle Verhoͤlt⸗ niſſe zerriſſen; alle Reichsgroßen, geiſtliche, wie weltliche, zum Theil für Otto den Braunſchweiger, zum Theil für Phi⸗ lipp von Schwaben und unter ſich in wilder Zwietracht; das Vaterland durch einen heilloſen Bürgerkrieg dieſer Parteien beimgefucht und zu ſchweren, blutigen Opfern gezwungen. So konnte der fuͤr das Deutſche Volk geſtiftete Orden zur Zeit noch wenig Theilnahme in ſeinem Deutſchen Vaterlande er⸗ warten. Einzelnes geſchah jedoch für feine Verbreitung und Erhe⸗ bung. So ward im Jahre 1207 zu Utrecht die S. Marien⸗ kirche fuͤr den Deutſchen Orden eingeweiht 2). Ohne Zweifel 1) Ordens⸗Chron. S. 18 bei Matthaeus I. c. P. 681. Lu⸗ cas David a. a. O. Histoire de P'O. T. T. I. p. 92. 2) Chron. magnum Belgicum ap. Pistor. T. III. p. 235
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60 Der Ordensmeiſter Hermann Barth. war es Folge der lebendigen Theilnahme der Bewohner jener Gegenden an den Kreuzzuͤgen und an den Schickſalen des hei⸗ ligen Landes, daß man dort ſo fruͤh des Ordens gedachte, der zum Schutze deſſelben gegruͤndet war. Aber auch im Innern Deutſchlands fand der Orden nun ſchon manchen Goͤnner und Wohlthaͤter ). Der edle Graf Friederich von Ziegenhain und ſeine Gemahlin Luchardis, der Graf Ludwig von Ziegenhain, Graf Burchard von Falkenſtein und ſeine Gemahlin Kuni⸗ gunde, Albert von Hackeborn ) und ſeine Gattin Gertrude und Graf von Webach verliehen ihm im Jahre 1207 zur Forderung ihres einſtigen Scelen⸗Heiles die Kirche zu Rei⸗ chenbach, einem in ihren Beſitzungen in Heſſen liegenden Dorfe nebſt allen dazu gehörigen Gütern ). Ohne Zweifel waren dieſe Grafen in der Begleitung des Landgrafen Her⸗ mann von Thüringen ) zehn Jahre zuvor mit im Morgenland geweſen und hatten damals des Ordens Wirken und Verdienſt Anno Hugonis Leodiensis septimo (1207) Ecclesia b. Mariae de Junctis in oppido Trajectensi, ubi habitant milites Theu- tonici ordinis, consecratur. Hierauf heißt es wieder P. 237: Anno Domini MCCXCVI consecrata est Ecclesia heatae Mariae de Junctis, ubi habitant milites Theutonici ordinis, sed modo habitant in civitate Trajectensi, Diefe Jahrzahl aber ift offenbar falſch. 1) Daß die erſte Niederlaſſung des Ordens in Koblenz nicht ins Jahr 1206 (wie Kotzebue B. I. S. 365 behauptet), ſondern erſt zehn Jahre fpäter fällt, wird weiterhin erwieſen werden. 2) Dieſe Grafen kommen öfter in Urkunden vor; Ludwig von Zie⸗ genhain (Cigenhagen) in der Urkunde Friederichs II bei Duellius Select. Privileg. Nro, XIV. 3) ©. Hiſtor. Diplomat. Unterricht und gruͤndliche Deduction von des Deutſchen Ritter-Ordens und insbeſondere der Ballei Heſſen Sms medietaͤt⸗Exemtion S. 18 und die Urkunde Nro. 41. Y Er ſteht auch in der Urkunde mit unter den Zeugen. Daß die genannten Erafen ſchon mit Ludwig dem Milden, Landgrafen von Thuͤringen im heiligen Lande geweſen ſeyen, iſt ſehr unwahrſcheinlich, denn keiner von ihnen wird in dem Gedichte von Ludwigs Kreuzfahrt bei Wilken B. IV. S. 22 Beil. als Waffengefaͤhrte dieſes Landgra⸗ fen genannt.
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Der Ordensmeiſter Hermann Barth. 61 genau kennen gelernt. Sie legten hiemit den Grund zu der nachmaligen Ordens⸗ Ballei in Heſſen und waren die erſten mit, die uͤberhaupt in Deutſchland den Guͤterbefitz des Ordens begründeten ). In folcher Weiſe war, wenngleich nur erſt in geringem Beginn, die erſte Anheimung des Deutſchen Ordens auf vaterlaͤndiſchem Boden geſchehen. Auch im Morgenlande wirkten die Verhältniſſe für den Orden noch nicht beſonders guͤnſtig. An Bruͤderzahl konnte der ritterliche Verein auch jetzt noch nicht bedeutend zunehmen. Da Conſtantinopel in ſeiner neuen Geſtaltung das Augenmerk des Abendlandes immer noch zunaͤchſt auf ſich hinzog, ſo ka⸗ men uͤberhaupt nur wenige Pilgrime nach Syrien hinunter 2). Indeſſen griff doch jetzt ſchon der Deutſche Orden mehr als zuvor in die politiſchen Verhaͤltniſſe des Landes ein. Im Jahre 1205 naͤmlich war Koͤnig Amalrich von Jeruſalem geſtorben. Sein hinterlaſſener Sohn, ein Knabe unter der Vormund⸗ ſchaft Johanns von Ibelin, der Königin Bruder, war ihm im Tode bald nachgefolgt und es blieb daher jetzt Maria Jolanthe, die aͤlteſte Tochter der Königin Iſabelle, als Reichs⸗ erbin übrig. Zu ihrem Gemahl beſtimmte der Koͤnig Philipp Auguſt von Frankreich, den man darum befragt, den tapfern und klugen Grafen Johann von Brienne ). Da indeſſen dieſer feine Ankunft ſehr verzögerte, fo war das Reich eigent⸗ lich ohne Haupt; und doch ging gerade um dieſe Zeit der mit Saphadin, Sultan von Aegypten, geſchloſſene Waffenſtillſtand zu Ende. Erſchreckt durch die Nachricht von der Ankunft ei⸗ nes maͤchtigen Heeres unter der Fuͤhrung des Grafen von Brienne, wuͤnſchte jedoch der Sultan den Stillſtand zu ver⸗ laͤngern und es traten daher die Meiſter der drei Ritter⸗Orden 1) Reichenbach gehörte dem Orden auch noch im 18ten Jahrhun⸗ derte. In einem alten Verzeichniſſe der Dentſchen Ordensbeſitzungen (im geh. Archive zu K. ſteht es mit unter den Gütern, die unter dem Landkomthur von Thuͤringen ſtanden. 2) Sarut. L. III. P. XI. c. 3. 3) Sanut. L. III. P. XI. c. 3 — 4. Cuil. de Nangis p- 23.
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62 Der Ordensmeiſter Hermann Barth. mit des Landes übrigen Großen zu einer Berathung zufam- men. Der Meiſter des Deutſchen Ordens war mit dem der Johanniter und allen Baronen entſchieden fuͤr die Verlaͤn⸗ gerung der Waffenruhe. Allein der Meiſter der Tempelherren und die Praͤlaten ſtimmten für den Beginn des Krieges ). Er begann auch wirklich, aber keineswegs mit gluͤcklichem Er⸗ folge für die Chriſten >) Wie hier, fo ſtanden auch im Streite um die Herrſchaft in Antiochien die drei Ritter-Orden auf verſchiedenen Seiten. Laͤngſt ſchon lagen der Graf Raimund von Tripolis und der Koͤnig Leo von Armenien uͤber Antiochiens Beſitz im Zwiſte mit einander, da Raimund als zweiter Sohn des Fuͤrſten Boemund des Dritten von Antiochien darauf Anrechte hatte, der Koͤnig dagegen die Anſpruͤche eines nahen Verwandten geltend zu machen ſuchte ). Vergebens hatte der Papſt ſchon oft zur Ausgleichung und Verſoͤhnung gerathen ). Vielmehr nahmen an dieſem Streite auch die drei Ritter⸗Orden leben⸗ digen Antheil, die beiden Meiſter des Deutſchen 5) und Johan⸗ 1) Sanul. I. c. ſagt: Requirit autem Saphandinus treugas iterum reformari, usque tamen ad beneplacitum dicti venturi comilis Brenensis; el quamvis decem casalia Christianis pro- pinqua offerret, Magistri quoque IIospitalis er Alamanorum cunclique Barones treugas prolongare vellent, Magister tamen Templi ac praelati, licet esset ulilius, minime assenserunt. 2) Die Histoire de l’Ord. Tent. T. I. p. 92 ſetzt dieſe Bege⸗ benheit noch in die letzte Zeit des Meiſters Otto von Kerpen. Nach Sanut. I. c. fallt fie indeſſen wahrſcheinlicher in die erſten Zeiten Ber: mann Barths. 3) Epistol. Innocent. III. L. II. 252. 4) Epistol. Innocent. III. L. II. 217. 253. 259. Muratori Antiquit. Ital. T. VI. p. 103 — 104. 5) In den meiſten Briefen des Papſtes Innocenz III, welche die- ſen Streit zum Gegenſtande haben, werden zwar nur die Tempelherren und die Hospitalarii als Theilnehmer genannt. Allein es leidet keinen Zweifel, daß auch der Deutſche Orden auf der Seite des Koͤmges ſtand. So begiebt ſich nach Epistol. Innocent. III. L. XII. 45 ein Deut⸗ ſcher Ordensbruder zu dem Papſte, um dieſem über die Sache des Kö: niges Bericht zu erſtatten.
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Wichtigeres Hervortreten d. Deutſchen Ordens. 63 niter⸗Ordens auf der Seite des Königes, der Meiſter der Tempeler dagegen und Antiochiens Bewohner ſelbſt auf der des Grafen Raimund. Während nun der König von Arme⸗ nien mit dem Papſte noch unterhandelte, um durch einen paͤpſtlichen Befehl den Orden der Tempeler vom Grafen Rai⸗ mund zu trennen, hatte dieſer den Sultan von Iconium zum Einfall in Armenien zu gewinnen gewußt, wo durch deſſen Waffen eine ſchreckliche Verheerung erfolgte. Da ſammelten die beiden Meiſter des Deutſchen und Johanniter- Ordens ihre Heerhaufen dem Könige zu Huͤlfe, und kaum waren ſie in Armenien angelangt und mit des Koͤniges Kriegsmacht verbunden, fo kam es zwiſchen ihnen und dem Sultan von Iconium nach mehren Gefechten zum blutigſten Kampfe. Die beiden Meifter und ihre Brüder bewieſen eine außerordentliche Tapferkeit. Des Sultans Heer ward geſchlagen, zerſtreut und groͤßten Theils vernichtet ), der Meiſter des Deutſchen Or⸗ Schlacht zwar ſchwer verwundet 2), aber bald niges Land vom Feinde ganz wieder befreit. Und dankbar für dieſen Beiſtand und erkenntlich für die bewieſene ritterliche Tapferkeit ſchenkte Koͤnig Leo den Johannitern die ganze Stadt Saleph mit andern umherliegenden Beſitzungen ); dem Deutſchen Orden verlieh er in Armenien die feſte Burg Amuda, mehre in der Naͤhe liegende Haͤuſer mit deren Beſi⸗ tzungen und verſchiedene Freiheiten. Nachdem der Papſt In⸗ nocenz der Dritte dieſe Schenkung ſpaͤterhin beftätigt ), ſetzte —— 1) Vertot Histoire de l’Ordre de M toire de l’Ordr, Teut. T. I. p. 9. 2) Schütz p. 16 und Henneberger de veter. Pruss. erwäh⸗ nen, daß Hermann Barth bei der Belagerung von Tripolis toͤdtlich verwundet und in Fol ge deſſen bald nachher in Jeruſalem geftorben fen. Es liegt indeſſen in dieſer Angabe ein Mißverſtaͤndniß, worüber ſich ſchon die IIistoire de POrdre Teut. I. c. hinlänglich erklärt hat. 3) Raynald. Annal. Eccles. T. XIII. an. 1210 Nro. 34. In- nocent. III. Epistol. L. XIII. 119. 4) Dieſe Beſtätigungs⸗urkunde befindet ſich in Abſchrift im großen Privilegienbuche des geh. Archivs. Als den Gegenſtand der Beſchenkung des Königes nennt der Papſt Castellum Amudam et Casale sibi 1 dens in der auch des Ko althe T. I. p. 311. His-
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64 Streit über den Ordensmantel. der Meiſter zur Verwaltung dieſer neuen Ordensbeſitzung eis nen Komthur in jene Burg ). So ſehen wir auch hier wieder die Deutſchen Ordens⸗ Ritter dem Orden der Tempeler gegenuͤber ſtehen. Es herrſchte uͤberhaupt aber zwiſchen beiden ſchon laͤngſt eine gewiſſe feind⸗ liche Spannung, die vielleicht daher entſtanden war, weil ſich der Deutſche Orden in allen Verhaͤltniſſen mehr an den Jo⸗ hanniter⸗Orden, den alten Gegner der Tempeler, anſchloß. Neue Nahrung fand dieſer feindliche Geiſt ſchon unter dieſem Meiſter auch uͤberdieß noch durch einen Zwiſt beider Orden wegen ihrer Ordenskleidung. Sogleich bei ſeiner Stiftung war, wie fruͤher erwaͤhnt, den Deutſchen Ritterbruͤdern der weiße Mantel mit einem ſchwarzen Kreuze als Ordenskleid zuerkannt und von Clemens und Coͤleſtin dem Dritten auch wirklich beſtaͤtigt worden 2). Der Tempel⸗Orden, welcher immer ſchon das naͤmliche Ordenskleid getragen, hatte darin um ſo weniger eine Beeintraͤchtigung ſeines Rechtes geſehen, weil ja überhaupt auch feine Regel und Verfaſſung bei der Stiftung des Deutſchen Ordens mit zur Grundlage gedient hatte, und fo lan ge die Deutſchen Brüder noch ohne beſondere Theilnahme und Gewicht in den Verhaͤltniſſen der beiden an⸗ dern Orden dage ſtanden, war die Sache von den Tempelern unberuͤckſichtigt geblieben. In den letzteren Jahren dieſes Mei⸗ ſters aber, als der Deutſche Orden durch ſein naͤheres An⸗ ſchließen an die Johanniter den Tempelern gegenuͤber trat, fanden dieſe auch in der bisherigen Ordenskleidung der Deut⸗ ſchen Ritterbruͤder einen Anlaß zum Zwiſte. Sie wandten ſich mit der Klage an den Papſt Innocenz: daß die Ans nahme ihres Ordenskleides durch die Deutſchen Ordensritter adherens de Sespin, quoque de Buchecia et de Am casalia cum ierris, aquis etc. Das Datum biefer Bulle iſt: Rome apud S. Petrum, Kalend. Marcii pont. nostri anno sexto decimo. 1) Dieſes iſt auch der Grund, warum Dusburg P. I. c. 5 auch Armenien mit unter die Länder zählt, in welchen der Orden Beſitzun⸗ gen hatte. 2) Hieruͤber vgl. oben S. 34 und 46.
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Streit über den Drdensmantel. 65 mancherlei Verwechſelung und Unordnung erzeuge, und baten zugleich, daß jenen, weil ſie ohnedieß erſt weit ſpaͤter dieſe Ordenskleidung angenommen, der fernere Ge⸗ brauch derſelben unterfagt werden möge. Der Papſt, welcher bisher noch nie bedeutendes Intereſſe an dem Deut⸗ ſchen Orden genommen, obgleich er ihn in der naͤmlichen Weise, wie feine Vorgänger bzſtaͤtigt und in den Schutz der Roͤmiſchen Kirche erhoben hatte 9), war über die Streitſache nicht genau unterrichtet, vielleicht auch abſichtlich von den Tempelern uͤber den Stand der Dinge ungewiß gelaſſen. Er war ohne Zweifel durch das Klaggeſchrei der Tempelherren auf die Meinung geleitet worden, der Deutſche Orden habe erſt vor kurzem die Ordenskleidung der Tempeler angenommen, und gebot daher den Deutſchen Ordensrittern, dieſes Ordens⸗ leid der Tempelherren wieder abzulegen und ſich mit ihrer eigenen Ordenskleidung zu begnuͤgen ). Da jedoch der Papſt — 1) Die Beſtatigungs⸗ Bulle ſteht in Epistol. Innocent. III. L. I. 570. Das Datum ift: Laterani XI. Kal. Martii pont. nostri anno primo. De Wal Recherches T. I. p- XV. — XVI. Im Jahre 1209 ſtellte aber Innocenz noch eine zweite Beſtaͤtigungs⸗ Bulle aus, welche auch De Fall. c. ſchon anführt und im zweiten Bande feiner Recherches mittheilte; vgl. T. I. S. 369, wo eine nähere Be ſchreibung derſelben ſteht. Auch das geh. Archiv zu Koͤnigsb. beſitzt eine Abſchrift davon etwa aus dem Ende des 13ten Jahrhunderts auf Papier. Schon damals war das Original nicht mehr vorhanden, wie aus einer Bemerkung hervorgeht, die ſich bei der erwähnten Abſchrift befindet. 7 2 Nur auf dieſe Weiſe erklärt ſich das Schreiben des Papſtes an den Meiſter und die Bruͤder des Ordens in Epist. Innocent. III. L. XIII. 125 und bei Duellius p- 6, wo es beißt: Suam nobis di- le cti filit fratres militiae Templi querimoniam obtulerunt, quod cum in primordio institutionis ordinis sui eis fuerit ab aposto- lica sede concessum, ut in religionis signum milites militiae Templi albis palliis utereniur ad differentiam aliorum, vos, in confusionem ordinis supradicti, nuper alba pallia portare coepistis. Nolentes igitur ut ex hoc inter vos et ipsos ae- mulationis seu discordiae maleria suscitetur, praesentium vo- bis auctoritate praecipiendo mandamus, qualinus vestro con- II. 5
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66 Streit über den Ordensmantel. die Sache felbft nicht klar faſſen konnte, fo erhielt von ihm zus gleicher Zeit der Patriarch von Jeruſalem als paͤpſtlicher Legat den Auftrag, die wahre Beſchaffenheit der Klage des Tempel Ordens genauer zu erſorſchen und dann nach ſeiner Einſicht, was heilſam und nöthig ſey, ohne weiteres feftzuftellen ). Der Patriarch, uͤber die Streitſache genauer unterrichtet, benachrich⸗ tigte hierauf den Papſt, daß den Deutſchen Ordensritter der Gebrauch des weißen Mantels als Ordenskleid von den frü- heren Paͤpſten, Innocenzens Vorgaͤngern allerdings beſtaͤtigt worden; zugleich aber ſchlug er vor, daß ſie hinfort ihre Rit⸗ termaͤntel von einer von der der Tempelherren abweichenden beſonderen Tuchgattung tragen moͤchten, um allen Streit bei⸗ der Orden zu vermeiden, und der Papſt beſtaͤtigte dann auch dieſe Anordnung ). tenli habitu existentes, huiusmodi alba pellia quae, sicut prae- missum est, in signum religionis concessa fuerunt Templariis antedictis, nullatenus deferatis. 1) Epist. Innocent. III. L. XIII. 126, wo es heißt: Frater- nitati tuae per apostolica scripta mandamus, quatinus irguisita plenius et cognita veritate, id super hoc statuas appellatione remola, quod religioni pariter et saluti videris expedire, fa- ciens quod statueris per censuram ecclesiasticam firmiter ob- servari. Es geht hieraus ziemlich deutlich hervor, daß der Papſt, in⸗ dem er den Deutſchen Ordensrittern ſchrieb: nuper alba pallia por- tare coepistis, entweder in dem Klagſchreiben der Tempeler einiges nicht recht verſtand oder durch eine irrige Angabe der neidiſchen Ankläs ger falſch berichtet wurde. Den weißen Mantel trugen ja die Deutſchen Ordensritter ſeit ihrer Stiftung und nur das rothe und ſchwarze Kreuz unterſchied beide Orden. 2) Die paͤpſtliche Beſtaͤt gungs⸗Bulle ſteht im großen Privilegienbuche. Die Hauptſtelle heißt: Ea propter dilecti in domino ſilii vestris justis postulationihus inclinati statutum, quod de mantellorum dispositione alborum, super quibus dilectos filios Magistrum et fratres milicie templi senciehatis infestos, licet ipsorum mantellorum usus a quibusdam nostris predecessoribus roma- nis pontificibus vobis exliterit conſirmatus et deferendis pul- liis iam a vobis quam successoribus vestris amodo de stan- forti, a venerahili fratrr nostro Al. Thrlilani patriareba apo- stolice sedis legato inter vos et lemplarios supradictgs pro
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Hermann Barth ſtirbt. 67 Dieſen Ausgang des Streites aber erlebte der Meiſter Hermann Barth nicht mehr, denn nachdem er ſein Meiſter⸗ amt kaum vier Jahre lang verwaltet und ſich im Streben fuͤr ſeines Ordens Aufnahme und Erhebung, wie nicht minder in ſeinem Eifer um die Krankenpflege und durch feine Tapfer⸗ keit allgemeine Achtung erworben, ſtarb er, wie es ſcheint, in Folge ſeiner ſchweren Verwundung in der Schlacht gegen den Sultan von Iconium am zwanzigſten Maͤrz des Jahres 1210 und wurde in der Ordenskirche zu Akkon bei den vorigen Meiſtern beigeſetzt ). bono pacis firmalum auctoritate vobis apostolica conſirmamus et presentis seripli patrocinio communimus. Dat. Laleran. V. Kalend. Augusti p. n. anno quarto decimo. Diefen Streit beſchreibt ziemlich weitläuftig De Mul Recherches T. I. p. 2 — 4. 1) Die Chroniſten weichen in ihren Berichten uͤber den Tod dieſes Meiſters ſehr von einander ab. Dusburg P. I. c. 4 ſagt: praefuit mullis annis et mortuus est XIII. Kal. Aprilis (20. Maͤrz) se- pultusque est Achon. Ueber die Regierungsjahre war alfo dieſer Chroniſt nicht gewiß. Lindenblatt S. 359 aber giebt vier Regie⸗ rungsjahre an; eben fo Stegemanns Chron. S. 4. Tidemanns Chron. S. 28. Auch die Histoire de P'Ord. Teut. T. I. p. 97 nimmt den 20ſten März 1210 als die richtige Angabe an und dieſer iſt Bachem gefolgt, obgleich der Nekrolog Liber Annivers. bei De al Becherches T. II. p. 247 den 2ten Juni angiebt. Schütz p- 16 läßt dagegen dieſen Meiſter bis zum 20ſten März 1211 regieren, ihn in der Belagerung von Tripolis ſtark verwundet werden und in Jeruſalem ſterben. Dieſe Angabe aber hat ſchon die Histoire de l'Ord. T. T. I. p. 94 — 97 zur Genuͤge aufgehellt. Jaenichii Mceletemata Thorunens. p. 194.
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Zweites Kapitel. Alis nach des letzten Meiſters Tod die Bruͤder des Ordens zur Wahl eines neuen Hauptes zuſammentraten, ſiel einmuͤ⸗ thig die Stimme der berufenen Ritter auf den tapferen und edlen Ordensbruder Hermann von Salza, ſeines Stammes aus Thuͤringen, wo das Geſchlecht der Edlen von Salza, reich beguͤtert und hochgeachtet, ſchon ſeit langen Zeiten ge⸗ wohnt und von da aus ſich weit verzweigt hatte ). Wahr: ſcheinlich war Hermann ein Sohn jenes Burchards von Salza, der um das Jahr 1162 als einer der aͤlteſten Ahnherren ſei⸗ nes Geſchlechtes zu Salza lebte ). Als kriegsluſtiger Juͤng⸗ 1) Thuͤringen war ohne Zweifel der aͤlteſte Sitz der von Salza, von wo aus ſich dann Zweige des Stammes nach Sachſen, Boͤhmen, Schleſien, in die Laufiß und andere Länder verbreiteten. S. Falken⸗ ſteins Thuͤring. Chronik S. 958. Sagittar Hiſtor. der Herrſchaft Salza in der Sammlung vermiſchter Nachrichten zur Sächſiſch. Geſch. B. VI. 2) In den Familien der von Salza iſt die, welche ihre Stamm⸗ guͤter unfern von Nordhaufen, um das alte Dorf Salza hatte, von eis ner andern zu unterſcheiden, die ihren Stammſitz in oder bei Langen⸗ ſalza hatte. Dieſe letztere war das Stammgeſchlecht unſeres Hermann von Salza. Jenes Dorfes wird ſchon in einer Urkunde Carls des Großen 802 erwähnt. ſ. Schultes Director. diplomat. B. I. H. I. S. 12. Aber auch die Beſitzung dieſer Familie kommt ſchon im Jahre 932. vor und wird Salzaha genannt, Schultes d. q. O. S. 33. Manche aber fuͤhren auch dieſes Geſchlecht bis in die Zeit Carls des Großen zuruͤck, ſ. Falkenſteins Thuͤring. Chron. S. 958. Bur⸗ chard von Salza iſt einer der aͤlteſten, die man in der Geſchichte
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Hermann von Salza. ‘ 69 ling, den die Sehnſucht nach dem heiligen Lande und das Verlangen nach ritterlichem Ruhme in Kämpfen gegen die Ungläubigen vom heimischen Boden hinwegtrieb, war er wohl ſchon init dem Landgrafen Hermann von Thuͤringen im Jahre 1196 nach dem Morgenlande gezogen) und bald darauf in den Deutſchen Orden getreten. Durch feine Tapferkeit ſoll er ſich nachher, doch nach unverbuͤrgten Nachrichten, die Wuͤrde des Ordensmarſchalls erworben haben ). Da ahnete keiner, welche große und glückliche Zeit für den Deutschen Orden mit dem Tage begann, an welchem dieſer jugendliche, ritterliche Held zum oberſten Meiſter der dieſer Familie nennen kann. Er kommt als Zeuge in einer Urkunde vom Jahre 1162 vor, welche die Verbeſſerung des Kloſters Homburg in Thüringen betrifft, worüber ſeit alter Zeit die von Salza das Vog⸗ teirecht hatten, ſ. Schultes I. c. S. 161, Falkenſtein a. a. O. Im Jahre 1174 kommen als Zeugen in einer Urkunde die drei Bruͤder Hugo, Günther und Hermann von Salza als Miniſterialen des Landgrafen Ludwigs III. von Thüringen vor, ſ. Thuringia sacra p. 95. Schannat Vindem. litt. T. I. P. 117 im Chartar. Rein- hartsborn., wo die Brüder mit aufgezeichnet ſtehen, welche Schultes B. II. H. I. S. 244 weggelaſſen hat. Es iſt kaum ein Zweifel, daß dieſes Söhne Burchards von Salza ſind und daß der genannte Her⸗ mann als der jüngfte Sohn der nachmalige Meiſter des Deutſchen Or⸗ dens iſt. Im J. 1179 kommt unter den Zeugen einer Urkunde bei Schultes B. II. H. I. S. 267 auch ein Walther von Salza vor; es iſt aber nicht zu ermitteln, ob er zu Hermanns Verwandten gehörte. Eben ſo iſt es mit Gottfried von Salza, der ſich Miniſterial des Gra⸗ ten Berthold zu Henneberg nennt und ums Jahr 1183 lebte; Schultes a. a. O. S. 297. Falkenſtein a. a. O. führt feine Nachrichten nicht hoͤher hinauf, als bis zu Hermann von Salza und nimmt ſie aus Venator. Auch zur Zeit unſeres Herrmanns kommt im J. 1237 noch ein Hermannus de Salza als Ministerialis Domini Landgravii vor; ſ. Thuringia Sacra p. 112. 1) Mit dem Landgrafen Ludwig dem Milden kann Hermann ſchwerlich ins Morgenland gezogen ſeyn; er wuͤrde dann gewiß in dem Gedichte über Ludwigs Kreuzfahrt unter den Waffengefährten genannt ſeyn; ſ. Wilken B. IV. Beil. S. 22 ff. 2) Es ſtuͤtzt ſich dieſe Nachricht nur auf Simon Grunau Fr. V. c. S. $ 1. Erläut. Preuſſ. B. II. S. 389. Histoire de POrd. T. T. I. p. 100.
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70 Hermann von Salza. Deutſchen Bruͤder erkoren ward. Seine Tapferkeit im Kampfe, ſein reiner, adeliger Sinn, die Achtung und Liebe ſeiner Or⸗ densbruͤder und die gewiſſenhafte Strenge in Erfuͤllung ſeiner Ordenspflichten hatten ihn bis dahin emporgehoben, wo er als Haupt des Ordens nun ſtand und wo er ſtehen mußte, um der Fülle feines Geiſtes durch ein vieithaͤtiges und hoch⸗ ſtrebendes Leben in ſeinem Kreiſe zu genuͤgen. Und gewiß war dieſer Geiſt durch ſeine Zeit mit geweckt worden. Es war eine große Zeit, in welcher Hermann daſtand, die Zeit, in welcher Kaiſer und Könige, Fuͤrſten und Ritter der Dicht⸗ kunſt durch ihre Gunſt und Liebe, wie nicht minder durch ihre eigenen Schoͤpfungen und Werke huldigten, in welcher Kaiſer Heinrich der Sechste, Friederich der Zweite, Manfred, Conradin und andere aus koͤniglichem Gebluͤte als Dichter glaͤnzten, in welcher die Fuͤrſtenhoͤfe minder durch eitlen Prunk und Tand, als durch die Liebe zur Dichtkunſt und zum Ge⸗ ſange dem Volke vorſtrahlten und in allen Gauen des Vater⸗ landes das Deutſche Lied die Seele erweckte, erwaͤrmte und zu Thaten hinriß. Und Hermann von Salza war in einem Lande geboren, wo ſeit alten Zeiten und bis auf dieſen Tag in Wald und Thal Geſang und Klang ertoͤnte. Schon da⸗ mals uͤbertrafen in der Liebe zum Geſange wenige Fuͤrſten⸗ hoͤfe den der Landgrafen von Thuͤringen, an welchem die be- ruͤhmten Wettgeſaͤnge erklangen, wo man den Dichterkrieg auf der Wartburg vernahm ), wo mit der Dichtkunſt ſich der Rittergeiſt vermaͤhlte, wo fort und fort ſich eine Menge Deut⸗ ſcher Edelknaben zuſammenfand, um feine Sitte und Ritter⸗ dienſt zu erlernen, wo Deutſcher Geſang und Deutſcher ritter⸗ licher Geiſt den Geiſt edler Deutſcher Juͤnglinge durchdrang und emporhob und wo die Feier großer Thaten im Munde der Saͤnger auch die Luft und den Durſt nach großen Tha⸗ ten im Leben in der jugendlichen Bruſt erweckte. In dieſer Zeit und in ſolchen Umgebungen in dem fang- reichen Thuͤringen war Hermann von Salza gebildet und auf⸗ 1) Vgl. „von der fenger krige zu Warperg“ (Wartburg) in Horte Chron. Thuring. ap. Mencken T. II. p. 1697 — 1698.
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Hermann von Salza. mil gewachſen. Keiner vermag zu fagen, welche Wirkungen in Hermanns jugendlichem Geiſte die Anklaͤnge der Ruhmgeſaͤnge auf ritterliche Könige, Fuͤrſten und Helden, welchen Einfluß das Zuſammenſeyn mit den erſten Rittern feines Landes an des Landgrafen feingeſittetem Hofe auf feine Bildung und welche Anregung die Naͤhe gefeierter Helden und Sieger beim Turniere und im Ritterſpiele, die man zur Zeit in Thuͤringen hielt, auf ſeinen Charakter, auf ſein Wollen und Streben ge⸗ babt haben mögen: — vielleicht aber daher beſonders in Hermanns Geiſt der ritterliche Edelmuth, die adelige Grüße in That und Geſinnung, die reine ritterliche Sittlichkeit, die Hoheit der Gedanken und aller ſeiner Beſtrebungen, der ju⸗ gendliche Feuereifer im Edlen und Erhabenen und doch dane⸗ ben das feſte und maͤnnliche Verharren in ſeinen Entwuͤrfen, die ſtille Bedaͤchtigkeit in feinen Planen, die ruhige Entſchloſ⸗ ſenheit in Gefahr, die kluge Maͤßigkeit im Glücke, die große Kunſt, die Menſchen leicht fuͤr ſeine Zwecke und Beſtrebun⸗ gen zu gewinnen, ſeine reiche Erfahrung und ungemeine Ge⸗ wandtheit in dem Weltleben und die Geſchmeidigkeit im Be⸗ nehmen, durch welche er ſich den Kaiſer, den Papſt und die Fuͤrſten zu vertrauensvollen Freunden gewann. So ſteht Her⸗ mann ſchon in den erſten Jahren ſeines Meiſteramtes da und fo geht er durch fein ganzes Leben Y). Mit dieſen Tugenden ſtand Hermann von Salza nun an der Spitze des Ordens und eine neue Zeit begann fuͤr 1) Keine Chronik, welche dieſen Meiſter nicht nach ihrer Weiſe rühmt. Dusburg P. I. c. 5 ſagt von ihm: Hic fuit facundus, af- ſabilis, sapiens, circumspecius, providus ei in factis suis om- nibus gloriosus. Darnach ſingt von ihm Jeroſchin: Un viel Genaden Priſe Geſpraͤche und wiſe Vorbeſichtig, minneſam, Geretig und auch eheſam, Was er an alle ſine That. Die Ordens-Chron. S. 18: „Er was eyn from, verſtaͤndig, weyſe Mann, wolberedt, gottfuͤrchtig, eines erbaren Lebens, hochangeſe⸗ hen beym Babſt und beym Kaiſer.“
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72 Hermann von Salza. deſſen Bluͤthe. Sie begann vorzuͤglich aber durch ſeinen Geiſt. Man hat gemeint, daß beim Antritte ſeines Meiſteramtes die Zahl der Ordensbruͤder hoͤchſt gering geweſen ſeyn müffe und daß die erlittenen Verluſte in den Kaͤmpfen mit den Unglaͤu⸗ bigen den Orden überhaupt faſt ganz wieder vernichtet hätten?) denn als Hermann die Meiſterwuͤrde uͤbernommen, ſoll er den Wunſch erflärt haben: „Er wolle dis eine feiner Augen dar⸗ um geben, wenn waͤhrend ſeines Meiſteramtes der Orden auch nur zehn ſtreitruͤſtige Ritter aufzuſtellen habe 2).“ Iſt wirk⸗ lich dieſes Wort damals von Hermann geſprochen worden, fo hatte es offenbar eine andere Beziehung, denn die ganze Ge⸗ ſchichte des Ordens dieſer Zeit ſetzt eine viel größere Zahl von Ordensrittern voraus 2). In der erſten Zeit waren freilich die Verhaͤltniſſe der Welt wie im Abendlande, ſo im Morgenlande dem Empor⸗ kommen des Ordens auch jetzt noch nichts weniger als guͤnſtig. In Deutſchland herrſchte zwar nach Philipps von Schwaben Ermordung (1208) Otto der Vierte als anerkannter Koͤnig; allein die in dem Zwieſpalte und im Hader verwilderten Ge⸗ muͤther waren noch keineswegs beruhigt, die geſchlagenen Wun⸗ den noch nicht geheilt und das Feuer der Parteiſucht zwiſchen den Welfen und Hohenſtaufen glimmte im Stillen noch fort 1) Auch die Histoire de I'Ord. Teut. T. I. p. 97 vermuthet es. 2) So bei Dusburg P. I. c. 3. 3) Gar nicht unwahrſcheinlich iſt, was De Mal in den Tiecher- ches T. I. p. 387 hierüber in folgenden Worten fagt: II semble, que les statuts des Templiers peuvent aider à comprendre le mo- tif du souhait attribué à Salza. Les Templiers avoient toujours dix chevaliers sous les ordres du Commendeur de Jerusalem, destinés ä escorter les Pelerins, qui alloient visiter les rives du Jourdain: il en eloit probabiement de m&me dans l’Ordre Teutonique, qui s’acquitta du devoir de l’escorte des Pelerins de maniere à mcriter les éloges du chef de l’Eglise. — II etoit sans doute plus urgent de combaltre les Sarazins et les payens, que d’escorter les Pelerins; mais Salza ne vouloit ndgliger au- cun de ses devoirs, et il est probable, que c’eioit ce dernier objet qu’il avoit en vue, quand il a fait le souhait, qu’on lui altrıbue.
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Verpflanzung d. Deutſch. Ordens n. Deutſchland. 73 und ſort. Ohnedies war Otto bald auch viel zu ſehr in Ita⸗ lien beſchaͤftigt, als daß er an den Verhaͤltniſſen des Morgen⸗ landes hätte Theil nehmen koͤnnen. Sein Streit mit dem Papſte zog vollends jeden Gedanken vom heiligen Lande hin⸗ weg. Auch brachen ſchon im Jahre 1211 die Unruhen im Vaterlande von neuem aus ). Unter ſolchen Verhaͤltniſſen aber, da alles im Reiche wankte und ſchwankte, blieb jeder gerne in der Heimat zur Sicherung von Haus und Herd. Und wen dieſe nicht ſeſſelte, wer Ruhm im Kampfe gegen die Heiden und Verdienſte um die Kirche ſuchte, dem boten die damals gerade gepredigten Kreuzzuͤge gegen die Unglaͤubigen im Norden, beſonders in Livland 2), oder die vom Papſte ſelbſt gebotenen Kriege gegen die ketzeriſchen Albigenſer reiche Gelegenheit zum Streite dar. Daher kam es, daß auch vorerſt nur wenige im Abend⸗ lande des Deutſchen Ordens mit milder Hand gedachten. Doch erfolgten hie und da auch jetzt wieder einzelne neue Anpflan⸗ zungen ). So geſchah, daß ein edler Ritter im Gebiete des Herzogs Leopold von Oeſterreich, Otto von Galprunne den Bruͤdern des Deutſchen Hauſes im Jahre 1210 eine Beſitzung in Hengelshagel verlieh, die erſte in den Oeſterreichiſchen Lan⸗ den und die aͤlteſte Grundlage der ſpaͤteren dortigen Ballei ). Einige Jahre nachher beſchenkte auch Friederich der Zweite als Koͤnig von Sicilien den Orden mit der Beſitzung Tuſſano bei Salerno; der erſte Beweis ſeiner beſonderen Zuneigung zu den Deutſchen Ritterbruͤdern, ſo klein der neue Beſitz auch immerhin war s). — Schon zehn Jahre vor Hermanns Mei⸗ 1) S. Raumer B. III. S. 167. 2) Heinrich der Lette an. 1210. p. 75. an. 1211. P. 84. 3) Meichelbeck IIistor. Frising. T. II. p. 3 ſetzt alſo faͤlſch⸗ lich die erſte Anpflanzung des Ordens in Deutſchland ins Jahr 1227. 4) Die Beſtätigungs⸗Urkunde des Herzogs Leopold von Oeſterreich f. bei Duellius P. III. p. 53. 5) Wir haben darüber nur noch die Beſtätigungs⸗Bulle des Pap⸗ ſtes Innocenz III im großen Privilegienbuche (im geh. Archive), wo es beißt: Magistro et ſratribus hospitalis ibeat. de Accon- Casale,
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74 Verpflanzung d. Deutſch. Ordens n. Deutſchland. ſterthum hatten Deutſche Ordensbruͤder auch eine Stiftung zur Krankenpflege in Halle an der Saale gegruͤndet, indem ihnen dort der Erzbiſchof von Magdeburg am weſtlichen Theile der Stadt einen freien Raum zum Aufbau eines Ho⸗ ſpitals verliehen). Bald ward daneben auch eine Kapelle aufgerichtet und der heiligen Kunigunde geweiht, wo Deutſche Ordensgeiſtliche den Gottesdienſt beſorgten. Die Stiftung hob ſich, vom Geiſte der Zeit getragen, bald mehr und mehr empor. Schon im Jahre 1204 gab ihr der Biſchof Volrad von Halberſtadt auch die Pfarrkirche in Zoͤrben ein und wies den Ordensgeiſtlichen, die dort den Gottesdienſt hielten, auch den Zehnten der Kirche zu ). Nachdem das Hoſpital, das Deutſche Haus bei Halle genannt, ſich Anfangs durch Kauf auch feften Guͤterbeſitz erworben, ward es beſonders in der Zeit des Meiſterthums Hermanns von Salza durch Beſchen⸗ kungen mehr und mehr bereichert). Auch dieſe Anpflan⸗ quod dicitur Tussanum situm inter Salernusı et Ebirlum cum hominibus, possessionibus, lenimentis et omnibus pertinenciis suis a carissimo in Cristo filio nostro F. Sicilie rege illustri hospitali vestro pia liberalitate collatum — confirmamus. Da- tum Rome apud S. Petrum X Kalend. May pont. nostri anno XVII. 1) Die Urkunde in Zudewig Reliquiae Manuscript. T. V. p. 90. Dreyhaupt Beſchreib. des Saalkreiſes B. I. S. 831. 2) Eudewig Reliqu. T. V. p. 88. Auch im 15ten Jahrhundert ſteht Halle noch mit im Verzeichniſſe der Ordensbeſitzungen der Ballei Thuͤringen. Es hielten ſich dort drei geiſtliche Ordensbruͤder auf. Y Durch Kauf erhielten die Ordensbruͤder in Halle vom Benedic⸗ tiner⸗Kloſter in Memleben deſſen Gut in Zoͤrben; Urkunde bei Lade- wig T. V. p. 88; ferner eine Beſihung in Graͤfendorf bei Schafftäht von zwei Minifterialen des Landgrafen Hermann von Thüringen im J. 1203; Urkunde bei Ludewig ib. p. 118. Durch Schenkung ber kamen ſie im J. 1216 durch den Burggrafen Hermann von Magdeburg von den Guͤtern der jungen Herren von Querfurt, deren Vormund Hermann war, ein Beſitzthum in Reideburg; Urkunde bei Ludewig ib. p. 104; ferner im J. 1217 durch jene jungen Herren von Quer⸗ furt ſelbſt zwei Wälder beim Docfe Horenberg; Urkunde bei Ludewig ib. p. 91. Dreyhaupt J. c. p. 828.
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Verpflanzung d. Deutſch. Ordens n. Deutſchland. 75 zung des Deutſchen Ordens gehoͤrte mit zu den erſten in dieſen Gegenden; doch gab es damals ſchon einen Pfleger der Ordensguͤter im Thuͤringerlande ). — Eine aͤhnliche Stif⸗ tung entſtand in dieſen Jahren auch zu Koblenz, hier eben⸗ falls die erſte Grundlage der nachmaligen Komthurei. Schon ſeit länger als hundert Jahren ſtand, durch den Erzbiſchof Bruno von Trier geſtiftet 2), bei der S. Florinskirche zu Kob⸗ lenz ein Hoſpital fuͤr arme Kranke, lange Zeit durch mild⸗ thaͤtige Gaben erhalten. Bis zum Jahre 1216 aber war es in ſolchen Verfall gekommen, daß ſein Untergang unvermeid⸗ lich bevorſtand. Da uͤbergab es der Erzbiſchof Dieterich von Trier mit Zuſtimmung des Kapitels von S. Florin zu beſſe⸗ rer Pflege der Armen den Bruͤdern des Deutſchen Ordens, wies ihnen alle Guͤter und Renten zu, welche fuͤr die Pflege der Kranken beſtimmt waren und gründete in folder Weiſe das Deutſche Haus zu Koblenz ). — Aehnlich war die Stif⸗ tung, zu welcher der Erzbiſchof Eberhard von Salzburg und ſein Kapitel dadurch den Grund legten, daß ſie dem Deut⸗ ſchen Orden das Hospital zu Freiſach und den an das Schioß Freiſach gehenden Zehnten von allen Lebensmitteln vergaben *). Waͤhrend ſonach der Deutſche Orden im Abendlande ſich 1) Dieſer Pfleger in Thuͤringen ſcheint ſchon zwiſchen den Jahren 1200 und 1202 angeordnet worden zu ſeyn, denn in dem letzteren Jahre kommt er ſchon unter der Benennung Provincialis Thuringiae vor bei Zudewis T. V. p. 88. Im Jahre 1250 heißt er aber ſchon Commendator Thuringiae et Saxoniae; ib. p. 113. Er ſetzt alſo auch ſchon Ordensguͤter in Thuͤringen im Anfange des 13ten Jahr: hunderts voraus. 2) Günther Cod. diplom. T. I. p. 166. 3) Die näheren Umftände findet man in der Urkunde bei Günther Cod. diplom. T. II. p. 121; eine alte Copie des Diplomes ſteht im großen Privilegienbuche im geh. Archive, welche jedoch die falſche Jahr⸗ zahl 1206 hat. Dieſes hat Kotzebue B. 1. S. 365 auch verleitet, ſie für älter auszugeben, als fie if. Wirklich beſaß nach Günthers Der merkung das Deutſche Haus in Koblenz bis in die neueſten Zeiten noch mehre von den in der Urkunde genannten Guͤtern. 4) Die paͤpſtliche Beſtaͤtigung hierüber in Epistol. Innocent. III. T. II. p. 822.
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76 Beguͤnſtigung des Deutſchen Ordens. weiter und weiter verzweigte, waren die Verhaͤltniſſe des Mor⸗ genlandes mittlerweile im Weſentlichen nicht beſonders veraͤn⸗ dert worden. Zwar war durch die Ankunft Johanns von Brienne ein neuer König an die Spitze getreten, aber ein Koͤnig ohne weitere Macht und ohne ein eigentliches Koͤnig⸗ reich. Die geringe Begleitung von nur dreihundert Gewapp⸗ neten, mit welcher er dort erſchien, gab den Unglaͤubigen nur neuen Muth und machte ſie ſo kuͤhn, daß der Tuͤrkiſche Fuͤrſt Corradin ) während Johann von Brienne fein Kroͤnungsfeſt zu Tyrus feierte, mit einem maͤchtigen Heere vor Akkon zog, in der Naͤhe der Stadt auf dem Berge Tabor eine feſte Burg erbaute und von hier aus Akkons Bewohner ſo bedraͤngte und beaͤngſtigte, daß es kaum einer wagen konnte, vor den Tho⸗ ren zu erſcheinen 2). Auch fuͤr die Ritterorden waren es die traurigſten Tage, die ſie im Morgenlande erlebt hatten, denn Akkon, ihr Hauptſitz, ohnedies vor wenigen Jahren durch ein großes Erdbeben ſchrecklich zerruͤttet und in ſeinen Befeſtigungs⸗ werken erfchüttert ), ſchien unwiederbringlich verloren, wenn nicht bald aus dem Abendlande neue Huͤlfe herbeikam. An dieſer Huͤlfe aber arbeitete der Papſt Innocenz der Dritte ſeit dem Jahre 1213 mit wahrem Feuereifer. Unter den mancherlei Mitteln, die man aufbot, theils um für die Errettung des chriſtlichen Morgenlandes in den Gemuͤthern der Menſchen neue Theilnahme zu erwecken, theils um fuͤr ſeine Erhaltung in ihm ſelbſt eine ſtarke, feſtſtehende, zum Kampfe dort immer ſelbſt geruͤſtete Kriegsmacht zu bilden, war auch die Beguͤnſtigung, Erhebung und Bereicherung der dortigen Ritterorden. Je mehr die Geſchichte der letzten Jahrzehnte ge⸗ zeigt hatte, was dieſe ritterlichen Orden durch ihren Geiſt, 1) Sein eigentlicher Name war Moattam; Corradin nannten ihn die Abendländer. Er war der Bruder Sultans Kamel. 2) Sanut. L. III. P. XI. c. 5: Ex tunc vero quasi obsessi essent in Ptolomayda peregrini nunquam amplius exicrunt, non Rex, non Baro, non cruce signalus. Epistol. Innocent. T. II. L. XV. 2. p. 753. 3) Guil. de Nangis p. 20: Magna pars urbis Acconensis cum palatio Regis corruit et populus multus periit.
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Begunſtigung des Deutſchen Ordens. 77 durch ihre Tapferkeit und durch ihre Kriegsuͤbung gegen den Chriſtenfeind wirken konnten, um fo reger und allgemeiner ward der Gedanke, daß ſie ſtets den naͤchſten Schutzwall, den eigentlichen Kern der chriſtlichen Kriegsmacht im heiligen Lande bilden müßten, an welchen ſich die hinuͤber kommenden Pilgerhaufen anſchließen und die noͤthige Richtung in der Uns wendung ihrer Streitkräfte finden koͤnnten. Das Abendland aber mußte den Ritterorden immer auch reiche Mittel zu ihrer Verſtaͤrkung und Vergrößerung darbieten. Daher geſchah, daß Kaiſer Otto der Vierte im Jahre 1213 nicht nur alle Guͤter, Beſitzungen und ſonſtiges Eigenthum des Deutſchen Ordens im ganzen Umfange des Roͤmiſchen Reiches unter ſeinen kai⸗ ferlichen Schutz nahm, ſondern auch geſtattete, daß jeder freie Lehnsmann, Miniſterial oder wer ſonſt vom Reiche Guͤter zu Lehen trage, etwas von dieſen Guͤtern in Betracht der frommen Verdienſte den Deutſchen Ordensrittern uͤbergeben oder auch verkaufen konne. Zugleich aber ward vom Kaiſer auch verordnet, daß jeder, der den Orden in ſeinem Eigen⸗ thum beſchwere oder ihm Schaden und Unrecht zufuͤge, einer Geldbuße von hundert Pfund des reinſten Goldes unterliegen ſolle, wovon dem Orden die Hälfte anheim falle ). Ohne Zweifel aber hatte Kaiſer Otto durch dieſe Beguͤn⸗ ſtigung des Ordens ſich zugleich auch deſſen Treue und Ge⸗ neigtheit nur noch mehr verſichern wollen, denn gerade in die⸗ ſer Zeit ſuchte er fuͤr ſein ſinkendes Anſehen im Reiche der 1) Die urkunde hierüber ſteht bei Duellius Selecta Privileg. Nro. XII. p. 11 und iſt datirt: Apud Nürenberg anno dom. M. CC. XIII. VI Idus May (10 May) Indict. XV. Die wichtigſte Stelle heißt: Eidem Domui et Fratribus, qui Deo illic famulan- tur, concedentes et indulgentes, ut quicunque Liber Homo, aut ministerialis vel cuiuscumque condilionis fuerit, aliquid de his bonis, quae ab Imperio tenet, divinae remunerationis intuitu eis tradere aut etiam vendere voluerit, plenam de hoc et liberam habeat facultatem, ipsam donationem ratam baben- tes et Imperiali confirmanies auctoritate. ©. Hiſtoriſch- diplomat. unterricht und gründliche Deduction von des D. Ordens Immedietät. Beil. Nro. I.
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78 Friederich der Zweite und Hermann von Salza. Stuͤtzen ſo viele, als er nur irgend finden konnte. Und den⸗ nach war ſeine dunkele und ſchauerliche Macht, unter Blut und Leichen erworben, auf Trümmern aufgebaut und unter Haͤrte und druͤckenden Geboten befeſtigt, ſofort gebrochen und darniedergeworfen, als das freundliche und hellglaͤnzende Ge⸗ ſtirn des dreizehnten Jahrhunderts am Deutſchen Himmel auf⸗ ging, als der koͤnigliche Juͤngling Friederich der Zweite aus Italien kommend unter ſeinen Deutſchen erſchien mit einer Herablaſſung und freundlichen Milde, daß ihm bald Aller Liebe und Aller Herzen zufielen. Und an ihm fand auch der Deutſche Orden ſeinen groͤßten koͤniglichen Goͤnner und Be⸗ ſchuͤtzer. Mag es ſeyn, daß Friederich und Hermann von Salza bei irgend einer Gelegenheit, deren die Geſchichte nicht erwaͤhnt hat, ſich perſoͤnlich kennen, achten und lieben lern⸗ ten, oder daß zwei Männer, fo gleichartig in der Größe ihrer Beſtrebungen und in dem Adel ihres Geiſtes, ſo nahe ver⸗ wandt in Geſinnung und Gefuͤhl, beide ſo klar in ihren Ge⸗ danken uͤber ihre Zeit, das Leben mit ſo hellem Blicke durch⸗ ſchauend, beide ſo feuereifrig in ihrem Wollen und Streben, und auf der hohen Stelle, wohin das Schickſal ſie erhoben, fo raſtlos thätig mit der ganzen Kraft ihres Willens, ſich gegenſeitig auch bald hochachteten und lieb gewannen, auch ohne ſich geſehen zu haben, oder mag es ſeyn, daß andere Verhaͤlt⸗ niſſe, deren Erinnerung die Zeit vertilgt hat, beide Maͤnner einander naͤher brachten: — kaum erſchien Friederich auf dem Deutſchen Throne, als er als Goͤnner und Freund Hermanns von Salza auf jede Art zu beweiſen ſtrebte, wie hoch er den Meiſter in dem Orden und nicht minder den Orden in dem Meiſter ehrte und achtete. Schon im Beginn des Jahres 1214 verlieh er dem Orden mit koͤniglicher Huld nicht bloß dieſelbe Beguͤnſtigung, die ihm im Jahre zuvor der Kaiſer Otto ertheilt hatte ), ſondern er gab ihm außerdem auch das wichtige ausgezeichnete Vorrecht, daß der jederzeitige Meiſter 1) Duellius Selecla Privileg. Nro. XVII, wo Friederich als Kaiſer (1223) beſtätiget, was er als König verliehen hatte.
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Friederich der Zweite und Hermann von Salza. 79 des Ordens und oberſte Verwalter der Beſitzungen des Or⸗ dens in Deutſchland, ſo oft er an den Kaiſerhof komme, als ein Glied deſſelben betrachtet und ihm ſowohl, als einem Or⸗ densbruder mit ſechs Fuhrwerken, wie jeglichem andern Mit⸗ gliede des kaiſerlichen Hofes, alle nothwendigen Beduͤrfniſſe frei und reichlich zu Theil werden ſollten, damit in ſolcher Weiſe der Meiſter am Kaiſerhofe ſelbſt und bei den Reichsgroßen den Nutzen und die Angelegenheiten ſeines Ordens mit um ſo er⸗ ſprießlicherem Erfolge beſorgen koͤnne. Zugleich aber geneh⸗ migte Friedrich auch, daß zur Einſammlung der Almoſen und milden Gaben für die Hoſpitale beftändig zwei Ordensbruͤder Wohnung und Unterhalt am Kaiferhofe finden und mit allem aufs reichlichſte verſorgt werden ſollten ). Noch in dem nämlichen Jahre gab Friederich dem Orden durch Beſtaͤtigung aller ſeiner Beſitzungen im Vaterlande und einer neuen Beſchenkung im Elſaß ?) noch einen neuen Be⸗ 1) Das Diplom ſteht in Duellius Selecta Privileg. Nro. XIII p. 12. Sein Datum ift: Hagenowia a. d. N. CC. XIIII. X Kal. Februar. (23. Januar) indict. IV. (Ganz richtig ſcheint aber dieſe Angabe der Indiction oder des Tages nicht zu ſeyn; vgl. Rau mer B. II. S. 564 — 565). Es ſpricht ſich auch aus dieſer Urkunde ſelbſt unverkennbar die Achtung aus, welche Friederich gegen den Orden hegte, So heißt es: Nos attendentes honestatem Religionis, quae viget in Domo IIospitali S. Mariae, quae est Teutonicorum in Je- rusalem: considerantes quoque honestatem personarum illic sub domino militanlium... Manches andere, was dieſe Urkunde noch bemerkenswerth darbietet, wird fpätere Erwähnung finden. Hiſtor. Diplomat. Unterricht u. ſ. w. Beil. Nr. 2. 2) Die Urkunde hierüber befindet ſich im kleinen Privilegienbuche p. 112; es heißt darin: Quia progenitores nostri avus noster F. et dilecius dominus et pater noster Heinıicus Romanorum Im- peratores Augusti necnon et patruus noster F. illustris Swe- vorum dux ipsam domum dilexerunt et honoraverunt, Nos eorum vesligiis inherentes prefatam domum hospitalis Theu- tonicorum S. Marie pro multa honeslate eorum et religione sincere diligimus, manutenere volumus et honorare et cum omnibus suis, que nunc habent vel sunt inposterum habitnri sub nostra protectione semper esse volumus constilula. Con- firmamus quoque eidem domui omnia bona ipsius, specialiter
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80 Friederich der Zweite und Hermann von Salza. weis ſeiner Geneigtheit und ſeines eifrigſten Strebens zur Er⸗ hebung der um die leidende Menſchheit ſo verdienten Ordens⸗ bruͤderſchaft, denn in der That es war bei ihm auch religiöfer Grundſatz, es war ihm Gewiſſensſache, eine Stiftung von ſo reinmenſchlichen und heiligen Zwecken durch feine koͤnigliche Hand mehr emporzuheben und ſie mit reichlichen Mitteln fuͤr ihre ſchoͤnen Ziele auszuſtatten ). Wenige Monate zuvor hatte ja Friederich ſelbſt am Tage nach ſeiner Koͤnigskroͤnung mit vielen Fuͤrſten das Kreuz genommen und ſich zum Streite fuͤr das heilige Land verpflichtet. Dem Koͤnige ſtand in neuer Beguͤnſtigung des Ordens auch der Papſt nicht nach. Aufgeſchreckt durch das Klagege⸗ chrei um Huͤlfe aus dem Morgenlande und mit der ganzen Kraft ſeines großen Geiſtes beſchaͤftigt, dieſe Huͤlfe durch An⸗ regung eines allgemeinen Kreuzzuges und auf jede andere Weiſe zu erwirken, ſah Innocenz auch in der Erhebung des Deut⸗ ſchen Ordens ein Mittel fuͤr das Heil und die Sicherheit des heiligen Landes. Er nahm ihn nicht bloß von neuem mit Be⸗ ziehung auf das Beiſpiel ſeines Vorgaͤngers, des Papſtes autem conſirmamus sepedicte domui quedam bona, que sunt in Alsacia in villa, que dicitur Ingemarsheim, que predicie domui contulit Burkardus Lupus miles quidam per justam sen- tenciam a nobis dampnatus. — Acta sunt hec anno dom. in- carn. M.CC.XIV. Indictione II. Datum apud Augustam X Cal. Marcii. 4) Dieß ſpricht ſich deutlich in der Urkunde bei Dizellius J. c. Nr. XIV. p. 13 aus, wo es heißt: Quod nos profectui et aug- mento Hospitalis S. Mariae Teut. in Jerus. eo amplius inten- dentes, quo per ipsum sub cultu Religionis et habitu, fortius ad liberationem intenditur terrae sanclae, — praeter humani- tatis officia quae multipliciter impendunt et pauperibus et in- ſirmis in subsidium et augmentum domus eiusdem concedimus, ut quicumque aliquid de bonis imperii possidet nomine feudi, licenter ac libere quantum voluerit ex iisdem tamquam pro- prium, memorato conferre valeat Hospitali. Das Datum dieſer Urkunde iſt: In castris prope Juliacum Non. Septembr. (5 Sep⸗ temb.) a. d. M. CC. XIIII. Indict II. Hiſtor. Diplomat. Unterricht und Deduction u. ſ. w. Beil. Nr. 3.
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Friederich der Zweite und Hermann von Salza. 81 Coͤleſtin des Dritten, unter ſeinen apoſtoliſchen Schutz mit al⸗ len feinen Gütern und Beſitzungen, ſowohl ſolchen, die er be⸗ reits erworben, als auch denen, die er inskuͤnftige von Paͤpſten, Königen, Fuͤrſten und andern Wohlthätern noch er⸗ halten werde, ſondern er verlieh dem Orden auch mehre neue Vorrechte. Von den durch Ordensbruͤder ſelbſt oder auf ihre Koſten angebauten Beſitzungen und vom Futter fuͤr ihr Vieh ſollte hinfort niemand mehr den Zehnten fordern. Die Sal⸗ bung, die Einweihung ihrer Kirchen und Altäre, die Ordina⸗ tion ihrer Geiſtlichen, ſo wie alle andern kirchlichen Sacra⸗ mente ſollten forthin von dem Biſchofe der Diöcefe, fofern er mit dem Roͤmiſchen Stuhle in Gemeinſchaft ſtehe, den Or⸗ densbruͤdern unentgeltlich verrichtet werden. Jedem ſolle es frei ſtehen, bei dem Orden Begraͤbniß zu ſuchen und keiner ſolle dem letzten Willen der Verſtorbenen in dieſer Hinſicht entgegenſtehen. Jede Miſſethat und jedes Verbrechen in ei⸗ nem Ordenshauſe ward von dem Papſte aufs ſtrengſte unter⸗ ſagt und verpönt; in gleicher Weiſe auch jede Beunruhigung des Hoſpitals, jede Beeintraͤchtigung des Ordens in ſeinen Guͤtern, jede Schmaͤlerung ſeiner Beſitzungen, damit der Friede und die Ruhe des Ordens durch keinen Frevel der Welt jemals geſtoͤrt werde. In der Wahl des Ordensmei⸗ ſters ſicherte der Papſt den Brüdern völlige Freiheit zu, doch mit der Weiſung, daß keiner durch den Weg der Liſt oder der Gewalt, ſondern jeglicher ſtets durch Einſtimmung aller Bruͤ⸗ der oder des größeren und verſtaͤndigeren Theiles derſelben zur Meiſterwuͤrde gelange ). 5) Diefe in vieler Hinſicht ſehr wichtige Bulle iſt ausgeſtellt: La- terani per manum Thome sancte Romane ecclesie Subdiaconi et Notarii Neapolitani electi XII Kal. Martii Indiccione IIII. Incarn. domin. anno M. CC. XV. pontificatus vero domini In- nocentii pp. III. anno octavo decimo. (18. Februar 1215). Sie ſteht abgedruckt im Lucas David B. II. S. 204. Dort iſt in einer Anmerkung von Hennig auch ſchon Über die Autenticität dieſer Bulle das Noͤthige geſagt, wobei nur noch zu bemerken iſt, daß die Unter, ſchriften der Kardinaͤle (wie fie die Original⸗Copie des geh. Archives hat) mit denen in andern Bullen dieſes Papſtes aus feiner fpätern Zeit II. 6
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82 Paͤpſtl. Beguͤnſtigungen d. Deutſchen Ordens. Es geſchah aber noch in demſelben Jahre 1215, daß In⸗ nocenz ein allgemeines Concilium nach Rom berief. Ein gro⸗ ßer Kreuzzug zur Hülfe des Morgenlandes war feine Haupt⸗ beſtimmung. Deshalb erſchienen unter den zahlreich Eingela⸗ denen neben dem Patriarchen von Jeruſalem und des Koͤni⸗ ges von Jeruſalem Geſandten auch die Ritterorden aus Akkon durch ihre Bevollmaͤchtigten ). Im November ward die glänzende Verſammlung eröffnet und der Gedanke eines all⸗ gemeinen Europaͤiſchen Kreuzzuges zur Wiedererrettung des heiligen Grabes ſchritt der Ausführung näher und näher. In⸗ nocenzens Seele war ganz erfuͤllt von dieſem Gedanken, denn durch ihn ſollten die Tage ſeines Papſtthums alles ver⸗ dunkeln, was je fuͤr das heilige Land geſchehen war. Faſt ſchien der Papſt hiemit am Ziele zu ſeyn und es blieb fuͤr den großen Zweck nur noch übrig, die wichtigen Seeſtaͤdte Oberitaliens zu verſoͤhnen und für die Sache zu gewinnen, als ihn dort ploͤtzlich im Jahre 1216 im eifrigſten Wirken fuͤr feinen Plan der Tod uͤbereilte ). Sein Nachfolger aber, Papſt Honorius der Dritte griff den Gedanken wieder auf und hielt ihn bei allen Hinderniſſen und Schwierigkeiten feſt mit ganzer Kraft der Seele. Priv) er war ber Ueberzeugung, es werde für die Sache des heili⸗ gen Landes, wo noch immer die Ritterorden faſt eigentlich allein die ſtehende Kriegsmacht bildeten, von ſehr heilſamen Folgen ſeyn, wenn die Mittel fuͤr dieſe ritterlichen Verbruͤde⸗ rungen immer ſtaͤrker vermehrt, die Ordensritter durch Zeichen feiner beſonderen Gunſt neu ermuthigt und ihre Thaͤtigkeit und ihr Eifer fuͤr ihre Beſtimmung von neuem belebt werde. Daher ſtellte er ſchon wenige Monate nach feiner Wahl 3), genau uͤbereinſtimmen; vgl. Innocent. III. Epistol. ed. Balu. T. II. p. 850. 1) Epistol. Innocent. III. T. II. p. 758. Gui. de Nangis p- 26. 2) Raumer B. III. S. 306. 3) Eine allgemeine Beſtaͤtigung aller von den früheren Paͤpſten dem Orden ertheilten Privilegien, Indulgenzen, Freiheiten und Exem⸗
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Päpſtl. Beguͤnſtigungen d. Deutſchen Ordens. 83 mitten in dem Drange ſeiner Bemuͤhungen um den Kreuzzug, eine Bulle aus ), durch welche er nicht bloß den Orden und alle feine Beſitzungen nach der Weiſe feiner Vorgänger Ch leſtins und Innocenz des Dritten in ſeinen und des Apoſtels Petrus Schutz nahm, ſondern auch manches in feiner Verfaſ⸗ fung befeſtigte und verſchiedene neue Beguͤnſtigungen hinzu⸗ fuͤgte. In Betreff der Meiſterwahl beſtaͤtigte er ſeines Vor⸗ gaͤngers Verordnung, doch fuͤgte er noch hinzu, daß zur Wahl und Wuͤrde ſtets nur ein ritterlich tapferer und in ſeinen Or⸗ denspflichten ſtrenger und frommer Ordensbruder zugelaſſen werden ſolle 2). Weiter verordnete der Papſt, daß es weder tionen ertheilte der Papſt Honorius ſchon durch eine Bulle, deren Da⸗ tum iſt: Ti bur. X Cal. August. P. a. I. (23. Juli 1216), wovon eine Abſchrift im großen Privilegienbuche. 1) Die Aechtheit dieſer Bulle iſt durchaus nicht zu bezweifeln, ob⸗ gleich eine wunderliche Grille (Kotzebue B. I. S. 350) alle Bullen der Paͤpſte, die vor dem Jahre 1220 gegeben find, für untergeſchoben erklärt hat. Das Original iſt nicht mehr vorhanden, ſondern nur ein Original-Transſumt, welches der Presbyter Johannes, prior ec- clesie S. Nicolai in carcer. Tulliano Rom. Fraternitatis rector et judex ordinarius auf das Geſuch des frater Theodericus Pre- ceptor domus S. Marie de Monte Rozanese in Tuscia ordinis Alamannorum durch den päfllihen Notarius Auguſtinus Luce zu Rom am 1. Auguſt 1318 von der Original- Bulle ausfertigen ließ. Es hat noch vier eigenhändige Unterſchriften von andern Notarien; auch iſt die Stelle noch kenntlich, wo das Siegel gehangen hat. Eine Abſchrift dieſer Bulle ſteht auch im großen Privilegienbuche und zwar unter den Bullen, deren Originale in Venedig lagen. Das Datum derſelben ift: Rome VI Idus Decemb. P. a. I. (8. Decemb. 1216) 2 Es heißt in der Bulle: Adicimus insuper, ut quemadmo- dum domus vesira huius sancte vestre institutionis et ordinis fons et origo esse promeruit, ita nichilominus omnium loco- rum ad eam pertinentium caput et magistra in perpetuum ha- beatur. Precipimus eciam, ut obeunte te, dilecte in domino fili Magister, vel tuorum quolibet successorum nullus eiusdem domus fratribus preponatur, nisi militaris et religiosa persona, que vestre religionis habitum sit professa, nec ab aliis nisi ab omnibus fratribus insimul vel a saniori eorum parte qui preponendus fuerit eligatur. 6*
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84 Paͤpſtl. Begünftigungen d. Deutſchen Ordens. einer weltlichen, noch geiſtlichen Perſon erlaubt ſeyn ſolle, die von dem Meiſter und den Bruͤdern gemeinſam angeordneten Gewohnheiten und Gebraͤuche des Ordens zu brechen oder ab⸗ zuſtellen, daß ferner aber auch die vom Orden eine Zeitlang beobachteten und ſchriftlich befeſtigten Gewohnheiten nicht an⸗ ders, als durch den Meiſter und mit Einſtimmung des ver⸗ ſtaͤndigeren Theiles der Ordensbruͤder im Kapitel veraͤndert werden dürften ). Als ein Vorrecht des Ordens fügte der Papſt hinzu: es ſolle weder eine geiſtliche noch weltliche Per⸗ ſon von dem Meiſter und den Bruͤdern widergebuͤhrlich den Lehnseid der Treue oder Schwuͤre und andere unter weltlichen Leuten herkoͤmmliche Verſicherungen verlangen 2). Endlich er⸗ hielten die Ordensbruͤder auch das Recht, in den ihrem Or- den verliehenen wuͤſten Gegenden fuͤr die da bleibenden Men⸗ ſchen Dörfer, Kirchen und Gottesaͤcker anzulegen, doch fo, daß nahe liegende Abteien und Klöfter in ihrer Stille nicht beun- ruhigt wuͤrden. — Um dieſelbe Zeit verordnete auch der Papſt, daß kein Ordensbruder, der einmal in den Orden eingetreten ſey, denſelben wieder verlaſſen dürfe und wenn ſolches gefche- hen ſey, der Ausgetretene wieder in die Ordensbruͤderſchaft zuruͤckkehren muͤſſe >). Mittlerweile war bis zum Sommer des Jahres 1217 die Vorbereitung zum Kreuzzuge vollendet. Allein der große 1) Porro nulli ecclesiastice secularive persone infringere vel minuere liceat ralionabiles consuctudines ad (et) vestre religionis et officii observancias, a Magistro et fratribus com- muniler institutas. Easdem quoque consueludines a vobis aliquanto tempore observatas et scripto firmatas nisi a Magi- stro, consentiente tamen saniori parte capituli non liceat im- mutari. 2) Prohibemus preterea et omnimodis interdicimus, ne ulla ecclesiastica secularisve persona a Magistro et fratribus eiusdem domus exigere indebite audeat ſidelitatis hominia seu juramenta vel reliquas securitates, que a secularibus fre- _quentantur. Vgl. Eichhorn Deutſche Staats- und Rechtsgeſchichte B. II. S. 311. 3) Die paͤpſtliche Bulle hierüber ſteht im großen Privilegienbuche p. 113 und iſt gegeben im erſten Jahre des Pontificats Honorius III.
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Kreuzzug des Königes Andreas von Ungern. 85 Gedanke einer allgemeinen Europaͤiſchen Heerfahrt war in dem Sturme der Zeiten gebrochen worden. Unruhen und Kriege in vielen Ländern Europa's und in einzelnen auch manche andere Urſachen verhinderten die Könige und die Großen der Reiche, an dem Kreuzzuge Theil zu nehmen. So blieb der Koͤnig Andreas der Zweite von Ungern unter allen Königen der einzige, der an die Spitze eines bedeutenden Kreuzheeres trat. An ihn ſchloſſen ſich die andren Theilneh⸗ mer des Zuges, beſonders Deutſche Fuͤrſten, hohe Geiftliche und andere edle Herren an; die wichtigſten waren die Herzoge Leopold von Oeſterreich und Otto von Meran, der Erzbiſchof von Salzburg Burkard von Ziegenhain, die Biſchoͤfe von Bamberg, Zeiz, Utrecht, Muͤnſter u. a.). Fuͤr den Deut⸗ ſchen Orden eröffneten ſich hiedurch ſchoͤne Hoffnungen, denn die meiſten der geiſtlichen und weltlichen Füͤrſten in dem Kreuzheere waren feine Gönner und Wohlthäter. Der Koͤnig Andreas von Ungern ſelbſt hatte ihm ſchon vor mehren Jah⸗ ren das freilich ſehr verwuͤſtete, menſchenarme und gegen die Angriffe der nahen heidniſchen Voͤlker ſchwer zu vertheidigende Land Burza in Siebenbuͤrgen an den Graͤnzen der Moldau und Wallachei uͤbergeben ) und der Biſchof von Siebenbuͤr⸗ 1) Chron. magnum Belgic. ap. Pistor. T. III. p. 242. Chron. Alberiei p. 496. Herman. Altah. an. 1217. Godefrid. Monach. p- 283. Olioeri ‚Scholastici Historia Damiat. ap. Eccard. T. II. p. 1397. 2) Daß dieſe Schenkung nicht erſt, wie früherhin geglaubt wurde, im Jahre 1222 erfolgte, ſondern bereits im Jahre 1211 geſchehen war, hat ſchon De Ma in f. Recherches T. I. p. 385 bewieſen, indem er aus der „Siebenbürgiſchen Quartalſchrift“ 1793 S. 194 zweier vom Koͤnige Andreas in den Jahren 1211 und 1212 an den Orden ausge⸗ ſtellter Schenkungs⸗ Urkunden erwähnt, welche dieſen Gegenſtand be⸗ treffen. Beſtätigt wird dieſe Angabe des von Wal auch durch das Transſumt der Urkunde des Königes Andreas, welches ſich im geh. Ar⸗ chive befindet und im „ungeriſchen Magazin“ ſchon gedruckt iſt. Auch die Beſtätigungs-Bulle des Papſtes Honorius III. iſt noch vorhanden und zeugt ebenfalls ſuͤr das Jahr 1211. Wenn daher Engel in der Geſchichte von Ungern (Allgem. Weltgeſchichte Th. 40. B. 4. S. 142) eine weit frühere Niederlaſſung des Ordens in Siebenbürgen annimmt
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86 Kreuzzug des Koͤniges Andreas von Ungern. gen hatte den dortigen Ordensrittern, theils um ihnen die noͤthigen Vertheidigungsmittel zu verſchaffen, theils auch um den Anbau des ſonſt nicht unfruchtbaren Landes zu erleich⸗ tern, das Recht bewilligt, unter gewiſſen Einſchraͤnkungen in ſeinem Gebiete den Zehnten zu erheben und Kirchen zu er⸗ bauen ). Im Herbſte des Jahres 1217 langten unter des Königes Fuͤhrung die Pilgrime bei Akkon an, mit Jubel von den lange geängftigten Chriſten Syriens empfangen: ein buntgemiſchter Haufe der verſchiedenſten Völker. Kaum vergoͤnnte man ſich einige Tage Ruhe und Erholung; dann verbanden ſich mit den neu angekommenen Pilgern der Koͤnig von Jeruſalem, die Ritter des Tempels, die Johanniter und die Deutſchen Ordensbruͤder, nach alter Gewohnheit an ihrer Spitze der Patriarch von Jeruſalem mit dem heiligen Kreuze in der Hand. Allein der erſte Auszug des Heeres bis zum Gali⸗ läifchen Meere blieb fruchtlos, da der Sultan Corradin mit den Seinigen wegen des Feindes Stärke zuruͤckzog 2). Nach Akkon zuruͤckgekehrt, beſchloß man die Beſtuͤrmung jener feſten Burg auf dem Berge Tabor, deren Beſatzung ſo lange der Schrecken der Stadt geweſen. Auch hieran nahmen die Rit⸗ terorden den thätigiten Antheil. Der ſchroffe Berg ward un⸗ ter unſaͤglicher Muͤhe erſtiegen, der Befehlshaber der Beſatzung im Getuͤmmel erſchlagen und dennoch blieb die Unternehmung aus unbegreiflicher Entſchlußloſigkeit ohne Erfolg. Unter den nutzlos Hingeopferten ward auch mancher Deutſche Ordens⸗ ritter von feinen Brüdern beklagt ). und ſchon den Koͤnig Emrich im J. 1199 die Ordensritter in ſein Land rufen läßt, fo iſt an dieſer Annahme um fo mehr zu zweifeln, weil ihr alle Beweiſe fehlen. 1) Von der Beſtatigungs⸗Bulle des Papſtes Honorius III, worin die Urkunde des Biſchofs von Siebenbuͤrgen mit enthalten iſt, befindet ſich das Original im geh. Archiv, Schiebl. I. Nro. 5. Vgl. De Wal Recberches T. I. p. 386. Engel a. a. O. S. 143. 2) Jacob de Fitriaco pi 1129 — 1130. Godefrid. Monach. p. 285. Sanut. L. III. P. XI. c. 6. Mathaers Paris p. 289. Abulfeda T. IV, p. 261. 3) Jacob de Vitriaco p. 1130. Godefrid. Monach. p ·
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Herrmann von Salza vor Damiette. 87 Bald aber ſtellte ſich auch jetzt wieder unter den Chriſten Streitluſt und Spaltung ein; das Band der Einigkeit zerriß, als jeder anfing, ſeinem eigenen Plane nachzugehen. Waͤh⸗ rend der König von Ungern mit dem von Cypern ſich nach Tripolis wandte, der Koͤnig von Jeruſalem dagegen und Her⸗ zog Leopold von Oeſterreich gen Caͤſarea zogen, um die dor⸗ tige Burg zu befeſtigen, vereinte ſich Hermann von Salza nebſt den Seinen mit den Tempelherren und einer Schaar von Pilgrimen, um eine alte Burg zwiſchen Caͤſarea und Cayphas, fruͤherhin die Burg des Sohnes Gottes, nun die Pilgrims⸗Burg genannt, wieder in befeſtigten Stand zu ſe⸗ tzen 9. Für die gen Jeruſalem wallfahrenden Pilger und fuͤr die Sicherheit der ganzen Umgegend, die ſonſt durch Raͤuber ſehr gefährlich war, hatte die Burg allerdings ihre bedeutende Wichtigkeit; allein Zeit und Kraft für größere Unternehmun⸗ gen gingen daruͤber verloren. Für drei Könige waͤren wich⸗ tigere Siege zu erringen geweſen; denn als der Koͤnig von Cypern in Caͤſarea farb, Andreas von Ungern die Heimkehr antrat und die meiſten Pilgrime ihm folgten, gab es kaum irgend einen bedeutenden Gewinn, den dieſes Kreuzheer ge⸗ bracht hatte 2). Auch dem Deutſchen Orden waren die Hoff: nungen, die er bei ver Ankunft der Deutſchen Fuͤrſten gefaßt, schwerlich erfüllt. Kaum mochte er feine Verluſte der im 286. Oliver. Histor. Damiat. p. 1398 — 1399. Abulfeda T. IV. p. 263. 1) Godefrid. Monach. I. c. fagt: Templarii cum paucis auxiliatoribus peregrinis ei hospitalariis de domo Teutonico- rum castrum filii Dei, quod olim Districtum, nunc castrum Peregrirorum appellatur, a quibusdam aedificare coeperunt quod positum est in Episcopatu Caesariensi inter Cayphas et Caesaream. Jacob de Vitriaco p. 1131. Sanut. J. c. Die Or⸗ dens⸗Chronik S. 14 nennt die Burg Belgeram (ft. Pilgrim). Oliver, Histor. Damiat. p. 1399. Vincent. Belluae. L. XXXI. c. 82. wo zugleich eine ſpecielle Beſchreibung der Burg gegeben iſt. Bernard. Thesaurar. ap. Murat. T. VII. p. 823. 23) Danduli Chron. ap. Muratori T. XII. p. 340 „nihil laudahile peregerunt.“
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88 Hermann von Salza vor Damiette. Kampfe gefallenen Bruͤder durch den Eintritt neuer Glieder in die Verbruͤderung erſetzt haben. Doch ſchon im Mai des Jahres 1218 kam aus den Rheingegenden, beſonders aus den Gebieten von Trier und Koͤln und aus den noͤrdlichen Theilen Deutſchlands wieder neue Huͤlfe bei Akkon an ). Graf Wilhelm von Holland ſtand an der Spitze des neuen Pilgerheeres. Aber belehrt und gewarnt durch die Erfahrung der jüngften Greigniffe, vereinte man jetzt ſogleich die geſammte Macht der Chriſten des Morgenlandes zu einer gemeinſamen großen Unterneh⸗ mung. Sie zielte auf nichts anderes hin, als den Haupt⸗ kampf mit den Unglaͤubigen nach Aegypten zu verſetzen, in ſolcher Weiſe die Macht der Saracenen vom heiligen Lande hinwegzuziehen und zugleich auch die Quelle zu verſtopfen, aus welcher bisher dem Feinde immer die reichlichſten Mittel zur Fuͤhrung des Krieges in Syrien zugefloſſen waren. Papſt Innocenz hatte zuerſt in jener großen Kirchenverfammlung dieſen allerdings nicht tadelnswerthen Gedanken ausgeſprochen 2) und jetzt ſah man in ihm die einzig moͤgliche Art zu einer kraͤftigen Huͤlfe und zur Befreiung des heiligen Landes. Vor allem mußte nach dieſem Plane die ſtark befeſtigte Stadt Da⸗ miette am Ausfluſſe des Nils, der Schlüffel Aegyptens, von den Chriſten gewonnen werden, und es ſegelte deshalb im Fruͤhling des Jahres 1218 die ganze chriſtliche Kriegsmacht in Syrien, mit ihr auch Hermann von Salza und der groͤßte Theil der Deutſchen Ordensritter gegen Aegypten hin ). Die 1) Godefrid. Monach. p. 287. Jacob de Fitriaco p. 1132. Bernard. Thesaurar. I. c. p; 825. 2) Mathaeus Paris p. 289. Jacob de Vitriaco p. 1132. Oliver. Histor. Damiat. p. 1402. Bernard. Thesaurar. I. c. 3) Die Meiſter der Ritterorden und namentlich auch die Deutſchen Ordensbruͤder werden in den Quellen ausdruͤcklich als Theilnehmer dieſer Unternehmung aufgeführt. Mathaeus Paris Il. c. Jacob de Vi- triaeo J. c. begreift fie unter dem Ausdrucke tres domus. Ordens⸗ Chron. S. 14. Auch Vincent. Belluae. L. XXXI. c. 84 erwähnt der tres domus und ber magistri domorum. Das Memoriale po- testat. Regiens. ap. Muratori Scr. rer. Ital. T. VIII. p. 1098
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Hermann von Salza vor Damiette. 89 drei Ritterorden, die Deutſchen und Frieſen waren es vor⸗ zuͤglich, die durch ihre Tapferkeit, wie nicht minder durch liſtige Anwendung der Belagerungskuͤnſte den Feind nicht ſelten in Schrecken ſetzten. Zwar verließ ſchon im Fruͤhlinge des Jah⸗ res 1219 einer der ritterlichſten Helden, der Herzog Leopold von Oeſterreich, das chriſtliche Heer und trat die Heimkehr an, nachdem er anderthalb Jahre im Morgenlande unter au⸗ ßerordentlichen Opfern den Kampf gegen den Glaubens feind ſtets aufrecht erhalten und unter andern, wie man angab, den Deutſchen Ordensrittern mehr als ſechstauſend Mark Silber zum Erwerb neuer Beſitzungen geſchenkt hatte ), auch ſonſt als Goͤnner und Beſchuͤtzer des Deutſchen Ordens dieſem viel⸗ fach feine Gunſt und Geneigtheit bewieſen. Allein die bal- dige Ankunft neuer Pilgrime brachte mit neuer Kraft auch neuen Muth und beides wuchs bei den Chriſten in eben dem Maße, als man beim Feinde Zaghaftigkeit, Mangel an Plan und Spaltung und Unfrieden in ſeinen inneren Verhaͤltniſſen täglich mehr wahrnahm. Die Deutſchen Ordensbruͤder nah⸗ men an allen, oft aͤußerſt blutigen Kriegsereigniſſen nicht nur den eifrigſten Antheil, ſondern ihren ritterlichen Meiſter an ih⸗ rer Spitze zeichneten ſie ſich nicht ſelten ganz vorzuͤglich aus ). nennt die Deutſchen Ordensritter mehrmals. Aus ſeinen Angaben laßt ſich ſchließen, daß ihre Zahl nicht unbedeutend war. Bernard. The- sauer. I. c. 1) Oliver. Scholast. de captione Damiat. p. 1188 berichtet: 5 n qui per annum et dimidium Christo fide- 3 at, princeps devotione plenus, humilitate, obe- e largitate, qui praeter alios sumptus innumerabiles, quos n negotiis bellicis ac privatis eleemosynis feceral, do- mui Theutonicorum sex millia marcharum argenti vel amplius ad eomparandum praedium creditur contulisse. Jacob de Fi- we p- 1138. Oliver. Histor. Damiat. p. 1411. Bernard. Thesaur. P. 833 (wo die nämlichen Worte ſtehen, wie bei Oliver. Scholast,, nur daß es zulegt heißt „ad comparandum praesidium ). 2) Es kann natürlich hier nicht der Zweck ſeyn, die Geſchichte der Belagerung von Damiette fo ausführlich zu erzählen, daß die einzel: nen Vorfälle, in denen die Deutſchen Ordensritter ſich hervorthaten, in die Erzählung verwebt würden. Man vergleiche über das Einzelne
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90 Zerſtoͤrung d. Deutſchen Hofpitals zu Jeruſalem. Freilich erlitt hiebei der Orden auch manchen ſchmerzlichen Verluſt an feinen tapferſten Bruͤdern Y). Während aber das chriſtliche Heer vor Damiette im Ganzen vom Gluͤcke ſehr beguͤnſtigt war, erlitt Jeruſalem ſelbſt ein ſchweres Ungluͤck. Malec⸗el⸗Kamel, der Sohn des Sultans Malec⸗el-Adel, welcher den Chriſten bei Damiette gegenuͤber ſtand, rief endlich zur Errettung der Stadt ſeinen Bruder Moattam, den wir nach der Weiſe der Abendlaͤnder bisher immer Corradin genannt haben, aus Syrien zur Huͤlfe herbei 2). Schnell ein maͤchtiges Heer ſammelnd, zog dieſer eiligſt herab nach Jeruſalem. Hier aber, ſey es, daß ihn Rachzorn gegen die Chriſten leitete, oder daß er fürchtete, die Chriſten moͤchten ſich in ſeiner Abweſenheit Jeruſalems wieder⸗ um bemaͤchtigen und dann darin zu behaupten ſuchen, brach er die Befeſtigungswerke der Stadt, Mauern und Thuͤrme in Eile ab s), ließ die Hofpitäler, Kirchen und Kapellen des Deut⸗ ſchen Ordens und der Johanniter, die dort bisher immer noch Kranke und leidende Pilgrime in ihre Pflege genommen hat⸗ ten, in Steinhaufen verwandeln, vertrieb die Ordensbruͤder aus der Stadt und vernichtete in ſolcher Weiſe jene alte Stiftung, aus welcher der Deutſche Orden hervorgegangen war *) Oliver. de capt. Damiat. p. 1189. Mathaeus Paris p. 295. Jacob de Vitriaco p. 1138. Bernard Thesuur. p. 834. 1) Oliver. de capt. Damiat. p. 1190 fagt in Beziehung auf die Verluſte des übrigen Heeres vom Deutſchen Orden: nec evasit sine damno domus Theutonicorum. Mathaeus Paris p. 295. Jacob de Fitriaco p. 1139. 2) Abulfeda T. IV. p. 271. 3) Godefrid. Monach. p. 289. Oliver. p. 1188. Matha eus Paris p. 291. Jacob de Fitriaco p. 1137. Oliver. Histor. Damiat. p. 1409. Guil. de Nangis p. 28. Dandulo ap. Mu- rat. I. c. p. 341. 4) Abulfeda T. IV. p. 277. Die Ordens -Chron. S. 15, bei Malthacus 1. c. p. 673 berichtet: Do czog Corodin gen Iheruſa⸗ lem mytt großer macht und erſchlug yn Iheruſalem alle Cryſten, Erſt⸗ lichen dy drey bruͤder von den dreyen Ritterorden, alle geiſtliche perſo⸗ nen, alle yhr haußgeſinde und dyner und all dy Cryſten, dy er finden
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Berftörung d. Deutſchen Hoſpitals zu Jeruſalem. 91 Dieſer Graͤuel der Verwuͤſtung aber hatte auf die Lage der Dinge im Ganzen eben ſo wenig Einfluß, als Corradins Ankunft vor Damiette den Seinigen beſonderes Gluck brachte. Ward auch die Eroberung der Stadt hiedurch noch auf einige Zeit hinausgeſchoben, ſo ſchien ſie doch ſchon ſo gewiß, daß die Chriſten die glaͤnzendſten Bedingungen des Friedens, die Uebergabe Jeruſalems und aller Eroberungen Saladins, die Auslieferung des heiligen Kreuzes und aller chriſtlichen Gefangenen, mit denen Kamel und Corradin ihnen fuͤr die Aufhebung der Belagerung von Damiette entgegen kamen, ohne weiteres verwarfen ). Und noch im Herbſte des Jahres kundt, zubrach und vorbrennet alle kyrchen, Capellen, Gotshewſer, Stadtmauer, pforten, Thurm und di hewſer, do wurden dy Templirer, Sanct Johannes Hoſpital und das Teutſch hawß unſer liben frawen, Ir hoſpital, gotshawß und all dy Gotteshewſer In Jeruſalem vor⸗ brandt und zubrochen, one den Tempel, der bleyb gancz und der Thurm Davidt, fo uff dem Berge Sion ſtundt bey dem Teutſchen hawſe. — Daß auch bis jetzt das Deutſche Hoſpital in Jeruſalem immer noch dem alten Zwecke nachgekommen war, beweiſet eine Bulle des Papſtes Honorius III., wo dieſer ſagt: Quam amabilis deo et quam vene- randus hominibus locus existat, quam eciam jocundum el utile receptaculum peregrinis et pauperibus praebeat xeno- dochium hospitalis sancte Marie theut, Ihrliian. hii qui per diversa maris pericula pie devocionis intuitu sanctam civita- tem Ihrlm et sepulchrum domini visitant, assidue recogno- scunt, ibi enim indigentes ei pauperes reficiuntur, inſirmis multimodo sanitatis obsequia exhibentur et diversis laboribus ei periculis fati 3 gati resumplis viribus recreaniur, atque ut ıpsı a SACnOSancta loca domini nostri Jesu Christi corporali pre- sencia dedicata securius valeant proſicisci servientes quos fra- ki reden domus ad hoc oflicium specialiter deputatos EN sumptibus retinent cum opportunitas exigit devote ac diligenter efficiunt.— De Wal Recherches T. I. p. XVII. — XVII. bat daher gewiß Unrecht, wenn er gar keine Verbindung zwiſchen dem alten Deutſchen Hoſpital in Jeruſalem und dem Deut⸗ ſchen Orden in ſpaͤterer Zeit mehr zugeben will. 1) Oliver. p 1190 — 1191. Mathaeus Paris p. 296. Jacob de Vitriaco p. 1140. Auch der Deutſche Orden ſprach gegen die An⸗ nahme dieſer Bedingungen.
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92 Hermann von Salza vor Damiette. 1219 ward das Vertrauen der Chriſten auf ihre Kraft und die Hoffnung in ihrem Muthe und ihrer Tapferkeit erfuͤllt, denn am fuͤnften November dieſes Jahres fiel Damiette in ihre Gewalt ). Unter den Theilnehmern des Ruhmes, den ſich die chriſt⸗ lichen Helden vor den ſtarken Mauern der Stadt erworben, waren die Ritter vom Deutſchen Orden keineswegs die letz⸗ ten. An jeglichem Kampfe gegen den Feind hatten ſie Theil genommen und oft mit großer Auszeichnung 2), und ſobald das Kampfſchwert ruhete, war die Pflege der Kranken und die Heilung der Verwundeten ihre eifrigſte Sorge, alſo daß ein edler Ritter aus den Niederlanden, Sweder von Dingede, welcher Augenzeuge dieſer Tapferkeit und dieſes Eifers war, geruͤhrt und ergriffen durch die Aufopferungen der Ritter auf dem Schlachtfelde, wie am Krankenlager, dem Deutſchen Or⸗ den den größten Theil ſeines Vermoͤgens uͤbergab ). Es 1) Vgl. Raumer B. III. S. 370. 2) Eigene Unterſuchungen haben uns der Anſicht der Histoire de I' Ord. Teuton. T. I. p. 126 völlig beiſtimmen laſſen, welche meint, daß die Quellenſchriftſteller uͤber dieſe Begebenheiten, wenn ſie von den Kriegsthaten der Deutſchen uͤberhaupt ſprechen, unter dieſen auch die Deutſchen Ordensritter mit begreifen. Auffallend iſt es beſonders, wie Godefrid. Monach., der in feinen Berichten mit Mathaeus Paris, Jacob de Fitriaco und Oliver. meiſt wörtlidy uͤbereinſtimmt, der Deutſchen Ordensritter mit keinem Worte erwähnt, vielmehr wie ab: ſichtlich alle die Stellen wegläßt, in denen vom Orden die Rede iſt— Nur bei dem Baue der Burg bei Caͤſarea berührt er auch die Theil⸗ nahme der Deutſchen Ordensritter. Er muß alſo irgend einen, uns unbekannten Grund gehabt haben, warum er alles, was den Orden in den Jahren 1218 und 1219 vor Damiette betraf, abſichtlich verſchwieg. Und ſollte dieſer nicht in dem nachmaligen großen Haſſe der Geiſtlichkeit gegen den Deutſchen Orden liegen? Wer ſich von der abſichtlichen Ver⸗ ſchweigung alles deſſen, was dem Orden ruͤhmlich war, bei dieſem Chro⸗ niften belehren will, vergleiche nur z. B. die eine Stelle bei Oliver. p. 1189 mit dem, was Godefrid. Monach. über das naͤmliche Er⸗ eigniß erzählt. Vgl. Memoriale potestat. Regiens. ad. Muratori J. c. ꝗ 1098. 3) Die Urkunde ſteht in Matthaeus Analect. T. V. p. 682 und im Auszuge in der Histoire de l’Ord. Teui. T. I. p. 128.
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Hermann von Salza vor Damiette. 93 blieben alſo auch hier den Ordensrittern die beiden großen Ziele vor Augen, fuͤr welche ihre Stiftung geſchehen war: Kampf und Opfer fuͤr Kirche und Glauben, und thaͤtiges Mitleid und chriſtliches Erbarmen mit ſolchen, die fuͤr das heilige Land duldeten und bluteten. Auch der Koͤnig Johann von Jeruſalem hatte nicht ohne hohe Bewunderung und Theilnahme die Beweiſe der ritterli⸗ chen Tapferkeit der Deutſchen Ordensbruͤder wahrgenommen; denn in Betracht dieſer Auszeichnung des Meiſters und ſei⸗ ner Ritter geſchah es in dieſer Zeit, daß er dem braven Her⸗ mann von Salza und allen ſeinen Nachfolgern die ehrenvolle Erlaubniß ertheilte, in ihrem ſchwarzen Ordenskreuze das gol⸗ dene Kreuz von Jeruſalem, welches einſt auf den Zinnen des Tempels in der heiligen Stadt prangte, als Zeichen ſeiner Huld und koͤniglicher Belohnung zu tragen 9. Freilich aber hatten alle die Opfer, welche das chriſtliche Heer fuͤr Damiette's Eroberung dargebracht und die Tapfer⸗ keit, welche die Ritter der geiſtlichen Orden hier mehr als je bewieſen, nichts weniger als gluͤcklichen Erfolg. Unbegreiflich war die ſaumſelige Ruhe, der man ſich nach Gewinnung der Stadt allgemein hingab e); kaum daß einige Auszuͤge auf Beute durch die Ritterorden, namentlich auch von den Bruͤ⸗ dern des Deutſchen Ordens mit irgend einigem Erfolge ge⸗ ſchahen, und felten uͤberwog dabei der Gewinn den erlittenen Verluſt. So geſchah es einmal, daß die Ritter des Deut⸗ ſchen Ordens ihren Präceptor, ihren Marſchall und mehre ihrer —.. u, ei ift ausgeſtellt in obsidione Damiathae anno incarn. dom, 218 und es heißt darin: Cum venissem in exercitum chrisliano- rum Damiathae et vidissem graves expensas, quas faciunt Fra- tres domus Theutonicorum in Jerusalem lum in infirmis, tum 2 militibus contra insultus Saracenorum sustentandis, divina Zen inspiratione, curiam meam in Lankarn etc. eic. con- kuli ‚eidem religion; perpetuo deserviendam. 1) Nach Angabe der Ordens⸗Chron. S. 16 geſchah die Er: theilung des goldenen Kreuzes im J. 1219. 2 Pal. die Schilderung des im Genuſſe verſunkenen Heeres bei Oliver. Histor. Damial. p- 1424.
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94 Hermann von Salza vor Damiette. Brüder der Gefangenſchaft des Feindes uͤberlaſſen mußten ). Daß mit dem Gewinne von Damiette bei weitem noch nicht alles gewonnen ſey, ſchien man zwar allgemein zu fuͤhlen; aber es ſchien auch, als ſaͤhe man das rechte Ziel nicht mehr, welches zu erreichen war. Ueberall herrſchte Unentfchloffen- heit und Uneinigkeit in den Planen, wohin die noch uͤbrig gebliebene Kraft am beſten zu verwenden ſey, indem bereits viele Pilgrime das Heer wieder verlaſſen hatten. Man er⸗ wartete neue Huͤlfe aus dem Abendlande. Hier war freilich der Papſt Honorius unermuͤdlich thaͤtig, um neue Streiter fuͤr das Kreuz und die Kirche in Bewe⸗ gung zu ſetzen. Allein alle ſeine Bitten, ſeine Ermahnungen, feine Erinnerungen und Drohungen an Friederich den Zwei— ten zur Erfüllung feines Geluͤbdes waren bisher ohne Erfolg geblieben 2). Zudem war bei vielen Menſchen, welche die Errettung des heiligen Grabes durch alle Bemuͤhungen nie bedeutend weiter vorſchreiten geſehen, die alte Begeiſterung ausgegluͤht und endlich geſchah es gerade um dieſe Zeit, daß auf des Papſtes Ermunterungen und durch die Predigten des erſten Biſchofs von Preuſſen bewogen, viele, denen das Mor⸗ genland zu fern lag und die Muͤhen einer ſolchen Pilgerfahrt zu ſchwer ſchienen, das Kreuz zum Kampfe gegen die Preuſ⸗ ſen um denſelbigen Preis der Suͤndenvergebung und der Seligkeit uͤbernahmen. Schon im Jahre 1218 forderte ja der Papſt die Erzbiſchoͤfe von Mainz, Koͤln, Trier, Salzburg, 1) So erzählt Oliver. I. c. p. 1425, nachdem er eines Auszuges der Tempeler auf Raub Erwähnung gethan: Domus Teutonica cum multis aliis occurrit eis (sc, Templariis) prae gaudio, sed mo- ram faciens post tergum ipsorum, ex qua causa non satis con- stal, veloces equites Turcorum aggressionem contra eos fece- runt super mare, lerriti vero de aliis nalionibus fugierunt ab eis, sec Anglici et Flandrenses et Teutonici et Robertus de Bellomonte supervenientium suslinuerunt incursum; praece- ptor et marschaleus eiusdem Domus cum aliis fratribus et mi- litibus seculi ferme XX capti sunt. Bernard. Thesaur. p- 834. 2) Vgl. Raumer B. III. S. 326 ff.
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Hermann von Salza vor Damiette. 95 Bremen, Magdeburg, Gneſen und Lund und mehre Bifchöfe in dringenden Schreiben auf, dem Biſchofe Chriſtian von Preuſſen in feinem Werke der Bekehrung der Preuſſen in je⸗ der Weiſe zu Huͤlſe zu ſtehen und diejenigen, welche einem Kreuzzuge ins Morgenland nicht beizuwohnen vermochten, zu einer Pilgerfahrt fuͤr den Kampf gegen die Preuſſen und zum Schutze der dortigen neuen Chriſten in ihren Bezirken aufzu⸗ muntern ). Und wirklich zogen auch in den Jahren 1219 und 1220 gerade aus dieſen Gegenden, die ſonſt ſo manchen Kaͤmpfer fuͤr Gottes Sache dem Morgenlande zugeſandt hat⸗ ten, nicht unbedeutende Kreuzheere nach dem Norden hinauf. Außerdem ging mancher ritterliche Streiter lieber nach Spa⸗ nien, als nach Syrien und Aegypten, denn auch dort waren Feinde des Glaubens zu bekaͤmpfen. So war im Morgenlande das ganze Jahr 1220 und die erſte Hälfte des nachfolgenden hingegangen ohne beſondere Fortſchritte und ohne wichtige Ereigniſſe, an denen der Deutſche Orden theilnehmend bemerklich haͤtte hervortreten koͤnnen. Nun kam aber vom Kaiſer Friederich geſandt Herzog Ludwig von Baiern mit einem bedeutenden Heerhaufen bei Damiette an. Im Kriegsrathe, den der Herzog anordnete, war auch Her⸗ mann von Salza der Meinung, man muͤſſe ſofort die unnuͤtze Ruhe aufgeben und die neuen Kräfte zu einer wichtigen Uns ternehmung verwenden und dieſe Meinung ſiegte endlich ob, wiewohl der Koͤnig Johann von Jeruſalem ihr mit wichtigen Gründen entgegenſprach ). Statt aber von Aegypten aus in Palaͤſtina einzudringen, ward auf den Vorſchlag des herrſch⸗ ſüchtigen päpfttichen Legaten Pelagius der unbeſonnene Plan beſchloſſen, landeinwaͤrts am Nile hinauf vorzugehen und we⸗ nigſtens Unter⸗Aegypten zu erobern. Dadurch ging alles wieder verloren; denn als das chriſtliche Heer einige Tage vorgedrungen war, ließ der Sultan von Aegypten plotzlich die 5 Hay nald. Annal. Eccles. T. XIII. an. 1218. Nro. 43 2) Oliver. Histor. Damiat. p. 1433 — 1434. Mathaeus Paris p. 302. Guil. de Nangis p. 29.
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96 Hermann von Salza in Italien. Schleuſen-Werke des Nils Öffnen und brachte hiedurch das ungluͤckliche Heer in ſolche Noth, daß es ſeine Rettung nur durch einen ſchnellen Frieden erkaufen konnte, deſſen Bedin⸗ gungen die Zuruͤckgabe des ſchwer errungenen Damiette, Löͤ⸗ ſung aller Gefangenen und ein Waffenſtillſtand auf acht Jahre waren. Zur Sicherheit wurden von beiden Theilen Geißeln geſtellt. Außer dem Koͤnige Johann, dem paͤpſtlichen Legaten, dem Herzoge von Baiern und den beiden Meiſtern des Tem⸗ pel⸗ und Johanniter⸗Ordens wählte ſich der Sultan auch den Meiſter des Deutſchen Ordens Hermann von Salza aus 9. Doch wurde dieſer mit dem Meiſter des Tempel-Ordens bald wieder frei gegeben und von den geiſtlichen Fuͤrſten beauftragt, die Uebergabe von Damiette an den Sultan zu vollfuͤhren 2). Dann theilte ſich das chriſtliche Heer; die Fuͤrſten kehrten ins Abendland zuruͤck und der Koͤnig von Jeruſalem und die Rit⸗ ter⸗Orden begaben ſich nach Akkon ). Keinem war die Nachricht dieſes Ungluͤcks ſchrecklicher als dem Papſte Honorius. Hermann von Salza war einer der erſten, die ſie ihm uͤberbrachten; denn nachdem er die Ver⸗ waltung ſeines Meiſteramtes dem Großkomthur des Ordens, als ſeinem Stellvertreter, uͤbergeben hatte, trat er ſofort von Damiette aus noch im Laufe des Jahres 1221 eine Reiſe nach Italien an). Er traf den Kaiſer Friederich in Apulien. 1) Oliver. Histor. Damiat. p. 1438. Abulfeda T. IV. p- 307. > 2) Oliver. I. c. p. 1439: Magister militiae Templi et Ma- gister de domo Teutonica missi sunt a principihus, ut juxta condictum et jurisjurandi religionem civitatem redderent. 3) Gui. de Nangis p. 29. 4) Nach Sanur. L. III. P. XI. c. 10 kann dieſe Reife Hermanns von Salza in keine andere Zeit fallen, denn er ſagt: Resignata Sa- racenis civitate (sc. Damiata) uni versi Ptolomaydam profecii sunt, exceptis paucis Peregrinis ad Italiam proficiscentibus et Magistro Alamanorum, qui in Apulia Imperatori, deinde sum- mo Pontifici Christianorum casum exposuit. Der Kaifer war auch wirklich, wie Urkunden erweiſen, damals in Apulien; ſ. Raumer B. II. S. 570. Damit ſtimmt auch Oliver Histor. Damiat. p.
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Hermann von Salza in Italien. 97 Es war vielleicht das Erſtemal, daß ſich beide ſahen und ſpra⸗ chen. Nicht ohne Staunen und Schmerz vernahm Friederich den Bericht über das Ungluͤck, welchem die Chriſten in Ae⸗ gypten hatten erliegen müffen, und vom Verluſte der Stadt, fuͤr die ſo viele Opfer gefallen waren. Darauf begab ſich Hermann auch zum Papſte, der mit Schmerz und Seufzern des Meiſters Botſchaft empfing und in Briefen voll Klagen und apoſtoliſchen Ernſtes mahnend und drohend bei dem Kai⸗ ſer darauf drang, ſein ſo oft erneuertes Geluͤbde eines Kreuz⸗ zuges fuͤr die Rettung des heiligen Landes aufs baldigſte zu erfuͤllen n ). Hermanns Erzählung hatte den Kaiſer auch fo tief erſchuͤttert, daß er jetzt mehr als je bereit ſchien, ſeinem Verſprechen nachzukommen, und man beſchloß, auf einer naͤch⸗ ſtens zu haltenden Verſammlung, zu welcher auch der König von Jeruſalem, der Patriarch und die Meiſter der beiden an⸗ dern Ritterorden berufen werden ſollten, das Heil des chriſt⸗ lichen Morgenlandes und die Anſtalten zu einem neuen Kreuz⸗ zuge näher zu berathen 2). Bevor aber dieſe Verſammlung zu Stande kam, wirkte Hermann von Salza mit unermuͤdlichem Eifer fuͤr das Beſte und. für die Wohlfahrt feines Ordens, denn in ſolchen Ab⸗ ſichten vorzuͤglich war er, wie es ſcheint, nach Italien gekom⸗ men. Er beſuchte alle Ordenshaͤuſer, welche der Orden zur Zeit in dieſem Lande hatte und erkundigte ſich aufs genauſte um ihre Ordnung, Beſchaffenheit und Verfaſſung ). So ———̃— 1450 inſofern überein, indem er bei der nachmaligen Reiſe der beiden andern Ordensmeiſter, von denen jedoch nur der Johanniter kam, des Meiſters des Deutſchen Ordens nicht erwähnt, alſo vorausſetzen laßt, dieſer ſey ſchon früher nach Italien gereiſt. Die Ordens⸗Chronik S. 16 giebt bei Erwähnung dieſer Neiſe keine Zeit an. — Aus dem allen geht auch hervor, warum der Kaiſer eher Nachricht über die un fälle in Aegypten hatte, als der Papſt. Vgl. Raumer B. III. S. 378. 1) Raynald. Annal. Eccles. an. 1221. Raum er B. III. S. 377. 2) Sanut. L. III. P. XI. c. 10. 3) Ordens⸗Chron. S. 16 bei Matthaeus 1. c. p. 678 II. 7
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95 Hermann von Salza in Italien. viel die Zeit erlaubte, bereiſte er auch verſchiedene Ordensbe⸗ ſitzungen in Deutſchland ). Meiſtens jedoch hielt er ſich in Rom und am kaiſerlichen Hofe auf, zum erſtenmal an dieſem des Vorrechtes genießend, mit welchem Friederich vor einigen Jahren ihn beehrt hatte. Seitdem war uͤberhaupt kaum ein Jahr hingegangen, in welchem der Kaiſer dem Meiſter nicht neue Auszeichnungen oder ſeinem Orden nicht neue Beweiſe ſeiner Gunſt, ſeiner beſonderen Vorliebe und ſeiner großen Hochachtung gegeben hatte. Er ſprach dieſe ſchon im Jahre 1220 in der Beſtaͤtigung aus, durch welche er die dem Or⸗ denshauſe zu Mergentheim von den Bruͤdern Gottfried, Con⸗ rad und Andreas von Hohenlohe bei ihrem Eintritte in den Deutſchen Orden gemachten Schenkungen uͤber ihre Beſitzun⸗ gen um Mergentheim genehmigte. Er hatte ferner erſt noch im Fruͤhlinge des Jahres 1221 ein Diplom ausgeſtellt, in welchem er mit Ruͤckſicht auf die hohe Zuneigung, welche ſein Vater und Großvater dem Deutſchen Hauſe bewieſen, auf die Auszeichnung des Meiſters Hermann von Salza und auf die Verdienſte der geſammten Brüder des Ordens ) dieſem nun auch als Kaiſer des Roͤmiſch⸗Deutſchen Reiches nicht bloß alle Beſitzungen, Rechte und Freiheiten, die er ſich bisher erworben, beſtaͤtigte und befeſtigte, uͤberhaupt den Orden mit allem, was ihm angehoͤrte, unter ſeinen beſondern kaiſerlichen Schutz und Schirm nahm ), ſondern auch wieder verſchiedene 1) Die Ordens⸗Chronik a. a. O. fagt: „Er vifitirte feine Hewſer des Ordens, ſo yn Tewtſchen landen legen, auch die heuſer yn Welliſchen Landen als yn Romania, Apulia, Cecilia, Colabria und Hiſpanien, auch yn andern landen.“ Aber in Spanien war Hermann um dieſe Zeit ſicherlich nicht, obgleich wir ſpaͤterhin Beſitzungen des Ordens in Spanien kennen lernen werden. Vielleicht aber — und dieß iſt wohl das wahrſcheinlichſte — iſt Hiſpanien nur verfchrieben ſtatt ei« nes Landes in Italien, etwa Campanien. 2) In der Urkunde heißt es: Atiendenies celebrem vitam et honestae religionis cultum, quibus nobis in Domino Frater Hermannus Magister Domus Hospitalis, eiusdem et Fraires sui elarere noscuniur, labores etiam et sudores assiduos, quos pro fide Christiauorum et gloria sustinent incessanter, 3) Diele abermalige Beftätigung aller Rechte und Freiheiten ge:
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Neue Beguͤnſtigungen des Deutſchen Ordens. 99 neue Beguͤnſtigungen und Freiheiten als Zeichen ſeiner fort⸗ dauernden Huld hinzufuͤgte. So ſprach er des Ordens ſaͤmmt⸗ liche Guͤter und Beſitzungen frei von jeglicher ausgeſchriebenen Beiſteuer, jedem Geſchoſſe, allen Frohnleiſtungen und Dienſt⸗ laſten y); er bewilligte ferner dem Orden die freie Benutzung der Gewaͤſſer, Wieſen und Holzungen im ganzen Umfange ſeiner eigenen Beſitzungen im Reiche zum Gebrauche der Or⸗ denshäufer, wobei fie frei ſeyn ſollten von allen Zollabgaben, ſey es Pforten- oder Thor⸗, Straßen- oder Baum = oder Ufer-Zoll oder irgend eine andere durchs Geſetz oder durch Gewohnheit angeordnete Auflage zu Land oder zu Waſſer ). Sodann gebot auch der Kaiſer, daß forthin es niemand wa⸗ gen ſollte, die Ordensbruͤder anfechtend aus ihren Gütern und Beſitzungen ohne Gericht und Recht zu verdraͤngen oder in ihrem Beſitzrechte zu beumuhigen. Es leuchtet jedem ein, von welcher Wichtigkeit dieſe Vorrechte fuͤr den im Abendlande und zumal in Deutſchland und in Italien ſich immer weiter ausbreitenden Orden in aller Hinſicht ſeyn mußten °) ſchah offenbar in Beziehung auf die erſt vor kurzem erlangte kaiſerliche Wuͤrde. 1) Eximentes ipsas (sc. ordinis possessiones) ab omni data collecta, seu exactione, ab omni Angaria, et ab omni onere cuiuslibet servitutis, ober wie es eine altdeutſche Ueberſetzung giebt: Wir nemen fie us von allir gifft, geſchuſſe und getwankſal, von allim ungelde und allir buͤrdin des Dinſtes. Ueber dieſe verſchiedenen Arten von Abgaben und Leiſtungen im Mittelalter vgl. Huͤllmanns Deutſche Finanz⸗Geſchichte S. 94. 152. 168. 2) Concedimus etiam eidem Sacrae Domui de munificen- tia liberali libertatem aquarum, herbarum et lignorum, ulique per proprias Imperii nostri terras ad suarum Domorum usum et utilitatem, el ut de ipsis per totum Imperium nihil ralione N plateatici, falangatici, ripatici ibeolonii, vel ali- cuius alterius exactionis et jure consuetudinis seu statuli in terra vel mari, sive iluminibus solvere teneantur, sive etiam aliis aquis. Ueber dieſe Zollabgaben f. Hüllmann 4. a. O. S. 225. 3) Dieſes wichtige Diplom ſteht im Duellius p. 9 und iſt datirt Tarenti anno dom, Incarn. 1221, mense Aprili, Indictione nona. In Tarent war der Kaiſer auch nach andern Urkunden im 7 *
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100 Neue Beguͤnſtigungen des Deutſchen Ordens. Noch freigebiger aber in neuen Vorrechten und Beguͤnſti⸗ gungen bewies ſich gegen den Orden der Papſt, welcher es ſich beſonders ſeit den Jahren 1220 und 1221 recht eigentlich zum Ziele geſetzt zu haben ſchien, die fuͤr den Roͤmiſchen Stuhl immer wichtiger werdende Deutſche Ritterverbruͤderung auf jede Weiſe mehr emporzuheben. Zuerſt entſchied Honorius den, wie es ſcheint, bisher noch immer nicht ganz beſchwichtigten Streit der Deutſchen Ordensritter mit den Tempelherren uͤber April; fe Raumer ©. II. S. 570. Vgl. auch bei Duellius Select. Pri vil. Nr. XV, wo das naͤmliche Diplom gedruckt iſt. Das geheime Archiv beſitzt aber mehre Transſumte dieſer Urkunde, die von dem Abs drucke bei Duellius im einzelnen abweichen. In einem Transſumt des Officials von Baſel vom Jahre 1320 wird z. B. auch Friederichs Großvater als Goͤnner des Ordens genannt: Sacra domus Hospita- lis etc. a divo quondam Augusto domino imperatore Friderico avo nostro pietatis intuitu propagata in multiplices fructus prodiit Iaude dignos. Ferner find zum Theil auch die Zeugen an⸗ ders; Ludwig Herzog von Baiern iſt hier nicht genannt, eben fo wenig Herzog Rainald von Spoleto und mehre andere; dagegen ſtehen hier als Zeugen Comes Heinricus de Grenisbach et Albertus de Slut- zelingen. Endlich iſt in dieſer Urkunde auch der Tag der Ausſtellung durch Quario Idus Aprilis (10. April) genauer angegeben. — Noch mehr weicht ein anderes Transſumt vom Jahre 1336 von den eben er⸗ wähnten Urkunden ab. Wir finden hier ſogar folgenden ganz neuen Zuſatz: De habundaciori quoque gratia nostra eidem domui et fratrihus suis concedimus et perpetuo conſirmamus, ut de pro- ventibus et bonis suis, que ad partes dirigunt transmarinas pro ipsorum utilitatihus et servicio iehsu christi, nichil ab ip- sis racione portatici, plateatici, falangatici, ripatici theolonei vel alicuius alterius exactionis et Juris doanarum aut portuum in introitu vel exitu exigatur, Insuper de passagio fari eundo a Sicilia in Calabriam et a Calabria in Siciliam eidem sacre domui et fratribus suis et omnibus bonis eorum perpetuam damus et concedimus lihertatem. Außerdem weicht auch der Schluß in dieſer Urkunde gänzlich ab, obgleich das Datum genau daſſelbe iſt, wie in der Urkunde bei Duellius; wiewohl die Angabe der Zeugen gaͤnzlich fehlt. Da nun außerdem noch ein anderes Transſumt vom Jahre 1353 mit dem bei Drellius genau übereinftimmt, fo halten wir dieſen Zuſatz für eingeſchoben und alſo das Transſumt vom Jahre 1336 fuͤr verfaͤlſcht.
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Neue Begüͤnſtigungen des Deutſchen Ordens. 101 die Ordenskleidung, indem er feſt beſtimmte: die Deutſchen Ordensbrüder follten forthin ohne alle Widerrede eines andern die Mäntel und Kleider tragen, wie das vom Papfie befta- tigte Ordensgeſetz fie den Brüdern vorſchreibe ). — Mit großem Eifer nahm ſich der Papſt des Ordens vorzüglich auch in den Fällen an, wo deſſen Rechte und Freiheiten in irgend einer Art verletzt oder verkürzt wurden. So war der Orden bekanntlich ſchon frei geſprochen von der Leiſtung des Zehnten in ſeinen ſelbſtbebauten Beſitzungen. Habſuͤchtige Geiſtliche indeſſen wollten durch eine mißguͤnſtige Auslegung der paͤpſt⸗ lichen Bulle dieſe Befreiung nur von den erſt durch den Or⸗ den neu angebaueten und urbar gemachten Laͤndereien verſte⸗ hen und verlangten daher den Zehnten von den ſchon in ur⸗ barem Stande dem Orden geſchenkten Beſitzungen. Der Streit hieruͤber kam vor den Papſt, der ſich in einer an die geſammte Geiſtlichkeit gerichteten Bulle uͤber die falſche Aus⸗ legung feiner Worte ſehr mißfaͤllig äußerte, den Orden in al⸗ len feinen Gütern, die er auf eigene Koſten bebauen laſſe, für völlig frei von der Leiſtung des Zehnten erflärte und dem Laien mit dem Banne, dem Geiſtlichen mit Entſetzung von ſeinem Amte drohete, der es je wieder wagen werde, dieſe Beguͤnſtigung des Ordens auch nur in irgend einer Weiſe zu verletzen 2). Und in der nämlichen Zeit erließ der Papſt an 1) Die Bulle ſteht im großen Privilegienbuche P. 4 und iſt datirt: Laterani WIdus Januariı pont. n, anno quinio. Die weſentliche Beſtimmung heißt: Auctoritate vobis presenlium indulgemus, ul nullius contradiclione obstante, libere utamini mantellis et altis vestibus secundem staiutum ordinis vestri nostro privile- gio confirmalum, districiius inhihentes, ue quis id aliquatenus prohibere vel impedire presumat. Daß dieſer Streit aber auch ferner noch eine Spannung zwiſchen beiden Orden naͤhrte, beweiſet eine andere Bulle aus dem folgenden Jahre. 2) Die Bulle hierüber befindet ſich im großen Privilegienbuche p⸗ 38 und iſt datirt: Laterani XVIII Calend. Februar. pont. D. anno quinto (15. Januar 1221). Eine mit diefer im Inhalte über: einſtimmende Bulle von gleichem Datum befindet ſich auch im kleinen privilegienbuche. Später wurde jedoch der Orden in dieſem Rechte noch
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102 Befeindung d. Deutſch. Ordens d. d. Geiſtlichkeit. die geſammte Geiſtlichkeit auch den Befehl, daß man die Bruͤ⸗ der des Deutſchen Ordens, in Erwaͤgung ihrer hohen Verdienſte in dem Kampfe gegen die Glaubensfeinde und der ſchweren Gefahren, denen ſie fort und fort Preis gegeben ſeyen, bei dem Einſammeln der Almoſen von niemanden beunruhigen und ſtoͤren laſſen ſolle. Wer ſich deſſen erkuͤhne und auf Er⸗ mahnung nicht ablaſſe, ſolle ohne weiteres der Dear des Bannes unterliegen ?). Je mehr aber der Papſt den Deutſchen Orden durch ſeine Gunſt und durch neue Rechte und Freiheittn emporhob und in jeglicher Weiſe auszeichnete, um ſo lebendiger erwachte jetzt ſchon bei den Geiſtlichen auch die Mißgunſt und um ſo thaͤti⸗ ger ward ihr Neid, ihre Bedruͤckung und heimliche Befeindung. Allerdings ward ihnen durch die Beguͤnſtigung und Bevor: rechtigung des Ordens manches entzogen, was bisher nur ih⸗ nen allein zugefloſſen war; allerdings ging jetzt manche ſromme Gabe, die ſonſt der Kirche zugefallen war, an den Orden uͤber; allein keiner der Geiſtlichen mochte einraͤumen, daß das Recht und die Befugniß des Ordens gerade eben da ſtehe, wo auch das der Geiſtlichen ſtand. Daher hatten die Ordens⸗ bruͤder ſchon jetzt in manchen Gegenden die heftigſten Streitig⸗ keiten gegen den Clerus zu beſtehen. So wollte die Geiſtlich⸗ keit nicht dulden, daß der Orden in erledigten Kirchen auf öfter angefochten, denn das große Prioilegienbuch p. 25 enthält noch eine Erneuerung dieſer Bulle, welche datirt iſt: Laterani X Calend. Julii pont. n. anno octavo (27. Jun. 1223), wovon nachher das weikere. 1) Die Bulle ſteht in mehren Abſchriften im kleinen Privilegien⸗ buche und iſt datirt: Lateran. XVIII Cal. Februar, pont. n. anno quinlo. Die eine Abſchrift iſt ein Transſumt des Viſchofs von Wuͤrz⸗ burg Iring von Reinſtein. Der Papſt ſpricht darin feine Zuneigung gegen den Orden auf folgen.e Weiſe aus: Quanto dilecti fratres domus Hospitalis S. Marie Theut. maiori religione et honeslale preeminent ei contra christiani nominis inimicos graviori ju- giter labore decertant, tauto el universis christianam proles sionem tenentibus fervenciori caritate debent diligi et eorum jura ipsis propensiori sollicitudine conservari.
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Befeindung d. Deutſch. Ordens d. d. Geiſtlichkeit. 103 ſeinen eigenen Beſitzungen oder auch in ſolchen, über welche ihm des Vogtrecht zuftand, auf feine eigene Hand Vicare ein⸗ ſetze oder auch daß Ordensbruͤder, von rechtmäßigen Patronen als Vicare für andere erledigte Kirchen vorgeſchlagen, zu n ſolchen Amte angenommen werden duͤrften. Der Orden ging deshalb mit einer Klage an den Papſt, weil ihm daraus gro⸗ ßer Schade erwuchs, daß er ſolche Kirchen nicht zu ſeinen Be⸗ oürfniffen im Kampfe gegen die Feinde im heiligen Lande be⸗ nutzen konne, und Honorius entſchied in der Sache zu Gun⸗ ſten des Ordens, den Geiſtlichen befehlend, ihn in ſeinen Rech⸗ ten über ſolche Kirchen nicht ferner mehr zu ſtören ). — Eine Folge jener Mißgunſt der Geiſtlichen war es ferner auch, daß fremde Eingriffe in des Ordens Rechte und Freiheiten, Be⸗ eintraͤchtigungen deſſelben in ſeinen Beſitzungen, widerrecht⸗ liche Anforderungen an die Ordenshaͤuſer, Stoͤrungen ihres Friedens von den Geiſtlichen leichtfertig uͤberſehen und Miſſe⸗ thaͤter und Verbrecher, wenn ihre Gräueltkaten den Orden betrafen, kaum einer Strafe unterworfen wurden. Der Papſt, hievon benachrichtigt, erklaͤrte daruͤber der Geiſtlichkeit ſeinen hoͤchſten Unwillen, tadelte aufs nachdruͤcklichſte dieſe Sorglo⸗ ſigkeit in Aufrechthaltung der Ordnung und Beachtung feiner Gebote und befahl die ſtrengſte Ahnung gegen alle diejenigen, welche ſich nur im mindeſten an den Guͤtern oder Haͤuſern des Ordens vergreifen oder den Ordensbruͤdern, was ihnen etwa von Sterbenden durch Teſtamente zugeſprochen ſey, vor⸗ enthalten, oder gegen ſie die Strafe der Excommunication und des Interdicts auszuſprechen wagen wuͤrden oder etwa von ih⸗ ren Beſitzungen den Zehnten verlangten. Er trug den Geiſt⸗ lichen auf, gegen ſolche, wenn es Laien ſeyen, ohne weiteres den Bann und gegen Geiſtliche ſofort die Entſetzung von ih⸗ rem Amte zu verhängen e). 1) Die Bulle be iſt datirt: Lateran, (16. Januar 1221). richtet. 2) Die Bulle, im großen Privilegienbuche b. 62, iſt datirt: La- findet ſich im großen Privilegienbuche p. 42 uad XVII Calend. Februar. pont. n. anno quinio Sie iſt an die geſammte hohe Geiſtlichkeit ge⸗ „
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104 Befeindung d. Deutſch. Ordens d. d. Geiſtlichkeit. Jene neidiſche Geſinnung der hohen Geiſtlichkeit ſprach ſich ferner auch darin aus, daß ſie dem Orden auf jegliche Weiſe manche Mittel des Einkommens erſchwerte, auf welche er doch durch päpftliche Verleihungen und Vorrechte ſchon fruͤ⸗ her hingewieſen war. So wollte ſie nicht geſtatten, daß Halb⸗ bruͤder des Ordens oder wer fonft auf Kirchhöfen der Ordens⸗ kirchen begraben ſeyn wollte, auf ſolchen eine Beſtattung fin⸗ den ſollten ); eben fo wenig, daß Mitglieder des Ordens in ihren Kirchen Almoſen einſammelten. Noch weniger kamen die Geiſtlichen der paͤpſtlichen Verordnung nach, das Volk zu frommen und mildthaͤtigen Gaben an den Orden aufzumun⸗ tern. Ueber alles dieſes mußte ihnen der Papſt wiederholt die ernſtlichſten Weiſungen geben 2). Und weil nun zu be= fürchten war, dieſe mitunter ſehr nachdruͤcklichen Verweiſe möch- ten nur die Folge haben, daß die hohe Geiſtlichkeit den Or⸗ den in ihrer geiſtlichen Gerichtsbarkeit und mit ihren kirchli⸗ eran. XVII Calend. Febr. pont. n. anno quinto (16. Januar 1221). Eine Abſchrift befindet ſich auch im kleinen Privelegienbuche. Vgl. Duellius Select. Privileg. Nro. II. p. 4. 1) Auch die Ordensbruͤder unentgeltlich zu beſtatten, verweigerten die Geiſtlichen; ſ. Duellius 1. c. Nro. II. p. 5. 2) Die Bulle hieruͤber im großen Privilegienbuche p. 63 iſt datirt: Laleran. XVII Cal. Febr. pont. n. anno quinto. Daß vorzuͤglich Geld⸗ und Euͤterintereſſe die Geiſtlichkeit zur Feindſchaft gegen den Orden trieb, beweiſet noch eine andere Bulle von gleichem Datum, worin der Papſt erklärt: der Orden habe ſich bei ihm beſchwert, daß die Geiſtlichen den dritten Theil der dem Orden gemachten teſtament⸗ lichen Legate verlangten, und dann beſtimmt: quatenus de lis, que memoralis fratribus dantur ab aliquibus in sanitale vel inſir- mitate sive postea convaluerint aut apud alios fuerini lumu- lati, partem aliquam non queralis. De aliis vero parochianis vestris, qui laborantes in extrema apud predictos fralres eli- gunt sepeliri, quarta silis teslamenli parte contenti nee ali- quid ab eis amplius erogalis, sed nec sepulturam, quam per indulgenciam apostolice sedis hahere noscunlur, occasione ista quisquam vesirum impedire contendat. Taliter autem ab ipsorum molesiiis et vos abslinere et parochianos vestros com- pescere studeatis.
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Befeindung d. Deutſch. Ordens d. d. Geiſtlichkeit. 105 chen Zuchtmitteln ihre feindfelige Geſinnung wohl bald in al: derer Weise fühlen laſſen werde, fo erließ der Papſt zugleich die ausdruͤckliche Verordnung, daß weil der Orden unter kei⸗ nem Biſchofe oder irgend einem andern Praͤlaten, ſondern einzig nur unter dem Stuhle zu Rom ſtehe, auch kein Geiſt⸗ licher es je wagen ſolle, ohne des Römiſchen Biſchofes beſon⸗ dern Befehl die Strafe der Excommunication oder des Inter⸗ dicts gegen die Ordensbruͤder oder ihre Kirchen auszusprechen. Vergehe ſich ein Ordensritter an einem Geiſtlichen oder einem Unterthan einer Kirche, ſo ſolle man ſolches dem Papſte be⸗ richten und von dieſem die Entſcheidung erwarten ). So waren der Geiſtlichkeit die maͤchtigen Waffen, mit denen ſie ſonſt alles in Schrecken und Verzweifelung zu ſetzen wußte, gegen den Orden mit einemmale entriſſen und es hatte dieſer Schritt des Papſtes, wie wir ſpaͤterhin ſehen werden, aͤußerſt wichtige Folgen. Bei ſolchen Vorrechten aber und bei dieſer hohen Gunſt des Papſtes mußte ſich natürlich auch die Zahl der Ordens: bruͤder bedeutend vergroͤßern, zumal da auch hierauf der Römiſche Stuhl mit allem Eifer bedacht war. Die Erfahrung hatte ja ſchon hinlaͤnglich überzeugt, daß die Sicherheit der I) Die Bulle, im großen Privilegienbuche 1 ieran. XVII Calend. Februar. pont. n. anno quinto. Eine Abe ſchrift derſelben im kleinen Privilegienbuche. Vgl. Duellius Select, Privileg. Nro. II. p. 4. Die wichtigſte Stelle heißt: Cum dilecti Glii fratres Hospitalis S. M. Th. Ier, nullum habeant episco- pum vel prelatum Preier romanı rogaliva gaudcanı liber aut ecclesias eorum im ponlificem el speciali pre- tatis, non decet vos in eos vel clericos in niken partem ecclesiasticam non ha- betis, absque mand senlencias bromulgare jidem fratres injuste gra alo nostro eccommunicalionis vel inlerdicii Sed si quando vos vel subditos vestros i vaverint, per vos aut nuncios vestros id romano pontifici si . 5 5 8niſicare debelis ac per ipsum de memo- ratis fratribus iusticiam ohlinere. Die Begünftigung weiſet gleichmäßig die Urkunde bei Guden. Cod. diplom. T. Iv. p. 869 nach, aber ſie zeigt auch, daß in der Dioͤceſe von Mainz hierin eine Ausnahme Statt fand.
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106 Befeindung d. Deutſch. Ordens d. d. Geiſtlichkeit. Eroberungen im heiligen Lande, ſo wie das Gluͤck in den Kaͤmpfen mit den Unglaͤubigen zumeiſt auf der ſtehenden Kriegs⸗ macht der religioͤſen Ritterorden beruhe. Daher verordnete auch Honorius auf ein deshalb an ihn ergangenes Geſuch des Meiſters Hermann von Salza, daß jeder mit dem Kreuze Bezeichnete als Bruder in den Deutſchen Orden aufgenom- men werden koͤnne, ſobald nicht kirchliche Hinderniſſe entge⸗ gentraͤten ); und es iſt zu vermuthen, daß dieſe Verordnung wohl nicht wenig beigetragen habe, den Orden auch in Ruͤck⸗ ſicht ſeiner Glieder bedeutend zu verſtaͤrken. Trotz der Gunſt aber, welche der Papſt dem Orden bei jeder Gelegenheit erwies, uͤbte die liſtige Geiſtlichkeit doch fort und fort allerlei Kuͤnſte, um dem Emporſtreben deſſelben entgegen zu treten. So folgte ſie zwar darin dem Befehle des Papſtes, daß ſie diejenigen, welche des Ordens Rechte verletzt oder ihm in ſeinen Beſitzungen Eintrag gethan, mit der Excommunication oder dem Interdicte belegte, aber ſie hob dann dieſe Strafen immer ſchnell wieder auf, ohne darauf zu dringen, daß dem Orden fuͤr ſein gekraͤnktes Recht Verguͤtung oder Erſatz fuͤr ſeinen Schaden geleiſtet werde. Da nun der Orden uͤber dieſe Umgehung der paͤpſtlichen Verord⸗ nung ſich abermals beklagte, ſo erließ Honorius an die Geiſt⸗ lichkeit den neuen Befehl, daß jene kirchlichen Strafen hinfort nie eher gelöft werden ſollten, als bis der Orden völlige Ges nugthuung fuͤr die erlittene Kraͤnkung erhalten habe ). — Nicht ſelten geſchah es auch, daß in Streitigkeiten die Geiſtlichkeit dem Orden allerlei Schwierigkeiten bei dem Ermeife feiner 1) Die Bulle hierüber im kleinen Privilegienbuche iſt datirt: Lateran. XVII Calend. Febr. p. n. anno quinto. Es heißt: Vestris jus- tis postulacionibus grato concurrentes assensu presenlis scripli pagina vobis duximus indulgendum, ut liceat vobis quemlibet sancte crucis signaculo signalum in fratrem recipere, si im- pedimentun: aliquod canonicum non obsistit. 2) Die Bulle hierüber im kleinen Privilegienbuche iſt datirt: La teran. XVI Calend. Februar. p. n. ange quinte (17. Januar 1221).
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Befeindung d. Deutſch. Ordens d. d. Geiſtlichkeit. 107 Rechte entgegen legte. Um auch hier dem Orden den nöthi- gen Schutz zu gewaͤhren, ertheilte ihm der Papſt die neue Vergͤnſtigung, daß er in allen Fällen feine Rechte ſchon al⸗ lein durch das Zeugniß feiner eigenen Bruͤder beweiſen und bewähren könne ). — Ferner erhielt der Orden auch noch das Vorrecht, daß ein Ordensbruder, der ſich gewaltſam an einem andern Ordensbruder, an einer geweihten Perſon oder auch an einem Weltgeiſtlichen vergriffen hatte, vom Biſchofe der Dibceſe die Abſolution von feinem Vergehen empfangen koͤnne, und dieſes Recht ſolle ſelbſt auf die Vergehungen ausgedehnt werden, die mit dem Banne beſtraft ein Bruder noch vor der Annahme des Ordenskleides begangen hatte, ſobald das Vergehen nur nicht uͤbergroß, bis zur Verſtuͤmmelung eines Gliedes oder zu Blutvergießen gegangen oder Gewalt an ei⸗ nem Biſchofe oder einem Abte veruͤbt worden war ?:. Indeſſen war doch der Orden durch alle ſolche Schutz⸗ bullen des Papſtes gegen die heimlichen Befehdungen und Be⸗ laͤſtgungen der Geiſtlichen noch keineswegs ganz ficher geſtellt. Sie muſterten und deutelten an jeder paͤpſtlichen Bulle, um trotz ihres Inhaltes irgend noch ein heimliches Mittel und ei⸗ nen Schleichweg zur Kraͤnkung der Rechte des Ordens auf⸗ zufinden. So war, wie früher erwähnt iſt, unterſagt, vom 1) Das wohl erhaltene Original dieſer Bulle befindet ſich im geh. Archive Schiebl. I. Nro. 6. Es heißt darin: Eapropter vestris pos- lulacionibus inclinati ut jura vestra leslimonio vestrorum fra- trum probare et iueri possitis Iiberam vobis concedimus facul- tatem. Das Datum ift: Lateran. XVI Calend. Februar. p- a. quinto. Als diplomatiſche Merkwüͤrdigkeit des Archives gilt ein Trans- ſumt dieſer Bulle vom Erzbiſchofe von Tyrus, Bonacurſus, Vicarius des Patriarchats Jeruſalem und des Bisthums von Akkon, und vom Bir ſchof Gailardus von Betlehem verfertigt und ausgeſtellt zu Akkon am 19. October 1277. Von den beiden Siegeln iſt nur noch das des Bi⸗ ſchofes von Tyrus vorhanden. — Des nämlichen Vorrechtes erfreute ſich auch der Tempel⸗Orden; Wilcke a. a. O. S. 166. 2) Dieſe merkwuͤrdige Bulle, im großen Priovilegienbuche p. 39. iſt datirt: Lalerani XV Calend. Februar. p. n. anno quinto. Ab⸗ ſchriften davon fichen im kleinea Prrvilegienbuche p. 65 und im latei⸗ niſch⸗deutſch. Privil. S. 25.
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108 Befeindung d. Deutſch. Ordens d. d. Geiſtlichkeit. Gut und Eigenthum der Ordensritter gewiſſe Zoͤlle und Ab⸗ gaben zu fordern; allein man entdeckte immer noch bald die eine, bald die andere Abgabe, welche der Papſt nicht ausdruͤck⸗ lich genannt und alſo, wie man vorgab, auch nicht verboten hatte. Man zwang daher gewiſſermaßen den Papſt, in ſei⸗ nen Verleihungen und Beguͤnſtigungen immer mehr ins Ein⸗ zelne der Verhaͤltniſſe einzugehen und ſich in ſeinen Bullen immer beſtimmter zu erklaͤren ). So uͤberſahen es unter an⸗ dern die hohen Geiſtlichen, wenn an ſolchen Orten uͤber welche wegen Vergehungen gegen die Ordensbruͤder das Interdict ausgeſprochen war, Presbyter und andere Cleriker dennoch Gottesdienſt hielten, bis endlich der Papſt auch dieſe Vernach⸗ laͤſſigung der kirchlichen Zucht mit Nachdruck verwies 2). Schon dieſe feindliche Spannung zwiſchen der Geiſtlich⸗ keit und dem Orden machte es immer mehr nothwendig, daß der letztere ſo viel als moͤglich ganz unabhaͤngig von jener da⸗ ſtehe. Hiezu aber bedurfte es vorzuͤglich einer geregelteren und beſſeren Einrichtung des Kirchenweſens im Orden ſelbſt und auch dieſes ließ der Papſt nicht unbeachtet. Vor allem er⸗ theilte er ihm zu dieſem Zwecke das Recht, verdiente und ge⸗ U Zwei Bullen weifen ſolches deutlich aus. Unter den unterſagten Zoͤllen war in der früher erwähnten Bulle das Cantagium nicht ge, nannt, wie Du Fresne Glossar. s. h. v. es erklart: tributum quod pro calceis reſiciendis a practereuntibus exigitur. Man forderte es alfo vom Orden, bis der Papſt in einer befondern Bulle erklaͤrte: per apostolica scripta precipiendo mandamus, quatenus uni- versis parochianis vestris sub terminacione anathematis prohi bere curetis, ne a prelalis fratribus vel eorum hominibus de viciualibus, pecudibus seu de aliis rebus corumdem fratrum usibus deputalis Canlagium seu aliqualem consuetudinem exi- gere vel extorquere presumpserint. — Die andere Bulle iſt eine beſtimmtere Erklarung des Papſtes über die Freiheit des Ordens von Abgaben und Leiſtungen in ſeinen Guͤtern; ſie ſteht im kleinen Privi⸗ legienbuche p. 143 und iſt datirt: Lateran. XV Calend. Februar. p. n. anno quinlo. S. Duellius Select. Privileg. Nro. II. P. A 2) Darüber die Bulle im großen Pridilegienbuche p. 74, datirt: Lateran. XV. Calend. Febr. p. n. anno quinto,
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Befeindung d. Deutſch. Ordens d. d. Geiſtlichkeit. 109 achtete Geiſtliche und Prieſter, gewiſſenhaft ordinirt, zur Seel⸗ forge und puͤnktlichen Haltung des Gottesdienſtes mit den kirchlichen Sacramenten in die Ordenshaͤuſer aufzunehmen und ſowohl in des Ordens Haupthauſe, als an andern dem Orden untergebenen Orten halten zu duͤrfen. Wenn ſolche Geiſtliche in der Naͤhe waren, ſo ſollten die Oberſten des Ordens ſie von den Biſchoͤfen ſich erbitten; doch ſollten es ſtets ſolche Geiſtliche ſeyn, die nicht ſchon zum Gehorſam in einer andern geiſtlichen Verbindung oder einem Orden verbunden ſeyen; denn der Papſt beſtimmte, daß ſie niemanden, als nur dem Kapitel des Ordens und dem jederzeitigen Meiſter zu Gehor⸗ ſam verpflichtet ſeyn ſollten ). Dieſe Anordnung machte der Papſt auch den Geiſtlichen bekannt, mit der Erklaͤrung, daß er dadurch keines Geiſtlichen Rechte, Zehnten oder ſonſtige kirchliche Einkuͤnfte habe ſchmaͤlern wollen, daß es aber fuͤr gute Zucht, Sittſamkeit und Seelenheil unter den Ordens⸗ bruͤdern heilſam geweſen ſey, den Gottesdienſt in ihren eige⸗ nen Bethaͤuſern zu beſuchen. Zugleich forderte der Papſt die Patriarchen, Erzbiſchoͤfe und Biſchoͤfe auf, daß wenn die Ordensbruͤder ſie darum erſuchten, ſie ſolche Bethaͤuſer, wie die Kirchhoͤfe ohne Verweigern einweihen und die Prieſter des Ordens nicht beunruhigen und befehden möchten ). J) Das Originat dieſer Bulle im geh. Archive Schiebl. I. Nro. 8. Die wichtigſte Stelle darin heißt: Ut vobis ad curam animarum Yestrarum et salutis plenitudinem nichil desit atque ecclesia- slica sacramenta el divina olficia vestro sacro collegio exhi- beantur commodius, statuimus, ul liceat vobis honestos cleri- cos et sacerdotes secundum deum quantum ad vesiram con- scientiam ordinatos, undecunque ad vos venientes suscipere et tam in principali domo vestra, quam eciam in obedienciis et locis sibi subditis vobiscum habere, dum modo si e vicino sint, eos a propriis episcopis expetalis. Iidemque nulli alii professioni vel ordini teneantur obnoxii. Preterea nulli per- sone extra vestrum Capitulum sint subjecti, tibique, dilecte in domino Magister, tuisque Successoribus tanquam magistro et Prelato suo deferatur secundum vestri ordinis instituta. Die Bulle iſt datirt: Lateran. XV Calend. Fehruar. p. n. anno quinto. 2) Das Original dieſer Bulle im geh. Archive Schiebl. I. Nro-
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110 Befeindung d. Deutſch. Ordens d. d. Geiſtlichkeit. So wichtig indeſſen dieſe Anordnung fuͤr den Frieden des Ordens immerhin auch ſeyn mußte, ſo fanden ſich fuͤr die neidiſche Geiſtlichkeit doch immer noch neue Mittel, um die Ordensbruͤder mit ihren Anſpruͤchen zu belaͤſtigen. Sie be⸗ ſchuldigte z. B. Menſchen, die ſich in die Ordenshaͤuſer be⸗ geben hatten, bald des Ehebruchs, bald des Diebſtahls, bald anderer Verbrechen, um ſomit nur Gelegenheit zu finden, ſie mit Geldſtrafen zu belegen, oder ſie beſchwerte auch die Pres⸗ byter und Kirchen des Ordens mit allerlei ungebuͤhrlichen Auflagen. Wenn die Ordensbruͤder von allen Guͤtern ihrer Leute, die bei ihrem Tode Erben hinterließen, den dritten Theil oder von ſolchen, welche ohne Erben ſtarben, die Haͤlfte als Erbtheil erhielten, ſo verlangten die Geiſtlichen ebenfalls einen Theil dieſes ererbten Nachlaſſes, bis der Papſt auch dieſe unbefugte Forderung durch eine Bulle nie⸗ derſchlug. Nicht ſelten legten auch die Geiſtlichen bei dem Tode eines Mitbruders des Ordens ſeiner Beſtattung mit den kirchlichen Gebräuchen Hinderniſſe in den Weg, fo daß der Papſt die Verfügung geben mußte, daß jeglicher Halbbruder des Ordens auf gleiche Weiſe, wie jeder andere Chriſtglaͤubige, beſtattet werden ſolle ). — Oefter kamen aber auch Faͤlle vor, daß ſelbſt weltliche Großen, Grafen und andere vornehme Herren gegen den Orden ungebuͤhrliche Forderungen erhoben, z. B. von uͤbertragenen Guͤtern des Ordens den zwanzigſten Theil des Ertrages oder andere Abgaben verlangten, wogegen der Papſt ebenfalls ein Verbot ergehen laſſen mußte 2). Selbſt ſchlauer Betrug gemeiner Menſchen trieb mit dem Orden ſein verworfenes Spiel. Es gab Leute, die ſich das ſchwarze Kreuz der Deutſchen Ordensbruͤder auf ihr Kleid 10. Ein Transſumt von 1418 Schiebl. X VII. Nro. 11. Vgl. Duellius I. c. Nro. II. p. 5. De Val Recherches T. II. p- 41 — 43. 1) Dieſe drei Bullen ſtehen im großen Privilegienbuche p. 5 und im kleinen Privilegienbuche p. 61. 71. 76 und alle ſind von dem naͤmlichen Datum: Lateran. XIV Calend. Februar. p. n. anno quinto (19. San, 1221). 2) Die Bulle im großen Privilegienbuche p. 41, datirt: Lateran XIV. Februar. p. n. anno quinio,
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Halbbruͤderſchaft im Deutſchen Orden. 111 naͤhten und mit dieſem Zeichen taͤuſchend in den Landen ums herzogen, um von milden Händen Almoſen zu erbetteln: ein Frevel, den der Papſt fofort mit dem Banne zu beſtrafen ges bot, wenn der Betruͤger uͤberwieſen und gewarnt das Kreuz nicht ſogleich ablegen). Wie nun durch jene neidiſche Hab⸗ ſucht der Geiſtlichkeit, ſo entging dem Orden auch durch die⸗ ſen Betrug manche milde Gabe, deren er theils zur Erhaltung ſeiner Hoſpitale, theils fuͤr ſeine Zwecke im Morgenlande be⸗ durfte. Der Papſt fand ferner vor allem auch nothwendig, der inneren Verfaſſung des Ordens die moͤglichſte Vollkommen⸗ beit zu geben, denn es war klar, daß manche Muͤhſale und Bedraͤngniſſe des Ordens um fo leichter von ſelbſt hinwegfallen mußten, je mehr die Einheit des Ganzen durch Ordnung und Regel befeſtigt werde. Manche heilſame Verfuͤgung des Papſtes hatte dieſes Ziel vor. So erneuerte und ſchaͤrfte Honorius unter andern das Geſetz, daß jemand, der einmal das Or⸗ densgeluͤbde ſchon abgelegt und Kreuz und Ordenskleid ange⸗ nommen habe, gegen den Willen und Rath der Orbensbrü- der und des Meiſters in keinen andern Ort oder in ein Klo⸗ ſter um groͤßerer oder geringerer Geluͤbde Willen ſich begeben dürfe und daß auch niemand einen ſolchen, der den Orden verlaſſen habe, irgendwo aufnehmen ſolle ). Um ferner in 1) Die Bulle im kleinen Privilegienbuche p. 68 iſt datirt: Late ran. XII. Calend. Febr. p. n. anno quinio (21. Januar 1221). Schwer erzürnt ſchrieb der Papſt: Detestandum facinus et pluri- mum abhorrendum per diversas mundi partes accepimus pul- lulare, quod quidam avaricie amore cecati pocius quam zelo religionis accensi nigras cruces, quas fratres hospitalis S. Ma- rie Theut. deferunt, sibi imponere et eas portare minime ve- rentur, ut sic possint sub tali velamento eleemosinas pauperi- bus deputatas colligere. 2) Die Bulle im großen Privilegienbuche p. 62 iſt datirt: Late- ran. XIII. Calend. Februar. p. n. anno quinto; ſteht auch in Duellius Select. Privileg. p- 2. Als Grund fügt der Papſt hinzu: Cum enim ad defendendam orientalem ecclesiam et pagano- rum seviciam reprimendam relictis pompis secularibus sint
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112 Halbbruͤderſchaft im Deutſchen Orden. der Ordensverbruͤderung die innigſte Verbindung und Einheit aller Einzelnen zu einem Ganzen immer mehr zu befeſtigen, ſchien es auch noͤthig, daß jede einzelne Abweichung von der beſtehenden Form und Verfaſſung des Ordens unterſagt und alſo z. B. keinem Ordensbruder geſtattet werde, irgend eine andere Obſervanz oder irgend ein beſonderes Geluͤbde der Ent⸗ ſagung zu beobachten, welches der Meiſter nicht beſonders erlaubt oder das Kapitel der Brüder einſtimmig angenommen hatte ). Es faͤllt aber in dieſe Zeit noch eine Anordnung in der Verfaſſung des Ordens, die weit in die Zukunft hinaus von aͤußerſt wichtigen Folgen begleitet war, wie ſie denn auch ſchon in den naͤchſten Zeiten dem Emporkommen und der Verbreitung des Ordens ungemein förderlich ſeyn mußte. Der Papſt Honorius hatte nämlich ungefähr um dieſe Zeit dem Orden auch das Recht verliehen, nach der Weiſe des Johan⸗ niter⸗Ordens und der Tempelherren eine ſogenannte Halbbruͤ⸗ derſchaft in ſich bilden zu koͤnnen ) und der Meifter Hermann Dei servicio maneipati, si transcundi ad alia loca et sumptum habitum relinquendi daretur eis licencia, magnum ecclesie dei posset exinde contingere detrimentum. Er befahl daher der Geiſtlichkeit, einen ſolchen aus dem Orden ausgeſchiedenen Menſchen, ſo wie diejenigen, welche ihn bei ſich behalten wuͤrden, ſofort mit der Ex⸗ communication zu beſtrafen. Dieſelbige Verordnung fuͤr den Tempel⸗ orden ſ. bei Wilcke Geſchichte des Tempelordens B. I. S. 51. 1) Das Original dieſer Bulle im geh. Archive Schiebl. I. Nro. 11. ift datirt: Lateran. XIV. Calend. Februar. p. n. anno quinto. 2) Vgl. meine Abhandlung uͤber die Halbbruͤder des Deutſchen Or⸗ dens in den Beiträgen zur Kunde Preuſſ. B. VII. H. I. S. 52. Solche Verbruͤderungen mit religioͤſen Orden, in denen man ſich an dieſe zu gewiſſen Zwecken und mit gewiſſen Verpflichtungen anſchloß, waren über: haupt Sitte der Zeit; vgl. Muratori Anliquit. Ital. T. VI. p. 452. In der erwaͤhnten Abhandlung iſt die Stiftung der Halbbruͤder⸗ ſchaft in das Jahr 1221 geſetzt worden, weil die dort berührte Bulle dieſe Zeit nachzuweiſen ſchien. Wenn indeſſen die Urkunde bei Guden Cod. diplom. T. IV. p. 869 wirklich vom Sten Octob. 1221 iſt, wie De VFal Recherches T. I. p. 331 nachgewieſen zu haben glaubt, fo muß die Anordnung der Halbbruͤderſchaft ſchon fruͤher geſchehen ſeyn. Denn unter den Vorrechten des Ordens wird darin auch [chen erwähnt,
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Halbbruͤderſchaft im Deutſchen Orden. 113 von Salza hatte die bedeutenden Vortheile, welche durch die Halbbruder jenen beiden Orden geleiſtet wurden, viel zu klar erkannt, als daß er nicht auch in feinem Orden auf die moͤg⸗ lichfte Ausbreitung und Verzweigung dieſer Halbbruͤderſchaft ſeinen gewohnten Eifer fuͤr des Ordens Heil und Erhebung hätte verwenden ſollen. Es traten aber nach dieſer Einrich⸗ tung Menſchen in den Verband des Ordens hinein, die zwar keineswegs an ſaͤmmtliche ſtrenge Verpflichtungen, Geluͤbde, Regeln und Geſetze des Ordens gebunden oder auch nur ge⸗ halten waren, im Inneren der Ordenshaͤuſer mit den eigent⸗ lichen Ordensbruͤdern zuſammen zu leben und ihr ganzes Wir⸗ ken und Handeln auf das Intereſſe des Ordens zu richten, aber dennoch in ihrem weltlichen Leben und in ihren Ver⸗ haͤltniſſen vielfach an die Ordensverbruͤderung geknuͤpft, durch gewiſſe Verpflichtungen und Geluͤbniſſe ſtets an ſie gebunden und namentlich durch feierliche Verſprechungen gehalten waren, des Ordens Beſtes, ſein Gedeihen, ſeine Wohlfahrt, ſein Zu⸗ nehmen an Habe und Gut, ſeinen Ruhm und was ihm ſonſt in irgend einer Sache frommen und Nutzen ſchaffen konnte, in jeder Weiſe wahrzunehmen und mit voller Seele zu befoͤr⸗ dern ). Aus jedem Stande konnten Maͤnner von geſetzlicher Geburt, rechtlichem Wandel und unbeſcholtenem Namen in dieſen bruͤderlichen Verband des Ordens eintreten, denn es ward hiebei nicht gefordert, daß fie Ritter oder ritterbürtige Maͤnner ſeyen. Sie lebten dann zum Theil in ihren welt⸗ lichen Verhaͤltniſſen fort, unterſchieden ſich jedoch von andern durch das Ordenskleid von geiſtlicher Farbe und durch das Zeichen eines halben Kreuzes, als Zeugniß ihrer Mitbruͤder⸗ ſchaft im Deutſchen Orden. Es laͤßt ſich ſchon von ſelbſt er⸗ meſſen, welche Wichtigkeit für den Orden dieſe Verbreitung und Verzweigung ſeiner Glieder durch alle Staͤnde und Rang⸗ daß quicunque se Confraternitati vel orationibus nostris com- mittere voluerint, a nullo Episcoporum valean! excommunicari vel aliorum quorumlihet debeant iniqua exactione inquietari. 1) Man findet das Einzelne hierüber genauer entwickelt in der eben erwaͤhnten Abhandlung. II.
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114 Befeindung d. Deutſch. Ordens d. d. Geiſtlichkeit ordnungen unter den Menſchen haben mußte und wie ſehr fein Anſehen und feine Wirkſamkeit hiedurch gefördert ward. Aber dieſe Halbbruͤder des Ordens traf derſelbe Haß und Neid, dieſelbe Verſolgung und Raͤnkeſucht der Geiſtlich⸗ keit und der Papſt hatte auch ſie, wie ſchon erwaͤhnt worden, mehrmals gegen die feindſeligen Bedraͤngungen des Clerus in Schutz nehmen und ihre Ruhe gegen dieſen verfechten muͤſ⸗ ſen ). Am meiſten in Beruͤhrung mit der Geiſtlichkeit kamen ſie durch die Verpflichtung, nach einer dem Orden ver⸗ liehenen Beguͤnſtigung, alljaͤhrlich einmal in allen Kir⸗ chen zur Erhaltung der Spitale des Ordens Almoſen einzu⸗ ſammeln. Der Papſt naͤmlich hatte die Geiſtlichkeit zwar aufgefordert, bei dem Erſcheinen der Halbbruder in den Kir⸗ chen das Volk zur Mildthaͤtigkeit und zu frommen Spenden fir den Orden aufzumuntern ) und der Clerus durfte ſich dieſer Anordnung wohl keineswegs geradezu widerſetzen; allein die prieſterliche Schlauheit fand doch auch hier wieder Mittel, des Papſtes wohlgemeinte Abſicht zu umgehen und den Orden in ſeinem Rechte zu kraͤnken. Die Geiſtlichen naͤmlich ſtellten gerade an dem Tage, an welchem die Mitbruͤder des Ordens zu ihrer jährlichen Almoſenſammlung bei ihnen erſchienen, auch ihre eigenen Almoſenſammler aus und wußten dann in ih⸗ rer Aufmunterung zur wie auch dahin zu wir⸗ ken, daß die Mitbruͤder des Ordens nur wenig oder wohl gar nichts empfingen 2). Der Orden klagte hierüber 1) S. auch die in den Beiträgen zur Kunde Preuſſ. B. VII. S. 69 abgedruckte Bulle Honorius III. 2) In der Bulle des Papſtes an die Geiſtlichkeit heißt es: Eosdem quoque fratres ad querendas eleemosinas pauperum juxta in- dulgenciam nostram in ecclestis vestris recipi faciatis. 3) In der Bulle bei Duellius Selecta Privileg. Nro. II. ſagt der Papſt den Geiſtlichen ferbft: Quidam vestrum avariciae ardore succensi, confratrias suas confratriis illorum eadem die in ip- sorum adventu proponunt, et sic fratres ipsi confusi aut nihil exinde, aut modicum consequuntur, Ueber die Bedeutung des Wortes confratriae giebt Du Fresne Gloss. s. h. V. Aufklärung. Vgl. auch meine Abhandlung über die Halbbruder a. a. O. S. 66.
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Befeindung d. Deutſch. Ordens d. d. Geiſtlichkeit. 115 bei dem Papſie und erzuͤrnt uͤber dieſes Verfahren erließ Ho⸗ norius an die geſammte Geiſtlichkeit den Befehl, die zum Em⸗ pfange der Almoſen ausgeſandten Ordensbruͤder nicht bloß mit mehr Guͤte und Achtung aufzunehmen und zu behandeln, ſon⸗ dern das Volk auch fleißig zur Wohlthaͤtigkeit gegen den Dr: den zu ermahnen und forthin ihre Almoſenſammler an dem Tage nicht mehr auszuſtellen, an welchem die Ordensbruͤder in ihren Kirchen erſchienen, da ihre eigene Almoſenſammlung ja ſonſt täglich geſchehen koͤnne ). Je mehr aber die Geiſtlichkeit in ſolcher Weiſe dem Em⸗ porkommen des Ordens und der Zunahme der Mittel fuͤr ſeine Beſtimmung entgegen arbeitete, um ſo thaͤtiger blieb fort und fort der Papſt und um ſo kraͤftiger und eifriger wirkte er al⸗ len jenen Raͤnken des Neides und der Habſucht entgegen. So verlangte man bald vom Orden und feinen Unterthanen, wenn Doͤrfer ummauert oder Burgen und Befeſtigungen er⸗ richtet werden ſollten, den Zwanzigſten aus den Ordensguͤtern als Beiſteuer, ja man beraubte ſogar dieſe Güter, fobald die Steuer verweigert ward. Der Papſt ſprach auch hievon den Orden frei und gab zugleich der Geiſtlichkeit die ernſtliche Weiſung, mit Bann und Interdict zu ſtrafen, ſofern jemals wieder eine ſolche Forderung an den Orden ergehen werde ). Ueberhaupt erhielt der Orden bei dieſer Gelegenheit die Be⸗ 1) Die Bulle bei Duellius I. c. Nro. II. p. 4. 2) In der Bulle im großen Privilegienbuche p. 74, datirt: Late- ran. II. Non. Februar. p- n. anno quinto (4. Febr. 1221) heißt es daruͤber: Cum bona fratribus Hospitalis S. Marie 1. I. fide- lium devocione collata defensioni terre orientalis et pauperum recepcioni et susientacioni proſiciant, providere quanium Possumus nos oportet, ne ab alii minus necessariis presump- cione aliqua usurpentur. Pervenit autem ad nos, quod qui- dam ab eis ei hominibus eorum ad claudendas villas atque castella et irrigandas municiones vicesimam extorquere presu- munt, et si non dederint, auferunt violenter et ecclesiam orientalem ac pauperes sepulchrum domini visitantes indebite pro magna parte sustentacione defraudant. 8 *
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116 Befeindung d. D. Ordens durch die Geiſtlichkeit. freiung von Beiſteuern zu allen öffentlichen Arbeiten ). — So hatten ferner die Biſchoͤfe, wenn Ordenskirchen durch den Abgang ihrer Geiſtlichen erledigt waren, die Ordination der neuen Geiſtlichen oftmals unter allerlei Urſachen abſichtlich aufgeſchoben, um mittlerweile das Einkommen der Kirchen fuͤr ſich einzuziehen. Auch dieſen Mißbrauch ſtellte der Papſt durch die Verordnung ab, daß bei ſolchen Erledigungen die Kirchen⸗ einkuͤnfte zwanzig Tage lang dem Orden zufallen ſollten und waͤhrend dieſer Zeit der neue Geiſtliche dem Biſchofe praͤſen⸗ tirt werden möge 2). Weil ferner der Papſt um dieſelbe Zeit auch die Klage vernahm, daß man den Ordensbruͤdern in ih⸗ ren Rechtsſtreitigkeiten die Berufung an den Roͤmiſchen Stuhl nicht ſelten verwehre, ſo ſicherte er ihnen das Recht zu, daß ſie in jeglicher Rechtsſache und von jedem Richter in offen⸗ baren Bedruͤckungen eine Berufung an den Roͤmiſchen Hof ergreifen konnten, ſobald die Sache nur nicht ſolcher Art ſey, daß eine ſolche Berufung gar nicht Statt finden oder das Mittel der Berufung nicht angenommen werden koͤnne >). Schon aus dieſen Einzelnheiten leuchtet aufs klarſte ein, daß es Überall die habſuͤchtige und herrrſchluſtige Geiſtlichkeit 1) Die Bulle hierüber im großen Privilegienb. p. 85 iſt datirt: Lateran. Non. Febr. p. n. anno quinio. 2) Die Bulle hierüber im kleinen Privilegienbuche p. 66 iſt datirt. Lateran. Non. Febr. p. n. anno quinto. 3) Dieſe für den Orden ſehr wichtige Bulle ſteht im kleinen Privi⸗ legienbuche p. 65 und iſt datirt: Lateran. Non. Febr. p. n. anno quinto. Die weſentliche Stelle darin iſt folgende: Pervenit ad nos, quod in causis, quas alii contra vos el vos contra alios exer- cetis, vobis frequenter intereluditur appellacionis auxilium, quamvis illud in commissionis litteris vobisminime denegetur. Cum itaque vobis non debeat subirahi, quod communiter con- ceditur universis, presentibus vobis litteris duximus indulgen- dum, ut in quacunque causa vel a quocunque judice libere vobis liceat a manifestis gravaminibus ad sedem apostolicam appellare, nisi forsan talis sit causa, que appellacionem non recipiat vel in commissionis litteris appellacionis remedium fuerit denegatum.
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Päpftl. Beguͤnſtigungen d. Deutſchen Ordens. 117 war, welche von ihrem Neide getrieben alle Mittel der Liſt und Schlauheit aufbot, um das Aufftreben des Ordens zu hindern und die junge ritterliche Pflanzung wo moͤglich noch in ihrem jugendlichen Aufwuchſe gänzlich zu erdrücken. Sonſt erkannte man das heilfame Wirken und den thätigen Eifer der Ordensbruͤder ſowohl im Kampfe gegen den Feind der Chriſtenheit im Morgenlande, als nicht minder in den Pflichten, die ihnen menſchliches Mitleid vorſchrieb, wohl all⸗ gemein an, denn außer der Kranken- und Armenpflege uͤbten die Ordensbruͤder auch noch manche andere Pflichten menſch⸗ lichen Erbarmens. So geſchah es damals nicht ſelten, daß arme Aeltern in druͤckender Noth ihre kleinen Kinder vor die Thore der Ordenshaͤuſer ausſetzten, die dann von den Bruͤ⸗ dern aufgenommen, getauft und im Hauſe verpflegt wurden ). Nun erhielt aber der Papſt Honorius in den erſten Ta⸗ gen des Februars des Jahres 1221 die betruͤbende Nachricht von den Verluſten, welche der Orden einer Seits durch die Zerſtorung feines Hoſpitals in Jeruſalem, anderer Seits auch in den blutigen Kämpfen vor Damiette erlitten hatte. Er bot alles auf, ſie wieder zu erſetzen. In einer Bulle an die ge⸗ ſammte Geiſtlichkeit der chriſtlichen Kirche ſchilderte er mit klagenvollen Worten den Jammer jenes Verluſtes und for⸗ 1) Der Papſt spricht von dieſer Sache in einer Bulle, die im gro: ßen Privilegienbuche p. 39 unter dem Datum Lateran. Januar. p. u. anno septimo, im kleinen Privilegienbuche p. 76 aber unter dem Datum Lateran. Non, Februar. P. n. anno quinto vorkommt. Es heißt darin: Cum pueros, qui ad januam vestram alendi causa sepius deporlantur vel in domo vestra nascuntur, contingat plures sine baptismatis sacramento decedere, preseneium vo- bis auctorilate concedimus, ut liceal vobis pueros qui ad ja- nuam domus vetre projiciuntur causa necessitatis sine alicu- ius prejudicio in pelvi vel alio vase modico baptizare. — Das Ausſetzen der Kinder durch arme Aeltern war im Mittelalter ſehr haͤu⸗ fig; es gab ſelbſt Xenodochia, in quibus infantuli, qui anle Ja- nuas a parenlibus, qui eos nutrire ac fovere minime valebant, nimia paupertate allenuati, mittebantur, mercede ac stipendiis obsteirieihus ordinatis pueriliter alebantur. Muratori Antig- Ital. T. III. p. 59.
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118 Paͤpſtl. Begünftigungen d. Deutſchen Ordens. derte ſie ſo flehentlich als dringend auf, bei den ihr unterge⸗ benen Völkern mit aller Gabe der BVeredſamkeit und mit al- ler Kraft der Ermahnung und Ermunterung dahin zu wirken, daß alle die, denen Gottes wohlthaͤtige Hand Gut und Reich⸗ thum zugewieſen, ſpendend der Noth des Ordens zu Huͤlſe kommen möchten „Jetzt“ — fo ſchrieb der Papſt — „wird ſich in Erfahrung zeigen, wer den rechten Eifer fuͤr Gottes Sache hat und wer es in der Liebe des Herrn und in der Feſtigkeit des chriſtlichen Glaubens von Herzen wuͤnſchet, daß die Mißhandlung des chriſtlichen Volkes und das ſchrecken⸗ volle Verderben der Chriſten im Morgenlande einmal aufhöre. Darum möge aufs eiligſte Huͤlfe geleiftet werden, denn im Verzuge drohet die hoͤchſte Gefahr ).“ Und um zugleich auch den Eifer derer zu beleben, welche bei dem Einſammeln der geſpendeten Gaben vielfach beſchaͤftigt waren, verlieh der Papſt um dieſelbe Zeit mehre wichtige Vorrechte zu Gunſten der Halbbruͤder des Ordens. So er⸗ ſchien die Verordnung, daß die Halbbruͤder, denen die Geiſt⸗ lichen keine freie Beſtattung bewilligen wollten, von den Or⸗ densbruͤdern in den Kirchen des Ordens oder auf deſſen Be⸗ graͤbnißplaͤtzen begraben und für ihrer Seelen Heil, wie für andere Bruͤder, feierliche Meſſen gehalten werden follten 2). Zugleich aber fuͤgte der Papſt noch hinzu, daß wenn ſelbſt die Kirchen, zu welchen die verſtorbenen Halbbruͤder ge⸗ hoͤrten, ins Interdict erklaͤrt und alſo auch kirchliche Todten⸗ begängniffe ſtreng unterſagt ſeyen, fie dennoch feierlich und nach kirchlicher Sitte beſtattet werden koͤnnten, ſofern ſie nur 1) Die Bulle hierüber, der redendſte Beweis von des Papſtes Ei: fer für den Orden, iſt im geh. Archive Schiebl. XVII. Nro. 12. in einem Transſumt vom Jahre 1396 vorhanden und batirt: Late ran. VI. Idus Februar. P. n. anno quinto. Vgl. Duellius Sel. Pri- vil. Nro. II. p. 5. 2) Bulle im großen Privilegienb. p. 75, datirt: Lateran. Non. Februar. p. u. anno quinio, Vgl. meine Abhandlung über die Halb- bruͤder a. a. O. S. 67. Duellius J. c.
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Paͤpſtl. Beguͤnſtigungen d. Deutſchen Ordens. 119 gung bei ihrer Lebenszeit nicht ſelbſt mit Bann und Interdict be⸗ ſtraft oder offenbare Wucherer geweſen ſeyen 2). Das Ungluͤck aber, welches den Orden im Morgenlande ſo hart getroffen, die Strenge der Ordenspflichten, die noth⸗ wendige Entſagung alles Weltlichen, welche das Geſetz ver⸗ langte, nicht minder auch die Verfolgung, die Bedruͤckung und der Haß der Geiſtlichkeit, der manchem einzelnen Ordens⸗ bruder gewiß fuͤhlbar genug gemacht wurde, muͤſſen um dieſe Zeit doch manche Seele zerknickt und nicht wenige vermocht haben, dem Ordensgeluͤbde wieder zu entſagen und in das Weltleben zuruͤckzutreten. Manche widerſetzten ſich ſelbſt ihren Vorſtehern in den Ordenshaͤuſern, blieben, auch wenn ſie von jenen aus den Ordensguͤtern zuruͤckgerufen wurden, gegen Ord⸗ nung und Befehl in deren Beſitz und zeigten ſich ſo auf alle Weiſe als ungehorſam und aufruͤhreriſch gegen das Geſetz. Man⸗ chen mochte wohl auch nur der Reiz des Neuen, der Ruhm, in welchem der Orden ſtand oder ein anderer irdiſcher Zweck in die Ordensverbruͤdrung gezogen haben, und ſolche mußte die Taͤuſchung bald wieder ins Weltleben hinaustreiben. Ge⸗ gen ſolche abtruͤnnige und widerſetzliche Ordensglieder gebot der Papſt die ſtrengſte Ahnung mit dem kirch'ichen Fluche, „auf daß ſolch giftiges Unkraut auf dem Acker des Herrn nicht weiter fortwurzele.“ Ja ſelbſt unter dem Ordens⸗ kleide wurde hie und da von einzelnen weltlicher Luſt ge⸗ fröhnt 2), on SE ) Die Bulle hierüber im großen Privilegienb. p. 107 und im kleinen Privilegienb. p. 195 iſt datirt: Lateran. Non. Februar. p. U. anno quinto. 2) Die Bulle des Papſtes hierüber im großen Privilegienb. p. 75 it datirt: Lateran. V. Idus Februar. P. n. anno quinto (9. Fe ae 1221). Die Worte des Papſtes beweiſen freilich, daß nicht uͤber⸗ all biefelbe Gefinnung im Orden waltete. So heißt es: Grave nimis gerimus et indignum, quod quidam fralres Hospitalis S. M. Th. sponte a sui Propositi iramite discedentes habitu religio- nis abjecto ad nupcias Iranseuni seculares et ponentes in cor- dibus suis, quod non sil deus nec sil sciencia in excelso nec Fequiret ista, qui serutator est cordium et eciam medullarum
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120 Kaiſerliche u. paͤpſtl. Begünftigungen d. Ordens. Außer den zahlreichen Freiheiten und Beguͤnſtigungen des Ordens aber beſtaͤtigte der Papſt in dieſen Zeiten auch eine Menge von frommen Spenden und Beſchenkungen, mit wel⸗ chen die Ordensbruͤder von Koͤnigen, Fuͤrſten und edlen Gro⸗ ßen erfreut wurden, der ſprechendſte Beweis von der Achtung und Zuneigung, welche dem Orden damals von vielen Seiten entgegenkam. Unter den Beſchuͤtzern und Wohlthaͤtern des Ordens zeichneten ſich in dieſer Hinſicht durch Verleihungen aus der Biſchof Otto von Wuͤrzburg, der den Ordensbruͤdern nicht bloß in Beftätigung anderer Beſchenkungen feine Gunſt bewies, ſondern ihnen auch eine eigene Beſitzung am Main übergab *), ferner ein Graf von Henneberg, welcher dem Or⸗ den die ihm vom Koͤnige Johann von Jeruſalem geſchenkte Burg Koͤnigsburg im Morgenlande einraͤumte 2). In gleicher Weiſe bereicherten den Orden auch manche Fuͤrſten mit anſehn⸗ lichen Beſitzungen ). Sein groͤßter Goͤnner und Beſchuͤtzer deserta celeslis regis milicia cingulum secularis milicie reci- pere verentur, et frequenter quidam de ipsis fratribus exterio- ris religionis signo reienio cum inlus a se locius religionis observanciam abdicarint, ad personas se transferunt ecclesia- sticas vel mundanas, que ipsos non tam fovent in sue rebella- cionis audacia quam defendunt. Vgl. Duellius I. c. 1) Die Bulle im kleinen Privilegienb. p. 70 iſt datirt: Apud Ur- bem veter. V Idus Julii p. n. anno quarto. Der Biſchof ſchenkte dem Orden domum, quae Transmogum dicitur apud monaste- rium Scotorum. Außerdem haben wir von dieſem Biſchofe Beſtaͤti⸗ gungsurkunden über die Hohenlohiſchen Beſchenkungen an das Ordens⸗ haus zu Mergentheim, über eine Schenkung Sifridi Plebani de Wi- ckardisheim u. a. 2) Die Beſtaͤtigungsbulle des Papſtes im großen Privilegienb. p. 7, dat.: Lateran. VI. Calend. Nov. p. n. anno quinlo. Wahr: ſcheinlich war es Graf Poppo VII. von Henneberg, welcher dieſe Schenkung machte. 3) Dahin gehört z. B. die Schenkung des Grafen von Jülich über das Reichslehen Berenſtein und über Siersdorf bei Juͤlich im Jahre 1219, woraus die Kommende Siersdorf, zu der Ballei Alten: Biefen gehoͤrig, erwuchs. S. Ritz Urkunden und Abhandl. zur Geſchichte des Niederrheins B. I. Th. I. S. 98 — 99. .
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Kaiſerliche u. päpftl. Beguͤnſtigungen d. Ordens. 121 blieb aber unter allen weltlichen Fürften auch jetzt immer noch der Kaiſer Friederich, indem er ihm nicht bloß verſchiedene feiner Burgen, z. B. die von Mezano ) zur Gründung neuer Or⸗ denshaͤuſer uͤberwies, ſondern ihm auch ſonſt noch mit bedeutenden Geſchenken zu Huͤlfe kam. So hatte er ſchon wenige Jahre zuvor dem Orden mit Bewilligung ſeiner Gemahlin Conſtan⸗ zia und ſeines Sohnes Heinrich im Tauſche fuͤr eine Ordens⸗ beſitzung in Deutſchland ein jaͤhrliches Einkommen von hundert und funfzig Unzen reines Goldes aus den Zolleinkuͤnften der Stadt Brindiſi verliehen 2) und wenige Jahre nachher fügte er jener Schenkung noch eine andere hinzu, kraft welcher der Orden beſonders zum Ankauf weißer Maͤntel fuͤr die Ordens⸗ bruͤder aus den Zolleinkuͤnften derſelben Stadt alljaͤhrlich zwei⸗ hundert Unzen Goldes erhielt ). 1) Die Beſtaͤtigungsbulle des Papſtes im großen Privilegienb. p. 41, dat.: Lateran. XVII. Calend. Augusti p. n. anno quinto. 2) Die Beſtätigungsbulle des Papſtes hierüber im großen Privile⸗ gienb. p. 40 iſt datirt: Lateran. XI. Calend. April. p. n. anno secundo und die darin aufgenommene Urkunde des Kaiſers: Datum Wimpnie III. Non. Januar. 1218. In letzterer heißt es: Alten- dentes religionem et ordinem alque honestatem tuam, fraler Hermanne Magister sacre domus Hospitalis Theut. — acce- dente consensu et bona voluntate carissime uxoris nosire re- gnique consorlis Constancie ac dilectissimi filii nostri IIenrici concedimus et damus eidem sacre domui Hospitalis Th. in perpeinum Centum quinquaginta uncias auri bonorum tare- norum Sicilie ad pondus Baroli in proventibus Sicle duane et aliorum reddituum civitatis nostre Brundusii singulis annis Percipiendas, in concambium cuiusdam tenimenli, quod ab hospitali ipso in Alimannia recepimus. In Brindiſi war uͤbri⸗ gens ein Ordenshaus. De Wal. Recherches T. II. p. 13. 3) Die Beſtaͤtigungs⸗Bulle des Papſtes hierüber im großen Pri⸗ vilegienbuche p. 41 iſt datirt: Verulis XIII Calend. May p. n. anno sexto. Es heißt ausdruͤcklich: Specialiter pro emendis albis mantellis ad usum fratrum vestrorum militum annuatim du centas uncias auri ad pondus Baroli vobis Imperiali liberali- tate donavit tamdiu vobis annis singulis exsolvendas de reddi- tihus supradiclis donec in terris laboratoriis seu aliis posses sionibus regni competens vobis excambium Imperiali munili- vencia largiatur.
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122 Kaiſerliche u. päpftl. Beguͤnſtigungen d. Ordens. Die wichtigſten aller verliehenen Vorrechte und Freiheiten aber enthielt das Hauptprivilegium des Papſtes Honorius, wel⸗ ches ſchon am 15. December d. J. 1220 gegeben alles Einzelne zuſammenfaßte, womit der Papſt den Orden zur Bluͤthe und zum Wohlſtande erheben zu koͤnnen geglaubt hatte. Es war in jedem Betracht die gehaltreichſte und wichtigſte Urkunde, welche der Orden bisher vom Stuhle zu Rom erhalten hatte, eine Freicharte, die allen Nachfolgern des Papſtes Honorius zur Norm und Grundlage diente, der Grundpfeiler, auf wel⸗ chem in folgenden Zeiten die ganze Macht des Ordens em⸗ porgebaut wurde ). Was theils dieſer Papſt, theils ſeine Nachfolger noch hinzufuͤgten, das waren meiſtens nur Stuͤtzen und Halte, welche bald diefen, bald jenen erweiterten Ausbau der Macht und Wirkſamkeit des Ordens tragen und befeſtigen ſollten ?). So ſtand der Ritterorden des Deutſchen Haufes erhoben durch des Kaiſers hohe Achtung und reiche Beſchenkung, er⸗ muthigt durch deſſen ausgezeichnete Gunſt und Liebe, geſchuͤtzt und vertheidigt durch die Waffen des Hofes zu Rom, empor⸗ getragen durch die gewaltige Macht des Papſtes, reich begabt mit den wichtigſten Freiheiten und Gerechtſamen von beiden ihm hoͤchſt wohlgeſinnten Haͤuptern der Chriſten eit und geach⸗ tet von vielen Fuͤrſten des Reiches — ſo ſtand er nun ſchon im Abendlande da, als Hermann von Salza, der biedere und wackere Meifter, bei dieſen Goͤnnern und Schirmherren feines Ordens erſchienen war. Sein Erſcheinen aber beim Kaiſer und beim Papſte war in aller Hinſicht von großer Wichtigkeit. 1) Das Original dieſer Bulle iſt im geh. Archive nicht mehr vor⸗ handen, wohl aber mehre Transſumte aus den Jahren 1393, 1417 und 1438. Schiebl. I. Nro. 12, 13, 14. Gedruckt ſteht die Bulle im Duellius Select. Privileg. Nro. I.; auch bei Kotzebue B. I. S. 351 — 357, hier aber äußerft fehlerhaft und an vielen Stellen ganz unverftändlich. Ferner in Hiſtor. Diplomat. Unterricht und gruͤndlich. Deduction Beil. Nro. 35. 2) Die meiſten der in dieſer Bulle enthaltenen Vorrechte hatten die Tempelherren in ihrer Bulle Omre datum oplimum von Alexander III erhalten Vgl. Wilcke a. a. O. S. 77.
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Streitigkeiten des Deutſchen Ordens. 123 Im April des Jahres 1222 trat die Hoffnung einer neuen Huͤlfe für das heilige Land der Erfüllung näher, als fie je geweſen war. Der Kaiſer und der Papſt kamen naͤmlich um dieſe Zeit zu Veroli zuſammen und zu des letztern großer Freude erklaͤrte ſich Friederich eifriger als je zur Rettung des heiligen Landes bereit ). Auch Hermann von Salza wohnte dieſer Berathung der beiden Haͤupter der Chriſtenheit bei. Ihm aber ſchien zum Heil und zur Erhaltung des heiligen Landes vor allem nothwendig, daß der Geiſt der Zwietracht und des Haders unter den Chriſten im Morgenlande erſtickt und Ein⸗ tracht und Friede und unter den ritterlichen Orden zumal auch bruͤderliche Liebe und bruͤderliches Vertrauen herrſchend werde; denn noch immer ftörte dieſes der alte Groll der Tem⸗ pelherren gegen die Deutſchen Ordensbruͤder, noch immer ſahen jene mit ſchelem Blicke auf den weißen Ordensmantel der letztern hin und die Narbe der alten Spaltung war auch jetzt noch keineswegs verſchwunden. Das kümmerte vor allem Her⸗ manns friedlichgeſinnte Seele und er theilte feinen Kummer und ſeine Beſorgniß daruͤber dem Papſte mit. Da trat dieſer noch einmal ins Mittel. „Es iſt eueres geheiligten Standes unwuͤrdig, ſchrieb er dem Meiſter und den Rittern des Tem⸗ pel⸗Ordens, daß ihr noch Zorn und Groll gegen die Deut⸗ ſchen Bruͤder heget, weil ſie den weißen Ordensmantel tragen. Wenn euch von dieſer Leidenſchaft die Ehrfurcht gegen Kaiſer und Papſt noch nicht abhalten konnte, ſo haͤtte euch doch we⸗ nigſtens das Hohngeſpoͤtt der Welt davon zuruͤckziehen muͤſſen, der es, wie es denn auch wahrhaft iſt, laͤcherlich ſcheint, daß ihr zuͤrnet, weil andere von uns einen weißen Mantel zu tragen erlaubt erhalten, zumal da er doch von euerer Kleidung noch durch ein beſonderes Zeichen ſo unterſchieden iſt, daß gar nicht zu beſorgen ſteht, es wuͤrden die Bruͤder des einen Or⸗ dens fuͤr die des andern gehalten werden. Wir bitten euch alſo, aber wir ermahnen euch auch mit allem Ernſte, allen 1) Raynald. Annal. Eccles. T. XIII. ann. 1222. Nro. 2. Rtichard de S. Germano Chron. ap. Muralori Scriptt. rer, Ttal. T. VII. p. 994.
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124 Streitigkeiten des Deutſchen Ordens. Groll zu vergeſſen, den ihr vielleicht noch gegen die Deutſchen Ordensbruͤder gehegt habt, im Geiſte der Liebe mit ihnen zu wandeln und an ſie geknuͤpft durch das Band der Einigkeit, wie es gottgeweihten Maͤnnern geziemt, ihren Vortheil ſtets ſo wie den eurigen zu beachten, alſo daß wenn der Kaiſer mit Gottes Huͤlſe zu euch kommt, er bruͤderliche Einigkeit un⸗ ter euch finde. Wofern ihr aber anders handelt, ſo werdet ihr nicht bloß beim apoſtoliſchen Stuhle und beim Kaiſerthrone in der Gunſt gaͤnzlich ſinken, ſondern zu euerem Nachtheile auch den Spottreden der Welt noch mehr Nahrung geben ).“ Es war bisher bei allen Kreuzzuͤgen die loͤbliche Sitte beobachtet worden, bevor ein neuer Zug ins heilige Land ins Werk geſetzt ward, allen Zwiſt und alle Streitigkeiten unter den Theilnehmern niederzulegen, um mit reinem Herzen und mit friedlicher Bruſt das heilige Werk Gottes zu beginnen. Und wie auch jetzt der Kaiſer von dieſem Gedanken geleitet, alle Zwiſtigkeiten, z. B. die uͤber die Behandlung der Geiſt⸗ lichen im Apuliſchen Reiche zu beſeitigen ſuchte 2), ſo war der Papſt mit Hermann von Salza auch darauf bedacht, einen ſchon Jahre lang gefuͤhrten Streit des Ordens mit dem Bi⸗ ſchofe von Ebrenne friedlich auszugleichen. Er betraf ein Haus mit einigen Beſitzungen bei Akkon auf dem Muſardiſchen Berge, auf welche der Biſchof wie der Orden Anſpruͤche erhob. Der Papſt ertheilte dem Patriarchen von Jeruſalem, in der Wuͤrde eines paͤpſtlichen Legaten, den Auftrag, die Streitſache noch vor des Kaiſers Ankunft friedlich auszugleichen und der Bi⸗ fchof ließ ſich aus Liebe zum Frieden bereit finden, das Haus mit ſeinen Zubehoͤrungen dem Großkomthur des Deutſchen Or⸗ dens gegen eine Geldentſchaͤdigung einzuräumen >). J Dieſer auch ſonſt noch intereſſante Brief ſteht im kleinen Privi⸗ legienbuche p. 73 und iſt datirt: Verulis XV Calend. May p. n. anno sexto. Er iſt alfo zur Zeit der Zuſammenkunft des Papſtes mit dem Kaiſer zu Veroli geſchrieben, wo auch Hermann von Salza gegen⸗ wärfig war. Einiges aus dieſem Briefe hat auch Raynuld. Annal. Eccles. T. XIII. an. 1222. Nro. 7. De Wal Recherches T. I. p. 4. 289. 2) Raumer B. III. S. 379. 3) Die Vertragsurkunde hierüber befindet ſich im großen Privile-
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König Andreas v. Ungern u. d. Deutſche Orden. 125 Derfelbige Gedanke leitete auch den Papſt und den Kai⸗ fer bei ihren Bemuhungen, die Mißhelligkeiten zwiſchen ben) Orden und dem Könige Andreas von Ungern uͤber das fruher den Deutſchen Ordensrittern geſchenkte Land Burza in Sie⸗ benbuͤrgen durch Vermittlung beizulegen. Nachdem naͤmlich der Orden auf den beſſeren Anbau und die Sicherheit des Landes fehr beträchtliche Summen verwandt und unter Kampf und Blutvergießen gegen die häufigen Anfälle des wildheran⸗ ftürmenden Kumaner⸗ Volkes fünf ſtarke Wehrburgen errichtet, hatte Koͤnig Andreas unter Verhaͤltniſſen, welche die Geſchichte dunkel läßt, dem Orden das nun geſicherte Land wieder ent⸗ zogen ). Vielleicht hatte er nun erſt wahrgenommen, welche gienbuche p. 27 und iſt datirt: Accon in camera episcopali Ac- conensi a. d. M. CC. XX. tercio, Indictione prima, die Vene- ris, undecimo mensis Augusti. Unter den Zeugen werden nur zwei Ordensbruͤder, rater Florentius und frater Henricus de do- mo Alemannorum angeführt. An ſich iſt der Streit wohl nicht von beſonderer Wichtigkeit und hätte, was feinen Gegenſtand betrifft, viel⸗ leicht kaum eine Erwähnung verdient. Er erhält aber dennoch eine gewiſſe Merkwuͤrdigkeit in Ruͤckſicht der Perſonen, welche ihn von Sei⸗ ten des Ordens führten. Wir finden namlich in der Urkunde erwähnt eines Sindicus et procurator domus S. Marie theut., der den Streit von Seiten des Ordens fuͤhrte; alſo damals ſchon das Amt ei, nes Ordens Sachwalters, wie es der nachmalige Procurator des Deut⸗ ſchen Ordens am Römiſchen Hofe bekleidete. Ferner nennt uns die Ur: kunde den religiosus vir frater Conradus magnus preceptor do- mus Alemannorum oder den Großkomthur des Ordens, der in des Meiſters Abweſenheit die Ordensverwaltung im Morgenlande zu fuͤhren hatte, alſo ein neuer unbezweifelter Beweis, daß die Wuͤrde des Groß⸗ komthurs ſchon im Morgenlande vorhanden war (gegen Baczko B. II. S. 32, welcher dieſelbe erſt im Jahre 1309 entſtehen läßt, ein Irrthum, welchen auch Kotzebue B. II. S. 95 nachſchrieb). 1) Wir erſehen dieſes aus der Bulle des Papſtes Gregorius IX bei Dreger Cod. diplom. Nro. XC p. 155 und aus der Urkunde des Koͤniges Nro. LVI p. 103, wo dieſer nur ſagt: Quando ira nostra contra eos provocata eo tempore, quo terram sepedic- tam eis preceperamus auferri, fuerant non modicum dampni- ſicati. Engel Geſchichte von ungern S. 143 giebt als Grund der Vertreibung der Ritter die nothwendige Wiederherſtellung der Finanzen an 3 habe ihnen eigenmächtige Erweiterung ihres Gebietes Schuld gegeben.
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126 König Andreas v. Ungern u. d. Deutſche Orden. Gewinne aus dem ſonſt ſo aͤußerſt fruchtbaren Boden des Landes durch ſolchen Fleiß, wie ihn der Orden auf ſeinen Anbau verwandt hatte, ſich verſprechen ließen, zumal da nun die errichteten Burgen an den Engpaͤſſen des Gebirges die raͤuberiſchen Einfaͤlle der Kumaner bedeutend erſchwerten 1); oder vielleicht waren auch Verhetzungen der aufſaͤtzigen Geiſt⸗ lichkeit bei dem wankelmuͤthigen Koͤnige nicht ohne Wirkung geblieben. Mit vollem Rechte klagte daher der Meiſter Her⸗ mann von Salza bei dem Papſte uͤber des Koͤniges gewalt⸗ thaͤtigen Schritt, der auf keine Weiſe zu entſchuldigen war, und Honorius bewog in der That den Koͤnig, dem Orden das Land wieder zuruͤckzugeben. Er erhielt es aber vom Köͤ⸗ nige ſelbſt mit mehren ſehr wichtigen Vorrechten: die Hälfte von allem aufgefundenen Golde und Silber, das Recht der Bewilligung freier Maͤrkte zu Handel und Verkehr und die Erhebung aller Marktzoͤlle und Abgaben, die Freiheit der Gruͤn⸗ dung neuer Burgen und Staͤdte von Stein zur Sicherheit gegen die Kumaner, Befreiung von allen Waarenzoͤllen, Steuern und Auflagen, ſo wie von allem fremden Gerichts⸗ banne außer dem koͤniglichen, dagegen eigene Gerichtsbarkeit uͤber des Ordens Unterthanen. Außerdem fuͤgte der Koͤnig ſeiner Schenkung noch einen neuen Landſtrich hinzu, in wel⸗ chem die von den Ordensrittern erbaute Burg Kreuzburg lag, ertheilte ihnen das Recht, auf zwoͤlf Schiffen das Salz aus den Salzwerken von Akana durchs ganze Reich zu verfahren 1) In der erwähnten Bulle heißt es: Ipsi (i. e. fratres ordinis) pro colenda et munienda terra eadem, per quam Comanis regnum Ungarie multipliciter perturbantibus frequens introi- tus et exitus habebatur, numerosam pecuniam expenderunt, ibi cum multo labore et proprii effusione cruoris quinque castra fortia construendo. IIistoire de Ordre Teut. T. I. p 180 — 181. Nach Engels Angabe a. a. O. ©. 142 war Kreuzburg die erſte der errichteten Burgen; dann legten ſie eine Verſchanzung an die Alt; hierauf gründeten fie die Heldenburg castrum Heliven, und die Marienburg; nachdem die Dieterichsburg oder Toͤrzburg zu Ehren des Komthurs Dieterich, die ihnen den Eintritt in die Walachei frei machte.
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König Andreas v. Ungern u. d. Deutſche Orden. 127 und andere Beguͤnſtigungen mehr. Endlich nahm der König die Ordensbruͤder dieſes Landes mit allen ihren jetzigen und kuͤnftigen Beſitzungen in ſeinen beſondern Schutz und bewilligte, daß jeglichem ſeiner Unterthanen erlaubt ſeyn ſolle, ſein Ei⸗ genthum als fromme Gabe dem Orden zu verleihen. So wollte der Koͤnig den Schaden verguͤten, welchen der Orden in großem Maaße durch die Zuruͤcknahme des Landes erlitten hatte ). Dieſe neue Schenkung geſchah im Jahre 1222, und auf des Meiſters Bitte, da man des Koͤniges Wankelmuth nun ſchon hinlaͤnglich kannte, beſtaͤtigte fie im naͤchſten Jahre auch der Papſt mit allen den Rechten und Freiheiten, welche der König verliehen ?). Bald darauf aber erging vom Orden an den Papſt auch das Geſuch, der heilige Stuhl zu Rom moͤge das vom wilden Anſturm heidniſcher Feinde befreite Land un⸗ ter feinen Schutz nehmen und für ein rechtmäßiges Eigenthum der Roͤmiſchen Kirche erklaren, weil dieſes ſonder Zweifel des Landes Anbau und Bevoͤlkerung bedeutend befördern werde, da es zur Zeit immer noch zu wenig bewohnt war, um die nach⸗ barlichen Feinde für immer von pluͤndernden Einfällen zuruͤck⸗ zuſchrecken. Der Papſt gewaͤhrte dieſe Bitte, nahm das ganze 1) Die Vergabungs⸗ urkunde des Koͤniges ſteht in Dreger 1. c Nro. LVI. Ein Vidimus dieſes Diploms vom Kaifer Rudolf, ausge⸗ ſtellt zu Wien am 15. März 1280 im geh. Archive Schiebl. 29. Es weicht nur in einigen unweſentlichen Worten vom Abdrucke bei Dreger ab. Doch wuͤrde in den Ortsnamen aus dieſer urkunde manche Berich⸗ tigung fuͤr Dreger zu entnehmen ſeyn. Ein Transſumt von jener Ver⸗ gabungs⸗ Urkunde für den König Bela vom Gardianus fratrum Mi- norum et supprior fratrum predicatorum in Wienna verfertigt, ſtimmt ebenfalls mit dem Abdrucke bei Dreger nicht ganz woͤrtlich uͤber⸗ ein; es hat unter andern die falſche Jahrzahl 1227 ſtatt 1222, obgleich es das Regierungsjahr des Koͤniges richtig angiebt. Ferner iſt noch ein anderes Transſumt vom Jahre 1317 vorhanden, welches Thomas archiepiscopus Strigoniensis ad instanciam honesti fratris Wernhardi commendatoris domus Theutonicorum de Wienna verfertigte- 2) Die Beſtaͤtigungsbulle des Papſtes im Original im geh. Archive Schiebl. 1. Nro. 17; abgedruckt bei Dreger I. c. Nro. LX. En⸗ gel a. a. O. S. 143.
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128 König Andreas v. Ungern u. d. Deutſche Orden. Land als Eigenthum des apoſtoliſchen Stuhles für ewige Zei⸗ ten in ſeinen Schutz und Schirm und beſtimmte, daß es fort⸗ hin keinem andern geiſtlichen Obern weiter unterworfen ſey, als nur allein dem Papſte. Den hohen Geiſtlichen aber, dem Erzpresbyter vom Burzenlande und den Biſchoͤfen von Ungern verbot er ſofort jegliche kirchliche Strafe über Land und Leute, wie nicht minder die Ausuͤbung kirchlicher Gerichtsbarkeit ohne des apoſtoliſchen Stuhles beſonders ertheilte Vollmacht ). In ſolcher Weiſe war der Deutſche Orden nun ſchon im Beſitze eines ganzen Landes; er war freier und faſt ganz un⸗ abhaͤngiger, nur des Papſtes Obergebote untergebener Herr eines großen und fruchtbaren Gebietes, welches durch ſeine Tapferkeit von einem wilden Feinde des Glaubens befreit, durch feinen Fleiß aus völliger Verwuͤſtung bald zum erfreu⸗ lichſten Gedeihen und zur ſchoͤnſten Bluͤthe emporſtieg, durch ſeine Bemuͤhungen aus einer menſchenleeren Einoͤde ein mit neuen Bewohnern eben ſo reich beſetztes, als gluͤcklich ange⸗ bautes Land wurde und die Spuren des Raubes und der Verheerungen ſeiner Feinde in kurzem ganz verlor. Gewiß ein ſolches Beiſpiel konnte auf die Geſtaltung der Dinge in der Zukunft ſchwerlich ohne Wirkung ſeyn. Preuſſen erduldete gerade um dieſe Zeit im Kulmerlande und in Maſovien in ſeinen nördlichen Graͤnzgebieten das naͤmliche Schickſal, wie vormals das Burzenland. Aber noch lag die Zukunft im tiefſten Dun⸗ kel und keiner ahnete hier im Norden ein gleiches Ereigniß. Mittlerweile aber waren die vom Papſte zu einer Be⸗ rathung uͤber des heiligen Landes Errettung zuſammenberufe⸗ nen Fuͤrſten und hohen Geiſtlichen in Italien angelangt?) und es erſchienen nun im Jahre 1223 in Ferentino, wohin die 1) Raynald. Annal. Eccles. T. XIII. an. 1224. Nro. 36. Histoire de l’Ord. Teut. T. I. p. 184 — 185. Das Schreiben des Popſtes an die Biſchoͤfe von Ungern befindet ſich auch in einem Traus⸗ ſumt des geh. Archivs Schiebl. 29. 2) Nach Richard de S. Germano Chron. p. 995 begleitete den Koͤnig Johann von Jeruſalem nur der Meiſter des Johanniter⸗ Ordens. Der Meiſter des Tempel⸗Ordens ſandte einen Stellvertreter.
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Kaiſ. Frieder. II. u. Herm. v. Salza z. Ferentino. 129 Verſammlung verlegt war, der Papſt, der Kaiſer Friederich, der Koͤnig Johann und der Patriarch von Jeruſalem, und außer dem Meiſter des Johanniter-Ordens und vielen andern wohlunterrichteten Maͤnnern auch der Meiſter Hermann von Salza n, der bisher viel in Geſchaͤften des Kaiſers und des Papſtes thaͤtig geweſen war und als Vermittler zwiſchen bei⸗ den manches Mißverſtaͤndniß ausgeglichen hatte ). Indeſſen hatte die Berathung der Verſammelten doch keineswegs den Erfolg, welchen der Papſt, die Ordensmeiſter und manche an⸗ dere in ihren eifrigen Wuͤnſchen fuͤr des heiligen Landes bal⸗ dige Errettung ſich verſprochen hatten. Den Kaiſer hinderten auch jetzt noch mancherlei Kriegsfehden und Unruhen in Ita⸗ lien und auf Sicilien, mit einer großen Macht ins Morgen⸗ land aufbrechen zu koͤnnen und die Sendung einer minder be⸗ deutenden Kriegshuͤlfe widerrietben ſelbſt der Koͤnig von Jeru⸗ ſalem und manche morgenlaͤndiſche Abgeordneten. Man ſchob daher den Kreuzzug bis in das Jahr 1225 hinaus; doch gab Kaiſer Friederich in feierlicher Verſammlung das eidliche Ver⸗ ſprechen, ihn dann auch unter jeglicher Bedingung ins Werk zu ſetzen >). Um aber des Kaiſers Wuͤnſche und Beſtrebungen noch enger in die Sache des heiligen Landes zu verknuͤpfen, that auf die Anregung des Meiſters des Deutſchen Ordens der Pa⸗ triarch von Serufalem in der Verſammlung den Vorſchlag, daß der Kaiſer die Tochter des Koͤniges von Jeruſalem, Jolante, 1) Sant. L. III. P. XI. c. 10. Vgl. das Schreiben des Pap⸗ ſtes an den König von Frankreich bei Raynald. I. c. an. 1223. Nro. 3. 2) Es geſchah ſolches z. B. in der Streitſache des paͤpſtlichen Stuh⸗ les gegen den unruhigen Gonzalinus dapifer aulae imperialis, wor bei Hermann von Salza ſehr thaͤtig war, um das Mißtrauen des Pap⸗ ſtes gegen den Kaiſer zu beſeitigen; einmal Pontifex excandescens Theutonicorum frairem magistrum cum vehementioribus lit- teris ad Imperatorem misit. Raynald, I. c. an. 1222. Nro. 30. 3) Brief des Papſtes Honorius an den König von Frankreich bei Hay nad. I. c. an. 1223 Nro. 4. Sanut. l. c. Richard de S. Germano Chron. p. 996. \ II. 9
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130 Kaif. Frieder. II. u. Herm. v. Salza z. Ferentino. des Reiches einſtige Erbin, zur Gemahlin nehme. Laͤngſt ſchon hatte dieſer Gedanke in Hermanns Seele gelegen, denn fo lebendig und feurig auch in ihm ſelbſt die Ueberzeugung war, daß die reinſte Pflicht die Errettung des heiligen Gra⸗ bes fordere, ſo hielt er fuͤr den Kaiſer doch allerdings einen noch naͤheren Antrieb ſolcher Art fuͤr nothwendig ). Denn außer dem Papſte war wohl keiner in der Verſammlung mit ſo unermuͤdlicher Thaͤtigkeit und mit feurigerem Eifer auf alle Mittel zu Jeruſalems Befreiung und zur Errettung des heili⸗ gen Landes bedacht, als Meiſter Hermann von Salza, der reine, gottergebene Ritter, der mit wahrer Inbrunſt der Seele die Tage erſehnte, an welchen der Kaiſer mit der Kriegsmacht des Abendlandes ſiegreich den heiligen Boden betreten werde. Der Kaiſer ſelbſt aber ging um ſo lieber in den Vorſchlag der Vermaͤhlung mit der reizenden Koͤnigstochter ein, da ſich mit ihr zugleich ihm auch ſtolze Hoffnungen eroͤffneten auf neue Reiche im Morgenlande ?). Hermanns Eifer aber in den Verhandlungen zwiſchen dem Kaiſer und dem Papſte blieb von jenem nicht unbelohnt. Erſt kurz zuvor hatte Friederich dem Orden die wichtige Be⸗ guͤnſtigung ertheilt, daß jegliche Schuld, die etwa ein Ordens⸗ bruder vor dem Eintritt in den Orden auf ſich geladen hatte, 1) Daß Hermann von Salza der vorzuͤglichſte Vermittler bei dieſer Verbindung war, ſagt theils Sazur. I. c. ausdruͤcklich, indem er ihn mediator negotii nennt, theils bezeugen es andere Quellen. Selbſt der Papſt deutet in dem erwaͤhnten Briefe an den Koͤnig von Frank⸗ reich mit den Worten darauf hin: ad instanliam patriarchae et aliorum orientalium in nostra et fratrum nostrorum praesen- tia et multitudinis hominum, qui ad colloquium venerant, se duciurum in uxorem legitimam ſiliam Regis eiusdem jurisju- randi religione firmavit. Am vollftändigften giebt den Bericht über Hermanns Unterhandlungen in dieſer Angelegenheit der Ritter Jeuna in ſ. Geſchichte von Jeruſalem und Cypern L. IX. c. 7. Was man auch ſonſt gegen ſeine Glaubwuͤrdigkeit einzuwenden hat, ſo ſcheint er in den Hauptangaben uͤber dieſe Sache doch Glauben zu verdienen. ©: Histoire de l’Ordre Teut. T. I. p. 150. Funk Geſchichte Friede. rich II S. 96. 2) Naumer B. III. S. 380.
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Kaif. Frieder. II. u. Herm. v. Salza z. Ferentino. 131 vernichtet und als getilgt angeſehen ſeyn ſollte und daß nur diejenigen fuͤr die Schuld aufzukommen verbunden ſeyen, an welche die Erbſchaft feines Vermögens und feiner Güter uͤber⸗ gehe, ſelbſt wenn die in den Orden eintretenden Bruͤder einen Theil ihrer Güter dem Orden zugewendet 9). Jetzt fügte aber der Kaiſer feinen früheren Verguͤnſtigungen, durch die des Or⸗ dens Erhaltung ſchon ungemein erleichtert worden war ), auch noch das wichtige Vorrecht hinzu, daß der Orden in allen Kirchen ſowohl im Reiche, als in des Kaiſers Erbguͤtern, uͤber welche ihm das Patronat und Repraͤſentations-Recht jetzt oder inskuͤnftige zuſtehe, wie nicht minder in allen denen, welche in irgend einer Weiſe an das Reich fallen oder zu ſei⸗ nem und ſeiner Nachfolger Eigenthum kommen wuͤrden, das Vorrecht und die Vollmacht genießen ſolle, bei jeder eintre⸗ tenden Erledigung ſolcher Kirchen den Theil des beweglichen Eigenthums, welcher ſonſt bei ſolcher Erledigung dem Kaiſer und Reiche zufiel, zu ſeiner Benutzung einzuziehen. Ferner erhielten die Ordensritter auch noch das Recht, vom Tage der Erledigung ſolcher Kirchen die geſammten Einkuͤnfte der⸗ ſelben, mit Abzug deſſen, was für den Unterhalt der Geiſt⸗ lichen und der andern der Kirche zugehoͤrigen Perſonen erfor⸗ derlich ſey, ein ganzes Jahr hindurch fuͤr ſich einzuziehen und frei und ohne Einrede irgend eines andern zu ihrem Gebrauche verwenden zu koͤnnen ). Wer aber den Umfang des dem 1) Die Urkunde bei Duellius Sel. Priv. Nro. XVI, wo es heißt: Ut nulli postquam ipsius domus Religionem assumpserint et habitum gestaverint super aliquibus debilis, quae ante sus- ceplum habitum contraxerant, requirantur, aut ea solvere compellantur, sed illi pro ipsis debitis teneantur, ad quorum Dominium haereditatis et bonorum suorum noscitur successio devoluta, etiamsi ipsi fratres, cum ordinem assumpserint, partem bonorum suorum domui contulerint memoratae. 2) Der Kaiſer bezeichnet fie felbft im Eingange der Urkunde bei Duellius 1. c. Nro. XVIII. 3) Diefes Privilegium ſteht bei Duellius I. c. Nro. XVIII und iſt zu Ferentino im März des J. 12% verliehen. Im kleinen Privi⸗ legienbuche p. 106 und 178 ſtehen zwei Privilegien des Kaiſers gleichen 9 *
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132 Hermann von Salza im Morgenlande. Kaiſer bisher zuſtehenden Rechtes der Regalie und der Spolie kennt und weiß, was dem Kaiſer dadurch alles zugefallen war Y, der wird leicht begreifen, wie ungemein wichtig dieſe Beguͤn⸗ ſtigung fuͤr den Orden in aller Hinſicht ſeyn mußte, denn beides, Spolie und Regalie erhielt nun bei erledigten Kirchen der Orden durch dieſes ihm verliehene Vorrecht. Dieſes alles geſchah noch in der Verſammlung zu Feren⸗ tino und fo war fie für die Erhebung und für die Bluͤthe des Ordens auch hiedurch von ungemeiner Wichtigkeit geworden. Als ſie nun aber auseinander ging, geſchah es ohne Zweifel in des Kaiſers Auftrag, daß der Meiſter Hermann von Salza im Vorſommer des Jahres 1223 eine Reiſe ins Morgenland antrat, ſey es, daß er des Koͤniges von Jeruſalem Tochter zu Akkon von dem Vorſchlage ihrer Vermaͤhlung mit dem Kaiſer benachrichtigen ſollte oder daß er uͤber die Geſtaltung Inhaltes, aber batirt: apud Ferentinum anno dom. incarn. M. CC. XXIII. Mense April. XI Indictione. Es ſind dieſes ohne Zweifel Abſchriften von einer zweiten uͤber jenen Gegenſtand vom Kai⸗ ſer gegebenen Urkunde. Sie haben aber namentlich auch den wichtigen Zuſatz: Non prejudicante sibi, si quis in eadem ecclesia juxta morem inſra annum fuerit constitutus, quando proventus et usufructus percipiant, sicut superius est expressum, post com- pletum vero annum procuralionem et perceplionem proventu- um et usufrucluum ecclesiarum ipsarum sequentis scilicet tem- poris manibus et custodiae illius vel illorum, qui in eis rite fuerini constituti debeant resignare nec se inde ulterius intro- mittant, nisi ecclesiam vacare conlingeret, ut jurisdiclionem exerceant conslitulam, quam non nisi uno anno quociens ali- qua vel aliquae ecclesiae vacaverint in percipiendis proventi- bus et usufructibus vacantis eeclesiae decrevimus valituram, sicut in privilegio nostro estremum predicte domui indulto plenius continetur. — Auch dieſe letzten Worte weiſen darauf hin, daß der Kaiſer über dieſen Gegenſtand zwei Urkunden ausfertigen ließ. Vgl. Hiſtor. Diplomat. Unterricht und Deduction u. ſ. w. Beilage Nro. 6. 1) unter Regalie verſtand man die Beſchlagnahme der Einkuͤnfte erledigter Bisthuͤmer; unter Spolie die Beſchlagnahme des beweglichen Nachlaſſes der Biſchoͤfe fuͤr den Koͤnig. Vgl. Raumer B. VI. S. 155 — 157.
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Hermann von Salza im Morgenlande 133 der Dinge und die Verkältniffe im heiligen Lande genauere Kunde einziehen wollte. Es iſt wohl moͤglich, daß Hermann damals auch ſchon mit dem Gedanken nach Akkon ging, dort alles darauf vorzubereiten, ſeinem Orden, ſobald es irgend die Verhaͤltniſſe geſtatten wuͤrden, den Hauptſitz im Abendlande zu errichten; denn ſah man auf die Vorrechte, Freiheiten und Beſitzungen, welche der Orden in kurzem hier erworben hatte, ſo war ja klar, daß die Pfeiler ſeiner kuͤnftigen Macht und Groͤße im Abendlande ſtanden, und ſo viel hatte der umſich⸗ tige Meiſter aus den Verhaͤltniſſen des Kaiſers und des Pap⸗ ſtes wohl ſchon deutlich erkannt, daß die Grundſaͤulen der chriſtlichen Herrſchaft im Morgenlande in der verwandelten Stimmung der Chriſtenheit des Abendlandes bereits un⸗ tergraben und der Verluſt deſſen, was im heiligen Lande der maͤchtige Geiſt des Glaubens und die gewaltige Begeiſterung fuͤr das heilige Grab vormals errungen hatten, wohl bald zu befürchten ſey; es konnte ihm überhaupt wohl ſchwerlich ent⸗ gehen, daß die Sproͤßlinge dieſer Begeiſterung, die ritterlichen Ordensverbruͤderungen da nicht lange mehr im Forttriebe und im Gedeihen wuͤrden beſtehen koͤnnen, wo es täglich mehr an belebender Kraft und an Nahrung gebrach. Und hievon ward Hermann in kurzem noch tiefer überzeugt. Waͤhrend der Meiſter naͤmlich im Morgenlande verweilte, waren der Papſt, der Kaiſer und der König von Jeruſalem, jeglicher in ſeiner Weiſe, fuͤr die Vorbereitungen zur naͤchſten Kreuzfahrt ungemein thaͤtig. Der Koͤnig durchzog die Laͤnder, beſonders Frankreich, England, Spanien und Deutſchland, um Koͤnige, Fuͤrſten, Ritter und Edle zur Theilnahme am heili⸗ gen Zuge zu gewinnen; aber nirgends erfreute ihn ein bedeu⸗ tender Erfolg. Zwar ruͤſtete der Kaiſer in ſeinen Haͤfen an⸗ ſehnliche Flotten aus; allein die Wahrnehmung, welche Koͤnig Johann ihm zugebracht, daß die Stimmung des Abendlandes fuͤr das Kreuz im Morgenlande nur zu ſehr ermattet und er⸗ kaltet ſey, ſchlug auch feine Hoffnungen merklich wieder nieder ). Der Papſt forderte abermals in feurigen Ermahnungsſchreiben 1) Raumer B. III. S. 384.
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134 Neue päpftl. Beguͤnſtigungen d. Deutſch. Ordens. Könige und Fürften, Geiſtliche und Weltliche, Voͤlker und Reiche zum Kampfe fuͤr das Kreuz und zur Beiſteuer fuͤr das heilige Werk auf ). Allein allenthalben waren die Herzen kaͤlter geworden, die Worte verhallten und griffen nicht mehr ein in die Seelen der Menſchen wie in fruͤherer Zeit. Am meiſten ruhte des Papſtes Vertrauen noch auf dem Geiſte der Ritterorden und vorzuͤglich auf dem der Deutſchen Ordensbruͤ⸗ der; daher er auch jetzt wieder den Deutſchen Orden, „dieſen getreuen und muthigen Waͤchter des heiligen Landes,“ durch neue Beguͤnſtigungen fuͤr ſeine Opfer und ſeine Muͤhen im Morgenlande zu bekraͤftigen und ſeinen Muth zum ferneren Kampfe zu ſtaͤrken ſuchte durch neue Beweiſe ſeiner Huld und Gunſt. So ward denn auch das Jahr 1223 durch eine Menge neuer Freiheiten und Gerechtſame bezeichnet, durch die auch jetzt wieder der Orden in feiner Stellung in den Verhaͤltniſ⸗ ſen der Welt bedeutend hoͤher ſtieg. Vor allem munterte der Papſt bei der, wie er meinte, nun bald zu hoffenden Befreiung des heiligen Landes die geſammte Geiſtlichkeit der chriſtlichen Welt von neuem auf, den Kaͤmpfern und Vertheidigern des heiligen Landes, den Rittern des Deutſchen Hauſes „in der freudigen Hoffnung der baldigen Ankunft des Herrn“ thaͤtige Huͤlfe zu leiſten und ihren Mitbruͤdern beim Sammeln milder Gaben fuͤr des Hei⸗ landes Sache bruͤderlich und huͤlfreich beizuſtehen, „denn was man den Bruͤdern des Ordens ſpendet, ſagte der Papſt, wird niedergelegt in die himmliſche Schatzkammer, wo kein Roſt frißt und kein Wurm naget. ).“ Wie ferner der Deutſche Orden ſchon alle Privilegien und Freiheiten der Tempelherren 1) Hay nad. Annal. eceles. an. 123. Nro. 8. 2) Die Bulle im großen Privilegienbuche p. 61, datirt: Lateran. Non. Januar. p. n. anno seplimo (5. Jauuar 1223.) Nos enim, ſagt der Papſt am Schluſſe des Ermahnungsſchreibens, de beat. apos- tolorum Petri et Pauli aucloritate confisi omnibus, qui de fa- cultaübus sibi collatis a deo fratribus subvenerint antedictis et in eorum sancla fraternitate se collegas statuerint eisque . beneficia persolverini annuatim seplimam partem injuncte pe- nitencie relaxamus.
