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Geſchichte Preuſſens, von den aͤlteſten Zeiten . Tek bis r zum Untergange der Herrſchaft des Deutſch von Johannes Voigt. Sechſter Band. Die Zeit des Hochmeiſters Konrad von Jungin— gen, von 1393 bis 1407. Verfaſſung des Ordens und des Landes. ——— Koͤnigs berg, im Verlage der Gebrüder Borntraͤger. 1834.
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Vorrede. Die Vorrede des fuͤnften Bandes verſprach, dem Leſer eine Darſtellung der Verfaſſung und Verwaltung ſowohl des Ordens als des Landes in dieſem Bande entgegenzu⸗ bringen. Sie nimmt die ganze zweite Haͤlfte deſſelben ein und iſt aus Gruͤnden, die jeder leicht ſelbſt findet, mit derjenigen Ausfuͤhrlichkeit gegeben, welche der ganzen An⸗ lage dieſes Werkes angemeſſen ſchien. Das Muͤhſame und Schwierige in der Forſchung, was ſich beim Mangel aller Vorarbeiten in den bisherigen geſchichtlichen Werken uͤber Preuſſen bei der Behandlung der verſchiedenartigen Ge⸗ genſtände in manchfacher Ark entgegenſtellte, iſt die Ur⸗ ſache, daß dieſer Band erſt zwei Jahre nach Erſcheinung des fuͤnften hat nachfolgen konnen. Es mußten mehre Tauſende von Urkunden der verſchiedenſten Gattung gele⸗ ſen, oft wieder geleſen und in ihrem Inhalte verglichen werden, um ſichere Reſultate zu gewinnen und die Einzeln⸗ heiten unter allgemeine Geſichtspunkte zu bringen, denn Chroniken und Annalen geben bekanntlich uͤber das innere Verwaltungs- und Verfaſſungsweſen ſelten den erwuͤnſch⸗ ten Aufſchluß. Allein ſo muͤhſam auch der Fleiß geweſen iſt, um für die verſchiedenen Gegenſtaͤnde das zerſtreute Einzelne zuſammenzufinden und zu einem Ganzen zu ver⸗ einen, ſo ſehe ich doch ſelbſt voraus, daß nicht jeder Ab⸗ ſchnitt jeden Leſer gleichmaͤßig befriedigen und anziehen wird. Auch mich hat — darf ich in Beziehung auf man⸗ chen Abſchnitt mit Raumer (Hohenſtaufen B. V. Vor⸗ rede S. IX) ſagen — nicht die Hoffnung auf Beifall zu
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v1 Vorrede. dieſer Arbeit vermocht oder dabei unterſtuͤtzt, ſondern al⸗ lein der Glaube vorwaͤrts getrieben, ſie ſey nothwendig und unerlaͤßlich. Das Zeugniß indeſſen darf ich mir ohne Ruhm wohl ſelbſt ſtellen, daß in der Behandlung der ein⸗ zelnen Gegenſtaͤnde nach Gruͤndlichkeit geſtrebt worden und ein feſter und ficherer Grund gelegt iſt, auf welchem ſpaͤ⸗ tere Forſcher den weitern Ausbau fortfuͤhren koͤnnen. In Ruͤckſicht der Zeit umfaßt dieſer Band nur die Regierung des Hochmeiſters Konrad von Jungingen, wel⸗ che mit Recht die Bluͤthenzeit der Ordensherrſchaft heißen darf. Obgleich er nach der fruͤheren Anlage die Geſchichte des Landes bis zur Schlacht von Tannenberg enthalten ſollte, ſo haben mich doch Gründe bewogen, die Gefchichte des Hochmeiſters Ulrich von Jungingen erſt in den fichen- ten Band mit aufzunehmen, der wie der achte und letzte Band hoffentlich in kuͤrzeren Zwiſchenraͤumen erſcheinen wird, womit ich zugleich die Anfragen erledige, die hie und da uͤber die Beendigung des ganzen Werkes gethan worden ſind. Schließlich wird um Entſchuldigung gebeten, daß das fuͤr dieſen Band beſtimmte Titelkupfer erſt mit dem ſiebenten Bande nachgeliefert werden kann. Koͤnigsberg, am 11. April 1834. Johannes Voigt.
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In hal Kapitel 1. Der Hochmeiſter Konrad von Jungingen Innere Landesverhältniffe e Ausgleichung des Streites mit Riga Kriegsreiſe nach Litt hauen Landesgeſet eg Staͤdtiſche Willkuͤhren Kriegsreiſe nach Litthauegngn . Belagerung von Wilna Verhandlungen mit Danemark und Meklenburg Verhandlungen mit den Herzogen von Pommern Streit gegen das Erzbisthum Rigg Verhandlungen mit Witowwo + + * . Verhandlungen mit dem Herzoge von Oppeln Verhäͤltniſſe mit Polen und dem Roͤmiſchen Könige Streit mit dem Biſchofe von Dorpat Verhandlungen mit Margaretha von Daͤnemark Saͤuberung der Se Verhandlungen mit den Nachbarfuͤrſten Verhaͤltniſſe mit Polen und Litthauen +
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VIII Inhalt. Verhandlungen mit Witowwo 2 0 2 0° Suͤhne mit dem Biſchofe von Dorpat - = 2 2. Klage wider Polen auf dem Reichstage Verhandlungen wegen Dobr ins. Verhaͤltniſſe mit Witowd und dem Könige von Polen Friedensverhandlung mit Wit Friedensſchluß mit Wit ow Bemühungen zur Vertilgung der Seeraͤubeer Eroberung Gothlands durch den Orden Bekaͤmpfung der Vitalienbruͤde ru Streit wegen Gothlanddd e Verpfaͤndung Gothlands an den Orden Verhaͤltniſſe zwiſchen Preuſſen und Daͤnemark . Friedensſchluß mit Daͤnemae k Verhaͤltniſſe der Hanſeſtäaͤd tie Handelsverhaͤltniſſe mit Flandern Bernſtein handel Handelsverhaͤltniſſe mit England? E * Dt et Rußland EE 5 * Polen „„ „„ „„ „% „ „6 „„ Binnenb ande!!! ——?k Entſtehung der Eidechſen-Geſellſchaftt Q Adeliger Ritterſta d Unguͤnſtige Ereigniſſe im Lande Ereigniſſe in den Bisthuͤmern Preuſſen s? Verhaͤltniſſe des Ordens zu den deutſchen Fuͤrſten Kapitel II. Semovit von Maſoviennn en 0... Kriegszuͤge nach Samaiten . Witowees Niere Verhaͤltniſſe des Ordens zum Koͤnige von Polen Streit wegen Goth land Paͤpſtliche Begünſtigunge ns Kriegsreiſe nach Samaitee nn Erſte Unterwerfung der Samaitteen Seite 67 76 78 82 84 93 98 102 107 112 115 116 119 125 128 131 134 137 441 143 145 147 151 153 155 159 165 166 168 170 176 180 182 185
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Inhalt. IX Witowd's Gemahlin in Preuſſe n 187 Pilgerfahrten in Preuſſen ern enen. 189 Taufe der Samaiten nn 191 Witowd's Verrätherei am r 183 Berhältniffe des Ordens zum Könige von Polen . 197 Streithaͤndel wegen Gothlannndd ner. 207 Biſchoͤfliche Verhaͤltniſſe in Ermland 210 — — im Kulmerla nnd 212 Kriegsreiſen nach Litt haun 21 Buͤndniß mit Switrigalll ner 216 Verhaͤltniſſe zum Könige von Polenn — zu Ata iR Kriegsreiſe nach Littauen. 226 Witowd's neue Umtriebt e 223 Der falſche Prinz von Dänemark in Preuſſen 230 Streit um Goth lan: 231 Ankauf der Neumark 238 Kriegshaͤndel in Litth aun 238 Rechtfertigung gegen den König von Polen 242 Verhandlungen mit Witoddd :e: 246 Der Orden und der Papſtt . 250 Friedlicher Anſtand mit Polen. 253 Ereigniſſe auf Gothlan t 254 Verhaͤltniſſe mit den Nachbarfuͤrſten rt Streit wegen der Neumark 257 Kriegsereigniſſe auf Gothla nnd 260 Friedensverhandlungen mit Polen und Witoww b 265 Friedensſchluß zu Naczans mit Polen und Litthauen + «+ 267 Friedensverhandlungen mit Witewwd „292 Streit in Pommee nnn 5 275 — — der Rumal. 0 een „276 Anfang des Streites wegen Drieſen Streit mit dem Erzbiſchofe von Riga „„ a el — — — Biſchofe von Leſlau „ eee Ackerbau und Handdeununu er. 284 Handelsverhältniſſe mit England 286 + u ie 277 * + +
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X Inhalt. Handelsverhaͤltniſſe mit Holland und Flandern Vitalienbruͤder und Seeraͤuber in der Oſt- und Nordſee Handelsverhaͤltniſſe mit den Skandinaviſchen Reichen — Polen Binnenhandel Kapitel III. Kriegsunternehmungen gegen Samaiten nebergabe Dobrins an den König von Polen Anterwerfung der Samaiten Streitigkeiten in der Neumark Verhandlungen mit Ulrich von der Oſt wegen Drieſen Verhandlungen wegen Gothland .. Die Peſt in Preuſſen Streit um Drieſen Raubweſen der Neumark Verhältniſſe in Samaiten Streit um Gothlandz e Mißverhaͤltniſſe mit Pommern . . * . . . — — — Böhmen und Schleſien . * . . Der Erzbiſchof von Sulthanien in Preuffen Neues Mißverhaͤltniß mit dem Könige von Polen * * Des Hochmeiſters Konrad von Jungingen Tod Konrad von Jungingen in feinen Tugenden Konrads von Jungingen Landesverwaltung Kunſtliebe Vergnuͤgungen — — — * * . * „* Es * . Konrad von Jungingen als Oberhaupt des Ordens Kapitel IV. Verfaſſung des Ordens. I. Der Hochmeiſter II. Das Ordens⸗ Kapiteln III. Großämter des Ordens IV. Die Großſchaͤffer des Ordens V. Die Komthure und Hausbeamten . * * . . .
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Inhalt. VI. Geiſtliche Konventsbruͤdee ee... VII. Lebensweiſe und Hausordnung der Ordensbrüder VIII. Haus: Kapitel und Strafgeſezz e IX. Mitbrüder, Halbbruder, Halbſchweſtern, dienende Bruͤ⸗ der des Ordens Kapitel v. Landesverwaltung und Landesverfaffung » - Der Hochmeiſter als Landesfuͤrſftt ee + Die oberſten Gebietiger als Verwaltungsraͤt he Die Komthure als Bezirksverwa ltere Der Stand des Adels. Landes ritter — — — Koͤlm ers — — der Freilehensleul e Bauern und Hinterſaſſeꝶꝶ . Gärtner und Beuteneeeeeeeeu Kr Der Stand der Burger... Rechtsverfaſſung des Landereees Das Kulmiſche oder Deutſche Recht Das Magdeburgiſche Rechte Das Freilehensrecht. Preuſſiſche Recheetetetetet: Das Polniſche Recht . Das Luͤbeckiſche Rechte:: Kapitel VI. Regalien des Ordens. Oberſte Gerichtsbarkeit Bergwerksre cit.... Bernſteinmonopo !! t Das Regal der Gewaͤſſee eee. Fiſchereirechhht:!:„Wkͤů Muͤhlenrechtztee oe ern e Regal der Forſten, Jagdrecht und Bienenzut . . . + Das Markt: und Handelsrecht Geldabgaben an den Orden Naturallieferungen an die Landesherrſchaft «+
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XI Inhalt. Seite Dienſtverpflichtungen und bäuerlihe Leiſtungen . 666 Verpflichtung zum Kriegsdienſte 674 ang, 5688 Kapitel VII. Staͤdtiſches Gemeinweſe n 699 Dörflihes Gemeinweſendn an Kirchen n 79 Kloſterweſen FFF
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Erſtes Kapitel. Nach wenigen Tagen, als man den Hochmeiſter Konrad von Wallenrod in der Sanct = Annengruft des Haupthauſes zur Erde beſtattet, traten die oberſten Gebietiger zur Be⸗ rathung theils uͤber die Leitung der Verwaltung bis zu des neuen Meiſters Wahl, theils über den Fortgang der mit meh⸗ ren fremden Fuͤrſten angeknuͤpften Verhandlungen, zuſammen. Die einftweilige Landesverweſung ward einſtimmig dem Groß⸗ komthur Wilhelm von Helfenſtein zuerkannt, dem es zu⸗ gleich oblag, die vornehmſten Gebietiger in Deutſchland und Livland von des Meiſters Hinſcheiden zu benachrichtigen und ſie zur neuen Wahlverſammlung einzuladen.) Was in den auswaͤrtigen Verhaͤltniſſen nur unter des Hochmeiſters eige⸗ ner oberſten Leitung beſchloſſen werden konnte, ward ſpaͤte⸗ rer Entſcheidung uͤberlaſſen, fo die Verhandlungen, zu wel- chen die Königin von Dänemark ihren Bevollmächtigten geſandt hatte, der heimkehrend ſeiner Gebieterin vom Groß⸗ komthur nur die Trauerbotſchaft von des Hochmeiſters Tod uͤberbringen konnte.) Den mit den Fuͤrſten Witowd und 1) Lucas David, B. VIII. S. 1. 2) S. oben B. V. S. 644. Schreiben des Großkomthurs an die Königin, dat. Marienburg erastino s. Annae 1393 im Regiſtr. p. 107. Die Verhandlungen betrafen wahrſcheinlich Gothland. Als urſa⸗ che ihrer Hemmung fügt der Großkomthur hinzu: propter quod et nos, ex quo superior noster non super est, quid ad premissa respondere debeamus, nescimus, causa nobis huiusmodi pro ma- xima parte incognita existente. VI. 1
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2 Der HM. Konrad r. Jungingen AS). 1. Shirgal zur Auslöfung der Gefangenen auf Marid Him⸗ melfahrt aufgenommenen Tag, glaubte man jedoch ſchon um deren unglücklichen Schickſals willen nicht aufſchieben zu dürfen. Deshalb begab ſich der Ordensmarſchall Werner von Tettingen in Begleitung mehrer Gebietiger um die be⸗ ſtimmte Zeit in die Gegend der Dobiſſa, wo die Auswech⸗ ſelung der Gefangenen, die zum Theil acht bis zehn Jahre im fremden Lande in ſchwerer Knechtſchaft geſcufzt, nach des Koͤniges von Polen ſtrenger Anordnung erfolgte, denn auch hier wieder bekundete er darin ſeine fortdauernd feindliche Ge⸗ ſinnung, daß er befohlen, es ſolle nur Mann gegen Mann frei gegeben werden, alſo daß vier litthauiſche Herzoge, die der Orden gefangen hielt, gegen vier Ordensritter geſtellt werden mußten.) Da war mittlerweile Graf Eberhard der Fuͤnfte von Wir⸗ temberg, der Juͤngere genannt,?) mit einer großen Schaar von Rittern, Knechten und andern Kriegsgaͤſten zur Heiden⸗ fahrt ins Land gekommen, und der Marſchall war kaum zu⸗ ruͤckgekehrt, als er an der Spitze der Wehrmannſchaft der Nie⸗ derlande mit des Grafen Heerhaufen unter den Fahnen S. Georgs und der heil. Jungfrau, die wuͤſte Wildniß des Grau⸗ den-Waldes nicht ohne große Beſchwerden durchbrechend, dem heidniſchen Lande entgegenzog. Voran eine Withings⸗Schaar 1) Lindenblatt S. 93. Alte Preuß. Chron. p. 43. wo es über des Koͤniges Anordnungen heißt: Jagal hatte den ezwen (Witowd und Shirgal) dy Loſunge zo herte bevolen czu halden, daz man IIII herczo⸗ ge, die der orden gevangen hilt, muſte geben vor IIII herren des or⸗ dens. Das totin ſy dorumme, daz dem orden loſunge ſulde gebrechen und ſy lenger in gevengnis mochte halden; idoch worden ſy alle los. 2) Wigand p. 303 nennt ihn blos dominus de Wyrtenberg, ebenſo Lindenblatt a. a. O. Da Graf Eberhard III. oder der Grci⸗ ner ſchon im März 1392 geſtorben war, fo könnte hier nur Eberhard IV, der Aeltere oder Milde, jenes Enkel, oder deſſen Sohn Eberhard V oder der Züngere gemeint ſeyn; das Letztere iſt darum wahrſcheinlicher, weil Eberhard IV die Regentſchaft erſt feit einem Jahre angetreten hatte und zur Zeit vielfach in kriegeriſche Verhältniſſe verwickelt war; ſ. Pfiſter Geſchichte von Schwaben B. II. Abth. II. Abſchn. III. S. 207.
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Innere Sandesverhältniffe (1393). 3 aus Ragnit und die Wehrleute aus dem Gebiete Inſterburg ſtuͤrmte das Streitheer, vom Feinde unvermuthet, in die Lande von Pomedien und Roſſiena ein; mehre Tage ward mit Feuer und Schwert furchtbar geheert, gemordet und geraubt, und als das altgewohnte blutige Werk des Heidenmordes vollbracht war, fuͤhrte man ſechshundert Gefangene, achthundert ge⸗ raubte Roſſe und eine große Heerde Viehes in die Heimat zu⸗ ruͤck.) Aber die Samaiten uͤbten Rache; unerwartet brach ein ſtarker Streithaufe bis an die Burg Memel vor, brannte die Stadt ab und die eben neuerbauten Bergfrieden ganz auf und verſuchte ſolches auch dreimal an der Burg, ſo daß ſie kaum gerettet werden konnte. Sechzig ihrer Vertheidiger und einen Ordensritter hatte der Feind erſchlagen und eine reiche Beute hinweggefuͤhrt. ) Es war in den letzten Tagen des Novembers, als die oberſten Gebietiger und der Meiſter von Livland Wennemar von Bruͤggenoye auf dem Haupthauſe Marienburg ſich zur Kuͤr des neuen Hochmeiſters verſammelten. Nach mancherlei Berathungen über des Landes und des Ordens Lage und Be⸗ duͤrfniß fielen die Wahlſtimmen einmuͤthig auf den bisherigen Ordenstreßler, den edlen Konrad von Jungingen, denn allen ſchien er der wuͤrdigſte zu dem hohen Amte. Das Alter ſeines Stammhauſes ging in fruͤhe Zeiten zuruͤck. Wenn man vom Staͤdtlein Hechingen in Schwaben auf der Heerſtraße nach Gamertingen zog, prangte am Ufer des Starzel-Fluſſes auf einer Hoͤhe eine ſchoͤne Burg; dort hauſte ſchon ſeit langer Zeit das edle Geſchlecht der Jungingen, und von dort kam einſt auch Rudolf von Jungingen, der im J. 1080 im glaͤnzenden 1) Wigand 1. c. am vollſtändigſten; nach ihm hatte dominus Jo- hannes Nidecker Franeigena (aus dem Geſchlechte von Neideck in Franken) die Ehre, die S. Georgs⸗Fahne zu tragen. Mit Linden blatt a. a. O. ſtimmt in der Zahl der Gefangenen die alte Preuſſ. Chron. p. 43 überein; Wigand zählt nur 400. 2) Lindenblatt bemerkt, daß dieſer Sturm auf Memel vor Gallf 10. Oktob.) erfolgt ſey. 1*
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4 Innere Landesverhaͤltniſſe (4393). Turniere zu Augsburg eine Lanze brach.“ Auf der Hoͤhe ſeines Ruhmes aber ſtand der Name Jungingens, als gegen Ende dieſes Jahrhunderts nicht bloß in Deutſchland Wolf von Jungingen, der im Streite bei Reutlingen im Heere Graf Eberhards des Greiners fiel, und ein anderer Wolf von Jungingen nebſt Leonhard von Jungingen weit umher als die ehrenwertheſten Ritter galten, ſondern auch im Deutſchen Orden zu Preußen die Bruͤder Konrad und Ulrich von Jun⸗ gingen durch Verwaltung wichtiger Aemter in hoher Achtung ſtanden und ſich allgemeines Vertrauen erworben; denn nach⸗ dem früher Konrad einige Zeit die Stelle eines Hauskomthurs zu Oſterode bekleidet, war ihm dritthalb Jahre das ſchwie⸗ rige Treßleramt anvertraut geweſen und aus dieſem ward er jetzt am dreißigſten November unmittelbar zur hochmeiſterlichen Wuͤrde erhoben.) Es war ohne Beiſpiel, daß ein Ordens⸗ ritter, der ſo wenige Aemter und auf ſo kurze Zeit verwaltet, zu dem hohen Amte des Meiſterthums emporgeſtiegen war. Als daher Graf Albrecht von Schwarzburg, zur Zeit Komthur des Hauſes Schwez, einſtmals gefragt ward: was man an Konrad von Jungingen Vorzuͤgliches erſehen, daß man ihn, der nie zuvor mehre merkliche Aemter bekleidet, vor allen an⸗ dern Gebietigern einmuͤthig zum Meiſter erkoren habe? gab er 4) Briefliche Mittheilung, nach welcher die letzten bekannten Jun⸗ gingen im J. 1439 auf dem Turnier zu Landshut erſcheinen und dann noch einmal im Turnier zu Stuttgart im J. 1489. Hell bach Adels⸗ Lexicon B. I. S. 625. Die Familie war mit der von Hohenfels ver⸗ wandt, wie ein Brief Balthers von Hohenfels an ſeinen Vetter, den Hochmeiſter Konrad von Jungingen ausweiſet; geh. Arch. Schiebl. LXIX. nr. 88. 2) Chron. German. ap. Pistor. T. II. p. 902. Naueler. Chro- nogr. p. 1020. 3) Dumont Corp. diplom. T. II. P. I. p. 234. 4) Urk. im geh. Archiv. 5) Als Tag ſeiner Wahl wird bei Lindenblatt S. 94 der An⸗ dreas⸗Tag, 30. Novemb. genannt; das Jahr 1394, welches Bachem S. 38 und De Wal Histoire de lO. T. IV. p. 140 angeben, iſt un⸗ richtig; letzterer läßt ihn das Amt ſogar erſt 1395 antreten.
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Innere Landesverhaͤltniſſe (1393). 5 zur Antwort: das weiß Gott, daß nichts an ihm erfehen ward, als ſein ehrbares und redliches Leben, das er alle Tage ge⸗ fuͤhrt.) In der That iſt unter denen, die von ihm reden, nur Eine Stimme uͤber die Tugend ſeines Wandels und ſeines Characters; alle ruͤhmen die ſtrenge Zucht ſeiner Sitten, die Reinheit ſeiner Gedanken, die Froͤmmigkeit, Milde und Guͤte ſeiner Geſinnung, das Friedſame, Leutſelige und Herablaſſende ſeines ganzen Weſens gegen Freund und Feind, die Weisheit und Vorſicht in ſeinen Handlungen, die Geduld und Nach⸗ ſicht gegen die Gebrechen Anderer, ſelbſt ſeiner Ordensbruͤder, fogar wenn muthwilliger Scherz und tadelnde Aeußerungen über feine eigene Perſoͤnlichkeit laut geworden waren; alle ſtimmen uͤberein, wenn ſie von der Offenheit ſeiner Rede und Geſinnungen, ſeines Wollens und Handelns, von der Be⸗ ſtimmtheit und Feſtigkeit feiner Verheißungen und von, den Biederſinn und Wohlwollen gegen alle feine Untergebängen ſprechen.“ Fuͤrwahr, feit langen Zeiten hatte ſich im Orden der reine Adel menſchlicher Tugend und Geſinnung nicht ſo gel⸗ tend gemacht, als bei der Wahl Konrads von Jungingen, und ſeine Demuth und das Beſcheidene ſeines Weſens machen es wohl glaubhaft, daß er das gewichtvolle Amt nur ungern übernommen habe. ) Selbſt in ſeinem Aeußeren, in ſeiner maͤnnlichkraͤftigen Geſtalt, im hohen Anſtande feines Körpers und in der Milde und Freundlichkeit ſeines Blickes ſprach ſich der Adel ſeines Geiſtes alſo maͤchtig aus, daß niemand ihm nahete, der nicht volle Liebe und Vertrauen zu ihm faßte.“ 1) Alte Preuß. Chron. p. 44. 2) Alte Preuß. Chron. p. 44, woraus Lucas David B. VIII. S. 2 ſchöpfte; Lindenblatt S. 180; Dusburg Supplem. c. 31. Ordenschron. bei Matthaeus T. V. p. 783. Das Chron. Oli. p. 7I. rühmt den Hochmeiſter als vir mansuetudine, pietate, castitate et elementia etiam in hostes praecipuus. Schütz p. 90. ef. De Wal T. IV. p. 141. 3) Schütz J. e. und nach ihm Duellius p. 38. ) Die Ordenschron. bei Matthaeus 1. c. ſagt von ihm: Oy was cen wael geſtalt man van genſicht. So wie hem ſach, of myt hem ſprack, die hadde gratie ende mynn to hem; cbenſo Lucas David a. a. O.
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6 Innere Landesverhaͤltniſſe (1393). Konrad, kein Freund neuer Ordnungen, wenn ſie ihm durch den Drang der Verhaͤltniſſe nicht als nothwendig geboten wurden, ließ die meiſten der oberſten Gebietiger forthin in ih⸗ ren bisherigen Aemtern, Wilhelm von Helfenſtein als Groß⸗ komthur, Werner von Tettingen, Nachfolger Engelhards Nabe, als Ordensmarſchall, Siegfried Walpot von Baſſen⸗ heim als oberſten Spittler und Johann von Beffart als ober- ſten Trapier. Mit dem erledigten Amte des Ordenstreßlers ward der bisherige Komthur zu Golub Friederich von Wenden bekleidet und das kurz zuvor durch den Tod Siegfrieds von Venningen erledigte Amt des Deutſchmeiſters uͤbertrug man in demſelben Wahlkapitel dem Ordensritter Johann v. Ketze. 2) Mit dem Gedanken zur Aufrechthaltung des Friedens im Lande hatte Konrad die Meiſterwuͤrde uͤbernommen und er hielt ihn feſt durch ſein ganzes Leben hindurch. Er bot daher auch jetzt alle Mittel auf, um ſich die Geſinnungen der Fürs ſten von nahe und fern geneigt zu machen; er erfreute nicht loß den Roͤmiſchen Koͤnig und mehre Kurfuͤrſten und Fuͤrſten 1) S. oben B. V. S. 637. Fuͤr Engelhard Rabe, jetzt Komthur von Thorn und zugleich Landkomthur von Kulm, von dem die Nachricht ſich verbreitet, er ſey durch Neid und Haß aus ſeiner fruͤhern Wuͤrde ver⸗ drängt worden, kamen jetzt der König von England und der Herzog von Lankaſter beim HM. mit der Fuͤrbitte ein, den verdienten Mann wieder in ein höheres Amt zu ſetzen. Der HM. antwortet: Ewir groſmechtikeit ſchribet, wie das derſelbe Eng. Rabe were von unferm vorfarn von des Marſchalks Ampte, das her trug, durch nyet und has entſetzet, mit was gemüte das geſchen iſt, das wiſſen wir eigentlich nicht, und das wirt dicke nyet adir unrecht geloybit von den undirtanen, das mit guter Ordenunge der vornunft wirt von irem Obirſten getan. Das Schreiben im geh. Arch. Schiebl. XXXII. nr. 1. 2) Nach Lindenblatt S. 94 war Johann von Ketze bisher Komthur von Lothringen; eine Urk. bei Jaeger Cod. diplom. ord. Teut. vom J. 1392, nennt Konraden von Baldersheim als Landkomthur von Lothringen. Siegfried von Venningen kann daher nicht, wie Bachem S. 34 angiebt, erſt im J. 1395 geſtorben ſeyn. Die letzte Urkunde von ihm bei Jaeger 1. c. ift datirt am S. Maria Magdalenen Tage (22. Juli) 1393, die erſte feines Nachfolgers Konrad von Ketze feria sexta proxima post festum purificat. Marie 1394.
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Ausgleichung des Streites mit Riga (1398). 7 Deutſchlands durch das beliebte Geſchenk von Jagdfalken und Federſpiel und empfahl ſich ihrer Gunſt und Freundſchaft,“) ſondern er ſuchte auch den Koͤnig von Polen durch mancherlei Ehrengaben zu friedlicheren und freundlichen Geſinnungen zu bewegen, e denn er ſah klar ein, daß ein offener Kampf mit dem Koͤnige, ſelbſt bei allem Gluͤcke der Ordenswaffen, nur mit nachtheiligen Folgen fuͤr ſeines Landes Wohl verbun⸗ den ſeyn werde. Auf die Gunſt des Papſtes konnte der Mei⸗ ſter ganz ſicher rechnen, denn Bonifacius hatte ihm ſo eben einen Beweis davon gegeben, der kaum einen Wunſch mehr uͤbrig ließ. Der alte Erzbiſchof von Riga naͤmlich, mit dem der Koͤnig von Polen, wie wir fruͤher ſahen, in ſo gefaͤhrlichem Einverſtaͤndniſſe ſtand, war vom Papſte, — was der Sach⸗ walter des Ordens am paͤpſtlichen Hofe laͤngſt erzielt! — ſeines Amtes in Livland entlaſſen worden, um die ihm uͤber⸗ tragene Wuͤrde eines Patriarchen von Alexandrien anzuneh⸗ men, und der Meiſter von Livland hatte ſeine Ruͤckkehr vom Wahlkapitel noch nicht angetreten, als der neuernannte Erz⸗ biſchof von Riga Johannes von Wallenrod, des verſtorbenen Hochmeiſters Vetter, von Rom her auf dem Haupthauſe Marienburg eintraf und dort, wie der Papſt beſtimmt hat- te, unter vielen Feierlichkeiten als Ordensbruder in den Or⸗ den eingekleidet wurde.“ Dieß war der erſte Schritt, durch welchen Bonifacius fuͤr folgende Zeiten die Ruhe und Ein⸗ tracht zwiſchen dem Orden und der Rigaiſchen Geiſtlichkeit mehr geſichert zu haben glaubte. Den zweiten that er bald 1) S. das Verzeichniß im Regiſtrant. P. 1. (Der von jetzt an ange⸗ fuhrte Negiſtrant ift der des HM. Konrad von Jungingen Nr. II.) 2) Alte Preuß. Chron. p. 44: Gar manherhande wege vant er als mit ſendeboten, mit gaben, mit beten (Bitten), mit fruntſchaft, mit fruͤntlichen irbiten ken den konig von Polen of daz her den orden yn frede mochte behalden. ) S. darüber oben B. V. S. 634. 4) Lindenblatt S. 94. Detmar Chron. B. I. S. 360. Bru⸗ ki ki verſtorbenen Hochmeiſters war Johann von Wallenrod keineswegs, wie Arndt Lirländ. Chron. p. 115 annimmt.
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8 Innere Landesverhaͤltniſſe (4393). darauf in einer Bulle, in welcher er es gut hieß, daß der Livlaͤndiſche Meiſter, als der Erzbiſchof und mehre Dom⸗ herren die Kirche zu Riga verlaſſend ſich in entfernte Lan⸗ de begeben, die erzbiſchoͤflichen Gebiete, Staͤdte und Burgen in bewaffnete Bewachung genommen und beſetzt habe, da— mit ſie nicht in die Haͤnde der Heiden oder anderer Feinde der Kirche fallen moͤchten. Zugleich verzieh der Papſt den Ordensrittern die an den Geiſtlichen veruͤbten Vergehungen, weil ſie nicht aus Habſucht hervorgegangen ſeyen, der Or⸗ den ſie bereue und uͤberdieß verſprochen habe, die Einkuͤnfte der Rigaiſchen Kirche waͤhrend dieſer Zeit, im Betrage von 11,500 Goldgulden, nach Abzug der Koſten fuͤr Beſetzung und Bewachung der Güter an die paͤpſtliche Kammer zu zahlen,“ von welcher Summe auch wirklich im März des Jahres 1394 fuͤnftauſend Goldgulden bereits entrichtet wa⸗ ren.?) Das Wichtigſte aber war ohne Zweifel des Pap⸗ ſtes Befehl, daß von jetzt an niemand mehr zu einer Dom⸗ ſtifts⸗ Stelle oder irgend einem Amte der Rigaiſchen Kirche zugelaſſen werden ſolle, der nicht zuvor als Bruder in den Deutſchen Orden aufgenommen ſey, das Geluͤbde des Or— dens foͤrmlich abgelegt habe, und daß uͤberhaupt das Rigai⸗ ſche Domſtift nicht mehr wie bisher ein Auguſtiner-, ſondern fortan ein Deutſches Ordens-Stift ſeyn ſolle, denn trat 1) An einen Verkauf der Stadt Riga, wie Theodor. de Niem de schismate L. II. c. XVI die Sache nimmt, iſt nicht zu denken. 2) Origin. der paͤpſtlichen Bulle, dat. Nome apud S. Petrum VI Idus Marcii p. n. a. quinto (10. März 1394) im geh. Arch. Schiebl. VIII. nr. I. Daß die Einkuͤnfte des Erzbisthums mehr als 11,500 Goldgulden betrugen, liegt ganz klar in den Worten: Man- damus, quatinus fructus, redditus et proventus predictos, qui deductis expensis huiusmodi, prout veridiea informacione didi- eimus, ad summam undecim Milium et Quingentorum floren, auri de Camera ascendunt, etc. Außer den ſchon eingezahlten 5000 Goldgulden befiehlt der Papſt bis nächſten Novemb. noch 6500 Gulden an die paͤpſtliche Kammer zu zahlen. Arndt Th. II. S. 114 und Gade buſch Liol. Jahrb. B. I. S. 508 haben die Sache mißverſtan⸗ denz vgl. Kotzebue B. III. S. 330.
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Ausgleichung des Streites mit Riga (1394). 9 dieſe Verordnung wirklich ins Leben, ſo erlitt nothwendig das Intereſſe der Domherren in allen Beziehungen einen gänzlichen Umſchlag und das Domſtift zu Riga erhielt dann zum Orden dieſelbige Stellung, wig das Kulmiſche, Pome⸗ ſaniſche und Samlaͤndiſche in Deeufen, eine Stellung, die, wie wir früher ſahen, für den Orden in aller Weife höchft wichtig war. Als offenes Bekenntniß ihres Geluͤbdes, gebot der Papſt ferner, ſollten die Domherren auch das Deutſche Ordenskleid tragen!) und damit das Domflift forthin ſtets nur aus ſolchen Maͤnnern beſtehe, durch deren Eifer und Thaͤtigkeit der Kirche in geiſtlichen „ wie in weltlichen Din⸗ gen wahrer Nutzen zuwachſe, ward beſtimmt, daß forthin jeglicher Domherr dieſer Kirche vom Livlaͤndiſchen Meiſter auf dieſelbe Art ernannt und beſtaͤtigt werden ſolle, wie bei den Domſtiften in Preuſſen durch den Hochmeiſter.) Go- nach lag die Beſetzung des Erzſtiftes völlig in den Händen des Ordens und es ließ ſich jetzt daſſelbe friedliche und freundliche Einverſtaͤndniß zwiſchen den Rigaiſchen Kapitels⸗ Geiſtlichen und dem Orden erwarten, wie es in Preuſſen 1) Die paͤpſtliche Bulle, dat. wie die vorerwäͤhnte, in zwei Trans⸗ ſumten vom J. 1415 und 1428 Schicbl. VIII. nr. 2. Der Papſt ſagt, er habe dieſe Anordnung getroffen motu proprio, non ad ali- cuius nubis super hoc oblate petitionis instantiam, sed de no- stra mera liberalitate. Der nachmals fo wichtig werdende Punkt über die Ordenskleidung heißt: quod postquam omnes Canonici prefate ecclesie neenon prepositus et decanus predieti aliique dignitates seu personatus vel oflicia obtinentes in eadem vel saltem maior pars eorum huiusmodi regularem professionem emiserunt ecele- sia ipsa extunc non sancti Augustini, sed b. Marie Teut. Ordi- nis censeatur et perpetuo nuncupetur et quod Canonici et alii dignitates, personatus vel oſſicia in dieta ecclesia obtenturi ha- bitum fratrum dicti Hospitalis gestare teneantur. Theodor. de Niem 1. c. 2) Die paͤpſtliche Bulle, dat. Rome XIII Cal. April. p. n. a. quinto in einem Transſumt Schiebl. VIII. nr. 2. Was in Bray Essai critique sur histoire de la Livonie T. I. p. 208 über die Streitſache wegen des Erzbisth. Riga geſagt wird, iſt ſehr dürftig und nicht einmal überall richtig.
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10 Innere Landesverhaͤltniſſe (1395). unter gleichen Verhaͤltniſſen Statt fand. Um jedoch einer Seits dieſe neue, fuͤr den Orden hoͤchſt wichtige Anordnung durch die Dauer zuerſt einige Feſtigkeit gewinnen zu laſſen, und anderer Seits die, noch in Deutſchland umherirrenden widerſtrebenden Domherren von Riga entweder zum Gehor⸗ ſam gegen den neuen Erzbiſchof zu bringen oder doch zum Schweigen zu zwingen und dadurch zu ermuͤden, hob der Papſt die Unterſuchung und Entſcheidung der noch obwalten⸗ den Streitſache vom Maͤrz des Jahres 1394 bis auf ein Jahr auf, hoffend, den Streit in ſolcher Weiſe leichter be⸗ ſeitigen zu koͤnnen, und wiederholte dieſen Aufſchub nach Jahresverlauf abermals.) Weil nun der Erzbiſchof dem Papſte ſelbſt den Wunſch vorgelegt, ſich mit dem Orden uͤber die wegen der Burgen und Guͤter des Domſtiftes und der Stadt Riga noch unerledigten Streitfragen auf eine freundliche und friedliche Weiſe vereinigen zu wollen, und uͤberdieß verſprochen hatte, wegen des veruͤbten Unrechtes und begangener Gewaltthaͤtigkeiten nie wieder eine Klage oder Forderung zu erheben, ſo word der Hochmeiſter durch eine beſondere Bulle von dem Erſcheinen vor dem paͤpſtli⸗ chen Stuhle entbunden.) Der Streit indeſſen wachte ſpaͤ⸗ ter von neuem auf. Mittlerweile hatte im Beginn dieſes Jahres die An⸗ kunft fremder Kriegsgaͤſte die Waffen des Ordens abermals in Bewegung geſetzt, denn aus Deutſchland hatte ein Graf von Leiningen, aus England ein Herzog von Betfort und aus Frankreich ein angeſehener tapferer Ritter neue kriegs luſtige Schaaren herbeigefuͤhrt, mit denen der Ordensmar⸗ ſchall, durch die Wehrmannſchaft der Staͤdte und der Nie⸗ 1) Beide Bullen in einem Transſ. vom J. 1415 Schiebl. VIII. nr. 4. Vgl. Bergmann Magazin fir Rußlands Geſchichte B. I. H. 2. S. 260 — 2. 2) Original der paͤpſtlichen Bulle, dat. Anagni Idus Jun. p. n. a. quinto (13. Jun. 1394) Schicbl. VIII. ur. 8. 3) Wigand. p. 303 nennt den Engländer Bekvort, wahrſchein⸗ lich ein Schreibfehler ſtatt Bet fort.
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Kriegsreiſe nach Litthauen (1392). 11 derlande verſtaͤrkt, zur Heidenfahrt auszog. Die Kriegsreiſe ging bei einer uͤberaus ſtrengen WinterfälteD an Garthen (Grodno) vorüber zunaͤchſt gegen Klein-Naugarthen (No⸗ vogrodek) oſtwaͤrts von der Memel, wo die Bewohner, von des Feindes Anzug benachrichtigt, die dortige Burg aufgebrannt und ſich in die Waldungen gefluͤchtet hatten; ſofort ſich nordweſtlich hin gegen die Burg Lyda wendend fand der Marſchall auch dieſe in einen wuͤſten Aſchenhaufen verwandelt. Zwei andere Burgen Merken und Drogezin wurden erſtuͤrmt und niedergebrannt; ihre Bewohner gefan⸗ gen genommen. Vierzehn Tage hatte bereits das Heer überall heerend und alles vernichtend die Lande weit und breit durchzogen und 2200 Gefangene, 1400 Roſſe, eine große Heerde Viehes und andern Raub zuſammengetrieben; da drohte ein gleiches Schickſal auch dem Gebiete von Sal⸗ ſeniken, als ploͤtzlich eintretendes Thauwetter, welches kaum noch den Uebergang uͤber die Memel geſtattete, zur Ruͤck⸗ kehr nach Preuſſen zwang.) 1) Wigand 1. c. Hamsfort Chron. ap. Langebeck T. I. p. 318. Nach der Angabe des Kriegsbuchs von Elbing erfolgte der Aus⸗ zug am Tage Vigilia Epiphan. und dauerte 5 Wochen und 3 Tage. Lindenblatt S. 94 ſetzt ihn ſogleich in den Anfang des J. 1394. Diugoss. L. X p. 141. 2) Ligand. I. c. Lindenblatt a. a. O. Alte Preuſſ. Chron. p. 44. In geographiſcher Hinſicht finden ſich einige Schwierigkeiten. Ueber die Burgen Naugarthen und Lyda iſt kein Zweifel. Wenn ſich das Heer von Lyda aber nach Merken wandte, wie Wigand ſagt, „con- vertentes se in Merken, quod eciam a paganis est exustum, (c fo darf hiebei keineswegs an das oſtlich von Novogrodeck liegende Mir ge⸗ dacht werden, denn die Wegeverzeichniffe weiſen aufs deutlichſte aus, daß Merken (welches der Name einer Burg und eines Fluſſes war) oſtlich von der Memel zu ſuchen iſt, wo jetzt die Namen Marzikanzy, Merct⸗ ſchanka und Mergeſchery auf die alte Lage von Merken hinweiſen, denn nach den erwähnten Verzeichniſſen kann es nur in dieſer Gegend gelegen haben. Zweifelhafte noch iſt die Lage von Drogezin; daß an das früher erwahnte — a am Bug nicht zu denken ſey, iſt von ſelbſt klar. Auch Oeretſchin dſtlich vom Selwa⸗Fluß iſt ſchwerlich gemeint, denn außer der Verſchiedenheit des Namens liegt es auch zu weit ſuͤdlich, wo⸗
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12 Innere Landes verhaͤltniſſe (1399. Der Hochmeiſter, ſchon vor ſeiner Meiſterwahl wenig theilnehmend an dem wuͤſten Heidenkampfe, war auch jetzt während dieſer Heerfahrt daheim mit Gegenſtaͤnden der in⸗ nern Verwaltung beſchaͤftigt, weil es ihn jederzeit weit mehr anſprach, in friedlicher Stille der Wohlfahrt ſeiner Unter⸗ thanen und ſeines Landes gedeihlichem Aufbluͤhen ſeine gan⸗ ze Kraft zu widmen, als mit dem Schwerte ſich Lorbeeren auf den blutigen Feldern des Feindes zu ſuchen. Das Er⸗ ſte, dem er ſeine Sorgfalt zuwandte, war ein Werk from⸗ mer Barmherzigkeit und Milde, gleich als wolle er hiemit ſogleich im erſten Beginne ſeines Waltens feiner landes vaͤ⸗ terlichen Thaͤtigkeit das Gepraͤge feines ganzen innern We⸗ ſens geben; es betraf die Erweiterung und Begünſtigung des ſ. g. Elenden⸗Hofes oder des Armen = Hospitals zu S. Eliſabeth in Danzig, einer Anſtalt, die jährlich vielen Hun⸗ derten von Kranken, Armen und Huͤlfsbeduͤrftigen Unter- halt in den Beduͤrfniſſen des Lebens und Troſt und innere Beruhigung dem beladenen Gemuͤthe bot. „Es iſt ein gu⸗ tes Werk,“ ſagt der Meiſter wie aus dem Innern ſeiner Seele, „es iſt eine ſchoͤne Tugend und eins der ſechs Wer⸗ ke der Barmherzigkeit, Pilgrime gerne zu herbergen, und die Tugend wird um ſo loͤblicher und verdienſtlicher, je mehr man ſie zu Gottes Dienſt anwendet, was um ſo mehr ge⸗ ſchieht, wenn man die Elenden, Kranken und Siechen, die nichts Eigenes in dieſer Welt haben, herberget, labet, trö⸗ ſtet und zu Raſt und Ruhe bringt; und da wir uns nun hin der Heereszug nicht ging. Nach den Chroniſten muͤßte es in der Ge⸗ gend von Merken gelegen haben und hier ſcheint der Name des Dorfes Trakiſchki auf feine Lage hinzudeuten. Wigand erwähnt bald nachher eines Landes Droytzen, welches wohl das nämliche iſt; Dlugoss. p. 141 nennt das Gebiet terram Drohiezensem. Salſeniken iſt Soleſch⸗ niki, ſuͤdlich von Wilna. Das ganze Gebiet, worin dieſe Orte lagen, nennen die Chroniſten „Ruſſen“ und Wigand ſagt: nec ante un- quam ab aliquo marschalko tam distans reysa fuit attemptata, womit Dlugoss. I. c. übereinftimmt. Kojalowicz p. 41 — 42 ſetzt den Kriegszug erſt in den Winter von 1394 — 1395; ebenſo Dlugoss. Vgl. Lucas David B. VIII. S. 17.
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Landesgeſetze (139). 13 zu dieſem heiligen Orden, der auf ein Spital den Elenden und Kranken zu einer Herberge gebauet und erfunden iſt, wie ſchon fein loͤblicher Titel eines Hoſpitals von Jeruſalem beweiſet, mit gutem Willen begeben haben und ihm nun auch von Gottes Gnade und Schickung und nicht aus eige— nem Verdienſte als Haupt und Oberſter vorſtehen, ſo ſind wir auch um ſo mehr verpflichtet, ſeinen heiligen Namen zu loben und unſerer lieben Frauen zu Ehren, mit deren Namen er gezieret iſt, zu verbreiten und zu mehren.“ Mit dieſen frommen Geſinnungen nahm Konrad die wohlthaͤtige Anſtalt in feinen beſondern Schirm, vermehrte ihre Einkuͤnf⸗ te, verlieh ihr mehre Vorrechte und Freiheiten, ließ ihr eine eigene Kapelle erbauen und ſtellte ſie in allen ihren Ver⸗ haͤltniſſen und Beduͤrfniſſen unter die beſondere Obhut und Vormundſchaft des Komthurs von Danzig.) Mit gleichem Eifer nahm er ſich bald hierauf auch des Hospitals des heil. Geiftes zu Königsberg an.“) Zu gleicher Zeit wandte Konrad auch manchen andern wichtigen Gegenſtaͤnden der Landesverwaltung ſeine rege Thaͤtigkeit zu. Preuſſen war bald nach des vorigen Mei⸗ ſters Tod von einem ſchweren Ungluͤck heimgeſucht. Mehr⸗ mals hatten gewaltige Ungewitter und faſt beiſpiellos hefti⸗ ge Regenguͤſſe die Fluͤſſe des Landes mit ſolchen Waſſer⸗ maſſen angefuͤllt, daß weit und breit die Saaten uͤber⸗ ſchwemmt, Muͤhlen und ganze Doͤrfer weggeriſſen, die Weichſel- und Nogatdaͤmme durchbrochen und die Niederun⸗ gen, ſo weit das Auge reichte, mit Waſſer uͤberzogen wor⸗ den waren. Der wilde Weichſel-Strom hatte mit furcht- barer Gewalt in der Umgegend von Graudenz mehre Sand⸗ berge hinweggeſchwemmt und die Sandmaſſen in die Nogat 1) Es ſpricht aus dieſer Verleihung ein fo ſchoner Geiſt der Milde und Güte in Konrads Gefinnungen, daß hier diefe Einzelnheit allerdings mehr Bedeutung gewinnt, als ſie ſonſt haben duͤrfte. Die Urkunde dar⸗ uͤber in einer gleichzeitigen Abſchrift, dat. Marienb. am Sonnt. Remi⸗ niscere 1394 Schiebl. XLI nr. 4. 2) Lucas David B. VIII. S. 11 — 16.
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14 Innere Landesverbältniffe (1394). und das friſche Haff mit ſich fortgeriſſen, ſo daß der Aus⸗ ſtroͤmung in das Haff ſich große Sandlagen entgegenſtellten und bei einem bald darauf eintretenden heftigen Orkan aus Norden, der der Ergießung des friſchen Haffs entgegenwirf- te, das bisherige Tief bei Lochſtaͤtt ſich ganz mit Sand an⸗ fuͤllte und die Waſſermaſſe des Haffs weiter weſtwaͤrts auf der friſchen Nehring bei Roſenberg ein neues Tief durch⸗ brach, um ſich in die See zu ergießen.) Der Hochmeiſter, raſtlos thaͤtig, um den weitern Folgen dieſes Ungluͤckes vor⸗ zubeugen, bereiſte im Februar dieſes Jahres den ganzen Weichſel-Strom von Danzig bis nach Graudenz hinauf, wo zwiſchen dieſer Stadt und Marienwerder das ganze Ne— brauiſche Werder eine große Waſſerflaͤche bildete, und traf uͤberall fuͤr die Befeſtigung und Sicherheit der Daͤmme, wie gegen das weitere Eindringen der Gewaͤſſer in das Land die zweckmaͤßigſten Anſtalten. e) 1) Die aͤlteſte Quelle dieſer Nachricht uͤber die Verſandung des Tiefs bei Lochſtätt im J. 1393 oder 1394 iſt freilich nur Simon Gru⸗ nau Tr. XIV. c. 1. 5. 2. und aus ihm haben fie Lucas David B. VIII. S. 21, Schütz. p. 89, Leo p. 181 und Henneberger p. 22. S. Bock Naturgeſchichte von Preuſſ. B. I. S. 689. Es bleibt immer auffallend und macht die Zeitangabe wenigſtens etwas zweifelhaft, daß die Zeitgenoſſen Wigand und Lindenblatt von dem Ereigniſſe nichts erzählen. Was die Zeit noch mehr ins Ungewiſſe ſtellt, ift der Umſtand, daß Simon Grunau Tr. XI. c. 2. ſchon in den Jahren 1308 und 4309 dreimal große Stürme im Lande wuͤthen laͤßt und damals ſchon erzählt: „in dieſen Stuͤrmen erfuͤllete ſich das ſchone Tief bei dem Schloſſe Lochſtädt und ein anderes riß aus gegen dem Schloſſe Balga über und Braunsberg.“ Was die Sache jedoch einigermaßen fuͤr dieſe Zeit glaubhaft macht, iſt die in nachſtehender Anmerkung erwähnte Urkunde, welche von Befeſtigung der Daͤmme in dieſer Zeit ſpricht. 2) Daß ſich der HM. im Februar 1394 längs der Weichſel befand, geht aus Urkunden hervor, beſonders aus einer, dat. CErudenz in vi- Silia purificat. 1394, worin der HM. ſich mit dem Biſchofe Johannes von Pomceſanien darüber vereinigt, wie die Dorfbewohner von Wolz, nördlich von Graudenz, es kuͤnftig mit der Erhaltung und Sicherung der Weichſeldaͤmme in ihrer Gegend halten ſollen. Der HM. ſchreibt den Bewohnern zwockmaͤßige Anſtalten vor, wie die Dämme in der Fol⸗
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Landesgeſetze (1392). 15 Noch allgemeinere Wichtigkeit hatten die Geſetze und Landesordnungen, durch deren Aufſtellung ſich Konrad ſchon in den erſten Jahren ſeines Waltens hohe Ver⸗ dienſte um des Landes innere Ruhe und die Wohlfahrt ſeiner Unterthauen erwarb. Des hohen Berufes ſich be— wußt, der dem Landesfuͤrſten als Geſetzgeber ſeines Vol⸗ kes obliegt, kam er den Bitten und Wuͤnſchen der Rit⸗ ter und Knechte, der Buͤrger und Landbewohner um Ab⸗ huͤlfe mancher im Lande eingewurzelten Mißbraͤuche und Gebrechen bereitwillig entgegen. Es erwarte indeß keiner aus dieſer Zeit auch nur in irgend einer Art ein gewiſ⸗ ſes Syſtem in der Geſetzgebung oder auch ſonſt nur in: neren Zuſammenhang in den Einzelnheiten der Landes⸗ ordnung; vielmehr es waren nur einzelne Geſetze, aus dem Leben gefloſſen und fir das Leben beſtimmt, wie es einmal war, aus den Beduͤrfniſſen des Volkes hervorge⸗ gangen und von den Verhaͤltniſſen der Zeit gefordert, darum aber für ihre Zeit auch zweckmaͤßig und paſſend. Eines Theils betrafen fie nur oͤrtliche Verhaͤltniſſe im Zunftweſen der Handwerker und im Verhalten der Dienſt⸗ boten. Andern Theils griffen ſie tiefer ins moraliſche Leben des Volkes ein. Im Kulmerland und im Kulmi⸗ ſchen und Pomeſaniſchen Biſchofstheile mußte fuͤr die Hand⸗ werksknechte das ſchon fruͤher erwaͤhnte Geſetz in Be⸗ treff eines regelmäßigen Lebenswandels und geordneten Dienſtes erneuert,) auch nähere Beſtimmungen über ihre Dienſtzeit und über das Verhalten der Meiſter gegen ſie gegeben werden. Verſammlungen der Dienſtboten zu Trink⸗ gelagen oder irgend andern Zwecken wurden auſs neue bei ſchwerer Strafe verboten. > Vornehmlich fand der ge am beſten in Stand gehalten werden konnten. Dic Urk. in Privileg. Capit. Pomesan. p. XXXVIII. 1) S. daruͤber B. V. S. 404. 20 Es heißt z. B. Eyn iklich meyſter ſal ſynem knechte Redelich⸗ keit thun, breche her doran, her Tal ſyner bruͤche nicht wiſſen. —
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16 Innere Landesverhaͤltniſſe (1394). Hochmeiſter nothwendig, das ſittliche Verhalten beider Ge⸗ ſchlechter durch ſtrengere Geſetze zu regeln. Es ward verordnet: wofern eine Frau oder Jungfrau ſich mit ei⸗ nem Manne verlobt ohne Eintracht, Rath und Willen ihrer Aeltern oder vier ihrer naͤchſten Verwandten von Dater= oder Mutterſeite oder ihres Vormundes, oder wo⸗ fern ſie ſich willig entfuͤhren laͤßt, ſo ſollen ihre Naͤch⸗ ſten ſich ihres Gutes unterwinden, gleich als wenn ſie todt ſey. Wer eine Frau oder Jungfrau gewaltſam ent⸗ fuͤhrt, deſſen Habe und Gut, ſowie aller derer Eigen⸗ thum, die ihm behuͤlflich geweſen und mit ihm entflohen ſind, ſoll der Herrſchaft verfallen ſeyn; als fuͤr todt er⸗ klaͤrt und ewig aus dem Lande verbannt ſollen ſie nichts mehr erben koͤnnen. Wer wieder im Lande gefunden wird, ſoll enthauptet werden und wer als Mitgehuͤlfe zum Verbrechen bezuͤchtigt ſich der Anklage entledigen will, muß ſeine Unſchuld ſammt ſieben ebenbuͤrtigen Eid⸗ buͤrgen beſchwoͤren. Wer eine Jungfrau entfuͤhrt, ſoll nie ihr Eigenthum erhalten; ihre naͤchſten Erben bemaͤch⸗ tigen ſich deſſen, gleich als wenn ſie todt ſey. Kommt eine wider Willen entjührte Frau bei ihres Mannes Lex ben in das Land wieder zuruͤck, fo ſollen ihr ihre Freun⸗ de von ihrer Habe nichts mehr geben als die bloße Lei⸗ besnahrung und nach des Mannes Tod geblirt ihr nur die Halfte des vorhandenen Nachlaſſes. Mit dem Vers fuͤhrer erzeugte Kinder haben kein Recht zu ihrer Aeltern oder Anverwandten Gut und Eigenthum, ſondern ſollen ewig das Land meiden.“ — Es ward ferner als Ge— Vortmer allen Dinſtboten, welchirleye ſy ſynt, di umb lon dynen oder uf gnade, den ſy abegelegit alle Samenunge, alſo das ſy keynirleye trank kowfen ſullin in irre Samelunge zu trinken das vor. Welch wirt das geſtatet, das man in ſynem huſe ſulche ſatzunge oder Samelunge macht, dem fal man ſyn howpt abhowen. 1) So weit erwähnt diefer ſ. g. Landesordnung in wenigen Sätzen auch Lindenblatt S. 95, fügt aber zuletzt hinzu: „und ap den ſelbin ymant tot flüge, der ſulde is blibin ane wandel unde buſe“, eine
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Landesgeſetze (1394). 17 feß verordnet: es ſolle fortan niemand mehr, weder Nit: ter noch Knecht, im Lande zu Berathungen und Berich⸗ tungen mit mehr als zehn Pferden reiten, nicht eigen⸗ willig Verſammlungen anordnen oder mit Armbruſt und andern Waffen im Lande umherreiſen bei Leib und Gut. Zu ſtrengerer policeilicher Sicherheit wurde beſtimmt, daß jeder Wirth den bei ihm einkehrenden fremden Gaſt ſo⸗ fort dem Buͤrgermeiſter anmelden ſolle; finde dieſer den Fremdling nach Rede und Antwort unredlich, ſo ſolle er ihn gefangen ſetzen bis zu guter Ausweiſung. Es ſolle kein Pilgrim im Lande mehr umherwandern, der nicht ein Zeichen ſeines Herrn führe, welcher ihn kenne und unter dem er wohnhaft ſey. Niemand ſolle in Bettlers⸗ weiſe forthin weiter wandern, als in dem Kirchſpiele, wo er bekannt ſey. — Für die Goldarbeiter diente die Ver⸗ ordnung, daß jeder ſeine Arbeit nicht bloß mit ſeinem, ſondern auch der Stadt Zeichen verſehe und alles, was anders als mit wirklichem Golde vergoldet ſey, wegge— nommen und in einer Kirche oder eines Kloſters Nutzen verwendet werde; daß ferner jeder des Gewerkes das eid⸗ liche Verſprechen gebe, er wolle niemals Kandesmünze und überhaupt nicht mehr Silber ſchmelzen, als er zur Ars beit noͤthig habe.) — Solche und ähnliche Anordnun⸗ —— Beſtimmung, die wir in der aufbehaltenen alten Abſchrift dieſer Geſetze (im geh. Arch.) nicht finden. Auch in den Tagſatzungen der Hanſe⸗ ſtadte zu Marienburg iſt mehrmals von dieſen Verordnungen die Rede; ſ. Hanſcat. Receſſ. No. II. p. 284 — 285. 1) Nur dieſes ſind die Anordnungen und Geſetze, die wirklich in dieſe Zeit, in die J. 1394 und 1395 gehören. Wir finden fie nicht nur in einer gleichzeitigen Abſchrift im geh. Arch. mit der Angabe: „Dieſe willekör iſt obireyn getragin in dem iare 1394 an S. Jorgintage, und Actum an. 1395 in die Ascension. dni“, ſondern es wird ihrer auch in den Hanſcat. Receſſ. No. III. p. 201. 303. No. II. p. 242 gedacht. Die gewöhnlich in diefe Zeit geſetzte ſ. g. Landordnung (ſ. Lin den⸗ blatt S. 95 Anmerk.) muß jede etwas genauere Kritik ohne allen Zweifel interpolirt ſinden. Simon Grunau, der ſo oft Altes und VI. 2 0 [3 8 a 8 er 8 Dihlisteks 7 = —
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18 Staͤdtiſche Willführen (1394). gen aber traf der Hochmeifter nicht etwa nur mit Rath und Einſtimmung ſeiner Gebietiger, ſondern er berief hie⸗ bei, um ſtets des Landes wahren Beduͤrfniſſen zu genuͤ⸗ gen, gewoͤhnlich zuvor die Vorſtaͤnde der wichtigſten Staͤdte und die angeſehenſten Landesritter zur Berathung, nicht ſelten es den ſtaͤdtiſchen Magiſtraten uͤberlaſſend, zu bes urtheilen, wiefern die geſaßten Willkuͤhren in ihren Ges meinden anzuwenden ſeyen.) Jedes Jahr wurden fie neu in Erinnerung gebracht. Wenn aber ſchon dieſe und aͤhnliche fruͤher erwaͤhnte Anordnungen und Beſtimmungen über die ſtaͤdtiſchen Vers Neueres, Wahres und Erdichtetes zuſammenwirft, iſt die Urquelle dieſer bei Baczko B. II. S. 379 — 382 vollſtaͤndig abgedruckten Geſetz⸗ ſammlung. Daß der Mönch auch hier wieder in einzelnes ihm vorlie⸗ gende Wahre Erdichtetes eimmiſcht, beweifet 1) ſchon die unrichtige Anz gabe, daß dieſe Geſetze am Tage Andrei Apoft, 1404 (2) in einem Kapitel zu Marienburg gegeben ſeven; 2) enthält ſogleich das erſte Ge⸗ ſetz: „Es ſolle fortmehr im Lande zu Preuſſen niemand zu Biſchof er⸗ wählt und gemacht werden, er ſey denn ein Bruder oder eine Perſon des Deutſch. Ordens, denn das hätte ihnen gegeben Innocenz VII.“ eine Ungereimtheit, denn eine ſolche paͤpſtliche Verleihung war nicht nur ziemlich unnuͤtz, ſondern konnte auch, wenn fie gegeben wäre, am FT. Andrea (30 Nov.) ſchwerlich ſchon in Preuſſen ſeyn, da Innocenz erſt am 11 Nov. 1404 als Papſt gekrönt wurde. 3) Gehört das zweite Geſetz, daß hinfort kein Komthur in Preuſſen mehr Pferde zu ſeinem Sattel folgend haben ſolle als hundert (2), ganz und gar nicht in eine Landordnung, ſondern in die Ordensſtatuten, wo es auch ſtehen wuͤrde, wenn es je gegeben waͤre. Auf gleiche Weiſe ließe ſich auch an mehren andern Geſetzen die Unächtheit nachweiſen, denn nur einige davon ſind wirklich aus dieſer Zeit. Aus Simon Grunau ſind ſie in Lucas David B. VIII. S. 102 und Schutz p. 97 übergegangen, in wel⸗ chem letztern man fie jedoch merklich verändert findet. 1) Daher ſagt der HM. gewohnlich bei Bekanntmachung ſolcher Geſetze: Wir haben obireyn getragin mit unſern eldiſten ſteten u. ſ. w., oder: Wir ſint durch etlichir ſache willen mit den gebitegern und den Eldiſten unſer Stete zu Rate worden u. ſ. w. Daß man die weitere Berathung auch den einzelnen ſtädtiſchen Magiſtraten uͤberließ, beweiſen Beiſpiele in den Hanſcat. Receſſ.
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Staͤdtiſche Willführen (139%). 19 hältniffe im Ganzen als Zeugniſſe von dem immer reger gefühlten Beduͤrfniſſe einer feftern Ordnung und geſetzli⸗ chen Feſtſtellung der einzelnen Erſcheinungen und Einrich⸗ tungen im Buͤrgerleben der Staͤdte zu betrachten ſind, ſo gingen nun auch von den Staͤdten ſelbſt ſchon mehr und mehr gewiſſe verfaſſungsmaͤßige Satzungen und geſetz⸗ liche Beſtimmungen aus, die unter dem Namen der ſtaͤd⸗ tiſchen Willkuͤhren ebenfalls den Zweck hatten, die einzel⸗ nen Verhaͤltniſſe und Richtungen des ſtaͤdtiſchen Gemein⸗ weſens unter geſetz- und verfaſſungsmaͤßige Regel und Norm zu bringen. Allerdings hatte bisher ſchon jede fäbtifche Gemeine ſich des ihr verliehenen Rechtes bedient, über die einzelnen Verhaͤltniſſe ihres Gemeinweſens, fo: weit ſie das Gemeinintereſſe und Geſammtwohl der Buͤr⸗ gerſchaft betrafen, gewiſſe Anordnungen feſtzuſtellen und ihnen durch Beſtaͤtigung der vorgeſetzten Landesverwalter geſetzliche Kraft geben zu laſſen. Es galten alfo ohne Zweifel in den einzelnen Städten ſchon laͤngſt ſ. g. Willkühren, die die ganze ſtaͤdtiſche Lebensweiſe gleichſam wie in Fugen hielten.) Allein das urſpruͤnglich weit einfachere Leben der Bürgergemeinen war mehr und mehr aus feinen engen Schranken herausgetreten; die Nichtun: gen des Lebens waren ungleich manchfaltiger; die meiſten Staͤdte ſtanden ſchon weit uͤber ein Jahrhundert da und im Verlaufe dieſer Zeit hatte ſich in den Verhältniſſen des Buͤrgerlebens ſo vieles veraͤndert, umgeſtaltet und erweitert, daß nach den neuen Bedüͤrfniſſen der Zeit nicht nur eine Vervollſtaͤndigung und Verbeſſerung, ſon⸗ dern auch eine ſchriftliche Abfaſſung der ſtaͤdtiſchen Satzun⸗ gen in vielen Städten jetzt nothwendig ſchien. Thorn und Königsberg ſind unter ihnen die erſten, von denen — nn 1) Wie früher B. III. S. 496 bemerkt iſt, war den Staͤdten das Recht, Willküͤhren „ statuta et consuetudines, für ihr Gemeinweſen zu entwerfen, meiſt ſchon in den Gruͤndungsprivilegien zugeſtanden, doch jeder Zeit unter der Bedingung, daß dieſcs mit Zuſtimmung und Ge⸗ nehmigung der Landesherrſchaft geſchehe. 2
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20 Staͤdtiſche Willkuͤhren (1394). aus dem Anfange des Meiſters Konrad von Jungingen ſolche vollſtaͤndigere Willkuͤhren übrig find. Es iſt die Nachricht erhalten, daß der Meiſter am S. Georgstage des Jahres 1394 die wichtigſten Staͤdte auf einem Ta⸗ ge zur Berathung uͤber einen allgemeinen Entwurf einer ſtaͤdtiſchen Willkuͤhr für die Staͤdte feines Landes zu Marienburg verſammelt gehabt und eine allgemeine Norm einer Staͤdteordnung entworfen und beſtaͤtigt worden ſey, welche wahrſcheinlich dann, wie in ähnlichen Fällen ge: woͤhnlich war, der Rath in jeder einzelnen Stadt nach ihren Beduͤrfniſſen und eigenthuͤmlichen Verhaͤltniſſen mit des Komthurs Einſtimmung in Einzelnheiten umgeſtaltete und ſofort ins Leben brachte.) So mag es gekommen ſeyn, daß in den verſchiedenen Willkuͤhren viele Satzun⸗ gen genau mit einander uͤbereinſtimmen, waͤhrend andere, bald als noͤthige Zuſaͤtze nach beſondern Verhaͤltuiſſen der einzelnen Staͤdte aufgenommen, bald nach den eigenthuͤm⸗ lichen Beduͤrfniſſen der Stadtgemelnen umgewandelt, von einander abweichen. Den weſentlichen Inhalt bilden im Allgemeinen überall ſtaͤdtiſche Policeigeſetze, Beſtimmungen über alles, was ſtaͤdtiſche Ordnung und Sicherheit betraf, Satzungen uͤber Handel und Verkehr, Maaßregeln über die Geſundheit und Reinlichkeit der Stadt, über die ſittlichen Verhaͤltniſſe ihrer Bewohner, Verbote unanſtaͤn⸗ diger Vergnuͤgungen und unerlaubter Beluſtigungen, Ge⸗ 1) Wir haben noch mehre fpätere Abſchriften der Willkuͤhr von Königsberg, welche die Bemerkung enthalten: Dis iſt der Stedte wil⸗ kur alhir im lande durch unſern gnedigen bern Homeiſter und ſinen Ge⸗ bittigern beſtetigt, verliebet und zugelaſſen. Diſe wilkuͤr iſt uͤbereinge⸗ tragen czu Marienburg im Jar MCCCKCHIL gebittigern und gemeinen Steten am S. Georgenstage, das man die kundigen ſal in allen Ste⸗ ten und veſticlich halten. — Daß an diefem Tage zu Marienburg wirk⸗ lich eine Verſammlung der ſtädtiſchen Bevollmächtigten von Königsberg, Thorn, Kulm, Danzig, Elbing und Braunsberg Statt fand, erſehen wir aus den Hanſcat. Receſſ. No. II. p. 224, wo freilich nur die Han⸗ ſeatiſchen Angelegenheiten aufgezeichnet ſind.
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Städtiſche Willk. Kriegsreiſe nach Litthauen (1394). 21 ſetze Über das Verhalten der Geſchlechter und Staͤnde ge⸗ gen einander u. dgl. Sie berühren überhaupt alle Ver⸗ haͤltniſſe des damaligen Gemeinweſens, ſofern ſie nur ir⸗ gend einer beſtimmten Ordnung und geregelten Feſtſtel⸗ lung im Verhalten und der Lebensweiſe des einzelnen Buͤrgers zur Geſammtheit der Gemeine bedurften.) Al⸗ lerdings nimmt man leicht an dieſen ſtaͤdtiſchen Geſetzen noch viele Maͤngel und Gebrechen wahr; ſie tragen alle noch den Character jugendlicher Verſuche in der Geſetz⸗ gebung an ſich; aber ihrer Zeit und deren Beduͤrfniſſen haben fie genügt; das fuͤrſtliche Werk, mit deſſen Ge: danken Konrad von Jungingen die Meifterwürbe uͤber⸗ nahm, Ordnung und Geſetz im Bürgerleben feſter zu ſtellen, war im erſten Jahre feines Meiſteramtes begon⸗ nen und er verſaͤumte es auch in den nachfolgenden Jah⸗ ren nicht, feine Ausführung fortzufegen. Vorerſt aber nahmen andere Verhaͤltniſſe feine Thaͤ— tigkeit in Anſpruch. Die aus Rom angekommene Beſtä⸗ tigung eines mit dem Biſchofe Otto von Kurland ſchon vor einigen Jahren abgeſchloſſenen Tauſchvertrages uͤber den bis dahin dem Biſchofe zugehörigen dritten Theil von Memel lenkte ſein Augenmerk auf dieſe von den Samaiten faſt ganz verwuͤſtete Stadt, deren Wiederauf⸗ bau er jetzt mit allem Eifer betrieb,? während er zu: gleich die Gründung einer neuen Stadt im alten Ga: linderlande, Sensburg in der Naͤhe der Ordensburg Seeſten verfügte. 9_ Mittlerweile waren auch Vorberei⸗ 1) Darüber ſpaͤter das Nähere, wenn von den inneren ſtädtiſchen Verhältniſſen die Rede ſeyn wird. 2) Lindenblatt S. 95. Das Nähere hieruͤber enthält der in der päpſtl. Beſtätigungsbullc, dat. Rome Kal. April. P. n. a. quinto (1. April 1394) beſindliche Tauſchvertrag, der ſchon im J. 1392 ab⸗ geſchloſſen worden war; geh. Arch. Schiebl. VIII. ur. 5. Vgl. Samm⸗ lung einiger Denkwürdigk. von Memel H. I. S. 43 — 51. 3) Daß die Stadt Sensburg erſt unter Konrad von Jungingen ihr Daſeyn erhalten hat, geht aus dem Handfeſtenbuche des Amtes Seeſten
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22 Kriegsreiſe nach Litthauen 64393). tungen zu einer neuen Kriegsreiſe ins Heidenland begon⸗ nen. Die Ankunſt neuer Kriegsgaͤſte aus Deutſchland und Frankreich, beſonders einer reiſigen Schaar von zweihundert ausgezeichneten Burgundiſchen Bogenſchüͤtzen, dem Hochmeiſter vom Herzoge Philipp von Burgund auf Sold mit einem anſehnlichen Geſchenk von Wein zuge⸗ ſandt, gab Anlaß, daß der Meiſter dießmal ſelbſt das Schwert zum Kampfe ergriff. Es war der Plan, zuerſt mit der Kriegsgaͤſte Beihllfe die fruher bei Wi⸗ towds verraͤtheriſchem Abfalle zerftörte Burg Ritterswer⸗ der an der Graͤnze des Heidenlandes wieder aufzurichten und dann durch die neue Burg geſchuͤtzt mit einem nach⸗ folgenden groͤßeren Streitheere im heidniſchen Gebiete bis gen Wilna vorzudringen.) Als demnach alles zum Bau Nothwendige mit Umſicht vorbereitet war, die Kom⸗ thure ſich Überall gerüftet und auf ihre Kriegsmahnung auch die Städte ihre Heer- Mayen U geſtellt, trat zu Ende des Juli der Hochmeiſter ſelbſt, begleitet vom ge⸗ fluͤchteten Fuͤrſten Switrigal ) und mehren andern vorneh⸗ P. 1 klar hervor. Das Jahr ihrer Gründung iſt hier zwar nicht bemerkt, ſehr wahrſcheinlich aber fällt fie in dieſe Zeit. Auch ein Privilegium der Stadt Sensburg vom HM. Konrad von Erlichshauſen im Verſchreibungs⸗ Buch Nr. 8. nennt den HM. Konrad von Jungingen als Gründer. 1) Daruͤber das Dankſchreiben des HM. an den Herzog im Regiſtr. p. 7. Wigand ſpricht von peregrinis de Francia et Almannia und fügt hinzu: Vocaverat eciam Magister sagittarios de Gene- wel et veniunt in iusta hora ad impugnandum infideles; Diu- 8088. p. 139 zählt deren 150. Vieleicht waren dieſes die Burgunder und Genewel der Name des Anführers. Kojalowiez p. 38 ſagt: Non ordinarius modo exercitus noris per Prussiam delectibus auctus est, sed etiam e vicina Silesia, Austria, atque adeo tota Germania non modica auxilia contracta, multis ad hono- rariam militiam etiam ex Anglia et Gallia concurrentibus. 2) Nigand. I. c. Lindenblatt S. 97. 3) Elbingiſ. Kriegsbuch. 4) Diugoss. b. 139 ſagt: quem (Boleslaum) Lithuanorum et Ruthenorum profugarum non spernenda multitudo sequebatur.
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Kriegsreiſe nach Litthauen (1393). 23 men Litthauern, an die Spitze einer nicht eben bedeutenden Streitſchaar, denn der Komthur von Elbing ſollte das groͤ⸗ ßere reitende Kriegsheer auf anderem Wege nachfuͤhren. Ueber Königsberg, wo ſich der Ordensmarſchall mit dem Meiſter vereinigte, dann bei Labiau zu Schiff uͤber das Kuriſche Haff gelangte der Hochmeiſter mit ſeinem Heerhau⸗ fen durch die Gilge in den Memel-Strom, nicht ohne gro⸗ ße Beſchwerden und Verluſte, denn ein ſtarker Orkan hatte auf dem Haff den Kriegsleuten aus Chriſtburg einen Theil ihrer Waffen verſenkt und fonft auch manchen Schaden ges bracht. Jetzt die Memel aufwaͤrts fahrend gelang es dem Meiſter am dreizehnten Auguſt auf dem Werder zu landen, wo fruͤher die Burg Ritterswerder geſtanden.) Da ſollte der Bau beginnen, als nach vier Tagen dem Meiſter ſchon die Nachricht kam, der Großfuͤrſt Witowd, durch Samaiti⸗ Ihe Spaͤher längft von allem unterrichtet, ziehe mit ſtarker Streitmacht von Litthauen und Polen heran, um den Aufs bau der Burg zu hindern. Seine Reiterſchaaren wagten ſich bis vor des Meiſters Lager; es kam zu einzelnen Gc- fechten.) Eine Unterredung zwiſchen Witowd und dem Meiſter blieb ohne Erfolg, weil jener den Aufbau der Burg unter keiner Bedingung geſtatten wollte.) Als je: doch in erneuerten Kämpfen Witowds Verluſte trotz feiner 1) Kojalowiez p. 38 —39 läßt auf dieſem Kriegszuge bei Marien⸗ werder den Ehrentiſch halten, deſſen früher B. V. S. 598 unter Kon⸗ rad von Wallenrod erwähnt iſt. Sein Scriptor annalium Prussicor. indeß, dem er alles über dieſen Ehrentiſch und den fpätern Verlust des Hochmeiſters von 30,000 Mann nachſchreibt, iſt kein anderer als Simon Grunau Tr. XIII. c. XVI. 8. 4. 5 2) Nach Wigund. I. c. W ytaud cum magno exercitu venit ad terram sicut prius in dolo, et cum bombardis suis impugnat tentoria Magistri, Marschalei maxime tentorium, commendatoris de Balga. Similiter Magister ordinavit pixides in hostes suos in pari forma. 3) Lindenblatt S. 98 ſagt etwas undeutlich: Nam eyn gefpreche mit dem Meiſter, das yn nicht mehr was czu thun, went das ſie ſich ver⸗ lantwerten mit dem czymmer, das czu dem huſe ſulde. Wägand. I. c.
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24 Kriegsreiſe nach Litthauen (4894). großen Uebermacht immer bedeutender wurden, die Bur- gundiſchen Bogenſchuͤtzen durch ihre Kuͤhnheit und Tapfer⸗ keit ſich überall furchtbar machten und der Großfürft bald nicht bloß das unablaͤſſig zureitende groͤßere Heer aus Preußen, ſondern auch die Ankunft eines Livlaͤndiſchen Streithaufens, welche beide der Ordensmarſchall befehligt war fo eilig als möglich herbeizuziehen, zu befürchten hat: te, fo ergriff er mit noch funfzehntanfend Reitern den Ruͤckzug. Kaum aber war das groͤßere Streitheer an: gelangt, als der Meiſter nur noch wenige Tage verwei— lend, ) über Alt-Kauen, wo er die Seinen mit neuen Lebensmitteln verſorgte, zwiſchen der Wilia und der Stre— be vorwärts auf Wilna losſtuͤrmte. Auf die Kunde eines gefangenen Litthauers indeß, daß Witowd alle Waldwege jener Gegend ſtark beſetzt und durch Verhaue oder Geſchuͤtz verſperrt habe, um im Hinterhalte lauernd den anruͤcken— den Feind zu überfallen und aufzureiben, ſah ſich der Mei— ſter genoͤthigt, das Heer mehr nördlich gegen die Wilia zu führen und ſich dort Wege zu bahnen, die noch nie ein feindlicher Krieger betreten. Man hatte unfägliche Schwierigkeiten zu bekaͤmpfen; hier mußten durch wuͤſte 1) Wigand ſagt von der Stärke der gegenſeitigen Streitmacht: Witaudus habuit in suo exercitu 15,000 equestrium armatorum. Turba magistri parva fuit. Magister quoque confortans suos et animans in numero armatorum vix habens 400 nec desperabat aggredi tantam multitudinem neque formidabat innumeras sagit- tas. Damit ziemlich uͤbereinſtimmend Lindenblatt S. 98, Diugoss. p- 140 führt dagegen an: Neque Duci Withau do tantae vires erant, quibus Pruthenico exereitui posset sine discrimine evidenti, prop- ter Lithuanorum et Ruthenorum fidem fluxam, resistere, offen⸗ bar damit Witowds Ruͤckzug beſchönigend. 2 Die Worte bei Lindenblatt a. a. O. „und lies das czymmer widder fuͤren vor die wille,“ ſind mangelhaft und ſinnlos. Nach einem Mſcr. muß es heißen: und lies das czymmer widder fuͤren ken Nangnith, das das hus bleib ungebuwet und czogen vort vor die Wille und logen do⸗ vor u. ſ. w. Wigand. deutet dieß mit den Worten an: dimissa structura festinant in antiquum Cauen.
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Kriegsreiſe nach Litthauen (1390. 25 Wildniſſe erſt Wege durchbrochen, dort uͤber Fluͤſſe Bruͤk⸗ ken geſchlagen und Sümpfe auf irgend eine Weiſe gang⸗ bar gemacht werden; haufig fehlte es in den wuͤſten Ge⸗ genden den Roſſen an Futter oder den Kriegsleuten an andern Bedürfniſſen; dabei mußte beſtändig mit den auch hier an den Waldwegen verſteckten Heerhaufen Wi⸗ towds gekämpft werden. Endlich nach ſolchen Muͤhſalen bei Boparten angelangt, nahm man dort den Bojaren Sudemund gefangen, der ſo oft die Rolle des Verraͤthers zwiſchen dem Orden und den Litthauern geſpielt. Zum Lohn für feine Verraͤthereien ward er auf des Meiſters Befehl bei den Heſſen aufgehenkt > und nachdem man ſich des andern Tages auch eines Schwiegerſohnes des Groß⸗ fürſten bemächtigt, langte das Heer endlich vor Wilna an. Es hatte außerordentlich gelitten; eine große Zahl von Roſſen und Schlachtvieh war in den Suͤmpfen verſunken; die Kriegsleute waren ermattet und vielen hatten die uns aufhoͤrlichen Anfälle der überall verſteckten feindlichen Kriegs⸗ baufen das Leben gekoſtet. “ Nach einiger Erholung ſchritt man zur Belagerung der Stadt;“ bald indeſſen unterlag das Ordensheer neuen Verluſten. Zwar gelang es, den größten Theil der Stadt und Burg zu umzingeln und die 1) Wigand. I. e. Diugoss. p. 140. Der HM. ſchreibt dem Herzog von Burgund über die Schwierigkeiten ſolcher Heerfahrten: Daß Permagnas aquas vastasque solitudines, nec non per discriminosa viarum pericula transire nos operteat in expeditionibus nostris, Prout quamplures patrie vestre gentes, que casdem vias transie- runt, luce clara aspexerunt. 2) Derſelbe, von dem B. V. geſprochen if. Wigand. I. e. ſagt: Ibi Sedemunt captivatur vulgariter Mewen (?) et magistro presen- tatur, qui eum consilio suorum propter eius tradimenta per talos suspendit, quia dolosus sepius inventus inter ordinem et paganos. Diugoss. I. e. Lindenblatt a. a. O. 3) Diugoss. I. e. A) Nach Wizand trug damals die S. Georgsfahne dominus Eberhardus de Entzenberg, von dem in den Rheinlanden, Sachſen, im Fuldaiſchen und Eichsfeldiſchen verbreiteten Geſchlechte.
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26 Belagerung von Wilna (399. fremden Kriegsgaͤſte, zumal die Burgundiſchen Bogenſchuͤtzen zeichneten ſich uͤberall, trotz mancher harten Verluſte, ges gen die ausfallende Beſatzung durch Muth und Küͤhnheit wacker aus; mehrmals wurde der Feind von den Anhoͤ⸗ hen, die er bei feinen Ausfällen beſetzte, im ſtuͤrmenden Kampfe zuruͤckgeworfen und viele aus feinen Reihen ver wundet und gefangen, waͤhrend die Burg fort und fort dem Feuergeſchuͤtze des Ordensheeres ausgeſetzt war.“) Mittlerweile aber hatte Witowd, durch anſehnliche Kriegs⸗ ſchaaren aus Polen verſtaͤrkt, ? feine ganze Streitmacht um Wilna verſammelt und im Umkreiſe einiger Meilen die ganze Gegend im Ruͤcken des Feindes beſetzt, fo daß Tag für Tag bald durch ihn, bald durch die Polen die zur Futterung ausziehenden Reiterhaufen des Ordensheeres entweder aufgegriffen und gefangen genommen oder bis auf den letzten Mann erſchlagen wurden.) Der Ordens⸗ marſchall eines Tages mit ſeinem Banner ausziehend, um die Gegend zu ſaͤubern, kehrte fruchtlos mit bedeutendem Verluſte zuruͤck. Mit jeder Stunde ward die Gefahr fuͤr das Ordensheer ſchrecklicher; allen drohte der Hungertod. Da gebot der Meiſter den Komthuren von Brandenburg, Balga und Barten, mit denen ſich die Faͤhnlein aus den Bisthuͤmern Ermland und Samland, der Komthur von Rhein und der Hauskomthur von Königsberg vereinten,“ den zur Futterung ausziehenden Reiterhaufen zu Huͤlfe zu ſtehen. Suͤdwaͤrts bis Rudminne ) fanden ſie keinen 1) Wigand berichtet hieruͤber manche Einzelnheiten, aber ſo ver⸗ wirrt und unzuſammenhaͤngend, daß es kaum möglich iſt, ein deutliches Bild des Ganzen zu gewinnen. 2) Dlugoss. p. 140. Wigand. I. c. 3) Kojalowiex p. 41 ſagt: Witowd habe den Feind nicht an⸗ greifen wollen, quod non ignoraret, et armorum genere, et bello- rum multitudine longe validiorem Crucigeris exercitum esse; ebenſo Dlugoss. I. c. 4) Lin denblatt a. a. O. Wigand, 5) Jetzt Paradomin, ſuͤdlich von Wilna.
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Belagerung von Wilna (139). 27 Feind; da brachten aber ausgeſandte Spaͤher die Nachricht, daß Witowd und Fürft Kariebut, des Polniſchen Koͤniges Bruder, mit einer Streitſchaar in der Naͤhe lagerten. Eiligſt durch einen Wald ſprengend wollten die Komthure den Feind überfallen, ſahen ſich aber plotzlich durch einen Bruch und Fluß vom feindlichen Heere getrennt, welches jenſeits des Gebruͤches in gedoppelter Schaar in ſolcher Starke lag,) daß wohl zehn feindliche Krieger auf einen der ihrigen zu rechnen waren. Doch nur der unvermeid— liche Untergang im tiefen Moraſte, nicht des Feindes Uebermacht ſchreckte die Gebietiger zuruck. Sorglos blie⸗ ben die Fürſten in Ruhe, bis es den Ordenstittern ge⸗ glückt war, den Sumpf zu umgehen. Da griffen dieſe ploͤtzich den linken Fluͤgel des Feindes an und drangen feſt vertrauend auf hoͤhere Huͤlfe mit ſo ſtuͤrmender Kampf⸗ wuth in ſeine Haufen ein, daß die Ruſſen, auf die zuerſt der Anſturm geſchah, bald allgemein ihr Heil in der Flucht ſuchten. Während der wackere Graf von Zollern die Fluͤchtigen mit einem Theile des Kriegsvolkes verfolgte, ſtürzte ſich der Übrige Streithaufe, durchs Ermunterungs⸗ wort der Gebietiger mit neuem Murhe erfüllt, auf die weit überlegene Kriegsmacht des Großfuͤrſten. Es entſtand ein aͤußerſt blutiger Kampf, 9 denn der Feind hielt An⸗ fangs ſtandhaften Widerſtand. Ein Gluͤck, daß ein ſtar⸗ ker Nebel den Großfuͤrſten hinderte, die Schwaͤche des Feindes wahrzunehmen, denn da er bei dem unaufhaltſa⸗ men Kriegsſturme der Ordenskrieger vermuthete, der Hoch⸗ meiſter ſelbſt ſtehe mit ſeinem ganzen Heere in der Naͤhe und unterftüße die Seinigen, fo ergriff auch er endlich die Flucht. Aber das Ordensvolk ſetzte ihm heftig nach 1) Cognoverunt hostes cum potencia in dupliei turma, in una Samayte cum Rutenis, in alia Witaud cum suis. Y Wigand nennt nur einen Comes de Czolren, ohne einen Namen. 3) Fit grande bellum; Wigand.
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38 Belagerung von Wilna (1392). und ſchlug nieder oder nahm gefangen, was erreicht wers den konnte.) Dieß letztere Schickſal hatte unter vielen andern auch Herzog Ywan von Belgz. 7 Sechs Paniere des Feindes und außerdem Witowds große Heerfahne wurden erbeutet; mehr als fuͤnfhundert feiner Krieger was ren theils im Kampfe, theils auf der Flucht erſchlagen. So kehrte der tapfere Kriegshaufe mit den Siegeszeichen und dem gefangenen Herzoge ins Lager vor Wilna zurück. Hier ward unterdeſſen der Kampf unablaͤſſig fortgeſetzt und ſelbſt die Nacht gab den Waffen keine Ruhe, denn nicht ſelten brach die Beſatzung in tiefer Dunkelheit aus ih— ren Mauern, den Feind im Schlafe zu uͤberfallen. So ſchlichen einmal gegen Mitternacht vierhundert Litthauer bis in die Nähe des feindlichen Lagers, um die Wachen aufzu- heben, und Johannes von Streifen, der zuruͤckgekehrte Kom⸗ thur von Brandenburg, der eben die Aufſicht uͤber die aus⸗ geſtellten Wachen hielt und vom Feinde erſpaͤht wurde, haͤtte den feindlichen Pfeilen erliegen muͤſſen, waͤren nicht die Wehrleute aus dem Gebiete von Balga auf ſeinen Ruf zu Hülfe geeilt.) Bald aber wurde durch den Anzug des Meiſters von Livland mit einer anſehnlichen Streitſchaar das Belagerungsheer fo verſtaͤrkt, daß nun auch die uͤbri⸗ gen Theile der Stadt an der Wilia eingeſchloſſen und durch zwei Brüden die Verbindung mit dem jenſeitigen Ufer un⸗ terhalten werden konnte. Da hoffte man die Burgmauern an der Wilia bald zertruͤmmern und die Burg dann leicht gewinnen zu koͤnnen.“ Tag und Nacht war das Geſchuͤt 1) Lindenblatt S. 99, der den eintretenden Nebel als eine be⸗ ſondere Fuͤgung des Himmels anſieht, ohne welche der Feind den kleinen Haufen der Gebietiger ohne Zweifel aufgerieben haben wuͤrde. 2) Dux Ywanus de Bilsa, wie ihn Wigand, nennt; Linden: blatt S. 98. S. B. V. S. 609. 3) Wigand. I. c. 4) Daß der Meiſter von Livland erſt acht Tage nach dem Anfange der Belagerung ankam, erwähnt Wigand ausdruͤcklich. Linden blatt S. 99.
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Belagerung von Wilna (1494). 29 in Bewegung; hier ſtuͤrzte ein Thurm, dort ein Theil der Burgmauer in die Wellen der Wilia hinab; alles war in voller Thaͤtigkeit theils bei Zurichtung hoͤlzerner Thuͤrme, um auf ihnen die Mauern zu erſtuͤrmen, theils bei Verfer- tigung von Belagerungsmaſchinen, theils beim Aufwerfen von Wehrſchanzen und andern dergleichen Arbeiten. Zwar brachte ein im Lager ausbrechender Brand, der eine bedeu⸗ tende Anzahl von Zelten und Lagerhuͤtten verzehrte, den Belagerern auch großen Verluſt an Lebensmitteln und Fut⸗ ter; ) indeß durch Zufuhr von jenſeits der Wilia konnte dieſer leicht wieder erſetzt werden „ wiewohl auch jetzt noch der Ueberfall feindlicher Streithaufen nicht ſelten denen, die zu dem Zwecke dorthin auszogen, Leben oder Freiheit Foftetes > So lagen die Befeſtigungswerke der Burg und Stadt an mehren Seiten ſchon zertruͤmmert; aber noch ließen die hochangefuͤllten Graben keinen näheren Angriff zu, und bei dieſem Hinderniſſe ſchien es unmoglich, über den Feind Herr zu werden. Man warf neue Graben auf, um das Waſſer abzuleiten; allein die Arbeiter wurden fo oft uͤber⸗ fallen und erſchlagen, daß man das Unternehmen aufgeben mußte.) Während deß wurde das Belagerungsheer vom ausfallenden Feinde fo unablaͤſſig beſchaͤftigt und durch fort— waͤhrende Kämpfe fo ſchwer belaͤſtigt und ermuͤdet, und die Verluſte an Mannſchaft und Roſſen waren mit der Zeit ſo bedeutend geworden, daß der Hochmeiſter, endlich ohne Hoffnung, den eingeſchloſſenen Feind uͤberwaͤltigen zu koͤn⸗ nen, am zwölften Tage den Livlaͤndiſchen Heerhaufen wies 1) Wigand ſagt über dieſen Brand: Unum quoque tugurium a proprio igne inflammatum est, de quo alia tuguria multa, si- mul homines fuerunt incinerati. Flandrenses vero et Francige- ne maiora dampua in victualibus ete. tulerunt. Fuerunt quidem tuguria teeta cum frondibus habilibus ad incendium et dislicili- bus ad extinguendum. 2) Kojalowiez p. 41 ift ſchr bemüht, Witowds Thätigkeit hie⸗ bei fo lebendig als möglich zu zeichnen; er laßt ihn mittlerweile ſogar einigemal in Preuſſen einfallen. 3) Wigand. I. c. Eindenblatt S. 99.
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30 Belagerung von Wilna (1394). der entließ und es den Seinen zugleich verbot, ſich mit dem Feinde in fernere Kämpfe einzulaffen.D Es wurden mit Witowd, der ſich wieder genaͤhert, neue Unterhandlungen begonnen; da er indeß dabei nichts weiter erzielte, als nur einen feiner fuͤrſtlichen Höfe gegen feindliche Verwuͤſtung zu ſichern,“ fo ward die Belagerung aufgehoben und die Ruͤck⸗ kehr uͤber Traken angetreten. Ungeſtoͤrten Zuges war das Heer bereits bis uͤber die Strebe gekommen, als dort der Meiſter von einem gefangenen Litthauer vernahm, Fuͤrſt Witowd habe befohlen, in der dortigen Waldgegend, durch welche das Ordensheer zuruͤckkehren muͤſſe, eine ſtarke Land⸗ wehr aufzuwerfen, die Wege zu verhauen und ringsumher alles mit Mannſchaft zu beſetzen; ruͤcke das Heer dort an, ſo ſolle man ihm Widerſtand leiſten, weil er ihm im Ruͤk⸗ ken folgen, es ringsumher einſchließen und bis auf den letzten Mann aufreiben wolle. Die Ausſage des Gefange— nen bewaͤhrte ſich; man fand die ganze Waldgegend wirk⸗ lich von einem ſtarken Kriegsvolke aus Samaiten beſetzt. ) Die Lage des ermuͤdeten Heeres war hoͤchſt bedenklich. Ohne 1) Dlugoss. p. 140 weiß von einer Verraͤtherei, welche Fuͤrſt Switrigal durch die Ruſſiſche Secte der Colayren auezuführen geſucht, indem er eine Anzahl ſolcher Colayren, die er immer ſehr beguͤnſtigt, durch Beſtechung gewonnen habe, Witowds Lager in Brand zu ſtecken. Witowd aber, durch einen derſelben von dem Plane benachrichtigt, habe die verraͤtheriſchen Colayren ſehr hart beſtraft und ſo das Unternehmen vereitelt. Noch weitlaͤuftiger erzählt die Sache Kojalowiex p. 203 er bezeichnet die Colayren als Ruſſiſche Moͤnche der Griechiſchen Kirche, ſpricht aber nicht von Witowds Lager, ſondern von den hölzernen Bes feſtigungswerken der Burg zu Wilna, die fie hätten in Brand ſtecken ſollen; auch iſt hier nicht von Witowd die Rede, ſondern dem Befehls⸗ haber der Burg zu Wilna ſey von einem Colayren der Plan entdeckt worden. 2) Dich ſcheint aus Wigand hervorzugehen: Wytaud continuo tractat cum Magistro Prussie nec invenit, quid tractaverint; - Magister surgit a stacione prehabito tractatu, quod curia regis post hec non debeat eremari. 3) Dlugoss. p. 140.
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Belagerung von Wilna (1399. 31 Verzug und bevor noch Witowd mit ſeiner Streitmacht an⸗ langte, mußte die Landwehr durchbrochen und der Durch⸗ zug unter jeder Bedingung erzwungen werden. Auf des Meiſters Geheiß ſtuͤrmte ſofort ein Reiterhaufe zu Fuß mit den tapfern Schuͤtzen aus Burgund unter der Fuͤhrung meh⸗ rer Gebietiger gegen die Landwehr an. Aber man fand ſie fo ſtark, wie man fie nie gefehen; es erhob ſich ein hitzi⸗ ger Kampf, der ſich jedoch bald entſchied, denn des Fein⸗ des Linie wurde durchbrochen, dritthalbhundert Samaiten er⸗ lagen dem Schwerte, und fo zog fortan der Meiſter unge⸗ ſtoͤrt durch die Waldung hindurch. Zu Alt-Kauen bei den Schiffen angelangt ruͤckte das Kriegsvolk laͤngs dem noͤrdli⸗ chen Ufer der Memel, wo hie und da noch Einfaͤlle in Sa— maiten zu Pluͤnderung und Mord erfolgten, bis gen Geor- genburg vor, von wo das geſammte Kriegsheer über den Me— mel⸗Strom geſetzt nun ungeſaͤumt nach Preußen zuruͤckkehrte. “ Ueber zwei Monde hatte man theils auf dem Zuge, theils vor Wilna zugebracht, und dennoch war der Kriegszug ohne bedeutende Folgen, denn Ritterswerder war noch nicht wieder aufgebaut, Wilna hatte abermals den Ordenswaffen getrotzt und ſelbſt die eroberte Beute war nicht von ſonder⸗ lichem Belang.“) Heimgekehrt entließ der Hochmeiſter die 1) Wigand. I. c. ſagt bei dieſer Gelegenheit: Obtinent terre defensionem fortiorem, quam umquam visa fuit ab auctore huius eroni ce. 2) Die Hauptquelle über dicſen Kriegszug iſt zwar Nigand; als lein auch hier iſt fein Bericht mitunter ſehr verwirrt und ohne Zuſam⸗ menhang, wenigſtens in dem uns erhaltenen Auszuge. Den Hauptfaden im Zuſammenhange der Ercigniſſe giebt Lindenblatt S. 97 — 99, In der Chronologie der Kriegsbegebenheiten dieſes Jahres ſtünmen Dlu- goss. und Kojalvwiez mit jenen beiden nicht überein; ohne Zweifel ift bei Lindenblatt die Zeitfolge am richtigſten. 3) Elbingiſches Kriegsbuch. 4) Wigand ſpricht zwar von captivorum innumeris und fuͤgt hinzu: predam equorum magnam portant; allein die Verluſte moch⸗ ten dieſcs wohl bei weitem überwiegen, denn nach Diugoss. I. c. und Kojalowiez waren dieſe ſehr bedeutend; erſterer ſagt vom HM. :
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32 Verhandlungen mit Dänemark und Meklenburg (1394). Burgundiſchen Kriegsgaͤſte mit einem verbindlichen Dank⸗ ſchreiben an ihren Herzog und mit dem Erbieten der freund⸗ lichſten und ehrenvollſten Aufnahme, wenn er feinen Ent- ſchluß zu einer baldigen Kriegsreiſe nach Preußen in Aus⸗ führung bringen werde, U Weit wichtigere Erfolge hatten des Hochmeiſters ſchon ſeit dem Anfange dieſes Jahres theils mit der Koͤnigin Margaretha von Daͤnemark, theils mit Herzog Johann von Meklenburg und den Staͤdten Roſtock und Wismar begon⸗ nenen Unterhandlungen für die Wiederherſtellung, Sicher: heit und Foͤrderung des Handels und der Schiffahrt in die genannten Laͤnder. Wir ſahen, wie die Verhaͤltniſſe zwi⸗ ſchen der Koͤnigin und dem Herzoge von Meklenburg den Handelsverkehr von Preußen aus nach Weſten und nament⸗ lich mit Daͤnemark gaͤnzlich erdruͤckt hatten und daß nur die Freilaſſung des noch immer gefangen gehaltenen Koͤni⸗ ges Albrecht von Schweden das Wiederaufleben eines ſichern und regen Verkehres in jene Laͤnder erwarten ließ.?) Alle Bemuͤhungen des Hochmeiſters zielten daher auf Albrechts Befreiung und ſchon in der erſten Tagfahrt der Hanſeſtaͤdte Preußens in dieſem Jahre ward von ihm und den ſtaͤdti⸗ ſchen Bevollmaͤchtigten der Beſchluß gefaßt, auf dem naͤchſt im Februar zu haltenden Tage zu Luͤbeck alles anzuwenden, um den Koͤnig gegen eine angemeſſene Loͤſeſumme aus der Gefangenſchaft zu befreien und gemeinſam mit einigen Han⸗ ſeſtaͤdten Stockholm in Beſitz zu nehmen, bis der König die Stadt durch Entrichtung der beſtimmten Summe wieder einlöfen werde; koͤnne man ſolches von der Königin nicht erreichen, ſo ſolle man ſich mit ihr ſo wenig, als mit dem tanta suorum clade insignis, ut expeditiones contra Lithnaniam velut perniciosas sibi et suis longo tempore intermitteret. 1 Schreiben des HM. an den Herzog, dat. Marienb. 20. Oktob. 1394 im Regiſtr. p. 7; er giebt darin den Burgundiſchen Schützen ein commendabile testimonium de probitate ac promptitudine servi- eii, quo apud nos probati sunt. 2) B. V. S. 656 — 657.
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Verhandlungen mit Dänemark und Meklenburg (1394). 33 Herzoge von Meklenburg verbinden, ohne Genugthuung des Schadens, den des Ordens Unterthanen von ihnen ſeit Jah⸗ ren erlitten hätten, und wolle die Königin ſich hiezu nicht geneigt finden laſſen, ſo ſolle man gemeinſame Kriegsfehde der Hanſeſtaͤdte gegen ſie in Vorſchlag bringen. Dabei ſtellte man jedoch die ausdruͤckliche Bedingung, daß die Staͤdte des Landes in dieſer Sache nie fuͤr ſich allein handeln, ſon⸗ dern ſtets nur im Einverſtaͤndniſſe mit den Übrigen Hanſe⸗ flädten gegen die Königin auftreten und an fie ihre Forde⸗ rungen richten, daß alſo auch nicht die Staͤdte Preußens en nur in Verbindung mit den andern Hanſea⸗ Tag n in Beſitz nehmen ſollten.) — Auf der ragfahrt zu Luͤbeck traten demnach mit den Hanſeaten auch die Sendboten aus Preußen gegen die Bevollmaͤchtigten des Herzogs von Meklenburg und der Staͤdte Roſtock und Wis⸗ mar mit der Forderung auf, daß vor allem eine Ausglei⸗ chung und Verzuͤtung alles des aus ihrem Lande und von ihren Unterthanen dem ſeefahrenden Kaufmanne vielfach zu⸗ gefügten Schadens erfolgen müffe, bevor man fich bei der Königin für des Koͤniges Befreiung verwenden koͤnne. Da indeſſen das Verlangen der Meklenburgiſchen Sendboten, dieſe Schadenverguͤtung bis zur Freilaſſung des Koͤniges auf ſich beruhen zu laſſen, damit dieſer dann eine Ausglei⸗ chung treffen koͤnne, von den Hanſeaten darum ſchon ver⸗ worfen werden mußte, weil man vom Koͤnige, der, ſo lan⸗ ge er frei geweſen, den Kaufmann immer beſchuͤtzt, keine 1) Hanfeat. Receſſ. Nr. II. p. 211 und Nr. III. p. 155. 170. Der Beſchluß der Städte war, „Das ſy es nicht rathſam duͤnket, von den gemeynen ſteten ſich zu ſcheyden, adir wir den Holm alleyne inczu⸗ nemen, adir den von Luͤbek mit den andern ſteten geſtaten noch volgen ſullen den Holm ane uns inczunemen, ſunder mit eyner gantzen eyntracht der ſtete, den konig uszuteydingen umme eyne genante ſumma geldis, und das dy gemeinen ſtete uns helffen unſern ſchaden czu vordern von der konigynnen von Denncmarken und wir In wider, ab das nicht geſyn mag, das man eyn orloge anſla mit der konigynnen, doch jo mit eyn⸗ tracht der gemeynen ſtete. VI. 3
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34 Verhandlungen mit Dänemark und Meklenburg (1394). Genugthuung fordern konnte, ſo knuͤpften die Sendboten aus Preußen und Livland mit den Meklenburgern neue Un⸗ rerhandlungen an, welche beide Theile dem erwuͤnſchten Zie⸗ e näher fuͤhrten.) Um die Seeſtaͤdte fuͤr das Intereſſe an Albrechts Befreiung mehr zu gewinnen, erklaͤrten die Meklenburger: ihr Herr, der Herzog ſey zur Verguͤtung des dem aus Freundes-Land nach Freundes- Land ſegelnden Kauffahrer zugefuͤgten Schadens wohl ſehr geneigt, wenn er ſich dadurch der Hanſeaten Gunſt und Freundſchaft er⸗ werben koͤnne. Wolle man dieſe Verguͤtung nicht bis zu des Koͤniges Befreiung anſtehen laſſen, ſo moͤge der wuͤrdi⸗ ge Hochmeiſter in Preußen als Oberrichter zur Entſcheidung aufgerufen werden, was ſie nach Ehre und Recht an Scha⸗ den zu leiſten ſchuldig ſeyÿen. Was vom genommenen Kauf⸗ gute in ihren Stäbten und des Herzogs Landen noch ge⸗ funden werde, ſolle den Eigenthuͤmern ausgeliefert, der Kauffahrer aus Freundes-Land gegen ihre Kriegsleute auf der See geſichert und ſonſt auch billigen Forderungen Ge⸗ nüge gethan werden. Zugleich aber erſuchten die Meklen⸗ burger die Hanfeftädte, ſich jetzt der Befreiung des Koͤniges mit Ernſt und Eifer anzunehmen und vornehmlich dahin zu wirken, daß Albrecht und ſein Sohn ihres Thrones nicht entwaͤltiget würden. Die Seeſtaͤdte, nach einigen näheren Beſtimmungen hiemit ſich befriedigend, erklaͤrten ſich bereit, die Koͤnigin nochmals aufs dringendſte zu Albrechts Frei⸗ laſſung aufzufordern, ſofern Herzog Johann fein Erbieten bis zu Johanni dieſes Jahres in Ausfuͤhrung bringen werde. Aber noch auf dem naͤmlichen Tage zu Lubeck brach⸗ te auch die Koͤnigin in einem Schreiben den Hanſeaten ſo friedliche Geſinnungen entgegen, ſprach ihren Wunſch nach Eintracht und Verſoͤhnung ſo lebendig aus und er⸗ klaͤrte ſich ſo bereitwillig zu einem neuen Verhandlungsta⸗ 1) Die Verhandlungen hierüber weitläuftig in Hanſcat. Receſſ. Nr. III. p. 176 seq. 2) Hanſcat. Receſſ. II. p. 215 — 216. UL p. 179 — 181.
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Verhandlungen mit Daͤuemark und Meklenburg (1394). 35 ge, um da die Mißverhaͤltniſſe auszugleichen: ? daß man jetzt mehr als je neue Hoffnung zur endlichen Beilegung des jahrelangen Streites faßte und daher auch gerne auf naͤchſten Johannistag eine Berathung mit der Königin feſtſetzte. Um fo mehr beeilten ſich nun auch die Meklen⸗ burger, ihre Verſprechungen zu erfüllen. Die Verhand⸗ lungen begannen und um Johanni kam es zwiſchen dem Hochmeiſter und dem Herzoge Johann nebſt Wismar und Roſtock zu einem Vertrage, in welchem die letztern ver⸗ ſprachen: man wolle den dem von Freundes-Land nach Freundes⸗Land fahrenden Kaufmanne von ihren Staͤdten oder des Herzogs Leuten zugefügten Schaden an Schiff und Gut, ſo viel davon noch vorhanden oder daruͤber auszuforſchen ſey, ausliefern und vergüten. Schiffe, die man zum Kriege gebrauche, werde man den Eigenthuͤmern abkaufen. Sonſtige Irrungen über verzogenes Gut folk ten auf naͤchſter Tagfahrt der beiderſeitigen Städte aus⸗ geglichen werden und zur Verhütung ſerneres Schadens wollten der Herzog und die Staͤdte allen Kriegsbeamten und Hauptleuten bei Stockholm und ſonſt überall verbie⸗ ten, den von Freundes-Land nach Freundes-Land fah⸗ renden Kaufmann in irgend einer Weiſe zu beſchaͤdigen bei hoͤchſter Strafe am Uebertreter dieſes Gebotes. Die⸗ ſer Friedensvertrag ſollte dauern bis ſechs Wochen nach dem mit der Koͤnigin anberaumten Tage und alle in ſich ſchließen, die von Freundes = Kand nach Freundes- Land ſegelten, nur des Herzogs und beider Staͤdte offenbare Feinde ausgenommen. > Auf dem hierauf im Juli mit der Königin veranſtalte⸗ ten Berathungstage zu Helſingborg erſchienen Sendboten 1) Das Schreiben der Königin in Hanſcat. Receſſ. II. p. 221. III. p. 192. 2) Das vom Herzoge Johann und den beiden genannten Städten ausgefertigte Original dicſer Urk., dat. Nozſtock am Tage der Hochzeit S. Johannis Baptiſt. 1394 im geh. Arch. Schiebl. 33 nr. 1. a. Der Vertrag auch in Hanſcat. Receſſ. II. p. 227 — 228. 355
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36 Verhandlungen mit Daͤnemark (4397). aus den drei nordiſchen Reichen und den wichtigſten Hanſe⸗ ſtaͤdten, aus Preußen Hermann von Halle aus Thorn und Heinrich Damerow von Elbing, naͤchſtdem auch Abgeordnete des Hochmeiſters. Man entwarf die wichtigſten Bedingun⸗ gen der Freilaſſung des Koͤniges: die Königin wolle ihn auf einige Jahre aus der Haft entlaſſen; in dieſer Friſt ſolle er ſich mit ihr uͤber alle obwaltenden Streithaͤndel vergleichen; erfolge dieß nicht, ſo ſollen acht Hanſeſtaͤdte, unter ihnen auch Thorn, Elbing und Danzig dafuͤr einſtehen, daß ſich Albrecht und ſein Sohn der Koͤnigin wieder zu Gefangenen fielen, oder dieſer die Summe von ſechzigtauſend Mark ent⸗ richten. Zu ſicherer Buͤrgſchaft aber ſollen die Hanſe⸗ ſtaͤdte Stockholm in Beſitz nehmen und ſofern jene Summe nicht entrichtet wird, ſolches der Koͤnigin einraͤumen. Doch bevor man uͤber die Ausführung dieſer Beſtimmungen einig ward, veranlaßte plotzlich ein bis zu Mord und Todtſchlag gehender Zwiſt zwiſchen den Daͤnen und Deutſchen die Tren⸗ nung der Verſammlung und die Verhandlungen konnten erſt ſpaͤter wieder aufgenommen werden. ) Zwar ward von Preußen aus ſowohl vom Hochmeiſter als durch die Hanſe⸗ ſtaͤdte die Freilaſſung des Koͤniges noch in dieſem Jahre mehrmals mit allem Eifer angeregt, weil man einer Seits immer noch Klagen uͤber Gewaltthaͤtigkeit und Beraubung des Kaufmannes auf der See zu fuͤhren hatte und ande— 1) Ekendahl Geſchichte des Schwed. Volks B. I. S. 701 ſcheint nach den chroniſtiſchen Angaben bei erm. Corner. Chron. p. 1167, Hamsfort Chron. ap. Lange heft T. I. p. 317 und Hwidfeld p. 593 anzunehmen, daß der Verhandlungstag zu Helſing⸗ borg gar keinen weitern Erfolg gehabt habe. Allein die noch aufbehal⸗ tenen Verhandlungen in Hanſeat. Receſſ. II. p. 228 seg. (woraus wir zugleich erſehen, daß der Tag nicht im Auguſt, ſondern ſchon im Juli gehalten wurde) weiſen aus, daß man ſich damals ſchon uͤber die weſent⸗ lichſten Punkte vercinigte, weshalb auch Lindenblatt S. 100 ſchon in dieſem Jahre von der Sache ſpricht. Ueber den blutigen Zwiſt der Dänen und Deutſchen ſ. Detmar B. 1. S. 363, Pontani rer. Da- nicar. IIistor. L. IX. p. 523.
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Verhandl. mit den Herzogen v. Pommern (1393 — 1395). 37 rer Seits der den Preußiſchen Städten von der Königin zu leiſtende Schadenerfa fur ihre Verluſte, den fie wie⸗ derholt gefordert, ſich an jene Verhaͤltniſſe knüpfte.) Al⸗ lein da ſo Viele in der Sache betheiligt waren, ſo traten immer neue Hinderniſſe ein, wozu ſelbſt auch der Umſtand gehörte, daß Herzog Wartislav der Jüngere von Stolpe, mit dem Hochmeiſter immer noch in Mißhelligkeiten, den Komthur von Schwez, den Großſchaͤffer von Marienburg und einige Abgeordnete der Staͤdte, die in Botſchaſt zu einem zwiſchen der Koͤnigin und dem Herzoge von Meklen⸗ burg anberaumten Tage ziehen ſollten, auf ihrem Zuge durch fein Land gefangen nahm, vorgebend, der Hoch⸗ meiſter wolle ihm weder in ſeinen Forderungen zu Recht ſtehen, noch fernere Tage mit ihm halten. Dieſes Ereigniß aber lenkte zunaͤchſt des Hochmei⸗ ſters Augenmerk auf das nachbarliche Pommern hin und da der Winter des Jahres 1395 —— weich und mild, auch nur wenige fremde Kriegsgaͤſte im Lande waren, alſo daß eine Kriegsreiſe nach Litthauen nicht Statt finden konnte, ſo war er vor allem bemuͤht, die Mißverhaͤltniſſe mit den Herzogen von Pommern wo möglich zu beſeiti— gen. Wartislavs damals eben erfolgter Tod und ſeines Nachfolgers, des jungen Herzogs Barnim friedlicher Sinn, 1) ueber die Klagen der Preuß. Städte heißt es in Hanſcat. Reteſſ. II. p. 222: So hebben dy Radesſendeboten ut Pruͤſſen openbart vor den ſteten und ſich geclaget von groten Drapliken ſchaden, dy den eren ute dem Rike Denncmarken geſchen is in Zerove und in Zevunde tu menghen tyden und hebben des begert von den ſteden, weret alzo dat dy konigynne en dorumme nicht recht werden wolde na utwiſunge der pri⸗ vilegie, dat et denne die Stede willen helpen vordern myt kryghe. — Die Hanſeſtädte verſprechen den Preußen, die Königin mit allem Ernſte um den Schaden zu mahnen. Hanſcat. Receſſ. II. p. 232 — 233 ent⸗ haͤlt ein ſpecielles Verzeichniß des von den Dänen erlittenen Verluſtes Preußiſcher Secfahrer. 2) Schreiben des HM. an den Herzog, dat. Montau am S. Mar⸗ tins⸗Tage (1394) im Regiſtr. p. 8.
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38 Verhandl. mit den Herzogen v. Pommern (1394 — 1395). ließen ſeine Bemuͤhungen gelingen. Nach einer perſoͤnli⸗ chen Verhandlung beider Fuͤrſten zu Tuchel über einen Vertrag, verſprach der Herzog, den Orden und deſſen Unterthanen ſtets und uͤberall nach allem Vermoͤgen zu foͤr⸗ dern und ihnen forthin ſichern und ungehinderten Durch⸗ zug in feinem Gebiete zu geſtatten.) — Ungleich ver wickelter war der Streit des Hochmeiſters mit dem Herzog Swantibor von Stettin, der ihn lange Zeit beſchaͤftigte. Sein Anlaß lag in der Verleihung des Erzbisthums von Riga an Johann von Wallenrod. Die Hoffnung, daß durch die Wendung, welche der langwierige Zwiſt mit dem Erzbiſchofe von Riga am Hofe zu Rom genommen, die erſehnte Eintracht endlich hergeſtellt ſeyn werde, war nur zu bald getaͤuſcht worden; denn obgleich das Dome kapitel zu Riga, die dortige Buͤrgerſchaft und Ritter und Kuechte des ganzen Stiftes dem neuen Erzbiſchofe ge⸗ ſchworen und gehuldigt hatten,? fo lehnten ſich doch nicht nur die in Deutſchland umherirrenden Domherren trotzig wider denſelben auf, ſondern ſelbſt auch der Biſchof von Dorpat verſagte ihm den Gehorſam und wollte ſich in keiner Weiſe in die neuen Verhaͤltniſſe fügen. Beide ver⸗ einigten ſich bald in ihren Umtrieben wie gegen den Or⸗ den, ſo gegen den Erzbiſchof, denn waͤhrend jenen es ge⸗ lang, den Orden bei geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten durch Entſtellung der Verhaͤltniſſe überall zu verunglimpfen und ſelbſt den wankelmuͤthigen Roͤmiſchen König Wenceslav durch das Vorgeben in Harniſch zu bringen, als wolle der Orden das ganze Erzſtift Riga, welches jener fuͤr ein Reichslehen erklaͤrte, als Eigenthum ſich zueignen, wagte es der Biſchof von Dorpat mit Einſtimmung jener Dom⸗ herren, trotz der paͤpſtlichen Anordnung, die Wahl des I) Ueber dicſe Verhältniſſe zwei Schreiben des HM. an den Herzog im Regiſir. p. 8 und 9. Lindenblatt S. 101. De Wal T. Iv. 2) Wie der HM. dem Biſchofe von Olmuͤtz im J. 1396 aus druͤcklich ſchreibt; Regiſtr. p. 42.
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N Pr Verhandl. mit den Herzogen v. Pommern (1395). 39 Pommeriſchen Prinzen Otto von Stettin, eines kaum vier⸗ zehnjaͤhrigen Juͤnglings, zum Erzbiſchof von Riga zu voll⸗ ziehen,) und Herzog Swantibor von Stettin, der Vater dieſes Prinzen, war um ſo leichter hiefuͤr zu gewinnen, weil früher zwiſchen ihm und dem Hochmeiſter von der Wahl ſeines Sohnes wirklich ſchon die Rede geweſen war. Da er nicht verfehlte, wie vor den Fuͤrſten in Deutſch⸗ land, fo ſelbſt auch vor dem Roͤmiſchen Könige unablaͤſſig mit ſchweren Klagen uͤber des Ordens Verfahren aufzu⸗ treten und der Hochmeiſter von dieſen mitunter durch ſehr bittere Ermahnungsſchreiben bedraͤngt wurde, ſo fand er endlich fir nothwendig, zu feiner Rechtfertigung den Ver⸗ lauf der Dinge frei und offen aufzuklaͤren. Der Ro: miſche König, dem der Papſt den neuen Erzbiſchof beſon— ders empfohlen, war bald befriedigt, als der Hochmeiſter das Erzſtift Riga nicht nur als ein Reichslehen und das Deutſche Reichsoberhaupt als Oberlehnsherrkn anerkannte, ſondern auch erklärte, daß es fortan ſtets ein ſolches blei⸗ ben und weder der Orden, noch der neue Erzbiſchof das alte bisherige Verhaͤltniß jemals aͤndern ſolle.“ Dem Herzoge Stephan von Baiern und Pfalzgrafen vom Rhein, bei dem er gleichfalls angeklagt war, ſchrieb der Meifter: Dem Reiche, dem der Orden feine Stiftung, feine Pri— vilegien, Freiheiten und feinen Schirm verdanke, habe er 1) Daß eigentlich der Biſchof von Dorpat, nicht aber das Dom kapitel zu Riga, wie Kotzebue B. III. S. 54 behauptet, die Wahl des Prinzen Otto betrieben habe, geht aus mehren Schreiben des HM. im Regiſtr. p. 29. 42. Har hervor. Sell Geſchichte Pommerns B. H S. 53 ſpricht von der Sache nur obenhin. 2) Das Schreiben des HM. an Wenceslav iſt nicht mehr vorhan⸗ den; aber in einem andern Briefe an Herzog Stephan von Baiern fügt er: Unfer gned. herre der koning los is do by, do her vorgab den ordin allirley czuſachunge von derſelbin kirchen weyn und ſprach dy kirche ſolde bliben von dem lene des Richs, das ouch geſchen ſal, wen der Orden andirs nymer ſal muten noch der nuwe herr, wen das ſy bliben ſal, als ſy von alders y und y geweſt iſt.
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40 Streit gegen dis Erzbisthums Riga (1295). nie ein Lehen entfremden wollen ‚ wie er jetzt Riga's we: gen beſchuldigt werde. Den neuen Erzbiſchof habe der Papſt ganz aus eigenem Willen gewaͤhlt, da er noch welt⸗ lich und noch nicht Bruder des Ordens geweſen ſey; je⸗ doch ſolle er das Stift halten, wie feine Vorfahren im⸗ mer gethan. Niemand im Orden habe es freilich bisher gewußt, daß das Stiſt ein Reichslehen ſeyn ſolle, denn ſeit laͤnger als hundert Jahren ſeyen alle Streithaͤndel mit dem Erzbisthum nicht am Hofe des Kaiſers, ſondern zu Rom verhandelt worden. Erſt vor einem Jahre habe man ſolches vernommen. Ueber verurſachte Koſten in die: fer Sache duͤrfe ſich übrigens der Herzog von Stettin nicht beſchweren, da es ja ſchon anderthalb Jahre her ſey, daß dieſer Erzbiſchof die Wuͤrde erhalten habe; ebenſo wenig duͤrfe er ſich beklagen, daß die Wahl nicht ſeinen Sohn getroffen, da er ja ſelbſt waͤhrend eines halben Jahres ſich am Roͤmiſchen Hofe um nichts beworben habe. Jetzt ſage man zwar, das Kapitel von Riga habe mit Einſtimmung des alten Erzbiſchofs Herrn Otto von Stet⸗ tin gekoren; allein was Rechtes an dieſer Kür oder Hei⸗ ſchung ſey, uͤberlaſſe man dem Papſte, weil es eine geiſt⸗ liche Sache betreffe. Alſo moͤge der Pfalzgraf dem Orden ſeine Weigerung nicht verargen, denn Herrn Otto zu Liebe den neuen Erzbiſchof zu verſtoßen, ſtreite eben ſo gegen Ehre als Gehorſam. U Aehnliche Briefe des Meiſters ergingen an andere geiſtliche und weltliche Fuͤrſten. Dem Biſchofe von Hil- desheim verwies er es ziemlich ernſtlich, daß er den Orden wegen Beſetzung der erzbiſchoͤflichen Guͤter, ohne genau unterrichtet zu ſeyn, am paͤpſtlichen Hofe beruͤchtige.) Den Biſchof von Olmuͤtz warnte er, den herumirrenden Rigai⸗ 1) Das Schreiben, dat. Marienburg am Donnerſt. vor Oſtern 1395 im Regiſtr. p. 10 — 11. 2) Das Schreiben, dat. Marienb. in der Marterwoche 1395 im Regiſtr. p. 13.
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Streit Jegen dis Erzbisthumsgiga (1309). 41 ſchen Domherren in ihrem Widerſtreben irgendwie foͤrder⸗ lich zu ſeyn, weil der Papſt ſelbſt den neuen Erzbiſchof ernannt und das Erzbisthum dem Orden einverleibt habe. Die Erzbifchöfe von Mainz, Trier Coͤln und Magdeburg, der Biſchof von Bamberg, die Herzoge von Baiern und Sachſen, der Markgraf von Meißen und man⸗ che andere wurden erſucht, den Ausſagen und Verleum⸗ dungen der Rigaiſchen Domherren und anderer Widerſa⸗ cher des Ordens keinen Glauben beizumeſſen, weil alles, was geſchehen, vom Papſte ſo verfügt worden und den Domherren die Ruͤckkehr in ihre Pfruͤnden frei geſtellt ſey. Auch die Vettern des Pommeriſchen Prinzen, Herzog Barnim und Wartislav von Stettin ſuchte der Meiſter über Hergang und Stand der Dinge naͤhnr zu be lehren) und dem Herzoge Swantibor ſelbſt machte er be: merklich, wie unrecht es ſey, daß er den Orden wegen verurſachter Koſten anklage, denn wenn ſein Vorfahr im Meiſteramte auch allerdings die beiden Ordensritter Jo⸗ hannes von Mülheim und Albrecht von der Duba zu ihm als Botſchafter gefandt habe, fo ſey folches nur aus Liebe und Freundſchaft geſchehen, aber mitnichten um den Or⸗ den zu verbinden, ſeinen Sohn Otto als Erzbiſchof anzu⸗ nehmen und keinen andern, denn dazu hätten dieſe Send: boten einer ganz andern Vollmacht bedurſt, als fie ſie gehabt. Davon ſey auch keinem Gebietiger etwas be⸗ kannt; in ſeines Vorfahren Gewalt habe es jedoch fuͤr⸗ wahr nicht geſtanden, dem Papſte die Wahl dieſes oder jenes Erzbiſchofs vorzuſchreiben, denn er könne hierin han⸗ deln, wie er wolle. Auch habe ja der Herzog ein halbes Jahr hingehen laſſen, ohne beim Papſte fuͤr ſeinen Sohn — 1) Bricfconcept, dat. Marienb. Donnerſt. vor Oſtern o. J.; f. Hennigs Kopirbuch B. I. S. 309. > Dieſe Briefe, dat. wie die eben erwähnten im Regiſtr. p. 13. 3) Das Schreiben, dat. Marienb. Dienſt. nach Palm = Sonntag im Regiſtr. p. 12.
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42 Streit wegen das Erzbisthum Riga (1395). im mindeſten zu wirken und ſelbſt als vor Weihnachten ſeine und des Roͤmiſchen Koͤniges Sendboten in Marien⸗ burg geſehen haͤtten, daß man Johann von Wallenrod als Erzbiſchof geehrt und gewuͤrdigt habe, ſey von ihnen nichts geſchehen. Alſo moͤge er es jetzt bei der alten Freundſchaft laſſen und den Orden nicht ferner mehr vor Fuͤrſten und Herren befehuldigen. ” Herzog Swantibor indeß beruhigte ſich noch keines⸗ wegs und auch die Umtriebe der uͤbrigen Gegner des Or⸗ dens wurden immer bedenklicher, denn bald kam vom Meiſter von Livland die Nachricht, der junge Herzog Al⸗ brecht von Meklenburg ſey heimlich nur mit wenigen an⸗ dern zu Reval geweſen und nachdem er dort drei Tage allerlei verborgene Werbungen gehabt, zum Biſchofe von Dorpat gezogen; es gehe allgemein die Sage, daß ihm viele Vitalienbruͤder zu Huͤlfe kommen wuͤrden, um den Orden aus Livland zu vertreiben und wenigſtens zu be⸗ laͤſtigen. Der Hochmeiſter erließ alsbald wie an den Her⸗ zog Johannes von Meklenburg, ſo an die Staͤdte Roſtock und Wismar eine Aufforderung zur Erklaͤrung, was man ſich vom Herzoge Albrecht zu verſehen habe, ob von ihm Friede oder Fehde zu erwarten ſey und ob er nicht bedenke, was der Orden bereits fuͤr den gefangenen Koͤnig von Schweden (Jo⸗ hanns Bruder) gethan habe und noch thun koͤnne.“ Dem Meiſter von Livland trug er auf, vom Biſchofe von Dorpat und deſſen Rittern, Knechten und Städten eine gleiche Er- klaͤrung zu fordern, jeden Falls aber die groͤßte Sorgfalt auf Befeſtigung und Verpflegung ſeiner Haͤfen, Burgen und Staͤdte zu verwenden, denn gewiß wuͤrden die Vitalienbruͤ⸗ 1) Das Schreiben, dat. Marienb. am Montag nach Palm. 1395 im Regiſtr. p. 14. 2) Schreiben des HM. an den Komthur von Schwez, der damals in Schweden war und den erwähnten Antrag erhielt, dat. Schlochau am Sonnab. nach Marci und Marcelliani 1395 im Regiſtr. p. 15. Die Briefe an den Herzog von Meklenburg und die beiden Staͤdte Roſtock und Wismar vom naͤmlichen Datum ebendaſ.
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Streit wegen das Erzbisthum Riga (1395) 43 der nicht den fernen Weg zu Fuße, ſondern zur See machen; um ſo eher koͤnne man ſich ihrer wehren, wenn man Haͤfen und Burgen mit Mannſchaft gut verſorge.) Des Meiſters Mißtrauen ſtieg noch mehr, als bald darauf einige Raͤthe des Herzogs von Stettin als Sendboten von ihm verlangten, er ſolle nicht nur dem Prinzen Otto das ihm vom alten Erzbi⸗ ſchofe, den Rigaiſchen Domherren und vom Roͤmiſchen Koͤ⸗ nige verliehene Erzbisthum nicht langer vorenthalten, ſon⸗ dern auch den Rittern und Knechten, die dem alten Erzbi⸗ ſchofe gefolgt ſeyen, unter ſicherem Geleite die Ruͤckkehr in ihr Land und die Beſitznahme ihrer Guͤter geſtatten. Dem Meiſter war dieß um ſo mehr befremdend, weil man bisher von Rittern und Knechten, die mit dem alten Erzbiſchofe. ges flohen ſeyen, gar nichts wußte und die Vermuthung nahe lag, daß hiebei irgend ein tuͤckiſcher Plan im Spiele ſey. Die Geſandten mit einer ganz unbeſtimmten Antwort abfer⸗ tigend, erlaubte er zwar, daß zehn bei dem Herzoge ſich aufhaltende Domherren zum Genuſſe ihrer Pfruͤnden zuruͤck⸗ kehren duͤrften, gab aber zugleich dem Meiſter von Livland einen Wink, in jeder Weiſe auf ſeiner Hut zu ſeyn, denn wenn es auch bloßes Geruͤcht ſey, daß der Prinz Otto mit ſtarkem Kriegsvolke durch Rußland und Litthauen in Livland einfallen werde und der Herzog allein wohl nichts ausrichten koͤnne, ſo ſey er doch uͤberall befreundet und was ihm mit Güte nicht gluͤcken werde, moͤge er doch wohl mit ſeiner Freunde und anderer Herren Hülfe durchzuführen ſuchen. 2 Ohne Zweifel hatte hiebei der Hochmeiſter den Groß⸗ fürften Witowd und den Koͤnig von Polen im Auge und daraus erklärt ſich zugleich fein eifriges Bemühen, ein ge⸗ wiſſes friedliches Verhaͤltniß mit diefen Fürften ſeſtzuſtellen. Fuͤrſt Witowd, deſſen Vetter Skirgal, Beherrſcher von Kiew, zu Ausgang des vorigen Jahres durch den Archi⸗ 1) Schreiben des HM. vom nämlichen Datum im Regiſtr. p. 16. 2) Schreiben des HM. an den Meiſter von Livland, dat. Marienb. am Dienſt. Octava Petri und Pauli 1395 im Regiſtr. p. 16.
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44 Verhandlungen mit Witowd (1395). mandriten eines Kloſters vergiftet worden war, ) jetzt auf nichts mehr bedacht, als theils ſeine verheerten Land⸗ ſchaften zu einigem Wohlſtande zu erheben, theils ſein Herrſcherwort auch uͤber Kiew und Podolien geltend zu machen, ſchien dem Meiſter Anfangs ſelbſt die Hand zum Frieden zu bieten oder vorerſt doch wenigſtens gegen den Orden eine feſtere Waffenruhe bewirken zu wollen. Schon im Frühling erſuchte er den Meiſter um einen Ver: handlungstag zur Ausloͤſung der Gefangenen und dieſer nahm ihn um ſo lieber an, weil bald darauf Witowd auch vorgab, es ſolle zugleich auch uͤber die Sache des chriſtlichen Glaubens eine verſoͤhnliche Verhandlung einge: leitet werden.“ Der Tag ward um Johanni zwiſchen Witowd und dem Ordensmarſchall Werner von Tettingen auf der Dobiſſa wirklich gehalten“ und die Auswechſe⸗ lung der Gefangenen erfolgte. Als aber die Sache des Glaubens in Berathung kam, trat der Fuͤrſt, obgleich er ſich vorher vom Könige von Polen für bevollmaͤchtigt er⸗ klaͤrt, mit der Behauptung auf: es ſey ihm vom Reiche Polen und insbeſondere durch zwei Briefe des Koͤniges verboten, ſich in irgend eine Berichtung oder Handlung mit dem Orden einzulaſſen. So blieb in dieſer Sache 1) Dlugoss. p. 142. 2) Kojalowiez p. 42 — 50, Karamſin B. V. S. 124. 350. 3) Schreiben des HM. an Witowd im Regiſtr. p. 10 vgl. mit p. 18. 4) Ueber den waͤhrenddeß feſtgeſetzten Waffenſtillſtand die beiderſeiti⸗ gen Urkunden im Regiſtr. p. 16. 5) In einem Berichte daruͤber heißt es: Es iſt czu wiſſen, das Wy⸗ tauwt herczog von Littowen und Ruſſen hat vor ſente Johannes Baptiſte eynen nemelichen tag offgenommen mit dem orden beyde von der loſunge wegen der gefangen uff beyde ſyten, ouch czu vorſuchen mit dem orden eyne vorfünliche handelunge von des criſtenlichen geloubens wegen, ob man in keynerlcy (d. h. in irgend einer) wyzze mochte irdenken wege, das dy ungeloubigen ſich ſeczten und an ſich entfingen die criſtenliche E, und vorſchreib unſerm Homeiſter, das her volmechtig were czu thun und czu laſen gemacht von dem konige von Polan ader von dem Reiche u. ſ. w.
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Verhandl. mit dem Herzoge v. Oppeln (1395). 45 der Tag ohne Erfolg.) Noch befremdender aber war dem Ordensmarſchall die damals erhaltene Nachricht von einem Bündniſſe des Koͤniges von Polen und des Roͤmi⸗ ſchen Koͤniges und dem Verbote des letztern, den Glau⸗ benskampf gegen die Heiden weiter fortzuſetzen. ?) Die Verhaͤltniſſe des Ordens naͤmlich mit dem Koͤ⸗ nige von Polen waren um nichts friedlicher geworden, denn des letztern tiefgewurzeltes Mißtrauen wachte im⸗ mer von neuem auf. Er konnte es nicht vergeſſen und verzeihen, daß der Orden noch im Beſitze Dobrins war und es mußte ſich bald in ihm die Meinung bilden, als ſtrebe der Orden, ſich die Obermacht über dieſes Land moͤglichſt ſicher zu ſtellen, denn erſt im vorigen Jahre hat⸗ te er dem Herzoge Wladislav von Oppeln zu der fruͤheren Pfandſumme abermals zwei und zwanzig tauſend und neun⸗ hundert Ungeriſ. Eulden auf das Land geliehen, alſo daß jetzt die geſammte Pfandſumme beinahe drei und ſieben⸗ zig tauſend Ungeriſ. Gulden betrug, wobei ausdruͤcklich beſtimmt war, daß die Ausloͤſung des Landes nur durch Zahlung der Geſammtſumme erfolgen und der Orden auch im Beſitze bleiben ſolle, wenn nicht die kleinere, zuletzt geliehene Pfandſumme entrichtet ſey.“) Der König aber ſah wohl ein, daß bei des Herzogs Armuth das Land unfehlbar auf irgend eine Weiſe dem Orden anheim fal— len muͤſſe, und in der That ließ es ihm der Herzog ſchon im Fruͤhling dieſes Jahres zum Verkaufe anbieten. Der beſonnene Meiſter indeß, mit des Koͤniges Geſinnung nicht unbekannt, zumal da dieſer gerade jetzt den Herzog wie⸗ derholt zur Leiſtung des Lehenseides n Beziehung ſowohl 1) Lin denblatt S. 101. Regiſtr. p. 18. 2) Regiſtr. p. 18. 3) Ueberdieß ſollte der Orden im Lande Dobrin auch noch 6000 Gul⸗ den verbauen dürfen, die ihm der Herzog mit der Hauptſumme wieder erſtatten follte, Die Urk. hierüber dat. Off unſerm huße Wenyngen Glo⸗ gaw am Donrſtage neheſt vor Urbani 1394 im Cod. Olivens. p. CXC VI im geh. Staatsarchiv zu Berlin.
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46 Verhandl. mit dem Herzoge v. Oppeln (1395). auf die ihm fruͤher verliehenen Lande, als insbeſondere auch Dobrin auffordern ließ,“ wies den Kauf ohne weis teres von der Hand, die Beſchraͤnkung vorſchuͤtzend, die im Hauptbriefe des Koͤniges Ludwig von Ungern über Do brin des Herzogs Freiheit zum Verkaufe des Landes in Zweifel ſtellen ſolle, woruͤber der Hochmeiſter ſeit einem Jahre von dieſen keine nahere Auskunft hatte erhalten koͤnnen. Auch im Herbſt dieſes Jahres war dieſe noch nicht erfolgt; da glaubte der Herzog, wie es ſcheint in neuer Geldbedraͤngniß und unwillig uͤber des Hochmeiſters Zaudern, vielleicht dadurch dem Ziele naͤher zu kommen, daß er Anſprüche von Zinſen wegen des Landes an den Orden erhob. Allein der Meiſter verweigerte dieſe nicht nur, weil er zum Schutze des Landes dort viele Ordens— ritter auf ſchwere Koſten unterhalten muͤſſe, ſondern wies derholte auch die frühere Forderung, daß der Herzog ſei⸗ ne Freiheit zum Verkaufe des Landes gehoͤrig ausweiſen muͤſſe, wenn ſich der Orden dazu geneigt erklaͤren ſolle. Uebrigens habe dieſer, erklaͤrte der Hochmeiſter, nie im ent⸗ fernteſten den Gedanken gehegt, das Land einem andern als Eigenthum zu uͤbermachen, denn noch gehöre es dem Herzoge, ſobald er es nur auslöfe. ® Offenbar hatte hiebei der friedliebende Meiſter vor 1) Dlugoss. p. 144. 2) Darüber zwei Schreiben des HM. an den Herzog und deſſen Kanzler, dat. Marienb. am Tage Stanislai 1395 im Regiſtr. p. 14— 15. Dem Herzoge ſchreibt er: Das uns in kowffs wyſe nicht iſt umb das Land Dobryn durch der vorbyndunge, die do usgedrocket wir funden in der Copie by uns euwres houbtbriefes obir das land Dobryn gegeben von dem hochwirdigen heren Lodewig konige czu der czeit zu ungern. — Dem Kanzler ſchreibt der HM. geradezu: Habit vor eyne endige antwert unfer meynunge, die Ir vormols ouch wol habit vornomen, wir wellen an den kowff noch das leipgedinge nicht, ſunder halden das Land Dobryn in der vorſatczunge, als lange bis unſer herre das loſen wirt noch us⸗ wyſunge ſynir brieffen. 3) Schreiben des HN. an den Herzog, dat. Marienb. Freitag nach Katharina Virg. 1395 im Regiſtr. p. 24.
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Verhandl. mit dem Herzoge v. Oppeln (1395). 47 allem den Koͤnig von Polen im Auge und wie er fruͤher das vom Herzoge Johannes von Görlig ihm wiederholt gemachte Anerbieten wegen des Ankaufes der Neumark ab⸗ gewieſen, um nicht den Markgrafen Jobſt von Maͤhren zu erzuͤrnen,“ fo wich er auch jetzt ſorgſam jedem An: laſſe aus, der den König von Polen noch mehr haͤtte auf⸗ regen koͤnnen. Darum ging er auch auf den Antrag des Markgrafen Wilhelm von Meißen, ſich mit dem Koͤnige von Ungern, dem Herzoge Albrecht von Oeſterreich, dem Markgrafen Jobſt von Mähren und ihm ſelbſt wider den König von Polen zu verbinden, nicht weiter ein, erklaͤ⸗ rend, daß er den Frieden mit dem Nachbarreiche, obgleich ſeinen Unterthanen von dorther oft genug Schaden und Mißhandlung geſchehe, nicht eigenmaͤchtig brechen moͤge, ſo ſehr es ihm auch am Herzen liege, des Markgrafen Gunſt und Freundſchaft zu erwiedern. > Dieſe Aufforderung zum Buͤndniſſe mit den genann⸗ ten Fuͤrſten war offenbar eine Folge jenes gegenſeitigen Huͤlfsvertrages, der ſchon im Juni dieſes Jahres zwiſchen 1) Der Markgraf Jobſt von Mähren hatte naͤmlich dem HM. ges meldet, wie er vernommen, daß Herzog Hans von Görlitz dem Orden die Neumark habe verkaufen oder verſetzen wollen und dicſen gewarnt, ſich in die Sache nicht weiter einzulaſſen, worauf der HM. ihm antwor⸗ tete, daß neulich allerdings des Herzogs Boten, der Biſchof von Meißen und einer von Bicberſtein der Neumark wegen bei ihm geweſen ſeyen z allein ohne des Markgrafen Willen wolle man ſich auf nichts einlaſſen; das Schreiben dat. Marienb. Donnerſt. vor Barbara 1394 im Regiſtr. p. 7. In dem nachfolgenden Briefe an den Markgrafen von Meißen heißt es darüber: Wiſſe ewer Irluchtikeit, das wir nicht mogen noch torren uns undirwinden andir lande, wen wir mit den andern unſern alſo vil haben czu thun, wy wir die befreden wider dy ungloybigen, dy do groſlich ſint und werden von tage czu tage geſterket von eczlichen crĩ⸗ ſten obingeſchriben (den Polen), das wir nicht getruweten czu beſchuͤtczen und czu befreden dieſelbe Nuͤwemarke, ab wir uns der undirwonden. Vgl. Lancizolle Geſchichte der Bildung des preuß. Staats Th. I. 281 Anmerk. 122. 2) Schreiben des HM, an den Markgr. von Meißen, dat. Marienb. Donnerſt. nach Mathäi Apoſt. und Evang. 1395 im Regiſtr. p. 22.
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48 Verhaͤltniſſe mit Polen und dem Roͤm. Könige (1395). dem Koͤnige von Polen und dem Roͤmiſchen Koͤnige Wen⸗ ceslav geſchloſſen war, indem der letztere jenem im Falle eines Krieges, ſofern er nicht gegen die Kurfuͤrſten, die Herzoge von Polen und Schleſien oder des Koͤniges Va⸗ ſallen in Boͤhmen gerichtet ſey, gegen alle ſonſtige Feinde ſeines Reiches eine anſehnliche Huͤlfe zugeſagt hatte.“ Schon an ſich mußte dieſer Vertrag bei Wenceslavs Ge⸗ ſinnung gegen den Orden manche Beſorgniß erwecken, denn in einem Kriege mit dem Koͤnige von Polen mußte die⸗ ſem Wenceslav nun unbedenklich Beiſtand leiſten. In Folge dieſes Buͤndniſſes kam aber auch das Gebot an den Meiſter: der Orden ſolle hinfort keine Heereszuͤge gegen die Litthauer und in die Ruſſiſchen Lande mehr unterneh⸗ men, weil zwiſchen dem Orden und dem Könige von Po- len, als Großfuͤrſten von Litthauen und Erbherrn in Ruß land, ſeit langer Zeit ſchon ein beſtaͤndiger Friede beſtehe. Gegen jenes Huͤlfsbuͤndniß erlaubte ſich der Hochmeiſter kein Wort der Widerrede; uͤber dieſes Gebot aber erklaͤrte er dem Roͤm. Koͤnige: Freilich wohl beſtehe dem Namen nach Friede zwiſchen Polen und dem Orden; allein die— ſem ſowohl als ſeinen Unterthanen ſey waͤhrend dieſes Friedens mancher Nachtheil und Schaden zugefuͤgt worden, den er, der Hochmeiſter, jedoch immer ſonder Orlog, durch Liebe und Freundſchaft auszugleichen ſuche. Die Lande der Ruſſen aber und Litthauen betreffend, ſo koͤnne ſich der Orden gegen ſie vollkommen rechtfertigen; von dort aus ſey nicht der Orden allein, ſondern alle nahen Chri: ſtenlande mit Unbill überfüllt worden; weder Freundſchafts⸗ ſchluß, noch Brief und Siegel, nichts werde dort gehalten. „Die Sache des Verbotes alſo, faͤhrt der Meiſter fort, die Ihr mir anmuthet von meines Ordens wegen, habe ich allein nicht Macht abzuthun, denn es iſt eine große Sache, 1) S. das Nähere darüber in der Urk. bei Dogiel T. I. nr. VI und VII p. 6 — 7; De al T. IV. p. 142.
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Verhaͤltniſſe mit Polen und dem Roͤm. Könige (1295). 49 ja die größte, warum mein Orden geſtiftet iſt, naͤmlich Krieg zu halten wider die Unglaͤubigen. Und darum hat er von der Gnade Gottes auch Foͤrderung gehabt bis auf dieſe Zeit und hat fie noch von der heiligen Nömifchen Kirche, dem heiligen Nömifchen Reiche, allen chriſtlichen Koͤnigen, Fuͤrſten und Herren, welche die Sache eben fo- wohl angeht als meinen Orden, beſonders die, deren Lande an die Unglaͤubigen anſtoßen; weshalb mein Orden in ſol⸗ cher Weiſe in große Beſchuldigung kommen möchte. Auch bedarf es hiezu des Rathes des großen Kapitels meines Ordens; alſo verdenket mir es nicht, weil ich nicht Macht habe zu thun, was ihr wollet. ” . Da es jedoch immer etwas Bedenkliches hatte, dem Reichsoberhaupte Folgeleiſtung in ſeinen Befehlen zu ver⸗ weigern, ſo ſandte der Meiſter ſofort den gewandten und umſichtigen Grafen Rudolf von Kyburg, Komthur von Rheden, nach Deutſchland, theils um durch ihn die Fuͤr— ſten und insbeſondere die Kurfürften über die jüngften Verhandlungen und Verhaͤltniſſe mit dem Großfuͤrſten und Über die Stellung des Königes von Polen und des Roͤm. Koͤniges gegen den Orden näher unterrichten zu laſſen, 2 theils auch den Deutſchmeiſter zu beauftragen, bei den wichtigſten Reichsfuͤrſten Rath zu ſuchen, wie ſich der Mei: ſter und ſein Orden in dieſer eigenen Stellung zum Ober: haupte des Reiches zu verhalten habe, um bei Kaiſer und Reich nicht in Ungnade, aber bei der Nachwelt auch nicht 1) Schreiben des HM. an den Röm. König, dat. Marienb. am Donnerft. vor Laurentii 1395 im Regiſtr. p. 19. Dieſes Schreiben ift gewißermaßen der Commentar zu der kurzen Erwaͤhnung der Sache bei Lindenblatt S. 99; es beweiſt aber, außer der Vertragsurkunde vom J. 1395 bei Dogiel 1. c. zugleich auch, daß dieſer Chroniſt das Verbot der Kriegsreiſen nach Litthauen unrichtig ins J. 1394 ſetzt, denn als Folge jenes Vertrages gehört es offenbar erſt ins J. 1395. pi — dem Grafen von Kyburg ertheilten Aufträge im Regiſtr. P- — 19 VI. 4
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50 Verhaͤltniſſe mit Polen und dem Roͤm. Könige (1395). in Verdacht und Tadel zu fallen.) Auch trug er dem Grafen noch beſonders auf, den Fuͤrſten vornehmlich die gefährlichen Plane des Koͤniges von Polen zu enthuͤllen, wie er damit umgehe, Ungern anzugreifen und ſich deſſen zum Verderben der Chriſtenheit zu bemaͤchtigen, wie er fort und fort die Ungläubigen ſtaͤrke und bewaffne, wie er ſogar mit den Tuͤrken zu einem boͤſen Anſchlage gegen die Chriſtenheit in mancherlei Verhandlungen ſtehe u. ſ. w. Mittlerweile aber kam dem Hochmeiſter vom Roͤ⸗ miſchen Koͤnige der neue zweideutige Befehl, er ſolle in etwanigem Streite mit dem Koͤnige von Polen deſſen Reich unter keiner Bedingung angreifen, ſondern die Ent⸗ ſcheidung der Streitſache ihm als dem Reichsoberhaupte zunaͤchſt anheimſtellen.) So ſah ſich der Hochmeiſter uͤberall von Feinden und Widerſachern ſeines Ordens umgeben. Am bedenklichſten 1) Zwei Schreiben des HM. an den Deutſchmeiſter, dat. Marienb. am Mitwoch nach Laurentii 1395 im Regiſtr. p. 20. 2) Der Angriff auf Ungern ſcheint ſich auf das angebliche Recht der Gemahlin des Königes, einer Ungeriſchen Prinzeſſin bezogen zu haben, weshalb es in den Artikeln der Botſchaft auch heißt: Unſer Homeifter hat gewiſlichen dirfaren, von des koniges von Polan anwalden und us ſienem rate, das ſie genczlichen meynen anczugriffen das reich czu Ungern und ſprechen, das is In ſey vorſchreben und vorſegilt mit andirhalbhun⸗ dert Ingeſegeln der herren von Ungern und wo das geſchege, das got nicht gebe, das Polan, Littowen, Ungern, Rußen eyns worden, des muſte ſich der orden czum erſten groſlichen und dornoch die gancze criſten⸗ heit beſorgen, czumole wen der von Polan iſt eyn nuwer criſten und als man ſpricht, die E undir Im und der konygynne noch ny iſt bewert von dem Päebiſtlichen ſtule. Von den Tuͤrken heißt es: So hat unſer Ho⸗ meiſter vornomen, das der konig von Polan habe mit den Undirten und ungeloubigen Tuͤrken etwas gemeynſchaft, alſo das der von Türken czum konige von Polan und der von Polan wedir an den von Tuͤrken geſant haben ſyne boten und des vermutet man ſich, das das alles geſchee uff eynen argen uffſatz der heiligen criſtenheit ader czum mynſten etlicher lande. 3) Das Zweideutige in dieſem Befehle lag darin, daß man zweifel⸗ haft blieb, ob der Rom, König unter dem Reiche Polen nur dieſes al, lein, oder auch die Ruſſiſchen Lande und Litthauen begreife.
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Strrit mit dem Biſchofe v. Dorpat (1395). 51 ſchienen ihm die Verhaͤltniſſe in Livland, denn es war bereits die Nachricht eingegangen: der Biſchof von Dor⸗ pat, zu den aͤußerſten Mitteln der Gewalt entſchloſſen, habe den Plan gefaßt, ſogar mit Hülfe der Litthauer und Ruſſen und mittelſt einer Verbindung mit dem Groß⸗ fürſten Witowd des Herzogs Swantibor Sohn auf den erzbiſchoͤflichen Stuhl zu ſetzen und den neuen Erzbiſchof aus Livland zu vertreiben. Der Meiſter bot daher zwar alles auf, ſich mit dem Biſchof auszugleichen; allein ver⸗ gebens forderte er ihn zu einem Verhandlungstage auf, um durch Schiedsrichter und Unterhaͤndler den Zwiſt bei⸗ zulegen.) Es ward ihm nicht einmal eine Antwort vom Viſchofe. Es blieb ſelbſt ohne Erfolg, als er ſich an die Ritter und Knechte des Biſchofs mit der Aufforderung wandte, ihn zur Annahme einer verſoͤhnlichen Unterhand⸗ lung und zu Ruhe und Friede zu bewegen, damit der Orden nicht endlich zur Waffengewalt gegen ihn gezwun⸗ gen werde. Die groͤßte Beſorgniß aber erregte bald der neue Erzbiſchof ſelbſt. In dem Sturme, der um ihn tobte, wankend geworden, ſuchte er einen neuen Halt und glaubte ihn an den alten Domherren zu finden, die nach Riga zuruͤckgekehrt, aber noch voll Haß und Feindſchaft gegen den Orden waren. Dieß entfernte ihn natuͤrlich vom Intereſſe des Ordens und insbeſondere auch von den neuen, als Ordensbruͤder ins Kapitel gekommenen Dom⸗ herren. Der Hochmeiſter, hier den Keim des ganzen wie- der aufwachenden alten Haders wahrnehmend, ſuchte durch ernſtliche Vorſtellung und Ermahnung vorzubeugen und ihn zu uͤberzeugen, wie nothwendig bei den fie beide bedrohen—⸗ den Feinden zwiſchen ihnen Einigkeit und feſtes Zuſammen⸗ halten ſey und wie vorſichtig man gegen den Herzog von Stettin und deſſen Anhaͤnger bei Beſetzung der erzbiſchoͤf⸗ 1) Schreiben des HM. an den Biſchof von Dorpat, dat. Marienb. am S. Bartholomä Tage (1395) im Regiſtr. p. 21. 2) Schreiben des HM, von demſelben Datum im Regiſtr. p. 21. 4 *
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52 Verhandlungen mit Dänemark (1395). lichen Burgen ſeyn muͤſſe; ” er forderte abermals die Rit⸗ terſchaft und die Bewohner der Staͤdte und Gebiete von Riga und Dorpat auf, den Biſchof zur Ruhe zu ermah⸗ nen und ihm insbeſondere ſeine etwanige Verbindung mit den Ruſſen und Litthauern abzurathen; er machte ſie auf die Schwere eines Krieges auſmerkſam, der aus des Bis ſchofs fortgeſetztem Widerſtreben leicht hervorgehen und ihre Gebiete heimſuchen koͤnne; Ter ertheilte auch dem Ordens⸗ gefandten zu Rom die noͤthigen Aufträge, um ſelbſt vom paͤpſtlichen Stuhle her dem Biſchofe entgegenzuwirken, denn deſſen Verbindung mit den Litthauern und Ruſſen war dem Hochmeiſter gegen Ausgang dieſes Jahres ſchon außer allem Zweifel.) Allein durch alle dieſe Maßregeln war der trotzige Praͤlat auf keine Weiſe zur Ruhe zu bringen. Mit ungleich glüdlicherem Erfolge gelangen mittler⸗ weile die Unterhandlungen mit der Königin von Daͤne⸗ mark. Es ward als weſentliches Verdienſt des Hochmei⸗ ſters und der Staͤdte in Preußen betrachtet, daß die Koͤ⸗ nigin nach manchen Verhandlungen auf die zuletzt zu Hel⸗ fingborg entworfenen Bedingungen ſich zu Albrechts Frei⸗ laſſung geneigt zeigte, denn Margaretha's Gunſt und Ver⸗ trauen gegen den Orden war auch auf den Meiſter Kon: rad von Jungingen übergegangen und wie fein Vorgaͤn⸗ ger, fo erfreute auch er ſich von Zeit zu Zeit eines freund— 1) Schreiben des HM. an den Erzbiſchof, dat. Marienb. Sonntag nach Martini 1395 im Negiſtr. p. 23. 2) Schreiben des HM. an die Ritter und Knechte der Stifte von Riga und Dorpat und an die Buͤrgerſchaft beider Staͤdte, dat. Marienb. Freitag vor Barbara 1395 im Regiſtr. p. 25; vgl. mit p. 26 — 27. 3) Zwei Schreiben des HM. an den Procurator in Nom, dat. Montag nach Barbarä und Dienſt. vor Lucia Virg. 1395 im Regiſtr. p. 26. In dem einen heißt es: Wachet in allen ſachen des ordins, ſun⸗ derlich ob ir dirfüret, das dy kirche czu Darbt ledig worde, das ir mit fliſe dornoch ſtet, ab ſy werden mochte eynem von unſerm orden adir ſoſt ymanden, der do ſlechter were wen ſemlich dy dornoch ſten. Vgl. Lindenblatt S. 103.
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Verhandlungen mit Marg. v. Dänemark (1595). 53 lichen Geſchenkes von der großen Koͤnigin, bald eines koſt⸗ baren Ringes, bald eines Gemaͤldes oder eines Zelters, womit ſie ihm ihre Geneigtheit und beſondere Freundſchaft an den Tag zu legen ſuchte. Mit derſelben Geſinnung wurden jeder Zeit des Hochmeiſters Geſandten von ihr mit ganz befonderer Auszeichnung aufgenommen und beehrt.“ Und weil man dieſen bedeutenden Einfluß des Hochmei⸗ ſters auf die Geſinnungen und Entſchließungen der Koͤni⸗ gin überall kannte, ſo wagte man von Seiten der Han⸗ ſeſtaͤdte und der Meklenburger auch nichts gegen die Koͤni⸗ gin, ohne zuvor den Hochmeiſter und die Staͤdte Preu— bens zur Mitwirkung und Theilnahme zu bitten. Des: balb hatten ſich auch im vorigen Jahre, weil des Hoch⸗ meiſters Sendboten vom Herzoge von Pommern aufgefan⸗ gen waren, alle weiteren Unterhandlungen mit der Koͤni⸗ ginze rſchlagen und erſt als er im Anfange dieſes Jahres 1) Davon zeugen vielfältig die Briefe des HM. an die Königin aus dieſem Jahre; ſchon vor Oſtern ſchrieb er ihr: Non valet ad condignum seribentis humilitas tantis et tam gratis honoribus et beneficiis, quibus regia celsitudo vestra nuncios nostros tam superhabunde tamque gratanter tractaverit, unde eoram nobis plurimum gra- ciantur, sed nee gratis eleno-iis vestris, videliret annulo bono et ymagine per eosdem nobis nuncios nostrus destinatis equa graciarum vieissitudine assurgere, cum revera tantos honores nobis ipsis reputamus impensos et ex doni liberalitate sincerita- tis affectum ac zelum cognoseimus puritatis, humiles tamen 8. v. et qualescungue meritis impares graciarum referimus aclio- nes; }. im Regiſtr. p. 8. 2 So ſchreiben z. B. die von Wismar im Febr. d. J. an die Städte Preußens: Wi bidde, dat gy uſe heren und us buten iwer hulpe nicht en beſluten und helpen dartho umme uſen heregot, daz uſe he⸗ ren los mochten werden und don des beſten by en und by us allen dez gi mogen, wente gy alle ding in Swer hant hebben und alles dinges over uſe heren und over uns mechtich fon und nemen ufe heren und us dorume tho ewigen denſte und kunnen Iwer groten gunſte nummer tho vullen danken umme dat grote gud, dat gy by us dan hebben und noch don tho allen tyden. S. Hanſcat. Receff. III. p. 232.
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54 Verhandlungen mit Marg. v. Dänemark (1395). durch eine neue Geſandtſchaft die Befreiung des Koͤniges Albrecht von neuem betrieb, eroͤffnete ſich die erfreulichſte Hoffnung zu einem gluͤcklichen Erfolge. Auf dringende Bitten Luͤbecks, Roſtocks und Wismars “ ſandte daher kurz vor Oſtern von Seiten des Ordens der Hochmeiſter den edlen Grafen Albrecht von Schwarzburg, Komthur zu Schwez und den Großſchaͤffer von Marienburg Johannes Thiergart und von Seiten der Staͤdte die Bürgermeifter Heinrich Hitfeld aus Thorn, Heinrich Damerau aus Elbing und Lubert Sack aus Danzig zu einer neuen Tagfahrt mit der Königin zu Falſterbude, wo im Beiſeyn der Bevoll⸗ maͤchtigten einiger andern Staͤdte zwiſchen der Koͤnigin, Herzog Johann von Meklenburg und den verſammelten Sendboten der Beſchluß gefaßt wurde, daß die ſchon fruͤ⸗ her entworfenen Bedingungen zur Grundlage eines Ver⸗ trages dienen ſollten,“ der endlich zu Lintholm am Fron⸗ leichnamstage auch wirklich abgeſchloſſen und worin beſtimmt wurde, Koͤnig Albrecht und ſein Sohn Herzog Erich ſollten auf drei Jahre ihrer Gefangenſchaft entlaſſen werden, um während dieſer Friſt uber feine und der übrigen Gefangenen Befreiung und uͤber andere ſtreitige Verhaͤltniſſe ſich vollkom⸗ men mit der Koͤnigin auszugleichen; erfolge aber keine Ver⸗ föhnung, fo ſollten die ſieben Städte Luͤbeck, Stralſund, Greifswalde, Thorn, Elbing, Danzig und Reval verpflich⸗ tet ſeyn, den Koͤnig und ſeine Mitgefangenen wieder in die Hand der Koͤnigin zu liefern oder ihr ſechzigtauſend Mark Silbers zu bezahlen oder auch das Schloß und Gebiet von Stockholm frei und willig ihrer Gewalt zu übergeben. Des⸗ halb ſolle Stockholm ſofort von dieſen Staͤdten in Beſitz und Verwahr genommen werden, damit ſie im Stande ſeyen, es der Koͤnigin einzuraͤumen; im erſten Falle ſolle der Friede noch neun Wochen, im zweiten noch ein Jahr und im dritten 1) Ihre Schreiben in Hanſcat. Receſſ. III. p. 233. 2) Die vorläufigen Verhandlungen daruͤber in Hanſeat. Receſſ. IV. p. 1 — 4.
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Verhandlungen mit Marg. v. Dänemark (1395). 55 fuͤr alle Zeit beſtehen. Wer ihn binnen dieſer Zeit brechen oder den Handel und Verkehr belaͤſtigen und hindern werde, ſolle ſtreng gerichtet werden u. ſ. w. Nachdem hierauf Roſtock, Wismar, Wisby und Stock⸗ holm ſich verpflichtet, ihre Haͤfen zu ſchließen und keinen ausfahren zu laſſen, der den Kauffahrer zur See beſchaͤ⸗ digen koͤnne, nachdem man ferner die Beiſteuer zur Un⸗ terhaltung Stockholms näher beſtimmt? und endlich auch darin ſich verſtaͤndigt hatte, daß die Koſten der Ruͤſtung und der Beſetzung Stockholms zur einen Hälfte von Luͤ⸗ beck, Stralſund und Greifswalde und zur andern von den drei Preußiſchen Städten und Reval getragen und ebenſo die Mannſchaft von beiden Theilen gleich geſtellt werden ſollte, wurden auch in Preußen die nöthigen Vorbereitungen ge⸗ troffen. Der Hochmeiſter, deſſen Geſandten bei den Ver⸗ handlungen ganz beſonders thätig geweſen ® und der ſchon früher verſprochen hatte, feine Staͤdte kraͤftig dabei zu unterflügen, übernahm es jetzt, den Schoß, welchen die kleineren Staͤdte des Landes zur noͤthigen Ausruͤſtung lei⸗ ſten ſollten, ſelbſt bis dahin vorzuſchießen, wo man eine gehörige Anordnung und Berechnung über das zu erhe— 10 Sowohl der Hauptvertrag, dat. Lintholme am achten Tage des heil. Leichnams 1395, als ſämmtlichen Urkunden uͤber die verſchiedenen Verſprechungen, Leiſtungen und Verpflichtungen der bei der Sache inter⸗ eſſirten Theilnehmer befinden ſich in Hanſeat. Receſſ. IV. p. 4 — 57. Der Hauptvertrag gedruckt in Sum Historie af Danmark T. XIV, p. 590 — 595. Die von den obengenannten Staͤdten ausgeſtellte Verſi⸗ cherungsurkunde, dat. Helzingborg am T. unſ. Frauen Geburt 1395 ebendaf. p. 597 — 601. Ekendahl Geſch. des Schwed. Volks B. 1. S. 701 hat dieſe Urkunden viel zu wenig benußt. Vgl. Detmar B. 1. S. 368 — 309. Lirdemig Reliqu. MS. T. IX. p. 116 — 117, Tontau. Rer. Dan. Ilistor. p. 523 — 524. Chron. Slavyica ap. Lindenbrog script. rer. septentr. p. 210. 2) S. die Urkunde daruͤber bei Sum 1. c. p. 595. 3) Hanſ. Receſſ. IV. p. 50. 4) Vgl. die WE, des Königes Albrecht bei Sum 1. c. p. 003.
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56 Verhandlungen mit Marg. v. Dänemark (1395). bende Pfundgeld getroffen haben werde.) Da die Staͤdte in Preußen im Ganzen ſiebenzig Mann, namlich vierzig gute Waͤppner mit Platen und vollem Harniſch und drei⸗ ßig gute Schuͤtzen mit guten Armbruͤſten ſenden ſollten, fo mußten Kulm und Braunsberg jede fünf Mann, Koͤ⸗ nigsberg zehn, Thorn und Elbing jede funfzehn und Dan⸗ zig zwanzig ſtellen; das noͤthige ſchwere Geſchuͤtz, vier Steinbuͤchſen und ⸗ſechs Lothbüchſen, nebſt dem noͤthigen Vorrath von Lebensmitteln beſorgten die Staͤdte in gleich: mäßiger Theilung oder auf gemeine Koften. ? Als Haupt⸗ mann ward der Mannſchaft Hermann von Halle vorge⸗ ſetzt und nach glüdlicher Fahrt landete er in der erſten Woche des Auguſts an der Schwediſchen Kuͤſte, wo er mit der Mannſchaft der Luͤbecker und der übrigen Hanſeſtaͤdte ver: einigt die Burg und Stadt Stockholm alsbald beſetzte und die Bewohner huldigen ließ.“ — Der lange er: ſtrebte Zweck, Albrechts und feines Sohnes Befreiung war ſomit erreicht; ihrer Haft jetzt entlaſſen, konnten fie frei und ſicher ſich nach Meklenburg begeben, wo Albrecht fein Anrecht auf einen Theil dieſes Landes noch nicht auf: gegeben hatte. Der Hochmeiſter hatte durch wiederholte Geſandtſchaften und Briefe an die Königin weſentlich da: 1) Hanf. Receſſ. II. p. 241. 248. 2) Daruͤber die ſpeciellſten Angaben in Hanf. Receſſ. III. p. 239 ff. Ueber die Ruͤſtung heißt es z. B.: Ouch ſal iklich Wepener haben gan⸗ Gen Platenharniſch, was darczu zehort, alze 1 hube, 1 Plate, arm⸗ leder, vorftäl, beynwapen und iklicher 1 tarcze. Iklich Schuͤtze ſal ha⸗ ben 1 Panzer, 1 Bruſt, 1 hundeskogele, 1 Iſenhut, Blechhanczeken und 1 Tarcze. Duch ſal man den wepenern geben czu cleydunge czu wyten rogken und Kogkele VI elen Delrmundiſch ſchwarz und brun. Schwarz uff die rechte ſyte und brun uff die linke und den ſchuͤtzen kogelen derſelben varwe und Parcham zeu Jacken. 3) Bericht Hermanns von Halle über ſeine Fahrt, Ankunft und Beſetzung Stockholms, dat. die domin. post Egidii (1395) in Hanf, Receſſ. III. p. 244; vgl. auch Schutz p. 91, der hier die Hanf. Receſſe benutzte. Pontan. l. c. p. 524.
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Saͤuberung der See (1395 — 900. 57 zu beigetragen, dieſen Erfolg der jahrelangen Unterhand⸗ lungen herbeizufuͤhren.) Allein er mußte auch ſeiner Seits mit manchem theueren Opfer erkauft werden; denn außer den bisher aufgewandten Koſten für die Sendboten zur Unterhandlung mit der Königin und den Hanſeaten, mußte den nach Stockholm geſandten Kriegs⸗ leuten nicht nur ein beſtimmter Sold gezahlt ‚> ſondern ſie mußten dort Jahre lang auch mit den noͤthigen Le⸗ bensmitteln und allen andern Lebensbeduͤrfniſſen von Preu⸗ ßen aus verſorgt werden und ſchon in den erſten Mona⸗ ten ihrer Anweſenheit geſchahen vom Hauptmanne Anfor⸗ derungen an den Hochmeiſter und die Städte, auf die man keineswegs bei dem Unternehmen gerechnet hatte.“ Aber auch das höhere Ziel, für ches alle dieſe Bemühungen und fo bedeutende Opfer verwandt wurden, die Säuberung und Befriedung der See und das dadurch erſt mögliche alfeitige Aufleben des Handels der Preußi⸗ ſchen Staͤdte behielt der Hochmeiſter feſt im Auge. So lange Koͤnig Albrecht noch in Gefangenſchaft war, ſah man alle Verſuche, die See durch Friedeſchiffe gegen die Seeraͤuber und Vitalienbruͤder mehr zu ſichern, als erfolg⸗ los an, und die Staͤdte Preußens erklärten daher auch noch im Anfange dieſes Jahres ganz offen, daß ſie vor des Koͤniges Befreiung keine nutzloſen Opfer zur Befriedung der See mehr bringen, wohl aber, wenn jene erfolgt ſey, nach allen Kräften für dieſen Zweck mitwirken wuͤr⸗ haͤufigen 1) Mehre Schreiben des HM. an die Königin im Regiſtr. p. 9. 20. 2) Es war beſtimmt, daß der Wäppner jährlich 10 Mark, der Schuͤtze 5 Mark Sold erhalten ſollte; alſo betrug der Sold der Gemei⸗ nen, ohne den des Hauptmannes, jedes Jahr 550 Mark. 3) Wir haben mehre Berichte des Hauptmannes über ſeine Lage und Beduͤrfniſſe in Hanf. Neceſſ. III.; aber ſogleich in dem erſten heißt cs: Ik bidde Juwe erborcheit, dat gi nu mer geldes ſenden, wente dat ſlot ſunder geld nicht kan werden geholden, wente wy hebben luͤde, de wol willen lewen. Dann bittet er um Malz, Bier, Dorſch, Honig, Thornſchen Wein, ſelbſt um Bretterdiclen u. dgl.
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58 Saͤuberung der See (1395 — 96). den. Jetzt waren der Hochmeiſter und feine Städte mit die erſten, die mit allem Nachdruck und Ernſt die Sache bei den Hanſeſtaͤdten von neuem zur Sprache brach⸗ ten, zumal als man erfuhr, daß die Vitalienbruͤder von Wismar aus unter Anführung des Bruders des Herzogs Johann von Meklenburg den Verſuch wagen wollten, ſich Gothlands voͤllig zu bemaͤchtigen und von dort aus die oſt⸗ und weſtwaͤrts ſegelnden Kauffahrteiſchiffe aufzugrei⸗ fen. Die nach Lubeck gehenden Sendboten erhielten daher vom Hochmeiſter und den Staͤdten den Auftrag, in der Verſammlung der Hanſeaten die Bundesſtaͤdte mit allem Nachdruck zur Vertreibung der Seeraͤuber aufzufor⸗ dern,“ zugleich aber auch, um die Sache mit Ernſt zu betreiben, auf die Ausſtoßung Wismars und Roſtocks aus dem Hanſebunde anzutragen, wenn ſie, von denen das Unweſen der Vitalienbruͤder ausgegangen war, dem Kauf⸗ manne der Hanſe den ſeit Jahren erlittenen Schaden nicht vergüten wuͤrden.“ Auf einer Tagfahrt zu Luͤbeck um Michaeli dieſes Jahres wurde demnach die Ausruͤſtung einer bedeutenden Anzahl Schiffe zur Saͤuberung der See beſchloſſen, wozu auch die Preußiſchen Staͤdte vier Schiffe mit vierhundert Wehrleuten ſtellen ſollten. Um ihnen die Koſten der Ruͤſtung zu erleichtern, ließ der Hochmeiſter durch alle Städte eine Bürger» und Vermoͤgensſteuer er⸗ heben, ſo daß von jeglichem Buͤrger eine Perſonal-Ab⸗ gabe von zwei Scot und von jeder Mark feines Vermoͤ⸗ gens vier Denare entrichtet werden mußten, wozu außer⸗ dem auch eine neue Erhebung des Pfundgeldes von den einlaufenden Schiffen angeordnet wurde.“ Auch bei der 1) Hanf. Receſſ. II. p. 239. 241. 2) Bericht der Preuß. Sendboten aus Roſtock in Hanf, Receſſ. III. p. 238. 3) Hanf, Receſſ. III. p. 247. 4) Hanf. Receſſ. II. p. 254. III. p. 248. 5) Hanf, Receſſ. II. p. 267. III. p. 248. 259. Beſchluß der Preuß. Hanſeſtädte auf der Tagfahrt zu Marienburg: Zcum erſten is
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Saͤuberung der See (1395 — 96). 59 Königin von Dänemark ſuchte der Meiſter fuͤr den Zweck zu wirken, denn da ſie ſelbſt bei ihm über den großen Schaden klagte, den die Seeraͤuber und ehemaligen Ge⸗ bülfen des Koͤniges von Schweden nicht bloß ihr und ihren Landen, ſondern auch dem gemeinen Kaufmanne auf der See zufuͤgten, ſo unterrichtete er ſie von den Maaß⸗ regeln, welche die Staͤdte bereits durch Aus ſendung von Friedeſchiffen getroffen, zugleich bittend, daß auch fie dieſe Maaßregeln dadurch unterſtuͤtzen moͤge, daß ſie Hauptleuten in den Oſterlanden d Seeraͤuber forthin nicht mehr ſo zu hegen und zu ſchirmen, wie nach dem, was er erfahren, bisher allerdings geſche⸗ hen ſey.) Auch an den Koͤnig Albrecht von Schweden erging vom Meiſter die Bitte, moͤglichſt dafür zu ſorgen, daß ſeine Haͤfen denen nicht mehr offen ſtaͤnden, die bis⸗ her dem Orden und deſſen Landen fo großen Nachtheil gebracht, ihm zugleich bezeugend, daß er ſich des Ordens hohen Dank erwerben werde, wenn er ſolchen, die dem Orden zum Kampfe gegen die Ungläubigen zu Huͤlfe ziehen wollten, Beiſtand und ſicheres Geleit durch ſeine Lande ertheilen werde. > Den naͤchſten Anlaß zu dieſem Geſuche gab dem Meiſter die Nachricht vom Anzuge eines neuen Heerhau⸗ fens von Kriegsgaͤſten, der unter der Fuͤhrung des kriegs⸗ luſtigen Herzogs von Geldern in den erſten Monaten des Jahres 1596 in Preußen erſchien, um von neuem den ihren en Befehl ertheile, die geramet das man die Were vorwert in dy Zee ſall legen als czu Luͤbek czu dem tage obereyn is getragen, des hat unſer here der homeiſter darczu gegeben czu hülffe alle ſtete dis landes, das man eyn geſchos von itzlichem Bürger jj ſcot und von der marke jjjj denarie von alle ſyme gute gebe by ſyme eyde. Vortmer iſt obereyn gedragen, das man pfuntgelt ſal ufnemen und ſal nu czu Wynachten angeen von dem pfunt⸗ gelt J Quart und von der mark jj denarien. 1) Schreiben des HM. an die Königin im Regiſtr. p. 28. 2 Schreiben des HM. an den König von Schweden, dat. Marienb. am T. S. Katharina 1395 im Regiſtr. p. 24.
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60 Verhandlungen mit den Nachbarfuͤrſten (1393 — 96). Kampf mit den Heiden aufzunehmen. Unbekümmert um des Roͤmiſchen Koͤniges Verbot ließ der Meiſter ohne wei⸗ teres zum Kriege rüften, weil es ihm bei den Verhaͤlt— niſſen des Biſchofs von Dorpat und des Großfuͤrſten Wi⸗ towd viel zu wichtig war, des letztern Waffen in ſeinem eignen Lande zu beſchaͤftigen. Das Heer zog bis in die Wildniß dem feindlichen Lande entgegen; allein der außer: ordentlich hohe Schnee auf ungefrorenem Boden hinderte die weitere Kriegsreiſe, ſo daß das Kriegsvolk, uͤberdieß vom Feinde gedraͤngt, ohne Erfolg zurückkehrte und der Herzog von Geldern, mit ſechstauſend Nobeln Schulden mehr bela— ſtet, die er vom Hochmeiſter geliehen, feine Kriegerſchaar in fein Land heimführte. ” Den Herzog Johann von Goͤrlitz, der vor Kurzem ebenfalls eine Reiſe nach Preußen, wahr⸗ ſcheinlich zu näheren Verhandlungen mit dem Hochmeiſter über die Neumark, angetreten, hatte ſchon im Kloſter Celle in der Lauſitz, bis wohin er gekommen war, ein ſchneller Tod uͤbereilt. Da er ohne Erben ſtarb, fo fiel nun die Neumark, gewoͤhnlich noch das Land uͤber der Oder ge⸗ nannt, feinem Bruder, dem Könige Sigismund von Un⸗ gern anheim, der alsbald die Verwaltung des Landes dem Hauptmanne Johann von Wartenberg übertrug und es hier⸗ auf zur Sicherheit gegen etwanige Feinde unter den Schutz 1) Lindenblatt S. 102. Detmar S. 374, Schreiben des HM. an den Herzog von Geldern, dat. Marienb. Mont, vor Martini 1396 im Regiſtr. p. 36, worin er dein Herzog an die 6000 Nobeln mahnt. 2) Lindenblatt S. 102 ſetzt feinen Tod ins J. 1396. Lanci- zolle a. a. O. S. 248 führt nach Pelzel Leben Wenzels B. II. S. 319 an, daß er am Aften März 1396 geſtorben ſey, vgl. S. 281. Buchholtz Geſch. der Churmark Brandenburg, B. II. S. 354 läßt ihn erſt im J. 1399 ſterben, ſicherlich unrichtig. Ledebur Allgemein. Archiv zur Geſchichtskunde des Preuß. Staats, B. VI. H. 2. S. 182. 3) Lancizolle a. a. O. S. 266 und 281 wo richtig bemerkt wird, daß hier nur von der Neumark im engern Sinne, dem Lande nördlich von der Wartha, die Rede iſt.
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Verhandlungen mit den Nachbarfürften (1395 — 96). 61 des Hochmeiſters ſtellte, jedoch damals ſchon durch die Beſtaͤ⸗ tigung des Lehenbeſitzes des ehemaligen Marſchalls Otto von Kittlitz Über die Stadt und Burg Tankow bei der nachmali⸗ gen Erwerbung der Neumark durch den Orden neuen Anlaß zu mancherlei Streitigkeiten gab. So uͤbernahm der Hochmeiſter eine neue Verpflichtung für ein Nachbarland, obgleich ſehr zu bezweifeln war, ob er, ſelbſt jetzt mehr als je ringsum von Gegnern und Feinden umgeben, ihr würde haben genügen koͤnnen, wenn er zur Beihuͤlfe aufgefordert worden wäre, Gleich im Anfange die- ſes Jahres trat ſogar ein Schuldner des Ordens, der Herzog Wladislav von Oppeln, mit drohender Miene und offenbar feindſeliger Geſinnung gegen ihn auf. Keck behauptend, er habe das verpfaͤndete Land Dobrin dem Orden völlig frei übergeben, wollte er jetzt, nachdem er eine fir ihn faſt uner⸗ ſchwingliche Geldſumme darauf aufgenommen, den Orden foͤrmlich zwingen, ihm das Land durch Kauf abzunehmen; er gab ſogar vor, der Orden habe fruͤher ſich durch Brief und Siegel zum Ankaufe des Landes verpflichtet und er müſſe jetzt ihn vor Fuͤrſten und Herren des Reiches anklagen, wenn er feinen Verſprechungen nicht treu bleibe. Allein der Hoch⸗ meiſter, wohl wiſſend, daß es ſeiner Seits nur dieſes Schrit⸗ 1) Aus einem Schreiben des SM. an die „Edelinge“ und die Städte der Neumark geht hervor, daß der König von Ungern jenen ausdrücklich erſucht hatte, für den Schutz der Neumark im Falle eines feindlichen Angriffes zu ſorgen und der HM. erklärt „er werde dieſen Schutz, wenn es Noth thue, mit aller Kraft gewähren; das Schreiben dat. Schönſee Montag vor Matthäi 1396 im Regiſtr. p. 35. Ein da⸗ bei folgendes Schreiben des HM. an den Hauptmann Johann von War⸗ tenberg zeigt jedoch, daß es dem HM. mit dicſer Zuſage nicht recht Ernſt war, „weil wir ſelbſt, wie er ſagt, alſo vil anfechtunge und widerdris beyde von den ungloybigen und ouch von etlichen gloybigen haben, das wir ſorge hetten, ab yr unſer huͤlfe bebürffen wordet, das wir uch nicht gehelfen mochten, alz ir lichte gerne ſegt. “ — Die Be⸗ ſtätigung Sigismunds über Tankow, dat. Prag Freit. vor S. Georgen⸗ Tag 1396 in drei Abſchriften im geh. Arch. Schiebl. XI V. nr. 98.
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62 Verhaͤltniſſe mit Polen und Litthauen (1396). tes zur Erwerbung Dobrins beduͤrfe, um den Haß des Polen⸗ Koͤniges in helle Flammen zu ſetzen, erklaͤrte dem Herzoge abermals: der Orden werde ſich ſchlechterdings nicht eher in den Kauf einlaſſen, als bis der Hauptbrief ausgeliefert werde, aus dem der Beweis zu fuͤhren ſey, daß und ob der Koͤnig Ludwig von Ungern ihm das Land wirklich frei uͤbergeben habe und der Koͤnig von Polen keine gerechten Anſpruͤche darauf erheben koͤnne; denn der Herzog moͤge ſich wohl erinnern, daß die Polen auf dem Tage zu Thorn vor dem paͤpſtlichen Legaten Einſpruch gethan und daß er dagegen ſeit zwei Jahren noch keinen Gegenbeweis durch Auslieferung des Hauptbriefes möglich gemacht habe. ) Von einer Verpflichtung zum Ankaufe wiſſe man im Or⸗ den nichts, denn alle bisherigen Verhandlungen feyen gleichz ſam nur „Vorreden“, ſchlechte, unverſiegelte Sendbriefe geweſen, die keine Verbindlichkeit enthielten. Da indeß der Herzog dennoch im Herbſt eine neue Erinnerung an den Hochmeiſter erließ, ſo erklaͤrte ihm dieſer mit allem Nachdruck: wie bereits vor zwei Jahren, ſo ſage man ihm auch jetzt den Kauf gaͤnzlich ab, wenn er nicht erfuͤlle, was man verlange; alſo moͤge er den Orden forthin auch ungemahnt laſſen. Um ſeine Klagen wegen der ſchweren Koſten, die er ſelbſt verſchuldet, kuͤmmere ſich der Orden nicht und an die verlangte Entſchaͤdigung ſey auf keine Weiſe zu denken. Bei dem allen ſtand der Koͤnig von Polen gleichwie auf der Lauer, denn er war es eigentlich, der durch Dro- hen mit den Waffen und durch wiederholte nachdruͤckliche Forderung des Lehenseides in Beziehung auf das Dobri⸗ 4) Nach einer Urkunde bei Dogiel T. IV. nr. 70. p. 77 erlaubt der König von ungern dem Herzoge von Oppeln erſt am 7. Febr. 1396, Dobrin an den Orden zu verkaufen. De Wal T. IV. p. 145. 2) Der erſte dieſer Briefe des HM. an den Herzog, dat. Marienb. Sonnt. nach Epiphania 1396, der zweite, dat. Marienb. am Tage Luca 1396 im Regiſtr. p. 28 und 36.
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Verhaͤltniſſe mit Polen und Litthauen (1390). 63 nerland den Herzog ſchon ſeit dem vorigen Jahre in ſol⸗ che Bedraͤngniß ſetzte, daß er nichts ſehnlicher wuͤnſchte, als ſich des Landes gaͤnzlich entſchlagen zu koͤnnen.) Wäre der Hochmeiſter auf den Kauf des Landes jetzt eingegan⸗ gen, der Koͤnig wuͤrde gewiß ſogleich ſeine Waffen gegen den Orden wie gegen den Herzog gerichtet haben; 2 denn daß ſich jener gegen dieſen in keiner Weiſe ſicher glaubte, geht ſchon aus dem Umſtande hervor, daß er im Laufe dieſes Jahres durch die angeſehenſten Ritter in Pommern die Herzoge dieſes Landes an die Aufrechthaltung der Ver⸗ trage mahnen ließ, die fie fruher mit dem Orden auf eine Reihe von Jahren gegen den Koͤnig von Polen geſchloſſen hatten, weil er benachrichtigt war, daß die Herzoge mein⸗ ten, dieſer Verträge jetzt entbunden zu feyn. 9 Und wie in diefen Verhaͤltniſſen, fo fpielte der Köͤ⸗ nig von Polen auch in der Stellung des Ordens zum Großfürſten von Litthauen überall die Rolle des argliſtig — 1) Dlugoss. L. X. p. 144. De Ia T. IV. p. 146. mag über das Eigenthumsrecht des Herzogs auf Dobrin wohl richtig urtheilen z aber für den König von Polen galten ſolche Gründe nicht. 2) Was Dlugoss. p. 147148 und Lucas David B. VIII. S. 22 von einem Einfalle des Königes ins Dobriner Gebict und einer Belagerung von Bobrownik erzählen, iſt ſicherlich unrichtig und wahr⸗ ſcheinlich eine Verwechſelung mit dem früher erwaͤhnten Einfalle, denn weder der Zeitgenoſſe Lindenblatt, noch die Quellen des Archives wiſſen das mindeſte davon; ſelbſt der HM. ſpricht in feinem im Herbſt d. J. an den Herzog von Oppeln gerichteten Briefe mit keiner Silbe von dicſem Ereigniſſe, was unbegreiflich wäre, da Dobrin der Haupt⸗ gegenſtand des Briefes iſt und der HM. mit einem bewaffneten Heere dem Caſtellan von Sandomir im Dobriner Gebiet begegnet ſeyn ſoll. De Wal T. Iv. p. 147. ) Darüber Schreiben des HM. an die Ritter Konrad von Schwe⸗ rin, Dietrich von Maſſow, Hening Vochs, Joachim von Heidebreke und Eckhard von Sydow, dat. Hammerſtein Mitwoch nach Eliſabeth 1396 im Regiſtr. P. 37. Der HM. laßt die Herzoge ermahnen, „das fie mit dem Ordin yn dem vorbunde bliben und figen alz fie bisher geſeſſen haben und dy cziet vollen us, alz ir vorſigelt briff uswyſet.““
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64 Verhaͤltniſſe mit Polen und Litthauen (1390). verſteckten Feindes. Dieſe neue Stellung aber ging aus der Wendung der Dinge hervor, welche der Streit des Ordens mit dem Biſchofe von Dorpat wegen des Erzbis⸗ thums Riga genommen. Schon im Anfange dieſes Jah⸗ res war allgemein bekannt, der Biſchof arbeite jetzt mit Macht daran durch Mithuͤlfe der Litthauer und Ruſſen den Prinzen von Pommern ins Erzbisthum einzuſetzen, er laſſe bereits durch ſein Bisthum nach Litthauen hin neue Wege zubereiten, hege und herberge alle Widerſacher und Feinde des Ordens, bemuͤhe ſich fort und fort um eine Verbindung mit den Ruſſen und Litthauern, habe einen der Herren von Meklenburg zu ſich eingeladen, ihm mehre feiner Burgen eingeraͤumt und wolle dieſem einſt das Bisthum Dorpat in die Hände bringen.) Der Hoch— meiſter, noch einmal den Weg der Suͤhne verſuchend, ließ den Biſchof durch einige Gebietiger aus Preußen nochmals zu Friede und Eintracht ermahnen, um mit dem Meiſter von Livland alles nach Recht und in Liebe auszugleichen. Da jedoch zugleich ſchon Nachricht gekommen war, daß der Biſchof bereits mit einer nahe liegenden Schaar von Vitalienbrüdern, die ſich zum Raube hieher gezogen, in Verbindung ſtehe, um auch ihre Huͤlfe noͤthigen Falls herz beizurufen, ſo ward ſofort von Preußen aus dem Meiſter von Livland eine anſehnliche Mannſchaft zugeſandt, um Burgen und Staͤdte des Landes ſtaͤrker zu beſetzen und ſo⸗ fern offener Krieg ausbreche, mit hinlaͤnglicher Macht auf⸗ treten zu Eünnen. ? ) Bericht des HM. an den Landkomthur von Böhmen mit dem Auftrage, den Orden beim Rom. Könige zu verantworten, wenn etwa der Biſchof ihn bei dieſem durch verläumderiſche Klagbriefe anklage, im Regiſtr. p. 29; vgl. Lindenblatt S. 103. 2) Schreiben des HM., dat. Marienb. Dienſt. nach Reminiscere 1396 im Regiſtr. p. 31. Ein ähnliches Schreiben des HM. an die Ritterſchaft der Kirche und die Stadt Dorpat ebendaſ. 3) In dem eben erwähnten Berichte ſagt der HM.: Als man ſpricht, das her (der Biſchof) und dy ſienen habin ſich beret ouch mit
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Verhaͤltn. mit Polen und Litthauen (4396). 65 Dieſen Ernſt wahrnehmend ſchloß ſofort der Biſchof mit Einſtimmung ſeines Kapitels, ſeiner Ritterſchaft, der Stadt Dorpat und des Herzogs Albrecht von Meklenburg mit dem Großfürſten Witowd, dem Biſchofe von Wilna und allen chriſtlichen Rittern und Bajoren in Litthauen ein feſtes und foͤrmliches Bündniß ab, U feinen Worten nach zwar nicht gegen den Orden gerichtet, denn als Zweck war dem Scheine nach freier und friedlicher Handel und Verkehr in den beiderſeitigen Landen hingeſtellt; allein ein ahnlicher Vertrag zwiſchen Witowd und dem Herzoge Otto von Stettin, der ſich keck ſchon als Vorſteher und erkor⸗ ner Herr der Kirche und des Stiftes von Riga bezeich⸗ nete, ſprach ſich ſchon beſtimmt in ſeiner feindlichen Rich⸗ tung gegen den Orden aus, wiewohl man dieſen auch hier noch nicht oͤffentlich als Feind nannte.) Alsbald wur: den auch die biſchoͤflichen Burgen, zum Theil an den Graͤn⸗ zen der Litthauer und Ruſſen gelegen, zur noͤthigen Be⸗ mannung und Bewehrung vertheilt und es ſchien jetzt nur noch eines Funkens zu beduͤrfen, um die Kriegsflamme hell auflodern zu ſehen. Vorerſt blieb es freilich nur bei allerlei Neckereien; waͤhrend die Gegner des Ordens ihn den Vitalienbrudern, dy iczunt legin kegin Lifland obir, und thuen groſen ſchaden, das ſie Im ſollen behulſin fin. Daß der HM. Mannſchaft nach Livland ſandte, erwähnt v indenblatt S. 103. 1) Lucas David B. VIII. S. 18 ſpricht bloß von einem Briefe. 2) Schon Lin denblatt a. a. O. erwähnt dieſes Vertrages und der HM. hatte ebenfalls von einer ſolchen Verbindung gehört, wie man aus dem erwähnten Berichte erficht, Es hat ſich aber dieſer bisher ganz unbekannte Vertrag ſelbſt wieder aufgefunden. Er iſt dat. Dorpat am Tage Palmarum 1396, und der des Prinzen Otto, dat. Dorpat am Sonntag Oculi 1390 in einem Transſumt v. J. 1398 im geh. Arch. Schiebl. I. I. ur. 50. In dem letztern heißt es: „Dat wo (Otto) mit unſem ſtichte, landen und luͤden deſſen vorbenenten heren Alexandro, ſinen landen und unterſaten ſcholen und willen helpen mit rade und mit dade kegen alle den jenen, de em vordriet don, je ſint geiſtlik edder wertlich und desglitens ſchal he uns wedder doen, alſe fin oppen breff utwiſct. VI. 5
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66 Verhaͤltniſſe mit Polen und Litthauen (1396. mit allerlei falſchen Geruͤchten verunglimpften und ihre Anhaͤnger auch dadurch zu ermuthigen ſuchten, daß ſie uͤberall viel von dem Haſſe und ſchweren Unwillen des Roͤmiſchen Koͤniges, der Kurfuͤrſten, des Koͤniges von Schweden, der Königin von Daͤnemark und aller Sees ſtaͤdte gegen den Orden erzählten, ) griff man dagegen in Preußen Kaufleute und jeden, der aus dem Gebiete des Herzogs von Stettin kam, ohne weiteres auf, unter⸗ warf ſie laͤſtigen Verhoͤren und nahm ihnen Eide ab, daß fie nicht irgend in Geſchaͤften oder Aufträgen des Herzogs ins Land gekommen feyen. > Bald indeſſen geſtalteten ſich die Verhaͤltniſſe für den Orden doch viel bedenklicher; denn wahrend der Koͤnig von Polen gefliſſentlich an allen Fuͤrſtenhoͤfen die Nach⸗ richt verbreiten ließ: die Litthauer ſeyen jetzt insgeſammt ſchon gute Chriſten, Witowd halte ſtreng auf chriſtlichen Gottesdienſt und der Orden bekaͤmpfe in ihnen nicht mehr Heiden, ſondern wahrhafte Chriſten, hatte man Kunde von dem Plane erhalten, den die Verbündeten bereits gegen den Orden und den neuen Erzbiſchof entworfen. Die Lit⸗ thauer ſollten, durch Kurland vordringend, bis vor Riga alles verheeren und anderer Seits die Wehrmannſchaft aus dem Gebiete von Dorpat mit den Ruſſen herbeiziehen, um fo das Land von allen Seiten zu uͤberwaͤltigen. Der Vi⸗ ſchof von Dorpat hatte ferner nicht nur die alten Dom⸗ herren, ſondern ſelbſt den ehemaligen Erzbiſchof von Riga zur Ruͤckkehr eingeladen, um durch fie feine Entwürfe gez gen den Orden ſicherer in Ausführung bringen zu koͤnnen. 1) Daruͤber ein Schreiben des HM. an die Edlen der Rigaiſchen Kirche, die Stadt Reval und die Edlen von Harrien und Wirland, dat. Marienb. Sonnab. vor Oculi 1390 im Regiſtr. p. 31, worin der HM. die erwähnten Gerüchte widerlegt und jene erſucht, „das Ir euch keine logene mere laſſet czu herczen gehn.“ 2) Schreiben des HM. an die Herzoge Barnim und Wartislav von Stettin, dat. Tapiau am Freit. Tiburtü und Valcriani 1396 im Megliſtr. 7 8 ü
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Verhandlungen mit Witowd (1396). 67 Seine Drohungen und Umtriebe hatten bereits im Gebiete von Riga nicht wenige dem neuen Erzbiſchofe abtruͤnnig gemacht und dieſer hatte auch den Hochmeiſter ſchon um Huͤlfe und Schutz durch zahlreichere Mannſchaft angerufen, weil auch er ſich den drohenden Gefahren nicht mehr maͤch⸗ tig genug glaubte.) Es mußte alſo jetzt irgend ein ent⸗ ſcheidender Schritt geſchehen. Der Hochmeiſter knuͤpfte mit Witowd Unterhandlungen an, wozu er durch den Umſtand ermuthigt ward, daß dieſer ſelbſt mehren Gebietigern den mit dem Biſchofe von Dorpat abgeſchloſſenen Vertrag vor: gezeigt und dabei ſich wahrſcheinlich zu einem Verſtaͤnd⸗ niſſe mit dem Orden geneigt erklärt hatte.) Der Dr: densmarſchall und mehre Komthure erſchienen als Geſandte bei ihm und es gelang deren Vorſtellungen uͤber das Un⸗ recht und die Pflichtvergeſſenheit des Biſchoſs, daß Wi⸗ towd ſich von dem Bündniffe Iosfagte. 9 Zum Freunde war er freilich dadurch noch nicht gewonnen, denn waͤh⸗ rend der Meiſter von Livland, durch eine Streitſchaar aus Preußen verſtaͤrkt, in die Stiftsguter von Dorpat einfiel und alles umher niederbrannte, ſo daß faſt nichts weiter als nur die Stadt noch übrig blieb, fprengte der Großfuͤrſt mit einem ſtarken Heerhauſen vor die dem Orden als Pfand noch zugehörige Burg Wisna und ward, da ſie nur wenig bemannt und die meiſten Burgleute auf der Jagd oder Fiſcherei zerſtreut waren, mit Hülfe der ums herwohnenden verraͤtheriſchen Polen leicht Meiſter derſelben, brannte ſie nieder und führte die Mannſchaft als Gefan⸗ gene hinweg.“) 1) Nach cinem Schreiben des HM. an den Procurator in Rom, ohne Datum, im Regiſtr. p. 33. 2) Nach dem erwähnten Schreiben und Lindenblatt S. 103. cas David B. VIII. S. 18 — 19. 3) Lindenblatt a. a. O. Im erwähnten Schreiben ſagt der HM. : der bunt czwiſchen In wart vorſegelt wol mit XXX Inge ſegeln, die Wytawte offenbar etlichen unſern gebitigern hat gewiſet. ) Lindenblatt S. 104 erzählt dieſes allein. Kojalowics 5 * Lu
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68 Verhandlungen mit Witowd (1396). Witowd war jedoch um dieſe Zeit viel zu ſehr mit der Erweiterung und Sicherſtellung ſeiner neuerworbenen ſehr bedeutenden Laͤndergebiete im Litthauiſchen Rußland, wo er durch Liſt und Waffengluͤck immer weiter um ſich griff, beſchaͤſtigt, als daß er im Weſten gegen die Dr: densherren nicht gerne Ruhe haͤtte wuͤnſchen muͤſſen. Man verſtaͤndigte ſich mit ihm bald uͤber einen Verhandlungstag, der auf der Dobiſſa gegen Ende des Juli gehalten ward. Der Hochmeiſter erſchien dort ſelbſt, begleitet von den Bi⸗ ſchoͤfen Johannes von Pomeſanien und Heinrich von Erm- land nebſt ihren Officialen, etlichen Domherren und Ge: lehrten, vielen Rittern und Knechten aus Preußen und den Buͤrgermeiſtern der Hanſeſtaͤdte. Witowd, der ſich nach Kauen begeben, ſandte zur naͤheren Verhandlung acht bevollmaͤchtigte Raͤthe, wozu der Meiſter eine gleiche Zahl ſtellte. Das Ziel, welches man jetzt vor Augen hatte, ging auf nichts geringeres hinaus, als durch beſtimmte Erklaͤ⸗ rungen, feſte Zuſagen und Verſicherungen von Seiten des Großfuͤrſten allen ferneren Heidenfämpfen und den bishe⸗ rigen Kriegsreiſen nach Litthauen ein Ende zu ſetzen. Um ſich zu uͤberzeugen, ob wirklich der chriſtliche Glaube, wie der Koͤnig von Polen uͤberall verbreiten ließ, im Fuͤrſten und unter dem Volke feſte Wurzeln gefaßt habe,“ ließ p. 51 weiß dagegen von Einfällen und Verheerungen Witowds in Livland; er ſchreibt überhaupt den Wiederausbruch der Feindſeligkeiten dem Fuͤrſten Switrigal zu. 1) Im erwaͤhnten Schreiben an den Procurator ſagt der HM. ſelbſt: Wir hilden mit Wytawten eynen tag dorumb, wen die Polan von ſyner wegen laſſen usgen in landen ſprechende, her ſey eyn guter criſte und halde ſiene undirſaſen mit allem fleize ezu dem heiligen criſten⸗ thum, und wen der konig von Polan und die ſynen mit ſemelichen ge⸗ rüchte mochten machen eyn ungelimpe unſerm orden vor unſerm heiligen vater dem Pabiſte, dem Reyche, korfuͤrſten, errſtenkonigen und herren, als ob der orden hilde das orloyge wedir die nuwen criſten und nicht wedir die Heydenſchaft, ouch als ob her meynte czu orlopgen alleyne umb dic land und nicht umb den gelouben, durch der ſachen willen hilde wir den tag czu vorſeen und vorhoren die worheit.
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Verhandlungen mit Witowd (1890). 69 der Hochmeiſter dem erſtern drei wichtige Forderungen vor⸗ legen: zuerſt naͤmlich ſolle der Fuͤrſt, da er und ſeine Un⸗ terthanen gute Chriſten ſeyn wollten, mit allen den Seinen der Roͤmiſchen Kirche gehorſam und unterthan ſeyn; das ſey der Anfang ſeines Chriſtenthums; er muͤſſe thun, was andere chriſtliche Fürften auch thaͤten. Zum andern muͤſſe er, wenn er ein Chriſt ſeyn und chriſtlich leben wolle, we⸗ gen mancherlei Verraͤthniſſes, welches er fruͤher gegen den Orden veruͤbt, dieſem ſein Chriſtenthum verſichern durch den Aufbau der feſten Burgen, die er dem Orden ver— brannt und vernichtet habe, zum wenigſten der zwei oder drei, die ihm zu getreuer Hand übergeben geweſen ſeyen; “ zu feſter Sicherheit dafuͤr muͤſſe er auf etliche Jahre die Kinder feiner beſten Vajoren zu Geißeln ſtellen und mit den vornehmſten Bajoren Eid und Gelübde ſeiner Treue ſchwoͤren, wozu der Orden ihm die Form vorlegen werde. Zum dritten ſolle er dem Orden die Privilegien und ſchrift— lichen Zuſicherungen, die er dieſem vormals gegeben, ſeſt und treu halten. Der Großfuͤrſt ließ auf die erſte Forderung die Ant: wort geben: der Roͤmiſchen Kirche wolle er gerne gehor⸗ ſam ſeyn; der Koͤnig von Polen aber ſey der Oberſte von Litthauen, dem er auch Gehorſam ſchuldig ſey; wem die⸗ ſer gehorche, dem wolle auch er gehorchen; was dieſer dem Deutſchen Reiche ſchuldig ſey, das wolle auch er lei: ſten; man wolle darüber eine Geſandtſchaft an die Kur⸗ furſten und das Reich ergehen laſſen. Auf die zweite For⸗ derung erjolgte die Antwort: zum Aufbau der neuen Bur⸗ 1) Dieſe Forderung that man, wie der HM. ſagt, dorumb, das got nicht gebe, ob eyn umflag geſchege, als vor ofte geſcheen iſt von Im und ſienen votvarn, als von konig Mindow von Littowen, das ſich der orden deſte bas mochte dirweren des umſlages adir abkerunge. 2 Dieſe Eidesformel für Witowd und ſeine Bajoren, die beſchwo⸗ ren ſollten, daß fie ihren Herrn ſtets daran halten wollten, mit allen feinen Landen dem Chriſtenthum getreu zu bleiben und der Röm. Kirche gehorsam du ſeyn, wurde wirklich abgefaßt; fie ſteht im Regiſtr. p. 6.
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70 Verhandlungen mit Witowd (1396). gen ſey der Fuͤrſt nicht verpflichtet; der König von Polen ſey ein guter Chriſt; ſie beide haͤtten Feſten genug zur Sicherung der Chriſtenheit; auch Geißeln, Kinder und Maͤn⸗ ner aus Litthauen, habe jener in großer Zahl, um durch fie die Chriſtenheit zu ſichern; fernerer Eide und Gelübde beduͤrfe es gleichfalls nicht, denn der Biſchof von Wilna habe dem Papſte geſchworen; das ſey genug, denn er muͤſſe dafur einſtehen, daß die Litthauer Chriſten würden und ſich taufen ließen.“ Auch auf die dritte Forderung ward verneinend geantwortet, doch alſo daß noch Hoffnung blieb, man werde ſich bei nicht ſchwierigeren Punkten uͤber die— ſen wohl noch verſtaͤndigen koͤnnen. Sonach gelangte man keineswegs zum erwuͤnſchten Ziele. Man ſah allerdings ein, mit welcher Klugheit Wi- towd die erſte Forderung umgangen hatte, um vorerſt nur gegen den Orden geſichert zu ſeyn; man fuͤhlte auch wohl, daß dem Fuͤrſten in Worten und Geſinnungen noch auf keine Weiſe zu trauen ſey.) Allein der Hochmeiſter gab doch noch nicht alle Hoffnung zu einer friedlichen Verſtaͤn⸗ digung auf; er ſchloß mit dem Fuͤrſten einen Waffenſtill⸗ 1) Hier endigt der Bericht des HM. im Regiſtr. Es iſt aber eben⸗ daſelbſt p. 38. 40 — 41 und Schicbl. XVII. nr. 150 auch noch der Entwurf eines andern Berichtes an einige ungenannte Fuͤrſten vorhan⸗ den, aus dem zu erſchen iſt, daß man in Beziehung auf die zweite Forderung noch die Bedingungen geſtellt hatte: 1) ſo ſolde her gelobt haben, in allen ſynen landen das her ſolde gefordert haben den criſtin⸗ lichen globen und ſelber gelebet haben nach criſtinlicher ſatzung; 2) di do noch nicht getouft weren, den ſolde her mit jolife vorſeen, das dy getouft ſolden werden nach criſtlicher ce, nicht ruſchir (ruſſiſcher) z 3) keinirley criſtinland, usgenomen gewalt und unrecht, ab die Im von criſten weren begegint, ſolde her vorwert eweclich nymmer geheren mit heriscraft haben noch geftatet haben andern unglobigen czu heren dorch fyne lande. 2) Der HM. ſagt daher in ſeinem Berichte: alſo hot ſich der orden mit ym geſcheydin ane ende, wen an vm her nicht dirkante worheit noch beſtendikeit. Lindenblatt S. 104 erwähnt dieſer Verhandlung nur ganz kurz.
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Verhandlungen mit Wito wd (1396). 71 fland bis auf naͤchſten Michaelis⸗Tag, um dann eine neue Verhandlung uͤber die obwaltenden Streitpunkte anzuknuͤ⸗ pfen, weil man bis dahin auch die Meinung der Deutſchen Reichsfuͤrſten durch Geſandte einholen konnte.) Allein dieſe Hoffnung wurde nicht erfüllt, denn als der Meiſter um die verabredete Zeit mehre Gebietiger zur Verhandlung ausſandte, fanden fie zwar am beſtimmten Orte vier Ba: joren Witowds anweſend; allein da dieſe, wie man meinte auf Anlaß und Einwirkung des Koͤniges von Polen, keine andere Vollmacht hatten, als auf dem letzten Verhandlungs⸗ tage, ſo hielten es die Ordensgeſandten fuͤr zwecklos, die Unterhandlungen wieder aufzunehmen und kehrten ohne wei⸗ teres zuruͤck. 2 5 Man ſah demnach den Frieden mit dem Großfürften als aufgeloͤſt an und wie der Komthur von Ragnit rau⸗ bend und heerend in Samaiten einbrach, ſo zog auf des Marſchalls Geheiß der Komthur von Rhein mit dem Pfle— ger von Inſterburg an der Spitze eines Reiterhaufens im ſuͤdlichen Litthauen umher, that dem Lande dort großen Schaden und brachte wie der Komthur von Ragnit gegen hundert Gefangene zuruͤck. Witowd indeſſen wuͤnſchte noch den Frieden mit dem Orden und auch der Hochmei⸗ ſter, obgleich er in ſein Geſuch, den Ordensmarſchall nach Luzk in Volhynien zu neuen Unterhandlungen zu ſenden, 1) Der Entwurf zum Waffenſtillſtande von Seiten des HM. dat. Auf der Dobys am Freit. nach S. Jacobi 1396, von Seiten Wytowds, dat. zu Alt⸗Kauen am nämlichen Tage, im Regiſtr. p. 34. 2) Lindenblatt S. 105 deutet auf die Einwirkung der Polen hin; über den Mangel der nothigen Vollmacht der Litthauer läßt ſich der HM. in einem Schreiben an Witowd aus, im Regiſtr. p. 37. 3) Linbenblatt a. a. O. Ueber den Kriegszug des Komthurs von Rhein giebt er ſelbſt in einem Briefe an den Ordensmarſchall, dat. Lötzen Mont. vor u. Fr. Nativitat. 1396 im Regiſtr. p. 49 nähere Nachricht, doch meiſt nur in gcographiſcher Beziehung. Es iſt wahre ſcheinlich derſelbe Kriegszug, den Kojalowicz p. 51 ſchon in den Fe⸗ bruar 1395 ſetzt.
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72 Verhandlungen mit Witowd (1396). nicht einging, bot ihm gerne einen neuen Waffenfrieden bis zum April des naͤchſten Jahres an, doch alſo daß we⸗ der die von Dorpat, die ſich am Rechte auch jetzt noch nicht genügen laſſen wollten, noch die Samaiten, die waͤh⸗ rend des Waffenſtillſtandes den Frieden gegen den Orden verletzt, darin mit begriffen ſeyn ſollten. Zugleich ſtellte es der Meiſter dem Großfuͤrſten anheim, waͤhrend dieſer Zeit die Friedensverhandlungen wieder anzuknüpfen. ) Der Friede ward nachmals wirklich erneuert und ſo die Ruhe nach Litthauen geſichert. Nicht ſo leicht war der ergrimmte Biſchof von Dor⸗ pat zu beruhigen. Er ſtand zwar jetzt, von feinem maͤch⸗ tigen Verbuͤndeten verlaſſen, dem Orden machtlos gegen⸗ uͤber und der Einfall der Ordenswaffen in ſein Gebiet hatte ihn nicht wenig geſchreckt; allein im Stillen knuͤpfte er neue Verbindungen mit faſt fuͤnfhundert in der nahen See umherſchwaͤrmenden Vitalienbruͤdern an, ſandte Klag⸗ und Schmaͤhbriefe an den Roͤmiſchen Koͤnig und an mehre Fuͤrſtenhoͤfe, worin er fi) aufs bitterſte über den verhee— renden Einfall in fein Stift beſchwerte,? hetzte noch fort und fort den Herzog Swantibor von Stettin gegen den Orden auf, um auf ſolchen Wegen hier oder dort zum erwuͤnſchten Ziele zu kommen, und bei dem Herzoge brachte er es auch wirklich dahin, daß dieſer dem Orden den fruͤ— 1) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Sonnt. nach Andrea 1396 im Regiſtr. p. 37. Der HM. ſagt: Der Friede ſolle ge⸗ ſchloſſen werden „alzo doch das bucfjen dem frede bliben die von Darpt, dorumb wen fie In ny genügen wolden laſen an dem rechte, doczu wir uns gnug dirboten habin, als Ir auch wol dirfaren hatt und ſelbin ouch derumb hin geſant hatt, ouch ſollen bueſſen bliben die Samayten, wendt ſie uns broch worden an dem frede, den Ir vor ſie uffnomet, das wir In nicht getruwen mogen noch wellen. 2) Darüber ein Schreiben des HM. an den Biſchof von Olmuͤtz, dat. Marienb. Sonnab. nach Omnium Sanctor. 1396 im Regiſtr. b. 42, worin er ihm die näheren Verhaͤltniſſe auseinander ſetzt, mit der Bitte, beim Rom. König den Orden zu rechtfertigen. =
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Verhandlungen mit Witowd (1397). 73 her geſchloſſenen Hülfsvertrag. auf den er ſelbſt ſchon Sold⸗ gelder aufgenommen hatte, nicht nur foͤrmlich aufkündigte, ſondern ſich dadurch auch zugleich für einen offenen Feind des Ordens erklärte und fo den Meiſter zu manchen nach⸗ druͤcklichen Schritten gegen ihn noͤthigte. „ Der Haupt⸗ mann der Neumark Johann von Wartenberg ward erſucht, dem Herzoge in keiner Weiſe beizuſtehen, wenn er es et⸗ wa wagen ſollte, des Ordens Gebiet mit feindlicher Macht zu überziehen. > 5 Ungleich mehr Ausſicht zum allgemeinen Frieden er⸗ öffnete dem Orden das nachſte Jahr 1397, denn während der friedlichgeſinnte Meiſter den Schutz und die Einwir⸗ kung des edlen Herzogs Erich von Meklenburg und Grafen von Schwerin in Anſpruch nahm, um wo moͤglich durch ihn ein friedlicheres Verhaͤltniß mit den Herzogen Swan⸗ tibor und Boguslav von Stettin und ſeinem Vetter Her⸗ zog Albrecht von Meklenburg und dem Biſchofe von Dor⸗ pat, bei dem ſich Albrecht noch aufhielt, einzuleiten; “ waͤhrend darauf auch Briefe des Meiſters voll Ernſt und Nachdruck nicht nur an den Herzog von Stettin ſelbſt, ſon⸗ dern auch an die bedeutendſten Städte und die vornehm⸗ ſten Ritter und Herren ſeines Landes ergingen, worin er erklärte, daß er des Ordens gerechte Sache wider ihren Herrn bis aufs aͤußerſte verfolgen und dieſen, der dem Orden feine Ehre und Treue verpfaͤndet, bis aufs hoͤchſte 1) Schreiben des HM. an den Herzog, dat. Marienb. Mitw. nach Lucia Virg. 1396 im Regiſtr. p. 39, worin er dieſem vorwirft, daß er mit Unrecht fein Buͤndniß mit dem Orden auſgeſagt. In einem an⸗ dern Schreiben an die Staͤdte Alt⸗Stettin, Piritz, Gartz, Greifen⸗ hogen u. a. fordert er dieſe auf, als Bürgen dafür einzuſtehen, daß der Herzog die gelichenen 2000 Schock Groſchen dem Orden ſofort zu⸗ rückzahle, wo nicht, fo müffe dieſer ihn vor allen Fuͤrſten fuͤr treulos und ehrlos erklären. 2) Schreiben des HM. an den Hauptmann im Negiſtr. p. 35. 3) Schreiben des HM. an den Herzog von Meklenburg, dat. Ma⸗ rienb. Dienft, nach Epiphan. 1397 im Negiſtr. p. 43,
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74 Verhandlungen mit Witowd (1397). mahnen werde, damit ihm in feinen Forderungen Genuͤge geleitet werde; ) waͤhrend alſo hier der Meiſter den letz⸗ ten Schritt that, um den Herzog zur Beſinnung zu brin⸗ gen, gingen im Anfange des Jahres abermals Sendboten nach Litthauen, um dort die ſchwankenden Verhaͤltniſſe mit dem Großfuͤrſten zu befefligen. ? Dieſer verlangte naͤm⸗ lich jezt, daß in den aufgenommenen Frieden auch der Bi: ſchof von Dorpat mit eingeſchloſſen werde, was der Mei⸗ ſter mitnichten zugeben und lieber den Frieden ſelbſt wieder aufheben wolte, wenn er nicht verſichert ſey, daß der Bis ſchof auch ſelbſt den Frieden wirklich wuͤnſche. Er baute hiebei viel auf die mit dieſem ſo eben wieder angeknuͤpften Unterhandlungen, denn auf des Roͤmiſchen Königes Befehl war mit Vollmacht des Hochmeiſters der ehrwuͤrdige Biſchof Heinrich von Ermland nebſt dem Komthur von Schoͤnſee Arnold von Buͤrgel nach Dorpat gezogen, wo moͤglich eine Verſoͤhnung einzuleiten. Der Hochmeiſter verſprach endlich, wenn es durch dieſe Sendung auch nicht zum voͤlligen Frieden mit dem Biſchofe komme, des Großfuͤrſten Wunſch doch zu erfüllen, damit jener während des friedlichen Anz ſtandes fein Recht am Roͤmiſchen Hofe oder in einer ſchieds⸗ richterlichen Entſcheidung von Praͤlaten, Rittern und Knech⸗ ten ſuchen koͤnne.“ Da man ſich hier jedoch durch Bes muͤhung des Biſchofs von Ermland wirklich darin vereinigte, daß der Erzbiſchof von Riga und der Dorpater um Jo⸗ hanni zu Danzig eine Ausgleichung ihres Streites verfus chen und, was zwiſchen ihnen nicht ausgeglichen und durch Schiedsrichter nicht entſchieden werden koͤnne, auf einem 1) Schreiben des HM. an dieſelben, dat. Stuhm am T. Fabian und Sebaſt. 1397 im Regiſtr. p. 45. 2) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. am Abend Epiphan. 1397 im Regiſtr. p. 43, woraus hervorgeht, daß ſich Witowd die Geſandten erbeten hatte. 3) Darüber ein Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Freit, nach Genverfion. Pauli 1397 im Regiſtr. p. 44; vgl. Linden⸗ blatt S. 108.
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Verhandlungen mit Witowd (1397). 75 fpätern Verhandlungstag erörtern ſollten, ) fo ſchien nun auch dem Abſchluſſe des Friedens zwiſchen Witowd und dem Orden nichts weiter entgegen zu ſtehen. Da kam unerwartet der Ritter Nikolaus Temeretz als Sendbote des Romiſchen Königes in Folge einer fri- heren Botſchaft des Hochmeiſters, um dieſen zu einem Ver⸗ handlungstage mit Witowd und dem Koͤnige von Polen nach Breslau einzuladen, und dort unter Vermittlung des Roͤmiſchen Koͤniges zwiſchen dieſen beiden, dem Biſchofe von Dorpat und dem Orden einen ſichern Frieden feſtzu⸗ fielen; ? und bald darauf verlangte Wenceslav durch einen zweiten Sendboten, den Landkomthur von Boͤhmen, auch die Freilaſſung von Witowds Bruder Sigismund, der als Geißel beim Hochmeiſter war, erklaͤrend, er ſey bei ihm ſicherer aufgehoben als in Preußen.) Der Meiſter kam in eigene Verlegenheit; denn eines Theils traute er den Geſinnungen des Roͤmiſchen Koͤniges nicht, ſchon wegen feiner Verhaͤltniſſe zum Koͤnige von Polen, andern Theils beſorgte er ſeinen Zorn, wenn er widerſtrebe.) Er ſuchte auszuweichen, indem er erklaͤrte, den Tag zu Breslau koͤnne er nicht beſuchen, da ihm ſeine Botſchafter beim Papſte, beim Römiſchen Könige ſelbſt und bei den Kurfürſten die Erfolge ihrer Sendung noch nicht berichtet haͤtten, mit — 1) Lindenblatt a. a. O. 2) Die Botſchaft des genannten Ritters im Regiſtr. p. 49. 3) Die Botſchaft des Landkomthurs Albrecht von der Dube im Regiſtr. p. 51. 4) Der HM. ſpricht ſich darüber ſelbſt in einem Schreiben an den Deutſchmeiſter, dat. Marienb. Sonntag nach Scholaſtica im Regiſir. b. 49 dahin aus: er ſey in Verlegenheit, „das wir gnuk thun der Bot⸗ ſchaft und ouch nicht komen in die ungenade unſers herren des Romi⸗ ſchen konigs und ouch unſer recht nicht vorſuͤmen noch den gemeynen nutz und fromen der ganczen criſtenheit.“ Er giebt daher dem Deutſchmei⸗ ſter, dem Landkomthur von Böhmen, dem von Oeſterreich und dem Komthur von Koblenz den Auftrag, die Kurfuͤrſten um ihren Rath zu bitten, „wy wir uns wol vorantwerten mogen.“
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76 Sühne mit dem Biſchofe von Dorpat (1306). Witowd aber bereits Friedensverhandlungen im Werke ſeyen, die auf dem ſchon aufgenommenen Tage zum Ziele fuͤhren wuͤrden, da der Fuͤrſt ſelbſt den Frieden ſehr wuͤnſche und verſprochen habe, in den ihm vorgelegten Forderungen ſein Moͤglichſtes zur Sicherung des Chriſtenthums zu thun; was Witowds Bruder Sigismund betreffe, ſo behalte er dieſen, wie alle andern Gefangenen zur Sicherheit des Chriſten⸗ thums bei ſich; der Großfuͤrſt ſelbſt babe ihm dieſen zu getreuer Hand und als Geißel zur Buͤrgſchaft ſeiner Treue geſtellt und es ſey zwiſchen ihnen vertragen worden, daß Sigismund feinem Bruder wieder frei gegeben werden ſolle, ſobald dem Orden durch dieſen im Aufbau einiger feſten Burgen die verlangte Sicherheit gewahrt ſey. Es war offenbar, der Meiſter verſaͤumte nichts, was nur irgend zum Frieden führen konnte. Da Her: zog Albrecht von Meklenburg, deſſen Urſachen zur Ein⸗ miſchung in die Streitſache mit dem Biſchofe von Dorpat dem Meiſter immer noch nicht begreiflich waren, dem Orden ſtets noch feindlich gegenuͤber ſtand und jetzt auch die Herzoge Johann und Ulrich von Meklenburg zu des Meiſters großem Befremden einen Entſagebrief ſandten und als Feinde auftraten, fo ſuchte dieſer durch Vermitt- lung des Koͤnigs von Schweden auf ſie zu wirken, ihn bittend, dieſen Fuͤrſten vorzuſtellen, wie ungerecht ihre Theilnahme an dem Streite und ihre offene Feind ſchaft gegen den Orden ſey.) Auch mit Herzog Swantibor von Stettin trat er in neue Unterhandlungen, da auch 1) Diefe Erklärungen im Regiſtr. p. 49 und 51. 2) Zwei Schreiben des HM. an den Konig von Schweden, dat. Marienb. Sonnt. vor Valentini 1397 im Regiſtr. p. 47 — 48. In dem einen ſchreibt der HM. : Ouch fo enwiſſe wir nicht, worumb euwer vetter, der irluchte herre Albrecht herczog czu Mekelburg ſich hat ge⸗ ſtoſen in das orloy des Biſchofes von Darpte und vorvolget uns und allen unſern orden alſo heſlich, wen wir vormals ny wedir In ſien geweſt noch wedir alle die cuwern. Aehnlich ſpricht in Vorwuͤrfen der HM. in den Briefen an die Herzoge Johann und Ulrich.
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Suͤhne mit dem Biſchofe von Dorpat (1297). 77 dieſer jetzt einer Ausgleichung geneigt ſchien.) Mit dem Biſchofe von Dorpat aber kam es auf dem Tage zu Danzig zur wirklichen Ausſoͤhnung. In einer ſehr zahl⸗ reichen Verſammlung, in welcher der Hochmeiſter, der Meiſter von Livland, der Erzbiſchof von Riga, der Biſchof von Dorpat die wichtigſten waren, uͤbernahmen mit beider Theile Zuſtimmung der Propſt von Oeſel und der Bürgermeifter von Reval von Seiten des Ordens, und zwei Bürgermeifter von Lübeck von Seiten des Biſchofs als Schiedsrichter und der Biſchof von Ermland als Oberrichter die Leitung der langwierigen Verhandlungen, bis endlich in der dritten Woche ein Vergleich zu Stande kam, worin beſtimmt wurde: Es folle beiderſeits ein ewiger Friede beſtehen; dem Orden ſolle fein altes Recht gelten, daß die Unterſaſſen der Kirchen zu Riga, Oeſel, Dorpat und Kurland dem Meiſter von Livland Heeres⸗ dienſt auf ſeinen Reiſen und Landwehr leiſten ſollen nach aller Macht; alle gewoͤhnlichen Straßen und Wege zu Waſſer und Land ſollen dem gemeinen Kaufmanne, wie dem Biſchofe und allen Unterſaſſen ſeiner Kirche frei und unverſchloſſen bleiben. Von Dorpat aus ſollen nach Ruß⸗ land hin keine neuen Wege zum Nachtheile des Chriſten⸗ thums angelegt und dorthin keine Verbindung mehr ge⸗ ſtattet werden. Erhebt ſich Streit zwiſchen dem Erz⸗ bifhofe, dem Orden und dem Biſchofe von Dorpat, fo fol ſich jeder Theil am Rechte genügen laſſen; uͤber Schaden und Verheerungen ſollen Berichtsleute entſcheiden und ihr Ausſpruch ſoll fuͤr jeden genuͤgend ſeyn. Es ward außerdem aller Streit zwiſchen dem Erzbiſchofe von Riga und den Lehensherren ſeines Gebietes, die ihm widerſtrebt hatten, ausgeglichen und hingelegt und der Biſchof von Dorpat leiſtete dem Erzbiſchofe den geſetzlichen Gehorſam unter dem Verſprechen, daß dieſer und der 4) Schreiben des HM. an den Herzog im Regiſtr. p. 48 — 49 und 51.
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78 Klage wider Polen auf d. Reichstage (1397. Orden ihm nie Gewalt anthun oder bewaffnet ihn an⸗ greifen wollten. So ward am funfzehnten Juli dieſes Jahres der Suͤhnebrief abgefaßt.“ Nicht ſo erfreulich war der Erfolg der Unterhand⸗ lungen mit Witowd. Der aͤußere Friede wurde aller⸗ dings nicht eigentlich verletzt und hie und da boten ſich auch Beweiſe dar, daß der Großfuͤrſt gegen den Orden Ruhe wuͤnſche. Er ſchien deshalb mitunter auch ſehr nach⸗ giebig ſelbſt in ſolchen Dingen, die er früher ſtarr und hartnaͤckig verweigert. Darob regte ſich in des Polniſchen Koͤniges Seele wieder das alte Mißtrauen; er hatte in Polen keine Ruhe mehr. Die Beſorgniß, Witowd koͤnne in ſeinem neuen Verhaͤltniſſe zum Orden wohl leicht zu weit gehen und ſich dieſem allzuſehr naͤhern, trieb ihn jetzt ſelbſt nach Litthauen hin, um dort Samen zu neuer Zwietracht auszuwerſen; und in der That gewann ſeitdem auch alles, was bisher zwiſchen dem Orden und dem Großfürften verhandelt war, ploͤtzlich eine andere Geſtalt, denn offenbar wollte fein argliſtiger Geiſt zwiſchen Witowd und dem Orden nichts als Krieg und Feindſchaft. Da hatten fi) im Mai dieſes Jahres die Kurfuͤrſten und zahlreich auch andere Fuͤrſten des Reiches zu einem ungemein glänzenden Fuͤrſtentag in Frankfurt am Main verſammelt. Auch der Hochmeiſter war dahin eingeladen, um uber feine Verhaͤltniſſe mit Polen und Litthauen Auf⸗ ſchluß zu geben. Allein es lag ſchwerer Kummer und 1) Wir haben Hiefen Vertrag in einer ſehr alten, vielleicht gleich⸗ zeitigen Abſchrift, dat. Danzig am Tage der Apoſtel Theilung 1397 im geh. Arch. Schiebl. Li. or. 48. Lindenblatt S. 108 — 109. Arndt Th. II. S. 116. hatte ohne Zweifel die Urkunde vor ſich und zählt aus ihr mit Angabe der wichtigſten Punkte die meiſten anweſenden Perſonen auf; vgl. Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 517, Berg⸗ mann Magazin für Ruſſ. Geſchichte B. I. H. II. S. 28 hat unrichtig den 15. Aug. als den Tag der Suͤhne; die Urkunde beſtimmt den 15. Juli; j. Lindenblatt a. a. O. Detmar B. I. S. 379. De al T. IV. p. 201.
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Klage wider Polen auf d. Reichstage (139). 79 bange Beſorgniß auf ſeiner Seele; er ſandte zwei ſeiner angeſehenſten Gebietiger, den Oberſt-Spittler Grafen Kon⸗ rad von Kyburg und den Komthur Wolf von Zolnhart, um durch ſie den Reichsfürſten ſeine Klagen vorlegen zu laſſen.“ „Der Orden — fo ſprachen fie in der Reichs⸗ verſammlung — leidet maͤchtige Anſechtung, denn taͤglich werden die Unglaͤubigen, Litthauer und Ruſſen, durch des Koͤniges von Polen Lande mehr und mehr geſtaͤrkt. Zwiſchen Polen, Litthauern und Ruſſen waltet zumal jetzt große Gemeinſchaft ob; man ſpricht offen und frei: was die Litthauer und Ruſſen beruͤhre, gehe auch die Polen an, obgleich jene noch Veraͤchter und Feinde des Chriſtenglaubens ſind. Es behauptet der Koͤnig von Po: len: ſein Reich erkenne nur den Roͤmiſchen Stuhl, mit⸗ nichten aber das heilige Roͤmiſche Reich als ſein Haupt an. Als demnach jüngſt der Hochmeiſter mit dem Groß⸗ fürften Tag hielt und dieſer verhieß, er wolle der Roͤmi⸗ ſchen Kirche und dem Römiſchen Reiche leiſten, wozu auch andere chriſtliche Fürften pflichtig feyen, da kam bald der König nach Litthauen, verwarf dieſen Artikel und ſetzte dagegen: was das Reich Polen der Roͤmiſchen Kirche ſchuldig ſey, ſolle Witowd auch thun in Betreff der Litthauer und Ruſſen. Tag für Tag verſorgt man von Polen aus die Heiden mit Waffen, Panzern, Platen, Harniſch, Büchſen, Pferden, Werkmeiſtern, Bͤchſen⸗ ſchuͤzen u. dgl., alſo daß die Bekaͤmpfung der Feinde Chriſti fort und fort ſchwieriger wird. Alle, die den Ungläubigen zu Hülfe kommen wollen, läßt der Koͤnig durch ſeine Lande ziehen, wie die Herzoge von Stettin und Meklenburg, mit denen ſich Witowd verbunden ge⸗ habt, desgleichen den Biſchof von Dorpat und die Vita⸗ lienbrüder, mit denen der Orden im vergangenen Jahre emen fo ſchweren Orlog gehabt, wobei der Konig ein — —ͤ—ͤ— 1) Das Schreiben des HM. an die Kurfuͤrſten, dat. Stuhm Don⸗ nerſtag iufra Octavas Pasche 1397 im Regiſtr. p. 52.
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80 Klage wider Polen auf d. Reichstage (4397). Foͤrderer geweſen.) Auch ſo hat dieſer den Orden in mancher Kriegsreiſe wider die Heiden vielfach gehindert bald durch Warnungen, die er dieſen zubringen ließ, bald durch Verwahrung und Befeſtigung ihrer Burgen. Seine Verbindung mit mehren nahen Herren laͤßt den Orden kaum noch die Haͤlfte des Kriegsvolkes aufbringen, als ſonſt der Marſchall ausführte. In allen Verhandlungen des Ordens mit den Litthauern, um ſie zum Chriſtenthum zu bewegen, tritt der Koͤnig durch die Seinen hinderlich entgegen, denn als Witowd auf dem letzten Tage im Juli bereits verfpeochen hatte, die Chriſtenheit durch ei: ſel, Abtretung einiger Lande und Aufbau etlicher Burgen ſicher zu ſtellen, mit den Seinen chriſtlich zu leben, der Roͤmiſchen Kirche und dem Reiche zu gehorſamen, kein chriſtliches Land mehr zu beſchaͤdigen, die Ungetauften taufen zu laſſen, ſich mit den Chriſtenfeinden nicht mehr zu verbinden, da waren es wiederum des Koͤniges Anz walte, die alles umwarfen. Und als juͤngſt auf einem Tage der Großfuͤrſt etlichen Gebietigern die erfreulichſten Zuficherungen und Gelübde gegeben für Aufrechthaltung des Chriſtenthums, fuͤr Leiſtung und Gehorſam gegen die Kirche und das Reich, fuͤr Friede gegen die chriſtlichen Lande, Verſprechungen, die der Meiſter mit Freude auf⸗ genommen, kam der König, ſobald er ſolches erfuhr, als— bald ſelbſt nach Litthauen, verwarf die feſtgeſetzten Punkte und brachte dagegen die ganz fremde Sache des dem Dr: den verpfaͤndeten Landes Dobrin zur Verhandlung, über die er des Landes Eigenthuͤmer, den Herzog von Oppeln, 4) In Beziehung auf die Vitalienbruͤder heißt es: Dy Vitalienbruͤder, das ſynt dy ſeherouber, wider dy der orden czu lifland in deſin vorgan⸗ gen Jare muſte ſwerlich halden das orloy, und hatten, das got weys, eyne unrechte, unreyne Sache, dy wedir dy heilige Rom: kirche was, und dy das orloy alſo hefticlich hilden wider den orden, hette got der Almechtige nicht bygeſtanden dem orden, ſy hetten mit erem ofſatz dy land czu lifland gancz vorwuͤſtet und den orden doſelbeſt gerne vortrebin, desſelben orloyis iſt der konig von Polan eyne forderſache geweſt.
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Klagen wider Polen auf dem Reichstage (1397). 81 vor das Reich bringen kann, da er dieſem unterthan iſt. Der Orden hat ſich erboten: wolle ihm der Koͤnig die Pfandſumme erlegen und willige der Herzog in die Ueber⸗ gabe an Polen ein, er wolle gerne das Land de m Könige raͤumen. Anders zu handeln iſt dem Orden nicht mög- lich und nicht ehrbar. Aber was hat dieſes Land gemein mit den Litthauern und Ruſſen? Der Koͤnig hindert da⸗ mit nur das gemeine Beſte der Chriſtenheit.“ — Endlich war es den Sendboten anheimgeſtellt, den Reichsfuͤrſten auch vorzuſtellen, wie wahrſcheinlich nur der Koͤnig von Polen den Röm. König zur Vorladung nach Breslau ver⸗ anlaßt habe, um dort einen dem Orden und der ganzen Chriſtenheit nachtheiligen Ausſpruch zu bewirken, weshalb eigentlich Wenceslav die Auslieferung Sigismunds, Wi⸗ towds Bruder verlangt habe, um durch ihn ſeine Gefan⸗ genen von den Türken auszuloͤſen, aus welchen Gruͤnden der Hochmeiſter die Freilaſſung verweigert und wie man wohl wiſſe, daß die Tuͤrken ſehr oft ihre Voten beim Koͤ⸗ nige von Polen hatten, die Litthauer aber ſich einer Seits von den Polen her und anderer Seits durch die Tataren immer mehr verſtaͤrkten, was jetzt offenkundig geworden ſey. — Das Alles ſtellten die Ordensgeſandten auf dem Reichstage vor. Der Zweck ihrer Eroͤffnungen war, die verſammelten Fuͤrſten über die von Polen aus ſo vielfach verbreiteten falſchen Geruͤchte, Nachreden und Verlaͤum⸗ dungen gegen den Orden eines beſſern zu belehren, ihnen ſowohl des Polniſchen Koͤniges Verfahren in der Friedens: handlung mit Witowd, als auch das Verhalten des Roͤ⸗ miſchen Königes zum Polniſchen und gegen den Orden klar und offen vorzulegen und daruͤber ihren Rath zu erbitten. » u 1) Inſtruction für die Ordensgeſandten, ausgefertigt am Donnerſt. nach Oſtern 1397; ſie ſteht theils vollſtaͤndig, theils ins kurze gefaßt im Regiſtr. p. 52 — 54 und enthalt noch vieles Speciclle, was hier nicht mitgetheilt werden konnte, aber fonft manchen Aufſchluß giebt. Zu bes wundern SE hiebei die von Kotzebue B. III. S. 287 als großes Raͤth⸗ 6
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82 Verhandlungen wegen Dobrius (1397). Von dem Eindrucke ihrer Rede auf die Verſammlung ſind wir nicht unterrichtet; aber es mochte wohl mit eine Folge dieſer Geſandtſchaft ſeyn, daß jetzt der Meiſter, um den Frieden mit Polen aufrecht zu erhalten, vor allem die Streit⸗ ſache wegen des Dobrinerlandes, die, wie man täglich ſah, des Koͤniges zornige Seele nicht zur Ruhe kommen ließ, in irgend einer Weiſe beizulegen ſuchte. Den Kauf des Landes noch immer beſtimmt zuruͤckweiſend, um mit dem Lande nicht zugleich einen Krieg zu erkaufen,“ war der Meiſter mit dem Herzoge von Sppeln ſelbſt auch bis jetzt noch nicht weiter gekommen trotz aller Unterhandlungen. Es war ihm daher ſehr erwuͤnſcht, daß ihm die Koͤnigin Hedwig von Polen eine perſoͤnliche Zuſammenkunft entge⸗ genbot, um wo möglich den Streit auszugleichen. Nach Auswechſelung der Geleitsbriefe ? fand fie zu Alt-Leſlau um Pfingſten wirklich Statt.) Auf die Anforderung der ſel aufgeworfene Frage: „wie die Ordensherren in Tuͤrkiſche Gefangen⸗ ſchaft gerathen konnten?“ — Es iſt überall in dem von ihm erwaͤhn⸗ ten Briefe und in dieſer Inſtruction auch nicht im entfernteſten die Rede von Ordensherren, die bei den Tuͤrken gefangen ſeyen; ſondern der HM. ſpricht überhaupt von den vornehmen Gefangenen bei den Tuͤrken, die, wie Lindenblatt S. 107 erzählt, im vorherigen Jahre 1396 in Zürkifche Gefangenſchaft gerathen waren. 1) Dieſe Anſicht ſprach der HM. in einem Briefe an den Herzog aus, dat. Marienb. Dienſt. infra octav. epiphan. 1397 im Regiſtr. p. 44. Er ſagt: Bedenket, das uns der kowff nicht getlich iſt, wir und unſer Gebietegere dirkennen denne das wir das landt mochten haben ge⸗ ruwet und mit aller fryheit, eynen kryg und unfrede uns czu kowfen und unſerm orden, wir getruwen wol, das ewir groſmecht. uns das nicht ſolde raten, wen wir krieg und unfrede gnug haben ungekowft. 2) Geleitsbriefe, dat. in Bebern am Pfingftabend 1397 im Regiſtr. p. 2 — 3. 3) Diugoss. p. 152 führt den Grund an, warum nicht der König ſelbſt zu dieſer Unterhandlung kam; er ſagt: ad quem (conventum) Hedwigim reginam sätius, quam Wladislaum Regem, ne animus ob superiores et recentes Lithuanicae patriae vastationes exul- ceratus, durieri sermone efluso, bellum cuius eventus mag no- pere vitabatur, conflaret, ire placuit.
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Verhandlungen wegen Dobrins (1397). 83 Koͤnigin wegen des Landes als zur Krone Polens gehörig gab der Meifter die beſtimmteſte Verſicherung: der Orden werde das Land, jetzt immer nur noch als Pfand verſetzt, auf der Stelle räumen, ſobald ihm die Pfandſumme zus ruͤckgezahlt ſey. Er verſprach zugleich, den Herzog noch einmal mit allem Ernſte aufzufordern, den Orden binnen einer gewiſſen Zeit in den an das Land erhobenen Anſpruͤ⸗ chen zu vertreten und wenn dieß nicht geſchehe, ihm fei- nen Entſchluß kund zu thun.) Dieß geſchah ſofort. Der Meiſter erklaͤrte ihm jetzt: wenn er das Land nicht binnen kurzer Zeit völlig frei ſtelle, fo muͤſſe der Orden durchaus auf andere Mittel ſinnen, wie er ſich der Koͤnigin Huld und den Frieden mit Polen erhalten koͤnne; entweder er ſolle es jetzt einloͤſen oder von allen fremden Anſpruͤchen befreien; vermoͤge er beides nicht, ſo ſolle er dem Orden die Pfandbriefe zuruͤckgeben und ihn bevollmaͤchtigen, Do⸗ brin gegen Zahlung der Pfandſumme der Koͤnigin von Po⸗ len abzutreten.) Da indeß bald darauf bei einer Zu⸗ ſammenkunft der Koͤnige von Ungern und Polen zum Ab⸗ ſchluſſe eines Friedens) die Königin ihre Anſpruͤche gegen den Herzog ſelbſt geltend machte und dieſer ſich zum buͤn⸗ digſten Beweiſe erbot, daß er das Land von ihrem Va⸗ ter vollig frei erhalten, fo zog ſich die Sache wieder wei⸗ ter hinaus, ſo daß ſelbſt bis zum Herbſte von Seiten des Herzoges nichts geſchehen war und neue Mahnungen noͤthig wurden. “ 1) Lindenblatt S. 110 und ein Schreiben des HM. an den Herzog von Oppeln, dat. Marienb. Sonnab. nach Corpor. Chriſti 1397 im Regiſtr. p. 53; vgl. Dlugoss. p. 152 — 153, wo der Orden als ſehr hartnäckig in der Sache geſchildert wird. De Wal T. IV. p. 149, 2) Schreiben des HM. an den Herzog a. a. O. Der HM. meldet dieſes auch der Königin und ſagt, daß er litteras tam monitorias duam comminatorias an den Herzog habe ergehen laſſen; Regiſtr. p. 54. 3) Diugoss, p. 154, 4) Schreiben des HM. an den Herzog, dat. Marienb. Sonntag nach Nativit. Maria 1397 im Regiſtr. p. 60. 6 *
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84 Verhaͤltn. mit Witowd und dem Könige v. Polen (1397). Mittlerweile waren die Verhaͤltniſſe mit dem Groß⸗ fürften wieder ſehr bedenklich geworden. Der Friede ward freilich von Zeit zu Zeit erneuert, weil ihn der Fuͤrſt für ſeine weitern Plane bedurfte; aber ſelbſt hiebei verfuhr er nicht mit Redlichkeit, denn es kam wohl vor, daß er dem Hochmeiſter einen Friedensbrief mit einer unrichtigen Jah⸗ reszahl zuſandte, den dieſer zuruͤckwies, weil es dabei ab⸗ ſichtlich auf Taͤuſchung abgeſehen war. ) Schon darum konnte man dem Zinften noch durchaus nicht trauen; uͤber⸗ dieß ward dem Meiſter auch kund, daß einer Seits der Polniſche Koͤnig die Litthauer und Ruſſen jetzt mehr als je reichlich mit allen noͤthigen Kriegsbeduͤrfniſſen verſorge, anderer Seits aber Witowd immer größere Schaaren von Tataren an ſich ziehe, ein großes Kriegslager bei Lunzeg aufgeſchlagen habe und bei dem allen nichts anderes beab⸗ ſichtige, als zu günſtiger Zeit des Ordens Gebiet mit der geſammelten Kriegsmacht zu uͤberziehen. Zwar erbot ſich jetzt der Koͤnig Sigismund von Ungern zur Vermittlung zwiſchen Polen und dem Orden, meinend, „die noch ob⸗ waltenden kleinen Aufftöße” wuͤrden bei verlängertem Frie⸗ den ſich wohl leicht beſeitigen laſſen. Allein der Hoch meiſter, auch hier wieder den Einfluß des Polniſchen Koͤ⸗ niges unverkennbar wahrnehmend, wies aus manchen Gruͤn⸗ den die Vermittlung zuruͤck und bedeutete dem Koͤnige, daß die obwaltenden Spaͤne doch keineswegs fo geringfuͤ⸗ 1) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Danzig am S. Marga⸗ rethen⸗Abend 1397 im Regiſtr. p. 57. 2) Was auch Diugoss. p. 153 beſtätigt; ef. Raynald. Annal. eccles, an. 1397 ur. 17. 3) Schreiben des HM. an den Deutſchmeiſter, dat. Meſelenz Sonnt. vor Margarethe 1397 im Regiſtr. p. 59, er trägt dieſem auf, dieſe Verhaͤltniſſe den Reichsfurſten auf dem Fuͤrſtentage zu Jacobi (Linden⸗ blatt S. 110) vorzutragen. Nach Kojalowiez p. 51 war es beſon⸗ ders die Aufnahme Switrigals in Livland, die den Großfuͤrſten gegen den Orden erbitterte.
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Verhaͤltn. unt Witowd und dem Könige v. Polen (1397. 85 gig ſeyen, als er fie betrachte. Dabei enthüllte er ihm zugleich Witowds ganzen Plan. Ein auf lange Zeit mit dieſem Fürſten geſchloſſener Friede, ließ er dem Könige ſagen, könne weder fir den Orden, noch für die Chriſten⸗ heit von heilſamen Folgen ſeyn, denn ſey er eines ſolchen Friedens erſt ſicher, ſo gehe ſein Ziel auf nichts anderes hinaus, als binnen dieſer Zeit zuerſt die Heiden oder Nuf: ſen in den Hinterlanden ſeines Reiches zu unterjochen und an ſich zu ziehen oder wenn er ſie nicht uͤberwaͤltigen koͤnne, ſich mit ihnen zu verbinden, um dann die Waffenkraft dieſer rohen Voͤlker gegen den Orden zu gebrauchen; es ſey klar auch ſeine Abſicht geweſen, ſich waͤhrend des Bei⸗ friedens der weiten Gebiete der Groß-Naugarther zu ber mächtigen, wo, wenn es ihm gegluͤckt wäre, er einen aͤu⸗ ßerſt reichen Raub haͤtte holen und ſich bedeutend gegen den Orden ſtaͤrken koͤnnen. Ein feſter Friede mit Witowd ſey keine ſo leichte Sache; er duͤrfe nicht bloß den Orden, er müſſe die geſammte Chriſtenheit betreffen und zuvor ſorg⸗ ſam von allen Seiten bedacht werden.“ — Ueberhaupt ging Konrad von Jungingen von der Mei⸗ nung aus: ein allgemeiner Friede mit Witowds Landen koͤnne nur mit Einſtimmung der Kirche, des Roͤmiſchen Rei⸗ ches und aller chriſtlichen Zürften geſchloſſen werden, weil das Heidenthum mit der geſammten chriſtlichen Welt in natürlich feindſeligem Gegenſatze und in ewigem Kampfe ſtehe; darum muͤſſe die erſte und wichtigſte Bedingung die: ſes Friedens ſeyn, daß Witowd alle ſeine Lande und alles, was ihm unterthan, zum Chriſtenthum führe, denn fo lange noch das Heidenthum in dieſem Lande obwalte, verpflichte den Orden das erſte Gebot ſeiner Stiftung zum Kampfe 1) Schreiben des Königs von ungern an den HM., dat. Neuendorf * Sonnab. nach Margarethe 1397 im Regiſtr. P- 61. Antwort des HM. an den Konig, dat. Stargart am Domerſt. nach Vincula Petri 1397 ebendaſ. p. 56. ; 2) Die Geſandtſchaftsinſtruction im Regiſtr. p. 58.
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86 Verhaͤltn. mit Witowd und dem Könige v. Polen (1597). und zur Vertilgung deſſelben. Und ſelbſt die juͤngſten Er⸗ eigniſſe hatten in dem Meiſter dieſe Ueberzeugung wieder lebendig angeregt; ſie trat ihm klar vor die Seele, als um dieſe Zeit Herzog Wilhelm von Oeſterreich ihm ein Huͤlfs⸗ buͤndniß zum Kriege gegen Böhmen entgegenbot und der Meiſter es mit den Worten ablehnte: ſeine Vorgaͤnger im Meiſteramte hätten daran feſt gehalten, daß der Orden ges ſtiftet ſey, die Heiden zu bekaͤmpfen und ohne wichtige Urſachen nicht chriſtliche Fürften zu bekriegen;“ ſie befe⸗ ſtigte ſich in ſeinem Geiſte immer mehr, wenn er ſah, wie von demſelben Gedanken getrieben, immer noch neue Kriegsgaͤſte, ſelbſt Fuͤrſten und Ritter aus allen Landen bis aus Unteritalien herauf zum Heidenkampfe nach Preu⸗ ßen zogen.) Sie beſtimmte ihn auch, die heidniſchen Samaiten von dem mit Witowd eingegangenen Beifrieden, ſo oft er erneuert wurde, jeder Zeit noch auszuſchließen, und als im September dieſes Jahres abermals eine neue Schaar fremder Kriegsgaͤſte im Ordenslande ankam, ge⸗ bot es ihm feine Pflicht, den Komthur von Nagnit an der Spitze von vierhundert Kriegsleuten und jener Streit⸗ ſchaar ins Gebiet von Samaiten einſprengen zu laſſen, 1) Schreiben des HM. an den Herzog Wilhelm von Oeſterreich, dat. Stuhm in vigilia s. Laurentii 1397 im Regiſtr. p. 58. Das Buͤndniß ſollte höchſt wahrſcheinlich gegen Böhmen gerichtet ſeyn, denn der HM. erwähnt, daß die Ordensguͤter in Böhmen und Mähren in großer Gefahr ſeyn wuͤrden, wenn die Theilnahme des Ordens bekannt werde. Aber es iſt auch moglich, daß das Buͤndniß gegen den Mark⸗ grafen von Mähren zielte, denn nach einem Schreiben des HM. an dies fen (im Regiſtr. p. 64) fanden Mißhelligkeiten zwiſchen ihnen Statt, in deren Folge der Markgraf dem Orden Neu⸗Sedlitz, Stadt und Haus, weggenommen hatte. 2) Ocruͤber ein Schreiben des Ordens-Procurators aus Rom vom J. 1403 (Schicbl. I. nr. 104), worin er mehres über die Theilnahme der Neapolitaniſchen Großen an den Heidenkaͤmpfen in Litthauen berich⸗ tet, wobei es heißt: Dy Napolitaner haben ettwenne gar vaſte (viel) gereten ken Pruſſen ume Ritterſchaft wille und horen gar gerne von den Reyſen ſagen.
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Verhaͤltn. mit Witowd u. dem Könige v. Polen (1397). 87 wiewohl der Erfolg nicht gluͤcklich war, denn die Feinde, zuvor ſchon unterrichtet, hatten einen Wald beſetzt, woraus ſie den Komthur uͤberfielen, mit den Seinen niederwarfen, ihm zweihundert Gefangene und einen reichen Raub von fuͤnfhundert Roſſen abnahmen. = Anders war die Stellung des Ordens zum Könige von Polen als einem anerkannt chriſtlichen Fuͤrſten. Als daher der Koͤnig von Ungern bald ſein Anerbieten zur Ver⸗ mittlung erneuerte, erklaͤrend, daß auch jener geneigt ſey, ſie anzunehmen, zeigte ſich auch der Hochmeiſter bereit zu einer perfönlichen Zuſammenkunft in Gneſen, in der Hoff: nung, daß ein feſter Friede dort eingeleitet werden koͤnne. Weil ihm dieſer aber nur moͤglich ſchien, wenn ſich au: gleich auch in Litthauen alles anders geſtaltete, ſo ließ er eines Theils den Koͤnig von Ungern als Vermittler uͤber die wichtigſten Bedingungen nochmals genau unterrichten und andern Theils auch an den Großfuͤrſten die beſtimmte Frage richten: ob er zu einem ſolchen Frieden mit dem Orden wirklich geneigt ſey? ? Es erfolgte indeſſen keine Antwort; alle Hoffnung zu einer Ausgleichung mußte bald wieder ſinken, weshalb der Hochmeiſter auch wieder um ſo mehr bemüht war, ſich der Gunſt und noͤthigen Beihuͤlfe na⸗ her und ferner Fuͤrſten zu verſichern. In das Reich theils an den Roͤmiſchen König, theils an eine große Zahl von Fuͤr⸗ ſten, ſelbſt an den König von Frankreich, den Herzog von Burgund und andere Fuͤrſten ging eine bedeutende Menge von abgerichteten Jagdfalken oder andern ſeltenen Erzeugniſ⸗ 1) Lindenblatt S. 111. 2) Schreiben des HM. über die Verlängerung des Waffenftillftandes bis Andrea, dat. Marienb. Sonnab. nach Aller Heilig. 1397 im Regiſtr. p. 64; Botſchaft des Komthurs von Rheden an den König von Ungern ebendaſ. p. 66. unter andern ließ der HM. den König auch darauf aufmerkſam machen, daß weder der König von Polen noch Witowd einen „Erbeling“ hatten und ferner, „wy Littowen und Ruſſen dy veſten inne haben yn Littowen und Ruſſen nicht dy Criſten.“
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88 Verhaͤltn. mit Witowd und dem Könige v. Polen (1398). fen des Landes als beliebte Geſchenke.“ So ſparſam fer⸗ ner der Meiſter in ſeinen Geldverhaͤltniſſen auch war und ſo oft er früher ſchon manchen Fuͤrſten erbetene Anleihen ver: weigert hatte, ſo bereitwillig gab er doch jetzt dem nahen Herzoge Semovit von Maſovien wieder eine neue Summe von zweitauſend Schock Boͤhmiſcher Groſchen, wofuͤr er das Gebiet von Pluntzk am Narev als Pfand erhielt.) Dieſe Gunſt und Freundſchaft fremder Fürften zur Beihuͤlſe der Ordens ſchien aber dem Meiſter um fo nothwen— diger, da auch der Anfang des Jahres 1398 alles noch ſchwankend und unſtaͤt ließ. Einer Seits naͤmlich ließen den Großfürften von Litthauen große Entwürfe zur Erweites rung ſeiner Herrſchaft nach Oſten hin gegen den Orden im— mer noch Ruhe und Friede wünfchen. Smolensk war bereits in feinen Händen und als neue Eroberung geſichert.?“ Ganz Suͤd⸗Rußland gehorchte ſchon ſeinem Machtgebote und ſelbſt der Großfuͤrſt Waßily Dimitrijewitſch von Moskau, ſein Schwiegerſohn, wagte es nicht, den oft begangenen Raub 1) Wir haben unter andern noch das Verzeichniß der Fuͤrſten, die mit Falkengeſchenken beehrt wurden. 2) Dieſer Fall kam unter Konrad von Jungingen nicht ſelten vor So ſchrieb er z. B. erſt in dicſem Jahre dem Herzoge Ruprecht von Licgnitz wegen eines ſolchen Geſuches: Lieber herre, keyn gelt haben wir von uns nicht czu lihen, wen wir und unſer orden als vil anfechtunge und gedrang lyden, nicht alleyne von den ungloybigen, wider dy wir unſern landen by note müffen helfen, ſondern ouch von Criſten, das wir unſers geldes ſelben von tage czu tage wol beduͤrffen. Regiſtr. p. 50. 3) Die urkundliche Verſchreibung, dat. Marienb. am S. Nicolai Abend 1397 im Cod. Oliv. p. CXCIV. im geh. Staatsarchiv zu Ber⸗ lin. Daß der Herzog damals ſelbſt in Marienburg war, fehen wir aus ſeiner dort ausgeſtellten Beſcheinigung, worin er erklaͤrt, daß ſein neues Siegel an obiger Urkunde für ihn und feine Nachtommen dieſelbe ver⸗ bindende Kraft haben ſolle, als das alte verloren gegangene. Das obenerwahnte Gebiet Pluntzk ſcheint wohl kein andercs als das der heu⸗ tigen Stadt Lomza am Narcv zu ſeyn, denn es wird auch Plumczk genannt. 4) Kajalowicx p. 50 — 57.
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Verhaͤltn. mit Witowd und dem Könige v. Polen (1399. 89 au den Ruſſiſchen Erblaͤndern an dem maͤchtigen Fuͤrſten von Litthauen zu beſtrafen. In dieſer Macht ging fein Plan jetzt auf nichts geringeres hinaus, als die Chane der Tataren⸗ Horden an den Gränzen feiner Gebiete entweder völlig zu unterdrücken, oder doch in der Art zu ſchwaͤchen und zu bes muͤthigen, daß fie fortan feinem Reiche in keiner Weiſe mehr gefährlich werden koͤnnten.) Und als um dieſe Zeit der Chan der Horde Tochtamyſch von dem maͤchtigen Timur be⸗ ſiegt und beraubt mit allen den Seinen ſich in Witowds Haͤnde warf, um bei ihm Huͤlfe und Rettung zu ſuchen, ſchien ſein Plan der Ausfuͤhrung immer naͤher zu kommen. Der Gedanke, „für den Beſieger eines Volkes zu gelten, vor dem Aſien und Europa gezittert hatten, über das Schickſal von Baty's Thron zu entſcheiden, ſich den Weg in das Mor⸗ genland zu eroͤffnen und ſogar Timur ſelbſt zu vernichten,“ hatte für Witowd einen zu mächtigen Reiz und erfüllte feine Seele zu lebendig, als daß er vorerſt der Ruhe von Seiten des Ordens nicht einige Opfer hätte bringen mögen. ? Es kam hinzu, daß der Fürft Switrigal, durch den Wechſel feis ner Schickſale bald gefangen, bald befreit, bald Beherrſcher von Podolien, bald wieder Fluͤchtling, jetzt von Ungern aus, wohin er entflohen war, von neuem des Ordens Huͤlfe und Vermittlung in Anſpruch nahm. Obgleich ihm der Hoch: meiſter, um den Frieden mit Witowd nicht zu erſchweren, keine feſte Zuſicherung gab, “ fo nahm er doch fo regen An⸗ theil an ſeinem Schickſale und ſprach ſo offen ſeinen Wunſch 1) Kojalowicz p. 59, 2) Karamſin B. V. S. 126 — 132. 3) Kotzebue Switrigal S. 25 ff. 4) Schreiben des HM. an Switrigal, dat. Marienb. Mont, vor Purificat. Mariä 1398 im Negiſtr. p. 71. Der HM. ſchreibt ihm: Als ir uns clagt, wy ir vortrebin ſiet von ewern veterlichen Erbe „das iſt uns leyd und begerten wol, das ir und alle dy, die ſich czu den lan⸗ den als littowen. und Ruſſen erblich czihn, das dy alle eyne gute ſelige meynunge hetten czu dem Criſtenthum, So getruwete wir wol, das beyde, ir und wir deſte bas ſtunden.
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90 Verhaͤltn. mit Witowd und dem Könige v. Polen (1398). aus, ihn in Litthauen uͤber ſein vaͤterliches Beſitzthum herr⸗ ſchen zu ſehen, daß Witowd in dieſer Beziehung wohl nicht ganz ohne Beſorgniß ſeyn durfte und auch ſchon aus dieſem Grunde den Frieden mit dem Orden wuͤnſchen mußte. — Anderer Seits aber hing der Großfürft doch ſtets zu fehr vom Könige von Polen ab, als daß er dem Wunſche nach Fries den ohne Ruͤckſicht hätte nachgehen dürfen; er kannte des Koͤniges Geſinnung gegen den Orden viel zu gut, als daß er hätte glauben koͤnnen, ein Friede, wie ihn der Hochmei⸗ fier wollte, werde von jenem gebilligt werden. Daher das Schwanken in ſeinen Verhandlungen und das Zweideutige in ſeiner Stellung, daher das Zuſagen und Wiederzuruͤckneh⸗ men in ſeinen Verheißungen gegen den Orden, denn wenn ſelbſt die Koͤnigin von Polen bei ihrem Gemahle in Ungnade gefallen und mehre der vornehmſten Großen ihrer Aemter und Wuͤrden entſetzt worden waren, weil ſie des Koͤniges Vorha⸗ ben, den Orden mit Krieg zu uͤberziehen, ſtandhaft wider: ſtrebt hatten,) fo durfte Witowd es vorerſt wohl kaum wa⸗ gen, dem Hochmeiſter oͤffentlich mit friedlichen Geſinnungen naͤher zu treten. Der Hochmeiſter konnte daher noch keine Hoffnung zum Frieden faſſen. Aber er war der Welt hieruͤber Rechenſchaft ſchuldig und ſandte deshalb im Februar feis nen gelehrten Rath Johannes Rymann nach Deutſchland, um dort den Fuͤrſten kund zu thun: der Krieg wider die Ungläubigen werde dem Orden immer ſchwieriger, theils weil der Polniſche Koͤnig ſie immer mehr mit Roſſen und Waffen unterflüge, verſtaͤrke und in Kriegskuͤnſten unter: 1) Der HM. ſchricb darüber dem Deutſchmeiſter in einem Briefe, dat. Marienb. Sonnt. Invocavit 1398 im Regiſtr. p. 73: Die koni⸗ ginne ift in groſen ungenaden des koniges und ouch etliche dy beſten ſyner boubtlüte, die her ouch dorumme entſaczet hat von erem ampt, das fie nicht volbort Im geben wolden czu Jare, wen her wolde uns haben obirtzogen mit Polan, Littowin, Tattirn und Ruſſen und das hindert dy koniginne mit etlichen houbtluͤten und die konigine, das got gelowbit ſy, dem orden wol gefallen iſt und ſuchet unſer beſtes.
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Verhäftn. mit Witowd und dem Könige v. Polen (1398). 91 richten laſſe, theils weil man ſowohl in Polen als in des Herzogs von Stettin Lande den fremden Kriegsgaͤſten den Durchzug wehre und die Ritterfahrt verbiete. Fuͤrſt Witowd habe wohl mehrmals Zuſagen zur Sicherung des Glaubens gegeben, aber die Hauptpunkte bereits wider⸗ rufen, weil ſich der König dawider ſetze. In Litthauen ſpuͤre man keine Beſſerung im Chriſtenthum, denn viele wendeten ſich lieber zum Ruſſiſchen Glauben, um weder der Römifchen Kirche, noch dem heiligen Roͤmiſchen Reiche Gehorſam zu leiſten. Es gehe das Geruͤcht, daß der König und Witowd ſich bemühten, vom Papſte die Koͤ⸗ nigskrone uͤber Rußland und Litthauen zu erhalten und der letztere ſie von jenem als Lehen aufs Haupt ſetzen ſolle; geſchehe ſolches, fo werde ſich noch ein großer Theil der Heiden ihm anſchließen und der Orden dann nicht mehr im Stande ſeyn, ihm mit den Waffen zu begegnen. Man möge alfo dem Papſte es widerrathen; die Fuͤrſten ſelbſt moͤchten auf Mittel denken, daß die Sache ſich anders geſtalte, denn Witowds Unſtaͤtigkeit in Worten und Werken ſey ſo groß, daß der Chriſtenheit in kurzem ſchweres Leid und Unglück widerfahren koͤnne.“ Der Hochmeiſter wußte alſo, daß der Koͤnig von Polen immer noch wie auf der Lauer ſtand, um beim geringſten Anlaſſe mit dem Schwerte zuzuſchlagen. Wohl mochte es damals mancher der Gebietiger und kriegs⸗ luſtigen Ritter unerträglich finden, den Meiſter fort und fort nur um den Frieden bemuͤht zu ſehen und mancher 1) Die Inſtruction für die Geſandten, ausgeſtellt am Dienſt. nach Invocavit 1398 im Regiſtr. p. 72. Was Kotzebue B. III. S. S u. 289 von einer merkwürdigen Verhandlung in dicſer Sache vor dem Kai⸗ ſer zu berichten weiß „ gehort keineswegs ins J. 1398, wie er S. 289 angiebt, ſondern erſt ins J. 1415, alſo in die Zcit des Koſtnitzer Con⸗ AUUMS, von dem in der Verhandlung auch vielfach die Rede iſt, was Kotzebue in feiner Fluͤchtigkcit uͤberſah. Wie hätte auch im J. 1398 vom Ausſpruche des Romiſchen und Ungeriſchen Königes Sigismund da⸗ bei geſprochen werden können?
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92 Verhaͤltn. mit Witowd und dem Könige v. Polen (1398). mochte im bittern Tadel dem Orden ein kriegeriſches Haupt und, wie erzählt wird, dem Meiſter eine Moͤnchskutte wünſchen.) Konrad ſah jedoch einen Krieg mit Polen und Litthauen als ein ſchweres Ungluͤck fuͤr den Orden an und bot alles auf, ihm auszuweichen. Was Dobrin betraf, ſo blieb ſeine Antwort wie gegen den Herzog von Oppeln, ſo gegen die Koͤnigin ſtets dieſelbe: Zahlung der Pfandſumme und Einwilligung des Herzogs in die Ab: tretung des Pfandes; auch nicht zwei Doͤrfer, um deren Räumung die Königin bat, wollte er aufgeben, weil ſie zur Pfandmaſſe gehörten. ? Mit Witowd ward der Bei⸗ friede wieder auf etliche Monate verlängert, ? als ploͤtz⸗ lich ein Anſinnen der Koͤnigin von Polen ihm Anlaß gab, ſich dem Orden mit friedlichen Geſinnungen mehr zu naͤhern. In Erinnerung bringend, daß ihr der Koͤnig zur Zeit ihrer Vermaͤhlung die Ruſſiſchen Lande und Lit⸗ thauen als Morgengabe zugeſprochen, erſuchte fie Wis towd'n um Entrichtung des jährlichen Zinſes, der ihr von dieſen Landen dem Rechte gemaͤß zukomme. So freundlich aber die Koͤnigin dieſes Geſuch auch eingeklei⸗ det, ſo ſehr befremdete es den Großfuͤrſten, daß er ein Zinsmann derſelben ſeyn ſolle. Er verſammelte ſchnell die Vornehmſten beider Lande, ihnen die Anforderung mit 1) Ordenschron. bei Matthaeus p. 783. Schütz p. 90. Die alte Preuſſ. Chron. p 43 ſagt: Of das her den orden mit dem koning von Polen yn frede mochte behalden, dorume wart ym vil ſmoheit irboten mit fpotte und mit aftivkogen, wy das her beſſer were zeu eynem apte un eynem cloſter wen czu eynem Meiſter dem orden. Derſelbige Meiſter hatte cynen kropel Marſke genant, den richten etezliche Gebietiger us, das her trat vor ſynen heren den Meiſter und ſprach: Herre Meiſter, ir wert beſſer czu ciner cloſternonnen den czu einem Meiſter. 2) Schreiben des HM. an den Herzog, dat. Marienb. Mont. vor Puriſic. Maris 1308 im Regiſtr. p. 71. Die Königin v. Polen ſchrieb dem HM. ſehr oft in diefer Sache; Regiſtr. p. 75. 82. 86. 87. 3) Friedebrief des HM., dat. Marienb. Dienft. nach Palmtag 1398 im Regifte, p. 76, wonach der Friede bis drei Wochen nach Oſtern dauern ſollte. i
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Friedensverhand lung mit Witowd (1399. 93 der Frage vorlegend: ob ſie der Krone Polen in ſolcher Weiſe unterthan und zu dieſem jaͤhrlichen Zinſe verpflich⸗ tet ſeyn wollten? Einmuͤthig fiel die Antwort: Keines⸗ wegs, wir ſind ſreie Leute und unſre Aeltern haben den Polen nie Zins geleiſtet; auch wir werden ihn nicht lei⸗ ſten und bei unſerer alten Freiheit bleiben.“ Es war ein wichtiges Wort für den Großfuͤrſten; es gab ihm die Entſcheidung. Sein erneutes Geſuch beim Hochmeiſter um einen Verhandlungstag zum Abſchluſſe eines feſteren Friedens ward ihm von dieſem gerne be— willigt. Sofort ſandte Konrad im April nach ſorg⸗ ſamer Berathung mit den oberſten Gebietigern den Groß⸗ komthur Wilhelm von Helfenſtein, den Oberſt- Spittler Konrad Grafen von Kyburg, den Komthur von Ragnit Marquard von Salzbach und Johann von Schoͤnfeld Komthur von Oſterode nach Garthen, ? den verabredeten Verhandlungsort, wohin ſich auch Witowd ſelbſt mit einer anſehnlichen Zahl ſeiner vornehmſten Bajoren und Haupt⸗ leute begab. Man kam nach manchen Verhandlungen vor⸗ laͤufig in folgenden Beſtimmungen zum Abſchluſſe eines feſten Friedens überein: Fuͤrſt Witowd ſoll nach feſtbe⸗ ſtimmten Graͤnzen das Land Samaiten an den Orden abfre- ten; die Graͤnzen zwiſchen Litthauen und Preußen von Sal: linwerder bis an den Narev werden genau bezeichnet;“ 4) Lindenblatt S. 113 — 114. a 2) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Dienſt. vor Oſtern 1398 im Negiſtr. p. 77. Daß das erwähnte Anſinnen der Ko⸗ nigin bei Witowd den Ausſchlag und naͤchſten Anlaß zu ſeinem Schritte gab, bemerkt Lindenblatt S. 115 ausdruͤcklich. 3) Lindenblatt S. 114 erwahnt hiebei auch des Ordensmar⸗ ſchalls, aber ſicher unrichtig, denn die darüber aufbehaltenen, unten be⸗ ruͤhrten urkunden „ welche die obgenannten Gebietiger namentlich anfuͤh⸗ ren, nennen den Marſchall nicht. 4) S. über dieſe Graͤnzen die genauere Angabe in der Urkunde bei Baczko B. II. S. 389. Aus der Gränzenangabe zwiſchen Preuſſen und Litthauen geht hervor, daß damals die Graͤnze des erſtern weiter
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94 Friedensverhandlungen mit Witowd (1398). wird Herzog Semovit ? von Maſovien oder feine Nach⸗ kommen die Burg Wiſna wieder einloͤſen, ſo ſoll auch dort die Graͤnze beſtimmt werden nach alter Leute Aus⸗ ſpruch; dem Herzoge Witowd und ſeinem Gefolge ſoll die Jagd auf allerlei Wild in des Ordens Graͤnze uͤber der Szeſzuppe und dem Bobr frei ſtehen, des⸗ gleichen auch dem Hochmeiſter; in einer Zuſammen⸗ kunft des Meiſters und des Herzogs ſoll dieſer die be⸗ ſtimmten Landesgraͤnzen genehmigen, verſchreiben und be⸗ ſiegeln; verlangt es erſterer und gefaͤllt es dem Herzoge, ſo ſoll dieſer eine Beſtaͤtigung des Vertrages vom Koͤnige von Polen einbringen; dann ſoll er verſprechen, dem Orden zwei oder drei Burgen bauen zu helfen, wo es der Meiſter an den Graͤnzen verlangt, wogegen dieſer dem Herzoge deſſen Bruder frei geben wird; beider Seits ſollen die Gefangenen ihre Freiheit erhalten; an das Pleſcower Land ſoll Witowd keine Forderung erheben und es dem Orden erobern helfen, desgleichen auch der Hoch⸗ meiſter jenen zur Eroberung von Groß-Naugarthen unter⸗ ſtützen; in des Herzogs und des Meiſters Landen ſoll der Handel von Zoͤllen und anderem Ungelde frei ſeyn und Schutz finden, die alten Zoͤlle ausgenommen; Witowd ſoll keinen zinspflichtigen Mann des Ordens zur Niederlaſſung in ſein Gebiet aufnehmen ohne des Meiſters Willen, des⸗ gleichen auch dieſer nicht; er ſoll ſeine Lande und Leute zum Chriſtenthum halten und der Roͤmiſchen Kirche und dem Reiche leiſten, was andere chriſtliche Fuͤrſten auch thun; er ſoll keine chriſtlichen Lande mehr verheeren, wenn ihm von da her nicht Gewalt und Unrecht ge⸗ dſtlich lief als jetzt. Sie ging von Sallinwerder an der Memel in ge, rader Linie auf die Suppe (Szeſzuppe), dieſe aufwärts bis zu ihrer Quelle; von da auf das Metenfließ, wo es aus dem Metenſee fällt, (jenes ohne Zweifel kein anderes als Netta und dieſer der heutige Weiße See bei Auguſtowo), dieſes Fließ dann aufwärts bis an die Bober (Bobr) und von dieſer weiter bis an den Narev. 1) Herzog Symaſke, wie ihn die Urkunde nennt.
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Friedensverhandlungen mit Witowd (1398). 95 ſchieht; er ſoll alles, was möglich zur Förderung des chriſtlichen Glaubens in feinem Lande thun; aller bis⸗ heriger Schade und Unbill ſollen beider Seits vergeben und hingelegt ſeyn ohne jemalige Anforderung; Witowd ſoll keinem den Durchzug in ſeinem Lande geſtatten, um den Orden zu beſchaͤdigen, desgleichen auch der Orden; Geaͤchtete im Ordenslande ſoll der Herzog nicht hegen, ſondern ſie gleichfalls aͤchten, wie auch der Orden gegen die Seinen; keiner von beiden ſoll ohne des andern Wiſſen und Willen ein Heer durch des andern Land fuͤhren; ge— ſchieht es mit Zuſtimmung, ſo ſoll es ohne Schaden ge— ſchehen. — Beide Theile gelobten, alle dieſe Punkte treu und ohne Argliſt ſtet und feſt zu halten nun und ewiglich und weder mit Rath noch That, weder heimlich noch oͤffentlich dawider zu handeln. Man beſtimmite end: lich, es ſolle zu Michaeli auf Sallinwerder zwiſchen dem Meiſter und Witowd eine perſoͤnliche Zuſammenkunft im Beiſeyn einer gewiſſen Anzahl von Gebietigern und Ba⸗ joren Statt finden und die erwaͤhnten Punkte und andere ausgetragenen Verhandlungen als feſter und ewiger Friede beſtaͤtigt und verſiegelt werden. So weit war das Frie⸗ denswerk am drei und zwanzigſten April zu Stande ge⸗ bracht. 1) Die von Witorod hierüber ausgeſtellte Urkunde bei Ba czko B. II. S. 385 — 393 aus Lucas David B. VIII. S. 31. Das von den Ordensbevollmachtigten ausgeſtellte Original⸗Document, dat. Garthen im J. 1398 am S. Georgen⸗Tage im geh. Arch. Schiebl. 53 nr. 1. Am Schluſſe ſteht hier noch der bei Baczko fehlende Zuſatz: Obir die vorberuͤrten artikel fo hat globet herezog Wytawdt bie guten truwen, das her dem Orden beholfen welle ſien mit ſienen luͤthen ezu der Buwunge, das der orden bynnen dem egenanten ſente Michaelistage eine ader czwu veſten moge laſen buwen an den obgeſchrebin greniczen, wo Im das allirbequemſte iſt. — Von Seiten des HM. ſcheint noch eine beſondere Beſtätigung dicſer Praͤliminarartickel ausgeſtellt worden zu ſeyn, wovon der Entwurf noch vorhanden iſt in Schiebl. 53 und ein anderer Entwurf Schiebl. XVII nr. 165. Vgl. Lindenblatt S. 114. Lucas Da⸗ vid a. a. O.
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96 Friedensverhandlung mit Witowd (1398). Dieſer vorläufige Vertrag fand auch bei Witowds vornehmſten Bajoren, denen er ihn mittheilte, allgemeinen Beifall, denn ſie ſahen wohl ein, wie nothwendig ſich ihr Herr in ſeinem jetzigen Verhaͤltniſſe zur Krone Polens an den Orden mehr anſchließen muͤſſe.) Allein mit voller Offenheit und Vertrauen hatte man ſich beider Seits noch keineswegs genaͤhert. Die Bevollmaͤchtigten hatten Sigismunds Freilaſſung zwar verſprochen, wenn die Burgen erbaut ſeyen; der Meiſter indeß war nicht Willens, den Gefangenen frei zu geben, wenn Witowd fein Verſprechen nicht innerhalb eines Jahres erfuͤlle. Witowd hingegen, ſtets noch ſeiner alten Natur getreu, hatte ſeine Verheißungen heimlich und ohne des Koͤniges Willen gegeben.“ Noch war das Band, welches ihn an den König knuͤpfte, nicht zerriſſen. Zweifelnd, daß dieſer einen Frieden ſolcher Art je genehmigen werde, fing er bald an beinahe an jedem der feſtgeſetzten Punkte zu drehen und zu wenden; dann fügte er eine neue Bes dingung uͤber das Dobrinerland hinzu; auch die Beſtim⸗ mung über fein kimftiges Verhaͤltniß zum Roͤmiſchen Reiche ſchien er nicht genehmigen zu wollen; kurz er hatte an allem ſo vieles anders zu ſtellen und umzudeuten, daß der Meiſter vermuthen mußte, er wolle den ganzen Ver⸗ trag wieder uͤber den Haufen werfen. Daher ſchrieb er 1) Lindenblatt S. 115. 2) Der HM. ſchreibt darüber dem Livlaͤndiſchen Meiſter: Als ihr ſchreibt von Sigismundes wegen, das wir den nicht alſo balde ſolden Witolde laſen folgen ledig und los. Wiſſet, das wirs mit den Gebitt⸗ gern alſo vorhaben und meynen, wi wol is nu bericht worde und ouch Witold dy briffe vorſegilte, als wir hofen, das is geſchen ſolle, ſo meyne wir doch Sigismunde Witolds bruder noch in cynem Jare adir do by nicht von uns ledig czu laſen, ſundir wir meynen noch anderer me czu Im czu Giſel czu haben, bis das uns Witold czwu Veſten hilfft buwen, do uns dy bequemelichſt legen werden, und ouch das her uns in andern ſachen alſo vorſichere und gewißheit thue, dor ane wir vorwart ſyn. 3) Lindenblatt a. a. O.
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Friedensverhandlung mit Witowd (13898). 97 ihm mit ſtrengem Ernſte: Was ihr vom Lande Dobrin in den Vertrag bringet, Herr! das ruͤhret weder euch noch uns an; der Herzog, der uns das Land verſetzt hat, erbietet ſich noch heute zu Recht gegen das Reich Polen und uns duͤnket, daß euch der Artickel nicht hin⸗ dern ſoll an den feſtgeſetzten Beſtimmungen. Wir ſuchen nichts unmoͤgliches an euch; aber faſt wiſſen wir nicht, weſſen wir uns an euch zu verfihen haben und ob ihr nicht von allen Verſprechungen wieder abtreten wollet. Damit ihr jedoch erkennet, daß es uns nicht lieb iſt, mit euch in Orlog zu liegen, wenn wir des von euch überhoben werden, fo wollen wir gerne noch einen neuen Tag mit euch halten und verſuchen, was zu einem ewigen Frieden fuͤhre.“) Die ernſte Sprache machte Eindruck auf den Fürften; zan verſtandigte ſich bald wieder in neuen Unterhand— lungen? und während eines neu abgeſchloſſenen Beiftie— dens ſandte der Hochmeiſter um Pfingſten mehre Ge: bietiger mit den noͤthigen Bauleuten an die Gränze Lit: thauens, um dort den Bau zweier Burgen zu beginnen. Zu gleicher Zeit ließ der Ordensmarſchall eine feſte Burg an der Angerapp und der Komthur von Balga eine andere an der Lyck erbauen.“ Seitdem faßte man feſteres Ver⸗ 1) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Dienſt. Vin⸗ centii Märt, 1398 im Regiſtr. p. 70. 2) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Dienſt. vor Oſtern 1398 im Regiſtr. p. 77. 3) Lindenblatt S. 115. Auf den Bau der genannten Burgen bezieht ſich die Aeußerung des HM. in einem Briefe an die Königin von Polen vom J. 1398, wo er ſpricht von difficiles intermedie vecupa- tiones tam in structura quorumdam castrorum quam in ordina- tione plurium hominum ad hec deputandorum, im Regiſtr. p. 82. In einem andern Schreiben an den Biſchof von Ploczk, dat. Grebin am T. Petri und pauli 1398 im Regiſtr. p. 85 heißt es: Scitote, quod ad utilitatem et tocius christianitatis deo dante tuicionem certa castra disposuerimus edificanda. VI. 7
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95 Friedensſchluß mit Witowd (1398). trauen zu Witowds friedlichen Geſinnungen. Nachdem der Hochmeiſter aus Deutſchland einen verſtaͤndigen Ordens⸗ gebietiger, der dem Abſchluſſe des Friedens beiwohnen und dann den Deutſchen Fuͤrſten daruͤber Bericht erſtatten ſollte, herbeigerufen,) trat er nach deſſen Ankunft und auf erneute Zuſicherung friedfertiger Geſinnung von Seiten des Großfürſten zu Ende des Septembers die Reiſe nach der Litthauiſchen Graͤnze an, begleitet vom Groß⸗ komthur Wilhelm von Helfenſtein, dem oberſten Marſchall Werner von Tettingen, dem Oberſt-Spittler Grafen Kon⸗ rad von Kyburg, dem Oberſt-Trapier Johann von Beffart, dem Treßler Burchard von Wobeke, dem Komthur von Thorn Friederich von Wenden, dem von Balga Ulrich von Jungingen, dem von Brandenburg Johann von Rum⸗ penheim, dem von Ragnit Marquard von Salzbach, dem von Oſterode Johann von Schoͤnfeld und dem von Danzig Grafen Albrecht von Schwarzburg. > Ferner kamen aus Livland der dortige Meiſter Wennemar von Bruͤgghenoye mit ſeinem Landmarſchall Bernhard Hevelmann und aus Preuſſen die Biſchoͤfe Heinrich von Ermland und Heinrich von Samland nebſt vielen Praͤlaten, Magiſtern der freien Künſte, Rittern und Edlen. Nach der Ankunft des Groß⸗ fürſten, den ſeine Gemahlin, der Biſchof Andreas von Wilna, eine große Zahl von Bajoren und Hauptleuten begleiteten, wurden die Unterhandlungen auf Sallinwerder begonnen und da man ſich zu Garthen ſchon uͤber das Wichtigſte verſtaͤndigt, ſo gediehen ſie ſchon am zwoͤlften October zum feſten Friedensſchluſſe. Die fruͤher entworfe⸗ nen Beſtimmungen wurden insgeſammt genehmigt und als 4) Schreiben des HM. an den Deutſchmeiſter, dat. Marienb. Sonnt. Trinitat. 1308 im Regiſtr. p. 79. Wir ſehen auch aus dieſem Schreiben ganz klar, daß Witowd um den Frieden beim HM. nachge⸗ ſucht hatte. 2) In den Verhandlungen zu Garthen war es ſchon beſtimmt wor⸗ den, daß dieſe Gebietiger den HM. zum Friedensſchluſſe begleiten ſollten.
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Friedensſchluß mit Witowd (1398). 99 Friedensbedingungen anerkannt. Der Hochmeiſter verſprach uͤberdieß: er wolle nie mit irgend jemand einen Bund wider Witowd und deſſen Landeß eingehen, waͤhrend die⸗ ſer die feſte Zuſicherung gab, er werde den chriſtlichen Glauben in ſeinen Landen nach allen Kraͤften zu verbrei⸗ ten ſuchen, dem Roͤmiſchen Reiche und der Roͤmiſchen Kirche leiſten, was andere chriſtliche Fuͤrſten auch leiſteten und nie geſtatten, daß das Gebiet des Ordens von ſei⸗ nen Landen aus je feindlich uͤberzogen werde.“ Man gelobte gegenſeitig, dieſen Friedensvertrag feſt und un⸗ verbruͤchlich zu halten, jedoch ohne daß Witowd, wie bei den Verhandlungen zu Garthen, ſich von neuem ver⸗ pflichtete, die Genehmigung des Königs von Polen bei: zubringen.) Witowds Bruder Sigismund und die übri⸗ 1) Es heißt in der von Witowd ausgeſtellten urkunde: In primis siquidem promisimus, in omnibus terris nostris pro posse nostro Fidem katholicam dilatare, sacrosanete Romane Ecclesie sa- eroyue Romano Imperio ea exhibere et facere, que ceteri liberi Reges et principes catholiei ipsis tenentur ex debito exhibere, Nullorum eristianorum terras, excepta via defense aut propul- sande injurie unquam in manu nostri exercitus invadere aut ut invadantur ullos cum proposito et voluntate admittere, et quid- quid nobis fuerit possibile intuitu cristiane fidei una cum no- stris ducibus et proceribus firmiter adimplere. Vgl. Lucas Das vid B. VIII. S. 34. 2) Das vom HM. ausgeftellte Friedensinſtrument „ bat, uff dem werder Sallyn in der Memel dem Vlyeſſe gelegen n. Chr. Geb. 1398 am czwelften tag des Monden Octobris, im Original deutſch und latei⸗ niſch im geh. Arch. Schiebl. 53. nr. 1. 3. Die von Witowd ausge⸗ ſtellte urkund cift nur noch in einem Transſumt vom J. 1419 vorhanden, eberdaf, ar. 2 (Lucas David B. VIII. S. 33 — 38. 39 — 44). Bemerkenswerth ſind darin die aufgeführten Zeugen: Woldemir pa- truus dicti domini dueis Allexandri, Sigismundus frater eiusdem domini ducis Allexandri, Allexander de Staradup, wan de Golscha, Ywan de Druczk duces; demnach befand ſich Sigismund damals mit bei der Verhandlung. In Abſchrift ficht dieſe letztere Ur⸗ kunde auch im Fol. C. p. 122, im Fol. F. p. 83 und im Fol. Gränz⸗ buch B. p. 108, Detmar S. 387 führt bei Erwähnung dieſcs Frie⸗ 7 *
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100 Friedensſchluß mit Witowd (1298). gen Geiſel wurden vom Meiſter frei gegeben. Nach wenigen Tagen ſtellte Witowd zu Kauen auch die Ver⸗ ſicherung aus, daß er dem Orden zum Aufbau von zwei Burgen an der Graͤnze des Ordensgebietes, wo es dem Meiſter am geeignetſten duͤnke, zu Huͤlfe ſtehen und dem Orden in den nächften acht Jahren erlauben wolle, Steine, Kalk und Holz zwiſchen der Memel, Strebe und Nerie bis an den heiligen Fluß zu ſeinen Bauten benutzen zu dürfen und geſtattet uͤberdieß dem Hochmeiſter fuͤr ſeine Lebenszeit das Jagdrecht in ſeinen Gebieten jenſeits der Suppe und Beber, wie in den Verhandlungen zu Gars then beſtimmt war. ? Die Ausgleichung einiger noch uner⸗ örterten Verhaͤltniſſe, z. B. die Graͤnzberichtigung in man⸗ chen Gegenden verſchob man bis auf ſpaͤtere Zeit, wo ſie nachmals auch erfolgte und ſomit war alles beſeitigt, was den Frieden hätte ſtoͤren können. ® Auf das Friedenswerk folgten Tage der Freude. Die beiden Fürften veranſtalteten zu gegenfeitiger Beehrung feſtliche Gaſtmahle, an denen ihr ſaͤmmtliches Gefolge Theil nahm. Am meiſten glaͤnzte hiebei Witowds Ge⸗ mahlin durch ihre allgemein bewunderte Pracht in koſt⸗ baren Gewanden und anderem ausgezeichneten Schmucke. Da traten die verſammelten Großen aus Litthauen und den Ruſſiſchen Landen zuſammen und riefen Witowd'n zum Könige von Litthauen und Rußland aus, wie es ſcheint, um das Band zu zerreißen, welches bisher Lit: dens noch die Beſtimmung an: dat land, dat de godesriddere ghewunnen hadden und mennich iar befeten und bebuwet, dat ſcolde ere bliven, wat over wuſte leghe, dar doch ere heerſchilt were gheweſen, dat ſcolde fe mit den lettowen deilen. Die Urkunde ſagt nichts hievon. 4) Lindenblatt S. 117. 2) Originalurkunde des Großfuͤrſten, dat. Kauen am Montage vor S. Gallen Tage 1398 Schicbl. 53. nr. 4. Auch hier befindet ſich Si⸗ gismund, Witowds Bruder, mit unter den Zeugen. 3) Daruͤber ein Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Freitag vor Martini 1398 im Regiſtr. p. 89.
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* Friedensſchluß mit Witowd (1308). 101 thauen an Polen geknüpft; ob mit Witowds Einverſtaͤnd⸗ niß, iſt nicht bekannt. Faſt aber wären dieſe Freuden⸗ feſte für Witowd die letzten Tage ſeines Lebens geweſen; denn als das Friedenswerk beendigt war, zog er mit ſeiner Gemahlin nach Garthen hinauf, wo plotzlich in der Nacht in einer Kammer, in der er ruhte, ein gez waltiges Feuer ausbrach, welches ihn mit ſeiner Gemahlin verzehrt haben wuͤrde, wenn ihn nicht eine Meerkatze, die bei ihnen war, zeitig genug aufgeweckt haͤtte. Aber der ganze koſtbare Schmuck von Witowds Gemahlin ging dabei in Flammen auf. ? Wie der König von Polen dieſe Vorgänge in it: thauen aufgenommen habe, iſt nicht bekannt. Mit dem Hochmeiſter hatte er laͤngſt alle Verhandlungen abgebros chen. Die Verhältniffe wegen des Dobrinerlandes wur: den fortwaͤhrend nur von der Koͤnigin verhandelt, doch ohne weitere Erfolge, weil immer noch der Herzog von Oppeln keinen entſcheidenden Schritt that. Daneben war es vorzüglich auch der Handelsverkehr zwiſchen Preußen ‚und Polen, insbeſondere nach Krakau, dem ſowohl die Koͤnigin als der Hochmeiſter durch Beſeitigung äußerer Hinderniſſe neues Leben und friſche Bluͤthe zu verſchaffen ſuchten.“ ‚ Veberhaupt war Konrad von Jungingen ſeit den fünf Jahren feines Meiſteramtes für die beſſere Geſtal⸗ tung der Handelsverhaͤltniſſe des Landes unermüdlich thaͤ⸗ tig geweſen; er hatte in den wichtigſten Verhandlungen Über Freiheit des Verkehres und Sicherheit der Schifffahrt mit den nordiſchen Reichen und den bedeutendſten Han⸗ delsplaͤtzen und Seeſtaͤdten des Hanſebundes eine Rolle ge— 1) Lindenblatt S. 118 berührt die Sache nur obenhin, ohne von den nähern Umſtänden etwas zu berichten. 2) Lin denblatt a. a. O. 3) Ueber beides führten der HM. und die Königin in dieſem Jahre cinen ſehr lebendigen Briefwechſel; das Nähere unten.
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102 Bemüh. zur Vertilg. d. Seeräuber 1395 — 90). ſpielt, wie zur Zeit noch keiner ſeiner Vorgaͤnger. Das 4 Hauptſbiel aber, worauf alle feine Bemühungen in dieſen Verhandlungen hingingen, war die Sicherung der Schiff: fahrt, die Saͤuberung der See von dem gefaͤhrlichen und verderblichen Geſindel der Seeraͤuber, weil nicht nur im⸗ mer noch der Handel des Landes durch das Raubweſen der Vitalienbruͤder mit unuͤberwindlichen Hinderniſſen zu kaͤmpfen hatte und unermeßlichen Schaden erlitt, ſondern auch, wie wir hoͤrten, hie und da ſelbſt die innere Ruhe des Ordensſtaates von ihnen ſehr gefährdet wurde.) Der Meiſter bot daher fort und fort im Verein mit den Hanſe⸗ ſtaͤdten alle Kraͤfte auf, dem Unweſen Graͤnze zu ſetzen, denn dieſes Raubvolk war nicht nur überhaupt noch viel gefährlicher geworden, ſeit es ſich unter dem Schutze der Meklenburgiſchen Fuͤrſten auf Gothland zum großen Theile feftgefigt ? und dort feſte Caſtelle erbaut hatte, und ſeit es im Jahre 1395 durch die ausgefandten Friedeſchiffe zwar manche ſtarke Verluſte erlitten, aber zu verzweifel⸗ ten Unternehmungen und zur ſtandhafteſten Gegenwehr nur noch ungleich verwegener und kuͤhner geworden war,) ſondern die Gebiete des Ordens waren auch dadurch noch mehr von ihm bedroht, daß ſich große Schaaren dieſer Raͤuber nach dem Abſchluſſe des Friedens mit der Koͤni⸗ gin von Daͤnemark in die oͤſtlichen Gegenden der Oſtſee 1) Die wunderliche Behauptung bei Fiſcher Geſch. des Deutſch. Handels B. II. S. 163, daß „der Hochmeiſter den Vitalienbruͤdern ebenſo wie feinen Preußiſchen Anterthanen während des nordiſchen Krie⸗ ges die Kaperci erlaubt, dann fie aber ermahnt habe, dieſe Gewaltthä⸗ tigkeit wieder abzuſtellen,“ iſt offenbar aus der Luft gegriffen. 2) In einem Berichte des Deputirten Heinrich Hitfeld an die Preuſſ. Städte v. J. 1395 heißt es: Auch wiſſet, das wir wol haben vornomen, daz czu der Wismar vaſte Schiffe ſint usgezegilt von den Vitalienbruͤdern und herczoge Johans bruder eyner mit yn und ouch von dem Rate von der Wismar und das wort geet hie, das ſye wellen czu Gotland und be⸗ ſtellen, das ſie das behalden. 3) Jaeger 1. c. p. 17.
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! Bemuͤh. zur Vertilg. d. Seeräuber (1355; — 97). 103 bis nach Livland und Rußland geworfen hatten.“ Da man bald hoͤrte, wie eine Schaar dieſer Raubgeſellen mehre aus Livland ausſegelnde Schiffe aufgefangen und den reichen Raub nach Meklenburg, insbeſondere nach Wismar gebracht, dann wiederum eine andere Schaar an⸗ dere Seefahrer aus dem Ordensgebiete ausgepluͤndert hät ten und mit der Beute nach Schweden geſegelt ſeyen; ? als es die Erfahrung mehr und mehr beſtaͤtigte, daß ſeit ihrer Feſtſetzung auf Gothland die ganze See von dieſem Eilande aus ſowohl ſuͤdwaͤrts herab nach Preußen zu, als oͤſtlich hin bis Kurland, Livland und in den Finniſchen Meerbuſen hinein von dieſem frechen Raubgeſindel über: zogen ſey,“ betrieb der Hochmeiſter ſeit dem Jahre 1396 die Anordnungen zur Vertilgung dieſes Unweſens mit verdoppelter Thaͤtigkeit. Aber wie ein wildes Seeunge⸗ heuer, welches mit tauſend Rachen ſeine Beute erfaßte, nahm ſeine Bekaͤmpfung außerordentliche Kraͤfte in An⸗ ſpruch, denn fo allgemein man auch überall die Verderb⸗ lichkeit dieſes Raubweſens erkannte, ſo fanden die beruͤch⸗ tigten Horden der Vitalienbrüder doch bald in den HA: fen des Herzogs von Stettin oder des von Meklenburg, bald an den Kuͤſten Daͤnemarks und Schwedens oder in anderer Herren Laͤnder laͤngs der. Oſtſee Schutz und ſichern 1) Herrmann von Halle berichtet den Preuſſ. Städten: di Vital⸗ genbrodere, de hyr (in Stockholm) over winter geleidet weren, de ſint hyr utgevaren mit VIII Karaßen und myt ſchutteboten erer wol hundert und willen in den Norderen boden uppe de Rußen und ſe hebben VIII hovctluͤde met en. 2) Nach Berichten in Hanſeat. Neceſſ. III p. 205. 267. 3) In cinem Berichte im Fol. F. p. 00 heißt es: Alzo das manche cziet gewert hatte und der gemeyne kowffman, nemelich das lant zu Prüfen und leyffland alezu groſen ſchaden entſingen von den Scheroubern, dy czu Gotland logen und dasſelbige land beweldiget hatten, wend ys mitten in der Sehe lyct und umelang gros gut roubeten und nomen und nymand ichtes dortzu thet, do ſchreyb der Homeifter dem konige czu Sweden u. ſ. w.
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104 Bemühung. z. Vertilg. d. Seeraͤub. (1395 — 97). Aufenthalt.) Auf des Hochmeiſters Betrieb beſchloß man auf einer Tagfahrt zu Marienburg „eine neue Wehre in die See zu legen,“ d. h. in Verbindung mit den uͤbri⸗ gen Städten der Hanſe eine neue Anzahl von Friede⸗ ſchiffen zur Saͤuberung der See auszuſenden, wozu die Städte Thorn, Elbing, Danzig, Königsberg und Brauns⸗ berg eine bewaffnete Schaar von dreihundert und funfzig Mann und zwoͤlf groͤßere und kleinere Schiffe auszuruͤſten übernahmen, indem der Hochmeiſter ihnen abermals die Ers hebung eines Schoſſes von den uͤbrigen Staͤdten des Lan⸗ des erlaubte.) Zugleich aber wandte man ſich auch an Luͤbeck, um in Gemeinſchaft mit den andern Hanſeſtaͤdten mit größerem Nachdrucke wirken zu koͤnnen, ) und dieſe ſagten ihre Beihuͤlfe zu. Es ward beſchloſſen, daß ſich die Friede: ſchiffe um Pfingſten bei Hela verſammeln ſollten, um von da auszulaufen; allein es erſchienen nur die Friedeſchiffe von Lubeck, denn die übrigen Seeſtaͤdte waren wiederum ſaum⸗ ſelig geblieben.) Auf die Nachricht, daß ſich eben große Schaaren von Seeraͤubern auf Gothland verſammelt, rich tete die Flotte unter Anführung ihrer Hauptleute Johannes Mekelfeld und Wilhelm von Oringen, zweier Rathmanne aus Preußen und des Hauptmannes von Luͤbeck Heinrich Gil⸗ dehuſen alsbald ihren Lauf gegen dieſes Eiland zu. Man griff theils auf der See, theils bei Wisby eine anſehnliche Zahl von Seeraͤubern auf, ließ die meiſten hinrichten, ihren 1) Der Königin von Dänemark ſchreibt der HM. im J. 1395: Wir bitten, das ir ouch den euwern in den Ofterlanden befelet, das ſie die Scerouber nicht enhegen, noch ſpiſen, wen wir genczlich vornomen haben, das fic etliche euwer hofeluͤte enthalden und ſpiſen. 2) Tagſatzung auf einer Tagfahrt zu Marienburg im J. 1396 in Hanſ. Receſſ. II. p. 269. III. p. 260. Thorn und Elbing ſtellen jede 80, Danzig 140, Königsberg und Braunsberg jede 50 Bewaffnete. Ueber die Erhebung des Schoſſes von den kleinern Städten der Beſchluß in Hanf. Receſſ. II. p. 268, 3) Schreiben der Preuſſ. Städte an Luͤbeck in Hanf. Rec. III. p. 261. 4) Hanſcat. Receſſ. II. p. 271. 275. III. p. 275. 295.
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Bemühung. z. Vertilg. d. Seeraͤu b. (1395—97). 105 Raub vertheilen, ihre Schiffe zum Theil verbrennen und ſe⸗ gelte dann weiter nach Bornholm hin und in die umliegenden Gegenden, uͤberall mit gluͤcklichem Erfolge.) Man war je⸗ doch durch dirſe Unternehmung mit der Königin von Däne: mark in neue mißhellige Beruͤhrungen gekommen, denn nicht nur zuvor hatte man von Preußen aus ihr Anerbieten zur Beihuͤlfe gegen die Seeraͤuber mit der Ermahnung zuruͤckge⸗ wieſen, ſie ſolle nur nicht ſelbſt ſolches Raͤubervolk in ihrem eigenen Lande hegen, ſondern es waren unter den aufge⸗ griffenen und verbrannten Schiffen einige Daͤniſche geweſen, die man für ſeeraͤuberiſche gehalten hatte, die Königin aber für Schiffe Kalmarer Bürger ausgab, deren Zweck gleichfals die Vertreibung des Raubgeſindels bei Goth: land geweſen ſeyn ſollte. Sie erhob daher gegen den Hochmeiſter und die Danziger eine nachdruͤckliche Anforde⸗ rung, die mehre Jahre hindurch Anlaß zu vielen Ders handlungen gab.“ Der Meiſter, dem an dem Wohl— wollen der Koͤnigin aus manchen Ruͤckſichten viel gelegen war, gab ſich ſortwaͤhrend viele Mühe, die unangenehme Streitſache auf gütlichem Wege wieder auszugleichen. 9 Indeſſen hatte die Unternehmung wegen mangelnder Theilnahme der übrigen Hanfeflädte ihren Zweck bei wei: 1) Bericht der Hauptleute der Preuſſ. Friedeſchiffe in Hanf, Nec. III. p. 295. 2) Auf einer Tagfahrt zu Marienburg 1396 wurde beſtimmt: Ouch haben die ſtete geret uf di huͤlfe des koninges und der koniginen, das ſi nicht nutze duͤnket ſin, das ſi in de zee czu huͤlfe komen, ſunder das man ji vormane, das fi is halden alze is geret iſt, das di vitalienbruͤ⸗ der in erme lande nicht geheget werden. Hanf. Receſſ. III. p. 276, vgl. das Schreiben der andern Hanſeſtädte bei Suhm T. XIV. p. 642, 3) Schreiben des HM. an die Königin, dat. Marienb. Sonnab. nach Aſſumt. Mariä 1396 Negiſtr. p. 65 andere Briefe des HM. wor⸗ in er bekennt, wie leid ihm die Sache thue, ebendaſ. p. 34, Schreiben der Königin an die Danziger Hanf, Receſſ. II. p. 290. Bericht des Anfuͤhrers der Däniſchen Schiffe Andreas Jacobſon ebend. p. 282. 4) Schreiben des HM. an die Königin im Anfange des J. 1397 im Regiſtr. p. 42.
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106 Bemuͤh. zur Vertilg. d. Seeraͤuber (1395 —IM). tem nicht erreicht. Man vernahm bald abermals, daß ſich neue Schaaren des Raubgeſindels, nachdem ſie großen Schaden auf der See veruͤbt, ins Gebiet des Grafen von Oldenburg geflüchtet, U und daß auch Albrechts des Schwe⸗ diſchen Koͤniges Sohn Erich, der ſich nach Gothland bege⸗ ben hatte, um von dort aus bei guͤnſtiger Gelegenheit feine Anſpruche auf Schweden geltend zu machen, wieder anſehnliche Rotten von Vitalienbrüdern um ſich ver ſammele, mit deren Hülfe er feine Gegner bekaͤmpfen wolle.) Da ſomit im Jahre 1397 der Seeraub wieder außerordent⸗ lich uͤberhand nahm, der Widerſtand der Raubgeſellen ge⸗ gen einzelne Angriffe immer kuͤhner ward, ein Tag zu Lübeck, den man in dieſer Sache von neuem hielt, wei⸗ ter keinen Erfolg hatte, als daß man eine neue Unter⸗ nehmung bis ins kuͤnftige Jahr verſchob, da endlich noch mehre Fuͤrſten und ſelbſt manche Seeſtaͤdte dem Raubvolke in ihren Haͤfen ſogar Schutz und Zuflucht gewaͤhrten,“ fo mußte man zur Sicherheit der Kauffahrer auch in Preu⸗ ßen wieder zu dem Beſchluſſe zuruͤckkehren, daß man, be⸗ vor die Friedeſchiffe nicht von neuem auslaufen konnten, im Jahre nur zu drei mit den Kaufleuten in Flandern, Holland und England verabredeten Zeiten mit groͤßeren Flotten die offene See befahren dürfe; denn wenn die Königin von Daͤnemark zur Saͤuberung der See den 1) So meldet die Königin in einem Schreiben an die Danziger in Hanf. Rec. III. p. 291. 287. 293. 2) Bericht des Hauptmanns von Stockholm Herrmann von Halle an die Preuſſ. Städte in Hanf. Rec. III. p. 299. 3) Jaeger 1. c. p- 18. Hanf, Nec. IV. p. 87 — 88. 4) Der HM. ſchreibt dem Herzoge von Sund (Regiſtr. p. 65), daß die Vitalienbruͤder, die den gemeinen Kaufmann und den Orden fort und fort beſchädigten, mit ihren Schiffen, wie er gehort, in des Her⸗ zogs Häfen cin⸗ und ausſegeln dürften und in feinen Städten und Schlöͤſ⸗ fern Unterhalt fänden; cbenſo in einem Schreiben des HM. an die Städte Stettin, Wolgaſt, Greifswalde und zum Sund. 5) Hanf. Rec. II. p. 291. III. p. 321.