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Neue päpfti. Beguͤnſtigungen d. Deutfib. Ordens. 135 beſaß, ſo ſicherte ihm nun der Papſt auch alle diejenigen zu, welche jemals der Orden der Johanniter vom Roͤmiſchen Stuhle erhalten hatte und ſtellte ſomit die Deutſchen Ordensbruͤder in jeder Beziehung jenen beiden Orden gleich). Außerdem verordnete er, daß wenn Geiſtliche einer Kirche dem Orden auf ein oder zwei Jabre im Gottesdienſte frei und unentgeldlich zu dienen befchlöffen, fie durch niemand daran verhindert werden und ihre Einkuͤnfte ihnen mittlerweile ungeſchmaͤlert zufallen ſollten 2). — Um aber bei dem bevorſtehenden Kriegszuge ins Morgenland, an welchem die ſtreitfaͤhigen Ordensritter in den Beſitzungen im Abendlande ſaͤmmtlich Theil nehmen mußten, die fuͤr Krankenpflege und Verwaltung der Guͤter daheim blei⸗ benden Ordensbruͤder in ihrer Ruhe und ihre Beſitzungen ge⸗ gen Raub und Frevel habgieriger Menſchen ſicher zu ſtellen, erging vom Papſte an die geſammte Geiſtlichkeit der ſtrenge Befehl: es ſolle jeglicher, ſey er Geiftlicher oder Laye, der an einen Ordensbruder durch Gefangennehmung, durch Abwerfen vom Roſſe oder in irgend einer andern Weiſe gewaltthätige Hand lege, fofort und ohne allen weitern Verzug Öffentlich bei brennenden Lichtern in den Kirchenfluch erklaͤrt werden und fo lange alle Gemeinſchaft mit dem Fluchbeladenen aufs ſtrengſte unterſagt ſeyn, bis er dem Beleidigten und Verletz⸗ ten volle Genugthuung geleiſtet und zur Vergebung ſeiner Suͤnden ſich in Rom vor dem Papſte ſelbſt eingefunden habe. Sofern jedoch ein Ordensbruder nicht gewaltthaͤtig angegrif⸗ fen, ſondern nur etwa durch Schmaͤhworte beleidigt oder ſei⸗ nes Reiſezeugs oder anderer Guͤter beraubt worden, ſolle der Thaͤter durch Ermahnung und durch die Strafe des Bannes zur Genugthuung fuͤr die Beleidigung und zur Ruͤckgabe des Entnommenen bewogen werden >). 1) „Ui sitis pares in assecucione apostolici benelicii, qui- bus in operacione virlutum pio studetis proposito adequari, “ ſagt der Papſt zu den Deutſchen Ordensbruͤdern in der Bulle hierüber im großen Privilegienbuche p. 22, datirt: Lateran. II Idus Januar. p- n. anno septimo. 2) Die Bulle im großen Privilegienbuche p. 21. 3) Die Bulle hieruͤber im großen Privilegienbuche p. 85 iſt datiert:
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136 Neue paͤpſtl. Begünftigungen d. Deutſch. Ordens. Aber auch jetzt noch hatte der Orden feinen größten Geg⸗ ner an der neidiſch geſinnten Geiſtlichkeit und der Papſt war noch fort und fort genoͤthigt, gegen den Haß und die Ver⸗ folgungsſucht der widerſpenſtigen Prälaten anzukaͤmpfen. Jede fromme Gabe und jede neue, dem Orden zugewieſene Beſi⸗ tzung ſchien ihnen ein Raub an dem, was ihnen oder der Kirche habe zufallen muͤſſen. Wo ſie daher auch nur irgend vermochten, traten ſie dem Orden hindernd entgegen, und der Papſt, unabläffig von des Ordens Klagen beſchwert, durfte nicht aufhoͤren, zu warnen, zu mahnen, zu verbieten und zu drohen: bald wenn man die vom Orden ausgeſandten Almo⸗ ſen⸗Sammler aufs unfreundlichſte aufgenommen, ja ſie ſogar aus den Kirchen geworfen und ihrer geſammelten Gaben be⸗ raubt hatte ); bald wenn die Geiſtlichen ſolche, die ſich an Gliedern des Ordens oder deſſen Beſitzungen vergangen, ent⸗ weder gar nicht weiter beſtraften oder die Strafe ohne erfolgte Genugthuung ſchnell wieder aufhoben ?); bald auch wiederum, wenn die hohen Geiſtlichen die paͤpſtlichen, den Nutzen und die Sicherheit des Ordens betreffenden Verfuͤgungen nicht ein⸗ mal öffentlich bekannt machten oder bei der Bekanntmachung als unwichtig darſtellten ). Selbſt gemeine Verlaͤumdungen Lateran. XVII Calend. Februar. p. n. anno seplimo (16. Ja⸗ nuar 1223). Dieſelbe Bulle, aber ſpeciell an den Erzbiſchof von Mainz und an die Geiſtlichkeit ſeines Sprengels gerichtet, befindet ſich im klei⸗ nen Privilegienbuche p. 71 unter dem Datum: Lateran. VII Idus April. p. n. anno septimo (7. April 1223). 1) Eine Bulle, welche dagegen eifert, im kleinen Privilegienbuche p. 44 iſt datirt: Lateran, Idus Januar. p. n. anno seplimo, 2) Eine Bulle dagegen im großen Privilegienbuche p. 37, datirt: Lateran. III Non. Februar. p. n. an. seplimo; auch p. 61 und wiederholt im kleinen Privilegienbuche p. 128. 3) Die Geſinnung der Geiſtlichkeit gegen, den Orden ſchildert der Papſt ſelbſt in einer an die hohen Geiſtlichen gerichteten Bulle im gro⸗ ßen Privilegienbuche p. 107, datirt: Lateran. II. Calend. Febr. P- n. anno septimo, worin es unter andern heißt: Si discrimina, que dilecti filii fratres hospitalis S. Marie theuton. pro defen- sione Christianitalis cotidie sustinent in partibus iransmarinis, et beneficia, pauperibus subministrant, consideracione solli-
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Neue paͤpſtl. Beguͤnſtigungen d. Deutſch. Ordens. 137 und erdichtete Nachreden waren nicht ſelten der erbitterten Geiſtlichkeit erwuͤnſchte Mittel, den Orden in feiner Ehre un⸗ ter den Menſchen und in der Achtung der Welt zu beeintraͤch⸗ tigen. Waͤre daher fuͤr das Gebaͤu des Ordens nicht der Papſt durch feine Gunſt und feinen Schirm ein fo mächtiger Pfeiler und ein ſo feſter Halt geweſen, gewiß wuͤrde der dann ſicherlich noch wilder tobende Sturm des Clerus, der ſchon Throne und Koͤnigskronen niedergeworfen, auch dieſes zertruͤm⸗ mert und in ſeiner erſten Erhebung wieder vernichtet haben. Durch ſolch hohes Wohlwollen des Oberhauptes der Kirche aber ſtand nun der Orden im Beſitze feiner Macht, feiner Güter, ſeiner Freiheiten und Gerechtſame ſchon ganz vollkommen geſi⸗ chert da. Die Pflanze, im Morgenlande aufgewachſen, war, ins Abendland heruͤbergetragen, zum kraͤftigen Stamme geworden und hatte die Wurzeln ſchon zu tief ins Leben der Abendwelt eingeſchlagen. Maͤnnlich hielt ihn zudem der Papſt auch in al⸗ len Stuͤrmen aufrecht. Sein Vertrauen auf des Ordens Ver⸗ dienſt und Werth vor Gott und vor der Welt war felbft ſchon ſo tief und feſt begruͤndet, daß er dem Meiſter und deſſen Bruͤdern die wichtige Zuſicherung gab: paͤpſtliche Briefe, die, vielleicht durch falſche Angaben oder ſonſtigen Betrug veran⸗ laßt, vom Hofe zu Rom gegen des Ordens Freiheiten und Vorrechte ausgehen möchten, ſollten den Orden nie verpflich⸗ ten, deshalb mit jemandem vor einem Gerichte zu erſcheinen Y. cila pensarelis, non solum ab ipsorum molestiis cessaretis, sed alios studeretis districtius colibere. Ceterum audivimus et audientes nequivimus non mirari „quod eos quidam vestrum solito durius persequentes non solum querelas eorum dissimu- lant, sed ipsos gravibus injuriis vexaverunt et indanıpnabili adhuc proposito perseverant, litteras nostras generales et quan- doque speciales legere contempnentes, quas si interdum lege- rint, vilipendunt, unde clerici et laici sumentes audaciam ad- versus eos severius insolescunt, eleemosinas et heneſicia sub- trahunt consueta. 1) Die Bulle hierüber im großen Privilegienbuche p. 94 ift von ungewiſſem Datum. Es heißt darin aber: Nostro imminei officio providendum, ut si per falsam suggeslionem aut tacendi frau-
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138 Neue päpftl. Beguͤnſtigungen d. Deutſch. Ordens. Zugleich wurde den Geiſtlichen vom Papſte aufs ſtrengſte un⸗ terſagt, die dem Orden verliehenen Freibriefe und Privilegien anders als nach getreuem Sinne der Worte zu deuten und auf ſolche Weiſe den Bruͤdern den Nutzen ihrer Freiheiten zu entziehen ). So aufs neue durch Beguͤnſtigungen erhoben und durch Beweiſe der paͤpſtlichen Huld ermuntert fand Hermann von Salza den Orden, als er mit dem Anfange des Jahres 1224 aus dem Morgenlande zum Kaiſer nach Sicilien zuruͤckkehrte 2). Aber er kehrte zuruͤck mit ſchwer bekuͤmmerter Seele, denn er hatte die Verhaͤltniſſe im heiligen Lande im hoͤchſten Grade traurig geſunden. Nur die Zwietracht und die Spaltungen unter den Haͤuptern der Glaubensfeinde hatten den Beſtand der chriſtlichen Beſitzungen bisher noch moͤglich gemacht. Her⸗ dem liitere a nobis contra ipsa privilegia emanaverint, nullum ex eis liberlas vestra sustinet deirimentum. Eapropter aucio- rilate vobis apostolica iudulgemus, ut si que contra privilegia vestra liltere fuerint a quoquam per surrepcionem obtente, nisi ex certa consciencia nostra procedant, in judicio alicuius non ieneamini disceptare, salva moderacione concilii gene- ralis. 1) Die Bulle ohne beſtimmtes Datum im großen Privilegienbuche p. 94 und 96. 2) Godefrid. Monach. p. 292 ſagt ausdruͤcklich, Hermann ſey in Epıpbania Domini bei dem Kaiſer angekommen und die genaue Beſtimmung der Zeit laͤßt uns ſchließen, daß der Chroniſt hievon wohl unterrichtet geweſen. Nun kommt zwar in einer Urkunde des Koͤnigs Heinrich VII, welche zu Nordhauſen am 22. Septemb. 1223 ausge⸗ ſtellt iſt, ebenfalls ein Deutſcher Ordensmeiſter unter den Zeugen vor und nach Schultes Direcior. diplom. p. 578, welcher darunter Her⸗ mann von Salza verſteht, muͤßte man glauben, dieſer ſey im Herbſt des Jahres 1223 in Deutſchland und nicht im Morgenlande gewefen. Allein Schultes irrte; denn unter jenem Ordensmeiſter Hermann iſt der damalige Deutſchmeiſter Hermann Balk zu verſtehen. Wir erfahren, daß dieſer ſchon im Jahre 1219 das Amt eines Deutſchmeiſters verwal⸗ tete, indem eine Urkunde des Kaiſers Friederich II, datirt: Apud Fuldam in solempni curia 1219, Mense Decemb. Indiet. VII diefen Hermann Magister und Preceptor domorum eiusdent IIos- pitalis in teulhonta nennt.
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Neue paͤpſtl. Beguͤnſtigungen d. Deutſch. Ordens. 139 mann ſchilderte dem Kaiſer den ganzen hoͤchſt gefahrvollen Zu⸗ ſtand der Dinge, wie er ihn gefunden hatte ), und ſtellte es dieſem als die dringendſte und heiligſte Pflicht vor, daß er ei⸗ ligſt aufbreche mit ſeiner Macht und den Chriſten Syriens zu Huͤlfe komme, wenn nicht bald alles, was Tauſende und aber Tauſende mit ihrem Blute erkauft, unwiederbringlich verloren gehen ſolle. Nie war dem Kaiſer ein mahnendes Wort tiefer zu Herzen gegangen; nie war er feſter entſchloſſen geweſen, ſein oft erneuertes Geluͤbde zu erfuͤllen. Und um dem Papſte zu bezeugen, mit welchem Ernſte und Eifer er jetzt in der Vorbereitung zur Kreuzfahrt beſchaͤftigt ſey, meldete er ihm: „Hundert Galeeren liegen anjetzt in den Haͤfen unſcres Rei⸗ ches zur Abfahrt bereit; funfzig Laſtſchiffe, die an zwei⸗ tauſend Reiter und Pferde und gegen zehntauſend Fußvolk tragen werden, ſind in Arbeit; zwei Bruͤder des Deutſchen Ordens und andere der Sache kundige Maͤnner ſind von uns bei ihrem Baue zur Aufſicht angeſtellt, alſo daß wir ſicher glauben, mit naͤchſtem Sommer koͤnnen die Schiffe bemannt werden ).“ Auf Hermanns des Meiſters Rath hatte der Kaiſer be= ſchloſſen, nach Deutſchland zu gehen, um dort durch feine Ge⸗ genwart und ſeinen Einfluß die Sache des Kreuzzuges um ſo mehr zu befoͤrdern ). Dieſer Entſchluß konnte aber wegen ſeiner nothwendigen Gegenwart bei der Verſetzung der unru⸗ higen Saracenen aus Sicilien nach Apulien nicht vollfuͤhrt werden; deshalb erwaͤhlte der Kaiſer den Meiſter Hermann von Salza zu feinem bevollmächtigten Geſchaͤftstraͤger, um 1) Godefrid. Monach. p. 292. 2) Der Brief des Kaifers bei Ray nald. an. 1224. Nro. 5. 3) Der Kaifer ſchreibt ſelbſt hieruͤber: Frater Hermannus do- mus Theutonicorum magister ad pracsenliam nostram acce- dens proposuil et persuasit instanter, quod de consilio vestro erat et satis utile vobis, et ei expediens videbatur, ut pro lam arduo negotio Terrae sanctae cum prineipibus Imperii orele- nus loqueremur, versus partes illas nos personaliter conferen- ies. Raynald. an. 1224. Nro. 6. Godefrid. Monach. p. 292.
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140 Hermann von Salza in Deutſchland. durch ihn den Fuͤrſten des Reiches ſeinen Willen verkuͤndigen zu laſſen ). Es war im März des Jahres 1224, als Her⸗ mann die Reiſe nach Deutſchland antrat e). Mit einem Schrei⸗ ben des Kaiſers an den Papſt erſchien er in Rom, theils um dieſen uͤber den Zuſtand der Dinge im heiligen Lande und uͤber des Kaiſers jetzt feſtgefaßten Entſchluß zu einem Kreuz⸗ zuge und die bereits getroffenen Vorbereitungen naͤher zu un⸗ terrichten, theils auch um ihm den Bericht uͤber die unbedeu⸗ tenden Erfolge der Bemuͤhungen des Koͤniges von Jeruſalem und deſſen Entſchluß zur Ruͤckkehr zu überbringen 3). Von Rom aus begab ſich Hermann zuerſt, wie es ſcheint, nach Wien; er uͤberbrachte Briefe vom Kaiſer an den Herzog von Oeſterreich und ſuchte dieſen zur Tbeilnahme an dem Kreuzzuge zu gewinnen. Hierauf zog er nach Frankfurt, wo Koͤnig Heinrich, des Kaiſers Sohn, damals Hof hielt, und uͤberreichte dieſem des Vaters Briefe mit dringender Bitte, das heilige Werk bei den Fuͤrſten des Reiches nach aller Kraft zu foͤrdern. Dort langte bald aus Spanien und Frankreich auch der Koͤnig von Jeruſalem an, welchem Her⸗ mann im Auftrage des Kaiſers und des Papſtes die Bitte vorlegte, daß er in Deutſchland noch einige Zeit verweilen und durch ſeine Gegenwart die Theilnahme am Kreuzzuge noch lebendiger anregen möge *). Von da begleitete der Meifter 1) Naynald. I. c. Godefrid. Monach. I. c. 2) Der Brief des Kaiſers, welchen Hermann mit nach Rom brachte, iſt vom Sten März. 3) Der Kaiſer ſchrieb dem Papſte die den Geiſt der Zeit be⸗ zeichnenden Worte: Per quem (Hermannum) etiam plenius agno- scetis, quod illustris Hierosolymitanus Rex nuper scripserit nobis, et qualiter in proposito sit ab illis partibus recedendi, pro eo quod parum ibi proficiat pro negotio Terrae sanctae, Nam praedicatores, qui praedicant verbum crucis, in tantum vilipenduntur ab omnibus, tum quod infimae personae viden- tur, tum quod nullam auctoritatem, vel aliquam, sicut moris est, in talibus habeant praestandae indulgentiae polestatem, quod non est, qui eos audiat vel intendat. Raynald. I. c. 4) Godefr. Monach. p. 293. Raynald. an. 1224 Nro. 9 — 10.
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Hermann von Salza in Deutſchland. 141 die beiden Könige nach Köln, wo fie von dem Erzbiſchofe Engelbert aufs prachtvollſte empfangen wurden ). Hermann aber hatte außer der Sache des Kreuzzuges vom Kaiſer und vom Papſte noch einen andern wichtigen Auf⸗ trag erhalten, deſſen Ausfuͤhrung bedeutenden Schwierigkeiten unterlag. Graf Heinrich von Schwerin naͤmlich, ein kuͤhner, ſtolzer Krieger, hatte aus Rachſucht und Zorn, daß Koͤnig Waldemar der Zweite von Daͤnemark von ihm den Lehnseid uͤber ſeine Laͤnder erpreßt und dann ſelbſt einen Theil ſeiner Beſitzungen ihm mit bewaffneter Hand entriſſen, dieſen bei einem Jagdvergnuͤgen gefangen genommen und in ein feſtes, unzugaͤngliches Schloß in Ketten gelegt. Klagen beim Kaiſer und beim Papſte uͤber die frechkuͤhne That, über welche ganz Deutſchland ſtaunte, und wiederholte Aufforderungen und Dro⸗ hungen von dieſen beiden an den Grafen wegen des Koͤniges Befreiung waren bis jetzt immer ohne Erfolg geblieben. Und doch war es fuͤr beide, fuͤr den Kaiſer wie fuͤr den Papſt, um gewiſſer Anforderungen willen, die man an den Koͤnig zu richten hatte, von großer Wichtigkeit, daß ſeine Befreiung durch ihren Betrieb und ihre Vermittelung geſchehe. Her⸗ mann von Salza war von beiden beauftragt, ſie zu bewir⸗ ken 25. Er begab ſich daher von Köln aus in Begleitung beider Koͤnige, des Erzbiſchofs Engelbert, des paͤpſtlichen Le⸗ gaten Biſchof Conrad von Porto und verſchiedener Fuͤrſten des Reiches gegen die Elbe hin nach Sachſen. Dort ſandten die Könige den Meiſter an den Grafen von Schwerin und an den gefangenen Koͤnig voraus, um die Unterhandlungen mit ihnen zu des letzteren Befreiung und ihrer Verfoͤhnung vorzubereiten ). Dann ward eine Fuͤrſtenverſammlung zu Nordhauſen angeordnet; allein des Erzbiſchofs Engelbert ei⸗ 1) Godefrid. Monach. I. c. 2) Petri Olai Excerpi. ap. Langebeck T. II. p. 258. Ray- nald. an. 1223 Nro. 23 seq. an. 1224 Nro. 28. Mallet Geſchichte von Daͤnemark B. I. S. 379. Raumer B. III. S. 667. 3) Godefrid. Monach. p. 293. Chron. Hirsaug. T. I. p. 534.
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142 Hermann von Salza in Deutſchland. frigfte Bemühungen daſelbſt für des Koͤniges Freilaſſung blie⸗ ben ohne Erfolg. Erſt auf einer zweiten Verſammlung zu Bardewick gelang es den klugen und gewandten Unterhand⸗ lungen Hermanns von Salza, von den uͤbrigen Fuͤrſten und dem Legaten unterſtuͤtzt, am vierten Juli des J. 1224 zwi⸗ ſchen Waldemar und dem Grafen einen Vertrag zu Stande zu bringen ). Freilich dauerte es noch länger, als ein Jahr, ehe der Koͤnig ſeiner Haft entlaſſen wurde und es waren ſchwere Opfer, die er für feine Befreiung zu bringen hatte 2), Hierauf beſuchte Hermann ohne Zweifel das nahe liegende Salza, ſeinen Geburtsort, und den Hof des Landgrafen von Thuͤringen, ſeines alten Landesherrn, an welchen er ebenfalls Briefe vom Kaiſer uͤberbrachte ). Auch dieſen ſuchte er für die Theilnahme am Kreuzzuge zu gewinnen, indem er ihm, wie allen andern Fuͤrſten in des Kaiſers Namen ver⸗ hieß, daß er ſie auf dem Zuge reichlich mit Lebensmitteln, mit Geld und andern noͤthigen Dingen unterſtuͤtzen werde. Zugleich aber benutzte der Meiſter dieſe Reiſe auch, um die Beſchaffenheit und Verwaltung der Beſitzungen des Ordens in Deutſchland genauer kennen zu lernen. In Thuͤringen be⸗ lehrte ihn hieruͤber wahrſcheinlich der Deutſchmeiſter Hermann Balk, als oberſter Auffeher aller damals vorhandenen Balleien im Deutſchen Reiche, der ſich meiſtentheils in Thuͤringen auf⸗ hielt). Von da begab ſich Hermann von Salza zu dem 1) Daß dieſer Vertrag vorzüglich Hermanns Werk war, ſagt aus⸗ druͤcklich Godefrid. Monach. I. c.: Quo (sc, magistro Hermanno) mediante ad hoc inductus est idem Rex. — Hamsfort. Chro- nol. ap. Langebeck T. I. p. 286 ſagt ebenfalls: Cuius (sc. Her- manni Magistri) suasu persuadetur Rex, ut omnem terram ahlatam reddat Imperio et det quinquaginta millia librarum argenti. ftaynald. an. 1224. Nro. 28. 2) Chron. Tirsaug. T. I. p. 534. Mallet B. 1. S. 381. Raumer B. III. S. 668. 3) Raynald. an 1224. Nro. 6. 4) Daß Hermann Balk damals Deutſchmeiſter war, iſt ſo eben aus Urkunden bewieſen. Wahrſcheinlich geſchah es auf Verwenden Hermanns
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Hermann v. Salza m. König Andr. v. Ungern. 143 naͤmlichen Zwecke nach Franken, wo der Orden gleichfalls ſchon anſehnliche Güter hatte y. Auch an den Koͤnig von Ungern hatte der Meiſter vom Kaiſer Briefe und Auftraͤge erhalten 2), eines Theils die Sache des Kreuzzuges, andern Theils aber ohne Zweifel auch die wichtige Ordensbeſitzung im Lande Burzen betreffend. In dicſem naͤmlich hatten ſich die Verhaͤltniſſe in kurzer Zeit wiederum ganz umgewandelt. Nachdem Koͤnig Andreas den Ordensrittern das Land aufs neue zugeſichert und der Papſt dieſes bedeutende Beſitzthum des Ordens als ein Eigenthum der Kirche in ſeinen beſondern Schutz genommen, hatten die Ordensbruͤder, nunmehr im Beſitze ſich völlig ſicher glaubend, alles angewandt, das Land fuͤr immer von den haͤufig noch wiederholten Einfaͤllen der Kumaner und anderer wilden Feinde zu befreien. Es ward der Aufbau einer neuen Burg begonnen, die durch ihre Feſtigkeit und gluͤckliche Lage die Raubzuͤge des Feindes fernerhin ganz unmöglich machen follte. Da brach ploͤtzlich ein ſtarker Haufe von Kumanern auf, um den Bau zu hindern >). Es kam zum Kampfe. Zum Gluͤck hatten die Ordensritter ihre ganze Kriegsmacht dort verſam— melt, alſo daß ſie dem wild anſtuͤrmenden Feinde mit aller Kraft begegnen konnten und ihn mit ſo gluͤcklichen Waffen bekaͤmpften, daß er in großer Verwirrung und erſchreckt zu⸗ ruͤckfloh, viele aber ſich den Ordensbruͤdern freiwillig ergaben und die Taufe empfingen ). Doch war dieſer Feind, da ihm von Salza, daß der Landgraf Ludwig im J. 1225 das fuͤr den Orden günftige Diplom ausſtellte, wodurch dieſer in Thüringen völlige Boll: freiheit erhielt; ſ. Hiſtor. Diplomat. Unterricht und Deduction u. ſ. w. Beilage Nr. 43. 1) Nach einer Urkunde bei Schultes Director. diplom. p. 590 befand ſich Hermann am 23ſten Juli 1224 zu Nürnberg. 2) Raynala.|. c. 3) Da ihnen ber König ultra montes inviam (njvium) partem Cumaniae geſchenkt hatte, fo war es ohne Zweifel hier, wo fie die feſte Burg, vielleicht das Castrum S. Severini oder Szöreny erbauen wollten. S. Engel S. 143. 4) Vgl. die Bulle des Papſtes Gregorius IX. bei Dreger Nro. XC.
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144 Hermann v. Salza u. König Andr. v. Ungern. mit offenen Waffen begegnet werden konnte, noch keineswegs der gefaͤhrlichſte; denn weit groͤßere Gefahren drohten auch hier dem Orden von Seiten der Geiſtlichkeit, zumal als der maͤchtige Biſchof Rainald von Siebenbuͤrgen in ſeinem Streite mit dem Orden uͤber die geiſtliche Gerichtsbarkeit vom Papſte einen fo ſcharfen Verweis erhalten hatte ), daß er auf alle Mittel bedacht war, den Ordensbruͤdern ſein Gewicht und feinen Einfluß in jeder Weiſe fühlen zu laſſen. Und ſolches gelang dem Biſchofe; denn theils durch ihn verhetzt, theils vielleicht auch erzuͤrnt, daß auf Anlaß der Ordensritter der Papſt das ganze Land Burzen für ein Eigenthum der Roͤ⸗ miſchen Kirche erklaͤrt und ſomit den Orden der Oberherrſchaft des Reiches gaͤnzlich entzogen hatte, fand Koͤnig Andreas ſchon im Jahre 1224 neuen Anlaß gegen die Ordensritter. Sie von neuem eigenmächtiger Eroberungen beſchuldigend, brach er jetzt ſogar mit bewaffneter Macht gegen ſie auf, nahm ihnen die neuerbaute Burg weg und beſchloß, ſie durch Belaͤſtigungen mit Abgaben und allerlei Anforderungen ſo lange zu bedraͤngen, bis ſie der Schenkung endlich ſelbſt ent⸗ ſagen wuͤrden ). Dieß waren die Verhältniffe, welche den Meiſter Her⸗ mann bewogen, mit dem Könige ſelbſt Unterhandlungen an⸗ zuknuͤpfen ). Sie blieben indeſſen ohne Erfolg und der Or⸗ den klagte nun von neuem bei dem Roͤmiſchen Stuhle über des Koͤnigs Wankelmuth und harte Behandlung. Da erließ 1) Raynald. an. 1224. Nro. 36. 2) Die Bulle des Papſtes Gregorius IX. bei Dreger Nro. XC. ſcheint anzudeuten, daß auch jetzt der gluͤckliche Anbau des Landes den Koͤnig gereizt habe, daſſelbe ſich wieder zuzueignen. 3) Ob Hermann im Jahre 1234 perſoͤnlich mit dem Könige un⸗ terhandelte und alſo in Ungern ſelbſt war, iſt nicht ſicher zu behaupten. Gregorius IX. deutet in der erwähnten Bulle zwar darauf hin, daß der Meiſter wirklich einmal nach Ungern gereiſt ſey; allein hiernach ſcheint dieſe Reiſe erſt nach der Vertreibung der Ritter im Jahre 1225 erfolgt zu ſeyn. Freilich iſt auch nicht gewiß, ob der Papſt in ſeiner Bulle die Erzählung ſtreng chronologiſch geordnet habe und möglich wäre es immer, daß die Reiſe nach Ungern ſchon ins Jahr 1224 fiele.
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Hermann v. Salza u. König Andr. v. Ungern. 145 Honorius an dieſen ein ernſtmahnendes Schreiben, in welchem er ihn durch Gruͤnde der Religion und ſeiner koͤniglichen Ehre zur Milde und zur Treue ſeiner Verheißungen zu bewegen ſuchte, mit dem Erbieten, einen Legaten zu ihm ins Land zu ſenden, welcher unterſuchen ſolle, ob wirklich die Ordensritter die Graͤnzen ihres Gebietes uͤberſchritten oder ob neidiſche Verlaͤumdung, welcher der Koͤnig zu leichtfertig Gehoͤr gege⸗ ben, ihnen dieſe Schuld nur angedichtet ). Das Letztere ſchien dem Papſte wohl „unbezweifelt, denn er kannte die feindliche Geſinnung der hohen Geiſtlichkeit in Ungern gegen den Orden. Um ſo weniger aber konnten auch des Papſtes Ermahnungen und Bitten bei dem Könige Erfolg haben. Die Ritter wurden vielmehr mit Gewalt aus ihrem Beſitze vertrieben ) und ein Theil deſſelben den Sachſen eingeräumt. Zwar ließ Honorius auch jetzt noch nicht ab, den Koͤnig mit allem gebieteriſchem Ernſte an die Zuruͤckgabe der Schenkung zu ermahnen: allein der Koͤnig gab weder Ermahnungen noch Bitten Gehoͤr und die Ordensritter mußten alles, was ſie unter Muͤhen und Kaͤmpfen in dem unwirthbaren Lande er⸗ rungen, ohne Hoffnung aufgeben >). So kehrte Hermann von Salza keineswegs mit erfreuens den Nachrichten nach Italien zuruͤck, denn auch ſeine Bemuͤ⸗ hungen in der Sache des Kreuzzuges waren nicht uͤberall mit dem Erfolge belohnt worden, welchen er ſich verſprochen hatte. Aber auch den Kaiſer ſelbſt fand er anders geſinnt, als er ihn verlaſſen. Die geringe Theilnabrne, welche der Koͤnig von Jeruſalem überall gefunden, die unbedeutenden Wirkungen, welche in verſchiedenen Laͤndern die Kreuzpredigten gehabt, die Erfolglosigkeit aller Ermahnungen des Papſtes an die Kb- nige von England und Frankreich zur Beilegung ihrer Fehden 1) Vgl. den Brief des Papſtes Honorius bei Rayrald. an. 1225. Nro. 19 — 20. 2) „Fratres de terra expulit violenter“ heißt es in der Bulle des Papſtes bei Dreger I. c. Raynald. an. 1225. Nro. 20. 3) Raynald. I. c. Histoire de l’Ord, Teut. T. I. p. 188- Engel a. a. O. S. 144. II 10
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146 Der Vertrag von S. Germano. und zur Theilnabme an der heiligen Unternehmung, zudem auch manche bedenkliche Verhaͤltniſſe in ſeinen Staaten ließen es dem Kaiſer unmöglich ſcheinen, den Kreuzzug in der zu Ferentino feſtgeſetzten Zeit wirklich anzutreten. Auch der Kö- nig und der Patriarch von Jeruſalem waren mit ihm darin einverſtanden und es gelang dieſen letztern, abermals den Papſt zur Verlaͤngerung der Friſt zu gewinnen ). Zu S. Germano ward im Juli des J. 1225 ein neuer Vertrag ge- ſchloſſen, noch welchem der Kaifer verſprach, im Auguſt des Jahres 1227 den Kreuzzug gewiß anzutreten und im heiligen Lande zwei Jahre hindurch tauſend Reiter zu erhalten. Fuͤr jeden fehlenden verhieß er eine Strafe von funfzig Mark, die nach der Beſtimmung des Koͤniges, des Patriarchen und des Meiſters des Deutſchen Ordens zum Beſten des heiligen Landes verwandt werden ſolle ). Ferner verpflichtete ſich der Kaiſer, auf hundert und, funfzig Schiffen zweitauſend Reiter nach dem heiligen Lande uͤberzuſetzen und wenn ſich dieſe Zahl von Rittern nicht finde und jene Schiffe nicht noͤthig ſeyen, die dadurch erſparte Summe nach der Beſtimmung der genannten Perſonen fuͤr die Vertheidigung des heiligen Lan⸗ des zu verwenden. Außerdem verhieß er, an den Koͤnig, den Patriarchen und den Meiſter des Deutſchen Ordens hundert⸗ tauſend Unzen Goldes in vier Friſten gleichſam als Pfand⸗ geld auszuzahlen, die er jedoch zuruͤckerhalten ſollte, fofern er binnen zwei Jahren den Kreuzzug wirklich antrete; ſterbe er aber mittlerweile oder ziehe er aus irgend einer Urſache nicht ins Morgenland, ſo ſolle jene Summe in den Haͤnden der genannten Perſonen verbleiben und mit Beirath der Meiſter 1) Richard. de S. Germano p. 998. 2) Im Vertrage heißt es: Pecuniam de huiusmodi redem- ptione collectam nos, si ibi fuerimus, ad lestimonium et con- silium Regis et patriarchae Hierosolymitanorum ac magistri domus Theutonicorum ac aliorum proborum hominum de terra ibidem ad servitium Jesu Christi expendemus in usus eosdem vel alios, ubi eis magis visum fuerit expedire. Ray nald. an. 1225. Nro. 4.
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Der Vertrag von S. Germano. 147 des Tempel⸗ und Johanniter⸗Ordens und anderer bewährter Maͤnner verwandt werden ). Endlich ward in dem Vertrage auch noch ausdruͤcklich beſtimmt, daß der Kaiſer, ſobald er ei⸗ nen einzigen Artikel des Vertrages nicht erfuͤlle oder irgend einem Punkte entgegenhandele, ohne weiteres in den Bann verfalle und die Kirche mit ſeiner eigenen Einwilligung das volle Recht haben ſolle, dieſe Strafe über ihn auszusprechen 2). Ohne Zweifel war Hermann von Salza eben ſo, wie der Koͤnig und der Patriarch von Jeruſalem bei dem Ab⸗ ſchluſſe dieſes Vertrages zu S. Germano zugegen. Er be⸗ weiſet die wichtige Stellung, welche damals ſchon der Meiſter des Deutſchen Ordens in den Angelegenheiten des Morgen⸗ landes behauptete; er beweiſet das Vertrauen und die hohe Achtung, mit welchen der Kaiſer ihn beehrte; er beweiſet end⸗ lich aber auch, daß Hermann ſeine Zuverſicht auf den Kaiſer und auf deſſen Huͤlfe noch, keineswegs aufgegeben und alſo auch um dieſe Zeit noch nicht mit feſtem Entſchluſſe an eine Verſetzung ſeines Ordenshaupthauſes ins Abendland gedacht habe 3). Doch war Hermann damals ſchon, und zwar wahrſchein⸗ lich im Jahre 1224, mit einem Manne bekannt geworden, der durch Einen Gedanken, den er ſpaͤterhin ausſprach, Anlaß 1) Rex et patriarcha et magister domus Theutonicorum praedicti ad laudem et consilium magistrorum Hospitalis et Templi ac aliorum proborum hominum de terra expendent eandem pecuniam bona fide, sicut melius viderint expedire utilitati Terrae sanctac. Naynald. I. c. Nro. 6. 2) Der Vertrag bei Raynald.]. d.; einzelnes bei Richard. de S. Germano p. 998. Vgl. Mathaeus Paris p. 333. 3) Daß Hermann ſich ſchon im Jahre 1224 von Akkon nach Ber nedig begeben und da ſeinen kuͤnftigen Wohnſitz aufgeſchlagen habe, wie Baczko B. I. S. 40 nach der unbeſtimmten Angabe bei Leo IIist. Pruss. p. 68 behauptet, iſt ganz unerweislich und ſchon deshalb nicht glaublich, weil er den größten Theil des Jahres 1224 auf feiner Reiſe zubrachte. Der Vertrag von S. Germano feste auch offenbar noch voraus, deß Hermann eben ſo wie der Koͤnig und der Patriarch fernerhin im Morgenlande leben würde. 10*
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148 Fortwährende Umtr. d. Clerus geg. d. Orden. gab, daß das ganze Schickſal des Ordens ein anderes ward. Dieſer Mann war der Biſchof Chriſtian von Preuſſen, welcher um jene Zeit in Deutſchland geweſen war, um ein neues Kreuzheer zu ſammeln zur Vertheidigung der in Preuſſen durch ihn neugegruͤndeten Kirche ). Es ſcheint, daß beide Maͤnner ſich alſobald zu einander hingezogen gefuͤhlt haben, und wie auch anders? Beide lebten mit der ganzen Kraft ihrer Seele Einer Idee, Einem Ziele, Einem Werke in dem Reiche Chriſti. Was Hermann fuͤr das Morgenland erſtrebte, das wollte der Biſchof Chriſtian fir Preuſſens rauhere Gegenden. Auch der Papſt hatte fuͤr das, was dieſe beiden Maͤnner als ihres Lebens hoͤchſte Aufgabe betrachteten, mit einem Ei⸗ fer geſtrebt, gerungen und gearbeitet, der wohl eines erfreuli⸗ cheren Erfolges wuͤrdig geweſen wäre. Aber es nahten nun ſchon die letzten Jahre ſeines Lebens, ohne daß er das Ziel erreichen konnte, dem er waͤhrend der ganzen Zeit ſeines bi⸗ ſchoͤflichen Amtes nachgetrachtet. Vielmehr waren auch dieſe letzten Lebensjahre mit einer Reihe von Begebenheiten ange⸗ fuͤllt, die nichts weniger als heilbringend fin die Kirche ſeyn konnten. Zuerſt brachen in Rom wegen eines Streites mit dem Senate fo gefährliche, aufrührerifche Bewegungen aus, daß Honorius genoͤthigt war, die Stadt zu verlaſſen und fei- nen Aufenthalt theils zu Reate, theils zu Tivoli zu nehmen >). Auch hier waren es die Verhaͤltniſſe des Ordens, welche ihn vielfältig beſchaͤftigten. Trotz aller Ermahnungen, War⸗ nungen, Drohungen und Verbote des Papſtes dauerten die unwuͤrdigen Umtriebe der Geiſtlichkeit gegen den Orden noch immer ſort und immer waren auch noch paͤpſtliche Be⸗ fehle nöthig, um den kecken Clerus in feinen Kraͤnkungen des 1) Lucas David B. II. S. 16 giebt aus Simon Grunau zwar die Nachricht, daß Chriſtian den Meiſter Hermann bereits im Jahre 1218 zu Rom kennen gelernt habe; allein dieſes iſt ſchon aus dem Grunde unrichtig, weil Hermann erſt einige Johre fpäter nach Italien kam. Weit wahrſcheinlicher iſt daher, daß die Bekanntſchaft beider Männer erſt ins Jahr 1224 fällt. 2) Richard. de S. Germano p. 998.
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Herm. v. Salza Schiedsricht. z. Kaiſer u. Papſt. 149 Ordens zurecht zu weiſen 9. Und alle dieſe wiederholten Be⸗ fehle zeugen von dem neidiſchen, mißguͤnſtigen und widerſpen⸗ ſtigen Geiſte, den die Geiſtlichkeit in allem nährte und wirken ließ, was nur irgend auf das Wohl und den Nutzen des Or⸗ dens Kinzielle. Nur wenige blieben demſelben fo wohlge⸗ ſinnt, wie der Biſchof von Wuͤrzburg, Dieterich von Hohen⸗ burg, der gern einwilligte, daß die beiden edlen Bruͤder Gott⸗ fried und Conrad von Hohenlohe den nicht unbedeutenden Zehnten, welchen ſie in Mergentheim von der Wuͤrzburgiſchen Kirche in Lehnsverbindung zogen, an den Orden abtraten 2); wie denn auch ſein Vorgaͤnger Otto von Ladenberg dem Or⸗ den manche Beweiſe feiner geneigten Geſinnung gegeben >). Noch truͤber aber wurde die Ausſicht fuͤr des Papſtes letzte Lebensjahre und noch entfernter trat die Hoffnung, den laͤngſt erwuͤnſchten Kreuzzug in Ausführung gebracht zu ſehen, als zwiſchen dem Kaiſer und dem Papſte wegen Beſetzung 1) Hieruͤber ſind aus den Jahren 1224 und 1225 mehre Bullen vorhanden, die aber faſt immer nur von neuem verbieten, was zuvor ſchon verboten worden war. Die Wiederholung dieſer Bullen zeigt uns daher nur, worin und warum die Geiſtlichkeit den Orden noch fortwaͤh⸗ rend befehdete; z. B. eine Bulle, datirt: Lateran. XI. Calend. Jul. P. n. anno octavo, worin der Papſt eine falſche Auslegung feiner fruͤher über die Freiheit des Ordens vom Zehnten verliehenen Bulle beſtreitet und die Erhebung des Zehnten von den Guͤtern des Ordens von neuem ſtreng verbietet. Neu iſt aber die Bulle, in welcher der Papſt dem Orden das Recht giebt, Angriffe boshafter Menſchen auf die ihm vom Kaiſer zur Bewachung übergebenen Burgen in Sicilien mit Waffengewalt zuruͤckzuweiſen: Licet vestri propositi sit, arma con- tra christicolas non movere, quia tamen exuberante malicia nichil satis tulum est ab incursibus malignorum, presencium vobis auctoritate concedimus, ut. si forte in castra, que sunt in regno Sicilie custudie vestre a carissimo in christo ſilio nosiro, Friderico Imperatore Romanorum lllusiri et rege Si- eilie commissa fuerint facli insultus, ad eorum defensionem vobis liceat uti armis, 8 2) Die paͤſtliche Beſtätigung hierüber ſteht im kleinen Privilegienb. p. 77. datirt: Reate III. Idus Jul. p. n. anno nono. 3) Lang Regesta Boica T. II. p. 135. 99. 143.
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150 Herm. v. Salza Schiedsricht. z. Kaifer u. Papft. von fuͤnf in Italien erledigten Biſchofsſtuͤhlen, die ſich Hono⸗ rius ohne Ruͤckſicht auf des Kaiſers Recht erlaubt hatte, ein ſo aͤußerſt heftiger Zwiſt ausbrach, daß an ein gegenſeitiges, gemeinſames Zuſammenwirken fuͤr die Sache des heiligen Lan⸗ des gar nicht mehr zu denken war, vielmehr von beiden Sei⸗ ten die heftigſten Vorwuͤrfe die Erbitterung immer hoͤher trieben. Nach dem, was der Papſt dem Kaiſer im hohen Zorne über die Sache ſchrieb y, war kaum abzuſehen, wohin der Streit die erhitzten Gemuͤther noch führen werde. Da war es der Meiſter des Deutſchen Ordens, der ſo friedlich als rechtlich geſinnte, von dem Unheile der Zwietracht beider chriſtlicher Oberhaͤupter aufs ſchmerzlichſte ergriffene Hermann von Salza, auf welchen beide ihr vollſtes Vertrauen ſetzten und den auch beide, Kaiſer und Papſt, zum Schiedsrichter ih⸗ res Streites erkoren. Dieſe Aufforderung indeſſen, ſo ſehr ſie auch von dem ehrenvollſten Vertrauen beider hoher Goͤnner zeugte, ſetzte den Meiſter dennoch in ſchuͤchterne Verlegenheit. Er antwortete dem Kaiſer: „Wie kann ſolches geſchehen, daß ich armer und unweiſer Mann verfühnend eine Sache auszu⸗ gleichen unternehme, welche die ganze Chriſtenheit betrifft? Ich bin hiezu weder wuͤrdig, noch auch unterrichtet genug und bitte Gott, man wolle mich des uͤberheben.“ Wohl hatte Hermann auch noch manche andere Gruͤnde, ein ſolches Schiedsrichteramt uͤber die beiden Haͤupter der Chriſtenheit von ſich abzulehnen. Allein beide beſtanden auf ſeinem Aus⸗ ſpruche. Der Meiſter konnte nicht mehr umhin; und nach⸗ dem er ſich über die Beſchaffenheit des Streitpunktes hinlaͤng⸗ lich unterrichtet, fiel ſein Spruch zu Gunſten des Papſtes. Der Kaiſer untergab ſich dem Urtheile und der Friede zwi— ſchen beiden war ſomit durch Hermanns Bemuͤhen wiederher⸗ geſtellt ). 1) Raynald. an. 1225 Nro. 45 seg. Raumer B. III. S. 398. 2) So die Ordens: Chroniken. Dusburg P. I. c. 5 ſagt: Acci- dit ei quod dum inter Dominum Honorium Papam III. et Fridericum II. Imperatorem aliqualis dissensionis materia ver-
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Hermanns v. Salza Erhebung z. Reichsfuͤrſten. 151 Mittlerweile aber entſpannen ſich in Oberitalien Verhaͤlt⸗ niſſe, deren bedenkliche Wendung, welche ſie fuͤr den Kaiſer nahmen, die Hoffnung eines baldigen Kreuzzuges wieder wei⸗ ter zu entfernen ſchien, deren Verlauf jedoch auch zeigt, daß Hermanns Richterausſpruch zu Gunſten des Papſtes des Kai⸗ ſers Vertranen und gewogene Geſinnung gegen ihn nicht im mindeſten verändert hatte. Eingedenk des fruͤheren Bundes, welchen die Lombardiſchen Staͤdte zur Zeit des Kaiſers Frie⸗ derich des Erſten gegen die ihrer Freiheit widerſtrebende kaiſer⸗ liche Macht zur Behauptung und zur Hut ihres freien Buͤr⸗ gerlebens geſchloſſen, traten im Jahre 1226 die wichtigſten jener Staͤdte, erſchreckt durch die Nachricht, daß der Kaiſer an der Spitze ſeiner Apuliſchen Macht gegen Lombardien zie⸗ hen und ſich mit einem aus Deutſchland kommenden Heere vereinigen wolle zur Bekämpfung der feinem Haufe abgeneig⸗ ten Staͤdte, zu einer neuen Bundesvereinigung zuſammen, des Kaiſers Verſuch zu widerſtehen ). Beweisliche Gruͤnde zu dieſem Schritte waren in Friederichs bisherigem Verfahren ge⸗ gen die Staͤdte nicht vorhanden; es war, wie er ſelbſt erklaͤr⸗ te, die Sache des Kreuzzuges, deren Berathung zu Cremona teretur occulta, uterque causam suam eidem Fratri Hermanno definiendam commisit, quod cum audiret ipse, renuit, asse- rens magnam indecentiam , si Dominorum totius mundi cau- sam in se susciperet, cum ipse esset persona humilis et in nullius dignitatis praecminentia constitutus. Ordens Chron. S. 16 und bei Matthacus |], c. p. 679. Die Italieniſchen Quellen wiſſen freilich nichts von einer ſolchen Vermittlung durch den Meiſter und wir erſehen aus Raumer B. III. S. 408, daß die ganze Streit⸗ ſache durch einen nachgiebigen Brief des Kaiſers an den Papſt, alſo im Stillen beigelegt wird. Demnach iſt wohl auch die Vermittlung des Meiſters der Welt damals wenig bekannt geworden und von den Cyro⸗ niſten der Zeit unberührt geblieben. Und hatten Kaiſer und Papſt in ihren Verhältniffen nicht auch Urſachen genug, der Welt von ihrem Iwiſte nicht viel kund werden zu laſſen und die Entſcheidung einem ver trauten Freunde zu übergeben ? 1) Friederichs Brief bei Naynald. an. 1225. Nro. 21. Sigonius de reguo Mal. p. 363 — 34 Mu ratori Geſchichte von Italien B. VII. S. 460.
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152 Hermanns v. Salza Erhebung z. Reichsfuͤrſten. er vor Augen gehabt. Darum ſuchte er die gefaͤhrliche Be⸗ wegung durch vermittelnde Unterhandlungen zu beſchwichtigen. Außer andern angeſehenen und bewaͤhrten Maͤnnern, die er als Geſandten nach Lombardien ſchickte, ernannte er hiezu auch den Meiſter des Deutſchen Ordens; fuͤr dieſen ein neuer Beweis des hohen Vertrauens, welches ihm der Kaiſer ſchenkte ). Allein die Abgeſandten kehrten zuruͤck, ohne die feindliche Ge⸗ ſinnung der meiſten jener Staͤdte zum Frieden umgeſtimmt zu haben. Da erſuchte Friederich den Papſt ), mit Beihuͤlfe und Rath des Erzbiſchofs von Tyrus, des Meiſters vom Deutſchen Orden und anderer bewaͤhrter Maͤnner die Vermitt⸗ lung und Entſcheidung zwiſchen ihm und den Lombarden zu uͤbernehmen. Ungern unterzog ſich Honorius dem bedenklichen Auftrage; doch auf des Kaiſers erneuerte Bitte that der Papſt mit Beirath der genannten Maͤnner einen ſchiedsrichterlichen Ausſpruch, mit welchem beide Parteien ſich vorerſt befrie⸗ digten *). Hermann von Salza hatte in dieſen Verhandlungen dem Kaiſer neue Beweiſe feiner Gewandtheit in Staatsverhaͤltniſ⸗ ſen, ſeiner Klugheit und Erfahrung, wie nicht minder ſeiner treueſten Anhaͤnglichkeit und Liebe zu dem herrſchenden Kaiſer⸗ hauſe, aber er hatte auch dem Papſte neue Zeugniſſe und Merkmale ſeines eifrigſten Strebens zur Entfernung aller der Sache des Kreuzzuges entgegenſtehenden Hinderniſſe gegeben. Und dem Verdienſte folgten ſeine Belohnungen. Von gleicher Hochachtung beſeelt gegen den wuͤrdigen Meiſter und von glei⸗ cher Liebe zu ihm hingezogen, erhoben ihn und alle ſeine Nach⸗ folger im Meiſteramte der Kaiſer und der Papſt zum Reichs⸗ fürften, und zum Zeichen diefer fürftlichen Erhebung beſchenkte 1) Friederichs Brief bei Raynald. I. c. 2) Raynald. I. c. Nro. 23. Richard de S. Germans p. 1000. 3) Vgl. Raumer B. III. S. 408 — 409, wo freilich die Theil⸗ nahme Hermanns von Salza an dieſer Streitſache nicht beſonders her⸗ vorgehoben iſt. Sie liegt aber nach Friederichs erwähntem Schreiben außer Zweifel.
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Hermanns v. Salza Erhebung z. Reichsfuͤrſten. 153 ihn der letztere mit einem koſtbaren Ringe y) der nachmals bis in entfernte Zeiten von Meiſter zu Meiſter uͤberging, als ein Kleinod zum Andenken der einſtigen Huld und Hochſchaͤtzung, die der Meiſter Hermann von Salza am heiligen Stuhle ge⸗ noſſen hatte 2). Der Kaiſer aber verlieh ihm als Reichsfuͤr⸗ 1) Ringe mit Steinen verziert verſchenkte der Papſt öfter als Zei⸗ chen ſeiner Huld. Solche erhielten z. B. Koͤnig Ludwig VII von Frank⸗ reich von Alexander III, der Graf von Toulouſe von Innocenz IV, König Johann von England von Innocenz III, welcher letztere ſich in feinem Briefe an den König über die ſinnbildliche Bedeutung des Ger ſchenkes auslaͤßt; ſ. Raumer B. III. S. 260 u. VI. S. 63. 2) Ueber die Zeit dieſer Verleihung des paͤpſtlichen Ringes iſt ſchwer⸗ lich etwas Beſtimmtes feſtzuſtellen. Zwar erwähnt Hartknoch in ei⸗ ner Anmerkung zum Dusburg P. I. c. 5 einer paͤpſtlichen Bulle vom 25. Decemb. 1219, nach welcher um dieſe Zeit die Verleihung geſchehen ſeyn fol, und er wiederholt dieſe Bemerkung auch im A. u. N. Preuſſ. S. 268. Allein dieſe Nachricht gründet ſich auf ein ſehr unkritiſches Zeugniß. In einer Chronik der Wallenrodiſchen Bibliothek (zu Könige: berg), welche Auszuͤge von den Bullen des Papſtes Honorius III mit⸗ theilt, ſteht unter andern Bullen dieſes Papſtes auch eine mit der Auf⸗ ſchrift: „Von des Meyſters Koͤre und Confirmation.“ Sie giebt zuerſt den Inhalt der früher ſchon erwähnten Bulle (vom 8. Decemb. 1216), wo von der Meiſterwahl die Rede iſt. Dann fuͤgt ſie hinzu: „Derſel⸗ big Bobſt Honorius gab herr Hermann von Saltza dem Hohemeiſter ein gulbin ringlen an die Handt und Privilegia darauff, Nemlich alſo, welcher hienfurter zu einem Hohemeiſter gekoren wurde nach den regeln und Ordens gewohnheiten und ein ritterbruder iſt, das man demſelben gekoren Homeiſter ein guldin Ringelein an die handt ſtecken ſoll und In ſetzen in den Stuell feiner Herrligkeit.“ Darunter ſeizt nun der Chro⸗ niſt willkuͤhrlich das Datum: „in feinem Vierden Jar im 8 Calend. Januar.“ Es iſt ganz klar, daß hier der Chroniſt voͤllig kritiklos ver⸗ fuhr. In der Bulle Honorius III vom 8. Decemb. 1216 ſteht nicht nur kein Wort vom Ringe des Meiſters, ſondern es findet ſich auch unter den zahlreichen Bullen dieſes Papſtes, weder unter den Origina⸗ len, noch in den paͤpſtlichen Privilegienbuͤchern keine einzige, welche der Verleihung des Ringes erwähnte. Wenn daher die Histoire de I'Ordre Teut. T. I. p. 160 in Beziehung auf dieſen Gegenſtand ſagt: Si Hart- knoch ne est pas Irompe de date, ou si elle n'est pas fau- tive par la maladresse de quelque copiste, tous ces événemens doivent dire places sept ou huil ans plustöt, fo muͤſſen wir viel:
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154 Hermanns v. Salza Erhebung z. Reichsfuͤrſten. ſten zum Beweiſe ſeiner Dankbarkeit und Gnade die Erlaub⸗ niß, auf ſeinem Schilde und in ſeiner Ordensfahne den ſchwar⸗ zen Adler führen zu dürfen und ſchenkte ihm uͤberdieß ein Stuͤck vom heiligen Kreuze Chriſti, welches bis in des Or⸗ dens fpätefte Zeiten als heilige Reliquie verehrt worden ). Wie aber um dieſe Zeit der Meiſter in hoher Wuͤrde da ſtand und ſich nun auch Hochmeiſter des Deutſchen Ordens nannte, fo hatte jetzt unter Hermanns ſechszehnjaͤhriger Ver⸗ waltung der ganze Orden ſelbſt eine weit höhere Stel⸗ lung erſtiegen und mit dem Meiſter hatte ſich auch der Orden erhoben, wie an Anſehen und Gewicht vor der Welt, ſo an Umfang und an Reichthum ſeines Einkommens und ſeiner Be⸗ ſitzungen. Die hohe Achtung und Gewogenheit, welche der Kaiſer dem Meiſter in ſo manchfaltiger Art bewieſen, hatte auf die ganze ritterliche Verbruͤderung einen gewiſſen Glanz geworfen und fie in den Augen der Welt bedeutend empor⸗ gehoben. Jene zahlreichen Beweiſe der ausgezeichnetſten Gunſt und beſenderen Vorliebe, die der Papſt dem Oberhaupte des Ordens gegeben, mußten nothwendig, trotz alles Gegenwirkens der Geiſtlichkeit, in unendlich vielen Menſchen die Ueberzeugung von der großen Verdienſtlichkeit und von dem hohen Werthe des ganzen Ordens erwecken und befeſtigen, denn der Papſt wandte in ſeinen Bullen ſichtbar alle Muͤhe auf, um dieſe Ueberzeugung aufs allgemeinſte zu verbreiten. Fuͤr das Ein⸗ kommen und die Erhaltung des Ordens war ferner vom Kai⸗ fer wie vom Papſte während Hermanns Zeit, man möchte fagen, wahrhaft vaͤterlich geſorgt worden. Aus welchen Quel⸗ len dieſes Auskommen für den Orden floß, wird aus dem, was uͤber dieſen Gegenſtand bisher im Einzelnen geſagt iſt, ſchon von ſelbſt einzuſehen ſeyn. Außerdem erſtreckten ſich des Ordens laͤndliche Beſitzungen ſchon faſt uͤber alle Laͤnder des Vaterlandes und ſelbſt weiter hin nach Italien und Sicilien. mehr uns überzeugt halten, daß gar keine Bulle über dieſe Verleihung des Ringes ausgeſtellt worden iſt, da ſie ſich ſonſt unter den uͤbrigen gewiß finden wuͤrde. 1) Auch uͤber die Zeit dieſer Verleihung giebt keine Urkunde Aus⸗
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Größe und Verbreitung des Deutſchen Ordens. 155 Auf ſolchen Beſitzungen ſehen wir friſche Zweige des Ordens in den Rheinlanden, in Baiern, in Oeſterreich, in Franken, in Thüringen, in Heſſen und andern Gegenden Deutſchlands. Außer ſeinen Ordenshaͤuſern im Vaterlande und in Italien hatte er auch noch ſeine alten Beſitzungen im Morgenlande, die im Ertrage zwar nicht von ſonderlicher Bedeutſamkeit und ohnedieß in ihrer Sicherheit oft ſehr gefaͤhrdet waren, doch aber auch dort den Orden außerhalb der Mauern Akkons wei⸗ ter verzweigt hatten, fo daß man den anfangs fo ganz armen Orden nun ſchon für ziemlich beguͤtert halten durfte). Auf dieſen Guͤtern vertheilt und in den verſchiedenen Ordenshaͤuſern zerſtreut lebte nun auch ſchon eine bedeutende Anzahl von Or⸗ densrittern und Ordensbruͤdern, die im Morgenlande unter Aufſicht des dortigen Stellvertreters des Hochmeiſters, des Großkomthurs, die in Deutſchland unter der des Deutſchmei⸗ ſters. Hermanns allgemein gefeierter Name hatte unfehlbar manchen, der nach Ruhm und Ehre geizte, auch wohl man⸗ chen, der mit frommen Herzen nur den heiligen und menſchen⸗ freundlichen Zweck des Ordens vor Augen hatte, in die ge⸗ weihte Bruͤderſchaft hineingezogen =), denn der Geiſt der Zeit, kunft. Nach Dusburg P. I. c. 5 ſetzen wir fie in dieſe Zeit, weil jetzt Hermann durch feine Verbienfte in vorzuͤglichſter Gunſt bei dem Kaiſer ſtand. Ein Eaiferliches Diplom über dieſe Bewilligung iſt aber nicht vorhanden. 1) Damit ſtimmt auch das Chron. Hirsaug. beim Jahre 1227 p. 538 überein, wo es heißt: His lemporibus Ordo militum b. Mariae Hospitalis Teutonicorum in Germaniae provinciis do- mos Conventuales in diversis locis plures construere coepit: et brevi tempore multum in rebus et bonis temporalibus pro- fecit per industriam Hermann; supremi Magistri. Hospitalis Hierosolymitani. — Unde cum favore summi Pontificis, Im- peratoris quoque et Principum domus in Teulonia plures fun- dalae sunt militum Ordinis Teutonicorum, mullisque praediis et possessionibus in subsidium militantium Christo magnifice dotatae. 2) Der Eintritt des Landgrafen Conrad von Thüringen, den man gewohnlich in dieſe Zeit ſetzt, geſchah erſt im Jahre 1234. S. Rom: mels Geſchichte von Heſſen B. I. S. 248. \
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156 Größe und Verbreitung des Deutſchen Ordens der die Ritterorden geboren hatte, naͤhrte die Sprößlinge der Kreuzzuͤge auch wohl von ſelbſt ſchon durch Vermehrung ihrer Gliederzahl. Zudem hatte der Papſt Honorius, wie wir geſehen, manches Mittel zur Vergrößerung der Bruͤderzahl aufgeboten und wiederholt den Eintritt in den Orden als eine heilige Weihe fuͤr den Dienſt Gottes und des Heilandes an⸗ geprieſen ). Selbſt kirchliche Gnadenmittel waren fuͤr die Theilnahme an der Gemeinſchaft des Ordens vom Papſte oͤf⸗ fentlich ausgeſetzt worden 2). Und wenn man weiß, wie lo⸗ ckend ſolche Mittel in jenen Zeiten waren und wie maͤchtig ſie einwirkten auf die Entſchluͤſſe und Geſinnungen der Menſchen, ſo iſt leicht zu glauben, daß auch ſie zur Vermehrung der Ordensbruͤder nicht ohne bedeutenden Erfolg blieben. Sicher⸗ lich bedurfte es zur Bezaͤhmung des wilden Kumanervolkes an den Graͤnzen des Burzenlandes einer anſehnlichen Zahl ſtreit⸗ barer Ordensritter, einer nicht minder bedeutenden zur Be⸗ wachung und Vertheidigung der kaiſerlichen Burgen auf Si⸗ cilien und zur Beſetzung der Ordenshaͤuſer in Deutſchland und in Syrien. Dazu nun noch die dem Orden zugehörigen Halb⸗ bruͤder, welche vorzuͤglich in den erſten Zeiten fuͤr des Ordens Erhaltung und fuͤr die Vermehrung ſeines Einkommens in al⸗ ler Weiſe ſo wichtig wurden und den Stamm der Ordens⸗ 1) Nur von vielen Ein Beiſpiel, wie der Papſt in ſeinen Bullen die Verdienſte des Ordens erhebt. In einer Bulle vom Jahre 1221 heißt es: Milites Hospitalis S. Mariae Teut. IIierosol. novi sub tempore graliae Machabaei, abnegantes secularia desideria et propria relinquentes, tollentes crucem suam, Dominum sunt seculi: ipsi sunt, per quos Deus orientalem ecclesiam a paga- norum spurcitiis liberat, et christiani nominis inimicos expug- nat: ipsi pro fratribus anımas ponere non formidant et pere- grinos ad sancta loca proſiciscentes, tam in eundo quam re- deundo deſensant ab incursibus paganorum, 2) So heißt es in einer Bulle: Nos de beatorum Apostolorum Petri et Pauli auctoritate conſisi omnibus, qui de facultatibus sibi collatis a deo fratribus subvenerint, et in eorum sancta fraternitate se collegas statuerint eisque beneficia persolverint annuatim, septimam partem injuncte penitencie relazamus.
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Größe und Verbreitung des Deutſchen Ordens. 157 verbruͤderung auch in einen Stand verbreiten halfen, von wel⸗ chem er ſonſt durch beſchraͤnkende Geſetze geſchieden war. So ſtand der Orden da, reich begabt mit Guͤtern und laͤndlichem Beſitze, weit verzweigt in feiner Glieder Zahl, ge⸗ ſichert durch bedeutende Einkuͤnſte, befreit von allen Laſten, die das Leben druͤckten, begluͤckt durch die Gunſt und das Wohl⸗ wollen der beiden Haͤupter der chriſtlichen Welt, beruͤhmt durch ſeine Tapferkeit, geachtet unter den Menſchen durch ſeine Verdienſte um Milderung menſchlichen Elends, verbreitet in zwei Welttheilen, als ums Jahr 1226 ſeiner im Norden ganz neue Schickſale erwarteten und eine neue Welt der Thaͤtigkeit fuͤr ihn eroͤffnet werden ſollte.
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DW ELLE DM EN LET, Schon laͤnger als ſechzehn Jahre hatte der fromme und im Glauben ſo eifrige Biſchof Chriſtian an der Verbreitung des Evangeliums im Volke der Preuſſen mit einer Thaͤtigkeit und einer Hingebung gearbeitet, die kaum uͤbertroffen werden konn⸗ ten; allein fie waren im Verhaͤltniſſe zu der Laͤnge der Zeit noch keineswegs mit dem erwuͤnſchten Erfolge belohnt worden. Um die junge Anpflanzung des chriſtlichen Glaubens, fo weit fie unter Muͤhen und Gefahren emporgekommen war, gegen die wilden Anſtuͤrme aus Norden her nach Kraͤften zu ſchuͤtzen, hatte er unter Mithuͤlfe des Herzogs Conrad von Maſovien den Orden des Ritterdienſtes Chriſti von Dobrin gegruͤndet. Aber nach kurzer Dauer ſchon war dieſe Wehr fuͤr die junge Pflanzung durch ein ſtarkes Heer heranſtuͤrmender Preuſſen fo gänzlich zerbrochen und darniedergeworfen worden, daß von ihr kein Schutz und keine Sicherheit fernerhin mehr erwartet werden konnte. So ſtand ſie noch da wie eine traurige Ruine ohne Haltung und Feſtigkeit. Darauf hatte der Biſchof Kreuz⸗ heere herheigerufen, um unter deren Mithuͤlfe die junge Pflan⸗ zung zu ſchuͤtzen und weiter ins heidniſche Land hinein zu ver⸗ breiten; allein ſie gingen voruͤber wie heitere, hoffnungsvolle Tage des Lebens, nach welchen Stuͤrme und Ungewitter zu⸗ ruͤckkehren, denn die Kreuzbruͤder zogen in die Heimat zuruͤck, ſobald fie das Gelübde ihres Glaubenskampfes erfüllt hatten und der Zorn und die Erbitterung der Preuſſen gegen alles, was chriſtlich hieß, war jedesmal durch die Erſcheinung des
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Berufung d. Deutſchen Ordens geg. d. Preuſſen. 159 Kreuzes im Verein mit dem feindlichen Schwerte nur noch tiefer in ihnen aufgeregt worden. Um ſo weniger vermochte es nunmehr Konrads, des Herzogs von Maſovien, ſchwache Kraft, das junge Bisthum im Culmerlande gegen den Ans drang des erbitterten Feindes zu ſchuͤtzen, da er ja nicht ein⸗ mal im Stande war, die gefaͤhrteten Graͤnzen ſeines eigenen Landes ganz ſicher zu ſtellen. Zudem war auch das nachbar⸗ liche Pommern ſchon in den Kampf mit den Preuſſen hinein⸗ gezogen und hatte ſeine Theilnahme am Kriege mit dieſem Volke bereits ſchwer genug buͤßen muͤſſen. So lag das Kulmerland, dem Herzoge zwar zugehörig, doch wie verwaiſet und verlaſſen da und die chriſtliche Kirche in ihm ohne Wehr, ohne Schutz und Sicherheit. In ſolcher Gefahr gedachte der Biſchof Chriſtian des Meiſters Hermann von Salza, den er vor wenig Jahren per⸗ ſönlich kennen gelernt und feines ritterlichen Ordens, von deſ— ſen Eifer fuͤr die Sache der Kirche und des Glaubens und von deſſen Tapferkeit im Kampfe gegen die Feinde des Chri⸗ ſtenthums Kaiſer und Papſt ſo viel Ruhm erhoben, daß Deutſchland davon voll war. Vielleicht das Beiſpiel vor Au⸗ gen, wie durch der Deutſchen Ordensritter maͤnnliche Thaten das Land Burzen gegen die ſtuͤrmiſchen Raubzuͤge der wilden Kumaner vertheidigt und zu bluͤhendem Anbau gelangt war, vielleicht auch erwaͤgend, wie gerne der Orden bei dem Ver⸗ luſte jener Beſitzung ſeine Kraft auf ein anderes Land verwen⸗ den moͤge und wie wenig er jetzt ſeiner Beſtimmung im Mor⸗ genlande nachkommen koͤnne, begab ſich der Biſchof an Con⸗ rads Hof, erzaͤhlte dem Herzoge, was die Ritter des Deut⸗ ſchen Ordens fuͤr Verbreitung und Vertheidigung des Glau⸗ bens und der Kirche in verſchiedenen Landen bisher erkaͤmpft und gewirkt, wie ſehr der Kaiſer und der Papſt ſie mit ihrer Gunſt und Achtung beehrt, und ſprach den Rath aus: der Herzog moͤge dieſen Orden zum Schutze des Bisthums im Kulmer⸗ lande und zur Wehr der Graͤnzen ſeines Herzogthums herbei⸗ rufen und durch Uebergabe eines beſtimmten Landestheiles ihm eine foͤrmliche Niederlaſſung in der Naͤhe ſeines Gebietes moͤg⸗
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160 Berufung d. Deutſchen Ordens geg. d. Preuffen. lich machen!) Den Rath des Biſchofs billigend berief Herzog Conrad die Großen feines Landes, Prälaten, Woiwoden, Ca⸗ ſtellane und andere angeſehene Herren zu einer Berathung uͤber des Landes Wohl und Rettung, und als ſie erſchienen, legte er ihnen den Gedanken des Biſchofs zu reifer Erwaͤgung vor. Auch bei dieſen fand der Plan der Berufung des Deut- ſchen Ordens um ſo mehr Billigung und Beifall, weil um die nämliche Zeit, als Maſovien von den Preuſſen fo hart be⸗ 1) Daß vom Biſchofe Chriſtian der erſte Gedanke hiezu ausging, iſt nicht zu bezweifeln. Zwar ſagt Dus burg P. U. c. 5: Hoc rese- dit in corde ipsius (sc. Conradi ducis) divinitus inspiratum, quod dictos fratres vellet ad defensionem suae terrae, fidei et fidelium invitare, ex quo videret, quod fratres milites Christi per eum ad hoc instituti non proficerent in hac causa; wonach zu glauben wäre, daß Conrad den Entſchluß zur Berufung des Deutſchen Ordens ſelbſt gefaßt habe. Allein der Chroniſt ſchickt dieſer Angabe die Worte voraus: Odor bonae famae ipsius (sc. Ordinis) longe lateque diffusus tandem ad notitiam dicti Ducis perve- nit, und giebt damit zu verſtehen, daß ihm zuvor ſchon Nachrichten über den Deutſchen Orden zugekommen waren, und dieſes geſchah durch den Biſchof Chriſtian. Es lag gewiß in den nachherigen feindlichen Verhält⸗ niſſen des Biſchofs und des Ordens, daß der Ordens-Chroniſt den Bi⸗ ſchof Ehriſtian bei dieſer Sache ſo ſehr in dem Hintergrunde ſtehen laͤßt. Daß dieſer aber die Berufung des Ordens zuerſt in Anregung brachte, bezeugen das Chron. Oliv. p. 19, Lucas David B. II. S. 31 und es ſtimmt ſelbſt das Chron. Polon. Boguphali ap. Sencken- bers T. II. p. 59 überein, indem es hier heißt: Conradus Maso- viae dux, qui multas infestationes a Pruthenis et a Polexianis in terra Culmensi sustinebat, ad consilium Guntheri barbatis nigra cruce signatis Hospitalariis etc. concessit terram Culmen- sem (in welcher Stelle aber offenbar ſtatt Guntheri zu leſen ift Christiani, da vom Biſchofe Günther von Ploczk hiebei gar nicht die Rede ſeyn kann). Dieſes beſtaͤtigen auch die ſpaͤtern Polniſchen Chro⸗ niften, welche den Boguphal vor Augen hatten: Diugoss. T. I. p. 644. Math. de Miechow p. 125, welche beide fagen: der Orden ſey herbeigerufen worden de consilio Christiani Episcopi Culmen- sis und Cromer p. 194: Christiano episcopo suggerente et sua- dente. Wagner Geſchichte von Polen S. 162 ift dadurch wider: legt.
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Berufung d. Deutſchen Ordens geg. d. Preuſſen. 161 drängt war, auch im Oſten des Landes von dem Volke der Litthauer neue Gefahren drohten und dann zumal um ſo ver⸗ derblicher werden konnten, wenn in dem alten Feinde Maſo⸗ viens, in dem Stamme der nahen Polexianer irgend nur der Gedanke der Vereinigung mit den Litthauern gegen Maſovien zum Erwachen kam. Den Preuſſen hatten die Litthauer zur Bekaͤmpfung des Herzogs von Maſovien einigemal ſchon Hülfe geleiſtetn). Welches Schickſal war für Maſovien zu erwarten, wenn ſich dieſe drei Voͤlker gegen den Herzog verſtaͤndigten! Die Großen Maſoviens ſtimmten darum gerne in des Herzogs Vorſchlag ein): man wolle dem Meiſter des Deut: ſchen Ordens eine Geſandtſchaft ſchicken und mit dem Erbieten einer Schenkung des Kulmerlandes und eines andern Gebietes zwiſchen dem Herzogthum und Preuſſens Graͤnzen ihn auf⸗ fordern, einen Theil ſeiner Ordensritter zur Bekaͤmpfung der heidniſchen Preuſſen herbeizuſenden?). Es bewog aber zu 1) Kojalowiez Histor. Lithuan. p. 62. 76. 2) Was Lucas David B. II. S. 12 — 16 über dieſe Berathung und namentlich von dem anfaͤnglichen Widerſpruche der Großen Maſo⸗ viens gegen Conrads Entſchluß ſagt, iſt alles aus Simon Grunau Tr. V. c. 2. §. 1 — 2 entnommen, ermangelt durchaus aller ander⸗ weitigen Gewährſchaft und verdient keinen Glauben. Kuͤrzer, aber wahrhafter ſpricht hieruͤber Dus burg P. II. c. 5 und die Ordens⸗ Chron. p. 24, bei Matthaeus I. c. p. 692. 3) Fäalſchlich berichten manche, fo die Histoire de ’Ordre Teuton, T. I. p. 217 und Kotzebue B. I. S. 143, man habe dem Hochmei⸗ ſter auch das Land Dobrin angeboten. Allein dieſes Land gehoͤrte da⸗ mals noch den Bruͤdern des Ordens von Dobrin und konnte alſo wohl ſchwerlich dem Deutſchen Orden als Schenkung angeboten werden. Zwar ſagt Lucas David B. II. S. 33, man wiſſe nicht, „was vor Be⸗ fehl, Werbe und Schriften dem Geſandten mitgegeben,“ aber er weiſet uns felbft auf die Urkunde des Kaisers hin, bei Dreger Nr. LXV. p. 118, wo in Ruͤckſicht des dem Hochmeiſter gemachten Anerbietens nur de terra, que vocatur Colmen et in alia terra inter Mar- chiam suam videlicet et confinia Prutenorum die Rede iſt. Dus- durg P. II. c. 5 ſpricht daher auch nur de donatione terrae Pru- schiae Colmensis et Luboviae und dieſes letztere war die alia terra inter marchiam suam (Conradi) et confinia Prutenorum; eben fo die Ordens⸗Chron. S. 24 und bei Matthaeus 1. c. p. 605. II. 11
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162 Berufung d. Deutſchen Ordens geg. d. Preuffen. ſolchem Erbieten den Herzog und die verſammelten Großen vor allem noch die Erwaͤgung, daß fuͤr Maſoviens Ret⸗ tung und Sicherheit vorzuͤglich auch die hohe Gunſt des Or⸗ dens bei dem Papſte, dem Kaiſer und den Fuͤrſten des Rei⸗ ches von wichtigen Folgen ſeyn werde, da ihre Theilnahme am Gedeihen des Ordens auch fuͤr Maſoviens Wohlfahrt nicht ohne Wirkung bleiben koͤnne ). Dieſe Berathung geſchah noch im Spaͤtſommer des Jahres 1225. Sofort ging nun eine Geſandtſchaft mit zureichender Voll⸗ macht nach Italien ab. Wahrſcheinlich ſtand der Biſchof Chriſtian an ihrer Spitze. Beim Hochmeiſter in den erſten Monaten des Jahres 1226 angelangt, legte ſie ihm des Her⸗ zogs Conrad Geſuch und Anerbieten vor 2). So unerwartet ihm die Sache kommen mochte, ſo erwuͤnſcht mußte ſie ihm doch auch in jeder Hinſicht ſeyn, wenn er auf die Verhaͤlt⸗ niſſe ſah, in welchen gerade zu dieſer Zeit der Ritterorden wie im Morgenlande, fo im Abendlande ſtand. Aber in eben dieſen Verhaͤltniſſen lagen auch mancherlei Schwierigkeiten und Bedenk⸗ lichkeiten, deren Erwaͤgung die groͤßte Sorgfalt und Beſonnen⸗ heit forderte. Hermanns Seele bing mit aller Macht der froͤmmſten Sehnſucht an dem Wunſche fuͤr des heiligen Lan⸗ des Befreiung und Errettung; dorthin rief ihn die Stimme ſeines Innern; dorthin zogen ihn und ſeinen Orden Pflichten 1) Dusburg I. c. 2) Daß ſich Conrad auch ſchriftlich an den Hochmeiſter gewandt habe, ſagt uns Dusburg I. c. Das Chron. German. ap. Pistor. T. II. p. 816 ſtellt freilich die Sache ganz anders dar, indem es ſagt: Eisdem temporibus dux Moscoviae et Polonorum venit Roman, petiitque a Pontifice, ut mitieret probum quempiam virum Prutenis, qui praedicaret Christianam fidem. Missus est epis- copus, vir ad eam functionem idoneus, Sed Pruteni noluerunt apostolum audire, dicebant eum non propter evangelium re- ligionemque Christianam venisse, sed ul tyrannidem in se exercerent Christiani. Darauf feyen die Einfälle und Verheerungen in Maſovien erfolgt und nun erſt Polonorum dux, nomine Conra- dus, invocat auxilium Pontiſicis Romani et aliorum Christia- norum Principum.
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Berufung d. Deutſchen Ordens geg. d. Preuffen. 163 und Geluͤbde. Mit dem naͤchſten Jahre ſollte der Kreuzzug zu dieſem heiligen Zwecke in Bewegung treten und Hermann wollte und mußte ſich ihm mit allen Rittern ſeines Ordens, ſo viele ihrer nur irgend in den Beſitzungen im Abendlande entbehrt werden konnten, nach Pflicht und Geſetz anſchließen. Herzog Conrad dagegen verlangte ſicherlich eine nicht unbe⸗ deutende Zahl von Ordensrittern, denn ihn hatte ja des Do⸗ briner⸗Ordens Schickſal hinlaͤnglich belehrt, daß mit wenigen wenig gefruchtet ſey. Wie konnte es Hermann, auch bei al ler Lockung einer ſo bedeutenden neuen Beſitzung fuͤr ſeinen Orden, leichtfertig uͤber ſich nehmen, die Kraft des Ordens, die nach dem Sinne der Stiftung zunaͤchſt nur dem h. Grabe zuge⸗ hoͤrte, in ſolcher Weiſe im Abendlande noch mehr zu zerſtreuen? Die Vertreibung des Ordens aus dem Lande Burzen hatte ihm zwar allerdings manchen Ordensritter von dorther wieder zu⸗ gebracht; allein der Koͤnig von Ungern ward noch fort und fort durch den Papſt gemahnt, das Land dem Orden zuruͤck⸗ zugeben; es war noch Hoffnung, daß der Koͤnig dem heiligen Vater Gehorſam leiſten werde; dann mußten auch die vertrie⸗ benen Ordensritter in die dortigen Ordensburgen zuruͤckkehren. Zudem war die Erfahrung, welche der Orden bereits an des Ungeriſchen Koͤniges Wortbruͤchigkeit und Wankelmuth ge⸗ macht hatte, fuͤr Hermanns Handlungsweiſe gewiß nicht ohne Lehre geblieben. Wer buͤrgte bei Herzog Conrad von Ma⸗ ſovien fuͤr groͤßere Sicherheit? Wer kannte in Italien ſeine Geſinnungsart? Und wenn Hermann ſie kannte, wie konnte er ihm Vertrauen und Glauben ſchenken, wenn er auf manche von Conrads Handlungen hinſah? Zu dem allen wie ent⸗ fernt an den Enden der Chriſtenheit lag die neuangebotene Beſitzung, welche, wenn ſie angenommen und unter Kampf und Blut geſichert war, doch auch ferner durch ſtete Zuſen⸗ dung neuer Huͤlfe erhalten werden mußte! Solcher und aͤhn⸗ licher Art moͤgen die Bedenklichkeiten geweſen ſeyn, die ſich in Hermanns Seele bewegten. Ihnen gegenuͤber ſtanden aber wohl auch andere Betrachtungen. War denn damals gerade bei der Spannung zwiſchen Kaiſer und Papſt ſo ſicher auf den 11 *
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164 Berufung d. Deutſchen Ordens geg. d. Preuffen. verheißenen Kreuzzug zu rechnen? Hatte Friederich ihn nicht ſchon von Jahr zu Jahr immer weiter hinausgeſchoben? Und wenn er auch wirklich begann, war der Erfolg ſo ganz gewiß? Konnte ferner ſelbſt bei einem guͤnſtigen Erfolge ſicher auf die beſtaͤndige Erhaltung des heiligen Landes gehofft wer⸗ den, zumal bei der Mattigkeit der Begeiſterung und bei dem Mangel aller Theilnahme, welchen Hermann ſelbſt erſt vor kurzem im Abendlande erfahren hatte? Ward das Land Bur⸗ zen nicht zuruͤckgegeben und gingen vielleicht auch bald des Ordens Beſitzungen in Syrien verloren, waren dann fuͤr die da⸗ herkommenden Ritterbruͤder nicht neue Erwerbungen hoͤchſt wuͤn⸗ ſchenswerth? Und nahm der Orden den Kampf gegen die heidniſchen Preuſſen uͤber ſich, ſtritt er dann nicht auch fuͤr Kirche und Chriſtenthum? Gab es nur im Sſten, nicht auch im Norden Verdienſte im Glauben und in den Werken der Liebe und des Erbarmens? Solches waren, wie es ſcheint, die Betrachtungen, denen Hermann mit den bewaͤhrteſten ſeiner Ordensbruͤder die ſorg⸗ faͤltigſte Berathung und Erwaͤgung ſchenkte ). Darauf begab er ſich zum Kaiſer, der ſich im Maͤrz des Jahres 1226 zu Rimini aufhielt, ihm des Herzogs Anerbieten und Geſuch mit⸗ zutheilen. Der Hochmeiſter war in Einſtimmung mit ſeinen Ordensbruͤdern entſchloſſen, das Erbieten anzunehmen, ſofern der Kaiſer einwillige und zu dem ſchweren Unternehmen ſeine Beihuͤlfe verheiße 2). Es war ein hoͤchſt wichtiger Entſchluß, den Hermann gefaßt hatte: — gewiß der wichtigſte Gedanke, der ſich jemals in ſeinem Geiſte bewegt hat, denn wenn man erwaͤgt, was aus ihm, als dem Urquell der geſammten nach⸗ 1) Magister posı multa consilia variosque tractatus cum fratribus suis habitos super hoc arduo negotio — fagt Dus- Burg P. II. c. 5. Auch der Kaifer erwähnt in der Urkunde bei Dre- ger p. 118, daß Hermann das Anerbieten nicht ſogleich angenommen, ſondern provisionem recepisse distulerat. Das Chron. German. p. 816 läßt den Hochmeiſter ganz aus dem Spiele und alles durch den Papſt gefehehen. 2) Urkunde bei Dreger p. 118.
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Berufung d. Deutſchen Ordens geg. d. Preuſſen. 165 folgenden Ereigniſſe, fuͤr Preuſſen auf Jahrhunderte lang al⸗ les hervorging, wie in ihm zunaͤchſt die Beſtimmung der Schickſale eines ganzen Volkes für unendliche Zeiten lag, wie durch ihn ein Land, rings umgeben von Voͤlkern Slavi⸗ ſcher Eigenthuͤmlichkeit, Deutſcher Geſinnung, Deutſcher Sprache, Sitte und Geſetzen zugewandt wurde, und wenn man ferner noch hinzunimmt, wie folgenreich hierdurch wieder auf einen großen Theil des ganzen Europaͤiſchen Nordens in manchfal⸗ tigſter Weiſe eingewirkt und in Staaten und Voͤlkern unend⸗ lich vieles anders geſtaltet, umgebildet und umgewandelt wor⸗ den iſt, — wenn man dieſes alles im Vorblicke auf die kom⸗ menden Jahrhunderte zuſammenfaßt und im Geiſte nach ſeiner ganzen Wichtigkeit verfolgt, ſo liegt gewiß in Hermanns Ge⸗ danken, ſeinen Orden auch nach Preuſſen herauf zu verpflan⸗ zen, eine wahrhaft koͤnigliche Groͤße und der Augenblick, in welchem er dieſen Entſchluß faßte, iſt unbezweifelt der größte und wichtigſte Moment ſeines ganzen Lebens; denn dieſen Ei⸗ nen Gedanken aus Hermanns Seele hinweg — und es gab wohl nie ein Deutſches Preuſſen! Der Kaiſer gab den Ausſchlag. — „Dazu hat der Herr unſere Kaiſergewalt hoch uͤber die Koͤnige des Erdkreiſes emporgehoben und die Graͤnzen unſerer Herrſchaft durch die verſchiedenen Zonen der Welt erweitert, auf daß wir Sorge tragen ſollen, daß ſein Name in Ewigkeit verherrlicht und der Glaube an das Evangelium auch unter die Heiden weit ver⸗ breitet werde ).“ Das war des Kaiſers Gedanke; und durch dieſen Gedanken bewogen uͤberreichte er dem Hochmeiſter eine Urkunde, kraft welcher er dieſem, in Betracht des Eifers ſei⸗ ner Bitte, mit welchem Hermann die Erwerbung jenes Lanz des fuͤr ſeinen Orden wuͤnſchte, und im Vertrauen auf des Meiſters klugen, in Wort und That maͤchtigen Geiſt 2), daß er des Landes Erwerbung maͤnnlich verfolgen und im Beginne nicht fruchtlos vom Werke wieder abſtehen werde, die Voll⸗ 1) Urkunde bei Dreger p. 117. 2) Der Kaifer ſagt: Conſidentes quoque de prudentia ma- Sistri ejusdem, quod homo sit potens opere et sermone.
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166 Verleihung d. Kulmerlandes a. d. D. Orden. macht ertheilte, in das Land Preuſſen mit der ganzen Macht ſeines Ordens einzudringen, und es zugleich auch beſtaͤtigte und bewilligte, daß der Meiſter fuͤr ſeine Nachfolger und ſei⸗ nen Orden ſowohl das Landgebiet, welches der Herzog Con⸗ rad verheißen oder ſonſt noch verleihen werde, in Empfang nehmen, als auch alles Land, welches der Orden in den Ge⸗ bieten Preuſfens erwerben werde, völlig frei, ohne Dienftlaft und Steuerpflicht, in feinen Beſitz bringen koͤnne ), ohne Ver⸗ antwortlichkeit gegen irgend eine menſchliche Macht. Dann ging der Kaiſer mehr ins Einzelne der Rechte ein, welche dem Orden in dem neuen Lande zuſtehen ſollten; es ſolle ihm ge⸗ ſtattet ſeyn, zu feinem Nutzen Straßen und Markt - Zölle anzuordnen, Maͤrkte und Handelsplaͤtze einzurichten, Muͤnzen zu ſchlagen, Grundabgaben und andere Leiſtungen aufzulegen, Ungelder zu Land, auf Fluͤſſen und auf dem Meere feſtzuſtel⸗ lin, Bergwerke anzulegen, ferner auch Richter einzuſetzen, die ſowohl in buͤrgerlichen, als in Criminal⸗Faͤllen Streitſachen entſcheiden und das Volk, nicht minder das noch unbekehrte, als das dem Chriſtenthum ſchon zugewandte in Geſetz und Ordnung halten koͤnnten. Außerdem ertheilte der Kaiſer dem Hochmeiſter und allen ſeinen Nachfolgern auch volle Gerichts⸗ barkeit und alle ſonſtige Gewalt und Macht uͤber das Land, fo weit es irgend ein Fuͤrſt des Reiches in feinem eigenen Lande haben koͤnne, alſo daß ſie Geſetze und Verfaſſung anzu⸗ ordnen, Gerichtsverſammlungen zu halten und alle Einrichtun- gen zu treffen vermochten, durch welche der Glaube der Glaͤu⸗ 1) Concedentes ei confirmantes eidem magistro, successo- ribus cius et domui sue in perpeluum tam predictam terram, quam a prescripto duce recipiet, ut promisit, et quamcunque aliam dabit, necnon ierram quam in partibus Prussie Deo fa- ciente conquiret, velut velus et debitum jus imperii, in mon- tibus, planicie, fluminibus, nemoribus et in mari, ut eam li- beram sine omni servicio ei exaclione teneant et immunem. Kurz vorher ſagt der Kaiſer von Preuffen: quod terra ipsa sub mo- narchia Imperii est contenta. Dieſe Bezeichnung und jenes vetus et debitum jus imperii beruhen übrigens auf der von den Kaiſern immer feſtgehaltenen Idee vom dominium mundi.
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Verleihung d. Kulmerlandes a. d. D. Orden. 167 bigen befeftigt und für die Unterthanen uͤberhaupt ein ruhiges Leben geſichert und begruͤndet werde. Und endlich gebot der Kaiſer noch, daß keine Perſon, weder ein Fuͤrſt, ein Herzog, ein Markgraf, ein Graf oder ſonſt einer aus der Zahl der Reichsgroßen, hoͤheren oder niederen, geiſtlichen oder weltlichen Standes den Orden jemals in dieſer Verleihung und Beſtaͤti⸗ gung ſeines Beſitzthums in irgend einer Weiſe beeintraͤchtigen ſolle bei der Strafe von tauſend Mark Goldes ). » In folcher Art war vom Kaifer dem Deutſchen Orden des Herzogs Conrad Schenkung, ſammt allem Lande, welches in dem heidniſchen Preuſſen erobert werden koͤnnte, mit voͤlli⸗ ger Landeshoheit beftätigt und als Eigenthum verſchrieben. Darauf wandte ſich der Hochmeiſter in derſelbigen Sache auch an den Papſt Honorius, welcher gleichfalls ſeine Einwilligung ertheilend das Werk der Verbreitung des Glaubens im Nor- den auf alle Weiſe zu unterſtuͤtzen und zu foͤrdern verfprach ?). 1) Das Original dieſer wichtigen kaiſerlichen Urkunde befindet ſich noch aͤußerſt gut erhalten, auf Pergament mit dem Monogramm des Kaiſers und der goldenen Bulle deſſelben verſehen, im geh. Archive. Es ſchließt mit folgendem Datum: Acla sunt hec anno dominice in- carnat. millesimo ducentesimo vicesimo sexto, mense Marti» quarte decime indictionis, imperante domino Friderico Dei gralia serenissimo Romanorum Imperatore seroper Auguslo, Iherusalem et Sicilie Rege, Romani imperii anno eius sexto, Regni Iherusalem primo, Regni Sicilie vicesimo sexle, felici- ter amen. Datum Arimine anno. mense et indiclione pre- scriptis. Als Zeugen find außer den Erzbiſchoͤfen, Biſchöͤfen und Her: zogen von Sachſen und Spoleto noch genannt Heinrich von Schwarz⸗ burg, Walther von Kevernburg, Werner von Kyburg, Albert von Habsburg, Ludwig und Hermann von Froburg u. a. Die Urkunde iſt vielfach gedruckt; unter andern bei Dreger Cod. Pomer. Nro. LXV. p- 117. Dog iel Cod. Polon. T. IV. Nro. 4. p. 3. Lünig Spici- leg. eccles. contin. T. I. p. 5. 2) Wir baben hieruͤber kein ſolches urkundliches Zeugniß, wie vom Kaiſer; unter den noch vorhandenen Bullen iſt uns wenigſtens keine bekannt, welche hierauf Bezug hätte. Wir muͤſſen alſo hier den Aus⸗ ſagen der Chroniſten glauben: Dusdurg P. II. c. 5 (wo aber nicht Gregorius IX. gemeint iſt, wie Hartknoch anmerkt, ſondern Hono⸗
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168 Verleihung d. Culmerlandes a. d. D. Orden. Doch neben allen dieſen Verheißungen, Zuſagen und Beſtaͤtigun⸗ gen ſchien dem Hochmeiſter bei der Wichtigkeit des Schrittes die groͤßte Vorſicht nothwendig und zwar deshalb auch um ſo mehr, weil der Herzog von Maſovien die Schenkung aller⸗ dings wohl verſprochen, aber doch noch keineswegs urkundlich verſchrieben und nach Geſetz und. Brauch feſt zugeſichert hatte. Um daher in jeder Weiſe, bevor groͤßere Kraͤfte in Be⸗ wegung geſetzt wuͤrden, ganz ſicher zu gehen, ſandte Hermann von Salza noch im Laufe des Jahres 1226 zwei Ordensrit⸗ ter, Conrad von Landsberg ) und Otto von Saleiden mit einem Haͤuflein von noch achtzehn reiſigen Knechten an den Herzog von Maſovien, und mit dem Auftrage, theils das Land⸗ gebiet, welches als Schenkung verſprochen war, in ſeiner Be⸗ ſchaffenheit und feinen Verhaͤltniſſen zu Preuſſen vorerft näher auszuforſchen, theils auch mit dem Herzoge Conrad das Naͤ⸗ here zu verhandeln und ſeine Verſprechungen von ihm urkund⸗ lich befeſtigen und verſichern zu laſſen ). An des Herzogs Hofe angelangt, fanden ſie ihn nicht einheimiſch, denn die Verhaͤltniſſe des Landes hatten ihn nach Polen gerufen. Seine Gemahlin indeſſen, die Herzogin Agaphia nahm die fremden Ritter freundlichſt auf und lud ſie ein, am Hofe zu verweilen, bis der Herzog heimkehre ). Mittlerweile aber kam die Nach⸗ rius III.); ferner Ordens-Chron. bei Malihactis p. 694, wo ausdruͤcklich erwaͤhnt wird, daß Honorius noch alles genehmigt habe. 1) Dieſer Conrad von Landsberg war ohne Zweifel aus der Ge⸗ gend von Magdeburg und Halle und wahrſcheinlich der naͤmliche, der im Jahre 1226 noch als weltlicher Ritter vorkommt in einer Urkunde bei Schultes Director. diplom, p. 510. 552. 2) Dieſen Zweck ihrer Sendung ſpricht Dusburg P. II. c. 5 ausdrücklich aus. Auffallend iſt, daß die Ordens-Chron. S. 24 und bei Matthaeus J. c. p. 695 den Hochmeiſter mit etlichen Ordensbrü⸗ dern ſelbſt zum Herzog Conrad reiſen und alles mit ihm verhandeln und abſchließen laßt. Es iſt dieſes aber um fo weniger glaublich, da ſich Hermann auch im April dieſes Jahres noch in Italien auftielt und namentlich in Cremona den Landgrafen Ludwig von Thuͤringen in des Kaiſers Namen empfing; ſ. Spangenberg Säͤchſiſche Chronik S. 433. 3) Dusburg l. c. Lubsas David B. II. S. 34 — 35.
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Die erſten Ordensritter in Maſovien. 169 richt, daß ein ſtarkes Heer von Preuſſen mit ſchwerer Ver⸗ heerung in Maſovien eingebrochen ſey und unter furchtbarer Verwuͤſtung mit Feuer und Schwert näher gegen Ploczk her⸗ anruͤcke, weil ſich dorthin große Schaaren von den Landes⸗ bewohnern mit Habe und Gut gefluͤchtet hatten. Da ſtellten ſich auf der Herzogin Erſuchen die beiden Deutſchen Ritter an die Spitze eines ſtarken Maſoviſchen Heeres und uͤbernah⸗ men vom oberſten Hauptmanne Maſoviens deſſen Ordnung und Führung. Eiligſt zog man dem Feinde entgegen. Es kam zum Kampfe; die von den Rittern gewaͤhlte gluͤckliche Stellung brachte den Preuſſen bedeutenden Schaden und große Schaaren von ihnen erlagen im maͤnnlichen Streite des Ma⸗ ſoviſchen Kriegsvolkes, alſo daß der Sieg des letztern kaum noch zweifelhaft ſchien. Als aber mit dem neigenden Tage die Preuſſen die große Zahl ihrer Erſchlagenenen erblickten und ihre Kriegsfuͤrſten und Fuͤhrer an Rache mahnten und an Vergeltung fuͤr die Gefallenen, da wandte ſich die ganze noch uͤbrig gebliebene Kriegsmacht der Preuſſen, von neuer Kampfwuth entbrannt, abermals zum Streite. Der unver⸗ muthete Anſturm warf das Maſoviſche Volk in die Flucht, und als die Deutſchen Ordensritter und der Maſovier Haupt⸗ mann die fliehenden Haufen zum erneuerten Widerſtande auf⸗ ſtellen wollten, wurden die erſtern ſchwer verwundet, der letz⸗ tere vom Feinde gefangen genommen und eine große Zahl des Volkes erſchlagen. Die Preuſſen aber hatte der blutige Kampf ſo ermuͤdet und geſchwaͤcht, daß ſie keine Verfolgung wagend mit ihrer Beute in ihre Gebiete zuruͤckeilten. Die beiden Ordensritter hielt man fuͤr erſchlagen, bis die Herzogin Kundſchafter ausſandte, fie auf dem Kampfplatze aufſuchen ließ und zur Heilung der Sorgfalt der Aerzte übergab 9. I) Dusdurg P. II. c. 5. Lucas David B. II. S. 35 vgl. mit S. 19, wo nach Simon Grunau erzaͤhlt wird. Aus Lucas David entnommen iſt der Bericht uͤber dieſe Schlacht in den Act. Bo- russ. T. I. S. 385 -— 392. Auf dieſe Schlacht deuten auch die Pol⸗ niſchen Chroniſten hin, aber freilich in größter chronologiſcher Verwir⸗ rung: Boguphal. p. 59. Diugoss. T. I. p. 644. Das Chron.
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170 Die erſten Ordensritter in Maſovien. Als nun bald hierauf Herzog Conrad aus Polen heim- gekehrt und die Ritter geneſen waren, traten dieſe nach ihrer Sendung eigentlichem Zwecke mit ihm in Unterhandlungen. Sie hatten jedoch keineswegs den Auftrag, die Sache mit dem Herzoge ohne weiteres abzuſchließen, denn der kluge Meiſter wollte in Preuſſen nicht die Erfahrung von neuem machen, welche ſeinem Orden in Siebenbuͤrgen am Lande Burzen ſo großen Schaden gebracht. Deshalb war jeder Schritt, den er fuͤr die neue Unternehmung in Preuſſen that, mit aͤußerſter Sorgfalt berechnet und bedacht. Zwar durfte der Meiſter, nachdem Kaiſer und Papſt des Herzogs Verheißungen geneh⸗ migt und beſtaͤtigt, auf das ihm vorgelegte Geſuch Conrads nun ſchon mit ſicherem Vertrauen eingehen. Allein das An⸗ erbieten des Maſoviſchen Fuͤrſten war das Verſprechen uͤber ein Landgebiet, welches keiner in des Meiſters Umgebung we⸗ der nach ſeinen Graͤnzen, noch in ſeiner uͤbrigen Beſchaffen⸗ heit irgend genauer kannte ). Es mußte ferner auch noch manches andere, was die Bekaͤmpfung der Preuſſen, den Bi⸗ ſchof Chriſtian in ſeinen Verhaͤltniſſen zum Orden und ſeine Beſitzungen im Kulmerlande und im Gebiete von Loͤbau be⸗ traf, ohne Zweifel mit Herzog Conrad ſelbſt verhandelt, ge⸗ nauer erforſcht und ſicher geſtellt werden. Bevor ſolches alles German. ap. Pistor. T. II. S. 816 erzählt manches anders. Con rad von Landsberg kommt cum armata militum Germanorum manu nach Polen und dieſe mit Polniſchen Kriegsleuten vereinigend, geht er ſogleich dem Feinde zum Kampfe entgegen dumque maximis animis pugnatur, cadit utrinque innumerabilis multitudo. Dux ipse Conradus de Lansperg vulneratus cadit, cadunt et alii duces. Da fliehen die Polen und mit ihnen auch die Deutfchen ; bald aber a fortibus, qui inter eos erant plurimi, adhortati, de integro fecerunt in hostes impelum tanlum, ut hosles cedere coacti sint ex campo, ubi proelium fuit, ita lamen Pruteni cesserunt, ut fugisse dici non possint. 1) Wie unbeſtimmt dieſes alles bei Conrads erſtem Anerbieten ge⸗ laſſen war, beweiſet ſchon das kaiſerliche Diplom, indem nur im Allge⸗ meinen die Rede war de terra, quae vocatur Golmen et in alia terra inter Marchiam suam et confinia Prutenorum.
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Unterhandlung m. Herzog Conrad v. Maſovien. 171 dem Meiſter nicht aufs genaueſte berichtet und ſorgſam erör⸗ tert war und bevor Herzog Conrad ſelbſt nebſt ſeinen Ange⸗ hoͤrigen nicht in Gegenwart von Ordensrittern und andern gewichtigen Zeugen auf die angebotenen Lande förmlich Ver⸗ zicht geleiſtet, konnte natuͤrlich auch an die Sendung einer eigentlichen Hülfe durch den Orden nicht gedacht werden. Nicht alſo der Abſchluß eines förmlichen urkundlichen Ver⸗ trages, ſondern nur jene vorläufigen Verhandlungen waren es, welche die beiden Ordensbruͤder in des Hochmeiſters Auf⸗ trage mit dem Herzoge anſtellten, und ihr endliches Ergebniß war, daß Conrad mit Rath, einſtimmiger Zuſage und aus⸗ druͤcklicher Einwilligung feiner Gemahlin Agaphia und feiner drei Söhne Boleslav, Kaſimir und Semovit den Ordensbruͤ⸗ dern die Lande Kulm und Löbau, ſammt allem, was forthin durch den Orden den Händen der Ungläubigen entriſſen wer⸗ den moͤchte, mit Verzicht auf alles Recht, Eigenthum oder ſonſtigen Anſpruch für ſich, feine Gemahlin, feine Kinder und Nachfolger förmlich und feſt zuſagte und dieſe Zuſage mit Brief und Siegel verſicherte. Verhandelt ward ſolches alles am neun und zwanzigſten Mai des Jahres 1226 in Gegen⸗ wart der Bifchöfe Günther von Maſovien, Michael von Cuja⸗ vien, Chriſtian von Preuſſen und anderer geiſtlichen und welt⸗ lichen Herren ). 1) So iſt der Vorgang der Sache nach Dus berg P. II. c. 5 und ohne Zweifel giebt dieſer Chroniſt die richtigſte Vorſtelluug, ſobald man ihn nur richtig verſteht. Es iſt bekannt, daß in Ruͤckſicht der Zeitangabe der erſten Verſchreibung des Herzogs uͤber die beiden Lande von jeher große Verſchiedenheit geherrſcht hat. Dusburg I. c. ſetzt die erſte eigentliche Zuſage des Herzogs nur im Allgemeinen ins Jahr 1226; die Ordens⸗Chreon. dagegen S. 24 (Mſcr.) und bei Mal- thacus p. 696 und Schütz p. 17 geben beſtimmter den IV. Calend. Junii — 29 ſten Mai des J. 1226 als die Zeit derſelben an. Wei / nun aber von dieſem Datum keine eigentliche Urkunde zu finden gewe⸗ fen ift, fo hat dieſes manche andere ſowohl Preuſſiſche als Polniſche Chroniſten veranlaßt, die Ankunft, ſo wie die Verhandlung der Ordens⸗ ritter auf ein oder mehre Jahre ſpaͤter anzuſetzen. So laßt z. B. Lucas David B. II. S. 187 die Ankunft der Ritter erſt im Jahre
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172 Unterhandlung m. Herzog Conrad v. Maſovien. Hiemit hatten Conrad von Landsberg und Otto von Saleiden den wichtigſten Zweck ihrer Sendung zum Herzog wohl erreicht und nachdem ſie auch die Beſchaffenheit und die Verhaͤltniſſe des Landes naͤher erforſcht, haͤtten ſie nun wieder nach Italien zuruͤckkehren moͤgen. Doch vielleicht vorausſe⸗ tzend, daß nach ſolchen Erbietungen des Maſoviſchen Fuͤrſten der Hochmeiſter bald ſtaͤrkere Huͤlfe herbeiſenden werde, viel⸗ leicht von dieſem auch ſchon zuvor im Falle eines guͤnſtigen 1227 erfolgen und nimmt die bekannte Verſchreibung des Herzogs vom Jahre 1228 fuͤr die erſte Zuſage, obgleich er ſich S. 34 uͤber die lange Verzoͤgerung der Sendung der Ordensritter wundert und ſie durch den im Maͤrz 1227 erfolgten Tod des Papſtes Honorius III. erklaͤrt, ohne zu bedenken, daß dieſer gar kein Hinderniß für eine Sendung im Jahre 1226 ſeyn konnte, indem ja der kaiſerliche Beftätigungsbrief gerade ein Jahr vor des Papſtes Tode ausgeſtellt war. Polniſche Scribenten, z. B. Boguphal. p. 59, Dlugoss. T. I. p. 644 ſetzen das Ganze fo: gar erſt in das Jahr 1230, ohne zu erwähnen, was denn die lange Verzögerung vom Jahre 1226 bis 1230 veranlaßt habe. — Obige Darſtellung ſcheint das chronologiſche Raͤthſel am beſten zu löͤſen. Es liegt an ſich ſchon am Tage, daß der Hochmeiſter, nachdem er um des Kaiſers und Papſtes Zuſtimmung gebeten und ſie erhalten hatte, nicht noch ein oder mehre Jahre gezoͤgert habe, den erſten Schritt in der Sache zu thun. Es mußte ihm aus mehr als einer Urſache viel daran gelegen ſeyn, wenigſtens die Unterhandlungen ſogleich anzuknuͤpfen. Er ſandte alſo offenbar die Ritter auch ſchon im Jahre 1226 nach Maſo⸗ vien. Hier langten ſie wahrſcheinlich im April an, fochten die Schlacht mit, erkundigten ſich uͤber das Land, traten mit dem Herzoge in Un⸗ terhandlungen und erhielten am 29ſten Mai 1226 die foͤrmliche Zuſage. Das das Ganze mehr nur eine perſoͤnliche Verhandlung war, welche der Herzog verbriefte, deutet Dussurg durch die Worte: „Acta sunt haec circa An. Dn. MCCXXVI. auch ausdruͤcklich an und die Or⸗ dens⸗Chron. und Schütz ſtimmen darin völlig mit ihm überein. Die litterge sigillo munitae, welche Conrad den Rittern gab, waren daher offenbar nur eine ſchriftliche Verſicherung, daß der Orden im Beſitze des geſchenkten Landes, ſobald er ihn angetreten habe, von nie: manden in der Folge belaͤſtigt werden ſolle: ut haec donatio firma essel el perpetua nec ab aliquo imposterum posset infirmari. Sie bildeten die Grundlage des noch abzufaſſenden Schenkungsinſtru⸗ ments, waren aber dieſes keineswegs noch ſelbſt. Vgl. Chron. Oliv. p. 19.
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Unterhandlung m. Herzog Conrad v. Maſovien. 173 Erfolges hiezu beurlaubt, blieben die beiden Ritter mit ihrem Reiterhaufen beim Herzoge, erſuchten ihn aber, bis zur An: kunft mehrer ihrer Ordensbruͤder ihnen einen Aufenthalt anzu⸗ weiſen, in welchem ſie ſich gegen der Preuſſen etwanigen An⸗ ſturm ſicher vertheidigen koͤnnten. Da berief der Herzog, in ihre Bitte willigend, in Eile einen großen Haufen feines Vol⸗ kes und ließ am linken Ufer des Weichſel-Stromes, da wo nun Thorn liegt ſchraͤge gegenüber, auf einer leichten Anhöhe eine Burg aus Holz erbauen, die er den Rittern als einſtwei⸗ ligen Wohnort uͤberwies. Schnell war ſie vollendet worden, weil die Preuſſen Ruhe geſtatteten und als die Ritter in ſie einzogen, verliehen fie ihr den freundlichen Namen Vogel⸗ ſang ). Die Preuſſen aber befuͤrchteten aus der neuerrichte⸗ ten Burg bald Unheil und Verderben fuͤr ihre Gebiete, fielen ins Kulmerland und befeſtigten an des Stromes rechtem Ufer, der Burg Vogelſang gegenuͤber, die Burg Rogow, ſie mit zahlreicher Mannſchaft bewehrend, um fo den Feind von ih⸗ rem Lande zuruͤckzuhalten 2), Mittlerweile aber hatten die beiden Ordensritter auch eine Botſchaft an den Meiſter nach Italien entſandt mit des Herzogs ſchriftlicher Zuſage und manchen andern Berichten uͤber des Landes Beſchaffenheit, zugleich auch mit der Bitte, daß er bald eine groͤßere Zahl von Ordensbruͤdern und eine ſtaͤrkere Kriegsmannſchaft herbeiſende zur Bekaͤmpfung der nahen heidniſchen Preuſſen ). Allein es gelangte dieſe Nach⸗ 1) Dusburg P. II. c. 8. Lucas David B. II. S. 38; aus dieſem die Erzaͤhlung in Actis Boruss. T. I. p. 399. Chron. Oliv. P. 19. Der Name Vogelſang wird von den Chroniſten verſchieden er: klärt, wie aus Dusburg l. c. Lucas Da vid a. a. O., Schuͤtz p 17 zu erſehen iſt, wo er bald von dem Geſange der dort zahlreichen Waldvogel, bald auch von dem klaͤglichen Jammergeſang der Ordens⸗ bruͤder (1) hergeleitet wird. Der Name ſcheint mehr aus der Fremde, aus Deutſchland oder Italien herbeigebracht zu ſeyn. Dafuͤr ſpricht wohl auch der ſpaͤter beobachtete Gebrauch. 2) Dieß war offenbar die Burg, deren Dus burg P. III. c. 7 erwähnt. Warzmann Preuff. Chron. nennt fie Rogosno. 3) Dusdurg P. II. c. 9. Lucas David B. II. S. 39.
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174 Hermann von Salza und Gregorius IX. richt an den Meiſter gerade in einer Zeit, welche fuͤr die ſchnelle Förderung des wichtigen Unternehmens nichts weniger als guͤnſtig oder auch nur irgend geeignet war. Gerade da⸗ mals ſtand in Italien alles in Gaͤhrung und in Spannung gegen einander. Es war gerade die Zeit, als die Staͤdte in Lombardien ſich gegen den Kaiſer erhoben und zu Schutz und Trutz ihrer Freiheit ihren alten Bund erneuert hatten. Her⸗ mann von Salza war in dieſen Verhaͤltniſſen, wie bereits erwähnt worden, mit ſehr wichtigen Aufträgen beſchaͤftigt. Schon nahte der Ausgang des Jahres 1226 und noch wußte keiner, wie ſich die ſo ſchwierige, als bedenkliche Lage der Dinge im naͤchſten Jahre für den Kaiſer geſtalten werde. Und als nun im Anfange des Jahres 1227 die feindliche Span⸗ nung zwiſchen dem Kaiſer und den Lombarden durch den Papſt Honorius beſchwichtigt war, ſtarb der letztere mitten unter den unſicherſten und ſchwankendſten Verhaͤltniſſen am achtzehnten Maͤrz 1227: — fuͤr den Deutſchen Orden ein um ſo ſchmerzlicher Verluſt, weil noch kein Papſt fuͤr ſeine Erhe⸗ bung, ſein Anſehen, ſeine Befoͤrderung zu Wohlſtand und Einfluß, fuͤr ſeine Sicherheit gegen ſeine Widerſacher und ſein ganzes Beſte mit ſo eifriger und unermuͤdlicher Theilnahme und mit ſo viel inniger Liebe geſorgt und gewirkt hatte, wie dieſer; aber auch deshalb nicht minder ſchmerzlich, weil Ho⸗ norius gerade zu einer Zeit ſtarb, die fuͤr des Ordens bevor⸗ ſtehende Schickſale und Verhaͤltniſſe im Norden ſo aͤußerſt wichtig und in welcher des Papſtes kraͤftiges Mitwirken, fein Rath und ſein Beiſtand in aller Hinſicht doppelt nothwen⸗ dig waren. Wenige Tage nach des Honorius Tod ward zu ſeinem Nachfolger der Cardinal Hugolinus unter dem Namen Grego⸗ rius des Neunten erwaͤhlt: ein Mann, von deſſen gluͤhendem Eifer fuͤr die Sache des heiligen Landes, wie fuͤr die Ver⸗ breitung des Glaubens und fuͤr die Erweiterung und Ver⸗ herrlichung der Kirche auch vieles zur Beguͤnſtigung und Be⸗ förderung des Ordens zu erwarten war; deſſen Geiſt aber, deſſen Willenskraft, Charakterſtaͤrke und eiſerne Feſtigkeit der
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Hermann von Salza und Gregorius IX. 175 Grundſaͤtze auch manchen ſchweren Sturm für den Kaiſer ah⸗ nen ließ ). Der Kreuzzug ins Morgenland war fein erſter und dringendſter Gedanke, mit welchem er den heiligen Stuhl betrat ); er war zugleich auch das erſte Wort, welches er dem Kaiſer bei der Ankuͤndigung ſeiner Papſtwahl entbieten ließ. Der Ordensmeiſter Hermann von Salza war es, den der Kaiſer in Begleitung des Biſchofs von Reggio mit Gluͤckwuͤnſchungsbrieſen an den neuen Papſt ſandte, um die freundlichen Geſinnungen erwiedern zu laſſen, mit welchen Gregorius ihm entgegen gekommen war ). Zugleich benutzte der Hochmeiſter die Gelegenheit, dem neuen Oberhaupte der Kirche das Wohl und die Foͤrderung ſeines Ordens zu empfehlen und Gregorius gab bald Beweiſe, daß er auch hierin ſeinem Vorgaͤnger nicht nachzuſtehen gedenke. Er erneuerte und beſtaͤtigte nicht bloß eine Menge von Beguͤnſtigungen, Freiheiten und Vorrechten, die ſchon die fruͤ⸗ heren Paͤpſte, beſonders Honorius, dem Orden ertheilt hat⸗ ten), ſondern er fügte auch ſchon in dem erſten Jahre feiner 1) Vgl. Raumer B. III. S. 414. 2) Raynald. an. 1227. Nro. 18. 3) Richard de S. Germano p. 1002. Raumer B. III. S. 415. 4) 3. B. Verleihung aller Privilegien des Johanniter- und Tem⸗ pel⸗Ordens an die Deutſchen Ordensbruͤder, Anagnie II. Id. Jun. Pont. an. I. Erlaubniß fuͤr den Orden, ſich der Maͤntel und anderer Kleidungsſtücke nach der Vorſchrift der Ordensſtatute zu bedienen, Anagn. VI. Non. Jul. P. a. I. Befehl an die Geiſtlichkeit zur Be⸗ ſtrafung mit Bann und Interdict gegen alle, die des Ordens Perſonen, Unterthanen und Beſitzungen gewaltthätig verletzen würden, Anagn. II. Id. Jul. P. a. I. Befreiung des Ordens von der Steuer des Zwanzigſten oder ſonſtigen Abgaben an die Geiſtlichkeit von allen dem Orden geſchenkten oder teſtamentlich vermachten Guͤtern, Anagn. III. Cal. Aug. P. a. I. Befehl an die Geiſtlichkeit zum Verbote, daß un⸗ ter Strafe des Anathema niemand von den Ordensbruͤdern oder deren Leuten fuͤr Victualien, Kleider, Vieh und andere Dinge zu ihrem Ge⸗ brauche Zoll oder andere Abgaben erhebe, Anagn. II. Non. Aug. P. a. I. Dieſe und mehre andere Bullen uͤber fruͤher ſchon verliehene Vor⸗ rechte ſind theils in Originalen im geh. Archive, theils in Abſchriſten im großen und kleinen Privilegienbuche vorhanden.
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176 Hermann von Salza und Gregorius IX. Regentſchaft manche neue hinzu. So ward dem Orden er⸗ laubt, an allen den Orten, welche er aus den Haͤnden der Saracenen befreien werde, ſofern ſie nicht biſchoͤfliche Sitze ſeyen, Kirchen zu errichten, die allein nur der Roͤmiſchen Kirche unterworfen ſeyn ſollten ). Es wurden ferner durch einen paͤpſtlichen Befehl Maßregeln getroffen, die in ſolchen Kirchen des Ordens dienenden Geiſtlichen oder Kapellane der Unter gebenheit und der Pflicht des Gehorſams gegen den hoͤheren Clerus gänzlich zu entziehen, um fie von den Belaͤſtigungen der neidiſchen Geiſtlichkeit völlig zu befreien 2). Der hohen Geiſtlichkeit ward ſtreng unterſagt, Unterthanen des Ordens unter Beſchuldigung des Ehebruchs oder anderer Suͤnden und Ketzereien mit Geldſtrafen zu belegen, indem es den Ordens⸗ geiſtlichen uͤberlaſſen bleiben muͤſſe, ſolche Vergehungen an des Ordens Untergebenen zu ahnden . Vorzuͤglich aber mußte auch Gregorius alle Mittel ſeiner paͤpſtlichen Macht aufbie⸗ ten, um den Orden und deſſen Unterthanen gegen die fort⸗ dauernden Belaͤſtigungen und heimlichen Umtriebe der feind⸗ lichen Geiſtlichkeit ſicher zu ſtellen, denn beſtaͤndig hatte man von Seiten des Ordens am paͤpſtlichen Hofe die alten Beſchwer⸗ den und Klagen gegen Bedruͤckungen, ungerechte Anforderun⸗ gen und Beeinträchtigungen feiner Rechte und Freiheiten durch den hohen Clerus zu wiederholen 9). Endlich genehmigte uno beftätigte der Papſt auch von ſeiner Seite die Schenkung des Herzogs Conrad von Maſo⸗ vien und des Ordens Unternehmung zur Eroberung des Lan⸗ des der heidniſchen Preuſſen ), indem er zugleich mit Ver⸗ 1 Original Bulle im geh. Archive, datirt: Anagn. VII. Idus Aug. P. n. a. I. (7. Aug. 1227). 2) Die Bulle im großen Privilegienb. p. 47 iſt datirt: Anagn. V. Non. Jul. P. n. a. I. 3) Die Bulle im großen Privilegienb. p. 48, datirt: Anagn. XIII. Cal. Aug. P. n. a. I. 4) Darüber mehre Bullen theils im Original im geh. Archive, theils in Abſchriften im großen Privilegienbuche. 5) Es iſt wohl zu unterſcheiden, daß Dusdurg P. II. c. 5 von der Beſtaͤtigung und Genehmigung des Papſtes Honorius III., der da:
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Sendung d. Deutſch. Ordensr. gegen d. Preuffen. 177 heißung der Suͤndenvergebung die Ordensritter aufforderte, das ſchwere Unrecht zu raͤchen, welches dort der Gekreuzigte erlit⸗ ten und das den Chriſten zugehörige Land aus den Haͤnden der Unglaͤubigen wieder zu gewinnen. „Guͤrtet die Schwer⸗ ter um,“ rief er ihnen zu, „ſeyd ſtark und bereit zum Kampfe gegen Voͤlker, welche uns und unſer Heiligſtes zu vernichten trachten. Es iſt beſſer für uns, im Kampfe zu ſterben, als Unheil gebracht zu ſehen über unſer Volk und über unſer Hei⸗ ligſtes.“ Dann ſtaͤrkte er fie zur Standhaftigkeit, fie trö- ſtend und ermunternd mit den Worten des Herrn, die einſt Iſrael zu feinen Söhnen ſprach: „Wenn Du auszieheſt in den Streit wider Deine Feinde und Du ſieheſt ihre Zahl ſtaͤrker als die Deinige, fo fürchte Fe nicht, denn der Herr, Dein Gott iſt mit Dir ). Es iſt nicht euer Kampf, zu dem ihr ausziehet, ſondern es iſt Gottes Kampf.“ Hierauf erinnerte er ſie an Beiſpiele von Standhaftigkeit aus den Zeiten des alten Bundes. „Gedenket, wie einſt unfere Väter mitten im Meere mit ihren Schaaren errettet wurden. Auch jetzt ſoll unſer Ruf zum Himmel gehen und der Herr wird ſich unſerer erbarmen, eingedenk des Bundes unſerer Vaͤter und wird den Feind vertilgen vor unſeren Augen, auf daß er alle Völker heilige, denn es iſt Gott, der fie erlöfet und befreit. Bewei⸗ ſet euch alſo, ihr Soͤhne, als Eiferer im Geſetze; gebet gerne euer Leben hin fuͤr den heiligen Bund der Vaͤter; gedenket der Werke, die ſie vollbracht in ihren Zeiten und ihr werdet großen Ruhm und einen unſterblichen Namen erhalten.“ — So ſprach der Papſt zu denen, welche der Meiſter des Or⸗ dens bereits auserkoren hatte, um ſie nach dem Norden zum Kampfe gegen die Preuſſen auszuſenden ). mals allerdings noch lebte, und P. II. c. 6 von der des neuen Pap⸗ ſtes Gregorius IX ſpricht. 1) 5 Moſe XX. 1. 2) So finden wir den Auszug aus der Bulle Gregorius IX. bei Dusburg P. II. c. 6. Es iſt nach feinen Worten durchaus kein Zwei⸗ fel, daß er bei der Abfaſſung des Kapitels die Bulle des Papſtes vor ſich hatte, denn er führt ſelbſt an, daß er einen Auszug daraus liefere. II. 12
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178 Sendung d. Deutſch. Ordensr. gegend. Preuffen. Im Spätfommer des Jahres 1227 nämlich hatten die Verhaͤltniſſe zwiſchen dem Kaiſer und dem Papſte ſchon eine fo hoͤchſt ungluͤckliche Wendung genommen, daß der Ordens⸗ meiſter faſt alle ſeine Hoffnung auf die gluͤckliche Ausfuͤhrung eines Kreuzzuges aufgeben mußte. Zwar hatten ſich im Laufe des Sommers ziemlich bedeutende Schaaren von ſolchen, die das Kreuz genommen, in Italien zuſammen gefunden ). Boͤs⸗ artige Krankheiten aber, durch Italiens gluͤhenden Himmel er⸗ zeugt, hatten nech vor dem Aufbruche des Heeres durch ſchmerz⸗ hafte Verluſte, z. B. des Landgrafen Ludwig von Thuͤrin⸗ gen 2), der Bilchöfe von Augsburg, Anjou und anderer ange⸗ ſehener Maͤnner, eine gewiſſe Muthloſigkeit erzeugt, und als nun der Kaiſer, ungeſchreckt durch dieſe Unfaͤlle, ſich endlich einſchiffte, nach wenigen Tagen aber erkrankte und wieder landete, ergriff die in Unteritalien noch verweilenden Pilger: Wir beſitzen ſie jetzt nicht mehr, weder im Originale, noch in Abſchrift. Wenn manche gemeint haben, daß die Bulle Gregorius IX bei Lucas David B. II. S. 47. Acta Boruss. T. I. p. 414. Dreger Nr. 84. p. 145 die erſte Beſtätigungsbulle in dieſer Sache uͤberhaupt ſey, ſo liegt hierin ein Fehlgriff, der eben ſo ſehr gegen den Vorgang der Sache ſelbſt, als gegen die Chronologie ſtreitet. Auch ſtimmt Dusburgs Auszug mit dieſer Bulle nicht im mindeſten uͤberein. 1) Richard de S. Germano p. 1002 — 1003. Albert. Chron. p. 520. Chron. German. ap. Pistor. T. II. p. 815. 2) Chron. Erfurd. ap. Schannat Vindem. litter. p. 92. Nach der Historia de Landgrav. Thuring. ap. Pistor. T. I. p. 1371 wurde lange Zeit geglaubt, daß der Landgraf Ludwig von Thuͤ⸗ ringen damals im Jahre 1226 die Anwartſchaft auf das Land Preuſſen vom Kaiſer erhalten habe; ſ. Spangenbergs Saͤchſ. Chron. S. 433. Heinrichs Handb. der Sächſiſch. Geſchichte Th. I. S. 251, denn dort heißt es: Imperator, cum idem Landgravius bene ad placitum suae voluntalis obsequium sibi praestilisset, contulit sibi jure feudi marchiam Misnensem et Lusatiae et terram Briseiae, quantum expugnare valeret ei suae subjicere potestati. Allein Wedekind in den Noten zu einigen Geſchichtſchreibern des MA. H. I. S. 90 — 91 hat dargethan, daß ſtatt terram Briseiae zu leſen ſey terram Plissiae und ſomit fällt dieſe an ſich ſchon ſebr unwahrſchein⸗ liche Angabe in nichts zuſammen.
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Sendung d. Deutſch. Ordensr. gegen d. Preuſſen. 179 ſchaaren eine ſolche Hoffnungsloſigkeit und ein fo kleinmuͤthi⸗ ges Verzagen, daß ſie ſich in wenigen Tagen nach allen Sei⸗ ten hin zerſtreuten. So wenig war in ihnen der alte Geiſt und der alte Glaube, der in den erſten Zuͤgen nach dem Mor⸗ genlande die Wunder ſtandhafter Seelen und ausharrender Gemuͤtter an den Tag gelegt. Aber der Papſt nahm es an⸗ ders. Denn als ihm kund wurde, was geſchehen war, kannte er im Zorne und in der Erbitterung keine Graͤnzen und ſchleu⸗ derte ohne weiteres gegen den Kaiſer den Bannſtrahl ). Frie⸗ derich verſuchte feine Entſchuldigung und eine Ausfohnung 2); allein der Feuereifer und der ſtuͤrmiſche Haß des Papſtes ent⸗ brannte ſogleich in ſo heftigem Grade, daß an eine Verſoͤh⸗ nung der beiden Haͤupter der Chriſtenheit bald nicht mehr zu denken war, vielmehr die ſchrecklichſte Erbitterung von Tag zu Tag zunahm. So waren die Verhaͤltniſſe der Zeit, fo ſtuͤrmiſch und un⸗ ruhig die Tage und ſo entfernt alle Hoffnung einer baldigen Huͤlfe fuͤr die Noth im heiligen Lande, als Hermann von Salza aus der Zahl ſeiner Ordensbruͤder die Ritter auserkor, welche er nach Preuſſen entſenden wollte, um dort ſeinem Orden fuͤr eifrige Thaͤtigkeit im Glauben und fuͤr die Erfuͤllung ſeiner Geluͤbde und feiner Pflichten einen neuen Kreis zu eröffnen >). Erwaͤhlt wurde hiezu vor allem der aus Deutſchland herbei⸗ gerufene Deutſchmeiſter Hermann Balk, wahrſcheinlich aus Weſtphalen ſtammend ), ein eben fo tapferer und kriegsge⸗ 1) Richard de S. Germano p. 1003. Chron. Ursperg. p. 247. Mathaeus Paris p. 332. seq. Hay nald. an 1227. Nr. 30. Chron. German. I. c. 2) Richard de S. Germano l. c. 3) Das Chron. German. ap. Pistor. I. II. p. 817 hat die Nachricht: Sub idem tempus quidam fratrum Teutonicorum ve- nerunt ex Hierosolymis, viri militaribus dotibus cumulatissimi, quibus Prussiae imperium est concessum, si vincerent eos (sc. Prutenos). 4) Das alte Geſchlecht Balk breitete ſich in Weſtphalen, Schleſien und Livland aus; doch ſcheint in Weſtphalen ſein eigentlicher Stamm⸗ fs geweſen zu ſeyn. Der rechte Name Hermanns war nicht eigentlich 1
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180 Sendung d. Deutſch. Ordensr. gegen d. Preuffen. uͤbter, als in Weltſachen umſichtiger und erfahrener und in göttlichen Pflichten frommer Mann, welcher den Ordensbe⸗ ſitzungen in Deutſchland ſchon gegen zehn Jahre mit einer Pflichttreue und einem Eifer vorgeſtanden hatte, daß ihm der Hochmeiſter laͤngſt das vollſte Vertrauen ſchenkte. Zu deſſen Beweis ernannte er ihn jetzt zum oberſten Fuͤhrer der uͤbrigen Ritter und zum erſten Verweſer des dem Orden vom Herzoge Conrad uͤberwieſenen Landes ). „Sey getroſt und unverzagt, ſprach zu ihm der biedere, fromme Meiſter, als er ſcheidend ihm die Hand reichte, denn Du fuͤhreſt Deine Bruͤder in ein Land, welches der Herr ihnen verheißen hat, und Gott wird mit Dir ſeyn! ).“ Ihm wurde als Marſchall zur Fuͤhrung des Krieges zugeſellt der Ritter Dieterich von Bernheim aus Franken 3), ein kriegsverſtaͤndiger, tapferer Held. Zum erſten Komthur des Hauſes, welches in dem neuen Beſitzthum den Ordensbruͤdern zum Wohnſitze dienen wuͤrde, ernannte der Hochmeiſter den Ritter Conrad von Tutelen, aus Thuͤringen, Balk, ſondern Balco; fo findet man ihn in Urkunden, z. B. bei Dre- ger Cod. diplom. Nr. 93, Schottky Vorzeit und Gegenwart Jahr⸗ gang I. St. 2. S. 199, und was noch wichtiger iſt, auch auf ſeinem eigenen Siegel (im geh. Archive), welches die Umſchrift hat: S. kris (fratris) Wermani Balconis. So klang auch der Name der Weft: phäliſchen Familie, aus welcher er hoͤchſt wahrſcheinlich ſtammte. Wir finden in einer Weftphälifchen Urkunde vom Jahre 1227 unter den Zeus gen ebenfalls einen Hermannus Bolico, der gleichfalls dieſer Familie angehörte; ſ. Schaten. Histor. Wesiphaliae p. 1023 vgl. mit p. 878, wo ſtatt ermannus Bokko wahrſcheinlich Bolko ſtehen ſoll. Schon ums Jahr 1170 kommt ein Herimannus Balco in einer Ur⸗ kunde vor, in welcher die Abtiſſin Hathewig von Eſſen einen Streit in Betreff des census von einem mansus ſchlichtet; ſ. Troß Weſtphalia Jahrgang 1826 S. 321. Wäre die Urkunde vielleicht etwas jünger (fie hat keine Jahrzahl), ſo koͤnnte dieſes fuͤglich unſer Hermann Balk ſeyn. 1) Dusburg P. II. c. 9. 2) Nach Sofua 1. 6. Y Bernheim — Burg-Bernheim im Bisthum Würzburg war das Beſitzthum der von Bernheim. Lang Regesta Boica T. II. p. 75. 93. 187. Gottfried von Bernheim, vielleicht der Vater oder Bruder
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Sendung d. Deutſch. Ordensr. gegen d. Preuſſen. 181 einſt Kämmerer der heiligen Eliſabeth :). Dieſem zur Seite beſtellte er den Ordensritter Heinrich von Berka, ebenfalls aus Thuͤringen 2), zum Hauskomthur. Zum Spittler des er⸗ ſten Ordenshauſes aber erkor der Meiſter den biedern Ordens⸗ bruder Heinrich von Zeitz von Wittchendorf, aus Sachſen >). So waren die erſten Verwaltungsaͤmter in der neuen Beſi⸗ tzung beſtellt. Als Begleiter wurden jenen Ordensrittern noch manche beigegeben, unter denen Bernhard von Landsberg, Dieterichs, kommt in einer Urkunde vom Jahre 1210 vor, ſ. Lang I. c. p. 45. Im J. 1240 wird ein Cuno miles de Bernheim genannt; Lang I. c. p. 207. Die Burg Bernheim wird ſchon in fruͤher Zeit genannt; ſ. Hanſelmann von der Hohenlohiſch. Landeshoh. B. I. Urk. Nr. I. Später waren die Bernheim Hohenlohiſche Vaſallen; Hanſelmann a. a. O. S. 591. 1) Dusdurg P. II. c. 9: „Conradum de Tutele, quondam Kamerarium bealae Elisabeth. Wir zweifeln an der Nichtigkeit des Namens; es iſt wahrſcheinlich, daß dieſer Conrad von der Thuͤrin⸗ giſchen Familie Tuteleben, Duteleben oder Teuteleben war, welche um dieſe Zeit gerade ſehr bluͤhte. Schultes Direclor. diplom. S. 12. 19. 38. 312. 2) Dusburg 1. c. ſchreibt ihn. Nenricum de Berge Thurin- gum. Wir glauben, daß Heinrich der alten Thuͤringiſchen Familie von Berka angehörte, die um dieſe Zeit noch ſehr bluͤhend war. Vgl. Schul- tes Direct. diplom. S. 105. 108. 109. 178. 350. ZLudewig Re- liqu. Mscr. T. VII. p. 495. Es gab auch einen Zweig der von Berga, welche Hohenlohiſche Vaſallen waren; Hanfelmann B. I. S. 590 und einen andern im Oeſterreichiſchen; ſ. Hormayr Geſchichte von Wien B. I. H. 3. S. XIX. XXIV. ueber die Thuͤringiſche Fa⸗ milie von Berka vgl. vorzuͤglich Falkenſtein Thuͤring. Chron. S. 778. Wie aus einer Urkunde S. 757 hervorgeht, ſchrieb ſie ſich auch de Berge. 3) Die Familie der Herren von Zeitz, oder Cice, Cyce (wie der Name in Urkunden auch vorkommt, wonach das verdorbene Cutze bei Dusburg zu verbeſſern iſt, blühte um dieſe Zeit noch; namentlich kennen wir aus dem Jahre 1220 einen Wolfwinus zu Cice und deſſen Bruder Wolthenus von Pesne (Pöſſa, ein Dorf bei Leip⸗ zig). Die Familie hatte ſich aber getheilt, wie auch hieraus ſichtbar iſt. Daher hieß unſer Hcinrich von Zeitz der aus dem Dorfe Wittchen⸗ dorf im Amte Weida; vgl. Schultes 1. c. S. 81. 137. 217. 462. 553.
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182 Sendung d. Deutſch. Ordensr. gegen d. Preuſſen. vielleicht ein naher Anverwandter jenes Conrads von Lands⸗ berg, Berengar von Ellenbogen und Otto von Querfurt ge⸗ nannt ſind ). Mit ihnen aber zog auch ein nicht unbedeutender Haufe reiſigen Kriegsvolkes mit Roß und Ruͤſtung nach Preuſ⸗ fen aus 2). Wie ſtark aber immerhin auch die Zahl der Ordensritter und ihres Kriegshaufens geweſen ſeyn mag, ſo iſt es doch faſt unbegreiflich, wie dieſe Schaar es wagen oder nur hoffen konnte, mit ihrer geringen Kraft ein Volk zu bezaͤhmen und zu beſiegen, welches mehr Tauſende zaͤhlte, als ihrer Einzelne waren. War allerdings auch zu erwarten, daß Herzog Con⸗ rad von ſeinem Lande aus ſie unterſtuͤtzen werde, ſo konnte auf kraͤftige. Mithuͤlfe doch keineswegs gerechnet werden, denn ſein Unvermoͤgen und ſeine Schwaͤche gegen den maͤchtigen Feind war ja Anlaß zur Berufung des Ordens geweſen. Hatte ferner wohl auch der Papſt tröftende Ausſichten auf Kreuzheere aus Deutſchland und den Nachbarlanden gegeben, ſo war doch der Erfolg der Kreuzpredigten in dieſer Zeit ſchon ſehr ungewiß; die letzten Ereigniſſe hatten Beweiſe genug ge⸗ liefert, wie ſehr es von ganz beſondern Umſtaͤnden abhing, wenn in Deutfchland noch irgend einmal ein betraͤchtliches Kreuzheer zu Stande kam. Ueberdieß bildeten ſolche zuſam⸗ mengelaufene Pilgrimsſchaaren immer eine höchft unſichere Kriegsmacht, auf welche die feſte Berechnung eines Kriegs⸗ 1) Tucas David B. II. S. 40. Daß wirklich noch mehre Dr: densbrüder als die bei Dusdurg und Lucas David genannten mit nach Preuſſen zogen, ſehen wir auch aus der Urkunde bei Dreger Nr. 70, wo als Deatſche Ordensritter noch Philippus de Halle et Hen- ricus Bohemus genannt find. Der erſtere kommt auch ſchon in der Urkunde bei Guden. T. IV. p. 871 vor als Komthur in Halle. 2 Dusburg P. II. c. 9 fagt überhaupt nur, fie ſeyen gekom⸗ men cum armigeris el equis pluribus. Lucas David B. II. S. 40 fand in alten Schriften, daß des reiſigen Volkes nicht mehr als hundert geweſen ſeyn ſollten. Doch meint er auch, der Haufe muͤſſe bedeutender geweſen ſeyn. Chron. Germ. I. c.: Assumptis belli sociis militibus Germanicis, profecti sunt ad illos, qui in Po- lonia erant fratres Teutonici ordinis.
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Sendung d. Deutſch. Ordensr. gegen d. Preuſſen. 185 planes, wie er gegen die Preuſſen nothwendig war, kaum An⸗ wendung finden konnte. Aus den Nachbarlaͤndern endlich konnte ſchwerlich eine anſehnliche Kriegshuͤlfe erwartet werden. In Polen herrſchten noch fort und fort die alten Unruhen und inneren Gaͤhrungen; daneben faſt unaufhoͤrlich Kriege mit den Nachbarn. Im Jahre 1227 war aber außerdem der Her⸗ zog Leſſek von Polen ermordet worden; uͤber das Recht der vormundlichen Landesverwaltung hatten Herzog Conrad von Maſovien und Herzog Heinrich von Breslau ſo eben Krieg wider einander erhoben ); und da Conrad in mehren Kaͤm⸗ pfen unterlag und aus den beſetzten Gebieten des Landes ver⸗ trieben ward, ſo rief er von Rache entbrannt zur Verheerung Polens ſogar die nahen Heiden, Preuſſen, Litthauer, Jatzwin⸗ ger und andere ins Land, die es mit ſchrecklicher Verwuͤſtung weit und breit durchzogen ). Auch aus Pommein war man des Beiſtandes um fo weniger ſicher, da Herzog Suantepolc mit Herzog Conrad von Maſovien, ſo wie mit Polen uͤber⸗ haupt in feindlichen Verhaͤltniſſen ſtand ) und alſo kaum zu hoffen war, daß er Conrads Feinde, die Preuſſen, mit werde bekaͤmpfen helfen. Sonſt aber ſtand den Ordensrittern nir⸗ gends eine Ausſicht zu bedeutender Beihuͤlfe in ihrer Bekaͤm⸗ pfung des heidniſchen Volkes offen. Nicht alſo die Hoffnung auf fremden Beiſtand war es, welche ihnen Muth und Vertrauen zu ihrem Unternehmen geben konnte; es war 1) Boguphal p. 58. 2) Boguphal l. c. Conradus igitur dominia nepotis am- biens et ejectionem sibi fore pudorosam aestimans Jaczwez- anszitas, Scoweas, Prulhenos, Lithuanos, Szanmitas precio conventus ad devaslandas terras Sandomiriensis nepotis sui frequenter educebat. Qui furlim aliquas terras invadentes ip- sis rapinis desolabant. Die Voͤlker⸗Namen find in dieſer Stelle of: fenbar zum Theil verdorben, aber die Preuſſen, Litthauer und Samai⸗ ten (Szammonitas) nennt auch das alte Mſcr. von Boguphal im geh. Archiv, während es der beiden erſtern Voͤlker nicht erwähnt. Vgl. Adam. Naruszewiez IIistorya Polskiego T. IV. p. 311 seꝗ̃. 3) Boguphal. p. 37. Chron, Polonor. ap. Sommersberg T. I. p. 40 — 4.
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184 Ankunft d. Deutſchen Ordensritter bei Conr. v. Maſovien. eine ganz andere Macht auf welcher ihr Muth, ihre Zuver⸗ ſicht und ihr Vertrauen beruhte: — die Macht der Idee, die Macht des Glaubens, die Macht der Ueberzeugung in Gottes Sache und der Hoffnung auf gewiſſen Sieg, weil es der Sieg des Kreuzes ſey uͤber den Irrglauben irdiſcher Goͤtzen, der Sieg des Evangeliums uͤber den dunklen Wahn heidniſcher Lehre, der Sieg des Lichtes im göftlichen Worte über die Nacht menſchlichen Aberglaubens. Mit dieſer Zuverſicht betraten die Ordensritter das Land. Es war im Jahre 1228, als ſie bei Herzog Conrad von Ma⸗ ſovien anlangten ). Hermann Balk trat hier nun ſogleich 1) ueber die Zeit der Ankunft des Ordens in Preuſſen herrſchen ſelbſt in älteren Quellen fo große Verſchiedenheiten in der Angabe des Jahres, daß auch in die fpäteren geſchichtlichen Werke darüber keine Einigkeit ge⸗ kommen iſt. Gemeinhin nahm man in der neueſten Zeit das Jahr 1230 als die Zeit der Ankunft des Ordens an, aber ohne dieſe Beſtimmung einer genauern Unterſuchung zu unterwerfen; ſ. Baczko B. I. S. 112; Kotzebue B. I. S. 145. Hennig im Lucas David B. II. S. 187 meinte jedoch, daß der Orden ſchon i. J. 1227 in Preuſſen angekom⸗ men ſeyn koͤnne. Daß dieſes aber nicht wohl moͤglich war, iſt gezeigt worden. Es iſt hier das J. 1228 als die Zeit der Ankunft des Ordens angenommen worden. Die Beweiſe hiezu ſind folgende: 1. Iſt gar kein Grund vorhanden, warum der Hochmeiſter die Beſitznahme des ihm 1225 angebotenen, im J. 1226 vom Kaiſer beftätigten, im J. 1227 durch den Herzog Conrad feſt zugeſicherten und nun auch vom herr⸗ ſchenden Papſte ihm zugewieſenen Landes noch bis zum Jahre 1230 ausgeſetzt haben ſolle. Alles war im J. 1227 bereits erörtert, und ein Hinderniß in der Beſitznahme war, ſo viel wir die Verhältniſſe kennen, nicht mehr vorhanden; vielmehr mußten die Gefahren, welche im J. 1227 den Herzog Conrad bedrängten, den Hochmeiſter, wenn er fie kannte, nur noch naͤher bewegen, das geſchenkte Land ſo bald als moͤg⸗ lich in den Beſitz des Ordens zu bringen. — 2. Faßte der Herzog im Fruͤhling des Jahres 1228 die Schenkungsurkunde uͤber das Kulmer⸗ land förmlich ab (Dreger Nr. 71); der Biſchof Chriſtian verzichtete um die naͤmliche Zeit zum Vortheile des Ordens auf den Zehnten im genannten Lande. Was bewog ſie gerade in dieſem Jahre dazu? Nur die Ankunft des Ordens konnte Anlaß ſeyn, daß Conrad die Schenkung nun urkundlich feſtſtellte, da er die feſtgeſetzte Bedingung durch die Ankunft der Ritter wirklich erfuͤlt ſah. — 3. Hermann Balk war zwölf Jahre Landmeiſter geweſen, als er ſtarb 1239 oder in dieſem Jahre wenigſtens
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Ankunft d. Deutſchen Ordensritter bei Conrad v. Mafovien. 185 kraft ſeiner Ernennung durch den Hochmeiſter an des Ordens Spitze; indeſſen führte er noch nicht eigentlich den Titel eines Landmeiſters, wie ſeine Nachfolger thaten, ſondern er nannte ſich bald Praͤceptor in Slavonien und Preuſſen, bald erſten Komthur des Landes Preuſſen, bald auch Verwalter der Deutſchen Ritterbruͤder vom Hoſpitale S. Mariens in Polen, bald wiederum Verweſer in Preuſſen oder Präceptor des Deutſchen Hauſes in Preuſſen; in welchem Wechſel der Amts⸗ benennung nur die Verſuche zu erkennen ſind, im Namen des oberſten Verweſers die Gebiete zu bezeichnen, zu deren Beſitz der Orden ſich nun ſchon in aller Weiſe fuͤr berechtigt hielt, denn Preuſſen ſah er jetzt ſchon ganz als ſein Eigenthum an und man bezeichnete es als ſolches auch faſt immer in der noch unbeſtimmten, ſelbſt zuweilen nicht einmal ganz paſſend gewaͤhlten Amtsbenennung des oberſten Vorſtehers des Ordens in dieſen Gegenden ). nach Deutſchland ging. Kam er aber erſt im J. 1230 als Landmeiſter nach Preuſſen, fo kann jene Angabe bei Das burg P. II. c. 10 nicht zutreffen. Sie trifft dagegen genau zu, wenn Hermann ſchon im J. 1227 vom Hochmeiſter zum Verwalter des Landes ernannt war, denn dann iſt das Jahr 1239 gerade das zwoͤlfte Jahr ſeines Landmeiſteramtes. — 4. Der Hochmeiſter ſandte, wie erzählt iſt, zuvor zwei Ordensritter an den Herzog Conrad voraus. Im Jahre 1228 kann dieſe Sendung nicht erfolgt ſeyn, denn wir finden im Anfange des Mai 1228, wie erwähnt, wirklich ſchon Ordensritter in Preuſſen. Vom Auguſt des J. 1228 bis zum Herbſt des J. 1229 war Hermann von Salza mit Kaifer Friederich im Morgenlande. Nun war aber Hermann Balk in den erſten Monaten d. J. 1230 gewiß ſchon in Preuſſen, und es iſt nicht glaublich, daß in den wenigen dazwiſchen liegenden Monaten der Jahre 1229 und 1230 die Unternehmung nach Preuſſen in Eile ins Werk geſetzt worden ſey. Wie hätte auch der ſonſt fo umſichtige Hermann von Salza die Reiſe ins Morgenland antreten koͤnnen, ohne dieſe wichtige Angelegenheit erſt in Ordnung gebracht zu haben! 1) Dieſe Amtsbenennungen Hermann Balks kommen natuͤrlich alle nur lateiniſch in Urkunden vor; in der einen bei Lucas David B. III. S. 137 nennt er ſich „per Sclavoniam et Prusiam preceptor,“ welche Benennung, wie Hennig a. a. O. bemerkt, ſich zugleich auch auf die damals ſchon anſehnlichen Beſitzungen in Schleſien bezieht. Die naͤmliche Bewandtniß hat es mit dem Titel: Procurator in Polonia
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186 Ankunft d. Deutſch. Ordensritter bei Conrad v. Maſovien. Bevor nun aber an die Gewinnung des Landes Preuf- ſen gedacht werden durfte, war uͤber das vom Herzoge Con⸗ rad dem Orden zugeſagte Gebiet noch manches zu erörtern. Vor allem mußte dieſer jetzt eine foͤrmliche urkundliche Ver⸗ ſchreibung uͤber die Schenkung des Kulmerlandes an den Or⸗ den ausſtellen und er fügte ihr nun auch noch das Dorf Or⸗ lau in Cujavien hinzu mit Verzicht auf den Beſitz fuͤr alle ſeine Nachfolger. Es geſchah ſolches am drei und zwanzigſten April des J. 1228 ). Dieſe Schenkung betraf indeſſen na⸗ tuͤrlich nur den Theil des Kulmiſchen Gebietes, welcher zur Zeit noch in des Herzogs Beſitz war, denn bereits fruͤher — 1222 — hatte er einen Theil dieſes Landes dem Bi⸗ ſchofe Chriſtian von Preuſſen verliehen. Aber auch dieſer gab dem Orden ſogleich bei deſſen Eintritt in das Land manche Beweiſe ſeines Eifers und ſeiner Zuneigung. Frei⸗ willig verzichtete er auf den Zehnten, welchen er in dem den Ordensrittern abgetretenen Theile des Landes zu erheben bis⸗ her berechtigt geweſen, mit der Beſtimmung, daß er vom Or⸗ den zu des Glaubens Vertheidigung verwendet werden ſolle ). fratrum hospitalis S. Marie Theutonicorum in einer Original⸗ urkunde im geh. Archive (S. Lucas David B. III. S. 9), woraus zugleich hervorgeht, daß Hermann Balk wirklich auch Verweſer der Or⸗ densbeſizungen in Schleſien war. Preceptor domus theuton. in Pruscia nennt er ſich in einer Urkunde bei Kotzebue B. I. S. 447; Ordinis in Prussia Provisor in einer andern bei Dusburg ed. Hartkuoch p. 433, wo er auch primus terrae Commendator heißt. De Wal Recherches T. I. p. 351. 1) Die Urkunde in mehren Transſumten im geh. Archive, gedruckt bei Dreger Nro. 71. Dogiel Cod. Polon. T. IV. Nro. 4. Acta Boruss. T. I. p. 394. Ueber das Dorf Orlau in Cujavien ſtellte der Herzog noch im Jahre 1229 eine beſondere Schenkungsurkunde aus, welche im Original noch vorhanden iſt und das Dorf Orl We nennt. 2) Die Urkunde in den eben genannten Werken. Der Biſchof druͤckt ſich bedachtſam fo aus: Contuli militibus de domo Theuto- nica pro defensione Christianitatis decimam in territorio Col- mensi in hiis bonis, que Dux Conradus Mazovie et Cuyavie predictis militibus salvo jure nostro licite conferre potuit, Diefe Urkunde ift gegeben am 3ten Mai 1228. Lucas David B. II. S. 37.
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Der Dobriner-Orden. 187 Sonach graͤnzte nun der Deutſche Orden mit ſeinem neuen Beſitzthum gen Süden am Fluſſe Drewenz an die Gebiete, wo der Orden der Ritterbruͤder von Dobrin entſtanden war und in ſeinem Ueberreſte noch fortbeſtand. Auch hier führte die Ankunft des Deutſchen Ordens manche neue Verhaͤltniſſe herbei. Obgleich immer nur ſchwach in ſeiner Bruͤderzahl hatte ſich jener ritterliche Orden durch alle Stuͤrme der Zeit doch bis jetzt auf ſeiner Burg Dobrin immer noch erhalten. Aber auch neben dem nachbarlichen Deutſchen Orden ſchien ſeine fernere Erhaltung noch hoͤchſt wuͤnſchenswerth, denn immer bildete doch die kleine Ritterzahl eine feſte Grundlage, auf welcher der Orden ſich mehr und mehr erheben und einſt vielleicht im Verein mit den Deutſchen Ordensbruͤdern fuͤr Glauben und Sicherheit kraͤſtig wirken konnte. Darum ſorgte auch Herzog Conrad fuͤr des Ordens fernere Erhaltung und Erhebung mit allem Eifer, denn von dem Wunſche befeelt, daß die Dobriner Ritterbruͤder ſich einſt zum Kampfe gegen die Preuſſen mit dem Deutſchen Orden verbinden und ſomit Maſovien an beiden eine doppelte Wehr gegen den feindlichen Nachbar erhalten moͤge, ſprach er ihnen am vierten Juli 1228 die für fie erbaute und bisher von ih⸗ nen auch ſchon bewohnte Burg Dobrin mit dem ganzen Striche Landes zu, welchen die beiden Fluͤſſe Chameniza und Cholmeniza bis nach Preuſſen ) umſchloſſen, mit Verzicht darauf für ſich, feine Söhne und alle feine Nachfolger, uͤber⸗ gab dieſes Land dem Orden erblich auf völlig freies Recht, fuͤgte auch noch einen Theil des Dorfes Eiche an der Weich⸗ ſel und das ganze Dorf Sedlce 2) vor Neu-Leßlau hinzu und 1) „Inter hos duos rivulos Chamenizam el Cholmenizam usque in Prussiam.“ Die Cholmeniza iſt das Fluͤßchen, an welchem ſuͤdlich von Schoͤnſee der Ort Chelmonitz liegt; es kommt von der Ma⸗ ſoviſchen Graͤnze und geht in den See bei Schoͤnſee. Ein ſolches Fluͤß⸗ chen war auch die Chameniza, aber weiter oͤſtlich hin. 2) „Villam ante Juvenem Wladislavam, quae vocalur Sedlee.“ Es iſt das naͤmliche, welches Dus burg P. II. c. 4 Cede- licze, allodium seu praedium in terra Cujaviae nennt.
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188 Der Dobriner-Orden. ertheilte ihm völlige Zollfreiheit zu Waſſer und zu Land, nebſt unumſchraͤnkter Gerichtsbarkeit uͤber alle Bewohner in des Ordens Beſitzungen. Von demſelben Wunſche fuͤr die Er⸗ haltung und Erhebung des Ordens geleitet verzichtete auch der erwaͤhlte Biſchof Günther von Maſovien n) zum Beſten der Dobriner-Bruͤder auf fein Kirchdorf an der Burg Do⸗ brin mit einer ihm zugehoͤrigen großen Inſel, nebſt dem Zehn⸗ ten von dieſen Laͤndereien, ſofern nicht Polen, ſondern Deutſche ſie bebauten. Es traten ferner auch die Stiftsherren von Leß⸗ lau, durch Herzog Conrad entſchaͤdigt, dem Orden ihr Recht auf das Dorf Wiſſin mit allen ſeinen Zubehoͤrungen ab und es gelangte in ſolcher Art der Orden von Dobrin im Jahre 1228 durch alle dieſe Beſchenkungen zu ziemlich anſehnlichen Beſitzungen ). Noch vermehrt aber wurden dieſe Beſitzungen und Frei⸗ 1) Es iſt derſelbe, welcher in andern Urkunden dieſer Zeit Epis- copus Ploccensis genannt wird. In der Schenkungsurkunde des Herzogs Conrad an den Deutſchen Orden ſteht er als Electus Plo- Censis. 2) Alle dieſe Schenkungen enthält die Urkunde bei Dreger Nro. 72. Dogiel T. IV. Nro. 8. p. 5. Acta Boruss. T. I. S. 396. Aber alle dieſe Werke beziehen dieſelbe faͤlſchlich auf den Deutſchen Orden und bringen dadurch mancherlei Verwirrung in die Geſchichte. Erſt Hennig zu Lucas David B. II. S. 38 gab ihr die richtige Anwendung, und näher beleuchtet findet man fie in meiner Abhandlung über den Dobriner⸗Orden. Es gehört hieher auch eine Angabe in dem Bullenverzeichniſſe Gregorius IX. (im geh. Archive Schiebl. 17 Nro. 30), die ſich offenbar auf den Orden von Dobrin bezieht. Es wird hier eine päpftlihe Bulle aus dem zweiten Jahre feines Pontificats mit folgenden Worten verzeichnet: Magistro et fratribus etc. Sa- crosancta etc. personas vestras et locum eic. sub protectione beati Petri etc. specialiter autem Insulam Dobrin, castrum et ecclesias de Dobrin cum terris usque in Prutiam, partem ville Quercus et ante iuven. WVlodislau qui Sedice appellatur, ac omnia que a Gonrado duce Masov. et Cuiavie ac filiis suis et in villa Wissin a canonic. ecclesie Wladislav. Wir ſehen aus dieſen Worten, daß der Papſt den Dobriner⸗Orden mit feinen Beſitzun⸗ gen in den beſonderen Schutz der Roͤmiſchen Kirche nahm.
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Der Dobriner-Orden. 189 heiten der Dobriner-Brüder durch eine andere, um die naͤm⸗ liche Zeit verliehene Schenkung des Biſchofs Guͤnther und des Kapitels von Ploczk; denn ſie verliehen dem Orden in dem vom Herzoge ihm geſchenkten Landbezirke um die Burg Do⸗ brin auch alle zu ihrem Bisthum gehoͤrigen Guͤter und Be⸗ ſitzungen, mit dem Rechte, ſowohl in Dobrin als in feinen Landesgraͤnzen Kirchen zu erbauen und uͤber dieſe das volle Patronatrecht zu uͤben, ſo daß die Ordensbruͤder ſelbſt ihre Kapellane frei erwaͤhlen und die Gewaͤhlten dem Biſchofe oder dem Archidiaconus vorſchlagen konnten. Alle Bewohner dieſer Guͤter und Beſitzungen, es mochten Deutſche oder ſonſt Fremde ſeyn, erhielten völlige Zehnten-Freiheit; nur Polen, welche etwa dieſe Guͤter bebauten, waren hievon ausgenommen. Auch ſollte niemand von des Ordens untergebenen Leuten bei Ver⸗ nachlaͤſſigung heiliger Feſte, der Faſten oder anderer kirchlichen Gebraͤuche, mit Geldſtrafen, ſondern mit irgend einer kirchli⸗ chen Buße belegt werden ). So waren alſo die Bruͤder von Dobrin durch die hoͤhere Geiſtlichkeit mit manchen Vor⸗ rechten begabt, welche der Deutſche Orden in ſeinem Kampfe nur von den Paͤpſten hatte erhalten koͤnnen, denn hier war es die Noth und Gefahr und die taͤgliche Bedraͤngniß, welche die Geiſtlichen zu ſolcher Freigebigkeit und Beguͤnſtigung des Dobriner⸗Ordens bewog, da ihre Kirche in Maſovien durch die Preuſſen faſt ſchon voͤllig vertilgt und noch fort und fort neuen Gefahren ausgeſetzt war 2). Gleiche Theilnahme und 1) Das Original dieſer Urkunde im geh. Archive. Abgedruckt, je: doch ſehr fehlervoll, findet man fie bei Kotzebue B. I. S. 332. Um fie verſtehen zu koͤnnen, muß verbeſſert und gelefen werden: 3. 8 ſtatt extraminium — exterminium, 3. 21 ſtatt cui — sed, 3. 22 ft. contradicat — contradicant, 3. 23 ſt. probeat — probent, 3. 3 muß omnesque nach eos eingeruͤckt werden, 3. 28 ſtatt tantum — tamen, 3. 33 ſt. si — sed. 2) Sie fagen ſelbſt in der Urkunde: die Vergabung geſchehe ad honorem et commodum sancte ecclesie graviler in Mazovia ab immundis paganis Prutenis oppresse et pene jam ad extermi- nium perducte.
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190 Die Ordensburg Neſſau. gleiche Geſinnung gegen die Dobriner- Brüder hatte auch ſchon der Herzog Suantepolc von Pommern bewieſen, indem er ihnen alle und jegliche Freiheiten in ſeinen Landen ertheilt und in ſeinem ganzen Herzogthum den Befehl hatte ergehen laſſen, daß keiner ſeiner Unterthanen ſie in ihrem Eigenthum in irgend einer Weiſe beeintraͤchtigen ſolle *). In ſolcher Weiſe ſtanden nun die beiden Ritterorden neben einander da. Her⸗ mann Balk aber fand noch mancherlei Vorbereitungen noth⸗ wendig, bevor er den ernſten Kampf mit dem heidniſchen Feinde wagen durfte. Vor allem bedurſten die Deutſchen Or⸗ densritter noch einer neuen feſten Burg theils zu ihrer Woh⸗ nung, theils zum ſichern Vertheidigungsort gegen den einbrechen⸗ den Feind, denn die Burg Vogelſang reichte fuͤr die groͤßere Zahl der Ritter zu beiden Zwecken nicht zu. Da ward mit des Herzogs Beihuͤlfe der Aufbau der Burg Neſſau begonnen, nahe am linken Weichſel⸗Ufer, da wo jetzt das Dorf Nies⸗ zewke am Strome liegt. Conrad von Maſovien bot eine große Zahl ſeiner Unterthanen auf, um den Bau ſchnell zu Stande zu bringen, waͤhrend des Ordens geruͤſtetes Kriegsvolk die Bauleute bewachte. So ſtand die Feſte in kurzer Zeit auf einer leichten Anhoͤhe vollendet da, nicht bloß ſtark und tuͤch⸗ tig in ihren Mauerwerken, ſondern auch durch des Landes Beſchaffenheit rings umher geſchuͤtzt und durch Suͤmpfe und Gebruͤch für den Feind ganz unzugaͤnglich >), 1) Die Urkunde im Original im geh. Archive, abgedruckt in Lu⸗ cas David B. III. Anh. S. 5 und bei Kotzebue B. I. S. 402, wo aber faͤlſchlich unter den militibus Christi die Deutſchen Ordens⸗ bruͤder verſtanden werden. Vgl. meine Abhandlung uͤber den Dobriner⸗ Orden in der Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſchaft S. 262 — 263. 2) Dusburg P. II. c. 9. Ordens⸗Chron. Mfer. S. 24 und bei Matthaeus p. 696. Lucas David B. II. S. 45. — Daß dieſe alte Burg Neſſau da lag, wo jetzt das Dorf Groß-Nieszewke befindlich iſt, kann wohl keinem Zweifel unterliegen. Noch bis dieſen Tag ſind an dieſem Orte am linken Weichſel⸗ ufer, etwa eine halbe Meile von Dy⸗ bow, Ueberbleibſel und Grundmauern der alten Burg vorhanden. Wie Sachverſtaͤndige urtheilen, ſtehen dieſe Ueberreſte in ihrem Material dem Alter von Thorn nicht nach und an Umfang kommen ſie der nachma⸗ ligen Burg zu Thorn völlig gleich.
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Die Ordensburg Neffau. 191 Kaum aber war der Bau vollendet, als die Preuſſen auf die Nachricht von der Ankunft der neuen Ritterſchaar aber⸗ mals verheerend in die Gebiete des Kulmerlandes einſielen, um vereint mit der Burgbeſatzung von Rogow Maſovien zu uͤber⸗ ziehen. Da war es zum erſtenmale, als ſie die Deutſchen Ordensritter in ihrem Ordenskleide erblickten, und verwun⸗ dert, woher dieſe Kriegsmaͤnner ſeyen und wozu ſie gekom⸗ men, erhielten ſie von einem gefangenen Maſovier die Ant⸗ wort: „Es ſind Kriegsleute, die ſich Gott geweihet, tapfere Ritter aus Deutſchland, vom Oberhaupte der Chriſten, dem Papſte ausgeſendet, euch zu bekriegen, bis ihr euern unbeug⸗ ſamen Nacken der Roͤmiſchen Kirche untergebet.“ Als die Preuſſen ſolches vernommen, zogen ſie mit Hohngelaͤchter da⸗ von; denn ſie wagten es nun nicht, Maſovien zu uͤber⸗ fallen !). So waren nun ſchon zwei Burgen als Wohnſitze der Deutſchen Ritter aufgerichtet, aber auf einem Gebiete, welches außer den Graͤnzen des vom Herzoge dem Orden geſchenkten Landes lag. Darum ſtellte Conrad im Jahre 1230 einen neuen Schenkungsbrief aus, nach welchem er den Ordensbruͤ⸗ dern die Burg Neſſau nebſt vier Doͤrfern mit allen ihren Gebieten und zugehoͤrigen Beſitzungen als Eigenthum uͤber⸗ gab, doch mit der Bedingung, daß hiefuͤr der Orden auch 1) Dusburg P. II. c. 9. Lucas David B. II. S. 57 — 59 giebt aus verſchiedenen andern Preuſſiſchen Chroniſten eine viel weit⸗ laͤuftigere Erzählung, laßt den gefangenen Maſovier zum Griwe brin⸗ gen, wo er den Göttern geopfert werden ſoll, aber auf feine wieder⸗ bolte Nusſage über die Deutſchen Nitterbrüder das Leben geſchenkt er⸗ haͤlt. Ihm hält dann auch der Griwe eine Rede über fein Recht zum Beſitze des Kulmerlandes, über Conrads unbillige Verſchenkung dieſes Landes und uͤber das Vertrauen zur Beſiegung der Deutſchen durch die Preuſſen. Endlich erhält der Maſovier den Auftrag, dieſes alles dem Herzoge und den Rittern zu verkuͤndigen. Wir kennen jedoch die kritiſche Auctoritaͤt der Quellen, aus denen Lucas David dieſen Be: richt nahm, zu wenig, als daß ſeine Wahrheit zu begruͤnden waͤre. Einen Auszug aus des Griwen Rede giebt Kotzebue B. I. S. 146.
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192 Verhandlungen über das Kulmerland. um ſo eifriger und treuer ihn im Kampfe gegen die Heiden unterſtuͤtzen ſolle ?). Mittlerweile aber hatte Hermann Balk den Herzog Con⸗ rad in ſeinem Denken und Handeln naͤher kennen gelernt. Des Herzogs Leben, feine Handlungsweiſe felbft gegen feine naͤchſten Verwandten, ſein ganzer Charakter, den er als Menſch und als Fuͤrſt in ſeinen Thaten ſelbſt bis auf dieſe Zeit klar genug dargelegt, das alles war in keiner Weiſe ge⸗ eignet, bei den Menſchen Zuneigung und Vertrauen zu erwe⸗ cken. Je laͤnger ihn daher Hermann Balk beobachtet und in ſeinem Wollen und Streben durchſchaut hatte, deſto mehr ſcheint ſich bei ihm ein gewiſſes Mißtrauen und eine Ungewißheit uͤber des Herzogs redliche Abſichten begruͤndet zu haben. Die⸗ ſes Mißtrauen aber veranlaßte bald auch wieder neue Unter⸗ handlungen uͤber die Schenkung des Kulmerlandes. Aller⸗ dings naͤmlich mußte die im Jahre 1228 geſchehene urkund⸗ liche Zuſage uͤber dieſes Land bei den Ordensrittern bald man⸗ cherlei Bedenklichkeiten erregen. Zum erſten nannte ſie ja das Land Kulm nur ganz im allgemeinen ohne alle Beſtimmung ſeiner Graͤnzen und ohne alle gebraͤuchlichen Angaben mancher einzelnen Verhältniffe, wie fie damals in ſolchen Schenkungs⸗ 1) Die Urkunde bei Dog iel Nro. 13. p. 10. Acta Boruss. B. I. S. 404. Ueberall aber findet man die Namen ſowohl der Burg, als der vier geſchenkten Dörfer aͤußerſt verdorben. In der Urkunde bei Dog iel heißt die Burg Nieszowa, die Dörfer aber Oszchotyno, Wysne, Misnete und Okrola. In den Aciis Boruss. wird die Burg Vine, die Dörfer dagegen Oztochone, Nezne, Misnete und Mola genannt. Richtiger finden wir die Namen in den uͤber dieſe Ur⸗ kunde vorhandenen Transſumten. In dem einen heißt es: Castrum quod dicitur Nissue cum his quatuor villis Ozchotino, Nissue, Nissfleta, Occola. In einem andern Transſumte wird die Burg Nessow genannt. Der Herzog ſagt: die Schenkung geſchehe magna necessitate urgente; er nennt ſie dann auch eine donatio perne- cessaria und fuͤgt endlich hiuzu: Pro hac eciam donacione fratres supradicii cum omni fidelitate contra paganos quoslibet una nobiscum spoponderunt omni tempore se militaturos secun- dum deum et eorum posse, Ein genaueres Datum als das Jahr 1230 hat die Urkunde nicht.
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Verhandlungen über das Kulmerland. 193 briefen fuͤr nothwendig und unerlaͤßlich galten. Zum andern ſchenkte der Herzog damals das Land zwar, wie er vorgab, mit Zuſtimmung ſeiner Erben; allein von dieſen Erben war weder jemand ausdruͤcklich in der Urkunde genannt, noch hak⸗ ten ſie ſelbſt ihre Einwilligung und ihre Verzichtleiſtung aus⸗ gefproches. Zum dritten ſchien dem Landmeiſter auch wohl die foͤrmliche Einſtimmung der geiſtlichen und weltlichen Gro⸗ ßen des Herzogthums um ſo nothwendiger, je weniger ihn ſein Mißtrauen auf des Herzogs alleinige Zuſage feſt bauen ließ. Solches und Aehnliches erwaͤgend verlangten die Or⸗ densritter im Vorſommer des Jahres 1230 eine neue, in al⸗ ler gebraͤuchlichen Form vollkommene Verſchreibung uͤber das Kulmerland, denn in der verwirrungsvollen Lage, in welcher ſich um dieſe Zeit Maſovien und ganz Polen befanden, und bei der eben erſt erfolgten Beguͤnſtigung des nachbarlichen Dobriner⸗Ordens war ohnedieß für den Deutſchen Orden eine groͤßere Sicherſtellung uͤber ſein kuͤnftiges Beſitzthum auch durchaus nothwendig. Herzog Conrad, von allen Seiten her durch Gefahr und Noth bedraͤngt, ſtellte daher auf Hermann Balks Anſuchen einen neuen Schenkungsbrief aus, in welchem er zuerſt aus⸗ druͤcklich bemerkte, daß die Schenkung des Kulmerlandes mit voller Zuſtimmung ſeiner Gemahlin Agaphia und ſeiner Soͤhne Boleslav, Kaſimir, Semovit und Semimisl geſchehen ſey ). Ferner beſtimmte er auch die Graͤnzen des Landes genauer: es ſolle anheben an dem Orte, wo die Drewenz aus Preuſ⸗ 1) In allen Transſumten und Abſchriften dieſer Urkunde wird die Herzogin nicht wie ſonſt gewohnlich Agaphia, ſondern Safıa und Gafya genannt; ferner iſt außer den drei ſonſt bekannten Soͤhnen Conrads noch eines vierten erwaͤhnt und ſein Name bald Semimisl, bald Semimigi, bald Semmugi geſchrieben. Dieſe Verſchiedenheit ent⸗ deckte auch ſchon Dreger p. 141, da dieſes Sohnes in der ſpaͤtern Schenkungsurkunde keine Erwaͤhnung geſchieht, und meinte, der⸗ ſelbe könne wohl in der Zwiſchenzeit geſtorben oder fein Name beim Abſchreiben der zweiten Urkunde ausgelaſſen ſeyn. Das Letztere iſt aber kaum glaublich, indem die Ordensritter dieſen nicht unwichti⸗ gen Umſtand gewiß nicht uneroͤrtert gelaſſen haben wuͤrden. II. 13
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194 Verhandlungen über das Kulmerland. ſens Graͤnzen ins Kulmerland kommt und längs dieſem Fluſſe fortgehen bis an die Weichſel, dann an der Weichſel hinab bis an die Oſſa und endlich an der Oſſa aufwaͤrts bis an die Graͤnzen Preuſſens. Weiter ſprach er dem Orden aber⸗ mals das immerwaͤhrende Beſitzrecht zu mit Angabe der Rechte und Freiheiten, von denen er zu Waſſer und Lande Gebrauch machen koͤnne, als auf Auffindung von Gold, Silber und jeglichem andern Metall, auf die Jagd, auf Fiſchfang, auf Maͤrkte, Muͤnzen, Zoͤlle und was ſonſt in ſolchen Schenkungs⸗ briefen in uͤblicher Weiſe bezeichnet werde. Und in dieſem Beſitzthum verſprach der Herzog die Ordensritter gegen jeden Anſpruch eines andern nach aller Kraft zu vertheidigen. Fuͤr dieſes alles aber hatten die Ritter ſich abermals verbindlich erklaͤrt, dem Herzoge und allen ſeinen Erben mit aller Treue und mit ihrer ganzen Kraft gegen die Feinde der Kirche und ſeines Landes und namentlich gegen alle Heiden ohne andern Lohn ) und ohne allen Einwand bis auf den letzten Mann jeder Zeit im Kampfe zu Huͤlfe zu ſtehen 2). Aber auch durch dieſen neuen Verſchreibungsbrief ſchien dem vorſichtigen Landmeiſter noch keineswegs alles beſeitigt, was uͤber den Beſitz des Kulmerlandes und der Gebiete, die man im Kampfe mit den Preuſſen noch zu erobern gedachte, einſt Irrungen, Anfprüde und Streitigkeiten erwecken konnte. Das Beiſpiel jener Scheingruͤnde und Vorwaͤnde, unter de⸗ nen Ungerns Koͤnig Andreas dem Orden das den Heiden entriſſene Land wieder entzogen hatte, lag gewiß den Ordens⸗ vorſtehern noch viel zu nahe, als daß es ihnen nicht auch hier Warnung und Lehre haͤtte ſeyn koͤnnen. Man ging da⸗ her jetzt außerordentlich vorſichtig, um in aller Weiſe ganz ſicher zu gehen. Nun war aber auch in dem letzten Verſchrei⸗ bungsbriefe des Herzogs der Zuſtimmung der Bifchöfe und der weltlichen Großen Maſoviens über die Schenkung keines⸗ 1) „Secundum Deum. “ 2) Diefe Urkunde, auch vom Biſchofe Chriſtian von Preuſſen be⸗ zeugt, findet man gedruckt in Dreger Nro. 79 p. 137. Dogiel Nro. 12 p. 9. Acta Boruss. B. I. p. 402.
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Verhandlungen Über das Kulmerland. 195 wegs erwähnt; es waren ferner die einzelnen Gegenſtaͤnde, auf welche ſich das Beſitzrecht des Ordens im ganzen Lande gruͤnden und beziehen ſollte, noch immer nicht nach be⸗ ſtehender Form und Sitte aufgefuͤhrt; ſelbſt die Zuſicherung und Begruͤndung des Beſitzrechtes auf das Land war noch nicht in uͤblicher und rechtskraͤftiger Art in der Verſchreibung ausgeſprochen. Die wichtigſte Frage aber war: Wem fie⸗ len die Eroberungen oder was ſonſt an beweglichem und un⸗ beweglichem Gut im Kampfe gegen die unglaͤubigen Volker errungen werden konnte, als Eigenthum zu? Nur in dem erſten Erbieten hatte Conrad die Ordensritter auch auf die Erwerbungen im heidniſchen Preuſſen hingewieſen ) und der Kalſer hatte fie im voraus genehmigt. Allein in keinem der Schenkungsbriefe war vom Herzoge hieruͤber irgend Erwaͤh⸗ nung geſchehen. Nun hatte man freilich Preuſſen von Po⸗ len und Maſovien aus niemals ſo beſiegt und unterworfen, daß fuͤr die Fuͤrſten dieſer Laͤnder auch nur im mindeſten ein eigentliches Recht auf den Beſitz hatte begruͤndet werden koͤnnen; allein manche von Polens Koͤnigen und Herzogen hatten doch allerdings die Idee einer gewiſſen Oberherrſchaft Über das nahe Preuſſen aus Anlaß einzelner gluͤcklicher Kriegszuͤge wirklich feſtgehalten und ſo ſchwer fuͤhlbar die Preuſſen dem Herzoge Conrad oft das Gegentheil gemacht hatten, ſo war doch offenbar auch in ihm der Gedanke eines gewiſſen Rechtes auf Preuſſens Lande noch nicht ganz unter⸗ gegangen. Wer aber unter den Ordensrittern konnte er⸗ meſſen, worauf dieſes Recht beruhe, und wie weit es uͤber⸗ haupt begründet fey? Das alles gab wieder manchfaltigen Anlaß zu neuen Unterhandlungen mit dem Herzoge. Sie dauerten bis in den Juni des Jahres 1230. Da ſtellte der Herzog noch einen neuen Verſchreibungsbrief aus, in welchem auch dieſe Punkte aufs genaueſte eroͤrtert wa⸗ ren 2). Vor allem wurde der Zuſtimmung der Biſchoͤfe und 1) Wie aus der Urkunde des Kaiſers Friederich II. bei Dreger P. 118 zu erſehen ift. 2) Ohne Zweifel iſt auch der ganze Eingang zu diefer neuen Ver: 13 *
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196 Verhandlungen über das Kulmerland. der Magnaten des Landes ausdruͤcklich erwähnt ). Es ward ferner das Einzelne, worauf ſich das landesherrliche Recht des Ordens im Lande erſtrecken ſollte, mit aller Genauigkeit und in allen rechtsuͤblichen Formen bezeichnet. In Allem wurde dem Orden das vollkommenſte und unbeſchraͤnkteſte Ei⸗ genthumsrecht aufs klarſte zugeſprochen und zur Buͤrgſchaft und ſicherſten Aufrechthaltung dieſes Verſprechens verpflichteten ſich der Herzog und feine Erben mit dem ganzen Lande. In Be- treff der Erwerbung Preuſſens aber ward feſtgeſetzt: Was die Ordensritter an Perſonen oder Guͤtern der Unglaͤubigen, an beweglichem oder unbeweglichem Eigenthum, an Land oder Gewaͤſſer und allem darin Enthaltenen durch Gefangenſchaft, durch Raub oder Eroberung und Unterjochung in irgend einer Weiſe ſich zueignen koͤnnten, das alles ſolle mit vollkommen⸗ ſtem Rechte und mit aller Freiheit ohne alle Schmaͤlerung und Verhinderung als wahres Eigenthum und vollkommenes Be⸗ ſitzthum dem Orden zugehoͤren 2). — So war nun endlich ſchreibung des Herzogs nicht ohne Zweck und Wichtigkeit, indem er in der Schilderung der Verheerungsſucht der Preuſſen und anderer naher heidniſcher Völker den Grund der Herbeirufung des Ordens, fo wie der Schenkung naͤher entwickelt. Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß dieſer Punkt dem Herzoge von den Ordensrittern ebenfalls vorgeſchrieben war. 1) Auch uͤber die Einwilligung der Gemahlin und der Soͤhne des Herzogs hieß es noch beſtimmter: Uxore mea Agaſia, ſiliis meis Boleslao, Casimiro, Semovito ewpresse de bond et sponta- nea voluniate consentientibus. 2) Für die nachfolgende Zeit bekommt dieſe Stelle der Urkunde eine beſondere Wichtigkeit. Sie lautet fo: Preterea quicquid de perso- nis vel bonis omnium Sarracenorum captivatione, depredatione, extorsione, occupatione vel subjugatione mobilium sive immo bilium , terrarum vel aquarum atque omnium in eis contento- rum quolibet modo fratres predicti adipisci potuerint cum omni ac integro jure et libertate superius premisse donalionis nulla prorsus diminuſione, coarctalione vel inpedimento ipsis a me, beredibus meis vel quolibet alio, quem nos prohibere vel coarctare possumus, prestando vel procurando, eisdem concessi, eum vera proprietate et perfecto dominio quiete dossidendum, et in hoc consensi cum uxoris mee, filiorum
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Verhandlungen über das Kulmerland. 197 durch dieſen neuen Verſchreibungsbrief des Ordens Beſitzrecht auf das Kulmerland und auf alle Gebiete, die im Lande der umherwohnenden Unglaͤubigen irgend erworben werden konnten, auf jede mögliche Weiſe ſicher und feftgeftellt ) und Herzog Conrad hatte ſich, wie die Urkunde aufs klarſte an den Tag legte, nicht das mindeſte Recht weder auf das uͤbergebene Kulmiſche Gebiet noch auf die kuͤnftigen Eroberungen in Preuſ⸗ fen gegen den Orden vorbehalten 2). meorum, episcoporum, baronum el magnatum terre mee con- sensu, contra omnem hominem ad observationem et defensio- nem omnium supfadictorum, secundum omne posse et totas vires meas eisdem auxilium et consilium bona fide firmiter promittens, omnes heredes et successores meos et terras meas obligans mecum, et astringens adratibabitionem, observationem ci conservationem donacionum concessionum, obligalionum, promissionum omnium supradictarum. — Daß unter Saraceni in jener Zeit alle Heiden und ungläubigen, folglich hier auch die heid⸗ niſchen Preuſſen verſtanden werden, iſt an ſich klar. 1) Dieſe wichtige Urkunde befindet ſich mehrfach im geh. Archive und abgedruckt bei Duellius p. 12. Dreger Nr. 80. p. 138. Do- giel Nr. 10. p. 7. Leibnitæ Prodrom. ad Cod. Jur. Gent. T. 1. Lünig RA. P. Spec. p. 4. Acta Boruss. B. I. p. 66 — 72. Baczko B. I. S. 237. Guſtermanns Geſch. Preuſſ. S. 143. Je klarer der Inhalt dieſer Urkunde iſt, um ſo auffallender und zugleich grundloſer find die Behauptungen der Polniſchen Chroniſten über die Sache. 2 Dieſer Satz muß durchaus als geſchichtlich erwieſen feſtgehalten werden, da ſich an ihn in der Folge unendlich vieles anknuͤpft. Die ungereimten Angaben der Polniſchen Chronikenſchreiber über cine zwi⸗ ſchen dem Herzog Conrad und dem Orden bedungene Theilung aller Eroberungen in Preuſſen in gleiche Hälften bedürfen jetzt keiner Wider: legung mehr. Solche Angaben findet man unter andern bei Diugoss. T. I. p. 644, wo zugleich noch die wunderliche Behauptung ſteht, die Schenkung des Kulmerlandes ſey geſchehen licet de facto, non de jure, cum in praejudicium Begni Poloniae donationem ipsam Conradus Dux non polerat aliquatenus fecisse. Noch abgeſchmack⸗ ter ift die Angabe bei Cromer p. 194: der Orden habe ſich verbind⸗ lich gemacht, das Kulmerland wieder zuruͤckzugeben, ſobald die Preuſ⸗ fen beſiegt ſeyen und die Eroberungen dann auf gleiche Hälften zu their
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198 Verhandlungen mit dem Biſchofe Chriſtian. Waͤhrend aber in ſolcher Weiſe Hermann Balk und ſeine oberſten Ordensbruͤder in jenen Verhandlungen mit dem Her⸗ zoge uͤber die Hauptbeſitzung begriffen waren, ſtand der Or⸗ den wegen einer aͤhnlichen Schenkung in lebhaften Unterhand⸗ lungen mit dem Biſchofe Chriſtian von Preuſſen. Es war im Anfange des Jahres 1230, als dieſer Biſchof, wie er ſelbſt erklärte, zu kraͤftiger Vertheidigung der fo ſchwer verheerten Kirche im Kulmerlande dem Orden freiwillig alles Land ab⸗ trat, was er theils fruͤherhin vom Herzoge Conrad und dem Biſchofe und Kapitel zu Ploczk erhalten, theils nachmals ſelbſt durch Ankauf erworben hatte. Dagegen verlangte er aber ein⸗ mal, daß die Ordensritter ihm und ſeinen Nachfolgern, ſobald er ſie zum Kampfe gegen die Unglaͤubigen auffordern werde, ſtets zur Huͤlfe bereit ſtehen ſollten; behielt ſich zweitens auch vom Ertrage des uͤbergebenen Landes eine beſtimmte Leiſtung der Erzeugniſſe vor, zu welcher der Orden ſich ver pflichten ſollte, und benannte endlich auch noch eine ge= wiſſe Anzahl von Ackertheilen, die ihm als Eigenthum ver⸗ bleiben ſollten ). Dieſe Verleihung kam den Ordensrittern allerdings ſehr befremdend vor. Es ließ ſich kaum die Frage erheben: ob der Biſchof dem Orden das Land als volles Ei- genthum oder nur als Lehen uͤbergeben wolle? Das erſtere len. Nicht bloß eben ſo unwahr, ſondern zugleich noch weit unwiſſender zeigt ſich in der ganzen Sache Math. de Miechov p. 125, wo dieſer ein wahres Muſterſtuͤck von hiſtoriſcher Verworrenheit giebt. Zu bewundern iſt, daß der ſonſt viel zuverlaͤſſigere Bogupha! p. 59 fagt: Concessit terram Culmensem viginti annis, und erſt im Laufe der Zeit den Herzog Conrad durch den Herzog Heinrich den Bärtigen von Schleſien bereden laͤßt, dem Orden das Land durch Schenkung zu verſchreiben. Fruͤherhin fand man viel Intereſſe, dieſe Behauptungen der Polen zu widerlegen; vgl. Polniſche Bibliothek IV. St. S. 297. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 271 ff. Pauli Preuſſ. Staats⸗Geſchichte B. IV. S. 53 ff. 1) Die Urkunde bei Dreger Nr. St. p. 142. Dogiel Nr. 8. p- 6. Duellius p. 13 — 14. Acta Boruss. B. I. S. 72. — Als Leiſtung behielt ſich der Biſchof vor von jedem Pfluge einen Scheffel Weizen und einen Scheffel Roggen, an Ackertheilen zweihundert Pfluͤ⸗ ge und fünf Vorwerke, jedes zu fünf Pfluͤgen.
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Verhandlungen mit dem Biſchofe Chriſtia n. 199 ſchien keineswegs der Fall zu ſeyn, da in dem Verſchreibungs⸗ briefe des Eigenthumsrechtes gar nicht weiter erwaͤhnt war ). Dagegen ſchien die ganze Art ſeiner Abfaſſung, es ſchienen nicht minder die geſtellten Bedingungen darauf hinzuweiſen, daß der Biſchof den Orden in dem ihm uͤbertragenen Landes⸗ theile nur als ſeinen Lehnstraͤger betrachten wollte. Und in dieſem Sinne verſtand ohne Zweifel auch der Orden den aus- geſtellten Verſchreibungsbrief, wiewohl in dieſem ſichtbar mit Abſicht manches dunkel und unbeſtimmt gelaſſen war. Man erbat ſich deshalb vom Biſchofe eine naͤhere Beſtimmung der Verhaͤltniſſe aus, unter welchen nach ſeiner Meinung der Orden in den Beſitz des angebotenen Landes treten ſollte, denn als des Biſchofs Lehntraͤger konnten die Ordensritter wohl unter keiner Bedingung gelten wollen. Da traten in die Verhandlungen zwiſchen dem Orden und dem Biſchofe, vielleicht von dieſem aufgefordert, die bei⸗ den Aebte Heinrich von Lugna und Johannes von Linda ) als Vermittler ein und veranlaßten eine naͤhere Berathung der Sache auf einem Tage zu Leßlau im Januar des Jahres 1230, bei welcher ſich auch verſchiedene Ritter des Dobriner⸗ Ordens einfanden ). Hier ergab ſich aber, daß des Biſchofs Verſchreibungsbrief wirklich in dem Sinne verfaßt war, wie ihn die Ordensritter verſtanden hatten. Der Orden ſollte ſich, 1) So war in der Urkunde auch wohl mit allem Bedachte nur der Ausdruck „contuli“ gewählt und zugleich hinzugefügt: ut ipsi mihi omnibusque meis successoribus sint parali contra paga- nos pugnalmi. 2) Henricus Abbas de Lucca unterſchrieb ſich der erſtere in der erſten Verſchreibungsurkunde des Biſchofs als Zeuge. 3) Wir finden dieſe Urkunde im Dogiel Nr. 9 p. 6 und in den Actis Boruss. B. I., S. 305. Sie iſt von den beiden genannten Aeb⸗ ten abgefaßt, oſſenbar als eine Art von Commentar uͤber die eben er⸗ wähnte erſte Schenkungs⸗ oder vielmehr Verleihungsurkunde des Bi⸗ ſchofs Chriſtian, welche fie dem Inhalte nach auch wieder enthält. Die Aebte ſagen ausdruͤcklich, die Verleihung des Biſchofs an den Orden in ſolcher Art geſchehe „nobis mediantibus et pro posse noslro coo- perantibus.
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200 Verhandlungen mit dem Biſchofe Chriſtian. ſo meinte man, fuͤr ewig zur Leiſtung eines beſtimmten Thei⸗ les des Extrages von dem uͤbertragenen Lande im ganzen Kulmiſchen Gebiete verpflichten, und zwar nicht bloß von dem bisher ſchon bebauten Lande, ſondern auch ſelbſt noch von dem, welches von neuem in Anbau gebracht werde. Die Ordens⸗ ritter ſollten ferner die dem Biſchofe verbleibenden Landes⸗ theile mit Bewohnern voͤllig beſetzen oder ſie ihn auch ſelbſt beſetzen laſſen, ſofern er wolle und wo im Lande es ihm be⸗ lieben werde, doch alſo, daß er in dieſen Gebieten uͤber alles, was fie enthielten, vollkommen Herr ſey, in ihnen die welt⸗ liche und geiſtliche Gerichtsbarkeit uͤbe und frei nach ſeinem Willen in allem verfuͤgen koͤnne. Die Ordensritter ſollten ferner die Lehnsleute, denen der Biſchof ſchon Lehen verliehen habe, in ruhigem Beſitze laſſen. Sie ſelbſt ſollten dem Bi⸗ ſchofe und ſeinen Nachſolgern wie Lehnsleute ihrem Herrn ver⸗ pflichtet ſeyn und in dem Lande kein Lehen vergeben ohne des Biſchofs Einſtimmung ). Alle Bewohner des Landes, ſo⸗ wohl Lehnsleute als andere, ſollten die Preuſſen auf eigene Koſten mit bekaͤmpfen und ſeinem Bisthum unterwerfen hel⸗ fen. In ſolchen Kriegszuͤgen aber ſollte ſtets des Biſchofs Heerfahne der des Ordens vorangehen. Endlich ſollten die dem Bisthum Zugehoͤrigen, Lehnsleute und andere Bewohner, des Biſchofs und feiner Nachfolger Eigenthum und volle Ge⸗ richtsbarkeit gegen jedermann mit aller Kraft in Schutz neh⸗ men und vertheidigen, und wo der Biſchof im Lande er— ſcheine, ihn ſtets mit gebuͤhrender Ehre, als ihren Biſchof und Herrn empfangen und ihm die noͤthigen Leiſtungen dar⸗ bringen 7). 1) Dieſe merkwuͤrdige Bedingung lautete fo: Promiserunt nihi- lominus (fratres), quod quicquid Episcopus in memorato terri- 10rio nomine feudi concesserat, Vasallos zuos quiete permit- ierent possidere, ita ut ipsi Episcopo et suis successoribus, lanquam Vasalli Domino suo deberent esse subligati, et quod nulli in eadem terra quicquam nomine feudi darent vel prae- starent sine consensu predicti Episcopi. 2) Am Schluſſe diefer Urkunde ſteht: Arta sunt haec in Wla- dislavia, anno graciae 1230, mense Januario, praesenlibus te-
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Verhandlungen mit dem Biſchofe Chriſtian. 201 So war des Biſchofs Meinung. Offenbar erzielte er in dieſen Bedingungen eine eigene geiſtliche Oberherrſchaft über das Kulmerland, zu deren Aufbau und Erhaltung ihm das Schwert des Ordens als Mittel und als Stüße dienen ſollte. Chriſtian ſtand, wie es ſcheint, ſchon um dieſe Zeit nicht mehr ſo rein in ſeiner Seele da, als in jenen erſten Tagen, da er das Licht der chriſtlichen Erleuchtung zuerſt in dieſen Landen entzuͤndete. Anderes erſtrebte er damals als Moͤnch, anderes jetzt als Biſchof von Preuſſen. Er war ſeitdem in Deutſch⸗ land zur Schule gegangen; er hatte die Deutſche kirchliche Verfaſſung, das Streben und die Stellung der Deutſchen Bi⸗ ſchoͤfe, die Grundlage der dortigen Hierarchie genauer kennen gelernt und in dieſer Schule war er keineswegs ganz frei ge⸗ blieben von dem Geiſte, der damals allgemein die hohe Geiſt⸗ lichkeit belebte. Das bewies er hier; er bewies es nachmals durch ſein ganzes Leben. Vielleicht ſtand auch ſchon der Or⸗ den der Dobriner Bruͤder, des Biſchoſs Schoͤpfung, gerade in dem Verhaͤltniſſe, in welches er den Deutſchen Orden ver- ſetzen wollte, und dann in welcher Stellung fand Chriſtian den Orden der Schwert-Bruͤder in Livland gegen den Bi⸗ slibus subnotalis, Joanne Priore, Hermanno Monacho Lug- nensi, fratribus de Thimau, Gerhardo et Conrado militibus Christi de Prussia, Andrea Wernero, Joanna Albrando, Con- rado. Dieſe Angabe ift nicht ohne Wichtigkeit, denn erſtens ſehen wir daraus, daß die Urkunde eigentlich nichts weiter iſt, als eine Art von Protokoll uͤber eine zu Leßlau in der Sache gepflogene Verhandlung, eine genauere Erörterung der Verhaͤltniſſe, in welchen der Biſchof zu dem Orden durch die in ſeiner Verleihungsurkunde enthaltene Uebergabe ſeines Beſitzthums ſtehen wolle. Wir ſchließen zweitens aus der Zeitan⸗ gabe, daß der Verleihungsbrief des Biſchofs in die erſten Tage des Ja⸗ nuars 1230 fallen muß, was uns fuͤr die Annahme einer fruͤheren Ankunft des Ordens ins Land von Wichtigkeit iſt. Aus der Angabe der Zeugen aber, die wir anderwärts zum Theil ebenfalls wieder finden, dürfen wir ei⸗ nen ſicheren Beweis fuͤr die Aechtheit dieſer Urkunde entnehmen; denn Bedenken gegen dieſe hat man hie und da — Histoire de P’Ordre Teuton. T. I. p. 32. Kotzebue B. I. S. 377 — nur deshalb ge⸗ hegt, weil man ihre Beziehung nicht recht verſtand.
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202 Verhandlungen mit dem Biſchofe Chriſtian. ſchof von Riga? Konnte ein ſolches Beiſpiel ohne Reiz und Lockung fuͤr ihn bleiben? In dem Deutſchen Orden aber taͤuſchte ſich Chriſtian in ſeinen Beſtrebungen und er gelangte nicht zu ſeinem Ziele. Es leuchtet von ſelbſt ein, daß die Ordensritter, unter Ver⸗ haͤltniſſen herbeigerufen, in denen fie eher Bedingungen vor⸗ zuſchreiben berechtigt waren, als ſie ſich vorgeſchriebenen fuͤgen durften, den Inhalt dieſer Verhandlungen zu Leßlau verwer⸗ fen mußten. Die Entſcheidung zog ſich immer weiter hin⸗ aus, bis endlich im naͤchſten Jahre Ereigniſſe eintraten, welche den Biſchof bei weitem nachgiebiger ſtimmten und ihm gebo⸗ ten, vorerſt wenigſtens ſein Ziel aufzugeben. Er ſtellte naͤm⸗ lich einen neuen Verſchreibungsbrief aus, der von dem frü- herz gehegten Gedanken keine Spur mehr in ſich trug. Er uͤbergab hierin dem Orden alles, was er vom Bisthum Ploczk zur Aufhuͤlfe des Bisthums in Preuſſen an Einkuͤnften des Zehnten oder andern kirchlichen Leiſtungen erhalten hatte, ohne weitere Bedingung und behielt fuͤr ſich im uͤbrigen nur die biſchoͤfliche Gerichtsbarkeit. Er uͤberließ ihm ferner auch die ganze ihm vom Herzog Conrad gewordene Schenkung im Kulmerlande mit allem Rechte des eigenthuͤmlichen Beſitzes, und endlich trat er den Ordensrittern auch das erkaufte Gut Reſin Y zu beſtaͤndiger Benutzung ab 2), alſo daß nun der Orden ohne ausdruͤckliche Verpflichtungen faſt alles uͤberkam, was bisher biſchoͤfliches Beſitzthum im Kulmerlande gewe⸗ fen war >). 1) Ueber den Ankauf diefes Gutes iſt in unſerm erſten Theile ſchon geſprochen worden. 2) Das Original dieſer Verleihungsurkunde mit dem Siegel des Biſchofs befindet ſich im geh. Archive Schiebl. 59. 1; gedruckt bei Drre- ger Nr. 83. p. 134. Dogiel Nr. 16. p. 11. Acta Boruss. B. I. S. 40 — 412. Unter den Zeugen ſtehen auch mebre Deutſche Ordens⸗ bruͤder, aber nur mit den Taufnamen Friederich, Heinrich und Ulrich bezeichnet. 3) Nur auf ſolche Weiſe ſcheint es möglich, die drei uͤber dieſe Sa⸗ che vorhandenen Urkunden mit einander in Verbindung zu ſetzen. Man ſcheint bisher die Beziehung derſelben nie recht verſtanden zu haben.
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Verhandlungen mit dem Biſchofe Chriſtian. 203 Weit leichter und ſchneller gelangte der Orden im Kul⸗ merlande zum Beſitze deſſen, was bisher noch der bifhöflichen Kirche von Ploczk daſelbſt gehört hatte. Erwägend, daß ſolche ſtreitige Verhandlungen, wie ſie der Orden Jahre lang mit dem Herzog Conrad und mit dem Biſchof Chriſtian hatte fuͤh⸗ ren muͤſſen, dem Zwecke, zu welchem die Ordensritter gerufen waren, mehr hinderlich als forderlich ſeyen ), trat der Biſchof Guͤnther von Ploczk mit ſeines ganzen Kapitels Zuſtimmung dem Orden zur Ermunterung ſeines Eifers im Kampfe gegen die heidniſchen Preuſſen alle Guͤter und Beſitzungen, die ſei⸗ nem Bisthum im Kulmiſchen Gebiete bisher noch zugehört hatten, mit allen kirchlichen Einkuͤnften, dem Patronate uͤber die Kirchen und ſeinem vollen Eigenthumsrechte ohne weiteres ab, nur unter der einzigen Beſchraͤnkung, daß kirchliche Wei⸗ hungen oder ſonſt andere kirchliche Handlungen auch forthin noch vom Bisthum zu Ploczk aus verrichtet werden ſollten 2). So war das ganze Kulmerland das Eigenthum des Deutſchen Ordens geworden. Es war der Eckſtein des großen Baues, zu welchem er berufen war. Die erſte Schon Lucas David B. II. S. 42 geſteht, daß er mit dieſen ver⸗ ſchiedenen urkunden nicht habe aufs Reine kommen koͤnnen; er hilft ſich deshalb mit der ſonderbaren Annahme, man habe vielleicht mit der Rein⸗ ſchrift der längeren Urkunde der beiden Aebte zur Abſendung an den Papſt nicht fertig werden koͤnnen und daher die kuͤrzere vom Jahre 1231 verfaßt. Dieß iſt auch in den Actis Boruss. B. I. S. 410 nach⸗ geſchrieben worden. Spätere Geſchichtſchreiber, wie Baczko B. I. S. 141 und Kogebue B. I. S. 377 haben die Sache leichthin genom⸗ men und nur Auszüge geliefert. Auch die Histoire de l'Ordre Teu- ton. T. I. p. 232 hat die richtige Beziehung verfehlt. 1) Darauf mögen die Worte in der nachfolgend verzeichneten Ur: kunde hindeuten: Quia religiosam vitam eligenlibus congrua consideratione conspiciendum est et providendum, ne unquam a Dei servicio et devocione per illicitas controversias ahstra- hantur et maxime militibus Cristi, qui personas suas pro Cri- sti amore periculo subponere non formidant. — — 2 Die Urkunde bei Dreger Nr. 78. p. 136. Dogiel Nr. II. P. 9. Acta Boruss. B. III. S. 263.
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204 Verhandlungen mit dem Biſchofe Chriſtian. Heimat des merkwuͤrdigen, großen Lebens war gegruͤndet, in welchem der Deutſche Orden ſeine weltgeſchichtiche Bedeutung offenbaren ſollte ). 1) Merkwuͤrdig iſt es, daß wir in den uns zugänglichen Quellen gar keine Spur von Verhandlungen mit dem Däniſchen Könige wegen etwaniger Anſpruͤche auf Preuſſen, namentlich auf Samland finden. Daß er dieſes Land auch jetzt noch als zu feinem Reiche gehörig anſah, ſcheint das auf ſeinen Befehl im Jahre 1231 verfertigte Daͤniſche Reichs⸗Lagerbuch auszuweiſen, in welchem ſeine ſuͤdbaltiſchen Beſitzun⸗ gen in folgender Art verzeichnet ſtehen: Terre Pruzie, ex una parte fluvii Lipz Pomizania, Lanlania, Ermelandia, Notan- gia, Barcia, Peragodia, Nadravia, Galindo, Syllones, Zudua, Littovia: ex altera parte Lipz Zambia, Scalwo, Lammata, Curlandia. Semigallia. Einige dieſer Namen der einzelnen Land⸗ ſchaften befremden allerdings. Lanlania aber iſt wohl offenbar ver⸗ ſchrieben für Lansania und für Pogeſanien genommen, denn das Land Lanſanien lag in dieſer Landſchaft. Peragodia deutet, ſofern der Name richtig iſt, auf die Gothen hin und ſcheint das nachherige Barta Major geweſen zu ſeyn. Syllones iſt zweifelhaft; darf man dabei vielleicht an die alten Igyllionen des Ptolemaͤus denken? Die Lage als Graͤnzland Galindiens wuͤrde paſſen. — Vgl. obige Stelle des Daͤniſchen Reichs⸗ Lagerbuches in Gebhardi Genealog. Geſchichte der erblichen Reichs- ſtaͤnde in Deutſchland B. I. S. 209.
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Viertes „Katie l. Sobald aber die Verhaͤltniſſe ausgeglichen waren, deren wir bisher gedacht haben, begann die ernſte Zeit des ſchweren Kampfes mit den Preuſſen. Zwar hatte dieſer Kampf im Einzelnen laͤngſt angehoben und die Ritter hatten be⸗ reits öfter ſchon ruͤhmliche Beweiſe ihres Muthes und ihrer Tapferkeit gegen einzelne anſtuͤrmende Haufen von Preuſſen gegeben ); allein die Zahl dieſer Ordensritter war, auch ſelbſt in Verbindung mit den Ritterbruͤdern von Dobrin und mit den Huͤlfshaufen des Herzogs von Maſovien, doch immer noch viel zu gering, um einen Krieg mit dem zahlreichen Feinde im Zuſammenhange zu führen und in das feindliche Gebiet ſelbſt einzudringen. Man hatte ſich deshalb ſtets nur verthei⸗ digend verhalten und die feindlichen Schwaͤrme nur zuruͤckge⸗ worfen, wenn ſie raubend und verheerend im Kulmerlande er⸗ ſchienen. Nun wandten ſich aber zu gleicher Zeit der Land⸗ meiſter Hermann Balk und Herzog Conrad an den Papſt Gregorius den Neunten, der letztere ruͤhmend, mit welchem Muthe bisher die Ritter vom Deutſchen Orden die Anfaͤlle des ungezaͤhmten Feindes des Namens Chriſti zuruͤckgeſchlagen und zugleich auch klagend, daß das heidniſche Volk der Preuf- ſen jetzt mit verdoppelter Erbitterung alles Chriſtliche in ſeiner Naͤhe zu vertilgen ſtrebe und daß die Zahl der Ordensritter 1) Dieß geht aus der in naͤchſter Anmerkung näher bezeichneten Bulle Gregorius IX. hervor.
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206 Herm. v. Salza u. der Kaiſer im Morgenlande. noch viel zu gering ſey, um der ſtarken Macht des feindlichen Volkes zu widerſtehen, beide daher den Papſt aufs drin⸗ gendſte bittend, daß er zur Staͤrkung der Kriegsmacht des Ordens in Deutſchland und in den nahegelegenen Koͤnigrei⸗ chen und Herzogthuͤmern das Kreuz predigen laſſen möge ). Dieſelbige Bitte richtete an den Papſt auch der Hochmeiſter Hermann von Salza, als er vou dem Zuſtande der Dinge im Kulmerlande Nachricht erhalten 2). Gerade jetzt aber hatten ſich gluͤcklicher Weiſe auch Ver⸗ haͤltniſſe ausgeglichen, welche fruͤher einen Kreuzzug nach Preuſſen wohl ſchwerlich haͤtten zu Stande kommen laſſen. Des Papſtes Bannfluch gegen den Kaiſer und des Kaiſers kraͤftigkuͤhne und buͤndige Sprache gegen den Stuhl zu Rom hatten das ganze Abendland in Bewunderung geſetzt, und all⸗ gemeines Staunen erregte es, als Friederich ungeachtet des kirchlichen Fluches im Spaͤtſommer des Jahres 1228 dennoch ſeinen angelobten Kreuzzug antrat. Viele hatte der Bann⸗ ſtrahl von ihm zuruͤckgeſchreckt; nicht wenige waren an ihm irre geworden. Unter denen aber, die mit freierem Geiſte und in treuer Geſinnung auch ferner noch an ihrem Kaiſer feſthielten, war der Ordensmeiſter Hermann von Salza. 1) Bulle des Papſtes Gregorius IX. im geh. Archive Schiebl. II. 15, worin es vom Herzoge heißt: Ex litteris sane dilecti filii No- bilis viri Ducis Mazovie intellezimus, quod Pagani Pruteni nomen cristi, quem ignorant, ad cuius cognitionem venire non volunt, exterminare tamquam profanum de suis finibus per exterminium ( Christianorum ibidem ) existentium intenden- tes, ipsos vbementer impugnant, desiruentes terras eorum, qui resislere pre paucitate non possunt ei personas etiam mi- serabiliter trucidantes el licet idem Dux ordinem fratrum Ho- spitalis S. M. Theut. in terram suam ad christianorum auxilium introduxerit et cum ipsius ordinis fratribus ibi existentibus deus miserabiliter operetur conterendo per eos mirabiliter sui nominis inimicos, quia tamen ad tam ardunm negotium suflicere per se nequeunt et egent ſidelium subsidiis adju- vari.— — 2) Dusburg P. II. c. 11.
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Herm. v. Salza u. der Kaifer im Morgenlande. 207 Er ſchiffte ſich nebſt vielen feiner Ordensritter mit dem Kai⸗ ſer ein und landete am achten September des J. 1228 zu Akkon ). Und wie hätte jetzt Hermann einen Gönner ver⸗ laſſen koͤnnen, der ihm von Jahr zu Jahr neue Beweiſe ſei⸗ ner Achtung, ſeiner hohen Gunſt und Gewogenheit gegeben hatte, der ſeinem Orden erſt unlaͤngſt alle die zahlreichen Be⸗ ſitzungen beſtaͤtigte, welche die Vorfahren der Kaiſerin Iſa⸗ belle demſelben im Morgenlande verliehen hatten 2)! Au⸗ ßerdem feſſelten den biedern Meiſter auch innere Hochachtung und wahre Liebe viel zu ſehr an den Kaiſer, als daß der Bannſpruch ihn bis zur Trennung von ſeines Ordens hohem Wohlthaͤter hätte ſchrecken konnen. Und er blieb mit feinem Orden ihm auch dann noch unerſchuͤtterlich treu, als der Bannfluch vom Papſte gegen den Kaiſer erneuert ward und die meiſten Chriſten im Morgenlande, ſelbſt die Ritter des Tempel⸗ und Johanniter⸗Ordens von dem Gebannten ſich trennten 2). Er verſagte fogar dem Papſte den Gehorſam in 1) Mathaeus Paris p. 338 — 339. 2) Wir befigen noch dieſe Beſtaͤtigungsbulle des Kaiſers in einem Transſumt vom Jahre 1393 im geh. Archive. Die Urkunde des Kai- ſers iſt ausgeſtellt im Januar 1225. Es ſind darin nicht bloß alle Be⸗ ſitzungen des Ordens im Morgenlande einzeln genannt, ſondern bie Freiheiten und Privilegien angeführt, welche er dort genoß. Man er⸗ fieht daraus, daß der Orden in Syrien ziemlich reich beguͤtert war. Die Worte: Confirmamus eidem sacre domui omnia privilegia ei scripta quelibet, que tam a predecessoribus quam a paren- tibus predicte consortis nostre dicte domui pia fucrunt libera- litate concessa, necnon insuper castra, casalia, bomines et possessores, que donacione regum, concessione principum ei oblacione ſidelium sive quolibet alio justo tilulo est adepta etc. beweiſen, daß auch die Könige von Jeruſalem ſich wohlthaͤtig ge: gen ben Orden bewieſen hatten. 3) Chron. Abbat. Ursperg. p. 248. Albert. Stadens. p. 305. „(Fridericus), ut ajunt, multa sustinuit ex perſida proditione Templariorum, Soli vero Hospitalarii de domo sanctae Ma- riae Tentonicorum fideliter sibi astiterunt, similiter Januenses et Pisani et alii milites.
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208 Herm. v. Salza u. der Kaifer im Morgenlande. dem Befehle ), daß er die beim Kaiſer ſeyenden Deutſchen und Lombarden von dieſem trennen und felbft befehligen ſolle. Bedenkt man hiebei, was Hermann in ſeinem Behar⸗ ren auf des Kaiſers Seite bei dem erzuͤrnten Papſte alles auf das Spiel ſetzte, ſo giebt ſein Benehmen in dieſer bedenk⸗ lichen Lage ein ſchoͤnes Zeugniß fuͤr ſeinen Charakter und ſeine Geſinnung. Doch ungeachtet aller feindlichen Widerſtrebungen, welche der Kaiſer unter den Chriſten im Morgenlande durch den auch dort noch maͤchtig fortwirkenden Zorn des Papſtes fand, nahmen die Verhaͤltniſſe mit den unglaͤubigen Fuͤrſten doch eme unerwartet gluͤckliche Wendung 2). Denn da Friederich im Maͤrz 1229 durch Hermann von Salza die Nachricht er⸗ hielt 2), daß ein päpftliches Heer in feine Staaten verwuͤſtend eingefallen fey, der Papſt mit dem Schwerte gegen ihn aufs ſtehe, und ſeine baldige Ruͤckkehr nach Italien dadurch ſehr nothwendig ward, ſo kam es zwiſchen ihm und dem Sultan von Aegypten zu einem zehnjaͤhrigen Waffenſtillſtande, in wel⸗ chem den Chriſten Jeruſalem, Bethlehem, Nazareth und das ganze Land zwiſchen Akkon und der heiligen Stadt, alſo faſt das ganze eigentliche Koͤnigreich wieder uͤberlaſſen wurde 5 1) Richard de S. Germano p. 1012. Sanut. L. III. P. XI. c. 12. Chronicon S. Berlini p. 711. — Vielleicht moͤchte auch in dem Werke: Histoire de la Croisade de V’Empereur Frederic II., d’apres les auteurs arabes, par M. Reinaud noch manches in Beziehung auf den Deutſchen Orden enthalten ſeyn; allein ich habe es nicht benutzen koͤnnen und kenne es nur durch das Bulletin uni vers. des sciences. Fevr, 18%. 2) Raumer B. III. S. 437 ff. 3) Daß Hermann von Salza ihm die Nachricht gab, fand Rau⸗ mer B. III. S. 438 in einem Schreiben des Hochmeiſters in Reg. Gregor. IX. 110 — 117. 4) Richard de S. Germano p. 1012. Bernard. the- saur. de acquis. s. terrae p. 846. Friederichs Brief an den Köͤ⸗ nig von England bei Mathaeus Paris p. 344. unter andern war in dem Vertrage auch zugeſtanden castrum S. Mariae Teutonico- rum, quod fratres ipsius domus in montana Achon aedificare coeperunt, reaedificare nobis liccat.
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Herm. v. Salza u. der Kaifer im Morgenlande. 209 Hermann von Salza war es vorzüglich geweſen, der dieſen Frieden mit dem Sultan unterhandelt hatte, der auch den Patriarchen von Jeruſalem mit allem Eifer für den Kaiſer zu gewinnen ſuchte und vor allem den letztern und die Deuf- ſchen dringend aufforderte, ſoſort das heilige Grab nun auch ſelbſt zu beſuchen ). Am ſiebzehnten Maͤrz 1229 hielt Kai⸗ ſer Friederich an der Spitze ſeiner Getreuen ſeinen Einzug in Jeruſalem: fuͤr Hermann von Salza, den edlen, frommen Meiſter, ein längft herbeigeſehnter, heiliger Tag. In des Kaiſers Gunſt ſtand jetzt kaum ein anderer dem Meiſter des Deutſchen Ordens gleich. Ihn fragte Friederich in allen wichtigen Verhaͤltniſſen um Rath). In feiner Be⸗ gleitung war es, als der Kaiſer des Abendlandes den Tem⸗ pel zu Jeruſalem betrat und da kein Geiſtlicher den Gottes⸗ dienſt halten und ihn kroͤnen wollte, die Krone des Koͤnig⸗ reiches Jeruſalem vom Altar nahm und ſie ſelbſt auf ſein Haupt ſetzte. Ihn, den getreuen Meiſter, den er gerne ſchon ſeinen Freund nannte, waͤhlte der Kaiſer aus, um dem ver⸗ ſammelten Volke eine Rede mittheilen zu laſſen, welche mit jauchzendem Beifalle vernommen wurde ). — Bei keinem aber ſtand auch der Kaiſer hoͤher in Achtung, in Liebe und Verehrung, als bei Hermann von Salza. Was feit Jahren von Tauſenden und aber Tauſenden mit aller Inbrunſt ge⸗ wuͤnſcht und erſehnt worden war, was halb Europa mehr⸗ mals in Bewegung geſetzt, was den Paͤpſten bei allen ihren Bemuͤhungen und Beſtrebungen als letztes, hoͤchſtes Ziel vor⸗ 1) Vgl. den Brief des Patriarchen von Jeruſalem an den Papſt bei Raynald. anno 1229. Nro. 7 — 9, woraus die thätige Theil⸗ nahme Hermanns von Salza an dieſer Angelegenheit hervorgeht. 2) Raynald. an. 1229. Nro. 13 — 14. 3) Raynald. I. c. Magister Alemannorum surrexit et ser- monem longum et prolixum primo in Theutonico et postea in Gallico ad nobiles et populum inchoavit, et sicut nobis rela- tum fuit, exonerando, immo exaltando principem, et Eccle- siam, salva gratia sua, multipliciter onerando. In fine sermo- nis, nobiles pro munienda civitate ad subsidium operis invi- tavit. Raumer B. III. S. 440 — 441. II. 14
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210 Herm. v. Salza u. der Kaiſer im Morgenlande. gelegen hatte, — die Erlöfung des heiligen Landes aus der Unglaͤubigen Gewalt, die Errettung der geheiligten Stadt, die Befreiung des heiligen Grabes und der Chriſten aus ih⸗ ren bangen Bedraͤngniſſen und Bedruͤckungen; das alles war dem Kaiſer gelungen, mit einer Kriegsmacht, die an Staͤrke fruͤheren zu demſelben Zwecke herbeigekommenen Kriegsheeren nicht im mindeſten zu vergleichen war. Dieſer große glaͤn⸗ zende Erfolg, meinte Hermann, muͤſſe ohne Zweifel auch den tiefſten Zorn des Papſtes endlich verſoͤhnen. Und aus der Fuͤlle ſeiner Seele und mit dem lebendigſten Feuer ſeines Geiſtes ſchrieb er von Jeruſalem aus an den Papſt und ſchil⸗ derte mit aller Beredſamkeit, die ihm eigen war, was durch den Kaiſer Friederich im heiligen Lande geſchehen ſey ). Al⸗ lein des Papſtes Seele hatte keinen Kaum für Verſoͤhnung mehr und Hermanns Bericht blieb auch ſchon deshalb ohne die erwuͤnſchte Wirkung, da zu gleicher Zeit in einem ganz andern Geiſte der gegen den Kaiſer ſchwer erbitterte Pa⸗ triarch von Jeruſalem an den Papſt ſchrieb 2) und dieſer nach des Patriarchen Darſtellung des Verlaufes der Dinge das Schreiben Hermanns nur fuͤr eine erdichtete Lobeserhebung nahm >). Hierauf verließ der Kaifer, nachdem er für die Herſtellung 1) Raynald. an. 1229. Nro. I.: Quamvis vero, ſagt der Paͤpſtler Raynald, adeo turpiter deserta Christiani nominis causa ſuerit a Friderico, non defuere tamen illius studiosi, qui hoc facinus velut aeterna memoria celebrandum efferrent. Quo argumento Hermanni religiosorum equitum S. Mariae Theu- ionicorum pornpalicae, ac Friderici ad Gregorium fucis plenae litterae, ut ipsum eonvenirent, extant exaratae, Dieſes find die Briefe, welche Raumer B. III. S. 440 in den Reg. Gre- gor. IX. wieder fand und zum Theil im Auszuge liefert. 2) Raynald. an. 1229. Nro, 3. 3) Der Papſt ſchrieb an den Erzbiſchof von Mailand: Ne inter- im vobis suggeri valcant falsa pro veris, ea quae dictus Fri- dericus et Hermannus magister domus Theutonicorum nobis suis litteris intimarunt, vohis duximus referenda. Raynald, I. c. Nro. 2.
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Herm. v. Salza u. der Kaiſer im Morgenlande. 211 der Mauern geſorgt, die heilige Stadt, und begab ſich in Be⸗ gleitung des Meiſters des Deutſchen Ordens und ſeiner Ritter nach Akkon zuruͤck ). Je ſtrenger aber hier der Kaiſer in feinen Verordnungen gegen die Ritter des Tempel⸗ und Jo⸗ hanniter⸗ Ordens war, da ſie in gehaͤſſigſter Leidenſchaft ihn gefangen zu nehmen, den Türken zu uͤberliefern und zu tödten trachteten ?), um fo mehr glaubte Friederich die Treue und Ergebenheit des Deutſchen Ordens und den Eifer, die Liebe und die innige Anhaͤnglichkeit ſeines edlen Meiſters belohnen zu muͤſſen. Er wies ihm nicht bloß bedeutendere Einfünfte im Gebiete und an dem Hafen von Akkon an und ſprach ihm eine anſehnliche Landbeſitzung in der dortigen Gegend zu 3), ſondern er ſchenkte ihm auch das dem Könige Balduin in Jeruſalem einſt gehörige, prächtige Haus in der Straße der Armenier nahe an der S. Thomaskirche mit der ganzen umhegten Beſitzung und dem dazu gehoͤrigen Garten; uͤber⸗ wies ihm ferner noch ſechs Morgen Landes vom koͤniglichen Eigenthum an der Stadt und endlich auch das Haus, wel⸗ ches in Jeruſalem einſt vor Verluſt des heiligen Landes die Deutſchen im Beſitz gehabt, mit ſeinen Thuͤrmen, Beſitzungen und ſonſtigen Zubehoͤrungen, und alles dieſes frei von allen Laſten oder üblichen Leiſtungen ). Nun eilte aber der Kaiſer nach dem Abendlande zuruͤck, 1) Mathaeus Paris p. 345. Raynald. ann. 1229 Nro. 14. Naucler. p. 818. 2) Maihaeus Paris p- 346. 3) Die Urkunde hierüber ſteht in Abſchrift im kleinen Privilegien» buche p. 176. Die neuen Einkuͤnfte des Ordens betrugen 7000 By⸗ zantiner. Die neue Beſitzung hieß Maronum. Gegeben iſt die Ur⸗ kunde zu Akkon im Monat April 1229. 4) Die Urkunde uͤber dieſe Schenkung befindet ſich in einem Be⸗ ſtaͤtigungs⸗Inſtrument des Koͤniges Conrad, dat. Nürnberg im Det. 1243. Die Schenkungsurkunde ſelbſt iſt ausgeſtellt zu Akkon im Monat April 1229. Merkwuͤrdig iſt darin die Erwaͤhnung des Deutſchen Hau⸗ ſes: domus, quam olim Theotonici ante amissionem terre sancte in civitate Ierosolymitana tenebani cum omnibus turribus, Possessionibus et pertinenciis suis. 14 *
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212 H. v. Salza Vermittler zwiſchen Kaiſer u. Papſt. denn der Fortgang des Krieges, welchen der Papſt gegen des Kaiſers Staaten in Italien angezettelt, der Eifer, mit wel⸗ chem dieſer auch die Lombarden gegen Friederich wieder auf⸗ zuhetzen ſuchte, die Bemuͤhungen paͤpſtlicher Unterhaͤndler, um in Deutſchland Unruhen und Empörungen gegen das Kaiſer⸗ haus anzuſtiften, die gehaͤſſige Art, mit welcher der Papſt durch ſeine zornigen Briefe den Haß und die Verachtung der Welt gegen den Kaiſer aufzuregen bemuͤht war ): alles for⸗ derte Friederichs eiligſte Ruͤckreiſe. Hermann von Salza be⸗ gleitete ihn ). Kaum war der Kaiſer an Italiens Küfte ge⸗ landet und die Nachricht ſeiner Wiederkunft verbreitet, als die paͤpſtlichen Kriegshaufen ſich aus Furcht und Muthlofigkeit zerſtreuten, die entriſſenen Lande ſchnell wieder gewonnen wur⸗ den und für Friederich überall die gluͤcklichſten Ausſichten ſich eröffneten ). Damals war es, als Hermann von Salza vom Ufer der Weichſel her durch Hermann Balk Nachrichten uͤber die Lage der Dinge im Kulmerlande und in Preuſſen erhielt. Fuͤr ſolche Verhaͤltniſſe aber, wie er fie vernahm, mußte er durchaus Frieden und Verſoͤhnung zwiſchen dem Kaiſer und dem Papſte wuͤn⸗ ſchen. Gewiß trug er daher nicht wenig dazu bei, daß Frie⸗ derich den Weg der Suͤhne verſuchte, denn Hermann felbft und die beiden Erzbiſchoͤfe von Reggio und Bari waren es, die von ihm an den Papſt geſandt wurden, um den Frieden zu vermitt eln ). Da jedoch Gregorius im Vertrauen auf die 1) Darüber Reynald. an. 1229. 2) Naueler. p. 818. 3) Hierüber das Nähere bei Raumer B. III. S. 448 ff. 4) Richard. de S. Germano p. 1013. Nach Richards Bericht war eine andere Geſandtſchaft an den Papſt ſchon vorangegangen; er ſagt: Necessario de Syria rediit Imperator, statim Nuncios suos misit ad Papam, quosdam fratres de domo Theutonicorum, per quos ipsius habere gratiam supplicat, et esse velle ad suum et Ecclesiae mandatum exponit. Raynald. an. 1229 Nro. 43. Yrederici II. vita vor der Baſeler Ausgabe der Epistol. Pe- tri de Fineis p. 18. Meichelbeck Histor. Frising. T. II. p. 5 nennt außer dem Ordensmeiſter noch einige andere Fuͤrſten und Bi⸗
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H. v. Salza Vermittler zwiſchen Kaiſer u. Papſt. 213 Huͤlfe der Lombarden alle Anträge zur Verſoͤhnung fehnöde und trotzig zuruͤckwies, fo kehrten die beiden Erzbiſchoͤfe zum Kai⸗ fer zuruck, und alle Hoffnung zum Frieden zwiſchen den Haͤup⸗ tern der Chriſtenheit ſchien verloren. Hermann von Salza aber war in Rom geblieben, um vielleicht bei einer guͤnſtigeren Ge⸗ legenheit auf des Papſtes Geſinnung einzuwirken. Und in der That wurde bald auch alles anders, als Gregorius es be⸗ rechnet hatte. Die paͤpſtlichen Heerhaufen, durch des Kaiſers Waffengluͤck und kriegeriſchen Ernſt in Schrecken geſetzt, ent⸗ liefen ihren Anſuͤhrern; die Fuͤhrer wurden muthlos; die Lom⸗ barden ſaͤumten mit der Beihuͤlfe; die Roͤmer, ſchon laͤngſt mit dem Papſte in Zwieſpalt, traten jetzt mit dem Kaiſer ſelbſt in Unterhandlungen; uͤberhaupt wandte ſich die ganze Stimmung der Chriſtenheit, die nur eine Zeit lang durch die Schmaͤhſucht und Verlaͤumdung des Papſtes fuͤr ſeine Sache gewonnen worden war, wieder mehr dem Kaiſer zu. Das alles erfuhr, bedachte und berechnete der Papſt. Hermann von Salza benutzte es mit aller ſeiner Klugheit und Umſicht, und im November des J. 1229 kehrte er zum Kai⸗ ſer nach Aquino mit der erfreulichen Botſchaft zuruͤck, daß jetzt der Papſt zur Verſoͤhnung geneigt ſey . Zugleich über brachte er auch einen Entwurf der Friedenspunkte, auf welche Gregorius die Verſoͤhnung gruͤnden wollte. Es war zu vieles auszugleichen, als daß das erwuͤnſchte Ziel ſchnell haͤtte er⸗ reicht werden koͤnnen. Keiner aber war eifriger und thaͤtiger bemuͤht, es bald zu erreichen, als Hermann von Salza, der bald vom Kaiſer beauftragt nach Rom zurüdeilte, um alle noch vorliegenden Hinderniſſe aus dem Wege zu räumen 2). Damals, noch in den letzten Tagen des Jahres 1229, war es, als der Meiſter des Deutſchen Ordens an den Papſt auch die Bitte richtete, daß er zur Aufhuͤlfe feiner entſandten ſchoͤfe, die den Papſt zu milderen Geſinnungen zu bewegen ſuchten. Naucler. I. c. 1) Richard. de S. Germano p. 1016. Nayna Id. an. 1230. Nro. 3. 2) Richard de &. Germano p. 1017.
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214 H. v. Salza Vermittler zwiſchen Kaiſer u. Papſt. Ordensbruͤder im Kulmerlande und zur ſchnelleren Befoͤrderung des Bekehrungswerkes in Preuſſen im Deutſchen Reiche und in den andern nahgelegenen Landen das Kreuz predigen laſſen möge. Gregorius kannte das große Gewicht, welches Her⸗ mann bei ſeiner Stellung und durch ſein Anſehen am Kaiſer⸗ hofe in den obſchwebenden Unterhandlungen zwiſchen ihm und dem Kaiſer in die eine oder in die andere Wagſchale legen konnte; gern verſprach er daher jener Bitte Erfuͤllung, ſobald die Verſoͤhnung mit dem Kaiſer geſchehen ſey. Und um dem Meiſter einen Beweis ſeiner Theilnahme zu geben, ermunterte er ſchon jetzt die Ordensbruͤder in Deutſchland und an der Graͤnze Preuſſens in einer die Wichtigkeit ihrer Beſtimmung ſchildernden Bulle, den Kampf mit den Preuſſen mit Muth und Vertrauen maͤnnlich fortzuſetzen, das Kulmiſche Gebiet und was ſonſt an Land zur Erweiterung der Kirche zu ge⸗ winnen ſey, den Preuſſen zu entwinden, auf daß unter ihrem Schutz und Schirm die Zahl der Glaͤubigen im Lande immer ſtaͤrker vermehrt werde ). 1) Die Bulle im Original im geh. Archive Schiebl. II. 10 iſt da⸗ tirt: Perusii XV Cal. Februar. p. n. anno tercio (18. Januar 1230). Sie iſt in mancher Hinſicht merkwuͤrdig. Gerichtet iſt ſie an die fratres domus S. Marie Theuton. in Theutonia et Prute- norum partibus constilutos, und giebt hiedurch wieder den klarſten Beweis, daß der Orden früher als im Jahre 1230 nach Preuſſen ge: kommen ſey. Dann heißt es: Nuper dilectus filius Hermannus Magister domus S. M. Th. in nostra proposuit presencia con- stitutus, quod nobilis C. dux Polonie castrum Coline cum per- iinenciis suis et quedam alia castra in Prutenorum confinio domui vestre pia liberalitate concessit, adiciens quicquid de terra illorum per vos et coadjutores vestros poteritis obtinere, quod utique gratum non modieum gerimus et acceptum, — Auffallend, daß der Papſt nur von der Schenkung einzelner Burgen ſpricht! Endlich ermahnt der Papft: quatinus ad eripiendum de Prutenorum manibus terram ipsam, a dextris et a sinistris dei armatura muniti viriliter procedatis, fügt aber zuletzt hinzu: Proviso ne contra terram illam, que venerahilem fralrem no- strum Mutinensem Episcopum dinoscitur recepisse occasione huiusmodi procedatur. Aber welches Land war dieſes? Warum
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H. v. Salza Vermittler zwiſchen Kaiſer u. Papſt. 215 Des Papſtes Verſprechen, die Unternehmungen des Or⸗ dens in Preuſſen durch einen Kreuzzug bald noch thaͤtiger zu fördern, war für den Meiſter ein neuer Antrieb feines leben⸗ digſten Eifers zur Wiederherſtellung der Einigkeit zwiſchen der Kirche und dem Kaiſerthrone. So ſchwierig die Aufgabe, ſo verwickelt die auszugleichenden Verhaͤltniſſe und ſo hinderlich und muͤhſam zu beſeitigen bei der Spannung der Gemuͤther eine Menge von Umſtaͤnden bei der Sache auch war, ſo wuchs doch mit jeder Schwierigkeit und jeglichem Hinderniſſe Her⸗ manns Muth und Eifer. Faſt ohne Unterbrechung war er als Botſchafter und Vermittler auf Reifen bald zum Kaiſer, bald zum Papſte, ſtets beſchaͤftigt mit Entfernung von Hem⸗ mungen und Hinderniſſen, mit Ausgleichung von Mißverſtaͤnd⸗ niſſen oder was ſonſt in der Verwirrung der Dinge dem Frie⸗ den noch entgegenſtand ). Und beide, der Kaiſer ſowohl als der Papſt, ſo verſchieden und widerſprechend auch Anfangs ſollte es verſchont bleiben? Was hatte der Biſchof hier gethan? Alles Fragen, die ihre Aufloͤſung vielleicht im Vatican zu Rom finden wuͤr⸗ den. Vgl. Raynald. an. 1230. Nr. 24. Daß der Biſchof Wilhelm von Modena aus dem Norden nach Rom im Jahre 1228 zuruͤckkehrte, wiſſen wir aus Godefrid. Annal. an. 1228. p. 296. Esirup. Idea Hierarchiae Roman. p. 26 — 29. 1) Vielfache Beweiſe hiezu liefert vorzuͤglich Richard. de S. Ger- mano p. 1017 — 1024. So uͤberwies der Kaiſer dem Hochmeiſter zur Verwaltung das beruͤhmte Kloſter Monte Caſſino mit allen ſeinen Gütern bis zum völligen Austrage der Streitſache, und der Meiſter ſetzte den Deutſchen Ordensbruder Leonhard als Verwalter daſelbſt ein. — Ueber die Hin⸗ und Herreiſen Hermanns zum Papſt und zum Kaiſer finden ſich genaue Angaben bei Richard, I. c. Im Decemb. 1229 war er beim Papſt; im Januar 1230 kehrte er zum Kaiſer zuruͤck; im naͤmlichen Monat reiſte er wieder zum Papſt; im Februar zuruͤck zum Kaiſer; im Maͤrz abermals zum Papſt; im April Reginus Archie- piscopus et Magister domus Theutonicorum redeuntes a Papa cum tractatu et forma concordiae in Apuliam ad Caesarem vadunt; im Mai kehrte Hermann abermals vom Papſte zum Kaiſer zuruͤck; fo ferner fort bis zum Auguſt. Einige Monate ſpaͤter begab er ſich nach Deutſchland. Am 4. Decemb. 1230 finden wir ihn in Wuͤrz⸗ burg; ſ. Lang Regesta Boica T. II. p. 193.
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216 H. v. Salza Vermittler zwiſchen Kaiſer u. Papſt. ihre Beſtrebungen und Intereſſen einander gegenuͤber waren, beide ſchenkten dem biedern und edelſinnigen Ordensmeiſter ein ſo unbedingtes Vertrauen und eine ſo offene Freundſchaft, wie in ſolcher Art in einem Streite zwiſchen Thron und Kirche faſt kein Beiſpiel iſt. Endlich waren im Auguſt des Jahres 1230 mit unſaͤglichen Muͤhen und Beſchwerden die Hinder⸗ niſſe ſaͤmmtlich beſeitigt. Der Friede von S. Germano glich allen Zwiſt und Ha⸗ der zwiſchen Kaiſer und Papſt aus und verfühnte eine Zwie⸗ tracht, die bis zum Hoͤchſten getrieben geweſen war. Hermann von Salza aber durfte ſich ruͤhmen, daß dieſer Friede vor al⸗ len und am meiſten fein Werk ſey, denn ſolches ruͤhmten von ihm auch die beiden verſoͤhnten Haͤupter der Chriſtenheit y). Zur Buͤrgſchaft des Friedens raͤumte der Kaiſer dem Hoch⸗ meiſter als Pfand mehre Schloͤſſer bis zur Erfüllung aller Bedingungen ein ?) und als darauf am erſten September 1230 der Tag der perfönlichen Verſoͤhnung erſchien und der Kaiſer und der Papſt zu Anagni zuſammenkamen, ward weder ein Kardinal, noch einer von des Kaiſers Reichsbeamten zu ihrer Tafel oder zu ihren geheimen Geſpraͤchen zugelaſſen. Nur dem von beiden gleich hochgeachteten und mit gleichem Ver⸗ trauen beehrten Meiſter des Deutſchen Ordens ward die hohe Auszeichnung, mit den beiden Haͤuptern der chriſtlichen Welt an einem Tiſche zu ſitzen und an ihren Geſpraͤchen Theil zu nehmen ). Es war der glaͤnzendſte Beweis der überaus ho⸗ 1) Ueber den Inhalt des Friedens vgl. Raumer B. III. S. 459. 2) Raynald. an. 1230. Nr. 6. 7. 8 3) Richard. de S. Germano p. 1024: Caesar invitatus a Papa, cum esset in castris in pede Anagniae magniſice comi- tatus a Cardinalibus et Nobilioribus civitalis intravii Anag- niam, et eo die cum Papa sedit in mensa, et solus eum solo, Magistro tamen Theutonicorum praesente, in Papali Camera consilio Iongo se tenuere diu. Godefrid. Monach. p. 297. Raynald. an. 1230. Nr. 15. Hermanns Gegenwart zu Anagni be- zeugt auch eine Urkunde in Lünig Spicileg. eccles. T. XVII. p. 236. ferner eine kaiſerliche Urkunde bei Meichelbeck Histor. Frising. T .
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Kreuzpredigt gegen die Preuffen. 217 hen Achtung, des innigſten Vertrauens, der ausgezeichneten Gunſt und Liebe, mit welchen der Kaiſer und der Papſt den großen Meifter beſchenkten, die ruhmvollſte Belohnung, welche ſie ſeiner Einſicht, ſeinem edlen Streben, ſeinem redlichen Willen und ſeinen offenen und biederen Geſinnungen vor der Welt darbrachten; es war der ehrenvollſte Tag in Hermanns Leben! In denſelbigen Tagen aber gab der Papſt dem Meiſter des Deutſchen Ordens auch noch manche andere Beweiſe ſeiner Huld und Zuneigung ). Vor allem beſtaͤtigte er in einer an den Meiſter und den Orden gerichteten Bulle die vom Her⸗ zoge Conrad geſchehene Schenkung der Burg Kulm mit ihrem ganzen Gebiete, ſowie die Zueignung alles deſſen, was der Orden an Land den Unglaͤubigen entreiſſen werde und geneh⸗ migte ſomit den zwiſchen dem Herzoge und dem Orden ge⸗ ſchloſſenen Vertrag )J. Kurz zuvor hatte Gregorius auch die Schenkung beſtaͤtigt, welche derſelbe Herzog und der Biſchof von Ploczk dem Orden der Dobriner⸗Bruͤder im Dobriniſchen Gebiete gemacht hatten ). II. p. 8, wo unter den Zeugen Frater Hermannus Rector domus Deuthunicorum genannt wird. 1) Schon im Sommer des J. 1230 erließ Gregorius eine Bulle an alle Chriftgläubigen, worin er fie mit Verheißung einer beſondern Gnadengabe aufforderte, dem Orden zum Aufbau der Burg Monfort in der Nähe von Akkon auf einem vom Herzoge von Oeſterreich einſt geſchenkten Landgebiete mit reichlichen Beiſteuern zu Huͤlfe zu kommen. Es ift dieſes ein Beweis mehr, daß man jetzt noch keineswegs daran dachte, den Orden aus dem Morgenlande ganz abzurufen. Die Bulle im gro⸗ ßen Privilegienbuche p. 46 iſt datirt: Lateran. VI Idus Jul. p. n. an. IV. 2 Die Bulle befindet ſich in mehren Transſumten im geh. Ar⸗ chive Schiebl. II. Nr. 11 — 14 XVII. 2. 3, gedruckt bei Dreger Nr. 85. p. 145. Dogiel Nr. 15. Pp. 11. Acta Boruss. B. I. P- 415. Sie ift datirt: Anagnie II. Idus Sept. p. n. an. IV. (12. Sept. 1230). 3) Die Bulle in den eben erwähnten Werken. Es iſt anderwärts (Abhandl. uber den Dobriner⸗Orden in d. Geſch. d. Eidechſ. Geſellſch.
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218 Kreuzpredigt gegen die Preuſſen. Nun gedachte der Papſt auch ſeines dem Hochmeiſter ge⸗ gebenen Verſprechens wegen eines Kreuzzuges nach Preuſſen. In einem Schreiben, gerichtet an die Chriſten in den Gebie⸗ ten von Magdeburg und Bremen, in Polen, Pommern, Maͤhren, Sorabien, Holſtein und Gothland, forderte er ſie alle auf, das Schwert zu erheben gegen den Feind des Evan⸗ geliums, zu deſſen Befämpfung Herzog Conrad von Maſo⸗ vien ſchon die Ritterbruͤder des Deutſchen Ordens an die Graͤnzen des Preuſſenlandes gerufen habe. „Bei Gott dem Allmaͤchtigen ermahnen und ermuntern wir euch, ſchrieb der Papſt, wir empfehlen es euch zur Vergebung euerer Suͤnden, hinzublicken auf die Liebe, mit welcher Chriſtus euch geliebt und noch liebet, und ihm etwas wieder zu leiſten fuͤr alles, was er euch geleiſtet. Umguͤrtet euch mächtig und männlich mit dem Schwerte, im Eifer fuͤr Gottes Sache die Unbill ſeines Namens zu raͤchen und euere Mitchriſten aus den Haͤn⸗ den der Heiden zu befreien, indem ihr hinziehet und handelt nach dem Rathe der Ordensbruͤder, auf daß euch ſelbſt ein ewiger Lohn werde, die Unglaͤubigen aber ſich nicht ferner ruͤhmen koͤnnen, ungeſtraft den Namen Gottes zu befeinden ).“ Hierauf wandte ſich der Papſt auch an den Orden der Predi⸗ gerbruͤder in den genannten Landen mit dem Auftrage, das Werk durch Verkuͤndigung der verheißenen Belohnungen in jeder Weiſe zu foͤrdern und im Namen der Apoſtel denen, welche in eigener Perſon und durch Beiſteuern auf die Friſt eines Jahres dem Unternehmen Huͤlfe leiſten oder zum Auf⸗ kommen der Glaͤubigen aus ihren Mitteln beiſteuern wuͤrden, nach Verhaͤltniß ihrer Leiſtung Vergebung der Suͤnden zu ge⸗ waͤhren, alſo daß ſolche, die in jenem Kampſe den Tod faͤn⸗ den, denſelben Erlaß ihrer Suͤnden erhalten ſollten, wie die Pilgrime im Streite für das heilige Land ). — Das verkuͤn⸗ ©. . 268) ſchon erwieſen, daß dieſe Bulle fälſchlich auf den Deutſchen Or⸗ den bezogen worden iſt. 1) Raynald. an. 1230. Nr. 23. Dieſes Schreiben des Papſtes iſt datirt: Anagniae Idus Sepiem. p. n. anno IV. (13. Septem⸗ ber 1230). 2) Original⸗Bulle im geh. Archive Schiebl. II. Nr. 15, datirt:
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Kreuzpredigt gegen die Preuffen. 219 digte Wort that auf die Gemuͤther der Menſchen bedeutende Wirkung. Manche bewog ſchon zur Bezeichnung mit dem Kreuze die Naͤhe des Landes, wo jetzt daſſelbige Verdienſt um Himmel und Seligkeit erworben werden konnte, zu deſ⸗ fen Erreichung ſonſt die Pilgrime unter Leiden und Mühen über Meere und Gebirge in andere Welttheile hatten wal⸗ fahrten muͤſſen. Bevor indeſſen die in den erwaͤhnten Laͤndern ſich ſam⸗ melnden Schaaren von Kreuzfahrern herbeizogen, beſchloß Her⸗ mann Balk im Rathe mit ſeinen Ordensbruͤdern und in Ver⸗ bindung mit Herzog Conrad das Werk zu beginnen, vorerſt wenigſtens den ſicheren Eingang ins Kulmerland zu gewinnen und dieſes Gebiet von den unbedeutenden Heerhaufen von Preuſſen zu ſaͤubern, die ſich dort zu Raub und Pluͤnderung in einige Burgen gelagert hatten. Die eine dieſer Burgen war jenes Rogow, am Weichſel-Ufer, unfern von Thorn 9). Seit die Burg Neſſau am linken Ufer des Stromes errichtet war, hatten, wie ſchon erwaͤhnt, die ins Culmerland einbre⸗ chenden Preuſſen jene ſchon fruͤher vorhandene Burg wieder mehr befeſtigt und einen Kriegshaufen hineingelegt, der jeden Tag zu Raub und Krieg bereit war. Eine andere Burg, die U Anagnie XV Cal. Octob. p. n. an. IV (17. Sept. 1230). Auch Dusburg P. II. c. 11 fagt: Peregrinis Pruschiam et Livoniam visitantibus privilegia et indulgentias, sicui euntibus Hieros o- lymam eonceduntur. 1) Dieſes ſchon einigemal erwähnte Rogow und das alte Ruch iſt wahrſcheinlich daſſelbe. Als eine alte verwuͤſtete Burg kommt dieſes Ruch in einer Urkunde vom Jahre 1222 e wie fruͤher ſchon ange⸗ fuͤhrt iſt. Wenn Dusburg P. III. c. 7 ſagt: Prutheni habebant supra Thorum in littore Wiselae castrum dietum Rogow, fo muͤſſen wir dieſe Burg nothwendig nahe am Weichſel⸗Strome ſuchen und koͤnnen daher fuͤglich das nordoͤſtlich von Thorn an einem kleinen Fluſſe gelegene Dorf Rogow, nicht aber das bei Neu⸗Leßlau liegende und in einer Urkunde vom Jahre 1233 vorkommende Dorf Rogowe (. Dreger Nr. 93) darin finden. Es gab ohne Zweifel damals mehre Orte dieſes Namens. Unſer Rogow oder Ruch war aber fie cherlich eine bloße Burg am Weichſel⸗ufer. Es haben ſich ohnedieß
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220 Erbauung der Burg Thorn. einem zweiten raͤuberiſchen Heerhaufen als Zufluchtsort diente, lag unfern von Kulm, von einigen Chelmo genannt, da wo nachmals Althaus erbaut ward, vielleicht die alte Burg Colno, deren fruͤher ſchon Erwaͤhnung geſchah ). In der Mitte die⸗ fer beiden Burgen hatte ſich in einer ſtarken Befeſtigung ein Pomeſaniſcher Edler — Pipin nennt ihn die Chronik — mit einem zahlreichen Kriegshaufen eingelagert, rings durch einen See geſchuͤtzt, der ſeinen Namen trug. Von hier aus uͤberzog er die ganze Umgegend mit Raub und Pluͤnderung, alſo daß kein Chriſt gegen Tod oder Gefangenfchaft vor feiner Kriegs⸗ ſchaar ſicher war 2). So war das ganze Gebiet am Weichſel⸗ auch bei dem Dorfe Rogow nordoͤſtlich von Thorn noch Spuren einer alten Befeſtigung gefunden. N Dusdurg 1. c. giebt nur die Lage, nicht den Namen dieſer Burg an; er ſagt bloß: infra in descensu aliud (castrum) circa locum illum, ubi nunc situm est Castrum antiquum. Eben fo Lucas David B. II. S. 60; er nennt ſie aber bald nachher „die Feſte Kulmen,“ als habe er darunter die Burg Kulm gemeint. Es iſt ſchwer, hier Namen und oͤrtliche Lage mit einander zu vereinigen. Alt⸗Kulm liegt allerdings bei dem nachmaligen Althaus. Die Burg Kulm bei der jetzigen Stadt Kulm ward erſt im J. 1232 erbaut. Die alte Burg der Preuſſen müßte alſo Alt: Kulm oder das Kulmiſche alte Haus geweſen ſeyn. Kannte aber Dusburg die Lage nicht mehr ganz genau und war es vielleicht die alte Burg Colno, in welcher ſich die Preuſſen hielten, ſo koͤnnte das etwas noͤrdlich von Kulm liegende Dorf Köln darauf hinweiſen. Als alte Burg kommt Colno unter denen vor, die 1222 dem Biſchof Chriſtian geſchenkt wurden; ſ. Dreger Nr. 38. 2) Ueber die Lage dieſer Befeſtigung oder, wie Lucas David B. II. S. 60 fie nennt, dieſes Bergfrieds ſagt Ds burg P. III. c. 7: fuit in medio horum (i. e. castrorum) quidam Nobilis de Pomesania Pipinus, qui circa stagnum, quod a nomine suo dieitur stagnum Pipini, habitabat in quodam propugnaculo cum multis infidelibus latrocinia exereens. Der Name Pipin ift etwas befremdend; er klingt nicht recht Preuſſiſch. Verſchiedene haben dieſe Befeſtigung Schlemmo (verdorben auch Stemmo) genannt. Dann könnte man den Namen im Dorfe Slomowo, einige Meilen von Kulm⸗ fee, darunter finden und die Lage würde nicht unpaſſend ſeyn. Aber mit Beweiſen läßt ſich hier nichts darthun. Nahe liegt hier auch der Name der alten Burg Pin, die ſchon in der erwaͤhnten Urkunde
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Erbauung ber Burg Thorn. 221 Strome den räuberifchen Auszügen und Verheerungen biefer drei feindlichen Haufen Preis geſtellt und den Ordensrittern auch der Uebergang uͤber den Strom und die Vertheidigung des Kulmerlandes hoͤchſt ſchwierig und faft unmöglich gemacht. Dieſe Burgen beſchloß Hermann Balk anzugreifen, zu vernichten, und fo dem Raubvolke feine feften Haltpunkte im Kulmerlande zu entreißen. Verſtaͤrkt durch einiges Hülfsvolk aus den naͤchſten Laͤndern ſetzte er mit ſeinen Rittern und Reiſigen im Fruͤhlinge des Jahres 1231 uͤber den Weichſel⸗ Strom und Herzog Conrad, der des Landes Beſchaffenheit ſchon hinlaͤnglich kannte, begleitete ihn. Sonder Zweifel ge⸗ ſchah die Ueberfahrt von der Burg Neſſau aus und die Lan⸗ dung erfolgte am rechten Weichſel-Ufer bei einem Dorfe, da⸗ mals Qwercz, jetzt mit etwas veraͤndertem Namen Gurske ge⸗ nannt. Hier aber fanden ſie noch die Ueberbleibſel der alten Burg Turn, welche früher ſchon zerſtoͤrt Herzog Conrad im Jahre 1222 dem Biſchofe Chriſtian geſchenkt hatte und jetzt als trefflich gelegener Haltpunkt und ſicherer Zufluchtsort von den Rittern mit Wall und Mauer ſtaͤrker befeſtigt und zur Vertheidigung eingerichtet ward. In ſolcher Weiſe entſtand nahe am Ufer der Weichſel die erſte Ritterburg im Kulmer⸗ lande, mit dem alten Namen Turn oder Thorn genannt ). vom J. 1222 vorkommt und auch in einer Urkunde vom FJ. 1248 ge: nannt iſt, in welcher Herzog Suantepolc Verzicht leiſtet auf locum, in quo fuit castrum dicium Pin et omnes villas sitas juxta vil- lam, quae vocatur Culmen. 1) Dieſe Darſtellung der Gründung von Thorn weicht von der ge: woͤhnlichen Erzählung ſehr ab. Gemeignilich wird nach Dusburg P. III. c. 1 und Lucas David B. II. S. 46 berichtet: Der Landmeiſter habe am rechten Ufer des Stromes auf. einem Hügel eine ungeheuere Eiche ſtehen geſehen, die den Preuſſen fuͤr heilig gegolten. Sie habe ihm zu einer Befeſtigung ſehr paſſend geſchienen, ſey von den Rittern durch Waͤlle und Pfahlwerk befeſtigt, die Aeſte ſtark verhackt und der Raum rings um den Eichbaum durch Blockwerke ſo feſt verwahrt worden, daß das Ganze zum ſicherſten Wehr⸗ und Vertheidigungsplatze habe dienen koͤnnen, indem nur gegen den Strom hin ein ſchmaler Gang von Pfahl⸗ werk offen geblieben ſey, um von da her ſichere Zufuhr in die Befeſti⸗
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222 Erbauung der Burg Thorn. In jenem Dorfe aber hielten ſich die Ritter mit ihrem Heer⸗ haufen, die Bauleute beim Aufbau der Burg gegen den Ueber⸗ gung zu bringen. — Die ganze Erzählung, wie fie Lucas David und andere weitläuftig liefern, beruht auf Dusburgs Worten: Ilaec aediſicatio facta fuit in quadam arbore quercina, in qua pro- pugnacula et moenia fuerunt ordinata. Dieſer Darſtellung der Chroniſten liegt aber hoͤchſt wahrſcheinlich ein ſonderbares Mißverſtänd⸗ niß zum Grunde, welches zuerſt Dusburg verſchuldete. Seine Worte geben kaum einen vernuͤnftigen Sinn; denn was ſoll es eigentlich hei⸗ ßen in quadam arbore quercina feyen propugnacula et moenia errichtet worden? Unter einem Eichbaume hat Dusburg offenbar nicht fagen wollen, dann hatte er ſich gewiß anders ausgedruͤckt. Daher ſagt auch Lucas David: „fie baueten zum erſten auf die großen und ſtarken Aeſte der eichen, weil die in zimlicher Hoͤhe waren, auf die vier Orte, gleich als vier Aercker mit Zinnen.“ Und dann wie konnte dort, ſo nahe an Maſovien noch eine heilige Eiche der Preuſſen ſtehen, jetzt noch nachdem Herzog Conrad das Kulmerland ſchon ſo lange beſeſſen? — Die Sache verhaͤlt ſich nach unſerem Beduͤnken auf folgende Weiſe. Es lag ein Dorf mit Namen Qwercz an der Weichſel. Dieſes beweiſet eine bei Ploczk im Jahre 1228 ausgefertigte Urkunde, worin es heißt: Villa, quae vocatur Quercus 21. Wizlam; ſ. Dreger Nr. 72 oder wie die Worte bei Dogiel T. IV. Nr. 7 lauten: Villa, quae vocatur Qwercz inter Vistulam. Ueber die Wahl der Lesart ultra oder inter kann kaum ein Zweifel herrſchen, da die Stelle bei Dogrel überhaupt verdorben if. Da nun die Urkunde ausgeſtellt iſt „in ripa fluminis dicti Wissle contra civitatem Ploceke, alſo am linken ufer der Weichſel, Ploczk gegenüber, ſo bezeichnen die Worte ultra Wizlam die Lage des Dorfes auf dem rechten Ufer. Es wurde den Bruͤdern von Dobrin verſchrieben, ehe noch der Vertrag uͤber das Kul⸗ merland zwiſchen Herzog Conrad und dem Orden geſchloſſen ward. In bem jetzigen Namen des Dorfes Gurske ſcheint noch die alte Benennung Qwercz oder Quercus verſteckt zu ſeyn, denn feine Lage nahe dei Alt⸗Thorn paßt vollkommen auf die Darſtellung der Sache. Wenn nun Dusburg vernahm oder in einer alten Quelle las: die erſte Befe⸗ ſtigung der Ritter ſey geſchehen in Quercu oder in Qwerez, b. h. in dem ſogenannten Dorfe, ſo konnte daraus bei ihm ſehr leicht arbor quercina entſtehen. Nimmt man dieſes an, ſo erklart ſich auch, war: um er ſchrieb: in arbore quercina etc. Bei dieſem Dorfe lag nun die alte Burg, welche ſchon vor der Ritter Ankunft im Kulmerlande unter dem Namen Turno vorkommt; ſ. Dreger Nr. 58. Sie war Eigenthum des Biſchofs Chriſtian geweſen und gehörte jetzt nach deſſen
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Erbauung der Burg Thorn. 223 fall der Preuſſen ſchuͤtzend, bis der Bau vollendet war, wes⸗ halb man vorſichtig am Ufer die Fahrzeuge ſtehen ließ, auf denen die Kriegerſchaar uͤber den Strom gekommen war, um bei dringender Noth die Mannſchaft ſchnell wieder nach Neß⸗ au retten zu koͤnnen. Ohne Zweifel verfuhr man bei dem Aufbau dieſer Burg, die alten Ueberbleibſel der fruͤheren Feſte benutzend, nur nach den erſten Maßregeln der noͤthigen Si⸗ cherheit und Vertheidigung, zumal da der Bau eiligſt vollen⸗ det werden mußte. Wichtig aber war es, daß nun die Ordensritter im Lande Kulm ſelbſt einen feſten Punkt gewonnen hatten, in welchem fie ſich gegen des Feindes naͤchſten Anſturm verthei⸗ digen konnten. Und ſo ſchritt Hermann Balk zum ferne⸗ ren Werke. Rogow war die naͤchſte und die gefaͤhrlichſte der feindlichen Burgen und ihre Vernichtung deshalb am noth⸗ wendigſten. Wenige Ritter in der Wehrburg Thorn zu ihrer Vertheidigung und zur Sicherheit der am Ufer liegenden Fahr⸗ zeuge zuruͤcklaſſend, zog Hermann Balk mit ſeinem uͤbrigen Kriegshaufen gegen ſie an. Die Preuſſen kamen zum Kampfe entgegen. Aber der Streit war bald entſchieden. Viele von ihnen wurden erſchlagen; ihr Hauptmann ward gefangen ge⸗ nommen und um das Leben zu retten, verhieß er den Rittern feine Burg zu übergeben. So fiel eine zweite Burg im Kul⸗ merlande in des Ordens Haͤnde ). Von jenem Hauptmanne geleitet brach Hermann Balk nun gegen die andere Burg auf, Schenkung dem Orden. Auch Lucas David B. II. S. 46 deutet ſchon darauf hin, daß es die alte Burg des Biſchofs Chriſtian war, welche der Orden jetzt befeſtigte. Der Name iſt wohl ſchwerlich Deutſch, obgleich man ihn öfter fo erklaͤrt hat. Auch in Pommern gab es ein Dorf Thure oder Thurn, welches Suantepolc den Johannitern verlieh; ſ. Dreger Nr. 183. Sell B. I. S. 331. Wer Luſt hat, die wun⸗ derlichſten Etymologien uͤber den Namen Thorn nachzuleſen, findet ſol⸗ che in der Anmerk. Hartknochs zu Dusburg p. 67 A. u. N. Preuſſ. S. 366. Jaenichii Meletemata Thorunens. p. 25 — %. 1) Dusdurg P. III. c. 7. Lucas David B. II. S. 61. Schütz p. 18, der die Burg Rogosno nennt, fie an die Oſſa verſetzt und das fpätere Roggenhauſen ſeyn läßt.
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224 Saͤuberung des Kulmerlandes. welche unfern von Kulm lag. Hier aber zog man Liſt und Verrath dem offenen Kampfe vor. Hermanns Heerhaufe hielt ſich im Hinterhalte verborgen, bis jener verraͤtheriſche Haupt⸗ mann die Nachricht brachte, daß die Kriegsleute der Burg nach Landesart bei einem froͤhlichen Trinkgelage berauſcht, in tiefen Schlaf verſunken und die Umgebungen der Burg vollig unbewacht ſeyen. So ward die Mannſchaft ploͤtzlich uͤberfal⸗ len, bis auf den letzten Mann erſchlagen und die Burg, weil die Ritter bei ihrer geringen Kriegsmacht ſie nicht beſetzen und vertheidigen konnten, durch Feuer vernichtet ). Sofort zog Hermann Balk mit ſeiner Schaar wieder in die Burg Thorn zuruͤck ohne Verſuch zur Eroberung der drit⸗ ten Burg, in deren Beſitz der Pomeſanier Pipin war. Viel⸗ leicht meinte man, er werde, erſchreckt durch das Schickſal der beiden andern Heerhaufen, in ſeine Landſchaft zuruͤckeilen und das Kulmerland in ſolcher Weiſe ohne weitern Kampf vom laͤſtigen Feinde völlig befreit werden. Durch die Vor⸗ gaͤnge in ſeiner Naͤhe aber nur um ſo mehr erbittert und zur Rache entflammt, blieb jener Kriegshauptmann nicht bloß fer⸗ ner noch im Lande, ſondern feine Ausfälle zu Raub und Pluͤnderung wurden für die Chriſten noch um fo gefahrvoller und grauſamer, je mehr er ſich durch die Ermordung ſeiner Landsleute in der zweiten Burg zur raͤchenden Vergeltung aufgefordert fühlte. So geſchah, daß Chriſten, die in die Haͤnde ſeines Heerhaufens ſielen, am Feuer langſam verbrannt, andere mit Keulen erſchlagen oder mit den Beinen aufwaͤrts an Baͤumen aufgehaͤngt wurden. Etlichen ließ der ergrimmte Hauptmann den Nabel ausſchneiden, dieſen an einen Baum nageln und die ungluͤcklichen Opfer ſeiner Wuth ſo lange mit Peitſchenhieben um den Stamm treiben, bis die Eingeweide aus dem Leibe herausgewunden waren ). Da berieth ſich Hermann Balk mit jenem Hauptmanne der Burg Rogow, 1) Dusdurg J. c. Lucas David a. a. O. 2) Eine Grauſamkeit, welche von den Preuſſen fpäterhin noch oͤf⸗ ter an den Chriſten ausgeuͤbt wurde. Ordens⸗Chron. Mfer. S. 25; bei Matthaeus p. 698. Cucas David B. II. S. 62.
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Saͤuberung des Kulmerlandes. 225 deſſen Schweſterſohn Pipin war, wie der grauſame Kriegs⸗ haufe mit feinem Führer zu vernichten fey. Der Hauptmann verſprach feine Beihuͤlfe; die nahe Verwandtſchaft diente zum Mittel des Verrathes. Pipin ward von ihm uͤberliſtet, den Ordensrittern ausgeliefert, an einen Pferdeſchweif gebunden bis in die Burg Thorn geſchleift und dort an einem Baume aufgehaͤngt zur Vergeltung ſeiner an den Chriſten ſeit Jahren geuͤbten Grauſamkeiten ). In ſolcher Weiſe war das Kulmerland vom Feinde nun befreit. Gewiß wuͤrde Hermann Balk ſofort in die Gebiete der Preuſſen ſelbſt vorgedrungen ſeyn, haͤtte ihm nur irgend die nöthige Kriegsmacht zu dieſem Unternehmen zur Hand ge⸗ ſtanden. Noch aber war aus Deutſchland und den nahe ge⸗ legenen Herzogthuͤmern keine Huͤlfe angekommen, da dort die Fuͤrſten die Heerhaufen erſt noch ſammelten und mit den Vorbereitungen beſchaͤftigt waren. Aus ſolcher Verzögerung erwuchſen jetzt um fo bedeutendere Gefahren für die nahen chriſtlichen Gebiete, je mehr die Preuſſen der naͤchſten Land⸗ ſchaften durch die Vorgänge im Kulmerlande gereizt ſeyn konn⸗ ten. Der Biſchof Chriſtian hatte daher auch ſchon im Fruͤh⸗ ling des Jahres 1231 den Papſt dringend um Beſchleunigung der noͤthigen Hülfe gebeten 2) und Gregorius erließ im Juli dieſes Jahres eine neue Aufforderung an den Prediger -Orden in Pommern und Gothland, als den naͤchſten Laͤndern, aus denen ein ſchneller Beiſtand erwartet werden konnte, die Voͤl⸗ ker dieſer Laͤnder durch die Predigt feiner Ordens bruͤder ermah⸗ nen zu laſſen, daß diejenigen, welche nicht das Kreuz fuͤr das heilige Land genommen oder aus Mangel der noͤthigen Mittel ihre Geluͤbde nicht erfüllen koͤnnten, zum Schutz und Beiſtand der durch die Heiden bedraͤngten Chriſten in Preuſ⸗ ſen aufſtehen moͤchten, damit die junge Pflanzung des Glau⸗ bens dort friſch emporwachſen koͤnne. Zugleich ertheilte der 1) Dusburg l. c. Lucas David a. a. O. 2) Daß der Biſchof Chriſtian dem Papſte von dem Zuſtande der Dinge im Norden um dieſe Zeit Bericht abgeſtattet, erſehen wir aus einem Briefe des Papſtes bei Raynald. an. 1231. Nr. 43. II. 15
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226 Verhandlungen mit dem Biſchofe Chriſtian. Papft den Predigerbruͤdern die Vollmacht, die Geluͤbde der Armen und Unbemittelten, die von dieſen fuͤr das heilige Land gethan feyen, in Gelübde für Hülfe und Errettung der Chri⸗ ſten in Preuſſen zu verwandeln ). Doch auch dieſe Ermunterung hatte keineswegs den ſchnellen Erfolg, welcher vom Biſchofe Chriſtian und von den Ordensrittern erwartet wurde. Eine merkliche Urſache hievon war ſonder Zweifel die fortdauernde Mißgunſt und feind⸗ liche Eiſerſucht gegen den immer mächtiger aufſtrebenden Orden in allen Landen. Davon zeugen die auch jetzt noch fortgeſetzten Bemuͤhungen des Papſtes, den Orden gegen die vielfältigen Befeindungen der Geiſtlichen, welche er von die⸗ ſen bald mittelbar, bald unmittelbar zu erleiden hatte, in al⸗ ler Weile in Schutz zu nehmen 2). Noch immer war es der Neid und die Mißgunſt wegen gewiſſer Einkuͤnſte, die ſonſt ihnen zufallend von den Paͤpſten dem Orden zugewieſen wa- ren, wegen verſchiedener Vorrechte der Ordensritter, durch die ſie ihre Rechte geſchmaͤlert meinten, oder wegen ſonſtiger Be⸗ guͤnſtigungen, welche in den Geiſtlichen die feindfelige Geſin⸗ nung gegen den Orden nicht ruhen ließen ). Je thaͤtiger 1) Die Bulle im Original im geh. Archive Schiebl. II. 19; datirt: Reate XV Cal. Aug. p. a. V. (18. Juli). 2) Wir haben noch mehre Bullen von Gregorius aus dem Jahre 1231, die uns hierüber Beweiſe geben. So fängt eine, an die hohe Geiſtlichkeit gerichtet, mit den Worten an: Si diligenter ailenditis, quanta dilectis ſiliis ſratribus IIospitalis S. M. T. I. reverencia debeatur, nunquam inveniemini hiis graves existere aut mo- lesti, qui sustentacioni et refrigerio pauperum pia noscuntur sollicitudine maneipati. Dann heißt es: Universitatem vesiram monemus attencius et per apostolica vobis scripta precipiendo mandamus, quatenus ab eorum gravaminibus abslinentes ad solacia, que pro pauperum consolacione requirunt, vestram pocius curam et sollicitudinem convertatis. 3) In dieſer Hinſicht betreffen die Bullen dieſer Zeit an die Geiſt⸗ lichkeit faſt dieſelben Gegenftände wieder, welche den Inhalt der Bullen früherer Päpfte ausmachten. So wird z. B. den Geiſtlichen auch jetzt wieder verboten, ſich von den dem Orden zufallenden Geſchenken etwas zuzueignen, mit dem vierten Theile des Nachlaſſes ihrer Eingepfarrten,
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Verhandlungen mit dem Bifchofe Chriſtian. 227 aber der Papſt den Orden wie im Morgenlande, ſo im Abendlande in der Vertheidigung der Kirche und fuͤr des Glaubens Verbreitung wirken ſah und je eifriger ſich der Meiſter in den Streithaͤndeln Italiens auch um den Papſt verdient gemacht hatte, um ſo mehr hielt es dieſer fuͤr ſeines Amtes große Pflicht, ſtets als Schirmherr und Verthei⸗ diger des Ordens gegen die Belaͤſtigungen und Befeindungen der Geiſtlichkeit dazuſtehen ). Wir ſahen ſchon, daß auch der Biſchof Chriſtian von dem Geiſte nicht ganz frei geblieben war, der in der Geiſtlichkeit in dieſen Zeiten allgemein durchherrſchte. Ohne Zweifel lag ſchon in jenen erwähnten Vorfaͤllen bei der Verleihung des biſchoͤf⸗ lichen Beſitzes im Kulmerlande der erſte Keim zur Unzufrie⸗ denheit beider Theile. Nun hatte freilich der Biſchof durch die Abtretung ſeines Beſitzthums an den Orden nachgegeben; allein er hatte auch nur nachgegeben in der Hoffnung, daß bei fortſchreitendem Gluͤcke des Ordens ihm groͤßere Gewinne und ein reicher Erſatz fuͤr jenes Opfer zufallen werde. Die Zeit hiezu ſchien jetzt heranzukommen; der Kreuzzug war in Deutſchland in Bewegung und es trat nun auch die Frage naͤher: Wem ſollten die Lande als Eigenthum zugehoͤren, welche mit Huͤlfe des Kreuzheeres in den Gebieten der Preufs ſen erobert werden konnten? Hier glaubte der Biſchof jenen Erſatz zu finden, behauptend, daß er auf den Grund früherer welche auf den Ordenskirchhoͤfen begraben ſeyn wollten, zufrieden zu ſeyn, auch deren Waffen und Pferde herauszugeben und den Orden nicht zu behindern, daß er die Eingepfarrten durch ſeine Prieſter von heimlichen Suͤnden abſolviren, mit der letzten Oelung verſehen und mi: Kreuz und Proceſſion begraben Yaffe. Original-Bulle datirt Lateran IV. Cal. April. p. n. anno V. (29. März 1231). 1) Daher fagt er auch in einer Bulle: Paci ei quieti religio sorum virorum fratrum Hospitalis S. M. Th. 3. apostolica nos convenit sollicitudine providere et tam ipsos, quam corum boua tanto solicitius a maliguorum incursihus et rapinis tene- mur prolegerc, quanto pro ſide christiani nominis se diulurnio ribus exponunt periculis et adversus pravas et exteras nacio nes labores subeunt graviores. 15*
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228 Verhandlungen mit dem Biſchofe Chriſtian. paͤpſtlicher Verheißungen ein Recht auf den Beſitz habe ). Der Orden dagegen wies auf ſeine Zuſagen durch den Kai⸗ ſer und den Papſt hin. Wie ſollten ſolche entgegenſprechende Anſpruͤche nun ausgeglichen werden? Wir kennen die Ver⸗ handlungen nicht mehr, die uͤber dieſe Frage gefuͤhrt wurden. Aber ſo viel iſt gewiß, daß man ſchon im Jahre 1231 uͤber dieſen Gegenſtand eine Ausgleichung verſuchte und daß der Biſchof ſich erbot, dem Orden in den zu erobernden Gebieten Preuſſens den dritten Theil abzutreten und dieſen durch eine hiezu entworfene Urkunde auch wirklich uͤbergab ). Allein der Orden ſcheint ſich mit dieſem Erbieten keineswegs begnuͤgt zu haben und wahrſcheinlich wandte ſich Hermann Balk deshalb an den Hochmeiſter Hermann von Salza, um durch ihn eine Entſcheidung am Hofe zu Rom zu erwirken, denn hier ließ ſich ein weit guͤnſtigerer Ausgang der Sache erwarten, zumal wenn man den Eifer wahrnahm, mit welchem Gregorius durch die kraͤftigſten Ermahnungen an Bela, des Koͤniges An⸗ dreas von Ungern aͤlteſten Sohn, dem Deutſchen Orden das ihm entnommene Land Burza wieder zu verſchaffen ſuchte ), wodurch er ja aufs klarſte zu erkennen gab, daß ihm die Be⸗ 1) Der Biſchof gruͤndete ohne Zweifel ſein Recht auf die erſten Verheißungen, welche ihm bei ſeiner Ernennung zum Biſchofe gegeben waren. In den uns aufbehaltenen Urkunden hierüber in den Actis Boruss. B. I. S. 263 ff. iſt zwar nirgends ausdruͤcklich geſagt, daß dem Biſchofe das für das Chriſtenthum gewonnene Land eigenthuͤmlich zugehoͤren ſolle; Chriſtian aber behauptete wirklich im J. 1231, daß ihm eine ſolche Zuſage gegeben ſey, denn er fagt jetzt in einer Urkunde (ſ. Kotzebue B. L S. 378): in terris Pruzie, que ad nos ex jure et gratia sedis apostolice spectare videntur. Es bleibt da⸗ bei freilich unbeſtimmt, ob in den Worten: in terris Prucie beſtimmte Landgebiete, die ihm zugehoͤren ſollten, oder die Preuſſiſchen Lande uͤber⸗ haupt bezeichnet ſeyn ſollen. 2) Dieſes weiſet ſchon die Urkunde aus, welche Kotzebue B. I. S. 378 im Auszuge mitgetheilt hat. 3) Die Bulle des Papſtes an Bela befindet ſich im geh. Archiv Schiebl. II. 18; abgedruckt in Dreger Nro. 90 p. 154. Der Orden gelangte jedoch auch durch dieſe Bemuͤhungen Gregors noch nicht zum Ziele.
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Kreuzzug nach Preuffen. 229 reicherung des Ordens durch laͤndliches Beſitzthum ſehr am Herzen liege. Indeſſen gelangte die Streitſache auch durch den Papſt jetzt noch zu keiner feſten Entſcheidung. Mittlerweile aber hatten ſich in Deutſchland ) und in den Nachbarländern die Heerhaufen der Kreuzbruͤder gerüftet und geſammelt. Außer denen, welche waffenfaͤhig zum Kampſe gegen die Heiden herbeizuziehen gedachten, hatte ſich den Kriegshaufen auch eine bedeutende Zahl andern Volkes ange⸗ ſchloſſen, denn der Meiſter Hermann von Salza ?) hatte in Deutſchland die Nachricht verbreiten laſſen: des Ordens Waf⸗ fen an Preuſſens Graͤnzen ſeyen durch die Gnade des Herrn vom Gluͤcke ſehr beguͤnſtigt worden und eine große und ſchoͤne Landſchaft ſey bereits gewonnen. Aber entvoͤlkert und ver⸗ wuͤſtet beduͤrfe ſie neuer Bewohner; wer dahin ziehe, ſolle ſich anſehnlichen Beſitzthums mit mancherlei Freiheiten und Ge⸗ rechtſamen erfreuen und das Land zu erblichem Eigenthum und Beſitz erlangen.). Daneben betrieb auch noch im An⸗ fange des Jahres 1232 der Papſt Gregorius die Sache des Kreuzzuges nach Preuſſen mit kraͤftigem und lebendigem Ei⸗ fer. Wie er überhaupt mit Freude erfüllt war ), wenn er die begonnenen Verſuche zur Verbindung der Kirche in Ruß⸗ land mit der Roͤmiſchen ſich als gelungen dachte 5), oder wenn er in Kurland, Semgallen, Eſthland und andern Laͤndern des Nordens den gedeihenden Aufwuchs des Evangeliums wahr⸗ nahm und ſonach des Roͤmiſchen Stuhles Herrſchergebiet im⸗ 1) Nach Lang Baier. Jahrbuͤcher S. 77. 92 ſoll unter andern in Baiern beſonders der Graf Albert von Bogen zu einem Kreuzzuge ge⸗ worben haben. 2) Hermann befand ſich im April des J. 1232 zu Aquileja, wie eine Urkunde in Zürig Spicileg. eccles. T. XVI. p. 33 aus: weiſet. 3) Lucas David B. I. S. 63, der dieſes, wie er ſelbſt ſagt, aus alten Urkunden entnahm. 4) „Ingenti perfusus gaudio Pontifex“ nennt ibn deshalb HRaynald. an. 1232 Nro. 1. 5) Raynald. an. 1232 Nro. 43. Karamſin B. III. S. 207.
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230 Kreuzzug nach Preuffen. mer weiter und weiter ſich ausdehnen ſah ), fo war es auch fein eifrigſtes Bemühen, das dazwiſchen liegende Preuſ⸗ ſen der chriſtlichen Kirche zuzuwenden. Darum wandte er ſich im Anfange dieſes Jahres noch an die Boͤhmen, ihnen den Jammer ſchildernd, unter welchem die Chriſten in den nach⸗ barlichen Gebieten Preuſſens durch die Bedruͤckungen und Grauſamkeiten der heidniſchen Preuſſen ſeufzeten, und die Graͤuel und Miſſethaten, durch welche von dieſem Volke Goͤttliches und Menſchliches entheiligt und zertreten werde, zu- gleich aber diejenigen unter den Boͤhmen, welche das Kreuz fuͤr das heilige Land genommen, mit dringenden Worten auf⸗ fordernd, ihre Geluͤbde in einem Kreuzzuge fuͤr die Verbrei⸗ tung und Vertheidigung des Evangeliums in Preuſſen zu loͤ⸗ fen. „Mehr als fuͤnftauſend Chriſten, die bei den Preuffen in ſchmaͤhlicher Gefangenſchaft ſchmachten,“ ſo berichtete der Papſt, „harren auf Befreiung; mehr als zehntauſend Doͤrfer, Kloͤſter und Kirchen in Preuſſens Nachbarlanden ſind durch das heidniſche Volk verbrannt und über zwanzigtauſend Chris ſten ſind im Verlaufe der Zeit von ihm dem ſchmachvollſten Tode geopfert worden 2). — Um aber auch in Deutſchland die Wirkungen der Kreuzpredigten noch mehr zu foͤrdern, erließ er 1) Raynald. an. 1232 Nro. 1 — 3. 2) Dieſer auch ſonſt noch merkwuͤrdige Brief des Papſtes befindet ſich bei Raynald. an. 1232. Nro. 6. Wichtig iſt darin folgender Bes richt des Papſtes: Ex literis venerabilium fratrum nostrorum Mazoviensis, Wiratislaviensis episcoporum, et capitulorum suorum, necnon prudentium virorum relatu percepimus, quod pagani Pruteni verum Deum et dominum Jesum Christum agnoscere respuentes, ultra decem millia villarum in Prussiae confinio positarum, claustra et ecclesias plurimas combusse- runt. Quare ad cultum divini nominis praeterquam in silvis, in quibus multi de fidelibus latitant, locus hodie non habelur. Ipsi eliam plusquam viginli millia Christianorum in occisione gladii posuerunt ei ignominiosa morte damnarunt, et adkuc de fidelibus ultra quinque millia deiinentes in compede ser- vitutis, reliquos babitatores Mazoviae, ee el Pomeraniae instanter perdere moliuntur.
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Kreuzzug nach Preuſſen. 231 an die Brüder des Prediger⸗Ordens im Magdeburgiſchen Gebiete, welche gegen die Preuſſen das Kreuz predigten, die Verordnung, denjenfgen, welche ihren Kreuzpredigten beiwoh⸗ nen wuͤrden, zwanzig Tage der ihnen obliegenden Suͤnden⸗ buße zu erlaſſen und denen, welche fuͤr Brandſtiftungen oder gewaltthaͤtige Vergreifung an Geiſtlichen oder andern geweih⸗ ten Perſonen mit der Excommunication beſtraft ſeyen, den Erlaß dieſer Strafe zu verkuͤndigen, ſobald ſie auf eine genuͤ⸗ gende Zeit das heilbringende Unternehmen gegen die Preuſ⸗ ſen mit befoͤrdern wuͤrden ). Aus dieſen Gegenden zogen nun im Sommer des Jah⸗ res 1232 einzelne Heerhaufen der Kreuzbruͤder gegen Preuſſen heran. Der edle Burggraf Burchard von Magdeburg , der zuvor ſchon im heiligen Lande auf einer Wallfahrt geweſen war und deſſen Vorgänger ſich immer als große Gönner des Ordens bewieſen, war an der Spitze von fuͤnftauſend waffen⸗ 1) Doch heißt es in der Bulle noch ausdruͤcklich: Proviso ut pas- sis dampna et injurias satisfaciant competenter, illis dumtaxat exceplis, quorum excessus adeo sunt difſiciles et enormes, quod merito sint ad sedem apostolicam destinandi. Außerdem erfahren wir durch dieſe Bulle, daß auch quidam pseudopredicato- res, que sua sunt, non que iehsu cristi querentes et intenden- tes pocius voluptatibus corporum, quam profectibus animarum pro redempcione votorum pecuniam vel questum a crucesi- gnatis accipiunt. Der Papft will, ut cos tanquam fraudulentos nuntios verbi dei et ſidelium deceptores ab huiusmodi errore desistere per censuram ecclesiasticam appellacione postposila compellatis. Datirt ift dieſe Bulle: Reate III. Februar. p. n. an. V. (3. Februar 1232, denn wahrſcheinlich muß es heißen III. Non. Februar.) Das Original im geh. Archive Schiebl. II. 21. 2) Dusburg P. III. c. 9. Er hieß Burchard mit der kleinen Hand, „dictus cum parva manu.“ Lucas David B. II. S. 69. Er war ſchon ziemlich lange Burggraf von Magdeburg, doch darf er nicht mit einem fruͤhern gleiches Namens verwechſelt werden; f. Schultes Director. diplom. B. II. ©. 638. Ludewig Reliqu. Mscr. T. V. p. 44. Rathmann Geſchichte der Stadt Magdeburg B. II. S. 31. 61. Dreyhaupt Beſchreib. des Saal⸗Kreiſes Th. II. S. 461.
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232 Gründung ber Stadt Thorn. fähigen Pilgerbruͤdern und einer andern Schaar Deutſcher Einzoͤglinge herbeigekommen, der erſte unter den Fuͤhrern der Kreuzheere, welcher das Kulmerland betrat ). Hermann Balk beſchloß, die Ankunft der uͤbrigen Heerhaufen nicht zu erwar⸗ ten, ſondern Burchards Kriegsmacht ohne Verzug zur Foͤrde⸗ rung ſeines Werkes zu benutzen. Vor allem jedoch wies er der Schaar der Deutſchen Einzoͤglinge, die mit dem Burg⸗ grafen gekommen war, zur heimatlichen Niederlaſſung die Ge⸗ gend an, welche durch die Naͤhe der Burgen Neſſau und Thorn gegen feindlichen Anfall ſchon am meiſten geſichert, zugleich durch ihre höhere Lage gegen die Ueberſchwemmung des Weichſelſtromes geſchuͤtzt war, durch freundliche Umgebung und des Bodens Fruchtbarkeit ſich auszeichnete 2) und mit den nachbarlich befreundeten Landen am leichteſten in Ver⸗ bindung ſtand. Hier begannen nun die Deutſchen Einzoͤg⸗ linge die Gruͤndung der erſten Stadt, die ihr Daſeyn dem Deutſchen Ritterorden verdankt. Den Namen Thorn erhielt ſie von der nahen ſchuͤtzenden Burg. Sie entſtand aber ohne Zweifel ſogleich bei ihrem Aufbaue an demſelben Orte, wo noch heutiges Tages Thorn liegt; und in der Mitte der er⸗ richteten Wohnungen erhob ſich bald auch eine Kirche, die man dem Apoſtel Johannes weihte ). 1) Daß Burchard mit ſeinem Heerhaufen fruͤher als die andern Fuͤrſten ankam, geht aus Hushurg P. III. c. 9 — 10 klar hervor. 2) Daß die Gegend um Thorn zur Zeit des Ordens ſehr fruchtbar war, werden wir ſpaͤter ſehen. J Ueber die Zeit der Gruͤndung von Thorn und die von einigen alten Geſchichtſchreibern angenommene Verlegung der Stadt von der Gegend bei Alt⸗Thorn nach dem Orte, wo Thorn jetzt liegt, iſt in früherer Zeit viel geſtritten worden. Ueber die erſtere kann aber nach Erwaͤgung aller Verhättniffe kaum ein Zweifel obwalten, da zu erwei⸗ ſen iſt, daß im Jahr 1231 die Stadt noch nicht vorhanden war, aber im December des Jahres 1233 ſchon genannt wird. Dusdurg P. III. c. 1 ſagt ausdruͤcklich: Im J. 1231 ſey die Burg Thorn (Alt⸗Thorn) erbaut worden und in successu vero temporis instiluerunt circa castrum civitatem, que postea manente castro translata fuit propter continuam aquarum inundationem ad eum locum,
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Gründung der Stadt Kulm. 233 Hermann Balk aber zog mit der ſtreitbaren Mannſchaft des Burggrafen von Magdeburg von Thorn aus hinab bis an die alte Burg Kulm. Sie ward neu aufgebaut oder ſtaͤr⸗ ker befeſtigt und unter ihren ſchuͤtzenden Mauern gruͤndete eine andere Schaar Deutſcher Einzoͤglinge, die dem Kreuzheere bis hieher gefolgt war, eine zweite Stadt, gleichfalls nach dem Namen der Burg Kulm genannt, Anſangs gering in der Zahl ihrer Bewohner, bald aber vergroͤßert durch den Heran⸗ zug neuer Deutſcher Ankoͤmmlinge, der alten Bewohner des Kulmiſchen Gebietes und anderer naher Gegenden. Auch ihre Gruͤndung geſchah noch im Laufe des Jahres 1232 und der tapfere Ordensritter Berlewin erhielt die Obhut und Verthei⸗ digung als erſter Verweſer der Burg Kulm ). So war nun auch durch die Gruͤndung zweier Staͤdte das Kulmerland dem Orden mehr geſichert und in der jun⸗ gen Buͤrgerſchaft bluͤbhte den Ordensbruͤdern ſchon die Hoff⸗ nung, in ihrer friſchen anwachſenden Kraft bald eine neue Schutzwehr zu des Landes Vertheidigung und Sicherheit zu finden. Bevor jedoch der Landmeiſter ſeine weitere Sorgfalt auf ihr weiteres Gedeihen verwenden konnte, hielt er im Bei⸗ rathe mit dem tapfern Burggrafen von Magdeburg es fuͤr ubi nunc sita sunt et casirum et civitas Thuraniensis. Dieſe Worte find zugleich die Quelle der Meinung Über die Verlegung der Stadt. Dieſe ſoll nach mehren Angaben erſt im Jahre 1235 geſchehen ſeyn. Allein die ſchwachen Gründe für dieſe Meinung ſind ſehr leicht zu widerlegen und bereits von Prätorius in Thorn auf nichts zus ruͤckgewieſen. Dusburg beweiſet mit ſeiner Angabe nichts weiter, als daß er mit ſeiner Sage von der Eiche und der Lage der Stadt Thorn in Widerſpruch gerieth und ihm auszuweichen ſuchte. Auch waͤre es ja ſehr ſonderbar, wenn man erſt nachher eingeſehen haͤtte, daß die Stadt propier continuam aquarum inundationem verlegt werden muͤſſe. Kannten denn der Biſchof Chriſtian und der Herzog Conrad die Be⸗ ſchaffenheit der Gegend ſo wenig und wurden ſie nicht befragt? 1) Dusburg P. III. c. 8. Ordens Chron. S. 26 und bei Matthaeus p. 698. Auch hier wiederholt ſich die Nachricht von der ſpärern Verlegung der Stadt. S. Hartknoch Ab u. N. Preuſſ. S. 373. Hier aber iſt Simon Grunau die Hauptquelle dieſer Nach⸗ richt.
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234 Gruͤndung der Burg Marienwerder. heilſam, das Land Kulm gegen Norden durch den Aufbau ei⸗ ner neuen Burg gegen das Volk der Pomeſanier zu ſichern und in ſolcher Weite zugleich des Ordens Landgebiet noch zu erweitern. In Beſorgniß, daß in der Landſchaft Pomeſanien, wo der kampfluſtige und tapfere Stamm der Riſen oder Re⸗ ſier wohnte ), die Bauleute nicht lange ohne heftige Anfaͤlle des Feindes verweilen koͤnnten, ließ Hermann Balk mit Vor⸗ ſicht alles zum Aufbau Benoͤthigte zuvor bei Kulm vorberei⸗ ten und fuhr dann mit dem Burggrafen, ohne daß die Po⸗ meſanier ſolches ahneten und die Herbeibringung der Bau— ſtoffe bemerkten, zu Schiffe die Weichſel abwaͤrts bis zum Werder Quidin ), in die Gegend der jetzigen Stadt Marien⸗ werder. Dort landend errichteten fie etwas noͤrdlich hinab am alten Nogat = Fluſſe ) auf einem etwas erhabenen Orte eine Burg, die fie der heiligen Jungfrau widmend Marien⸗ werder benannten; doch dauerte daneben auch der fruͤhere Name Quidin oder Quidzin noch eine Zeitlang fort ). Eiligſt 1) „Viri famosi et bellatores strenui in territorio Rysen.““ 2) Der Name dieſes Werders kommt bald Quidno, bald Quidzin, bald Quidin vor. Quidin heißt er im Kulmifchen Privilegium und fo wird er auch am richtigſten gefchrieben. So ſteht er auch im Original der Urkunde, welche Kotzebue B. I. S. 447 mittheilt, wo aber faͤlſchlich Quedni ſtatt Quidin gedruckt if. Es iſt der Land⸗ ſtrich in der Nähe von Marienwerder zwiſchen der alten Nogat und der Weichſel. 3) Die Burg Quidin muß etwas noͤrdlich von der jetzigen Stadt Marienwerder, unfern vom Dorfe Tieffenau, an der ſ. g. alten Nogat gelegen haben. Dieſe Beſtimmung ihrer Lage giebt uns eine Urkunde vom Jahre 1236 (ſ. Kotzebue B. I. S. 447, wo aber der Abdruck &uferft fehlerhaft iſt) worin nobili viro Theoderico de Dypenow castrum, quod dicitur parvum Quidin adjacens verliehen wird. Die genauere Locaibezeichnung in der Urkunde weiſet deutlich aus, daß es ungefaͤhr da gelegen haben muß, wo man jetzt Schioß Mareeſe findet. 4) Kulmiſches Privilegienbuch, Urkunde bei Kotzebue a. a. O. und fpätere Privilegien. Hartknoch zu Dusburg p. 90 ſchreibt noch: In hanc usque diem urbs illa (Marienwerder) a Polonis vocatur Quidæ in.
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Verfahren des Ordens bei ſeinen Eroberungen. 235 aufgebaut ſollte ſie nur zur Abwehr der erſten, naͤchſten Ge⸗ fahr dienen und nur den Eingang in das Land eröffnen, denn bald nachher erſchien der Landmeiſter von dem Burg⸗ grafen und einer ſtarken Schaar Kriegsvolkes begleitet von neuem bei der Burg und verſetzte ſie an den Ort hinuͤber, wo jetzt Marienwerder liegt). Der Ordensritter Ludwig,. welcher ſich nachmals den Namen des Werders zueignete und Ludwig von Quiden oder Queden hieß, ward zum erſten Verweſer der Burg eingeſetzt ). Das war der erſte Eintritt des Ordens in das heid⸗ niſche Land. Wie bier in der Landſchaft Pomeſanien, fo ver⸗ fuhr der Orden im Mane ſeiner Eroberungen auch in den nachfolgenden Zeiten. Zuerſt legte er meiſtens eine Burg an einen paſſenden Graͤnzpunkt des Landes, deſſen er ſich zu be⸗ mächtigen ſtrebte, um hiedurch vor allem den chriſtlichen Kaͤm⸗ pfern einen feſten Ruͤckhalt und ſichern Zufluchtsort zu gewin⸗ nen. Hiemit wurden außerdem immer noch zwei Vortheile erreicht; denn einmal lenkte der Orden in ſolcher Weiſe die Aufmerkſamkeit, die Theilnahme und die Kraft des Volkes der Landſchaft von dem ſchon gewonnenen Lande hinweg und be⸗ ſchaͤftigte ſie in dem eigenen Gebiete, alſo daß das Nachbar⸗ land, welches ſchon gewonnen war, ſomit an Sicherheit ge⸗ wann, und zweitens zog er hiedurch die Volkskroͤfte auf einen feſten, beſtimmten Punkt hin, von welchem aus ſie um ſo leichter gebrochen und vernichtet werden konnten. Erſt wenn ſolches geſchehen war, begann er den eigentlichen Eroberungs⸗ kampf mit dem umherwohnenden Volke. Beim Aufbau ſolcher Schutz- und Wehrburgen, meiſt in großer Eile vollendet, 1) So Dusdurg P. III. c. 9. Die Verſetzung kann jedoch nur auf die Burg als Ordensbehaufung bezogen werden, denn nach der eben erwaͤhnten urkunde bei Kotzebue a. a. O. befand ſich noch im J. 1236 eine Burg Klein -Quidin daſelbſt. 2) Daß dieſer Ludwig von Quidin derſelbige iſt, welcher nachmals Landmeiſter ward, Ludwig von Queden hieß und in der Kulmiſchen Handfeſte Ludewicus in Quidin provisor genannt wird, iſt nicht zu bezweifeln.
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236 Die Kulmiſche Handfeſte. waren es natuͤrlich ſtets nur kriegeriſche Ruͤckſichten und die noͤthigſten Anſtalten fuͤr Sicherheit, fuͤr Wehr und Widerſtand gegen den Feind, auf welche vor allem geachtet werden mußte. Auf die Erforderniſſe, welche der Ordensbruͤder friedliches Le⸗ ben, Regel und Geſetz verlangten, konnte vorerſt immer kaum Ruͤckſicht genommen werden. Die erſten Bewohner oder die Beſatzungen dieſer Burgen beſtanden offenbar im Anfange im⸗ mer auch nur aus reiſigen Kriegsleuten, aus Rittern, die zu Wehr und Kampf fähig waren, denen als nächfter Anführer der Verweſer oder Pfleger der Burg vorſtand ). Erſt wenn das umherliegende Land erobert, eine ſtaͤrkere Kriegsmacht herbeigezogen, die alten Landesbewohner durch Waffengewalt vom Widerſtande zuruͤckgeſchreckt und in ſolcher Weiſe zum Aufbau foͤrmlicher Ordensburgen Zeit und guͤnſtigere Gelegen⸗ heit gewonnen waren, wurden die Wehr- und Schutzburgen zur Einrichtung von groͤßeren, bequemeren und guͤnſtiger lie⸗ genden Ordenshaͤuſern benutzt 2). Liefer in des Feindes Land eindringen wollte Hermann Balk ohne Zweifel nicht eher als nach erfolgter Ankunft der ftärferen Heerhaufen der Kreuzfahrer, von deren baldigem Her⸗ anzuge er Nachricht erhalten haben mochte. Er wandte daher vorerſt in Berathung mit dem Burggrafen von Magdeburg ſeine ganze Sorgfalt auf die Ordnung und Verfaſſung des neugegruͤndeten Buͤrgerſtandes in den Staͤdten Thorn und Kulm. Er legte die Rechte und Freiheiten, die Verpflichtun⸗ gen und Verbindlichkeiten, welche fuͤr die Staͤdte auf ewige Zeiten gelten ſollten, in der wichtigen Urkunde nieder, die man die Kulmiſche Handfeſte genannt hat und nach damali- 1) Provisor war die Benennung dieſer Pfleger der Burgen in der Bedeutung des nachherigen Titels Komthur. Wie ſich Hermann Balk ſelbſt provisor ordinis in Pruscia nennt, ſo heißt Berlewin provi- sor in Culmine, Ludwig provisor in Quidin. Ueber die Burg Thorn war Hermann Balk wahrſcheinlich ſelbſt zugleich provisor; wir kennen wenigſtens noch keinen andern. 2) So ſcheint die von Dusburg P. III. c. I. 8. 9 erwähnte Verlegung der Burgen zu Thorn, Kulm und Marienwerder am natuͤr⸗ lichſten erklaͤrt werden zu muͤſſen.
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Die Kulmiſche Handfeſte. 237 ger Zeitrechnung im Anfange des Jahres 1233, nach der un⸗ ſerigen dagegen in den letzten Tagen des Jahres 1232 zu Thorn ) verliehen ward im Beiſeyn der Ordensritter Poppo von Oſterna, Albrechts von Langenberg, des Marſchalls Dies terich von Bernheim, der beiden Pfleger Berlewin von Kulm und Ludwig von Quidin, ferner des Burggrafen Burchard von Magdeburg, der Ritter Johannes von Pach, Friederich von Scherweſt oder Zerbſt, Bernhards von Kamenz 2) und mehrer andrer Perſonen. 0 1) Das Datum dieſer berühmten Urkunde iſt: Thorun anno in- carnat. domin. Millesimo ducentesimo tricesimo tercio, quinto Calendas Januarii. Man hat bisher ganz allgemein angenommen, dieſes Datum bedeute den 28. Decemb. 1233, da man meinte, den an⸗ gegebenen Tag quinto Calend. Januar. nach unſerer Zeitrechnung in das Jahr 1233 verſetzen zu muͤſſen. Allein es bezeichnet jenes Datum den 28. Decemb. des Jahres 1232. Folgendes ſind hiezu die Gruͤnde: 1. Folgte der Orden der damals ſchon faſt allgemein uͤblichen Sitte, das Jahr mit dem angenommenen Tage der Geburt Chriſti, alſo mit dem 25. Decemb. anzufangen. Die Urkunde wurde alſo gegeben am dritten Tage (28. Dec.) nach dem Neujahr des Jahres 1233 nach da⸗ maliger Zeitrechnung, nach unſerer heutigen Zaͤhlung aber am 28. De⸗ cemb. des Jahres 1232. Es beſtaͤtigt ſich dieſes 2. auch durch die An: gabe der Zeugen. Der Burggraf von Magdeburg war nach Angabe der Quellen im Jahre 1232 nach Preuſſen gekommen. Sein Aufent⸗ halt dauerte aber nach Dusdurg P. III. c. 9 nur ein Jahr. Er blieb demnach in Preuſſen nur bis zum Fruͤhling oder Sommer des Jahres 1233 und fuͤr eine ſpaͤtere Anweſenheit fehlt es an allen Beweiſen. Ohnedieß wuͤrde auch der im J. 1233 erfolgte Tod des Erz⸗ biſchofs Adalbert von Magdeburg ihm einen laͤngern Aufenthalt ſchwer⸗ lich erlaubt haben. Nun war aber Burchard bei der Ausſtellung der Urkunde gegenwaͤrtig und es kann alſo dieſe nicht am 28. Decemb. 1233, ſondern muß 1232 erfolgt ſeyn. 3. Wird es bei dieſer Annahme auch begreiflich, warum nur Burchard, der Burggraf, und nicht auch die im Jahre 1233 in Preuſſen angekommenen und bei Dusdurg P. III. c. 10 genannten Fuͤrſten als Zeugen angegeben find. Wäre die Urkunde wirklich erſt am 28. Decemb. 1233 gegeben, ſo waͤre es doch ſonderbar, daß von jenen Fuͤrſten nicht ein einziger als Zeuge bei der fo Außerft wichtigen Urkunde genannt iſt. 2) Dieſes waren Ritter, die den Burggrafen von Magdeburg bes gleitet hatten. Die Familie von Pach oder Pak kommt damals in den
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238 Die Kulmiſche Handfeſte. Kraft dieſer Verleihung erhielten die Staͤdte Thorn und Kulm vor allem das Recht, daß ihre Buͤrger alljaͤhrlich ſich ihre Richter oder obrigkeitlichen Perſonen aus ihrer Mitte ſelbſt ermählen durften und der Orden ſolche nur genehmigte, ſofern fie dem Verlangen der Gemeinde und dem Intereſſe des Or⸗ dens entſprachen. Dieſen Richtern wurden als Einkommen der dritte Theil der Gerichtsſtrafen von ſchweren Verbrechen und von geringeren Vergehungen die geſammten, feſtbeſtimmten Strafgelder zugewieſen. Beiden Städten wurden ihre Stadt⸗ bezirke und ihr ſtädtiſches Landeigenthum genau beſtimmt und freies Jagdrecht und freier Fiſchfang darin zugeſtanden, doch mit gewiſſen Vorbehalten, beſonders auf dem Weichſel-Stro⸗ me in Ruͤckſicht ſeiner Inſeln und des Biberfanges. Auch das Recht der Ueberfahrt über jenen Strom ward einer nähe: ren Beſtimmung unterworfen. Die Bürger und Lehnsleute der beiden Staͤdte bekamen das Recht der Faͤhre uͤber die Weichſel ?). In Gerichtsſachen wurde beiden Städten als Regel des Verfahrens das Magdeburgiſche Recht verliehen; dieß ohne Zweifel deshalb, weil die meiſten Bewohner Deutſche aus der Naͤhe von Magdeburg und alſo an dieſes Recht bereits gewöhnt waren. Die in dieſem Rechte feſtgeſetzten Geldbußen die Gegenden von Magdeburg betreffenden Urkunden haͤufig vor; ſ. Schul- tes Direct. T. II. p. 692. Nachricht vom Geſchlechte der Schlieben Beil. Nr. 4. Johannes von Pak wird ſchon im J. 1216 bei Schultes ib. p. 510 genannt und bei Ladewig Reliqu. Mscr. T. I. p. 49 wird er mit feinem Bruder Ulrich in einer Urkunde vom J. 1234 erwähnt. — Friederich von Zerbſt hatte zwei Bruͤder Richard und Heinrich. Bei ‚Schultes 1. c. p. 400 wird fein Name Scerewist geſchrieben in einer Urkunde vom J. 1214 — Bernhard von Kamenz finden wir in einer Urkunde vom Jahre 1228 bei Schultes I. c. p. 649. 1) Dieſes Recht erlitt ſpaͤterhin bei der Erneuerung der Handfeſte durch Eberhard von Seyn eine Veraͤnderung. Die Buͤrger und Lehns⸗ leute der beiden Staͤdte traten das bisher gehabte Recht auf die Fähre in der Weichſel an den Orden ab, doch alſo, daß dieſer die Fähre fuͤr jede mogliche Summe an Bürger aus den beiden Städten verpachten oder verkaufen ſolle. Der Faͤhrlohn war nach beſtimmten Geſetzen geregelt.
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Die Kulmiſche Handfeſte. 239 wurden jedoch bis zur Hälfte gemindert und zugleich verord⸗ net, daß wenn irgend bei der Anwendung dieſes Rechts uͤber einzelne Punkte Zweifel entſtehe, daruͤber bei den Richtern in Kulm um Rath gefragt werden ſolle, weil dieſe Stadt im ganzen Kulmerlande fuͤr die Hauptſtadt gelten ſollte. Der Orden verſprach, in den beiden Städten keine Haͤu— ſer anzukaufen und ſolche, die ihm von den Buͤrgern etwa als fromme Gabe zugewieſen wuͤrden, zu keinen andern Zwe⸗ cken umzubauen, als wozu ſie von den Buͤrgern ſelbſt errich⸗ tet ſeyen; dabei aber auch zugleich alle Leiſtungen und Ver⸗ pflichtungen zu uͤbernehmen, zu welchen andere in Ruͤckſicht ihrer Haͤuſer verbunden ſeyen. Doch ſollten in dieſe Beſtim⸗ mungen die Befeſtigungen, die der Orden bereits in den Staͤdten hatte, keineswegs mit eingeſchloſſen ſeyn. Die beiden Pfarrkirchen zu Kulm und Thorn begabte der Orden jegliche mit vier Huben Landes in der Naͤhe der Städte und verſprach, einer jeden noch vierzig Huben anzu⸗ weiſen. Ueber beide aber behielt ſich der Orden das Patro⸗ natrecht vor, um ſie ſtets mit geſchickten Geiſtlichen zu ver⸗ ſorgen. Ferner ſprach der Orden die Buͤrger frei von allem un⸗ gerechten Geſchoſſe, von erzwungenen Bewirthungen und an⸗ dern nicht gebuͤhrlichen Abgaben, und dehnte dieſe Befreiung auch zugleich auf alle ihre Beſitzungen aus. Den Bürgern uͤberließ der Orden ihre Güter auf Flaͤ⸗ miſches Erbrecht ), alfo daß fie und ihre Erben beides Ge⸗ ſchlechtes ihre Beſitzungen mit allen Einkuͤnften fuͤr immer frei behalten ſollten; doch eignete ſich der Orden in dieſen Guͤ⸗ tern das Eigenthumsrecht auf alle Seen, auf den Biberfang, auf Salz, Gold, Silber und jedes andere Metall mit Aus⸗ nahme des Eiſens, in der Art zu, daß bei Auffindung dieſer Metalle das Freibergiſche und Schleſiſche Recht in Anwendung treten ſolle. Ferner wurde fuͤr dieſe Guͤter auch das Recht 1) S. Schweikart über die in Oſt- und Weſtpreuſſen geltenden Rechte S. 18.
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240 Die Kulmiſche Handfeſte. des Fiſchfanges, des Muͤhlenbaues auf den Fluͤſſen und der Jagd nach beſondern Beſtimmungen feſtgeſtellt. Von jedem erlegten Wilde, mit Ausnahme von Baͤren, Schweinen und Rehbocken, ſollte der rechte Vorderbug an das naͤchſte Ordens⸗ haus geliefert werden. Die Buͤrger erhielten das Freirecht, die vom Orden er⸗ haltenen Guͤter wieder zu verkaufen, jedoch nur an ſolche, die des Landes und des Ordens Vortheile gehoͤrig entſprechen koͤnnten und nur in der Art, daß der Kaͤufer die erkauften Guͤter aus der Hand der Ordensritter empfange und dem Orden zu derſelbigen Leiſtung und demſelbigen Dienſte ver⸗ pflichtet bleibe, wie der bisherige Beſitzer ſie demſelben ge⸗ than. Es ward auch ferner vom Orden zugegeben, daß ein Bürger im Drange der Noth fein Allode oder aufs hoͤchſte zehn Huben von ſeinen andern Guͤtern trennen und verkaufen koͤnne; er ſollte dann aber fuͤr den noch uͤbrigen Theil zu der naͤmlichen Leiſtung und dem naͤmlichen Dienſte verbunden blei⸗ ben, als er fuͤr das Ganze gethan. Der Kaͤufer des Allode aber oder der zehn Huben ſollte in Ruͤckſicht des erworbenen Beſitzes dem Orden zur Kriegsfolge mit einer Platenruͤſtung und andern leichten Waffen nebſt einem der Ruͤſtung ange⸗ meſſenen Roſſe verpfüchtet ſeyn. Es ſollte jedoch keiner von den vom Orden ſo eben mit einem Erbe Begabten mehr als noch Ein Erbe kaufen konnen. Der auf den ausgethanen Guͤtern ruhende Kriegsdienſt ward nach folgenden Beſtimmungen geordnet und geregelt. Wer vierzig Huben oder mehr vom Orden erworben, ſollte mit voller Waffenruͤſtung, einem bedeckten und der Ruͤſtung angemeſſenen Roſſe und wenigſtens mit zwei andern Reitern dem Orden zum Kriegsdienſte verpflichtet ſeyn; wer aber ge⸗ ringeres Beſitzthum habe, ſollte nur mit einer Plate oder an⸗ dern leichten Waffen, nebſt einem dazu paßlichen Roſſe dem Orden zur Kriegsfolge gegen die Preuſſen und alle, die des Kulmerlandes Ruhe und Sicherheit ſtoͤrten, verbunden ſeyn, ſo oft der Orden dazu aufrufe. Sobald aber die Pomeſanier im Kulmerlande nicht mehr zu fuͤrchten ſeyen, ſollte die Ver⸗
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Die Kulmiſche Handfeſte. 241 pflichtung der Bürger zum Heeresdienſte fofort aufhoͤren. Doch zur Vertheidigung des Landes zwiſchen der Weichſel, der Oſſa und der Drewenz gegen alle Ruheſtoͤrer ſollten ſie ſtets dem Orden zum Heeresdienſte Folge leiſten. In Betreff der an den Orden zu leiſtenden Abgabe ward verordnet, daß ein jeglicher, der von demſelben ein Erbe hatte, ihm dafuͤr einen Koͤlniſchen Pfennig oder ſtatt deſſen fünf Kulmiſche Pfennige nebſt zwei Markgewichten Wachs entrichte zur Anerkennung der Oberherrſchaft und zum Zeichen, daß er feine Güter vom Orden habe und deſſen Gerichtsbarkeit un— terworfen ſey. Dafür verhieß ihm der Orden allen möglichen Schutz in Faͤllen, wo er Unrecht leide. Zur Entrichtung je⸗ ner Leiſtung wurden beſtimmte Friſten geſtellt und fuͤr Unter⸗ laſſung und Verſaͤumniß der Leiſtung die noͤthigen Strafen angeordnet. Wer auf Heerfahrten dem Orden den ſchuldigen Heeres dienſt nicht leiſte und nicht perfönlic) gegenwaͤrtig ſey, auf deſſen Guͤter ſolle der Vorſteher des Landes einen andern an ſeine Stelle ſetzen, auf daß der Orden an ſeinem Rechte nicht Schaden erleide. Es ward ferner feſtgeſtellt, daß von den Guͤtern der Buͤrger auf jeden Deutſchen Pflug ein Scheffel Weizen und ein Scheffel Roggen nach Leßlauiſchem Maaße, welchem das Kulmiſche gleichgeſtellt war, und von jedem Polniſchen Pfluge oder Haken ein Scheffel Weizen jaͤhrlich an den Biſchof des Sprengels als Zehnten geliefert werde. Sofern jedoch der Bi⸗ ſchof die Buͤrger noch zu andern Zehnten nöthigen werde, wolle der Orden ſie hiebei zu vertreten verpflichtet ſeyn. Endlich ward auch angeordnet, daß die Kulmiſche Muͤnze im ganzen Lande geltend ſeyn, die Denare aus reinem Sil⸗ ber geſchlagen und ſtets in dem Werthe erhalten werden ſollten, daß ſechzig Schillinge eine Mark woͤgen. Es ſollte dieſe Muͤnze nur einmal im Ablaufe von zehn Jahren erneuert werden. Im Hubenmaaße ſollte die Art der Flaͤmiſchen Be⸗ ſtimmung beobachtet werden. Das ganze Land aber ſollte frei ſeyn von aller erzwungenen Zollerhebung. Dieſes iſt im Weſentlichen der Hauptinhalt der ſ. g. II. 16
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242 Die Kulmiſche Handfeſte. Kulmiſchen Handfeſte ). Sie iſt in aller Hinſicht im Fort⸗ gange des Volkslebens in Preuſſen von hoͤchſter Wichtigkeit geworden. Sie war der erſte Laut, welchen der auch nun in dieſem Lande durch den Orden eingeheimte Deutſche Geiſt hier im Norden wieder vernehmen ließ, die erſte Pflanze, die auf dem fuͤr Deutſche Bildung, Deutſches Geſetz, Deutſche Art und Geſinnung beſtimmten Boden angeflanzt ward. Von Deutſchen entworfen und verliehen, im Deutſchen Geiſte ge⸗ dacht und verfaßt, auf Deutſche Sitte und Deutſches Geſetz beftändig hinweiſend, für Deutſche Bürger zur Ordnung und Feſtſtellung eines Deutſchbuͤrgerlichen Lebens gegeben und fuͤr Deutſche Art und Sitte berechnet, mußte ſie in aller Weiſe aͤußerſt wohlthaͤtig und folgenreich auf die Verbreitung und Einheimung des Deutſchen Geiſtes uͤberhaupt, wie insbeſon⸗ dere auch auf die Ausbildung eines Deutſchen Buͤrgerthums und aller ſtaͤdtiſchen Verhaͤltniſſe in Deutſcher Weiſe einwir⸗ ken. Und fie wirkte in der Folge der Zeit um fo eingreifen⸗ der ins ganze Leben des Volkes und um ſo allgemeiner, da ihre erſte und naͤchſte Beziehung auf das Kulmerland bald er⸗ weitert und auf die meiſten Staͤdte und Gebiete ganz Preuſ⸗ ſens ausgedehnt wurde, da ſie bald als ein Hauptgrundge⸗ ſetz galt, nach welchem faſt uͤberall das Leben geordnet, Sitte und Regel beſtimmt, Freiheit und Gehorſam feſtgeſtellt, Rechte und Pflichten, Gaben und Leiſtungen geltend gemacht wur⸗ den, da ſie die Hauptquelle war, aus welcher das nachmals fo berühmt gewordene Kulmiſche Recht hervorgegangen iſt 5). Darum enthaͤlt gewiß dieſe erſte Urkunde, durch welche der Orden das aufbluͤhende Deutſche Leben in Preuſſens Landſchaf⸗ ten begruͤndete, eine eben ſo erfreuliche und erhebende, als ge⸗ ſchichtlich wichtige und hohe Bedeutung. 1) Die Kulmiſche Handfeſte iſt ſchon oft gedruckt. Vollſtaͤndige Li: teräriſche Nachweiſungen hierüber findet man bei Schweikart Ueber die in Oft: und Weſtpreuſſen geltenden Rechte, beſonders Über das Kulmiſche und Magdeburgiſche Recht S. 14; auch in den Jahrbuch. der Preuſſ. Geſetzgebung H. 52. 2) Schweikart a. a. O. S. 19 — 20.
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Ein neues Kreuzheer in Preuffen. 243 Kreuz und Schwert aber ſollten der Verbreitung des Deutſchen Lebens die Bahn brechen durch Erdruͤckung des dun⸗ kelen Heidenthums und fuͤr die edlere Anpflanzung den wild⸗ verwachſenen Boden ſaͤubern, auf dem das Unkraut des Goͤ⸗ tzendienſtes im Schatten der heiligen Eichen ſo maͤchtige Wur⸗ zeln geſchlagen. Und bald nachdem auf jene Weiſe das buͤr⸗ gerliche Leben im Kulmerlande geordnet war, erſchienen in dieſem neue bedeutende Heerhaufen von Kreuzbruͤdern. Aus Schleſien zog heran Herzog Heinrich von Breslau an der Spitze von dreitauſend Streitern, vom Herzoge Conrad von Maſovien noch beſonders zur Beihuͤlfe herzugerufen ). Her⸗ zog Conrad ſelbſt führte eine Schaar von viertausend, und fein Sohn Herzog Caſimir von Cujavien einen Heerhaufen von zweitauſend Mann herbei. Zweitauſend und zweihundert Krie⸗ ger geleitete Herzog Wladislaus von Großpolen, des Herzogs Otto von Gneſen Sohn, und aus Pommern erſchienen die beiden Bruͤder Herzog Suantepolc und Sambor mit einer Schaar von fuͤnſtauſend 2), alſo daß mit dem Heerhaufen des Burggrafen von Magdeburg, der noch zur Zeit bei Kulm lagerte, ein Heerhaufen von mehr als zwanzigtauſend Streitern zum Kampfe bereit ſtand. Die alten Fehden, in welchen 1) Die Quellen ſtimmen uͤber Herzog Heinrich von Breslau nicht ganz überein. Dus urg P. III. c. 10 meint, es ſey geweſen de Wratislavia Dux Heinricus, quem Tartari postea occiderunt. Dieß war Herzog Heinrich der Zweite oder der Fromme, welcher im Jahre 1241 in der Schlacht gegen die Tartaren blieb, ein Sohn Hein⸗ richs I. mit dem Barte; dieſen nennt auch Dlug oss. T. I. p. 651 als Huͤlfsgenoſſen des Ordens. Dagegen aber ſagt Boguphal p. 59: Cunradus Henricum cum barba nepotem suum ducem Slesiae in sui adjutorium evocavit, und dieſes war Heinrich der Erſte, Ge: mahl der heil. Hedwig, der ſich auch Herzog von Polen nannte. Hoͤchſt wahrſcheinlich war es dieſer letztere, welcher dem Orden zu Huͤlfe kam. Dafür ſprechen auch Lucas David B. II. S. 70. Kantzow B. I. S. 236. Schütz p. 19 verwechſelt ihn mit dem ſpaͤter kom⸗ menden Markgrafen von Meißen. 2) Dusburg P. III. c. 10. Lucas David B. II. S. 70 giebt die oben angefuͤhrte Starke der Heerhaufen an. Chron. Oliv. p. 22. Kantzow B. I. S. 236. 16 *
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244 Gründung der Stadt Marienwerder. mehre dieſer Fuͤrſten ſeit Jahren gegen einander geſtanden, Herzog Suantepolc fuͤr ſeinen Schweſtermann Wladislaus von Großpolen wider Herzog Heinrich von Breslau gekaͤmpft und dieſer wieder mit Herzog Comad von Mafovien blutige Kaͤmpfe geführt hatte n), waren beigelegt und der Groll un⸗ ter dem Zeichen des Kreuzes vergeſſen. Auch ſtand unter den Kriegsbannern dieſer Fuͤrſten eine bedeutende Anzahl von ta⸗ pfern und edlen Rittern, die in den Landgebieten zwiſchen der Oder und Weichſel und vom Bober-Fluffe bis an die Netze ihre Heimath hatten ?). Vor allem wichtig war fuͤr die naͤchſte Unternehmung gegen das Volk der Pomeſanier der Herzoge von Pommern eifrige Theilnahme an dem Kreuzzuge; denn eines Theils war unter den uͤbrigen Fuͤrſten und Heerfuͤhrern, außer Conrad von Maſovien, keiner mit der Preuſſen Lebensweiſe und Sitte, mit ihres Landes Beſchaffenheit und ihrer Art der Kriegsfuͤh⸗ rung ſo genau bekannt, als Herzog Suantepolc und ſein Bru⸗ der; andern Theils aber bot auch ihr nahe gelegenes Land am linken Ufer der Weichſel einen eben ſo leichten und bequemen Eintritt dar in das feindliche Gebiet am rechten Weichſelufer, als dorther fuͤr des Heeres Unterhaltung ſichere Zufuhr offen ſtand. Dieß ohne Zweifel bewog auch nach Berathung mit den Fuͤrſten des Kreuzheeres den Landmeiſter Hermann Balk, nicht ſogleich zum Kampfe zu eilen, ſondern zuvor mit Suan⸗ tepolcs und ſeines Bruders Unterſtuͤtzung und unter dem Schutze eines großen Theiles des Kreuzheeres die Burg Marienwerder ſtaͤrker zu befeſtigen und unter ihren Mauern die erſten Anla⸗ gen zum Anbau einer Stadt zu gruͤnden ). Damit ging ein Theil des Sommers 1233 hin ). 1) Boguphal p. 57 — 38. Kantzow B. I. S. 230 — 231. 2) Dusdurg L. III. c. 10. e 3) Dusburg Il. c. Lucas David B. II. S. 71. 4) Lucas David a. a. O. ſagt freilich, daß. die Ankunft des Kreuzheeres ungefähr nach Simonis und Juda, alſo erſt im Aus⸗ gange des Octobers erfolgt ſey, es widerſtreiten aber dieſer Angabe die paͤpſtlichen Bullen, deren in den nächften Anmerkungen Erwähnung geſchieht.
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Truͤgeriſches Verfahren der Preuſſen. 245 Die Preuſſen aber wurden erſchreckt durch die Stärke der Kriegsmacht, die an ihren Graͤnzen ſtand, durch die Kuͤhnheit, mit welcher die Burg Marienwerder ſchon auf dem Boden ihres Gebietes gegruͤndet und bedeutend befeſtigt wor⸗ den war, und durch den gebieteriſchen Ernſt, mit welchem ih⸗ nen von den Fuͤrſten und den Gebietern des Kreuzheeres be⸗ gegnet und gedroht ward. Vielleicht nicht ganz unbekannt mit der Verpflichtung der Kreuzfahrer nur fuͤr den Kriegs⸗ dienſt auf die Friſt eines Jahres, durften ſie die Hoffnung faſſen, durch ein fuͤr die Annahme des Chriſtenthums guͤnſtig ſcheinendes Verſprechen jene gefaͤhrliche Kriegsmacht aus ihrer Naͤhe bald entfernt und in ſolcher Art ihr Land von dem drohenden Sturme wieder befreit zu ſehen. Sie entſandten alſo eine Anzahl ihrer Edlen und einige ihrer Prieſter in das chriſtliche Heer mit dem Erbieten, daß das Volk keinen Kampf mit den chriſtlichen Kriegern beginnen wolle, ſondern gern die chriſtliche Taufe empfangen werde. Man traute dieſem Vorgeben und der Biſchof Chriſtian begab ſich unter dem Schutze einer Anzahl ruͤſtiger Kriegs⸗ leute ins Gebiet der Pomeſanier, um zu predigen und zu taufen. Allein in wenigen Tagen ſchon ward die den Bi⸗ ſchof begleitende Mannſchaft plotzlich überfallen, bis auf den Letzten niedergemacht und der Biſchof ſelbſt in Gefangenſchaft hinweggefuͤhrt ). Es geſchah dieſe That, wie es ſcheint, von 1) Wir erſehen dieſes truͤgeriſche Verfahren der Preuſſen aus ei⸗ ner Bulle des Papſtes an den Prediger-Orden, worin er zuerſt den Orden in feinem Verdienſte ruͤhmt: Dilecti filii fratres hospitalis S. M. Th. in Pruscie parlibus fidei negocium magnanimiter sssumenies in tantum ſidelium suffulti swbsidio per Christi graciam profecerunt, quod Prutenis eisdem fugae lerga dan- tibus locorum incolis vicinorum in pace respirant el requie, qui sub illorum tunsionibus el pressuris cogebantur sepius ex- pirare. Quid ultra? operanie gracia creatoris usque ad illo- rum flumina jam suos extendit palmites religio christiana, constructis ibi municionibus, per quas hosiium adversitati re- sistitur et ſidelium prosperitas procuratur. Dann fährt er fort: Unde fit, quod cum preſati Pruteni deinencie spiritu concjtati
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246 Zwieſpalt im Kreuzheere. einem Volkshaufen, der mit dem Plane der Vornehmeren der Pomeſanier nicht bekannt ſeyn mochte; doch beweiſet die lange Gefangenſchaft des Biſchofs, daß dieſer wortbruͤchige Schritt auch von den Haͤuptern des heidniſchen Volkes nicht ganz ge⸗ mißbilligt wurde. Des Biſchofs Befreiung aus den Händen der Heiden haͤtte nun freilich fuͤr die Kreuzfahrer eine neue Aufforderung ſeyn muͤſſen, ſogleich ins Land der Feinde ein⸗ zubrechen; allein es ſtanden mancherlei Hinderniſſe dieſem Plane entgegen. Zuerſt war der Zwieſpalt und die uneinige Geſinnung zwiſchen dem Biſchofe und dem Orden immer hoͤ⸗ her geſtiegen, je entſchiedener jeder von beiden ſeinen eigenen Wuͤnſchen und Beſtrebungen nachging. Chriſtian ward von dem Gedanken geleitet, daß da, wo das Wort feiner Predigt und das Zeichen ſeiner Taufe das Land und Volk fuͤr die Kirche gewinne, auch nur die Kirche, auch nur er als Biſchof, nicht aber des Ordens Schwert und Machtgebot herrſchen dürften. Für dieſen Gedanken war von dem Biſchofe auch ein Theil der Kreuzfahrer gewonnen, der mehr den Planen des Biſchofs, als den Rathſchlaͤgen und Entwuͤrfen des Or⸗ dens folgte, und ſo herrſchte auch ſelbſt im Heere der Kreuz⸗ bruͤder eine gewiſſe Spannung, eine Zweideutigkeit und Par⸗ teilichkeit ), die es zu keiner beſtimmten und feſten Entſchei⸗ dung kommen ließ. Dies war ohne Zweifel der Hauptgrund, daß das Kreuzheer lange Zeit faſt ganz unthaͤtig im Kulmer⸗ lande lag. Andern Theils war freilich auch die Sommerzeit triumphanti christi milicie solitam resistendi non babeant fa- cultatem, querentes fraudibus assequi, quod eorum nequit vi- ribus oblineri, ad exquisitas fallacias ingenia convertentes, baptizari postulant, ut racione similitudinis non vitati, renalos fonte baptismatis liberius impetant et confringant. Cf. Ray- nald. an. 1233 Nro. 58. Dieſes deutet auch die Nachricht bei Lu⸗ cas David B. II. S. 74 an, und es wäre wohl zu glauben, daß der dort genannte Prieſter Darsgaito der Landes-Griwe Pomeſaniens geweſen ſey. Vgl. auch die Bulle des Papſtes bei Kotzebue B. I. S. 457. Acta Boruss. B. I. S. 431. 1) Wir ſehen dieſes aus einer ſogleich naͤher erwaͤhnten Bulle des Papſtes Gregorius.
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Zwieſpalt im Kreuzheere. 247 bei des Landes damaliger Beſchaffenheit, beſonders zwiſchen dem Kulmerlande und Pomeſanien, wie fruͤher ſchon erwaͤhnt worden ), keineswegs zur Kriegsfuͤhrung guͤnſtig, weil das dortige Sumpfland den Anzug eines großen Heeres nach Po⸗ meſanien hoͤchſt gefahrvoll, ja faſt unmöglich machte 2). Nicht minder bedenklich aber waͤre ein Einfall ins oͤſtlich liegende Galinderland oder in Pogeſanien geweſen, weil dann die Landſchaft Kulm, ihres Schutzes entbloͤßt, dem verheerenden Ueberfalle der Pomeſanier offen geſtanden haͤtte. Vor allem ſchien es auch nothwendig, zuerſt das rechte Uferland des Weichſel⸗Stromes zu gewinnen, weil dieſes das weitere Ein⸗ dringen ins Land in jeder Hinſicht bedeutend erleichtern mußte. Mittlerweile aber waren dem Papſte Gregorius mancher⸗ lei Berichte uͤber dieſe Ereigniſſe und Verhaͤltniſſe zugekom⸗ men ). Es ſchmerzte ihn des Biſchofs Chriſtian Gefangen- ſchaft, aber nicht minder auch der Mangel an Einigkeit und friedlichem Zuſammenwirken im chriſtlichen Heere. Daher erließ er an einem Tage drei Bullen zur Foͤrderung der chriſtlichen Sache in Preuſſen. In der einen wandte er ſich an das in Preuſſen befindliche Kreuzheer ſelbſt ), daſſelbe erinnernd, welcher Lohn in den Freuden der Unſterblichkeit ſolche einſt er⸗ warte, die unter dem Schutze der Hand des Herrn den Ruhm des Triumphes des Evangeliums erwuͤrben, und welche gna⸗ denreiche Vergebung der Suͤnden denen verheißen ſey, die mit ſtandhafter Tapferkeit das uͤbernommene Werk des ewigen Koͤniges in ſo lebendigem Eifer vollendeten, daß der Preuſſen wilder Geiſt auf immer darniedergedruͤckt und gebrochen nie wieder emporſtreben koͤnne. Dann ermahnte aber auch der 1) Vgl. was im erſten Bande bei dem Kriegszuge des Poln. Rö: niges Boleslaus im J. 1161 über dieſe Gegend geſagt iſt. 2) Kadlubeck L. III. ep. 31 p. 375. Boguphal p. 44. 3) „Accepimus ex litteris ei relatibus diversorum““ ſagt er in der Bulle bei Kotzebue B. I. S. 456. 4) „Universis christi fidelibus exercitus ehristiani contra Prutenorum perfidiam constituti. “
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248 Päpſtliche Ermahnungen. Papſt das chriftliche Heer zum gegenſeitigen Vertrauen, zur Einigkeit in ſeinen Entwuͤrfen und zur Folgſamkeit in den Anordnungen des Landmeiſters und der Deutſchen Ordens⸗ bruͤder zur Unterwerfung des heidniſchen Volkes, damit der Feind durch ſeine truͤgeriſche Liſt das begonnene Werk nicht zu vernichten vermoͤge ). Eine andere Bulle richtete der Papſt an die Brüder des Prediger⸗Ordens in Preuffen, fie zur Be⸗ hutſamkeit ermahnend und zur Vorſicht in der Annahme der Preuſſen zum Empfange der kirchlichen Sacramente, weil die Erfahrung bewieſen, daß das Volk, den Wunſch der Taufe als Liſt und Betrug gebrauchend, den Chriſten nur Verderben bereite ). Dann muntert er fie auf, nicht bloß ſelbſt in ih⸗ rem Werke mit Eifer und muthigem Vertrauen als getreue Waͤchter in des Evangeliums und des Kreuzes Verkuͤndigung fortzufahren, ſondern auch das chriſtliche Heer in Preuſſen zur Unterwerfung und Demuͤthigung der Unglaͤubigen emſig aufzufordern und die Fuͤrſten und Fuͤhrer zu ermahnen, den Ordensrittern in ihren Planen und Rathſchlaͤgen überall 1) Daß der Papſt den zwieſpaͤttigen Geiſt im Kreuzheere wohl kannte, geht aus den Worten der Bulle hervor: Celerum cum in desideriis habeamus, ut vokis una sit ſides mencium et pieta- tis accionum, devocioni vestre digne dusimus suadendum, ut inter vos mutuam caritatem habentes semper unanimes existlatis solliciti ad depressionem barbare nacionis secundum consilia dilectorum ſiliorum, Preceptoris et fratrum Hospitalis S. VI. Th., quos in Pruscie partibus ad reddendum suis hostibus ul- cionem forlis et potens dominus deputavit, ita communiter vola vestra dirigere, quod solilis et exquisitis fallaciis labo- rem veslrum nequcat Prulenorum perfidia vacuare. Die Bulle befindet ſich im Original im geh. Archive Schiebl. II. 29 und iſt da⸗ tirt: Anagnie Non. Octobr. P. n. an. VII. (7. Octob. 1233). Ihrer erwähnt auch Ray nald. J. c. 2) „Omne studium et sollicitudinem habeatis, quod in suscipiendis Prutenis ad ecclesiastica sacramenta, que ipsi solo fallendi pretextu diebus quesisse preteritis et presentibus querere convincuntur, cautela tam diligens observetur, ut lu- cis filios sibi non statuant in derisum et fidelibus non indu cant perniciem, que salvator ipsis disposuit ad salutem. “
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Paͤpſtliche Ermahnungen. 249 Folge zu leiſten, damit die zum Lobe Gottes verjamunelte Kriegerſchaar nicht dem Anſturme der wilden Heiden erliege und der Triumph des Glaubens verloren gehe ). Dieſelbige Ermunterung ſprach der Papſt endlich auch an den geſammten Orden der Predigerbruͤder zur Belebung ſeines Eifers noch in einer beſondern Bulle aus, mit dem Auftrage, auch ferner⸗ hin die Kreuzpredigt zum Beſten des Deutſchen Ordens in Preuſſen mit aller Thaͤtigkeit zu betreiben 2). Auch zur Befreiung des Biſchofs Chriſtian aus den Haͤn⸗ den der Heiden erließ der Papſt an den Orden die dringend⸗ ſten Ermahnungen. Wie lange dieſer ſein trauriges Schickſal tragen mußte, ob nicht mehrmals Verſuche zu ſeiner Rettung geſchehen ſind und ob uͤberhaupt auch der Meiſter Hermann von Salza, der jetzt immer noch in Reichsverhaͤltniſſen be⸗ ſchaͤftigt meiſt am Kaiſerhofe lebte, nicht wirkſam in die An⸗ gelegenheiten ſeines Ordens in Preuſſen eingegriffen habe, daruͤber laſſen die duͤrſtigen Quellen der Geſchichte dieſer Zeit faſt alles dunkel. Gewiß iſt aber, daß der Papſt den Zwiſt zwiſchen dem Biſchofe und dem Orden, die Quelle fo man⸗ ches Unheils, bald in einer andern Weiſe auszugleichen beab⸗ ſichtigte, und nicht minder gewiß, daß die paͤpſtlichen Ermah⸗ nungen an das Kreuzheer in Preuſſen nicht ohne bedeutende Wirkungen blieben. Bald naͤmlich nach der Ankunft der paͤpſtlichen Ermun⸗ terungsſchreiben brach der Winter ein. Starke Kälte machte das Sumpfland nach Pomeſanien hinab überall gangbar 3) und es zog nun gegen den Anfang des Jahres 1234 das ges 1) Die Bulle im Original im geh. Archive Schiebl. II. 27 iſt da⸗ lirt: Anagnie Non, Octob. p, n. an. VII. (7. Octbr. 1233), ab: gedruckt (wiewohl nicht ganz fehlerfrei) bei Kotzebue B. I. S. 456 — 458. Auch Nau nald. an. 1233 Nro, 58 erwoͤhnt ihrer. 2) Die Bulle im Original im geh. Archive Schiebl. II. 25 von dem nämlichen Datum und mit der vorigen Bulle größten Theils gleichlautend. 3) Dusdurg P. III. c. II. „omnia gelu intensissimo in- durata.“ Chron. Oliv. p. 22.
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250 Einbruch in Pomefanien. ſammte Kreuzheer, jedoch ohne den Burggrafen von Magde⸗ burg, der nach Deutſchland heimgekehrt war, mit neuerweck⸗ tem Muthe gegen des Feindes Graͤnze hin. Schon im Ge⸗ biete Reſen, wo das tapfere und ſtreitluſtige Volk des Lan⸗ des den Einzug des chriſtlichen Heeres wehren wollte, kam es zum Kampſe. Doch hier ward die ſchwaͤchere Macht des Feindes bald überwältigt; nicht wenige wurden erſchlagen, an⸗ dere gefangen und das Land ringsumher ſchwer verwuͤſtet ). Da aber das chriſtliche Heer weiter in die Gebiete der Po⸗ meſanier einruͤckend am Fluſſe Sirgune, der jetzt die Sorge genannt wird, ins Land hinabzog, vernahm es plotzlich, daß nicht ferne von ihm ein maͤchtiges feindliches Heer bereit ſtehe, zur Wehr des Landes mit ihm den Kampf zu wagen. Fuͤr das Volk Pomeſaniens aber war es nicht bloß ein Kampf zur Vertheidigung von Haus und Herd, den es wagen wollte; die Goͤtter ſelbſt forderten ihre Verehrer zu ihrer und ihrer Heiligthuͤmer Rettung auf, denn an der Sirgune rechtem Ufer lag ein uralter Goͤtterſitz, ein heiliger Wald und ein heiliges Feld, von Goͤttern und Prieſtern zur Wohnung erwaͤhlt >), und an dem heiligen Walde war auf dem Berge Grewoſe wahrſcheinlich der Wohnort des Pomeſaniſchen Landes⸗Griwe. Hart an dem Eingange dieſes heiligen Waldes aber hatte ſich das maͤchtige Heer der Pomeſanier, dem chriſtlichen an Staͤrke weit uͤberlegen ), zum Kampfe aufgeſtellt, das Heiligthum zu verwahren und die nahen Goͤtter mit Blut und Leben zu vertheidigen. Der Aufenthalt der chriſtlichen Krieger im Ge⸗ biete von Reſen hatte den Pomeſaniern Zeit gelaſſen, eine zum Widerſtande und zur Schlacht guͤnſtige Stellung auszu⸗ waͤhlen, denn an der Seite ihres Heeres lag ein dichtes Ge⸗ I) Dusburg l. c. Chron. Oliv. I. c. Lucas David B. II. S. 71. 2) Davon iſt im erſten Bande der Beweis gegeben. 3) Invenerunt Pruthenorum magnum exercitum congrega- tum in armis et paratum jam ad proclium, fagt Dusburg P. III. c. 11. Schütz p. 19 bemerkt, daß das Heer der Pomeſanier dreimal ſtärker, aber ſchlechter geruͤſtet, als das chriſtliche geweſen ſey.
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Die Schlacht an der Sirgune. 251 buͤſch, durch welches, wenn draͤngende Gefahr zum Ruͤckzuge zwang, die Flucht aufs trefflichſte gedeckt ward. In ſolcher Weiſe fanden die chriſtlichen Fuͤrſten das Po⸗ meſaniſche Heer zur Schlacht bereit, als am Mittage der Streit begann. Es ward viel eingeſetzt in dieſem erſten gro. ßen Kampfe der Chriſten mit den Heiden. Fuͤr beide Heere galt es das Hoͤchſte und Heiligſte, was das Leben in ſich faſſet; es galt fuͤr beide den Glauben an das Goͤttliche. Zum erſtenmal ſollte dieſer Tag beweiſen, wer maͤchtiger im Leben wirke und walte, ob der Goͤttliche am Kreuze oder die ſchre⸗ ckenden Goͤtter in der ewig gruͤnenden Eiche. Beide waren den beiden ſtreitenden Heeren nahe. Darum war es ein furchtbarer Kampf, der zwiſchen den Preuſſen und dem Kreuz⸗ heere begonnen wurde. Mehre Stunden ſchwankte der Sieg bald hiehin, bald dorthin ), bis der Abend hereinbrach. Da raffte Suantepolc, der Pommern Herzog, mit ſeinem Bruder Sambor vereinigt und mit der Preuſſen Kriegsfuͤhrung ſchon aus früher Zeit bekannt, feinen Heerhaufen eiligſt zuſammen und gewann waͤhrend des fortdauernden Kampfes der Pomeſa⸗ nier mit dem uͤbrigen Kreuzheere jenes Gebuͤſch, welches dem Feinde zur Seite liegend auf die Deckung feiner Flucht berech⸗ net geweſen war 2). Von hier aus ſtuͤrmte nun plotzlich der Herzog auf das feindliche Heer auch ſeitwaͤrts ein und ſchnitt ihm alle Hoffnung der Rettung ab. So war es jetzt ein doppelter Kampf, den Pomeſaniens Heerſchaaren zu kaͤmpfen hatten. Er konnte nicht lange beſtanden werden; der Sieg 1) Schütz p. 19. 2) Dusburg P. III. c. I!: Dux Pomeraniae et Samborius ſrater eius ınagis experli iu bello Pruthenorum, vias circa in dagines cum suis armigeris occupaverunt, ne quis possel eva- dere. Chron. Olis. p. 22. Jeroſchin P. III. c. 11 uͤberſetzt: „Und vorhildin kegin yn N Die wege vor den hegenyn.“ Dieſes Gebuͤſches und eines Sees, Moſebruch genannt, erwähnt übrı: gens auch noch die Verſchreibung über Alt-Chriſtburg vom Jahre 1312. Das Gebuͤſch lag nach dieſer Angabe zwiſchen den beiden altpreuſſiſchen Dörfern Mortes und Sampol.
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252 Die Schlacht an der Sirgune. war den Heiden entriſſen; die Flucht ſchien unmoglich. Nun galt der Streit ſchon nicht mehr des Heiligthums Vertheidi⸗ gung, ſondern nur noch des Lebens Rettung und Daſeyn, und auch dieſes waͤre verloren geweſen, wenn nicht die einbrechende Nacht die blutige Schlacht geendigt und dem noch uͤbrigen Theile des Pomeſaniſchen Heeres den Ruͤckzug ins Innere der Landſchaft möglich gemacht haͤtte ). Es war ein großer Tag fuͤr Pomeſaniens folgendes Schickſal. Das Kreuz und der an ihm Geſtorbene hatten geſiegt, und welche freudige Zuverſicht lag fuͤr die Chriſten in dieſem Siege fuͤr jeglichen Kampf der Zukunft! Die Goͤtter im nahen heiligen Walde waren uͤber⸗ wunden; das Heiligthum war durch den chriſtlichen Fuß ent⸗ weiht und das Vertrauen der Heiden auf ihrer Götter Macht und Huͤlfe erſchuͤttert und gebrochen. Das alles wirkte gewiß maͤchtig auf den Geiſt des Volkes ein. Mehr als fuͤnftauſend Pomeſanier, die ſich fuͤr ihr Heiligthum ſtandhaft geopfert, lagen auf dem Kampfplage erſchlagen. Aber auch viertausend Chriſten hatte der Sieg gekoſtet 2). Und noch war der Kampf nicht völlig beendigt. Ein ſtarker Haufe der fluͤchtigen Pome⸗ ſanier warf ſich zur Nachtzeit in eine nahe gelegene Burg, 1) Der Verlauf der Schlacht wird in den Quellen verſchieden be⸗ richtet. Am wahrhafteſten, obwohl nur in wenigen Worten erzählt ihn Dusdurg 1. c. und nach ihm Lucas David B. II. S. 72. Was von dieſem Chroniſten aber weiterhin als nach neueren Scriben⸗ ten mitgetheilt wird, iſt aus Simon Grunau Tr. VII. c. 1 f. 1. und deſſen verwirrte Erzaͤhlung verdient keine Beruͤckſichtigung. Er iſt die erſte Quelle, welche eine Schlacht bei der Burg Slemmo oder Slomno, die im Kulmerlande lag, mit in den Kampf an der Sir⸗ gune hineinzieht. Schon Lucas David ſelbſt zweifelte an der Rich⸗ tigkeit der Grunauiſchen Darſtellung und gewiß mit allem Rechte. Die Ordens⸗Chronik erwähnt dieſer Schlacht gar nicht, wohl aber Kan: tzow B. I. S. 236. 2) Dusburg J. c. nur des feindlichen Verluſtes erwaͤhnend, ſagt: Ceeiderunt illo die ultra quinque millia interfecti. Dieſe Zahl hat auch Kantzow ua. a. O., Lucas David a. a. O. Schütz p. 19 läßt in der Hauptſchlacht 15,000 und dann noch bei der Burg Slemmo 5000 Pomeſanier erſchlagen werden. Aber auch das Chron. Oliv. p. 22 giebt nur 5000 gefallene Pomeſanier an.
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Die Schlacht an der Sirgune. 253 vielleicht um des Feindes weiteres Eindringen in Pomeſanien zu hindern oder das nahe Heiligthum noch mit der letzten Kraft zu ſchuͤtzen. Allein das Kreuzheer ſtuͤrmte am naͤchſten Morgen gegen die Burg an; es kam abermals zur Schlacht und ſie entſchied von neuem fuͤr die Chriſten, denn die Burg wurde erobert und die feindliche Mannſchaft zum größten Theile erſchlagen ). Die Gegend aber, wo jene Schlacht geſchlagen war, hieß lange Zeit nachher immer noch das Tod⸗ tenfeld ). e Der Siegesruhm des blutigen Tages gehoͤrte unbe⸗ zweifelt am meiſten dem Herzoge Suantepolc und ſeinem Bruder Sambor, denn ſie hatten die Entſcheidung gegeben. Der heldenmuͤthige Widerſtand des Pomeſaniſchen Volkes hatte jedoch den Fuͤrſten den Muth entnommen, weiter in die Land⸗ ſchaft Pomeſanien vorzudringen. Auch war in damaliger Zeit die dortige Gegend bis an den Drauſen-See hinab und hin⸗ uͤber auf den Hoͤhen von Chriſtburg mit ſo ſtarker Waldung bedeckt ), daß der Zug eines durch die Schlacht ermüdeten und 1) Daß nach der Hauptſchlacht noch eine Burg von dem Kreuz⸗ heere belagert und erobert wurde, iſt nicht abzuſtreiten. Dieſe Burg aber war nicht Slemmo, wie Simon Grunau und Schuͤtz angeben, ſondern ſie lag zwiſchen Alt⸗Chriſtburg, Muͤnſterberg und Altſtadt. Dort kommt wirklich in mehren ſpaͤtern Urkunden z. B. in einer Ver⸗ ſchreibung uͤber Alt⸗Chriſtburg vom Jahre 1312 ein Berg vor, deſſen Name Burgwall auf die alte Burg hindeutet. Unfern vom Dorfe Attſtadt wird auch einer alten Verſchanzung in Urkunden unter dem Namen Landwehr erwähnt, welche die Bewehrung des heiligen Wal⸗ des oder des heiligen Feldes bezweckt haben mag; er heißt locus, qui jacet inter Konigsee villam et Antiquam civitatem, quem nos Landwer dicimus in vulgari. Er lag am Fluſſe Lepiz oder Loypiz, jetzt Lippitz. 2) Das Feld hieß noch im Aten Jahrhundert Surkaporn oder Sorkapurn, ein altpreuſſiſcher Name. Es lag nahe bei der Stadt Chriſtburg, zwiſchen den Doͤrfern Opitten, Kerſchitten und Schweide, wie eine Urkunde vom Jahre 1312 ausweiſet. Dorthin waͤre denn alſo auch das Schlachtfeld zu ſetzen. Kapurn bedeutet im Altpreuſſiſchen Todtenhuͤgel oder ein mit ſolchen Huͤgeln bedecktes Feld. 3) Dieſes beweiſen die Verſchreibungen der dortigen Ortſchaften aus
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254 Zerftörung des Kloſters Oliva. gefehwächten Heeres dorthin eben fo muͤhſam und ſchwierig, als gefahrvoll ſeyn mochte. Auf die Nachricht aber, daß die Heerſchaar der Chriſten an die Graͤnze des Kulmerlandes hinaufgezogen ſey und Her⸗ zog Suantepolc mit ſeiner Kriegsmacht noch dort verweile, fammelten ſchnell die Pomeſanier einen neuen Kriegshaufen und zogen uͤber den Weichſel⸗Strom, um an dem Herzoge von Pommern, der ihnen an der Sirgune den Sieg entriſſen, ſchwere Rache zu nehmen. Mit Feuer und Schwert ward das Land weit und breit verwuͤſtet. Nur Danzig, des Herzogs Hofburg, widerſtand dem ſtuͤrmenden Angriffe. Das nahe Kloſter Oliva aber, erſt vor Kurzem erfreut, daß der Papſt es mit allen ſeinen Beſitzungen unter den beſondern Schutz des Apoſtels Petrus und des Roͤmiſchen Stuhles genommen ), jetzt von Suantepolc nur mit geringer Mannſchaft zur Ver⸗ theidigung beſetzt, ward vom rachedurſtigen Feinde uͤberfallen, erſtuͤrmt und durch Feuer vertilgt. Ein Theil der Mönche und die Kriegsmannſchaft wurden unter grauſamen Martern erſchlagen und ſo die alte heilige Stiftung am zweiten Januar des Jahres 1234 durch die Preuſſen gänzlich vernichtet 7). Dieſe Rache des erbitterten Volkes fuͤrchtete der Land⸗ meiſter Hermann Balk auch fuͤr die junge Pflanzung im Kul⸗ merlande. Nun lag zwar zwiſchen dieſem Lande und Pome⸗ ſanien jene dichte, ſchwer zugaͤngliche Waldwildniß, durch welche die Graͤnze des Kulmiſchen Gebietes gen Norden ziem⸗ lich geſichert war; allein in ihrer Mitte war ſie ſchon ſo weit gelichtet, daß dem Feinde aus Pomeſanien dort der Ein⸗ fall ins Kulmerland nicht ſchwer fiel und oftmals ſchon ver⸗ dem 13ten und 14ten Jahrhunderte. Aus dem Privilegium von Koͤ⸗ nigsſee von 1305 und aus dem von Heiligenwalde vom Jahre 1324 geht hervor, daß ein ſtarker Eichenwald, der alte heilige Wald, bis an den Drauſen⸗See hinablief. 1) Das Original der päpſtl. Bulle im geh. Archive Schiebl. LV. 7. datirt: Lateran. IV. Idus Jun. p. n. an. VII. 2) Chron. Oliv. p. 22. Schütz p. 19 giebt faͤlſchlich das Jahr 1236 an. Vgl. Voigt Geſchichte Marienburgs S. 5.
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Gründung der Burg und Stadt Rheden. 255 ſucht war. Hermann Balk ließ deshalb hier unter der be⸗ ſtaͤndigen Schutzwehr einer nahe liegenden Heerſchaar eine ſtarke Burg erbauen, wie es ſcheint, die Ueberreſte einer alten heidniſchen Burg benutzend, um in ſolcher Weiſe den Einbruch der Feinde in das aufbluͤhende Kulmiſche Gebiet zu hindern, und als ſie im Jahre 1234 vollendet war, ward ihr der Name Rheden gegeben ). Auch unter dem Schutze dieſer Burg ſie⸗ delte ſich bald eine Anzahl von Bewohnern an und weil die⸗ ſes dem Landmeiſter ein Mittel mehr zur Sicherheit des Kul⸗ merlandes ſchien, ſo ſetzte er in einer Verſchreibung zur Gruͤn⸗ dung einer Stadt hundert Morgen Landes aus und entwarf für dieſe Stadt in einem Privilegium die nöthige ſtaͤdtiſche Ordnung und Verfaſſung ). Die Burg Rheden aber, ſchon 1) Duisburg P. III. c. 12. Die in der Hartknochiſchen Ausgabe dieſes Chroniſten angegebene Jahrzahl 1233 iſt ein bloßer Druckfehler, denn ſowohl die Codd. Berol. und Regiomont. dieſer Chronik, als der alte Ueberfeger Dusburgs Jeroſchin haben das richtige Jahr 1234; eben fo die Ordens-Chron. (Mſcr.) S. 26. Das Chron. Oliv. p. 22 erwähnt, die Burg ſey noch erbaut worden cum auxilio peregrinorum, alſo bevor noch das Kreuzheer auseinander ging. Lucas David B. II. S. 78. Der Zweck des Aufbaues dieſer Burg liegt bei Dusburg in den Worten ausgeſprochen: Aedificavit castrum de Redino ante solitudinem, quae fuit inter terram Pomesa- niae et Colmensem, in illo loco, ubi continuus insultus fuerat Pruthennrum et iniroitus ad terram Colmensem. Eben fo die Ordens⸗Chron. a. a. O. 2) Dieſes Privilegium oder die Gruͤndungs⸗Urkunde der Stadt Rheden iſt nicht mehr vorhanden. Schon 30 Jahre nach der Gruͤn⸗ dung war es verloren gegangen. Als das ältefte Privilegium über Rhe⸗ den haben wir jetzt nur noch das vom Landmeiſter Conrad von Thier⸗ berg erneuerte, worin es gleich im Eingange heißt: Fideles nostri Scultetus, Consules et cives plures ad nostram accesserunt presenciam, humiliter supplicantes, ut privilegium sihi super fundacione Civitatis Radino a fraire Hermanno dicto Balk, Magistro Prussie quondam indultum, sihi per negligenciam perditum, innovare misericorditer dignaremur. Wir lernen in⸗ deſſen doch die alte Gruͤndungs-Urkunde durch dieſe erneuerte ihrem weſentlichen Inhalte nach hinlänglich kennen. Gegeben wurde letztere am 2ten Maͤrz 1285.
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256 Neue Spaltungen. durch ihre Lage faſt unzugaͤnglich, ward ſtark mit Mann⸗ ſchaft beſetzt, um beim etwanigen Einfalle der Pomeſa⸗ nier ins Kulmerland ſofort mit aller Macht die noͤthige Ge⸗ genwehr zu leiſten 9. Solche Vorſicht zu des Landes Sicherheit ward um ſo nothwendiger, da nach Verlauf der Jahresfriſt, welche der Papſt für den Glaubensdienſt zum Erwerb der Seligkeit be⸗ ſtimmt hatte, die Fuͤrſten in die Heimat mit ihren Heerhau⸗ fen zuruͤckzogen und die Ordensritter mit ihrer eigenen ſchwa⸗ chen Kriegsmacht gegen das aufgehetzte und ſchwer erbitterte heidniſche Volk nun allein das Land zu vertheidigen hatten. Die Gefahr aber um des Landes Sicherheit ward bald noch um ſo bedenklicher, da nicht bloß der Zwieſpalt zwiſchen dem Orden und dem Biſchofe Chriſtian, der um dieſe Zeit wieder frei war, noch immer fortdauerte und in ſeiner Dauer mehr und mehr zunahm, ſondern auch zwiſchen dem Herzoge Con⸗ rad von Maſovien und den Ordensrittern eine aͤrgerliche Spal⸗ tung entſtand und endlich auch zwiſchen dem Herzoge Suantepolc von Pommern und dem Herzoge Heinrich von Breslau ſich ein Streit erhob ?), der dem Orden vorerſt wenigſtens alle Aus ſicht auf dieſer Fuͤrſten Beihuͤlſe in dringender Noth verſchloß. Am wichtigſten war der Streit des Ordens mit Herzog Conrad von Maſovien. Er entſtand, als im Jahre 123 der Plan einer Vereinigung des Ordens der Dobriner-Bruͤ⸗ der mit dem Deutſchen Orden ins Werk geſetzt werden ſollte. Der Gedanke einer ſolchen Verbindung beider Orden lag naͤm⸗ lich unter den Verhaͤltniſſen, wie die Zeit fie herbeigeführt und geſtaltet hatte, in der That viel zu nahe, als daß er nicht den Wuͤnſchen der obern Gebietiger beider ritterlichen Ver⸗ eine völlig haͤtte entſprechen muͤſſen. Ohne Zweifel hatten bisher die Ritterbruͤder von Dobrin an allen Kaͤmpfen gegen die heidniſchen Preuſſen mit Theil genommen. Fuͤr welchen Gewinn aber hatten ſie Blut und Opfer dargebracht? Alles, h Lucas David B. II. S. 78. 81. 2) Henelii ab Hennenfeld Annal. Siles. ap. Sommersberg T. II. p. 27. Kengow B. I. S. 37.
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Neue Spaltungen. 257 was bisher errungen war, die Freiheit und Sicherheit des Kulmerlandes, war nur dem Deutſchen Orden zugefallen und ohne Preis und ohne Erſatz ihrer Verluſte hatten ſie Leben und Kraft eingeſetzt. Und was anderes war fuͤr ſie in der Zukunft zu erwarten? Der naͤchſte Zweck ihrer einſtigen Stiftung ſchien bereits erreicht, denn durch die Saͤuberung und Befreiung der Kulmiſchen Landſchaft waren zugleich auch die Graͤnzen des Herzogthums Maſovien geſichert. Sollte demnach ihr ritterlicher Verein fernerhin noch fortdauern, ſo ſchien eine Erweiterung ihrer fruͤheren Beſtimmung wohl durch⸗ aus nothwendig. Sobald indeſſen der erweiterte Zweck die fortdauernde Bekaͤmpfung der Heiden und die Verbreitung und Vertheidigung des Glaubens betraf, ſo mußte er noth⸗ wendig mit dem des Deutſchen Ordens zuſammenfallen und ſomit auch den Gedanken einer Vereinigung beider Orden herbeifuͤhren. Zudem war ſicherlich die Bruͤderzahl des Do⸗ briner Ordens, ſeitdem der Deutſche Orden in ſeiner Naͤhe ihn ſo bedeutend uͤberſchattete, nicht ſonderlich vermehrt wor⸗ den. Fuͤr den Deutſchen Orden aber waren der Gewinn an neuem Guͤterbeſitz, den Herzog Conrad dem Orden von Do⸗ brin ertheilt, die vergroͤßerte Zahl von Ordensbruͤdern, die in⸗ nigere Verbindung zum Kampf und Widerſtand gegen die dro⸗ henden Heiden wohl Antriebe und Lockungen genug, die Do⸗ briner Ritterbruͤder gerne in ſich aufzunehmen. Nur der Her⸗ zog von Maſovien trat dem Plane hinderlich entgegen. Zwar ſtand ihm uͤber die Vereinigung beider Orden ſelbſt wohl ſchwerlich eine Stimme zu; aber daruͤber glaubte nur er allein entſcheiden zu duͤrfen, ob die Bruͤder von Dobrin auch die von ihm erbaute Burg Dobrin und die in ſeinem Lande lie⸗ genden, dem Orden zugewandten Beſitzungen nach ihrer Ver⸗ bindung mit dem Deutſchen Orden an dieſen mit hinuͤberbrin⸗ gen koͤnnten; wozu er keineswegs ſeine Zuſtimmung geben wollte. Da beſchloß der Papſt Gregorius, von dieſen Verhaͤlt⸗ niſſen benachrichtigt, theils zur Beſeitigung dieſer zwiſchen dem Biſchofe Chriſtian, dem Herzoge von Maſovien und dem II. 17
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258 Der päpftl. Legat Wilh. v. Modena in Preuffen. Orden entſtandenen Irrungen, theils auch zur Anordnung man⸗ cher andern ſowohl kirchlichen als politiſchen Verhaͤltniſſe in verſchiedenen nordiſchen Ländern, beſonders in Livland ), ei⸗ nen neuen Legaten zu ſenden, und erkor hiezu den ſchon fruͤher hier anweſenden und mit der Lage der Dinge, wie mit der Sitte und Sprache der Voͤlker ſchon bekannten Biſchof Wil- helm von Modena. Er uͤberwies ihm eine ſehr ausgedehnte Vollmacht uͤber die Verfaſſung und Einrichtung des ganzen kirchlichen Weſens, beſonders uͤber die Anordnung und Ein⸗ theilung der Bisthuͤmer in den nordiſchen Laͤndern ) und meldete des Legaten Ankunft und ſeiner Sendung Zweck den Chriſten in Livland, Preuſſen, Gothland, Finnland, Eſth⸗ land, Semgallen und Kurland in einem beſondern Schreiben 3), fie alle ermahnend, den ehrwuͤrdigen Biſchof, der ſchon frü- her viele Bewohner dieſer Lande zum Lichte des wahren Glau⸗ bens geführt und jetzt um ihres Heiles Willen ſein biſchoͤfli⸗ ches Amt zu Modena verlaſſen habe, freundlich zu empfangen und ſeinen Geboten und Anordnungen in aller Weiſe Folge zu leiſten ). So kam im Vorſommer des Jahres 1234 der paͤpſtliche Legat in Preuſſen an '). Die Beſeitigung des Streites zwi⸗ 1) Estrup. Idea Hierarch. Roman. p. 38 seq. 2) „Instruxit auctoritate, ut episcopalus conjungere vel dividere, praelicere episcopos ac consecrare, vel etiam initia- tos in alias ecclesias traducere possel.“ Raynald, an. 1234. Nr. 45. Bisher hatte der Biſchof von Semgallen Balduin von Alna das Amt eines päpftlichen Legaten in den genannten nordiſchen Ländern verwaltet; Gruber Origin. Livon. p. 183. Vgl. das Schreiben des Papſtes an den Legaten Wilhelm von Modena in Dogiel. T. V. Nr. 17. p. 12 und Nr. 18. p. 13. 3) Das Schreiben iſt gerichtet an Universos Christi ſideles per Livoniam, Prussiam, Gothlandiam, Winlandiam, Estoniam, Semigalliam, Curlandiam et caeteras neophytorum et pagano- rum provincias et insulas constitutos. 4) Das päpſtl. Schreiben ſ. bei Ray nald. an. 1234. Nr. 45, und Cruber Origin. Livon. sylva Document. Nr. 50; es iſt da: tirt: Lateran. IX Cal. Martii p. n. an. VII (21. Febr. 1234). 5) Wenigſtens im Vorſommer oder ſchon im Frühling muß nach des Papſtes Schreiben der Legat in Preuſſen erſchienen ſeyn.
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x Der paͤpſtl. Legat Wilh. v. Modena in Preuſſen. 259 ſchen dem Orden und dem Biſchofe Chriſtian war ohne Zwei⸗ fel das erſte und wichtigſte feiner Geſchaͤfte. Er billigte aber keineswegs die Art und das Verhaͤltniß, nach welchem vor wenigen Jahren der Biſchof die Theilung des Landes vorge⸗ ſchlagen und dem Orden nur den dritten Theil hatte überlaf- ſen wollen; auch der Meinung des Biſchofs, daß das fuͤr die Kirche neugewonnene Land dem Rechte nach ihm zugehoͤre, konnte er nicht beipflichten. Er ging vielmehr von der Ueber⸗ zeugung aus, daß dem höheren Verdienſte auch feine höhere Anerkennung und der Arbeit und Muͤhe ihr gerechter Lohn zu Theil werden muͤſſe. Deshalb ſprach er bei der Entſcheidung des obwaltenden Streites von allem bisher ſchon erworbenen und forthin noch zu erwerbenden Lande dem Orden zwei Theile mit allem zeitlichen Einkommen, dem Biſchofe dagegen nur den dritten Theil zu, doch dergeſtalt, daß in den bei⸗ den Ordens⸗Theilen das geiſtliche Recht, welches nur durch einen Biſchoſ ausgeuͤbt werden koͤnne, auch dem letztern zu⸗ kommen ſollen). Chriſtian begnuͤgte ſich mit dieſer Entſchei⸗ dung, obgleich ſie ſchwerlich ſeinen Wuͤnſchen entſprechen mochte. Doch ſpaͤterhin warf man uͤber des Legaten Beſtimmung noch 1) Ueber dieſe Entſcheidung ſpricht eine bisher noch ganz unbekannte Urkunde, die ſich im geh. Archive im Folianten: Privilegien des Kul⸗ miſchen Landes p. XI befindet. Sie iſt zwar ohne Datum und in et⸗ was fpäterer Zeit abgefaßt, berührt aber die um dieſe Zeit geſchehene Vertheilung des Landes mit folgenden Worten: Cum questio verte- retur inter Cristianum primum Episcopum Prussie generalem, et fratres de domo Theutonica super divisione Terrarum et reddituum et nos in partihus illis tunc temporis plene lega- tionis officio fungeremur, talem de consensu parcium concor- diam et transactionem stabilivimus inter eos, quod de terris tunc acquisitis et in posterum acquirendis fratres, qui portant pondus diei et estus, duas partes baberent cum omni tempo- rali proventu, et Episcopus terciam cum omni integritate ha- bereit, sic tamen quod in duabus partibus fratrum illud jus haberet spirituale, quod non potest nisi per Episcopum exer- geri. — Darauf wird auch bei der ſpaͤtern Anordnung der Bisthuͤmer in Preuſſen Bezug genommen; vgl. die Urkunde in der Ausgabe des Dusburg p. 477. 17 *
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260 Vereinigung d. Dobriner-Ordens m. d. Deutſchen Orden. die neue Streitfrage auf: ob unter dem zeitlichen Einkommen, welches dem Orden in ſeinen Theilen zuerkannt war, auch der Zehnte zu verſtehen ſey? Es ſcheint, daß Chriſtian dar- auf hinauẽ ging, ſich dieſen als eine kirchliche Abgabe zuzueig⸗ nen, ohne auf die paͤpſtlichen Beſtimmungen zu achten, nach welchen der Orden laͤngſt ſchon von aller Zehnten-Leiſtung an die Geiſtlichen frei geſprochen war. Es trat deshalb der Legat auch hier als Vermittler mit der Entſcheidung auf, daß der Zehnte in den beiden Theilen des Ordens nur dieſem al⸗ lein zugehoͤre, weil hierin ja das weſentliche Einkommen des Ordens in ſeinen Landestheilen begriffen ſey ). Nicht ſo leicht beſeitigt war der Streit zwiſchen dem Orden und dem Herzoge von Maſovien. Die Vereinigung der Ordensbruͤder von Dobrin mit dem Deutſchen Orden war bereits geſchehen. Die Deutſchen Ordensritter aber hatten ſich zugleich auch der Burg Dobrin und der den Dobriner-Bruͤ⸗ dern gehörigen nahe gelegenen Beſitzungen bemaͤchtigt ), nicht bloß ohne des Herzogs Zuſtimmung, ſondern ſogar gegen ſei⸗ nen offen dargelegten Einſpruch. Selbſt dem paͤpſtlichen Le⸗ gaten gelang in feiner Vermittlung nicht fo leicht eine guͤtliche Ausgleichung. Fuͤr den Herzog aber war gerade jetzt, da die Großen Polens verlangten, er ſolle der Vormundſchaft uͤber feinen Neffen Boleslav entſagen und dieſem ſein vaͤterliches Erbe zu eigener Verwaltung übergeben 3), die Sache von um fo größerer Wichtigkeit, weil er an feinem eigenen Lande durch die Uebergabe der Beſitzungen der Dobriner-Bruͤder an den Deut⸗ ſchen Orden mindeſtens ein Gebiet von 24 Meilen in die Laͤnge und 12 bis 15 Meilen in die Breite zwiſchen der Weichſel und dem Fluſſe Mene (Mnien) verloren haben wuͤr⸗ de, denn ſo viel betrug der Umfang deſſen, was er dem Or⸗ den von Dobrin übergeben hatte). Außerdem erſchwerte die 1) Darüber ſpricht ſich die fo eben erwähnte Urkunde weiter aus. 2) S. Abhandlung Über den Dobriner⸗Orden in meiner Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſchaft S. 270; die Urkunde bei Kotzebue BJ. S. 379. 3) Boguphal. p. 58. Dlugoss. T. I. p. 651. 4) Guden. Codex diplom. T. I. p. 517 — 318 liefert eine
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Einwirken des Papſtes in die Verhaͤltniſſe Preuſſens. 261 Ausgleichung dieſer Streitſache auch noch der Umſtand, daß die Ritterbruͤder von Dobrin einige Zeit vor ihrer Vereinigung mit dem Deutſchen Orden einen anſehnlichen Theil des Lan⸗ des Dobrin mit der Burg Mokgowe an den Propſt Eckbert von Dobrin abgetreten, dieſer aber das ihm abgelaſſene Ge⸗ biet an die Kirche zu Mainz uͤbertragen und von ihr als Zinslehen zuruͤckgenommen hatte 1). Bevor jedoch der paͤpſtliche Legat in der Streitſache überhaupt einen entſcheidenden Schritt thun konnte, mußte der Papſt zuerſt die Vereinigung beider Orden ausdruͤcklich genehmigen. So ward alſo vorerſt nach Rom Bericht geſandt. Wie hartnaͤckig indeſſen dieſer Streit zwiſchen beiden Thei⸗ len gefuͤhrt ward, mag ſelbſt daraus erhellen, daß der Orden es ſogar fuͤr noͤthig fand, ſich in dem Beſitze des Kulmer⸗ landes noch ſicherer zu ſtellen. Zwar konnte in Conrads Ver⸗ ſchreibungen hieruͤber wohl kaum irgend etwas in Zweifel ge⸗ zogen werden, zwar war auch von ſeinen Nachkommen auf des Landes Beſitz fuͤr ewige Zeiten Verzicht geleiſtet, und erſt im letzten Jahre hatte der Landmeiſter Hermann Balk Con⸗ rads Schenkung auch durch deſſen Sohn den Herzog Caſimir von Lanziz und Cujavien noch einmal feierlich beftätigen laſ⸗ ſen 2). Allein der Orden hielt es unter den obwaltenden Ver⸗ Urkunde des Propſtes Eckbert von Dobrin, worin es heißt: Dux Cun- radus Mazoviensis totam Terram, quae infra duas aquas, Me- ne scilicet et Wezele continetur, longitudinis XXIIII milia- rium, latitudinis vero alicubi XII, alicubi vero XV miliarum tradidit Militibus Christi de Prussia innabitandam et jure do- minii libere perpetuo possidendam. Der Fluß Mene iſt der je tzige Mnien, welcher aus der Gegend von Lipno her in die Weichſel fließet und damals die ſuͤdliche Graͤnze des Dobriner-Landes bildete. 1) Dieſes geſchah erſt im J. 1233. Die Urkunde hierüber ſteyt in Guden. Cod. 1. c. Die Burg Mokgowe lag hoͤchſt wahrſcheinlich bei dem jezigen Dorfe Morgowo. 2) Die Urkunde hierüber iſt datirt: Strele in caminata palris nostri in Epiphanias dom. anno 1233. Als Zeugen find unter an: dern angegeben: Hermannus Balcho, Benedictus, Conradus fra tres domus !heulonice. Wir beſitzen davon noch ein Transſumt
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262 Einwirken des Papſtes in die Verhältniffe Preuſſens. haͤltniſſen doch für nothwendig, den Papſt Gregorius noch um eine beſondere feierliche Zuſage über das Land zu erſuchen 2). Der Papſt aber nahm das ganze Land nicht bloß in den be⸗ ſondern Schutz der Roͤmiſchen Kirche und erklaͤrte es fuͤr ein rechtmaͤßiges Eigenthum des Apoſtels Petrus, alſo daß es nie wieder der Herrſchaft eines andern Herrn unterworfen werden koͤnne und nur dem Orden als von der Roͤmiſchen Kirche zu⸗ ruͤckgeſchenkt verbleiben duͤrfe, ſondern er beſtaͤtigte dieſem zum voraus auch alle Eroberungen, die er im Lande der Heiden fortan noch gewinnen werde, doch mit dem Vorbehalte, daß in den neugewonnenen Landgebieten nach des Papſtes Anord⸗ nung Kirchen errichtet, Biſchoͤfe und Praͤlaten eingeſetzt, dieſen ein Theil des Landes uͤberlaſſen, die Verſprechungen und Vertraͤge, welche den gegenwaͤrtigen Landesbewohnern gegeben ſeyen oder inskuͤnftige gegeben würden, getreu aufrecht erhalten und zur Anerkennung der Oberherrſchaft und der vom Roͤmiſchen Stuhle erhaltenen Freiheit an dieſen ein jaͤhrlicher Zins gezahlt wer⸗ den ſolle 2). Fuͤr den Orden war dieſe Verfuͤgung des Pap⸗ ſtes, die ſonder Zweifel auf Anlaß und mit Einſtimmung des Hochmeiſters Hermann von Salza gegeben ward, in vieler Beziehung von aͤußerſter Wichtigkeit. Zwar trat er hiedurch zur Römifchen Kirche in Beziehung auf feine Beſitzungen in Preuſſen in ein foͤrmliches Lehnsverhaͤltnß und ward Vaſall dat. Rieſenburg d. 9. Aug. 1419, im geh. Archive Schiebl. 57. 7. Dreger Nr. 93. p. 157. D Die frühere paͤſtliche Beſtatigungs⸗Bulle (Dreger Nr. 85) ſchien gewiß dem Orden auch deswegen nicht ganz genügend, weil vom Kulmerland im Ganzen darin gar nicht die Rede war, ſondern nur das castrum quod Colmen dicitur cum pertinentiis suis genannt wurde. 2) Dieſe Bulle befindet ſich in einem Original⸗Transſumt im geh. Archive Schiebl. II. 32. Ihr Datum iſt: Reate III. Non. Aug. P. n. an. VIII (3. Aug. 1234). Das Transſumt iſt datirt: Rieſenburg den 18ten Nov. 1448. Dreger Nr. 160 p. 246 theilt nur die Er: neuerung derſelben durch Innocenz IV mit; dieſe Bulle Gregorius IX hat er nicht gekannt, denn er deutet die Beziehung, welche Innocenz in ſeiner Bulle auf die Gregorius IX anfuͤhrt, auf die erſte Beſtäti⸗ gungs Bulle.
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Einwirken des Papſtes in die Verhättniffe Preuſſens. 263 des Roͤmiſchen Stuhles ); allein es war ſolches offenbar das zuverlaͤſſigſte Mittel, ſich den Beſitz feiner Erwerbungen und Eroberungen gegen jegliche fremde Macht zu ſichern. Anfech⸗ tungen von Seiten des Herzogs von Maſovien waren von jetzt an zugleich Angriffe auf das Eigenthum des heiligen Stuh⸗ les zu Rom, und der Orden hatte fuͤr ſeine Beſitzungen nun einen Schutzherrn gewonnen, gegen welchen kein Vergehen ohne ſchwere Ahndung blieb. Fuͤr die Ausgleichung des Streites zwiſchen dem Orden und Herzog Conrad war freilich hiedurch nichts gefördert und ſuͤr den gluͤcklichen Fortgang der Unterwerfung und Bekehrung der Preuſſen mußte der Zwieſpalt natuͤrlich immer verderbli⸗ cher einwirken, da Conrad alle fernere Theilnahme am Kam⸗ pfe verſagte. Daher erließ der Papſt an ihn ein dringendes Ermahnungsſchreiben, ihn auffordernd, den Ordensbruͤdern auch fernerhin mit ſeiner Gunſt, ſeinem Schutze und ſeiner Hülfe in ihren Unternehmungen nicht bloß thaͤtig und theilneh⸗ mend beizuſtehen, ſondern auch allen Schaden und alles Un⸗ recht, welches dem Orden widerfahren koͤnne, auf jegliche Weiſe abzuwehren, zugleich aber dem Herzoge anzeigend, daß er das von den Rittern bereits gewonnene und inskuͤnftige noch zu gewinnende Land zum Eigenthum des Apoſtels Pe⸗ trus und in den Schutz der Roͤmiſchen Kirche aufgenommen habe 2). Und eine gleiche Ermahnung richtete der Papſt auch 1) In der Erneuerungs-Urkunde von Innocenz IV bei Dreger Nr. 160 wird dieſes Verhältniß noch klarer durch die Worte ausgeſpro⸗ chen: Te dilecte in domino, fili Gerarde magister domus eius- dem annulo nostro de terra investientes eadem, ita quod ista pro qua fidelitatem sedi apostolice promisisti, per vos aut alios nullius unquam subjieiatur dominio potestatis. Dreger irrt darin, daß er unter dieſem Gerhard den nachfolgenden Landmeiſter Gerhard von Hirzberg verſteht, der die Verwaltung erſt fpäter erhielt. Der Papſt meint den Hochmeiſter Gerhard von Malberg, welcher die Meiſterwuͤrde ſeit dem Jahre 1241 hatte. 2) Dieſe Bulle beſindet ſich in einem Transſumt vom Jahre 1448 im geh. Archive Schiebl. II. 33; abgedruckt in den Actis Boruss. B. J. S. 416 — 418 (ziemlich fehlerhaft) und bei Dogiel T. IV. Nr. 17
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264 Einwirken des Papſtes in die Verhaͤltniſſe Preuſſens. an die Biſchoͤfe von Maſovien und Cujavien, deren Obhut er den Orden noch beſonders empfahl y). Es war alſo immer noch dieſelbe Gunſt und die naͤmliche Zuneigung, mit welcher der Papſt das Wohl und Gedeihen des Ordens in aller Weiſe zu fordern ſtrebte, denn fo ſehr er in dieſer Zeit auch in Italien felbft, in den Roͤmiſchen und Lombardiſchen Streitigkeiten befchäftigt war und fo hinderlich auch mancherlei Unruhen und Bewegungen in Deutſchland 2) den Wuͤnſchen des Ordens, von dorther mit ſtaͤrkerer Huͤlfe unterſtuͤtzt zu werden, entgegen wirkten, ſo blieb Gregorius doch fort und fort unermuͤdlich thaͤtig, das begonnene Werk der Ordensritter in Preuſſen auf jede Weiſe zu beguͤnſtigen und durch ſein aufmunterndes Wort zu foͤrdern. „Mit jauch⸗ zender Freude in dem Herrn — fo ſchrieb er den in Preuſ⸗ fen noch zuruͤckgebliebenen Pilgerbruͤdern —, daß in euch der Glaube in ſolcher Reinheit glaͤnzet, daß ihr ausgezogen aus cuerer Heimat, dem Heeresdienſte gegen der Unglaͤubigen wil⸗ den Geiſt euch unterzogen habt und daß durch den Eifer eue⸗ rer Tugend und Tapferkeit, wie wir aus Berichten vernom⸗ men, das Gebiet der Glaͤubigen an den Graͤnzen Preuſſens, durch goͤttliche Mithuͤlfe, von den Anfaͤllen der Preuſſen ſchon befreit iſt, rufen wir euch ermahnend zu, daß Gottes Sohn dem braven Kämpfer die Krone des Ruhmes verheißen hat und daß den Muͤhen kurzer Zeit der ewige Lohn des Lebens folget. Darum erwaͤget, daß die Tage der Menſchen wie ein Schatten voruͤber gehen und daß ein jeglicher den Lohn der Herrlichkeit empfangen wird nach dem Maaße ſeiner Werke. Alſo beharret im Dienſte des Erloͤſers; richtet alle euere Schritte nach dem Rathe des Meiſters und der Brüder des Hoſpitals der heiligen Maria, die alles, was ſie ſind und p. 12. Das Datum ift: Spoleto W Idus Sept. p. n. an. VIII. (9. Sept. 1234). Dogiel hat ein unrichtiges Datum. S. meine Ab⸗ handlung über den Dobriner-Orden a. a. O. S. 270. 1) Das Original dieſer Bulle von demſelben Datum im geh. Arch. Schiebl. 11. 36. 2) Vgl. Raumer Hohenſtauf. B. III. S. 658 ff. und 685 ff.
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Einwirken des Papſtes in die Verhaͤltniſſe Preuſſens. 265 was fie haben, für das Heil der Gläubigen eingeſetzt in Chris ſti Namen, auf daß in euch, geſtaͤrkt durch Einigkeit und Be⸗ harrlichkeit, der Glaube den Lohn des Sieges und Triumph erhalte ).“ Auch an die Neubekehrten in Preuſſen erließ der Papſt ein aufmunterndes Wort: „Mit unendlicher Freude ſind wir durchdrungen, daß der glorreiche Sohn des ewigen Vaters, von der Jungfrau geboren, der die Finſterniß des blinden Menſchen durch des Lichtes Klarheit auch bei euch durchbro⸗ chen hat, euch die Reinheit des wahren Glaubens zu erkennen gegeben, der alle, welche in der Furcht des Herrn ſtandhaft beharren, zum Vaterlande des Himmels fuͤhret. Darum er⸗ mahnen wir euch im Herrn, mit Verheißung der Ver⸗ gebung euerer Suͤnden, erwaͤget reiflich, wie ſchnell vergaͤng⸗ lich die Muͤhe iſt fuͤr den Lohn ewiger Ruhe mit der Freude, wenn ihr maͤnnlich beharret in der Beobachtung der Gebote Gottes und keiner Verſuchung nachgebet, vom Pfade des Rech⸗ ten abzuweichen. Damit ihr aber um ſo leichter im Namen Chriſti fortſchreiten und euer Geiſt an heilſamen Beiſpielen ſich bilden koͤnne, ſo ermuntern wir euch: achtet auf die from⸗ men Ermahnungen und Beiſpiele des Meiſters und der Bruͤ⸗ der des Hospitals der heiligen Maria, unferer geliebten Söhne, welche die eitle Luſt der Welt verlaſſen, um durch Tugend des himmliſchen Reiches Freuden zu erwerben; eifert ihnen nach, die wir um die Menge ihrer Verdienſte zu Soͤhnen un⸗ ſerer Kirche angenommen haben, denn nur fo mag es geſche⸗ ben, daß unter ſolcher Einigkeit des Willens des Glaubens Erweiterung mit Chriſti Huͤlfe fortſchreitet und dereinſt ihr alle im Reiche der Seligen ruhet ).“ 1) Das Original dieſes paͤpſtlichen Schreibens, datirt: Spoleti V Idus Septemb. p. n. an. VIII. (9. Sept. 1234) im geh. Archive Schiebl. II. 35. 2) Das Original dieſer Bulle, datirt: Spoleti V Idus Sept. p. u. an. VIII. (9. Sept. 1234) im geb, Archive Schiebl. II. 38 und ein Original⸗Duplicat Nr. 39. Auch Dzovius Annal. Eccles. T. XIII. p- 436 erwähnt einer Bulle, worin der Papſt Neophytos Pruthenos
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266 Einwirken des Papſtes in die Verhaͤltniſſe Preuſſens. Dieſelbige Gunſt und Zuneigung des Papſtes gegen den Orden zeigte ſich auch in der unermuͤdlichen Sorgſamkeit und in dem thaͤtigſten Eifer, um dem Orden die nöthigen Mittel zur weiteren Foͤrderung ſeines Werkes des Glaubens zur Hand zu ſtellen ). Immer noch wurde auf ſeinen Betrieb in Deutſch⸗ land für den Orden das Kreuz gepredigt ). An die Erzbi⸗ ſchoͤfe und Biſchoͤfe, in deren Kirchengebieten die Kreuzpredig⸗ ten gegen die Preuſſen angeordnet waren, erließ er den Be⸗ fehl, diejenigen, in deren Haͤnden Legate zur Unterſtuͤtzung des Krieges in Preuſſen beſindlich ſeyen, zur Auslieferung der⸗ ſelben an die Bruͤder des Ordens mit Ernſt und Nachdruck anzuhalten, damit in ſolcher Weiſe das chriſtliche Heer ſich um fo kraͤftigerer Beihuͤlfe erfreue ). Dieſelbige Aufforderung erging an die Brüder des Prediger = Ordens, welche das Kreuz predigten). Und bald nachher ertheilte dieſen der Papſt auch die Weiſung, allen denen, welche den Chriſten im Kampfe gegen die Preuſſen in irgend einer Art Beiſtand leiſten würden, mit Gunſt und jeder möglichen Huͤlfe ent⸗ gegen zu kommen, ſolche dagegen, die ſich ihnen hindernd entgegen ſetzen wuͤrden, ohne weiteres mit dem Banne zu be⸗ ſtrafen ). in tutelam Sedis Apostolicae recepit utque militibus Theuto- nicis in rebus ad fidem spectanlibus obiemperarent, praecipit. 1) Daher ſagt er in einer Bulle an die hohe Geiſtlichkeit: Cum sicut accepimus in Pruscie parlibus favoris divini munere am- pliata sit gloria fidei christiane, nos exinde in virtutum do- mino gratulantes, ac ex intimo cupient, ut quod ibi laudabi- liter inceplum esse dinoscitur, fine prospero concludatur li- benier studium nostre provisionis apponimus et efficaciter in domino procuramus. 2) Unter andern wurde vom Papſte auch der Herzog Otto von Baiern zum Kreuzzuge gegen die Preuſſen aufgefordert; ſ. Lang Baier. Jahrb. S. 93. 3) Original⸗Bulle, datirt: Spoleti V Idus Septemb. Pp. n. an- VIII im geh. Archive Schiebl. II. 34. 4) Die gleichlautende und am naͤmlichen Tage ausgeſtellte Bulle im Original im geh. Archive Schiebl. II. 37. 5) Original⸗Bulle, datirt: Viterbi.... P. n. an. IX im geh.
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Neues Wachsthum des Ordens. 267 Mit gleichem Eifer bot der Papſt auch alle Mittel auf, durch welche zur Belebung und Förderung des Kampfes die Zahl der Ordens bruͤder vermehrt werden konnte. Der Erzbi⸗ ſchof von Koͤln und der Biſchof von Merſeburg erhielten den Befehl, diejenigen Ordensbruͤder, welche vor dem Eintritte in die Verbruͤderung wegen gewaltthaͤtiger Handlungen, wegen Raub und Brand mit dem Banne beſtraft ſeyen, ſofort frei zu ſprechen, fofern den Benachtheiligten der erlittene Schade gut gethan ſey ). Zu dem naͤmlichen Zwecke erließ der Papſt bald darauf an alle Erzbifchöfe, Biſchoſe und ſaͤmmtliche Praͤ⸗ laten der Kirche eine Bekanntmachung aller den Deutſchen Ordensrittern als geiſtlichen Perſonen von ihm verliehenen Vorzuͤge, Gerechtſame und Freiheiten, mit dem Befehle, in ihren Kirchenſprengeln jedermann davon in Kenntniß zu ſetzen ). Und auch dieſe Bemuͤhungen des Papſtes hatten fuͤr den Orden den guͤnſtigſten Erfolg. Von allen Seiten her melde⸗ ten ſich Burgherren und Ritter zur Aufnahme in den ritter⸗ lichen Bruͤderverein. Der Landgraf Conrad von Thuͤringen fand ſich geehrt, als er um dieſe Zeit mit vierundzwanzig feiner Edlen den Ordensmantel erhielt 3), und er bewies ſo⸗ Archive Schiebl. II. 41. Das Datum des Tages und mehre Worte ſind ausgefreſſen. 1) Die Bulle an den Erzbiſchof von Koͤin, datirt: Reate XIV Calend. Jun. P. n. an. VIII ſteht im großen Privilegienbuche p. 67; die an den Biſchof von Merſeburg, datirt: Reate XIII Calend. Ju- lii p. n. an. VIII im kleinen Privilegienbuche p. 173. 2) Die Original⸗Bulle, datirt: Perugia IV Idus Februar. p. n. an. VIII (10. Febr. 1235) im geh. Archive Schiebl. II. 40. 3) Nach der Urkunde bei Guden. Cod. diplom. T. IV. p. 876 war Conrad im Jahre 1234 unbezweifelt ſchon Deutſcher Ordensbruder, denn fein eigener Bruder Heinrich fagt darin ausdruͤcklich: Cum dilectus fraler noster Conradus, divino accensus zelo legeque privala sancti Spiritus ducius et inspiratus, se Ordini fratrum Domus Theu- tonice devovisset. — Auch Rohte Chron. Thuring. ap. Mencken T. II. p. 1731 giebt jenes Jahr als die Zeit des Eintrittes in den Orden an. Das Chron, Erfurd. ap. Schannat. Vindem. Litter. p. 95 fagi: Hoc etiam anno (1234) XIV Calend. Decembr. Cunradus Saxoniae Gomes Palatinus cum duobus Clericis ei
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268 Neues Wachsthum des Ordens. gleich ſeine hohe Geneigtheit fuͤr den Orden auch noch dadurch, daß er mit ſeinem Bruder Heinrich und ſeinem Neffen Her⸗ mann denſelben mit einer bedeutenden Güter = Schenkung bereicherte). So bethaͤtigte das edle Haus der Landgrafen von Thuͤringen aufs neue und auf die ausgezeichnetſte Weiſe die hohe Zuneigung und Liebe, die ſchon ſeit des Ordens Stiftung die Haͤupter dieſes Hauſes vor allem gegen dieſen Ritterverein gehegt hatten. Doch uͤbertrafen die erwaͤhnten beiden Bruͤder Heinrich und Conrad an Mildthaͤtigkeit und Freigebigkeit alle ihre Vorfahren, denn durch ſie geſchah die Begruͤndung einer der wichtigſten Beſitzungen des Ordens in Deutſchen Landen. Die fromme Eliſabeth nämlich, des Land⸗ grafen Ludwig Gemahlin, hatte das Krankenhoſpital und die Kapelle, welche ſie zu Marburg erbaut und ihr Leben lang mit aller Liebe ihrer milden und reinen Seele an zeitlichen Guͤtern verſorgt hatte, am Ende ihrer Tage in die Haͤnde des Deutſchen Ordens übergeben 2). Als nun die edle Fuͤr⸗ ſtin in frommer Duldung ſtarb, drohte ihrer Stiftung zwar ſchon die Gefahr des Unterganges; allein die fuͤrſtlichen Bruͤ⸗ IX Militibus contulit se Ordini Domus Theutonicae in Mar- burc, cum annuis redditibus M et C maldrorum annonae et . argenti. Hier iſt aber der Tag des Eintrittes etwas zu fpät angegeben. Vgl. Rommel Geſchichte von Heſſen B. I. S. 248 und Hiſtoriſch⸗diplomat. Unterricht und gründliche Deduction u. ſ. w. © 21. Alle Quellen ſtimmen jedoch mit dieſer Zeitbeſtimmung nicht über” ein. Siffridi Presbyt. Epitome ap. Pistor. T. I. p. 1043 laßt Conraden erſt im Jahre 1238 das Ordenskleid annehmen, offenbar eine viel zu ſpaͤte Zeit; ebenfo andere Chroniſten. Dagegen ſagt die II i- storia de Landgrav. Thuring. ap. Pistor. T. I. p. 1325, der Ein: tritt Conrads ſey ſchon im Jahre 1232 geſchehen; fo auch die Monu- menta monaster. Reinhardborn. in Thuringia Sacra p. 110. wo auf ZTenzelil Bibliotb. curiosa p. 1073 hingewieſen iſt. 1) Guden l. c. p. 877. Hiſtoriſch- diplom. Unterricht und gruͤnd⸗ liche Deduction Nr. 45. 2) Rohte Cbron. Thuring. ap. Mencken T. II. p. 1735. Ayrmann Nachricht von der erſten Ankunft des Deutſchen Ordens zu Marburg in Rotters Heſſiſchen Nachrichten Samml. II. Rom: mel a. a. O. S. 291 — 292.
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Neues Wachsthum des Ordens. 269 der Conrad und Heinrich hielten fie mit wohlthaͤtiger Hand auch fernerhin nicht bloß aufrecht ), ſondern erhoben fie erſt zu ihrer ganzen Bluͤthe, denn indem ſie dem Deutſchen Or⸗ den die Aufſicht uͤber die Stiftung nebſt dem Patronate uͤber die Kirche zu Marburg uͤbertrugen und ihm zur Er⸗ haltung des Hoſpitals und der in ihm dienenden Ordensbruͤ⸗ der einen bedeutenden Guͤterbezirk in der Naͤhe von Marburg uͤbergaben, erhielt Marburg in der Geſchichte des Ordens ſeine erſte große Wichtigkeit als der Hauptſitz des Landkom⸗ thurs von Heſſen, dem mehre Komthureien in Thuͤringen und andern Gebieten Deutſchlands untergeben waren 7). Aber nicht allein in Thuͤringen und Heſſen, auch in an⸗ dern Deutſchen Landen erweckte der Papſt den regſten Sinn der Wohlthaͤtigkeit gegen den Deutſchen Orden und uͤberall fanden bedraͤngte Gemuͤther ſeligen Troſt für ihr einſtiges Heil in frommen Spendungen an die ritterliche Stiftung, deren Verdienſte um Kirche und Chriſtenthum Gregorius nie genug zu erheben wußte. Und je mehr das ſchwere Werk des Ordens fuͤr die Verbreitung des Glaubens in Preuſſen gelang und des Ordens Verdienſt durch die That be⸗ waͤhrt wurde, um ſo lebendiger fanden frommgeſinnte See⸗ len ſich auch aufgefordert, durch Wohlthaten und Spen⸗ den an den Orden zugleich jenes Werk fuͤr Glauben und Evangelium zu foͤrdern. Wo aber Kaiſer und Koͤnige voran⸗ gingen, da folgten Fuͤrſten und Edle gerne nach. Schon im J. 1232 hatte Kaiſer Friederich dem Orden durch die Schen⸗ kung der Burg Montickelli und aller ihrer Zubehoͤrungen, die Waſſer⸗, Wieſen- und Holz- Freiheit in feinen Domai⸗ nen, ſo wie durch die Zollbefreiung in ſeinem ganzen Reiche einen neuen Beweis feiner fortdauernden kaiſerlichen Huld ge⸗ geben. Im Jahre 1235 beſchenkte er ihn ferner mit ei⸗ 1) Hiſtor.⸗diplomat. Unterricht und gruͤndl. Deduction Nr. 7. 2) Die hierauf bezuͤglichen Urkunden ſ. in Hiſtoriſch⸗diplomat. Unterricht und gründliche Deduction p. 21 — 22 und Nr. 45. 46. 47.
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270 Hermanns v. Salza Thaͤtigkeit in Italien. nigen reichbegabten Kirchen in der Naͤhe von Magdeburg ); und im nächften Jahre nahm er alle Ordenshaͤuſer und deren Beſitzungen und Bewohner in Oeſterreich, Steiermark und Kaͤrnthen in ſeinen beſondern Schutz und befreite ſie von aller weltlichen Gerichtsbarkeit und allen dienſtpflichtigen Laſten 2). Nicht minder wohlthaͤtig zeigten ſich gegen den Orden auch der König Heinrich von Deutſchland ), der Herzog Friederich von Oeſterreich ) und manche andere Fuͤrſten und edle Herren. Dieſe Beiſpiele aber und die Aufforderungen und Er⸗ mahnungen des Papſtes bewirkten, daß um dieſe Zeit auch manche Gabe geſpendet wurde, um den Kreuzzug nach Preuf- ſen in Bewegung zu ſetzen, fuͤr welchen im Jahre 1235 in Deutſchland, vornehmlich in Sachſen und Thuͤringen mit al⸗ lem Eifer gepredigt ward. Kleinere Heerhaufen waren bisher im Einzelnen, wie es ſcheint, ſchon immer nach Preuſſen hin⸗ gezogen ) und hatten ſich dort mit den Ordensrittern verbun⸗ den. Auf die lebendigere Theilnahme an einem größeren Zuge und auf das allgemeiner angeregte Intereſſe an der Glau⸗ bensſache in Preuſſen wirkte jetzt beſonders Hermanns, des Hochmeiſters, Gegenwart in Deutſchland ſehr bedeutend ein. Seit dem Frieden von S. Germano hatte Hermann faſt be⸗ ſtaͤndig in Italien verweilt, ſtets mit den wichtigſten Verhält- niſſen der Zeit, bald zwiſchen dem Papſte und dem Kaiſer ), bald zwiſchen dieſem und den Lombarden beſchaͤftigt und in 1) Wir haben darüber die paͤpſtliche Beſtaͤtigung Gregorius X, worin die Urkunde des Kaiſers aufgenommen iſt; ſie iſt datirt: Capua Sep- tembr. 1232; im kleinen Privilegienbuche. 2) Urkunde im kleinen Privilegienbuche; über andere Beſchenkun⸗ gen des Kaiſers |. Guden. T. I. p. 457. 3) Duellius P. III. I. p. 47 — 48. Im J. 1261 beſtätigte Alexander IV. dieſes Diplom, dehnte aber die Beguͤnſtigungen des Or⸗ dens in den genannnten Ländern noch mehr aus; ſ. ibid. p. 49. 4) Duellius P. III. IV. p. 88. 5) Davon zeugen mehre päpftliche Bullen, die vorausſetzen, daß fortwährend einzelne Haufen in Preuſſen ſich aufhielten. 6) Baronii Annal. T. XIII. an. 1231. Nro. 11.
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Hermanns von Salza Thaͤtigkeit in Italien. 271 alle Zeitereigniſſe des Landes eben fo thaͤtig und gewichtvoll einwirkend, als am kaiſerlichen und am paͤpſtlichen Hofe mit hoher Auszeichnung beehrt. Faſt nichts von Wichtigkeit und Einfluß ward unternommen, verhandelt und beſchloſſen, wobei nicht Hermann von Salza zur Theilnahme bald vom Kaiſer, bald vom Papſte aufgefordert und ſein Rath vernommen wurde. Nur einmal, im Jahre 1231, hatte er Italien ver⸗ laſſen und in Angelegenheiten ſeines Ordens eine Reiſe nach Deutſchland unternommen, von woher er aber ſchon im April zum Kaiſer nach Italien wieder zuruͤckkehrte ). Da bewogen den Kaiſer die noch immer fortdauernden bedenklichen Unru⸗ hen unter den Staͤdten Lombardiens, deren Beſchwichtigung er fuͤr den Frieden und die Ordnung Italiens fuͤr ſo aͤußerſt nothwendig hielt, den Hochmeiſter Hermann zur Berathung an den Papſt zu ſenden, mit welchem dieſer auch in Beglei⸗ tuug des Erzbiſchofs von Bari zu Reate im Juni eine wich⸗ tige Unterredung hielt ), in deren Folge er dann mit Auftraͤ⸗ gen des Kaiſers nach Lombardien reiſte 2), denn ungeachtet im Frieden zu S. Germano aller Zwiſt zwiſchen Friederich und den Gliedern des Lombarden⸗ Bundes befeitigt ſchien, fo hatten ſich unter den letztern doch wieder mancherlei Beſorg⸗ niſſe erhoben, das alte Buͤndniß unter ihnen war wieder nen beftätigt, ja ſelbſt mit König Heinrich, des Kaiſers Sohn, eine bedenkliche, dem Vater gefaͤhrliche Unterhandlung ange⸗ knuͤpft worden). So fehr nun Hermann auch bemuͤht war, den Lombarden Vertrauen zu des Kaiſers Wort einzuflößen 1) Richard de S. Germano p. 1026. Im Juli dieſes Jah⸗ res finden wir ihn beim Kaiſer zu Amalfi, nach einer Urkunde in G01. dasti Comment. de jurib. regni Bohem. T. I. Docum. Nro. XV. p. 31. 2) Richard de S. Germano p. 1027. 3) Richard de S. Germano l. c. 4) Rolandini Chron. ap. Muratori T. VIII. p. 203. Mo- nachi Patavini Chron. ibid. p. 674. Gerardi Mauris. Histor. ibid. p. 29. Chron. Patavin. ap. Muratori Antiquit. T. IV. p- 1132.
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272 Hermanns von Salza Thaͤtigkeit in Italien. und ihnen die erregten Beſorgniſſe zu entnehmen, fo gluͤckte es ihm doch keineswegs, die Gemuͤther zu beruhigen ). Und als im naͤchſten Jahre die Parteien ſich zur Ausſoͤhnung mehr zu naͤhern ſchienen, der Papſt die Vermittelung uͤbernahm und Hermann von Salza vom Kaiſer auf den Verhandlungstag nach Padua geſandt ward, um dort die kaiſerliche Sache ge⸗ gen die Lombarden zu vertreten 2), blieben dennoch auch dieſe Unterhandlungen ohne Erfolg, da durch die trotzigen Forde⸗ rungen des Lombardiſchen Bundes des Kaiſers Zorn nur noch mehr gereizt wurde ). Zwar wurden nun auch noch einmal im Fruͤhling des Jahres 1234 einige Verſuche zur Vermitte⸗ lung und Ausſoöͤhnung der Lombarden mit dem Kaiſer ge⸗ macht, allein die im Herbſt plotzlich verbreitete Nachricht, daß des Kaiſers Sohn, Koͤnig Heinrich in Deutſchland ſich gegen ſeinen Vater empoͤrt und mit den Lombarden durch ein en⸗ ges Buͤndniß ſich vereinigt habe ), hemmte alle weitern Unter⸗ handlungen und der Kaiſer beſchloß, ſich nun ſelbſt nach Deutſchland zu begeben. So geſchah es, daß Hermann von Salza nach Oſtern des Jahres 1235 mit dem Kaiſer, deſſen Sohn Conrad, nebſt mehren andern hohen Herren geiſtlichen und weltlichen Standes die Reiſe nach Deutſchland antrat ). In Regens 1) Raumer B. III. S. 630 — 631. 2) Muratori Antiquit. Ital. T. IV. p. 326; in dem ſchieds⸗ richterlichen Ausſpruche des Papſtes vom J. 1233 wird Hermann ge⸗ nannt Nuntius et Procurator serenissimi domini Imperatoris, der erfihienen ſey procuratorio nomine domini Imperaloris et pro ipso Imperatore. 3) Raumer B. III. ©. 647. Haynald. an. 1233 Nr. 28. Wir ſehen aus dieſer Stelle Raynalds, daß Hermann ſich auch im J. 1233 noch viel in Lombardien aufhielt. Hiedurch widerlegt ſich ſchon von ſelbſt die Nachricht einiger fpäteren Preuſſiſchen Chroniſten, welche Hermann in dieſem Jahre auf einige Zeit nach Preuſſen kommen laſſen. 4) Richard. de S. Germano p. 1035. 5) Nach Richard de S. Germano p. 1035 wurde Hermann von Salza von Apulien aus an den Papſt vorausgeſandt: Magister do- mus Theutonicorum ipso mandantie praecessit ad Papam.
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Hermann von Salza in Deutſchland. 273 burg, wo ſich eine bedeutende Zahl von Reichsfuͤrſten und hohen Geiſtlichen zu des Kaiſers Empfang verſammelt, ward Heinrich des Verrathes gegen feinen Vater fuͤr ſchuldig er⸗ kannt, ſeiner Wuͤrde als Koͤnig in Deutſchland foͤrmlich ent⸗ ſetzt und ſofort mit Unterſtuͤtzung der Reichsfuͤrſten durch Krieg heimgeſucht ). Da trat Hermann von Salza abermals als Friedensſtifter zur Vermittelung zwiſchen Vater und Sohn, begab ſich in Heinrichs feſte Burg Trifels, wohin ſich dieſer vor des Kaiſers größerer Kriegsmacht geflüchtet hatte, und es gelang ſeinem ermahnenden Worte, den Sohn zu bewegen, des Vaters Gnade um Verzeihung anzuflehen ). Zu Worms geſchah die Ausſoͤhnung; aber freilich nur auf kurze Zeit, denn Heinrich, welcher Trifels nicht uͤbergeben wollte und bald ſogar beſchuldigt ward, er habe ſeinem Vater mit Gift nach dem Leben geſtrebt, wurde gefangen genommen und fpä= ter auf ein feſtes Schloß nach Apulien abgefuͤhrt ). Als hierauf der Kaiſer unter Jubel und Feſtlichkeiten, denen auch Hermann beiwohnte ), feine Vermaͤhlung mit des Koͤnigs von England Schweſter gefeiert, ließ er am funf⸗ zehnten Auguſt 1235 einen Reichstag nach Mainz berufen, um ſeinem Sohne Conrad die Deutſche Koͤnigswuͤrde erthei⸗ len zu laſſen. Dort fand Hermann von Salza alle Reichs⸗ fuͤrſten und eine bedeutende Zahl von hohen Geiſtlichen und 1) Godefrid. Monaeh. p- 299. Chron. Erfurd. ap. Schan- nat. Vindem. litter. P. 95. 2) Chron. Hirsaug. T. I. p. 562: Consilio tamen Herman- ni Magistri Hospitalis Theut. S. Mariae, quem Imperator ad filium miserat, IIenricus Rex persuasus, ad patrem venit in Wormatia. Chron. Erfurd. p. 95. 3) Chron. Wormat. ap. Zudewig Relig. T. II. p. 119. Raumer B. III. S. 696. Chron. Elwang. in Freher. script. rer. Germ. p. 456, 4) Raynald. an. 1234, Nr. 30, liefert einen Brief des Kaiſers an den Papſt, woraus hervorgeht, daß auch Hermann von Salza bei dieſer Vermaͤhlung mit thaͤtig geweſen war. Muratori Antiq. Ital. T. VI. p. 86. II. ; 18
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274 Hermann von Salza in Deutſchland. Edlen aus ganz Deutſchland verſammelt ). Fuͤr die Ver⸗ haͤltniſſe des Ordens in Preuſſen war es aber vor allem wich⸗ tig, daß der Hochmeiſter auch den edlen Markgrafen Heinrich von Meißen auf dem Tage zu Mainz ſah 2) und mit ihm einen Kreuzzug zur Huͤlfe der Ordensritter in Preuſſen be⸗ ſprach, denn ohne Zweiſel geſchah es damals, daß Markgraf Heinrich dem Ordensmeiſter das Verſprechen gab, ſogleich im nächften Jahre den Zug nach Preuſſen anzutreten. Auch manche von den auf dem Reichstage verſammelten Edlen mag der von allen ſo hoch geachtete und durch des Kaiſers Gunſt ſo ausgezeichnete Meiſter zur Theilnahme an der Heerfahrt gegen die Preuſſen gewonnen haben. Kaum war nun Markgraf Heinrich von Meißen in die Heimat zuruͤckgekehrt, als er ſogleich mit allem Eifer die nö- thigen Vorbereitungen zum Heereszuge begann. Auch Her⸗ mann von Salza, obgleich er meiſt in des Kaiſers Um⸗ gebung mit Berathung der Angelegenheiten des Reiches beſchaͤftigt war und ſich im Laufe dieſes Jahres 1235 theils in Regensburg, theils in Hagenau aufhielt ), war fuͤr den Kreuzzug unablaͤſſig aufs eifrigſte thaͤtig. Und als er darauf im Sommer des Jahres 1236 auf des Pap⸗ ſtes Verlangen vom Kaiſer ſich trennend in Sachen des Reiches und der Kirche wieder nach Italien zuruͤckging , 1) Ueber Hermanns Anweſenheit auf dem Reichstage ſ. Godefrid. Monach. Ducat. Bruns w. erect. ap. Meibom. T. III. p. 203. Antiquit. Goslar. p. 250. Daß ſich der Hochmeiſter noch am Aſten Auguſt zu Mainz befand, beweiſet eine Urkunde von dieſem Tage, worin er als Zeuge aufgefuͤhrt iſt; ſ. Wencks Heſſiſche Landesgeſchichte B. II. urkundenbuch S. 153. 2) Chron. Luneburg- ap. TLeibnits T. III. p. 175. 3) Auch ſchon im Auguſt des J. 1235 befand ſich Hermann bei dem Kaifer zu Hagenau; ſ. Ludemig Reliqu. T. II. p. 217. Han⸗ ſelmann B. I. Nr. XXII. S. 399. 4) Ha hald. au. 1236, Nr. 6, führt den Brief des Papſtes an Hermann von Salza an, worin er ihn einlud, nach Italien zuruͤckzu⸗ kehren ad ea, quae ad ecclesiam et imperium spectant, tractan- da. Herrgott Monumenta domus Austr. T. I. Pp. 1 führt zwar *
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Vergleich zwiſch. d. D. Orden u. C. v. Mafovien. 275 trat der Markgraf Heinrich den Heereszug gen Preuſ⸗ fen an ). Mittlerweile aber hatten ſich in Preuſſen die fruͤheren Verhaͤltniſſe merklich verändert. Die Vereinigung des Ordens der Bruͤder von Dobrin mit dem Deutſchen Orden war am neunzehnten April des J. 1235 durch eine beſondere Bulle vom Papſte foͤrmlich genehmigt und die Einheit beider Or⸗ den beſtaͤtigt, vorzuͤglich auf Einwirkung des Biſchofs von Ploczk 2). Dieſer und der paͤpſtliche Legat Wilhelm von Mo⸗ dena hatten hierauf im Laufe des Sommers auch den Streit beizulegen geſucht, der noch immer zwiſchen dem Herzoge von Maſovien und dem Orden wegen der Beſitzungen des Do⸗ briner⸗Ordens fortgedauert und durch eine gerichtliche Ver⸗ handlung nicht hatte geſchlichtet werden koͤnnen ). Erſt im October gluͤckte ihrer eifrigen Vermittelung eine Ausgleichung der ſtreitigen Verhaͤltniſſe. Der Orden naͤmlich trat dem Herzoge die Burg Dobrin mit ihren zugehörigen Landen, das vormalige Beſitzthum des Ordens von Dobrin, wieder ab. Dagegen verſprach Conrad von Maſovien den Bewoh⸗ nern der Stadt, die unter den Mauern der Burg entſtanden war, alle Rechte und Verheißungen zu halten und zu ge⸗ eine Urkunde an, nach welcher Hermann im Januar 1236 in Wien ges weſen ſeyn müßte; allein die urkunde hat die falſche Jahrzahl 1236 ſtatt 1237. 1) Der Kriegszug des Markgrafen von Meißen kann nicht fruͤher als ins Jahr 1236 fallen, wie aus obigen Urſachen ſchon klar iſt. Wir haben auch Urkunden aus den Jahren 1234 und 1235, die des Mark⸗ grafen Anweſenheit in feinem Lande beweiſen; ſ. Ludewig Reliqu. T. I. p. 49. 52. 2) Das Original der paͤpſtlichen Bulle befindet ſich im National⸗ Archive zu Warſchau. Einen Abdruck derſelben ſ. in meiner Abhand⸗ lung über den Dobriner⸗Orden S. 272. 3) S. die Urkunde bei Kotzebue B. I. S. 379. Von einer fol: chen gerichtlichen Verhandlung ſpricht auch die nachfolgende Verkrags⸗ Urkunde, indem fie ſagt: es ſey geftritten worden super pluribus ca- pitulis ei specialiter super castro de Dobrin, de quo eciam sub judice iam lis erat. 18
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276 Vergleich zwiſch. d. D. Orden u. C. v. Maſovien. waͤhren, die ihnen theils vom Deutſchen Orden, theils durch die Ritterbruͤder von Dobrin je ertheilt worden waren. Fer⸗ ner ſicherte der Herzog nebſt ſeinen Soͤhnen dem Orden auch das von dieſem ſchon in Beſitz genommene Gebiet von Neſſau und eine halbe Meile Landes gegen Cujavien hin in die Breite und zwei Meilen in die Laͤnge als freies Eigenthum zu ); in gleicher Weiſe das Gebiet von Sedlce, welches die Bruͤder von Dobrin dem Orden zugebracht, den Landbezirk von Or⸗ low und das Dorf Rogow, welches der Herzog im Laufe ei⸗ nes Monats dem Orden ganz frei uͤberweiſen wollte. In Ruͤckſicht des Kulmerlandes verſprach Conrad, innerhalb eines Monats alle diejenigen, welche noch Anſpruͤche auf erbliches Eigenthum und Beſitz darin zu haben meinten, völlig zu be⸗ friedigen, alſo daß daruͤber nie eine Klage gegen den Orden erhoben werden koͤnne. Vor allem aber war es von Wichtig⸗ keit, daß der Orden das Salzwerk zu Slonzk 2) gegen eine Abgabe davon an den Herzog, einen Salz-Decem an den Biſchof und eine Verguͤtung an den Beſitzer eines nahen Waldes zugeſprochen erhielt. Bis Herzog Conrad die verſpro⸗ chenen Bedingungen alle erfüllt habe, blieb die Burg Dobrin noch im Beſitze des Ordens. Beide Theile aber unterwarfen 1) Die Urkunden weichen in dieſer Beſtimmung von einander ab; in der einen heißt es: dimidium miliare in latitudine versus Cuia- vium de pineto computacione facta a palude, que est ante pinetum et in longitudine ad duo miliaria computacione facta a villa ducisse, que dicitur Breze inferius ad miliaria duo etc. In der andern dagegen wird gefagt: dimidium miliare in latitudine versus Cuiaviam de Pineto computacione facta a villa ducisse, que dicitur Breze inferius ad miliaria duo. Da beide Urkunden Originale find, fo iſt dieſe Verſchiedenheit ſehr auffallend. Doch iſt es moͤglich, daß in der letztern urkunde, welche ein ſ. g. Vidimus des päpſtlichen Legaten Opizo von Meſſina iſt, die fehlenden Worte nur durch Sorgloſigkeit des Schreibers ausgelaſſen worden find. — Pine- tum iſt der Fichtenwald jenſeits der Weichſel oberhalb Thorn; das Dorf Breze ohne Zweifel das heutige Brzoza hart an der Weichſel. 2) Sedlce, Orlow und Stonzko lagen ſämmtlich in der Umgegend von Neu⸗Leßlau.
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[1 Uebetreſt des Ordens von Dobrin. 75 ſich dem Bannſpruche des Roͤmiſchen Hofes und der Biſchöfe von Cujavien und Maſovien, ſobald irgend einer dieſer Aus⸗ gleichung entgegen handeln werde ). — Dieſen Vergleich be⸗ ſtaͤtigte bald nachher auch der Papſt ). In ſolcher Weile hatte alſo der Orden außer der Vermehrung ſeiner Bruͤderzahl auch ſein Gebiet anſehnlich erweitert, wiewohl er keineswegs zu dem Ziele kam, dem er bei dem erſten Gedanken der Vereini⸗ gung beider Orden nachgegangen war. Bei dieſer Verbindung aber ſcheinen nicht alle Glieder des Ordens von Dobrin in die Deutſche Ordensverbruͤderung uͤbergegangen zu ſeyn. Durch lockende Verſprechungen bewogen wandten ſich mehre von ih⸗ nen und namentlich auch der Meiſter des Ordens an ihren alten Herrn, den Herzog Conrad, und erhielten von ihm bald dar⸗ auf die alte Burg Drohiczyn mit einem bedeutenden Landge⸗ biete zwiſchen den Fluͤſſen Bug und Nur bis an die Graͤn⸗ zen der Ruſſen, mit der Verpflichtung, dort Maſoviens Graͤn⸗ zen gegen die Angriffe feiner Feinde zu vertheidigen)). Da⸗ 1) Dieſe Vertragsurkunde befindet ſich im Original im geh. Ar⸗ chive Schiebl. 57. 11 und in einem Vidimus des paͤpſtl. Legaten Opizo von Meſſina mit dem Datum: Wladislavia IV Calend. Octob. pontif. domini Innocencii pape IIII anno undecimo ebenbaf. Nr. 12. Im Abdrucke fteht fie bei Kotzebue B. I. S. 379, aber fo fehlerhaft, daß ſie an mehren Stellen kaum zu verſtehen iſt. 2) Die Urkunde in Dogiel Cod. diplom. T. IV. Nr. 18. p. 12. 3) Dieſe Nachricht giebt eine mir durch den Herrn Kriegsrath Wohlbruͤck aus dem geh. Archive zu Verlin mitgetheilte Urkunde, worin Herzog Conrad von Maſovien mit Einſtimmung ſeiner vier Söhne erklaͤrt: Conſerimus et donamus magistro H. el fratribus suis ordinis militum xpi domus quondam Dobrinensis castrum Drobicin et totum territorium, quod ex eadem parte castri conlineiur a medietaie fluminum Bug et Nur usque ad metas ruthenorum salvo jure ecclesie Mazovien. et nobilium, si quid in predictis fluminibus hactenus habuerunt; die Ritter erhalten es jure hereditario perpetuo possidendum, ut xpo sub ordinis sui debilo militantes ab instantia paganorum defendant popu- lum xpianum. Idem vero H. videlicet magister ordinis anle- dieti cum fratribus nobis et nosiris filiis promiserunt, preci- pue duci Mazovie ius paironalus fideliter observare. Prefa-
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278 Kreuzzug Heinrichs von Meißen. ſelbſt in der Tiefe Polens iſt nachmals dieſer Ueberreſt des Ordens von Dobrin, unbekannt in ſeinem Wirken und unbe⸗ achtet von den Geſchichtſchreibern der Zeit, zugleich mit ſeiner Geſchichte untergegangen. So war alſo der hinderliche Zwiſt zwiſchen dem Orden und dem Herzoge von Maſovien ſchon beigelegt, als Mark⸗ graf Heinrich von Meißen an den Ufern der Weichſel mit dem Kreuzheer erſchien. Fuͤnfhundert war die Zahl der edlen Maͤnner und geharniſchten Ritter und anſehnlich auch die Hau⸗ fen des uͤbrigen Volkes, die ſich unter ſeinen Fahnen geſam⸗ melt und mir ihm theils zum Streite für den Glauben, theils zur Anheimung im neugewonnenen Lande herbeigezogen wa⸗ ren *); denn ſonder Zweifel kamen nicht allein aus des Mark grafen eigenem Lande, und aus den nahen Gegenden, ſon⸗ iamque ierranı scilicet Mazoviam una nobiscum defendere suorum auxilio subditorum contra quoslibet invasores, excep- tis heredicis ei Pruthenis seu cuiuslibet xpiane fidei inimicis, quos tenentur personaliter inpugnare. Nos vice versa preno- minalam terram scilicet Drochicin coutra invasores promisi- mus fideliter defensare. Promiserunt insuper prelibati fratres neminem polenlium in nostrum preiudicium et gravamen in Drochicensi lerritorio collocare, neque super eiusdem irans- latione vel vendicione, commiutacione vel donatione seu cu- iuslibet alicnatiouis specie traclare sine nostro consilio et consensu. — Dieß hatte wahrſcheinlich Beziehung auf den Deutfchen Orden. Gegeben iſt dieſe Urkunde anno grat. M. CC. XXXVII. VIII Idus Marcii — in Bambin. 1) Dusburg P. III. c. 13 ſagt, der Markgraf ſey gekommen cum quingentis viris nobilibus ei in armis expeditis. Damit will er aber wohl ſchwerlich die Staͤrke des geſammten Heeres bezeich⸗ nen. Das Chron. Oliv. p. 22 jagt ſogar nur: adduxit secum duos Nobiles, cum multis aliis armigeris. Nach Lucas Da vid B. II. S. 81 war aber das Kriegsheer viel bedeutender und jene 500 nur die ausgeſuchten Streiter. Eben fo iſt das Chron. IIirsaug. T. I. p. 559 zu verſtehen, wenn es ſagt: Cum quingentis militibus contra Sarmatas processit ad bellum; denn vorher erwaͤhnt es, daß auch ſonſt noch multi gregatim nobiles et ignobiles, religiosi et secu- lares ad honorem Christianae fidei dictis fratribus Teutonico- rum Ordinis in auxilium venerunt.
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Kreuzzug Heinrichs von Meißen. 279 dern auch aus andern Deutſchen Gebieten, beſonders aus dem Norden Deutſchlands manche Pilgrime herbei, zum Theil an⸗ gelockt durch die Aufforderung des paͤpſtlichen Legaten Wil⸗ helm von Modena, der außer denen, welche dem Orden als Kreuzbruͤder mit den Waffen zu Huͤlfe eilten, auch ſolchen, die auf den Beſitzungen oder Höfen der Ordensbruͤder um Gottes Lohn dienen wuͤrden, dieſelbige Gnadenverleihung ver⸗ heißen hatte, wie fie den Streitern im Kampfe zugeſichert war ). Wie der Markgraf ſelbſt vor allen durch ritterlichen Geiſt, durch Tapferkeit und Kuͤhnheit, durch frommen Sinn und hohe Rechtlichkeit hervorglaͤnzte, weshalb er den Ehren⸗ namen des Erlauchten erhalten hat, fo zeichnete ſich auch das Heer der Kriegsleute, die ihn begleiteten, durch Pracht und Reichthum in der Ruͤſtung und durch die zweckmaͤßigſte Ver⸗ ſorgung mit allem zum Kriege Benoͤthigten vor allen bisheri⸗ gen Kreuzheeren aus ). Ob außerdem auch die Fuͤrſten der Nachbarlande den Orden um dieſe Zeit wieder mit ihren Krie⸗ gerſchaaren unterſtuͤtzt haben, iſt ungewiß, doch wahrſchein⸗ lich >). i 1) Die Urkunde des Legaten im Original im geh. Archive Schiebl. XLVIII. 6; es heißt darin: Cum fraires domus S. Marie Theut- in Chulmine et in Cuiavia constituli conservacioni ei profec- tui negocii sancte crucis in Pruscie parlibus vigilanter inten- dant et ad boc crucesignatorum, qui eis serviant, auxilio indi- geant, omnibus qui in curiis corumdem fratrum servire peo deo voluerint, eandein indulgencian concedimus, quam ha- bent stanies in Pruscia vel in expedicionem euntes. Die Ur⸗ kunde iſt ohne Datum, ſcheint aber nach obiger Bezeichnung des Ordens aus dieſer Zeit zu ſeyn. 2) Dusburg P. III. c. 13: mulio divitiarum apparatu ve- nit ad terram Prussiae. Chron. Oliv. p. 22. Lucas David B. 11. S. 82. 3) Das Chron. IIirsaug. T. I. p. 559 jagt: Dux quoque Mo- raviae, qui cum mille sexcentis viris armatis ad praeliandum contra infideles terram suam egressus est. Die übrigen Quellen wiſſen durchaus nichts von einem Herzoge von Maͤhren in Preuſſen. Es iſt alſo wahrſcheinlich, daß hier eine Verwechſelung Statt findet und daß die Angabe des Chroniſten ſich auf den Markgrafen von Mei:
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280 Eroberung Pomeſaniens. Mit des Markgrafen Kriegsmacht vereinigt und dem al- ten Plane getreu, daß zuerſt das Uferland des Weichſel⸗Stro⸗ mes gewonnen werden muͤſſe, brach der Landmeiſter Her⸗ mann Balk ſofort abermals zuerſt ins Gebiet von Reſen ein. Nichts ſchien wichtiger, als vor allem die Landesburgen zu gewinnen und zu brechen, weil dann das unbewehrte Land leicht und ſchnell zu erobern war. Und da das Volk der Landſchaft, ſonſt ſo tapfer und ſtreitluſtig, ſich jetzt nirgends zum Kampfe entgegenſtellte, ſo ward die erſte der ſechs Bur⸗ gen, durch welche das Land bewehrt war, an der Graͤnzmark des Kulmerlandes, unfern von der alten Burg Grudenz Gro⸗ deck), wahrſcheinlich Belichow genannt, nahe am Fluſſe Oſſa liegend, angegriffen, erſtuͤrmt und niedergebrannt, die Mann⸗ ſchaft aber theils gefangen, theils erſchlagen ). Weiter im Lande hinab, wo nachmals Rieſenburg und Rieſenkirche erbaut wurden, gewann und vernichtete das Heer zwei andere Bur⸗ gen, welche dem Lande zur Wehre gedient. Und da die Po⸗ meſanier, in ihren dichten Waldungen verborgen, auch jetzt noch keinen Widerſtand wagten und drei feſte Hauptpunkte im Ruͤcken des chriſtlichen Heeres ſchon zerſtoͤrt waren, fo drang der Landmeiſter mit dem Markgrafen nun um ſo ſiche⸗ rer tiefer ins Gebiet von Pomeſanjen ein. Unfern von Stuhm wo jetzt das Dorf Poſtelin liegt 2), ward die vierte Wehrburg erſtuͤrmt und gebrochen; in gleichem die fünfte bei Willenberg, in der Naͤhe des Ortes Alyem, wo nachmals die Marienburg ßen bezieht. Eher wäre es moglich, daß, wie jene Chronik fortfaͤhrt, dux item Cracoviae sive Poloniae cum octo millibus contra Sarmatas Ruthenasque (hier wahrſcheinlich Preuſſen) pro Christi fide pugnavit; oder auch, daß ſtatt Dux Moraviae zu leſen wäre Dux Cuiaviac. 1) Dusburg P. III. c. 14. Lucas David B. II. S. 82. 2) Vielleicht duͤrfte man dieſe Burg auch auf dem Wege von Stuhm nach dem Dorfe Weißenberg ſuchen. Dort nahe am Hinterſeer-Walde und am Parletten⸗ See befindet ſich noch jetzt auf einem erhabenen Huͤ⸗ gel die Spur einer alten Befeſtigung, die ihrem Anſehen nach, eine Burg geweſen zu ſeyn ſcheint. Dort ſind vor etwa acht Jahren auch mehre Urnen mit Alterthuͤmern aufgefunden worden.
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Eroberung Pomeſaniens. 281 erbaut ward ). Wo die Mannfchaft in der Vertheidigung der Burgen Widerſtand leiſtete, war Tod oder Gefangenſchaft ihr Loos. Die ſich den Siegern freiwillig ergaben, empfan⸗ den Schonung und milde Behandlung und erhielten ſofort von den Prieſtern, welche dem Heere folgten, die Taufe und die Weihe in das Chriſtenthum 2). Da nun das in die Waͤl⸗ der gefluͤchtete Volk Pomeſaniens vernahm, welche Milde und freundliche Aufnahme den Neube kehrten widerfuhr, faßte es Vertrauen zu dem im Kampfe ſo gefuͤrchteten Markgrafen. Es kam in Schaaren ſammt den Edlen des Landes herbei, untergab ſich dem Orden zu Gehorſam, empſing die Taufe und erhielt die Zuficherung gewiſſer Rechte und Freiheiten, die ihm der Orden bei feinerer Treue und Ergebenheit feſt zu halten verſprach ). In ſolcher Art war die erſte Landſchaft Preuſſens fuͤr den Orden gewonnen, das ganze öſtliche Weichſel-Ufer war errungen. Die Verbindung durch dieſen Strom mit dem Fri⸗ ſchen Haff und mit der offenen See ſchien in aller Hinſicht von aͤußerſter Wichtigkeit, zumal ſobald die an Pomeſanien oſtwaͤrts angraͤnzende Landſchaft Pogeſanien des Ordens Ge⸗ boten unterworfen war. Dieſe Wichtigkeit entging auch dem Markgrafen von Meißen nicht. Zu Pogeſaniens Eroberung aber ſchien es ihm um ſo nothwendiger, ſich zuerſt des Drau⸗ ſen⸗Sees zu bemaͤchtigen, weil dieſer, wie an Pomeſaniens weſtlicher Graͤnze der Weichſel⸗Strom, gleichſam eine Vor⸗ mauer der Landſchaft bildete. Damals in ungleich größerer Ausdehnung, gen Suͤden bis nach Dollſtaͤdt hinauf, wo er bis an den heiligen Wald fortlief, dann in öftlicher Richtung 1) Dusburg J. c. Lucas David a. a. O. Schütz p. 19. Tiedemanns Chron. S. 36. 2) Chron. Oliv. p. 22. Tiedemanns Chron. S. 36. 3) Dusdurg l. c. ſagt: Et secundum pacta ei liberlates, quae ipsis Zune dabantur, alii Neophyti postea regebantur. Daraus geht hervor, daß man im Jahre 1236 den Pomefaniern ſchon die Nechte zuſicherte, welche man ſpaͤter im Pririlegium von 1249 den bekehrten Preuſſen uͤberhaupt verlieh. Darauf deuten auch die Anfangs⸗ worte dieſes Prilegiums ſelbſt hin. Vgl Baczko B. I. S. 186.
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282 Eroberung Pogeſaniens. an dem Hoͤhenzuge bei dem Dorfe Hohendorf voruͤber, an der Höhe von Hirſchfeld hin, wo er ſich nordoſtwaͤrts weiter bis gegen die Uferhoͤhen von Preuſſiſch⸗Holland hinzog und im geraden Norden bis nahe an Elbing erſtreckte ), war er ohne Zweifel wie fuͤr die Eroberung, ſo fuͤr die Sicherhaltung des Landes von weit bedeutenderer Wichtigkeit, als es jetzt ſchei⸗ nen mag, zumal da in jener Zeit Suͤmpfe und Moraͤſte, die weit groͤßere Zahl der Landſeen und weite, undurchdring⸗ liche Waldungen und Wildniſſe die einzelnen Landſchaften fuͤr ein Kriegsheer verſchloſſen oder den Zugang wenigſtens ſehr gefahrvoll machten. Vielleicht war es auch nicht ohne Ein⸗ fluß, daß ſich im Süden des Drauſen⸗Sees der heilige Wald anſchloß, deſſen man erſt dann ganz Meiſter ward, wenn der See gewonnen war. Dieſes alles erkennend und zugleich er⸗ waͤgend, daß auch hier eine zweite Verbindung mit dem Fri⸗ ſchen Haff von beſonderem Nutzen ſeyn koͤnne, ließ der kluge und bedaͤchtige Markgraf zwei Kriegsſchiffe erbauen, ein groͤ⸗ ßeres, welches den Namen Friedland erhielt, und ein Fleines res, welches der Pilgrim genannt ward 2). Den Zugang zum Drauſen⸗See hatte man ſich bereits ſchon durch die Erſtuͤr⸗ 1) Dieſe ehemalige weit bedeutendere Ausdehnung des Drauſen⸗Sees laßt ſich eben fo gut aus der örtlichen Beſchaffenheit feiner Umgebungen, als aus urkundlichen Zeugniſſen nachweiſen. Daß der See einſt bis Dollſtaͤdt hinaufging, zeigt ſchon die Beſchaffenheit der Ufer der Sorge, die ihm von dorther zufließet. Das Land von Dollſtaͤdt an bis Kuͤhl⸗ born iſt offenbar angeſetzt und deshalb ſind auch die natuͤrlichen Ufer der Sorge fo niedrig, daß es kuͤnſtlicher Damme bedurft hat, um das Waſſer des Fluſſes bis zu feinem Ergießen in den Drauſen-See zu⸗ ſammen zu halten. Alte Verſchreibungen über die Gegenden von Doll: ſtädt und Thiergart vom J. 1350 beweiſen auch, daß ſich der See gegen dieſe Dörfer hin ausgedehnt hat. Bei Thiergart machte er die Graͤnze der Dorfsguͤter. In gleicher Weiſe zeigt die aͤlteſte Verſchreibung über das Dorf Hohendorf v. J 1244, daß der Drauſen bis nahe an die dortige Hoͤhe ging und nur noch einige Morgen Wieſen⸗Land bis an den See dazwiſchen lagen. Der fumpfige und moraſtige Boden iſt noch ein Ueberreſt des ehemaligen Seegrundes. Daſſelbige findet in der Gegend nach Pr. Holland zu Start. 2) Dusburg P. III. c. 15. Chron. Oliv. p. 23. Lucas David B. II. S. 83.
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Eroberung Pogeſaniens. 283 mung und Vernichtung einer Burg erleichtert, die auf der Pomeſaniſchen Seite bei dem jetzigen Dorfe Thiergarth ge⸗ legen, das damalige Ufer des Sees deckte und zugleich zum ſicheren Ruͤckzuge diente y. 0 Unter dieſen Ereigniſſen aber war die Zeit voruͤbergegan⸗ gen, welche Markgraf Heinrich als die Friſt feines Geluͤbdes für den Kreuzzug beſtimmt hatte, und abgerufen durch Ver⸗ haͤltniſſe ſeines Landes eilte er im Jahre 1237 der Heimat zu. Doch von dem Wunſche beſeelt, das Werk noch weiter zu ferdern, in deſſen Beginn er mit fo großem Eifer und mit ſo vielem Gluͤck und Erſolg gewirkt, ließ er einen anſehn⸗ lichen Theil des herbeigefuͤhrten Kreuzheeres zur Huͤlfe des Ordens in Preuſſen zuruͤck e). Da ruͤſtete ſich der Landmei⸗ ſter zur Eroberung der Landſchaft Pogeſanien. Nach gewohn⸗ tem Plane, zuvor an des Landes naͤchſter Graͤnze eine Burg zu errichten als feſten Haltpunkt und ſicheren Zufluchtsort der kaͤmpfenden Heerhaufen, ließ er mit Umſicht alles vorbereiten, was zu ihrem Aufbaue noͤthig ſchien. Mit dieſen Bauwerken beladen fuhren dann die beiden Schiffe den Drauſen⸗See hin⸗ ab bis in die Gegend, wo er ſich in den Fluß Elbing muͤn⸗ det. Dort landend fand man in dieſes Fluſſes Mitte nicht fern von dem Orte, wo er ſich ins Friſche Haff ergießet, eine Inſel, die fuͤr die Gruͤndung einer Burg um ſo paſſender ſchien, weil das ringsum ſtroͤmende Gewaͤſſer ſchon von ſelbſt eine gewiſſe Schutzwehr bildete 2). Mittlerweile war auch 1) Die Lage dieſer Burg bezeichnet zwar Dusburg P. III. c. 14 nur allgemein durch die Worte: circa stagnum Drusne. Aber es befindet ſich noch jetzt zwiſchen den Doͤrfern Guͤldenfelde und Thiergarth eine ſehr deutliche Spur einer alten Befeſtigung. Daß ſie im Munde des Volkes eine Schwedenſchanze genannt wird, rührt von der gewühne lichen Sitte her, alles was den Charakter einer Befeſtigung trägt, den Schweden zuzueignen. 2) Dusdurg J. c. Chron. Oliv. p. 23. 3) Dusburg P. III. c. 16 ſagt: Venit ad terram Pogesaniae, ad insulam illam, ul guidam dieunt, quae est in medio flu- minis Elbingi, in illo loco, uhi Elbingus intrat recens mare. Der Chroniſt ſchrieb alſo nach aufbehaltenen muͤndlichen Sagen. Dem:
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284 Eroberung Pogeſaniens. der Landmeiſter mit ſeinen Ordensrittern an der Spitze des Heerhaufens der Kreuzbruͤder unter Gefahren und Beſchwerden durch Waldung und Gebruͤch hindurchziehend dort angelangt, und begann ſofort unter dem Schutze der Waffen den Bau der neuen Burg, die, als ſie vollendet war, nach dem alten Namen des Fluſſes Elbing — ſonſt Ilfing — genannt wur⸗ de n). Ihre Gruͤndung geſchah im Laufe des Jahres 1237, bald nach des Markgrafen von Meißen Ruͤckkehr nach Deutſch⸗ land. Von dieſer Burg aus, dem ſicheren Zufluchtsorte und Waffenplatz des chriſtlichen Heeres, begann ſofort der Kampf gegen das Volk der Pogeſanier. Es ward oft und ſchwer geſtritten um des Landes Freiheit, um die Erhaltung des al⸗ ten Lebens, der alten Sitte und Eigenthuͤmlichkeit. Aber die Geſchichte hat es nicht werth gefunden, das Einzelne dieſer Kaͤmpfe fuͤr die Nachwelt aufzuzeichnen 2). Sonder Zweifel nach müßte der Bau dieſer erſten Burg Elbing in der Nähe des Fri⸗ ſchen Haffs geſchehen ſeyn, wie auch manche fie auf den ſ. g. Herren: pfeil geſetzt haben; |. Martiniere geogr. und crit. Lexicon, Sup⸗ plem. Band. — Es iſt kein Zweifel, daß damals das Haff noch weiter ins Land hereinlief, denn ein großer Theil des Landes zwifchen Elbing und dem Haff iſt angeſetzter und neugebildeter Boden. Die Angabe des Moͤnchs Simon Grunau Tr. VII. c. 2. f. 4, der die erſte Burg auf „einer Ecke des Drauſen-Sees am Fluſſe Melbing“ errichten laͤßt, muß der Ausſage Dusburgs an Gewicht und Alter bei weitem nach⸗ ſtehen. Die Nachricht Dusburgs beftätigen auch Lucas David B. II. S. 84. Henneberger Landtaf. S. 112. 1) Wer an der Deutung von Eigennamen Vergnuͤgen ſucht, findet uͤber die Herleitung des Namens Elbing eine reichliche Ernte bei Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 379 und zum Dusburg S. 99 — 100. Fuchs Beſchreibung der Stadt Elbing B. I. S. 2 — 9. Daß der Name des Fluſſes Elbing oder Ilfing ſchon um einige Jahrhunderte fruͤher vorkommt, iſt bekannt. 2) Der aͤlteſte Chroniſt Dusdurg P. III. c. 17 begnügt ſich mit den wenigen Worten: Multa bella gioriose gesta sunt contra Po- gesanos per fratres de Elbingo, quae nullus posset ad plenum scribere vel dictare. Auch das Cbron. Oliv. p. 23 ſagt nur Ab hoc castro Cruciferi cum peregrinis Pogesanos impugnarunt viriliter ei frequenter.
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Eroberung Pogeſaniens. 285 glich der Krieg mit den Pogefaniern im Ganzen allen Kaͤm⸗ pfen, die fonft in Preuſſen um Vertheidigung und Eroberung eines Landes gefochten wurden. Waͤhrend die beiden bewehr⸗ ten Schiffe, bald auf dem Drauſen⸗See, bald auf dem Ge⸗ waͤſſer des Haffes ſegelnd, die nachbarlichen Bewohner in ſolche Furcht ſetzten, daß keiner zum Fiſchfang oder Raub auszufahren wagte n), waͤhrend alſo die beiden Gewaͤſſer von feindlichen Fahrzeugen geſaͤubert, fuͤr die bezweckte Verbindung der Ordensritter in den Burgen am Weichſel-Strome mit dem kaͤmpſenden Heere in Pogeſanien immer mehr geſichert und be⸗ nutzt wurden, wechſelte im Kampfe gegen die Pogeſanier feibft unaufhoͤrlich Angriff und Vertheidigung, Flucht und Pluͤnde⸗ rung, Raub und Vernichtung durch Feuer und Schwert. Nun geſchah aber einſt, daß ein maͤchtiger Schwarm von Pogeſa⸗ niern zu Raub und Muͤnderung heranzog. Der Landmeiſter brach mit einer kleinen, in Eile zuſammengerufenen Schaar gegen den Feind auf, um ihn ins Dunkel ſeiner Waͤlder zu⸗ ruͤckzutreiben. Als er dem feindlichen Heerhaufen aber nahe war und der Kampf beginnen follte, ergriff plöglich das heid⸗ niſche Volk ein ſolcher Schrecken, daß es in eiligſter Flucht in ſeine Burgen und Waldungen zuruͤckſtuͤrmte und nur ein Einziger von den Rittern gefangen ward. Von dieſem ver⸗ nahm man, daß die Seinen das ganze Feld mit Kriegern in Waffenruͤſtung, wie die Ordensritter, angefuͤllt geſehen und aus Furcht vor dieſer gewaltigen Macht in die ferne Heimat zuruͤckgeflohen ſeyen ). Mag es nun ſeyn, daß in irgend einer Weiſe die Taͤuſchung durch die Ordensritter ge⸗ ſchah, oder daß die durch die ewigen, fruchtloſen Kaͤmpfe ent⸗ muthigten und verzagten Pogeſanier eine groͤßere Schaar ihrer Feinde vermutheten, als wirklich vorhanden war, oder mag es ſeyn, daß vielleicht aus ihrer eigenen Mitte ein Vorneh⸗ mer, troſtlos und verzweifelnd an ſeines Volkes Rettung, den 1) Dusdurg P. III. c. 16. Lucas David B. II. S. 85. 2) Die Sache erzaͤhlen Dus burg P. III. c. 17. Chron. Oliv. p. 23. Lucas David B. II. S. 85 — 86.
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286 Eroberung Pogeſaniens. blutigen Kampf auf dieſe Weiſe zu beendigen wuͤnſchte: — das Ereigniß hatte wie auf des Volkes Stimmung, ſo auf fein. Schickſal eine große Wirkung )). Jedoch nicht dieſes Ereigniß allein, auch nicht die bit⸗ teren Kaͤmpfe allein mit allem ihren Elende, ihrem Jammer und ihrem Verderben beugten das aufgeweckte und kraͤftige Volk ſo ſtark darnieder; es wirkten ſonder Zweifel auch noch manche andere, tief erſchuͤtternde Urſachen auf den Geiſt und die Stimmung des ſonſt ſo muthigen, nun ſo verzagten Vol⸗ kes ein. Es iſt wohl leicht begreiflich, wie jener einſt ſo kraftige Glaube an das Heiligthum der ewig gruͤnenden Eiche in den heidniſchen Gemuͤthern allmaͤhlig wankend werden mußte, wenn man hinſah auf die hohe Begeiſterung und auf die gewaltige Macht, die fuͤr die Menſchen in dem Kreuze ruhete und durch das Kreuz in den Menſchen wirkte. Jenes Vertrauen auf die im heiligen Stamme thronenden Goͤtter ſank mehr und mehr dahin, wenn man die maͤchtige Zuver⸗ ſicht wahrnahm, welche der Glaube an den Gekreuzigten im Geiſte ſeiner Anbeter immer neu erweckte. Vernichtet war je⸗ nes Heiligthum am Sirgunen⸗Fluſſe, ohne daß die Chriſten dafuͤr den Zorn der Götter erfahren und Perkuno's Rache fie getroffen hatte. Gebrochen war alſo auch bald alle Hoffnung, daß die alten Götter forthin beſtehen koͤnnten vor der Macht deſſen, der, obwohl am Kreuze geſtorben, doch noch fort und fort im Leben ſo gewaltig wirkte. Sobald aber im troſtloſen und zerknirſchten Gemuͤthe des Volkes das Vertrauen auf die ſchuͤtzenden und huͤlfreichen Götter wankte, wankte im Kampfe auch mehr das Gluͤck der Waffen, wankte die Hoffnung des 1) Diefem Ereigniß ſchreibt Dus burg J. c. die Unterwerfung der Pogeſanier zu. Das Chron. Oliv. p- 23 fagt geradezu: Et propter hoc miraculum et propter misericordiam Dei validam, quam contra se fuerant experti in multis bellis, servaverunt cervices suas, el capita sua fidei Catholicae submiseruni, Lucas Da: vid B. II. S. 86 — 87. Aber iſt es zu verwundern, daß den Chro⸗ niſten die Bekehrung der Pogeſanier nur durch ein Wunder moͤglich ſchien?
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Eroberung Pogeſaniens. 287 Sieges und das Vertrauen auf Errettung. Da verlor das alte Romowe feine Bedeutung, der heilige Goͤtterſitz feine Wichtigkeit fuͤr den Menſchen; je mehr und mehr ward das alte Leben troſtlos und leer, als in den Seelen die Fuͤlle der Freude und das Gefuͤhl des Werthes jenes Lebens unterging. Und in ſolcher inneren Zerriſſenheit ſtuͤrmte außerdem alles, was Elend, Jammer und Verderben heißt, aus dem Leben auf den Menſchen ein; da ergriff mancher gerne, mancher ver⸗ zweifelnd, mancher gezwungen den ihm neu gebotenen Glau- ben, den Lebendigen am Kreuze ſtatt der alten hinſterbenden Goͤtter. So die Pogeſanier. Ermuͤdet endlich durch das Un⸗ gluͤck ihres Kampfes, verzweifelnd an ihrer Götter Macht und Beiſtand und an des Potrimpos Gegenwart im Kriege, huͤlflos in ſich ſelbſt und verlaſſen von der Theilnahme der andern Landſchaften, deren keine an eine gemeinſame Verbin⸗ dung zur Vertheidigung und Rettung dachte, unterwarfen ſie ſich der Herrſchaft des Ordens, huldigten dem Chriſtenthum im Empfange der Taufe, ſtellten Geißeln zu ihres Geluͤbdes Sicherheit und erhielten von den Ordensrittern dieſelbigen Rechte und Freiheiten, welche man den Pomeſaniern zugeſi⸗ chert ). So war Preuſſens zweite Landſchaft fuͤr den Glauben und fuͤr Deutſches Leben gewonnen. Es knuͤpften ſich aber an dieſe Gegenden manche alte Erinnerungen, die auf die kuͤnftige Geſtaltung und Ordnung der Dinge, wie auf den Charakter der geſammten Lebensverhaͤltniſſe in dieſer Landſchaft nicht ohne beſondere Wirkung blieben. Am Drauſen⸗See lag 1) Dusburg P. III. c. 17. — Lucas David B. II. S. 86 — 87 berichtet hier weitlaͤuftig von einer vorhergegangenen Berathung der Pogeſanier über die Ergebung an den Orden und dann von Ver⸗ handlungen mit dem Landmeiſter und den Ordensrittern uͤber die Be⸗ dingungen bei der Unterwerfung. Wir wuͤrden mehr Gewicht auf dieſe Nachricht legen, wenn der Chroniſt die Quelle nennte, aus der er hier gefchöpft hat. Eben fo bürfte es noch zweifelhaft ſeyn, ob auch in dieſem Kriege der Herzog Suantepolc und ſein Bruder Sambor den Orden unterſtuͤtzt haben, denn wir haben daruͤber nur die fpäteren Zeugniſſe von Kantzow B. I. S. 236, und Miechow p. 129.