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Eroberung Gothlands durch den Orden (1398). 107 Staͤdten Preußens auch abermals die Hand bieten wollte, ſo litt deren enges Verhaͤltniß mit den uͤbrigen Hanſe⸗ ſtädten es doch auf keine Weiſe, ſich einem ſolchen Un⸗ ternehmen mit der Königin zu unterziehen. D Dieſe Beſchraͤnkung des Seehandels wurde jedoch den Staͤdten bald zu laͤſtig, als daß man nicht von neuem auf die Vereinigung groͤßerer Kraͤfte zur Vernich⸗ tung des Naubvolkes hätte denken ſollen, und ſchon zu Ende des Jahres 1397 legten die Staͤdte Preuſſens dem Hochmeiſter die Bitte vor, zu einer abermaligen Aus⸗ rüſtung von einer Anzahl Friedeſchiffe das Pfundgeld wie⸗ der erheben zu dürfen. D Mehrmals hatte dieſer bereits theils an den Herzog Erich auf Gothland und nach deſſen Tod, als ſeine Wittwe den Hauptmann Swen Sture, der immer ſchon die Angriſfe und Raubzüge der Vitalier von Gothland aus geleitet, zum Verwalter der Inſel ein⸗ ſetzte und die Zahl der Seeraͤuber ſich unter ihm noch ungleich ſtaͤrker vermehrt hatte, weil er allen für die Hälfte ihres Raubes Schutz und Sicherheit gewährte, auch an den Koͤnig Albrecht das Geſuch ergehen laſſen, die nöthigen Maaßregeln zu ergreifen, welche den Preuſſiſchen Seefahrer gegen die Raͤubereien von Gothland aus ſicher ſtellen koͤnnten. Allein des Königes Antwort, daß die Zahl der Seeraͤuber viel zu groß und Gothland ſchon zu ſehr von ihnen überwaͤltigt ſey, als daß es in feinen Kräften ſtehe, fie dort zu vertreiben, und der fruchtloſe Verſuch des von Albrecht dorthin geſandten Herzogs Jo⸗ hann von Meklenburg, dem der Hauptmann Swen Sture an der Spitze der Vitalienbruͤder mit aller Kraft entge⸗ gengewirkt, hatten den Hochmeiſter zu der Ueberzeu⸗ 1) Schreiben der Preuſſ. Staͤdte an die Königin Hanf, Rec. II. p. 280. 2) Hanf. Neceſſ. II. p. 208. 5 30 Nach einem uͤber die Eroberung Gothlands⸗ Feet abgefaßten Berichte im Fol. F. p. 60 mit der Ueberſchrift: „Von dem lande Got⸗ land und der Stadt Wisby, wy is dem orden czu getreuwer hand ge⸗
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108 Eroberung Sothlands durch den Orden (2989. gung geführt, daß keine andere Rettung gegen das freche Raubvolk mehr uͤbrig ſey, als ſich Gothlands zu bemaͤch⸗ tigen und dieſes arge Neſt der Raubhorden zu ſaͤubern. Es bedurfte daher auch kaum der ſchwerlich wohl auf richtigen Aufforderung des Herzogs Johann von Meklen— burg an den Meiſter, ihm in ſeinen Fehden mit den See⸗ raͤubern zu Hülfe zu kommen; denn der letztere hatte bereits eine große Unternehmung beſchloſſen, die er allein von Preuſſen aus durchzuführen gedachte. Sie wurde in einem Ordenskapitel mit den Gebietigern und auf einer Tagfahrt zu Marienburg mit den Abgeſandten der Staͤdte in reifliche Berathung genommen und man fand auch dieſe zu allen Opfern und Anſtrengungen bereitwillig. 2 Sofort ward eine Flotte von mehr als achtzig großen und kleineren Schiffen ausgeruͤſtet, welche vier- bis fuͤnf⸗ tauſend Krieger, zum Theil auch Reiterei mit dem noͤthi⸗ gen ſchweren Geſchuͤtz auf Gothland überfegen follten. ® ſaczt iſt.“ Die hierin gegebenen Nachrichten ſind offenbar viel zuver⸗ läſſiger, als man fie in den verſchiedenen Chroniſten findet, die zum Theil, z. B. Lucas David B. VIII. S. 23 — 24 über die Sache ſehr ungenügend ſprechen. 1) Hanf. Reccſſ. II. p. 304. Der Ueberbringer des Geſuches war der Ritter Konrad von Goͤrtzen. Man ficht es aber dem Schreiben an, daß es nur den Zweck hatte, den HM. zu beſchwichtigen. 2) Hanf. Receſſ. II. p. 308. III. p. 329. Oer Beſchluß der Tag⸗ fahrt zu Marienburg war: die Städte follten 2000 Bewaffnete, 10 große und 30 kleine Schiffe, und zwar die fünf großen Städte 400 Mann, Thorn 95, Elbing 95, Danzig 160, Königsberg 35 und Braunsberg 15 Mann ausruͤſten. 3) Die Angaben uͤber die Zahl der Mannſchaft ſtimmen nicht ganz überein. Der Bericht im Fol. F. I. c. giebt auf 84 Schiffen 4000 Be⸗ waffnete und 400 Pferde an, Lindenblatt S. 113 dagegen 5000 Bewaffnete, 50 Ordensherren und ebenfalls 400 Pferde. Pontan Rer. Dan. Ilistor. p. 531 und Schütz p. 92, der hier vorzüglich Alb. Craniz Wandal. L. IX. c. 36 nachſchreibt, haben gleichfalls die Zahl 4000. Vgl. Jaeger p. 18, Fiſcher B. II. S. 103. De Wal T. IV. p- 156.
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Eroberung Gothlands durch den Orden (1399. 109 Der Meiſter erbot ſich, außer der vom Orden geſtellten Mannſchaft auf feine eigenen Koſten noch hundert Ber waffnete aufzubringen. Aufs trefflichſte gerüſtet lief die Flotte ſchon in der Mitte des Maͤrz von Danzig aus, langte glücklich, während auf des Meiſters Geheiß die Biſchoͤfe im ganzen Lande Gebete für ihre Erhaltung an⸗ ordneten, ? bei Gothland an und legte ſich ohne Schwie⸗ rigkeit in den Hafen Garn, in deſſen Naͤhe das feſte Raubſchloß Landskron, ein Hauptſitz der Vitalier, ſtand. 3) Die Landung gelang. Funfzig Ordensritter, die der Mei⸗ ſter mit geſandt, ſtellten ſich an die Spitze des Kriegs⸗ volkes und ſprengten in das Land ein. Auf die Nach⸗ richt, daß Swen Sture ſich mit den Vitalienbruͤdern in die Stadt Wisby geworſen, wo auch Herzog Johann von Meklenburg mit Erichs Wittwe ſich aufhielt, und daß er bereits ſich der Thore und Thuͤrme der Stadt bemaͤch⸗ tigt habe, um ſich hier zu vertheidigen, ruͤckten die Hauptleute und Ordensgebietiger gegen ſie an.“ Allein der tiefe Schnee im Lande machte es unmöglich, das ſchwere Geſchüͤtz herbeizubringen und die Stadt durch eine Belagerung zu gewinnen. Man ließ ſich in Unterhand⸗ lungen ein, die Herzog Johann entgegenbot.) Während 1) Das Elbingiſche Kriegsbuch hat darüber die genaue Beſtimmung: Uff den Freitag vor vaſtelabend czogen us von dem Elbinge Schipmans und Boſmans kegen Danczk in dy Schiffe, uff den Sunabint vor Invo⸗ cavit czogen us von dem Elbinge Wepener und Schuͤtzen und uff den Suntag Invocavit der Houptman Her Johan von Thorn mit eczlichen und Her Lyffhard von Hervorde uff den Montag neſt dornach mit eczlichen. 2) Circular des HM, an die Biſchöfe, dat. Marienb. Sonntag Eſtomihi 1398 im Regiſtr. p. 76. 3) Bericht im Fol. F. I. c. 4) Der Bericht im Fol. F. I. c. ſagt: man ſey Willens geweſen, alle Bürger mit Weib und Kind ſammt allen Prieftern aus der Stadt zu treiben und aus ihr „ein Erbraubſlos“ zu machen. 5) Lindenblatt S. 113 nur duͤrftig. Der Bericht im Fol. F. ſagt dagegen: Herczog Johann und Swenſthur quomen herus czu yn
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110 Eroberung Gothlands durch den Orden (1398). jedoch der Herzog, Swen Sture und die Buͤrgermeiſter von Wisby am Hafen Garn, drei Meilen von der Stadt, uͤber die Forderung der Ordenshauptleute, daß Wisby vom Herzoge und den Vitalienbruͤdern den Hauptleuten eingeraͤumt werden ſolle, bis ſich der Hochmeiſter mit dem Koͤnige Albrecht uͤber das weitere vereinigt habe, noch eifrig unterhandelten, brannte oder brach das Ordensvolk drei Raubſchloͤſſer auf dem Eilande nieder, die Flotte ſegelte mittlerweile vor die Stadt Wisby, ein Theil der Kriegsmacht umzingelte ſie zu Land und es gelang, ſich ihrer mit Gewalt zu bemaͤchtigen.) Nachdem Swen Sture mit mehr als vierhundert ſeiner Raubgeſellen die Flucht ergriffen und alle auf dem Eilande gefangenen Vitalienbruͤder gemordet und enthauptet waren, verſtand ſich Herzog Johann zu einem Vertrage mit den Haupt⸗ leuten, auf folgende Bedingungen abgeſchloſſen: die Stadt Wisby, die Häfen und das ganze Gebiet von Gothland ſollen fortan dem Hochmeiſter, ſeinem geſammten Orden und allen den Seinigen zu ihrem Orloge offen ſtehen auf ewige Zeit, und wie ſich der Meiſter mit dem Koͤnige Albrecht darüber weiter vereinigen wird, will Herzog Jo— hann es genehmigen. Auch dem gemeinen Kaufmanne ſoll Wisby mit ſeinem Hafen forthin geöffnet feyn, um von dort aus die See zu befrieden. Nach Dftern ſollen Stadt und Land von allen denen geraͤumt ſeyn, welche dem Orden, feinen Unterthanen und dem gemeinen Kauf⸗ manne je Schaden zugefügt haben; nach dem aber ſoll keinem mehr ſicheres Geleit gewaͤhrt ſeyn weder in Stadt, noch Land, und wer den Orden oder die Seinen und den Kaufmann forthin noch beſchaͤdigt, fol mit der hoͤchſten und ſprochen mit yn, fo das man herczog Johann beſchuldigete, wor⸗ umme her dy feerouber hilde, hußete und hovete und bath yn, das her ober fü richten zulde. Do ſprach her, her were ir nicht geweldig, ſy hetten mer macht obir yn czu richten, wen her obir ſy. 4) Bericht im Fol. F. Detmar S. 383.
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Eroberung Gothlands durch den Orden (1398). 111 Strafe gerichtet werden. Alle noch vorhandenen Raub⸗ ſchloͤſſer, aus denen des Ordens Leute und der Kaufmann Schaden erlitten, werden niedergebrannt und fuͤrbaß nie wieder aufgebaut. Alles geraubte Gut, als Schiffe und Kaufſchatz, in der Stadt, in den Haͤfen und auf dem Lande gefunden, ſoll denen anheimfallen, die dazu ihr Recht erweifen.? Dem Komthur von Schwez Johann von Pfirt, dem von Schoͤnſee Arnold von Buͤrgeln und dem Großſchaͤffer von Marienburg Johann Thiergart ſoll das Eiland uͤbergeben. werden, bis ſich der König Albrecht mit dem Hochmeiſter weiter vereinigt. Muß der letztere das Land durch Gewalt oder Verrath bis dahin aufgeben, ſo ſoll deshalb keine Mahnung an ihn weder vom Koͤnige noch vom Herzog geſchehen. Dem Rathe und den Buͤr— gern Wisby's ſollen alle ihre alten Freiheiten und Rechte verbleiben; auf den Bauer ſoll keine Schatzung gelegt und alles, was als Pfand geſtellt iſt, auf keine Weiſe veraͤndert werden bis zur Vereinigung des Koͤniges mit dem Meiſter. Sonach kam durch dieſen vom Rathe und den Bürgermeiftern der Stadt zugleich genehmigten Ver— trag die Inſel Gothland in des Ordens Gewalt; es war dem Hochmeiſter ein aͤußerſt ruͤhmliches Unternehmen ge⸗ lungen. Nachdem nun auch fuͤr die Vertheidigung Wisby's die noͤthigen Anordnungen getroffen, zweihundert Vewaff⸗ nete mit hundert Pferden unter dem Befehle der drei er waͤhnten Ordenshauptleute dort als Beſatzung gelaſſen und dieſe mit allem, was nothwendig, hinreichend verſorgt wa⸗ ren, kehrte die Flotte wohlbehalten nach Preußen zuruͤck; nur ein Theil der Schiffe ſegelte auf der See hin und 1) Vgl. Lindenblatt S. 113. 2) Die Originalurkunde dieſes Vertrages, dat: Zu Wiſbue am nächſten guten Freitage vor Oſtern 1398 im geh. Archiv Schicht, 80 nr. 1. Des Vertrages erwähnt in kurzem auch der Bericht im Fol. F. und Lindenblatt a. a, O.
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112 Bekämpfung der Vtalienbruͤder (1398). her, um die geflüchteten Näuber aufzufangen und zu ver: nichten. ? Das Ereigniß machte natürlich wie in ganz Europa, ſo insbeſondere bei den Meklenburgiſchen Fuͤrſten, bei der Koͤnigin von Daͤnemark und den Hanſeſtaͤdten ge⸗ waltiges Anſehen.“ Um fo nothwendiger war Vorſicht bei ferneren Schritten. Von Zeit zu Zeit mußten immer wieder Friedeſchiffe in die See geſandt werden, um den verſcheuchten Raubgeſellen keine Ruhe zu laſſen, damit fie ſich nicht wieder ſammeln koͤnnten.) Die Herzoge Barnim und Wartislav von Stettin, von den drei Haupt⸗ leuten auf Gothland und dem Buͤrgermeiſter von Danzig, Konrad Letzkau, im Namen des Hochmeiſters und der Hanfes ſtaͤdte aufgefordert, die etwa zu ihnen flüchtenden Sees raͤuber nicht aufzunehmen und nirgends zu hegen und zu ſchuͤtzen, verpflichteten ſich durch einen Vertrag, daß fort— hin der Orden und die Kauffahrer aus Preußen von ih⸗ ren Häfen aus durch Vitalienbruͤder und anderes Naubs volk nie wieder Schaden erleiden und, wenn es geſchehe, die Thaͤter aufs ſtrengſte beſtraft werden ſollten.) In Preußen aber koſteten die fortdauernden Ruͤſtungen und 1) Bericht im Fol. F. Lindenblatt a. a. O. Elbing. Kriegsbuch. 2) Es war deshalb eine gewiſſe Entſchuldigung ſelbſt bei den Han⸗ ſeſtädten noͤthig; daher wurde den nach Luͤbock gehenden Sendboten auf⸗ getragen, den Bevollmächtigten der Städte dort vorzuſtellen: „Das unſer here der Homeiſter die were in dy Zee gemacht hat, das hat her dem gemcynen kouffmanne, dy ſyn land vorſuchen, czu lybe und czu frommen getan, das her unbeſchediget blebe, und wolden ſy dorczu Ire huͤlffe ſenden, das ſege her gerne und were Im czu willen. Ouch das her by em alleyne das getan hat und ſo ſchiere, das hat her dorume getan, das dy Zee Rouber an manchen enden ſich czurichteten, als her dervur und was czu beſorgende, hette her lenger gebeyft (gewartet), das dy Zeerouber czuſamen komen weren, das das denne vyl ſwerliger geweſet were czu weren. Hanf. Receſſ. III. p. 338, 3) Hanf. Receſſ. II. p. 312. 323. 4) Der Vertrag, dat. Auf dem Neuentief Freitag vor unſ. Herrn Himmelfahrt 1398 im Hanf. Receſſ. II. p. 316. Vgl. Sell Geſchichte Pommerns B. II. S. 112.
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Bekämpfung der Vitalienbrüͤder (13080. 113 die Unterhaltung ſowohl der Friedeſchiffe auf der See als der Beſatzung auf Gothland ſehr bedeutende Opfer dem Orden nicht minder als den Staͤdten, ſo daß man das Pfundgeld in den Häfen erhöhen mußte.!) Danzig und Koͤnigsberg mußten aus ihrem Rathe zwei Hauptleute ſtel⸗ len, um die Führung der ausgeſandten Friedeſchiffe zu übernehmen. ? Der Hochmeiſter jedoch, darauf bedacht, dem Orden die Behauptung Gothlands in einigem zu er: leichtern, ſtellte in einem Schreiben der Stadt Wisby vor: da die Seeraͤuber und ihre Mithelfer in fo kurzer Zeit bei weitem nicht alle vertilgt oder vertrieben, viel⸗ mehr zu befürchten ſey, daß ſie gegen den Winter, wenn die Friedeſchiffe heimkehrten, ſich wieder ſammelnd in ihre alten Aufenthaltsorte und wohl vorzüglich auch nach Goth— land zurückkommen würden, was der Stadt Wisby zu großem Schaden und Verderben gereichen muͤſſe, fo möge es rathſam ſeyn, zeitig auf noͤthige Maaßregeln dagegen zu denken. Ihm duͤnke das Beſte, daß der Rath zu Wisby die Buͤrgerſchaft dahin beſtimme, dem Orden zur Unterhaltung einer zum Widerſtande gegen das Raubvolk hinlaͤnglichen Streitmacht auf Gothland die kraͤftigſte Bei⸗ huͤlfe zu leiſten und insbeſondere das Kriegsvolk mit zu beköͤſtigen, denn für Preußen ſey es für längere Dauer zu ſchwer, ſo viel Volkes dort zu unterhalten, um Goth⸗ lands Bewohnern und dem gemeinen Kaufmanne Schutz und Sicherheit zu gewähren. 3) Dieſe Beſorgniß wegen des Ueberreſtes des vertrie⸗ benen Raubgeſindels wurde in der That nur zu bald be 1) Hanf. Receſſ. II. p. 313. Auch der HM. ſpricht in einem Briefe von den unmäßigen Koften der Unternehmung auf Gothland im Regiſtr. p. 79. >) Hanf. Receſſ. II. p. 323. Die Vollmacht des HM. für die Hauptleute Arnold Hecht aus Danzig und Arnold von Hervord aus Kö: nigsberg im Regiſtr. p. 84. 3) Schreiben des HM. an Bürgermeiſter und Rath zu Wisby, dat. Mittwoch in den Pfingſt. 1398 im Regiſtr. p. 79. VI. 8
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114 Bekämpfung der Vitalienbruͤder (1399. währt. Ein großer Theil der Fluͤchtlinge, der ſich in Friesland wieder vereinigt, hatte von dort her die See in kurzem wieder weit und breit uͤberſchwaͤrmt.) Dans ziger Schiffe, die nach Norwegen ſegeln ſollten, waren von ihnen aufgefangen und funfzehn andere Schiffe, wel⸗ che aus Frankreich und Spanien Oel, Wein, Reis und dgl. brachten, völlig ausgepluͤndert worden. Den Luͤbek⸗ kern hatten ſie auf deren Drohungen zur Antwort ſagen laſſen: ſie, Gottes Freunde und aller Welt Feinde, wuͤr⸗ den forthin keines Hanſeatiſchen Seefahrers mehr ſchonen; nur Hamburg und Bremen duͤrften auf ihre Schonung rechnen. Man beſchloß demnach zu Luͤbeck eine neue Ausrüſtung von Friedeſchiffen, wozu auch Preußen wies der Schiffe und Mannſchaft ſtellen mußte. Allein das Pfundgeld reichte bei weitem nicht mehr hin und wie die Städte, fo ſah ſich auch der Hochmeiſter genöthigt, mit anſehnlichen Beiſteuern zu Huͤlfe zu kommen. Die Ge⸗ fahren auf der See machten abermals die Verordnung nothwendig, daß die Kauffahrteiſchiffe nach Flandern hin ſtets nur in Flotten ausſegeln, zwei Friedeſchiffe jedesmal eine Flotte begleiten und ſchuͤtzen, für dieſe ein beſonderes Geleitsgeld entrichtet und nach Martini überall kein Schiff mehr die See befahren folle. ? Man erſuchte indeß bald darauf den Hochmeiſter von Seiten Luͤbecks, auch dieſe Seefahrten nach Holland und Flandern in ſeinem Lande nicht mehr zu geſtatten, weil auch dieſe Anordnungen ges gen die vermehrten außerordentlichen Gefahren in der Nordſee keinen Schutz gewähren koͤnnten. 4) Nach einem Berichte aus Flandern war es vorzüglich Wiczold von dem Broke, oder wie Wiarda Oſtfrieſ. Geſchichte B. I. S. 362 ihn nennt, Witzeld vom Brockmerland, der die Vitalienbruͤder in Fries⸗ land hauſte und hegte; vgl. Hanf, Receſſ. III. p. 340, 2) Hanf. Receſſ. III. p. 340 — 341. Schütz p. 92. 3) Hanf. Receſſ. IV. p. 89. Detmar S. 383. Fiſcher B. II. S. 177. 4) Hanf, Receſſ. II. p. 323. 329. III. p. 346. 5) Schreiben der Staͤdte an den HM. in Hanf, Receſſ. IV. p. 96.
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Streit wegen Gothlands (1398). 115 Ueberdieß aber hatte die Eroberung Gothlands den Orden auch gegen die Königin von Dänemark in eine bedenkliche Stellung gebracht. Ihre Klage über die an Daͤniſchen Schiffen begangene Unbill war noch keineswegs beſeitigt und ſie drang noch fort und fort auf hinreichende Genugthuung.) Die Eroberung Gothlands hatte fie von neuem aufs empfindlichſte beruͤhrt, weil ſie Anrechte auf den Beſitz zu haben meinte, und ſelbſt die auch jetzt wie⸗ der erfolgte Zuruͤckweiſung und Ablehnung ihrer Beihülfe zur Befriedung der See, die meiſt von den Städten Preu- ßens ausging, mußte bei ihr Mißtrauen und ungeneigte Geſinnungen erwecken.) Es geſchah ferner, daß nach Michaeli dieſes Jahres der Koͤnig Albrecht von Schweden, wie er ſchon einige Jahre zuvor beabſichtigt, ) nach Dan: zig kam, um aus ſeinen Anſpruͤchen auf Gothland we⸗ nigſtens noch einigen Gewinn zu ziehen. Seiner Forde⸗ rung, ihm das Land gegen Entſchaͤdigung der auf die Be⸗ freiung verwandten Koſten wieder einzuraͤumen, ſtellte der Hochmeiſter nicht nur die Behauptung entgegen, daß er das Land nicht von ihm erhalten, ſondern den Seeraͤu⸗ 550 entriſſen habe, er machte auch die Beſorgniß geltend, aß ſofern das Land wieder in des Koͤniges Haͤnde kaͤme und er vielleicht wieder in Krieg mit Daͤnemark verwickelt werde, die Inſel bald wieder der Zufluchtsort des Raub⸗ geſindels werden und ſomit der erreichte Zweck der koſt⸗ ſpieligen Unternehmung verloren gehen könne.) Es kam — 1) Hanf, Reccſſ. II. p. 331. 2) Hanf. Receſſ. II. p. 331. III. p. 347. 3) Schreiben des HM. an den Konig Albrecht im Regiſtr. 4) Bericht im Fol. F., wo es heißt: Albrecht ſey mit Herzog Jo⸗ hann von Meklenburg nach Prcuſſen gekommen und habe Gothland vom EM. zurückgefordert, „das her ym czugebe dy koſte und czerung, dy her off das land Gotland gethon hette und lyße ym das land widder inant⸗ worten. Das wolde unſer Homeiſter nicht thun und beforgete ſich, krege her das land widder, das her lichte mit der konigynne krygen worde und worden lichte großer Seeroub machen wen dovor geweſt was.“ 8 *
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116 Verpfaͤndung Gothlands an d. Orden (1399). zu keinem Beſchluſſe und der König kehrte zuruck. Im November dieſes Jahres indeß wurden die Unterhandlun⸗ gen durch den Danziger Hauptmann Herrmann von Halle dadurch wieder aufgenommen, daß der König durch ihn außer den zwanzigtauſend Nobeln, die der Orden als Kos ſten feiner Unternehmung auf Gothland berechnet, noch die Summe von zehntauſend Nobeln vom Orden verlangte, wogegen er ihm die Inſel „mit feſter Verwahrung durch fein Inſiegel“ als Pfand zu verſetzen verſprach. Der Mei⸗ ſter, auf dieſen Vorſchlag eingehend, ſchrieb dem Koͤnige die verlangte Verwahrung uͤber die Verpfaͤndung vor und forderte ihn zugleich auf, ſeine Bevollmaͤchtigten zum Ab⸗ ſchluſſe des Vertrages und zur Ueberweiſung des Landes in des Ordens Beſitz nach Gothland abzufertigen.“ So kam nach mancherlei Vechandlungen durch einen am fünfundzwanzigfien Mai des Jahres 1399 gefchloffe: nen Vertrag die Inſel Gothland fuͤr das Darlehen von zehntauſend Nobeln in des Ordens Haͤnde.?? Außer der Beſtimmung, daß der Koͤnig zwanzigtauſend Nobeln als Koſten für die Befreiung des Landes aus der Gewalt der Seeraͤuber ? wie in Empfang genommen betrachten fol- Daß der Orden auch das Eroberungsrecht dabei geltend machte, ſagt Schütz p. 92 — 93 nach Alb. Krantz J. c. Pontan. p. 531. Det⸗ mar S. 383. 1) Schreiben des HM. an den König Albrecht, dat. Montau Mon⸗ tag nach omnium sanctor. und Marienb. Mittwoch nach Eliſabeth 1398 im Regiſtr. p. 89 — 93. Das eine Schreiben ſpricht von 9000, das andere von 10,000 Nobeln, die der König verlangte. Der HM. benachrichtigt auch die Stadt Wisby von feinen Unterhandlungen mit dem Könige, Regiſtr. p. 94. 2) Es iſt ſchon B. V. S. 530 bemerkt, daß De Wal. T. IV. p. 42 nach einigen nordiſchen Schriftſtellern unrichtig ſchon im J. 1388 von einer Verpfändung Gothlands an den Orden ſpricht; ebenſo Baczko B. II. S. 269 u. Kotzebue B. II. S. 268 u. 4313 offenbar eine Verwechſelung des J. 1388 mit 1398. 3) In der Urkunde heißt es darüber: Wen der her Homeiſter und ‚Ton Orden uns to groten danken und to zunderger fruͤntſcop dat ſulve
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Verpfaͤndung Gothlands an d. Orden (1399. 117 le, wurden noch folgende Bedingungen feſtgeſtellt: der Kö: nig und ſeine Erben oder Nachfolger wollen außer der genann⸗ ten Summe niemals mehr fordern und aufſchlagen, ſon⸗ dern entfagen für ſich allen weitern Anſprüchen am geiſt⸗ lichen, wie am weltlichen Rechte. Will einſt der König oder einer ſeiner Nachkommen Gothland und Wisby wie⸗ der einlöfen, fo ſoll der Hochmeiſter es ihm wieder ein⸗ geben für die Summe von dreißigtauſend Nobeln. Ein Jahr zuvor aber ſoll dieß dem Meiſter kund gethan wer⸗ den. Der König und Herzog Joy aden das Land freien von aller Anſprache und allem Rechte, welches it: gend jemand darauf zu haben meint, ſowohl vor geiſtli⸗ chem als weltlichem Gerichte.) Auch verzieht ſich der König alles Rechtes, aller Briefe und Privilegien, womii man des Landes Verſetzung widerrufen oder hindern koͤnnte. Sofern jemand, wes Standes er ſey, den Hochmeiſter und Orden um das Land irgendwie anfpräche, fo ſoll dieſer ſolches dem Könige kund thun, und letzterer, ſowie Her: zog Johann und ihre Erben ſollen verpflichtet ſeyn, das Land vor allen Gerichten zu freien; wird aber der Or: den deshalb mit Gewalt angetaſtet, fo oll ihm der Ko nig mit allen ſeinen Rittern, Staͤdten und Landen auf eigene Koſten zu Hülfe ſtehen; es ſoll vom Meiſter abhan- — nn unſer lant Gotland und de Stad Wiebe to der tyd do bevde ſtad und land gantz und gar mit unrechter gewalt de ſeerover ane unſe wetenheit und willen ingenomen hadden und beweldiget von ſemeliker ungerechter wald ledegeden und vrieden mit groten koſten und teringen. 1) Der König erklärte deshalb auch, daß „wy vor de ſummen to hope geſlagen dortich duſent nobclen vorfetter hebben und vorſetten une land und ſtad vorbenant mit Kraft deſſes vegenwardigen breves. 2) Diefer nachmals ſehr wichtige Artickel lautet: Vortmer love wy koning Albrecht und hertoge Johann vor uns unfe erven und nakomclinge dem hern Homeiſter und ſinen nakomelingen und dem gantczen orden, dat ſulve lant Gotland und de ſtad Wiſby to vriende vor aller anſprake und vor allem rechte, dat ymant welkerleie gradus edder werdicheit he is en meynet to hebbende in geſtliken edder werliken edder welcherleie
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118 Verpfaͤndung Gothlands an d. Orden (1398). gen, ob er vom Koͤnige Freiung mit Recht oder Huͤlfe mit Macht verlangen will. Sollte des Landes wegen Krieg entſtehen, fo follen dem Meiſter alle Städte, Häfen und Straßen der Inſel zum Kriege geoͤffnet ſeyn. Wenn aber der Koͤnig binnen einem Jahre dem Meiſter das Land in beſchriebener Weiſe nicht freiet oder ihn vertritt oder das Pfandgeld einzahlt, fo hat dieſer und fein Orden Voll⸗ macht, das Eiland nach ſeinem Belieben einem andern zu verſetzen, wie er vermag, um die Summe von dreißig⸗ tauſend Nobeln, doch alſo daß es der Koͤnig von dieſem ebenfalls wieder einloͤſen koͤnne. Was endlich der Orden im Lande mittlerweile an Schloͤſſern, Feſten oder ſonſt auf feine Koſten verbauet, das foll ihm der König bei der Wiedereinloͤſung ohne Gegenrede wieder erſtatten.“ Es war nicht zu verkennen, daß der Hochmeiſter bei vielen Punkten dieſes Vertrages auf die Koͤnigin von Daͤnemark hingeblickt; die Verhaͤltniſſe zwiſchen beiden wurden von Tag zu Tag geſpannter und bedenklicher. Laͤngſt hatte ſich mancher Stoff zu Mißhelligkeiten geſam⸗ melt, zum Theil begruͤndet in der Stellung der Koͤnigin gegen den Koͤnig Albrecht. Der Hochmeiſter durfte ihr allerdings jetzt mit mehr Ernſt in feinen Forderungen ges 1) Die vom Könige Albrecht und Herzog Johann ausgefertigte Ori⸗ ginalurrunde mit 60 Sicgeln, dat. Ziwan am heil. Dreifalt. Tage 1399 im geh. Arch. Schiebl. 80. nr. 2. Lindenblatt S. 121 giebt die Pfandſumme richtig an und ſpricht auch nur von einer Verpfändung, während Det mar S. 391 von einem Verkaufe Gothlands an die Ritter „to ewigen tiden“ und von „dertich duſent nobelen“ weiß, welche der Orden als Koſten ſeiner Unternehmung gefordert habe. Beim Abſchluſſe der Urkunde waren dem Könige die 10,000 Nobeln zu Wismar bereits ausgezahlt. Dieſe Urkunde und Zeugniſſe loſen das Raͤthſel und klaͤren die Verwirrung auf, die bei De Wal T. IV. p. 158 — 159 und Kotzebue B. III. S. 325 uͤber den angeblichen Tractat von Helſing⸗ borg im 3. 1398 Statt finden. Die Verwirrung iſt entſtanden, weil man durch Pontan. und Meursius verführt den im J. 1395 über die Freilaſſung des Köͤniges abgeſchloſſenen Tractat von Helſingborg ins J. 1398 verſetzte und ihm einen ganz unrichtigen Inhalt unterſchob.
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Verhaͤltniſſe zu Daͤnemark (4398). 119 genuͤber treten; fie hatte es ihm vorzüglich zu danken, daß ſie bei Albrechts Freilaſſung in Ruͤckſicht ihrer Anforde⸗ rungen befriedigt oder durch die Beſetzung Stockholms vor⸗ erſt doch wenigſtens ſicher geſtellt war. Die ſchweren Opfer und Koſten ferner, durch die fortwaͤhrende Unterhaltung der Beſetzung Stockholms verurſacht und mit jedem Tage noch ſteigend, konnten den Meiſter und ſeine Staͤdte doch wohl vollkommen berechtigen, nicht nur von Wismar und Roſtock, ſondern auch von der Koͤnigin mit allem Nach⸗ drucke Verguͤtung des vielfaͤltigen Schadens zu verlangen, den die Kauffahrer aus Preußen unverſchuldet waͤhrend der langen Fehden zwiſchen Daͤnemark und den Meklen⸗ burgern erlitten.) Statt deſſen aber gaben bald neue Belaͤſtigungen der Preußiſchen Seefahrer in Daͤnemark und beſonders auf Schonen wieder Anlaß zu neuen Klagen und Forderungen an die Koͤnigin; bald wußte ſie einer Eroͤrterung der Sache auf anberaumten Verhandlungsta⸗ gen auf jede Weiſe auszuweichen, bald ſuchte ſie immer wieder in dem ſchon erwaͤhnten Angriffe auf Daͤniſche Schiffe durch die Preußiſchen Friedeſchiffe allerlei Stoff zu Gegenklagen, zumal da die Preußiſchen Städte ſich jetzt ebenfalls weigerten, über dieſe Sache mit der Köni- gin in Verhandlung zu treten. Der Hochmeiſter trat zwar auch hier wieder vermittelnd ein, uͤberall fir den Frieden wirkend, bald die Königin beguͤtigend, “ bald wieder die Anſprüche feiner Städte rechtfertigend. Man ſah es klar, Margaretha durfte mit dem Orden und den Hanfeftädten nicht brechen, aber fie wollte und konnte ſich 1) Hanf, Receſſ. III. p. 277. 278. 2) Hanf. Receſſ. III. p. 279, wo auch über neue Zölle auf Schonen geklagt wird; ein Schreiben der Preuſſ. Städte an die Königin wegen der nicht gehaltenen Tage p. 286; ein Schreiben der Königin an Dan⸗ zig p. 290, 3) Hanſ. Receff. III. p. 306. = 5 Schreiben des HM. an die Königin im Regiſtr. p. 6. 32.
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120 Verhaͤltn. zw. Preußen u. Dänemark (1398). auch nicht ausſoͤhnen; fie hegte Groll gegen den Orden, aber ſie bedurfte ſeiner in ihren politiſchen Planen. Jetzt gerade mit allen Mitteln bemuͤht, ihren von den Daͤnen bereits als König anerkannten Schweſter⸗Tochterſohn, den Herzog Erich von Pommern auch zum König von Schwer den erhoben und auf Albrechts Thron geſetzt zu ſehen, legte fie auf die Geneigtheit der Hanſeſtaͤdte und ſelbſt auf den Frieden mit dem Hochmeiſter noch ein zu großes Gewicht, als daß fie die obwaltenden Mißhelligkeiten zum Ausbruche eines Fehdekampfes hätte kommen laſſen duͤr— fen; und weil die Hanſeſtaͤdte und der Hochmeiſter von ihrem Schüsling Albrecht ſelbſt nur wenig Hoffnung fa ſen konnten, ſo ließen auch ſie die Koͤnigin ungehindert auf ihrer Bahn. Als es ihr indeſſen im Juli des Jah⸗ res 1396 gelungen war, die Schwediſchen Großen zur Anerkennung Erichs als König ihres Reiches zu bewegen, “ und fie den Hanfeflädten die Bitte vorlegte, dem neuen Könige ihre Gunſt und Freundſchaft nicht zu entziehen, da glaubten auch die Preußiſchen Bevollmaͤchtigten auf einer Tagfahrt zu Luͤbeck in Verbindung mit den uͤbrigen Seeſtaͤdten die gerechte Forderung vorlegen zu koͤnnen: daß in ihrem und König Erichs Reiche dem gemeinen Kauf: manne feine alten Freiheiten und Privilegien ſicher und feſt gehalten und in den ihm von früheren Koͤnigen zus geſtandenen Rechten nicht ferner mehr, wie bisher geſche⸗ hen, fo vielfältig verhindert und gedruckt würden, vor allem aber daß ſie ihrem Diener Swen Sture, der mit den Seinen bisher auf der offenen See dem Kauffahrer großen Schaden zugefuͤgt, die ſtrengſten Befehle ertheile, von feinem raͤuberiſchen Unweſen abzulaſſen.? 1) Ekendahl Geſchichte des Schwed. Volks B. I. S. 703. Kühe Geſch. Schwedens B. I. S. 331. ö 2) Schreiben der Hanſeſtädte an die Königin, dat. am Tage Aſſum⸗ tion. Maria 1396 in Hanf. Receſſ. IV. p. 71. ucber Swen Sture heißt es: Vortmer hebbe wy vornomen, Swen Sture iuwe Man und
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Verhaͤltn. zw. Preußen u. Dänemark (1398). 121 Endlich war die Koͤnigin am Ziele; die Union der drei nordiſchen Reiche zu Kalmar am ſiebzehnten Juni des Jahres 1397 bildete den Schlußſtein des politiſchen Gebaͤudes, an welches ſie ſeit Jahren alle ihre Klugheit und Unterhandlungskunſt verwendet hatte. Sie brachte jedoch die Hanſeſtaͤdte, welche die Buͤrgſchaft des zwiſchen König Albrecht und der Königin abgeſchloſſenen Vertrages auf ſich genommen und gleichſam als Vorſtand des Koͤ— niges Rechte in gewiſſer Hinſicht zu vertreten hatten, in eine eigene politiſche Stellung. Albrecht nahm dieſe Buͤrg⸗ ſchaft der Städte in Anſpruch; ſchwer klagend traten feine Sendboten auf einer Tagfahrt zu Lubeck auf, die Königin des Friedebruches, des offenbaren Thronraubes beſchuldigend und nach Laut des Friedensſchluſſes die Städte zum Kriege gegen die Königin um Huͤlfe ru⸗ fend.) Allein die Bitte blieb erfolglos; die Städte be⸗ halfen ſich mit allerlei Ausreden, denen ſie den Schein von verſaͤumten Pflichten von Seiten des Koͤniges zu geben wußten, ihm vorſtellend, wie viel fie ſchon für ihn und wie wenig er bisher gethan habe, um ihnen ihre Opfer zu vergelten, und wie ſelbſt auch jetzt noch von Meklenburg aus das Unweſen des Seeraubes fort und fort begünftigt werde.) Dem Hochmeiſter, an den ſich Albrecht gleichfalls wandte, fiel es am wenigſten ſchwer, feine Gleichgültigkeit für des Koͤniges Sache durch die dener lycht mit den ſinen in der zee und hofft dem Kopmanne groten ſchaden to getoghen und menet ene noch vurder to beſchadende, dat he deyt und gedan hofft ut und wedder in uwer gebede u. ſ. w. 1) Die Sache betraf natürlich auch die Städte Preuſſens. Außer manchen andern Klagen beſchwerten ſich die Sendboten „over de vrouwe Konigynne ume vredebrake, de ſe ſchole gedaen hebben to dem erſten da⸗ rane dat ſe de breve nicht bezeghelen wolde alſe dar gedegedinget wart; vortmer darane dat ſe enen Koning hefft gekronen laten in Zweden und em ſines koninglichen namen darmede berovet, des doch na utwiſinge der vredebreve nicht weſen ſcholde ꝛc. 2) Hanſ. Keceſſ. IV. p. 84.
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122 Verhaͤltn. zw. Preußen u. Dänemark (1398). feindſelige Unterſtuͤtzung zu rechtfertigen, welche damals gerade der Biſchof von Dorpat in der Rigaiſchen Streit⸗ ſache beim herzoglichen Hauſe Meklenburg fand.) Zu⸗ dem bekamen die Staͤdte bald noch naͤhern Anlaß, ſich mehr der Koͤnigin anzuſchließen und Albrechts Sache auf⸗ zugeben, denn waͤhrend jene in fortwaͤhrenden Anerbie⸗ tungen ihrer Beihuͤlfe zur Befriedung und Saͤuberung der See ihren Eifer und ihre wohlgeneigten Geſinnungen den Seeſtaͤdten kund zu geben bemüht war, zogen der König und Herzog Johann von Meklenburg die Seeraͤuber und Vitalienbruͤder immer mehr an ſich, um in ihnen Huͤlfs⸗ kraͤfte gegen die Koͤnigin zu gewinnen. Es ward bald auch bekannt, daß der Hauptmann Swen Sture, der, wie wir hoͤrten, fruͤher auf Gothland an der Spitze der Vitalienbruder geſtanden, mit den Meklenburgern in eine Art von Buͤndniß zu deren Dienſt getreten ſey ? und von ihm ſollte ſogar, wahrſcheinlich nicht ohne ihr Mit⸗ wiſſen, der Plan einer Verraͤtherei ins Werk geſetzt wer⸗ den, um Stockholm wieder in Albrechts Hände zu bringen, denn wie Albert Rüße, zur Zeit Hauptmann der Bes ſatzung der Preuſſiſchen Städte auf dem Schloſſe Stock— holm, berichtete, war eines Tages Swen Sture nebſt mehren andern Hauptleuten mit zwei und vierzig Schiffen und einer Mannſchaſt von zwoͤlfhundert Kriegsleuten in den Scheren bei Stockholm erſchienen, hatte Anfangs vom Rathe der Stadt Lebensmittel, dann eine Berathung mit den Behörden verlangt und als Beides ihm verweigert worden, den Einlaß eines Theiles ſeiner Mannſchaft in die Stadt zum Ankaufe nöthiger Lebensbeduͤrfniſſe erbe⸗ ten, um auf dieſe Weiſe eine Verraͤtherei anzuſpinnen und ſich der Stadt zu bemaͤchtigen, woruͤber ein glaub⸗ 4) Schreiben des HM. an den König von Schweden im Regiſtr. p. 47 — 48. 2 Bericht im Fol. F. I. c.
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Verhaͤltn. zu Preußen u. Dänemark (4398). 123 hafter Mann mit Eidſchwur die zuverlaͤſſigſte Ausſage gegeben.“) Da dieſer Plan mißlungen war, ſo traten jetzt die Meklenburger mit ihrem Vorhaben offener hervor. Herzog Johann von Meklenburg, der ſich nach Gothland begeben, ſandte von dort den Ritter Konrad von Goͤrtz an den Hochmeiſter, eines Theils mit der Bitte, die Sache des Seeſchadens bis zu einer Zuſammenkunft mit König Albrecht dahingeſtellt ſeyn zu laſſen, andern Theils aber mit der Aufforderung, ihn in ſeinem Kriege, den er gegen die Königin anzuheben gedenke, mit Rath und Huͤlfe zu unterſtützen, „denn, ſprach der Ritter zum Meiſter, um des Unwillens und Widerdrießes willen, den die Koͤnigin von Daͤnemark begangen, da ſie binnen friedlichen Tagen in das Reich Schweden einen Koͤnig geſetzt, hat ſich mein Herr, Herzog Johann verwahrt gegen den neuen Koͤnig, der ſich nennet Koͤnig Erich, und ihm entſagt. Darum hat er auch die Vitalienbrüder zu ſich geladen, daß fie ihm feinen Krieg führen helfen ſollen, doch nur zu Land und nicht zu Waſſer im Reiche Schweden und dann die See zu befrieden. Nun bittet euch mein Herr der Herzog, ihm zu erlauben, aus euerem Lande Preuſſen Lebensbedürfniſſe nach Wisby führen zu dürfen und in andere Schloͤſſer, wo. er ihrer bedarf, um ſo den Krieg gegen die Königin deſto eher beendigen zu konnen.“ — 9 Der Meiſter aber gab, nachdem er daruͤber den Rath 1) Bericht des Hauptmanns Albert Ruͤße, des Nachfolgers Herrmann von Halle, in Hanſ. Reccſſ. III. p. 323 — 325. Daß es auf eine Ver⸗ raͤtherei abgeſchen war, ſagt der Hauptmann ganz klar, denn es heißt: Vort wiſſct, das wir jemmerlich vorroten woren, were wir nicht ge⸗ warnet und wirs nicht ſo egentlich gewar weren worden, So were das ſlos und das volk hen komen und ſticken noch in demſelbin vorretniſſe, god beware uns. Zlernecke Thorn. Chron. S. 28. 2) Das Vorſtellen des Ritters, vom HM. feinen Städten auf einer Tagfahrt zu Marienburg einige Tage vor Pauli Bekchr. 1398 vorge⸗ legt, in Hanf. Receſſ. II. P. 304.
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124 Berhältn. zw. Preußen u. Dänemark (1398). ſeiner Gebietiger und Staͤdte vernommen, dem Ritter die Antwort: „Wie man es halten ſoll mit dem Seeraube und dem gebrochenen Frieden, ſowie mit denen, welche Seeraͤuber und Friedebrecher hegen und hauſen, das iſt alles in den Berathungen unſerer und der gemeinen Staͤdte Sendboten zwiſchen König Albrecht und der Königin von Dänemark begriffen; uns allein gehet die Sache nicht an, ſondern auch die andern gemeinen Städte. Was euere Bitte um Zufuhr zu des Herzogs Beduͤrfniſſen betrifft, ſo haben wir des Seeraubes willen und wegen allerlei Beſchädigungen des Kaufmannes auf eine Zeitlang ver: boten, irgend Güter aus unſerem Lande auszuführen; das koͤnnen wir zur Zeit nicht aͤndern. Werden wir aber zu Rathe, daß wir unſere Häfen wieder öffnen, fo gönnen wir einem jeden, der mit rechtfertigen Dingen und guter Handlung umgehet, zu kaufen und auszuführen zu ſeiner Nothdurft, was ihm behaglich iſt, ſobald wir zuvor unſer Land an Nothdurft beſorgt wiſſen.“ Wenn indeß auch einer Seits dieſes Verhalten des Hochmeiſters gegen die Meklenburger der Koͤnigin ein Be⸗ weis von freundlicher und friedlicher Geſinnung gegen ſie ſeyn mußte, ſo konnte ſie doch das, was auf Gothland vom Orden geſchehen war, keineswegs verzeihen und ver⸗ geſſen; ja der Meiſter erhielt Nachricht, daß die Königin einen feindlichen Plan gegen den Orden im Werke habe, zu deſſen Ausführung fie auswärts Rath und Huͤlfe ſuche. Er erklärte ſich jedoch nicht nur in Ruͤckſicht Gothland vorerſt für fie fo zufriedenſtellend, daß ihr Mißtrauen einigermaßen beſchwichtigt ſchien, Y ſondern er betrieb auch 1) Hanf. Rcceſſ. II. p. 305. 9) Schreiben des HM. an Paul Quentyn, Bürger aus Frankfurt, der eine Vermittlung zwiſchen dem HM. und dem Herzoge von Stettin betrieb, dat. Tuchel Frkit. vor Johanni Bapt. 1398 im Regiſtr. p. 83. Der HM. ſagt: Ob ymant meynte, das wir wedir ſy (die Königin) getan hetten in dem, als wir dy unſern ſanten ken Gotlant, dy See⸗ rouber czu vortreiben, der tett uns unrecht, wand wir dasſelbe nicht
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Friedensſchluß mit Dänemark (13980. 125 die Streitſache zwiſchen Margaretha und Albrecht mit fo lebendigem Intereſſe, daß die Verhaͤltniſſe zwiſchen ihm und der Koͤnigin ſich immer freundlicher geſtalteten. Die dem Könige Albrecht zur Ausgleichung feiner Sache bes ſtimmte Friſt von drei Jahren war nämlich jetzt vorüber und der Hochmeiſter mit feinen Städten trug nun darauf an, von der fernern Beſetzung Stockholms entbunden zu werden.) Ein Verhandlungstag zu Kopenhagen, auf dem auch Sendboten aus Preuſſen erſchienen, gab die Entſcheidung, denn da der König auf die an ihn er⸗ gangene Anfrage: ob er die Bedingungen, wofuͤr die Städte Buͤrgſchaft geleiſtet, erfüllen und die feſtbeſtimmte Summe entrichten oder ſich wieder als Gefangener ſtellen wolle, eine ausweichende Antwort ertheilte, ſo mußte Stockholm nach Inhalt des früheren Vertrages der Kö: nigin uͤbergeben werden;? fie hielt dort bald darauf ihren feierlichen Einzug. Fuͤr die Hanſeſtaͤdte, insbeſondere fuͤr Preuſſen war dieſes Ereigniß von der groͤßten Wichtigkeit. Der Handel des Landes hatte unter den obwaltenden Verhaͤltniſſen Jahre lang ungemein gelitten. Die Haͤfen Preuſſens waren nicht bloß mehrmals geſchloſſen und die Ausfuhr wegen der großen Gefahren auf der See gaͤnzlich ver⸗ alleyne uns und den unſern, ſunder dem gemeynen koufman und als wir auch gleuben unſer frawen konigyne czu nucze und fromen getan haben. Ouch czo haben wir das lant czu Gotlant in ſemelicher maſe nicht inge⸗ nomen, das wirs Imands wedir ſynen willen meynen vorczuhalden, der recht dorczu hat, von dem uns ouch eyn moglichs wedirfaren mag. 1) Hanſ. Receſſ. II. p. 331. 332. 2) Sehr vollſtaͤndige Nachricht über den Verhandlungstag zu Kopen⸗ hagen in Hanf. Receſſ. IV. p. 107 ff. Es befanden ſich dort als Be⸗ vollmächtigte von Seiten der Städte Preuſſens Heinrich Hitfeld aus Thorn, Johann von Thorn aus Elbing, Dieterich Rodepul aus Danzig, von Seiten des HM. der Großſchäffer von Marienburg Johann Thier⸗ gart; ſ. Regiſtr. p. 85, 3) Ruͤhs B. II. S. 2.
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126 Verhaͤltniſſe der Hanſeſtaͤdte (13980. boten geweſen, ſondern man hatte auch in allen Ver⸗ handlungen und Anforderungen in Betreff des Handels zu keinem befriedigenden Erfolge gelangen koͤnnen weder bei der Koͤnigin, noch bei den Meklenburgern, weil jeder erſt den Ausgang dieſer wichtigen Streitſache erwarten wollte. Wie oft waren nicht Roſtock und Wismar von den Staͤdten Preuſſens zur Verguͤtung des Schadens der Preuſſiſchen Seefahrer gemahnt worden. Die Königin dagegen und Koͤnig Erich von Daͤnemark zeigten ſich jetzt zu allen billigen Forderungen bereit. Den Hanſeſtaͤdten beſtaͤtigte dieſer mit Margaretha's Zuſtimmung alle ihre in den drei nordiſchen Reichen je genoſſenen Freiheiten und Privilegien und ſicherte ihnen allenthalben Schutz zu.) Auch der Handel noch Norwegen, auf deſſen gaͤnz⸗ liche Einſtellung die Preuſſiſchen Staͤdte erſt noch in die⸗ ſem Jahre bei den Übrigen Hanſeaten angetragen, wurde durch Beſtaͤtigung der dortigen Privilegien in Schutz ge⸗ ſtellt.) Alle Klagen der Hanſeſtaͤdte gegen des Koͤniges Unterthanen ſollten auf einem Verhandlungstage ausge⸗ glichen werden und die Streitſache der Koͤnigin wegen der von Preuſſiſchen Friedeſchiffen an ihren Unterthanen auf der See begangenen Uebelthat ward der ſchiedsrich— terlichen Entſcheidung der Staͤdte Hamburg und Stral⸗ fund anheimgeſtellt.) Die Preuſſiſchen Staͤdte wurden aufgefordert, ihren von Daͤnemark aus erlittenen Schaden zu verzeichnen und der Koͤnigin zur Ausgleichung zuzu⸗ 4) Hanf, Receſſ. II. p. 264. 276. 298. 314. III. p. 277. 321, 2) Die Urkunde hierüber, auch Bezug habend auf die Hanſcſtäͤdte Preuſſens, dat. Kopenhagen am Mitwoch nach Bartholom. 1398 in Hanf. Receſſ. IV. p. 117; gedruckt bei Sum T. XIV. p. 644 — 645. 3) Die Beſtätigungsurkunde des Koͤniges Erich, dat. Kopenhagen am S. Johannis⸗Bapt. Tage 1398 in Hanf. Receſſ. IL p. 322. IV. p. 118; gedruckt bei Sm ibid. p. 045 — 646. Die Preuſſ. Städte ſind ebenfalls darin genannt. 4) Hanf. Receſſ. III. p. 345.
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Friedensſchluß mit Dänemark (41390890. 127 ſenden.) Man beſchloß nun auch, die Beihuͤlfe der Koͤnigin zur Vertilgung der Seeraͤuber anzunehmen, doch ohne deshalb mit ihr in ein beſonderes Buͤndniß treten zu wollen. Dieſe Geneigtheit der Königin und ihre offene Er⸗ klaͤrung, alles zu erfüllen und zu bewilligen, was nur irgend billigen Forderungen entſpreche und zum Frieden mit den Hanſeſtädten dienen koͤnne, bewog den Hoch⸗ meiſter, mit ihr zum Beſten ſeines Landes in naͤhere Unterhandlungen zu treten, um die dem Verkehr nach Skandinavien noch entgegenſtehenden Hinderniſſe ſo viel als moͤglich zu beſeitigen. Sie gediehen endlich im Som⸗ mer des Jahres 1399 zu einem Friedensſchluſſe, in wel⸗ chem beſtimmt wurde: es ſoll zwiſchen den drei Reichen Daͤnemark, Norwegen und Schweden und den Landen des Hochmeiſters Preuſſen und Livland Freundſchaft und ein ewiger Friede beſtehen, alſo daß kein Land des andern Aergſtes oder Schaden weder in Krieg und Fehde, noch mit Rath oder That ſuchen ſoll; beginnt ein fremder Fuͤrſt Krieg gegen eins der Lande, ſo ſoll das andere ihm keine Huͤlfe leiſten und bei dem Kampfe ſtille ſitzen. Der Handel ſoll den Einwohnern beider Lande vollig frei und offen ſtehen, wie es von Alters her geweſen; alſo ſollen des Hochmeiſters Unterthanen ihr Gut und ihren Kaufſchatz nach Daͤnemark, Norwegen und Schweden in der Art bringen und dort nach den Privilegien und Frei⸗ heiten verkaufen dürfen, wie König Erich fie eben den Staͤdten der Hanſe beſtaͤtigt hat. Dieſelben Rechte und Freiheiten ſollen auch des Koͤniges Unterthanen in Preuſſen und Livland zuſtehen.) So ſchienen die Mißhelligkeiten — 1) Hanf. Receſſ. II. p. 331. III. p. 340. 2 Hanf. Receſſ. III. p. 348. 3) Schreiben der Königin in Hanf. Receſſ. III. p. 355 — 357. - Die vom HM, ausgeftellte Friedensurkunde, dat. Marienb. am S. Johannis- Tag des Täuf. 1399 iſt in zwei Originalen im geh. Arch.
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128 Verhaͤltniſſe der Hanſeſtaͤdte (1399. zwiſchen Dänemark und den Ordenslanden alle beſeitigt zu ſeyn, denn uͤber minder bedeutende Anforderungen der Städte beider Lande würde man ſich bald völlig verſtaͤn⸗ digt und ausgeglichen haben. Allein um die naͤmliche Zeit warf die Verpfaͤndung Gothlands an den Orden. wie wir bald ſehen werden, wieder neuen Zunder zum Streite zwiſchen die Koͤnigin und den Hochmeiſter. Schon dieſe Verhaͤltniſſe in den nordiſchen Reichen hatten eine beſtaͤndige Verbindung und Gemeinſchaft zwi⸗ ſchen den Hanſeatiſchen Seeſtaͤdten, den Bundesſtaͤdten in Preußen und ſelbſt auch dem Hochmeiſter nothwendig ge⸗ macht. Es war ſeit Konrads Meiſteramte faſt keine wich⸗ tige Tagfahrt zu Lubeck oder in einer andern Bundes⸗ ſtadt vorübergegangen, auf welcher nicht auch Sendboten der Staͤdte Preußens erſchienen waren, um in den Ver⸗ handlungen das Intereſſe ihres Handels zu vertreten oder in politiſchen Verhaͤltniſſen ihre Stimme abzugeben, und Schicbl. 79 nr. 2. u. 3, das eine mit 12 (jest noch 11) Siegeln, das andere mit 17 (jetzt noch 16). In Ruͤckſicht des Inhaltes find beide völlig gleich; doch iſt ohne Zweifel nur das letztere als das ächte Origi⸗ nal anzuſchen, da das erſtere, welches man mit vielen Fehlern bei Kotzebue B. III. S. 326 gedruckt findet, wahrſcheinlich deshalb ver⸗ worfen wurde, um die Namen des Komthurs von Danzig, des Groß⸗ ſchaͤffers von Marienburg und der Magiſtrate von Thorn, Elbing und Danzig in ein neu ausgeſtelltes Document mit aufzunehmen, wie man ſie im zweiten auch findet. So ſteht die Urkunde auch in Hanf. Receſſ. III. p. 359 — 361, wo zugleich auch das vom Könige Erich ausgeſtellte Friedensinſtrument von gleichem Inhalte zu finden iſt; es iſt dat. Kopen⸗ hagen in die s. Egidii 1398. Dieß iſt die urkunde, deren auch De Wal T. IV. p. 160 — 161 nach Pontan. rer. Dan. histor. p. 532 und Kotzebue B. III. S. 326 erwähnt. Es iſt ſomit an der Rich⸗ tigkeit des Datums, 1 Sept. 1398, auf keine Weiſe zu zweifeln; Erich ſtellte ſeine Urkunde ſchon auf der zu Kopenhagen im Auguſt und Sep⸗ tember 1398 gehaltenen Tagfahrt aus, worüber wir in Hanf. Receff. IV. p. 107 — 135 ſo genaue Nachrichten haben, daß kein Zweifel obs walten kann. Wir finden die Urkunde mit dem nämlichen Datum auch gedruckt bei Sym T. XIV. p 648; vgl. auch Reedtz Repertoire historique et chronol. des traites de Dannemarc p. 42 — 43.
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Verhaͤltniſſe der Hanſeſtaͤdte (1398). 129 nicht felten traten fie dort mit entſcheidendem Gewichte auf.) Sie waren es unter andern, die beſtaͤndig dar⸗ auf antrugen, daß die Anordnungen und Unternehmun⸗ gen zur Saͤuberung der See nicht von einzelnen Staͤd⸗ ten, ſondern von ſaͤmmtlichen Gliedern des Bundes aus: geführt werden müßten, wenn der erwünfchte Erfolg er- wartet werden ſollte, die ferner den Vorſchlag mach⸗ ten, Roſtock und Wismar aus der Hanſe zu ſtoßen, wenn fie dem Kaufmanne nicht den Schaden verguͤteten, der ihm durch ihre Schuld zugefügt ſey,“ die es durchzuſetzen ſuchten, daß jede Hanſeſtadt, wenn ſie nicht ſelbſtthaͤtig mitwirken wolle, zur Ausruͤſtung der Friedeſchiffe wenig⸗ ſtens das feſtgeſetzte Pfundgeld entrichte, und deshalb die Stralſunder vor der Hanſe anklagten, als dieſe die Be— zahlung des Pfundgeldes in Preußen verweigerten.“ In den Verhaͤltniſſen des Bundes mit der Königin von Daͤ⸗ nemark, bei der Befreiung des Koͤniges Albrecht von Schweden, bei der Beſetzung Stockholms und bei deſſen Uebergabe an die Königin, in den Unternehmungen der Hanſeſtädte zur Säuberung der See, überall ſpielten die Handelsſtädte Preußens, wie erwähnt, eine der wichtig⸗ ſten Rollen und nie wurde von den übrigen Hanſeaten ein wichtiger Beſchluß gefaßt oder ein wichtiges Unter⸗ nehmen begonnen, ohne das Gutachten der Schweſterſtaͤdte in Preußen eingeholt oder ſich ihrer Zuſtimmung und Mit- huͤlfe zuvor verſichert zu haben. Als z. B. die Hanſe⸗ fiadt Lüneburg von den Herzogen Bernhard und Heinrich von Luͤneburg ſchwer bedraͤngt und ihr Handel durch die Gewaltſchritte dieſer Fürften zu ihrem Verderb gänzlich niedergelegt wurde, wandten ſich die uͤbrigen Hanſeaten 2 1) Val. Sartorius Geſchichte des Hanf. Bundes B. II. S. 69— 70. 2) Dani. Reecſſ. II. p. 225. Sartorius a. a. O. S. 86. 3) Hanſ. Reef. II. p. 254. 4) Ebend. P. 294, VI. 9
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130 Verhaͤltniſſe der Hanſeſtaͤdte (13989. zunaͤchſt an die Staͤdte Preußens und baten dieſe um Huͤlfe oder Vermittlung für die Schweſterſtadt, um ſie vom gaͤnzlichen Untergange zu retten, und die Staͤdte ſagten die letztere durch ihre Sendboten zu. 1) Ihre eigenen Tagfahrten hielten die Staͤdte noch fort und fort meiſt zu Marienburg, zuweilen auch in Danzig, Thorn und Stuhm theils zu Verhandlungen über wichtige Handelsverhaͤltniſſe des Auslandes, theils zu Be⸗ rathungen über ihre Sendungen an die Hanſeſtaͤdte, theils über die innern Handelsangelegenheiten des Landes, als über Geſetz und Ordnung im Binnenhandel, über die Ko— ſten gemeinſamer Unternehmungen u. dgl. Kulm aber, die alte Hauptſtadt des Landes, ſcheint, wenn gleich aus dem Verein der Hanſeſtaͤdte noch nicht ausgeſchieden, in ihrem Handelsleben ſchon ſehr geſunken geweſen zu ſeyn, denn wenn ſie an den Verhaͤltniſſen der Hanſeſtaͤdte hie und da auch noch theilnehmend auftritt, ſo ſendet ſie ihre Sendboten doch nur ſelten zu den gewoͤhnlichen Tagfahr⸗ ten,“ auf welchen Thorn, Elbing und Danzig immer die Hauptrolle ſpielten, Koͤnigsberg dagegen und Brauns⸗ berg mehr nur den zweiten Rang einnahmen, weshalb auch gewoͤhnlich auf den Hanſetagen zu Luͤbeck, Hamburg u. a. meiſt nur Sendboten der erſtern Staͤdte erſchienen. Sie bildeten gewiſſermaßen den Vorſtand der übrigen Staͤdte und wurden ſelbſt vom Hochmeiſter mitunter als ſolcher betrachtet, obgleich die andern Städte zu allen Leiſtungen und Ausgaben verpflichtet waren, welche ihre Verhaͤltniſſe im Hanſebunde mit ſich brachten. 4) Hanf. Receſſ. III. p. 209. 278. 2) Von der ausgedehnten Schifffahrt Kulms, wie ſie Fiſcher B. II. S. 162 darſtellt, läßt ſich für dieſe Zeit kein Beweis liefern. 3) So geſchah es z. B. auf beſonderes Begehren des HM., daß Thorn, Danzig und Elbing das Friedensinſtrument mit Dänemark ber ſiegelten; Hanſ. Receff. III. p. 384. 242. ) Hanf, Receſſ. III. p. 384.
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Handelsverhaͤltniſſe mit Flandern (1399. 131 Was die Handelsverhaͤltniſſe zwiſchen Preußen und Flandern betrifft, fo war, wie früher erwähnt, ſeit dem Jahre 1392 der Verkehr beider Länder nach langem Stocken wieder mehr in Gang gekommen und es wurden ſchon im naͤchſten Jahre bedeutende Ladungen von Oel, Reis, Mandeln, Salz, Kuͤmmel u. ſ. w. aus dem Hafen Swen nach Preußen geſandt. Beſonders aber war im Tuchhandel ein ſehr reger Betrieb, da nicht nur der Or⸗ den für ſeine Ritter, ſondern auch die Handelsſtaͤdte fuͤr den reicheren Buͤrger immer ſehr anſehnliche Ladungen Hollaͤndiſcher Tücher kommen liegen. ? Um fo nothwen⸗ diger wurden daher jetzt auch die fruͤher ſchon erwaͤhnten Verordnungen, wodurch den Verfaͤlſchungen und Betruͤge— reien im Tuchhandel mit den Niederlanden geſteuert wer⸗ den ſollte. Wenn indeß die in Flandern fuͤr Preußens Städte neuerworbenen Privilegien ® den Verkehr auch wies der mehr belebten, fo ließen ihn doch auch hier mancher lei Hinderniſſe und Gebrechen der Zeit nicht zu rechter Bluͤthe kommen. Das leidige Seeraͤuberweſen druckte auch hier das Handelsleben ſtark darnieder; die Kauffahrtei⸗ ſchiffe konnten auch aus aus Flandern immer nur in Flot⸗ ten und zu beſtimmten Zeiten nach Preußen ſegeln und wegen der großen Gefahren mußte auch dem Kaufmanne in Flandern die Fahrt durch den Oreſund verboten wer— den.) Es traten ferner, ungeachtet der feſtgeſetzten Han⸗ delsfreiheiten, von Zeit zu Zeit doch immer wieder ein⸗ 1) Hanf. Neceſſ. III. p. 127. 2) Ebend. p. 156. II. p. 213. 3) Vgl. oben B. V. S. 650. Anmerk. 2. 4) Genauer find diefe Privilegien nicht angegeben; die Bevollmaͤch⸗ tigten der Preuß. Städte in Marienburg ſchrieben aber nach Lubeck: Wi bidden dat gi de Privilegie der Vlaminge, de wy hebben ſolen thu unſeme drüddendele in juwer bewaringhe beholden willet alzo lange, dat wy ze mit juwme Rade und huͤlpe makſam thu lande moghen bringen. Hanf. Receſſ. 11. p. 137. 5) Hanf. Rcceſſ. I. p. 214. III. p. 158. 176. 9 *
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132 Handelsverhaͤltniſſe mit Flandern (1398). zelne Mißhelligkeiten zwiſchen den Handelsſtaͤdten ein, denn bald beſchwerten ſich die Staͤdte Preußens in Amſterdam wegen geſetzwidriger Erhebung des Pfundgeldes von ihren Schiffen oder die Hanfeftädte ſtraͤubten ſich, die in Flan⸗ dern auf den Wein gelegte Acciſe zu entrichten, bald mußten die Alterleute von Brügge die Danziger auffor⸗ dern, in Beſchlag genommenes Kaufmannsgut wieder frei zu geben.) Seit dem Jahre 1398 aber geſtalteten ſich die Verhaͤltniſſe noch weit unguͤnſtiger, fo daß faſt aller Verkehr mit Holland und Flandern darniederlag. Es hatte ſich ſeitdem aus der Sſtſee ein fo bedeutender Schwarm von Seeraͤubern nach der Nordſee, insbeſondere in die Gegend zwiſchen Flandern und England gewendet, daß kein Kauffahrteiſchiff ohne die groͤßte Gefahr dort mehr auslaufen konnte und die Staͤdte Gent, Ypern und Bruͤgge ſich mit der dringendſten Bitte an die Staͤdte in Preußen und durch dieſe an die uͤbrigen Hanſeaten wand⸗ ten, ihnen zur Vertilgung und Vertreibung der Raub⸗ ſchaaren mit moͤglichſter Macht zu Hülfe zu kommen, wenn nicht fir immer alle Handelsgemeinſchaft aufgege⸗ ben werden ſolle, da bisher die Seegegend von Flandern immer noch als ein Aſyl fuͤr die Handelsſchiffe der Welt gegolten habe. Man beſchloß vorerſt auf einer Tag⸗ fahrt zu Luͤbeck, die Schifffahrt nach Flandern und ins⸗ beſondere nach dem Hafen Swen gaͤnzlich zu unterſagen und der Hochmeiſter ward von dort aus gleichfalls er⸗ ſucht, auf ſein Verbot der Schifffahrt durch den Sund 1) Hanf. Receſſ. II. p. 236. 263. III. p. 222. 2) Es heißt im Schreiben der oben genannten Städte: Qui pirate, de malis in mari septentrionali et orientali peractis non con- tenti ad occidentis plagas, inter seilicet Flandriam et Angliam et circa limites iurisdietionis Flandrie, qui asylum et refugium mercatorum locusque paris per mundum universum dieti et pro- mulgati, se noviseime transtulerunt, ibidem predas varias mala- que multa exercentes eto. Hanf, Receſſ. II. p. 318. Vgl. daruͤber das Schreiben der Hanfeftädte bei Salım I. XIV. p. 650,
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Handelsverhaͤltniſſe'mit Flandern (4989. 133 nach Swen und Holland forthin ſtreng zu halten.) Der Grund davon war, daß die Hanſeſtaͤdte über neue Ver⸗ letzung ihrer Privilegien in Flandern zu klagen hatten und ſich an den Herzog von Burgund um Abſtellung der bes gangenen Ungerechtigkeiten wenden mußten.) Um jedoch von Preußen aus nicht alle Gemeinſchaft mit Flandern aufzuheben, ward mit Zuſtimmung des Hochmeiſters auf einem Tage zu Marienburg verordnet, daß forthin kein Schiffherr und Kaufmann nach Flandern anders als in Verbindung mit einer durch Friedeſchiffe begleiteten Flotte ſegeln und Engliſches Kaufgut ebenfalls nur auf dieſe Weiſe nach Flandern gebracht werden ſolle.“ Man ver: einigte ſich mit dem Kaufmanne in Flandern, beſonders in Brügge, daß auch dort dieſe Anordnung beobachtet werden ſollte.) Sie war aber, wie es ſcheint, vorzuͤg⸗ lich deshalb für nothwendig erachtet worden, weil man in Erfahrung gebracht hatte, daß Kaufleute aus andern Laͤn⸗ dern die Hemmung des Handels von Preußen aus benutzten, um zum Abſatze ihrer Güter Handelsverbindungen in Flan⸗ dern anzuknüpfen. So hatten z. B. die Nürnberger die Gelegenheit benutzt, ſtatt des ſonſt aus Preußen in Flandern eingeführten Kupfers dieſen Handelsartikel dorthin zu Markt zu bringen, weshalb die Preußiſchen Staͤdte darauf antru⸗ gen, daß dieſer Verkehr forthin unterbleibe und den Nuͤrn⸗ bergern uͤberhaupt die ferne Schifffahrt unterfagt werde. Kaum indeſſen kam dieſer Verkehr mit Holland und Flandern wieder zu einigem Leben, ſo traten bald von neuem die alten Mißverhaͤltniſſe hindernd ein. Es wurde in Amſterdam Preußiſchen Kaufleuten ihre Waare weggenommen, Preußi⸗ 1) Hanf. Receſſ. IV. p. 90 — 97. 2) Ebend. p. 99. 3) Hanf, Receſſ. II. p. 323. III. p. 332. 4) Hanf, Receſſ. III. Pp. 334. 5) Schreiben an die Nürnberger in Hanf. Receſſ. II. p. 349. IN. p. 382.
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134 Handelsverh. mit Flandern. Vernſteinhandel (1398). ſche Schiffe auf der See durch Holländer aufgefangen und ihrer Ladung beraubt, und dann zur Vergeltung Kaufwaa⸗ ren Amſterdamer Handelsleute in Preußen mit Beſchlag bes legt; nur durch das freundliche Einverſtaͤndniß des Hoch⸗ meiſters mit dem Herzoge Albrecht, Grafen von Hennegau und Holland konnten dieſe und aͤhnliche Irrungen leicht wie⸗ der ausgeglichen werden, weil beide nichts mehr wünfchten, als den friedlichen Verkehr ihrer beiderſeitigen Laͤnder nach allen Kraͤften aufrecht zu erhalten.) Man war daher auch beiderſeits immer bemüht, ſolchen Mißhelligkeiten durch Ver⸗ ſicherung der alten Handelsrechte und Feſtſtellung neuer Han⸗ delsgeſetze ſo viel moͤglich vorzubeugen, wozu auch die Staͤdte Preußens und die uͤbrigen Hanſeaten gerne ihre Hand boten. Bei allen dieſen Unterbrechungen des Verkehres mit Flandern blieb der fortdauernde Bernſteinhandel gewiſſerma⸗ ßen das Band, welches nie eine voͤllige Trennung beider Länder zuließ; denn da der frühere Abſatz dieſes weit- und vielgeſuchten Naturerzeugniſſes in Lemberg an die dorthin kommenden Armenier gegen Ende dieſes Jahrhunderts gaͤnz⸗ lich aufgehört zu haben ſcheint, 9 fo lag es ſchon an ſich im 1) Hanf. Receſſ. II. p. 334. III. p. 368; vgl. das Schreiben des HM. an Herzog Albrecht von Baiern, Grafen von Hennegau und Hol⸗ land, dat. Dienſt. nach Katharina 1398 im Regiſtr. p. 95, wo der HM. ſagt: Wir doryne anſehen die liebe und fruͤntſchaft, die wir under enander bysher gehat haben und euwer herlichkeit underſaſſen guͤnnen, abe und czu czu czihende und czu kowfſlagen in unſern landen als ſie bysher gethon haben, wand ſie von beyderſiet byeher die euwern in un⸗ ſerm lande und die unſern in euwerm lande feilich geweſen ſint und anders nicht under In denn mynne und fruͤntſchaft geweſt iſt. 2) Hanf. Receſſ. II. p. 354. III. p. 385. 388. 3) Den Beweis darüber liefern die Rechnungsbuͤcher des Großſchäf⸗ fers von Königeberg, wo vom J. 1404 bis 1411 vom Verkehr mit Lemberg keine Spur mehr iſt, vielmehr nur die alten ſtehenden Schuld⸗ reſte noch aufgezeichnet und im J. 1411 die dortigen Bernfteinvorräthe als immer noch unverkauft aufgeführt find, wie fie ſchon im J. 1404 als dort liegend angegeben werden. Nur ein Armenier Ywan der Große
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Bernſteinhandel (1398). 135 Intereſſe des Ordens, die Verbindung mit Flandern, wohin außer Lübeck um dieſe Zeit der Bernſtein in größter Maſſe ging, beſtaͤndig fo viel möglich zu unterhalten. Es wurden von Jahr zu Jahr ſehr anſehnliche Ladungen vorzüglich nach Brügge verſandt; doch auch dieſen Handel ſtoͤrten mitun⸗ ter die erwaͤhnten Schwierigkeiten und Hinderniſſe, denn bald nahmen die Wismarer dem Großſchaͤffer von Koͤnigs⸗ berg die in Brügge für den Bernſtein eingekauften Tuche und andere Waaren weg, bald wieder fingen Seeraͤuber die Ladungen auf und brachten fie nach Friesland.) Ueber⸗ dieß traten nicht ſelten auch andere Mißghelligkeiten ein. So legten im Jahre 1398 der Rath von Bruͤgge und der Herzog Philipp von Burgund, mit dem uͤbrigens der Hochmeiſter immer in dem freundlichſten Verhaͤltniſſe ſtand, dieſem eine ſchwere Klage des Paternoſter-Ge— werkes in Brügge gegen den Großſchaͤffer über den ihm zugeſandten Bernſtein vor. Man klagte naͤmlich, daß ſonſt die beiden Großſchaͤffer des Ordens den guten Bern— ſtein, nach feiner Größe oder Kleinheit entweder Pfennig ſtein oder Werkſtein genannt, immer ganz rein von dem ſchmutzigen und ſcabioͤſen, den man Schlugk oder Fernis heiße und auch im Preiſe von jenem ſehr unterſcheide, geſandt haͤtten; jetzt hingegen werde in die beiden beſſe— ren Gattungen ungemein viel Schlugk eingemengt, den man als unbrauchbar auswerfen und dennoch als guten hatte unterdeſſen feine 20 Stein Fernis mit 15 Mark bezahlt. Dimiter, ein anderer Armenier, war dagegen vom J. 1399 her ſeine 6 Schock Groſchen im J. 1411 noch ſchuldig. 1) Nechnungsbuch des Großſchäffers von Königsberg. Obige Vers luſte fallen in die J. 1394 — 1396. 2 So fandte der HM. im J. 1395 feinen Großſchaͤffer an den Herzog mit einem Geſchenk zum Andenken, wie der HM. ſagt: Memo- riale quoddam exiguum precio, expressivum tamen aliqualiter nostri affectus, videlicet quoddam tentorium cum suis pertinen- eiis pro expeditionibus exercitus et ad campos valde aptum, opere pruthenicali contextum et perfectum. Regiſtr. p. 21.
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136 Bernſteinhandel (1398). Stein bezahlen muͤſſe; ebenſo werde in den Pfennigſtein mißbraͤuchlich fo viel kleiner Stein eingemiſcht, daß man ihn wohl eher kleinen Stein oder Werkſtein nennen muͤſſe; die Gewerkmeiſter aber müßten ihn als großen annehmen und ſtatt eines Denars mehr als drei dafür bezahlen. !) Auch in der Bezahlung zeige ſich der Großſchaͤffer zuwei⸗ len ſchwierig und hart;? weigere ſich das Gewerk, je⸗ nen ſo ſtark gemiſchten Bernſtein anzunehmen, ſo laſſe jener ſich den Stein zuruͤckbringen, das Gewerk bleibe ohne Arbeit, und muͤſſe ſich gewoͤhnlich doch zur Annahme des Steines verſtehen, wee man ihn ſchicke. Der Herzog bat daher den Hochmeiſter, dieſe und mehre andere Miß— brauche im Bernſteinhandel abzuſtellen, ) und der letztere, dem auch ſchon aͤhnliche Klagen aus Luͤbeck zugekommen waren, verſaͤumte nicht, den Sroßſchaͤffer darüber zur Rede zu ſtellen und ihm die noͤthigen Weiſungen zur Ab— ſtellung der angebrachten Klagen zu geben.“ Im naͤch— ſten Jahre begab ſich dann der Großſchaͤffer ſelbſt nach Luͤbeck und Bruͤgge, um dort mit den Paternoſter-Gewerken 1) Auch klagte man, daß nicht mehr nach alter Gewohnheit der große Stein in gehoͤrigem Verhältniffe zum kleinen geliefert werde. 2) Wir erfahren hiebei, daß viele Vernſteinarbeiter von Bruͤgge nach Frankreich gingen, denn der Herzog ſagt: ut verum fateamur, cursus merchanciarum causantibus guerris in Francia et alibi regnantibus adeo diminutus est, ut prohdolor vix aliquis promissa circa solutiones facta valeat strietissime adimplere. 3) Schreiben des Herzogs von Burgund, dat. in villa nostra Brugensi die VII mensis Januar. (ohne Jahr, aber ſicher ins J. 1398 gehörig) im geh. Arch. Für die ſpeciellere Geſchichte des Bern⸗ ſteinhandels bietet es noch manche wichtige Bemerkung dar. 4) Schreiben des HM. an den Buͤrgermeiſter und die Schoppen der Stadr Brügge, dat Marienb. Dienſt. vor Palmar: 1398 im Regiſtr. p. 75, als Antwort auf ihre Bitte, „das der Bornſtein, den ſie hie im lande kouffen, gebeſſert worde und das wir (der HM.) dem Groß⸗ ſcheffer von koningberg befulen, das her denſelben uͤwdern mitteborgeren den Bornſtein in lidelichin kouffe verkoufte, uff das fie ſyn deſte bas mochten zeukomen.
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Handelsverhältn. mit England (13980. 137 die noͤthigen Verabredungen uͤber Preis und Beſchaffen⸗ heit der Zuſendungen zu treffen und daruͤber Vertraͤge ab⸗ zuſchließen, ſo daß von dem an der Bernſteinhandel wieder feinen ungeflörten Fortgang erhielt. N Was den Handel mit England betrifft, ſo wieder⸗ holten ſich hier auch jetzt noch faſt alle Uebel und Miß⸗ verhältniffe der früberen Zeit, weil die uns hinlaͤnglich bekannten Urſachen der Handelsſtoͤrungen immer noch gleich⸗ mäßig fortdauerten. 9) Wenn gleich daher der Hochmei⸗ ſter mit König Richard dem Zweiten auch in den freund⸗ lichſten Verhaͤltniſſen fand, fo hatte doch dieſes auf den Stand des Handels im Ganzen immer nur wenig Einfluß. Die alten Klagen uͤber Schmaͤlerung der Han⸗ delsfreiheiten und beſonders uͤber die hohen Handelsabga⸗ ben in England, waren von Seiten der Hanſeaten ſchon im Jahre 1394 von neuem wiederholt worden, denn dieſe letzteren widerſtritten allen Freiheiten, die dem frem⸗ den Kaufmanne dort ſchon laͤngſt zugeſichert waren. Man hatte beim Koͤnige, beim Parlamente und bei der Stadt London um Abſtellung der Beſchwerden gebeten; allein nirgends war die Sache mit dem noͤthigen Ernſte aufge⸗ nommen worden. Nirgends war man aber bei Belei⸗ digungen, die man von den Englaͤndern erlitt, empfind⸗ licher und zu firengen Repreſſalien geneigter, als in Preu⸗ ßen, weil man hier wohl wußte, daß den Englaͤndern ſelbſt der Verkehr mit Preußen mit der allerwichtigſte 1) Rechnungsbuch des Großſchaͤffers, wo die Preiſe für jede Gat⸗ tung angegeben find, über die er mit den Gewerken zu Brügge und Luͤbeck bei ſeiner Anweſenheit uͤbereingekommen ſey. 2) ueber die weſentlichſten urſachen der Handelsſtörungen in Eng⸗ land vgl. Sartorius Geſch. d. Hanſ. Bundes B. II. S. 581 ff. 3) Wie ein Schreiben des HM. an den König von England und den Herzog von Lancaſter vom J. 1394 ausweiſet; f. oben S. 6 Anz merkung 1. 4) Hanſ. Receſſ. III. p. 197. Schreiben an den König von Eng⸗ land Hanf. Receſſ. II. p. 223. Vgl. Sartorius a. a. O. S. 589.
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138 Handelsverhaͤltniſſe mit England (1398). war.) Es wurden daher die ſtrengen Verordnungen im Handel mit Engliſchem Tuch im Lande nicht nur mit allem Nachdrucke aufrecht erhalten und nicht ſelten die Waaren Engliſcher Kaufleute mit Beſchlag bekegt,“ ſon⸗ dern man ging bald auch in mehren Berathungen auf den Hanſetagen zu Marienburg damit um, den Englaͤn⸗ dern ihre Handelsrechte in Preußen noch mehr zu be⸗ ſchraͤnken, ſofern der Preußiſche Kaufmann in England ihnen hierin nicht gleich geſtellt werde,“ und zwar dieſes um ſo mehr, weil man im Handel der Englaͤnder nach Preußen unter den obwaltenden Verhaͤltniſſen mehr Scha⸗ den und Verderben als Nutzen fuͤr das Land erkannte, zumal in Betreff des Tuchhandels. Wie die Hanſe⸗ ſtädte auf ihren Tagfahrten zu Luͤbeck für ihr Geſammt⸗ Intereſſe bald dieſe bald jene Maaßregel in Berathung zogen, um die Hinderniſſe im Verkehr mit England hin wegzuraͤumen, ſo wurde auch von den Staͤdten Preußens auf ihren beſondern Tagen zu Marienburg fuͤr das eigene Intereſſe ihres Handels in jenem Lande bald der eine bald der andere Vorſchlag beſprochen und berathen, und ziemlich allgemein ſprach ſich immer die Meinung aus, es ſey am rathſamſten, die Englaͤnder in Preußen mit eben ſo hohen, die Privilegien uͤberſchreitenden Abgaben zu belaſten, wie es in England an den Fremdlingen ges ſchehe, keinen mehr als Bürger aufzunehmen oder irgend einem eine Wohnung zu geſtatten u. fe w.“ Und zu folgen Maaßregeln war man um fo geneigter, da in al⸗ len Hanfeftästen die allgemeine Klage ging, daß die Eng⸗ 1) Sartorius a. a. O. S. 596. 2) Hanf. Neceſſ. II. p. 226. 245. 249. III. p. 241. 244, 3) Hanf. Receſſ. III. p. 277; es heißt: Ouch haben die ſtete ge⸗ ret von den Engelſchen, das ſi ſo vil rechts haben in deme lande und wir dort nicht, das ſal yderman mit ſyme Rate reden. 4) Hanf. Reeefj. II. p. 276. 5) Sartorius a. a. O. S. 595. Hanf. Receſſ. III. p. 278.
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Handelsverhäftniffe mit England (1399. 139 länder mit ihren Tuchwaaren alle Länder zu offenbarem Schaden und Verderb des gemeinen Kaufmannes über: füllten.) Der Hochmeiſter indeſſen nahm lange Zeit Anſtand in dieſe Maaßregeln des Zwanges einzuwilligen; er ſah in ihnen kein Heil für ſein Land und bewog des⸗ halb die Staͤdte, den Erfolg ſeiner aufs neue mit dem Koͤnige von England angeknuͤpften Unterhandlungen abzu⸗ warten.) Da dieſe jedoch fruchtlos blieben, ſo ſchritt man zu gewaltſameren Mitteln; man nahm in Danzig und Elbing den Englaͤndern ihre Tuchvorraͤthe weg, legte Beſchlag auf fie, verkaufte einen Theil Öffentlich zu ges meinem Nutzen der Städte ? und um dieſes Verfahren zu rechtfertigen, fandte man neue Klagen nach England, vor allem daß der früher geſchloſſene Vertrag von Seiten der Engländer nicht mehr aufrecht erhalten werde. Der Hochmeiſter trug auch ſelbſt dem Koͤnige von neuem die Beſchwerden feiner Städte vor;“ indeſſen da dieſes Schrei⸗ ben den Staͤdten ſchon darum nicht genuͤgte, weil es nur an die früheren Verträge erinnerte und bloß die Bitte 1) Im Receſſe einer Tagfahrt zu Luͤbeck 1396 heißt es: Dat en Islik in ſonem Rade darumme ſpreken ſcholde, wo men dar wyſe to vinden konde, dat de unwonlike koſtume de Engelſchen aff qweme und ſunderghen dat fe handelden en Islik in ſinem Rade, afft it nicht ene wyſe wer, dat me hir to lande alſo groten Koſtume wedder upp de Engelſchen ſettede edder noch ſo grot und ſunderghe darumme to ſpre⸗ kende von deme, dat ſe alle lande mit erem wande vorvallen, dat de menen Kopmanne to grotem Vorfange kumpt, ſo is dar wol geramet in wat Stad ſe komen, dat dar nen gaſt en affkopen ſchole, ſunder de borgher edder dat me gans vorbode, dat nen Kopman ut der Henze von den Engelſchen want kopen ſcholde buten Engeland und dyt hefft en SEE to ſonem Nade getoghen. Hanf. Receſſ. IV. p. 75. Sarto⸗ ius a. a. O. 2) Hanſ. Receſſ. II. p. 283. III. p. 302. 3) Hanf. Receſſ. II. p. 201. 294. III. p. 314. 317. 9) Hanf. Receſſ. III. p. 314. i 50 Schreiben des HM. an den König v. England, dat. Marienb. Feria quinta post Fest. Urbani 1397 im Regiſtr. p. 55.
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140 Handelsverhaͤltn. mit England (1393). um Aufrechthaltung der alten Freiheiten enthielt, ohne mit dem noͤthigen Ernſte und Nachdruck der neueren Verhaͤlt⸗ niffe zu erwähnen, ) fo griff man zu noch nachdruͤckliche⸗ ren Mitteln; es ward auf einer Tagfahrt zu Danzig im Jahre 1397 der Beſchluß gefaßt: Es ſolle forthin kein Kaufmann aus der Hanſe außerhalb England Tuch mehr kaufen, ſondern nur in England ſelbſt, und auf einer an⸗ dern Tagfahrt ward hald darauf fuͤr gut befunden, den Englaͤndern überhaupt den fruͤhern Vertrag foͤrmlich aufs zufündigen, ihnen zwar zu erlauben, ihre noch vorraͤthi⸗ gen Kaufguͤter unter ſicherem Geleite nach Flandern brin⸗ gen zu duͤrfen, dann aber Maaßregeln zu ergreifen, die noch etwa im Lande vorgefundenen Engliſchen Kaufwaa⸗ ren los zu werden.“ Jetzt kamen zwar bevollmaͤchtigte Sendboten des Koͤniges Richard beim Hochmeiſter an, ba= ten um Gehoͤr fuͤr die Engliſchen Kaufleute in Preußen in ihren Klagen über perſoͤnliche Verfolgungen und Bes eintraͤchtigung an ihren Guͤtern, erklaͤrten, daß forthin die Unterthanen des Meiſters in jedem Hafen Englands einlaufen, dort Handel treiben und alles einkaufen koͤnn⸗ ten, wie die Englaͤnder in Preußen, verſicherten auch, daß ſie ſich aller ihrer alten Rechte und Freiheiten dort zu erfreuen haben ſollten; allein fie forderten daneben nicht al= lein die Freigabe und Verguͤtung aller mit Beſchlag be: legten Güter und einen fo bedeutenden Schadenerſatz für die Engländer, ſondern erboten ſich auch fo wenig zu einer aͤhnlichen Entſchaͤdigung fuͤr die Verluſte der Kauf⸗ leute aus Preußen, daß auch dieſer Verſuch der Aus- gleichung fehl ſchlug, und da nun ein abermaliges Vor⸗ 1) Hanf, Receſſ. II. p. 296. III. p. 319. 2 Hanf, Receſſ. II. p. 208. 308. III. p. 329. 332. 346. Fiſcher B. II. S. 206. 3) Die Urkunde hieruͤber im geh. Arch. Schiebl. 83. nr. 6 zwei⸗ mal, und deutſch Schiebl. XXXII. nr. 109; fie iſt ohne Datum, ges hört aber offenbar in dieſe Jahre; fie beginnt mit den Worten: Vestre magnificeneie proponunt, declarant, verificant et petunt Nuncii
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Handelsverh. mit England u. Rußland (1399). 141 ſtellen des Hochmeiſters an den König ebenfalls erfolglos blieb und die wiederholte Bitte um Aufrechthaltung des Vertrages nicht beachtet wurde, ſo entſchloß ſich auch der Meiſter endlich im Jahre 1398, dem Koͤnige den Ver⸗ trag aufzukündigen und die Handelsverbindung zwiſchen England und Preußen nach Verlauf eines Jahres, binnen welchem die Unterthanen aus beiden Laͤndern ihre Kauf⸗ waaren zurückbringen ſollten, völlig aufzuheben.) Man trug alsdann von Seiten der Preußiſchen Staͤdte auch bei den Hanſeſtaͤdten auf entſprechende Maaßregeln und namentlich auf ein ſtrenges Verbot gegen die Einfuhr Eng⸗ liſcher Tucher an, fo daß ſeitdem der Verkehr zwiſchen England und Preußen auf einige Jahre faſt ganz auf⸗ hoͤrte. Der Handel zwiſchen Preuſſen, Rußland und Polen konnte unter den obwaltenden unfriedlichen Verhaͤltniſſen dieſer Länder auch jetzt noch zu keinem regen Leben ge⸗ deihen. Zwar hatten die Hanſeſtaͤdte, wie wir früher ſahen, den Bundesſchweſtern in Preuſſen völlig gleiche Rechte und Freiheiten im Handel nach Novgorod endlich zugeſtanden; “ indeſſen ſcheinen dieſe doch noch im Jahre 1394 keine voͤllige Sicherheit in der Zuſage gehabt zu speciales seu Ambassiatores missi per serenissimum principem et Regem Ricardum, dei gracia Regem Anglie et Francie nego- cia infrascripta. Als Schadenerſatz verlangten die Engländer 4000 Pfd. Sterl. 1) Dieſer Abſagebrief des HM. an den König, dat. Marienb. kathedra Petri 1398 im Regiſtr. p. 74 und in Hanf, Receſſ. II. p. 310 — 311. unter der Ucberſchrift: The letters of Conradus de lungingen, Master generall of Prussia, written unto Richard the second, king of England, in the yeere 1398, for the re- nouneing of a league and composition concluded betweene Eng- land and Prussia, in regard of manifold iniuries offered unto the Prussians ſteht der Brief in Hakluyt Collection of voyages T. I. p. 153. 2) Hanf. Receſſ. III. p. 381. 3) S. oben B. V. S. 657.
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142 Handelsverhältniffe mit Rußland (1398). haben, denn ſie ließen in dieſer Zeit auf einer Tagfahrt durch ihre Bevollmächtigten an die Übrigen Hanſeſtäͤdte noch die Anfrage richten, ob fie wirklich im Handelstechte nach Novgorod „gleich frei und maͤchtig ſeyn ſollten wie ſie, d. h. ob ihre Freiheit im Rechte ſich auch darauf beziehe, daß alles, was dort ordinirt, geboten und ver⸗ boten werden ſolle, auch mit ihrem Beirathe geſchehe und keine Satzung für fie ohne ihr Beiſeyn und ihre Zuſtim⸗ mung erfolgen dürfe.“ Ueber dieſe Auslegung des Zuges ſtaͤndniſſes indeß mochten die in Luͤbeck verſammelten Be— vollmaͤchtigten ohne Einwilligung der übrigen und beſon⸗ ders des Kaufmannes auf Gothland keine weitere Erflä- rung geben und man verſprach vorerſt nur, die Meinung der uͤbrigen Hanſeſtaͤdte daruber einzuholen.) Die Er: eigniſſe auf Gothland aber und die unruhigen Verhaͤlt— niſſe in Novgorod ſelbſt ſcheinen die weitern Verhandlun⸗ gen hieruͤber unterbrochen zu haben. Die Unſicherheit der See, als die Schwaͤrme der Vitalienbruͤder ſich zum Theil nach Oſten hin an die Kuͤſten von Livland und Rußland wandten, mag wohl auch ohnedieß die Handels verbindung mit dieſem Lande ſehr erſchwert und oft gänzlich aufgeho⸗ ben haben. Es war vielleicht eine Folge der Unterbre⸗ chung des Verkehres in Novgorod mit den Hanſeaten, daß im Jahre 1398 die Ruſſen anfingen, ſich jetzt ſelbſt auf das Meer zu wagen und ihre Landeserzeugniſſe den Hanſeaten zuzufuͤhren. In Livland jedoch ſah man die⸗ ſes als ſehr bedenklich an, ſo daß die Bevollmaͤchtigten der Livlaͤndiſchen Staͤdte denen in Preußen bemerklich machten: es ſey von ſolcher Neuerung für den Kaufmann fürwahr unvermeidlicher Schaden zu befuͤrchten;? man 1) Die Verhandlungen daruͤber in Hanf. Receſſ. II. p. 224. III. p. 199 — 200. 2) Es heißt im Receſſe: Wy vornemen wol dat de Ruſen beginen mit erer kopenſchop tor Zce to varen; dat doch ny eer geweſen is, dar⸗ von wy bevurchten deme kopmanne unvorwinliken ſchaden to nemen um⸗ me Invalles willen, de den Rufen underweges unſtan mochte.
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Handelsverhaͤltniſſe mit Rußland und Polen (1399). 143 bitte daher, die Sache mit dem Hochmeiſter zu berathen und ihn zu erſuchen, daß er den Ruſſen die Ein = und Ausfahrt in den Häfen Preußens verbiete, wie in Livland gleichfalls geſchehen ſolle, um dem Kaufmanne große Ver⸗ luſte zu erſparen. Jus ſuͤdliche Rußland hatte ſchon wegen der großen Ausdehnung der Herrſchaft Witowds und bei der vieljährigen feindlichen Stellung dieſes Fürften gegen den Orden viele Jahre hindurch ein Handelsverkehr von Preußen aus kaum Statt finden koͤnnen und es findet ſich lange Zeit auch wirklich keine Spur irgend einer kauf⸗ maͤnniſchen Verbindung mit jenen Gegenden. Erſt der jungſte Vertrag mit Witowd hatte auch den Handel in den beiderſeitigen Landen unter den Schutz der Fuͤrſten geſtellt und fomit eine regere Handelsgemeinſchaft eingeleitet. Auch der Verkehr nach Polen hatte unter den bisheris gen Verhältniffen ſich kaum in einigem Leben erhalten koͤn— nen und ohne Zweifel war dadurch auch der Bernſteinhandel nach Lemberg gaͤnzlich unterdruͤckt worden. Erſt ſeit dem Jahre 1398, als die Königin Hedwig freundlichere Unter: handlungen mit dem Orden begann, kamen auch die Han⸗ delsverhaͤltniſſe beider Länder wieder mehr zur Sprache. Den Handelsweg nach Krakau belebten auch wieder Kauffah⸗ rer aus Preußen. Der Hochmeiſter beſchwerte ſich jedoch bei der Koͤnigin, daß man die Preußiſchen Kaufleute in Kra⸗ kau nach den Stadtgeſetzen zwinge, ihre Kaufguͤter in die Niederlage zu bringen und ſie an keinen auswärtigen Kauf⸗ mann, ſondern nur an die Buͤrger der Stadt zu verkaufen, wobei fie großen Eintrag in Ruͤckſicht der rechtmaͤßigen Preiſe erlitten; weshalb der Meiſter die Koͤnigin erſuchte, dieſe Zwangsgeſetze der Stadt zum Beſten des Kauſmannes aufzu- 1) Das Schreiben der Nuncii consulares eivitatum Livonie in dato preseneium ad placita congregati, dat. Riga Sonntag vor Thoma 1398 in Hanf. Receſſ. III. p. 350. 2) S. die urk, bei Baczko B. II. S. 391.
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144 Handelsverhaͤltniſſe mit Polen (1398). heben.) Es war dieſes von um ſo groͤßerer Wichtigkeit, weil über Krakau der Handelsweg ins ſuͤdliche Rußland und nach Ungern ging und aus dem letztern Lande der Preußiſche Kaufmann beſonders aus Thorn ſtarke Ladungen von Ku⸗ pfer fuͤr den Abſatz feiner dorthin gebrachten Tuchwaaren nach Preußen einbrachte, um ſie dann weiter nach Flandern zu verfahren, wo das Kupfer einer der wichtigſten Handelsge⸗ genſtaͤnde der Preußiſchen Kaufleute war; und da der Hoch— meiſter den Unterthanen der Königin erlaubt hatte, völlig frei und ohne alle neue Abgaben das Ordensgebiet bis an die See zu durchziehen, ſo glaubte er um ſo mehr eine gleiche Behandlung ſeiner Unterthanen auch in Polen erwarten und ſelbſt fordern zu dürfen. 9 Allein bei den ſchon im naͤchſten Jahre eintretenden Veraͤnderungen in Polen ſcheinen des Meiſters Bemuͤhungen von keinem weitern Erfolge geweſen zu ſeyn. Waͤhrend aber in ſolcher Weiſe der Handel mit dem Auslande überall vielfachen Hemmungen und Störungen un: terworfen war, welche der Hochmeiſter allein ſeiner Seits nicht immer beſeitigen konnte, weil ſie bald in den innern Verhaͤltniſſen der fremden Staaten, bald in der politiſchen N Schreiben des HM. an die Königin Hedwig, dat. Marienb. feria secunda post diem Palmar. 1398 im Regiſtr. p. 75. 2) Schreiben des HM. an die Königin, dat. Marienb. sahbato ante dominic. Quasimodogen. 1398 im Regiſtr. p. 77; er ſagt über jenen Handelsweg: Netorium exstitit et Marifestum; quod ab olim et longis lapsis temporibus, videlicet illustriss. principum et dominorum magnificorum domini Kazymiri Regis Polenie, necnon genitoris magnificentie vestre prineipis preclarissimi do- mini Lodewiei Ungarie et Polonie regis absque cuiuslibet im- pedimenti obstaculo ad Ungariam et Russiam ipsi nostri mer- catores cum ipsorum mercancis in nullo eciam impediti, vecu- galibus tamen et pedagiis necnon aliis teloniis conswetis salvis transierunt et redierunt. In einem andern Briefe berichtet er der Königin einen beſtimmten Fall von Beſchlagnahme einer bedeutenden Kupferladung in Krakau, die einem Thorner Bürger zugehorte; Regiſtr. p. 78.
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Binnenhandel (4398). 145 Stellung der auslaͤndiſchen Fuͤrſten, bald in dem raub- und fehdeluſtigen Charakter der Zeit uͤberhaupt begruͤndet lagen, hatte er im Verlaufe der Jahre ſeines Meiſteramtes auch vielfach ſeine Thaͤtigkeit der Ordnung und den Verhaͤltniſſen des Binnenhandels zugewandt. So wurde von ihm unter andern die ſ. g. Willkuͤhr der Weichſelſchiffer vervollſtaͤndigt, indem er beſtimmte, wie es zu halten ſey, wenn Schiffs⸗ knechte ihrem Steuermanne hoͤhern Lohn abdringen, ihre Schiffsarbeit aufgeben, verbotene Verſammlungen halten und wohl gar dem Schiffsherrn oder Steuermanne nach dem Leben trachten wollten, oder wie lange ein Schiffsherr, der auf dem Strome einfriere, verpflichtet fey, dem Kaufmanne, deſſen Gut er führe, für die ſichere Verwahrung feiner La⸗ dung einzuſtehen.“ Jedermann, hieß es in einer andern Verordnung des Meiſters, er moͤge Gaſt oder Einwohner ſeyn, ſolle ſein Gut richtig und nach ſeinem Werthe verpfun⸗ den; finde man, daß jemand unrichtig verpfundet oder Guͤ⸗ ter verlaͤugnet habe oder unverpfundet wegführe, ſo ſolle er das Gut verlieren.“ Jeder Schiffsherr, der im Lande ein— oder auslade, ſolle alles Schiffsgut, welches er bei ſich führe, eidlich beſchreiben und feine Erklaͤrung darüber denen einge ben, die das Pfundgeld erheben, um der Englaͤnder willen, bei denen darin Gebrechen erfunden worden.“ Es wurden ferner für den innern Verkehr theils vom Hochmeiſter ſelbſt, theils auch von den Hanſeſtaͤdten Preußens verſchiedene an: dere Handelsgeſetze fir noͤthig erachtet. Einige betrafen die Gleichheit des Maaßes und Gewichtes im Lande, wenig⸗ ſtens in den ſechs Hanſeſtaͤdten, ſo daß alles nach Kulmi⸗ ſchem Maaße und Gewichte gemeſſen und gewogen und zum Vortheile des inneren Verkehres groͤßere Sicherheit und Ein⸗ 1) Hanf. Receſſ. II. p. 238. 285. 295. III. p. 227. 303; vgl. Lucas David B. VIII. S. 57. 2) Hanſ. Receſſ. II. p. 309. III. p. 329. 3) Hanſ. Receff, III. p. 371. VI. 10
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146 Binnenhandel (1398). heit in beiden allenthalben herrſchend werden folle. ” An⸗ dere Anordnungen bezogen ſich auf die Warenlager fremder Kaufleute oder der ſ. g. Gaͤſte im Lande. Kein Bürger oder Einwohner des Landes ſolle eines Gaſtes Gut handieren oder verkaufen bei zehn Mark Strafe, ebenſo kein Gaſt anderes Gut handieren oder verkaufen als nur ſein eigenes oder das feines Brodherrn bei gleicher Strafe; dieſer Verkauf ſolle auch nirgends anderswo geſchehen als in ſeines Wirthes Haus oder in ſeinem Keller, ausgenommen grobe Waare, die man in Häufern nicht halten kann. Kein Gaſt oder Bürger ſolle Zeichen oder Faͤhnchen an ſeinem Keller oder Hauſe aushaͤn⸗ gen.“ Ein ſpaͤteres Geſetz erlaubte jedoch den Buͤrgern, fremdes Gut anzunehmen und Handel damit zu treiben. Ferner wurde zur Ausgleichung der oſt vorkommenden Han⸗ delsſtreitigkeiten im Jahre 1597 die Anordnung eines Hans delsgerichtes in Anregung gebracht. Zur Foͤrderung des innern Verkehres ſchien es dem Hochmeiſter zweckmaͤßig, au⸗ ßer den ſchon gangbaren Münzſorten noch eine grobe Muͤnze zu ſchlagen, und die Hanſeſtädte fanden ebenfalls eine grobe Münze nothwendiger, als wenn man fortfahre, die 1) Die Sache wurde auf mehren Hanſetagen erwogen und die Be⸗ vollmächtigten entwarfen verſchiedene ins Einzelne gehenden Beſtimmun⸗ gen; Hanf. Receſſ. II. p. 226. 243. 284 — 285. 200. III. p. 204. 239. 2) Hanf. Receſſ. II. p. 342. III. p. 378. 3) Hanf. Receſſ. II. p. 355. III. p. 389. 4) Es heißt im Hanf. Neceſſ. III. p. 316: Dy ſache von des Coufmansgerichte iſt der ſtete Sin, das man is an unſern herrn Homei⸗ ſter brenge, der ſpricht, das her brive davon geſereben hat, das fullen dy von Elbinge von der ſtete wegen ouch dem koufmanne ſcriben, das is in guter gedult blybe ſten. 5) Hanf, Neceſſ. II. p. 272 — 273; es heißt: Als von der gro⸗ ben muͤntze, dy unſer herre wil loſſen ſlan, is der Stede Rat, das her cyne muͤntze loſſe ſlan, fo her ſie beſt beczuͤgen mag nach deme alzo das zilber gilt und das her ſie wider neme an czinſe und ſchulden und der kleinen pfeninge nymme fla. Unſer herre hat den ſteten bevolen doruff gu dengken und Im czu roten uff eyne münge, die deme lande nütze ſie.
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Entſtehung der Eidechſen-Geſellſchaft (1898). 147 kleinen Pfennige zu praͤgen. Auch fuͤr einzelne Gewerke gingen von den Hanſeſtaͤdten verſchiedene Verordnungen aus, inſofern ſie in die allgemeinen Handelsverhaͤltniſſe des Landes eingriffen, z. B. für Gold ſchmiede, Gewandſchneider W u. ſ. w. Je mehr ſich aber in ſolcher Weiſe die Staͤdte des Lan⸗ des durch zunehmende Wohlhabenheit und Reichthum bei ih⸗ rem Handelsbetriebe emporhoben, je groͤßer bei ihrem Ein⸗ fluſſe in den Handelsangelegenheiten und durch ihre geſetzli⸗ chen Anordnungen und Beſtimmungen auf ihren Hanſetagen zugleich auch ihre Macht und Entſcheidung in der Landesver— waltung überhaupt wurde, je mehr ſich alles im innern Staͤd⸗ teweſen und in den Verhaͤltniſſen ihrer ſtaͤdtiſchen Verfaſſung vollkommen ausbildete und feſt geſtaltete, und je lebendiger ſie in ihrem engeren Verbande als Schweſtern des maͤchtigen Hanſebundes ihr eigenes Gewicht ſowohl in den Verhaͤltniſ⸗ ſen des Auslandes als in ihrer Stellung zur Landesherrſchaft fühlen lernten und es thaͤtig auch geltend machten, um ſo ſchaͤrfer trat auch hier, wie anderwaͤrts der Gegenſatz hervor, in welchem der landſaͤſſige Adel, die Ritterſchaft des Landes zu ihnen ſtand. Es war überhaupt eine Zeit, in welcher ein allgewaltiger Corporationsgeiſt alle Verhaͤltniſſe des Le⸗ bens umfaßte und durchdrang. Aber es mögen insbeſondere auch in Preußen wohl laͤngſt ſchon allerlei Reibungen und Verletzungen dieſer und jener Rechte zwiſchen den Staͤdten und Einzelnen des Adels und Ritterſtandes Statt gefunden und ſich allmaͤhlig eine gewiſſe Spannung zwiſchen beiden er⸗ zeugt haben, denn wir wiſſen beſtimmt, daß ſich die Ritter 1) Hanſ. Receſſ. II. p. 242. 291. 294. III. p. 236. 238. 320; für die Goldſchmiede wurde die Verordnung erneuert, daß fie auf ihre Arbeit ihr Zeichen und das Zeichen der Stadt ſchlagen ſollten, damit man die Güte und Aechtheit ihrer Waaren um ſo ſicherer beurtheilen konne. — Auf die Klage der Elbinger, daß die Engländer und andere Gaſte auf Jahrmärkten und in Städten Gewand ſchnitten und dadurch den inländischen Gewandſchneidern großen Eintrag thäten, wurde be⸗ ſtimmt, daß nur derjenige in feiner Stadt Gewande verkaufen ſolle, der ſie verfertige. 10 *
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148 Entſtehung der Eidechſen-Geſellſchaft (1398). und Knechte des Landes an den Hochmeiſter wendend um eine geſetzliche Verordnung baten, nach welcher Stadtbewoh⸗ ner, wenn ſie mit ihnen ſelbſt oder ihren Leuten in Streit geriethen, fie in den Städten nicht mit dem Gerichte bekuͤm⸗ mern, ſondern da zu Recht laden ſollten, wo ſie geſeſſen ſeyen, ſowie ſie oder die Ihrigen, wenn ſie mit Stadtbewoh⸗ nern in Haͤndel verfielen, ſolche in ihren Staͤdten vor Gericht laden wuͤrden.) Je mehr ſich aber der Buͤrgerſtand in den aufblühenden Staͤdten und der ritterliche Adel auf dem Lan: de in ſolcher Weiſe einander gegenüber traten, um fo fühl: barer draͤngte ſich dem letztern auch die Nothwendigkeit einer engern Verbindung und feſtern Vereinigung auf. Ein Blick auf Deutſchland konnte darüber hinlaͤnglich belehren; die Beiſpiele, wie ſich dort der Adel mehrer Laͤnder bereits in geſchloſſenen Buͤndniſſen und Geſellſchaften den Staͤdten ges genuͤber geſtellt und hier der Loͤbenbund, die Geſellſchaft vom S. Georgen Schild, dort die Geſellſchaſt der Schlegeler oder der Martinsvögel oder die Falken = und Hoͤrnergeſellſchaft eine maͤchtige Gegenwehr gegen den ſteigenden Einfluß der Städte bildeten, konnten wohl auch fuͤr Preußen nicht um⸗ fonft gegeben feyn. ? Mag nun auch immerhin dabei ein näherer Anlaß Statt gefunden haben;“) es trat auch hier am einundzwanzigſten September des Jahres 1397 eine aͤhn⸗ liche Geſellſchaft zuſammen. Vier edle Ritter, deren Ge: ſchlechter ſich bis uͤber die Mitte dieſes Jahrhunderts im Kul⸗ merlande, zunaͤchſt in den Umgegenden der Ordensburg Rhe⸗ den verfolgen laſſen, die beiden Brüder Nicolaus und Io: hannes von Renys und Friederich und Nicolaus von Kynthe⸗ nau, gleichfalls Brüder, waren die Stifter eines Ritterbun⸗ 1) Hanf, Receſſ. II. p. 356, III. p. 390. 2) Vgl. Pfiſter Geſchichte von Schwaben B. II. Abth. II. Ab⸗ ſchn. III. p. 157. 3) Es wäre z. B. leicht möglich, daß die Anweſenheit des Grafen Eberhard von Wirtenberg in Prceuſſen (1393) vielleicht mit mehren Mitgliedern ſeiner Rittergeſellſchaften Einfluß auf die Entſtehung des Eidechſen⸗Bundes gehabt habe.
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Entſtehung der Eidechſen-Geſellſchaft (1399. 149 des, dem ſie nach Art jener Deutſchen Rittergeſellſchaften vom Bilde eines Thieres, welches ſie als Merkzeichen tru⸗ gen, den Namen der Geſellſchaft der Eidechſe beilegten. Als Zweck und Abſicht ihres Vereines ſprachen ſie in der Stiftungsurkunde Folgendes aus: Sie wollten jedem Mit⸗ gliede ihrer Geſellſchaft in nothhaftigen, ehrlichen Sachen mit Leib und Gut beiſtehen, ſobald man es beduͤrfe, ohne alle Untreue, Falſchheit, Verraͤthniß und Argliſt ſowohl offenbar als heimlich geuͤbt, gegen einen jeden, der ihnen oder einem der Ihrigen in der Geſellſchaft Leid anthue, fie mühe, betruͤbe oder verunrechte an Leib, Ehre oder Gut, doch mit Ausnahme der Landesherrſchaft und der naͤchſten maͤnnlichen Blutsverwandten, gegen welche, wenn einer von dieſen ein Mitglied der Geſellſchaft verletze oder verunrechte, keiner aus ihrem Vereine etwas unter⸗ nehmen, ſondern jeder ſich ruhig verhalten ſollte, bis die Verwandten die Zwiſtſache unter ſich ſelbſt beigelegt ha⸗ ben würden.) Dieß wer im Urſprunge des Bundes Hanptrichtung; fie ſprach ſich nicht gegen einen beſtimmten Stand oder beſtimmte gegebene Verhaͤltniſſe aus; ſondern ſie war Zweifelsohne mit Abſicht ins Allgemeine geſtellt. Den vier aͤlteſten Gliedern ward die oberſte Waltung und Anordnung der die Geſellſchaft betreffenden Angelegenhei⸗ ten zugeſchrieben, ſie mochten Beziehung haben auf irgend eine gottesdienſtliche oder ſonſt fromme Anordnung oder auf eine Beſtimmung zur Aufpuͤlfe eines verarmten Mit⸗ 1) Ich kann hier über alles, was vom Urſprunge dieſer Ritterge⸗ ſellſchaft gefagt iſt, auf meine vor zehn Jahren herausgegebene Geſchichte der Eidechſen⸗ Geſellſchaft S. 5 — 18 verweiſen, denn es haben ſich keine neuen Quellen gefunden, welche meine damalige Darſtellung der Sache veränderten oder vervollſtändigen ließen. Die Beziehung, welche hier dieſer Ritterbund auf das mächtige Emporſteigen und den zuneh⸗ menden Einfluß der Städte des Landes erhält, tt bei jener früheren Darſtellung zu ſehr im Hintergrunde, faſt als völlig unbeachtet ſtehen geblieben; ſie liegt jedoch in den Verhältniſſen der Zeit ziemlich klar am Tage.
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150 Entſtehung der Eidechſen-Geſellſchaft (398). gliedes des Vereines. Daraus leuchtet ein, daß auch die⸗ fer Ritterverein ſich durch Begründung frommer, gottes⸗ dienſtlicher Stiftungen als aus dem Geiſte der Zeit, der ſolche fromme Brüdervereine in manchfaltiger Form gebar, hervorgegangen darftellte, D aber zugleich auch, daß man, dem immer reicher werdenden Buͤrgerſtande gegenuͤber, dar⸗ auf bedacht ſeyn wollte, der Verarmung des landſaͤſſigen Adels vorzubeugen.“ Allein neben dieſem offen ausge⸗ ſprochenen Zwecke hatte der Ritterbund auch ſeine „Heim— lichkeit!“ über die wir keine Aufklaͤrung erhalten, denn fie zu verrathen und offen kund zu thun, ward mit Aus⸗ ſtoßung aus dem Bunde am ehr- und treuloſen Boͤſe⸗ wichte beſtraft. Sie mag zum Theil in geheimen Forz men und Gebraͤuchen, aber gewiß auch wohl in geheimen Abſichten und Richtungen beſtanden und vielleicht den nur im Allgemeinen offen ausgeſprochenen Zweck des Vereines den Gliedern ſelbſt mehr im Einzelnen vorgezeichnet ha— ben. Hier, ſcheint es, lag wohl hauptſaͤchlich der Gegen⸗ ſatz, den, wie alle ſolche Erſcheinungen in Deutſchland, auch dieſer adelige Ritterbund gegen Buͤrgerthum und Staͤd⸗ teweſen bildete. Allein im Leben ſelbſt oder in der Ge— ſchichte tritt dieſe Richtung wenig oder nicht hervor. Die Zahl der Glieder des Vereines ſcheint in den erſten Zei⸗ ten auch nur gering geweſen zu ſeyn. Viele Jahre hin⸗ 1) Vgl. meine Abhandlung über die frommen Bruͤderſchaften in Preuſſen in meiner Geſch. der Eidechſen-Geſellſch. S. 180; Wilda das Gildeweſen im Mittelalter S. 346 ff. 2) Es ſcheint auch, daß Johannes von Kynthenau und die Bruͤder Renys ſelbſt nicht in den beſten Vermoͤgensumſtaͤnden lebten; denn nach dem Schuldbuche des Großſchaͤffers von Koͤnigsberg war der erſtere ihm im J. 1400 eine Summe von 107 Mark und 4 Scot ſchuldig; es war Erbgeld von den Huben, worauf er wohnte. Ebenſo ſtehen die Bruͤder von Renys für ein rothes Mechelnſches Laken mit 15 Mark im Schuld⸗ buche. Hans von Kynthenau ſollte den Zins jährlich mit 3 Laſt Mehl nach Danzig abtragen; vgl. Geſch. der Eidechſen⸗Geſellſch. S. 8. Anmerk.
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Adeliger Ritterſtand (43989. 151 durch hielt ſich der Ritterbund nur in den Gränzen des Kulmerlandes und im Ganzen ſo ſtill und verborgen, daß eine ziemlich lange Zeit von ihm gar nicht weiter die Rede iſt. Die größeren Handelsſtaͤdte ſtanden ihm ohne Zweifel bereits viel zu maͤchtig und einflußreich gegenüber und vor allem mochte wohl auch der uͤder ihm daſtehende Rit⸗ terorden mit Geſetz und Schwert ihm keinen weitern Ein⸗ fluß auf das Öffentliche Leben geſtatten. So tritt uns allerdings dieſer zugleich geheime und öffentliche Ritter⸗ verein in feinen erſten Zeiten in ganz unbedeutender poli- tiſcher Wichtigkeit entgegen und die Geſchichte wuͤrde es kaum nöthig finden, feiner Entſtehung zu gedenken, wenn nicht durch ihn ſchon in dieſer Zeit die Keime zu Ereig⸗ niſſen gegeben worden waͤren, welche im folgenden Jahr⸗ hunderte alle Verhaͤltniſſe des Landes veränderten und fafl gaͤnzlich umwarfen. Wenn indeß in dieſem engeren Verbande damals auch nur eine geringe Zahl aus dem Adel ſich zu einem geſchloſſenen Vereine zuſammengethan und in dem Bunde auch nur eigentliche Landesritter Aufnahme finden konnten, ſo hatte ſich doch bereits vordem auch der ſ. g. Landadel als eine eigene und beſondere Koͤrperſchaft für ſich abge: ſchloſſen und als ſolche ſich vom ſtaͤdtiſchen Adel, der in den Staͤdten die Magiſtratsſtellen und den Großhandel in die Hände bekommen, ſchon mehr und mehr getrennt. Ueberall tritt er als beſonderer Stand unter dem Namen von „Rittern und Knechten“ hervor und bildet wie in feiner Lebensweiſe und Beſchaͤftigung, fo in feinen Rech⸗ ten und Freiheiten den Gegenſatz des Buͤrgerthums. Und wie nun die Städte ſchon laͤngſt auf ihren Tagfahrten bald fuͤr ſich allein, bald in Berathung und mit Einwil⸗ ligung des Meiſters und der Gebietiger diejenigen Ver⸗ haͤltniſſe mitbeſtimmten und ordneten, die ihren Lebenskreis berührten, fo zog der Hochmeiſter auch den landſaͤſſigen Adel ſchon vielfach in ſolchen Angelegenheiten zu Rath, welche entweder das ganze Land und folglich auch das
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152 Adeliger Ritterſtand (1398). Intereſſe des adeligen Standes betrafen oder verfaſſungs⸗ maͤßig und durch Sitte und Herkommen von ihm entſchie⸗ den werden mußten. So ſchloß der Hochmeiſter den Frie⸗ den mit Witowd zugleich auch in Gegenwart und mit Bei⸗ rath einer Anzahl von Landes-Edlen, Rittern und rit⸗ termaͤßigen Männern; !“) die Landesordnung Über den Ren⸗ tekauf beſtaͤtigte Konrad von Jungingen nicht bloß mit Beiſtimmung der Praͤlaten und der Staͤdte, ſondern auch der Ritter und Knechte des Landes.?) Sie hatten fers ner auch als Landrichter und Landſchoͤppen, da das Land⸗ ding eines Landgerichtsbezirkes zum groͤßten Theile aus dem Adelſtande beſetzt war,“) allzumal hinlaͤnglich Gele genheit, ihren Einfluß und ihr Anſehen auch im oͤffentli⸗ chen Leben geltend zu machen, woruͤber wir weiter an ei⸗ nem andern Orte ſprechen werden.“ So erfreulich es indeſſen dem Hochmeiſter ſeyn mußte, wenn er ſah, wie ihm ſein jahrelanges Bemuͤhen um den Frieden mit den Nachbarfuͤrſten endlich doch geglückt war, wie ſich im Ordensſtaate neben dem regſten und ruͤhrigſten Leben in Stadt und Land alles in Ordnung und fried⸗ licher Ruhe bewegte, wie Handel und Verkehr den Wohl: ſtand des Staͤdters und des Landmannes immer mehr 1) Urkunde im geh. Arch. Schiebl. 53. nr. 3, Lindenblart S. 117. 2) Es heißt: Wir Homeiſter mit unſern gebietgern, prelaten, Rit⸗ tern und knechten und ſteten unſers landis ſeyn czu Nathe worden u. ſ. w. 3) So war das Landding zu Rieſenburg beſetzt vom Landrichter Nicolaus von Krixen, Johannes von der Ottel, Stephan von Ottiſch, Stephan von Reichenberg, Melchior von der Tromenie, Hans von Wan⸗ dow, Hans von dem Felde, Hans von Dithmarsdorf, Nicolaus von Gunthen, Werner Schultheiß zu Ricſenburg u. a. Im Landding zu Wormditt finden wir Johann von der Heide als Landrichter und als Landſchöppen den Ritter Herrn Segenand, Dieterich von Oſteſchau, Otto von Rogethlen, Anton von der Altenkirche, Flemming von Wuſin, Herrmann von den Howen, Dieterich von Tzeicher, Heinrich Padeluch zu Elditten, Petze von Kamalwin, Hans von Schilieine u. a. 4) In dem fpätern Abſchnitte über die innern Landesverhaͤltniſſe.
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Unguͤnſtige Ereigniſſe im Lande (1398). 135 emporhob, ſo traten doch in den Jahren ſeines bisherigen Waltens mitunter auch manche ungluͤckliche Ereigniſſe und traurige Verhaͤltniſſe ein, welche theils die Wohlfahrt einzelner Städte, theils das friſche Aufbluͤhen und Ge⸗ deihen des ganzen Landes nicht wenig gefaͤhrdeten und hemmten. In dem regſamen Elbing verzehrte im Jahre 1396 eine gewaltige Feuersbrunſt alle Speicher und Holz⸗ lager und verſetzte einen großen Theil ſeiner Bewohner in druckende Armuth.” Zwei Jahre ſpaͤter uͤberſchlich das ganze Land eine ſtark wuͤthende Peſtſeuche, welche Städte und Dörfer außerordentlich entvoͤlkerte und in den Ordensburgen ſelbſt über achtzig Ordensritter hinraffte. Mittlerweile zog der Meiſter ſelbſt vom Fruͤhling bis in den Herbſt von Pommern an bis an die Graͤnzen Lit⸗ thauens in Stadt und Land umher, um wo er konnte durch feine Gegenwart und Hülfe das menſchliche Leiden zu lindern. Was das Ungluͤck des Landes noch bedeu⸗ tend vermehrte, war während der Heu- und Getreide⸗ ernte ein unaufhoͤrlicher Regen, der weit und breit den Ertrag der Felder voͤllig vernichtete, hie und da ſelbſt die Wohnungen der Menſchen niederriß 2) und einen Aus⸗ bruch der Weichſel zur Folge hatte, der in den Niede⸗ rungen außerordentlichen Schaden anrichtete. “ Ueberdieß ſtoͤrte auch manches andere die gluͤckliche Ruhe des Landes. Mit dem Biſchofe von Ploczk wal⸗ teten beſtandige Streitigkeiten ob bald über Zehntenfor⸗ derungen, die der Biſchof anregte, bald uͤber Frohnarbei⸗ ten, die er in ſeinem Sprengel nicht leiſten laſſen wollte, bald wieder uͤber Beſtrafung eines Falſchmuͤnzers, in die er ſich einmifchte. 9 Noch betruͤbender waren die Ver⸗ 1) Lindenblatt S. 105. Lucas David B. VIII. S. 21. 2) Lucas David B. VIII. S. 27. 3) Lindenblatt S. 117. 119. 4) Treßlers Rechnungsbuch p. 6. 5) Darüber die Briefe und Verhandlungen im Regiſtr. p. 62 — 63. 85. 93. Wegen des Falſchmuͤnzers ſchricb der HM. dem Biſchofe:
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154 Ungünfige Ereigniſſe im Lande (1399). haͤltniſſe mit dem Biſchofe Nicolaus von Kulm. Seit acht Jahren ſchon hatte die Kulmiſche Kirche in ihm ihren geiſtlichen Vorſtand und Hirten finden ſollen; ſey es aber, daß ihm ſein unfreundliches Verhaͤltnis zum Orden, gegen deſſen Willen er, wie wir früher horten, zum biſchoͤflichen Amte gelangt war, den Aufenthalt in ſeinem Sprengel verleidete oder daß irgend andere Urſachen ſei⸗ ner faſt fortwährenden Abweſenheit zum Grunde lagen, die ihm anvertraute Kirche ſtand Jahre lang verwaiſt und rathlos da, waͤhrend der Biſchof auswaͤrts das biſchoͤfliche Einkommen verzehrte ? und das Domkapitel lange Zeit mit der Stadtgemeine von Kulm uͤber die Lieferung des Biſchofsgetreides im Streite lag. Nach unverbuͤrgten Nachrichten ſoll er ſich gegen alle im Bisthum Kulm her⸗ koͤmmliche Ordnung hartnaͤckig geweigert haben, das Or— denskleid anzunehmen und dadurch ein langer Zwiſt mit Quidam noster oflicialis Advosatus in Bebiren exposuit coram nobis, quod quendam malefactorem, qui monetam nostram ean- dem nequiter cudendo falsificavit, juste iudieando ad mortem sententiasset, et subiunxit, quomodo p. v. propter eandem cau- sam pauperes homines sub protectione nostra degentes, qui eun- dem falsarium ad iudieium adduxerunt, ipsos non modieum gravando excomunicastis, quod nobis, pater reverende, valde inconveniens forefactum apparet, cum utique falsarius talis et maälefactor per nos in judicio seculari, ymmo nullo modo per julicem spiritualen presertim cum laicus erat, nee alius quam talis repertus fucrat nee eciam pro clerico, dum viveret, se gessit nee pro tali aliquo se proclamavit. 1) S. oben B. V. S. 558. 2) Der HM. ſagt ſelbſt in dem ſchon B. V. S. 559 erwähnten Schreiben an den Papſt: Cause absencie reverendi patris ac domi- ni Nicolai Episcopi Culmensis michi sunt penitus ignote — ra- tione tuilionis, qua sponsa sua Ecclesia cottidie una cum aliis in terris nostris indiget et ita vix est, qui consoletur eam, pre- sertim in eius absencia. 3) Urkunde, dat. Kulmſee Freitag nach Converſion. Pauli 1396 im Buche: Privileg. über Ellen⸗ und Hubenmaaß x.
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Ereigniſſe in den Bisthuͤm. Preußens (1399. 155 dem Hochmeiſter veranlaßt worden ſeyn.) Gewiß iſt aber, daß er ſich nicht nur gegen den Orden, ſondern auch gegen fein Domſtift allerlei ungünſtige und boͤswil⸗ lige Aeußerungen erlaubt und endlich an den Röͤmiſchen Hof die Bitte gebracht hatte, aus ſeinem bisherigen Amte entlaſſen und in ein anderes Bisthum verſetzt zu werden. Als der Hochmeiſter die Nachricht erhielt, daß der Papſt nicht abgeneigt ſey, ihm dieſen Wunſch zu erfüllen und den Herzog Johannes von Oppeln, zur Zeit Biſchof von Cujavien, zum Biſchof von Kulm zu ernennen, wandte er ſich mit der dringenden Bitte an dieſen, die Ber: feßung des Biſchofs Nicolaus nicht zuzulaſſen, ihm vor⸗ ſtellend, daß dieſe der Kulmiſchen Kirche zu großem Nach⸗ theile gereichen werde, da ſie zu arm ſey, um den Unterhalt eines Biſchofs von ſolchem Stande, wie des von Cujavien zu beſtreiten, zumal da letzterer kein Or⸗ densbruder ſey und man nicht abſehen koͤnne, wie er ſich mit feinen Stiftsherren vertragen werde;? es ſey daher zu wuͤnſchen, der Papſt möge den bisherigen Biſchof in fein Bisthum zurückgehen heißen, wo man ihn mit allem Wohlwollen behandeln, mit ihm einig leben und ihn in nichts kraͤnken und beſchweren werde.) Des Hochmeiſters 1) Dan findet diefe Angabe bei Leo p. 181. Sie wird aber da⸗ durch ſehr verdächtig, daß jeder Procurator des Ordens in Rom, wo Nicolaus vor ſeiner Ernennung zum Biſchofe geweſen, immer ſchon an ſich Ordensbruder ſeyn mußte. Dieſes fein Verhaͤltniß zum Orden deu⸗ tet auch der HM. in der oben B. V. S. 559 mitgetheilten Stelle ſchon klar an. 2) Wie der HM. ſagt: Cum in notabile dampnum vergat diete Eeclesie, que pauper est nec suflicit expensarum onera perso- narum gravium et secularium supportare, presertim persone, que non esset ordinis mei in tali Ecclesia regulari, habitu et pro- fessione diſferens, quomodo posset congrue cum suis capitula- ribus concordare. 3) Das Schreiben des HM. an den Papſt, dat. in Castro Ma- rienburg XIV die Aprilis 1398 Schiebl. XXIV. nr. 4, Regiſtr. p. 78. Vgl. Lucas David B. VIII. S. 93.
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156 Ereigniffe in d. Bisthäm. Preußens (1398). Bitte blieb indeſſen ohne Erfolg; der Beſchluß des Pap⸗ ſtes war bereits gefaßt. Der bisherige Biſchof von Kulm ward ins erledigte Bisthum zu Kamin und in ſeine Stelle der erwähnte Biſchof von Cujavien geſetzt. Wir wiſſen nicht beſtimmt, ob dieſer neue Biſchof, wie es die Ord⸗ nung des Bistbums war, ſofort auch in den Orden ein⸗ getreten ſey. Ohne Zweifel aber erfolgte dieſe Veraͤnde⸗ rung dem Hochmeiſter um ſo unerwarteter, weil der Or⸗ den mit dem paͤpſtlichen Stuhle um dieſe Zeit in freund⸗ lichen Verhaͤltniſſen ſtand, denn wenn es auch fehr be fremdete, daß plotzlich der Papſt Bonifacius wider alle Gewohnheit zwei Kardinaͤlen den Auftrag ertheilt hatte, mehre Drdensgüter in Italien zu verkaufen und über haupt auch mancherlei Anordnungen traf, die den Frei⸗ heiten und Gewohnheitsrechten des Ordens widerſtritten,? ſo hatte er um dieſelbe Zeit dieſem doch auch manche Beweiſe feiner Huld und Gunſt gegeben. Ungleich friedlicher waren die Verhaͤltniſſe des Hoch⸗ meiſters mit den übrigen Landes = Biſchoͤfen. Die Zeit lief aber unter ihrem ſtillen Wirken fur das Wohl und Gedeihen ihrer Lande ſo ruhig hin, daß die Geſchichte wenig von ihnen zu berichten weiß und nur den Eifer und das raſtloſe Beſtreben ruͤhmen kann, welches ſie theils in Verbeſſerunz und Aufrechthaltung des Kirchenweſens und des religiös ſittlichen Geiſtes in den ihnen anver⸗ 4) Lindenblatt S. 118. Lucas David a. a. O. 2 Schreiben des HM. an den Ordens Procurator in Rom, dat. Marienb. Sonntag nach Purificat. Maria 1397 im Regiſtr. p. 46. Der HM. ſchreibt unter andern: unſer heilger vater mag ſetzen, was her wil, wir hoffen, her ſal uns laſſen by unſern alden gewohnheiten, und ir mogt wol ſagen und beten unſere Cardinal, das die underwiſen unſern heilgen vater, das her nuͤwe gewonheit wider unſern Orden nicht uffbrenge, noch yn beſwere mit keynerley nuͤwen ſatzunge, wen wir mit gefunden gewiſſen nicht wellen noch mogen geſtatten ſemlicher nüwer be⸗ ſwerunge. 3) Val. Lindenblatt S. 112.
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Ereigniſſe in d. Bisthuͤm. Preußens (1359. 157 trauten Gemeinen, theils in Befoͤrderung des laͤndlichen Betriebes und im Ackerbau, theils in der Anordnung guter Sitten und in der Sicherſtellung der beſtehenden Rechte und Geſetze bewieſen. In dem allen zeichnete ſich vorzuͤglich der fromme Biſchof Johannes von Pomefanien aus, der bereits zwei und zwanzig Jahre das biſchoͤfliche Amt verwaltete und noch im hohen Alter durch ſeine un⸗ ermuͤdliche Thaͤtigkeit in der Verwaltung ſeiner biſchoͤflichen Lande, fowie in der Gruͤndung und Aufrechthaltung mans cher gottesdienſtlichen Bräuche und Verordnungen ſich feis ner Kirche lange Zeit unvergeßlich machte.) Auch Erm⸗ land erfreute ſich noch ſeines um das Land ungemein verdienten Biſchofs Heinrich, der ſeinem Amte nun ſchon fuͤnf und zwanzig Jahre lang und immer mit gleichem Eifer und gleich ruͤſtiger Thaͤtigkeit für das Wohl feiner Unterthanen vorſtand. Durch ihn war auch noch in den letzten zehn Jahren manche fuͤr ſein Land ſehr heilſame Einrichtung getroffen worden; es war z. B. ſeine An⸗ ordnung, daß die Domherren ſeines Stiftes in acht Mo⸗ naten des Jahres die ſechs erſten Tage feſtbeſtimmte Kapitelſitzungen halten mußten, damit jedermann aus dem Lande bei ihnen ſichern Zutritt haben und leicht ſeine Bitten oder Klagen anbringen, ſie ſelbſt aber als⸗ bald Recht und Huͤlfe jedem, der ihrer beduͤrfe, gewaͤhren koͤnnten.) Er führte ferner ein, daß jährlich zwei Dom⸗ 1) Das Einzelne hieruͤber, was hier auszufuͤhren kein beſonderes Intereſſe haben kann, für die damalige Zeit aber feine Wichtigkeit hat⸗ te, befindet ſich in den Privileg. Capitul. Pomesan. p. XI. XXI — XXII und Privileg. Eccles. Pomesan. p. XLI. LIII. LV. etc. ur⸗ kunde des Biſchofs im geh. Arch. Schiebl. LIV. nr. 9. 2) Es heißt: Ut omnibus et precipue pauperibus in territo- rio capituli circumquaque cummorantibus facilior et certior ad dominos Pateat accessus et ut respublica et bonum eommune salubrius gubernetur et crescat, provide statutum fuit et capi- tulariter decretum, quod singulis primis sextis feriis octo men- sium usualium calendario inseriptorum dumini presentis ad pul-
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158 Ereigniffe in den Bisthuͤm. Preußens (4398). herren bei der Zinseinnahme in Melſack und Allenſtein mit dem Kapitelsverwalter ſich nach den Gebrechen der einzelnen Dorfbewohner oder des geſammten Bezirkes bei den Schultheißen und zwei Dorfvorſtehern oder auch den Dorfbewohnern ſelbſt genau und ſorgſam erkundigen und ſolche dem Domkapitel anzeigen ſollten, damit überall fo viel möglich Abhuͤlfe erfolgen konne. Der Biſchof Hein: rich veranlaßte es auch, daß auf Koſten des Kapitels zu Allenſtein und Melfad Getreide = Magazine angelegt wur⸗ den, um die armen Bewohner der dortigen im Ganzen unfruchtbaren Gegenden bei etwaniger Hungersnoth, bei feindlichen Verheerungen oder unergiebigen Ernten mit dem noͤthigen Getreide verſorgen zu tönnen. ? Ebenſo wurde in kirchlicher Beziehung manche loͤbliche Anordnung getroffen. Auf dem biſchoͤflichen Stuhle von Samland endlich ſaß ſeit dem Jahre 1395 der Biſchof Heinrich von Seefeld, indem ſein Vorgänger Heinrich Kuwal dem biſchoͤflchen Amte in Samland entſagt hatte, um die Würde eines Weihbiſchofs zu Riga zu übernehmen. =) Durch ihn ſowohl und fein Kapitel, als durch den das maligen Ordensvogt von Samland Ulrich von Jungingen und den ungemein thaͤtigen Ordensmarſchall Werner von Tettingen hatte auch dieſe Landſchaft ſich eines friſchen Gedeihens zu erfreuen, da von Jahr zu Jahr ihre Be⸗ völkerung zunahm und wüfte gelegene Gegenden von den neuen Einzöglingen mit ruͤhrigem Fleiße angebaut und für Kultur zuganglich gemacht wurden. 0 sum campane capitularis convenire teneantur loco et hora con- suetis — de negotiis propriis vel aliorum, si que Oceurrerint, maturius tractaturi. Diefe und die oben erwähnten Anordnungen bes finden ſich in einem Buche über die Kapitelſatzungen in Ermland, wel⸗ ches auf meine Veranlaſſung von der Schwediſchen Regierung dem geh. Archiv wieder zuruͤckgegeben worden iſt. 1) Die erwahnten Kapitelſatzungen von Ermland im geh. Arch. 2) Lindenblatt S. 101. Hartknoch Kirchengeſchichte S. 170. 3) Darüber eine zahlreiche Sammlung urkundlicher Verſchreibungen
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Verhaͤltn. des Ordens zu den deutſchen Fuͤrſten (1398). 159 So bewegte ſich unter allen drohenden Stuͤrmen von außenher und unter manchen unerfreulichen Ereigniſſen im Innern des Landes doch überall in Stadt und Dorf ein ruͤhriges und thaͤtiges Leben und Preuſſens Wohl⸗ ſtand nahm von Jahr zu Jahr noch merklich zu. Da nun uͤberdieß mit Litthauen Friede geſchloſſen war, in Polen durch die edle Koͤnigin Hedwig des Koͤniges Zorn vorerſt wenigſtens beſchwichtigt ſchien und ſo lange die Königin in die Verhaͤltniſſe mit einwirken konnte, kein Ausbruch eines Krieges beſorgt werden durfte; da ferner auch in Livland die Unruhen bereits völlig geſtilt, die Oſtſee durch die Vertreibung der Geeräuber auf Gotbs land wenigſtens zum Theil geſaͤubert war, auch die Ver— haͤltniſſe mit den nachbarlichen Fuͤrſten in Pommern an⸗ fingen ſich freundlicher und friedlicher zu geſtalten, der Hochmeiſter ſich mit Herzog Bogislav von Stolpe uͤber einige Irrungen nicht nur leicht verſtaͤndigte, ſondern in Streitigkeiten des Herzogs mit dem Geſchlechte von Dewitz von jenem ſelbſt als Schiedsrichter aufgefordert wurde,“ und da endlich auch die Mißhelligkeiten mit dem Herzoge Swantibor von Stettin eine günftige Wendung zu nehmen ſchienen, ſeit eine Vermittlung zwiſchen ihm und dem aus den J. 1395 — 1399. Vom J. 1396 allein find noch 26 meiſt in Originalen vorhanden im geh. Arch. Schiebl. XXXIV und XXXV. 1) Zwei Schreiben des HM. an Gerhard von Dewitz und deſſen Vet⸗ tern vom J. 1398 im Regiſtr. p. 82. 86. Der Herzog hatte ſich namlich beim HM. beklagt, daß ihm Gerhard von Dewitz einen Theil vom Hauſc, der Stadt und dem Lande Dobern weggenommen habe, weshalb er ſich an der Dewitzen Guͤter gehalten, weil dieſe noch immer fortfuͤhren, ſeine Leute gefangen zu nehmen und zu beſchädigen. Der HM. ermahnt nun die von Dewitz, alles zurückzugeben, die Leute des Herzogs frei zu laſ⸗ ſen und auch die Straßenräuber von ſtattan (n icht von Stade — wie Kotzebue las) nicht mehr zu hervergen. In dem andern Briefe zeigt der HM. dem Gerhard von Dewitz an, daß ihn der Herzog zum Schieds⸗ richter aufgerufen habe; dem Herzoge jedoch ſchlägt er fein Geſuch ab, ihm mit einem Hecrhaufen zu Hülfe kommen zu wollen.
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» 160 Verhaͤltn. d. Ordens zu d. deutſch. Fuͤrſten (4398). Orden eingeleitet war!) und der Burggraf Friederich von Nürnberg es über ſich genommen hatte, dem Orden die Schuldſumme des Herzogs von zweitauſend Schock Groſchen oder ſechstauſend Gulden zu entrichten,“ endlich auch die Stadt Stettin alles aufbot, um eine Verſoͤhnung zwiſchen beiden Fuͤrſten zu bewirken,“ fo ſchien der Hoch⸗ meiſter ſich für den Orden und fein Land auf viele Jahre die friedlichſten und ſegensreichſten Zeiten verſprechen zu duͤrfen. Daneben ließen auch die freundlichen Verhaͤltniſſe des Ordens mit den entfernten Koͤnigen und Fuͤrſten, be⸗ ſonders denen in Deutſchland alle Hoffnung auf feſten Frieden fir die Zukunft faſſen, denn faſt alle hegten ges gen den Orden und deſſen Meiſter die geneigteſten und wohlwollendſten Geſinnungen. Bedraͤngte auch der cha— rakterloſe König Wenceslav von Böhmen den Landkom⸗ thur wegen der dortigen Ordensbeſitzungen auf mancherlei Weiſe, um entweder die Guͤter ſelbſt an ſich zu bringen oder doch wenigſtens bedeutende Steuern von ihnen zu ziehen,“ fo bewies er doch auch durch mancherlei Beguͤn⸗ 4) Schreiben des HM. an den Bürger Paul Quentin, der die Vermittlung eingeleitet, im Regiſtr. p. 83. Der HM. ſagt: Er habe wohl Macht gehabt, mit dem Herzoge ganz anders zu verfahren, „het⸗ ten wir ſyn nicht gelaſſen durch eyns guten alders willen.“ 2) Schreiben des HM. an den Grafen Friederich von Nuͤrnberg, dat. Marienb. Sonnab. vor Martini 1398 im Regiſtr. p. 88. Friederich, eigentlich Burggraf von Nuͤrnberg wird auch ſonſt nur Graf genannt; ſ. Lancizolle Geſchichte der Bild. des Preuſſ. Staats B. 1. S. 172. Anmerk. 51. 3) Schreiben des HM. an die Stadt Stettin, dat. Stuhm Mont. nach Epiphan. 1398 im Regiſtr. p. 68. 4) Botſchaft des HM. daruͤber an den Landkomthur von Böhmen, dat. am Tage Andrea Apoſt. (1398) im Regiſtr. p. 90. Der HM. giebt dem Landkomthur Verhaltungsbefehle wegen des Köͤniges Verlangen, ihm mehre Ordensguͤter in Böhmen zu verkaufen; dieß ſolle er unter keiner Bedingung thun, ſondern ſich lieber die Güter mit Gewalt neh⸗ men laſſen, weil man ſie dann leicht wieder erhalten könne.
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Verhaͤltn. des Ordens zu den deutſch. Fuͤrſten (1398). 161 ſtigungen und Erweiterungen der Freiheiten des Ordens in Deutſchland, daß ihm dort die Zuneigung und Erge⸗ benheit deſſelben nicht gleichguͤltig ſey.) Ferner zeigte ſich der König Sigismund von Ungern gegen den Hoch: meiſter um ſo freundlicher, indem er nicht nur an allen Verhaͤltniſſen des Ordens ſtets den lebendigſten Antheil nahm und wo er konnte, zum Frieden mit Witowd und dem Könige von Polen wirkte,“ ſondern ihm auch, aus ßer dem Burzenlande, welches der Orden ſchon ſeit lan— gen Zeiten beſaß, noch einige andere anſehnliche Landge⸗ biete zu uͤbergeben, namentlich ihm auch die Neumark zu verpfaͤnden oder zu verkauſen, Willens war; und er entzog ihm dieſe Gunſt auch nicht, als ihm der Hoch— meiſter feine Bitte, die Neumark gegen eine gewiſſe Geld— ſumme von ihm als Pfand anzunehmen, nicht erfüllen konnte. Wie mit Herzog Wilhelm von Oeſterreich und 1) So ertheilte z. B. Wenccslav dem Orden im J. 1397 das Recht, feine Dörfer mit Mauern und Thuͤrmen umgeben zu dürfen, „durch friedes und gemachs willen der leute und Inwoner dorynen ge⸗ ſeßen und das nicht vedermann dieſelbe Dörfere überfallen und beſchedi⸗ gen möge; Urf, in Jarger Cod. diplom. Ord. Teut. T. II, wo auch einige andere Begunſtigungen Wenceslavs zu finden find. 2) Darüber die Briefe im Regiſtr. p. 56. 58. 61. 3) Vgl. oben B. II. S. 125. In Ruͤckſicht des Burzenlandes (hier Wortzland genannt) ſagt der HM.: „daſſelbe lant noch uſwyſunge der koniclichen bullen etwan des allirdurchluchſten hern Andres konig czu Ungern wart gegeben mechticlich dem Ordin und vil Jare von Im be⸗ ſeſſen.“ Wegen der beiden andern Länder, die der König dem Orden ſchenken wolle, bittet der HM. um Nachricht, wo ſie gelegen und wie ſie befeſtigt ſeyen, auch wie man ſie ihm verſchreiben wolle. 4) Der HM. läßt daruͤber dem Konige jagen: Er möge ihm wohl ſonſt in allen Dingen gefällig ſeyn, „ſo mag her doch das nicht czu thun umb notdurft des ordens lande, den man muß teglichen helfen. Duch fo mus fi) der Orden dirweren ſoner vynde czu lande und czu waſſer.“ Aus einer Urkunde, dat. Bruͤnn Sonntag vor dem heil. Auf⸗ ertage 1398 im Original im geh. Staatsarchiv zu Berlin, ſign. 430. F. er wir, daß ſich der König Sigismund zu diefem Zweck die I. 11
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162 Verhaͤltn. des Ordens zu den deutſchen Fürften (1398). dem Markgrafen von Meißen,“ fo fand auch mit den meiſten uͤbrigen Fuͤrſten Deutſchlands das freundſchaft⸗ lichſte Verhaͤltniß Statt. Es galt auch jetzt noch immer für eine hohe Ehre und Auszeichnung eines Deutſchen Fuͤrſten, als Halbbruder in den Deutſchen Orden aufge⸗ nommen zu ſeyn und ſuͤr Verdienſte um den Orden der wohlthaͤtigen Wirkungen der Gnadenguͤter des Ordens für Zeit und Ewigkeit theilhaftig zu werden. So beehrte Konrad von Jungingen ſchon in den erſten Jahren ſeines Waltens den ritterlichen Herzog Albrecht den Dritten von Oeſterreich, der, wie früher erwähnt iſt, in den Jahren friſcher Manneskraft eine glaͤnzende Heidenfahrt nach Lit⸗ thauen vollführt und damals hier den Ritterſchlag erhal— ten, noch am Abende ſeines Lebens mit der Aufnahme in die Ordensbruͤderſchaft, zu einem neuen ehrenvollen Zeugniſſe des Dankes für die hohen Verdienſte um des Ordens Gedeihen, welche ſeit alter Zeit ſich fo viele Fürs ſten des Oeſterreichiſchen Stammes erworben. In glei⸗ cher Weiſe ſah ſich Ruprecht von der Pfalz, Herzog von Baiern, der vor zwoͤlf Jahren mit gegen die Litthauer gekaͤmpft und ſeitdem fort und fort auf Reichsverſamm⸗ lungen und wo er konnte, ſtets vor allen andern des Or— dens Sache geſchuͤtzt und gefordert hatte, hoch belohnt, als ihm der Hochmeiſter im Jahre 1398 als dankendes Anerkenntniß ſeiner großen Verdienſte um den Orden den Bruderbrief überfandte, mit der beſondern Auszeichnung, daß bei ſeinem Tode ſein Begaͤngniß in den Ordenshaͤu⸗ ſern auf dieſelbe Weiſe, wie beim Tode eines Hochmei⸗ ſters gefeiert werden folle.? Selbſt in Unteritalien, im Einwilligung hatte geben laſſen, „die Mark uͤber Oder“ an den Orden zu verpfänden oder zu verkaufen; ſ. Gercken Cod. diplom. Brandenb. T. V. nr. 135. 136. 1) Die Briefe des HM. an beide Fuͤrſten im Regiſtr. 2) Vgl. darüber meine Abhandlung über die Halbbruͤder des D. O. in d. Beiträgen zur Kunde Preuſſ. B. VII. H. II. S. 160 ff, wo über die Sache ſpecieller geſprochen wird.
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Verhaͤltn. des Ordens zu den deutſchen Fuͤrſten (1398). 163 Koͤnigreiche Neapel bewieſen die maͤchtigſten Großen des Landes rege Theilnahme an der Sache des Ordens in Preußen und hoͤrten gerne von den Kriegsreiſen nach Lit⸗ thauen nähere Kunde. Der maͤchtige Graf Rinaldo Dr: ſino, der in dieſen Zeiten eine fo wichtige Rolle im Kö: nigreiche Neapel ſpielte, unternahm einſt ſelbſt mit einer reiſigen Schaar eine Ritterfahrt nach Preußen, erwarb ſich in Litthauen den Ritterſchlag und trug jetzt noch als Halbbruder des Ordens das Kreuz auf ſeiner Bruſt nicht ohne Stolz.) Viel trug zu dieſer Gunſt und hohen Achtung, des ren ſich der Orden bei den Fuͤrſten in Deutſchland zu er⸗ freuen hatte, ohne Zweifel auch der Umſtand bei, daß ſeit dem Meiſteramte Konrads von Jungingen an der Spitze des Ordens in Deutſchland zwei. Maͤnner ſtanden, die als Deutſchmeiſter in jeder Hinſicht geeignet waren, das Anſehen und Gewicht des Ordens im Deutſchen Reis che unter allen Bedraͤngniſſen, mit denen er zu kaͤmpfen hatte, ſtets aufrecht zu halten. Der erſtere, Johann von Ketze, hatte das Meiſteramt faſt drei Jahre lang mit ausgezeichneter Pflichttreue, großer Klugheit in den Welt— haͤndeln und hoher Zufriedenheit des Hochmeiſters verwal⸗ 1) Der Ordens- Procurator ſchreibt darüber dem HM. aus Rom am Sonnt. nach Philippi und Jacobi 1403 (im geh. Arch. Schiebl. I. nr. 104): Do fon vyl groſir hern in den landen (Unteritalien), dy czu Pruſſen und ouch ezu Lyttawen geweſt ſyn und ritterſchafft do enpfangen habin, dy frogen czu allen czeiten, ob der Orden noch kryget mit der hepdenſchafft. Sunderlich der mechtigeſte fürfte, der do in den landen iſt neeſte dem konyge von Naplys und der iſt ouch im lande geweſt und iſt Rytter wurden im lande czu Lyttawen und heiſet Raynaldus de Urs ſinis, und iſt eyn metebruder unſirs ordens und treet das Grüge des ordens czu allen ceytin an ſynem halſe, und alſo man ſpricht, daz he gar eyn gottlicher und ſeliger herre ſey und eyn beſchirmer des ordens 8 den landen. Vgl. Giannone Geſchichte des Könige. Neapel „ III. S. 353% 1
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164 Verhaͤltn. des Ordens zu den deutſch. Fuͤrſten (1398). tet.) Sein Nachfolger, Konrad von Eglofſtein, welchem das Meiſteramt im Jahre 1396 Übertragen ward,? uͤber⸗ nahm zwar eine ſehr ſchwierige Verwaltung, weil auch jetzt noch die Ordensguͤter in Deutſchland von ſchweren Schuldenlaſten gedruͤckt waren; allein die Unterſtuͤtzung des Hochmeiſters und eine weiſe Sparſamkeit in allen Ein⸗ richtungen der Ordenshaͤuſer hoben den bedraͤngten Zu: ſtand der Ordensballeien im Reiche immer mehr empor, und bei den Fuͤrſten Deutſchlands, ſelbſt beim Roͤmiſchen Koͤnige Wenceslav, genoß Konrad von Eglofſtein waͤhrend feiner vieljaͤhrigen Amtsverwaltung allgemeines Vertrauen und hohe Achtung.“ 1) Mehre ſeine Verwaltung in Deutſchland betreffenden Urkunden in Jaeger Cod. diplom. ord. Teut. T. II. 2) Der Deutſchmeiſter Johann von Ketze trat von ſeinem Amte nicht erſt, wie es nach Bachem Chronol. der HM. S. 36 ſcheinen könnte, im J. 1398, ſondern ſchon im J. 1396 ab. Dieß beweiſet ein offenes Schreiben des HM. an den Orden in Deutſchland, dat. Ma⸗ rienb. am Sonnt. vor Galli Confeſſ. 1396 im Regiſtr. p. 36, worin er den Ordensrittern in Deutſchland die Wahl Konrads von Eglofſtein zum Deutſchmeiſter anzeigt und ihnen Gehorſam gegen ihn anempfiehlt. Dieß iſt die ſicherſte Angabe, wonach auch De Wal Recherches T. I. p. 408 zu berichtigen iſt. 3) Originalurk. dat. Sonnt. vor S. Barbaren-Tag 1396 Schicht. 103. nr. 9. 4) Darüber die Urkunden bei Jaeger I. c. T. II.
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Semovit von Melodien (1399). 165 SERIE Aso begann das Jahr 1399 in tiefem Frieden. Der Meifter ſtand in Unterhandlungen mit Herzog Semovit von Maſovien, die ſchon im vorigen Jahre über die Ein: loͤſung der dem Orden verpfaͤndeten Landgebiete von Sakrze, Pluntzk und Wisna ' begonnen, nicht ohne Schwierigkei ten geführt wurden, da ſich der Herzog fruͤherhin ver: pflichtet, keins der genannten Lande ohne die andern ein: zulöfen, jetzt aber nicht im Stande war, dem Orden die geſammte Summe zurückzuzahlen. Der Meiſter gab in freundlicher Geſinnung gegen den Herzog endlich nach, daß die beiden Gebiete Sakrze und Pluntzk zwar einge⸗ loͤſt, aber die an ihrem Pfandgelde noch fehlende Summe von dreitauſend dreihundert und ſiebenzig Unger. Gulden und dreitauſend dreihundert und fuͤnfundſiebenzig Schock Böhm. Groſchen ) dem Orden verpfaͤndet blieb, mit der Bedingung, daß dieſer noch tauſend Gulden und nach drei Jahren, wenn dann die Einloͤſung nicht erfolge, eine gleiche Summe auf das Haus Wisna zue Verbeſſerung verbauen dürfe, welche Summen ihm der Herzog wieder erſetzen ſolle, daß man an den Orden, wenn das Haus 1) S. B. V. S. 422 — #. 2) Nach cinem Schreiben des HM. an den Herzog, dar. Tapiau Feria tertia ante Festum Michaelis 1398 im Regiſtr. p. 88 halle man ſchon damals Verhandlungstage über die Sache aufgenommen. 3) Den Groſchen zu 17 Preuß. Pfennigen gerechnet.
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166 Kriegszüge nach Samaiten (1399). mittlerweile durch Brand oder Verheerung Schaden er: leide, keine weitere Anforderung erheben und es dieſem auch frei ſtehen wolle, es binnen der Zeit von drei Jah⸗ ren um die genannte Summe wieder an andere verpfaͤn⸗ den zu koͤnnen. ) Waͤhrenddeß hatte ſich auch wieder eine kleine Zahl fremder Kriegsgaͤſte zum Theil aus Frankreich im Lande eingefunden. Da jedoch der Winter meiſt ohne beſondere Strenge verlaufen war,? fo hatte man keine eigentliche Kriegsreiſe unternehmen koͤnnen. Erſt im Anfange des Februar brach der Ordensmarſchall Werner von Tettingen mit den Kriegsgaͤſten in das Gebiet Medeniken in Ga: maiten ein, weil dieſes, wie erinnerlich iſt, in den Frie⸗ densvertrag nicht mit eingeſchloſſen war. Da zu gleicher Zeit, wie man verabredet, auch ein Livlaͤndiſcher Streit— haufe in die nördlichen Gebiete eingebrochen und die Sa⸗ 1) Die Urkunde des Herzogs hierüber, dat. Marienb. Mittwoch vor S. Antonii Tag 1399 in Abſchrift im Cod. Oliv. im geh. Staatsarchiv zu Berlin p. CXCVI. Es heißt darin auch: Vortme was fie (der Orden) brieffe in dem lande geben czu czinſe ader czu Dinſte der Man⸗ ſchaft, die ſolle wir gancz und veſte, wenne wir das land geloſen, hal⸗ den. Ouch ap das land in keynerley wyſe angeſprochen worde, das ſol⸗ len und wellen wir vortreten und vorantworten under unſer koſte. Ouch was der Orden Holczis ader was is iſt durch unſer land fluͤſſet, das ſal her fry und ungehindert von czolunge und andern ungelde durchfliſ⸗ ſen. — Es bezieht ſich hierauf auch die urkunde im geh. Arch. Schiebl. 57 nr. 37, worin der Herzog verſpricht, ſein Siegel, welches ſein Mar⸗ ſchall Criſtinus nicht bei ſich gehabt habe, binnen 6 Wochen zur Urkunde beibringen zu wollen. Vgl. Lucas David B. VIII. S. 51. 2) Lindenblatt S. 119 und Detmar B. I. S. 388 wider⸗ ſprechen ſich, denn dieſer ſchildert den Winter ſo außerordentlich ſtreng, daß man auf dem Eiſe von Roſtock bis Dänemark und von Lubeck bis zum Sund habe gehen können; ebenſo der Daͤniſche Chron. bei Ludewig Reliqu. MS. T. IX p. 117. Traziger Chron. Hamb, ap. West- phalen Monumenta inedita rer. Germ. T. II. p. 1320. Daß Fran⸗ zofen mit unter den Kriegsgäſten waren, erſehen wir aus dem mit die⸗ ſem Jahre beginnenden Rechnungsbuch des Treßlers, welches wir hier gewohnlich nur ſchlechthin „das Treßler⸗Buch“ nennen werden.
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Kriegszuͤge nach Samaiten (1399). 167 maiten dieſem entgegengezogen waren, ſo hauſte der Mar⸗ ſchall ohne Widerſtand vier Tage im Lande mit Feuer und Schwert und führte neunhundert Gefangene mit hin⸗ weg, als eintretendes Thauwetter den Ruͤckzug gebot. Erſt als die Livlaͤnder nach zehntaͤgiger Verheerung mit tauſend Gefangenen und fuͤnfhundert erbeuteten Roſſen heimkehr⸗ ten, wandten ſich die Samaiten auch wider den ‚Heer: haufen aus Preußen, der jedoch bereits die Graͤnze ohne allen Verluſt überſchritten hatte.) Es galt noch immer der Glaube, daß man auf ſolchen Heider ahrten durch Mord und Raub ein dem Himmel wohlgefälliges Werk übe, und man ſchrieb es gerne der Beihuͤlfe Gottes zu, wenn das chriſtliche Raubheer ohne Schaden zurückkehrte. So wenig daher auch Konrad von Jungingen das Leben unter den Waffen liebte, ſo fuͤhrte er in derſelben Ueber⸗ zeugung im Sommer dieſes Jahres doch auch ſelbſt ein ſtarkes Heer nach Samaiten und heerte elf Tage im Lande. Man mußte ſich indeß nur mit Vernichtung der Saaten und des Getreides begnuͤgen, weil die Bewohner, zuvor ſchon unterrichtet, ſich in die Wälder und Brüche gefluͤch⸗ tet. Da keine fremden Kriegsgaͤſte im Ordensheere waren, fo ertheilte der Hochmeiſter vierzehn ritterbuͤrtigen Knech— ten aus Preußen auf heidniſchem Boden den gewoͤhnlichen Ritterſchlag, faſt das Einzige, was als Folge dieſes Zuges geruͤhmt wird. 1) Lindenblatt S. 119. Nach dem Elbing. Kriegsbuche geſchah der Auszug auf dieſe Kriegsreiſe vigilia Agathe und am 19 ten Tage nachher erfolgte die Rückkehr der Elbinger. Detmar a. a. O. läßt die Livfänder (15,000 Mann ſtark) vierthalbtaufend Gefangene und zwolfhundert Roſſe davon führen. 2) Vgl. die Worte bei Lindenblatt a. a. O. 3) Lindenblatt S. 120 läßt den Zug am Sonnt. vor Petri und Pauli vor ſich gehen; das Elbing. Kriegsb. fuͤhrt an: Die Reyſe kegen dye Samayten ging us uff dy Mittewoche neſt noch Viti und Modeſti und quam wider in den XIX den taghe. Detmar S. 390 nennt es „ene quade reyſe, went wer wart vele geſlagen unde voriaghet.““ Das Treßler⸗Buch p. 9, ſetzt die Reiſe in die Pfingſtzeit.
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168 Witowd's Unglück (1399). Der Großfuͤrſt Witowd ward durch dieſe Unterneh⸗ mungen nicht weiter beruͤhrt. Es war fuͤr ihn, ſo weit hinaus auch jetzt gerade ſeine ſtolzen Plane gingen, ein hoͤchſt ungluͤckliches Jahr, denn waͤhrend er an der Spitze feiner Streitmacht im Oſten feines Gebietes gegen die Tataren beſchaͤftigt war, hatte er im März in feiner Hauptſtadt Wilna einen faſt unerſetzlichen Verluſt erlitten, indem bei der Einaͤſcherung der ganzen Stadt, wobei auch die Kathedrale und die Hauptburg des Fuͤrſten in Feuer aufgingen, fein ganzer reicher Schatz, wie man ſagte, ge gen ſechzigtauſend Stuͤck Silber, alle ſeine Kleinodien, eine große Zahl ſeiner beſten Roſſe und vieles andere von hohem Werthe durch die Flammen verzehrt worden waren.“ Noch ſchwerer war fein Unglück in feinem Kampfe mit den Tataren, denn obgleich er nicht nur ſelbſt alles aufgeboten hatte, um ein eben ſo maͤchtiges als ausgezeichnetes Heer dem Feinde entgegen zu fuͤhren und des zu ihm gefluͤchteten Chans Tochtamyſch Herrſchaft auf den Truͤmmern der Macht des großen Chans von Kaptſchack Tamerlan wieder aufzurichten, ſondern ihm auch vom Koͤnige von Polen eine bedeutende Huͤlfsmacht und deſſen beſte Feldherrn, und vom Hochmeiſter aus Preußen eine ausgeſuchte Schaar von hundert Glevenien oder fuͤnf⸗ hundert koſtbar geruͤſtete Streiter unter der Fuͤhrung des tapfern Komthurs von Ragnit Marquard von Galzbadh ® und mehrer andern Ordensritter zu Huͤlfe geſandt worden 1) Dlugoss. p. 150. 2) Brief des Komthurs von Duͤnaburg an den Livländ. Meiſter, dat. Lyrſten Freit. vor Gertrude Virg. (ohne Jahr); es heißt darin nach der Beſchreibung des Brandes: Ok zo ſecht de dener, dat de bor⸗ ger tor Wylle ſeggen, dat deme vorſten Wittowten mer denne LXIII ſtucke ſylvers ſy ſchaden geſchen von deme brande. Das Feuer war in einem Stalle der Hauptburg ausgekommen, weshalb auch eine große Anzahl Pferde und „ander quek in eyme ſtalle“ verbrannt waren. 3) Nach dem Treßler⸗Buch p. 12 erhielt der Komthur 425 Mark auf dieſe Kriegsreiſe „ken Tatern.“
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Witowd's Ungluͤck (1399). 169 waren, fo wurde ihm fein großer Plan, „über das Schick⸗ ſal von Baty's Thron zu entſcheiden, ſich den Weg in das Morgenland zu eroͤffnen, Tamerlan ſelbſt zu vernich⸗ ten und Moskau mit feinem Reiche zu vereinigen,“ !) doch in wenigen Stunden vernichtet. Tamerlans Feldherr, der auf dem Schlachtfelde ergraute, durch Klugheit und Muth berühmte Fuͤrſt Edigei Überwältigte Witowds Streitmacht in einer blutigen Schlacht; faſt ſein ganzes Heer ward aufgerieben, fein ſchweres Geſchuͤtz zur Beute des Fein⸗ des, die ausgezeichnetſten ſeiner Feldherren, Fuͤrſten und Koͤnigsſöhne erlagen dem feindlichen Schwerte; Witowd ſelbſt und ſein Bruder Sigismund retteten ſich kaum noch durch die Flucht. Auch von dem Heerhaufen aus Preußen. bedeckte der größte Theil das Schlachtfeld; unter den Er- ſchlagenen zaͤhlte man neun Ordensritter, und nur mit zwei Brübern und einer kleinen Kriegerzahl kehrte der Komthur von Ragnit voll Trauer über ſeinen Verluſt ins Ordensgebiet zuruͤck. Fuͤrſt Witowd war jetzt in großer Bedraͤngniß. Zwar war das ſiegende Heer der Tataren, nachdem es die Ueber— reſte der Litthauiſchen Streitmacht bis an den Dnepr ver⸗ ſolgt, Kiew gebrandſchatzt und Witowds Gebiete bis Luzk verheert, in ſein Nomaden = Lager zuruͤckgezogen; allein der raubſuͤchtige Feind konnte leicht zuruͤckkehren;? Litthauen ſtand ohne Heer und Schutz da, und auch auf den Hoch— meiſter in Preußen konnte der Großfuͤrſt bald nicht mehr rechnen, denn es waren bereits Ereigniſſe eingetreten, die 1) Karamfin B. V. S. 132 — 134. 2) Das Genauere über die Schlacht iſt bei Kojalowiez p. 63 — 64 und Karamſin B. V. S. 134 ff. nachzuleſen. Daß der HM. Wi⸗ towd'n einen Huͤlfshaufen von 100 Glevenien zugeſandt habe, ſagt Lin⸗ denblatt S. 122. Diugoss. I.. X. p. 156 — 158 nennt in feiner Beſchreibung der Schlacht nur im Allgemeinen Deutſche in Witowds Heer. 3) Vgl. das Schreiben des Papſtes an den Biſchof von Krakau, worin er die fuͤr Polen und Litthauen drohende Gefahr ſchildert, bei Raynald. Annal, eceles. an. 1399. nr. 6.
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170 Verhaͤltn. des Ordens zum Könige v. Polen (1399). jetzt die ganze Aufmerkſamkeit des Hochmeiſters auf Polen zogen. Seit einigen Monden ſchon hatten hier die Ver⸗ haͤltniſſe wieder eine ſehr drohende Geſtalt gewonnen. Als im Anfange des März der neue Biſchof von Kulm, Her⸗ zog Johannes von Oppeln, in Begleitung mehrer Kaufleute aus Preußen von Cujavien ſich in ſein neues Bisthum be⸗ geben wollte, ward er, obgleich er aus Beſorgniß ſich in fremde Kleider vermummt, auf des Koͤniges Befehl zu Kaliſch gefangen genommen und erſt nach Oſtern wieder frei gegeben: ein neuer Beweis der noch fortdauernden feindlichen Geſinnung gegen den Orden und zugleich neue Nahrung fuͤr das Mißtrauen des Hochmeiſters gegen den unverſoͤhnlichen Koͤnig.“ Noch mehr aber ſtiegen die Bes ſorgniſſe, als um Johanni dieſes Jahres die dem Orden ſtets ſo wohlgeneigte Koͤnigin Hedwig bald nach der Ge⸗ burt einer Tochter ſtarb, denn ſie allein hatte bisher den Frieden zwiſchen ihrem Gemahle und dem Orden noch aufrecht erhalten, und wie Polen in allgemeiner tiefer Trauer eine der edelſten Fuͤrſtinnen dieſes Jahrhunderts beweinte,“ fo verlor an ihr der Orden eine bewährte Freundin, die ihm beſonders in den letzten Jahren ihres Lebens manche Beweiſe ihrer Zuneigung und Huld gege— ben, weshalb auf des Hochmeiſters Anordnung auch im Haupthauſe Marienburg ihr Andenken feierlich begangen wurde durch Meſſen und Pigilien. ? Es war zu be fuͤrchten, daß jetzt der Friede mit Polen nicht lange mehr beſtehen werde. Der Großfuͤrſt Witowd, der viel auf des Ordens Beihuͤlfe in fernern Kaͤmpfen mit den Tataren baute, begab ſich daher eiligſt nach Krakau zum Könige, um wo moglich eine Vermittlung einzuleiten. Von dort aus forderte er auch den Hochmeiſter auf, mit dem Koͤ⸗ 1) Lind enblatt S. 119; vgl. Kotzebue B. III. S. 311. 2) Linbenblatt S. 120. Diugoss. p. 160 — 164. Raynalad. ibid. ur. 8. 3) Treßler⸗Buch p. 9.
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Verhaͤltn. des Ordens zum Könige v. Polen (1399). 171 nige wegen des Landes Dobrin in naͤhere Unterhandlun⸗ gen zu treten, und dieſer erklaͤrte ſich auch bereit, um das Land zu thun, was er nur irgend mit Ehre dabei thun koͤnne. Allein auf eine baldige Zuſammenkunft zu einem Verhandlungstage mit dem Könige ſelbſt mochte er ſich nicht einlaſſen, vorausſehend, daß ohne vorherige ge: genſeitige Mittheilungen und Vorbereitungen kein Erfolg zu erwarten ſey.) Eben ſo vorſichtig und behutſam benahm ſich der Meiſter gegen den Herzog Wilhelm von Oeſterreich, denn dieſer hatte vom Tode der Koͤnigin Hedwig, von einer angeblichen Krankheit des Koͤniges ſelbſt und allerlei un⸗ ruhigen Bewegungen im Koͤnigreiche Polen kaum Nach⸗ richt, als in ihm von neuem der Gedanke an die Krone Polens erwachte und er beim Hochmeiſter nicht nur Er: kundigungen Über die Verhaͤltniſſe im Reiche einzog, ſon⸗ dern ſich auch deſſen Rath erbat, wie er ſeine Rechte auf den Polniſchen Thron geltend machen koͤnne. Der Meiſter indeß antwortete, daß von des Koͤniges Krank⸗ heit nichts bekannt und die unruhigen Bewegungen in Polen nur von geringen Leuten angeregt ſeyen, um die man ſich wenig bekuͤmmere.) Zugleich ließ er jedoch 1) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. am Tage Bar⸗ tholomäi 1399 im Regiſtr. p. 95; der HM. ſchreibt: Solde man tage umb das landt czu Dobryn halden, fo were is wol gut, das man vor etwas rede czwiſchen enander dovon hette, das man etwas ſynnes eynen grunt und eyn ſteen vor woſte, doruff man czu tagen komen mochte, wenne man czu tagen qweme, das man nicht an ende von enander dorfte ſcheiden. Ueber das Verhältniß zwiſchen Witowd und dem Könige heißt es: Wir horen is gerne, das is wol und fruͤntlich ezwiſchen euch und dem irluchten forſten euwerm bruder konige czu Polan ſtet und hoffen, is ſulle noch alles gut werden. 2) Daß der Konig nach Hedwigs Tode ſich wirklich des Thrones nicht ganz ſicher glaubte, ſagen auch Kejalowies p. 65 und Dlx go. b. 165. non vulgaris metus Wladislaum Poloniae Regem perva- serat, de Regno Poloniae se ejiciendum fere. 3) Schreiben des HM. an den Herzog von Ocſterreich, dat, Schwez
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172 Verhaͤltn. des Ordens z. Koͤn. v. Polen (1399). durch den Komthur zu Wien dem Herzoge heimlich die Nachricht bringen, daß die Polen alsbald nach der Koͤ⸗ nigin Tod „dem Jagal, der ſich Koͤnig von Polen nen⸗ ne," von neuem geſchworen und gehuldigt hätten, wo⸗ bei auch zwei Fuͤrſten aus Maſovien zugegen geweſen, auch daß man, wie die Königin ſelbſt auf dem Sterbe⸗ bette angerathen, mit dem Plane umgehe, Jagal'n die Bruder = Tochter des Grafen von Cilli zur Gemahlin zu geben, weil ſie fuͤr die naͤchſte Erbin der Polniſchen Krone gelte und man auf dieſe Weiſe am beſten den Anſpruͤchen des Herzogs von Oeſterreich auf den Thron glaube ent⸗ gegentreten zu koͤnnen.) Er fügte dann den Rath hin⸗ zu, der Herzog moͤge alles aufbieten, dieſe Verbindung, wie überhaupt jede Vereheligung mit einer Chriſtin mög- lichſt zu verhindern, zugleich aber beim Papſte, dem Roͤmiſchen Koͤnige, den Kurfürften und andern hohen Herren Klage zu fuͤhren, daß Jagal ihm fort und fort ſein Koͤ⸗ nigreich mit Unrecht und Gewalt vorenthalte, vor allem auch auszukundſchaften, wie es zwiſchen Jagal und dem Koͤnige von Ungern ſtehe, denn zu dieſem habe jener wenigſtens großes Vertrauen, zumal da er jetzt ſeine beſten Kriegsleute in Witowds Kampfe mit den Tataren ver⸗ loren habe. In dem bereitwilligen Anerbieten des Meiſters, für des Herzogs Wuͤnſche alles zu thun, was irgend moͤg⸗ lich, lag es überdieß klar ausgeſprochen, wie gerne er nach Francisci (1399) im Regiſtr. p. 96; der HM. ſchrieb zugleich daſ⸗ ſelbe dem Biſchofe Berthold von Freiſingen und dem Haushofmeiſter des Herzogs Rudolf von Walſe, die ſich ebenfalls in der Sache an ihn ge⸗ wandt hatten. 1) So bezeichnet ihn der HM. in dem einen Briefe; in dem andern nennt er ihn ſchlechtweg „Jagel von Littouwen.“ 2) So der HM. im erwähnten Briefe; vgl, damit Kojalowiez p- 65, wo fie Anna Hungara Ciliae Comitis filia, Casimiri Polo- niae Regis neptis genannt wird. Dlugoss. p. 165.
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Verhaͤltn. des Ordens z. Koͤn. v. Polen (1399). 173 den freundlichgeſinnten Fuͤrſten des Oeſterreichiſchen Hauſes auf dem Throne Polens geſehen haͤtte.“ Es galt jetzt alle Klugheit des Meiſters, unter ſo verſchiedenen Intereſſen und Verhaͤltniſſen der Nachbar: fürften den Frieden des Landes aufrecht zu erhalten. Den Großfürften, der ſich von neuem an ihn gewandt, hielt er mit der gewuͤnſchten Beihuͤlfe gegen die Tataren bis auf den naͤchſten Sommer hin, ? ließ aber mittlerweile an der ſtaͤrkern Befeſtigung der Burgen Ragnit und Gottes⸗ werder fort und fort arbeiten.. Um die Geſinnung des Koͤniges von Ungern genau auszuforſchen, ſandte er zu ihm den klugen und gewandten Ordensritter Albrecht von der Dube, der ihm die Nachricht gab, daß Sigismund gegen den Orden immer noch die guͤtigſten Geſinnungen hege, wiewohl bereits Jagal durch eine Botſchaft bei ihm Klage gefuͤhrt, daß der Orden den Frieden mit ihm ge⸗ brochen habe.“ Daß der Koͤnig von Polen ſich wirklich in einem unfreundlichen Verhaͤltniſſe mit dem Orden glaubte, bewies er bald auch dadurch, daß er durch Witowds Ver⸗ mittlung einen ſichern Geleitsbrief vom Meiſter zu er⸗ halten ſuchte, um ohne Gefahr, wie er vorgab, an den 1) Schreiben des HM. an den Komthur zu Wien, dat. Schwez nach Francisci (1399) im Regiſtr. p. 96. Es heißt darin: Czu eynem ſomlichen Rathe unſerm herren uns czu derbiten und ſynen gnaden denſelben noczlich czu geben, wir leider czu unwiſſente ſint, wend wir ſampt mit den unſern ſlechte geordente luͤte ſyn, die czu ſulchen vornemlichen ſachen czu rathen wol beſſer Wiſſenſchaft beduͤrften, denn wir haben. 2) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Frcit. nach Al⸗ lerheiligen 1399 im Regiſtr. p. 95; er ſagt: bis nechſte Oſtern mochte euwir herlichkeit und wir ouch bas dirfaren, wy is mit den Tattern were, wend wir doch doczu nicht gethun mogen bys in den ſonmmer. 3) Treßler⸗Buch p. 6. 4) Schreiben Albrechts von der Dube an den HM., dat. am erſten Frcitag vor Katharina (v. J.) im geh. Arch. Schicbl. XX nr. 44. Aus dem Treßler⸗Buch p. 7 erſehen wir, daß der HM. bei dieſer Ge⸗ legenheit den Konig Sigismund mit meyren ausgezeichnet ſchonen Tiſch⸗ meſſern beſchenkte. 4
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174 Verhaͤltn. des Ordens zum Könige von Polen (1399). Graͤnzen des Ordensgebietes das Jagdvergnuͤgen genießen zu koͤnnen. Der Hochmeiſter weigerte ſich Anfangs ihm dieſes Anerkenntniß offener Feindſchaft zu geben, indem er dem Großfuͤrſten antwortete: Er moͤge ſelbſt fuͤr den Koͤnig das ſicherſte Geleit ſeyn; habe doch juͤngſt erſt dieſer durch ſeine Sendboten verſichert, daß er des Ordens Gönner und gnaͤdiger Herr ſeyn wolle; darauf vertrauend habe man des Ordens Unterthanen auch ohne Bedenken nach Polen hin und her ziehen laſſen; man begehre nie: mandem Leides zuzufuͤgen, vielmehr dem Koͤnige in allem behaͤglich und gefällig zu ſeyn.) Auf wiederholte Bitte des Großfuͤrſten indeß ſtellte der Hochmeiſter den verlang: ten Geleitsbrief aus, wie er ſelbſt ſagt, „um des Frans ken Glaubens willen, den unſer Herr König zu uns trägt, da wir uns beſorgen, daß leicht jemand ſey, der mit unſerm Argen umgehet gegen unſern Herrn den König.” 9 Was der Koͤnig Friedensbruch nannte, waren in politiſcher Beziehung nur faſt laͤcherliche Dinge; allein mit Abſicht erhob er es zur Wichtigkeit, daß der Vogt zu Bebern im Dobrinerlande das Gras einiger Wieſen hatte maͤben laſſen, die nicht zu ſeinem Hauſe gehoͤrten, oder daß ein Komthur einen Bauer richten ließ, der zwar Polniſcher Unterthan, aber als Straßenraͤuber und Pferdedieb in des Komthurs Gebiet ergriffen worden war.“ Der Hoch⸗ 1) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Donnerſt. vor Martini 1399 Regiſtr. p. 98. 2) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Mittwoch vor Lucid 1399 im Regiſtr. p. 100; der HM. ſagt ſelbſt, der König habe das Gelcit „ernſtlich“ von ihm begehrt. 3) Schreiben des HM. an Witowd im Regiſtr. p. 101, worin beide Fälle als ſolche erwähnt werden, um derentwillen der König feine Un= gunſt auf den Orden geworfen habe. In einem andern Briefe an Wi⸗ towd ebendaf. p. 102 heißt es: Ap nu eyn dyp von Pruͤßen im ryche czu Polan oder ein dip von Polan im lande czu Prüffen gehangen wuͤrde, ſo getruwte wir doch unſers gnedigen herren konigs ungnade dorumb nicht czu haben.
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Verhaͤltn. des Ordens zum Könige von Polen (1399). 175 meiſter jedoch, nichts verſaͤumend, was nur in irgend einer Weiſe zur Erhaltung des Friedens dienen konnte, bediente ſich nicht nur wiederholt der Vermittlung des Großfuͤrſten, um beim Könige verſoͤhnliche Geſinnungen zu erwecken, ſondern ſprach ſeinen aufrichtigen Wunſch nach Friede und Einigkeit auch in mehren Briefen an den König ſelbſt aus. Und in der That gelang es den Bemuͤhungen des Meiſters und des Großfuͤrſten, dem der Koͤnig zu Ende dieſes Jahres einen Beſuch abſtattete, dieſen wenigſtens zu friedfertigen Erklaͤrungen und ſelbſt zu der Aeußerung zu bewegen, daß auch er allen Un— frieden und jegliches Mißtrauen zwiſchen ihm und dem Orden verbannt wüuͤnſche, um endlich einem ſeſteren Frie-“ den unter ihnen Raum zu geben. ? Selbſt durch Ueber: ſendung eines Geſchenkes von einigem Wild ſuchte er dem Hochmeiſter ſeine geneigtere Geſinnung zu bethaͤtigen, was der letztere, wie ſich erwarten laͤßt, mit ungemeiner 1) Schreiben des HM. an den König von Polen, dat. Marienb. Dienſt. vor Weihnachten 1399 im Regiſtr. p. 102. 2) In einem Schreiben des Koͤniges an den HM. dat: Wilne de- cima die meusis Januarii an. 1400 heißt es unter andern: A tem. pure, quo eterni regis dispusitäione eristianam fidem assunpsi- mus et regni Polonie recepimus dyadema, tocius nostre diligen- cic operam ad hoc dirigimus et specialiter dei elemenciam pro co imploramus, ut non tantum vobis et ordini vestro, sed et cunctis eristicolis in visceribus caritate jesu xpi possemus com- placere. L'rofecto magnificeneie vestre incognitum non existit, quomodo varivs modos et exquisitas vias et pure mentis propo- situm ad hoc habuimus, quod ea que favorem suffocant et dis- pliceneias inter nos ampliant ad equalitatis modulum duxisse- mus, ambiguitatis serupulum in eo non tenentes, quod equalitas favorem poterit inter nos stabilire, pro quo in pleno arbitrii nostri beneplacito hoc gerimus, quod iurgia displicenciam inter nos possent aliquo equalitatis tramite moderari, quia pocius animadvertimus vobiscum dulcis perseverancie tenere modestiam, quam dampnandarum displiceneiarum abhominaciones exercere; im Regiſtr. p. 110. Aber freilich hatte es der König nur ehrlich ge⸗ meint!
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176 Streit wegen Gothland (1299 — 1460). Freude aufnahm.) Es wurde daher dem Meiſter jetzt auch um ſo leichter, allerlei Geruͤchte und Einfluͤſterungen, von Feinden und heimlichen Widerſachern des Ordens dem Koͤnige in der Abſicht mitgetheilt, um ſeinem Mißtrauen neue Nahrung zu geben, in ihrer Bloͤße und Nichtigkeit darzuſtellen und dieſen zu uͤberzeugen, daß es nur auf Erweckung neuer Zwietracht hinziele, wenn man die Nach⸗ richt verbreitet habe, der Orden wolle ſich der Kirchen: guͤter in Polen unterwinden, um daraus ein neues Bis⸗ thum zu bilden. Waͤhrend es jedoch dem Meiſter hier gelungen war, den Frieden mit dem Nachbarreiche aufrecht zu erhalten, hatten die Verhaͤltniſſe des Ordens mit Dänemark eine ernſte Geſtalt gewonnen. Der mit dem Koͤnige Erich von Danemark geſchloſſene Vertrag hatte allerdings manche der früher obwaltenden Mißhelligkeiten ausgeglichen; allein alle Streitpunkte waren durch ihn noch keineswegs beſeitigt. So wurden uͤber die von den Preußiſchen Friedeſchiffen auf der See aufgegriffenen Daͤniſchen Schiffe, deren Mann⸗ ſchaft man uͤber Bord geworfen hatte, noch fort und fort Unterhandlungen gepflogen. ? Vor allem aber war es die Verpfaͤndung Gothlands an den Orden, deren Recht— 1) Antwortſchreiben des HM. an den König, dat. Marienb. in erastino s. Pauli 1400 im Regiſtr. p. 110. 2) Schreiben des HM. darüber an den König, dat. Elbing domin. qua Cantate in eceiesia dei derautatur im Regiſtr. p. 105. Man habe das Gerücht verbreitet: nos divisionem dyocesis et bonorum Beclesie Wladislaviens, partem, presertim eorumdem hie in terra nostra cunsistentem pro alia eathedrali Eeclesia erigenda con- cepisse et hoc ipsum desiderasse effectui maneipare. Auch in einem Briefe an Witowd im Regiſtr. p. 105 ſpricht er ſich daruber aus. 3) Die Urkunde uͤber die Aufnahme neuer Verhandlungstage dar⸗ über, dat. am S. Michaelis⸗Tage 1399 bei Sum T. XIV p 656. Bethaͤtigt waren dabei von Seiten des Ordens Friederich von Wenden Komthur zu Thorn und Johannes Thiergart, Großſchaffer zu Marien⸗ burg, und die dabei betheiligten Städte Danzig, Thorn und Elbing.
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Streit wegen Gothland (1299 — 4400). 177 maͤßigkeit die Koͤnigin ſchon darum nicht zugeſtehen konnte, weil ſie als Koͤnigin von Schweden bereits anerkannt, auch Anſpruͤche auf den Beſitz dieſes Eilandes zu haben glaubte. Sie forderte es daher jetzt durch ihren als Bot⸗ ſchafter an den Hochmeiſter geſandten Reichskanzler als zu ihrem Reiche gehörig zuruck. Der Meiſter indeß ent: ſchuldigte ſich, daß er, um des Ordens Ehre ſicher zu verwahren, die Sache nothwendig zuvor an des Ordens Sachwalter bringen muͤſſe, „von deren Gewalt und Wil— len er das Land und die Stadt zu Gothland als ein Pfand in Verſatz habe“ ) und forderte alsbald auch den König Albrecht auf, ihn gegen die Anfprüche der Königin zu vertreten und nach Inhalt des Vertrages zu befreien,” weil er ſonſt nach Verlauf eines Jahres in der Sache ver⸗ fahren muͤſſe, wie es ihm irgend gut duͤnke.) Der Mei: ſter ahnete wohl, was kommen werde und ließ daher vor: ſichtig ſeine Beſatzung auf Gothland durch neue Soöldner— haufen verſtaͤrken und reichlich mit Lebensmitteln verſor— gen. Albrechts ausweichende Antwort wurde der Koͤni— gin zugeſandt, doch mit der Bemerkung, daß ſie auch dem Hochmeiſter keineswegs genüge und er die Mahnung mit allem Ernſte erneuern wolle, um eine beſtimmtere Erklaͤ— rung einzureichen, ® und wie der Hochmeiſter, ſo verſprach auch der Großkomthur Wilhelm von Helfenſtein in aller Gebietiger Namen, daß alles geſchehen ſolle, was mit des Ordens Ehre verträglich ſey, um den Wuͤnſchen der Königin zu genügen und ihre Freundſchaft und Liebe und den Frieden dem Orden zu erhalten.“ So wurde nun 1) Antwortſchreiben des HM. an die Konigin, dat. Marienb. Sonnab. vor Simon und Zudä 1399 im Regiſtr. p. 109. 2) Schreiben des HM. an Konig Albrecht von demſ. Datum ebenda. 3) Treßler⸗Vuch p 8. 4) Schreiben des HM. an die Königin, dat. am S. Cecilien⸗Tage 1399 im Regiſtr. p. 109, 5) Schreiben des Großkomthurs an die Königin, dat. Stuhm Mittw. nach Scholaſtica Virg. 1399 Yirgiftr. p. 111. VI. 12
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178 Streit wegen Gothland (1399 — 1400). das ganze Jahr 1400 hindurch zwiſchen der Königin, dem Hochmeiſter und Albrecht ein aͤußerſt lebendiger Brief⸗ wechſel geführt, deſſen Inhalt von Seiten der erſtern die immer wiederholte Forderung enthielt: Gothland gehöre mit allem Rechte zu ihrem Reiche und muͤſſe ihr zuruͤck⸗ gegeben werden, von Seiten des Hochmeiſters dagegen die Erklärung: der Orden habe das Land theils als Erobe— rung von den Seeraͤubern, theils als Pfand vom Koͤnige Albrecht inne; er wolle es jedoch abtreten, ſofern er es mit Ehren und dem Rechte nach vermoͤge, denn Albrecht habe darüber mit der Königin zu rechten und muͤſſe ges gen alle Anforderungen einſtehen.) Der letztere verſprach auch fort und fort, er wolle mit der Koͤnigin uͤber den Beſitz des Landes zu Rechte gehen, ohne jedoch je in der Sache einen Schritt zu thun, ſtets nur bemuͤht, durch hingehaltene Verheißungen und nichtsſagende Ausflüchte den ernſtlichen Forderungen auszuweichen. Vorerſt indef- ſen begegneten ſich die Koͤnigin und der Meiſter immer noch mit vieler Freundlichkeit; Margarethe begleitete ſogar manches ihrer Schreiben mit erfreulichen Geſchenken, bald mit einem Zelterpferd, bald mit einem Schachzabel und dgl. oder ſie war bemuͤht, Streitigkeiten zwiſchen Daͤni⸗ ſchen und Preußiſchen Staͤdten ſelbſt zu Gunſten der letz⸗ tern zu entſcheiden. Hinwieder bethaͤtigte auch der Hoch— meiſter auf alle Weiſe ſeinen Wunſch, das friedliche und freundliche Verhaͤltniß gegen die Königin auch ferner zu ers halten, und wandte ſich deshalb bald an Herzog Johann von Meklenburg, bald an die Staͤdte Roſtock und Wismar, bald an die Meklenburgiſche Ritterſchaft mit der Bitte, den König Albrecht zur Erfüllung feiner Pflicht und Verſpre⸗ chungen anzutreiben. Allein alle Bemühungen, die Sache auf guͤtlichem Wege auszugleichen, blieben ohne Erfolg. 1) In mehren Briefen laßt ſich der HM. gegen Albrecht ſehr uns gehalten über fein Verhalten aus. 2) Es befinden ſich uͤber dieſe Verhandlungen im J. 1400 nicht
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Streit wegen Gothland (1399 — 44000. 179 So befand ſich der Hochmeiſter in Ruͤckſicht Goth⸗ lands faſt ganz in derſelben Lage, wie um die naͤmliche Zeit in Betreff des Dobrinerlandes gegen den König von Polen, denn auch in dieſer Angelegenheit ſtand noch alles, wie vor mehren Jahren und der erneuerten Aufforderung Witowds zur Ausgleichung dieſer Streitſache konnte auch jetzt der Meiſter nur die wiederholte Erklaͤrung entgegen- ſtellen: wenn die Abtretung des Landes an den Koͤnig mit Wiſſen und Willen des Herzogs von Oppeln geſchehen koͤnne und dem Orden die Pfandſumme bezahlt werde, ſo ſey er dazu bereit und wolle dem Koͤnige, ſofern ihm die Zahlung der Geſammtſumme zu ſchwer falle, ſelbſt gerne theilweiſe Zahlungen zugeſtehen. Allein auch jetzt noch kam es zu keinem feſten Beſchluſſe“ und der Hochmeiſter war nur bemuͤht, durch den Komthur von Balga einige andere zwiſchen ihm und dem Koͤnige wieder eingetretene Irrungen ſobald als möglich zu befeitigen. > Waͤhrend dieſer laͤſtigen Zwiſtigkeiten begegneten jedoch dem Hochmeiſter auch manche erfreulichere Ereigniſſe. Der neue Koͤnig von England Heinrich der Vierte, der fruͤher als Graf von Derby unter den Fahnen des Ordens gegen die Litthauer gefochten und jetzt nach Richards des Zweiten Entſetzung zum Thron gekommen war, ſandte wie an verſchiedene andere Hoͤfe Europa's auch an den Hoch⸗ meiſter eine Botſchaft und bezeugte ihm ſowie dem ganzen Orden in einem huldvollen Schreiben nicht nur ſeinen Dank für die Wohlthaten und Auszeichnungen, die man weniger als zwölf Briefe des HM. an die Königin, an König Albrecht u. a. im Regiſtr. p. 111 — 114; auch der obenerwähnte Bericht im Fol. F. p. 60 ſpricht darüber. 1) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Mont. nach Converſion. Pauli 1400 Regiſtr. p. 110. 2) Schreiben des HM. an den König, dat. Marienb. ipso die Johannis evang. 1400 Regiſtr. p. 118. Der Brief iſt ungemein freund⸗ lich und zugleich eine Dankſagung für die dem Komthur von Balga Ul⸗ rich von Jungingen erwieſenen Auszeichnungen und Gnadenbezeugungen. 1
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180 Paͤpſtiiche Beguͤnſtigungen (1400). damals ihm und den Seinen erwiefen, ) ſondern er be= wies auch bald durch die That, daß er noch immer fuͤr den Orden die geneigteſten Geſinnungen hege.“ Auch der Papſt Bonifacius der Neunte gab dem Meiſter wieder⸗ holte Beweiſe ſeiner Huld und Zuneigung. Erſt vor wenigen Jahren hatte er dieſem und denjenigen Ordens⸗ beamten, welche das Recht hatten, Ordensbruͤder zu Pfar⸗ reien oder deren beſtaͤndigen Vicarien vorzuſchlagen, die Befugniß ertheilt, dieſe Ordensbruͤder zu jeder beliebigen Zeit von ihren Aemtern wieder abzurufen und in einen Ordensconvent zuruͤckzunehmen, wozu den Hochmeiſter, wie es ſcheint, die Wahrnehmung bewogen hatte, daß ſich manche in ihren Aemtern keines ganz ehrbaren Lebens⸗ wandels befleißigt und dem Orden vielmehr Unglimpf zu⸗ gezogen hatten.“ Eine andere Verleihung betraf das ſchon früher erwaͤhnte Weiſen des Heiligthums zu Marien⸗ burg, indem der Papſt allen denen, welche am Feſte Philippi und Jacobi die Kapelle des Haupthauſes Marien⸗ burg, wo an dieſem Tage die dortigen Reliquien aus⸗ geſtellt wurden, beſuchten, dieſelbe Indulgenz ertheilte, 1) Lindenblatt S. 125. 2) Namentlich in Beziehung auf die Handelöverhältniffe Preußens, wie fpäter gezeigt werden wird. 3) Original⸗Bulle, dat. Rome VII Idus April. p. n. a. VIII (7 April 1397) im geh. Arch. Schiebl. VIII. nr. 95, es heißt: Pro parte Magistri et fratrum predictorum nobis fuit humiliter sup- plicatum, ut eis quod ipsi aut ille vel illi ex eis ad quem vel ad quos presentacio huiusmodi, ut premittitur, pertinet, pre- sentatos hactenus et imposterum presentandos fratres huiusmodi al ecclesias et vicarias predictas pro solo nutu Magistri et fra- trum prefatorum aut illius vel illorum ex eis, ad quem vel ad quos presentacio huiusmodi pertinet, ut prefertur, quociens ei vel eis videbitur ad domum seu claustrum dicti hospitalis revo- care et loco rerocatorum huiusmodi alios fratres ydoneos eius- dem IIospitalis ad ecelesias et vicarias antedietae nstituendos ordinariis ipsis presentare possint, concedere de benignitate apo- stolica dignaremur.
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Paͤpſtliche Beguͤnſtigungen (4400). 181 wie ſolchen, die in der Octave der Himmelfahrt Maria in der Ermlaͤndiſchen Kirche zu Frauenburg erſchienen. Die naͤmliche Indulgenz wurde vom Papſt auch allen den Ordensbrudern und deren Geſinde zugeſprochen, welche ſiebenmal im Jahre an gewiſſen Feſten das Sacrament empfangen würden, eine Begnadigung, die bald nachher auch auf diejenigen Weltlichen ausgedehnt wurde, welche die Bruͤderſchaft des Ordens außer demſelben oder die Mitgliedſchaft als Halbbruder annehmen, nach ihrem Tode aber ihre Güter und ihr Vermoͤgen dem Orden vermachen wuͤrden. Es ward ferner als eine beſondere Auszeich⸗ nung betrachtet, daß der Papſt dem Prior des Haupt⸗ hauſes auf Bitten des Hochmeiſters die Erlaubniß zuge⸗ ſtand, an Feſttagen, bei Verrichtung der Meſſe und ans dern gottesdienſtlichen Handlungen ſich der Mitra, des Ringes, des Hirtenſtabes und anderer prieſterlicher In: ſignien zu bedienen.) Noch wichtiger endlich war die paͤpſtliche Verguͤnſtigung, daß von allen Praͤlaturen, Wür⸗ den und Aemtern des Deutſchen Ordens in Pommerellen der Zehnte an die paͤpſtliche Kammer forthin nicht mehr eingefordert werden duͤrfe, weshalb es auch dem damals in Pommern umherziehenden paͤpſtlichen Collector Matzeus de Lambertis unterſagt wurde, den dreijährigen Zehnten, auf deſſen Entrichtung er gedrungen, ferner noch zu ver⸗ langen.) 4) Original⸗Bulle, dat. Rome VII Idus April. p. n. a. VIII Schiebl. VIII. ar. 10, gedruckt bei Lindenblatt S. 40. 9) Original⸗Bulle vom nämlichen Datum Schiecbl. VIII. nr. 11. 3) Original⸗VBulle, dat. Rome V Calend. Martii p. u. a. X (26 Febr. 1399) Schiebl. VIII. nr. 14. 4) Original⸗Bulle, dat. Rome XVI Calend. Julü p. n. a. XI (16 Jun. 1400) Schicbl. VIII. nr. 16. 5) Original⸗Bulle „ dat. Rome XVI Calend. Julii p. n. a. XI Schiebl. VIII. nr. 17. Es heißt: es geſchehe dieß deshalb, quod per- sone ecclesiastice tam religiose quam seculares partium Pome- ranie Gneznens. et Wladislav. dioe. eisdem fratribus ordinis sub-
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182 Kriegsreiſe nach Samaiten (1400). Ein erfreuliches Schreiben des nach Rom ziehenden Ordens = Procurators brachte dem Meiſter noch vor Be: ginn dieſes Jahres die Nachricht, daß eine große Anzahl fremder Kriegsgaͤſte unter der Führung des Herzogs Karl des Kuͤhnen von Lothringen auf dem Wege nach Preußen begriffen ſey,) und bald darauf langte nicht nur dieſer Fuͤrſt mit zweihundert Reiſigen, ſondern auch Herzog Wil⸗ helm von Geldern mit einer anſehnlichen Schaar von Rittern und Knechten beim Hochmeiſter an. Den letztern indeß hatte eine Krankheit ſchon ſo geſchwaͤcht, daß er nicht lange nachher in ſeine Heimat zuruͤckkehrte, wo er nie wieder genaß. Ein Theil ſeiner Kriegsleute blieb jedoch in Preußen, um am Kampfe gegen die Heiden Theil zu nehmen.“) Es ward überall im Lande ſtark iectarum prelaturas, dignitates personatus oflicia et alia benefi- cia ecclesiastica sccularia et regularia in eisdem partibus obti- nentes prefatis fratribus ad expugnationem paganorum et alio- rum infidelium et resistendum insultibus eorumdem contributio- nes et subsidia hactenus impenderunt et fideliter impendere non desistunt. Darauf bezicht ſich auch eine Beſcheinigung des genannten paͤpſtlichen Collectors, daß er von den Achten Johannes und Nicolaus von Pelzlin und Oliva 10 Ungeriſ. Goldgulden occasione caritativi subsidii per sedem apost. eis impositi erhalten habe; Original in Schiebl. I. VI. nr. 46. 1) Schreiben des Procurators, dat. Falkenberg Freit. nach Concept. Maria (1399). 2) Lindenblatt S. 126. Leo Niederländ. Geſchichte Th. I. S. 861 läßt das Siechthum des Herzogs von Geldern erſt 1401 eintreten. Allein der HM. ſchreibt an Witowd ſchon im J. 1400: Ouch wiſſet, das vaſte vil nemlicher erbarer geſte kegen Pruͤſſen reiße czu czihen, ge⸗ kommen ſint, als die Irluchten herren herczogen von Gelren und von lotringen mit vil erbarer ritterſchaft. Ader der herre herczoge von Gel⸗ ren kegen Pruͤſſen czihende in der Stadt czur Stolpe mit erlicher crank⸗ heit bekommen wart, der her nicht jo gentzlich geloßen mag als her ge⸗ hoft hette, das uns gar leid iſt, dorumb her meynet wider czihen czu lande; im Regiſtr. p. 103. Das Treßler-Buch p. 32. 35 erwähnt, der HM. habe ihn mit einem Wagen beſchenkt bei feiner Ruͤckreiſe und einen Arzt bis Deutſchland mitgegeben. Oſtern 1400 war der Herzog noch in Elbing.
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Kriegsreiſe nach Samaiten (4400). 183 geruͤſtet; auch an die Städte ergingen Aufforderungen zur Stellung ihrer Heermayen. Bevor aber die Streit⸗ macht auszog, erließ der fromme Meiſter an die Klöfter des Landes das Gebot, in fleißigem Gebete den Himmel anzurufen, daß er das Heer beſchuͤtze und bewahre und gluͤcklich wieder in die Heimat fuͤhre. Die Komthure der Ordenshaͤuſer erhielten die Aufforderung, daß ſie in ihren Kirchen ein gleiches veranſtalten, außerdem auch eine An⸗ zahl armer Menſchen auf vier bis ſechs Wochen mit mil⸗ der Hand zu Tiſche ſetzen follten. ? Der Kriegszug galt abermals die Samaiten. Da das Eis des Kuriſchen Haffs ſehr unſicher war, ſo nahm das Heer unter der Fuͤhrung des Ordensmarſchalls Werner von Tettingen und des Her⸗ zogs von Lothringen den Weg durch die Wildniß bis Ragnit, von wo man in den erſten Tagen des Februar ins feind⸗ liche Land einſprengte. Da das Heer ganz unerwartet kam, ſo hatte niemand an Rettung und Flucht denken koͤnnen. Die Zahl der Gefangenen war daher ſehr be: deutend, denn zwoͤlf Tage lang ward im Lande rings umher geheert und gebrannt, ſo daß endlich die Bewohner in Verzweiflung dem Marſchall die Annahme des Chriften: thums, Gehorſam gegen den Orden und zur Bürgfchaft ihres Verſprechens eine genuͤgende Anzahl von Geiſeln ver: hießen. Zur Feier dieſer Unterwerfung wurde der Herzog von Lothringen nebſt mehren der vornehmſten Kriegsgaͤſte vom Ordensmarſchall zum Ritter geſchlagen und erſterer vom Hochmeister mit einem koſtbaren Ritterzaum beſchenkt.“ Mittlerweile aber war auch Witowd, wie er dem Meiſter 1) Elbingiſ. Kriegsbuch. 2) Dieſe Sitte beſchreibt der Regiſtr. p. 9. Die Klöfter laſen 3 Meſſen; die großen Ordenshäufer ſpeiſten 4 Arme, die Mittelhäuſer 2, die kleinen 1. Der Komthur von Brathean und andere Haͤuſer, die keine Prieſterbrüder hatten, erhielten dieſe Aufforderung nicht; auch Mes mel und Ragnit ſetzten keine Armen. 3) Treßler⸗Buch p. 32.
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184 Kriegsreiſe nach Samaiten (1400). zuvor ſchon zugeſagt,“ mit einer bedeutenden Heeres⸗ macht, verſtaͤrkt durch den Zuzug des Komthurs von Ragnit Marquard von Salzbach, zu Graſyen? ins Land einge— brochen und hatte bis zum neunten Tage in jenen Ge⸗ genden mit Feuer und Schwert gehauſt, ſo daß zwei große Landſchaften von ihm uͤberwaͤltigt und die Bewoh⸗ ner ebenfalls zur Annahme des Chriſtenthums, zu Ges horſam und Stellung von Geiſeln gezwungen wurden, welche letztere er ſaͤmmtlich dem Komthur von Ragnit übergab, Das gluͤcklichſte Loos traf einen Ritter aus Brabant, der eine Zeitlang unter den Samaiten in Ge— fangenſchaft gelebt und jetzt vom Ordensmarſchall befreit mit dem Heere nach Preußen zurückkehrte.“) Der Hochmeiſter empfing die Nachricht von dieſem 1) Daruͤber ein Schreiben des HM. an Witowd ohne Datum im Regiſtr. p. 103. woraus man aber ſicht, daß dem HM. die Theilnah⸗ me Witowds an der Unternehmung nicht ganz angenehm war; er ſuchte ihn ſchonend von der Mithuͤlfe zuruͤckzuweiſen, indem er ihm ſchreibt: Wir hoffen als verre uns got der herre dorczu ein weter gibt, das wirs mit der huͤlfe unſers herren gotes mit den Samayten alſo machen wel⸗ len, das euwir groſk. keyner hindernuͤß in uͤwern geſcheften vor In ſich dürfte beſorgen, und danken mit ſunderlichen fleiße uͤwer herlikeit derſel⸗ ben uͤwer fruͤntlichen birbietunge, das Ir uns cuwer luͤthe lyhen weld. 2) Groſynn, wie es Lindenblatt S. 120 nennt; es iſt aber nicht Gruzdzy zwiſchen der Windau und der Musza, wie dort in einer Anmerk. geſagt iſt, ſondern Grauſchy zwiſchen der Bebirwa und der Mitwa. Die Wegeverzeichniffe geben feine Lage ausdruͤcklich fo an, daß man von Graſyen (Grauſchy) rechts hinauf nach dem Lande Weduckeln (Widukly) und links nach Caltenen gehe. Der Weg von Ragnit über Wiſchwill bis Graſyen wird mehrmals ſehr genau bezeichnet. 3) Lindenblatt a. a. O. uͤbereinſtimmend mit einem Schreiben des HM. an den Röm. König im Regiſtr. p. 107, worin er von die⸗ ſem Kriegszuge Nachricht giebt. De Wal T. IV. p. 167 — 109 ſpricht über dieſe Unternehmung nach weniger glaubhaften Quellen, obs gleich manches Wahre in ſeiner Erzählung liegt. Die Anweſenheit Karls von Lothringen iſt nicht zu bezweifeln; nur läßt ſich nach dem Charakter der Berichte, die De Wal vor ſich hatte, Über feine näheren Verhält⸗ niſſe und Unternehmungen nichts ſicheres ſagen.
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Erſte Unterwerfung der Samaiten (1400). 185 gluͤcklichen Erfolge mit doppelter Freude, nicht nur weil er es als eine beſondere Gnade und Huͤlfe des Himmels anſah, daß nun der größte Theil Samaitens dem Orden unterworſen war, ſondern auch weil ihm der Beiſtand Witowds ein ſprechender Beweis ſeiner friedlichen Geſin⸗ nung gegen den Orden zu ſeyn ſchien. Er ſprach ſei⸗ nen freundlichen Dank theils in einem prachtvollen Ritter⸗ geraͤthe, welches er dem Großfuͤrſten als Geſchenk ſandte, 2 theils in einem ſehr verbindlichen Schreiben an ihn aus, ihm bezeugend, daß er nur eine Gelegenheit erſehne, um ihm gleiche Liebe und Freundſchaft zu beweiſen. Auch in anſehnlichen Ehrengaben für die fremden Kriegsgaͤſte legte er ſeinen Dank dar; den Herzog von Lothringen erfreute ein ſehr koſtbarer Ehrenpelz und ſein Gefolge ward reichlich mit Geld belohnt.“ Mit Freude erſetzte der Meiſter auch den einzelnen Kriegsleuten aus ſeinen Landen die erlittenen Verluſte.“ Alsbald wurden nun die noͤthigen Anſtalten zur völligen Beſitznahme des Lanz des getroffen, denn alle Gebiete Samaitens ſchienen ihre fernere Vertheidigung jetzt aufgegeben zu haben und ſand⸗ ten zur Buͤrgſchaft ihrer Unterwerfung eine große Zahl von Geiſeln, die in die Ordensburgen im Weſten vertheilt wurden.“ Sofort ließ der Meiſter in Samaiten ſelbſt eine feſte Burg errichten, wohin er einen Ordensritter, wahrſcheinlich Michael Kuͤchmeiſter von Sternberg, als ers 1) Der HM. ſpricht dieſes im erwähnten Briefe an Witowd aus⸗ druͤcklich aus. 2) Treßler-Buch p. 35. 3) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Grebin Mittwoch vor Petri ad Kathedra 1400 Regiſtr. p. 103 — 104. 4) Treßler-Buch p. 35. Der Preis des Pelzwerkes betrug 21 Mark. Der Herzog erhielt auch ein Paar koſtbare Handſchuhe. 5) Treßler⸗Buch a. a. O. 6) Treßler⸗Buch p. 32; die ſehr anſehnliche Zahl von Geiſeln wurde in die Burgen Graudenz, Engelsberg, Rheden, Osterode, Schwez, Schlochau u. a. vertheilt.
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186 Erſte Unterwerfung der Samaiten (1400). ſten Vogt feßte, D der die erſten Anordnungen zur Ver⸗ waltung des Landes treffen ſollte; und bald darauf be⸗ gann der Bau eines zweiten Ordenshauſes, wie es ſcheint die Friedeburg genannt, zum Aufenthalte einer Anzahl von Ordensrittern und Kriegsleuten, die man zur Aufrecht⸗ haltung der Ordnung und Ruhe ins Land ſandte.) Der oberſte Beamte dieſer Burg erhielt den Namen eines Burg⸗ grafen. Durchs Land zerſtreut wurden Kämmerer ange: ſtellt, um als Verweſer der einzelnen Gebiete nach be— ſtimmten vorgeſchriebenen Rechtsſatzungen Gericht und Ge⸗ rechtigkeit zu handhaben.) Man ſandte Geiſtliche ins Land, die das Volk belehren und durch die Taufe ins Chriſtenthum einführen ſollten, und viele von den Ober: ſten und den Baioren ließen ſich bald die chriſtliche Weihe ertheilen. Andere in nicht geringer Zahl kamen nach 1) Mehres daruͤber bei Lindenblatt S. 128; wenn aber in der Anmerk. daſelbſt in Betreff „der ſchmaͤhlichen Behandlung der Samaiti⸗ ſchen Geiſeln in Preußen“ auf Kotzebue B. III. S. 292 verwieſen wird, fo iſt wohl zu beruͤckſichtigen, daß der Brief des Vogts von Sa⸗ maiten, der hier mitgetheilt wird, keineswegs aus dem von Kotze bue hinzugeſetzten J. 1400, ſondern ohne Angabe des Jahres und hochft wahrſcheinlich erſt aus dem J. 1406 iſt. Die Namen der errichteten Burgen werden bei den Chroniſten nirgends genannt. Wir erſchen aber aus Bricfen des HM. vom J. 1401, daß wirklich von ihm zwei Bur⸗ gen im Lande erbaut wurden, wovon die eine Friedeburg hieß. Was den erſten Vogt von Samaiten betrifft, fo wird von Lucas David B. VIII. S. 45 als ſolcher Dionyſius von Anderlau genannt; dieſer Name indeß, ſowie überhaupt vieles über die erſten Verhältniffe Samaitens iſt von dieſem Chroniſten bloß dem Simon Grunau nachgeſchricben. Daß Michael Kuͤchmeiſter der erſte Vogt geweſen ſey, ſchließen wir aus einem Briefe des Ordensmarſchalls an den HM., dat. Schaken Sonnab. vor Nativitat. Maris (ohne Jahr), worin jener meldet, daß Michael Kuͤchmei⸗ ſter ſich zu dem Amte in Samaiten geneigt erkläre, und anfragt, welches Siegel er fuͤhren ſolle, ob das von Rhein oder ein anderes. Dieſes Sie⸗ gel wird dann nach dem Freßler-Buch p. 32 im J. 1400 für den Vogt geſtochen. 2) Treßler-Buch p. 32. 3) Lindenblatt a. a. O.
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Witowds Gemahlin in Preußen (1400). 187 Preußen und ſiedelten ſich hier an. Sie wurden vom Hochmeiſter meiſt reichlich beſchenkt und von den Kom⸗ thuren zu ihrer erſten Einrichtung unterſtuͤtzt.) Außer⸗ dem ließ der Meiſter das Volk in Samaiten mit Ge⸗ treide, Vieh, Lebensmitteln und andern nothwendigen Be: dürfniffen verſorgen, zugleich auch bemuͤht, uͤber den Beſitz des laͤndlichen Eigenthums zweckmaͤßige Einrichtun⸗ gen zu treffen. Es gab drei Klaſſen von Landbeſitzern in Samaiten, Baioren, Freie und Bauern; man verſprach ihnen ihr Beſitzthum zu laſſen; es ſolle jedoch eines jeden Gut genau ausgemeſſen werden, um zu beſtimmen, welche Dienſte und Leiſtungen jeder darauf nehmen koͤnne. Die Samaiten zeigten ſich ſehr zufrieden mit dieſen Anord⸗ nungen und faßten bald auch Vertrauen zu ihrem neuen Herrn, „zumal als ſie ſahen, wie es mit dem Rechte zu⸗ ging, womit man ſie begnadigt hatte, das ihnen allzumal ſehr lieb war." 9 Das friedliche und freundſchaftliche Verhaͤltniß zwi⸗ ſchen Witowd und dem Meiſter ſchien ſich noch mehr zu befeſtigen durch die Ankunft der Gemahlin des erſtern in Preußen im Sommer dieſes Jahres, denn wie bei einem im vorigen Jahre dem Großfüͤrſten abgeſtatteten Beſuche des Hochmeiſters verabredet worden,“ erfreute die Fuͤrſtin im Juli mit einem zahlreichen Gefolge und vierhundert Pferden das Ordenshaupthaus mit ihrer Gegenwart, wo ſie alles zu ihrer Aufnahme aufs glaͤnzendſte vorbereitet fand; der Meiſter hatte alles aufgeboten, um die Fuͤrſtin 1) Das Treßler-Buch a. a. O. liefert hievon viele Beiſpiele. So kamen unter andern zwei vornehme Samaiten Gerguthe und Gnethe von ſelbſt nach Preußen mit noch 82 andern. Sie wurden mit Geld, Klei⸗ dern und andern Dingen beſchenkt. 2) Treßler-Buch p. 41 — 42. 3) Schreiben des HM. im Regiſtr. p. 16. Ueber die ländlichen Berhältniffe in Samaiten ein Brief des dortigen Vogts, dat. Sonnab. vor Pauli Bekehr., wahrſcheinlich vom J. 1401. 4) Vgl. meine Geſchichte Marienburgs S. 202.
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188 Witowds Gemahlin in Preußen (1400). würdig zu empfangen. Sie hatte zuvor in frommer An⸗ dacht die in verſchiedenen Ordensburgen aufbewahrten Hei⸗ ligthümer beruͤhmter Maͤrtyrinnen und Heiligen, zuerſt im Hauſe Brandenburg die Reliquien der heil. Katharina, dann zu Marienwerder das wunderthaͤtige Grab der from⸗ men Dorothea und in Althaus das Haupt der heil. Bar: bara beſucht; überall war fie auf des Meiſters Geheiß mit außerordentlicher Auszeichnung empfangen, in allen Ordens⸗ burgen koſtenfrei und prachtvoll bewirthet, als Königin “ bez handelt und koſtbar beſchenkt worden. Am glanzvollſten je⸗ doch war ihre Aufnahme im Haupthauſe ſelbſt, wo zu ihrem Empfange ein feierlicher Gottesdienſt gehalten, glaͤnzende Feſtmahle veranſtaltet, fuͤr ſie und die Vornehmſten ihres Gefolges der ſ. g. Ehrentiſch gedeckt? und ihr ſowohl als den Erſten ihres Geleites, mehren Herzogen und Rittern prächtige Ehrengeſchenke, vergoldete Trinkbecher, koſtbare Fingerringe, werthvolle Geräthe und Kleinode, ausgeſuchte Roſſe und Zelterpferde u. dgl. geſpendet wurden. 9 Auch ihre geſammte Dienerſchaft ward auf des Hochmeiſters Ge⸗ heiß, jeder nach ſeinem Range, mit Geſchenken bedacht, denn aus allem ging des Meiſters Abſicht hervor, den Groß⸗ fuͤrſten auf jegliche Weiſe von der Aufrichtigkeit ſeiner freund⸗ lichen Geſinnung zu uͤberzeugen.) Daher ſandte er ihm auch ſelbſt oft koſtbare Geſchenke zu, bald einen vergoldeten Helm, bald ſchoͤn gearbeitete Tiſchmeſſer, vergoldete Trink⸗ 1) So wird fie auch gewöhnlich im Treßler⸗Buche genannt. 2) Treßler⸗Buch p. 32. 3) Nach dem Treßler-Buch p. 34 verſchenkte z. B. der Großkom⸗ thur allein an Geräthe und Kleinoden 52 Mark. ) Lindenblatt S. 1283 vgl. über das Einzelne meine Geſchichte Marienburgs a. a. O. Was jedoch in dieſer Stelle von einem Beſuche der Königin von Dänemark geſagt ift, ſcheint nicht begruͤndet, denn es iſt wahrſcheinlicher, daß man im Treßler⸗ Buche unter der Bezeichnung „Königin“ Witowds Gemahlin verſtanden habe. Auch erwähnen des HM. Briefe an die Königin von Danemark aus dem J. 1400 nichts von einem ſolchen Beſuche.
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Pilgerfahrten in Preußen (1400 — 1401). 189 becher, Paternoſter von Bernſtein, edle Weine u. dgl. Kei⸗ ner von des Großfuͤrſten Sendboten oder Dienern, die zum Hochmeiſter kamen, verließ das Haus, ohne von dieſem be⸗ ſchenkt zu ſeyn. Was aber die Großfuͤrſtin von Litthauen in ihrem Be⸗ ſuche bei den Heiligthümern in Preußen und beſonders am Grabe der frommen Dulderin Dorothea bezweckt, dazu trieb mit dem Beginne des neuen Jahrhunderts fromme Sehnſucht eine große Zahl von Pilgrimmen nach Rom zu den Graͤbern der Apoſtel hin. Wie aus andern Laͤndern, ſo war auch aus Preußen ſchon mit Ablauf des vorigen Jahres eine an⸗ ſehnliche Schaar von Landesrittern, Knechten und reichen Bürgern aus verſchiedenen Staͤdten aufgebrochen, um durch Polen nach Rom zu ziehen und dort den dargebotenen Ablaß des gnadenreichen Jahres zu erhalten.) Als indeß die pil⸗ gernden Ritter, unter ihnen Dieterich von der Delau, Ludwig von Mortangen, Dieterich von Orſechau, Lampert von Wa⸗ pels, Feſtus von Baiſen ) u. a. auf ihrer Fahrt nach Ka⸗ liſch kamen, nahm ſie der dortige Polniſche Hauptmann ge⸗ fangen, weil er den Abſichten der Pilgrimme nicht traute und der Koͤnig damals nicht im Lande war, vielleicht auch weil er Nachricht hatte, daß der Hochmeiſter das Auswan⸗ dern von Pilgrimmen aus ſeinem Lande verboten habe. Auf 1) Treßler⸗Buch, wo im J. 1400 zahlreiche Beiſpiele ſolcher Be⸗ ſchenkungen vorkommen. 2) Lindenblatt S. 127 ſpricht von ſehr zahlreichen Wanderun⸗ gen nach Rom. In der Chron. incerti auctoris ap. Lindenbrog Script. rer. Septentr. p. 211 heißt es beim J. 1399: Multitudo magna LXXX millia hominum apparuit in Italia albis vestibus induta, in qua erant Episcopi, Praelati, Abbates et alii plures, Comites, Barones etc. et nuncupata est grandis compania. IIi vi- tia hominum redarguebant et promiserunt neminem de sua so- cietate in epidemia moriturum, quae tunc in illis partibus sae- viebat. 3) So nennt fie Lucas David B. VIII. S. 52. Sie waren meiſt aus dem Kulmerland und zum Theil, wie es ſcheint, Eidechſen⸗ Ritter; vgl. m. Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſchaft S. 67. 73.
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190 Pilger fahrten in Preußen (1460 — 1401). die Anfrage beim Könige: wie mit dieſen Pilgrimmen zu verfahren ſey? erfolgte die Antwort: wenn ſie vom Meiſter einen Ausweis haͤtten, moͤge man ſie ziehen laſſen. Da ſie einen ſolchen nun nicht aufzeigen konnten, erſt nach Preußen zurückſchreiben mußten und wiederholt abſchlaͤgige Antworten erhielten, ſo verzehrten ſie in der langen Gefangenſchaft alles, was ſie bei ſich hatten und konnten endlich, als der Hochmei⸗ ſter ſich ihrer erbarmte und ſie frei bat, gleichſam nur als Bettler nach Preußen wieder heimkehren. Da kam im Spaͤtſommer dieſes Jahres ein Sendbote des Koͤniges Sigismund von Ungern zu neuen Verhandlun⸗ gen, die eine Erweiterung der Ordensbeſitzungen an der Weſt⸗ graͤnze Pommerns zur Folge hatten, indem er dem Hoch⸗ meiſter den Verkauf der Staͤdte und Gebiete von Dram⸗ burg und Falkenburg anbot. Der Orden, bereits im Be⸗ ſitze des nahe liegenden Gebietes von Schievelbein, ging in den Kaufvertrag leicht ein und dehnte ſomit feine Der ſitzungen von Schievelbein an weiter nach Suͤden hin aus. Auch das zahlreiche Geſchlecht der von Wedel kam zum Theil um dieſe Zeit unter die Lehnsherrlichkeit des Ordens. So verlief das Jahr ſeit der Unterwerfung Samai⸗ 1) Lucas David a. a. O. 2) Nach Lucas David B. VIII. S. 53 geſchah der Kauf für 7000 Schock Böhm, Groſchen oder 17,500 Unger, Gulden; der Chro⸗ niſt hatte die Urkunden vor ſich, inſofern ſie den Verkauf von Drahen⸗ burg oder dem jetzigen Dramburg betrafen, wofuͤr allein, wie es ſcheint, jene Summe gezahlt wurde; ebenſo ſpricht auch Linden blatt S. 129 nur von dieſem und erwahnt zugleich der Einwilligung des Königes Wen⸗ ceslav. Daß aber auch Falkenburg vom Orden damals mit gekauft wur⸗ de, ſagt der HM. ſelbſt in einem Briefe an Herzog Boguslav von Stolpe, dat. Vierzighuben Sonnab. nach Nativitat. Maria 1400 im Regiſtr. p. 106, wo es heißt: Als Ir lichte wol habt vornomen vom kowffe von uns geſchen des Lendichen und der Stete Falkinburg und Drauwenburg, domitte dy von Wedelen unſer manne wurden ſint, do⸗ rumb wir ouch noch Irer bethe und heyſchunge wille billich Ires rech⸗ tes, wo uns das mogelich iſt, ſollen forderlich und beholfen ſien. Das Treßler⸗Buch p. 41 giebt die Kaufſumme von 5809 Mark 4 Scot an.
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Taufe der Samaiten (1401). 191 tens im übrigen ruhig und friedlich, denn einige Irrun⸗ gen mit Herzog Johannes von Maſovien uͤber Verhaͤlt⸗ niffe der gegenſeitigen Graͤnzbewohner und mit dem Dom: kapitel zu Ploczk uͤber die Leiſtung des Zehnten von Sei⸗ ten der Edlen und Lehensmanne im Dobrinerlande wur⸗ den leicht beigelegt.“ Aus Dank fuͤr dieſes Gluͤck des Friedens im Lande verfuͤgte der Hochmeiſter in einem Or⸗ denskapitel die Anordnung, daß in allen Ordenshaͤuſern nach der Frühmeſſe ein Friedens⸗ und Dankgebet zur Er⸗ haltung dieſer ſegensreichen Ruhe dem Himmel darge— bracht werde. ? Für manche Stadt war jedoch auch dieſes Jahr nicht ohne tiefe Trauer voruͤbergegangen. Oſterode ward während eines Jahrmarktes gänzlich in Aſche gelegt, ſo daß nur die Kirche und des Pfarrers Wohnung übrig blieben. Einem gleichen Schickſale unterlag im Herbſt die dem Ermlaͤndiſchen Domſtifte gehoͤrige Stadt Allenſtein. In der biſchoͤflichen Burg zu Heilsberg hatte das Feuer die ganze Vorburg verzehrt und zu Elbing war die S. Georgs⸗-Kapelle niedergebrannt; nicht ohne Staunen, wie der Chroniſt erzaͤhlt, ward unter der Aſche „der heilige Leichnam noch ganz unverſehrt gefunden, waͤh— rend das Saͤckchen, worin er geweſen, verſengt war.“ Daß aber der errungene Friede nur von ſo kurzer Dauer ſeyn werde, konnte der Hochmeiſter wohl ſchwerlich ahnen, denn als im Anfange des Jahres 1401 zwiſchen ihm und dem Großfuͤrſten ein neuer Verhandlungstag ge⸗ 1) Schreiben des HM. an Herzog Johannes von Maſovien im Re⸗ giſtr. p. 106, Ueber den Zehntenſtreit mit dem Kapitel von Ploczk mehre Briefe des HM. an den Biſchof von Mloczk im Regiſtr. p. 106 — 108 und eine urk. dat. Plosko 27 Septemb. 1400 Schiebl. 75 nr. 31. 2) Lindenblatt S. 130. 3) Lindenblatt S. 128 — 130. Lucas David B. VIII. S. 54 — 55 führt zum Theil nach Simon Grunau Tr. XIV ec. IV 8 2 noch mehre Unglücksfälle durch Feuersbruͤnſte in dieſem Jahre an, welche Seeburg, Marienburg, Ricſenburg, Chriſtburg und Neuteich ber troffen haben ſollen.
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192 Taufe der Samaiten (1401). halten werden ſollte, erbot ſich dieſer nicht nur, dem Mei: ſter bis Inſterburg entgegen zu kommen, um ihm die weite Reiſe durch die Wildniß und die unbequemen Wege zu erſparen (wiewohl dieſes anſcheinlich zuvorkommende Erbieten nicht angenommen wurde, ſondern es erſchie⸗ nen auch ſogleich mit Beginn des Jahres zu Marienburg die vornehmſten Bajoren aus Samaiten, mehre aus her⸗ zoglichem Stamme, um dort die Taufe zu empfangen. Der Meiſter erhob es zu einem beſondern Feſte, indem er bei der heiligen Handlung ſelbſt die Stelle eines Taufzeugen vertrat, die Neugetauften reichlich beſchenkte,? ihnen ein feſtliches Mahl bereitete und zugleich anordnete, daß auf ihre Bitten auch ihre Kinder, die kurz zuvor als Geiſeln nach Preußen gebracht und in die Ordenshaͤuſer vertheilt worden waren, die Weihe der chriſtlichen Taufe erhielten. Nachdem er fie reichlich mit Ehrengewaͤndern und andern feſtlichen Geſchenken erfreut, gab er ihnen bei ihrer Heim⸗ kehr auch mehre Prieſter und Moͤnche mit, welche ihre Frauen und Kinder in der Heimat unterrichten und in die chriſtliche Kirche durch die Taufe einführen ſollten. “ Auch dieſe fanden je mehr und mehr Erfolg in ihren Be⸗ muͤhungen, zumal da der Hochmeiſter durch häufige Zus ſendungen von Getreide, Vieh, Roſſen und vielerlei an⸗ dern Beduͤrfniſſen dem Volke bewies, daß er es aufrich- tig mit deſſen Wohle meinte. Er hegte daher auch jetzt die feſte Hoffnung, nunmehr werde wohl das ganze Volk zu getreuem Gehorſam für den Orden gewonnen werben. 9 1) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Sonnab. nach Epiphania 1401 im Regiſtr. p. 1183 Lindenblatt S. 132. 2) Das Treßler⸗Buch p. 51 giebt als Pathengeld des HM. 5 Mark an. 3) Lindenblatt S. 130 — 131; m. Geſchichte Marienburgs S. 206. Nach dem Treßler⸗Buch p. 52 erhielten fie 3 Tonnen Meth zum Taufſchmauſe. 4) Im Entwurfe eines Briefes an einen Deutſchen Fuͤrſten heißt es: Unſer Homeiſter dirkante nicht anders, denne das alle Samayten dem Orden und Criſtenglouben gehorſam und undirtenig weren, wand
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Witowds Verraͤtherei am Orden (1401), 193 Und dennoch täufchte ſich der Meiſter nur allzu ſehr; denn mittlerweile geſchahen vom Großfürſten abermals Schritte, die bald wieder allen Glauben an deſſen fried— liche Geſinnungen erſchüͤtterten und von neuem die offenbarſten Beweiſe ſeiner Treuloſigkeit und Wortbruͤchigkeit an den Tag legten. Er war argliſtigen Geiſtes, wie man bald ſah, ſchon laͤngſt wieder einem verraͤtheriſchen Plane nack gegangen. Die Friedenszeit benutzend hatte er zuerſt ſeine Burgen an der Memel und zu Kauen wieder aufgebaut, ſein Land ſtaͤrker bewehrt und feine im Kriege gegen die Tataren ſehr zu⸗ ſammengeſchmolzenen Kriegerhaufen wieder vervollſtaͤndigt. Jetzt fing er an, durch heimliche Boten, durch allerlei Gaben und Geſchenke, durch Verſprechungen von Freihei— ten und Beguͤnſtigungen, und uͤberhaupt durch alle nur moͤgliche lockende Kuͤnſte immer mehr Samaiten aus dem Lande in ſein Gebiet zu ziehen, ja ſelbſt durch Mittel der Gewalt und Lift aus ihrer Heimat zu entfernen. Hier von benachrichtigt ließ der Hochmeiſter eines Theils ſeine Burgen an der Memel, verzuͤglich Ragnit immer ſtaͤrker befeſtigen, den Bau der Burgen in Samaiten mit ver: doppeltem Eifer betreiben, auch Gotteswerder feſter ums mauern und umwallen,“ während er andern Theils den Großfürſten wiederbolt an den geſchloſſenen Frieden erin- nerte, der ihm ausdruͤcklich unterſagte, zinshafte oder bäuer- fie des vor fie alle Ire kinder czu gyſele unſerm Homciſter ken Pruͤſſen geſant und geſaczt haben, ouch vil der obirſten und Bayoren der Sa⸗ mayten von unſers Ordens Priſterbruder und andern Priſtern die mit Im woren angewiſet worden, alſo das ſie die heilige towfe entpfingen und unſer Homeiſter ſampt mit funen Gebitigern anders nicht enwoſte, denne das is eyne ewige gute beſtehunge und vortgang haben ſolde, und dorumb fo legete unſer Homeiſter und die gebitiger groſſe koſte und guͤ⸗ ter eff die Samayten, denſelben ſundirlich helfende, das ſie nicht hun⸗ gers ſtorben, wand ſy vom orden gancz vorheerct woren. Negiſtr. p. 16. Ueber die Unterftügung der Samaiten das Treßler-Buch p. 57 — 58. 1) Treßler-Buch p. 60. Den Bau der Burgen in Samaiten lei⸗ tete der Harskomthur von Königsberg. VI. 13
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194 Witowds Verraͤtherei am Orden (1401). liche Leute des Ordens aufzunehmen und in ſein Gebiet zu ſetzen. Witowd gab jeder Zeit nur unbeſtimmte Ant⸗ worten oder leere Zuſagen; um den Meiſter zu beſchwich⸗ tigen, ſandte er einmal eine Schaar von Samaiten zuruͤck, aber nur gemeine Bauern und anderes Geſindel, waͤhrend die Freien und Bajoren in ſeinem Lande zuruͤckgehalten wurden.“ Darauf ſchlug er eine perſoͤnliche Zuſammen⸗ kunft vor, um wie er vorgab alles freundlich auszugleichen. Es war ein Gluͤck, daß ſchlimme Witterung und boͤſe Wege den Meiſter hinderten, am verabredeten Orte zu er: ſcheinen, denn man hatte bald Gruͤnde zu der Vermu— tyung, es ſey dabei von Witowd auf eine Verraͤtherei an der Perſon des Hochmeiſters ſelbſt abgeſehen gewefen. ” Endlich warf dieſer die argliſtige Maske ab, denn als er die Antwort geben ließ: er wolle die Samaiten allzumal in ihr Land zuruͤckziehen laſſen, damit ſie ſelbſt dort ihre Freiheit vertheidigen moͤchten, die ſie von Alters her ge— habt, ſah man klar, daß man ſich von ihm keinen Frie⸗ den mehr verſprechen dürfe.” Sofort ſammelte er auch wirklich eine große Schaar von Samaiten, die er in ſein Land gezogen, ſtellte ſeine Hauptleute an ihre Spitze und ſandte fie einige Tage früher, ehe er die letzten Sendbo⸗ ten des Hochmeiſters entließ, nach Samaiten zuruͤck. Der Geiſt der Empoͤrung bekam jetzt freies Spiel. Die beiden Burgfeſten, vom Hochmeiſter erſt jüngft mit fo großen Ko⸗ ſten erbaut, ? wurden leicht erſtuͤrmt und verbrannt, die Ordensritter aber und das uͤbrige Kriegsvolk gefangen nach 1) Lindenblatt S. 131 — 132 wird hier durch den eben er⸗ wähnten Bericht vervollſtaͤndigt. 2) So Lindenblatt a. a. O. 3) Es heißt in dem erwähnten Berichte: Demſelben bothen unſers Hemeiſters Witold antwerte gab und ſprach: ich wil die Samaythen alſampt mitenander laſſen wedir yn Ire land und heymat czihen, Ire friheit die ſie von alders gehat haben czu weren. Pn den worten dir⸗ kante unſers Homeiſters bothe Witolds argen offſacz und falſche meynunge. 4) Treßler⸗Buch p. 60,
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Witowds Verräͤtherei am Orden (1401). 195 Litthauen geführt. Man hätte fie gewiß erſchlagen, wäre man nicht um die anderthalbhundert ? Samaitiſchen Gei⸗ ſeln beſorgt geweſen, welche in den Burgen Preuſſens ver: theilt lebten. Witowd ließ ſie jetzt zuruͤckfordern, um die gefangenen Ritter und Kriegsleute gegen ſie in Freiheit zu ſetzen. Allein der Meiſter befahl, ſie uͤberall in Ketten zu ſchmieden und unter ſtrengſter Wache zu halten. Es geſchah zu Thorn, daß einige dieſer Ungluͤcklichen in Ver⸗ zweifelung uͤber ihr Schickſal ſich auf der Burgwehre an ihren zerriſſenen Kleidern erhenkten.) So bewieſen ſich, ſagt ein Zeitgenoſſe, die neuen Chriſten, die eben erſt die Taufe empfangen, wie die jungen Woͤlfe, die, wenn ſie ſatt ſind, noch deſto grimmiger werden gegen die, welche ſie hegen. Während der Hochmeiſter in den Ordenshaͤuſern als⸗ bald alles auf Krieg vorbereiten, den Bau von Nagnit und Memel mit größtem Eifer beſchleunigen und befon- ders die Burg Gotteswerder mit Kriegsbeduͤrfniſſen ſtark verſehen ließ,“ war Witowd bemüht, fein Verfahren vor der Welt zu rechtfertigen. Nicht ohne ſchlaue Abſicht ſchon vorher insgeheim nicht nur an den Fuͤrſtenhoͤfen im Reiche, ſondern ſelbſt am Roͤm. Stuhle gegen den Orden Be— ſchwerde führend, ) ſandte er jetzt eine neue Klagſchriſt 1) Nicht 200, wie Kotzebue B. III. S. 13 angiebt; der Bericht im Regiſtr. p. 17 ſpricht nur von 150 „oder meer,‘ 2) Lindenblatt S. 132. Im erwähnten Berichte heißt es: Do richte Witold us eyne groſſe gemeyne der Samaiten, die her czuvor argliſtlich czu Im geczogen hatte, denſelben her ſyne houptluͤte mete gab, die vorretlich ane alle entſagunge und ungewarnct mitenander czogen yn das landt czu Samayten, do man ſich anders nicht denne fruͤntſchaft an In vorſach und vorbranthen die czwey Huͤſer, die unſer Homeiſter dar gebuwet hatte, und alle die bruder und ander Griftenlüthe unſers Ordens nam und ſie helt noch huͤtis tagis Witold yn ſynem ſweren gefengniſſe u. ſ. w. 3) Lindenblatt a. a. O. 4) Treßler-VBuch p. 61 — 62. 66. 5) Der SM. ſagt in einem Schreiben an die Gebietiger in Deutſch⸗ land, dat. Marienb. Dꝛenſt. vor Plingſten 1401 im Regiſtr. p. 14: 13
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196 Witowds Verraͤtherei am Orden (1401). an die Deutſchen Fuͤrſten aus: gerne habe er Samaiten dem Orden übergeben; doch nimmer genuͤgſam habe die⸗ ſer freien Samaiten, die in Litthauen ihr Heil geſucht und in ſeine Lande gekommen ſeyen, heimlich aufgelauert, die Wege verlegt und fie mit Schlägen wieder zuruͤckgetriehen; die durch Zufall gluͤcklich bis in fein Gebiet gekommenen habe man keck zuruͤckgefordert. Zinshafte und unfreie Leute ſeyen dem Orden auch wieder ausgeliefert worden und ſo dem Friedensvertrage Genuͤge geleiſtet. Wegen anderer Spaͤne habe er ſich zu ſchiedsrichterlicher Entſcheidung er. boten; darin ſey er zuruͤckgewieſen worden, weil der Or— den Fremder Urtheil nicht hoͤren, ſondern es mit Gewalt und frecher Drohung erzwingen wolle, daß alle gefluͤchte⸗ ten Samaiten ihm überliefert würden. U — Vom Inhalte dieſer Klagſchrift bald benachrichtigt unterließ es auch der Meiſter nicht, den Deutſchen Reichsfuͤrſten, namentlich den Erzbiſchoͤfen von Mainz, Trier und Köln, den Herzogen von Oeſterreich, Sachſen, Geldern u. a. theils ſelbſt einen genauen Bericht uͤber Witowds ſchnoͤde Verraͤtherei vorzu— legen, theils durch die Gebietiger und Komthure in den Deutſchen Ordensbeſitzungen die Sache in ihrer wahren Geſtalt vorſtellen zu laſſen, denn er wußte allzu gut, daß ungeachtet des Friedens mit Witowd „wir doch czu der czeyt uns be⸗ ſorgeten jyner unſtetikeit und forchten ſynes vorretniß umb der mancher⸗ ley clage von ſyner und ſyner lande wegen littouwen und Rußen, die do geſchach beide in dem hove czu Rome und uswendig vor vil Fuͤrſten und herren nemlich vor dem heilgen Riche clagende ober uns, wir welden keynen frede halden mit den nuͤwen Criſten ſynes landes.“ In einem andern Berichte im Regiſtr. p. 16 heißt es: Ee denne unſer Homeiſter y genczlich von demſelben Witolds vorretniſſe woſte, do hatte Witold ſyne felſchlich getichten briffe und bothen usgeſandt obir unſern Homeiſter und den Orden boſlich und gancz wedir die warheit clegelich ſchribende. Lucas David B. VIII S. 64 — 6s giebt den Inhalt von Witowds Klagſchrift weitläuftig an. 1) Schreiben Witowds, dat. Willne domin. Judica 1401 im ach. Arch.; umrichtig ſetzt es Kotzebue B. III. S. 14 ins J. 1402,
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Verhaͤltn. des Ordens zum Könige v. Polen (1401). 197 Witowd jetzt mehr als je nur darauf ausging, den Orden bei den Deutſchen Fürften in das ſchwaͤrzeſte Licht zu ſtel⸗ len.) Aber auch entfernteren Fürſten, wie dem Herzoge von Burgund und dem Koͤnige von Frankreich, aus deren Landern fo mancher Streiter für den Orden im Heiden⸗ lande gekämpft hatte, und endlich auch dem Papſte, dem geſammten Kardinalcollegium und mehren hohen Praͤlaten Italiens ſetzte der Meiſter das Verfahren und den offen⸗ baren Friedensbruch des wortbruͤchigen Fuͤrſten?) ausein⸗ ander, zugleich um Rath und Huͤlfe bittend, um dieſer ſchnoͤden Verletzung des Friedens mit aller Kraft zu be: gegnen. Insbeſondere ſprach er ſich gegen den Papſt mit aller Schaͤrfe uͤber die hinterliſtigen Schritte aus, durch die der verraͤtheriſche Fuͤrſt ſich abermals an der Kirche und am Glauben ſchwer vergangen habe.““ Waͤhrend aber der Großfuͤrſt in ſeinem Plane jetzt Schritt vor Schritt weiter ging, in Samaiten Amtleute einſetzte, zur Verſicherung der Treue Geiſeln aushob, die Anhaͤnger des Ordens aus dem Lande vertrieb oder ge— fangen hinwegſchleppte und alle Anſtalten zum Kriege traf, ſpielte mit aller Schlauheit der Koͤnig von Polen eine Zeitlang noch die Rolle des Friedliebenden und hielt ſogar wenige Wochen vor Pfingften eine perſoͤnliche Zuſammen⸗ kunft in der Nähe der Slotorie am Weichſel- Strome. Das ungemein freundliche Verhaͤltniß, welches dabei ob: waltete, ſchien dem Hochmeiſter ein Beweis, daß es der Koͤnig jetzt mehr als je mit dem Frieden aufrichtig und ernſt meine, weshalb er ihn auch bald darauf zu ſeinem 1) Dieſe Briefe des HM. ſaͤmmtlich dat. Marienb. Montag vor Pringften 1401 im Regiſtr. p. 14 — 15. 2) Vir utique colosus nennt ihn der HM. in einem Briefe. 3) Schreiben des HM. an den Herzog von Burgund, dat. in Cas- tro nostro Marienb. XXIV die mensis Maji 1401 im Regiſtr. b. 15; die Schreiben an den Papſt und die Kardinäle haben das fpätere Datum Marienb, tertia die Septemb. 1401, ebendaſ. p. 18.
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198 Verhaltn. des Ordens zum Könige von Polen (1401). Weidwerke mit einem ausgezeichnet ſchoͤnen Jagdfalken er⸗ freute.) Auf einem andern Verhandlungstage glich man auch die zwiſchen dem Orden und dem Herzoge Johannes von Maſovien noch fortbeſtehenden Mißhelligkeiten uͤber einzelne Streitigkeiten zwiſchen des Herzogs Unterthanen und den Ordenspflegern von Wisna und Johannisburg aus; der Hochmeiſter erließ an beide die ernſtlichſte War⸗ nung, die Graͤnzbewohner Maſoviens auf keine Weiſe fort⸗ hin mehr zu beſchweren, irgendwie zu beleidigen oder in ihren Geſchaͤften zu hindern, denn bei dem neuen feindli— chen Verhaͤltniſſe zu Witowd hatte die Freundſchaft und der Friede mit den Herzogen Maſoviens fuͤr den Orden eine doppelt große Wichtigkeit. Indem aber der Hochmeiſter lange Zeit ſein Auge meiſt nur nach Oſten auf den dort neuerwachten Feind und auf die nachbarlichen Lande richten mußte, gingen in entfernteren Reichen Ereigniſſe vor, die, wenn gleich Preußen nicht unmittelbar beruͤhrend, doch nachmals auf die Vers haͤltniſſe des Ordens nicht ohne mehrfachen Einfluß blie⸗ ben. In Ungern war mittlerweile Koͤnig Sigismund, ſeit 1) Lindenblatt S. 134. Schreiben des HM. an den König, dat. Marienb. in vigilia annuntiat. Marie 1401 Regiſtr. p. 28. Ueber den Gegenſtand der Verhandlung erfahren wir nichts. Den Übers ſandten Falken beſchreibt der HM. als einen ſolchen, qui anno preter- ito et currenti multis in volatu et captura ardee se pre aliis falconibus placabilem reddidit, in iocundo serenitatis vestre re- gie venatu se, ut speramus, placabiliorem exhihebit, desiderio supplicantes, quatenus celsitudinis vestre magnificentia cundem falconem, quo nunc in terra nostra habere non poteramus me- liorem a nobis uti a s. gratie vestre regie grata dignemini af- fectione acceptare. Regiſtr. p. 29. Treßler⸗Buch p. 39. 2) Die Bricfe des HM. an den Herzog aus dieſem Jahre im Re⸗ giſtr. p. 20 — 33. Nach Lindenblatt S. 134 wurde auch der noch obwaltende Streit wegen der fruͤheren Gefangenſchaft des Herzogs um dieſe Zeit beigelegt. Nach dem Treßler-Buch p. 60 hielt der HM. mit dem Herzog Johannes um S. Margarctha einen Tag zu Soldau, wobei der Herzog mit 16 Mark 8 Scot aus der Herberge gelofl werden muß te.
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Verhaltn. des Ordens zum Könige von Polen (2401). 199 langer Zeit Gönner und Freund des Ordens, von feinen eigenen Unterthanen gefangen geſetzt worden, denn ſeine lange Abweſenheit theils in Böhmen, wo er vom Könige Wenceslav das Reichsvicariat uͤber den ganzen Umfang des Roͤm. Reiches übernahm, theils in einem ungluͤcklichen Kriege gegen die Tuͤrken, wo er bei Nicopolis die große Schlachi verlor, dazu die Boͤhmiſchen und Polniſchen Beſatzungen auf den Schlöffern und Burgen Ungerns, die Vernachlaͤſ⸗ ſigung der Landesverwaltung, waͤhrend Sigismund ſich faſt beftändig nur mit auslaͤndiſchen Verhaͤltniſſen beſchaͤftigte, endlich die Verheirathung mit einer Auslaͤnderin und an— dere aͤhnliche Urſachen hatten ſolches Mißvergnuͤgen im ganzen Lande erregt, daß es einer maͤchtigen Partei im Volke nicht ſchwer ward, ſich des Koͤniges zu bemaͤchtigen und ihn in ein feſtes Schloß in Verwahrſam zu ſetzen.) Der Hochmeiſter empfing die Nachricht hievon durch den Woiwoden Stibor von Siebenbuͤrgen mit ſchmerzlicher Theil⸗ nahme; allein feine Beſorgniſſe uͤber die Folgen von Wis towds Verraͤtherei erlaubten ihm nicht, durch guͤtliche Ver: mittlung in fremde Verhaͤltniſſe einzugreifen, obgleich er dazu aufgefordert ward.) Nicht dieſe Theilnahme erreg⸗ te beim Hochmeiſter das laͤngſt verdiente Schickſal des Roͤm. 1) Vgl. Lindenblatt S. 133. Bonfin. rer. Ungar. p. 392 bes richtet: Quum heretiei e bellorum eventu magnos animos con- repissent, plerique Boemorum Reguli, consulatusque Pragen- sis, ad Vitoldum Lituaniae Ducem oratores misere, qui eum Regem adsciscerent, et ad capessendum regnum hortarentur. Ziscae factio his admodum adversabatur, quippe quae liberos Populos in regiam servitutem asserere, nec iustum nee fas esse asseverabat, et in eius praecipue, qui ethnico ritu vitam duce- ret. Vitoldus Coributum patruelem cum duobus millibus equi- fum in Boemiam transmisit, qui a Pragensibus honorifice ewee- ptus, rempublicam in meliorem statum sane redegit. Dich habe aber nicht lange gedauert. 2 Schreiben des HM. an die Ritter Stibor (Woiwode) und Sand⸗ tiwog, dat. Stuhm Freit. vor S. Viti 1401 Negiſtr. p. 30.
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200 Verhaͤltn. des Ordens zum Könige v. Polen (1401). und Boͤhmiſchen Koͤniges Wenceslav, der von den Reiches fuͤrſten in Deutſchland des Thrones entſetzt und bald bare auf in Boͤhmen gleichfalls eine Zeitlang gefangen gehalten wurde, denn ſchon ſeit Jahren hatte er dem Orden abges neigte Geſinnungen bewieſen und in deſſen Beſitzungen in Boͤhmen manche ungerechte Eingriffe gethan.) Alſo mochte es wohl auch der Hochmeiſter mit Freude ſehen, daß der dem Orden laͤngſt ſchon wohlwollende und ſeit einigen Jah⸗ ren ihm auch als Halbbruder näher angehoͤrende Pfalz graf Ruprecht an Wenceslavs Stelle zum Roͤmiſchen Ko: nige erkoren ward. Bald aber nahm auch der Koͤnig von Polen von neuem eine drohende Stellung gegen den Orden an, denn insgeheim war er laͤngſt mit Witowds Planen einverſtanden. Sie hatten es beide ſchon früher in ihrem Intereſſe gefunden, des Koͤniges Bruder Switrigal, der fich ſtets als Freund des Or— dens gezeigt, mit Witowd lange im Zwiſte gelegen, dann ſich eine Zeitlang in Ungern aufgehalten hatte und jetzt wies der unter dem Beiſtande Ruſſiſcher Fuͤrſten gefahrdrohend auftrat, dadurch auf ihre Seite zu ziehen, daß ſie ihm die Walachei, Podolien und einige andere Gebiete als eigenes Fuͤrſtenthum verliehen.) Das Vertrauen indeß, welches 1) Bl. Mill auer der deutſch. Ritterorden in Boͤhmen S. 64 — 65. 2) Ueber die Aufnahme Ruprechts in die Halbbruͤderſchaft f. meine Abhandl. über die Halbbruͤder des D. O. in Beiträgen zur Kunde Preuff. B. VII. H. 2. S. 160 — 161. Nach dem Treßler-Buch, wo p. 96 Ruprecht „Herczog Clem, der nuͤwe romiſche konig“ heißt (ſ. Lin den⸗ blatt S. 59. Pfiſter Geſch. v. Schwaben B. II. Abth. II. S. 226. Andrene Presbyteri Ratisbon. Chron. Bavaria ap. Schilter script. rer. Germ. p. 40) wird er vom HM. oft mit zugeſandten Falken erfreut. 3) Ueber Switrigals Schickſale in dieſer Zeit einige Andeutungen bei Lindenblatt S. 134 — 135, wo außer der Walachei und Po⸗ dolien auch „Nawgardin“ (Nowgorod Siewerskoi?) als dem Fuͤrſten übergeben genannt wird; vgl. Kojalowiez p. 53 — 54, der ihn p. 67 bloß als Podoliae gubernator bezeichnet. Kotzebue Switrigal S. 25 — 26. 29.
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Verhaͤltn. des Ordens zum Könige v. Polen (4101). 201 ihm die Nujen wie die benachbarten Polen ſchenkten, hatte ſeine Macht bald ſo vermehrt, daß Witowd, von neuem Mißtrauen gegen ihn ergriffen, ihn mit dem Könige von Polen liſtig durch eine Art von Buͤndniß zu beſtricken ſuchte. Allein Switrigal, den Grund der ſcheinbaren Großmuth bei⸗ der Fuͤrſten klar durchſchauend, entwandte ſich mit gleicher Liſt dem ſchlauen Mittel ſeines Bruders, um nur eine gün⸗ ſtige Gelegenheit zur Rache an Witowd abzuwarten. Um jedoch Switrigals Entwuͤrfen vorzubeugen, ward von beiden Zürften der Beſchluß gefaßt: die feierliche Vereinigung Lit⸗ thauens mit dem Koͤnigreiche Polen nicht nur von neuem und zwar mit Zuſtimmung der Edlen Litthauens zu beſtaͤtigen, ſondern auch dadurch zu befeſtigen, daß man in einer zahlrei⸗ chen Verſammlung der Vornehmſten beider Reiche zu Wilna die Beſtimmung feſtſtellte: nach Witowds Tod ſolle Litthauen nebſt allen ſeinen Provinzen an den Koͤnig und die Krone Polens zuruͤckfallen und ohne gegenſeitige Einſtimmung Polen nie einen König und Litthauen nie einen Großfuͤr⸗ ſten erwählen. Zugleich aber, was ohne Zweifel fuͤr den Orden das Wichtigſte war, vereinten ſich Witowd und der König mit dem Ruſſiſchen Fuͤrſten Johann von Twer, den Herzogen von Maſovien und einigen Biſchoͤſen zu einem gegenſeitigen Huͤlfsbuͤndniß gegen alle ihre Feinde und Widerſacher. 2 Wie der Hochmeiſter, ſo mochte wohl auch Fuͤrſt Swi⸗ trigal keinen Zweifel hegen, daß fie die Ziele dieſes Bünd⸗ niſſes ſeyen, denn beide benachrichtigten einander von der 1) Offenbar war es dieſes erſte Buͤndniß zwiſchen Witowd und dem Könige, abgeſchloſſen zu Weihnachten 1400, in welches Switrigal mit hineingezogen wurde. Kujalowiez p. 65. Lindenblatt S. 135 ſagt dieſes ausdrücklich und erwaͤhnt auch der Lift des Fuͤrſten, um dem Buͤnd⸗ niſſe wieder zu entſchlüpfen. Kotzebue a. a. O. S. 31 bezieht alſo unrichtig dieſcs Verfahren Switrigals auf das ſpaͤtere Buͤndniß. 2 Linden blatt a. a. O. Kejalowiex p. 66. Karamſin B. V. S. 141.
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202 Verhaͤltn. des Ordens zum Könige von Polen (1401). drohenden Gefahr.) Waͤhrend daher der letztere nur auf eine Gelegenheit lauerte, um ſich aus ſeiner Bedraͤngniß zu retten, ſandte ſofort der Meiſter den Komthur von Danzig Graf Albrecht von Schwarzburg und den von Graudenz Graf Johann von Sayn zum Könige nach Kra⸗ kau, in gerader Rede anzufragen: was jenes Buͤndniß bedeuten ſolle und ob der König, wenn ſich mit Witowd Krieg erhebe, geſonnen ſey, ihm zu Huͤlfe zu ſtehen? > Man wich zwar am koͤniglichen Hofe der Frage liſtig aus und die Botſchafter erhielten zweideutige Erklaͤrungen. Al: lein wie der Koͤnig geſonnen ſey, erkannte der Meiſter bald an den manchfaltigen Unterſtuͤtzungen durch Kriegs⸗ geraͤth, Huͤlfsvoͤlker und andere Kriegsbebürfniffe, die er Witowd'n ſort und fort zukommen ließ. Um jedoch dem Koͤnige jeden Anlaß zu benehmen, offen als Feind gegen den Orden aufzutreten, ſtellte der Hochmeiſter vorerſt die gewoͤhnlichen Kriegsreiſen nach Litthauen gaͤnzlich ein. Weil aber die Vorſicht gebot, ſich auf die Stunde der Gefahr mit Ernſt vorzubereiten, ſo wurden in Pommern unter der Ritterſchaft wieder neue Soͤldner geworben. Der rei— fige Ritter Matzke Borke Herr auf Stramel und der Rit⸗ ter Wilke Manteufel, Herr auf Colpin, traten in des Ordens Dienſt, beide verſprechend, ihm wider den Koͤnig und das Reich Polen, wie gegen alle ihre Helfer auf zehn 1) Daher die zwiſchen dem HM. und Switrigal jetzt fo häufigen Bolſchaſten, die nach dem Treßler-Buch p. 66 bis Podolien gingen. 2) Lindenblatt a. a. O. Dem Papſte ſchrich der HM. im Septemb. über dieſes Buͤndniß (Regiſtr. p. 18): Verum quatenus sue Impietatis arcem vallo scrupulose societatis areius muniret, cum Rege Polonie se suosque Littwanos ac Ruthenos Scismati- cos, ymo heretieos in malum Ordinis mei, quinvero tocius cri- stianitatis quasi in unum coeuntes et consencientes, cristus et belial, deus et ydolum contra racion em fidei perversus colliga- vit, que liga tanto periculosior sancte matri Eeclesie extitit, quanto sub cristiani nominis tytulo defensorem sibi adrocat et patronum.
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Verhaͤltn. des Ordens zum Könige von Polen (1401). 203 Jahre mit dreißig wohlgewaffneten Rittern und Knechten, und eben fo vielen mit Panzer, Eiſenhuͤten, Hundskogeln und Armbruſt geruͤſteten Schützen nebſt hundert und zwan⸗ zig Pferden zu Huͤlfe zu ziehen, wofür ihnen der Meiſter, wenn ſie den Dienſt wirklich geleiſtet, jährlich einen Sold von fuͤnftauſend vierhundert Mark Preuß. verhieß. 7 Auf gleiche Zeit und zu gleichem Solde verſtanden ſich für den Orden zu Dienſt Herr Gerhard von Dewis, Georg von Wedeln und mehre andere aus deſſen Stammgeſchlechte, jeglicher mit zehn Glevenien wider den Koͤnig von Polen, 2) und wie jene, fo feſſelte der Hochmeiſter auch dieſe durch eine im voraus dargeliehene Geldſumme an des Ordens Intereſſe. Der Ritter Henning von Wedeln auf Mela, der durch die Erwerbung Dramburgs unter die Ober⸗ lehensherrſchaft des Ordens gekommen war, mußte ſich jetzt in foͤrmlichem Rechte verpflichten, dem Meiſter wider alle Feinde des Ordens dieſelben Lehensdienſte zu leiſten, wie die andern im erwaͤhnten Gebiete geſeſſenen dienſtpflichti⸗ gen Manne.) In gleicher Weiſe zog man den edlen Ritter Hans Borke mit zehn Glevenien, Herrn Heinrich 1) Der Soldbrief hierüber im Original, dat. Schlochau am Sonna⸗ bend vor S. Laurentii 1401 im geh. Arch. Schicbl. XII. ur. 7.4% Als eine Art von Handgeld empfingen beide Ritter ſogleich vom HM. 400 Mark, die fie in 10 Jahren wieder zuruͤckzuzahlen verfprachen, wenn kein Kricg erfolge; Urk. Schiebl. XII. ur. 9. 2) Originalurk., dat. Marienb. Donnerſt. nach S. Bartholomaͤi 1401 Schiebl. XII. nr. 7.“ Es heißt darin: Wenne der herre ho⸗ meiſter uns und unſer erben heiſſchen wirt Im czu huͤlſfe czu komen uff den konig und konigreich czu Polen, fo ſal mans mit uns halden mit dem ſolde mit der beczalunge und mit allen andern dingen, als mans mit den Wedeliſchen halden wirt, nach deme als Ir vorſigelt brieff, dorynne ſie ſich ouch ſulcher huͤlfe vorpflichtet haben, volkomlich uswi⸗ ſet und nach dem brieffe fulle wirs ouch wider halden mit dem herren bomeifter und dem orden. Die Urkunde gedruckt in Ledebur Allge⸗ mein. Arch. fuͤr Geſchichtskunde des Preuß. Staats B. VII. H. 3. S. 256. 3) Originalurk., dat. Schlochau am Sonntag vor S. Laurentü Tag 1401 im geh. Arch. Schicbl. XII. ur. 8.
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204 Verhaͤltn. des Ordens zum Könige v. Polen (1401). Fidante mit fünf Glevenien und viele andere mit ange⸗ meſſenen Soͤldnerhaufen in des Ordens Dienſt.) Auch die Fuͤrſten des Deutſchen Reiches hatte der Meiſter ſchon in feiner Klagſchriſt Über Witowd zur Beihuͤlfe in feinem Kampfe gegen die neuerwachten Feinde aufgerufen, und um endlich auch den bedraͤngten Koͤnig Sigismund von Ungern an das Intereſſe des Ordens zu feſſeln, ging jetzt der Hochmeiſter auch mehr in die neuangeknuͤpften Unter⸗ handlungen wegen des Verkaufes der Neumark ein, offen⸗ bar mit in Beziehung auf die Verhaͤltniſſe gegen den Ko: nig von Polen; weshalb nun auch Sigismunds Bruder, der Koͤnig Wenceslav, der ſich zur Zeit immer noch als Reichshaupt betrachtete, die Veraͤußerung der Staͤdte und ihrer Landgebiete in allen Punkten genehmigte und auf alle feine Anſpruͤche für immer und ewig Verzicht leiſtete. 2 So nach außen hin; aber auch daheim traf der vor— ſichtige Meiſter alle noͤthigen Anſtalten zur Ruͤſtung, wenn etwa der drohende Krieg wirklich ausbrechen ſollte. Eiligſt ward zu Marienburg eine Stuͤckgießerei angelegt, um das noͤthige ſchwere Geſchuͤtz mit Beirath des Ordensmarſchalls und unter feiner Aufſicht verfertigen zu laſſen. Die Pul: vermuͤhle in Marienburg war in beſtaͤndiger Bewegung und Tag fuͤr Tag die Steinhauer zur Verfertigung der Steinkugeln oder Buͤchſenſteine in Thaͤtigkeit.) Auf glei: che Weiſe ward auf des Hochmeiſters Geheiß auch in den 1) Beide Originalurkunden, dat. Marienb. Donnerſtag nach Bar⸗ tholomäi 1401 Schiebl. XII. nr. 10. 11. 2) Die Urkunde Wenceslaws, dat. Prag am S. Lorenz-Abend im J. 1401 in einem Transſumt v. J. 1452 im geh. Arch. Schiebl. 43; gedruckt bei Baczko B. II. S. 384; vgl. Lucas David B. VIII. S. 68. Lancizolle Geſchichte der Bildung des preuſſ. Staats Th. I. S. 284. 3) Val. das Einzelne daruͤber in meiner Geſchichte Marienburgs S. 209 — 211. Viele Notizen uͤber die Buͤchſengießerei in Marienburg im Treßler⸗Buch p. 61 — 62. Auch der Schmid muß 12 eiſerne Buͤchſen verfertigen.
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Verhaͤltn. des Ordens zum Könige v. Polen (1401). 205 ubrigen Ordenshaͤuſern alles, was zum Kriege tauglich und nothwendig, eifrigſt in Bereitſchaft geſetzt. Bereits ſtand Witowd laͤngſt wie auf der Wache. Ein Fluͤchtling aus Litthauen brachte dem Ordensmarſchall die Nachricht: der Großfürft, durch einen vom Könige von Polen ihm zugeſandten anſehnlichen Huͤlfshaufen 9 verſtärkt, habe ſich bei Kauen auf die Lauer gelegt, ver: muthend, es werde ein Ordensheer heranſtuͤrmen, um ſich der Burg zu bemaͤchtigen. Jedoch befürchtend, das Haus werde ſich trotz ſeiner ſtarken Befeſtigung beim Angriffe einer maͤchtigen Heerſchaar nicht lange behaupten koͤnnen, hatte er das ſchwere Geſchuͤtz und alles ſonſtige Geſchoß aus der Burg hinwegführen laſſen, mit dem Befehl, ſie fofort in Brand zu ſtecken, ſobald der Feind vor ihren Mauern erſcheine. Auf dieſe Kunde zog ſchnell der Mar⸗ ſchall mit einer kleinen Schaar zu Schiff die Memel hinauf, theils auszukundſchaften, was Witowd dort ver⸗ anſtaltet, theils um die nahe liegende Ordensburg Gottes⸗ werder reichlicher mit Lebensbeduͤrfniſſen zu verſorgen. Allein die vor Kauen ausgeſtellten Wartleute hatten ſeine Ankunft kaum vernommen, als auf ihr Kriegsgeſchrei die Beſatzung im Schrecken die Burg den Flammen überge: bend ohne Gegenwehr entfloh. Der Marſchall kehrte ohne weitern Erfolg mit den Seinen zuruͤck; auch der Auszug eines andern Heerhaufens in die Ruſſiſchen Gebiete ver» lief im Ganzen fruchtlos, denn nur eine reiche Heerde ers beuteten Viehes trieb man nach Preußen mit zuruck.“ Da erſchienen plotzlich im September Herzog Ger movit von Maſovien und der Biſchof Nicolaus Kurowski von Leſlau als des Koͤniges Botſchafter bei dem Hoch⸗ nn , 1) Dingoss. p. 171 — 172 erzaͤhlt ſchon im J. 1401 von neuen feindlichen Einfällen der Livlaͤnder in Litthauen und Witowds in Livland. 2) Lindenblatt S. 138 giebt an 300 mit Glepenien. 3) Treßler⸗Buch p. C6. 4) Lindenblatt S. 138.
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206 Verhaͤltn. des Ordens zum Könige von Polen (1401). meiſter zu Marienburg. Das Befremdende ihres Antrages bewog dieſen, die gewichtigſten Gebietiger zu einer Be⸗ rathung zu berufen. Sey es, daß der Koͤnig von des Ordens Vorbereitungen und ſtarken Ruͤſtungen im Lande Nachricht erhalten oder daß innere Verhaͤltniſſe ſeines Rei⸗ ches oder auch verſchiedene Einwirkungen von auswaͤrts her ſeine feindlichfinſtere Miene wieder verwandelt hatten: die Geſandten traten in der Verſammlung mit der Er: klaͤrung auf: ihr Herr, der Koͤnig wünſche forthin ſtets mit dem Orden in Friede und Freundſchaft zu leben und Kriegesluſt ſey fern von feiner Geſinnung. — So ſprach der Koͤnig; aber fo dachte er nicht! Der Meiſter kannte ſeinen Gegner und traute den friedlichen Scheinworten noch keineswegs. Die Sendboten kehrten daher auch mit der bloßen Erklaͤrung zuruͤck: Des Koͤniges friedfertigen Geſinnungen koͤnne man nur dann erſt trauen, wenn er durch Buͤrgſchaft anderer Fuͤrſten und Herren den Orden uͤber den Frieden ſicher geſtellt.) Die aͤußere Ruhe in- deß blieb vorerſt noch ungeſtoͤrt. Den Koͤnig von Polen beſchaͤftigten die Vorbereitungen zu feiner Vermaͤhlung mit der in Polen bereits angekommenen Braut, der Tochter des Grafen Herrmann von Cilly, einer Enkelin des Kös niges Kaſimir, die trotz ihrer Haͤßlichkeit zur koͤniglichen Gemahlin erkoren war, weil ſie dem Koͤnige als Mitgift ihre Anſpruͤche auf die Krone Polens mitbrachte.) Wi⸗ towds Thaͤtigkeit aber ward von neuem durch unruhige Ereigniſſe im Fürſtenthum Smolensk ſehr in Anſpruch ges nommen, weil ſich dort der aus ſeinem Lande vertriebene Fuͤrſt von Smolensk mit andern Ruſſiſchen Fuͤrſten zu 1) Darüber giebt nur Lindenblatt S. 159 einige Auskunft. 2) Diugoss. p. 109 laßt die Vermählung mit Anna Gräfin von Eilly zwar ſchon im Anfange des J. 1401 feiern; allein der Zeit genoſſe Lindenblatt ſpricht an zwei Stellen S. 136 und 147 zu beſtimmt davon, daß fie erſt am Sonntag vor Purificat. Mari (29 Januar) 1402 erfolgt ſey, als daß man ſeiner Angabe trauen dürfte.
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Streithändel wegen Gothland (140). 207 dem Plane vereinigt hatte, Witowd's verhaßte Herrſchaft zu ſtuͤrzen und ſich ſeines vaͤterlichen Landes wieder zu bemächtigen. Zudem war auch das Kriegsgluͤck dem Groß⸗ fürften dort keineswegs guͤnſtig und fein Verluſt an Manns ſchaft bei der Belagerung Smolensk's ſehr bedeutend. U um ſo mehr wandte der Hochmeiſter ſeine Thaͤtig⸗ keit wieder andern wichtigen Verhaͤltniſſen des Landes zu. Das Wichtigſte aber war der fortdauernde Streit mit der Koͤnigin von Daͤnemark wegen Gothlands. Trotz aller Aufforderungen an Koͤnig Albrecht, den Orden gegen die Anſprüche der Königin zu vertreten, hatte dieſer noch keine Erklärung gegeben, welche die Koͤnigin auch nur in irgend einer Weiſe befriedigen konnte.. Die Lage der Dinge wurde indeſſen jetzt fir den Hochmeiſter mit jedem Tage bedenklicher. Der Orden hatte bisher ſchon fo bedeutende Summen auf die Beſitznahme und Behaup— tung des Eilandes verwenden muͤſſen, daß der Meiſter, um dieſe Summen durch Erhaltung und Beſoldung der dort liegenden Kriegsleute aus eigenen Mitteln nicht noch bedeutend hoͤher zu ſteigern, dem Hauptmann auf Goth⸗ land den Befehl ertheilte, fuͤr dieſen Zweck auf das ganze Land und die Stadt Wisby eine allgemeine Schatzung auszuſchreiben. Allein von der geringen Summe, die man zuſammengebracht, konnten kaum zwanzig ſtatt fuͤnf und achtzig Mann erhalten werden und es blieb daher kein anderes Mittel uͤbrig als die Bewohner mit aller Strenge zur Unterhaltung der noͤthigen Mannſchaft zu verpſlich⸗ ten.) Die fort und fort mahnende Königin ſuchte der 1) Karamfin B. V. S. 142 — 143; auch Lindenblatt S. 131 wehrt der Sache, ſpricht aber, wie ſchon Karamſin S. 350 berichtigt, ſtatt ven Smolensk von einer Belagerung Newgorods. >) Schreiben des HM. an die Königin, dat. Mariend. Dienſt. nach Judica 1401 im Regiſtr. p. 116. 3) Schreiben des HM. an die Stadt Wisby, die Pröpfte und die ganze Gemeine von Gothland, dat. Marienb. Mitrw. nach Judica 1401
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208 Streithaͤndel wegen Gothland (1401). Hochmeiſter bald durch geneigte Zuſagen, bald durch Ver: mittlung der Herzoge von Stolpe und Schleswig oder auf andere Weiſe fo viel möglich zu beſchwichtigen.“ Es gelang dieß aber immer nur auf kurze Zeit. Ein Verhandlungstag auf Schonen, wo alles ausgeglichen wer⸗ den ſollte und außer den Bevollmaͤchtigten der Königin, des Hochmeiſters und mehrer anderer Fuͤrſten auch die beiden genannten Herzoge erſchienen waren, blieb frucht⸗ los, weil ihn König Albrecht verabſaͤumte und nicht eins mal einen Geſandten ſchickte. Da ſchrieb ihm endlich der Meiſter erzuͤrnt: „Freilich bittet ihr uns, euch nicht zu enterben. Wir moͤchten auch nicht gerne zu dieſem Mittel greifen. Aber ihr habt es ja ſelbſt oft genug vernommen, wie gar hart wir um das Land gemahnt werden. Ihr erbietet euch auf Tage zu kommen und folget dann doch nicht.) Wir haben es nicht allein von der Koͤnigin, ſondern auch von den Herzogen von Pommern und Schleswig hören muͤſſen, daß fie alle ihre Freunde zu Huͤlfe ziehen wollen, bis Gothland geraͤumt wird. Muthet uns nicht zu, daß wir uns in Krieg einlaſſen im Regiſtr. p. 117. Es waren, wie der HM. erwähnt, im Ganzen nur 500 Mark Silb. zuſammengekommen. 1) Schreiben des HM. an die Herzoge von Stolpe und Schleswig, dat. Marienb. Donnerſt. nach Luck Evang. im Regiſtr. p. 34; ein an⸗ deres Schreiben an den König Albrecht, dat. Donnerſt. nach Jacobi 1401 ebend. p. 32. Gegen die Königin wiederholt der HM. beftändig die Erklärung, daß der Orden ſehr bereit ſey, ihr das Land abzutreten, ſobald er es nur mit Ehren könne und ihm gewährt werde, was er mit Recht fordern konne. 2) Im Berichte im Fol. F. p. 60 heißt es darüber: Konig Ale brecht dirbutet ſich ezu rechte czu komen buſen der konigynne lande und buſen ſynem lande, do ys in beydirſyt wol gelegen iſt und hat usgeſagt drey ſtete, do her czu rechte komen wil, von irſten dy des keyſers fry⸗ ſtadt iſt adir czum Sunde, dy dem herczogen von Wolgaſt czugehort adir czum Kyle, die dem Grefen czu Holczten czugehort, von den dren ſteten mog dy konigynne cyne kyſen, das ſy do hyn komen mit yren fruͤnden, zo wil der konig ouch dohyn komen mit ſynen frunden u. ſ. w.
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Streithaͤndel wegen Gothland (1401). 209 ſollen. Werdet ihr uns euere Briefe nicht halten, ſo haben wir auch euch nichts verſchrieben; wir muͤſſen dar⸗ auf denken, wie wir uns ohne Krieg verwahren koͤnnen. Erwaͤget mit Ernſt, was wir um eurerwillen leiden muͤſ⸗ ſen, denn wir ſind wahrlich nicht geſonnen, uns darum mit drei Koͤnigreichen und andern Herren in Feindſchaft zu ſetzen.“ — ) Mit gleichem Nachdrucke ſchrieb der Meiſter auch an Herzog Johann den Juͤngern von Meklen⸗ burg, an die vornehmſten Schwediſchen Ritter und an die Staͤdte Roſtock und Wismar, den Undank vorſtellend, den jetzt der Orden für feine Mühen und Koften um des Koͤniges Befreiung von ihm erfahren muͤſſe, und ſie aufs dringendſte bittend, ihn mit allem Ernſt zur Erfuͤllung ſeines Verſprechens anzuhalten, daß er dem Orden das Land frei ſtellen wolle.) Alles dieſes blieb indeß vorerſt noch ohne Erfolg. N Auch im Innern des Landes beſchaͤftigten den Hoch⸗ meiſter im Verlaufe dieſes Jahres manche wichtige Ver⸗ aͤnderungen, beſonders in den biſchoͤflichen Landen. Schon am dreizehnten Januar war der alte, ehrwuͤrdige Biſchof Heinrich von Ermland dahingeſchieden, nachdem er acht und zwanzig Jahre der Kirche mit Ruhm und Segen vorgeſtanden.) Die Staͤdte Biſchofsburg und Biſchof⸗ ſtein, ſowie die Neuſtadt Braunsberg ruͤhmen ihn als ihren Gründer.) Auch in der Landesverwaltung verdankte 1) Schreiben des HM. an König Albrecht, dat. Marienb. Mittw. nach Aller Heilig. 1401 Regiſtr. p. 35. 2) Schreiben des HM. an den Herzog von Meklenburg, an die Schwediſ. Ritter Werner von Axkow, Heidenreich von Bybau, Otto von Viereck u. a. und an die beiden genannten Städte von demſelben Da⸗ tum im Regifte, p. 35 — 36. 3) Lucas David B. VIII. S. 593 damit ſtimmt die Angabe bei Millauer der Deutſch. Ritterorden in Böhmen S. 68 und 88 uͤberein. 4) Das Gruͤndungsprivilegjium der Stadt Biſchofsburg, vom Bi⸗ VI. 14
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310 Biſchoͤfliche Verpältn in Ermland (1401). ihm das Land, wie wir ſchon ſahen, manche loͤbliche Anz ordnung und wenn ein unparteiiſcher Zeitgenoſſe bezeugt, daß „ſich die Kirche bei ſeinen Zeiten groß gebeſſert und das Land ſehr zugenommen habe,“ wenn uͤberdieß eine bedeutende Anzahl noch vorhandener laͤndlicher Verſchrei⸗ bungen, als redende Beweiſe ſeines Eifers und ſeiner raſtloſen Sorge fuͤr die Kultur des Landes dieſes Zeugniß noch bekraͤftigen, ſo muͤſſen von ſelbſt ſchon ſpaͤtere un⸗ günftige Urtheile und Ausſagen über fein Wirken und Wal⸗ ten als grundlos zuruͤcktreten.) Zu feinem Nachfolger erkor das Domkapitel den bisherigen Dompropſt Heinrich Heilsberg von Vogelſang, ? der als Doctor der Rechte eben fo gelehrt, wie um das Land ſchon vielfach vers dient, bisher lange bereits an der Spitze der Verwaltung der Ermlaͤndiſchen Stiftsguͤter geſtanden hatte.“ Auch der Hochmeiſter billigte die Wahl des frommen und auf richtigen Mannes und wandte ſich deshalb ſelbſt an den Roͤmiſchen Stuhl mit der Bitte um ſeine Beſtaͤtigung. Der Papſt Bonifacius ertheilte ſie, ohne daß der Neu⸗ gewaͤhlte ſelbſt in Rom zu erſcheinen genoͤthigt war, in⸗ dem er nur einen Sachwalter mit Empfehlungsſchreiben des Meiſters und der Gebietiger dahin ſandte. Darauf ſchofe Heinrich ausgeſtellt, iſt dat. in castro nostro Bischofsburg a. d. 1395 decima septima die Octobris. 1) Das ruͤhmliche Zeugniß über den Biſchof bei Lin denblatt S. 131; die erwähnten Urkunden im Ermland. Verſchreibungs⸗ Buch im geh. Arch. Was die ſpaͤtern Ermland. Domherren Treter de epise. Varm. p. 28 — 31, Plastwig de vitis Episc. Varm. p. 12 — 13, Leo p. 183 im ungünftigften Lichte Über ihn ſagen, gruͤndet ſich großen Theils auf Simon Grunau Tr. IX. c. III. $ 16; Lucas David B. VIII. S. 60 ff. ſchreibt dieſem ebenfalls nach. Vgl. oben B. V. S. 561 — 563. Ebenſo hat die Erzählung vom Aufruhr der Brauns⸗ berger unter dieſem Biſchofe Simon Grunau a. a. O. zur Urquelle, ſ. oben B. V. S. 238. 2 Lin denblatt S. 132. Hartknoch Kirchengeſchichte S. 153. 3) Lucas David B. VIII. S. 64.
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Biſchoͤfliche Verhaͤltn. im Kulmerland (4409. 211 geſchah die feierliche Kroͤnung des neuen Biſchofs zu Heils⸗ berg am vier und zwanzigſten Juli des Jahres 1401. Auch im Bisthum Kulm trat eine wichtige Veraͤn⸗ derung ein. Der bisherige Biſchof Herzog Johannes von Oppeln hatte ſein Amt nur wenige Jahre verwaltet, als ihm der Papſt in der Stelle des zum Erzbiſchof von Gneſen erhobenen Biſchofs von Cujavien Nicolaus Kurowski die biſchoͤfliche Wuͤrde zu Cujavien übertrug, Das Dom⸗ kapitel zu Kulmſee erkor ſofort nach des Hochmeiſters Wunſch deſſen bisherigen Kanzler, Magiſter Arnold Stapel zu ſei⸗ nem Nachfolger; ? allein es ging noch ein ganzes Jahr vorüber und es mußten zuvor noch eine Menge von Hinz derniſſen beſeitigt werden, ehe er wirklich ins Amt gelan⸗ gen konnte. Zwar war dem Papſte die neue Wahl als⸗ bald gemeldet und um die Beſtaͤtigung gebeten worden; allein ſtatt dieſer erſchien nach langer Zoͤgerung mit dem Anfange des naͤchſten Jahres eine Bulle, kraft welcher der Papſt dem Biſchofe zu Leſlau Herzog Johannes von Oppeln für ſeine ganze Lebenszeit auch die Verwaltung und Obhut des Kulmiſchen Bisthums wie in geiſtlichen ſo in weltlichen Dingen uͤbergab und ihn der Gunſt und Beihuͤlfe des Hochmeiſters zur Aufrechthaltung und Erz weiterung ſeiner Rechte nachdruͤcklichſt empfahl, alſo daß jetzt, was hier im Lande noch nie geſchehen, zwei Bis⸗ 4) Lindenblatt S. 132 — 133. Lucas David a. a. O. führt an, die Beſtätigungsbulle des Papſtes ſey am 29. März 1401 ausgeſtellt; demnach wäre die Angabe bei Treter p. 32, daß die Ein⸗ weiſung am 26. März erfolgt ſey, unrichtig. 2) Lindenblatt S. 144 — 1453 der Chroniſt nennt ihn „des homeiſters Cancellarius.““ In einem Schreiben des Kulmiſchen Kapitels wird er geſchildert als honorabilis et religiosus vir frater Arnoldus Stapil, Canonicus noster, Magister arcium ac secretarius domi- ni Magistri generalis Ordinis nostri et protectoris in tempora- libus Ecclesie nostre Culmens. und hinzugefügt, daß ihn der HM. in studio Bononiensi sub expensis Ordinis laudabiliter se regen- tem ad sextum annum enutrivit. 14*
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212 Biſchoͤfliche Verhältn. im Kulmerland (1402). thuͤmer zu gleicher Zeit der Pflege Eines Biſchofs anvers traut ſeyn ſollten.) Dem Hochmeiſter indeß und dem Kulmiſchen Domkapitel war dieſe Neuerung ebenſo uner⸗ wuͤnſcht, als in vieler Hinſicht ſehr bedenklich; fie fehil: derten in ihren Schreiben an den Papſt und an das Kars dinalcollegium nicht nur den Neuerwaͤhlten als einen durch feine Sittlichkeit, loͤblichen Lebenswandel, Kenntniſſe und Gewandtheit in Geſchaͤften hoͤchſt empfehlungswerthen Mann, ſondern ſtellten auch den Zuſtand des Kulmi⸗ ſchen Bisthums von einer Seite dar, daß es nothwendig eines eigenen Biſchofs beduͤrfe, wenn es ſich irgend zu Wohlſtand und Gedeihen erheben ſolle, zugleich bemerkend, es ſey der einſtimmige Wunſch des ganzen Kulmerlandes und aller Staͤnde, daß der Neuerwaͤhlte die Beſtaͤtigung erhalte. Vor allem aber hoben ſie auch die Beſorglich⸗ keit hervor, daß bei der Verbindung beider Bisthuͤmer, da der Biſchof Johannes von Leſlau des Polniſchen Koͤ⸗ niges Rath und ihm durch Eidespflicht verbunden ſey, unter den zwiſchen dem Könige, dem Großfürften und dem Orden obwaltenden Verhaͤltniſſen fir die Burgen und Städte der Kulmiſchen Kirche große Gefahr und Ver: 1) Die Bulle im Original, dat. Rome ap. S. Petrum VII Cal. Februar. p. n. a. XIII (26. Jan. 1402) Schiebl. VII nr. 18, ge druckt bei Lindenblatt S. 144; vgl. Lucas David B. VIII. S. 72. Wenn aber Diugoss. L. X. p. 173 ſagt: Joannes Kropidlo Oppoliensis Dux ad Wladislaviensem sedem, a qua pulsus et annis multis exclusus ob perfidiae faciuus fuerat, quod cum Cruciferis de Prussia sensisse ferebatur, Rege placato, restitui obtinuit. Cui in exilio agenti Magister et Ordo Culmensis se- dem conferri procuraverant, ſo ſieht man klar, daß der Chroniſt von den Verhaͤltniſſen nicht genau unterrichtet war. Ziemlich ahnlich lautet, was Simon Grunau Tr. IX. c. I. $ 17 von ihm erzählt. 2) Sie nennen ihn Canonicum nostrum in moribus et vita laudabilibus et scienciis et gubernatione temporalium approba- tum, pro cuius quoque provisione fienda unanimi voce unacum elero et populo universo dyocesis Culmensis desideratissime clamamus.
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Biſchoͤfliche Verhaltn. im Kulmerland (1402. 213 derben, ja ſelbſt Blutvergießen zu befürchten fey, ') wes⸗ halb fie aufs dringendſte baten, dem Bisthum in ber Perſon des Neuerwaͤhlten einen eigenen Biſchof zu geben. Da der Meiſter uͤberdieß auch durch ſeinen Procurator in Rom bald erfuhr, daß die neue kirchliche Anordnung weniger aus des Papſtes eigenem Entſchluſſe, als eigent⸗ lich mehr nur aus den Bewerbungen und Umtrieben des Biſchofs von Leſlau ſelbſt hervorgegangen ſey und mehre Kardinaͤle eifrigſt für Arnold Stapel wirkten,“ fo ließ er nicht ab, den Papſt und das Kardinalcollegium wie⸗ derholt und immer dringender um Zuruͤcknahme der paͤpſt⸗ lichen Verfügung und um Beſtaͤtigung des Neuerwaͤhlten zu bitten. Es gelang ihm endlich auch ſelbſt beim Bi: ſchofe von Leflau eine Verzichtleiſtung auf das Kulmiſche Bisthum auszuwirken, die er alsbald nach Rom ſandte. Dem Procurator aber ſchrieb er zugleich: es ſey fuͤr ihn, 1) Es heißt darüber: Dignemini etenim misericorditer pre ocu- lis habere paternis, quod Reverendus pater dominus Johannes Episcopus Wiladislaviensis de Illustris principis domini Regis Polonie consilio et iuratus existit, quodque pretextu inique pro- dieionis Witoldi pro duce Litwanie se gerentis in ordinis nostri fratribus et bonis iterato nuper facte, cui idem Illustris domi- nus Rex Polonie contra Ordinem et Magistrum nostrum adhe- ret, in multis irrecuperabilibus Ecclesia Culmensis et alie terre Ordinis nostri Prussie verisimiliter possent dampnificari per do- minum Johannem Episcopum Wladislav. in et de Castris et Ci- vitatibus Ecelesie Culmensis casu, quod absit, quo ipsam Ecele- siam nostram Culmensem in Commendam pro tempore optineret. 2) Die beiden Schreiben, von denen das des HM. ohne Datum, das der Domherren datirt iſt: In Ecclesia Culmensi decima septi- ma die Mensis Marcii a. d. 1402 im Entwurfe im Fol. Nr. 7. p. 117 — 119, beide faſt ganz gleichlautend. 3) Schreiben des Procurators Johann von Felde an den HM., dat Rom am T. Petri in vinculis (o. J.) Schicbl. LXIV. nr. 28, worin er meldet, wie es der Biſchof von Leſlau in Rom angefangen, bei allen Kardinälen gebeten und geworben habe, um das Kulm. Bisthum zu be⸗ halten, der Ordenskardinal ihm aber geradezu erklärt habe, daß er nur fuͤr Arnold wirken werde.
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214 Biſchoͤfliche Verhaͤltn. im Kulmerland (1402). das Domkapitel und den ganzen Orden jetzt von ſolcher Wichtigkeit, Arnold'n zum Biſchofe ernannt zu ſehen, daß er nun nicht eher ruhen werde, als bis dieſer mit dem Bisthum verſehen ſey; durch ſeiner Gebietiger und des Kapitels Mitwirken ſey es gelungen, den Biſchof von Leſlau zur Entſagung des Kulmiſchen Bisthums zu be⸗ wegen; er moͤge dieſe dem Papſte vorlegen. Bereits habe auch das Kulmiſche Domkapitel alle Burgen und Staͤdte des Bisthums in Beſitz genommen, einmuͤthig ent⸗ ſchloſſen, keinen andern als Biſchof aufzunehmen oder in die Burgen und Staͤdte einzulaſſen, als Arnold'n allein; daran wolle man jetzt allzumal Leib und Gut ſetzen; er ſelbſt werde nicht aufhoͤren, Briefe und Boten an den Roͤm. Hof zu ſenden, es möge auch koſten, was es wolle, denn bereits habe die neue Anordnung dem Orden viele tauſend Gulden Schaden gebracht. Dem Papſte aber und den Kardinaͤlen habe er ſo eben gemeldet, welch großes Verderben die Heiden mit der Polen Huͤlfe dem Orden ſchon zugefuͤgt und was immer noch zu beſorgen ſtehe, alſo daß man keines Polen, wie des Biſchofs von Leſlau mitten im Lande beduͤrfe.““) Dieſe Sprache voll Ernſt und der Nachdruck, mit welchem der Meiſter mehr- mals dem Papſte ſeine gewichtvollen Gruͤnde fuͤr Arnolds Ernennung vorlegte, machten auf dieſen großen Eindruck; insbeſondere war er ſeit des Meiſters letzten Brief mit ſeinen Kardinaͤlen ungleich bereitwilliger geworden. Nach⸗ dem daher noch einige Schwierigkeiten in der Bezahlung der bei Ernennung der Biſchoͤfe gewöhnlichen Bullen be⸗ 1) Schreiben des HM. an den Procurator, dat. Marienb. am 1. Aug. 1402 Schicbl. LXIV ar. 36. Der HM. ſchließt mit den Wor⸗ ten: Wir haben dicſen Brief mit unſerm großen Ingeſiegel verfiegelt, das wir niemands Lebendiges befehlen, ſondern wir bchalten's ſtetiklich unter unſern Schloſſern: Ouch fo pflegen wir allſonſt niemands anders denn den Herren Papſte und Kaiſer damit zu verſiegeln, ohne das wir euch nun und vormals ouch in dieſer Sache verſiegeln, auf daß ihr uns ſer und der Gebietiger Ernſt erkennet.
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Biſchoͤfliche Verhaͤltn. im Kulmerland (140. 215 ſeitigt waren, W erfolgte endlich am ſechs und zwanzigſten Juli des Jahres 1402 die paͤpſtliche Beftätigung, worauf Arnold am zwei und zwanzigſten October in der Kathe⸗ drale zu Kulmſee als Biſchof feierlich gekrönt ward. 2 Nicht minder thätig war ber Hochmeiſter in Der: bindung mit den Handelsſtaͤdten auch im Verlaufe dieſes Jahres in der Geſtaltung der Verhaͤltniſſe des Handels und Verkehres (wovon wir ſpaͤter im Zuſammenhange das Naͤhere berichten werden). Lange Zeit befchäftigte ihn auch ein ſchon im vorigen Jahre begonnener Streit wegen Hegung abtrünniger Ordensbrüder, deren ſich einige in Köln aufhielten. Er war ſoeben beendigt und der Mei⸗ ſter hatte auch hierin das dem Orden zukommende Vor⸗ recht zu behaupten gewußt, als gegen Anfang des Jahres 1402 neue Ereigniſſe fein Augenmerk nach Oſten zogen. Es waren naͤmlich eben neue Unterhandlungen mir dem Großfürften über die gegenfeitige Freigebung der ge⸗ fangenen Ordensritter und Geiſtlichen gegen die Samaiti⸗ 1) Schreiben des Procurators an den HM-, dat. Rom am Sonnt. vor Michaclis 1402 Schiebl. LXIV. nr. 35, worin er meldet, daß man zuerſt darüber Zeugen eidlich verhört habe, ob Arnold zu einem Verweſer der Kirche auch gut und tuͤchtig genug ſey, daß dann aber ein Kaplan des Biſchofs von Leſlau dic bei den Wechlern verpfändeten Er⸗ nennungs-Bullen mit 3000 Gulden eingelöft habe, woruͤber mehre Kar⸗ dinäle in der Sache wieder ſtutzig geworden ſeyen, indem fie erklärt: es werde den Papſt in übles Gerede bringen, daß man erſt dieſe Bullen bezahlt genommen und das Bisthum dann doch einem andern verliehen habe u. ſ. w. ö 2) Lindenblatt S. 145, uͤbereinſtimmend mit der Angabe des erwähnten Briefes, daß die Beſtätigung erfolgt ſey am Mittwoch nach Jacobi 1402. Nach Simon Grunau Tr. IX. c. I. 17 ſoll der Biſchofsſtuhl zu Kulm 6 Jahre erledigt geweſen ſeyn; Lucas David B. VIII. S. 72. 3) Zwei Schreiben des HM. an die Stadt Koln vom J. 1400 und 1401 im Regiſtr. p. 104 und im zweiten Regiſtr. p. 30.
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216 Kriegsreiſen nach Litthauen (1402). ſchen Geiſeln begonnen ) und der Hochmeiſter hatte eben erſt dem Herzoge Semovit von Maſovien, wahrſcheinlich unter Mitwirkung des Koͤniges von Polen oder Witowds, die fo lange verpfaͤndet geweſene Burg Wisna fur die entrichtete Pfandſumme zuruͤckgeben muͤſſen (wie man bald nachher ſah, keineswegs zum Vortheile der dortigen nahen Ordensgebiete), I als plotzlich in den letzten Tagen des Januars zu großer Verwunderung des Meiſters der Fuͤrſt Switrigal als Kaufmann verkleidet auf dem Saupthaufe Marienburg erſchien. Vom Könige von Polen zu ſeinem damals in Krakau glänzend gefeierten Vermaͤhlungsfeſte und zur Krönung der neuen Königin Anna eingeladen, hatte er, da er erfuhr, daß auch ſein verhaßter Vetter Witowd dorthin kommen werde, die Gelegenheit benutzt, durch Polen nach Preußen zu entfliehen, wo er ſich in Thorn zuerſt dem dortigen Komthur zu erkennen gab. Seine Diener, von denen ihn nur zwei Knechte begleite⸗ ten, folgten ihm einzeln nach.) Der Hochmeiſter nahm ihn mit offenen Armen auf, denn unter den obwaltenden Verhältniſſen ließ ſich mancher Vortheil von feiner Ge— genwart verſprechen. Man fand die Zeit jetzt guͤnſtig, Witowds Abweſen⸗ 1) Die Verhandlungen darüber dat. Marienb. Donnerft, nach Prisca 1402 Regiſtr. p. 18 — 19. 2) Schreiben des HM. an Herzog Semovit, dat. Marienb. feria tereia post epiphan. dui 1402 Regiſtr. p. 37, worin er ihm meldet, er babe nach des Herzogs Willen dem Komthur von Thorn und dem Muͤnzmeiſter den Auftrag ertheilt, quod pecunias a dominacione ve- stra pro obligacione Castri Wisna solvendas pereipere debeant et demum litteram magnificentie vestre, quam iam ipsis tradidi- mus, eciam debent representare. Das Original des Einlöſungs⸗ briefes des Herzogs Semovit, dat. Thorn am Sonnt. Exurge (29. Jan.) 1402 Schiebl. 57 nr. 30 ; der Herzog erklart, daß er dem HM. 4545 Schock Böhm. Groſchen als Pfandſumme gezahlt und dieſer ihm das Haus und Land Wisna wieder abgetreten habe. 3) Lindenblatt S. 147 — 148. Kojalowiez p. 69.
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Kriegsreiſen nach Litthauen (140. 217 heit in ſeinem Lande zu einem Einfalle ins feindliche Ge⸗ biet zu benutzen. Schnell geruͤſtet brach ſofort der Or⸗ densmarſchall Werner von Tettingen mit den Ordensbruͤ⸗ dern und Wehrleuten aus den Niederlanden und dem Gebiete von Dfterode gegen Garthen auf. Ohne Wider: ſtand, da niemand ſeine Ankunft vermuthet, heerte er drei Tage lang in Feindesland und fuͤhrte vierhundert Ge⸗ fangene nebſt dreihundert Roſſen und eine große Heerde Viehes von dannen.) Es war ſeit mehren Jahren die erſte Kriegsreiſe, die in jene Gegenden gewagt, aber bald auch wiederholt wurde, denn waͤhrend die Livlaͤnder unter der Fuͤhrung ihres neuen Landmeiſters Konrad von Vietinghof, der nach Wennemars vom Bruͤggenoye im Herbſte des Jahres 1401 erfolgtem Tode ins Meiſteramt getreten war, nordwaͤrts her in Litthauen einfallend zahlreiche Schaaren von Gefangenen und mehre hundert Roſſe als Beute davon trieben,“ ſtüͤrmte Michael Kuͤch⸗ meiſter von Sternberg, jetzt Kompan des Komthurs von Balga, 9 mit einem kleinen reiſigen Kriegshaufen bis über Garthen hinaus, uͤberraſchte unvermuthet die dortigen Bewohner, erſchlug ihrer eine bedeutende Zahl und fuͤhrte 1) Lindenblatt a. a. O. 2) Konrad von Vietinghof erhielt nach Lindenblatt S. 140 das Livländiſche Meiſteramt am 21. Octob. 1401; wie der Chroniſt hinzu⸗ fügt, hatte er viele Freunde unter den Brüdern, Rittern und Knech⸗ ten, weil ſich viele Weſtphalen dorthin begeben hatten. Die Angabe bei Bachem S. 43, daß Wennemar von Brüggenoye ſchon 1399 geftorben ſey, iſt alſo wohl unrichtig; ef. De Wal Histoire T. IV. p. 203. 3) Lindenblatt S. 148. 4) Michael Kuͤchmeiſter war nach einer Urkunde vom J. 1396 da⸗ mals Pfleger in Raſtenburg; eine andere vom J. 1397 nennt ihn als Hauskomthur zu Rhein; nach einer Urk. vom J. 1399 war er zu Oſtern wieder in feinem fruͤhern Amte zu Raſtenburg. Im J. 1400 wuͤrde er nach der fruͤhern Angabe Vogt in Samaiten geweſen ſeyn. In einer Urk. vom J. 1401 kommt er dann als Kompan des Komthurs von Balga Ulrich von Jungingen vor.
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218 Buͤndniß mit Switrigal (1402). abermals mehr als dreihundert Gefangene nebſt Roſſen und Rinderheerden als Beute hinweg.“ Mittlerweile war zwiſchen dem Hochmeiſter und dem Fuͤrſten Switrigal, der ſich jetzt „Fuͤrſt und Erbling zu Litthauen und Rußland und Herr von Podolien“ nannte 2 und feinen Aufenthalt zu Marienburg als einen freundlis chen Verhandlungstag zur Herſtellung des Friedens und der Eintracht betrachtet wiſſen wollte, ? ein Vertrag ges ſchloſſen worden, worin der Fuͤrſt verſprach: er wolle in allen ſeinen Landen den Chriſtenglauben nach allen Kraͤften verbreiten, der Roͤmiſchen Kirche und dem Roͤmiſchen Rei⸗ che alles leiſten, was chriſtliche Fuͤrſten allzumal ſchuldig ſeyen, und nie ein chriſtliches Land verheeren oder von ſeinen Gebieten aus verheeren laſſen, ſofern ihn nicht Ge⸗ walt und Unrecht dazu zwinge. Mit dem Orden und allen feinen Landen, Biſchoͤfen, Praͤlaten und Kapiteln werde er unverbruͤchlich Friede halten und mit niemand wider ſie ein Buͤndniß ſchließen. Die Graͤnzſcheide der Ordenslande von Livlands Graͤnzen an bis gen Sallin⸗ werder und von da bis an die Graͤnzen Maſoviens ward aufs genauſte beſtimmt.) Alle durch dieſe Graͤnzmarken abgezeichneten Lande ſollten hinfort ewiglich dem Orden gehoͤren; der Fuͤrſt leiſtete Verzicht auf alle Rechte, die er auf ſie gehabt habe. Alle Leute des Ordens, Bauer, Rittermaͤßige oder wes Standes fie ſeyn moͤchten, die nach dem Frieden mit Witowd aus Samaiten gefluͤchtet ſeyen, ſollten, ſobald er zum Beſitze feiner väterlichen Lande ge⸗ lange, dem Orden wieder uͤberliefert werden. Des Ordens Unterthanen ſolle in ſeinen Landen unter ſeinem Schutze 1) Lindenblatt S. 149. 2) So in der naͤchſtfolgenden Urkunde. 3) Er ſagt ſelbſt: Wir haben eynen tag der czuſampnekommunge gehalden yn dem yare, tage und Stat nochgeſchreben mit dem Erwür⸗ digen hern Bruder Conraden von Jungingen ꝛc. 4) Die Gränzbeſtimmung iſt dieſelbe, wie fie im Vertrage mit Wi⸗ towd v. J. 1398 bei Baczko B. II. S. 389 enthalten iſt.
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Buͤndniß mit Switrigal (1402). 219 der Handel frei von allen Zöllen und Ungeldern geſtattet ſeyn, mit Ausnahme der alten, bisher immer gebotenen Zoͤlle und Satzungen, wozu auch ſeine eigenen Unterthanen verpflichtet feyen. Der Fürſt, verſprach ferner, keinen Men⸗ ſchen aus dem Ordensgebiete, wer er auch ſey, ohne des Meiſters Erlaubniß in ſein Land aufzunehmen, niemand, weder einen Einzelnen noch ein ganzes Heer, zum Scha⸗ den des Ordens durch ſeine Lande ziehen zu laſſen, viel⸗ mehr ſich ſolchen nach allen Kraͤften zu widerſetzen, auch die in den Ordenslanden Geaͤchteten in ſeinen Landen nicht zu hegen. Endlich beſtaͤtigte und genehmigte er auch alle Punkte und Beſtimmungen des zwiſchen Witowd und dem Orden abgeſchloſſenen Friedens, nur mit Ausnahme derer, welche dieſer neue Vertrag ausdruͤcklich veränderte, insbe⸗ ſondere des Artikels uͤber das Land und die Herrſchaft der Ruſſen von Pleskow. Geſchloſſen ward dieſer Vertrag auf dem Haupthauſe Marienburg am zweiten Maͤrz des Jahres 1402. Noch an dem naͤmlichen Tage verſprach Switrigal dem Orden auch das Land und die Herrſchaft der Ruſſen von Pleskow abzutreten, es moͤge von ihm ſelbſt oder vom Orden auf irgend eine Weiſe gewonnen werden. So hatte jetzt der Orden gegen Witowd einen neuen Verbuͤndeten; er verſah ihn nicht nur reichlich mit den noͤthigen Geldmitteln, um überall hin wirken zu koͤnnen, ſondern der Meiſter ordnete ihm auch den aͤußerſt gewand⸗ ten und klugen Landesritter Dieterich von Logendorf bei, 1) Das Original dieſes Vertrages, dat. Marienb. am andern Tage Martii 1402, deutſch und lateiniſch ausgefertigt, im geh. Arch. Schicbl. 54 nr. 1. 2. Der Vertrag in lat. Sprache bei Kotzebue Switrigal S. 164. Lindenblatt S. 148 erwahnt feiner nur kurz. 2) Das Original dicſer Zuſage, dat. wie die vorige Urkunde, eben⸗ falls deutſch und lateiniſch, im geh. Arch. Schiebl. 54 nr. 3. 4. Es walten offenbar beſondere, wahrſcheinlich vom Orden ausgegangene Gruͤn⸗ de ob, warum dieſer Punkt nicht mit in den Hauptvertrag aufgenom⸗ men wurde, wie er im Vertrage mit Witowd ſtand.