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288 Gründung der Stadt Elbing. einft der alte Handelsort Truſo, den vor mehr als dreihundert Jahren der nordiſche Seefahrer Wulfſtan hier aufgeſucht hatte, von wo aus ohne Zweifel manches nordiſche Land mit Preuf- ſen in Handelsgemeinſchaft geſtanden und lange Zeit auch mancher Verkehr im Tauſchhandel mit Pelzwerk und Bern⸗ ſtein mit Schleswig und in die Gegend von Luͤbeck und Bre⸗ men getrieben worden war ). Freilich wird ſeit Wulfſtans Zeit des Handelsortes Truſo in den Jahrbuͤchern der Geſchichte mit keinem Laute mehr gedacht und all das rege Leben und thätige Getreibe, welches einſtmals hier geherrſcht und den Handel nach Oſten und nach Weſten in Bewegung geſetzt haben mag, iſt in ewige Vergeſſenheit verſunken. Gewiß aber hatten ſich noch Regungen des alten Lebens und Erin— nerungen des fruͤheren lebendigen Verkehres in den nordiſchen Deutſchen Seeſtaͤdten bis auf dieſe Zeiten erhalten 2), und der ſeit einigen Jahrhunderten allmaͤhlig auflebende Handelsbetrieb in Danzig mochte manches beitragen, jene Erinnerungen nun um fo mehr in die Seele wieder zuruͤckzurufen 2). Vor allem aber waren es die ſchon im zwoͤlften Jahrhunderte aufbluͤhen⸗ den Staͤdte Luͤbeck und Bremen, deren Handel im Verkehre auf dem Baltiſchen Meere zu immer erfreulicherem Leben ge⸗ dieh. Mit ſichtbarem Eifer ſuchten ſie laͤngſt Handelsverbin⸗ dungen an den oſtſeeiſchen Kuͤſtenlaͤndern ), und wie Bremer Kaufleute vor einem halben Jahrhunderte die Kuͤſtengebiete Livlands beſucht und dort zur Geſtaltung eines neuen Lebens den erſten Anlaß gegeben, fo hatten längft auch ſchon die Luͤ⸗ becker mit Preuſſen im Verkehr geſtanden ). Merklich fort⸗ 1) Adam. Bremens. c. 183: Negotiatores ex omni 5 terrarum Bremam solitis frequentabant mercibus. 2) Huͤllmann Stäbtewefen des Mittelalters B. I. S. 37 — 38. 153. Fiſcher Geſchichte des Deutſch. Handels B. I. S. 439. 3) Preuſſ. Sammlung: B. I. S. 343. 363. 4) Sartorius Geſchichte des Hanſeat. Bundes B. I. S. 189 ff. Huͤllmann a. a. O. 5) In dem Privilegium des Kaiſers Friederichs I. für Luͤbeck vom Jahre 1187 heißt es: Euteni, Goti, Nocmanni et cetere gentes orientales absque theloneo et absque hansa ad civitatem sepius
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Gründung der Stadt Elbing. 289 getrieben zu dem Streben, auf den Baltiſchen Kuͤſtenlanden hie und da Verbindungen anzuknuͤpfen, ward aber Luͤbeck, be⸗ ſonders feit der Zeit, als Köln mehr und mehr dahin arbeitete, den Handel auf dem Deutſchen Meere ſich ausſchließlich zu⸗ zueignen und die Verbindungen Luͤbecks mit England durch Raͤnke und Bedruͤckungen wieder zu zerreißen. Luͤbeck fand ſich ſeitdem immer mehr auf das Baltiſche Meer und auf die Baltiſchen Kuͤſtenlaͤnder hingewieſen, wo es noch keinen Ne⸗ benbuhler, wie im Weſten an Koͤln, neben ſich ſtehen ſah ). Gerne benutzten daher auch jetzt die aufgeweckten Luͤbe⸗ cker die guͤnſtige Gelegenheit zu einer foͤrmlichen Niederlaſ⸗ ſung in dem durch den Deutſchen Orden dem Chriſtenthum neu zugewieſenen Lande; und ohne Zweifel benutzten ſie ſolche auch um ſo lieber, da es der Deutſche Orden war, dieſe im Morgenlande vor einigen vierzig Jahren durch Luͤbeckiſche Buͤr⸗ ger mit begruͤndete Stiftung, welche jetzt als Herr des neu⸗ erworbenen Landes daſtand, und Kaiſer Friederich, der hohe Goͤnner und Beſchuͤtzer des Ordens, auch ihnen ſchon manche Beweiſe feiner Gunſt gegeben ). Sey es nun, daß ſchon dem Kreuzheere des Markgrafen von Meißen ſich eine Schaar von Bewohnern der Gegend von Luͤbeck und aus der Han⸗ delsſtadt ſelbſt angeſchloſſen, um in Preuſſen ſich anzuheimen, oder daß die bald nach Luͤbeck gelangte Kunde deſſen, was dem Deutſchen Orden im Lande des alten Truſo gelungen war, handelsluſtige Bürger herbeilockte, um hier neues Gluͤck zu ſuchen 3): es waren vorzuͤglich Luͤbecker und Menſchen aus dictam veniant ei recedant. Dieſes deutet auf den ſchon damals regen Verkehr Luͤbecks auf der Oſtſee hin. 1) Vgl. Hüllmann a. a. O. S. 164 ff. 2) Huͤllmann a. a. O. 3) Wir find hieruͤber nicht genau unterrichtet. Vielleicht aber moͤ⸗ gen früher und fpäter auch manche unruhige Verhaͤltniſſe Luͤbecks, z. B. die Fehden, welche es gegen den Grafen Adolf von Holſtein, den König Waldemar von Dänemark u. a. zu beſtehen hatte, — Corneri Chron. ap. Eckard. T. II. p. 878 — 879 — manche Auswande⸗ rungen veranlaßt haben. S. Bangerti Origines Lubecens. ap. Mesiphalen Monumenta inedita T. I. p. 1304. II. 19
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290 Gründung der Stadt Elbing. jener Gegend, die ſich am Drauſen-See jetzt niederließen. Hoͤchſt wahrſcheinlich war es der alte Handelsort Truſo, wel: cher von ihnen zum Wohnſitze erwaͤhlt nun ſchnell zueiner Stadt emporſtieg, denn gluͤcklicher für Handel und Verkehr konnte wohl kaum ein Ort gelegen ſeyn: im Suͤden der mei⸗ lengroße See, der die Gemeinſchaft tief hinein ins Binnen⸗ land ungemein erleichterte, im Norden das Friſche Haff, durch den Elbing mit jenem See, dem Drauſen, verbunden und durch das Gewaͤſſer des Haffes wieder in Verbindung mit der offenen See, nach Oſten hin durch dieſes Haff in leich⸗ tem Verkehre mit dem ganzen Kuͤſtenſtrich und mit dem bern⸗ ſteinreichen Samlande, gen Weſten der ſchon geſicherte Han⸗ delsweg auf dem Weichſel⸗ Strome zur Handelsgemeinſchaft mit Pommern bis hinauf nach Maſovien und Polen. Dieſe fo günftige Lage mag es leicht erklaͤren, wie die neue Han⸗ delsſtadt, nach dem Fluſſe Elbing benannt, ſo aͤußerſt ſchnell emporſtieg, denn ſogleich im Jahre 1237 erhielt ſie ihre Gründung ») und ſchon nach wenigen Jahren erhob ſie ſich zur Bluͤthe. Die neuerbaute Ritterburg, in ihrer einſamen Lage öfter vom Feinde angegriffen und einmal faſt ganz ver⸗ nichtet, ward wenige Jahre nach ihrem Entſtehen an der neu⸗ gegründeten Stadt wieder aufgebaut?) und verlieh nun dieſer 1) Dusburg P. III. c. 16 ſetzt zwar beſtimmt nur die Erbauung der erſten Burg in das Jahr 1237, erwaͤhnt dann der nachmaligen Verſetzung der Burg und ſagt: circa ipsum (sc. casirum transla- tum) civitas collocaia; allein es iſt keinem Zweifel unterworfen und es zeugen andere Quellen dafuͤr, daß auch die Stadt im Jahre 1237 ſchon ihre erſten neuen Bewohner erhielt. Die Ordens⸗Chron. Mſcr. S. 265 und bei Matthaeus p. 698 ſagt dieſes ausdruͤcklich. Andere Beweiſe liefert ein altes Manuſcript des Luͤbeckiſchen Nechts in der Gymnaſien⸗ Bibliothek zu Elbing, worüber Fuchs Beſchreibung der Stadt Elbing B. J. S. 16. Ferner ſpricht dafuͤr auch eine Ur: kunde des Landmeiſters Hermann Balk vom 13ten Januar 1238, in welcher dieſer den Dominicanern den Platz der jetzigen S. Marienkirche zum Aufbau einer Kirche und eines Kloſters verleiht. Elbing heißt darin ſchon Civitas nostra plantacionis novelle Elbinc dicta. 2 Dieſe Verſetzung der Burg Elbing ſoll erſt zwei Jahre nachher,
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Behandlung u. Verhältniffe der Neubekehrten. 291 auch den zu ihrem Betrieb und Verkehr noͤthigen Schutz. Da ſandten die jungen Buͤrger Elbings, von dem Wunſche beſeelt, auch in der neuen Heimat nach den gewohnten Ge⸗ ſetzen und Rechten der Vaterſtadt zu leben, ſchon im Jahre 1237 eine Botſchaft nach Luͤbeck und erbaten ſich dort das Luͤbeckiſche Recht zur Grundlage ihrer ſtaͤdtiſchen Verfaſſung ), wie denn dieſes Recht im Laufe der Zeit in ſehr vielen Staͤd⸗ ten an der Oſtſee geltend geworden iſt 2). So kehrte nach den Stuͤrmen des Krieges auch bald in dieſe Landſchaft friedlicher Verkehr und mit dem Frieden die Arbeit des Ackers und des Hauſes zuruͤck. Nicht mit dem Schwerte allein, auch mit dem chriſtlichen Kreuze, dem Zeichen chriſtlicher Liebe und Erloͤſung, chriſtlicher Erbarmung und Menſchlichkeit, mit dem heiligen Sinnbilde des Glaubens und der Liebe Chriſti war der Orden ins Land getreten und die hohe Bedeutung jenes Zeichens fuͤr ihre Beſtimmung und ihre Pflichten war noch keineswegs vergeſſen und ausgeſtorben in den Gemuͤthern der Ordensbruͤder. Am lebendigſten lebte fie in dem Geiſte Hermann Balks, des edlen Landmeiſters. Sie war der Quell der milden und menſchenfreundlichen Be⸗ handlung, mit welcher man in den gewonnenen Landen den Neubekehrten faſt uͤberall begegnete. Man ſtellte dieſen ſo ge⸗ linde Bedingungen bei ihrer Unterwerfung unter des Ordens Herrſchaft, daß in den Preuſſen die Meinung: man gebe mit dem Glauben an die alten Goͤtter auch des Lebens alte Frei⸗ heit auf, ſich bei der Schonung und Milde, die ihnen wider⸗ fuhr, beinahe ganz und gar verlor. Freilich war der Orden alſo 1239 geſchehen feyn. Dus burg J. c. hatte oſſenbar über die Sache keine ganz ſichere Nachrichten; das beweiſen ſchon ſeine Worte: „qui- dam dicunt, aliqui referunt.“ Wäre wirklich dieſe Verſetzung der alten Burg erſt im Jahre 1239 erfolgt, fo wäre Elbing als Stadt älter, als die zweite Ordensburg. 1) Altes Mſcr. des Luͤbeckiſchen Rechts in der Bibliothek des Gym⸗ naſiums zu Elbing, Vorrede. Fuchs a. a. O. S. 16 — 17. 2) Hüllmann Staͤdteweſen des Mitteralt. B. I. S. 155. Rau: mer B. V. S. 289. 19 *
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292 Behandlung u. Verhaͤltniſſe der Neubekehrten. der unbeſchraͤnkte Herr alles gewonnenen Landes nach dem Rechte der Eroberung und nach alter Deutſcher Ueberzeugung; ohnedieß hatten Kaiſer und Papſt es ihm als Eigenthum in urkundlicher Weiſe foͤrmlich zugeſprochen, und in dieſer Hin⸗ ſicht war allerdings die alte Freiheit bedeutend beſchraͤnkt. Allein der Orden mußte ja wollen, daß die eroberten Lande auch von betriebſamen Menſchen bewohnt und bebaut, die Doͤrfer von einem friſchen und regſamen Volke belebt und an⸗ gefüllt feyen und in den Landſchaften uicht ertöbtende Knecht⸗ ſchaft und ſclaviſche Gemeinheit alles erdruͤcke, ſondern freies Leben und thätiger Geiſt, nur im geſetzlichen Gehorſam, auch ferner herrſchend bleibe. Darum uͤberließen die Ordensritter den alten Landesbewohnern ihr altes Landeigenthum in der Regel ganz unter denſelbigen Bedingungen und Verpflichtun⸗ gen und mit den naͤmlichen Rechten und Freiheiten, wie ſie die neu zu beſetzenden Gebiete den Deutſchen Einzoͤglingen uͤbergaben. Der Orden betrachtete ſich als den einzigen ober⸗ ſten Lehnsherrn des geſammten gewonnenen Landes. Wie der Deutſche Einzoͤgling, ſo erhielt auch der alte Landesbewoh⸗ ner das ihm uͤbergebene Landeigenthum als Lehnbeſitz für bes ſtimmte Leiſtungen und Verpflichtungen. Der jaͤhrliche Zins, welcher dem Orden zufiel und in Getreide, Zinshuͤhnern, Pfef⸗ fer, Wachs oder Geld beſtand, war fuͤr Deutſche und fuͤr Preuſſen im Verhaͤltniſſe meiſt völlig gleich; eben fo im All⸗ gemeinen der Kriegsdienſt und die Beihuͤlfe zum Aufbau neuer Ordensburgen. Nur hie und da erhielt der Deutſche hierin einen Vorzug; dagegen ward auch oͤfter ein dem Or⸗ den beſonders ergebener und verdienter Preuſſe mit ausgezeich⸗ neteren Rechten belohnt. Nur um hoͤherer Verdienſte willen wurde den Deutſchen Einzoͤglingen auch höhere Auszeichnung zu Theil ). 1) Die Beweiſe hievon werden fpäterhin beigebracht werden, wenn von den Verhaͤltniſſen der Unterthanen zum Orden überhaupt und von den baͤuerlichen Verhältniffen insbeſondere die Rede ſeyn wird. Uebri⸗ gens muß das von Kotzebue B. I. S. 447 angeführte Beiſpiel der ausgezeichneten Verleihung an Dieterich von Tiefenau nur als Aus⸗ nahme, keineswegs als Regel betrachtet werden.
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Behandlung der Neubekehrten. 293 Auch in den uͤbrigen Verhaͤltniſſen des Lebens war es milde Schonung, Freundlichkeit und Menſchenliebe, mit welcher der fromme und freundliche Landmeiſter und mit ihm auch die Ordensbruͤder den Neubekehrten entgegenkamen. Nicht wie Herren, ſondern wie Vaͤter und Bruͤder ritten ſie, wie ein Chroniſt berichtet, im Lande hin und her zu Vornehmen und Armen, luden die neuen Chriſten zu Gaſt, nahmen Theil an ihren Gaſtgelagen, pflegten willfaͤhrig und mitleidig arme und kranke Preuſſen in ihren Hofpitälern, verſorgten die Wittwen und Waiſen, deren Maͤnner und Vaͤter im Kriege erſchlagen worden waren, ſchickten talentvolle Knaben und Juͤnglinge nach Deutſchland, beſonders nach Magdeburg in die Schulen zum Unterricht im Chriſtenthum und in der Deutſchen Sprache, um ſolche nachher in Preuſſen als chriſtliche Lehrer zu ge⸗ brauchen. So ward um dieſe Zeit der nachmals ſo ausge⸗ zeichnete Heinrich Monte zu Magdeburg in der beruͤhmten Kloſterſchule gebildet). Zum Unterhalt dieſer Juͤnglinge ver⸗ wandte man die in Deutſchland eingeſammelten Almoſen. Sich begnuͤgend mit dem maͤßigen Einkommen, welches ſie vorerſt in dem neu gewonnenen Lande fanden, veranſtalteten die Or⸗ densritter zur Pflege armer und kranker Preuſſen in ihren Ho⸗ fpitälern milde Sammlungen in Deutſchland, alſo daß „um ſolcher Sitten willen die Deutſchen Ordensbruͤder auch von ſolchen Prauffen, die noch abgoͤttiſch waren, großes Lob em⸗ pfingen.“ So geſchah, daß der Orden ſich bald allgemeine Achtung und ein gewiſſes Vertrauen ſelbſt bei ſolchen zu er⸗ werben wußte, die dem Chriſtenthum noch nicht ergeben waren 9. Dieſelbe Milde und Schonung, verbunden mit kluger Vorſicht, bewieſen die Ordensritter auch in ihren Bemuͤhun⸗ gen um die Verbreitung des Glaubens und um die Beleh⸗ 1) Dusburg P. III. c. 86. Simon Grunau Tr. VII. c. 1.8. 2. 2) So ſchildert Lucas David B. II. S 88 — 89 das Be⸗ nehmen der Ordensritter gegen die Neubekehrten. Simon Grunau IT VII. c. 1. f. 2.
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294 Behandlung der Neubekehrten. rung der alten Landesbewohner im Chriſtenthum. Freilich ging meiſtens die Taufe der letzteren voran und man legte viel zu wenig Gewicht auf innere Ueberzeugung und auf gruͤndliche Erkenntniß der chriſtlichen Wahrheit; aber es war dieſes zum Theil auch allgemeine Schuld der Zeit. Der Landmeiſter hatte jedoch das ausdruͤckliche Gebot erlaſſen, daß niemand durch Mittel der Gewalt und des Zwanges zur Taufe bewogen werden ſolle ). Das haben freilich die Geiſt⸗ lichen, beſonders der mit dem Orden noch immer in Zwiſt le⸗ bende Biſchof Chriſtian ihm ganz anders gedeutet und miß⸗ guͤnſtig den Ordensrittern hieruͤber manche Verbrechen aufge⸗ buͤrdet, die, wie bald weiter berichtet werden wird, aus einer ſo unreinen Abſicht hervorkamen, daß ſie ſchwerlich wohl Glau⸗ ben verdienen koͤnnen, wenn gleich auch zugegeben werden muß, daß wohl nicht immer jeder Ritter dem Geſetze der Liebe und der Milde und den Pflichten der Menſchlichkeit ſtreng gemaͤß gehandelt habe. Ueberall, wohin der Orden mit ſeiner Herrſchaft vor⸗ drang, wurden immer ſogleich auch Kirchen erbaut und der chriſtliche Gottesdienſt eingerichtet. So ſtanden bereits ſolche Kirchen zu Thorn und Kulm 2), zu Rheden und Marienwer⸗ der, und auch in Elbing ward ſchon im erſten Jahre ſeiner Gruͤndung eine Kirche nebſt einem Kloſter aufgebaut. Es war ja ohnedieß auch ein ausdruͤcklicher Befehl des Papſtes, daß uͤberall im eroberten Lande Kirchen errichtet und mit Landeigenthum begabt werden ſollten ). Der Orden hatte ſolches auch in der Kulmiſchen Handfeſte ſicher zugeſagt ). Selbſt auf dem Lande waren mit eifrigem Betriebe ſchon manche Kirchen erbaut worden; ſo wird der Parochie zu Po⸗ 1) Lucas David B. II. S. 90. Simon Grunau a. a. O. 2) S. Kulmiſche Handfeſte in Hartknochs Ausgabe von Dus- burg p. 456. Lucas David B. II. S. 66. 3) Bulle des Papſtes Gregorius IX. datirt: Reate III. Non. p. n. an. VIII., von welcher oben ſchon die Rede war. 4) S. Hartknochs Ausgabe von Dusburg p. 456.
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Chriſtliche Lehrer der Neubekehrten. 295 ſtelin in Pomeſanien ſchon im Jahre 1236 erwähnt ). In chriſtlicher Belehrung des Volkes waren mehre fromme Männer mit großem Eifer thätig. Der freundliche Biſchof Wilhelm von Modena hatte ſich während feines Aufenthalts in Preuſſen faſt unaufhoͤrlich mit der Predigt des Evange⸗ liums beſchaͤſtigt, und wie ſchon fruͤher, ſo war auch jetzt ſein eifriges Bemuͤhen mit ſchoͤnen Erfolgen belohnt worden. Ihn unterſtuͤtzten die ins Land mit dem Orden eingezogenen Do⸗ minicaner, welche Herzog Conrad von Maſovien nicht ohne den ruͤhmenden Beifall des Papſtes gleich im Beginne des Unternehmens in ſein Herzogthum gerufen hatte, um durch das Wort ihrer chriſtlichen Belehrung den ſtuͤrmiſchen Geiſt des heidniſchen Volkes zu zuͤgeln 2). Ihnen hatte dann der Papſt auch ganz beſonders das Geſchaͤft der Bekehrung und des Unterrichts der Heiden in den Grundlehren des Glaubens uͤbertragen ). Am meiſten wirkte unter ihnen wie in den Laͤndern des Nordens uͤberhaupt, ſo insbeſondere auch unter den Preuſſen der Krakauiſche Domherr Hyacinth, welcher, 1) In der Verſchreibungs⸗Urkunde an Dieterich von Tiefenau bei Kotzebue B. I. S. 447. 2) Raynald. an. 1230 nr. 24 erwähnt eines paͤpſtlichen Schrei⸗ bens an die Deutſchen Ordensritter, worin der Papſt Mazoviae du- cem laudibus extulit, Praedicatorum familiae alumnos in di- tionem suam excivisse, quo grassantes Prutenos coercerent. 3) Raynald, an. 1234 nr. 58 ſagt: Eorundem Praedicato- rum opera usus est Ponlifex ad Prutenos fide Christiana im- buendos. Dabei wird eines paͤpſtlichen Schreibens an die Dominicaner in Beziehung auf dieſe Sache erwähnt. Auch ein anderes Schreiben des Papſtes an die Dominicaner, welches Ray nald. I. c. anführt, ge: hört hieher. TLucas David B. II. S. 121 ſagt: „Nhun hatte Biſchof Chriſtianus, auch die bruder D. Ordens, beſtalt etliche monche Predi⸗ ger Ordens, deren etliche Polniſche, auch etliche Preuſche Sprache kon⸗ den oder gelernt hatten. Von denen wurden die Preuſſen geleret ins erſte die zehn gebot, darnach der algemeine Apoſtoliſche glauben, dar⸗ nach von der Taufe und Sacrament des altars, auch von der buſſe und bekerunge zu Gotte und vorgebung der Suͤnden.“ Teo Hist. Pruss. p. 72.
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296 Peſt in Preuffen. nachmals unter die Heiligen verſetzt, in der Verkuͤndigung des Chriſtenthums, im Ankaͤmpfen gegen den alten Geiſt des Hei⸗ denthums und in der Gruͤndung von Kirchen und Kloͤſtern einen Eifer bewährte, der kaum übertroffen werden konnte ). Auch die beiden Dominicaner-Moͤnche Ernſt und Heidenreich, welche nachmals beide mit der Biſchofswuͤrde, jener in Pome⸗ ſanien, dieſer in Kulm belohnt wurden, ſollen in Begleitung des paͤpſtlichen Legaten Wilhelm ſich um die Bekehrung der Preuſſen hohe Verdienſte erworben haben ). Endlich darf auch Chriſtians, des Preuſſiſchen Biſchofs reger Eifer in der Verbreitung des Evangeliums mit Ruhm erwaͤhnt wer⸗ den in dem Buche der Geſchichte. Durch ihn war das erſte Licht des Glaubens an das Kreuz in das Land getragen und die Finſterniß des alten Goͤtterdienſtes verdraͤngt in manchen Gemuͤthern, und er naͤhrte es noch fort und fort, dieſes Licht der Wahrheit, mit ſeiner eifrigen Seele und ſeinem feurigen Geiſte. Aber zwiſchen ihm und dem Orden ſtand jener feind- liche Daͤmon der Zwietracht und des Haders, der dem aus⸗ geſtreuten Samen in der Pflanzung des Evangeliums keines⸗ wegs das froͤhliche Gedeihen und den friſchen Aufwuchs ge⸗ ſtattete, welcher ohne dieſen ftörenden Geiſt wohl hätte erfol- gen muͤſſen, denn ohne Zweifel wirkte dieſer Zwieſpalt und dieſe feindliche Geſinnung zwiſchen dem Orden und dem Bi⸗ ſchofe auch auf die Ueberzeugung der Neubekehrten und ſelbſt auch auf die Stimmung der Unglaͤubigen unguͤnſtig ein. Ohnedieß gab es der Hemmungen genug, die den regen und raſchen Fortgang des Glaubens hindernd aufhielten. So geſchah im ſiebenten Jahre der Herrſchaft des Ordens, daß eine peſtartige Seuche, vielleicht durch die Pilgrime aus Deutſchland herbeigebracht ) oder durch die naßfaule Witte⸗ rung erzeugt ), uͤber Preuſſen hereinbrach und ein ganzes 1) Dzovius Annal. Eceles. T. XIII. p. 419. 430. 2) Die Quelle hiefuͤr iſt freilich nur Leo Histor. Pruss. p. 80. 107. 3) Lucas David B. II. S. 94. 4) Godefrid. Monach. p. 302,
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Peft in Preuffen. 297 Jahr hindurch unter Menſchen und Thieren furchtbar wuͤthete. Geſunde fielen plotzlich ſterbend nieder und Über das ganze Land verbreitete ſich Trauer und Elend. Die Ordensritter hielten ſich meiſt in ihren Burgen, jede Gemeinſchaft mit den Neubekehrten meidend, weil das ſchreckliche Uebel unter dieſen gerade am fuͤrchterlichſten herrſchte. Ganze Schaaren von neuen Chriſten fluͤchteten alles verlaſſend in die Woͤlder, fo gewaltig war das Entſetzen und der Schrecken vor dem nie gekannten Elende. Da traten heidniſche Prieſter, aus ihrem verborgenen Aufenthalte hervorkommend, unter die beſtuͤrzten Haufen und deuteten die uͤber das Land verhaͤngte Plage als den Zorn und die Strafe der verlaſſenen Goͤtter. Die er⸗ ſchreckten Gemuͤther wankten und viele gelobten, zwar mit dem neuen Gotte auch fernerhin noch Friede zu halten und dem neuen Herrn gehorſam zu ſeyn, aber auch den alten ſchuͤ⸗ tzenden Goͤttern forthin noch getreu zu bleiben und mit Opfer und Gebet Perkunos Zorn zu beſaͤnftigen. So ſah man bald manchen der Bekehrten heute am chriſtlichen Altare und mor⸗ gen im heidniſchen heiligen Haine und vor der heiligen Eiche ). Durch die Opfer aber, welche dieſer Seuche ſo zahlreich fielen, war auch die Bevölkerung der drei chriſtlichen Land⸗ ſchaften Kulm, Pomeſanien und Pogeſanien bedeutend ver⸗ mindert worden. Ohnedieß mochte wohl auch mancher, deſ⸗ ſen Gemuͤth durch das Ungluͤck und Verderben erſchuͤttert, im Zweifel an der Huͤlfe des neuverkuͤndigten Gottes, Troſt und Erhebung ſuchte im Dienſte ſeiner alten Goͤtter, nicht wieder zurücfehren in die verlaſſene Hütte und auf den traurigen Boden, von welchen der Schrecken der Seuche ihn vertrieben. Dieſe Verluſte in der Bevoͤlkerung und was außerdem zuvor der Krieg theils hinweggerafft, theils aus der Heimat in ent⸗ ferntere Landſchaften verſcheucht hatte, konnten durch die Deut⸗ ſchen Einzöglinge wohl ſchwerlich auch nur zur Hälfte erſetzt werden. Daher war der Landmeiſter mit allem Eifer be⸗ 1) Dieſe Nachricht giebt uns Lucas David B. II. S. 94 — 90, der als ſeine Quelle die Chronik des Biſchofs Chriſtian nennt.
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298 Neue Bevölkerung Preuſſens durch Polen und Pommern. müht, auch aus den befreundeten Nachbarlanden ſo viel als moͤglich neue Bewohner fuͤr die verlaſſenen Landgebiete her⸗ beizuziehen. Vorzuͤglich aber waren es Polen, beſonders aus dem Ritterſtande, die das wuͤſte Gewirre ihrer unruhigen Heimat verlaſſend, ſich in Preuſſens Landſchaften und unter des Or⸗ dens milderer Herrſchaſt anzuſiedeln wuͤnſchten. Hermann Balk ſtellte daher fuͤr dieſe Ritter aus Polen eine beſondere Urkunde aus, in welcher alle Rechte und Freiheiten nebſt allen Pflichten und Leiſtungen verzeichnet waren, unter denen ſie im Lande Beſitz und Heimat finden ſollten ). Sie erhielten ihre Beſitzungen als Lehne auf erbliches Recht und unter der Verpflichtung, daß ſie und ihre Erben dem Orden, ſo oft er ſolches verlangen werde, in Polen, Pommern und Preuſſen zu Heerfahrten und Botſchaften Dienſte leiſten ſollten. Von ihrem Landbeſitze wurden ſie ſowohl, als ihre Unterſaſſen zum 1) Das Original dieſer bis jetzt ihrem Inbalte nach noch ganz un⸗ bekannten Urkunde war ſchon im Jahre 1278 in den Unruhen des Krie⸗ ges verloren gegangen. Der Ordensmarſchall Conrad von Thierberg der Juͤngere, damals Vice⸗Landmeiſter, erneuerte das Privilegium auf Anſuchen der Polniſchen Ritter. Es heißt darin, daß „etwan der Er: ſame man Bruder Herman genant Balke Gebitiger czu Pruͤſſen lobe⸗ lichs gedechtniſſes vil Polniſche Nitther belenet hatthe und mit nemlichen friheiten beyde ein gemeyne Privilegium in allen beſchreip und ouch Hefundern Sundirlichen Privilegia leider in vorlowffunge der cziet von ſteter anvechtung der heidenſchafft die von tage czu tage obirhand no⸗ men und geſchach das ſy unſer land eyns teyls beſchedigeten und heer⸗ ten, dorundir das gemeyne Privilegium der friheiten allir Nitther czu nichte quam und wart vortilget, dornoch die Erbelinge der getoteten Ritther umbe den gebrechen der friheiten, die die vorgeſſunge unter der unwiſſenheit itczund von dem gedechtniſſe gewiſſchet hatte durch voral⸗ dung wille der cziet dicke vor uns clagende und ouch andern Ritthern die von bueſſen in unſer land qwomen clageten und boten in dye gnade der fryheiten czu vornuwen.“ — Aber auch dieſes erneuerte Privile⸗ gium iſt im Originale nicht mehr vorhanden. Es befindet ſich im ge⸗ heimen Archive Schiebl. VII. nur noch eine Deutſche Ueberfegung da: von auf zwei Pergamentblättern aus dem Ende des Aten Jahrhun⸗ derts. Das Datum iſt: Redin XV. Calend. Decembr. 1278.
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Neue Bevölkerung Preuſſens durch Polen und Pommern. 299 Zehnten an den Orden verpflichtet ). Nach eines Ritters Tode ſollte das erbliche Lehngut zuerſt an ſeinen Sohn, in deſſen Ermangelung aber an ſeinen Bruder unter Verpflichtung der auf dem Gute ruhenden Dienſtleiſtungen übergehen, die fah⸗ rende Habe dagegen zur Haͤlfte der hinterlaſſenen Wittwe und den Toͤchtern 2) und zur andern Haͤlfte dem Orden zufallen. Mehre Soͤhne auf dem hinterbliebenen Erbgute ſollten insge⸗ ſammt nur den einen auf dem Gute liegenden Dienſt leiſten. Bei des Gutes Theilung aber ſollte auch jeder auf dem ihm mit Recht zufallenden Theile, ſofern er wolle, eines Ritters Wuͤrde behalten, wo nicht, ſich zu den Dienſten verpflichten, die auf der Ritter Unterſaſſen ruheten. Die niedere Gerichts⸗ barkeit erhielt auf ſeinem Gute der ritterliche Beſitzer, die hohe dagegen der Orden. Es ward ferner den Rittern eine be⸗ ſtimmte Friſt geſetzt, binnen welcher ſie das ihnen zuertheilte Land frei an neue Bewohner und Ackerleute austhun konnten; was aber ſpaͤterhin noch unbeſetzt gefunden werde, ſollte dem Orden anheim fallen, der es an andere vergeben oder auch dem Ritter zu den naͤmlichen Verpflichtungen wie dieſen ver⸗ leihen konnte. Auf ihren Guͤtern erhielten die Beſitzer freie Jagd und Fiſcherei zu ihres Tiſches Bedarf, doch nach den Beſtimmungen der Kulmiſchen Handfeſte. Zur Foͤrderung der Bienenzucht ward ihnen erlaubt, Baͤume auszuhoͤhlen und die auf ihren Gütern gefundenen Bienen als ihr Eigenthum zu 1) Mit naͤherer Beſtimmung heißt es in der Urkunde: „Ouch ſecze wir wellende, das Beyde dy gedachten Nitther und ouch Ire undirſaſen noch den vorgangen tagen und cziet Irer fryheit von alle dem, das In gewachſen iſt uff den ackern, die ſy mit eigener erbeit unde czerung ge⸗ ackert haben, unſerm huſe den zehenden dovon geben an des Gzinfes ſtad unde dorumbe ouch die undirſaſſen der vorbedachten Ritther uns gebin ſollen von iclichem holen eyn ſcot, und ouch ſo vil flachſes als eyn Twitich Polniſch iſt genant und von iclichem Pfluge II ſcot und glicher wies czwei Twitich, die Ritther abir czu gebung der vorgenan⸗ ten ſcot und flachſes nicht ſollen ſcholdig ſyn.“ 2) Ausgenommen waren von dieſer Theilnahme die ſchon verhei⸗ ratheten oder ſonſt vor dem Tode des Vaters von ihm getrennten Toͤchter.
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300 Neue Bevölkerung Preuſſens. betrachten. Dagegen behielt ſich der Orden das Recht vor, auf dieſen ritterlichen Beſitzungen, wo es ihm gelegen ſcheine, Muͤhlen zu erbauen und wollten die Ordensritter kuͤnftighin auf dem Gute eines der Ritter eine Burg errichten, ſo ſollte der Beſitzer verpflichtet ſeyn, ihnen ſeine Beſitzung gegen eine andere von gleicher Größe und Güte freiwillig einzuräumen. Solches waren die Freiheiten und Rechte, die Verpflich⸗ tungen und Verbindlichkeiten, welche fuͤr die neuen Landesbe⸗ wohner ſchon von dem Landmeiſter Hermann Balk feſtgeſtellt wurden und ſie zogen nicht wenige Fremdlinge in das ent⸗ voͤlkerte Land. Nicht bloß Polen, auch Pommern, öfter mit dem alten Namen Wenden oder Slaven bezeichnet, wander⸗ ten nach und nach unter ſoichen Freiheiten in die menſchen⸗ leeren Gebiete ein, fuͤgten ſich gerne unter des Ordens milde Herrſchaft und gaben hiemit ſelbſt den ſprechendſten Beweis von dem Rufe der Schonung und der menfchenfreundlichen Regentſchaft, den ſich rings umher in den Nachbarlanden die Deutſchen Ordensritter erworben hatten; denn gewiß ver⸗ tauſchten die neuen Einzoͤglinge nur das Schlechtere gegen das Beſſere. In ſolcher Weiſe geſchah es, daß in Preuſſens weſtlichen Landen, beſonders in Pomeſanien, dem alten Sitze eines wunderbaren Voͤlkergemiſches, nun wieder Menſchen von vier verſchiedenen Sprachen, von den verſchiedenſten Sitten, Gebraͤuchen und Lebensweiſen, alte Preuſſen, Deutſche, Polen und Pommern, friedlich neben einander wohnten ). 1) Von den näheren Verhältniffen dieſer verſchiedenen Unterthanen des Ordens zu dieſem als Oberherrn wird ſpaͤter noch die Rede ſeyn. Von dem Gemiſch der Bewohner Pomeſaniens iſt einiges ſchon in mei⸗ ner Geſchichte Marienburgs S. 26 geſagt und dort auch ſchon der hier näher beruͤhrten Urkunde Erwähnung gethan. Uebrigens laſſen ſich die dort gegebenen Beiſpiele von der gemiſchten Bewohnerſchaft eines und deſſelben Ortes noch bedeutend vermehren. In Pomeſanien kommt jedoch die Gemiſchtheit am haͤufigſten vor; weniger im Kulmerlande und in Pogeſanien.
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Fünftes Kapitel. Einen neuen mächtigen Fortſchritt zu feiner Größe that der Orden im Jahre 1237 durch ſeine Vereinigung mit dem Rit⸗ terorden der Schwertbruͤder in Livland. Es iſt fruͤher die Ge⸗ ſchichte dieſes Ordens fortgefuͤhrt worden bis zu der Zeit, als der Meiſter Volquin an ſeine Spitze trat; mit dem Jahre 1211 aber mußten wir den Faden der Erzaͤhlung fallen laſ⸗ ſen, um ihn hier am paſſenden Orte wiederum aufzugreifen. Wir ſahen damals, wie der Zwiſt zwiſchen dem gefaͤhrlichen Gegner der Ordensherrſchaft, dem Großfuͤrſten von Polozk und dem Biſchofe von Livland Albert durch einen Vertrag beigelegt ward und wie der Streit zwiſchen dieſem Biſchofe und dem Orden über die Landestheilung durch die Vermitt⸗ lung einiger Deutſchen Biſchoͤfe vorerſt völlig ausgeglichen war ). So herrſchte auf kurze Zeit Friede in des Landes inneren Gebieten; aber nicht ſo gegen außenhin. Noch ſtand dem Orden ein ſehr maͤchtiger Feind im Volke der Eſthen gegen⸗ uͤber, ſchon ſchwer gereizt und erbittert durch die fruͤheren Kriege, welche der Orden zu ihrer Unterwerfung gefuͤhrt, jetzt aber um ſo gefaͤhrlicher, da ein durch die Ordensritter zu Wenden veranlaßter Aufſtand unter den bekehrten Letten und Liven dem Orden nur zu deutlich bewies, wie wenig er der 1) S. B. I.
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302 Unterwerfung Eſthlands durch den Livl. Orden. Treue und des Gehorſams dieſer Volker vorerſt noch verfichert ſeyn konnte und wie lebendig noch in der Bruſt der alten Bewohner die Erinnerung an die Freude und Freiheit der al⸗ len Zeiten fortlebte, denn fo hoch flieg die Erbitterung in ih⸗ nen gegen die fremde Herrſchaft und ſo allgemein war in al⸗ len die Seele voll Groll und Haß, daß uͤberall die Vertil⸗ gung des chriſtlichen Namens und die Vertreibung oder Er⸗ mordung aller Deutſchen in Livlands Gebieten das Ziel ihrer Verſchwöͤrung hieß ). Es war ein Gluͤck für den Orden, daß dieſer gefahrvolle Sturm durch den Muth und die Ta⸗ pferkeit der Deutſchen ſo bald wieder beſchwichtigt werden konnte und die Liven und Letten ſich von neuem der Herr⸗ ſchaft des Ordens und des Biſchofs untergaben 2); denn ſchon im naͤchſten Jahre trat wieder ein neuer wilder Feind gegen den Orden auf. Dreimal fielen die raͤuberiſchen Litthauer in Livlands Graͤnzen ein, zwar ſtets mit Kraft zuruͤckgeworfen, aber jedesmal doch mit der ſchrecklichſten Verheerung und Ver⸗ oͤdung des Landgebietes, welches ihre Raubgier heimſuchte 3). Und nicht bloß dieſer Kampf mit den Litthauern dauerte in den nachfolgenden Jahren noch beſtaͤndig fort, ſondern nach einem kurzen Frieden wurden auch die Eſthen von neuem wieder aufgereizt, als im Jahre 1213 in des Biſchofs Albert Abweſenheit ſein Stellvertreter Biſchof Philipp von Ratzeburg in allzugroßem Glaubenseifer ein ſtarkes Heer von Deutſchen, Liven und Letten in Bewegung ſetzte, in Eſthland einbrach und bei allen Geboten der Schonung doch ein großer Theil des Landes mit Feuer und Schwert verwuͤſtet ward 7). Der Erfolg dieſer Verheerung aber war, daß nun von neuem Zorne entbrannt das ganze Eſthniſche Volk zum Kam⸗ 1) Heinrich der Lette ed. Gruber p. 86: Ceteri omnes contra Fratres militiae conjurantes Teutonicos omnes et no- men Christianum de terra Livonum expellere cogitabant. 2) Die näheren Umſtaͤnde dieſes Aufruhrs erzählt Heinrich der Lette p. 86 — 91. 3) Heinrich der Lette p. 92 — 93. 4) Heinrich der Lette p. 95 — 96.
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Unterwerfung Eſthlands durch den Livl. Orden. 303 pfe gegen die chriſtliche Herrſchaft in Livland zuſammen trat ), und fünf Jahre hindurch waren nun faſt unaufhoͤrlich die Waf⸗ fen in Bewegung zur Entſcheidung, ob forthin Chriſtus oder Tharapilla, der Eſthen maͤchtigſter Gott ), im Lande angebe⸗ tet, ob der Altar der chriſtlichen Kirche oder jenes Gößen Bild im dunkelen heiligen Haine mit den Opfern der Verehrung bedacht werden ſolle. Schwerlich wuͤrden der Orden und der Biſchof von Livland dieſen entſchloſſenen Gegenkampf des Fein⸗ des, der ſelbſt von Rußland aus nicht ſelten unterſtuͤtzt wur⸗ de, mit ſolchem Gluͤcke, als er geführt ward, beſtanden haben, wäre nicht dadurch, wenigſtens auf einige Zeit, der Gedanke recht nahe gelegt und die Ueberzeugung aufs lebendigſte rege geworden, daß Einheit im Plane, Einigkeit in Gefinnungen, Vergeſſen alles bisherigen Zwiſtes und einſtimmiges Handeln und Zuſammenwirken nach Einem Ziele hin die erſte und wich⸗ tigſte Bedingung eines gluͤcklichen Kampfes gegen das heidni⸗ Volk ſey, denn vor dieſem gefahrvollen Sturme war durch neue Beguͤnſtigungen, mit welchen der Papſt den Ritterorden erfreut hatte, auch ſchon wieder eine neue feindliche Span⸗ nung zwiſchen dem Biſchofe und dem Orden eingetreten 5). Die Gefahr aber verhinderte ihren Ausbruch; auch hatten wohl die ernſten Ermahnungen des Papſtes zur Eintracht und zum Frieden, wie an den Biſchof, fo an den Orden) auf die friedlichere Geſinnung beider eingewirkt. So geſchah es durch dieſe Einigkeit zwiſchen den hohen Geiſtlichen und den Ordensrittern, durch den Eifer des Papſtes, mit welchem er immer neue Haufen von Kreuzfahrern aus Deutſchlands noͤrd⸗ 1) „Tota Estonia saevire coepit contra Livoniam “ Ebendaſ. p- 98. 2) Gruber Origin. Livon. p. 149. 3) Die Gegenftände, worüber der Biſchof mit dem Orden haderte, waren zum Theil allerdings nicht von bedeutendem Gewichte; allein ſie ſind doch immer Zeugniſſe fuͤr den feindlichen Geiſt, der zwiſchen beiden herrſchte. Vgl. daruͤber Arndt Livl. Chronik Th. I. S. 111. 4) Raynald. ann. 1213. Nr. 9. Gadebuſch Livl. Jahrb. B. J. S. 101.
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304 Unterwerfung Eſthlands durch den Livl. Orden. lichen Gegenden zu Livlands Hülfe in Bewegung zu ſetzen wußte ), es geſchah durch des Biſchofs Albert raſtloſes Be⸗ muͤhen, in Deutſchland auf ſeinen faſt jaͤhrlich wiederholten Reiſen die Kreuzheere zu ſammeln, zu ordnen und nach Liv⸗ land zu fuͤhren, und durch die kluge Anfuͤhrung und den kriegeri⸗ ſchen Geiſt, mit welchem der als Kriegsheld fo berühmte Graf Albrecht von Orlamuͤnde, als Kreuzfahrer im Jahre 1216 in Livland angelangt ), die geſammte Kriegsmacht im Vereine mit dem Ordensmeiſter Volquin gegen die Eſthen zu benutzen verſtand, daß dieſes Volk durch unablaͤſſige Kämpfe und Schlach⸗ ten ermuͤdet, geſchwaͤcht und zuletzt durch eine blutige Schlacht bei Vellin in der Landſchaft Saccala ſchwer gedemuͤthigt, im Jahre 1217 Friede und Gehorſam gelobte und die Taufe an⸗ zunehmen verſprach ). Eſthland war aber ſchon vor dieſer Unterwerfung des groͤßten Theiles ſeines Volkes zwiſchen dem Orden und den Biſchoͤfen von Livland alſo getheilt, daß je⸗ nem die eine Hälfte, diefen die andere zufallen ſollte *). Dieſes Waffengluͤck indeſſen und dieſe Bezwingung des Eſthniſchen Volkes war zumeiſt das Verdienſt der Kreuzfah⸗ rer und ihres tapfern Fuͤhrers, des Grafen Albrecht von Or⸗ lamuͤnde und folglich aus einer Kraft hervorgegangen, die bald wieder voruͤberging. Es war daher bei dem Wechſel dieſer 1) Cf. Raynald. I. c. 2) Gruber Orig. Livon. p. 113 seq. Von dieſem Albrecht ſagt Heinrich der Lette p. 116: Quem dominus hactenus posuerat in pharetra sua, tanquam sagittam electam, ut tempore op- portuno mitteret eum in Livoniam ad liberandam Ecelesiam suam ab inimicis. Ruſſow Livländ. Chron. S. 5. 3) Heinrich der Lette p. 117 — 120. Alnpecks Reim⸗Chron. S. 18 — 24. Ruſſow S. 5. Gadebuſch B. I. S. 121. 4) Dieſe Theilung ſetzt Heinrich der Lette p. 109 ſchon ins Jahr 1215, ſagt aber: Quae sicut postea fuit instabilis (divisio), sic eam descrihere inutile reputavi. Bald nachher jedoch führt er an, die Theilung ſey in der Art geſchehen, daß der Biſchof von Riga den dritten Theil aller Einkuͤnfte und Abgaben, der Biſchof von Eſth⸗ land den zweiten und die Ordensritter den übrigen Theil des Landes erhalten hätten.
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Unterwerfung Eſthlands durch den Livl. Orden. 305 Kriegshuͤlſe die Erhaltung und Behauptung des Eroberten faſt noch ungleich ſchwieriger, als die Eroberung ſelbſt. Und die Gefahr vermehrte ſich noch, als die bei den Herrſcherfuͤrſten Rußlands entſtandenen Beſorgniſſe wegen des immer mehr be⸗ feſtigten und erweiterten Aufbaues der Deutſchen Herrſchaft in Livland und Eſthland immer hoͤher ſtiegen, die Verbindun⸗ gen dieſer Fuͤrſten mit des Ordens Feinden immer mehr Sy⸗ ſtem wurden ) und der Fuͤrſt Mſtiſlav von Novgorod, ein ta⸗ pferer Krieger, verbunden mit mehreren anderen ſchon auf nichts eifriger ſann, als die Deutſche Ritterherrſchaft in ihrem Aufſtreben auf jede Weiſe niederzuhalten oder aus der Naͤhe ſeines Fuͤrſtenthums ganz zu verdraͤngen e). An den Eſthen aber durfte er ſicher hoffen fuͤr ſeinen Plan beſtaͤndig Verbuͤn⸗ dete zu finden. Dieſe bedenkliche Lage der Dinge bewog den Biſchof Al⸗ bert von Livland in Verbindung mit dem Biſchofe Dieterich von Eſthland und dem Abte Bernhard von Duͤnamuͤnde, der noch im Laufe des Jahres 1217 zum Biſchof von Semgallen ernannt ward, den fo mächtigen, als kriegeriſchen König Wal⸗ demar den Zweiten von Daͤnemark, damals der gewaltigſte Herrſcher und Eroberer im Norden, zur Huͤlfe gegen die na⸗ hen Feinde und zur Vollendung der Eroberung Eſthlands her⸗ beizurufen. Die Biſchoͤfe begaben ſich ſelbſt zum Koͤnige, ihm ihre dringende Bitte vorzulegen ) und er verſprach, im naͤch⸗ ſten Jahre mit einem Heere in Eſthland zu erfcheinen „for wohl zur Ehre der heiligen Jungfrau, als zur Vergebung ſei⸗ ner Sünden ).“ Daneben aber lagen in des Koͤniges Seele 1) Karamſin B. III. S. 122. 2) Karamſin B. III. S. 123. 3) Nach Heinrich dem Letten p. 122 — 123 geſchah dieſes im J. 1217. Graf Albrecht von Orlamuͤnde, der aus Livland zurück kehrte, war mit in Begleitung der Biſchoͤfe. Hirn S. 125. Gade⸗ buſch B. I. S. 123 fest die Reiſe nach Dänemark erſt ins J. 1218. 4) Promisit, se anno sequenti cum exercitu suo in Esto- niam venlurum, tam ad beatae Virginis honorem, quam in peccatorum suorum remissionem. Heinrich der Lette p. 123 II. 20
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306 Die Dänen in Eſthland. ſicherlich auch weltliche Zwecke, neue Erwerbungen und Er: oberungen, die er hinter frommen Worten nur zu verſtecken ſuchte, denn laͤngſt hatte er ja geſtrebt, den ganzen ſüͤdli⸗ chen und oͤſtlichen Kuͤſtenſtrich des Baltiſchen Meeres unter ſeine Gewalt zu bringen, auch nannte er ſich bereits Herr von Holſtein, Wagrien, Lauenburg, Hamburg und Luͤbeck, Meklenburg, Nügen und Pommern, und jüngft erſt hatte er auch einen Theil von Preuſſen unter ſeine Zinsbarkeit ge⸗ bracht ). Nur unter ſchwerer Anſtrengung vermochte der Ordens⸗ meiſter Volquin mit der Kraſt ſeiner Ritter, der Deutſchen Kreuzfahrer und der Liven und Letten dem Anſturme zu wi⸗ derſtehen, den während des Koͤniges Ruͤſtung die Eſthen und Ruſſen unter Anfuͤhrung Mſtiſlavs, des Großfuͤrſten von Nov⸗ gorod und Wladimirs, des Fuͤrſten von Pleſkow mit ſtarker Macht unter ſchrecklichen Kaͤmpfen und Verheerungen auf ſie wagten ). Da landete aber im Sommer des Jahres 1219 im Gebiete von Reval König Waldemar in Begleitung des Erz biſchofs Andreas von Lund, des Slaviſchen Fuͤrſten Wizlav und des Biſchofs Dieterich von Eſthland mit einer mächtigen Flotte von 1500 Schiffen ). Die Eſthen, erſchreckt durch die große Kriegsmacht, die der König ans Land ſetzte, verließen ihre Burg bei Reval; ſie wurde vernichtet und an ihrer Stelle gruͤndete der Koͤnig Reval. Das heidniſche Volk aber, ſich zuerſt gegen den fremden Feind durch das Geloͤbniß 1) Vgl. B. I. 2) Heinrich der Lette p. 13 seq. Alnpeck S. 25. Ga: debuſch B. I. S. 120 ff. 3) Petri Olai Chron. ap. Langebeck T. I. p. 121. Krieı Regis Chron. ibid. p. 166. Petri Olai Annal. Dan. ibid. p. 182. Gheysmeri Comp. Iistor. Dan. T. II. p. 386: alle geben die Stärke der Flotte auf 1500 Schiffe an; ebenſo das Chron. Dan. ibid. p. 172. Manche ſetzen die Begebenheit in das J. 1218; allein nach der Unterſuchung in Gadebuſch B. I. S. 128 iſt gar kein Zweifel, daß Waldemars Kriegszug in den Sommer des Jahres 1219 falle. Dieſes Jahr nennen auch außer den Daͤniſchen Quellen Hein rich der Lette p. 128. Albert. Stadens. p. 302.
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Die Dänen in Eſthland. 307 der Taufe und der Untergebung ſicher ſtellend, brach dann plotzlich in fünf Haufen in des Königs Lager, drang bis zum Zelte des Eſthniſchen Biſchofs Dieterich, meinend, es ſey der König, erſchlug ihn, ermordete eine bedeutende Zahl der Daͤniſchen Krieger und wuͤrde vielleicht das ganze durch den unvermutheten Ueberfall beſtuͤrzte Heer zerſtreut und vernichtet haben, waͤre nicht der Slaven Fuͤrſt Wizlav, davon benach⸗ richtigt, eiligſt zur Rettung herbeigekommen ). Da brach der Koͤnig ſchwer erzuͤrnt mit ſeiner und der Deutſchen geſammten Kriegsmacht zur Rache gegen die Eſthen auf. Ein blutiger Kampf entſchied für die Chriſten; der König ernannte feinen Kapellan Weſſelin zum neuen Biſchof von Eſthland, beſtellte mehre ihn begleitende Geiſtlichen zur Bekehrung des heidni⸗ ſchen Volkes, verſah das ſtark befeſtigte Reval mit zahlreicher Beſatzung und kehrte dann nach Daͤnemark zuruͤck e). Die Daͤniſchen Krieger aber, welche der König zuruͤckgelaſſen, ver⸗ bunden mit den Deutſchen und mit den Pilgerſchaaren waren in Kämpfen mit den Heiden das ganze Jahr hindurch fo raſt⸗ los thaͤtig, daß ſich endlich alle Bewohner der nahen Land⸗ ſchaften der Taufe und dem Gehorſam untergaben und ſelbſt ein Theil der Semgallen die Deutſche Herrſchaft mit dem chriſtlichen Glauben anerkannten 5). So wenig aber war man erhaben uͤber die Leidenſchaft der Herrſchluſt und ſo wenig durchdrang die Menſchen die reine Idee des Kreuzes, daß jedes Gluͤck der Waffen auch neuen Stoff zum Zwiſte bot. Bald ſtand alles wieder in Hader und Zwietracht gegen einander und nur zu bald ward 1) Heinrich der Lette p. 129. Hiärn S. 126 — 128. Mallet B. I. S. 375 — 376. Erſterer nennt den Slaviſchen Für: ſten Wenzeslaus; Gruber p. 129 not. d. will zwar nicht zugeben, daß dieſer Wenzeslaus kein anderer ſeyn koͤnne, als Wizlav I. von Ruͤgen; die Gründe indeſſen, welche Gadebuſch B. I. S. 131 hie fuͤr anfuͤhrt, ſind doch von entſcheidendem Gewichte. 2) Heinrich der Lette p. 130 — 131. Ueber den Aufbau von Reval ſ. Gadebuſch B. I. S. 133. 3) Heinr. ber Lette p. 131. Hiärn S. 130. 20 *
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308 Die Dünen in Eſthland. es klar, mit welchen Gedanken und Beſtrebungen König Wal⸗ demar ſo bereitwillig ſeine Beihuͤlfe geleiſtet hatte. Die Daͤ⸗ nen betrachteten nicht bloß die gemachten Eroberungen als ihr rechtmaͤßiges, durch Blut und Opfer errungenes Eigenthum, ſondern es trat auch bald der ſchlaue Erzbiſchof von Lund mit der Behauptung hervor, daß die Biſchoͤfe, welche feinen Kö: nig zur Huͤlfe aufgerufen, dieſem als Belohnung ganz Eſth⸗ land abgetreten haͤtten ). Das war der Same endloſer Strei⸗ tigkeiten, denn es traten jener Behauptung ſowohl der Or⸗ densmeiſter Volquin, als der Biſchof von Livland aufs ent- ſchiedenſte entgegen, jener betheuernd: ihm ſey eine Schenkung Eſthlands an Daͤnemarks Koͤnig nicht nur voͤllig unbekannt, ſondern die Rigaiſche Kriegsmannſchaft unter dem Baniere der heiligen Jungfrau habe Eſthland unter den Glauben ge⸗ bracht, denn nur Reval und Oeſel ſeyen von den Daͤnen be⸗ zwungen worden 2); dieſer, der Biſchof, den vom Könige er⸗ nannten Biſchof von Eſthland nicht anerkennend, um ſeinen Bruder, den Abt Hermann von S. Paul in Bremen, als Biſchof dieſes Landes zu begruͤßen ), aber zugleich auch eben ſo wenig geneigt, den Anſpruͤchen des Daͤniſchen Koͤniges in ſolcher Ausdehnung beizuſtimmen. So hatte man im Könige von Daͤnemark nur einen Gegner und Widerſacher mehr er⸗ halten und es war nur die Lehre gewonnen, welche ſpaͤterhin ein großer Staatsmann ausſprach: Ein weiſer Regent darf nie 1) „Totam Estoniam Regis esse Danorum, iraditam sibi ab Episcopis Livoniensibus;“ Heinrich der Lette p. 139. So nahe men es auch faſt alle Dänifchen Chroniſten; z. B. Lici Regis Chron. ap. Langebeck T. I. p. 166 ſagt: Post multa bella totam terram illam ad ſidem Christi convertit et Danis subdidit usque in praesens. Ebenſo Petri Olai Annal. ibid. p. 182. 2) Heinrich der Lette p. 139. Yum daruͤber ſeinem Bruder Nachricht zu geben, ſandte der Bi⸗ ſchof damals nuncios per Curoniam et in Samlandiam Prussiae in Teutoniam; ein neuer Beweis, daß für Chriſten eine Reife durch das heidniſche Preuſſen keineswegs beſonders gefahrvoll war, ſofern ſie des Landes Geſetze in Ruͤckſicht der Religion nicht verletzten. Uebrigens gilt auch hier Samland fuͤr ganz Preuſſen.
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Dänen und Schweden in Eſthland. 309 fremde Hülfe ſuchen, denn Huͤlfsvoͤlker find jederzeit nur dem nuͤtzlich, welcher fie giebt, dem aber immer zum Verderben, welcher ſie empfaͤngt ). Aber ſelbſt auch der Sache des Chriſtenthums war dieſer Zwiſt, beſonders in Eſthland, aͤußerſt nachtheilig, denn waͤh⸗ rend der Biſchof von Livland durch ausgeſandte Geiſtliche in Eſthland in groͤßter Eile durch Taufe und Bekehrung die Be⸗ wohner der einzelnen Landſchaften fuͤr die Livlaͤndiſche Kirche zu gewinnen ſuchte, ließ es auch der Daͤniſche Erzbiſchof an keinem Mittel der Ueberredung und des Schreckens fehlen, um die Neubekehrten der Herrſchaft Daͤnemarks zuzueignen; ja er verbot nicht bloß dem Biſchof Albert, ſeine Prieſter fernerhin zur Bekehrung der Eſthen auszuſenden, ſondern er ließ ſogar einen Eſthniſchen Landesaͤlteſten, der die Taufe der Rigaiſchen Prieſter angenommen und den Ordensrittern ſeinen Sohn als Geißel übergeben hatte, oͤffentlich mit dem Tode be⸗ ſtrafen 2). Waͤhrend aber dieſer aͤrgerliche Zwiſt noch fortdauerte und die Gemuͤther mehr und mehr verwirrt wurden, während der Daͤniſche Koͤnig den Biſchof Albert und die Gebietiger der Ordensritter vor ſich forderte und Eſthland, da der Bi⸗ ſchof, nach Rom eilend, um den Papſt zur Entſcheidung auf⸗ zurufen, nicht erſchien, zwiſchen dem Koͤnige und dem Orden foͤrmlich ſchon getheilt wurde, trat noch ein neuer Bewerber um Eſthlands Beſitz auf. Der Koͤnig Johann von Schweden landete um dieſelbe Zeit mit einem ſtarken Heere an Rotalien, um ſich gleichfalls wenigſtens einen Theil des Landes zuzu⸗ eignen ), ſey es, daß auch er, wie der Daͤnen Koͤnig alte 1) Macchiavelli Principe. c. XIII. 2) Heinrich der kette p. 143 erzählt, wie leichtſinnig die Prie⸗ ſter mit der Taufe verfuhren. Biärn S. 131. Gadebuſch B. I. ©. 141 — 142. 3) Heinrich der Lette p. 144. Schon Ga debuſch B. 1. S. 143 bemerkt, daß Heinrich der Lette der einzige Chroniſt ſey, wel⸗ cher dieſe Begebenheit deutlich und richtig beſchreibe. Er beweiſet zu⸗ gleich, daß dieſe Unternehmung des Koͤniges von Schweden ins Jahr 1220 falle.
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310 Dänen und Schweden in Eſthland. Rechte auf Eſthland vorgab, oder daß er durch Eiferfucht und Beſorgniſſe getrieben gegen Daͤnemarks damalige außerordent⸗ liche Macht wenigſtens an einem Orte der ſuͤdlichen Oſtſeekuͤſte feſten Fuß faſſen wollte, um mit Gluͤck dann weiter zu gehen. Doch dieſes Gluͤck ward ihm nicht zu Theil und huldigte ihm nur auf kurze Zeit. Zwar gewann er einige feſte Burgen; ſeine Geiſtlichen tauften; er baute Kirchen und ließ bei ſeiner Ruͤckkehr eine Beſatzung unter des maͤchtigen Herzogs von Oſtgothland Oberbefehl zuruͤck. Allein kaum war ein Jahr voruͤber, ſo reichte ein einziger Ueberfall der Bewohner von Oeſel hin, mit der Niederlage der Schwediſchen Beſatzung und mit dem Tode des Herzogs von Oſtgothland und des Biſchofs von Linkoͤping die Schwediſche Herrſchaft im Lande wieder gänzlich zu vernichten ). Weit feſter ward an der Herrſchermacht der Dänen fort: gebaut; fie ſtand nun ſchon ſicher begründet da und immer war fie noch im Steigen. Der Biſchof Albert hatte ſich wer der bei dem Papſte, der ſich nur damit begnuͤgte, neue Geiſt⸗ liche zur Bekehrung der Heiden nach Livland zu ſenden ), noch bei feinem Lehnsherrn dem Kaiſer in feinen Klagen ge= gen den Koͤnig Waldemar beſonderer Erfolge zu erfreuen. Vielmehr des Letztern Ratte zur friedlichen Vergleichung mit den Nuſſen und Daͤnen folgend, begab er ſich auf ſeiner Heim⸗ kehr nach Daͤnemark, huldigte dem Koͤnige Waldemar als ſeinem Oberherrn und uͤbergab mit ſeinem Bruder, dem Bi⸗ ſchofe Hermann von Eſthland, ihm nicht bloß dieſes Land, ſondern ſelbſt auch Livland, doch nur unter der Bedingung, daß auch feine Prälaten, feine Dienſtmannen, die Rigaer mit den Liven und Letten in dieſe Ergebung einwilligen wuͤrden ). 1) Heinrich der Lette p. 145 — 146. Erici Upsal. histor. ed. Messenü p. 104. Biärn ©. 132. 2) Raynald. an. 1220. Nr. 38. 3) Heinrich der Lette p. 148: Tandem idem venerabilis Antistes, cum fratre suo Hermanno Episcopo, Regem Daciae praefatum adivit et tam Livoniam quam Estoniam in potesta- tem ipsius commisit, ita tamen, si Praelati conventuum suo-
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Die Dänen in Eſthland. 311 So ſchien Alberts charakterfeſter Geift gebrochen und gebeugt; allein nut ſchwere Bedraͤngniſſe, getäufchte Hoffnungen bei dem Kaiſer, wie bei dem Papſte, und die ſeiner Kirche dro⸗ henden Gefahren hatten ihn zu dieſem demuͤthigenden Schritte bewegen koͤnnen, denn früher war er ſelbſt des Koͤniges Nachſtellungen zu Luͤbeck nur durch die Flucht ausgewichen ), und nachmals waren vom Könige in alle Hafen der Oſtſee die ſtrengſten Verbote ergangen, weder den Biſchof auf ſei⸗ ner Heimkehr von Rom, noch ſonſt einen Prieſter oder Kreuz⸗ fahrer nach Livland fernerhin uͤberzuſetzen 2). Gewiß aber that der Biſchof dieſen Schritt auch nur, nachdem er die Wirkung davon in Livland ſchon berechnet hatte. Alles widerſetzte ſich bei ſeiner Ruͤckkehr der Untergebung in Daͤnemarks Oberherr⸗ ſchaft. Die Praͤlaten und Lehnsleute der Kirche traten vor dem Biſchofe auf, erklaͤrend: nur fuͤr den Glauben und zur Ehre der gebenedeieten Jungfrau ſey von ihnen der Kampf gegen die Heiden begonnen und gefuͤhrt worden, nicht fuͤr des Daͤniſchen Koͤniges Herrſchgier und Laͤnderſucht; lieber werde man das Land wiederum verlaſſen, als Daͤniſchen Geboten gehorchen s). In dieſem Geiſte ward die Gaͤhrung immer all⸗ gemeiner und bedenklicher. Da trat endlich der Erzbiſchof von Lund, der bisher zu Reval die Anordnung und Leitung des Kirchenweſens in der neuen Eroberung befergt hatte, unter den bewegten Gemuͤthern mit dem Verſprechen auf: er werde bei ſeinem Koͤnige die Sache in der Weiſe zu vermitteln ſu⸗ chen, daß Livland vom Einfluſſe der Daͤniſchen Macht völlig frei ſeyn und zwiſchen den Daͤnen und den Deutſchen gemein⸗ ſamer Friede, gegen die Heiden aber und Ruſſen auch gemein⸗ ſamer Krieg Statt finden ſolle ). rum, necnon et viri sui et Rigenses omnes cum Livonibus et Letthis in hanc formam consensum suum praeberent. Ueber die Zeit vgl. Gadebuſch B. I. S. 145. 1) Heinrich der Lette p. 147. 2) Heinrich der Lette p. 148. 3) Heinrich der Lette in Arndts Kivländ. Chronik Th. 1. S. 169. 4) Arndt a. a. O. S. 172 ff. Kar amſin B. III. S. 135.155.
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312 Die Dänen in Eſthtand. Nothwendig aber war diefer Friede und ein gemeinſames Zuſammenwirken für die Dänen nicht minder, als fir die Deutſchen; das bewieſen die waͤhrend jenes Zwiſtes ſo haͤufig und mit ſo großer Anſtrengung wiederholten Angriffe der wil⸗ den Litthauer und der Ruſſen auf Livland und andere den Dänen und Deutſchen unterworfene Gebiete. Ein Heer von zwoͤlftauſend aus dem Pleskower Lande fiel im Jahre 1221 unter Graͤueln und Verheerungen in Livland ein und es fo: ſtete alle Kraft, dieſem maͤchtigen Feinde ſuͤr die Dauer zu widerſtehen, dem ſtets unerſchoͤpfliche Huͤlfsquellen zur Fuͤh⸗ rung des Kampfes zu Gebot ſtanden ). Da erſchien auf den Rath des Erzbiſchofs von Lund der Koͤnig Waldemar im Jahre 1221 abermals mit einer bedeutenden Flotte bei der Inſel Oeſel ), errichtete dort eine ſtarke Burg, unterwarf ſich die Bewohner und glich ſich nun auch mit dem Biſchofe Albert und mit den Rittern des Schwert⸗-Ordens auf die Bedin⸗ gungen aus, daß forthin Livland und alles, was dazu ges hoͤre, dem Biſchofe mit aller Freiheit verbleiben, in den Eſth⸗ niſchen Landſchaften Saccala und Ungannien die koͤniglichen Rechte den Ordensrittern und nur die geiſtlichen dem Biſchofe zufallen, beide aber ihm und den Seinigen ſtets getreuen Bei⸗ ſtand gegen die Ruſſen und Ungläubigen leiſten ſollten >). 1) Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 153 — 154. 2) Außer Hein rich dem Letten p. 152 erwähnen dieſes Zuges auch die Däniſchen Chroniſten: Petri Olai Annal. p. 182. Hams- Jort Chronol. p. 285; auch Albert. Stadens. p. 303. Vgl. Ga⸗ debuſch B. I. S. 160 — 161. 3) Heinrich der Lette p. 152. Es ſcheint aber, daß Walde: mar bei dieſem Vertrage darauf ausging, den Biſchof und die Ordens⸗ ritter in Lehnsabhaͤngigkeit von der Daͤniſchen Krone zu ſetzen. Wenn es daher bei dem erwähnten Chroniſten heißt: In Saccala vero et Ungannia Regalia iura Fratribus Militiae, sed Episcopo Ri- gensi spiritualia cuncta dimisit, adiiciens, ut sibi perpetuam ſidelitatem praestarent, et iam contra Ruthenos, quam contra pagancs auxilium suum non denegarent, fo mag wohl gewiß auf dieſe beiden Landſchaften die erwähnte Beziehung Statt finden. So verſtand die Sache auch Mallet B. I. S. 378. Ueber die Verleihung der jura regalia cf. Du Hiresne s. v. Regalia.
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Die Dänen in Eſthland. 313 So hatte der mächtige König das hoͤchſte Ziel erreicht, dem er Jahre hindurch nachgetrachtet; er galt fuͤr den größten Beherrſcher des nördlichen Europas; aber es waren auch die letzten großen und gluͤcklichen Tage ſeines thatenreichen Lebens, denn von nun an ſank die Macht der Daͤnen wie uͤberall, ſo auch in Livland und Eſthland mit jedem Jahre tiefer und ticfer. Schon bald nach des Koͤniges Heimkehr ging Oeſels Beſitz durch die Empoͤrung der Bewohner fuͤr die Daͤnen wie⸗ derum verloren. Dann brach ein wilder Aufſtand im Eſthni⸗ ſchen Volke aus, in welchem nicht bloß viele Ordensritter und andere Deutſchen ein Opfer der Rachwuth der erbitterten Be⸗ wohner wurden, ſondern auch die Daͤniſche Kriegsmannſchaft im Lande außerordentlich geſchwaͤcht ward ), ohne daß von Daͤne⸗ mark aus neuer Erſatz herbeikam. Am meiſten aber wirkte zum Verfalle der Daͤniſchen Herrſchaft auch in dieſem Lande des Koͤnigs Waldemar Gefangenſchaft durch den Grafen Heinrich von Schwerin 2), denn nun erwachte auch hier in den gebeug⸗ ten Gemuͤthern das Gefuͤhl der Kraft und der Gedanke der Befreiung von Daͤnemarks druͤckendem Joche. Kaum war daher des Koͤnigs Ungluͤck durch den mit vielen Kreuzfahrern zuruͤckkehrenden Biſchof Albert und ſeinen Bruder Hermann, nunmehr anerkannten Biſchof von Eſthland, in Livland be⸗ kannt geworden ), als man beſchloß, ſich des laͤſtigen Dru⸗ ckes des Daͤniſchen Gebotes gaͤnzlich zu entledigen. Man ſchritt fogleich zu einer neuen Theilung des eroberten Eſthlands. Der Ritterorden erhielt die ganze Landſchaft Saccala; dem Biſchofe Hermann fiel das Gebiet Ungannien zu und der Kirche zu Riga die Eſthlaͤndiſche Strandwyck ). So hatte ſich al⸗ les im Jahre 1223 ploͤtzlich umgewandelt. 1) Heinrich der Lette p. 152 — 153. 2) Vgl. Mallet B. I. S. 379. ) Nach Heinrich dem Letten p. 163 hatten beide den Koͤ⸗ nig in ſeiner Gefangenſchaft beſucht und Alberts Bruder war von ihm nun auch als Biſchof von Eſthland anerkannt worden. Hiärn S. 139. 4) So giebt die Theilung Heinrich der Lette p. 164 — 165 an. Arndt a. a. O. S. 192 — 193.
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314 Steigende Macht des Ordens in Livland. Je mehr nun aber in ſolcher Weiſe die ſonſt ſo druͤckende Macht der Dänen zuruͤckgedraͤngt ward, deſto höher hob ſich die der Deutſchen, deſto lebendiger regte ſich in den Rittern des Ordens des Ritterdienſtes Chriſti das Gefühl ihres Ver⸗ dienſtes und deſto muthiger ward ihre Bruſt zum Kampfe gegen die Feinde des Glaubens und der Kirche. Die Feſte Dorpat, wo der Ruſſiſche Fuͤrſt Vieſcecka hauſte, der ſo oft die Eſthniſchen Landſchaften mit Raub und Verheerung uͤber⸗ flürmt hatte, ward noch im Jahre 1223 belagert und gewon⸗ nen ): ein in feinen Folgen ſehr wichtiges Ereigniß; denn die ſchnelle Eroberung dieſer aͤußerſt ſeſten Burg, der außer⸗ ordentliche Muth der Deutſchen und der Ordensritter in dem blutigen Kampfe, ihre eiſerne Tapferkeit und ihr oft wunder⸗ bares Gluͤck in ihren Kriegen gegen die Ruſſen, Daͤnen und Unglaͤubigen erregten uͤberall ſolchen Schrecken gegen die Deut⸗ ſche Kriegsmacht und zerbrachen in ſolchem Maaße den Muth ihrer Feinde, daß ganze Landſchaften, um welche ſonſt mit Leben und Blut war gekaͤmpft worden, ſich nun freiwillig dem Orden und dem Biſchofe von Livland untergaben, daß ſelbſt die raubluſtigen Fuͤrſten von Novgorod und Pleſcow in Riga um Friede baten ). So hatte der wilde Kampf im Norden ſchon vierzig Jahre gedauert ) und fo erhielt Livland durch den Schrecken der Voͤlker nach langen ſtuͤrmiſchen und blutigen Tagen 1224 das erſte Friedensjahr ). Nahe und ferne Völker, Ruſſen, die Strandbewohner Eſthlands und die Oeſeler, die Semgal⸗ len und Kurlaͤnder, ſelbſt auch die Litthauer ſandten ihre Ab⸗ 1) Heinrich der Lette p. 165 — 166. Karamſin B. III. S. 159 nennt den Ruſſiſchen Fuͤrſten Waͤtſchko, Herrn von Polozk. Gadebuſch B. I. S. 166. Siärn S. 139 2) Heinrich der Lette p. 169 — 170. Karamſin B. III. S. 161. 3) Heinrich der Lette p. 171. 4) Wie erſchoͤpft durch die ermuͤdende Erzählung der Kriegsereig⸗ niſſe ruft Heinrich der Lette bei dem Jahre 1224 endlich aus: Jam Livonum terra tranquilla pace silebat!
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Wilhelm von Modena in Livland. 315 geordneten mit Geſchenken des Friedens und der Ergebenheit an den Biſchofsſtuhl nach Riga. Im Lande ſelbſt kehrte wie nach wilden Wetterſtuͤrmen die Sonne des Friedens und der Ruhe zuruͤck. Mit Eifer ging der Landmann und der Buͤr⸗ ger wieder den ſtillen Arbeiten des Feldes und des Hauſes nach. Kirchen und Doͤrfer ſtiegen von neuem ſchnell empor und das Land erholte ſich durch Emſigkeit und Betrieb bald wieder von feiner furchtbaren und ſchauderhaften Eroͤdung ). Da erſchien noch in dem naͤmlichen Jahre auf Alberts Bitte auch in Livland jener paͤpſtliche Legat, deſſen wir fruͤher ſchon gedacht haben, der Biſchof Wilhelm von Modena, vom Papſte beauftragt, auch in jenen neuen Pflanzungen des Glau⸗ bens alles anzuordnen, was nur irgend zum Heil und Ge⸗ deihen der Kirche dienen koͤnne ). Fünf Bisthuͤmer fand der Legat in jenen nordiſchen Landen ſchon eingerichtet: das von Riga, welchem Biſchof Albert vorſtand, war das vornehmſte; das von Leal, nachmals das Oeſelſche genannt; das von Semgallen, welches auch das Seleburgiſche hieß; das von Ungannien oder Dorpat, wo noch Alberts Bruder Hermann Biſchof war, und das von Reval, welches nicht wie die er— ſteren dem Biſchofe von Riga, ſondern dem Erzbiſchofe von Lund untergeben war 3). Der paͤpſtliche Legat bereiſete den groͤßten Theil jener Lande, das Volk durch ſeine Predigten im Glauben belehrend, ermunternd und uͤber das neue Licht des Evangeliums erfreuend, deshalb auch überall, wo er er- ſchien, mit Jubel und Vertrauen empfangen; die Geiſtlichen aber und die Ordensritter ernſt und vaͤterlich ermahnend, den Neubekehrten das aufgenommene ſanfte Joch des Glaubens 1) Vgl. die Schilderung des emfigen friedlichen Betriebs bei n rich dem Letten p. 170. 2) Raynald. ann. 1224. Nr. 38. Daß das Jahr 1224 die rich⸗ tige Zeit der Ankunft des Legaten im Norden iſt, hat ſchon Esfrup inf. Abhandlung: Idea Hierarchiae Romanae etc. p. 16 — 17 erwieſen. Vgl. Gadebuſch B. I. 183 — 184. 3) Gruber Origin. Livon. p. 173 in der Anmerk. zu Heinrich dem Letten.
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316 Wilhelm von Modena in Livland. nicht durch unbilligen Zehnten oder andere Laſten zu beſchwe⸗ ren, den neuen Chriſten ſtets mit Wohlwollen und Liebe zu begegnen und in dem milden Geiſte des Chriſtenthums die neue Anpflanzung der Kirche mit erfreulichem Gedeihen zu be⸗ gluͤcken ). Und nun erſt verbreitete ſich der chriſtliche Glaube feſt und ſicher mit der ganzen uͤberzeugenden Kraft, die ihm eigen iſt, weit und breit in jenen Landen ). Um aber auch den Stuͤrmen der Zwietracht und der Befeindung vorzubeugen, die fo oft das Aufkeimen und Gedeihen des ausgeſtreuten Sa⸗ mens der chriſtlichen Lehre erdruͤckt und verhindert hatten, nahm der paͤpſtliche Legat die geſammten Gebiete, ſo weit ſie chriſtlich waren, ſelbſt auch diejenigen, welche unter der Herr⸗ ſchaft der Daͤnen ſtanden, nicht bloß in gewoͤhnlicher Weiſe unter den Schutz und Schirm der Roͤmiſchen Kirche, ſondern er ordnete auch zu Riga ein allgemeines Concilium an, in welchem alle Streitigkeiten und Irrungen ſowohl unter den Biſchoͤfen des Landes ſelbſt, als zwiſchen dem Biſchofe von Riga und dem Ordensmeiſter Volquin für immer geſchlichtet und beigelegt werden ſollten >). Dennoch ward gerade um dieſe Zeit wieder Same zu neuem Hader zwiſchen dem Biſchofe und dem Orden ausge⸗ worfen. Albert war viel zu ſehr von dem hierarchiſchen, herrſchgierigen Geiſte des damaligen Clerus durchdrungen, als daß er nicht fort und fort von dem Gedanken geleitet und von dem Beſtreben getrieben worden wäre, den Ritterorden in ſteter Abhaͤngigkeit von ſich und ſeiner Kirche zu erhalten. Jeder Schritt war hiebei berechnet und in allem, was er in Beziehung auf den Orden that, leuchtete dieſes Beſtreben deutlich hervor. Wenn es auch zweifelhaft bleibt, ob er ſich 1) Heinrich der Lette p. 172 — 174 beſchreibt mit ſichtbarer Liebe die eifrigen Bemuͤhungen des Legaten in der Sache der Kirche und des Chriſtenthums. Vgl. Estrup J. c. p. 24. . 2) Raynald. an. 1225. Nr. 16. 3) Heinrich ber kette p. 177. Arndt B. II. S. 17. 20. Dogiel Cod. diplom. Polon. T. V. Nr. 15. Estrup. J. c. p. 20.
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Wilhelm von Modena in Livland. 317 wirklich vom Roͤmiſchen Koͤnige Heinrich eine Urkunde zu er⸗ werben wußte, nach welcher das Bisthum Livland mit den dazu gehoͤrigen Gebieten zu einem geiſtlichen Lehnfuͤrſtenthum erhoben und er unter Zuſicherung aller in ſolchem Verhaͤltniſſe geltenden Vorrechte zum Reichsfuͤrſten erklaͤrt wurde ), ſo waͤre doch ſicherlich ein ſolcher Schritt nicht außer ſeinen Be⸗ ſtrebungen und außer ſeinem Geiſte; gewiß iſt aber, daß er noch im Jahre 1224 dem Orden eine Anzahl Laͤndereien nur unter der Bedingung abtrat, daß die Ordensritter ihm hiefuͤr zu lehnspflichtigem Gehorſam verbunden ſeyn ſollten ). So⸗ mit trat alſo der Orden und ſein Meiſter eine Zeitlang gegen den Biſchof in das foͤrmliche Verhaͤltniß der Vaſallenſchaft und Albert ſchien ſeinem Ziele naͤher und naͤher zu kommen. Allein ſchon im Fruͤhling des Jahres 1226 wirkte ſich der Orden bei dem Kaiſer Friederich dem Zweiten eine Urkunde aus, die ihm nicht bloß den unmittelbaren kaiſerlichen Schutz zuſicherte und ihm alle von den Biſchoͤfen uͤberlaſſenen Land⸗ beſitzungen förmlich beftätigte, ſondern in dieſem feinen Ge⸗ bieten auch ſaͤmmtliche Oberhoheitsrechte bewilligte 3). In dieſen Verhaͤltniſſen lag wieder reicher Stoff zum Zwieſpalte und zur Feindſchaft, und bei des Biſchofs Streben, den Orden ſtets im Joche ſeiner Dienſtbarkeit zu halten, wuͤrde es auch nicht an Anlaß zu neuem Hader gefehlt haben, hatten nicht äußere Unruhen vorerſt ſowohl den Biſchof, als den Orden anderwaͤrts beſchaͤftigt. Aufgefordert durch den paͤpſtlichen Legaten, deſſen Gegenwart ohnedieß das glimmen⸗ de Feuer nicht zum Ausbruche kommen ließ, beſchloß man im Anfange des Jahres 1227 das heidniſche Volk der Oeſeler, von deren Raubfahrten und Graͤueln an chriſtlichen Prieſtern und Kirchen der Legat zum Theil durch eigenen Anblick ſich überzeugt hatte), mit Krieg heimzuſuchen, die Inſel zu un 1) Vgl. Arndt B. I. S. 209. B. II. S. 14. Hiärn S. 144. 2 Arndt B. II. S. 15. Gadebuſch B. I. S. 180. 3) Arndt B. II. S. 19. 4) Heinrich der kette p. 178. Arndt B. I. S. 210. Hiärn S. 144.
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320 Feindſchaft d. Dänen u. Deutſchen i. Livland. terwerfen und auch hier die alten Goͤtter aus ihren heiligen Hainen zu vertreiben. Aus Gothland ſandte Wilhelm von Modena ſelbſt bedeutende Huͤlfe herbei; der Biſchof von Riga und Volquin ſammelten ihre ganze Macht; ein Heer von zwanzigtauſend Deutſchen und Liven, Letten und Eſthen, an ſeiner Spitze der Biſchof und der Meiſter, brach auf der ge⸗ frorenen See in das Gebiet der Inſel ein. Es erhob ſich ein aͤußerſt blutiger Kampf, beſonders um die feſte Burg Mone. Als aber dieſe erſtuͤrmt und mit allen ihren Bewoh⸗ nern und Vertheidigern vernichtet war, ergab ſich alles auf der Inſel in die Haͤnde der Chriſten, und Tharapilla, der alte, maͤchtige Gott der Oeſeler, ward in die See verſenkt ). Ein Graf von Arnſtein am Harz und der Herzog Barnim von Pommern, die mit Pilgerhaufen zugegen waren, theilten das Verdienſt der Bezwingung des rauberifchen Heidenvolkes. Mittlerweile aber waren die Litthauer und Semgallen, die Zeit der Abweſenheit des Biſchofes und des Ordensmei⸗ ſters benutzend, niit Mord und Verheerung bis zur Duͤna vorgeſtuͤrmt. Volquin zog ihnen mit ſeiner Mannſchaft ent⸗ gegen, ſchlug ſie mit einem ſtarken Verluſte zuruͤck und ſetzte den Kampf gegen den Semgalliſchen Oberfuͤrſten Weſthard auch noch im nachfolgenden Jahre nicht ohne Gluͤck fort. Und kaum war dieſer Feind, deſſen Bekaͤmpfung dem Orden gegen neunhundert feiner beſten Streiter gekoſtet hatte ), uͤberwaͤl⸗ tigt, ſo folgte ein harter Streit mit den Daͤnen. Je mehr ſeit Jahren die Herrſchaft der Letztern beſchraͤnkt, zuruͤckgedraͤngt und in ſich ſelbſt geſunken war, um ſo lebendiger erwachte in ihnen Neid und Eiferſucht gegen die gluͤcklichen Fortſchritte der Deutſchen und beſonders des tapfern Ritterordens in der Bezwingung der Ueberreſte der Heiden. Was ihnen aber das I) Heinrich der Lette p. 179 — 182. Alnpeck S. 28 — 29 giebt die Zahl der in der Burg Mone erſchlagenen Oeſeler auf 2500 an. Hiärn S. 144 — 145. Gade buſch B. I. S. 203 ff. Auch Albert. Stadens. p. 305 erwähnt der Sache. 2) Alnpeck S. 29 — 30. Hiäͤrn S. 145 — 146. Arndt Th. II. S. 19.
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Feindſchaft d. Dänen u. Deutſchen i. Livland. 319 Gluͤck nicht mehr bot, das ſollte das Schwert und die Ge⸗ walt erſetzen. Sie hatten ſich daher ohne weiteres bereits einiger Gebiete bemaͤchtigt, die unter den Schutz des Roͤ⸗ miſchen Stuhles geſtellt waren und ſchon hiedurch den Zorn der Kirche erregt, als im Jahre 1227, von ihnen ausgeſandt, bei dem Ordensmeiſter ein falſcher paͤpſtlicher Legat erſchien mit dem Befehle, die Heiden forthin nicht weiter zu bekaͤm⸗ pfen, ſofern ſie nicht das chriſtliche Gebiet mit Raub uͤber⸗ fallen wuͤrden ). Das liſtige Spiel ward aber bald enthüllt und der Papſt Gregorius der Neunte, erzuͤrnt uͤber den Miß⸗ brauch ſeines Namens zu Argliſt und Betrug, forderte den Ordensmeiſter auf, die Dänen aus Eſtbland gänzlich zu ver⸗ treiben. Gern ergriff der Orden die Waffe gegen den ſchwa⸗ chen, neidiſchen Nachbar. Mit ihm verbanden ſich, durch den Druck der Dänifchen Auflagen erbittert, auch die ſaͤmmt⸗ lichen Bewohner des Daͤniſchen Eſthlands. Reval, der Daͤ⸗ nen feſteſter Waffenplatz, ward ſchnell gewonnen, das ganze Daͤniſche Gebiet erobert und alles, was der Daͤnen Waffen trug, aus dem Lande hinweggetrieben ?). Sofort ertheilte dem Orden der Roͤmiſche Koͤnig auch einen Schenkungsbrief uͤber die neugewonnenen Lande, uͤber Jerwen, Harrien, Wir⸗ land und das Gebiet von Reval ). Mit dieſem Gluͤcke aber haͤuften ſich auch die Gefahren, die aller Seits den Ritterorden bedrohten. Kaum benachrich⸗ tigt von der Schmach, die ſeinem Namen und ſeinen Waffen in Eſthland widerfahren war, ruͤſtete Koͤnig Waldemar zur Rache wegen dieſes Schimpfes ein maͤchtiges Heer und nur die unruhigen Verhaͤltniſſe in Holſtein, wohin er eiligſt dieſe Kriegsmacht wenden mußte, verhinderten ihn, den Ritterorden ſogleich feinen ſchweren Zorn fühlen zu laſſen „). 1) Estrup Idea IIier. Rom. p. 25. 2) Chron. Ordin. Theut. ap. Matthaeus p. 706. Hiärn S. 146 — 147. Gadebuſch B. I. S. 206. 3) Arndt Th. II. S. 22 — 3 führt als Datum dieſer Schen⸗ kungsurkunde den 1. Juli 1223 an. Gadebuſch B. I. S. 209. 4) Petri Olai Excerpt. ap. Langebeck T. II. p. 260. Ban-
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320 Gefahren für den Ritterorden in Livland. Damit war jedoch die Gefahr fuͤr den Orden noch keineswegs voruͤber; der drohende Sturm hatte ſich vorerſt nur verzogen und es war zu befuͤrchten, daß er bald mit ſeiner ganzen Ge⸗ walt zuruͤckkehren werde. Ein anderer alter Feind war nach kurzer Ruhe im Oſten wieder erwacht und drohte dem Orden Krieg und Verderben von dieſer Seite her. Dieß war die kriegeriſche Macht der Ruſſen, zunaͤchſt der feindlich geſinnte Fuͤrſt Jaroſlav von Novgorod. Den aͤußeren Verhaͤltniſſen nach herrſchte zwiſchen ihm und dem Orden zwar noch der vor wenigen Jahren geſchloſſene Friede und der Papſt hatte erſt vor kurzem die Fuͤrſten Rußlands dringend erſucht, die friedlichen Nachbarlande, Livland und Eſthland, mit keiner Fehde zu bedrohen ); ſelbſt Kaiſer Friederich hatte erſt im Jahre 1227 verfuͤgt, daß niemand bei einer Strafe von funf⸗ zig Mark reinen Goldes die Gebiete des Ordens beunruhigen ſolle e). Wie wenig aber jenes mahnende Wort des fremden Kirchenhauptes und dieſes Gebot des Kaiſers bei Rußlands Fuͤrſten Eingang fanden und wie bald ein ſchwerer Krieg an die Stelle des Friedens treten koͤnne, bewies ſchon des Fuͤr⸗ ſten Jaroſlav Aufruf an die Bewohner von Pleſkow und Nov⸗ gorod, ihm zum Kriege gegen den Ritterorden in Livland zu Huͤlfe zu kommen ). Außerdem durfte der Orden auch den Kamof mit den nahen heidniſchen Voͤlkern noch keineswegs als beendigt betrachten. Kaum war unter den raͤuberiſchen Litthauern, des Ordens alten Feinden, der junge Fuͤrſt Uten zur Herrſchaft gelangt, als er im Jahre 1227 die wilden Raubfehden und Verheerungszuͤge in Livlands Gebiet in al⸗ ter Weiſe fortſetzte und den Ritterorden von Jahr zu Jahr unter den Waffen beſchaͤftigt hielt. So eben hatte er erſt gert Orig. Lubicens. ap. Nesiphalen T. I. p. 1299. 1302. Cor- nerı Chron. ap. Eecard. T. II. p. 860. 1) Raynald. ann. 1227. Nr. 8. 9. Gruber Orig. Li von. in sylva Document. Nr. 44 p. 266. 2) Gadebuſch B. I. S. 205. 3) Karamſin B. III. S. 206, Gadebuſch B. I. S. 210 — 2311.
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Gefahren für den Ritterorden in Livland. 321 von neuem faſt ganz Livland mit ſeinen rohen Kriegshaufen unter Raub und Verheerung durchzogen und alles vernichtet, was ihm entgegen ſtand ). Zwar war die Schlacht, zu mel cher der ritterliche Meiſter Volquin den Fuͤrſten zwang, mit großen Verluſten der Litthauer begleitet geweſen und mehre Tauſende hatten die Wahlſtatt bedeckt ); allein für immer zu⸗ ruͤckgeſchreckt war das Volk noch keineswegs und für neuen Raub hatten Litthauens Fuͤrſten ſtets noch neues Blut aus⸗ zubieten. So drohten dem Ritterorden nach außenhin von allen Seiten große Gefahren. Und warf der Ordensmeiſter einen Blick auf Livlands und der Nebenlaͤnder innere Verhaͤltniſſe, ſo war die Ausſicht in die Zukunft nicht minder truͤb und un⸗ erfreulich. Eine uͤbermaͤchtige und herrſchluſtige Geiſtlichkeit, die ſtets nur im Blute der Ordensritter und ihrer Kriegsleute ihren Schutz und ihre Rettung ſuchte, ſtand dem Orden zur Seite, verlangend, daß mit dem Leben der Ritter bezahlt werde, was ſie an neuem Beſitzthum gewann; an ihrer Spitze ein Biſchof, der ſich bruͤſtend mit dem Verdienſte der Stif⸗ tung des Ordens, in den Rittern auch nichts weiter ſah als feine Gefchöpfe, als Werkzeuge zu feinen Beſtrebungen, der dem Orden kaum etwas mehr goͤnnte, als was zur ſpaͤrlichen Erhaltung noͤthig war und im hierarchiſchen Duͤnkel gerne je⸗ des kraͤftige Emporſtreben mit der Gewalt des Biſchofſtabes darnieder druͤckte, der erſt kuͤrzlich wieder den Meiſter mit ſei⸗ nem Orden zu ſtrengem Gehorſam und zur Ergebenheit in ſeinen Willen zu verpflichten geſucht, und fuͤr alles dieſes ihm nichts weiter entgegenbot als ſeine vaͤterliche Liebe. Und in daſſelbige Verhaͤltniß ſetzte der Biſchof von Livland den Or⸗ den auch gegen den Biſchof von Eſthland, um ſo von allen Seiten die Ketten enger und enger zu ziehen “). 1) Kojalowicz Histor. Litthuan. p. 76 — 77. 2) Alnpeck S. 31 giebt an, dieſe Schlacht ſey im Gebiete von Alfen geſchlagen worden. Hiärn ©. 146. 3) So heißt es unter andern in einer urkundlichen Beſtimmung des Biſchofs von Riga über die Graͤnzen des Eſthlaͤndiſchen Bisthums II. 21
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322 Gefahren für den Ritterorden in Livland. Wie ſolchem Drucke der geiſtlichen Macht unter Verhaͤlt⸗ niſſen, die nun ſchon faſt unaufloͤslich waren, zu entkommen und jenen Gefahren von außenher mit Gluͤck zu begegnen ſey, war fuͤr den Ordensmeiſter kaum irgend eine Ausſicht. Die Kämpfe gegen die Litthauer hatten feine Streitkraͤfte bereits bedeutend geſchwaͤcht und verminderten ſie noch fort und fort. Die Zahl der ankommenden Kreuzfahrer war immer geringer geworden, ſeitdem Biſchof Albert nicht mehr ſelbſt in Deutſch⸗ land zum Kreuze fuͤr Livland aufforderte und beſonders ſeit der Papſt und der Biſchof Chriſtian von Preuſſen bemuͤht waren, alles was zum Empfange des Kreuzes geneigt ſchien, an die Ufer der Weichſel zu ziehen, wohin ohnedieß auch der Weg zu Land durch chriſtliche Gebiete weit mehr lockte und bequemer war, als die muͤhſame und gefahrvolle Seefahrt nach Livland. Da ſtieg in dem Ordensmeiſter Volquin der Gedanke auf, ſeine ritterliche Stiftung mit dem Orden der Deutſchen Ritterbruͤder zu vereinigen ). Das große Anſehen und der vom Jahre 1224: Ex terris eisdem magister et fratres milicie tenebant de manu ipsius (sc. Episcopi) et cuiuslibet suorum successorum medietalem cum ecclesiis, decimis et omni tem- porali proventu, impensuri ei provideri debitam suo Episcopo obedienciam et obsequium et vigilanciam nihilominus sollici- tudine intendentes ad promocionem, defensionem et conserva- cionem sue ecclesie. Ipse quoque vice versa fratres eosdem paterna affectione honorabit diligenter et defendet. Verum magister, qui ibi pro tempore fuerit, semper obedienciam ipsi Episcopo repromitiel. Urkunde im geheim. Archive und bei Dog iel Cod. diplom. T. V. Nr. XII. p. 8. 1) Daß in dem Ordensmeiſter Volquin zuerſt der Gedanke einer Verbindung feines Ordens mit dem der Deutſchen Ritterbruͤder erwacht ſey, wird einſtimmig anerkannt; Dusdurg P. III. c. 28. Aln peck S. 31. Hiaͤrn S. 147. Die Ordens⸗ Chronik bei Matthaeus p. 707 ſagt ausdruͤcklich hierüber: „Deſe Meyſter Volguyn is diegeen, die met geduerich anhouden, arbeyt, vlyt, en moeyte, verkregen heeft van den Paus en met tuſſchen ſpreken von vele Heeren en Princen, dat die Oirden von Lyflant, hoewel niet eer als na ſyn doot, is ingelyft enbe verenicht mitten Ridderlycken duytſchen Oirden onſer Liever Vrou⸗
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Plan zur Vereinigung des Livlaͤnd. und Deutſchen Ordens. 323 wichtige Einfluß ſeines Hochmeiſters Hermanns von Salza, die hohe Gunſt und Gewogenheit, welche dieſer und ſein gan⸗ zer Orden beim Kaiſer und am Hofe zu Rom genoſſen, die allgemeine Zuneigung, welche die Fuͤrſten und Edlen des Reiches ihm durch Wort und That bewieſen, die ausgezeich⸗ neten Beguͤnſtigungen und Vorrechte, mit welchen ihn Kaiſer, Koͤnige und Paͤpſte beſchenkt hatten, die Freiheit, in welcher er durch die Verordnungen des Roͤmiſchen Stuhles gegen die hohe Geiſtlichkeit daſtand, und das gleiche Streben zur Ver⸗ breitung des Glaubens und zur Vertheidigung der Kirche: alles dieſes war dem Livlaͤndiſchen Meiſter Lockung und Reiz genug, an dem ſtarken und feſt eingewurzelten Stamme des Deutſchen Ordens Schutz und Halt zu ſuchen. Da ſtarb ge⸗ rade der Biſchof Albert von Riga im Jahre 1229 ) und ein Streit in der neuen Biſchofswahl war um ſo ſicherer zu er⸗ warten, weil der Erzbiſchof von Bremen das fruͤhere Recht feiner Kirche, nach welchem die drei erſten Biſchoͤfe Livlands vom erzbiſchoͤflichen Stuhle zu Bremen ernannt und nach Liv⸗ land geſandt worden waren, noch keineswegs aufgegeben hatte, die Stiftsherren in Riga dagegen nach paͤpſtlichen Bewilli⸗ gungen 2) das Recht der eigenen Biſchofswahl zu beſitzen mein⸗ ten. In der That ernannte auch bald der Erzbiſchof von Bremen den Scholaſticus des Stiftes zu Bremen Albert zum Biſchofe von Livland, waͤhrend das Kapitel zu Riga aus feiner Mitte den Stiftsherrn Nikolaus von Magdeburg er⸗ waͤhlte *). wen van Jeruſalem.“ Lucas David B. III. S. 2 nennt den Meis ſter Volquin in dieſer Bezichung „des Radts erſten angeber.“ 1) Albert. Stadens. p. 306. Arndt 2. II. S. 33. Gade⸗ buſch B. I. S. 211. Der Todestag Alberts iſt. unbekannt. Corneri Chror. ap. Eccard. T. II. p. 864 ſetzt den Tod des Biſchofs erſt ins Jahr 1234, alſo viel zu ſpaͤt. 2) Gruber Origin. Livon. in silva Document. Nr. XX. p. 244, vorzuͤglich Nr. XLV. p. 266 — 257. g 3) Albert. Stadens. p. 306. Alberie. p. 536. Gruber |. c. p. 183. Arndt B. II. S. 216. Corneri Chron. I. c. 21 *
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324 Plan zur Vereinigung des Livlaͤnd. und Deutſchen Ordens. Dieſe Zeit der Erledigung des bifchöflihen Stuhles zu Riga und des Streites wegen ſeiner neuen Beſetzung war es, welche der Ordensmeiſter wahrnahm, um in ſeinem Plane den erſten Schritt zu thun ): gewiß die guͤnſtigſte Gelegenheit zu ſeiner Ausfuͤhrung, denn ſo lange der Biſchof Albert noch lebte, wuͤrde ſchwerlich hierin etwas haben geſchehen Fön: nen, da dieſer die Verhaͤltniſſe und die Stellung des Deut⸗ ſchen Ordens zur hohen Geiſtlichkeit auf ſeinen oͤftern Reiſen in Deutſchland ohne Zweifel ganz genau kennen gelernt und ſicherlich auch die paͤpſtlichen Beſtimmungen hierüber nicht un⸗ beachtet gelaſſen hatte. Jener Schritt aber geſchah dadurch, daß Meiſter Volquin noch im Laufe des Jahres 1229 einige ſeiner Ordensritter mit dem Vorſchlage zur Vereinigung ſeines Ordens mit dem der Deutſchen Ritterbruͤder an den Hochmei⸗ ſter Hermann von Salza nach Italien ſandte. 1) In Ruͤckſicht der Zeit, in welcher Volquin ſeinen Plan auszu⸗ führen begann, herrſchen verſchiedene Meinungen. Gadebuſch B. 1. S. 211 nimmt an, daß der Ordensmeiſter ſich mit dem Biſchofe uͤber die Vereinigung beider Orden berathen habe; allein es fehlen zu dieſer Annahme die noͤthigen Beweiſe und an ſich iſt ſie ſehr unwahrſcheinlich. Gebhardi und Schloͤzer in der Geſchichte von Litthauen S. 366 ſprechen die Angabe von Gadebuſch ohne Pruͤfung nach. Dagegen laſſen die älteren und bewährteren Quellen den erſten Verſuch zur Ausführung dieſes Planes durch den Meiſter Volquin allein und erſt nach des Bi: ſchofs Tode geſchehen. Der Reimchroniſt Alnpeck, welcher feine Chro: nik im Jahre 1296 zu Reval ſchrieb, weiß nichts von des Biſchofs Theilnahme in der Sache; eben fo wenig Dusdurg P. III. c. 28. Ruſſow S. 7 ſetzt ſogar den erſten Verſuch zur Verbindung ins J. 1234. Arndt B. II. S. 33 ſagt: „Der toͤdtliche Hintritt des Bi⸗ ſchofs Albert ſey eine mit der Urſachen, welche den Meiſter Volquin bewogen, die Vereinbarung des Schwertbruͤder-Ordens mit dem in dem benachbarten Preuſſen in Aufnahme gekommenen Deutſchen Orden zu ſuchen. Er laͤßt daher die Botſchaft an den Hochmeiſter ebenfalls erſt nach dem Tode des Biſchofs erfolgen. So auch die Ordens = Chronik bei Matthaeus 1. c. De Bray in ſ. Essai critique sur l'histoire de la Livonie T. I. p. 164 hat daher Unrecht, wenn er die Angaben Arndts und der Ordens⸗Chronik einander gegenüber ſtellt. Nach Hiärn S. 147 fertigten zwar die Ordensritter fuͤr ſich allein, aber noch zu Alberts Lebzrit die Boten an Hermann von Salza ab.
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Plan zur Vereinigung des Livlaͤnd. und Deutſchen Ordens. 325 Dieſer Meiſter war damals eben erſt aus dem Morgen⸗ lande zuruͤckgekehrt und in den wichtigſten Verhaͤltniſſen des Streites zwiſchen dem Papſte Gregorius und dem Kaiſer Frie⸗ derich beſchaͤftigt, als die Livlaͤndiſchen Ordensritter bei ihm eintreffend ihres Meiſters Auftrag vorlegten ). So nothwen⸗ dig indeſſen gerade jetzt die baldige Ausſuͤhrung ſeines Ge⸗ dankens und ſo guͤnſtig hiefuͤr auch die Zeit dem Ordensmei⸗ ſter Volquin geſchienen, ſo unangemeſſen fand ſie jetzt Her⸗ mann von Salza für die neuen, fo eben erſt eingeleiteten Ver⸗ haͤltniſſe feines Ordens. Erſt juͤngſt hatte er einen ſchwachen Zweig dieſes Ordens auf dem verheerten Boden des Kulmer⸗ landes eingepflanzt, und dieſer Zweig, vorerſt weder tief ge⸗ wurzelt, noch gehegt durch ſchuͤtzende Umgebung, konnte nur gar zu leicht durch die Stürme wieder zerknickt und zerfchlas gen werden, die vom Weſten her und vom Oſten gegen Liv⸗ land drohten. Wie wenn durch die Vereinigung beider Orden die Litthauer und Preuſſen zu dem Gedanken einer gemeinſa⸗ men Verbindung gegen die Ordensritter gelangten und die Erbitterung der erſtern auch gegen die Ritter im Kulmerlande aufgereizt wurde? Es war ferner auch noch zweifelhaft, ob der Orden in Livland und die Bruͤder des Deutſchen Ordens im Kulmerlande durch Preuſſens Gebiete hindurch ſich je wuͤr⸗ den die Hände bieten konnen, denn kaum war das letztere Land vom Orden erſt betreten. Zum Könige Waldemar von Daͤnemark ſtand Hermann von Salza allerdings in ganz an⸗ deren Verhaͤltniſſen, als der Ordensmeiſter Volquin. Nicht bloß perſoͤnliche Bekanntſchaft, als Hermann den Koͤnig in ſeiner Gefangenſchaft beim Grafen Heinrich von Schwerin vor 1) Daß die Ordensritter den Hochmeiſter zu Venedig gefunden, wie Arndt a. a. O. behauptet, iſt nicht erweislich. So viel wir wiſ⸗ fen, befand ſich Hermann damals bald dei dem Kaiſer in Unteritalien, bald bei dem Papſte wegen der wichtigen Unterhandlungen zur Ausſoͤh⸗ nung beider. Die geſandten Ritter koͤnnen den Hochmeiſter auch wohl nicht fruͤher als im September in Italien getroffen haben, denn erſt um dieſe Zeit kehrte er aus dem Morgenlande zuruͤck. Vgl. Raumer B. III. S. 455.
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326 Verhinderungen der Vereinigung beider Orden. fuͤnf Jahren beſuchte, hatte beide einander naͤher gebracht, ſon⸗ dern der Meiſter durfte ſich auch wohl mit unter des Koͤniges Befreier zaͤhlen, denn wie fruͤher in dieſem Buche berichtet iſt, hatte vorzüglich er im Auftrage des Kaiſers zu feiner Be⸗ freiung mitgewirkt. Auch dieſe Verhaͤltniſſe beruͤckſichtigte Hermann von Salza; denen kaum hatte Waldemar von dem Plane des Livlaͤndiſchen Ordensmeiſters Kunde erhalten, als er zur Verwahrung ſeiner Rechte auf Eſthland die Ver⸗ einigung beider Orden auf jede Weiſe zu hindern ſuchte ). Auch der Papſt, vom Hochmeiſter in dieſer Sache um Rath gefragt und uͤber die Verhaͤltniſſe in Livland erſt vor kurzem durch den Legaten Wilhelm von Modena genauer unterrichtet, ſcheint fuͤr jetzt wenigſtens die Verbindung beider Orden der Lage der Dinge nicht angemeſſen gefunden zu haben 2). Alſo hinreichend Gruͤnde fuͤr Hermann von Salza, in den Plan des Ordensmeiſters von Livland vorerſt noch nicht einzugehen. Indeſſen ſcheint er den zuruͤckkehrenden Ordens: rittern doch nicht alle Hoffnung zur einſtigen Ausfuͤhrung des gehegten Wunſches entnommen zu haben. Bald aber geſtal⸗ teten ſich auch die Verhaͤltniſſe ſowohl des Ordens in Livland, als der Ordensritter im Kulmerlande ſchon in den naͤchſten Jahren in ſolcher Weiſe, daß eine Vereinigung beider Orden weit weniger Bedenklichkeiten gegen ſich hatte und aus man⸗ chen Gruͤnden dem Hochmeiſter ſelbſt wuͤnſchenswerth ſeyn mußte. Jene ſtreitige Biſchofswahl in Kiga war durch den Papſt dahin entſchieden worden, daß der vom Kapitel zu Riga erkorene Stiftsherr Nikolaus von Magdeburg den bi- ſchoͤflichen Stuhl einnahm, dem Erzbiſchofe von Bremen ewi⸗ 1) Hiärn S. 147. Gadebuſch B. I. S. 211 nach Brandts Livland. Geſchichte B. V. S. 437 — 438. 2 Daß die Livlaͤndiſchen Ritter fi) auf ihres Meiſters Befehl auch zum Papſte begaben, ſagt der Reimchroniſt Alnpeck S. 31: Des ſante er an den pabeſt hin So lange das fin wille ergienc Das fie das duͤtſche hus entpfienc. Daſſelbe erwaͤhnt auch Lucas David B. III. S. 2.
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Verhinderungen der Vereinigung beider Orden. 327 ges Schweigen über fein vermeintes Recht anbefohlen ) und ſomit aller fernere Einfluß auf die kirchlichen Verhaͤltniſſe Liv lands aufgehoben war. Noch erfreulicher aber war die zwar durch die Furcht vor der Herrſchaft der Daͤnen erfolgte, ſonſt jedoch ganz freiwillige Bekehrung der Kuren und ihre Erge⸗ bung an den Biſchof von Riga und an den Orden 7). Freilich trübten dieſes Gluͤck nach wenigen Jahren ſchon wieder neue ungluͤckliche Ereigniſſe. Zuerſt entſpannen ſich im Jahre 1234 abermals feindfelige Verhaͤltniſſe mit dem kriege⸗ riſchen Fuͤrſten Jaroſlav von Novgorod, weil die Lirlaͤndiſchen Ritter einige Meuterer gegen feine Herrſchaft unterſtuͤtzt hat⸗ ten. Bis nach Dorpat drang das blutige Schwert des Fuͤr⸗ ſten vor und nur ein erbetener, ihm aͤußerſt vortheilhafter Friede that der allgemeinen Verheerung Einhalt 2). An Fre⸗ vel aber und Graͤuel gegen Goͤttliches und Menſchliches uͤber⸗ traf nichts die noch immer fortdauernden heilloſen Raubzuͤge des rohen Volkes der Litthauer, deshalb ſtets um ſo gefahr⸗ voller und verderblicher, weil ſie es ſelten zu einem foͤrmlichen gerechten Kampfe kommen ließen, weil man keinen Tag gegen ihre Einfaͤlle ſicher war und des Landes Graͤnzen auf keine Weiſe geſchuͤtzt werden konnten, indem das kriegeriſche Raub⸗ volk heute hier, morgen anderswo feine Beute ſuchte ). Nun geſchah, daß der Papſt, juͤngſt erſt wieder uͤber die Lage der Dinge im Norden, beſonders in Preuſſen und Livland ge⸗ nauer unterrichtet, fuͤr nothwendig fand, den Biſchof Wil⸗ helm von Modena abermals als paͤpſtlichen Legaten im Jahre 1234 in die nordiſchen Lande zu ſenden ), zugleich mit dem 1) Albert. Stadens. p. 306 ſagt: Tandem Papa Bremensi- bus silentiium imposuit pro sua, ut dicitur, voluntate. Alberic. p · 536. Gruber Origin. Livon. p- 183. Corneri Chron. I. c. p- 864. 2) Gruber I. c. in silva Document. Nr. XLVII. p. 268. Gadebuſch B. I. S. 213. 3) Karamſin B. III. S. 219 — 220. 4) Kojalowiez Histor. Litthuan. p. 78 — 79. 5) Raynald. an. 1234. Nr. 45. Gruber Origin. Livon. sil- va Document. Nr. L. p. 270. Estrup p. 28. 39.
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328 Vereinigung d. Livland. u. d. Deutſch. Ordens. Auftrage, den Koͤnig Waldemar von Daͤnemark, welcher mit Luͤbeck im Kriege durch verſenkte Schiffe den Hafen dieſer Stadt verſperrt und den Kreuzſahrern die Seefahrt nach Liv⸗ land theils hiedurch, theils auch durch Angriffe auf der offenen See ſchon mehre Jahre lang faſt ganz unmoͤglich gemacht hatte, aufs ernſtlichſte zu ermahnen, von dieſem Frevel an der Sache der Kirche abzuſtehen ). Der Koͤnig gehorchte und es langten nun wieder einzelne Haufen von Kreuzfahrern in Livland an 2), die den Anfaͤllen der Litthauer einigen Wider⸗ ſtand zu leiſten vermochten. Inzwiſchen fand doch der paͤpſt⸗ liche Legat dieſe vereinzelte und nur zuweilen herbeikommende Huͤlfe gegen die tägliche Gefahr der Kirche in keiner Weiſe zureichend, alſo daß er nun ſich bald ſelbſt uͤberzeugte, wie heilſam und nothwendig eine Vereinigung des Livlaͤndiſchen Ritterordens mit dem der Deutſchen Ordensritter ſey. So geſchah es hoͤchſtwahrſcheinlich auf Anrathen des paͤpſt⸗ lichen Legaten, daß der Ordensmeiſter Volquin, von des Hochmeiſters Anweſenheit in Deutſchland unterrichtet, im Jahre 1235 eine neue Botſchaft an ihn abſandte, um ſein Geſuch zu erneuern ). Die Zeit ſchien jetzt in aller Hinſicht guͤn⸗ ſtiger, denn die Verhaͤltniſſe hatten ſich im Verlaufe eini- ger Jahre im Norden bedeutend veraͤndert. Rußlands Fuͤr⸗ ſten vernahmen ſchon ſeit dem Jahre 1229 mit Schrecken den Einbruch des neuen Chans der Tartaren Batu in ihre Graͤnzen an der Spitze einer Horde von ſechsmalhundert tau⸗ ſend Kriegern und richteten auf dieſen furchtbaren, gewaltigen Feind ihre ganze Kraft und Aufmerkſamkeit, ſo daß Livland von dorther weit mehr geſichert war). Die Kuren waren Chriſten geworden und ſtanden mit dem Ritterorden in Liv⸗ land im friedlichſten Verhaͤltniſſe. Die Macht Waldemars von Dänemark auf der See, wie in den Kuͤſtenlaͤndern war 1) Raynald, an. 1234. Nr. 46. Banger Origin. Luber. ap. Mesiphalen T. I. p. 1394. 2) Corneri Chron. p. 864. 3) Arndt B. II. S. 35. 4) Karamfin B. III. S. 229.
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Vereinigung d. Liviänd. u. d. Deutſch. Ordens. 329 ſchon ſeit Jahren nichts weniger als furchtbar, denn Holſtein, Meklenburg, Pommern und die Städte Hamburg und Luͤ⸗ beck hatten der Daͤnen Joch abgeworfen; die Flotte war in dem letzten Kriege mit Luͤbeck faſt gänzlich vernichtet worden “) und der Koͤnig vom Gram uͤber ſein Ungluͤck und durch das Alter ſeiner Tage darniedergedruͤckt, hatte gerne das lange gefuͤhrte Kampfſchwert hinweggelegt, um Ruhe auf dem Throne zu finden 2). Eine Ausgleichung ſeiner Rechte auf Eſthland ſchien demnach jetzt auch ungleich leichter. In Preuſſen waren fuͤr den Deutſchen Orden ſchon manche guͤnſtige Ausſichten er⸗ öffnet. Die ganze Landſchaft Kulm und Löbau gehörten ſchon den Ordensrittern; auch Pomeſanien war durch die Schlacht an der Sirgune eigentlich ſchon gewonnen; bereits war der Deutſche Orden auch mit dem der Dobriner-Bruͤder ver⸗ einigt und an dem fernern glücklichen Fortgange der Erobe⸗ rung Preuſſens durfte man kaum noch zweifeln. Dieſes alles erwaͤgend und mit der Vorſicht, die ihm eigen war, die Zukunft berechnend ging jetzt Hermann von Salza weit mehr als fruͤher in den Gedanken des Ordens⸗ meiſters Volquin ein. Bevor er indeſſen die entſcheidende Zuſtimmung gab, wuͤnſchte er uͤber alle Verhaͤltniſſe in Liv⸗ land ſelbſt, über die Stellung des dortigen Ordens zur Geiſt— lichkeit, uͤber Leben und Verfaſſung der Ordensritter und uͤber manches andere noch genauere Belehrung und entſandte des⸗ halb im Laufe des Jahres 1235 noch von Deutſchland aus zwei Deutſche Ordensritter, den klugen und erfahrenen Kom⸗ thur von Altenburg, Ehrenfried von Neuenburg, ſeinen Ver⸗ wandten, und den edlen Komthur von Naͤgelſtaͤdt, Arnold von Dorf, nach Livland ). Im Spaͤtſommer mit Volquins Ab⸗ 1) Corner Chron. p. 879. 2) Petri Olai Excerpt. ap. Langebeck T. II. p. 250. Wie umgewandelt der König war, liefet man in Gheysmeri Comp. Di- stor. Dan. ibid. p. 387. Mallet B. L S. 389. 3) So werden die beiden Ritter bei Lucas David B. III. S. 2 (wo Meuburgk ſtatt Neuenburg nur ein Schreibfehler iſt), bei Wai⸗ Bel S. 58, Arndt B. II. S. 35, Hiärn S. 150 und einigen an:
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330 Vereinigung d. Livland. u. d. Deutſch. Ordens. geſandten in Livland angelangt, zogen ſie uͤber alle Verhaͤlt⸗ niſſe die genaueſten Nachrichten ein. Der fruͤh eintretende Winter verhinderte aber ihre Ruͤckkehr, ſo daß ſie erſt im Fruͤhling des naͤchſten Jahres die Ruͤckreiſe zur See antreten konnten. Mit ihnen entſandte der Ordensmeiſter Volquin drei ſeiner angeſehenſten Gebietiger, den Ordensmarſchall Johan⸗ nes Salinger, den Komthur von Wenden Raimund und Jo⸗ hannes von Magdeburg, nachmaligen Komthur in Riga ). Dieſe Abgeordneten langten aber zu Marburg, wohin fie beſchieden waren, um mit dem Meiſter Hermann von Salza ſelbſt die Sache zu berathen, erſt fo ſpaͤt an, daß dieſer mitt⸗ lerweile feine Ruͤckreiſe nach Italien hatte antreten muͤſſen. dern Chroniſten genannt. Ehrenfried von Neuenburg war ohne Zwei⸗ fel aus dem Geſchlechte der edlen Herren von Neuenburg, Nuenburg oder Naumburg, die ſich oͤfter auch Burggrafen von dem neuen Schloſſe nennen und in Sächſiſchen Urkunden nicht ſelten vorkommen; vgl. Schultes Direci. diplom. B. II. S. 689. Schöttgen und Krey⸗ ſig diplomat. Nachleſe Th. V. S. 683. Oder war er vielleicht aus der Familie der von Neuenburg in Franken? De Wal Recherches T. I. p. 401. Lucas David a. a. O. nennt ihn des Hochmeiſters an⸗ geborenen Freund, „der den namen erlangt hatte, das er ein ſehr welſer man were.“ Arnold von Dorf ſoll nach Arndt a. a. O. auch von Neuendorf geheißen haben. Daß er ein Sachſe war, ſagt Lucas David. Er koͤnnte aus dem Geſchlechte ſtammen, dem das Dorf Neuene dorf oder Nauendorf in Sachſen gehoͤrte; ſ. Schoͤttgen und Kreyſig a. a. O. Th. IX. S. 71. Th. I. S. 121. Nägelſtädt, wo er Komthur war, eine alte Komthurei an der Unſtrut, gehoͤrte zur Balei von Thuͤringen, ſ. Falkenſteins Thuͤr. Chron. S. 925. Nach einem ſpaͤtern Verzeichniſſe (im geh. Archive) hatte es fünf Ordensbruͤder, von denen der eine Geiſtlicher war. Auch Altenburg gehoͤrte mit unter die älteften Komthureien, hatte eine Ordenskapelle mit zehn Ordensbruͤdern. Es ſtand ebenfalls unter dem Landkomthur von Thuͤringen. Rudolphi Gotha diplom. T. V. p- 196. Guden. Cod. diplom. T. IV. p. 871. De Wal Recherches T. II. p. 11. 1) Lucas David B. III. S. 3. Waißel S. 59. Hiärn S. 150. Arndt B. II. S. 35. Des Ordensritters Johannes von Magdeburg erwähnt in dieſer Sendung auch Dusburg P. III. c. 28. Als Komthur von Riga kommt er in einer Urkunde im Jahre 1277, bei Arndt B. II. S. 65 vor.
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Vereinigung d. Livland. u. d. Deutſch. Ordens. 331 Auch der damalige Deutſchmeiſter Heinrich von Hohenlohe war nicht anweſend; indeſſen hatte Hermann dem Stellvertreter des Deutſchmeiſters Ludwig von Oettingen ) den Auftrag er⸗ theilt, die Berichte der zuruͤckkehrenden Ordensritter in einem verſammelten Kapitel zu vernehmen, mit den angeſehenſten Ordensbruͤdern die Sache nach ihrer Wichtigkeit zu berathen und ihm des Kapitels Beſchluß nach Italien nachzuſenden. Sofort berief dieſer im Jahre 1236 ein allgemeines Ordens⸗ kapitel nach Marburg, zu welchem ſich ſiebenzig der vornehm⸗ ſten Ordensbruͤder einfanden. Da ſprachen die Livlaͤndiſchen Abgeordneten zuerſt von ihres Ordens Verfaſſung, Geſetzen, Rechten, Lebensordnung, Beſitzungen und Verhaͤltniſſen zur Geiſtlichkeit. Dann aber erhob der Komthur von Altenburg Ehrenfried von Neuenburg das Wort: „Die Ritter dieſes Ordens find eigenfinnige und muthwillige Köpfe, die fi) un⸗ gerne an ihres Ordens Regel binden. Sie ſehen mehr nur auf eigenen Vortheil, als auf gemeine Wohlfahrt, und dieſe hier — er deutete mit dem Finger auf zwei der Gegenwaͤrti⸗ gen — nebſt vier andern, die ich kennen gelernt, ſind unter allen die aͤrgſten.“ — „Er redet wahr, dieſer Ordensbruder, — erwiederte Arnold von Dorf, der Komthur von Naͤgelſtaͤdt,“ doch wenn jene Ritter unſern Orden annehmen werden, ſo iſt gewiß, ſie werden die Untugenden ablegen. So wollen wir das Beſte hoffen und ihnen ein ſchoͤneres Muſter im Wandel ſeyn 2). “ Da befragte Ludwig von Oettingen die anweſenden Bruͤ⸗ der um ihre Meinung wegen der Verbindung. Allein ſie 1) Dieſer Ludwig von Oettingen war ſonſt bloßer Ordensbruder im Convente zu Marburg. Als ſolcher kommt er auch noch in einer Urkunde vom Jahre 1245 vor, in welchem Jahre Conrad von Budin⸗ gen Komthur dieſes Convents war; ſ. Guden. Cod. diplom. T. IV. p. 881. Er war einer der ausgezeichnetſten Deutſchen Ordensritter; auf dem großen Reichstage zu Mainz 1235 befand er ſich bei dem Hochmeiſter: ſ. Ducat. Brunsvic. erect, ap. Meibom. T. III. p. 203. 2) Lucas David B. III. S. 4.
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332 Vereinigung d. Livland. u. d. Deutſch. Ordens. war einſtimmig dem Wunſche des Meiſters Volquin entgegen; nur Hartmann von Heldrungen ), noch ein jüngerer Ordens⸗ bruder, rieth zum Aufſchub der Entſcheidung bis zu des Hoch⸗ meiſters Ruͤckkehr aus Italien. Ihm ſtimmte hierin auch Ar⸗ nold von Dorf bei. Als jedoch des Meiſters Zuruͤckkunft nicht erfolgte, ſo traten zwei der Livlaͤndiſchen Abgeordneten, Jo⸗ hannes Salinger der Ordensmarſchall und der Komthur von Wenden die Ruͤckreiſe nach Livland an, und nur Johannes von Magdeburg verweilte noch zu Marburg. Auf die Nachricht aber, daß der Hochmeiſter noch auf lange Zeit Italien nicht verlaſſen koͤnne, reiſie Ludwig v. Oettingen, begleitet von jenem Livl. Ordensritter und dreien feiner Ordensbruͤder, Ulrich v. Durne 2), 1) Nicht Hermann von Heldrungen, wie Arndt B. II. S. 36 ihn nennt. Der Name Hartmann war uͤberhaupt in dieſem Geſchlechte gewohnlich; mehre dieſes Namens findet man in den Urkunden bei Schultes Direct. diplom. B. II. S. 679. Ein Hartmann von Hel⸗ drungen und deſſen Sohn Heinrich kommen noch im Jahre 1225 vor’ f. ©. 604. Diplomat. Unterricht und Deduction u. f. w. Urk. Nr. 43, auch noch im Jahre 1235 in einer Urkunde in ARudolphi Gotha di- plomat. T. V. p. 195. Da Hartmann von Heldrungen zugleich mit dem Landgrafen Conrad von Thüringen (1234) in den Orden trat, fo kann dieſer ſchon aus dieſem Grunde nicht der naͤmliche ſeyn. Unſer Hartmann war der Sohn Heinrichs von Heldrungen, der in einer ur⸗ kunde vom Jahre 1203 (bei Ludewig Relig. T. V. p. 118) mit fei- nen Soͤhnen als Zeuge vorkommt; ſie hießen Heinrich, Hartmann, Hermann und Otto. Val. Leben und Thaten Hartmanns von Hel, drungen in den Hiſtor. Sammlungen fuͤr Deutſche Staats- und Kir⸗ chengeſchichte. Halle 1751. Erſtes Stuͤck S. 486. 2) Kommt als Ordensbruder in einer Urkunde vom J. 1234 vor, wo er Ulricus de Durne genannt wird, und wonach Arndts falſch geſchriebener Name „von Doͤre“ zu verbeſſern iſt. S. diplomat. Unter⸗ richt und Deduction Nr. 45. Es war ein Rheinlaͤndiſches Geſchlecht; Hanſelmann a. a. O. S. 388 nennt es ein ſehr mächtiges Herren⸗ und Grafen = Gefchlecht, welches vom Kocher an bis an den Main und durch den ganzen Odenwald maͤchtige Guͤter, auch den Schirm uͤber das Kloſter Amorbach harte. In Urkunden des 13ten Jahrhunderts kommt es ziemlich zahlreich vor; einen Ulrich von Durne finden wir 1260 bei Guden. Cod. diplom. T. II. p. 675 und 733. Unferes Ulrichs von Durne wird als Ordensbruder auch in einer Urkunde Dieterichs von
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Vereinigung d. Livland. u. d. Deutſch. Ordens. 333 Wichmann von Wuͤrzburg ) und Hartmann von Heldrungen, ſelbſt zum Meiſter nach Italien 2). Sie fanden Hermann von Salza wieder mit den wich⸗ tigſten Verhaͤltniſſen Italiens im Streite des Kaiſers mit den Bundesſtaͤdten Lombardiens beſchaͤftigt ), denn auch dieſer war im Sommer des Jahres 1236 dahin zuruͤckgekehrt. Der Hochmeiſter nahm die Ordensbruͤder freundlich auf und zeigte ſich den Bitten Johanns von Magdeburg jetzt um ſo mehr geneigt, da er nach der jüngft erſt aus Preuſſen erhaltenen Nachricht von den Fortſchritten ſeines Ordens aus einer Ver⸗ bindung beider Orden neue Hoffnungen zu noch ſchnellerem Gedeihen ſeiner dortigen Schoͤpfung faſſen konnte. Ohne des Papſtes Zuſtimmung aber ſchien jeder weitere Schritt bedenk⸗ lich und ohne ſeine Mithuͤlfe und Einwilligung war eine Ver⸗ Gruͤningen mit Ludwig von Oettingen im J. 1245 erwaͤhnt. Eine genealogiſche Ueberſicht dieſes Geſchlechtes findet man in Guden. T. III. p. 668, woraus erhellt, daß Ulrich der Sohn Ruprechts von Durne war. Muratori Antiq. Ital. T. I. p. 846. Ein C. de Durne befindet ſich mit Hermann von Salza im April 1232 am Kaiſerhofe; vgl. Lünig Spicileg. Eccles. T. XVI. p. 33. In einer Urkunde in Lang Regesta Boica T. II. p. 213 wird im naͤmlichen Jahre aber auch ein W.... de Durne als Deutſcher Ordensbruder zugleich mit Wichmann von Würzburg genannt, woraus zu vermuthen iſt, daß die⸗ ſes W.. . . Ulricus heißen muͤſſe. 1) Wird auch noch im Jahre 1239 als Ordensbruder genannt. In einer Urkunde von dieſem Jahre bei Hanſelmann a. a. O. Beil. Nr. 30. S. 404 kommt frater Wichmann de Herbipoli als Zeuge vor. Früher, vielleicht auch noch im Jahre 1237, als er in dieſen Geſchaͤften des Ordens begriffen war, war er Komthur des Ordenshau⸗ ſes zu Wuͤrzburg; wenigſtens wird er in einer Urkunde des Jahres 1231 frater Wiemannus domus Theutonicae in Wirceburg Commendator genannt; ſ. Lang Regesta Boica T. II. p. 205; freilich wird er im Jahre nachher bei Lang J. c. p. 213 nur unter der einfachen Bezeichnung frater eiusdem domus in Wirceburg er⸗ waͤhnt. 2) Nach Arndt B. II. S. 36. Waißel S. 60. Lucas David B. III. S. 5 — 6. Hiärn S. 152. Dusburg P. III. c. 28. 3) Raynald. an. 1236. Nr. 10. Raumer B. III. S. 737.
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334 Vereinigung d. Livland. u. d. Deutſch. Ordens. einigung beider Orden auch nicht einmal ins Werk zu ſtellen. Da uͤbertrug zur gluͤcklichen Stunde der Kaiſer dem Hochmei⸗ ſter und ſeinem vertrauten Geheimſchreiber, dem beruͤhmten Peter von Vinea eine Verhandlung über die Lombardiſchen Verhaͤltniſſe mit dem Papſte, der ſich damals zu Viterbo aufhielt). Die Ordensritter aus Deutſchland und Johannes von Magdeburg begleiteten ihn. Allein fie fanden am paͤpſt⸗ lichen Hofe ſchon Geſandte des Koͤniges von Daͤnemark, die alles aufgeboten hatten, nicht bloß die Burg Reval, deren ſich der Ordensmeiſter Volquin bemaͤchtigt, ſondern auch alle andern, den Daͤnen entnommenen Gebiete durch des Papſtes gewichtigen Ausſpruch ihrem Könige wieder zuzubringen 2). Dieſe Geſandten hatten ohne Zweifel bei dem Papſte auch ſchon einer Vereinigung beider Ritterorden entgegen zu wirken geſucht. Andere Schwierigkeiten lagen in den vom Papſte be⸗ reits geſchehenen Schritten. Schon hatte er auf die Klagen des Erzbiſchofs von Lund feinem Legaten, dem Biſchofe Wil⸗ helm von Modena den Befehl ertheilt, mit Ernſt dahin zu wirken, daß dem Koͤnige von Daͤnemark ſeine Beſitzungen in Eſthland und namentlich auch die Feſte Reval zuruͤckgegeben und in ſolcher Weiſe Friede und Einigkeit zwiſchen ihm und dem Orden wieder hergeſtellt werde ). Dieſes hinderte den Papſt, der Sache jetzt die Entſcheidung zu geben, welche des 1) Richard. de S. Germano p. 1037. Haynald. an. 1237. Nr. 4. 5. 2) Raynald. an. 1236. Nr. 62. Arndt B. II. S. 36. Hiärn S. 153. 3) Ray nald. an. 1236 Nr. 65 ſagt: Ad ea dissensionum (sc. inter Regem Daniae et fratres militiae Christi) praefocanda semina, Gregorius reddendam (arcem Revaliensem) Dano, ex- pensasque a fratribus factas refundi, ac ſirmam in eos legati opera pacem conjungi astringique jussit, ut datae litterae ad Guillelmum episcopum olim Mutinensem testantur. Vorher aber heißt es: Episcopatus tres in Estonia, nimirum Lealensem Wironensem et Revallensem Gregorius datis ad Guillelmum legatum apostolicis litteris archiepiscopo Lundensi restitui im- peravit. Estrup]. c. p. 40 — 41. Hiärn S. 153.
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Vereinigung d. Livland. u. d. Deutſch. Ordens. 335 Hochmeiſters Wuͤnſchen gemaͤß war. Gregorius indeſſen war ſchon aus alter Gunſt und in Erwaͤgung der neuen Verdienſte des Ordens auf jede Weiſe bemuͤht, dem Meiſter einen neuen Beweis ſeiner Huld zu geben und die Verbindung der Orden, die ohnedies dem Intereſſe der Kirche völlig entſprach, zu bes wirken, knuͤpfte deshalb auch neue Verhandlungen mit den Daͤniſchen Geſandten an und ſchlug neue Wege ein, um in irg end einer paßlichen Art eine Ausgleichung zu vermitteln. Die Entſcheidung erfolgte bald auf die Nachricht von dem ſchreckensvollen Ereigniſſe, welches mittlerweile den Orden in Livland getroffen hatte. Die Berichte, welche der paͤpſtliche Legat im Jahre 1236 uͤber die Gefahren der Kirche und des Chriſtenthums in Liv⸗ land und den Nachbarlaͤndern nach Rom geſandt, hatten die Theilnahme und den Eifer des Papſtes fuͤr das chriſtliche Werk in jenen Landen von neuem belebt. Er hatte deshalb ſchon damals an den Legaten den Befehl ergehen laſſen, fuͤr den Schutz und die Erhaltung des dort ausgeſtreueten und gedie⸗ henen Samens des Glaubens auf jegliche Weiſe die groͤßte Sorgfalt zu hegen, ſowohl in den nahen chriſtlichen Laͤndern, als in den nördlichen Theilen Deutſchlands zur Aufhuͤlfe der dortigen bedraͤngten Chriſtenheit unter Zuſicherung aller gewoͤhn⸗ lichen Gnadenſpenden das Kreuz predigen zu laſſen, mit allem Fleiße dahin zu wirken, daß die Neubekehrten ſich einer bil⸗ ligen Freiheit zu erfreuen hätten, nicht durch druͤckende Ab⸗ gaben belaſtet, vielmehr im erkannten Worte Gottes mehr und mehr beſtaͤrkt und alle, denen des Glaubens Erhaltung Pflicht und Freude ſey, mit Fleiß ermuntert wuͤrden, durch den Aufbau neuer Burgen und auf jede andere Weiſe fuͤr des Landes Schutz und Sicherheit bemüht zu ſeyn Y). Des Legaten Bemuͤhungen waren auch keineswegs ohne Er⸗ folg geblieben. Nicht unbedeutende Pilgerſchaaren waren unter 1) Das Schreiben des Papſtes an den Legaten Wilhelm ſ. bei Raynald. an. 1236 Nr. 62 — 64. Gruber Origin. Livon. silva Document, Nr. LII. p. 272. Gadebuſch B. I. S. 220. Estrup l..c.p. Al.
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336 Niederlage des Linländifhen Ordens. der Führung des edlen Grafen von Dannenberg ) und des tapfern Ritters Dieterich von Haſeldorf zum Kampfe fuͤr den Glauben nach Livland gezogen ) und weil nun das größte Verderben und die meiſten Gefahren dem Lande und der Kirche bisher immer noch die raubſuͤchtigen Litthauer gebracht, ſo hatte der Ordensmeiſter Volquin mit den Haufen der Kreuz⸗ fahrer alles zu vereinigen geſucht, was in den Gebieten des Ordens und der Biſchoͤfe nur irgend zu den Waffen taugte ), und war mit einem Heere gegen Litthauen aufgebrochen, hof⸗ fend, das wilde feindliche Volk fuͤr immer zuruͤckzuſchrecken durch eine ſolche Kriegsmacht. Unter großen Gefahren und Beſchwerden war das chriſtliche Heer ins unwegſame und ver⸗ wilderte Land eingefallen; weit und breit hatte es alles ver⸗ heert, verwuͤſtet, vernichtet und nirgends einen Widerſtand des Feindes gefunden. Mittlerweile aber hatten die Litthauer in ver⸗ borgenen Wäldern ſich aͤußerſt zahlreich verſammelt und ploͤtz⸗ lich ſtand nun in Einer Stunde am Tage des heiligen Mau⸗ ritius — es war am zwei und zwanzigſten September des J. 1236 — dem chriſtlichen Heere der gewaltige Schlacht⸗ haufe der Heiden an einem Fluſſe zum Kampfe entgegen. Vielen, ſonſt ritterlichen Helden und tapfern Streitern ent⸗ ſank faſt der Muth bei dem graufen Anblicke des rohen, wil⸗ 1) Dieſes Geſchlecht kommt auch ſonſt vor; ſ. Scheidt Nachrich⸗ ten vom hohen und niederen Adel S. 137. Herm. Corner. p. 830. Den Taufnamen des Grafen wiffen wir nicht. Ein edles Geſchlecht von Tannenberg finden wir in Baiern; Aventini Excerpt. diplom. Pas- sav. ap. Oefele T. I. p. 714. 2) Alnpeck ©. 32. Lucas David B. III. S. 6. Ordens⸗ Chronik bei Matthaeus p. 707. Cranzü Wandalia L. VI. c. 13. Ruſſow S. 7. Kojalowiez Histor. Litthuan. p. 89. 3) Alnpeck a. a. O. fingt vom Meifter: Er ſante boten kegen ruſen lant Nach helfe. Die quamen in zu hant Die eiſten mit vil mancher ſchar Quamen willenclichen dar Die letten und die liven Zu hus nicht wolden bliven.
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Niederlage des Livlaͤndiſchen Ordens. 337 den Volkes mit ſeinen ſchrecklichen Waffen. Da trat der un⸗ erſchrockene Ordensmeiſter unter die Fuͤhrer ſeines Heeres mit dem ermuthigenden und aufmunternden Worte: „Nun iſt es Zeit zum Kampfe; unſere Ehre heiſcht ihn; wir ſchlagen ſie nieder und friedlich kehren wir dann heim ).“ „Hilf uns, heiliger Mauritius!“ erwiederte im Ausrufe das ganze chriſt⸗ liche Heer und die Schlacht ward beſchloſſen und begonnen. Und es war ein furchtbarer Todeskampf, der von beiden Heeren gewagt wurde. Lange ward um den Sieg fuͤrchterlich gerungen. Beide Heermaſſen ſtritten viele Stunden lang mit der aͤußerſten Tapferkeit; aber je länger das grauſamſte Wuͤr⸗ gen und Schlachten, um ſo ſchwaͤcher die Kraft bei den Chri⸗ ſten, um ſo minderer ihre Hoffnung, um ſo wankender ihr Muth, um ſo verzagter ihr Glaube an Sieg und Errettung. Da raffte Volquin, der ritterliche Held, die Schaar ſeiner Bruͤder noch einmal zuſammen und ſtuͤrzte in den Feind. Aber er fiel unter den feindlichen Keulen mit achtundvierzig der Seinen und nun erfolgte im chriſtlichen Heere eine allgemeine Flucht, denn auch der ritterliche Graf von Dannenberg und der tapfere Held Dieterich von Haſeldorf und mit ihnen mehre Tauſende waren erſchlagen. Die wilden Litthauer ſtuͤrmten den Reſten des fluͤchtigen Heeres nach und da es ihnen an Ge⸗ ſchoſſen gebrach und die Waffen zum Kampfe nicht mehr brauch⸗ bar waren, ſo wurden Baͤume aus der Erde gewunden und was vom chriſtlichen Heere noch erreichbar war, damit ohne Schonung niedergeſtreckt. Nur wenige kamen zum Schrecken des Landes in die Heimat zuruͤck und ohne Fuͤhrer und Ge⸗ fährten eilten die einzelnen Pilgrime in ihre Lande heim 2). 1) Alnpeck S. 32. 2) Schon Gadebuſch B. I. S. 222 — 223 klagt über die Duͤrre der Livlaͤndiſchen Geſchichtſchreiber in Ruͤckſicht dieſes wichtigen Ereig⸗ niſſes. Alnpecks Reimchronik, welche S. 32 — 33 dieſe Schlacht beſingt, kannte er noch nicht. Auch uͤber die Zeit dieſes Heereszugs herrſcht in vielen Chroniken große Verſchiedenheit. Ruſſow S. 7 ſetzt ihn ins Jahr 1238; ebenfo Kojalowiez p. 89 nach Livlaͤndiſchen Quellen. Hiärn S. 153 nimmt das Jahr 1237 an. Es laßt ſich II. 22
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338 Vereinigung d. Livland. u. d. Deutſch. Ordens. Da ging Furcht, Entſetzen und allgemeiner Jammer durch alle Laͤnder des Nordens, die ſich bereits zum Chriſtenthum bekehrt hatten. Allen ſchien der Untergang der jungen chriſt⸗ lichen Kirche und die Vertilgung des Glaubens unvermeidlich, wenn nicht eiligſt neue Huͤlfe herbeikonmme und Rettung bringe. Aber woher dieſe Huͤlfe in dem Drange der Noth? Es war die Zeit gekommen, in welcher ſelbſt die Geiſtlichkeit klar ein⸗ ſah, daß ſolche nur vom Deutſchen Orden fuͤr die Dauer zu erwarten ſey. Daher ſandte nun der Biſchof von Riga im Einverſtaͤndniſſe mit den noch übrigen Ordensrittern in aller Schnelle den Ordensbruder Gerlach Rothe ) nach Italien zu Hermann von Salza und zum Papfte, dringend bittend, daß ihnen Beiſtand geſchehe in ihrer Noth durch die Verbindung ihres Ordens mit dem der Deutſchen Ritter. Als jener Rit⸗ indeſſen ſicher beweiſen, daß der 22. September 1236 der Schlachttag war. Die Annal. Albiani ap Langebeck T. I. p. 208 fagen aus⸗ drücklich bei dem Jahre 1236: In Livonia strages peregrinnrum multa circa festum Mauritii. Genaue Nachrichten konnte der un⸗ genannte Verfaſſer um fo eher haben, da er um das Jahr 1265 und zwar an der Elbe, zu Lubeck, Hamburg oder in der Nähe gelebt ha⸗ ben muß. Ihm ſtimmt wie in vielem, ſo auch in dieſer Sache Albert. Stadens. P. 308 woͤrtiich bei. Dieſe Zeitangabe des J. 1236 beftätigt auch der Papſt in einem Schreiben bei Naynald. ann. 1237 Nr. 64, wo er am 14. Mai von dieſer Schlacht ſagt: Die Livlaͤndiſchen Ritter⸗ brüder casum lugubrem in occasu Magistri et quinquaginta fra- trum eiusdem militiae ac peregrinorum plurium, paganorum saeviente perfidia, nooiter pertulerunt. Das konnte der Papſt im Jahre 1237 nicht ſchreiben, wenn nicht die Schlacht im Herbſt des J. 1236 vorgefallen war. Den Tag des heil. Mauritius als Schlacht⸗ tag nannte auch das Chron. Canonici Sambiens. mit den Worten: luft magna expeditio in Littowia in die Mauritii; es giebt aber auch das falſche Jahr 1237 an. Herman. Corner. p. 883 verſetzt die Begebenheit nach Preuſſen; facta fuit pro eodem tempore (1242) maxima caeles peregrinorum et exercituum Christi contra bar- baros illos transeuntium de Alemannia in Prutziam, ubi Theo- dericus de Haseldorp oceubuit cum tribus milibus armatorum. 1) Lucas David B. III. S. 7 nennt ihn Gerlach von Gern: rode; ſonſt heißt er Gerlach Rufus, ſo bei Dusburg P. III. c. 28. Alnpeck S. 33.
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Vereinigung d. Livland. u. d. Deutſch. Ordens. 339 ter bei dem Hochmeiſter am Kaiſerhofe mit der Trauernach⸗ richt anlangte ), war die Entſcheidung in der Sache noch nicht weiter gediehen. Jenes Ereigniß aber fuͤhrte ſie jetzt um ſo ſchneller herbei. Das jammervolle Schickſal, welchem die Chriſten in den bedraͤngten Landen, wie an den Enden der chriſtlichen Welt mit einemmale Preis gegeben waren, der drohende Untergang der chriſtlichen Kirche in allen jenen Ge⸗ bieten, deren zunehmendes Gedeihen in ſeinen Zeiten der Papſt nie ohne Freude und Stolz erwaͤhnte, die er gerne und oft ſeine geliebte Pflanzung nannte, die Schwierigkeit, ſchnell neue Kreuzheere dorthin in Bewegung zu bringen und die Gefahren, welche ſelbſt dem Ritterorden in Preuſſen bevorſtanden, ſofern Livland und die uͤbrigen Laͤnder von den Heiden wieder gaͤnz⸗ lich überzogen und überwältigt würden: das alles machte auf Gregorius Seele den tiefſten Eindruck und nicht ohne ſchwere Betruͤbniß las er die klagevollen Briefe, in denen die Bifchöfe Livlands und Eſthlands flehentlich um Rettung und Huͤlfe ba⸗ ten ). Da trat Hermann von Salza, wohl einſehend, daß der Papſt nach den bereits von ihm geſchehenen Schritten des Daͤniſchen Koͤniges Anrechte auf die Eſthlaͤndiſchen Beſitzungen nie ganz unbeachtet laſſen koͤnne, vielmehr dieſen Beherrſcher gerne inniger mit der Kirche zu Rom verbinden zu wollen ſcheine, mit dem Antrage vor ihm auf: man wolle die Ver⸗ einigung beider Orden durch des Koͤniges Anſpruͤche nicht laͤn⸗ 1) Hermann von Salza hielt ſich auch jetzt meiſtentheils beim Kai: ſer auf; Richard. de S. Germano p. 1038. Nach urkundlichen Beweiſen befand er ſich mit dem Kaiſer im Januar und Februar des J. 1237 in Wien. Vom Januar fuͤhrt Herrgott Monumenta do- mus Austriae T. I. p. 231 eine Urkunde an, in welcher unter den Zeugen auch der Hochmeiſter Hermann genannt wird. Vom Februar ftebt eine Urkunde in Hor mayr Geſchichte von Wien B. I. Heft 3. S. LXXVI. im urkundenbuche. Unter andern befanden ſich damals bei dem Kaiſer der Patriarch von Aquileja, die Erzbiſchoͤfe von Mainz, Salzburg und Trier, die Biſchoͤfe von Regensburg und Bamberg, der Herzog O. von Baiern, der Landgraf H. von Thuͤringen, Herzog B. von Kärnthen, Gottfried von Hohenlohe u. a. ; 2) Raynald. an. 1237. Nr. 63 — 64. 22 *
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340 Vereinigung d. Lipland. u. d. Deutſch. Ordens. ger mehr behindern laſſen; ſey ſolche erfolgt und koͤnne er ſich auch Meiſter des Ordens in Livland nennen, ſo werde es un⸗ gleich leichter ſeyn, des Koͤniges Forderungen in dem, was billig, Genuͤge zu leiſten Y. Da der Papſt dieſen Vorſchlag genehmigte, fo erſchien eines Tages der Hochmeiſter mit den beiden Livlaͤndiſchen Nit- tern im paͤpſtlichen Palaſte. In Gegenwart des Patriarchen von Antiochien, des Erzbiſchofs von Bari, des paͤpſtlichen Marſchalls Conrad von Straßburg, eines Deutſchen Ordens⸗ bruders, und des paͤpſtlichen Kaͤmmerlings, eines Johanniter⸗ Ritters ſtellte Hermann von Salza dem Papſte die Ritter aus Livland vor. Sie mußten vor dem Stuhle des Papſtes niederknien; er vergab ihnen alle Suͤnden, ſprach ſie los von dem Eide und der Regel ihres Ordens, ermahnte fie zur Ta⸗ pferkeit fuͤr den Glauben und ſegnete ſie nun in den Deut⸗ ſchen Orden ein. Darauf legten ſie ihren Rittermantel mit dem Schwerte ab und empfingen das ſchwarzbekreuzte Deutſche Ordenskleid. Jener aber fiel nach uͤblicher Sitte dem Kaͤmmer⸗ ling des Papſtes zu °). So ward die Verbindung beider Orden vollzogen: ein wichtiger Augenblick fuͤr die Schickſale der Laͤnder, die nun⸗ mehr auf Jahrhunderte hindurch unter der Herrſchaft des Deut⸗ ſchen Ordens ſtanden, in ihm ihre Rettung und bald auch neues Gedeihen und neue Bluͤthe fanden. Erſt nach der Nuͤck⸗ kehr der beiden neugeweihten Ritter an den Kaiſerhof wurde ihnen kund, daß der Papſt die Burg Reval dem Könige von Daͤnemark bereits zugeſprochen habe, dieſer jedoch die 1) Hiärn S. 153. Arndt V. II. S. 37. 2) Hiͤͤrn a. a. O. Arndt B. II. S. 38. Gadebuſch B. I. S. 225. Dusburg P. III. S. 28 beftätigt den Bericht dieſer Liv⸗ ländiſchen Geſchichtſchreiber durch die Worte: Dominus Papa dictum negotium terminavit et fratrem Gerlacum et fratrem Jobannem praedictos ad Ordinem Hospitalis S. Mariae domus Teutoni- corum investivit, dans eis album pallium cum nigra cruce, in- jungens eis et aliis fratribus eiusdem Ordinis mililum Christi in Livonia existentibus in remissionem omnium peccatorum, ut Ordinis domus Teutonicae susciperent habitum regularem,
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Vereinigung d. Livlind. u. d. Deutſch. Ordens. 341 vom Orden zur Vertreibung der Heiden verwandten Koſten zuvor erſtatten ſolle. Des entſetzten ſich die Ritter im Haſſe gegen der Daͤnen Herrſchaft und Gerlach Rothe voll Unwil⸗ lens an die Bruſt ſchlagend brach gegen Hartmann von Hel⸗ drungen in die Worte aus: „Waͤre es nicht geſchehen, es geſchaͤhe nun und nimmermehr, das ſage ich fuͤrwahr )!“ Dieſe Vereinigung beider Orden erfolgte im Monat Maͤrz oder April des Jahres 1237 ) und ſofort entſandte nun der Hochmeiſter den Ordensbruder Hartmann von Heldrungen und den neuen Bruder Gerlach Rothe nach Marburg, wohin Lud⸗ wig von Oettingen, der ſtellvertretende Deutſchmeiſter ſchon im Winter zuruͤckgekehrt war, mit dem Befehle an dieſen, eiligſt ſechzig tapfere Ritter nach Livland zu ſenden an die Stelle der Erſchlagenen. Er ſelbſt wollte bald zu weiterer Berathung und Ordnung der wichtigen neuen Verhaͤltniſſe des Ordens im Norden nach Marburg zu einem allgemeinen Or⸗ denskapitel kommen. Bald darauf trat Hermann dieſe Reiſe an, begab ſich zuvor aber mit dem Ordensbruder Johannes von Magdeburg an den Hof des Kaiſers, der ſich damals in Deutſchland aufhielt, theils ſeinem erhabenen Goͤnner die auch von dieſem gewuͤnſchte Vereinigung der beiden Orden muͤnd⸗ lich zu melden, theils ſich ſeines Schutzes und ſeiner Unter⸗ terſtuͤtzung auch fuͤr die neuerworbenen Laͤnder zu verſichern. Erfreut durch des Kaiſers Geſchenke zur Aufhuͤlfe des Ordens in Livland ) begab er ſich dann nach Marburg, wohin be⸗ 1) Hiaͤrn a. a. O. Arndt a. a. O. Lucas David B. III. S. 7 — 8. 2) Im Maͤrz dieſes Jahres muß ſich Hermann von Salza in der Abſicht, mit dem Papſt uͤber die Vereinigung der Orden das Weitere zu verhandeln, an den paͤpſtl. Hof begeben haben, denn ſeit dem März und April finden wir ihn nicht mehr in des Kaiſers Umgebung; ſ. Monumenta Boica T. III. p. 135 und IV. p. 344. Im Mai aber war, wie das bald weiter erwaͤhnte paͤpſtliche Schreiben ausweiſet, die Verbindung der Orden ſchon geſchehen. 3) Nach Arndt a. a. O. betrug die Summe des kaiſerlichen Ge: ſchenkes nur 60 Mark Goldes; eben ſo nach Hiaͤrn S. 155. Nach Lucas David B. III. S. 8 und Waißel S. 61 ſpendete dagegen der Kaiſer 1500 Mark Goldes.
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342 Vereinigung d. Livländ. u. d. Deutſch. Ordens. reits die vornehmſten Gebietiger des Ordens aus ganz Deutſch⸗ land zum Kapitel zuſammengekommen waren. Die Verhaͤlt⸗ niſſe in Livland waren der wichtigſte Gegenſtand der Bera⸗ thungen und da vor allem fuͤr die dortigen Ordensritter ein neuer Meiſter erkoren werden mußte, ſo ſchlug Hermann von Salza als ſolchen den jungen und ruͤſtigen Ordensbruder Die⸗ terich von Gruͤningen ), dem er großes Vertrauen ſchenkte, den verſammelten Bruͤdern vor. Allein das Kapitel fand nicht rathſam, ſo tapfern und verſuchten Rittern in ſo ſchwie⸗ rigen Verhaͤltniſſen einen noch ſo jungen Ordensbruder als Haupt und Befehlshaber vorzuſetzen. Daher beſchloß der Hoch⸗ meiſter mit des Kapitels Beiſtimmung, den ſo tapſern als ge⸗ wandten und erfahrenen Landmeiſter von Preuſſen Hermann Balk zugleich zum Meiſter von Livland zu ernennen und zur erſten Einrichtung und Anordnung der neugeſtalteten Verhäͤlt⸗ niſſe dorthin zu ſenden, ihm aber als Gefaͤhrten und Gehuͤl⸗ fen den aufgeweckten und thaͤtigregſamen Dieterich von Gruͤ⸗ ningen beizugeſellen, damit dieſer ſpaͤterhin dort ins Meiſter⸗ amt eintreten Fönne 2). Daneben mußte im Kapitel auch 1) Ueber das Geſchlecht der von Gruͤningen in Schwaben und Heſ⸗ ſen findet man Nachricht in Wencks Heſſiſch. Landesgeſchichte B. III. S. 57 — 38 und in Rommels Geſchichte von Heſſen B. I. S. 198 ff. Dieterich von Gruͤningen wird mit unter den Rittern genannt, welche zugleich mit dem Landgrafen von Thuͤringen in den Orden ge⸗ treten waren. 2) Arndt a. a. O. Hiärn S. 155. Lucas David a. a. O. Waißel S. 61. — Hier endigt der Bericht, den uns dieſe Chroni⸗ ſten uͤber die Vereinigung beider Orden geben. Er gruͤndet ſich, wie ſchon Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 224 und in ſeiner Abhandl. von Livland. Geſchichtſchreibern S. 11 — 12 bemerkt, auf eine alte Erzählung uͤber dieſe Vereinigung, als deren Verfaſſer Brandis in ſ. Livland. Geſchichte den Ordensbruder Harkmann von Heldrungen nennt und dabei ausdruͤcklich ſagt: er habe aus dieſem aiten Berichte ſeine Erzählung entnommen. Man hat indeſſen die jemalige Exiſtenz dieſer alten Schrift in Zweifel gezogen und Arndt B. II. S. 37 be⸗ hauptet geradezu: Brandis habe die Geſchichte der Ordensvereinigung aus Walßel entlehnt und nur weitläufig ausgeputzt. Gadebuſch ſuchte fruͤher in ſeiner Abhandl. über Livl. Geſchichtſchreiber die Exi⸗
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Vereinigung d. Livlaͤnd. u. d. Deutſch. Ordens. 343 manches andere, was die Regel und innere Lebensordnung der Livlaͤndiſchen Ordensbruͤder betraf, naͤher berathen und ſtenz jenes Berichtes feſtzuhalten, änderte indeſſen ſpäterhin in ſeinen Livl. Jahrb. B. I. S. 224 dieſe Meinung und fügt, wie er meint, ei⸗ nen ſehr wichtigen Grund hinzu, der die Nicht-⸗Exiſtenz jenes Berichtes erweiſe. Wir werden ihn ſogleich naͤher pruͤfen. Der aͤlteſte Chroniſt, welcher dieſen alten Bericht benuzt haben müßte, iſt ohne Zweifel Lucas David. Mit dieſem ſtimmen in allem die andern in der Hauptſache uͤberein; doch nennt er nirgends die Quelle, aus wel⸗ cher er ſchoͤpfte. Soll uͤber die Exiſtenz und die Autenticitaͤt des alten Berichtes entſchieden werden, ſo kommt es meines Erachtens mehr auf die inneren, in der Sache ſelbſt liegenden Beweiſe, als auf äußere Auctoritäten an und nach jenen Beweiſen ſcheinen wir an der ehemaligen Exiſtenz eines ſolchen alten Berichtes auf keine Weiſe zwei⸗ feln zu duͤrfen. Sehr wichtig iſt naͤmlich 1) der Umſtand, daß faſt von allen in dieſem Berichte vorkommenden Perſonen urkundlich zu erwei⸗ ſen iſt, daß ſie damals gelebt und das geweſen ſind, wofuͤr der Bericht ſie ausgiebt. Von Ludwig von Oettingen, Hartmann von Heldrungen, Ulrich von Durne, Wichmann von Wurzburg u. a. iſt dieſes dargethan. ) Verſetzt der Bericht den Hochmeiſter und den Papſt immer auch das hin, wo ſie ſich nach ſicheren Quellen wirklich auch aufhielten. Der Be⸗ richt läßt z. B. im J. 1236 den Hochmeiſter in Deutſchland und na⸗ mentlich in Marburg ſeyn und Urkunden, ſo wie chroniſtiſche Angaben beftätigen dieſes. Daher iſt die fo eben erwähnte Behauptung von Ga= debufd in Livl. Jahrb. B. I. S. 224, daß ſich der Hochmeiſter um jene Zeit zu Venedig aufgehalten habe, voͤllig grundlos und weit ent⸗ fernt, daß der von Gadebuſch hervorgehobene Hauptumſtand den Be⸗ richt verdächtig macht, iſt er für deſſen Wahrhaftigkeit vielmehr eine neue Beſtaͤtigung. 3) Stimmt der Bericht auch völlig mit Dusburg P. III. c. 28 überein; die von dem Berichte genannten beiden Livlän⸗ diſchen Ritter Johannes von Magdeburg und Gerlach Rothe erſcheinen auch wieder im Dusburg. 4) Ob Hartmann von Heldrungen, wie Brandis behauptet, dieſen Bericht verfaßt habe, kann freilich nicht mehr bewieſen werden, da weder das Original, noch eine getreue Ab⸗ ſchrift davon vorhanden ſind. Gruͤnde zu dieſer Annahme muß Bran⸗ dis gewiß gehabt haben. Innere Beweiſe ſprechen ihr wenigſtens nicht entgegen und es laͤßt ſich wohl denken, daß der vom Hochmeiſter ſo ge⸗ ſchaͤtzte und an der Ordensverbindung ſelbſt fo thaͤtig theilnehmende Ordensbruder von ſeinem Meiſter ſogar den amtlichen Auftrag erhalten haben koͤnnte, den Verlauf dieſes fuͤr den Orden ſo wichtigen Ereigniſſes ſchriftlich abzufaſſen.
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344 Vereinigung b. Livländ. u. d. Deutſch. Ordens. als Geſetz und Verfaſſung feſtgeſtellt werden. Nur zum Kampfe gegen die Ungläubigen und zur Bekehrung der Hei⸗ den war der Orden in Livland vor nunmehr ſechs und drei⸗ ßig Jahren geſtiftet worden, und gebildet nach der Regel des Ordens der Tempelherren war er nicht, wie die Bruͤder des Deutſchen Ordens zur Pflege der Armen und Kranken in Spitaͤlern verpflichtet geweſen. Dieſe letztere war aber fo innig mit der ganzen Verfaſſung und dem inneren Weſen des Deutſchen Ordens verbunden, daß ſie nothwendig nun auch auf die neuen Ordensbruͤder in Livland uͤbertragen und ihre Lebensweiſe in dieſer Hinſicht weſentlich veraͤndert werden mußte. Ein anderer wichtiger Punkt der Berathung dieſes Kapi⸗ tels war hoͤchſt wahrſcheinlich die Stellung und das Verhaͤltniß der Ordensritter in Livland gegen die dortige hohe Geiſtlich⸗ keit. Der Urſprung des Livlaͤndiſchen Ordens durch den Bi⸗ ſchof von Riga und mancherlei Ereigniſſe, die ſich im Laufe der Zeit ergeben, hatten ihn immer in einer gewiſſen Unter⸗ gebenheit und unterwoͤrfigen Abhängigkeit von den hohen Geiſtlichen gehalten und es iſt uns erinnerlich, daß er gegen den Biſchof von Riga nicht allein foͤrmlichen Gehorſam hatte angeloben muͤſſen, ſondern zu dieſem mächtigen Prälaten auch felbft in das Verhaͤltniß der Vaſallenſchaft getreten war. Dieſe Stellung zur Geiſtlichkeit aber, ſo unvereinbar ſie auch immer mit der des Deutſchen Ordens zu den neben ihm ſte⸗ henden Praͤlaten war, ließ um ſo weniger eine durchgreifende Veränderung zu, da fie in die ganze Lage der Dinge in Liv⸗ land gleichſam ſchon hineinverwachſen und durch paͤpſtliche Ver⸗ ſuͤgungen bekraͤftigt und beſtaͤtigt war. Dieſer wichtige Punkt war daher ohne Zweifel auch ſchon Gegenſtand der Verhand— lung zwiſchen dem Hochmeiſter und dem Papſte geweſen, denn in der Bulle, welche am vierzehnten Mai 1237 ausge⸗ ſtellt und an die Biſchoͤfe von Riga, Dorpat und Oeſel ge⸗ richtet dieſen Praͤlaten die paͤpſtliche Beſtaͤtigung der Verei⸗ nigung beider Orden kund that, ward uͤber dieſes Verhaͤltniß ausdruͤcklich feſtgeſtellt, daß die Deutſchen Ordensritter in Liv⸗
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Vereinigung d. Livland. u. d. Deutſch. Ordens. 345 land, des vom paͤpſtlichen Stuhle erhaltenen Befreiungsbriefes ungeachtet, noch forthin unter der Gerichtsbarkeit der Bi- ſchoͤfe und Praͤlaten des Landes ſtehen und derjenige der Dr: densbruͤder, welchen der Bann der Prälaten treffe, von aller Brüder Gemeinſchaſt fo lange ausgeſchloſſen ſeyn ſolle, bis die Freiſprechung durch die Geiſtlichen erfolge ). Ferner ward vom Papſte auch beſtimmt, daß durch beider Orden Vereini⸗ gung zwar auch alle Guͤter und Beſitzungen der ehe⸗ maligen Livlaͤndiſchen Ordensritter an den Deutſchen Orden uͤbergehen ſollten, dieſer jedoch das Land, als ein Eigenthum und rechtlichen Beſitz des heiligen Apoſtels, niemals einem an⸗ dern Oberherrn zuwendend unterwerfen koͤnne. Dem Legaten Wilhelm aber ertheilte der Papſt, dieſes alles in gleicher Weiſe meldend, noch den beſondern Auftrag, eines Theils darauf zu achten, daß die vom paͤpſtlichen Stuhle verfuͤgten Verord⸗ nungen fuͤr die Freiheit der Kirchen oder der Neubekehrten oder fuͤr den ſonſtigen Zuſtand des Landes auch von den Deutſchen Ordensrittern unverbruͤchlich gehalten wuͤrden, an⸗ dern Theils aber auch daruͤber zu wachen, daß die den Ordensbruͤdern vor der Vereinigung ertheilten Freiheiten und 1) Die paͤpſtliche Bulle bei Raynald. an. 1237 Nr. 64. Gruber. Origin. Livon. silva Document. p. 270. Dogiel Cod. diplom- Polon. T. V. Nr. 19 p. 13, Deutſch bei Arndt B. II. S. 39. Es heißt darin: Ipsorum (i. e. fratrum Teutonicorum) ordini memoratos praeceptorem ei fratres, de fratrum nostrorum consilio, uniendos duximus eum bonis omnibus corundem aucloritate apostolica statuentes, ut ipsi et cacteri fratres prae- dicti hospilalis sanctae Mariae Theutonicorum, qui pro lem- pore fuerint in Livonia, sicut hactenus, sub dioecesanorum et aliorum praelatorum suorum jurisdictione consistant; in dem Schreiben des Papſtes an den Legaten Wilhelm wird hier noch hinzu⸗ gefuͤgt: non obstantibus indultis memoratis Magistro et Fra tribus privilegiis Iibertatis, et si forte aliquis eorundem Fra- trum per aliquem jam diciorum Dioecesanorum vel Praelato- rum sentenlia excommunicationis vel suspensionis astrictus in locum alium transferatur, tam diu vitetur a Fratribus, et suspensus eliam habeatur, donec excommunicatori vel suspen- denti satisfaciat, ut tenetur.
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346 Vereinigung d. Livländ. u. d. Deutſch. Ordens. Beguͤnſtigungen in gültiger Kraft verblieben ). So meinte der Papſt in ſchoͤnen Hoffnungen, die er auf dieſe bruͤderliche Umarmung beider Orden bauete, allem weislich vorgebeugt zu haben, was zwiſchen den Ritterbruͤdern und den Geiſtli⸗ chen nur irgend Zwiſt und Unfrieden erzeugen koͤnne. Und doch ward nachmals alles anders, denn alle Weisheit ging zu Schanden an der Leidenſchaft der Menſchen. In ſolcher Weiſe war das Werk vollendet, an welchem gegen ſechs Jahre lang gearbeitet worden war. Freudig und hoffnungsvoll ſah der Papſt Gregorius auf daſſelbe hin, denn eine neue maͤchtige Saͤule ſchien der wankenden Kirche des Norden gegeben ), die fie aufrecht halten ſollte gegen die Stuͤrme, welche von Oſten her ſo gefahrvoll gedroht hatten. Auch der edle Meiſter Hermann von Salza hatte in den letz⸗ tern Zeiten mit großem Eifer und mit hohen Hoffnungen das Werk befoͤrdert und nicht ohne einen freudigen Hinblick auf ſeines Ordens Verherrlichung, wachſende Groͤße, erweitertes Ziel und edle Beſtrebung fuͤr Kirche und Glauben im neuen Lande that er auf dem Kapitel zu Marburg den letzten Schritt zu feiner Vollendung ). Preuſſen erobert, dem Heidenthum entriſſen, der Kirche Chriſti zugeeignet, zu Bildung und 1) Das Schreiben des Papſtes an Wilhelm bei Dogiel T. V. p. 13, zum Theil bei Raynald au. 1237 Nr. 65. Durch die eine Vor⸗ ſchrift: ut quae ibidem pro libertate Ecclesiarum vel Neophilo- rum, aut pro statu terrae sunt per Sedem Apostolicam ordi- nala, vel per ipsam in posterum ordinari conligerit, ab eisdem in Livonia constitutis inviolabiliter observentur, wollte der Papſt, wie man klar fieht, die Geiſtlichkeit und die neubekehrten Bewohner des Landes gegen den Orden in Sicherheit ſetzen, und durch die andere Ver⸗ fügung: ut indulta supradictis Praeceptori et Fratribus a Sede Apostolica ante huiusmodi unionem in suo robore persevc- rent, wollte er offenbar den Orden gegen die Anmaßungen der Bi⸗ ſchoͤfe und Praͤlaten verwahren. 2) S. das erwähnte Schreiben des Papſtes an Wilhelm von Mo⸗ dena bei Dogiel I. c. 5 3) Ueber die goldene Kette, welche als Symbol dieſer Ordens⸗Ver⸗ einigung das Andenken an dieſes Ereigniß verherrlichen ſollte, vgl. De Val Recherches T. I. p. 354.
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Vereinigung d. Livland. u. d. Deutſch. Ordens. 347 Menſchlichkeit gebracht, dem Deutſchen Volke, dem Deutſchen Reiche angeheimt, unter eine ritterliche Verwaltung geſetzt, welche edlen Brauch, edle Sitte und edlen Sinn mit chriſtli⸗ cher Liebe und chriſtlicher Milde vereinen ſollte, und mit die⸗ ſem Lande nun auch die ferneren Gebiete des hohen Nordens verbunden, um auch dort den ſchon keimenden und aufſproſſen⸗ den Samen zu hegen und zu edlen Fruͤchten fuͤr Bildung und chriſtliche Erkenntniß neue Saaten zuzubereiten: — dieß war ein Gedanke, es war ein Ziel, nicht zu groß fuͤr Hermanns edlen Geiſt, erhaben genug fuͤr den reinen Adel ſeines Herzens, wuͤrdig ſeiner großen, aufſtrebenden Seele. Doch von andern ward dieſer Gedanke nicht immer aufgefaßt in ſeiner Groͤße und Erhabenheit. Schon die naͤchſten Zeiten gingen ſchwan⸗ ger mit Unfrieden und Hader, mit Zwietracht und Zerwuͤrf⸗ niß, mit graͤuelvollem Aergerniß und ekelhafter Gemeinheit, und der Same zu dieſem Unweſen war gleichfalls ſchon in dieſen Tagen ausgeworfen und bald ſproßte er uͤppig und wild empor.
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DEBITEL UuNitEel, Kal alſo war die Eroberung der Landſchaften Pomeſanien und Pogeſanien vollendet, als nach des Hochmeiſters Anord⸗ nung der Meiſter Hermann Balk noch im Jahre 1257 dieſe Gebiete verlaffend nach Livland zog ) an der Spitze jener Ritterſchaar, welche zur Ergaͤnzung der im Kampfe gegen die Litthauer gefallenen Ordensbruͤder dahin entſandt ward. Sn: deſſen legte hiedurch Hermann Balk das Meiſteramt in Preuſ⸗ ſen keineswegs nieder und war zugleich nun Landmeiſter von Preuſſen und von Livland 2). Hier aber hatte auf des Pap⸗ ſtes Befehl der eifrige paͤpſtliche Legat Wilhelm ihm in ſeinen 1) Daß Hermann Balk ſich ſchon in dieſem Jahre 1237 nach Livland begab und die Vereinigung beider Orden dort wirklich aus⸗ fuͤhrte, beweiſen gegen die Angaben der Chroniſten, welche ſie theils erſt ins Jahr 1238, theils ſogar erſt ins Jahr 1239 ſetzen (Ordens⸗ Chron. S. 26 und 33 Mſcr. Lucas David B. III. S. 7. Schütz p. 19.) mehre Urkunden. Die eine von dieſen, naͤmlich die Bulle des Papſtes über die Beſtaͤtigung der Vereinigung iſt ſchon im vorigen Kapitel angefuͤhrt. Eine andere Bulle vom 30ſten Mai 1237, deren Inhalt bald naͤher angegeben werden wird, ſetzt die Sache ebenfalls außer Zweiſel. 2) In der Urkunde bei Pontanus rer. Danicar. histor. p. 319 wird er daher auch [don Supremus Theutonici ordinis per Livoniam et Borussiam magister genannt. Lucas David B. II. S. 97. Auch in einer Elbingiſchen urkunde vom 13ten Januar 1238 nennt er ſich ſelbſt: Frater Hermannus, Praeceplor domus Teu- lonice in Livonia et Prutia.
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Hermann Balks Gluͤck in Livland. 349 ſchwierigen Verhandlungen ſchon auf mancherlei Weiſe vorge⸗ arbeitet. Vor allem war Wilhelm, wie Gregorius ihm ſchon im Mai dieſes Jahres aufgetragen ), aufs eifrigſte bemuͤht geweſen, den König Waldemar von Dänemark zu friedlichen Geſinnungen zu ſtimmen und zu einer billigen Ausgleichung mit dem Deutſchen Orden geneigt zu machen. Der König naͤmlich war bereits wirklich mit der Ruͤſtung einer ſtarken Flotte beſchaͤftigt und entſchloſſen, feine ſelbſt vom Papſte an⸗ erkannten Rechte in Eſthland mit Gewalt der Waffen gültig zu erhalten 2). Dieſer drohende Sturm, um ſo gefahrvoller unter den neuen Verhaͤltniſſen und bei der Unſicherheit des Landes gen Oſten hin, mußte vor allem beſchwichtigt werden. Kaum hatte daher der Landmeiſter, unter Freuden und frohen Hoffnungen in Livland mit ſeiner Ritterſchaar empfan⸗ gen, die noͤthigſten Anordnungen fuͤr die Lande entworfen und in feierlicher Verſammlung die dortigen Ritterbruͤder durch Ueberreichung des Deutſchen Ordenskleides in die Deutſche Ritterbruͤderſchaft aufgenommen 3) als er ſich mit dem paͤpſt⸗ lichen Legaten eiligſt zum Daͤniſchen Koͤnige begab, um in muͤndlichen Verhandlungen die Streitſache deſto ſchneller zu beſeitigen e). Doch erſt am neunten Mai des J. 1238 ward die Friedensurkunde in Gegenwart des Koͤniges, ſeines Soh⸗ nes des erwaͤhlten Koͤniges Erich, mehrer Reichsgroßen, des paͤpſtlichen Legaten und des Landmeiſters Hermann Balk ab- 1) Der Papſt ſchrieb dem Legaten: Illustrem Regem Daciae per te, si facultas obtulerit, vel per litteras et nuntios specia- les ad hoc, juxta scientiam tibi desuper atiributam, inducas studio, quod cum fratribus hospitalis, postquam ad partes ip- sas pervenerint, sublata cuiusque materia quaestionis, quae sunt pacis et tranquillitatis habeai, et eosdem devotione per- petuo sibi constituat obligatos. Haynald. an. 1237 Nr. 65. Gruber. Orig. Livon. p- 273. Wir finden dieſes Schreibens auch im Bullenverzeichniſſe Gregorius IX. erwähnt. 2) Hläͤrn in der Vertrags- Urkunde ©. 161. Pontanus. I. c. p. 319. Estrup I. c. p. 43. 3) Alnpeck S. 34. Ruſſow S. 8. Hiärn S. 160. 4) Estrup p- 4. 47.
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350 Hermann Balls Gluͤck in Livland. gefaßt. Sie ſprach der Krone Daͤnemarks die Burg Reval und die Landſchaften Harrien und Wirland, dem Orden da⸗ gegen das Landgebiet von Jerwen zu, doch alſo daß hierin ohne des Koͤniges Bewilligung keine neuen Burgfeſten errich- tet werden durften. In Bekaͤmpfung der Heiden ſollte der Orden den Koͤnig in keiner Weiſe hindern, vielmehr mit ſei⸗ ner Hülfe unterſtuͤtzen; was aber an Land den Unglaͤubigen entriſſen werde, ſollte zu zwei Theilen dem Koͤnige als eige⸗ ner Beſitz gehoͤren und der dritte Theil dem Orden zufallen. Endlich verhieß Waldemar den Ordensrittern ſeine Gunſt und ſeinen Schutz und gelobte, den Orden in keiner ſeiner Beſi⸗ tzungen weder durch Rath noch That jemals zu belaͤſtigen, den ihm zugefuͤgten Schaden aber zum Heil des Friedens zu erlaſſen ). So ward der alte Zwiſt zwiſchen dem Koͤnige und dem Orden ausgeglichen. Alsbald aber ruͤſtete Waldemar ein ſtatt⸗ liches Kriegsheer aus, um die von Oſten her vordraͤngenden und ſowohl ſeine Gebiete, als die des Ordens bedrohenden Ruſſen zu bekaͤmpfen; denn Gerpold, ein Reußiſcher Fuͤrſt, kriegsluſtig und raubgierig, war mit einer Kriegerhorde in die Graͤnzen des Bisthums Dorpat eingedrungen, weit und breit alles verwuͤſtend und durchpluͤndernd. Da trat Her⸗ mann Balk mit ſeinen Ordensrittern an die Spitze ſeines Kriegsvolkes; auch ein Daͤniſcher ſtarker Heerhaufen war zu Huͤlfe gekommen, gefuͤhrt von Waldemars tapferen Soͤhnen Abel und Kanut; eine Schaar angelangter Kreuzfahrer be⸗ fehligte der edle Graf Adolph von Holſtein 2) und endlich hatte auch der Biſchof Hermann zu Dorpat alle ſeine Kriegs⸗ 1) Dieſer Vertrag ſteht in Pontanus rer. Danicar. histor. p. 318 — 319. Meursius Ilistor. Dan. p. 22; Deutſch bei Hiärn S. 161 — 162. Sein Datum iſt: Acta haec signataque Sten- byae anno MCCXXXVIII. VII Idus Maji Der Hauptinhalt auch bei Estrup p. 45. 2) Albert. Stadens. p. 308. Annal. Albiani ap Langebeck T. I. p. 208. Lamberti Alardi Res Nordalbing. ap Meslpha- len T. I. p. 1792.
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Hermann Balks Gluck in Livland. 351 leute zu dieſer Heerfahrt aufgerufen. So vereint brach das maͤchtige Heer in die Graͤnzen Rußlands ein. Die Feſte Iſe⸗ burg ward dem Feinde abgewonnen; ſechshundert ſeiner Krie⸗ ger blieben bei dem Kampfe. Da das Heer wenig Wider⸗ ſtand fand, zog es gegen Pleſkow hin; Hermann Balk, der ernſte, tapfere und erfahrene Kriegsmann fuͤhrte uͤberall den Heerbefehl. Als aber die Bewohner Pleſkows vernahmen, daß das vor ihrer Stadt gelagerte ſtarke Heer ſich zum Sturme ruͤſte, erboten ſie Friede und Ergebung in des Ordens Ge⸗ walt. Auch der Fuͤrſt Gerpold, durch den kriegeriſchen Ernſt des Feindes entmuthigt, willigte ein. So zog der Landmeiſter mit feinen Streitern in Pleſkow ein, nahm die Burg in ſei⸗ nen Beſitz, ließ die Stadt ſtark befeſtigen, verſah ſie dann mit einer zureichenden Beſatzung und kehrte darauf nach Liv⸗ land mit dem uͤbrigen Heere zuruͤck y. Hier hatte mittlerweile der paͤpſtliche Legat zwar manches im kirchlichen Weſen und in den Verhaͤltniſſen des Ordens und der Geiſtlichkeit angeordnet und eingerichtet, vor allem auch nach des Papſtes Befehl dahin zu wirken geſucht, daß die Neubekehrten nicht durch Knechtſchaft und harte Dienſt⸗ barkeit belaſtet, ſondern im Bekenntniſſe des Evangeliums auch durch Freiheit und milde und menſchliche Behandlung erfreut und im Glauben beſtaͤrkt wuͤrden 2); doch forderte auch des Landmeiſters Gegenwart noch manches uneroͤrterte Verhaͤltniß, deſſen geregelte Feſtſtellung die Unruhe der Zeit bisher noch nicht zugelaſſen. Hermann widmete nun der inneren Anord⸗ nung, der Geſetzgebung und Verfaſſung des Landes ſeine 1) Pontanus p. 319. Alnpeck S. 35 — 36 giebt die Zahl der bei Iſeburg Gebliebenen auf 800 an; Hiärn S. 162 — 163. Gadebuſch B. I. S. 257 ſetzt dieſe Begebenheit, an welcher auch er noch den Landmeiſter Hermann Balk Theil nehmen läßt, ins Jahr 1243, alſo einige Jahre nach Hermann Balls Tod. Sie kann indeſſen nicht ſpäter, als ins J. 1238 fallen, indem der Landmeiſter in dieſem Jahre ſchon nach Preuſſen zuruͤckkehrte und dann nach Deutſchland ging. Hie⸗ nach iſt auch Arndt B. II. S. 44 — 45 zu berichtigen, wie denn al⸗ les, was dieſer in der Anmerk. S. 45 ſagt, voll Irrthuͤmer iſt. 2) Gruber Origin. Livon. p. 273. Lange war der Legat auch
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352 Hermann von Altenburg. ganze Thaͤtigkeit.). Bald indeſſen riefen ihn wichtige Er⸗ eigniſſe nach Preuſſen zuruck. Dort waren ſeit Hermann Balks Entfernung die Zeiten aͤußerſt unruhig und ſturmbewegt. Es war nicht immer mit der liebevollen Nachſicht und Milde, mit der klugen Schonung und Geduld, mit der weiſen Maͤßigung und Beharrlichkeit in den Maaßregeln und Vorſchriften fortgehandelt worden, welche der edle Landmeiſter zum Heil und Gedeihen des begonnenen Werkes gegeben hatte. Als er gen Livland zog, ernannte er als ſtellvertretenden Landmeiſter uͤber Preuſſen den Ordens⸗ ritter Hermann von Altenburg, einen ernſten, ſtreng ſrom⸗ men und deshalb gegen alles, was unchriſtlich und heidniſch hieß, mit tiefem Haß erfüllten Mann ). Es mag ein Fehl⸗ ſchritt Hermann Balks oder des Hochmeiſters geweſen ſeyn, daß man dieſen Ritter mit der Verwaltung des Landes be⸗ auftragte; vielleicht aber ſetzte man beſondern Werth auf ſei⸗ nen regen Eifer zur Verbreitung des Glaubens, auf ſeine Fe⸗ ſtigkeit des Willens, auf ſeine ſtrenge Sittlichkeit und auf die unermuͤdliche Thaͤtigkeit fuͤr das Beſte der Kirche und des Ordens, durch welche er ſich bisher vor vielen andern hervorgethan. Nun hatte, wie zuvor erwaͤhnt, jene ſchreckliche Seuche, die im Jahre 1237 im Lande wuͤthete, und der Jammer und das Elend, welches ſie uͤberall begleitete, viele der Neubekehr⸗ ten ſcheu und irre gemacht gegen den neuen Glauben. Miß⸗ trauend dem Heilande, der ihnen als Erretter und Erlöfer zu: gebracht war und doch nun, wie fie waͤhnten, ſolches Ungluͤck und Verderben des Landes und ſeiner Bewohner zuließ, wand⸗ mit der Einrichtung und Begraͤnzung der Bisthuͤmer beſchäftigt; Do- gie! T. V. Nr. XX. p. 14 — 15 Gadebuſch B. I. S. 2%. 1) Arndt B. II. S. 41. 2) Wir kennen dieſen Vice⸗Landmeiſter nur durch Lucas Da vid B. II. S. 97, wo dieſer fagt: „Etliche ſetzen, das an feine (Hermann Balks) Stadt ſei geſchickt wurden Bruder Germel von Oldenburgk Prior zu fein und Preuſſen zu vorwalten.“ Histoire de l’Ordre Teut. p. 298. 313.
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Neue Gefahr u. Ungluͤck d. Ordens in Preuſſen. 353 ten ſich viele wieder zu ihren alten Goͤttern, brachten Suͤhn⸗ opfer in heiligen Hainen und ſuchten Troſt und Erhebung im Ungluͤck bei den alten Prieſtern, meinend, allem zu genügen, wenn an den Ihrigen die verlangte Form der Taufe vollzo⸗ gen war, wenn ſie den Ordensherren den Zins entrichteten und ſonſt den Befehlen der Ordensgebietiger mit Gehorſam nachkaͤmen ). Hermann von Altenburg aber, in der Ueber⸗ zeugung, es muͤſſe das wilde Unkraut vertilgt werden, wenn reine Saat und reine Frucht emporwachſen ſolle, ließ mit al⸗ lem Eifer dem abgoͤttiſchen Dienſte der Neubekehrten nachſpuͤ⸗ ren und kein Mittel unverſucht, die Reſte des alten Heiden⸗ lebens bis auf die Wurzel auszurotten. Die Beſtrafung Ein⸗ zelner brachte wenig Erfolg; ſie duldeten und kehrten dennoch immer wieder zuruͤck in ihre heiligen Haine. Da begab es ſich einſt, daß Hermann von Altenburg gemeldet ward: die Bewohner eines ganzen Dorfes ſeyen zum Heidenthum zuruͤck⸗ gekehrt und mit Opfern und Gaben vor ihrem alten Gotte erſchienen. Voll Zornes ſandte er ſogleich die Seinigen aus, ließ das Dorf anzuͤnden und heidniſche Prieſter und Einwoh⸗ ner in dem Feuer umkommen. Die grauſame That verbreitete ſchnell durchs ganze Land neuen Ingrimm und neue Erbitte⸗ rung; in allen Gemuͤthern erwachten Erinnerungen an das alte freie Leben; man ſuchte Rache an den verhaßten Ordens⸗ herren; nirgends waren dieſe gegen die Neubekehrten mehr ſi⸗ cher; der friedliche Geiſt, der durch Hermann Balks Scho⸗ nung und Nachſicht eine Zeitlang herrſchend war, hatte von neuem uͤberall dem Haſſe, dem Zorne und der Rachluſt wei⸗ chen muͤſſen?) und fo ſchien mit einem Jahre aller Gewinn verloren, um welchen ſeit zehn Jahren ſo raſtlos gerungen, ge⸗ arbeitet und gekaͤmpft worden war. Außerdem war inzwiſchen uͤber die Ordensritter noch man⸗ ches andere Ungluͤck hereingebrochen. Als Hermann Balk die beiden Landſchaften Pomeſanien und Pogeſanien der Herrſchaft 1) Lucas David B. II. S. 97. 2) Lucas David a. a. O. II. 23
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354 Neue Gefahr u. Ungluͤck d. Ordens in Preuſſen. des Ordens und der Kirche fuͤr immergeſichert zu haben glaubte und der Verlauf der Ereigniſſe ihn nun nach Livland rief, trug er dem Verweſer feines Amtes in Preuſſen auf, die Waf⸗ fen mit dem Kreuze gegen die naͤchſten Landſchaften War⸗ mien oder Ermland, Natangen und das Barterland zu wen⸗ den ). Nach gewohnter Weiſe fand man auch jetzt fuͤr noth⸗ wendig, an der Kuͤſte Warmiens, der naͤchſten an Pogeſa⸗ nien graͤnzenden Landſchaft, zuerſt einen guͤnſtig gelegenen Ort zum Aufbau einer Burg auszuwaͤhlen, welche beim Angriffe und waͤhrend der Bekaͤmpfung der Bewohner jener Gebiete den Ordensrittern und ihrem Kriegsvolke zu Schutz und Wehr dienen koͤnne. Man bemannte zu ſolchem Zwecke die beiden Schiffe, welche der Markgraf von Meißen auf dem Drauſen⸗ Sce erbaut, mit den noͤthigen Kriegsleuten, und ſegelte durch den Elbing in das Friſche Haff hinaus. An Warmiens Kuͤſte bin gewahrten die Ritter auf dem hohen Uferlande des Binnen⸗ Sees eine Burg der Preuſſen, an dem Orte, wo ſpaͤterhin die Ordensburg Balga ſtand. Dieſen Namen hatte damals auch die Burg der Preuſſen und Honeda hieß in ihrer Sprache die ganze Umgegend 2), an deren weſtlichen Graͤnze fie lag. 1) Dusdurg P. III. c. 18; nach ihm könnte es ſcheinen, als habe Hermann Balk ſelbſt dieſe Unternehmung geleitet; allein die fort. gehende Erzählung bei ihm giebt deutlich an die Hand, daß der Land⸗ meiſter zur Zeit dieſes Greigniffes nicht in Preuſſen anweſend war. Lu⸗ cas David B. II. S. 102. 2) Es iſt auf keine Weiſe wahrſcheintich, daß, wie die gewoͤhnliche Annahme iſt, die alte Burg ſelbſt Honeda geheißen habe. Weder Dus- Burg, noch bie Ordens-Chronik kennen fie unter dieſem Namen; jener bezeichnet ihre Lage nur durch die Worte: circa illum locum, ubi nunc situm est castrum Balga. Es ſcheint kaum einem Zweifel un⸗ terworfen, daß Honeda der Name des um die Burg liegenden und auch in die Landſchaft ſich oͤſtlich hinein erſtreckenden Gebietes war und tamals ctwas anders klang. Wir finden naͤmlich auf alten Karten ſädlich am Fluͤßchen Friſching das Gebiet Huntau. Es dürften ſich Gründe finden, jenes Honeda und dieſes Huntau für eins und daſſelbe zu halten. Honeda, wie Lucas David B. II. S. 102 den Namen giebt, entſpricht durchaus nicht der ſonſtigen Namenbildung im Alt⸗ preuſſiſchen, weit mehr dagegen Huniowe, Hunetowe, Hontow,
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Neue Gefahr u. Ungluͤck d. Ordens in Preuffen. 355 Nicht fern von dieſer Burg ſtiegen die Ritter ans Land und nahten ſich derſelben. Allein ſie fanden ſie viel zu ſtark be⸗ ſetzt, als daß bei ihres Kriegsvolkes geringer Zahl auch nur ein Verſuch zu ihrer Erſtuͤrmung moͤglich geweſen wäre. Um ſo mehr aber lockten die nahe liegenden Doͤrfer zu Raub und Pluͤnderung, vielleicht um auf dieſe Weiſe die Wehrmannſchaft der Burg ins Freie zur Schlacht zu locken. So ging das übrige Kriegsvolk, nur wenige zur Hut der Schiffe zuruͤcklaſ⸗ ſend, auf Beute und Raub aus und zerſtreute ſich ſorglos theils hiehin, theils dorthin. Unterdeſſen aber ſammelte ſich das gefluͤchtete Landvolk zu einem ſtarken Heerhaufen und, ver⸗ mehrt durch die Mannſchaft aus der Burg, ſtuͤrzt es plotzlich uͤber die zerſtreuten Pluͤnderer her; alle Ordensritter und Kriegs⸗ leute erliegen den Keulen der erbitterten Warmier; nur die wenigen, welche zur Bewachung der Schiffe zuruͤckgeblieben, retten ſich eiligſt durch die Flucht und verkuͤndigen den Or⸗ densbruͤdern in Elbing das erlittene Unglüd Y. Bedeutender aber noch war die Gefahr, welche um die⸗ ſelbige Zeit ſich gegen den Orden im weſtlichen Nachbarlande Pommern erhob. Sie kam gerade von dem Fuͤrſten, der Jahre lang des Ordens Freund und Goͤnner geweſen war, vom Herzoge Suantepolc, dem Sieger am Sirgunen⸗Fluſſe, der noch juͤngſt erſt die Ritter auch zur Eroberung Pomeſa⸗ niens und Pogeſaniens mit einem Huͤlfshaufen unterſtuͤtzt hatte. Seitdem aber ſchien er wie mit ſich ſelbſt zerfallen; Hontau und Huntau. Die Sübe owe für Aue iſt in altpreuſſiſchen Namen, beſonders in Natangen und Samland ſo ſehr gewoͤhnlich, daß man unbedenklich annehmen darf, der Endlaut a in Honeda iſt aus au, wie dieſes aus owe entſtanden. Es kommt hinzu, daß auch die in der Nähe von Balga liegenden altpreuſſiſchen Dörfer Fedderau, Pa⸗ kerau, Bladiau urſprünglich Fedderowe, Pakerowe, Bladiowe klangen. So iſt alſo der Name Honeda wohl offenbar aus Honetowe, Honedawe oder Hunedowe entſtanden. Vielleicht mag auch der Name Balga ur⸗ fprünglich Balgowe, Balgawe und Balgau geweſen ſeyn. 1) Dusburg P. III. c. 18. Lucas David B. II. S. 102 — 103. 23
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356 Feindl. Spannung zwiſch. Herz. Suantepole u. d. Orden. er ſchwankte ungewiß und zweifelhaft, was fuͤr ſein eigenes Heil zu thun und was zu laſſen ſey. Mochte es immerhin innerer frommer Sinn, Eifer fuͤr den Glauben und ein thaͤtigre⸗ ger freigebiger Geiſt fuͤr das Kirchenthum geweſen ſeyn, der ihn bisher zur Beihuͤlfe und Unterſtuͤtzung des Ordens angetrieben und in den Kampf gegen die Heiden und Chriſtenfeinde mit hineingezogen hatte — denn dieſe geiſtige Richtung bewies er früher und ſpaͤter auch vielfach durch feine anſehnlichen Be⸗ ſchenkungen und Befreiungen an Kirchen und Kloͤſter, durch Beguͤnſtigung des Moͤnchsſtandes und der Geiſtlichkeit, fo wie auf manche andere Weiſe ) —, fo war doch offenbar in feinen bisherigen Verhaͤltniſſen zu dem Orden in dem Chri⸗ ſten auch der Herzog niemals ganz zuruͤckgetreten und die Si⸗ cherheit und Ruhe ſeines Landes gegen den feindlichen Nach⸗ bar, der erſt vor kurzem ſeine Gebiete mit Raub und Brand weit und breit durchſtreift hatte, war ohne Zweifel auch mit ein wichtiger Zweck in ſeiner Beihuͤlfe zum Kampfe geweſen. Dieſes Ziel aber ſah er als erreicht an, ſobald die nachbarli= chen Landſchaften chriſtlich geworden und der Herrſchaft des Ordens unterworfen waren. So weit nur ſicherte auch ihm der Orden Schutz und Ruhe gegen die heidniſchen Preuſſen. Das fernere Wachſen feiner Macht aber, ſteigende Vergröße⸗ rung ſeiner Herrſchergewalt im Kampfe und in der Bezwin⸗ gung der oͤſtlichen Völker, weitere Vermehrung und Verſtaͤr⸗ kung ſeiner Mittel zu Krieg und Eroberung, ſeine vollendete Verbindung mit den Ordensrittern von Dobrin und nun auch mit dem noch wichtigeren Orden der Schwertbruͤder in Liv⸗ land, das jetzt ſchon nicht mehr zweifelhafte Streben der ober⸗ ſten Gebietiger des Ordens, ihre-Waffen ſiegend durch ganz Preuſſen hindurch bis an die Graͤnzen Kurlands und Livlands zu tragen, um auf ſolche Weiſe ihre Ritter-Herrſchaft im Nor⸗ den feſt und ſicher zu begründen, und endlich das Herbeiſtröͤ⸗ men einer Menge neuer Bewohner Preuſſens aus Deutſchland 1) Zahlreiche Veiſpiele in den Urkunden des geh. Archivs, beſonders die Kloͤſter Oliva, Pelplin und Succow; ferner im Dreger Nr. 39. 7. 188. 189. 230. Chron. Oliv. p. 7 — 8.
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Feindl. Spannung zwiſch. Herz. Suantepolc u. d. Orden. 357 und das Aufleben der Deutſchen, einer ihm und ſeinem Volke ganz fremden Volkseigenthuͤmlichkeit, die in einem großen Theile des weſtlichen Pommernlandes die alteingeborene Spra⸗ che, Sitte, Verfaſſung und Geſetz ſchon laͤngſt verdrängt oder doch bedeutend veraͤndert hatte: — dieß alles mußte unzwei⸗ felhaft dem Herzoge Suantepolc für feines Landes Sicherheit und Ruhe und fuͤr ſeines Volkes Wohlfahrt und Gedeihen nicht wenig gefahrdrohend ſcheinen. So ward er ſcheu vor dem Gluͤcke, welches die Waffen des Ordens bisher begleitet; ſo ward er mißtrauiſch gegen die Ordensherren, in deren Sache er bis jetzt mit ſolchem Eifer gefochten; fo mußte er, wuͤn⸗ ſchend, daß die Eroberung der Ritter nun ihr Ziel finde, in den Bewohnern Warmiens, Natangens und Samlands durch gemeinſames Intereſſe gegen die Ordensritter mehr und mehr Freunde und Genoſſen finden. In der That deuten auch Spu⸗ ren darauf hin ), daß der Herzog mit tiefen Landſchaften ſchon in Einverſtaͤndniß und in Verbindungen geſtanden habe, um in ſolcher Weiſe der Erweiterung der Ritterherrſchaft und der Verbreitung des Deutſchen Weſens baldigſt Ziel und Graͤnze zu ſetzen, denn ſah er, der Slave, hin auf das, was vor noch nicht hundert Jahren im Lande der Obotriten, der Lu⸗ tizier und anderer Slaviſcher Zweige durch das Eindringen des Deutſchen Weſens unter dem Schwerte der Deutſchen geſche⸗ hen war 2), fo mußte er dieſem wohl offenbar mehr abgeneigt als zugethan ſeyn, wenn gleich in manchen Gebieten und Staͤd⸗ ten feines Herzogthums auch Deutſches Geſetz und Recht galt 5). 1) Vgl. die Urkunde bei Kotzebue B. I. S. 403. Lucas De bellis Suantopolci Ducis Pomeranor. adversus Ordin. geslis Teutonicum liber. p. 16. 2) Vgl. was Helmold. Chron. Slavor. an verſchiedenen Orten, unter andern L. II. c. 5 über das Schickſal dieſer Voͤlker und ihrer Laͤn⸗ der ſagt. Ueber das Eindringen der Deutſchen als Coloniſten und ihre Beguͤnſtigungen Sell Geſchichte Pommerns B. I. S. 227 ff. 3) In mehren Verſchreibungs-Urkunden des Herzogs Suantepolc wird die Verleihung auf das jus Tentonicum gegeben. Spätere Ver: leihungen an Deutſche bei Dreger Nr. 213. 230. Nach einer ur⸗ kunde in Herzberg Recueil T. I. p. 378 ſollte auch Danzig vom Herzoge ſchon 1235 das jus Theutonicum erhalten.
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358 Feindliche Stellung der Nachbarlande gegen den Orden. So war laͤngſt ſchon zwiſchen ihn und den Orden ein boͤſer Geiſt des Mißtrauens und der Eiferſucht, Spannung und ver⸗ haltene Feindſchaft eingetreten und Verletzungen der Laͤnder⸗ graͤnzen, Beleidigungen der beiderſeitigen Unterthanen, klein⸗ licher Hader und Zwiſt, ſonſt leicht zu beſchwichtigen und zu uͤberſehen, hatten die feindliche Stimmung reichlich ge⸗ naͤhrt und vielfältig kund gethan. Das Feuer glimmte und es ſchien, der Herzog lauere nur auf den Angriff des Ordens gegen jene Landſchaften im Oſten, um im Weſten das Kriegs⸗ banner gegen die Ritter emporzuheben. Im Einverſtaͤndniſſe gegen den Orden ſtand Herzog Suan⸗ tepolc damals offenbar auch feyon mit Herzog Caſimir von Cujavien und mit ſeinem Eidam dem Herzog Wladislav dem Speier, Herrn von Großpolen, denn mit jenem verbunden hatte er dieſem im Kriege gegen Herzog Heinrich den Baͤr⸗ tigen von Breslau, der ſich, ſeit der junge, aus Conrads von Maſovien Haft entflohene Herzog Boleslav bei ihm Schutz und Huͤlfe geſucht, ſchon gerne Herzog von Groß- und Klein⸗ polen nannte, mit ſeiner Kriegsmacht beigeſtanden, Heinrichs Kriegshaufen aus Großpolen vertrieben und ſich auf mancher⸗ lei Weiſe den Herzog Wladislav verpflichtet ). Darum hatte Suantepolc, wie es ſcheint, dieſen Fuͤrſten auch leicht ver⸗ mocht, dem Orden auf alle Art hinderlich entgegen zu treten, die Kreuzfahrer, welche durch ſein Gebiet nach Preuſſen zie⸗ hen wollten, mit hohen Zoͤllen und Abgaben im Durchzuge zu beſchweren, dem Handel und Wandel in die Lande der Ordensritter allerlei Hemmungen entgegen zu legen?) u. ſ. w. Herzog Caſimir von Cujavien hegte gegen die nahe ges faͤhrliche Ritterherrſchaft dieſelbige Geſinnung, wie Herzog Suantepolc und war fuͤr deſſen Plane auch ſchon deshalb nicht ſchwer zu gewinnen, weil der Orden immer mehr ſeine entſchiedene Anhaͤnglichkeit an Herzog Heinrich von Breslau 1) Henelü ab Hennenfeld Annal. Siles. ap. Soramersberg T. II. p. 247. Boguphal ibid. p. 59. Chron, princip. Polon, T. I. p. 4. 2) Urkunde bei Dogiel T. IV. Nr. 19.
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Feindliche Stellung der Nachbarlande gegen den Orden. 359 deutlich zu erkennen gab). Nun hatte zwar Herzog Wla⸗ dislav von Großpolen ſchon im Frühling des Jahres 1238 auf die nachdruͤcklichen Beſchwerden des Ordens jene Beſchraͤn⸗ kungen und Hemmungen theils ganz aufgehoben, theils we⸗ nigſtens der Willkuͤhr der Beamten durch geſetzliche Beſtim⸗ mungen vorgebeugt, den Kreuzfahrern und fremden Einzoͤg⸗ lingen auch ganz freien Durchzug durch ſein Gebiet geſtattet und die Abgaben im Handel und Wandel fuͤe des Ordens Unterthanen in feinem Lande gemaͤßigt und geregelt ). Als lein noch ſtanden die übrigen Gegner und Widerſacher der Ors densritter faſt rings um deren Gebiet drohend und gefaͤhrlich da; der Orden durfte es nicht wagen, ſeinen Kampf gegen die Preuſſen fortzuſetzen, ohne befürchten zu muͤſſen, Herzog Suantepolc werde verheerend in Pomeſanien und Herzog Ca⸗ ſimir aus Cujavien ins Kulmerland einfallen. Dieſe Verhaͤltniſſe des Landes, jene gefaͤhrliche Gaͤhrung unter den Neubekehrten, jenes Ungluͤck der Ordensbruͤder bei der Burg Balga, die Verzoͤgerung des Kampfes mit den na⸗ hen Heiden und die drohende Stellung der Herzoge von Pom⸗ mern und Polen waren es, welche, dem Landmeiſter Her⸗ mann Balk im Vorſommer des Jahres 1238 nach Livland gemeldet, ihn dringend mahnten, nach Preuſſen zuruͤckzukehren. Wahrſcheinlich vom Hochmeiſter ſchon fruͤher dazu beauftragt, ſetzte er dort in des Landes Verwaltung den thaͤtigen und ta⸗ pferen Ordensritter Dieterich von Gruͤningen als Landmeiſter 1) Kantzow Pomerania B. I. S. 237. 2) Die Urkunde hieruͤber im Dogiel T. IV. Nr. 19; fie iſt das tirt: in Gnesna, quinio decimo Kalend. Martii anno 1238. Sie iſt auch in Hinſicht des Handels nach Polen von Wichtigkeit und wird in dieſer Beziehung anderwaͤrts beruͤckſichtigt werden. Ueber den Durch⸗ zug der Kreuzfahrer heißt es hier: Statuimus, ut omnes lam pere- grini cruce signati, quam qui cum ſamilils et suppellectilibus iranseunt ad Prutiam vel ad terram Culmensem, omnimoda gaudeant libertaie, nisi si in reditu talia duxerint, de quibus negotiatores evidens suspicio habeatur. Si vero evidens non esliterit, is, cuius sunt illa, juramenti caulione praestila, quod ad usus proprios habere proposuit, se absolval.
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360 Hermann Balk in Preuffen. von Livland ein ). In Preuſſen angelangt, bot Hermann ſofort alles auf, die Gefahren zu beſeitigen, welche den Orden von Pommern und Polen aus bedrohten; und manches wirkte hier in ſeine Beſtrebungen guͤnſtig ein. Herzog Heinrich der Baͤrtige von Breslau hatte fo eben von neuem feine Waf⸗ fen gegen Suantepolc erhoben und bereits deſſen Burg Bid⸗ goſt erobert und beſetzt. Polens Herzoge hatten ihm Huͤlfe geleiſtet; ſelbſt Herzog Caſimir von Cujavien hatte es nicht gewagt, fein Huͤlfsvolk zu verſagen. Da war ihm Suante⸗ polc mit wilder Verheerung ins Land gefallen, hatte Leßlau aufgebrannt und die feſte Burg Nakel gewonnen, um von da aus ſein Land zu vertheidigen. Auch der Orden, ſcheint es, war in dem Kriege fuͤr Herzog Heinrichs Sache nicht ganz ohne Theilnahme geblieben 2). In ſolcher Bedraͤngniß war Herzog Suantepolc nicht ſchwer zu einer Ausgleichung der feindlichen Spannung gegen den Orden zu gewinnen. Auf ſeiner Burg Schwez am Weich⸗ ſel⸗Strome, ſchon im vorigen Jahrhundert zur Hut feines Landes erbaut 3), geſchahen die Verhandlungen, in deren Folge 1) Nach den vorhandenen Urkunden und dem Zuſammenhange der Ereigniſſe muß Dieterich von Gruͤningen nicht erſt im Jahre 1239, wie bisher angenommen worden iſt, ſondern ſchon im J. 1238 zum Mei⸗ ſter in Livland erwaͤhlt worden ſeyn. Die Urkunde, in welcher Ser: mann Balk zuletzt als Meifler in Livland vorkommt, iſt vom 28. Feb⸗ ruar 1238; es iſt die naͤmliche, deren Arndt B. II. S. 41 unter dem 1. Maͤrz d. J. erwähnt. (Sie befindet ſich in einer alten Abſchrift im Livländ. Privilegienbuche des geh. Archivs). Bald nach dieſer Zeit, alſo im Fruͤhling oder Vorſommer muß Hermann Balk, wie bald wei⸗ ter zu erweiſen iſt, nach Preuſſen gegangen ſeyn und Dieterichen von Gruͤningen zu ſeinem Nachfolger in Livland ernannt haben. Als ſolcher kommt er ſchon in einer Urkunde vom 19. April 1239 vor und nur mit die⸗ fen Beſtimmungen vereinbart ſich auch der Zuſammenhang der Ereig⸗ niſſe, wie ſie oben dargeſtellt ſind. 2) Kantzow Pomerania B. I. S. 237. Auch Henel. ab Hen- nenfeld l. c. p. 247 deutet auf dieſen Krieg hin. ) Die Burg Schwez, nachmals ein Ordenshaus, iſt nicht, wie die meiſten Chroniſten angeben, im Jahre 1246 erbaut. Bei Dreger Nr. 32 kommt ſchon 1198 Schwez, ein Palatinus in Swecze und als
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Hermann Balk in Preuffen. 361 er dem Orden gelobte: er wolle ſtets des Ordens Ehre treu bewahren und in Schutz nehmen, alſo daß weder von ihm, noch ſeinen Erben oder Unterthanen den Ordensrittern oder ihren Landen und Unterthanen irgend ein Unrecht oder Glimpf widerfahren ſolle, ſo viel irgend zu verhuͤten in ſeiner Macht ſtehe. Sofern von ihnen oder ihren Unterthanen Klagen er⸗ hoben wuͤrden gegen des Herzogs Land oder ſeine Unterthanen, ſo wolle er nach Rechtsgewohnheit ſeines Landes darin Ge⸗ nugthuung verſchaffen. Gränzzwiſte ſollten nach redlicher und der Sache kundiger Leute Erkenntniß freundlich berichtiget und geſchlichtet werden. Mit den heidniſchen Voͤlkern in Samland, Warmien und Natangen verſprach der Herzog ohne den Or⸗ den niemals Waffenruhe oder Frieden zu ſchließen. Sofern er aber irgend einem dieſer Punkte mit Abficht entgegenhandelc oder auf Ermahnung binnen Jahr und Tag den Fehltritt nicht ausgleiche, ſo wolle er, ſobald man ihn darin uͤberwei⸗ fen koͤnne, ſich freiwillig dem Banne des Papſtes unterwer⸗ fen, ohne Losſprechung zu erwarten, bis er den Ordensrittern nach gerichtlicher Entſcheidung oder nach ihrem Gefallen hin⸗ laͤnglich Genugthuung erwieſen. Der Biſchof von Preuſſen ſolle des Papſtes Bannſpruch verkuͤndigen und in gleichen Faͤl⸗ len dieſelbe Strafe auch uͤber des Herzogs Erben verhaͤngt ſeyn ). Denſeibigen Vertrag faſt in gleichem Laute ſchloß kurze Zeit nachher der Orden auch mit dem Herzoge Caſimir von Cujavien, nur daß dort der Biſchof Michael von Cuja⸗ vien die Verkuͤndigung des Bannes übernehmen ſolle ). Zeuge Wilhelmus de Swecze vor; es wird in dieſem Jahre dort eine Kirche geweiht. Ferner wird der Burg Schwez auch im Jahre 1209 in einer Urkunde des Herzogs Meſtwin von Pommern erwaͤhnt. 1) Dieſer Vertrag befindet ſich im geh. Archive Schiebl. 48. Nr. 9; abgedruckt im Kotzebue B. I. S. 403, aber fehlerhaft. Die Ur⸗ kunde iſt datirt: Actum apud Swe an. gr. M. CC. XXXVIII, Indictione undecima, tercio Idus Junit (11. Juni 1238). 2) Die Urkunde bei Dogiel T. IV. Nr. 20 iſt datirt: Aclum in ierritorio villae, quae Piskowe dicitur, an. gr. M. CC. XXXVIII. Indictione undecima, tercio Calend, Julii (29. Juni 1238). Im geh. Archive befindet ſich von dieſer Urkunde ein Vidimus in Schiebl. 38 Nr. 2
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362 Hermann Balk in Preuffen. So hatte Hermann Balk, mit Klugheit die Verhaͤltniſſe benutzend, die Gefahren beſeitigt, welche bisher des Ordens weitern Fortſchritt in ſeinem Werke des Glaubens und der Eroberung verhinderten. Da kam aus Deutſchland vom Hoch⸗ meiſter der Auftrag, der Landmeiſter moͤge die Verwaltung im Ordenslande in der Weiſe anordnen, daß er ſelbſt ohne Verzug bei ihm in Deutſchland zu einer wichtigen Berathung mit den uͤbrigen Gebietigern des Ordens erſcheinen koͤnne. Hermann von Salza naͤmlich war im Januar des Jabres 1238 ) vom Kaiſer Friederich in Kriegsgeſchaͤften für deſſen Heere in Italien nach Deutſchland geſandt worden ). Er hielt ſich bis in die Mitte des Sommers ) in verſchiede⸗ nen Theilen Deutſchlands auf, theils mit den Auftraͤgen ſei⸗ nes Herrn, des Kaiſers, theils in den Angelegenheiten ſeines Ordens beſchaͤftigt?). Bevor nun Hermann Balk des Mei⸗ ſters Ruf folgen konnte, traf er für die Verwaltung des Lan⸗ des noch manche Anordnung, die ihm zur Ruhe und zum Ge⸗ deihen deſſelben heilſam ſchienen. Den ſtellvertretenden Land⸗ meiſter Hermann von Altenburg entließ er ſeines Amtes, um ihn als Gefaͤhrten mit nach Deutſchland zu nehmen ). An 1) Im November des Jahres 1237, wenige Tage vor der Schlacht vor Kortenuova hatte Hermann von Salza zwiſchen dem Kaiſer und den Lombarden noch für den Frieden unterhandelt; ſ. Petri de Vi- neis Epistol. L. II. c. 35. p. 219, und im December dieſes Jahres befand er ſich noch bei dem Kaiſer zu Lodi; vgl. Guden. Cod. di- plom. T. II. p. 74. 2) Richard. de S. Germano p. 1039 fagt in feinem Berichte vom Januar 1238: Imperator in Alemaniam remeal, et ibi pro facto Lombardiae exercitum congregat, Magistrum domus Ale- mannorum ultra monles dirigit pro soldariis retinendis etc. Dieſes „etc.“ mag darauf hindeuten, daß der Hochmeiſter auch noch andere Aufträge vom Kaiſer erhalten hatte. 3) Hichard de S. Germano p. 1040. 4) Daß Hermann von Salza im J. 1237 ſchon in Deutſchland war, kann durch die Urkunde in Schannat. Vindem. literat. Nr 27 p. 121 nicht bewieſen werden, denn, wie ſchon früher erwähnt iſt, war der darin vorkommende Hermannus de Salza, Ministerialis Domini Landgravii nicht der Hochmeiſter. 5) Nach Lucas David B. III. S. 11. — Die dieſem Chroniſten
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Hermann Balk in Preuffen. 363 feine Stelle ernannte er den Ordensbruder Friederich von Fuchsberg, der in feiner Behandlung der neubekehrten Preuſ⸗ ſen von weniger ſtrengen Grundſaͤtzen geleitet wurde, ſelbſt wenn er hie und da auch noch einige Hinneigung zum alten heidniſchen Glauben wahrnahm ). Indeſſen verwaltete dieſer ſein Amt nur auf kurze Zeit, denn er ſcheint bald nachher ge⸗ ſtorben oder wenigſtens aus aller Thaͤtigkeit getreten zu ſeyn. Ihm folgte im Jahre 1239 in des Landes Verwaltung der Ordensritter Berlewin 2). Seine Tage waren voll der wich⸗ tigſten Ereigniſſe, doch keineswegs der erfteulichſten weder für den Orden überhaupt, noch für Preuſſen insbeſondere. Mittlerweile aber war der edle Meiſter Hermann von Salza unter der Menge feiner Geſchaͤfte in Deutſchland er— krankt. Es iſt ungewiß und aus manchen Gruͤnden ſehr zu bezweifeln, ob Hermann Balk ihn in Deutſchland noch gefun⸗ den habe, denn ſchon im Juli des Jahres 1238 trat der Hoch⸗ meiſter ſeine Nuͤckreiſe nach Italien an, vielleicht deshalb ei⸗ lend, um zur Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit die geſchick⸗ teren Aerzte Italiens zu gebrauchen. In Verona empfing ihn fein hoher Gönner, der Kaiſer, mit gewohnter Freundlich⸗ keit und Theilnahme ). Die Reiſe hatte jedoch auf feine Ge⸗ ſo oft nachgeſprochene Anklage einer abſichtlichen Grauſamkeit Hermanns von Altenburg muͤßte durch Beweiſe belegt werden, wenn ſie gerecht ſeyn ſollte. Sein Verfahren gegen die dem alten Götterdienſte ergebe⸗ nen Neubekehrten beruhete ſicherlich auf Glaubensgrundſaͤtzen; aber eben ſo gewiß handelte er unklug und verkehrt. 1) Wir kennen dieſen Vice⸗Landmeiſter nur aus Lucas David, welcher ſeiner an zwei Stellen B. II. S. 124 und III. S. 11 gedenkt. In Urkunden kommt er nirgends vor. 2) Dieſer bis jetzt noch ganz unbekannt geweſene Vice-Landmeiſter kommt vor in einer Urkunde, die ſich in dem Buche Privilegia Marien- werd. et Pomesan. p. 22 befindet und in welcher nobili viro Theode- rico de Tyfenow 22 Huben Landes auf dem Wege von Marienwerder nach Cbriſtburg am See Wurkus verſchrieben werden. Sie iſt datirt: in Elbingo an. gr. M. CC. XXXIX. Cal, Octobr. Indici. XII. Demnach mag Berlewin ſein Amt als Stellvertreter des Landmeiſters ſchon im Sommer des J. 1239 angetreten haben. 3) Nichasd. de S. Grrmano p. 1040 fagt: Apud Vzeronam
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364 Hermanns von Salza Tod. neſung ſo wenig eingewirkt, daß er ſich im Auguſt nach Sa⸗ lerno begab ), wo damals eine berühmte hehe Schule für Arzneikunde beſtand. Hier durchlebte Hermann noch den Win⸗ ter des naͤchſten Jahres unter Beihuͤlfe und Pflege der geſchick⸗ teſten Aerzte, immer hoffend, daß die geſchwaͤchten Kraͤfte ſei⸗ nes Koͤrpers wieder erſtarken wuͤrden. Allein die Hoffnung täufchte mehr und mehr; die Kunſt der Aerzte blieb wirkungs⸗ los. Die Macht der Krankheit uͤberwaͤltigte die irdiſche Huͤlle. Da entſchwand der große Geiſt zu einem andern Leben. Es war am zwanzigſten Maͤrz des Jahres 1239, als der große, edle Meiſter zu Salerno verſchied 2). Seinen Leichnam brachte man nach Barletto in Apulien, wo er in der Kapelle des dortigen Ordenshauſes zur Ruhe beigeſetzt wurde ). etiam Magisfrum domus Theutonicorum inſirmum redeuntem de partibus Ultramontanis recepit Imperator. 1) Richard. de S. ßermano ibid. erwähnt im Auguſt: Ma- gister domus Alemannorum Salernum se confert pro sanitate recuperanda. 2) Ueber diefe Zeitbeſtimmung vgl. die Beilage Nr. II. 3) Hermann ſtarb ohne Zweifel zu Salerno, nicht aber, wie manche annehmen, zu Barletto oder auf der Reiſe dahin; Baczko B. I. S. 109. Hennig zu Lucas David B III. S. 21. Sein Be: grabnißort Barletto hat Anlaß zu dieſer Verwechſelung gegeben. Daß er hier begraben liege, fagen einſtimmig alle Chroniſten, Dusdurg P. I. c. 5 Lindenblatts Verzeichniß der Hochmeiſter in ſ. Jahr⸗ buͤchern S. 359. Helis Annal. Eecles. ann. 1240 p. 494. Or: dens⸗Chron. bei Matilineus p. 708. In dieſer letzteren Quelle fin⸗ den wir auch die Nachricht, daß er in der Ordenskirche zu Barletto be⸗ graben wurde. Daß hier eine Kirche oder Kapelle dem Orden zuge⸗ horte, geht auch aus dem Verzeichniſſe der Ordensbeſitzungen (im geh. Archive) hervor, denn unter den Befisungen in Apulien ſteht auch Bar- letto capella, fratres V., quorum unus presbiter. De FFal Re- cherches T. II. p. 348 ſagt hierüber: D’apres des recherches que l'on a bien voulu faire a ma demande, et suivant le rapport de Mr. Francois Paul de Leon, citoyen de Barlette, il y a dans les archives de ceite ville un acte de l'an 1294, dans le- quel on voii que la maison des Teutoniques dioil dans une rue uommee de St. Thomas: ce lieu est actuellement éloigné d'un demi- mille de la ville, et Pon ny volt que des arbustes cı
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Hermanns von Salza Größe. 365 Das iſt fuͤrwahr das Erfreulichſte in der Betrachtung der Erſcheinungen des Menſchenlebens, das iſt das wahrhaft Belohnende in den Forſchungen der Geſchichte, wenn der den⸗ kende Geiſt gehoben wird zur Verehrung und Bewunderung und das fuͤhlende Herz von Liebe ergriffen und durchdrungen von Begeiſterung bei dem Hinblicke auf den Lebensgang ei⸗ nes Mannes, der die ihm vom Schickſale geſtellte Aufgabe mit ſo hoher Weisheit verſolgt und mit ſo reiner Tugend ge⸗ loͤſt hat, daß ihn einmuͤthig die richtende Nachwelt zu den ſeltenſten und erhabenſten Erſcheinungen der Menſchengeſchichte zählen kann; denn gewiß fo ſelten als erhaben iſt die Erſchei— nung, wenn der Mann, dem der helle Blick ſeines Geiſtes, das klare Licht ſeines Verſtandes, die Kraft ſeiner Seele, die Feſtigkeit und der Feuereifer im Wollen und Wirken die Herrſchaft und Gewalt uͤber Tauſende um ihn her ſo leicht moͤglich machten, der bei der großen geiſtigen Uebermacht, die ihm uͤber viele ſeiner Zeitgenoſſen zu Gebote ſtand, bei dem gewaltigen Einfluſſe, die ihm die innigſte Freundſchaft und hoͤchſte Gunſt des maͤchtigen Kaiſers und das große Vertrauen des allgewaltigen Papſtes an die Hand gaben, der außerdem durch feine Stellung über Freiheit und Verfaſſung, über Ge— ſetze und Staatenordnung, uͤber Krieg und Frieden mit rathen und mit entſcheiden durfte, — wenn ein ſolcher Mann ſo maͤßig blieb und ſo weiſe in allen ſeinen Beſtrebungen, ſo rein von den Leidenſchaften der Selbſtſucht und Herrſchbegierde, ſo erhaben uͤber die Anwandlungen des Stolzes, des Duͤnkels und der Eigenliebe, ſo entfernt von allen den Fehltritten, die ſich dem Menſchen im Beſitze ſolcher Macht, ſolchen Einfluſſes und ſolcher Stellung immer ſo nahe darbieten. Und ein ſol⸗ cher Mann war Hermann von Salza. Mit dem Geluͤbde des vignes: voila donc le tombeau du celebre Grand - Maitre Herman de Salza que l'on dit avoir été inhumd ä Barlette, qui se trouve en plein champ. — Will man ſich von der entfeh: lichen chronologiſchen Verwirrung über die Todesjahre ſowohl Hermanns von Salza als feiner Vorgänger, wie ſte ſonſt herrſchte, überzeugen, o vgl. man Jaenichii Meletemata Thorunens. p. 188 seq.