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220 Buͤndniß mit Switrigal (1402). der ihm in allem mit Rath und That zur Seite fand. “ Die zugeſagten Vortheile des erwaͤhnten Vertrages aber konnte nur das Schwert erzwingen, denn es war voraus⸗ geſetzt, daß Switrigal wieder in Beſitz feiner väterlichen Lande komme. Er begab ſich daher, obgleich ihn Send⸗ boten und freundliche Briefe des Koͤniges von Polen zur Ruͤckkehr einluden, bald darauf nach Livland, um dort, wie es ſcheint, mit dem Meiſter die noͤthigen Vorbereitun⸗ gen zum ernſten Kampfe gegen Witowd einzuleiten. Zwei Umſtaͤnde jedoch moͤgen den Beginn dieſes Kampfes vor⸗ erſt noch gehindert haben. Einmal naͤmlich leuchtete im Maͤrz dieſes Jahres am weſtlichen Himmel ein feueriger Komet, der die Welt in große Angſt und Bangigkeit ſetzte, denn Sternkundige hatten in ihm das Vorzeichen ſchwerer Unglücksfaͤlle, Kriegsplagen, Menſchenmorden und Duͤrre in allen Landen geſehen; dann aber meldete bald nachher dem Meiſter der Procurator aus Rom: juͤngſt wieder habe der Polniſche Koͤnig durch Sendboten und Briefe dem Papſte betheuert, Witowd ſey in Wahrheit ein guter Chriſt und werde über die angeſchuldigte Verraͤtherei ſich vollkom⸗ men rechtfertigen, ſofern der heil. Vater dem Orden aufs ſtrengſte gebiete, Witowds Lande nicht ferner zu verheeren. Alſo moͤge der Orden wohl auf ſeiner Hut ſeyn, weil man noch nicht wiſſe, was der Papſt dabei thun wolle, denn es werde jetzt alles am Hofe mit großer Heimlich⸗ keit betrieben.) 1) Treßler⸗Buch p. 78. 2) Lind enblatt S. 148. Das Treßler⸗Buch p. 82 laßt den Fuͤrſten am Dienſt. nach Laͤtare nach Livland gehen. 3) Lindenblatt S. 149. Detmar B. II. S. 462. Nach dem Dänifchen Chroniſten bei Luderig Reliqu. MS. T. IX. p. 118 erſchien der Komit mit feinem ungluͤcklichen Geleite ſchon 1401, jedoch erwähnt er feiner p. 120 auch im J. 1402. Lamb. Alardi Res Nord- albing. ap. Westphalen Monum. inedita rer. Germ. T. I. p. 1822. 4) Schreiben des Procurators Johann von Felde an den HM. im geh. Arch. Er fügt hinzu: Ouch ſprechen dy Polen ym hofe, das der
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Verhältniffe zum Könige von Polen (1402). 221 Je verſteckter aber und heimlicher der König in fol cher Weiſe ſein argliſtiges Spiel gegen den Orden trieb, um ſo ſchlauer trug er oͤffentlich immer noch die Miene des Freundes zur Schau, denn gerade um dieſelbe Zeit er⸗ ſuchte er den Hochmeiſter in einem freundlichartigen Schrei⸗ ben, ſeinen Kaufleuten und allen ſeinen Unterthanen aus der Gegend von Ruſſiſch- Breſk den Handel mit Holz und andern Kaufwaaren auf der Weichſel und durch das Dr- densgebiet frei und unbehindert betreiben zu laſſen und ihnen zu erlauben, in Preußen andere Waaren für ihre Kaufguͤter einzutauſchen, eine Bitte, die der Meiſter ihm mit aller Bereitwilligkeit erfüllte. d Selbſt auf einem Verhandlungstage zu Thorn ward vom Koͤnige das Mas⸗ kenſpiel der Freundſchaft noch fortgeſpielt, indem ſich beide Fuͤrſten durch gegenſeitige Geſchenke erfreuten und der Mei⸗ ſter die junge Koͤnigin von Polen mit zwei Faß guten Weines bechrte. ? Daß es der König indeß mit feinen freundlichen Worten nicht ernſtlich meinte, ergab ſich bald nicht bloß daraus, daß Witowd bei der Ausloͤſung der Orden mit dem konynge von Polen eynen frede gemacht hot uff fünf Jor und das run ſy dorumme, das ſy yren Willen deſte bas behalden mogen yn dem hofe. 1) Schreiben des HM. an den König v. Polen, dat. Marienb. feria secunda post Misericord. dui 1402 Regiſter. p. 39, Dem HM. muß die Freundlichkeit des Köͤniges ebenfalls etwas aufgefallen ſeyn, denn er ſchreibt ihm: Gratia magnificentie vestre favorabilius no- bis inter cetera scripsit etc.; und fügt dann hinzu: presertim jux- ta voluntatem gratie vestre regie responsive annuinus per pre- sentes, quod iidem homines de Brescht Rutenico subditi s. v. quicunque mercari et negoeiari et alia quecunque per mercato- res fieri consweta, in terris nostris ubilibet poterint exercere. 2) Nach dem Treßler⸗Buch p. 86 wurde der Tag am Mittwoch vor heil. Leichnamstag gehalten. Der König beſchenkt den HM. mit Wildpret und dieſer ſchickt jenem 4 Brdſeliſche Laken und 5 Stdre nach Raczianz zu Geſchenk. Dann begab ſich der HM. ſelbſt zum Könige ienſeits der Weichſel, wobei er den Spielleuten 6 Mark ſchenkte, „als fie ihn über die Weichſel pfiffen, da er zum Könige zog.“
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222 Verhaͤltniſſe zu Witowd (1402). gegenſeitigen Gefangenen, wie man klar ſah, vom Koͤnige zu allerlei liſtigen Vorſchlaͤgen getrieben wurde, “ ſondern daß auch ſein Verbuͤndeter Herzog Johannes von Maſo⸗ vien und Semovit die Burg Wisna kaum wieder in ihren Haͤnden hatten, als ſie von neuem raͤuberiſchem Kriegsge⸗ ſindel und beutegierigen Raubgeſellen aus Witowds Lan⸗ den zum Zufluchtsorte eingeraͤumt wurde, damit ſie von dorther ihre raͤuberiſchen Einfaͤlle ins Gebiet des Ordens um fo ſicherer wagen koͤnnten. ” In denſelbigen Tagen aber legte noch ein wichtige⸗ res Ereigniß Witowds unverſoͤhnbar feindlichen Sinn gegen den Orden aufs klarſte an den Tag. Auf feinen Antrieb naͤmlich und durch einen aus Litthauen von ihm geſandten Heerhaufen bedeutend verſtaͤrkt brachen plößlih und un⸗ vermuthet zu Ende des Mai die Samaiten in großen Schaaren waͤhrend einer Nacht bis vor die Stadt Memel, erſtüurmten fie beim Mangel aller Vorbereitung zur Vers theidigung ohne allen Widerſtand, erſchlugen eine große Zahl von Maͤnnern, Frauen, Kindern und Greiſen, ſteckten, nachdem ſie alles ausgepluͤndert, die Stadt rings in Brand und fuͤhrten uͤber dreitauſend Gefangene beides Geſchlechtes mit fort. Noch im Angeſicht der brennenden Stadt ſteck⸗ ten ſie die aufgefundenen Reliquien des heil. Nicolaus zum Ziel an eine Stange und ſchoſſen zum Hohn mit Pfeilen 1) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Elbing am Sonnt. Miſe⸗ ricord. 1402 Regiſtr. p. 39. 2) Der HM. beſchwert ſich darüber in drei Briefen an die Herzoge Johannes und Semovit von Maſovien, der erſtere dat. In curia nostra Scharffow IV feria ante fest, Philippi et Jacobi 1402 im Regiſtr. p. 40. 48. Es heißt: Exposuit coram nobis Commendator noster de Balga, quomodo homines subditi dominacionis vestre de Wis- na sustentant et in habitacionibus eorum interdum foveant certos homines inimicos nostros, subditos ducis Witon di, quodque jidem inimici nostri, postquam nobis et hominibus nobis subdi- tis dampna fecerint et adhuc faeiunt, continue confluant, ciban- tur et refugium habeant ad eosdem homines in Wisna.
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Kriegsreiſe nach Litthauen (1402). 223 darnach.) Bald darauf warf ſich Witowd ſelbſt mit ſtar⸗ ker Macht vor die Burg Gotteswerder am Memel Strom; ſein Belagerungszeug und ſchweres Geſchuͤtz wirkte gegen die Mauern mit ſolcher Gewalt, daß die Beſatzung, deren Hauskomthur von den Litthauern ſchon früher erſchlagen worden war, ſich bereits am dritten Tage ergeben und dem Feinde als Gefangene folgen mußte. Nachdem die Burg völlig ausgepluͤndert und alles ſchweren Geſchuͤtzes beraubt war, wurde ſie bis auf den Grund niedergebrannt und ſo dem Orden dort einer ſeiner wichtigſten feſten Punkte an der Graͤnze des feindlichen Landes entnommen. 2 Da ſchien es dem Hochmeiſter nothwendig, am Groß⸗ fürften ernſte Rache zu üben. Er ließ mit Macht im ganzen Lande ruͤſten; auf feinen Kriegsruf griffen nicht bloß die Kriegspflichtigen Landſaſſen, die er, wo es Noth that, zur Ruͤſtung unterſtuͤtzte, ſondern auch die Bürger der größern Städte in ihren Kriegs⸗Mayen zum Schwerte; ſo ſtellte Elbing unter ſeinen Hauptleuten außer einer an⸗ ſehnlichen Schaar von Waͤppnern noch zwanzig Schügen aus feinen Gewerken.“ Nachdem der Hochmeiſter zur Hülfe des Himmels fuͤr ſeine Waffen ein frommes Ge⸗ lubde gethan, ) brach am S. Jacobs⸗Tage (am 2öften 1) Lindenblatt S. 150. Am Fol. E. p. 121 heißt es daruͤber: Idem dux Witaudus armatam validam de Littwania cum Samai- this absque more dispendio in complaceneiam eorumdem Samay- tharum expedivit contra opidum Memla etc. Der HM. ſelbſt ſagt in einer Appellation an den päpftl. Stuhl (Schicbl. 62. nr. 9): Wytol- dus succendit quoddam Ordinis opidum nomine Memla per suos, plurimam cedem inibi faciens, qui ymagines erucifixi, virginis gloriose ac Sanctorum contemptibiliter blassphemarunt, demem- brantes, decapitantes ac in altum contumeliosius suspendentes, 2) Lin denblatt a. a. O. Nach dem Treßler-Buch p. 80 war Gotteswerder kurz zuvor ſtark mit Lebensmitteln verſorgt worden. 3) Nach dem Treßler-Buch p. 93 erhielten z. B. 38 Landſaſſen im Kulmerland 114 Mark, je einer 3 Mark. 4) Elbingiſ. Kriegsbuch. 5) Treßler⸗Buch p. 98.
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234 Kriegsreiſe nach Litthauen (4402). Juli) ) die geſammte Heeresmacht von vierzigtauſend Mann zum Auszuge auf, an ihrer Spitze der wackere Ordensmarſchall Werner von Tettingen. Bald indeſſen erkrankend mußte er die oberſte Führung des Heeres dem Großkomthur Wilhelm von Helfenſtein uͤberlaſſen, den der zuruͤckgekehrte Fürft Switrigal an der Spitze einer eigenen Schaar begleitete. Zu Schiff und Roß an der Nawefe * angelangt ſchlug das Heer ein Lager. Fuͤrſt Switrigal aber ſprengte mit einem kleinen Haufen bis an die Nerie (Wilia) vor, wo er den Großfürften mit einer ſtarken Macht aufgeſtellt fand, um dem Feinde den Uebergang zu wehren. Nach gehaltenem Kriegsrathe unter den Gebieti⸗ gern und nachdem das Kriegsvolk auf drei Wochen mit Lebensmitteln verſorgt war, zog das geſammte Heer an der Nerie aufwaͤrts, am andern Ufer des Stromes vom Feinde beſtaͤndig begleitet, um bei Wiſſewalde den Ueber: gang zu hindern. Dennoch erzwangen ihn die Gebietiger weiter aufwaͤrts vermittelſt einiger Furten und Witowd ward zur Flucht genoͤthigt nicht ohne großen Verluſt. Jetzt fiürmte das Heer bis Wilna vor; man hoffte die Stadt leicht zu gewinnen, weil Switrigal'n von mehren gewon⸗ nenen Buͤrgern die Uebergabe verſprochen war. Allein der Plan ward entdeckt und auf Witowd's Befehl an ſechs der Theilnehmer mit Enthauptung beſtraft. Weiter fort fand das Ordensheer die Burg bei Medeniken ) vom Fein: de ſelbſt ſchon niedergebrannt und warf ſich nun in die Gebiete von Aſchminne und Salſenicken,“ überall verhee⸗ rend, mordend und raubend bis in die dritte Woche. Mittlerweile war der Großfuͤrſt, ohne einen Kampf zu wa⸗ gen, bis an die Furten der Memel und der Nerie geruͤckt, 1) Lindenblatt a. a. O. übercinſtimmend mit dem Elbingif. Kriegsbuch. 2 Jetzt Njewjescha. 3) Jetzt Mjedniki, ſuͤdwaͤrts von Wilna. 4) Jetzt Oschmjana und Soleschniki, ſuͤdlich von Miebniti.
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Kriegsreiſe nach Litthauen (1402). 225 fie verſperrend, um dem Feinde die Ruͤckkehr zu den Schif⸗ fen zu erſchweren. Allein der Großkomthur fuͤhrte das Heer von Salſenicken ſüdweſtwärts gen Perlam “ hin, uͤberſchritt dort ungehindert den Memel-Strom, ohne wie⸗ der zu den Schiffen zu gelangen, die auf erhaltenen Be⸗ fehl heimkehrten, und zog dann durch die dortige Wild⸗ niß mit neunhundert Gefangenen und vielen erbeuteten Roſſen uͤber Loͤtzen nach Raſtenburg zuruͤck, ſo daß das Heer auf der Heimkehr nicht einen Mann durch den Feind verlor.) Dort blieb der Fuͤrſt Switrigal auf des Hoch⸗ meiſters Rath mit hinreichender Wehrmannſchaft in der Burg Baiſelauken,“ ſuͤdwaͤrts von Raſtenburg, um von da den feindlichen Landen näher liegend und vom Hoch⸗ meiſter mit Geld und andern noͤthigen Beduͤrfniſſen immer reichlich unterftügt, feine Verbindung mit feinen Anhängern in Litthauen um fo leichter unterhalten zu koͤnnen, denn da der Koͤnig von Polen ihm ſeine Herrſchaft in Podolien und den andern ihm eingeraͤumten Landen bereits wieder entzogen hatte, ſo war jetzt ſeine einzige Hoffnung auf den Wiedergewinn feiner väterlichen Erbtheile in Litthauen geſetzt. Theils war es vielleicht dieſer Umſtand und insbe⸗ ſondere die Naͤhe dieſes Fuͤrſten an der Graͤnze Maſo⸗ viens, theils auch die noch fortdauernde Unterhandlung des Hochmeiſters mit den Maſoviſchen Herzogen, die den Großfuͤrſten bald wieder ſcheu und mißtrauiſch gegen dieſe 1) Jetzt Prſchelom am Memel⸗Strom, nördlich von Grodno. 2) Nach dem Elbingiſ. Kriegsbuch hatte der Kriegszug ſieben Wo⸗ chen gedauert. 3) unbezweifelt das jetzige Beeslack, unfern von Rößel bei der hei⸗ ligen Linde, wo, wie die Burgencharte beim 2ten Bande andeutet, noch Spuren einer ehemaligen Burg zu finden find; vgl. die Anmerk. zu Lind enblatt S. 152. Im Treßler⸗Buch wird des Aufenthalts des Fürſten in Baiſelauken ſehr häufig erwähnt. 4) Die Hauptquelle und faſt auch die einzige über dieſe Kriegsreiſe iſt Lindenblatt S. 150 — 153; einiges im Treßler⸗ Buche, VI. 15
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226 Witowd's neue Umtriebe (1402). Fuͤrſten machte. Da es fuͤr ihn jetzt von großer Wich⸗ tigkeit haͤtte ſeyn muͤſſen, die zu feindlichen Einfaͤllen in Preußen ſo bequem gelegene Burg Wisna ſelbſt in Be⸗ ſitz zu haben, fo wurde von ihm die Behauptung verbrei⸗ tet: der Orden habe, waͤhrend er Wisna als Pfand be⸗ ſeſſen, mit ihm einen Vertrag geſchloſſen, nach welchem er ſich einen Theil des dortigen Gebietes zueignen ſolle. Allein man durchſchaute auch hier bald Witowds neue Argliſt; der Hochmeiſter erklaͤrte auf einem Verhandlungs⸗ tage zu Strasburg in Gegenwart beider Herzoge von Ma⸗ ſovien die aufgeſtellte Behauptung oͤffentlich fuͤr eine bloße Erdichtung“ und der Erfolg dieſes fehlgeſchlagenen Pla- nes war, daß ſich die Herzoge von Maſovien mit dem Orden wieder verſoͤhnten.“ Witowds ſchlaue Umtriebe waren jedoch auch jetzt noch nicht erſchoͤpft. Um neuen Samen der Zwietracht und des Mißtrauens zwiſchen den Koͤnig von Polen und den Orden zu werfen, ward jenem bald auf ſeinen Betrieb die Kunde zugebracht: der Orden hege und hauſe an ſeinen Graͤnzen allerlei raͤuberiſches Geſindel und laſſe es von Zeit zu Zeit in des Koͤniges Gebiet ziehen, um dort Unheil und Schaden zu ſtiſten; bald wiederum ſchrieb er ſelbſt dem Koͤnige: wie juͤngſt der Hochmeiſter den ehemaligen Komthur von Ragnit Mar⸗ quard von Salzbach, jetzt Komthur von Brandenburg, zu ihm geſandt habe, um ihn zu einem neuen Buͤndniſſe ge⸗ 1) Schreiben des HM. darüber an den König von Polen, dat. Strasburg dominica proxima post fest. Petri et Pauli 1402 Re⸗ giſtr. p. 43. Der HM. ſchreibt: die Herzoge hätten ſich beklagt, qua- liter cum duce Withaudo de et super Terram Wysuensem et suo districtu ac pertineneiis suis aliquem contractum fecissemus temporibus, quibus Terram Wysnensem in ebligatione habui- mus. Quo contractu, ut percepimus, idem dux Withaudus as- serit, se aliquam partem Terre ipsius posse obtinere et amica- bili contractu mediante possidere; er erklärt dann aber: quod ex talibus contractibus nullam partem Terre predicte alienavimus a dominis ducibus dominis nostris supradietis neque alienamus, 2) Treßler⸗Buch p. Ss über den Tag in Strasburg.
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Witowd's neue Umtriebe (4402). 227 gen den Koͤnig und Herzog Switrigal zu gewinnen, eine neue Erdichtung, uͤber deren argliſtigen Zweck ſich der Mei⸗ ſter gegen den König aͤußerſt frei und offen ausſprach. “) Jetzt trat indeſſen auch dieſer mit dem Großfuͤrſten wieder ins liſtige Spiel zuſammen. Der Meiſter erhielt von ihm plotzlich zu großem Befremden ein Sendſchreiben, welches nicht nur voll von Ausbruͤchen eines erzuͤrnten und erbit⸗ terten Gemüthes war, ſondern auch des Fuͤrſten Switri⸗ gal's Ehre und guten Namen auf eine ſo empfindliche Weiſe verletzte und verunglimpfte, daß der Hochmeiſter in große Verlegenheit gerieth, wie er ſich in dieſer Lage der Dinge verhalten und wie er dem Koͤnige begegnen ſolle, denn es war offenbar darauf abgeſehen, den Meiſter auf die Probe zu ſtellen und zu einer offenen Erklaͤrung uͤber Switrigal, Witowds und des Koͤniges Gegner, zu veran⸗ laſſen. Er wich indeß dem liſtigen Anſinnen mit aller Klugheit aus, indem er des Koͤniges Schreiben dem Her: zoge Semovit von Maſovien ſandte, ihm anheimſtellend, als naher Verwandter Switrigals deſſen Ehre zu verthei⸗ digen. Waͤhrenddeß war auch die Streitſache wegen Goth⸗ lands zwiſchen dem Meiſter und der Daͤniſchen Koͤnigin unabläffig betrieben worden. Da es jedoch auch jetzt noch- auf keine Weiſe moͤglich geweſen, den ſaumſeligen Koͤnig Albrecht zu einem beſtimmten Schritte zu bewegen, ſo 1) Schreiben des HM. an den König von Polen, dat. Marienb. ipso die b. Margarethe virg. 1402 Regiſtr. p. 44. Der HM. ſagt uͤber Witowds Vorgeben: Super quo in veritate gratie vestre si- gnificamus, quod de tali, ut premittitur, Commendatoris Mar- quardi legacione nichil seimus, nee Commendator aliquod tale duci Wytoldo nunciavit, sed aliud in herba latet, videlicet quod ipse Wytoldus in suis agendis more solito in detrimentum et dampnum celsitudinis vestre regie gratia salva et illustris domi- ni dueis Swittergalonis et ordinis nostri, non modicis se tueri nititur usque ad tempus, quo omnipotens aliter disponet. 2) Schreiben des HM. an Herzog Semovit, dat. Marienb. feria tercia ante fest. S. Michaelis 1402 Regiſtr. p. 48. 152
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228 Der falſche Prinz v. Dänemark in Preuſſen (1402). legte endlich der Hochmeiſter die Sache der Entſcheidung der Hanſeſtaͤdte vor, bittend, ihm einen Weg vorzuſchla⸗ gen, wie der Orden mit Fug und Recht der Koͤnigin Gothland abtreten koͤnne.“ Die Entſcheidung aber war noch nicht erfolgt, als in Preußen ein Ereigniß dazwi⸗ ſchen trat, welches die Koͤnigin Anfangs in die groͤßte Beſorgniß ſetzte und Gothland eine Zeitlang faſt vergeſſen ließ. Es war im Fruͤhling dieſes Jahres, als einige Daͤ⸗ niſche Kaufleute in einem Dorfe bei Graudenz einen ars men, gebrechlichen Menſchen fanden, den ſie ſeiner auf— fallenden Aehnlichkeit wegen fuͤr den, wie man bisher ge— glaubt, laͤngſt verſtorbenen Sohn Margaretha's Olav hiel⸗ ten. Er ſelbſt zwar laͤugnete dieſes auf ihre Anfrage; andere indeſſen, die man herbeigefuͤhrt, wollten ebenfalls in ſeinen Zuͤgen unverkennbar den Prinzen Olav wieder finden und begruͤßten ihn als ihren Herrn, als Koͤnig von Daͤnemark und Norwegen. Es verbreitete ſich die Sage: door ſechzehn Jahren habe die Koͤnigin dieſen Sohn ver⸗ giften laſſen wollen; damals aber ſey ein anderer das Opfer dieſes Planes geworden und Prinz Olav aus dem Lande gefluͤchtet. Jetzt glaubte man ihn wieder gefunden; die Daͤniſchen Kaufleute führten ihn nach Danzig, wo man ihm nicht nur hohe koͤnigliche Ehre erwies, ſondern auch Geld ſpendete, fo viel er bedurfte, Vom Volke allgemein als Kö: nig verehrt, hielt er ſich bald auch ſelbſt fir den, fuͤr wel⸗ chen man ihn hielt. Er ließ ein Daͤniſches Reichsſiegel ſte⸗ chen und meldete jetzt der Koͤnigin, daß er ihr Sohn ſey; er wolle zwar gerne ſein Lebenlang in Armuth bleiben; allein der Papſt habe ihn gezwungen, die Krone ſeines Reiches zu fordern und nach Dänemark zuruͤckzugehen.) Die Koͤnigin 1) Schreiben des HM. an die Königin und den König von Däne⸗ mark, dat. Marienb. Mont. nach Miſericord. dni 1402 Regiſtr. p. 38 3 in einem andern benachrichtigt der HM. den König Albrecht von dem eingeſchlagenen Wege, p. 39. 2) Lindenblatt S. 153.
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Der falsche Prinz v. Dänemark in Preuſſen (02). 229 erſtaunte uͤber das Vorgeben, ließ alsbald durch eine Anzahl ihrer vornehmſten Ritter und Reichsgroßen ein offenes Zeug⸗ niß uͤber ihres Sohnes Tod und Leichenbegaͤngniß, wie uͤber alle dabei gegenwärtig geweſenen Zeugen ausftellen und uͤber⸗ ſandte dieſes durch den Ritter Volmar Jacobſon und den Buͤrgermeiſter Wolf Wolflam vom Sund dem Hochmeiſter mit der Bitte, ihr den Mann auszuliefern, um ihn naͤher über fein Vorgeben verhören zu laſſen.) Auf den Rath der Gebietiger ward die Bitte erfüllt und der Ungluͤckliche in Be⸗ gleitung einiger Ordensritter und ſtaͤdtiſcher Sendboten nach Kalmar uͤberbracht, wo ihn die Königin ſelbſt ſah.) Es er⸗ gab ſich im weitern Verhoͤre, daß er kein Inlaͤnder, auch nicht einmal der Landes ſprache kundig ſey; er ſelbſt bekannte auch: ſein Geburtsort ſey ein Dorf bei Eger; da habe ſein Vater Wolf und ſeine Mutter Margaretha geheißen; erſt als die Daͤniſchen Kaufleute und ein Herold ihn einen koͤnig⸗ lichen Prinzen genannt und viele Leute ſich für ihn er- klaͤrt haͤtten, habe er ſich auch ſelbſt für einen König von Dänemark gehalten. Auf Befehl der Königin nach Echo: nen geführt, wurde er zum Tode verurtheilt. Auf einem Scheiterhaufen, um welchen rings alle Briefe, die er der Koͤnigin, als ihr Sohn, geſchrieben, aufgehaͤngt waren, buͤßte er in Gegenwart von Kaufleuten aus allen Landen 1) Das Original dieſes Zcugniſſes der Daͤniſchen Ritter, dal. Zul: versborch in Danemark am 17 Juni 1402 im geh. Arch. Schiebl. 79 ur. 4. Dic Ritter erklaren ohne weiteres den Menſchen für einen Bu: ben, Fälſcher und Verräther und fordern den HM. dringend auf, ihn der Königin auszuliefern. Es ift daher kaum glaublich, daß die Köni⸗ gin, wie Lindenblatt S. 154 angibt. dem HM. habe ſagen laſſen: „were her ir fon, fie welde in gerne do vor habin.“ Aufrichtig wenig⸗ ſtens und im Ernſt konnte dieſes nicht gemeint ſcyn, wenn man das Zeugniß der Ritter lieſt. In einem Briefe des HM. an die Königin, dat. Marienb. Freitag vor Marid Magdal. 1402 im Regiſtr. p. 44, wo ebenfalls von dem Manne die Rede iſt und der HM. Bezug auf dit Bitte der Königin nimmt, wird davon auch nichts erwähnt, * Der oben erwahnte Brief des HM. an die Königin im Regiſtr. P- „
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230 Streit um Gothland (1402). feine unglückliche Verirrung durch den Feuertod, nachdem man ihm zum Hohn eine Krone auf das Haupt geſetzt. Seine Kleinodien wurden einem Kloſter uͤbermacht, denn die Königin wollte nichts von ihm behalten, nur das Sie⸗ gel ausgenommen, welches fie zerſchlagen ließ. v Die Koͤnigin war dieſes ſonderbaren Thronbewerbers kaum entledigt, als ſie die Streitſache wegen Gothlands mit neuem Nachdrucke in Anregung brachte. Der Ber: handlungstag der Hanſeſtaͤdte, wo dieſe die Entſcheidung geben ſollten, verlief ohne Erfolg, denn die Bevollmaͤch⸗ tigten der Koͤnigin erklaͤrten: im Zwiſte wegen Wisby's wolle ſich dieſe allerdings der Entſcheidung Luͤbecks und Hamburgs unterwerfen, nicht aber in Ruͤckſicht Gothlands, wobei ſie weder mit dem Orden, noch mit Albrecht zu Recht gehen könne, da im Vertrage über des letztern Frei⸗ laſſung ja ausdruͤcklich geſagt ſey, daß jeder Theil in den naͤchſten drei Jahren an Staͤdten und Landen behalten ſolle, was er eben im Beſitze habe; ihr Recht zu Goth⸗ land ſey Gottesrecht und nur mit Unrecht ſey ihr ſolches abgedrungen; ſie verlange vom Orden ohne weiteres die Abtretung des Landes und bald muͤſſe fie mit allem Ernſte darauf denken, ſich ihres Eigenthums zu bemaͤchtigen. Der Hochmeiſter verſaͤumte nicht, dieſe ernſte Drohung dem Koͤ⸗ nige Albrecht zu vermelden und von neuem auf entſchei⸗ 1) Lindenblatt S. 154 weicht von den Angaben bei Malet B. II. S. 22 und Ruͤhs Schwed. Geſch. B. II. S. 3, daß der an⸗ gebliche Prinz ein Sohn der Amme Olav's geweſen ſey und deshalb manche Umftände aus der Jugend dicſes Prinzen gewußt habe, nicht ohne Grund ab. Detmar B. II. S. 463 ſagt jedoch ebenfalls: He konde vele hemelkes feggen, dat der koningynnen allene witlik was van ereme fone, ok hadde he etlike tekene an ſyme lyve, alſo men ſede, der⸗ gelik ere ſone oleff gehad hadde; darumme mencden vele Yübe unde ſpre⸗ ken, dat he ere rechte ſone were. Pontan. p. 534 nennt ihn nach einis gen Ehroniſten einen Preuſſen. Of. Eudewig Reliqu. MS. T. IX. p. 118. Chron. Slavica ap. Lindenbrog p. 211. Lamb. Alardi Res Nordalbing. ap. Westphalen T. I. p. 1823.
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Ankauf der Neumark (440. 231 dende Schritte zu dringen; ? auch der Rath von Lübeck forderte den Meiſter auf, um des Beſten des gemeinen Kaufmannes willen die Streitſache endlich ſo bald als moͤg— lich beizulegen, da uͤberall nur großes Ungemach und Uns willen daraus hervorgehe;“ allein bei Albrecht war alles ohne Erfolg und es zog ſich ſomit der aͤrgerliche Streit auch noch in die ſolgenden Jahre hinein. Wenn nun aber der Hochmeiſter die jahrelangen Streithaͤndel uͤberſah, die ihm einer Seits der Pfandbeſitz von Gothland gegen die Krone Daͤnemarks und anderer Seits die Beſitznahme des Dobrinerlandes gegen den König von Polen unter manchen Gefahren fir den Orden zuge⸗ zogen hatten, ſo war natuͤrlich, daß er darum ſchon im⸗ mer noch großes Bedenken trug, in Koͤnigs Sigismund Wuͤnſche einzugehen, der ihm im Frühling dieſes Jahres durch den Brandenburgiſchen Vogt der Neumark Jan oder Johann von Wartenberg von neuem entweder die Ver⸗ pfaͤndung oder den foͤrmlichen Verkauf der Neumark an⸗ bieten ließ. Obgleich daher bereits mancher Schritt in dieſer Sache bisher gethan war, ſo wies der Meiſter das Anerbieten doch auch jetzt noch unter dem Vorgeben zu⸗ rück, daß der Orden theils wegen feiner wiedererwachten Kriege mit Litthauen und anderer Bedraͤngniſſe jenes Land nicht werde beſchuͤtzen koͤnnen, theils zum Kaufe auch nicht die noͤthigen Geldmittel beſitze. Er ſchlug ſelbſt auch das Anerbieten zum Ankaufe einer einzigen Vogtei im Lande aus, weil er einſah, daß dieſes dem Orden nur Nach⸗ theil bringen muͤſſe.) Da verſuchte Sigismund, in ſei⸗ nen Finanzen immer mehr bedraͤngt, ein anderes Mittel. 1) Schreiben des HM. an König Albrecht, dat. Schaken Mittwoch nach Bartholomäi 1402 Regiſtr. p. 45 — 46. 2) Das Original dieſes Schreibens der Proconsules et Consules civitatis Lubicens., dat. am T. S. Egidii 1402 Schiebl. 87. nr. 1. 3) Schreiben des HM. an den König von Ungern und Verweſer des Köonigr. Böhmen; der Reihenfolge nach im Regiſtr. p. 37 gehört es in den Fruͤhling 1402, obgleich es ohne Datum iſt.
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232 Ankauf der Neumark (1402). Er beauftragt zuerſt ſeinen vertrauten Rath, den Ritter Nicolaus von Rechenberg, dem Komthur von Thorn Friede⸗ rich von Wenden zu melden: er ſey von feinem Könige befehligt, nach Preußen zu reiten, um mit dem Meiſter den Verkauf der Neumark zu bereden; wolle jedoch der Orden ſich hierauf nicht einlaſſen, ſo werde, wie bereits in Ungern und Polen das Geruͤcht gehe, der Polniſche König das Land zu erwerben ſuchen.) Dann kommt bald auch ein Vertrag zum Vorſchein, nach welchem der Sieben— buͤrgiſche Woiwode Stybor, ein auch in Polen begüterter Guͤnſtling Sigismunds, mit deſſen Vollmacht dem Koͤnige von Polen ſchon im Februar dieſes Jahres die Neumark fuͤr die Summe von zehntauſend Mark verpfaͤndet habe, viertauſend Mark ſchon darauf gezahlt, doch aber die Be— dingung geſtellt ſey, daß zwei Wochen nach Oſtern die Uebergabe des Landes erfolgen oder jene Summe zurüͤck⸗ gegeben werden folle, wofür ſich Stybor und mehre anz dere dem Könige mit ihren Guͤtern verbürgt. ? Hoͤchſtwahrſcheinlich war dieſer Vertrag erdichtet oder 1) Schreiben des Komthurs von Thorn an den HM., dat. Thorn Mittwoch nach Jacobi (1402) im geh. Arch. 2) Darauf bezieht ſich die Urkunde bei Dogiel T. 1. nr. IV. p. 596, worin die Erklärung des Palatins von Kaliſch und des Kaſtellans von Poſen über die von ihnen dem Könige von Polen geleiſtete Buͤrg⸗ ſchaft enthalten iſt. Es ſpricht manches dafür, daß ein eigentlicher Ver⸗ trag zwiſchen Sigismund und dem Poln. Könige gar nicht Statt fand und daß es nur die eben erwähnte Urkunde war, die man erdichtet hatte und zum Vorſchein brachte, da es ja nur darauf ankam, den HM. mit der Erwerbung des Landes durch den König zu ſchrecken. De Wal T. IV. p. 185 nennt dieſe Urkunde „acte le plus singulier qu'on puisse voir und ſagt dann: il est probable, que cet acte informe n'a été fait, que pour avoir quatre mille mares, dont Sigismond avoit un besoin pressant; p. 192 heißt es dann: man ſehe, que le con- trat du Waiwode Transylvanie avec le Roi de Pologne étoit il- Iusdire. Vgl. Lancizolle Geſch. der Bild. des Preuſſ. Staats B. I. S. 285. Buchholtz Geſch. der Churm. Brandenb. B. II. S. 556 ſpricht von 40,000 Mark Poln., welche der König habe geben ſollen.
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Ankauf der Neumark (440. 233 er wurde, wofern er wirklich geſchloſſen war, nach der geſtellten Bedingung bald darauf zurückgenommen. Auf den Hochmeiſter hatte er jeden Falls die wohlberechnete Wirkung, denn an den König von Polen durfte der Or⸗ den die Neumark unter keiner Bedingung kommen laſſen, wenn er von Deutſchland nicht faſt gaͤnzlich abgeſchnitten oder doch wenigſtens in ſeiner Verbindung mit ihm vielfach unterbrochen und gehemmt ſeyn wollte, weil dann des Koͤ⸗ niges Landgebiete den Ordensſtaat von drei Seiten umzingelt haben würden.) Es kam hinzu, daß auch der Herzog von Stolpe, wie er wenigſtens vorgab, zum Erwerb der Neu⸗ mark Verlangen trug und bald darauf den Hochmeiſter auch dringend erſuchte, ihm bei der Sache nicht hinderlich zu feyn. ? Bereits indeſſen war Stybor mit den noͤthigen Vollmachten “ beim Hochmeiſter erſchienen, mit ihm mehre Abgeordnete des Ritterſtandes und der Staͤdte der Neumark, unter ihnen vorzüglich der Ritter Heinrich von Guͤntersberg, ein großer Günftling des Ordens,“ um die Verhandlungen 4) De Wal T. Iv. p. 187. 2) Schreiben des HM. an den Herzog von Stolpe, dat. Grebin Freit. vor Petri ad Vincula 1402 Regiſtr. p. 45. 3) Als ſolche werden in einem Verzeichniſſe des geh. Arch. erwähnt: 1) der Hauptbrief über die Mark mit dem kleinen Inſiegel des Königes v. ungern; 2) Zwei Briefe des Kön. von Böhmen, in deren einem er dem Kön. v. ungern erlaubt, die Neumark zu verkaufen und zu ver⸗ ſetzen; im andern gelobt er fuͤr ſich und alle ſeine Nachkommen, den Verkauf der Neumark an den HM. ſtet und feſt zu halten; 3) Ein Brief des Markgrafen Procop, worin dieſer dem Kon. v. Ungern den Verkauf erlaubt und den Kauf von Seiten des HM. beſtätigt, iſt dat. Prag Dienſt. vor dem Sonntag Domine ne longe 1402 im groß. Pri⸗ vilegienbuche p. CX. 4) Ein Brief des Kön. v. Ungern, worin er den Stybor bevollmächtigt, dem HM. die Neumark zu verpfänden, dat. Galicz feria sexta ipso die b. Fabiani et Sebast. 1402, ebendaf. p. CVI. Vgl. Lucas David B. VIII. S. 68 — 69. 4) Stybor nennt die Abgeordneten alle namentlich in der erwähnten Urkunde im groß. Priwilegienb. p. CVI. Heinrich v. Guͤntersberg war ſehr haͤufig beim HM. und wurde immer reich beſchenkt.
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234 Ankauf der Neumark (1402). über den Verkauf des Landes wieder anzuknüpfen. In einer Berathung der vornehmſten Gebietiger ward es jetzt fir un⸗ umgaͤnglich nothwendig befunden, auf den Ankauf einzu⸗ gehen. So ungern auch der Hochmeiſter dieſen Schritt that, — gleich als habe er geahnet, welche gefahrdrohende Ver— haͤltniſſe für den ganzen Orden daraus hervorgehen wuͤr⸗ den, — “ fo wurde der Kaufvertrag doch ſchon im Juli die— ſes Jahres abgeſchloſſen um den Preis von drei und ſechzig tauſend und zweihundert Ungeriſche Gulden, wovon der Mei⸗ ſter alsbald einen Theil auszahlte. Zudem wurde bes ſtimmt: der Koͤnig ſolle das Land in allen ſeinen Graͤnzen und Zubehörungen dem Orden frei ſtellen gegen alle fremde Anſpruͤche, wo nicht, ſo ſolle er dem Orden das geſammte Kaufgeld nebſt allen Unkoſten in ſolchen Streithaͤndeln zuruͤck⸗ zahlen.“ Dem Könige Sigismund, feinem Bruder Wen- ceslav und dem Markgrafen Jobſt von Maͤhren wurde das Wiederkaufsrecht auf die genannte Kaufſumme vorbehalten, ebenſo Sigismunds etwanigen Erben oder Nachkommen, doch dieſen nur auf Sigismunds und der beiden andern Fuͤr⸗ ſten Lebzeiten. Erfolge der Wiederkauf in dieſer Zeit nicht, fo ſolle das Land insgeſammt als Eigenthum erb- lich auf ewige Zeit dem Orden verbleiben. Was der Or⸗ 1) In dem erwaͤhnten Briefe an den Herzog von Stolpe deutet der HM. ſelbſt darauf hin. 2) Urkunde Stybors, dat. Marienb. am T. Jacobi Apoſt. 1402 im geh. Arch. Schiebl. 43 nr. 4, worin er bekennt, daß er einen Theil der Kaufſumme vom HM. empfangen habe. Der HM. meldet auch Thon im Anfange des Auguſt dem Herzog von Stolpe (Regiſtr. p. 45 y; daß ein großer Theil des Geldes bereits bezahlt ſey; Stybor giebt die gezahlte Summe auf 8000 Schock Böhm. Groſchen an. Lucas Da⸗ vid a. a. O. Buchholtz B. II. S. 356. 3) In der Urkunde Stybors heißt es auch: Vortmer ſo ſullen wir freyen dem Orden Kaſtryn und ouch Zandekke, als verre als Zandckke bynnen den greniczen der Nuwenmarke leyt und unſers hern des konin⸗ ges von ungern iſt und ouch die briefe dem Orden ſchicken und freyen, die der herre koning von Ungern hern Johann von Wartenberg off Ka⸗ ſtryn und ouch off die Zandckke gegebin ſynt.
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Ankauf der Neumark (140. 235 den auf Bauten verwende bis auf die Summe von ſieben⸗ tauſend Schock Groſchen oder auf Einlöſung verpfaͤndeter Domaͤnen, ſolle ihm beim Wiederkaufe verguͤtet werden. Erleide das Land, waͤhrend es der Orden beſitze, durch äußere feindliche Verhaͤltniſſe oder durch innern Zwieſpalt des Ordens mit den Unter ſaſſen irgend Verluſt oder Scha⸗ den, ſo ſolle dieſer am Verkaufsgelde ihm nicht zugerech⸗ net werden. So ward der Verkauf zwiſchen dem Hoch⸗ meiſter und dem Woiwoden Stybor, der alsbald zum Koͤ⸗ nige Sigismund zurückkehrte, verabredet. 9 Noch vor der Ausfertigung des Hauptbriefes aber beſtaͤtigte der Hochmeiſter ſaͤmmtlichen Bewohnern der Neu⸗ mark, wie Sigismund den Staͤnden des Landes ſchon vor⸗ her zugefagt, ? alle Privilegien und Freiheiten, „die ihnen in Vorzeiten von Kaiſern, Kaiſerskindern, Fuͤrſten und Fuͤr⸗ ſtinnen und ihrer rechten Landesherrſchaft verliehen wor⸗ den,“) worauf am neunten Auguſt zu Arnswalde eine Anzahl von Rittern, Knechten, Bürgermeiftern und Raths⸗ leuten im Namen aller Bewohner und Staͤdte dem Hoch⸗ meiſter die Huldigung leiſteten mit Hinweiſung auf den Beſtaͤtigungsbrief ihrer Privilegien.) Und als hierauf zu 1) Daß die Sache des Kaufes bereits vor dem 25 Juli 1402 im Reinen und der Kauf ſo gut wie abgeſchloſſen war, unterliegt nach den Feſtſtellungen von Urkunden und Briefen hierüber keinem Zweifel. Nach dem Treßler⸗Buch p. 90 hatte Stybor während feines Aufenthaltes in Marienburg auf Koften des HM. 63 Mark verzehrt. Ueber den Umfang deſſen, was der Orden in der Neumark durch den Ankauf gewann, vgl. Lancizolle a. a. O. S. 267. 2) Darüber die urk. Sigismunds, dat. Prag Dienſt. nach dem Sonnt. Domine ne longe 1402 im geh. Arch. 3) Uurk. des HM., dat. Marienb. am S. Jacobs⸗Tage 1402 im geh. Arch. Schiebl. XIII. nr. 140, worin der HM. ſchon von dem be⸗ reits erfolgten Abſchluſſe des Verkaufes ſpricht; gedruckt bei Gercken Fragm. Marchica B. I. S. 87 nr. 45. Ludewig Reliqu. MS. T. IX. p. 561. Cf. De Wal T. IV. p. 188. 4) Die Originalurkunde hierüber, dat. Arnswalde am Abend ©. Laurentü 1402 im geh. Arch. Schiebl. 433 auch im großen Privilegienb.
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236 Ankauf der Neumark (1402). Thorn die Zahlung der geſammten Kaufſumme von Seiten des Ordens erfolgt war,“ vollzog der König Sigismund zu Preßburg am Michaelis-Tage dieſes Jahres den foͤrm⸗ lichen Verkaufsbrief.) Er war indeſſen noch nicht einmal in des Hochmeiſters Haͤnden, als in Betreff der Neumark aͤhnliche Verhaͤltniſſe wie bei Dobrin und Gothland einzu⸗ treten ſchienen. Zuerſt war es Herzog Swantibor von Stettin, welcher meldete, daß „er große Mahnung an die Neumark Schulden halber habe.“ Der Meiſter wies ihn mit der Erklaͤrung ab: es ſey des Koͤniges von Ungern Sache, p. CXII. Ludewig 1. c. nr. XI. p. 559. Ledebur Allgemein. Ar⸗ chiv für Geſchichtskunde des Preuſſ. Staats B. VI. H. I. S. 83. Als Deputirte der Ritterſchaft ſind unter andern genannt: Heinrich von Guͤn⸗ tersberg, Haſſe von Wedel zu Neuwedel, der alte Hans von Breberlow zu Derzow, Michel von Sydow u. a. Stybor ſagt in einer Urk. dat. Marienb. am S. Jacobs⸗Tage 1402: daß er vom Könige auch die Voll: macht habe, an den HM. „czu wieſen allirley Manſchaft off dem lande und in den Steten, ouch ſie czu frien und ledig czu ſagen der eide und vorpflichtunge, die ſie ſchuldig weren geweſt unſern gnedigen hern konige von Ungern. 1) Der König ſagt dieß im Verkaufsbriefe ſelbſt; eine andere Nach⸗ richt des geh. Arch. zaͤhlt die theilweiſen Zahlungen einzeln auf. Sty⸗ bor bekennt in einer Urk. dat. Marienb. am S. Jacobs-Tage 1402 im groß. Privilegienb. p. CXI, die dort genannten Summen erhalten zu haben. Es ſollten 2000 Schock benutzt werden, um Kuͤſtrin zu freien; dann fuͤgt er hinzu: Vortme ob wir Zandekke das gut nicht fryen mo⸗ gen dem hern homeiſter und ſynem Orden, dorumbe das eyn czwivel iſt von etlichin, es ſulle nicht legen in der Nuͤwenmarke, were das alſo, ſo ſullen wir by guten truͤwen czur letzten gulden inne laſſen dem hern homeiſter und ſyme Orden vierhundert ſchog Behemiſ. groſchen, lyt es ouch in der Nuͤwenmarke, ſo geloben wir es czu frihen von der egenan⸗ ten Summa uns benumpt in dem kouffe. 2) Das Verkaufsinſtrument in einem Transſumt v. J. 1452 im geh. Arch. Schiebl. 43 und im groß. Privilegienbuche p. CVII; in Ger- cken Cod. diplom. T. V. p. 240, Baczko B. II. S. 384. Die Nachricht bei Lucas David B. VIII. S. 68 iſt aus Urkunden, was der Chroniſt aber S. 71 — 72 von einer ſchweren Steuerhebung zur Bezahlung der Neumark erzählt, iſt aus Simon Grun au entnommen und hiernach zu beurtheilen. Cf. De Wal T. IV. p. 189 192.
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Ankauf der Neumark (1.02). 237 das Land deshalb zu verantworten; jedoch wandte er ſich zugleich auch an dieſen mit der Bitte, des Herzogs An⸗ forderung zu berichtigen. Bald darauf kam Markgraf Jobſt von Maͤhren bei dem Meiſter mit dem Geſuche ein: der Orden ſolle auf die Neumark keine weitern Geldſum⸗ men mehr ausgeben, denn er ſelbſt ſey ein Erbe dieſes Landes und die geſteigerte Schuld, die auf dem Lande laſte, falle dann von dem einen auf den andern. Der Meiſter erwiederte zwar: der Koͤnig von Ungern habe ver⸗ ſprochen, das Land von allen Anſpruͤchen der Erben, alſo auch des Markgrafen zu befreien und feine, des Mark: grafen Gunſt möge der Orden um dieſer Sache willen auf keine Weiſe verſcherzen. Jobſt indeſſen nahm bald eine ſehr ernſte Miene an; er verlange, ſchrieb er dem Meiſter, daß ſich der Orden überhaupt nicht in den Beſitz ſeines Erbes ſetze oder in die Sache wirre. Da trat ihm dieſer aber mit der Erklaͤrung entgegen: „Ihr wiſſet ja ſelbſt aus Briefen genug, wie die Neumark an unſern Orden gekommen iſt. Wir haben in keiner Weiſe je nach dieſem Lande geſtanden, ſo oft es uns auch angeboten wor⸗ den iſt. Wir wären es gerne uͤberhoben geweſen und woll⸗ ten uns deſſelben mitnichten unterwinden. Nur aus Liebe zum Koͤnige von Ungern haben wir uns endlich dazu ver⸗ ſtanden, da wir es mit Fug nicht mehr von uns weiſen konn⸗ ten. Wir wußten damals von keinem, der dawider haͤtte ſeyn konnen. Wäre uns von euch bekannt geweſen, daß es nicht euer Wille ſey, wir haͤtten uns daran gewiß ver⸗ wahrt.“ Auch wegen Küͤſtrins haderte Jobſt, behauptend, der Orden habe kein Recht darauf, weil es nicht zur Neumark gehöre. ? Der Hochmeiſter beſtritt ihm auch J) Schreiben des HM. an den Herzog v. Stettin und an den Koͤ⸗ > 1 un dat. Marienb. am FT. Kreuzeserhöh. 1402 Regiſtr. p. 2) Schreiben des HM. an den Markgr. v. Mähren, dat. Marienb. Sonnab. nach Michaelis 1402 Regiſtr. p. 47. 3) Schreiben des HM. an den Markgr. Jobſt, dat. Stuhm Mon⸗
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238 Ankauf der Neumark. Kriegshaͤndel in Litthauen (1402). dieſes, erhielt aber bald noch einen andern Gegner am Markgrafen Wilhelm von Meißen, der Kuͤſtrin als ſein Pfand in Anſpruch nahm, welches ihm der Herr von War: tenberg mit Gewalt vorenthalte.) Der Meifter wies alle dieſe Anſpruͤche an Sigismund, dieſen an ſein Verſprechen erinnernd, das Land dem Orden frei zu ſtellen. Bevor je⸗ doch dieſe Streitverhaͤltniſſe weiter verfolgt und erörtert wer: den konnten, erhielt der Meiſter die deutlichſten Anzeichen, daß durch die Erwerbung der Neumark auch das Mißtrauen und der verſteckte Groll des Koͤniges von Polen neu erweckt und wieder mehr geſteigert worden; denn wo und wie er nur konnte, trat er von jetzt an wieder oͤffentlich und aufs ent⸗ ſchiedenſte als Feind und Widerſacher gegen den Orden auf. Noch vor Ausgang des Jahres 1402 hatte im Oſten das Kriegsgetuͤmmel von neuem begonnen. Da es den Litthauern gelungen war, auf dem Hauſe Ragnit einige gemeine Menſchen zu dem verraͤtheriſchen Verſprechen zu gewinnen, die Burg in ihre Haͤnde zu liefern, ſo brach plotzlich ein ſtarker Haufe von Litthauern und Samaiten tag nach Catharin. 1402 Regiſtr. p. 49. Der HM. fagt: Uns iſt Koͤ⸗ firyn czu der Nuͤwen Marke vorſaczt ezu getrinver hant, und alle man⸗ ſchaft desſelben landes ſpricht, das Koſtryn y czur Nuͤwen Marke habe gehort, anders haben wir ouch ny gewoſt und were uns getrülich leid, das wir dorynne wedir cuwer Durchluchtikeit thun ſolden. 1) Schreiben des HM. an den Markgraf. Wilhelm v. Meißen, dat. Stuhm Mont. nach Aller Heil. 1402 Regiſtr. p. 47. Es heißt hier. Als euwer groſmechtikeit ſchreibet von der Innemunge der alden Marke, ſeyn wir ernſtlichen gar gros gefrahet, nemlichen des, das euwer herlich⸗ keit unſer lande Nokebur iſt wurden, und gancz hoffen, das euwer her⸗ lichkeit unſer und unſers ganczen ordens gnediger beſchirmer und guͤnner, als ſie allewege geweſt iſt, forwerter werde bleiben. Ouch als euwer durchluchtikeit ſchribet, das Koſtryn euwer Pfant ſey, das euwir her⸗ lichkeit der herre von Wartenberg mit gewalt vorhalde und begert, das wir uns dor nicht follen ſtoſen noch domete werren u. ſ. w. Der HM. meldet ihm nun, wie Kuͤſtrin an den Orden gekommen ſey. Vgl. Lancizolle a. a. O. S. 246 — 247. Lede bur Allgemein. Archiv für Geſchichtskunde des Preuſſ. Staats B. VI. H. 2. S. 181.
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Kriegshaͤndel in Litthauen (4403). 239 heran, die Burg mit Huͤlfe der Verraͤther zu erſtuͤrmen. Sie war jedoch ſeit Jahren ſchon durch Mauern, Graben und Waͤlle fo ſtark befeſtigt, fo zahlreich mit Mannſchaft beſetzt und der Komthur Graf Friederich von Zollern ver⸗ theidigte ſie mit ſolchem Nachdrucke, daß ſich der Feind begnügen mußte, einige Gebaͤude vor der Burg in Brand zu ſtecken und einige Tataren, die ſich dort niedergelaſſen, nebſt einer Heerde Vieh als Beute mit hinwegzufuͤhren. Die Verraͤther aber wurden bald ermittelt und an den Beinen aufgehenkt. * um ſo nothwendiger ſchien es jetzt, den Feind wie⸗ der mehr durch Waffenmacht auf ſeinem eigenen Gebiete zu beſchaͤftigen und die Umſtaͤnde begünftigten ſolches. Es war auf die Nachricht in verſchiedenen Landen, daß der Orden feine gewohnten Kriegsreiſen ins Litthauerland von neuem begonnen, ſchon mit dem Anfange des Jahres 1403 abermals eine anſehnliche Schaar fremder Kriegs gaͤſte in Preußen angekommen, die beruͤhmteſten unter ihnen ein Graf von Leiningen und ein Herr von Giſteln, “ der im Gebiete des Herzogs von Wolgaſt mit ſeinem Haufen nie⸗ dergeworfen worden war und erſt nach manchen Faͤhrlich⸗ keiten in Preußen anlangte. Auch Kriegsgaͤſte aus 1) Lindenblatt S. 156. 2) Oder Ghiſteln; ſ. B. V. S. 232. 3) Lindenblatt S. 157 nennt die Beiden nicht mit Namen. unrichtig iſt aber die in der Stelle des Chroniſten hinzugefügte Bemer⸗ kung, daß die Familie von Ghiſteln in Weſtphalen gewohnt habe und der Flecken Giſtelberg darauf hindcute. Troß im Hamm'ſchen Wochen⸗ blatt für Geſchichte u. f. w. 1824 nr. 21 S. 106 bemerkte ſchon, daß es keine Familie dieſes Namens in Weſtphalen gegeben, die von Gyſteln oder Ghyſtele vielmehr in Flandern gewohnt und Giſtelles zu den alten Baronien dieſes Landes gehort habe. Miraei Opera diplom. T. I. p. 804 und in den Zuſätzen zu Kremers Academ. Beiträgen, Gießen 1787 S. 98. Auch in Sartorius Geſchichte des Urſprungs der Hanſe kommt Johann von Ghiſtelle als Flanderer ſehr häufig vor, z. B. S. 8. 215. 221. 223 u. a. Ueber die Niederlage des Herrn von Ghiſteln in Pommern haben wir einen Brief des Vogts der Neumark Balduin
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240 Kriegshaͤndel in Litthauen (1403). Schweidnitz ſtellten ſich unter der Führung eines Haupt: mannes ein.) Sofort ward uͤberall in Staͤdten und Dörfern ſtark geruͤſtet? und als die Streitmacht ſich ver— ſammelt, führte fie im Anfange des Februar ) der Mars ſchall Werner von Tettingen, begleitet vom Fuͤrſten Swi⸗ trigal dem feindlichen Lande entgegen, waͤhrend der Vogt von Stuhm bei Waldau in Landwehr lag, wo bald auch der Hochmeiſter ſelbſt erſchien.“ Der Verlauf des Kriegs⸗ zuges war den fruͤheren gleich. Er ſollte gegen Garthen gehen; in der Wildniß aber aͤnderte der Marſchall die Richtung, wandte ſich gen Merken hin, ? gewann die Burg, verheerte das Land umher, zog dann weiter in die Gegend der Strebe und nach Traken zu, und brachte un- ter Verheerung und Pluͤnderung uͤber dreitauſend Gefan— gene zuſammen, worunter hundert und zwei und ſiebenzig Baioren, die Witowd, noch ehe der Marſchall das Land verließ, auf die Hand nahm, um fie bei der Auslöfung gegen die noch gefangenen Ordensritter und Kriegsleute, wie verabredet ward, ſtellen zu koͤnnen. Der Großfürft ſtand unbeweglich mit einer bedeutenden Kriegsſchaar zum Stal, dat. Schievelbein Mont. in d. Faſten (o. J.) worin er über die Verhandlungen ſpricht, die der HM. mit dem Herzoge Wartislav von Stettin und dem von Wolgaſt „als von der Nedirczyunge des edlen herren von Gyſteln und der ſynen“ hatte. Der HM. ſpricht davon auch in einem Briefe an den Herzog von Stettin, dat. Schlochau Dienſt. nach Judica 1403 Regiſtr. p. 59. Ueber die Anweſenheit des Grafen von Leiningen Treßler⸗Buch p. 117. 1) Treßler⸗Buch p- 113. 117. 2) Elbingiſ. Kriegsbuch; nach d. Treßler⸗Buch wurden in Marien⸗ burg 80 Stein Pulver gemacht; p. 112 bedeutende Ankäufe von Har⸗ niſch, Panzer und anderm Ruͤſtzeuge. 3) Dlugoss. p. 176 fest den Einfall ins feindliche Gebiet circa festum S. Dorotheae. 4) Treßler⸗Buch p. 116. 120. 5) Ueber die Lage von Merken iſt früher geſprochen; Diugoss. p- 176 nennt es hier Mereez; nach ihm änderte der Marſchall erſt nach Gewinn dieſer Burg ſeine Richtung.
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Kriegshaͤndel in Litthauen (1403). 241 Schutze feiner Hauptſtadt vor den Mauern Wilna's, ohne es zu wagen, ſich dem Feinde entgegen zu werfen. 2 Da indeß die Nachricht kam, daß durch die Litthauer in der Wildniß alle Futtervorraͤthe des Marſchalls verbrannt feyen, fo ward es nothwendig, uͤber Kauen und an der Memel hin eiligſt die Rückkehr anzutreten. Mittlerweile war anderer Seits auch der Meiſter von Livland in Lit⸗ thauen eingebrochen, hatte acht Tage lang im Lande ge⸗ hauſt und zwei Herzoge, vier der vornehmſten Baioren und fuͤnfhundert vierzehn andere Gefangene nebſt dreihun⸗ dert Roſſen hinweggeführt. Ein dritter Heerhaufe unter der Fuͤhrung des Komthurs von Ragnit Graf Friederich von Zollern hatte waͤhrenddeß, wie verabredet war, die Samaiten durch einen Einfall beſchaͤftigen ſollenz er gab jedoch das Unternehmen auf, als er erfuhr, daß die Sa⸗ maiten, durch einen Verraͤther aus Ragnit von der Ges fahr unterrichtet ſich in ſehr ſtarker Zahl zur Gegenwehr verſammelt haͤtten. Da man vom Feinde Rache fuͤrchte⸗ te, ſo ließ der Marſchall eiligſt von Samland aus uber Friedland hin bis vor die Wildniß eine ſtarke Landwehr aufftellen, um den Einfall feindlicher Haufen abzuwehren, bis endlich beim Aufthauen der Gewaͤſſer die Gefahr vor⸗ uͤber war. Im Verlaufe dieſer Ereigniſſe aber hatte der Meiſter auch die Triebfeder und Quelle dieſes Unfriedens genauer kennen gelernt. Laͤngſt ſchon hatten ſeine nach Polen oft entſandte Zeitungsboten ihm allerlei bedenkliche Nachrich⸗ ten zugebracht, ) als ihn jetzt der Herzog Ruprecht von 1) Wie Dingoss. p. 176 ſagt: quod viribus esset inferior ct de fide suorum ambiguus. 2) Rindenblatt S. 157 — 158. Diugoss. P. 177. Von der aufgeſtellten Landwehr ſpricht auch das Elbing. Kriegsbuch. 3) Solche Zeitungsboten, die nach Warſchau, Krakau, Luczk, Ruſ⸗ ſiſch⸗Brezk u. ſ. w. reiten, um neue Zeitung zu erfahren, werden vom HM. ſehr oft ausgeſandt; Treßl. Buch p. 74. 117. 120. VI. 16
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242 Rechtfert. gegen d. König v. Polen (1403). Liegnitz uͤber die heimlichen Umtriebe des Koͤniges von Polen naͤher unterrichtete, ihm zugleich den Klagbrief zu⸗ ſendend, in welchem er den Orden bei Fuͤrſten und Her⸗ ren mit den aͤrgſten Beſchuldigungen uͤberhaͤufte.) Vor allem war abermals die Beſitznahme des Dobrinerlandes, uͤber die der Koͤnig bisher Jahre lang geſchwiegen, als das ſchwerſte Verbrechen an der Krone Polens geſchildert und der Abfall der Samaiten dem Orden ſelbſt als un⸗ verzeihliche Schuld zugerechnet. Da hielt es Konrad fuͤr nothwendig, der chriſtlichen Welt endlich uͤber den Charac⸗ ter und das ganze argliftige und ſtreitſuͤchtige Verfahren des Koͤniges die Augen zu oͤffnen. Dem Herzoge von Liegnitz und einigen hohen Geiſtlichen in Schleſien gab er bloß einen Bericht uͤber des Koͤniges Benehmen ſeit feiner Taufe, über feine Einwirkung und die wahren Ur: ſachen des Abfalles der Samaiten und über das Verhaͤlt⸗ niß, in welchem der Orden bisher durch die Beſitznahme des Dobrinerlandes zum Könige geſtanden habe.“ Dem Roͤmiſchen Koͤnige aber, dem Koͤnige von Frankreich, den Deutſchen Reichsfuͤrſten, mehren andern Fuͤrſten, Grafen, Bannerherren und Edlen ſchrieb der Meiſter unter andern: Wir haben vernommen, wie der Koͤnig von Polen, un— fer ſteter Anklaͤger, gegen euch insgemein uns und unſern Orden mit ungehofften und erdichteten Klagen graͤßlich beſchuldiget; unſere Stetigkeit im Geſchaͤfte des Chriſten⸗ 1) Dich iſt wahrſcheinlich der Klagbrief, deſſen De Wal T. IV. p- 172 als an den neuen Rom. König Ruprecht gerichtet, erwähnt; er ſteht in Von der Hardt Coneil. Constant. T. III. P. I. p. 8, da er indeſſen ohne Datum iſt, ſo laͤßt ſich uͤber die eigentliche Zeit ſeiner Abfaſſung nichts Beſtimmtes angeben. 2) Dieſe Briefe, dat. Marienb. Donnerſt. nach Epiphania 1403 Regiſtr. p. 50 — 52; der eine iſt an den Domherrn Hieronymus zu Breslau gerichtet. Der HM. ſagt es hier wiederholt und ganz offen, daß der König von Polen die Haupturſache der Verrätherei Witowds und des Abfalles der Samaiten geweſen ſey, denn ohne ihn haͤtte der Großfuͤrſt nie ſo gehandelt.
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techtfert. gegen d. König v. Polen (1403). 243 glaubens nennt er Hochmuth, unſere Gerechtigkeit heißt er ſein Unrecht und unſere Vorſichtigkeit eines gemeinen Gutes hält er für feine Verſpottung und Beſchaͤmung; das alles thut er mit ſelbſtſinnigen Namen. In ſelbſter⸗ dachten Beſchuldigungen ſchmaͤhet er uns, daß wir ſeine Hauptkirchen und andere, die er in Litthauen und Nuß⸗ land mit großen Koſten erbaut, vernichtet und umgeſtuͤrzt haben ſollen. Allein von großen Kirchen iſt uns nichts bekannt; giebt es Kirchen, ſo gleichen ſie alle mehr nur armen Wohnhaͤuſern. Wie ſollte auch der Orden, an die⸗ ſen Euden der Beſchuͤtzer und Vorfechter gemeiner Chri⸗ ſtenheit, eine ſolche Unthat uͤben, wovon er keinen From⸗ men, vielmehr bei allen Chriſtglaͤubigen nur großen Un⸗ glimpf haͤtte. Indeß der Koͤnig beſchoͤnigt ſich auch nur mit ſeinen Kirchen, denn eigentlich meint er nur ſeine Lande, ſeine Feſten und ſein unglaͤubiges Volk. Er be⸗ ſchuldigt uns auch, daß wir uns ſeiner und der Seinen Bekehrung nicht freuen; wir möchten das gerne, fuͤrchteten wir nicht die Unſtetigkeit und die boͤſen Erdichtungen, die uns ſo oft von unſerm guten Glauben abgeſchreckt und häufig zu großen Schaden gebracht haben. Fuͤrwahr es iſt uns nicht zu verdenken, daß wir von dieſer erdichteten Bekehrung zur Zeit noch wenig halten. Er ruͤhmet ſich freilich ſeiner neuen Chriſten; wir ſehen ſie indeß noch fremd vom Chriſtlichen Glauben, denn wie koͤnnen die ſchon neue Chriſten ſeyn, an denen der alte Irrwahn und ihr altes verdummtes Leben ſich noch jeden Tag offenbart! Seine eigene Taufe, der er ſich rühmet, ſtand offenbar mehr nach der Krone Polens, als nach dem Glauben und es wun⸗ dert uns noch heute, mit welcher Tuͤchtigkeit er dazu gekom⸗ men iſt. Aber es liegt beim Koͤnige, wie wir vermuthen, noch eine andere Abſicht verborgen; er will unſeres Ordens Hut und Wacht vor der Chriſtenheit hindern und es dahin bringen, wohin es bei den Kirchen Armeniens und Cyperns gekommen iſt, daß ſie den Unglaͤubigen unterthan gemacht 16 *
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244 Rechtfert. gegen d. König v. Polen (1403). ſind. Seit er Koͤnig von Polen heißt, iſt er wie ein Ham⸗ mer der Ritterſchaft geweſen; er hat den Unglaͤubigen mit Waffen und Waͤppnern, mit mancherlei Kriegsgezeug, mit Werkmeiſtern, Ruͤſtungen, Geſchoß und Roſſen alle Zeit ge⸗ holfen und hilft und ſtaͤrket ſie noch heutiges Tages. An ſeinem rechten Chriſtenthum haben wir auch darum noch ſtar⸗ ken Zweifel, weil er die Ruſſen, Schismatiker und Ketzer heget und in ihrem Ungehorſam gegen die Roͤmiſche Kirche beſchirmt, weshalb er nach den Satzungen der heil. Vaͤter eigentlich den Bann verdient. Der König ruͤhmet ſich freilich der Fruͤchte ſeines Glaubens; wenn Chriſtus aber ſagt: man erkenne die wahren und falſchen Chriſten an ihren Fruͤchten, ſo verantworte ſich der Koͤnig, welches jene Fruͤchte ſeyen. Daß man Chriſten grauſam toͤdte, chriſtliche Kirchen laͤſtere, Bildniſſe der Heiligen zerhaue und aufhaͤnge, den angelob⸗ ten Frieden breche, die Ordensbruͤder ohne alle Entſagung ge⸗ fangen nehme, ſich der Ordenslande widerrechtlich unter: winde und fie behalte, den Ungläubigen ihre Abgoͤtterei ge⸗ ſtatte, dieß ſind wohl jene Fruͤchte, denn das alles iſt in Samaiten mit Witowds und der Seinen Huͤlfe und Rath geſchehen. Daß die, welche die Taufe an ſich genommen, die Freiheit der Wahrheit wieder abgeworfen und die Freiheit der Sünde und die Unreinigkeit der Abgoͤtterei wieder ange⸗ nommen haben, daran iſt der Koͤnig nicht zu entſchuldigen, da er die Abtruͤnnigen beſchuͤtzt und befreit, fo viel er kann. Er iſt die groͤßte Urſache des Abfalles durch ſeine Verſpre⸗ chungen, Kleinode und Beſchenkungen geweſen. — Dar: auf berichtet der Meiſter, wie oft man ſchon den Großfuͤrſten Witowd in Hoffnung der Beſſerung zu Gnaden angenommen habe und wie er immer wieder in ſeine gewohnte Bosheit zu⸗ ruͤckgekehrt ſey und ſeine Geluͤbde gebrochen habe, wie nun aber nach den juͤngſten Ereigniſſen, nachdem der Orden mit ihm ewigen Frieden geſchloſſen, ihm Huͤlfe gegen die Tata⸗ ren zugeſandt und er dennoch mit dem Koͤnige in eine neue Verbindung getreten ſey, den Frieden mit Verraͤtherei ges
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Rechtfert. gegen d. König v. Polen (1403). 245 brochen, die Ordensbruͤder gefangen genommen und ſeit die⸗ ſem Verhaͤltniſſe ſich noch ſchnöder gezeigt, als je zuvor, durchaus auch alle Hoffnung zur Beſſerung verſchwinden muͤſſe, wenn fie nicht durch Leid und Ungluͤck und durch Vers heerun g feiner Lande erfolge. Endlich ſetzt der Hochmeiſter in Beziehung auf das Dobrinerland auch auseinander, was es mit dieſer Klage des Koͤniges gegen den Orden für eine Bewandniß habe, wie es als Pfand an dieſen gekommen ſey, wie viel man ſchon verſucht, ſich mit dem Könige daruber zu verſtaͤndigen, und daß man noch jetzt bereit ſey, ihm das Land abzutreten, ſobald er die Einwilligung der Erben des verſtorbenen Herzogs von Oppeln ſende und dem Orden die darauf geliehene Geldſumme entrichte. " 5 Der Meiſter hatte alſo, wie man ſieht, den König in ſeinen Geſinnungen und geheimen Beſtrebungen tief durchſchaut; er wußte, wohin es ziele, wenn dieſer neue Klagen gegen den Orden geltend machte, bald daß man im Ordensgebiete Menſchen hege, die in ſeinem Reiche großen Schaden, Raub und Mord verübten, bald wir: derum daß der Hochmeiſter bewaffnete Heerhaufen in die Ruſſiſchen Gebiete gegen die Burg Breſk geſendet, welche andern Burgen und Gebieten des Koͤniges ſo nahe laͤgen, daß dabei wohl verderbliche Anſchlaͤge zu vermuthen ge: weſen. Jenes erklaͤrte der Meiſter für völlig unwahr, dieſes geſtand er ein, doch mit der Bemerkung, daß die geſand⸗ ten Heerhaufen ins Land der Ordensfeinde zur Ehre und Verherrlichung Chriſti und der gebenedeieten Jungfrau, kei⸗ neswegs gegen den Koͤnig ausgezogen ſeyen. 1) Dieſes weitläuftige Schreiben des HM., woraus oben nur der weſentlichſte Inhalt mitgetheilt iſt, dat. Marienb. am 3. Mai 1403 im Regiſir. p. 21 — 24; es iſt deutſch und lateiniſch vorhanden, das letz⸗ tere dat. Marienb. XXIII die mensis Aprilis 1403. 2) Darüber zwei Schreiben des HM. an den König v. Polen und den Erzbiſchof v. Gneſen, dat. Konigisberg ipso die b. Dorothee 1403 Regiſtr. p. 54; in dem an den letztern ſagt der HM.: Si ipei domino nostro Regi tantus pro parte nostri favor, benivolentia
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246 Verhandlungen mit Witowd (1403). Es ſchien daher dem Hochmeiſter jetzt mehr als je nothwendig, ſich in aller Weiſe auf Kriegsereigniſſe vor⸗ zubereiten. Er ſandte um Oſtern nach Ragnit eine be⸗ deutende Anzahl Bauleute, um die alte, ſo oft bedrohte Ordensburg niederzureißen und eine neue zu errichten, die durch ſtaͤrkere Befeſtigung die Befakung ſicherer ſchuͤtzen koͤnne; D es wurde dort mit außerordentlicher Thaͤtigkeit gearbeitet, und wie hier, ſo auch an andern Burgen der oͤſtlichen Lande, an den Burgen Memel, Splitter, Roſ⸗ ſiten u. fe w.) Wie heilſam dieſe Vorſicht war, zeigte ſich, als Witowd ploͤtzlich und unerwartet zuerſt auf die an der Inſter liegende Georgenburg einbrach und nach— dem er ſie bei der Schwaͤche ihrer Beſatzung leicht ge⸗ wonnen, ſeinen Zug auch gegen Ragnit wandte, wo er den kaum begonnenen Bau ohne Mühe wieder vernichtet haben wuͤrde, wenn ihn nicht die Nachricht von des Mar⸗ ſchalls Anweſenheit mit anſehnlicher Kriegsmacht zu eiliger Ruͤckkehr bewogen haͤtte.) Beide jedoch verſtaͤndigten ſich bald uͤber eine perſoͤnliche Zuſammenkunft zur Auswechſe⸗ lung ihrer Gefangenen. Witowd erbot ſich hiebei zu eis nem friedlichen Anſtand mit dem Orden, um mittlerweile mit dem Hochmeiſter auf einem Verhandlungstage wo moͤglich eine friedliche Ausgleichung ihrer Streitigkeiten einzuleiten. Konrad von Jungingen, obgleich ſo oft ſchon von ſeinen Gegnern getaͤuſcht, wies nie gerne ein fried⸗ liches Wort zurück, genehmigte den aufgenommenen An⸗ ſtand und verſprach dem Großfuͤrſten im Anfange des et sinceritas exponerentur, quante prohdolor displicencie et ami- cicie contraria persepius nobis in contemptum referuntur, non dubitamus magnificum ipsius animum tanta duricia fore grava- tum nec tam dure cervicis existere. Achnliche Klagbriefe des Ko⸗ niges aus dieſer Zeit im Regiſtr. p. 58. 1) Lindenblatt S. 159; das Einzelne über den Bau im Treßl. Buch p. 123 ff. 128 — 129. 2) Treßl. Buch p. 124. 128. 3) Lindenblatt a. a. O.
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Verhandlungen mit Witowd (1403). 247 Septembers eine perſoͤnliche Zuſammenkunft zu dem er⸗ waͤhnten Zwecke.) Freilich lag der Grund zu dieſer Waffenruhe, wie man ſpaͤter ſah, keineswegs in Witowds friedlicheren Geſinnungen, denn er ſowohl als der Koͤnig beabſichtigten dabei nichts weiter, als die Erfolge ihrer Klagen beim Roͤmiſchen Könige und am Roͤmiſchen Hofe abzuwarten, wo zugleich um die Ausfertigung einer Bulle und einige andere Begüͤnſtigungen nachgeſucht worden wur, die, wie man hoffte, allen fernern Heereszuͤgen des Ordens nach Litthauen ein Ende ſetzen oder ſie wenigſtens ſehr erſchweren ſollten. Da der Großfürft feſt verſprochen, er werde auf dem Tage dem Orden in allem, was er wider ihn ge⸗ than, voͤllig Gnüge leiſten und das genommene Land zu: ruͤckgeben, ? da ferner auch der König von Polen ſelbſi der Verhandlung beiwohnen wollte, beide mit friedlichen Verſicherungen im Munde, ſo trat der Meiſter, begleiter von Biſchoͤfen und Praͤlaten, vielen Gebietigern, Ordens⸗ brüdern und Landesrittern, die Reiſe in die Gegend der Dobiſſa nicht ohne einige Hoffnung an; alle ſeine Vor⸗ bereitungen deuteten auf eine freundliche Aufnahme beider Fuͤrſten an feiner fuͤrſtlichen Tafel. Und dennoch fand 1) L indenblatt a. a. O. uͤbereinſtimmend mit Briefen des HM. aus dieſer Zeit. Die Beſtätigung des friedlichen Anſtandes, dat. Ma⸗ rienb. Donnerſt. vor Margaretha 1403 Regiſtr. p. 63. Schreiben des HM. an den Markgr. Wilhelm v. Meißen p. 63. 2) Lin denblatt S. 160 uͤbereinſtimmend mit dem erwähnten Schreiben des HM. Schreiben des Ordensprocurators Peter Wormdith, dat. Rom am Pſingſt⸗Abend (1403) Schicht. I. nr. 103. 3) Schreiben des HM. an den neuen Rom. König, die Kurfürften und mehre Ordensgebietiger in Deutſchland, dat. am T. Galli 1403 Regiſtr. p. 24 — 25, worin er dicſen den ganzen Verlauf der Unter⸗ handlung erzählt und ſagt: Witowd habe erklart: her welde mynem Or⸗ den genug fien vor alles, das her wedir In geton hette und genczlich wedirkeren, was her von lande Im genomen hetre. 2 Lindenblatt a. a. O. Das Treßl. Buch p. 131 zählt ats les einzeln auf, was der HM. zur fusſtlichen Tafel mitnahm, als Ka⸗
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248 Verhandlungen mit Witowd (1403). er ſich abermals getaͤuſcht, denn der Großfuͤrſt war kei⸗ neswegs wie zu einem friedlichen Verhandlungstage, ſon⸗ dern mit einer ſehr ſtarken Heeresmacht von Litthauern, Tataren und Ruſſen erſchienen und lag wie in einer drohen⸗ den Stellung am Ufer des Fluſſes. Der Koͤnig von Polen hatte nur einige Bevollmächtigte geſandt, D die jedoch unter nichtigem Vorwande dem Hochmeiſter den Inhalt ihrer Vollmacht nicht einmal mittheilen wollten. Die Ver⸗ handlungen wurden zwar begonnen; der Meiſter, ſich in ſeinen Anſpruͤchen maͤßigend, ſtellte nur die Forderung auf: ? Witowd ſolle den Orden wieder in den Beſitz und die Rechte der Lande ſetzen, die er ihm ungerecht ent⸗ zogen und woruͤber er ihm ſeine eigenen Briefe ausge⸗ fertigt habe, und den wegen Entziehung dieſer Lande erlittenen Schaden vergüten. Allein dieſe Forderung war kaum ausgeſprochen, ſo zerſchlug ſich alle weitere Ver⸗ handlung, denn die Polniſchen Bevollmaͤchtigten erklaͤrten, daß ſie zu ſolchen Dingen keine Vollmacht haͤtten und Witowd fügte hinzu, daß er ohne des Koͤniges Willen in dieſe Sache nicht eingehen koͤnne.) So mußte es dem Hochmeiſter allerdings ſcheinen, als habe ihn der Großfuͤrſt nur wie zum Spott zu dieſem Tage veran⸗ neel, Ingwer, Nelken, Zucker, Roffienen , Mandeln, 100 Schöpfen, Meth in großen Vorraͤthen, 8 Ohm Elſaſſer Wein für 50 Mark, 4 Faß Landwein fuͤr 10 Mark, 2 Tonnen Welſchen Wein fuͤr 14 Mark u. ſ. w. 1) Der HM. nennt ſie Herr von Mozcorzow Burggrafen zu Wis⸗ litz und Herr Sbigneus von Brzeze, des Koͤniges Hofmarſchall und ſagt: ſie brachten eynen ſlechten credencienbrieff von dem konige von Polan, das Ich In gelouben ſulde, was fie ſagceten. 2) Der HM. ſagt: Alleyne Ich vil me noch mynes Ordens rechte und rubelicher bewiſunge der briffe, die myn Orden von alders behalden hat von bobiſtlichen gnaden und dem heiligen Rom. Riche hette mocht heiſchen, doch durch groſer beſcheidenheit und gelimpe, den Ich doran mynem Orden bewiſen wolde, lys dorvon u. ſ. w. 3) Lindenblatt a. a. O. ſpricht uberhaupt nur von dem nichti⸗ gen Erfolge der Verhandlung.
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Verhandlungen mit Witowd (1403). 249 laßt. ) Alles war voll Erbitterung und der tapſere Kom⸗ thur von Brandenburg Marquard von Salzbach ward ſo ergrimmt, daß er Öffentlich Witowd'n einen Boͤſewicht und Verraͤther ſchalt. Es kam daruber zu argem Hader; denn ſechs von Witowds beſten Baioren, die ihres Herrn Ehre retten wollten, forderten den Komthur nebſt fuͤnf andern Gebietigern zum Zweikampfe heraus. Er ward angenom⸗ men; die Ordensgebietiger ſtellten ſich auf einem Werder, dem verabredeten Kampfplatze. Allein die Litthauiſchen hohen Herren hatten beim Ernſte ihrer Gegner ſchnell allen Muth verloren, ihre Feigheit durch die Erklaͤrung ver⸗ deckend: ihr Herr geſtatte ihnen nicht, hinuͤber auf den Werder zu kommen; man moͤge ſich zu ihnen auf das jenſeitige Ufer des Fluſſes begeben. Da dieſes wider die Verabredung war und man dem Worte der Gegner nicht traute, ſo unterblieb der Kampf. Der Hochmeiſter ging daher auch auf das Anſuchen zur Verlaͤngerung des Bei⸗ friedens bis Pfingſten nächften Jahres gar nicht weiter ein, ſondern ſtellte ihn bloß bis zu Weihnachten mit der Bedingung: wenn man ihm bis dahin die genommenen Lande wieder einraͤume, ſo wolle er gerne einen laͤngern Tag geſtatten, wo nicht, ſo werde er mit ſolchen, die den Orden offenbar beraubt, forthin keine Tage mehr halten und keinen Frieden. 1) Der HM. ſagt ſelbſt von Witowd: Do ſprach her, her hette is keyne macht ane den konig von Polan, alſo wiſete her mich und mynen Orden vorſpotlich von Im, ſprechende, her hette is keyne macht, eyne ſotene enrwert het her wol mit eyme brife geton ane groſe koſte, wen her doch der iſt der uns die lande abhendik hat gebrocht und entweldiget. 2) eindenblatt S. 159 — 160. Auch der HM. ſpricht uͤber die Sache in einem Briefe an Witowd, Regiſtr. P. B., wo es heißt: Als ihr ſchreibt, do cuwir Bayoren herolden ſanten zu Marquarden den kompthur von Brandenburg, ſchalt her euch mit böfen worten, ob das geſchen iſt, ſo iſt es wedir unſern willen geweſt und were uns leit, das her es hette getan. Dann fuͤgt er hinzu: Is wurden ouch von et⸗ lichen off dem Werder, als wir logen, rede gerett, die doch gar unred⸗ lich woren. Alleyne wirs nicht ſere czu herczen nomen.
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250 Der Orden und der Papſt (1403). Da kam endlich die vom Koͤnige von Polen nach⸗ geſuchte Bulle aus Rom, dem Hochmeiſter und dem gan⸗ zen Orden zu nicht geringem Befremden. Der Papſt naͤmlich erklaͤrte, wie er durch Klagſchriften des genann⸗ ten Koͤniges nicht ohne bittern Schmerz erfahren, daß der Orden, ſtatt dem Koͤnige und den Neugetauften in Litthauen Schutz und Schirm zu gewaͤhren, dieſe fort und fort ohne Grund und Urſache mit Krieg bedraͤnge, auf unmenſchliche Weiſe die Menſchen dem Tode opfere und mehr als ſonſt ein Feind alles verheere zum Nachtheile alles Seelenheiles und zum ſchrecklichſten Verderben aller Bewohner. Der Papſt machte dem Meiſter die bitterſten Vorwuͤrfe, daß er zum Untergange des Glaubens, fuͤr den feine Vorgänger, ſowie er ſelbſt früher mit fo loͤb⸗ lichem Eifer ſich bemuͤhet, von Tag zu Tag mit zuneh⸗ mender Erbitterung die Bewohner jener Lande mit Fehde und Krieg verfolge. Da es dem Orden unzweifelhaft zu großer Schmach gereichen muͤſſe, wenn er die Neube⸗ kehrten auch noch ferner mit ſolcher Ungerechtigkeit belaͤſti⸗ ge, fo verbiete er ihm hiemit in aller Strenge, den Koͤ— nig oder die Lande und Staͤdte Litthauens und die Neu⸗ bekehrten forthin je mit irgend einer Ungerechtigkeit oder Belaͤſtigung, wie fie auch heißen möge, wieder heimzu⸗ ſuchen oder ſolche durch andere ausüben zu laſſen, bis uͤber die zwiſchen ihnen obwaltenden Streitigkeiten eine endliche Entſcheidung erfolgt ſey, weshalb der Orden und des Koͤniges Sachwalter ihm die noͤthige Unterweiſung uͤber die Streitſache zukommen laſſen ſollten. Schließlich drohte der Papſt mit dem Bannfluche, wenn irgend je: mand es wagen werde, dieſes Gebot zu uͤbertreten. “ 1) Die Bulle, dat. Rome apud S. Petrum V Idus Septembr. P. n. a. XIV in der Urk. im geh. Arch. Schicbl. 62. nr. 9. Der Papſt ſagt: Per apostolica seripta distriete precepiendo manda- MUS, quatinus pro nustra et apostolice sedis rererentia contra Regom, Civitates, TLerras, loca Littwanie et Neophitos supra-
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Der Orden und der Papſt (1403). 251 Dieß ſchreckte jedoch den Hochmeiſter noch keines⸗ wegs. Sich wohl bewußt, welch eine Bedeutung der Kampf des Ordens mit den nachbarlichen Heiden gehabt, mit welchen Opfern „er ſeit laͤnger als hundert Jahren den Weinberg des Herrn geſchützt, wie oft er Deutſch⸗ land und andere Laͤnder und die ganze chriſtliche Kirche gegen die Anfaͤlle der Unglaͤubigen bewacht und bewahrt,“ berief er alsbald die Oberſten ſeiner Gebietiger und eine Anzahl von Geiſtlichen und legte vor ihnen eine Appel⸗ lation gegen die Bulle an den Roͤmiſchen Stuhl nieder, worin er erklaͤrte: der Orden ſey von jeher den Geboten des Apoſtoliſchen Stuhles ſtreng und aufs puͤnktlichſte ges horſam geweſen; dieſe Bulle indeß ſey nach dem Tode ſeines Sachwalters in Rom (Johann von Felde) in einer Zeit, wo niemand des Ordens Sache habe verantworten und vertreten koͤnnen, mit Unterdrückung aller Wahrheit erſchlichen und der Papſt über das Verhaͤltniß des Or⸗ dens zu dieſen ſeinen Feinden durchaus nicht unterrichtet. 2 Der Meifter ließ daher eine ſcharfe und nachdruͤckliche Schilderung alles deſſen entwerfen, was der Orden und ſein Land ſchon vor und ſeit den Zeiten Karls des Vierten dictos nulla decetero per vos vel per alios quovis quesito colore iniuriam, molestiam vel oſfensam realem seu personalem presu- matis inferre nee quantum in vobis fuerit ab aliis permittatis inferri, quousque de ac super discordiis ac causis tribulationum, quas humani generis hostis inter illos et vos suis nepharia sug- gestione ac more jam tandem seruisse dinoscitur, duxerimus fine debito declarandum. 1) Der HM. fagt: Propono et dico, quod dietum Rescriptum sit per veritatis suppressionem impetratum; und dann: non puto verisimile, quod dominus noster apostolicus, non habita clara informatione Ordinis mei nec vucata parte, presertim cum et tempore date defunctus fuerit Ordinis mei procurator generalis, velut ad simplicia partis solius verba tam maturam universalis Eeclesie providenciam et hactenus misericorditer adiutam in lu- brieum exponere emulisque crueis eristi Ordinem meum et me eristifidelesque vicinos in ambiguum tradere et in incertum.
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252 Der Orden und der Papſt (1403). durch Witowd und den König von Polen erduldet und was dieſe ſeitdem am Chriſtenglauben geſuͤndigt; er hob es beſonders hervor, wie oft Witowd den Orden in ſei⸗ nem Glauben getaͤuſcht, wie er ſchon dreimal dieſen an⸗ genommen und wieder abtruͤnnig geworden und dabei je— der Zeit neue gottloſe und abſcheuliche Verbrechen an Kir⸗ chen und Heiligthuͤmern begangen habe. Das juͤngſte Bei⸗ ſpiel des Ueberfalles von Memel koͤnne zeigen, welches die Fruͤchte des Glaubens bei Witowd und ſeinem Volke ſeyen. Da nun von allem dem, was Witowd und der König, der Beguͤnſtiger und Förderer heidniſcher und ketzeriſcher Sitten und Geſinnungen, am chriſtlichen Glauben gefrevelt und in chriſtlichen Landen Arges veruͤbt,“ dem Papſte, wie die Bulle beweiſe, nichts bekannt geworden ſey, der Orden ſich nicht taͤglich neuen Gefahren ausſetzen, Friede „ver mit ihnen nicht gehalten werden koͤnne und der Hoch meiſter ſeinem Lande, ſeinem Orden, ſeinen Kirchen, Staͤd— ten und Unterthanen Schutz und Schirm gewaͤhren muͤſſe, ſo appellire er gegen den Inhalt des paͤpſtlichen Befehles an den Roͤmiſchen Stuhl. Es geſchah dieſes auf dem Haupthauſe Marienburg am zehnten Decemb. des Jah⸗ res 1403. 2 1) Vom Könige von Polen wird hier geſagt: Sed quia Rex Po- lonie se pretendat heredem Russie, posito, quod sit, mirum est quod tanto tempore, quo insignia regalia cristifidelium te- nuit, quod tam paucissimi aut nulli a suis infelicissimis ritibus ad sancte matris Ecclesie gremium sint reducti, et vix tergi- versari potest, quin eis tacite consenciat vel pocius expresse, cum eosdem defendat et communjat armis, armigeris, et va- riis bellerum instrumentis supramodum eos acutos reddat con- tra cristi milieiam. 2) Die Originalurkunde Über die ganze Verhandlung, dat. in pre- urbio Castri Marienburg, domo Magistri generalis die decima mensis Decembr. an. 1403 Schicht. 62 nr. 9. unter andern heißt es: Impetrans (der Bulle) male narravit, quod sine rationabili causa bella truculentissima adversos Littwanos et partes finiti- mas ordo committeret et haberet, cum omni rationi et iuri
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Friedlicher Anſtand mit Polen (1403). 253 Der Meiſter durfte hoffen, daß dieſe offene und nachdrüͤckliche Erklarung am Roͤmiſchen Hofe keinen un⸗ günſtigen Eindruck machen werde, denn noch im Laufe dieſes Jahres hatte der Papſt dem Orden einen neuen Beweis ſeiner Gunſt in Aufrechthaltung eines ſeiner wich⸗ tigſten Vorrechte gegen die Anforderungen des Biſchofs von Augsburg an die Ordensguͤter in ſeinem Sprengel gegeben.) Auf den Koͤnig von Polen aber, der wahr⸗ ſcheinlich bald von des Hochmeiſters Schritt Nachricht hat⸗ te, machte er großen Eindruck, zumal da die Polniſchen Sendboten, wie der Komthur zu Strasburg, Friedrich von Wallenrod, dem Hochmeiſter in erfreulicher Botſchuft bes richtete, am Hofe des Roͤmiſchen Koͤniges mit ihren Kla⸗ gen gegen den Orden nicht den erwuͤnſchten Erfolg ges habt, ) dieſer dagegen neue wiederholte Beweiſe der Gunſt und Zuneigung des Koͤniges Ruprecht erhalten hatte. So bot in Folge deſſen der Koͤnig dem Meiſter wieder friedlichere Geſinnungen entgegen und ſchlug ihm eine neue Unterhandlung ihrer beiderſeitigen Bevollmaͤchtigten zu Wilna vor, mit dem Verſprechen, ihm in ſeinen ſtreiti⸗ gen Forderungen Gnüge zu thun. Sie fand auch kurz vor Weihnachten Statt. Der Fuͤrſt Switrigal, der zu⸗ consonum sit, ut spoliatus ante omnia restituatur. ueber die Bulle und Appellation ſ. Lindenblatt S. 161 — 162. 1) Nach einem Briefe des Ordensprocurators, dat. Rom am Sten Tage der heil. drei Könige 1403 hatte der Biſchof von Augsburg eine Bulle erworben, kraft welcher er von allen geiſtlichen Perſonen ſeines Bisthums ohne Ausnahme eine Steuer erheben durfte, alſo ſelbſt auch von den Kirchen des Ordens. Der Deutſchmeiſter hatte dagegen appel⸗ lirt und der Papſt auf Betrieb des Procurators durch eine Bulle den Orden davon eximirt. 2) Vgl. Lindenblatt S. 160 — 161. Schreiben des HM. an den Rom. Konig Regiſtr. p. 24 3) Dahin gehört z. B. die Beftätigung aller Vorrechte des Ordens und die Ertheilung einiger neuen; ſ. die beiden Beſtaͤtigungs⸗ Urkunden Ruprechts v. J. 1402 und 1403 in Hiſtor. diplomat. Unterricht und Deduktion u. ſ. w. Beil. nr. 19. 20.
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254 Ereigniffe auf Gothland (1403). gegen war, ward durch Vermittlung der Ordens-Bevoll⸗ maͤchtigten vom Koͤnige zu Gnaden wieder angenommen und zwiſchen Litthauen und dem Orden bis Pfingſten naͤch⸗ ſten Jahres ein friedlicher Anſtand feſtgeſtellt, um dann auf einem allgemeinen Verhandlungstage alle ſtreitigen Verhaͤltniſſe friedlich beizulegen und den Waffen Ruhe zu geben.) Waͤhrend hier aber eine neue Ausſicht zum Frieden eroͤffnet war, hatten auf Gothland ernſte Kriegsereigniſſe alles in Bewegung geſetzt, denn die Geduld der Koͤnigin Margaretha war endlich erſchoͤpft. Da der Meiſter im⸗ mer noch die Hoffnung genaͤhrt, der Streit werde auf einem im Sommer dieſes Jahres mit der Koͤnigin auf⸗ genommenen Tage guͤtlich ausgeglichen werden, ſo hatte er auf vielfaͤltige Bitten der Bewohner Gothlands ſchon im Fruͤhling zwar erlaubt, zur Verminderung der druͤcken⸗ den Koſten die Zahl der dortigen Soͤldner zu verringern, aber dabei doch auf die Gefahr bei etwa einbrechenden ernſtlichen Ereigniſſen aufmerkſam gemacht. Die Städte Luͤbeck, Hamburg und Stralſund wandten auch in der That alle moͤgliche Muͤhe auf, ſowohl die Koͤnigin als den Koͤnig Albrecht zu einer Ausgleichung des Streites zu bewegen; allein ein zu Kalmar feſtgeſetzter Tag mußte abermals erfolglos bleiben, weil auch jetzt noch Albrecht keine genuͤgende Erklärung gab; 9 und da nun auch ſpaͤterhin neue Hinderniſſe den weitern Verhandlun⸗ gen mit ihm entgegentraren, fo erklaͤrte endlich die Koͤni⸗ gin, daß fie länger als bis in die Mitte des Novembers keinen Aufſchub in der Sache mehr geſtatten und dann 1) Lindenblatt S. 162 — 163. 2) Schreiben des HM. an die Stadt Wisby, dat. Marienb. Sonn⸗ tag Palmar. 1403 Regiſtr. p. 60. 3) Schreiben des HM. an die Stadt Luͤbeck, dat. Marienb. Sonnab. nach heil. Leichnamstag Regiſtr. p. 62. 4) Schreiben des HM. an die Königin Margaretha, dat. Grebin Mittwoch Petri und Pauli 1403 Regiſtr. p. 64.
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Ereigniſſe auf Gothland (4403). 255 ihre geeigneten Maaßregeln ergreifen werde.) Sie hielt Wort, rüftete eine hinlaͤngliche Mannſchaft aus, die auf Gothland landend die Inſel in Beſitz nahm und ſich dann vor Wisby warf, in der Hoffnung, die Stadt durch eine angeſponnene Verraͤtherei zu gewinnen. Der Plan in deſſen ſcheiterte unter großem Verluſte der Daͤnen, deren ein Theil die Mauern der Stadt zwar erſtiegen hatten, aber theils mit dem Leben, theils mit Gefangenſchaft ihre Kuͤhnheit buͤßen mußten. Der Hochmeiſter ſandte alsbald neue Mannſchaft, Geſchuͤtz und Vorraͤthe von Lebensmit⸗ teln hinüber, um dem Feinde Gegenwehr zu leiſten; als lein die Daͤnen hatten ſich bereits des ganzen Eilandes bemaͤchtigt, uͤberall Vieh und Pferde geraubt und began⸗ nen jetzt drei ſtarke Burgen zu erbauen, um von da aus den Kampf mit Macht fortzuſetzen. 2 Danzig ſah bald darauf ſieben Daͤniſche Schiffe, die den Raub auf Goth⸗ land nach Daͤnemark hatten bringen ſollen und auf der See aufgegriffen waren, in ſeinen Hafen einlaufen. Naͤchſtdem ſetzten zur Zeit auch manche andere Miß⸗ verhaͤltniſſe mit den nachbarlichen Fuͤrſten den Meiſter viel in Sorgen. Die gewaltthaͤtigen Streithaͤndel an der Mas ſoviſchen Graͤnze zwiſchen den dortigen Graͤnzbewohnern nahmen nie ein Ende und fo nachdrücklich und ernſt auch des Meiſters Befehle an die dortigen Ordensbeamten dem raͤuberiſchen Unweſen zu ſteuern ſuchten, fo kamen von den Herzogen Maſoviens doch immer neue Klagbriefe uber Gewaltthaten der Ordensunterthanen, die es nie zu einem 4) Drei Schreiben des HM. an die Königin, an Albrecht und die Städte Wismar und Roſtock, dat. Marienb. am T. Michaelis 1403 Regiſtr. p. 66. 2) Der Daͤniſche Chroniſt in Ludewig Reliqu. MS. T. IX p. 89 nennt als Befehlshaber der Dänen Abraham Brderſon und Algothus Magni, ſetzt die Ankunft derſelben auf Martini 1403 und läßt fie fünf ſehr ſtarke Feſten errichten z ebendaſ. p. 195 heißt es: die Daͤnen haͤtten Wisby vom Feſte Pauli Bekehr. an bis Kathedra Petri tapfer belagert. 3) Lindenblatt S. 163.
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256 Verhaͤltniſſe mit den Nachbarfuͤrſten (1403). ganz friedlichen Verhaͤltniſſe beider Lande kommen ließen. ? Auch mit Herzog Boguslav von Stolpe ſtand der Orden noch fort und fort in Mißhelligkeiten theils wegen fruͤhe⸗ rer Spaͤne, theils auch veranlaßt durch die Erwerbung der Neumark, denn wenn der Herzog klagte, daß der Vogt der Neumark mit Raub und Brand in ſeine Graͤn⸗ zen einfalle, ſo ſtellte ihm der Meiſter wiederholt und mitunter in ſcharfen und harten Mahnungen feine Geld— forderungen entgegen, weil der Herzog ſchon ſeit vielen Jahren dem Orden durch Schulden verpflichtet war, wor⸗ über er ſchon manches nachdruͤckliche Wort hatte hören muͤſſen. Die Erwerbung der Neumark aber hatte auch in ihm mißtrauiſche Gedanken erweckt, indem er meinte, der Orden gehe nun auf nichts anderes aus, als auch ihn aus ſeinem vaͤterlichen Beſitze zu verdraͤngen. Mit den Herzogen Swantibor und Boguslav von Stettin da⸗ gegen hatten ſich die Verhaͤltniſſe freundlicher geſtaltet. Auf einem Verhandlungstage zu Hammerſtein im Fruͤh⸗ ling dieſes Jahres waren dieſe Fuͤrſten mit dem Hoch— meiſter über die alten Streithaͤndel dahin übereingefom- men: aller Zwiſt wegen der Kirche von Riga ſolle fuͤr alle Zeit abgethan und vergeſſen ſeyn und zwiſchen ihnen ein zehnjaͤhriger Friede beſtehen, während deſſen keiner des andern Lande und Leute beſchaͤdigen ſolle. Wer dem 1) Daruͤber mehre Briefe des HM. an die Herzoge in dieſem Jahre im Regiſtr. p. 54. 61. 67, bald Graͤnzſtreite, bald Fiſchfang u. ſ. w. betreffend. 2) Darüber mehre Briefe des HM. an den Herzog im Regiſtr. p. 62. 64. 67. 68. Der Herzog war dem Orden noch eine Anleihe von 2000 Mark ſchuldig, wofuͤr die Städte Stolpe, Slawe und Ruͤgen⸗ walde gut geſagt und oft gemahnt wurden. In einem der Briefe heißt es: Adir von deme als Ir ſchribet, Ir vörchtet, das wir euch domete von euwerm vaͤterlichen erbe dringen wellen, Herr, wir begeren von euch, das Ir uns noch unſerm orden ein ſemelichs nicht czuleget, wend wirs gar ungerne thun welden und Ir ſullet ab got wil dirfaren, das Ir uns gewalt an eynem ſulchen thut.
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Streit wegen der Neumark (4403). 257 Orden gegen die Litthauer zu Huͤlfe ziehen wolle, ſolle in des Herzogs Landen freien und ungeſtoͤrten Durchzug haben, wer dem Orden dagegen in des Herzogs Landen Schaden zufügen werde, folle mit deren Beihuͤlfe, ſobald man ſie dazu auffordere, zum Schadenerſatz gezwungen werden; ebenſo der Hochmeiſter gegen die Herzoge. Fuͤr friedliche Beobachtung des zehnjaͤhrigen Friedens gab der Meiſter feine Forderung Über eine Schuldſumme von zwei⸗ tauſend Schock Groſchen, die ihm die Herzoge noch zu zahlen hatten, auf, doch dergeſtalt, daß die Summe dem Orden gezahlt werden muͤſſe, ſofern die Herzoge den Frie⸗ den aufkuͤndigen wuͤrden.) 3 Die durch den Ankauf der Neumark neuerweckten Streitigkeiten des Ordens waren auch jetzt noch keineswegs beſeitigt. Der Markgraf Jobſt von Maͤhren verweigerte noch immer ſeine Zuſtimmung und der Orden behielt da⸗ her noch eine bedeutende Summe des Kaufgeldes zuruͤck, bis der König von Ungern ihm die urkundliche Einwilli⸗ gung des Markgrafen einhaͤndigen laſſe.“ Daſſelbe fand in Beziehung auf Kuͤſtrin Statt, denn auch der Markgraf Wilhelm von Meißen wiederholte ſeine Anforderung und ließ ſich vom Hochmeiſter auf keine Weiſe beſchwichtigen. “) Außerdem erklaͤrte der Ritter Otto von Kittlitz, Herr zu Baruth, auch das Städtchen Tankow und deſſen Gebiet in der Neumark fuͤr ſein Eigenthum, deſſen ſich der Orden 1) Das Original dieſes Friedensbriefes, dat. Hammerſtein Montag nach Judica 1403 im geh. Arch. Schiebl, XLI nr. 11. Die Verhand⸗ kungen zu dieſer Vereinigung hatte der Vogt der Neumark vorbercitet, wie ein Brief von ihm an den HM. ausweiſet. 2) Revers des HM., daß er dem Könige von ungern noch 5800 Unger. Gulden ſchuldig ſey, die er aber erſt nach Einlieferung des Ver⸗ licbungsbriefes des Markgrafen von Mähren zu entrichten verbunden ſey; auch für Kuͤſtrin behielt der HM. noch 300 Schock Groſchen zurück; die Urk. dat. Marienb. am T. Matthi 1403 im geh. Archiv. N 3) Schreiben des HM. an den Markgrafen v. Meißen, dat. Ma⸗ rienb. am T. Epiphan. 1403 Regiſtr. p. 51. 8 17
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258 Streit wegen der Neumark (4403). unter keiner Bedingung unterwinden duͤrfe. Obgleich der Hochmeiſter erwiederte: der Koͤnig von Ungern habe im Verkaufe des Landes durchaus nichts ausgenommen, ſo kam es daruͤber doch zu einem vieljaͤhrigen Streite, denn die Sache wurde dadurch noch verwickelter, daß Otto von Kittlitz bald darauf wirklich urkundliche Zeugniſſe vorbrachte, nach welchen ihm der Herzog Johannes von Goͤrlitz den Beſitz von Tankow foͤrmlich zugeſprochen und der jetzige Koͤnig von Ungern fruͤher auch ſchon beſtaͤtigt hatte, was den Hochmeiſter allerdings ſehr befremdete.) — Das Wichtigſte aber war ohne Zweifel, daß der nachmals eben ſo heftige als folgenreiche Streit wegen des Beſitzes der Burg Drieſen zwiſchen dem Koͤnige von Polen und dem Orden ſchon jetzt dadurch feinen Anfang nahm, daß der Polniſche Hauptmann Sandziwog von Meſeritz, wahrſchein⸗ lich auf des Koͤniges Antrieb, uͤber den Vogt der Neu⸗ mark Balduin Stal beim Hochmeiſter klagend einkam, weil dieſer ſich mehrer, angeblich dem Reiche Polen zu⸗ gehoͤrigen Beſitzungen bemaͤchtigt habe. Der Vogt ſich rechtfertigend erklaͤrte zwar: das Haus Drieſen, auf wel: ches ſich jene Klage beziehe, ſey ihm vom Ritter Ulrich von der Oſt, der hinreichende Beweiſe uͤber ſein Beſitzrecht von alter Zeit her habe, in fuͤglicher Weiſe uͤberwieſen worden; allein es ließ ſich vorausſehen, daß dieſe Erklaͤ⸗ rung nicht befriedigen werde, da noch manche dießeits der Netze liegenden, jetzt zu Polen gehoͤrigen Landgebiete beim Koͤnige bald aufs lebendigſte den Wunſch erwecken mußten, auch die wichtige Burg Drieſen mit ſeinem Reiche zu ver⸗ 1) Schreiben des HM. an Otto von Kittlitz (Ketelitz), Herrn zu Baruth, dat. Marienb. Donnerſt. vor Laͤtare 1403 Regiſtr. p. 57. 2) Schreiben des HM. an denſelben, dat. Marienb. Dienſt. vor Margaretha 1403 Regiſtr. p. 64. Das Verleihungsdocument des Mark⸗ grafen Johannes von Brandenburg und Herzog von Görlitz uͤber Tan⸗ kow an Otto von Kittlitz, dat. Pragaw am Tage S. Tiburcii 1391 in Abſchrift im geh. Arch. Schiebl. XIV. nr. 97.
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Streit wegen der Neumark (1403). 259 einigen.) Dazu kam, daß ein Theil der Ritterſchaft der Neumark bald weit mehr dem Koͤnige von Polen als dem Orden zugethan war und lieber jenen Beherrſcher weitaus⸗ gedehnter Länder als die Ordensritter uͤber ihr Land ge⸗ bieten laſſen wollte, denn man ſah klar, daß die Stel⸗ lung und das Gewicht des ritterlichen Adels unter dem Koͤnige ein ganz anderes ſeyn werde, als unter dem Orden. Und da dieſer gleich im Anfange feiner Herrſchaft uͤber die Mark mit Nachdruck alles aufbot, das wilde Raub⸗ und Fehdeweſen des Neumaͤrkiſchen Adels auszurotten, und unter andern die angeſehenen Ritter Georg von Wedel zu uchtenhagen, Herrmann Lochſtaͤtt zu Woldenberg und Jonike von Stieglitz wegen eines offenen Straßenraubes vom Hoch⸗ meiſter mit aller Strenge zur Wiedererſtattung aufgefor⸗ dert und mit den nachdruͤcklichſten Gewaltmitteln bedroht wurden, wußten ſie bald auch eine Anzahl anderer Ritter⸗ geſchlechter des Landes, als die von Dewitz, von Bork, von Manteufel, von der Oſt, von Troje und mehre an⸗ dere in ihre Sache zu ziehen. Es entſtand eine foͤrmliche Verbindung gegen den Orden; man war auf nichts gerin⸗ geres bedacht, als zwiſchen dem Herzoge von Stettin, dem Koͤ⸗ nige von Polen und der Ritterſchaft der Neumark ein Buͤnd⸗ niß zu Stande zu bringen, dem Könige ſobald als moͤglich einige der wichtigſten Staͤdte und Burgen in die Haͤnde zu ſpielen und ſo die ganze Neumark dem Orden wieder zu entwinden. Allein der wachſame Ordensvogt Balduin Stal entdeckte bald den ganzen Plan und der Hochmeiſter ver⸗ fügte Maaßregeln, die feine Ausführung hinderten. 2 4) Schreiben des Vogts der Neumark an den Hauptmann Sandzi⸗ wog, ohne Datum, aber höchſt wahrſcheinlich aus dieſem Jahre. Am Schluſſe ſagt der Vogt: der HM. habe ihm auch geſchrieben, daß der Hauptmann meine, die Netze ſolle die Gränge ſeyn; „lieber here, do fint vil lande und guter deſchalben der Netze, die das konigrich ynne hat, die leichte von rechte czur Marke ſolden gehoren, do ich doch nicht von reden adir ſchreiben wil.“ 2) Darüber mehre Briefe des HM. an die obgenannten Ritter, dat. 17 *
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260 Kriegsereigniſſe auf Gothland (1404). Alſo begann das Jahr 1404 fuͤr den Meiſter unter manchen ſchweren Sorgen. Vor allem nahmen die Ereig⸗ niſſe auf Gothland ſeine Thaͤtigkeit in Anſpruch, denn die Daͤnen hatten die Zeit benutzt, die drei feſten Wehrburgen zu vollenden, ſie mit hinreichender Mannſchaft, Geſchoß und den noͤthigen Lebensmitteln aus dem Lande ſelbſt zu verſorgen.) Der Hochmeiſter forderte jetzt den Koͤnig Albrecht auf, ihn mit Schiffen und Mannſchaft zur Be⸗ hauptung Gothlands zu unterſtuͤtzen, erhielt aber eine nichtsſagende Antwort ? und da er den König mit noch größerem Nachdrucke über feine Saumſeligkeit zur Rede ſtellte, dieſer aber erwiederte: er koͤnne nicht helfen, weil er mit der ganzen Mark Brandenburg in offener Fehde ſtehe und feine Ritter und Knechte nicht entbehren koͤnne, ) — — Marienb. Sonnt. Invocavit 1403 Regiſtr. p. 55. Um eben dieſe Zeit fehricb der HM. über die Sache auch an die Herzoge von Stettin und Stolpe. Die Verbindung der Ritter kannte der HM. ſchon im Marz. Ein Brief des Vogts der Neumark, dat. Schievelbein Dienſt. nach Na⸗ tivit. Johannis Bapt. 1403 deckte dem HM. den Plan vollig auf; er meldet zugleich das Gerücht, daß auch der König von Daͤnemark ſich mit dem von Polen gegen den Orden verbunden haben ſolle und ſchildert die Gefahr einer großen Verrätherei, die in der Neumark obwalte. 1) Lindenblatt S. 168. 2) Schreiben des HM. an König Albrecht, dat. Marienb. Sonnab. nach Innocentium 1404 in der Antretung des Jahres, im Regiſtr. p. 71. Der König hatte bloß geantwortet: er konne keine Schiffe haben und ſeinen Leuten ſey es unbequem, ſo daß er zur Rettung Gothlands nichts zu thun vermoͤge. 3) Schreiben des HM. an König Albrecht, dat. Marienb. am T. Dorothea 1404 Regiſtr. p. 74. Der König hatte dem HM. unter ans dern geſchrieben: er ſolle doch betrachten, „in was geloben er by das lant Gotlant kommen ſey;“ worauf ihm dieſer nachdruͤcklich erwiedert: Herre, weder ewere Herlichkeit noch wir duͤrfen vil rede dovon machen, ſunder zur Vermeidung beider teile Einfälle, ſo ſehet an den Inhalt cuwerer Verſchreibung, in der ir eigentlich befinden werdet, wie das lant Gotlant an uns gekommen iſt und tut nicht not, das man euch das erneuere.
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Kriegsereigniſſe auf Gothland (1404). 261 ſo griff der Meiſter nun ſelbſt mit allem Ernſte ans Werk. Es ward im ganzen Lande eine ſtarke Rüſtung begonnen; die Ordenshaͤuſer, die Staͤdte und das Land ſtellten eine auserwaͤhlte Mannſchaft, Ordensritter und Diener, Schuͤtzen und Waͤppner aus der Buͤrgerſchaft und den Gewerken, Landesritter und Freie aus dem Landvolke, unter jenen die vornehmſten: Nicolaus von Pfeilsdorf, Nicolaus von Schillingsdorf, Hans von Orſechau, Nicolaus von Nenys, Berthold von der Scheve, Otto von Heimſod, Daniel von Felde u. a., alles Krieger aus achtbarem Stande, theils zu Roß theils zu Fuß, nach des Meiſters Vorſchrift mit allem, was zu einem ſolchen Unternehmen nothwendig, reichlich verſehen und vom Orden zur Ruͤſtung genügend unterſtuͤtzt.) Während der Rüſtung erließ der Hochmei⸗ ſter offene Warnungsbriefe an die Hanſeſtaͤdte, fie erſuchend, dem Seefahrer und Kaufmanne die Fahrt gen Gothland bis zur Entſcheidung des Kampfes zu verbieten, weil es jetzt fir ihn eine Ehrenſache geworden ſey, die Inſel zu entſetzen und zu retten.“ Dem Bürgermeifter vom Sund Wolf Wolflam, der ſich zum Vermittler zwiſchen der Kb: nigin und dem Orden erbot, gab er zur Antwort: Wir 1) Wir haben noch eine Specification der Ausruͤſtung nach Goth⸗ land, wie der HM. fie im J. 1404 anbefohlen, im geh. Arch. Schiebl. 80. Ueber die Kriegsrüſtung der Städte giebt das Elbingiſ. Kriegsbuch die Norm; Elbing ſtellte 34 Wäppner und 36 Schuͤtzen. Ueber die Uns terſtützung zur Ruͤſtung das Treßler⸗Buch p. 152 — 158. Der Groß⸗ ſchäffer erhält 6421 Mark und der Bürgermeifter zu Elbing 1014 Mark zur Verproviantirung der Schiffe, außerdem noch andere bedeutende Sum⸗ men. Der Vogt von Leipe bekommt 100 Mark zur Unterſtuͤtzung dar Kuimer, der Mühlenmeifter zu Elbing 4014 Mark, der Hauskomthur zu Königsberg 1208 Mark, 4409 giebt der Großkomthur und Treßler den Schiffern und Söldnern für Koſt und Sold. Die Unterſtuͤtzung der einzelnen Landſaſſen geſchah zu 4, 6, 10 Mark. 2) Schreiben des HM. an die Staͤdte Lübeck, Hamburg, Wismar und Roſtock ꝛc., dat. Marienb. Donnerſt. vor Puriſicat. Maria 1404 Regiſtr. p. 74; ebendaſ. ein Schreiben an den Kaufmann in Bruͤgge.
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262 Kriegsereigniſſe auf Gothland (1404). haben bisher alle Wege verfucht, uns mit der Königin zu vereinen; ſie hat es nicht gewollt; anders hat der Orden nicht handeln koͤnnen. Nun fie das Land unentſagt über: fallen hat, ſieht man, daß ſie nicht allein nach Land und Stadt, ſondern auch nach des Ordens Ehre ſteht. Den armen Bewohnern und dem gemeinen Kaufmanne wird der Krieg zu ſchwerem Verderben gereichen; allein jetzt kann der Orden nicht anders; er kann mit Ehren nicht zurüctreten, er muß Gewinn oder Verluſt wagen. Schon in den erſten Tagen des Maͤrz bei Danzig verſammelt, ſetzte die Streitmacht nach Gothland über und umlagerte ſoſort eine der feſten Wehrburgen. Da jedoch die Streitkraͤfte nicht ſtark genug waren, um die Burgen zu erſtuͤrmen, fo ſandte der Meiſter um Sſtern eine noch zahlreichere Schaar, alſo daß nun das geſamm⸗ te Kriegsvolk des Ordens auf Gothland ſich auf funfzehn⸗ tauſend Mann belief.“ Die Inſel wurde alsbald rings mit Schiffen umſtellt, damit keine neue Verſtaͤrkung und Zufuhr aus Daͤnemark herbeigebracht werden koͤnne. Die Burgen wurden jetzt vom Ordensvolke belagert und acht 1) Schreiben des HM. an den Buͤrgermeiſter vom Sund, dat. Bernhof Donnerſt. vor Reminiſcere 1404 Regiſtr. p. 76. Am Schluſſe des Briefes uͤberlaͤßt es ihm der HM., noch einen Verſuch zur Vermitt⸗ lung bei der Königin zu machen. 2) Lindenblatt S. 168 fest die erſte ueberfahrt auf Mittfaſten; das Elbing. Kriegsbuch ſtimmt damit ziemlich uͤberein, indem es den Anfang „der Reife auf Gothland“ auf Oculi feſtſetzt, mit der Bemer⸗ kung, die Mannſchaft ſey auf 8 Wochen mit Vitalien (Lebensmitteln) verſorgt geweſen. Die zweite Ueberfahrt geſchah nach dem Chroniſten nach Oſtern, nach dem Kriegsbuche auf S. Georgs⸗Tag (24 April). Die Stärke des Heeres giebt Pauli B. IV. S. 241 an, behauptet aber, die Hanfeftädte, mit denen ſich der HM. verbunden, hatten ihm Mannſchaft zugeſchickt. Dieß ſcheint ein Mißverſtaͤndniß, denn bei dem Daͤniſ. Chron, in Ludewig Reliqu. MS. T. IX p. 195, wo das Heer ebenfalls auf 15,000 angegeben iſt, werd nicht von den Hanſeſtäd⸗ ten, ſondern nur von den Buͤrgern von Wisby geſprochen.
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Kriegsereigniſſe auf Gothland (1404). 263 Tage lang ohne Unterlaß mit ſchwerem Geſchuͤtz beſchoſ⸗ ſen.) Der Feind indeſſen hielt ſich tapfer und brav. Da die Ordensgebietiger? keineswegs ſolchen Widerſtand erwartet und es ſchon ſehr an Pulver gebrach, ſo gingen ſie gerne um Pfingſten den von den Daͤnen verlangten Waffenſtillſtand ein. Er ward auf drei Wochen geſchloſ⸗ ſen, waͤhrend welcher Zeit man bei der Koͤnigin Beſcheid einholen wollte, wie ſie es forthin mit dem Orden wegen Gothlands zu halten gedenke. Drei bis vier Tage nach Ablauf des Stillſtandes ſollten die Daͤnen all ihr Gut aus der Burg Slyt hinwegbringen dürfen mit Ausſchluß des Geſchoſſes; dann ſollte die Burg an einem beſtimm⸗ ten Tage vor Sonnenaufgang in Brand geſteckt und gaͤnz⸗ lich vernichtet werden. Die Friſt ging jedoch ohne Ent⸗ ſcheidung voruͤber. Die Koͤnigin, noch keineswegs geſon⸗ nen den Kampf aufzugeben, ſammelte zu Kalmar einen neuen anſehnlichen Streithaufen, um ihn auf einer treff⸗ lich ausgerͤſteten Flotte nach Gothland uͤberzuſetzen. Den Hauptleuten der Ordensflotte indeß ward dieß kaum be⸗ kannt, als fie plotzlich die Daͤniſchen Schiffe bei Kalmar überraſchend einen Theil derſelben wegnahmen und die 1) Nach einem Schreiben des HM. an den Meiſter von Livland. 2) Es waren folgende: Ulrich von Jungingen, Komth. zu Balga, Johann von Schönfeld, Komth. zu Oſterode, Graf Johann von Sayn, Komth. zu Mewe, Friederich von Wallenrod, Komth. zu Strasburg, Heinrich von Schwelborn, Komth. zu Tuchel, Wilhelm von Eppingen, Hauskomth. zu Königsberg, Konrad von der Beſten, Hauskomth. zu Danzig, Johann Thiergart, Großſchäffer zu Marienburg und Johann von Tethbytz, Vogt zu Gothland. 3) Originalurkunde, dat. Vor Slyt auf Gothland Freit, vor Pfing⸗ ſten 1404 im geh. Arch. Schiebl. 80 nr. 3, gedruckt bei Kotzebue B. III. S. 320; außer einer großen Menge von diplomatiſchen Fehlern in der Schreibart der Wörter find aber in dieſem Abdrucke faſt alle Daͤni⸗ ſchen Namen unrichtig; ſie heißen: Algut Mangnuſſer, Mangnusſtur, Otto von Petratel, Knut Uteſſer, Peter Akeſſer ridder, Swen ſtuer, truthaß, Swen Pyk, Claus Uleff, Conrad Nypers knapen.
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264 Kriegsereigniſſe auf Gothland (1404). übrigen in Brand ſteckten. Da nun die Königin in dies fer kurzen Fehde an ihrer Flotts bis jetzt ſchon Über zwei⸗ hundert Schiffe und auf Gothland ſelbſt auch ſchon einen anſehnlichen Theil ihrer Mannſchaft verloren hatte, D fo entſchwand ihr alle Hoffnung, denn mittlerweile war auf dem Eilande auch die zweite Wehrburg vom Feinde ges wonnen und niedergebrannt worden, und als in den letz⸗ ten Tagen des Juni daſſelbe Schickſal auch die dritte Burg traf und die Dänen nun an aller Rettung vers zweifelten, ſo mußten ſie ſich zu einem Beifrieden beque⸗ men, der durch Vermittlung der Buͤrgermeiſter und Raths⸗ manne von Luͤbeck, Stralſund und Greifswalde am erſten Juli zu Wisby abgeſchloſſen, folgende Bedingungen ſtellte: Es ſoll Friede beſtehen von S. Margarethen-Tag bis Johanni zu Waſſer und Land; er foll für unverletzt gel⸗ ten, auch wenn jemand, der nicht in den drei Reichen wohnhaft, aber des Koͤniges oder der Königin Lehens⸗ mann iſt und den Orden vor dieſem Kriege mit hand⸗ hafter That angegriffen hat, vom Hochmeiſter mit Ge⸗ walt zu Gleich und Recht gezwungen wird, oder wenn jemand, er ſey Fuͤrſt, Ritter oder Knecht, der binnen dem Frieden den Orden angriffe, mit Gewalt und Scha: den abgewehrt wuͤrde. Wenn die Hanſeſtaͤdte, mit denen die Staͤdte Preußens verbunden ſind, mit jemand Fehde angreifen und von dieſen Huͤlfe erhalten, ſo ſoll hiemit der Friede noch keineswegs gebrochen ſeyn. Im Verlaufe des Friedens ſoll zu Schonor oder Kalmar ein Tag auf⸗ genommen werden, um zu verſuchen, ob der Hochmeiſter mit dem Koͤnige oder der Koͤnigin ſich wegen Gothlands und der Stadt Wisby in Güte vereinigen Tonne; gelingt dieß nicht, ſo ſoll der Friede dennoch fortdauern, um 1) Nach dem Daͤniſ. Chroniſten bei Zudewig 1. c. p. 89 wäre der Verluſt des Ordensvolkes weit größer als der der Dänen gewefen, obgleich auch er die Vernichtung aller Wehrburgen zugicht. 2 Lindenblatt S. 168.
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8 Friedensverhandl. mit Polen und Witowd (1404). 265 beiderſeits des Rechtes zu warten. Will der Meiſter den Frieden aufkündigen, ſo ſoll er ſeine Entſagebriefe nach Helſingborg ſenden und der Friede dann noch ſechs Wochen beſtehen. Alle Gefangenen ſollen frei gegeben werden bis zur naͤchſten Tagfahrt. ' Nachdem dieß letztere bald dar⸗ auf geſchehen war, ruhte nun vorerſt der Streit im Ver⸗ laufe dieſes Jahres. 2) Mittlerweile war auch ein Friede mit Witowd und dem Koͤnige von Polen zu Stande gekommen. Schon im Beginn dieſes Jahres hatten zwei Bevollmaͤchtigte des Hochmeiſters, Ulrich von Jungingen, Komthur zu Balga und Heinrich von Schwelborn, Komthur zu Mewe in ei⸗ ner Zuſammenkunft mit Witowd und dem Könige zu Wilna, beſonders durch Vermittlung des Fuͤrſten Switrigal ſich uͤber die Streitfrage wegen des Landes Dobrin, die fuͤr den Koͤnig immer die wichtigſte blieb, dahin vereinigt, daß beide Theile die Unterſuchung ihrer Rechte auf das Land der Berathung einer Anzahl ihrer beiderſeitigen Raͤthe übertragen, und wenn dieſe keine Entſcheidung geben koͤnn⸗ ten, die Sache dem Gerichte des Roͤmiſchen Reiches ana heimſtellen und mit deſſen Ausſpruche ſich begnuͤgen woll⸗ ten.) Witowd hatte bereits auch das Verſprechen gez 1) Das von den Ordensgcbictigern ausgeſtellte Original des Frie⸗ densvertrages, dat. Dienſt. nach S. Petri und Pauli 1404 im geh. Arch. Schiebl. 80. nr. 5, gedruckt bei Kotzebue B. III. S. 322, ebenfalls ſehr fehlerhaft. In einer andern Urkunde von demſelben Da⸗ tum Schiebl. 80. nr. 4 verbürgen ſich die Ritter Folmer Jacobſer, Lon⸗ ge von Tweten und Thomas von Vyczen fuͤr die unverbruͤchliche Beob⸗ achtung des Friedens bis zur Auswechſelung des Fricdebriefes. 2) In einem Schreiben des HM. an den Erzbiſchof von Lund Res giſtr. p. 86 erklärt jener, daß er ſich auf Vergütung des im Kriege an 1 erzbiſchoflichen Kirchenguͤtern geſchehenen Schadens nicht einlaſſen oͤnne. 3) Darüber ein Schreiben des HM. an den Procurator in Rom, dat. Marienb. Montag nach Prisca Virg. 1404. Er meldet zuerſt, daß ſich Switrigal vollig mit Witowd und dem Könige ausgeſohnt und der Ich
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266 Friedensverhandl. mit Polen und Witowd (1404). geben, dem Orden die entnommenen Lande innerhalb der fruͤher beſtimmten Graͤnzen wieder einzuraͤumen und uͤber⸗ haupt jetzt ſolche Geſinnungen ausgeſprochen, daß auch bei ihm der Meiſter ernſtlichen Willen zu einer friedlichen und freundlichen Stellung gegen den Orden vorausſetzen durfte. Er ſelbſt verfehlte auch nicht, dem Fuͤrſten ſei⸗ ner Seits ſeinen ſehnlichen Wunſch nach Friede und Ein⸗ tracht entgegen zu bringen.“ Freundliche Geſchenke naͤher⸗ ten die gegenſeitigen Geſinnungen; dem Koͤnige von Polen wurden zum Weidwerke zwoͤlf der ſchoͤnſten Falken ge⸗ ſandt; der Großfürſt mit einer Sendung Waͤlſchen Weines erfreut.) Zugleich aber machte der Hochmeiſter auch den Herzog Johann von Glogau und Sagan, als einen Erben des verſtorbenen Herzogs von Oppeln mit dem eingeſchla⸗ genen Gange der Verhandlungen uͤber Dobrin bekannt, damit er ſeine etwanigen Rechte vor dem Reiche vertreten koͤnne, mit der Bitte, auch ihm uͤber die Beſchaffenheit ſeiner Anrechte naͤhere Nachricht zu ertheilen, weil er es nicht verſaͤumen wolle, in den Verhandlungen mit dem Könige darauf Ruͤckſicht zu nehmen. Die Waffenruhe mit Witowd wurde verlaͤngert. Der Koͤnig erbot ſich auf Pfingſten zu einer perſoͤnlichen Zuſammenkunft. Der tere „das Land Dobryn vn die teydinge geworfen habe.““ Dann fuͤgt er hinzu: Alſo wurde wir czu rathe mit unfeen Gebitigern und haben uns czu eym ſulchen gegeben, das wir mit dem von Polan umb die ſa⸗ che des landes Dobrin geen wellen czu unſer beider rethe. Mogen ſie is nicht entrichten, ſo haben wir uns vorpflicht, das wir dem von Po⸗ len umb der ſache willen geſteen wellen vor dem heil. Rom. reiche, do gebende und nemende, was uns ab oder czu wirt geſprochen, Alſo das der frede bleibt ſteen czwiſchen hir und Purificat. Marie. 1) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Mittw. nach Purificat. Mariä 1404 Regiſtr. p. 73. 2) Treßler⸗Buch p. 157. 159. 3) Schreiben des HM. an den Herzog von Glogau, dat. Marienb. Dienſt. nach Judica 1404 Regiſtr. p. 77. Der HM. nennt in dem Briefe die Herzogin von Oppeln des Herzogs von Glogau Aeltermutter.
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Friedensſchluß zu Raczans mit Polen u. Litth. (1402). 267 Hochmeiſter nahm ſie freudig an) und in der Mitte des Mai, nachdem er durch ſeine reitenden Zeitungsboten uͤber die Lage der Dinge in Polen genau unterrichtet war, be⸗ gab er ſich, begleitet von den Biſchoͤfen Arnold von Kulm und Johannes von Pomeſanien, ſowie von den vornehm⸗ ſten Gebietigern, uͤber Thorn hinauf nach der Burg Raczans, wo eine Zuſammenkunft mit dem Koͤnige und Witowd Statt fand.) Nach mancherlei Verhandlungen vereinigte man ſich dort in folgender Weiſe: der Hochmeiſter erklaͤrte ſich bereit, der Krone Polens das Land Dobrin und die Burg Slotorie abzutreten; der König erbietet fi dagegen, dem Orden bis Pfingſten künftiges Jahres für das Land die Erſatzſumme von funfzigtauſend Gulden und für die Burg zweitauſend und vierhundert Schock Boͤhm. Groſchen zu zahlen und den Orden zugleich gegen alle Anforderungen und Beläligungen der etwanigen Erben des Gebietes zu ſchuͤtzen und zu vertreten. Nach Entrichtung dieſer Sum⸗ men ſoll der Orden das Land und die Burg der Krone Polens ohne weiteres einraͤumen. 3) Damit aber auch 4) Schreiben des HM. an den König von Polen, dat. in castro nostro Stuhm ipso die S. Marcii evang. 1404 Regiſtr. p. 78. 2) Die beiderſeitigen Friedensunterhaͤndler nennt Dlugoss. p. 1785 vgl. De Wal T. IV. p. 208. 3) Die Vertragsurkunde dat. in Raczanez feria sexta proxima ante diem festi s. et individoe Trinitat. 1404 bei Dogiel T. IV. nr. 72 p. 78. Lindenblatt S. 166 führt den Inhalt ebenfalls an, weicht jedoch darin von der Urkunde ab, daß er für die Burg Slotorie die runde Summe von 3000 Schock Groſchen angiebt. Nach der Ur⸗ kunde war die Summe von 50,000 Gulden die früher vom Orden dem Herzog von Oppeln geliehene Pfandſumme, valer expressus in primis litteris obligatoriis. Dlzig oss. p. 179 ſpricht auch hier nur von 40,000 Gulden; vgl. Lucas David B. VIII. S. 80 — 81. De Wal T. IV. p. 220. Der letzte Zuſatz des Königes wegen Vertretung des Ordens gegen die etwanigen Anforderungen der Erben des Herzogs ſcheint zu beweiſen, daß der Herzog von Glogau mit ſeinen Anrechten nicht hervorgetreten war.
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268 Friedensſchluß zu Raczans mit Polen u. Litth. (1404). nicht ferner uͤber fruͤher obwaltende Streitigkeiten zwiſchen Polen und dem Orden neuer Hader ausbreche, beſtaͤtigt der Koͤnig den einſt zwiſchen Koͤnig Kaſimir und dem Orden abgeſchloſſenen Frieden in allen feinen Punkten.“ Darauf wurden auch die Verhaͤltniſſe zwiſchen Litthauen, den Ruſſiſchen Gebieten und den Ordenslanden in naͤhere Berathung gezogen. Der Koͤnig und der Meiſter geneh⸗ migten und beſtaͤtigten den im Jahre 1398 zwiſchen dem Orden und dem Großfuͤrſten Witowd auf Sallinwerder ge⸗ ſchloſſenen Frieden in allen ſeinen Beziehungen und ins⸗ beſondere auch in Beſtimmung der Graͤnzen dieſer Lande, wie fie damals feſtgeſtellt waren.“ Dieſe neue Beſtaͤti⸗ gung des Friedens ſagte ausdruͤcklich der Meiſter auch dem Großfürften feſt und unverbruͤchlich zu. Witowd verſprach auch ſelbſt alle zwiſchen dem Koͤnige, dem Meiſter und ihm jetzt von neuem feſtgeſtellten Friedensbedingungen ge⸗ treu und unwandelbar zu halten, vor allem aber mit aller Kraft zu bewirken, daß binnen einem Jahre oder noch fruͤher das Land Samaiten dem Orden wieder uͤbergeben werden, die Samaiten binnen der Zeit ihre Geiſeln ſtellen und die Huldigung leiſten ſollten. Koͤnne er dieß nicht erreichen, ſo ſolle er allen ſeinen Unterthanen in Litthauen und Rußland allen Handel und alle Gemeinſchaft mit den 1) Die Beſtaͤtigungsurkunde, dat. wie die vorige, in einem Trans⸗ ſumt v. J. 1419 Schicbl. 62. nr. 12, gedruckt bei Dogiel I. c. nr. 71 p. 78. Prcuſſ. Lieferung. B. 1. S. 462. Lucas David B. VIII. S. 74. De Wal T. IV. p. 221. 2) Die Beſtaͤtigungsurkunde, dat. wie die vorige, in einem Trans⸗ ſumt v. J. 1421 Schicbl. 53 nr. 12; die Gegen- Urk. des HM. dar⸗ über bei Dogiel 1. c. nr. 73 p. 79. 3) Originalurkunde des HM. dat. Raczans am Donnerſt. vor heil. Oreifaltigk. 1404 Schicbl. 53. nr. 6. Als Zeugen find hier genannt die beiden Biſchöfe von Kulm und Pomeſanien, die fünf oberſten Gebie⸗ tiger, der Komthur v. Thorn Friederich von Wenden, Johannes Rymann Domherr zu Marienwerder und Johannes von Rogetteln Domherr zu Frauenburg.
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Friedensſchluß zu Raczans mit Polen u. Litth. (1404). 269 Samaiten verbieten und ihnen weder Getreide, noch Salz, noch ſonſt nothwendige Beduͤrfniſſe zuzufuͤhren erlauben, ſowie den Samaiten auch ſelbſt allen Verkehr mit ſeinen Unterthanen verſagen, bis daß ſie ſich dem Orden zu Ge⸗ horſam untergeben wuͤrden. Mit Heeresmacht jedoch ſolle er die Samaiten nicht zwingen, außer auf des Hochmei⸗ ſters ausdruͤcklichen Willen. Geſchehe aber die Unterwer⸗ fung nicht binnen einem Jahre, fo ſolle der Großfuͤrſt verpflichtet ſeyn, dem Meiſter zur Bezwingung des Volkes mit aller Kraft und auf jede verlangte Weiſe beizuſtehen; thue er ſolches nicht, ſo wolle er ſich jeder Mahnung, Gezwang und Ueberlaſt unterwerfen und komme es hier⸗ über zum Kriege, fo folle dieſer den ewigen Frieden mit dem Koͤnige von Polen auf keine Weiſe aufheben.) Der Friedensvertrag vom Jahre 1398 ward auch von ihm ausdrücklich in allen Punkten beſtaͤtigt und das Verſprechen hinzugefügt, daß er fofort alle dem Orden ſeitdem ent⸗ zogenen Laͤnder zuruͤckgeben werde. 20 Der König von Polen aber ſicherte nun auch ſelbſt dem Orden das Land Sa⸗ maiten foͤrmlich zu, beſtimmte die Art, wie die Samaiten unter des Großfürſten Beihuͤlfe durch Unterſagung alles Handels und Verkehres mit ihnen oder, wofern es noͤthig ſey, auch durch Anwendung der Waffen dem Orden unter⸗ worfen und zur Huldigung und Stellung von Geifeln ges zwungen werden follten. Es ward uͤberdieß feſtgeſetzt, daß der König den Großfuͤrſten, ſofern dieſer den Orden bei der Unterwerfung des Landes nicht unterflügen oder ſogar 4) Originalurkunde, dat. Auf einem Werder in der Weichſel beim Hauſe Raczanz Donnerſt. in d. Octave zu Pfingſt. 1404 Schiebl. 56. nr. 3. 2) Die Beſtätigungsurkunde, dat. Super Auvium Wisla in insula prope castrum Raczans feria quinta octavarum Pentecostes an. 1404 Schiebl. 62. nr. 10 in einem Transſ. vom J. 1419. Die wich⸗ tigſten Punkte dieſes Friedensvertrages hat auch Dlug oss. p. 179; vgl. auch De Wal T. IV. p. 209.
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270 Friedensſchluß zu Naczans mit Polen u. Litth. (1404). hindern werde, durch Gebot und Befehl dazu antreiben, und wenn er auch dieſem nicht Folge leiſten werde, dem Orden es erlaubt ſeyn ſolle, ihn mit des Koͤniges Bei⸗ huͤlfe zur Erfuͤllung der Verſprechungen zu zwingen, doch alſo daß dieſes nicht mit Eintrag der Lande des Koͤniges oder mit Entfremdung ſeiner Graͤnzen und Gebiete geſchehe; der Orden jedoch ſolle ſofort davon ablaſſen, ſobald die Samaiten die Huldigung geleiſtet und Geiſeln geſtellt haͤt⸗ ten.) Wie der Hochmeiſter dem Koͤnige verſprochen hatte, keine flüchtigen Bruͤder, Verwandte oder ſonſt herumirrende Miß vergnügte, die das Königreich belaͤſtigen konnten, in feinen Landen aufzunehmen und zu herbergen,? fo ge⸗ lobte auch Witowd, er wolle keinen Samaiten hinfuͤro in ſein Land ſetzen, wenn er nicht zuvor mit dem Hochmei⸗ ſter oder des Ordens Amtleuten ſich daruͤber guͤtlich ver⸗ ſtaͤndigt. In dieſem Falle wolle er auch nur die Zahl von dritthalbhundert aufnehmen und koͤnne er ſich bei ei⸗ ner Zuſammenkunft mit dem Meiſter darüber nicht verei⸗ nigen, fo ſolle der Roͤmiſche König daruͤber die Entſchei⸗ dung geben. — So ward alſo endlich der lange Zelt geſtoͤrte Friede zwiſchen dem Orden und den beiden Nachbarfuͤrſten wieder hergeſtellt und es ſchien beiden Theilen jetzt Ernſt zu ſeyn, ihn aufrecht zu erhalten.) Es wird berichtet, daß der 1) Orkginalurk. dat. iu insula fluminis Wysla prope castrum Raczans feria sexta infra Octavas Penthecostes an. 1404 Schiebl. 53 nr. 13; ein Transſumt vom J. 1419 Schiebl. 62. nr. 13, gedruckt bei Kotzebue B. III. S. 297. In einer beſondern Urkunde vom näm⸗ lichen Datum, Schiebl. 53. nr. 14 verſpricht der König dem Orden Beſtätigungsbriefe uͤber den Vertrag mit Witowd und den Frieden mit König Kaſimir auöfertigen zu laſſen; Lucas David B. VIII. S. 75 — 76. 2) S. die Urkunde bei Dogiel T. IV. p. 81. 3) Die Urkunde, dat. Naczans Freitag in der Octave Penthecoſtes 1404 im Fol. D. p. 115, wo p. 111 — 114 auch die übrigen Urkun⸗ den Witowds. Lucas David B. VIII. S. 76. 4) ueber dieſen Friedensſchluß vgl. auch Lindenblatt S. 166,
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Friedensſchluß zu Nargans mit Polen u. Litth. (140). 271 König hierauf vom Meiſter eingeladen nach Thorn gekom⸗ men und der Friedensſchluß durch ein dreitaͤgiges Feſt unter Schmauß, Turnieren und Waffenſpiel gefeiert worden fey.” Der Großfürft hielt dießmal wirklich Wort; denn kaum nach Litthauen heimgekehrt, ertbeilte er alsbald zweien feis ner vornehmſten Hauptleute, Sungail und Manewide von Wilna, den Befehl, die Samaiten in ſeinem Namen dem Orden zu uͤberweiſen. Mit Beihuͤlfe des Hauskomthurs von Ragnit ward die Sache begonnen; der Hauptmann Manewide wandte insbeſondere alle mögliche Muͤhe auf, das Volk durch freundliche Zuſprache zur Ergebung zu be⸗ reden. Allein es fanden große Schwierigkeiten und hie und da, wie es ſcheint, ſelbſt gewaltſame Widerſetzlichkei⸗ ten Statt, denn der Hochmeiſter ſah ſich in der That nicht nur genöthigt, den Großfuͤrſten zu erſuchen, in Folge der Verabredung allen Handel und Verkehr mit den Sa⸗ maiten zu verbieten und feinen thätigen Hauptmann Mas newide auch ferner noch im Lande zu laſſen, ? ſondern Kajalowiez p. 70, Dlugoss. p. 178. Was dieſer Chroniſt p. 183 und nach ihm Kotzebue B. II. S. 28 von einer Irrung zwiſchen dem Könige und dem HM. wegen des Titels eines Herzogs von Pommern erzählen, mag ſich mehr auf den beftätigten Frieden von 1343 bezichen; vgl. darüber De Wal T. IV. p. 222 — 223. Aber es iſt wohl möge lich, daß die Sache auch jetzt wieder zur Sprache kam, denn daß der König ſich des Titels dominus Pomeraniae auch jetzt noch bediente, wriſet ein Transſumt v. J. 1419 über eine urkunde v. J. 1404 aus, worin fein Siegel genau beſchrieben und der erwähnte Sitel noch zu ſinden iſt. 1) Nach Diugoss. p. 179; das Treßler Buch p. 16% erwähnt nicht nur ciner Ausgabe von 76 Mark für die Ritter und Knechte aus Polen, um fie aus der Herberge zu loͤſen, ſondern auch von 200 Mark fuͤr den Komthur von Thorn „vor ſyne czerunge, die her mit unſern homeiſter vortet,“ als der Meiſter mit dem Könige Tag hielt; Kojalo- wiez p. 70. De Wal T. IV. p. 228 und ſchon Lucas David B. VIII. S. 77 halten die jetzige Zuſammenkunft des Königes für eine Verwechſclung mit der im J. 1405 ; allerdings ſcheint manches von den Chroniſten uͤbertragen zu ſeyn. 2) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Sonntag vor
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272 Friedens verhandl. mit Witowd (4400. er mußte felbft Bedenken tragen, den vorgeſchlagenen Waf⸗ fenſtillſtand mit den Samaiten zu genehmigen, indem er nur zugeſtand, daß ſie bis zur Mitte des Auguſts keinen Schaden weiter erleiden ſollten, ſofern ſie ſelbſt in Ruhe blieben.) Ueberhaupt wuͤnſchte der Meiſter nichts mehr, als daß das Volk auf eine moͤglichſt milde und guͤtige Weiſe zur Ergebung an den Orden gewonnen werden möge. ? Jetzt erfuchte aber der Großfürft den Hochmeiſter zu weitern Berathungen über Samaiten um eine perſoͤnliche Zuſammenkunft und fie fand, als er im Auguſt von ſei⸗ ner Kriegsreiſe gegen Smolensk heimgekehrt war, 9 auf Ritterswerder an der Memel auch wirklich Statt. Der Meiſter erſchien daſelbſt in der Mitte Auguſts umgeben von ſeinen oberſten Gebietigern, mehren Komthuren und einem zahlreichen Hofſtaate. Der Großfuͤrſt, nit feinem Hoflager zu Kauen, befeſtigte, wie er ſelbſt erklärte, um feine Liebe und fein Begehren zur Vermehrung des Chri« ſtenthums zu bethaͤtigen, den bereits geſchloſſenen Frieden durch die feierliche Verſicherung, er wolle dem Orden forte Barnabä Apoſt. 1404 Regiſtr. p. 27. Der Brief beweiſet Überhaupt, daß ſich Witowd in der Angelegenheit Samaitens ſehr bereitwillig zeigte 1) Schreiben des HM. an den Hauptmann Manewide, dat. Ma- rienb. feria secunda post festum b. Petri et Pauli 1404 Regiſtr. p. 79. Der Hauptmann und der Hauskomthur von Nagnit hatten dem HM. gemeldet, daß dieſer mit den Samaiten bis auf weitere Nachricht vom HM. einen Waffenſtillſtand geſchloſſen habe; der HM. aber ſchreibt: nequaquam nobis consultum videtur, quod pax teneatur cum Samaythensibus isto modo, weil man leicht ſagen könne, daß da⸗ durch der mit dem Könige v. Polen geſchloſſene Frirde nicht pünktlich beobachtet werde. 2) Darüber der eben erwähnte Brief an Witowd. 3) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Donnerſt. nach Viti und Modeſti 1404 Regiſtr. p. 27. In Beziehung auf Witowds Einladung fagt der HM. : „das wir von hitziger begerunge und froͤlichem Herzen unmoſen gerne czu wege brechten.“ Dann ſpricht er von Wi⸗ towds Kriegsfahrt gegen Smolensk; Karamſin B. V. S. 144.
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Friedensverhandlungen mit Witowd (1404). 273 an wider alle ſeine Feinde, mit Ausnahme des Roͤmiſchen Reiches, der Roͤmiſchen Kirche und des Koͤniges von Po⸗ len (gegen den ihm nicht gezieme, die bewaffnete Hand aufzuheben) mit Rath und That beiſtehen und alle Ge⸗ walt und alles Unrecht, welches dem Orden widerfahren könne, mit aller Macht abwenden.) Hinwieder verfprach der Hochmeiſter, dem Großfuͤrſten gegen alle, welche ihn um dieſes Friedens willen in irgend einer Weiſe anfech⸗ ten und befehden wuͤrden, den kraͤftigſten Beiſtand leiſten zu wollen, gleichfalls mit Ausnahme des Roͤmiſchen Rei⸗ ches und der Roͤmiſchen Kirche.) Weil ferner die im früheren Friedensſchluſſe feſtgeſetzte Beſtimmung wegen Auf⸗ nahme zinshafter Leute des Ordens in Litthauen und Ruß⸗ land Anlaß zu mancherlei Mißhelligkeiten gegeben, ſo ver⸗ ſprachen ſich beide Fürſten gegenſeitig, daß keiner von ih⸗ nen uͤberhaupt irgend jemand, welches Standes er auch ſey, binnen den naͤchſten zehn Jahren ohne Einwilligung des andern in ſeine Lande aufnehmen und anſetzen wolle, und daß es erſt nach Verlauf dieſer Zeit den freien Leu⸗ ten der beiderſeitigen Lande, wie den Bewohnern anderer chriſtlicher ‚Länder erlaubt ſeyn ſolle, zu ziehen, wohin fie wollten. Der Meiſter gab dem Großfuͤrſten außerdem die Zuſicherung, daß er, wenn der Fuͤrſt eher ſterben ſollte als feine Gemahlin, die Großfuͤrſtin Anna, dafuͤr einſtehen wolle, fie in dem ihr vom fuͤrſtlichen Erbe zus geſchriebenen Leibgedinge gegen jedermann zu ſchuͤtzen und 1) Originalurkunde, dat. Kauen am Sonntag nach u. l. Frauen Himmelfahrtstage 1404 Schicbl. 53 nr. 5. Kajalowics p. 71. De Wal T. Iv. p. 230. 2) Originalurk. dat. Auf dem Werder Ritterswerder genannt in der Memel, Mont. nach u. l. Frauentage Aſſumtion. 1404 Schiebl. 53. nr. 9. 3) Originalurk. Witowds dat. Kauen Sonnt. nach u. l. Frauen Himmelfahrtst. 1404 Schicht, 53. nr. 7; die des HM. dat. Ritters⸗ werder Sonnt. n. u. 1. Frauen Aſſumt. 1404 Schiebl. 53 nr. 7«, beide faſt wörtlich gleichlautend. VI. 18
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274 Friedensverhandlung. mit Witowd (4409). zu ſchirmen, ſobald ihr irgendwoher Gewalt geſchehe. Witowd erlaubte dagegen dem Orden, an dem ihm zuge⸗ hoͤrigen Ufer der Naweſe Mühlen oder andere Bauwerke anzulegen, wo er nur wolle. Als ſich die Fürſten in ſolcher Weiſe über ihre Ver⸗ haͤltniſſe verſtaͤndigt, ging man nun auch zur Verhandlung über die Unterwerſung Samaitens uͤber. Sie hatte bald den Erfolg, daß eine Anzahl der Edelſten des Landes, die zu Witowd nach Kauen gekommen waren, in des Fürs ſten Gegenwart dem Meiſter die Verſicherung gaben, daß ſie nicht nur ſelbſt dem Orden ſich unterwerfen, ſondern auch die uͤbrigen Bewohner ihres Landes zur Ergebung bewegen wollten.) Alſo ſchied nun der Hochmeiſter von dannen, in der Hoffnung, das Schwert werde zur Be— zwingung der Samaiten nicht ferner wirken duͤrfen. Und dennoch, obgleich man mehre Monate vorübergehen ließ, um die Ausfuͤhrung des Verſprechens abzuwarten, ſah ſich der Meifter endlich genoͤthigt, auf nachdruͤckliche Mittel zu ſinnen, weil man ſich fert und fort in unruhigen Bewe⸗ gungen und ſelbſt in Gewaltthaten den Anordnungen des Ordens widerſetzte. Der Großfuͤrſt ſelbſt bot dem Meiſter feine Beihuͤlfe an, alſo daß ſchon zu Ende dieſes Jahres Maaßregeln vorbereitet werden mußten, um das Volk mit Macht und Gewalt zur Unterwerfung zu zwingen. 1) Originalurk. dat. Nitterswerder Mont. nach u. Frauentag Aſ⸗ ſumt. 1404 Schicbl. 53 nr. 11. 2) Originalurk. dat. Kauen Sonnt. nach u. I. Frauen Aſſumt. 1404 Schiebl. 53. nr. 8. Es iſt zu bemerken, daß keine dieſer Urkunden das Datum: Maria Empfaͤngniß (Conceptionis), wie die Anmerkung bei Lindenblatt S. 167 unrichtig angiebt, ſondern alle: Mariä Himmcel⸗ fahrt (Aſſumtion.) haben. 3) Schreiben des HM. an Witowd im Regiſtr. p. 86, wo er die⸗ ſes Verſprechens der Samaiten erwähnt. 4) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Elbing Mont. vor Eir⸗ cumciſion. dom. 1404 Regiſtr. p. 86; es heißt: Sint daz die Samai⸗ then Ire wort nicht halden wellen, dy ſie vor euwer groſmechtikeit off
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Streit in Pommern (1404). 275 So ſehr jedoch ſeit Anfang dieſes Jahres der Him- mel ſich im Suͤd und Oſt erheitert hatte, ſo ſchwerdrohend thuͤrmte es ſich mehr und mehr im Weſten auf. Zunaͤchſt wurden ſchon die Verhaͤltniſſe mit dem Herzoge von Stolpe mit jedem Tage ernſter und bedenklicher. Die gehaltenen Verhandlungstage waren alle ohne Erfolg geblieben, denn waͤhrend einer Seits der Herzog klagte, daß ſeine Landes⸗ graͤnzen beeinträchtigt wuͤrden und der Orden ſichtbar dar: auf ſinne, ihn „mit Hoffahrt und Gewalt“ aus ſeinem Beſitze zu verdraͤngen, beſchwerte ſich anderer Seits der Meiſter über den unbeſchreiblichen Schaden, den die Be⸗ wohner der Neumark fort und fort von des Herzogs Leu⸗ ten zu erleiden haͤtten, und forderte wiederholt Erſatz und Genugthuung, wenn nicht Krieg erfolgen ſolle.) Die traurige Folge aber dieſer Mißhelligkeiten war, daß ſich Mordbrenner, Raͤuber und Diebe, vielfach ſelbſt von den edlen Familien der beiderſeitigen Länder gehegt und bes herbergt, an den gegenſeitigen Graͤnzen lagerten und bald hier bald dort die friedlichen Bewohner unter Raub und Brand mißhandelten, weshalb nicht nur der Vogt der Neumark, ſondern auch der Biſchof von Kamin, der als Vermittler auftreten wollte, alles aufboten, den Hochmei⸗ ſter und den Herzog zum Beſten ihrer Lande zu einem friedlichen Ausgleich zu bewegen. dem leczten tage czu Cauwen ken uns toten und ſich unſerm orden nicht dirgeben noch undirthenigen wellen, ſo bitten wir euwir durchluchtikeit, nu fie euwer anwifunge nicht fulgen wellen und alzo vorſtochk yn Irem Irſale meinen czu bliben, das Ir ſo vil doczu geruchet czu thun und ſie mit gewalt doczu brenget, daz ſie ſich dirgeben unſerm orden noch uswi⸗ ſunge der briffe, die czwuſchen uns dorobir ſint gegeben. 1) Schreiben des HM. an den Herzog von Stolpe, dat. Marienb. Mont. nach Purificat, Maria 1404 Regiſtr. p. 75, und ein anderes an die Städte Stargard „Stolpe, Slawe und Ruͤgenwalde ebendaſ. p. 73. 2) Schreiben des Vogts der Neumark Balduin Stal an den HM., dat. Schievelbein Mont. nach Aſſumt. Maria 1404; er meldet, daß der Herzog eine Vergleichung mit dem HM. ſehr wuͤnſche und den Biſchof 18 *
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276 Streit in der Neumark (1404). Noch verwickelter waren die ſtreitigen Verhaͤltniſſe in der Neumark. Der Markgraf von Meiſſen zwar hatte ſich uͤber ſeine Anſpruͤche beruhigt; um ſo eifriger aber betrieb Otto von Kittlitz ſeinen Streit wegen des Gutes Tankow, denn auch fein Bruder Johann von Kittlitz Bis ſchof von Baruth, der ſich fuͤr ihn beim Hochmeiſter ver⸗ wandte, hatte nichts bewirken koͤnnen, indem der letztere beſtaͤndig darauf drang, die Sache der Entſcheidung „der Manne der Neumark“ anheimzuſtellen.“ Ueberdieß trat jetzt noch ein dritter Bewerber um dieſes Gebiet mit ins Spiel, Wirſeband aus Polen, gleichfalls mit Anſpruͤchen, die er ſich zu beweiſen erbot. Auf einem Tage zu Landsberg gaben die Manne der Neumark zwar einen Ausſpruch; allein Otto ließ ſich damit nicht zufrieden ſtellen. Der König von Ungern aber, welcher den Streit eigentlich zu— naͤchſt verſchuldet hatte, blieb ſaͤumig in der Sache, fo oft ihn auch der Hochmeiſter um billige Beilegung der Mißverhaͤltniſſe erſuchte. Weit wichtiger noch und ungleich folgenreicher fuͤr die Zukunft waren aber die neuen Verhaͤltuiſſe, in welche in der Neumark der Orden zum Koͤnigreiche Polen trat, denn die Frage: was eigentlich dort ſtreng genommen zur Neumark und alſo dem Orden und was dagegen zum Koͤnigreiche Polen gehoͤre, regte um dieſe Zeit in ſcharfen Gegenſaͤtzen manchfache Intereſſen an. Man war über die Graͤnzen beider Laͤnder durchaus ungewiß, weil ſie, von Kamin um Vermittlung erſucht habe. Unter denen, welche die Räuber und Mordbrenner hegten, nennt er beſonders die Herren von Bork. 1) Schreiben des HM. an Johann von Kittlitz Biſchof zu Baruth, dat. Marienb. Sonnt. vor Circumciſ. dom. 1404 Regiſtr. p. 69. 2) Die Sache machte dem HM. in dieſem Jahre ſehr viel Arbeit; wir haben daruͤber eine Menge von Briefen von ihm theils an Otto von Kitrlitz, theils an den König von Ungern u. a. im Regiſtr. p. 77. 78. 81. 83. 84. 87; fie bezichen ſich alle auf die Frage: ob die Manne der Neumark in der Sache entſcheiden ſollten und ihr Ausſpruch genuͤgen muͤſſe.
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Anfang des Streies wegen Driefen (1490. 277 wie es ſcheint, nie ganz feſt beſtimmt worden waren. N Der Ordensvogt Balduin Stal, der in dieſem Jahre von adlichen Beſitzern in der Neumark immer mehr Dörfer und Guͤter auskaufte und in Ordensdomainen verwandelte, hatte bereits aufs beſtimmteſte ermittelt, daß viele Staͤdte und Landgebiete, welche die Polen als zu ihrem Koͤnig⸗ reiche gehörig anſahen, als Krone, Tuetz, Friedland, Schloppe u. a. zur Neumark zu rechnen und nie an Po- len zu Lehen gegangen ſeyen. 2) Zunaͤchſt indeſſen erhob ſich der Streit Über die Frage: ob die Burg und das Gebiet von Drieſen an der Netze dem Orden oder dem Koͤnige von Polen zugehoͤre? Es war nicht zu laͤugnen, denn Documente bewieſen es, daß ſchon im Jahre 1317 Markgraf Waldemar von Brandenburg den Rittern Hein⸗ rich und Burchard von der Oſt und deren Erben Haus und Stadt Drieſen gegen eine Summe von zweitauſend Mark zu Lehen verliehen, daß Markgraf Ludwig der Baier den Ritter Betkin von der Oſt und die Stadt Drie— ſen bei Verleihung von Privilegien als ſeine Unterthanen angefehen 9 und Markgraf Sigismund von Brandenburg erſt noch im Jahre 1382 den geſtrengen Mannen Arnd und Ulrich von der Oſt zu Drieſen alle ihre Beſitzungen. Freiheiten und Gerechtſame von neuem beftätigt habe.“ Allein es war ebenfalls nicht abzuſtreiten, daß im Ver⸗ laufe der naͤmlichen Zeit, im Jahre 1365 die Gebruͤder Dobrogaſt, Arnd, Ulrich und Berthold von der Oſt als 1) Man findet ſie nach Beſtimmungen aus dieſer Zeit genau im Fol. D. p. 318 angegeben. 2) Schreiben des Vogts Balduin Stal an den HM. , dat. Soldin in vig’lia Epiphan. dni (ohne Jahr). 3) Urkunde in einem Transſumt vom 3. 1428 im geh. Arch. Schicbl. 46, gedruckt in Gercken Cod. diplom. T. V. p. 289 und Werner gef. Nachricht. zur Preuſſ. Märk. Geſchichte P. II. P. 66. 4) urkunde vom J. 1347 bei Gercken F. V. p. 292. 9) Die Beſtätigungsurkunde, dat. Bryſt Sonntag vor Aegidii 1382 in einem Transſ. v. J. 1419 im geh. Arch. Schiebl. 46.
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278 Anfang des Streites wegen Driefen (4404). Herren von Drieſen nicht nur offen erklaͤrt, daß Drieſen und Zantoch von jeher zur Krone Polens gehoͤrt haben, ſondern beides vom Koͤnige Kaſimir von Polen auch zu Lehen angenommen hatten D und daß erſt vor wenigen Jahren noch Ulrich von der Oſt den Koͤnig von Polen ausdruͤcklich für feinen rechtmäßigen Oberherrn erklärt, ihm den Lehenseid geleiftet, unverbruͤchliche Treue und Huͤlfe gegen alle ſeine Feinde gelobt und das Verſprechen gege— ben hatte, daß ſeine Burg Drieſen, ſofern er ohne Er— ben ſterbe, an die Krone Polens fallen ſolle.“ Zwar gaben die Polen zu, daß die Netze die Graͤnzſcheide zwi⸗ ſchen Polen und der Neumark bilde und ſonach wuͤrde Drieſen zur letztern zu rechnen geweſen ſeyn; allein da die Burg auf einer noͤrdlich durch einen weiten Graben und ſuͤdlich durch den Netze-Fluß gebildeten Inſel lag, fo nannten die Polen jenen nördlichen Graben die Netze und dieſem Fluſſe gaben fie hier den Namen Berbenik. 3 Ohne jedoch von dieſen Rechten weiter zu ſprechen, mel— dete jetzt ploͤtzlich der König dem Hochmeiſter: Ulrich von der Oſt, Herr von Drieſen, der der Krone Polens den Lehenseid geleiſtet, deſſen aber vergeſſen, habe des Koͤniges Lande mit Schaden heimgeſucht; der Hauptmann Thomico von Groß⸗Polen habe Befehl, ihn mit einem Heerhaufen zu uͤberziehen, weshalb der Hochmeiſter ſeinem Vogte der Neumark gebieten möge, dem Hauptmanne zu Huͤlfe zu 1) Urkunde bei Dogiel T. I. p. 593. 2) Die urkunde hieruͤber vom J. 1402 bei Dogiel T. I. p. 595. 3) In dem erwaͤhnten Schreiben des Vogts der Neumark heißt es: Was ſie (die Polen) die Netze heiſen, das iſt nicht denne eyn graben wol eyns virtelweges lang und der gect deſſehalben dem huſe eu Dry⸗ ſen ken der Marke wert, ſunder das da die rechte Netze iſt und do der rechte ſtrom geet, das heiſen fie den Berbenyk und das fluſt off jener feit der ſtadt, guͤnde man In nu das die Netze die grenitz were, ſo wel⸗ den ſie die Stadt Dryſen haben und darnach das bus, went man «zum huſe nicht kommen konte, wenne ſie die Stadt ynne haben.
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Anfang des Streites wegen Drieſen (1600. 279 ſtehen, ſofern er dieſer beduͤrfe.) Es war klar, daß da⸗ mit der Hochmeiſter nur auf die Probe geſtellt werden ſollte; er erwiederte daher dem Koͤnige mit aller Offenheit: nicht nur laut den Zeugniſſen der Lehensvaſallen und der ſtaͤdtiſchen Beamten der Neumark, ſondern auch nach der Erklaͤrung des Koͤniges von Ungern ſelbſt, welche er ihm vorlegte, habe Drieſen in früheren Zeiten wie jetzt im Lehensverhaͤltniſſe zur Neumark gehoͤrt und dieſer Koͤnig habe es ihm mit ernſten Ermahnungen ans Herz gelegt, mit allem Fleiße darauf zu halten, daß Drieſen ſammt ſeinem Gebiete der Neumark in keiner Weiſe entriſſen werde; er bitte daher den König, gegen daſſelbe mit Schonung zu verfahren, da es mitſammt der Neumark dem Orden zu getreuer Hand uͤbergeben worden ſey. We. gen Ulrichs von der Oſt wolle er ubrigens dem Koͤnige ſofort zu allem Rechte verhelfen. > Der Hochmeiſter in 1) So führt der HM, ſelbſt den Inhalt des Briefes des Koͤniges in nachfolgendem Schreiben an. 2) Schreiben des HM. an den König von Polen, dat. in caskro nostro Marienb. in vigilia nativitat. Marie 1404 Regiſtr. p. 82. Er ſchreibt unter andern: Alias ex seriptis dominacionis vestre in formacionem recepimus, quomodo Drezdno cum pertinenciis suum ad Regnum Polonie omagialiter pertineret, et ex opposilo in legacione Seren. prineipis dnni Sigismundi Regis Ungarie, dum dieta terra Novemarchie ad fideles manus Ordini nostro committebatur ac demum per omsgiales et eivitatum rectores Novemarchie universaliter edocti fueramus, quod Drezdno cum singulis suis pertineneiis et graniciebus ad dominium Novemar- chie ab antiquis temporibus et usque ad nunc amagialibus esset servitiis obligatum. Um den Frieden mit dem Könige aber aufrecht zu erhalten, habe er beim Könige von Ungern un. nähere Gewißheit über dieſe Streitfrage gebeten und von ihm einen Brief erhalten, den er dem Könige uͤberſende, woraus er erfchen werde: Drezduo cum pertiuenciis et graniciebus suis temporibus predecessorum sub- rum et sui ad Novammarchiam omagialiter pertinuisse et adhuc de jure pertinere, adiungens seriosis monitis nos omnem adhi bere diligenciam, ne Drezdno cum suis pertinenciis a dominio Novemarchie quomodolibet auferatur, prout in eiusdem conti -
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280 Anfang des Streites wegen Driefen (1404). deß, wohl erkennend, wo des Königes Ziel eigentlich ge⸗ ſteckt ſey und zugleich bemuͤht, ſeiner Seits das friedliche Verhaͤltniß mit ihm auf jede Weiſe aufrecht zu erhalten, ertheilte alsbald dem Vogte der Neumark die Vollmacht, mit dem Hauptmanne von Groß⸗Polen eine Verhandlung einzuleiten, in welcher beider Seits vier Raͤthe auf einem Tage an der Weichſel erweiſen ſollten, wer beſſeres Recht auf Drieſen habe; werde es dem Koͤnige zugeſprochen, ſo moͤge er Ulrichen von der Oſt beſtrafen; der Orden wolle ihm nicht beiſtehen. Man war der Sache ſo gewiß, daß ſelbſt Ulrich dieſen Beſtimmungen beitrat.“ Somit war alſo ein neuer Streitpunkt zwiſchen dem Orden und dem Koͤnige hingeworfen. Wir werden jedoch bald ſehen, wie der letztere, vielleicht durch die Erklaͤrung des Koͤniges von Ungern geſchreckt, vorerſt noch ſcheu zu⸗ ruͤcktrat. Aber der Meiſter hatte ihn bereits tief durch⸗ ſchaut, denn daß er von Drieſen aus weiter hatte gehen wollen, daß ihm dieſes nur den Weg hatte oͤffnen ſollen, daß er dahin arbeite, ſich der ganzen Mark zwiſchen der Oder und Havel zu bemaͤchtigen und bereits durch die Bi⸗ ſchoͤfe von Poſen und Lebus deshalb Verbindungen mit dem Markgrafen Jobſt von Mähren angeknuͤpft habe, welcher da⸗ her auch jetzt noch ſeine Zuſtimmung zum Verkaufe der Neu- mark verweigerte, daß es überhaupt des Koͤniges Abſicht fey, durch die Erwerbung dieſer Gebiete alle Verbindung des Or⸗ dens mit Deutſchland für Handel und Krieg gaͤnzlich abzu⸗ ſchueiden und daß dieſes Ziel durch eine Vereinigung des Koͤ⸗ niges mit dem Markgrafen Jobſt von Maͤhren und dem Her⸗ zoge von Pommern hatte erreicht werden ſollen: ? das alles nencia clare liquet. — Auf gleiche Weiſe ſchreibt der HM. auch an den Hauptmann von Groß⸗Polen, Regiſtr. p. 83. 1) Dieſes Uebercinkommen des Vogts mit dem Hauptmanne, dat. Drieſen Mittw. nach Nativitat. Maria 1404 im geh. Arch. Die ur⸗ kunde des Hauptmannes Thomico Podczeſſe hierüber, vom nämlichen Datum, Schiebl. 46, nr. 6. 2) Wir haben darüber noch einen merkwuͤrdigen Brief des Vogts
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Streit mit dem Erzbiſchof von Riga (140. 281 wußte der Meiſter laͤngſt durch den Vogt der Neumark, der bisher jeden Schritt des Koͤniges beobachtet. Daher die Vorſicht und Behutſamkeit des Hochmeiſters in ſeinem Ver⸗ fahren gegen den Koͤnig. So hatte ſich der drohende Sturm vorerſt wieder verzo⸗ gen. Konrads wichtigſtes Ziel in allen feinen Mühen und Beſtrebungen, ein allgemeiner Friede für die geſammten Or⸗ denslande war jetzt ſo viel als moͤglich erreicht und der fried⸗ ſame Meiſter konnte nun wieder mehr als je ſeine ganze Thaͤ⸗ tigkeit den innern Verhaͤltniſſen ſeines Landes zuwenden. Vor allem mußte einem neu drohenden Streite mit dem Erz⸗ biſchofe von Riga vorgebeugt werden, denn der alte Hader zwiſchen der Kirche zu Riga und dem Orden in Livland hatte ſchon im vorigen Jahre abermals neue Nahrung gefunden. Der Erzbiſchof hatte ſich nach Deutſchland zum Deutſchmei⸗ ſter begeben, um unter deſſen Beirath und Vermittlung eine völlige Ausgleichung der alten Streithaͤndel zu bewirken. Auch der Hochmeiſter, an den ſich von dort aus der Erzbiſchof gewandt, wünfchte nichts ſehnlicher, als dieſen Streit in ſei⸗ ner Zeit bis auf die Wurzel auszutilgen, „denn,“ ſchrieb er dem Praͤlaten, „wollte Gott, daß wir ſo ſelig waͤren, die Zwietracht bei unſern Zeiten ganz zu endigen, wir getrauen wohl, daß Gott der Herr uns darum ſonderlich belohnen wuͤrde.“ Er bat daher den Erzbiſchof aufs freundlichſte, auf Mittel zu denken, wie dieſes Ziel zu erſtreben ſey.“ Es der Neumark an den HM., dat. Donnerſt. vor Simon und Judä (1403), worin er dem HM. den ganzen erwähnten Plan und die bereits darüber angeknuͤpften Verhandlungen mittheilt. 1) Schreiben des HM. an den Erzbiſchof von Riga, dat. Rheden Dienſt. nach Martini 1403 Regiſtr. p. 70. Ueber den eigentlichen An⸗ laß des erneuerten Streites giebt uns der Brief keinen Aufſchluß weiter. Der Erzbiſchof hatte den HM. um Verzeihung gebeten, daß er ſein Stift verlaſſen habe, worauf ihm dieſer erwiederte: da er dabei nur feinen Nutzen und Frommen und nicht des Ordens Schaden geſucht, fo ſey dieß gar nicht gegen ſeinen Willen, denn wo er ſehe, daß der Erz⸗ biſchof fein Beſtes fordern wolle, ohne den Orden zu beeinträchtigen, da
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282 Streit mit d. Erzbiſchofe von Riga (1404). ward zu dieſem Zwecke um Michaelis des Jahres 1404 im Ordenshaupthauſe ein großes Kapitel verſammelt. Da indeß weder der Meiſter von Livland, noch der von Deutſchland er— ſchienen, ſondern beide nur einige ihrer Gebietiger ſandten, um mit dem Erzbiſchofe zu berathſchlagen, ſo konnte es zu keinem feſten Beſchluſſe kommen und der einzige Erfolg des Kapitels war nur eine kurz zuvor durch den Tod des Ordens⸗ ſpittlers Johann von Rumpenheim veranlaßte Wandlung mehrer der oberften Gebietiger, denn in das oberſte Spittler⸗ amt, welches zuvor Konrad von Lichtenſtein nicht voll zwei Jahre und nach ihm Johann von Rumpenheim nur kurze Zeit bekleidet hatten, ward jetzt der bisherige Ordensmarſchall Werner von Tettingen eingewieſen, weil ſeine fortwaͤhrende Kraͤnklichkeit ihm nicht geſtattete, das ſchwere Kriegsamt fer⸗ ner zu fuͤhren. Dieſes wurde jetzt des Hochmeiſters Bruder Ulrich von Jungingen, bisherigem Komthur zu Balga und deſſen Stelle dem Grafen Johann von Sayn, bisher Kom⸗ thur zu Mewe, anvertraut. In dieſes letztere Amt trat dagegen Friederich von Wallenrod, bisher Komthur zu Stras⸗ burg, wodurch Wilhelm von Roſenberg zum Komthuramte zu Strasburg und Ulrich Zenger, der Vogt von Samland, in das Amt zu Memel gelangten.) Uebrigens wurden zur Beilegung des Streites mit dem Erzbiſchofe von Riga noch mehre Jahre hindurch wiederholte Verſuche gemacht und im⸗ mer ohne Erfolg, ſo daß die Verhandlungen ſich bis in die Zeit des naͤchſtfolgenden Hochmeiſters hineinzogen. ” wolle er auch ſelbſt gerne helfen. Ueberhaupt ſpricht ſich im ganzen Tone des Briefes eine gewiſſe Herzlichkeit und Friedſamkeit, keineswegs aber die feindſclige Geſinnung aus, welche Kotzebue B. III. S. 58 auch bei dieſer Gelegenheit dem HM. in den Buſen ſchiebt. 1) Lindenblatt S. 169 — 170 und das Aemterbuch im geh. Arch. 2) Lindenblatt S. 171. urkunde im geh. Arch. Schiebl. XLII. or. 12. Bergmann Magazin für Rußlands Geſchichte B. I. H. 2. S. 29. Nach einer Originalurkunde des Erzbiſchofs, dat. Marienburg am T. des heil. Maͤrtyr. S. Blaſius 1405 im geh. Arch. Schicbl.
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Streit mit dem Biſchofe von Leſlau (1400. 283 Weit leichter wurde ein Streit mit dem Biſchofe von Leſlau entſchieden, der wider Herkommen und Recht von den Pfarrherren ſeines Sprengels in Pommern Zehn⸗ ten von ihrem Zehnten gefordert hatte. Auf ihre Klage darüber beim Hochmeiſter nahm dieſer ſie gegen die unge⸗ rechte Forderung in Schutz, dem Biſchofe erklaͤrend: die Pfarrer unter des Ordens Schirm ſeyen alle mit dem Vorrechte begnadigt, daß ſie frei von allen Taxen, Ge⸗ ſchoß und Satzungen ſeyn ſollten und gegen dieſes Recht dürfe er ſie nicht beſchweren. Dagegen zeigte ſich der Meiſter auch ſehr geneigt, den Biſchof in ſeinen Maaß⸗ regeln gegen unbefugtes Eingreifen der Moͤnche in kirch⸗ liche Angelegenheiten mit Ernſt zu unterflügen; er wuͤnſchte z. B., daß es den Moͤnchen von Rom aus unterſagt werde, Poͤnitencier zu ſetzen, bei denen die Leute ebenſo, wie bei ihren Pfarrern Beichte hoͤrten, oder das gnaden⸗ reiche Jahr zu verkuͤndigen, wodurch fie die Leute zahl: reich in ihre Kloͤſter lockten, ferner auch daß fie keine Taufe verrichten und uͤberhaupt keine Sacramente, die nur einem Pfarrer gehörten, ausüben ſollten. Der Hoch⸗ meiſter fand dieß nicht nur ganz zweckmaͤßig und verſprach, dieſe Beſchraͤnkung der Moͤnche auch in ganz Preuſſen zu verfügen, ſondern er trug daruͤber das Noͤthige auch feis nem Procurator in Rom auf, um dort ein paͤpſtliches Ver⸗ bot gegen die Moͤnche auszuwirken. Nur dem Vorhaben des Biſchofs, den Geiſtlichen einen Beſchirmer zu ſetzen, der ſie zu vertheidigen habe, widerſetzte ſich der Hochmei⸗ ſter, behauptend, daß ja jeder, der einen Geiſtlichen laͤ⸗ ſtere, verletze oder gar toͤdte, vor das geiſtliche Recht ges XLI. nr. 12 verpflichten ſich der Erzbiſchof und Johann Soſt, Propft zu Riga, in Gegenwart des HM. gegen den Livländiſchen Meiſter und einige Livländ. Komthure zu einer auf einem Verhandlungstage zu Dan⸗ zig vorzunehmenden Ausgleichung aller Streitigkeiten zwiſchen dem Erz⸗ ſtift und dem Orden in Livland, ſowie zur Wahl von Schiedsrichtern, wenn dieſer Vergleich nicht zu Stande kaͤme.
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284 Ackerbau und Handel (1404). zogen werde und als Frevler ſeiner Strafe nicht entgehen könne.) Auch ein Blick auf des Landes innere Verhaͤltniſſe, insbeſondere auf das, was im Verlaufe von fuͤnf Jahren durch des Meiſters und feiner Gebietiger Thaͤtigkeit fir Ackerbau und Handel geſchehen war, bietet manches Er— freuliche und Betrachtungswerthe dar. Der Landmann hatte zwar in dieſer Zeit manche ſchwere Laſt ertragen; außer den wiederbegonnenen Kriegsfahrten nach Litthauen und Samaiten hatte bald unguͤnſtige Witterung ihm den Lohn ſeines Fleißes geraubt oder geſchmaͤlert, bald war dem Lande durch peſtartige Krankheiten und große Sterb⸗ lichkeit die Zahl ſeiner Bearbeiter bedeutend gemindert worden; ſo warf z. B. ſelbſt im Jahre 1404, beſonders im Fruͤhling, eine ſeuchenartige Krankheit, die man den Tanewetzel nannte, mit heftigen Kopfſchmerzen verbunden war und die Bruſt durch ſtarkes Huſten ſehr angriff, im ganzen Lande umher eine außerordentliche Menge Menſchen aufs Krankenbette und wenn auch die meiſten von dieſer Krankheit wieder genaßen, fo brachte doch ſchon im naͤch⸗ fen Jahre eine durch naſſe Witterung ſehr beguͤnſtigte Peſtſeuche eine große Zahl von Landbewohnern, beſonders im Kinder-, Juͤnglings- und Greiſenalter ins Grab. 2 Dennoch aber ſtand der Ackerbau und die geſammte laͤnd⸗ liche Betriebſamkeit jetzt in der ſchoͤnſten Bluͤthe, wie ſie vielleicht noch nie geſtanden, denn der Meiſter, die ober⸗ ſten Gebietiger und Komthure der verſchiedenen Landbezirke, die Biſchoͤfe und ihre Domkapitel wetteiferten in ihren Bemühungen, die Landeskultur in ihren Gebieten auf jede Weiſe zu foͤrdern, wilde und wuͤſte Gegenden in urbares Land umwandeln zu laſſen, herrenloſe Beſitzungen an neue Eigenthuͤmer auszugeben und die neuen Landbeſitzer durch 1) Schreiben des HM. an den Biſchof von Leſlau, dat. Auf dem Hofe Sobbowitz am T. Antoni 1403 im Regiſtr. p. 51. 2) Lindenblatt S. 167 und 175.
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Ackerbau und Handel (1404). 285 mancherlei Beguͤnſtigungen und Gerechtſame zur Arbeit zu er⸗ muntern.) Keiner übertraf hierin außer dem Meiſter ſelbſt den edlen Ordensmarſchall Werner von Tettingen, von deſſen raſtloſem Eifer in Gruͤndung neuer Doͤrfer und in Befoͤrde⸗ rung aller laͤndlichen Betriebſamkeit beſonders in Samland noch jetzt eine zahlreiche Sammlung laͤndlicher Verſchreibun⸗ gen redendes Zeugniß geben, denn er ließ ſelten ein herren⸗ loſes Gut über ein Jahr lang ohne Beſitzer. Die Thaten ſeines blutigen Schwertes im Kampfe gegen die Litthauer mag man gerne vergeſſen; aber die Geſchichte bleibt es ihm immer ſchuldig, um ſeiner andern Verdienſte willen ihn als einen der edelſten Maͤnner ſeines Jahrhunderts zu rühmen. Ihm eiferten viele andere nach, und der Erfolg dieſer rege ſamen Bemuͤhungen fuͤr Landeskultur und Ackerbau war eine ungemeine Ergiebigkeit des Landes in allen Getreidegattun⸗ gen, denn wie im Jahre 1406 auf den Kornboͤden und Speichern des Haupthauſes Marienburg nach einer genauen Meſſung nicht weniger als dreitauſend einhundert und fuͤnf⸗ unddreißig Laſt Getreide aufgeſchuͤttet lagen,“ fo hatten im Verhaͤltniſſe auch die übrigen Ordenshaͤuſer ſehr bedeutende orraͤthe, die theils für Zeiten von Mißwachs, theils für bis Handel aufbewahrt wurden. % 1) Zahlreiche Beweiſe hierüber bieten die Verſchreibungsbuͤcher im geh. Archiv. 2) Eine ſehr bedeutende Zahl von laͤndlichen Verſchreibungen des Marſchalls theils im Original, theils in den Verſchreibungsbuͤchern im geh. Arch. 3) Lindenblatt S. 177. Preuſſ. Samml. B. III. S. 233 und Pauli B. IV. S. 242 geben 4130 Laſt an. Fiſcher B. II. S. 383, 4) Wir wollen nur von einigen Ordenshäuſern die damaligen Ger treide⸗Beſtände zuſammenſtellen. Auf der Burg Königsberg lagen im 3. 1404 auf den Sdllern 288 Laſt Roggen, 50 Laſt 20 Scheffel Wei⸗ zen, 25,500 Scheff. Hafer, 1700 Scheff. Gerſte; an Ruͤckſtaͤnden hatte das Haus z. B. noch 1300 Scheff. Gerſte, 522 Scheff. Hafer; auf > Haufe Elbing im J. 1404 an Roggen 510 Laſt, 3000 Scheff. Weizen, 8000 Scheff. Hafer; noch im nämlichen Jahr vermehrt zu 575 Laſt Roggen, 3038 Scheff. Weizen, 18,000 Scheff. Hafer. In Chriſt⸗
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286 Handelsverhaͤltniſſe mit England (190. Dieſer große Reichthum des Landes an Getreide hatte des Meiſters Eifer zur Befoͤrderung des Handels mit dem Auslande immer in regſter Thaͤtigkeit erhalten und es waren daher auch die letzten Zeiten nicht ohne vielfältige Bemuͤhun⸗ gen voruͤbergegangen, die dem Verkehre mit dem Auslande noch entgegenſtehenden Hinderniſſe hinwegzuraͤumen. Vor allem eröffneten ſich jetzt ungleich guͤnſtigere Ausſichten für den Handel mit England, der lange Zeit faſt ganz erdruͤckt bar: nieder gelegen hatte.) Wir ſahen bereits, wie ſeit dem Jahre 1398 aller Verkehr zwiſchen Preuſſen und England beinahe voͤllig unterbrochen war. Die Preuſſiſchen Staͤdte drangen auf den Tagfahrten ſtets mit allem Nachdrucke darauf, daß den Englaͤndern der Tuchhandel auch in den übrigen Hanz ſeſtaͤdten ſtreng verboten werde. Der junge König Heinrich der Vierte von England wuͤnſchte zwar, wie er dem Hoch meiſter ſelbſt kund that, nichts ſehnlicher, als die verderb— lichen Streithaͤndel endlich beigelegt zu ſehen, “ und in ſei— ner näheren Beſtimmung über feine Handelöverhältniffe mit der Hanfe und dem Hochmeiſter hatte er dieſen Zweck vor Augen; allein ſie blieb ohne Erfolg, weil neue gewaltthaͤtige Begegniſſe auf der See zwiſchen den Seefahrern beider Laͤn— der auch immer wieder neue gewaltſame Eingriffe ins Eigen: burg auf den Söllern 511 Laſt Roggen und 88 Laſt Ruͤckſtande, 3240 Scheff. Weizen und 502 Scheff. Ruͤckſtaͤnde, 500 Scheff. Erbſen, 4230 Scheff. Gerſte und 1515 Scheff. Ruͤckſtͤͤnde, 11,200 Scheff. Hafer und 4330 Scheff. Ruͤckſtände. In Balga im J. 1404 Roggen 447 Laſt 23 Scheff., Weizen 18 Laſt 10 Scheff., Malz 1624 Scheff., Hafer 7535 Scheff. In Thorn im J. 1397 Roggen 204 Laſt, Hafer 4000 Scheff., Malz 1500 Scheff. In Danzig im J. 1396 Roggen 336 Laſt, 38 Laſt Ruͤckſtaͤnde, Hafer 4400 Scheff., Weizen 1 Laſt 17 Scheff. In Strass burg im J. 1404 Noggen 422 Laſt und 300 Laſt, die dem Meiſter ge⸗ hörten, 5000 Scheff. Hafer, 8 Laſt Weizen u. ſ. w. 1) Ueber die Urſachen der Handelsfiorungen mit England im Allge⸗ meinen ſ. Sartorius Geſch. des Hanſ. Bundes B. II. S. 581 ff. 2) Auf einem Hanſetag zu Thorn 1399; Hanf, Receſſ. III. p. 381. 3) Schreiben des Königes an den HM. vom 8 Juni 1401 bei R- mer T. IV. p. 7.
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Handelsverhältniffe mit England (1404). 287 thum der Kaufleute veranlaßten. ) Die Wegnahme eines Preuſſiſchen Schiffes hatte ſofort die Beſchlagnahme aller Kaufgüter der Englaͤnder in Preuſſen zur Folge. Man griff zu immer ſtrengeren Maaßregeln, um den Abſatz Eng⸗ liſcher Waaren, beſonders des Engliſchen Tuches zu erſchwe⸗ ren und uͤberhaupt den Kaufmann aus England von allem Verkehre mit Preuſſen abzuſchrecken; denn es ging auf einem Hanſetag ſogar die Beſtimmung durch, daß forthin jedem Kaufmanne neugekauftes Engliſches Tuch ohne weiteres weg⸗ genommen, zum gemeinen Beſten verwendet und hinfüro kei⸗ nem Englaͤnder mehr in einer Stadt Preuſſens Eigenthum und Aufenthalt geſtattet werden ſolle. So weit hatten die gehäffigen, eiferfüchtigen Geſinnungen der Engliſchen. Han⸗ delsſtaͤdte wie gegen alle Fremde ſo auch gegen die Preuſſen, im Zuſammenwirken des wilden Fehdeweſens auch im Han⸗ del und Verkehr, alle kaufmaͤnniſche Handelsthaͤtigkeit er⸗ druͤckt und vernichtet. Erſt mit dem Jahre 1402 nahmen dieſe Verhaͤlt⸗ niſſe je mehr und mehr eine andere Wendung. Da die Schottlaͤnder, deren König Robert der Dritte mit Hein⸗ rich von England im Kriege lag, aus Preuſſen ſich zur Führung ihres Krieges durch Zufuhr an Lebensmitteln und Kriegsbedürfniſſen immer reichlich verſorgten, dem Koͤnige von England aber dieſer Kampf unter den fortwaͤhrenden Unruhen und Verſchwoͤrungen in ſeinem eigenen Reiche nicht minder laftig als gefaͤhrlich war, ſo wandte er ſich an den Hochmeiſter mit der Bitte, dem Koͤnige von Schott⸗ land forthin keine Zufuhr aus Preuſſen mehr zukommen zu laſſen. ) Allein da eben erſt die Englaͤnder von neuem 1) Die Beſtimmung des Königes bei Iymer T. II. P. IV. p. 1723 vgl. Lindenblatt S. 1%. Fiſcher B. II. S. 207. 2) Hanf. Receſſ. II. p. 361; das erwahnte Schreiben des Koͤniges bei Rymer T. IV. p. 7. 3) Sartorius a. a. O. S. 583. 4) Original des Schreibens des Königes an den HM., dat. in Pa- lacio nostro Westmonasterii VII die Decembr. im geh. Arch. Schicbl.
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288 Handelsverhaͤltniſſe mit England (4404). ein Preuſſiſchen Kaufleuten zugehöriges, mit Wein befrach⸗ tetes Schiff weggenommen hatten ? und der Meiſter kaum einſah, warum er bei ſolcher Lage der Handelsverhaͤltniſſe mit England, bloß dem Könige zu Gefallen, feinen Städten auch den Handelsverkehr mit Schottland unterſagen oder auch nur erſchweren ſollte, ſo ſchlug er ihm ſeine Bitte ab, ihm erklaͤrend: ſein Land ſtehe jeglichem achtbaren Handelsmanne jedes Standes offen, wie er es auch ſeinen Unterthanen in andern Landen wuͤnſche; es werde alfo durchaus unpaſſend und unbillig ſeyn, den Schottlaͤndern den Verkehr in Preuſſen zu verbieten, zumal da er mit dem Könige von Schottland in friedlichen Verhaͤltniſſen lebe. Einige ähnliche Mittheilungen beider Fürſten hatten die Folge, daß man die Nothwendigkeit und das Heilſame eines geſicherten und friedlichen Verkehres für beide Laͤn— der immer klarer erkannte. Insbeſondere aber brachte der Hochmeiſter dem Koͤnige fuͤr die neue Belebung des Handels ſo redliche Abſichten und ſo wohlwollende Ge— ſinnungen und Beſtrebungen zur Ausgleichung aller Miß- helligkeiten entgegen, daß ſchon im Jahre 1408 die bis⸗ 83 nr. 4; es iſt im J. 1401 abgefaßt. Unter andern heißt es: Cum igitur Scocie Mercatores ad partes et dominia vestra pro mer- candisis eorum et precipue pro victualibus ibidem emendis in- dies se divertant nec absque vestratuum auxilio vel favore Sco- torum eorumdem indigencie valeat subveniri, Sinceritatem ve- stram requirimus et rogamus, quatinus amodo nullum eis faro- rem aut presidium impendatis, ut clare percipere valeant, quod obtentu federis amicicie quo invicem alligamur, omnem suceur- sum et humanitatis gratiam subtrahitis ab eisdem. 1) Rymer 1. c. P. IV. p. 32, Schreiben der Hanfeftädte an den König v. 14 Juli 1402 in Willebrandt Hanf, Chron. Abth. III. S. 38 — 39; das Schiff war mit 92 Faß Wein für Rechnung zweier Preuſſ. Kaufleute befrachtet; Fiſcher B. II. S. 426. 2) Schreiben des HM. an den König, dat. Marienb. in Octava Corpor. Christi 1402 Regiſtr. p. 42.
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Handelsverhaͤltniſſe mit England (1404). 259 herige Spannung merklich abnahm. Die Städte Preuſ⸗ ſens trugen in ihren Berathungen vor allem auf Genug⸗ thuung des Schadens an, den der Preuſſiſche Kaufmann Jahre lang durch die Englaͤnder erlitten, und es ſchien dieß allerdings die nothwendigſte Bedingung einer fried⸗ lichen Vereinigung. Ein freundliches Schreiben des Kö⸗ niges an den Meiſter hatte bald auch von Seiten der Staͤdte mildere Maaßregeln zur Folge; man beſchloß auf einem Hanſetag zu Marienburg: es ſolle den Englaͤndern ihr in Preuſſen mit Beſchlag belegtes Kaufgut frei ge— geben und deſſen Verſendung nach England erlaubt ſeyn; man wolle zur Ausgleichung des Schadens auch eine Bot⸗ ſchaft an den Koͤnig ſenden; aber bis zu deren Ruͤckkunft ſolle kein Schiff aus Preuſſen einen Engliſchen Hafen bes ſuchen. Man trug darauf den Sendboten auch auf, den Koͤnig zu erſuchen: er moͤge ſeine Kaufleute, ſofern keine Verguͤtung des Schadens erfolge, mit Ernſt vor allem Verkehr mit Preuſſen warnen, weil der Meiſter mit ſei⸗ nen Gebietigern und Städten durchaus alle Gemeinſchaft mit England aufgehoben wiſſen wollte.“ Mit einem Schrei⸗ ben des Hochmeiſters an den Koͤnig, worin er nochmals feinen dringenden Wunſch zur Wiederherſtellung des fried⸗ lichen Verkehres der beiderſeitigen Unterthanen offen aus⸗ ſprach, traten die Sendboten im Sommer 1403 die Reiſe 1) Schreiben des HM. an den König von England, dat. Marienb. secunda die Mensis Junii 1402 Reqiſtr. P. 42. 2) Hanf. Reef, II. p. 386. 391: Item ez den herren von Dantzk bevolen breve an den kouffmann in Flandern, England und Holland czu ſenden, ſy bittende, das ſy dyghene, dy dy unſern in den landen und Jegenoten beſchediget haben, geruchen czu vormanen, das ſy den unfern genug tun vor eren ſchaden, den ſy en getan haben czwiſchen hie und Oſtern und ap des nicht geſchege, das ſie ſie warnen, das ſy nicht mer her int lant komen, wante wir ſulchen ſchaden von en nicht mer lyden wellen. 3) Hakluyt T. I. p. 154. 4) Hanf. Receſſ. II. p. 392. VI. 19
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290 Handelsverhaͤltniſſe mit England (4404). nach England an,” und der Erfolg ihrer Sendung war erfreulich, denn theils durch ihre Bemuͤhungen, theils durch eine zweite Geſandtſchaft des Hochmeiſters an den Koͤnig wurde im Herbſt dieſes Jahres ſchon bewirkt, daß bis Oſtern naͤchſtes Jahres zwiſchen England und Preuſſen freie Schif⸗ fahrt und Handelsverkehr geſtattet ſeyn follten. ? Der Kö: nig verſprach nun zwar, alles noch vorhandene, Preuſſiſchen Kaufleuten entnommene Kaufmannsgut zuruͤckgeben und alles nicht mehr vorhandene den Eigenthuͤmern bezahlen zu wol⸗ len; ? da dieß indeſſen immer nicht erfolgte, fo faßten die Staͤdte Preuſſens von neuem den Beſchluß, fortan wieder jede Handelsgemeinſchaft mit England zu unterſa⸗ gen, keine Ausfuhr aus Preuſſen nach England zu erlauben und diejenigen in ſtrengſte Unterſuchung zu ziehen, die trotz dem Verbote nach England ſegeln würden. ? So ging auch noch das naͤchſte Jahr 1404 voruͤber, ohne daß es zu einer voͤlligen Ausgleichung kam; denn obgleich der 4) Schreiben des Koͤniges von England an den HM. vom 20 Mai 1403 und des letztern Antwort darauf, dat. in castro S. Marie XVI die Junii 1403 in Hanf. Receſſ. II. p. 397 — 399. Der HM. ſpricht fi) gegen den König mit ungemeiner Freundlichkeit aus; er bittet ihn humiliter et devote, quatenus nomine nostri eorum querelas et negocia cum innata regia mansuetudine v. s. dignetur attentius audire nostrosque subditos pauperes sub alis regalis defense tueri auxiliis promotivis, ne tam dampnabilem jacturam suarum rerum incidant et incurrant; ſ. das Schreiben bei Rymer T. IV. p. 46. 2) Das Schreiben des Koͤniges hieruͤber an den Vicount von Kent (Vicecomiti Kantiae) v. 12 Octob. 1403 bei Rymer T. IV. p. 57. Hakluyt T. I. p. 154 erwähnt deſſelben ebenfalls; vgl. vorzuͤglich p. 158. 3) Hakluyt T. I. p. 157 — 158. 4) Hanf. Receſſ. II. p. 402; es heißt unter andern: Dy wyle das der ſchade nicht al beczalet wirt, fo ſal keyn koffmann us Engeland in Preuſſen komen czu kouffflagen und derglichen keyn kouffman noch ſchiff⸗ herr us Pruͤſſen in Engeland ſal komen. Were das enych kouffman us Pruͤſſen gut hette in Engeland adir Engelſche in Pruͤſſen, das ſal yder⸗ man vor Oſtern us dem lande brengen und keynen kouffenſchatz usczufuͤren.
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Handelsverhaͤltniſſe mit England (400. 291 Koͤnig den Meiſter dringend erſuchte, den Englaͤndern wie⸗ der freien Verkehr in Preuſſen zu geflatten, ) fo hielt man doch fortwaͤhrend ſtreng darauf, daß kein Engliſches Tuch weder durch Engländer ſelbſt noch durch Lübeder oder ans dere nach Preuſſen eingeführt werde;? man fand über⸗ haupt bald angemeſſen, alles Engliſche Tuch, von woher es auch ins Land kommen moͤge, zuruͤckzuweiſen, alles noch im Lande ſeyende bis zu einem gewiſſen Tage verkaufen oder ſonſt veraͤußern zu laſſen und ſpaͤterhin ohne weiteres wegzunehmen. Das Verbot der Schiffahrt nach England ward mit größter Strenge aufrecht erhalten ? und man ſuchte nun auch Breslau und Krakau für gleiche Maaß⸗ regeln zu gewinnen. Alle in Danzig ſich aufhaltenden Englaͤnder, welche nicht Danziger Buͤrger waren, mußten das Land raͤumen; es ward verordnet, daß forthin kein Englaͤnder in einer Stadt Preuſſens mehr Buͤrger werden koͤnne.) Und wie hier der Hochmeiſter mit feinen Staͤd⸗ ten in ſolcher Strenge völlig gleichmaͤßig verfuhr, fo war man von Preuſſen aus bemüht, auch unter den ſaͤmmtli⸗ chen Hanſeſtaͤdten ein gleich ſtrenges Verfahren gegen den 10 Schreiben des HM. an den König, dat. Marienb. XVI die mensis Julii 1404 Regiſtr. p. 79 — 80. 2) Hanf. Receſſ. II. p. 414. 3) Bei Hakluyt p. 154 heißt es: All intercourse of traffique betweene the English and the Prussians in the realme of Eng- land, and in the land of Prussia was altogether restrained and prohibited: and in the same land it was ordayned and put in practise, that in whatsoever porte of the land of P russia any English marchant had arrived with his goods, he was not per- mitted to conveigh the sayd goods, out of that porte, unto any other place of the land of Prussia, either by water, or by lande, under the payne of the forfeiting of the same: but was enioyned to self them in the very same porte, unto the Prus- sians onely and to none other, to the great preiudice of our English marchants, 4) Darüber die Beſchluͤſſe im J. 1404 in Hanſ. Receſſ. II. p. 412. 414. 415. 420. 426. 49 *
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292 Handelsverhaͤltniſſe mit England (1401). Engliſchen Handel zu bewirken, um auf ſolchem Wege endlich das Ziel, eine vollkommene Entſchaͤdigung aller er: littenen Verluſte zu erreichen.“ Dieſes durchgreifende Verfahren aber hatte den guten Erfolg, daß im Auguſt des Jahres 1405 drei Bevollmaͤch⸗ tigte des Koͤniges von England, Wilhelm Eſturmy, Jo⸗ hannes Kynton und Wilhelm Brampton vor dem Hoch⸗ meiſter erſchienen, mit dem Auftrage, alle Irrungen, Feind⸗ ſeligkeiten und Handelsſtoͤrungen zwiſchen England und Preuſſen voͤllig auszugleichen, alles was neue Uneinigkeit erzeugen koͤnne, zu beſeitigen und einen neuen Handels: vertrag zwiſchen beiden Laͤndern abzuſchließen.) Die Ver⸗ handlungen wurden alsbald begonnen, doch mit aller bei ſo vielfach verwickelten Verhaͤltniſſen nothwendigen Vor⸗ ſicht. Um die gewuͤnſchte Ausgleichung zu bewirken, war vor allem eine genaue Ermittlung des Schadens nothwen⸗ dig, der zum Theil ſchon nach dem zwiſchen Koͤnig Ri⸗ chard und dem Meiſter Konrad Zoͤllner geſchloſſenen Ver— trage, theils auch in den letzten Jahren noch im Handel verübt worden war; fuͤnf Commiſſarien wurden damit be⸗ auftragt. Weil indeſſen auch die ſtreitigen Handelsver⸗ 1) Nach einem Schreiben der Preuſſ. Städte an die Livland. Staͤdte. 2) Das Original der Vollmacht des Köͤniges, dat. in Palacio no- stro Westmon. undecimo die mensis Maji 1405, regni nostri anno sexto im geh. Arch. Schiebl. 83 nr. 5, bei Aymer T. IV. p. 80 — 81. Die meiſten Streitigkeiten, heißt es, ſeyen entſtanden inter nos, ligeos et subditos nustros et illos de Prucia et alios dieti Magistri subditos quoscum que ratione vel occasione arrestacio- num navium et aliorum vasorum, capeionum bonorum et mer- candisarum nomine marque sive reprisalium. Hanf, Receſſ. II. p. #41. Hakluyt I. c. 3) Die Urkunde des HM. dat. Marienb. vicesima die Mensis Augusti 1405 im geh. Arch. Schiebl. 83 nr. 8. Der HM. ernannte als Commiſſarien den Komthur von Mewe Friederich von Wallenrod, Johannes Rymann Domherrn von Pomeſanien, Gottfried Reber, Jo⸗ hannes Thorn und Tydemann Huxer Rathsherren von Thorn, Elbing
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Handelsverhäftniffe mit England (4404). 293 halrniſſe zwiſchen England und Livland einer genauen Ver- handlung bedurften und dieſe allerlei Hinderniſſe in den Weg legten, uͤberdieß auch mehre Hanſeſtaͤdte beim Hoc): meiſter mit der Bitte eingekommen waren, er moͤge auch ihre Streitſache in die Verhandlungen mit den Englaͤndern hineinziehen, ſo fand man auf einer Tagfahrt zu Marien⸗ burg für zweckmaͤßig, gewiſſe Streitpunkte in den Ber: handlungen zu trennen und dieſe einer ſpaͤtern Berathung zu Dortrecht anheimzuftellen, ” uͤber andere dagegen ſich durch einen Vertrag zu verſtändigen, der auch endlich am achten October des Jahres 1405 durch Vermittlung des Großkomthurs Konrad von Lichtenſtein, des Oberſtſpittlers Werner von Tettingen und des Treßlers Arnold von Hecke.“ auf folgende Bedingungen geſchloſſen wurde: den Kauf⸗ leuten Englands und Preuſſens ſolle es forthin frei ſtehen, in die Häfen beider Laͤnder mit ihren Kaufwaaren einzu⸗ ſegeln und ſolche an jedem Orte, wo ſie wollten, zu ver: kaufen, wie es von alter Zeit herkoͤmmlich geweſen. In Rüͤckſicht der vom Hochmeiſter vor zwei Jahren in zwan⸗ zig Artikeln abgefaßten und dem Koͤnige von England uͤber⸗ gebenen Klagpunkte wegen des den Preuſſen durch Eng: länder zugeſuͤgten Schadens? ſollten verſchiedene dieſer Punkte in der Art, wie es das abgeſaßte Vorſtellen aus weiſe, als verglichen betrachtet werden; uͤber die andern wolle man ſich inskuͤnſtige auf einer im naͤchſten Jahre zu Dortrecht zu haltenden Tagfahrt näher verſtaͤndigen,“ und Danzig, alſo nicht die in der Anmerk. bei Lin denblatt S. 177 unrichtig angeführten Gebictiger. 1) Hanf. Receſſ. II. p. 442. 2) Die Urkunde nennt dicſe ausdruͤcklich. 3) Bei Hukluyt p. 154 heißt es: die Geſandien aus Preuſſen ſeyen damals beim Könige erſchienen requiring amends and recompense for certaine iniurjes uniustly offered by English men unfo the subiects of the sayd Master general, written in 20 articles, which amounted unto the summe of 19120 nobles and a halfe eic. 4) Ueber die beiberfeitigen Forderungen ſ. Fakleyt J. e.
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294 Handelsverhaͤltniſſe mit England (440). wo auch die von den Kaufleuten aus Riga und Dorpat und andern Livlaͤndern den Engliſchen Bevollmaͤchtigten vor⸗ gelegten ſchweren Klagen zur Entſcheidung kommen ſollten. Ferner ſollten die nach Preuſſen kommenden Englaͤnder an alle Satzungen, Anordnungen und Verbote „die der Hochmeiſter im Lande oder die Rathsherren und Vorſtaͤnde der Staͤdte und Ortſchaften vorgeſchrieben, in eben der Weiſe wie des Ordens Unterthanen oder andere Fremdlinge gebunden ſeyn. Es wurde auch feſtgeſetzt, wie die in Preuſſen einzufuͤhrenden Engliſchen Tücher beſchaffen ſeyn ſollten.) Man kam überein, daß die bis zur Tagfahrt in Dortrecht oder auf dieſer weiter zu beſtimmenden Zeit ausgeſetzte Genugthuung und Verguͤtung der Verluſte den Beſchaͤdigten nach Jahresverlauf in gerechter und zuſtaͤndi⸗ ger Art geleiſtet werden ſolle und wenn ſolche nicht er⸗ folge, Preuſſen und Englaͤnder die gegenſeitigen Laͤnder innerhalb drei Monaten mit ihren Guͤtern und Kaufwaa⸗ ren ohne alle Hinderniſſe und Beſchwerden verlaſſen duͤrf⸗ ten. 1) Preterea eciam ordinatum est, quod panni quicumque ve- niles de Anglia ad terram Prussie per mercatores Anglie appor- tati et ex nunc apportandi ac ibidem vendicioni expositi sive in- tegri panni sint sive medii ambos suos fines debent continere. 2) Das Original dieſes Handelsvertrages, dat. Marienburg octa- vo die mensis Octobr. a. d. 1405 im geh. Arch. Schicbl. 83 nr. 9, bei Hakluyt p. 161 — 164. Vgl. Lindenblatt S. 176. Ueber die Verhandlungen einiges in cinem Schreiben des HM. an den Herzog von Burgund im Regiſtr. p. 104; in einem andern Schreiben an dieſen, dat. octava die Octobr. 1405 Regiſtr. p. 106 meldet er uber das Re⸗ ſultat der Verhandlungen: Seitis, quod in data presencium adhue eramus in tractatibus nec ad conclusionem omnimodam propter varia incidentia valuimus pervenire, quamquam ad satisfacien- dum verbo se obtulerint dampnumpassis, tamen ad eflectum consequendum nobis erat necessaria ad allum terminum proro- gacio, videlicet usque post octavas S. Martini in Dordracum, ubi presentibus communibus mercatoribus de Hanza ad hoc per dictos Ambassiatores evocatis, de prorogatis effectualiter respon-
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Handelsverhaͤltn. mit Holland und Flandern (140). 295 Zu dieſem Vertrage gaben auch die Staͤdte Preuſ⸗ ſens ausdruͤcklich ihre Zuſtimmung, da ihnen der Hochmei⸗ ſter zugeſagt, daß auch die Sache der uͤbrigen Hanſe⸗ ſtaͤdte in den Verhandlungen mit einbegriffen ſeyn ſolle und er nur unter der Bedingung mit den Englaͤndern zu Dortrecht ſich einigen werde, daß auch den Hanſeſtaͤdten fur ihren Schaden durch die Englaͤnder hinreichend Ge⸗ nüge geſchehe, und daß der ſo eben geſchloſſene Vertrag keine Gültigkeit haben ſollte, ſofern jene nicht vollkommen zufrieden geſtellt wurden. Da die Engliſchen Sendboten auch die ausdrückliche Zuſicherung gaben, es ſollten fortan dem gemeinen Kaufmanne ſeine Privilegien in England unfehlbar und aufs gewiſſenhafteſte gehalten werden, „jo ward nun die freie Schifffahrt dahin wieder jedem Kauſ⸗ fahrer erlaubt und der Verkehr nach England trat fomit in neues Leben. Die Handelsverhaͤltniſſe zwiſchen Preuffen und Flau⸗ dern hatten ſich, wie fruher bemerkt, ſeit dem Jahre 1399 allerdings etwas guͤnſtiger geſtaltet und der Handel gewann ſeitdem ein ungleich regeres Leben. Zahlreich lie⸗ fen im Jahre 1401 Hollaͤndiſche Schiffe in die Haͤfen des Ordens ein, ſelbſt ohne alle Geleitsbriefe, weil hier im Lande bei dem freundlichen Verhaͤltniſſe des Meiſters und des Herzogs Albrecht von Holland keine Gefahr zu befürchten war.“ Allein in dem naͤmlichen Jahre ſchon debunt. Einiges über den Handel mit England bei De Wal T. IV. P. 239 seq. 1) Hanf. Receſſ. II. p. 444 — 447: Ouch haben ſie (die Send⸗ boten) gelobt, das die privilegien in England dem gemeynen kouffmanne ſunder allerley gebrechen ſullen gehalden werden. Item ſo mag eyn itz⸗ lich kouffmann us dem lande czu Pruͤſen und us den henſeſteten cziglen und vorſuchen das land czu Engeland und dergeliche dy Engelſchen wy⸗ der das land czu Prüfen gelich den andern ſteten als dy vorramunge uswiſet. 2) Schreiben des HM. an Herzog Mbrecht v. Holland, dat. Ma⸗ rienb. am T. Converſ. Pauli Negiſtr. p. 115.
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296 Handelsverhaͤltn. mit Holland und Flandern (1404). drohten dem Verkehre beider Laͤnder wieder neue Hem⸗ mungen, denn es wurden nicht nur mehrmals Preuſſiſche Schiffe von Hollaͤndern ihrer Ladung beraubt und unge⸗ achtet aller Anforderungen kein Erfas dafür geleiſtet, “) ſondern es wirkten bald auch die Streithaͤndel, die da⸗ mals zwiſchen Herzog Albrecht und den Hamburgern ob⸗ walteten, hoͤchſt nachtheilig auf den Handel Preuſſens. Da der Herzog allen Verkehr mit Hamburg aufs ſtrengſte unterſagt und jeden Flamlaͤnder, der nach Hamburg oder in die Elbe ſegeln oder Hamburgiſches Gut fahren werde, für feinen Feind erklärt hatte, fo verlangten die Ham⸗ burger, daß den Unterthanen des Herzogs aller Handel mit Preuſſen und denen des Ordens aller Verkehr nach Holland verboten werde.“ Somit wurde das kaum er⸗ wachte Handelsleben beider Laͤnder wieder gaͤnzlich erſtickt worden ſeyn. Um ſo mehr bemuͤhte ſich nicht allein der Hochmeiſter, den die Hamburger um Vermittlung des Streites gebeten, dem Herzoge die empfindlichen Nach⸗ theile feiner Maaßregel für den geſammten Handelsver⸗ kehr aufs nachdruͤcklichſte vorzuſtellen, “ ſondern die Städte Preuſſens beſchloſſen auch auf einer Tagfahrt zu Marien: burg, den Herzog wo moͤglich mit den Hanſeſtaͤdten wie⸗ der auszuſoͤhnen und insbeſondere den Frieden zwiſchen ihm und Hamburg wiederherzuſtellen.“ Ohne ſich daher auf das Geſuch der Hamburger weiter einzulaſſen, viel⸗ mehr ihnen erklaͤrend: Preuſſen ſey ein freies Land, wo⸗ bin des Herzogs Unterthanen eben fo gut als die Ham⸗ burger frei und ungeflört Handel treiben konnten, trug 1) Wie der HM. ſelbſt in dem erwähnten Schreiben klagt. 2) Schreiben des HM. an Luͤbeck, dat. Marienb. am T. Converſ. Pauli Regiſtr. p. 114. 3) Schreiben des HM. an den Herzog v. Holland vom naͤml. Da⸗ tum ebendaſ. p. 115 und ein gleiches Schreiben an die Staͤdte Dortrecht, Harlem u. a. in Holland p. 116. 4) Hanf. Receſſ. II. p. 366, 5) Die Preuſſ. Städte melden nach Livland: Der HM. habe auf
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Handelsverhaͤltn. mit Holland und Flandern (1404). 297 der Meiſter der Stadt Thorn, welche nebſt Amſterdam, Dortrecht und Luͤbeck die Schlichtung der erwaͤhnten Streit⸗ haͤndel übernommen hatte, auf, ſich der Wiederherſtellung des Friedens zum gemeinen Beſten mit allem Eifer an⸗ zunehmen, was der Herzog durch guͤtige Aufnahme des Bevollmaͤchtigten aus Thorn auch aufs dankbarſte aner⸗ kannte.) Je geneigter ſich aber hierin der Hochmeiſter dem Herzoge gezeigt, um ſo entſchiedener verlangte man von Seiten der Staͤdte, ſelbſt mit Drohungen der Wie⸗ dervergeltung, Erſatz fuͤr den durch Hollaͤnder Preuſſiſchen Seefahrern zugefuͤgten Schaden; man ging zu Rathe, ob man in Preuſſen nicht eben fo viel Hollaͤndiſches Kauf⸗ gut in Beſchlag nehmen ſolle, als der Schaden der Preuſ⸗ ſen betrage, oder ob man den Hollaͤndern den Handel nach Preuſſen bis auf weiteres nicht gaͤnzlich unterſagen müffe. ? Man kam indeſſen nie zu ganz kraͤftigen Maaß⸗ regeln, denn der Hochmeiſter war im Ganzen immer mehr zur Ausgleichung auf guͤtlichem Wege geneigt, weshalb auch die Schifffahrt nach Flandern noch fort und fort im Gange blieb, ſo daß auch noch in den Jahren 1404 und 1405 bedeutende Ladungen von Guͤtern, deren Aus⸗ fuhr eigentlich verboten war, aus Preuſſen dahin abgins gen, wovon die Hanſeſtaͤdte für ihren Handel großen Scha⸗ den befuͤrchten und ſich deshalb bei den Staͤdten Preuſſens ſchwer beklagten.“ Der Hochmeiſter hatte hiezu ausdruͤck⸗ die Forderung der Hamburger erklärt: „her hedde eyn vry land und gun⸗ de des herthogen luden in ſynem lande to kopen und to vorkopen, und desglichen den von Hamborg und den eren und wolde ok ymandt ut Prüſſen in Holland, Zeland edder to Hamborg zegelon, dat müchten fie don ane vaer.“ 1) Schreiben des HM. an den Herzog von Holland, dat. Kyſchau Sonnab. nach Viti und Modeſti 1401 Regiſtr. p. 30 — 31. 2) Hanf. Receſſ. II. p. 386. 391. 3) Die Preuſſ. Städte hatten den Alterleuten der Hanſe zu Bruͤgge gemeldet, daß ſie taglich erfuhren, daß viele verbotene Güter aus Preuf- fin nach Holland, Secland und in bie Beilande geführt würden, und
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298 Vitalienbr. u. Seeraͤuber in d. Oft: u. Nordſee (1404). lich die Erlaubniß, aber damit zugleich auch Anlaß zu mancherlei Mißhelligkeiten zwiſchen ihm und den Bundes⸗ ſtaͤdten der Hanſe gegeben. Es war ſeit langer Zeit zum erſtenmale, daß der Hoch⸗ meiſter in Handelsangelegenheiten nicht im Einklange mit den Hanſeſtaͤdten ſeines Landes und den Verordnungen der Seeſtaͤdte uͤberhaupt geradezu entgegen handelte; denn bisher hatte er im Intereſſe ſeiner wichtigſten Handelsſtaͤdte immer von ſelbſt ſchon auch das gemeinſame Intereſſe der Hanſeati⸗ ſchen Seeſtaͤdte gerne und foͤrderlich im Auge behalten. Doch auch jetzt gingen in weſentlichen Verhaͤltniſſen des Handels⸗ verkehres die Beſtrebungen Beider keineswegs auseinander; vielmehr wo es Noth that und das allgemeine Beſte der Han⸗ delswelt zu foͤrdern war, ſtand der Hochmeiſter niemals als der letzte da. Er bewies es häufig in feinem eifrigſten Be⸗ muͤhen um die Befriedung der See und die Sicherſtellung des Seefahrers gegen die immer noch zahlreich umherſchwaͤr⸗ menden Seeraͤuber und um das Aufbringen der hierzu benoͤ⸗ thigten Beiſteuern und anderer Mittel in ſeinem eigenen Lande. Des Hochmeiſters naͤchſter Zweck bei der Eroberung Gothlands, die Vernichtung dieſer gefaͤhrlichen Raͤuberhei⸗ mat und die Vertreibung des dort verſammelten zahlreichen Raubgeſindels war zwar erreicht; allein dieß hatte dem raͤu⸗ beriſchen Unweſen auf der offenen See noch keineswegs Graͤn⸗ ze geſetzt. Nicht einmal die Oftfee hatte bis jetzt völlig ger ſaͤubert werden koͤnnen; die Nord ſee aber, wohin ſich ſeitdem der größte Theil der hier vertriebenen Raubgeſellen geflüchtet hatte, wurde von nun an erſt recht eigentlich der Sammel⸗ um genauere Nachrichten daruͤber gebeten. Die Alterleute nennen eine Anzahl Schiffer, die ſeit einiger Zeit dorthin gekommen feyen „und heb⸗ ben dar hemeliken gebrocht vele aſchen in biertonen, Pick und theer, ok in andern vaten.“ Ein Schiffer ſey nach Dortrecht mit viel Flachs ge⸗ kommen, welcher dem Scheffer von Königsberg gehöre, und „ok to Am⸗ ſterdam fin vele ſcheze geweſet mit ſulken vorbodenen gude. Aldus fo brenghen fe hemeliken ſulkes gudes alfe vele, dat des hyr noch in Eng⸗ land neyn ghebrek en is.“
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Pitalienbr. u. Seeräuber in d. Oſt- u. Nordſee (1404). 299 punkt dieſes verderblichen Raubvolkes. Schon im Jahre 1398 auf einer Tagfahrt zu Lubeck hatten die Hanſeſtaͤdte beſchloſſen, in einer gemeinſamen Unternehmung und mit all⸗ vereinten Kräften dem Unweſen des Raubgeſindels wo moͤg⸗ lich überall ein Ende zu machen.) Die Sache war fuͤr den Handel Preuſſens viel zu wichtig, als daß nicht auch der Hochmeiſter ſammt ſeinen Staͤdten für das erwuͤnſchte Ziel alles hätte aufbieten ſollen. Man kam auf einer Tagfahrt zu Marienburg uͤberein: das ganze Land ſolle eine Mann⸗ ſchaft von zweitauſend Kriegsleuten ſtellen, um damit zehn große und dreißig andere Schiffe zu beſetzen. Die Preuſſi⸗ ſchen Hanſeſtaͤdte übernahmen die Ausruͤſtung von vierhundert und der Hochmeiſter die von hundert Mann auf eigene Koſten und eigenen Sold. Danzig und Koͤnigsberg ſollten die Hauptleute für die Städte und Herrenſchiffe aus den vor⸗ nehmſten ihrer Bürger wählen. ? Man erwartete von ſol⸗ chen Anſtrengungen wichtige Erfolge, zumal wenn die Gee- ſtaͤdte ſich gleichmäßig ruͤſten und ihre Streitkraͤfte mit denen aus Preuſſen vereinigen möchten. Nachdem man ſie von hier aus zur Beihüͤlfe aufgefordert,“ ſegelten die Friede⸗ ſchiffe aus Preuſſen zur Unternehmung aus. Ihr naͤchſtes Streben, die Säuberung der Oſtſee, blieb nicht ohne Erfolg, denn es zogen nicht nur abermals große Haufen der bis⸗ her noch in Schlupfwinkeln verborgenen Seeraͤuber in die Nord ſee hinüber oder entflohen an weiter entfernte Kuͤſten, ſondern man zwang auch die Herzoge Barnim und War⸗ tislav von Stettin zu einem Vertrage, worin ſie verſpra⸗ 1) Pontan. rer. Danic. histor. p. 333 — 534, Jaeger I. c. p. 22. Tragigeri Chron. Hamburg. ap. Wesiphalen T. II. p. 1319, 2) Hanf. Receſſ. II. p. 308. III. p. 329 — 330; 3) Hanf. Receſſ. III. p. 313. III. p-337, wo es heißt: Das erſte ez den Sendeboten bevolen den ſteden czu ſagen, das unſer here der Ho⸗ meiſter dy were in dy Zee gemacht hat, das hat her dem gemeynen kouffmanne, dy ſyn land vorſuchen, zu lobe und czu fromen getan, das her unbeſchediget blebe und wolden fy dorczu Ir hülfe fenden, das ſege her gerne und were Im czu willen.
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300 Vitalienbr. u. Secraͤuber in d. Oft: u. Nordſee (1400. chen, die Seeraͤuber, welche bisher von ihren Haͤfen aus ſowohl dem Orden als dem gemeinen Kauffahrer der Hanſe vielen Schaden zugefügt, forthin nicht weiter zu herber⸗ gen und in Schutz zu nehmen weder in noch außer ihren Häfen, und den Vitalienbruͤdern auf keine Weiſe mehr zu geſtatten, von ihren Häfen aus und mit ihrem Willen die Schiffe des gemeinen Kauſmannes aufzugreifen und auszuplündern.“ Mittlerweile aber war die Nordſee von den gefluͤch— teten Raubhorden weit und breit uͤberzogen worden. Ihr Hauptſammelplatz war Friesland, wo man ſie waͤhrend des Krieges der Frieſen mit den Hollaͤndern zu deren Schaden nicht nur gerne aufnahm und beherbergte, ſon—⸗ dern ſelbſt manche maͤchtige Haͤuptlinge des Landes, wie Wyzold then Brock, Keno then Brock, Edo Wimke von Ruͤſtringen, Enno von Norden u. a. ſich bald an ihre Spitze ſtellten, bald ihnen wenigſtens ihre Haͤfen oͤffneten und ſie mit Schiffen und andern Beduͤrfniſſen verſorgten, theils um ſich ihrer gegen die Feinde des Landes zu be— dienen, theils ſich mit ihrem Raube zu bereichern, indem 1) Der Vertrag, dat. Auf dem Neuentief am Freit. vor Himmel⸗ fahrt 1398 in Hanf. Receſſ. II. p. 316; er wurde abgeſchloſſen mit dem Komthur von Schwez Johann von Pfirten, dem Komthur von Schoͤn⸗ fee Arnold von Buͤrgeln, dem Großſchaͤffer von Marienburg Johann Thiergarth und Konrad Letzkau Rathmann zu Danzig. Die Herzoge ver⸗ ſprachen ihnen: „das wir durch Irer bethe, fruͤntſchaft und frydes wil⸗ len von uns loſſen wollen und haben geloſſen dy Zecrouber, dy den or⸗ den und den ghemeinen kouffman und dy Ire beſchediget haben in der Zee und wollen ſye noch diſer czyt nicht mer vortedinghen noch veyligen weder in noch us unſern havenen, dywile wir ſitzen mit dem orden und dem gemeynen kouffmann in zotaner eyntracht, fryde und fruͤntſchafft. Ouch zo ſal nymand von den vitalienbrüdern adir Zeeroubern vorgenant keynen ſchaden tun us noch in unſern havenen mit unſerm adir der unſern wille. Weres adir das ymand doboben keynen ſchaden tete dem Orden adir dem gemeynen kouffman us adir in unſer hafen und dornoch ymand qweme, der do clagen welde, dem zolle wir und wollen richten eyne unvorczogen Rechtis.
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Vitalienbr. u. Seeraͤuber in d. Oſt- u. Nordfee (1404). 301 fie ſich gewöhnlich durch einen Antheil an ihrer Beute an⸗ ſehnlich bezahlen ließen.) So war auch dort bald kein Kaufmann auf der See gegen fie mehr ſicher. Die Hanſe⸗ ſtaͤdte ſandten zwar bewaffnete Flotten gegen ſie aus; ſey es aber, daß dieſe nie zuſammenwirkten, oder daß die Raub⸗ ſchaaren zu zahlreich waren oder vielfach zerſtreut immer nur einzeln bekaͤmpſt werden konnten: die Unternehmungen hatten nur den Erfolg, daß das Raubvolk immer kecker und trotziger ward.) Es waren daher auch in Preuſſen immer wieder Vorſichtsmaaßregeln nothwendig; um die Oſtſee zu ſichern und zu verhuͤten, daß ſich das Raub⸗ volk nicht auch hier wieder in zahlreicheren Horden ein⸗ finde, ward beſchloſſen, von neuem Wehrſchiffe in die See zu ſenden.) Danzig ward von den übrigen Staͤd⸗ ten beauftragt, ſowohl auf eigene als der andern Staͤdte Koſten mit Beihilfe des Pfundgeldes und Beiſteuer des Hochmeiſters eine Anzahl Friedeſchiffe auszuruͤſten und in die See zu legen. Zwei Hauptleute aus Danzig und Elbing erhielten den Oberbefehl mit Beirath von vier der vornehmſten Bürger der andern Städte.” Der naͤch⸗ fie Angriff geſchah auf einen Haufen Vitalienbruͤder, die ſich jungſt erſt wieder zu Wolgaſt verſammelt und von dort aus vielen Schaden veruͤbt hatten; ſodann gelang es den Wehrſchiffen auch uͤberhaupt, die Oſtſee mehr und mehr zu fäubern, obgleich es noch mehre Jahre hindurch immer wieder nöthig war, dieſelbigen Maßregeln zu er⸗ 1) Detmar B. I. S. 384. Wiarda Oſtfrieſ. Geſchichte B. I. S. 365. 366. 367. Trazigeri Chron. IIamburg. ap. Westphalen T. 1. p. 1319. 2) S. oben S. 112. 3) Hanf. Receſſ. II. p. 329 — 330. III. p. 345 — 346. 4) Hanf. Receff. II. p. 337. III. p. 367, wobei es heißt: Vort⸗ mer iſt obireyn getragin, wenn man ſendebotin adir houptluͤte buſſin usrichtin unde ſenden ſal, ſo ſullen dy ſtete ſelbir dy kore derſelbin ha⸗ bin, alſo das dy kore vortmer nymer ſal komen vor den herren Homeiſter. 5) Hanſ. Receſſ. II. p. 339. III p. 374.
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302 Vitalienbr. u. Seeraͤuber in d. Ofts u. Nordſee (1404), neuern, um bald hier bald dort neugeſammelte Raͤuber⸗ haufen auseinander zu treiben und zu vernichten. Und bei allen dieſen bedeutenden Anſtrengungen, de⸗ nen ſich Preuſſen Jahrelang zur Befriedung der Oſtſee unterzog, verſaͤumten der Hochmeiſter und die Preuſſiſchen Bundesſtaͤdte doch auch keineswegs, theils im Intereſſe ihres uͤber die Nordſee verbreiteten Handels, theils aus Pflicht ihres Bundesverhaͤltniſſes zur Hanſe die nordiſchen Seeſtaͤdte bei der Bekaͤmpfung der Vitalienbruͤder und See⸗ raͤuber in der Nordſee ſo kraͤftig als moͤglich zu unter⸗ ſtuͤtzen, denn wenn gleich es den Hanſeſtaͤdten endlich auch gelungen war, einige der vornehmſten Frieſiſchen Haͤupt⸗ linge, wie Wyzold und Keno then Brock zu dem Ver— ſprechen zu bewegen, die um ſie verſammelten Haufen zu entlaffen, ” fo hatte ſich doch dadurch deren Zahl und Küͤhnheit keineswegs verringert. Es ward daher auf den Tagfahrten der Seeſtaͤdte in den Jahren 1398 und 1399 wiederholt der Beſchluß gefaßt, bewaffnete Flotten gegen ſie in die See zu ſenden und vor allem die Frieſiſchen Kuͤſten zu fäubern.? Man erſuchte auch den Hochmei⸗ ſter um Beihilfe? und die Preuſſiſchen Bundesſtaͤdte er⸗ klaͤrten ſich gerne bereit, die Koſten der Ausruͤſtung der Schiffe nach Gebuͤhr und alter Satzung, wie die andern Hanſeſchweſtern, mit beſtreiten zu wollen.) Als daher 1) Darüber manche nicht unwichtige Verhandlungen, beſonders den lange Zeit ſehr gefuͤrchteten Wyzold then Brock (oder wie ihn die Receſſe nennen: von dem Broke) betreffend, in Hanf, Receſſ. II. p. 344. Jae- ger I. c. p. 23. Willebrand Hanfı Chron. Abth. III. p. 37. Wiar⸗ da B. I. S. 368. 2) Han, Receſſ. II. p. 353. Detmar B. I. S. 391. Jaeger p- 24, Traziger Chron. Hamburg. I. c. 3) Jaeger p. 23. 4) Hanf, Reteſſ. II. p. 354. III. p. 388, wo es heißt: Es iſt vorramet uff der herren von Luͤbeck und Hamborg briff alz von den ſchif⸗ fen uff der Elven usczumachen, dy Zeerouber czu ſuchin, das wir dy koſte, was das koſtet, nach geborniffe und nach der aldin ordinancie mite beczalen wellen und das man yo dy Zeerouber ſuche und In volge.
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Vitalienbr. u. Seeraͤuber in d. Oſt- u. Nordſee (1404). 303 im Jahre 1400 Hamburg und Lübeck endlich mit gebuͤh⸗ rendem Ernſte ruͤſteten und in Verbindung mit mehren andern Staͤdten eine große Schaar Vitalier an der Mün⸗ dung der Ems uͤberfielen, deren eine bedeutende Zahl er⸗ ſchlugen, andere gefangen nahmen und hinrichteten, “ ſteuerten gerne auch die Preuſſiſchen Staͤdte, erfreut über diefen Sieg, die namhafte Summe von neuntauſend und vierhundert Mark zu den Koſten dieſer Unternehmung bei.) Sie hatte zwar die erfreuliche Folge, daß viele der Frieſiſchen Häuptlinge, durch den nachdruckvollen Ernſt der Hanſeaten erſchreckt, ihnen das feſte Verſprechen ga⸗ ben, die Vitalier aus ihren Gebieten vertreiben, ſie nie wie⸗ der in ihren Landen hegen und wo die Räuber irgendwo von jemand aufgenommen würden, mit aller Kraft zu ihrer Zer⸗ ſtreuung und Vernichtung mitwirken zu wollen; 9) allein vers tilgt war damit das vielkoͤpfige Ungeheuer noch keineswegs. Die Hauptanfuͤhrer der Korſaren waren entkommen; die Fehde der Hamburger mit Herzog Albrecht gab ihnen neue Gelegenheit, ihre Zahl zu vermehren und ihre Kraͤfte zu ver⸗ fiärfen. Ihre Näubereien nahmen daher auch bald wieder gewaltig. uͤberhand, weshalb der Hochmeiſter, den man in dieſer Fehde zum Vermittler und Schiedsrichter aufgerufen, in ſeinem Vorſtellen an den Herzog vor allem auch den großen Nachtheil hervorhob, den der Handel durch ſeine feindlichen Maaßregeln gegen die Hamburger erleide, weil er die See⸗ 4) Lamb. Alardi Res Nordalbing. ap. Westphalen Monum, inedita rer. German. T. I. p. 1822. Jaeger P. 25. Wiar da B. I. S. 369; beſonders war es auch der Graf Konrad von Oldenburg, der die Vitalier mehre Jahre in feinem Gebiete hegte und ſchirmte und von den Hanſeaten deshalb gemahnt wurde, ſ. Sum T. XIV. p. 663. 2) Hanf. Reccſſ. II. p. 364. 3) Willebrand a. a. O. Dreyer Specimen iur. publ. Lubec. p. 229 — 230, Jaeger p. 25 — 30. Traziger Chron. Hamburg. p- 1320. 4) Wiarda B. I. S. 370.
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304 Vitalienbr. u. Seeraͤuber in d. Oft: u. Nordſee (1404) raͤuber gegen ſie in Sold nahm. 10 Zweimal ruͤſteten die Hamburger im Jahre 1402 anſehnliche Flotten gegen ſie aus und zweimal errangen fie glänzende Siege; eine große Anzahl von Raͤubern wurden abermals theils im Kampfe er⸗ ſchlagen, theils gefangen und enthauptet.) Die Preuſſi⸗ ſchen Städte, damals gerade in Verbindung mit den Li: beckern mit Ausruͤſtung einer Anzahl von Wehrſchiffen gegen den Herzog von Bart, der nicht nur einen Hanſeatiſchen Ge- ſandten aus Preuſſen, Johann von der Merſe, aufgefangen und für feine Ausloͤſung fuͤnftauſend Mark gefordert, ſon⸗ dern auch überhaupt dem ſeefahrenden Kaufmanne viel: faltig Schaden zugefügt hatte, aufs thaͤtigſte beſchaͤftigt, konnten zwar den Hamburgern keinen Beiſtand leiſten; ſie erklaͤrten ſich indeſſen bereit, forthin auf vier Jahre zu jeder Unternehmung gegen die Seeraͤuber und ſuͤr jede Stadt, welche die in ihrer Nähe befindlichen Raubge⸗ ſellen verfolgen werde, einen Theil der Koſten nach alter Gewohnheit mitzutragen.“ Der Handel zwiſchen Preuſſen und Friesland, be: ſonders zwiſchen Danzig und den Gebieten von Dftergo und Weſtergo, war natuͤrlich unter dieſen Verhaͤltniſſen Jahrelang faſt gaͤnzlich gehemmt geweſen. Verſchiedene Raͤubereien an Preuſſiſchen Schiffen hatten auch von hier aus mancherlei Mißhelligkeiten erzeugt. Nun wuͤnſchten zwar die Bewohner jener Gebiete den Handelsverkehr mit den Staͤdten Preuſſens wieder anzuknuͤpfen und baten des⸗ 1) In dem ſchon erwähnten Schreiben des HM. an den Herzog Albrecht vom J. 1401. 2) Detmar B. II. S. 462. Chron. Slavica ap. Lindenbrog p. 211. Traziger Chron. Hamburg. p. 1322, Bothon. Chron. Brunswic. pietur. ap. Leibnitz Script. rer. Brunsw. T. III. p. 394. Jaeger p. 31 — 33. Wiarda S. 370, 3) Die Verhandlungen über die Ausſendung der Wehrſchiffe gegen den Herzog in Hanf. Receſſ. V. p. 8. 21 — 22. 31. 4) Schreiben der Preuſſ. Städte an die Seeſtädte v. J. 1403 in Hanf. Receſſ. V. p. 50 — 51.
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Vitalienbr. u. Seeräub. in d. Oſt⸗ u. Nordſee (1404). 305 halb den Meiſter um freien und ſichern Verkehr in ſeinen Landen; allein die Verhaͤltniſſe ſchienen dieſem noch keines⸗ wegs geeignet, auf die ihm vorgeſchlagenen unſicheren Bedingungen den Handel ſeiner Staͤdte nach Friesland wieder vollig frei zu geben.) Es kam hinzu, daß außer der allgemeinen Unſicherheit der Nordſee uͤberhaupt, den Preuſſiſchen Stätten von Luͤbeck aus im Jahre 1405 die Nachricht gemeldet wurde, daß ſich in Friesland die See⸗ raͤuber von Tag zu Tag abermals mehrten und verſtaͤrk⸗ ten, und daß es dem Kaufmanne zu unverwindlichen Schaden gereichen muͤſſe, wenn nicht, bevor das Raub⸗ volk die See von neuem uͤberziehe, durch kraͤftige Mittel dem Raubweſen geſteuert werde. Man hörte ſogar, daß Frieſen eine Anzahl Schiffe mit der ausdrücklichen Weiſung auf die See ausgeſandt haͤtten, vor allem die Seefahrer Preuſſiſcher Städte, wo fie fie faͤnden, aufzu⸗ greifen und auszuplündern.® So bereitwillig ſich daher auch die Staͤdte Preuſſens erboten, die uͤbrigen Hanſe⸗ ſchweſtern in ihren Unternehmungen zur Vernichtung des Räubervolkes, weil fie nicht ſelbſt Theil nehmen koͤnnten, mit Geld und Gut nach Gebuͤhr und Ordnung aufs kraͤf⸗ tigſte unterſtuͤtzen zu wollen, 9 fo wiederholten ſich doch auch in den naͤchſten Jahren immer noch dieſelben Kla— gen Über den großen Schaden, den die Vitalier aus Friesland dem ſeefahrenden Kaufmanne durch Raub und Mord zugezogen, denn es fehlte in den meiſten Un⸗ J) Schreiben des HM. an die Prälaten, Greetmanne und Mitrich⸗ ter der Lande Oſtergo und Weſtergo, dat. Elbing Sonnab. vor Miſeri⸗ cord. 1402 Regiſtr. p. 37. Schreiben derſelben an den HM. dat. Weſt⸗ ergoland am Abend Puriſic. Maria 1403 im geh. Arch. Antwort des HM. dat. Marienb. Dienſt. vor Oſtern 1403 Regiſtr. p. 60. 2) Schreiben der Luͤbecker, Hamburger und Roſtocker an die Preuſſ. nu feria secunda post circumcis. dni 1405 Hanf, Receſſ. V. P. a 3) Hanf, Reteſſ. II. p. 439. 4) Hanſ. Receſſ. II. p. 446. 459 — 460. VI. 20
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306 Vitalienbr. u. Seeraͤub. in d. Oft: u. Nordſee (14014). ternehmungen der Hanſeſtaͤdte an einem kraͤftigen Zuſam⸗ menwirken, um dem Uebel mit Nachdruck zu ſteuern.“ Mit welchen außerordentlichen Koſten und Opfern alle dieſe Bemuͤhungen zur Sicherung der See verbunden waren, iſt leicht begreiflich. Zwar wurden ſie in der Regel meiſt durch die ſchon früher erwähnte Abgabe des ſ. g. Pfundgeldes beſtritten; allein eines Theils reichte dieſes bei weitem nicht immer zur Deckung der Koſten zu und es mußte dann bald auf die Staͤdte oder auch auf das ganze Land noch ein beſonderer Schoß gelegt wer: den, “ oder der Hochmeiſter und die Hanſeſtaͤdte des Lan⸗ des mußten ſich zu außerordentlichen Beiſteuern verſtehen; andern Theils blieb es immer eine den Handelsverkehr ſehr belaͤſtigende Auflage und ihre Erhebung mit vielfachen Schwierigkeiten verbunden, die von Zeit zu Zeit immer neue Verordnungen nothwendig machten. Man war uͤber⸗ eingefommen, jedermann ſolle ſowohl bei dem Eins als Auslaufen der Schiffe das Pfundgeld auf feinen Eid ge: ben, die Schiffsherren von ihren Schiffen nur das halbe, von ihrem andern Gute aber gleich den Kaufleuten.) Bei der Erhebung mußten jeder Zeit zwei Rathsherren aus zwei Hanſeſtaͤdten die Aufſicht führen. In der Regel wurde der ſtaͤrkſte Betrag in Danzig erhoben, weil da⸗ mals ſchon der Handel Danzigs in der hoͤchſten Bluͤthe 1) Wenn Jaeger p. 33 nach dem J. 1402, in welchem die Ham⸗ burger einen wichtigen Sieg uͤber eine große Zahl von Vitaliern errun⸗ gen hatten, ſagt: Qua quidem majorum nostrorum contentione, constantia et severitate eflectum est, ut drevi mare pacatum haberetur, et quae superessent praedonum reliquiae, facilius postea submoveri a litturibus aut in ordinem cogi pussent, fo möchte dieſe Behauptung durch unſere Qucllen leicht widerlegt werden konnen, denn es konnte gezeigt werden, daß man vom J. 1403 an bis nach dem J. 1410 noch fortwährend mit den Vitalienbruͤdern auch in der Nordſce zu kämpfen hatte. Cf. Traziger Chron. Hamborg. p. 1324. 2) Hanſ. Receſſ. II. p. 269. 3) Im Hanf. Neceſſ. II. p. 268 vom J. 1395.
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Vitalienbr. u. Sceraͤub. in d. Oft: u. Nordſee (1404). 307 ſtand.) Das Geſchaͤft war mit einer Menge aͤrgerlicher Streitigkeiten verbunden, wenn z. B. die Leute des Groß⸗ ſchaͤffers die Entrichtung verweigerten oder auch fremde Kaufleute die Zahlung nicht leiſten wollten oder Unter⸗ ſchleife getrieben wurden, in welchen Fällen entweder die Staͤdte ſelbſt oder der Hochmeiſter die Entſcheidung gaben. 2 Mitunter erhoben die Seeſtaͤdte auf ihren Zagfahrten auch Klage daruber, daß in Preuſſen das Pfundgeld ohne ihre Zuſtimmung gefordert werde und die Preuſſiſchen Staͤdte mußten ſich dann rechtfertigen.“ Um die Koſten zu gro⸗ ßen Unternehmungen zu beſtreiten, wurde das Pfundgeld zuweilen auch erhoͤht; dieß geſchah z. B. im Jahre 1398, als die Staͤdte Preußens noͤthig fanden, den Seefahrer auf dem Meere und den Kaufmann auf Schonen und Bornholm mit einer ſtaͤrkern Seemacht zu ſchuͤtzen, wors auf es aber im naͤchſten Jahre wieder um den dritten Pfennig vermindert ward. Außerdem beſtritt man haͤu⸗ 1) So entrichtet im J. 1396 Danzig 510 Mark, Thorn 164 Mark, Elbing 26 Mt, Braunsberg 24 Scot; Königsberg ſtellte dießmal keine Berechnung; im 3. 1397 Danzig 376 Mrk, Thorn 96, Elbing 41, Braunsberg 2 Mark 19 Denare, Königsberg 13 Mrk weniger 4 Scot. Ueber die Wichtigkeit Danzigs in Beziehung auf den Handel ſ. Sart o⸗ rius B. II. S. 99. 2) Hanf. Receſſ. II. p. 293. 294, 298. 3) In einem ſolchen Falle antworteten ſie einmal: das ſie das pfunt⸗ geld genommen hedden to behuff der Stede des landes to Pruͤſſen umb der koſte wille, dy ſie gedaen hadden und noch alle dage doen muſten umb des gemenen kopmans willen, wante ſy ez anders ncht vormochten von erer Stede wegen zodane koſte tho dornde. Hanf. Receſſ. II. p. 300. Sartorius B. II. S. 112. 4) Hanf, Receſſ. II. p. 313. III. p. 337. 5) Hanf. Neceſſ. II. p. 330: Czu der were in dy Zee czu machen, Tal das pfuntgelt alzo bliben ſtrende bis uff Petri ad Kathedram und ob an dem pfuntgelde gebrechen wirt fon, den gebrechen ſal unſer herre Ho⸗ meiſter halb usſten und dy ſtete halb, ſunder noch Petri ſal man das pfuntgeld geringhen noch Rote unſers hern Homeiſters und der Stete, und mit alle dem pfuntgelde, das vor Petri und dornoch vorgaddert wirt, ſal man dy were in der Zee halden; vgl. p. 335. 2
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308 Handelsverhaͤltn. mit den Skandinav. Reichen (1409. ſig mit dem Pfundgelde auch die Koſten bei der Ausſen⸗ dung Hanſeatiſcher Bevollmaͤchtigten, woruͤber man ſich auf den Tagfahrten vereinigte. Bei allen dieſen Hinderniſſen und Bedruͤckungen aber ſchien doch dem Handel zwiſchen Preuſſen und den Skan⸗ dinaviſchen Reichen der im Jahre 1399 abgeſchloſſene Friedensvertrag die gluͤcklichſte Ausſicht zu eroͤffnen, und er würde gewiß auch zur ſchoͤnſten Bluͤthe gediehen ſeyn, wenn nicht bald die Verpfaͤndung Gothlands an den Or⸗ den den politiſchen Himmel zwiſchen Preuſſen und Daͤne⸗ mark wieder getruͤbt und das Mißtrauen der Fuͤrſten auch auf den Handelsverkehr der beiderſeitigen Laͤnder nicht hoͤchſt nachtheilig gewirkt haͤtte. Man war freilich vielfach bemuͤht geweſen, alles was den Frieden zwiſchen Preuſſen und den drei Reichen ſtoͤren koͤnne, aus dem Wege zu raͤumen; die Friedeſchiffe aus Preuſſen hatten die gemeſ⸗ ſene Weiſung, den Daͤniſchen Seefahrern ſich überall fried⸗ lich und freundlich zu bezeigen.? Der Handel Preuſſens nach Bergen und Stockholm war in neues Leben getre⸗ tens) und man hatte noch im Laufe des Jahres 1400 auch vielfach verſucht, ſich theils uͤber die Berechnung der Ausgaben der Preuſſiſchen Hanſeſtaͤdte bei der Beſetzung Stockholms, theils uͤber den erlittenen Schaden der Preuſ⸗ ſiſchen Seefahrer und Kaufleute in den drei Reichen fried⸗ lich auszugleichen.) Allein ſchon im naͤchſten Jahre zeig⸗ ten ſich die Folgen der mißtrauiſchen Spannung auch im Handel. Der Hochmeiſter verlangte von der Koͤnigin und dem Koͤnige von Daͤnemark eine anſehnliche Geldſumme als Erſatz der auf die Saͤuberung Gothlands fir das Ges 1) Hanf. Receff, II. p. 262, 205. Sartorius B. II. S. 107 — 108, wo mehre Beſtimmungen uͤber die Erhebung des N 2) Hanf, Receſſ. II. p. 342. III. p. 377. 3) Hanf. Receſſ. II. p. 348. 350. 4) Ebendaſ. p. 357. 362.
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Handelsverhaͤltn. mit den Skandinav. Reichen (1409. 309 meinwohl des Kaufmannes verwendeten Koſten.) Auch in der früher ſchon erwähnten Streitſache wegen des An: griffes auf Daͤniſche Schiffe durch Preuſſiſche Friedeſchiffe war es noch zu keiner Suͤhne gekommen, ſo oft auch ſchon der Hochmeiſter Vorſchlaͤge zur Ausgleichung gethan.) Nun kamen neue Mißhelligkeiten hinzu; in Bergen hielt man trotz aller Aufforderung zur Ruͤckgabe Danziger Kaufgut zuruck, welches man Seeraͤubern abgenommen hatte und die Danziger mußten ſich endlich begnügen, nur die Hälfte ihrer Handelsgüter wieder zu erhalten. ) Die feindliche Spannung nahm noch zu, als im Jahre 1403 die Koͤni⸗ gin Anſpruͤche auf die Vitte der Preuſſiſchen Handels ſtädte auf Schonen erhob und der Ordensvogt dort über: haupt allerlei Klagen führte über Nichtachtung der zuge⸗ ſtandenen Rechte.) Noch ernſtlicher wurde die Geſtali der Dinge, als auch die Hanfeftädte mit Beſchwerden über die ſchlechte Münze der Königin, die fie ausgeben ließ ohne fie wieder zuruͤckzunehmen, uͤber Verletzung der ihnen vom Koͤnige verliehenen oder beſtaͤtigten Handels⸗ freiheiten, uͤber die ungehinderte Vermehrung der Vita⸗ lienbruder an den Skandinaviſchen Kuͤſten u. ſ. w. auftra⸗ ten und die Staͤdte Preuſſens veranlaßten, auf einer Tag⸗ fahrt über die Verhaͤltniſſe gegen die Königin die noͤthi⸗ gen Schritte zu berathen. Und als darauf im nächften Jahre der Krieg auf Gothland wirklich ausbrach, hoͤrte nicht nur der bisher noch fortbetriebene Handel zwiſchen Preuſſen und den Skandinaviſchen Reichen voͤllig auf, ſondern die gegenſeitige Gefangennehmung der Sendboten 4) Ebend. p. 368. Schreiben des HM. an die Königin, dat. Ki⸗ ſchau Freit. nach Viti und Modeſti 1401 Regiſtr. P. 31. 2) Hanſ. Receſſ. II. p. 371. 3) Hanf. Receſſ. II. p. 372 — 373. V. P. 10. 24. 4) Hanf, Receſſ. II. p. 403. V. p. 59. 5) Schreiben der Seeſtädte an die Preuſſ. Städte, dat. am S. Ni⸗ colaus⸗Tage 1403 in Hanf, Receſſ. V. p. 59.
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310 Handelsverhaͤltn. mit den Skandinav. Reichen (1404). unterbrach auch alle weitern Verhandlungen, W die Staͤdte Preuſſens unterſagten ihrem nach Luͤbeck gehenden Bevoll⸗ mächtigten ausdruͤcklich, die Hanſeatiſchen Sendboten mit zur Koͤnigin zu begleiten; in Luͤbeck ſelbſt aber trugen ſie darauf an, uͤberhaupt allen Handel mit den drei Reichen einzuſtellen und mit allem Nachdrucke von der Koͤnigin Erſatz des Schadens zu verlangen, den der Kaufmann in ihren Landen erlitten habe.“ Der Hochmeiſter verbot ſofort im Lande bis zu einer beſtimmten Zeit alle Ausfuhr nach Daͤnemark“ und es ſtand ſomit der Verkehr zwis ſchen Skandinavien und Preuſſen vorerſt gänzlich ſtill, 9 was die Preuſſiſchen Handelsſtaͤdte um fo druͤckender fin⸗ den mußten, da ein großer Seeſturm in dieſem Jahre (1404) einer bedeutenden Anzahl ihrer Schiffe den Un⸗ tergang brachte. Selbſt auch der friedliche Anſtand, der, wie wir ſahen, im Sommer dieſes Jahres zwiſchen der Koͤnigin und dem Orden zu Stande kam, ſchien fuͤr den Handel wenig guͤnſtige Ausſichten zu eroͤffnen, denn ſchon im Herbſt meldeten die Staͤdte Luͤbeck, Stralſund und Greifswalde der Königin, wie ſchwer ſich der Hoch— meiſter daruͤber beklage, daß ſie ſich ſo wenig an dieſen verabredeten Vertrag halte, waͤhrend er aufs ſtrengſte die einzelnen Punkte beobachte. Es erließen daher auch die 1) Hanf. Receſſ. V. p. 78 — 83; unter den von den Dänen ge⸗ fangen gehaltenen Sendboten aus Preuſſen war auch Konrad Letzkau aus Danzig, der in der Geſchichte des Landes bald ſo wichtig hervortritt. 2) Hanſ. Receſſ. II. p. 411 — 412. 3) In einem Schreiben an Luͤbeck, Hamburg, Wismar u. a, über ſeine feindlichen Verhaͤltniſſe zu Daͤnemark ſagt der HM.: Des ſey wir czu rathe wurden und wellen czwiſchen hie und Pfingſten keyn gut us unſerm lande ſchiffen noch füren laſſen und bitten euch alle mit fleiſſiger begerunge, das Ir euch dornoch richtet und euch allen den euwern tut czu wiſſen, das ſie ſich ouch dornoch richten mogen; das Schreiben dat. Marienb. Donnerſt. vor Purif. Mariä 1404 Regiſtr. p. 74. 4) Schreiben des HM. an den Erzbiſchof von Lund im Regiſtr. p. 86. 5) Ludewig Reliqu. MS. T. IX. p. 194.
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Handelsverhältniſſe mit Polen (1404). 311 genannten Staͤdte, welche den Vertrag vermittelt, eine ernſte Mahnung daruber an die Königin, ihr den unend⸗ lichen Schaden für Handel und Verkehr vorſtellend, der daraus erfolgen muͤſſe. Der Handelsverkehr von Preuſſen aus in die oͤſtli⸗ chen Nachbarlaͤnder hatte ſeit dem Frieden mit Witowd eine ungleich freiere Bahn gewonnen. Es entgehen uns freilich genauere Nachrichten uͤber die Handelsverbindungen mit Rußland und wenn die früher erwaͤhnten beſchraͤnken⸗ den Maaßregeln gegen das Einlaufen Ruſſiſcher Schiffe in die Hafen Preuſſens auch jetzt noch beſtanden, ſo koͤnn⸗ te freilich von einem wechſelſeitig regen Handelsleben zwi⸗ ſchen Rußland und Preuſſen eben nicht viel die Rede ſeyn. Sehr wahrſcheinlich aber gingen viele Handels. artikel ins ſuüdliche Rußland durch den Zwiſchenhandel mit Litthauen, denn wie von Livland her der Kaufmann in Friedenszeiten Witowds weite Gebiete mit feiner Kauf: waare durchzog, ſo fand in friedlichen Jahren auch von Preuſſen aus ein ziemlich lebendiger Verkehr mit Litihauen Statt. Wir hoͤren, daß beſonders der Holzhandel in Danzig ſein Handelsmaterial großen Theils aus den Lit⸗ thauiſchen Waͤldern zog,“ waͤhrend von Preuſſen aus Tuch, Zucker, Salz, Eiſen und dergleichen Waaren in Litthauen reichen Abſatz fanden. Durch den Friedensvertrag vom 1) Schreiben der drei Städte an die Königin in Hanf. Neceſſ. II. p. 424 — 425. 9) Die Hanſcat. Receſſe geben in dieſer Zeit faſt gar nichis über den Handel mit Nußland an die Hand; es heißt nur einmal in einem Receſſ vom J. 1401: So hat unfer her der homeiſter bevolen ezu reden uff vas filber, das man den Ruſſen czuvuͤret und ouch das golt, büchte gut, das mans mit eyntracht der ſtete abelegte; Hanf. Receſſ. II. p. 366, 3) Darüber ein Schreiben des HM. an Witowd vom J. 1399 mi Regiſtr. p. 100. 4) Schreiben des HM. an Witowd vom J. 1405 im Regiſtr. p 95, 7 hervorgeht, daß auch der Großſchäffer Holzhandel aus Litthauen rieb.
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312 Handelsverhaͤltniſſe mit Polen (4404). Jahre 1404 hatte dieſer Handelsverkehr dort neuen Schutz und Schirm bekommen. — Naͤchſtdem war ſeit einigen Jahren auch in den Verkehr mit Polen ein neues regeres Leben getreten, denn wie dem Hochmeiſter der Handel mit dieſem Nachbarreiche ſchon darum von der größten Wichtigkeit ſeyn mußte, weil Preuſſen außer ſeinen eige⸗ nen Erzeugniſſen einen betraͤchtlichen Theil ſeiner Ausfuhr⸗ artikel aus oder uͤber Polen her bezog und andere Kauf⸗ waaren dahin abſetzte,) ſo ſcheint, als habe das Hans delsintereſſe ſeines Landes auch den Koͤnig vorzuͤglich mit zu einem friedlicheren Verhaͤltniſſe gegen den Orden be— wogen, denn nachdem lange Zeit die feindliche Geſinnung des Koͤniges gegen Preuſſen auch den Verkehr beider Laͤn⸗ der ſehr gehemmt und die gegenſeitigen Handelserpreſſun⸗ gen den Kaufmann von allen Unternehmungen zuruͤckge⸗ ſchreckt, wandte ſich im Jahre 1402 der Koͤnig ſelbſt in einem ſehr freundlichen Schreiben an den Hochmeiſter mit der Bitte, ſeinen Kaufleuten und Unterthanen beſon⸗ ders aus der Stadt Ruſſiſch-Bresc“ zu erlauben, mit Holz und andern Kaufwaaren auf dem Weichſel-Strome ohne weitere Hinderniſſe ins Ordensgebiet kommen und dort nach ihrem Belieben Handel und Wandel treiben zu duͤrfen.) Der Meiſter des Koͤniges Bitte erfuͤllend ſtellte 1) De Wal T. IV. p. 245. 2) Nach De Wal T. IV. p. 246 hatte der Handel mit Polen ungeachtet der feindlichen Spannung nicht aufgehört; le commerce wavoit pas été interrompu depuis le traité de Kalisch de Pan 1343. Cet objet etoit effectivement de la plus grande impor- tance pour les deux pays; car les Polonois n’avoient pas de de- bouché plus favorable que la Vistule pour la sortie du grain, du chanvre, des toiles, des laines, des cuirs, des bois, de la eire etc. qu'ils fournissoient aux etrangers; vgl. p. 247 was er über die Stellung der Handelsverhaͤltniſſe zwiſchen Preuſſen und Polen ſagt. 3) Bretsk Rutenicum, das heutige Brise Litowsky am Bug. 4) Der König bat: Quatenus iidem Mercatores cum eorum lignis super Wislam et aliis bonis ac mercanciis suis quibuscun- que ad terras nostras (sc. Prussiae) absque impedimentis aliis
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Handelsverhaͤltniſſe mit Polen (1409. 313 den Handel in ſeinem ganzen Lande frei.) Dieſe Han⸗ delsfreiheit indeß ward von den Polniſchen Kaufleuten, beſonders den Krakauern in dem Maaße ausgedehnt und ſtand mit den Privilegien einzelner Handelsſtaͤdte Preuſ⸗ ſens ſo in Widerſpruch, daß man nothwendig beim Hoch⸗ meiſter auf beſchraͤnkende Maaßregeln antragen mußte. Vor allem erhoben die Thorner die Klage, daß die Kra⸗ kauer und andere Handelsgaͤſte zu Thorn keine Nieder⸗ lage mehr hielten, ſondern ihre Waaren ohne weiteres durch das Land zur See führten, und daß ebenfo die von der See her ins Land kommenden Kaufgaͤſte ohne Niederlagen in den Hafenſtaͤdten zu halten mit ihren Kaufguͤtern im Lande Verkehr trieben, wo ſie wollten. Es ward ferner zur Sprache gebracht, daß man in Brom⸗ berg und Schulitz an der Weichſel, offenbar zum Nach⸗ theile Thorns, Niederlagen errichte und Schiffe baue. Waͤhrend die Hanſeſtaͤdte Preuſſens ſelbſt auf Mittel fans nen, dieſes letztere zu verhindern, erließ der Hochmeiſter an beide Staͤdte die Weiſung, daß ſie im Handelsver⸗ kehr ſich keine Neuerung erlauben, es mit der Schifffahrt nach alter Beſtimmung halten und bei Verluſt von Schiff und Gut mit keinem Schiffe die Weichſel befahren ſoll⸗ ten.) Fuͤr die Schiffer aber, welche das Polniſche Ufer des Stromes beſuchen und ihre Ladungen nach Bromberg oder einen andern nahen Ort bringen und verkaufen würden, ward eine nahmhafte Strafe beſtimmt, ſobald fie nicht eidlich erweiſen konnten, daß fie aus Noth ges venire et ibidem eadem bona vendere seu alias commutare seu comertere ac alia bona reemere valeant iuxta eorum libitum voluntatis. 1) Schreiben des HM. an den König, dat. in Castro Marie se- cunda feria post Misericord. dni 1402 Regiſtr. p. 39. 2) Hanf. Receſſ. II. p. 386 — 387. V. p. 29. 3) Ebendaſ. p. 388. p. 32. In einem Briefe des HM. an den Polniſchen Beamten Thomke (Thomico), der ſich bei ihm beklagt, daß der Komthur von Schwez den Städten Bromberg und Solitz (Schutitz)
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314 Handelsverhaͤltniſſe mit Polen (4404). drungen an jenes Ufer hätten anlegen müffen. D Wegen der Niederlage zu Thorn erließ der Meiſter an die Ma⸗ giſtrate der Staͤdte, wie an ſaͤmmtliche Beamte der Or⸗ densburgen und andere Amtsleute die Verordnung: alle auslaͤndiſchen Kaufleute, die mit Kaufwaaren, als mit Wachs, Eichhoͤrnerwerk, Marderpelzen, Laſſitzen, Oelſten, Biberwamen, Otter und aͤhnlichen Rauchwaaren, mit Ku⸗ pfer, Blei, Eiſen, Queckſilber, Seide, Pfeffer, Saffran, Ingwer und ſolchen Kaufwaaren von Krude, ungemuͤnz⸗ tem Silber und Gold nach Preuſſen kommen, ſollen die alten Straßen nach Thorn zu, ſonſt nirgends anderswohin ziehen und was ſie an Waaren dahin bringen, ſollen ſie dort zu Markt auslegen, keineswegs aber weiter ins Land oder zur See ſuͤhren. Wer mit ſolcher Kaufwaare auf andern Straßen im Lande betroffen wird, dem geht ſie ohne Gnade verloren, ebenſo Engliſches Tuch, welches nicht zu Thorn gekauft iſt. Wer jedoch mit baarem Gelde auswärts her ins Land kommt, mag im Lande umher⸗ ziehen und von den Bewohnern kauſen, was er will, nur Engliſches Tuch ausgenommen, welches er nirgends ans derswo als in Thorn kaufen darf.. Die Krakauer ſa⸗ die Fahrt auf der Weichſel mit Getreide verboten habe, heißt es: Wir haben dem kompthur czur Swetcze bevolen, das hers mit denſelben eu⸗ weren luͤthen von Bromberg und Solitz halde als es von Alders her gehalden iſt, alſo das wir Ine gerne guͤnnen wellen, das ſie ungehindert Ir getreide die Weiſſel ap off floſſen und yn tubas füren mogen, als ſie von alders her getan haben, ſunder mit Weiſelſchiffen ſollen ſie nicht Ir getreide die Weyfel ap fuͤren, das iſt Ine vorboten, went is von alders her nicht geweſt iſt. Regiſtr. p. 58. 1) Hanf. Receſſ. II. p. 403. 2) Die eine dieſer Verordnungen, dat. Marienb. Sonnt. Oculi 1403 im Original im Nathsarchiv zu Thorn Cist. VIII. nr. 10z die andere dat. Marienb. Mittw. in den Oſtertagen 1403 im Origin. eben: daſ. Cist. VII. nr. 18. In Ruͤckſicht des Inhaltes lauten beide gleich; in der Abfaſſung aber weichen ſie von einander ab. Die ſtaͤdtiſchen Obrig⸗ keiten werden aufgefordert, die Verordnung in ihren Gemeinen zu allge⸗
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Handelsverhaͤltniſſe mit Polen (1404). 315 hen bald ein, daß dieſe Anordnung insbeſondere auch ſie in ihrem freien Handel nach Preuſſen und in die offene See beſchraͤnken ſolle, denn es lag klar am Tage, daß Preuſſen auf ſolche Weiſe im Handel alles gewann, was die Polen durch den Zwiſchenhandel aufgeben mußten. Erbittert belegten ſie daher eine bedeutende Maſſe von Kaufwaaren, welche Thorner Kaufleute nach Krakau ge⸗ bracht, mit Beſchlag. Vergebens wandten ſich dieſe an den König; gleichfalls ohne Erfolg bemühte ſich der Hoch⸗ meiſter durch den Erzbiſchof von Gneſen die Freigebung zu bewirken; eben ſo wenig fruchtete ein Schreiben des Meiſters an den Biſchof von Krakau und den Reichskanzler. Bei der Zuſammenkunft des Koͤniges zu Raczans im Jahre 1404 legte dieſer dem Meiſter unter andern auch den Wunſch vor, daß es ſeinen Kaufleuten nach alter Gewohnheit erlaubt ſeyn moͤge, durch die Ordenslande mit ihren Waaren die uͤber⸗ feeifchen Laͤnder beſuchen zu duͤrfen; allein der letztere erklaͤr⸗ te: es ſcheine ihm nicht paßlich, die alten Gebraͤuche auf: recht zu erhalten, wenn nicht zuvor in einer vom Koͤnige feſt⸗ zuſtellenden Zeit alle Streithaͤndel beiderſeits ausgeglichen würden, und da der König hierin nichts mit Erfolg wirk⸗ te, fo hatten ſich die Verhaͤltniſſe auch im Jahre 1405 noch nicht geändert, denn insbeſondere waren es vorzuͤglich die Krakauer, denen man wegen der vielfaͤltigen Belaͤſtigun⸗ gen, die ſie den Kaufleuten aus Preuſſen zu deren großen Schaden zufügten, den Verkehr mit den überſeeiſchen Län dern verweigerte, waͤhrend er andern Kauffahrern aus Polen meiner Kenntniß zu bringen, und die Komthure, Hauskomthure, Voͤgte u. ſ. w. erhalten den Befehl, denen, die im Lande umherziehend verbo⸗ tene Waaren aufhalten und nach Thorn bringen ſollten, überall mit Nachdruck beizuſtehen. Zernecke Thorn. Chron. S. 28. 4) Schr gut ſetzt dieſes De Wal T. IV. p. 247 seg. auseinander. 2) Schreiben des HM. an beide, dat. Stumis feria secunda post fest. Assumpt. Mariae 1403 Regiſtr. P. 65. 3) Schreiben des HM. an den König, dat. in castro nostro Rag- nith ipso die S. Laurent. Mart. 1404 Negiſtr. p. 80.
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316 Handelsverhaͤltniſſe mit Böhmen u. Schleſten (1404). nachgegeben wurde. Der König, dem der Hochmeiſter die Entſcheidung anheimgeſtellt, ſchob die Sache immer wei⸗ ter hinaus, bis endlich der letztere den Großfuͤrſten um Ver⸗ mittlung erfuchte, 3 Auch der meiſt ſehr rege Landhandel zwiſchen Preuſſen und den weſtlichen Nachbarlanden blieb nicht immer frei von Stoͤrungen. Den Verkehr mit Stettin unterbrachen einige Zeit die Zwiſtigkeiten des Ordens mit dem Herzoge Swan⸗ tibor, der den Unterthanen des Meiſters vielfachen Schaden zugezogen hatte, ) wofür ſich die Städte Preuſſens durch Beſchlagnahme von Kaufguͤtern Stettiner Bürger entſchaͤdig⸗ ten, bis der Hochmeiſter die Streitſache auf guͤtlichem Wege auszugleichen wußte. Seitdem erlitt der Handel nach Stettin keine weitere Stoͤrung mehr und es trat zwiſchen dem Herzoge und dem Meiſter ein ſo freundliches Verhaͤltniß ein, daß dieſer auf des erſtern Bitte ſich gerne ſelbſt beim Könige von England wegen des Schadens verwandte, den die Stettiner in England erduldet hatten. — 5) Auch der Handel mit Breslau und überhaupt nach Schleſien und Böhmen war ſeit dem Jahre 1403 auf einige Zeit gehemmt worden, indem der Hochmeiſter wahrſcheinlich 1) Der HM. ſchreibt dem Kaſtellan und Hauptmanne von Krakau, der ſich beklagt, daß allen Kaufleuten aus Polen die Fahrt nach der See verboten ſey: Seitur tamen et cottidiana docetur experiencia, non omnibus, sed duntaxat mercatoribus Civitatis Cracoviensis inhi- bitum fore, partes tralsmarinas non accedere per terras no- stras, ex eo quod iidem Cracovienses nostrates pluribus, ymo in- conswetis gravaminibus in suis bonis es mercanciis in grave sui preiudicium onerarunt. 2) Darüber ein Schreiben des HM. an den Hauptmann von Kra⸗ kau Clemens von Moſkorczaw, dat. Marienb. ipso die S. Agathe 1406 Regiſtr. p. 114. 3) Schreiben des HM. an Alt: Stettin, dat. Marienb. am Palm⸗ abend 1401 Regiſtr. p. 28. 4) Schreiben des HM. an Alt⸗ Stettin, dat. Marienb. Sonnab. vor Bonifacii 1402 Regiſtr. p. 43. 5) Schreiben des HM. an Herzog Swantibor v. J. 1405 Regiſtr. P. 105.
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Handelsverhaͤltn. mit Böhmen und Schleſien (140%. 317 wegen allzu weiter Ausdehnung der alten Gewohnheits⸗ rechte den Schleſiſchen Kaufleuten die Handelsſtraßen nach Preuſſen hatte verlegen laſſen. ) Mehre Fuͤrſten Schle⸗ ſiens und die Städte Breslau und Schweidnitz waren des⸗ halb beim Roͤmiſchen Koͤnige mit Klagen eingekommen, was der Hochmeiſter um ſo uͤbler aufnahm, weil ihm die⸗ ſer den Verweis gegeben, daß er zu einem ſolchen Ver⸗ bote weder Recht noch Macht habe, da die offenen Stra⸗ ßen dem Röͤmiſchen Könige und Reiche zugehoͤrten. Der Meiſter rechtfertigte ſich zwar beim Könige über fein Ver⸗ fahren, fand ſich aber auch leicht zu einem Vertrage geneigt, als im Spaͤtſommer des Jahres 1404 bevoll⸗ maͤchtigte Sendboten des Koͤniges und der Staͤdte Schle⸗ ſiens nach Marienburg kamen, wo ſie ſich mit den Be⸗ vollmaͤchtigten des Hochmeiſters über folgende Punkte vers einigten: 1. Die Kaufleute aus Schleſien und Boͤhmen ſollen fortan mit den Waaren, die ſie nach Preuſſen brin⸗ gen, die alten Straßen nach Thorn ziehen und dieſelben hier im Lande verkaufen oder ſeewaͤrts fahren, wohin ſie wollen, ohne Hinderniß und Gefahr, wie es vor Alters geweſen; doch ſoll kein Kaufmann anderer Leute Gut, als was in die beiden genannten Lande zu Haufe gehört, aus andern Landen herbringen oder ſeewaͤrts einführen. Oaſſelbe ſoll von den Kaufleuten aus Preuſſen auch in den genannten Laͤndern gelten; fie follen mit ihrer Kauf⸗ waare die alten Straßen nach Böhmen und Schleſien ge⸗ hen und in und durch dieſe Lande frei hin⸗ und her⸗ reiſen, doch daß jeglicher Theil die gewöhnlichen Zölle 4) Als daher der König Wenceslav im J. 1403 einen Kaufmann Patricius Sybenwirt aus Breslau nach Livland ſandte, um etliche din⸗ ge und gercte czu unſern notdurften in deinem gebite czu Liffland czu kauffen,“ mußte ihn der König zur Förderung feiner Geſchaͤfte dem HM. ganz beſonders empfehlen. Originalſchreiben des Königes an den HM., dat. Auf dem Kuttenberge am T. S. Lucä 1403 Schiebl. IV. nr. 126. 2) Schreiben des HM. an die Stadt Breslau, dat. Marienb. Mon⸗ tag vor Aſcenſ. 1403 Negiſtr. p. 62.
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318 Handelsverhaͤltn. mit Böhmen u. Schleſien (1404). und Ungelder entrichte.) 2. Jeder Kaufmann aus Preufs ſen mag ſein Gewand zu Breslau liegen laſſen, ſo lange er will, unbeſchadet des koͤniglichen Kammerzinſes; wer aber ſein Gewand dort abladen will, ſoll es unter dem Kaufhauſe thun. 3. Die Kaufleute aus Schleſien und Boͤhmen moͤgen in Preuſſen in allen Staͤdten frei aller⸗ lei Gewand und alle andern Waaren kaufen, doch nur allein von Einwohnern und Bürgern und nicht von Gaͤ⸗ ſten, auch nur allein für ſich und nicht von anderer Leute wegen aus andern Landen bei Verluſt des Gutes, ausge⸗ nommen auf Jahrmaͤrkten, auf denen Gaſt mit Gaſt frei kaufſchlagen kann, wie es gewöhnlich iſt. > In ſolcher Weiſe kam auch der fuͤr Preuſſen ſo wich⸗ tige Tuchhandel mit Schleſien und Boͤhmen in geregel⸗ teren Gang. Ueberhaupt widmete der Hochmeiſter unter allen Gegenſtaͤnden, welche den eigentlichen Binnenhandel und die Gewerbe in Preuſſen betrafen, der Tuchfabrication eine ganz beſondere Sorgfalt; als z. B. im Jahre 1402 die ſ. g. Wollenweber oder Tucharbeiter mit Klagen uͤber das vielfaͤltig verfaͤlſchte Tuch im Lande einkamen, wurde verordnet: Wo man falſches Gewand findet, ſoll man es verbrennen; wer es verfertigt, fol drei Mark Strafe ent: richten und nie wieder Gewand machen. Wer beim Ge— werke angezeigt wird, daß er anderwaͤrts falſches Ge⸗ 1) Ein hierauf folgender etwas unverftändlicher Artickel heißt: Wels che koufluͤthe komen us Pruſen in dy Crone czu Behemen und in dy ſle⸗ zie die mogen do uff vrigen Jarmarkten vorkoufen by euncem laken by halben laken die yre beyde ſelbende habin by eynen harraſch, eynen ſtucke kirſey eynen ſtucke ftocbreit und dobobin ſunder nicht mynner, dergelich ouch czu halden mit den nuttezen und andir allirley koufinſchaft usgeno⸗ men Hozen die man alleyne by den Doßyne ſal vorkoufen und nicht mynner. 2) Die Verhandlung geſchah zu Marienburg feria quinta post na- tivit. Marie 1404; Hanf. Receſſ. V. p. 87. Von Sciten des Ordens verhandelte Johannes Rymann, von Seiten der Städte Gotke Rebber, Johann von der Merſe, Arnd von Loo von Thorn, Arnold Roubir, Werner Weſſel von Elbing, Johann Getke und Hening Lankow von Danzig.
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Binnenhandel (Ac). 319 wand verfertigt habe und deshalb aus ſeiner Stadt ent⸗ wichen ſey, ſoll ſein Gewerbe nicht ferner betreiben, er rechtfertige ſich denn uͤber die Anklage. Wer ſolche Waare gekauft und feil hat, verliert ſie ohne weiteres. Wer das Tuch zu duͤnn macht, buͤßet einen Vierdung; das Tuch wird aus der Stadt gebracht und nirgendswo ver⸗ kauft. Wer Wolle oder Garn mit Lohe faͤrbt, deſſen Tuch gilt fuͤr verfaͤlſcht und er erleidet dieſelbe Strafe. Jedes Tuch ſoll von beſtimmter Laͤnge und Breite ſeyn, wer es anders verfertigt, zahlt eine feſtgeſetzte Buße. Die Meiſter ſelbſt muͤſſen dafuͤr einſtehen, daß dieſe Geſetze ge: nau und ſtreng befolgt werden. 1) Es wurde ferner vers fügt, daß jedes hier im Lande verfertigte Tuch, ſobald es ohne Zeichen und Siegel gefunden werde, zerſchnitten und der, bei welchem man es finde, mit einem Vierdung beſtraft werden ſolle. Wie hier im Einzelnen, ſo war man uͤberhaupt im ganzen Umfange des Handels jetzt mehr als je auf gute und reelle Beſchaffenheit der Preuſſiſchen Handelsprodukte bedacht. Als demnach einſt die Kaufleute aus Danzig und Königsberg auf einer Tagfahrt die Klage vorlegen ließen, daß die von Preuſſen aus uͤber See gehenden Kaufwaaren keineswegs immer von geziemend guter Be⸗ ſchaffenheit ſeyen, die auswaͤrtigen Käufer darin verkuͤrzt und betrogen wurden, die Schuld des Betruges aber meiſt auf die Stadt falle, aus deren Hafen die Waaren aus⸗ gefuͤhrt ſeyen, zumal bei ſolchen Produkten, die aus Po⸗ len und Litthauen nach Preuſſen eingebracht wuͤrden, ſo wurde nach gemeinem Beſchluſſe die Einrichtung getroffen, daß fortan in den Hafenſtaͤdten rechtliche und ſachkundige Männer als Waarenprüfer angeftellt werden ſollten, welche auf ihren Eid die Beſchaffenheit der Waaren unterſuchen 1) Die noch weit mehr ins Einzelne gehenden Verordnungen uͤber die Tuchfabrication in Hanf. Receſſ. II. P- 384, 2) Hanf. Receſſ. vom J. 1405 in Hanf. Receſſ. II. p. 433.
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320 Binnenhandel (1404). und ohne Rückſicht auf Fremde oder Inlaͤnder einer ges wiſſenhaften Schaͤtzung unterwerfen ſollten. Bei nicht voll⸗ guͤltiger Waare ſollte der Mangel dem Verkaͤufer am Kauf⸗ gelde abgeſchlagen und falſche Waare zu des Verkaͤufers Schaden verbrannt werden. Dieß iſt die erſte Einrich⸗ tung der Waaren⸗Bracker in Preuſſen. Vorzüglich zog wiederholt auch die wichtige Schiffe fahrt und der lebendige Verkehr auf dem Weichſel-Strom die Aufmerkſamkeit des Hochmeiſters auf ſich. Er gebot bei Strafe des Gefaͤngniſſes die Geſetze zu beachten, die er im Einverſtaͤndniſſe der Städte für die Weichſel-Schiff⸗ fahrt entworfen hatte.“ Um den Weichſel-Handel aus⸗ ſchließlich den Staͤdten Preuſſens vorzubehalten, ward den Städten Bromberg und Schulig ? die Schifffahrt auf die⸗ fen Strome nicht nur unterſagt, ſondern auch den Preuſ⸗ ſiſchen Weichſel-Fahrern die Weiſung gegeben, daß keiner die Polniſche Seite des Stromes beſuchen oder dort an⸗ legen ſolle, um Gut ein- oder auszuſchiffen, bei Verluſt von Leib und Gut.) Man fand es Überhaupt im Ins tereſſe des inlaͤndiſchen Handels, den innern Verkehr im: mer ſo viel als moͤglich ausſchließlich in den Haͤnden der Buͤrger und Einſaſſen zu laſſen, weshalb man z. B. mehr⸗ mals auf Mittel bedacht war, wie Engliſche und Nuͤrn⸗ berger Kaufleute vom Lande abzuhalten ſeyen 9 und wie „alle Companien und Handierungen der Landeseinwohner 1) Die Sache berührt Schütz p. 96 — 97, vgl. mit der latein. Ausgabe p. 207. Lucas David B. VIII. S. 57 — 58. De Wal T. IV. p. 243. 2) Hanſ. Receſſ. II. p. 369; die Beſtimmung iſt vom J. 1401. Im J. 1400 gehen auch ſchon Schiffe und Promen von Buͤrgern aus Marienwerder auf der Nogat; Privileg. Capit. Pomesan. p. XXI. 3) Oder Solicz, wie es B. V. S. 516 genannt wurde. 4) Hanf. Receſſ. II. p. 383. V. p. 32. 5) Hanf. Receſſ. II. p. 373, wo es heißt: dergelich hat ouch eyn iclich czu ſich genomen czu reden ume dy Norenberger und ouch ume dy Engelſchen, wy man dy buſſen dem lande behalden moge.
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Binnenhandel (4404). 321 mit auslaͤndiſchen Gaͤſten,“ die dem Handel fo manchen Schaden brachten, abgeſtellt werden koͤnnten.) Man hielt deshalb auch mit Strenge darauf, daß die Anord⸗ nungen der Handelsniederlagen puͤnktlich in Ausführung kaͤmen; es wurde daher z. B. in Betreff der Niederlage zu Thorn geboten, „daß alle Gäfte ihr Gut ſollen allda niederlegen und da verkaufen nach alter Gewohnheit, als Wachs, Blei, Eifen, allerlei Kupfer, allerlei Eichhornwerk, Otter, Biber, Hermelin, Laſſitzen, Queckſilber, Saffran, Pfeffer, Ingwer u. ſ. w.; wuͤrde jemand brüchhaftig bar: an befunden, das ſolle halb der Herrſchaft und halb den Staͤdten zufallen. . Bei einem ſo regen und ausgedehnten Handelsver⸗ kehr waren natürlich für einzelne wichtige Handelsgegen⸗ ſtaͤnde mitunter auch manche einzelne geſetzliche Beſtim— mungen nothwendig, die bald vom Hochmeiſter allein, bald mit ſeiner Genehmigung von den Staͤdten auf ihren Tag⸗ fahrten feſtgeſtellt wurden. So ward z. B. verboten, im Lande Salz und Seife zu ſieden.“ Ueber den eintraͤg⸗ lichen Handel mit Aſche mußten von Zeit zu Zeit mehre Geſetze gegeben werden.“ Man traf Vorkehrungen ges gen die immer mehr zunehmende Verfälfchung des Ku— pfers. Andere Anordnungen bezogen ſich auf den Ho⸗ 1) Hanf. Keceſſ. II. p. 382. 383: Von den Kompanyen und hant⸗ tyrungen, dy diſe inwoner dys landes haben und tun mit den geſten von buſſen, do dys land an der kouffenſchatz groſſen ſchaden hat, das das gewandelt werde. 2) Hanf. Receſſ. II. p. 389. 3) Ebendaſ. p. 379, wo es heißt: So haben dy ſtere geſprochen mit unſerm hern Homeiſter als umme das ſaltzzyden und Zepe to zyden und unſer her hat den von Dantzk bevolen und geheyßen, dat ſy ez we⸗ ren ſullen und man ſal ez in dem lande nyrgen zyden. Hoͤchſtwahr⸗ ſcheinlich hatte das Verbot des Salzſiedens Beziehung auf die in dieſen Jahren aufgefundenen Salzqucllen in Preuſſen, wovon fpäterhin die Re⸗ de ſeyn wird. 4) Hanf. Receſſ. II. p. 417. 420. 428. 448. 5) Ebendaſ. p. 417. 420. VI. 21
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322 Binnenhandel (1404). pfenhandel auf der Weichſel oder den Weinhandel. Der Rheinwein wurde nicht nur der Abgabe des Pfundgeldes unterworfen, ſondern vom Hochmeiſter auf vielfältige Klas gen ſeiner Staͤdte auch das Gebot erlaſſen, daß Koͤlner Weinhaͤndler den Wein im Lande nicht mehr ſelbſt im Einzelnen ſchenken, ſondern nur in ganzen Faͤſſern am Hafen verkaufen duͤrſten.“ 1) Hanf, Receſſ. V. p. 47. Schreiben des HM. an die Stadt Köln vom J. 1390 Regiſtr. p. 95. Die urſache des Verbotes des Weinſchenkens im Lande lag darin, daß die Stadt Köln dem Komthur des dortigen Ordenshauſes nicht hatte erlauben wollen, ſeine Weine, die iym dort wuchfen, gleich Stiften und Kldſtern, ſelbſt ſchenken zu duͤrfen.
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Kriegsunternehm. gegen Samaiten (1405). 323 Drittes Kapitel. Das Jahr 1404 hatte unter ſtarken Ruͤſtungen geen⸗ digt; das Jahr 1405 begann unter kriegeriſchen Ereig⸗ niſſen. Trotz allen Bemuͤhungen des Hochmeiſters und der Aufforderung Witowds, hatten die Samaiten dem Orden Ergebung und Gehorſam verweigert. Jetzt mußte die Gewalt des Schwertes entſcheiden. Der Großfürft hatte ſelbſt die Hand zu des Volkes Unterjochung geboten.“ Als ſich daher in den erſten Tagen des Januars ein an⸗ ſebnliches Streitheer, wozu auch die Staͤdte ihre Heer⸗ Mayen geſendet, ſich bei Koͤnigsberg verſammelt, fuͤhrte es der Ordensmarſchall Ulrich von Jungingen, von vielen 1) Vgl. das ſchon erwähnte Schreiben des HM. an Witowd, dat. Elbing Montag vor Circumciſ. dni 1404 Regiſtr. p. 84. Wir erſchen aus dieſem Briefe ganz klar, daß ſich die Samaiten dem Orden noch keineswegs ergeben hatten und ſich auch auf keine Weiſc ergeben wollten, wie ſchon die früher S. 274 Anmerk. 4 ausgehobene Stelle ausweiſet. Schon daraus dürfte man ſchließen, daß die wunderliche Erzählung von dem Samaitiſchen Landkomthur Martial von Helfenbach, welche Baczko B. II. S. 200, De Wal T. IV. p 231 — 235 und Kotzebue B. III. S. 20 — A dem Schutz p. 99— 100 und dieſer wieder dem Si⸗ mon Grunau Tr. XIV. c. XI. § 1 nachgeſchrieben haben, eine bloße Erdichtung ſey. Es kommt aber noch hinzu, daß die chronologiſchen Angaben dieſer Chroniſten, von denen jener die Begebenheit ins J. 1406, dieſer dagegen ins J. 1407 ſetzt, durchaus nicht paſſen, denn im J. 1406 war erweislich Michael Kuͤchmeiſter von Sternberg Vogt von Sa⸗ maiten. Uecberdieß kommt ein Landkomthur von Samaiten Martial oder Martin von Helfenbach in beſſern Quellen niemals vor. 22
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324 Kriegsunternehm. gegen Samaiten (1405). Komthuren begleitet, gegen die Memel hinauf, ging bei Ragnit uͤber den Strom und brach ſofort ins Gebiet der Samaiten ein.) Da zu gleicher Zeit auch Witowd, wie er verheißen, von Oſten her ins Land einſtuͤrmte, ſo blieb den Bewohnern der Lande Roſſiena, Widuckel und Erogel, auf ſolche Weiſe vom doppelten Feinde gedraͤngt, nichts uͤbrig als ſich zu ergeben und dem Orden zur Buͤrgſchaft ihres Gehorſams Geiſeln zu verſprechen. Allein kaum hatte das Kriegsheer ſich aus dem Lande wieder entfernt, als aus den frei gebliebenen Landſchaften von neuem der Ruf der Freiheit erſcholl und alles aufgeboten ward, die Bezwungenen wieder zum Abfall zu bewegen, alſo daß der augenblickliche Erfolg des Kriegszuges in wenigen Tagen ſchon verloren ging. Fuͤrſt Witowd hatte dem Orden getreulich beigeſtan⸗ den. Um ſo mehr fuͤhlte ſich der Meiſter gedrungen, ihm eine Dankbarkeit thaͤtig zu beweiſen; und als nun bald nach jener Kriegsreiſe ein Sendbote des Fuͤrſten Jury von Smolensk, den Witowd kurz zuvor aus ſeiner Herrſchaft vertrieben,) zum Hochmeiſter kam, um in Preuſſen und Livland Huͤlfe zu ſuchen, klagend: es ſey vom Orden uns ktecht gehandelt, daß er ſich bei dem Frieden, der von Alters her zwiſchen ihm, feinen Aeltern und den Ordens— herren Statt gefunden, mit Witowd befreundet habe, weil der Fürſt dadurch Haus und Land verloren, erhielt er 1) Außer Lindenblatt S. 171 giebt das Elbing. Kriegsbuch und ein alter Bericht in einem Verſchreibungsbuche des Rathhauſcs zu Danzig uͤber die Zeit des Auszuges genaue Auskunft. Bei Ragnit kam das Heer am Sonnabend nach Prisch an. Auch über die Art der Ruͤ⸗ ſtung findet man in dieſem Berichte einiges Nähere, 2) Lindenblatt a. a. O. Kojalowies p. 71. Dlugoss. p. 182 laßt dieſen Kriegszug gegen Witowd gerichtet ſeyn, weil er die Bedin⸗ gung der Uebergabe Samaitens nicht habe erfüllen wollen; gewiß unrich⸗ tig, Ueber die Beihilfe Witowds gegen die Samaiten ſpricht er erſt p- 184. 3) Karamſin B. V. S. 144 — 135.
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Kriegsunternehm. gegen Samaiten (1405). 325 vom Meiſter die Antwort: Der Orden habe nichts an ihm verbrochen, als er ſich mit Witowd vereinigt; daß er gegen dieſen ſein Haus und Gebiet verloren, gehe den Orden nicht an. Der Bitte des Fürften, bei Witowd zu vermitteln, daß er ihm ſein Weib, welches er gefangen halte, frei gebe, zeigte ſich der Hochmeiſter geneigt; ein anderes Geſuch aber, daß er nach Marienburg kommen und den Meiſter ſelbſt um Rath und Beiſtand bitten duͤrfe, ward von dieſem mit der Weiſung erwiedert: da er des Groß fuͤrſten Feind ſey, ſo möge er ſich keines Rathes und Beiſtandes von ihm verſehen, denn der Orden ſtehe mit dieſem in ſolcher Minne und Freund⸗ ſchaft, daß man ihn im Ordenshauſe nicht aufnehmen koͤnne. Auf des Fuͤrſten Anfrage endlich: ob der Orden Witowd'n gegen ihn wohl Hülfe leiſten werde? gab der Meiſter den kurzen Beſcheid: Wer Witowds Feind, iſt nicht des Di: dens Freund. Auf eine weitere Erklaͤrung darüber, wie wohl man ſie verlangte, wollte er ſich nicht einlaſſen. Und um alsbald bei Witowd'n allem Mißtrauen und Verdachte wegen dieſer Verhandlung mit feinem Feinde vorzubeugen, unterrichtete er dieſen bei Ueberſendung eines Geſchenkes von einigen feiner ſchönſten Roſſe mit freier Offenheit von den. ganzen Inhalte ihrer Unterhandlung. ® Faſt aber drohten nach wenigen Monaten ſchon wieder neue Mißhelligkeiten zwiſchen Witowd und dem Orden auszu— brechen, veranlaßt durch den Meiſter von Livland, denn auf des Großfuͤrſten Aufforderung an ihn, den Bewohnern Groß: Novgorods und Pleskows nicht nur den zwiſchen Witowd und 1) Worüber das Nähere bei Karamſin a. a. O. 2) Daruͤber das vollſtändige Schreiben des HM. an Wilowd, dat. Marienb. am Tage Matthid Apoſt. 1405 Regiſtr. P. 91. Es heißt am Schluſſe: Wir begeren mit fliſigen bethen, das Ir yn deſen ſachen keyn vordechtniſſe noch orgen wayn off uns noch unſern Gebitegern habt, went wir werlich cuwern nutz und fromen zo getrulich ane allis arg meynen, als wir wol dirkenen, das Ir unſer und unſers ordens vordernis und czunemen mit willen ſuchet; vgl. Treßlerbuch p. 178.
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326 Kriegsunternehm. gegen Samaiten (1405). dem Orden geſchloſſenen Frieden bekannt zu machen, ſondern ihnen auch anzukuͤndigen, daß wer den Groß fuͤrſten mit Krieg überziehe, auch den Orden zum Feinde habe, war vom Mei: ſter die Antwort ertheilt worden: der Orden mit jenen Be⸗ wohnern ſeit laͤnger als einem Jahrhundert im Frieden, koͤnne dieſen nicht aufſagen oder mit Ehren brechen; alſo moͤge der Großfuͤrſt feines Beſten warten, der Orden werde für ſich des⸗ gleichen thun.) Dieß hatte Witowd, wie er ſelbſt geſtand, in großem Unmuth aufgenommen. Allein der Hochmeiſter wandte jetzt alles an, den Fuͤrſten wieder zu beguͤtigen und den Gebietiger zu entſchuldigen. Auf Witowds Wunſch ſand⸗ te er alsbald den Ordensmarſchall nebſt mehren Gebietigern aus Livland und Preuſſen nach Kauen, wo nicht nur die Mißverſtaͤndniſſe leicht wieder ausgeglichen, ſondern auch ein neuer Kriegszug nach Samaiten verabredet wurde, 2 denn der Meiſter hatte mittlerweile einen geborenen Sa: maiten in dieſes Land geſandt, um zu erfahren, ob die Bewohner ſich dem Orden jetzt freiwillig ergeben würden, aber eine entſchieden verweigernde Antwort erhalten. D Dem Großfuͤrſten für die abermals verheißene Beihülfe dankend, meldete er ihm, daß er den neuen Kriegszug 1) So berichtet Witowd ſelbſt in einem Schreiben an den H M., dat. An der Joreſlower Wieſe Dienſt. Paſchalis 1405 im geh. Arch. Schiebl. XVIII. nr. 133. 2) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Dienſt. nach Invention. Crucis 1405 Regiſtr. p. 97. Der HM. ſchreibt: Werlich, beſunder herre, got weis, das wir alle ding yn guten meynen und an euch daſſelbe ſunder czwifel wiſſen und mochten wir cuwer herlichkeit mit all unſern gebitigern gros czu willen werden, das teten wir ſicher willi⸗ elich und mit ganczem fliſſe. In einem andern Schreiben des HM. an den Livland. Meiſter, dat. Marienb. Dienſt. nach Miferieord, dni 1405 erhält dieſer die nöthige Weiſung, alles zur Verſohnung mit Witowd beizutragen und deshalb feine bevollmächtigten Gebietiger nach Kauen zu ſenden. 3) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Somab. vor Cantate 1405 Regiſtr. p. 98.
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Uebergabe Dobrins an den König v. Polen (1405). 327 gegen Ende des Juli zu unternehmen gedenke und ſich in allem nach des Großfürſten Rath richten wolle. 5 Der Hochmeiſter konnte jetzt ſeine ganze Thaͤtigkeit auf die Unterwerfung der Samaiten richten, da es ihm endlich moͤglich war, ſeine Verhaͤltniſſe mit dem Koͤnige von Polen wegen des Beſitzes von Dobrin völlig auszu⸗ gleichen. Es war naͤmlich nun auch der letzte Schritt ge⸗ ſchehen, welcher dem Schluſſe dieſer langen Verhandlun⸗ gen bisher immer noch hinderlich geweſen. Der Herzog Johannes von Sagan, Tochterſohn der Herzogin Offka von Oppeln, hatte dem Koͤnige die Verpfaͤndungsurkunde des Ordens überliefert, ohne Wiſſen der Herzogin. So bitter ſich dieſe nun auch uͤber die Beeinträchtigung ihrer und ihrer Verwandten Rechte bei dem Meiſter beſchwerte, ſo hatte der letztere in dem vieljährigen Hader, Zorn und Schaden, den ihm die Verhaͤltniſſe Dobrins im Ueber⸗ maaße zugebracht, doch hinreichend Gründe, beim Könige nicht einmal eine Fürbitte für die Herzogin einzulegen, weil er vorausſah, ſie werde nicht beachtet werden.) Er nahm daher des Koͤniges Einladung zu einer neuen Be— rathung an und beide Fuͤrſten kamen um Pfingſten bel Thorn zuſammen. Der Koͤnig ſprach unter nochmaliger Beſtaͤtigung des im vorigen Jahre Über das Land Dobrin geſchloſſenen Vertrages den Orden gegen alle fremden An⸗ ſprüche, die etwa nach dem Erb» und Eigenthumsrechte an das Land gemacht werden moͤchten, völlig frei, * zahlte 1) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Somt, vor Johanm Baptiſt. 1405 Negiſtr. p. 101. 2) Schreiben des HM. an die Herzogin von Oppeln, dat. Marianb. Mittw. nach Jubilate 1405 Regiſtr. p. 99. Der HM. ſagt: Sym wir uns mit dem herrn konynge und ſyme Raich qu Polen fruͤntlich geeynet haben, fo fügt uns ernstlich forder nicht dorby czu thun yn key⸗ nir wyſe, welde got das die euwern ſich bas beide an cuwir Grosmech⸗ tikeit und ouch an uns bewart hetten, das were uns lip von ganczem herczen, 3) Urkunde hierüber, dat. Thorun feria quarta infra Octavas Penthecostes 1405 bei Dogiel T. IV. nr. 73 p. 81, worin offenbar
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328 Uebergabe Dobrins an den König v. Polen (1405). darauf dem Hochmeiſter die Summe von funfzigtauſend Unger. Gulden fir das Land Dobrin und zweitauſend und vierhundert Schock Boͤhm. Groſchen fuͤr das Haus Slo⸗ torie nebſt deſſen Zubehoͤrungen aus und Land und Bur⸗ gen, ſowie fie der Orden neu befeſtigt und mit Vorraͤ⸗ then verſehen, wurden ihm fofort übergeben. D um aber den im vorigen Jahre geſchloſſenen Vertrag noch mehr zu befeſtigen, verſtaͤndigte man ſich auch näher Über die Graͤn⸗ zen der Neumark, welche damals nicht beachtet worden waren, indem der König zugab, daß diejenigen Graͤnzen zwiſchen Groß⸗Polen und der Neumark für die richtigen gelten ſollten, welche der Orden bei der Erwerbung des Landes dort gefunden und wie ſie ſeit alter Zeit beſtan⸗ den haͤtten, wobei beſtimmt ward, daß etwanige fernere Mißhelligkeiten uͤber die Graͤnzen zwiſchen Polen und dem Orden uͤberhaupt ſtets durch freundliche Ausgleichung be⸗ feitigt werden ſollten.) Darauf zog der Koͤnig auf des Meiſters Einladung mit viertauſend Pferden in großem Glanze in Thorn ein. Zwei Tage wurden in Gaſtge⸗ lagen und Feſtlichkeiten hingebracht und dem Koͤnige nebſt allen den Seinigen hohe Ehrenbezeugungen erwieſen. Der Hochmeiſter erfreute ihn mit einem Ehrengeſchenke von zwei vergoldeten und reich mit Edelſteinen beſetzten Trink⸗ bechern, hundert Mark an Werth; alle Diener des Kö: niges wurden angemeſſen beſchenkt. Ebenſo ließ der Kös Beziehung genommen wird auf das herzogliche Haus von Oppeln. Lu⸗ cas Da vid B. VIII. S. 78. De Wal T. IV. p. 226. 1) Lindenblatt S. 172. Die Quittung des HM. über den Em⸗ pfang der Geldſummen bei Dogiel T. IV. nr. 74 5 81. Lucas Das vid a. a. O. Das Treßler-Buc, p. 186 führt eine Zahlung von 1743 Mark löthig für das Land Dobrin und die Slotorie auf. 2) Urkunde hierüber, dat. Thorun feria quarta infra Octavas Penthecostes 1405 im geh. Arch. Schiebl. XX nr. 24, im geh. Staatsarchiv zu Berlin sign. 430, ff., gedruckt bei Gercken Cod. diplom. T. V. p. 250, Lucas David B. VIII. S. 79 — 80. De Val I. e. . 227,
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Unterwerfung der Samaiten (1405). 329 2 nig dem Hochmeiſter und deſſen Gefolge anſehnliche Eh⸗ rengaben überreichen. Aufs freundlichſte verabſchiedet be⸗ gab er ſich hierauf in ſein Reich zuruͤck.) Der Hochmeiſter, kaum ins Haupthaus zurückgekehrt, erließ ſofort das Gebot zur Kriegstuͤſtung gegen Samai⸗ ten. Sie war ſo weitumfaſſend und bedeutend, wie man ſeit langer Zeit nicht geſehen, denn da die Züge fremder Kriegsgaͤſte aus entfernten Landen ſchon mehr und mehr nachgelaſſen, fo mußten faſt alle Kriegskraͤfte aus dem Lande ſelbſt aufgeboten werden. Und dießmal galt es außerordentliche Anſtrengungen; die Gebietiger, wo es noͤthig war, mit Geld zur Ruͤſtung noch beſonders un⸗ terſtützt, ) erhielten Befehl, in ihren Ordenshaͤuſern fo viel Ritter und Diener auszurüͤſten, als nur irgend möge lich, wobei genau vorgeſchrieben war, wie jeder im Heere erſcheinen ſolle, wie viel Kriegsleute jede Stadt und wie viel Schiffe, Wagen oder ſonſtiges Heergeraͤthe jeder Kom: thur und jede ſtaͤdtiſche Gemeine zu ſtellen habe. Aus dem Lande wurde alles, was dienſtpflichtig, zur Heeres⸗ ſolge aufgerufen und es ſammelte ſich ſo in der Mitte des Juli eine ſehr bedeutende Streitmacht.) Den Hoch: 1) Lindenblatt a. a. O. Mehres darüber im Treßler-Buch p. 186. Uebereinſtimmend mit Lindenblatt heißt es hier: 511 Mark des Koͤniges von Polen Leute, Ritter und Knechte damit aus der Her⸗ berge zu loͤſen am Sonnabend zu Pfingften, als unſer Hochmeiſter den König zu Gaſt hatte (alſo koſtete dem Orden die Bewirthung der zahl⸗ reichen Begleitung des Koͤniges über 500 Mark), dann noch 150 Mark dem Komthur zu Thorn fuͤr die Koſt, die er dem HM. that, als er mit dem Könige von Polen zu Thorn einen Tag hielt. Den Pfeifern des Königes giebt der HM. 10 Mark und 2 Schock Groſchen. Der HM. erhält vom Könige unter andern auch Kraniche und Wildpret zum Geſchenk. Faber Preuff. Archiv B. II. S. 270. 2 3. B. der Komthur von Strasburg und der Vogt von Leipe er⸗ hielten jeder 100 Mark zu dieſem Zwecke. Treßler⸗Buch p. 187. 3) Wir haben über dieſe Kriegsruͤſtung einen genauen Bericht im geh. Arch. Schiebl. XX nr. 22 und einen andern in einem Verſchrei⸗ bungsbuch im Rathsarchiv zu Danzig. Es läßt ſich daraus ziemlich klar
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330 Unterwerfung der Samaiten (1405). meiſter hinderte an reger Theilnahme an dieſem Zuge fort: waͤhrende Kraͤnklichkeit, denn ſchon ſeit dem vorigen Jahre war ſeine Geſundheit ſehr wankend geworden und im Ver⸗ laufe dieſes Sommers litt er beſonders ſtark an Stein⸗ ſchmerzen, die oft alle feine Thaͤtigkeit hemmten. ) Alſo trat abermals der Ordensmarſchall Ulrich von Jungingen an die Spitze der verſammelten Macht und führte die Reiter⸗ ſchaaren uͤber Inſterburg, um an einem beſtimmten Tage, an dem auch Witowd in Samaiten einbrechen wollte, an der Dobiſſa zu erſcheinen.“ Beides geſchah; und da Witowds Kriegerzahl noch ungleich groͤßer war, als die des Ordens, ſo wagten die Samaiten keinen Widerſtand, alſo daß nicht nur die früher ſchon bezwungenen Lands ſchaften, ſondern auch in den andern Gebieten die Landes⸗ bewohner ſich im Drange der Noth ohne Gegenwehr er— gaben. Der Ordensmarſchall und Witowd fanden aber für nothwendig, zuvoͤrderſt im Lande eine ſtarke Burg zu erbauen, um von da aus durch eine zahlreiche Beſatzung das unruhige Volk im Gehorſam zu erhalten; und ob⸗ die damalige Art der Kriegsruͤſtung kennen lernen. Es heißt z. B. Man ſal uegebieten allen dinſten obiral das lant, ane den man vor den ſchaden ſteet. Iclich gebitiger ſal usrichten bruͤder und dyner als her meiſte mag, die bruͤder und dyner ſollen alle die helfte armbroſte haben. Iclich bruder, der eyn armbroſt füret, fat haben eynen oberigen Somer⸗ ling, der off In warthe. Yo czwene dyner die do armbroſte füren, ſollen eynen knecht haben, der Ire Pferde In nachfuͤre, wo ſie abetreten. Ein gleicher Bericht uͤber die Mannſchaft und Verproviantirung zu bicfem Zuge in Schiebl. Varia nr. 72. 1) Der HM. erwähnt feiner Krankheit ſelbſt in mehren Briefen im Regiſtr. p. 100 — 103. 2) Der HM. ſchreibt darüber der Königin von Danemark im Re⸗ giſtr. p. 102: Herczoge Wytout iſt uns czu deſer czit mit alle ſyner macht Littowen und Ruſſen und ouch mit etlichin us dem Ryche czu Po⸗ lan, die Im der Eonyng hat geſandt, czu huͤlfe geczogen uff die Sa⸗ maythen, dohen wir unſer Gebitiger mit eynem mechtigen heer geſandt haben, und hoffen czu got, das wirs mit den Samaythen ouch uff eyn beſteen und eyn gut ende brengen wellen.