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366 Hermanns von Salza Größe. der Entſagung der Welt, der Armuth, des Gehorſams, der Demuth vor Gott und Menſchen, alles dahingebend, was die Welt Freude und Gluͤck, Gut und Reichthum, Ehre und Groͤße unter den Menſchen nennt, war er, ein geringer Rit⸗ ter aus dem Thuͤringerlande, in den Verein der ritterlichen Verbruͤderung eingetreten, die damals nur am Krankenlager ungluͤcklicher Leidenden und in den Muͤhen des Kampfes mit wilden Chriſtenſeinden ihres Lebens erſtes Gebot und ihre hoͤchſte Pflicht erfuͤlte. Und ſo klein war dieſe Verbruͤde⸗ rung, ſo wenig hervortretend ihre Wirkſamkeit in den großen Kreiſen, in denen ſie ſich bewegen mußte, ſo ſtill waren ihre Verdienſte um Milderung und Beſeitigung menſchlichen Elends, daß die Geſchichte das Leben und Wirken der Ordensbruͤder kaum hat beachten wollen. Hermanns Geiſt aber durchbrach die Schranken, die bis auf ihn die Zeit mit ihren Verhaͤltniſ⸗ ſen ſeinem Orden geſetzt hatte. Als Ritter eroͤffnete er durch kuͤhne Thaten und Tapferkeit die erſte Bahn zu ſeinem gro⸗ ßen Lebenslaufe, als Meiſter beſtieg er ſchon im Morgenlande die erſten Stufen des Ruhmes und der Groͤße; dort ward ſein Andenken zuerſt in das Buch der Geſchichte aufgenommen. Sein Geiſt aber ſtrebte immerdar hoͤher und höher hinauf, nicht in die Gebiete des Menſchenlebens, wo Durſt nach ho⸗ hen Wuͤrden geſtillt wird, wo glänzende Ehrenzeichen locken, wo die Selbſtſucht in hoher Macht befriedigt, der Ehrgeiz mit Prunk und Glanz, der Eigennutz mit Reichthum und großen Gütern gefättigt werden konnten, ſondern in die Kreife des menſchlichen Wirkens, wo dem Frieden und der Verſoͤh— nung unter Voͤlkern und Fuͤrſten das Wort geſprochen, das Wohl der Menſchen berathen, die Ehre der Kirche erhalten, der Schutz, die Vertheidigung und die Verbreitung des Glau⸗ bens beſchloſſen und das Geſetz und die Ordnung fuͤr Staat und Kirche, fuͤr Volk und Chriſtenheit entworfen wurden. Und in dieſe Kreiſe trat Hermann von Salza als Fürft, als der Freund des Kaiſers, als der Vertraute des Papſtes ein. Hier aber war die Zeit der Probe fuͤr ſeinen Geiſt, fuͤr ſeine wahrhafte Größe, fuͤr feinen Charakter, für den wahren Adel feiner Geſin⸗
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Hermanns von Salza Größe. 367 nung, die Zeit der Prüfung feiner Tugend. Manche, die mit ihm in denſelbigen Kreiſen fanden und auf gleicher Höhe glaͤnzten, ſanken und fielen in der Schuld ihrer Leidenſchaft und Suͤnde. So ſteht Peter von Vinea, von ſeinem Goͤnner und Freunde, dem Kaifer, zu den angeſehenſten Wuͤrden im Staate erhoben, mit einem ſchweren Schmachflecken in der Geſchichte da und er iſt noch nicht frei geſprochen von dem Verdachte, daß er, der vertrauteſte Rath und Liebling des Kaiſers, auf dem Gip⸗ fel ſeines Gluͤckes mit Theil genommen habe an dem ſcheuß⸗ lichen Plane der Vergiftung dieſes ſeines Herrn und größten Wohlthaͤters. Nicht fo Hermann von Salza. Auf der Hoͤhe, zu welcher nur ſcltene Menſchen durch ihres Geiſtes Groͤße emporſteigen, auf welcher noch ſeltener einzelne durch Kraft der Seele, durch Beſiegung der Leidenſchaft und durch Herr⸗ ſchaft über Lockungen und Begierden ſich rein zu erhalten ver⸗ mögen, bleibt Hermann einer der edelſten und liebenswuͤrdig⸗ ſten Menſchen ſeines Jahrhunderts, immer derſelbe in ſeiner Größe, nie umgewandelt in dem Adel feines Geiſtes, in der Reinheit ſeines Lebens, in der Großmuth ſeiner Seele, in der ſtrengen Sittlichkeit ſeines Wandels, in der Demuth ſeiner Geſinnung, in ſeiner Froͤmmigkeit und Gottesfurcht. Nicht ein tadelndes Wort weiß die Geſchichte, die ſtrenge Richterin, uͤber ſein Leben auszuſprechen. Selten hat ſich die Tapfer⸗ keit des Ritters, die Geiſtesgroͤße des Staatsmannes, die Tu⸗ gend und Froͤmmigkeit des Chriſten, der Seelenadel des Men⸗ ſchen in ſolchem Einklange in einem Manne zuſammengefun⸗ den und ſo innig und tief durchdrungen und ſo herrlich im Leben offenbart. Aber auch die Achtung und Verehrung ſei⸗ ner Zeitgenoſſen, die Bewunderung und Hochſchaͤtzung bei Hohen und Niedern, die Liebe feiner Ordensbruͤder, das ſeg⸗ nende Andenken bei allen, die nach ſeinen Zeiten die Regel des Ordens bekannten, die Anerkennung der Nachwelt und der Ruhm und Glanz ſeines Namens, der uͤber ihn von Geſchlecht zu Geſchlecht fich ungetrübt fortgepflanzt hat: — das iſt die Krone, die ewig Hermanns Namen ſchmuͤckt im Buche der Geſchichte, der Preis, den Hermanns Tugend und Groͤße erworben haben.
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368 Hermann Balks Tod. Er bleibt einer der Sterne, die nur ſelten in ſolchem Lichte am Himmel des Lebens aufgehen. Mag es nur Sage ſeyn, daß er Ablersfluͤgel in fein Wappen aufgenommen habe ), fo iſt die Sage gewiß voll ſinniger Bedeutung; denn wie im Fluge des Adlers ſtieg er zur Höhe empor und mit der Kraft des Adlers ſtrebte der ganze Orden zu Macht und Groͤße hinan. Gewiß iſt, daß ſeit ſeiner Zeit der Meiſter des Or⸗ dens den ſchwarzen Reichsadler im Schilde trug: ein Zeichen der Gunſt und Achtung des Kaiſers. So lange der Orden da ſtand, war dieſer ſelbſt in ſeiner Groͤße und Macht Her⸗ manns ſchoͤnſtes Denkmal; erſt als er geſunken war und un⸗ terging, waren dankbare Sproͤßlinge ſeines Stammes bemuͤht, das Bild des großen Ahnherrn durch die Kunſt der Nachwelt zu erhalten ). Sein ſchoͤnſtes Bild aber, das unvergaͤng⸗ lichſte, ſteht in den Jahrbuͤchern der Geſchichte. So geſchah es, daß Hermann Balk, als er im Sommer des Jahres 1238 zur Verſammlung des großen Ordenskapi⸗ tels nach Marburg reiſte, ſeinen Herrn und Meiſter wahr⸗ ſcheinlich ſchon nicht mehr dort fand. Auch ihm ſelbſt waren nur noch wenige Tage beſchieden. Er ſah Preuſſen nicht wie⸗ der, denn er erkrankte bald und ſtarb am fuͤnften Maͤrz des Jahres 1239 ). Hochbetagtes Alter und die Mühen feines 1) Bayer das Leben Hermanns von Salza im Continuirten ge⸗ lehrt. Preuſſ. B. I. S. 42 ff. über Hermanns Familienwappen. Pauli S. 68. 2 Der beruͤhmte Biſchof von Breslau Jacob von Salza und fein Bruder Wigand, Domherr in Breslau, ließen im Jahre 1519 den Ahn⸗ herrn in der Kloſterkirche zu Leubus in einem ſchoͤnen Gemaͤlde dar⸗ ſtellen; vgl. weiteres hieruͤber in Juſti Vorzeit Jahrg. 1825 S. 359. Jahrg. 1826. S. 301. Continuirt. gelehrt. Preuſſ. a. a. O. 3) ueber die Zeit und den Ort des Todes Hermann Balks finden ſich in den Chroniſten die verſchiedenſten Nachrichten. Lucas Davids Angaben uͤber die Zeit der Verwaltung Hermann Balks B. II. S. 125 B. III. S. 9. ſind überaus verwirrt und ſtreiten gegen alle urkund⸗ lichen Beweiſe. Noch mehr weicht die Ordens-Chron. bei Matthaeus p. 724 ab; ſie läßt den Landmeiſter erſt im Jahre 1248 ſterben. Simon Grunau Tr. VII. c. 2 f. 4 giebt die Nachricht: Hermann
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Hermann Balls Tod. 369 thätigen Lebens hatten zuletzt die Kräfte in ihm geſchwaͤcht, mit denen er ein Jahrzehend hindurch zum Heile des Landes gewirkt und reichen Samen zu kuͤnftigen Saaten ausgeſtreut. Nur ein Jahr hatte Livland ſich feiner Gegenwart erfreut ). So ſtand der Orden da verwaiſet und ohne Haupt und Führer, die gewonnenen Lande Preuſſens ohne die kraͤftig thaͤ⸗ tige und ſorgſam pflegende Hand, die bisher alles geleitet, ge: fügt und geordnet. Dieſe Zeit aber, in welcher jener hoch geſchaͤtzte Freund und Vertraute des Kaiſers, jener Guͤnſtling des Papſtes, Hermann von Salza nicht mehr fuͤr ſeinen Or⸗ den fprechen, keiner ihn recht vertreten und vertbeidigen konnte, ſey von Livland nach Preuſſen krank zuruͤckgekommen und am Michae⸗ listage zu Zantir 1238 geſtorben und dort auch begraben. Dieſer höchft uncritiſchen Quelle iſt man gemeinhin ohne weiteres gefolgt, obgleich ſchon Hartknoch ad Dusburg p. 62 daran zweifelte, daß Zantir der Ort des Todes und des Begraͤbniſſes des Landmeiſters ſeyn koͤnne Dusburg P. II. c. 10 hatte ohne Zweifel viel genauere Nachricht, wenn er ſchrieb: gravatus senio et labore reversus fuit in Alman- niam ibique mortuus et sepultus, und P. III. c. 28: cum dictus Fr. Hermannus Balke praefuisset fere sex annis rediens in Al- manniam in pace quievil. Daß Hermann nach Deutſchland ging, iſt außer Zweifel, denn es wird dieſes auch durch eine Urkunde bei Hanſelmann von der Hohenlohiſchen Landeshoheit Nr. 30 S. 404 beftätigt, indem aus ihr hervorgeht, daß ſich der Landmeiſter am 13ten Februar 1239 zu Würzburg in dem dortigen Ordenshauſe befand und unter den Zeugen Frater Hermannus preceptor Livonie genannt wird. Ungewiſſer aber iſt, wie lange er dort noch gelebt habe. Den Sten Maͤrz 1239 haben wir deswegen als Todestag angenommen, weil das liber Anniversar. etc. bei Bachem Chronol. der HM. S. 15 dieſen Tag als Hermanns Sterbetag bezeichnet und ſeit dem Jahre 1239 Hermann Balks in keiner Urkunde mehr erwaͤhnt wird. Indeſſen wäre moͤglich, daß der alte Landmeiſter noch einige Jahre in Ruhe und Zurückgezogenheit hingelebt habe. De Wal Histoire de l’Ord. T. T. I. p. 426 nimmt 1248 als Todesjahr an, nach der Ordens⸗Chron., aber ohne ſonſtige Beweiſe. 1) Die Angaben in Dus burg P. II. c. 10, daß er zwoͤlf Jahre in Preuſſen und faſt ſechs Jahre in Livland die Verwaltung geführt habe, beduͤrfen bei den urkundlichen Beweiſen für die obigen Beſtim⸗ mungen keiner weiteren Berichtigung. II. 24
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370 Des Biſchofs Chriſtian Klage gegen d. Orden. in welcher der neuzuerwaͤhlende Meiſter des Ordens ſich erſt Vertrauen und Gunſt am Kaiſerthrone und am Hofe des Papſtes erwerben mußte, wenn er mit ſolchen Erfolgen, wie Hermann von Salza fuͤr ſeines Ordens Erhebung wirken wollte, dieſe Zeit, da eben der geiſtreiche Sprecher und Ver⸗ treter des letztern von der Buͤhne abgeſchieden war, fand der Biſchof Chriſtian guͤnſtig, aus dem dunkeln Hintergrunde, in welchem er bisher ſtand oder die Geſchichte ihn wenigſtens lange Zeit ſtehen laͤßt, wieder bemerkbarer hervorzutreten. Er trat aber hervor mit einer ſchweren Anklage gegen die Deutſchen Ordensritter in Preuſſen. Er berichtete dem Papſte: „Die Deutſchen Ordensritter geſtatten nicht, daß ſolche Preuſſen, die ſich zur Annahme des Chriſtenthums be⸗ reit erklaren, zum Empfange der Taufe zugelaſſen werden, als Grund dieſes ſchnoͤden Verfahrens vorgebend, daß zur Gefahr der im Lande befindlichen Chriſten die Herren der unglaͤubigen Preuſſen leicht zu maͤchtig werden koͤnnten. Die Neubekehr⸗ ten, welche dem Biſchofe des Landes den Eid der Treue ge⸗ ſchworen und ſolchen auch zu halten wuͤnſchen, werden nicht ſelten, ſofern ſie nicht den Ordensrittern Gehorſam leiſten, von dieſen mit allerlei Plagen und Qualen ſo bedraͤngt, daß nicht wenige aus Furcht gegen dieſe Quaͤler zum Heidenthum zu⸗ ruͤckzukehren bewogen werden. Pilgrime verhindern fie an der Erhaltung der Kirchen, und ihre fehnöde Lift weiß es zu ver⸗ anſtalten, daß manche dieſer Kirchen durch den Einfall der Heiden zerſtoͤrt verlaſſen werden muͤſſen.“ Sodann klagte der Biſchof den Orden auch des ſchwerſten Undanks an: „ob⸗ gleich jener den Ordensrittern im Kulmerlande, welches ihm die Mildthaͤtigkeit frommer Fuͤrſten, die Beihuͤlfe der Glaͤu⸗ bigen, die Schenkungen des edlen Herzogs Conrad, des Bi⸗ ſchofs und des Kapitels von Ploczk zur Stiftung ſeines Bis⸗ thums zugebracht, die anſehnlichſten Beſitzungen mit der Be⸗ dingung des Kampfes gegen das Heidenthum und der Verthei⸗ digung des Evangeliums und der chriſtlichen Kirche verliehen, ſo habe der Orden ihn bei ſeiner Gefangenſchaft in den Haͤn⸗ den der Heiden nicht nur keinesweges in Schutz genommen,
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Des Biſchofs Chriſtian Klage gegen d. Orden. 371 ſondern auch ungeachtet des paͤpſtlichen Befehles zu ſeiner Austöfung ſich um feine Befreiung in keiner Weiſe bemüht, vielmehr einige edle Preuſſen, die durch Huͤlfe der Pilgrime in die Gefangenſchaft des Ordens gekommen, ſtatt der hie⸗ durch möglichen Ausloͤſung des Biſchofs fuͤr Köfegeld frei ge⸗ geben; ja man habe ſelbſt einen bekehrten Preuſſen, welcher dem Biſchofe fuͤr ſein Beharren im Glauben ſeinen Sohn zum Pfande überliefert, deshalb umbringen laſſen.“ Ferner trat der Biſchof gegen den Orden mit der Beſchuldigung auf, daß die Ordensherren waͤhrend ſeiner Gefangenſchaft ſeine bi⸗ fehöfliche Kirche, das ganze biſchoͤfliche Land, die Stadt und Burg Kulm mit den Neubekehrten feindlich überfallen, ihn alles feines Eigenthums beraubt und ſich aller biſchoͤflichen Einkuͤnfte gewaltthaͤtig bemaͤchtigt haͤtten und noch in ihrem Beſitze hielten; daß ſie in Anordnung des Kirchenweſens, in Anſtellung und Entlaſſung der Geiſtlichen gegen Recht und Geſetz ſich in des Biſchofs Amt gewaltthaͤtigen Eingriff er⸗ laubten, gegen eidlich beftätigte Verträge das ganze Kulmer⸗ land in Beſitz genommen und die biſchoͤflichen Rechte zum Nachtheile und ſchweren Verderben der Kirche in Preuſſen ſich angemaßt. Somit laſte auf dem Orden nicht allein das La⸗ ſter des Undankes, ſondern ſelbſt des Eidbruches. So ſtehe des Landes Biſchof alles Schutzes und aller Huͤlſe entbloͤßt da, denn ſelbſt auch die Pilgrime, die er mit eigener Muͤhe aufgebracht habe, ſeyen verhindert worden, zu dem Biſchofe ihre Zuflucht zu nehmen. Endlich ſchloß Chriſtian ſeine Klag⸗ ſchrift mit der Bitte an den Papſt, ihn aus dieſen Bedraͤng⸗ niſſen und ſeine Kirche von dem drohenden Verderben zu befreien. ). 1) Wir kennen dieſe Anklagen des Biſchofs Chriſtian nur noch aus dem Schreiben des Papſtes an den Biſchof von Meißen (nicht an den von Minden, scriptis Mindensi episcopo litteris, wie Ray- nald. ann. 1240 Nr. 35 ſagt), welches ſich in den Actis Boruss. T. I. p. 430 und bei Baczko B. I. S. 256 — 257, im Lucas David B. II. S. 91 — 92 und bei Raynald. ]. c. aber nur im 24*
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372 Des Biſchofs Chriſtian Klage gegen d. Orden. Der Papſt aber, nicht im Stande, die Lage der Dinge gründlich zu erforfchen, trug ſofort dem Biſchofe von Meißen und dem Probſte des dortigen Kloſters S. Afra auf, die Klagpunkte genau zu unterſuchen, den durch den Zwiſt veranlaßten Schaden auszugleichen und die Ordensritter zu ermahnen, den Biſchof in keiner Art weiter zu beſchweren. Welchen naͤheren Erfolg indeſſen die Bemuͤhung jenes Bi⸗ ſchofs gehabt habe, iſt nicht bekannt; ohne Zweifel war er nicht von ſonderlicher Bedeutung; die Geſchichte wuͤrde nicht ganz ſchweigend an der Sache voruͤbergehen. Ob aber der Orden wirklich die Vergehungen und Verbrechen, wie ſie der Biſchof Chriſtian ſchilderte, auf ſich geladen habe, ob die ein⸗ zelnen Klagepunkte in jeder Weiſe nach ſtrengſter Wahrheit dargeſtellt ſeyn moͤgen, ob nicht der Biſchof, vielleicht noch von altem Groll getrieben, hier gelaͤſtert, dort vielleicht aber auch die Ordensherren Regel und Geſetz mit Uebermuth und aus Zorn gegen den Biſchof verletzt haben, das zu entſcheiden vermochte damals nicht einmal der Papſt, viel weniger ver⸗ mag es der Geſchichtforſcher nach dem Ablaufe ſo vieler Jahr⸗ hunderte und bei dem Mangel der Nachrichten uͤber die ein⸗ zelnen zur Anklage erhobenen Begebenheiten. Der Orden hat hierin ſchon feinen gutmuͤthigen Vertheidiger, wie feinen feind⸗ ſeligen Tadler und Richter gefunden. Wir nehmen es nicht uͤber uns, mit ins Richteramt zu treten, da ein gerechtes Ge⸗ richt hier wohl ganz unmöglich, Anklage aber und Verdam⸗ mung um nichts ſchwerer iſt, als Vertheidigung und Rechtfer⸗ tigung. Tritt der forſchende Betrachter in den Lauf der Er⸗ ſcheinungen und der Verhaͤltniſſe der Zeit, fo weit fie der Ge⸗ ſchichte bekannt find, mit pruͤfendem Blicke hinein, fo mag er Auszuge befindet. Nirgends iſt dieſe päpſtliche Bulle vollftändig ges druckt; überall fehlt ihr das Datum. Nach der Stelle indeſſen, die ihr Raynala. I. c. anweiſet, gehört fie in den Anfang des Jahres 1240 und der Biſchof Chriſtian muß demnach feine Anklage beim Papfte im Laufe des Jahres 1239 angebracht haben. Mit den Zeitverhältniffen ſcheint dieſes auch wohl uͤbereinzuſtimmen.
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Des Biſchofs Chriſtian Klage gegen d. Orden. 373 gerne eingeſtehen, daß in dem Sturme wilder Kriegsereigniſſe unter dem Geraͤuſche der Waffen, im Freudentaumel uͤber Sieg und Eroberung, im Drange des Glaubenseifers, im Haſſe gegen Heidenthum und abgoͤttiſches Weſen, im Gefuͤhle der Uebermacht und wohl auch im Triebe mancher Leiden⸗ ſchaft durch die Ordensritter bald dieſes bald jenes geſchehen ſeyn kann, was weder der Billigkeit, noch dem Geſetze und Rechte entſprach, daß hier zorniger Eifer an die Stelle der Maͤßigung, dort ſchonungsloſe Haͤrte an die Stelle milder Nachſicht und menſchenfreundlicher Geduld getreten ſeyn mag. Aber auch die bedenklichen Fragen draͤngen ſich dem denken⸗ den Betrachter in die Seele: Warum trat erſt jetzt, warum gerade jetzt der Biſchof Chriſtian als Klaͤger gegen den Or⸗ den auf? Warum erwartete er die Zeit, da Hermann von Salza geſtorben und Hermann Balk vom Schauplatze abge⸗ treten war? Warum duldete die ſchwere Klage, ſofern ſie ge⸗ recht war, ſo lange Saͤumniß? Betraf ſie nicht Ereigniſſe, die vor Jahren ſchon geſchehen waren, nicht Thaten, uͤber welche damals der Hochmeiſter und Hermann Balk Antwort und Rechenſchaft haͤtten geben muͤſſen? Fuͤrchtete der Bi⸗ ſchof des Meiſters hohe Gunſt beim Kaiſer und beim Papſte in ſo gerechten Dingen? Warum ging er an den Hof zu Rom, wo niemand wußte, was wahr, was falſch ſey? War nicht der paͤpſtliche Legat mit unbegraͤnzter Voll⸗ macht hier im Lande oder in nachbarlichen Gegenden? Ent⸗ ſchied nicht dieſer auch ſonſt in Sachen von gleicher Wich⸗ tigkeit? Oder waren abſichtlich die Zeit erwartet und der Ort gewaͤhlt, wo ſich manches durch einander werfen, anders deuten und anders ſtellen ließ: Wenn des Biſchofs Seele rein war von aller Verlaͤumdungsſucht, frei von dem Neide und von der feindſeligen Geſinnung ſo vieler Geiſtlichen gegen den Orden, wenn er tadellos in ſeinem Charakter und un⸗ beſcholten in feinem Wandel war, warum erhielt er nach⸗ mals vom Papſte die ernſtliche Weiſung, daß er ſich in aller Hinſicht fo benehmen möge, wie es die priefterliche Würde und die geiſtliche Ehrbarkeit fordere, ihm zum Ver⸗
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374 Des Biſchofs Chriſtian Klage gegen d. Orden. dienſte und den Chrifigläubigen in Preuſſen zum Gedeihen gereiche )? 1) „Te talem sicut pontificalis dignitas et religiosa requi- rit honestas, in omnibus redditurus, quod Deo et ecclesiae sit ad gloriam, tibi redundet ad meritum, et Christi fidelibus in Prussia veniat ad profectum“ ſchrieb ihm der Papſt. Raynald. ann. 1243 Nr. 33.
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Siebented Kapitel. Vor Allem bedurfte jetzt der Orden eines neuen Oberhaup⸗ tes. Da traten die Gebietiger, von dem Deutſchmeiſter Hein⸗ rich von Hohenlohe ) wie es ſcheint nach Marburg berufen, zur Wahl eines Meiſters zuſammen und in der Berathung fiel die Stimme aller verſammelten Ordensritter auf den Land⸗ grafen Conrad von Thuͤringen, welcher ſeit fuͤnf Jahren das Kleid des Deutſchen Ordens trug. Der juͤngſte von den drei Soͤhnen des Landgrafen Hermanns des Erſten von Thuͤrin⸗ gen, vor dem einſt die ſuͤßen Lieder der Minneſaͤnger auf der Wartburg erklangen, hatte er, wie zu vermuthen iſt, eine Er⸗ ziehung und Jugendbildung genoſſen, wie ſie dem Fuͤrſten⸗ ſohne anſtand und dem Ritter ziemte. In den Jahren ju⸗ gendlicher Männlichkeit indeß durchbrach der Drang ungezuͤ⸗ gelter Kampfluſt, der Sturm ungezaͤhmter Leidenſchaft und das Gefuͤhl der Jugendkraft bei ihm nicht ſelten die Regeln der Maͤßigung, der Beſonnenheit und Schonung. Der Geiſt des Zeitalters lebte, wirkte und aͤußerte ſich in ſolcher Weiſe auch in ihm. Als nun ſein aͤlteſter Bruder, Ludwig der Fromme, der Gemahl der heil. Eliſabeth, im Jahre 1228 1) Kein anderer als der Deutſchmeiſter und der vielleicht noch le⸗ bende Landmeiſter von Preuſſen konnte die Ordensgebietiger zum Wahl⸗ kapitel zuſammenberufen. Im Februar 1239, alfo noch vor des Hoch⸗ meiſters Tod waren ſie mit mehren angeſehenen Ordensrittern in Wuͤrzburg verſammelt; vgl. Hanſelmann a. a. O. Urkunde Nr. XXX. S. 404.
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376 Landgraf Conrad von Thüringen. auf einer Pilgerfahrt nach dem heiligen Lande in Italien ſtarb, uͤbernahm Conrad mit ſeinem Bruder Heinrich Raspe die Vormundſchaft uͤber Ludwigs vierjährigen Sohn Her⸗ mann, jener zugleich die Verwaltung der Erbgraſſchaft Heſſen, dieſer die Regierung uͤber Thuͤringen ). Obgleich tief durch⸗ drungen von Achtung gegen die Kirche, fromm bis zur Schwaͤrmerei beim Gottesdienſte und mildthaͤtig gegen geiſt⸗ liche Stiftungen, verfolgte, haßte und zuͤchtigte er doch die Geiſtlichen, ſobald die Leidenſchaften des Menſchen in ihnen den Prieſter entwuͤrdigten, Stolz, Anmaßung und Habſucht ihre Schritte leiteten und ſobald ſie vom hierarchiſchen Geiſte getrieben die Achtung und das Recht zu verletzen wagten, die ihm als Fuͤrſten gebuͤhrten. Nun geſchah einſtmals, daß der Erzbiſchof Siegfried von Mainz, ein kuͤhner und unternehmender Praͤlat, um ſeines Vorgaͤngers Schulden zu Rom zu bezahlen, die geiſtlichen Stiftungen ſeines Sprengels mit einer ſtarken Abgabe be⸗ legte ?). Da wurde auch der Abt zu Reinhartsbronn, deſſen Kloſter von des Landgrafen Conrads Vorfahren von aller Steuerleiſtung befreit worden war, mit Strenge zur Ent⸗ richtung aufgefordert. Er verweigerte ſie indeſſen kraft ſeines Freibriefes und vertrauend auf des Landgrafen Schutz ). Erzuͤrnt hieruͤber verhaͤngte der Erzbiſchof uͤber ihn den Bann, und drohte mit Entſetzung ſeines Amtes, ſofern er ſich nicht der Strafe ſeines Ungehorſams unterwerfe. Dieſes Strafur⸗ theil aber lautete: der Abt ſolle drei Tage hindurch in des Erzbiſchofs Gegenwart auf entbloͤßten Ruͤcken mit Ruthen gepeitſcht werden und dann den Forderungen deſſelben Gnuͤge leiſten. Der Abt unterwarf ſich dem Richterſpruche, und zwei Tage war an ihm die Bußftrafe ſchon vollzogen. 1) Rohte Chron. Thuring. ap. Mencken. T. II. p. 1729. Rommel Geſchichte von Heſſen B. I. S. 307. 2) Chron. Erford. ap. Schannat. Vindem. litter. p. 93. 3) Nach Rohte Cbron. Thuring. I. c. hatte der Landgraf Con: rad dem Abte ausdrücklich verboten, dem Erzbiſchofe die Auflage zu entrichten.
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- Landgraf Conrad von Thüringen. 377 Da kam von ungefähr am dritten Tage der Landgraf Con⸗ rad, auf einer Reiſe nach der Wartburg uͤber Erfurt gehend, in die Kirche des dortigen Marienſtifts, die Fruͤhmeſſe zu höͤ⸗ ren. Staunend fand er in der Kirchenhalle den Abt entklei⸗ det vor dem Erzbiſchofe knieend und neben ihm die geiſtli⸗ chen Zuͤchtiger mit den Ruthen in den Händen. Conrad er⸗ grimmte von Zorn, fuhr auf den Erzbiſchof los, riß ihn zur Erde nieder und wollte ihn durchbohren, wenn nicht die Be⸗ gleiter ihn daran verhindert haͤtten. ) So begann zwiſchen dem Erzbiſchofe und dem Landgra⸗ fen eine lange, aͤrgerliche Fehde. Da zog einſt Conrad auch vor Fritzlar, brannte die Vorſtaͤdte nieder, verheerte die Um⸗ gebungen mit Feuer und Schwert und wollte, verzweifelnd an der Eroberung der tapfer vertheidigten Stadt, mit ſeinem Heerhaufen eben wieder zuruͤckziehen, als der ſchnoͤde Hohn der Frauen auf den Mauerzinnen ſeinen Zorn von neuem entflammte. Es geſchah ein neuer Angriff auf die Stadt; die Mauern wurden von den ergrimmten Kriegern erſtuͤrmt und die Bewohner buͤßten nun mit dem ſchrecklichſten Schick⸗ ſale. Es ward nicht Goͤttliches, noch Menſchliches geſchont; waͤhrend alles umher in Flammen ſtand und hie und da Frauen und Kinder verbrannten, erbrach der rauhe Ritter Friederich von Treffurt 2) Kloͤſter und Kirchen, raubte die Heiligthuͤmer und Kirchenſchaͤtze, entheiligte die Reliquien, vernichtete die Buͤcher und kirchlichen Gewande und mißhan⸗ delte die Geiſtlichen ohne Schonung und Erbarmen. In die⸗ ſem Graͤuel ging die ganze Stadt in Feuer auf und ein gro⸗ 1) Rohte J. c. p. 1729 — 1730. Falkenſtein Thuͤring. Chron. ©. 680 — 681. 2) Nicht Hermann von Treffurt, ſondern Friederich von Treffurt, wie ihn Hohe Chron. I. c. Schannat. Vindem. litter. p. 92. 93 nennen, wonach Rommel a. a. O. S. 309 zu verbeſſern iſt. Dieſer Friederich von Treffurt (de Drifurte) kommt auch in einer Urkunde der Landgrafen Heinrich, Conrad und Hermann vom Jahre 1234 un⸗ ter den Zeugen vor; ſ. Guden. Cod. diplom. T. IV. p. 878. Hi⸗ ſtor. diplomat. Unterricht und Deduction u. f. w. Beil. Nr. 45. 5
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378 Landgraf Conrad von Thüringen. ßer Theil der Einwohner buͤßte unter dem ſchrecklichen Elende mit dem Leben.) Nach dieſer ſchweren That — es war im Jahr 1232, als fie geſchah, — begab ſich Conrad mit feinen Kriegsge⸗ noſſen, Hartmann von Heldrungen und Dieterich von Gruͤ⸗ ningen auf ſeine Burg Tenneberg bei Gotha. Da gewahrte er eines Tages auf dem Burghofe ein leichtfertiges Weib, deſſen Aeußeres aber vom tiefften Elende zeugte. Ihr näher tretend uͤberhaͤufte er die Ungluͤckliche in bitteren Worten mit harten Vorwuͤrfen über ihren laſterhaſten Lebenswandel. Un⸗ ter Thraͤnen der tiefſten Reue entgegnete ſie: nur Jammer und Noth habe ſie dem Laſter und der Schande zugefuͤhrt. Das reuige Bekenntniß griff tief in des Fuͤrſten Scele; er ſorgte alsbald fuͤr ihren Unterhalt, mit der Bedingung, daß ſie von Stund an ihr Leben aͤndere. Aber das Bild der ungluͤcklichen Buͤßenden wich nicht vor ſeinen Augen und als er in die ſtillen Gemaͤcher der Burg zuruͤckging, waren es ernſte Stunden der Beſinnung und der Selbſterkenntniß, in denen er auf ſein Leben zuruͤckblickte. Da traten ihm die Graͤuelthaten zu Fritzlar vor die Seele; es erwachte das Ge⸗ wiſſen und die Nacht ging für ihn ſchlaflos hin. Sich ver⸗ gleichend mit dem ungluͤcklichen Weibe fand er ſich in der Fuͤlle ſeiner Reichthuͤmer mit viel ſchwererer Schuld beladen. Er theilte ſeinen Kummer ſeinen Freunden Hartmann von Heldrungen und Dieterich von Gruͤningen mit, und bald war auch in ihrem Innern dieſelbe Stimmung erwacht. Sie be⸗ ſchloſſen daher zur Buͤßung ihrer Suͤnden eine fromme Wall⸗ fahrt und gingen barfuß zur Kirche des heil. Nicolaus nach Gladbach in Heſſen, und flehten am Altar knieend um Verge⸗ bung ihrer Suͤnden. Da ertheilte ihnen der Beichtiger den Rath, als Bruͤder des Deutſchen Ordens im Kampfe fuͤr die Kirche und als Pfleger unglüdlicher Leidenden und armer Kranken die Suͤndenſchuld ihrer Jugend abzubuͤßen 2). 1) Historia de Landgrav. Thuring. ap. Pistor. T. I. p. 1325. Rohte Chron. Thuring. p. 1730. Chron. Hirsaug. ann. 1232. p. 546. Falkenſtein Thür. Chron. S. 681. 2) Dusburg P. III. c. 36. Wir ſehen nicht ab, warum Wa ch⸗
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Landgraf Conrad von Thüringen. - 379 So voll Reue und zerknirſcht in feinem Innern traf den Landgrafen von Rom aus der durch den Erzbiſchof von Mainz bewirkte Bann. Tief erſchuͤttert und zerriſſenen Her⸗ zens wanderte er nach Fritzlar, dort wo die Suͤndenlaſt auf ihn gefallen war, mit Gott und Welt ſich auszuſoͤhnen. Un⸗ bedeckten Hauptes, mit bloßen Fuͤßen, eine Bußruthe in der Hand bat er vor den Kirchenthuͤren knieend die ungluͤcklichen, tief gekraͤnkten Bewohner der Stadt um Verzeihung und Ver⸗ gebung ſeiner ſchweren Schuld. Tage lang flehte er umſonſt bei den Voruͤbergehenden um Zuͤchtigung zur Buße; es jam⸗ merte die edlen Buͤrger von Fritzlar des Fuͤrſten ungluͤckliches Schickſal; kein einziger nahm Rache an dem Gedemuͤthigten. Nur ein Weib gab ihm einige Streiche. So verſoͤhnt mit den Schwerbeleidigten und ihnen Verguͤtung alles Schadens verheißend wanderte Conrad im Jahre 1233 nach Rom, um an den Graͤbern der Apoſtel ſich ſeiner Schuld zu entla⸗ den ). Der Papſt aber ſtellte ihm die Bußbedingungen, daß er durch Pflege der Armen, durch Verſoͤhnung mit dem Erz⸗ biſchofe von Mainz und mit allen ſeinen Feinden, durch den Eintritt in den Deutſchen Orden, durch Beſchenkung der ges pluͤnderten Kirchen und durch den Aufbau eines Kloſters vor Fritzlar ſeine Reue bethaͤtige und dem Himmel genug thue. Conrad verhieß dem Papſt, dieſes alles zu erfuͤllen. In Rom ſelbſt ſpeiſete er täglich mit eigener Hand vier und zwanzig Arme; dann kehrte er zuruͤck, ſchloß Friede mit dem Erzbi⸗ ſchof von Mainz unter Vermittlung des berühmten Conrads von Marburg, ging nach Fritzlar, that nochmals Buße, be⸗ ter in ſ. Thuͤring. Geſchichte B. II. S. 338 dieſe Erzählung Dusburgs für ein bloßes Maͤhrchen hält. Uebrigens iſt Wachters Darſtellung der Geſchichte Conrads in Ruͤckſicht der Chronologie nicht die richtigſte. Da der Deutſche Orden auch Beſitzungen in der Naͤhe von Fritzlar hatte, welche im Kriegsſturme vielleicht verwuͤſtet und gepluͤndert worden wa⸗ ren, ſo iſt moͤglich, daß auch daher der Rath entſprang, Conrad moͤge in den Orden treten und durch Beſchenkungen an dieſen Verſoͤhnung ſuchen. 1) Rohte p. 1731. Histor. de Landgrav. Thuring. p. 1325. Falkenſtein a. a. O. S. 682.
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* 380 Landgraf Conrad von Thüringen Hochmeiſter. ſchenkte die Kirchen, erbauete ein neues Muͤnſter und trat hierauf im Jahre 1234 mit Hartmann von Heldrungen, Dieterich von Gruͤningen und vier und zwanzig andern Rit⸗ tern im Hospitale zu Marburg in den Deutſchen Orden ). Auch durch fromme Gaben und Beſchenkungen, welche er die⸗ ſer geiſtlichen Bruͤderſchaft in reichem Maaße zuwies, ſuchte er den erzuͤrnten Himmel zu verfühnen und Ruhe für feine Seele zu gewinnen 2). Zu Marburg, wie es ſcheint, wo Conrad ſonſt als Lan⸗ desfuͤrſt Befehle ertheilt, lebte er nun im dortigen Ordenscon⸗ vente als Ordensbruder nach den ſtrengſten Regeln des Ge⸗ horſams, treu den Pflichten und gewiſſenhaft in Beobach⸗ tung der Geſetze, die er als Ritterbruder uͤbernommen hatte. Kam Hermann von Salza nach Deutſchland, ſo zog er gerne Conraden in ſeine Begleitung; ſo war dieſer im Jahre 1235 mit jenem zu Mainz ). Es geſchah vorzüglich auch durch Conrads Bemuͤhen, daß die fromme Landgraͤſin Eliſabeth durch die Kirche heilig geſprochen ward.) Er feierte ihr Andenken auf jede moͤgliche Weiſe und wohnte nicht bloß der hohen Feierlichkeit bei, als der Leichnam der Heiligen an den heiligſten Ort der Kirche verſetzt wurde ), ſondern er ſelbſt 1) Chron, Hirsaug. an. 1232. Raynala. an. 1232. Nr. 11. Historia de Landgrav. p. 1325. Manche geben die Zahl der mit Conrad in den Orden tretenden Ritter geringer an; die Histoire gé- ndalog. de la maison souveraine de Hesse T. I. p. 262 zählt nur neun Edle und zwei Prieſter. Sifridi Presbyt. Epitome ap. Pistor. T. I. p. 1043. 2) Guden. Cod. diplom. T. IV. p. 877. Hiſtor. biplomat. Un: terricht und Deduction u. ſ. w. Beil. Nr. 45. 3) Wenck Heſſ. Landesgeſchichte B. II. Urkundenbuch Nr. 117, S. 153; er ſteht unter den Zeugen als frater Cenradus quondam Lantgravius. 4) Historia de Landgrav. Thuring. p. 1325. c. 45. Rommel a. a. O. B. I. S. 290. 5) Historia de Landgrav. Thuring. p. 1326. Daß er hiebei (1235) ſchon als Hochmeiſter angeführt wird, iſt Irrthum der Chro⸗ niften-
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Landgraf Conrad von Thüringen Hochmeiſter. 381 war auch Mitgruͤnder der berrlichen Eliſabethen⸗Kirche, noch bis dieſen Tag Marburgs ſchoͤnſter Schatz im Gebiete der Kunſt ). Gewiß hatte der Hinblick auf das fromme, gotter⸗ gebene Leben, auf den tugendreinen Wandel dieſer Wohlthaͤ⸗ terin ihrer Zeit auf Conrads Inneres tief eingewirkt, denn ſeit ſein ganzes Weſen ſo voͤllig umgewandelt war, ſchien ſie ihm im Wirken fuͤr die Welt, wie im Streben um den Him⸗ mel das hoͤchſte und ſchoͤnſte Vorbild und Muſter zu ſeyn. Als daher im Jahre 1239 des Ordens vornehmſte Ge⸗ bietiger zur Kuͤr eines neuen Meiſters verſammelt waren, fanden ſie in ihrer ganzen Zahl keinen wuͤrdigeren, der dem edlen Hermann von Salza im Meiſteramte folgen koͤnne, als den einſtigen Landgrafen Conrad ). Einmuͤthig wurde ihm die Meiſterwuͤrde zuerkannt, zumal da er auch beim Kaiſer Friederich in Gunſt ſtand und der Papſt laͤngſt völlig mit 1) Rommel a. a. O.: „ueber ihrem (Eliſabeths) Grab legte Landgraf Conrad mit den Deutſchen Herren den Grund zu einem herr⸗ lichen Dom.“ Alſo iſt die Eliſabethen⸗Kirche eigentlich ein Werk des Deutſchen Ordens. 2) ueber dieſes wahrſcheinlich zu Marburg gehaltene Wahlkapitel iſt ſonſt nichts bekannt. Daß die Wahl Conrads ſchon ins Jahr 1239 fallen muß, kann nach den fruͤher erwaͤhnten Angaben uͤber Hermanns von Salza Todesjahr und nach den Unterſuchungen in der Histoire de I'Ordre Teut. T. I. p. 478 seq. nicht mehr bezweifelt werden. Urkunden bezeugen auch, daß Conrad im Fruͤhling des Jahres 1240 ſchon wirklich Hochmeiſter war. So nennt er ſich ſelbſt in einer Ur⸗ kunde vom 8. Mai 1240. ſchon Hospitalis S. Mariae Theutonico- rum in Jerusalem Minister; cf. Lang Regesta Boica T. II. p. 299. 301. Auffallend iſt, daß in einer zu Wuͤrzburg am 14. Mai 1240 ausgeſtellten Urkunde, in welcher ſich auch Conrad ſchon Hoch⸗ meiſter nennt, neben ihm ſteht Frater Henricus de Hohenloch, vi- ces ejusdem (sc. Conradi) per Allemaniam gerens. De Wal Histoire etc. T. I. p. 313. Die Ungewißheit, in welcher Rom mel a. a. O. B. I. S. 248 hierüber noch war, iſt ſomit gehoben. Daſſel⸗ bige beweiſet die Histoire genealog. de la maison souveraine de Hesse T. I. p. 263, wo einer in der Collect. de Schöttgen et Kreyssig T. II. p. 589 beſindlichen Urkunde erwähnt wird, nach wel. cher Conrad am 14. Mai 1240 Hochmeiſter genannt iſt. Es iſt dieſelbe, welche De Val l. c. anführt.
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382 Balga belagert. ihm verſoͤhnt war. In demſelbigen Kapitel aber ward der Ordensritter Heinrich von Wida, wahrſcheinlich aus dem Saͤchſiſchen Zweige dieſes weit verbreiteten Geſchlechtsſtam⸗ mes ), zum Landmeiſter in Preuſſen ernannt, denn man fand für gut, die Landmeiſterwuͤrde über Preuſſen und Liv⸗ land nicht ferner zu vereinigen. In dieſem letzteren Lande behielt auch forthin noch Dieterich von Gruͤningen die Ver⸗ waltung. In Preuſſen aber war die baldige Anweſenheit eines neuen Meiſters von hoͤchſter Wichtigkeit. Das Jahr 1239 war voll unruhiger Kriegsbewegung. Um die Schmach zu tilgen und den Verluſt zu raͤchen, welchen die Ordensritter vor kurzem bei Balga erlitten, brach bald nachher faſt die ganze Kriegsmacht des Ordens auf und das Friſche Haff hin⸗ abfahrend umlagerte der Ordensmarſchall Dieterich von Bern⸗ heim 2) die feſte Burg zu Waſſer und zu Land. Das um⸗ herwohnende Volk aber, erſchrocken durch die Wiederkunft der fremden Kriegsleute in ſo großer Zahl, war weit in die Waͤl⸗ der entwichen, den Rittern das ganze Gebiet um die Burg frei gebend. Der Marſchall indeſſen war nicht unbelehrt ge⸗ blieben durch die Vorgaͤnge der letzten Zeit; ploͤtzlichen Ueber⸗ fall befuͤrchtend, legte er überall zum Schutze des Belage⸗ rungsvolkes an paßliche Orte erleſene Haufen von Schuͤtzen 1) In Sachſen war dieſe Familie alt und zahlreich; Schultes Di- rector. diplom. B. II. S. 703. Sie wird bald Wida, Wita, Vita, bald Weida geſchrieben und der Taufname Heinrich war gewoͤhnlicher Familienname. Die Herren von Wida kommen als Reichsminiſteriale, Burgherren und Voͤgte vor. Schoͤtrgen und Kreyßig diplomat. Nachleſe B. 1. S. 62. Chron. Citizens. ap. Pistor. T. I. p. 1160. Wir finden ſie auch oͤfter in Begleitung des Kaiſers; Lindenbrog Lambec. p. 25. Ein anderer Zweig war im Osnabruͤckiſchen anfäflig; ſ. Möfer Osnabruͤck. Geſchichte B. III. S. 245. 247. 269. 284. 2) Lucas David B. II. S. 103. Der Landmeiſter, deſſen hier und bei Dus burg P. III. c. 19 erwähnt wird, muß wohl noch der Vice⸗Landmeiſter Berlewin geweſen ſeyn, denn ſchwerlich war Heinrich von Wida im Laufe dieſer Ereigniſſe ſchon im Lande. Hermann Balk, den manche hier noch handelnd auftreten laſſen, war in Deutſchland.
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Balga belagert. 383 aus, die den anſtuͤrmenden Feind zuruͤckhalten konnten. Dar: auf begann er die Belagerung der Burg, die, wie man aus⸗ kundſchaftete, mit ſtarker Mannſchaft beſetzt war, über welche der edle Preuſſe Kodrune den Befehl führte ). Dieterich von Bernheim verſuchte zuerſt durch einen unter das Bereich der Burg vorausgeſandten Haufen von Schuͤtzen das dortige Kriegsvolk zum Kampfe aufs offene Feld herauszulocken. Allein vergeblich; die Preuſſen hielten ſich feſt hinter ihren Wehrmauern, erwartend, daß der Feind naͤher komme, um ihn dann durch einen ploͤtzlichen Ausfall zu verwirren und zu zer⸗ ſtreuen. Und als der Ordensmarſchall nun mit dem geſamm⸗ ten Kriegsvolke heranzog und Leitern und anderes Sturmge⸗ raͤthe zum ernſten Angriffe vor den Mauern zu ordnen be⸗ gann, da öffnete ſich ſchnell das Thor der Burg und ein ſtarker Haufe ruͤſtiger Wehrmaͤnner ſtuͤrmte zum Kampfe her⸗ vor, immer ſich noch vermehrend durch neue Schaaren, die aus der Burg den Ihrigen zu Huͤlfe eilten. Da aber der Sieg im blutigen Gewuͤhle fuͤr die Ritter bald entſchieden war und der Preuſſen immer mehre und mehre verwundet und erſchlagen wurden, ſtuͤrzten ſchnell die noch Uebrigen in die Burg zuruͤck. Zwar folgten die Deutſchen eiligſt nach, um mit den Preuſſen zugleich das Burgthor zu gewinnen und es begann ein neuer Kampf, „da noch gar mancher feine Held fiel;“ allein die Preuſſen retteten die Burg und ver⸗ theidigten fie auch ferner noch mit maͤnnlichem Muthe >). Die Beſatzung aber ſtellte ſich nun nicht wieder zum 1) Dusburg I. c.: positis sagiltariis ad loca competentia. Lucas David B. II. S. 104. 2) Codruno nennt ihn Dusdurg I. c. Lucas David B. II. S. 105 Kodrin. Waißel S. 51 verſtuͤmmelt den Namen in Podaw. Dusburg kommt offenbar am nachſten. Die Silben „une“ find in Preuſſiſchen Familiennamen charakteriſtiſch, wie in den Namen Wos dune, Tyrune, Gedune, Scardune, Bygune u. a. Kreuzfeld uͤber den Adel der alten Preuſſen S. 6. 3) Lucas David B. II. S. 104 — 103. Simon Grunau Tr. VII. c. 3. §. 2 weicht im Einzelnen ab. Waißel ©. 51. Schuͤtz S. 20.
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384 Belagerung u. Einnahme der Burg Balga. offenen Kampfe und der Ordensmarſchall beſchloß, die Burg ſo lange umlagert zu halten, bis Mangel und Hunger die Uebergabe bewirken wuͤrden. Da erſchien eines Tages der Befehlshaber der Mannſchaft Kodrune im Lager der Ritter, mit dem Marſchalle wegen der Uebergabe zu unterhandeln. Die ganze Beſatzung ſoll, ſo lautete das Verlangen Diete⸗ richs von Bernheim, den chriſtlichen Glauben bekennen und dann frei die Burg verlaſſen. Kodrune aber entgegnete dem: „Lieber werden die Maͤnner auf der Burg bis auf den letz⸗ ten ſterben.“ Doch ward der Befehlshaber durch manche lo⸗ ckende Verſprechungen der Ordensritter dahin bewogen, den Seinen dieſe Bedingung ihrer Befreiung mitzutheilen. Sol⸗ ches geſchah. Doch als der Hauptmann in die Burg zuruͤck⸗ gekehrt, im Sinne der Ueberredung vor den Kriegsmaͤnnern das Wort vom Chriſtenthum ausgeſprochen und dieſes als das einzige Mittel der Errettung empfohlen, ſtreckten ihn die Er⸗ grimmten mit ihren Keulen nieder, ahnend den Verrath an ihrem Volke und den Frevel an den Goͤttern, den der Be⸗ fehlshaber im Buſen hege. Kaum aber hatte der Ordens⸗ marſchall dieſe That vernommen, ſo begann er von neuem mit ſeiner ganzen Kriegsmacht die Beſtuͤrmung der Burg, auf welcher zum Unheil der Preuſſen mit des Hauptmanns Tod alle Ordnung und Regel im Kampfe entwichen war. Bald erſchoͤpfte ſich auch die Mannſchaft unter den Muͤhen des Widerſtandes; endlich ermatteten alle Kraͤfte; die Burg wurde erſtuͤrmt. Die meiſten der tapferen Krieger wurden in der Wuth des Zornes erſchlagen, andere in Gefangenſchaft hin⸗ weggeſuͤhrt, und der Ordensmarſchall, die Wichtigkeit der Feſte zur Gewinnung des ganzen Landes wohl erkennend, bemannte fie ſofort mit einer ſtarken Beſatzung ). Seitdem ward 1) Dusdurg P. III. c. 19 erzählt die Begebenheit ſehr wortkarg; durch die Worte aber: cooperante ipsorum Codruno Capitaneo obsessorum violenter expugnaverunt (sc. castrum) ſcheint er an⸗ zudeuten, als habe der Hauptmann weſentlich mit zur Erſtuͤrmung der Burg beigetragen. Am vollftändigften iſt die Erzählung bei Schütz p. 20. Schon CTucas David B. II. S. 105 klagt über Mangel an
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Belagerung u. Einnahme der Burg Balga. 385 Balga ein Ritterhaus des Ordens und der Wohnort eines bedeutenden Convents ). In ſolcher Weiſe war den Ordensrittern ein neuer, aͤu⸗ ßerſt wichtiger Schritt gelungen. Balga bildete das Thor zum Eintritt in die nordoͤſtlichen Landſchaften und war für das Kriegsvolk der Ritter ein eben ſo guͤnſtig gelegener, als feſter und ſicherer Haltpunkt, fuͤr ihre Kriegsweiſe aber und für ihr ſerneres Streben ein um ſo gluͤcklicherer Vorſchub, da ſie, mit ihren Schiffen das Friſche Haff beherrſchend, die Ver⸗ bindung mit den gewonnenen weſtlichen Landſchaften leicht unterhalten und das neu erkaͤmpfte Standlager mit den nö: thigen Beduͤrfniſſen immer hinlaͤnglich verſorgen konnten. Zu⸗ gleich war in den Seelen der Ordensritter neues Ver⸗ trauen auf das Gelingen ihrer Sache erweckt und die Zuver⸗ ſicht, daß nun bald auch die ganze Landſchaft Warmien in des Ordens Beſitz ſeyn werde, verſtaͤrkte ſich noch durch den Umſtand, daß es ſchien, als ſey die wichtige Balga von des Landes Bewohnern in ſorgloſeſter Leichfertigkeit ihren Feinden zum Preiſe gegeben, als habe ſich unter den Verſcheuchten Nachricht uͤber das Einzelne, indem er ſagt: „Die alten Schreiber ha⸗ ben nur die ſchlechte (d. h. einfache) that oder geſchicht mit wenigk wor⸗ ten anzuzeichnen ſich beflieſſen, auf die umbſtende daran offt am mei⸗ ſten gelegen wenig oder keine acht geben.“ Waißel S. 31. 1) Ueber den Namen Balga iſt in älterer und neuerer Zeit viel Uns kluges gefabelt worden. Lucas David und andere Chroniſten mach⸗ ten ſich die Erklarung dadurch am leichteſten, daß fie meinten, der Na⸗ me komme daher, weil die Eroberung der Burg den Rittern „fo man: chen Balg“ gekoſtet oder ſo manches Ringen und Balgen veranlaßt habe. Andere erklaͤrten den Namen aus dem Altdeutſchen, wo Balg einen Waſſerort bezeichnen ſoll. Auch das Altpreuſſiſche Peil, Pil, eine Burg, iſt damit verglichen worden. Hennig in Lucas David B. II. S. 106 leitet den Namen ab vom Altpreuſſiſchen und Litthauiſchen bala, ein Bruch oder Sumpf, weil der Ort an einem großen Sum⸗ pfe oder Bruche lag. Dieß laͤßt ſich hoͤren; denn balja bedeutet noch jetzt im Litthauiſchen eine Balge oder ſumpfige Gegend. Duͤrfte man dem Di goss. T. I. p. 263 trauen, fo wäre der Name ſchon 1015 vorhanden geweſen. Ohne Zweifel iſt derſelbe älter, als die Ankunft der Ritter. 5 II. 25
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386 Kampf um die Burg Balga. und Geflüchteten nicht einmal der Gedanke zur Rettung der vaterlaͤndiſchen Burg gezeigt und als ſey nirgends eine Spur zu finden von e iner gemeinſamen Verbindung unter den be⸗ droheten Landſchaften zur Erhaltung der urvaͤterlichen Freiheit und zur Abwehr der allgemeinen Gefahr. Aber dem war nicht alſo. Die Ritter auf Balga ah⸗ neten nicht, welche Bewegung im Inneren des Landes vor⸗ ging; denn als die Nachricht vom Verluſte der wichti⸗ gen Landesfeſte den Bewohnern Warmiens kund ward, ver⸗ breitete ſich Schrecken und Bangigkeit durch die ganze Volksmenge. Alles, was zu den Waffen tuͤchtig war, ſtroͤmte nahe und ferne zuſammen, und als die Zahl der Krieger ſich ſchon bedeutend vermehrt hatte, trat der Landeshauptmann oder der Reiks von Warmien, Piopſo war fein Name ), unter dem verſammelten Volke auf, mahnend an die ſchwere Gefahr des Landes, an die Freiheit des Lebens, an das Schickſal der Nachkommen, an das Vertrauen auf den Beiſtand der Goͤt⸗ ter 2). Ein wildes Gemurmel war des Beifalls und des Zor⸗ nes allgemeines Zeichen. Alles rief, Leib und Leben an den Wiedergewinn der Burg zu ſetzen. Den Hauptmann an ſei⸗ ner Spitze brach darauf das erbitterte Kriegsvolk gegen Bal⸗ ga auf und umlagerte die Burg, welche mittlerweile, ſo viel die Zeit geſtattet, von den Ordensrittern ſtaͤrker befeſtigt wor⸗ den war. Die Aufforderung der Preuſſen zur Uebergabe ward von den Rittern in ſtolzem Trotze zuruͤckgewieſen. Da ruͤckte der Hauptmann naͤher, die Burg mit Sturm zu gewin⸗ nen. Wie er geſprochen, ſo wollte er handeln. Der Oberſte unter den Kriegern wollte er auch der naͤchſte an den Burg⸗ mauern den Uebrigen durch Muth und Kuͤhnheit Muſter und Beiſpiel ſeyn 9, als er ploͤtzlich von der Burg aus durch das 1) Dusburg P. III. c. 20: Pyopso quidam Pruthenus Ca- pitaneus Warmiensium; auch Schütz p. 20 ſchreibt den Namen fo. Lucas David B. II. S. 109 hat Piopſe; Waißel S. 51 ver: ſtuͤmmelt Proſſa. 2) Lucas David B. II. S. 109. 3) „Quia caput fuit aliorum, ipse ut Dux belli prae aliis in proelio se voluit ostentare.“ Dusbure.
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Kampf um die Burg Balga. 387 Geſchoß eines Ordensritters toͤdtlich getroffen niederſank. Ein grauſenvoller Schrecken ergriff den ganzen Haufen und das geſammte Kriegsvolk floh eiligſt zuruͤck in feine duͤſteren Waͤlder ). a Der Schrecken aber ging mit ihnen tief in das innere Land. Es waren nicht wenige, welche verzagten und wankten in dem Vertrauen auf die Huͤlfe der Goͤtter und in der Hoff⸗ nung, gegen die wackeren geharniſchten Ritter und ihr geuͤbtes und gut bewaffnetes Kriegsvolk auf die Laͤnge mit ihrer Kraft beſtehen zu koͤnnen. Vor allen waren es die Edlen, die Vor⸗ nehmeren, Männer aus der reicheren Klaſſe des Volkes 2), welche vielleicht aus Beſorgniß um die Erhaltung des Ihri⸗ gen, theils wohl auch verlockt durch verfuͤhreriſche Verheißun⸗ gen von Seiten der Ordensritter, theils getrieben durch irgend eine Leidenſchaft oder durch Schwaͤche ) ſich den Rittern auf Balga zuwandten, mit Weib und Kind ſich ihrem Schutze vertrauten, den chriſtlichen Glauben bekannten und der Sache des Ordens mit Rath und That zu Huͤlfe ſtanden. Wohl moͤgen ſchon jetzt die Ritter, wie nachmals auch in Samland geſchah, nicht felten die verführerifche Kunſt geübt haben, zu⸗ erſt vorzuͤglich die Angeſehenſten und die Maͤchtigſten im Volke durch Verſprechungen, Belohnungen und Gewaͤhrung ausge⸗ zeichneter Vorzuͤge fuͤr ſich zu gewinnen und von den Ihrigen zu trennen. Fuͤr die Plane des Ordens war ſolches immer in vieler Hinſicht von aͤußerſter Wichtigkeit. Die Verſtaͤr⸗ kung ihrer Kriegsmannſchaft, die ihnen in ſolcher Weiſe zu⸗ wuchs, kam hiebei wohl am wenigſten in Betracht), denn 1) Dusdurg l. c. Lucas David B. II. S. 110 — 111. Henneberger Erklär. der Landtaf. S. 24. Schutz p. 20. 2) „Plures nobiles et potentes viri de Warmia.“ Dusburg P. III. c. 21. 3) Fromm, aber nicht glaublich ſagt Dusburs 1. c.: fie hätten ſich dem Orden ergeben „videntes Deum.“ Mer hätte ihnen fo ſchnell dieſen Gott kennen gelehrt? 4) Wiewohl Dus burg l. c. dieſen Gewinn am meiſten hervor: hebt. 25
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388 Kampf um die Burg Balga. weit mehr trug es aus, daß ihnen durch ſolche fluͤchtige Schuͤtzlinge des Volkes innere Verhaͤltniſſe, feine Verfaſſung und Kriegsart, ſeine Lebensweiſe, die Geſinnungen der Volks⸗ führer, die Beſchaffenheit und Lage des ganzen Landes nun⸗ mehr viel bekannter wurden. Durch ſie vernahmen auch die Ritter auf Balga, daß im Volke Warmiens die Hoffnung auſ Balga's Wiedergewinn noch keineswegs erſtorben und nach ſeines Hauptmanns Tod das ſo maͤchtige, als dem Orden hoͤchſt feindliche Geſchlecht der Glottiner ) an ſeine Spitze ge⸗ treten ſey, um Land und Freiheit, Goͤtter und Prieſter gegen die Ordensherren zu vertheidigen. Um Balga gegen den neuen drohenden Sturm zu ſichern, ſchien das Nothwendigſte, dem Feinde den nahen Zugang zur Burg zu verſperren. Dieſes aber konnte um ſo leichter ge⸗ ſchehen, da die Natur des umliegenden Landes ſchon ſelbſt das Wichtigſte im Plane vorgearbeitet. Das ganze Gebiet naͤmlich, auf welchem Balga ſtand, war nach der Landſeite gen Oſten hin faſt ringsum von tiefem Geſuͤmpfe, Moraſt und Bruͤchen umgeben, ſo daß bei milder Jahreszeit der Zugang zu der Burg bier für ganz unmöglich galt. Der Aufenthalt einer zahlloſen Menge wilder Sumpfvoͤgel bildete dieſer grundloſe 1) Es iſt von dieſem Geſchlechte ſchon im erſten Bande dieſes Wer⸗ kes die Rede geweſen. Aber ſchwerlich iſt der Name aufs Reine zu bringen. Die Lesarten der Chroniſten find zu verſchieden. Dusdurg P. III. c. 23 nennt fie viri praepotentes dicti Gobatini; fpäter aber P. III. c. 258 erwähnt er ein territorinm Glottoviae War- miensis dioecesis. Dieſes iſt jedoch offenbar das Gebiet des nachma⸗ ligen Kirchdorfes Glottau bei Guttſtadt oder des Dorfes Glautienen bei Zinten. Andere haben den Namen Glottiner, ſo Waißel S. 51. Henneberger S. 141 und nach biefem Namen konnte Glautienen bei Zinten wohl als das alte Beſitzthum dieſes Geſchlechtes angeſehen werden. Der Name Gobatini bei Dusburg, welchen auch Lucas David B. II. S. 112 aufgenommen, jedoch Gobetiner ſchreibt, ift hoͤchſt wahrſcheinlich verdorben. Die Mſer. des Dusburg weichen fehr ab; das Regiom. hat Gobotini; fo auch das Berolin.; das Elbing Glottini. Dusburgs Epitomator hat ſogar Goltinyn. Im Ganzen ſcheint der Name Glottiner der richtigere zu ſeyn. Jeroſchins Reim⸗ chronik P. III. c. 23 hat Golotinyn.
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Belagerung der Burg Balga. 389 Moraſt fuͤr die Burg die allerſicherſte Schutzwehr. Nur nach Suͤden hin hatte man durch eingelegte Baumſtaͤmme einen Damm befeſtigt und über dem Geſuͤmpfe eine Art von Bruͤcke verfertigt, auf welcher auch zur Sommerzeit zur Burg zu gelangen war ). Dieſer einzige Zugang durfte nur verſperrt werden, um Balga gegen jeglichen Angriff vom Lande her völlig ficher zu ſtellen. Alſo erbaueten die Ordensritter am ſuͤdlichſten Ende jenes Dammweges an dem Flüßchen, welches von Hoppenbruch her in das Friſche Haff einfließet, eine Muͤhle, die ſie wie eine Burg auf jede Weiſe bewehrten und befeftigten, mit Wall und Graben umzogen und zu Schutz und Vertheidigung mit einer hinlaͤnglichen Schaar von Be⸗ waffneten unter dem Befehle zweier Ordensbruͤder beſetzten 2). Kaum aber war das Werk vollendet, als aus dem In⸗ nern Warmiens und aus der Landſchaft Natangen eine maͤch⸗ tige Schaar von Kriegsleuten heranzog, die Glottiner als Fuͤhrer an ihrer Spitze. Der erſte Angriff mit friſcher Kraft und zornigem Muthe geſchah auf jenes Außenwerk und das Gluͤck begleitete ihn. Nach kurzer Belagerung wurde die Muͤhle erſtuͤrmt, die ſaͤmmtliche Mannſchaft ermordet und die Feſte durch Feuer vernichtet ). Schwerer aber und faft unmöglich ſchien den ungeuͤbten Kriegern die Eroberung der ſtark befeſtig⸗ ten Burg. Daher auch nicht einmal ein Angriff auf ihre ftarfen Mauern gewagt wurde. Man hielt fuͤr zweckmaͤßiger, ſie rings umlagert zu halten, die Ritter mit ihren Kriegsleu⸗ ten nur auf den engen Bereich ihrer Burg zu beſchraͤnken, die Zufuhr aller Lebensmittel abzuſchneiden und ſo die Uebergabe durch Noth und Hunger zu erzwingen. Von Balga aus gen Oſten hin lag jenſeits des Gebruͤches ein weites Feld Par⸗ tegal genannt), durch welches, wenn zur Winterzeit der 1) Dusburg P. III. c. 21 nennt fie pons paludis. Lucas David B. II. S. 108: „einen langen Knotteltham uͤber das ge⸗ bruche und eine lange Knottelbrucke des großen Gekwebbes.“ 2) Dusburg l. c. Lucas David a. a. O. Schütz p. 20 nennt die Mühle eine „Paſtey.“ 3) Dusdurg P. III. c. 21. Lucas David B. II. S. 112 4) So iſt der Name richtig bei Ds burg 1. c.; fo hat ihn auch
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390 Belagerung der Burg Balga. vorliegende Moraſt erſtarrte, der Einfall nach Warmien und Natangen leicht offen ſtand. Solchen zu verhindern, erbau⸗ ten hier die Preuſſen eine ſtarke Wehrburg und beſetzten ſie mit zahlreicher Mannſchaft. Zu gleicher Zeit befeſtigte ein an⸗ derer Heerhaufe ſuͤdwaͤrts von Balga aus, am Ende des Ge⸗ bruͤches und am Eingange des Dammweges den Schranden⸗ berg zum Bergfrieden ). Auch dieſe Wehrfeſte ward mit ei⸗ ner ſtarken Zahl auserleſener Kriegsleute bemannt und hin⸗ laͤnglich mit Lebensmitteln verſorgt. Den Rittern auf Balga hatte es die zahlloſe, von Tag zu Tag vergroͤßerte Schaar des Feindes, wie nicht minder der zwiſchen ihnen und den Preuſſen liegende Sumpf unmoͤglich gemacht, den Bau dieſer Befeſtigungen zu hindern. Ein offener Kampf im freien Felde wäre ihr Verderben geweſen bei der weit überlegenen feindli⸗ chen Macht. Noch zur gluͤcklichen Stunde hatten zuvor die Ritter vor dem Damınmege, der nach Balga führte, auf einer Höhe, die wir den Schneckenberg genannt finden ), eine fefte fein Epitomator und Jeroſchins Reimchr. Schütz p. 20 ſchreibt ziemlich richtig Partigal; verfälfcht iſt der Name Portugal bei Lucas David B. II. S. 112 und bei Waißel S. 51. Es iſt kaum ein Zweifel, daß dieſes Feld das Beſitzthum der Parteiner, einer altpreuſſi⸗ ſchen edlen Familie war; ſ. Hartknoch ad. Dusburg p. 297; Kreuz: feld vom Adel der alten Preuſſ. S. 33. Der Name iſt noch jetzt auf⸗ behalten in dem adelichen Gute Partheinen bei Hoppenbruch am Fri⸗ ſchen Haffe. Partegal iſt ein zuſammengeſetzter Name: Galas, im Lit-h. Galls das Ende, das Aeußerſte, die Gränze; ſonach Parte- gal das Graͤnzfeld der Parteiner. I) Dusburg P. III. c. 23 nennt ihn Mons Strandonis, aber unrichtig; ſein Epitomator und Jeroſchin haben mons Schrandyn, Schrandinberge. Auch Lucas David a. a. O. Waißel S. 51 und Henneberger p. 429 ſchreiben Schrandin. Der Name iſt aufbehal⸗ ten im Koͤlmiſchen Gute Schrangenberg. 2) Dusburg P. III. c. 24 nennt die Burg Schinkenberg; nach ihm koͤnnte man glauben, daß nicht der Berg, ſondern die Burg ſo geheißen habe. Richtiger aber geben die andern Quellen den Namen Schneckenberg. Dusburgs Epitomator hat Schnyckenberg, ein Be⸗ weis, daß ſpaͤter der Name bei Dusburg verdorben worden iſt. Lucas David B. II. S. 112. 113. Henneberger p. 425 ſagt, daß der Berg noch zu ſeiner Zeit der Schneckenberg geheißen habe.
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Belagerung der Burg Balga. 391 Burgwehre errichtet und dieſe mit einer bedeutenden Schaar ruͤſtiger Kriegsleute unter dem Befehle mehrer Ordens brüder und eines tapfern Kriegers, Hartwichs von Pokarben ) — wahrſcheinlich einer von den zu den Rittern gefluͤchteten Edlen der nahen Gegend — ſo trefflich bemannt, daß der Zugang zu der Hauptfeſte Balga hiedurch verſperrt war. Freilich war auf die Laͤnge dadurch nicht viel gewonnen, denn die Kuͤhn⸗ heit der Preuſſen durchbrach bald dieſe Hemmung; in Kurzem war die Burgwehre von allen Seiten eingeſchloſſen und keiner von den Kriegsleuten durfte es wagen, im Freien zu erſchei⸗ nen. Gelang es den Belagerern auch nicht, die Befeſtigung zu erſtuͤrmen, ſo wurden ſie doch bald wieder Meiſter des Dammweges nach Balga hin und täglich trieb kecke Kampf⸗ luſt und Raubgier einzelne ſtarke Heerhaufen bis unter die Mauern der Burg, ſo daß die Ritter auf Balga keine Stunde vor dem Feinde ſicher waren und keiner die Wehren der Burg verlaſſen konnte ). Jeder Tag aber ſteigerte die Gefahr und jeder Tag verminderte die Hoffnung auf Huͤlfe und Erret⸗ tung. Nun drohte auch ſchon Mangel an den nothwendigſten Beduͤrfniſſen, denn ſelbſt die Verbindung zu Waſſer auf dem Haffe mit den weſtlichen Landſchaften war, wie es ſcheint, lange unterbrochen, ſey es durch die Jahreszeit oder durch den Feind, der vielleicht mittelſt Beſetzung des Uferlandes unter⸗ halb der Burg die Anfahrt verhinderte ?). Immer näher ruͤckte die Stunde des Verderbens; es ſchien keine Rettung moͤglich; man dachte bald ſchon an das Aeußerſte: die Burg zu verlaſſen, durch Feuer zu vernichten und jeden ſich Huͤlfe und Befreiung ſuchen zu laſſen, wie er fie finden koͤnne. 1) „Virum nobilem Hertwigum patrem Hertwigi de Po- carwis“ Dusburg I. c. Der Chroniſt erwähnt dieſes Pokarben auch c. 86. Es liegt bei Brandenburg, alſo in Natangen, wohin der Dr: den damals noch nicht vorgedrungen war. 2) Dusburg P. III. c. 23. 24. Lucas David a. a. O. 3) Freilich ſagen uns die Chroniſten faſt gar nichts hieruͤber. Aber wie hätte die Gefahr und Noth ſo hoch ſteigen koͤnnen, wenn die Ver⸗ bindung auf dem Haffe Statt gefunden hätte?
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392 Treue des Ordens gegen den Kaiſer. Da kam auf unerwartete Weiſe rettender Beiſtand. Aber er kam dieſesmal nicht, wie fruͤherhin durch den Papſt, denn am Hofe zu Rom waren es fuͤr den Orden nicht mehr die gluͤcklichen Tage Hermanns von Salza. Seit dieſer Meifter durch Krankheit gehindert in die Verhandlungen des Kaiſers und des Papſtes nicht mehr thätig eingreifen und die noch immer feindlichen Verhaͤltniſſe Lombardiens mit ſo geſchickter, als gluͤcklicher Hand leiten und lenken konnte, war die alte Spannung zwiſchen dem Kaiſer und dem Roͤmiſchen Hofe, der ſich ſchon immer entſchiedener zu Friederichs Feinden hin⸗ wandte, von Tage zu Tage hoͤher geſtiegen. Das Schickſal fügte es, daß an demſelbigen Tage und in denſelbigen Stun⸗ den, als Hermanns friedſamer und verfühnlicher Geiſt dem Irdiſchen entſchwand, ein furchtbarer Fluch des Papſtes den Kaiſer Friederich in den Bann erklaͤrte. Am zwanzigſten Maͤrz des Jahres 1239) ward dieſer aus der Gemeinſchaft der Kirche durch den Bannſpruch ausgeſchloſſen: ein ſchrecklicher Tag fuͤr Friederichs Seele, die in Einer Stunde den biedern, wahrhaften und treuliebenden Freund und den Frieden der Kirche ſich entriſſen ſah. Aber auch fuͤr den Deutſchen Orden trat eine betruͤbte, ſchwerbedraͤngte Zeit ein, denn wie der zornerfüllte Papſt Fuͤrſten und Voͤlker vom Kaiſer loszureißen und alle Banden der Treue, des Gehorſams und der Liebe zum Oberhaupte des Reiches durch die Gewalt der Kirche zu zerſprengen alle Drohungen ſeiner Macht aufbot, um das Haus der Hohenſtaufen jür immer in den Staub zu treten 2), ſo erließ er auch an den Deulſchen Ritterorden das ſtrenge Gebot: er ſolle und muͤſſe ſofort alle Verbindung und jegliche Gemeinſchaft mit dem gebannten und der Kirche entfremdeten Kaiſer aufgeben, wofern er nicht alle Freiheiten, Vorrechte und Beguͤnſtigungen, die ihm je der Stuhl zu Rom verliehen, vernichtet ſehen wolle ). So ſchreckend indeſſen die Drohung I) Richard. de S. Germano p. 1041. Raynald. an. 1233. Nr. 14. Raumer B. IV. S. 20. 2) Vgl. Raumer B. IV. S. 43 ff. 3) Raynald. an. 1239. Nr. 36: „Ad revocandos pariter
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Treue des Ordens gegen den Kaiſer. 393 war, ſo hatte ſie doch keineswegs die erwartete Wirkung; denn wie ſich der Papſt in allem, was er als Folge ſeines Bannſtrahles in Italien und Deutſchland bezweckte, in dem Sturme ſeiner Leidenſchaft gewaltig verrechnete und weder Fuͤrſten noch Voͤlker, ſelbſt nicht einmal alle hohen Geiſtlichen in ihrer Treue gegen den Kaiſer wankend wurden, ſo ſtand auch fernerhin der Deutſche Ritterorden unerſchuͤtterlich feſt in ſeiner Anhaͤnglichkeit zu ſeinem hohen Goͤnner, keine Schrecken der Kirche brachen ſeine Treue, und der Papſt, durch dieſen Ernſt und dieſe Beharrlichkeit in der Geſinnung wie entwaff⸗ net, wagte es nicht einmal, ſeine Drohung zu vollziehen. Sei⸗ nen Groll indeſſen gegen den Orden legte er dadurch an den Tag, daß er, ſo lange er lebte, der Deutſchen Ordensbruͤder mit keinem guͤtigen Worte mehr gedachte ) und wie zur Rache an ihrer Sache in Preuſſen nur zu einem Kreuzzuge nach Eſthland aufmunterte 2). So war es ohne Zweifel auch eine nur erzwungene Maͤßigung, wenn nicht die Klugheit es gebot, daß er die damals gerade vom Biſchofe Chriſtian bei ihm an⸗ gebrachte Anklage gegen den Orden nicht ganz anders benutzte, als es geſchah. Sanken aber auch in ſolcher Weiſe die Ordensritter in der Gunſt und Zuneigung des Papſtes wegen der Deutſchen biederen Geſinnung, wegen der treuen Anhaͤnglichkeit gegen ihren Herrn, ihren Wohlthaͤter und Mitſtifter ihrer Größe, wegen der ritterlichen Treue und Liebe zu ihrem Kaiſer, ſo flieg der Orden doch in gleichem Maaße in Werthſchaͤtzung und Achtung bei dem Kaiſer, in Liebe und Zuneigung bei Koͤni⸗ ad officium religiosos equites domus S. Mariae Tbeutonicorum, qui Friederici partes erant amplexi, justissimas illis minas in- cussit, si in tyranni obsequio perstarent, omnia privilegia fis concessa rescissurum. “ Raynald bezieht ſich hiebei auf eine ihm vor: liegende paͤpſtliche Bulle, welche ober im geh. Archive nicht vorhanden iſt. 1) Es findet ſich daher ſeit dieſer Zeit von dieſem Papſte auch keine einzige Bulle mehr fuͤr den Orden. 2) Raynald, an. 1240 Nr. 34.
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394 Treue des Ordens gegen ben Kaifer. gen und Fürften. Friederich felbft vergalt die biedere Geſin⸗ nung bald durch neue Gunſtbezeugungen. Unter den Koͤnigen leuchtet Wenzeslav, der von Boͤhmen, am meiſten hervor, folgend dem ruͤhmlichen Beiſpiele feines Vorgängers, Ottocars des Zweiten ). Aber auch Bela, der Koͤnig von Ungern, trat bald, wie wir fernerhin ſehen werden, unter des Ordens Wohlthaͤtern und Beſchuͤtzern auf. Unter der Zahl der Fürs ſten Deutſchlands war es vor allen Otto, der edle Herzog von Braunſchweig, welcher ſich um den Orden manche hohe Verdienſte erwarb. Dieſer Otto, das Kind genannt, ſeit wenigen Jahren erſter Herzog von Braunſchweig, war es, welcher dem Orden in Preuſſen, vorzuͤglich auch jenen dedraͤngten Rittern auf Balga die lange erſehnte Huͤlfe brachte. Jugendliche Thaten⸗ luft, Durſt nach Ruhm in Kämpfen gegen die Heiden, from⸗ mer Glaubenseifer 2) und Zuneigung für den Deutſchen Or⸗ den moͤgen ihm das Herz erfuͤllt und ihn getrieben haben, einen Kreuzzug nach Preuſſen zu unternehmen. Gewiß aber wirkte auch der neue Hochmeiſter des Ordens, Conrad von Thuͤringen, auf ſeinen Entſchluß nicht wenig ein, da nahe 1) Schon König Ditocar II von Böhmen zeigte ſich im Jahre 1222 in einer an Hermann von Salza gerichteten Urkunde als Goͤnner und Wohl⸗ thäter des Ordens, indem er alle Haͤuſer, Briſitzungen und Brüder des Deutſchen Ordens in ſeinem Reiche Boͤhmen, in Mähren und den an⸗ dern ihm unterthanen Laͤndern in ſeinen beſondern Schutz nahm. Er ſelbſt hatte dem Orden mehre wichtige Beſitzungen verliehen, nennt aber in der Urkunde auch den Herzog Conrad II von Böhmen und feinen eignen Bruder Herzog Ladislav III von Mähren als ſolche, die den Orden mit Gütern beſchenkt. König Wenzeslav beftätigte im Jahre 1237 alle von ſeinem Vater Ottocar II. dem Orden gemachten Ge⸗ ſchenke an Land und Gut mit Anfuͤhrung jedes einzelnen. Im Jahre 1241 that er daſſelbe bei einer Beſchenkung, welche der Orden von ei⸗ ner edlen Frau Domazlawa von Miletin erhielt; eben fo im J. 1242 bei einer Beſchenkung eines gewiſſen Johannes, Sohns Zbrazavs. Ueber alles dieſes befinden ſich die Original⸗Urkunden im geh. Archive. 2) Nach Lucas David B. II. S. 115 und Schütz p. 20 loͤſete der Herzog durch den Zug nach Preuſſen ein Geluͤbde.
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Streit Conrads v. Maſovien mit dem Orden wegen Löbau. 395 Verwandtſchaft beide Fürften verband 9). Nach trefflicher Ruͤ⸗ ſtung trat er im Winter des Jahres 1239 den Zug nach Preuſſen an, an der Spitze von ſiebenhundert Lanzen und ei⸗ ner großen Schaar von Pilgern >). Ihn begleitete ohne Zwei⸗ fel auch der neue Landmeiſter Heinrich von Wida ). An der Weichſel angelangt, fanden ſie den Orden in neuen Mißhelligkeiten mit dem Herzoge Conrad von Maſo⸗ vien. Das Gebiet von Loͤbau, an ſeiner weſtlichen Graͤnze das Kulmerland beruͤhrend, war des Zwiſtes Urſache. In Conrads Schenkungsbriefen war dieſes Gebietes nie erwaͤhnt worden. Vor fuͤnf und zwanzig Jahren hatte der Papſt Innocenz der Dritte bei dein Uebertritte des damaligen Lan⸗ desfuͤrſten Suavabuno zum Chriſtenthum das ganze Land Loͤ⸗ bau dem Biſchofe Chriſtian zugeſprochen ). An Rechte, welche uͤber dieſes Gebiet etwa dem Herzoge von Maſovien zuſtehen koͤnnten, war damals nicht gedacht worden. Als der Orden ins Kulmerland trat, war das matte Licht des Chri⸗ ſtenthums auch dort wieder gaͤnzlich verloſchen. Erſt unter den Waffen der Ritter war es wieder angezuͤndet und das Gebiet konnte daher mit allem Rechte nach den geſchehenen Verheißungen fuͤr ein Beſitzthum des Ordens gelten. Nun geſchah aber im Jahre 1239, da Berlewin noch die Statt⸗ 1) Conrads Bruderſohn Hermann, Sohn des Landgrafen Ludwig und der heiligen Eliſabeth, hatte die Tochter des Herzogs Otto von Braunſchweig Helena zur Gemahlin. Albert. Stadens. p. 310. Wenck Heſſ. Landesgeſchichte B. II. S. 728. Rommel Geſch. von Heſſen B. I. S. 304. 243. 2) Dusburg P. III. c. 25: „venit cum multitudine copiosa peregrinorum. Naucler. p. 822. Cucas David B. II. S. 114. Schütz p. 20. 3) Der Landmeiſter war, wie ſogleich erwieſen werden wird, in der Mitte des Februars 1240 ſchon in Preuſſen. VNaucler. I. c. läßt den Herzog Otto den Zug nach Preuſſen ebenfalls ſchon im Winter des J. 1259 antreten. Daß auch noch im Mai des J. 1240 in Deutſch⸗ land, namentlich in der Diöcefe von Olmuͤtz gegen die Preuſſen das Kreuz gepredigt wurde, bezeugt Aoentin. Excerpt. ex Alberti Bo- hemi Actis ap. Oefele T. I. p. 789. 4) Vgl. Lucas David B. II. S. 23.
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396 Streit Conrads v. Maſovien mit dem Orden wegen Loͤbau. halterſchaft des Landmeiſters fuͤhrte, daß Herzog Conrad ſeine Jaͤger ins Loͤbauiſche Gebiet zur Jagd ausſandte, weil er es noch als ſein Eigenthum betrachtete. Die Ordensritter ließen den Jagdleuten Geſchoß, Hunde und das erlegte Wild weg⸗ nehmen, mit dem Bedeuten, es ſey Beſitzthum des Ordens, wo ſie das Wild gefangen. Da beſchwerten ſich Herzog Con⸗ rad und ſein Sohn Boleslav uͤber die Gewaltthat bei dem paͤpſtlichen Legaten Wilhelm von Modena, und weil nun um dieſe Zeit der neue Landmeiſter eben angelangt war, ſo wur⸗ den von jenem Verhoͤre gehalten in Gegenwart beider Her⸗ zoge, Heinrichs von Wida und mehrer Ordensbruͤder zuerſt zu Ploczk, dann zu Dobrin. Die Ordensritter leugneten, daß Loͤbau des Herzogs rechtmaͤßiges Eigenthum ſey, obgleich die⸗ ſer ſein Anrecht darauf gruͤndete, daß ſeine Voraͤltern das Land mit Schwert und Schild den unglaͤubigen Preuſſen entriſſen haͤtten. „Das iſt nicht wahrſcheinlich,“ erwiederten die Ordensritter, „und uͤberhaupt nicht wahr, da ihr ja Maſo⸗ vien ſelbſt, euer väterliches Erbe, gegen die Preuſſen damals nicht einmal vertheidigen konntet;“ und die in der Verſamm⸗ lung gegenwaͤrtigen Preuſſen ſtimmten in allem den Ordens⸗ herren bei. Da beſchied der paͤpſtliche Legat die ſtreitenden Theile zu einem neuen Tage auf der Burg Michalow mit dem Auftrage, daß die Herzoge von Maſovien dort ihr be⸗ hauptetes Anrecht auf das Land Loͤbau naͤher erweiſen ſoll⸗ ten, denn die Ordensherren erboten ſich, klar darzuthun, daß es ihnen und den Preuſſen zugehoͤre. Allein auf dieſem Tage erſchien weder einer der beiden Herzoge, noch ein abgeordne⸗ ter Sachwalter, und ſo blieben die Ordensritter auch ferner in des Landes Beſitz „). 1) Dieſen Vorgang der Sache berichtet der paͤpſtliche Legat ſelbſt in einer Urkunde, deren Original im geh. Archive Schiebl. 57. 10 vor⸗ handen und bei Kotzebue B. I. S. 389 (aber fehlerhaft) abgedruckt iſt. Ihr Datum iſt: In Mychalo a. d. M. CC. XL. tercio Idus Februar, (11. Februar). Der Legat ſagt unter andern auch: er fey auf den erſten Verhandlungstag nach Ploczk gekommen ad vocatio- nem ducis Conradi et filii eius B. cum commendatore domus
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Balga's Rettung durch Herzog Otto von Braunſchweig. 397 Mittlerweile war Otto von Braunſchweig mit allem Ei⸗ fer bemüht geweſen, den Belagerten auf Balga zu Huͤlfe zu kommen. Aber es hielt ſchwer, die Hartbedraͤngten und Hoff⸗ nungsloſen von ſeiner Ankunft zu unterrichten, denn wach⸗ ſam, wie die Preuſſen im Kriege beſtaͤndig waren, ließen ſie auf dem Haffe kein Fahrzeug der Burg irgend nahe kom⸗ men. Dennoch gelang es einem kleinen Boote, der Wachſam⸗ keit des Feindes zu entgehen und ſich zur Nachtzeit dem Ufer unter der Burg zu naͤhern. Ein Vertrauter des Herzogs ſchlich ſich an die Burg, den Rittern die frohe Botſchaft von der nahen Huͤlfe verkuͤndigend. Man berieth mit ihm den Plan, wie die Heerſchaar der Preuſſen zu gleicher Zeit von der Mannſchaft der Burg angegriffen und von des Herzogs Kriegshaufen uͤberfallen werden koͤnne, und entließ dann den Botſchafter an den Herzog zuruͤck. Ein vornehmer Preuſſe, der fruͤher unter den Warmiern in hoher Achtung geſtanden, ſich aber zu den Ordensrittern nach Balga gefluͤchtet und dort die Taufe erhalten hatte, — Pomande war fein Name) — teutonicorum et frairibus eius de Pruscia. Dieſe Bezeichnung muß im erſten Augenblick ſonderbar ſcheinen; da es um dieſe Zeit ſchon fünf bis ſechs Komthure in Preuſſen gab, fo dürfte man zweifelhaft blei⸗ ben, welcher von dieſen unter jenem gemeint ſey. Betrachtet man die Sache aber genauer, ſo iſt es außer allem Zweifel, daß es der Land⸗ meiſter Heinrich von Wida war, den der Legat damit bezeichnen wollte. Das Wort commendalor wurde in dieſer Zeit noch für gleichbedeutend mit der Bezeichnung provisor gebraucht, wie aus den Zeugenangaben des Kulmiſchen Privilegiums klar zu erſehen iſt; f. Hartknoch ad Dusburg p. 460 — 461. Provisor nannte ſich mit Hinzufuͤgung von Prussiae auch der Landmeiſter; aber auch Commendator terrae war dafuͤr gewoͤhnlich und Hermann Balk ſelbſt gebrauchte von ſich dieſe Be⸗ zeichnung im Kulm. Privilegium. So kann alſo auch commendator domus teutonicorum de Prussia ſchwerlich etwas anderes bezeichnen, als den Landmeiſter, der alſo im Winter 1239 — 40 ſchon in Preuf: ſen war. — Daß der Orden auch nach der Entſcheidung des paͤpſtlichen Legaten im Beſitz des Landes Loͤbau blieb, geht aus den Schlußworten der Urkunde hervor: et sic fratribus et prulenis possidentibus negocium indeterminatum permansit. 1) So ift der Name richtig; fo haben ihn auch Jeroſchin P.
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398 Balga's Rettung durch Herzog Otto von Braunſchweig. erbot ſich zu des Planes Ausfuͤhrung. Unter dem Scheine der Flucht begab er ſich ins Lager ſeiner Landsleute und, mit Jubel von ihnen aufgenommen, wußte er durch vorgeblichen Haß und Widerwillen gegen Chriſten und Chriſtenthum ) das un bedingteſte Vertrauen zu erwerben. Mit geſpannter Er⸗ wartung vernahm man ſeine Erzaͤhlung von der Noth und dem Bedraͤngniſſe der Ritter auf Balga. „Ich habe der Deutſchen Sitte und Brauch in aller Weiſe gelernt kennen,“ ſprach er; „es ſind fromme und gutgeſinnte Menſchen; aber Balga, ſo feſt verwahrt es immerhin iſt, werden ſie nicht be⸗ haupten koͤnnen. Schon Wochen lang leiden ſie ſchreckliche Hungersnoth; vergeblich war alle ihre Hoffnung auf Erret⸗ tung und Beihuͤlfe aus Elbing und aus Deutſchland. Doch dieſe Huͤlfe koͤnnte wohl bald erfolgen. Darum iſt es jetzt an der Zeit, die Bedraͤngniſſe der Ritter zu benutzen, um die Burg zu gewinnen. Deshalb rathe ich, machet euch auf, ziehet das Kriegsvolk aus Natangen, Warmien und aus dem Barterlande zu euch heran. Ich kehre zur Burg zuruͤck; mir wird die Wache dort anvertraut; kommet ihr dann zum Sturme heran, ſo gebe ich euch das Zeichen, wo ihr die Burg erobern koͤnnet. Doch erſchrecket nicht, wenn ſich die Ritter ins Freie zum offenen Kampfe ſtellen; um ſo leichter der Gewinn gegen die Ermatteten!“ — So ſprach Pomande zu den Oberſten der Warmier.?) Alsbald ſandten ſie Eil⸗ III. c. 26. Lucas David B. II. S. 116. Waißel S. 52. Auch in Verſchreibungen kommt er ſo vor. Die zwei Bruͤder Pomande und Nobute de Bulgain hatten Beſitzungen im Samländ. Dorfe Bulgain, jetzt Bolgehnen bei Schaaken. Bei Dusburg P. III. c. 26 iſt der Name verdorben Pommada. Er muß in alten Abſchriften undeutlich geſchrieben geweſen ſeyn, denn Dusburgs Epitomator hat ſogar nobi- lem Pomeranum noviter conversum daraus gemacht. Dagegen las ein alter Ueberſetzer Dusburgs ebenfalls Pomande. 1) „Simulans se hostem fidei et ſidelium.“ Dusburg I. G 2) So dem Sinne nach Lucas David B. II. S. 117. Wenn Pomande auch ſchwerlich des Chroniſten Worte in ſeiner Mutterſprache ſprach, ſo lagen doch offenbar die Gedanken in dem Gange der Sache.
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Balga's Rettung durch Herzog Otto von Braunſchweig. 399 boten in die nahen Landſchaften und nach wenigen Tagen erhielten ſie die Nachricht, daß eiligſt alles tuͤchtige Kriegs⸗ volk aufbrechen und ſich im Heerlager vor Balga mit ihnen vereinigen werde. Da ging Pomande in die Burg zuruͤck. Waͤhrend nun im Heerlager der Preuſſen alles ſich zum Kampfe ruͤſtete und die Kriegshaufen aus Natangen, Warmien und Barterland berbeizogen, erhielt Herzog Otto die heimliche Botſchaft aus der Burg. Eiligſt macht er fi auf, nähert ſich zur Nacht⸗ zeit dem Ufer, verbirgt einen Theil ſeines Kriegsvolkes im dichten Gebuͤſche, welches damals noch unter der Burg ſtand, den kleinern Theil entſendet er auf die Burg und in die Wehrfeſte Schneckenberg und erwartet nun das verabredete Zeichen. Da bricht am Morgen das feindliche Heer der Preuſſen aus ſeinem Lager auf, ſtark an Zahl, eine auserle⸗ ſene Mannſchaft, voll Siegeshoffnungen, an ſeiner Spitze die Maͤchtigſten und Edelſten der Landſchaſten. Der Herzog ge⸗ wahrt das Zeichen; doch wie die Ritter auf der Burg, ſo verhaͤlt auch er ſich in Ruhe, bis ſich der Feind den Mauern Balga's ganz genaͤhert. Da öffnen ſich ploͤtzlich die Thore der Burg; in wenigen Augenblicken ſteht das Kriegsvolk der Ritter zum Kampfe bereit und zieht dem Feinde entgegen. Die Heerhaufen der Preuſſen wichen beſtuͤrzt etwas zuruͤck, um ihre Schlachtreihen zu ordnen; darauf aber ruͤckten ſie kecken Muthes und meinend, daß nur Noth und Hunger den Feind zum offenen Kampfe herausgetrieben, der feindlichen Schaar entgegen. Es kam zum blutigen Streit auf freier Ebene. Die Preuſſen kaͤmpſten mit außerordentlicher Tapfer⸗ keit, die Deutſchen wie Verzweifelte; der letzteren beſſere Ruͤ⸗ ſtung und Waffenart und eine Schaar trefflich geuͤbter Vo⸗ genſchuͤtzen brachten dem Feinde große Verluſte; aber immer hielt in dieſem den Muth und durch den Muth auch den Kampf noch der Gedanke aufrecht, daß die Kraft der ſchon durch Hunger und Leiden ermuͤdeten Deutſchen ſich im Ge⸗ tuͤmmel der Schlacht ſchnell verzehren muͤſſe. Da bricht ploͤtz⸗ lich der Braunſchweiger aus dem Hinterhalte mit wildem
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400 Balga's Rettung durch Herzog Otto von Braunſchweig. Kriegsgeſchrei auf den Feind im Ruͤcken ein; der Kampf ver⸗ wirrt ſich auf die ſchrecklichſte Weiſe; alles kommt in den Reihen der Preuſſen in gaͤnzliche Unordnung; nirgends iſt Halt und Widerſtand, im Schwerte keine Rettung mehr und nur in der Flucht ein zweifelhaftes Heil. Aber auch dieſes ward nur wenigen zu Theil, denn das unſichere, moraſtige Gelaͤnde faſt rings umher machte das Entfliehen großer Hau⸗ fen ganz unmoͤglich; zudem war auch der enge Dammweg ſchon während der Schlacht von denen aus der Wehrfeſte Schneckenberg beſetzt worden. Sonſt war nirgends ein Aus⸗ weg; was von den Deutſchen erreicht wurde, erlag dem Schwerte; viele von den Fluͤchtlingen ſich ſeitwaͤrts wendend erſtickten im Sumpfe. So war in wenigen Stunden das ganze Belagerungsheer der Preuſſen vor Balga voͤllig auf⸗ gerieben ). Den Schrecken der furchtbaren Niederlage benutzend, brach nun Herzog Otto mit den Rittern auf Balga am naͤchſten Tage auch gegen die nahe Wehrſeſte Schrandenberg und die Burg Partegal auf. Sie leiſteten geringen Wider⸗ ſtand, wurden leicht erſtuͤrmt, durch Feuer verwuͤſtet und die Mannſchaft theils erſchlagen, theils gefangen 2). Doch nicht den Ruhm des Sieges allein, auch deſſen 1) Dusburg P. III. c. 26 giebt nur die Hauptzuͤge dieſer Be⸗ gebenheit; uͤber den Ausgang der Schlacht ſagt er: et occiderunt ipsos (sc. Prulenos) usque ad internecionem, ita quod unus ex eis non remansit, qui eventum talem posteris nunciaret. Nach ihm Jeroſchin P. III. c. 26; am vollftändigften Lucas Das vid B. II. S. 118 — 119; Schütz p. 20. Waißel S. 52. Mau- cler. p. 822 hat nur das Allgemeine. Henneberger S. 24. Tie⸗ demanns Chron. S. 37 Mſcr. Die Ordens-Chron. ſchweigt ganz von den Ereigniſſen vor Balga. 2) Eine genauere Zeitangabe dieſer Ereigniſſe iſt nicht zu ermitteln. alle Chroniſten ſchweigen darüber. Fiel die Schlacht vor Balga noch im Winter des Jahres 1240 vor, ſo waͤre anzunehmen, daß der Win⸗ ter ſehr weich, das Friſche Haff offen und die Moräfte um Balga un: gefroren geweſen ſeyen, was damals wie fetzt nicht ſelten in Preuſ⸗ ſen iſt. a
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Balga's Rettung durch Herzog Otto von Braunſchweig. 401 ſchoͤnere Fruͤchte wollte Herzog Otto in Preuſſen noch ernd⸗ ten. Balga blieb ein ganzes Jahr hindurch fein Aufenthalt ). Von hier aus brach er vereint mit dem Kriegsvolke des Or⸗ dens bald in Warmien, bald nach Natangen, bald ins tie⸗ fere Barterland ein ). Und da aus allen dieſen Gebieten die ruͤſtigſten Krieger, die Hauptleute, vielleicht auch die Reiks oder die Fuͤrſten im Kampfe vor Balga gefallen waren und uͤberall Schrecken und Angſt den Waffen des Herzogs unter dem verlaſſenen Volke vorangingen, ſo fand nirgends bedeu⸗ tender Widerſtand Statt; keiner wagte es, an die Spitze der zaghaften Bewohner der Landſchaften zu treten, um dem Kriegshaufen des Herzogs Raub und Pluͤnderung zu weh⸗ ren. Da ergaben ſich endlich, um ber täglichen Angſt und dem Jammer zu entgehen, die Preuſſen aus dieſen Gegenden in ihr Schickſal, verſprachen Gehorſam gegen die Herrſchaft des Ordens und die Annahme des Chriſtenthums, ſtellten Geißeln zur Verſicherung ihrer Treue und erhielten vom Her⸗ zoge das verbuͤrgte Verſprechen, daß ihre Freiheit nicht unter⸗ druͤckt, ihr Landbeſitz ihnen gelaſſen und nur ein jährlicher Zins von ihnen an den Orden entrichtet werden ſolle 2). Nun war der Ordensritter erſte Sorge, das Erworbene zu erhalten und den Gewinn gegen die Gefahr des Verluſtes ficher zu ſtellen. Man kannte in damaligen Zeiten keine an- dern Mittel der Sicherheit, als feſte Burgen an wohlgelege⸗ nen Orten mit hinreichender Kriegsmannſchaft, welche das umwohnende Volk bei jedem Verſuche des Ungehorſams und des Abfalles in Schrecken ſetzen und in die Bahn der Geſetze 1) Dusburg P. III. c. 26. 9) Dusburg P. III. c. 27. Lucas David B. II. S. 120. 3) Dusburg J. c. fagt nur ganz kurz: Datis obsidibus se fi- dei et fratrum imperio subdiderunt. Lucas David B. II. S. 120 fuͤgt hinzu: „Sie ergaben ſich den Bruͤdern Deutſchen Ordens, alſo doch das die Inen vorſprechen ſolten, das die Preuſſen bei voriger Freiheit folten bleiben und Inen nicht mehr zu thun ſchuldig fein, noch zu geben dann einen jhaͤrlichen zins, wie fie des zu der zeit einſt (eins) wurden vom acker. II. 26
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402 Burgen-Bau in Natangen. zurüdführen konnte. Ohnedieß verlangte auch ſchon der Or⸗ densritter eigene Lebensweiſe und Beſtimmung geraͤumige und ſichere Wohnſitze. Sie fanden aber in den drei neuge⸗ wonnenen Landſchaften manche alte heidniſche Feſte ſchon ſo zweckmaͤßig an paſſenden Orten angelegt, daß ſie dieſe nur beſſer verwahren, ſtaͤrker befeſtigen und fuͤr ihren Zweck, ihre Kriegsweiſe, ihre Beduͤrfniſſe und ihre Lebensart einrichten durften. Doch wurden hie und da auch neue Burgen von den Rittern aufgebaut. Im weſtlichen Theile Natangens, wo ſich die Kaurfte, einft ein weit bedeutenderes Gewaͤſſer ), mit dem Pasmar⸗ Fluſſe verbindet, hebt ſich aus der Ebene eine Berghoͤhe em⸗ por, an deren noͤrdlicher Spitze eine tiefe und breite Berg⸗ ſchlucht getheilt ſich hier nach Suͤdoſt, dort nach Suͤdweſt hinwindet. Die Natur reizt und ſchreckt in ihrer Umgebung durch das Liebliche und Freundliche, wie durch das Wilde und Schauerliche ihrer Schoͤpfungen rings umher. Mit der Anmuth der Anhoͤhe vereinte ſich Sicherheit und Feſtigkeit. Die jaͤhe Steile des Abhanges und die Gewaͤſſer in den Bergſchluchten machten es faſt unmoͤglich, die Hoͤhe zu er⸗ ſteigen. Hier, wo der Reiz des freundlichen Landes die Seele zur Freude und Bewunderung gewinnt, des Ortes ſichere und guͤnſtige Lage auch den Ritter und Krieger anzog, erhob ſich auf der Berghoͤhe die Kreuzburg, vielleicht aus den Truͤmmern einer alten heidniſchen Feſte. Sie ſtand lange da ohne die Umgebung einer Stadt, denn in dieſen Land⸗ ſchaften ſiedelten ſich nicht ſo ſchnell neue Bewohner unter den Schutzmauern der Burgen an )) und die Preuſſen ſcheue⸗ 1) Im Privilegium der Stadt Kreuzburg wird die Kauxſte ſchlecht⸗ hin aqua, nicht lumen genannt. Die Sage läßt ſie einſt Schiffe ge⸗ tragen haben. Wenn aber dieſes durch ſichere Zeugen auch nicht zu verbürgen iſt, fo deuten doch die tiefen und breiten Bergſchluchten, die ſie ins Land eingeriſſen hat, auf eine einſt weit bedeutendere Waſſer⸗ fuͤlle hin. 2) um den Verwirrungen der Zeitangaben über die Gründung der verſchiedenen Staͤdte dieſer Landſchaften einige Ordnung zu geben, muß
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Burgen-Bau in Natangen. 403 ten ſich anfangs, in der Nähe der Ritter zu wohnen. So war nun Natangen durch Balga ) und durch die Kreuzburg von den Ufern des Haffes an bis tief hinein ins Innere ge⸗ ſchuͤtzt. Weiter hinauf im Barterlande wurden drei Burgen zur Wehr des Landes aufgerichtet. Auch hier waͤhlten die Or⸗ densritter mit Vorſicht zur Anlegung ihrer Schutzfeſten vor allen ſolche Orte aus, wo die Natur ihren Zwecken vorgear⸗ beitet und das Wichtigſte der Befeſtigung ſchon vollendet hatte. Da wo ſich die Alle, aus dem ſuͤdoͤſtlichen Warmien berabftrömend, im Barterlande aus ihrem Laufe von Suͤden her plotzlich nach Oſten kruͤmmt, umſchließet fie in der Hälfte eines Bogens eine bedeutende Anhoͤhe und trennt ſolche von dem umhergelegenen Flachlande. Auf drei Seiten war die Berghoͤhe vom Waſſer umſpuͤlt und zugleich gegen den An⸗ fall feindlicher Macht geſichert. Im Norden am hoͤchſten und bei der ſchroffen Steile ſchwer erſteigbar ſenkt ſich der Berg gen Suͤden hin in mehren Abtheilungen. Hier erhoben die Ritter die Burg Bartenſtein als erſte Wehrburg der Land⸗ ſchaft; auch ſie ſtand lange allein da ohne die gegenwaͤrtig ihr nahe liegende Stadt gleiches Namens ). Dem raſchen Gewaͤſſer der Alle in ihrer oͤſtlichen Rich⸗ tung von Bartenſtein aus weiter folgend, trafen die Ordens⸗ ritter, da wo der Fluß fich ploͤtzlich wieder nordwaͤrts wen⸗ det, dann oͤſtlich einbiegt und in ſuͤdlicher Kruͤmmung die aus man den Aufbau der Burgen und die ſpaͤtere Anlegung der Staͤdte im⸗ mer unterſcheiden. So wurde die Burg Kreuzburg offenbar ſchon im Jahre 1240 erbaut und wird im Privilegium der Stadt als laͤngſt vor⸗ handen erwaͤhnt. Dieſe dagegen erhielt ihre Gruͤndung erſt im Jahre 1315, wie das erwaͤhnte Privilegium klar ausweiſet. 1) Nach der aͤiteſten Eintheilung gehörte freilich Balga noch zu Warmien. 2) Das Privilegium der Stadt Bartenſtein weiſet aus, daß ihre Gründung erſt unter dem Hochmeiſter Lutherus von Braunſchweig im Jahre 1332 geſchah. 26
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404 Burgen-Bau im Barterlande. dem Barterlande herabſtroͤmende Guber in ſich aufnimmt, au eine alte heidniſche Burg faft ganz vom Waſſer umſchloſſen und in ſolcher Weiſe ſchon durch die Natur geſichert gegen den Feind. Waiſtote⸗Pil ward ſie von den Preuſſen ge⸗ nannt; auch Wallewona lag nicht fern. Beide wurden von den Ordensrittern ſtark befeſtigt und zu ihren Zwecken umge⸗ wandelt. Auch die alten heidniſchen Namen, nur ſinnvoll fuͤr die Zeit des Heidenthums, gingen uͤber in die Benennungen Waiſenburg, Weiſenburg, Wiſenburg, Schiffenburg und Schip⸗ penbeil ). Die Stadt aber, welche jetzt dieſen Namen traͤgt, verdankt gleichfalls ihre Entſtehung erſt fpäteren Zeiten ). Außer des Ortes guͤnſtiger Lage bewog jedoch die Ordensrit⸗ ter zum Aufbau einer Burg fuͤr ihre Zwecke auch noch ein anderer wichtiger Umſtand, deſſen wir fruͤher ſchon in dieſem Werke gedacht haben. Wir ſahen, wie an die ganze Umge⸗ gend ſich heilige, religidſe Erinnerungen knuͤpften, wie der eine jener Namen den Sitz des Landes⸗Griwen, der andere die Wohnburg des Landes ⸗Reiks zu bezeichnen ſcheinen, wie ein heiliger Wald, einen alten heiligen Goͤtterſitz umſchließend, ſich längs der Alle hin bis in die Gegend zog, wo jene be⸗ deutungsvolle Orte lagen und nun die Ritterburg erhoben ward, wie hier auf mächtigen Opferſteinen, die noch in ſpaͤ⸗ teren Zeilen aus jenen heidniſchen Tagen her ihre altpreuſſi⸗ ſchen Benennungen trugen ), den Goͤttern ſeſtliche Gaben 1) Vgl. Dus burg P. III. c. 27. 109. 110. 111. Schütz p. 20. Geſammelte Nachrichten von der Stadt Schippenbeil. Königsberg 1778. S. 6. Die hier verſuchte Erklaͤrung des Namens der Stadt Schippenbeil läßt ſich wohl ſchwerlich vertheidigen. Wir haben hieruͤber im erſten Theile das Noͤthige geſagt. 2) Das Gründungs-Privilegium der Stadt Schippenbeil iſt erſt vom Jahre 1351. S. geſammelte Nachrichten von der Stadt Schip⸗ penbeil S. 8. 10. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 418 bemerkt, daß die Erbauung ſchon ins Jahr 1319 falle. 3) Diefes geht aus einer Verſchreibung des Hochmeiſters Winrich von Kniprode vom J. 1377 hervor. Der heilige Wald lag nach ihrer Angabe weſtlich von Schippenbeil. Der eine der erwähnten Steine hatte den Namen Pogrant.
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Burgen-Bau in Barterland. 405 geſpendet wurden ). Dieſe Bedeutung des Ortes hatte auch fuͤr die Ritter eine beſondere Wichtigkeit. Es war nothwen⸗ dig, daß ſich die Ordensgebietiger dieſer heilig verehrten Goͤt⸗ terwohnung bemeiſterten, an welche die Andacht und Froͤm⸗ migkeit der Menſchen Jahrhunderte lang ſich geknuͤpft, und zu welcher auch nach des Landes Eroberung gerne noch man⸗ cher alte Bewohner des Barterlandes im Stillen hineilte zu Opfer und Gebet im Schmerze um das alte verlorene Leben und um den vertilgten Goͤtterglauben. Schon deshalb mußte es den chriſtlichen Rittern heilſam ſcheinen, in feſtverwahrter Burg dort eine kriegeriſche Wache aufzuſtellen, um in ſolcher Weiſe die Sehnſucht der Bewohner nach dem alten Heilig⸗ thum, den Beſuch der alten verehrten Orte, den Goͤtzendienſt im nahen heiligen Walde, die Weihgaben auf den heiligen Opferſteinen um fo leichter unterdruͤcken zu koͤnnen 2). Weiter ins Barterland hinauf erbauten die Ordensritter die dritte Burg, Roͤſſel genannt. Was zu ihrer Gruͤndung den naͤchſten Anlaß gegeben, ob dort vielleicht ſchon eine alte heidniſche Burg mit den noͤthigen Befeſtigungen geſtanden und die Grundlage fuͤr die neue Ritterburg dargeboten habe, iſt unbekannt. Die Natur hatte hier weniger als anderswo fuͤr Sicherheit und Feſtigkeit des Ortes vorgearbeitet, denn nur ein unbedeutendes Gewaͤſſer umfloß die Anhoͤhe, auf welcher die Burg emporſtieg, um die aufgeworfenen Graben im Bereiche der Burg zu fuͤllen. Dagegen erhoben ſich nach 1) Die noͤthigen Beweiſe hierüber — fo weit ſolche hier möglich ſind — findet man im erſten Theile in dem Abſchnitt uͤber die Religion der alten Preuſſen. 2) Dieſes erläutert uns auch den blutigen Kampf, der fpäterhin nach Dus burg P. III. c. 109 — 112 um den Beſitz dieſer Gegend zwiſchen dem Orden und den Preuſſen gekämpft wurde. Daß es foͤrm⸗ licher Plan der Ordensritter war, vorzuͤglich ſolche heilige Orte des Landes in ihren Beſitz zu bringen, deutet Dus burg im Prologus p. 7 mit den Worten an: Attende qualiter fratres, ut Judas Mac- chabaeus, loca sancia terrae Pruschiae, quae gentes prius per idololatriam polluerunt, mundaverunt et sacrificatur in eis quo- tidie Deo sacrificium laudis et honoris.
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406 Burgen-Bau in Warmien. allen Seiten kraͤftige Mauerwerke, ſtarke Waͤlle, tieſe Gra⸗ ben, alles in weit größeren Maſſen und Formen als da, wo die Natur ſchon ſchuͤtzte. Hier galt es weit mehr Kunſt und Menſchenkraft, um zu erſetzen, was des Ortes Lage verſagte. Auch hier ſtand die Ordensburg lange Zeit allein da, bis erſt in ſpaͤterer Zeit unter dem Schutze ihrer Mauern die Stadt gegruͤndet ward. So ſtanden nun die Ritter im Zuge ihrer Eroberungen an den Graͤnzen des Galinderlandes. Sie brachen bald auch in dieſes ein, faſt ohne allen Widerſtand bis tief ins Innere vordringend. Dort gelang es ihnen ſogar, die Bewohner zur Gruͤndung einer Stadt zu vereinigen. Es iſt vermuthet worden, daß Neidenburg in ſolcher Weiſe ſeine Entſtehung erhalten habe; doch fehlen uns hieruͤber alle beſtimmteren Nachrichten 1). Auch in das Innere von Warmien drangen die Ordens⸗ ritter ein. Zwei Burgen wurden in dieſer Landſchaft zu Schutz und Wehr aufgerichtet. Wenn man von Bartenſtein her dem Laufe der Alle nach Suͤden folgt, trifft man auf die Gebirgsgegend, in welcher das Fluͤßchen Senſe, ſonſt Sen⸗ far genannt, ſich mit dem Gewaͤſſer der Alle vereinigt. Sel⸗ ten iſt in Preuſſens uͤbrigen Landſchaften die Natur mit ih⸗ ren Gaben des Schoͤnen und Lieblichen in ihren Gebilden und Schoͤpfungen ſo uͤberaus freigebig geweſen, als in dieſem Gebiete. Hier hat ſie alles vereint, was das Auge ergoͤtzen, die Seele erfreuen und den Geiſt erheben kann zur Bewun⸗ 1) Dusdurg P. III. c. 27 wußte offenbar ſelhſt nicht mehr, welche von den Städten damals im Galinderlaude ihre Gruͤndung fand, fonft würde er nicht fo unbeſtimmt geſagt haben: in terrae Galin- diae civitatem quandam successivis lemporibus construxerunt, Auch die andern Chroniſten erwähnen des Namens nicht. Henneber⸗ ger S. 136 deutet auf Neidenburg hin, aber zweifelhaft. Schütz p. 20 nennt außer den von Dusburg erwaͤhnten Burgen noch Wormditt; allein er kann hiemit keineswegs die in Galindien gegruͤndete Stadt gemeint haben; auch iſt klar, daß Schuͤtz nur aus Irrthum aus dem Dusburgiſchen „terra Warmiae““ Wormditt gemacht hat, denn im Dusburg hat nie etwas von Wormditt geſtanden.
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Burgen Bau in Warmien. 407 derung ihrer Schönheit. Mit hohem Gebirge wechſelt das liebliche Thal, mit fruchtreicher Ebene der fiſchreiche See, mit buntem Wieſenlande und ergiebigem Ackerfelde der lebendige, liebliche Fluß. Kaum weiß das Auge, wo es laͤnger verwei⸗ lend in ſeinem Genuſſe ruhen ſoll, ob in den Ebenen, wo ſich das raſche, ſpielende Gewaͤſſer durch das blumenreiche Gelaͤnd hindurchwindet, oder auf den Hoͤhen, wo menſchlicher Fleiß in ſchoͤnen Anpflanzungen den Reiz der Natur noch zu erhöhen gewußt. Hier war es, wo die Ordensritter vielleicht aus aͤhnlichen Gruͤnden wie bei Waiſtote-Pil und Walle⸗ wong eine Burg erbauten, welche Heilsberg genannt wurde ), denn es wäre nicht unwahrſcheinlich, daß hier der Wohnort des Landesfuͤrſten oder der Gebieterſitz des Landes = Griwen für Warmien geweſen ſey. Zur Befeſtigung der neuen Or⸗ densburg ward das Gewaͤſſer der Alle benutzt; es umſtroͤmte die Burgmauer im Weſten und füllte zugleich die rings um die Burg gezogenen Graben. Starke Wehrthuͤrme, auf al⸗ len Seiten hoch empor gebaut, gaben den ſtarren Mauern zu⸗ gleich erhabene Schönheit‘ und dem Ganzen die nöthige Si⸗ cherheit. Wie dieſe Burg dem Orden Warmiens inneres Gebiet verwahren und ſchuͤtzen ſollte, ſo ward zu gleichem Zwecke fuͤr den nordweſtlichen Theil der Landſchaft unfern von dem Geſtade des Friſchen Haffes die Burg Braunsberg erbaut. Hier lud aber zur Gruͤndung einer Burg nicht beſondere Schoͤnheit der Umgebung ein, ſondern mehr nur die Naͤhe des erwähnten See-Gewaͤſſers, die Verbindung mit dieſem und mit dem inneren Lande durch den an der Burg voruͤber⸗ fließenden Paſſarge-Fluß und die erkannte Nothwendigkeit eines näheren Zuſammenhanges mit der Ordensburg zu El⸗ bing und den weſtlichen Landſchaften uͤberhaupt. Auch hier 1) Woher der Name Heilsberg komme, iſt ungewiß, und es iſt uͤberhaupt oft eben ſo ſchwer, als fruchtlos, uͤber die Städte-Namen Erklärungen zu geben. Heilsberg wird übrigens von Dusburg e. 27 Helsberg, c. 89 Helisberg, von Jeroſchin Heilisberg, von Dusburgs Epitomator Heydilsberg geſchrieben.
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408 Herzog Otto's Ruͤckkehr nach Braunſchweig. ging der Aufbau der Burg dem Entſtehen der Stadt vor⸗ aus ); doch erfolgte dieſe ſchon nach wenigen Jahren. Es ſcheint, daß Braunsberg und Heilsberg in etwas ſpaͤterer Zeit als die eben erwaͤhnten uͤbrigen Burgen erbaut wor⸗ den feyen. So hatte ſchon in dieſer Hinſicht der blutige Tag bei Balga bedeutend wichtige Folgen. Sechs neue Burgen ſtan⸗ den in den drei erworbenen Landſchaften bald vollendet da, fuͤr die Bewohner dieſer Gebiete allerdings wohl Zwingbur⸗ gen, die ſie lange noch mit feindlichem Herzen und trotzigem Auge betrachteten, fuͤr die Ordensritter aber nothwendige Mittel zu Schutz, Sicherheit und Vertheidigung. Herzog Otto von Braunſchweig hatte jedoch kaum die eine oder die andere dieſer Burgfeſten vollendet geſehen; denn nachdem er ein Jahr hindurch im Lande verweilend in der Heiden Be⸗ kaͤmpfung und Bezwingung ſeinem Geluͤbde genuͤgt zu haben glaubte, war er freudig im Herbſte des Jahres 1240 der vaͤ⸗ terlichen Heimat wieder zugezogen ). Bevor er aber das 1) Wenn Dusburg P. III. c. 27 fagt: Quidam dicumt, quod in terra Warmiae Brunsberg et Helsberg et in terra Galin- diae eivitatem quandam swecessivis temporibus construxerunt, fo giebt er hiemit ſelbſt zu erkennen, daß er feine Nachrichten hier dem Sagenberichte anderer nachſchrieb und daß er keineswegs den Auf⸗ bau der in dieſem Kapitel genannten ſaͤmmtlichen Burgen ins Jahr 1240 geſetzt wiſſen will. Wann alſo die Burgen Braunsberg und Heils⸗ berg erbaut ſeyn moͤgen, laͤßt ſich ganz beſtimmt ſchwerlich angeben. Der Aufbau der Burg und Stadt durch den Biſchof Anſelm, deſſen Dusburg P. III. c. 135 erwaͤhnt, war aber keineswegs der erſte. Dieſer ſcheint vielmehr in die Jahre 1241 uud 1242 zu fallen. Urkundliche Beweiſe fehlen uns hier ganz. Doch ums Jahr 1249 muß auch die Stadt Braunsberg entweder ſchon da geweſen oder eben gegründet worden ſeyn, denn es geſchieht ihrer nicht bloß in dem bekannten Privilegium vom J. 1249 ſchon Erwähnung, ſondern ſie ſoll in dieſem Jahre auch ihr erſtes Privilegium erhalten haben. 2) Dusdurg P. III. c. 26: completo anno et voto peregri- nationis suae cum gaudio ad propria est reversus. Zuca& Das vid B. II. S. 121. Waißel ©. 52. Dieſes ſtimmt auch mit ur⸗ kundlichen Angaben uͤberein, nach welchen Otto im Februar 1241 ſchon
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Deutſche Einzoͤglinge. 409 Land verließ, verſorgte er die Ordensritter auf ihren Burgen. mit allem, was irgend zu ihrer Erhaltung noͤthig ſchien. Auf ein ganzes Jahr verſah er ſie mit Lebensmitteln, ließ ihnen Waffen, Pferde und was er ſonſt zur Kriegsfuͤhrung mitge⸗ bracht, zudem auch Jagdzeug, zwei ſeiner Jaͤger, Jagdhunde und Federſpiel. Wer ſonſt von ſeinem Gefolge im Lande zu⸗ ruͤckbleiben wollte, blieb und ward gerne vom Orden aufge⸗ nommen. Auch mancher andere, der dem Herzoge zum Kampfe gegen die Heiden gefolgt und durch nichts an die Heimat ge⸗ knuͤpft war, kehrte nicht wieder zuruͤck ). Viele waren dem Heerhaufen des Herzogs mit Weib und Kind ſchon in der Abſicht nachgezogen, neue Niederlaſſungen zu ſuchen, und blieben gleichfalls im Lande. Den Ordensrittern aber waren dieſe neuen Einzoͤglinge immer um fo erwuͤnſchter, als fie an ihnen ſtets getreue Unterthanen fanden, die mit ihnen gleiches wieder in Deutſchland war. Vgl. Wencks Heſſ. Landesgeſchichte B. II. S. 727. Einen Theil der Ruͤckreiſe machte der Herzog zu Schiff, wie Dusburgs Epitomator und andere fagen. 1) Dusburg in der Ausgabe von Hartknoch hat am Ende des 6ften Kapitels eine Luͤcke, wie ſchon das „eic.“ andeutet. Wir koͤn⸗ nen fie aus dem Epitomator ergänzen; dieſer ſagt: Anno completo dux gaudens navigio repatriavit, relinquens fratribus arma, equos, victualia et omuia, que asporlabat et canes venalicos et que ad venacionem spectabant, et duos suos venatores, unde post hec semper in domibus fratrum venatiei carnes inventi sunt, quos vario modo venabant, que ars est eciam fratribus indulta, quod nemo mirelur. In den neueren Codd. der Chronik ſteht dieſer Satz ebenfalls nicht. Aber Jeroſchin üͤͤberſetzte ihn und ſchließt mit folgenden Verſen: Alſuß man von des Ottin Zit Und huͤte großer Jait pflit Im Pruzin lande manchir weyn Und das die duͤtſchen bruͤder pfleyn Sulchir jagit bi ſundirn Des darf nymande wundirn Wann yu irloubit iſt die Jait Dy andrin Ordyn iſt vorſayt. Vgl. auch Lucas David B. II. S. 121. Waißel S. 52
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410 Deutſche Einzoͤglinge. „Intereſſe theilten, auf deren Huͤlfe und Ergebenheit jeden Falls viel ſicherer zu rechnen war, als auf die der Neubekehr⸗ ten. Sie erhielten daher auch alle reichliches Beſitzthum, oft mit beſonderen Vorrechten und Freiheiten. Nicht ſelten wur⸗ den einem Deutſchen Edlen zwei, drei und mehre verlaſſene Preuſſiſche Dörfer als erbliches Eigenthum mit allem daraus zu ziehenden Gewinne zugewieſen, ſobald dieſer nur die Ver⸗ pflichtung übernahm, die entvoͤlkerten Orte mit neuen Bewoh⸗ nern zu beſetzen und dem Orden in ſeinen Kriegen mit Mann und Roß beizuſtehen ). Es waren alſo erbliche Le⸗ hen, welche die Ritter in ſolcher Weiſe an die neuen Beſitzer austhaten und dieſe traten ſomit zu dem Orden als des Lan— des Oberherrn in das Verhaͤltniß der Vaſallenſchaft ). Es iſt begreiflich, daß auch dieſe Deutſchen Einzoͤglinge im Be⸗ ſitze der Guͤter, die vormals Preuſſen zugehoͤrt hatten, von 1) um nur ein Beiſpiel zu geben, ſo ertheilt der Landmeiſter Hein⸗ rich von Wida im J. 1242 dem nobili viro domino T. de Ty fe- now cunctisque suis heredibus tres villas prutenicas, quarum hec sunt nomina WVadekowicz, Stressewite et hereditatem cuiusdam Pruteni, qui Nerdingis dicitur, de quibus alii ex dono predecessorum nostrorum decimas solebant recipere cum ipso fundo necnon cum omni jure et omni utilitate, quam ex ipsis poterint adipisci in perpeluum libere possidendas. Insu- per has villas, que hiis vocabulis nuncupantur Barute, Sy- penyn, Merenewicz, Goclon, Nudicz, Carczemidicz eodem jure ut disimus ipsis contulimus obtinendas. Ceterum liber- taten habeasnt, hec ut omnia alia bona sua ex omni nacione hominibus collocandi. — Actum in Thorum anno gracie Mo, CCo. XLII. VI Kal. Decemb. Indict. XV. Diefe Beſitzungen lagen übrigens in Pomefanien zwiſchen Stuhm und Marienwerder, wo noch jetzt die Dörfer Wattkowitz, Straszewo und Tieffenau zu finden ſind. Jener Dieterich von Tieffenau iſt ohne Zweifel kein anderer, als der ſich in einer Urkunde bei Scheidt Nachr. vom hohen und niedern Adel S. 439 Theodericus dei gratia dietus miles de Depanowe Depenowe) nennt. Die Urkunde iſt von 1241. 2) Dusburg P. III. c. 27 nennt ſie daher auch Nobiles et Foeodatarü, qui de parlibus Almaniae cum omni domo et familia el cognatione venerunt in subsidium dictae terrae.
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Stimmung der Neubekehrten. 411 den Landeseingeborenen nicht felten mit feindlichen Auge be⸗ trachtet, beneidet, verfolgt und in ihren neuen Befisthümern auf mancherlei Weiſe beunruhigt werden mußten, weshalb auch fie es nöthig fanden, ihre Wohnungen zu ihrer und der Ihrigen Sicherheit ſtark zu befeſtigen, ſo daß auch dieſe mehr und mehr die Geſtalt eigentlicher Burgen mit Wehren und Waͤllen erhielten 9). Ohnedieß aber mußte auch den bezwungenen Preuſſen, ſobald der wilde Sturm des Krieges ſich gelegt hatte, die erſte Beſtuͤrzung voruͤber war und in den Seelen die klare und ruhige Beſinnung uͤber das Geſchehene mehr und mehr erwachte, das gefallene Loos in jeder Weife ſchrecklich und un⸗ ertraͤglich erſcheinen. Durchs ganze Volk der neubezwungenen Lande ging bald ein Geiſt des Ingrimms und der Erbitte⸗ rung und von Tage zu Tage fraß in das Herz der Ueberwaͤl⸗ tigten der Haß und die Feindſchaft immer tiefer ein. Zwar ſah man, daß der Orden auch die alten Landesbewohner, die Neubekehrten, ſobald fie ihm Treue und Ergebung bewieſen, nicht minder als die Deutſchen mit Gut und Eigenthum, mit Vorrechten und Beguͤnſtigungen beſchenkte; man ſah, wie die Ritter die Edlen des Landes an ſich zogen und auf jede Art zu gewinnen ſuchten; man ſah, wie eifrig durch Prieſter und Moͤnche fuͤr die Belehrung und Bildung des Volkes geſorgt wurde, wie thaͤtig die Ordensritter waren, um die Geſchaͤfte des Friedens, vor allem den Ackerbau und mit ihm den Wohl⸗ ſtand des Landes wieder herbeizuführen ). Aber war dieſes alles irgend ein Erſatz fuͤr das Verlorene und Entriſſene? Galten jene Neubekehrten, jene Getreuen des Ordens nicht fuͤr Ver⸗ raͤther des Volkes, für Verbrecher am Vaterlande, für Ab⸗ truͤnnige der alten Götter? Gab der Orden an den geſchenk⸗ ten Gütern nicht nur belaſtet und beſchwert zuruͤck, was man zuvor frank und frei beſeſſen hatte? Waren die Prieſter und Moͤnche mit allem ihren Eifer nicht immer die Widerſacher 1) Daher fagt Dusdurg 1. c.: plura alia Castra aedificave rant Nobiles et Foeodatarii. ) Lucas David B. II. S. 122.
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413 Stimmung der Neubekehrten. der alten Goͤtterdiener, der Weidelotten, die man durch ſcharfe Drohungen verdraͤngte und mit dem Feuertode beſtrafen wollte, ſofern ſie forthin unter dem Volke erſcheinen und den alten Glauben aufrecht halten wuͤrden )? So bot ſich nichts den Unterworfenen dar, was nur ir⸗ gend uͤber die Verluſte hätte tröften Formen. Mit Ausnahme der wenigen, die ſich dem Orden hingegeben hatten, ſah man das ganze Volk faft überall mit einer gewiſſen herriſchen Strenge und Haͤrte behandelt, ſofern es ſich nicht willig al⸗ len vorgeſchriebenen Verordnungen und Forderungen der Or⸗ densherren fuͤgte. Man hoͤrte auch wohl, daß dieſe Strenge ſelbſt den Deutſchen Einzoͤglingen bei Verleihungen ihrer Guͤ⸗ ter in der Behandlung der Preuſſen vorgeſchrieben wurde 2). Welche Erbitterung mußte dieſes gegen die gebietenden Er⸗ oberer und welchen Groll gegen alle Deutſchen in den Gemuͤ⸗ thern der Unterjochten aufregen! Und wo ſtand denn fuͤr die Unterdruͤckten die Pflicht, die ihnen des Ordens Geſetze zu befolgen gebot? Durfte nicht jeden Tag durchs Schwert wieder gebrochen werden, was mit dem Schwerte befohlen war? Prieſter und Goͤtter des alten Lebens waren verdraͤngt; ihr Rath und ihre Huͤlfe, aber auch ihre ſchreckenden Strafen und ihre Macht galten nichts mehr für das Leben. Hatte der Preuſſe, wie das Geſetz es wollte, den alten Glauben ab⸗ geſchworen, was war in ſeinem Geiſte an deſſen Stelle ge⸗ treten? Was war der Menſch anders, als ein Weſen ohne Gott, ohne Gewiſſen, ohne Gefuͤhl fuͤr Pflicht und Recht! Oder durfte erwartet werden, daß einige allgemeine Lehren vom chriſtlichen Glauben, die zehn Gebote, das apoſtoliſche 1) Lucas David B. II. B. 121. 2) So heißt es ausdruͤcklich in der eben erwähnten Verſchreibung des Landmeiſters Heinrich von Wida an T. von Tieffenau: Liberla- tem habeant, hec et omnia alia bona sua ex omni nacione hominibus collocandi, dummodo Prutenis, si quos locabunt, in eis eundem rigorem, quem nos nostris Prutenis injun- xerimus, injungant et ipsi.“ Und folder Beiſpiele gab es ohne Zweifel mehre.
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Stimmung der Neubekehrten. Die Mongolen. 413 Bekenntniß, die Lehren von der Buße und von Vergebung der Suͤnden ) das leere Herz und die verzweifelte Seele fuͤr Recht und Pflicht erfuͤllen ſollten? Es ging eine Verwirrung durch das Leben hindurch, es war eine Leere und Troſtloſig⸗ keit in demſelben eingetreten und ein Widerſpruch zwiſchen dem, was man wuͤnſchte und erſehnte, und dem, was mit Strenge gefordert und verboten ward, die alle Banden auf⸗ loſen mußten, welche das alte Leben in ſeinen Verhaͤltniſſen geknuͤpft hatte. Da kam noch hinzu, daß dieſe Menſchen zer⸗ knirſchten Herzens, gebrochener Seele, unbekannt mit dem Werthe deſſen, was ihnen durch den Orden im neuen Glauben zugebracht wurde, in Erinnerung der freien und froͤhlichen Vergangenheit, unter dem Ungluͤck und der Laſt der beknech⸗ teten und traurigen Gegenwart, jene Zwingburgen mit auf⸗ bauen mußten, die ſie ſelbſt im Zuͤgel und Zaum halten und das alte freie Leben fuͤr ewige Zeit unmoͤglich machen ſollten. Mit tiefſtem Groll und Ingrimm, mit brennender Erbitterung faͤllten ſie die Baͤume in ihren heiligen Hainen und trugen ſie die Steine zuſammen, die im Aufbau jener Burgfeſten der Sarg und das Grab ihrer Freiheit, ihrer Freude, ihres Glau⸗ bens und alles Schoͤnen und Heiligen im Leben ſeyn ſollten. So iſt begreiflich, daß bald im ganzen Volke nur Ein Ge⸗ danke der Rache und Vergeltung, nur Eine Sehnſucht nach Erlöfung aus dem Elende lebte. Und es kam dieſe Zeit der Rache und Vergeltung. Das Jahr 1241 begann unter ſchwerdrohenden Ereigniſ⸗ ſen. Ein wildes, ekelhaftes Voͤlkergeſchlecht, die Mongolen, aus Aſiens inneren Steppenlaͤndern aufgebrochen, hatte ſich ſeit fuͤnf Jahren uͤber Rußland hergeſtuͤrzt und im Strome die unterjochten Völker mit ſich fortreißend und immer mehr verſtaͤrkt waͤlzte ſich der unermeßliche Schwarm im Jahre 1240 in die Ebenen von Polen. Furchtbare Geruͤchte und Sagen zogen ihm voran; der ganze Norden war erfchüttert 1) Lucas David B. II. S. 121 nennt dieſe Lehren wenigſtens als die weſentlichſten der chriſtlichen Belehrung, die man den Heiden gab.
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414 Die Mongolen. durch Angſt und Bangigkeit. Im Herbſt des genannten Jahres ſtand der ſchreckliche Feind ſchon an den Ufern des Weichſel⸗Stromes und im Februar 1241 ward Krakau durch ſeine Wuth und Verwuͤſtung zum Steinhaufen. Der Kaiſer, zunaͤchſt zu Deutſchlands Schutz und Vertheidigung verpflich⸗ tet, verweilte in Italien; die Fuͤrſten des Reiches lebten in Hader und Zwietracht unter ſich ſelbſt; nur die zunächft be⸗ drohten ſammelten ſich mit ihrer Kriegsmacht bei Herzog Heinrich dem Frommen von Nieder- Schleſien, dem Fort⸗ gange des wilden Voͤlkerſturmes zu widerſtehen ). Unter an⸗ dern erſchienen die Herzoge Boleslav von Maͤhren und Mies⸗ lav von Ober- Schleſien, nebſt vielen Rittern und Edlen aus Polen, Schleſien und Deutſchland. Auch die Ordensritter in Preuſſen erkannten die ſchreckliche Gefahr wie für ihr ei⸗ genes Gebiet, ſo fuͤr das ganze Deutſche Vaterland. Es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß die Fuͤrſten von Polen und Schle⸗ ſien auch den Orden zur Beihuͤlfe und Rettung ihrer Lande aufgefordert haben. Allein Preuſſens ſuͤdliche Graͤnze war ſelbſt von dem hart vorbeiziehenden grauſen Feinde 2) viel zu ſehr be⸗ droht, die Kriegsmacht des Ordens ohnedieß viel zu gering, die Untergebung, die Treue und der Gehorſam der ſo eben erſt bezwungenen Voͤlker in Preuſſens Innerem noch viel zu unſicher und ſchwankend und uͤberall die Gefahren fuͤr die Herrſchaft des Ordens in dieſem Lande noch viel zu groß, als daß die Ritter, hier Alles aufs Spiel ſetzend, mit bedeu⸗ 1) Naumer V. IV. S. 67 — 79. Schloſſer B. III. Th. 2. Abth. I. S. 313 — 316 2) Doguphal p. 60 erzählt wenigſtens, daß der Voͤlkerſturm nahe an der Gränze Preuſſens vorbeizog: decima pars exercitus Tharta- rorum deinceps Syradiam, Lanciciam et Cuyaviam vastantes ad Slesiam pervenerunt. Wenn es aher in dem Briefe des Kaiſers Friederich an den Koͤnig von England uͤber den Zug der Tartaren bei Matthaeus Paris p. 540 heißt: Una (sc. parte exercitus Tar- tarorum) per Pructenos transmissa et ingrediente Poloniam, Princeps et Dux terrae illius ab eorum insequenti exterminio ceciderunt, fo ift klar, daß ſtatt Pructenos hier Ruthenos ſtehen muß. Naynald. ann. 1241. Nr. 16.
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Stimmung ber Neubekehrten gegen den Orden. 415 tender Macht zur Abwendung des Ungluͤcks nach Schleſien haͤtten eilen koͤnnen. Alſo geſchah dort auf der Ebene von Wahlſtadt die große Mongolen = Schlacht ohne des Ordens Beihuͤlfe ). Aber auch für die Ordens-Herrſchaſt in Preuſſen hatte dieſer ſchreckensvolle Voͤlkerzug bedeutende Folgen. Waͤhrend die Ritter den groͤßten Theil ihrer Streitmacht aus Natan⸗ gen, Warmien und Barterland hatten entfernen muͤſſen, um im Suͤden des Landes Graͤnzen gegen den heranſtuͤrmenden Feind bei ſeinem etwanigen Einbruch moͤglichſt zu vertheidi⸗ gen, war die Gaͤhrung in jenen Landſchaften mit jedem Tage höher und höher geſtiegen und das Volk bei der Schwäche der Burgbeſatzungen immer kuͤhner und kecker, immer muthi⸗ ger und entſchloſſener geworden. Zwar bemuͤhten ſich die Or⸗ densritter auch jetzt, die Vornehmeren und Angeſehenen unter dem bezwungenen Volke auf jegliche Weiſe, durch Gaſtgelage, durch Beguͤnſtigungen und wie ſie ſonſt vermochten, zu ge⸗ winnen und an ſich zu ziehen, um durch dieſe auch auf das Volk zu wirken 2), und hie und da mochte es wohl gelingen, einzelne zu verlocken; allein in der Geſammtheit des Volkes entſprach die Folge den Erwartungen in keiner Weiſe. Der Haß gegen die Deutſchen, gegen Ritter und Einzoͤglinge war zu tief in die Seele eingewurzelt und offenbarte ſich bei jeg⸗ licher Gelegenheit. So geſchah es nicht ſelten, daß die Deut⸗ ſchen bei Beſtellung ihrer Aecker uͤberfallen und erſchlagen wurden, weshalb viele dieſe Arbeit nur zur Nachtzeit zu un⸗ ternehmen wagten 2). Waren dann aber auch die Felder be⸗ 1) Ich widerſpreche hiebei faſt allen, ſelbſt den neueſten und gruͤnd⸗ lichſten Geſchichtſchreibern dieſer Zeit — Schloſſer B. III. Th. 2. Abth. 1. S. 313 — 316; Raumer B. IV. S. 67 — 79 —, wel: che behaupten, daß der Deutſche Orden aus Preuſſen dem Herzoge Hein⸗ rich von Schleſten Huͤlfe zugeſandt und Poppo von Oſterna in der Schlacht gegen die Mongolen mitgekaͤmpft habe. Ich läugne die Theil⸗ nahme des Ordens an dieſem Kampfe aus mehren Gruͤnden, deren Er⸗ oͤrterung ich in der Beilage Nr. III. zu dieſem Werke mitgetheilt habe. 2) Lucas David B. III. S. 12. 3) Dusdurg P. III. c. 30. Der Epitomator giebt dieſe Stelle
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416 Stimmung d. Neubekehrten gegen den Orden. ſtellt und reiſten die ſtets bewachten Saaten zur Erndte her⸗ an, ſo wurden ſolche bald von feindlichen Preuſſen geraubt, bald durch Feuer vernichtet, ſo daß die Deutſchen, wie nicht minder die Ordensritter in kurzem ſolchen Mangel an Lebens⸗ mitteln und Kleidern erlitten, daß ſie ſelbſt die nothwendig⸗ ſten Beduͤrfniſſe nicht einmal beſtreiten konnten ). Die Noth erzeugte natürlich immer größere Strenge, und größere Strenge den bitterſten Haß. Kaum beugte noch die Gefahr des Le⸗ bens den ſtarren Nacken des Preuſſen unter das Joch des Gehorſams und trieb ihn hin zum Burgenbau; ſchon blieb kein Mittel und keine Gelegenheit unbenutzt, ſich des Draͤn⸗ gers zu entledigen und wie an ſeinen Bruͤdern Vergehungen und Verbrechen mit Lebensverluſt beſtraft wurden, ſo ſuchte auch der Preuſſe Befriedigung feiner Rache und feines bitte ren Grimmes ſtets im Blute feiner Gegner 2). So ſtieg die noch deutlicher, indem er ſagt: Compulsi sunt nocte agros colere in periculo inimicorum. Jeroſchin P. III. c. 30 fingt: Und ob ouch in den Jarin Da ſundirliche warin Dy Ackir woldin buwin Und die Frucht vornuwin Das muſte ſyn by Nachte Durch der Viende Achte. 1) Dusburg I. c. 2) Dusburg c. 31 iſt, wie man bald wahrnimmt, abſichtlich zu⸗ ruͤckhaltend in Angabe der Urſachen, welche die bezwungenen Preuſſen zum Abfalle bewogen. Er verwahrt ſich mit allgemeinen Redensarten, wie in dieſem Kapitel beſonders bemerklich iſt. Im Ganzen aber leuch⸗ tet der Zuſtand der Dinge aus ſeinen Zuſammenſtellungen doch hervor. In ſeinen Worten: Posiquam ergo Deo propitio omnia praedicta castra essent ad laudem et gloriam Christi aedificata et vici- nae gentes in circuitu durissimae ceroieis colla fidei et fra- trıbus submisissent, non tamen sine gentium ipsarum strage znanima, multaque Christiani sanguinis effusione etc. liegt es deut- lich ausgeſprochen, wie gewaltig ſich das Volk firäubte, den Nacken unter das Joch zu fuͤgen und wie manches Menſchenleben auf beiden Seiten dabei geopfert worden iſt. Der Geſchichtſchreiber muß ſich in, deſſen mit den Allgemeinheiten begnügen, da ihm das Einzelne entruͤckt iſt. Hätten wir Berichte von den Preuſſen, unendlich vieles würde klarer werden und in anderem Lichte erſcheinen.
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Die Preuffen und Herzog Suantepolc. 417 Spannung der Gemuͤther immer höher; eine Loͤſung mußte nothwendig bald erfolgen und der Anlaß fand ſich an dem weſtlichen Nachbar des Ordensgebietes. Herzog Suantepolc von Pommern war der friedlichen Zuſage, die er dem Orden im Jahre 1238 gegeben, bis jetzt allerdings puͤnktlich nachgekommen. Er hatte des Ordens Unternehmung zur Eroberung der drei erwaͤhnten Landſchaf⸗ ten zwar in keiner Weiſe unterſtuͤtzt, denn es drang ihn hie⸗ zu keine Verpflichtung, aber er hatte ſie auch nicht ge⸗ hindert. Vielleicht glaubte er kaum an die Moͤglichkeit des Gelingens denn fo lange nur das einzige Balga in des Dr: dens Gewalt war und dort die Hoffnung des guͤnſtigen Er⸗ folges bei dem Ungluͤck ſelbſt den Ordensrittern mehr und mehr entſank, konnte die Unternehmung keine Beſorgniſſe er⸗ regen; ſie ſchien in ſich ſelbſt unterzugehen. Im Jahre 1241 aber ſah Herzog Suantepolc das ganze Werk nicht nur ge⸗ lungen und den Orden aufs eifrigſte thaͤtig und mit allen Mitteln bemuͤht, die Pfeiler zum Aufbau ſeiner Herrſchaft auf jede Weiſe feſt zu ſtellen, ſondern er ſah nun auch das ganze Gebiet des kriegeriſchen Nachbars vom Ufer des Weichſel⸗ Stromes, von den Graͤnzen ſeines Herzogthums an laͤngs den Kuͤſten des Friſchen Haffes hin nahe an zwanzig Meilen und von jenem Strome an ins Innere des Landes nach Oſten hin faſt auf dreißig Meilen weit ausgedehnt. Fuͤrwahr es waͤre wunderbar und unbegreiflich, wenn Herzog Suante⸗ polc bei dieſem Gluͤcke, bei dieſer anwachſenden Macht des nachbarlichen Ritterordens ganz ſorglos, kaltſinnig und gleich⸗ gültig geblieben wäre, wenn nicht der alte Argwohn, die al⸗ ten Beſorgniſſe, das kaum beſchwichtigte Mißtrauen in des Fuͤrſten Seele von neuem Keim und Wurzel gefunden hätten, Und wer verargt ihm dieſes Mißtrauen? War die Zukunft auch nur auf einige Jahre zu berechnen? War da ein Ziel, wo jetzt der Orden ſeine Eroberung beendigt hatte? Mußte nicht vielmehr das Ziel der Eroberung und der Herrſchaft im⸗ mer weiter hinausgeſteckt werden, je mehr das Gluͤck den Ordenswaffen bluͤhete? Durfte der Orden uͤberhaupt ein Ziel II. 27
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— 418 Die Preuſſen und Herzog Suantepolc. anerkennen, ſo weit noch Heiden im Norden lebten? Stand es alſo nicht eigentlich ſchon uͤber Kurland und Livland hin⸗ aus und an der Graͤnze der Ruſſen? Und wenn nun der maͤchtige Aufbau der Ordensherrſchaft auf dieſem weiten Ge⸗ biete vollendet und feſt gegruͤndet daſtand, wenn die bisher vereinzelten, locker verbundenen Landſchaften zu Einem Gan⸗ zen vereinigt waren und dann alle Kräfte dieſer Länder Ei⸗ nem Willen, Einem Befehle, Einem Herrn zu Gebote ſtan⸗ den, gab da der Weichſel-Strom eine Sicherheit gegen den gefaͤhrlichen Nachbar? Schuͤtzten die Gewaͤſſer gegen Angriff und Eroberung ſeines Landes? Verbuͤrgten ihm Pergamente Frieden mit den gewaltigen Ordensherren? Bei ſolchen Betrachtungen — und ſie lagen ſo nahe in den Verhaͤltniſſen der Zeit und der Laͤnder, daß wir ſie wohl im die Seele des Herzogs Suantepolc hineindenken duͤrfen — konnte es den Wuͤnſchen deſſelben nicht anders als entſpre⸗ chen, wenn ſich die Preuſſen, wie uns berichtet wird, klagend über die Bedruckung, Härte und grauſame Herrſchaft des Ordens, zu ihm wandten und er auf ſolche Weiſe es auf ſich nehmen konnte, den Ordensrittern mit der Miene des Schirmherrn der Schutzflehenden gegenüber zu treten ). Wer 1) Die Quellen ſind hier allerdings ſehr zweideutig und ſelbſt un⸗ einig, was das Erſte und was das Lerte bei dem Friedensbruche zwi⸗ ſchen Suantepole und dem Orden geweſen ſey. Dusburg P. III. c. 31 macht ſich die Sache etwas leicht; er giebt die meiſte Schuld dem leidigen Teufel — serpens antiquus, draco venenosus, humani generis inimicus, — ſchiebt aber die teufeliſche Geſinnung gegen den Orden, Neid und Haß wegen Ausbreitung des Chriſtenthums in Preufs ſen, nicht undeutlich dem Herzog Suantepolc in den Buſen und im Sinne des Chroniſten iſt dieſer des Teufels Werkzeug. Allein der wahre Sinn blickt auch hier aus Dusburgs Worten vor. Der Herzog, heißt es, habe nicht ertragen konnen tanlam prosperitatem fidei et ſide- lium, ecclesiam sanctam in Pruschiae partibus dilatari, cul- tum divinum ampliari, inſideles confundi, exaltari Christianos etc. Nimmt man die religiöfe Hülle hinweg, mit welcher der froͤm⸗ melnde Chroniſt hier alles umzieht, ſo heißen die Worte offenbar nichts anders als: Herzog Suantepolc habe mit Mißgunſt und Mißtrauen des Ordens Fortſtreben und Fortſchritte in Preuſſen geſehen und habe
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Die Preuſſen und Herzog Suantepole. 419 von beiden, ob Suantepole den Preuſſen oder dieſe dem Her⸗ zoge zuerſt die Hand gereicht, vermag keiner mehr mit Si⸗ cherheit zu ſagen. Gewiß aber erfuhr Suantepolc ſehr bald, in welcher bedenklichen Stellung der Orden zu den uͤber ihr Loos ergrimmten Preuſſen ſtand und daß dieſe gerne Schutz und Huͤlfe annehmen wuͤrden, ſobald man fie ihnen boͤte, und eben ſo gewiß war auch den Preuſſen gar nicht un⸗ bekannt, mit welchem Mißtrauen und mit welcher feindli⸗ chen Geſinnung gegen den Orden des Herzogs Seele erfuͤllt war. Schon in dieſer Geſinnung begegneten ſie ſich als Freunde und Verbuͤndete und es iſt daher nicht unglaublich, daß Suantepolc insgeheim eine Geſandtſchaft der unterdruͤck⸗ ten Preuſſen an feinen Hof, die ihn um Schutz und Huͤlfe anflehen mußte, mit ſchlauer Klugheit veranlaßt habe, denn hierin ſah er offenbar das ſchicklichſte Mittel, dem Orden un⸗ ter dem Scheine des Rechts offen entgegen zu treten). Der Papſt hatte ja ausdruͤcklich verordnet, daß die Neubekehrten nicht mit dem Joche der Knechtſchaſt belaſtet, nicht unters druͤckt oder mit hohen Anforderungen beſchwert, ſondern mit der Milde und Liebe des Evangeliums behandelt werden ſoll⸗ ten. Trat alſo jetzt der Herzog als Schirmherr und Be⸗ deshalb angefangen, mille modis cogitare et varlis machinationi- bus Procurare, qualiter venenum suum posset latenter infun- dere, vineam Domini demoliri et in agro Domini zizaniam superseminare, d. h. er ſuchte auf jede Weiſe die ſteigende Macht des Ordens niederzuhalten und zu beſchraͤnken, wo möglich den gefährlichen Nachbar aus der Naͤhe wieder zu entfernen. Kantzow B. I. S. 237 ſpricht es geradezu aus, der Orden habe auch etwas von Hinterpom⸗ mern unter ſich bringen wollen. „Das beſorgte hertzog Schwantepolc und verbant ſich heimlich mit den Preuſſen.“ Schütz p. 21. 4) Darauf deuten die Quellen auch klar hin. Dusburg c. 32 ſagt: Coepit (Dux) cum Pruthenorum gente jam nobiter con- versa ad ſidem Christi (alſo Warmier, Natanger, Barter) habere verba pacifica in dolo. Faſt ſcheint es, als habe der Herzog die Rolle des Vermittlers und Verſoͤhners zwiſchen dem Orden und den Preuſſen nur deshalb geſpielt, um ſo die Geſandtſchaft der Preuſſen und ihre Anklage gegen den Orden bei ihm zu veranlaſſen. Nach Schütz P. 21 reizt der Herzog die Preuſſen zuerſt auf. 27 *
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420 Die Preuſſen und Herzog Suantepole. ſchuͤtzer der Unterdruͤckten auf, fo handelte er gleichſam nur im Sinne des Papſtes. So war alles vorbereitet. Geſichert gegen die Beſchul⸗ digung, daß er den Frieden mit dem Orden (1238) zuerſt gebrochen habe, nahm er die Geſandten der Preuſſen und ihre Klagen uͤber Bedruͤckung und Beknechtung unter den Or⸗ densherren gerne bei ſich auf. Die Rolle des Vermittlers ſchuͤtzte vor dem Urtheile der Welt und verdeckte feine Geſin⸗ nungen. Darum ſandte er an den Landmeiſter Heinrich von Wida eine Botſchaft und bat mit Darlegung der Beſchwer⸗ den der bedruͤckten Preuſſen um Abſtellung und mildere Be⸗ handlung. Die Sache aber ward vom Landmeiſter mit Kaͤlte aufgenommen und die Klage blieb ohne Erfolg ). Da ſoll, wie uns berichtet wird, der Herzog ſich ſelbſt zum Landmei⸗ ſter begeben, das Unbillige im Verfahren des Ordens gegen die Preuſſen ihm vorgehalten und mit warmen Eifer für die Freiheit der Neubekehrten geſprochen, der Landmeiſter aber, des Herzogs Geſinnung und Plan durchſchauend, dieſen in zorniger Rede einen Meuterer geicholten haben ). Wie dem jedoch auch ſeyn mag, Herzog Suantepole vertrauend auf die den Rittern vom Papſte ertheilte Vorſchrift uͤber die milde Behandlung der Neubekehrten, auch wohl nicht unbekannt mit der damaligen Stimmung des paͤpſtlichen Hofes gegen den Orden, veranlaßte die Preuſſen zu einer Geſandtſchaft nach Rom, um ihre Klagen dem Papſte ſelbſt vorzulegen. Zu⸗ gleich aber ſchickte er auch ſelbſt ſeine eigenen Botſchafter dahin ab ). 1) Lucas David B. III. S. 13. 2) So Lucas David B. III. S. 15, der hier freilich keine Chronologie kennt, wenn er vom Landmeiſter Poppo von Oſterna ſpricht. Eben ſo Simon Grunau Tr. VII. c. 3. F. 1. 3) Lucas David B. III. S. 13. Simon Grunau a. a. O. Es iſt hiebei allerdings ſehr befremdend, daß der päpſtliche Legat, Bi⸗ ſchof Wilhelm, der damals noch im Lande war, ſich gar nicht in die Angelegenheit eingemiſcht haben ſollte. Darum moͤchte die Nachricht bei Simon Grunau Tr. VIII. c. 1. §. 2., Lucas David B. III. S. 19, Kantzow B. I. S. 237, nach welcher Wilhelm mit
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Streit des Ordens mit Suantepolc und den Johannitern. 421 Ohne Zweifel ward alsbald durch den Landmeiſter der Hochmeiſter Conrad von Thüringen von dem neuerwachten Zwiſte mit dem Herzoge von Pommern und von deſſen Stel⸗ lung zu den Preuſſen und gegen den Orden benachrichtigt. Bei der jetzigen Geſinnung des paͤpſtlichen Hofes gegen die dem Kaiſer ſo treu ergebenen Ordensritter war jedoch eine ſolche Anklage vor des Papſtes Richterſtuhl um ſo mehr be⸗ denklich und gefaͤhrlich, weil damals am Roͤmiſchen Hofe kein Sprecher war, der die Vertheidigung des Ordens fuͤhren und die Verhaͤltniſſe ſeiner Herrſchaft gegen die Neubekehrten ins klare Licht ſetzen konnte. Daher machte ſich der Meiſter Con⸗ rad auf und begab ſich ſelbſt nach Rom, um dort als Sach⸗ walter ſeines Ordens gegen die Kläger aufzutreten y. Außerdem war es noch ein anderer bei weitem wunder⸗ barerer Zwiſt, welcher den Hochmeiſter zur Reiſe nach Rom bewog. Der Johanniter-⸗ Orden trat nämlich plotzlich mit der Behauptung hervor: er habe ein Recht, von den Rittern des Deutſchen Ordens Gehorſam und Unterthänigkeit zu for: dern und uͤber ſie Recht und Gericht zu uͤben, und es ſtreite gegen alte Satzungen und Vorrechte, daß der Deutſche Or⸗ den ſich ſeiner Aufſicht und Gerichtsbarkeit entzogen habe. Die Begruͤndung dieſer Behauptung fanden die Johanniter in jener Anordnung des Papſtes Coͤleſtin des Zweiten, nach Suantepolc in Verhandlungen geſtanden haben ſoll, nicht unwahrſchein⸗ lich ſeyn. Freilich wirren hier die Chroniſten alles unter einander, da fie nicht wiſſen, daß der Legat wirklich noch im Lande war. Sie laf: ſen ihn daher erſt aus der Mark herzu kommen. Vgl. Lucas de bel- lis Suantopolci p. 17 — 18. 1) Außer dieſen Ordensangelegenheiten ſoll Conrad nach dem Chron. Erford. ap. Scharnat. Vindem. litter. T. I. p. 99 auch in Reiches verhaͤltniſſen, im Auftrage der Deutſchen Fuͤrſten die Reiſe nach Ita⸗ lien unternommen haben; es heißt dort: Annn domini 1240 perni- ciosa adhuc Ecelesiae inter Papam et Imperatorem discordia, eunctis fidelibus non modicum incussit timorem, maxime cum frater Cunradus Magister Domus Teutonicae, qui Principum Alemanniae consilio ad ipsos concordandos missus, occulto dei judicio Romae VI Kal. Augusli diem clauserit exiremum,
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422 Streit des Ordens mit Suantepolc und den Johannitern. welcher gerade vor hundert Jahren das Marien-Hospital zu Jeruſalem unter die Aufſicht und Obhut des Großmeiſters des Johanniter⸗ Ordens geſtellt worden war ). Seit jene Marien =» Brüder vor Akkon zu einem Ritterorden erhoben und als Ordensritter vom Kaiſer und Papft beftätigt worden, ward jenes alte Verhaͤltniß von dieſen als völlig gelöft und aufgehoben betrachtet und ſelbſt der Johanniter - Orden hatte bis zu dieſer Zeit nie von einer ihm zuſtaͤndigen Aufſicht oder Gerichtsbarkeit uͤber den Deutſchen Orden etwas vernehmen laſſen. Um ſo befremdender war es, als die Johanniter im Jahre 1240 plotzlich mit jener Behauptung als einer Klag⸗ ſache gegen die Deutſchen Ordensritter vor dem Papſte er⸗ ſchienen, verlangend, daß er entſcheide, ob jene Verordnung Coͤleſtins jemals foͤrmlich aufgehoben oder noch bis zur Stunde guͤltig ſey. Es iſt wohl kaum zu zweifeln, daß Gregorius ſelbſt, der ja erſt kuͤrzlich den Deutſchen Ritterbruͤdern wegen ihrer treuen Anhaͤnglichkeit gegen den Kaiſer mit Vernichtung aller ihrer Freiheiten gedroht hatte, der Anſtifter dieſer wun⸗ derlichen Streitſache geweſen ſey 2). Er nahm die Klage der Johanniter wenigſtens auf, theilte die Anforderung derſelben den oberſten Gebietigern des Deutſchen Ordens mit und lud ſie zur Entſcheidung vor ſich nach Rom. Dieſer Streit war hoͤchſt wahrſcheinlich auch im Jahre 1241 noch nicht beendigt und bewog den Hochmeiſter nun um ſo mehr zu einer Reiſe an den Roͤmiſchen Hof, um auch dieſe Sache vor dem Rich⸗ terſtuhle des Papſtes ſelbſt zu fuͤhren ). 1) S. oben S. 421. 2) De Wal Recherches sur l’ancienne constitutl. T. I. p. XXI ſagt zwar: II est impossihle de diviner ce qui peut avoir déterminé l’Ordre de S. Jean en 1240, à former une préten- lion de jurisdiction sur celui des Teutoniques, ou plutöt ä lui faire cette mauvaise chicane; nimmt man indeſſen auf des Papſtes Geſinnung und Benehmen gegen den Deutſchen Orden in den letzteren Jahren Nüdficht, fo liegt die Vermuthung ſehr nahe, daß es der Papſt war, welcher dem Orden „cette mauvaisc chicane““ ſpielte. 3) Dieſe Streitſache wird erzählt in dem Werke: Dell’ origine ed in-
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Tod Conrads von Thüringen. 423 Es war im Hochſommer des Jahres 1241, als Conrad in Rom anlangte. Allein die Verhaͤltniſſe, in denen ſich bei der Hitze des Streites zwiſchen dem Kaiſer und Papſte da⸗ mals ganz Italien und insbeſondere auch Rom befand, waren an ſich ſchon nicht im mindeſten geeignet, für raſchen Fort⸗ gang und ſchnelle Entſcheidung der Streitigkeiten des Ordens irgend Hoffnung zu geben. Es kam aber noch hinzu, daß der Hochmeiſter bald nach ſeiner Ankunft in Rom ſchwer er⸗ krankte, in kurzem ohne alle Hoffnung der Geneſung darnie⸗ derlag und am vier und zwanzigſten Juli des Jahres 1241 ſchon ſtarb n). Nur der fromme Abt von Haina war bei ihm gegenwaͤrtig, als er verſchied ). Ihm beichtend ſprach stituto del sacro militare ordine di S. Ciovanbattisla detto poi di Rodi, oggi di Malta dissertazione di Paulo Antonio Paoli della congregat. della Madre di Dio. Roma 1781. Ich kenne dieſes Buch und die betreffende Sache aber nur aus De Wal liecherches T. I. p. III. und XXII. Wie der Streit entſchieden worden, iſt nicht bekannt. Vielleicht kam es uberhaupt nicht zur Entſcheidung, und wie Gregors Haß die Sache angeregt, ſo deckte ſein Tod ſie zu. 1) Den Todestag Conrads fand Bachem in dem Liber Anni- versar.; ſ. deſſen Chronolog. der Hochmeiſter S. VIII. Das Chron. Exford. in der vorhin angefuͤhrten Stelle weicht nur um einige Tage ab, indem es den 27. Juli angiebt. Weit verſchiedener find die Anga⸗ ben uͤber fein Todesjahr. Sie ſchwanken zwiſchen 1240, 1241, 1242, 1243 und ſelbſt 1253. Obgleich De Nu Histoire de l'O. T. T. I. p. 478 — 496 uͤber die chronologiſchen Beſtimmungen dieſer Zeit eine eigene Abhandlung ſchrieb, ſo iſt er dennoch nicht zu dem richtigen Reſultate gelangt, indem er p. 342 das ſicherlich falſche Jahr 1243 oder den Anfang des Jahres 1244 als die Zeit des Todes Conrads an⸗ nimmt. Das richtige Todesjahr iſt undezveifeit 1241, obgleich manche Quellen auch das Jahr 1240 angeben; Xistor. Landgrav. Thuring. ap. Pistor. T. I. p. 13%. Chron. Erford. ap. Schannat. Vin- dem. T. I. p. 99. Hohte. Chron. Thuring. ap. Mencken. T. II. p. 1732. Ursini Chron. Thuring. ib. T. III. p. 1290. um Wie⸗ derholungen zu vermeiden, werden wir die Beweiſe zur Annahme des Jahres 1241 in den folgenden Anmerkungen beibringen. Juſti Vorzeit 1826. S. 322 2) Daß Conrad weder in Preuſſen, noch zu Marburg (wie Neuere z. B. Juſti Vorzeit Jahrg. 1820 S. 198 behaupten), ſondern zu Rom
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424 Tod Conrads von Thüringen. Conrad in ſeiner letzten Stunde die Bitte aus, daß er in der von ihm ſo herrlich begonnenen St. Eliſabethen⸗Kirche zu Mar⸗ burg, wo ſchon die heilige Eliſabeth ruhete, ſeine Grabſtaͤtte finden möge. Dort wurde auch fein Leichnam hingebracht und zur Ruhe beigeſetzt. Ein ſchoͤnes Grabdenkmal — der Hochmei⸗ ſter in Lebensgroͤße, mit der Linken das gefaltete Gewand haltend, auf dem Mantel das ſchwarze Ordenskreuz — be⸗ wahrt dort bis dieſen Tag das dankbare Andenken, deſſen man ihn wuͤrdigte ). Conrad hatte keine der Angelegenheiten ſeines Ordens, weder die Klagſache der Preuſſen und des Herzogs von Pom⸗ mern, noch den Streit mit dem Johanniter- Orden beendigen koͤnnen. Auch nach ſeinem Tode hatte weder die eine, noch die andere irgend einen Fortgang, denn wenige Wochen nach⸗ her, am ein und zwanzigſten Auguſt 1241, ſtarb auch der ſchwerbekuͤmmerte, faſt hundertjaͤhrige Papſt Gregorius, — bei der Geſinnung, die er in den letzten Jahren gegen den Deut⸗ ſchen Orden gehegt hatte, fuͤr dieſen allerdings ein gluͤckli⸗ ches Ereigniß. Der Nachfolger Gregors, Coͤleſtin der Vierte, im September nicht ohne vielen Zwiſt erwaͤhlt, erlag ſchon nach einigen Wochen der Schwaͤche des Alters und der paͤpſt⸗ liche Stuhl blieb unter einem ſchrecklichen Gewirre von Feh⸗ den und Feindſeligkeiten, von Raͤnken und Umtrieben in und außer der Kirche ſowohl in dieſem, als im nachfolgenden Jahre, ganz unbeſetzt ?). ſtarb, iſt nach ſicheren Quellen außer Zweifel. Ausdruͤcklich ſagen dieſes das Cbron. Erford. I. c. und Menchen T. III. p. 158. In Theo- doriei vita S. Elisabeth heißt es: Dulcis memoriae frater Con- radus, olim Magister domus Theut., qui fuerat Princeps Thu- ringiae, Romae infirmatus est. Vgl. Rommel B. I. S. 311 Juſti Vorzeit Jahrg. 1821. Alle Quellen fuͤhren Marburg nur als feinen Begraͤbnißort an. Vgl. De Val Recherches T. II. p. 256, welcher den Hochmeiſter in Deutſchland ſterben laßt. 1) S. Juſti Vorzeit Jahrg. 1820, wo eine Abbildung des Be: gräbnißdenkmals des Landgrafen nebſt einer Beſchreibung S. 196 be⸗ findlich iſt. 2) Man mag die den Deutſchen Orden nicht unmittelbar betref⸗
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Wahl Gerhards von Malberg. 425 In dem Maaße aber, als des Papſtes Gregorius Tod fuͤr den Orden guͤnſtig wirkte, war er fuͤr die Klagſache der Preuſſen und des Herzogs von Pommern in jeder Weiſe nachtheilig. Die Geſandten brachten wiederholt ihre Beſchwer⸗ den vor das Collegium der Kardinaͤle und baten um Ent⸗ ſcheidung. Allein hier waren die Hemmungen und Hinder⸗ niſſe ohne Zahl ). Mehre der Kardinaͤle waren bei Cole⸗ ſtins Tod aus Angſt vor dem Kaiſer aus Rom entflohen, andere befanden ſich in des Kaiſers Haft. Im Collegium ſelbſt herrſchte die bitterſte Zwietracht; die zuruͤckgebliebenen Mitglieder waren theils des Kaiſers Freunde, theils doch we⸗ nigſtens aͤngſtlich beſorgt, dieſen nicht im mindeſten zu belei⸗ digen ); und dieſe Beſorgniß verbot es ſelbſt, die Klage ge⸗ gen die Deutſchen Ordensherren, des Kaiſers Guͤnſtlinge, in der Verſammlung der Kardinaͤle auch nur aufzunehmen. Und uͤberhaupt was kuͤmmerte jetzt die geiſtlichen Herren der ent⸗ fernte Norden, da Sturm und Ungewitter ſo nahe uͤber ihren Haͤuptern drohten! So traten alſo die Geſandten des Her⸗ zogs mit den Preuſſen nach langem Hoffen und Harren ohne Erfolg ihrer Bemühungen die Ruͤckreiſe ins Vaterland an ). Unterdeſſen dachte man im Deutſchen Orden an die Wahl eines neuen Meiſters. Wo ſich dieſesmal des Ordens oberſte Gebietiger zur neuen Kuͤr verſammelten, daruͤber feh⸗ len beſtimmte Nachrichten; jedoch iſt wahrſcheinlich, daß die Wahl zu Venedig) gegen Ende des Jahres 1241, wie es fenden Verhaͤltniſſe und Ereigniſſe der Zeit aus Raumer B. IV. S. 106 ff. kennen lernen. 1) Platina vitae Ponliſicum p. 208. 2) Raynald. ann. 1242. Nr. I. Raumer B. IV. S. 114. 3) Lucas David B. III. S. 13: „Indes ob die armen leute wol offt und ſchwerlich bei den Cardinelen, ſo kegenwertig waren, an⸗ hielten mit Herzogen Swantopols geſanten, hette doch bei den Cardi⸗ nalen, ſo zu der Zeit in kleiner anzal zu Rom waren, des Ordens Procurators rhede mehr anſehen, dan der Armen clage, das fie alſo ungeſchafft widerumb ſich in Preuſſen begeben muſten. Simon Grunau Tr. VII. c. 3. §. 1. 4) Es iſt wenigſtens wahrſcheinlich, daß Venedig der Wahlort war.
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426 Wahl Gerhards von Malberg. ſcheint in Gegenwart des Meiſters von Livland Dieterichs von Gruͤningen erfolgte ). Sie fiel auf den Ordensritter Gerhard von Malberg, aus den Rheinlanden gebuͤrtig, wo der Stamm feines Geſchlechtes ſich in den Gegenden von Trier, Luͤttich und Luxemburg verbreitet hatte und dort ſchon ſeit alten Zeiten in Anſehen ſtand ). Gerhard war dem Zweige entſproſſen, der um Luͤttich bluͤhete, wo er vor ſeinem Eintritte in den Deutſchen Orden in ehelichen Verhaͤltniſſen gelebt und zwei Söhne Dieterich und Otto erzeugt hatte >). Man meint, daß der Tod ſeiner Gattin ihn ſo tief ergriffen und ſein Innerſtes ſo erſchuͤttert habe, daß er nur unter den ſtrengen Uebungen eines geweihten Ordens die verlorene Ruhe feiner Seele wieder finden zu koͤnnen glaubte ). Was ihn Lucas David B. III. S. 31 führt namlich, fich auf alte Geſchicht⸗ ſchreiber ftüßend, eine Hochmeiſterwahl in Venedig im Jahre 1243 nach dem von ihm angenommenen Tode Hermanns von Salza an. Nun dürfen wir aber beſtimmt behaupten, daß in dieſem Jahre durchaus keine ſolche Wahl Statt finden konnte, indem die hochmeiſterliche Wuͤrde nur im Jahre 1241 und dann erſt 1244 wieder erledigt war. Weil wir nun den zunaͤchſt gewählten Hochmeiſter ſogleich im Anfange des Jahres 1242 in Italien finden, ſo ſcheint jene Wahl in Venedig in das Jahr 1241 geſetzt werden zu muͤſſen. 1) Nach Lucas David a. a. O. geſchah die Wahl auff Aſſum⸗ tionis, 15. Auguſt. Dieß wäre aber für das Jahr 1241 gar nicht moͤg⸗ lich. Vielleicht iſt der Tag verwechſelt mit Conceptionis; da aber Lu⸗ cas David ſich uͤberhaupt auf derſelbigen Seite ſelbſt widerſpricht, ſo iſt bei ihm an diplomatiſche Gewißheit gar nicht zu denken. 2) Die gruͤndlichſten Nachrichten uͤber die Familie Malberg findet man in Eiflia illustrata von Schannat herausgegeben von Bärſch B. I. Abth. 2. S. 473 ff. und S. 741 ff., wo alles, was ſich uͤber dieſe Familie entdecken ließ, zuſammengeſtellt iſt. Ueber dieſen Gerhard von Malberg fand jedoch Baͤrſch keine neue Nachrichten. Vgl. Hont- heim. Wisioria Trevirens. T. I., wo der einzelnen Glieder des Ge⸗ ſchlechtes von Malberg ſehr oft erwähnt wird; über die Beſitzung ib. T. I. p. 690. 3) Dieſes geht aus Urkunden hervor, welche Bachem in Juſti's Vorzeit Jahrg. 1824 ©. 311 mittheilt. Gerhard wird darin öfter mit der Benennung Confrater, frater erwähnt. Vgl. Eiflia illustrata a. a. O. 4) Dieß meint De Pal in einem Briefe in Juſti's Vorzeit q. a. O. S. 313.
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Suantepolc's feindliche Geſinnung gegen den Orden. 427 beſonders zur Wuͤrde des Meiſteramtes empfohlen habe, iſt unbekannt; aber es ſcheint faſt nicht, daß ſeine Wahl ganz einſtimmig erfolgt ſey, denn es erhoben ſich im Orden bald Unruhen und Zwiſtigkeiten, die durch ihn veranlaßt waren. Sein Auſenthalt war meiſtens in Italien, bald zu Venedig, bald bei dem Kaiſer, welcher ſich ſeiner mehrmals in Reichs⸗ angelegenheiten bediente. Als unter andern die Wahl ei⸗ nes neuen Papſtes durch die Spaltungen unter den Kardi⸗ naͤlen ſich zum Kummer der ganzen Chriſtenheit immer mehr verzögerte, alle Ermahnungen der christlichen Fuͤrſten fruchtlos blieben und ſelbſt des Kaiſers dringende und drohende Erin⸗ nerungen zu keinem Ziele fuͤhrten, ſandte dieſer im Februar des Jahres 1242 mit dem Erzbiſchofe von Bari und dem Magiſter Roger Porcaſtrello auch den neuerwaͤhlten Hochmei⸗ ſter Gerhard von Malberg als Bevollmaͤchtigte nach Rom, um das Cardinal⸗ Collegium zur Eintracht und zur Vollzie⸗ hung der neuen Papſtwahl zu bewegen ). Aber ohne Erfolg 1) Richard. de S. Germano p. 1048 ſchreibt: (Imperator) ad Romanam Curiam Magistrum domus Theutonicorum crea- tum noviter, Archiepiscopum Barensem et Magistrum Roge- rium Porcastrellum pro pace Legatos millit. Raynald. ann. 1242. Nr. 4. Wiewohl nun bei biefen Worten dem Unbefangenen gar kein Zweifel beikommt, daß der Magister d. Th. creatus noviter der neuerwählte Hochmeiſter Gerhard von Malberg ſey, ſo hat ſich De Maul Mistoire de l’Ord. Teut. T. I. p. 482 seq. doch alle mögliche Muͤhe gegeben, nicht ihn, ſondern den ſchon vor einigen Jahren er⸗ waͤhlten und im Jahre 1241 bereits geſtorbenen Conrad von Thuͤrin⸗ gen darunter zu finden. Spaͤter indeſſen hat De Val in ſ. Recher- ches T. II. p. 257 dieſen Irrthum ſelbſt widerlegt und jene Behaup⸗ tung zuruͤckgenommen. Wenn er aber in Juſti's Vorzeit Jahrg. 1824 S. 313 behauptet, der in jenen Urkunden genannte Gerhard von Malberg ſey nicht der Hochmeiſter, ſondern nur ein Halbbruder des Ordens geweſen, ſo koͤnnen wir uns davon nicht uͤberzeugen, denn die Bezeichnung frater und coufrater ift nach unſerem Dafuͤrhalten noch kein hinlaͤnglicher Beweis fuͤr die von Wal aufgeſtellte Meinung. Ue⸗ brigens beftätigen die Worte „crealum noviter,“ daß Gerhard am Schluſſe des Jabres 1241 erwählt wurde, denn die Sendung des neuen
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428 Suantepolc's feindliche Geſinnung gegen den Orden. kehrte der Hochmeiſter mit den uͤbrigen Geſandten an den Kaiſerhof zuruͤck ). Fuͤr den Orden in Preuſſen war es eine ſchwerdrohende Zeit, da Gerhard als Haupt deſſelben an die Verwaltung trat. Denn als die Geſandten des Herzogs Suantepolc und der Preuſſiſchen Lande heimgekehrt berichteten, wie huͤlflos, ohne Rath und ohne Theilnahme ſie den Hof zu Rom ver⸗ laſſen, mit welcher Kaͤlte und Sorgloſigkeit ihre Sache dort aufgenommen ſey, da gab es kaum noch eine Ausſicht zur Erhaltung des Friedens. Doch wie ſcheu geworden durch den Bericht feiner Geſandten trat Herzog Suantepolc noch etwas zuruck, denn er hatte ſonder Zweifel auf einen guͤnſtigeren Erfolg am paͤpſtlichen Hofe gerechnet. Wie die Sache ſtand, durfte der offene Krieg von ihm noch nicht angeregt werden. Es fanden alſo von neuem Unterhandlungen zwiſchen dem Herzoge, den Preuſſen und dem Landmeiſter Statt, wie es ſcheint, durch Vermittlung des paͤpſtlichen Legaten Wilhelm 2). Hochmeiſters faͤllt in den Anfang des Februars 1242. Vgl. Juſti Vor: zeit 1826 S. 323. 1) Im März des Jahres 1242 befindet ſich Gerhard wieder beim Kaiſer zu Capua, wo er in einer Urkunde als Zeuge Frater Gerar- dus Magister Domus sanctae Mariae Teutonicorun in Jerusa- lem genannt ift; ſ. Hanſelmann von der Landeshoheit des Hauſes Hohenlohe S. 124 — 125. Baczko über Gerhard von Malberg S. 20 — 22. De Wal Recherches T. II. p. 255. 2) Es iſt ein Irrthum, wenn in fruͤheren geſchichtlichen Werken auf den Grund der Angaben im Dusburg P. III. c. 33, Lucas David B. III. S. 16 und andern Chroniſten behauptet wird, der paͤpſtliche Legat ſey erſt nach dem Ausbruche des Krieges im J. 1243 nach Preuſſen geſandt worden. Er war vielmehr hier und im Norden ſchon ſeit mehren Jahren und daß er ſich namentlich im Fruͤhlinge des J. 1242 im Gebiete des Ordens aufhielt, beweiſet eine mit feinem Sie⸗ gel verſehene Originalurkunde im geh. Archive Schiebl. XXIII. Nr. 1, worin er dem Orden das Patronatrecht über die Hoſpitaͤler zu Thorn und Elbing ertheilt. Sie iſt datirt: in Elbing anno dom. incarnat. 1242 octavo Idus April (6. April). In einer andern Urkunde (ei: nem Transſumt vom J. 1415 im geh. Archive Schiebl. XII. Nr. 13) giebt er den Ordensrittern in Livland die Erlaubniß, an der Semgal⸗
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Suantepolc's feindliche Geſinnung gegen den Orden. 429 Suantepolc behielt hiebei eine kluge und in aller Hinficht wohl berechnete 5 er hatte bereits ſo viel gethan, daß er hoffen konnte, die Preuſſen wuͤrden gewiß wuͤnſchen, daß er noch mehr fuͤr ſie thue. Er nahm die Miene des Partei⸗ loſen an; er ſchien kaͤlter fuͤr die Sache der Preuſſen, um wiederholt ſich durch neue Geſandtſchaften derſelben auffor⸗ dern zu laſſen, die ihnen verheißene Freiheit durch ſeinen Bei⸗ ſtand aufrecht zu erhalten und ſich ihrer in ihrer Knechtſchaft in aller Weiſe als Schutzherr anzunehmen ). So gab ſich der Herzog hin und hielt an ſich, ſo ſchien er theilnehmend und unbekuͤmmert, wie es die Klugheit gebot und wie die Verhaͤltniſſe es verlangten 2) immer aber wußte er die Hoff⸗ nung der Preuſſen empor zu halten und an ſich zu knuͤpfen und ihr Vertrauen immer mehr und mehr zu gewinnen, alſo daß ſie bald alle nur auf ihn als ihren Befreier und Erret⸗ ter hinblickten. Mittlerweile ließ Herzog Suantepolc ſeine zwei Burgen am Weichſel⸗Strome Schwez und Zartowitz ſtark befeſtigen und zahlreich bemannen. Seiner Huͤlfsgenoſſen in Preuſſen nun ſchon voͤllig ſicher und ganz einverſtanden mit ihnen in dem Gedanken, daß nur durch gaͤnzliche Verdraͤngung der Ordensherrſchaft das Gluͤck der Vorzeit und das Gedeihen und die Sicherheit des Landes wieder herbeizuführen feyen >), ler Aa und am Fluſſe Windau Burgen zu erbauen. Sie iſt datirt: In castro de Balga anno grat. 1242. XIII Cal. May (19. April). Daraus geht alſo hervor, daß ſich der Legat im April 1242 theils in Elbing, theils auf Balga aufhielt. Dieſes ſtimmt im Ganzen auch mit den Unterſuchungen überein, welche Eetrup in ſ. Idea Hierarch. om. über die fortwaͤhrende Anweſenheit des Legaten im Norden S. 58 seg. gegeben hat. 1) Lucas David B. III. S. 14. 2) Der Ordenschroniſt Dus burg c. 32 konnte ihn daher auch im: mer ſchildern als habens cor plenum omni dolo et fallacia. 3) Wenn bei den Worten im Dusdurg P. III. c. 32: confoede- rans se cum ipsis (i. e. Prutenis) sub hoc pacto, quod ipsi fratres domus Teutonicae et alios Christi fideles a terminis Pruschiae ejicerent violenter, auch wohl nicht gerade an ein foͤrm⸗
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430 Abfall der Preuſſen vom Orden. betrieb er im Stillen, aber mit allem Eifer die Ruͤſtung zum Kriege, und als er alles e er dieſen, doch anfangs mehr nur durch allerlei Neckereien als im Ernſte. Nun hatte aber der Landmeiſter Heinrich von Wida, die ob⸗ ſchwebenden Gefahren nicht erkennend, im Kulmerlande, vor⸗ zuͤglich zu Kulm und Thorn eine Anzahl von Stromſchiffen erbauen laſſen, um Elbing und Balga, vor allem aber die neuerrichteten Burgen in Warmien und Barterland mit den noͤthigen Beduͤrfniſſen zu verſorgen, da, wie erwähnt, in ih⸗ ren Umgegenden der Ackerbau ſo ſehr behindert ward. Suan⸗ tepolc, dem jene Burgen, die Zwingfeſten der Lande, ein Graͤuel waren, meinend, mit ihrem Untergange und Verder⸗ ben werde gewiß auch die ganze Eroberung fuͤr die Ordens⸗ herren wiederum verloren gehen, gebot der Mannſchaft ſeiner Burgen am Weichſel⸗Strome, kein Schiff mehr hinabfahren zu laſſen, jedes neu ankommende aufzugreifen und auszupluͤn⸗ dern, die Mannſchaft aber gefangen zu nehmen oder bei Wi⸗ derſtand zu erſchlagen. Und fo geſchah es auch 2). Kaum aber vernahmen die Preuſſen in Warmien und Natangen, daß Herzog Suantepolc dem Orden feindlich ent⸗ gegentrete, als dort im Drange des Gefuͤhls fuͤr Freiheit, im Zorne uͤber die Knechtſchaft, in der Leidenſchaft nach Rache und blutiger Vergeltung alles zu den Waffen griff, dem Ge⸗ kreuzigten entfagte, den alten Göttern zueilte, den alten Prie⸗ ſtern vertraute. Ueberall im Lande umher umlagerte man die errichteten Zwingburgen, um im Verderben der verhaßten Gebieter das alte freie Leben wieder zu erringen. Durch das ganze vom Orden bezwungene Land nach Oſten und nach Norden ging ein allgemeiner Aufſtand. Nur Eine Seele fuͤr Freiheit und Erloͤſung aus der Knechtſchaft und Ein Gefuͤhl des Ingrimms und der Erbitterung lebte im ganzen Volke. Alle ſtanden da wie Einer ), der verzweifelt nur im Blut lich abgeſchloſſenes Buͤadniß zu denken ſeyn möchte, jo war man in der Sache mit Herz und Mund doch gewiß ganz einig. ‚Schüzz p. 21. 1) Dusburg ]. c. Lucas David B. III. S. 15. 2) „Congregati Prutheni omnes quasi Vir unus.“ Dus- burg c. 34.
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Abfall der Preuſſen vom Orden. 431 und Mord Heil und Rettung ſuchet. Keiner blieb zuruͤck, der an dem Tage der Befreiung nicht Theil nehmen und das Joch des Volkes nicht mit zertreten wollte. Alles was Deutſch war oder chriſtlich hieß, erlag der Rache der Ver⸗ zweifelten; nur wehrloſe Weiber und Kinder verſchonte das Schwert, um fie dem ungluͤcklichen Schickſale der Gefangen⸗ ſchaft Preis zu geben. Der tapfere Kriegsmann Conrad von Dortmund, der ſchon in fremden Landen ſo manche Schlacht mit gekaͤmpft hatte, in jedem Kampfe ein Held, ward mit ſeiner ganzen Familie erſchlagen ). Die bewehrten und zum Theile befeſtigten Wohnungen der Deutſchen Einzoͤglinge ver⸗ zehrte das Feuer und was zum Raube diente, ward in die Waͤlder gebracht. Auch alle neuerbauten Ordensburgen wur⸗ den vom ergrimmten Volke erſtuͤrmt; keine widerſtand der Wuth des Angriffes. Die Ordensritter und die uͤbrigen Chri⸗ ſten, welche in ihren Mauern Schutz geſucht, wurden jaͤmmer⸗ lich ermordet. Nur das feſte Balga und die Burg Elbing trotzten dem Feinde und ſicherten den fluͤchtigen Chriſten das Leben, aber unter Jammer, Hunger und Noth, da keine reichlich mit Lebensmitteln verſehen war ?). Noch aber war man nicht am Ziele. Es war fuͤr den Orden noch Schrecklicheres zu erwarten. Ging waͤhrend die⸗ ſes wilden Sturmes im Norden und Oſten der Herzog von Pommern mit ſeiner Streitmacht uͤber die Weichſel und griff er die Ritter zu gleicher Zeit auch in den weſtlichen Land— ſchaften, im Kulmerlande und in Pomeſanien an, fo ſchien 1) Es iſt ohne Zweifel derſelbe, welcher im Jahre 1214 in der Schlacht bei Bouvines auf der Seite des Kaiſers Otto IV focht und mit dem Grafen Bernhard von Tecklenburg gefangen ward, Alberici Chron. p. 481, und ſpaͤterhin im Jahre 1225 am Hofe des Erzbiſchofs Engelbert von Koͤln lebend dieſem einſt auf einer Reiſe das Leben ret⸗ tete, als eine Räͤuberhorde ihn uͤberſiel; ſ. Caesarız vita S. Engel- berti L. II. c. 6. 7. Gruber Origin. Livon. p. 17 iſt geneigt zu glauben, daß dieſes derſelbe Graf Conrad von Dortmund geweſen ſey, der ſchon im Jahre 1199 einen Kreuzzug nach Livland unternahm. 2) Dusburg P. III. c. 34. Lucas David B. III. c. 16. Chron. Oliv. p. 28. Schütz p. 21.
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432 Abfall der Preuſſen vom Orden. alles verloren und eine Rettung fuͤr den Orden gar nicht denkbar. Dieſes befuͤrchtete man, denn der Herzog wuͤnſchte den Krieg, das war unzweifelhaft; er wuͤnſchte nur noch ei⸗ nen naͤheren Anlaß, das gab er vielfach zu erkennen. Allein die Ordensritter wichen vorſichtig auf jede Weiſe aus und ertrugen daher auch alle Neckereien ), durch die Suantepolc fie zu reizen ſuchte. Da trat der paͤpſtliche Legat mit dem warnenden Worte dazwiſchen ). Kraft ſeiner Vollmacht vom heiligen Stuhle gebot er dem Herzoge mit drohendem Ernſte, von ſeinem Vorhaben und ſeiner Verfolgung des Glaubens abzuſtehen, wofern nicht der Fluch dee Kirche ihn treffen ſolle ). Aber mit kuͤhner Rede ſich vertheidigend trat der Herzog vor dem Legaten auf: „es ſey nicht ſeine Sache, ſon⸗ dern der Preuſſen Freiheit, um die man nach Rom gegangen und vergeblich dort bemuͤht geweſen ſey; da ſey es zu Hader und Zwiſt zwiſchen den Ordensherren und ihren Unterthanen gekommen; erfolglos habe er vor jenen fuͤr die Freiheit der Neubekehrten geſprochen; jetzt komme die Zeit der Rache ).“ So kuͤhn der Herzog geredet, ſo keck fuhr er fort, den Orden zu befehden zu Waſſer und zu Land, des Ordens Ei⸗ genthum zu pluͤndern, deſſen Getreuen zu berauben ). Die⸗ ſes alles aber verſtaͤrkte den Muth der Preuſſen und trieb ſie an, ihr Ziel noch weiter zu verfolgen, denn nun erkannten 1) Ob fie der Orden mit der chriſtlichen „mansuetudine et pa- ticntia“ ertrug, wie Dusburg c. 32 angiebt, iſt ſchwer zu glauben. 2) Was Dusburg P. III. c. 33 von einer bei dem Papſte Inno⸗ cenz IV angebrachten clamosa insinuatione Hermanni de Saltza generalis Magistri ordinis d. L., novellam plantationem fidei in terra Pruschiae notabiliter deficere per tyrannidem Swantopel- ci Ducis von dieſer Zeit ſagt, kann vor der Kritik unmoͤglich beftehen. Lucas David B. III. S. 16 hat es indeſſen blindhin nachgeſchrieben. 3) Dusburg I. c. Lucas David B. III. S. 19 — 20 zieht hier zwei Verhandlungen des Legaten (vgl. Dus burg P. III. c. 39) in eine zuſammen und verwirrt ſomit den Zuſammenhang. Der Dro⸗ hung mit dem Banne erwaͤhnt Schills p. 21. 4) Lucas David B. III. S. 19. 5) Dusburg c. 33.
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Krieg mit Suantepolc und den Preuſſen. 433 ſie in dem Herzoge ſchon den entſchloſſenſten Verfechter ihrer Sache und ihr oberſtes Kriegshaupt ). Sie brachen auf und trugen nun ihre Waffen auch in die Gebiete von Pomeſanien und Kulmerland. Eine ſchwere Verwuͤſtung ging ihrem Zuge nach. Da ſchritt der Herzog mit einem Heerhaufen uͤber die Weichſel, ſich mit dem Kriegsvolke der Preuſſen zu Raub und Brand vereinigend. Städte und Burgen, Dörfer und Weiler erfuhren die Wuth der wilden Krieger, denn al⸗ les, was der Orden gegruͤndet und aufgebaut, erregte Haß und Widerwillen. Das flache Land ward völlig veroͤdet. Die Burgen zu Stuhm, Marienwerder, Graudenz und an⸗ dere wurden erſtuͤrmt und meiſtens vernichtet. Die hinter ih⸗ ren Mauern Schutz und Rettung geſucht, erlagen groͤßten Theils dem Schwerte; an viertauſend der Deutſchen Einzoͤg⸗ linge wurden durch die Keulen der Preuſſen erſchlagen, denn alle ihre Burgwohnungen fielen in Feindesmacht. Faſt nur noch in den drei Burgen zu Thorn, Kulm und Rheden fan⸗ den die Ordensritter Rettung ihres Lebens 2). Es war ein furchtbarer Sturm, der uͤber den Orden hereinbrach, und da unter dieſem Schrecken alles wankte und zagte, vergaßen auch die Preuſſiſchen Edlen, die durch Beguͤnſtigungen gewon⸗ D Dusburg P. III. c. 34: Swentopelcus factus fuit Dux et Capitaneus eorum. Naucler. p. 823. Ob die von Prätorius Schaubühne B. IX. C. 6. F. 4. XI. 3. 5 aus Roſenzweigs Rhapſodien entnommene Nachricht von den feierlichen Ceremonien bei Suantepolcs Erhebung zum Feldherrn der Preuſſen Dichtung oder Wahrheit ſey, iſt ſchwer zu beſtimmen. Der erſteren ſieht fie offenbar am ähnlichſten. 2) Dusburg P. III. c. 35. Chron. Oliv. p. 28. Schütz p. 21. Lucas David B. III. S. 17 berichtet nach einigen alten Chro⸗ niſten, daß damals der Griwe — welcher? — ein maͤchtiges Kriegs⸗ volk dem Herzoge Suantepolc uͤber die Nehring zugeſandt haben ſolle, mit welchem dieſer im Kulmerland, Pomeſanien und Pogefanien einge: fallen ſey. Die Nachricht klingt einem Maͤhrchen ahnlich. Warum regte ſich dieſer Griwe erſt jetzt? Warum nicht fruͤher, als das Niederland erobert ward? Und bedurfte der Herzog ſolcher Huͤlfe? Hatte er nicht hinreichend Kriegsvolk im eigenen Lande? — Vgl. Kantzow B. I. S. 238. II. 28
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434 Krieg mit Suantepolc und den Preuffen. nen noch am laͤngſten ſich zu dem Orden gehalten hatten, ihre zugeſagte Treue, ſich zu den Feinden der Ritter wen⸗ dend, um mit dieſen nicht im Sturme unterzugehen. Nur ein einziger, Makko oder Macho genannt, der Sohn jenes Pomeſaniſchen Edlen Pipin, deſſen Burg der Orden bei ſei⸗ nem Eintritte ins Kulmerland gewonnen hatte, bewahrte den Ordensbruͤdern das gegebene Wort der Treue und verſorgte die Burgen zu Elbing, Kulm und Thorn mit Lebensmitteln, fo viel es ihm moͤglich war ). So ſchienen die Preuſſen und Herzog Suantepole am Ziele; fuͤr den Orden ſchien alles verloren, was ſeit Jab⸗ ren unter ſchweren Opfern und Kaͤmpfen und mit ſo theue⸗ rem Blute errungen worden war. Zwar ließ ſofort der paͤpſt⸗ liche Legat, die Prieſter und Moͤnche des Landes ausſendend, in den nahe gelegenen Laͤndern im Namen der Kirche gegen Suantepolc und die Abtruͤnnigen das Kreuz predigen und es mit Eifer verkuͤndigen, wie nothwendig und wichtig fuͤr Glauben und Kirche, wie verdienſtlich fuͤr den Himmel, wie 1) Auf die Treue dieſes Preuſſen macht Dusdurg ſchon c. 7 auf- merkſam; er nennt ihn nobilis vir de Pomesania — profuit 2e- lando fidem Christi ei Christi ſideles, quia stelit .intrepidus usque ad ınortem suam pro defensione ſidei Christianae. Bei dieſen Ereigniſſen ſpricht auch Lucas David B. III. S. 17 — 18 von ihm. Dieſe Chroniſten ſchreiben den Namen Makko oder Makke; wahrſcheinlich iſt der Name Macho am richtigſten. Wir haben noch eine Verſchreibung des Pomeſaniſchen Biſchoſs Albert vom Jahre 1260, worin dieſem Macho et successoribus suis legiitimis propter fi- delitatem, quam nobis et eristianis oslendit, bona sua vi- delicet Trist, Trumpe et Gobis nuncupala, que in presenti juste possidet, iure Theutonicali sicut habent meliores milites culmenses, verliehen werden. Dann heißt es: Insuper ex speciali Javore et gracia predictum Machonem cum suis successoribus et homines sub eo sedentes subportamus et perpeiue ahsolva- mus, ut Episcopo non solvant modios de uncis vel de aratris. Es iſt demnach wohl nicht zu bezweifeln, daß dieſer Macho derſelbe ift, welcher jetzt dem Orden fo viel Treue bewies. Da Trumpe wohl das jetzige Dorf Trupen zwiſchen Marienburg und Chriſtburg iſt, ſo kenn⸗ ten wir nun auch feinen Wohnſitz.
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Krieg mit Suantepolc und den Preuffen. 435 erſprießlich fuͤr das Heil der Seelen gerade jetzt die Beihuͤlſe unter dem Kreuze ſey, da die ſchoͤne Pflanzung des Evange⸗ liums durch Frevler und Feinde der Kirche im fehnödeften Uebermuthe wieder zertreten und die Saͤulen des Tempels Chriſti durch die gottloſe Hand des Herzogs von Pommern wieder niedergeworfen und zertruͤmmert würden ); allein ſo ſchnell und fo ſtark, als fie noͤthig war, ließ ſich dieſe Huͤlfe auch bei dem guͤnſtigſten Erfolge doch auf keine Weiſe erwar⸗ ten. So ſtand den Ordensrittern die ſchrecklichſte Zukunft be⸗ vor. Auch fuͤnf Burgen waren ſie mit allen denen, die ſich zu ihnen gefluͤchtet, enge eingeſchloſſen und kaum irgend eine Ausſicht zur Errettung, das Land rings umher verheert und vom Feinde uͤberzogen, das Leben eines jeden, der die Mauern einer Burg verließ, in groͤßter Gefahr, alle Gemeinſchaft und Verbindung der Burgen unmoͤglich und ſo die Beſorgniß nur zu gegruͤndet, daß endlich bei Mangel und Hunger auch dieſe Burgen in des Feindes Gewalt fallen und Alle dem ſchrecklichſten Schickſale überliefert werden wuͤrden. Doch dieſer Tag der Schmach und des Verderbens durfte nicht erwartet werden; keiner aus der Zahl der Ritter wollte ihn erwarten; jeder wollte lieber im Kampfe unterge- hen, als dieſe Stunden des Jammers und der Verzweiflung ſehen. Der alte Marſchall Dieterich von Bernheim ), einer der wenigen, welche mit Herrmann Balk das Land zuerſt betreten und laͤnger als ein Jahrzehent alle Muͤhen und Ge⸗ fahren getheilt hatten, ein Ulyſſes im Geiſte, ein Hector in 1) Dus urg P. III. c. 33. Jeroſchin P. III. c. 33. 2) „Antiquus Marschalkus“ Dusburg c. 36. Antiquus wird bei den Amtsverwaltungen im Deutſchen Orden gemeinhin derje⸗ nige genannt, welcher ein Amt niedergelegt hat. Dieterich von Bern⸗ heim fuͤhrte alſo im Jahre 1242 das Amt des Ordensmarſchalls nicht mehr. An ſeiner Stelle ſtand jetzt als eigentlicher Ordensmarſchall Ber⸗ lewin, der frühere Vice⸗Landmeiſter, wahrſcheinlich ſeit Heinrichs von Wida Ankunft. In einer Urkunde bei Dreger Nr. 150 heißt jener Dieterich frater Theodericus guondam Marschalcus. Die Urkunde ift aus dem Jahre 1243. 28 *
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436 Eroberung der Burg Zartowitz. Tapferkeit ), dieſer alte, unter den Waffen ergrauete Held trat voran. Auf der Burg Kulm eingeſchloſſen hatte er aus⸗ kundſchaftet, daß des Herzogs Burg Zartowitz am weſtlichen Weichſel⸗Ufer nur ſchwach beſetzt ſey. Er beſchloß, ſie zu er⸗ ſtuͤrmen, hoffend, daß der Herzog auf ſolche Weiſe aus dem Gebiete des Ordens hinweggezogen und gezwungen werden koͤnne, zur Vertheidigung ſeines Landes uͤber die Weichſel zu eilen. Aber es war ein fo kuͤhnes, als ſchweres Unternehmen. Eine Meile nordwaͤrts von Schwez ſteigt der weſtliche Thalrand des Weichſel⸗ Stromes zu ſehr bedeutender Höhe empor. Das Land umher, ſich immer hoͤher erhebend, iſt durch reißende Waſſerſtroͤmungen und tiefe Bergſchluchten wild zerriſſen. In der Mitte der Berghoͤhen nach Suͤden hin und nach Norden ragt die eine dieſer Hoͤhen, wie ein Kegel ge⸗ formt vor allen andern hoch empor, ſuͤdlich durch eine tiefe Bergſchlucht von dem uͤbrigen Gelaͤnde getrennt, im Oſten unter dem ſchroffen Abhange der Weichſel-Strom, nach Nor⸗ den hin durch ein tiefes Waſſerthal abgeſchieden und im We⸗ ſten einſt durch einen breiten Graben und ein weites und tiefes Thal geſichert. Durch dieſe Naturbefeſtigung ſtark ge⸗ ſchuͤtzt ſtand auf dem Gipfel des Berges die Burg Zartowitz zur Beherrſchung des Weichſel⸗Stromes 7). Dieterich von Bernheim erſah eine guͤnſtige Zeit, ſein kuͤhnes Unternehmen auszufuͤhren. In der Winternacht des dritten Decembers im Jahre 1242, am Vorabend des Ge⸗ daͤchtnißfeſtes der heiligen Barbara zog er in aller Stille aus ſeiner Burg, mit ihm nur vier ſeiner Ordensbruͤder und vier und zwanzig reiſige Kriegsleute und ſetzte auf bereit ge⸗ 1) „Totus magnanimus erat, nempe Ulysses in pectore, nec manu minor Hectore.““ Dusburg c. 36. 2) Den alten Namen der Burg bewahrt noch jetzt das nahe lie⸗ gende Doͤrfchen Sartowitz. Spuren von Ziegelmauern, die man fruͤher auf der Spitze des Berges in einem Viereck gefunden, beftätigen die Nachricht der dortigen Bewohner, daß hier die alte Burg geſtanden habe. Jetzt iſt von ihr keine Spur mehr vorhanden. An ihrer Stelle ſteht eine kieine katholiſche Kapelle und neben dieſer ein Bild der heil. Barbara, deren Haupt einſt in der Burg verwahrt wurde.
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Eroberung der Burg Zartowitz. 437 baltenen Kaͤhnen über die Weichſel n). Die Bergſchluchten er⸗ ſteigend gelangte der ruͤſtige Haufe an die Mauern der Burg, deren Mannſchaft in tiefem Schlafe lag. Die Sturmleitern wurden angelegt und die Burgmauer ohne Widerſtand erſtie⸗ gen. Da ging plotzlich durch die Gemache das Geſchrei, der Feind ſey innerhalb der Burg. Alles ſtuͤrzte zu den Waffen. Funfzig tapfere Krieger, die Beſatzung der Feſte, ſtellten ſich zum Widerſtande. Es erfolgte ein aͤußerſt heftiger Kampf. So klein auch die Zahl der Streiter auf beiden Seiten war, ſo dauerte er doch mehre Stunden, denn die Beſatzung focht mit hoͤchſter Verzweiflung; bald wurden die einen, bald die andern zuruͤckgedraͤngt. Der anbrechende Tag aber brachte die Entſcheidung ), und fie fiel dem alten Helden des Or⸗ dens guͤnſtig. Faſt die ganze Mannſchaft der Burg wurde erſchlagen und nur wenige retteten ſich durch die Flucht. Eine große Anzahl Frauen wurden als Gefangene gefeffelt >), die Burg dann drurchpluͤndert und der betraͤchtlichen Schaͤtze, welche der Herzog dort zur Sicherheit niedergelegt, beraubt. Den koſtbarſten Schatz aber fanden die Ordensritter in ei⸗ nem Gewoͤlbe, wo ein Schrein eine ſilberne Buͤchſe verwahrte, welche das Haupt. der heiligen Barbara umſchloß. Einſt in einem Kriege in Sachſen erobert), hatte es Herzog Suan⸗ 1) Dusdurg P. III. c. 36. Chron. Oliv. p. 28. 2) Im gewoͤhnlichen Texte des Dusburg c. 36 iſt ein Fehler, wenn es heißt: Quod (I. e. hellum) duravit 2 iu diei usque ad boram terliam. Jeroſchin P. III. c. 36 las ohne Zweifel nicht anders, wenn er uͤberſetzte: Suß werte der fo herte Prant Von deme daß ufbrach der Tag Und daß die Tercie zit gelag. Der Epitomator giebt es aber deutlicher: quod duravit in ortum solis et horam lerciam. Auch das Chron. Oliv. p. 19 fagt: cum eis a medio noclis usque ad ortum solis certando. Es muß alſo bei Dusburg geleſen werden ad ortum. 3) Duisburg 1. c. Jeroſchin a. a. O. und der Epitomator geben die Zahl auf 150 an. Das Chron. Oliv. p. 28 nennt nur 50 nobiles mulieres. 4) Wie es nach Sachſen gekommen war, erwaͤhnt das Chron. Citizens. ap. Pistor. T. I. p. 1173.
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438 Das Haupt der heiligen Barbara. tepolc am ſicherſten Orte ſeines Landes, auf Zartowitz nieder⸗ gelegt. Als die Krieger das alte Heiligthum gewahrten, er⸗ griff fie hohe Freude und die tiefſte Verehrung n). Auf den Knieen dankten ſie Gott, daß er ſie ſolches Gluͤckes gewuͤr⸗ digt. Es ſchien die herrlichſte Belohnung der kuͤhnen That, fuͤr die Zukunft die erfreulichſte Vorbedeutung. Kaum zählte Dieterich von Bernheim einen ſchoͤneren und gluͤcklicheren Tag in feinem ganzen Leben und als er nun alles zur ſicheren Bewachung und Bemannung der Burg angeordnet und die Hut derſelben den Tuͤchtigſten aus ſeinem Haufen anvertraut, brachte er mit wenigen zuruͤckkeh⸗ rend das hehre Heiligthum gen Kulm, Und da ſie in die Naͤhe Kamen ſo hin zu der Stadt, Viel wohl geordnet zu ihn'n trat Die lobeliche Pfaffheit Mit Ornate angeleit Und gezieret ſchone In Proceſſione Mit Heiligthum unde Fahnen. Auch folgete der Bahnen Mit Andacht gar viel reine All das Volk gemeine Aus der Stadt Weib und Mann Barfuß ſah man dieſe gan. Unde mit viel großer Zucht Ging die chriſtliche Trucht 2) Dem Heiligthum entgegen; Und da ſie wurden negen Unde kamen, das es was Langes nieder, an das Gras ), I) Dusburg I. c. Naucler. p. 823. 2) D. h. Schaar. 3) D. h. „und kamen, daß es weit hinunter war, bis an daz Gras.
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Das Haupt der heiligen Barbara. 439 - Bielen fie da alle Mit Gebetes Schalle Gen dem Haupte frohne ). Darnach in ſuͤßem Tone Erhub die Pfaffheit einen Sang Unde richten ihren Gang Wieder gen der Stadt wart?) Mit dem Heiligthume zart. Darumme ward ein michil ) Drana und ein wonniglicher Klang. Die Pfaffen ſuͤße ſungen, Die Glocken laute klungen, Die Laien ihre Weiſe Sungen die Wege⸗Reiſe. Und da mit ſolcher Andacht Ward nun in die Kirche bracht Das heilige Haupte vorgenannt, Meſſe hub man an zur Hand Mit viel großer Achtbarkeit Von Sanct Barbaren der Maid. Das wohl dem Amte eben lag, Denn das war ihr Marter-Tag. Und da die Meſſe vollen kam ), Mit Geſange man aufnahm Das Heiligthum gebenedeit, Unde trug es in der Zeit Auf die Burg durch Sicherheit, Da es in hoher Wuͤrdigkeit Raſtet bis an dieſe Friſt. Die Burg der alte Kulmen iſt. 1) „Frohn“ bekanntlich ſ. v. a. hehr, heilig. — „Sie fielen da alle vor dem heiligen Haupte nieder.“ 2) „Wart“ ſ. v. a. waͤrts. 3) „Michil“ f. v. a. ſehr groß. 4) „Vollen kam“ d. h. vollendet war.
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440 Belagerung von Zartowitz. Da ſuchen es noch heute Leute über Leute ). So ward das Haupt der heiligen Barbara nach Kulm gebracht und laͤnger als zwei Jahrhunderte dort am heiligen Orte verwahrt. Die Wunderthaten, welche es fuͤr die glaͤu⸗ bige Zeit zahlreich bewirkte, ſicherten ihm bis auf des Ordens ſpaͤteſten Tage die tieſſte Verehrung und erneuerten immer auch das Andenken des alten Helden, durch deſſen Kuͤhnheit das Heiligthum dem Lande Preuſſen zugeeignet worden war 2), Herzog Suantepolc aber war aufs bitterſte erzuͤrnt, als er die Eroberung ſeiner Burg und den Verluſt des hehren Heiligthums vernahm. Er beſchloß, Zartowitz unter jeder Bedingung wieder zu gewinnen; und in den letzten Tagen des Jahres 1242 hatte er ein ſo zahlreiches Kriegsheer von Preuſſen aus allen Landſchaften unter ſeinem Heerbanner ver⸗ ſammelt, daß er hoffen konnte, dieſer Macht werde die ge⸗ ringe Beſatzung unmoͤglich lange widerſtehen koͤnnen. Es war am S. Stephanstage — am 26. December —, als er die Burg mit ſeiner Heermaſſe umzog und den erſten Sturm wagte ). Allein der Herzog hatte in feinem Plane mit ei⸗ nem Maaße gemeſſen, mit welchem nur Zahlen und Maſſen, nicht der gewaltige Geiſt im Menſchen berechnet werden koͤn⸗ 1) So beſingt Jeroſchin in der Reimchronik P. III. c. 36 den Empfang des Hauptes der heil. Barbara in Kulm. In obiger Mit⸗ theilung iſt nur die Schreibart und einiges in den Lauten fuͤr den Le⸗ fer unferer Zeit verändert. Dieſe Epiſode Jeroſchins iſt hier auch des⸗ wegen gerne aufgenommen worden, um die Art der Dichtung des Or⸗ densbruders Jeroſchin an dieſem Beiſpiele zu zeigen. 2 Nicht bloß noch zur Zeit, als Dusburg ſchrieb — c. 36 —, war das Heiligthum in Kulm. Wir finden es noch ſpaͤter, ſelbſt noch im Jahre 1451 daſelbſt. S. Lindenblatt Jahrb. S. 128. Original⸗ Brief des Vogts von Roggenhauſen vom J. 1451 (im geh. Archive) Nachher wurde es nach Marienburg gebracht. Vergl. meine Geſchichte von Marienburg S. 455 — 456. 3) Dusburg P. III. c. 37. Chron. Oliv. p. 19. Schütz p. 22. Kantzow S. 239. Den beſtimmten Tag fuͤhrt Lucas David B. III. S. 60 an. ueber die chronologiſchen Beſtimmungen in den Kriegen mit Herzog Suantepolc iſt überhaupt Zucas de bellis Suan- lopolci etc. zu vergleichen.