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Unterwerfung der Samaiten (1405). 331 gleich man weder Zimmerleute noch auch die noͤthigen Baugeraͤthe mit herbeigebracht hatte, ſo ſtand der Bau doch ſchon nach acht Tagen in ziemlich ſtarker Befeſtigung da, denn nicht allein das Kriegsvolk des Ordens und Wi⸗ towds Leute, ſondern auch eine große Zahl zuſammenge⸗ triebener Samaiten hatten unausgeſetzt Tag und Nacht theils am Aufbau theils an der Befeſtigung durch Waͤlle und Graben gearbeitet.) Nachdem die Feſte, — ſie wurde Königsberg genannt — 2 noch ſtark mit Bollwer⸗ ken verſehen und die Beſatzung, etwa ſechzig der tapfer⸗ ſten Krieger des Ordens und uͤber vierhundert Mann aus Witowds Heer unter dem Befehle eines Hauskomthurs und mehrer Ordensritter aus Balga und Chriſtburg, ges gen den Anfall eines Feindes geſichert und hinreichend mit Nahrungs- und Vertheidigungsmitteln fuͤr die naͤchſte Zeit verſorgt war, kehrten die beiden Kriegsheere in ihre Lande zuruͤck. Der Hochmeiſter, hoch erfreut uͤber den Erfolg dieſes Kriegszuges, bezeugte alsbald dem Großfuͤrſten feinen in nigſten Dank fuͤr die geleiſtete Beihuͤlfe, traf aber ſofort auch Anſtalten, das errichtete Haus mit dreihundert Mann und einigen hundert Pferden noch ſtaͤrker zu bemannen und mit Lebensmitteln reichlicher zu verſehen. Da der Raum der neuen Burg für alle Beduͤrfniſſe nicht hinreich⸗ te, ſo erſuchte er den Großfuͤrſten, einen Theil der zuge⸗ führten Lebensmittel auf feine Burg Kauen in Verwah⸗ rung zu nehmen, um ſie von da noͤthigen Falls der Be⸗ ſatzung in Samaiten leicht zuführen zu koͤnnen. Mitt: 1) So Lindenblatt S. 173, der hinzufuͤgt, daß man auf Schil⸗ den den Wall geſchuͤttet und Graben gemacht habe. Kojalowiez p. 72. 2) Unter dicſem Namen erwähnt ihrer der HM. in einem Briefe an Witowd Regiſtr. p. 104. Im Trcßler⸗Buch p. 188. 190 u. f. kommt der Name Königberg für dieſes neue Haus [ehr häufig vor, je⸗ doch meiſt Königsburg geſchrieben. 3) Treßler-Buch p. 190. 4) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Elbing am Tage decol-
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332 Unterwerfung der Samaiten (1405). lerweile freilich drohte dieſer manche Gefahr, denn die Samaiten, bald wieder zu neuen Hoffnungen der Be⸗ freiung erhoben und ergrimmt uͤber die neue Zwingfeſte in ihrem Lande, ſtuͤrmten in kurzem in großen Schaaren her⸗ bei, warfen Schutzwehren auf, trafen Anſtalten, um bis an die Burggraben zu gelangen und boten alles auf, um in das Haus einzudringen und es dann wieder niederzu⸗ ſtuͤrzen. Die Beſatzung wich jedem offenen Kampfe aus und ließ den Feind bei ſeiner Arbeit ungeſtoͤrt, bis er wirklich innerhalb der Graben erſchien, von da aber mit ſchwerem Geſchoſſe und Pfeilen mit ſolchem Nachdrucke zuruͤckgetrieben ward, daß eine große Zahl von Todten und Verwundeten die Graben fuͤllten, viele gefangen ges nommen und der ganze uͤbrige Haufe dann in die Flucht geworfen wurde.) Und als hierauf um Michaelis dies ſes Jahres das Haus mit noch ſechzig Ordensrittern und einer bedeutenden Anzahl von Withingen ſtaͤrker bemannt und mit allem, was die Vertheidigung und Verpflegung der Beſatzung erforderte, reichlich verſorgt wurde, die bei⸗ den Graͤnzburgen Ragnit und Memel ebenfalls ſtaͤrkere Befeſtigung und zahlreichere Mannſchaft erhielten,“ über: dieß auch Witowd, deſſen Rath der Hochmeiſter jetzt in allem unbedingt Folge leiſtete, alles aufbot, um die Sa⸗ maiten in Zaum zu halten,“ fo wagten dieſe vorerſt lationis S. Johannis 1405 Regiſtr. p. 102 — 103. Freßler⸗Buch p. 190. 1) Lindenblatt S. 173. 2) Treßler-Buch p. 190. 3) Lindenblatt a. a. O. Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. am Abend unſ. Frauen Nativitat. 1405 Regiſtr. p. 104. Der HM. dankt dem Großfürften wicverholt für „cuwer mühe und bekum⸗ mernis und vorderliche Huͤlfe, die Ir unferm Orden fo gutwilliclich be⸗ weiſt.““ Er erklart, daß er durchaus nichts ohne Witowds Rath in Sa⸗ maiten vornehmen wolle, weshalb er den Komthur von Brandenburg zu ihm ſende, „euch von der usſpiſunge und von allen dingen usrichtunge czu thun, das mans denne nach euwerm rathe und gutduͤnken geendet
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Unterwerfung der Samaiten (1405). 333 keinen Verſuch zur Empörung und die Eroberung des Lanz des ſchien jetzt geſichert, alſo daß man nun auch darauf bedacht war, durch die Wiederanſtellung eines Ordens⸗ vogtes in der Perſon Michael Küchmeiſters von Stern: berg in die eigentliche Verwaltung des Landes Ordnung und Geſetz zu bringen.) Auf der Burg Koͤnigsberg, ſeinem erſten Wohnſitze, war jedoch Anfangs ſeine Lage keineswegs die erfreulichſte, denn überall noch von den feindlichgeſinnten Bewohnern umgeben, gebrach es bald dem Haufe an Lebensmitteln oder am nöthigen Geſchuͤtze, weil die verſprochenen Zufuhren nicht immer puͤnktlich er⸗ folgen konnten, bald mußten Witowds mißmuthige Kriegs⸗ leute entlaſſen und andere an ihrer Stelle aufgenommen werden, 9 bald waren im Volke Verraͤthereien angeſpon⸗ nen u. ſ. w. Das Verhaͤltniß zwiſchen Witowd und dem Hochmeiſter war jetzt in aller Weiſe fo freundlich und zu: geneigt, wie es noch nie geweſen. Auf des Großfürften Wunſch hatte letzterer wiederholt Sendboten an die Nov⸗ goroder und Pleskower gehen laſſen, um durch ſeine Ver⸗ mittlung die Mißhelligkeiten zwiſchen ihnen und Witowd guͤtlich auszugleichen.) Gerne verwandte ſich ferner der Hochmeiſter aufs angelegentlichſte auf Witowds Bitte bei hette, wend wir yo ane euwern Rath nichts aldo mogen noch wiſſen czu thun. Wir wiſſen nicht vorder czuflucht czu haben, wenn czu cuwer durchluchtikeit und bitten euch mit grosfliſſigen begerungen als unſern ſunderlichen liben heren, das Ir uns noch euwerm willen und gutdünken wellet helſin rathen, das wir das hus vordan beherten mogen, wend yo der gancze rath an euch iſt, das wir vil hyn und her denken adir rathen, ſo iſt is doch unnuͤtze, all unſer gedyen und czunemen an den enden lyt nach gote an euch und euwern willen. 1) Es iſt oben ſchon bemerkt, daß dieſer Ordensvogt in Samaiten bereits früher eingeſetzt geweſen. 2) Daruͤber ein Schreiben des Vogts von Königsberg in Samaiten an den Ordensmarſchall, dat. Kauen Donnerſt. vor Galli (o. J.). 3) Schreiben des HM. an Witowd im Regiſtr. p. 104. Karam⸗ ſin B. V. S. 147.
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* 334 Unterwerfung der Samaiten (1405). dem Herzoge von Stolpe um die Auswirkung des ver⸗ ſchriebenen Leibgedings der Bruderstochter Witowds Hed⸗ wig, Wittwe des verſtorbenen Herzogs Barnim, um ſich auch hierin dem Großfuͤrſten dankbar zu beweifen. D Die: ſer dagegen uͤberraſchte den Hochmeiſter mit einem glaͤn⸗ zenden Geſchenke von ſchoͤnen Roſſen, ſeidenen Waaren, Zobeln, Schauben und andern koſtbaren Dingen, 9 ſowie die Großfuͤrſtin mit einer andern ſchaͤtzbaren Ehrengabe und der Meiſter wußte kaum Worte zu finden, um ſeinen Dank für des Fuͤrſten hohe Güte und Freundſchaft in vol: lem Maaße auszuſprechen, denn er erkannte darin einen ganz unſchaͤtzbaren und über alles Verdienſt gehenden Be: weis ſeiner großen Zuneigung und Huld gegen ihn und den ganzen Orden.“ Der Großfuͤrſt gab ſich uͤberdieß auch alle möglihe Mühe, durch Ueberredung der Nor: nehmſten und andere Mittel der Guͤte die Samaiten zur Stellung einer gewiſſen Anzahl von Geiſeln als Buͤrgen ihres Gehorſams gegen den Orden zu bewegen. Sie ver: ſprachen dieſe zwar, zoͤgerten jedoch ſo lange mit der Ausführung ihres Verſprechens und bewieſen überhaupt noch fort und fort ſo viel Hartnaͤckigkeit und widerſpaͤn⸗ ſtiges Weſen, daß der Meiſter gegen Ende dieſes Jahres wieder auf neue Mittel der Gewalt denken mußte, um ſie mit Huͤlfe des Großfuͤrſten und des Meiſters von Liv⸗ land zur Ueberlieferung der verlangten Geiſeln zu zwin⸗ 1) Schreiben des HM. an den Herzog von Stolpe, dat. Buͤtow Dienſt. nach Andrea 1405 Regiſtr. p. 109. 2) Als Gegenftände dieſes Ehrengeſchenkes nennt der HM. : „Pferde, Zeteln, Sydene ſtuͤcke, Czabeln, Schuben und mancherlei vil ander ſtuͤcke, die czu lang czu dirczelen weren.“ Mancher dieſer Geſchenke erwähnt auch das Treßler-Buch p. 191. 3) Schreiben des HM. an Witowd und „die Herzog Wytoudynne,“ dat. Drecze Sonnab. nach Eliſabeth 1405 Regiſtr. p. 107 — 108. Der HM. demuͤthigt ſich in der That faſt zu ſehr in feiner beinahe übers triebenen Dankſagung.
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Streitigkeiten in der Neumark (1405). 335 gen. Da man indeß in Samaiten vernahm, daß wirk⸗ lich Zwangsmittel gegen die Widerſpaͤnſtigen in Anwen⸗ dung kommen ſollten, ſo fuͤgten ſie ſich endlich und lie⸗ ferten mit dem Anfange des naͤchſten Jahres dem Orden eine Anzahl der Ihrigen als Buͤrgen ihrer ferneren Treue aus. Alſo ſchien jetzt der Orden mit der Eroberung Sa⸗ maitens ganz am Ziele ſeiner Beſtrebungen zu ſeyn. Nicht ſo war es in der Neumark, deren ruhigem Beſitze noch manches Hinderniß entgegenſtand und wo der Hochmeiſter noch mancherlei Anfprüche zu bekaͤmpfen hatte. Der Ks nig von Ungern verlangte jetzt die voͤllige Bezahlung der Kaufſumme, obgleich Markgraf Jobſt von Maͤhren noch immer ſeine Einwilligung in den Verkauf verweigerte, ja ſogar Klagen gegen den Orden geführt hatte, daß er die Zoͤlle, Mauthen und Niederlagen im Lande durch ſeine Amtleute nicht mehr ſo halten laſſe, wie es zur Zeit der Herrſchaft des Koͤniges und ſeines Bruders des Herzogs Johann geſchehen ſey. Der Meiſter zoͤgerte daher auch mit der ruͤckſtaͤndigen Zahlung, dem Koͤnige erklaͤrend, daß es nothwendig ſey, ſich bei deſſen etwanigem Tode von Seiten des Markgrafen vor kuͤnftigen Einfaͤllen zu ver⸗ wahren. Ferner lag der Orden auch mit den Johan⸗ 1) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Dienſt. nach dem heil. Chriſttag 1405 Regiſtr. p. 113. Es heißt darin: Helfet uns rathen, wy man deſen dingen und nemlich der muͤwe, die Ir habt, eyn korcz ende geben möge, wend in den ſachen unſers Ordens troſt und ge⸗ dygen gentzlich an euch lyet, wellen fie mit willen Ire Gyſel nicht ge⸗ ben, das wir ſie mit cuwer Hülffe und des Gebitigers von Lyffland dor⸗ tzu beengen, das ſie es mit unwillen thun. 2) Schreiben des HM. an Witowd über die mit feinen Gebietigern über die Zwangsmittel gehaltene Berathung; dat. Elbing Sonnab. nach Epiphan. 1400 Regiſtr. p. 114. Lindenblatt S. 177. 3) Der HM. ſchreibt dem Könige unter andern: Als euwir aller⸗ durchluchtikeit ſchribt, der briff der vorlybunge des Irluchten unſers herrn Soft Marggrafen ſey uns nicht not. Das geſtehe wir cuch bey euwerem
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336 Streitigkeiten in der Neumark (1405). niter⸗Rittern wegen Zantock im Streite, denn obgleich der König von Ungern erklaͤrte, daß es zur Neumark ges hoͤre und der Hochmeiſter den Meiſter des Johanniter⸗ Ordens aufforderte, ihm die Burg und deren Gebiet zur Einlöfung zu ſtellen, fo ſchob doch auch dieſer die Ein: willigung des Markgrafen von Maͤhren vor, behauptend, daß es dieſer als ſein Beſitzthum anſehe. Der Hochmeiſter ſtellte die Entſcheidung dem Könige von Ungern anheim, denn „kaufen wir es nicht, ſchrieb er ihm, ſo duͤrfen wir es auch nicht bezahlen.“) Desgleichen kam Jan von Wartenberg, jetzt Hauptmann zu Pirna, beim Hochmeiſter von neuem mit der Klage ein, daß Kuͤſtrin ganz wider ſeinen Willen und gegen alles Recht an den Orden ver— kauft worden, da es fein eigenes Erbgut ſey, und wenn er dem Meiſter den Verkauf fuͤr dreitauſend Schock Gro— ſchen angeboten habe, ſo thue ihm dieſer abermals Un— recht, daß er ihm von dieſer Summe ſiebenhundert Schock abbrechen wolle.“ Und endlich war auch der Streit des Ordens mit Otto von Kittlitz wegen des Beſitzes von Tan⸗ kom noch immer nicht entſchieden, weil der letztere ſich noch fort und fort weigerte, die Sache dem ſchiedsrichter— lichen Ausſpruche der Mannen und Staͤdte der Neumark zu unterwerfen.) Das Wichtigſte aber war, daß ſich in der Neumark immer noch neuer Stoff zu fortdauernden Streitigkeiten und zu feindlicher Spannung zwiſchen dem Orden und dem Koͤnige von Polen vorfand. Hatte man ſich uͤber die Graͤnzen des Landes, wie wir ſahen, vor kurzem im leben, das got geruche czu haldin, ſundir ab is anders gefyle, ſo ſey wir geiſtlichen, und not iſt das wir uns bewaren vor czukomftigen ynfellen. 1) Schreiben des HM. an den König von ungern, dat. Markenb. Montag nach Reminiſcere 1405 Regiſtr. p. 90. 2) Schreiben des Jan von Wartenberg an den HM. dat. Tetſchin am Abend Jacobi (1405) im gch. Arch. 3) Schreiben des HM. an Otto v. Kittlitz, dat. Marienb. am T. Scolaftich 1406 Regiſtr. p. 115.
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Verhandl. mit Ulrich v. d. Oſt wegen Drieſen (1403). 337 Allgemeinen auch verſtaͤndigt und hatte der Meiſter auf des Koͤniges Klage auch nachgegeben, daß der Aufbau ei⸗ ner Burg nahe an der Graͤnze des Polniſchen Gebietes, obgleich noch auf Grund und Boden der Neumark, nicht weiter fortgefegt werden ſolle,“ fo war doch immer noch der ſo ſehr verwickelte Streit uͤber den rechtmaͤßigen Be⸗ ſitz von Drieſen keineswegs beſeitigt. Und es war kein Wunder, daß man ſich unter den obwaltenden Widerſpruͤ⸗ chen in den Verhandlungen des vorigen Jahres nicht hatte vereinigen koͤnnen. Jetzt indeß begann der König ernſtli⸗ chere Anſtalten, um zu ſeinem Zwecke zu gelangen. Auf die Nachricht, daß letzterer in der Neumark allerlei be⸗ denkliche Verbindungen und Unterhandlungen anknuͤpfe und deshalb bereits auch einen feiner Raͤthe an den König von Ungern geſandt habe, ließ der Hochmeiſter alsbald den Ritter Ulrich von der Oſt auf Pfingſten zu einem Tage nach Marienburg einladen, um auf den Grund ſei⸗ ner Lehensbriefe und Privilegien einen Vertrag uͤber den Beſitz feiner Güter mit ihm abzuſchließen.) Statt def fen aber ließ ſich der Ritter verleiten, zum Könige Lon Polen zu eilen und mit dieſem einen Tauſchvertrag einzus gehen, in welchem er für verſchiedene andere Beſitzungen 1) Der Bau ſollte in der Nähe von Hochzeit erfolgen, wo ein alter Bergfriede, denen von Wedeln gehörig, geſtanden hatte. Der Vogt der Neumark erwies zwar (Schreiben an den HM., dat. Schicvelbein Donnerſt. in coena domini 1405), daß die Gegend immer zur Neumark gehört habe und daß die Polen nur darauf daͤchten, weiter in die Neumark ein⸗ zudringen; allein der HM. meldete dem Könige in einem Schreiben, dat. Marienb. feria sexta proxima ante fest. Palmar. 1405 Regiſtr. p. 94, daß er den Bau einzuſtellen befohlen habe. Das Schreiben des Vogts an den HM. iſt auch gedruckt in Ledebur Allgemein. Archiv fuͤr Geſchichtskunde des Preuſſ. Staats B. XI. H. 4. S. 371. 2) Brief des Bürgers Paul Quenthin von Frankfurt an den Vogt der Neumark, dat. Soldin Sonnt. Cantate (1405), worin es heißt: Wethet, dat de konyng von Polan mit Juwen Irgeſten umgeyt und het darup ſinen rad by dem konynge von Ungern gehat. 3) Lucas David B. VIII. S. 84. VI. 2 10
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338 Verhandl. mit Ulrich v. d. Oſt wegen Driefen (1405). und eine Summe Geldes dem Koͤnige die Burg Drieſen mit allen ihren Zubehoͤrungen abzutreten verſprach, denn was ihm dieſer entgegengeboten, war allerdings lockend genug zu einem ſolchen Schritte, zumal da er ihn gegen einen etwanigen Vorwurf des Treubruches mit allem Nach⸗ drucke zu fichern verhieß.) Bevor es indeſſen noch zur wirklichen Vollziehung dieſes Vertrages kam, geſtaltete ſich ſchon nach wenigen Monaten die Sache wieder ganz anders, denn wenige Tage vor Michaelis dieſes Jahres ſchloß Ulrich von der Oſt im Haupthauſe Marienburg mit dem Meiſter einen Vertrag, nach welchem er auf ſeiner Freunde Rath dieſem die Burg Drieſen nebſt allen Zubehoͤrungen und Einkuͤnften, nur mit Ausnahme der in der Neumark an ſie fallenden Zinſen, auf ein Jahr einzuraͤumen verſprach, um ihre Erhaltung und ihren Schutz zu übernehmen. Es ward hiebei bes ſtimmt: der Hochmeiſter wolle ihm dafuͤr einſtweilen die Stadt Lippehne übergeben; mittlerweile ſollten zwei Ges bietiger des Ordens und zwei bevollmaͤchtigte Freunde Ul⸗ richs ſich Über einen Verkauf Drieſens an den Orden zu vereinigen ſuchen; komme dieſer nicht zu Stande, ſo ſolle die Burg nach Jahresfriſt an Ulrich wieder zurückgegeben werden, doch unter der Bedingung, daß dieſer den Or— den ſicher ſtellen wolle, er werde Drieſen forthin immer zur Neumark halten.) Werde es jedoch dem Orden bins nen dem Jahre mit Gewalt oder Verrath entfremdet, ſo ſolle er deshalb von Ulrich und deſſen Erben nicht in 1) Originalurkunde, dat. In Landa feria quarta ipso die 8. Johannis Bapt. 1405 im geh. Arch. Schiebl. 46 nr. 10, im Transſ. vom J. 1412 Schiebl. 46 nr. 4. 7; gedruckt bei Lucas David B. VIII. S. 84 — 86. 2) Es heißt: Komme der Verkauf nicht zu Stande, „fo ſal der herre Homeiſter und der Orden mir adir meynen Erben Dryſden wedir enwerten noch deſem yore, alſo doch das Ich adir meine Erben dem Orden ſulche gewiſheit thun ſullen czu der czeit, zo uns Dryſden geent⸗ wert wirt, das wirs czur Nuͤwemarke halden wellen.
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Verhandl. mit Ulrich v. d. Oſt wegen Driefen (1405). 339 Anſpruch genommen oder zu Schadenerſatz verpflichtet wer⸗ den. Werde ein Verkauf Drieſens an den Orden erfol⸗ gen, ſo ſolle dieſer die Summe von dreizehnhundert Schock Bohm. Groſchen, welche Ulrich ſoeben auf feine Guter und Zinſen in der Neumark vom Orden aufgenommen, in Abſchlag bringen. So ſchuͤrzte ſich der Knoten immer feſter, der einſt dem Orden fo unbeſchreibliches Ungluͤck bringen ſollte. Der Meiſter eilte jetzt, die Burg Drieſen wirklich in Beſitz zu nehmen, “ denn er war laͤngſt benachrichtigt, daß ſich an der Polniſchen Graͤnze mehrmals bedeutende Haufen von Polen verſammelt und Botſchaft an den König geſaadt haͤtten, wie man vermuthete, um wegen der Burg Ver⸗ haltungsbefehle einzuholen.“ Daß der König aber ent ſchieden darauf hinarbeitete, feine Herrſchaft über die Graͤn⸗ zen der Neumark auszubreiten, war nunmehr keinem Zwei⸗ fel unterworfen. Die Stellung des Ordens ward noch um ſo bedenklicher, da unter dem unruhigen Adel des Landes auch jetzt noch keine dem Orden zugeneigte Ge— ſinnung herrſchte, ſich immer mehr Parteien bildeten und unter ihnen wiederholt Verſammlungen Statt fanden, bald um dem Orden die ihnen auferlegte ziemlich maͤßige Bethe unter nichtsſagenden Vorwaͤnden zu verweigern oder ſich 1) Originalurkunde des HM., dat. Marienb. Mittwoch vor S. Michaclistag 1405 im geh. Arch. Schiebl. 46 nr. 9; die Gegenurkunde ulrichs von der Oft von gleichem Datum nr. 5, in Transſumten vom J. 1419 nr. 11. 13. 14. 17; gedruckt bei Lucas David B. VIII. S. 87 — 89. 2) Treßler⸗Buch p. 187: 10 Schock Böhm. Groſchen für Koft der Geſellen, die zu Driefen auf dem Hauſe liegen ſollen, Freitag vor Mar⸗ garetha. 3) Schreiben des Vogts der Neumark an den HM., dat. Donnerſt. nach Maria Magdal. 1405 im geh. Arch. Schiebl. XIV. nr. 50; über die Einnahme von Driefen Lindenblatt S. 175. Nach dem Treß⸗ ler⸗Buch p. 192 ſendet der HM. einen Boten nach Poſen, „als die Polen da Sammlung hatten und meinten vor Drieſen zu ziehen. 22
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340 Verhandl. mit Ulrich v. d. Oſt wegen Driefen (1405). andern Leiſtungen, z. B. der Beſpeiſung des Hauſes Drie⸗ fen zu widerſetzen und überhaupt ihm alle Beihuͤlfe zu entziehen,) bald um den Plan einzuleiten, dem Könige von Polen wenigſtens einen Theil der Neumark in die Haͤnde zu ſpielen. Es war alſo gewiß, daß dieſer einen bedeutenden Anhang unter dem Adel des Landes finden werde, ſobald er nur den erſten Schritt uͤber die Graͤnze thun wuͤrde. Unter dieſen Verhaͤltniſſen war es ein großes Gluck, daß die fruͤheren Mißverhaͤltniſſe mit den Nachbarfuͤrſten durch des Meiſters Bemuͤhungen faſt uͤberall friedlich aus⸗ geglichen waren. Die langwierigen Streithaͤndel mit Her⸗ zog Boguslaw von Stolpe namentlich auch uͤber die Lan⸗ desgraͤnzen hatte man nach manchen Verhandlungen im Laufe dieſes Jahres nicht nur voͤllig beigelegt, ſondern der Herzog ſelbſt hatte auch uͤberhaupt mehr Vertrauen zu des Ordens friedlichen und redlichen Abſichten gewonnen? und der Hochmeiſter gab ihm darin einen neuen Beweis ſeiner freundlichen Geſinnung, daß er die Herzogin von Stolpe auf ihrer Reiſe durch Preuſſen zum Koͤnige von Polen uͤberall mit hoher Auszeichnung empfangen und bewirthen ließ. Die immer wieder neubeginnenden Streitigkeiten zwiſchen dem Orden und dem Herzoge Johannes von Ma⸗ ſovien hatten ſich zwar auch durch dieſes Jahr hindurch⸗ gezogen; allein der Komthur von Balga und der Pfleger von Johannisburg erhielten vom Hochmeiſter wiederholten Befehl, dieſe Zwiſtigkeiten zu beſeitigen und Maaßregeln anzuordnen, um allen gegenſeitigen Befeindungen entgegen⸗ 1) Schreiben des Vogts der Neumark an den HM., dat. Dram⸗ burg Freit. vor Martini 1405, worin er berichtet, was er mit den Mannen und Städten wegen Bezahlung der Bethe verhandelt habe. Das Reſultat war, die Neumärker wollten uͤberhaupt eigentlich gar nichts geben. 2) Daruͤber mehre Schreiben des HM. an den Herzog aus dieſem Jahre im Regiſtr. p. 90. 92. 93. 109. 114. Schreiben des Vogts der Neumark an den HM., dat. Schievelbein am T. Nicolai (1405). 3) Treßler⸗Buch p. 188.
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Verhandlungen wegen Gothland (1405). 341 zuwirken, und der Herzog war gerecht genug, dieſen Eifer des Meiſters zur Aufrechthaltung des Friedens anzuer⸗ kennen.) Nur die Verhandlungen mit der Koͤnigin von Daͤ⸗ nemark wegen Gothlands konnten auch jetzt noch nicht zum Schluſſe gelangen, obgleich die Geſinnungen der Königin und des Meiſters ſich ſchon ungleich milder und friedferti⸗ ger ausſprachen. Wenn daher auch noch einige Verhand⸗ lungstage ohne Erfolg vorübergingen, ſo trat man ſich doch gegenſeitig immer näher. Lübeck, Hamburg und Stralſund ließen es auch nicht an vermittelnder Zuſprache zum Frieden fehlen.) Die Königin ſelbſt wuͤnſchte, wie ſie es den Staͤdten Preuſſens, die ſie wiederholt um Ver⸗ mittlung bei dem Hochmeiſter bat, offen zu erkennen gab, nichts ſehnlicher als eine friedliche Ausgleichung, ) yes: halb fie nicht nur des Hochmeiſters Sendboten immer mii ungemeiner Guͤte und Freundlichkeit aufnahm, ſondern ſich ſelbſt auch zur Vermittlung erbot, wenn etwa der Orden mit Frankreich, England oder Holland in Mißverhaͤltniſ⸗ fen klebe.) Mit nicht minder friedfertigen Geſinnungen brachte ihr auch der Hochmeiſter den aufrichtigſten Wunſch zur Verſoͤhnung entgegen; er wandte ſich daher theils ſelbſt an Koͤnig Albrecht, theils erging von ihm an die Staͤdte Lubeck, Wismar und Roſtock die dringendſte Bitte, auch ihrer Seits alles anzuwenden, daß er doch endlich irgend 1) Daruͤber die Schreiben des HM. an den Herzog Johannes von Maſovien aus dieſem Jahre im Regiſtr. p. 89. 90, 93. 100. 108. 110 und zwei Schreiben des Komthurs von Balga Johann von Sayn an den HM. und den Herzog, dat. Bartenſtein am T. Nativitat. Marid 1405 Schiebl. XX. nr. 23. 2) Schreiben des HM. an die Königin, dat. Marienb. Sonnt. vor Afcenf. dni 1405 Regiſtr. p. 97. Hanf Receſſ. V. p. 117. 3) Schreiben der Städte Preußens an die Königin in Hanſ. Receſſ. II. p. 458. 4) Schreiben des HM. an die Königin, dat. Marienb. Donncrſt. nach Maria Magdal. 1405 Regiſtr. P. 101.
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342 Verhandlungen wegen Gothland (1405). einen Schritt thun möge, von dem aus ſich irgend eine Auflöfung des Verhaͤltniſſes zwiſchen dem Orden und der Koͤnigin erwarten laſſe.) Einen ſolchen Schritt that nun zwar auch Albrecht, aber keineswegs in der Art, daß der Streit dadurch haͤtte beendigt werden koͤnnen. Er eroͤffnete naͤmlich dem Hochmeiſter und dem ganzen Orden in einem feierlichen Schreiben, daß er alle ſeine Rechte auf Gothland und die Stadt Wisby aus Freund⸗ ſchaft und Liebe zum Frieden an feinen Oheim den König Erich und deſſen Erben abgetreten habe, mit der Bitte, der Orden moͤge ſich nun mit dieſem uͤber alle Punkte im Beſten verſtaͤndigen, ihm Gothland einraͤumen und ſich ge⸗ gen alle fernern Anſpruͤche von ſeiner Seite voͤllig ſicher halten, denn er werde den Orden nie darum mahnen oder anſprechen, indem er im voraus alles genehmige, was zwi⸗ ſchen König Erich und dem Hochmeiſter in irgend einer Weiſe beſtimmt werde.“ Allein dem letztern ſchien durch dieſen Schritt des Koͤniges eigentlich gar nichts weiter ge⸗ wonnen und er konnte ſich dabei unmoͤglich beruhigen; „denn wer ſoll jetzt, ſchrieb er der Koͤnigin, dem Orden die Pfandſumme bezahlen, wer ihm ſeinen Schaden er⸗ ſetzen, den er um Gothland gehabt? Davon ſteht nichts in 1 Der HM. meldet dieſes der Königin in einem ſehr freundlichen Schreiben, dat. Neidenburg Mont. nach Luck Evang. 1405 Regiſtr. 105 — 106. 2) Originalurkunde, dat. Flensburg am T. S. Katharina 1405 im geh. Arch. Schiebl. 80 nr. 6. Es heißt: Wes gi edder juwe Nakomc⸗ linge de Orde edder de iuwen mit deme vorben: unſer Oeme edder der vorben: drier Rike rade enden unde dun unde dat gi en von iw antwar⸗ den gotland und Wiſbuͤ dat ys unſe vulkomene wille unde vulbord unde wy noch unſe erven edder jemant von unfer edder unſer erve wegen wil⸗ len edder ſcholen iw edder iwe nakomelinge edder den orden nummer ſchul⸗ digen manen veyden anſpreken edder upſaken to ewigen tyden, dat gi alſo dun ume gotland unde wysbüͤ alſo vorſcreven ſteyt. — unter den Zeugen find auch die Bürgermeiſter von Lübeck, Hamburg, Noſtock, Wis⸗ mar und Stralſund genannt.
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Verhandl. wegen Gothland. Die Peſt in Preuſſen (1408). 343 dem Vergleiche. Wir aber muͤſſen wiſſen, ob Ihr oder der König uns nun die Zahlung leiſten wird. Auch find wir nicht unterrichtet, wie Ihr die Einwohner des Landes nach erfolgter Abtretung zu behandeln gedenket, damit ſie nicht für ihre an uns bewieſene Treue ſtatt Gnade und Gunſt eine grauſame Rache erfahren. Erſt wenn wir über dieß alles hinreichend Auskunft haben, koͤnnen wir uns auf weitere Verhandlungen mit euch einlaſſen.“ D So nahte dem Hochmeiſter je mehr und mehr der Abend ſeines Lebens, ohne bis jetzt ſeinen Wunſch, ſeinem Lande einen ſichern Frieden zu ſchenken, erreicht zu ſehen, denn wenn er auch noch hoffen konnte, daß die Oſſen⸗ heit und friedliebende Geſinnung, mit welcher zwiſchen ihm und der Koͤnigin von Daͤnemark alle Verhandlungen geführt wurden, endlich doch noch den Weg zu einer fried⸗ lichen Ausgleichung eröffnen wuͤrden, ſo durfte er einer ſolchen Hoffnung gegen den König von Polen wohl ſchwer⸗ lich Raum geben. Druͤckte aber ſchon dieſe Beſorgniß den alternden und durch Krankheitsſchmerzen oft hart geplag⸗ ten Meiſter mitunter tief darnieder, ? fo ließ ihn uͤber⸗ dieß auch manches andere Unglüd, dem Preuſſen mehre Jahre hindurch unterliegen mußte, ſelten einen freudigen Blick auf des Landes innern Zuſtand werfen. Nachdem, wie wir hoͤrten, ſchon im vorigen Jahre das Land von einer Seuche heimgeſucht worden war, welche ihm Tau⸗ ſende ſeiner laͤndlichen Arbeiter geraubt, nachdem ferner in der Mitte des Sommers dieſes Jahres eine außeror⸗ dentlich zahlreiche Pilgerwanderung nach Aachen, dem Lande abermals eine große Menſchenmenge entführt und den Arbeiten der Ernte entriſſen hatte,) brach auch in Preuſſen die anderwärts ſtark wuͤthende Peſt aus) und 1) Schreiben des HM. an die Königin, dat. Marienb. Freit. nach Epiphan. 1406 Regifir. p. 111. 2) Er ſpricht dieſes wiederholt in feinen Briefen aus. 3) Lindenblatt S. 175. 4) Sie raffte z. B. in Luͤbeck 18,000 Menſchen hin; Detmar
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344 Peſt in Preuſſen. Streit um Driefen (1400). raffte hie und da, beguͤnſtigt durch die naſſe und unge: ſunde Witterung im Herbſt und Winter, eine ſehr bedeu⸗ tende Zahl von Menſchen, beſonders viele Kinder, Jung⸗ frauen und alte Leute hin.) Von der Mark aus, wo fie ebenfalls viele Opfer hingerafft, verbreitete fie ſich zu⸗ erſt im naͤchſten Jahre nach Danzig und Marienburg und darauf weiter uͤber das ganze Land, ſo daß faſt kein Ort mehr von ihr verſchont blieb.? Alſo begann das Jahr 1406 unter ſehr betruͤben⸗ den Ereigniſſen. Aber die ungluͤckdrohenden Wolken ver⸗ finſterten ſich im Verlaufe der Zeit noch immer mehr. Der alte Hochmeiſter ſah nicht ohne Bangigkeit und Kum⸗ mer auf die neuen Verhaͤltniſſe mit dem Koͤnige von Po⸗ len hin; er ſuchte dem Sturme auf alle Weiſe vorzu⸗ beugen. Der Koͤnig ließ ihm, gewiß nicht ohne beſon⸗ dere Abſichten, die Herzoge Konrad von Oels und Ruprecht von Liegnitz als Schiedsrichter zur Entſcheidung uͤber den Beſitz von Drieſen in Vorſchlag bringen; allein der Mei⸗ ſter lehnte dieſes ab, erklaͤrend, daß es ihm, der die Neu— mark vom Könige von Ungern in Kaufsweiſe zum Pfande genommen, nicht zuſtehe, ſich ohne deſſen Einwilligung dem Ausſpruche eines andern zu unterwerfen. Wohl aber erbot er ſich, dem Koͤnige Drieſen gerne abzutreten, ſo⸗ fern er von ihm uͤber ſein unbeſtreitbares Recht gruͤndlich unterrichtet werde. Er wandte ſich zugleich auch an den B. II. S. 406. Nach Bothon. Chron. Bruns w. pietur. ap. Leibnitz Seript. rer. Brunsw. T. III. p. 394 ereignete ſich im J. 1406 eine fo große Sonnenfinſterniß, daß man kaum fchen konnte; viele meinten, die Welt werde untergehen. Beſonders ſtarben in dieſem Jahre auch viele Fuͤrſten. 1) Lindenblatt S. 175 — 176. 2) Lindenblatt S. 178. 179. 3) Schreiben des HM. an den König, dat. In curia nostra Been- hof feria sexta ante fest. purificat. Marie 1406 im Regiſtr. p. 110. Es heißt: Quamquam voluntati Regie votis fidelibus libentissime in eo pareremus, non competit tamen nobis hoc facere nec licet
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Streit um Drieſen (14000. 345 Großfürften Witowd mit der Bitte: er möge zur Vermitt⸗ lung des Streites einen Tag beſtimmen, an welchem er ſelbſt zu ihm kommen und die Beweiſe ſeines Rechtes vor⸗ legen wolle, damit wenn dann auch der Koͤnig ſeine ver⸗ meintlichen Rechte beweiſe, der Großfuͤrſt entſcheiden koͤn⸗ ne, wem der Beſitz zuſtehe, denn was er als Recht er⸗ kenne, dem wolle der Orden gerne nachgeben, lieber als bei irgend einem Herrn der Welt.) Der Hochmeiſter indeß ward nur zu bald überzeugt, daß es dem Koͤnige um eine Entſcheidung nach dem Rechte gar nicht zu thun ſey; denn im März ſchon waren plotzlich eine Anzahl ſei⸗ ner Staroſten und Hauptleute in Verbindung mit einigen Polniſchen Biſchoͤfen mit Heeresmacht vor Drieſen ange⸗ ſprengt, um das Haus unvermuthet zu uͤberfallen. Zum Gluͤck jedoch hatte es der Vogt der Neumark, noch kurz zuvor heimlich gewarnt, ſo ſtark mit Mannſchaft beſetzt, die Wehren ſo gut beſtellt und alles gegen einen Angriff ſo trefflich vorbereitet, daß die Polniſchen Hauptleute nicht ohne Scham und großen Verdruß wieder davon ziehen mußten. Dieſen Vorfall dem Koͤnige von Ungern mel⸗ dend verlangte jetzt der Hochmeiſter, daß er nun endlich ſelbſt in die Schranken treten und den Orden gegen ſolche Ereigniſſe und gegen die Anſpruͤche des Polniſchen Koͤni⸗ ges ſicher ſtellen möge.? Aber während der feindliche Geiſt dieſes letztern ſich immer mehr offenbarte bald in neuerhoͤhten Abgaben, die er von den nach Polen handeln⸗ den Preuſſiſchen Kaufleuten fordern ließ, bald in raͤube⸗ riſchen Anfaͤllen und Pluͤnderungen Thorner Kauffahrer, alicuius stare dictamini sine consensu et mandato illustr. princi- pis Regis Ungarie et coheredum suorum, qui Novammarchiam nostro Ordini empcionis nomine obligarunt. 1) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Freit. nach Converſion. Pauli 1406 Regiſtr. p. 110. 2) Schreiben des HM. an den König von Ungern, dat. Marienb. Mittiv. nach Judica 1406 Regiſtr. p. 117.
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346 Streit um Drieſen (1406). die er faſt unter ſeinen Augen veruͤben ſah, ohne ſie zu beſtrafen, bald wieder in Verfolgung und Bedruͤckung ed⸗ ler Gutsbeſitzer im Dobrinerlande, die ſich einſt dem Dr: den beſonders geneigt gezeigt und von dieſem begüuͤnſtigt worden waren,) that Sigismund von Ungern fuͤr die Sache des Hochmeiſters nichts weiter, als daß er ihm die ernſte Weiſung ertheilte: er ſolle und dürfe Drieſen un⸗ ter keiner Bedingung von der Neumark trennen und an den Koͤnig von Polen abtreten. Es blieb ſomit dem Meiſter, der zumal in dieſen letzten Jahren feines Lebens nichts mehr als den Aus: bruch eines Krieges fuͤrchtete, auch jetzt nichts weiter übrig, als nochmals zu verſuchen, ſich durch Vermittlung des Großfuͤrſten Witowd, dem er perfönlich alle Beweiſe ſei— nes Rechtes auf Drieſen auseinanderſetzte, mit dem Koͤ⸗ nige in irgend einer Weiſe zu verſtändigen. Er ſandte ihm zunaͤchſt als Beweis ſeiner fortdauernd friedlichen Ge⸗ ſinnungen ein Geſchenk von einigen ausgezeichnet ſchoͤnen Jagdfalken entgegen, wofuͤr ihm der Koͤnig mit auffallend freundlichen Worten ſeinen Dank bezeugte.“ Er ging dann gerne auch in des Koͤniges Verlangen ein, einige ſeiner Gebietiger zu einem Verhandlungstage auf der Graͤnze 1) Das Einzelne hieruͤber in verſchiedenen Briefen des HM. an den König aus der Zeit zwiſchen Oſtern und Pfingſten 1406 im Regiſtr. p. 118. 124. 127. 2) Schreiben des Königes an den HM., dat. Poznania feria sexta in erastino corpor. christi 1406 im geh. Arch. Man ſollte nach dem Inhalte dieſes Schreibens nicht die geringſte Spannung zwiſchen beiden Fuͤrſten vermuthen; allein es waren offenbar nur glatte Worte, wenn der König z. B. ſchrieb: Utinam mens nostra saperet et novissima provideret, quibus mentem vestram jocundam redderet, aut ap- tis muneribus consolatam acquireret exinde solacium speciale, et quamvis bene seeuri sumus de integritate sinceritatis purissi- me, quam erga nos geritis, in ea tamen securiores aut multo tuciores redderemur, si presumpeione de nobis accepta, nos pro eis que vobis grata forent, et in partibus dominiorum nostro- rum reperiri possint, vobis acquirendis requirere curetis,
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Streit um Drieſen (1406). 347 zu ſenden, theils um die Streitfrage uͤber Drieſen naͤher zu eroͤrtern, theils Gränzirrungen zwiſchen Polen und Preuſſen zu beſprechen.) Die Verhandlung fand zu Strasburg Statt; man erwies von Seiten des Ordens durch unverwerfliche Urkunden, daß die Markgrafen Walde⸗ mar und Ludwig von Brandenburg durch ihre Verleihun⸗ gen Drieſen als ihr Lehen betrachtet, daß erſt juͤngſt noch König Sigismund es fir ein ſolches anerkannt, daß die Altſaſſen der Mark es ebenfalls für ein ſolches erklaͤrten, und daß dem allen die Lehenshuldigung Ulrichs von der Oſt, der Krone von Polen geleiſtet, nicht entgegenſtehen koͤnne, weil er nicht zwei Herren habe lehenspflichtig ſeyn und Drieſen gegen den Willen ſeines Herrn nicht ent⸗ fremden oder irgendwie veräußern koͤnnen. Der Orden, erflärte man, werde die Graͤnzen der Neumark in eben der Ausdehnung behaupten, wie er ſie erhalten und wie fie von Alters her beſtanden hätten. 2) Jetzt trat aber noch ein anderer Plan des Königes hervor. Was er an der Burg Drieſen in der Neumark hatte gewinnen wol⸗ len, einen feſten Punkt, von wo aus er weiter ſchreiten konnte, das ſuchte er nun auch hier in Preuſſen. Seine Geſandten ſtellten naͤmlich mit einemmal auf dem Tage zu Strasburg die Behauptung auf: die Hälfte des Dres 1) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Eilau Mittw. vor Trini⸗ tat. 1406 Regiſtr. p. 125. Der HM. ſchreibt: Welde Got, lege es an uns, das wir (Driefen) unſerm hern konyng von Polan nach allir be⸗ hegelichkcit antwerten mochten, do welde wir uns nicht lange umme bedenken. 2) Schreiben des HM. an den König, dat. Marienb. dominica infra Octavas Petri et Pauli 1406 Negiſtr. p. 123 — 124. Ueber Ulrich von der Oſt heißt es hier: Nee obstat, si forte pater Ulrici vel etiam jpse Ulricus homagium v. s. fecerit, cum homo non ligius potest esse duorum pro diversis feudis, fecerat hoc ut feudatarius Regni de feudo, quod habuit a Regno, non Castro Dresen, quod invito domino suo nen potuit alienare aut com- mutare aut donare extraneis ullo modo. Quod si vasalli hoc facere possent, sectio fieret Comitatuum, Marchionatuum aut Ducatuum, qui tamen hodie dividi non debent.
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348 Streit um Drieſen (1100). wenz⸗Fluſſes und ein der Mühle zu Luͤbitſch (Leibitſch) gegenuͤber liegender Hof gehoͤre zum Koͤnigreiche Polen. Die Forderung befremdete nicht wenig, denn man ſah leicht, was der Koͤnig damit erzielte, einen feſten Punkt, von wo aus er leicht ins Kulmerland einſchreiten konnte. Allein die Bevollmaͤchtigten des Ordens, an ihrer Spitze der gewandte Ordenstreßler Arnold von Hecke, erklaͤrten: die Drewenz mit ihrem beiderſeitigen Ufer habe ſeit den aͤlteſten Zeiten immerdar den Orden angehoͤrt und noch niemand ſich jemals ein Recht darauf angemaßt, wie ſchon daraus hervorgehe, daß von jeher nur der Orden an meh— ren Orten Bruͤcken und Wehren angelegt und unterhalten habe. Man erwies weitlaͤuftig aus beglaubigten Urkun⸗ den, daß im Frieden zu Wiſſegrad durch das Schieds⸗ richter⸗Urtheil der Könige von Böhmen und Ungern und durch des Koͤniges von Polen ausdruͤckliche Einwilligung das beiderſeitige Ufer der Drewenz dem Orden zugeſpro⸗ chen und ihm der Beſitz bei Berichtigung der Graͤnzen auch nachmals nie ſtreitig gemacht worden ſey, wie der Graͤnzvertrag vom Jahre 1349 klar ausweiſe, und daß den Streit uͤber die Muͤhle zu Luͤbitſch ſchon die Herzogin Salome im Vergleich vom Jahre 1292 beigelegt habe.“) Der Hochmeiſter fügte in einem Schreiben an den König noch hinzu: er koͤnne ſich freilich nicht genug wundern, daß die Gerechtigkeit bei den koͤniglichen Raͤthen keinen Eingang finden koͤnne; nachdem er aber des Ordens Rechte ſo klar vor Augen gelegt, duͤrfe er vom Koͤnige verlan⸗ gen, daß er von ſeinen Anforderungen abſtehe und den Orden ſich ſeiner uralten Beſitzungen und Rechte erfreuen laſſe, damit zwiſchen ihnen beiden auch fernerhin Friede und Ruhe aufrecht erhalten werde. 1) S. oben B. V. S. 74 und B. IV. S. 91. 2) Zwei Schreiben des HM. an den König, dat. Marienb. feria quarta post Petri et Pauli und proxima die dominica post fest. Petri et Pauli 1406 Regiſtr. p. 121. 122. Da der König ſich auch
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Streit um Driefen (1406). 349 So war auch hier der König in feinem uͤbermuͤthi⸗ gen Anſinnen durch ſchlagende Beweiſe zuruͤckgewieſen. Was aber ohne Zweifel den Vorſtellungen des Ordens bei ihm den meiſten Nachdruck gab, das waren die Klagſchrei⸗ ben eines Theils der Ritter, Lehensleute und Staͤdte der Neumark, worin ſie beim Koͤnige von Ungern „mit nie⸗ dergebeugten Haͤuptern bis zur Erde“ ſich uͤber die Mah⸗ nungen und Anforderungen des Polniſchen Königes gegen ihren Herrn, den Hochmeiſter, beſchwerten, die Rechte des Ordens auf Drieſen offen darlegten und die Bitte wag⸗ ten, er ſelbſt moͤge, „weil des Koͤniges von Polen Sinn fo verhärtet und feine Ohren fo gar verſtopfet ſeyen, daß er von feinen Anſpruͤchen nicht ablaſſen wolle, dieſen mit allem Nachdrucke bedeuten, „da nicht maͤhen zu wollen, wo er mit feinen Händen nicht geſaͤet habe.“ ) Sie ſandten nicht nur ſelbſt noch einen beſondern Bevollmaͤch⸗ tigten an den Koͤnig, der ihn uͤber die Sache noch naͤher unterrichten ſollte, ſondern Ulrich von der Oſt wandte ſich ebenfalls an ihn mit der Bitte, ihn als ſeinen Dienſt⸗ mann gegen die Anforderungen des Koͤniges von Polen, 2 wie er als Erbherr ſchuldig ſey, mit Kraft zu ſchuͤtzen. darüber beſchwert hatte, daß der Vogt der Neumark mehre Lehensleute des Kbniges an ſich zu locken und deſſen Dienſten zu entzichen ſuche, ſo antwortet der Meiſter: Mox seripsimus dicto Advocato, ne quo- quomodo se immisceat hiis, que ad eum non pertinent, sed quod stare debeat in terminis sui juris, quia nollemus vestram ex proposito offendere contra iusticiam Majestatem. 1) Schreiben der Manne und Städte der Neumark an den König von Ungern, dat. Neu- Landsberg Mont. nach Bartholomäi 1406 Res giſtr. p. 131. 2) Die Vollmacht, dat. an unf. Frauen Tag Nativitat. 1406 Re⸗ giſtr. p. 131. Der Bevollmächtigte war Jacob Pfaffenſtein, von dem der HM. ſelbſt ſagt: Derſelbe ift der edelſten eyner in den landen und wir wiſſen keinen andern, der alle gelegenheit und loufe der lande ſo wol weis, als her. 3) Schreiben Ulrichs von der Oft an den König von Ungern, dat. Arnswalde an unſ. Frauen Tag Nativitat. 1406 Regiſtr. p. 130. Ulrich
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350 Streit um Driefen (1166). Endlich nahm auch der Hochmeiſter ſelbſt feine Zuflucht nochmals zum Koͤnige von Ungern, ihn bittend, den Or⸗ den gegen die von mehren Seiten erhobenen Anſpruͤche uͤber die Graͤnzen zu Schwedt, bei Oderberg, uͤber die Güter der Stadt Landsberg, die fie uͤber der Oder habe, uͤber Zantoch mit ſeinen Graͤnzen, Hochzeit, Drieſen mit ſeinen Graͤnzen und insbeſondere auch uͤber den Beſitz von Tankow gegen Otto von Kittlitz, der ſich mit Feiner Ent: ſcheidung begnuͤgen wolle, mit Nachdruck zu vertreten; denn der Orden koͤnne und wolle das Land nicht anders halten, als es ihm vom Könige verſchrieben und von deſ— fen Anwalten uͤberwieſen ſey.) Es ſcheint, daß auf dieſe vereinten Vorſtellungen vom Könige von Ungern an den von Polen nachdruͤckliche Ermahnungen über die Streit: ſache erfolgt ſeyen, denn vorerſt brachte fie dieſer nicht wie⸗ der in Anregung. Der Zwiſt mit Otto von Kittlitz dagegen ward noch mit vieler Heftigkeit fortgeſetzt, denn der Roͤ⸗ miſche Koͤnig, an den ſich Otto gewandt, konnte keine Entſcheidung geben, weil er die Streitfrage nicht genau kannte, und der Koͤnig von Ungern trug ſelbſt noch mehr bei, daß ſie nicht geſchlichtet wurde, indem er bald befahl, Otto ſolle ſich mit der Entſcheidung der Lehensmanne und Staͤdte der Neumark begnuͤgen, bald auch wieder, der ſagt: Der konig von Polan thedinget mit gar vorworren ſachen an myn veterlich erbe, als Dryßen mit ſyner czubehdrunge, das ich von euwern gnaden und euwirs Bruders und myne vorfaren von den Marggrafen und von andirs nymande czu lehen han entpfangen. 1) Schreiben des HM. an den Konig von Ungern, dat. Marienb. Freit. vor S. Matthäi 1406 Regiſtr. p. 131 — 132. Wir erfahren aus einem Briefe des Vogts der Neumark an den HM., daß es der König von Polen war, der zugleich auch Anſpruͤche an Hochzeit, an die Gränze zu Landsberg und an das Schloß Zantoch machte, „das doch der konig von Ungern den Grushern von ſente Johans Orden hot vor⸗ ſaczt und vorphendt, ſunderlich zo liet das Slos Zantogh in der Nu⸗ wenmarke.
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Raubweſen der Neumark (4166). 351 Orden ſolle ihm Tankow nach Laut ſeiner Briefe ohne weiteres einraͤumen.“) Zu dieſen Streitigkeiten um Land und Beſitz kam uͤberdieß noch das wilde Raub⸗ und Fehdeweſen, welches in der Neumark unter einem großen Theile des Adels und der Lehen- und Dienſtmaunen herrſchend war oder von den adeligen Familien, ja ſelbſt von den nachbarli⸗ chen Fürſten von Wolgaſt, Stettin und Stolpe mitunter vielfach begünſtigt wurde. ? Es ging kein Jahr voruͤber, in dem nicht bald hier bald da ſich ſ. g. ledige Knechte, Dienſtmanne adeliger Herren oder foͤrmliche Raͤuberbanden zuſammenthaten, in Buͤſchen uad Wäldern hauſend die Landſtraßen heimſuchten, alles ausraubten oder verbrann⸗ ten und ſelbſt in ihrem Raubhandwerke auf den Burgen und Schloͤſſern des höheren Adels Schutz und Vehauſung fanden.) Außer den zahlreichen offenen Fehden alſo, 1) Darüber die weitern Nachweiſungen im Regiſtr. p. 115. 127. 130. 136. 2) Die Schilderungen des Naubweſens in der Mark im Mittelalter konnen leicht uͤbertricken werden und inſofern thut Rau mer Cod. di- plom. Brandenb. p. 36 — 42 wohl Recht daran, wenn er gegen ſol⸗ che Entſtellungen der Sache ankämpft. Allein arg und gewiß aͤrger, als Raum er meint, war das Raubweſen in der Neumark allerdings, wie durch zahlreiche Beiſpiele aus den Originalbriefen des Vogts der Neu⸗ mark dargethan werden konnte, wenn hier der geeignete Ort ware. 3) um nur Ein Beiſpiel anzuführen, fo heißt es in einem Schrei⸗ ben des Vogts der Neumark v. J. 1406: Ouch thu Ich euwer gnaden zu wiſſen, wy in der Marke ſeyn ledige knechte, dy heyſen dy forhöwer und ſyn der von Wedel man dy czu Netz wonen u. ſ. w. Dieſelben forhawer haben vor in der Mark geroubt manichwerf und ouch in Po⸗ lan, und haben nu uf das nuͤwe am freytage genomen buͤrgern von lan⸗ desperge us der Nuwenmarke IX pferde, ſchön gewant als vele als fe gefuͤren kunden und haben die buͤrger mit weggefuͤrt und mit eynander als gut genommen als IIIIe marg fynkenogen. Mir iſt czu wiſſen wor⸗ den, wy ſy czum Satzik pflegen czu lighen, do Syvert von Steglitz wont und ſyne fettern, ouch fo ligen ſie do umblang in dem Puſche und Holtzen. — In andern Briefen klagt der Vogt, daß die Bork von jeher
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352 Raubweſen der Neumark (4406). welche vom Adel und den Fuͤrſten gefuͤhrt oft weit und breit alles in Unruhe und Bewegung ſetzten, war das Land aller Orten den Mordbrennereien und Pluͤnderungen großer Straßenraͤuberhorden Preis geſtellt und die Par⸗ teiung unter dem Adel, ſo wie die faſt beſtaͤndigen Strei⸗ tigkeiten und Zerwuͤrfniſſe der Fuͤrſten machten es beinahe unmoͤglich, das Land von dieſem raͤuberiſchen Unweſen zu ſaͤubern. Als daher der Biſchof Nicolaus von Kamin aus Rom den Befehl erhielt, an den paͤpſtlichen Hof zu kom⸗ men, ſuchte er ſich zuvor eine Bulle auszuwirken, worin der Hochmeiſter beauftragt wurde, ihm einen Ordensbru⸗ der als einſtweiligen Verweſer ſeines Landes zu ſenden, der mittlerweile die Güter des Biſchofs und Kapitels ges gen die raͤuberiſchen Anfaͤlle aus den Nachbarlanden in Schutz nehme, weil ſonſt zu beſorgen war, daß der Bi— ſchof einen Theil feines Gebietes verlieren oder doch we⸗ nigſtens großen Schaden leiden werde. Der Meiſter ſah ſich genoͤthigt, „das beſchwerliche Joch“ zu uͤbernehmen, obgleich er wohl vermuthete, daß dieſes Verhaͤltniß den Herzogen von Stettin und Stolpe keineswegs angenehm fey. ? Um feine Burgen Koͤslin, Koͤrlin und Bublitz mehr zu ſichern, bot ſie der Biſchof dem Orden gegen eine Geldſumme als Pfand an. 2 Der Großfürft Witowd war allerdings bei den ſtrei⸗ tigen Verhaͤltniſſen zwiſchen dem Koͤnige von Polen und dem Orden nicht unthaͤtig geblieben und durfte es nicht die Räuber, Diebe und Mordbrenner gehegt und in ihre Schlöffer auf⸗ genommen. 1) Schreiben des Vogts der Neumark an den HM. dat. Schievel⸗ bein Dienſt. nach Palmar. (o. 3.) Schreiben des HM. an die Herzoge von Stolpe und Stettin, dat. Marienb. Donnerſt. nach Palmar. 1406 Regiſtr. p. 118; Urkunde des Biſchofs Nicolaus von Kamin, dat. Cor⸗ lin 14 Mai 1406 im geh. Arch. Schiebl. LVII nr. 7, worin er jedem Ucbelthaͤter und Frevler an feinen Kirchenguͤtern mit einer Bannbulle Bonifacius VIII. droht. 2) Nach dem ſo eben erwaͤhnten Schreiben des Vogts der Neumark.
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Verhaͤltniſſe in Samaiten (1406). 353 ſeyn, denn er konnte jetzt keinen Krieg wuͤnſchen, an wel⸗ chem er entweder auf der einen oder auf der andern Seite nothwendig haͤtte Theil nehmen muͤſſen. Er ſuchte daher gerne eine Vermittlung zu bewirken, jedoch zugleich den König wie den Orden ſich geneigt zu erhalten.) Den letztern unterſtützte er daher auch ferner noch in ſeinen Anordnungen in Samaiten. Der Hochmeiſter ließ es in der That nicht fehlen, durch alle mögliche Mittel beim Volke Vertrauen und Ergebenheit zu erwecken; er ließ Getreide, Salz und andere noͤthige Beduͤrfniſſe vertheilen; um den Ackerbau zu heben, ließ der Ordensmarſchall auf den Rath des Vogts von Samaiten das erforderliche Zug⸗ vieh dahin ſenden, weil es dem Volke hieran ſehr ge brach; ) der Vogt ſelbſt ſetzte Häufig beſitzloſe Familien an und verſorgte ſie zur Bearbeitung des Landes mit dem noͤthigen Geſpann und Saatgetreide; man verſprach den Bewohnern ihr Eigenthum zu laſſen, ihnen ihre Güter ge⸗ hoͤrig zu verſchreiben und ſie zu dem Zwecke zuvor aus⸗ meſſen zu laſſen, auch daß ſie als fürmliche Land beſitzer angeſehen und nicht mehr Geſinde genannt werden ſoll⸗ ten.) Deſſenungeachtet aber herrſchte im Volke doch uͤberall noch viel Unmuth und Widerwille; denn theils wirkten noch die alten Vorurtheile gegen die Ordensherr⸗ ſchaft fort, theils konnten manche Verſprechungen und Ans ordnungen nicht ſo ſchnell in Ausfuͤhrung kommen, als 1) Daher hat ſelbſt auch die äußere Stellung Witowds um dieſe Zeit etwas Zweideutiges, obgleich ſeine Briefe an den HM. voll freund⸗ licher Ergebenheit ſind. 2) Schreiben des Vogts von Samaiten an den Marſchall, dat. Auf der Dubiſſa (Thobys) Mont. zu Pfingſten (1406). 3) Schreiben des Vogts an den HM. dat. A. d. Dubiſſa Mont. vor Johanni (1406). 4) Schreiben des Vogts an d. Marſchall, dat. A. d. Dubiſſa Freit. nach Acgidii (1406) und Schreiben des Marſchalls an den HM. dat. Schaken Mont, nach Nicolai (1406). VI. 23
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354 Verhaͤltniſſe in Samaiten (1406). man fie erwartete; ) theils traute man auch von Seiten des Ordens der Treue der Samaiten noch keineswegs; der Vogt ſchilderte ſie als leichtfertige und wankelmuͤthige Menfhen. 2 Man hielt daher auch ſuͤr nothwendig, bald hier bald dort immer noch neue Geiſeln auszuheben oder die fruͤher geſtellten gegen neue auszuwechſeln, beides aber unter den groͤßten Schwierigkeiten, denn man ſtraͤubte ſich, die Geiſeln nehmen zu laſſen, mit der Entſchuldigung, daß der Orden ja auch feine Verſprechungen noch keines⸗ wegs erfülle, ? In mehren Gebieten, z. B. in Roſſiena, Graſien u. a. widerſetzte man ſich geradezu, mit der Er— klaͤrung: man werde unter keiner Bedingung mehr Geiſeln ſtellen; man verſpreche, kein Unrecht mehr zu thun; wer es dennoch thue, den moͤge man immerhin als Geiſel nehmen.) Was jedoch den Unmuth des Volkes noch bes ſonders ſteigerte, war folgender Umſtand. Der Großfürft hatte ſich durch ſeine Mithuͤlfe zur Unterwerfung des Lan⸗ des und durch ſeine Thaͤtigkeit zur Unterdruͤckung der Wi⸗ derſtrebenden im Volke großes Mißtrauen und Haß zuge⸗ zogen, fo daß es keinem Samaiten jetzt mehr einfiel, wie in früherer Zeit ſich unter feine Herrſchaft zu flüchten. ® Nun waren aber Witowd und der Orden darin überein: gekommen, daß jenem nicht nur dritthalbhundert Geſinde aus Samaiten, ſowie alle diejenigen, welche aus Unzu: friedenheit aus feinem Lande hinweggezogen ſeyen, uͤber⸗ liefert werden, ſondern der Orden ihn auch bei feiner vor: — — — * 1) 3. B. die Ausmeſſung der Aecker, weil es an Feldmeſſern fehlte. 2) In einem Schreiben des Vogts an den HM., dat. A. d. Dur biſſa am T. Petri und Pauli (1406) heißt es z. B.: die Samaiten ſynt lewthe leichtfertigen fynnes hewte Jo morgen neyn. 3) Schreiben des Vogts an den Marſchall, dat. A. d. Dubiſſa Freit. nach Aegidii (1406). 4) Schreiben des Vogts an den HM., dat. A. d. Dubiſſa Sonnt. nach Barnabä (1406). 5) Das eben erwaͤhnte Schreiben des Vogts an den HM. ſagt dieß ausdruͤcklich.
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Verhaͤltniſſe in Samaiten (1406). 355 habenden Kriegsunternehmung gegen den Fuͤrſten von Mos⸗ kau mit einem Huͤlfsheere zum Theil aus Samaiten un⸗ terſtützen ſolle. Beides verweigerten die Samaiten dem Ordensvogt aufs allerentſchiedenſte. Der Schrecken uͤber dieſe Forderungen ging durchs ganze Land; die einen ba⸗ ten: man moͤge ſie nicht aus ihrem urvaͤterlichen Lande verſtoßen und ihrem Feinde Preis geben, ſie wollten gerne alles thun, was man ihnen befehle; die andern und unter diefen die Vornehmſten, erklärten: fie wurden ſich ſchlech— terdings nicht darein ergeben, und wenn man ſie mit Gewalt aus dem Lande treiben wolle, fie wuͤrden durch⸗ aus nicht gehen. Gegen die Theilnahme an Witowds Kriegszug ſtraͤubte man ſich allgemein: ſolche ferne Kriegs⸗ fahrten ſeyen ſie nicht gewohnt; mit dem Orden, erboten ſich die Vornehmſten, wollten ſie wohl reiſen, wohin er wolle, aber mit Witowd auf keine Weife. Deſſenungeachtet mußte das Volk ſich fügen. Fuͤrſt Witowd trat im Sommer dieſes Jahres ſeinen Kriegszug gegen Moskau an; 2 ein anſehnliches Huͤlfsheer aus Preuſ⸗ fen und Samaiten, geführt vom Komthur zu Ragnit Graf Friederich von Zollern und dem Vogt von Samaiten Mi⸗ chael Kuͤchmeiſter von Sternberg, begleitete ihn, der letztere an der Spitze von mehr als tauſend Reitern.“ Die Weite der Kriegsreiſe, faſt dritthalbhundert Meilen und die Dauer derſelben von funfzehn Wochen, verurſachten dem Orden, da er feine Krieger ſelbſt unterhielt, aus 1) Darüber mehre Briefe des Vogts an den HM. und Ordens⸗ marſchall aus dem J. 1406. Als die vornehmſten Wortfuͤhrer unter den Bajoren nennt er Nigaile, Kyrkutte, Reppe, Wezebar u. a. 2) Kojalowiez p. 72 — TA. 3) Dankſchreiben Witowds an den Ordensmarſchall wegen Zuſen⸗ dung der beiden Gebietiger, dat. Obranſk Freit. nach Aegidii (1406) Schiebl. XVII nr. 147. Nach dem Treßler-Buch p. 207 erhielten beide 300 Mark als Zehrung auf die Kriegsreiſe. Auch zwei Herolde der Herzogs von Holland und Burgund waren mit auf der Ruſſiſchen Reiſe; ebendaſ. p. 211. 28
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356 Verhaͤltniſſe in Samaiten (1406). ßerordentliche Koſten; doch kam das Huͤlfsheer, weil keine eigentliche Schlacht erfolgte, faſt ohne allen Verluſt wie⸗ der zuruck.) Jetzt wollte der Orden auch das zweite Verſprechen loͤſen, wozu er ſich verpflichtet, und erſuchte demnach den Großfuͤrſten, die verlangte Zahl von Geſinden aus Samaiten auszuwaͤhlen, theils damit der Orden wiſſe, wen er hinfort im Lande als ſeinen eigentlichen Unterthan betrachten koͤnne, theils auch um die Bewohner ſelbſt aus der Ungewißheit uͤber ihre kuͤnftige Lage zu befreien. Witowd indeß, entweder von der Stimmung des Volkes gegen ihn unterrichtet oder durch andere Abfichten gelei⸗ tet, vielleicht um durch ſeine im Lande beſtaͤndig hin⸗ und herziehenden Amtleute noch fortwährend einen gewif- fen Einfluß auf das Volk zu behalten,“ ſchob die Aus⸗ fuͤhrung der Sache, trotz der wiederholten Bitten des Hochmeiſters und ſeiner Sendboten, durch ausweichende Antworten immer weiter hinaus.) Uebrigens unterſtüͤtzte er den Orden noch beſtaͤndig beim Aufbau ſeiner Burgen, unter denen die wichtige Burg an der Dobiſſa in dieſem Jahre bereits ziemlich weit ausgebaut und im nächften Sommer vollendet wurde. Die Komthure von Branden⸗ burg und Balga hatten vom Meiſter den Auftrag, den Plan zu dem neuen Hauſe in Ausfuͤhrung zu bringen.“ 1) Lindenblatt S. 178. Bericht im Fol. E. p. 250, wo auch der Komthur von Brandenburg Marquard von Salzbach als Beglelter auf dem Zuge genannt und die Zahl der Samaiten auf mehr als 1000 angegeben wird. Ueber Veranlaſſung und Erfolg des Zuges vgl. Ka⸗ ramſin B. V. S. 140 ff. Der Orden bezahlte die Freien aus dem Lande fuͤr die geleiſteten Kriegsdienſte, ebenſo die Fuhrleute mit 20 bis 35 Mark; viele Freien waren aus dem Balgaiſchen und Brandenburgi⸗ ſchen Gebiete; Treßler-Buch p. 211 — 212. 2) Der Vogt von Samaiten beſchwert ſich daruͤber in einem Briefe an den Marſchall, dat. A. d. Dubiſſa Dienſt. nach Jacobi (o. J.). 3) Darüber der Bericht im Fol. E. p. 250. 4) Lindenblatt S. 181 giebt zwar das Jahr 1407 als die Zeit des Aufbaues der Burg an der Dubiſſa (Dobiſſa oder Thobeße) anz allein dieß bezieht ſich ohne Zweifel nur auf ihre Vollendung, denn wir
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Streit um Gothland (4406). 357 Daß man aber auch im Herbſt dieſes Jahres der Treue der Samaiten noch keineswegs ganz ſicher war, beweiſel der Umſtand, daß man immer noch noͤthig fand, die Be⸗ ſatzung im Lande durch Reiterei zu verſtaͤrken, wobei Wi⸗ towd erſucht ward, einen Theil dieſer Mannſchaft in ſein Gebiet zu legen, damit ſie in noͤthigen Faͤllen gegen die Feinde des Ordens in Samaiten ſchnell zur Hand ſey.“ Je naͤher nun Konrad von Jungingen im Samaiten⸗ lande an das laͤngſt erſehnte Ziel gekommen zu feyn glaubte, um ſo mehr wuͤnſchte er auch den Streit um Gothland, der ſich durch fo viele Jahre feiner Regentſchaft hindurch⸗ gezogen, noch unter ſeiner Waltung beendigt zu ſehen. Und dennoch trat jetzt noch ein anderer Fuͤrſt zu dem ver⸗ worrenen Spiele hinzu. Herzog Johann von Meklenburg war es, der, weil auch er den Verpfaͤndungsbrief mit unterfiegelt und die Einlöfung Gothlands ſich mit vorbe⸗ halten hatte, den Hochmeiſter ehrenruͤhrig vermahnte: er möge doch wohl in feinen Verhandlungen mit der Koͤni⸗ gin von Dänemark feine Ehre und Geluͤbde gegen ihn verwahren. „Mit Erlaubniß, erwiederte ihm aber der Meifter, ihr thut uns zu kurz mit ſolcher Mahnung, der wir euch nicht pflichtig ſind. Ihr wiſſet ja wohl, daß Koͤnig Albrecht dem Orden verſprochen, das Land in eig⸗ ner Perſon und mit ſeiner Mannſchaft zu entwaͤltigen und zu retten, wenn es von jemand angefochten wuͤrde. Wir haben ihn viele Jahre dazu ermahnt und von ihm Huͤlfe haben Briefe aus dem J. 1400, die ſchon deutlich von dem Aufbau ſprechen; auch in einer andern Nachricht wird beſtimmt erwähnt, daß der Bau im J. 1406 begonnen worden ſey; vgl. auch das Treßler⸗ Buch p. 204. 208. Der Hauskomthur von Ragnit hatte den Auftrag, die paſſendſten Orte zum Aufbau von Burgen in Samaiten auszuſuchen und ſtattet darüber einen genauen Bericht ab, in welchem er unter andern auch die Gegend vorfalägt, wo die Dobiſſa und die Memel zuſam⸗ menkommen. 1) Schreiben des Ordensmarſchalls an Witowd, dat. Schaken Freit. vor Nativitat. Mariä 1406.
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358 Streit um Gothland (1400). gefordert; ſie iſt uns nicht geworden. Unſere Ehre iſt alſo wohl verwahrt. Aber erfolgt noch jetzt eine Vertre⸗ tung oder Freiung des Landes oder eine Einlöfung, fo fol uns heute noch daran genuͤgen.“) Der Hochmeiſter un: terrichtete auch ſogleich die Koͤnigin von dieſer neuen Ein⸗ ſprache, ſie bittend, den Herzog mit ſeinen Anſpruͤchen in den Verhandlungen nicht außer dem Spiele zu laſſen und bei dem Koͤnige Albrecht darauf zu dringen, daß er die Vollmacht feines Vetters mit einbringe, ? Allein die Uns terhandlungen fuͤhrten auch jetzt noch zu keinem feſten Ziele, denn die Art, wie Koͤnig Albrecht ſich mit der Koͤnigin verſtaͤndigt hatte, mußte darum ſchon erfolglos bleiben, weil auf des Ordens gerechte Forderungen dabei gar keine Ruͤckſicht genommen war. „Wir fordern nichts weiter, ſchrieb der Hochmeiſter, als wozu wir vor Gott und aller Welt Recht haben. In Koͤnig Albrechts Brief iſt nicht erwaͤhnt, wer denn dem Orden ſein Geld wie— dergeben ſoll.“ Die Koͤnigin erwiederte: Moͤge der Orden ſein Geld von dem fordern, welchem er es gegeben. Er habe ja vordem auch erklaͤrt: es ſey ihm um Geld nicht eben zu thun; worauf ihr der Meiſter antwortete: das ſey allerdings geſchehen, aber zu einer Zeit als er ges glaubt, die Sache werde ſich mit Koͤnig Albrecht noch in anderer Weiſe entſcheiden laſſen; ſeitdem aber habe ſie die Inſel mit Kriegsvolk heimgeſucht und gewiß werde ſie ſelbſt nicht wollen, daß der Orden in ſo großen Schaden komme. Alsbald ließ jedoch der Meiſter die Soͤldner⸗ haufen auf Gothland anſehnlich verſtaͤrken und auch aus 1) Schreiben des HM. an Herzog Johann von Meklenburg, dat. Marienb. am Tage S. Prisch 1406 Regiſtr. p. 111 — 112. 2) Schreiben des HM. an die Königin, dat. Marienb. Mittw. nach Prisch 1406 Regiſtr. p. 112, 3) Schreiben des HM. an die Königin, dat. Marienb. Mont. nach Judica 1406 Regiſtr. p. 117.
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Streit um Gothland (1406). 359 den Ordenshaͤuſern wurden Herren und Diener in großer Zahl als neue Beſatzung hinuͤbergeſandt.“ Da kam bald nachdem eine Geſandtſchaft der Be: wohner von Wisby zum Hochmeiſter, ihn bittend: die Inſel an die Koͤnigin nicht abzutreten; ſie wollten gerne dem Orden getreu bleiben. Der Meiſter erwiederte ihr: Noch ſey er zu keiner Abtretung geneigt, bevor ihm nicht Redlichkeit geſchehe; komme es jedoch dahin, daß er die Inſel übergeben muͤſſe, fo wolle er ſich ihrer alſo anneh⸗ men, daß ſie auch ſeine Treue zu ihnen erkennen und es ihm danken ſollten. Dieweil es aber mit der Koͤnigin noch zu Krieg und Friede ſtehe, fo möchten fie zwei Fe⸗ ſten erbauen, wohin das Landvolk zur Zeit der Noth fluch⸗ ten koͤnne, überhaupt ſich auf Krieg ruͤſten und die Häfen wohl verwahren.) Alſo beſorgte der Meiſter jetzt wieder mehr als zuvor einen ernſten Kampf mit der Koͤnigin und dieſe Beſorgniß nahm noch zu, als trotz den vielfältigen Bitten derſelben wie an den Hochmeiſter, fo an die Ge: bietiger und die Preuſſiſchen und Wendiſchen Staͤdte, die Sache in Güte beizulegen und das Beſte ihres Sohnes nicht ganz aus den Augen zu laſſen, ein neuaufgenom⸗ mener Verhandlungstag zu Calmar dennoch ohne allen Er— folg blieb, weil der Koͤnig Erich mit den Ordensgeſand⸗ ten, dem Komthur zu Balga Grafen Johann von Sayn, dem von Mewe Friederich von Wallenrod, Albrecht Rothe und Johann von Thorn Bürgermeiftern zu Thorn und 1) Treßler⸗Buch p. 203. 206. 5 2) Schreiben des HM. an die Stadt Wisby, dat. Domnau Dienſt. vor Pfingſten 1406 Regiſtr. p. 120. 3) Schreiben der Königin an den HM., dat. in villa Randrusien, sabato infra octaras corpor. xpi 1406 im Original im geh. Arch. Schreiben an die Gebietiger und die Preuſſ. Stäbte in Hanf, Receſſ. V. p. 212 — 213. In einem Schreiben, dat. Sonntag nach S. Pe⸗ tri und Pauli Regiſtr. p. 122 dankt der HM. für die an ihn ergangene Einladung der Koͤnigin, „das er kommen welde czu der Wirtſchafft des hochgeborn konygs Erichs ihres Sohnes.“
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360 Mißverhaͤltniſſe mit Pommern (1400). Elbing ohne die Koͤnigin nicht unterhandeln und dieſe den Tag anderswo gehalten haben wollte.) Zwar erſuchte ſie bald darauf den Meiſter dringend um die Anordnung eines neuen Verhandlungstages und dieſer ließ ſich auch unter zwei Bedingungen dazu bereit finden, zuerſt daß die Koͤnigin alles dem Orden oder ſeinen Unterthanen waͤh⸗ rend des Friedens in ihren Landen weggenommene, ge⸗ borgene oder arreſtirte Kaufmannsgut ſofort verguͤte oder freigebe, und dann daß ſie zuvor die Verſicherung aus⸗ ſtelle, fie oder König Erich wolle auf dem Tage ſelbſt zugegen ſeyn und ihre Sendboten mit vollkommener Voll⸗ macht verſehen, damit des Ordens Bevollmaͤchtigte nicht wieder erfolglos heimkehren muͤßten. Allein da dieſer Tag erſt zwiſchen Oſtern und Pſingſten naͤchſtes Jahres gehalten werden follte, ? fo erlebte der Hochmeiſter den Erfolg deſſelben nicht mehr. Die Verhaͤltniſſe des Ordens mit den kleineren nach⸗ barlichen Fuͤrſten, den Herzogen von Pommern und Ma— ſovien hatten ſich im Verlaufe dieſes Jahres wieder un⸗ gleich unfreundlicher geſtellt. Die Herzoge von Stolpe und Stettin waren offenbar durch die vom Orden uͤbernommene Schirmherrſchaft uͤber das Bisthum Camin wieder ſcheu und mißtrauiſch geworden, obgleich ihnen der Hochmeiſter offen erklärt hatte, daß er nur ungerne des Papſtes Ge⸗ bote folge, wohl vorausſehend, daß er ſich dadurch nur Ungunſt und Mißtrauen zuziehen werde. Zwar erſuchte 1) Die Vollmacht des HM. für feine Geſandten, dat. Chriſtburg Dienft. nach Petri und Pauli ad Vincula 1406 Regiſtr. p. 128. Ueber den Erfolg des Tages ein Schreiben des HM. an die Königin, dat. Marienb. am Tage S. Barbara 1406 Regiſtr. p. 135, 2) Schreiben des HM. an die Königin, dat. Sonnab, vor Remi⸗ niſcere 1407 Regiſtr. p. 143. 3) Schreiben des HM. an die Herzoge von Stolpe und Stettin, dat. Marienb. Donnerſt. nach Palmar. 1406 Regiſtr. p. 118. Es heißt: Euwer Durchluchtikeit moge dirkennen des Pabeſtes gebot und unſern unſchuldigen willen, der dornoch als got weis „np geſtanden hat, wen
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Mißverhältniſſe mit Pommern (1406). 361 jetzt der Meiſter die beiden Fuͤrſten, in ihren Verhaͤltniſ⸗ fen zur Kirche von Camin moͤglichſt alles zu vermeiden, was zu Unfrieden führen koͤnne; allein wenn auch nicht ſchon das bedenkliche Schweigen beider Fuͤrſten, ſo muß⸗ ten doch, bald die einlaufenden Beſchwerden über fie we⸗ gen Beeintrachtigungen der Kirchengüter und ihrer wieder erweckten Streithaͤndel mit mehren Lehensleuten des Or⸗ dens in der Neumark, beſonders mit Henning von We⸗ del, ihn hinreichend belehren, welche ungünflige Wirkung jene Schirmherrſchaft uͤber das Nachbarland auf die Ge⸗ ſinnung der Fürſten gehabt habe. ) An neuem Stoff zur Zwietracht konnte es übrigens auch nie fehlen; denn hier fingen die Herzoge einen Unterthan des Ordens und legten ihn in den Thurm; dort geſchahen neue Einfaͤlle ins Ordensgebiet aus eines Herzogs Land; bald wurden nach Preuſſen ziehende Pilgrimme niedergeworfen und aus⸗ geplündert, bald wieder alte Streithaͤndel uͤber Graͤnzen erweckt.) Da fand es endlich auch der Hochmeiſter noth⸗ wendig, mit einer ernſten Sprache gegen die Herzoge auf⸗ zutreten. Eine alte Schuld, welche die Stadt Stolpe dem Orden abzutragen und dieſer von Jahr zu Jahr ge⸗ ſtundet hatte, wurde hervorgeſucht und zum Anlaß eines ſehr nachdruͤcklichen Mahnbriefes an den Herzog genom⸗ men ) und da dieſes ohne Erfolg blieb, fo ſchrieb der Meiſter der Stadt ſelbſt: „Wir befinden wohl, daß euch wir gar ungerne eyn ſotan Joch obir uns nemen, mit dem wir vordi⸗ nen mochten ungunſt und unfruͤntſchafft unſer heren adir anders yman⸗ des, wen wir an dem unſerm genuk haben thun, wy wir is mogen flygen czu frede und fruͤntſchafft. 1) Schreiben des HM. an den Herzog von Stolpe, dat. Stuhm Freit. nach Viti und Mobefti 1406 Regiſtr. P. 121. 2) Mehre Briefe des Vogts der Neumark an den HM. Wegen Gränzanſpruͤche des Herzogs von Stolpe, die der HM. aber zuruͤckweiſt, ein Brief des HM. Regiſtr. p. 136. 3) Schreiben des HM. an den Herzog von Stolpe, dat. Stuhm Donnerſt. nach Margaretha 1406 Regiſtr. p. 129.
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362 Mißverhaͤltniſſe mit Pommern (1406). eine kleine Mahnung wenig zu Herzen geht. So oft wir euch auch ernſtlich um Bezahlung ſchreiben, ſo iſt euch unſer Geld doch immer lieber als euere Ehre. Ihr habt uns bisher mit eueren Worten geſpeiſet und luͤget uns doch vor als Boͤſewichte und haltet uns keins, weder euere Briefe noch Siegel, das wir euch nicht zugetraut haͤtten. Darum heiſchen wir nochmals von euch und be— gehren in ganzem Ernſte, daß ihr uns unſer Geld nach eueres Briefes Laut bezahlet ohne längeren Verzug, ſo⸗ fern euch Ehre und Gerechtigkeit lieb iſt. Thut ihr das nicht und verzieht ihr, in Bosheit und Trug verſtockt, uns noch laͤnger, ſo wiſſet, daß wir Gott und unſere Gerechtigkeit zu Huͤlfe nehmen und euch in aller Weiſe, wie wir das nach euerer Briefe Laut thun moͤgen, unſer Geld abmahnen wollen als an ungetreuen Boͤſewichten, die nicht Ehre noch Wahrheit an ſich haben und wollen dazu gedenken, daß wir uns erklagen gegen alle Staͤdte, die eueren Namen wiſſen, daß ihr uns treulos und ehr— los geworden ſeyd als Boͤſewichte und es Schade iſt, daß ihr vor einer ehrbaren Stadt Inſiegel rathen ſollet, denn alles, was ihr uns geſchrieben habt und gelobt, iſt Luͤge geweſen und ihr habt uns bisher mit boshaftiger Liſt als rechte Boͤſewichte vorgegangen und wir wollen alle dieje⸗ nigen warnen, die wir moͤgen, daß ſie keinen Glauben noch Wahrheit an euch legen, da ihr weder Treue noch Ehre habt. Wird euch aber auch dieſe unſere Mahnung nicht zu ſchuldiger Bezahlung bewegen, ſo wollen wir euch hiernaͤchſt ein anderes zu erkennen geben, was euch leicht mehr wird verdrießen.“ — ) Auch gegen den Herzog von Stolpe ſelbſt nahm der Meiſter eine ſehr ernſte Spra⸗ che an; ? auf Unterhandlungen mit ihm mochte er ſich 1) Faſt woͤrtlich nach einem Briefe des HM. an die Stadt Stolpe, dat. Buͤtow Dienft. nach Aegidei 1406 Regiſtr. p. 130. Die Sprache der Zeit characterifirt in ihm den Geiſt der Zeit. 2) So in einem Schreiben an den Herzog, dat. Auf dem Hofe Polniſch Schwez Dienſt. nach Dionyſ. 1406 Regiſtr. p. 132. 7
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Mißverhältniſſe mit Pommern (1406). 363 nicht einlaſſen, denn „Tage mit ihm uͤber Klagen zu hal⸗ ten, ſchrieb er ihm, ſey eine unnütze Sache, weil er ſei⸗ ner Leute gar nicht maͤchtig zu ſeyn ſcheine und es zu⸗ naͤchſt feine Sorge ſeyn ſollte, feine Unterthanen beſſer in Ordnung zu halten.“ ) Endlich forderte ihn der Hoch⸗ meiſter geradezu auf, ſein bisheriges bedenkliches Schwei⸗ gen uͤber des Papſtes Bulle und über die Sache der Kirche von Camin zu brechen und geradeheraus zu erklaͤren: „ob und welche Anſprüche er an Güter dieſer Kirche mache, ſchon kaͤmen Klagen über Veeintraͤchtigungen derſelben bei ihm ein; der Orden habe den Auftrag, keinen Frevel zu geftatten und muſſe ſich gegen Papſt und Kirche daruͤber verwahren und verantworten.“ 2 Aber auch dieſes ohne Erfolg. Auch mit Herzog Johannes von Maſovien ſchienen die alten Streithaͤndel eine ernſtere Geſtalt anzunehmen, denn der Hochmeiſter wollte durchaus dieſen laͤſtigen Zwi⸗ fligfeiten ein Ziel geſetzt wiſſen.) Der Herzog zeigte ſich ihm zwar ziemlich nachgiebig und ſuchte ihn durch mancherlei Gefaͤlligkeiten, z. B. durch die Erlaubniß, in ſeinem Gebiete Holz zu den Ordensburgen in Samaiten faͤlen zu duͤrfen, ſich geneigt zu erhalten.“ Allein wie feit vielen Jahren ſchon fielen immer wieder neue Irrun⸗ gen und Mißhelligkeiten vor, die es nie zu einem friedli⸗ chen und durchaus freundlichen Einverſtaͤndniſſe der Fuͤr⸗ ſten kommen ließen. So endigte das Jahr unter manchen truͤben Ausſich⸗ ten, zumal wenn man das Auge nach Suden oder nach 1) Schreiben des HM. an den Herzog von Stolpe, dat. Jagdhof zu Parſchen Mont. vor Michaelis 1406 Regiſtr. p. 133. 2) Schreiben des HM. an denſelben, dat. Marienb. Sonnt. nach Eircumciſion. 1407 Regiſtr. p. 138. 3) Schreiben des HM. an Herzog Johannes von Maſovien, dat. Marienb. feria VI post Scolastice 1406 Regiſtr. P. 112 — 113. 4) Schreiben des HM. an denſelb. dat. Marienb. ipso die XI millium virgin. 1406 Regiſtr. p- 133
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364 Der Erzbiſchof von Sulthanien in Preuſſen (1407). Weſten wandte. Das Jahr 1407 aber, das letzte der Regentſchaft Konrads von Jungingen begann mit einem in ganz Preuſſen allgemeines Aufſehen erregenden Ereig⸗ niſſe. Es geſchah in den erſten Tagen deſſelben, daß ein Fremdling aus dem Orient, der Erzbiſchof Johannes von Sulthanien, einer Stadt Perſiens, im Gewande ei⸗ nes Predigermoͤnches, aber auffallend durch ſeinen langen Bart, zum Hochmeiſter nach Marienburg kam, nachdem er weit und breit ſchon viele Könige und Fuͤrſtenhoͤfe des Abendlandes beſucht. Der Zweck ſeiner Reiſe war, durch Einwirkungen und Empfehlungen der wichtigſten abend⸗ laͤndiſchen Fuͤrſten eine allgemeine Vereinigung und Ver⸗ bindung der verſchiedenen chriſtlichen Secten beſonders in Perſien und Armenien zu Stande zu bringen. Er un⸗ terrichtete daher den Hochmeiſter nicht nur uͤberhaupt uͤber den damaligen Zuſtand der orientaliſchen Reiche, ſondern auch Über die näheren Verhaͤltniſſe der dort beſtehenden chriſtlichen Secten, und um den Meiſter für die Sache zu gewinnen, erzaͤhlte er ihm, daß ſchon zur Zeit des Papſtes Johannes des Zweiundzwanzigſten einmal Unter⸗ handlungen zur Vereinigung mit dem Patriarchen Armes niens und den Großen dieſes Landes Statt gefunden haͤt⸗ ten, aber ohne Erfolg geblieben ſeyen.“ Konrad faßte 1) Ueber die Anweſenheit dieſes Erzbiſchofs giebt der Regiſtr. p. 139 die Nachricht: Anno domini M., CCCC. VII venit ad Prussi am quidam Archiepiseopus de partibus orientalibus dominus Johan- nes Zoltaniensis seu tocius orientis et habuit habitum et Ordi- nem fratrum predicatorum, sed barbatus fuit et celebravit divi- na more aliorum presbyterorum, plurima et diversa narravit de dietis partibus orientalibus, de variis sectis et eciam de cristia- nis et visitavit multos Reges, principes et dominos, petiitque a Magistro generali consimiles litteras ut infra sequitur et date sunt iuxta modum infraseriptum. Auch das Treßler⸗Buch p. 217 — 218 erwähnt einigemal „des hern Biſchoff mit dem Barthe von Perſya.“ Er wird einigemal aus der Herberge gelöft und erhält ein⸗ mal 10 Schock Böhm, Groſchen am Sonntag Vincentii.
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Der Erzbiſchof von Sulthanien in Preuſſen (1407). 365 Vertrauen zu dem intereſſanten Fremdling und weil dieſer verſicherte, daß auch feine Briefe und Empfehlungen von wichtigem Einfluſſe auf die Fürſten jener Länder ſeyn würden, ſo gab er ihm zunaͤchſt ein Schreiben an den König von Cypern und Armenien in die Hand, worin er zuvoͤrderſt feinen ſehnlichſten Wunſch auöfprach, daß das Chaos der kirchlichen Spaltung, die ſchon ſo lange ge⸗ dauert, endlich aufhoͤren moͤge und dann hinzufuͤgt: weil der Erzbiſchof Johannes von Sulthanien insbeſondere ihn, den König, als den Firften genannt habe, durch welchen der Patriarch und die uͤbrigen Großen Armeniens zur Vereinigung der Kirche am beſten bewogen werden koͤnn⸗ ten, ſo bitte er ihn, dem Erzbiſchofe in ſeinem Werke foͤrderlich und behuͤlflich zu ſeyn und mit dem Patriar⸗ chen und den Großen Armeniens uͤber die kirchliche Ver. einigung ſelbſt in Unterhandlungen zu treten. — ) Ein zweites Schreiben richtete der Hochmeiſter an Mirza Mi⸗ ranſchach, Tamerlaus Sohn, damals einen mächtigen Herrn in jenen Landen,“ und gab ihm zu erkennen, mit wel⸗ cher Freude er durch den Erzbiſchof Johannes vernommen, daß unter den Fluͤgeln ſeines Regimentes die Bekenner Chriſti nicht nur in friedlicher Eintracht lebten und der 1) Dieſes Schreiben mit der Ueberſchrift: Serenissimo magnifi- coque principi ac domino domino Regi Ciprie et Armenie domi- no nostro nohis in christo dilecto, dat. In castro S. Marie vice- sima die Januar. sub anno dni M. CC CC. VII im Regiſtr. p. 1393 es ſchließt mit dem Wunſche: Placeat vestre magnificentie denuo tractare cum patriarcha Armenorum et maioribus, ut se humi- lient, ad unionem fesfinent et laborent. 2) Dieſes Schreiben, üͤberſchrieben: Serenissimo clementissimo prineipi ac domino domino Miranza Armirza filio Themerbej domino nostro nobis sincere dilecto, beginnt mit den Worten: Nee legum, nee morum, nec ydeomatum diversitas temporalium principum animos debet dividere ac distinguere quovismodo, ubi communis speratur utilitas regnorum et utilis communitas que - ritur subditorum.
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366 Der Erzbiſchof von Sulthanien in Dreuſſen (1407). Eifer im Worte Gottes bei den meiften immer mehr her⸗ vorleuchte, ſondern auch der Glaube ſich immer weiter ver⸗ breite, indem der Fuͤrſt Doctoren, Magiſtern und andern Gelehrten zur Vertheidigung deſſelben den Eintritt in ſeine Gebiete in voͤlliger Sicherheit geſtatte, ebenſo wie Kauf⸗ leuten. Nachdem dann der Fuͤrſt zur weitern Verbrei⸗ tung des Chriſtenthums ermahnt, ſeines ruhmvollen Sie⸗ ges über Bajazeth erwaͤhnt und die fuͤr ſein Land aus der Beglinftigung der Chriſten hervorgehenden Handelsvor⸗ theile vom Meiſter hervorgehoben worden, empfiehlt ihm dieſer den Erzbiſchof Johannes als einen Mann, der in ſeinem Eifer zur Verkuͤndigung des goͤttlichen Wortes und der evangeliſchen Wahrheit ſeine ganze Gnade und die Fuͤlle ſeines Wohlwollens verdiene. Ein Schreiben aͤhn⸗ liches Inhaltes war an den Fuͤrſten Tamerlan ſelbſt ge⸗ richtet; ihm ward beſonders die Verſicherung gegeben, daß der Hochmeiſter den Kaufleuten aus den Landen des Fuͤr⸗ ſten im Gebiete des Ordens dieſelben Beguͤnſtigungen ges waͤhren werde, welche er ſelbſt chriſtlichen Kaufleuten in feinem Reiche zugeſtehe.) Den Kaifer des Griechiſchen Reiches, Manuel den Zweiten, begruͤßt der Hochmeiſter in einem beſondern Schreiben, ihn bittend, zur Befoͤrde⸗ rung der Vereinigung mit der Roͤmiſchen Kirche, wie er ſchon begonnen, auch fernerhin mit aller Kraft mitzuwir⸗ ken, zumal da er vernommen habe, daß einige Großen ſeines Reiches, insbeſondere der Patriarch von Conſtanti⸗ nopel diejenigen, welche in jenen Gegenden fuͤr den Roͤ⸗ miſchen Stuhl thaͤtig wirkten, auf alle Weiſe belaͤſtigten 1) Es heißt: Adiecit autem vestra celsitudo, quod Mercato- res cristiani quicunque ad vestra dominia mercandi gratia trans- euntes undique habeant seeuritatem et pacem, potissime docto- res et nostre fidei defensores proculmota omni violeneia eisdem pariter perfruantur pro commodo et qualitate sui status, pro hiis omnibus grates agimus vestre Magnificentie perimmensas, volentes vicaria recompensa vestros homines et Mercatores in nostris terris consimilibus beneficiis contractuum confuvere,
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Der Erzbiſchof von Sulthenien in Preuſſen (1407). 367 und uͤbel behandelten. Um ſo mehr moͤge der Kaiſer da⸗ für ſorgen, daß dem frommen Werke ſolche Hinderniffe nicht ferner mehr entgegen geſtellt würden. — D Endlich übergab der Hochmeiſter dem Erzbiſchofe auch ein ſehr freundliches Schreiben an den Koͤnig von Habeſſinien oder Prieſter (Presbyter) Johann, worin er mit Hindeutung an ſeines Ordens fruͤhere Pflicht und Beſtimmung in der Vertheidigung des heiligen Grabes und dem Schutze des heiligen Landes ſeine Freude daruͤber ausſpricht, daß er über des Königes Perſon und Zuſtand ſo hoͤchſt erfreu⸗ liche Nachrichten durch den Erzbiſchof Johannes vernom⸗ men und dieſen dem Koͤnige, von deſſen Eifer fuͤr die katholiſche, apoſtoliſche Lehre er fo viel Rühmliches er⸗ zaͤhlt, um ſo mehr empfiehlt, weil er und ſein Orden ihn als einen hoͤchſtverehrungswuͤrdigen Pfleger des Evange⸗ liums und ruͤſtigen Arbeiter fuͤr die Ausſaat des wahren Glaubens kennen gelernt, der von Gott durch ſeinen Geiſt berufen ſey, die Voͤlker des Orients zum heiligen Mahle des Herrn aufzurufen und einzuladen. — Mit dieſen Schreiben an die fremden Fürften entließ der Meiſter den ehrwürdigen Erzbiſchof, ihn bittend, er wolle ihm, ſobald er vermöge, vom weitern Erfolge feiner Bemühungen naͤhere Nachricht zukommen laſſen. 2 1) Der HM. ſagt: Sane audivimus, qualiter quidam maiores de vestris, precipue patriarcha Constantinopolitanus dei agricul- tores et cooperatores apostolice sedis Romane in pluribus par- tibus ultramarinis molestarent et male tractarent, ymo verbum dei adulterantes et quasi despectu habentes. 2) Dieſes Schreiben ift ohne Zweifel das intereſſanteſte; es hat bie Ueberſchrift: Serenissimo ac Magnifico principi et domino domino. a. Regi Abassie sive Presbytero Johanni, domino nostro nobis in cristo dilecto. Der HM. ſagt unter andern: Exhilerati animo quedam nobis jocundissima preconia de vestre maiestatis statu et persona gratissime accepimus a venerabili patre fratre Jo- hanne archiepiscopo Soltaniensi sive tocius orientis, qui zelum vestrum et fervorem oraculo vive vocis nobis per ordinem pre- elare multiplieiter peroravit, qualiter vestra magnificentia ad sa-
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368 Neues Mifverbältnig mit d. Könige v. Polen (1407). So ſehr indeſſen der Hochmeiſter in den Tagen der Anweſenheit des Erzbiſchofs Johannes ſich von Freude durchdrungen fuͤhlte, wenn er ſeinen Blick wieder auf den Orient richtete, wo einſt der Orden für die Sache des Glaubens und der Kirche ſo bedeutend gewirkt und ſich jetzt wieder Anlaß bot, vielleicht nicht ohne glücklichen Er⸗ folg fuͤr die Ausbreitung des Evangeliums und fuͤr das Heil der Kirche durch einen gewiſſen Einfluß auf die Ge⸗ bieter des Orients mit thaͤtig zu ſeyn, um ſo tiefer ſchmerzte es ihn, als er nach wenigen Tagen erfahren mußte, wie jetzt beim Koͤnige von Polen alles abſichtlich darauf hin⸗ zielte, feinem Groll gegen den Orden immer neue Nah— rung zu geben und die Zwietracht und Erbitterung ſtets wach und thaͤtig zu erhalten. Daß die ernſte und ein⸗ dringliche Art, wie man dem Koͤnige im Sommer des vorigen Jahres feine Anſpruͤche auf Drieſen zuruͤckgewie⸗ ſen und das Recht des Ordens ſo nachdruͤcklich als gruͤnd— lich vor Augen geſtellt hatte, gewiß keinen günftigen Eindruck bei ihm machen werde, ließ ſich wohl vorausſehen, denn der Hochmeiſter hatte allerdings gegen ihn eine Sprache geſprochen, wie noch nie zuvor.“ Es waren indeſſen erosanctam ecclesiam catholicam et ad doctrinam apostolicam miro modo sit aflecta, ymo cathezisari sive instrui cum effeetu eiusdem cupiat ritibus et diseiplinis, et quod sinum amplissi- mum liberalitatis et elementie ad eristi fideles et ad nuncios sedis apostolice habeat ipsis munifice providendo et consultissi- me dirigendo. 1) Es ift dieſes das ſchon oben S. 78 erwähnte Schreiben. Zuerſt heißt es: Cum indulto igitur celsitudinis vestre et vestrorum iam laxari oporteat pluribus rationibus et persuasionibus nostra re- sponsa, si forte exaudibilia sint, que nondum intima vestrarum aurium penetrarunt, fatemur siquidem inter ceteros unionis con- cluse seriptum artieulos inmediate sequentes, quos sicut et alios integraliter servare voluimus et ex toto, Limites Novemarchie tenebimus eo modo, quo iidem ad nos et nostrum Ordinem de- venerunt, et quemadmodum ab antiquo sunt servati, in quo isti articuli sive elausule minus feeimus seu facimus, vellemus @ ve-
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Neues Mißverhaͤltn. mit dem Könige von Polen (1407). 369 fieben Monde voruͤbergegangen, ohne daß der König ſich weiter darüber geäußert; er hatte vielmehr ſcheinbar ſich mehrmals dem Orden geneigter gezeigt, Klaͤgern aus dem Ordensgebiete nicht bloß Gehoͤr gegeben, ſondern auch zu Recht verholfen und uͤberhaupt die Verhaͤltniſſe gegen die⸗ fen wie freundfchaftlicher zu ſtellen geſucht. Der Hoch- meiſter hatte dieſes auch nicht ohne Freude und Dank an⸗ erkannt.) Um fo unerwarteter war ihm daher der In⸗ halt eines aus Witowds Haͤnden empfangenen Schreibens des Koͤniges, worin dieſer nicht nur ſeinen ganzen Un⸗ willen und bittern Verdruß über einen Brief des Hoch— meiſters ausſprach, ſeinen ganzen Ton und ſeine Art der Faſſung als unpaſſend und beleidigend mit allem Nach⸗ drucke tadelte, ſondern auch in den einzelnen Saͤtzen und Ausdruͤcken deſſelben bald Mangel an ſchuldiger Achtung gegen feine Perſon, bald offenbare Beleidigungen und eh⸗ renruͤhrige Zurechtweiſungen, ja ſogar ſpoͤttiſche und ironi⸗ ſche Worte in Beziehung auf ihn gefunden haben wollte; insbeſondere hatte es der Koͤnig hoͤchſt empfindlich aufge⸗ nommen, daß der Hochmeiſter von des Koͤniges „angebo⸗ rener Weisheit“ geſprochen hatte, weil er meinte, es ſey darunter ironiſch „eine ihm angeborene Dummheit“ ver⸗ ſtanden worden. Der Hochmeiſter, der erſt vor kurzem den Koͤnig durch ein neues Geſchenk von ſchoͤnen Jagdfalken zu er⸗ Stra innata sapientia desideranter informari. Dann: Tempore Conscriptionis in finibus et terminis tam Regnum vestrum quam Ordinem tangentibus nullas scimus diflicultates nec hodie sei- mus, nisi error extortus vel excogitatus novitates velit inducere et difieultates. Die ſtärkſte Stelle am Schluſſe, nachdem der HM. ſeine Beweiſe klar vorgelegt hat, heißt: Qualis ergo est obturatio aurium aut cordium inadvertencia, talia non admittere et tamen probabiliora non exhibere, nostra allegata quasi execrare, et ex adverso motiva fortiora non aflerre. 1) Darüber Schreiben des HM. an den König im Regiſtr. p 142. 144. VI. 24
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370 Neues Mißverhaͤltniß mit d. Koͤnige v. Polen (1407). freuen gefucht, D erſtaunte uͤber den Inhalt dieſes Brie⸗ fes, denn eine ſolche Mißdeutung ſeiner Aeußerungen, ein ſo abſichtliches Aufſuchen von Gift und Galle in ſeinen unſchuldigen und unbefangenen Worten hatte er nicht ah⸗ nen koͤnnen. Aber er ſah recht gut ein, wo jetzt der Koͤ⸗ nig hinaus wollte, daß er, weil er auf politiſchem Wege nicht zu feinem Ziele zu gelangen ſchien, jetzt perfönliche Kraͤnkungen und Beleidigungen mit ins Spiel zu miſchen suchte, welche kein Ausweis durch Documente und Urkun⸗ den aus dem Wege raͤumen konnte. Er ſah zugleich auch voraus, daß es unfehlbar zu einem Kampfe mit dem Köoͤ⸗ nige kommen muͤſſe, wenn nicht alle Beſonnenheit und Klugheit aufgeboten wuͤrden, den Schlingen des Königes auszuweichen. Er wandte ſich zunaͤchſt an den Großfuͤr⸗ ſten Witowd, ihm vorſtellend, wie leid es ihm thue, den König erzuͤrnt zu haben, daß man aber ſeine Worte ab⸗ ſichtlich zum aͤrgſten ausgedeutet, daß er nie ſo etwas habe ſagen wollen, indem es ihm nur darum zu thun geweſen ſey, dem Könige des Ordens Recht völlig klar und ver⸗ ſtaͤndlich auseinander zu ſetzen; er erbot ſich, dem Groß⸗ fürſten ſelbſt die Entſcheidung darüber anheim zu ſtellen.“ Dieſer indeſſen ſchwieg über die Sache; er ſchwieg auch, 1) Treßler-Buch p. 218. 2) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb, Donnerſt. nach Purificat. Mariä 1407 Regiſtr. p- 142. Es heißt darin: Man hat unſerm bern konige unſere brife vil anders usgeleget, wen unſer gelar⸗ ten uns getan haben und denn wirs gemeynet haben. Got weis das wir unſern hern konig gar ungerne dirgremen welden, wo wirs woſten czu keren, unſer meynunge iſt gut und ſlecht geweſt, alleyne man uns vil Wort czum ergſten hat gewant, die wir werlich ny gedocht noch ge⸗ meynet haben. Wir muſten Im unſer meynunge von den ſachen, doroff her unſer antwort begerte, erczelen und eigentlich ſchreiben, off das her deſte bas wiſſen mochte, wie is umbe die ſachen gelegen were und meyn⸗ ten das wir die antwert deſte clerlicher usdrucken welden, off das her unſer entſchuldigunge und gerechtikeit deſte gnedeclicher und gutlicher off⸗ genommen hette. Wie uns ader unſer gute meynunge mit fremder us⸗ legunge vorkart iſt in das ergſte, das erkenne got.
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Neues Miſverhaͤltniß mit d. Könige v. Polen (1407). 371 als der Meiſter ihn bat, er moͤge den Koͤnig gegen den Marſchall Ywan von Dobrin, der bisher ſchon immer we⸗ gen ſeiner fruͤheren Anhaͤnglichkeit am Orden ungnaͤdig behandelt worden war, guͤnſtiger zu ſtimmen ſuchen,“ und es ſchien dieſes ein abſichtliches Schweigen, um vor⸗ erſt zu ſehen, wie die Sache wohl ausſchlagen koͤnne. Wohl mochte auch gegen ihn einiges Mißtrauen in des Meiſters Seele erwachen; es ſtiegen die truͤbſten Gedanken in ihr auf; er ſah, wie ſich jetzt das Ungewitter am Ho⸗ rizonte immer drohender aufthuͤrmte. Es ging kein Tag der Freude mehr fuͤr ihn auf. Sein Koͤrper hatte ſchon ſeit laͤngerer Zeit, beſonders in den letzten Jahren durch wiederholte Krankheit, vorzuͤglich durch Steinſchmerzen au⸗ ßerordentlich gelitten; doch war ſein Geiſt im Streben und Schaffen des Edlen und Guten immer noch ſtark und friſch geblieben. Jetzt ſchien ſein Muth gebrochen, denn der Friede, dem er bisher alle ſeine Kraft geopfert, ſchien 1) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Dienſt. vor Laͤ⸗ tare 1407 Regiſtr. p. 145. 2) Lin denblatt S. 180. Schon im Septem. 1405 ſchrieb der HM. ſelbſt an den Hauptmann von Krakau: Vestre nobilitati de amicabili et favorosa exhibitione, presertim de sollicitudine et diligencia circa infirmitatem et personam nostram habitis et val- de nobis acceptis quibus uti fidelis dominus et amicus passiones calculi per curam solertis mediei studuistis relevare, ex intimis actiones referimus gratiarum; jam auxilio altissimi puncturas calculi penitus evasimus, sic quod istis temporibus medicorum artificio non egemus, ignorantes tamen, quod deus in futuro nobiseum agere dignabitur; Regiſtr. p. 103. Pauli B. IV. S. 244 ſcheint nicht Unrecht zu haben, wenn er die Krankheit des HM. der Vollblütigkeit beimißt, denn in einem Briefe des Marſchalls an den H M., dat. Brandenburg Sonnab. vor Purificat. Maria (1407) heißt es: Als Meiſter Bartholomeus czu uns quam, alſo begunden wir mit Im czu reden von euwir Crankheit und legten Im vor als von dem Bluten, do wir Im dovon eigentlich geſait hatten, do ſprach her weder uns, wie das ſyn rat were, das euwir erwirdikeit jo in czit dorume rates pflege, went es ſorglich were, wo man das liſſe obirhant nemen. 24 *
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372 Neues Mifverhältn. mit dem König v. Polen (1407). unerreichbar. Da erwachte noch einmal in ihm der Ge: danke: der brave Mann uͤberwaͤltige oft den Grimm und Zorn ſeines Feindes durch die Waffe offener Wahrheit und durch das Wort eines biedern Herzens. Es war in den letzten Tagen des Maͤrz, als er ſeine vornehmſten Gebietiger zu Rathe verſammelte und ihnen mittheilte, wie er des Koͤniges Anſchuldigungen mit ſchonungsvoller Guͤte, aber auch nachdruͤcklichem Ernſte beantwortet habe. Konrad ſprach nicht wie ein ſolcher, der gereizt und ge— kraͤnkt von der Gewalt eines gerechten Zornes getrieben wird, ſondern wie ein Mann, der es fuͤhlt, daß er dem Grabe nahe ſteht und der am ſpaͤteſten Abende des Le— bens noch einmal alles aufbietet, den Unfrieden der Welt zu ſühnen. „Der Kuͤndiger des Herzens, ſo begann der Meiſter ſein Schreiben an den Koͤnig, er, dem alle Wege kund ſind, er iſt unſer Zeuge, daß faſt nichts von dem, was ihr uns in euerem Schreiben als Urſache zu Miß: helligkeiten vorwerfet, in unſerer Abſicht gelegen hat, fon: dern wir haben euch als unſerem gnaͤdigen Herrn mit aufrichtigen Herzen nur das, was nothwendig war zur endlichen Beantwortung, mit Beweggruͤnden, Beiſpielen und Beweiſen, ſo weit wir vermochten, in unſerem Schrei— ben zum Beſten des Friedens auseinander geſetzt, damit man in Beruͤckſichtigung unſerer Rechte mit uns geneigter verfahre. Für euere rechtliche Geſinnung hatten wir ges ſchrieben, nicht für die rauhe Spitzfindigkeit der Ausleger. Zunaͤchſt wenn ihr uns den ſpitzen Ton unſeres Briefes zum Vorwurf macht, ſo antworten wir, daß in der Sache fein uns nichts Spitziges zu liegen ſcheint, aber wohl etwas Ernſtes, weil es ſich um ernfle und nicht um leicht⸗ fertige Dinge, naͤmlich um unſer Recht handelt, wo füße und milde Worte nicht Statt finden. Haͤtten wir euch mit ſolchen geantwortet, es wuͤrde uns wiederholt worden ſeyn, was ihr ſchon einmal in einem Briefe ſchriebet: „unfere Antworten ſeyen mit freundlicher Gunſt über:
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Neues Mifverhältn. mit dem König von Polen (1407). 373 tüncht,“ in welchem Briefe wir mit Heuchlern, Verſchmitz⸗ ten, Hinterliſtigen und Betrügern zuſammengeſtellt zu wer den ſcheinen, wenigſtens durch das, was im Briefe voran ſtand und was nachfolgte.“— Darauf ging der Meiſter die einzelnen Stellen ſeines Briefes durch, in welchen ſich der König tief gekraͤnkt und an feiner Ehre ſchmerzlich verletzt ge⸗ funden; er bewies und betheuerte, daß man ſeinen Wor⸗ ten überall mit ſchnoͤder Argliſt eine mißgünſtige Deutung gegeben habe. „Daß wir mit Spott von angeborener Weisheit geſprochen haben ſollen, ſo iſt Gott, die Weis⸗ heit ſelbſt, unſer Zeuge, daß wir an ſo etwas nie gedacht haben, denn in treuem Herzen legten wir euerer Herr⸗ lichkeit eben das bei, was wir auch andern unſern Herren Königen und Fuͤrſten zuweilen geſchrieben haben und noch ſchreiben, da Weisheit ein glänzender Eigenname für Kö: nige und die Meifterin und Fuͤhrerin jegliches Regimentes il." 2 So offen und gerade ſprach der Meiſter auch über alles andere. Er betheuerte wiederholt, daß er den Koͤnig mit keinem Worte habe kraͤnken und beleidigen wollen, und daß keiner der ihm uͤbelgedeuteten Ausdruͤcke, wenn man fie recht verſtehe, irgend etwas Verfaͤngliches 1) Forte si dulciori serie vestre celsitudini respondissemus, repetitum fuisset nobis, quod v. s. in alia littera vestra seripse- rat, responsiones nostras fore amico favore conteetas, in qua littera videbamur simulatoribus, versutis, tergiversatoribus aut deceptoribus comparari, per verbum immediate premissum et per ea que sequuntur. 2) Quod obiecistis litteris nostris, ubi stabat: innata sapien tia etc. quod staret ironice et derisive et sie Pro insipiencia, Testis est nobis ipsa creatrix sapientia, quod tale quid nun quam fuit cogitatum. Attribuimus enim bona fide serenitati vestre ea, que aliis dominis nostris Regibus et prineipibus ali quando seripsimus et seribimus, cum sapientia sit nomen mugni eum pene proprium Regibus, magistra et moderatrix omnis re giminis. Absit hoc a seculis, talem ironiam cuiquam inforre, cum esset nobis extreme demencie, sapientiam, prudentiam sive Regum industriam insipieneiam dicere vel interpretari.
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374 Neues Mißverhaͤltniß mit d. Könige v. Polen (1407). oder Verachtendes umfaſſe.) Aber er ſprach ſich auch uͤber den tiefen Schmerz aus, den ihm des Koͤniges Brief verurſacht hatte, indem er ihm vorgeworfen, daß er auf Gerechtigkeit und Billigkeit in feinen Handlungen fo ges ringen Werth lege. „Wir haben immer, erklaͤrte er, Recht und Gerechtigkeit, Billigkeit und Gleichheit, Friede und Wahrheit in unſerem Leben hochgeachtet und ſie mit allem Eifer und Fleiß in allen unſern Gebieten in Aus⸗ übung gebracht; dafuͤr ſey der Allmaͤchtige in Ewigkeit geprieſen. Alle unſere Staͤdte und Gemeinen leben in guter Policei; die Prälaten, Lehensleute und das ges meine Volk erfreuen ſich des Friedens und der Gerechtig⸗ keit; wir bedraͤngen keinen Menſchen, wir haͤufen keine Laſten auf, wir maßen uns nicht an, was nicht unſer iſt, ſondern unter Gottes Gnade genießen alle, ſelbſt Heiden und Ausländer, der Billigkeit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Auch wir mit unſerem Orden haben nie das Gericht geſetz⸗ maͤßiger Richter gemieden; dieſe ſind der Papſt und der Kaiſer oder der Roͤmiſche König. Geſetzlich von ih⸗ nen vorgeladen, haben wir immer Gehorſam geleiſtet und ſind durch unſere Sachwalter vor ihnen erſchienen, wie allbekannt iſt. Wir erkennen ſie als unſere Oberen an und muͤſſen ihnen gehorſam ſeyn, ſey es freiwillig oder nicht. Aber es iſt nicht noͤthig, daß andere uns dieß einfchärfen oder daran erinnern. Erhabener Fuͤrſt, ſchrieb endlich der Meiſter, wir bitten euch demuͤthig und ergebenſt, verbannet den durch unſern Brief ge faßten Groll aus euerem Herzen, wie wir ihn durch eue⸗ ren Brief veranlaßt gleichfalls aus uns verbannen und gebt dieſen unſern Entſchuldigungen Gehoͤr, die, wie ihr ſehet, ſich auf Gruͤnde ſtuͤtzen, denn es hat wahrlich nie 1) Er ſagt z. B. uͤber das ihm uͤbel gedeutete Wort cupiditas: Nee unquam fuit cordi nobis, vestram magnificentiam velle de cupiditate notari quovismodo, nisi forte in bono, pro quo qui- libet debet esse cupidus.
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Neues Mißverhaͤltniß mit d. Könige v. Polen (1407). 375 in unſeren Willen gelegen, euch durch unſere Antworten und Schriften zu beleidigen, und Gott weiß es, daß, wie ihr es verſtanden, es nie unſer Sinn geweſen. Wir wer⸗ den uns, ſo viel wir koͤnnen, hüten, daß unſerer Seils nie ſolche Auslaſſungen geſchehen. Nehmet daher Rück- ſicht auf unſere demuͤthige Bitte; geruhet auch euerer Seits die Sache in Berathung zu ziehen, damit unter uns die Freundschaft um fo feſter Beſtand erhalte. Es war dieſes das letzte Wort, welches Konrad dem Koͤnige entbot. Die truͤben Verhaͤltniſſe mit dieſem hat⸗ ten ohne Zweifel auf feinen Geſundheitszuſtand höͤchſt nachtheilig gewirkt und ſchon darum auch waren die koſi⸗ baren Arzeneimittel, welche ihm ſchon im vorigen Jahre der Ordensprokurator aus Rom auf Anrathen eines ſehr beruͤhmten Arztes zugeſandt hatte, 2) von keinem Erfolge geweſen. Um Oſtern hatte die Krankheit ſeinen Koͤrper ſchon ſo angegriffen, daß er nur einzelne Tage noch ſich 1) Dieſes Schreiben des HM. an den Koͤnig von Polen, dat. in Castro nostro Marienb. feria quarta proxima ante dominicam Quasimodogen. an. 1407 Regiſtr. p. 152 — 153. Es hat die Ueber⸗ ſchrift: Regi Polonie et fuit littera responsalis eidem wissa ante obitum Magistri generalis vix duobus diebus precedentibus. 2) Das in mancher Hinſicht ſehr wichtige Schreiben des Procura⸗ tors an den HM., dat. Rom Sonnt. nach Petri und Pauli (1406) Schiebl. I. nr. 109, ſagt von dem Arzte: Her hat drey konigreich, do von her ſich ſchribet, dorczu fo iſt her Rewardt ober gantz India, das Priſter Johan angehoret, und her hat vormols geheiſſen Theodorus aber hewer czu Winachten wart her getouft in ſandt Johannes lage des Ewangeliſten und iſt genant Johannes Theodorus und iſt gar ein ſeliger criſten geworden und hat ſunderliche große liebe czu euwer Der: ſene und czu deme kompthur von Elwinge, deme her ouch Junderlic) ding czu ſyner ſalbe geſant hat. Von der Arzenei heißt es: Werlich her Meiſter, her hat euch etzliche ding obergeſant, die in die ertzedie gegangen ſeyn, do fie cdu Venedie nicht von woſten, was es were, als ich dorumb dar geſant hutte, es fein etzliche ding dorynne, die hat her laſſen holen in den gebirgen Caſpi, als her ſchribet, do die roten Ju den von Allexandro vormuwert ſyn. Dorumb geruchet gutwillig dorcz⸗ cu fon, wend Ir einen groſſen frünt an Im habt.
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376 Des HM. Konrads v. Jungingen Tod (1407). aufrecht halten konnte. Zwar beſchaͤftigte er ſich mitunter noch mit Gegenſtaͤnden der Verwaltung, mit den Ver⸗ haͤltniſſen der Herzoge von Pommern, beſonders mit der beſtaͤndig noch fortgeſetzten Befeſtigung der Ordensburgen zu Ragnit, Memel, Tilſit und dem Bau der Burg an der Dobiffa ? und er hoffte, fie noch in dieſem Jahre vollenden zu koͤnnen. Allein ſeine Kraͤfte ſchwanden von Tag zu Tag mehr hin. Er glaubte ſeinem Koͤrper mehr Erholung gönnen zu muͤſſen und bat daher den Groß: fuͤrſten Witowd, ihm ein kleines und bequemes Zelter⸗ pferd zu ſenden, um ſich, wenn er ſich wieder kraͤftiger fuͤhle, durch einige Bewegung im Freien zu erquicken. Er ſtand jedoch von ſeinem ſchweren Krankenlager nicht wieder auf und als er fühlte, daß feine letzten Tage her⸗ annaheten, ließ er den Großkomthur, ſeinen vertrauten vieljährigen Freund, Konrad von Lichtenſtein und den Dr: denstreßler Arnold von Hecke, die beiden im Ordens: haupthauſe wohnenden oberſten Gebietiger, vor fein Kranz kenbette beſcheiden. Sein Geiſt war ſchwer bekuͤmmert, wenn er auf die Stellung ſeines Ordens zum Koͤnige ſah und befuͤrchten mußte, daß ſein Nachfolger vielleicht nicht geeignet ſeyn werde, durch ruhige Beſonnenheit, durch Friedensliebe und kluge Maͤßigung des Koͤniges Zorn und Groll im Zaume zu halten; es gingen ſorgenvolle Gedan⸗ ken in ihm auf und es war ihm, als ſehe er das ſchwerſte Ungluͤck voraus, wenn er vermuthen konnte, daß vielleicht fein Bruder, der raſche und leicht heftig entbrannte Dr- densmarſchall Ulrich von Jungingen die Zuͤgel des Regi⸗ mentes erhalten werde. Darum fand er es nothwendig, ſich mit den beiden Gebietigern uͤber ſeinen Nachfolger zu 1) Treßler⸗Buch p. 215. 217. 220 — 221. 2) Schreiben des HM. an Witowd, dat. Marienb. Dienſt. in den heil. Oſtertagen 1407 Regiſtr. p. 146. 3) De Wal T. IV. p. 260 nennt unrichtig Heinrich von Plauen als Ordenstreßler.
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Des HM. Konrads v. Jungingen Tod (4407). 377 berathen. Die Liebe zu ſeinem Orden, zu ſeinem Staate, zu ſeinen Unterthanen ſiegte uͤber die Liebe zum Bruder; er bat und warnte die Gebietiger, das Meiſteramt nicht dieſem feinem Bruder zu übergeben, wenn ſie nicht ver⸗ ſchulden wollten, daß das drohende Ungluͤck mit Macht uͤber Preuſſen hereinbrechen ſollte. Die Gebietiger gelob⸗ ten ihm, ſeiner Warnung zu folgen. 10 So war Heil für ſeinen Orden und Friede für fein Land die letzte Sorge, der letzte Gedanke, mit dem ſich Konrads Seele beſchaͤſtigte. Er war ihm von den Sei⸗ nen zugeſagt und ruhigen Geiſtes erwartete jetzt der edle Meiſter ſeine letzte Stunde. Sie nahete ihm am dritten Tage nach dem Oſterfeſte, am dreißigſten Marz dieſes Jahres in der Abendzeit, als eben die Ritterbruͤder des Hauſes zur Collacie verſammelt waren. 2) Obgleich man längft auf Konrads baldiges Hinſcheiden vorbereitet war: ein allgemeiner tiefer Schmerz ging mit der Trauernachricht durch das ganze Land, denn es war in ihm ein wahr⸗ hafter Vater des Landes dahingegangen, „der gar ein gu⸗ 4) eucas David B. VIII. S. 108. Ordenschronik p. 73. Schütz p. 100. 2) Ueber feinen Todestag kann nach Lindenblatt S. 180, Schütz J. c. u. a. kein Zweifel ſeyn. Das Supplem. ap. Dusburg c. 32 führt feria IV post festum Paschae an. Es ift daher unrichtig, wenn Lucas David B. VIII. S. 107 und nach ihm Baczko B. II. S. 292 des HM. Tod vierzehn Tage nach Oſtern erfolgen laſſen. Die Angabe bei Schütz 1. c. über die Urſache feines Todes, daß „die Ertzte ihme riehten zu erhaltung lengerer Geſundheit Rem veneriam zu ge⸗ brauchen, er aber ſagte, er wolte lieber 10 jar ſterben, ehe dann ſeine zeit käme, als daß er ein ſolches wider Geluͤbde und Gewiſſen thun ſollte,““ bezweifelt ſelbſt Kotzebue B. III. S. 357 und geſetzt, ſie wäre wahr, fo iſt Konrads Erklärung in jeder Beziehung achtungswerth oder wie De Wal T. IV. p. 266 richtig fagt: Quand on servit cer- tain que cette anecdote n’est pas vraie, on pourvoit toujours la rapporter, comme très-honorable au Grand- Maitre, parce qu'on ne peut avoir imaginee, que apres Topinion qu'on avoit de sa vertu.
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378 Des HM. Konrads von Jungingen Tod (1407). ter Herr und felig und gottesfuͤrchtig war an allem feinem Leben, ungemeinlich ſeinen Gebietigern und allem Volke Leid geſchah an ſeinem Tode; und ward gar achtbarlich beſtattet zu der Erde auf den Freitag, dieweil da gegen⸗ waͤrtig waren der Herr Biſchof von Pomeſanien mit etlichen der Seinen, der Großkomthur, die Komthure von Elbing und Chriſtburg und der Treßler.“ ) Sie und viele an⸗ dere Ordensbrüͤder ſtanden tiefbetrübt am Grabe, als die ſterbliche Hülle des braven Meiſters in der Sanct Annen⸗ gruft neben ſeinen Vorgaͤngern eingeſenkt wurde. Nach wenigen Tagen ward durchs ganze Land ein Trauergot⸗ tesdienſt veranſtaltet. Das Spital zu Koͤnigsberg erhielt hundert Mark, damit man daſelbſt fuͤr das Seelenheil des verſtorbenen Meiſters Gebet halten ſolle; mit derſelben Ver⸗ pflichtung wurden den Predigermoͤnchen zum Aufbau eines neuen Kloſters zu Nordenburg funfzig Mark geſpendet. Ein Prieſter aus Thorn ging nach des Meiſters eigener Anordnung nach Poſen, um dort ein ganzes Jahr hin⸗ durch „um ſein ſeliges Gedaͤchtniß Willen“ Meſſe zu le: ſen, und am Grabe des Meiſters brannten ein ganzes Jahr geweihte Lichter; alljaͤhrlich wurden daſelbſt an ſei⸗ nem Todestage Meſſen geleſen und zur Erneuerung ſeines frommen Andenkens jeder Zeit reichliche Spenden an die Armen vertheilt. ? Aber auch außerhalb der Graͤnzen Preußens ward Konrads Gedaͤchtniß mit kirchlicher Trauer⸗ feier begangen; nicht bloß der Großfürſt Witowd ordnete für ihn ein Trauerfeſt an, ſondern ſelbſt der unverſoͤhn— bare Feind des Ordens, der Koͤnig von Polen ließ fuͤr das Seelenheil des verſtorbenen Meiſters Meſſen lefen. ® 1) So der Zeitgenoſſe Lindenblatt a. a. O. Im Supplem. ap. Dust. I. c. heißt es: per cuius obitum Praelati terrae et Praecep- tores cum omni populo turbati erant, timentes de futuro peri- culo, quod, proh dolor! accidit. 2) Nach dem Treßler- Buch p. 221. Faber Preuſſ. Archiv B. II. S. 273. 3) Schreiben des Ordensſtatthalters an Witowd Regiſtr. p. 151,
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Konrad v. Jungingen in feinen Tugenden (1407). 379 Konrad von Jungingen verdiente dieſe Feier ſeines Gedaͤchtniſſes im vollſten Maaße wie als Menſch, — fo als Fuͤrſt ſeines Landes — und als Oberhaupt ſeines Ordens. Als Menſchen zeichneten ihn die Tugenden der Frie⸗ densliebe, der Froͤmmigkeit, der Gerechtigkeit und Mild⸗ thaͤtigkeit ohne Zweifel am meiſten aus. ) Unter keinem feiner Vorgänger hatte das Kriegsſchwert fo lange geruht; der alte Ruf der Heidenfahrten war unter ſeiner Regent⸗ ſchaft mehr und mehr verſtummt und ſchon lange ſah man auf Preuſſens Boden nur noch ſelten fremde Kriegs⸗ gaͤſte. Selbſt den Kampf gegen die Samaiten ſuchte Konrad lange Zeit durch alle Mittel der Ueberredung und Schonung zu vermeiden und erſt als keine Ausſicht mehr zu friedlicher Ergebung war, ließ er ungern das Kriegs⸗ ſchwert zum Schrecken des Volkes ins Land tragen; und als die Samaiten ſich dem Orden unterworfen, bot er alle Mittel der Guͤte, der Unterſtuͤtzung und freundlicher Ermunterung auf, um das Volk in Ruhe und friedlichem Gehorſam zu erhalten. Mit welcher freudigen Erhebung ſprach Konrad über das Gluͤck des Friedens mit dem Groß: fürften von Litthauen und welche zahlreiche und koſtbare Geſchenke ſpendete er, um den Fürften und feine Umge⸗ bung in Gunſt und Freundſchaft zu erhalten! Bald wa⸗ ren es ausgezeichnete Roſſe, bald ausgeſuchte Jagdhunde, womit er ihn zu erfreuen ſuchte; bald ſandte er ihm ein Faß aͤchten Waͤlſchen Wein, ſchoͤn gearbeitete vergoldete worin dieſer dem Großfuͤrſten feinen Dank abſtattet, daß er das Ge⸗ dächtniß des verſtorbenen HM. „von aller Priſterſchaft ſeiner Lande“ habe begehen laſſen und dieſen Dank auch dem Koͤnige von Polen zu bezeugen bittet. 1) Dieſe Tugenden ruͤhmen die Chroniſten auch am meiſten an ihm; Lindenblatt a. a. O. Supplem. ap. Dusb. c. 31 — 32 nennt ihn vir pius, castus et pluribus virtutibus insignitus, — qui erat pacis cupidus. Ordenschron. P. 73. Chron. Oliv. p. 71. Lucas David B. VIII. S. 108.
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380 Konrad v. Jungingen in f. Tugenden (1407. Trinkbecher, bald elnmal eine glaͤnzende Ritterruͤſtung, ein kunſtvoll ausgelegtes Ritterſchwert, mitunter wohl auch einige Hüte Zucker, wenn er wußte, daß ſolche dem Fuͤr⸗ ſten angenehm ſeyen.) Ueberhaupt behandelte er ihn mit aller moͤglichen Zartheit und Aufmerkſamkeit, ſandte ihm z. B. ſogleich ſeinen Augenarzt zu, als er gehoͤrt, daß der Fuͤrſt an den Augen leide.) Vor allem ſprechen des Hochmeiſters Briefe an ihn, zumal in den letzten vier bis fünf Jahren , eine Zuneigung, eine Freundſchaft und ein Vertrauen zu ihm aus, die man nach den früheren Ver: haͤltniſſen des Fuͤrſten zum Orden faſt uͤbertrieben nennen koͤnnte, wenn nicht Konrads ganzer Character ſo durchaus offen, bieder und aufrichtig geweſen ware. Seigte er doch ſelbſt gegen den König von Polen, der nie ohne Eifer: ſucht, nie ohne inneren Grimm und Haß, nie ohne Falfchz heit in ſeinen Geſinnungen gegen den Orden daſtand, eine Nachſicht, eine Friedfertigkeit, eine Willfaͤhrigkeit und ein fo raſtloſes Bemühen, dieſen ſtarren Gegner zu einer fried⸗ licheren und freundlicheren Stellung umzuſtimmen, daß man es bewundern muß, wie bei den ununterbrochenen Necke⸗ reien und Zaͤnkereien, die der Koͤnig immer von neuem anregte, nicht bloß die Geduld des Meiſters nie ermuͤ⸗ dete, ſondern er ſelbſt fort und fort bemuͤht blieb, den trotzigen Widerſacher durch Geſchenke und Ehrengaben zu beſchwichtigen oder wo moͤglich noch zu gewinnen. Selbſt noch in der Zeit, als die Spannung ſchon fo weit ges trieben war, gingen mehrmals für die Jagdluſt des Kö: niges Geſchenke von ausgezeichnet ſchoͤnen Jagdfalken nach Krakau und ſogar ſein frommes Huͤndlein ward nach ſeinem Tode, wie er verordnet, mit einem ſilbernen Hals⸗ 1) Nach Angaben des Treßler-Buches aus verſchiedenen Jahren. 2) Zreßler: Bud) im J. 1400, 3) Außer den Beiſpielen aus früherer Zeit auch noch ſolche in den J. 1400 und 1407 im Treßler⸗ Buch.
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Konrad v. Jungingen in f. Tugenden (1407). 381 bande der Königin von Polen uͤberbracht. Es mag wahr ſeyn, daß dieſe geduldige Nachſicht, dieſes geſchmei⸗ dige Fuͤgen in die Launen des unfriedlichen Gegners ihm oft den Tadel und ſelbſt Hohn und Spott kriegeriſchge⸗ ſinnter Gebietiger und Ordensritter zugezogen, daß feine Friedſamkeit mitunter auch Anlaß zu Neckereien gegeben und man ihm mehrmals im Ernſte gerathen habe, dem argliſtigen Könige das Schwert zu zeigen;? es mag veel⸗ leicht auch Tadel verdienen, daß er durch häufiges Nach⸗ geben und durch immer wiederholte Betheuerung ſeiner Friedensliebe den Gegner ſelbſt zu immer keckeren Forde⸗ rungen und Anſpruͤchen bewog, und daß ſomit der Krieg, 1) Treßler⸗Buch p. 222. 2) Manches Einzelne, was über die Neckereien gegen den HM. erzählt wird, ift allerdings ſehr verdächtig, z. B. was Simon Gru⸗ nau Tr. XIV. c. III. 8 5 vom Narren des HM. weiß und fpätere, wie Lucas David B. VIII. S. 109, Henneberger p. 208, Schütz p. 90, Baczko B. II. S. 295 und Kotzebue B. III. S. 79 nad): geſchrieben haben. Die Ordenschron. p. 73 (Mſcr.) ſagt nur: Er muſt vyl unnüger rede hinder rücken haben und leyden, alſo das man ſprach, Er were beßer czum Monche oder Cloſter Nonnen, denn czu einem ho⸗ heweiſter, alles was man von ihme ſaget, nam er geduldig und weis⸗ lichen an, wiewol er ein redlicher, warhafftiger Ritter ſeiner handt was gegen den veinden, als er es denn uffte beweiſet hatte. Er hillte gerne fride und ſonderlich mit den Polan, dy eine lange czeit auch fridlichen mit yhme gehandelt und nach dem er nicht gerne mit den Polan krigen wolte, kam czu yhme gen Marienburg der Biſchof von der Coya von Oppeln Grapidla genannt mit vilen gemiſchten ſpottiſchen worten; do ſprach er under andern worten offenbar, wir wollen uns laßen ſchelten und malen an dy wende und dennoch gerne im fride, den gott meinem Orden verlihen, ſterben, dan ich fuͤrchte, das unſer orden und yr Po⸗ lan nach meinem tode werdet ſo vyl unfrides haben, das yr euch von beiden Teylen ſchwerlichen daraus werden koͤnnen entrichten; krig iſt balde angefangen, aber langſam erleget. Im Chron. Oliv. p 71 wird der HM. geſchildert als vir mansurtudine, pietate, castitate et elementia etiam in hostes praecipuus, quam ob causam multas a suis adversitates et contradictiones pati debuit, dicebaturque magis idoneus pro Monachatu, quam magisterio generali.
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382 Konrad v. Jungingen in feinen Tugenden (1407). dem Konrad fo ſehr bemüht war auszuweichen, endlich dennoch herbeigezogen wurde: er ließ ſich indeß durch nichts in ſeiner Ueberzeugung ſtoͤren, daß ein Kampf mit Polen feinem Lande nur unnennbares Elend und Unglück bringen koͤnne. Und die naͤchſten Zeiten haben ihn voll: kommen hierin gerechtfertigt. Von ſeiner Froͤmmigkeit gab jeder Tag Beweiſe. Er hielt nicht nur ſich ſelbſt und alle Ordensbruͤder mit gro⸗ ßer Strenge an die geſetzlichen taͤglichen Andachtsuͤbungen, ſondern fein ganzer Wandel trug das Gepraͤge einer durch— aus frommen und gottergebenen Geſinnung; nie ging ein unlauter Gedanke uͤber ſeine Lippen und bei Fremden wie unter ſeinen Unterthanen galt Konrad allgemein fuͤr einen Mann, der von dem, was ſeine Zeit Religion nannte, innigſt durchdrungen war. In feinem religiöfen Leben hing er allerdings mit ſeiner Zeit, wie ſein Vorgaͤnger Winrich von Kniprode, noch ſehr am kirchlichen Formenweſen und äußerer religiöfer Werkthaͤtigkeit. Aber dabei ging kein Tag voruͤber, an dem er nicht die Armen beſchenkte, Kran⸗ ken pflegen und Huͤlfloſe unterſtuͤtzen ließ. So oft er das Land bereiſte oder in beſtimmten Gegenden feinen ſ. g. Umgang hielt, wurden von ihm uͤberall, wo er hin kam, die Spitaͤler und Kirchen bedacht, fromme und achtungs⸗ werthe Geiſtliche belohnt, Gebethaͤuſer mit Glocken, Kir⸗ chengeraͤthe u. dgl. verſehen.) Er unterließ es nie, von Zeit zu Zeit ſaͤmmtliche Klöfter des Landes, gewöhnlich mit etwa dreißig Mark zu beſchenken oder einzelne bei ihrem Bau zu unterftügen. 9 Jedes Jahr am grünen Donner: ſtage wurden die Armen der Stadt Marienburg ins Haupt⸗ haus eingeladen und vom Meiſter reichlich beſchenkt. Lange 1) Davon zahlreiche Beiſpiele im Treßler⸗ Buch. 2) Die jährliche Beſchenkung der Klöfter war herkoͤmmlich und re⸗ gelmäßig, weshalb fie das Treßler-Buch jedes Jahr auch unter dem Nachfolger dieſes HM. aufführt. Außerdem geſchahen aber auch oft außerordentliche Spenden an einzelne Kloͤſter; Treßler⸗Buch p. 186.
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Konrad v. Jungingen in feinen Tugenden (1407). 383 Zeit war es fein eifrigſtes Bemühen geweſen, am Roͤmi⸗ ſchen Hofe zu bewirken, daß der frommen Dulderin Do⸗ rothea, für welche er ſtets mit ganz beſonderer Waͤrme erfüllt war und deren Andenken er jedes Jahr in ſeiner Kapelle feierte, die Heiligſprechung ertheilt werde und der Ordensprocurator hatte alles angewandt, dem Wunſche des Meiſters zu genügen; allein es war ihm nicht gelun⸗ gen, die obwaltenden Hinderniſſe zu beſiegen. = Dieſer religiöfe Sinn des Hochmeiſters war die Quelle ſeiner ſtrengen Gerechtigkeitsliebe und ſeiner Billigkeit in al⸗ len ſeinen Handlungen; und wie er ſelbſt darin durch ſein Beiſpiel voranging, ſo verlangte er eine gleich ſtrenggerechte und ſchonende Verwaltung von allen ſeinen Gebietigern. Er verwies es mehrmals dem Vogte der Neumark, wenn er ge⸗ reizt die Linie ͤberſchritten hatte, die ihm das ſtrengſte Recht vorzeichnete. Man berief ſich daher gerne und haufig in ſtreitigen Verhandlungen auf des Meiſters ſchiedsrichterliches Urtheil und beruhigte ſich bei feinem Ausſpruche. ) Klagten Pfarrer über harte Bedrückungen durch ihren Biſchof, wie dieſes mehrmals gegen den Biſchof von Ploczk geſchah, ſo nahm ſich der Hochmeiſter der Bedruͤckten mit regem Eifer an und verfocht ihre Rechte ſelbſt Jahrelang, weil er nicht dul⸗ den wollte, daß der Biſchof ſeine ungerechten Zehntenerhe⸗ bungen fortſetze. Jedoch ging Konrad in ſolchen Rechts- 1) Treßler⸗Buch p. 201. — Im J. 1406 erhielten die Domher⸗ ren von Marienwerder 18 Mark fuͤr das Licht, welches der HM. „der ſeligen Frau Sanct Dorothea“ jährlich brennen laͤßt. 2) So ſchrieb er z. B. im J. 1404 an den Procurator: Richtet us IIII hundert und XXIII gulden von der Canonizacio wegen Dorothee, went uns der Probſt her Johannes Ryman geſagt hat, das des geldes von der Canonizacio nicht me iſt wenn IIII hundert und XXIII gulden und was Ir gutes by der Canonizacio thun moget, do by ſeit fleiſſig und thut euwer vormogen. 3) Beiſpiele in den Urkunden des geh. Arch. Schiebl. 75 nr. 31. LXIII nr. 4 in geiſtlichen Angelegenheiten. 4) Ein ſolcher Streit zwiſchen dem HM. und dem Biſchofe von
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384 Konrad v. Jungingen in ſ. Tugenden (1407). ſtreitigkeiten ſtets mit großer Behutſamkeit zu Werke und fragte wohl lieber, um kein Rechtsverhaͤltniß zu verletzen, auch fremde Gerichtsſtuͤhle um Rath. Davon nur ein Bei⸗ ſpiel. Zur Zeit, als alles Engliſche Gewand im Lande ver⸗ boten war, lief vom Rathe einer Stadt die Anklage ein, daß der Buͤrgermeiſter, ein Kaufmann, verbotenes Engliſches Tuch in feinen Hof gebracht und verborgen habe. Dieſer, dar: uͤber befragt, erklaͤrte offen, daß das Kaufgut gegen ſein ausdruͤckliches Verbot gekauft und ohne ſein Wiſſen einge⸗ bracht ſey und erbot ſich auch bereit zum geſetzlichen Verluſte der verbotenen Waare. Obgleich er indeſſen gebuͤßt, was das Geſetz beſtimmte, ſo widerſetzte ſich doch der Rath, als das Amtsjahr zu Ende ging, der Erneuerung ſeiner Wahl. Der Hochmeiſter fragte nach dem Grunde; worauf die Ant⸗ wort folgte: es ſey Weichbildsrecht, daß ein Rath die Obrig⸗ keit wähle und entſetze, ohne der Herrfchaft die Gründe anzu⸗ geben, und bei dieſem Weichbildsrechte wolle er auch ferner bleiben. „Wohl, erwiederte der Meiſter, wir wollen euch gerne allewege beim Rechte laſſen; aber uns dünket, daß das wohl Weichbildsrecht iſt, daß ein Rath mag hieſen Raths⸗ manne einer Stadt alljaͤhrlich oder den Rath auch erneuern und der geforenen Rathsmanne darf der oberſte Burg⸗ graf keinen entſetzen. Doch einen frommen Biedermann, der ſich nie verruͤckt, keiner boͤſen Sache jemals uͤberwun⸗ den iſt und wohl ſiebzehn Jahre im Rathe geſeſſen hat unbeſchuldigt, den kann der Rath nicht entſetzen ohne Schuld und ohne der Herrſchaft Wiſſen und Willen, ſo⸗ viel wir erkennen.“ So nahm ſich der Meiſter mit Eifer des gewiß ganz rechtſchaffenen Mannes an; um aber doch das Recht der Stadt genau zu ermitteln, wurde hierauf der Gerichtsſtuhl zu Magdeburg befragt: ob der Rath einer Stadt wirklich das Recht habe, ſo zu handeln, wie Ploczk dauerte einmal vom J. 1397 bis 1406 und der Regiſtrant hat eine große Zahl von brieflichen Verhandlungen daruͤber durch alle Jahre hindurch.
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Konrad v. Jungingen in feinen Tugenden (1107). 385 hier geſchehen?) — So konnte es der Meiſter mit ſei⸗ nem Begriffe vom Rechte nicht vereinigen, daß Kinder büßen ſollten, was die Aeltern verſchuldet; er erklärte da⸗ her auch, daß ein außer der Ehe Geborener, wenn er ſonſt ein ehrbares Leben fuͤhre, in keiner ehrbaren Sache zuruͤckſtehen, ſondern ſolche zu übernehmen und auszuüben das Recht haben und feine ehelich geborenen Kinder von ihm in eben der Art, wie andere eheliche Kinder erben ſollten.) Es ward ferner geſetzlich beſtimmt, daß es ei⸗ nem Kinde weder an Ehre noch Eigenthum nachtheilig ſeyn ſolle, wenn es zu einer Zeit geboren ſey, waͤhrend welcher der Vater mit der Achtserklaͤrung beſtraft gewe⸗ fen. ? Ganz beſonders nahm ſich der Hochmeiſter jeder Zeit des Landmannes bei ſeinen Beſchwerden mit dem waͤrmſten Eifer an. Er duldete nie, daß ihm von einem Ordensbeamten das mindeſte Unrecht geſchehe, wie er denn ſelbſt auch hier mit feinem Beispiele voranging. War zufällig auf der Jagd eines Landmannes Saatfeld ver: wuͤſtet worden oder hatten die Jagdhunde einige Schafe oder Gaͤnſe zerriſſen, ſo mußte ſofort auf des Meiſters Befehl der Schade vollkommen erſetzt werden ® oder war einem dienſtpflichtigen Lehensmanne im Dienſte des Ordens, 1) Ueber dieſen nicht unwichtigen Rechtsſtreit das Schreiben des HM. an einen fremden, hoͤchſtwahrſcheinlich den Magdeburger Gerichts⸗ ſtuhl, dat. Marienb. Sonnab. vor Quaſimodogeniti 1400 Negiſtr. p. 119. Die Antwort auf die Anfrage des HM. fehlt leider. 2) Darüber ein Legitimationsbrief, dat. Birgelau Sonnt. vor Mi⸗ chaelis 1396 Regiſtr. p. 34. 3) Legitimationsbrief des HM. aus dem J. 1395 Regiſtr. P. 17. Es iſt dieſes das nämliche Beiſpiel, deſſen Kogebue B. III. S. 351 erwähnt, wo es indeſſen nicht nur gänzlich entſtellt, ſondern auch mit der haͤmiſchen Schlußfolge angeführt wird, „daß es, tros der ſcharfen Geſetze, der Orden mit den Fleiſchesluͤſten nicht fo genau genommen.“ Davon ſteht auch nicht das mindeſte im Briefe, ſondern ganz deutlich, daß es ein ehrliches Kind, „ir beider kynt“ ſey, dem aber die Achtser⸗ klarung des Vaters nicht angerechnet werden ſolle. 4) Davon mehrmals Beiſpiele im Treßler- Buche. VI. 25
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386 Konrad v. Jungingen in feinen Tugenden (1407). etwa auf Kriegsreiſen ein Roß gefallen oder unbrauchbar geworden, ſo wurde ihm aus dem Ordensſchatze hinrei⸗ chender Schadenerſatz geleiſtet.) So wurden die auf den Kriegsreiſen nach Gothland, Samaiten oder im Kriege mit Witowd erlittenen Verluſte und zum Theil auch die zur Ruſtung aufgewandten Koſten dem Landesritter, wie dem Landmanne vom Hochmeiſter immer reichlich erſetzt? und Landleute zum Burgenbau aufgeboten, erhielten Bes lohnung für ihre Arbeit.“ Um ſo bereitwilliger zeigte ſich auch der Landbewohner in feinen Pflichten und Leis ſiungen gegen den Orden. Als z. B. im Jahre 1407, nachdem die Samaiten unterworfen waren, die Ritter und Knechte des Landes ſich weigerten, ferner noch die Abs gaben des Schalwiſchen Kornes und Wartgeldes zu ent⸗ richten, fügten fie ſich gerne des Meiſters Bitte, die Steuer dem Orden noch auf drei Jahre zu verſprechen. “ Die allgemeinſte Liebe aber und unbedingtes Zu⸗ trauen erwarb ſich Konrad durch ſeine Mildthaͤtigkeit, Menſchenliebe und Herablaſſung, denn ſelten hatte ſich in dieſen Tugenden je ein Meiſter ſo ausgezeichnet. Wo Noth und Ungluͤck war, war ſeine milde Hand die naͤchſte und keiner ſchied von ihm unbefriedigt und unerfreut. 3 1) Auch davon im Treßler⸗Buche Beiſpiele zu mehren Hunderten; vgl. nur p. 180. 201. 211. 212 ff. 2) So wurden z. B. im J. 1400 nach dem Treßler⸗Buch p. 38 für die Verluſte auf der Kriegsreiſe mit Witowd gegen die Tataren an die Kriegsleute der verſchiedenen Gebiete als Schadenerſatz vertheilt vom Marſchall 159 Mark, vom Komthur zu Eibing 113 Mrk, von dem von Balga 197 Mrk, von dem v. Brandenburg 136 Mrk u. ſ. w. Verlorene Streithengſte wurden mit 8 Mark verguͤtet. 3) Als z. B. eine Anzahl von Bewohnern des großen Werders im J. 1400 beim Burgenbau in Samaiten gebraucht wurde, erhielten ſie 102 Mark als Arbeitslohn; Treßler⸗ Buch p. 42. 4) Lindenblatt S. 180, wo erwähnt wird, die Unterthanen hatten die erwähnten Abgaben (von denen früher ſchon geſprochen ift) bisher gegeben „von bete der herrin.“
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Konrad v. Jungingen in feinen Tugenden (1107). 387 Beſtaͤndig begleitete ihn, wenn er irgendwohin ging, fein Kämmerer Thimo, um Spenden unter die Armen zu ver: theilen.) Kamen die Gebietiger in Elbing oder Marien burg zu Berathungen zuſammen, ſo wurden jedesmal vom Meiſter gewiſſe Summen geſammelt, um ſie als Unter ſtuͤtzung an ehrbare Stadt- und Landbewohner zu ver: theilen. ? Verwandte ſich irgend ein Gebietiger um Hülfe für einen verunglückten oder verarmten Landmann, er mod): te Deutſcher oder Preuſſe ſeyn, ſo erließ der Meiſter Be⸗ fehl, ihm aus dem Ordensſchatze eine angemeſſene Summe auszuzahlen.“ Nicht ſelten ließ er unbemittelten Guts⸗ beſitzern das mangelnde Saatgetreide bis zur Ernte vor ſchießen oder auch umſonſt ertheilen. Hatte Hagelſchaden oder Waſſeruͤberſchwemmung eines Landmannes Getreide⸗ felder vernichtet, war fein Hof abgebrannt,“ hatte er durch Viehkrankheit ſein Ackergeſpann verloren oder durch ſonſtiges Unglück an ſeinem Eigenthum Schaden erlitten, der Hochmeiſter verſagte ihm nie die noͤthige Aufhuͤlfe; es wäre nicht ſchwer, für wenige Monate hunderte von Beiz ſpielen ſolcher mildthaͤtigen Huͤlfe des Meiſters aufzuzaͤh⸗ len, “ und nicht ſelten fliegen die Unterſtuͤtzungsſummen bis zu achtzig und hundert Mark.“ Es ging kein Jahr voruͤber, in dem er nicht bald ganzen Dorfgemeinen und oft in anſehnlicher Zahl, bald einzelnen verarmten Eins ſaſſen ihren zu leiſtenden Zins und Zehnten gaͤnzlich erließ 1) Treßler⸗Vuch, wo Beiſpiele auf jedem Blatte. 2) Solche Sammlungen zur unterſtuͤtzung betrugen häufig 40, 50 bis 60 Mark. 8 3) Solche „Huͤlfen“ find ein ſtehender Ausgabe- Artickel im Treß⸗ ler⸗Buch; bald 3 — 5, bald 10 — 20, ſelbſt bis 250 Mark werden als unterſtuͤtzungsgelder häufig ausgezahlt. 4) So erhält z. B. der Eidechſen⸗ Ritter Friederich von Kinthenau 20 Mark Hülfe, da ihm fein Gehöft verbrannt war. 5) Treßler⸗Vuch, wo Beiſpiele auf allen Seiten. 60 Treßler⸗Buch p. 52 ff. 23
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388 Konrad v. Jungingen in feinen Tugenden (1407). und im Schuldbuche zu tilgen befahl.) Von Zeit zu Zeit beſchenkte er die kleineren Landſtaͤdte mit den noͤthi⸗ gen Summen zu ihren ſtaͤdtiſchen Beduͤrfniſſen oder lieh ihnen die Summen ohne Zinſen auf viele Jahre lang. 2 Beſonders oft bedachte er mit feinen Gaben die Gegens den an der Memel hin und wo es dort an Bewohnern fehlte, ſetzte er neue Anſiedler an mit Unterſtuͤtzung bei ihrer erſten Einrichtung.“ Hielt der Hochmeiſter, wie er jaͤhrlich mehrmals that, den ſogenannten Umzug durch einen Theil ſeines Landes, ſo kamen ihm aller Orten Beweiſe der Liebe und Huldigung entgegen und uͤberall ſpendete dann gerne ſeine freigebige Hand. Zog er in eine Stadt ein, wo er ge— woͤhnlich mit Geſang und Spiel empfangen ward, fo wur: den nicht bloß die ſingenden Schüler, die Pfeifer und Poz ſauner reichlich beſchenkt, ſondern vor allem auch immer der Armen und Spitaͤler der Stadt gedacht. Jeder durſte ſich ihm dann mit ſeinen Bitten nahen; ehrbare, verarmte Bürger fanden jeder Zeit bei ihm Rath und Beihuͤlfe. Es lag im Zwecke dieſer Umzuͤge durchs Land, alles was Noth that, ſelbſt zu prüfen, von allem ſich Kenntniß zu verſchaffen und wo es noͤthig war, mit Huͤlfe und Rath jogleich einzugreifen. In der Regel begleitete den Mei— ſter auf ſolchen Zügen der Treßler mit hinlaͤnglichen Geld— ſummen, um die von ihm beſtimmten Gaben und Unters ſtuͤtungen auf der Stelle zu entrichten und da es uns 1) Beſonders ſcheint die Gegend von Papow und Golub ſehr arm geweſen zu ſeyn, denn den Komthuren dieſer Gebiete werden die Zins⸗ ſchulden von 100 bis 200 Mark im Schuldbuche oft ausgethan. 2) Treßler⸗Buch p. 178. 3) An der Splitter im Lande Schalauen wurden beſonders im J. 1404 viele ſolcher Anſiedler angeſetzt. Dann heißt es z. B. „Merune einen Jungen ſaczten wir czu Nuͤwenhuſe und goben Ime eyn wyp mit huͤlffe, III Mrk vor ein halb Jar koſt, III Mrk vor II Sweiken, I Mrk vor I Kuh.“ Daß dem Anſiedler zugleich mit der Hülfe auch ein Weib gegeben oder gekauft ſey, wiederholt ſich in ſolchen Fällen beftändig.