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Belagerung von Zartowitz. 441 nen. Der erſte ſtuͤrmiſche Angriff auf die Burg blieb völlig fruchtlos, in gleicher Weiſe der zweite und die folgenden. Fuͤnf bis ſieben Wochen lang waren die Belagerungswerke abwech⸗ ſelnd in Bewegung und immer ohne Erfolg. Die um zwei⸗ hundert tuͤchtige Kriegsleute verſtaͤrkte Mannſchaft der Burg unter dem Befehle des Ordensritters Conrads von Reineck leiſtete beſtaͤndig die tapferſte Gegenwehr. Da ermuͤdete des Herzogs Geduld und Muth in der Belagerung der Burg. Sey es, daß ſein Heer im Lager an Lebensmitteln Mangel litt oder daß er den Feind zum offenen Kampfe zu locken ſuchte: er brach im Februar des Jahres 1243 aus dem Lager auf, ließ nur einen Theil ſeines Heeres vor der Burg zuruͤck und zog uͤber den gefrorenen Weichſel-Strom zu Raub und Pluͤnderung wieder hinuͤber ins Kulmerland ). Mittlerweile aber hatte der alte Marſchall Dieterich von Bernheim einiges Huͤlfsvolk aus Cujavien durch Herzog Caſi⸗ mir, Conrads von Maſovien Sohn, erhalten, denn dieſer hatte laͤngſt wegen mancher Beeintraͤchtigungen, die er durch Suantepolc erlitten 2), als deſſen Gegner dageſtanden und er⸗ griff jetzt gerne die Gelegenheit zur Vergeltung. Da brach Dieterich mit ſeinem Volke auf und traf auf Suantepolcs pluͤndernde Haufen. Es kam zu einem heftigen Kampfe; neun⸗ hundert von des Herzogs Kriegsleuten wurden erſchlagen; das uͤbrige Heer ergriff die Flucht und nur von Wenigen begleitet rettete ſich Suantepolc uͤber die Weichſel in das Lager vor Zartowitz. Die ganze im Kulmerlande zuſammengeraffte Beute und vierhundert Pferde des feindlichen Heeres fielen dem alten Marſchall in die Haͤnde 2). Das Wichtigſte indeſſen, was 1) „Relicta in obsidione parte altera ei secrete noctis tem- pore Iransivit glaciem Wisselae et terram Colmensem multi- pliciter depraedavit.“ Dusdurg J. c. 2) Darauf weifet die Urkunde bei Lucas David B. III. Anh. Nr, III. ©. 8 hin und Schütz S. 22 erwähnt ausdruͤcklich, daß Herz zog Caſimir ſchon jetzt Huͤlfsvolk herbeigeſandt habe. Ein eigentliches Buͤndniß zwiſchen ihm und dem Orden erfolgte erſt ſpaͤter. Chron. Oliv. p. 19 ſpricht ebenfalls von jener Hülfsſendung. 3) Dusdurg l. c. Chron. Oliv. p. 19. Schütz S. 22. Lu⸗
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442 Belagerung von Zartowitz. man durch dieſe Kämpfe vor Zartowitz und im Kulmerlande gewonnen hatte, war der neuerwachte Muth, das erneuete Vertrauen auf Sieg im Streite fuͤr das verdraͤngte Evange⸗ lium, die feſte Zuverſicht, daß eine hoͤhere Macht in der ge⸗ ringen Zahl der Ordensbruͤder fuͤr das Werk des Glaubens wirke, und dieſe innere Kraft und Staͤrke chriſtlicher Ueber⸗ zeugung hob die Seele der Ritter jeden Tag zu kuͤhneren Gedanken und ſtaͤhlte ſie zu ſiegreichen Thaten. Und in kei⸗ nem zeigte fie ſich in höherem Leben und in ſchoͤnerem Lichte, als im Geiſte des ritterlichen Dieterichs von Bernheim, des hochbetagten Helden ). Jugendlichen Muthes dachte er ſchon nicht mehr auf bloße Abwehr des laͤſtigen Feindes; er beſchloß den Angriff in deſſen eigenen Landen. Die Burgbeſatzung auf Zartowitz erfuhr erſt bei Suante⸗ polcs eiliger Ruͤckkehr ins Lager, daß er das Heer vor der Burg eine Zeitiang verlaſſen hatte; auch von dem, was ſeil⸗ dem im Kulmerlande geſchehen war und von der Urſache ſei⸗ ner Flucht in das Lager hatte ſie keine Kunde. Da ſchlich ſich ein Ordensritter, aus der Burg zur Nachtzeit entſendet, heimlich durch das feindliche Lager und gelangte gluͤcklich nach Kulm hinuͤber, um von dem Marſchalle Nachricht zu erhalten. Dieterich entließ ihn mit dem Auftrage an die Kriegsoberſten auf der Burg, ſich in den naͤchſten Tagen zum Kampfe be⸗ reit zu halten; er werde den Herzog im Lager angreifen; dann ſollten auch ſie durch Ausfall den Feind auf der andern Seite uͤberfallen und zum doppelten Kampfe zwingen; wer ſiege, möge Zartowitz beſitzen 2). Sofort ging Dieterich über die cas David B. III. S. 61. Auf den Bericht bei Simon Gru⸗ nau Tr. VIII. c. 3. §. 3., der den Montag nach Reminiscere als den Tag dieſes Treffens angiebt und ſonſt noch manches einmiſcht, darf man ſich wenig verlaſſen. 1) Dusburg c. 37 ſpricht dieſes von ihm in den Worten aus: Confidens de Dei misericordia, cui facile est concludere in paucis aut in multis. 2) Dusburg c. 37: Die Worte: castrum possideat posiea, qui hic victoriam obtinebit, deuten an: die ganze Beſatzung folle zum Kampfe kommen; man wolle dem Feinde, wenn dieſer ſiege, die
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Kriegsfehden mit Herzog Suantepole. 443 Weichſel mit einem ſtarken Kriegshaufen, den Plan auszu⸗ führen. Allein des Herzogs Kriegswache, die Ankunft des Feindes vernehmend, gab eiligſt Nachricht. Herzog Suante⸗ polc hatte jedoch im Laufe ſo vieler Unfaͤlle Muth und Ver⸗ trauen in eben dem Maaße verloren, als die Ordensritter im Gluͤcke ihrer Waffen ſie gewonnen. Zaghaft wich er dem Kampfe aus und gab das ganze Lager dem Feinde Preis. Solche Muthloſigkeit war ſonſt keineswegs in ſeinem Geiſte; vielmehr ſuchte er ſonſt Geſahren auf, um in ihnen maͤnnliche Tugend und Tapferkeit und Beharrlichkeit zu zeigen. Darum traute der vorſichtige Ordensmarſchall, Lift und trügerifche Plane befuͤrchtend, der ſchnellen Flucht des Herzogs nicht und nahete ſich nur langſam dem leeren Lager. Er brannte es auf, zog, ohne den Feind weiter zu verfolgen, in die Burg, ſorgte fuͤr ihre ſtaͤrkere Befeſtigung, beſonders da, wo die Be⸗ lagerungswerkzeuge ihr bedeutenden Schaden gebracht, ver⸗ ſtaͤrkte die Beſatzung und ging dann mit dem uͤbrigen Heere wieder nach Kulm zuruͤck ). Im Laufe dieſer Ereigniſſe war auch Wilhelm, der paͤpſt⸗ liche Legat fuͤr den Orden mit vielem Eifer thaͤtig geweſen. Außer dem Herzog Caſimir von Cujavien waren auch die uͤbrigen Herzoge von Polen, Conrad von Maſovien, Przemis⸗ lav und Boleslav, Söhne Wladislavs des Speiers, zwei raſche Juͤnglinge, jener Herzog von Groß- Polen, dieſer Her⸗ zog von Krakau und Sandomir von dem Legaten gewonnen und Suantepolcs Feinde geworden, denn dem letzteren hatte dieſer erſt vor kurzem die Burg Nakel mit Liſt weggenom⸗ Burg uͤberlaſſen. So nimmt die Worte auch Jeroſchin P. III. c. 37 und der Epitomator. Vgl. Lucas David B. III. S. 62. 1) Dusburg P. III. c. 37. Der Text in der Ausgabe von Hart⸗ knoch iſt etwas unvollſtaͤndig; die Verbeſſerung findet man bei Lucas p. 61 und im Epitomator. Lucas David B. III. S. 62 ff. giebt außer dem Berichte von Dusburg auch den von Simon Grunau Tr. VIII. c. 3. F. 3., mit welchem aber kein anderer Chroniſt über: einftimmt. Schütz p. 22. Kantzow B. I. S. 240. Nach Dusburg ſoll der Marſchall noch am nämlichen Abend nach Kulm zurückgegan: gen ſeyn.
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444 Kriegsfehden mit Suantepolc. men ). Sie boten alle gerne die Hand zur Huͤlfe, wenn es Rache gegen den ſtolzen Pommern-Fuͤrſten galt. Da nun der paͤpſtliche Legat vor allem feſt an dem Gedanken hielt: Suantepolc muͤſſe mehr in ſeinem eigenen Lande beſchaͤftigt und von den Preuſſen auf ſolche Weiſe getrennt werden, ſo begegneten ſich hier beider Theile Abſicht und Geſinnung und in einer Zuſammenkunft des Legaten mit den Polniſchen Her⸗ zogen waren dieſe leicht fuͤr den Plan zu gewinnen, unter Beihuͤlfe des Ordens die wichtige Burg Nakel wieder zu er⸗ obern 2). Die Fuͤrſten traten ſchnell mit einem ſtarken Heere zuſammen; die Ordensritter ſandten Huͤlfsvolk; die Burg ward rings umlagert; eiligſt wurden die Belagerungswerke aufgeſtellt, um die Feſte zu erſtuͤrmen, bevor Herzog Suan⸗ tepolc zur Huͤlfe und Rettung noch herbeikommen koͤnne. In der eiligen Thaͤtigkeit der Feinde aber erkannte die ſchon durch die bloße Erſcheinung eines Belagerungsheeres beſtuͤrzte Beſatzung einen ſo entſchloſſenen Muth, daß ſie, verzagend an aller Befreiung, ohne Verſuch des Widerſtandes die Ueber⸗ gabe der Burg dem Feinde anbot. Sie erhielt freien Abzug mit ihrer ganzen Habe und die Ordensritter nahmen die Burg einſtweilen in Beſitz, ſie mit hinreichender Beſatzung verſe⸗ hend 2). Außerdem war dem Herzoge Suantepolc auch ſchon die Burg Wiſſegrod abgewonnen ). Da zog ſich nun der Sturm des Krieges tiefer in des Herzogs Land hinein. 1) Boguphal p. 61. Schütz p. 22 führt an: Suantepolc habe den Herzog Przemislav feiner erblichen Güter in Kaſſuben entſetzt. 2) Dus burg P. III. c. 38. Lucas David B. III. S. 64. 3) Duisburg c. 38. Chron. Oliv. p. 29 nennt unter den ‚Der: zogen nur den Dux Cujaviae et Dux Caliscensis (Boleslav) als Theilnehmer am Zuge. Doguphal p. 61 ſtellt die Ordensritter an die Spitze der Unternehmung und ſagt: Castrum quoque Nakel, quod idem Swanthopelcus sub Przemislio et Boleslao juveni- bus fraudulenter paulo ante occupaverat, de eius polestate ca- pientes, duci Przemislio et suo fratri reddiderunt. Demnach ſcheint es, daß die Burg beiden gemeinſchaftlich gehört habe. Plug oss. T. I. p. 696. Schütz p. 22. Lucas David B. III. S. 64. 4) Boguphal I. ce. Chron. Oliv. p. 19.
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Kriegsfehden mit Suantepole. 445 Pommern erlag einer ſchrecklichen Pluͤnderung. Feuer und Schwert uͤbten Rache und Vergeltung fuͤr die Leiden und den ſchweren Schaden, die Suantepolc im Uebermuthe ſeines Gluͤckes in Polen und Preuſſen veranlaßt hatte. Bis an die Kuͤſten des Meeres ging das verheerende Ungewitter und nichts widerſtand dem racheſuͤchtigen Feinde. Selbſt das ehr⸗ wuͤrdige Kloſter Oliva fand keine Schonung gegen Pluͤnde⸗ rung und Raub ). Schaaren von Gefangenen, Weibern und Kindern wurden aus dem Lande hinweggetrieben und nichts fand Mitleid und Erbarmen vor dem aufgereizten Zorne der Feinde 2). Das Verderblichſte aber war fuͤr Herzog Suantepolc, daß nun auch ſeine eigenen Bruͤder Sambor und Ratibor als offene Feinde gegen ihn auftraten und ſich mit ſeinen Wi⸗ derſachern verbanden. Laͤngſt waren ſie ſchon des Bruders heimliche Gegner geweſen. Was zuerſt Zwiſt und Hader zwiſchen die Bruͤder gebracht habe, iſt ſchwer in klares Licht zu ſtellen ). Herzog Suantepolc hat nachmals feinen Bruͤ⸗ dern eine Menge ſchwerer Verbrechen gegen ihn Schuld ge⸗ geben: argliſtige Verbindung mit den Preuſſen, als dieſe noch ſeine Feinde waren, Verraͤtherei gegen ſein Land, um dieſes der Plünderung der Heiden Preis zu geben, Verhetzung feiner Barone, Verſchwoͤrung gegen ſeine Freiheit, betruͤgliche Um⸗ triebe mit den Bruͤdern des Deutſchen Ordens, Verfeindung mit den ſonſt von ihm unterſtuͤtzten Rittern dieſes Ordens, Verwuͤſtung ſeines Gebietes, Undank nach Verzeihung der haͤrteſten Beleidigungen und Verbrechen und anderes ). Al⸗ 1) Chron. Oliv. I. c. Dus burg c. 38. 2) Lucas David B. III. S. 64 — 65. 3) Lucas de bellis Suantopolci p. 23 hat ſchon gründlich wi⸗ derlegt, was Sell Geſchichte von Pommern B. I. S. 320, Gerken Gruͤndliche Nachricht von den Herzogen von Pommern Danziger Linie S. 37 von dem Eintritte Sambors und Ratibors in den Deutſch. Or⸗ den und Kotzebue B. 1. S. 175 und 178 von der Bruͤder Vergehungen und hinterliſtigem Verfahren gegen Suantepolc vorbringen. 4) Vgl. die Urkunde bei Kotzebue B. I. S. 396 — 401.
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446 Herzog Suantepolc u. feine Brüder. lein der Herzog buͤrdete dieſe ſchweren Vergehungen ſeinen Bruͤdern zu einer Zeit auf, als alles darauf ankam, dem Richter eine Vertheidigung und Entſchuldigung ſeiner Hand⸗ lungsweiſe vorzulegen, zu einer Zeit, da er ſeinen Bruͤdern als der erbittertſte Feind gegenuͤber ſtand. Wer kann ihm Glauben ſchenken, ihm, der in der Suͤndenſchuld feiner Brü- der ſeine Reinheit, in den Laſtern und Verbrechen ſeiner Geg⸗ ner ſeine Rechtfertigung zu finden ſuchte und finden konnte; der mit unverkennlicher Abſicht das Grellſte und Gottloſeſte hervorhebt, um den eigentlichen Quell der Zwietracht und der feindlichen Geſinnung unter den Bruͤdern auf ſolche Weiſe zu verſtecken? Dieſer Quell alles Haders aber floß, wie es ſcheint, in Suantepolcs eigenem Herzen, in feiner Herrſchſucht, in ſeinem Mißtrauen gegen die ſteigende Macht des nachbar⸗ lichen Ritterordens, in ſeinem Streben nach unbeſchraͤnkter Gebieterſchaft auch uͤber ſeine Bruͤder und deren Land und Gut, wozu die ungeordnete und zweideutige Erbfolge in den Pommeriſchen Landen, aber ſelbſt auch noch die Anordnungen und letzten Verfuͤgungen des Vaters der drei Bruͤder ihm die naͤchſte Bahn brachen ). Dieſes Streben mußte in des Fuͤr⸗ ſten Bruſt auch wohl natuͤrlich bald erwachen, wenn er nur einmal Pommern, wie es war und Preuſſen, wie es wurde, vergleichend zufammenftellte, wenn er ſah, in welcher Zerriſſen⸗ heit und Spaltung, in welcher Getheiltheit unter mehre Her⸗ ren der verſchiedenſten Intereſſen und in welcher daraus fol⸗ genden Schwaͤche und Kraftloſigkeit jenes dalag, wie dagegen der Ordensſtaat von Jahr zu Jahr maͤchtiger emporſtieg, Preuſſens einſtige Vereinzelung und Getheiltheit in einzelne Landſchaften unter des Ordens gluͤcklichen Waffen immer mehr ſich verlor, das Einzelne immer feſter zu Einem Ganzen ver⸗ einigt ward und hier immer entſchiedener Ein Wille und Ein Streben die geſammte Kraft in Bewegung ſetzte; es mußte um ſo lebendiger werden und um ſo eifriger in Thaͤtigkeit treten, jenes Streben des Herzogs, wenn er bei ſeinen Bruͤ⸗ 1) Urkunde bei Kotzebue B. I. S. 398.
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Herzog Suantepolc und feine Brüder. 447 dern eine entſchiedene Hinneigung zu den Rittern des Deut⸗ ſchen Ordens, ein immer ſichtbarer werdendes nachgiebiges Eingehen in ihre Entwuͤrfe, ſelbſt willfaͤhriges Beguͤnſtigen ih⸗ rer Plane bemerkte und hierin offenbar die größte Gefahr für das vaͤterliche Land erkannte. Wie der Orden nach dem Er⸗ werb des Kulmerlandes, nach der Eroberung Pomeſaniens, Pogeſaniens, Ermlands, Natangens, des Barterlandes und Galindiens gegen Pommern daſtand, war in Suantepolcs Augen auch ſelbſt der Friede gegen den Orden fuͤr ſeine Bruͤ⸗ der ein Verbrechen gegen das Vaterland. Unter ſolchen Verhaͤltniſſen aber konnten Reibungen und Mißhelligkeiten unter den Bruͤdern wohl an ſich ſchon gar nicht fehlen; es konnte nicht fehlen, daß Suantepolcs miß⸗ trauiſche Geſinnung gegen den Orden auch auf ſeine Bruͤder uͤberging, daß er bald auch in ihnen, wie in den Ordensrit⸗ tern ſeine Gegner erkannte, daß er befangen in ſeinem Miß⸗ trauen manche ihrer Schritte mißdeutete, manche ihrer Hand⸗ lungen im duͤſteren Lichte ſeiner eigenen Seele betrachtete und nach dem Maße ſeiner Geſinnung gegen den Orden beurtheil⸗ te; es konnte nicht fehlen, daß er den Bruͤdern hie und da Abſichten und Plane in die Seele legte, an welche keiner ge⸗ dacht hatte; und ſo war es endlich ſehr natuͤrlich, daß dieſe Bruͤder, lange geneckt und gereizt, oft verkannt und mißgedeu⸗ tet in ihren Handlungen, dem Bruder immer mehr entfremdet wurden, in ihm immer entſchiedener ihren Gegner ſahen und ſo zu Schritten getrieben wurden, die keineswegs von bruͤder⸗ licher Liebe zeugten, vielmehr aufs klarſte ihr Widerſtreben ge⸗ gen des Bruders Plane und Abſichten an den Tag legten Y. 1) Vielleicht liegt in dieſer Erörterung der Verhältniffe auch die richtige Würdigung des Inhalts der Urkunde bei Kotzebue B. J. S. 396. Streng erwieſene Wahrheit und hiſtoriſche Richtigkeit wird in den Beſchuldigungen Suantepolc's gegen ſeine Bruͤder wohl keiner ſuchen, welcher die Umftände und die Geſinnung erwägt, in welcher Suantepolc ſie ausſprach. Aber auch fuͤr voͤllig ungegruͤndet und erdichtet wird man fie ſchwerlich halten koͤnnen, wenn man bedenkt, daß Guantepolc zu Zeitgenoſſen ſprach, denen die Ereigniſſe ihrer Tage nicht unbekannt waren.
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448 Guͤnſtige Stellung des Ordens gegen Suantepolc. Der Krieg aber, welchen Suantepolc in den letzten Jahren gegen den Orden gefuͤhrt hatte, mußte nothwendig die lange verhaltene, immer geſteigerte Spannung ber Bruͤder zum Aus⸗ bruche bringen. Für Sambor und Ratibor, an welche viel⸗ leicht vom Bruder im Laufe des Waffengluͤckes manche ge⸗ bieteriſche Forderung geſchehen war, kam die Zeit der offenſten Entſcheidung, als die Waffen Polens und des Ordens ganz Pommern mit ſo fortreißender Gewalt uͤberzogen, und ſie ent⸗ ſchieden ſich offen und frei fuͤr die Sache des Ordens. Es war zu Neu⸗-Leßlau in Cujavien, wo am neun und zwanzigſten Auguſt des Jahres 1243 der Landmeiſter Hein⸗ rich von Wida mit Caſimir, Herzog von Cujavien und Su⸗ antepolcs beiden Bruͤdern Sambor und Ratibor gegen den Herzog von Pommern ein enges Buͤndniß ſchloß. Die Bruͤ⸗ der — das erklaͤrte die Urkunde des Bundes felbft — traten gegen den Bruder auf wegen ſchwerer Ungerechtigkeiten, die fie von ihm erlitten). Man verſprach ſich gegenſeitig unter eidlicher Bekraͤftigung getreuen Beiſtand, fo lange der gemein⸗ ſchaftliche Feind lebe oder die Feindſchaft durch einen Vertrag nicht beigelegt ſey. Dieſer Vertrag aber ſolle nur mit Ein⸗ ſtimmung aller Verbuͤndeten geſchloſſen werden und nicht eher, als bis den Herzogen von Polen, Conraden von Maſovien und den andern gerechte Genugthuung geleiftet ſey, wofuͤr der Orden die Buͤrgſchaft übernahm. Auch Waffenſtillſtand ſolle kein Theil mit dem Gegner eingehen ohne Einwilligung aller andern. Sobald Sambor und Ratibor gegen den Bruder mit den Waffen in offenen Kampf treten, jener Frauen und Kinder ſeiner Kriegsmannen als buͤrgende Geißeln nach Kulm, dieſer ſolche nach Cujavien bringen werde, verſprach der Or⸗ den dem erſtern die Burg Zartowitz und Herzog Caſimir dem andern die Burg Wiſſegrod und das nahe liegende Gebiet einzuraͤumen, ſo lange der Krieg dauere. Endlich unterwarf ſich jeder der Verbuͤndeten der Bannſtrafe des Biſchofs von Cujavien, ſofern er einer Beſtimmung des Vertrages entgegen⸗ 1) » Quibus (Samborio et Ratiborio) etiam injuriatus est supra modum“ heißt es in der Urkunde.
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Guͤnſtige Stellung des Ordens gegen Suantepolc. 449 handele, bis er ſolche Verletzung des Buͤndniſſes auf genuͤ⸗ gende Weiſe wieder verbeſſere ). So hatte ſich in Kurzem Alles zum Heil und Beſten des Ordes umgewandelt; ſo fuͤhrte die geheime heilige Wal⸗ tung menſchlicher Schickſale Verhaͤltniſſe herbei, unter denen wieder neue Hoffnungen fuͤr das Gedeihen des Werkes erwach⸗ ten, an welches ſchon Tauſende ihr Leben und ihre Kraft ge⸗ ſetzt. Wie nun aber ſchon dieſes Buͤndniß die Sache des Ordens in eben dem Maße enporhob, als es die Macht des Gegners niederdruͤckte, ſo leuchtete den Ordensrittern auch wie⸗ der ein freundlicher Stern der Hoffnung von Rom herauf. Am vier und zwanzigſten Juni 1243 war der Kardinal Si⸗ nibald Fiesco, Graf von Lavagna, als Papſt Innocenz der Vierte genannt, durch die Wahl der Kardinaͤle auf den hei⸗ ligen Stuhl geſetzt worden: für den Orden ein hoͤchſt gluͤckli⸗ ches Ereigniß, denn Innocenz war ſchon als Kardinal ein wohlgeneigter Goͤnner der Deutſchen Ordensritter und ein Freund des Hochmeiſters Hermann von Salza geweſen, mit dem er auch oftmals in den Verhaͤltniſſen des Kaiſers und des Papſtes Unterhandlungen gepflogen. Er hatte bisher am päpftlichen Hofe auf der Seite des Kaiſers geſtanden ) und auch ſchon deshalb gegen den Deutſchen Orden nicht die ab⸗ geneigte Geſinnung gehegt, wie mancher andere. Kaiſer Frie⸗ derich freute ſich der Wahl und ſandte die angeſehenſten Per⸗ ſonen feines Hofes an den neuen Papſt, ihm feine freund⸗ liche und aufrichtig- friedliche Geſinnung durch fie noch näher bezeugen zu laſſen. Es ſpricht nicht minder fuͤr die hohe Ach⸗ tung und Werthſchaͤtzung bei dem Kaiſer, als für das Ver⸗ trauen bei dem Papſte, daß neben dem Erzbiſchoſe von Pa⸗ lermo, dem Admiral Anſald de Mari und den Großrichtern 1) Das Original dieſer Urkunde befindet ſich im geh. Archive Schiebl. 48. Nr. 10. Gedruckt ſteht der Vertrag im Lucas David B. III. Anh. S. 7. Vgl. Lucas 1. c. p. 22 — 23. Das Original der Ur: kunde iſt mit dem Siegel des damaligen Biſchofs von Cujavien Michael verſehen. 2) Platina vita Innocent. IV. p. 208. II. 29
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450 Erhebung der Sache des Ordens durch den Papſt. Peter von Vinea und Thaddaͤus von Sueſſa, des Kaiferd Geſandten, auch der Hochmeiſter des Deutſchen Ordens Ger⸗ hard von Malberg ſtand ). Zugleich ſehen wir hieraus, daß ſich auch dieſer Meiſter des Ordens meiſtentheils am Hofe des Kaiſers aufhielt. Fuͤr den Deutſchen Orden bewies der neue Papſt ſchon in dem erſten Monate nach ſeiner Wahl geneigte Geſinnung und Theiinahme,fo wie feinen Eifer für die feſtere Begruͤn⸗ dung des Glaubens in dem ihm untergebenen Preuſſen. Der paͤpſtliche Legat Wilhelm von Modena hatte ſich, wie es ſcheint, im Fruͤhling des Jahres 1243 ſelbſt nach Rom bege⸗ ben, um dem neu zu erwaͤhlenden Papſte genauen Bericht von der Lage der Dinge in Preuſſen abzuſtatten 2). Dieſes geſchah zu Anagni, wo ſich der neue Papſt im Sommer die⸗ ſes Jahres aufhielt. Als ein weſentliches Hinderniß zur Be⸗ feſtigung der chriſtlichen Kirche in Preuſſen ſtellte der Legat den Mangel einer ſicheren und geregelten Einrichtung des Kirchenweſens dar und erhielt vom Papſte den Auftrag, hier⸗ 1) Der Kaiſer nennt ihn in feinem Briefe an den Papſt bei Pe- tri de Vineis Epist. L. I. 33 unter allen andern obenan: Qua- propter ad reverendum patrem Innocentium, Apostolicae se- dis antistitem, per fratrem G. venerabilem magistrum domus sanctae Mariae Theutonicorum in Hierusalem, Ansaldum de Amari, sacrı Imperii ac regnorum Hierusalem, Siciliae am- miratum, magistros Petrum de Vineis et Thadeum de Suessa, magnos Curiae nostrae judices — de latere nostro ad vestram praesentiam destinamus. Jlichard. de S. Germano p. 1051 nennt nicht alle Geſandten, auch den Hochmeiſter nicht. Raynald. ann. 1243. Nr. 12. Vgl. hierüber vorzuͤglich De Nu Recherches T. II. p. 256 seꝗ. 2) Der Beweis fuͤr dieſe Reiſe des Legaten nach Italien liegt in ei⸗ ner Urkunde, worin er ſelbſt ſagt: Innocentius papa quarlus inter alia, que ad officium legalionis pertinent, commisit nobis in eius presentia constituto, ut limitare possemus dioeceses etc. Auch Estrup I. c. p. 60 fand, abgeſehen von dieſer Bulle, die An⸗ nahme einer Reiſe des Legaten nach Rom im Jahr 1243 nothwendig, ſchon wegen der politiſchen Verhandlungen zwiſchen dem Kafſer und dem Papſte, in welche Wilhelm damals einzuifi-
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Erhebung der Sache des Ordens durch den Papſt. 451 in die noͤthigen Verfügungen und Anordnungen zu treffen. Außerdem aber ſchilderte er dem neuen Papſte auch das bis⸗ herige Benehmen des Biſchofs Chriſtian gegen den Orden als aͤußerſt verderblich und hinderlich fuͤr die Verbreitung und Begruͤndung des Glaubens unter den heidniſchen Preuſſen ). Endlich mochte der Legat dem Papſte auch vorgeſtellt haben, wie nothwendig es ſey, daß ein neues Kreuzheer gegen Preuſ⸗ ſen in Bewegung geſetzt werde, um die abtruͤnnigen Land⸗ ſchaften fuͤr die Kirche von neuem zu gewinnen. Und kaum war der paͤpſtliche Legat nach Preuſſen zu⸗ ruͤckgekehrt e), fo ergingen des Papſtes Aufforderungen und Verordnungen zur Befoͤrderung eines Kreuzzuges nach Preuſ⸗ ſen und Livland in alle nahe gelegenen Laͤnder. Namentlich erhielten die Priore und Bruͤder des Prediger⸗Ordens den Be⸗ fehl, allen denjenigen, welche aus Boͤhmen, aus den Gegen⸗ den von Magdeburg, Bremen, Regensburg, Paſſau, Halber⸗ ſtadt, Hildesheim und Verden, aus Daͤnemark, Gothland, Norwegen und Schweden, aus Pommern und Polen zu einem Heereszug nach Preuſſen und Livland das Kreuz nehmen wuͤrden, dieſelben Vorrechte und Freiheiten und die naͤmliche Gnadenverleihung zuzuſichern, wie denen, die gen Jeruſalem pilgerten, ſie mit ihren Familien und aller ihrer Habe unter den Schutz des apoſtoliſchen Stuhles zu erklaͤren und ihnen keine Beſchwer in irgend einer Weiſe entgegen legen zu laſſen, bis fie wieder heimgekehrt oder geſtorben ſeyn würden “) An diejenigen aber, welche mit dem Kreuze bezeichnet 1) Darauf deuten die Schlußworte des päpftlichen Schreibens bei Haynald. ann. 1243. Nr. 33 hin. 2) Nur auf die Rückkehr können die Angaben der Chroniſten von der Ankunft des paͤpſtlichen Legaten bezogen werden. Nauclen p. 823. Die Stelle im Dusburg P. III. c. 33 muß demnach dahin berichtigt werden, daß ſtatt ex clamosa insinuatione fratris Jlermanni de Saltza zu leſen ift: ex clamosa insinuatione fratris Gerhardi de Malberg. 3) Die vaͤpſtliche Bulle im Original im geh. Archive Schiebl. III. Nr. 6 iſt datirt: Anagnie Calend. Octobr. P. an. I. (1. October 1243). 29* 0
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452 Erhebung der Sache des Ordens durch den Papſt. in Preuſſen bereits den Kampf gegen die Unglaͤubigen fort⸗ ſetzten, erließ Innocenz eine beſondere Bulle, um ſie in ihrem ſchweren Werke von neuem zu ermuntern: „Daß euch der Reiz des vaͤterlichen Bodens nicht zuruͤckgehalten und daß ihr Blutsverwandte und Freunde verlaſſen habt, um zum Kampfe gegen das unglaͤubige, den Chriſten in Preuſſen widerſtrebende Volk auszuziehen, euch freiwillig Aengſten und Gefahren unterwerfend fuͤr das Heil der Chriſtglaͤubigen und fuͤr die Foͤrderung des wahren Glaubens, hat uns mit innig⸗ ſter Freude erfüllt. Von dem väterlichen Wunſche beſeelt, daß euer Werk zu Gottes Ehre fruchtreich gedeihe, bitten und ermahnen wir euch beim Sohne Gottes und zur Vergebung euerer Suͤnden: verfolget die Sache Gottes mit allem Eifer, ſtark im Geiſte, unerſchuͤtterlich in eueren Geſinnungen und in euerer Einigkeit. Was der Eifer im Streite fordert und die Anordnung der Kriegsfuͤhrung verlangt, darin folget ſorg⸗ ſam den Bruͤdern des Hoſpitals von S. Marien, auf daß durch euch und die Kämpfer Chriſti die Veraͤchter des chriſt⸗ lichen Namens leicht zertreten werden und euch der Ruhm des Triumphes und endlich durch die milde Rechte des Schoͤp⸗ ſers der Welt die Palme himmliſcher Belohnung zufalle ).“ um die naͤmliche Zeit aber trug der Papſt den Provinzialen des Prediger⸗Ordens in Deutſchland, Daͤnemark, Schweden, Pommern und Polen auch auf, die Prioren und Bruͤder ih⸗ res Ordens in den Erzbisthuͤmern und Bisthuͤmern dieſer Laͤnder zu ermuntern und anzuweiſen, daß ſie die Kreuzpre⸗ digt zur Huͤlſe der jungen Chriſtenheit in Preuſſen und Liv⸗ land mit allem Eifer betreiben und die Voͤlker fuͤr den Glau⸗ ben begeiſtern moͤchten, „daß ſie hinblicken ſollten auf die große Liebe, mit welcher Chriſtus ſie geliebet hat und ihm et⸗ was wiederum darbringen möchten für Alles, was er ihnen in ſeiner Güte dargebracht hat 2). ” 1) Das Original dieſer Bulle im geh. Archive Schiebl. III. Nr. 9, iſt datirt: Anagnie Calend. Octobr. P. an. I. 2) Raynald. ann. 1243 Nr. 34. Hier iſt die Bulle datirt: Anagniae IX Calend. Octobr. p. a. I. (23. September 1243.)
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os Friede mit Herzog Suantepolc. 45. Mit ſolchen Geſinnungen fuͤr den Orden betrat der neue Papſt den heiligen Stuhl und dieſer Eifer fuͤr die Sache der Kirche in Preuſſen, den er außerdem um die naͤmliche Zeit auch noch dadurch ausſprach, daß er von neuem das von den Ordensrittern erworbene Land in Preuſſen fir das Eigen⸗ thum des Apoſtels Petrus erklaͤrte, es unter den beſondern Schutz und Schirm des Roͤmiſchen Stuhles ſtellte und als ewiges Beſitzthum dem Deutſchen Orden zuſchrieb, daß er ferner den Hochmeiſter Gerhard von Malberg mit dem paͤpſt⸗ lichen Ringe als Symbol der Belehnung mit Preuſſen foͤrm⸗ lich inveſtirte, wofuͤr er der Roͤmiſchen Kirche einen jährlichen Lehnszins als Zeichen der Anerkennung der Oberherrſchaft des Roͤmiſchen Stuhles vorbehielt ), alle dieſe Beweiſe der Zu⸗ neigung und des Eifers, mit welchem Innocenz die Erhebung und das Gluͤck und Gedeihen des Ordens, die Verbreitung und Begruͤndung des Glaubens in Preuſſen in jeder Weiſe zu befördern ſtrebte, hatten auf alle Verhaͤltniſſe im Gebiete des Ordens ſehr bedeutenden Einfluß, den groͤßten aber und den wirkſamſten auf Herzog Suantepolc von Pommern. 1) Die Bulle iſt ſchon oͤfter gedruckt, namentlich ſteht fie bei Dre- ger Cod. diplom. Pomer. Nr. 160. p. 246 und bei Baczko Ger⸗ bard von Malberg S. 17. Die Note b) bei Dreger p. 247 wird jetzt niemand mehr fuͤr noͤthig finden, da man zu Dregers Zeit dieſen Hoch⸗ meiſter noch gar nicht kannte. Ferner findet man dieſe Bulle auch im Dogiel T. IV. Nr. 21. p. 14 und Acta Boruss. T. I. p. 423. Ein Original-Transſumt vom Biſchofe Caspar von Pomeſanien, dat. Nie: ſenburg 20. Novemb. 1445 verwahrt das geh. Archiv Schiebl. III. Nr. 4 und eine alte Abſchrift in Schiebl. XVII. Nr. 2 und eine an⸗ dere ſteht im Fol. Nr. 7 betitelt: Samländ., Pomeſan. und Kulmiſchen Privilegien. Daß die Abdruͤcke, in welchen „fili Conrade“ ſtatt „Ii- li Gerarde ( ſteht, verfaͤlſcht find und an Conrad von Thüringen bei dieſer Urkunde gar nicht mehr zu denken ſey, hat ſchon Baczko in obiger Schrift gezeigt und der Verfaſſer der Histoire de l’Ord. Teut. T. I. p. 490 iſt in ſeinen dieſen Gegenſtand betreffenden Behauptungen längft widerlegt. In jenen Original-Copien des geh. Archives ſteht auch ganz klar „fili Gerarde.“ Spater hat De VFal in ſ. Re- cherches T. II. p. 257 ſeinen fruͤheren Irrthum auch ſelbſt verbeſſert, zu welchem ihn Dog iel J. c verleitet hatte. *
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454 Friede mit Herzog Suantepolc. Bei dieſen Geſinnungen des Papſtes naͤmlich fuͤr den Deutſchen Orden, bei der vereinten feindlichen Kriegsmacht der Herzoge von Polen, ſeiner beiden Bruͤder und des Or⸗ dens und bei den Gefahren, die ihm durch einen Kreuzzug drohten, ſah Herzog Suantepolc fuͤr den Augenblick nirgends anders Heil für ſich und feine Lande als im Frieden. Der Sturm war zu maͤchtig uͤber ſeinem Haupte aufgethuͤrmt und der Papſt ſprach mit zu großem Ernſte ſeinen Unwillen uͤber ſein Verhalten gegen den Orden aus, als daß er haͤtte trotzen duͤrfen. Die Zeit gebot, den ſtarren Nacken in Demuth zu beugen und er fuͤgte ſich in dieſes ernſte Gebot der Zeit. Er bat um Friede bei dem paͤpſtlichen Legaten und bei den Ge⸗ bietigern des Ordens und jener ſtimmte die letzteren dahin, das friedliche Erbieten nicht zuruͤckzuweiſen 9. Es fanden gegen Ende des Jahres 1243 unter des Legaten freundlicher Vermittlung verſchiedene Unterhandlungen Statt; lange konn⸗ ten die Gebietiger des Ordens kein feſtes Vertrauen zu Suan⸗ tepolcs wahrhaft friedlicher Geſinnung gewinnen, ſo offen der Herzog auch erklaͤrt haben ſoll, daß er das bisher Geſchehene tief bereue 2). Endlich kam es jedoch durch des Legaten ei— frige Bemuͤhungen zum Friedensſchluſſe. Der Herzog erhielt Alles, was die Ordensritter im Gluͤcke der Waffen gewonnen hatten, zu fernerem eigenthuͤmlichen Beſitz zuruͤck; zur Ver⸗ ſicherung des Friedens aber uͤberließ er den Ordensrittern die Burg Zartowitz als Pfand, ſtellte feinen aͤlteſten Sohn Miſt⸗ 1) Dusburg P. III. c. 39. 2) Die Worte bei Dusdurg 1. c. klingen offenbar gar zu demuͤ⸗ thig fuͤr den Herzog. Er ſoll erklärt haben: Se perperam egisse contra fidem et fideles, supplicans; ut sui misererentur, et cum eo agerent graliose, eshibens se et sua fratrihus in emendationem. Lucas David B. III. S. 20. Noch ſtaͤrker giebt ber Epitomator die Worte: Tunc humiliavit se coram legato et fratribus et contritus dixit: o mihi, quia peccavi contra fidem dei et propugnalores eius, quare dolens testor et peto citius mihi misereri, quum penitentiam agam, suscipite me cum om- nibus possessionibus in servitutem, ut salvar in anima. Yes roſchin P. III. c. 39 dem Epitomator ähnlich.
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Friede mit Herzog Suantepolc. 453 win ), den Burggrafen Gneumar von Danzig und den Heer⸗ grafen Woiach ) nebſt mehren anderen Edlen feines Landes dem Orden als Geißeln und ſchwur auf das Evangelienbuch das heilige Verſprechen, daß er den Orden im Kampfe gegen die Ungläubigen, fo oft es die Noth erfordere, unterſtützen, nie den Gegnern des Glaubens wieder beiſtehen und gegen das Chriſtenthum und ſeine Bekenner nie in voriger Weiſe feindlich auftreten wolle. Ueber dieſes alles ſtellte er den Or⸗ densrittern eine mit ſeinem Herzogsſiegel bekraͤftigte Friedens⸗ urkunde aus, und erhielt darauf vom Orden auch alle Ge⸗ fangenen zuruͤck, in deren Zahl auch ſiebenzig edle Frauen waren ). 1) Nach Urkunden Fan» man eben jo gut Miſtwin, als Meſtwin ſchreiben; es kommt vor NMiestwinus, Mistwinus, Mstywgius, Msciwgius, Mistugius, Mysciwius. Auf dem Siegel des Herzogs ſteht beftändig Miecugius oder Miccygius; felten aber iſt der Name ganz leſerlich. 2) Die Namen dieſer Männer find faſt in allen Chroniken ſehr verſtuͤmmelt. Dusburg J. c. nennt den einen Winarus, den andern Woyac; das Chron. Oliv. p. 19 hat Veiadum Comitem Wi- marumque Burgrabium; Waißel S. 66 Weynare und Imos; Kantzow B. I. S. 240 Weimar und Graf Veit von Schlage und Ruͤgenwalde. Urkunden ergeben, daß Gneumar und VVoiach die richtigen Namen find. So kommen als Zrugen in einer Urkunde Suan⸗ tepolcs vor Gneumarus palatinus in Gdanzk und Wioiach the- saurarius; und fo muß auch bei Dreger Nr. 188 und 189 ſtatt Wojath geleſen werden Woiach, 3) Die erwähnte Friedensurkunde iſt im Originale nicht mehr vor: handen. Wir finden nur den mitgetheilten, unvollſtaͤndigen Auszug bei Dusburg P. III. c. 39, Schütz S. 22. Kantzow B. I. S. 210. Es erwaͤhnen übrigens dieſes Friedens auch Lucas David B. III. S. 3. Chron. Oliv. p. 29. Waißel S. 66; dieſer theilt den In⸗ halt vollftändiger mit, giebt 70 Geißeln an und läßt dieſe zu Kulm ſtellen. Ueber die hiſtoriſche Zuverlaͤſſigkeit deſſen, was uns Dusburg von dieſem Frieden ſagt, vgl. Lucas J. c. p. 25 — 26, wo auch ganz richtig die Abſchließung des Friedens gegen das Ende des Jahres 1243 geſetzt wird. IIist. de T’Ord, Teut. T. I. p. 335. Preuſſ. Samml. B. III. S. 701.
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456 Friede mit Herzog Sunntepolc. So war der lange gehegte Wunſch des päpftlichen Lega⸗ ten nach Friede und Ruhe von Seiten des Herzogs von Pom⸗ mern endlich erfüllt. Die Gebietiger des Ordens hielten die ſtrengſte Beobachtung der einzelnen Friedenspunkte fuͤr hohe Pflicht, und um jeglicher Einwendung des Herzogs und jeder moͤglichen Urſache zum Friedensbruche auszuweichen, erlaubten ſie es ſich ſelbſt nicht einmal, ohne des Herzogs Beirath den Krieg gegen die Ungläubigen fortzuführen, wiewohl im Frie⸗ densſchluſſe ſelbſt, fo weit er uns bekannt iſt, hierüber nichts feſt beſtimmt war Y. 1) Die letzten Worte bei Dus burg 1. c. find in der Regel, fo bei Baczko B. I. S. 206. Preuſſ. Samml. B. III. S. 702. Kotzebue B. I. S. 179. Sell B. 1. S. 323 ganz mißverſtanden. Zuerſt hat fie Lucas 1. c. p. 26 — 27 ganz richtig gefaßt. Er ſagt darüber: Non ineundae pacis, sed observatae mentio facta est, neque veri speciem prae se fert, ordinem, qui negotium susceperat, armis proferendorum Christiani nominis finium in hellis ge- rendis nulum expectasse Ducis paene divicli, praesertim cum omnium cruce signatorum summum imperium ad Equites Teu- tonicos delatum esset a summo Pontifice, ierrae autem Cul- mensis et Prussiae tuendae negolium iisdem commissum. Die Richtigkeit der Anſicht, daß hier von einem Verſprechen des Ordens, die heidniſchen Preuſſen ohne Suantepolc's zuſtimmenden Rath gar nicht bekriegen zu wollen, in keiner Weiſe die Rede ſeyn kann, beſtaͤtigt auch der Epitomator und außerdem noch Jeroſchin, indem jener ſagt: Post fratres sine eius (Ducis) consilio nunquam pugnaverunt contra infideles, und dieſer uͤberſetzt: Auch hildin kegin ym ſo hart Dy bruder ſint des Friddes bunt Daß fie joch zeu keiner Stunt Uf die heidin riten Odir mit yn ſtriten Woldin wedir hy noch dort Ane fines Ratis wort.
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Achtes Kapitel. Da paͤpſtliche Legat benutzte jetzt die vornehmlich durch fein Bemühen herbeigeführte Friedenszeit zur Anordnung eis ner geregelteren Verfaſſung und beſſeren Einrichtung des Kir⸗ chenweſens in den erworbenen Landen. Laͤngſt war ihm klar geworden, welchen großen Nachtheil nicht allein fuͤr die Be⸗ feſtigung und ſichere Begründung des Glaubens und der Kirche, ſondern auch fuͤr Geiſt und Geſinnung und fuͤr das ganze innere Leben der Neubekehrten der alte Zwieſpalt und Groll zwiſchen dem Orden und dem Landesbiſchofe Chriſtian, der Mangel an feſten Beſtimmungen und Geſetzen im kirchlichen und buͤrgerlichen Leben, die Ungewißheit und das Schwanken uͤber die Graͤnze deſſen, was dem Orden zuſtand und was dagegen dem Biſchofe gebuͤhrte, alſo das Regelloſe und Unbe⸗ ſtimmte in der bifchöflichen Amtsgewalt und in der Oberherr⸗ ſchaft des Ordens uͤber Land und Leute nothwendig nach ſich ziehen mußten. Und es mußte dieſe Regelloſigkeit und Un⸗ beſtimmtheit in den wichtigſten Verhaͤltniſſen des kirchlichen und buͤrgerlichen Lebens natuͤrlich um ſo verderblicher wirken, da dem Neubekehrten das ganze fruͤhere Leben gleichſam aus der Seele geriſſen war, da er am Alten, an Sitte und Ge⸗ brauch, an Geſetz und Ordnung, an Verfaſſung und Herkom⸗ men, an der Religion der Vergangenheit keinen Halt und keine Stuͤtze mehr hatte, die Geſtaltung der neugeſchaffenen Verhaͤltniſſe aber in aller Weiſe fo wenig feſt, fo unbeſtimmt und unſicher dalag, daß das ganze Leben wie in eine Wuͤſte
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458 Der Bifhof Chriſtian. geworfen war, in welcher keiner feſte Graͤnzen und Marken finden konnte. Zwar waren allerdings einzelne fruͤhere An⸗ ordnungen und Beſtimmungen uͤber die Gewalt und die Rechte, welche einer Seits dem bisherigen einzigen Landesbi⸗ ſchofe und anderer Seits dem Orden als dem Landesherrn zukommen ſollten, ſchon vorhanden; allein ſie waren theils viel zu allgemein und ungewiß, theils auch viel zu ſehr der verſchiedenſten Deutung faͤhig und nur fuͤr die erſten Zeitver⸗ haͤltniſſe berechnet, als daß ſie in der großen Umwandlung der Lage der Dinge ſtets eine feſte und regelrechte Anwen⸗ dung hätten finden koͤnnen. Sie hatten daher, wie wir an Beiſpielen ſchon geſehen, den Stoff des Haders und der Zwie⸗ tracht nur vermehrt und es war bis auf dieſe Zeit durch ſie nicht moͤglich geweſen, den immer noch fortdauernden Streit des Biſchofs und des Ordens auf irgend eine Weiſe zu be⸗ ſchwichtigen, denn hier glaubte nach ihrem Rechte die geiſtliche, dort nach Herkommen und Geſetz die weltliche Gewalt ent⸗ ſcheidend eingreifen und gebieten zu koͤnnen. * Vermehrt wurde das Unheil dieſes ſchwankenden und re⸗ gelloſen Zuſtandes offenbar auch noch dadurch, daß Biſchof Chriſtian, wie nirgends zu verkennen iſt, bis auf ſeine letzten Tage hin die ganz eigenthuͤmliche Stellung, in welcher er als Biſchof zu dem Ritterorden ſtand, entweder durchaus nicht begriff oder ſich in dieſelbe nicht finden und fügen wollte. Er war, wie es ſcheint, in dieſe Stellung hineingekommen, ohne die ganz eigenen Verhaͤltniſſe des Deutſchen Ordens zu der Geiſtlichkeit, ſeine Vorrechte und Freiheiten in Beziehung auf ihre clericaliſche Gewalt, fein Widerſtreben gegen die An⸗ forderungen des Clerus und gegen deſſen Einfluß und Ein⸗ wirken in die Verhaͤltniſſe des Ordens und ſeine gaͤnzliche Unabhängigkeit von aller biſchoͤflichen Macht genau erwogen und bedacht, oder vielleicht auch ohne ſie ganz genau gekannt zu haben. Nun aber hatte er die Biſchoͤfe in Deutſchland, in Pommern und Polen, in ihren Verhaͤltniſſen zu den Lan⸗ desherren geſehen; vor allem aber ſtand ihm die Stellung der Biſchoͤfe von Riga und Eſthland gegen den Livlaͤndiſchen Or⸗
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Der Biſchof Chriſtian. 459 den vor Augen, und dieſe Stellung ſchien ihm als Biſchof Preuſſens auch die ſeinige zu ſeyn, ohne darauf Ruͤckſicht zu nehmen, daß der Deutſche Orden mit ſeinen eigenthuͤmlichen Rechten, Beguͤnſtigungen und Freiheiten zu ihm allerdings ganz anders ſtand, als die Herzoge von Polen und Pom⸗ mern und die Fuͤrſten in Deutſchland zu ihren Landesbiſchoͤ⸗ fen und daß in Livland, Eſthland und Kurland, die Stellung des Ordens zu der Geiſtlichkeit ſchon gleich im Anfange ſich ganz anders geſtaltet hatte, denn die Graͤnzen der biſchoͤfli⸗ chen Gewalt in Preuſſen waren durch die Vorrechte und Frei⸗ heiten des Deutſchen Ordens offenbar weit mehr beengt als anderswo, und der Wirkungskreis der clericaliſchen Macht nach allen Seiten viel beſchraͤnkter. Endlich aber war auch Chriſtians Charakter und Geſin⸗ nungsart wobl keineswegs ganz fleckenlos; er war nicht frei von jenem Neide, von jener hierarchiſchen Herrſchluſt, von je⸗ ner Selbſtſucht und jenem Eigennutze, die damals faſt durch den ganzen geiſtlichen Stand gingen; er war ſelbſt nicht rein von Verlaͤumdungsſucht und einem gewiſſen boͤswilligen Stre⸗ ben, auch das Heilſame und das anerkannte Gute zu hindern, ſobald feine Selbſtſucht und fein Eigennutz dadurch vom be= abſichtigten Ziele zuruͤckgehalten wurden. Auf daß jedoch dieſes Urtheil uͤber den in der Geſchichte bisher immer hoch gefeier⸗ ten Mann nicht ungerecht und hart ſcheine, mögen Thatſa— chen und Zeugniſſe des Oberhauptes der Kirche zum Beweiſe und zur Beſtaͤtigung dienen. Wir ahneten ſchon bei jener ſchweren Anklage des Or⸗ dens durch Biſchof Chriſtian unter dem Papſte Gregorius dem Neunten, daß ſie keineswegs aus ganz reiner Seele und nicht aus chriſtlich edler Geſinnung hervorgegangen ſey. Auch entſprach die Wirkung, ſo viel wir wiſſen, auf keine Weiſe der Wichtigkeit der Sache. Von jener Zeit an bis jetzt ſteht Biſchof Chriſtian immer wie im Hintergrunde der Geſchichte, als ſcheue ſie ſich, des einſt gefeierten Apoſtels ferner zu er⸗ waͤhnen oder ihn ans Licht zu führen. Erſt jetzt, am ſpaͤte⸗ ſten Abend ſeines Lebens, bringt ſie ihn noch einmal auf die
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460 Der Biſchof Chriſtian. Buͤhne, aber nur zum offenen Zeugniſſe wider ihn. — Der paͤpſtliche Legat war, wie es ſcheint, klagend gegen ihn bei dem neuen Papſte aufgetreten. Schon laͤngſt naͤmlich hatte der Orden das Recht genoſſen, das Loͤſungsgeld fuͤr das Ge⸗ lübde, an einem Kreuzzuge nach Preuſſen und Livland Theil zu nehmen, von armen und ſchwaͤchlichen Perſonen fuͤr ſich einſammeln zu laſſen, um es zur Unterſtuͤtzung und Foͤrde⸗ rung ſeines Werkes der Glaubensverbreitung in dieſen Laͤn⸗ dern zu verwenden ). Trotz dieſes Vorrechtes aber und ge⸗ gen alle Anordnung des paͤpſtlichen Hofes erkuͤhnte ſich der Biſchof Chriſtian, dieſes Loͤſegeld ſich zuzueignen und fuͤr ſei⸗ nen bifchöflichen Schatz einſammeln zu laſſen; ja er trat ſo⸗ gar oͤffentlich vor dem Volke mit ſchmaͤhſuͤchtigen Reden ge⸗ gen die Ordensritter auf, um hiedurch die Menſchen von der Leiſtung jener Beihuͤlfe fuͤr den Orden abzuſchrecken. Er ging ſo weit in ſeiner Selbſtſucht und ſeinem Eigennutze daß er, um ſich zum Nachtheile der Ordensbruͤder die Gunſt des Volkes zu verſchaffen, ſich zur Verſchwendung mit Gnaden⸗ verleihungen herabwuͤrdigte und hiebei ſelbſt die Beſtimmun⸗ gen eines allgemeinen Conciliums verletzte). Der Papft, 1) Wir finden dieſes Rechtes ſchon fruͤher erwaͤhnt; ſ. S. 94. In einer ſogleich naͤher zu bezeichnenden Bulle des Papſtes Innocenz IV wird es als ein Recht bezeichnet, welches der Orden durch Gregorius IX erhalten hatte. Man konnte namlich, wie bei auferlegten Kirchen: bußen, ſo auch bei gethanen Geluͤbden, durch eine gewiſſe zu erlegende Geldſumme ſich von der Verpflichtung wieder loskaufen; dieß war die poenitentiae redemlio oder redemtio votorum, bei einem Kreuz⸗ zuge redemtio votorum crucis assumtae. Du Fresne Glossar s. v. poenitentia. So entrichtete der Probſt Otto von S. Moriz in Halle für die Löfung feines Geluͤbdes zu einem Kreuzzuge nach Preuſ⸗ fen im Jahre 1222 die Summe von 20 Mark; Chron. Mont, Sereni P- 82. 2) Die Bulle befindet ſich im Original im geh. Archive Schiebl. III. Nr. 8 und iſt datirt: Anagnie Cal. Octobr. p. n. an. I. Die betreffende Stelle darin heißt: Felicium consideratione suc- cessuum (in Pruscia) pie recordacionis Gregorius papa Prede- cessor noster inductus, quod de ipsa terra per dei graciam christiano nomini noscitur subiugatum in ius et proprietatem
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Der Biſchof Chriſtian. 461 dem dieſes alles berichtet wurde, konnte es kaum glauben, daß ſich der Biſchof in ſeiner Wuͤrde ſo gaͤnzlich vergeſſen habe und die Sache der Kirche und des Glaubens, die ihm vor allem heilig und theuer ſeyn ſolle, durch ihn ſo großen Nachtheil erleide. Er trug daher dem Prior des Prediger⸗ Ordens zu Magdeburg in einer beſonderen Bulle auf, den Biſchof mit Ernſt auf ſeine Pflicht und ſeinen Beruf hinzuweiſen, nach welchem er ſtreben ſolle, daß die Gemeinde Gottes in Preuſſen durch den Eifer der Ordensbruͤder im Wachsthum immer mehr gedeihe, ihn mit Nachdruck zu er⸗ mahnen und unter dem Gebote des Gehorſams ihm zu befeh⸗ len, forthin jede Verfolgung der Ordensbruͤder zu unterlaſſen, die Löͤſungsgelder ungeſchmaͤlert dem Orden frei zu geben und ſich ferner nicht zu unterſtehen, die Gnadenverleihungen in ſo verſchwenderiſcher Weiſe auszutheilen. Dieſe Bulle erließ der Papſt am erſten October des J. 1243 und am fünften deſ⸗ beati Petri suscipiens eam dictis fratribus et eorum domui cum omni jure ac proventibus suis, certa parte ipsius terre Episcopo vel Episcopis, qui pro tempore fuerint reservata, concessit in perpetuum libere possidendam. Ei quod efficacius in eiusdem posset acquisilione procedi, redemptionem voto- rum crucis assumpte a pauperibns et debilibus in subventio- nem fidelium de Livonia et Pruscia mandavit dictis fratribus assignari, per manus ipsorum in idem subsidium converten- dam. Prefaius quidem Episcopus (Pruscie), sicut accepimus, licet credere vix possimus, tam sancium et pium negotium sub pretexiu juvaminis subiciens gravibus delrimentis ac re- dempliones easdem contra mandatum apostolicum sibi usur- pare presumens, patenter in populo de fratribus ipsis oblo- quitur et fideles a prestando ipsis solite caritatis auxilium non absque dei et hominum offensa seducit, ad illum excessum sue pertrahens arbitrium voluntatis, quod pro acquirendo sibi ad ipsorum fratrum dispendium populari favore se prodigum super indulgentiarum gratia tribuit contra statuta concilii ge- neralis. Dann folgt der erwähnte Auftrag an den Prior. Man hat bisher dieſe Bulle, wie es ſcheint, abſichtlich unbeachtet gelaſſen, um das gemeilehin fo rein gehaltene Bild dieſes Biſchofs (S. Kotzebue B. I. S. 166 — 167) nicht in Schatten zu bringen. Allein die Geſchichte iſt ein Gericht, welches keine gerechte Klage zuruͤckweiſen darf.
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462 Der Biſchof Chriſtian. ſelben Monats gab er in einer andern dem Biſchofe Chri- ſtian ſelbſt die Weiſung, „daß er ſich fortan in aller Hin- ſicht ſo benehmen moͤge, wie es die prieſterliche Wuͤrde und und geiſtliche Ehrbarkeit erfordere, ihm zum Verdienſte und den Chriſtglaͤubigen in Preuſſen zum Gedeihen gereiche ).“ In derſelbigen Bulle aber machte Innocenz dem Bi⸗ ſchofe Chriſtian auch bekannt, welche Aufträge er wegen der Ausdehnung des bereits in Preuſſen fuͤr die Kirche gewonne⸗ nen Landes dem paͤpſtlichen Legaten Wilhelm von Modena zur Eintheilung Preuſſens in vier Bisthuͤmer ertheilt habe, von welchen das eine das Bisthum Kulm ſeyn ſollte. Es ſey für gut befunden, erklaͤrte der Papſt, die in vier Bisthuͤ⸗ mer eingerichteten Lande Preuſſens in drei Theile zu ſondern, von welchen in jedem Bisthum zwei Theile dem Orden aus Ruͤckſicht auf feine Gefahren, Mühen und Laſten, mit allem Einkommen und Gewinn, der dritte Theil aber dem Biſchofe mit aller Gerichtsbarkeit und allem Rechte zufallen ſollten, doch dergeſtalt daß auch in den zwei Landestheilen des Or⸗ dens alle die Rechte dem Biſchofe zukommen ſollten, die nur durch einen Biſchof ausgeuͤbt werden koͤnnten ). Der Papſt ſtellte es dem Biſchofe Chriſtian frei, ſich eins der Bisthüuͤ⸗ mer auszuwaͤhlen, gebot ihm aber, ſich mit einem Drittheile der Dioͤceſe zu begnügen und von den zu dieſem Theile der Didcefe gehörigen Landen und Rechten nichts zu verlehnen, zu entfremden oder zu vergeben ohne ausdruͤckliche Erlaubniß des apoſtoliſchen Stuhles »). Zugleich erklaͤrte er jede Ver⸗ 1) Raynald. ann. 1243. Nr. 33. S. oben S 134. 2) Die paͤpſtliche Beſtimmung bei Haynald. ann. 1243 Nr. 32 heißt woͤrtlich: Tres partes fecit de terra Prussiae, quorum duas diclis fratribus ferentibus proeliorum angustias, et expensarum onera, quos oportet terram infeudare pluribus, deputavit; ita quod sive unus episcopns fuerit, sive plures duas partes terrae integre cum omni proventu habeant, et episcopus vel episcopi terliam similiter integre habeant cum omni jurisdiclione et jure, salvis tamen episcopo in duabus partibus fratrum illis omni- bus, quae non possunt nisi per episcopum exerceri. 3) Darüber hatte Chriſtian bereits eine eigene Bulle bekom⸗
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Biſchof Chriſtians Tod. 463 aͤußerung, welche der Biſchof am Lande Preuſſen oder am Kulmergebiete oder an ſeinen Einkuͤnften etwa ſchon vorge⸗ nommen haben möge, für vollig nichtig und ungültig. So⸗ fern der Biſchof Chriſtian das Kulmiſche Bisthum fuͤr ſich waͤhlen werde, hieß ihm der Papſt ſich mit dem Gebiete zu begnuͤgen, welches ſchon in dem durch den Legaten zwiſchen ihm und dem Orden geſchloſſenen Vertrage hinlaͤnglich be⸗ ſtimmt ſey ). Waͤre es auch nicht die ſo ſehr empfindliche Kaͤlte und der gebieteriſche, von aller Liebe und Zuneigung entfernte Ton der Sprache des Papſtes in jener Bulle geweſen, wel⸗ cher den Biſchof in dieſen hohen Jahren ſeines Lebens aufs tiefſte erſchuͤttern, kraͤnken und niederbeugen mußte, fo konnte ſchon die ganze Anordnung und dieſe ganze neue Verfaſſung ihn mit einer Betruͤbniß und einem Kummer erfuͤllen und feine Seele mit einem Schmerze beladen, den er nicht zu er- tragen vermochte. Nicht ohne Stolz und Selbſtgefuͤhl hatte er ſich bisher „erſter Biſchof von Preuſſen“ genannt. 2). Jetzt ſah er mit allen ſeinen vermeinten Anſpruͤchen ſich auf men. In einem alten Verzeichniſſe der Bullen dieſes Papſtes (auf Per⸗ gament im geh. Archiv Schiebl. XVII) wird unter andern auch eine Bulle mit den Worten bezeichnet: Episcopo Pruscie de non alie- nandis proventibus terrarum Pruscie et Culmensis. Wahrſchein⸗ lich ging alfo der Biſchof mit dieſen Einkünften nicht zweckmäßig um. 1) Die Bulle des Papſtes in der erwaͤhnten Stelle bei Raynald; ſie iſt datirt: Anagnie III Cal. Aug. P. a. I. (30. Juli 1243). Cf. Pri- vilegia quaedam Prussica ap. Dusdurg p. 480. Das DOriginay befindet ſich im geh. Archive Schieb! III. Nr. 2. Eine ſehr alte Ab⸗ ſchrift auf Pergament ſteht in dem Copienbuche: Privilegia im Marien⸗ werd. und Pomeſan. p. III — IV. In dem eben erwähnten Verzeich⸗ niſſe der Bullen dieſes Papſtes ſteht eine mit den Worten bezeichnet: Magistro et fratribus hospitalis S. M. Th. super confirmatione limitacionis Pruscie et conjuncte sibi ierre Culmensis; zine andere mit den Worten: Magistro el fratribus etc. super investi- tura terre Culmensis. 2) „Primus Prussiae Episcopus; primus Pruthenorum epis- copus;“ Dreger Nr. 70. 79. 81. 83.
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464 Biſchof Chriſtians Tod. ein bloßes Drittheil des Kulmerlandes beſchraͤnkt ); ſah ſich gedemuͤthigt vor dem ganzen Orden, mit welchem er faſt zehn Jahre in Zwieſpalt gelebt hatte; ſah ſich mit allen ſei⸗ nen Anforderungen zuruͤckgewieſen; ſah ſich am Hofe zu Rom ohne Liebe, ohne Gunſt und ohne die fruͤhere Zuneigung des Papſtes; und in dieſer Stimmung mußte er ſich eine ernſte Zurechtweiſung durch jenen Prior des Prediger-Ordens zu Magdeburg ertheilen laſſen. Wenn er jene fruͤheren Tage in die Seele zuruͤckrief, als er die erſten Keime ſeines Samens emporſproſſen, heranwachſen und zur Frucht reifen ſah, als er mit den beiden edlen Fuͤrſten Preuſſens, den erſten Bekehrten und Juͤngern feiner Predigt, vor dem Papſte zu Rom ſtand, den Biſchofsſtab erhielt und dann im Glanze ſeiner Wuͤrde und in der Hoheit ſeines Amtes, er fruͤher nur ein Moͤnch, nun als geweihter Biſchof unter den Chriſten des Kulmer⸗ landes auftrat; — und wenn er mit jenen fruͤheren Tagen die letzten ſeines Lebens vergleichend uͤberblickte, in denen er die vollkommenſte Anerkennung ſeiner Verdienſte und den reichſten Lohn ſeiner Muͤhen erwartet haben mochte, und nun ſah, wie ein großer Theil ſeiner Schoͤpfung in fremde Haͤnde gegeben ward, wie der Orden, dem er den erſten Weg nach Preuſſen gezeigt und die Bahn zu ſeinem Beſitze und ſeinem Gluͤcke gebrochen hatte, uͤber ſeine biſchoͤfliche Macht empor⸗ gewachſen war: wenn dieſes alles jetzt vor ſeiner Seele vor⸗ 1) Sofern namlich Chriſtian ſich für die Wahl des Kulmiſchen Ges bietes entſchied. Er muß aber eine Zeitlang gezoͤgert haben, ſich zu ent⸗ ſcheiden, denn in dem erwähnten Verzeichniſſe der Bullen Innocenz IV wird eine mit den Worten angeführt: Episcopo Pruscie, ut elige- ret unum episcopalum infra duos menses. Da dieſe Bulle unter denen aufgefuͤhrt wird, welche dieſer Papſt im zweiten Jahre ſeines Pontiſicats gab, fo geht daraus hervor, daß Chriſtian im Jahre 1244 noch lebte. Aber wie ungehalten der Papſt über Chriſtians Zoͤgerung bei ſeiner Wahl war, kann man daraus ſchließen, daß der paͤpſtliche Legat vom Papſte den Auftrag erhielt, dem Biſchofe nach zwei Mona⸗ ten gar keine Wahl mehr zu geſtatten. Die Bulle hieruͤber wird mit den Worten verzeichnet: Episcopo Sabinensi, ut interdiceret sibi (sc. Episcopo Pruscie) post duos menses electionem.
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Eintheilung Preuſſens in Bisthuͤmer. 465 überging, fo mußte allerdings auf fie ein Gram und ein Kummer fallen, für den fie nicht mehr ſtark genug war. Sie ertrug ihn nicht. „Er iſt in Mühe gefallen,“ ſchreibt eine Chronik, „und bald nach dieſen Begebenheiten geſtorben“ ). Er hatte beſſer begonnen, als er geendigt hat. Mit Schmerz fpricht die Geſchichte von den Flecken feiner Seele; aber er iſt einer der vielen ſeiner Zeit, die ſie trugen und nimmer darf die Nachwelt vergeſſen, was er durch Wort und That dem Lande geweſen, was er wirkte und vollbrachte, was er duldete und opferte, um da Licht zu entzuͤnden, wo vorher in der Erkenntniß des wahrhaft Goͤttlichen Alles dunkel war. Der Tod des Biſchofs Chriſtian mußte allerdings dem paͤpſtlichen Legaten die neue Anordnung und Verfaſſung des Kirchenweſens bedeutend erleichtern, denn nunmehr fielen auch ſelbſt die Ruͤckſichten noch hinweg, welche man doch im⸗ mer auf ihn als den erſten Apoſtel und als den Gruͤnder der Kirche in Preuſſen hatte nehmen muͤſſen. Mit einer Voll⸗ macht des Papſtes verſehen, nach welcher der Legat voͤllig un⸗ beſchraͤnkt ganz nach ſeiner Einſicht in der Sache verfahren durfte 2), griff er das Werk nun an. Er hatte nämlich ſchon 1) Die Zeit des Todes des Biſchofs Chriſtian iſt in keiner alten chroniſtiſchen Quelle richtig angegeben. Daß er nicht im Jahre 1241 geftorben ſeyn kann, wie Lucas David B. II. S. 94. Simon Gru⸗ nau Tr. IX. c. 1.8.4. Henneberger Landtaf. S. 263 und an- dere wollen und ſpaͤtere nachgeſchrieben haben, iſt ohne Muͤhe zu er⸗ weiſen und liegt im Zuſammenhange der obigen Erzählung. Weit mehr Gewicht hat die Angabe des Lucas David B. III. S. 28, daß er im Jahre 1243 geſtorben ſey, wie der Chroniſt in mehren ſeiner Quel⸗ len fand. Nach der Bulle in Act. Boruss. B. II. S. 624 kann ſein Tod nicht viel ſpaͤter fallen, denn dort heißt es: Eeclesia Prussiae non modico pastore vacavit; beziehen wir dieſe Worte auf den Tod Chriſtians, ſo wuͤrde auch nach dem Datum dieſer Bulle das Jahr 1244 wohl paſſend ſeyn. Daß er zu Marburg geftorben ſey, wie Hart⸗ knoch Kirchengeſch. S. 161 und Arnold Kirchengeſch. S. 118 ange⸗ ben, iſt eine ſpätere Annahme. I) Das Original dieſer Bulle befindet ſich im geh. Archive Schiebl. III. Nr. I. und iſt datirt: Anagnie IV Cal. Aug. P. n. an. I (29. Juli 1243). Es erwähnt derſelben auch Raynald. an. 1243. II. 30
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466 Eintheilung Preuſſens in Bisthuͤmer. zur Zeit ſeiner letzten Anweſenheit bei dem Papſte die ganze biſchoͤfliche Eintheilung des bis jetzt zum cheifilichen Glauben bekehrten Landes entworfen und daruͤber zu Anagni am vier⸗ ten Juli 1243 eine Urkunde ausgefertigt, in welcher er fol⸗ gende Beſtimmungen niederlegte. Die erſte biſchoͤfliche Dioͤceſe ſollte aus dem Kulmerlande beſtehen, fo weit es durch die drei Fluͤſſe, die Weichſel, die Drewenz und die Oſſa begraͤnzt werde, doch alſo daß auch das Gebiet von Löbau in dieſe Dioͤceſe mit einbegriffen ſey. Es ſollte aber dem jederzeitigen Biſchofe im Kulmerlande nur das zufallen, was nach allgemeiner Uebereinſtimmung des Bi ſchofs von Preuſſen (Chriſtians), der Deutſchen Ordensritter und der Bewohner des Kulmiſchen Gebietes, als fie ſolches zur Niederlaſſung zuerſt betraten, beſtimmt worden ſey, naͤm⸗ lich vom Pfluge ein Maß Weizen und ein Maß Roggen und vom Haken ein Maß Weizen ); außerdem noch ſechs⸗ hundert Huben Landes in gelegenen Gegenden des Kulmer⸗ landes. — Dieſes erſte Bisthum, nach ſeinem Hauptlande das Kulmiſche genannt, hatte demnach nur im Suͤden gegen das Herzogthum Maſovien die Drewenz zur Graͤnze, denn im Oſten lief es, da es auch noch das Gebiet von Loͤbau um⸗ faßte, über dieſen Fluß hinaus und ſtieß dort hinter dern Saſſenlande, welches noch hinzugehörte”), an Galindien. Nr. 32. Der Papſt ſagt dem Legaten, er koͤnne in der Eintheilung des Landes in Bisthuͤmer verfahren, prou! tua eircumspectio duxe rit ordinandum, und die Theilung ſolle erfolgen in ipsa Pruscia et conjuncla sibi terra Culmensi, woraus wieder hervorgeht, daß man das Kulmerland immer noch als etwas fuͤr ſich beſtehendes anſah. 1) Dieſe Beſtimmung bezieht ſich auf die Kulmiſche Handfeſte; vgl. oben S. 85. 2) Obgleich die Theilungsurkunde des Saſſenlandes nicht ausdruͤck⸗ lich als dazu gehörig erwahnt, fo erſehen wir doch aus andern ſpaͤtern Urkunden, daß es noch mit zum Kulmiſchen Bisthum gerechnet wurde. Im J. 1303 entſtand ein Streit super consignatione limitum ter- rarum Luboviac et Sassin zwiſchen dem Biſchof und dem Orden; alſo muß das letztere mit zur Diöcefe des Biſchofs gehört haben. Auch ſetzt dieſes eine ſpaͤtere Urkunde von 1263 außer allen Zweifel.
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Eintheilung Preuſſens in Bisthuͤmer. 467 Das zweite Bisthum ſollte das Land umfaſſen, welches die Oſſa, die Weichſel und der Drauſen⸗See umgraͤnzen und dann weiter hinaufgehen bis zum Fluſſe Paſſaluc oder Paſ⸗ ſarge n); die beiden Werder Quidin und Zanthir an der Weichſel ſollten in dieſes Bisthum mit eingeſchloſſen ſeyn. — Es ward nach ſeinem Hauptlande das Pomeſaniſche genannt. Indem es in ſeinem noͤrdlichen Theile weit enger begraͤnzt war, lief es im Suͤdoſten von der ſuͤdlichen Spitze des Drau⸗ ſen aus am Fluſſe Weſeke hin bis an die Paſſarge und zog ſich dort an dieſem Fluſſe aufwaͤrts bis an die Graͤnze des Kulmiſchen Bisthums ). Es umfaßte ſonach im Allgemeinen die ganze Landſchaft Pomeſanien, einen Theil von Pogeſanien und das ſogenannte Hokerland. Das dritte Bisthum ſollte begraͤnzt feyn im Weſten durch das Friſche Haff, im Norden durch den Pregel⸗Strom oder die Lipza, im Suͤden durch den Drauſen⸗ See und am Fluſſe Paſſaluc oder Paſſarge hinauf; gen Oſten hin aber ſollte es ſich ausdehnen bis an die Graͤnzen der Litthauer. — Nach dieſer Beſtimmung hatte das Ermlaͤndiſche Bisthum, nach ſeinem Hauptlande Ermland ſo benannt, einen ſehr be⸗ deutenden Umfang, denn es umfaßte einen Theil vom alten Pogeſanien, Ermland, Natangen, das Barterland nebſt dem ſuͤlichen Theil von Nadrauen und Galindien bis nach Su⸗ dauen hinein. Ein viertes Bisthum ſollte aus dem für das Ghriften- Ge noch nicht ie Lande gebildet werben und das 1) Flumen ki Passalue oder flumen Passalucense wird die Paſſarge in der erwähnten Urkunde genannt. Sonſt iſt Seria der ges wohnliche Name, den dieſer Fluß um biefe Zeit in den Urkunden führt. 2) In den Worten der Urkunde „ascendendo per flumen de Passaluc “ liegt eine gewiſſe Dunkelheit, die dadurch entſtehen mochte, daß der Legat dieſe geographiſchen Beſtimmungen in Italien aus dem Gedaͤchtniſſe gab. Sieht man auf die Sache ſelbſt, fo liegt in „ascen- dendo“ die Bezeichnung der Höhe, welche das Land in der fühlichen Richtung vom Drauſen⸗See aus hat und ascendendo per ſlumen de Passaluc fol alſo nichts anders heißen, als „langs der Paſſarge aufwaͤrts.“ 30 *
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468 Die erſten Biſchoͤfe in Preuffen. Gebiet begreifen, welches im Weſten die Oſtſee, im Norden der Memel- Strom, im Suͤden der Pregel und gen Oſten die Graͤnzen der Litthauer umfaßten, alſo daß es die Land⸗ ſchaft Samland, von welcher es ſpaͤterhin benannt ward, den größten Theil von Nadrauen und Schalauen begreifen ſollte ). Außerdem hatte der paͤpſtliche Legat auch beſtimmt, daß die genannten Fluͤſſe, welche die Graͤnzen der verſchiedenen Bisthuͤmer bildeten, den Didcefen gemeinſam zugehören ſollten. Ueber die Theilung der biſchoͤflichen Sprengel in drei Landes⸗ theile, von welchen zwei dem Orden und der dritte dem Bi⸗ ſchofe zufallen ſollten, ſprach ſich der Legat eben fo aus, wie der Papſt in jener erwaͤhnten Bulle an den Biſchof Chriſtian, doch erklaͤrte er ſich naher über die Art der Theilung: daß fie geſchehen moͤge nach der gegenſeitigen Willensmeinung und Uebereinſtimmung des Biſchofs und der Ordensritter. Koͤnne man ſich aber nicht vereinigen, ſo moͤge man ſie durch gemein⸗ ſam erwaͤhlte freundſchaftliche Schiedsrichter vornehmen laſſen; und komme ſie auch durch dieſe nicht zu Stande, ſo moͤchten die Ordensritter, als am bekannteſten mit des Landes Be⸗ ſchaffenheit, das Bisthum in drei Theile theilen und über ei⸗ nen Theil die Wahl dem Biſchofe frei ſtellen und wolle die⸗ fer nicht wählen, fo muͤſſe dann das Loos die Entſcheidung geben ?). So vollendete der paͤpſtliche Legat das Werk, zu welchem ſchon der vorige Papſt ihn mehre Jahre vorher aufgefordert und an welchem er, wie es ſcheint, lange gearbeitet hatte: 4) Nach fpäteren Beſtimmungen ging die Graͤnze der Samläͤndi⸗ ſchen Dioͤceſe den Pregel entlang bis nach Inſterburg, wo ſich die In⸗ ſter und Angerapp vereinigen; von da lief fie die Angerapp hinauf bis an Angerburg und dann vom Ausfluſſe der Angerapp aus dem See Swokusken bis an die Litthauiſche Gränze. 2) Das Original dieſer Urkunde befindet ſich im geh. Archive Schiebl. XLVIII. Nr. I. Gbendaſelbſt auch mehre alte Abſchriften. Gedruckt iſt die Urkunde am richtigſten bei Dreger Nr. 68 p. 242 — 243. Weit fehlervoller iſt der Abdruck im Dusburg von Hartknoch p. 477 und ganz unbrauchbar der in den Actis Boruss. B. II. S. 611 u. ff.
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Die erſten Biſchoͤfe in Preuffen. 469 denn ſchon im Jahre 1236 hatte er von Gregorius dem Neunten den Auftrag erhalten, das fuͤr den Glauben gewon⸗ nene Land in Preuſſen in Diöcefen einzutheilen und ſobald dieſes geſchehen ſey, drei verdiente Bruͤder aus dem Prediger⸗ Orden auszuwählen, fie als Bifchöfe einzuſetzen und ihnen die Weihe zu ertheilen ). Damals mögen vielleicht die ver⸗ wickelten Verhaͤltniſſe, in welchen der Biſchof Chriſtian zu dem Orden ſtand, oder auch die ſtuͤrmiſchen Ereigniſſe des Jahres 1237 die Ausführung der Sache verhindert haben. Jetzt berief Wilhelm zur naͤheren Berathung uͤber die kirch⸗ liche Verfaſſung in den neuen Bisthuͤmern auf den Sonntag Quaſimodogeniti — 10 April — des Jahres 1244 2) die vornehmſten Geiſtlichen der umliegenden Laͤnder, als den Erz⸗ biſchof von Gneſen, die Biſchoͤfe von Breslau, Leßlau und Ploczk, viele Aebte aus Polen, auch die angeſehenſten Ritter des Deutſchen Ordens und andere ehrenwerthe Männer aus Preuſſen nach Thorn. Zwar ſind wir uͤber die Verhandlun⸗ gen dieſer Verſammlung faſt gar nicht unterrichtet ); ohne 1) Wir erſehen dieſes aus einem Schreiben des Papſtes an den Legaten bei Raynald. ann. 1236. Nr. 61. Wenn es in dieſem Schreiben aber heißt: Praesentium tibi auctoritate concedimus, ut Deum habendo prae oculis, de consilio et assensu dilecti filii praecepioris et fratrum hospitalis S. M. Th. in partihus illis morantium, in eisdem partibus limitare diocceses, et tres de fratribus ordinis praedicatorum dumtaxat ibidem instituere valeas ac eosdem etiam adscito episcoporum numero, con- secrare, fo ift die Frage: ſollte damals auch ſchon ein Biſchof für Samland ernannt werden? Sollte oder konnte der Biſchof Chriſtian nicht Biſchof fuͤr ein Bisthum bleiben? Offenbar hoffte man damals eine ſchnelle Eroberung Samlands und der andern noͤrdlichen Landſchaften. 2) Wir finden dieſes Tages bei Lucas David B. III. S. 42 er⸗ wähnt. Jedoch iſt wahrſcheinlich, daß er einige Monate fpäter fiel, denn ſicherlich wurde dieſe Verſammlung erſt nach Chriſtians Tod gehalten. 3) Lucas David B. III. S. 42 und Treter de Episcopatu el episcopis eccles. Warmiens. p. 4 laſſen in dieſer Berſammlung die bereits geſchehene Eintheilung in vier Bisthuͤmer vornehmen. Wenn indeſſen vielleicht auch noch manches über fie berathen wurde, ſo konnte ſie doch ſchwerlich der Hauptgegenſtand der Verhandlungen ſeyn.
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470 Die erſten Biſchoͤfe in Preuſſen. Zweifel aber waren die wichtigſten Gegenſtaͤnde theils die Wahl der Biſchoͤfe für die drei erſten Bisthuͤmer, theils die nähere Beſtimmung der Verhaͤltniſſe, in welchen dieſe zu dem Orden ſtehen ſollten. Fuͤr das Bisthum Kulm blieb wohl kaum ein Bedenken uͤbrig, wer hier Chriſtians Nachfolger ſeyn muͤſſe. Keiner war ohne Zweifel wuͤrdiger, im Kulmerlande an ſeiner Stelle zu ſtehen, keiner hatte um die erſte Anpflanzung des Glaubens beſonders auch in dieſem Lande hoͤhere Verdienſte und nie⸗ mand konnte im Feuereifer bei den Predigten des Kreuzes zur Huͤlfe des Ordens weniger uͤbertroffen werden, als jener getreue Gehuͤlfe des Biſchofs Chriſtian, der in feinen Bemuͤ⸗ hungen um das Evangelium ſo raſtloſe und unverdroſſene Prediger⸗Moͤnch Heidenreich ). Schon länger als ein Jahr⸗ zehent war er in der Verbreitung des Glaubens in Preuſſen eifrigſt thaͤtig geweſen und es kam ihm alſo das Vertrauen der Menſchen in ſeinem neuen Amte vielfach entgegen. Fuͤr das Bisthum Pomeſanien ward Heidenreichs Freund und Mitgehuͤlfe, der Prediger-Moͤnch Ernſt aus Torgau zum Biſchof erwaͤhlt 2). An Thaͤtigkeit und Eifer fuͤr die Verbrei⸗ tung des Chriſtenthums ſtand er keinem andern nach; er hatte 1) Er nennt ſich ſelbſt in der Urkunde in den Actis Boruss. B. II. S. 721 und in verſchiedenen andern „de Ordine Praedicatorum; ſ. Crichton Urkunden zur Preuſſ. Geſchichte S. 17. So verſchieden auch in den Chroniſten ſein Name vorkommt, fo nennen ihn doch Ur- kunden und vor allem fein eigenes Siegel beftändig IIeidenricus. Vgl. Hartknoch Kirchengeſch. v. Preuſſ. S. 161. Was Arnold Preuſſ. Kirchengeſch. S. 144 uͤber ihn ſagt, iſt voll Irrthuͤmer. Ueber ſein fruͤ⸗ heres Geſchaͤft in Kreuzpredigten in Deutſchland ſ. Leo Histor. Pruss. P. 69. 2) Ein altes Verzeichniß der Pomeſaniſch. Biſchoͤfe im geh. Archive nennt auch ihn ausdruͤcklich „de Ordine Praedicatorum;“ Urkunde bei Kotzebue B. I. S. 428. Auf feinem Siegel ſteht: Ernestus dei gratia primus Episcopus Pomezanie. Seines Geburtsortes Tor⸗ gau erwähnen Lucas David B. V. S. 16 und Henneberger Landtaf. S. 399. Arnold a. a. O. S. 145.
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Die erſten Biſchoͤfe in Preuſſen. 71 gleichfalls ſchon viele Jahre ſich als einen der wuͤrdigſten Geiſtlichen des Landes bewaͤhrt ). Für das dritte Bisthum Ermland ward ein gewiſſer Heinrich zum Biſchof erkoren. Allein die Geſchichte hat von ihm nichts weiter als ſeinen Namen aufbehalten, vielleicht weil fie nichts von ihm berichten konnte, denn bei den wil⸗ den Stuͤrmen, die bis zu ſeinem Tode in dem ihm zugewieſe⸗ nen Sprengel herrſchten, mag er wenig oder nicht nach War⸗ mien gekommen und ſo als Biſchof auch kaum viel thaͤtig ge⸗ weſen ſeyn 2). Dieſe Biſchoͤfe traten indeſſen nicht ſogleich nach ihrer Wahl in ihren Aemtern in Thaͤtigkeit; es ſtanden vielfache Hinderniſſe entgegen. Der Biſchof Heidenreich von Kulm und mit ihm vielleicht auch die beiden andern begaben ſich erſt an den paͤpſtlichen Hof, um von dem Papſte ſelbſt die Weihe zu erhalten. Dort aber waren bie Verhaͤltniſſe der ſchnellen Foͤrderung dieſer Sache nichts weniger als guͤnſtig und es ſcheint, daß die Weihe erſt im Laufe des Jahres 1245 zu Lyon, wohin der Papſt geflüchtet war, erfolgen konnte >). 1) Leo l. c. p. 69. 2) Wir finden feinen Namen nur einmal in einer Urkunde des geh. Archivs Schiebl. XII. Nr. I., welche Baczko B. I. S. 259 hat. Wenn demnach Zreter Ic. Hartknoch Kirchengeſch. S. 150. Arnold a. a. O. S. 145 den Biſchof Anſelm als den erſten Ermlaͤndiſchen Biſchof anfuͤhren, ſo iſt dieſes ein Irrthum. 3) Daß der Biſchof Heidenreich vom Papſte ſelbſt die Weihe erhielt, bezeugen feine eigenen Worte, indem er vom Papſte ſagt: Cum Do- minus Papa terrae Culmensi et conjunctae sibi terrae Lubaviae nos curassei praeſicere, proprüs manibus consecrans in Epis- copum etc. Acta Boruss. B. II. S. 721. Dieſes gilt ſehr wahr: ſcheinlich auch von den beiden andern Biſchoͤfen; denn was hatte der Kulmer fuͤr ein beſonderes Intereſſe, ſich durch den Papſt ſelbſt weihen zu laſſen, welches die beiden andern nicht mit ihm theilten? Machte der paͤpſtliche Legat von feiner Erlaubniß, die Preuſſiſchen Bifchöfe auch weihen zu durfen, bei dem Kulmer keinen Gebrauch, warum bei den beiden andern? Demnach ſcheint es, daß ſie ſich alle drei mit dem vegaten an den paͤpſtlichen Hof begaben; fie konnten aber ben
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472 Der Erzbiſchof Albert. Sonach durſten auch erſt in dieſem Jahre die erwaͤhlten Bi⸗ ſchoͤfe in Preuſſen als förmlich beftätigt betrachtet werden ). Um dieſelbe Zeit aber und zwar wie es ſcheint in Be⸗ gleitung des Biſchofs Heidenreich und vielleicht der beiden andern Biſchoͤfe war auch der Legat Wilhelm von Modena an den päpſtlichen Hof zuruͤckgekehrt und ward dort bald zum Biſchof von Sabina ernannt. Der Papſt hatte ſich ſeiner ſchon einmal in Unterhandlungen mit dem Kaiſer bedient und berief ihn daher von neuem, als das wichtige Concilium zu Rom bevorſtand, an feinen Hof zuruͤck 2). Je wichtiger aber ſeine bisherige Thaͤtigkeit in den Verhaͤltniſſen faſt des gan⸗ zen Nordens und beſonders auch ſein großer Einfluß auf die Anordnung und Geſtaltung der weltlichen und kirchlichen An⸗ gelegenheiten in Preuſſen, Livland, Kurland und Eſthland ge⸗ weſen war, um ſo mehr bedurfte es jetzt, da die Schoͤpfung des kirchlichen Syſtems uͤberall noch neu und wenig geſichert war, von Seiten des Roͤmiſchen Hofes eines Mannes, der mit gleichem Eifer, mit gleicher Einſicht und gleicher Kraft des Willens bei der hie und da noch ſehr verwickelten Lage der Dinge die kaum begonnene Anordnung und Einrichtung der kirchlichen Verhaͤltniſſe beendigen konnte. Vor allem aber bedurfte es fuͤr die neuen Biſchoͤfe in Preuſſen eines Sach⸗ walters, eines Sprechers und eines Schiedsrichters ſowohl in der Feſtſtellung und Ermittelung ihrer Landestheile, als in ſo manchen andern noch uneroͤrterten Verhaͤltniſſen. Als ſolchen ernannte der Papſt im Jahre 1244 den Verweſer des Bis⸗ thums Luͤbeck, Albert, fruͤherhin Erzbiſchof der Dioͤceſe Ar⸗ magh in Irland, einen Mann, der bei Innocenz wegen ſeiner Erfahrung, ſeiner Klugheit, ſeiner Gelehrſamkeit und der Reife ſeines Urtheils, ſeiner Ehrbarkeit und Hochherzigkeit, ſeiner Papſt wohl kaum anderswo als zu Lyon treffen, wohin er ſich gefluͤchtet hatte. S. Raumer B IV. S. 137. 141. 1) Raynald. an. 1243. Nr. 13. an. 1245. Nr. 33. Zstrup Idea Hier. Rom. p. 6l. 2) Das Chron. Lubecens. ap. Meibom. T. II. p. 397 nennt ihn nur einen tutor sive minister Ecclesiae Lubicensis. Vgl. die Beil Nro. IV.
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Der Erzbiſchof Albert. 473 Maͤßigung und Feſtigkeit in Geſinnung, wie nicht minder wegen mancher andern Tugenden und Eigenſchaften in ſehr hoher Achtung und in der ausgezeichnetſten Gunſt ſtand ). Ihn erkor der Papſt an Wilhelms Stelle zu ſeinem Legaten im Norden, und um ſein Anſehen und ſeinen Einfluß zu er⸗ hoͤhen, verlieh er ihm den Titel eines Erzbiſchofs von Preuſ⸗ ſen, Livland und Eſthland. Gerne wies er ihm dieſen bedeu⸗ tenden Wirkungskreis an, um ſeinem Geiſte Gelegenheit zu geben, die ausgezeichneten Gaben und Anlagen, die er in ſich vereinte, zum Beſten der Kirche in aller Weiſe nuͤtzlich anzu: wenden. Auch mochte es ihm gerade jetzt ſehr heilſam ſchei⸗ nen, einen Mann an die Spitze der kirchlichen Verwaltung in den Ordenslaͤndern zu ſtellen, der nicht minder den Or⸗ densrittern und den Geiſtlichen, als den Neubekehrten wegen ſeines Geiſtes und ſeiner Tugenden hohe Achtung und Ehr⸗ furcht einzufloͤßen und ſo auch manches Schwankende und Regelloſe in feſtere Ordnung und Verfaſſung zu bringen im Stande war ). Dieſe Auszeichnung des Biſchofs Albert hob daher Innocenz auch ganz beſonders hervor, als er in einem Schreiben den Suffraganen deſſelben, den ſaͤmmtlichen Praͤla⸗ ten und Geiſtlichen in Preuſſen, Livland, Eſthland, Semgal⸗ len und Kurland die Erhebung Alberts in den Rang eines Erzbiſchofs im Jahre 1245 bekannt machte, ihnen anzeigend, daß er ihm nicht nur die Erlaubniß, ſich nach Preuſſen zu begeben, ſondern auch dort das Verwaltungsrecht in geiſtlichen und weltlichen Dingen verliehen und forthin alle Biſchoͤfe Preuſſens, Livlands und Eſthlands unterworſen habe, weshalb fie ihm auch wie einem Vater und Hirten aller Seelen vol- 1) Alle dieſe Tugenden ruͤhmt der Papſt ſelbſt an ihm; vgl. die Bulle bei Lucas David B. III. S. 30 In einer andern Bulle in Gruber Orig. Livon. Sylva Document. Nr. 57. p. 277. nennt er ihn virum utique secundum cor nostrum, morum honcslate decorum, literarum scientia praeditum et consilii maturitate praeclarum. 2) Dieß ergiebt ſich aus der erwähnten Bulle bei Lucas David a. a. O. Acta Boruss. B. II. S. 624. Sie befindet ſich auch in einer Abſchrift im geh. Archive Schiebl. XVII.
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474 Der Erzbiſchof Albert. len Gehorſam und gebuͤhrende Ehrfurcht beweiſen und ſeinen Erinnerungen und Anordnungen unfehlbar und mit Demuth nachkommen ſollten ). In ſolcher Weiſe ward zwiſchen Preuf- ſen und Luͤbeck durch des Letzteren Biſchof eine Verbindung und neue Beruͤhrung angeknuͤpft, die wir bald fuͤr den Rit⸗ terorden im erſteren Lande von aͤußerſt wichtigem Einfluſſe begleitet ſehen werden 2). Dieſer Erzbiſchof begab ſich nun im Fruͤhlinge des Jah⸗ res 1246 auf des Papſtes Befehl als Legat nach Rußland, um dort den alten Lieblingswunſch des Roͤmiſchen Hofes, die Vereinigung der Ruſſiſchen Kirche mit der Roͤmiſchen ins Werk zu ſetzen ). Ohne Zweifel nahm er den Weg durch Preuſſen, denn ſchon im Jahre zuvor hatte Innocenz verord⸗ net, daß ſich der neue Erzbiſchof in dieſes Land begeben follte *). Er ſcheint damals manches über die Stellung der neuen Biſchoͤfe in Preuſſen zu dem Orden angeordnet und naͤher beſtimmt zu haben. Wenigſtens finden wir ſchon die⸗ ſer Zeit die Verordnung zugeſchrieben, daß in dem Theile des Landes, welchen ſich ein Biſchof auserwaͤhlen werde, we⸗ der der Orden, noch ein anderer Herr irgend ein Recht oder uͤber Land und Leute irgend eine Gewalt ausuͤben duͤrfe, daß ferner weder der Biſchof, noch irgend ein Bewohner des bi⸗ ſchoͤflichen Landestheiles verpflichtet ſeyn ſolle, dem Orden in ſeinen Kriegen Huͤlfe zu leiſten, ihn beim Aufbau ſeiner Burgen zu unterſtuͤtzen oder ſonſt in irgend einer Hinſicht Dienſte zu thun. Mögen nun dieſe Verfügungen jener Ver⸗ ſammlung zu Thorn ) oder mögen fie dem Erzbiſchofe von 1) Da die Urkunde, worauf ſich dieſes ſtuͤtzt, für unaͤcht erklärt worden iſt, wir aber die Sache uͤberhaupt hier anders darſtellen, als gewoͤhnlich geſchehen iſt, fo wollen wir die nähere kritiſche Eroͤrterung dieſes Gegenſtandes in der Beilage Nr. IV beifügen. 2) Auch deshalb mag die in der vorigen Bemerkung erwaͤhnte Bei⸗ lage hier nicht uͤberfluͤſſig ſeyn. 3) Haynald. ann. 1246. Nr. 29. Gruber Orig. Livon. p. 277. Karamſin B. IV. ©. 55. 4) Vgl. die Urkunde dei Lucas David a. a. O. 5) Dieß ſcheint Lucas David B. III. S. 41 anzunehmen. —
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Das Bisthum Kulm. 475 Preuſſen zugehören: fo viel ift klar, daß es die erſten Stüßen waren, auf welche die freie Stellung der Londesbiſchoͤfe zu dem Orden gebaut war. So viel uns die geſchichtliche Forſchung moͤglich macht, finden wir den Biſchof Heidenreich von Kulm unter den an⸗ dern Bifchöfen zuerſt in feinem Amte. Er verwaltete dieſes wahrſcheinlich ſchon im Jahre 1245, ſicherlich wenigſtens ſchon im J. 1246 ). Ohne Zweiſel war auch fein Verhaͤltniß zu dem Orden am leichteſten auseinander zu ſetzen. Letzte⸗ rer hatte ja bereits mit dem Biſchofe Chriſtian im Kul⸗ merlande eine Landestheilung vorgenommen und wir fin⸗ den nicht, daß ſie unter dieſem ſeinen Nachfolger veraͤndert worden ſey; ohnedieß hatte der Papſt ſchon im Jahre 1243 den Biſchof Chriſtian darauf hingewieſen, daß im Falle er die Dioͤceſe vom Kulmerlande als die ſeinige waͤhle, er ſich mit dem Landestheile begnuͤgen muͤſſe, welcher in dem zwi⸗ ſchen ihm und den Ordensrittern geſchloſſenen Vertrage durch den paͤpſtlichen Legaten ſchon feſt beſtimmt ſey 2). Dieſe Be⸗ ſtimmung aber galt nun wohl natuͤrlich auch fuͤr den neuen Biſchof des Kulmerlandes. Zwar ſind wir uͤber das Ein⸗ zelne dieſes Theilungsvertrages nicht genau unterrichtet); aber nicht ohne Klugheit und bedaͤchtige Umſicht hatte da⸗ mals) Biſchof Chriſtian für ſich den mittlern Theil des Daß der Papſt dem Erzbiſchofe damals mancherlei auftrug, was das Kirchenweſen in Preuſſen betraf, ſehen wir aus dem ſchon erwaͤhnten Verzeichniſſe der Bullen Innocenz IV, worin einer Bulle mit folgen⸗ den Worten gedacht iſt: Archie piscopo Prulie eic., ut fratres hos- pitalis eic. congruis honoribus supportemus mandamus ut unum ex fratribus cessante (?) uni diocesi Prutie preficias in cpis- copum. 1) Wir finden ihn zuerſt als Zeuge im Privilegium der Stadt El⸗ bing vom 10. April 1246; ſ. Crichton ürkunden zur Preuſſ. Geſch. S. 17. 2) Raynald. an. 1243. Nr. 33. 3) Es muß hierüber allerdings eine Theilungsurkunde vorhanden ger weſen ſeyn; fie iſt indeſſen nicht bis auf uns gekommen. 4) Naͤmlich offenbar erſt im Jahre 1244.
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476 Das Bisthum Kulm. Kulmergebietes auserwaͤhlt, in der Richtung von Kulmfee über Briefen und Biſchofswerder ins Loͤbauerland hinauf, denn dieſer Theil war gleich weit von den Graͤnzen der Nachbarlande entfernt, uͤberall durch das umherliegende Or⸗ densland gedeckt und alſo auch gegen die damals ſo gewoͤhnli⸗ chen feindlichen, raͤuberiſchen Einfälle der Bewohner nachbar⸗ licher Gegenden ziemlich geſichert. Vom Loͤbauerlande fiel dem Biſchofe nur der noͤrdliche Theil zu, etwa von der Ge⸗ gend an, wo die Welle ſich mit der Drewenz verbindet ); das Land Saſſen dagegen gehörte anfangs ganz zum biſchoͤf⸗ lichen Landestheile und erſt ſpaͤterhin ward auch hier eine Thei⸗ lung vorgenommen, und nur der dritte Theil dem Biſchofe zugewandt ). Als Biſchof Heidenreich in dieſes Landes Beſitz kam, fand er es freilich von den feindlichen Einbruͤchen und Raub⸗ zuͤgen der Preuſſen her noch aͤußerſt verwuͤſtet und verwildert, im Ganzen auch ſehr entvoͤlkert, daher nur ſehr wenige und oft in großen Strecken gar keine Kirchen, ſo daß auch da kein Gottesdienſt gehalten werden konnte?). Es mußte alſo hier eine ganz neue Schoͤpfung beginnen und der Bi⸗ ſchof machte es ſich zur erſten Aufgabe, neue Bewohner her⸗ 1) Auch vom Loͤbauerlande bekam der Biſchof nur den dritten Theil, wie er ſelbſt in einer Urkunde in den Actis Boruss. B. II. S. 723 ſagt. 2) Dieſes geſchah nämlich durch eine Urkunde, deren Datum ift: Thorun an. dom. millesimo CC. LXIII. VI Cal. Aprilis. Der Biſchof Heidenreich ſagt darin: Nos et successores nostros et cecle- siam nostram presentibus obligamus, quod si quis Magistrum ac fratres domus Theuton. in Prussia impetere voluerit pro eo quod Terram Sassin ad nostram dyocesim pertinentem nohiscum diviserunt, nobis eiusdem Terre partem terciam iuxta divisionem episcopis Prussie in terris faciendam secundum instilula sedis apostolice assignantes nos ipsos reddemus indempnes. 3) So ſchildert er das Land felbft in einer Urkunde, in der er fügt: Tum parochiales Ecclesiae nullae vel paucissimae pro- pter Christianorum exterminium, quos feritas Prutenorum ex- ulerat, terras praedictas ponens a divino cultu alienas, Acta Boruss. B. U. S. 721.
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Das Bisthum Kulm. 477 anzuziehen und das verheerte Land wieder in Anbau zu brin⸗ gen. Wer wuͤſtes Gebiet von neuem anbaute, ſich eine Woh⸗ nung darauf errichtete und ſo die Gruͤndung eines Dorfes veranlaßte, erhielt vier Freijahre, in deren Verlauf der neue Einſaſſe auch nicht einmal den Getreide = Zins an den Bi⸗ ſchof zu entrichten hatte, welchen ſonſt, nach dem unter dem Biſchofe Chriſtian feſtgeſetzten Vertrage, jeder Bewohner des Biſchoftheiles jaͤhrlich an ihn abtragen mußte. Wer dann nach jenen Freijahren in dem neugegruͤndeten Dorfe ſich nie⸗ derließ, hatte auf ein Jahr Befreiung vom gewoͤhnlichen Ge⸗ treide⸗Zins ). Dieſe Beguͤnſtigungen und die anderweitigen Bemuͤhungen des Biſchofs begleitete auch bald der erfreulichſte Erfolg, denn binnen fuͤnf und ſechs Jahren hatte ſich die Be⸗ voͤlkerung in dem biſchoͤflichen Landestheile fo bedeutend ver⸗ mehrt und der neuaufgebauten Kirchen waren bald ſo viele geworden, daß der Biſchof ſchon auf die Errichtung einer Kathedrale denken mußte. Dieſe erfolgte auch im Jahre 1251. Die Sage aber knuͤpft die Gruͤndung an ein grauſes, unheilvolles Ereigniß. Schon Biſchof Chriſtian — ſo erzaͤhlt ſie — hatte in dem Staͤdtlein Kulmſee 2) ein Moͤnchskloſter erbaut, welches die 1) Den Beweis hierüber giebt eineürkunde im Fol. betitelt: Ellen, Hubenmaaß u. ſ. w. im geh. Archive, wo es heißt: Nos omnibus, qui deserta, que temporibus modernorum nunquam fuerunt exculia inhabilare incipiunt et excolere, hanc dedimus liher- tatem, ut a proximo festo sancti Martini, ex quo villa est in- cepla, post quatuor annos primo nobis solvant illas mensuras, quas ex pacto cum prredecessore nostro beate memorie Chri- sliano episcopo inito et postmodum a sede apostolica confir- mato, singulis annis nobis tenentur. — Es wird hiedurch zugleich auch die Meinung Leo's p. 80 widerlegt, daß zwiſchen dem Biſchofe Chriſtian und Heidenreich ein gewiſſer Johannes die biſchoͤfliche Wuͤrde in Kulm gehabt habe. Obgleich ſchon Lucas David B. III. S. 38 dieſe Annahme als einen Irrtum Simon Grunau's widerlegte, fo war ihr doch noch Arnold Kirchengeſchichte S. 145 nicht ganz abge⸗ neigt. 2) Vorher fol Kulmſee ein Dorf, Loza genannt, geweſen ſeyn; f. Hartknoch Kirchengeſchichte S. 161.
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478 Das Bisthum Kulm. Preuſſen jedoch bei einem Raubzuge ins Kulmerland durchs Feuer wieder vernichteten. Da Heidenreich zum Biſchof er⸗ koren ward, begann man einen neuen Aufbau des Münfters, der aber bis zum Jahre 1250 noch nicht vollendet war. Dort lebte nun ein Moͤnch aus Stettin, der einen Raben auferzogen und zu Kurzweil im Sprechen einiger Worte ge⸗ uͤbt hatte. Da geſchah es eines Tages, daß der Abt des Kloſters mit einigen Ordensrittern hinausging, den Bau zu beſichtigen, und als er den Raben, deſſen Geſchicklichkeit er kannte, wie traurig da ſitzen ſah, rief er ihn an: „Was denkeſt du, Rabe?“ Und der Rabe antwortete in lateini⸗ ſchen Worten: „die ewigen Jahre mit deinem Tode!“ Das erzuͤrnte den Abt und ihm entgegnend: Du biſt wohl nicht ein Rabe, ſondern der Teufel!“ ließ er ihn auf der Stelle toͤdten. Als ſolches aber der Moͤnch erfuhr, ward er ſchwer erbittert, denn der Abt, der geizig auf den Pfennig hielt, hatte ihn ſchon zuvor dadurch ſehr gekraͤnkt, daß er des Moͤnchs einkehrende Freunde zu kaͤrglich hatte bewirthen laſ⸗ fen. Voll unverſoͤhnlichen Grolles ging der Moͤnch mit boͤ⸗ ſen Gedanken lange Zeit umher, und als ſich einſt der Abt zur Kirche begab, trat jener ihn mit ſcharfen Worten an und ſtach ihn dann mit einem Meſſer nieder. Der Biſchof Heidenreich aber verdammte den Moͤrder zu ewiger Gefaͤng⸗ nißſtrafe, verbot zugleich auch den weitern Fortbau des Klo⸗ ſters, und da er dem Papſte daruͤber Bericht gegeben, erhielt er die Erlaubniß, die Moͤnche in andere Kloͤſter zu vertheilen, und da, wo jenes Kloſter zum Theil ſchon errichtet ſtand, ein Domſtift mit einer Kathedrale zu gründen ). Mag die Erzählung immerhin für Sage gelten; geſchicht⸗ lich iſt, daß Biſchof Heidenreich im Jahre 1251 in Kulmſee eine Kathedralkirche, der heiligen Dreieinigkeit geweiht, und ein Domſtift errichtete, mit der Beſtimmung, daß fuͤr die 1) So erzählen Lucas David B. III. S. 36 und Henneber⸗ ger Landtaf. S. 54, welcher einige ältere Quellen anfuͤhrt. Ob und welch geſchichtlicher Grund der Sage unterliege, muß dahin geſtellt bleiben.
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Das Bisthum Kulm. 479 eingeſetzten Domherren zu ewigen Zeiten die Regel des heil. Auguſtinus als Geſetz ihres Lebens und ihrer Pflichten be⸗ obachtet werden ſolle. Zu ihrem Unterhalte verlieh ihnen der Biſchof einen Theil feines Getreide-Zinſes im Kulmerlande, dazu eine Anzahl Dörfer ) und im Gebiete von Löbau be⸗ traͤchtliches Ackerland, alles dieſes mit vollkommener Gerichts⸗ barkeit und allem Rechte und Einkommen »); endlich auch die Fiſcherei in mehren Seen und zur Viehzucht Wieſen und Weideland. Es ward zugleich beſtimmt, daß, ſobald die ver⸗ liehenen Dörfer und Ländereien zur Zinszahlung gelangten, hinfort im Domſtifte ſtets vierzig Domherren gehalten wer⸗ den ſollten, bis dahin jedoch nur ſo viele, als die Einkuͤnfte geſtatteten. Außerdem wies der Biſchof dem Domſtifte auch noch ſechs Orte an, an welchen die Domherren ſechs Stifts⸗ kirchen 3) errichten konnten, vier davon im Loͤbauiſchen Lande. Jedoch in allen dieſen verliehenen Guͤtern behielt er ſich das Recht vor, daß die Einſaſſen ihm ſtets zum Dienſte der Lan⸗ desvertheidigung verpflichtet bleiben ſollten ). So waren in Heidenreichs biſchöͤflicher Verwaltung des Landes kaum ſechs Jahre verfloſſen, als die Ordnung und Verfaſſung des kirchlichen Weſens zu immer groͤßerer Vollen⸗ dung gedieh. Sein Eifer war unermüdlich, fein thätiger Geiſt 1) Die Stiftungsurkunde nennt die Dörfer Rassai, Hermanns- dorf, Arnoldsdorf, et Graugia, Sunenwerde cum villa adja- cenie. 2) Bei Kulmſee verlieh ihnen der Biſchof zwoͤlf Huben Landes und die Pfarrkirche der Stadt; an Getreide-Zehnten 2000 Scheſſel Rog⸗ gen und Weizen; im Loͤbauiſchen Gebiete 600 Huben Landes.! 3) Ecclesiae conventuales. Die eine davon follte in Vambre- sia, germ. Wredeck oder Frydeck (Brieſen) erbaut werden. 4) „In omnibus autem bonis omnium supra dictarum Ee- clesiarum nobis specialiter relinemus, quod homines eerum in eis, quae ad defensionem terrae pertinent, nobis maneant ob- ligati. — Die Stiftungsurkunde mit dem Datum: In Culmensee an. dom. 1251, die Mariae Magdalenae (22, Juli) ſteht in den Actis Boruss. II. S. 721; zum Theil auch bei Baczko B. I. S. 388 Vgl. Lucas David B. III. S. 37. 132 — 133.
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480 Das Bisthum Kulm. ohne Raſt und Ruhe und faſt uͤberall war es eine neue Schoͤpfung, die ſein Eifer fuͤr den Glauben und ſein Streben fuͤr menſchliche Wohlfahrt im Lande hervorrief. Außer den Kirchen aber, welche in Städten und Dörfern ſich von Jahr zu Jahr vermehrten, ſtanden im Kulmerlande auch ſchon manche Kloͤſter da: in Kulm ſelbſt ein Dominicaner-Kloſter, vielleicht ſogleich bei der Gründung der Stadt errichtet, denn es war ſchon lange vor dem Jahre 1244 ) vorhanden, ſo in Thorn ein der Jungfrau Maria geweihtes Franciscaner⸗Klo⸗ ſter ). Dieſe Bemühungen aber ſowohl in der Sache des Glaubens und der Kirche, als in allem, was menſchliches Wohl befoͤrderte, waren um ſo mehr mit Gedeihen und gluͤck⸗ lichem Erfolge begleitet, da Biſchof Heidenreich zu den Or⸗ densrittern in einem weit beſſeren Vernehmen ſtand, als ſein Vorgaͤnger, denn er wurde nicht bloß oͤfters als Rathgeber und Theilnehmer in ihre Unterhandlungen mit den nahen Fuͤrſten gezogen, ſondern, mit der Gabe begluͤckt, ſich in allen Verhaͤltniſſen unter den Menſchen Achtung, Vertrauen und Verehrung zu erwerben, ward er in den Streitigkeiten des Ordens mit Herzog Suantepolc ſelbſt auch zum Schiedsrich⸗ ter erwaͤhlt ). Die Geſchichte des Bisthums Pomeſanien liegt fuͤr die erſten Jahre in noch größerer Dunkelheit, als die des Bis⸗ thums Kulm. Hiezu trugen vieles die unaufhoͤrlichen Kriegs⸗ 1) Vom Jahre 1244 haben wir im Fol. Ellen, Hubenmaaß ꝛc. eine urkunde des rater Hermannus Prior Culmensis et Conven- tus fratrum ordinis predicatorum über die Uebergabe eines Gemuͤ⸗ ſegartens an die Buͤrger von Kulm. Vgl. Lucas David B. III. Anhang S. 17. 2) Lucas David B. III. S. 42. urknnde ebendaf. im Anhange S. 25. Leo p. 79. Daher ſteht Thorn auch mit in den alten Ver⸗ zeichniſſen der Franciscaner-Kloſter; ſ. Bellermann das graue Kloſter in Berlin S. 24, wo aber ſtatt Ethor oder Othor wohl offen⸗ bar Thorn zu leſen ift. 3) Lucas David B. III. Anhang S. 17. Acta Boruss. B. II. S. 7%. Urkunde bei Kotzebue B. I. S. 396. 409. Vgl. auch Lu⸗ cas David B. III S. 120.
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Das Bisthum Pomeſanien. 489 fehden mit Herzog Suantepolc von Pommern bei, denn ſie verhinderten und erbrüdten das friedſame Wirken, in welchem des Biſchofs Amt für Volk und Land fo großen Segen fihaf- fen konnte, in dem Maaße, daß kaum eine Spur davon zu entdecken iſt. Nur fo viel wiſſen wir beſtimmt, daß Biſchof Ernſt von Pomeſanien im Jahre 1247 ſchon im Beſitze ſei⸗ ner Wuͤrde war und im Jahre 1249 mit den beiden andern Biſchoͤfen des Landes die Vermittlung eines Streites zwi⸗ ſchen Albert, dem Erzbiſchofe von Preuſſen und dem Orden uͤbernommen hatte ). Lange Zcit durch die Kriege mit Her⸗ zog Suantepolc und manche andere Umſtaͤnde gehindert konnte die Landestheilung zwiſchen dem Biſchofe und dem Orden hier erſt im Jahre 1250 erfolgen. Nachdem man das ganze Land in drei Theile zu gleichen Größen abgeſondert ), 1) Urkunde bei Baczko B. I. S. 260. Wir werden dieſen Streit fpäterhin näher kennen lernen. 2) Wir erfahren bei dieſer Theilung Pomeſaniens ziemlich genau, wie uͤberhaupt bei dieſen Landestheilungen verfahren wurde. Der Land⸗ meiſter Ludwig von Queden machte in einer Urkunde bekannt, daß er die ganze Didceſe Pomeſanien in drei Theile getheilt habe de consensu fratris Henrici Stangonis Commendätoris in Cristisburg et fra- trum Castri eiusdem et fratrum seniorum nostri ordinis in Pruscia und zwar fo, quod una tercia pars incipiat a Castro Dypenowe et trans Nogatam directe versus Wixlam hauc il- lam partem Insule que est versus Insulam sancte Marie, inde ascensus fial per ripam WVizle usque dum perveniatur ad bona, que comparavimus a domino Bernhardo de Cameniz. liem a predicto Castro ascendendo in Prusciam, ita quod Resia includatur eidem parti secundum quod signa iam facta ostendunt, et ulterius versus stagnum quod vocatur Bucho- thin in loco, ubi Lyva primo effluit et ulterius secundum dis- terminium Prezle usque ad Protest ubi est disterminium inter Prezlam et Rudenz, hoc modo Prezla tola inelusa est usque ad Ossam, preter illam partem, quam ut diximus comparavi- mus, et aliam partem, quam dominus Episcopus Culmensis asserit esse suam, addicimus eciam predicte parli hoc quod bona hospitalis, que sunt inter Dypenow et Insulam sancte Marie diocesano Episcopo, si eam elegerit, libera faciemus, et hoc ideo ut ipse tam pro se, quam pro suis successoribus II. 31
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482 Das Bisthum Pomeſanien. waͤhlte der Biſchof fuͤr ſich zuerſt den dritten Theil in den Gebieten aus, in welchen Reſien (Rieſenburg) Presla, Ma⸗ rienwerder und die Güter feines biſchöͤflichen Hospitals lagen. Es geſchah dieſe Wahl zu Chriſtburg ). Doch traten bald uns unbekannte Verhaͤltniſſe ein, welche den Biſchof bewogen, als ſeinen dritten Theil denjenigen anzunehmen, in welchem die Stadt Chriſtburg lag. Die Erfahrung zeigte indeſſen nur zu bald, daß Biſchof Ernſt hiebei nicht mit Umſicht und Klugheit gehandelt hatte, denn dieſer Theil war noch viel zu ſehr den verheerenden Ueberfaͤllen der oͤſtlich wohnenden heid⸗ niſchen Preuſſen ausgeſetzt, gegen welche der Biſchof keines⸗ wegs immer die noͤthige Kriegsmacht aufzuſtellen hatte. Um ſo mehr war daher auch zu befuͤrchten, daß ſelbſt die Neube⸗ renunciet ab omni inpeticione duarum parcium, que domui nostre cedent, salvis tamen in hiis, que non possunt nisi per Episcopum exerceri. — Item aliam partem sic duximus desig- nandam, quod hee terre Passaluc tota in ea parte fluvii Wey- eike, que est in predicta Pomesan, diocesi, Beria quoque, Zambroch, Pobuz et Rudenz eidem parti secundum suos ler- minos ineludatur. — Terciam vero partem modo huiusmodi designamus, quod in se habeat istas terras Alyem, Posoluam, Lynguar, Loypicz et Komor, attingentes terminos prime par- tes. Preierea residuam partem Insule supradicte et Insulam de Zanthiro. Unter dieſen drei Theilen ließ nun der Landmeiſter dem Biſchofe freie Wahl, doch mit der Beſtimmung: quod si elegerit il- lam partem, in qua Castrum est locatum Cristisburg nomine, ipsum Castrum cum adiacenti terra per circuitum ad dimi- dium miliare ad partem nostram per concamhium eque magne partis et fertilis estimamus. — Diefe Urkunde ift abgefaßt: In Cristisburg an. dom. Me. CCo. quinquagesimo XV Cal. April. (18 März 1250) und ſteht in dem Copienb. Privileg. des Marien: werd. und Pomeſan. p. III. 1) Die Urkunde hieruͤber befindet ſich im Original im geh. Archive Schiebl. I. Nr. 3; in Abſchrift in den Privileg. Capituli Pome- zan. p. I., ferner in dem eben erwahnten Copienbuche p. IV; abge⸗ druckt, wiewohl etwas fehlerhaft bei Kotzebue B. I. S. 428. Daß Resia das Gebiet von Rieſenburg bezeichnet, iſt bekannt; für Presla aber, in andern Urkunden auch Presel genannt, iſt kein entſprechender Ortsname mehr zu finden.
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Das Bisthum Pomefanien. 483 kehrten in jenen Gegenden dieſe Verhaͤltniſſe benutzen wuͤr⸗ den, vom Glauben wieder abzufallen und das unbeſchuͤtzte Land des Biſchofs feindlich zu uͤberziehen ). Solches erwaͤ⸗ gend und dabei bedenkend, daß durch des Papſtes Verord⸗ nung die Laſt des Kampfes gegen die Heiden zunaͤchſt dem Orden uͤbertragen ſey, gab Biſchof Ernſt im Jahre 1255 dieſen Landestheil wiederum auf, und nahm mit Zuſtimmung der Ordensritter abermals den Theil als den ſeinigen an, in welchem Marienwerder, Reſien und Presla lagen, wozu jetzt noch der dritte Theil des Landes kommen ſollte, welchen fruͤ⸗ her der Ritter Bernhard von Camnitz beſeſſen, und der bis⸗ her noch ungetheilt geblieben war. Marienwerder, als hiezu am bequemſten gelegen, beſtimmte der Biſchof zur Errichtung einer Kathedrale). Bei dieſer Theilung verblieb es nun 1) Merkwuͤrdig find die Worte des Biſchofs: Er habe den Theil von Chriſtburg gewählt inexperti, quod illa tercia pars frequen- ter exponitur insultibus paganorum; unde metuentes pericu- lum subversionis noviler conversorum quod occasione predicte electionis foret fulurum ut a viris prudentibus didicimus ct ex situatione ipsius opidi oculata ſide perpendimus cum ip- sum sit quasi in ore positum paganorum. Aber erkannte dieſes der Biſchof erſt nach ſo vielen Jahren? 2) Das Original der Urkunde, worin der Biſchof dieſen Tauſch vornimmt, iſt doppelt im geh. Archiv Schiebl. L. Nr. 1 und 2. In dem einen aber, obgleich beide vom einem Tage datirt ſind, naͤmlich Grudenz a. d. 1255 XI Cal. Januar. (22 Decemb.), fehlt eben fo, wie bei Dreger Nr. 257 und 259, wo fie gedruckt ſtehen, der Satz: qua parte continente predictam Insulam et Resiam ei Presel contenti sumus cum adicione tercie parlis terre, quam nobilis vir Bernhardus dictus de Camniz olim possidebat, quam fratres hactenus pro indivisa tenebant. Außerdem unters ſcheiden ſich beide Urkunden auch dadurch, daß die eine den Gegenſtand der zu Graudenz gepflogenen Verhandlung (Acta sunt hec in Gru- denz), die andere ſich auf jene beziehend den wirklichen, durch die Urkunde ſelbſt vollzogenen Abſchluß der Sache (Datum in Grudenz) darlegt. Beide Urkunden find alfo gleich wichtig. Die erſtere hat nur das Siegel des Biſchofs von Pomeſanien, die andere dagegen die Sie⸗ gel aller drei Preuſſiſchen Biſchoͤſe nebſt dem des Landmeiſters. Vgl. Lucas David B. V. S. 16. 31 *
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434 Das Bisthum Pomefanien. auch; der Hochmeiſter genehmigte fie, erſuchte den Papſt Alexander den Vierten um ihre Beſtaͤtigung und dieſer trug in einer Bulle dem Biſchofe von Kulm ausdruͤcklich auf, dar⸗ auf zu achten, daß die von beiden Theilen nun angenommene Landestheilung auch ferner feſt gehalten werde ). So umfaßte nun der biſchoͤfliche Theil Pomeſaniens folgendes Gebiet. Von Tieffenau unfern von der Meichfel, wo auf einer Berghoͤhe einſt eine Burg ſtand, lief die Graͤnze oſtwaͤrts heruͤber nach Brakau an dem Fluſſe Liebe, an die⸗ ſem weiter fort bis an den See Saſſen beim Dorfe Scha⸗ dau, dann nordoͤſtlich hinauf nach dem Walde Soweten an dem jetzigen Dorfe Orkuſch und hier weiter bis gegen Daackau hin; von da nördlich hinüber nach dem Sorgen » Eee bei Stangenwalde und weiter fort durch mehre Dörfer hindurch bis an den See Banſee, jetzt Benſee genannt; durch dieſen mitten hindurch ſuͤdwaͤrts hin bis zu dem See Gilwe bei dem jetzigen Dorfe Gulbien. Da nahm der Oſſa-Fluß die Graͤnze auf und fuͤhrte ſie durch alle Seen hindurch, welche er durchlief, bis nach Mandelkowen in der Gegend, wo jetzt unfern von Biſchofswerder das Dorf Oſſowken liegt. Von hier ging fie noͤrdlich hinab nach Kanten bei dem heutigen Dorfe Schoͤnwalde und endigte gegen Weſten hinuͤberlaufend an der Weichſel bei dem Dorfe Woltſchitz, jetzt Wolz ge⸗ nannt. Die weſtliche Graͤnze dieſes biſchoͤflichen Theiles zog ſich von Tieffenau uͤber die Nogat bis an die Weichſel, wo dieſer Strom bis Woltſchitz hinauf die Graͤnzlinie bildete ). 1) Die Bulle befindet ſich in den Privileg. Capituli Pomezan. p. 11. Im Original im geh. Archiv Schiebl. IV. Nr. 5. Sie iſt da⸗ tirt: Neapoli VI. Idus Martii p. a. I. 2) Dieſe Graͤnzangaben find nach einer Urkunde vom Jahre 1294 beſtimmt, wo ein Streit zwiſchen dem Biſchofe Heinrich von Pomeſa⸗ nien und dem Orden über die Gränzen des bifchöflichen Landestheiles entſtanden war. Sie ſagt aber ausdruͤcklich ſelbſt, es ſeyen dieſes die alten Gränzen, die man hiedurch wieder feſtgeſtellt habe; fie ſeyen be- ſtimmt secundum divisionem de mandato sedis apostolice a nostris predecessoribus dudum factam — et Episcopus et Ca-
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Das Bisthum Ermland. 485 Ueber die erſten Jahre des Bisthums Ermland geht die Geſchichte faſt ganz ſchweigend voruͤber. Bevor das Volk, uͤber welches der Biſchof Heinrich die geiſtliche Obhut fuͤhren ſollte, noch nicht von neuem uͤberwunden und für das Evan⸗ gelium feſt gewonnen war, konnte natürlich von einer bifchüf- lichen Verwaltung überhaupt gar nicht die Rede ſeyn. Und als nun die Bewohner jener Gebiete ſich dem Glauben wie⸗ der zuwandten, ſtarb jener erſte Biſchof Warmiens im Jahre 1249 oder im Anfange des Jahres 1250, ſo daß kaum nur ſein Name der Geſchichte aufbehalten iſt. Da benutzten die Ordensgebietiger die Gunſt des Biſchofs Peter von Albanien, der damals päpftlicher Legat war, zu einem Schritte, der fir die Stellung und das Verhaͤltniß des Ordens in Preuſſen zu den Biſchoͤfen des Landes bald von aͤußerſt wichtigen Folgen ſeyn mußte. Sie ſuchten zu bewirken, daß ein Deutſcher Ordensbruder zum Biſchof in Warmien ernannt werde und der Verſuch gelang. Anſelm, ein Bruder des Ordens ward vom Biſchofe von Albano in das Bisthum eingeſetzt, vom Papſte beſtaͤtigt und geweiht). Er ſoll aus Meißen gebuͤr⸗ pitulum hiis terminis contenti nomine lercie parlis dyoecesis Pomesaniensis nichil sibi juris in aliis duabus partibus, que ad nos (an den Orden) pertinent, vendicabuni.— Die Urkunde befindet ſich in den Privileg. Capituli Pomesan. p. II. und im Copien⸗ buche Privileg. des Marienwerd. und Pom. p. V. 1) Wir beſitzen noch das Original der paͤpſtlichen Beſtaͤtigungs⸗ Bulle im geh. Archive Schiebl. III. Nr. 49, datirt: Lugduni II Non. Octobr. p. n. an. VIII. (6 Octob. 1250), worin zugleich das Schreiben des paͤpſtlichen Legaten P. Biſchof von Albano uͤber die dem Papſte bekannt gemachte Wahl und Weihe des Ordensbruders Anſelm zum Ermlaͤndiſchen Biſchof aufgenommen iſt. Dieſes Schreiben bes Legaten iſt gegeben: apud Valencenas V Calend. Sepiembhr. (28. Auguſt) an. dom. M°. CCo. quinquagesimo und eben daſelbſt (zu Valenciennes) und an dem naͤmlichen Tage war, wie das Schrei⸗ ben ſagt, auch die Weihe Anſelms geſchehen. Sie erfolgte assistenti- bus vererabilibus patribus Cameracensi, Toruacensi et Atre- batensi Episcopis (ven Cambray, Tournay und Artois), alfo nicht im Ordensgebiete ſelbſt. Daraus wird wahrſcheinlich, daß der damalige Hochmeiſter Heinrich von Hohenlohe die Wahl Anſelms am paͤpſtlichen
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486 Das Bisthum Ermland. 2 tig und ſchon zur Zeit Innocenz des Dritten, nach einigen als bloßer Kreuzfahrer, nach andern als Franciscaner-Moͤnch ins Land gekommen ſeyn ). Er ſelbſt nennt ſich jedoch Pre⸗ diger⸗Moͤnch e) und war einer von denen, die ſich ſchon früh durch Verkündigung des Kreuzes um die Verbreitung des Glaubens, wie um den Deutſchen Orden hohe Verdienſte er⸗ worben hatten ). Nachmals hatte er das Ordenskleid der Deutſchen Brüder angenommen ) und feine erſten Schritte auf dem biſchoͤflichen Stuhle bewieſen ſogleich, mit wel⸗ cher Treue und mit welchem Eifer er auch als Biſchof noch dem Orden immerdar ergeben blieb. Schon in dem erſten Jahre ſeines biſchoͤflichen Amtes muß zwiſchen ihm und dem Orden eine freundſchaftliche Uebereinkunft uͤber den ihm zu⸗ fallenden Landestheil feiner Diöcefe geſchehen ſeyn; denn ob⸗ gleich wir daruͤber faſt gar nicht unterrichtet ſind, ſo finden wir den Biſchof doch ſchon im Jahre 1251 in dem Beſitze eines Theiles von Warmien ). Es war nämlich in dieſem Jahre, als er den Ordensbruͤdern nicht bloß die gemeinſchaft⸗ liche Benutzung einer Wieſe zwiſchen der Serie oder Paſſarge und dem Fluͤßchen Rune ) bewilligte, ſondern ihnen auch Hofe auch felbft betrieben und Anſelm fich damals bei dem Hochmeiſter aufgehalten habe. 1) Treter 1. c. p. I. Auch Leo p. 69 ſcheint ihn für einen Franciscaner zu halten. Nach Schütz in der Vorrede war er erſt Deutſcher Ordensbruder und wurde nachher Franciscaner. 2) Auf ſeinem Siegel heißt es: S. Fratris Ansbelmi dei gr. Warmiensis epi Sc. O. Pr. (sancli Ordinis praedicalorum), eben ſo wie ſich ſein Vorgaͤnger als ſolcher bezeichnet. 3) Leo p. 69. 4) Er nennt ſich ſelbſt öfter in feinen Urkunden Frater Ordinis Hospitalis S. Mariae Irlmni; Dreger Nr. 257. p. 365. ef. Dusburg P. III. c. 135. Daß er ſchon bei feiner Biſchofswahl im Deutſchen Orden war, beweiſet die erwähnte päpſtl. Beſtaͤtigungs⸗Bulle, wo er ſchon Ordensbruder genannt wird. 5) Dieſes geht ſchon im Ganzen aus der Urkunde bei Dreger Nr. 221 p. 331 hervor; der Biſchof ſpricht darin aber auch noch aus⸗ druͤcklich von einer „parte in dyocesi nostra, quae nos conlingii.“ 6) Die Rune fließet unfern von der Paſſarge, in gleicher Rich⸗
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Das Bisthum Ermland. 487 die Freiheit zugeſtand, in feinem Theile des biſchoͤflichen Sprengels ſo viel Guͤter zu erwerben, als ſie auf rechtlichem Wege erlangen koͤnnten, doch unbeſchadet des Rechtes, welches er ſelbſt oder feine Nachfolger auf dieſe Güter geltend machen moͤchten. Er ertheilte ihnen ferner auch das Recht, in den dem Orden zugehörigen Doͤrfern Schullehrer ein- und abzu⸗ ſetzen, und beſtaͤtigte alle Freiheiten, welche der vormalige paͤpſt⸗ liche Legat Wilhelm den Ordensrittern fuͤr die Einrichtung ih⸗ rer Hofpitäler bewilligt hatte. Zur Foͤrderung des Handels und Verkehrs im biſchoͤflichen Lande vereinigten ſich die Or⸗ densritter und der Biſchof auch dahin, daß die bifchöfliche und die Ordens⸗Muͤnze immer zu gleicher Zeit und nach gleichem Werthe und Gehalt umgepraͤgt werden ſolle ). Es blieb aber dieſe freundliche Geſinnung zwiſchen dem Biſchofe und dem Orden und dieſes einmuͤthige Zuſammen⸗ greifen ihrer Beſtrebungen auch nicht ohne die erfreulichften Erfolge für Bildung und Chriſtenthum. Daß man mit Eifer für die erſtere bemüht war, beweiſet ſchon die Erwähnung der eingerichteten Schulen, fuͤr welche der Orden die Lehrer beſtimmte und wohl meiſt aus Deutſchland herbeizog. Glei⸗ chen Eiſer verwandte der Biſchof Anſelm auch auf den Bau von Kirchen, deren bereits im Jahre 1251 mehre im Lande daſtanden und auch ſchon mit den noͤthigen Geiſtlichen be⸗ ſetzt waren; wir finden ſolche in Braunsberg, in dem Dorfe Lemtenburg in Natangen und an manchen andern Orten ?), Freilich reichten dieſe wenigen für das Beduͤrfniß bei weiten noch nicht hin ); aber das Einkommen des Biſchofs war in tung mit dieſer und muͤndet bei Ruhnenberg ins Friſche Haff. 1) Das Original dieſes urkundlichen Vertrages mit dem Siegel des Biſchofs liegt im geh. Arch. Schiebl. LI. Nr. 1; gedruckt ſteht es bei Dreger Nr. 221. p. 331. Baczko B. I. S. 389. Ausgefertigt iſt die Urkunde in Elbing. Merkwuͤrdig iſt darin das Datum in Ruͤckſicht der Zeitangabe: quinio Calend. May ponlificatus nostri anno primo indictione nona. 2) So ſtehen ſchon in der eben erwahnten Urkunde vom J. 1251 Fridericus in Brunsberg, Radolſus in Lemetenburch plebani. 3) Der Biſchof ſagt ſelbſt, daß, als er das Land mit dem Orden
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488 Das Bisthum Ermland. den erſten Jahren viel zu gering ), als daß er aus feinen Mitteln viel zu ihrer Vermehrung hätte beiſteuern koͤnnen. Doch auch hier trug die Zeit das Licht immer weiter und weiter und im Ablaufe von zehn Jahren war durch die fortgeſetzte Thaͤtigkeit der für Glauben und Evangelium hochbegeiſterten Maͤnner die Zahl der Gotteshaͤuſer ſchon ſehr bedeutend ge⸗ worden. 5 Nun erfolgte im Jahre 1255 auch eine genaue, fürmliche Theilung des Landes im Bisthum Warmien, ſey es, daß man ſich fruͤherhin nur im allgemeinen darüber vereinigt oder manche Verhaͤltniſſe damals eine beſtimmte Eroͤrterung des Einzelnen nicht moͤglich gemacht hatten. Aus den drei Gebieten aber, in welche der große biſchoͤfliche Sprengel ge⸗ theilt war, waͤhlte der Biſchof den mittleren, gegen die An⸗ griffe oͤſtlicher und noͤrdlicher Feinde am meiſten geſicherten Theil aus, in welchem die Stadt Braunsberg lag, weil er beſchloſſen hatte, in dieſer durch Befeſtigungen ſchon ziemlich geſicherten Stadt ſeinen biſchoͤflichen Sitz zu nehmen 2). Um⸗ graͤnzt war dieſer biſchoͤfliche Landestheil durch eine Linie, die am Friſchen Haffe und zwar da begann, wo das Fluͤßchen Rune noͤrdlich von Braunsberg ausmuͤndet; dann lief ſie oſt⸗ waͤrts durch einen Tannenwald und weiter fort bis gegen Plauth, wo Natangen ſich ſcheidet. Von hier aus durch⸗ ſchnitt ſie das Gebiet, in welchem jetzt die Stadt Landsberg liegt bis nach Worienen fort, welches damals Wore hieß; weiter gegen Oſten hin ſtieß fie an die Alle in der Ge— getheilt habe, tunc parochiales Ecclesiae nullae vel paucissimae essent; ſ. Preuſſ. Samml. B. III. S. 32. 1) Duisburg P. III. c. 135 jagt von dem geringen Einkommen des Biſchofs in der erſten Zeit: Hic Episcopus, dum primo post consecrationem suam intraret Episcopatum suum, non invenit nisi singulis annis de quodam molendino in reditibus totius dioecesis unam marcam. Henneberger Landtaf. S. 151. 2) „ Ulam terciam elegimus partem, que in medio sita est duarum parcium, que continet Civitatem de Brunsberg, in qua Sedem kathedralem nostram decrevimns collocandam, «
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Das Bisthum Ermland. 489 gend ſuͤdwaͤrts von Bartenſtein. Hier nahm fie eine ſuͤd⸗ oͤſtliche Richtung nach einem Walde hin, Lindenmedien ge⸗ nannt, und dann weiter ſuͤdlich zu einem andern Walde Krakotin, da wo nun zwiſchen den Staͤdten Roͤſſel und Ra⸗ ſtenburg das Dorf gleiches Namens liegt. Dieſes war die noͤrdliche und öftliche Graͤnze. Die ſuͤdliche begann am Fri⸗ ſchen Haffe an dem Orte, wo das Fluͤßchen Naruſſe bei dem Doͤrſchen Narz ausmuͤndet und lief oſtwaͤrts fort bis zu dem kleinen Fluß Banda und von dieſem dann weiter bis zur Paſſarge. Da nahm dieſer Fluß die Graͤnze auf und führte fie bis zu feinem Urſprunge mitten durch das gemein⸗ ſchaſtliche Gebiet des Biſchofs und des Ordens. Von der Quelle der Paſſarge an ging fie dann oͤſtlich hinuͤber nach dem Felde Kurchſadel ) und wandte ſich von da hinauf nach dem Walde Krafotin zwiſchen den Städten Roͤſſel und Ra⸗ ſtenburg. Alles, was in dieſen Graͤnzen begriffen war, mit Ausnahme des Landes zwiſchen der Rune und Paſſarge und des Friſchen Haffes gehoͤrte zu dem Landestheile des Biſchofs, alſo daß er das Gebiet umfaßte, in welchem jetzt die Staͤdte Braunsberg, Frauenburg, Melſack, Wormditt, Heilsberg, Allenſtein, Seeburg, Wartenburg, Biſchofsburg, Roͤſſel und Biſchofsſtein liegen 2). Dieſe zu Kulm in der freundlichſten Geſinnung beider Theile vorgenommene Theilung des Landes ward hierauf auch dem Papſte zugeſandt und er beſtaͤtigte ſie noch in dem naͤm⸗ 1) Bei Dreger p. 306 ſteht unrichtig Cuphsadel. Der richtige, haufig in Urkunden vorkommende Name iſt Kurkosadel oder Kurch- sadel. Er iſt für uns in der Religionsgeſchichte der alten Preuſſen von Wichtigkeit geweſen. 2) Dieſer Theilungsvertrag befindet ſich in einem Transſumt vom Jahre 1370 im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 2; auch in mehren olten Abſchriften, unter andern im großen Copienbuche p. LXXI; gedruckt ſteht er bei Dreger Nr. 257. p. 365 — 366. Leo p. 93 bezeichnet die Beſitzungen des Biſchofs etwas oberflaͤchlich in folgender Art: Haber dictus Episcopatus partem aliquam ex Hockerlandia, alteram ex Varmia, terliam ex Galindia, quartam ex Bartelandia.
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490 Das Bisthum Ermland. lichen Jahre ). Biſchof Anſelm war nun unermuͤdet thätig in der Lehre des Chriſtenthums, in der Bildung der Jugend, in Errichtung neuer Kirchen und in allem, was den Glauben unter dem Volke befeſtigen und foͤrdern konnte. Aber er kaͤmpfte hiebei noch mit manchen ſchweren Hinderniſſen. Das alte Mißtrauen des Volkes gegen alles Chriſtliche war noch keineswegs in allen Gemuͤthern ſo ganz verſchwunden, daß es nicht hie und da zuweilen wieder hervorbrach und die junge Saat des Evangeliums wenn auch nicht ganz erſtickte, doch im gedeihlichen Wachsthum bedeutend hinderte. Auch das alte Leben der Väter war noch keineswegs vergeſſen und nicht felten lebten Chriſtus und die alten Goͤtter in derſelbigen Bruſt, da es die Seele des Heiden nicht immer faſſen konnte, daß die Ver⸗ ehrung Chriſti die Anbetung ihrer alten Götter nothwendig ausſchließe. Noch ſchlichen ſich alſo auch manche, die des Biſchofs Predigt vernommen, das Wort vom Kreuze bekannt und ihre Kinder durch die Taufe ins Chriſtenthum geweiht hatten, im Stillen zu ihren heiligen Hainen und unter die heiligen Bäume, um da die Hülfe der alten Goͤtter zu ſuchen und ihren Zorn durch Opfer zu verfühnen 2). Darum ſoll Anſelm, um ſolchem Aergerniß zu wehren, einen alten heiligen Eichbaum in der Gegend, wo nun Heiligenbeil liegt, mit ei⸗ gener Hand gefällt haben ). 1) Das Original dieſer Bulle, datirt: Neapoli VI Idus Martii P- n. an. I. (10. Marz 1255) im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 3, in Abſchrift im großen Copienbuche p. LXXI; gedruckt bei Dreger Nr. 258 p. 367. 2) Lucas David B. I. S. 83. 3) Lucas David a. a. O. Daß Heiligenbeil daher den Namen habe, weil das Beil, mit welchem der Biſchof die heilige Eiche umge⸗ hauen haben ſoll, dort verwahrt worden, iſt allerdings wohl ein Maͤhr⸗ chen, wie ſchon Hennig meinte. Allein damit fällt die Sache ſelbſt wohl ſchwerlich in das Reich der Fabel. Daß dem Gotte Kurcho, auf den ſich der eben erwähnte Name Kurchſadel bezieht, in Warmien auch noch im Jahre 1249 geopfert wurde, iſt urkundlich gewiß; ſ. Dreger p. 290. Warum koͤnnte einige Jahre nachher nicht auch die ihm nach
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Stellung der Biſchoͤfe zu dem Orden. 491 So war die Geſtaltung der drei Bisthuͤmer in Preuſſen in ihren aͤußern Verhaͤltniſſen bis zum Jahre 1255. Die Paͤpſte aber ließen es nie an Sorgfalt fehlen, das Aufkommen und Gedeihen der jungen Kirche in Preuſſen ſowohl in gei⸗ ſtiger, als in weltlicher Beziehung auf jede Weiſe zu foͤrdern ). Sie forderten nicht bloß fort und fort Geiſtliche und Moͤnche auf, nach Preuſſen zu ziehen und dort das Unkraut, das noch uͤppig unter dem Weizen wuchere und die Pflanzung des Herrn in ihrem Wachsthum hindere, völlig auszutilgen, ſon⸗ dern ſie ſuchten auch in anderer Weiſe die chriſtliche Bildung der Geiſtlichen und des Volkes immer mehr zu heben und zu begruͤnden. So erließ der Papſt Innocenz im Jahre 1246 an die Aebte und Prioren der Moͤnchsorden eine Bulle, worin es hieß: „Da unſere Schweſter⸗Kirche, die unſer Herr in Preuſſen, Livland und Eſthland an Kindes Statt angenommen, noch ſehr klein iſt und ihre Bruſt den Saͤuglingen die Nahrung der Lehre noch nicht reichen kann, da ſie auch der noͤthigen Buͤcher ent⸗ behrt, ſo ermahnen und erſuchen wir euch, ihr mit dem Ueberfluſſe euerer Buͤcher zu Huͤlfe zu kommen, ihrem Man⸗ gel ſomit abzuhelfen oder auch Bücher für fie ſchreiben zu laſſen?).“ Und wie in ſolcher Weiſe der Eifer des Papſtes Lucas David a. a. O. geweiht geweſene Eiche bei Heiligenbeil noch geſtanden und Anſelm ſie umgehauen haben? 1) Dieß bezeugt der Biſchof Anſelm von Ermland ſelbſt, indem er in einer Urkunde vom Jahre 1264 fagt: Licet lunc (bei feiner Bis ſchofswahl) parochiales Ecelesiae nullae vel paucissimae essent, tamen divina mediante clementia ei romotione sedis apo- stolicae, ad cuius dominium supra dictae terrae cum ceteris Prussiae parlibus spectare noscuntur, adeo sunt auctae, quod necesse habeant exigere sibi matricem Ecclesiam. S. Preuſſ. Samml. B. III. S. 32. 2) Das Original dieſer Bulle, datirt: Lugdun. VI Calend. May p. n. an. III. (25. April 1246) im geh. Arch. Schiebl. LV. Nr. 14. Die obige Stelle heißt wörtiih: Sane cum soror nostra ecclesia, quam in parlibus Pruscie, Livonie, et Estonie sibi dominus adoptavit, adhuc parvula sit el ubera non habeat, quibus lac doctrine valeat parvulis exbibere, ulpote cui etiam libri de-
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492 Stellung der Biſchoͤfe zu dem Orden. für das innere Gedeihen und die geiſtliche Pflege der neuen Kirche nie ermuͤdet, ſo hatte der Roͤmiſche Stuhl auch fuͤr die aͤußere Ruhe und Sicherheit derſelben fo viel es möglich war, Sorge getragen. Dem Orden waren deshalb von den Landestheilen zwei Drittheile vom Papſte zuerkannt worden, weil er die ganze Laſt des Krieges gegen die Heiden und die Koſten fuͤr die Landesvertheidigung uͤber ſich genommen hatte ). Dieſes ſchloß aber zugleich fuͤr den Orden auch die Verpflichtung in ſich, die Aufrechthaltung der aͤußeren Sicher- heit und die Vertheidigung des von ſeinem Landeigenthum aus⸗ geſchiedenen Biſchofstheiles mit zu uͤbernehmen und ſo ſtets als Schutzherr und bewaffneter Waͤchter das Heil der Kirche zu verwahren. Daher ſprechen es die Biſchoͤfe in ihren Thei⸗ lungsvertraͤgen auch ausdruͤcklich aus, daß nach des Papfies Anordnung ſuͤr ſie und ihren Landestheil der Orden Schild und Schirm ſeyn ſolle 2). Damit waren jedoch die Biſchoͤfe keineswegs von aller Verpflichtung zur Beihuͤlfe in der Lan⸗ desvertheidigung frei geſprochen; denn wenn harte Gefahren dro⸗ heten und der haͤusliche Herd und der Glaube der Kirche Wehr und Waffen gegen die Heiden verlangten, da mußten auch die Unterthanen der Biſchoͤfe in ihren Landestheilen auf sunl: universitatem vestram rogamus et monemus, altente per apostolica seripta mandamus ac in remissionem vobis pecca- minum injungentes, qualinus de libris vestris subveniatis eis- dem de habundantiis vestris eorum inopiam relevantes, vel scriplores eorum in vesiris relinenies expensis, cartarum eis eliam auxilium impendatis. 1) In der Urkunde bei Dreger Nr. 158 p. 243 beißt es: Quia fratres tottum pondus expensarum et preliorum sustinent - Juas partes integre cum omni preventu habeant. 2) „Considerantes, predictis fratribus onera bellorum esse cornmissa et finilimas partes nostre dyocesis a paganis cottidie impugnari, utile visum est nobis, nos in medio collocari, uf ipsi essent nobis defensionis clipeus el tutela, ſagt der Bi: ſchof von Ermland. In dem Theilungsvertrage des Biſchofs von Pos meſanien heißt es: Perpendeutes similiter quod belli onera ipsis fratrıbus sunt commissa, sicut in lilteris papalibus super hoe confectis plenius dinoscitur conlineri etc.
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Stellung der Biſchoͤfe zu dem Orden. 493 Befehl der Landesherrſchaft aufſtehen und die Ordensritter im Kampfe unterſtuͤtzen. Daher behielt ſich auch, wie wir ge⸗ ſehen, der Bischof von Kulm in dem feinem Domſtifte uͤber⸗ gebenen Lande des Loͤbauiſchen Gebietes das Recht vor, die Bewohner deſſelben zur Landesvertheidigung auffordern zu koͤnnen. In gleicher Weiſe waren auch in dem Landestheile des Pomeſani⸗ ſchen Biſchofs die Einſaſſen dem Biſchofe zu allen Lehnspflichten und Leiſtungen, alſo auch zum Kriegsdienſte verpflichtet, ſobald das Land Vertheidigung verlangte ). Es kamen Zeiten, in denen der Papſt die Biſchoͤfe auch noch beſonders zu thaͤtiger Unterſtuͤtzung des Ordens in feinen Kriegen aufforderte ). Im übrigen war jeder Biſchof in dem ihm zugehörigen Landestheile in aller Hinſicht vollkommener Landesherr, und Land und Volk ihm und ſeinem Kapitel allein unterthan. Er that Lehen aus, erhob Zins und Steuer, beſtimmte die Le⸗ hendienſte, übte die Gerichtsbarkeit, ließ Münze ſchlagen ), ertheilte Vorrechte und handhabte Geſetz und Ordnung, wie der Orden in ſeinen Theilen. Doch mußte er die Verleihungen an Guͤtern und Beſitzthum, die der Orden vor der Theilung im biſchoͤflichen Theile Einzelnen bewilligt hatte, unangetaſtet laſſen ). Wie aber ſonſt die Ordensritter ſich in dem Bi⸗ 1) Daher heißt es auch in der ſchon erwähnten Urkunde, worin die Graͤnzen des Biſchofstheiles von Pomeſanien bezeichnet werden: His denique homines feoda sive bona amodo nomine prediciorum Episcopi, ecclesie et capituli tenebunt eisque debita ei con- sweta servitia omniaque alia iura facient, que nobis (sc, fra- tribus ordinis) de illis antea facere consweverunt. 2) Davon werden ſpaͤterhin mehre Beiſpiele folgen. 3) Dieß geht ſchon aus der Urkunde des Biſchofs Anſelm bei Dre ger Nr. 221. p. 331 hervor. 4) Der Landmeiſter Ludwig von Queden ſagt daher in der fruͤher ſchon erwähnten Urkunde vom Jahre 1250 in Beziehung auf den Bi. ſchof von Pomeſanien: Determinamus eciam, quod idem Episco- pus et sucessores sui universam Collacionem bonorum, quam fecimus diversis hominibus in feodo vel in pacio secundum concessionem sedis apostolice ratam habere debeant atque ve- int eo jure, quo fratres ea singulis contulerunt. *
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494 Stellung der Biſchofe zu dem Orden. ſchofstheile aller landesherrlichen Rechte begeben, ſo hatte der Biſchof uͤber Land und Leute des Ordens auch nur die geiſt⸗ liche Obhut und die Pflege und Verwaltung deſſen, was rein⸗ kirchlich war”). 1) „Episcopus nichil sibi juris in aliis duahus partibus, que ad nos pertinent, vendicabit, hiis iamen, que ud juris- dictionem ecclesiasticam perlinent, sibi salvis. “
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Neuntes Kapitel. Dieſe Verfaſſung des kirchlichen Weſens wuͤrde ſonder Zwei⸗ fel weit fruͤher geregelt und weit eher feſt begruͤndet, die Bil⸗ dung des Volkes weit gedeihlicher gefordert, die heilbringende Lehre des Evangeliums weit ſchneller und allgemeiner verbrei⸗ tet und alles, was durch den Orden und durch die Biſchoͤfe fuͤr das Aufkommen und die Wohlfahrt des Landes und ſei⸗ ner Bewohner geſchah, von viel erfreulicheren Erfolgniſſen be⸗ gleitet geweſen ſeyn, wenn nicht ſo bald aus glimmender Aſche das Feuer des Krieges uͤber Land und Volk von neuem aufgeſchlagen und zu beider Unheil und Verderben die Werke der kurzen Friedenstage ſo ſchnell wieder vernichtet worden wären. Aber gab es fuͤr Herzog Suantepolc von Pommern irgend einen feſten Frieden in feinem Verhaͤltniſſe zu dem Orden? Sah er in demſelbigen Frieden, in welchem des Or⸗ dens Gluͤck bluͤhete, nicht ſein eigenes Ungluͤck? Erkannte er in Preuſſens Aufbluͤhen unter dem Ritterorden nicht Pom⸗ merns hoͤchſte Gefahr und endliches Verderben unter ſeiner Herrſchaft? Nun gab es fuͤr ſeine Seele ſchon keine Ruhe, ſo lange der gefaͤhrliche Ritterorden im Aufſtreben ihm zur Seite ſtand. Nur Noth und Bedraͤngniß hatten ihn im Laufe des Jahres 1243 dahin gebracht, den Waffen Ruhe zu geben und nur im Drange harter Bedrohungen war ihm damals das Wort des Friedens aus dem Munde gepreßt; allein ſeine Bruſt kannte es nicht. Jene Tage waren nun voruͤber mit ihrer Noth, ihren Gefahren und mit allen ihren Bedraͤngniſ⸗
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496 Neuer Krieg mit Herzog Suantepotc. ſen; geblieben aber war in ihm derſelbige Geiſt, dieſelbige Geſinnung gegen den Orden, dieſelbige Seele voll Mißtrauen und Beſorgniß und dieſelbe Anſicht der Lage der Dinge fuͤr die Zukunft. So konnte er auch jetzt, wie fruͤher, nur Kampf und Krieg wollen und er wollte ihn mit ganzer Seele. Dar⸗ um bedurfte und ſuchte er kaum einen Anlaß zu deſſen Er⸗ neuerung; er fand ihn immerdar und uͤberall; der Krieg lebte immerfort in ſeiner unruhigen Bruſt, er lag im Daſeyn des Ordens im nachbarlichen Lande. Deshalb hat wohl auch die Geſchichte keine ſicheren Urſachen des Wiederbeginnes des Kampfes zwiſchen dem Orden und dem Herzoge aufzuzeichnen gefunden, weil, wie es ſcheint, keine anderen vorhanden wa⸗ ren, als welche tief in Suantepolcs Geſinnung und Beſorg⸗ niſſen begruͤndet und verborgen lagen ). Dieſe Geſinnung aber und der Wunſch und Gedanke des Herzogs zur baldigen Erneuerung des Krieges mochte wohl ſchwerlich den Ordensrittern lange verborgen bleiben. Sie erkannten vielleicht ſein Streben ſchon in der engen Ver⸗ bindung, in die er mit ſeinen Vettern, den Herzogen War⸗ tislav dem Dritten und Barnim dem Erſten von Vorder⸗ Pommern und mit ſeinem Schwiegerſohne, dem Fuͤrſten Ja⸗ romar von Ruͤgen getreten war ). Sah aber der Orden in 1) Lucas David B. III. S. 25 ſagt ganz offen: „wer zu un⸗ fried und Krieg urſach geben, kann ich eigentlichen nicht ſagen, weil es nirgent vorzeichnet funden.“ Daß in dem Streite wegen des verſtor⸗ benen Ordensgünſtlings Makko Erbſchaft kein Anlaß zum Kriege fuͤr Suantepolc zunaͤchſt liegen konnte, wie Kotzebue B. I. S. 180 ans nimmt, war ſchon daraus zu vermuthen, daß Lucas David B. III. S. 32 — 36 dieſe ganze Sache aus dem uncritiſchen und verwirrten Simon Grunau Tr. VIII. c. 1. F. 4. c. 11. §. 1. ſchoͤpfte. Zucas de bellis Suant. p. 34 — 35 bringt auch noch andere Gründe gegen jene Annahme bei. Mit Recht widerlegt dieſer denn auch die Angabe bei Kantzow B. I. S. 240: der Herzog habe den Krieg deshalb wieder begonnen, weil der Orden die Burg Zartowitz nicht ihm zuruͤck⸗ gegeben, ſondern feinem Bruder Sambor eingeraͤumt habe. 2) Kantzow B. I. S. 240. Wartislav nennt ſich um dieſe Zeit Herzog von Demmin, Dux Dyminensis; Barmin dagegen Her⸗
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Neuer Krieg mit Herzog Suantepolc 492 diefem Buͤndniſſe Gefahr, fo konnte er um fo weniger auch dem Herzoge die feſte Burg Zartowitz um die vielleicht im Friedensvertrage näher beſtimmte Zeit zuruͤckgeben und die ge⸗ ſtellten Geißeln frei laſſen n). Und wie nun dieſes Zögern der Ordensritter des Herzogs Beſorgniſſe noch vermehrte, das feindſelige Mißtrauen noch bedeutend verſtaͤrkte und die Span⸗ nung von Tag zu Tag ſich ſteigerte, ſo kam auch die Gele⸗ genheit erwuͤnſcht, dem Orden die kampfbereiten Waffen von neuem zu zeigen. Dieſe Gelegenheit aber, die den Waffen des Herzogs neues Gluͤck verhieß, lag in folgenden Verhaͤltniſſen. Herzog Boleslav von Polen, der Schamhafte genannt, welchen fruͤher Conrad von Maſovien aus dem Beſitze Krakau's vertrieben hatte, um ſich des Landes zu bemaͤchtigen, war im Jahre 1243 ans Ungern zuruͤckgekommen und die Verwalter und Kriegsleute des Herzogs von Maſovien mit Unterſtuͤtzung der Vornehmeren aus ſeinem Beſitzthum vertreibend, bereits wie⸗ derum Herr des Landes geworden. Da hatte Conrad von Maſovien, nie im Stande ſeinen Geiſt zu zuͤgeln, mit einem ſtarken Kriegsheere, aus kriegsluſtigen Horden von ſuͤdoͤſtli⸗ chen Preuſſen, vielleicht Galindern und Sudauern, Jaczwin⸗ gern, Litthauern und Samaiten zuſammengeſetzt, das Gebiet von Krakau verheerend überzogen und er wiederholte dieſen Heereszug auch im Jahre 1244 ). Dadurch aber waren nicht bloß jene oͤſtlichen Voͤlker in Unruhe und Bewegung zog der Slaven, Dux Slavorum, ſ. Dreger Nr. 164. 166. Bei Boguphal p. 62 ſteht Barnyn dux Slavorum seu Caschuba- rum; vgl. Sell Geſch. v. Pom. B. I. S. 202 — 203. — Jaromar Fuͤrſt von Rügen hatte Suantepolc's Tochter Eliſabeth ſchon 1241 ge⸗ heirathet. 1) Dieſes wenigſtens koͤnnte von Kantzows Nachricht B. I. S. 240 das Wahre ſeyn. 2) Boguphal p. 61. Diugoss. T. I. p. 694 und 698 nennt als Kriegsvoͤlker des Herzogs Conrad Masoviti, Lithuani, Jaczwingi et caeteri barbari. Daß aber unter den caeteris barbaris auch Preuſſen zu ſuchen find, erſehen wir aus Aaynald. ann. 1244 Nr. 51, wo ihrer ausdruͤcklich erwahnt wird. II. 32
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498 Neuer Krieg mit Herzog Suantepole. gekommen und hervor nach Weſten gezogen, ſondern es be⸗ nutzten auch einzelne Raubhorden aus Preuſſen die Zeit, waͤh⸗ rend welcher man den Herzog Conrad und ſeine Kriegsmacht tief in Polen beſchaͤftigt wußte, zu Einfaͤllen und Pluͤnderun⸗ gen in Maſovien. Schon im vergangenen Jahre ward durch fie die Gegend von Ploczk heimgeſucht und ſchrecklich verwuͤ⸗ ſtet und in dieſem Jahre 1244 der Raubzug wiederholt ). Hiezu ſoll aber Herzog Suantepolc ſie aufgereizt und ermun⸗ tert haben 2), denn Conrad von Maſovien und die uͤbrigen Herzoge Polens, beſon ders Herzog Caſimir von Cujavien wa⸗ ren auch jetzt noch des Ordens verbuͤndete Freunde. Gewiß iſt wenigſtens, daß Suantepolc dieſe ſtuͤrmiſchen und ſelbſt dem Orden Gefahr drohenden Bewegungen im Suͤden nicht unbenutzt ließ, dem Orden von neuem das offene Schwert zu zeigen. Seines Eides, ſeines Sohnes und der uͤbrigen ge⸗ ſtellten Geißeln nicht weiter achtend, brach er plotzlich an der Spitze einer bedeutenden Kriegsmacht, die ſich durch Raubluſt getrieben aus einzelnen Haufen jener hervorgelockten Sudauer und Litthauer und aus abtruͤnnigen Preuſſen um ihn geſam⸗ melt hatte ), in das Kulmerland ein. Schrecklich war die Verheerung und Verwuͤſtung, die im ganzen Lande geuͤbt, und zahllos die Beute, die uͤberall zuſammengeraubt wurde. 1) Dlugoss. T. I. p. 696. 698. 2) Swantopelkone Pomeraniae Duce ad id illos pellicente.“ Dlug oss. I. c. 3) Dusburg P. III. c. 40 fagt: Cum Neophytis apostatis terrae Pruschiae ei Sudowitis collegit exercitum grandem ni- mis. Das Cbron. Oliv. p. 29 nennt omnes Pruteni inferiorum partium; dieß wuͤrden Barter, Warmier und Natanger ſeyn oder Pruleni ulterioris partis, wie fie auch bezeichnet werden. Litthauer nennt Waißel ©. 66, wohl ein zerſprengter Haufe des dem Herzoge Conrad zugezogenen Volkes. Eben ſo Kantzow B. I. S. 240, der auch Jaczwinger hinzufuͤgt. Lucas David B. III. S. 66. Ordens⸗ Chron. S. 39 (Mſcr.) und bei Maithaeus p. 716. Hier heißt es: „Daerna wert enn groot heer verſamet by Heeren Swantepolts heymelicken raden von den Lettauwen, von den Hetweſen ende von den ongedoopten Pruyſſenaers.“
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Neuer Krieg mit Herzog Suantepole. 499 Das ganze flache Land ward abermals wie eine Einöbe, und was nicht zum Raube diente, ward mit roher Wuth vertilgt und durch Feuer vernichtet; je wilder und grauſamer jene oͤſt⸗ lichen Voͤlker als Feinde waren, um ſo jammervoller das Schickſal der Bewohner des Kulmiſchen Gebietes, die ſich nicht in die wenigen Burgen des Landes hatten flüchten koͤnnen. So wurden die meiſten vom Feinde erſchlagen oder in Heer⸗ den von Gefangenen hinweggetrieben. Nur was ſich in die drei feſten Burgen zu Thorn, Rheden oder Kulm hatte ret⸗ ten koͤnnen, entging dem ſchrecklichen Looſe ). Dieſer Einfall ins Kulmerland war ſo ſchnell und uner⸗ wartet geſchehen und die Kriegsmacht des Ordens auch jetzt noch ſo gering und zerſtreut, daß es den Ordensrittern nicht moͤglich geweſen war, dem Feinde ſogleich mit der noͤthigen Kraft entgegen zu treten. Zwar war nach jener Kreuzpredigt im Jahre 1243 ein neuer Haufe von Kreuzfahrern ſchon im Fruͤhling des Jahres 1244 herangezogen; allein dieſer lag lange Zeit unthaͤtig im Lande des Herzogs von Cujavien, im Mai dieſes Jahres durch die Beguͤnſtigung des Papſtes er⸗ freut, daß waͤhrend ihres Kampfes mit den unglaͤubigen Preuſſen die Familien und Guͤter aller Pilgrime unter dem Schutze der Roͤmiſchen Kirche ſtehen und gegen allen Scha⸗ den geſichert bleiben ſollten 2). Dieſes Kriegsvolk, vielleicht bisher beſtimmt, Cujavien gegen jene Raubhorden zu ſchuͤtzen, wurde erſt herbeigerufen, ſollte bei Thorn uͤber die Weichſel ziehen und mit den Kriegsleuten aus Thorn vereinigt gegen Kulm eilen, um dort den Heerhaufen der Ordensritter ver⸗ ſtaͤrkend dem Feinde entgegen zu gehen. Mittlerweile aber war Suantepolc, mit dieſem Plane des 1) Dusdurg I. c. Chron. Oliv. p. 19. Fucas David B. III. S. 67. Ordens⸗Chron. S. 39. Schütz p. 22. Boguphal. p. GI. 2) Die Bulle hieruͤber im Original im geh. Arch. Schiebl. III. Nr. 16. Sie iſt datirt: Lateran. XIIII Cal. Junii p. n. an. I. (19. Mai 1244) und zugeſchrieben Nobili viro Kazimiro Duci Cuiavie et aliis crucesignatis contra Prutenos per Ducalum Cuiavie constitutis. 32 *
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500 Die Schlacht am Renfen: See. Feindes vielleicht bekannt, an der Spitze ſeiner Raubſchaaren unter den Mauern von Kulm erſchienen und trieb dort einen ganzen Tag ſein Spiel mit Muthwillen und uͤbermuͤthiger Neckerei im Angeſicht der Burgbeſatzung, um ſo die ſchwache Mannſchaft ins offene Feld zum Kampfe zu locken. Dieſer Plan des Herzogs ſcheiterte indeſſen an der Beharrlichkeit der Ritter auf der Burg und der Buͤrgerſchaft der Stadt, mit welcher ſie einzig nur auf die tapfere Vertheidigung ihrer Mauern bedacht waren ). Da zog Suantepolc gegen Abend hinweg, die Weichſel abwaͤrts auf dem Wege nach Graudenz hin, und um dem ermuͤdeten Kriegsvolke die noͤthige Ruhe zu gönnen, ſchlug er fein Feldlager unfern vom See Renſen auf, um dann am folgenden Morgen mit friſcher Kraft ein be⸗ ſchwerliches Gebruͤch zu uͤberſchreiten, welches ihm nordwaͤrts vorlag ). Man hatte aber aus Kulm heimliche Kundſchafter nachgeſandt, um auszuforſchen, wohin der Feind feinen Zug nehmen werde, denn die Burg Rheden lag oͤſtlich in der Naͤhe; und da nun dieſe von des Feindes hoͤchſt unguͤnſtiger Stellung Nachricht brachten, beſchloſſen ſofort der alte Mar⸗ ſchall Dieterich von Bernheim und Berlewin, der ſeit kurzem ſein Nachfolger im Marſchallamte war, den Herzog in dieſer gefährlichen Lage anzugreifen. Die Beſchaffenheit des Gelaͤn⸗ des, in welchem der Feind lag, verſprach ſelbſt bei ihrer Krie⸗ ger geringen Zahl den gewiſſeſten Sieg und eben ſo gewiß des Feindes Ungluͤck und Verderben. Weit ausgedehnt in einem Wieſengrunde, den im We⸗ ſten der hohe Uferrand des Weichſel⸗ Stromes begraͤnzt und bis dahin keine Anhoͤhe unterbricht, liegt der See Renſen, in ſeiner Waſſermaſſe durch ein Fluͤßchen genaͤhrt, welches von 1) Dusburg 1. c. Lucas David a. a. O. Schütz I. c. 2) Jetzt heißt der See und das daran liegende Dorf Rondſen, hart an der Weichſel, in gerader weſtlicher Richtung von dem nachma⸗ ligen Ordenshauſe Engelsburg. In alter Zeit wird der See einſtim⸗ mig Renſen genannt. Nur die Ordens ⸗Chron. bei Matthaeus 1. c. nennt ihn Ronsen.
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Die Schlacht am Kenfen : Ser. 501 Süden herabfließt. Im Oſten dieſes Sees) ſteigt aus der Ebene eine Anhöhe empor, die einzig in der Umgegend einſt weit betraͤchtlicher geweſen ſeyn mag, da ſie jetzt als Acker⸗ land bepflügt noch von Jahr zu Jahr an ihrer Höhe verliert. Suͤdwaͤrts von ihr breitet ſich ein weiter Wieſengrund aus, der weſtlich hin an dem See endigt, noch jetzt faſt überall moraſtiges Bruchland und in jener Zeit von modigem, faulem Waſſer tief durchfreſſen. Weiter hinauf gen Suͤden zieht ſich in einer großen Ebene feſtes Erdreich, in der Ferne von einer ziemlich hohen Bergkette begraͤnzt ), die ſich von Oſten her bis gegen die Weichſel ausdehnt. Hier, auf dieſem feſten Gelaͤnde hatte ſich ohne Zweifel Herzog Suantepolc durch nahe Waldungen umſchloſſen mit ſeinem Kriegsvolke gelagert: im Weſten der breite Weichſel⸗Strom und zunaͤchſt der See Renſen, vor ihm gen Norden das moraſtige Bruchland, im Oſten mehre Seen, von denen der Rudnicker der bedeutendſte war, wenige Meilen entfernt die Burg Rheden, deren Kriegs⸗ mannſchaft leicht zu Huͤlfe gerufen werden konnte. In ſol⸗ cher Lage des Feindes vertrauten die Ordensritter mit aller Sicherheit auf den Sieg. Eiligſt hatte der Ordensmarſchall das Aufgebot zum Kampfe auch an die Kriegsleute in Thorn ergehen laſſen. Ihre Ankunft aber ward nicht erwartet. Die gluͤckverheißende Stunde mußte benutzt werden. Noch in derſelbigen Nacht bricht der Ordensmarſchall Berlewin mit vierhundert Mann und ſeinen Ordensrittern aus Kulm auf und eilt dem Feinde nach, begleitet von dem alten, tapferen Marſchall Dieterich von Bernheim, dem Sieger bei Zartowitz, der auch an die⸗ ſem Siege den Ruhm mit erndten wollte. Als ſie jene ſuͤd⸗ liche Bergreihe uͤberſtiegen hatten und des Feindes Lager ſchon ziemlich nahe waren, hielt man eine Berathung, wie der Angriff am gluͤcklichſten geſchehen koͤnne. Da war der alte, erfahrene Dieterich der Meinung, man muͤſſe vor allem 1) Suͤdwaͤrts von dem jetzigen Dorfe Rondſen. 2 Diefer Bergkette erwähnt bei dieſer Gelegenheit auch die Or: dens⸗Chron. ©. 99.
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502 Die Schlacht am Renſen-See. in ſtiller Ruhe verharrend die Mannſchaft aus Thorn erwar⸗ ten, hierauf das feindliche Heer erſt bis zur Haͤlfte uͤber das Bruchland hindurchziehen laſſen und dann ſchnell den zuruͤck⸗ gebliebenen Theil uͤberfallen; er werde beſiegt und meiſt er⸗ ſchlagen ſeyn, bevor der andere, ſchon uͤber das Gebruͤch hin⸗ durch gezogene Haufe zuruͤckkehren koͤnne den Seinen zu Huͤlfe. Dieſem Rathe ſtimmten auch die anderen aͤlteren Or⸗ densritter bei. Berlewin dagegen, der Ordensmarſchall, ließ ſich beduͤnken, es ſey beſſer, den vorderen Theil zuerſt anzu⸗ greifen, der durch den Zug im moraſtigen Bruchlande ermuͤ⸗ det am leichteſten beſiegt werden koͤnne ). Des Marſchalls Wort galt alle Zeit im Kriege am meiſten und da ihm jetzt auch manche Ordensritter und bald ſelbſt jene aͤlteren noch beiſtimmten, ſo ward der Angriff zuerſt auf den vordern Hau⸗ fen beſchloſſen. Da brach der Haufe der Ordensritter auf, zog am Rudnicker⸗See vorüber und kam in ſolcher Weiſe dem Feinde ins Angeſicht 2). Mit maͤnnlichem Muthe ſtuͤrzte er ſich am Morgen plöglich auf den Theil des feindlichen Heeres, der eben das Gebruͤch verlaſſen hatte, warf ihn in die Flucht, verfolgte ihn theils hiehin theils dorthin und er⸗ ſchlug eine bedeutende Zahl. Eine große Schaar ward in den nahen dichten Wald getrieben und dort größten Theils vernichtet. Aber im Taumel des Siegesgluͤcks hatte man derer gar nicht beachtet, die beim Angriffe noch jenſeits des Bruchlan⸗ 1) Die etwas unklare Stelle bei Dusburg P. III. c. 40 giebt der Epitomator deutlicher: Tunc placuit Theoderico antiquo mar- schalko, quod primo retro invaderent eos. Sed moderno mar- schalko Berlewino placuit, ut anteriores invaderent primo. So auch Jeroſchin L. III. c. 40. Lucas David B. III. S. 68. Auch die Ordens ⸗Chron. S. 39 (Mfer.) und bei Matthaeus p. 717 gieb die Berathung vollſtaͤndig. Bei letzterer wird aber der neue Marſchall unrichtig Volcwyn genannt. 2) In der Ordens = Chron. bei Matthaeus l. c. heißt es: „Sy reden doir een boſſche aen een water geheiten die Orſe, ende randen den heiden onder oghen.“ Soll unter dem Waſſer Orſe aber die Oſſa verſtanden ſeyn, ſo waͤre dieſe offenbar zu weit noͤrdlich.
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Belagerung von Kulm. 503 des geſtanden. Sie hatten Zeit gewonnen, hindurch zu kom⸗ men, und als die Ordensritter den Sieg ſchon vollendet glaub⸗ ten und ihr Heerhaufe noch hie und da zerſtreut war, traf der Ordensmarſchall auf jener Anhoͤhe neben dem Gebruͤche eine feindliche Schaar von viertauſend Preuſſen zum Kampfe geordnet. Sobald ſie den Marſchall mit der Heerfahne von nur drei und zwanzig Kriegsmaͤnnern begleitet gewahrten, ſtuͤtzten fie im wildeſten Sturme auf ihn ein und erſchlugen ihn mit all den Seinen. Dadurch ermuntert wandten ſie ſich eiligſt auch gegen die übrige Mannſchaſt, die zerſtreut und ermuͤdet keinen Widerſtand mehr leiſten konnte, ſo daß fie von des Feindes ſtaͤrkerer Macht in kurzem völlig aufge⸗ rieben, auch der andere Marſchall, der tapfere Dieterich von Bernheim, erſchlagen und nicht mehr als zehn ) von der gan⸗ zen Schaar durch die Flucht in die nahe Waldung gerettet wurden. Nun erſt kamen die Ordensritter aus Thorn heran mit zweihundert Kriegsleuten. Es war die Stunde, welche der Ordensmarſchall ihnen vorgeſchrieben hatte. Und als ſie dem Kampfplatze naͤher ruͤckten, hoͤrten ſie ein wildes Schlachtge⸗ ſchrei. Da ſprach ihr Anfuͤhrer: „Das ſind unſere Herren, die mit den Heiden ſtreiten. Laſſet uns auf ſeyn, noch Theil zu nehmen am Kampfe!“ Sie zogen ſchnell heran. Als ſie aber keinen der Ihrigen mehr fanden und alle erſchlagen ſa⸗ hen, ergriffen ſie eiligſt die Flucht, erſchreckt durch das jam⸗ mervolle Schickſal der Beſiegten. Doch die Feinde wurden ihrer gewahr; ein ſtarker Heer haufe von Preuſſen ſetzte ihnen nach; ein großer Theil ward auf der verwirrten Flucht er⸗ ſchlagen und nur eine geringe Zahl kam gerettet nach Thorn zuruͤck 2). 1) Die Ordens-Chron. bei Matthaeus l. c. hat hier die Zahl LXX, das Mſcr. dagegen nur zehn. Kantzow B. I. S. 241 giebt 20 an- 2) Den vollſtändigſten und gewiß auch wahrhafteſten Bericht uͤber die Schlacht giebt Dusdurg P. III. c. 40, ihn ergänzend und im einzelnen verdeutlichend ſein Epitomator und Jeroſchin L. III. c. 40.
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504 Belagerung von Kulm. Seit Jahren hatte Herzog Suantepolc keine gluͤcklichere Stunde geſehen; mit welchen Hoffnungen fuͤr die Ordensritter hatte der Tag begonnen und mit welchem Jammer und Unglüd hatte er geendigt! Nie ſchien dem Herzoge die Zeit guͤnſtiger, nie die Hoffnung naͤher, den Orden aus dem Nachbarlande gaͤnzlich zu vertreiben. Dieſes Ziel, das laͤngſt erſehnte, das vielfach erſtrebte, zu erreichen, mußte der Sieg verfolgt, der Schrecken des Ordens, die Angſt der Landesbewohner be⸗ nutzt ) und vor allem es mußte die Hauptſtadt des Landes Kulm erobert werden. Zudem hatte der Herzog von einigen Gefangenen die Nachricht, fein Sohn Miſtwin und die uͤbri⸗ gen Geißeln wuͤrden dort in Verwahrſam gehalten; die Stadt ſey ohne Vertheidiger und wehrlos, denn nur Frauen und Kinder ſeyen dort zuruͤckgeblieben e). Sie werde fallen, ſo⸗ bald er unter ihren Mauern erſcheine. Darauf vertrauend zog Suantepole mit feinen Kriegern gegen Kulm zuruͤck. Aus Dusburg liefert den ſeinigen auch Lucas David B. III. S. 67 — 69. Der zweite Bericht, welchen dieſer Chroniſt noch hinzufuͤgt, läßt ſich mit dem des Dusburg fuͤglich vereinigen. Was Simon Grunau nach Lucas David Abweichendes uͤber die Schlacht ſagt, ver⸗ dient um ſo weniger Glauben, weil es ihm auf richtige Namen und Zahlen nirgends und auch hier gar nicht ankommt Wenn alſo uͤber 1000 Kulmer und 250 Ordensritter in dem Kampfe gefallen ſeyn follen, und Hypolitus der Kulmiſche Landvogt die Schlacht ſchlaͤgt, fo ift fo etwas ganz im Geiſte dieſes Chroniſten geſchrieben. Uebrigens ſind dieſe Zahlen auch nicht in allen Abſchriften des Simon Grunau gleich; die meinige giebt mäßiger 600 Kulmer und 35 Ordensritter an. Die Ordens⸗Chron. S. 39 und bei Matthaeus p. 717 ſtimmt nicht nur vollkommen mit Dusburg überein, ſondern fie iſt hie und da noch volls fländiger. Kantzow B. I. S. 241. Das Chron. Oliv. p. 19 läßt die Thorner Schaar erſt am dritten Tage nachher kommen: Insuper tertia die post alterum quasi quadringentorum virorum agmen auxilium illis a fratribus Thorunensihus missum, non magno negotio prostraverunt, vix viginti viris effugientihus. Schütz S. 22 laßt die 4000 Preuffen in einem Hinterhalte liegen und weicht auch ſonſt noch in Einzelnheiten ab. 1) Dusburg P. III. c. 43. 2) Schütz S. 22.
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Belagerung von Kulm. 505 Allein er fand es anders; denn als er der Stadt naͤher kam, ſie zu erſtuͤrmen, ſah er die Mauern Kulms ringsum von Ver⸗ theidigern beſetzt, die mit kraͤftigem Muthe dem Anſturm wi⸗ derſtanden. Es waren die Frauen von Kulm, welche die zuruͤckgelaſſene Ruͤſtung und Kleidung ihrer gefallenen Maͤn⸗ ner angetban, ſich unter die uͤbrigen Krieger geſtellt hatten und mit maͤnnlichem Heldengeiſte die Stadt vertheidigten ). Da verzweifelte der Herzog an der Eroberung derſelben, ließ im Zorne die Gefangenen, von welchen er ſich getaͤuſcht hielt, ſaͤmmtlich ermorden und griff zum Mittel der Liſt und des Verrathes, um ſich der Stadt zu bemeiſtern und ſeinen Sohn zu befreien. Es war am vierten Tage nach dem Kampfe beim Ren⸗ ſen⸗Sce, als er heimlich einen Boten in die Stadt entſandte mit Briefen an den Schultbeißen Reinecke 2) und einige an⸗ dere vornehmere Buͤrger, denen der Herzog hohe Belohnungen entbieten ließ, ſofern ſie ſeinen Sohn ihm frei ſtellen wuͤrden. Man nahm den Boten mit ſeinen Briefen auf, ohne daß der Komthur der Burg Eberhard um Erlaubniß gefragt oder auch nur davon benachrichtigt ward. Da ließ ein betagter Buͤrger 1) Die Sache berichtet Schütz S. 22, der fie ohne Zweifel aus alten Quellen hatte und außer ihm Henneberger p. 50. Wir fin? den keinen Grund, an ihrer Wahrheit zu zweifeln. Daß Dusburg fie nicht berührt, zeugt nicht wider fie; er iſt häufig ſehr unvollftändig. Er ſchiebt hier c. 41 lieber eine Wundererzaͤhlung an ihrer Stelle ein. Uebrigens lebt die Erzählung von der heldenmuͤthigen Vertheidigung der Stadt durch die Frauen auch noch jetzt im Munde des Volkes von Kulm. 2) Die Ordens⸗Chron. S. 39 und Lucas David B. III. S. 76 nennen den damaligen Schultheißen von Kulm Reinecke. In Urkunden finden wir zwar den Scultetus Civitatis Culmensis Bertoldus ge⸗ nannt und zwar auch noch im Jahre 1244; allein dieſer war der Vor⸗ gaͤnger des Buͤrgermeiſters Reinecke und um dieſe Zeit ſeines Amtes bereits entlaſſen. In der Urkunde bei Kotzebue B. 1. S. 422 kommt unfer Reineco Sculteius Culmensis auch noch im Jahre 1246 vor und es iſt alſo gewiß, daß er die Buͤrgermeiſterwuͤrde ſchon im Laufe des Jahres 1244 erhalten hatte.
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506 Belagerung von Kulm. Johannes Schorn, der ſchwer in der Schlacht verwundet dar⸗ nieder lag, den Komthur eilig zu ſich bitten, ihm ein Ge⸗ heimniß zu entdecken. „Herr!“ ſprach der alte getreue Die⸗ ner zu ihm, „ſeyd gewarnt; es wollen manche aus unſerer Mitte die Stadt und euere Burg dem Herzog Suantepolc durch Verrath uͤberliefern. Ich werde ſchwerlich von meinen Wunden geneſen; aber laſſet mich in die Burg auf die Wehre bringen, damit ich dort als getreuer Diener des Ordens ſter⸗ ben kann. Doch ſeyd gewarnt und geſtattet keinem den Ein⸗ gang in euere Burg, es ſey denn, daß ihr ſtaͤrker ſeyd, als die, welche zu euch wollen.“ Der Komthur vertraute dem Worte des warnenden Freundes, der vormals lange als Die⸗ ner auf dem Hauſe gelebt hatte. Bald darauf aber kam der Schultheiß mit mehren ſeiner Genoſſen an das Burgthor und begehrte vom Wächter Zugang in die Burg. Der Komthur, hievon benachrichtigt, begab ſich vor das Thor der Burg und entgegnete dem Schultheiß auf ſein Verlangen: „Wollt ihr ſelb drei oder vier zu mir kommen, ſo tretet ein; mehre aber laſſe ich jetzt nicht auf das Haus.“ Da erwiederte der Schult⸗ heiß: „Wir ſind es nicht gewohnt, daß man die Thore vor uns ſchließet; kommen wir doch als Freunde; aber wir folgen euerem Willen.“ So trat er mit Wenigen in die Burg und bat den Komthur mit gewandter Rede und mit Klagen uͤber den Verluſt der Bürger im Kampfe am Renſen⸗See um Huͤlfe und Rath zur Vertheidigung der Stadt gegen den au⸗ ßen liegenden Feind. Da ſprach der Komthur: „Auch wir moͤchten die Gefallenen beklagen, koͤnnten wir ſie dadurch wie⸗ der ins Leben rufen. Gottes Wille hat uͤber ſie geboten. Ihr aber, Herr Schultheiß, ſolltet eure Ehre bedenken vor der Nachwelt. Ihr habt Suantepolc's Botſchaft und Briefe auf⸗ genommen ohne unſer Wiſſen. Wir kennen euer Treiben und euere Meinung.“ Dem entgegnete der Schultheiß beſtuͤrzt: „Verzeihet, Herr! Das Volk iſt ſehr betruͤbt; gebt uns Rath!“ „Morgen kommet wieder,“ ſprach der Komthur, „da ſollet ihr Antwort haben.“ Da berieth ſich der Komthur mit ſeinen Ordensbruͤdern.
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Belagerung von Kulm. 507 Es ſchien allen am heilſamſten, Suantepolc's Sohn in fol- gender Nacht heimlich nach der Burg Zartowitz zu bringen, damit niemand wiſſe, wo er hingekommen ſey, denn ſie trau⸗ ten der Treue der Buͤrger nicht. Der Rath ward ausgefuͤhrt. Mit dem Tode bedroht, wofern er einen Laut wage, wurde der junge fuͤrſtliche Sohn im Dunkel der Nacht uͤber die Weichſel geſetzt und dem Hauptmanne auf Zartowitz zu ſiche⸗ rem Verwahrſam uͤbergeben. Niemand als die Ritter zu Kulm und auf Zartowitz wußte, wo Miſtwin hingebracht ſey. Und als nun des andern Tages der Schultheiß von Kulm wieder auf der Burg erſchien, gab ihm der Komthur die Antwort: „Haltet euch mit eueren Buͤrgern, wie es ehrbaren und ge⸗ treuen Leuten ziemt; ſtellt euch zur Wehr gegen die Heiden, wie euere Vorfahren gethan. Neiget ihr euch aber zu Her⸗ zog Suantepolc, fo wiſſet, daß wir die erſten find, die euere Stadt verderben. Bewahret euere Mauern, wie wir die Burg bewahren! Bald wird uns Huͤlfe aus Deutſchland kommen, wohin der Landmeiſter gezogen iſt. Wiſſet uͤbrigens, Herzog Suantepolc's Sohn iſt nicht mehr hier auf der Burg; wir haben ihn nach fremden Orten entſandt, wo weder ihr, noch wir ihn haben koͤnnen.“ Als ſolches der Schultheiß vernahm, bat er den Komthur, daß er dieſes auch dem Herzoge melden, und ſobald als moͤglich Friede ſchließen moͤge. Dann ging er in die Stadt zuruͤck und ließ die Mauern mit neuen Verthei⸗ digern ſtark beſetzen ). 1) Dieſe ganze Erzaͤhlung giebt nicht bloß die Ordens⸗Chron. S. 39 — 41, bei Mathaeus p. 718 — 721 und aus ihr faſt wörtlich Lucas David B. III. S. 76 — 80 und Waißel S. 67 — 70 ſondern fie findet auch eine Beſtaͤtigung bei Boguphal p. 61, wo es heißt: Anno MCCXLIV Swanthopelk dux et proditor memo- ratus Zarthaniam Culmensem dolo quorundam pecunia cor- ruptorum succendi fecit. Dieſe Stelle aber iſt offenbar verdorben und giebt ſo, wie ſie iſt, keinen Sinn; denn was ſoll Zarthania Culmensis eigentlich ſeyn? Wir kennen im Kulmerlande weder eine Stadt, noch einen Landſtrich unter dem Namen Zarthania. Aufſchluß hierüber giebt uns ein altes Manuſcript des Zoguphal (im geh. Arch.) worin es ſtatt Zarthaniam Culmensem heißt: Zarthaniam ei Cul mensem. Zarihania fol nun ohne Zweifel Zartowitz ſeyn, und es
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508 Abzug Suantepolcs von Kulm. Da Herzog Suantepolc aber ſah, daß er auf -diefen Wege nicht zum Ziele gelange und da er vernahm, daß ſein Sohn nicht mehr zu Kulm in Verwahr ſey, gab er die Be⸗ lagerung der Stadt auf und zog von neuem verheerend und verwuͤſtend durchs Kulmerland. Sein Heer erbitterter Heiden veruͤbte abermals da, wo es noch Gegenſtaͤnde für feine Rache fand, oſt ſchauderhafte Thaten. So befand ſich unter den Gefangenen ein gewiſſer Martin Golin mit ſeiner Schweſter, welche, die Stunde ihrer Entbindung nahe erwartend, dem ei⸗ lenden Heere nicht folgen konnte. Da mußte der Bruder ſe⸗ hen, wie der Heide, der ſie fuͤhrte, ihr mit dem Schwerte den Leib ſpaltete; und ob der Graͤuelthat ergrimmte er ſo heftig, daß er, nachmals wieder in Freiheit gelangt, den ſchmaͤh⸗ lichen Tod der Schweſter durch die blutigſten Opfer an den Heiden zu rächen ſuchte ). Herzog Suantepolc aber ging feinem Plane weiter nach. Er zog mit feinem Heerhaufen hinauſwaͤrts nach Thorn, und da er auch hier die Stadt und die Burg tapfer vertheidigt fand, ſo ſetzte er dort uͤber die Weichſel und fiel ins Cuja⸗ viſche Land ein, theils weil da neue Beute für feine raubſuͤch⸗ tigen Krieger zu erwarten war, theils vielleicht um den dor⸗ tigen Heerhaufen der Kreuzfahrer zu bekaͤmpfen. Aber nie⸗ möchte wohl richtiger bei Boguphal Zarthoviam geleſen werben. Wenn es nun immerhin auch auf einem Irrthum beruhet, daß Zarto⸗ witz und Kulm durch Suantepolc verbrannt worden ſeyen, fo deutet doch offenbar die Beſtechung zur Verrätherei auf obige Ereigniſſe hin, denn von einer andern Verraͤtherei, die Herzog Suantepolc im Jahr 1244 angeſtiftet haben ſollte, ſagen uns die Quellen nichts. Ferner wird die Sache auch durch Das burg P. III. c. 43 beftätigt, indem er ſagt: Svantepolcus — nitebatur modis, quibus potuit, qua- liter populum eis (sc. fralribus) subjectum in summa necessi- tate constitutum ab ipsis averteret et ad voluntatem suam per- fidam precibus ei muneribus inclinaret, et licet aliqui ab eo corrupti essent, ei ad ipsius beneplacitum occulte inclinati; tamen dei providentia et fratrum discretione provisum fuit, quod nullus audebat talia publice ostentare. 1) Dusburg P. III. c. 40. Lucas David B. III. S. 70.
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Rückkehr Suantepolcs. 509 mand, ſcheint es, ſtellte ſich ihm zur Gegenwehr. Während er ſomit dort das ganze Land mit gewohnter Verheerung heimſuchte, die heidniſchen Preuſſen weder Goͤttliches noch Menſchliches ſchonten, viele Chriſten ermordeten, andere in Heerden als Gefangene mit ſich fortſchleppten und Brand und Verwuͤſtung das allgemeine Loos war ), dem nichts entgehen konnte, durften es die Ordensritter im Kulmerlande zuerſt wiederum wagen, ihre Burgen zu verlaſſen. Ueberall aber, wo ſie hin kamen, begegneten ihnen nur Bilder des Elends und des Jammers, entvoͤlkerte Gebiete, verwuͤſtete Felder, vernichtete Dörfer, zerſtoͤrte Kirchen und wo noch Menſchen waren, dieſe mit Hunger und Verzweifelung kaͤm⸗ pfend. Die ganze Bluͤthe des Kulmiſchen Landes war dahin, alle Keime des Wohlſtandes waren zertreten?) und alle An⸗ fänge chriſtlich-deutſcher Bildung wie in Nichts verwandelt. In Kulm ſelbſt waren faſt nur allein noch Greiſe, Knechte, Wittwen und Kinder vorhanden, ſo daß der Biſchof Heiden⸗ reich die Frauen ermahnen mußte, ſich mit ihren Knechten zu verehelichen, damit die Stadt gegen den Feind neue Verthei⸗ diger und Bürger gewinne ). Bald aber kehrte der Herzog mit ſeiner wilden Schaar aus Cujavien ins Kulmerland zuruͤck und durchzog es von neuem bis herab unter Kulm, wo er mit ſeiner Beute uͤber die Weichſel zu gehen gedachte. Mit zweitauſend Mann an dem Strome gelagert, erwartete er die Fahrzeuge, die von Thorn herabkommend ihn nach Pommern uͤberſetzen ſollten. Da ermannte ſich das Volk im Kulmerlande; Edle und Buͤr⸗ ger traten in Kulm zuſammen mit dem Verlangen an die Or⸗ 1) Boguphal p. 61 nennt vorzuͤglich die Preuſſen als des Ser, zogs Heer; Dlugoss. T. I. p. 700 — 701 giebt auch Litthauer und Jaczwinger an. Schütz p. 22. Lucas David B. III. S. 83. 2) Dusburę P. III. c. 40 am Ende. 3) Chron. Oliv. p. 29: Ex hac caede multae factae fuerunt viduae in Culmen, sed ne civitas destituta viris in manus ho- stium devolveretur, mulieres servos suos duxerunt in maritos. Dusburg P. III. c. 42. Lucas David B. III. S. 75.
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510 Niederlage Suantepolc's bei Kulm. densritter, dem Herzoge zu einem Kampfe entgegengefuͤhrt zu werden, um ihm den Raub wieder zu entreißen und die Gefan⸗ genen, ihre Angehoͤrigen, aus den grauſamen Feſſeln zu befreien. „Es iſt beſſer,“ ſprachen ſie, „daß wir ehrenvoll im Tode endigen, als unter Jammer und Elend taͤglich mehr dahinſchmach⸗ ten)!“ Die Ritter aber zauderten zuerſt, denn die Mannſchaft ſchien ihnen zu ſchwach gegen des Herzogs Macht. Da ſie jedoch des Volkes Muth und ſeine Freudigkeit zum Kampfe ermaßen, traten ſie an ſeine Spitze und gingen dem Heerhaufen des Herzogs entſchloſſenen Geiſtes entgegen. Keiner aus dieſem ah⸗ nete die Naͤhe eines Feindes; manche hatten ſich zu Raub und Beute ins Land zerſtreut, andere ſich ſorglos der Ruhe hin⸗ gegeben, als plotzlich Suantepolc von der feindlichen Schaar uͤberfallen ward. Eiligſt raffte er Alle, die um ihn waren, zuſammen. Es begann ein blutiger Kampf; aber der Geiſt, der die Waffen ſtaͤhlt und ſtaͤrkt, war dießmal bei dem Volke der Ritter?) und darum auch der Sieg. Des Herzogs Haufe ergriff die Flucht gegen die Weichſel, um ſich auf den zum Theile ſchon angelangten Fahrzeugen zu retten. Allein ein heftiger Sturmwind hatte dieſe vom Ufer weit hinweggetrieben und nur dem Herzoge mit einigen Begleitern gluͤckte es, noch einen Kahn zu erreichen und uͤber den Strom zu ſetzen. Die uͤbrige Mannſchaft ward vom nachfolgenden Feinde theils er⸗ ſchlagen, theils in den Strom geſprengt, wo die meiſten im reißenden Gewaͤſſer ihren Tod fanden >), I) Nobiles vero et cives de Culmine dicebant, quod potius vellent honeste mori in bello, quam sic vivendo miserabiliter deficere de die in diem. Dusburg c. 44. Lucas David B. III. S. 81. 2) Je roſchin P. III. c. 44: Nu quam der ſtarke Gotis Geiſt In die brudere da yngevar'n Und in alle dy da war'n Und alleine were Ken der Viende here Alzu krank ir Rote Doch hoftin ſy an Gote Das er yn ſolde bygeſtan. 3) Nach Dusburg I. c. fiel dieſer Kampf in der Nähe von Kulm,
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Niederlage Suantepolc's bei Kulm. 511 Der Sieg jedoch, ſo erfreulich und ermuthigend er auch war, konnte noch keineswegs mit leichtem Herzen gefeiert werden. Er hatte das Land und den Orden nur aus der nächften Bedraͤngniß gerettet, aber bei weitem noch nicht von aller Gefahr befreit. Vielmehr wie konnte der ergrimmte Her⸗ zog die erlittene Schmach ohne Rache und ohne eine blutigere Vergeltung laſſen, als er ſie jemals an den Ordensrittern ge⸗ uͤbt hatte? Und wie konnten dieſe Ritter ohne Kriegsvolk, ohne Führer, ohne Beihuͤlfe, faſt ohne Land in ihrer ſchwa⸗ chen Zahl ſolcher Rache nur irgend lange widerſtehen? War es nicht wunderbar, daß ſie jetzt ſo noch daſtanden? Schon in dem letzten Streite hatten ſie das Aeußerſte auf das Spiel geſetzt; faſt war nichts mehr zu verlieren, als Leben und Da⸗ ſeyn und nur noch eine verlorne Schlacht — und Preuſſen mußte für fie verloren ſeyn ). Das erkannten Alle und man hielt deshalb auf der Burg zu Kulm eine Berathung, zu welcher die angeſehenſten und erfahrenſten Nitter aus Thorn und Rheden berufen waren. Da trat zuerſt der Ordensbruder Rabe von Rheden, deſſen Klugheit und Umſicht allbekannt war und deſſen Urtheil und Meinung man immer gerne befolgt hatte, mit dem Rathe auf: Es ſey nicht gut, daß die wich⸗ tige Geißel, Herzog Suantepolc's Sohn laͤnger auf Zarto⸗ witz bleibe; wie leicht werde das Geheimniß verrathen; beſſer, man ſende ihn nach Deutſchland, am beſten in den Verwahr⸗ ſam des Herzogs Friederich des Streitbaren von Oeſterreich, dieſes hohen Goͤnners des Ordens 2). Aber zugleich muͤſſe man auch Boten nach Deutſchland, Boͤhmen und Polen aus⸗ ante civilatem Colmensem vor et factum est proelium magnum inter eos pluribus cadentibus ex utraque parte. Chron. Oliv. p- 29. Lucas David B. III. S. 81 — 82. Schütz p. 22. 1) „Fraires attendentes, quod si iterum invaderent eser- citum illum et perderent vicioriam, sine spe recuperationis amitterent terram Pruschiae, et fides Christi ibi per conse- quens deleretur. Dusburg |. c. 2) Herzog Friederich hatte ſich ſchon im Jahre 1240 als Gönner des Ordens bewieſen; ſ. Duellius P. III. p. 6.
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512 Paͤpſtliche Beguͤnſtigungen des Ordens. gehen laſſen, den Fuͤrſten dieſer Laͤnder das beklagenswerthe Schickſal des Ordens und der chriſtlichen Lande in Preuſſen zu verkuͤndigen und ſie zu eiliger Huͤlfe und zur Rettung des bedraͤngten Glaubens mit dringenden Worten aufzurufen. Die⸗ ſen Rath billigten alle Bruͤder der Verſammlung ). Nur die Abſendung des jungen Prinzen ward aufgeſchoben, bis ein neuer Landmeiſter herbeikomme; doch wird durch nicht unwich⸗ tige Zeugniſſe auch gemeldet, daß Miſtwin wirklich nach Deutſchland an den Herzog von Oeſterreich entſendet worden ſey ). Der bisherige Landmeiſter Preuſſens Heinrich von Wida hatte ſich naͤmlich, wie es ſcheint, ſchon im Sommer des Jahres 1244 nach Deutſchland begeben ). Es waren aͤußerſt wichtige Veraͤnderungen im Orden erfolgt, die ſeine Gegen⸗ wart auf einem dort anberaumten Ordens ⸗Kapitel erforderten. Vorzuͤglich war es eine neue Hochmeiſter⸗Wahl, auf welche man hier bedacht ſeyn mußte. Durch den bisherigen Hoch⸗ 1) Dusburg P. III. c. 44. Ordens⸗Chron. S. 41 bei Mat- thaeus p. 721. Lucas David B. III. S. 82. 2) Ob Miſtwin jetzt wirklich nach Deutſchland geſendet oder noch ferner auf Zartowitz gelaſſen worden ſey, daruͤber ſind die Quellen nicht einig. Für die Abſendung zeugen vorzuͤglich Dusburg 1. c. wenigſtens ſcheint er den Rath zur Abſendung als ausgeführt anzunehmen; ferner Boguphal p. 61, der ganz beſtimmt fagt: filius eius (Suantepol- ei) in Theutuniam est deductus; Chron. Oliv. p. 30. Kan⸗ tzow B. 1. S. 242. Dagegen ſagt Lucas David B. III. S. 82: „Was die Ueberſendung Meſtwins belanget, ſchreiben etliche, das die eingeſtellet worden, biß auff des landtmeiſters zukunft, der dann in die⸗ ſem den beſten Radt würde faſſen.“ Wahrſcheinlich verbreitete man gefliſſentlich die Nachricht: der junge Prinz ſey nach Deutſchland ent⸗ führt, und was hatte man fpäter für Grunde, dieſe Nachricht zu wider⸗ rufen? 3) Um welche Zeit dieſe Abreiſe Heinrichs von Wida nach Deutſch⸗ land erfolgt ſey, läßt ſich nicht genau ermitteln. Nur ſo viel iſt aus einer Urkunde, die wir fpäterhin noch näher berühren werden, außer Zweifel, daß der Landmeiſter ſich in der Mitte des Mais 1244 noch zu Thorn befand; es muß alſo ſeine Reiſe in den Sommer, vielleicht erſt in den Spaͤt⸗Sommer fallen.
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Paͤpſtliche Beguͤnſtigungen des Ordens. 513 meiſter Gerhard von Malberg war naͤmlich im Orden viel Unheil und arge Feindſchaft und Hader erregt worden. Waͤh⸗ rend der erſten Jahre ſeines Meiſterthums hatte er ſich faſt im⸗ mer in Italien aufgehalten; und wenn wir auch uͤber ſeine Wirk⸗ ſamkeit in Beziehung auf den Orden nur aͤußerſt wenig un⸗ terrichtet ſind, ſo finden ſich doch Spuren, daß ihn in den erſten Zeiten ſeines Meiſterthums nicht bloß der Kaiſer in hoher Achtung hielt und ihn Öfter mit wichtigen Aufträgen beehrte, ſondern auch die Zuneigung und das Vertrauen des Roͤmiſchen Hofes ihm keineswegs entging. Der Papſt naͤmlich hatte ſeit ſeiner Wahl dem Meiſter und dem Orden die manchfaltigſten Beweiſe ſeiner beſonderen Theilnahme, ſeiner Gunſt und Zuneigung und ſeiner hohen Achtung gegeben. Er hatte nicht nur des Ordens Geſetze und Verfaſſung beſſer geregelt und naͤher beſtimmt, manches in veralteter Form nach den neuen Verhaͤltniſſen veraͤndert, ſon⸗ dern auch ſeine Freiheiten und Gerechtſame in vielen Faͤllen in Schutz genommen, mit kraͤftigem Willen vertreten und aufrecht erhalten. So ſchrieben die Ordensgeſetze manche Be⸗ ſtimmungen vor, deren Befolgung den Ordensbruͤdern jetzt theils kaum mehr moglich, theils wenigſtens hoͤchſt ſchwierig und laͤſtig war. Dahin gehörten z. B. die Verordnungen, daß jeglicher, der in den Orden aufgenommen ſeyn wollte, zuvor dem Orts- Biſchofe vorgeſtellt werden und dann auch noch eine Pilgerfahrt ins Morgenland unternehmen mußte, um ſich fo als des Ordens wuͤrdig zu beweiſen ); daß ferner die Ordens bruͤder am vierten Wochentage Fleiſch eſſen, wo⸗ fern ſie ſich deſſen am vorhergehenden Tage wegen eines Fe⸗ ſtes enthalten hatten, an drei Tagen der Woche dagegen nur Huͤlſenfruͤchte und Milchſpeiſen in zwei oder drei Gerichten ge⸗ nießen durften 2). So war in der fruͤheſten Zeit des Ordens, als 1) In der paͤpſtlichen Bulle heißt es: In vestra sicut audivimus regula continetur, quod hii qui volunt in vestra fraternitate recipi, debent locorum Episcopis presentari et tandem partes transmarinas adire, ut si eorum vita sit digna collegio a Ma- gistro et fratribus admittantur. 2) Ebendaſelbſt heißt es: Dicitur etiam in eadem (regula), II. 33
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514 Päpfttihe Beguͤnſtigungen des Ordens. die Bruͤder noch in großer Armuth lebten, auch angeord⸗ net worden, daß bei der Mahlzeit immer je zwei und zwei Ordensbruͤder von einem Teller eſſen mußten, weil des Tiſchgeraͤthes oft nur wenig vorhanden war 9). Solche und andere aͤhnliche, unter andern Verhaͤltniſſen gegebene Be⸗ ſtimmungen hatten ſchon oft unbeachtet bleiben muͤſſen und konnten zuweilen unmoͤglich nach aller Strenge befolgt wer⸗ den; und doch gebot das innere Geſetz der Gewiſſenhaftigkeit und die heilige Pflicht des Eides, allen Anforderungen der Ordensregeln aufs allerpuͤnktlichſte nachzuleben. Man wandte ſich deshalb an den Papſt mit der Bitte um Entſcheidung in dieſer Sache des Gewiſſens, und dieſer ertheilte dem Orden die Erlaubniß, daß er in einem verſammelten Kapitel oder nach Rath und Einſtimmung des groͤßeren und verſtaͤndige⸗ ren Theiles der Ordensbruͤder dieſe und andere Beſtimmun⸗ gen der Ordensregel freiwillig veraͤndern koͤnne, ſofern an deren Beobachtung nicht etwa ein geiſtiger Nutzen oder die Ehrbarkeit des Wandels geknuͤpft ſey e). Außerdem beſtimmte der Papſt um dieſe Zeit auch die Kleidung der Prieſterbruͤder quod in quarta feria debetis vesci carnibus, si precedenti die illas pro alicuius sollempnitatis vigilia dimittatis, ei quod tri- bus diebus in ebdomada duo vel tria vobis in leguminibus aut pnlmentis fercula ministrentur. In den Ordensſtatuten wird C. XV. S. 54 geſagt: An den dreyen tagen, den ſuntage und an dem dinſtage, unde deme donnerſtage iſt den bruderen diſſes ordenes czemelich vleiſch zou eſſene. An den anderen dreyen tagen mogen fi ef: fen molken (in andern Abſchriften ſteht: „keſe“ oder „molken⸗ ſpeyſe“) unde eigere unde an deme vreitage ſullin ſie eſſen vaſtel⸗ ſpeiſe. — Wir ſehen daraus, was hier unter pulmentis verſtanden iſt, denn ſonſt pulmentum, maxime in regulis monasticis pro quovis obsonio accipitur; v. Du Fresne Gloss. s. b. v. 1) „Quod generaliter duo ac duo fratres pro parapsidum penuria comedaut; Ordensſtatute C. XV. S. 55. 2) Die Bulle im Original, datirt: Lateran. V. Idus Febr. p. n. an. I. (9. Febr. 1244) im geh. Arch. Schiebl. III. Nr. 10; in Abſchrift im großen Privilegienbuche p. 35, im kleinen Privilegienb. P. 122. De Wal Recherches T. I. p. 377 — 378.
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Paͤpſtliche Begünftigungen des Ordens. 515 des Ordens genauer ). — Was des Ordens Freiheiten und Gerechtſame anlangte, ſo beſtaͤtigte er ſie nicht bloß in ihrem ganzen Umfange, wie Kaiſer, Koͤnige und Paͤpſte ſie gegeben hatten 2), ſondern er nahm den Orden auch gegen die noch immer fortdauernden Befehdungen und Eingriffe der Geiſtlich⸗ keit in ſeine Rechte bei jeglicher Gelegenheit in Schutz, ver⸗ bot z. B. aufs neue allen Praͤlaten, die Bruͤder des Ordens oder deſſen Prieſter mit kirchlicher Ausſchließung und mit dem Interdict zu beſtrafen, indem der Orden keinen andern Rich⸗ ter über ſich zu erkennen habe, als nur allein den Papſt >). So drang er bei der hohen Geiſtlichkeit auch auf ernſtlichere und ſtrengere Beſtrafung aller derer, welche dem Orden in irgend einer Weiſe Schaden und Unrecht zugefügt *); und da ſeit einiger Zeit es Sitte geworden war, daß vornehme 1) Das Original dieſer Bulle, datirt: Lateran. Idib. Febr. p. n. an. I. (13. Febr. 1244) im geh. Arch. Schiebl. III. Nr. 12; in Abſchrift im großen Privilegienb. p. 36. 67; im kl. Privilegienb. p. 89. 123. Der Inhalt wird ſpaͤterhin naͤher beruͤckſichtigt werden. Gedruckt ſteht jene Bulle bei De al Recherches T. II. p. 351. 2) Die Bulle hieruͤber in einem Transſumt vom J. 1412 im geh. Arch. Schiebl. III. Nr. 13 und im großen Privilegienb. p 37; fie ift datirt: Lateran. III. Calend. April. p. n. an. I. (30 März 1244). 3) Die Bulle in einem Transſumt vom Jahre 1278 im geheimen Arch. Schiebl. III. Nr. 14, datirt Lateran. Id. Maii p. n. an. I. (15. Mai 1244); Abſchrift im großen Privilegienb. p. 19, hier aber mit dem Datum: Lateran. XII. Calend. Maii p. n. ann. I. (20. April). Mit dieſem Datum auch in einem Transſumt in der Schiebl. XVII. Nr. 12. 4) Ein Transſumt von dieſer Bulle im geh. Arch. Schiebl. XVII. Nr. 12 und 14; eine Abſchrift im kleinen Privilegienb. p. 41. datirt: Lateran. X. Cal. Maii p. n. an. I. (22. April 1244). — Daß auch jetzt wieder von betruͤgeriſchen Menſchen das ſchwarze Ordenskreuz der Deutſchen Ritter gemißbraucht wurde, um Almoſen zu ſammeln und den Orden wie den Geber zu hintergehen, ſehen wir aus einer Bulle dieſes Papftes bei Duellius P. II. p. 6 — 7, worin er dieſen Miß⸗ brauch ſtreng unterfegt. Ein Transſumt dieſer Bulle vom J. 1418 befindet ſich im geh. Arch. Schiebl. XVII. Nr. 12. 33*
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516 Gerhards von Malberg Abdankung. Prälaten auf ihren Reiſen mit ſehr zahlreichem Gefolge und einer großen Menge Pferde in die Ordenshaͤuſer als Herber⸗ gen einkehrten, an die Ordensbeamten in ihrer Bewirthung nicht ſelten hohe Forderungen machten, reichbeſetzte Tiſche ver⸗ langten und auf andere Weiſe die Ordensbruͤder beläftigten und beunruhigten, ſo unterſagte der Papſt dieſe unartige Sitte und erklaͤrte, daß ſolches Herbergen in den Ordenshaͤuſern nur dann erlaubt ſeyn ſolle, wenn die Ordensritter hiezu ihre ausdruͤckliche Einwilligung gegeben hätten Y. Durch ſolche und andere Beweiſe hatte der Papſt ſo⸗ gleich im erſten Jahre ſeiner Regierung dem Orden ſeine Huld und Gunſt zu erkennen gegeben und er bewahrte ihm dieſe auch, als in der Zeit der erneuerten Zwietracht und Feindſchaft zwiſchen dem Kaiſer und dem Papſte, da dieſer in den letzten Tagen des Juni 1244 aus Italien plotzlich nach Lyon entfloh, im Deutſchen Orden ſelbſt eine heilloſe Spal⸗ tung entſtand. Der Hochmeiſter Gerhard von Malberg hatte ſich nämlich bei feinen Ordensbruͤdern keineswegs die unge theilte Liebe und Verehrung zu erwerben gewußt, die ſeinen beiden Vorgaͤngern im Meiſteramte ſelbſt bis ins Grab nach⸗ gefolgt waren. Verhaͤltniſſe, welche uns dunkel find, vielleicht die ſchon rege gewordene Unzufriedenheit der Oberſten des Ordens uͤber ſeine Amtsfuͤhrung und ſein Verhalten in der letzten Zeit, bewogen Gerharden im Jahre 1244, ſich nach dem Morgenlande zu begeben ), um fo der mißlichen Stim⸗ 1) Abſchrift dieſer Bulle im kleinen Privilegienb. p. 97, datirt: Lateran. V. Non. Maii p. n. ann. I. (3. Mai 1244); fie wurde im J. 1247 erneuert; ſ. p. 54. 2) Dieſes geht aus der von De Wal Recherches T. II. p. 367 Nr. 4 mitgetheilten Bulle hervor, woruͤber dieſer ſagt: Nous disons qu'il passa en Palestine, parcequ'elle fut le théatre des desordres qu'il occasionna: la bulle num. 2, ou le Pape parle de la justification du Maitre et des freres qui dioient outre- mer, prouve que c' est avec eux que Malberg a eu des diffi- cultés; et son abdication dans le chäteau de Montfort qui etoit une forteresse des Teutoniques dans la Terre - Sainte, en est une autre preuve,
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Gerhards von Malberg Abdankung. 517 mung des Ordens im Abendlande gegen ihn auszuweichen. Aber auch dort erlaubte er ſich Vergehungen und ließ ſich zu Handlungen hinreißen, die dem Orden nicht bloß zu bedeu⸗ tendem Schaden gereichten, ſondern ſelbſt der Ehre und dem guten Rufe der Ordensritter großen Eintrag thaten ). Da traten die Vornehmſten unter dieſen zu einem Kapitel zuſam⸗ men, erklaͤrten ihn des hehren Meiſteramtes für unwuͤrdig und noͤthigten ihn auf der Ordensburg Montfort, wo ſich Gerhard hingefluͤchtet hatte, durch die Aushaͤndigung ſeines hochmeiſterlichen Siegels fein Meiſteramt niederzulegen 2). Fuͤr den Augenblick fügte ſich Gerhard in die Verhaͤltniſſe. Bald darauf aber ließ er ſich ein neues Amtsſiegel verferti⸗ gen, um ſich in ſolcher Weiſe neue Geldſummen zu verſchaf⸗ fen ), erwarb ſich Anhang unter den dortigen Ordensbruͤ⸗ 1) Wir wiſſen nicht genau, welche Vergehungen ſich Gerhard zu Schulden kommen ließ; wenn aber der Papſt in der Bulle bei De Wal. c. p. 366 jagt: sine vestro gravi scandalo non poterat in Ordine remanere, und dann: Vos itaque de huiusmodi duri casus angustia ſeliciter espediti, fo dürfen wir auf ſtarke Geſetz⸗ widrigkeiten ſchließen, welche Gerhard begangen haben muß. 2) Frater Gerardus quondam magister - vobis in castro vesiro Monteforti suum magisterium resignavit, autentico et perpetuo sigillo Magistri, quod habuerat, justa morem super altari dimisso, heißt es in der paͤpſtlichen Bulle Nr. 4 bei De Wal 1. c.; aber gewiß geſchah die Abdankung nicht freiwillig; das beweiſet der weitere Verlauf der Sache. Ohne Zweifel geſchah die Abſetzung in Uebereinſtimmung mit den Ordensbruͤdern im Abendlande; doch iſt es nicht erweislich, daß in dem naͤmlichen Ordenskapitel auch ſogleich Ger⸗ hards Nachfolger erwaͤhlt worden ſey, wie De Wal l. c. p. 268 an⸗ zunehmen ſcheint. Moͤglich aber waͤre, und nach der Bulle Nr. 4 bei De Wal ( beſonders wegen der letzten Worte über die Zahlung der 400 Mark) iſt es ſelbſt das Wahrſcheinlichſte, daß Gerhard ſchon in ei⸗ nem Kapitel in Deutſchland fuͤr abgeſetzt erklaͤrt wurde und darauf erſt ins Morgenland entfloh, wo er gezwungen ward, fein Amtsſiegel auszuliefern. 3) Darüber die paͤpſtliche Bulle bei De Nu l. c. Nr. 4. Wir finden ſie auch in dem Bullenverzeichniſſe im geh. Arch. Schiebl. XVII. Nr. 30 mit den Worten angegeben: De magistro Gerardo ma- gistro vestro, qui resignavit, ul non teneamini solvere debita
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518 Gerhards von Malberg Abdankung. dern und trat in einem Schreiben an den Papſt mit allerlei ſchweren Anklagen gegen den dortigen Landmeiſter und die uͤbrigen Ordensritter auf. Innocenz verfuͤgte eine Unterſu⸗ chung in der Sache, deren Erfolg jedoch eben ſo entſchieden fuͤr die Schuldloſigkeit und ſelbſt fuͤr das ruͤhmliche Verfah⸗ ren der angeklagten Ordensritter ausfiel, als ſie Gerhards verderbliche und tadelnswerthe Handlungsweiſe aufs klarſte an den Tag legte. Der Papſt ſetzte hievon den Orden im Abendlande und die geſammte hohe Geiſtlichkeit zur Aufrecht⸗ haltung des guten Namens der Deutſchen Ordensritter im Morgenlande nicht bloß in Kenntniß ), ſondern er fand es, vielleicht in Uebereinſtimmung mit Gerhards Wuͤnſchen ſelbſt auch für nothwendig, den entſetzten Meiſter vom Orden uͤber⸗ haupt zu trennen und ertheilte ihm daher nebſt verſchiedenen feiner Anhänger im Anfange des Jahres 1245 die Erlaubniß, in den Orden der Tempelherren einzutreten 2), an welchem Gerhard ohnedieß in feiner Bedraͤngniß eine Stuͤtze geſucht zu haben ſchien ). Hiemit war indeſſen der Streit noch kei⸗ neswegs ganz beſchwichtigt. Gerhard hatte, wie es ſcheint sua. Der Papſt ſprach hiedurch den Orden von der Verpflichtung frei, die nach Gerhards Abdankung gemachten Schulden bezahlen zu muͤſſen. 0 1) Dieſes find die Bullen, welche De Wal in Abſchriften aus Rom erhielt und in ſ. Recherches T. II. p. 365 unter Nr. 1. 2. 3. mittheilt: fuͤr uns die einzigen noch uͤbrig gebliebenen Quellen fuͤr den Vorgang dieſer Sache. 2) Die Bulle des Papſtes hierüber bei Baczko in der kleinen Schrift: Gerhard von Malberg, HM. des Deutſch. Ordens S. 23 und bei De Wa l. c. Nr. 5. p. 368; fie iſt datirt: Lugdun. XVI. Cal. Februar. p. n. an. II. (17. Januar 1245). Daß Gerhard wirklich in den Tempelorden aufgenommen wurde, erhellt aus dem er⸗ waͤhnten Bullenverzeichniſſe, wo eine Bulle mit den Worten angefuͤhrt iſt: Magistro el fratribus beate Mar. Theut. super receptione magisiri Gerardi quondam magistri vestri. Dieſe receptio kann ſich nur auf den Tempelorden beziehen und es zeigte alſo hiemit der Papſt dem Deutſchen Orden an, daß Gerhards Aufnahme er⸗ folgt ſey. 3) Darauf weiſen die Worte des Papſtes hin: Ad domum mi-
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Heinrich von Hohenlohe Hochmeifter des Ordens. 519 zum Schaden des Ordens von jenem unrechtmäßigen Siegel Gebrauch gemacht und der Orden erhob nachmals mancherlei Anſpruͤche an Gerhards Soͤhne Dieterich und Otto wegen Ruͤckzahlung einer gewiſſen Geldſumme. Die Söhne dagegen machten Anſpruͤche an den Orden wegen verſchiedener Guͤter, welche der Vater jenem beim Eintritt in den Orden uͤberge⸗ ben hatte; ſo entſtand zwiſchen ihnen ein Streit, der erſt funfzehn Jahre nach Gerhards Austritt aus dem Orden durch einen ſchiedsrichterlichen Ausſpruch des Biſchofs Heinrich von Luͤttich beigelegt werden konnte ) Ob Gerhard damals ſelbſt noch gelebt habe, iſt ungewiß 2). Er hat ſich, fo viel die Ge⸗ ſchichte von ihm weiß, wenige Verdienſte um den Orden er⸗ worben, denn die Gunſt, welche Friederich des Zweiten Sohn, litie Templi de vestra domo confugiens, sibi de novo femere ſecit fabricari sigillum. Vgl. hierüber De Wal l. c. p. 271. 1) Auszuͤge aus den dieſen Streit betreffenden Urkunden theilt Bachem in der Vorzeit von Juſti Jahrg. 182 S. 311 — 316 mit. Aufſchluß über dieſe mageren Auszüge erhält man aber nicht. Entwe⸗ der betraf der Streit die Schulden, welche Gerhard nach feiner Abdan⸗ kung noch gemacht hatte und um die man ſich nun an ſeine Soͤhne hielt, oder der Orden verlangte die 400 Mark zuruͤck, von denen es in der Bulle bei De Wal l. c. Nr. 4. p. 368 heißt: presertim cum iu fili magister sibi (Gerardo) apud sedem apostolicam qua- dringenlas marcas argenti dederis pro suis debitis persol- vendis. . 2) Bachem in ſ. Chronol. der Hochmeiſter p. VIII. und De al Recherches T. II. p. 247 liefern aus dem Liber Anni- versar. die Angabe: 29. Novembr. obiit frater Gerardus de Malberg, Magister Sextus. Das Jahr iſt dabei, wie gewöhnlich, nicht angegeben. Baczko a. a. O. S. 15 ſcheint geneigt, das Jahr 1244 als Gerhards Todesjahr anzunehmen; unmoͤglich! Sollte denn der Papſt am 17ten Januar (nicht am Aften Januar, wie Baczko hat) 1245, an welchem er fuͤr Gerhard die Bulle ausfertigte, den Tod deſſelben noch nicht gewußt haben? Ohnedieß ſtreitet gegen das Jahr 1244 auch jene päpſtliche Bulle super receptione, denn fie iſt im dritten Sabre des Pontificats des Papſtes, alſo 1245 — 1246, gege⸗ ben, als Gerhard in den Tempelorden aufgenommen war. Es iſt wahr: ſcheinlich, daß Gerhard im Morgenland blieb und dort auch ſtarb.
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520 Heinrich von Hohenlohe Hochmeifter des Ordens. der Deutſche Koͤnig Conrad dem Orden bewies ), war mehr das Erbtheil ſeines Hauſes, als durch den Hochmeiſter neu erworben, und die Beſchenkungen, welche der Orden im Jahre 1244 mit mehren bedeutenden Vorrechten vom Koͤnige Bela von Ungern in deſſen Reich von neuem erhielt und ihm hier wieder eine neue Niederlaſſung moͤglich machten, waren offen⸗ bar mehr durch die Zeitverhaͤltniſſe, beſonders durch die Ein⸗ fälle der Tartaren bewirkt worden 2). Dieſe Verhaͤltniſſe, jener Zwieſpalt im Orden, die Ab⸗ dankung Gerhards von Malberg und die Wahl eines neuen Hochmeiſters waren es vorzuͤglich, welche die Reiſe des Land⸗ meiſters von Preuſſen, Heinrichs von Wida, ſelbſt unter den gefahrvollen Zeitereigniſſen, welche der Orden damals hier be⸗ ſtand, nothwendig machten. Auch die uͤbrigen Gebietiger des Ordens kamen an dem beſtimmten Wahlorte, vielleicht zu Marburg, zum Wahlkapitel zuſammen. Man erwog in der Berathung, wie es ſcheint, vor allem die Stellung, welche der Orden bei dem Zwiſte des Kaiſers und des Papſtes zu nehmen hatte, da ſie durch Gerhards von Malberg Schritt allerdings einigermaßen verſchoben worden war. Die Wahl aber beweiſet, daß die Geſammtzahl der verſammelten Gebieti⸗ ger an der alten getreuen Geſinnung gegen den Kaiſer feſt gehalten; denn fie fiel einſtimmig auf den bishersgen Land⸗ meiſter von Deutſchland Heinrich von Hohenlohe, einen Ver⸗ wandten des Kaiſers und des beruͤhmten Burggrafen Friederich von Nürnberg ). 1) Duellius P. II. p. 7. 2) Duellius P. II. p. 8. Dreger Nr. 162. p. 248. Das Original der Schenkungeurkunde im geh. Archive Schiebl. XXIX. Nr. 5. Raynald. ann. 1243. Nr. 36. 3) Außer den Geſchlechtsregiſtern Heinrichs von Hohenlohe bei Hilter shusius und Hanſelmann v. der Hohenloh. Landeshoheit B. I. S. 360 gehört hieher auch die Urkunde in Oetters Geſchichte der Burggrafen von Nuͤrnberg B. I. S. 245, worin Conrad III. Bertha, Abbatissa sancte Dei ecclesie Kizingensis, consan- guinea nostra de Holloch nennt und deren vier Brüder Gottfried, Ulrich, Albert und Conrad von Hohenlohe als Zeugen erfcheinen. Jene
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Heinrich von Hohenlohe Hochmeiſter des Ordens. 521 Dieſer Heinrich von Hohenlohe war der Sohn des Gra⸗ fen Gottfried von Hohenlohe, welcher vom Kaiſer Heinrich dem Sechſten immer mit ausgezeichneter Gunſt beehrt, mit reichen Guͤtern in Italien beſchenkt, zum Vollſtrecker ſeines Teſtamentes und zum Vormunde ſeines Sohnes Friederich, des nunmehrigen Kaiſers erwaͤhlt worden war. Seine Mut⸗ ter war Anne, eine geborene Landgraͤfin von Leuchtenberg ). Zwei Bruͤder, Gottfried und Conrad, der Stifter der Braun⸗ neckiſchen Linie dieſes Hauſes 2), ſtanden ihm an Jahren vor; ein dritter Bruder Friederich war jünger als er 2). Schon in ſeinen Juͤnglingsjahren erfuͤllten die Ritter vom Deutſchen Orden ſeine ganze Seele, denn ſein Stammhaus zeichnete ſich von jeher durch hohe Gunſt und Zuneigung gegen den Orden aus. Da ſein Vater ſtarb und er zu dem Alter her⸗ angereift war, welches die Geſetze des Ordens zur Aufnahme in die Zahl der Ritterbruͤder feſtgeſtellt, beſchloß er mit ſeinem juͤngeren Bruder Friederich und ſeinem Brudersſohne Andreas, in den ritterlichen Verein der Ordensbruͤder einzutreten. So ſchenkten ſie im Jahre 1219 mit Einwilligung ihrer aͤlteren Bertha war die Schweſter des Großvaters unſeres Heinrichs von Ho⸗ henlohe. 1) Hanſelmann a. a. O. S. 352. 2) Es iſt unrichtig, wenn Bachem Chronol. der HM. S. 16 Heinrich von Hohenlohe aus der Brauneckiſchen Linie abſtammen läßt, wie ſchon Conr. Hess Disc. inaug. histor. pol. vitis Magi- stror, Ordinis Teut. nach den Preuſſ. Samml. B. II. ©. 212 und Duellius P. I. p. 15 ausweiſen. Conrad von Hohenlohe nennt ſich zuerſt Conrad von Brauneck, weil er nach der Landestheilung auf Brauneck wohnte; ſo in einer Urkunde vom J. 1245 bei Lang Re- gesia Boica T. II. p. 363, wo Goleſridus de Hohenlohe et ſra- ter eius Cunradus de Brunecke unter den Zeugen ſtehen; vgl. ibid. P. 415. Die Bemerkung in Guden. Cod. diplom. T. II. p. 281, auf welche ſich Bachem bezieht, beweiſet nichts. 3) Man darf ſich in der Geſchichte dieſer Familie durch die Menge gleicher Taufnamen nicht irre führen laſſen. So iſt der bei Lang l. c. T. I. p. 361. II. p. 33. 35. 41 in den Jahren 1194 — 1209 vor⸗ kommende Heinrich von Hohenlohe nicht der unſerige, ſondern der Sohn des Crafto von Hohenlohe. S. Hanſelmann B. I. S. 360.
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522 Heinrich von Hohenlohe Hochmeiſter des Ordens. Bruͤder und unter Beſtaͤtigung des Kaiſers Friederich, deſ⸗ ſen Beifall ſie hiedurch erwarben, dem Orden alle ihre Be⸗ ſitzungen ), uͤbergaben ihm dann auch Mergentheim 2) und traten darauf nach der damals noch beſtehenden Forderung) eine Pilgerſchaft ins Morgenland an. Nach ihrer Heimkehr im Jahre 1220 wurden ſie mit dem Ordensmantel beklei⸗ det). Bei dem Hochmeiſter Hermann von Salza ſtand Heinrich von Hohenlohe in vorzuͤglicher Liebe und Achtung; es beweiſet dieſes ſchon ſeine baldige Erhebung zum Meiſter in Deutſchland, welche Wuͤrde Heinrich nach dem Abgange des Deutſchmeiſters Dieterich ) unter dem Namen eines 1) Urkunde bei Hanſelmann B. I. Beil. Nr. 13. S. 373. Die Schenkung wurde vom Kaiſer und vom Biſchofe Otto von Wuͤrzburg durch beſondere Urkunden beſtaͤtigt. Jener nennt die beiden Bruͤder dilecti nostri Nobiles Pueri. S. die Urkunde bei Hanſelmann a. a. O. Auch über die Schenkung des Andreas von Hohenlohe ift eine kaiſerl. Beſtaͤtigungsurkunde von dem naͤmlichen Datum: Hage- nau 1220, mense Januar. vorhanden. Die Schenkung geſchah alſo ſchon 1219; aber im Mai 1219 war Heinrich von Hohenlohe noch nicht Ordensbruder, wie aus Lang. I. c. T. II. p. 95 hervorgeht. 2) Duellius P. I. p. 16 nach Conr. Hess I. c., welcher das Mergentheimer Archiv benutzte. Hanſelmann B. I. S. 247. De Wal Histoire de l’Ord. Teut. T. I. p. 473. 3) Die päpfil. Bulle ſagt von den in den Orden Aufzunehmenden: debent partes transmarinas adire, und für die erſten Zeiten galt dieſe Beſtimmung ziemlich ſtreng. 4) Hanſelmann B. I. S. 358. Einige nennen ſtatt Friebe: richs den Andreas von Hohenlohe einen Bruder Heinrichs, der ihn ins Morgenland begleitet habe. Dieſer Andreas aber war ein Sohn Con⸗ rads, des Stifters der Brauneckiſchen Linie. Wir wiſſen aus Urkun⸗ den, daß er ebenfalls 1220 in den Orden trat und dieſem ſeine Guͤter ſchenkte; er kommt in den Jahren 1230 — 1247 in Urkunden bei Hanſelmann B. I. Nr. 21. 30. 209 vor, und war zuletzt Komthur in Mergentheim, wo er 1269 ſtarb und begraben liegt; ſ. Hanſel⸗ mann B. I. S. 360. 5) Dieſer Dieterich kommt als Deutſchmeiſter im J. 1231 in einer Urkunde bei Lang. I. c. T. II. p. 205 vor; er war wahrſcheinlich der naͤchſte Nachfolger Hermann Balks. De Wal Recberches T. I. p- 402.
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Heinrich von Hohenlohe Hochmeiſter des Ordens. 523 Komthurs vom Deutſchen Hauſe in Deutſchland ſeit dem Jahre 1231 oder 1232 verwaltete ) In dieſem Amte hatte er drei Hochmeiſter des Ordens vor ſich voruͤber gehen geſehen und die wichtigſten Zeitereigniſſe durchlebt. Sie waren nicht ohne großen Einfluß geblieben auf ſeine Erfahrung in den Welthaͤndeln, auf die Reife ſeines Urtheils, auf die Gewandt⸗ heit und Klugheit ſeines Geiſtes; dabei aber war ihm ſtets die Biederkeit des Charakters und die Beſcheidenheit und De⸗ muth der Geſinnung eigen geblieben, die dem geweiheten Or⸗ densritter geziemte; und dieſe Eigenſchaften hatten ihm beim Kaiſer und bei dem Papſte, bei Koͤnigen und Fuͤrſten, wie nicht minder bei ſeinen eigenen Ordensbruͤdern Liebe und Verehrung erworben. Als daher im Jahre 1244 durch Gerhards von Malberg Abdankung der Stuhl des Hochmeiſters erledigt war, fand man unter der Zahl der vornehmſten Ordensritter keinen wuͤrdigeren fuͤr das hohe Amt als den Meiſter von Deutſch⸗ land, und die Stimmen der Waͤhlenden fielen ihm in unge⸗ theilter Zahl zu?). So ward Heinrich von Hohenlohe als 1) Wir finden Heinrichen zuerſt im J. 1232 als Deutſchmeiſter unter der Benennung Commendator domus Theutonicae per Alemanniam bei Lang l. c. p. 215, dann öfter bei Hanſelmann Beil. Nr. 21 S. 396. Nr. 31. p. 404 u. ſ. w. Fruͤher war der Titel Praeceptor Alemanniae noch nicht gewohnlich; aber Heinrich führte ihn. Den Titel Archi- Commendator, welchen Hanſelmann S. 339 anfuͤhrt, haben wir in Urkunden nicht gefunden. Vgl. uͤber dieſe Amtsbenennungen De Nul Recherches T. I. und II. p. 275. 2) Die abgeſchmackte Moͤnchserzaͤhlung, welche von Simon Gru⸗ nau Tr. V. c. 11. F. 1 und 2 über die Uneinigkeit und Spaltung bei der Wahl Heinrichs von Hohenlohe zuerſt beigebracht und dann von allen Preuſſiſchen Geſchichtſchreibern nachgeſchrieben worden iſt, wuͤrde längſt als eine Erdichtung des Moͤnchs aus der Geſchichte ausgeſtrichen ſeyn, hätte man nur irgend Simon Grunaws kritiſchen Werth eini⸗ germaßen würdigen wollen. Wer jene Erzählung kennen lernen will, findet ſie im Weſentlichen bei Pauli B. IV. S. 77. Preuſſ. Samm⸗ lung. B. II. S. 19. Baczko B. I. S. 215. Histoire de I'Ord. Teut. T. I. p. 356. Kotzebue B. I. S. 191. Sie vereint aber alles in ſich, was ſie zu einer von Simon Grunau erdichteten Fabel
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524 Unternehmung auf Samland. Hochmeiſter des Deutſchen Ordens ausgerufen. Seine Wahl und der Antritt ſeines Amtes fallen unzweifelhaft in den Som⸗ mer des Jahres 1244 9. ſtempelt. Wir verweiſen hiebei, um die Reihe der Lügenſuͤnden des Mönchs hier nicht wieder aufzuzählen, auf die Anmerkung bei Pauli a. a. O. b), obgleich dieſer Autor eine, freilich ſehr ſchwach ausgefal⸗ lene Vertheidigung der Grunauiſchen Erzählung zu geben ſucht. Wir koͤnnen auch hier nicht verhehlen, daß wir Grunau's Nachrichten, die nur allein bei ihm zu finden ſind und durch keine andern bewaͤhrten Quellen beftätigt werden, in der Regel für Erdichtungen halten. Daß die Wahl Heinrichs in Palaͤſtina erfolgt ſey, wie De Nal Recher- ches T. II. p. 277 will, iſt nicht erweislich. Daſelbſt hat De Wal die Moͤnchserzaͤhlung Grunau's gruͤndlich widerlegt. 1) Ueber die Ermittlung der Zeit, wann Heinrich von Hohenlohe zum Hochmeiſter erwählt worden, iſt früher viel geſchrieben worden; f. Preuſſ. Sammlung, B. II. S. 198. Bayer im gelehrt. Preuſſ. Th. IV. S. 199. De Wal Histoire de l/’Ord. Teut. T. I. p. 478. Jetzt iſt nach den mitgetheilten Urkunden gar kein Zweifel mehr, daß das ſchon von Pauli B. IV. S. 77 angenommene Jahr 1244 das richtige iſt. Die Haupturſache der fruͤheren Verwirrung lag darin, daß man den Vorgaͤnger im Amte Gerhard von Malberg gar nicht kannte und dieſe Lücke ausfüllen wollte. So viel ſcheint indeſſen gewiß, daß Heinrich von Hohenlohe im Augenblick ſeiner Wahl nicht mehr Meiſter von Deutſchland war. Schon Bachem Chronol. der HM. p. X. machte auf eine Urkunde aus dem Jahre 1243 aufmerkſam, in welcher ein Frater Bertholdus de Thannenrode, Preceptor domus Teu- tonice in Alemannia genannt wird; er trug freilich Bedenken, die⸗ ſen Berthold von Tannenrode als Nachfolger Heinrichs von Hohenlohe in die Zahl der Deutſchmeiſter aufzunehmen, weil nur eine Abſchrift der erwaͤhnten Urkunde aufgefunden war. Mein geehrter Freund indeſſen, der Herr Pfarrer Jager in Buͤrg bei Heilbronn, der mir mit gefär= liger Güte manche ſehr ſchaͤtzbare Nachrichten Über den Deutſchen Or⸗ den mitgetheilt hat ‚erwähnt in feiner Mittheilung zweier Original⸗Ur⸗ kunden von dieſem Deutſchmeiſter Berthold von Tannerode aus dem Jahre 1243, die eine datirt: Kalend. Maii, die andere XIII. Ka- lend. Maii, beide die Ordenskirche zu Ellingen betreffend, wonach es alſo keinem Zweifel mehr unterliegt, daß Heinrich von Hohenlohe im Frühling des J. 1243 das Deutſchmeiſteramt nicht mehr verwaltete. De Mal Recherches T. II. p. 276 vermuthet, daß Berthold von Tannerode ſchon im J. 1240 ins Deutſchmeiſteramt eingetreten ſey. In
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Unternehmung auf Samland. 525 In demſelbigen Wahlkapitel ward auch zugleich ein neuer Landmeiſter von Preuſſen ernannt. Ob Heinrich von Wida die Wuͤrde ſelbſt niederlegte, oder ob er vielleicht dem neuen Hochmeiſter für die ſtuͤrmiſche und gefahrvolle Zeit in Preuſ⸗ ſen nicht paſſend ſchien, oder ob er zu andern Angelegenhei⸗ ten des Ordens anderswohin geſandt worden, iſt nicht zu be⸗ ſtimmen. Vielleicht aber lag in folgendem Ereigniſſe der An⸗ laß zu ſeiner Entlaſſung vom landmeiſterlichen Amte. Um die Zeit, als Herzog Suantepole von Pommern im Weſten des Ordensgebietes voll Mißtrauen in der Seele da⸗ ſtand und durch manche Beweiſe ſeiner feindlichen Geſinnung gegen die Ordensbruͤder große Beſorgniſſe erregte, im Oſten aber der feindſelige Geiſt der drei unterworfenen Landſchaften immer bedenklicher ward und eine Annaͤherung zwiſchen dem Herzoge und den bezwungenen Preuſſen ſchon nicht mehr zu verkennen war, alſo etwa in den Jahren 1239 und 1240 waren die beiden Landmeiſter des Ordens, Dieterich von Gruͤuningen in Livland und Heinrich von Wida in Preuſſen darauf bedacht, jene gefaͤhrliche Annaͤherung und eine moͤgliche Verbindung zwiſchen dem Herzoge und den Preuſſen dadurch zu verhindern, daß ſie die nachbarlichen Samlaͤnder, welche nur der Pregel⸗Strom von den Natangern ſchied, theils zur Eroberung ihrer Landſchaft, theils auch zugleich zum Ein⸗ ſchrecken der nahen, ſchon bezwungenen Lande mit einem Kriegsheere heimſuchen wollten. Viel zu ſchwach aber in ih⸗ rer eigenen Kriegsmacht, traten fie mit Luͤbeck, deſſen Kauf⸗ leute und Seefahrer wir ſchon laͤngſt mit dieſen oſtſeeiſchen Laͤndern im Verkehr ſahen, in naͤhere Verbindung. Sie ka⸗ men der beſtrebſamen Handelsſtadt mit dem lockenden Aner⸗ bieten entgegen: man wolle ihr den dritten Theil von Sam⸗ land und Withland, einen Theil von Warmien und einige andere Gebiete mit dem Rechte des Eigenthums abtreten und — Juſti's Vorzeit 1326 S. 325 erkennt Bachem Berthold von Tan⸗ nenrode auch an. Nach ihm folgte zunaͤchſt erſt Albert von Baſtheim, nach einer Urkunde vom 27ſten April 1247. 8
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526 Unternehmung auf Samland. außerdem auch erlauben, am Ausfluſſe des Pregel- Stromes eine freie Handelsſtadt zu erbauen, ſofern ſie eine hinlaͤng⸗ liche Kriegsmannſchaft herbeiſenden werde, um Samland er⸗ obern zu koͤnnen. Luͤbeck nahm das Anerbieten gerne an und der Landmeiſter Heinrich von Wida ſtellte ihr uͤber das gege⸗ bene Verſprechen eine urkundliche Zuſicherung aus. So er⸗ freut indeſſen Luͤbeck dieſe neue Verbindung mit dem Orden anknuͤpfte und ſo große Hoffnungen auch fuͤr Handel und Betrieb bluͤheten, wenn die neuzugruͤndende Handelskolonie im bernſteinreichen Samland die Erzeugniſſe dieſes Gebietes und der Nachbarlaͤnder der Mutterſtadt unmittelbar zufuͤhren konnte, fo ſcheint von dorther doch keineswegs die noͤthige Kriegsmacht gekommen zu ſeyn, um etwas von bleibendem Erfolge bewirken zu koͤnnen. Es ſegelte zwar allerdings eine Anzahl ruͤſtiger und kriegsluſtiger Juͤnglinge herzu; ſie ver⸗ banden ſich mit den Ordensrittern von Livland, brachen in Samland ein, kamen mit den Bewohnern in Kampf und ent⸗ führten in Begleitung des Landmeiſters von Livland eine An⸗ zahl der Vornehmſten als Gefangene mit nach Luͤbeck, wo ſie einige Zeit nachher auf den Rath des genannten Landmeiſters durch eine feierliche Taufe unter dem Zuſtroͤmen von vielen Tauſenden in der S. Marienkirche in das Chriſtenthum ein⸗ geweiht wurden. Das aber war auch alles, was von Luͤbeck aus fuͤr die wichtige Unternehmung geſchah. Man meinte, auf einem leichteren Wege zum Ziele zu kommen, denn man hoffte, durch die Bemuͤhungen dieſer Neubekehrten vielleicht am erſten auch das uͤbrige Volk Samlands fuͤr den chriſtli⸗ chen Glauben gewinnen zu koͤnnen; deshalb behandelte man ſie auch mit der aͤußerſten Gefaͤlligkeit und Guͤte und der Land⸗ meiſter ſicherte den Vornehmeren und Angeſehenſten unter ih⸗ nen nicht nur alle ihre fruͤheren Beſitzungen und Erbtheile fuͤr ewige Zeiten voͤllig zinsfrei zu, ſondern er verlieh ihnen noch außerdem in ihren Doͤrfern und Gebieten lehnsherrliche Rechte, weil auch er glaubte, daß jene milde Behandlung und dieſe Beguͤnſtigung wie auf ſie ſelbſt, ſo auf die uͤbrigen Landesbe⸗ wohner einen fuͤr das Chriſtenthum ſehr guͤnſtigen Eindruck
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Unternehmung auf Samland. 527 machen wurden. Mit dem Verſprechen, daß fie die em⸗ pfangene chriſtliche Lehre forthin in ſich bewahren wollten, wie ſie ſolches dem Landmeiſter auch durch Geißeln verbuͤrg⸗ ten, kehrten die Samlaͤnder von Luͤbeck zu den Ihrigen zu⸗ ruck Es giebt Gruͤnde zu der Vermuthung, daß der groͤßere Theil dieſer gefangenen, nun in den Glauben eingeweihten, mit Vorrechten und Beguͤnſtigungen ausgezeichneten und nach⸗ mals dem Orden auch ſo treu ergebenen Vornehmeren aus Samland keine andern geweſen, als alte Withinge, die wir ſchon friiher als Bewohner des Landes kennen gelernt ). 1) Zwei Urkunden, deren Originale im geh. Arch. Schiebl. I. Nr. 1. und Schiebl. 59. Nro. 5 befindlich find, dienen uns als die vorzuͤg⸗ lichſten und faſt einzigen Quellen uͤber dieſe Begebenheit. Sie ſtehen gedruckt bei Kotze bue B. I. S. 416 — 422, freilich aͤußerſt fehlerhaft. Auch die Zeit, in welche Kotzebue das Ereigniß ſetzt, iſt ganz un⸗ richtig. Die Gruͤnde, nach welchen wir die Jahre 1239 oder 1240 als die Zeit dieſer Begebenheit angenommen haben, lind aus den Urkunden ſelbſt entnommen. 1. Naͤmlich ſprechen beide Urkunden nicht von der Zeit, in welcher fie abgefaßt find (1246), ſondern von einer früheren, in welcher Heinrich von Wida Landmeiſter in Preuſſen und Dieterich von Grüningen Landmeiſter in Livland waren. Jener ſtellt den Luͤbe⸗ ckern eine Urkunde uͤber den verſprochenen Landestheil aus, denn es heißt in der einen Urkunde: ex privilegio eis collato a fratre II. de Wida une Magistro pruscie; und dieſer ſcheint die Unterneh: mung gegen Somland geleitet zu haben und begleitet die gefangenen Preuſſen nach Lubeck, denn es heißt: une de consilio fratris Th. de Groninge magistri domus theul. in Livonia baptizari pecie- runt. 2. Dieſe Zeit kann nur in die Jahre 1239 und 1240 fallen. Heinrich von Wida ward 1239 Landmeiſter in Preuſſen; dagegen trat Dieterich von Gruͤningen im J. 1240 oder im Anfange des Jahres 1241 ſein Amt ab, denn Andreas von Velven iſt nach der Urkunde bei Arndt B. 11. S. 42 in dem Jahre 1241 als fein Nachfolger genannt. Dem⸗ nach bleibt keine andere Zeit uͤbrig, in welcher vor dem Jahre 1246 beide zugleich Landmeiſter waren, als die Jahre 1239 und 1240. 3. Wahrſcheinlich ging Dieterich von Grüningen auf feiner Rüͤckreiſe nach Deutſchland Über Luͤbeck und wohnte dort der Taufe der Samlaͤnder bei. Dann wuͤrde dieſe in das Jahr 1240 oder in den Anfang des Jahres 1241 fallen. 2) Von ihnen iſt mehrmals im erſten Bande die Rede geweſen.
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528 Streit mit Luͤbeck. Allein die Bemuͤhungen der Heimgekehrten, ſofern wir ſolche vorausſetzen duͤrfen, hatten keinen guͤnſtigen Erfolg. Weder der chriſtliche Glaube fand bei den Samlaͤndern Eingang, noch war im mindeſten an eine Unterwerfung des Landes un⸗ ter des Ordens Gehorſam zu denken. Ohne Zweifel hatten die ſtuͤrmiſchen Ereigniſſe, welche in den Jahren 1242 und 1243 in den nachbarlichen Landſchaften Natangen und War⸗ mien geſchahen, auch auf die Geſinnung und Stimmung des Volkes in Samland den groͤßten Einfluß. Allein Luͤbeck for⸗ derte deſſen ungeachtet, obgleich die Unternehmung gegen Sam⸗ land für den Orden ohne Frucht und Erfolg geblieben war, bald die Erfüllung der gegebenen Verſprechungen. Der Or⸗ den verweigerte ſie, weil ihm von der Handelsſtadt die geſtell⸗ ten Bedingungen in Ruͤckſicht der Huͤlfsleiſtung, zu welcher ſie ſich verbindlich gemacht, keineswegs erfuͤllt ſchienen und erklaͤrte demnach den ganzen Vertrag fuͤr nichtig und aufge⸗ loͤſt ). In ſolcher Weiſe entſtand zwiſchen Luͤbeck und dem Orden ein Streit, der mehre Jahre dauerte und auch damals noch nicht beigelegt war, als im Jahre 1244 der neue Hoch⸗ meiſter erwaͤhlt wurde. Es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß dieſer Streit auch ein Gegenſtand der Berathung auf dem verſammelten Kapitel war. Hier mochten die Fragen erhoben werden: Wie konnte Hein⸗ rich von Wida den Luͤbeckern jene Zuſicherung geben uͤber ein Landgebiet, welches, ſobald es erobert war, nur allein dem Orden zugehoͤren durfte? Ging die Vollmacht eines Land- meiſters auch ſelbſt ſo weit? Hatte bei einem ſolchen Schritte Vorzuͤglich deuten auf die obige Vermuthung auch die Beguͤnſtigungen, deren dieſe Urkunden erwähnen und in deren Beſitz wir fpäter auch die Withinge wirklich wieder ſinden; ſ. meine Geſchichte der Eidechſenge⸗ ſellſchaft S. 223. 1) „Predictis Magistro et fratribus e contrario asserenti- bus, quod in eis nichil iuris habere deberent, quia ut privi- legium dicere videbatur non exstante conditione de servitio, ad quod se adstrinxerant in potestate magistri et fratrum fuit totum pactum in irritum revocare “ heißt es in der Urkunde.
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Poppo von Oſterna Landmeiſter. 529 nicht auch der Papſt oder der Kaiſer darein zu ſprechen? Wie dem auch ſeyn mochte: es ward in dem Kapitel fuͤr gut be⸗ funden, Heinrich von Wida nicht wieder als Landmeiſter nach Preuſſen gehen zu laſſen. Außerdem forderte ohne Zweifel auch der Krieg mit Herzog Suantepolc, dem jetzt kein Die⸗ terich von Bernheim oder ein anderer erfahrener Marſchall ent⸗ gegenſtand, von neuem einen Mann, der mit des Landes Be⸗ ſchaffenheit genau bekannt, im Kriegsweſen tuͤchtig und erprobt, in der Art und Lebensweiſe, wie in der Kriegsſitte und Kriegsverfaſſung der Preuſſen wohl bewandert, die drohenden Gefahren leichter beſeitigen konnte. Und welchen Mann haͤtte wohl in ſolchen Verhaͤltniſſen die Wahl füglicher treffen koͤn⸗ nen, als den vielerfahrenen und tapferen Ordensritter Poppo von Oſterna! Entſproſſen war Poppo von Oſterna aus dem edlen Ge⸗ ſchlechte der Grafen von Wertheim, deren Stamm ſchon ſeit mehren Jahrhunderten im Frankenlande gebluͤht und dem Rei⸗ che manchen ritterlichen Helden, wie der Kirche mehre ver⸗ diente Maͤnner gegeben hatte. Der Vater Poppo's war wahr⸗ ſcheinlich jener Graf Poppo von Wertheim, der in den letzten Zeiten des zwoͤlften Jahrhunderts oft als einer der angeſehen⸗ ſten Herren des Frankenlandes genannt wird ). Die einzel⸗ 1) Vgl. Guden. Cod. diplom. T. I. p. 107. 159. 166. 243. Ein „Bobpo Comes de Wertheim‘ im J. 1189 als Zeuge in ei⸗ ner Urkunde bei Lang Reg. Boica T. I. p. 347. 351. 359. 361, 381. 385. Aoentini Excerpt. diplom. Passav. ap. Oefele Ser. rer. Boicar. T. I. p. 712. Lünig Cod. German. diplom. T. II. p- 1070. Dieſer mag der Vater unſeres Poppo von Oſterna geweſen ſeyn. In einer Urkunde des Kaiſers Friederichs I kommt er ſchon im J. 1165 vor; ſ. Puͤtter Auserleſene Rechtsfälle S 97. 8. 59. Ba: chem Chronol. der Hochm. Vorr. S. XI. Daß auch unſer Poppo von Oſterna ein Graf von Wertheim war, fand ſich in dem Liber Anni- versar., wo es hieß: Frater boppo, Comes de Wertheim magi- ster IX, qui resignavit officium suum. Vgl. hierüber das Nähere in De Maul Recherches T. II. p. 249 sed. Conrad von Oſterna, welcher im Jahre 1247 Landkomthur in Oeſterreich war, mag ein na⸗ II. 34
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530 Poppo von DOfterna Landmeiſter. nen Glieder dieſes gräflichen Hauſes nahmen öfter auch den Namen eines den Grafen von Wertheim zugehörigen Gutes Oſterna an ), wie denn ſchon im Jahre 1212 ein Graf Poppo von Oſterna Domherr zu Wuͤrzburg war 2). Ueber die Jugendzeit unſeres Ordensritters Poppo von Oſterna ſind wir nicht weiter unterrichtet. Nur fo viel iſt gewiß, daß er mit in der Zahl der erſten Ritter war, welche Hermann von Salza nach Preuſſen entſandte und daß er ſchon im Jahre 1233 eine wichtige Stelle im Orden verwaltete ). Wie lange er aber damals in Preuſſen verweilt, iſt nicht zu ermit⸗ teln ), eben fo wenig, welches Amt er waͤhrend feines Auf⸗ enthaltes in Deutſchland bekleidet habe. Durch ſeine Erfah⸗ rung im Kriegsweſen, durch ſeinen ritterlichen Muth und durch ſeine Vorſicht und Bedaͤchtigkeit im Handeln hatte er das Vertrauen des neuen Hochmeiſters in ſolchem Maaße er⸗ worben, daß dieſer unter den ſo ſchwierigen Verhaͤltniſſen der Zeit keinem lieber als ihm die Landmeiſterwuͤrde in Preuſſen anvertraute ). her Verwandter, vielleicht ein Bruder geweſen ſeyn; Duellius P. III. p. 41. 97. 1) Bachem a. a. O. S. XII nennt ein im Fuͤrſtenthum Bai⸗ reuth gelegenes Amt und Pfarrdorf Oſternohe, iſt aber ungewiß, ob dieſes wirklich den Grafen von Wertheim gehört habe. De Wal Hi- stoire de l’Ord, Teut. T. II. p. 1 ſagt: il tiroit vraisemblable- ment son nom du chateau d'Osternohe, situé dans le pays de Bareyth, sur les confins du territoire de Nuremberg. Vgl. Re- cherches J. e. 2) Guden. Cod. diplom. T. II. p. 31, wo er als Zeuge vor: kommt. 3) S. Kulmiſch. Handfeſte, wo er als der erſte unter den Zeugen angegeben iſt. Ein Boppo de Wertbeim kommt zwar auch im J. 1234 noch in Franken vor; es iſt aber nicht klar, in welcher nahen Verwandtſchaft er mit dieſem Poppo von Oſterna geſtanden habe; f. Lans Reg. Boica T. II. p. 233. ) Daß er fo wenig, als überhaupt der Orden an der Schlacht gegen die Tartaren mit Theil genommen habe, iſt in der Beil. Nr. III. erwieſen. 5) Was Dus burg P. III. c. 29 über die Zeit feines Landmeiſter⸗
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Poppo von Oſterna Landmeiſter. 531 Es war im Herbſt des Jahres 1244, als Poppo von Oſterna ſeinen Zug nach Preuſſen antrat, begleitet von vier Ordensrittern, denen ſich noch ſechs aus den Ordenshaͤuſern in Thuͤringen und Meißen zugeſellten und an der Spitze eines bewaffneten Heerhaufens, unter welchem auch dreißig reitende Bogenſchuͤtzen waren, welche Herzog Friederich der Streitbare von Oeſterreich auf feine Koſten nach Preuſſen ſandte ). Es ſcheint, daß dieſer Fuͤrſt ſich außerdem noch ſelbſt zu einer eigenen Kriegsfahrt nach Preuſſen ruͤſtete, wobei ihn auch der Papſt unterſtuͤtzte, indem dieſer allen denen, welche des Her⸗ zogs Heerfahne nach Preuffen folgen würden, dieſelbigen Gna⸗ denverleihungen verhieß, wie ſie den ins heilige Land Pilgern⸗ den ertheilt wurden 2). Hiedurch erſchreckt und ſcheu gemacht, als er den Heerhaufen unter Poppo's Fuͤhrung herannahen ſah, ergriff Herzog Suantepolc wiederum das ſchlaue Mittel, den Frieden entgegen zu bieten, bis der drohende Sturm vor⸗ über ſey. Die Ordensritter bewilligten ihn auf die früheren thums ſagt, läßt ſich mit den Angaben der Urkunden in keiner Weiſe vereinigen und widerſpricht ihnen vielmehr geradezu. Nach dem Chro⸗ niſten fol Poppo von Oſterna unmittelbarer Nachfolger Hermann Balks geweſen ſeyn und das Amt ſieben Jahre verwaltet haben. Allein den Landmeiſter Heinrich von Wida ſetzt Dusdurg P. III. c. 56 als drit- ten Landmeiſter offenbar in eine viel zu fpäte Zeit. 4) Dusburg c. 44 ſowohl, als fein Epitomator und Jeroſchin L. III. c. 44 geben nur 30 von Oeſterreich her geſandte Bogenſchuͤtzen an. Lucas David B. III. S. 83 nennt dagegen eine Zahl von 300, und dieſe möchte wohl auch wahrſcheinlicher ſeyn, wenn nicht das Chron. Oliv. p. 30 ebenfalls nur 30 haͤtte. Daß außer den eigent⸗ lichen Ordensrittern auch noch „ein guter Haufe Kriegsvolk“ mit her⸗ beizog, ſagt Lucas David a. a. O. Y Raynald. ann. 1244 Nr. 52 ſagt in Beziehung auf ein paͤpſt⸗ liches Schreiben: Nee pacatior erat Prussia, in quam cum Au- striae princeps dilatandae fidei studio accensus expeditionem ornaret, Pontifex ea ex sanctiore Ecclesiae aerario illius signa secuturis sacra stipendia ad delendas reliquas eriminum macu- las contulit, quae ex oecumenici concilii liberalitate Terram sanctam petentibus proposita fuerant. 34 *
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— — 53 Eineuerung des Krieges mit Herzog Suantepole. Bedingungen ); und ſtatt des Herzogs von Oeſterreich zogen nun vom Papſte geſandt von neuem fromme Predigermoͤnche, unter andern Dominicus aus Aragonien ins Land herein, um den Ungläubigen das Licht des Evangeliums zu bringen ?). Vielleicht aber hatte ſchon die Leichtigkeit, mit welcher ihm die Ordensritter den Frieden wieder zugeſtanden, den Herzog Suantepolc bald von neuem ermuthigt und die nicht erfolgte Ankunft des Herzogs Friederich von Oeſterreich dieſen Muth verſtaͤrkt; denn er zeigte dem Orden nur gar zu bald, daß er keineswegs den alten Haß und die tiefe Feindſchaft, ſondern nur auf einige Zeit die offenen Waffen durch jenen Frieden hatte niederlegen wollen. Und da ſeine Anſicht von der Gefahr der Zeit und von der Bedrohung ſeines Landes noch durch nichts geaͤndert war, wie konnte ſeine Geſinnung und feine Stellung gegen den Orden eine andere ſeyn? 9. Wie er daher auch nur irgend vermochte und ſo oft er konnte war er fort und fort auf des Ordens Nachtheil, Schaden und Verderben bedacht, und ſelbſt die ſtille Feindſchaft im verſchloſ⸗ ſenen Buſen zu naͤhren, ertrug ſeine Seele nicht lange. Er griff bald ſelbſt wieder zu den offenen Waffen, zuerſt jedoch nicht unmittelbar gegen den Orden ſelbſt. Mit einem ſtarken Heere brach er ploͤtzlich in Cujavien ein. Herzog Caſimir, des Ordens Verbuͤndeter, war nicht im Stande, in ſolcher Schnelle mit der noͤthigen Kraft entgegen zu treten. Mit Brand und Plünderung ward das Land durch⸗ zogen und verheert, und eine große Schaar von Gefangenen 1) Dusburg c. 44: gratiam quaerens iterum a fralribus obtinuit et veius pax innocatur. Chron. Oliv. p. 30. Lucas David B. III. S. 83. 2) Raynald. an. 1244. Nr. 52. 3) Dusburg l. c. Wenn dieſer Chroniſt von einer „innata ma- litia“ des Herzogs ſpricht, fo war er als Ordensbruder allerdings wohl nicht im Stande, Suantepolc's Geſinnung politiſch zu beurtheilen. In dieſer Hinſicht bedarf der Herzog gewiß gar keiner Rechtfertigung. Rein politiſch betrachtet kann er wohl ſchwerlich mit Grund getadelt wer⸗ den.
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Erneuerung des Krieges mit Herzog Suantepole. 333 und eine bedeutende Beute waren der Lohn des Raubzuges, mit welchem der Herzog heimkehrte ). Da ſandte der Land⸗ meiſter eine Botſchaft an ihn, und ſprach es tadelnd als Ver⸗ letzung des angelobten Friedens aus, daß er den Verbuͤndeten des Ordens feindlich uͤberzogen habe, hinweiſend auf die Er⸗ mahnungen des Papſtes zu Friede und Ruhe. Suantepolc aber antwortete die trotzigen Worte: „Weder Papſt, noch Kaiſer oder irgend ein Menſch der Welt ſoll mich abhalten, meine Feinde zu verfolgen. Wollet ihr aber Friede mit mir, fo ſtellet mir vor allem den Sohn frei ?)!“ Darauf erſann der Herzog gegen den Orden einen neuen feindlichen Plan. Seit Jahren hatte der Krieg ſtets am mei⸗ ſten in der Naͤhe der Ordensburgen gewuͤthet und ſo das Land umher auch am ſchwerſten veroͤdet. Der beſtaͤndige Kampf hatte es nicht einmal geſtattet, weiter entfernte und größere Landesſtrecken anzubauen, denn meiſt waren von den Deut⸗ ſchen Einzoͤglingen nur vorerſt die näheren Umgebungen der ſchuͤtzenden Burgen zur Gewinnung der noͤthigſten Beduͤrfniſſe eingenommen und benutzt worden. Wie nun um Kulm, Thorn und Rheden, ſo waren ſeit dem Aufſtande der untern Lande auch die Gebiete um Elbing und Balga vielfach mit Brand und Verheerung heimgeſucht worden, alſo daß die Deutſchen Einſaſſen ſich in die Burgen hatten fluͤchten muͤſſen, die Um⸗ gebungen faſt nichts mehr zum Unterhalt der Burgbewohner darboten und alles, was zum Leben erforderlich war, aus Polen, Cujavien und Kulmerland auf dem Weichſel-Strome zugefuͤhrt werden mußte. Herzog Suantepolc kannte ohne Zweifel dieſe Lage der Dinge; er kannte auch uͤberhaupt die Wichtigkeit der Verbindung, welche die Weichſel zwiſchen den weſtlichen Gebieten des Ordens und jenen Burgen darbot. Wurde es ihm nun möglich, dieſe Verbindung zu hemmen 1) Dusburg c. 44. Ordens-Chron. S. 42, bei Matthaeus p. 722. Chron. Oliv. p. 30. 2) Dusburg l. c. Ordens-Chron. a. a. O. Lucas David B. III. S. 83.
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534 Erneuerung des Krieges mit Herzog Suantepolc. und ſomit jenen Burgen in den untern Landen die Zufuhr der Lebensmittel auf dieſem Strome abzuſchneiden, ſo ſchien der Orden in jenen Theilen des Landes dem völligen Verder⸗ ben unmöglich entgehen zu koͤnnen. Sollte dieſes Ziel aber erreicht werden, ſo mußte der Herzog ſuchen, den Weichſel-Strom wie vormals durch die Burg Zartowitz durch eine neue Burg zu beherrſchen. Und dieſer Gedanke lag ohne Zweifel in des Herzogs Seele, als er auf der Inſel Zantir, da wo ſich die Nogat und die Weich⸗ ſel vereinigen, eine Burg, Zantir von ihm genannt, befeſtigte und ſie mit kuͤhnen und muthigen Kriegsleuten beſetzte, welche alle Fahrzeuge der Ordensritter auf der Weichſel auffingen, auspluͤnderten und die Leute auf denſelben gefangen nahmen oder erſchlugen ). Weiter hinauf, nicht ferne von der Stadt Kulm, wo das Schwarzwaſſer in die Weichſel fließet, lag ſchon die alte Burg Schwez, welche Suantepolc jetzt gleich⸗ falls ſtaͤrker befeſtigte und mit zahlreicherer Kriegsmannſchaft belegte, um dort die Zufuhr aus den ſuͤdlichen befreundeten Nachbarlanden zu hindern 2). 1) Die Burg Zantir ſcheint allerdings jetzt erſt erbaut zu ſeyn, gleichſam als Erſatz fuͤr das verlorene Zartowitz. Fruͤher wird ihrer wenigſtens nicht erwaͤhnt, denn daß Hermann Balk auf der Burg Zantir geſtorben feyn ſoll, iſt von uns ſchon genuͤgend widerlegt. Aus Dusburg P. III. c. 44 und dem Chron. Oliv. p. 30, welche beide nur einfach ſagen: aedificavit castrum, iſt freilich kein triftiger Grund zur An⸗ nahme eines ganz neuen Aufbaues zu entnehmen, denn beide Chroniſten bedienen ſich dieſes Wortes nachher auch von Schwez, obgleich dieſes er- weislich nicht neu erbaut, ſondern nur ſtaͤrker befeſtigt wurde. Waͤre aber früher Zantir ſchon dageweſen, fo würde ſich in den Pommeriſchen Urkunden gewiß eine Spur davon finden. Daß die Burg den Namen von der Inſel erhielt, ſcheint aus der Urkunde bei Lucas David B. III. Anh. S. 22 hervorzugehen. Bei Dusburgs Epitomator heißt es: Post hec cito castrum Czantir ediſicavit in Ioco, ubi Wisla et Nogat confluunt. Schütz p. 22 nennt Zantir ebenfalls ein „neues Schloß.“ Vgl. Ordens⸗Chron. S. 42 bei Matthaeus p. 722. Lucas David B. III. S. 83. Uebrigens wurde ſchon 1243 die In: ſel Zantir zum Beſitzthum des Ordens gerechnet, denn ſie ſollte zur Pomeſaniſchen Dioͤceſe gehören. 2) Daß die Worte bei Dusburg P. III. c. 45; „ incepii ae-
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Des Papſtes Ermahnung an Herzog Suantepolc. 335 So begann das Jahr 1245 mit allerlei feindlichen Be⸗ gegnungen. Laͤngſt aber hatte man den Papſt von des Her⸗ zogs feindſeligen Geſinnungen und von ſeinen Befehdungen und Verheerungen des Landes unterrichtet. Innocenz war ſchwer erzuͤrnt. Die Gebiete, welche das Schwert Suante⸗ polc's wiederholt ſo ſchrecklich heimgeſucht, waren ja nach aus⸗ druͤcklicher Erklärung des paͤpſtlichen Stuhles das erbliche und ewige Beſitzthum der Römifchen Kirche und unter Schutz und Schirm des Apoſtels Petrus geſtellt ). Daher erging am erſten Februar dieſes Jahres an den Herzog ein ſehr ernſtes, orohendes Schreiben 2): „Du ſollteſt die Stärke deiner Macht, ſchrieb ihm der Papſt, am meiſten darin beweiſen, was Gotl wohlgefällig ift und dem Glauben Zuwachs bringt. Allein dein ganzes Streben, wir haben es mit Verwunderung ges hört, zielt auf das Gegentheil, indem Du nicht ohne ſchwere Schmaͤhung Deines Schoͤpfers ſeine Glaͤubigen und die ge⸗ liebten Soͤhne, die Bruͤder des Hoſpitals der heiligen Maria im Kulmerlande und in Preuſſen mit grauſamen Beſchwe⸗ rungen heimſucheſt und, was noch ſchrecklicher iſt, ſie mit den Heiden oftmals uͤberfaͤlſt. Es ſtaunen, die dieſen Ausbruch der Verwirrung hoͤren, zumal da es alles, was Tyrannei und Wildheit heißt, uͤbertrifft, mit Litthauern und Preuſſen dificare castrum aliud ex opposito civitalis nunc Culmensis, quod dicilur Sweza““ nicht von einem jetzt erſt geſchehenen neuen Aufbau dieſer Burg zu verſtehen ſind, iſt urkundlich zu beweiſen. Schon im Jahre 1198 wird in Schwez eine Kirche eingeweiht und eines Pa- latinus in Swecze erwaͤhnt; ſ. Dreger Nr. 32. p. 61. Dann kommt es auch ſchon in einer Urkunde des Herzogs Miſtwin im Jahre 1209 vor. Vgl. Lucas David B. III. S. 84, wo Hennig die Vermuthung aͤußert, daß Schwez ein uralter, von den Gothen angelegter Ort ſeyn koͤnne, wie ſchon Erasmus Stella p. 45 meinte. 1) Daher ſagt auch Raynald. an. 1245 Nr. 82: In eam te- meritalem infoelix princeps se conjeceral, ut — in bond Ee- elesine invaderct. 2) Die Zuſchrift lautet: Nobili vixo Swantopelco duci Pomc- raniae Spiritum consilii sanioris,
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536 Des Papſtes Ermahnung an Herzog Suantepolc. die Gemeine des Erlöfers anzufechten und gegen unſchuldige Pilgrime das Schwert des gottloſen Volkes aufzureizen und das Werk des Glaubens wieder niederzuſtuͤrzen, um welches ſeit langen Zeiten die Kirche ſo viel Sorge getragen und die Chriſtenheit unter vielen Blutvergießen fo vielfältige Mühen erduldet. Siehe zu, daß du dadurch nicht Gottes Zorn wider dich aufreizeſt und dem apoſtoliſchen Stuhle die Vermuthung darbieteſt, es gehe dir die Reinheit des Glaubens gaͤnzlich ab und es mache dir Freude, die Schluͤſſel der Kirche zu ver⸗ achten, wie offenbar ſchon daraus zu entnehmen iſt, daß du wegen Befehdung der Geiſtlichkeit, wegen vielfältiger Verwuͤ⸗ ſtung der Kirchen und wegen vieler Ausbruͤche ſchrecklicher Gottloſigkeit, wie verſichert wird, ſchon acht Jahre mit dem Kirchenbanne beladen ) dich nicht bemuͤheſt, zum Gebote der Kirche zuruͤckzukehren. Wir ermahnen dich daher beim Kreuze und Blute Chriſti, daß du ohne Verſaͤumniß in den Schooß der Kirche zuruͤckkommeſt, das Werk Chriſti, welches in Preuſſen aufge⸗ richtet wird, dir wirkſam empfohlen ſeyn laͤſſeſt, indem du den Or⸗ densbruͤdern und allen Glaͤubigen dich gefaͤllig und aus Achtung gegen uns guͤnſtig und foͤrderlich zeigeſt, damit du dadurch den Koͤ⸗ nig des Himmels dir geneigt machen und dem apoſtoliſchen Stuhl, der das Kulmerland und die gewonnenen Gebiete Preuſſens zum Eigenthume des Apoſtels Petrus angenommen hat, zu beſonderer Gunſt verbinden moͤgeſt. Widrigenfalls werden wir, da wir die Sache Gottes aufrechthalten muͤſſen und jeg⸗ lichem ſein Recht zu bewahren bemuͤht ſind, gegen dich bei fernerem Beharren in ſolchen Unthaten, was ferner ſey, in ſolcher Weiſe verfahren, daß du nothwendig empfinden wirſt, 1) Die Worte des Papſtes find: Jam per octo annos, ut as- seritur, excommunicatione ligatus redire ad mandatum Eccle- siae non curasti. In der Bulle bei Lucas David B. III. Anh. S. 10 heißt es ebenfalls: sicut dicitur excommunicatione ligatus jam per octo annos elaves contempsit ecclesic. Es bezieht ſich dieſes auf die Vorfälle im Jahre 1238. Bis dahin find freilich nur ſieben Jahre; allein die Worte: ut asseritur, sicut dicitur beweiſen, daß der Papſt hier nach muͤndlichen Mittheilungen ſchrieb und ſo leicht ein Jahr zu viel zäylen konnte. S. Lucas de bellis Swant. p. 17
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Einwirken des Papſtes auf den Krieg mit Suantepole. 537 wie tief die Kirche angegriffen iſt, wenn durch dich das Werk des Glaubens auf eine fo verdammungswuͤrdige Art geſtoͤrt wird ).“ An demſelbigen Tage erließ der Papſt auch ein Schrei⸗ ben an den Erzbiſchof von Gneſen und an deſſen Suffragane mit dem Auftrage, den Herzog Suantepolc und feinen Anhang, „den Feind Gottes und Verfolger des Glaubens,“ innerhalb vierzehn Tagen nach Empfang des Schreibens auf die wirk⸗ ſamſte Weiſe zu ermahnen, von ſeinem gottloſen Verfahren abzuſtehen; widrigenfalls ſofort den Bann gegen ihn und ſeine Anhänger auszusprechen, ſolchen in den einzelnen Staͤdten und Kirchenſprengeln am Sonntage bei Glodengeläute und bren⸗ nenden Lichtern oͤffentlich zu verkuͤndigen, darauf zu achten, daß aller Umgang und alle Gemeinſchaft mit den Gebannten vermieden werde und, wofern der Herzog dieſen Bann nicht achten und die Verfolgung der Ordensritter und der Glaͤubi⸗ gen nicht unterlaſſen würde, die Huͤlfe weltlicher Macht gegen ihn als Feind des Glaubens aufzurufen 2). Die Huͤlfe des weltlichen Armes ſollte der Erzbiſchof von Gneſen zunaͤchſt bei den Herzogen von Polen ſuchen. Darum erging vom Papſte auch an dieſe eine kraͤſtige und dringende Ermahnung, den Ordensbruͤdern in Preuſſen gegen die Preuſ⸗ ſen und die Feinde des Glaubens mit Rath und That beizu⸗ ſtehen, auf daß ſie mit Triumph uͤber das gottloſe Vorhaben der Widerſacher, die Gemeine Gottes aus dem Lande wieder zu vertreiben, obſiegen möchten >). 1) Raynald. an. 1245. Nr. 85 — 86. Das Datum dieſes Schreibens iſt: Lugdun. Cal. Februar. p. n. an. II (1. Februar 1245). 2) Das Original dieſer Bulle befindet ſich im geh. Arch. Schiebl. III. Nr. 19, gedruckt bei Lucas David. Anhang Nr. IV. S. 9, zum Theil bei Haynald. an. 1245. Nr. 88. 3) Unter andern heißt es in der Bulle: Sane per subsidium divine gratie jam grande ipsarum terrarum spalium est chri- stiano nomini subiugatum, quod sollicitudine vigili sub multis Dilectorum filiorum fratrum IIospitalis S. Mariae Theutoni- corum oporlel expensis el Iaboribus conservari. Maxime cum
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358 Einwirken des Papſtes auf den Krieg mit Suantepolc. Endlich richtete der Papſt auch ein ermunterndes Wort an den Meiſter und die Bruͤder des Ordens und an das Kreuzheer in Preuſſen. Nicht ohne tiefe Erſchuͤtterung des Herzens habe er vernommen, daß einige, die nur mit dem chriſt⸗ lichen Namen Chriſtum bekennten, mit dem wilden Volke der Litthauer und Preuſſen den Orden aufs grauſamſte zu unterdruͤcken und das mit ſeinem Blute erworbene Land der chriſtlichen Kirche wieder zu entreißen ſtrebten. Da ſolches gott- loſes Sinnen mit aller Kraft unterdruͤckt und der Verein des Ordens gegen alle Anfechtung aufrecht erhalten werden muͤſſe, fo fordere er fie auf, fo treuloſe Chriſten, Litthauer und Preuſ⸗ ſen, welche die Sache Gottes auf eine ſo verdammliche Weiſe verfolgten, mit dem weltlichen Arme darnieder zu druͤcken und mit wachſamer Sorgfalt ihren Uebermuth zu brechen ). — Um aber den Muth derer, welche dem Orden zu Huͤlfe kamen in ſeiner ſchweren Bedraͤngniß, auf jede Weiſe zu beleben, ertheilte der Papſt hundert Rittern aus Deutſchland, die mit ihren Knap⸗ pen und Beigehoͤrigen auf ſeine Aufforderung das Kreuz fuͤr die Ordensritter in Preuſſen genommen hatten, dieſelbigen Vor⸗ horrenda crudelitas partis opposite vires semper acuat, dei familiam quod absit deiciat et extinguat. Das Original der Bulle, datirt: Lugdun. Cal. Februar. p. n. an. II. (1. Febr. 1245) im geh. Arch. Schiebl III. Nr. 23, ſteht auch gedruckt bei Lucas de bellis Swantop. p. 53. 1) Vielleicht blieb dieſe Bulle auch nicht ohne Einfluß auf die theil⸗ weiſe harte Behandlung der unterworfenen Preuſſen in nachfolgender Zeit; denn ſtatt der fruͤheren Ermahnungen zur Milde und Schonung gegen die unterworfenen heißt es hier: Volumus et mandamus in remissionem vobis peccaminum iniungentes, quatinus huius- modi perfidos christianos, ac Letoinos et Prutenes dei cau- sam sic dampnabiliter persequentes brachio potenti deprimere et ipsorum infeingere cornua vigilanti sollicitudine studeatis. Das Original der Bulle, datirt: Lugdun. Calend. Februar. p. n. an. II. befindet ſich im geh. Arch. Schiebl. III. Nr. 21; gedruckt bei Lucas l. c. p. 52. Ein Transſumt vom Jahre 1335 in der Schiebl. XVII. Nr. 3.
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Einwirken des Papſtes auf den Krieg mit Suantepolc. 539 rechte und Gnaden verleihungen, wie denen, die mit dem Kreuze ins Morgenland zogen ). Aufs neue angeregt war diefer, thätige Eifer des Papſtes für die Glaubensſache in Preuſſen, vorzuͤglich auch durch die Berichte mehrer Ordensritter, welche ſich damals auf der von Innocenz ausgeſchriebenen großen Kirchenverſammlung zu Lyon eingefunden hatten; denn nicht bloß der Deutſche Or⸗ densritter Hugo befand ſich mit unter den Abgeſandten, welche der Kaiſer Friederich zur Vertheidigung ſeiner Sache dahin geſendet 2), ſondern bald nachher erhielt auch der Hochmeiſter Heinrich von Hohenlohe vom Kaiſer den ehrenvollen Auftrag mit dem Biſchofe von Freiſingen und dem Großrichter Peter von Vinea mit Zuziehung der früheren Geſandten auf der Kirchenverſammlung für feine Sache zu reden 3). Erſchienen dieſe vor dem Papſte auch allerdings als Sachwalter ſeines Gegners, des Kaiſers, ſo trennte Innnocenz doch, wie es 1) Das Original dieſer Bulle, datirt: Lugdun. Non. May P- n. an. II. (7. Mai 1245) im geheim. Archive Schiebl. II. Nr. 24. 2) Malespini Isloria Fiorent. ap. Muratori Script. rer. Ital. T. VIII. p. 965 nennt ausdrücklich auch „fratre Ugo della Magione di Santa Maria degli Alamanni. Sonſt iſt dieſer Hugo nicht genauer bekannt. 8 3) Petri de Fineis Episc. L. I. ep. 3. Pp. 103; der Kaiſer ſelbſt nennt unter feinen Geſandten auch „dilectum principem nostrum, fra- trem honerabilem, magistrum domus sanctae mariae Theutoni- corum.* Raumer B. IV. S. 168. Das Chron. Hirsaug. an. 1246. P. 579 erwähnt gleichfalls des Hochmeiſters unter den Sendboten, nennt ihn aber unrichtig Hermann, wie es auch ſtatt des Biſchofs von Frei⸗ ſingen den von Strasburg anfuͤhrt und die Sendung ins Jahr 1246 ſetzt. Das Chron. German. ap. Pistor. T. II. p. 823 nennt eben⸗ falls den Biſchof von Strasburg, den Hochmeiſter aber Hugo, ſ. p- 824, ihn mit jenem Ordensritter verwechſelnd. Während dieſer Zeit war in Deutſchland Statthalter des Hochmeiſters Dieterich von Gruͤnin⸗ gen und verhandelte mit dem Komthur von Marburg wegen Tilgung der Schulden, welche der Hochmeifter bei der Abdankung Gerhards von Malberg am Roͤmiſchen Hofe gemacht hatte, indem er ihm, wie erwähnt iſt, 400 Mark zur Tilgung feiner Schulden verliehen; ſ. Guden. Cod. diplom. T. IV. p. 881. De Wal Recherches T. II. p. 274.
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540 Einwirken des Papſtes auf den Krieg mit Suantepolc. ſcheint, das was den Orden und die durch ihn bewirkte Er⸗ weiterung der Kirche betraf, von dem, was ſeinen Zwiſt mit dem Kaiſer belangte. Wenigſtens handelte Innocenz in kei— ner Weiſe in dem Geiſte Gregorius des Neunten gegen den Deutſchen Orden, obgleich dieſer jetzt noch dieſelbige Stellung gegen den Papſt behauptete, wie in damaliger Zeit. Welche Wirkungen nun aber auf Herzog Suantepolc jene ernſten Ermahnungen des Papſtes und jene Bemuͤhungen des Erzbiſchofs von Gneſen gehabt haben moͤgen, hat die Geſchichte zwar nicht ausdruͤcklich aufbehalten; allein wir erſehen aus dem Verlaufe der Ereigniſſe, daß der Erfolg von keiner be- ſondern Bedeutung war. Zwar uͤbergab der Orden, vielleicht auf des Erzbiſchofs Anrath, um den Ausbruch eines foͤrmlichen Krieges zu verhindern, die Burg Zartowitz Suantepolcs Bru⸗ der Sambor unter Verzichtleiſtung auf ferneren Beſitz Y). Doch bei der feindlichen Geſinnung, die zwiſchen den Bruͤdern herrſchte, hatte dieſer Schritt auf des Herzogs Handlungsweiſe nicht den mindeſten Einfluß. Seinen Sohn hatte man vor der Uebergabe zur Sicherheit wiederum nach Kulm gebracht 2). Da nun der Herzog fortfuhr, nicht nur die Burg Schwez ſehr ſtark zu befeſtigen, ſondern auch im Laufe des Sommers bald die Schiffahrt auf der Weichſel durch feindliche Angriffe zu verhindern, bald auch in anderer Weiſe den Orden zu befeh- den, ſo ſandte der Landmeiſter Poppo von Oſterna Botſchaft an den Hochmeiſter und an den paͤpſtlichen Legaten, um beide von Suantepolcs fortdauernder kriegeriſcher Geſinnung und von dem drohenden Ausbruche eines neuen Kampfes zu uns terrichten ). Der Papſt nämlich war ſchon im Sommer 1) Dusburg P. III. c. 45 fagt: Die Burg ſey übergeben wor⸗ den Samborio io Svantopelci; auch der Epitomator, Jeroſchin P. III. c. 45 und Lucas David B. III. S. 84 nennen Sambor einen Sohn Suantepolc's. Allein Hennig zum Lucas David a. a. O. verbeſſerte den alten Fehler ſchon; das Chron. Oliv. p. 30 hat auch ganz richtig Samborio freiri suo. Kantzow B. 1. S. 240. 2) Ordens-Chron. S. 42. 3) Dusburg c. 45. Lucas David B. III. S. 84. Ordens⸗ Chron. S. 42.
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Einwirken des Papſtes auf den Krieg mit Suantepolc. 541 des Jahres 1245 durch den Hochmeiſter benachrichtigt worden, welche Gefahr den Ordenslanden in Preuſſen und der in ih⸗ nen aufgerichteten Kirche bevorſtehe, wenn nicht ſchnelle und bedeutende Huͤlfe durch den paͤpſtlichen Stuhl bewirkt werde ). Vor allem hatte Heinrich von Hohenlohe den Papſt erſucht, er moͤge auch ſolchen Rittern und Kriegern aus Deutſchland, die nur auf die Aufforderung der Ordensbruͤder, ohne durch eine oͤffentliche Kreuzpredigt bewogen zu ſeyn, zu ihrer Huͤlfe gegen das Volk der Preuſſen ausziehen wuͤrden unter dem Zeichen des Kreuzes, das naͤmliche Vorrecht wie den ins Mor⸗ genland Pilgernden zugeſtehen. Gerne willigte der Papſt ein und trug dem Erzbifchofe von Mainz auf, dieſe Zuſage aller Orten, wo er es fir gut finden möge, bekannt zu machen 2). Dann erließ er auch Befehle an die hohe Geiſtlichkeit ver⸗ ſchiedener Laͤnder, daß fuͤr das heilige Werk in Preuſſen und Livland von neuem das Kreuz gepredigt werden ſolle, ſie zu⸗ gleich ermahnend, daß, obgleich auch überall zur Huͤlfe des heiligen Landes das Wort des Kreuzes verkuͤndigt werde, doch der Eifer fuͤr die Sache Preuſſens und Livlands bei ihr nicht minder thaͤtig und lebendig ſeyn möge ?). Solches that der Papſt, um mit der Schaͤrfe des Schwer⸗ tes zu drohen und zu ſchrecken, und ſo ging der Kriegsruf des Kreuzes von neuem durch die Laͤnder. Zuvor aber wollte der Papſt auch noch einmal durch das Wort des Friedens zur 1) „Quod sit iu discrimine, nisi velox et grande preste- tur sibi subsidium providente sedis apostolice pietate.“ 2) Das Original dieſer Bulle, datirt: Lugdun. Idus Aug. p. n. an. III. (13. Aug. 1245) im geh. Arch. Schiebl. II. Nr. 27. 3) „Licet pro subsidio terre sancie predicari ubique man- daverimus verbum crucis, lamen nosire intentionis existit, ut pro Livonie ac Pruscie negotio in locis suis prout in aliis lit- teris nesiris apparet, crux nichilominus predicetur. Quocirca discretioni vestre per apostolica scripta mandamus, quatinus cum utrumque sit necessarium, utrique siudiose ac efſicaciter verbo et opere insistatis. Das Original dieſer Bulle im geh. Arch. Schiebl. III. Nr. 28.
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542 Einwirken des Papſtes auf den Krieg mit Suantepolc. Verſoͤhnung ermahnen. Er ſandte im October des Jahres 1245 den frommen Abt des Kloſters Mezano als Legaten nach Preuſſen mit dem Auftrage, die ſtreitigen Verhaͤltniſſe beider Theile, uͤber welche Innocenz bei den ſo ſehr verſchie⸗ denartigen Berichten nicht zur Klarheit kommen konnte Y), mit aller Sorgfalt zu unterſuchen und dann mit Umſicht und Klugheit „wie ein Friedensengel 2)“ mit dem Worte der Verſoͤhnung und des Friedens zwiſchen die Streitenden zu treten; ihm ſelbſt aber, ſofern er den Zwiſt nicht zu vermit⸗ teln vermoͤge, uͤber alle Streitpunkte den treuſten Bericht zu erſtatten, und den ſtreitenden Theilen eine beſtimmte Friſt vorzuſchreiben, binnen welcher ſie durch ihre Sachwalter vor dem paͤpſtlichen Stuhle erſcheinen ſollten, um dort die Ent⸗ ſcheidung zu erhalten 2). Dieſer Legat war es, dem noch auf der Hinreiſe nach Preuſſen begriffen der Landmeiſter Poppo von Oſterna durch eine Botſchaft Nachricht von Suantepolcs fortdauernden Feindſeligkeiten geben ließ. Da der Abt aber vorausſah, daß ſeinem mahnenden Worte bei dem Herzoge nur das ſchreckende Schwert den noͤthigen Nachdruck werde geben koͤnnen, ſo predigte er nicht bloß ſelbſt das Kreuz in allen Gegenden, die er durchzog, ſondern er ließ es nach des Papſtes Befehl auch uͤberall in Deutſchland, Boͤhmen, Maͤh⸗ ren und Polen durch andere verkuͤndigen )). Mittlerweile beſchloß Poppo von Oſterna ans Werk zu greifen; er hatte dem Herzoge tief genug in die Seele ge⸗ ſehen, als daß er nicht klar haͤtte erkennen ſollen, mit Unter⸗ 1) Der Papſt geſteht dieſes ſelbſt; er ſagt: nec super hiis, que pro utralibet partium fuere proposita coram nobis plene scire potuerimus veritatem. 2) „Tanquam pacis angelus.“ 3) Das Original diefer Bulle, datirt: Lugdun. II Idus Octobr. P. n. an. III. (14. Octob. 1245) im geh. Arch. Schiebl. III. Nr. 29; abgedruckt im Lucas David B. III. Beil. Nr. V. S. 11; auch im Naynald. an. 1245. Nr. 90. 4) Dusburg P. III. c. 43. Lucas David B. III. S. 85 und 87. Ordens ⸗Chron. S. 42, bei Matthaeus p. 723.
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Die Burg Schwer. 545 handlungen und Friedensbedingungen ſey immer nur eine ein- zelne ruhige Friſt, aber nie ein feſter Friede zu gewinnen ;auch lag es nur zu hell am Tage, daß mit des Ordens ruhiger Nachſicht des Herzogs kecker Muth immer höher und höher ſteige. Darum ermaß der Landmeiſter die Streitkraft, welche ihm bereits zu Gebote ſtand; und die Kreuzfahrer, die jetzt ſchon im Lande lagen, die Ordensritter aus den Burgen des Kulmerlandes mit ihren Kriegsleuten und eine Huͤlfs⸗ ſchaar aus Cujavien bildeten ein hinlaͤngliches Heer, um der Macht des Herzogs entgegen zu treten n). Die Burg Schwez zu gewinnen oder doch deren Befeſtigung zu hindern, war des Landmeiſters naͤchſtes Ziel. Daher theilte Poppo feine Kriegsmacht. Die Ordensritter aus Kulm mit ihrer reiſi⸗ gen Mannſchaft mußten zu Schiff die Weichſer hinabfahren, waͤhrend er ſelbſt die Ritter aus Thorn mit ihren Kriegsleu⸗ ten und mit dem Heerhaufen des Herzogs von Cujavien, mei⸗ ſtens berittenen Kriegern ), längs dem linken Weichſel-Ufer gegen Schwez hinabfuͤhrte, um den Herzog Suantepolc, wel⸗ cher damals ſelbſt zu Schwez lag, von zwei Seiten zugleich anzugreifen. Doch als dieſer die Fahrzeuge mit bewaffneter Macht herankommen ſah, ließ er in Eile die Bruͤcke brechen, welche den Zugang zur Burg moͤglich machte und waͤhrend die feindliche Mannſchaft am Ufer landete, zog er ſchnell da⸗ 1) Wir koͤnnen dem Lucas David B. III. S. 85 hier keinen vollen Glauben ſchenken, wenn er uns erzaͤhlt, daß ſchon jetzt in Wir⸗ kung der Kreuzpredigten des paͤpſtlichen Legaten 7000 Mann in Preuſſen angekommen und darunter ein Herr v. Stramborg, ein Herr v. Tuſis, ein Herr v. Weſterborg und ein Herr v. Meldingen geweſen ſeyen, denn dieſe Nachricht iſt woͤrtlich aus Simon Grunau Tr. VIII. g. 4. f. 1 entnommen und hat ganz den Charakter der Grunauiſchen Berichte. Weder Dusburg, noch die Ordens ⸗Chronik, noch das Chron. Oliv. oder irgend eine andere bewaͤhrte Quelle wiſſen etwas hievon. Auch kann nach Dusburgs Darſtellung die Macht des Ordens bei weitem nicht ſo groß geweſen feyn. Nach ihm kommen auch die vom Legaten aufgerufenen Kreuzbruͤder erſt ſpaͤter an; cf. cap. 54. 2) Dusburg c. 45. Der Epitomator ſagt: Magister fratribus praecepit de Thorun, ut parati equestres venirent.
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344 Die Burg Schwer. von, unfern auf einer Anhoͤhe ſich lagernd, von welcher aus die Bewegungen des Feindes uͤberſehen werden konnten. Und da er bemerkte, daß die reiſige Mannſchaft, welche der Meiſter zu Lande gefuͤhrt, ſich mit den Kulmern wegen der Tiefe des zwiſchen ihnen befindlichen Fluſſes Bda n nicht vereinigen konnte, fo kehrte er mit neuem Muthe zuruͤck, um den getheil⸗ ten Feind aufzureiben. Die Bda trennte ihn noch von des Landmeiſters Heerhaufen, den er eifrigſt beſchaͤftigt ſah, um einen Sturm auf die Burg zu wagen. Da eilte der Herzog, die abgebrochene Bruͤcke aus den bereit liegenden Bauwerken ſchnell wieder herzuſtellen und die Beſatzung der Burg mit dreihundert Mann zu verſtaͤrken. Dann zog er ſelbſt mit dem uͤbrigen Theile ſeines Heeres wieder zuruͤck. Nun begannen zwar der Landmeiſter und Herzog Caſimir einen heftigen An⸗ griff auf die Burg, allein ſie fanden bei der zahlreichen Be⸗ ſatzung den tapferſten Widerſtand; von beiden Theilen wur⸗ den viele getoͤdtet, viele ſchwer verwundet, und doch erſetzte den Ordensrittern den bedeutenden Verluſt kein guͤnſtiger Er⸗ folg, denn die Befeſtigung der Burg war ſchon viel zu weit vollendet, als daß die ſtarren Mauern hätten erftürmt, werden koͤnnen. Da zog der Landmeiſter wieder uͤber die Weichſel zuruͤck, und der Herzog begab ſich von neuem auf die Burg, um ihre Befeſtigung noch weiter ſortzuſetzen ?). 1) Vgl. Hennebergers Landtafel und Erklärungen derſelben von Seen und Fluͤſſen S. 9. 2) Dusburg P. III. c. 45 und nach ihm Lucas David B. III. S. 86. Schütz p. 23; nach deſſen Bericht blieb der Herzog in der Burg und leitete die Vertheidigung gegen den Landmeiſter. Daß dieſer am linken Ufer der Weichſel, am Fluſſe Bda ſtand, ſagt Dus⸗ burgs Epitomator und Jeroſchin c. 45, fo daß es ſcheint, der bei Dusburg 1. c. ausgelaſſene Name des Fluſſes habe urſpruͤnglich im Texte geſtanden. Die uͤbrigen Quellen ſtimmen damit uͤberein; Ordens⸗ Chron. S. 42, bei Matthaeus p. 723; Kantzow B. I. S. 242 fagt: Der Landmeiſter ſey mit „vielen Schiffen“ gegen Schwez hinab: gefahren; nicht glaublich! Daß dieſe Begebenheit in den Preuſſ. Samml. B. II. S. 206 in das Jahr 1246 geſetzt wird, iſt unrichtig. Vgl. Lucas de bellis Suant. p. 37 — 38.
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Befeſtigung Kulms. 545 Es konnte aber dem Blicke des Landmeiſters in des Herzogs Plane wohl ſchwerlich entgehen, daß dieſe außeror⸗ dentliche Befeſtigung der Burg Schwez ohne Zweifel auch noch auf ganz andere Zwecke hindeutete. Die Schmach vor Kulm hatte Suantepolc noch keineswegs vergeſſen und der Wunſch nach raͤchender Vergeltung an den Buͤrgern der Stadt war gewiß noch wach und lebendig in ſeiner erbitter⸗ ten Seele. Die nahe Burg Schwez aber ſchien der Punkt zu ſeyn, von welchem aus nach des Herzogs Plan Kulm die Rache erfahren ſollte. Poppo von Oſterna, klug und umſich⸗ tig, erkannte bald, was der Feind erſtrebte und mit Vorſicht und Sorgfalt dachte er auf Mittel, die feindlichen Plane im voraus zu vereiteln ): An der Abendſeite iſt Kulm von als ter Zeit her durch die Natur ſo ſtark geſchuͤtzt, ein bedeutender, faſt ſchroffer Abhang, der in das Weichſel-Thal hinablaͤuft, bildet dort eine fo treffliche Vertheidigungsmauer, daß es ſchon in alten Tagen faſt unnuͤtz geſchienen hat, durch menſch⸗ liche Kunſt die Feſtigkeit noch zu verſtaͤrken. Die auf andern Seiten der Stadt tief gezogenen Graben und hochgeſchuͤtteten Waͤlle hoͤren hier gaͤnzlich auf, und der ſchuͤtzenden Wehr⸗ thuͤrme, ſonſt uͤberall in ſo großer Zahl vorhanden, zaͤhlt man hier nur vier. Gen Morgen liegt gleichfalls ein ziemlich hoher Abhang, ſo daß auch hier der natuͤrlichen Befeſtigung die menſch⸗ liche Hand nicht viel zu Huͤlfe kommen durfte und Wall und Graben nicht noͤthig ſchienen: zudem ſchuͤtzten die Mauer auf dieſer Seite elf ſtarke Wehrthuͤrme. Anders aber gegen Mit⸗ tag hin. Dort iſt zwar jetzt das Land durch ſtarke Waſſer⸗ ſtroͤmungen ſehr zerriſſen; aber von jeher ſcheint die Stadt nach dieſer Seite hin der meiſten Befeſtigung durch Graben, Waͤlle und Wehrthuͤrme bedurft zu haben; der letzteren trug die Mauer zehn, und Wall und Graben waren hier theilweiſe doppelt aufgeworfen. Von dieſer Befeſtigung aus ſuͤdwaͤrts hin breitet ſich zuerſt eine Niederung oder ein ziemlich weites Thal aus; dann erhebt ſich eine Anhoͤhe, die durch Waſſer⸗ 1) Dusburg P. III. c. 46. II 35
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546 Suantepolc's Zug gegen Elbing. ſtroͤmungen ſehr zerriſſen von Oſten nach Weſten zieht und jenſeits hinüber läuft ſofort flaches und ebenes Land bis über Althaus hinaus. Hier war es, wo ein Feind der Stadt am meiſten Gefahr bringen, die Zufuhr hindern und die Verbin: dung mit Thorn und Rheden unterbrechen konnte. Schon deshalb und vielleicht auch darum, weil Herzog Suantepolc erſt im verfloſſenen Jahre von hieraus die Stadt am meiſten bedraͤngt hatte, ließ der Landmeiſter zwiſchen Kulm und Alt⸗ haus auf einer Berganhoͤhe, die man den Potterberg nannte, eine alte Befeſligung benutzend eine neue Wehrburg erbauen Y, die mit dem Berge gleiches Namens von zwoͤlf Ordensrittern und vierzig andern Kriegsleuten beſetzt wurde. So ward durch Poppo's Vorſicht verhindert, daß Suantepolc hier je wieder Kulm gegenüber feſten Fuß faſſen konnte 2). Waͤhrend aber in ſolcher Weiſe des Landmeiſters Thaͤtig⸗ keit faſt ausſchließlich nur auf die Sicherheit des Kulmerlan⸗ des gerichtet war, erfuhren die Ordensburgen in den untern Landen, vor allem Elbing und Balga alle gefuͤrchteten Fol⸗ gen der Sperrung der Zufuhr auf dem Weichſel-Strome. 1) Der Name lautet verſchieden. Deus bung P. III. c. 46 und 208 hat Potterberg und eben fo Schärz p. 23. Der Epitomator Dusburgs ſchreibt Pulirberg und Bultirberg, Jeroſchin Puttir- berg. Könnte man ouf die früher verſuchte Ableitung von podas, im Litthauiſchen ein Topf, eine Urne, etwas bauen, fo müßte der Berg ein alter Begraͤbnißplatz geweſen ſeyn. Kantzow B. I. S. 242. Lu⸗ cas David B. III. S. 88 bemerkt, daß auch noch zu ſeiner Zeit der Berg der Putterberg genannt worden ſey. 2) Dusburg c. 46 ſagt: Haec aediſicatio facta fuit, ne Suan- tepolcus dieltum montem aedificiis oceuparei. Demnach müßte der Herzog diefen Gedanken gehabt, oder der Landmeiſter wenigſtens vor⸗ ausgeſetzt haben, jener werde ſich hier eine feſte Wehrburg errichten wollen. Lucas David a. a. O. ſagt dieſes ausdruͤcklich. Es wird aber auch dadurch noch um fo wahrſcheinlicher, da Suantepolc nicht bloß im Beſitze der alten Burg Pin am rechten Ufer der Weich ſel war, ſondern ſogar in der Nähe von Kulm mehre Dörfer beſetzt hielt, wodurch Kulm ſelbſt ſehr gefährdet war. Ohne Zweifel hatte die neue Wehrburg zugleich auch den Zweck, die Stadt gegen dieſe Gefahr ſicher zu ſtellen.
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Alt⸗Chriſtburg. 347 Ueberall gebrach es an den noͤthigſten Lebensmitteln und man mußte auf Streifzuͤgen in den nahen Gebieten unter Gefahr und Blutvergießen Alles zuſammenrauben, um nur die drin⸗ gendſten Beduͤrfniſſe zu befriedigen. Auf die Vernichtung die⸗ ſer Burgen aber hatte Herzog Suantepolc ſeinen ganzen Plan geſtellt und er ſchien feinem Ziele hier immer naher und naͤ⸗ her zu kommen. Um ſo mehr wandte er nun auch hieher ſeine meiſte Kraft. Einſt durch Kundſchafter benachrichtigt, daß die Ordensritter aus Elbing und die Buͤrger der Stadt in einen Heerhaufen vereinigt, durch Hunger getrieben, einen Zug tief ins Land gewagt und die Stadt ohne Vertheidiger gelaſſen, erſchien er plotzlich mit einer Schaar vor ihren Mau⸗ ern, der gewiſſen Hoffnung, ſie ohne Muͤhe gewinnen zu koͤn⸗ nen. Allein er ſah die Zinnen rings mit Kriegern beſetzt, die jeden Angriff mit maͤnnlicher Tapferkeit zuruͤckwieſen. Es waren die Frauen von Elbing, die nach dem Beiſpiele der Heldinnen von Kulm den Harniſch ihrer Maͤnner angethan und zur Vertheidigung der Stadt die Waffen ergriffen hatten. Da zog der Herzog, meinend, die Ritter und Buͤrger ſeyen wieder heimgekehrt, in ſein Land zuruͤck. Aber es ruͤhmt es der Chroniſt, daß ſolche Thaten weiblicher Kuͤhnheit und weib⸗ lichen Muthes nicht ſelten in der Geſchichte des Landes ge⸗ weſen ). Um indeß auch ſolche Zuͤge der Ordensritter in des Lan⸗ des innere Gebiete zu erſchweren und die Bewohner der Burg und Stadt Elbing immer mehr nur auf die naͤchſte Umge⸗ bung zu beſchraͤnken, ſchritt jetzt der Herzog mit feinem ver⸗ derblichen Plane weiter vor. Von Elbing ſuͤdwaͤrts hinauf traf man in der Gegend, wo nun Alt-Chriſtburg liegt und ſpaͤter noch ein alter Burgwall den Ort bezeichnete 2), auf 1) „Nec credas, hoc solum hic factum, sed pluries in aliis locis, ubi in absentia virorum munitiones fuissent periclitatae, si non reslitisset audacia mulierum““ fagt Dusburg c. 47. £u: cas David B. III. S. 87 — 88. 2) Dusburg P. III. c. 57 nennt es ein castrum Pomezanorum, 35 *
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548 Alt⸗Chriſtburg. eine ziemlich bedeutende Anhoͤhe. Es war jener Berg Gre⸗ woſe, in deſſen Namen wir ſchon fruͤher den Wohnſitz eines Landes⸗Griwen angedeutet vermutheten, welcher einft dort im heiligen Walde der Landſchaft Recht und Gericht geſprochen und im heiligen Haine des Gottesdienſtes gewartet haben mochte. Es waren zehn Jahre vorüber, ſeitdem in dieſer Ge⸗ gend Herzog Suantepolc, damals mit den Ordensrittern ver⸗ eint, die wichtige Schlacht an der Sirgune gegen die Pome⸗ ſanier geſchlagen hatte. Wie nun im Barterlande an dem heiligen Walde zu Wallewona eine Ritterburg zur Abwehr und Vertilgung des heidniſchen Goͤtterdienſtes errichtet ward, ſo war auch hier bald nach dem Gewinne des Landes auf jener Berghoͤhe eine Burg erbaut worden, wahrſcheinlich auch hier um die Diener des alten Heidenthums vom Beſuche des heiligen Waldes abzuwehren. Wenigſtens prangte ſchon im Jahre 1239 auf jener Hoͤhe eine Burg, die damals Kirsburg hieß ). Herzog Suantepolc fand dieſe Burg ſehr paſſend ge⸗ legen, um von da aus die Streifzuͤge der Ordensritter in El⸗ bing zu verhindern, raffte ſchnell einen neuen Heerhaufen von Preuſſen zuſammen, befeſtigte und bemannte den Ort mit ei⸗ ner bedeutenden Zahl von Kriegsleuten, die bei jedem Aus⸗ zuge der Elbinger dieſe überfallen oder die Stadt in Gefahr quod situm tunc fuit in loco, qui nunc dicitur Christburg antiquum. Noch etwas genauer ſagt Jeroſchin c. 57 Eyne Burg die was geſat Zu Pomezenen da noch ſtat Das burgwal offenlich irkant Und alde Criſtburg genant. 1) Die Behauptung, daß die Burg Kirsburg (Chriſtburg) weit früher vorhanden geweſen jey, als man nach Lucas David B. III. S. 87 gemeinhin annimmt, flüst ſich auf eine urkunde vom Jahre 1239 in dem Buche: Privileg. Marien werd. p. 22 im geh. Archiv, in welchem dem ſchon früher erwähnten Dieterich von Tiefenau verliehen werden XXII mansi Namingiales apud viam, qua itur de Insula sancle Marie in Kirsburg a sinistris prope staguum, quod Wurkus vocatur.
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Kiiegsfehden auf dem Weichſel-Strome. 549 ſetzen konnten ). So ging auch hier Suantepolc feinem Ziele naͤher und ſeine Hoffnung, die Burg und Stadt Elbing durch Hunger und Noth in ſeine Gewalt zu bringen, ſchien faſt ſchon erfuͤllt. Das vernahm der Landmeiſter und beſchloß, den Seinen zu Elbing in ihrer harten Bedraͤngniß unter jeglichem Opfer Huͤlfe und Beiſtand zuzubringen. Drei Laſtſchiffe ließ er reichlich mit Lebensmitteln beladen und mit ſtarker Kriegs⸗ mannſchaft beſetzen; den tapferen und kuͤhnen Ordensritter Conrad Bremer ſtellte er dieſer als Hauptmann an die Spitze, mit dem Auftrage, die Fahrzeuge nach Elbing zu fuͤhren. Als dieſe ſich aber der Burg Zantir naͤherten, lauerte auf ſie der Herzog ſchon mit zahlreicher Maunſchaſt auf nicht weniger als zwanzig Schiffen. Bald vernahm die Ordensſchaar die Groͤße der Gefahr; aber keiner war unerſchrockener, als der entſchloſſene Ritter. Mehr auf Gott vertrauend, als die un⸗ gleiche Kraft erwaͤgend, ſprach er den Seinigen Muth ein, gebot den Ruderern, mit moͤglichſter Anſtrengung die Schiffe in ſchnellſten Lauf zu bringen und fuhr ſo mitten in die Reihe der feindlichen Schiffe hinein. Da begann ein maͤnn⸗ licher Kampf. Viele von des Herzogs leichteren Fahrzeugen wurden von den ſchwereren Schiffen der Ordensritter unterge⸗ ſenkt, andere zerſchellt und ſo beſchaͤdigt, daß ein bedeutender Theil des feindlichen Schiffsvolkes in den Wellen unterging ?). Ein feindlicher Haufen aber war am Ufer aufgeſtellt und, da er die Schiffe der Ordensritter naͤher kommen ſah, flog ein Steinregen auf dieſe ein, ſo daß dem Ritter Conrad Bremer 1) Lucas David B. III. S. 87. 2) Dusburg P. III. c. 49 iſt hier wieder nicht ganz vollſtaͤndig. Vom Ertrinken des Schiffsvolkes erwähnt der gewöhnliche Text nichts. Der Epitomator aber ſagt ſchon: ubi piscati sunt plures Poloni, und Jeroſchin P. III. c. 49 uͤberſetzt: Da ſach man viſchen uf den Grunt Vil manchin Polen in der Stunt. Auch Lucas David B. III. S. 90 führt dieſen Umſtand an; er ſagt: „das volck faſt alles in der Weichſel vortarb.“
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550 Kriegsfehden auf dem Weichſel-Strome. ein Zahn aus dem Munde geworfen und mehre andere Krie⸗ ger verwundet wurden. Doch das Ziel ward erreicht; die Schiffe langten in Elbing an und erfreuten die tapferen Be⸗ wohner mit den zugebrachten Gaben . Nicht minder groß war die Gefahr auf der Ruͤckkehr der Schiffe. Der Komthur von Elbing bemannte ſie mit ſeinen eigenen Kriegsleuten 2) und gab dieſen den tapferen Ordens⸗ ritter Friederich von Wida, einen nahen Verwandten des vor⸗ maligen Landmeiſters, zum Hauptmanne. Bis an die Burg Schwez hinauf war die Fahrt gluͤcklich. Dort aber griff fie Suantepolc mit einer zahlreichen Schaar auf zehn Schiffen an, und es kam abermals zu einem heftigen Kampfe. Mitten im Streite gerieth das Schiff, auf welchem ſich Friederich von Wida befand, dem des Hauptmanns des Herzogs ſo nahe, daß dieſer dem Ritter mit einer Lanze die Backe durch⸗ ſtach, worauf Friederich den Gegner zu Boden ſtreckte. Ein anderes von den Ordensſchiffen lief im Getuͤmmel des Ge⸗ fechtes auf eine Sandbank; die Mannſchaft ſchien verloren, da die feindlichen Fahrzeuge es ſchnell umzingelten und zwei von den Ordensrittern waren ſchon erſchlagen, als der ritter⸗ liche Held Friederich von Wida, obwohl ſchwer verwundet, mit ſeinem Schiffe herbeiſteuernd die Feinde auseinander forengte und die noch Übrige Mannſchaft des geſtrandeten Schiffes in das ſeinige aufnahm. So entkam er nach Kulm; fuͤnf von ſeinen Kriegsleuten waren im Gefechte geblieben; der Verluſt des Feindes aber flieg auf zwanzig Mann >). 1) Dusburg I. c. Lucas David a. a. O. 2) Dusburg c. 50 ſagt hier: naves cum suis initiis Temise- runt. Der Text iſt offenbar verdorben; es muß ſtatt initiis heißen militibus. Doch koͤnnte aus den hier etwas unleſerlichen Codd. auch geleſen werden nunciis, denn fo ſcheint auch Jeroſchin geleſen zu haben. 3) Dasburg l. c. Lucas David B. III. S. 92 — 93. Be zeichnend iſt es für Simon Grunau, wie dieſer Tr. VIII. c. 5. g. 2 die Sache verwirrt und verdreht. Dem Conrad Bremer wird der Kopf mitten durchgehauen und ein Ordensritter Bongolffo von Schle⸗
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Neues Glück der Ordensritter. 551 Waren auch dieſe Ereigniſſe an ſich wohl nicht von gro⸗ ßer Wichtigkeit, fo ſtaͤrkten fie doch den Muth, erfüllten das Herz mit feſterem Vertrauen und trieben zu neuen kuͤhnen Thaten. So geſchah, daß ein reicher Bewohner aus Kra⸗ kau, vielleicht von Deutſchem Blute, der die Noth der Or⸗ densritter erfuhr, drei große Schiffe mit Wein, Meth und Schlachtvieh belud und die Weichſel hinab nach Thorn fahren ließ. Er ſelbſt folgte bald nach und feine Belohnung ſoll die gewuͤnſchte Aufnahme in den Orden geweſen ſeyn 9). Bald aber erkannte der Landmeiſter, daß es nothwendig und fuͤr des Landes Sicherheit weit heilſamer ſey, den Her⸗ zog in ſeinem eigenen Lande anzugreifen, dorthin ſeine ganze Kraft zu ziehen und ſo am leichteſten den Quell alles Un⸗ gluͤcks zu verſtopfen. Waͤhrend demnach Kundſchafter aus⸗ ſpaͤhen mußten, wo ſich der Herzog zur Zeit befinde, führte Poppo einen Heerhaufen, verſtaͤrkt durch eine Huͤlfsſchaar des Herzogs Caſimir von Cujavien, gegen die Burg Wiſſegrod und ſchlug ein Lager, um fie zu erflürmen 2. Dort ward dorf (2) bekommt den Backenſtich; dafuͤr ſticht dieſer den andern Ritter durch den Bauch. Sehr anſchaulich! auch wahr? 1) Dusburg c. 51 nennt ihn bloß nobilis vir de Cracovia, und Lucas David B. III. S. 93 einen reichen Edelmann, der bei Krakau war geſeſſen. Schütz p. 23 fagt geradezu: es ſeyen „etliche von Krakau gutes deutſches Adels“ geéweſen, die gewuͤnſcht haͤtten, in den Orden aufgenommen zu werden. Es iſt alſo keineswegs zu bewei⸗ fen, daß es ein Polniſcher Edelmann war, wie Baczko B. I. S. 219 und Kotzebue B. I. S. 185 behaupten, und noch weniger iſt hieraus zu folgern, daß auch jetzt ſchon Nichtdeutſche in den Orden aufgenommen worden ſeyen, wie Harzknoch ad Dusburg p. 152 und A. und N. Preuſſ. S. 261 annimmt. Den Namen Johann Sandomirski oder Szandemjeski geben ihm nur neuere Chroniſten. Nach Henneberger Landtaf. S. 42 ſoll aus feinem Namen Johann — Jan, Jabn und feiner Ordensbenennung Bruder — brat im Polniſchen, die Burg Bratean oder nachmals Bretchen den Namen erhalten haben. Fabelei! Der Name Bratean iſt offenbar Preuſſiſch. 2) Der Name der Burg ift bei Dus burg P. III. c. 52 verdorben Wischerot. Der Epitomator und Jeroſchin haben richtig Wisse grod oder Wyschegrod; der cod. Berolin. Wysscheroth. Es
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552 Neues Gluͤck der Ordensritter. er aber benachrichtigt, der Herzog ſey auf die Kunde, daß ein bedeutendes Kreuzheer den Rittern zu Huͤlfe im Anzuge ſey, mit einer ſtarken Heeresmacht nach Schwez gezogen und wende Alles auf zu deſſen Befeſtigung. Er beſchloß, ihn dort anzugreifen und brach von Wiſſegrod auf. In naͤchtli⸗ cher Weile in der Naͤhe der Burg anlangend legte er ſein Heer in Hinterhalt und ſandte am Morgen zehn Reiter aus Kulm gegen die Burg hinan, den Feind auf jede Weiſe zu necken und zu reizen. Da laͤßt ihnen der Herzog eine Rotte von zwanzig Mann entgegen ziehen, und als einer aus dieſer Zahl erſchlagen wird und die Uebrigen die Kulmiſchen Reiter in die Flucht treiben und verfolgen, gewahren ſie ploͤtz⸗ lich die Heerfahne der Ordensritter und eilen mit Furcht und Schrecken zum Herzog zuruͤck. Ihr Kriegsgeſchrei ſetzt hier Alles in Angſt und Entſetzen, weil keiner dieſe Naͤhe des Feindes geahnet; Alles ſucht ſich zu retten vor dem heranſtuͤr⸗ menden Schwerte. Es war dem Herzoge nicht moͤglich, die Krieger zu ſammeln und ſchnell zur Schlacht zu ſtellen; ein Theil ſtuͤrzt nach der Burg hin und findet Schutz hinter den Mauern; ein anderer Haufe wird von dem Feinde gegen den Strom getrieben und findet ſeinen Untergang in den Wellen; eine bedeutende Zahl erreicht auch das feindliche Schwert, und ſo geſchah es in dem Verlaufe einer Stunde, daß des Her⸗ zogs Streitmacht um funfzehnhundert Krieger vermindert ward. Groß war die Freude des Ordensheeres und mit jauchzendem Siegesgeſange kehrten die Ritter in ihr Land zuruͤck . Nicht wenig erhoͤht ward dieſe Freude bald darauf auch durch die Ankunft eines bedeutenden Kreuzheeres. Unermuͤ⸗ det im Eifer hatte der paͤpſtliche Legat ſammt den von ihm iſt dieſelbige Burg Wiſſegrod in Pomerellen, von welcher ſchon früher die Rede war. 1) Dusburg P. III. c. 32. Lucas David B. III. S. 94. Jeroſchin P. III. c. 52 hat der Todten nur 1050 Mann; dagegen giebt die Ordens⸗Chron. S. 42 und bei Matthaeus p. 723 ebenfalls 1500 an. Schütz p. 23.
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Neue Kreuzfahrer. 553 beauftragten Geiſtlichen in Deutſchland und mehren andern Reichen im Herbſt des Jahres 1245 fuͤr Preuſſen das Wort des Kreuzes verkuͤndigt. Ohne Zweifel wuͤrde im Deutſchen Reiche die Theilnahme an der Sache des Ordens zugleich als Sache des Glaubens noch groͤßer geweſen ſeyn, haͤtte der Deutſche Ordensritter die hohe Geiſtlichkeit mehr zu Goͤnnern und Freunden gehabt und waͤre nicht damals zugleich fuͤr drei verſchiedene Zwecke, gegen das Haus der Hohenſtaufen, gegen den Glaubensfeind im heiligen Lande und gegen den Herzog Suantepolc und die Unglaͤubigen in Preuſſen und Livland die Kreuzpredigt ausgerufen worden ). Zudem war alles im Deutſchen Reiche im groͤßten Zerwuͤrfniſſe: Kaiſer Friederich war vom Papſte Innocenz für abgeſetzt erklaͤrt; es war eine neue Koͤnigswahl im Schwange; die geiſtlichen Fuͤrſten hin⸗ gen hiehin, die weltlichen dorthin 2); keiner kannte noch den Ausgang; daher war kein Deutſcher Fuͤrſt zu bewegen, ſich ſelbſt an die Spitze eines Kreuzheeres zu ſtellen. Doch ent⸗ ſchied ſich ſuͤr den Heereszug nach Preuſſen eine anſehnliche Zahl Deutſcher Ritter und edler Herren. Die bedeutendſte Huͤlfe aber, eine Schaar der auserleſenſten und geuͤbteſten Krieger ſandte der edle Herzog Friederich der Streitbare von Oeſterreich ). Wie man fagt, loͤſete hiemit der Fuͤrſt ein Ge⸗ luͤbde, welches er in einer Stunde der tiefſten Betruͤbniß ſei⸗ nes Herzens fuͤr die Kirche gethan. Zwei edle Juͤnglinge, Adalbert von Zelfing *) und Hermann von Wolkensdorf »), 1) Corneri Chron. p. 886. Raynald. ann. 1246. Nr. 6. 2) Vgl. vorzuͤglich Raumer B. IV. S. 212. ff. 3) Dusdurg P. III. c. 34. 4) So nennt ihn zwar die Chron. Austral. ap. Freher p. 323 nicht, ſondern Albertus de Zelting; allein wir tragen kein Bedenken, ihn Adalbert de Zelking zu ſchreiben, denn ſo finden wir ihn in ei⸗ ner Oeſterreichiſchen Urkunde vom Jahre 1260 bei Duellius P. III. p- 35. Ueber ihn und fein Geſchlecht vgl. beſonders Hanthaler Re- census diplomat. genealog. T. II. P. 371 — 375. 5) Dieſer Hermann von Wolkensdorf kommt noch im Jahre 1200 als Zeuge in einer Oeſterreichiſchen Urkunde bei Duellius P. III. p. 59 Nr. 19 vor. Sonſt koͤnnte man auch glauben, der Name werde richti⸗
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554 Neue Kreuzfahrer. welche der Herzog von fruͤher Jugend an ſeinem Hofe erzo⸗ gen und mit innigſter Waͤrme liebte, waren im Jahre 1244 in einem Kampfe ſo ſchwer verwundet worden, daß die Aerzte an aller Geneſung verzweifelten. Tief ergriffen von Schmerz und Kummer ließ Friederich öffentliche Gebete für ihre Ret⸗ tung anſtellen; er ſelbſt aber that das Geluͤbde, einen anſehn⸗ lichen Heerhaufen zur Bekämpfung der heidniſchen Preuſſen dem Deutſchen Orden zuzuſenden, ſofern die Juͤnglinge gene⸗ fen würden. Seine Bitten wurden erfüllt; die Lieblinge ge: naſen, und in dieſem Jahre bezahlte der Herzog das Ge⸗ luͤbde ). An die Spitze der geſandten Schaar ſtellte er ſei⸗ nen Truchſes Druſiger als Hauptmann 2). Neben ihm hatte auch „der tapfere Degen“ Ritter Heinrich von Lichtenſtein, nachmals Oberfeldherr des Herzogs Friederich, ein Verwand⸗ ter Ulrichs von Lichtenſtein, der den Frauendienſt geſungen hat ), einen Pilgerhaufen geſammelt, der unter feinen Fah⸗ ger Hermannus de Wolfgersdorf geſchrieben; f. Hanthaler l. c. T. II. p. 365. Faſt ſcheint dieſes richtiger. 1) Chron. Claustro-Neoburg. ap. Pez Script. rer. Austr. T. I. p. 460. Anonymi Leobiens. Chron. ibid. p. 818. Chron. Austral. ap. Freher. p. 323. 2) Dusburg J. c., der Epitomator und Jeroſchin nennen ihn Druſiger, ebenſo Lucas David B. III. S. 97. Kantzow B. I. S. 244 hat den Namen Druſileff. Simon Grunau Tr. VIII. c. 3.8. 1 nennt ihn Druſiger einen Herrn von Schreitenthal. Möglich waͤre es, daß er fo geheißen hätte, denn im J. 1298 kommt in einer Urkunde ein Fuchs von Schrattenthal im Oeſterreichiichen vor, ſ. Duel- lius P. III. p. 61. Nr. 26. 3) Dieſer Heinrich von Lichtenſtein war ein ſehr beruͤhmter Oeſter⸗ reichiſcher Ritter, aus dem hochangeſehenen Geſchlechte der Lichtenſteine. S. Hormayr und Mednyansky Hiſtor. Taſchenbuch auf 1822 und Hormayr Geſchichte von Wien B. II. H. 3. S. 137. Beſonders Hanihaler Recensus diplom. genealog. T. II. p. 75, wo über Heinrich von Lichtenſtein die gruͤndlichſten Nachrichten zu finden find. Der Verfaſſer ſcheint ihn fuͤr einen Deutſchen Ordensritter (Eques Teutonicus) zu halten. Vielleicht war er Halbbruder des Ordens. Als Oberfeldterrn des Herzogs erwähnt er feiner S. 176. Auch in ulrich von Lichtenſteins Frauendienſt, herausgegeb. von Tieck, erſcheint
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Neue Kreuzfahrer. 555 nen mit nach Preuſſen zog. Demnach ſcheint die größere Zahl der Kreuzfahrer dieſesmal aus den Oeſterreichiſchen Lan⸗ den herbeigekommen zu ſeyn. Es war der letzte Beweis der Gunſt und hohen Geneigtheit, die Herzog Friedrich gegen die Ritter des Deutſchen Ordens ſein ganzes Leben hindurch gehegt hatte ). Mit dieſen Kreuzfahrern oder doch bald nach ihnen kam in den erſten Monden des Jahres 1246 auch der Hochmei⸗ ſter Heinrich von Hohenlohe nach Preuſſen 2), der erſte unter den bisherigen Ordensmeiſtern, welcher das neuerworbene Land des Ordens beſuchte. Mancherlei Urſachen hatten ihn hiezu bewogen. Eine der wichtigſten war ſonder Zweifel der Streit mit Herzog Suantepolc von Pommern. Gegen dieſen ſchritt man auch ſogleich zum Werke. Der Landmeiſter, er⸗ freut durch die Ankunft des Kreuzheeres, berief ſofort die Bruͤder des Ordens und alles ſtreitruͤſtige Volk aus dem Lande zuſammen; auch Herzog Caſimir von Cujavien hatte er oͤfter; ſo S. 237. 245. 259. In Urkunden kommt er vor bei Nei- chelbeck Historia Frising. T. II. p. 19, bei Herrgott Monum. domus Austr. T. I. p. 212. Duellius P. III. Nr. 6. p. 55. Nr. 20. p. 59. Vgl. auch Beitraͤge zur Loͤſung der Preisfrage des Erz⸗ herzogs Johann H I. ©. 158. Nach S. 126 war Ulrich ein Steyerer, Heinrich dagegen ein Oeſterreicher. 1) Er ſtarb in einer Schlacht gegen den Koͤnig Bela von Ungern am 15. Juni 1246. Nach dem Chron. Salisburg. ap. Pez T. I. p. 359 ſollen in dieſer Schlacht auch Preuſſen mit auf der Seite des Un gern⸗Koͤnigs gefochten haben; denn es heißt dort: Rex Ungariae col- lecta magna multitudine pugnatorum, simul cum Brusciae et Rusciae Regibus confinia Austriae invaserunt. Von den Ruſſen, gegen welche damals Heinrich von Lichtenſtein tapfer ſtritt, ſpricht al- lerdings auch Ulrich von Lichtenſtein im Frauendienſt von Tieck Kap. 28. S. 259; aber der Preuſſen erwaͤhnt ſo wenig er, als andere alte Quellen. 2 Es laͤßt ſich aus Urkunden entnehmen, daß der Hochmeiſter im Maͤrz und April 1246 ſchon in Preuſſen war. So ſetzt die Urkunde bei Kotzebue B. I. S. 418 vom 10. März feine Gegenwart in Preuſ⸗ fen ſchon voraus und am 10. April d. J. giebt er das Eibingifche Pri⸗ vilegium. Vgl. Hanſelmann a. a. O. B. I. S. 377. *
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556 Der Hochmeiſter in Preuffen. bereits friſche Mannſchaft herbeigeführt. Dieſe Streit: kraͤfte mit der Heeresmacht des Kreuzheeres vereinigend brach nun Poppo von Oſterna eiligſt uͤber die Weichſel in Pom⸗ mern ein. Jetzt vergalt man Alles, was das Ordensland durch Suantepolcs Waffen erlitten und in harter Noth er— duldet. Neun Tage lang ward Pommern von dem einen Ende bis zum andern mit Brand und Raub und Verhee⸗ rung durchzogen, ſo daß kaum ein Dorf war, welches des Feindes Zorn, Rache und Wuth nicht erfuhr ). Bis an die Meereskuͤſte hinab trieb Raubgier und Erbitterung die bekreuzten Krieger. Dort ward im Kloſter Oliva Alles, was an Getreide, Pferden und Vieh zu finden war, hinweggefuͤhrt und dann das ehrwuͤrdige Gebaͤu auch ſelbſt durch Feuer ſo verwuͤſtet, daß die alte fromme Stiftung in die druͤckendſte Armuth verfiel 2); und als das feindliche Heer zuruͤckkehrte, ward eine große Zahl Gefangener wie eine Heerde vorange⸗ trieben. Mittlerweile aber hatte Herzog Suantepolc, unerſchrocke⸗ nen Geiſtes, wie er immer war und nie im Ungluͤcke am Gluͤcke verzagend, ein ſehr bedeutendes Heer theils aus ſeinem eigenen Volke, theils aus Preuſſen zuſammen gebracht und folgte nun im Ruͤckzuge dem feindlichen Heere Schritt vor Schritt nach. Wo der Feind in der Nacht zuvor ſein Lager gehabt, da ſchlug er am naͤchſten Abend das ſeinige, und da fuͤr ſein Heer der vom Feinde vorher beſetzte Lagerplatz immer viel zu beſchraͤnkt war, ſo entnahm er hieraus, daß feine Streitmacht faſt ums Doppelte ſtaͤrker, als die der Gegner ſey. Da erwuchs ihm neuer Muth und erfreut durch dieſe bedeu⸗ tende Ueberlegenheit beſchloß er, dem Feinde eine Schlacht zu bieten. Am Abend zuvor trat er vor ſeinem Kriegsvolke auf, ſprach von der Staͤrke ſeiner Macht und des Feindes Schwaͤche, 1) „Sic quod non erat in ea (Pomerania) angulus aliquis, quem non rapina et incendio visitassent.“ Dusdburg P. III. c. 54. Lucas David B. III. S. 97. 2) Chron. Oliv. p. 21.
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Neuer Kampf mit Suantepolc. 557 ermunterte zur Tapferkeit im Kampfe und, der Knechtſchaft gedenkend, mit welcher die Ordensherren das Nachbarland umſtricket und gefeſſelt, endigte er die Rede mit dem erheben⸗ den Worte: „Am morgenden Tage werden wir es erringen, daß die Pommern und Preuſſen auf immerdar von der Deut⸗ ſchen Joche erlöfet werden ).“ Am andern Morgen begann der Kampf. Zuerſt ent⸗ ſandte der Herzog eine Reiterſchaar auf des Feindes zahl⸗ reiche Beute, die bei den großen Heerden von Vieh und Pferden eine Strecke von zwei Meilen Wegs einnahm 2), Die Pommeriſchen Reiter uͤberwaͤltigten bald die Mannfchaft, welche die Beute bewachte und dreißig von dieſer wurden durch jene erſchlagen. Sobald der Landmeiſter des Herzogs Angriff vernahw, ſandte er eiligſt den Truchſes Druſiger mit einem reiſigen Streithaufen aus, um dem Herzoge den Raub wieder zu entreißen. Als dieſer aber an die Stelle kam, wo die Leichname der dreißig Erſchlagenen lagen und Suante⸗ poles ſtarkes Heer im Anzuge ſah, ergriff er die Flucht und eilte aus aller Kraft, Thorn zu erreichen ). Das ſchien dem 1) „Crastina die faciemus, quod Pomerani et Prutheni a jugo Teuionicorum in perpeluum absolventur.“ Dusburg J. E. 2) Dusburg l. c. fagt: Occupavit (spolium) duas leucas; der Epitomator deutlicher: rapina latitudinem duorum miliarium occupabat. Schütz p. 24 nimmt duas leucas für eine Deutſche Meile. 3) Der Text bei Dusburg l. c. iſt, wie jeder ſieht, ſehr unvoll⸗ ſtändig. Der Epitomator ſchreibt: Quod audiens Magister in suc- cursum eorum deslinavit Drusigerum, videns hinc inde cor- pora interfectorum, velut profugus fugit. Der letzte Satz bezieht ſich auf Druſiger. Am klarſten giebt den Sinn Jeroſchin P. III. c. 54: Do dem Meiſtir diſe Mer Quomin, do war Druſiger Von dem here ouch zu hant Vn zu huͤlfe hingeſant Und do er des wart gewar Das der Vruͤnde hir und dar
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558 Niederlage Suantepolc's. tapfern Heinrich von Lichtenſtein des Namens Oeſterreichs unwuͤrdig. Um ſeines Fuͤrſtenhauſes und ſeines Landes Ehre zu retten, raffte er feine Schaar zuſammen, warf ſich in Haft auf den Feind, fprengte ihn auseinander und nahm ihm fo die ſaͤmmtliche Beute wieder ab. Da ſtuͤrmte auf die Kunde der Herzog ſelbſt mit drei Schaaren herbei, um den Raub wieder zu gewinnen und kaum war er dem Feinde nahe ge⸗ kommen, ſo ergriff die Polen in des Lichtenſteiners Heerhau⸗ fen eine ſolche Furcht, daß ſie alle entflohen, und nur ihr Bannerfuͤhrer, der Ritter Martin von Kruswitz blieb bei dem Hauptmanne zuruͤck ). Herzog Caſimir aber gab den Rath, eiligſt nach Heinrich von Lichtenſtein zu ſenden mit dem Be⸗ fehle, ſich zu dem Hauptheere zuruͤckzuziehen; und fo ges ſchah es. Mittlerweile ordneten die Ritter ihre Schlachtreihen. Herzog Suantepolc aber zog heran, und da er ſah, daß das feindliche Heer die Schlacht annehmen wolle, hieß er einer Schaar von tauſend ſeiner ruͤſtigſten Reiter von den Roſſen abzuſitzen, mit Laͤrm und Feldgeſchrei gegen das Ordensheer einzuftürmen und durch ihre Schilde gedeckt mit ihren Lan⸗ zen vorzuͤglich die Roſſe der Reiterei zu durchbohren, meinend, die ſchwergeruͤſteten Feinde würden zu Fuß nicht ſtreiten koͤn⸗ nen. Da ſprengte der tapfere Lichtenſteiner mit ſeiner Schaar herbei und als er das feindliche Heer ſchon in Schlachtord⸗ nung geſtellt ſah, rief er den Ordensrittern entgegen: „Wohl⸗ an! Es iſt Geſahr im Verzuge; laſſet uns angreifen!“ So Alſo vil irſlagin lag Sam ein Zage er irſchrack Unde hub von dannen ſich. 1) Dusburg 1. c. ſchreibt ihn Martinus de Crudewitz; ber Epitomator hat M. de Crutzewilz, Jeroſchin Mertin von Cru⸗ ſchewitz. Es iſt offenbar derſelbe, welcher in der Urkunde bei Dogiel Cod. diplom. T. IV. Nr. 20. p. 14 Martinus Castellanus Krus- wicensis, im Original dieſer urkunde aber Martinus castellanus Cruswicie genannt wird. Eben fo kommt er in der Urkunde von 1243 bei Lucas Da vid B. III. Beilage Nr. III. S. 8 vor.
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Niederlage Suantepolc'. 559 begann die ernſte Schlacht. Mit wildem Ungeſtuͤm brach das Ordensheer auf die Feinde ein; es war ein furchtbares Zuſammentreffen. Stunden lang ſchwankte der Kampf hin und her, obne Entſcheidung. Die Preuſſiſchen Reiter, die nach des Herzogs Befehl als Fußvolk fechten ſollten, entwi⸗ chen in das nahe Gebuͤſch und Strauchwerk, wohin die feind⸗ lichen Reiter nicht folgen konnten; dadurch wankte ſchon die Sache der Pommern. Da ward mitten im Schlachtgetuͤm⸗ mel Herzog Suantepolc im Zweikampfe mit einem Deutſchen Ritter vom Streitroſſe geworfen und ſchwer verwundet. Das gab den Ausſchlag; denn das Heer der Pommern, nun ohne Haupt und Führung und durch die Nachricht erſchreckt, der Herzog ſey erſchlagen, ergriff allgemein die Flucht und nur mit Noth retteten einige Begleiter den Herzog aus der Gefahr der Gefangenſchaſt. Man brachte ihn in eine nahe Burg, in welche ſich viele der Seinigen gefluͤchtet hatten. Aber funfzehnhundert feiner Krieger lagen auf dem Kampfplatze, während, wie die Ordens = Chronik kaum glaublich berichtet, aus dem Heere der Ritter kein einziger toͤdtlich verwundet worden und gegen zehn von feindlichen Lanzen durchbohrte Roſſe ſechzehnhundert vom Feinde erbeutet ſeyn ſollen Y. Darauf zog das Ordensheer mit Siegesjubel uͤber die Weichſel gen Thorn. Hier war, bevor es ankam, Alles in Jammer und Trauer verſenkt; denn als am Tage zuvor der Truchſes Druſiger hieher gefluͤchtet war, hatte er, um ſo ſein Fliehen zu entſchuldigen, die Nachricht verkuͤndigt, alle Ordensritter und Kreuzfahrer und das geſammte Heer ſey in einem ſchrecklichen Kampfe mit dem Herzoge aufgerieben wor⸗ den, und die traurige Kunde hatte ſchon im Kulmerlande und 1) So Dusdurg P. III. c. 54 und nach ihm Jeroſchin a. a. O. Die Berichte ſtimmen allerdings nicht alle uͤberein. Der Epitoma⸗ tor giebt den Verluſt des Herzogs nur auf 1050 Mann an; von dem des Ordens ſchweigt er. Lucas David B. III. S. 100 hat Duss burgs Bericht, mit welchem auch die Ordens-Chron. S. 42 zuſam⸗ mentrifft. Schütz p. 34 giebt zehn Todte auf der Seite des Ordens an, ſagt aber dabei, daß andere 95 zählten.
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560 Neuer Friede. bis an die Graͤnzen Maſoviens Schrecken und Entſetzen ver⸗ breitet. Um ſo groͤßer war am Abend des andern Tages die Freude und der Jubel bei dem Einzuge des ſiegreichen Heeres in Thorns Mauern ). Da neigte ſich Herzog Suantepolc wiederum zum Frie⸗ den. Seine Macht war zu ſehr geſchwaͤcht und der Muth und das Vertrauen ſeines Volkes viel zu tief erſchuͤttert, als daß er hoffen durfte, das Schwert auch ferner noch mit eini⸗ gem Gluͤcke führen zu koͤnnen. Er bat die Oberſten des Or⸗ dens um Waffenruhe; ſein Bruder Sambor und der Biſchof Wilhelm von Kamin uͤbernahmen die Vermittlung 2). Auch der paͤpſtliche Legat, Opizzo Abt von Mezano, der mit dem Kreuzheere ins Land gekommen, war fuͤr die Herſtellung des Friedens mit allem Eifer thaͤtig. Allein fie fand in dem ge⸗ rechten Mißtrauen der Gebietiger des Ordens gegen des Her⸗ zogs Verſprechungen, ſelbſt gegen ſeine eidlichen Verſicherun⸗ gen erhebliche Schwierigkeiten. Nur zu oft war der Orden überliftet und des Herzogs Eid und fürftliches Wort gebro⸗ 1) Die Hauptquelle über dieſe Ereigniſſe iſt Dus burg c. 54; der Text Hartknochs aber iſt nicht vollſtändig und es muß manches aus den Codd., dem Epitomator und aus Jeroſchin ergänzt werden. Nach ihm hat Lucas David B. III. S. 97 — 101 feinen Bericht geliefert. Wie verwirrt, unrichtig und unkritiſch Simon Grunau Tr. VIII. c. V. 8. 2. die Sache darſtellt und wie wenig ihm auch hier zu trauen iſt, hat bei dieſer Gelegenheit ſchon Lucas David ge, zeigt. Die Ordens⸗Chron. S. 42 und bei Matthaeus p. 723 erzählt hier nur kurz. Vollſtaͤndiger ift Schütz p. 24 mit Angabe einiger be⸗ fondern Umſtaͤnde. Kantzow B. I. S. 244 läßt auch den Ritter Hein⸗ rich von Lichtenſtein mit dem Truchſes in die Flucht geſchlagen werden, wovon andere nichts wiſſen. 2 So ſagt Lucas David B. III. S. 101. Daß Herzog Frie⸗ derich von Oeſterreich den Frieden vermittelt habe, wie Kotzebue B. I. S. 187. Sell B. I. S. 328 u. a. einigen unzuverlaͤſſigen Chro⸗ niſten nacherzaͤhlen, iſt ſchon deshalb nicht richtig, weil dieſer Herzog gar nicht gegenwärtig war. Ihn beſchaͤftigten damals nach dem Chron. Salisburg. p. 359 ganz andere Dinge; vgl. Hormayr Geſchichte von Wien B. II. H. 3. S. 172. Zu jener Angabe hat vorzüglich die Ordens ⸗Chron. S. 42 Anlaß gegeben.
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Neuer Friede. 561 chen worden. Man erwog, daß auch jetzt nur Bedraͤngniß, Verluſt und neue drohende Gefahr in des ergrimmten Fein⸗ des Seele die Bitte um Frieden erzeugt habe. Es fanden vielfache Unterhandlungen Statt. Doch endlich in den erſten Monaten des Jahres 1246 kam es zum neuen Friedensſchluß auf den Grund der fruͤheren Bedingungen, nach welchen des Herzogs Sohn und die uͤbrigen Geißeln, auch die Burg Zar⸗ towitz ferner noch in des Ordens Gewalt blieben und Her⸗ zog Suantepolc mit Eidſchwur gelobte, daß er forthin mit dem heidniſchen Volke der Preuſſen in keiner Gemeinſchaft mehr ſtehen wolle. Und als er dieſes feierliche Verſprechen abgelegt, entband ihn der Legat auch von der Strafe des Bannes, welche der frühere Legat Wilhelm über ihn verhängt hatte ). 1) Das Friedensinſtrument iſt nicht mehr vorhanden. Wir kennen die Hauptbedingungen nur aus Dusburg c. 55. Ordens⸗Chron. S 42. Lucas David B. III. S. 101. Kantzow B. I. S. 244. Bzovius Annal. Eccles. T. XIII. ann. 1246 Nr. 18 fagt: Per idem quoque temporis in Poloniam adveniens Oppisso Abbas Messanensis ab Innocentio Pontifice legatus pacem inter Suen- topelcum Pomeranie et Casimirum Cuiaviae Lenciciaeque Du- ces atque Cruciferos redintegravit, exaclo a Suentopelco iure- jurando, quod nihil deinceps commune cum Prussis paganis habiturus essel, quibus factis, a censuris Guillelmi prioris le- gali in eum prolatis, ipsum absolvit. II. 36
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3Zehntes Kapitel. Eine andere Urſache, welche den Hochmeiſter Heinrich von Hohenlohe im Jahre 1246 zu einer Reiſe nach Preuſſen be⸗ wogen hatte, lag in dem von uns ſchon fruͤher beruͤhrten Streite des Ordens mit Luͤbeck wegen des Landesbeſitzes, den man dieſer Handelsſtadt an den Kuͤſten der See verſprochen. Dieſer Streit hatte ſich naͤmlich durch alle dieſe Jahre hin⸗ durchgezogen ohne Entſcheidung. Ob er in dieſer Zeit eigent⸗ lich mehr geruht habe oder wo er etwa Gegenſtand von Ver⸗ handlungen und Eroͤrterungen geweſen ſey, darüber entgeht uns alle weitere Kenntniß. Nur ſo viel iſt gewiß, daß die Streitſache im Ganzen zur Zeit noch auf demſelben Punkte ſtand wie fruͤher, daß Luͤbeck noch ebenſo wie damals den ihm verſprochenen Landestheil in Samland, Withland und War: mien und die Gruͤndung einer freien Seeſtadt zu ſeinem Handel verlangte, waͤhrend der Orden das behauptete Recht zu ſolchem Beſitze in Zweifel zog und die Erfuͤllung ver⸗ weigerte. Dieſer Streit ſollte jetzt bei des Hochmeiſters Anweſen⸗ heit in Preuſſen zur Entſcheidung gebracht werden. Luͤbeck hatte deshalb zwei ſeiner angeſehenſten Buͤrger Heinrich Sture⸗ mann und Tanquard als Bevollmaͤchtigte geſandt. Im März dieſes Jahres zu Thorn angelangt hatten ſie mit dem Hoch⸗ meiſter und mit des Ordens uͤbrigen Gebietigern die Unter⸗ handlungen begonnen. Man ernannte einſtimmig ſieben acht⸗ bare Maͤnner zu Schiedsrichtern, den Biſchof Heidenreich von
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Der Hochmeiſter in Preuffen. 563 Kulm, den Landmeiſter Poppo von Oſterna, den Ordensrit⸗ ter Ulrich von Durne, den Schultheiß von Thorn Hildebrand, den Franciscaner-Moͤnch Albert aus Thorn, den Ritter Ar⸗ nold von Muͤcheln und Heinrich Wuͤſtehof, Buͤrger von El⸗ bing, mit der Beſtimmung, daß wenn dieſe Schiedsrichter zu keinem einmuͤthigen Beſchluſſe kommen koͤnnten, der Biſchof von Kulm als Vermittler die Entſcheidung geben ſolle, mit welcher die ſtreitenden Theile ſich begnuͤgen muͤßten. Wirk⸗ lich konnten auch die verſchiedenen Schiedsrichter zu keinem Endurtheile gelangen, vielleicht weil die aus den Staͤdten Thorn und Elbing gewaͤhlten Buͤrger, zum Theil wohl ein⸗ ſtige Bewohner Luͤbecks, ganz andere Ruͤckſichten nahmen, als die, welche die Sache des Ordens vertraten. Daher be⸗ diente ſich der Biſchof von Kulm ſeines Entſcheidungsrechtes und that folgenden Ausſpruch: Die Ordensritter werden am Hafen Lippe, d. h. an der Mündung des Pregel-Stromes ), eine Stadt erbauen, in 1) „In portu Lipce“ heißt es ſchlechthin in der Urkunde. Daß der Pregel⸗Strom früher den doppelten Namen Pregora und Lipza hatte, iſt nach Arkunden nicht zu bezweifeln. In der Theilungsurkunde des päpfkichen Legaten Wilhelm vom J. 1243 bei Dreger Nr. 158 P. 242 heißt es ausdruͤcktich: lumen, quod dicitur Pregora sive Lipza. Acta Boruss. B. II. S. 613. So nahm auch ſchon Ben: nig zum Lucas David B. IV. S. 10 an. Auf eine ganz eigen⸗ thuͤmliche Weiſe erklart Hüllmann Staäͤdteweſen des Mittelalters B. I. S. 148 den Namen Lipza. Er meint nämlich, die neu zugruͤndende Stadt habe „die Luͤbeck (Lipec)“ heißen ſollen. Wir koͤnnen indeſſen dieſer Erklärung keinen Beifall geben; denn erſtens ſtreitet ſie gegen die Schreib⸗ art des Namens in den Original-Urkunden, in welchen nirgends Li- pec, ſondern ſtets Lipza oder Lipca ſteht, und Hätte der Urkundenſchrei⸗ ber den Namen Lubeck damit bezeichnen wollen, fo wußte er dieſen viel richtiger zu ſchreiben, wie der in der Urkunde vorkommende Name Lu- becenses beweiſet. Zweitens iſt der Name Lipza auch ſchon früher da, als die Stadt erbaut werden ſollte, wenigſtens ſchon 1243. Das Daͤniſche Reichs⸗Lagerbuch führt den fluvius Lipz feibft ſchon im J. 1231 an; es iſt auch hier ganz klar der Pregel darunter verſtanden, der hier zur Baſis der Eintheilung Preuſſens genommen iſt. S. Gebhardi Genealog. Geſchichte der erbl. Reichsſtände in Deutſchl. B. I. S. 209. 36*
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564 Der Hochmeiſter in Preuſſen. welcher alle Rechte und Geſetze gelten ſollen, wie ſie zur Zeit in Kulm beſtehen. Beim Aufbau dieſer Stadt werden die Buͤrger Luͤbecks den Orden mit Pferden, Schiffen und wie ſie ſonſt noch koͤnnen, unterſtuͤtzen. Den Ordensrittern ſoll das Recht zuſtehen, in der Stadt an einem fuͤr ſie paſſenden Orte eine Burg zu errichten. Es ſollen ferner die Buͤrger Luͤbecks auch die Haͤlfte eines dritten Theiles von Samland, der dem Orden zufaͤllt, als Eigenthum erhalten und dieſen Theil ſollen die Buͤrger bei der Theilung der Ordensritter fi) auswählen. Außerdem follen fie zweitauſend und fünf- hundert Hufen Landes in Warmien von Lemptenburg ) aus gegen die Lipze am Ufer hin und gegen Natangen zu bis nach Warmien hin erhalten und dieſes alles mit eben der Nutznießung, wie ſolche der Orden in den anliegenden Gebie⸗ ten hat. Was aber dadurch dem Biſchofe von Warmien entzogen wird, das ſoll der Orden ihm erſetzen. Alle dieſe Beſitzungen erhalten das Kulmiſche Recht, wenn nicht weiſer und achtbarer Maͤnner eingeholtes Urtheil darin Veraͤnderun⸗ gen fuͤr noͤthig findet. Demnach ſollen die Beſitzer dem Orden für ihr laͤndliches Beſitzthum zur gewöhnlichen Zins⸗ leiſtung verpflichtet feyn. Bis Withlandsort follen die Buͤr⸗ ger freie Fiſcherei erhalten. Die Burg Lemptenburg ſoll auch fernerhin den Rittern verbleiben, doch ſollen ſie den Bergern erlauben, nach Gutbefinden gemeinſchaftlicher Schiedsrichter ſie aufzubauen; ſie ſoll dem Orden indeſſen wieder zuruͤckgege⸗ ben werden, bevor der Bau der Stadt beginnt. Neun ge⸗ nannten Deutſchen 2), die ſich der Gunſt und Gnade der Drittens iſt hier von einem Stadtnamen gar nicht die Rede, ſondern nur vom Namen eines Fluſſes, eines portus Lipce. Wir wiſſen gar nicht, wie die Stadt genannt werden ſollte. Auch war der Name Lipza nicht der Name des Hafens ſelbſt, ſondern der des Pregel, und es bedeutet demnach portus Lipce eigentlich nur die Muͤndung der Lipze, wo die nicht in den Strom einſegelnden Schiffe anlegten. 1) In der Urkunde, wie fie Kotzebue B. I. S. 419 giebt, iſt dieſer Name überall falſch geleſen; es ſteht im Original nicht „Cemp- tenbece ‚“ ſondern Lemptenbure. 2) Ihre Namen waren: XVernerus de Quedelingenburch,
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Der Hochmeiſter in Preuffen. 565 Ordensritter uͤberlaſſen, foll in dem bezeichneten Landgebiete die Wahl ihres Beſitzthums frei geſtellt ſeyn. Andere dage⸗ gen, die an ihre Stelle treten, ſoll der Orden belehnen. Ein jeglicher von ſolchen belehnten Buͤrgern ſoll den Ordensrittern durch alle Landſchaften Preuſſens hindurch zum Roßdienſte im Kriege mit voller Waffenruͤſtung verpflichtet und, ſo oft ihn der Orden verlangt, zum Dienſte bereit ſeyn, doch ſo daß bis zum Anfbau der Stadt einige Ermaͤßigung in dieſem Dienfte zugelaſſen ſeyn fol. Der Verſaͤumliche ſoll die Strafe von drei Mark buͤßen, und entrichtet er dieſe nicht in Jahresfriſt und leiſtet er nicht den pflichtigen Dienſt, fo ſol⸗ len alle ſeine beweglichen Guͤter dem Orden anheim fallen und ihm ſoll nur ſein Hof in der Stadt verbleiben. Wann aber und in welcher Weiſe die Buͤrger zum Kriege ausziehen ſollen, das ſoll allein der Entſcheidung der Ordensritter uͤber⸗ laſſen ſeyn. So war der ſchiedsrichterliche Spruch des Biſchofs Hei⸗ denreich von Kulm. Zweitauſend Mark war die Geldbuße derer, die ihn verletzen und uͤbertreten wuͤrden. Er ward von beiden Theilen genehmigt, durch Zeugen beſtaͤtigt und beſiegelt ). Dann kehrten die beiden Abgeordneten nach Luͤ⸗ Arnoldus de Calve, Burchardus, Johaunes Flemingus, Eile- mannus de Lunenburch, Siveco de Lunenburch, Hartwicus, Henricus de Beckenheim und Henricus de Lovenburch. 1) Dieß ift die Urkunde bei Kotzebue B. I. S. 418 — 422, deren Original im Arch. Schiebl. 59 Nr. 5 befindlich iſt. Es darf übrigens nicht auffallen, daß nur die beiden Lübecker Heinrich Sture; mann und Tanquard als Bevollmaͤchtigte die Entſcheidung am Schluſſe der Urkunde im Namen ihrer Mitbürger ratiſiciren. Sie waren die Fordernden; der Landmeiſter Poppo von Oſterna ward als Zeuge ge⸗ nannt und in der Urkunde war ſchon ausdruͤcklich geſagt, daß omnes sequi sententiam tenerentur. Unter den Zeugen find auch die drei Schultheiße Gottfried von Elbing, Hildebrand von Thorn und Reinecke von Kulm genannt. (Um die Urkunde bei Kotzebue, wo ſie ſehr feh⸗ lerhaft abgedruckt iſt, zu verſtehen, muͤſſen folgende weſentliche Fehler verbeſſert werden: S. 418 3. 15 ſtatt eis — sibi. S. 419. 8. 10 ft. igitur — ergo. 3. 12 ſt. proinstrueti — preinstructi. 8. 18 fl.
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566 Entſcheidung des Streites mit Luͤbeck. beck zuruͤck. Da ſie aber in ihrem Berichte uͤber den Ver lauf der Sache vor dem Rathe der Stadt auch des Einwan⸗ des der Ordensritter erwaͤhnten, Luͤbeck ſey zur Zeit jener Unternehmung gegen Samland in keiner Weiſe allen Ver⸗ ſprechungen nachgekommen, zu denen der geſchloſſene Ver⸗ trag über die Huͤlfsleiſtung die Stadt verpflichtet habe), fo fand es der Rath von Luͤbeck nothwendig, den Verlauf der Sache in einer urkundlichen, beglaubigten Erzaͤhlung offen darzulegen, um auf ſolche Weiſe jeglicher ferneren Widerrede zu begegnen ?). Für den Orden war, wie für das aufſtrebende Luͤbeck, durch dieſe Entſcheidung mancher wichtige Vortheil gewonnen und manche Hoffnung angeregt. Der erſtere erbaute mit Un⸗ terſtuͤtzung Luͤbecks in feinem Lande eine neue Stadt, deren Bewohner ihm vielfaͤltig verpflichtet blieben, die hier ein ganz neues Leben begruͤnden, in Noth und Bedraͤngniß Luͤbecks Beiſtand immer in Anſpruch nehmen und, wenn ſie bluͤhend recta — modo. Z. 23 fl. ipsorum — ipsum. 3. 30 ſt. Cemp- tenbece — Lemptenburc. S. 420 3. 3 fi. enim — eliam. 3.27 ſt. interea — preterca. 3. 30 fi. Siveto — Siveco. S. 421 3.3 ft. destinuerant — deserviverunt. 3.4 ft. deslinire — deservire. 3. 14 fi. dum non ante proximum — Jummodo ante primum. 3. 19 ft. quicunquis — quicunque. 3. 26 ſt. habebat — habebit. Z. 35 ft. arbitum — arbitrium. ©. 422 3.4 ſt. profitemur — — protestamur. 3. 9 ft. Reineto — Reineco. 1) S. den Anfang der Urkunde bei Kotzebue B. I. ©. 418. 2 Auch dieſe Urkunde befindet ſich im Original im geh. Arch. Schiebl. I. Nr. I; und abgedruckt bei Kotzebue B. I. S. 416. Sie iſt aber hier an einzelnen Stellen ſehr unverſtaͤndlich wegen folgender Fehler; S. 416 3. 2 ſt. pervenit — pervenerit. 8. 5 nach incre- dule fehlen die Worte: vesania et excecate mentis. 3. 10 nach executores fehlen die Worte: res et corpora propter cristianum vinculum exponentes. S. 417 3. 1 nach ibidem fehlt viriliter: fl. in pugnacione — inpugnacione. 3. 6 fi. cum — tunc. 3. 13 nach cum — solempnitate. 3. 27 fi. Mee n. sunt pernicie — Hee enim sunt primicie. 3. 28 ſt. invito — merito. 3. 32 ſt. Hoc ideo — ec inde. 3. 34 nach hominum fehlt inposterum ©. 418 3 5 nad) minorum fehlt Nos eciam.
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Entſcheidung des Streites mit Lubeck. 567 im Gluͤcke emporſtieg, den Orden in ſeinen Beſtrebungen durch ihre Buͤrgerkraft und ihren Reichthum bedeutend unter- ſtuͤtzen konnte, während fie ſonſt in aller Hinſicht ihm untergeben blieb ). Fuͤr Luͤbecks Handel und Betrieb aber eröffnete ſich auf dieſe Weiſe an den ſuͤdlichen Oſtſeekü⸗ ſten eine aͤußerſt günftige Ausſicht. Es war gerade die Zeit des friſchen Aufbluͤhens der Handelsgenoſſenſchaft, die man die Deutſche Hanſe nennt, als Luͤbeck vor allem uͤberall Ver⸗ bindungen neuer Gemeinſchaft zu kaufmänniſchem Verkehre ſuchte und anknuͤpfte. Jetzt ſollte auch Preuſſen in dieſe rege Gemeinſchaft, in dieſes neue Handelsleben mit hineingezogen werden; und es war gerade an der ſeit Jahrhunderten ſchon von Weſten aus ſo viel beſuchten, reichen Bernſteinkuͤſte Sam⸗ lands, wo die aufgeweckten Luͤbecker eine freie Handelsſtadt errichten und eine beſondere Niederlaſſung gründen durften 2), die unfehlbar in kurzer Zeit den ganzen Handel mit dem hochgeſchaͤtzten und viel geſuchten Erzeugniſſe des Meeres ausſchließlich in ihre Haͤnde bringen mußte. Um ſo mehr iſt zu verwundern, daß die Geſchichte uns keine Spur aufwei⸗ ſet von einem Verſuche der Luͤbecker, das ihnen zugeſprochene Recht im Aufbau der Stadt oder in Begruͤndung der neuen Niederlaſſung in Ausführung zu bringen. Erklaͤrlich koͤnnte uns dieſe Erſcheinung nur werden, wenn wir an die Kriege denken, welche Luͤbeck in den naͤchſten Jahren mit Daͤnemark 1) Die Luͤbecker hatten freilich verlangt Ziberam civitatem; al- lein in dieſem Sinne wurde ſie ihnen nicht zugeſtanden. 2) Huͤllmann Städteweſen des Mittelalters B. I. S. 148 fagt: Die Luͤbecker haͤtten „an dem Ermeländiſchen Strande“ (2 — in por- iu Lipce) eine eigene Stadt erbauen wollen und behauptet, „die Er: laubniß dazu, nebſt dem Verſprechen einer anſehnlichen Feldmark, von der Ordensregierung erhalten zu haben: welches jedoch bei der hieruͤber angeſtellten, urkundlichen Unterſuchung nicht ſo befunden wurde.“ Da Huͤllmann als Beleg zu dieſer Angabe den ſchiedsrichterlichen Aus⸗ ſpruch des Biſchofs von Kulm anfuͤhrt, fo begreifen wir nicht recht, was er mit jenen Worten ſagen will. Die Urkunde beweiſet wenigſtens offenbar das Gegentheil von ſeiner Behauptung.
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568 Das Elbingiſche Privilegium. zu führen hatte) und an das ſchwere Ungluͤck eines furcht⸗ baren Brandes, durch welchen mehr als die Haͤlfte der auf⸗ bluͤhenden Stadt verzehrt ward ). Daher geſchah es wohl auch, daß Luͤbeck ſich nach mehren Jahren gerne bereit zeigte, ſein Anrecht auf die Beſitzungen an Preuſſens Kuͤſten dem Orden zu verkaufen und ſomit ſeinen Plan einer Anheimung an der Bernſteinkuͤſte wieder aufzugeben 2). Fuͤr Preuſſen indeſſen war der Verluſt, der im Mißlin⸗ gen dieſes Planes lag, bald erſetzt. Bereits vor beinahe ei⸗ nem Jahrzehent war Elbing gegruͤndet; ſo hart nicht ſelten die Bedraͤngniſſe und die Noth dieſer Zeit fuͤr die jungen Buͤrger geweſen und ſo ſchwer ſie oftmals mit dem Leben hatten ringen muͤſſen, um das Leben zu erhalten, ſo war doch in der beſtrebſamen Buͤrgerſchaft jener Geiſt immer noch le⸗ bendig, wach und ruͤhrig geblieben, der ſie aus Luͤbeck, Bre⸗ men, Luͤneburg und anderen Orten hieher getrieben hatte. Und er durfte nur genaͤhrt, gepflegt und gefoͤrdert werden, dieſer Geiſt des Handels, emſiger Thaͤtigkeit und kaufmaͤnni⸗ ſcher Betriebſamkeit; der Friede fuͤr Land und Volk, die Ruhe fuͤr gedeihliche Beſchaͤftigung des Buͤrgers und des Landman⸗ 1) Bangert Origin. Lubecens. ap. Mestphalen T. I. p. 1308. Chron. Erici Regis ap. Langebecl T. I. p. 168. Annal. Minor. Wisbyens. p. 254. Hamsfort Chronol. p. 289. Ponta- nus Rer. Danicar. p. 331. 2) Bangert l. c. 3) Wir erfahren nur beilaͤufig, daß ein ſolcher Verkauf zwiſchen dem Orden und Luͤbeck Statt gehabt haben muß. In einer Suͤhn⸗ Urkunde zwiſchen dem Biſchofe Heinrich von Samland und dem Vice⸗ Landmeiſter Gerhard von Hirzberg vom J. 1258, worin die Beilegung mehrer Streitpunkte durch die Biſchoͤfe von Ermland und Kulm ver⸗ mittelt wird, heißt es unter andern auch: Ceterum questiones omnes que ab utraque parte fuere proposite de incendio curie Nes- sow, de infeudata per fralres et redempta a civibus Lubicensibus tercia parte Sambie, de expensis in custodia terre faclis etc. omnino cesseni et cum plena amicicia et concordia utraque pars antedicta super eis omni renunciet accioni. ©. Fol. Sams länd. Verſchreib. Nr. 7 im geh. Archive.
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Das Elbingiſche Privilegium. 569 nes durften nur zurückkehren; die geſchlagenen Wunden, die auch das aufbluͤhende Elbing hart getroffen, durften nur ges heilt ſeyn, es durften nur Zeiten kommen, in denen die Deutſche Kraft mit Deutſcher Emſigkeit und mit Deutſchem Fleiße ungeſtoͤrt auf die Geſchaͤfte des Friedens angewandt werden konnte — und gewiß von Elbings jugendlichem Auf⸗ ſtreben und reger Thaͤtigkeit war in der Lage und Natur ſei⸗ ner Umgebung dieſelbige Hoffnung fuͤr das Land und fuͤr den Orden zu faſſen, von ſeiner Bluͤthe die naͤmliche erfreuliche Frucht zu erwarten, welche Luͤbeck ſich von jener Handels⸗ ſtadt an Samlands Kuͤſte verſprechen mochte. Und wahrſchein⸗ lich leiteten den Hochmeiſter Heinrich von Hohenlohe ſolche Ruͤckſichten und Betrachtungen, als er einen Monat nach der Entſcheidung jenes Streites, am zehnten April des Jahres 1246 der Stadt Elbing ihr wichtiges Privilegium verlieh. Schon das, was Elbings junge Buͤrgerſchaft in den harten Kriegszeiten erduldet und geleiſtet, und ſchon der Geiſt und der Muth, der ſich ſelbſt in den edlen Frauen in der Ver⸗ theidigung der neuen Heimat offenbart hatte, bewaͤhrten ihre Wuͤrdigkeit zu ſolcher Beguͤnſtigung ). Vor allem erhielt ſie jetzt ein ſehr anſehnliches Stadtgebiet von mehren Meilen im Umfange zu der Bürger Benutzung in Aeckern, Gärten, Wieſen und Weiden ); fie empfing freie Fiſcherei im Fluſſe 1) Darauf deutet auch das Privilegium ſelbſt hin, indem es da heißt: Quanto maiora quantoque plura cives in Elbingo pro defensione nominis Christiani et promotione domus nosirae discrimina suslinehant, tanto eorum utilitati et commodo in- tendere volumus et dehemus. 2) Bemerkenswerth iſt, daß der Hochmeiſter von dieſem Stadtge⸗ biete ausſchließet octo mansos, quos Domino Jobanni de Pac contulimus. Dieß war der von uns ſchon früher erwähnte Ritter Johannes von Pach, welcher im Jahre 1232 mit dem Burggrafen von Magdeburg ins Land gekommen war, alſo einer der erſten Deutſchen Bewohner dieſer Gegenden. So war auch das im Privilegium vor⸗ kommende Dorf Zerewet offenbar von dem Ritter Friederich von Scherweſt (Zerbſt), dem Begleiter Johanns von Pad), gegründet und alſo eins der erſten Deutſchen Doͤrfer dieſer Landſchaft.
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570 Das Elbingiſche Privilegium. Elbing, im Friſchen Haffe und im Drauſen-See und auf dem letztern auch freie Fahrt zu Schiffe fuͤr Handel und Wandel. Der Orden ertheilte ferner dem Schultheiß und den Buͤrgern der Stadt die Einnahme der verſchiedenen Ge⸗ richtsgefaͤlle, damit die Wachen und andern Beduͤrfniſſe der ſtaͤdtiſchen Gemeinde um fo leichter beſtritten werden koͤnnten. Kein Moͤnchsorden ſollte ſich ſorthin ohne des Ordens und der Buͤrgerſchaft beſondere Bewilligung in Elbings Mauern mehr anſiedeln und niemand zu einem Kloſter ſein Haus oder feinen Hof oder fein Erbe verkaufen oder verſchenken ). Es ward ferner der Stadt, damit auch immer der Deutſche Geiſt ſich im Deutſchen gewohnten Geſetze bewegen koͤnne, das Luͤbeckiſche Recht zugeſprochen, nur mit Ausſchluß deſſen, was etwa darin gegen Gott, gegen den Orden und gegen Stadt und Land ſeyn koͤnne; dafuͤr ſollte nach der Ordens⸗ ritter und anderer weiſer Maͤnner Rath ein anderes Recht geſetzt werden, welches dem Nutzen des Ordens, des Landes und der Stadt mehr forderlich erfunden werde. Berufung in Gerichtsfaͤllen nach Luͤbeck ward den Bürgern dadurch ent⸗ behrlich gemacht, daß in vier angeordneten Gerichtsbaͤnken in jeglicher Gerichtsſache nach Rath der Ordensritter entſchieden werden ſollte. Die Stadt hatte das Muͤnzrecht und es ward feſtgeſetzt, daß die Muͤnze zu Elbing eben ſo wie zu Kulm nur von zehn zu zehn Jahren verändert und mit der Kulmi⸗ ſchen von gleicher Reinheit und gleichem Werthe und Ge— wichte ſeyn ſollte. Endlich ſprach der Hochmeiſter die Stadt Elbing zu ewigen Zeiten frei von allen Abgaben und Zoͤllen 1) Nur den um Preuſſen fo verdienten Dominicaner⸗Moͤnchen er: theilte der Hochmeiſter am 14. April 1245 noch die Erlaubniß, in El⸗ bing ein Kloſter mit einer Kirche zu erbauen, zugleich mit der Bewil⸗ ligung, ut eliam hereditates in terra Elbingensi accipere pos- sint, si eis devotionis affectu et intuitu pietalis dabuntur, ita ut primum fratribus nostris exhibeant ad emendum, qui si renuerint, vendant tali vel zalibus, qui inde velint vel valeant debilum servitium adimplere. S. die Urkunde bei Dreger Nr. 167 p. 254 und Hanſelmann a. a. O. Urkunde Nr. 268. S. 77.
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Das Elbingiſche Privilegium. 571 an den Orden, doch alfo daß nach dem erſten Jahrzehent ih⸗ rer Gruͤndung von jeglichem Hofe ein beſtimmter geringer Zins an den Orden geleiftet werde ). Auch ſollten die Bür- ger zur Zeit der Noth nicht bloß ihre Stadt, ſondern auch das Vaterland zu vertheidigen bereit ſeyn 2). — Solches wa⸗ ren die wichtigſten Freiheiten und Beguͤnſtigungen, unter de⸗ nen Elbing in kurzer Zeit zu ſo erfreulichem Gedeihen in al⸗ len ſtaͤdtiſchen Gewerben gelangte und die Kraft der Buͤrger⸗ ſchaft ſich fo ſchoͤn entwickelte. Keine der aͤltern Schweſter⸗ Städte, weder Thorn noch Kulm, war vom Orden ſo reichlich bedacht worden. Aber auch noch mit einem andern Gedanken war Hein⸗ rich von Hohenlohe hieher nach Preuſſen gekommen. Die traurigen Berichte, welche er im Jahre 1245 von den Ver⸗ baͤltniſſen des Ordens in Livland erhalten hatte, mögen in ihm die Ueberzeugung erweckt haben, daß dort die Kraft des Ordens wider die oͤſtlichen Feinde aus Litthauen und Ruß⸗ land wohl ſchwerlich auf lange Zeiten mehr zureichen koͤnne. Erſt vor kurzem war der ſo tapfere und kriegsluſtige, als maͤnnlich⸗ſchoͤne Fuͤrſt Alexander Newsky von Novgorod, al- lerdings gereizt durch die Livlaͤndiſchen Ritter, Novgorods 1) Wie aͤußerſt gering dieſe Abgabe der Stadt im Ganzen und jeder einzelnen Hofftätte war, iſt aus dem Privilegium zu erſehen. Die Stadt entrichtet nur einen Kölnifchen Denar oder deſſen Werth und das Gewicht von zwei Mark Wachs, jeder Hof ſechs Denare Elbing. Münze. 2) Dieſes Privilegium von Elbing befindet ſich im Original mit dem Ordensſiegel im Archiv des Rathhauſes zu Elbing Nr. I; gedruckt ſteht es in Crichtons Urkunden und Beitraͤgen zur Preuſſ. Geſchichte S. 14 — 17, doch nicht ganz fehlerfrei; eine Deutſche Ueberſetzung in Preuſſ. Samml. B. II. S. 30 — 36. Han ow zuverläſſige Nachricht von Elbing im Hamburg. Magazin B. 20. S. 630. Ein Auszug in Fuchs Beſchreib. der Stadt Elbing und ihres Gebietes B. I. S. 28 ff. — Uebrigens kann der demuͤthige Titel: Minister humilis, mit welchem ſich der Hochmeiſter bezeichnet, nicht befremden, ſobald man weiß, daß dieſer Titel damals ſehr gewoͤhnlich war. Beiſpiele giebt Hanſelmann a. a. O. B. J. S. 339.
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572 Livlaͤndiſche Angelegenheiten. Feinde, gegen Meskow gezogen. Siebenzig Ordensritter wa⸗ ren in der Vertheidigung dieſer Stadt gefallen, und dennoch war ſie vom kriegeriſchen Fuͤrſten erobert, und Livland darauf mit Brand und Verheerung weit und breit überzogen wor⸗ den ). Das entzuͤndete Kriegöfeuer aber brannte auch noch durchs ganze Jahr 1245 unaufhoͤrlich fort, und am Peipus⸗ See fielen in einer Schlacht gegen den Fuͤrſten fuͤnfhundert Deutſche, darunter viele Ritter, und eine große Zahl der Lan⸗ desbewohner ward gefangen hinweggefuͤhrt ). Das Endziel ſolcher Verluſte aber war kaum abzuſehen, wenn man die ge⸗ waltige Laͤnderſtrecke ermaß, welche dem Orden in Livland gen Oſten hin im Ruͤcken lag und wenn man bemerkte, daß auch in manchem Fuͤrſten Rußlands derſelbe Gedanke erwacht und daſſelbige Mißtrauen und die naͤmliche Beſorgniß rege geworden war, die den Pommern⸗- Herzog bisher fort und fort zum Schwerte getrieben hatte. Da ſcheint es der Hochmeiſter fuͤr nothwendig befunden zu haben, ſich zunaͤchſt den Beſitz jener Laͤnder rechtlich fe⸗ ſter zu ſichern, um dann die Kraft des Ordens zu vermeh⸗ ren mit Vermehrung ſeines Landgebietes, mit Erweiterung ſeiner Herrſchaft und der Verwendung der gewonnenen Kraft eine beſtimmtere und feftere Richtung zu geben ). Es war im Sommer des Jahres 1245, als er ſich mit dieſem Ge⸗ danken zum Kaifer Friederich nach Verona begab und ihn er⸗ ſuchte, dem Orden das Recht des Beſitzes von Kurland, Lit⸗ thauen und Semgallen feſt und ſicher zuzuſprechen und die Verleihung durch eine kaiſerliche Urkunde auf ewig zu beſtaͤti⸗ gen. Der Kaiſer, hinblickend auf die Verdienſte, die ſich der Deutſche Orden im Norden um Glauben, Kirche und Staat bereits erworben, und geſtuͤtzt auf die Anſicht der Welt, 1) Ordens⸗Chron. S. 43, bei Maithaeus p. 724. 2) Arndts Livland. Chron. B. II. S. 46. Gade buſch Livländ. Jahrb. B. I. S. 240 — 242. Hiaärn S. 166. Karamſin B. IV- S. 24. Vgl. Alnpeck Reimchron. S. 38. 3) In der Urkunde bei Lucas David B. II. S. 127 liegt die⸗ ſer Gedanke nahe.
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Livländiſche Angelegenheiten. 573 daß dieſe Laͤnder noch im Bereiche ſeiner kaiſerlichen Oberge⸗ walt begriffen feyen und von ihm mit Fug und Recht verlie- ben werden koͤnnten ), erfüllte des Hochmeiſters Bitte und ſicherte dem Orden den Beſitz jener Laͤnder mit allen Lan⸗ deshoheitsrechten fir ewige Zeiten zu 2). Mit dieſer wichtigen Verleihung nun war Heinrich von Hohenlohe nach Preuſſen gekommen. Sie geltend zu machen, erhob er den ſchon erpruͤften und erfahrenen, in der Verwal⸗ tung des Landes, wie in der Fuͤhrung des Krieges von kei⸗ nem uͤbertroffenen Dieterich von Gruͤningen abermals zum Landmeiſter des Ordens in Livland 2), und noch in dieſem J. 1246 ſchritt dieſer tapfere Ritter zum Werke, indem er es unternahm, die abtruͤnnigen Kuren zum Glauben und Gehor⸗ ſam wiederum zuruͤckzubringen. Er brach mit einem zahlrei⸗ chen Heere in Kurland ein, und das Volk war durch Raub und Verheerung bald ſo geſchreckt und beſtuͤrzt, daß es dem 1) S. die Urkunde bei Lucas David B. II. S. 128, wo der Kaiſer von den genannten Laͤndern ſagt: Atiendentes, quod terre ipse sub monarchia Imperii sint contente. Vgl. Gebhardi Genealog. Geſchichte der erbl. Reichsſtaͤnde B. I. S. 208 — 209. An: merk. 9. 2) Das Original dieſer Urkunde mit der goldenen Bulle des Kai: ſers befindet ſich im geh. Arch. Schiebl. 20 Nr. B; beſchrieben und ab⸗ gedruckt im Lucas David B. II. S. 126 — 131. Nach Ba cz ko B. I. S. 219 ſteht ſie auch gedruckt in der Reichsfama Th. 23. S. 449. 3) Gruber Origin. Livon. in silva document. Nr. 55. Siär S. 168. Gadebuſch B. I. S. 242. Arndt B. II. S. 47. Die Ernennung Dieterichs von Gruͤningen zum Landmeiſter von Livland fällt übrigens ſchon in den Sommer des Jahres 1245. Schon im Juli dieſes Jahres nennt er ſich Precepior Livonie, vices Magistri ge- rens per Alemanniam. Er hielt ſich damals, wie es ſcheint, zu Marburg auf. S. die Urkunde in Guden. Cod. diplom. T. IV. p. 881. Alnpeck S. 39 ſagt von Dieterich: Einen bruder mon do kos Der wart ſider wol bekant Von wisheit uͤber manich lant Er was groſer tugende rich Von gruͤningen bruder Dyterich.
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574 Der Fuͤrſt Mindowe und Herzog Suantepote. Meifter gerne Glauben und Gehorſam gelobte, um ſich des draͤngenden Feindes hiemit vorerſt nur zu entledigen . Die⸗ terich waͤhnte, Kurland ſey bezwungen und ließ Goldingen als Ritterburg befeſtigen und bemannen ). Allein die Hoff⸗ nung taͤuſchte ihn. Ueber das Volk der Litthauer gebot um dieſe Zeit ein eben fo tapferer und kriegeriſcher, als herrfchlu- ſtiger Fuͤrſt, Mindowe, der Sohn des Großfuͤrſten Ringold. An ihn ſandten mittlerweile die Kuren eine Botſchaft mit der Bitte um Huͤlfe zur Vertheidigung ihres Glaubens und ihrer Freiheit. Freudig nahm es der herrſchbegierige Fuͤrſt uͤber ſich, in ihrem Kampfe gegen den Orden an ihre Spitze zu treten, denn es lockte ihn nicht nur das Verſprechen der Kuren, ihn forthin als ihren oberſten Herrn und Beſchuͤtzer zu erkennen ), ſondern er hatte auch anderer Seits hinlaͤng⸗ lichen Anlaß, die Livlaͤndiſchen Ordensherren mit feindlichen Auge zu betrachten, da ſeine Neſſen, die wider ihn um die ihnen entriſſene Herrſchaft ſtritten, bei dem Orden Huͤlfe ge⸗ funden ). So ging das Jahr 1246 hin, ohne daß für die Erwerbung jener Laͤnder irgend etwas von bleibendem Er⸗ folge geſchehen konnte. Aber es war hiemit ein neuer Feind des Ordens aufgeweckt worden, welcher der Erweiterung und Befeſtigung der Ordensherrſchaft in jenen Landen ſchwere Hinderniſſe entgegen zu werfen drohte. Wie alſo im Weſten am Weichſel-Strome Herzog Suantepole dem Kampfe der Preuſſen fuͤr ihr altes Leben bisher immer feſten Halt und ſichere Richtung gegeben, ſo trat nun hier auch im Oſten im Großfuͤrſten Mindowe, dem Haupte und Fuͤhrer der abtruͤn⸗ nigen Kuren, ein Schirmherr und Vertheidiger des alten Le⸗ 1) Alnpeck S. 39 — 40. 2) Vgl. vorzuͤglich Hennigs Geſchichte der Stadt Goldingen in Kurland, in den Kurland. Samml. B. I. Th. 1. S. 10 ff. 3) Arndt a. a. O. S. 47 Ordens⸗Chron. S. 43. bei Mat- thaeus S. 724. Alnpeck S. 41. 4) Kojalowiez IIistor. Litthuan. p. 91. Alnpeck S. 41 ſagt von Mindowe bloß: „Er truc den criſten groſen has.“ Gabe: buſch B. 1. S. 247.
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Der Kürft Mindowe und Herzog Suantepolc. 575 bens und des alten Glaubens auf. Und beide Fuͤrſten, ob⸗ wohl verſchieden in aller Beziehung, doch gleich getrieben durch irdiſche Ruͤckſichten, befangen in menſchlicher Leidenſchaft und um weltlichen Beſitz und weltliche Herrſchaft beſorgt, ſetzten Jahre hindurch alle ihre Kraft an den Gedanken, die Schoͤpfung des Deutſchen Ordens in der Naͤhe ihrer Lande, das neue chriſtlich⸗deutſche Leben bis auf die Wurzel wieder auszutilgen; und gewiß ſie waren Hemmungen, wie ſie die Geſchichte des Lebens in ſeinem großen Bildungsgange oft⸗ mals aufweiſet, denn ſie hinderten die ſchnellere Ausbreitung jenes chriſtlich deutſchen Lebens mit allen feinen Segnungen. Aber ſie erdruͤckten und erſtickten es nicht wieder, dieſes für dieſe Laͤnder fo aͤußerſt wohlthaͤtige und heilbringende Leben. Ihr Wollen und Streben war viel zu ſehr nur Menſchen⸗ wille und Menſchenwerk, im Mißtrauen erzeugt, in Leiden⸗ ſchaft geboren, durch Neid, Mißgunſt und Haß genaͤhrt und unter den Stuͤrmen der Zeit emporgewachſen. Im Buche des großen Bildungsganges der Menſchheit ſtanden andere Beſtimmungen fuͤr dieſe Voͤlker und Laͤnder aufgeſchrieben. Sie ſollten aufgenommen werden in den Glauben der Liebe und der Erloͤſung, durchdrungen von dem göttlichen Geſetze des Evangeliums, eingeweiht in Deutſche Bildung und be⸗ herrſcht vom Geiſte Deutſcher Eigenthuͤmlichkeit, Deutſchen Denkens und Deutſchen Lebens. Dem gegenuͤber bilden jene Fuͤrſten mit ihrem Dichten und Trachten, mit ihren Hem⸗ mungen und Vernichtungsplanen nur Gegenſaͤtze, die für die Geſchichte ihre wichtige Bedeutung haben. Aber gelingen konnte und durfte ihr Muͤhen und Streben in keiner Weiſe. Hier wie dort war das alte Leben ſchon viel zu ſehr geruͤt⸗ telt und geſtoͤrt; der alte Bau, wenn auch einige Zeit feſtge⸗ halten durch die Stuͤtzen der Leidenſchaft, war aus ſeiner Grundfeſte und ſeinen Fugen ſchon viel zu ſtark herausgeho⸗ ben, als daß er nicht bald haͤtte zuſammenbrechen muͤſſen, da⸗ mit die neue Gruͤndung in ſchoͤnerem Geiſte Raum gewinnen und in erfreulicherem Lichte gedeihen koͤnne. Noch aber hielt ſich dieſer alte Bau fuͤr einige Zeit auf⸗
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576 Der Fuͤrſt Mindowe und Herzog Suantepolc. recht; noch ſtand im Oſten Mindowe, wie im Weſten Her⸗ zog Suantepolc als kraftige Stüge da, ihn gegen den maͤchti⸗ gen Anſturm der Zeiten feſtzuhalten und vor dem Falle zu bewahren. Das Jahr 1246 war noch nicht voruͤber, als dieſer letztere Fuͤrſt ſchon wieder neue Plane verrieth zu Krieg und Fehde gegen die Ordensritter. Da faßte der Hochmei⸗ ſter Heinrich von Hohenlohe den Gedanken, wie die weſtlichen und oͤſtlichen Lande des Ordens Einer Beſtimmung entgegen: gingen, ſo vorerſt beide auch einer gemeinſamen Herrſchaft und Verwaltung zu untergeben; er ernannte den Landmeiſter von Livland Dieterich von Gruͤningen zugleich auch zum Landmei⸗ ſter von Preuſſen noch im Laufe des Jahres 1246 ). Er ſelbſt aber begab ſich hierauf mit dem bisherigen Landmeiſter Poppo von Oſterna nach Deutſchland zuruͤck ), um dort 1) Es kann dieſes erſt im Herbſt des Jahres 1246 geſchehen ſeyn, denn fo lange Poppo von Oſterna noch in Preuſſen war, verwaltete dieſer auch noch das landmeiſterliche Amt in Preuſſen. Zwar wird Dieterich von Grüningen ſchon in der Urkunde bei Gruber Orig. Li- von. in sylva document. Nr. 55, welche dieſer in das Jahr 1245 ſetzt, Magister domus S. Mariae Theut. in Prussia et Livonia genannt; allein dieſes Jahr iſt unſtreitig ganz unrichtig und ſelbſt wenn die Zeitangabe der Urkunde: V Non. Mart. pontif. domini Innocent. papae IV anno tertio ganz außer Zweifel wäre, fo könnte daraus noch kein ſtrenger Beweis gefolgert werden, daß Dieterich von Gruͤningen ſchon im März 1246 zugleich auch Landmeiſter von Preuſ⸗ ſen geweſen ſey. Die Urkunde bei Kotzebue B. I. S. 416 kann hier nichts beweiſen, da ſie von D. von Gruͤningen nur in ſeinen fruͤheren Verhaͤltniſſen als Landmeiſter von Livland ſpricht. Schubert Dissert. de gubernatoribus Borussiae p. 16. Das Wahrſcheinlichſte aber bleibt immer, daß D. von Gruͤningen das doppelte Amt im October oder Novemb. 1246 angetreten habe. 2) Ueber die Zeit der Ruͤckkehr des Hochmeiſters find wir nicht ges nau unterrichtet. Wenn fie auch wahrſcheinlich im Herbſt des J. 1246 erfolgte, ſo haben wir ihn doch erſt wieder in einer Urkunde vom 12. Decemb. 1247 in Mergentheim bei Hanſelmann B. I. Nr. 269. S. 578 gefunden. Wir haben noch eine Urkunde vom 10. Oct. 1246, wor: in ſich Albert von Baſtheim gerens vicem Magistri nennt; iſt dieſer Magister der Hochmeiſter, ſo war er wenigſtens um dieſe Zeit noch nicht wieder in Deutſchland.
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Graͤnzſtreitigkeit zwiſchen Suantepolc und dem Orden. 577 neues Kriegsvolk fuͤr den ſchon wieder drohenden Kampf in Preuſſen aufzubringen. Anderer Urſachen, als die bisher ſchon immer in Herzog Suantepolcs Seele gewirkt und zur Waffe und Wehr getrie⸗ ben hatten, bedurfte es bei ihm zur Erneuerung des Krieges wohl keineswegs. Die alte Geſinnung gegen den Orden, der alte Groll, das alte Mißtrauen erfüllten ihn noch fort und fort, und Anlaͤſſe, an denen ſich dieſe Geſinnung eben ſo deutlich kund that, als ſie in ihnen neue Nahrung gewann, fanden ſich auch immer wieder, weil fie, mit Abſicht geſucht und gefunden, gerne ergriffen wurden, um den alten Haß an ſie wieder an⸗ zuknuͤpfen. So erhielten um dieſe Zeit einige Irrungen uͤber Graͤnzverhaͤltniſſe auf der Nehring, da wo die Weichſel den einen ihrer Arme in die See, den andern in das Friſche Haff ergießet, und oben im Kulmerlande, wo der Herzog die alte Burg Pin an der Weichſel und einige Dörfer um Kulm noch in Beſitz hatte, es erhielten ferner einige Streitigkeiten uͤber die Zoͤlle auf der Weichſel eine Wichtigkeit, aus welcher klar hervorging, daß man den Frieden nicht länger wuͤnſche ). Auch moͤgen ohne Zweifel noch manche andere Reibungen hinzugekommen ſeyn. Noch immer waren ja des Herzogs Sohn und die uͤbrigen Geißeln in den Haͤnden der Ritter; dadurch bezeugten auch dieſe immer noch ihr Mißtrauen gegen Suantepole3 Geſinnung; wie mußte da nicht auch er noch ſtets mit erbitterter Seele ihnen gegenuͤber ſtehen! Die Spannung hielt ſich indeſſen bis in das Jahr 1247 hinein. Aber im Fortlaufe dieſes Jahres muͤſſen doch man⸗ cherlei Feindſeligkeiten vorgefallen ſeyn, denn man machte ge⸗ genfeitig Gefangene 2). Indeſſen waren die Ereigniſſe, wie es ſcheint, nie von ſolcher Wichtigkeit, daß die Geſchichte es 1) Wir erſehen dieſes aus der Urkunde bei Kotzebue B. I. S. 409. Vgl. Lucas de bellis Suantop. p. 41. 2) Da in der eben erwähnten Urkunde von „Caplivis, quos supradicti dux et fratres habent, ““ ferner auch von „dampnis binc inde illatis“ die Rede iſt, ſo ſetzt dieſes allerdings feindselige Begegnungen beider Theile voraus- II. 37
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578 Graͤnzſtreitigkeit zwiſchen Suantepol- und dem Orden. werth gefunden haͤtte, ſie fuͤr die Nachwelt aufzuzeichnen. Vielleicht waren des Herzogs Kraͤfte noch zu ſchwach, um den Krieg mit dem alten Muthe und mit dem alten Ernſt wieder aufzunehmen; vielleicht hielt auch die Ordensritter die Abwe⸗ ſenheit des tapfern Ritters Heinrich von Lichtenſtein mit ſei⸗ ner reiſigen Schaar von ernſtlicher Erwiederung der Feindſe⸗ ligkeiten vorerſt noch zuruͤck, denn dieſen Ritter hatten ſchon im Vorſommer des Jahres 1246 manche wichtige Ereigniſſe nach Oeſterreich zuruͤckgerufen ). So kam der Herbſt heran und da nun Suantepolc die Nachricht erhielt, daß ſich in Deutſchland durch die Bemuͤhungen des Hochmeiſters und Poppo's von Oſterna ein neuer Heerhaufe zum Zuge nach Preuſſen ſammele, fo willigte er, um vielleicht ſpaͤterhin geſtei⸗ gerten Forderungen zuvorzukommen, nicht ungern ein, daß die obwaltenden Zwiſtigkeiten durch den ſchiedsrichterlichen Aus⸗ 1) Es bleiben hier nur zwei Fälle moglich, um die Widerſprüuͤche der Quellen zu heben. Heinrich von Lichtenſtein kommt namlich im Jahre 1245 nach Preuſſen, und wir finden ihn da auch im Winter 1247 bis 1248 (Dusdurg P. III. c. 59). Aber es wird uns Hein: rich von Lichtenſtein auch in jener Schlacht an der Leitha am 15. Juni 1246 gegenwärtig genannt, in welcher Friederich der Streitbare fiel und dieſer Heinrich von Lichtenſtein die Stelle eines Oberfeldberrn be⸗ kleidete; Ulrichs von Lichtenſtein Frauendienſt S. 259. Hor- mayr Geſchichte von Wien B. II. H. 3. S. 176. Entweder nun ſind dieſes zwei verſchiedene Perſonen, und der eine Heinrich von Lich⸗ tenſtein war auch im Laufe des Jahres 1246 in Preuſſen, während der andere am 15. Juni d. J. an der Leitha focht, — oder jener H. v. Lichtenſtein begab ſich aus Preuſſen im Fruͤhling oder Vorſommer 1246 nach Oeſterreich zuruͤck, focht dort in jener Schlacht gegen die Ungern mit und begab ſich im Winter 1247 bis 1248 wieder nach Preuffen. Zu der erſtern Annahme fehlen alle Gründe, denn es iſt uns nicht er- weislich geweſen, daß um dieſe Zeit ein zweiter Heinrich von Lichtenſtein gelebt habe. Wir nehmen alfo an, daß H. von Lichtenſtein im Früh⸗ ling 1246 nach Oeſterreich zuruͤckging, zumal da wir ſeine Anweſenheit in Preuſſen im Laufe des Jahres 1246 auf keine Art nachweiſen koͤn⸗ nen. — Vgl. German, Austriae chin ap. Pez Script. rer. Austric. T. I. p. 1073.
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Graͤnzſtreitigkeit zwiſchen Suantepalc und dem Orden. 579 ſpruch des Erzbiſchofs Fulco von Gneſen und des Biſchoſs Heidenreich von Kulm entſchieden werden moͤchten. Da thaten die Schiedsrichter am fuͤnf und zwanzigſten October 1247 folgenden Spruch: Die Ordensritter ſollen den Strich Landes an der Seekuͤſte über dem oͤſtlichen Arm der Weichſel vom Fluſſe Tiege an und die Nehring bis zum Orte Camzicni hin an den Herzog abtreten ). Dagegen ſoll dieſer dem Orden wieder die alte Burg Pin im Kulmerlande und die Doͤrfer, welche er bei der Stadt Kulm inne hat, auf Lebenszeit uͤberlaſſen 9. So nahm man alſo an beiden Orten den Weichſel⸗Strom als die natuͤrliche Graͤnzſcheide beider Laͤnder an. Da jener Theil der Nehring aber ſeine Wichtigkeit vorzuͤglich im Fifchfange und in der Jagd hatte, ſo ward zugleich auch beſtimmt, daß der Herzog auf ſeinem 1) In der Urkunde heißt es: Fratres cedent duci predicto de arenis et nerei ac via asque Camzicni. Deutlicher wird die geo⸗ graphiſche Lage dieſer Gegenden durch eine Stelle in der Urkunde bei Dreger Nr. 184. p. 271, wo es heißt: Concessimus ipsi Suanto- polco et beredibus suis insulam, que vocatur Nerei el silvan in cadem insula comprehensam et arenas sitas iuxta eandem insulam a flumine quod dicitur Tuya usque ad locum, qui vocatur Cantzikini. Es iſt hier von der Öfttichen Gegend der Bin⸗ nen⸗Nehring, am öͤſtlichen Arme der Weichſel, die Rede, wo die ver: ſchiedenen Campen liegen. Der Sand muß nach dieſer Angabe der am ſͤͤdlichen Ufer des oͤſtlichen Weichſelarmes gelegene Landſtrich geheißen haben, wo die Tiege (Tuya) in die Weichſel fällt. Nerei iſt ſichtbar die Nehring, die man in fruͤherer Zeit oft ſo bezeichnet ſindet. Der Ort Camzicni oder Cantzikini, wie ihn Dreger hat, it nicht mehr zu finden. Die Lesart des Namens Cantzikini iſt aber gewiß auch unrichtig, denn im Original der Urkunde bei Dreger Nr. 184 ſteht klar Camzikini. 2) „Ipse e converso cedet eis de Pin et villis, quas habe- hat iuxta Cholmensem civitatem iemporibus vile sue.“ So hat die Urkunde, nicht aber „Dexin,“ wie Kotzebue B. I. S. 409 geleſen hat. Ihrer wird als Burg auch in der Urkunde bei Dreger Nr. 184 erwähnt. Sie lag, wie früher ſchon bemerkt iſt, an der Weichſel noͤrdlich vom Kirchdorfe Oſtrometzko, wo der Name noch jetzt zu finden iſt. 37 K
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580 Neue Kreuzfahrer. Alt- Chriftburgs Eroberung. Theile der Nehring dem Wilde den Uebergang in den des Ordens nicht verſperren ſolle. Den andern Streitpunkt, den Zoll auf der Weichſel betreffend, entſchieden die Richter, daß ſolcher von der Bruͤcke bei Danzig an Strom aufwaͤrts von Seiten des Herzogs nicht ferner mehr zu erheben ſey. Nur jener Bruͤckenzoll bei Danzig ſolle ihm uͤberlaſſen feyn, wie⸗ wohl mit Ausſchluß fuͤr die den Ordensrittern unmittelbar zu⸗ gehoͤrigen Gegenſtaͤnde. Der Stadt Kulm ſprachen die Schiedsrichter an beiden Stromufern der Weichſel freie Ueber⸗ fahrt zu. Das Weichſelbette aber ſolle von der Burg und Inſel Zantir an Strom aufwaͤrts als die Graͤnze der Gebiete des Ordens und des Herzogs und der darin liegenden Inſeln ſeyn. Zugleich ward beiden Theilen auch aufgegeben, ihre Gefangenen ohne weiteres frei zu laſſen. Der Herzog ward ferner darauf angewieſen, über die früher ihm abgewonnene Burg Wiſſegrod an den Orden keine Anforderung zu erheben, ſondern ſich nur an den Inhaber zu halten. Ueber den ge⸗ genſeitig zugefuͤgten Kriegsſchaden wurde beiden Theilen Still⸗ ſchweigen auferlegt. Die Ordensgebietiger aber wurden end⸗ lich von den Schiedsrichtern auch aufgefordert, dem Herzoge ſeinen Sohn ſo bald als moͤglich zuruͤckzugeben, und jener ward verpflichtet, den freigelaſſenen Sohn gleichfalls zur Be⸗ obachtung der feſtgeſetzten Friedenspunkte zu verbinden ). Hiemit ſchien abermals alles beſeitigt, was dem Frieden zwiſchen dem Orden und dem Herzoge von Pommern bisher noch hinderlich geweſen; die naͤchſten Amaͤſſe zur Zwietracht waren wenigſtens wieder hinweggeraͤumt und es ſcheint, daß Suantepolc nach dem Richterſpruche auch den Bedingungen Genuͤge geleiſtet habe, um derentwillen ſein Sohn bisher im⸗ mer noch in des Ordens Verwahrſam gehalten worden war. Da kam im Spaͤtherbſt des Jahres 1247 ein neuer bedeuten⸗ der Kriegshaufe von Kreuzfahrern, welche der Hochmeiſter und Poppo von Oſterna in Deutſchland geſammelt hatten, im 1) Das Original diefer Urkunde befindet ſich im geheimen Archiv Schiebl. 48. Nr. 11; gedruckt, jedoch nicht fehlerfrei, bei Kotzebue B. I. S. 409 — 410.
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Neue Kreuzfahrer. Alt = Chriftburgs Eroberung. 381 Kulmerlande an, an ſeiner Spitze als neuer Landesverwalter ö jener Heinrich von Wida n), welcher ſchon fruͤher Landmeiſter ——— von Preuſſen geweſen war. Jetzt indeſſen erſchien er nicht in dieſer vormaligen Wuͤrde, denn das landmeiſterliche Amt in Preuſſen bekleidete, wie ſchon erwaͤhnt iſt, in Verbindung mit dem von Livland zur Zeit der tapfere Dieterich von Gruͤ ningen und nur als deſſen Stellvertreter uͤbernahm nach des Hochmeiſters Verordnung Heinrich von Wida die Landesver⸗ pe waltung Preuſſens 2). Außer der Schaar vieler edler, ritter⸗ licher Krieger aber und außer dem Kriegsvolke, welches er ſelbſt führte, war auch ein anderer Herr von Wida, ein na= her Verwandter Heinrichs ), herbeigezogen und unter ſeiner Fahne ein Haufe von funfzig der ausgezeichnetſten, geuͤbteſten und tapferſten Kriegsmaͤnner, deren Ruhm im Kampfe ſchon in den Landen weil umher bekannt war ). So trieb der maͤchtige Geiſt, der nun ſchon Jahrhunderte lang Europa's Voͤlker in Bewegung geſetzt, immer noch Menſchen in großen Schaaren aus der Heimat um Gottes Sache hinweg, denn auch dieſe neuen Heerhaufen hatte der Gedanke hieher ge⸗ 1) Die Ankunft Heinrichs von Wida ſcheint in den Norember des J. 1247 zu fallen; wenigſtens mußte der erwahnte Vertrag mit Her⸗ zog Suantepolc am 25. October 1247 wohl vorangegangen ſeyn, ehe die Unterkandlungen erfolgten, deren Dusdurg P. III. c. 59 er: waͤhnt. 2) Dusburg c. 56 nennt ihn zwar Magister terrae Pruschiae; allein in Urkunden findet man ihn nie anders genannt als Vicema- gister domus Theut. in Pruscia, Cſ. Schubert dissert. de gu- bernatorib. Borussiae p. 20 — 21. 3) Consanguineum nennt ihn Dusburg I. c. Advocatum de Wida das Chron. Oliv. p. 21. 4) Dusburg c. 56 ſagt von ihnen: in bello adeo viriles fue- runt, quod fama publica de ipsis testabatur, quod hasta eo- rum nunquam fuerit aversa nec sagitta ipsorum abiit reiror- sum. Jeroſchin P. III. c. 56: „Der menlich Tat vil wit Was irſchollin in der zit.“
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582 Neue Kreuzfahrer. Alt = Chrifiburgs Eroberung. führt, das geſunkene Werk des Glaubens kraͤftig wieder auf⸗ zurichten ). Mit dieſem Kriegshaufen, vereinigt mit der Kriegsmacht der Ordensritter im Lande und mit einer Heerſchaar, an de⸗ ren Spitze wiederum der ritterliche Heinrich von Lichtenſtein erſchien, brach Heinrich von Wida aus dem Kulmerlande auf und die Heerfahne des Kreuzes ging abermals hinab nach Pomeſanien. Da er vernommen, welche Bedraͤngniſſe dieſe Landſchaft und vorzuͤglich Elbing durch die Mannſchaft der nahen Chriſtburg erfahren, ſo ging ſein naͤchſtes Ziel auf die Eroberung dieſer erſt vor kurzem wieder ſtark verwahrten Burg. Es war tiefe Winterzeit. Laͤngſt hatte Herzog Su⸗ antepolc die Burg den abgefallenen Preuſſen uͤberlaſſen, von denen fie um dieſe Zeit auch noch ſtark beſetzt war ). In der Mitternacht vor dem Chriſtfeſte zog Heinrich von Wida in aller Stille gegen die Burg hinan. Die Burgbeſatzung, durch lange Ruhe ſorglos geworden in Bewachung der Mau⸗ ern, lag im Schlafe und kein Waͤchter gewahrte den heran⸗ nahenden Feind. So gelang es leicht, die Sturmleitern an paſſenden Orten anzulegen und die Burg zu erſteigen. Die aus dem Schlafe aufgeſchreckte Mannſchaft wurde gefangen genommen, die Widerſtrebenden erlagen dem Schwerte ®) und ſo war die feſte Burg in den Haͤnden des Ordens. Alte Nachrichten haben den Namen Chriſtburg daher abgeleitet, weil ihre Erſtuͤrmung in der Nacht des Chriſtfeſtes gelungen war ). Allein der Name iſt älter als das Ereigniß und 1) Jeroſchin a. a. O. Der Epitomator Dusburgs ſagt: bel- lare cupientes pro ſide et nomine Christi. 2) Lucas de bellis Suantop. p. 42. 3) Dusburg P. III. c. 57; nach ihm Lucas David B. III. S. 105. Ordens⸗Chron. S. 47, bei Matthaeus p. 734. Schütz S. 24. 4) Die Chroniſten erwähnen faſt einſtimmig diefer Namensverwand⸗ lung, an ihrer Spitze Dusburg P. III. c. 57. Die älteften urkun⸗ den, z. B. eine vom Jahre 1239 in den Privileg. Marienwerd. p. 22., haben den Namen Kirsburg. Wollte man ihn in ſeiner erſten Sylbe aus dem Altpreuſſiſchen erklären, fo dürfte man an den öfter
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Erneuerung des Krieges mit Öuantepolc. 583 ſchon in den fruͤheſten Zeiten des Ordens war es ſeine Sitte, ſeine neuerrichteten Burgen oft nach heiligen Namen zu be⸗ nennen ). Als nun die Chriſtburg mit Rittern und andern Kriegs: leuten hinlaͤnglich bemannt und mit Lebensmitteln wohl ver⸗ ſorgt war, ging Heinrich von Wida weiter, um die abtruͤn⸗ nigen Landſchaften von neuem zu unterwerfen, denn gegen den Herzog Suantepolc nach dem letzten Vertrage ſich ſicher glaubend, wollte er dieſes Ziel mit aller Kraft verfolgen 2): Da kam eine Botſchaft des Herzogs zu Heinrich von Wida mit dem Geſuche, Heinrich von Lichtenſtein möge zur Unter⸗ handlung zu ihm geſandt werden. Und als dieſer vor Suan⸗ tepolc erſchien, erhob der Herzog Klage auf Klage uͤber die Unbilligkeit, mit welcher der Orden ihn behandele. „Ich hege friedliche Geſinnungen,“ ſprach er endlich, „ich bin gerne bereit, alles zu thun, wozu das Recht mich verpflichtet und was die Ordensritter verlangen; aber man gebe mir nur den Sohn zuruͤck, den ich ihnen als Geißel geſtellt.“ Da ent⸗ gegnete Heinrich von Lichtenſtein: „Eueren Sohn koͤnnet ihr noch auf keine Weiſe zuruͤckerhalten; ihr habt den Frieden, zu deſſen Buͤrgſchaft ihr ihn den Rittern uͤbergabt, viel zu vorkommenden altpreuffifhen Perſonal⸗Namen Kerse denken, denn das Geſchlecht der Kerse gehoͤrte mit zu den vornehmſten in Preuſſen; ſ. meine Geſchichte der Eidechfen = Gefellfehaft S. 213. Da indeſſen an dem Orte, auf der Berghoͤhe Grewoſe ſchon in der heidniſchen Zeit eine alte Burg ſtand, die man bei dem Aufbau der neuen benutzte, ſo iſt das Wahrſcheinlichſte, daß man ſchon dieſe die Chriſtburg nannte und daß Kirsburg nur eine alte Schreibart für Krisburg oder Krist. burg if. Das Cbron. Oliv. p. 21 nennt die Burg ein Castrum Prutenorum situm in loco, qui dicebatur anliquitus Kirsberg. Noch im 14ten Jahrh. ſchrieb man Kirsmemel ſtatt Chriftinemel, f. Lindenblatts Jahrb. S. 194. 1) Schon im Morgenlande gaben die Ritterorden ihren Burgen oft religidſe Namen. Man erinnere ſich z. B. nur an das castrum nlii Dei; Godefrid. Monach. p. 286 Vincent. Belluac. LXXXI. c. 82. 2) Dusburg c. 57. Chron. Oliv. p. 21. Lucas David a. a O. .
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584 Erneuerung des Krieges mit Suantepolc. oſt verletzt, habt mit den Abtruͤnnigen und Unglaͤubigen im Bunde das Gebiet der Chriſten und des Ordens mit Raub und Brand verwuͤſtet, das unter unendlichen Mühen ſchon fo herrlich geförderte Werk des Glaubens durch neuere Heeres⸗ macht wiederum vernichtet; ihr habt manche Chriſtglaͤubigen jaͤmmerlich ermordet, andere zu ewiger Knechtſchaft hinwegge⸗ führt. Es iſt alſo nicht das Recht, welches ihr ſuchen moͤget, ſondern nur Gnade und Gunſt bei den Ordensrittern ).“ Als ſo der kuͤhne Ritter geſprochen, ging der Herzog von dan⸗ nen, denn es ſchien ihm nicht geziemend, von einem Haupt⸗ manne ſolchen Tadel zu hoͤren. Der Lichtenſteiner aber be⸗ gab ſich nach Kulm zuruͤck und berichtete dem Landmeiſter 2) den Inhalt der Verhandlung. Noch entſagte indeſſen Suan⸗ tepolc nicht aller Hoffnung. Er bewog bald darauf den Landmeiſter ſelbſt zu einer perſoͤnlichen Zuſammenkunft auf ei⸗ ner Weichſel⸗Inſel; es fanden lange Unterhandlungen Statt; allein es kam auch hier zu keiner freundlichen Ausgleichung und vom alten Zorne tief bewegt kehrte der Herzog heim. Unter ſolchen Verhaͤltniſſen war das Jahr 1248 an⸗ gebrochen. Aber es drohte wiederum eine ſchwere Zeit. Her⸗ zog Suantepolc hatte nunmehr zu ſeines Sohnes Befreiung keine andere Hoffnung mehr, als die in ſeinen Waffen lag; und wenn bisher mehr der Fuͤrſt fuͤr ſeines Landes Sicher⸗ heit und Freiheit geſtritten hatte, ſo ergriff nun auch der Va⸗ ter das Schwert fuͤr den Sohn, deſſen Befreiung erſt vor kurzem die erwaͤhlten Schiedsrichter als Bedingung des Frie⸗ dens ausgeſprochen und die der Orden zugeſagt hatte ). Jetzt 1) So bei Dusburg P. III. c. 59. In einzelnen Worten und Sätzen weicht der Epitomator, wie auch Jeroſchin P. III. c. 59 vom Texte Dusburgs ab. 2) Es mag hier fuͤr immer bemerkt werden, daß unter der Be⸗ nennung Landmeiſter ſtets nur der Vice-Landmeiſter Heinrich von Wida zu verſtehen iſt. 3) Es hieß in der Vertragsurkunde ausdrücklich: Volumus eciam et mandamus, ut fratres predicto duci restituant filium suum sicut cicius possunt, nulla fraude vel dolo adhibito et hoc duo ex cis per ordinem suum promittant.
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Erneuerung des Krieges mit Suantepolc. 585 durfte er die Freilaſſung nicht von der Billigkeit der Ordens⸗ herren, er konnte ſie als zugeſprochenes Recht erwarten. Sie ward ihm verweigert und, zuruͤckgewieſen in ſeiner Forderung, ſuchte er nun ſein Recht in der Gewalt des Schwertes. Zuerſt uͤbte ſich der alte Groll und Haß des Herzogs wieder nach alter Weiſe in allerlei Fehden und Feindſeligkei⸗ ten. Wo ſich Gelegenheit bot, wurden die Ordensritter und die Ihrigen beraubt, gemißhandelt und auf jegliche Art von des Herzogs Kriegsleuten gereizt, geneckt und beunruhigt. Der Herzog ſelbſt benutzte dieſe Zeit des heimlichen, kleinen Krieges zur Sammlung und Ruͤſtung eines ſtarken Heeres ). Mittlerweile aber waren auch die Ordensritter in regſter Thaͤ⸗ tigkeit, um dem neuerweckten Feinde mit aller Kraft begegnen zu koͤnnen. Das Buͤndniß mit Herzog Caſimir von Cuja⸗ vien ward erneuert. Sambor, Suantepoles Bruder ſtand auch jetzt noch auf der Seite des Ordens, waͤhrend Ratibor, der andere Bruder, in Suantepolcs Kerker lag. Im Lande ſelbſt wurde alles zur Kriegsruͤſtung aufgeboten. Dieterich von Gruͤningen aber, der Landmeiſter von Livland und Preuſſen, war bereits nach Deutſchland geeilt, um dort neue Kriegs⸗ hilfe aufzubringen. Auf der Hinreiſe hatte er ſchon die Markgrafen Johann den Erſten und Otto den Dritten oder den Frommen von Brandenburg fuͤr die Sache des Ordens gewonnen und von dem Hochmeiſter, zu welchem ſich Diete⸗ rich begab ), wurde nichts unverſucht gelaſſen, um feinen Or⸗ 1) Dusburs P. III. c. 60. Lucas David B. III. S. 107. 2) Sowohl im Jahre 1247, als 1248 hielt ſich der Hochmeiſter zu Mergentheim auf. Dieß geht aus Urkunden hervor. Seit der Ruͤckkehr aus Preuſſen war Mergentheim uͤberhaupt fein gewöhnlicher Aufenthaltsort. In der Succincta equestris Ordinis Jlistoria, deren Worte Hanſelmann S. 247 anfuͤhrt, heißt es: Neversus in Germaniam, ad palrium solum, nempe Mergentbeimium ad Tubarim in Franconia, Domum modernam , magni magistri principalem residentiam, quam ipse iam ante suum in Pa- lestinam discessum Ordini benigne contulerat, sibi ad dies vilae in residentiam et post obitum in sepulchrum elegit. Dort finden wir ihn ſchon im Decemb. 1247 nach der Urkunde bei
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586 Verluſt Alt⸗Chriſtburgs. Aufbau Neu⸗Chriſtburgs. densbruͤdern in Preuſſen bald neuen Beiſtand zuzuſenden. Bevor indeſſen dieſer anlangte, begann Herzog Suantepolc ſchon den offenen Krieg. Mit einem ſtarken Heerhaufen ploͤtz⸗ lich in der Nähe von Thorn die Weichſel uͤberſchreitend, uͤber⸗ fiel er unvermuthet das Ordensvolk bei Golub an der Dre⸗ wenz und erſchlug eine bedeutende Zahl. Dann ſtuͤrmte er nach Cujavien ein, hauſete mit Feuer und Schwert, durch⸗ pluͤnderte faſt das ganze Land und kehrte endlich mit großer Beute und einer Schaar gefangener Weiber und Kinder in fein Herzogthum zuruͤck ). Niemand hatte dem Feinde wi⸗ derſtanden, ſo unerwartet war ſein Einfall in das Land. Und nicht lange fo brach der Herzog mit gleicher ſtuͤr⸗ menden Eile auch in Pomeſanien ein, um die von den Or⸗ densrittern beſetzt gehaltene Chriſtburg wieder zu gewinnen. Seine Kriegsmacht in zwei Haufen theilend griff er die Burg zu gleicher Zeit an zwei Orten an. Er ſelbſt mit einer ſtar⸗ ken Schaar von Preuſſen ), die er mit feinem Heere verei⸗ nigt, beſtürmte den vordern ſchwaͤcheren Theil der Burg, der andere Heerhaufe dagegen den hintern ſtaͤrker befeſtigten. Die Befagung aber ahnete die Lift nicht, welche in dieſer Anord⸗ nung lag und wandte wie natürlich faft ihre ganze Kraft auf die Vertheidigung der ſchwaͤcheren Seite, weil hier zumal auch die groͤßte Staͤrke des Feindes ſtand. So gering auch gegen die Schaaren der Belagerer ihre Zahl war, ſo leiſtete ſie doch mehre Tage hindurch den heldenmuͤthigſten Widerſtand, denn der Feind ließ Tag und Nacht keine Ruhe, da nur in Hanſelmann Nr. 269 ©. 578, und im Juni 1248, wo ſich Diete⸗ rich von Grüningen bei ihm befand nach Lang Regest. Boica T. II. p. 395 — 397. 1) Dusburg P. III. c. 60. Lucas David B. III. S. 107. Kantzow B. I. S. 245. Schütz S. A führt noch an, daß der Her: zog auf dem Ruͤckzuge bei naͤchtlicher Weile vom Landmeiſter uͤberfallen und aller Raub ihm wieder abgenommen worden ſey. 2) Kantzow B. I. S. 245 ſagt, daß Suantepolc auch die Lit⸗ thauer zum Kriege gegen den Orden aufgefordert habe, und Lucas de bellis Suantop. p. 66 vermuthet, daß in illa forsan expeditione Troynatum Samogitum contra ordinem advocaverunt Pru- rheni; allein an ſicheren Nachrichten fehlt es hierüber.
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Verluſt Alt⸗Chriſtburgs. Aufbau Neu⸗Chriſtburgs. 587 der größten Eile die Eroberung zu hoffen war. Als nun der Herzog in ſolcher Weiſe die ganze Aufmerkſamkeit und alle Kraft der Belagerten auf ſeinen Theil des Heeres hingezogen hatte und die andere Seite der Burg oft kaum noch bewacht wurde, ſtuͤrmte plotzlich der verſteckt gehaltene andere Heerhaufe auf den hintern Theil der Burg ein. Er fand im Augen⸗ blicke faſt gar keinen Widerſtand, drang in die Mauern ein und uͤberfiel die Beſatzung im Ruͤcken, waͤhrend ſie im vollen Kampfe mit dem Herzoge ſelbſt begriffen war. Langer Ge⸗ genkampf war jetzt unmoglich. Die Zahl der Ordensritter und ihre ganze Mannſchaft ward aufgerieben; kein einziger entrann dem feindlichen Schwerte und die Burg kam in ſol⸗ cher Weiſe wieder in die Haͤnde Suantepolcs ). Jetzt erſt kam der Landmeiſter, vielleicht zu ſpaͤt von der Bedraͤngniß der Seinen auf Chriſtburg unterrichtet, vor der Burg mit ſeinem Heere an. Die Feſte zu beſtuͤrmen, ſchien bei der Staͤrke der Beſatzung ganz fruchtlos und zum Kampfe wagte der Feind ſich nicht ins Freie. Nun war aber gerade um dieſe Zeit dem Orden neue Huͤlfe gekommen. Außer ei⸗ ner anſehnlichen Schaar von Kreuzfahrern, welche ein Fuͤrſt von Anhalt herzugefuͤhrt 2), zogen auf die Kreuzpredigten in 1) Dusburg. P. III. c. 61. Lucas David B. III. S. 107 — 108. Schütz S 25. Ueber die Quellen in Ruͤckſicht dieſer Ereig⸗ niſſe vgl. Lucas I. c. p. 44. 2) Die Angaben der Chroniken find hierüber dunkel. Dusdurg c. 58 fagt: IIoc tempore nobilis ille et illustris Princeps de Antlat cum multa militia venit ad terram Pruschiae; der Epi⸗ tomator dagegen hat nobilis dus Anlant; Jeroſchin: „Der edle Vuͤrſte lobeſam, der da Anlant was genannt.“ Die Mſcr. des Dus⸗ burg ſchreiben princeps de Anlant und de Anilant. Pauli Preuſſ. Staatsgeſchichte B. IV. S. 84 vermuthete, es koͤnne dieſer „Anlant“ wohl kein anderer ſeyn, als der Probſt von Lebus, Fuͤrſt Magnus von Anhalt, Sohn des Fuͤrſten Heinrich I. von Anhalt. Es iſt jedoch aus verſchiedenen Gruͤnden viel wahrſcheinlicher, daß Heinrich der Erſte, der ſich Fuͤrſt von Anhalt ſchrieb, dieſen Zug nach Preuſſen unternahm. An den Markgrafen Heinrich von Meißen „ohne Land“ oder ane Land, Anlant genannt, (. Annal. Vetero - Cellens. ap. Mencken T. II. p. 408) kann hier ſchon wegen der Zeit nicht gedacht werden.
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588 Verluſt Alt⸗Chriſtburgs. Aufbau Neu⸗Chriſtburgs. Deutſchland fort und fort auch noch andere Pilgerhaufen ge⸗ gen Preuſſen heran ). Und dieſe neuen Streitkräfte glaubte der Landmeiſter jetzt um ſo thaͤtiger benutzen zu muͤſſen, da der Verluſt von Chriſtburg in mancher Beziehung von ver⸗ derblichem Nachtheile war, denn nun war nicht bloß Elbing den Anfaͤllen der Preuſſen und den Raubzuͤgen der Beſatzung auf Chriſtburg wieder eben ſo wie vordem taͤglich Preis ge⸗ ſtellt und die Verbindung zwiſchen ihm und Rheden, Kulm und Thorn durch den dazwiſchen liegenden Feind gaͤnzlich ge⸗ ſtoͤrt, ſondern es ſchien auch unmoglich, das abtruͤnnige Volk in Pomeſanien und Pogeſanien von neuem zu unterwerfen, wenn nicht in der Mitte dieſer Landſchaften eine Burg in der Ordensritter Haͤnden war, von welcher aus das Volk taͤg⸗ lich befämpft werden konnte 2) und hinter deren Mauern die Kriegsmannſchaft des Ordens Schutz und Erholung fand. Das erwaͤgend beſchloß Heinrich von Wida, eine ſolche Burg für dieſe Zwecke aufzurichten; in gewohnter Weiſe ließ er im Kulmerlande alles, was zum ſchnellen Aufbau noͤthig war, vorbereiten und zog dann mit der ganzen geſammelten Macht der Kreuzfahrer gen Pomeſanien hin. Nordwaͤrts vom Sirgunen-See hinab, wo die Sirgune dem Drauſen⸗See zufließet, lag hart an ihrem Ufer eine be⸗ deutende Berghoͤhe. Von Suͤden herabeilend wandte ſich der Fluß unfern von dem Berge plotzlich von Weſten nach Oſten und bog dann eben ſo ſchnell wieder nach Norden ein, gleich als habe er die Berghoͤhe nur umarmen wollen. Seine einſt⸗ malige bedeutendere Waſſerfluth hat an der Suͤdſeite des Ber⸗ ges ein ziemlich weites Thal gebildet und hier zugleich, wo der Fluß den Fuß des Berges beſpuͤlt, den ſteilen Anhang noch um ſo mehr erhoͤht. Hier hatte alſo ſchon die Natur die Berghoͤhe hinlaͤnglich geſchuͤtzt, zumal wenn das aufge⸗ 1) Dusburg P. III. c. 62. 2) Dusburg I. c. „Consideraverunt, quod indomita colla istarum gentium non possent ſidei subjugari, nisi in medio nalionis eius perversae haberent castrum, de quo ipsas quoli- die impugnarent,
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Die Chriſtburg. Der paͤpſtliche Legat Jacob von Luͤttich. 589 ſtauete Waſſer der Sirgune das Thal uͤberfuͤllend hier einen breiten See erzeugte, der keinen Zugang moͤglich machte. So bildete auch die oͤſtliche Seite damals einen nicht minder ſtei⸗ len und ſchroffen Abhang, an deſſen Fuße ebenfalls ein ſchöͤ⸗ nes Thal die Sirgune empfing, und jenſeits dieſes Thales ein unebenes Gelaͤnd; einem Bergruͤcken gleich, der in das Thal bald hereinſpringt, bald wieder mehr zuruͤcktritt. Nord⸗ waͤrts lag jener Berghoͤhe zur Seite ein anderer zwar minder hoher, aber doch nicht unbetraͤchtlicher Berg, getrennt durch eine breite und tiefe Bergſchlucht. Ueber ihn hinaus ebenes Flachland bis in die weiteſte Ferne. Gegen Abend hin ſchloß ſich die Berghoͤhe an ein dahinter liegendes flaches Gelaͤnd in maͤßiger Abſenkung an. Die Natur hatte hier am wenig⸗ ſten fuͤr Schutz und Sicherheit gethan und von dieſer Seite her war der Zugang zur Berghoͤhe am leichteſten. Dieſe Berghoͤhe, ſchon von Natur zu einem feſten Halt: punkte gebaut, fand der Landmeiſter zum Aufbau einer neuen Burg am trefflichſten gelegen und unter dem Schutze des Pil- gerheeres ward der Bau im Frühling des Jahres 1248 be⸗ gonnen und ſchnell gefoͤrdert. Als ſolle ſie in aller Weiſe den Verluſt der alten Burg erſetzen, ward ſie gleichfalls Chriſt⸗ burg genannt, ſtark befeſtigt und als ſie vollendet war, mit einem ſo zahlreichen Kriegsvolke beſetzt, daß ſie gegen jeglichen Angriff eines Feindes geſichert ſchien. Auf der weſtlichen Seite, wo die Natur die Berghoͤhe zu wenig geſchuͤtzt, gruͤn⸗ dete man wahrſcheinlich eine ſtarke Vorburg der Hauptburg zur Sicherheit. Erſt in ſpaͤterer Zeit erhob ſich im Oſten am Fuße der ſchroffen Berghoͤhe die Stadt Chriſtburg durch Deutſche Kreuzfahrer, die hier Hof und Heimat ſuchten ). 1) Dusburg P. III. c. 62. Chron Oliv. p. 31. Lucas Das vid B. III. S. 108. Schütz S. 25 Kantzow B. I. S. 246. Daß die Erbauung dieſer neuen Burg in den Frühling des Jahres 1248 fällt, iſt unbezweifelt. Schon Hartknoch bemerkt zu Dusdurg p. 163: Castrum hoc jam ante annum 1249 fuisse conditum, cognoscimus ex privilegio Prussis veteribus dicto anno d. VII. Id. Februar. a legato Pontiſicio dato, ubi iam mentio fil novi
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590 Die Chriſtburg. Der paͤpſtliche Legat Jacob von Lüttich. Nun hatte laͤngſt aber auch der Papſt Innocenz ſchon Nachricht uͤber die neuerweckten Feindſeligkeiten zwiſchen Her⸗ zog Suantepolc und dem Orden, denn beide hatten ſich mit Klagen an den paͤpſtlichen Hof gewandt und zur Vertheidigung ihrer Streitſache ihre Anwalde dahin geſandt ). Es iſt denk⸗ bar, wie verſchiedenartig und entgegengeſetzt die Berichte ſeyn mußten, welche auf ſolche Art zu des Papfies Kenntniß ka⸗ men; daher geſchah es auch, daß der Biſchof von Porto, welchen Innocenz zum Schiedsrichter in der Sache ernannt hatte, ſo oft er auch von den Sachwaltern beider Theile Kla⸗ gen und Gegenklagen, Gruͤnde und Gegengruͤnde uͤber die Streitpunkte vernommen 2), doch nie eine klare Einſicht in die Verhaͤltniſſe erlangen konnte; immer ſehlten ihm die noͤ⸗ thigen Beweiſe, um eine gerechte Entſcheidung auszusprechen, und wie konnte uͤberhaupt ein Streit zu Lyon geſchlichtet wer⸗ den, bei dem fo vieles auf die genaueſte Kenntniß der ortlichen und geſchichtlichen Verhaͤltniſſe des Landes beider Theile an⸗ kommen mußte? Das erkannte der Papſt endlich ſelbſt ) und et veteris Christburg. Aber auch früher als 1248 kann dieſes neue Chriſtburg nicht erbaut ſeyn, wenigſtens ſpricht dafür weder eine Ur⸗ kunde, noch eine ſonſtige bewahrte Quelle. 1) Hoͤchſt wahrſcheinlich geſchah dieſes auf eine foͤrmliche Vorladung des früher erwähnten Abts von Mezano, denn in der an ihn gerichte⸗ ten paͤpſtlichen Bulle hieß es: Quodsi forte illas (sc. partes) pa- ciſicare nequiveris, ta inquisita super omnibus discordie arti- culis diligentius veritate, quecunque inveneris, nobis fideliter referre procures, preſigendo eisdem partibus terminum per- emptorium compelenlem, quo per Procuratores idoneos no- stro se conspeciui representent. S. die Bulle bei Lucas David B. III. Anhang Nr. V. 2) S. die päpft. Bulle bei Lucas Da vid B. III. Anhang Nr. VII. Wenn der Papſt fagt: es ſey Streit zwiſchen den beiden Theilen super quibusdam terris, possessiouibus et rebus aliis, fo ſcheint ſich dieſes auf jenen Swift über einen Theil der Nehring und die Burg Pin nebſt den Doͤrfern bei Kulm zu beziehen. Aber freilich lag der Grundſtoff alles Haders tiefer, als der Papſt hier andeutet. 3) S. die eben erwaͤhnte Bulle.
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Die Chriſtburg. Der paͤpſtliche Legat Jacob von Lüttich. 591 ſchon im November des Jahres 1247 ernannte er den durch Geiſt und Kenntniſſe ſehr ausgezeichneten Geiſtlichen Jacob Archidiaconus von Luͤttich zu ſeinem Legaten uͤber die Lande Pommern, Preuſſen und Polen ) mit dem Auftrage, den für Kirche und Chriſtenthum ſo hoͤchſt verderblichen Zwiſt im Lande ſelbſt fuͤr immer beizulegen. Dieſer Mann, Jacob Pantaleon aus Troyes in Champagne, von ſehr geringer Herkunſt, eines Schuhflickers Sohn, aber durch die aufſtrebende Kraft ſeines Geiſtes jetzt ſchon zu einem wichtigen kirchlichen Amte ge⸗ langt, nachmals zum Biſchofe von Verduͤn, hierauf zum Pa⸗ triarchen von Jeruſalem erhoben unb endlich unter dem Na⸗ men Urban des Vierten bis zum paͤpſtlichen Stuhle empor⸗ ſteigend 2), war allerdings am meiſten dazu geeignet, den ſchon ſeit zehn Jahren tobenden Sturm im Norden zu be⸗ ſchwichtigen. Er erkannte die Wichtigkeit ſeiner Aufgabe; ſie war eine neue Probe ſeiner Kenntniſſe und ſeiner Erfahrung in Weltverhaͤltniſſen. Um ihm die Schwierigkeiten der Friedensſtiftung zu er⸗ leichtern, ertheilte der Papſt zu gleicher Zeit den Erzbifchöfen Fulco von Gneſen und Albert von Preuſſen, nebſt deren Suf⸗ fraganen und den Aebten der nahen Ciſtercienſer-Kloͤſter den Auftrag, mit dem paͤpſtlichen Legaten gemeinfchaftlich allen Fleiß auf die Sache des Friedens zu wenden und mit gan⸗ zem Eifer für Ruhe und Eintracht zu arbeiten ). Der paͤpſt⸗ liche Legat ging durch Schleſien und berief dort eine Ver⸗ ſammlung von Biſchoͤfen nach Breslau, wo unter andern auch Heidenreich Biſchof von Kulm erſchien. Zwar wurden 1) Raynald. ann. 1247 Nr. 25 führt an, daß der paͤpſtliche Auftrag an den Archidiaconus von Luͤttich am 22. Novemb. 1247 er⸗ folgt ſey. 2) Bower Geſchichte der Paͤpſte B. VIII. S. 117. Raum er B. IV. S. 466 — 467. 3) Raynald. I. c. fand noch aliae epistolae ad legatum, Gnesnensem et Prussiae archiepiscopos eorumque suffraganeos, atque ad abhates Cistercienses exaratae, quibus eos muneris legato impositi certiores faclos, suam illi ad conciliandam concordiam operam explicare imperavit.
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592 Niederlage der Preuffen und des Herzogs Suantepolc. hier, ſo viel wir unterrichtet ſind, mehr nur ſolche kirchliche Gegenſtaͤnde verhandelt, welche zunaͤchſt Polen betrafen ); ge⸗ wiß aber ward damals ſchon der paͤpſtliche Legat vom Bi⸗ ſchofe Heidenreich auch über die Verhaͤltniſſe in Preuſſen nä= her unterrichtet und es geſchah ohne Zweifel auf deſſen Ver⸗ anlaſſung, daß bald darauf dieſer Biſchof nebſt den beiden Biſchoͤfen von Lebus und Kamin von dem Papſte noch be⸗ ſonders in einer eigenen Bulle beauftragt wurde, die ſchon ſo lange und unter großen Koften durch die Sachwalter beider Theile verhandelte Streitſache an Ort und Stelle fortzuſetzen und zu beendigen, alſo daß, wie der Papſt mit Nachdruck er⸗ klaͤrte, ihr Endurtheil unter Strafe des Kirchenbannes fortan unverbruͤchlich aufrecht erhalten werden ſolle. Dieſen Befehl erließ Innocenz am dreißigſten Mai des Jahres 1248 2). Bevor indeſſen dieſer Auftrag von Lyon her ankam und in Ausführung gebracht werden konnte, ward durch den Wech⸗ ſel des Waffengluͤckes das Werk des Friedens ſchon auf man⸗ cherlei andere Weiſe vorbereitet. Der Aufbau Chriſtburgs hatte in den Preuſſen der nahe gelegenen Landſchaften von neuem große Beſorgniſſe aufgeregt. Auch Herzog Suantepolc war in feinem Lande bemuͤht geweſen, neues Kriegsvolk zu ſammeln, um mit den Preuſſen in Verbindung die neue dro- hende Burg wieder zu vernichten. Es ward beſchloſſen, die Burg zu belagern und nicht eher wieder von dannen zu zie⸗ hen, als bis ſie dem Boden wieder gleich gemacht ſey. Be⸗ 1) Anonymi Archidiaconi Gnesnens. Chron. ap. Som- mersberg T. II. p. 81 führt namentlich den Biſchof von Kulm an. Boguphal ibid. p. 63 fagt: Henricus Culmensis primus ordi- nis Cisterciensis, qui de Abbate eiusdem loci de novo in Episcopum ſuit creatus. Was der Chroniſt mit dieſen Worten ſa⸗ gen will, iſt etwas dunkel. Wie es ſcheint, meint er: Heinrich ſey vorher Abt eines Kloſters in Kulm geweſen und erſt juͤngſt zum Bi⸗ ſchof erwählt worden. Naynald. ann. 1248. Nr. 49. Jahrbuͤcher der Stadt Breslau S. 62. 2) Das Original dieſer Bulle befindet ſich im geh. Archive Schiebl. III. Nr. 43, gedruckt bei Lucas David B. III. Anhang Nr. VII.
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Niederlage der Preuſſen und des Herzogs Suantepolc. 593 reits war auch ein ſtarkes Heer von Preuſſen verſammelt ). und den Heranzug des Herzogs aus Pommern erwartend, ſandten die Heeresfuͤhrer eine Kriegsſchaar mit einer Anzahl von Wagen voll Lebensmitteln und Waffen voraus. Da aber der Landmeiſter ihren Anzug erfuhr, brach er ſchnell mit einem ſtarken Heerhaufen auf, überfiel die feindliche Vorſchaar, rieb ſie gaͤnzlich bis auf den letzten Mann auf und brachte den ganzen reichen Wagenzug als Beute nach Chriftburg >). Als dieſes das uͤbrige Heer der Preuſſen vernahm, bemaͤchtigte ſich feiner ein ſolcher Schrecken, daß es ſich plotzlich zerſtreuend in die Heimat zuruͤckfloh. Inzwiſchen war Herzog Suantepolc mit ſeinem Kriegsvolke bis an die Weichſel vorgezogen, von Zantir aus, wo er ein Lager geſchlagen, eine bedeutende Heer⸗ ſchaar vorausſendend, um durch fie auszukundſchaften, ob die Preuſſen bereits vor der Chriſtburg angekommen ſeyen. Der 1) Es iſt von mehren Schriftſtellern, z. B. Pauli a. a. O. S. 85. Kotzebue B. I. S. 187 u. a. behauptet worden, daß damals auch der Pommeriſche Zweig des Johanniter-Ordens dem Herzoge Sur antepolc gegen den Deutſchen Orden zu Hülfe geſtanden habe. Allein es iſt ſchon an ſich hoͤchſt unwahrſcheinlich, daß die Johanniter mit dem offenen Schwerte die Deutſchen Ordensritter bekaͤmpft und dadurch den Papſt gegen ſich aufgereizt haben ſollten, deſſen Gunſt ihnen doch eben ſo wichtig ſeyn mußte, wie dem Deutſchen Orden. Es ſtuͤtzt ſich aber zweitens dieſe Behauptung auch einzig nur auf Simon Grunau Tr. VII. c. 5. $. 3. und was von dieſer mit Widerſpruͤchen und Unrichtigkeiten angefuͤllten Stelle des Moͤnchs zu halten ſey, haben wir ſchon in der Recenſion Über Zueas de bellis Suantop. in der Leipzi⸗ ger Literat. Zeit. Jahrg. 1824 Nr. 306 — 307 S. 2449 aus einan⸗ der geſetzt. Demnach iſt auch vieles unrichtig, was in den Preuſſ. Samml. B. II. S. 357 ff. auf dieſe Stelle gebaut iſt. Selbſt der Wahrſcheinlichkeits grund, welchen Lucas I. c. p. 44 aus der Urkunde bei Dreger Nr. 183 entnimmt, kann nach unſerem Beduͤnken ſchwer⸗ lich Anwendung finden. Suantepolc giebt darin den Johannitern nur einige Güter zuruͤck, die ihnen fein Bruder Sambor wieder genommen hatte. Ueber die Urſachen dieſer neuen Verleihung enthaͤlt die Urkunde nichts. 2) Nach Schütz S. 25 ſollen der erſchlagenen Preuſſen 11,000 geweſen ſeyn; eine etwas unglaubliche Zahl. Dusburg P. III. c. 64 fagt bloß: omnes occiderunt. II. 38
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594 Niederlage der Preuſſen und des Herzogs Suantepolc. Landmeiſter aber, zuvor ſchon von des Herzogs Ankunſt un⸗ terrichtet, hatte einen großen Theil ſeiner tapferſten Kriegs⸗ mannen in den Hinterhalt gelegt und als nun jene Schaar des Herzogs ins Land hereinzog, ſtuͤrzte plößlich jener Heer⸗ haufe auf ſie ein, erſchlug die meiſten und warf die uͤbrigen in die Flucht. Mit dem Geſchrei des Schreckens ſtuͤrmten die Flüchtlinge in des Herzogs Lager zuruͤck und ſetzten hier alles in ſolches Entſetzen, daß das ganze Heer in Angſt und Unordnung das Lager verließ. Viele wurden von den jenen Fluͤchtlingen nachgeeilten Ordenskriegern erreicht, theils er⸗ ſchlagen, theils gefangen genommen oder im Getuͤmmel des Kampfes in die Weichſel getrieben, wo die meiſten in den Wellen ihren Tod fanden ). Kaum hatte der Herzog mit Wenigen feiner Getreuen auf einem Stromſchiffe der Gefan- genſchaft entfliehen koͤnnen. Eine der ſchwerſten Demuͤthigun⸗ gen fuͤr den ſtolzen Fuͤrſten, der ſeit Jahren fruchtlos alle Kraͤfte ſeines Landes aufgeboten hatte, die eingedrungene Deutſche Ritterherrſchaft aus dem Nachbarlande zu vertreiben! Aber fie ward noch fuͤhlbarer und ſchmerzlicher, dieſe Demuͤ⸗ thigung, als der Landmeiſter im Siegerſtolze gegen die Burg Zantir heranzog, um ſie zu erſtuͤrmen und als er ſie zu feſt fand, in des Herzogs Land einfiel und es mit Raub und Brand fo furchtbar durchzog, daß Pommern noch nie fo ſchrecklich verwuͤſtet und verheert und noch nie von ſolchem Jammer und Elend heimgeſucht worden war ). Das beugte endlich Suantepolcs ſtarken Geift, das brach ſeinen feſten Muth und entnahm ihm aus der Seele alle Hoff⸗ nung und allen Glauben an das Gelingen ſeiner Entwuͤrfe. Und was konnte irgend dieſe Hoffnung jetzt noch aufrecht I) Dusburg ]. c. und nach dieſem Lucas David B. III. S. 140 — 111. Der Text des Dusburg bei Hartknoch ſcheint in⸗ deſſen nach dem Epitomator und nach Jeroſchin auch hier wieder nicht ganz vollſtändig, denn beide enthalten manches Einzelne, was im Text bei Hartknoch nicht ſteht. So auch Schütz S. 25. Kan⸗ tzow B. I. S. 246. 2) Schütz a. a. O. Kantzow a. a. O.
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Friede mit Herzog Suantepolc. 595 halten? Zehn Jahre hatte bereits der wilde Waffenſturm bald in ſeinem eigenen Lande, bald in den nachbarlichen Graͤnzgebieten getobt und manches Schöne und Erfreuliche darnieder geworfen; die Laͤnder waren verwuͤſtet, die Bewoh⸗ ner verarmt oder vom heimatlichen Boden hinweggeſcheucht, die herrlichſten Jugendkraͤfte der Voͤlker vergeudet und aufge⸗ zehrt; und wo waren die Erfolge fuͤr dieſe traurigen Opfer? wo fland die Erfuͤllung der Wuͤnſche, wo das Ziel, dem der Herzog mit ſo raſtloſem Geiſte nachgeſtrebt? Schien es in ſolcher Lage nicht nutzlos, ſchien es ſelbſt nicht frevelhaft an ſeinem eigenen Volke, den Kampf mit ſolchen Blutopfern noch weiter zu betreiben? Herzog Suantepolc war keineswegs ein Fuͤrſt, der nur des Krieges wegen Krieg fuͤhrte. Er fuͤhrte ihn ſtets mit Plan und Abſicht und mit feſtem Ziele vor Au⸗ gen. Darum aber konnte er auch unmöglich mit Dahinopfe⸗ rung alles Gluͤckes und Wohlſtandes, aller Habe und Kraft ſeines Volkes das Volk von Gefahr erretten wollen, um dann vielleicht in ſeinem Lande uͤber freie Bettler zu gebieten. Die Freiheit feines Herzogsſtuhles war das wuͤrdige Ziel, dem Suantepolc unter Blut und Schweiß entgegengerungen hatte; aber war dieſes Gut noch von Werth in einem Lande, wel⸗ ches wie eine Wuͤſte da lag, wo alles Menſchengluͤck vers ſcheucht war und nur noch Elend und Jammer wohnte? — Zudem war auch uͤberhaupt die Zeit nicht mehr geeignet zur Fortſetzung des unheilvollen Kampfes. Die Preuſſen wurden je mehr und mehr zaghaft, verzweifelt und mißtrauiſch gegen ihr Gluͤck unter den Waffen. Der blutige Krieg hatte auch ſie im Laufe der Zeit muͤrbe gemacht und ihren alten Muth gebrochen. Die letzte Flucht und Zerſtreuung ihres Heeres in der Naͤhe der Chriſtburg hatte ſolches klar bewieſen. Pommern ſelbſt war in feinen Kräften aͤußerſt erfchöpft ) und mehr als je bedurſte es jetzt der Erholung im Gluͤcke friedli⸗ cher Zeiten. Der Orden konnte — das ſah der Herzog klar 1) Suantopolcus devicius, quia tota virtus exercitus sui fuit enervata, a modo conquievit. Dusburg c. 64. 38 *
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Erg, 596 Friede mit Herzog Suantepolc. — den Kampf noch Jahre hindurch fortführen. Die Quelle ſeiner Streitkraͤfte, der Geiſt der Kreuzzuͤge, die Sehnſucht nach Gnadenmitteln aus dem Schatze der Kirche, die Kampf⸗ und Fehdeluſt der Zeit, der Glaube an das ſeligmachende Verdienſt des Ritterdienſtes fuͤr Kirche und Evangelium, das Wohlgefallen am abenteuerlichen Kampfe mit den Heiden, ſie war noch nicht verſiegt, dieſe Quelle der Kriegsmacht des Ordens, wenn gleich fie auch viel ſpaͤrlicher floß, als in fruͤ⸗ heren Zeiten. Das konnte dem Herzoge nicht unbekannt ſeyn; auch war er wohl unterrichtet, daß bereits wieder neue be⸗ deutende Heerhaufen in Deutſchland zur Huͤlfe des Ordens geſammelt und geruͤſtet wurden. Endlich war im Ausgange des Sommers auch der paͤpſtliche Legat in Preuſſen ange⸗ kommen; er war erſchienen mit ſeinen Geboten uͤber Verdam⸗ mung und Losſprechung, mit feiner Vollmacht zu loͤſen und zu binden, mit ſeinen Strafgeſetzen fuͤr Zeit und Ewigkeit und mit allem dem floͤßte er Scheu, Furcht und Schrecken in die Seelen der Menſchen. Da reichte Herzog Suantepolc unter ſolchen Verhaͤltniſ⸗ fen die Hand zum Frieden ). Der paͤpſtliche Legat und die beiden Biſchoͤfe Wilhelm von Kamin und Michael von Cuja⸗ vien traten als Vermittler auf. Am zwölften September 1248 hatten ſie nebſt dem Landmeiſter mit dem Herzoge eine Zuſammenkunft auf der Schmieds⸗Inſel in dem oſtlichen, ins Friſche Haff ſtroͤmenden Weichſelarme 2). Man vereinigte ſich bald dahin, daß die von dem Erzbiſchofe von Gneſen und dem Biſchofe von Kulm im vergangenen Jahre entworfene und damals auch ſchon angenommene Ausgleichung zur Grund⸗ lage eines feſten Friedens dienen ſolle. Herzog Suantepolc verpflichtete ſich durch einen feierlichen Eidſchwur auf die hei⸗ 1) Daß Suantepolc jetzt den Frieden anbot, bezeugt auch die Fries densurkunde ziemlich deutlich ſelbſt, ſo wie es aus den eben erwähnten Worten bei Dusburg c. 64 hervorgeht. 2) Dieſe Lage der Schmieds⸗Inſel bezeugen mehre Urkunden; fo beißt es in einer bei Dreger Nr. 184: in arena iuxta insulam Fabri.
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Friede mit Herzog Suantepolc. 597 ligen Evangelien, daß er jenem Vertrage jetzt und immerdar pünktlich nachkommen wolle, ſobald ihm von den Ordensrit⸗ tern ſein Sohn frei gegeben ſey, und daß er hinfuͤro weder ſelbſt, noch durch einen andern, weder heimlich und im Stil⸗ len, noch oͤffentlich Fehde oder Krieg oder ſonſt etwas Ver⸗ derbliches gegen die Ordensritter anregen oder vornehmen, vielmehr alles, was ihnen Nachtheil bringen konne, nach Kraͤf⸗ ten verhindern oder ihnen anzeigen werde, auf daß ſie ſich dagegen verwahren und ſichern koͤnnten. Somit gelobte alſo der Herzog uͤber alle bisher zwiſchen ihm und dem Orden ſtreitig geweſenen Punkte einen feſten und vollkommenen Frie⸗ den. Desgleichen geſchah auch vom Landmeiſter; doch erklaͤrte dieſer ausdruͤcklich, daß wenn der Herzog des Ordens Ver⸗ buͤndeten, den Herzogen Caſimir von Cujavien, Przemislav und Boleslav von Polen und ſeinem Bruder Sambor durch einen Richterſpruch oder durch eine freundliche Ausgleichung nicht Recht widerfahren laſſen werde, dem Orden die Erlaub⸗ niß zuſtehen ſolle, ohne des Eides Verletzung die genannten Verbuͤndeten im Kriege gegen den Herzog auch ferner zu un⸗ terſtuͤtzen y. Dieſes waren indeſſen nur die erſten Vorbereitungen zum Friedenswerke. Der wichtigſten Bedingung, welche der Orden zu erfüllen batte, der Freilaſſung des herzoglichen Soh⸗ nes und der uͤbrigen Geißeln genuͤgte der Landmeiſter noch im September dieſes Jahres. Auf derſelbigen Schmieds-In⸗ ſel uͤbergab Heinrich von Wida den jungen Prinzen dem paͤpſt⸗ lichen Legaten und dieſer ſtellte ihn dem Vater dort zuruͤck 2). 1) Das Original dieſer Friedensurkunde befindet ſich im geh. Ars chive Schiebl. 48 Nr. 12 und gedruckt bei Kotzebue B. I. S. 411 — 412. Die Schlußworte: Acium in insula fabri bezeugen, daß es den Inhalt der Verhandlung auf der Schmieds-Inſel in ſich faßt. Zeit und Ort, wo die Urkunde ausgeſtellt iſt, wird nicht angegeben. Es iſt übrigens die Znſicherung des Herzogs ſelbſt. 2) Daß die Geißeln dem Herzoge noch vor dem 22ſten Septemb. zuruͤckgegeben ſeyn muͤſſen, beweiſet, wie ſchon Lucas J. c. p. 45 ſehr richtig bemerkt, die Urkunde bei Dreger Nr. 188, denn in dieſer am erwahnten Tage ausgeſtellten Verſchreibung des Herzogs Suantepolc
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598 Friede mit Herzog Suantepolc. Und nachdem nun ſo von Seiten des Ordens die wichtigſte Forderung des Herzogs erfuͤllt war, kam es in den letzten Tagen des Novembers 1248 auch zum fürmlichen Friedens⸗ ſchluſſe, um deſſen Vermittlung der paͤpſtliche Legat vor allen andern die größten Verdienſte hatte. Sein weſentlicher In⸗ halt war folgender. Zur Beilegung alles Zwiſtes uͤber die irrigen Laͤnderge⸗ biete, uͤber Jagd, Fiſcherei und Zoͤlle legte man jenen Ver⸗ trag zum Grunde, den der Erzbiſchof von Gneſen und der Biſchof von Kulm am fuͤnf und zwanzigſten October 1247 zwiſchen dem Herzoge und dem Orden vermittelt hatten. Beide blieben im Beſitze alles deſſen, was ihnen damals die er⸗ waͤhnten Schiedsrichter zugewieſen, und verpflichteten ſich von neuem zu allen in jenem Vertrage niedergelegten Beſtimmun⸗ gen ). Eine nähere Erörterung über die Burg Wiſſegrod, die jetzt im Beſitze des Herzogs von Cujavien war, fetzte feſt, daß Herzog Suantepolc in Ruͤckſicht dieſer Burg an den Orden durchaus keine Forderung erheben, der Orden aber, wenn Suantepolc die Burg von Herzog Caſimir zuruͤck ver⸗ langen werde, dieſem auch keinen Rechtsgrund zum Beſitze an die Hand geben ſolle, doch mit dem Vorbehalt, daß es den Ordensrittern, im Fall ſie durch irgend einen Obern ge⸗ wird Woiath subdapifer, der ſich unter den Geißeln befand, ſchon wieder als Zeuge genannt. Daß der junge Prinz dem Vater erſt fpä- ter und zwar erſt im November 1248 zuruͤckgegeben worden ſey, wie Lucas I. c. p. 46 annimmt, kann nad) unſerem Beduͤnken durch die Urkunde bei Leger Nr. 184 p. 273 nicht bewieſen werden. Biel: mehr geht daraus hervor, daß damals der Sohn ſchon in des Vaters Händen war und alſo zugleich mit den andern Geißeln ſchon im Sep⸗ tember frei gegeben wurde. Daß der Prinz erſt von weitem habe her⸗ beigebracht werden muͤſſen, wie Kotzebue B. I. S. 412 vermuthet, iſt wenigſtens eine unerweisliche Vorausſetzung. Es iſt überhaupt nicht glaublich, daß man jetzt in des Legaten Anweſenheit mit Erfuͤllung die⸗ ſer erſten und wichtigſten Bedingung ſo lange Anſtand genommen ha⸗ ben werde. 1) Vgl. die urkunde bei Dreger Nr. 184 mit der bei Kotz eb ue B. I. S. 409.
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Friede mit Herzog Suanteppolc. 599 zwungen würden, Über dieſen Gegenſtand eine eidliche Erklaͤ⸗ rung abzugeben, jenes Verſprechens ungeachtet zuſtehen ſolle, ungeſtraft darüber die Wahrheit auszuſagen ). Es verſpra⸗ chen ſich ferner beide Theile gegenſeitig, daß aller und jegli⸗ cher in den Kriegen erlittene Schade auf beiden Seiten ver⸗ geſſen und aufgehoben ſeyn ſolle, daß einer des andern Nach⸗ theil in keiner Weiſe weder oͤffentlich noch im geheimen mehr ſuchen, ſondern nach Kraͤften verhindern oder ihm mit Treue und Vorſicht anzeigen wolle, damit der gefaͤhrdete Theil ſich dagegen verwahren koͤnne. In kuͤnftigen zwiſtigen Faͤllen ſollte forthin keiner der beiden Theile ſein Recht oder ſeine Unbill mit Feuer und Schwert verfolgen, ſondern beide ſoll⸗ ten zwei rechtſchaffene Maͤnner und dieſe zwei dann einen dritten erwaͤhlen; auf das Urtheil dieſer Schiedsrichter ſollte unter namhafter Strafe die Streitſache geſtellt ſeyn. Wenn aber jene zwei in der Wahl des dritten oder die drei Schieds⸗ richter in der Entſcheidung der Sache zu keinem gemeinſamen Beſchluß gelangen koͤnnten, ſo moͤge dann jeglicher Theil in freundlicher Weiſe fein Recht am paͤpſtlichen Hofe ſuchen. Ferner erklaͤrten die Ordensritter dem Herzoge auch ietzt, daß fie, fofern er mit feinem Bruder Sambor, dem Herzoge Ca⸗ ſimir von Cujavien und den Herzogen Przemislav und Bo⸗ leslav von Polen keine guͤtliche Ausgleichung eingehen oder durch Richterſpruch ihre Streitigkeiten nicht beilegen wolle, dieſe ihre Verbuͤndeten dieſer Friedensſuͤhne unbeſchadet mit ihrer Perſon, ihren Burgen und Kriegsleuten gegen den Herzog unterſtuͤtzen dürften. Suantepolc willigte in dieſe 1) „Hoc tamen salvo, quod si per superiorem aliquem super hoc cogemur jurare, non obstante ista promissione li- ceat nobis impune super hoc dicere veritatem.“ Die Worte enthalten eine Dunkelheit, die ſich nicht ganz aufklären laͤßt. So viel geht aus ihnen wohl hervor, daß die Darlegung des wahren Thatbe⸗ ſtandes, ſo wie die Ordensritter ſie geben konnten, fuͤr den Herzog Ca⸗ ſimir in Ruͤckſicht feiner Anſpruͤche auf die Burg günftig, nicht fo hinge⸗ gen für Herzog Suantepolc ſeyn mußte. Was aber hatten die Ritter denn als Wahrheit zu ſagen? Darauf antwortet uns keine Quelle.
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600 Friede mit Herzog Suantepole. Erklaͤrung der Ordensgebietiger ein mit dem Verſprechen, in ſolchem Falle das Ordensland nicht feindlich zu betreten oder die Ritter deshalb zu befehden. Dagegen gaben dieſe dem Herzoge die Verſicherung, daß ſie, ſo lange die friedliche Ausgleichung oder die richterliche Entſcheidung von dem Her⸗ zoge noch geſucht werde, jene genannten Herzoge in keiner Weiſe gegen ihn unterſtuͤtzen wollten. Außerdem gelobte und verpflichtete ſich Herzog Suante⸗ polc mit ſeinen Erben, hinfuͤro niemals mit den neubekehrten Preuſſen oder mit den Heiden gegen den Orden oder gegen irgend andere Chriſten ins Buͤndniß zu treten oder die Neu⸗ bekehrten durch Gunſt und Huͤlfe zum Abfalle von der Herr⸗ ſchaft der Ordensritter zu bewegen ). Alle dieſe feſtgeſetzten Friedenspunkte beſchwuren der Landmeiſter auf feine und fei- ner Ordensbruͤder Seele und Herzog Suantepolc in gleicher Weiſe auf feine und feirsr Nachfolger Seele mit Berührung heiliger Reliquien und des heiligen Kreuzes in Gegenwart des paͤpſtlichen Legaten und der Biſchoͤfe Michael von Cuja⸗ vien und Heidenreich von Kulm. Beide Theile verpflichteten ſich im Falle der Verletzung dieſes Friedens oder der Ueber⸗ tretung eines der feſtgeſetzten Punkte zur Entrichtung einer Strafſumme von zweitauſend Mark Silbers an denjenigen, welcher den Vertrag getreu beobachtet, dergeſtalt daß jene Strafe bei der jedesmaligen Verletzung von neuem wieder eintreten ſolle. Ferner erklaͤrte der Herzog, daß er auf die Verſchreibungsbriefe, in welchen der Orden ihm das Landge⸗ biet Lanſanien fuͤr die Burg Pin auf Lebenszeit abgetreten habe, foͤrmlich Verzicht leiſte und ſie nie in Anwendung brin⸗ 1) Dieſer wichtige Punkt heißt in der Urkunde woͤrtlich: Adhuc eliam Ego Sanciopolcus (1) promitto fideliter et obligo me mcosque heredes coram sepedicto Archidiacono quod nun- quam de cetero cum neophitis Prutenis neque cum paganis contra (nicht circa, wie Dreger las) ipsos fratres domus theutonicorum vel quoscunque alios cristianos ero confedera- lus. nec eosdem Ncophitos ab eorundem fratrum dominio amore vel auxilio subtrahere procurabo.
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Friede mit Herzog Suantepole. 601 gen wolle; und endlich bezeugte er noch, daß er vom Land⸗ meiſter und den Ordensrittern ſeinen Sohn auf dem Sande neben der Schmieds⸗-Inſel wirklich zuruͤckerhalten, dieſem aber befohlen habe, den Friedensſchluß im Ganzen und in ſeinen einzelnen Theilen zu beſchwoͤren und getreu zu halten, und daß der Sohn dieſen Schwur auf ſeinen Befehl bereits auch wirklich geleiſtet ). 1) Das Original dieſes wichtigen Vertrages befindet ſich im geh. Archive Schiebl. 48 Nr. 15; es iſt aber fo ſtark beſchaͤdigt und zerfreſ⸗ fen, daß es nur noch mit Beihuͤlfe der Abdruͤcke zu gebrauchen iſt. Es befinden ſich daran noch die beiden Siegel des paͤpſtlichen Legaten und des Herzogs Suantepolc in rothem Wachs. Jener nennt ſich darin pape capellanus, und in des letztern Siegel lautet die Umſchrift: Anul. Ducis Sventopolci. So iſt der Name des Herzogs in ſei⸗ nem gewoͤhnlichen Siegel, welches ziemlich zahlreich im geh. Archive vorhanden iſt, ſonſt nie zu ſinden. Warum er gerade dieſes Siegel bei dieſer Urkunde gebrauchte, ſagt die Urkunde am Schluſſe. Diplomatiſch iſt dieſe Sache nicht unwichtig, aber ſie gehoͤrt mehr der Geſchichte Pommerns an. — Gedruckt findet man dieſe Urkunde bei Dreger Nr, 184. p. 170. Dogiel T. IV. Nr. XXII. p. 15. Acta Boruss. B. II. S. 714 — 72ʃ, zum Theil auch bei Baczko B. I. S. 262 — 265. Doch ſind dieſe Abdruͤcke in Ruͤckſicht der Ausſteller der Urkunde verſchieden, ſo ſehr fie auch im Inhalte mit einander uͤbereinſtimmen. Dreger liefert die Urkunde, welche der Landmeiſter und der Herzog gegenſeitig ausſtellen; in ihr treten beide Theile als ſelbſt ſprechend auf und ſetzen ihre Erklaͤrungen einander gegenuͤber. Dieſe Urkunde iſt es, welche auch das geh. Archiv im Original beſitzt. Beide ſtimmen mit einander völlig überein, nur daß im Dreger einige Namen etwas verändert ſtehen, z. B. Nerie ſtatt Nerey, Cantzikini ſtatt Camzi- kini, Tuya ſtatt Tuia. Den Namen Lanzania, der anderwaͤrts of⸗ ter verdorben Lausania vorkommt, hat Dreger richtig; eben fo den Namen Mistui. Dogiel dagegen, die Acta Boruss. und Lucas David B. III. S. 117 haben die Urkunde, welche der paͤpſtliche Legat über den Friedensſchluß ausſtellte. In ihr tritt er als ſprechende und handelnde Perſon auf und berichtet, wie die beiden Theile ſich zum Frieden vereinigt. In Ruͤckſicht des Datums iſt zwiſchen beiden Urkun⸗ den nur ein Tag Unterſchied. Die des paͤpſtlichen Legaten iſt gegeben feria tertia post festum Clementis d. h. am 26. November, die des Landmeiſters dagegen feria tertia ante adventum domini d. h. am 27. Nov. 1248.
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602 Friede mit Herzog Suantepole. Das war die Friedensurkunde, durch welche der lange und blutige Kampf beendigt und der Groll verſoͤhnt wurde, der uͤber die beiden Nachbarlande ſo unbeſchreibliches Elend und Verderben, ſo viel Jammer und Ungluͤck gebracht hatte. Aber welch ein Friede für Herzog Suantepole! Was mußte ſich in ſeiner Seele bewegen, wenn er von dem Inhalte die⸗ ſes Friedensſchluſſes auf das blutige Jahrzehent zuruͤckblickte, für welches dieſer Friede nun den Schluß bildete! Es iſt nicht zu laͤugnen, Suantepolce betrat das Kriegs feld gegen den Orden mit Gedanken und Beſtrebungen, die von der Stellung aus und in den Verhaͤltniſſen, in denen er als Fuͤrſt ſtand, ſchwerlich an ihm zu tadeln find Sicherheit und Ruhe ſeines Landes, Erhaltung der Freiheit und der reinen Eigenthuͤmlichkeit ſeines Volkes, Befeſtigung und Sicherung ſeiner Herrſchaft, Behauptung ſeiner freien Fuͤrſtenwuͤrde fuͤr ſich und ſeine Nachfolger. Dieß alles ſchien ihm in großer Gefahr durch das ſteigende Gluͤck und die immer weiter drin⸗ gende Herrſchaft des Ritterordens im nachbarlichen Lande. Dieſe RNitter⸗Herrſchaft alſo in jeglicher Weiſe niederzuhalten, zu untergraben und das gefahrvolle Regiment aus der Nach⸗ barſchaft wieder zu verdraͤngen: das war der Grundgedanke aller ſeiner Beſtrebungen, Plane und Entwuͤrfe, der erſte und wichtigſte aller ſeiner Wuͤnſche. Und was war nun in die⸗ ſem Streben und fuͤr dieſen Wunſch erreicht? Wie lautete der Friede, den er jetzt unterſiegelt, gegen den Frieden, in wel⸗ chem er das Heil, die Sicherheit und die Freizeit geſucht und geſehen hatte! Wo war fuͤr dieſe Freiheit und Sicherheit ſeines Landes auch nur die mindeſte Buͤrgſchaft in die⸗ ſem Friedensſchluſſe? Gewis wurde nun die Ordensherrſchaft im Nachbarlande wieder fefter aufgebaut; das konnte Herzog Suantepole nicht bezweifeln, wenn er ſah, was die Paͤpſte, was der Kaiſer, was ganz Deutſchland von Jahr zu Jahr fir die Erhebung des Deutſchen Ordens und. für Preuſſens Unterwerfung thaten. Und dieſe Unterwerfung ı mußte nun ſonder Zweifel um ſo eher gelingen, da Suantepolc, die alte Verbindung mit den Preuſſen aufgebend, das verzagte, muͤrbe
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Verſuche zur Verſoͤhnung Suantepolc's mit feinen Brüdern. 603 Volk ſich ſelbſt uͤberlaſſen und auch bei dieſem der langwie⸗ rige Krieg die beſten Kraͤfte aufgezehrt hatte. Welch eine Zukunft mußte da vor des Herzogs Seele treten, wenn er die Preuſſen vom Weichſel⸗ Strome an bis zu Litthauens Graͤnzen ‚gänzlich unterjocht, alle Landſchaften in Gehorſam gebracht und unter des Ordens Gebot verbunden, mit Preuſ⸗ fen auch Livland und die andern noͤrdlichen Länder vereinigt dachte, und wenn er dagegen ſein eigenes Land Pommern durch die Verſöhnung mit feinen Brüdern und durch ihre Wiedereinſetzung in die vaͤterlichen Erbtheile immer mehr und mehr zerriſſen, vereinzelt und getrennt und dadurch gegen die maͤchtige Herrſchaft des Ritterordens um ſo ſchwaͤcher und huͤlfloſer daſtehen ſah! Und wenn er jenes Emporſteigen des Ritterordens, wie er jetzt ſelbſt erkennen mochte, nun nicht mehr hindern konnte, welch ein ſchweres Ungluͤck fuͤr Pom⸗ mern auf immerdar mußte er in einer ſolchen Theilung be⸗ fürchten, wie fie bei der Ausſoͤhnung mit feinen Bruͤdern be vorſtand! Darum mag es ein Blick in des Herzogs Seele ſeyn, wenn man ſieht, welche Hemmungen und Schwierigkeiten er der Verſoͤhnung und Ausgleichung mit ſeinen Bruͤdern entge⸗ gen legte. Eingeleitet war ſie ſchon im September dieſes Jahres. Sambor hatte ſich mit ſeinen Beſchwerden uͤber die Wegnahme ſeines vaͤterlichen Erbtheiles und uͤber den durch feinen Bruder erlittenen Schaden in feinen Einkünften an den paͤpſtlichen Legaten gewandt, durch deſſen und anderer ge⸗ achteter Männer Vermittlung die beiden Brüder ſich dem Ausſpruche gemeinſchaftlich zu erwaͤhlender Schiedsrichter zu unterwerfen geneigt wurden. Ernannt wurden als ſolche der Landmeiſter Heinrich von Wida und Sambors beide Schwaͤ⸗ ger Nicolaus und Johannes, Herren von Caſſubien, Bruͤder von Sambors Gemahlin Mathilde. Eidlich verpflichteten ſich die beiden Herzoge, den Anordnungen und Beſtimmungen der drei erwählten Schiedsrichter auf immer und unverbruͤchlich nach⸗ zukommen. Suantepolc erklaͤrte außerdem, daß der paͤpſiliche Legat ohne weitere Berufung oder vorläufige Ermahnung fo:
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604 Verſuche zur Verſoͤhnung Suantepolc's mit feinen Brüdern. fort gegen ihn den Bann und über fein Land das Interdict ſolle verhaͤngen duͤrfen, wofern er ſich der Anordnung der Schiedsrichter widerſetzen werde; er gab zugleich die eidliche Verſicherung, er werde die von Sambor ihm abgeforderten Burgen während der Unterhandlungen in keiner Weiſe beſchäͤ⸗ digen, ſo wie die Einkuͤnfte des ſtreitigen Landes nicht ver⸗ wenden. Am Feſte Simonis und Judaͤ, am acht und zwan⸗ zigſten October ſollten die beiden Herren von Caſſubien und Herzog Suantepolc ſich in Goreden, und Herzog Sambor, der Landmeiſter und der paͤpſtliche Legat in Zantir einfinden und den Ort beſtimmen, an welchem die Schiedsrichter und deren Beiraͤthe ſich uͤber Zeit und Ort ihrer Verhandlungen vereinigen ſollten, um dann ungeſaͤumt die Ausgleichung zu bewirken. Die Schiedsrichter aber ſollten verſprechen, daß ſie keinem der beiden Herzoge ihre Meinung eher mittheilen wollten, als bis ihr Ausſpruch öffentlich geſchehe. Sollten die Schicdsrichter ſich zu keinem gemeinſamen Beſchluſſe vereini⸗ gen koͤnnen, ſo ſollte ihre Vollmacht erloſchen ſeyn und Her⸗ zog Sambor die Streitſache wieder vor das Gericht des paͤpſt⸗ lichen Legaten bringen duͤrfen ). So weit ſchien Herzog Suantepolc zu allem geneigt. Nun hatte aber der paͤpſtliche Legat ſchon oft und aufs Dringendſte die Freilaſſung Ratibors aus ſeinem Kerker und die Wiedereinſetzung der Bruͤder in ihre vaͤterlichen Erbtheile von dem Herzoge verlangt. Hiezu bedurfte es keineswegs erſt einer richterlichen Entſcheidung, denn es war offenkundig, und Herzog Suantepolc hatte es ſelbſt nicht laͤugnen koͤnnen, daß Sambor und Ratibor als feine leiblichen Brüder nach Lan⸗ desordnung und Verfaſſung in der Theilung des väterlichen Erbes ihm gleich ſtehen ſollten ). Es war bekannt, daß der 1) Das Original dieſer Urkunde befindet ſich im geheimen Archive Schiebl. 48. Nr. 16; abgedruckt ſteht ſie bei Lucas David B. III. Anhang Nr. VI. S. 12. 2) „Cum constaret omnibus, ipsos esse fratres legittimos uterinos nobilis viri domini Swantepolci ducis Pomeranie pri- mogeniti fratris sui et debere ei in porlione hereditatis se-
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Verſuche zur Verſoͤhnung Suantepole's mit feinen Brüdern. 605 Herzog feine Bruͤder ihrer geſetzlichen Erbtheile, die ſie Jahre lang nach des Vaters Tod ſchon friedlich beſeſſen hatten, ge⸗ waltthaͤtig beraubt, und um allein Herr des Landes zu ſeyn ), den einen Bruder aus dem Lande vertrieben, den andern in Ketten und Banden gefangen gehalten habe. Herzog Suan⸗ tepolc hatte auch verſprochen, den Forderungen des Legaten zu genügen, die Sache Sambors durch Schiedsrichter aus⸗ gleichen zu laffen und Ratibor zur Zeit der ſchiedsrichterlichen Entſcheidung um Simon und Juda aus der Gefangenſchaft frei zu geben ). Der Legat hatte dieſen Aufſchub bewilligt, im Vertrauen, daß dann der Herzog ſein Verſprechen erfuͤllen werde, denn die Ausgleichung mit Sambor hatte auch darin eine beſondere Schwierigkeit, daß Suantepolc erſt vor weni⸗ gen Monden einen Theil der Beſitzungen, auf welche jener jetzt Anſpruͤche erhob, dem Johanniter-Orden in Pommern urkundlich zugeſprochen und zu ewigem Beſitze verliehen hatte 9). N Als aber jener feſtgeſetzte Tag herankam und Sambor mit ſeinem Schiedsrichter, dem Landmeiſter an dem beſtimm⸗ ten Orte erſchien, ſtellte ſich weder der Herzog ſelbſt ein, noch ſandte er in ſeinem Namen einen Sachwalter; er brachte nicht einmal feine beiden erwählten Schiedsrichter, die Herren von Caſſubien herbei, und eben ſo wenig gab er ſeinen Bruder Ra⸗ tibor frei. Auch jetzt hegte der paͤpſtliche Legat noch Nach⸗ cundum terre consuetudinem pares esse.“ S. Urkunde bei Lucas David B. III. Anhang Nr. VIII. S. 16. 1) „Ut idem dux Swantepolcus primogenitus posset in tota Pomerania dominari.“ Ebendaſ. 2) Freilich hatte der Herzog feinem Verſprechen die verfängliche Clauſel hinzugefügt, er wolle fratres suos cum honore suo et se- curitate sua si posset comınode ad propria revocare. 3) Urkunde im geh. Archive Schiebl. 48. Nr. 17., gedruckt bei Dreger Nr. 183. Der Herzog Suantepolc fagte darin: Frater Samborius noster, quo ductus spiritu nescimus, bis sine causa predietas recepit possessiones, et cum de patrimonio exularet, fratrés hospitalis beati Johannis in quietam restituimus pos- sessionem jam secundo.
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606 Herzog Suantepolc und feine Brüder. ſicht gegen ihn, obgleich er offen erflärte, er koͤnne in feinem Benehmen nur eine ſtraffaͤllige Verhoͤhnung feiner und der paͤpſtlichen Wuͤrde erkennen. Er ließ daher den Herzog noch⸗ mals theils durch ſeine Kapellane, theils durch Moͤnche und andere Maͤnner an die Erfüllung feiner Verſprechungen erin⸗ nern. Allein eine Zeitlang war Suantepolc nirgends aufzu⸗ finden; er ergoͤtzte ſich in ſeinen Waͤldern an der Jagd, und als ihm die Ermahnungen des Legaten endlich zukamen, ſchien er weiter kein Gewicht darauf zu legen. Da ſetzte der Legat um die Mitte des Novembers einen Tag auf dem Sande neben der Schmieds⸗Inſel feſt und lud den Herzog vor. Als er erſchien, ward er vom Legaten ſelbſt noch einmal dringend aufgefordert, bis zum ſechſten December die beiden Bruͤder unfehlbar in ihr Erbtheil wieder einzuſetzen und Ratibor frei zu laſſen oder am Vorabend jenes Tages in Thorn vor dem Legaten entweder ſelbſt zu erſcheinen oder einen Sachwalter zu ſenden, um die Gruͤnde vorzulegen, warum er dem ſo oft wiederholten Verlangen nicht entſprechen duͤrfe oder koͤnne. Der Herzog indeſſen blieb auch jetzt noch ſaͤumig, denn je dringender man von ihm die Theilung Pommerns verlangte, um ſo naͤher ſchien ihm die befuͤrchtete Gefahr zu ſeyn und um ſo naͤher trat ihm das geahnete Verderben ſeines Landes vor die Seele. Nichts konnte ihn daher bewegen, die beiden Bruͤder in ihre Erbtheile wieder einzuſetzen oder auch nur Ra⸗ tibor feiner Haft zu entlaſſen ). Nun erſchien der angeordnete Tage zu Thorn, zu wel⸗ chem ſich der päpftliche Legat, die Biſchoͤſe Michael von Cu⸗ javien und Heidenreich von Kulm, Herzog Sambor, der Landmeiſter und mehre andere achtbare Maͤnner eingefunden hatten. Man erwartete auch den Herzog Suantepolc oder ſeinen Bevollmaͤchtigten zur Vorlegung der Gruͤnde ſeines Ver⸗ fahrens. Er erſchien indeſſen nicht, ſondern er ſandte nur 1) Die einzige Quelle über dieſe Begebenheiten iſt eine Original⸗ Urkunde im geh. Archive Schiebl. 48. Nr. 13, abgedruckt bei Lucas David B. III. Anhang Nr. VIII.
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Herzog Suantepolc und feine Brüder. 607 feine beiden Kapellane Marol und Dargozlav, von denen ber erſtere einen an den Legaten gerichteten Brief des Herzogs uͤberreichte, worin er ihm anzeigte, der Kapellan werde die ſchriftlich abgefaßten Gruͤnde ſeines Streites mit ſeinem Bru⸗ der Sambor vorlegen und ihm auch ſeine weiteren Bitten in dieſer Sache mittheilen ). Die Klagſchrift des Herzogs, wor⸗ in er die Urſachen ſeiner Feindſchaft gegen Sambor auseinan⸗ der ſetzte, lautete im Weſentlichen alſo: „Als mein Vater dem Tode nahe lag, vertraute er mir „meinen Bruder mit ſeinem Lande an, daß ich ihn zwanzig „Jahre lang in meine Obhut nehmen und ſein Land wie das „meinige regieren ſolle. Mein Sohn, ſprach der Vater, halte „feft an der Liebe, mit der ich dich von jeher geliebt habe; „und bewegt durch des Vaters Bitten nahm ich den Bruder „in meine Aufficht. Meinem Bruder aber ſagte hierauf der „Vater: Dir, mein Sohn, gebiete ich ernſtlich, in Allem „deinem aͤltern Bruder fo wie mir zu gehorchen; wofern nicht, „fo. fordere ich dich einſt vor den Richter der Lebendigen und „der Todten. So habe ich zwoͤlf Jahre meinen Bruder un⸗ „ter meinem Schutze gehabt und im dreizehnten ihn mit bruͤ⸗ „derlicher Liebe in fein Erbtheil eingeſetzt. Sobald er aber „Herr war in ſeinem Theile, trat er zu meinem Nachtheile „in ein Buͤndniß mit den Preuſſen. Zum Schaden meines „Landes wollte er ſich auch mit der Tochter eines Preuſſen „Preroch 2) vermaͤhlen. Heimlich gebot er ſeinen Rittern, „den Preuſſen freien Durchzug durch ſein Land zu geſtatten, „damit ſie mein Land verwuͤſten koͤnnten. Da ſtellte ſich „aber ein Ritter mit feinem Rathe dazwiſchen, erklaͤrend: „nimmer ſolle ſolches dem rechten, aͤltern Erbherrn geſchehen. „Von Scham ergriffen bei dieſer Rede des Ritters gab mein „Bruder der Sache eine andere Deutung, ließ aber dennoch „mein ganzes Land auf heimliche Weiſe verwuͤſten. Darauf 1) Dieſer Brief des Herzogs befindet ſich in der Urkunde bei Kos tebue B. I. S. 397. 2) Nicht Perroclj, wie Kotzebue B. I. S. 398 den Namen falſch gelefen hat.
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608 Herzog Suantepolc und feine Brüder. „ging er mit den Preuffen einen anderen Plan ein. Er lud „mich mit meinen Baronen auf eins ſeiner Schiffe ein und „wollte mich dann als Gefangenen durch den Steuermann „in ein fremdes Land entfuͤhren laſſen. Als er jedoch auf „ſolche Weiſe mich nicht uͤberliſten konnte, ſo wollte er mit „andern Boͤſewichtern mich bei einer angeordneten perſoͤnlichen „Zuſammenkunft gefangen nehmen laſſen, und da auch dieſer „Plan nicht gluͤckte, fo regte er Zwietracht unter meinen Ba⸗ „ronen auf, um mir wenigſtens auf dieſe Art Schaden zuzu⸗ „fügen. Darauf ſandte er den Landmeiſter Hermann Balk „zu mir, um mir durch dieſen Friede anzubieten. Hiedurch „hetzte er die Deutſchen Ordensritter zur Feindſchaft wider „mich auf. Um mich daruͤber aber zu taͤuſchen, ſprach er zu „mir: Bruder, ich bin deshalb der Vertraute der Ordensrit⸗ „ter geworden, damit ich dir alles mittheilen kann, wenn ſie „irgend Boͤſes gegen dich im Sinne fuͤhren, und ſchon kenne „ich ihren Plan, zu deinem Schaden eine Burg, Prenozlau „genannt, zu erbauen. Aehnliches ſagte er mir mehr, um nur „deſto leichter Zwietracht zwiſchen mich und die Ordensritter „zu bringen. Hierauf begann er mit dieſen Rittern eine „Burg Gordin ) zu errichten zum Verderben von ganz Pom⸗ „mern, ſammelte gegen mich ein Heer und zog ſich mit den „Rittern in dieſe Burg. Allein durch Gottes gerechtes Ge⸗ „richt ward jenes Heer von mir beſiegt. Ich ruͤckte dann „gegen die Burg, nahm ihre Feſtungswerke ein, und ob ich „gleich Boͤſes mit Boͤſem hätte vergelten koͤnnen, fo ließ ich „dennoch meinen Bruder mit den Rittern frei abziehen. Da „verließ er ſein eigenes Land und hing ſeitdem fort und fort „den Ordensrittern an. Weil er indeſſen hier mir nicht ſehr „ſchaden konnte, fo begab er ſich nach Caſſubien und verwuͤ⸗ „ſtete mein Land mit Huͤlfe der Caſſuben, ſo weit er konnte. „Darauf faßte er mit meinem Bruder Ratibor den Plan, „meine Burg Slanz einzunehmen; bevor ſie beide aber zu⸗ 1) In andern Urkunden wird dieſer Name Goreden geſchrieben; im J. 1282 kommt er als Name eines Dorfes vor.
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Herzog Suantepolc und feine Brüder 609 „ſammen kamen, fiel Sambor in die Hände meiner Ritter. „Ich ließ ihn in die Burg gefangen ſetzen; doch bald von „bruͤderlichem Mitleid bewogen gab ich ihn in einer Ver⸗ „ſammlung meiner Ritter ſeinem Lande wieder zuruͤck. Zwei „Wochen ſpaͤter ſchwur er in einer Verſammlung vieler Moͤnche „des Ciſtercienſer- und Praͤmonſtratenſer = Ordens, Prediger⸗ „ bruͤder und anderer geiſtlicher und weltlicher Männer fein „eigenes Land gaͤnzlich ab, ſofern er ſich hinfort mir irgend „wieder entgegenſtellen werde. Das alles aber brach er wort⸗ „ bruͤchig und blieb beſtaͤndig mein Gegner bis zu euerer An⸗ „kunft. „Mein Bruder Ratibor befeſtigte gleich im Anfange des „Krieges auf Anrathen des Biſchofs von Cujavien und mei⸗ „nes Bruders Sambor ſeine Burg Belgard außerordentlich „ſtark, fiel dann feindlich mit zuſammengeraffter Mannſchaft „in mein Gebiet Slupſech ein und pluͤnderte es durch und „durch. Ich nahm dieſe Burg aber ein und brannte ſie nie⸗ „der. Da nun Ratibor ſah, daß er mich nicht uͤberwaͤltigen „koͤnne, ſo bat er reuig um Verzeihung, und durch Mitleid „bewogen gab ich ihm ſein Erbland wieder zuruͤck. Darauf „aber ließ er ſich in eine Verſchwoͤrung mit dem Biſchofe von „Cujavien, meinem Bruder Sambor und den Herzogen von „Polen ein, nach welcher dieſe letzteren in meinem Gebiete „eine Burg erbauen ſollten; wenn ich dann verſuchen wuͤrde, „ſie von dem Orte zu vertreiben, ſo ſollte mein Bruder Ra⸗ „tibor meinen Heerhaufen im Ruͤcken uͤberfallen und mich ge⸗ „fangen nehmen oder ermorden. Der mit dieſem Verſchwo⸗ „rungsplane Beauftragte ward aber auf einer Reiſe durch „mein Gebiet von den Meinigen feſtgehalten und bekannte „und bekennt noch jetzt die ganze Sache. So ſchuͤtzte mich „auch hier Gottes Hand in meiner Unſchuld.“ So lautete Herzog Suantepolc's Vertheidigungsſchrift Y). 4) Dieſe Vertheidigungsſchrift iſt vollſtaͤndig in die Urkunde der Biſchoͤfe von Kulm und Cujavien aufgenommen. S. Kotzebue B. I. S. 30 —401. II. 39
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610 Herzog Suantepolc und feine Bruͤder. Allein der paͤpſtliche Legat ſchenkte ihrem Inhalte, wie es ſcheint, wenig Glauben. Es geſchah daher im Gerichte fuͤr Sambors und Ratibors Sache der Ausſpruch, daß weil des Herzogs Kapellan andere ſchriftliche Beweise nicht vorlegen koͤnne, die mitgetheilten fuͤr das, was der Herzog oder ſein Sach⸗ walter begründen ſolle, keine Gültigkeit haben koͤnnten, erſtens ſchon deshalb, weil die vorgelegte Vertheidigungsſchrift nicht einmal beſiegelt, ſondern nur zuſammengenaͤht ) und verfchlof- ſen geweſen ſey; zweitens weil der Herzog darin keinen Sach⸗ walter beſtimmt habe; weil darin auch nicht ein ordentlicher Sendbote genannt, ſondern nur geſagt ſey, wenn Marol nicht gegenwaͤrtig ſey, ſo werde Dargozlav an ſeiner Stelle erſchei⸗ nen, und endlich weil aus der Schrift auch hervorleuchte, daß Marol und Dargozlav vom Herzoge uͤber die Sache gar kei⸗ nen Auftrag erhalten haͤtten. Da ſprach der paͤpſtliche Legat nach Erwaͤgung aller Verhaͤltniſſe und mit Beirath achtbarer Maͤnner uͤber den Herzog das Verdammungsurtheil aus und erklaͤrte ihn noch an dem naͤmlichen Tage in den Bann ). Die beiden Biſchoͤfe Michael von Cujavien und Heidenreich von Kulm wurden von ihm beauftragt, die ganze Gerichtsver⸗ handlung aufzuzeichnen und als Zeugen zu beſtaͤtigen ). Dieſen Schlag aber hatte Herzog Suantepolc offenbar nicht erwartet; um ſo mehr mußte er ihn entmuthigen, nieder⸗ beugen und demuͤthigen; denn bei der ernſten und durchgrei⸗ fenden Strenge, mit welcher der Legat verfuhr, ſtand aller⸗ dings jetzt alles auf dem Spiele. Die naͤchſte Gefahr, die 1) „Cedulae non sigillatae, sed consutae (nicht consiccae, wie Kotzeb ur las); litterae clausge werden fie fpäter genannt. 2) Dieſes geſchah durch die Urkunde, welche im Abdruck bei Lu⸗ cas David B. III. Anhang Nr. VIII. und bei Baczko B. I. S. 266, hier aber ſehr fehlerhaft, zu finden iſt. In dem erſtern Abdruck muß S. 18 in der Mitte ſtatt „Non“ geleſen werden „Nos ““ 3) Die hierüber abgefaßte Urkunde im Original mit den Siegeln beider Biſchoͤfe befindet ſich im geh. Arch. Schiebl. 48. Nr. 14; abge⸗ druckt in Kotzebue B. I. S. 396. Dieſer Abdruck iſt aber fo Au: ßerſt feblerhaft, daß der Sinn der Worte oft gar nicht zu verſtehen iſt.
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Kriegszug nach Warmien und Natangen. 611 nun dem Herzoge drohete, uͤberwog alle entferntere Beſorg⸗ niſſe. Manche Beiſpiele von der Gewalt der Kirche gegen gebannte Fuͤrſten mochten warnend dem Herzoge vor die Seele treten. Daher ſoͤhnte er ſich jetzt mit ſeinen Bruͤdern aus und erfüllte des Legaten Forderungen y. So bald aber der Orden auf ſolche Weiſe ſich nur ir⸗ gend gegen den Herzog Suantepolc geſichert wußte und feine Kriegsmacht von Weſten her nicht mehr bedroht war, ging ſofert des Landmeiſters ganzes Streben auf die Unterwerfung der abgefallenen Landſchaften in Preuſſen. Ueber das, was ſich in dieſen Gebieten nach ihrem Abfalle von der Ordens⸗ herrſchaft aus den Verhaͤltniſſen der alten Zeit wieder empor⸗ gehoben und im Leben von neuem geregt und bewegt, was ſich an neuen Ereigniſſen ergeben und unter welchen Formen ſich das Bild des alten Lebens hier wieder ausgebildet habe, ob die noͤrdlicheren Gebiete ſeitdem meiſt Ruhe und Erholung genoſſen oder ob ſie hie und da mit der Kriegsmannſchaft auf der Burg Balga in kriegeriſchen Fehden begriffen gewe⸗ fen feyen, über dieſes, wie über alles, worin das Leben ſich fortbewegt, weiß uns die Geſchichte nichts zu ſagen. Erſt der neue Kampf deckt den Schleier wieder auf. Es war noch, wie es ſcheint, im Spaͤt⸗Herbſt des Jahres 1248, als der Landmeiſter eine Anzahl ſeiner Ordensritter mit einer anſehn⸗ lichen Kriegsſchaar nach Elbing ſandte. Da vereinigt mit den 1) Daß durch den Legaten noch eine Ausſoͤhnung zwiſchen den Bruͤdern zu Stande gekommen und der Bannſpruch nicht eigentlich in Ausübung gebracht worden ſey, erhellt nicht nur aus der Urkunde des Gardian der Minoriten Berthog von Thorn bei Lucas David B. III. Anhang S. 25, wo es heißt: Jacobus Archidiaconus etc, — nobilem virum Swantopulcum ducem pomeranie cum magi- stro et fratribus de domo theutonica et nobili viro Samborio duce pomeranie fratre dicti nobilis uterino discordantem re- duxit ad concordie unitatem; ſondern es geht ſolches auch aus der päpſtlichen Bulle bei Lucas David a. a. O. Nr. IX. S. 19 her⸗ vor, worin der Herzog vom Papſte dilectus filius genannt wird, was wohl nicht geſchehen waͤre, wenn im J. 1249 der Bann noch auf ihm gelegen haͤtte. 39 *
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612 Kriegszug nach Warmien und Natangen. Ritterbruͤdern des dortigen Konvents brachen ſie in Warmien ein, ohne irgend Widerſtand zu finden, und gelangten gluͤcklich nach Balga. Auch hier verbanden ſich die Ordensbruͤder mit dem Heerhaufen der Burg, und man beſchloß nun einen Zug ins Innere von Natangen. Weit und breit ward die Land⸗ ſchaft durchzogen, durch Feuer und Raub verwuͤſtet und, wo Widerſtand Statt fand, mit dem Schwerte die Bahn gebro⸗ chen. Viele fanden auf ſolche Weiſe den Tod. Im Gluͤcke aber ahnete keiner von den Rittern die große Gefahr, welche allen drohete; ſelbſt der Ordensmarſchall Heinrich Botel ver⸗ gaß im Fortgange der Waffen die noͤthige Vorſicht. Das erbitterte Volk naͤmlich war im Ruͤcken des Heer⸗ haufens bewaffnet aufgeſtanden, und hatte auch aus den nach⸗ barlichen Landſchaften bedeutende Beihuͤlfe erhalten. Als nun die Ritter den Ruͤckzug nach Balga antraten, fanden ſie zu ihrem großen Schrecken alle Wege durch den Feind beſetzt. Mit ihrer ſchwaͤcheren Macht durften ſie es auf keine Weiſe wa⸗ gen, die feindlichen Haufen zu durchbrechen, und zogen ſich da⸗ her nach dem Dorfe Kruken ) zuruͤck, ſuͤdlich von der Kreuz: burg unfern vom Fluſſe Pasmar. Die Preuſſen aber nach⸗ ziehend belagerten die Ritter foͤrmlich im Dorfe. Zwei Seen, im Suͤden und im Norden, gaben dem Orte eine natuͤrliche Feſtigkeit. Einen offenen Kampf wagten weder die Ritter noch die Preuſſen, die letzteren hoffend, daß Hunger und Mangel den Feind in wenigen Tagen zur Ergebung zwingen werde. Da aber die Heeresmacht der Preuſſen mit jedem Tage ſtaͤrker ward, ſo traten die Ritter mit ihnen in Unter⸗ handlungen, um wenigſtens den groͤßeren Theil ihrer Mann⸗ ſchaft zu retten. Die Preuſſen verlangten den Ordensmar⸗ ſchall Heinrich Botel und drei andere Ordensritter als Gei⸗ ßeln. Der Hauskomthur von Balga Johannes ) widerrieth 1) Das jetzige Dorf Kruͤken, ſuͤdwaͤrts von Kreuzburg. 2) Dusburg P. III. c. 65 nennt ihn nur mit dieſem Taufna⸗ men. Simon Grunau Tr. VIII. c. XI. g. 1. weiß hier wieder mehr als alle andere Quellen; er nennt dieſen Hauskomthur Johan⸗ nes von Synnebergk. Der Ordensmarſchall heiſft bei ihm Hermann
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Kriegszug nach Warmien und Natangen. 613 zwar die Erfuͤllung dieſer Bedingung, meinend, man muͤſſe auf Gott vertrauen, dem Feinde zur offenen Schlacht entge⸗ gen gehen und mit dem Schwerte den Weg oͤffnen. Allein der Rath der übrigen Ritter uͤberſtimmte ihn; die Geißeln wurden den Preuſſen zugeſtanden und gegen ihr Verſprechen, den uͤbrigen freien Abzug zu geſtatten, uͤbergeben. Kaum aber hatten die Ritter den ſicheren Ort verlaſſen, ſo fiel der Feind, wortbruͤchig, uͤber die Mannſchaft des Ordens her, rieb ſie faſt gaͤnzlich auf und erſchlug vier und funfzig Rit⸗ ter ). Dem Hauskomthur von Balga hieb ein Nathangi⸗ ſcher Krieger das Haupt ab und, es auf eine Lanze ſteckend, rief er aus: Waͤren Deine Bruͤder Deinem weiſen Rathe ge⸗ folgt, ſie haͤtten das Leben erhalten. Einem andern gefange⸗ nen Ordensritter ſchnitten die Preuſſen den Nabel aus, na⸗ gelten dieſen an einen Baum feſt und trieben dann den Un⸗ gluͤcklichen mit Hieben fo lange um den Baum herum, bis Bozol. Die Preuſſen werden von einem Fuͤrſten Thyrwaido angefuͤhrt. Zwei der Ordensritter, welche als Geißel uͤbergeben werden, bekommen die Namen Johann Radecken und Heinrich von Clauſenborgk. Der Ort, wo die Begebenheit vorfiel, ſoll in alter Zeit Pokarwis und erſt zu Grunau's Zeit Crokeyn geheißen haben u. ſ. w. Wir koͤnnen auch hier dieſen Nachrichten keinen Glauben ſchenken, denn ſchon in der letztern Bemerkung bewaͤhrt ſich die Faſelei des Moͤnchs, da auch Dusdurg J. c. den Namen Crucke hat. Lucas David B. III. S. 113 — 114 hat die Erzählung Grunau's nachgeſchrieben, doch mit ausdruͤckli⸗ cher Angabe, daß ſie dieſem zugehoͤre. Henneberger Landtaf. S. 244 nennt den Hauskomthur von Balga zwar auch Johann von Sinnen⸗ berg, erzählt aber das Übrige nach reineren Quellen. 1) Dusburg 1. c. läßt alle bis auf den letzten Mann erſchlagen. In der Zahl von 54 Rittern ſtimmen die Quellen überein. Die übrige Kriegsmannſchaft giebt Schütz S. 25 auf 1500 an. Simon. Gru⸗ nau a. a. O. begnuͤgt ſich mit den erwähnten Grauſamkeiten der Preuſſen noch nicht; er laßt den Ritter Heinrich von Clauſenburg ges braten und den Johann Radecken unter einem Rauchfeuer an den Fü: ßen aufgehangen werden. Lucas David B. III. S. 114 erzaͤhlt die oben erwähnte Grauſamkeit vom Ordenswarſchall. Allein auch die ſes iſt nicht richtig, denn derſelbe blieb am Leben und kommt noch oft in Urkunden vor.
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614 Kriegszug nach Warmien und Natangen. die Eingeweide aus dem Leibe herausgewunden waren und der Ritter todt zur Erde fiel. Dieß ſoll geſchehen ſeyn am Tage des h. Andreas, am dreißigſten November des Jah⸗ res 1248 ). Die Nachricht dieſes Ungluͤckes verbreitete ſich ſchnell uͤber die nachbarlichen Laͤnder und vor allem auch nach Deutſch⸗ land. Da brachen mehre Fuͤrſten, laͤngſt ſchon mit dem Plane eines Heereszuges nach Preuſſen beſchaͤftigt, eiligft mit wohlgeruͤſteten Kriegshaufen zur Huͤlfe des Ordens auf. Vor⸗ an zog Markgraf Otto der Fromme von Brandenburg 2) und mit ihm mancher tapfere Ritter ſeines Landes; dann der Bi⸗ ſchof Thomas von Breslau; bald darauf auch der Biſchof Heinrich von Merſeburg und Graf Heinrich von Schwarz⸗ burg ). Es war im Anfange des Jahres 1249, als dieſe 1) Bei Dusburg c. 65 — 66 herrſcht über die Zeitangabe die⸗ ſer und der naͤchſtfolgenden Begebenheiten große Verwirrung. Das Jahr MCCLIX, welches im Texte bei Hartknoch ſteht, iſt zwar nur ein Druckfehler und fol MCCXLIX heißen, wie in den Mscp. ſteht; allein richtig iſt auch das Jahr 1249 wohl ſchwerlich. Nach Dusburgs eigener Angabe geſchah dieſes Ungluͤck des Ordens noch vor der Ankunft des Markgrafen Otto von Brandenburg. Dieſer war aber am 10ten Januar 1249 ſchon in Preuſſen; folglich muß die Begebenheit noch in das Jahr 1248 fallen. Lucas David B. III. S. 115 iſt zwar ge, neigt, fie ins Jahr 1247 zu ſetzen; allein fie ſteht nach Dusdurg c. 66 mit der Ankunft der Deutſchen Fuͤrſten in zu naher Verbindung, als daß ein ganzes Jahr dazwiſchen liegen koͤnnte. Den S. Andreas⸗ Tag giebt Henneberger S. 244 an. 2) Daß Otto III. oder der Fromme ſchon in den erſten Wochen des J. 1249 in Preuſſen war, beweiſet eine Urkunde des Erzbiſchofs Albert uͤber ſeinen Streit mit dem Landmeiſter von Preuſſen, die ohne Zweifel in Preuſſen abgefaßt und vom 10. Januar 1249 datirt iſt, worin Otto als Vermittler mit den Preuſſiſchen Biſchoͤfen genannt wird. Wir werden ihren Inhalt ſpäter kennen lernen. 3) Die Gegenwart des Biſchofs von Breslau, welchen Dies burg c. 67 nicht nennt, bezeugt eine von ihm ausgeſtellte Urkunde, welche der päpſtliche Legat mit unterſiegelt hat. Sie iſt gegeben am 1Aten Maͤrz 1249. Den Biſchof von Merſeburg und Heinrichen von Schwarz: burg nennt Dusdurg J. c. ausdruͤcklich. Die bei ihm vorkommende Benennung Henricus de Sitarsburg iſt aber offenbar ein Schreibfeh⸗
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Unterwerfung ber abgefallenen Landſchaften. 615 Fuͤrſten jeglicher mit feinem Heerhaufen ſich den Anordnun⸗ gen des Landmeiſters Heinrich von Wida zur Bekaͤmpfung der Preuſſen untergaben. Jeder an der Spitze ſeiner eigenen Heerſchaar durchzogen ſie faſt ohne Widerſtand Pomeſanien und Warmien, darauf auch Natangen und einen Theil des Barterlandes und ſchreckten uͤberall das Volk durch Raub, Feuer und Schwert in ſolcher Weiſe, daß ſich ſchnell alles dem Orden zum Gehorſam untergab und geſtellte Geißeln auch die Treue und Sicherheit verbuͤrgten 9. So ſchnell vor ler für de Swartzburg, wie der Epitomator und Jeroſchin P. III. c. 67 auch wirklich leſen. Das Mscr. Berol. hat de Suarz- burgk. Schütz S. 26. 1) Dusburg P. III. c. 66. Der Epitomator fagt: Intrant ter- ram apostatarum Prutenorum quilibet cum copia sua, unus post alium, et hincinde captivant, interſiciunt, rapiunt et co- gerunt maledictos in fratrum obedienliam et voluntatem. Posthec Pomezani, Ermyni, Pogezeni, Barihini et Natlangini dissentione deposila inclinant cervices suas ordinacione di- vina in fidei precepta. Sicque subjecti fratribus in robur fidei ohsides posuerunt, de quo deus sit benedictus! — Wenn hier ſowohl, als bei Dusburg J. c. auch die Barter als beſtegt und zum Glauben gefuͤhrt genannt werden, ſo ſcheint dieſer Angabe eine Bulle des Papſtes Innocenz IV. vom 10ten Mai 1254 (geh. Archiv Schiebl. III. Nr. 58) beim erſten Anblick zu widerſtreiten; denn nach ihr hatte der Meiſter von Livland und Preuſſen Dieterich von Gruͤ⸗ ningen erſt um dieſe Zeit dem Papſte berichtet, daß die Ordensritter mit Huͤlfe der Kreuzfahrer „ierram, que maior Barth vulgari- ter appellatur Warmiensis diocesis ac terram nomine Galanda prope positam ad cultum fidei catholice ydoneis de predicta Bartha receptis obsidibus de novo per dei gratiam deduxerunt. Genauer genommen liegt jedoch in diefen beiden Quellen kein Wider: ſpruch. Wir haben fruͤher geſehen, daß das Barterland in zwei Theile zerfiel, in major et minor Bartha oder Plica - Bartha, wie Dus- urg P. III. c. 3 fie nennt. Nun nennt aber die erwähnte Bulle ausdruͤcklich malor Barthes als dasjenige Land, welches im J. 1254 erſt zum chriſtlichen Glauben gebracht ſey. Ohne Zweifel alſo war minor Bartha ſchon jetzt zum Gehorſam des Ordens zuruͤckgekehrt, denn ſonſt wuͤrde in jener Bulle nicht ſo ausdruͤcklich der andere Theil des Landes bezeichnet worden ſeyn. Dusburg nennt uͤbrigens auch im Prologus p. 5. die Barter mit unter den unterworfenen Völkern.
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616 Unterwerfung der abgefallenen Landſchaften. wenigen Jahren in Einem Geiſte des Muthes, der Erman⸗ nung und der Erbitterung der Abfall vom Orden geſchehen war, fo ſchnell fügte ſich jetzt in Einem Geiſte des Schreckens, der Verzagtheit, der Hoffnungsloſigkeit und der Verzweife⸗ lung das geſammte Volk dieſer Landſchaften der Herrſchaft des Ordens, ſo daß es faſt wunderbar ſcheint, wie Menſchen, die ſeit Jahren ſo unzaͤhlige Opfer fuͤr ihre Freiheit und ſo viel Blut fuͤr ihren Glauben dargebracht hatten, nun in kaum zwei Monden ihr altes Leben beinahe ohne alles Wi⸗ derſtreben aufgeben konnten. Es giebt aber fuͤr den ſtreben⸗ den Geiſt des Menſchen in ſeinem Ringen und Kaͤmpfen fuͤr ein Ziel einen Punkt, bis zu welchem hinan ihm nichts un⸗ üͤberwindlich, faſt alles moͤglich ſcheint. Bis dahin kennt er keine zu theueren Opfer und kaum einen Werth des Lebens. In ſolchem Anſtreben gewinnt die Seele eine Macht uͤber den Menſchen und in ihr erwecken ſich Kraͤfte und eine Staͤrke, die zu unglaublichen Thaten fuͤhren. Wird aber bis zu die⸗ ſem Punkte des Strebens das geſtellte Ziel nicht erreicht, ſo ſchlaͤgt nicht ſelten die Seele um, es entſchwindet ihr mehr und ſchneller als gewoͤhnlich alle Kraft, der Menſch wird eben ſo kleinmuͤthig und verzagt, als er muthvoll und entſchloſſen war, eben ſo ſchwach, ſo rath- und thatlos, als vormals mannhaft, ſtark und klug und umſichtig in allen Dingen. So mag jetzt die Stimmung des Volkes in jenen Land⸗ ſchaften geweſen ſeyn. Beinahe zwanzig Jahre hindurch hat⸗ ten nun die Preuſſen unter ſchrecklichen Muͤhen und Leiden gekaͤmpft; gekaͤmpft fuͤr Haus und Heimat, fuͤr Freiheit und Vaterland, für Sitte und Geſetz, für vaͤterliche Ordnung und Verfaſſung; gekaͤmpſt fuͤr Goͤtter und Heiligthuͤmer, fuͤr Glauben und Prieſterthum, fuͤr das Theuerſte und Erhabenſte, was fie in der Seele trugen; gekämpft für die loͤchſten Guͤ⸗ ter des Lebens, fuͤr die das Leben allein ſeinen hoͤchſten Werth hat, nach denen ewig der Menſch ſich muͤht und ſehnet. Wo aber waren nun die Gewinne dieſes zwanzigjaͤhrigen Kampfes? War nicht das alte Leben mit allen ſeinen Guͤtern, fuͤr deren Erhaltung ſeit Jahren ſo unendlich viel eingeſetzt worden war,
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Unterwerfung der abgefallenen Landſchaften. 617 bis ins Innerſte geſtoͤrt, zerriſſen, zerruͤttet, in feinen tiefſten Wurzeln untergraben und fo fir immer der Bluͤthe und der Friſche beraubt, in der es einſtmals dageſtanden hatte? War denn das Vaterland und die Freiheit, um die man ſo. vieles opferte, wirklich noch in allen, die ſich Preuſſen nann⸗ ten? War nicht ſo mancher um lockender Gewinne willen den Ordensrittern nachgegangen? Hatten nicht viele aus dem Stande der Vornehmeren Vortheile und Huldigungen genoſ⸗ fen, die fie ungerne wieder aufgaben? Hatte der ſtuͤrmiſche Krieg die Sitte in ihrer Reinheit, das Geſetz in ſeiner Ach⸗ tung, die Verfaſſung in ihrer Ordnung, den Glauben und die Religion in ihrer Heiligkeit gelaſſen? Oder ging vielmehr nicht durch das ganze Leben eine Verwirrung und Zerſtoͤ⸗ rung, ſah man nicht überall eine Aufgelöftheit und Zerriſſen⸗ heit der alten Verhaͤltniſſe, bei welcher kaum noch eine jema⸗ lige Ruͤckkehr des alten Lebens in ſeiner alten Art und Weiſe zu erwarten ſtand? Und die alten Goͤtter und Heiligthuͤmer, das ganze Syſtem des alten religiöfen Glaubens, ſtanden fie noch in der urväterlichen Reinheit und Feſtigkeit da? Hatte nicht die ſchon vernommene Lehre des Evangeliums mit ihrer Allgewalt uͤber Geiſt und Herz in manche Seele ein Zer⸗ wuͤrfniß gebracht, welches wohl nie wieder mit der vollſten Zuverſicht und mit dem feſten Glauben der Vaͤter auf der Goͤtter Macht vertrauen und an der Heiligkeit der geweiheten Haine feſthalten ließ? So war alſo gewiß der alte Stamm des Lebens fruͤherer Zeiten ſchon in mancherlei Weiſe ſtark entblaͤttert und entaͤſtet, die kraͤftigſten feiner Wurzeln durch den zwanzigjaͤhrigen Sturm aus dem alten Boden ſchon los⸗ geriſſen und der Baum der Fuͤlle ſeiner Nahrung ſchon be⸗ raubt. Noch gruͤnten an ihm hie und da einzelne Zweige und Aeſte; in ihnen trieben aber und wirkten nur noch die letzten Kraͤfte, die der Stamm an ſich zog. Auch ſie konnten nur noch eine kurze Zeit beſtehen, denn eine andere edlere Pflanzung, die auf den Boden eingeſaͤet ward, entzog auch ihnen mehr und mehr die alten Lebensſaͤfte. Das war es wohl ohne Zweifel vorzuͤglich, was das
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618 Unterwerfung ber abgefallenen Landſchaften. Volk der bekriegten Landſchaften ſo ſehr entmuthigt, ſo er⸗ mattet und ermuͤdet, ſo troſt⸗ und huͤlflos gemacht. Da trat der paͤpſtliche Legat unter ihm auf als Vermittler des Frie⸗ dens und der Verſoͤhnung zwiſchen ihm und dem Deutſchen Orden. Lange Zeit war die Streitſache zwiſchen den abge⸗ fallenen Preuſſen und den Ordensrittern mit der des Herzogs Suantepolc ſchon am paͤpſtlichen Hofe verhandelt worden. Dort aber konnte natuͤrlich von der Erhaltung des alten Le⸗ bens, der alten Sitte und Verfaſſung, des alten Glaubens nicht die Rede ſeyn; vielmehr knuͤpſten dort die Sachwalter der Neubekehrten alle Beſchwerden ihres Volkes nur an die Klage, daß ihnen die Freiheit, welche die Paͤpſte Innocenz der Dritte, Honorius der Dritte, Gregorius der Neunte und der jetzige Papſt Innocenz der Vierte ihnen als neugeborenen Soͤhnen Gottes verheißen hätten und nach welcher fie im Fortgenuſſe ihres freien Lebens nur in dem Gehorſam der Roͤmiſchen Kirche ſeyn ſollten, zur Zeit noch keineswegs zu Theil geworden ſey, daß vielmehr die Ordensritter im Wi⸗ derſpruche mit jener Zuſage die Neubekehrten mit ſo harter Knechtſchaft belaſtet hätten, daß die nachbarlichen Heiden, be⸗ nachrichtigt von dieſen Bedruͤckungen, das Chriſtenthum im- mer noch mit Furcht und Scheu von ſich zuruͤckgewieſen 9. 1) S. die Urkunde bei Dreger Nr. 191. In den Worten: quod — ipsis neophilis esset concessum, ut cum vocali essent in libertatem ſiliorum dei ex aqua et spiritu sancto renati, in libertate sua manentes, nulli alii essent quam soli Christo et obedientie ecclesie Romane subjecii, fanden die Neubekehrten offenbar einen ganz andern Sinn, als die Päpfte ihn in ihren Beſtim⸗ mungen hatten ausſprechen wollen. An eine Unterthaͤnigkeit und an einen Gehorſam gegen den Orden war hiebei nach ihrer Meinung na⸗ türlich gar nicht zu denken. Sie fanden in den Verordnungen der Paͤpſte nur eine unmittelbare Untergebenheit unter dem Papſte oder der Kirche. Entweder verſtanden fie überhaupt das ganze Lehnsverhaͤltniß nicht, in welchem der Orden zum Roͤmiſchen Hofe ſtand, und nahmen den Papſt oder die Römifhe Kirche als den Oberherrn des Landes auch für ihren nächſten Herrn, oder — was wenigſtens möglich wäre — der Biſchof Chriſtian hatte unter das Volk Ideen gebracht, die ſich mit
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Unterwerfung der abgefallenen Landſchaften. 619 Lange war am paͤpſtlichen Hofe durch die Sachwalter beider Theile uͤber dieſen Punkt hin und her geſtritten und vieles verhandelt worden, wovon uns die Geſchichte keine genaue Kunde mehr giebt. Es laͤßt ſich denken, daß es den Preuf⸗ ſen aͤußerſt ſchwer und für den Augenblick faſt unmoͤglich war, die Verhaͤltniſſe des Ordens oder der Chriſtenheit uͤberhaupt zur Roͤmiſchen Kirche und die Beziehungen und Verknuͤpfun⸗ gen des Lehnſyſtems irgend klar zu faſſen. Es war unmoͤg⸗ lich, daß das Volk Preuſſens von ſeiner alten Lebensfreiheit aus die Verhaͤltniſſe und den Sinn dieſes Syſtems deutlich genug begriff, um ſich mit ſeinem aus der alten freien Zeit herausgewachſenen Leben ſogleich in den neuen Verhaͤltniſſen zurecht zu finden. Daher auch bei den Verhandlungen am paͤpſtlichen Hofe ſo viele Widerſpruͤche und Mißverſtaͤndniſſe über die Verhaͤltniſſe, ein ſolches Gemiſch von Wahrheit und Schein und ein ſolches Gewirre von Anklagen und Verthei⸗ digungen, daß ſelbſt der Papſt uͤber den wahren Stand der Dinge nicht zur Klarheit zu kommen vermochte ). Dieſen Zwiſt an Ort und Stelle näher aus den Verhaͤltniſſen ſelbſt zu unterſuchen und mit Vorſicht und Klugheit auszugleichen, war daher auch eine der weſentlichſten Urſachen geweſen, die den Papſt bewogen, den gewandten und klugen Archidiaconus Jacob von Luͤttich als Legaten ins Land zu ſenden. Und ſeit dieſer in Preuſſen angekommen war, hatte er mit uner⸗ muͤdlichem Eifer für Frieden und Verſoͤhnung gearbeitet. Es waren gewiß außerordentliche Schwierigkeiten zu bekaͤmpfen; was mußte es koſten, um das Mißtrauen der Preuſſen nur einigermaßen zu daͤmpfen, ihre alte Erbitterung zu beſchwich⸗ tigen und den erzuͤrnten Gemuͤthern Vertrauen uno Hoffnung einzufloͤßen! Oefter waren die Haͤupter und Vornehmſten aus den Landſchaften, denen das Volk die Vertretung ſeiner einer Herrſchaft des Ordens Über Land und Leute nicht vereinigen lier ßen. Wenn ſich nun aber die Preuſſen dem Rechte nach als in Ziber- tate sua manentes betrachteten, fo mußte ihnen freilich ſehr vieles als durae servitutes erſcheinen. 1) Das ſagt die Urkunde bei Dreger Nr. 191 ausdrücklich.
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620 Friede mit den Preuſſen. erwuͤnſchten Rechte und Freiheiten uͤbertragen hatte, mit den Oberſten der Ordensritter vor dem paͤpſtlichen Legaten zu Un⸗ terhandlungen verſammelt, bis endlich alle Hinderniſſe ſo weit beſeitigt und alle Verhaͤltniſſe ſo weit ausgeglichen waren, daß am ſiebenten Februar des Jahres 1249 das Friedens⸗ werk zu Stande kam ). Es war an dieſem Tage eine Verſammlung auf der Burg Chriſtburg angeordnet. Dort erſchienen der paͤpſtliche Legat, der Biſchof Heidenreich von Kulm, der Landmeiſter Heinrich von Wida, der Ordensmarſchall Heinrich Botel und eine Anzahl der Vornehmſten und mancher anderer achtbarer und angeſehener Männer aus den Landſchaften Preuſſens 2). So ward von der Burg aus, ſeit deren Aufbau die Unter⸗ werfung der Preuſſen kaum noch einem Zweifel unterlag, auch zuerſt das milde Wort des Friedens und der Verſoͤhnung aus⸗ geſprochen. Die gegenſeitigen Rechte aber, Freiheiten, An⸗ ſpruͤche und Verpflichtungen, uͤber welche man ſich vereinigt und die nunmehr geſetzlich feſtgeſtellt wurden, beſtanden in folgenden Hauptpunkten. 1. Es ward den Neubekehrten, aber nicht minder auch den Heiden ſowohl in den genannten Landſchaften, als in den naheliegenden Gebieten, ſobald ſie ſich durch die Taufe zum Chriſtenthum wendeten, das Recht zugeſtan⸗ den, durch Kauf oder auf anderen rechtlichen Wegen ſich Eigenthum zu erwerben 3), fo viel ein Jeglicher ver⸗ 1) Dieſes iſt die Zeitangabe der Urkunde bei Dreger J. c. 2) Die erſtern nennt die erwähnte Urkunde ausdruͤcklich. Daß auch Abgeordnete der Landſchaften zugegen geweſen, ſcheint fo natuͤrlich als nothwendig. Zwar ſagt dieſes die Urkunde nicht ausdruͤcklich; wahr⸗ ſcheinlich aber find fie unter den „presenlibus etiam pluribus alüis bonis viris gemeint. Hätten wir noch das eigentliche Friedensinſtru⸗ ment, ſo wuͤrden wir ohne Zweifel die gegenwaͤrtigen Preuſſen genannt ſinden. Daß die Verhandlungen zu dieſem Friedensſchluſſe auf der Chriſtburg, nicht aber auf Balga, angeſtellt wurden, geht aus dem Schluſſe der Beilage Nr. V. hervor. 3) Ohne Zweifel liegt in den Worten: „licito sit eisdem neo- phitis emere res quascumque a quibuscumque voluerint etc.“
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Friede mit den Preuffen. 621 möge, und ſolches fuͤr ſich und die rechtmäßigen Erben zu beſitzen. 2. Hinſichtlich des Erbrechtes uͤber ſolches Eigenthum ward beſtimmt, daß beim Tode des Vaters zunaͤchſt der hin⸗ terbliebene Sohn oder die Tochter, die nie verehelicht ge⸗ weſen ), oder beide als Erben folgen ſollten. In Er⸗ mangelung ſolcher naͤherer Erben ſollte die Erbſchaft zu⸗ naͤchſt auf Vater oder Mutter des geſtorbenen Sohnes zuruͤckgehen, und wenn dieſe nicht mehr lebten, ſollte zu⸗ naͤchſt der maͤnnliche Enkel als Erbe eintreten. War aber auch ein ſolcher nicht vorhanden, ſo ſollte das Erbe dem Bruder des Geſtorbenen anheim fallen und wenn keiner dieſer näheren Erben mehr lebe, ſo ſollten die maͤnnlichen Geſchwiſterkinder als Erben folgen 2). Gerne nahmen die Neubekehrten dieſe Beſtimmungen an, da in ihrer bisherigen Lebensordnung nur die Soͤhne als Er⸗ ben hatten eintreten koͤnnen. Sie willigten daher auch aus freier Zuſtimmung ein, daß ſofern jemand keinen der eben genannten Erben hinterlaſſe, ſein ſaͤmmtliches eine Beziehung auf die Verhaͤltniſſe der früheren Zeit. Der Orden ſcheint fruͤherhin den Neubekehrten den Ankauf mancher Gegenſtaͤnde unterſagt zu haben; dahin moͤgten wohl vorzuͤglich Waffen gehoͤrt ha⸗ ben. Wie ſchon Carl der Große den Handel mit Waffen, beſonders den Verkauf derſelben an die Slaviſchen Völker unter harten Strafen verboten hatte, fo ſah gewiß auch der Orden ein, „daß man mit den Waffen einen Theil der Kriegskunſt hingebe.“ Da aber jetzt die Neu⸗ bekehrten, wie es in dieſer naͤmlichen Urkunde heißt, ad omnes expe- ditiones eorum (sc. fratrum) ibunt decenter parati et ar- mali, fo mußte ihnen der Waffenkauf unbeſchraͤnkt erlaubt werden. 1) „Que nunquam fuerit maritata “; ſo heißt es ausdrücklich bei der Tochter. Aber wie, wenn ſie nun verheirathet geweſen oder zur Zeit es noch war, erbte ſie da nicht? Auch dann nicht, wenn kein Sohn des Hauſes vorhanden war? 2) Hiemit beantwortet ſich die Frage der vorigen Anmerkung wohl von ſelbſt. Die Tochter erbte nur vom Vater, ſo lange ſie nicht ver⸗ heirathet war. Nachdem hatte weder ſie, noch ihre Nachkommenſchaft erbrechtliche Anſpruͤche an den Nachlaß der Aeltern, denn dieſer ging dann nur in die nähere maͤnnliche Verwandtſchaft über.
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622 Friede mit den Preuffen. unbewegliches Eigenthum an den Orden und an andere Herren, unter denen die Neubekehrten leben wuͤrden, ohne weiteres uͤbergehe, desgleichen auch die beweglichen Guͤ⸗ ter, ſofern hieruͤber der Eigenthuͤmer nicht ſchon zu Leb⸗ zeiten oder bei ſeinem Tode anders verfuͤgt habe. 3. Es ward den Neubekehrten das Recht zugeſtanden, ihre beweglichen Guͤter nach freiem Belieben auszugeben, zu verſchenken, zu vertheilen, zu verkaufen oder in anderer Weiſe daruͤber zu verfuͤgen. Ferner ward ihnen er⸗ laubt, ſobald es die Noth oder ihr Vortheil forderte, auch ihre unbeweglichen Guͤter an ihres Gleichen, an Deutſche oder Preuſſen oder Pommern ) zu verkaufen, I) Dieſe Stelle der Urkunde iſt nicht ohne Dunkelheit. Es heißt naͤmlich „ quod licitum sit eisdem pro necessitate sua vel pro sua etiam utilitate immobilia bona sua ven- dere paribus suis vel Theutonicis sive Prutenis vel Ro- manis.““ Die Lesarten in den Abdruͤcken dieſer Urkunde weichen hier indeſſen ſehr von einander ab. Hartlenoch bei Dusburg P. 465 hat: Teutonicis seu Prutenis Christianis vel Pomera- nis. Dieſes iſt jedoch, wie aus der Anmerkung p. 474 hervorgeht, nur eine von Hartknoch gewählte Veraͤnderung, die ſich auf eine Elbingiſche Ueberſetzung gründet. Wir konnen dieſer Lesart unfern Beifall nicht ganz verſagen, da es im Pomeſaniſchen Gebiete auch ſpͤͤ⸗ terhin noch Bewohner gab, welche Pomerani hießen und es wohl moͤg⸗ lich wäre, daß man dieſe Pommern hierin den Deutſchen und Preuſſen gleich ſtellen wollte. Dreger Nr. 191 p. 288 hat: Theutonicis seu Pruthenis Cristianis Romanis; eben ſo Baczzko B. I. S. 270. Offenbar aber weicht dieſe Lesart zu ſtark von der Originalcopie ab, denn aus dem „vel“ iſt unmoglich Cristianis herauszubringen. Dogiel Nr. 23. p. 18 liefet, ſogar: Teutonicis seu Prutenis Christianis vel Pomeranis und Leo p. 87: Theutonicis vel Prutenis, Christia- nis vel Romanis. Kein Abdruck ſtimmt alſo mit der Lesart des Originals uͤberein. Am allerwenigſten kann die von Gadebuſch Liv⸗ land. Jahrb. B. I. S. 253 vorgeſchlagene Lesart: Christianis vel Paganis gebilligt werden. Hennig zum Lucas David B. III. ©. 121 bemerkt: unter den Theutonicis ſeyen die unter den Preuſſen wohnenden Deutſchen, unter den Romanis aber die Anzöglinge aus dem Roͤmiſch⸗D Deutſchen Reiche gemeint. Wir koͤnnen indeſſen dieſer Erklärung nicht beiſtimmen, denn einmal iſt der Unterſchied fuͤr die Verhältniffe viel zu fubtil und zweitens hat im gewöhnlichen Sprachge⸗
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Friede mit den Preuſſen. 623 fofern fie zuvor nur dem Orden eine dem verkaͤuflichen Gegenſtande in ſeinem Werthe angemeſſene Buͤrgſchaft ſtellten, daß fie nach dem Verkaufe ihres Eigenthums nicht zu den Heiden oder des Ordens offenbaren Feinden entfliehen wollten. 4. Die Neubekehrten erhielten ferner auch das Recht, uͤber ihre beweglichen und unbeweglichen Güter durch Teſta⸗ mente zu verfuͤgen, doch mit der Beſchraͤnkung, daß wenn jemand etwas von ſeinem unbeweglichen Eigen⸗ thum durch ein Teſtament einer Kirche oder einer geiſt⸗ lichen Perſon vermache, ſolche verpflichtet ſey, das unbe⸗ wegliche Gut binnen Jahresfriſt den Erben des Verſtor⸗ benen wieder zu verkaufen und nur den aus dem Ver⸗ kaufe empfangenen Gewinn fuͤr ſich zu behalten. Wi⸗ drigenfalls verblieb dem Orden das Recht, nach Jahres⸗ verlauf ſolches vermachte und aus Verſaͤumniß nicht ver⸗ kaufte Grundbeſitzthum fuͤr ſich einzuziehen; denn da der Orden Eine Gemeine bildete und das geſammte Land in Preuſſen nur als Lehn von der Roͤmiſchen Kirche be⸗ ſaß, ſo glaubte er es nicht erlauben zu duͤrfen, daß ſol⸗ ches Land in das Herrenrecht irgend einer Kirche oder einer geiſtlichen Perſon uͤbergehe ohne des Papſtes beſon⸗ dere Erlaubniß und ausdruͤckliche Zuſtimmung. Mit wil⸗ liger Annahme dieſer Satzung geſtanden die Neubekehr⸗ ten dem Orden bei allen ſolchen Verkaͤufen den Vor⸗ kauf um gleichen Preis zu und die Ordensritter verſpra⸗ brauche das Wort Romani dieſe Bedeutung nicht. Wir ſchlagen zwei Erklaͤrungen vor: entweder zu leſen Prutenis ecclesie Romane für chriſtiiche, der Roͤmiſchen Kirche zugethane Preuſſen, denn bekanntlich wird das Wort ecclesia faſt beſtändig abbrevirt, oft eccl., woraus das „vel“ entſtanden ſeyn koͤnnte; oder es muß geleſen werden: Theu- tonicis sive Prutenis vel Pomeranis; dann koͤnnte im Original- texte geſtanden haben Pomanis; aus dem P wuͤrde durch den Ab⸗ schreiber ein K geworden, das Abbreviaturzeichen §, welches dieſe urkunde durchweg fuͤr die Silbe er hat, nicht beachtet oder vergeſſen worden ſeyn, und fo wäre leicht das Wort Romanis entſtanden, dieſe bisherige crux interpretum.
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624 Friede mit den Preuſſen. chen dagegen, es in keiner Weiſe zu hindern, daß fuͤr ir⸗ gend ein Gut der wahre Werth geboten werde. — Es war dieſes ſonder Zweifel eine der weiſeſten Maßregeln, die der Orden nur irgend fuͤr ſeine Verfaſſung, fuͤr ſeine Landesordnung, fuͤr ſeine Freiheit, Unabhaͤngigkeit und Sicherheit gegen die Geiſtlichkeit, fuͤr die Regelmaͤßigkeit und Feſtigkeit in feiner Landesverwaltung, für feine Macht und ſein Anſehen, kurz fuͤr das ganze Syſtem ſei⸗ ner Herrſchaft ergreifen konnte. Und es tritt die Weis⸗ heit dieſer Anordnung gewiß jeglichem noch klarer in die Augen, wenn er in den Geſchichten ſo vieler Laͤnder Eu⸗ ropa's die Menge von Gebrechen und Unordnungen er⸗ kennt, die einzig darin ihre Quelle hatten, daß eine ſo große Maſſe laͤndlichen Beſitzthums in die todte Hand der Kirche uͤbergegangen war. Wie es der Kirche und dem Clerus in Preuſſen durch dieſe Verordnung unmoͤg⸗ lich wurde, zu ſolchem Reichthum laͤndlicher Beſitzungen zu gelangen, als anderswo, ſo war der Orden in ſeiner Herrſchaſt uͤber Land und Leute hiedurch gegen den Ein⸗ flaß der Geiſtlichkeit auch ungleich mehr ſicher geſtellt, als andere Fuͤrſten. Der Orden geſtand den Neubekehrten ferner zu, frei und nach eigener Wahl geſetzmaͤßige Ehen zu ſchließen, in allen Rechtsſachen Sachwalter ſeyn zu koͤnnen, gegen jedermann ihre Rechte zu ſuchen, als geſetzliche Perſonen zu allen geſetzlichen Verhandlungen zugelaſſen zu werden ſowohl vor geiſtlichen als vor weltlichen Richtern. Es ſollte ihnen, ſo wie ihren rechtmaͤßigen Kindern auch erlaubt ſeyn, in den geiſtlichen Stand zu treten und die Kloſtergeluͤbde anzunehmen. Sproͤßlinge eines edlen Stam⸗ mes der Neubekehrten ſollten mit dem Ehrenguͤrtel des wehrhaften Kriegers geſchmuͤckt werden duͤrfen ). Mit 1) Dieſe Stelle iſt in verſchiedener Hinſicht ſehr merkwuͤrdig. Sie liefert vor Allem einen wichtigen Beweis dafuͤr, daß es unter den heid⸗ niſchen Preuſſen eine vornehmere Klaſſe oder, wenn man es ſo nennen will, einen Adel, d. h. einen Stand der Vornehmeren gegeben habe.
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Friede mit den Preuſſen. 625 einem Worte, die Ordensritter geſtanden den Neubekehr⸗ ten jegliche perſoͤnliche Freiheit zu, fo lange fie dem chriſtlichen Glauben getreu bleiben, der Unterwuͤrfigkeit und dem Gehorſam der Roͤmiſchen Kirche ſich unter⸗ geben und gegen den Meiſter und die Ritter des Ordens Treue bezeigen wuͤrden. Dieſe perſoͤnliche Freiheit aber ſollte fuͤr die Bewohner einer Landſchaft oder fuͤr eine einzelne Perſon ſofort verloren ſeyn, ſobald ſie wieder zum heidniſchen Glauben zuruͤcktreten wuͤrden. 6. Auf die Anfrage des paͤpſtlichen Legaten an die Neube⸗ kehrten: welches weltliche Geſetz ſie fuͤr ſich waͤhlen und welche weltlichen Gerichte ſie bei ſich gelten laſſen woll⸗ ten? baten ſie nach gepflogenem Rathe um das Geſetz und die Gerichtsverfaſſung ihrer Nachbaren der Polen Davon iſt jedoch ſchon im erſten Bande dieſes Werkes geſprochen wor⸗ den. Sie beweiſet aber auch außerdem, daß man dieſe Vornehmeren einer beſonderen Auszeichnung von Seiten des Ordens für würdig ge: halten. Es iſt fruͤherhin darüber geſtritten worden, ob das cingulum militare nur von einer Wehrhaftmachung oder vom Ritterſchlage zu verſtehen ſey. Man hat das in unſerer Urkunde vorkommende; ac- cingi cingulo militari, für „zum Ritter geſchlagen werden“ genom⸗ men; ſo Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 253. Kreuzfeld vom Adel der alten Preuſſ. S. 8., wiewohl ſich Kreuzfeld S. 7 in der Anmerkung mehr für bloße Wehrhaftmachung entſcheidet; Preuſſ. Samml. B. I. S. 637. De Wal Histoire de POrdr. Teut. T. I. p. 412 uͤberſetzt: l'on permettoit à ceux qui eioient d’an- cienne noblesse, d'aspirer A l'honneur du baudrier militaire, c’est-A-dire, d'étre faits Chevaliers. Wir Können jedoch nicht glauben, daß bei dem accingi cingulo militari an die eigentliche Er⸗ theilung der Ritterwurde gedacht werden dürfe, ſondern daß es bloß die Wehrhaftmachung edler Juͤnglinge bedeute. So nahm es ſchon Du Fresne Glossar. s. h. v.; fo erklären es auch Schlieffen Nach⸗ richt vom Geſchlechte der Schlieffen S. 59 und Hanſelmann von der Hohenloh. Landeshoheit S. 201 — 202, wo der Beweis dafür am gruͤndlichſten gefuͤhrt iſt. Ueberhaupt iſt ja bekannt, daß die Sitte des cinguli militaris weit früher vorhanden war, als an einen Ritter⸗ ſchlag oder an die foͤrmliche Aufnahme in den eigentlichen Ritterſtand gedacht wurde. II. 40
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626 Friede mit den Preuſſen. und der Orden ſprach ihnen dieſe zu ). Auf ihre Bitte jedoch ward die Probe des gluͤhenden Eiſens und nach der Anordnung des Legaten auch alles andere davon ausgeſchieden und fuͤr unguͤltig erklaͤrt, was in jenem Geſetze gegen Gott, gegen die Roͤmiſche Kirche oder ge⸗ gen kirchliche Freiheit ſtreite. Der Orden aber verſprach, den Neubekehrten ihre Guͤter nie ohne ihre Schuld und nur nach dem rechtmaͤßigen Gerichte dieſes Geſetzes zu nehmen. 7. Die Neubekehrten, beſonders aber die aus Pomeſanien, Warmien und Natangen wurden vom päpftlichen Lega⸗ ten belehrt, daß alle Menſchen, ſofern ſie nicht ſuͤndigen, einander gleich feyen, daß nur die Suͤnde die Menſchen zu unglücklichen Knechten mache und jeder Freie, ſobald er ſuͤndige, ſich zum Sklaven der Suͤnde erniedrige. Da⸗ her gaben auch die Neubekehrten das feſte und treue Ver: ſprechen, daß weder fie, noch ihre Nachkommen bei Ver⸗ brennung oder Beerdigung der Todten mit ihren Pfer⸗ den oder Geſinde, Waffen, Kleidern oder ſonſt werthge⸗ ſchaͤtzten Dingen oder auch in irgend anderen Beziehun⸗ gen die heidniſchen Gebraͤuche fernerhin beobachten, ſon⸗ dern ihre Todten nach chriſtlicher Sitte auf den Kirchhoͤ⸗ fen beerdigen wollten?). 1) Daher kam es auch, daß das judicium Prutenorum immer ganz anders gehandhabt wurde, als das der Übrigen Bewohner Preuſ⸗ ſens. Der Orden that es niemals aus, ſondern behielt es immer fuͤr ſich; deshalb heißt es in der Regel in den Verſchreibungen: Excipi mus specialiter omnibus prohibentes, ut nullus plane de ju- dicio Prutenorum se intromillat ultra ipsos judicando aut ab eis judicium expostulando, nam ad fratres ordinis pertinebat ab antiquo. Dieſes galt ſelbſt auch in Stäbten. In dem Privile⸗ gium der Neuſtadt Elbing heißt es daher auch: US neme wir di Po⸗ len und di Pauͤſſen, di wir ſundirlichen uns behaldin zcu richtin, wen wir ſi von aldir gerichtet han. — Nachmals wurde uͤbrigens das in der Urkunde erwähnte Polniſche Recht in das f. g. Preuſſiſche Recht umgewandelt und unter dieſem Namen kommt es dann ſehr viel vor. 2) Dieſe Beſtimmung findet offenbar darin ihren Zuſammenhang,
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Friede mit den Preuffen. 627 8. Die Neubekehrten gelobten ferner auch, dem Goͤtzenbilde, welches ſie jedes Jahr einmal aus geſammelten Fruͤchten zu verfertigen pflegten und unter dem Namen Curche göttlich verehrten, fo wie allen andern Göttern, wie fie auch genannt ſeyn möchten, fernerhin keine Weihopfer mehr darzubringen, ſondern im Glauben an Jeſum Chri⸗ ſtum und in der Unterwuͤrfigkeit und im Gehorſam ge⸗ gen die Roͤmiſche Kirche ſeſt und ſtandhaft zu beharren. Sie verſprachen auch, die Leichenprieſter, Tuliſſonen oder Ligaſchonen genannt"), fernerhin nicht mehr unter ſich zu dulden. 9. In Betreff der ehelichen Verhaͤltniſſe gaben fie das Ver⸗ ſprechen, ſernerhin nicht mehr zwei oder mehre Frauen zu nehmen, ſondern ſich mit Einer zu begnuͤgen, mit dieſer ſich unter einem genuͤgenden Zeugniſſe zu vereini⸗ gen und die Verehelichung zu beſtimmten Zeiten in der Kirche bekannt machen zu laſſen. Sie verſprachen ferner, daß forthin keiner ſeine Tochter einem andern zur Ehe verkaufen, ingleichen daß auch niemand mehr weder fuͤr ſich, noch für feinen Sohn eine Frau erkauſen ſolle. Es war hiebei die Gewohnheit entſtanden, daß der Sohn gemeinhin die Frau des Vaters hatte, denn wenn der letztere mit dem gemeinſchaftlichen Gelde des Sohnes fuͤr ſich eine Frau erkauft hatte, ſo behielten ſie ſolche, bis nach des Vaters Tode ſie wie jedes gemeinſam erwor⸗ bene Erbſtuͤck an den Sohn fiel, fo daß alſo nicht ſelten der Sohn feine Stiefmutter zur Frau bekam. Unver⸗ wehrt ſollte es jedoch ſeyn, ſoweit es die Geſetze geſtat⸗ teten, daß der Braͤutigam dem Vater oder der Mutter daß bei den alten Preuſſen auch in Beziehung auf die Beſtattung ihrer Todten ein großer unterſchied des Standes Statt gefunden hatte und der Vornehmere ganz anders als der gemeine Mann und der Knecht zur Erde beſtattet worden war. wie ſchon im erſten Theile dieſes Wer⸗ kes geſagt iſt. 1) Die in der Urkunde enthaltene Schilderung dieſer Prieſter und ihrer Gefchäfte iſt ſchon in dem erſten Bande dieſes Werkes gegeben. 40 *
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628 Friede mit den Preuffen. der Braut oder dieſe ihm Geſchenke an Kleidern oder andern werthgeſchaͤtzten Dingen gebe oder verheiße, oder auch daß der Mann eine Mitgift oder die Frau wegen der Hochzeit eine Beſchenkung erhalte. Außerdem daß hinfort keiner mehr ſeine Stiefmutter heirathen ſolle, ver⸗ ſprachen ſie auch, daß niemand ſich mit der Frau ſeines Bruders oder im vierten Grade der Verwandtſchaft ohne des Papſtes ausdruͤckliche Erlaſſung und Erlaubniß ver⸗ maͤhlen ſolle. Es ſolle auch kein Kind beides Geſchlech⸗ tes für einen geſetzmaͤßigen Erben gelten oder zu der oben erwähnten Erbſchaftsfolge zugelaſſen werden, welches nicht aus einer nach den Verordnungen der Roͤmiſchen Kirche geſetzmaͤßig geſchloſſenen Ehe entſprungen ſey. In RNuͤckſicht der Kinder ſolcher Ehen ward feſtgeſetzt: es ſolle hinfuͤro kein Vater ſeinen Sohn oder ſeine Toch⸗ ter aus irgend einer Urſache weder ſelbſt, noch durch ei⸗ nen Andern ausſetzen, eben ſo wenig oͤffentlich oder heim⸗ lich toͤdten oder in irgend einer Weiſe durch einen An⸗ dern toͤdten laſſen. Es verfprachen die Neubekehrten, das geborene Kind ſogleich oder doch innerhalb acht Ta⸗ gen in die Kirche zur Taufe zu bringen, bei drohender Todesgefahr aber die Taufe des Kindes von irgend ei⸗ nem Chriſten durch dreimaliges Eintauchen in das Waſ⸗ ſer ſo ſchnell als moͤglich vollziehen zu laſſen. Da noch viele Kinder bei dem langen Mangel von Geiſtlichen und Kirchen ungetauft geblieben waren, ſo gelobten die Neu⸗ bekehrten, ſolche ſaͤmmtlich innerhalb eines Monats nach dem Gebrauche der Kirche taufen zu laſſen. Sie willig⸗ ten auch ein, daß die Guͤter ſolcher Aeltern, die binnen dieſer Friſt aus Verachtung des Sacramentes ihre Kin⸗ der nicht taufen laſſen wuͤrden, ſo wie das Eigenthum derer, welche ſchon erwachſen den Empfang der Taufe hartnaͤckig verſchmaͤhten, veräußert, fie ſelbſt aber nur mit einem Kittel bekleidet aus dem Gebiete der Chriſten verbannt werden ſollten, damit die guten Sitten nicht durch ihr faules Geſpraͤch verdorben wuͤrden.
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Friede mit den Preuſſen. 629 11. Die Pomeſanier verſprachen, bis naͤchſte Pfingſten fol⸗ gende Kirchen zu erbauen: eine im Dorfe Pozolove, wel⸗ ches auch Rutitz genannt wurde; eine zweite im Dorfe Paſtelina; eine dritte im Orte Lingues; eine vierte im Orte Lyopiez; eine fünfte in Chomor S. Adalberts; die ſechste in Bobus; die ſiebente und achte in Beria; die neunte in Prozile; die zehnte in Reſien; die elfte bei Alt⸗Chriſtburg; die zwölfte in Raydez; die dreizehnte in Neu⸗Chriſtburg ). 12. Die Warmier verſprachen in demſelbigen Zeitraum die Er⸗ bauung folgender Kirchen: eine in dem Dorfe, in welchem Jedun wohnte oder nahe bei dieſem Orte; eine zweite in Sunines; eine dritte in Bandadis; eine vierte in Slinia; eine fünfte in Wuntenowe; eine ſechſte in Bruſebergue 2). 1) ueber dieſe älteften Kirchen in der Landſchaft vgl. die gründs liche Abhandlung von Faber in den Beiträgen zur Kunde Preuſſens B. III. S. 331 — 346. Wir weichen in einigen Punkten von dem Verfaſſer ab; denn 1) Posolve oder Posolva ſcheint wohl eher Pusi- lie zu ſeyn; die Urkunde S. 337 nennt es neben Alyem, welches das nachmalige Marienburg iſt; Posolve wäre demnach das heutige Dorf Poſilgen. 2) Pastelina, auch Postelin iſt das jetzige Dorf Peſtlin, ſuͤdlich von Stuhm. 3) Lingues iſt ohne Zweifel das Dorf Linken am Baalauer = See, ſuͤdlich von Chriſtburg. 4) Lyopiez oder Loypicz, auch Loepiz oder Leupiz iſt das jetzige Dorf Lippitz unfern von Chriſt⸗ burg. 5) Choraor S. Adalberti das heutige Albrechtau bei Roſen⸗ berg. 6) Bobus muß nach Fabers Beweis im Gebiete von Chriſtburg bei Königsfee und Lippitz gelegen haben und auch Poburse genannt worden ſeyn. Jetzt iſt kein Ort dieſes Namens mehr vorhanden. 7) Beria muß in der Nähe des vorigen Ortes gelegen haben. 8) Pro- zile ſcheint einerlei mit Prezla, welches die urkunde S. 337 nennt. Das jetzige Dorf Prenzlau an der Gardenga zwiſchen Freiſtadt und Garnſee erinnert daran. 9) Resien deutet klar auf Rieſenkirch bei Rieſenburg hin. 10) Raydez, auch Rudenz das jetzige Gut Raudnitz nordöſtlich von Deutſch⸗ Eilau. 2) Das Dorf des Preuſſen Jedun (vielleicht richtiger Gedune, wel⸗ cher Name oft vorkommt) iſt ſchwerlich wieder aufzufinden, wenn nicht an Gedau noͤrdlich von Melſack zu denken iſt. 2) Sunines iſt ganz unbekannt. 3) Bandadis könnte wohl Banditten zwiſchen Kreuz⸗ burg und Zinten ſeyn. 4) Slinia iſt nicht mehr zu ſinden. 5)
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630 13. 14. Friede mit den Preuffen. Die Natanger gelobten in der naͤmlichen Friſt die Er⸗ bauung einer Kirche in Labegow, einer zweiten in der Nachbarſchaft Tummone's, einer dritten in Sutwiert ). Die Neubekehrten ſollten verbunden ſeyn, jegliche dieſer Kirchen mit dem kirchlichen Schmucke, mit Kelchen, Bü- chern und andern nothwendigen Dingen geziemend zu verſehen. Die Bewohner der Doͤrfer aber, die einer Kirche zugewieſen ſeyen, ſollten in ihr zuammenkommen und in ihr und aus ihr die kirchlichen Sacramente em⸗ pfangen. Die Neubekehrten verpflichteten ſich ouch, dieſe Kirchen ſo ſtattlich und ſchoͤn zu erbauen, daß ſie bei ihrer Andacht in dieſen Kirchen weit mehr erhoben wuͤrden, als bei ihrem bisherigen Gottesdienſte in den Waͤldern. Sie willigten ferner ein, daß die Or⸗ densritter, wenn ſie ſelbſt die Kirchen bis zu jener Friſt noch nicht erbaut haͤtten, nach dem Vermoͤgen eines jeden der Neubekehrten eine Beiſteuer erheben ſollten und dieſes ſelbſt auch, wenn es mit Gewalt geſchehen muͤſſe. Sie gelobten aber, dieſe Kirchen zum wenigſten an allen Sonn⸗ und Feſttagen zu beſuchen. Der Orden dagegen verpflichtete ſich, die erbauten Kirchen innerhalb eines Jahres mit Prieſtern und den noͤthigen Guͤtern zu ver⸗ ſehen. Es ſollte naͤmlich zum Unterhalte eines Geiſtli⸗ chen jegliche Kirche acht Hufen Landes erhalten, die Haͤlfte an Ackerland, die andere an Waldland, außerdem auch den Zehnten von zwanzig Haken Landes, zwei Zug⸗ ochſen, ein Pferd und eine Kuh. Sofern aber der Zehnte bei des Geiſtlichen Ankunft noch nicht vorraͤthig ſey, ſo verſprachen die Ordensritter, dieſem das noͤthige Brot⸗ korn ), Bier für drei Perſonen, Futter für das Pferd Wuntenowe vielleicht Wonditten bei Deren. 6) Brusebergue ift Braunsberg. 1) Von dieſen Natangiſchen Kirchboͤrfern iſt kein einziges mit Ge: wißheit mehr aufzufinden. 2) Die Urkunde bei Dreger Nr. 191 p. 293 weicht hier weſent⸗
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Friede mit den Preuſſen. 631 und das nothwendige Saatgetreide bis zur Erhebung des Zehnten ſelbſt zu liefern. Außerdem ſollten dem Geiſt⸗ lichen alle Opfer, Geſchenke und ſonſtige Verleihun⸗ gen zufallen. Endlich verpflichtete ſich der Orden auch, bei ruhigerer Friedenszeit und in gluͤcklicherer Lage der Dinge in den zwei ihm zufallenden Landestheilen die Zahl der Kirchen und deren Guͤter noch zu vermehren. 15. Die Neubekehrten gelobten, ſich an den Faſttagen des Fleiſches und der Milchſpeiſen zu enthalten, an Sonn⸗ und Feſttagen keine ſchwere Arbeit zu verrichten, zum mindeſten einmal im Jahre ihrem Geiſtlichen zu beichten, am Oſterfeſte das heilige Abendmahl zu nehmen und in allem, was zu thun und zu laſſen ſey, ſich nach dem zu richten, was Geiſtliche und andere redliche Chriſten ihnen lehren wuͤrden. 16. Aus Dankbarkeit für die empfangene Freiheit und Gunft verſprachen die Neubekehrten fuͤr ſich und ihre Nachkom⸗ men, jaͤhrlich den Zehnten in die Ordensſcheunen ſelbſt einzuliefern und ſo den Orden der Beſchwerde bei der Einſammlung zu entheben ). 17. Sie verpflichteten ſich ferner auch, die Perſonen, die Ehre lich von der Originalcopie im geh. Archive ab. In dieſer letzteren heißt es: Dabuni ei etiam bladum ad faciendum panem et cerevi- siam pro se tercio et pro equo predicto. Jener Abdruck hat da⸗ gegen: Dabunt ei annonam pro pane et cerevisia, dabunt ei etiam bladum ad faciendum panem et cerevisiam tercio el pro equo predicto. 1) Dreger p. 294 meint, man ſehe hieraus, daß die Ordensritter damals den Zehnten von den Preuſſen loco tributi genommen und ſich dieſen in natura an Korn in die Magazine bringen laſſen. Wir finden keinen Grund, dieſe Zinslieferung als Tribut anzuſehen. Sie war nach der Kulmiſchen Handfeſte beſtimmt, wurde eben ſo von den Deutſchen Einzöglingen, als von den neubekehrten Preuſſen verlangt und dauerte auch fuͤr die nachfolgende Zeit immer fort. Spaͤterhin aber, nämlich in der Mitte des 15ten Jahrhunderts entſtand zwiſchen dem Orden und den Preuſſen uͤber dieſen Artikel ein Streit, welcher zu dem in der folgenden Anmerkung angefuͤhrten Transſumt Anlaß, gab.
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632 Friede mit den Preuſſen. und die Rechte des Ordens nach ihren Kraͤften mit Treue zu beſchuͤtzen, weder heimlich noch öffentlich in ei⸗ nen Verrath gegen die Ordensritter einzuwilligen oder ſolchen zuzulaſſen und wenn er ihnen bekannt werde, ihn nach Moͤglichkeit zu hindern oder den Ordensrittern zu entdecken. 18. Endlich gaben die Neubekehrten auch das Verſprechen, daß ſie an allen Heerfahrten des Ordens in geziemender Ruͤſtung und in einer nach ihren Vermoͤgensumſtaͤnden guten Bewaffnung Theil nehmen wollten. Die von den Neubekehrten auf dieſen Kriegszuͤgen als Gefangene in die Haͤnde der Heiden oder anderer Feinde fallen wuͤr⸗ den, verſprach der Orden wieder zu befreien. Dieſes waren die Hauptpunkte, uͤber welche die Neubekehrten ſich in dem Friedensſchluſſe mit den Ordensrittern vereinigten. Der Landmeiſter Heinrich von Wida gab in ſeinem und aller ſeiner Bruͤder Namen ſein ritterliches Wort, daß von Seiten des Ordens dieſes alles feſt und unverbruͤchlich gehalten wer⸗ den ſolle. Daſſelbe verſicherten die Bevollmaͤchtigten der Neubekehrten durch einen koͤrperlichen Eid. Um jeden Funken der alten Zwietracht zu erſticken, ſicherten ſich beide Theile völlige Verzeihung und Vergeſſenheit aller früher zugefügten Beleidigungen zu und gaben ſich in Gegenwart des paͤpſtli⸗ chen Legaten den Friedenskuß. Ueber dieſes alles ward eine Friedensurkunde aufgeſetzt, an deren Schluſſe dem paͤpſtlichen Stuhle, den Praͤlaten in Preuſſen, der Kirche und dem Orden ihre Rechte in Ruͤckſicht ihres Anſehens, des Gehorſams gegen ſie, der kirchlichen Freiheit und aller Privilegien und Gerecht⸗ ſame ausdruͤcklich noch vorbehalten wurden. Bekraͤftigt ward der urkundliche Friedens ſchluß durch die Siegel des paͤpſtlichen Legaten, des ſtellvertretenden Landmeiſters Heinrich von Wida, da der eigentliche Landmeiſter von Preuſſen Dieterich von Gruͤningen nicht ſelbſt anweſend war, des Ritterconvents vom Haufe Balga und des Ordensmarſchalls Heinrich Botel ). 1) Das eigentliche Original dieſer wichtigen Urkunde iſt nicht mehr
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Friede mit den Preuffen. 633 vorhanden. Das geheime Archiv Schiebl. 59 Nr. 7 beſitzt aber noch die Originalcopie, welche der paͤpſtliche Legat ſelbſt verfertigen ließ und infofern vertritt fie ganz die Stelle des Originals. Als Originalcopie hat ſie nicht die in der Urkunde erwähnten Siegel, ſondern dieſe ſind nur durch Einſchnitte in das Pergament bemerkbar gemacht. Vgl. Hennigs Anmerk. zu Lucas David B. III. S. 118. Das Ori⸗ ginal iſt jetzt nicht mehr aufzufinden. Die letzte Spur ſeines Vorhan⸗ denſeyns geht ins Jahr 1453 zuruͤck, indem damals der Biſchof Cas⸗ par von Pomeſanien den Auftrag erhielt, vom Originale, welches ihm vorgelegt wurde, die die Zehntenlieferung betreffende Stelle zu transſu⸗ miren. Wir theilen in der Beilage Nr. V. ſeine Beſchreibung des Originals, der Wichtigkeit der Sache wegen mit. Gedruckt iſt dieſe Urs kunde ſchon ſehr oft, namentlich als Beilage zu Dusburg p. 463 (ſehr fehlerhaft), Preuſſ. Samml. B. I. S. 620 (Deutſch, aber nach einem fehlerhaften Abdruck) Dogiel T. IV. Nr. 23. p. 17. Leo p. 86. Dreger Nr. 191. p. 286; nach dieſem bei Baczko B. I. © 269. Gelehrt. Preuſſ. B. VI. S. 199. Hartknochs Kirchengeſchichte S. 36 (Deutſch). Auch Hennig lieferte einen Abdruck zum Lucas David B. III. S. 118; er ſoll ganz diplomatiſch getreu ſeyn, iſt es aber nicht; beſonders kommen Fehler in den Namen vor.
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Beijing ri Ueber die Zeit der Stiftung des Deutſchen Ordens. Ueber die Frage: in welchem Jahre eigentlich der Deutſche Or— den geſtiftet worden ſey? hat von jeher große Ungewißheit ge⸗ herrſcht. Da ſelbſt die Quellen hieruͤber nicht einig ſind, ſo ſchwankten die ſpaͤteren Schriftſteller in der Zeitbeſtimmung hin und her. Eine Haupturſache dieſer Unbeſtimmtheit lag offenbar darin, daß man zu wenig auf den Unterſchied zwiſchen Entſtehung und Stiftung des Deutſchen Ordens achtete. Vielleicht gelingt es dieſer Abhandlung, die Sache in etwas helleres Licht zu ſtellen. Entſtanden war der Deutſche Orden, zwar nicht ſeinem Namen nach, aber in ſeinem erſten Keime, unbeſtreitbar ſchon ſeit der Gruͤndung des Deutſchen Hoſpitals zu Jeruſalem, denn es ſprechen die buͤndigſten Beweiſe für die Behauptung, daß jenes Deutſche Hoſpital in Jeruſalem die eigentliche Wiege des Deut⸗ ſchen Ordens iſt. Schon Paulo Antonio Paoli in ſeinem Werke: Dell’ origine ed instituto del sacro militar, ordine di S. Gio- van battista, Rom. 1781 behauptete, daß der Urſprung des Deut⸗ ſchen Ordens wohl gegen funfzig Jahre vor dem Jahre 1190 liege und daß der Orden ſicher ſchon vor dem Jahre 1143 da ge⸗ weſen ſey; . De Mal Recherches sur Pancienne institut, de Ordre Teut. L. I. p. III. Es ſtuͤtzt ſich aber dieſe Behauptung theils auf ausdruͤckliche Zeugniſſe der Chroniften, theils auf ur⸗ kundliche Beweiſe, theils auch auf den ganzen Zuſammenhang der erſten Geſchichte des Ordens ſelbſt. Zu jenen Zeugniſſen der Chroniſten gehoͤrt unter andern vor⸗ zuͤglich die ſchon oben angezogene Stelle im Chronicon S. Ber- Uni ap. Martene Thesaur. Anecdot. T. III. p. 626, wo wir zuerſt die Erzählung über die Gründung jenes Marien⸗Hoſpitals in Jeruſalem leſen und dann ausdruͤcklich hinzugefügt finden:
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638 Ueber die Zeit der Stiftung des D. Ordens. Ordo iste est Ordo Alemannorum et ordo beatae Mariae Tbeutonicorum, quia vix aliquem in fratrem recipiunt, nisi de lingua Theutonica, et vocant se Dei Milites, sed a po- pulo vocantur hodie et vere sunt domini Prussiae et domini ILivoniae. Aus dieſen Worten geht klar hervor, daß der Chroniſt jenes Hofpital zu Jeruſalem und den Deutſchen Orden gewiſſer⸗ maßen ais Eine Stiftung anſah und den fpätern Deutſchen Orden ſeinem Urſprunge nach wirklich ſchon in jenem Deutſchen Ho⸗ ſpitale fand. Ein anderes Zeugniß, welches im Alter dem vori⸗ gen noch vorangeht, ſtellen uns die Ordensſtatuten ſelbſt. Es heißt naͤmlich in den Regeln c. 4, in der Ausgabe von Hennig S. 43: „Wente dirre orden e (eher) ſpital hatte denne rittir⸗ ſchaft, als is ſchinet (d. h. wie es deutlich und klar iſt) an deme namen, want her das ſpital heiſit.“ Mit andern Worten: bes vor der Orden als eigentlicher Ritter-Orden vorhanden war, be= ſtand ſchon ein Spital, welches den wahren Urſprung des Ordens bildete, daher hat er auch den Namen vom Spitale beibehalten. Zwar koͤnnte man auf die Vermuthung kommen, die Ordensſta⸗ tuten bezeichneten hiemit vielleicht jene Krankenpflege unter dem Schiffszelte vor den Mauern Akkons; allein es iſt wohl kaum glaublich, daß fie ſolches ein Spital genannt haben ſollten, denn offenbar bezieht ſich dieſe Stelle auf den Namen des Ordens Ho- spilale sanctae Mariae Tentonicorum lerosolymitanum, alſo auf das Hoſpital zu Jeruſalem. Hiemit ſpricht alſo das Ordens⸗ geſetzbuch ſelbſt den engen Zuſammenhang des Hoſpitals und des eigentlichen Ordens aus. Nicht minder wichtig ſind ferner auch die Zeugniſſe derjenigen Chroniſten, welche der Stiftung jenes Hoſpitals in Jeruſalem erwähnen, naͤmlich Jacob de Fitriaco p. 1085 und Sanur. L. III. P. VII. c. 3. Beide bringen in ihrer Erzaͤhlung von dem Urſprunge des Deutſchen Ordens alles in ſo enge Verbindung mit jenem Hoſpitale in Jeruſalem, daß man deutlich ſieht, auch ſie fanden den Orden ſeinem Weſen und ſeiner Beſtimmung nach ſchon in jenem Hoſpitale und ſahen die Entſtehung des erſtern nur als eine Fortbildung jener frommen Stiftung an. Zu dieſen Zeugniſſen kommen nun außerdem die Beweiſe fuͤr die aufgeſtellte Behauptung aus Urkunden. Wir haben dieſe aber zum Theil ſchon fruͤher aus einigen paͤpſtlichen Bullen und aus dem Diplom des Kaiſers Friederich des Zweiten bei Duellius IIistor. Ordin. Teut. p. 9 in der Urkunde Nr. XVI. p. 15 angedeutet. Seinem Avus, dem Kaiſer Friederich dem Erſten hätte Friederich der Zweite wohl unmöglich Verdienſte um den Deutſchen Orden zuſchreiben können, wenn er nicht ſchon in dem Hoſpitale zu Jeruſalem den Keim und die erſte Gruͤndung des
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Ueber die Zeit der Stiftung des D. Ordens. 639 Deutſchen Ordens geſehen haͤtte. Einer andern Urkunde, naͤm⸗ lich einer Bulle des Papſtes Clemens des Dritten, die fuͤr die Sache gleichfalls von bedeutendem Gewichte iſt, werden wir ſo⸗ gleich naͤher gedenken. Die Deutſchen Hoſpitalbruͤder wanderten nun aber nach Er⸗ oberung der heiligen Stadt durch Saladin dem groͤßten Theile nach mit den Ordensbruͤdern der Tempeler und Johanniter aus. Freilich erwähnt ihrer ausdruͤcklich und namentlich kein Chroniſt bei dem Berichte uͤber den Auszug der Chriſten aus Jeruſalem. Allein es iſt dieſes auch kaum zu erwarten, denn erſtens mochten ohne Zweifel der Deutſchen Hoſpitalbruͤder, welche mit auszogen, doch immer nur wenige ſeyn, indem manche in den Kaͤmpfen, die theils vorher, theils waͤhrend der Belagerung Jeruſalems mit den Tuͤrken zu beſtehen waren, gefallen ſeyn mochten. Zweitens wanderten offenbar auch nur diejenigen von ihnen aus, welche mit dem Schwerte das heilige Land und zuletzt beſonders Jeruſa⸗ lem mit hatten vertheidigen helfen. Es wird uns ja ausdruͤcklich geſagt — Parenii Annal. T. XII. an, 1187 Nr. 7. Cuil. Neubrig. L. III. c. 18. Ordens⸗-Chron. S. 7 und bei Mat- thacus c. 36 —, daß diejenigen Hoſpitalbruͤder, welche ſich mit der Krankenpflege beſchaͤftigten, unter Saladins Erlaubniß auf eine gewiſſe Zeit in Jeruſalem zuruͤckblieben. Es laͤßt ſich drittens aber auch annehmen, daß die Chroniſten ihrer ſowohl bei dem Auszuge, als bei den nachherigen Kaͤmpfen wirklich mit erwaͤhnen, nur nicht unter dem ihnen eigenthuͤmlich zukommenden Namen. Die Chroniſten naͤmlich nennen beſtaͤndig zwar nur die Templa- rii und Hospitalarii und verſtehen unter den letzteren hauptfäch- lich die Ritter und Brüder des Johanniter -Ordens, fo Jacob de Fitriaco p. 1118, wo er fagt: Salahadinus existimans Tem- plariorum et Iospitalariorum ordine&prorsus in parlibus Orientalibus delere, quotquot ex ipsis capere potuit, decapi- tari praecepit. Wilheln. Tyrus L. XXII. c. 1. welcher eben- falls nur der fratres militiae Templi und der fratres Hospita- lis erwaͤhnt; fo die Historia IIierosol. p. 11164, Sunut. p. 198 u. a. Allein es iſt bei genauer Erwaͤgung der Verhaͤltniſſe, in denen die Hoſpitalbruͤder des Deutſchen Hauſes mit den Hofpi- talbruͤdern des Johanniter-Ordens ſtanden, wohl gar kein Zwei⸗ fel, daß unter den IIospitalariis der Chroniſten außer den Jo⸗ hannitern auch die Deutſchen Hoſpitalbruͤder zu finden ſind. Beide waren ja wirklich Nospitalarii, beide ſtanden unter der Aufſicht und Obhut eines gemeinſamen Hauptes, des Großmei⸗ ſters. Sorgſamere Schriftſteller, als die Chroniſten des Mittel, alters ſind, wuͤrden ſie allerdings wohl unterſchieden haben, etwa durch die Bezeichnung IIospitalarii S. Johannis fuͤr die Johan⸗
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640 Weber bie Zeit der Stiftung des D. Ordens. niter und IIospitalarii S. Mariae für die Deutſchen Hofpitalbrüs der. Da dieſe letzteren aber mit jenen unter der Obhut Eines Meiſters und ſchon in ſofern in enger Verbindung mit ihnen lebten, fo ward fuͤr beide auch der allgemeine Name Hlospitalarii gebraͤuchlich und blieb es bei den Chroniſten noch lange Zeit hin⸗ durch. u Akkons Mauern aber trennten ſich die Deutſchen Ho: ſpitalbruͤder von den Johannitern. Sehr wichtig iſt in dieſer Beziehung eine Stelle im Guil. Veubrig. L. IV. c. 19, wo es von dem vor Akkon liegenden Belagerungsheere heißt: Guido olim Rex lerosolymorum et Marchio de Monte Ferrato, causa superius memorata dissidentes, ad exercitum venerant, atque in ipsa obsidione ila locis distineti ut animis, multam post se turbam trahebant: dum potentum plurimi partes oppositas divisis prosequerentur favoribus, in tantum ut religiosa hospitalis Ierosoly mitani militia in duo collegia pro studio partium seissa videretur. Der Chroniſt hatte of fenbar von einer Trennung im Johanniter Orden gehört und ſchreibt fie dem damals überhaupt im chriſtlichen Heere vor Akkon herrſchenden Geiſte der Zwietracht und Spaltung zu und hierin mochte ſie wohl allerdings auch ihren Grund haben. Aber es iſt klar, daß es nicht eigentlich eine Trennung der eigentlichen Jo⸗ hanniterritter unter ſich ſelbſt, ſondern vielmehr eine Abſonderung der Deutſchen Hoſpitalbruͤder von dem Johanniter⸗Orden war. Bes ſtaͤtigt wird dieſe Annahme durch das altdeutſche Gedicht von des Landgrafen Ludwig von Thuͤringen Kreuzfahrt, wovon uns Wil⸗ ken im Aten Theile feiner Geſchichte der Kreuzzuͤge einen ſchaͤtz baren Auszug geliefert hat, denn in dieſem Gedichte wird (S. 21 26. bei Wilken) der Ritter des Deutſchen Hauſes oder des Ho⸗ ſpitals noch vor der Stiftung des Deutſchen Ordens und ſelbſt noch vor der Ankunft des Herzogs Friederich von Schwaben er⸗ waͤhnt: offenbar keine anderen, als die aus Jeruſalem ausgewan⸗ derten, mit dem Johanniter-Orden bisher verbundenen und erſt vor kurzem von ihm getrennten Bruͤder des Deutſchen Ho⸗ ſpitals. Dieſe naͤmlichen waren es nun auch, welche ſich nach der Ankunft des Herzogs Friederich von Schwaben mit den Buͤrgern aus Luͤbeck und Bremen zur Pflege der ungluͤcklichen Deutſchen verbanden. Es geſchah dieſes, wie oben behauptet iſt, im Herbſt des Jahres 1190. Dieſe Zeitbeſtimmung aber muͤſſen wir aus den Quellen rechtfertigen. Der Kaiſer Friederich ſtarb am 10ten Juni 1190. Dieſe Angabe iſt nach allen Unterſuchungen (f. Raumer B. II. S. 435 — 436 und Wilken Kreuzzuͤge B. IV. S. 139) völlig ſicher, wenn gleich manche Quellen, wie
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Ueber die Zeit der Stiftung des D. Ordens. 641 Alberic, p. 380, feinen Tod erſt im Auguſt erfolgen laſſen. Die Ankunft des Herzogs Friederich von Schwaben in Antiochien fiel auf den 19ten Juni, nach Tageno p. 14 auf den 21ſten Juni und der Aufenthalt daſelbſt dauerte, wie uns Godefrid. Monach. ap. Freher. T. I. p. 258 verſichert, volle acht Wochen. Demnach brach Friederich erſt gegen das Ende des Auguſts aus Antiochien auf und nahm den Weg unter großen Gefahren nach Tripolis hin, wo er in den letzten Tagen des Auguſts oder im Anfange des Septembers ankam. Hier verweilte er wieder eine Zeitlang. „Hier beſchloß er, ſagt Wilken B. IV. S. 288 nach der Mitte des Septembermonats nach dem Lager bei Ptolemais zur See ſich zu begeben, um den Beunruhigungen durch die muſelmaͤnniſchen Schaaren zu entgehen. Kaum aber hatten die Schiffe den Hafen verlaſſen, als ein heftiger Wind ſich erhob, wel⸗ cher drei Schiffe zerſtoͤrte und die uͤbrigen noͤthigte, in den Hafen zuruͤckzukehren. Erſt nach einigen Tagen erlaubte ihnen ein guͤn⸗ ſtiger Wind, nach Tyrus zu fahren. Dort verweilte der Herzog Friederich einige Tage, indem er den groͤßten Theil ſeiner Trup⸗ pen zu Lande zu ihrer Beſtimmung ziehen ließ. Er ſelbſt kam mit wenigen Begleitern erſt am achten Tage des Octobers im Lager vor Akkon an.“ Dieſes beſtimmte Datum der Ankunft Friederichs vor Akkons Mauern fand Wilken in Pohacddin, welcher den 6ten Ramadan nennt; vgl. Wilken a. a. O. S. 289. Vier Wochen ſpaͤter, naͤmlich am 11ten November oder am Tage Martini führte er, wie die Histor. Hierosol. p. 1171 ſagt, im Heerlager mit den Oberbefehl. In dieſe Zeit nun faͤllt unſtreitig die eigentliche Stiftung des Deutſchen Ordens. Die Gründe, worauf ſich diefe Annahme der Zeit der Stiftung ſtuͤtzet, ſind folgende: 1) Nehmen faſt alle Ordens-Chroniken und darunter die wichtigſten das Jahr 1190 als das der Stiftung des Ordens an; fo Dusburg P. I. c. 1. die „Cronica der Lande Preuſen S. 1. Stegemanns Chron. Fol. 4. Am genaueſten nennt die Zeit die Ordens⸗Chronik S. 9 (Mſcr.) und bei Matthacus p. 662, welche von der Stiftung des Ordens ſagt: „Ende dit ge⸗ ſeiede (geſchah) int jair ons Heren MC. ende XC. op ten XIX. dach in November;“ im Mfer. ſteht zwar „ uff den Newenden Tag Novembris, allein es fol offenbar auch hier der neunzehnte Tag des Novembers ſtehen, denn auch Lucas David giebt den 19ten November als den Stiftungstag des Ordens an. Auch das alte Hochmeiſter⸗Verzeichniß in Lindenblatts Annalen S. 359 nimmt die Stiftung im Jahre 1190 an (die dortige Note iſt nicht ganz richtig) und mit dieſen und andern Ordens⸗ Chroniken ſtimmen endlich auch die Ordensſtatuten uͤberein, in⸗ II. 41
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642 Ueber die Zeit der Stiftung des D. Ordens. dem fie in der Vorrede (Ausgabe v. Hennig S. 31) gleichfalls das Jahr 1190 als das der Stiftung nennen. 2) Sprechen für dieſes Jahr auch auslaͤndiſche Quellen. Das Chron. Mont. Sereni p. 51 ſagt unter dem Jahre 1190: Porro Fridericum ſilium eius Ducem Sueviae exercitus om- nis pro ipso principem sibi constituit, a quibus et militia, quae de Teutonica domo appellatur, eodem tempore insti- tuta est. Es kann ferner hieher auch die Stelle im Aquicinct. Auct. ap. Pistor. T. 1. p. 998 gerechnet werden, denn obgleich hier beim Schluſſe des Jahres 1189 der Stiftung des Ordens erwähnt wird, fo gehören die Worte doch offenbar mit zu dem Jahre 1190. Das Chron. Episc. Verdens. ap. Leibnitz T. II. p. 218 ſagt beſtimmt vom Jahre 1190: Circa idem teinpus incepit Ordo militum de domo Teutonica a Friderico Duce Sueviae in obsidione civitatis Achon, suo velo navis extenso. In gewiſſer Hinficht dürfen wir zu dieſen auswärtigen Zeugniſſen auch noch die Annal. Oliviens. rechnen, wo es heißt: IIuius principis tempore anno 1190 exordium sumpsit Ordo fra- trum de domo Teutonica in obsidione civitatis Acconensis. 3) Spricht für die Annahme des Jahres 1190 auch die durch Hennig im Lucas David B. IV. p. IV. zuerſt bekannt gemachte Bulle des Papſtes Clemens des Dritten. Sie iſt in al⸗ ler Hinſicht fuͤr die Zeitbeſtimmung der Stiftung des Deutſchen Ordens merkwuͤrdig. Der Papſt verſichert naͤmlich in ihr den Deutſchen Marien-Bruͤdern — fratrıbus Ihewtonicis ecelesiae sanctae Mariae lerusalemitane, wie er ſie nennt — fuͤr ihre Perſonen, ihre Kirche in Jeruſalem und ihre Güter, ſowohl die, welche ſie ſchon beſaßen, als ſolche, die ſie noch erwerben wuͤrden, den Schutz des heil. Petrus und des apoſtoliſchen Stuhles. Das Datum der Bulle iſt: Laterani VIII. Idus Februarii Pontiſi- catus nostri anno quarto, d. i. der 6te Februar 1191. Im erſten Augenblicke ſcheint dieſe Bulle unter dieſem ſpaͤtern Datum keineswegs wit unſerer Annahme uͤbereinzuſtimmen, denn es koͤnnten allerdings die Fragen erhoben werden: warum gab der Papſt dieſe Bulle erſt im Februar des Jahres 1191, wenn der Orden ſchon im November 1190 entſtanden war? Warum ſi⸗ cherte er erſt dann dem Orden und ſeiner Kirche in Jeruſalem den Schutz der Roͤm. Kirche zu? Warum nennt er die Ordens⸗ bruͤder noch fratres Ihewtonice ecclesie S. Marie lerusal.? Warum nicht fratres Hospitalis S. Marie Alemannorum le- rusal., wie fie fie Innocenz der Dritte im J. 1215 und Ho no⸗ rius der Dritte im J. 1216 nennt? — Alle dieſe Fragen aber laſſen ſich auf eine Weiſe beantworten, daß ſie ſtatt unſerer An⸗ nahme entgegen zu ſtehen, dieſelbe vielmehr beſtaͤtigen. Wenn
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Ueber die Zeit der Stiftung des D. Ordens. 643 der Orden, wie wir behaupten, im November 1190 in erwaͤhnter Weiſe eigentlich erſt als Ritter-Orden entſtand, ſo mußte ihm vor allem daran liegen, im Falle einer Wiedereroberung Jeruſa⸗ lems ſeine dortigen Beſitzungen und namentlich auch die Kirche der h. Maria, den Ort ſeines eigentlichen Urſprungs, für ſich ge: ſichert zu ſehen. Er wandte ſich alſo noch im November oder im December 1190 an den Papſt mit der Bitte, ihm fein Ei- genthum in Jeruſalem durch eine beſondere Bulle zu ſichern. Ehe nun dieſes Geſuch von Akkon nach Rom gelangte und ehe hier die Bulle foͤrmlich ausgefertigt wurde, mußte allerdings der An⸗ fang des Februars 1191 herankommen. Demnach kann alſo das fpätere Datum dieſer Bulle durchaus keinen Beweis für eine ſpaͤ⸗ tere Entſtehungszeit des Ordens abgeben; vielmehr liegt gerade in dieſem ſpaͤteren Datum ein Grund mehr, eine fruͤhere Entſte⸗ hung des Ordens anzunehmen. Was ferner den Namen an⸗ langt, mit welchem der Papſt die Ordensbruͤder bezeichnet, ſo zeugt dieſer keineswegs gegen unſere Annahme. Die Deutſchen Hoſpitalbruͤder waren ſeit ihrer Vertreibung aus der heil. Stadt mit den eigentlichen ſ. g. Hoſpitalbruͤdern oder den Johannitern vereinigt geweſen; ſelbſt Ein Name — Ilospilalarii — hatte fie in der gewöhnlichen Benennung mit einander verknuͤpft und beide konnten ſich ſo nennen, weil ſie beide Hoſpitale in Jeruſa⸗ lem gehabt hatten. Was beide eigentlich im Aeußern genau von einander unterſchied, das waren ihre Kirchen oder vielmehr die Heiligen, denen dieſe gewidmet waren, indem bekanntlich die der eigentlichen Hoſpitalbruͤder dem heil. Johannes, die der Deutſchen Hoſpitalbruͤder dagegen der Jungfrau Maria zu Ehren erbaut waren. Wollte demnach der Papſt Clemens die nunmehrigen Deutſchen Ordensbruͤder im Unterſchied von den Johannis-Ho⸗ ſpitalitern genau bezeichnen, ſo konnte er dieſes nicht fuͤglich an⸗ ders thun, als ſo wie er es that. Vollkommen richtig ſagt auch Hennig zu Lucas David B. IV. S. V.: „Als der Orden am 19ten (ten) Novemb. 1190 im Lager vor Akkon, unter Theilnahme der Bremer und Luͤbecker geſtiftet wurde, ward ihm zwar die Krankenpflege zur Pflicht gemacht, allein er behielt den Namen der Deutſchen Bruͤderſchaft der Marienkirche zu Jeruſa⸗ lem bei, zur ſteten Erinnerung an die Pflicht, ſeinen Urſprungs⸗ ort, die Marienkirche zu Jeruſalem, wieder erobern zu helfen. Es iſt daher wohl nicht ganz richtig, wenn De Wal Recherches T. I. p. 367 ſagt: Suivant le prologue des statuts, et le té- moignage de presque tous les écrivains, I'Ordre prit nais- sance pendant le siege de St. Jean d’Acre en 1190, et par consdquent sous le ponlificat du pape Clément III., mais il ne fut confirmé qu’en 1191 ou 1192, par Celestin III.,; suc- 41*
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644 Ueber die Zeit der Stiftung des D. Ordens. cesseur de Clement. — Es bleibt indeſſen auch noch eine andere Erklaͤrung der Sache uͤbrig. Wir erfahren aus der oben ſchon erwähnten Stelle des Cl. Neubrig. L. IV. c. 19, daß ſich vie Deutſchen Hoſpitalbruͤder von den Johannitern getrennt hatten. Bei dieſer Trennung, deren Urſache uns nicht ganz klar bekannt wird, mochte es den erſteren nothwendig ſcheinen, ſich ihr altes Beſitzthum in Jeruſalem bei der nahe bevorſtehenden Ankunft des Koͤniges Philipp Auguſt von Frankreich, des Koͤniges Richard von England und des Deutſchen Kreuzheeres um ſo mehr zu ſichern, da bei ſolchen Streitkräften die Wiedereroberung Jeruſa⸗ lems wohl nicht ſo ganz unwahrſcheinlich war. Sie wandten ſich alſo noch als bloße Hoſpitalbruͤder au den Papſt mit der Bitte um feſtere Zuſicherung ihrer Beſitzung in der heil. Stadt. — Quociens poslwialur a nobis, quod religioni et honestati convenire dinoscitur, animo nos decet libenti concedere et juxta pelencium voluntatem consentaneam racioni effectu prosequenie complere, ſagt der Papſt ſelbſt. Der Papſt bewilligte die Bitte und ertheilte ihnen auch noch den Namen, unter wel⸗ chem ſie ihr Geſuch an ihn gebracht hatten. Spaͤter als dieſes Geſuch kam dann auch der Bericht uͤber die Stiftung des Deut⸗ ſchen Ordens an ihn und er beſtaͤtigte dieſe in einer beſondern Bulle, worauf wir fruͤher ſchon hingedeutet haben. So wuͤrde alſo auch bei dieſer Erklaͤrung der Sache die Bulle bei Lucas David a. a. O. unſerer Annahme in keiner Weiſe entgegen ehen. 5 4) Den eigentlichen Ausſchlag in der Sache giebt unſtreitig der fruͤhzeitige Tod des Herzogs Friederich von Schwaben. Daß dieſer Fuͤrſt die bisherige Deutſche Hoſpitalbruͤderſchaft vor Ak⸗ kons Mauern zu einem Orden erhob, iſt eine Nachricht, gegen welche kein Zweifel aufgeworfen werden kann; die Vorrede der im Morgenlande entworfenen Ordensſtatuten zeugt hieruͤber aufs beſtimmteſte und entſcheidendſte. Nun ſtarb aber Friederich ſchon am zwanzigſten Januar des J. 1191, wie Wilken B. IV. S. 314 aus morgenlaͤndiſchen Quellen und Raumer B. II. S. 437 ermittelt haben. Vgl. auch De N al Recherches T. I. p. 368. Folglich muß die Stiftung des Deutſchen Ordens noth⸗ wendig zwiſchen den 8ten Octob. 1190 und den 20ſten Januar 4191 fallen und es iſt alſo wohl kein Grund vorhanden, die An⸗ gabe der Ordens Chronik, welche uns den neunzehnten November 1190 als den Stiftungstag des Ordens nennt, irgend zu bezwei⸗ feln; vielmehr ſpricht alles für die Richtigkeit dieſer genauen An⸗ gabe. Wenn daher Fascicul. Tempor. auct. Itolewink ap. Pi- stor. T. II. p. 79 die Stiftung erſt ins J. 1194, das Chron. Hirsaug. T. II. p. 482 ins J. 1192, die Continust. Chron.
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Ueber die Zeit der Stiftung des D. Ordens. 645 Engelbus. ap. Leibnitz T. II. p. 57 ins J. 1200, die Chron. S. Aegydii ibid. I. III. p. 586 in daſſelbe Jahr oder fpätere Compilatoren ap. Leibnitz T. II. p. 67 fie ins J. 1201 oder for gar erſt ins Jahr 1212 ſetzen, ſo ſind ſolches Angaben, welche keiner weiteren Widerlegung werth ſind. Wir wenden uns zur näheren Betrachtung der Perſonen, welche bei der Stiftung des Ordens gegenwaͤrtig geweſen ſeyn ſollen, oder wirklich zugegen waren. Wir haben daruͤber zwei Verzeichniſſe, das eine bei Dusburg P I. c. 1, das andere in der Ordens⸗Chron. S. 8 (Mfer.) und bei Malthiacus p. 657, die wir bei dieſer Unterſuchung zum Grunde legen wollen. Beide Verzeichniſſe ſtellen den König Heinrich von Je⸗ rufalem an die Spitze der gegenwärtigen Perſonen. Sie mei⸗ nen darunter den Grafen Heinrich von Champagne. Den⸗ ſelben nennt außerdem auch die Vorrede der Ordensſtatuten. Nun war aber um die Zeit der Stiftung des Ordens noch Guido oder Veit König von Jeruſalem, IIistor. Ilierosol. p. 1163, Arnold. Lubec. L. III. c. 35 und es liegt alſo in den genann⸗ ten Quellen ein Irrthum zum Grunde. Er beſteht darin, daß der Graf Heinrich von Champagne von ihnen um einige Jahre zu fruͤh Konig von Jeruſalem genannt wird, denn er erhielt die koͤnigliche Würde erſt im Jahre 1192, Alberic. p. 395. Raus mer B. II. S. 401 — 402. Wilken B. IV. S. 491. Da⸗ gegen iſt vollkemmen richtig, daß die Quellen ihn als bei der Stiftung des Ordens gegenwaͤrtig bezeichnen, denn er war ſchon im Sommer des J. 1190 nach Akkon gekommen; Wilken B. IV. S. 283, Alberie. p. 393. Die uͤbrigen in den Verzeichniſſen genannten, nicht zum Deutſchen Volke gehoͤrigen Perſonen koͤnnen wir wohl fuͤglich un⸗ beruͤckſichtigt laſſen, da fie auf die Stiftung und erſten Schickſale des Deutſchen Ordens doch ohne Zweifel keinen Einfluß hatten. Unter den als gegenwärtig aufgeführten Deutſchen wird aber zus erſt erwaͤhnt: der Erzbiſchof von Mainz. Allein es muß ſchon auffallen, daß keiner von den Deutſchen Chroniſten, welche uns die in des Kaiſers Friederich Begleitung ſeyenden Geiſtlichen namentlich anfuͤhren, dieſes ausgezeichneten Deutſchen Erzbiſchofs mit einem Worte erwähnt. Zwar erzählt Codeſrid. Monach. p. 252 vom Jahre 1188; Mogontinus mittitur ab Imperatore ad Ungarum pro Bulgaria evaequanda et stralas et pro vie- tualibus providendis exercitibus signatorum. Allein auf eine Theilnahme am Kreuzzuge ſelbſt kann ſich dieſes um ſo weniger beziehen, da bald nachher p. 256 geſagt wird, daß nach Oſtern des Jahres 1190 König Heinrich den Erzbiſchof von Mainz nach Apulien in Geſchaͤften geſandt habe. Außerdem haben wir aus
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646 Ueber die Zeit der Stiftung des D. Ordens. den Jahren 1190 und 1191 auch Urkunden von dieſem Erzbi⸗ ſchofe, die zu Mainz ausgeſtellt feine Anweſenheit in dieſer Stadt ganz klar darthun; ſ. Cuden. Cod. diplom. Nr. 107. 110. 111. Daraus folgt, daß ihn die Verzeichniſſe faͤlſchlich als bei der Stif⸗ tung des Deutſchen Ordens gegenwaͤrtig auffuͤhren; wohl aber begleitete er ein ſpaͤteres Kreuzheer im J. 1196 — 1197; f. Olto de S. Blas. c. 42, Arnold. Lubec. L. V. c. 5. Der zweite Geiſtliche, welcher als bei der Stiftung gegen⸗ waͤrtig genannt wird, ſoll der Biſchof Conrad von Wuͤrz⸗ burg geweſen ſeyn. Nun wird ein Biſchof von Wuͤrzburg al⸗ lerdings mit in der Begleitung des Kaiſers angeführt, Tageno p. 6. Lambert. Schaffnaburg. Addit. p. 430; allein er hieß nicht Conrad, ſondern Gottfried von Piſenberg. Doch ſelbſt dieſer kam nicht bis nach Akkon, ſondern ſtarb ſchon in Antiochien, Arnold. Lubec. L. III. c. 34. Sein Nachfolger war Heinrich von Bibelrieth, welcher das biſchoͤfliche Amt bis 1197 bekleidete; ihm folgte Gottfried von Hohenlohe und erſt nach dieſem kam im J. 1198 der Biſchof von Würzburg auf den biſchoͤflichen Stuhl, welcher, wie Dusburg meint, mit vor Akkon war. Er hieß Con⸗ rad von Ravensburg, war aber erſt im J. 1205 mit im Mor: genlande und folglich bei der Stiftung des Ordens nicht zugegen; ſ. Olio de S. Blasio c. 42. Der Biſchof von Paſſau war bei der Stiftung wirk⸗ lich gegenwärtig; feiner erwähnen als Theilnehmer des Kreuzzuges Tageno p. 6, Chron. Ursperg. p. 229 u. a. Aber Dusburg hat darin dennoch Unrecht, wenn er ihn Wolgerus nennt, denn er hieß Dietpold oder Leopold nach dem Auszuge bei Wilken B. IV. S. 95. Ohne Zweifel verwechſelte der Ordens⸗Chroniſt dieſen mit dem ſpaͤtern Biſchofe Wolgerus von Paſſau, welcher im J. 1204 Patriarch von Aquileja wurde; Cbron. Augu- stens. p. 365. Der Biſchof von Halberfiadt, von Dusburg Gar: dolphus genannt, wird in keiner Quelle als Begleiter Friederichs des Erſten bezeichnet. Ohnedieß bekleidete das biſchoͤfliche Amt in Halberſtadt um dieſe Zeit auch Dieterich und erſt im Jahre 1195 folgte dieſem der von Duslurg genannte Gardolphus, bisher Dechant zu Halberſtadt; und dieſer Gardolphus begab ſich erſt im Jahre 1196 nach Palaͤſtina; Chron. IIalberst. ap. Leibnitz T. II. p. 138 — 139. Chron. Ursperg. p. 232. Chron. S. Petri Erfurt, ap. Menchen T. III. p. 232. Alſo war bei der Stiftung des Ordens gar kein Biſchof von Halber⸗ ſtadt zugegen. Auch der Biſchof von Zeitz wird von Dushurs als ge⸗ genwaͤrtig aufgefuͤhrt; allein ihn nennt wiederum keine andere
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Ueber die Zeit der Stiftung des D. Oedens. 647 Quelle unter den Theilnehmern dieſes Kreuzzuges; dagegen finden wir einen Biſchof von Zeitz mit unter den Kreuzbruͤdern im J. 1197; Chron. Ursperg. p. 232. Unter den weltlichen Fuͤrſten wird außer dem Herzoge Frie⸗ derich von Schwaben von Dusburg zuerſt genannt: Der Pfalzgraf Heinrich vom Rheinz allein auch dieſes Fuͤrſten erwaͤhnt keine einzige Quelle als Begleiter Frie⸗ derichs des Erſten. Wir erfahren dagegen, daß dieſer Pfalzgraf erſt im J. 1197 mit auf dem Kreuzzuge ins Morgenland war und damals eine ſehr wichtige Rolle ſpielte; Arnold. Lubec. L. V. c. 1. 4. Otio de S. Blasio c. 42. Raumer B. III. c. 66. Der Herzog Friederich von Oeſterreich wird eben ſo wenig unter den Fuͤrſten in Friederichs Heere genannt. Im J. 1190 war Friederich uͤberhaupt noch gar nicht Herzog von Oeſterreich, denn er erbte das Herzogthum erſt im Jahre 1192 und unternahm erſt im J. 1197 mit dem Patriarchen Wolger von Aquileja eine Pilgerfahrt ins heilige Land, wie uns das Chron. Austral. ap. Hreher T. 1. p. 320, Olio de S. Dlasio c. 42 u. a. ſagen. Im Jahre nachher ſtarb er und hinterließ ſein Erbtheil ſeinem Bruder Leopold. Folglich wird auch er von Dusburg faͤlſchlich unter die Mitſtifter des Deutſchen Ordens gezaͤhlt. Der Herzog Heinrich von Brabant wird von Dus- burg zum Anfuͤhrer des ganzen Heeres erhoben, capilaneus lo- uus erat exercitus. Allein wir kennen die Anführer der einzel⸗ nen Theile des Kreuzheeres des Kaiſers Friederich ſehr genau aus der Expedit. Asiat. Friderici I. ap. Canis. T. V. p. 64 und un⸗ ter dieſen wird er eben ſo wenig, als uͤberhaupt unter den Theil⸗ nehmern dieſes Kreuzzuges genannt. Wir wiſſen dagegen, daß er ebenfalls erſt ſpaͤter das Kreuz nahm; Arnold. Lubec. L. V. c. 4. Chron. Ursperg. p. 232. Otto de S. Blusjo I. c. Der Graf von Sachſen und Landgraf von Thuͤ— ringen, deſſen Dusburg erwähnt, war ohne Zweifel Hermann, der ſeinen Kreuzzug aber erſt mit Herzog Heinrich von Brabant und dem Pfalzgrafen Heinrich vom Rhein antrat; Arnold. Lu- bee. L. V. c. 1. Chron. Ursperg. p. 232. Chron. S. Petri Erfurt. p. 232. Zwar war der Landgraf Ludwig der Milde von Thuͤringen im J. 1190 mit im Morgenlande; allein die Zuſam⸗ menſtellung mit den Übrigen Fuͤrſten zeigt, daß Dusburg den Landgrafen Hermann gemeint hat. Der Markgraf Albrecht von Brandenburg (ber Zweite), den Dusburg nennt, wird ebenfalls von keinem Chro⸗ niſten unter den Kreuzbruͤdern des J. 1190 angefuͤhrt. Auch an dem ſpaͤteren Zuge ſcheint er nicht Theil genommen zu haben; denn in der Zahl der Fuͤrſten wird ſeiner nicht erwaͤhnt. Außer⸗
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648 Weber die Zeit der Stiftung des D. Ordens. dem haben wir aus den Jahren 1195 — 1197 Urkunden, die ſeine Gegenwart in Deutſchland fuͤr dieſe Zeit außer Zweifel ſe⸗ en, Gerken Cod. diplom. T. III. Nr. 9 — 11. Sein Bruder Otto, Markgraf von Brandenburg hatte zwar das Kreuz genom⸗ men, ward aber vom Papſte von feinem Geluͤbde frei gefprochen, Arnold. Lubec. L. V. c. 1. Chron. S. Petri Erfurt. p. 232 und jene Urkunden bezeugen ebenfalls, daß auch er in der Heimat war. Im Verzeichniſſe der Ordens» Chronik iſt auch uͤberhaupt Feines Markgrafen von Brandenburg erwaͤhnt. Der Reichsmarſchall Heinrich von Callentin, von Dusburg Caladia genannt, war allerdings zwar in Friede⸗ richs Begleitung und kann daher auch als bei der Stiftung des Deutſchen Ordens gegenwärtig angeſehen werden; Exped. Asiat. ap. Canis T. V. p. 66. Allein er begleitete die genannten Fuͤr⸗ ſten auch auf dem ſpaͤteren Zuge im J. 1197, ebenfalls noch in der Wuͤrde eines kaiſerlichen Marſchalls, Chron. Ursperg. P. 233. Der Markgraf Conrad von Landsberg wird unter Friederichs Begleitung nicht genannt; wohl aber war ein Mark⸗ graf Conrad und ohne Zweifel derſelbe mit auf dem Kreuzzuge im Jahre 1197, Chron. Ursperg. P. 232. Der Markgraf Dieterich von Meißen nahm nach den bewaͤhrteſten Quellen ebenfalls nicht Theil am Kreuzzuge im J. 1190, obgleich das Chron. Cizens. p. 799 ſeiner erwaͤhnt. Dagegen finden wir ihn ebenfalls erſt in den Jahren 1195 — 1197 im Morgenlande, doch kehrte er in dem zuletzt genannten Jahre zuruͤck, um ſein vaͤterliches Erbe in Beſitz zu nehmen, Chron. Pegav. ap. IAenchen. T. III. p. 152. Dieſes find die ſaͤmmtlichen Deutſchen Fuͤrſten und Biſchoͤfe, welche Dusburg als Zeugen der Stiftung des Deutſchen Ordens nennt und von denen er fagt; omnium Principum supra dieto- rum consilium in hoc resedlit, ut Dominus Fridericus Dux Sueviae nuncios solennes fratri suo Serenissimo Domino Heinrico VI. Regi Roman, futaro Imperatori mitteret etc. Die Ordens⸗Chronik aber nennt in ihrem Verzeichniſſe außer die⸗ ſen auch noch die Herzoge von Baiern, den Herzog von Braun⸗ ſchweig, den Herzog von Sachſen, Herzog Philipp von Schwaben, den Grafen Wilhelm von Holland, Graf Florenzens Sohn, Graf Otto von Geldern, Graf Dieterich von Cleve, den Landgrafen von Heſſen, den Grafen von Juͤlich und den von Berg, die Gra⸗ fen von Naſſau, Henneberg und Spanheim. Vergleicht man aber dieſe genannten Fuͤrſten mit dem Verzeichniſſe der wirklich im J. 1190 mit Kaiſer Friederich mitziehenden Fuͤrſten und Herren, welches Wilken B. IV. S. 95 im Anhange aus Ans⸗ berts Erzaͤhlung von der Kreuzfahrt Friederichs mittheilt, ſo iſt
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Ueber die Zeit der Stiftung des D. Ordens. 649 klar, daß viele, ja die meiſten der in der Ordens⸗ Chronik genann⸗ ten Fuͤrſten an der Kreuzfabrt im J. 1190 gar nicht Theil nahmen. Ueberblicken wir nun die Reihe der von Dushurg aufge⸗ führten Fuͤrſten, fo leuchtet aufs klarſte ein, daß der Chroniſt faſt beinen von denen nennt, welche im J. 1190 das Kreuz wirklich gewommen hatten, im Gegentheil nur ſelcher erwaͤhnt, die ſpaͤter⸗ hin init dem Erzbiſchofe von Mainz das Morgenland beſuchten. Wir glauben alſo mit Recht den Schluß ziehen zu duͤrfen, daß Dusburg bei der Abfaſſung dieſes Theiles feiner Chronik das Ver⸗ zeichniß derjenigen Fuͤrſten vor ſich hatte, welche im Jahre 1197 eine Kreuzfahrt unternahmen, und unbekannt mit der richtigen Zeit ihrer Pilgerfahrt fie ſchon im Jahre 1190 ins Morgenland ziehen ließ. Daß er dabei den chronologiſchen Fehler beging, den Herzog Friederich von Schwaben mit dieſen Fuͤrſten zuſam⸗ men zu ſtellen, folgte ſchon von ſelbſt aus dieſer Unbekanntſchaft mit der richtigen Zeit des Pilgerzuges dieſer Fuͤrſten. Das Ver⸗ zeichniß aber, welches Dusburg vor ſech hatte, war nicht einmal ganz vollſtändig over er nahm es wenigſtens nicht vollſtaͤndig in ſeine Chronik auf, denn außer den von ihm angefuͤhrten geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten nahmen an dem Kreuzzuge im J. 1197 noch Theil die Bifchöfe von Naumdurg, Verden, Regensburg und Prag, außer dem Mainzer Erzbiſchof auch noch die von Koͤln und Bremen, außer den genannten Fuͤrſten auch noch der Her⸗ zog von Meran, Graf Adolf von Holſtein und Schauenburg und mehre andere; vgl. Arnold. Lubec. L. V. c. 1. "Otto de . Blausio c. 42, Chron. Ursperg. p. 232. Chron. S. Petri Erſurt. ap. Mencken T. III. p. 232. — Wollen wir uns aber uͤber die Theilnehmer und Zeugen der Stiftung des Deutſchen Ordens vollſtaͤndig und gruͤndlich belehren, fo giebt die genaueſte Nachricht hierüber bei Wilken B. IV. S. 95 — 96 der er⸗ waͤhnte Auszug aus Ansberts Erzaͤhlung uͤber den Kreuzzug des Kaiſers Friederichs des Erſten. Nachdem dieſe Abhandlung ſchon beendigt war, erhielt ich durch die freundliche Gefälligkeit des Herrn Prof. und Bibliothe⸗ kars Dr. Spieker, deſſen Güte ich fo manches literaͤriſche Huͤlfsmittel verdanke, aus der Koͤnigl. Bibliothek zu Berlin das Mfer. des altdeutſchen Gedichtes von des Landgrafen Ludwig des Milden oder Frommen von Thuͤringen Kreuzfahrt, aus welchem Wilken im 4ten Bande feiner Geſchichte der Kreuzzuͤge den auch hier ſchon mehrmals erwaͤhnten Auszug gegeben hat. Die Dun⸗ kelheit der Geſchichte der erſten Zeiten des Deutſchen Ordens vor
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650 Ueber die Zeit der Stiftung des D. Ordens. Akkon, die Wichtigkeit der Quelle und der Umſtand, daß Wil⸗ ken die den Orden betreffenden Stellen nur auszuͤglich mit⸗ theilt, legen mir die Pflicht auf, die wichtigſten dieſer Stellen zur Ergaͤnzung der vorſtehenden Abhandlung hier auszuheben. Des Deutſchen Hauſes wird in dem Gedichte zuerſt erwaͤhnt, als der Landgraf Ludwig mit ſeinem Bruder Hermann ins Lager vor Akkon einzieht und vom Koͤnige Guido, dem Meiſter des Jo⸗ hanniter⸗Ordens, den Tempelherren und den Rittern des Deut⸗ ſchen Hauſes empfangen wird. Da heißt es V. 916; Si worden frolich genumen Da in die erliche bruderſchaft Tzu der gotes ritterſchaft Von dem ſpitale Sente johannis mit manigem frale Mit manigem tuͤwern rittere ſie Sines ordens enphie Der hohemeiſter und fro Sam taten die tempil bruder do Die von dem duͤtſchen huſe dem gelich Und envollen liplich Die hetten des recht wand er in Ein ſunderlich helfe iſt geſin Tzu biſtetene ir orden Nachdem berichtet iſt, daß die erſte Nachtwache den Grafen von Geldern traf, wird geſagt, daß die Tempelherren, der Meiſter der Johanniter und die vom Deutſchen Hauſe ſich ebenfalls an dem Waſſer (dem Fluſſe bei Akkon) gelagert haͤtten: V. 1150: Als ſi des waren tzu rate nu Die duͤtſchen worden gimeinlich Bi den herren ſie leiten ſich Ouch waz der tempil herren was Waz der in ſtrite vor genas Der hohemeiſter von ſente iohanne Mit manigem werden manne Sines ordens ouch manigen werden man Dem er ſolt het getan Die von dem duͤtſchen huſe na Dem wazzer leiten ſich ouch da Mit werlicher ritterſchaft Ir bruder als fi der hetten craft. Auf die Forderung der Chriſten, eine entſcheidende Schlacht mit dem Heere Saladins nicht länger zu verzögern, beruft König
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Ueber die Zeit der Stiftung des D. Ordens. 651 Guido einen Kriegsrath. Es wird hiebei der Ritter vom Deut⸗ ſchen Hauſe nicht beſonders gedacht, ſondern es heißt nur V. 1602: Der biſante die ſpitalere Und ouch die tempelere Die beſten als er die hate Und wart mit den tzu rate. Als ſich darauf aber das chriſtliche Heer zur Schlacht ordnet, halten ſich die Deutſchen und die Ritter der geiſtlichen Orden zur Schlachtreihe des Landgrafen von Thuͤringen; V. 1963: So hilden tzu dem lantgraven ſich Die duͤtſchen fro und williclich Der hohe meiſter von ſente iohanne Mit manigem bigebenen manne Als er die het mit im do Der meiſter von dem templo Mit ſinen brudern frolich Under ſin banyr ouch ſchicten ſich Die bruder als die des gerden Von dem duͤtſchen huſe. — — Dann werden die ritterlichen Helden unter den Deutſchen aufge⸗ zaͤhlt, wobei es heißt V. 1775: Ouch von dem ſpitale der hohemeiſter Den ſarrazinen leiſte er Des tages waz er in vor gehiz Doch was da cleine ir geniz Die temployſe waren ouch da Den hetten ſich tzu geſchicket na Von dem duͤtſchen huſe die herren Uf ein ewigez werren Daz ſie mit werlicher craft Frumten da der heidenſchaft. Im Verlaufe der Kaͤmpfe der Chriſten mit Saladins Heer wird der Ritter des Deutſchen Hauſes ſenſt nie und auch nur einiges mal der Johanniter und Tempelherren erwaͤhnt. Als aber unter dem größten Theile der Belagerer der Gedanke herrſchend wurde, man wolle die Belagerung Akkons aufgeben und nach Tyrus fer geln, ſtanden die geiſtlichen Orden auf der Seite des Landgrafen von Thuͤringen, der für die Fortſetzung ſtimmte; V. 3555: Ouch von allen ordenen gemenlich Die rittere hilden ſich im tzu Und wolden mit im bliben nu.
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652 Ueber die Zeit der Stiftung des D. Ordens. Auf den hierauf folgenden Verſtoß des Dichters gegen die hiſto⸗ riſche Wahrheit, nach welchem nun der Kaiſer Friederich im La⸗ ger ankommt und (V. 3567) Mit im kumit ouch der bruder min Chunrat von dem duſchen hus Der homeiſter. hat ſchon Wilken aufmerkſam gemacht, wie denn uͤberhaupt der Dichter ſich nicht immer an chronologiſche Folge der Begebenhei⸗ ten bindet. Uebrigens erfahren wir bei dieſer Gelegenheit den Namen des damaligen Meiſters des Tempel-Ordens Walther von Spelten, deſſen Taufname ſonſt nur bekannt iſt. Weiterhin erwaͤhnt der Dichter des Deutſchen Ordens nicht beſonders mehr.
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Beilage Ne II. Ueber das Todesjahr und den Todestag Hermanns von Salza herrſcht eine außerordentliche Verſchiedenheit in den Quellen. Vor allem iſt es ſehr auffallend, daß Rychard. de S. Germano, der feiner fo vielfältig und zuletzt auch feiner Krankheit an zwei Stellen erwaͤhnt, uͤber ſeinen Tod ganz ſchweigt. Der Ordens⸗ Chroniſt Dusburg P. J. c. 5 giebt nur den Todestag, nicht das Todesjahr an. Als jenen nennt er IX. Calend. August. und das alte nach Dusburg umgewandelte Chronicon vetus (welches wir gewöhnlich den Epitomator Dusburgs genannt haben), fest noch hinzu: in vigilia Christine, welches auch Jeroſchin P. I. c. 5 hinzufuͤgt. Dieß wäre der 24ſte Juli. Die Unrichtigkeit dieſer Angabe aber beweiſet das in dieſer Hinſicht viel wichtigere Zeugniß des alten Ordens-Kalenders (im geh. Archive), in wel- chem der vom Orden ſpaͤterhin immer feierlich begangene Todes⸗ tag Hermanns durch folgende Worte angegeben iſt: XIII. Cal. April. Hermannus obiit magister quartus. Nach dieſer Ans gabe ift folglich der Todestag der 20ſte März. Diefe Beſtim⸗ mung weicht von dem Liber Anniversariorum Eeclesiae Ordin. Teuton. Mosae Trajectinae, welches Buch Bachem (Chrono log. der Hochmeiſter ꝛe. S. VII.) als Mſerpt. im Ordens⸗ Archive zu Altenbieſen fand, nur um einen Tag ab, indem dieſes XIV. Calend. April., d. h. den LIten März als Hermanns Todestag angiebt. Vgl. De Wal Recherches T. II. p. 247. Huellius p. 15. not. m. Wie nun Dusburg zu feiner abweichenden Ans gabe gekommen ſeyn mag, iſt eben ſo wenig abzuſehen, als zu begreifen iſt, wie Bachem ſeiner beſſeren Quelle ungeachtet den 22ſten Juli hat annehmen koͤnnen. Schon Bayer in ſeiner Lebensbeſchreibung von Hermann von Salza erklaͤrte den Ordens⸗ Kalender fuͤr die entſcheidende Quelle in dieſer Sache, und nahm ſonach den 20ſten Maͤrz als Todestag an.
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654 Ueber des Todesjahr u. den Todestag Hermanns v. Salza. Noch verſchiedener ſind die Chroniſten in der Beſtimmung des Todesjahres. Sie ſchwanken zwiſchen den Jahren 1239, 1240, 1243 und 1246, denn ſchon Hariknochi zu Dusburg p. 27 ſagt: Annus morlis ex mente Dusburgii videtur fuisse 1246, ut ex incidentibus ad partis III. c. 33 et 34 apparet. Doch nimmt Hartknoch ſelbſt mit Schuͤtz, Henneberger u. a. das Jahr 1240 als Hermanns Todesjahr an. Es laͤßt ſich aber darthun, daß alle Angaben unrichtig ſind, welche den Tod Hermanns ſpaͤter als ins Jahr 1239 ſetzen. Eine Urkunde, auf welche zuerſt De Hal Ilist. de POrdre Teuton. T. I. bp. 302 hinwies, giebt hierin den Ausſchlag. Ihr Datum iſt vom 14ten Mai 1240 und ſie nennt ſchon den Landgrafen Conrad von Thuͤringen als Hochmeiſter, alſo als Nachfolger Hermanns von Salza. Daher ſagt auch ſchon der eben genannte Schriftſteller: La date de cette chartre prouve encore, qu'on ne doit pas marquer la mort de Salza au 20 de mars de l'an 1240, parceque les cinquante- quatre jours d’intervalle, qui se trouvent entre les deux époques, ne suflisoient pas pour assembler les grands Capitulaires, et pour proceder à l’elec- tion d'un nouveau Grand- Maftre, d’autant que Salza avoit fini ses jours au fond de Italie, et que le Landgrave se trou- voit alors en Allemagne.“ Noch ſpecieller ſpricht De Maul von dieſer Urkunde in einer Anmerkung T. I. p. 313. Es iſt demnach auch nicht ganz richtig, wenn das alte Hochmeiſter-Ver⸗ zeichniß in Lindenblatts Jahrb. S. 359 dem Hermann von Salza 30 Jahre als Regierungszeit zuſpricht, denn nach den uns bekannten Angaben ſtand er dem Orden nur vom Maͤrz 1210 bis zum 20ſten März 1239, alſo nur 29 Jahre vor. Dushurg, mit der Dauer der Regierungszeit, wie es ſcheint, ganz unbe⸗ kannt, half ſich mit den Worten aus: „praeſuit plurimis annis.“ Hieran ſchließt ſich die Erörterung eines andern Punktes, der fuͤr die letzte Lebensgeſchichte Hermanns von Salza nicht ohne Wichtigkeit iſt. Es iſt naͤmlich in den meiſten Werken uͤber die Geſchichte des Ordens, wie in Pauli allgem. Preuſſ. Staatsge⸗ ſchichte B. IV. S. 67. Baczko B. I. S. 199. Kotzebue B. I. S. 391 die Meinung ausgeſprochen worden: Hermann von Salza habe in ſeinem letzten Lebensjahre den Plan gehegt, noch einmal das Morgenland zu beſuchen und den Grafen Ri⸗ chard von Cornwall auf ſeinem Zuge nach Syrien mit Rath und That zu unterſtuͤtzen. Die Ordenschronik bei Matthacus p. 708 laͤft ihn dieſen Plan ſogar in Ausführung bringen, denn fie fagt: „Ende dor deſe edele vrome Heer Herman van Salſa dertich „jaren lanck met grooter vromicheyt ende wysheit ſynen Oirden „fo grotelick mit der hulpe Godes, ende mit groten victorien en
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Ueber das Todesjahr u. den Todestag Hermanns v. Salza. 655 „hulp van Vorſten en Princen verbreyt ende vermeert hadde, ſo „tooch hy tot Akers om te viſitieren, ende van dane weder op „Venetien, ende van dane naer Apulien. Daer wert hy fiec ende „ſterff, ende wert eerlicken begraven in des Oirdens kercke in de „Stadt geheten Baleta.“ Bayer in feiner Lebensbeſchreibung Hermanns von Salza im Continuirten gelehrten Preuſſen B. 1. S. 41, dem die andern meiſt nur nachgeſchrieben haben, ſagt: „Da in Palaͤſtina noch alles in voller Bewegung wider ben Kai⸗ ſer war, wurde Richardus Comes Cornubiae dahin geſchicket und ſollte Hermann von Saltza ihm mit Rath an die Hand ge⸗ hen.“ Beides, die Angabe der Ordenschronik und dieſe Behaup⸗ tung Bayers, verdient durchaus keinen Glauben. Hermann von Salza kann in den letzten Zeiten auf keine Weiſe im Morgen⸗ lande geweſen ſeyn. Im Sommer des Jahres 1237 befand er ſich beim Kaiſer nach Richard. de 5. Germano p. 1038. Im December deſſelben Jahres hielt er ſich zu Lodi am Kaiſerhofe auf, ſ. Guden, T. II. p. 74. Im Januar des Jahres 1238 wurde er vom Kaiſer nach Deutſchland geſchickt, von wo er im Juli zuruͤckgekehrt ſich im Auguſt nach Salerno begab, nach Richard. de &. Germano p. 1039 — 1040. Da der Hochmei⸗ ſter während der beiden Jahre theils in Deutſchland mit der Ver⸗ bindung des Livländiſchen und des Deutſchen Ordens theils in Italien in Geſchaͤften des Kaiſers fort und fort thaͤtig war, ſo laßt fi durchaus keine Zeit finden, in welcher er die Reife ins Morgenland hätte unternehmen können. Aber auch nicht einmal den Plan zu einer ſolchen Reiſe kann Hermann in dieſer Zeit gehabt haben. Die neueren Schrift⸗ ſteller, welche ihm dieſen Plan zuſchreiben, behaupten einſtimmig: er habe den Grafen Richard von Cornwall auf deſſen Pilgerfahrt begleiten wollen oder nach des Kaiſers Beſtimmung begleiten ſol⸗ len. Dieſer Graf hatte allerdings ſchon im Jahre 1238 den Vorſatz, eine Pilgerreiſe nach dem Morgenlande anzutreten und Kaiſer Friederich billigte nicht bloß dieſen Gedanken des Grafen, ſondern lud ihn auch ein, den Weg uͤber Italien einzuſchlagen, Mathacus Paris p. 450; allein in den verſchiedenen Briefen, welche der Kaiſer dem Grafen in dieſer Sache ſchreibt und Ma- thaeus Paris uns aufbehalten hat, kommt nicht ein Wort von dem Plane vor, daß Hermann von Salza den Grafen begleiten wolle oder ſole. — Woraus iſt denn nun aber die Behauptung der neueren Schriftſteller genommen, daß Hermann das Morgen⸗ land noch einmal habe beſuchen wollen? Die Stelle in einem Briefe des Kaiſers Friederich in Petri de Vineis Epist. L. I. e. 28 p. 197, worauf Bayer (die Quelle der Uebrigen) und Ko⸗ tzebue ihre Behauptung gründen, iſt folgende: Der Kaiſer ſagt:
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656 Ueber das Todesjahr u. den Todestag Hermanns v. Salza. Dudum viro spectabili comite Cornubiac, dilecto sororio nostro cum honorabili comitiva nobilium transalpina, in ul- r amarinis parlibus vices agente nostras, de consilio magi- strorum hospitalis cı sanctae Mariae Theutonicorum et lo- tius Christianorum exercilus pro parte nostra, qui jura di- lecu filii nostri Cunradi, in Romanorum regem elecu, sem- per Augusti et regni Ilierosolymitani haeredis, eiusdem re- gis et regni moderamine fungebatur, cum Soldano Bab; lo- niae supra dicto, Irengas ſideliter et prudenter iniit. Be⸗ trachten wir dieſe Stelle in ihrem Zuſammenhange mit den Er⸗ eigniſſen, von denen ſie ſpricht, ſo wird ſich leicht finden, daß von Hermann von Salza gar nicht die Rede iſt oder auch nur ſeyn kann. Graf Richard von Cornwall trat ſeinen Zug ins Mor⸗ genland erſt im Spaͤtſommer des Jahres 1240 an und landete im Herbſt in Syrien, Mallucus Paris p. 526. Es erfolgte alſo dieſe Reiſe erſt anderthalb Jahre nach Hermanns von Salza Tode. Im Jahre 1238, wo allerdings der Graf den Entſchluß zu dieſer Pilgerfahrt ſchon gefaßt hatte, war Hermann theils in Deutſchland ſo beſchaͤftigt geweſen, theils nachber ſo krank, daß er wohl ſchwerlich an eine ſo muͤhſame Reiſe ins Morgenland denken konnte. Die erwaͤhnte Stelle ſpricht aber auch keineswegs von dem, was vor Richards Abreiſe im Plane lag, ſondern nur von dem, was Richard im Morgenlande that; er ſchloß naͤmlich de consilio magistrorum hospilalis et sanctae Mariae Tbeutoni- corum et totius Christianorum exercitus mit dem Sultan von Aegypten einen Waffenſtillſtand. Richard giebt in einem Briefe, den Mathaeus Paris p. 547 — 548 aufbehalten hat, darüber ſelbſt ausfuͤhrliche Nachricht; unter andern erzählt er dar⸗ in: er habe ſich nach Joppe begeben, ubi occurrens nobis qui- dam magnus potens valde, ex parte Soldani Babyloniae no- bis nunciavit, dominum suum Soldanum nobiscum treugas facere velle, si nobis piaceret. Auditis igitur et intellectis, nobis per ipsum expressius exponendis, Dei gralia sinceriter invocata, de consilio Ducis Burgundiae, Comitis Walteri de Bresne, Magistri Hospitalis el caeterorum nobilium, matoris scilicet partis exercilus, paci et treugae consensimus subseriptae.* Daraus geht klar hervor, daß die Stelle in Petri de Fineis Epist. nichts weiter ſagt, als: Richard habe die Meiſter des Ordens der Johanniter und der Deutſchen bei Ab⸗ ſchließung dieſes Waffenſtillſtandes um Rath gefragt. Wer war denn aber der Magister sanciae Mariae Theu- tonicorum, der ſich im Morgenlande beim Grafen Richard be⸗ fand? Wir dürfen antworten: Es war kein anderer, als der Landmeiſter des Deutſchen Ordens fuͤr die morgenlaͤndiſchen Be⸗
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Ueber das Todesjahr u. den Todestag Hermanns v. Salza. 657 ſitzungen. Daß ein ſolcher eben ſo im Morgenlande, wie in Deutſchland, Preuſſen und Livland war, geht aus einigen Ur⸗ kunden im großen Privilegienbuche (im geh. Archive) deutlich hervor. Zuerſt wird er noch im Jahre 1223 Magnus Praecep- tor (wenn man will, Großgebietiger, Großkomthur) genannt; in den ſpaͤtern Urkunden aber heißt er Magister oder Magister domus sanctae Mariae Teutonicorum Acconensis So kommt er namentlich in einer Urkunde vom Jahre 1254 vor. Ein ſolcher Landmeiſter im Morgenlande war nach der ganzen Verfaſſung des Ordens dort in der That eben ſo nothwendig, als in allen den andern Laͤndern, in denen der Orden bedeutende Be⸗ ſitzungen inne hatte. Dabei griff allerdings auch noch der Hoch⸗ meiſter öfters mit in die Verhaͤltniſſe des Morgenlandes ein. So berichtet uns Sanuf. L. III. P. XI. c. 14 vom Jahre 1236: Post haec illi de regno Jerusalem, tractante Alamannorum Ma- gistro, nuntios transmittunt ad procurandum cum Impera- tore concordiam: ad voluntatem vero Imperatoris, agente mediatore praedicto, consentienlibus etiam praedietis nun- tiis, mandali tenorem forma pacis excessit. Von einer Anwe⸗ ſenheit des Hochmeiſters im Morgenlande, wie die Ordenschro⸗ nik fie annimmt, weiß auch Sanut. keine Silbe. — Das Reſultat iſt alſo: die Behauptung der neueren Schriftſteller, daß Hermann von Salza in der letzteren Zeit den Plan gehegt habe, mit dem Grafen Richard von Cornwall noch einmal das Morgenland zu beſuchen, beruht auf einem Mißverſtaͤndniß der Stelle in Petri de Fineis Epist. p. 197. N Wir muͤſſen hier in Hermanns von Salza Lebensgeſchichte aber auch noch eines andern Umſtandes erwaͤhnen, der ebenmaͤßig in neueren Schriften allgemein behauptet wird und gleichwohl nicht weniger auf Irrthum und Mißverſtaͤndniß beruht. Man findet namlich uͤberall, ſelbſt auch in ſonſt ehrenwerthen geſchicht⸗ lichen Werken die Behauptung aufgeſtellt: nachdem der Hochmei⸗ ſter Hermann von Salza das Morgenland verlaſſen habe, ſey er nach Italien gekommen und habe ſeinen Wohnſitz in Venedig genommen, wo denn ſeitdem auch der Hauptſitz des Ordens ge⸗ weſen ſey. Man hat dieſe Annahme unbedenklich dem Leo p. 65 nachgeſchrieben, welcher ſagt: Obtinuit etiam Hermannus Magister bona et domum supremam pro ordine Venetiis. Baczko B. 1. S. 40 behauptet, es ſey dieſes wahrſcheinlich im Jahre 1224 geſchehen. Es laͤßt ſich beweiſen, daß dieſe Behaup⸗ tung durchaus unrichtig iſt. Der Hochmeiſter hatte um diefe Zeit uͤberhaupt noch gar keinen beſtimmten, feſten Wohnſitz, oder viel⸗ mehr er hatte ihn jedesmal nur da, wo ihn der Kaiſer hatte. Im J. 1214 hatte Kaiſer Friederich dem Meiſter des Deutſchen Or⸗ II. 42
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658 Ueber das Todesjahr u. den Todestag Hermanns v. Salza. dens unter andern auch die Beguͤnſtigung verliehen: ut Magister ille, quotiescunque ad Curiam Imperii accesserit, in familia Curiae imperialis sit ascriptus, et ipsi Magistro cum socio uno, fratre domus suae et cum sex equitaturis, tanquam alıis familiae in omnibus necessariis abundanter provideatur; Du- ellius Selecta privileg. Nr. XIII. p. 12. Von dieſem ſehr eh⸗ renvollen Vorrechte machte Hermann von Salza auch Gebrauch, ſo lange er im Abendlande lebte und ſofern ihn nicht die vom Kaiſer ihm aufgetragenen Reiſen und Geſchaͤfte oder die Angele⸗ genheiten feines Ordens vom Kaiſerhofe entfernten. Die frühere Erzaͤhlung der Ereigniſſe der Zeit, welche Hermann in Italien verlebte, hat hieruͤber zahlreiche Beweiſe gegeben. Dagegen iſt es nicht moͤglich, aus irgend einem Chroniſten oder aus Urkunden jener Zeit die Behauptung zu begruͤnden, daß Hermann ſich nur ein einziges Jahr oder auch nur einige Monate hindurch fortwaͤhrend in Venedig aufgehalten habe, obgleich er doch oft lange Zeit in Oberitalien verweilte, ſo wenig uns auch aus zeit⸗ genoͤſſiſchen Jahrbuͤchern eine Stelle bekannt iſt, in welcher da⸗ mals ſchon Venedig als der Hauptſitz des Deutſchen Ordens gef nannt iſt. Le Bret in ſeiner Staatsgeſchichte von Venedig B. I. S. 736 fagt zwar: „Die Deutſchen Ordensritter ſeyen immer wahre Freunde der Republik geweſen, haͤtten in den Ge⸗ nueſiſchen Kriegen die Vortheile der Venetianer auf alle Art un⸗ terſtuͤtzt; der Doge Xenier Zeno habe ihre Dienſte mit Dank an⸗ erkannt, fuͤr ſie die Kirche der heil. Dreifaltigkeit erbauen laſſen, die er ihnen mit Einkuͤnften geſchenkt und ihrem Hauſe, welches ſie in dieſer Seeſtadt hatten, zuerkannt. Sie hielten, faͤhrt Le Bret fort, in dem Jahre 1221 ihr Generalkapitel in Venedig, allwo ſie eines ihrer Haupthaͤuſer hatten, in welches ſich ihr aus Ptolemais in dem Jahre 1298 entflohener Ordensmeiſter mit einigen Rittern fluͤchtete. Sie hatten alſo von Hermann von Salza an ihren Hauptſitz in Venedig, bis ſie nach Preuſſen ver⸗ fetzt wurden.“ Allein dieſe Angaben hat Le Bret erſtlich durch keine Beweiſe begruͤndet, ſondern ganz nackt hingeſtellt. Zwei⸗ tens iſt fuͤr die Abhaltung eines Generalkapitels zu Venedig im J. 1221 kein Zeugniß angegeben und ſo lange dieſes fehlt, muͤſ⸗ ſen wir es in Zweifel ziehen. Allerdings kam Hermann in dieſem Jahre nach Italien; aber wir wiſſen nur, daß er in Apulien beim Kaiſer und in Rom beim Papſte war; von einer Reiſe da⸗ gegen nach Venedig zu einem Generalkapitel haben wir aus den uns zuganglichen Quellen keine Nachricht gefunden. Geſetzt aber, ein ſolches Generalkapitel ließe ſich fuͤr das Jahr 1221 in Vene⸗ dig auch beweiſen, ſo iſt dieſes noch keineswegs ein Beweis fuͤr einen regelmaͤßigen Aufenthalt des Hochmeiſters in der Seeſtadt.
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Ueber das Todesjahr u. den Todestag Hermanns v. Salza. 659 Drittens liegt alles, was der Doge Xenier Zeno für den Orden gethan haben ſoll, weit hinter Hermanns Lebenszeit, denn die Wahl dieſes Doge fällt nach Daru histoire de Venise T. I. P. 363 erſt ins Jahr 1252 und von den Verdienſten der Deut⸗ ſchen Ordensritter um Venedigs Handelsvortheile im Morgenlande weiß dieſer Geſchichtſchreiber nichts zu bemerken, indem er p. 367 nur ſagt, daß in Syrien les chevaliers du Temple, les hospi- taliers de Saint-Jean - de Jerusalem devinrent les auxiliaires des deux republiques rivales. Viertens ift es ein ſehr ſonderba⸗ rer Schluß, wenn Le Bret fagt: im J. 1298 habe fich der aus Ptolemais entflohene Ordensmeiſter mit einigen Rittern nach Ve⸗ nedig gefluͤchtet; alſo haͤtten ſie (2) von Hermann von Salza an ihren Hauptſitz in Venedig gehabt, bis ſie (2) nach Preuſſen verſetzt worden ſeyen. Man ſieht aus dieſen verwirrten Zu⸗ ſammenſtellungen klar, daß Le Bret uͤberhaupt keine deutliche Vorſtellung von der Sache hatte. — Wir ſprechen alſo als Re⸗ ſultat die Behauptung aus, daß es zur Zeit noch an allen guͤlti⸗ gen Beweiſen fehlt, das Haupthaus des Deutſchen Ordens und den Hauptwohnſitz des Hochmeiſters zu Hermanns von Salza Zeit ſchon in Venedig zu finden. Es ſcheint uns daher auch ganz richtig, was De Mal Recherches I. II. p. 282 fagt: On ignore si les Teutoniques ont eu un etablissement à Venise, avant que le Doge Reinier Zeno eüt fait bätir V’eglise et la Com- manderie de la Ste. Trinite, apres Pan 1258. 1 K Dieſer Behauptung wird wohl niemand die Urkunde entgegen⸗ ſtellen wollen, die am 5ten Mai 1223 in einem Generalkapitel zu Venedig von einem Hochmeiſter Wilhelm von Urenbach ausgeſtellt, die Erklarung enthält, daß, obgleich Hermann, Biſchof von Kurland, den Schwertbruͤdern den dritten Theil von Kurland zugewieſen, doch deſſen Nachfolger Heinrich von Luͤttelenburg dem Deutſchen Orden zwei Theile davon unter der Bedingung abgetreten habe, daß keine Laͤndertheilung ohne ſeine Zuſtimmung ferner erfolgen ſolle; denn es iſt laͤngſt erwieſen von De Wal Histoire de l’Ord. Teut. T. I. p. 357 — 358, daß die Urkunde untergeſchoben, von einem mit der Geſchichte des Ordens ganz unbekannten Urkundenfabrikanten verfertigt und alſo ohne alle hiſtoriſche Brauchbarkeit iſt, und ſelbſt die Vermuthung (Baczko's Geſchichte von Preuſſen B. I. S. 216) mochte ſich ſchwerlich halten laſſen, daß Wilhelm von Urenbach ein Nebenbuhler des Grafen Heinrich von Hohenlohe in der Hochmeiſterwuͤrde geweſen ſey. * 42*
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Beilage Ne III. Ueber die Theilnahme des Deutſchen Ordens an der Mongolen⸗Schlacht bei Liegnitz. Bis auf die neueſten Zeiten herab iſt angenommen worden, daß die Deutſchen Ordensritter aus Preuſſen weſentlichen Antheil am Kampfe gegen die Mongolen bei Liegnitz oder Wahlſtadt gehabt haben. Raumer Geſch. der Hohenſtaufen B. IV. S. 79 laͤßt „Poppo von Oſterne, Landmeiſter des Deutſchen Ordens in Preuſ⸗ ſen“ dem Herzoge Heinrich dem Frommen von Niederſchleſien zu Huͤlfe ziehen, ihn mit ſeinen Richtern und Knechten die vierte Schlachtreihe einnehmen, nach Boleslavs von Maͤhren Fall und Mieslavs von Oberſchleſien Flucht noch ritterlich fortkaͤmpfen, bis Herzog Heinrich dem Feinde erliegt und Poppo ſchwer ver⸗ wundet wird. Auch Schloſſer Weltgeſchichte B. III. Th. 2. Abth. 1. S. 318 ſchließt „den Deutſchmeiſter“ vom Kampfe nicht aus und läßt ihn durch die Seinigen gleichfalls die vierte Schlacht⸗ reihe bilden. Genauere Forſchung aber zeigt, daß dieſe Angaben ſich auf keine Weiſe begruͤnden laſſen. Die Hauptquelle, auf welche die Erzählung ſich ſtuͤtzt (und welcher ſchweigend auch Raumer folgt) iſt Plugoss. hist. Polon. p. 676. Dieſer berichtet naͤmlich: Item Pompo de Hostern Magister Generalis Cruciferorum de Prussia et fratres mili- tiae ordinis sui, laturi in id bellum solalia Henrico advene- rant; dann bei Angabe der Schlachtordnung: Tertium agmen milites Opolienses et Pompo de Hostern Magister Prussiae eum fratribus el militia sua tenebant, hos Meczlaus Dux Opoliensis ducebat; und endlich beim Ausgange des Kampfes: Tartarorum exercitus intelligens Polonos jam pene victores D — clamore horrido sublato in Polonos se vertit, et aciebus
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Ueber die Theilnahme des Deutſchen Ordens x. 661 corum quae in id tempus integrae erant disruplis, strage magna, in qua Boleslaus Dux Dipoldi Marchionis Moraviae ſilius dietus Schepolka, cum multis aliis insignibus militibus, felici eruore necatus est, et Pompo Cruciferorum Magister de Prussia cum suis magna clade obrutus, Polonorum resi- duum agmen in fugam vertit. Wie ſchon Kloſe Geſch. von Breslau B. 1. S. 427 bemerkt, ſchoͤpfte aus dieſer Quelle Mie- cho L. III. c. 38 p. 132 — 133, aus Miechow wieder Cromer I. VIII. p. 209, aus dieſem Thebeſius in den Liegnitziſchen Jahrbuͤchern u. ſ. w. Mlugoss. iſt folglich als die Urquelle der Nachricht uͤber die Theilnahme des Deutſchen Ordens an der Schlacht anzuſehen. — Es kann aber aus mehrfachen Gründen klar bewieſen werden, daß alles, was uns Dlugoß uͤber dieſe Theil⸗ nahme der Ordensritter an der Mongolen-Schlacht vorerzaͤhlt, reine Erdichtung iſt oder vielmehr auf Irrthum und Verwechſe⸗ lung beruht. Erſtens naͤmlich erwaͤhnt der Deutſchen Ordensritter bei dieſer Schlacht und uͤberhaupt bei dem ganzen Ereigniſſe keine einzige ältere Quelle. Boguphal. p. 60, der wohl kaum umhin gekonnt haͤtte, der Sache zu gedenken, da er gleich darauf mehres vom Deutſchen Orden erzähit, ſchweigt gänzlich. Er erwaͤhnt, daß Herzog Boleslav und Herzog Heinrich im Kampfe gefallen ſeyen; wuͤrde er nicht auch des Namens Poppo's von Oſterna ge⸗ dacht haben, wenn dieſer ſich fo ritterlich ausgezeichnet hätte? Es ſchweigt ferner auch Johannis Chron. Polonor. ap. Som- mersberg. T. I. p. 9; eben fo die Chron. Princip. Polonor. ibid. p. 42. Es erwaͤhnt uͤberhaupt keine bewaͤhrte Pol⸗ niſche oder Schleſiſche geſchichtliche Quelle der Theilnahme des Ordens. Zweitens iſt Dlugoß immer nur mit hoͤchſter Vorſicht als ge⸗ ſchichtliche Quelle zu benutzen; er iſt in eben dem Maße unkritiſch, als parteiiſch; er ſchreibt oft in den Tag hinein ohne Prüfung, ohne Urtheil, ohne Sichtung. Das vorliegende Beiſpiel zeigt feinen Mans gel an Kritik in ſeiner ganzen Bloͤße. Er laͤßt in der Schlacht gegen die Mongolen Poppo von Oſterna mit den Seinen um⸗ kommen. Spaͤterhin jedoch vergißt er dieſen Tod. Poppo tritt ihm im Jahre 1255 wieder entgegen. Es heißt in ſeiner Chro⸗ nik p. 740: Tunc quoque Magistro Prussiae nono Conrado Calendis Augusti obeunte, Gerhardum de Herezborg in offi- cium assumunt, secundum oro alios Poponem de Osterna. Die Worte „, secundum orb alios“ find offenbar nur ein ſchlech⸗ ter Nothbehelf, denn wir kennen keine einzige Quelle, welche Poppo von Oſterna im Jahre 1255 als Meiſter nennte. Es geht vielmehr als unwiderleglich aus des Dlugoß Worten hervor,
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662 Ueber die Theilnahme des Deutſchen Ordens daß er gehoͤrt oder geleſen hatte, Poppo ſey noch einmal Meiſter geworden; er mußte ihn irgendwo noch unterbringen und ſchiebt ihn daher mit den pfiffigen Worten: secundum vero alios, an ganz unpaſſender Stelle ein. Drittens enthalten des Dlugoß Worte mehre offenbare Un⸗ richtigkeiten, die ihm zum Theil bis auf die neueſten Zeiten auch nachgeſchrieben ſind. Vor allem nennt er ganz unrichtig Poppo von Dfterna (deſſen richtigen Namen er erſt p. 740 kennen lernt) Magister Generalis Cruciſerorum de Prussia; Raus mer aͤnderte dieſes in „Landmeiſter des Deutſchen Ordens in Preuſſen,“ und Schloſſer in „Deutſchmeiſter.“ Poppo war aber damals keins von dem allen. Aus Urkunden erhellt, daß Hochmeiſter des Ordens Conrad von Thuͤringen, Landmeiſter in Preuſſen Heinrich von Wida, und Deutſchmeiſter Heinrich von Hohenlohe waren. Wenn alſo auch erwieſen werden kann, daß Poppo von Oſterna damals ſchon im Deutſchen Orden war — denn er wird ſchon im Jahre 1233 unter den Zeugen im Kulmiſchen Privilegium als Ordensbruder genannt — wenn ſelbſt nicht unwahrſcheinlich iſt, daß er ſchon eine ziemlich bedeutende Stelle verwaltet und in beſonderem An⸗ ſehen geſtanden habe — denn er ſteht unter allen genannten Zeugen oben an —, ſo iſt doch ausgemacht, daß er im Jahre 1241 keins von den drei erwaͤhnten Aemtern verwaltet habe. Erſt ſpaͤter gelangte er zum Amte des Landmeiſters in Preuſſen, und dann auch zur Wuͤrde des Hochmeiſters. — Ferner laͤßt Dlugoß Poppo von Oſterna in der Schlacht umkommen. Auch dieſes iſt eine offenbare Unrichtigkeit. Schon Schloſſer S. 317 hat dieſes widerlegt, obgleich er nicht haͤtte ſagen ſollen, Poppo ſey im J. 1253 zum „Deutſchmeiſter,“ ſondern zum Hochmeiſter erwaͤhlt worden, denn hierin iſt bekanntlich ein gro⸗ ßer Unterſchied. Auch ſchon in Sommersberg T. I. p. 316 iſt des Dlugoß Irrthum berichtigt. Raumer S. 81 findet wahr⸗ ſcheinlich, daß „die Verwundung Poppo's zu der gewöhnlichen Annahme Veranlaſſung gegeben, er ſey getoͤdtet worden.“ Allein eine Verwundung Poppo's in der Schlacht iſt eben ſo wenig zu erweiſen, als überhaupt feine Theilnahme im Kampfe. — Aus ßerdem traͤgt das ganze Bild der Schlacht, ſo weit es wenigſtens in Beziehung auf Poppo von Oſterna und die Deutſchen Ordens⸗ bruͤder daſteht, das Gepraͤge der hoͤchſten Unwahrſcheinlichkeit. Dlugoß ſtellt feinen Hochmeiſter Poppo mit dem Herzoge Miees lav und deſſen Heerſchaar in die dritte Schlachtreihe und uͤber⸗ weiſet dieſem Herzoge den Heerbefehl. Auf das liſtige Geſchrei eines Mongolen: „biegaycie! biegaycie! flieht! flieht!“ nimmt dieſer Herzog ſchnell die Flucht: Ad hanc vocem Dux Opolien-
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an der Mongolen-⸗Schlacht bei Liegnitz. 663 sis Meczlaus, non hostem sed proprium et amicum ex Com passione non vafricie credens ista esse vociſeratum, deserto proclio fugit, magnamque militum, eorum praecipue qui sibi in lerlio agmine parebant, catervam in similem fugam tra- Kii. Wo bleibt nun der Hochmeiſter Poppo? Er bleibt ftehen, kaͤmpft und füllt zuletzt! Mehr Ruhm fuͤr die Ordensherren, als Dlugoß ihnen fonft zugeſteht! Raumer hat gefuͤhlt, daß Poppo mit den Seinen in der dritten, fluͤchtigen Schlachtreihe wohl nicht ſtehen geblieben ſeyn wuͤrde, und weiſet daher den Deutſchen Rittern und ihren Knechten lieber die vierte Schlaͤchtreihe an, aber nach welchen Quellen? Der treffliche Geſchichtſchreiber der Hohenſtaufen hat offenbar hier den Bo⸗ den nicht ganz ſicher gefunden, aber ihn nicht genau un⸗ zerſucht. Viertens giebt auch die damalige Lage des Ordens und das Verhaͤltniß im Innern ſeines Landes bedeutende Gruͤnde zum Zweifel an der Sache an die Hand. So eben erſt waren die drei Landſchaften Warmien, Natangen und Barterland unter⸗ jocht. Alles war noch in Unruhe und Bewegung. Die Voͤlker zeigten feindlichen Sinn, wuͤnſchten Befreiung, dachten auf Abfall. Ueberall war der Orden mit Errichtung der noͤthigen Burgen be⸗ ſchaͤftigt, zu deren Aufbau ſchuͤtzende Kriegsmacht unerlaͤßlich war. Herzog Otto von Braunſchweig war mit ſeinen Kriegern heimge⸗ kehrt und noch kein neues Kreuzheer wieder im Lande. Die Streit: macht des Ordens kann um dieſe Zeit noch auf keine Weiſe als ſo ſehr bedeutend angeſehen werden. Konnte nicht das nahe Sam⸗ land aufſtehen und ſich mit den ungluͤcklichen Nachbaren verbin⸗ den? Drohte nicht jetzt auch ſchon Herzog Suantepolc von Pommern wieder? Mußte nicht der Landmeiſter den nur irgend übrigen Theil ſeiner Kriegsmacht zum Schutze der nahe bedroh⸗ ten Graͤnzen im Suͤden aufſtellen, da der arge Feind ſo hart an Preuſſens Graͤnzen voruͤberzog? (Boguphal. p. 60). Darf man es unter ſolchen Umſtaͤnden auch nur im mindeſten wahr⸗ ſcheinlich finden, daß die klugen Ordensherren, alles Preis gebend, den bedeutendſten Theil ihrer Streitkraft nach Schleſien wuͤrden verwendet haben? Sicherlich nicht! Doch wir koͤnnen fuͤnftens dem Dlugoß auf die Spur kom⸗ men und den ganzen Irrthum aufdecken, auf welchen ſich alles bei ihm ſtuͤtzt. Es iſt naͤmlich wirklich ſpaͤterhin die Nachricht verbreitet geweſen, Poppo von Oſterna, der zu Breslau in der Kirche zu S. Jacob begraben liegt, fen von den Tartaren erſchla⸗ gen worden. So ſagt das Verzeichniß der Hochmeiſter bei Lin⸗ denblatt S. 360: „Bruder Poppo von Oſterna wart Homei- ſter in dem Jahre des herrin M. CC. Lil. unde hilt das ampt
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664 Ueber die Theilnahme des Deutſchen Ordens XI. Jare unde wart irſchlagen von den Tattern unde leit begra⸗ bin zeu Breſlaw bie den Prediger Brüdern.” Aus dieſen Wor⸗ ten geht einmal hervor, daß zur Zeit des Dlugoß allerdings die Nachricht vorhanden war, Poppo habe ſeinen Tod in einem Kampfe mit den Tartaren gefunden, und es wird fomit der Pol⸗ niſche Chronift von dem Verdachte einer bloßen Erdichtung der Sache gerettet; aber es geht ferner daraus hervor, daß von dem Tode Poppo's von Oſterna in der Mongolen-Schlacht im Jahre 1241 gar nicht die Rede ſeyn kann, denn nach jenem Verzeich⸗ niſſe muͤßte Poppo erſt im Jahre 1263 durch die Tartaren er⸗ ſchlagen worden ſeyn. — Ferner führt Manlius in f. Commen- tar. rer. Lusaticar. ap. Hoffmann Script. rer. Lusaticar. p. 229 und Kloſe in der Geſchichte von Breslau S. 467 eine Inſchrift an, die ſich auf dieſen Gegenſtand bezieht. In der Kloſter⸗Kirche zu S. Jacob in Breslau ſoll naͤmlich noch ums Jahr 1568 an einer Wandtafel bei dem Begraͤbniſſe des Her⸗ zogs Heinrich, deſſen Tod in der Tartaren⸗Schlacht ebenfalls durch eine Inſchrift angezeigt war, Folgendes geſtanden haben: In eodem bello interfectus est Dominus Poppo, Magister ge- neralis Ordinis fratrum hospitalis beatae Virginis Mariae de domo Teutonica cum pluribus Fratribus eius Ordinis hie sepultus 1521. Zur Zeit, als Kloſe ſchrieb (1781), war keine von dieſen beiden Inſchriften mehr zu ſehen. Aber was beweiſet dieſe Inſchrift? Offenbar nichts weiter, als daß man ſich im Jahre 1521 eben fo über Poppo's von Oſterna Tod irrte, wie es Dlugoß that. Den Grund des Irrthums gab augen⸗ ſcheinlich Poppo's Begraͤbniß in der S. Jacobskirche zu Breslau. Ueber Poppo's Tod und ſein Begraͤbniß muͤſſen wir an einem andern Orte ſprechen. Genug man war in der Mitte des funf⸗ zehnten Jahrhunderts daruͤber einig, daß Poppo in Schleſien geſtorben und zu S. Jacob in Breslau bei Herzog Heinrichs Grabmahl begraben ſey, und hieran knuͤpft ſich nun auch alles andere, hierdurch loͤſet ſich das ganze Raͤthſel. Der Zuſammen⸗ hang ſcheint naͤmlich folgender geweſen zu ſeyn. Poppo's von Oſterna Tod in Schleſien mußte nothwendig auffallen; wie kam ein Hochmeiſter bes Deutſchen Ordens, wenngleich er der Wuͤrde auch entſagt hatte, nach Schleſien? Er lag zu Breslau begra⸗ ben. Sein Begraͤbniß war in der Naͤhe des von den Mongolen erſchlagenen Herzogs Heinrich; alſo — der Schluß: er iſt mit dieſem zugleich in der Mongolen-Schlacht geblieben. Dlugoß hatte offenbar von Poppo's Begraͤbniß Nachricht, wie er p. 681 ausdruͤcklich ſagt; er war es daher, der jenen Schluß machte und dadurch bis auf die neueſten Zeiten ein Ereigniß in die Ge⸗ ſchichte gebracht hat, dem alle Wahrheit abgeht. Es darf dem⸗
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an der Mongolen⸗Schlacht bei Liegnitz. 665 nach wohl als erwieſen betrachtet werden, daß der Deutſche Or⸗ den in Preuſſen an der Mongolen-Schlacht vor Liegnitz durch⸗ aus keinen Theil gehabt hat und es rechtfertigt ſich ſomit auch der Zweifel, den ſchon Schütz p. 29 gegen die Sache aͤußerte.
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Beilage Ne I. Schon ſeit Lucas Davids Zeit iſt bei den Geſchichtſchreibern Preuſſens oft die Rede von einem einſtigen Erzbisthum in Preuſ⸗ fen geweſen. Nach der Angabe des genannten Chroniſten B. III. S. 28 ſoll der Biſchof Heidenreich von Kulm, den er früher Bis ſchof von Armagh in Irland ſeyn laͤßt, die erzbiſchoͤfliche Wuͤrde in Preuſſen verwaltet haben, fo daß die übrigen Bifchöfe Preuſ⸗ ſens ihm untergeben geweſen ſeyen. „Aber dieſe Ehre des Erz⸗ bisthums,“ ſagt Lucas David, „iſt nicht lange in Preuſſen ge⸗ blieben, namlich nicht länger denn vom 27ſten December des 1244ſten bis auf den letzten Martii des 1256ſten Jahres.“ Hei⸗ denreich aber, faͤhrt der Chroniſt fort, habe ſich nicht Kulmiſcher Erzbiſchof, ſondern immer ſchlechtweg bloß Kulmiſcher Biſchof ge⸗ nannt, wie aus Urkunden hervorgehe; der Grund ſey geweſen, weil die Einkuͤnfte des Kulmiſchen Bisthums nicht hingereicht haͤtten, den Aufwand eines Erzbiſchofes zu beſtreiten. Deshalb ſey nachmals auch die erzbiſchoͤfliche Wuͤrde auf den Biſchof von Riga Übertragen worden. Man ſieht es dieſer Nachricht des Chroni- ſten bald an, daß er mit einer ihm zugekommenen Notiz uͤber einen einſtigen Erzbiſchof in Preuſſen nicht ins Klare hatte kommen konnen; er ſuchte daher irgend einen Zuſammenhang, half ſich dabei aber, wie er konnte, und ſo halfen ſich dann auch ſeine Nachſchreiber; ſ. Arnold Kirchengeſchichte S. 144. Acta Bo- russ. B. II. S. 622 u. a. Baczko B. J. S. 212 ſah hier ſchon etwas richtiger, als ſeine Vorgaͤnger. Eine Urkunde bewies ihm, daß nicht Heidenreich von Kulm, ſondern der Biſchof Albert von Luͤbeck jener Erzbiſchof geweſen ſey. Weiter ging er indeſſen in die Sache nicht ein, und ſie ward ſo ganz vergeſſen, daß Kotze⸗ bue in ſeiner Geſchichte Preuſſens ihrer nicht einmal weiter er⸗ waͤhnt. Hennig konnte bei der Herausgabe des Lucas David nicht umhin, den Gegenſtand B. III. S. 28 wieder zur Sprache zu bringen; allein ſtatt einer gruͤndlichen kritiſchen Unterſuchung trat er mit der leichtfertigen, flachen Behauptung auf: die Ur⸗
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Ueber die vormalige Erzbiſchoͤfliche Würde in Preuſſen. 667 kunde, in welcher der Papſt Innocenz den Erzbiſchof uͤber Preuſ⸗ ſen ernenne, moͤge unaͤcht ſeyn, ſo wie die ganze Sache von ei⸗ nem in Preuſſen geweſenen Erzbisthum verdächtig ſey; wahr⸗ ſcheinlich ſey ſie ein Machwerk eines Kulmiſchen Geiſtlichen, um das Kulmiſche Bisthum der Jurisdiction des Rigaiſchen Erzbis⸗ thums zu entziehen. Den Hauptbeweis fuͤr die Unaͤchtheit der Bulle und fuͤr die Erdichtung der ganzen Sache fand Hennig darin, daß kein Preuſſiſcher Biſchof vorher Erzbiſchof von Armagh geweſen ſey. So that er die Sache kurz und leichtfertig ab, wie⸗ wohl ihm bei der Herausgabe des Lucas David alle nur wuͤn⸗ ſchenswerthe Quellen zu Gebote ſtanden, um hier, wie uͤberall, mit mehr Gruͤndlichkeit und kritiſcher Forſchung zu verfahren. Die Sache hat aber unbezweifelt eine weit größere Wichtige keit fuͤr den Zuſammenhang der Geſchichte des Landes und fuͤr das rechte Verſtaͤndniß der nachfolgenden Ereigniſſe, als man ihr bisher gegeben hat; und die pragmatiſche Entwickelung man⸗ cher Verhaͤltniſſe des Landes gewinnt durch ſie viel zu ſehr an Klarheit und Zuſammenhang, als daß ſie hier nicht naͤher beleuchtet, das Irrige getrennt und das Wahre feſter begruͤndet und buͤndi⸗ ger bewieſen werden muͤßte. Ein Kulmiſches Erzbisthum hat allerdings in Preuſſen nie beſtanden, und Hennig kaͤmpft alſo hier gegen eine Sache, deren Nichteriſtenz zu zeigen ihm eine leichte Mühe hätte ſeyn koͤnnen. Unter den Chroniſten kennt ein ſolches nur Lucas Da⸗ vid allein; aber die Art ſchon, wie er ſich daruͤber auslaͤßt, be⸗ weiſet nur zu klar, daß ſein Kulmiſches Erzbisthum einzig aus Mißverſtaͤndniß der Bulle entſtanden war, welche er ſogleich S. 29 — 30 mittheilt. Er bezog naͤmlich dieſe Urkunde, ohne in ihr ſelbſt auch nur den mindeſten Grund dazu zu finden, auf den Bi⸗ ſchof Heidenreich von Kulm. Warum auch Hennig dieſer irrigen Meinung nachging, iſt nicht abzuſehen. Der Kulmiſche Erzbi⸗ ſchof machte ihn indeſſen doch etwas bedenklich, und um ihn los zu werden, war es allerdings das leichteſte Mittel, mit der Miene des Kritikers die Urkunde Überhaupt für unaͤcht zu erklaͤren, und durch welchen Beweis? — Weil es keinen Kulmiſchen Erzbi⸗ ſchof jemals gegeben hat, ſo iſt die Bulle unaͤcht! Die ganze Sache erhält ihr noͤthiges Licht und die erwähnte Urkunde ihre richtige Anwendung, wenn wir Folgendes näher be⸗ ruͤckſichtigen. Wir erinnern uns, daß der Erzbiſchof von Bremen bei dem Tode des Biſchofs Albert von Riga den Scholaſticus des Stiftes zu Bremen Albert zum Biſchofe in Riga zu erheben ſuchte, waͤhrend das Rigaiſche Kapitel aus feiner Mitte den Stiftsherrn Nicolaus von Magdeburg als Alberts Nachfolger er⸗ kor, welcher vom Papſte auch die Beſtaͤtigung erhielt. Vielleicht
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668 Ueber die vormalige Erzbiſchöͤfliche Würde in Preuffen. um ſich dem Erzbiſchofe von Bremen gefaͤllig zu zeigen, ernannte Gregorius jenen Scholaſticus Albert zum Erzhiſchof von Ar⸗ magh in Irland. Wir erſehen dieſes aus “Albert. Stadens. ap. Schiller p. 306, wo es beim J. 1229 alſo heißt: Albertus Li- voniensis Episcopus obüt. EI Bremensis Ecclesia iure suo potita, Magistrum Albertum, Bremensem Scholasticum, in Episcopum elegit, qui postea factus est Primas in Hy ber- nia etc. Gruber Orig. Livon. p. 183. Dieſes Amt verwaltete Albert bis zum Jahre 1244, wo ihn der Papſt davon entband, wie dieſer in der Bulle bei Lucas David B. III. S. 30 ſelbſt ſagt. Albert kehrte aus Irland zuruͤck und weil nun damals ge⸗ rade der Biſchof Johannes von Luͤbeck geſtorben war und die dortigen Domherren ſich uͤber die Wahl des neuen Biſchofs nicht vereinigen konnten, fo beſtellte der Papſt jenen Albert zum einſt⸗ weiligen Verweſer des Luͤbeckiſchen Bisthums. Ilerniaun. Corner. ap. kecard. T. II. p. 887 ſagt hierüber: Frater Johannes (l.ecior Ordinis Minorum) non est electus stalim post mor- tem praedicti Johannis Episcopi defuncli, sed post sex inte- gros annos, in quibus Canonici concordare non poterant in sua electione, uno non favente alteri honorem, primo est electus dictus Frater in Antistitem dictae Ecclesiae. In- terim aulem Dominus Albertus Episcopus Rigensis lutor exlitit Ecclesiae Lubicensis, residens in hoc loco. Biſchof von Luͤbeck ſcheint hienach Albert eigentlich nie geweſen zu ſeyn; daher ihm auch weder der Papſt, noch er ſelbſt ſich dieſen Titel beilegt. Jener nennt ihn nur lratrem nostrum quondam Ar- machanum Archiepiscopum in der Bulle bei Lucas Da vid B. III. S. 29, Raynald. an. 1246 Nr. 28. Er ſelbſt giebt ſich bloß die Amtsbezeichnung Minister Ecclesiae Lubicensis; fo in der Urkunde bei Gruber Orig. Livon. silva Document. Nr. 33 p. 259; fo auch in einer Urkunde vom Jahre 1251, deren Ori⸗ ginal im geh. Archive Schiebl. XLL Nr. 5 liegt, und fo auch noch im Jahre 1253 in der Urkunde bei Arndt Livl. Chron. B. II. S. 52. Nur in der Eidesformel bei Lindenbrog Script. Septembr. p. 173 wird er Episcopus Lubicensis genannt. Auf dieſen Albert nun, welcher wirklich Erzbiſchof von Ar⸗ magh geweſen und um dieſe Zeit Verweſer des Bisthums Luͤbeck war, bezieht ſich jene Urkunde bei Lucas David B. III. S. 29, durch welche ihn der Papſt zum Erzbiſchof uͤber Preuſſen, Livland und Eſthland ernannte. Die Aechtheit dieſer Bulle wird außer allem Zweifel liegen, ſobald durch andere vollguͤltige Zeug⸗ niſſe nachzuweiſen iſt, daß dieſer Albert wirklich in dieſer Zeit die Wuͤrde eines Erzbiſchofs uͤber die erwähnten Länder gehabt hat. Als ſolchen aber bezeichnet ihn erſtens der Papſt ſelbſt in mehren
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Ueber die vormalige Erzbiſchoͤfliche Würde in Preuſſen. 669 ihn betreffenden Bullen. In der einen bei Gruber J. c. Nr. 57 p. 277 nennt er ihn im Jahre 1246 venerabilem fratrem no- strum, Archiepiscopum Prussiae et Estoniae, Apostolicae Sedis Legatum; in einer andern vom Jahre 1247 Archiepisco- pum Prussiac, Livoniae el Estoniae, indem er ihm als Legaten eine Gefandtſchaft nach Rußland auftraͤgt. In dieſen beiden Bullen alfo ertheilt der Papſt ihm den naͤmlichen Titel, welchen er ihm in jener Bulle bei Lucas David im Jahre 1245 verliehen hatte; Raynald, ann. 1246 Nr. 29. ann. 1247 Nr. 28. Wir finden ferner in einem Bullenverzeichniſſe im geh. Archive Schiebl. 17 Nr. 30 mehrer Bullen erwaͤhnt, in welchen Albert auch als Erzbiſchof von Preuffen erwähnt if. So wird eine mit den Worten bezeichnet: Archiepiscopo Prutie etc. ut fratres ho- spitalis eie. congruis honoribus supportemus mandamus ut unum ex fratribus cessante — — uni diocesi Prutie prefi- cias in episcopum; eine andere mit folgenden Worten: Archie- piscopo Livonie et Prutie ac Rigensi et Curoniensi episco- pis et Magistro et fratribus scte marie theut. super confir- matione composicionis facte inter ipsos per episcopum Al- banensem. Die Würde eines Erzbiſchofs von Preuſſen, Livland und Eſthland legt ſich aber zweitens Albert in ſeinen Urkunden auch ſelbſt bei. Zwar ſteht in der Eidesformel bei Gruber J. c. Nr. 59 p. 278 nur: Albertus, Lubicensis Episcopus, Livoniae, Estoniae ei Prussiae Apostolicae Sedis Legatus; allein es iſt in der Eidesformel ſelbſt doch auch von feiner Sedes Archiepis- copalis in (provinciis) nostrae Legationi commissis die Rede, und ohnedieß hat es ſicherlich mit dieſer Formel eine eigene Be⸗ wandtniß. Vgl. Westpliulen Monumenta inedita T. I. p- 1307. In einer Urkunde vom Jahre 1249, deren Original im geh. Archive Schiebl. XII. Nr. 1 und der Abdruck bei Baczko B. I. S. 259 — 260 zu finden iſt, nennt ſich Albert: Alber- tus miseratione divina Archiepiscopus Prucie et Lyvonie, apostolice sedis legatus: in einer andern dagegen vom Jahre 1251, deren Original gleichfalls das geh. Archiv Schiebl. XLI. Nr. 5 verwahrt, giebt er ſich den Titel: A. miseratione divina Archiepiscopus I.yvonie, Estonie el Prutie, Minister Eecle- sie Lubicensis, eben fo wie bei Arndt B. II. S. 52. In ei⸗ ner dritten Urkunde heißt er wieder nur: Albertus Archiepisco- pus Livonie et Pruscie und der Rath von Luͤbeck bezeichnet ihn nur mit dem einfachen Titel: A. archiepiscopus Pruscie. Die eine von jenen Urkunden des Erzbiſchofs iſt außerdem inſofern merkwuͤrdig, weil fein erzbiſchoͤflliches Siegel daran noch er⸗ halten iſt: in der Mitte naͤmlich das Bild des Erzbiſchofs (aber
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670 Ueber die vormalige Erzbiſchoͤfliche Würde in Preuffen. ſchon beſchaͤdigt), auf beiden Seiten in hohen Spitzbogen zwei hohe Kreuze haltende männliche Figuren, uͤber deren einer ein umgeſtuͤrztes Waſſergefaͤß, woraus Waſſer fließt; fie hat die Un⸗ terſchrift Prus cia; unter der andern dagegen ſteht der Name Li- vonı2. Nach diefen Beweiſen iſt nun wohl kein Zweifel mehr mög- lich, daß der ehemalige Erzbiſchof von Armagh und Verweſer des Bisthums Luͤbeck die Wuͤrde eines Erzbiſchofs von Preuſſen gehabt habe. Iſt aber dieſes ganz ſicher, ſo iſt nicht der min⸗ deſte Grund vorhanden, die paͤpſtliche Bulle bei Lucas Da vid B. III. S. 29 auf irgend jemand anders, als auf ihn zu beziehen oder fie ſogar für unaͤcht und für ein Machwerk eines Kulmiſchen Geiſtlichen zu erklaͤren. Wenn es alſo auch nie ein Preuſſiſches Erzbisthum gegeben hat, ſo gab es einſt doch unbezweifelt einen Erzbiſchof von Preuſſen.
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Beilage Ne V. — Discretus vir Michael Ebrardi venerabilis et religiosi fralris Ulrici Isenhoeffen dicli ordinis magni commendato- ris Secretärius, Magnifici principis et domini, domini Ludo- wici de Erlichsshwsen prefati ordinis beate marie domus Theutonicorum Ihrlmitan. Magistri generalis ac ordinis sui procurator et sindicus prout de mandato procurationis et sindieatus huiusmodi nobis per litteras prefati domini ma- gistri generalis eius vero sigillo sigillatas plenam fecit fidem personaliter in nostri constitutus presencia quasdam litteras concordie inter venerabiles ei religiosos fratres II vicem- gerentem, H. marschalkum ordinis beate marie domus theo- tonicorum Irlmitan. totumque conventum in Balga celeros- que fratres ordinis eiusdem ex una, et inter neophitas pru- sie ex altera partibus occasione quarundem gravium discor- diarum inter ipsas partes exortarum, per venerabilem virum dominum Jacobum Archidyaconum Leodiensem Cappella- num olim sanclissimi in cristo palris et domini nostri do- mini Innocencii pape quarti ag ipsius in polonia prussia et pomerania vicesgerentem de anno domini M. CC. XLVIIII. ad partes prussie transmissum tractate ſacte et concluse quatuor sigillis de cera rubea in cordulis sericeis rubei co- loris impendentibus sigillatis, Quorum sigillorum primum ſuil oblongum, in cuius medio ymago sacerdotis sacris ve- stibus induti et quasi in divinis ante altare stantis calicem- que in manibus tenentis, quam circumdabaut hee littere + E — — S. IACOBI DE TCIS ARCHID. LEODIEN. DNI. PP. CA- PELLI. Secundum vero sigillum fuit rotundum in cuius medio forma infantuli iacentis in presepio ad cuius caput ymago beate virginis, ad pedes vero ymago Joseph, super presepe vero duum animalium capita videlicet bovis et asini et in circumferentia hee littere + SIGIL. CONVENTVS FRATRVM PRVCIE. Tercium eciam erat rotundum in quo
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672 Urkunde des Friedensvertrags vom J. 1249. ſorma equi, super quem ymago hominis ad pectus clipeum, et in manu dextra hastam extensam cum bannerio quasi ad preliandum gestantis et in ipsius sigilli circumferencia hee littere + MARSCALCI PRVCIE. Quartum iterum erat ro- tundum ymaginem salvatoris in eius medio et has litteras circumferenciales T S. SERVI IHV XPI continens prout prima lacie videbatur apparebant. Cuius littere tenor sic incipit: Universis presentes litteras inspecturis fratres H. vicemagister H. mareschalkus totus conventus in balga ce- terique ſratres ordinis domus beate marie theotonicorum in prussia salutem in actore salutis. noverit universitas etc. — (Hier folgt der Anfang der Urkunde, wie man ihn nur mit wenigen Abaͤnderungen in der Form bei Dreger findet. Darauf wird unter den Worten „ et sic finit“ Folgendes als der Schluß der Urkunde angegeben: In quorum omnium memoriam et testimonium quia vir religiosus fraler Theodericus magister noster presens non erat in prussia presentes litteras sigillis nostris et sigillo n. episcopi et Archidiaconi predictorum ad peticionem predictorum neophitorum fecimus roborari. Actum in cristibore Anno domini Me. CC°. XLVIIIL sep- timo Idus Februarii. © 4 Biälieieka m 3 = . 0 [7 2 ee 6