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Konrads v. Jungingen Landes verw. (1107). 389 jetzt noch moͤglich iſt, den Meiſter auf ſolchen Reiſen gleichſam mit zu begleiten, fo ſehen wir, es ging kein Tag dahin, an dem er nicht hier einem verunglückten Gutsbeſitzer wieder aufhalf, einem andern zur Verbeſſe⸗ rung feines Gutes oder zum Ankaufe einer Schafherde eine benoͤthigte Summe vorſchoß, dort eine arme Wittwe, einen Blinden, einen Gebrechlichen, einen huͤlfloſen Greis mit ſeinen Gaben erfreute oder an arme Kinder Almoſen vertheilen ließ. Zuweilen erhielten dann die Komthure der Gebiete auch ganze Summen, um fie unter die Dürf: tigſten ihrer Unterſaſſen zu vertheilen.“ Zeigte ſich aber in allem dem ſchon der Menſch im Fuͤrſten in ſeiner ganzen Liebenswuͤrdigkeit und im wahren Adel feiner Geſinnungen, fo erſchien der Landesfürſt nicht weniger groß und verehrungswuͤrdig in ſeiner geſammten Landesverwaltung. Den Handel ſah auch Konrad jeder Zeit als die wichtigſte Quelle aller Wohlhabenheit ſeines Landes an und widmete ihm deshalb auch ſtets ſeine ganze Auſmerkſamkeit.) Da er aus der von den Hanſeſtaͤdten angeordneten , früher auch von ihm genehmigten Handels⸗ 1) Das FTreßler-Buch iſt voll von einzelnen Angaben über das oben Geſagte. Vgl. mehres daruͤber in meiner Abhandlung: Stillleben des HM. des deutſch. Ordens und ſein Fuͤrſtenhof in Raumers Hi⸗ ſtor. Taſchenbuch Jahrg. 1. S. 212 ff. um nur ein Beiſpiel hier an⸗ zuführen, fo erhielt auf einem Umzuge im J. 1402 an unterſtuͤtzung das Gebiet von Elbing 85 Mark, das von Chriſtburg 52, das von Brandenburg 275, das von Balga 425, das von Koͤnigsberg ebenfalls 425, das von Nagnit 100 Mark, fo daß für dieſe ſechs Gebiete eine Summe von 1362 Mark, nach damaligem Geldverhoͤltniſſe eine ziem⸗ lich bedeutende Summe, vertheilt wurde. 2) De Wal T. IV. p. 244 fagt mit allem Rechte: La hrote etion que les Grands -Maitres avoient accordee au commerce, Varoit tellement augmenté, que plusieurs villes de la Prusse alloient de pair avec les principales villes commereantes du Nord et comme personne m'avoit montré plus de Zele pour cet objet important, que Conrad de Jungingen, il est certain que ce Prince mérite les plus grands éloges.
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390 Konrads v. Jungingen Landesverw. (1407). iperre nach England für Preuſſen nur immer größere Nachtheile hervorgehen ſah und der im Jahre 1405 ab⸗ geſchloſſene Vergleich auch die Ausſicht zur baldigen Bei⸗ legung aller Mißverhaͤltniſſe mit England eröffnete, fo fand der Hochmeiſter für zweckmaͤßig, das Ausfuhrverbot für feine Lande Anfangs noch mit Ausſchluß Englands aufzuheben und ſeinen Unterthanen die Fahrt durch den Oreſund wieder frei zu geben,!) dann aber im Anfange des Jahres 1406 den Preuſſiſchen Kaufleuten auch den Handel nach England wieder zu erlauben.) Alſo begann der Verkehr mit England, beſonders in Engliſchem Tuche wieder mit friſcher Lebendigkeit und ſelbſt mit früher ein⸗ gebrachten Engliſchen Waaren nahm man es nicht eben allzu ſtreng.. Um die Mißhelligkeiten wegen Schaden: erſatz auf dem aufgenommenen Tage zu Dortrecht, wie beſtimmt war, voͤllig auszugleichen, ſandte der Meiſter zwar feine Bevollmaͤchtigten dahin ab; 9 allein der Ver⸗ handlungstag ward auf Anſuchen des Koͤniges von Eng: land weiter hinausgeſtellt“ und da mittlerweile von Eng: Ländern an fünf Preuſſiſchen Schiffen, die nach Spanien hatten ſegeln ſollen, neue Gewaltthaten veruͤbt wurden, jo erlebte es Konrad nicht mehr, daß die Mißverhaͤltniſſe 1) In einem Schreiben der Preuſſ. Staͤdte an die Luͤbecker im Hanſ. Receſſ. V. p. 150 melden jene, daß der HM. wohl erfahren, daß es mit dem Ausfuhrverbot „in andern landen gar vorſuͤmeliken und gebrekelifen wert geholden alfo dat id ſynen landen to groten vorvan⸗ ge und ſchaden queme, ſolde id hir lengher alſe ſtande bliven und heft alle vorbodene guͤdere dirlovet und vry gegeven ut ſynen landen in alle lande to vuͤren, utgenomen Enghelant allene, in welk land man ze guͤdere by erer vorluſt noch tor tyd nicht ſal vuͤren. 2) Hanf. Keceff, II. p. 447. 3) Hanf, Receſſ. II. p. 454. ) Die Vollmacht, dat. Marienb. XVI die mensis April 1406 degiſtr. p. 119. Hanf. Receſſ. II. p. 461. ) Hakluyt I. c. p. 175. Hanſ. Receſſ. V. p. 200. 200.
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Konrads v. Jungingen Landes verw. (1407). 391 mit England völlig beigelegt wurden.) Das vom Her⸗ zog Johannes von Burgund auch ihm, wie den Hanſe⸗ ſtaͤdten, heimlich gemachte Anerbieten zur kraͤftigſten Un⸗ terſtützung, ſofern fie ſich zu einem Kriege gegen England entſchließen möchten, wies Konrad um ſo mehr zuruͤck, weil er immer hoffte, ſeine Streitſache mit England auf dem Wege eines guͤtlichen Vergleiches geſchlichtet zu ſehen und überhaupt ſolchen Maaßregeln der Gewalt ſtets wenig zugethan war. Auch die Streithändel mit der Königin von Dänemark, fo nachtheilig fie auch auf den Verkehr beider Länder wirkten und ſo manche Unbill auch unter ihrem Deckmantel geſchah, hatten vom Meiſter nicht aus⸗ geglichen werden koͤnnen, wiewohl er noch in den letzten Monaten eifrigſt dafuͤr gewirkt hatte. Indeß war zu ei⸗ ner friedlichen Beilegung unter ſeinem Nachfolger hinrei⸗ chend vorgearbeitet. Was die übrigen Zweige der inneren Landesverwal⸗ tung betrifft, ſo ging auch von den letzten Lebensjahren des Hochmeiſters kein einziges voruͤber, welches nicht neue Anordnungen und Anſtalten oder Verbeſſerungen der bis⸗ herigen Einrichtungen aufzuweiſen haͤtte. Bald war es 1) Schreiben des HM. an den Koͤnig von England hieruͤber, dat. Marienb. XXVI Octobr. 1400. Der HM. ſagt, daß zwei Schiffe zu ſeiner eigenen Kammer, eins zur Kammer des Livland. Meiſters und zwei Ordensunterthanen gehört hätten; er fügt hinzu: zuxta curren- tem famam cum rectores navium sub spe tranquillitafis et cou- ad IIispanjam acies suas di- subditis quidam et tuudem cordie versus partes Occidentales rexissent, venerunt de magnificentie vestre easdem naves in cursibus suis hostiliter atcesserunt, prevalentes nostratibus plures ex eis in ore gladii erudeliter per- imerunt, quibusdam ex eis semivivis relictis et quibusdam gra- vissime vulneratis, sicque naves predictas ad quendam domina- eionis vestre portum, vulgariter Kamer dietum, una cum diver- sis et multis bonis et mercandizis deduxerunt. 2) Hanf. Receſſ. V. p. 238. Schreiben des HM. an den Herzog Regiſtr. p. 106, 144. CA. Traziser Chron. Hamburg. p. 1324.
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392 Konrads v. Jungingen Landes verw. (1407). die Gerichtsordnung, die man feſter regelte, D bald wur⸗ den nothwendige Veränderungen im Gredit- und Schul⸗ denweſen, beſonders in Rüͤckſicht der vermeintlichen Vor⸗ rechte gewiſſer Gläubiger auf das Gut und Eigenthum der Schuldner vorgenommen. ? Andere Geſetze des Hoch⸗ meiſters betrafen die Geſundheitspolicei; ſo erhielten im Jahre 1404 die Staͤdte Thorn, Elbing und Danzig die Weiſung, daß jede von ihnen ihren eigenen geſchworenen Arzt und Apotheker haben ſolle.) Vor allem aber war der Meiſter bemüht, dem Lande ein Lebensbedürfniß zu verſchaffen, fuͤr welches bisher die bedeutendſten Summen ins Ausland gegangen waren. Schon im Jahre 1399 hatte er einen Salzwerker aus Halle nach Preuſſen berus fen, um nachzuforſchen, ob hier nicht irgendwo Salzquel⸗ len aufzufinden ſeyen und im Jahre 1401 war man ſo gluͤcklich geweſen, eine ſolche Quelle bei Ponnau zwiſchen Mehlau und Inſterburg in der Nähe des Kirchdorfes Pli⸗ biſchken zu entdecken, die bald die aufgewandte Mühe mit dem erfreulichſten Erfolge belohnte. Der Meiſter ver— ſchrieb jetzt nicht nur der Sache kundige Arbeiter aus Halle und dem Oeſterreichiſchen und ließ durch ſie das Salzwerk foͤrmlich einrichten, ſondern es wurde im Lande alles weitere Salzſieden verboten “) und der Salzzwang auf Bornholm, woher ſonſt ſtarke Zufuhr gekommen war, aufgehoben, ? um dem neuen Salzwerke hier im Lande ſtaͤrkeren Abſatz und ſomit ſchnelleres Gedeihen zu ver⸗ ſchaffen. Mehre Jahre hindurch, insbeſondere von 1402 1) Hanf. Receſſ. II. p. 463. 464. 408. 2) Darüber nähere Beſtimmungen in Hanſ. Receſſ. II. p. 413. 415. 426. 491, 3) Hanf. Receſſ. II. p. 417. 4) S. darüber oben S. 321. 5) Hanſ. Receſſ. II. p. 438, wo es heißt: Es iſt den Sendeboten befolen mit dem Erzbiſchoffe von lunden czu reden, das her ſaltcz uff Bornholm nicht me welle halden, ſunder her welle guͤnnen eynem yder⸗ manne das czu fuͤren, wo her welle.
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Konrads v. Jungingen Landes verw. (1407). 393 bis 1406 wurden anſehnliche Summen auf ſeine Ein⸗ richtung und Verbeſſerung verwandt und eine Zeitlang ſcheint es auch bedeutend ergiebig geweſen zu ſeyn. Wahr⸗ ſcheinlich bald nach Konrads Tod indeß gerieth es in Ver⸗ fall, vielleicht weil man die noͤthigen Summen zu feiner Unterhaltung nicht mehr beſtreiten konnte oder ſein Ertrag die Koſten nicht mehr deckte.“ Um ferner den Verkehr im Lande ſelbſt mehr zu foͤrdern, ließ der Hochmeiſter theils Brücken erbauen, wie uͤber die Nogat, theils hie und da bedeutende Wegebeſſerungen vornehmen, 3) theils durch Schleuſen und Kanaͤle die Waſſerverbindung erleich⸗ tern. Außer dem, was er in dieſer Hinſicht an der No⸗ gat bei Zanthier und bei Montau unter großen Koſten einrichten ließ, war ohne Zweifel die gerade Richtung des Deime⸗Fluſſes durch einen dritthalb Meilen fortgefuͤhrten Graben ſüdlich von Labiau bis in den Pregel bei Tapiau die wichtigſte Unternebmung, begonnen im Jahre 1395 und mit außerordentlichen Koſten mehre Jahre fortgeſetzt.“ 1) 8. B. im J. 1405 über 1000 Mark, im J. 1406 gegen 1200 Mark nach dem Treßler⸗Buch. 2) Einige ſpeciellere Nachrichten hieruͤber ſ. in meiner Geſchichte Marienburgs S. 212 — 213 u. in d. Beiträgen zur Kunde Preuſſ. B. I. S. 241 ff. Faber Preuſſ. Archiv B. II. S. 264. 268. 3) Treßler-Buch p. 10. 127. 158. 4) Die frühfte Angabe über die Anlage dieſes Grabens iſt in ei⸗ nem Schreiben des HM. an die Komthure von Elbing und Chriſtburg befindlich, dat. Marienb. Sonnab. vor Bartholomä 1395 im Regiſtr. p. 20, worin ſie den Auftrag erhalten, vier Wochen lang 75 Menſchen zur Arbeit am Graben zu Labiau und verſchiedene Ordensbruͤder zur Aufficht und Leitung der Arbeit zu ſchicken. Wenn es hier heißt: Wiß⸗ ſet das wir mit dem groſkompthur und dem Treßler czu Rate wurdin fon und wellen laſen den graben czu Labiow graben, wen wir hoffen, das her nu gut fon wirt ezu graben u. f. w., fo fragt es ſich dennoch, ob darunter ein ganz neuer Graben zu verſtehen iſt? Wie man aus dem erſieht, was in den Beiträgen zur Kunde Preuſſ. B. IV. S. 265 — 266 darüber geſagt wird, iſt man über die erſte Anlage dieſer wich⸗ tigen Waſſerverbindung ungewiß. Jeden Falls iſt der erwähnte Brief eine der älteften und ſicherſten Quellen darüber.
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394 Konrads v. Jungingen Landesverw. (1407). In den Jahren 1404 und 1406 verwandte der Orden ſehr anſehnliche Summen auf den noͤthigen Schleuſenbau unter der Aufſicht des Treßlers,“ denn die Verbindung vom Pregel⸗Strome aus durch das Kuriſche Haff und die Memel mit den dortigen Ordenshaͤuſern war beſonders ſeit der Unterwerſung Samaitens von zu großer Wichtig⸗ keit und die Benutzung der Landwege oft mit zu erſtau⸗ nenden Schwierigkeiten verbunden, als daß der Orden das koſtſpielige Werk nicht mit allem Eifer hätte fordern ſollen, zumal da uͤberdieß die Ordensburgen Memel, Rag⸗ nit, Tilſit und Gotteswerder ſeitdem eine weit wichtigere Bedeutung erhalten, die nach Samaiten geförderte Unter: ſtuͤtzung an Ackergeraͤth, Vieh, Getreide und andern Le⸗ bensbedurfniſſen, ſowie der in Witowds Lande gehende Handelsverkehr in Preuſſen einen ungleich ſtaͤrkern Abſatz der dortigen Erzeugniſſe zu Folge hatte und ſomit an ſich ſchon eine erleichterte Verbindung durch den Waſſerweg nothwendig geworden war. Nicht minder widmete der Hochmeiſter auch den ein⸗ zelnen Zweigen der laͤndlichen Betriebſamkeit feine Eorg: falt und Thaͤtigkeit. Der Ackerbau ſtand unter ſeiner Waltung im beſten Flor; zwar fanden ſich immer noch bedeutende unangebaute Landſtrecken und wit liegende Hu⸗ ben in vielen Gegenden; allein der langjährige Friede waͤhrend Konrads Regentſchaft hatte mit ſeinen ſegensrei⸗ chen Folgen ihre Ausdehnung und Zahl ſchon bedeutend vermindert. Die Landwirthſchaft, wie fie in allen ihren Zweigen in den Laͤndereien der Ordensburgen immer mehr ausgebildet und vervollkommnet wurde, war auch dem Lands ſaſſen und Lehensmanne Muſter und Vorbild. Wie in jenen z. B. die Schafzucht mit großem Erfolge und in immer vermehrtern Umfange betrieben wurde, ſo weideten nun auch ſchon auf den Fluren der Dorfgemeinen hie und da anſehnliche Heerden und nicht ſelten unterſtuͤtzte der 1) Angaben über dieſen Schleuſenbau im Treffer: Buch p- 164. 203.
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Konrads v. Jungingen Landesverw. (1407). 395 Hochmeiſter auch einzelne emſige Gutsbeſitzer beim erſten Ankaufe. ) Zur Verbeſſerung der Schaf- und Rinder⸗ zucht ließ er mitunter ausgeſuchtes Zuchtvieh aus fremden Ländern z. B. aus Gothland kommen. Daneben wurde beſonders die Pferdezucht auf den Hoͤfen und Pfleger⸗ aͤmtern der Komthureien mit eben fo großer Sorgſamkeit als in außerordentlicher Staͤrke betrieben; die wichtigſte Aufgabe war dabei wohl immer die Zucht tauglicher Schlachtroſſe, wozu ſehr wahrſcheinlich ein ſchon veredel⸗ ter Stamm gebraucht wurde. Der Weinbau war auch jetzt noch in den Gegenden von Kulm bis Thorn hinauf in der fhönften Pflege und das Gewaͤchs ſcheint keines⸗ wegs das ſchlechteſte geweſen zu ſeyn, denn wie hatte es der Hochmeiſter, da hinreichend fremde Weine ins Land eingeführt wurden, wagen koͤnnen, den Herzog Switrigal bei ſeinem Aufenthalte in Preuſſen ſo oft mit Kulmer oder Thorner Landwein zu beſchenken ! oder ſelbſt den Koͤnig von Polen auf einem Verhandlungstage zu Thorn damit aufzunebmen! ) Vielen Fleiß verwandte man auch auf den Hopfenbau, beſonders in den Gegenden der Weich⸗ ſel. Mit noch groͤßerer Sorgfalt aber pflegte man noch fortwährend die Bienenzucht, vorzuͤglich in den Gebieten von Tuchel, Schlochau, Rhein und Johannisburg, woher theils zum Verbrauch in Meth, theils auch zur Ausfuhr jährlich oftmals Ladungen von ſechzehn bis vierzig Tonnen Honig nach Marienburg gebracht wurden. ) Aber auch Balga hatte im Jahre 1404 in ſeinen Kellern ſieben und zwanzig Tonnen Honig und ſpaͤterhin noch zählte es in 1) Beiſpiele im Treßler- Buch. 2) Treßler-Buch p. 120. 3) Beiſpiele in Menge im Treßler⸗Buch p- 120. 131. 134 u. a. Vier Faß Landwein koſteten 12 Mark, auch nur 10. J Treßler⸗Buch p. 205. 5) Es war eine feſtſtehende Leiſtung, weshalb ſie ſich im Treßler⸗ Buch auch jahrlich wiederholt; 16 Tonnen liefert Schlochau, und 40 Tonnen Tuchel.
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396 Konrads v. Jungingen Landesverw. (LIOT). ſeinen Bienengaͤrten nicht weniger als fuͤnfhundert und zwei und zwanzig Bienenſtoͤcke; ) ebenſo hatte Thorn im Jahre 1392 ihrer hundert und vierzig und das Komthur⸗ amt Rhein dreihundert und fuͤnf und zwanzig. Wir fin⸗ den ferner hie und da auch Spuren von Veredlung der Baumzucht auf dem platten Lande und auch hierin gab der Hochmeiſter in ſeinen weit ausgedehnten Baumgaͤrten zu Marienburg das erſte Beiſpiel; er ließ Pfropfreiſer ed⸗ ler Obſtbaͤume aus dem Auslande bringen und vertheilte dann die veredelten Stämme zum Theil weiter ins Land. ” In ſolcher Weiſe war man alſo von allen Seiten bemuͤht, die Kultur des Landes zu heben, die einzelnen Zweige menſchlicher Betriebſamkeit zu vervollkommnen. Es iſt na⸗ türlich, daß ſich die Bevölkerung des Landes unter dieſen Verhaͤltniſſen anſeynlich vermehrte, indeſſen entgehen uns uͤber die Staͤrke derſelben ganz zuverläffige Nachrichten.) Auch im hoͤheren geiſtigen Leben tritt uns aus Kon⸗ rads von Jungingen Zeit manche erfreuliche Erſcheinung entgegen. Große Gelehrſamkeit war freilich nirgends zu finden. Das Leben forderte und die Kloͤſter forderten fie nicht; die Schulen flanden noch in ihrer Jugend und bes friedigten nur die noͤthigſten Beduͤrfniſſe des täglichen Le⸗ bens; die Ordensritter ſelbſt aber wußten kaum, wozu gelehrte Kenntniſſe dienen koͤnnten. In ihrer Thaͤtigkeit war alles bloß auf das Practiſche, auf Anwendung im täglichen Leben berechnet. So ließ der Hochmeiſter eine 1) Nach dem Aemter = Buche beim Haufe Balga im J. 1404 und 1418, 2) Treßler: Bud) p. 8. 3) Die Angaben der fpätern Chroniſten darüber finden fich geſam⸗ melt bei De Wal T. IV. p 252 sequ. Zur Zeit Konrads von Jun⸗ gingen ſoll Preuſſen 55 Staͤdte, 48 Schloͤſſer, 19,008 Dörfer, worun⸗ ter 640 mit Kirchen, und 2000 Freihoͤfe gehabt habenz De Wal giebt ſich auch die Mühe, hiernach die Bevoͤlkerung des Landes zu berechnen; allein die Angaben ſind viel zu jung und unſicher, als daß eine Verech⸗ nung darauf zu gruͤnden waͤre. 4) Ueber die Deutſchen Ordensprieſter, die von 1372 bis 1418 in
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Konrads v. Jungingen Landesverw. (1407). 397 f. g. Geometrie abfaſſen; fie beftand indeß in nichts weiter als in einer bloßen Anleitung zur Feldmeßkunſt. Zu ſeiner Erholung und Belehrung las jedoch Konrad zuwei⸗ len die Chronik von Preuſſen oder die von Livland, der Vaͤter Buch, das Speculum hiſtoriale, das Gedicht Bar⸗ lam und Joſaphat, den Noland, den Stricker, eine Roͤ⸗ miſche Chronik, den Waͤlſchen Gaſt, Eſther und Judith und manche andere Buͤcher ſeiner Zeit. Daß er Geſchmack an der Lecture und an ſolchem Buͤcherweſen fand, geht ſelbſt daraus hervor, daß man ihn öfter mit Büchern be⸗ ſchenkte, und daß er es hoch aufnahm, als der Magiſter Helcopio aus Strasburg ihm ein Buͤchlein zu ſeiner Er⸗ Prag ſtudierten, vgl. Mil lauer der Deutſch. Ritterorden in Böhmen S. 35. 1) Eine etwas fpätere Abſchrift dieſer Geometria Culmensis, wie der Titel fie nennt, befindet ſich im geh. Arch. Nach einer etwas ſchwuͤl⸗ ſtigen Einleitung, die eine große Lobeserhebung des HM. Konrad von Jungingen enthält und beſonders feine Friedensliebe und Gerechtigkeit schildert, heißt es: Cumque magnificus Princeps Magister genera- lis pius Zelator iusticiae cura sollicita circa negotia terre sue vigilancius operam adhiberet, et presertim circa mensuram agro- rum, Laicosque mensores in arte tam calculatoria quam geo- metrica imperitos sepius in agrorum mensura contingit aberra- re, Quapropter non pauce inter preceptores milites vasallos ac ceteros populares concertationes et controversie oriuntur sepius et exurgunt, ut ergo tales concertaciones et errores huiusnodi tollantur de medio vel saltem mitigentur et unusquisque sua, 2gr08, campos et predia justa et debita possideat sub mensura, eiusdem principis contemplacione et iuste petieioni seriem qua- si mandati continente condescendens, huius operis sarcinam au- sus sum aggredi, librum practice geometrice usualis manualis compilandu. — Idcireo presentem librum , cuius materia nus- quam haetenus est inventa, al instantiam Magn. Principis et illustris dom, domini Conradi de Jungengen Mag. general. O. S. M. de Prussia et ipsins contemplacione compilavi, cnius in- quam libri volens titulum esse talem: Liber Magnifici Principis Conradi de Jungengen Mag. general. Prussiae Geometria usua- lis manualis.
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398 Konrads v. Jungingen Kunſtliebe (4407). heiterung zufandte, D So ſaßen auch im Haupthauſe Ma⸗ rienburg zwei „Meiſter“ taͤglich mit Buͤcherſchreiben beſchaͤf⸗ tigt. Sie ſchrieben freilich faſt nichts weiter als Buͤcher zu kirchlichem Gebrauche, Antiphonien, Legenden der Hei⸗ ligen, Pſalter, Martyrologien, Meßbuͤcher und Breviere, zuweilen auch eine Chronik oder ein anderes geſchichtliches Buch. Das Geſchenk eines Donats galt fuͤr eine hohe Ehrengabe. Weit reger und thaͤtiger war dagegen der Sinn fuͤr Kunſt und Konrad von Jungingen trug nicht wenig dazu bei, den Geſchmack an Kunſtleiſtungen und kuͤnſtleriſchen Erzeugniſſen mehr auszubilden und zu verbreiten. Die Muſik wurde am Meiſterhofe wie ein beſonderer Liebling gepflegt, ſo unvollkommen ſie damals auch noch war. Wie ſie auch erſcheinen mochte, im Geſange, im Saitenſpiele, auf der Laute, in Trompeten und Pofaunen, fie fand bei ihm ſtets erfreuendes Gehör und angemeſſene Belohnung. An ſeinem Hofe war nicht bloß ſelbſt eine Art von mu⸗ ſikaliſcher Kapelle eingerichtet, welche theils zur Meſſe und überhaupt beim Gottesdienſte, theils bei froͤhlichen Gaſtge⸗ lagen, bei großen Kapitel-Verſammlungen oder zur Er⸗ heiterung fremder Gaͤſte diente, ſondern es fanden ſich fort und fort, da Konrads Vorliebe zur Muſik auch im Auslande bekannt war, ſelbſt aus fernen Laͤndern, aus Schweden, Böhmen, Oeſterreich, Franken, Baiern, ſogar aus Mailand reiſende Kuͤnſtler am Hofe des Hochmeiſters ein und ſchieden von da nie ohne anſehnliche Belohnun⸗ gen fuͤr ihre Leiſtungen. Auch die damals beliebte und vielgelibte Kunſt der Liedſprecher in Begleitung eines mu⸗ ſikaliſchen Inſtruments wurde vom Meiſter gerne gehoͤrt, 1) Treßler⸗Buch p. 51. S. meine Abhandlung in Raumers Hiſtor. ne ©. 192, 2) Im J. 1399 fpielten z. B. bei einem großen Kapitel 32 Spiel⸗ leute, die eine Belohnung von 16 Geldriſchen Gulden erhielten; Treß⸗ ler : Buch.
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Konrads v. Jungingen Kunſtliebe (1407). 399 weshalb ſich nicht nur in den Staͤdten des Landes, wenn er ſeine Umzuͤge hielt oder ſonſt eine Stadt beſuchte, im⸗ mer auch Liedſprecher ihm vertrauend naheten, ſondern auch aus dem Auslande viele am Hofe des Meiſters er⸗ ſchienen.“) Wie Muſik und Geſang, ſo fanden auch die uͤbrigen Kuͤnſte an Konrad von Jungingen einen hohen Befoͤrderer. Vorzuͤglich wurde zu feiner Zeit die Malerei im Haupt⸗ hauſe Marienburg mit ungemeinem Eifer betrieben, denn er hielt theils ſeinen eigenen Hoſmaler, theils beſchaͤftigte er unausgeſetzt auch mehre andere Kuͤnſtler mit Gemaͤlden, die er bald an verſchiedene Ordenshaͤuſer und Kirchen in Preuſſen, bald an fremde Fürften als Geſchenke verſandte. Ein ſchoͤnes Marienbild, das Werk ſeines Hofmalers ſchenkte er z. B. der Ordenskirche zu Tapiau. Fuͤr den Komthur zu Elbing, Grafen Konrad von Kyburg verfertigte in Kon⸗ rads Auftrag der Meiſter Albert aus Elbing ein ausge⸗ zeichnetes Altarblatt, noch in ſpaͤterer Zeit am Hochaltar der Ordenskirche zu Elbing ein Gegenſtand der Bewunde⸗ rung. Ein ähnliches Altargemaͤlde ſandte der Meiſter der Kirche zu Neidenburg. Dem Meiſter Johann zahlte er im Jahre 1397 für ein Gemälde, welches als Prachtge⸗ ſchenk für den König von Ungern beſtimmt war, die Sum: me von einhundert und ein und zwanzig Mark. Auch für das Haupthaus Marienburg ſelbſt waren die Meiſter beſtaͤndig in Arbeit, bald um die Kirchen und Kapellen, bald die prachtvollen Remter oder die Wohngemache des Hochmeiſters und der Gebietiger mit ihren Werken zu ſchmuͤcken. In des Meiſters Kapelle zog ein vorzügliches Gemaͤlde aus Prag, in ſeinen Wohngemachen zwei Ge⸗ maͤlde des Herzogs von Burgund das Auge des Kenners 1) Die einzelnen Angaben hieruͤber im Treßler-Buch; vgl. mehres daruͤber in meiner Geſchichte Marienburgs S. 235 — 236 u. in meiner erwähnten Abhandlung in Naumers Hiſtor. Taſchenbuche B. I. S. 183 ff., worauf ich hier ein⸗ fuͤr allemal verweiſen muß.
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400 Konrads v. Jungingen Kunſtliebe (1407). auf ſich.) — Mit großer Kunſt und Fleiheit betrieb man damals auch die Bearbeitung des Bernſteines, beſon⸗ ders in Marienburg und Königsberg. Konrad von Jun⸗ gingen beguͤnſtigte auch die Kunſtzweig mit beſonderem Eifer, indem er theils mit ſolchen Kunſtwerken die Kir⸗ chen und Kapellen ſchmuͤckte, theils ſie haͤufig auswaͤrti⸗ gen Fuͤrſten als Ehrengeſchenke zuſandte, ſo daß die Bern⸗ ſteinſchneider, wie man die Kuͤnſtler damals nannte, fuͤr ihre koſtbaren Bernſteinbilder und ihre kuͤnſtlich bearbeiteten Paternoſter beim Hochmeiſter beſtaͤndig Belohnung und Abs ſatz fanden.) Ferner waren auch die am Hofe ange ſtellten Gold- und Silberarbeiter fuͤr den Meiſter ſort und fort in Arbeit, denn auch hier hatten ſie nicht bloß den Bedarf des fuͤrſtlichen Hofes in ſeinem großen Reichthum von goldnen und filbernen Gefäßen und Geräthen jeglis cher Art zu beſorgen, ſondern es gingen oſt auch koſtbare Geſchenke von Gold und Silber, Fingerringe, Service, Geſtecke, Trinkbecher u. dgl. an Fuͤrſten und Fuͤrſtinnen des Auslandes. So zahlte z. B. einmal der Meiſter fuͤr ein prachtvolles Silberſervice die Summe von dreihundert vier und dreißig Mark und im Jahre 1405 beſchenkte er den Koͤnig von Polen mit zwei mit Edelſteinen beſetzte Trinkbecher, welche ihm hundert Mark koſteten.) Wir finden außerdem an Konrads Hofe auch Bildhauer oder Bildſchnitzer viel beſchaͤftigt und Orgelbauer in Arbeit. 9 — Vor allem aber war es die Baukunſt, welche in Preuſſen damals in hoher Vollkommenheit ſtand; die Beweiſe hie⸗ von erfreuen den Betrachter noch jeden Tag. Ob es 1) Auch hieruͤber die einzelnen Angaben im Treßler⸗ Bud). 2) Treßler⸗Buch. Der „Bernſteinſchnitzer“ in Königsberg ſtand im foͤrmlichen Solde des Ordens. 3) In keiner Zeit wurde nach dem Treßler⸗Buch mehr in Gold und Silber gearbeitet, als unter Konrad von Jungingen, daher auch im Marienburgiſchen Aemter⸗Buch der reiche Beſtand von goldenen und fübernen Geraͤthen. 4) Die Angaben im Treßler⸗ Buch.
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Konrads v. Kungingen Kunſt liebe (4407). 401 überall fo vielfach Beduͤrfniß war oder ob Konrad von Jungingen von fo großer Bauluſt getrieben wurde: die Baumeiſter waren waͤhrend ſeiner Regierungszeit faſt uͤber⸗ all in beſtaͤndiger Thaͤtigkeit; der Hochmeiſter verwandte jedes Jahr außerordentliche Summen auf verſchiedene Bau⸗ werke im Lande und ſetzte dadurch fort und fort Tauſende von fleißigen Arbeitsleuten in Nahrung und Arbeit. Haͤu⸗ fig wurden neue Kirchen gebaut, ins beſondere aber in den letzten ſechs Jahren ſeiner Verwaltung die Ordensburgen zu Memel, Tilſit und Ragnit unablaͤſſig beſſer ausgebaut, zweckmaͤßiger eingerichtet und ſtaͤrker befeſtigt.“ Alle Handwerker kamen dabei in Thaͤtigkeit und es ging uͤber⸗ haupt durch dieſe uͤberall betriebenen neuen Bauwerke ein eigenes ruͤhriges und bewegtes Leben durch alle Stände des Landes. Allenthalben war unter ihnen Wohlſtand und Gedeihen, weil überall Verdienſt, und weil überall Arbeit war, herrſchte auch uͤberall Zufriedenheit und Les bensluſt. Dabei goͤnnte der edle Hochmeiſter dem Leben auch ſeine heitere Freude. Er ſah es gerne, wenn auf ſeinen Reiſen beim Einzuge in eine Stadt das Volk und die Schulen ihm mit Geſang, Muſik und Jubelruf entgegen⸗ ſtroͤmten; er beſchenkte die Jugend, wenn ſie am Feſt⸗ tage ſeiner Anweſenheit den Tanz begann; er belohnte gerne den Liedſprecher der Stadt, der ſich mit ſeiner Kunſt bei ihm einfand und wies ſelbſt den Narren und Luſtig⸗ macher nicht zuruͤck, der ihn, wie es damals Sitte war 1) Daruͤber einiges ſchon fruͤher. Ueber den Bau in dieſen Bur⸗ gen find überhaupt die ſehr ins Einzelne gehenden Angaben im Treß⸗ ler: Buche oft von großem Intereſſe; insbeſondere widerlegen fie aufs gründlichſte die ſo oft auspoſaunte Behauptung, als habe unter dem Orden in Preuſſen der gemeine Mann, der Bauer und Landbewohner, alles bei dem Burgenbau als Zwangsarbeit unter Blut und Schweiß verrichten muͤſſen; man werfe nur einen Blick in das Treßler⸗ Buch und man wird anderer Meinung werden. VI. 20
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402 Konr. v. Jungingen Vergnuͤgungen (1405). durch Spaͤße und Schwaͤnke zu erheitern ſuchte. Wie andere Fürften dieſer Zeit, wie ſelbſt die Biſchoͤfe in Preuſ⸗ fen, ? fo hielt auch er ſich feinen Hofnarren, der in Mußeſtunden durch Witz und allerlei Narrenteidungen die Zeit vertreiben mußte; ſelbſt fremde Narren anderer Fürs ſten erſchienen mitunter am fürftlichen Meiſterhofe zum Geckenſpiele. Nicht ſelten ergoͤtzte ſich und die Seinen der Hochmeiſter auch durchs „ Gaffenſpiel“ herumziehender „gehrender Compagnien“ oder „gehrender Leute“, d. h. geldbegehrlicher Menſchen, die bald als Bärenführer durch Tanz und Sprünge ihrer Beſtien, bald mit zahmen, ab⸗ gerichteten Hirſchen durch deren Kunſtſtuͤcke, bald als „Tu⸗ meler und Kokeler“ d. h. als Seiltaͤnzer, Luftſpringer und Gaukeler durch ihre Gaukeleien und Poſſenſpiele oder durch ſonſt allerlei Kuͤnſte am hochmeiſterlichen Hofe einige Mark verdienten.) Ueberhaupt herrſchte im Haupthauſe Marienburg ein ſehr reges und bewegliches Leben; es ging keine Woche dahin, in welcher nicht Herolde und Perſevante fremder Fuͤrſten, Botſchafter und Geſandten vom Auslande, Rit⸗ ter aus Deutſchland und andern Reichen, Buͤrgermeiſter, Rathsmaͤnner und Bevollmaͤchtigte fremder Städte, beſon⸗ ders aus dem Hanſebunde dort erſchienen; man ſah haͤufig Fremde aus Italien, Frankreich, Burgund, England, Hol⸗ land, Daͤnemark, Schweden, Rußland, Polen, ſelbſt zu⸗ weilen vom Griechiſchen Kaiſerhofe, welche bald politiſche 4) Solche Leute kommen im Zreßler Buche außerordentlich häufig wor und es ſcheint faſt, als habe ſich in jeder Stadt ein ſolcher Narr oder Geck aufgehalten. 2) Die Narren des Biſchofs von Ermland und des von Pomeſa⸗ nien kommen mehrmals vor. Wie im Mittelalter in den Kirchen ne⸗ ben Heiligenbildern oft allerlei Fratzenhaftes, ſo neben der Biſchofsmüͤtze die Narrenkappe. — Faber Preuſſ. Arch. B. II. S. 262. 3) Mehres Einzelne hierüber aus dem Treßler⸗Buche in meiner Geſchichte Marienb. S. 237 und in der Abbandlung in Naumers Taſchenbuch S. 184 — 185.
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Konr. v. Jungingen Vergnügungen (1407). 403 Verhandlungen, bald Handelsangelegenheiten, bald Reiſe⸗ luſt oder Neugier dorthin fuͤhrten und alle wurden, wenn ſie kamen, auf Koſten des Ordens begaſtet. Beehrten fremde Fuͤrſten den Hochmeiſter mit ihrem Beſuche im Haupthauſe, ſo fehlte es nicht an feſtlichen Gelagen und glaͤnzenden Gaſtmaͤhlern, wobei man die Tafeln nicht bloß mit den beſten Erzeugniſſen des Landes, ſondern auch mit fremden Leckerbiſſen und koſtbaren Confect-Arten und au⸗ ßer dem vaterlaͤndiſchen Methe und Landwein auch mit Elſaſſer, Waͤlſchem, Griechiſchem, Rhein- und Ungerwein, mit Rheinfall und edlem Malvaſier beſetzt fand, ſowie denn auch auf den fuͤrſtlichen Verhandlungstagen mit dem Koͤnige von Polen, mit dem Großfuͤrſten von Litthauen u. a. meiſt glänzende Gaſtgelage gehalten wurden.) Nicht ſelten wurden auch die Landesritter, ſelbſt Mitglieder der Eidechſen⸗Geſellſchaft mit zur fuͤrſtlichen Tafel gezogen. > Zu gewiſſen Zeiten ließ der Meiſter dem Dienſtvolke des Hauſes einige Tonnen Meth zum Feſtſchmauſe geben und war dann gerne mitten unter ihm, wenn es ſich durch Tanz vergnuͤgte. Wenn „des Hochmeiſters Tag“, fein Wahltag erſchien oder ein großes Kapitel der verſammel⸗ ten Gebietiger gefeiert wurde, hatte er jeder Zeit dafuͤr geſorgt, daß in den Ernſt des Lebens ſich auch Freude und Heiterkeit miſchte. In ſtillen Stunden der Ruhe aber beſchaͤftigte ſich Konrad mit beſonderer Liebe in ſeinen Gar⸗ tenanlagen oder es ergoͤtzte ihn Weidwerk und Federſpiel, fuͤr welches er große Neigung hatte, weshalb auch die 1) S. die Abhandl. bei Raumer a. a. O. S. 176 ff. Faber Preuſſ. Arch. B. II. S. 271. 2) Im FTreßler⸗ Buch häufige Beiſpiele, fo p. 180. Zwiſchen dem Hochmeiſter und den Rittern des Eidechſen-Bundes herrſchte Überhaupt ein freundliches Verhaͤltniß. Er kannte nicht nur ihren Bund, fondern erlaubte auch den Mitgliedern, in der Pfarrkirche zu Rheden eine Vi⸗ carie für fie zu ſtiften; ſ. meine Geſchichte des Eidechſen⸗Bundes S. 19. 178. Nicht ſelten unterſtuͤtzte er auch die einzelnen Mitglieder und Stifter durch noͤthige Hülfen; Treßler⸗Buch p. 82. 86. 26 *
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404 Konrad v. Jungingen als Oberhaupt des Ordens (1407). Falkenſchulen in Preuſſen zu ſeiner Zeit in ſchoͤnſter Bluͤthe ſtanden, wie denn uͤberhaupt auf Gegenſtaͤnde des Weid⸗ werkes und Jagdvergnuͤgens oft anſehnliche Summen ver⸗ wendet wurden. Von Jahr zu Jahr erfreute der Meiſter eine Anzahl fremder Fuͤrſten mit Sendungen wohlabgerich⸗ teter Jagdfalken, denn Preuſſen galt im Auslande fuͤr die Hauptpflanzſchule des vielbeliebten Federfpieles. Auch als Oberhaupt des Ordens erwarb ſich Konrad von Jungingen hohe Achtung und allgemeine Liebe. Moch⸗ ten immerhin einige kriegsluſtige und wildfeuerige Gebieti⸗ ger und Ritter ſeine Friedensliebe, ſeine Maͤßigung und Nachgiebigkeit als Schwaͤche deuten und ihn darum tadeln, daß er dem trotzigſtolzen Koͤnige von Polen nicht ſofort das Schwert zeigte; bei den meiſten ſeiner Gebietiger, Komthure und Ordensbruͤder genoß er hohe Liebe und Verehrung; davon zeugen ſchon die zahlreichen Geſchenke und Ehrengaben, die ſie ihm von allen Orten zuſandten als Beweiſe ihrer ehrfurchtsvollen und wohlwollenden Ge⸗ finnungen. ? In gleicher Weiſe kam ihnen auch der Meiz ſter ſtets mit Freundlichkeit und Vertrauen entgegen. Nur ungern und bloß in dringenden Faͤllen nahm er Veraͤnde⸗ rungen in der Verwaltung der Ordensaͤmter vor, weshalb die meiſten Gebietiger waͤhrend ſeiner Zeit ihren Aemtern immer eine lange Reihe von Jahren vorſtanden. Faſt 1) um nur Ein Beiſpiel anzufuͤhren, ſo erhielten im J. 1403 ſol⸗ che Geſchenke von Falken der Koͤnig von Frankreich, die Herzoge von Burgund und Orleans, der Roͤmiſche König, die Kurfürften von Mainz, Trier und Köln, der Graf von Katzenellenbogen, der von Berg, bie Herzoge von Geldern, Holland, Sachſen, der Markgraf Wilhelm von Meißen, die Burggrafen von Wirtenberg und Nuͤrnberg, die Herzoge Wilhelm und Leopold von Oeſterreich u. a. Vgl. Le debur Allgemein. Archiv fuͤr Geſchichtskunde des Preuſſ. Staats B. IX. H. 4. S. 371. 2) Jeder Komthur ſuchte den HM. von Zeit zu Zeit durch irgend ein Geſchenk zu erfreuen, bald mit einem Paar Jagdhunden oder mit Jagdfalken, bald mit Wildpret, mit einem ſchoͤnen an u. dgl. Vgl. Treßler⸗Buch p. 178.
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Konrad v. Jungingen als Oberhaupt des Ordens (1407). 405 dreizehn Jahre hatte zuei Wilhelm von Helfenſtein als Großkomthur mit reifem Rathe neben ihm die Verwal: tung geführt, bis deſſen Alter ihn noͤthigte, das wichtige Amt ſeit dem Jahre 1404 an den wackern Kuno von Lichtenſtein abzutreten, der es auch noch bei Konrads Tod bekleidete. Die Wuͤrde des Ordensmarſchalls hatte zuerſt Werner von Tettingen mit raſtloſer Thaͤtigkeit zwoͤlf Jahre getragen und nur fortwährende Kraͤnklichkeit konnte den Meiſter bewegen, ſie im Jahre 1404 ſeinem Bruder Ulrich von Jungingen zu übergeben. Haͤufiger hatte die Verwaltung im Amte des Oberſten Spittlers gewechfelt, denn nachdem ihr Anfangs Siegfried Walpot von Baſſen⸗ heim bis zum Jahre 1396 vorgeſtanden, war ſie auf Konrad Grafen von Kyburg übergegangen, der fie Über ſechs Jahre bis zu ſeinem Tode im Jahre 1402 verſah, worauf ihm Kuno von Lichtenſtein einige Jahre und dann Johann von Rumpenheim auf kurze Zeit folgten, indem des letztern zeitiger Tod den Meiſter noͤthigte, das Amt Wernern von Tettingen zu uͤbertragen, der es bei Konrads Tod noch verwaltete. Als Oberſter Trapier ſtand in der Reihe dieſer Gebietiger zuerſt ſieben Jahre lang Johann von Beffart; ihm ſolgte dann Johann von Rumpenheim, der, ſeit er im Jahre 1404 in die Wuͤrde des Oberſten Spittlers eintrat, ſein bisheriges Amt an Burchard von Wobecke übertrug. Das wichtige Geſchaͤft der Finanz⸗ verwaltung hatten unter Konrad von Jungingen nach ein⸗ ander drei Treßler verwaltet, zuerſt vier Jahre hindurch Friederich von Wenden, hierauf ſieben Jahre Burchard von Wobecke und nach ihm bis zu Konrads Tod drei Jahre Arnold von Hecke.) Bei den Wahlen dieſer Be⸗ amten und in den Veraͤnderungen der Amtsverwaltung ließ ſich der Meiſter ſtets nur durch feſte und edle Ruͤck⸗ ſichten auf das allgemeine Beſte beſtimmen und ſelbſt Fb: nigliche Fürbitten konnten feine Grundſaͤtze hierbei nicht 1 Vgl. die Gebietiger⸗ Liſten bei Lindenblatt.
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406 Konrad v. Jungingen als Oberhaupt des Ordens (1407). wankend machen; denn als einſt der Koͤnig von England und der Herzog von Lancaſter bei ihm wegen Verſetzung des Komthurs von Thorn Engelhard Rabe in ein hoͤheres Ordensamt mit einer Bitte einkamen, gab er ihnen die Antwort: „Es iſt unſere groͤßte Sorgfalt, daß unter den Bruͤdern unſeres Ordens billig der in dem Amte der Wuͤr⸗ digkeit den andern vorſtehe, den das Geruͤcht des Lobes mehr und hoͤher prediget und lobt. Wir moͤgen auch nicht allerlei Aemter allerlei Leuten befehlen; ſondern de⸗ ren Tauglichkeit wir erkennen und auch in der Erfahrung befinden, die nehmen wir begehrlich zu den Aemtern, die jedermann eben ſind. Wir zweifeln auch nicht, es ſey kund, wenn man zu ſolchen ehrbaren Aemtern des Ordens jemand ſetzet, daß der muͤſſe ſeine Augen und die Be— wegung ſeines Gemuͤthes mit großer Vorſichtigkeit kehren und ſetzen zu mancherlei Umſtaͤndigkeit, denn von ſeiner Ordnung und Zwang des Ordens Ritterſchaft und Weſen kommt und haͤngt. Waͤre es, daß in dieſem heiligen Or⸗ den jedermann nach ſeines Willens Wohlbehagen zu dem oder zu dieſem Amte ſollte genommen werden, es wuͤrde folgen, daß die Zucht, die Meiſterin des Gehorſams, ver: ſchwaͤnde.“ — ) Mit gleicher Gewiffenhaftigkeit hielt der Meiſter un⸗ ter den Seinen Geſetz und Ordnung aufrecht und verfuhr ſelbſt mit Strenge gegen Ordensgebietiger und Ritterbruͤ— der, die durch tadelhaftes Verhalten und unſittlichen Wan— del des Ordens guten Namen im Auslande gefaͤhrdeten, denn in der That kamen ſchon nicht ſelten Klagen von Fuͤrſten uͤber unſittliches Leben und geſetzwidriges Verfah⸗ ren einzelner Ordensglieder vor. Der Hochmeiſter griff dann jeder Zeit mit Nachdruck und Schaͤrfe ein. Als Markgraf Wilhelm von Meißen und die Landgrafen Bal⸗ thaſar, Wilhelm und Friederich von Thuͤringen über die 1) Schreiben des HM. an den Herzog von Lancaſter vom J. 1394; ſ. oben S. 6. Anmerk, 1.
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Konrad v. Jungingen als Oberhaupt des Ordens (1407). 407 Einfaͤlle des Landkomthurs von Boͤhmen Albrecht von der Dube in ihre Gebiete und die Belaͤſtigungen ihrer Unter⸗ thanen ſich bei ihm beſchwerten, fandte er auf der Stelle einen Ordensritter an ihn ab mit der nachdruͤcklichſten Warnung und Zurechtweiſung wegen ſolcher Unbill; ) und als er bald hierauf durch die nach Deutſchland geſandten Viſitirer benachrichtigt ward, daß ein Prieſterbruder des Ordens, der am Hofe des Erzbiſchofs von Koͤln Elee⸗ moſiner war, einen ſehr tadelnswerthen Lebenswandel fuͤhre, ſomit den Namen des Ordens verunglimpfe, den Gehor: ſam breche und durch Verletzung des Keuſchheitsgelübdes immer tiefer ſinke, erſuchte er den Erzbiſchof aufs drin⸗ gendſte, den entarteten Ordensbruder von ſeinem Hofe zu entfernen, damit er ins Ordenshaus zu Koblenz gebracht und der verdienten Buße unterworfen werde.“ So ſandte er einen Ordensritter Albrecht von Germerſen, der ſich in Livland ſchwer vergangen, trotz der Verwendung der Her zoge von Braunſchweig, in eine Deutſche Ballei, um ihn dort in ſtrengſte Zucht nehmen zu laſſen. Mit gleichem 1) Schreiben des HM. an den Markgr. von Meißen und die Land grafen von Thüringen, dat. Marienb. im J. 1403 Regiſtr. p. 72. 2) Schreiben des HM. an den Erzbiſchof von Köln, dat. Marienl Mittw. nach Franciſci 1404 Regiſtr. p. 82. Es heißt: Noch unſer⸗ Ordens vorſichtige ſacczunge, To ſint unſer viſitirer geweſt czu duͤtſchen landen do czu vorhoren und beſehen deſſelbigen Ordens gebrechen an perſonen und güftern und die vor uns czu brengen, under andern ge brechen ſo iſt uns vorbrocht, Ruprecht Priſterbruder euwers hochwird! gen hofes Elemoſiner, wie der us deme czome geiſtlicher czucht vorloſen iſt und vor vil wertlichen wertlicher und ſchemelichen unſchemelicher ſien leben fuͤret, deran her alczu obil handilt das heilige czeichen ſynes Or dens, vorwunt den gehorſam, vorfult die kuͤſchheit und ſich alczu tiff alſo ſenket in eyn vorſmehen ſeiner geiſtlichen volkomenheit, das wir nicht torren domite die oren ewer herlichkeit bekummern, dorus unſerm Orden entſtehen mag eine clegeliche berochtigunge u. ſ. w. 3) Schreiben des HM. an die Herzoge Otto und Bernhard von Braunſchweig und den Landgrafen Herrmann von Heſſen, dat. Ma⸗ rienb. Mittw. vor Reminiſcere 1405 Regiſtr. P. 89.
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408 Konrad v. Jungingen als Oberhaupt des Ordens (1407). Nachdrucke verſuhr er gegen einige ungehorſame Ordens— brüder in Böhmen, indem er den Koͤnig von Boͤhmen dringend erſuchte, dem dortigen Landkomthur behuͤlflich zu ſeyn, daß er ſolchen Bruͤdern eine ernſte Buße auflege oder ſie nach Preuſſen ſende, wo ſie nach des Ordens Regel um ihre Miſſethaten geſtraft werden ſollten.“ Ab: truͤunige Ordensritter, denn auch ſolche gab es mitunter, zog er ſtets mit unerbittlicher Strenge zur verdienten Zuͤch⸗ tigung. Als daher einſt für den abtruͤnnigen Ordensrit⸗ ter Wilhelm von Löwe fein Bruder Siebold und fein Vetter Guntram von Steinfurt mit der dringendſten Bitte um foͤrmliche Losſprechung des genannten Ritters beim Hochmeiſter einkamen, erklaͤrte ihnen dieſer, daß zuvor der Abtruͤnnige unerlaͤßlich nach Preuſſen kommen und nach des Ordens ſtrenger Regel feine Strafe büßen muͤſſe, denn eine Freilaſſung werde andern Ordensbruͤdern nur ein dr: gerliches Beiſpiel geben; nach abgebuͤßter Strafe koͤnne das Mögliche gefihehen. ? Strenges Recht und Geſetz blieben alſo auch hier in des Meiſters Augen das unwan— delbare Ziel. Als Oberhaupt des Ordens erlaubte er ſich nie einen Schritt der Willkuhr aus perſoͤnlichem Wohlwol— len oder aus eigener Macht. Als einſt ein Prieſterbruder, für den ſich ſelbſt der Markgraf von Baden verwandte und deſſen Vergehen gegen das Geſetz eben nicht von fon= derlicher Wichtigkeit war, den Meiſter um Erlaß ſeiner Buße bat, erklaͤrte er ihm: er koͤnne fein Gewiſſen nicht beſchweren; er moͤge nach Preuſſen kommen und ſich dem Kapitel fielen, damit dieſes über ihn erkenne; ſolchem Spruche des Kapitels wolle auch er ſich gerne fügen. Zur Reiſe aber fandte der Meiſter dem Prieſterbruder Geld 1) Schreiben des HM. an den König von Böhmen, dat. Marienb. am Tage S. Matthaͤi 1406 Regiſtr. p. 137. 2) Schreiben des HM. an die genannten Ritter, dat. Marienb. am T. Purificat. Mariä 1407 Regiſtr. p. 142.
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Konrad v. Jungingen als Oberhaupt des Ordens (1407). 409 und Pferde entgegen.) Ueberhaupt unterließ Konrad nichts, was die Wuͤrde und Wirkſamkeit des Ordenskapitels als des oberſten Gerichtshofes im Orden aufrecht halten konnte, weshalb er ſelbſt dem Boͤhmiſchen Könige, der ihn um eine Veraͤnderung im Landkomthuramte in Boͤh⸗ men erſuchte, die Antwort gab: einen Landkomthur zu ſetzen oder zu entſetzen im Reiche Böhmen oder anderswo geziemet mir nicht, es geſchehe denn in einem gemeinen Kapitel mit Rath und Willen der Oberſten meiner Or⸗ densgebietiger, als das eigentlich ausweiſet die Regel mei⸗ nes Ordens. Eben fo wenig erlaubte er ſich eine vom Herzog Bernhard von Braunſchweig gewuͤnſchte Veraͤnde⸗ rung im Landkomthuramte zu Sachſen ohne Zuſtimmung des Deutſchmeiſters, der hierin eine Stimme hatte.“ Auch fir die Vermehrung der Zahl feiner Ordens⸗ ritter war Konrad immer mit Eifer thaͤtig. Es wurden nicht bloß auch jetzt noch von Zeit zu Zeit ſ. g. Halb⸗ brüder in den Orden aufgenommen, wenn ſich Männer durch Verdienſt und Intereſſe für ihn ausgezeichnet,“ ſondern man war auch bemuͤht, aus Deutſchland neuauf⸗ genommene Ordensritter nach Preuſſen zu ziehen, um die Ordenshaͤuſer ſtark genug beſetzt zu halten.) Aber auch hiebei ging Konrad von Jungingen mit gewiſſenhafter 1) Schreiben des HM. an den Prieſterbruder Johannes Malkow, dat. Marienb. Dienſt. vor Weihnachten 1405 Regiſtr. p. 110. 2) Schreiben des HM. an den König v. Böhmen, dat. Marienb. Dienſt. in den Oſterheiligentagen 1405 Regſſtr. p. 95. 3) Schreiben des HM. an den Herzog von Braunſchweig, dat. Ma⸗ rienb. Dienft. nach Palmar. 1405 Regiſtr. p. 96. 4) Einen ſolchen Bruderbrief (littera fraternitatis) zur Aufnah⸗ me in die Halbbruͤderſchaft erhielt z. B. im J. 1405 ulrich von Neu⸗ haus. Der Ordensprocurator ſchlug im J. 1406 den ſchon erwaͤhnten berühmten Arzt Theodorus zur Aufnahme unter die Halboruͤder des Ordens vor. 5) So kamen nach dem Treßter-Buche p. 12 im J. 1399 eine ziemliche Anzahl junger Ordensritter aus Deutſchland an.
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410 Konrad v. Jungingen als Oberhaupt des Ordens (1407). Vorſicht und Behutſamkeit zu Werke. Als er z. B. im Jahre 1406 den Ordensvogt Siegmund von Rammingen und den Ritterbruder Gottfried von Hotzfeld, ehemals Vogt zu Dobrin, nach Deutſchland zur Aufnahme neuer Ritter in den Orden ſandte, heißt es in der vom Hochs meiſter dem erſtern eingehaͤndigten Vollmacht: „Wir ge= ben ihm Gewalt mit Kraft dieſes Briefes, Bruͤder zu empfahen und zu kleiden zu unſerem Orden, jedoch mit ſolchem Unterſchiede, junge Leute, die da geſund und un⸗ gebrechlich ſind, rittermaͤßig und geboren zu ihren Wap⸗ pen und mit unredlichen Sachen nicht bedaſſet noch be= ruͤchtiget. Sonderlich wollen wir und heißen es bei Ge: horſam allen unſeres Ordens Bruͤdern und Gebietigern und befehlen es ernſtlich bei Gehorſam dem Bruder Eiegs mund, daß keiner von ihnen jemand zu unſerem Orden empfahen und kleiden ſoll von ſolchen Brüdern, zum er— ſten die ſo alt ſind, daß ſie unſerem Orden nicht mehr nutze werden mögen zu Reiſen und andern Gefchäften, ferner die da ungeſund und an ihrem Leibe gebrechlich, und auch die nicht rittermaͤßig ſind und geboren zu ihren Wappen, beſonders keine kaͤmpfaͤchtige, die in Kaͤmpfen niedergelegen haben oder von Gefaͤngniß und andern noth⸗ duͤrftigen Sachen wegen ſich mit Geluͤbden in Orden zu ziehen verbunden haben. Würde man ſolche Brüder zu unſerem Orden empfangen und kleiden, ſo werden wir ſie nicht beſtaͤtigen, nicht zu uns aufnehmen und nicht für unſeres Ordens Brüder halten.” ” So forgfam und vor⸗ ſichtig zeigte ſich Konrad bei der Aufnahme neuer Glieder ſeines Ordens. Daß aber trotz dieſer Behutſamkeit und Wachſamkeit des Meiſters im Lebenswandel und ſittlichen 1) Dieſe Vollmacht des HM., dat. Marienb. Montag vor Martini 1406 Regiſtr. p. 134. Ueber dieſe Sendung ſpricht auch das Treßler⸗ Buch p. 2105 fie koſtete 300 Unger. Gulden und 32 Schock Groſchen als Zehrung. Der eine der Geſandten ging nach Franken, Schwaben und Elſaß, der andere nach Meißen, an den Rhein u. ſ. w.
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Konrad v. Jungingen als Oberhaupt des Ordens (1407). 411 Verhalten ſeiner Bruͤder dennoch manche Unbill, manche Unſittlichkeit und manches Verbrechen auch in feinen Zei⸗ ten begangen ward, darf keinen befremden, denn auch das Ordenskleid hatte nicht die Kraft, den Menſchen zum ſchuldloſen Engel zu erheben und das Geluͤbde hat noch keinen gegen alle Sünde verwahrt. 1) Dieß Letztere in Beziehung auf die Sittenſchilderung bei Ko bez bue B. III. S. 74 — 77 und 350 ff. Die ſchmutzige Tinte Simon Grunau's hat vierfach die Farbe zu dem Bilde gegeben, welches wir hier finden. Daß ein Freudenhaus in Marienburg war, kann nicht be⸗ ſtritten werden, denn außer Lucas David B. VIII. S. 55 ſagt es auch Lindenblatt S. 145 (wo ſtatt des Druckfehlers „zeu den her⸗ ren“ ſtehen muß „zcu den huren“). Allein erſtens machte damals ſo wenig wie heute ein Freudenhaus eine ganze Stadt zum Wohnſitze al⸗ ler Suͤnden; was wuͤrde ſonſt manche große Stadt unſerer Zeit ſeyn! Zweitens war offenbar das Freudenhaus zu Marienburg eins der aller⸗ gemeinſten, wohin ſich ſchwerlich wohl je ein Ritter begab, denn welche Sorte von Menſchen finden wir dort nach Lindenblatts Bericht? Den Kirchenräuber aus Konradswalde, der in der Kirche dieſes Dorfes das Sacrament geſtohlen hatte! — In die Reihe der offenbarſten Er⸗ dichtungen und Rügen Simon Gruna u' s gehört 1) die Nachricht (auch bei Kotzebue a. a. O.), daß Konrads Hofnarr einſt ein Bild der Jungfrau Maria in einen Graben geworfen habe, „weil ſie nicht, wie die andern Jungfrauen aus der Stadt thun muͤßten, auf das Schloß zum Tanze käͤme;“ 2) das Maͤhrchen vom reichen Bauer in Niclaswal⸗ de; 3) die Erzählung vom Uebermuthe der Lichtenauer Bauern, ihren groben Späßen mit Moͤnchen, ihrer Strafe beim Aufbau eines Thur⸗ mes an der Nogat, des ſ. g. Buttermilchsthurmes, und 4) eine Menge von andern Albernheiten, die von ihm zuerſt in die Geſchichte Konrads von Jungingen eingeflochten und von Lucas David, Schütz, Pauli, Baczko, Kotzebue u, a. nachgeſchrieben und fortgepflanzt ſind. Sie ſind leider bis in den Mund des Volkes gekommen und haften nun um fo feſter. Da der Moͤnch von Tolkemit die einzige Quelle iſt, aus welcher dieſe Maͤhrchen in andere Schriftſteller uͤbergegangen ſind, ſo darf man ſich einer weitläuftigen Widerlegung und eines weitern Aug: weiſes ihrer Unwahrheit fuͤglich überheben. Vgl. De al Recherches Ir. 1. p. 213.
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412 Verfaſſung des Ordens. 1. Der Hochmeiſter. Viertes Kapitel. Verfaſſung des Ordens. I. Der Hochmeiſter. „Drei Dinge ſind, — ſo beginnt des Ordens ernſte Regel — die Grundfeſten eines jeglichen geiſtlichen Le⸗ bens. Das Eine, das iſt Keuſchheit ewiglich. Das An⸗ dere iſt Verzicht eigenes Willens, das iſt Gehorſam bis in den Tod. Das Dritte iſt Verheißung der Armuth, daß der ohne Eigenthum lebe, der da empfaͤhet dieſen Orden.“ Und ein großfinniges Vorbild in dieſen drei Geluͤbden war des Ordens Gliedern zur Nachahmung durch die Regel aufgeſtellt, denn „dieſe drei Dinge, ſo faͤhrt ſie fort, bilden und ſtellen den begebenen, d. i. den in den Orden geweihten Menſchen nach unferm Herrn Jeſu Chriſto, der da keuſch war und blieb am Gemüthe und am Leibe, der da große Armuth an ſeiner Geburt anhob, da man ihn bewand mit elenden Tuͤchlein. Die Armuth folgete ihm auch all ſein Leben lang, bis daß er auch nackt hing durch uns an dem Kreuze. Er hat uns auch ein Vorbild des Gehorſams gegeben, dieweil er ſeinem Vater gehorſam war bis in den Tod und er hat auch ſonſt den heiligen Gehorſam in ſich ſelbſt geheiliget, da er ſprach: Ich bin nicht gekommen zu thun meinen Willen, ſondern meines Vaters Willen, der mich geſandt *
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Verfaſſung des Ordens. 1. Der Hochmeiſter. 413 hat.“) — Auf dieſen drei Gelübden nun beruhte der Regel und des Geſetzes ganze Kraft; ſie bildeten die Saͤulen des ganzen Gebaͤudes des Ordens; ſie waren ſo unwandelbar und unverbruͤchlich, daß ſelbſt der Meiſter des Ordens nimmer Gewalt hatte, irgend ein Ordensglied davon zu entbinden, denn er, „der unter den Seinen die Statt hält unſers Herrn Jeſu Chriſti“, ) ſollte ſtets ſelbſt feinen Untergebenen in dieſen Gelübden ein Spiegel ſeyn und eine Lehre. Religion und RNittermuth, Froͤmmigkeit und ritter⸗ liche Tapferkeit ſollten in der Seele eines Meiſters des Ordens ſich vermaͤhlen und durchdringen, in feinem groß⸗ artigen Bilde die glaͤnzendſten Perlen ſeines Schmuckes ſeyn.) Darum galt jeder Zeit bei der Wahl eines Ober⸗ hauptes des Ordens die hoͤchſte Vorſicht und ſtrengſte Ge⸗ wiſſenhaftigkeit als heiligſte Pflicht. Die Grundgeſetze waren hiezu ſchon fruͤh im Morgenlande gegeben und die fpätere Zeit hatte darin geändert und ergänzt, was noͤthig ſchien.) Erkrankte der Hochmeiſter fo bedenklich, daß ſein Ende nahe ſchien, ſo konnte er ſelbſt einen Ordens⸗ bruder, deſſen rechtſchaffener und erprobter Wandel bei ihm Vertrauen erweckt, zu feinem Stellvertreter oder Statt⸗ halter erwählen und ihm das Ordens-Siegel bis zu des neuen Meiſters Wahl übergeben. ? Starb er aber, ohne einen ſolchen erkoren zu haben, ſo ernannten ihn ohne Verzug die oberſten Gebietiger; meiſt traf die Wahl den Großkomthur. Genügte der Gewählte den Erwartungen nicht, fo ward das Amt einem andern übertragen. ? Als: 1) Ordens: Statut. Regeln c. I. 2) Ord. Stat. Gewohnh. C. 7. 3) De Wal Recherch. T. I. p. 267 — 268. 4) Daß eine in O. Stat. Gewohnh. e. 1—25 das andere vorzüg⸗ lich in den Statut. Werners von Orſeln bei Baczko B. II. S. 407, 5) O. Stat. a. a. O. 6) Stat. Wern. v. Orſeln a. a. O. Dieſe ſagen nichts von der Wahl des Statthalters durch den Hochmeiſter ſelbſt.
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414 Verfaſſung des Ordens. I. Der Hochmeiſter. bald entſandte er an die Ordensmeiſter von Deutſchland und Livland ) die Nachricht von des Hochmeiſters Hin⸗ ſcheiden und zugleich die Ladung, an einem von ihm be⸗ ſtimmten Tage mit ihren achtbarſten und ausgezeichnetſten Brüdern zu eines neuen Meiſters Kuͤr im Haupthauſe des Ordens zu erſcheinen. Mittlerweile trat der Statthalter faſt in alle Rechte des Meiſters ein; wie dieſem ſelbſt war ihm alles ſtrengen Gehorſam ſchuldig und ſelbſt der Großkomthur ihm unterthan.“ Er führte das Ordens⸗ Siegel, des Meiſters Heerfahne und das große Heerzelt im Feldlager; alles ſtand ihm zu Gebote, was er be— durfte, um ankommende Gaͤſte wuͤrdig zu empfangen. Nur der hochmeifterliche, Schild und Waffenrock gebuͤhrten ihm nicht; auch durfte er am Tiſche und in der Kirche nicht an des Meiſters Stelle fichen. ? Sonſt leitete er die ganze Verwaltung, handhabte Zucht und Geſetz im Orden und im Lande und unterhandelte in den Verhaͤlt⸗ niſſen des Auslandes. Beſchluͤſſe jedoch von beſonderer Wichtigkeit verſchob man gerne bis zur neuen Meiſter⸗ wahl. ® Waren die Meifter aus Deutſchland und Livland ſammt ihren erleſenen Gebietigern und Komthuren im Or⸗ denshauſe angelangt, fo begann alsbald die Meiſterwahl. Nach ſpaͤterer Beſtimmung mußte jedoch zuvor der Statt⸗ halter dem Meiſter von Deutſchland das Ordens-Siegel uͤbergeben, alle Gebietiger und Bruͤder dieſen als nun⸗ mehrigen Statthalter anerkennen und alle Lande in Preuſ⸗ 1) Die O. Stat. Gew. c. 3. nennen auch den Meiſter von Preuſ⸗ ſen und bezeichnen alle mit der Benennung „Komthure“, weil dieſe Be⸗ ſtimmungen noch aus dem Morgenlande herruͤhren; cf. De Wal Re- cherch. T. I. p. 83. 2) O. Stat. Gew. c. 2. Daher beginnt ein Brief des Großkom⸗ thurs an den Komthur von Elbing, Statthalter des HM. im J. 1407, mit den Worten: „Unfern willigen undirtenigen gehorſam zuvor.“ 3) O. Stat. Gew. C. 31. 4) S. oben B. V. S. 1.
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Verfaſſung des Ordens. I. Der Hochmeiſter. 415 ſen, Praͤlaten, Ritter und Staͤdte ihm Gehorſam lei⸗ ſten. Am Tage der Meiſterwahl ward zuvoͤrderſt eine Meſſe vom heil. Geiſt geſungen und die Regeln und Ge⸗ ſetze uͤber die Meiſterwahl verleſen. Darauf trat man ins Kapitel; allda ernannte zuerſt der Statthalter und nachmals der Dentſchmeiſter einen ſ. g. Wahlkomthur nach Rath des Kapitels oder der Mehrzahl der verſammelten Brüder. ? Der Erwaͤhlte erkor alsdann unter Mitwiſſen des Deutſchmeiſters einen zweiten Waͤhler, dieſe zwei ei⸗ nen dritten, die drei einen vierten und ſo fort bis ihre Zahl dreizehn war, deren einer ein Prieſter, acht Ritter: brüder und vier dienende Brüder ſeyn mußten.) Aber ſie durften ihrer groͤßeren Zahl nach nicht aus demſelbi⸗ gen Lande ſeyn. War ihre Wahl vom Ordens⸗Kapitel genehmigt, ſo ſchwuren ſie aufs Evangelium bei ihrer Seele, daß ſie weder mit Haß, noch mit Minne, noch mit Furcht, ſondern mit lauterem Herzen nur den wuͤrdigſten und beſten unter den Bruͤdern zum Meiſter erwaͤhlen woll⸗ ten, welcher zum Amte der vollkommenſte ſey, und der Statthalter ermahnte ſie dann an die hohe Wichtigkeit ihrer Pflicht, „daß alle Ehre des Ordens und der Seelen Heil und die Kraft des Lebens und der Weg der Gerech— tigkeit und die Hut der Zucht hanget an einem guten Hirten und an eines Ordens Haupte.“ “ — Hierauf 1) Stat. Wern. v. Orſeln a. a. O. Unter den Praͤlaten waren, wie De Wal Rech. T. I. p. 171 richtig bemerkt, die Biſchoͤfe von Kulm, Pomeſanjen und Samland verſtanden, qui étojent non seu- lement soumis à Ordre, mais qui en dtoient aussi membres, ainsi que leur clerge. 2) O. Stat. Gew. c. 4. Stat. Wern. v. Orſeln a. a. O. 3) O. Stat. a. a. O. De Wal Rech. T. I. p. 84. Munter Statutenbuch des Ord. der Tempelherrn S. 55. Ueber die Theilnahme des Meiſters von Livland an der Wahl des HM. ſ. Stat. Wern, v. Orſ. bei Baczko B. II. S. 4165 De Wal J. c. p. 173, 4) O. Stat, Gew. c. 4.
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416 Verfaſſung des Ordens. 1. Der Hochmeiſter. im Wahl⸗Gemache nach Art eines Conclave verſammelt, D ſchwuren die Wahlherren nochmals auf das Evangelium, daß ſie den von ihnen Erkorenen als Meiſter anerkennen wollten; desgleichen geſchah waͤhrenddeß auch von allen Bruͤdern im Kapitel, daß der ihnen als Meiſter gelten ſolle, welchen die Wahl treffen werde. War aber einer unter den Wablherren, uͤber den man in Betreff der Wahl ſprechen wollte, ſo gebot ihm der Wahlkomthur ſich zu entfernen und das Kapitel ſandte an ſeine Stelle einen andern. Jetzt uͤbte der Wahlkomthur ſein Recht, den zu— erſt zu nennen, welchen er für den würdigften hielt, und forderte über ihn die Stimmen. Fielen fie alle oder doch zum groͤßten Theile fuͤr ihn, ſo war die Wahl vollendet und unumſtoͤßlich; geſchah jenes nicht, fo ward ein ans derer genannt, bis ſich einhellig oder doch in größerer Zahl die Wahlſtimmen einigten. Alsdann ins Kapitel zu⸗ ruͤckgekehrt verkuͤndigten die Waͤhler den Namen des Er⸗ korenen. Er wurde ſofort in die nahe Ordenskirche ein⸗ geführt und während die Geiſtlichen ein Te Deum erho— ben und die Glocken des Haupthauſes die geſchehene Wahl kund gaben, alſo daß ſchnell die freudige Botſchaft von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt durchs ganze Land ging, geleitete der Statthalter den neuen Meiſter vor den Altar, um ihm durch Ueberreichung des hochmeiſterlichen Ringes? und des Ordens-Siegels das Amt der Meiſter⸗ 1) Die eigentliche Wahl geſchah alſo nicht im Kapitel ſelbſt, wie aus O. Stat. Gew. c 5. hervorgeht. Daher ſagt auch De Wal Recherch. T. I. p. 85: On voit, que election ne se faisoit pas au chapitre, mais dans un conclave, ou endroit séparé. 2) S. oben B. II. S. 153. De Wall. c. p. 88 ſagt in Ruͤck⸗ ſicht dieſes Ringes: La bague qu'on donne encore aujourd'hui au Grand- Maitre, pour le mettre en possession de sa dignité, est un gros anneau d'or, si large qu'on pourvoit y passer le pouce; il est enrichi d'un rubis et de deux diamants. Cette bague est fort antique, mais il est diflicile de se persuader, comme quel- ques-uns Pont eru, que ce soit la meme que le Pape Hono- rius III a donné au Grand-Maitre Hermann de Salza.
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1. Der Hochmeiſter. 417 ſchaſt zu Übertragen mit Ermahnung an feine hohe Pflicht und ſeine Verantwortung vor Gottes einſtigen. Gerichte. Der Meiſter gab dann ihm und dem ihn begleitenden Prieſter de. Bruderkuß und trat ſomit in ſeine hohe Wuͤrde ein. War der Erkorene abweſend, ſo wurde die Wahl zwar ebenfalls oͤffentlich mit allen ſonſtigen Feſtlich⸗ keiten verkündigt; der Siatthalter jedoch blieb in feinem Amte, bis der neue Meiſter gekommen war und die hoch⸗ meiſterlichen Inſignien des Ringes und Ordens-Siegels empfangen hatte, denn ohne fie galt er noch nicht für das anerkannte Haupt des Ordens. ) Einer paͤpſtlichen oder kaiſerlichen Beſtaͤtigung der Wahl bedurfte es nicht. Schon Innocenz der Dritte und Honorius der Dritte hatten dem Orden eine völlig freie und unabhängige Wahl ſei⸗ nes Meiſters zugeſichert. Der Tag der Meiſterwahl war nicht bloß fuͤr das Haupthaus Marienburg, ſondern fuͤr alle Ordenshaͤuſer ein Tag zugleich des Ernſtes und der Freude. Ueberall wur⸗ den Meſſen geſungen mit Gebeten um einen gottwohlge⸗ faͤlligen Meiſter. Wie im Haupthauſe dreizehn Arme an den Feſttafeln der Ritter ſich erquickten, ſo lud man in 1) O. Stat. Gew. c. 6. 2 O. Stat. Gew. a. a. O. Schon Muͤnter a. a. O. S. 55 macht auf die große Aehnlichkeit in der Wahlart des Hochmeiſters des D. O. und des Großmeiſters des Tempelordens aufmerkſam und es iſt nicht zu verkennen, daß erſterer die Wahlart des Meifters beim Tem⸗ pelorden annahm. Um ſo weniger darf man mit Hennig Statut. des D. O. S. 166 den Wahlkomthur immer ohne weiteres fuͤr den Grogkomthur erklaͤren, denn auch die Statuten des Tempelordens zei⸗ Len, daß Beide verſchieden waren. Ueberhaupt mag hier ein: für alle⸗ mal auf die häufige Aehnlichkeit zwiſchen den Statuten des Tempel⸗ Ordens und des D. Ordens aufmerkſam gemacht werden; fie iſt von Münter a. a. O. und De Wal Recherch. T. I. p. 7. seg. ſo viel⸗ fältig nachgewieſen, daß man einer wiederholten Vergleichung uͤberho⸗ ben ſeyn kann. 3) S. oben B. II. S. 81. De Wal l. c. p. 181 — 182. VI. 27
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418 1. Der Hochmeiſter. allen Konventen mehre Duͤrftige zu Gaſt. Das ganze Land feierte den Tag als ein hohes Freudenfeft. 9 In früheren Zeiten ward das Haupt des Ordens bloß „Meiſter“ genannt; als dann dieſe Bezeichnung den oberſten „Praͤceptoren“ von Deutſchland und Preuſſen zus fiel, ſchmuͤckte der Name „Hochmeiſter“ das Ordenshaupt. Fremdlinge nannten ihn oft auch „Fuͤrſt.“ ) Wer nicht aus ehflicher Geburt ſtammte, wer einmal mit der Jahr⸗ buße geſtraſt war oder ſonſt unredlich gelebt, konnte nicht zum Meiſter erkoren werden. Strenge Straſe traf den, der auf andere als geſetzliche Weiſe zum Meiſter⸗ amte gelangte oder zu gelangen ſtrebte. Wer überführt ward, daß er durch Mithuͤlfe anderer Ordensbruͤder oder weltlicher Leute die hochmeiſterliche Wuͤrde geſucht habe, ward ſeines Amtes entſetzt, kam nie wieder zu Ehren und Wuͤrden und unterlag nach des Hochmeiſters und Kapitels Erkenntniß einer harten Buße. Wer ſich ſelbſt zum Mei⸗ ſter aufwerfen wollte oder ſich als ſolchen erklärte ohne einſtimmige Wahl nach Vorſchrift des Ordensbuches, oder wer vom Papſte, dem Kaiſer, einem Könige und uͤber— haupt nicht durch die lautere Wahl des Ordens-Kapitels die Meiſterwuͤrde annahm, verlor nicht nur alle Wuͤrden und Ehren, ſondern wurde zu ewiger Gefangenſchaft ver⸗ urtheilt und wer von den Bruͤdern ihn hiebei unterſtuͤtzt mit Rath und Huͤlfe, erlitt eine ähnliche ſtrenge Ahn⸗ dung. ) Wer ſpaͤter verrieth, daß dieſer oder jener der 1) O. Stat. Gew. c. 2. 3. 2) De Wall. c. p. 299; über die Titelformel: von Gottes Gna⸗ den p. 304; p. 306 — 307. Die Benennung „Großmelſter“, welche neuere Schriftſteller haͤufig ſtatt Hochmeiſter gebrauchen, iſt im Deutſch. Orden nie gewoͤhnlich geweſen. 3) O. Stat. Gew. c. 4; vgl. De Wall. c. p. 85 — 86. 4) ueber die wahrſcheinlichen Gründe zu dieſer Beſtimmung vgl. De Wall. c. p. 180 — 181. 184.
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1. Der Hochmeiſter. 419 Wahl des regierenden Meiſters nicht beigeſtimmt oder ge⸗ rade widerſprochen, ward aus dem Orden verſtoßen. “ Alſo zum Oberhaupte des Ordens und zum Landes⸗ fürften erhoben, bezog ſofort der neue Hochmeiſter feinen fuͤſtlichen Wohnſitz in der prachtvollen Hofburg Marien⸗ burg, wo im mittlern Hauſe die Verſammlungsremter und Wohngemache des Meiſters lagen, mit allem hinreichend verſehen, was das fuͤrſtliche Leben des Ordenshauptes er⸗ forderte. Urſpruͤnglich im Morgenland war des Meiſters Hofhaltung noch ſehr einfach und nur auf die nöthigften Beduͤrfniſſe beſchraͤnkt; ein Prieſter nebſt einem Schüler, ein heidniſcher Schreiber, vier Turcopele oder leichtbewaff⸗ nete Reiter als Schildhalter, Sendknecht, Kaͤmmerer und Waffenknecht, ein Koch, zwei Ritterbruͤder als ſeine Ge⸗ ſellen oder Kompane, “ ein dienender Bruder als Schaf: fer und einige Läufer zu Botſchaft und Briefſenden bilde⸗ ten feine ganze Dienerſchaſt und nur eine geringe Zahl von Roſſen ſtand zu feiner Benutzung.) Ungleich glaͤnzender dagegen und zahlreicher war fein Hofſtaat und fein Hof: geſinde in ſeinem Fuͤrſtenſitze Marienburg, wo er nicht mehr bloß als Haupt eines Ordens, ſondern als Fuͤrſt und Regent uͤber weit ausgedehnte Laͤndergebiete auftrat. Dort beſchraͤnkte ihn noch das ſtrenge Ordensgeſetz; hier umſtrahlte ihn der Fürftenglanz. ® 1) Stat. Wern. v. Orſeln a. a. O. Daſſelbe Geſetz beim Tem: pelorden; Muͤnter S. 64. 2) Die Kompane des HM. waren alſo längft vor der Ermordung Werners von Orſeln vorhanden, wie oben B. IV. S. 482 ſchon an: gedeutet iſt; vgl. auch De Wal 1. c. p. 302. 3) O. Stat. Gew. c. 11. unbezweifelt gilt dieſe Beſtimmung nur für die Zeit des HM. im Morgenland oder auch für feinen erſten Auf: enthalt in Italien; denn es muß bemerkt werden, daß das uns aufbe⸗ haltene Statuten: Buch vieles enthält, was nur im Morgenland An wendung gefunden hatte, wie auch Hennig Ord. Stat, Vorrede S. 16 — 17 und De Wal I. c. p. 301 ſagen. 4) Das Nähere Über den geſammten Hof des HM. zu Marienburg 27
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420 1. Der Hochmeiſter. In feinen Vorrechten und Amtspflichten war ver⸗ ſchieden, was ihm als Oberhaupt des Ordens zuſtand und oblag, und wozu er dagegen als Landesfuͤrſt berechtigt und verpflichtet war. Betrachten wir ihn hier zunaͤchſt in feinem Amte als Ordenshaupt, fo waren alle Drdens- bruder, Laien wie Geiſtliche ihm ſtets und unverbruͤchlich den ſtrengſten Gehorſam ſchuldig, alſo daß keiner ſich ſeinen Befehlen widerſetzen durfte; aber er ſelbſt ſollte gerne guten Rath hoͤren und ſolchen ſuchen bei ſeinen Bruͤdern, „denn da iſt Heil, wo viel Rath iſt,“ ſagte ihm das Ordensgeſetz.. Wie er ſelbſt in früherer Zeit nach des Ordens Regel nicht ohne Noth und ſtets nur mit Beirath des Kapitels das Ordenshaus auf lange Zeit verlaſſen durfte, ) fo konnte auch nur mit feiner Erlaub— niß ein Ordensritter im Lande umher und weiter als von ſeinem Ordenshauſe zum andern reiten, woruͤber er ſelbſt einen Erlaubnißſchein ertheilte. ? Wie der Ritter, fo unterlag auch ſelbſt der Meiſter bei Uebertretung des Ge⸗ ſetzes einer feſtgeſetzten Strafe. Entfernte er ſich wider die Regel zu lange vom Haupthauſe, ſo ward er dreimal vorgeladen; erſchien er nicht, fo galt er fir ungehorſam und wurde des Meiſteramtes entſetzt.“ Obgleich der Hochmeiſter als Oberhaupt des Ordens weit mehr als in feiner fuͤrſtlichen Landesverwaltung durch die Strenge be— ſ. in Raumer Hiſtor. Taſchenbuch Jahrg. I. in meiner Abhandlung: Das Stillleben des Hochmeiſters des D. O. und ſein Fuͤrſtenhof, S. 222 ff. 1) S. den Ordenseid in Hennig Stat. des D. O. S. 215. O. Stat. Gef. c. 35. 2) O. Stat. Gew. c. 7. ; 3) O. Stat. Gew. c. 12; das Geſetz war allerdings zunoͤchſt für die Verhaͤltniſſe im Morgenland gegeben; es ſcheint jedoch auch unter den fpätern Verhaͤltniſſen nicht aufgehoben zu ſeyn. 4) Geſetze Winr. v. Kniprede bei Hennig S. 138, 5) O. Stat. Gew. c. 12.
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1. Der Hochmeiſter. 421 ſtimmter Regeln, Geſetze und Gewohnheiten in ſeinem Willen gebunden war, ſo konnte er als Ordenshaupt doch auch vieles aus eigener Macht, anderes jedoch nur mit Beirath und Einſtimmung ſeiner oberſten Gebietiger, D al: les aber von beſonderer Wichtigkeit ſtets nur mit Einwil⸗ ligung und Mitbeſchluß des Ordens: Kapitels in Ausfuͤh⸗ rung bringen.. Was die Verhaͤltniſſe einzelner Ordens⸗ brüder betraf, ſo hing in Faͤllen der Entſcheidung das Meiſte von des Meiſters Beſtimmung ab. Er ſchrieb vor, in welchem Konvente und wie lange darin ein Or⸗ densbruder verbleiben ſollte und verſetzte die Konvents⸗ brüder aus einem Ordenshauſe ins andere; aber er durſte nach Willkühr die einzelnen Ritter nicht nach und aus Deutſchland entſenden und berufen.“ Von ihm hing es ab, wie lange ein Ritter in einem Ordenshauſe als bloßer Konventsbruder leben ſolle, oder ob ihm ir⸗ gend ein Amt uͤbertragen werden koͤnne. Geringere Aem⸗ ter konnte er ſelbſt aus eigener Macht beſetzen; andere, mehr in die geſammte Gemeinheit des Ordens eingrei⸗ fende beſtellte er ſtets mit Beirath der ihn umgebenden achtbarſten Gebietiger und Komthure; die oberſten Gebie⸗ tiger⸗Aemter aber durfte der Meiſter nur mit Einwilli⸗ gung und Mitrath des foͤrmlich verſammelten Kapitels ver⸗ leihen; desgleichen wenn über Amtsentſetzung zu ent⸗ 1) Daher heißt es z. B. in der Ueberſchrift der von Ulrich von Jungingen im 3. 1408 gegebenen Verordnung über die Aemterverwal⸗ tung: Defe nochgeſchreben artickel hat gefatezet Bruder Ulrich von Jun⸗ gingen homeyſter. Daz han vorlibet dy gebiteger yn gemeynem rate czu halden in allen coventen. 2 De Wall. c. p. 300. 3) O. Stat. Gew. c. 15. 4) O. Stat. Gew. c. 8. Neg. c. 29: Mit dem Konvent ſoll der Meiſter ſetzen und entſetzen den Großkomtbur, Marſchall, Spittler, Trappier, Treßler und den Kaſtellan von Starlenberg. Mit dem Ka⸗ pitel ſetzt er die Landkomthure über Armenien, Romanien, Sicilien, Apulien, Deutſchland, Oeſterreich, Preuſſen, Livland und Spanien.
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422 I. Der Hochmeiſter. ſcheiden war.) Was in den Verſammlungen der be: rufenen Gebietiger und Komthure vom groͤßeren Theile beſchloſſen ward, dem mußte der Meiſter ſich fuͤgen; bei Uneinigkeit der Meinungen hatte er zu entſcheiden, wel⸗ ches der beſſere Theil joy. ? Er ſelbſt mußte ſich nach dem Rathe der Stimmenmehrheit richten, doch nur wenn die achtbarſten und beſonnenſten unter den Bruͤdern die Stimmenmehrheit bildeten.) Fand der Meiſter einen vom Kapitel eingeſetzten Landkomthur ſo ſtrafwuͤrdig, daß er nicht im Amte bleiben durfte, ſo konnte er ihn mit Rath der bei ihm ſeyenden Ordensbruͤder ſofort ſeines Amtes entſetzen und einen Stellvertreter ernennen; aber er mußte alsbald das Kapitel auffordern, einen andern mit dem Amte zu bekleiden. Geſchah dieſes nicht binnen einer gewiſſen Friſt, ſo konnte das Kapitel das erledigte Amt ohne weiteres verleihen. Sonſt durfte der Meiſter keinen Landkomthur ſeines Amtes entlaſſen.) Er hatte ferner das Recht mit Beirath ſeiner oberſten Gebietiger zu beſtimmen, wann und in welche Ordensgebiete von Zeit zu Zeit ſ. g. Viſitirer auszuſenden ſeyen, und ſie mit der noͤthigen Vollmacht zu verſehen, um uͤber den debenswandel der Ordensbruͤder, fiber Gottesdienſt, Beob⸗ achtung der Geſetze und über die Beſchaffenheit der Or⸗ Man ſieht, daß auch dieſe Beſtimmung verfaßt wurde, ehe der HM. in Preuſſen war. Vgl. Münter S. 68. 10 In Veranlaſſung eines Geſuches des Herzogs von Braunſchweig wegen Anſtellung eines andern Landkomthurs von Sachſen antwortet der HM. im J. 1405: So iſt unſer Orden geiſtlich, weme man ein ampt bevelet, das nympt der obirſte und andere, die mit Im zu rate ſitzen, off ire gewiſſen und ſelen, das her togelich und nuͤtzlich doczu iſt, nicht anſehende moge noch richtum. Regiſtr. nr. 1. 2) O. Stat. Reg. c. 29. 3) O. Stat. Reg. c. 29. Geſetze Konr. v. Erlichshauſen bei Hennig S. 152. 4) O. Stat. Gew. c. 14.
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1. Der Hochmeiſter. 423 denshaͤuſer genauen Bericht zu erhalten.“ Er zog die Amtsverwalter zur Verantwortung vor dem Kapitel, wenn ihm nachtheilige Berichte Über ihre Verwaltung zugingen. Von der Verwaltung des Ordensſchatzes mußte der Ordenstreßler dem Hochmeiſter jaͤhrlich Rechenſchaft ab⸗ legen; > er ſelbſt führte einen Schluͤſſel zum Ordens⸗ ſchatze.) Aber es ward nachmals auch ihm geſetzlich vor⸗ geſchrieben, von allem Geld und Gut, welches er inne hatte und uͤber Einnahme und Ausgabe vor ſeines Rathes Gebietigern durch feinen Treßler jährlich Rechnung zu le⸗ gen, damit man ſehe, ob ſolches Geld und Gut zum Beſten des Ordens verwendet werde. Es war ihm frei geſtellt, ob und wem von den Gebietigern oder den an⸗ dern Ordensbruͤdern er uͤber die Beſchaffenheit des Ordens⸗ ſchatzes eine nähere Mittheilung geben wollte.) Aus dieſem Schatze durfte der Meiſter an Freunde und Goͤn⸗ ner des Ordens eine gewiſſe Summe aus eigenem Willen ausleihen, eine hoͤhere jedoch nur mit Rath von zehn Brüdern und eine noch größere nur mit Einwilligung des Kapitels. Was ihm als fromme Gabe oder an ſon⸗ ſtigem Gute gegeben wurde, mußte er dem Treßler über: weiſen, der es ſchriftlich verzeichnete. Der Hochmeiſter durfte fo wenig als ein Komthur oder ſonſtiger Ordens⸗ bruder irgend etwas von des Ordens Eigenthum veraͤu⸗ 1) O. Stat. Ge. c. 8. Geſetze Winr. v. Kniprode bei Hennig S. 139. Ulrich von Jungingen fagt in der Vollmacht fuͤr die von ihm ausgeſandten Viſitirer: die Sendung geſchehe habito maturo consilid et consensu unanimi fratrum ofliciatorum nostri ordinis et ca pituli und nennt dann die fünf oberſten Gebietiger und den ganzen Konvent; Urk. Schiebl. 98. nr. 4. 2) Hieruͤber fpäterhin das Naͤhere. 3) O. Stat. Gew. o. 9. +) Geſetze Konr. v. Erlichshauſ. bei Hennig S. 147; De Wal I. e. p. 157. 5) O. Stat. Gew. c. 9. 6, O. Stat. Gew. c. 10; De Wal J. c. p. 91. Münter S. 00.
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424 I. Der Hochmeiſter. Bern ohne Zuſtimmung des Kapitels. Die Geſetze Wer⸗ ners von Orſeln ſetzten feſt: Kein Hochmeiſter ſolle hin⸗ fort mehr Schloͤſſer, Staͤdte, Land und Leute hingeben, verſetzen, verkaufen oder vertauſchen ohne Wiſſen und Zu⸗ ſtimmung der Meiſter von Deutſchland und Livland; ge⸗ ſchehe es mit Rath der andern Gebietiger, ſo ſolle es ohne Kraft ſeyn, auch wenn der Meiſter von Livland darein gewilligt; der Deutſchmeiſter ſolle den Hochmeiſter dann auffordern, binnen drei Monden das Veraͤußerte dem Orden wieder zurückzubringen. Bewirke er dieſes nicht, ſo ſolle er der Meiſterwürde entſetzt und des Amtes für untuͤchtig erklärt ſeyn, ſofern der Werth des Ver— aͤußerten uͤber zweitauſend Mark Silbers betrage; nur Geringeres am Werthe ſolle er veräußern duͤrfen mit Rath ſeiner Gebietiger und des Kapitels in Preuſſen. 2) Obgleich der Hochmeiſter wie jeder andere Ordens⸗ bruder dem Geſetze unterworfen war und er es um ſo firenger beobachten mußte, weil er ſtets der Waͤchter deſ⸗ ſelben ſeyn ſollte, fo lag es doch in feiner Macht, in Ruͤckſicht auf Zeit, Oertlichkeit und Perſon hie und da von einzelnen Regeln und Geſetzen zu entbinden oder ihre Strenge zu mildern. Allein er konnte kein Geſetz aufs heben ohne des Kapitels Zuſtimmung. ) Die drei Haupt⸗ geluͤbde galten ihm, wie allen unverbruͤchlich. 9 Eine der wichtigſten Pflichten des Meiſters war die ſtete Aufſicht und wachſame Sorge über die ſittliche und wohlgeordnete Lebensweiſe der Ordensbruͤder. Das Geſetz ſchrieb ihm hierin vor: der Meiſter, allen Bruͤdern ein Vorbild guter Werke, ſoll an ſich tragen mildrathende 1) O. Stat. Gew. c. 17. Muͤnter S. 72. 2) Stat. Wern, v. Orſeln bei Baczko B. II. S. 40 — 411, 3) De Wall. c. p. 300. 4) O. Stat. Gef, c. 37. 5) O. Stat. Neg. c. 1. 39.
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IJ. Der Hochmeiſter. 425 Barmherzigkeit und rechte geſchwinde Zuͤchtigung; er ſoll die Ungehorſamen ſtrafen und die Siechen aufnehmen; er ſoll nach des Propheten Wort in der einen Hand führen die Ruthe, damit er feine Heerde behütend, den toͤdtlichen Schlaf der Verdroſſenheit und Verſaͤumniß heiliger Pflich⸗ ten von den Traͤgen verſcheuche und die Ungehorſamen zuͤchtige, in der andern Hand den Stab vaͤterlicher Sorg⸗ falt und des Mitleids fir die, welche in Traurigkeit und mit zerbrochenem Herzen der Troͤſtung und Erhebung beduͤr⸗ fen. Seit Werners von Orſeln Zeit war dieſe Pflicht dem Meiſter durch ein ſtrenges Geſetz noch naͤher gelegt: Wenn Ordensbruͤder ein unordentliches Leben fuͤhrten, wo⸗ durch dem Orden uͤble Nachrede und Schmach erwuchs, ſo mußte der Meiſter nach des Kapitels Erkenntniß mit allem Nachdruck ſtrafen. Wurde er darin ſaͤumig und leichtfertig erfunden aus Gunſt oder Verwandtſchaft, fo mußte das Kapitel ihn zur Strafe ermahnen; erfolgte ſie auch dann noch nicht oder nur in unvollkommenem Maaße, ſo wurde die Sache an den Deutſchmeiſter gebracht, der ſich in wichtigen Faͤllen ſelbſt nach Preuſſen begeben oder in minder wichtigen Dingen einige Gebietiger dahin ſen— den mußte, um nach des Kapitels Rath die Strafe zu vollziehen. Ward aber ſolche Saͤumniß am Hochmeiſter zwei⸗ oder dreimal befunden, fo konnte er feines Amtes für untuͤchtig erklärt werden, jedoch nur in merklichen Fallen, weil ſich nicht ziemte, um geringer Dinge willen einen Meiſter zu entſetzen. ? Ueberhaupt unterwarſen die Geſetze Werners von Orſeln den Hochmeiſter in ſeinen Handlungen einer ſtren⸗ gen Kontrolle des Deutſchmeiſters und hoben dieſen in ſei— nem Einfluſſe bedeutend empor.) Bricht jener leichtfer⸗ 1) O. Stat. Reg. c. 36. 2) Stat. Wern. v. Ocſeln bei Bacöko a. a. O. 3) De Watt, c. p. 224 ſagt: D’apres les statuts d’Orselen les Grands Maitres avvient des censeurs de leur conduite dans
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426 J. Der Hochmeiſter. tig ſeinen Eid, verletzt er gegen Fuͤrſten, Lande, welt⸗ liche oder geiſtliche Perſonen ſein Verſprechen und Ge⸗ luͤbde und wird er deſſen uͤberwieſen, alſo daß dem Or⸗ den daraus Schmach und Schaden entſteht, ſo wird ſol⸗ ches von Stund an dem Deutſchmeiſter gemeldet, der ſich mit den beſten ſeiner Gebietiger nach Preuſſen verfuͤgend ein Ordens Kapitel beruft und die Zeugen verhoͤrt. In Schuld befunden wird der Meiſter als untuͤchtig und un⸗ wuͤrdig ſeines Amtes entſetzt und kann nie wieder zu Eh⸗ ren und Wuͤrden gelangen; wer von den Ordensbruͤdern ihm in ſo ſtrafwuͤrdigen Dingen mit Rath oder Beiſtand behuͤlflich geweſen, verliert alle Ehren und Wuͤrden und verfällt ohne Gnade in die allerſchwerſte Buße durch ewi⸗ ges Gefaͤngniß je nach der Wichtigkeit der Sache.“ Kraft eines alten Geſetzes konnte der Hochmeiſter nur durch das Kapitel zur Rechenſchaft geladen werden; erſchien er nicht zur dritten Ladung, ſo galt es fuͤr Ungehorſam; keiner durfte ihm mehr gehorſam ſeyn und man waͤhlte einen andern Meifter. ? In Werners von Orſeln Geſetzen aber ward beſtimmt: wenn der Hochmeiſter ein Geſetz verletzt und zu ſeiner ungerechten That ſo viele Gebietiger und Brüder an ſich gezogen hat, daß der Deutſchmeiſter ſich ohne Beſorgniß nicht nach Preuſſen begeben kann, ſo kann les Maitres de l'Allemagne, qui étojent nommément charges de veiller ä ce que le chef de l’Ordre ne laissät pas les fautes des freres impunies; und p. 301 heißt es von dieſen Statuten: Als ne diminuoient en rien Pautorit€ du Grand-Maitre, tant qu'il gouvernoit avec justice et sagesse, mais ils lempechoient d'en abuser: le Maitre d' Allemagne etoit comme une sentinelle vigi- lante pour eclairer sa conduite, et en méme tems comme un censeur rigide, qui avoit le droit de l’obliger de remplir son devoir, et d’empecher qu'il n' outrepassät ses pouvoirs. 1) Stat. Wern. v. Orſeln a. a. O. 2) Stat. des D. O. von Hennig S. 120. Das Geſetz wurde gegeben im großen Kapitel zu Venedig bei der Wahl Gottfrieds von Hohenlohe.
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1. Der Hochmeiſter. 427 ihn dieſer mit Brief und Botſchaſt auf einen Tag nach Deutfihland vorladen und der Hochmeiſter iſt bei Gehor⸗ ſam verbunden, ſolcher Ladung zu folgen, um vor einem vom Deutſchmeiſter berufenen Kapitel ſich zu verantwor⸗ ten. Des Kapitels Spruch muß ſich der Meiſter unter⸗ werfen. Folgt er der Ladung oder des Kapitels Spruche nicht, ſo gilt er von Stund an nicht mehr als Meiſter, ſondern als ungehorſam und als ein Veraͤchter des Ordens, desgleichen auch alle ſeine Anhänger. ? — Sonach ſtand alſo der Hochmeiſter, obgleich Oberhaupt des ganzen Or⸗ dens, zwar immer auch noch unter dem ſtrengen Gebote des Gehorſams gegen das Geſetz; allein die faſt nie un⸗ terbrochene Reihe der trefflichen Meiſter, welche der Orden aufzuweiſen hat, — das beſte Zeugniß der Zweckmaͤßig⸗ keit feiner hochmeiſterlichen Wahl: Ordnung — ließ ſelten ſolche geſetzliche Maaßregeln gegen ſie in Anwendung kommen. Im Uebrigen enthob die hohe Wuͤrde des Meiſters ihn den ſonſtigen Beſchränkungen der Lebensweiſe des ges wohnlichen Ordensbruders; fie erlaubte ihm ein fürſtliches Leben. Es ſtand ihm frei, ob er in den täglichen Le— bensverhaͤltniſſen, als beim Gottesdienſte, bei Tiſche u. ſ. w. mit den uͤbrigen Bruͤdern des Konvents zuſammen ſeyn oder zur Erfuͤllung ſeiner Ordenspflichten und fuͤr ſeine Lebensbeduͤrfniſſe ſich von dieſen getrennt halten wollte, denn das Geſetz erlaubte ihm z. B., entweder am Kon⸗ ventstiſche oder an der Firmarietafel oder auch in ſeinem eigenen Gemache zu ſpeiſen und ſo in gleicher Weiſe auch in andern Dingen. Als Haupt des Ordens unterſchied er ſich von den andern Brüdern nicht nur durch feine fürft- liche Kleidung, fondern auch durch fein hochmeiſterliches Ordenskreuz.) Desgleichen hatten auch die Geſetze des — 1) Stat. Wern. v. Orſeln a. a. O. 2) Vgl. in Raumer Hiſtor. Taſchenbuch meine Abhandl. Stils leben des HM. De Wall. c. p- 285 — 286. 293. seg. ®
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428 II. Das Ordens⸗Kapitel. Konvents fuͤr ihn keineswegs alle bindende Kraft; ſo er⸗ laubte er es ſich bisweilen, um Geld zu ſpielen, was den Ordensbruͤdern ſtreng verboten war; er vergnuͤgte fi oft mit Weidwerk und Federſpiel,“ was das Geſetz den Kon⸗ ventsbrüdern nicht zugeſtand, und in aͤhnlichen Dingen gab es eine Menge einzelner Vorſchriften und Regeln, die fuͤr ihn als Ordenshaupt nicht geltend waren, auf deren Be⸗ obachtung unter den uͤbrigen Ordensgliedern jedoch zu hal⸗ ten ihm ſeine Pflicht gebot. Wie er aber ſelbſt als ſte⸗ ter Waͤchter und Huͤter des Geſetzes uͤber dem ganzen Orden ſtand, fo war über ihn wieder das Ordens-Kapi⸗ tel als Hüter und Wächter hingeſtellt. II. Das Ordens: Kapitel, Es beſtand im Orden eine zwiefache Art von Ver⸗ ſammlungen der Ordensbruͤder, welche den Namen Kapi⸗ tel fuͤhrten.) Das Geſetz naͤmlich gebot, daß in jeglis chem Ordenshauſe, wo ſich ein Konvent befand, an jedem Sonntage theils zu Berathungen, theils zu Schlichtung und Richtung der Angelegenheiten des Konvents die Brit: 1) Beſonders mit der Falkenjagd; vgl. Voigt Geſchichte Ma: rienburgs S. 200 ff. 256. 2) Es iſt hier voraus zu bemerken, daß die Nachrichten uͤber die Art der Abhaltung und Einrichtung des Kapitels im Deutſch. Orden viel fpärlicher find, als beim Tempelorden, wo, wie Muͤnter a. a. O. S. 223 ff. zeigt, die Vorſchriften darüber ſehr ins Einzelne gehen. De Wall. c. p. 7. mag daher wohl Recht haben, wenn er ſagt: Les statuts du Temple entrent dans de grands details sur la ma- niere de tenir les chapitres; et cenx des Teutoniques se con- tentent d’indiquer les &poques ou on devoit las tenir: le silence sur une pareille matiere ne peut venir que de ce qu'ils avoient conserré la plupart des usages des Templiers, et quils ne eroyvient pas que personne eüt besoin d'etre instruit d'une chuse qui se pratiquoit tout au moins une ſois chayue semaine.
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11. Das Ordens⸗Kapitel. 429 der des Hauſes ſich verſammeln ſollten; dieß waren die ſ. g. Haus-Kapitel, von denen wir ſpaͤter ſprechen wer⸗ den. Von Zeit zu Zeit aber wurden auch ſ. g. gemeine, große, General- oder Ordens⸗Kapitel abgehalten und die Regel des Ordens ſtellte feſt, daß in Preuſſen alljaͤhrlich wenigſtens einmal ein ſolches General⸗Kapitel Statt fin- den ſolle.) Es hing vom Umfange und der Wichtigkeit der zu berathenden Gegenſtaͤnde ab, wer dazu berufen werden ſollte. Betrafen ſie die allgemeinen Verhaͤltniſſe des Ordens, z. B. die Wahl eines Hochmeiſters, die Be⸗ rathung und Entwerfung allgemeiner Geſetze, Veraͤnde⸗ rung und Vervollſtaͤndigung der Statuten u. dgl., ſo er⸗ ſchienen auf des Hochmeiſters oder des Statthalters Be⸗ rufung im großen Kapitel die beiden Meiſter von Deutſch⸗ land und Livland mit den vornehmſten und achtbarſten ihrer Gebietiger und Komthure, die oberſten Gebietiger und die wichtigſten Komthure aus Preuſſen.“ Der Mei⸗ ſter oder Statthalter beſtimmte beliebig den Tag, an wel⸗ chem ein ſolches Kapitel Statt finden ſollte. Sollten hin⸗ gegen nur Verhaͤltniſſe des Ordens in Preuſſen oder die Verwaltung des Landes zur Berathung kommen, ſo tra⸗ ten im Kapitel vom Hochmeiſter berufen auch nur die Gebietiger und Komthure des Landes zuſammen und ges meinhin hieß ein ſolches ein Land- oder Provinzial⸗Ka⸗ pitel.) In früherer Zeit unter der Waltung der Land⸗ meiſter war beſtimmt worden, daß bei Verhandlungen uͤber wichtige Gegenſtaͤnde im Kapitel jeder Zeit acht Or⸗ 4) O. Stat. Gew. c. 18. Hennig Stat. des D. O. Beil. nr. I. S. 222. 2) So erſchienen z. B. in dem großen Kapitel, in welchem die Statuten Werners von Orſeln entworfen wurden, außer den Gebie⸗ tigern und Komthuren aus Preuſſen auch der Deutſchmeiſter und der Meiſter von Livland „und mit yn viel ir beyder wegeſten gebietiger.“ Val. die Angabe der Verſammelten im großen Kapitel Pauls von Rußdorf im J. 1422 bei Hennig a. a. O. S. 140. 3) Häufig wurde es auch ſchlechthin „Kapitel“ genannt.
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430 II. Das Ordens-Kapitel. densbruͤder aus Balga und eben fo viele aus Chriſtburg zugegen ſeyn ſollten.) Dieß hatte ſich geaͤndert, ſeit⸗ dem der Hochmeiſter ſeinen beſtaͤndigen Wohnſitz in Preuſ⸗ ſen genommen, denn nun erſchienen regelmaͤßig in ſolchen Kapiteln die fuͤnf oberſten Gebietiger und die vom Hoch⸗ meiſter dazu berufenen Komthure. Das große Ordens-Kapitel wurde in der Regel nur im Haupthauſe des Ordens, des Meiſters Wohnſitz abge⸗ halten, alſo in fruͤheren Zeiten in Akkon, ” nachmals im Haupthauſe zu Venedig) und ſpaͤterhin beſtaͤndig in Ma⸗ rienburg. Zur Zeit der Landmeiſter in Preuſſen war für die Abhaltung der Provinzial-Kapitel die Burg Elbing beſtimmt geweſen, weil ſie damals fuͤr die erſte und vor⸗ nehmſte Burg im Lande galt.“ In Deutſchland hielt der dortige Meiſter die Kapitel gewoͤhnlich in Frankfurt a. M., zuweilen auch in Brotfelden, Mergentheim und andern Orten.) In Rückſicht der Zeit der Kapitels⸗ Verſammlungen war ſchon fruͤher angeordnet, daß regel⸗ maͤßig am Kreuzes-Erhoͤhungstage ein General- Kapitel gehalten werden ſolle und man blieb dieſer Beſtimmung auch ſpaͤterhin getreu.“ Traten jedoch befondere Veran⸗ laſſungen oder Verhaͤltniſſe ein, die eine Berathung der Gebietiger erforderten, ſo wurden haͤufig auch außerdem Provinzial: Kapitel zuſammenberufen. Es geſchah dieß ge⸗ woͤhnlich, wenn ausgeſandte Viſitirer von ihrer Sendung zurückkehrend von ihrem Geſchaͤfte Bericht und Rechen⸗ ſchaft ablegten und Maaßregeln oder Verordnungen uͤber 1) Hennig a. a. O. Beil. nr. I. S. 222. 2) Dort heißt es Magnum generale capitulum ultramarinum; ſ. Hennig a. a. O. 3) Hennig Ord. Stat. S. 120. 4) Hennig a. a. O. Beil. 1. S. 222. 5) Jaeger Cod. diplom. ord. theut. an. 1361. 1379, 1383. 1392, wo dort, wie noch fpäterhin ſolche Kapitel verfammelt waren. 6) Hennig a. a. O. Lindenblatt S. 169. O. Stat. Gew. c. 18. s
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1. Das Ordens: Kapitel: 431 gerügte Mängel und Unordnungen zu entwerfen oder uberhaupt eine Berathung uͤber den befundenen Zuſtand der Ordenshaͤuſer nothwendig war. ) Urſpruͤnglich ſtand es nach dem Ordensgeſetze nur dem Hochmeiſter oder deſ⸗ ſen Statthalter zu, ein großes Ordens⸗Kapitel zu ver⸗ anſtalten und die Landmeiſter oder Landkomthure konnten nur Provinzials Kapitel im Kreiſe der ihnen untergebenen Gebietiger und Komthure halten. 2 Seit Werners von Orſeln Zeit aber hatte auch der Meiſter von Deutſchland das Recht erhalten, nicht nur ein General: Kapitel in Deutſchland zuſammenzurufen, ſondern auch den Hoch⸗ meiſter vor daſſelbe zur Verantwortung und Rechtferti⸗ gung vorzuladen. 9 Ueberhaupt hatte ſeitdem das Ge⸗ neral: Kapitel im Orden eine ungleich höhere Wichtigkeit und Bedeutung erhalten. In ſeiner eigentlichen Bedeutung aufgefaßt, bildete naͤmlich das Ordens⸗Kapitel wie das Organ und den Repraͤſentanten, ſo zugleich auch den Huͤter und Waͤchter des Ordensgeſetzes. Als ſolches ſtand es von alten Zei⸗ ten her ſtets uͤber dem geſammten Orden da. Selbſt der Hochmeiſter, das Haupt des Ordens, war ihm unter⸗ than und in ſeinem Verhalten verantwortlich. Trat es zum Gericht uͤber ihn ſelbſt, auch ohne ſeine Berufung, zuſammen, ſo war er verpflichtet auf erfolgte Vorladung vor ihm zu erſcheinen; ſtellte er ſich nicht zur dritten 1) Darüber ein Schreiben des HM. vom J. 1417, worin er fagt, daß die Ordens Viſitatoren von ihrer Bereifung zuruͤckgekehrt ſeyen und er „die wegeſten unſeres Raths Gebietiger bebottet habe und mit denen eine Ausſatzung muͤſſe thun, zu halten das Kapitel unſers Or⸗ dens.““ Ebenſo war es in Deuſchland, wie der Receß eines Kapitels zu Frankfurt bei Jaeger I. c. an. 1383 ausweiſet. Es fand alſo vor dem Kapitel eine Berathung mit den Gebietigern über die Anſetzung des Kapitels Statt. Der HM. klagt in einem Schreiben, „mit was Mühe und Sorge unſer Kapitel wird gehalten. 2) O. Stat. Gew. c. 18. 3) Stat. Wern. v. Orſeln bei Baczko a. a. O. S. 415.
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432 II. Das Ordens⸗Kapitel. Ladung, ſo ward er als ungehorſam des Meiſteramtes durch das Kapitel entſetzt und ein anderer an ſeiner Stelle erkoren.) Als Organ des Geſetzes uͤbte zunächft das Ordens-Kapitel die Geſetzgebung für den ganzen Dr: den. Der Hochmeiſter konnte zwar die Geſetze mit Bei⸗ rath ſeiner Gebietiger entwerſen; aber ſie galten nur erſt, wenn das große Kapitel fie beſtaͤtigt hatte, denn nur in ihm repraͤſentirte ſich der geſetzliche Wille des geſammten Ordens. Wie uͤberhaupt der Hochmeiſter nur der oberſte Vorſtand, fo war das General: Kapitel der eigentliche Ne: praͤſentant der geſammten Ordensverbruͤderung. Es ach⸗ tete und wachte zugleich auch auf Beobachtung und Aus— führung der gegebenen Geſetze, und in den Provinzial⸗ und Hauskapiteln hatte es feine fortwährenden Organe, denn in den letztern zumal mußten ſeine Beſchluͤſſe, die Ordensregeln und Geſetze den Konventsbruͤdern an jedem Sonntage in einzelnen Theilen vorgeleſen werden.) Bei einem großen Kapitel mußte dieſes, wenn es dem Hoc) meiſter gefiel, mit dem ganzen Ordensbuche geſchehen.“ Einmal gegebene Geſetze und Statuten konnten auch nur 1) O. Stat. Gew. c. 12. Geſetze Gottfrieds von Hohenlohe S. 120; ſ. oben B. IV. S. 320. Es geht daraus hervor, daß ſchon in früher Zeit ein Kapitel auch ohne des Meiſters Berufung zuſammen⸗ treten konnte, vorzuͤglich wenn es eine Sache galt, die den PM. ſelbſt betraf. De Mal I. e. p. 300. 2) Es heißt daher z. B. bei den Geſetzen Konrads von Feucht⸗ wangen bei Hennig g. a. O. S. 117: „Dis ſint die gefeteze die gefatczt und beſtetiget fein in dem bogen capitel von unſerem homeiſter bruder Conrad von vuͤchtewange zeu franckenfort; ferner S. 120: Dis fint die Geſetcze di do geſaczt wurden in dem groſen capitel zeu vene⸗ dige; oder: Deze geſetcze ſaczte bruder werner (von Orſeln) der homei⸗ ſter und beſtetigete ſi mit deme grozen capitulo. Ebenſo bei den Ge⸗ ſetzen der übrigen Hochmeiſter. Bei denen Winrichs von Kniprode heißt es: Wi bruder wynrich von kniprode homeiſter habin mit der gebietigere rathe geſatczt und geordnet in deme grozen capittulo. 3) O. Stat. Geſ. c. 28. 4) Ebendaſ.
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II. Das Ordens-⸗Kapitel. 433 mittelſt eines General⸗Kapitels, nie allein durch den Hoch⸗ meiſter aufgehoben oder auch nur verändert werden.“ Nur durch und in dem großen Kapitel wurden fer⸗ ner die wichtigſten Ordensaͤmter verliehen und in jedem jahrlichen Kapitel mußten die Aemter von den Verwal- tern niedergelegt und Rechenſchaft von der Verwaltung gegeben werden, worauf gewoͤhnlich das Kapitel ihnen die Aemter zu fernerer Verwaltung von neuem uͤber⸗ trug; > fo nicht bloß in Preuſſen, ſondern überhaupt in allen Beſitzungen des Ordens, denn auch die Meiſter von Deutſchland und Livland und die Landkomthure mußten alljährlich ein ſolches Kapitel zu dieſem Zwecke berufen. ? Nur durch das Kapitel und in demſelben geſchah die ei⸗ gentliche Aufnahme und Einkleidung in den Orden; es empfing von dem Eintretenden die Geluͤdde und legte ihm feine Pflichten auf.) Es übte außerdem über den Or⸗ den die oberſte Gerichtsbarkeit. Verſaͤumniſſe oder Ueber⸗ tretung der Amtspflichten, Vergehungen gegen die Or⸗ densgeſetze oder Verbrechen der Ordensbruͤder wurden vor das Gericht des Kapitels gebracht, durch Zeugenverhör 1) Der HM. antwortet dem Deutſchmeiſter einft auf deſſen Un: frage, was in dem angekündigten gemeinen Kapitel vorgenommen wer⸗ den ſolle, Folgendes: Wiewohl mancherleye ſache uns bewegen, eyn gemeyn Capittel zu machen, die uff diſſe czeit nicht not ſeyn czu ſchrei⸗ ben, ſo bewegete uns doch und unſere Gebietiger ſunderlich die ſache der ſtatute, wend vil unſer Gebietiger ſeyn, den es dewcht, das dieſelben ſtatute eynem teile vil meh zu noh gehen denn dem andern, dorus, wurd es nicht gewandelt, vil großes unwillen in unſerm orden in diſſen landen ſich ſtuͤnde zu beſorgen. In dem Kapitel hoffe er mit Rath und Beiſtand der Gebietiger auf ſolche Wege zu kommen, ſolche Statuten ganz abzuthun, zu tilgen und zu vernichten oder ſie alſo zu mäßigen und zu mitteln, daß ſie keinem Theile zu ſchwer ſeyen. 2) O. Stat. Gef. c. 7. In der Viſitationevollmacht v. 1409 heißen jie: Oflicia, que in nostro gencrali capitulo per nos re umi et committi consueta. 3) O. Stat. Erf. c. 7. 8. 4) O. Stat. Geſ. c. 30. Neg. c. 29. vi. 28
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434 11. Das Ordens-Kapitel. genau unterſucht und nach der Wichtigkeit der Sache ge⸗ ruͤgt oder bald milder bald ſtrenger beſtraft.) Es ſprach Gnade und Verzeihung aus oder verhaͤngte Buße und Strafe je nach Beſchaffenheit der Umſtaͤnde und nach dem Geſetze. Und wie das Gericht des Kapitels über den gemeinen Ordensbruder erging, ſobald er das Geſetz ſchwer verletzte, ſo zog es nicht minder die oberſten Gebietiger, die Komthure und alle, die ein Amt bekleideten, zur Un: terſuchung und Straſe, ſobald ſie ihre Aemter nicht ver⸗ walteten, wie ſie es gelobt hatten und das Geſetz es forderte. ? Wie das Kapitel ihnen die Aemter uͤbertra⸗ gen, fo verfuͤgte es auch ohne weiteres ihre Entlaſſung und Abſetzung, wenn ſie den Erwartungen nicht entſpra⸗ chen.“ Da auch das hochmeiſterliche Amt durch die Wahl⸗ herren des Kapitels verliehen wurde, ſo war natürlich, wie ſchon erwähnt, auch das Oberhaupt des Ordens in der Verwaltung ſeiner Amts- und Ordenspflichten ihm verantwortlich und unterlag ſeiner hohen Gerichtsbarkeit. Die Abſetzung des Meiſters Karl von Trier und die des Meiſters Heinrich von Plauen im Ordens-Kapitel des Haupthauſes find thatſaͤchliche Beweiſe von der Gültigkeit feiner Obergewalt und richterlichen Macht Über die Würde des Hochmeiſters. Die Geſetze Werners von Orſeln legten ausdruͤcklich im Falle einer Anklage gegen das Oberhaupt des Ordens dem Meiſter von Deutſchland das Recht bei, zum Gericht uͤber daſſelbe ein Ordens-Kapitel berufen zu dürfen. Ward eine Klage gegen den Hoch— meiſter gerecht befunden, war er ſaͤumig in feinen Pflich⸗ ten, regierte er nach Gunſt oder Haß, folgte er nicht dem beſſeren Rathe der Mehrzahl feiner Gebietiger, fo durften ihn dieſe im Kapitel des Haupthauſes warnen 1) O. Stat. Gef. e. 39. 2) Geſetze Diererichs von Altenburg bei Hennig S. 124. 3) O. Stat. Gef. e. 7. Reg. c. 29. 4) S. oben B. IV. S. 320. Lindenblatt S. 204
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N. Das Drdens:-Rapirel, 435 und zurecht weiſen; hörte er auf ihre Stimme nicht, fo war der Deutſchmeiſter befugt, ihn vor das Gericht eines verfammelten Ordens-Kapitels vorzuladen. Dieſes hatte dann das Recht, den Meiſter ſeines Amtes zu entſetzen, wenn das ihm angeſchuldete Verbrechen erwieſen oder er ſelbſt nicht vor dem Gerichte des Kapitels erſchienen war.) Wollte ein Hochmeiſter aus irgend welchen Urſachen ſei⸗ nem Amte freiwillig entſagen, ſo konnte dieſes nur vor einem verſammelten Kapitel geſchehen, ? dem er feine Be⸗ weggrimde vorlegen und von welchem er auch dann erſt feine Entlaſſung erwarten mußte. Mit dieſer hohen Wichtigkeit der Verhandlungen im Ordens: Kapitel war ſtets eine gewiſſe feierlichernfte Hal⸗ tung der ganzen Verſammlung verbunden. Mit einer Meſſe ward es begonnen; jeder in den Kapitelſaal Ein⸗ tretende mußte ſieben Paternoſter beten, ? und mit Ge: bet ward es beſchloſſen.“ Der Hochmeiſter, auf einem erhabenen Sitze,“ eröffnete und leitete die Berathung; die verſammelten Gebietiger und uͤbrigen Ordensbruͤder ſaßen rings umher. Wer eine Strafe abzubuͤßen hatte, war von den andern Bruͤdern getrennt.“ Keiner durfte über fremdartige Dinge reden; nur über Angelegenheiten des Ordens, uͤber ſeine Geſetze, Ordnungen u. dgl. war 1) Statut. Werners v. Orſeln a. a. O. vgl. die Erzählung von Heinrichs von Plauen Abſetzung bei Lindenblatt a. a. O. De Nat I. e. p. 125 ſagt: Suirant le sens du statut, le droit quavvit le chapitre de eiter Je Grand- Maitre, s’etendoit a tous les cas, ou il auroit pü faire quelque chose de contraire à son devoir; on peut juger que on avoit usé plusieurs fois de ee droit, puisqu'il est parle de citations faites de la maniere aceoutumee (gewöhnliche Ladung.) 2) S. oben B. IV. S. 173 — 174. 3) Vgl. Münter a. a. O. S. 224. 4) O. Stat. Geſ. c. 2. Gew. e. 2. 5) Nach dem Treßler- Buch. 6) Geſetze Diet. von Altenburg a. a. O.
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436 II. Das Ordens-Kapitel. zu ſprechen erlaubt.) Entſchieden wurde nach der Mehr: heit der Stimmen; jeder hatte Stimmrecht. Bei getheil⸗ ten Meinungen gab der Meiſter oder Statthalter fuͤr den beſſern Theil den Ausſchlag.“ Was im Kapitel verhan⸗ delt wurde und beſchloſſen war, durfte kein Ordensbru⸗ der fremden Leuten verrathen; es war eines der erſten Verſprechen, welche der in den Orden Eintretende abzu— legen hatte, daß er Dinge des Kapitels und des Meiſters heimlichen Rath nie andern mittheilen wolle. Wer dieſes Geluͤbde brach, verfiel in die ſchwerere Schuld und buͤßte fie mit der Jahrbuße.) Das Geſetz ſpricht zus weilen von der Heimlichkeit des Kapitels; ) es iſt zwei— felhaft, ob darunter uͤberhaupt nur die geheim gehaltenen Berathungen und Beſchlüͤſſe des Kapitels oder vielleicht geheime Satzungen und Gebraͤuche in Beziehung auf ge— wiſſe Myſterien verſtanden ſeyn moͤgen. Man hat dar⸗ uͤber keine ſichere Kunde, weil nie ein Weltlicher oder Fremdling in das Kapitel zugelaſſen wurde.“ Uebrigens führte das Ordens-Kapitel fein eigenes Siegel, des Na: pitels Bulle genannt.) I) Hennig Ord. Statut. Beil. I. S. 222: Fratres in copi- tulo de ordine et consuetudinibus rarionabiliter loquentes a pre- latis suis non corripiantur inepte. 2) O. Stat. Reg. c. 29. 3) O. Stat. Geſ. c. 30, S. 93. Ebenſo Hei den Templern, ſ. Muͤnter S. 226. 248 — 249. 4) O. Stat. Geſ. c. 45. 5) O. Stat. Geſ. c. 45. 6) O. Stat. Gef, e. 40. 7) Hennig Ord. Statut. S. 30, De Wall. c. p. 307. Wahr⸗ ſcheinlich ſind dieſes auch die Bullen des Kapitels, wovon O. Stat. Gew. 4. 19 die Rede iſt und deren ſorafältige Verwahrung anem⸗ vfoblen wird.
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III. Großaͤmter des Ordens. 437 III. Großaͤmter des Ordens. General: Kapitel des Ordens oder große Kapitel: Verſammlungen fanden gemeinhin nur einmal im Jahre oder nur in außerordentlichen Faͤllen Statt. Darum ſtan⸗ den dem Hochmeiſter ſtets gewiſſe oberſte Gebieriger ” zur Seite, die zur Berathung über die naͤchſten Verhaͤltniſſe des Ordens und der Landesverwaltung ſeinen engern Rath bildeten; naͤmlich der Großkomthur, der Oberſt⸗Marſchall, er Oberſt⸗Spittler, der Oberſt⸗Trappier und der Ordens⸗ Treßler. So folgten ſie in der Rangordnung. Ein Mit: telglied zwiſchen ihnen und dem Hochmeiſter bildeten die beiden Meiſter von Deutſchland und Livland, zwar eben⸗ falls haͤufig mit unter den oberſten Gebietigern des Or⸗ dens begriffen und oſt auch alſo genannt, aber nicht zu dieſem dem Hochmeiſter nahe ſtehenden Rath gehoͤrend. Sie griffen in die Verhaͤltniſſe und Verfaſſung des Or— dens in Preuſſen nur ſelten, meiſt bloß in außerordent⸗ lichen Fallen mit ein, und nur wenn der Hochmeiſter ih: res Rathes und Beiſtandes bedurſte oder ein General : Ka pitel im Haupthauſe verſammelt werden ſollte, rief man ſie herbei. Eine klare Einſicht über die Stellung jener fünf oberſten Gebietiger im Orden und uͤber den Umfang ih⸗ res Geſchaͤftskreiſes und ihrer amtlichen Thaͤtigkeit laßt ſich nur dann gewinnen, wenn man ſie einer Seits als Ordensbeamte und anderer Seits als Verwaltungs beamte betrachtet, denn darin hauptſaͤchlich liegt das Eigenthuͤm⸗ 1 Die Bezeichnung „oberſte Gebietiger! umfaßt bald nur die fünf Verwalter der Großämter, bald auch die zwei Landmeiſter von Deutſchland und Livland. Mit unrecht will De Hall. c. p. 9 die beiden Wörter trennen und unter Oberſten dieſe beiden Meiſter und unter Gebietiger jene fuͤnf Verwalter der Großämter verſtehen. 2) Deshalb berühren wir fie auch nur im Allgemeinen; eme aus führtihe Auseinanderſetzung ihrer Verhaͤltniſſe und ihrer Stellung zum HM. gehört einer allgemeinen Geſchichte des geſammten Ordens an.
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438 III. Großaͤmter des Ordens. liche der hoͤheren Ordensaͤmter, zu welchen auch die der Komthure gehoͤren, daß ſie nicht bloß Aemter in und fuͤr die Verhaͤltniſſe des Ordens als einer fuͤr ſich daſtehen⸗ den ritterlichen Bruͤderſchaft, ſondern immer zugleich auch Aemter fuͤr die vom Orden ausgehende Landesverwaltung waren. Beruͤckſichtigen wir fie hier zunaͤchſt nur in erſte— rer Beziehung. Die Anordnung dieſer Großgebietiger geht bis in die fruͤhſten Zeiten zuruͤck und iſt ohne Zweifel fo alt als der Orden ſelbſt.) Sie erhielten ſaͤmmtlich ihre Aemter durch die Wahl des Kapitels und die Zuſtim⸗ mung des Hochmeiſters und konnten auch nur durch den Beſchluß beider ihrer Aemter entlaſſen werden.“ Von beiden gewaͤhlt durften ſie die Uebernahme eines Amtes nicht verweigern. Sie mußten, wie ſaͤmmtliche übrige Beamten (mit Ausnahme der Meiſter) nach Jahresverlauf ihre Aemter aufgeben und konnten ſie dann nur ferner verwalten in Folge einer neuen Verleihung.“ Erfolgte dieſe nicht, fo traten fie als bloße Konventsbruͤder in ei: nen Konvent zurück, oder fie wurden, was nicht ſelten ge⸗ ſchah, in ein minder bedeutendes Amt verſetzt, ) wie 1) De Wal 1. c. p. 313. 2) O. Stat. Gew. c. 8. Gef. c. 7. Auch der Kaſtellan von Starkenberg, einer Ordensburg im Morgenland, wurde durch das Ka⸗ pitel und den HM. gewaͤhlt. In den Geſetzen Konr. v. Erlichshauſen bei Hennig S. 155 kommt vor „ein Gebietiger oder Bruder, der zu dem großen Silber ſitzt“, wahrſcheinlich ebenfalls eine Bezeichnung für einen oberſten Gebietiger. 3) O. Stat. Gew. c. 18. De Wal T. II. p. 30. 4) De Wall. e. Dieß geſchah nicht bloß in ſolchen Fällen, wo man mit der Amtsverwaltung eines Beamten nicht zufrieden war, ſon⸗ dern auch überhaupt, wenn es dem HM. und Kapitel für das Intereſſe des Ordens nuͤtzlich ſchien oder perſoͤnliche Verhaͤltniſſe eines Beamten, 3. B. Alter, Kränklichkeit eine Amtsveraͤnderung wuͤnſchen ließen. De Wal bemerkt ganz richtig: Personne ne murmuroit de ces »hangements, parceque labdication annuelle rappelloit sans resse aux freres, qu'en vertu de leur voeu de désappropriation, ils n’avoient aucun droit a la chose, et que celui de l'obeis-
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III. Großämter des Ordens. 439 z. B. der Großkomthur Wilhelm von Helfenſtein im Jahre 1404 mit dem Komthuramte in Graudenz bekleidet wurde. An Verletzung und Schmaͤlerung der Ehre war in ſolchen Fallen nicht zu denken; aber das Weile und Wohlthaͤtige dieſer Einrichtung leuchtet wohl von ſelbſt ein. Ihre Aemter und ihre hohe Stellung brachten ih⸗ nen gewiſſe Vorrechte und Vorzuͤge, denn „als die ober⸗ ſten Gebietiger des Meiſters“ waren ſie in manchen Ver⸗ haͤltnniſſen nicht in dem Maaße, wie der gewoͤhnliche Or⸗ densbruder, an die ſtrengen Regeln und Geſetze des Or⸗ dens gebunden. Aber ſie hatten dagegen auch hoͤhere Pflichten und Obliegenheiten. Obgleich nur zwei von ih⸗ nen, der Großkomthur und Ordens⸗Treßler in des Hoch⸗ meiſters unmittelbarer Umgebung im Haupthauſe ſelbſt wohnten, ” fo wurden fie doch in allen beſonders wichti⸗ gen Angelegenheiten vom Meiſter bald muͤndlich, bald fehriftlih um Rath befragt und dieſer unterließ es nie, in Dingen von irgend bedeutendem Belang zuvor ihr Gut⸗ achten zu vernehmen. Sie griffen alſo insgeſammt in ihrer Wirkſamkeit im Allgemeinen ſowohl in die Geſtal⸗ tung der politiſchen Verhaͤltniſſe des Ordens gegen das Ausland, als in die Richtung und Ordnung der innern Angelegenheiten deſſelben thaͤtig ein und bildeten ſonach gewiſſermaßen, wenn man in neuerer Sprache reden will, das hochmeiſterliche Miniſterium, denn außerdem hatte ins⸗ beſondere jeder von ihnen noch ein eigenes, ihm zugewie⸗ ſenes Departement zu feiner Verwaltung, für welches er beſonders verantwortlich war und deſſen Geſchaͤſtsverhaͤlt⸗ niſſe von ihm geleitet werden mußten. Bei keinem aber sance etojt pour eux une loi saeree qui les obligeoit de se sou- mettre a la volonté de leurs superieurs. 1) Vgl. daruber De Wal I. c. p. 32. 2) In fruͤherer Zeit im Morgenland und in Venedig ſcheinen die oberſten Gebietiger meiſt immer im Haupthauſe mit dem HM. verei⸗ nigt geweſen zu ſeyn.
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440 III. Großaͤmter des Ordens. darf an ein ihm von ſeiner Amtsverwaltung zufließendes beſonderes Einkommen oder an irgend etwas der Art ge: dacht werden, was man Beſoldung oder Gehalt nennen koͤnnte; ) denn alle Ordensaͤmter vom oberſten an bis zum geringſten mußten von den Ordensbruͤdern immer un⸗ entgeldlich bekleidet werden, und nur eigentlich was Die: nerfchaft hieß oder im eigentlichen Dienſte des Hochmei⸗ ſters oder eines Gebietigers ſtand, genoß einen verhält: nißmaͤßigen Lohn. Uebrigens hatte ſich in den Amtsver⸗ haͤltniſſen der genannten oberſten Gebietiger, wie man ſie im Ordensbuche in Beziehung auf die Lage der Dinge im Morgenland angedeutet findet, für ihre Stellung in Preufs fen manches merklich umgeſtaltet? und der Kreis ihrer amtlichen Thaͤtigkeit und Verpflichtungen bei allen ſich bez deutend erweitert. Betrachten wir ſie einzeln, ſo ſtand im Range obenan 1. Der Großkomthur. Seine Wuͤrde beſtand unzweifelhaft ſchon im Mor⸗ genland; ) ſchon damals war er beſtaͤndig in des Hoch⸗ 1) Als eine Art van Gratification erhielt der Großkomthur Wil: helm von Helfenſtein, als er ins Komthuramt von Graudenz abging, „zu feiner Nothdurft“ 29 Mark. Treßler-Vuch p. 146. 2) Manches, was in den Statuten über die Amtsverhaͤltniſſe der Gebietiger geſagt iſt, paßt durchaus nur auf ihre Stellung im Mor⸗ genland; z. B. O. Stat. Gew. c. 27: Der Großkomthur ſolle die Aufſicht führen über „die kemmeline“ oder Kameele, oder c. 44: er und der Marſchall follten „einen turkeman“, ein Tuͤrkiſches Pferd ha⸗ ben ſtatt eines Maulthieres. 3) De Wal T. I. p. 314 fagt: Le Grand- Commandeur n'étoit originairement que le premier oficier du couvent d’Acre, Sein Titel war damals pracceptor oder auch magnus Praeceptor; dieß geht ſchon aus einer Urkunde vom J. 1208 hervor, wo unter den Zeugen unmittelbar nach dem HM. folgt frater Gerardus preceptor und dann frater heuricus marescalcus und in einer andern Urk. vom 3. 1215: frater drabedo de utinge tune Preceptor. Cod. diplom. 1. C. 12 p. 30 nr. LXVI im geh. Staatsarchiv zu Berlin.
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III. Grofßämter des Ordens. 441 meiſters Umgebung und als dieſer nachmals ſich ins Abend⸗ land begab, blieb jener dort lange Zeit des Meiſters Statthalter.) In Preuſſen war ſein Wohnſitz ſtets in der hochmeiſterlichen Hofburg, weshalb er auch mehr als jeder andere in alle Verhaͤltniſſe des Ordens eingeweiht und mit des Meiſters Amtsgeſchaͤften aufs genaueſte be⸗ kannt wurde. ) Entfernte ſich daher dieſer auf längere Zeit aus dem Haupthauſe zu Reiſen außerhalb des Dr⸗ densgebietes, ſo ernannte er mit des Kapitels Zuſtimmung häufig den Groffomthur zu feinem Stellvertreter, wie⸗ wohl geſetzlich vom Meiſter und Kapitel auch der Ordens⸗ marſchall oder ein anderer Ordensbruder als ſolcher ein⸗ geſetzt werden konnte. Bei eines Hochmeiſters Tod wurde gewoͤhnlich, doch nicht immer, der Großkomthur vom Kapitel zum Statthalter erwaͤhlt und er fuͤhrte dann die Regentſchaft meiſt mit Beirath der andern oberſten 1) Wir finden den Großkomthur als Statthalter noch ziemlich lange im Morgenlande. In einer Urk., dat. in civitate Accon a. d. 1236 die X intrante Mense Augusti wird genannt frater Lutolfus mag- nus preceptor nune et vice et loco magni magistri sauete domus hospit. b. Marie theut, de ierusalem. Eine andere Urk. vom J. 1239, ausgeſtellt vom frere Bertram de comps, Maitre de la sain- te maison del hospital de sen Johan de jerusalem et garder des poures de crist nennt den Großkomthur frere Lutol. venerable grant comandaor et en loc de maestre de la maison del Hospi- tal de notre dame des alamans de ierusalem, und in einer im Morgenland von Hartmann von Heldrungen im Nov. 1961 abgefaßten Urkunde nennt ſich dieſer: Nos Frere Ilarteman de Helderunge grant Comandeor de la sainte maison del IIospital de notre dame des Alemanz, tenant luee de maitre. Dieſe Urkunden im Cod. diplom. I. C. 12. p. 29. 32. 155, 2) De Wal T. I. p. 303 nennt ihn daher le premier ministre du Grand - Maitre. 3) O. Stat. Gew. o 209. De Wal I. c. p. 314 — 315. Als einft der HM. in Litthauen war, nannte ſich der Groskomthur in ei⸗ nem Briefe an den Komthus von Ragnit: Groſkompthur an des homeiſters ſtat.
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442 III. Großaͤmter des Ordens. Gebietiger bis zur neuen Meiſterwahl.. Da er immer zugleich auch der eigentliche Komthur des Ordenshaupt⸗ hauſes, in Preuſſen alſo Komthur des Hauſes Marien⸗ burg war, ſo nahm jeder Zeit ein zwiefaches Amt ſeine Thaͤtigkeit in Anſpruch. Weil ſich im Haupthauſe ſtets auch der Ordensſchatz befand, ſo fuͤhrte er daruͤber mit dem Treßler als dem eigentlichen Schatzmeiſter die Ober⸗ aufſicht, weshalb auch alles, was dieſen Schatz oder uͤber⸗ haupt die Finanzverwaltung betraf, nur mit des Groß⸗ komthurs Mitwiſſen und Genehmigung geſchehen konnte.“ Zu ſeiner Amtsverwaltung gehoͤrte ferner die Aufſicht uͤber Magazine und Getreidevorraͤthe ſowohl im Haupthauſe ſelbſt, ) wo fie oft ſehr bedeutend waren, als in andern Ordensburgen und Städten, wo der Meiſter zum Getrei— dehandel haͤufig Magazine anlegte. Auch dieſer Handel ward zunaͤchſt von ihm geleitet, weshalb auch das Schiffs⸗ weſen unter feiner Verwaltung fland. 9 Er theilte mit dem Marſchall die Oberaufſicht uͤber ſaͤmmtliche Ordens⸗ burgen, indem ſie ihre nothwendigen Beduͤrfniſſe, die ſie nicht ſelbſt beſchaffen konnten, durch ihn zugewieſen er⸗ hielten, weshalb er auch jedes Jahr alle Burgen des Lan⸗ des bereiſte und von den Komthuren und Amtleuten ſich Rechnung legen ließ.) Die Beiſchaffung dieſer Bedürf- niſſe geſchah auf feine Anweiſung durch den Großſchaͤffer, den er in ſein Amt einzuweiſen hatte; doch trug er ſelbſt die Verantwortung, denn fobald Verſaͤumniſſe dabei vor: fielen, konnte gegen ihn beim Meiſter geklagt werden. 1) S. oben B. V. S. 567 ff. 2) Das Naͤhere hieruͤber ſpaͤterhin, wenn von der Finanzverwal⸗ tung und dem Schatzweſen des Ordens die Rede ſeyn wird. 3) Marienburgif. Aemterbuch. 4) O. Stat. Gew. e- 27. 5) O. Stat. Gew. c. 27. In einem ſpaͤtern Reform-Entwurf mehrer Statute heißt es: Das Jor jerlich von dem Großkumpthur of allen unſers Ordenshewßern werde von allen kumpthuren und ampt⸗ lewten dy Rechenſchaft entpfaen.
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III. Großaͤmter des Ordens. 443 Fuͤr eine gewiſſe Anzahl von Ordenshaͤuſern war dieſes Amtsgeſchaͤft dem Marſchall zugewieſen. Beide vertraten fi daher auch gegenſeitig in ihren amtlichen Verhalt⸗ niſſen, ſo daß der Großkomthur, ſobald der Marſchall in ſeiner amtlichen Thaͤtigkeit irgendwie verhindert war, ſelbſt die Angelegenheiten des Kriegsweſens leitete, wohl auch ein Kriegsheer ins Feld führte.“ Er hatte daher auch die Aufſicht über das |. g. Schnitzhaus, wo man die Vor⸗ raͤthe von Armbruͤſten, Loth- und Steinbuͤchſen und andere Kriegsbeduͤrfniſſe aufbewahrte und auf des Großkomthurs Anweiſung dem Marſchall lieferte, was er bedurfte. In Beziehung auf das Ordenshaupthaus lagen ihm alle amtlichen Geſchaͤfte und Verpflichtungen ob, wie ſonſt einem Komthur in feinem Amtsbezirke, nur daß der Treß⸗ ler ihm in einigen Geſchaͤften zur Hand ſtand. Als Kom⸗ thur der Hofburg hatte er zugleich den geſammten Har⸗ niſch unter ſich und vertheilte aus deſſen Beſtaͤnden die noͤthigen Ruͤſtungen an die Ritterbruͤder, worüber er ein genaues Verzeichniß hielt.“ Es war ihm ferner die Sorge für die Firmarie, die Wohngemache der Kranken, die Pflege der ſiechen und alterſchwachen Ordensbruͤder und die Aufſicht uͤber das Hospital des Haupthauſes uͤber⸗ tragen; er mußte für aͤrztliche Behandlung und zweck— mäßige Beſpeiſung der Kranken forgen. 9_ Er führte die Mitauffiht über das Hauptarchiv oder, wie es damals hieß, die Briefkammer des Ordens im Haupthauſe, zu welchem er, der Hochmeiſter und Treßler drei verſchiedene Schlͤͤſſel hatten, fo daß keiner ohne den andern ein wich⸗ tiges Dokument daraus entnehmen konnte.“ Unter ihm 1) O. Stat. Gew. c. 22. 29. 2) O. Stat. Gew. c. 27. 3) Marienburgiſ. Aemterbuch. 4) O. Stat. Geſ. c. 14. Reg. C. 6. 5) O. Stat. Gew. c. 19. Ohne Zweifel hatte der Großkomthur auch die Anſtellung der Archivs⸗Beamten, wenigſtens der niederes Ran:
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444 III. Großaͤmter des Ordens. und dem Hauskomthur, dem ihm zunaͤchſt untergebenen Amtsgehuͤlfen in der Verwaltung der Hausangelegenheiten, ſtanden alle übrigen Hausbeamten, wie wir ſie nachher in jedem Konvente kennen lernen werden, ebenſo auch ſaͤmmt⸗ liche Ritter⸗, Prieſter- und Pfaffenbruͤder, ſowie das ganze Hof: und Hausgeſinde. Er hatte eine ziemlich zahlreiche Dienerſchaft,“) außerdem wie jeder andere Komthur einen Ritterbruder als Kompan zu feiner beſtaͤndigen Veglei⸗ tung? und einen Ordensbruder zu feinem naͤchſten Dien⸗ ſte. Hinderten allgemeine Angelegenheiten des Ordens feine amtliche Thaͤtigkeit als Komthur des Hauptbauſes, ward er z. B., wie oft geſchah, als Geſchaͤftstraͤger zu wichtigen Verhandlungen ins Ausland geſandt, wozu man ihn wegen ſeiner genauen Kenntniſſe der Verhaͤltniſſe des Ordens immer am liebſten waͤhlte, “ fo trat in feine Amtsverwaltung des Hauſes gewoͤhnlich ſein Hauskomthur als Stellvertreter ein. Auf wichtigen Verhandlungstagen mit den nachbarlichen Fuͤrſten war er gewohnlich in des Meiſters Begleitung und wirkte dann immer tbaͤtig auf ges; denn fo ſchreibt z. B. im J. 1445 der Vogt von Stuhm an ihn: Ouch bitte ich, gnediger lieber her Großkumpthur, umb eynen jungen, das der alda zu Marienburg in die briffkammer kommen mochte. Daß die Briefkammer das eigentliche Archiv bedeutete, erſehen wir aus ei⸗ nem alten Verzeichniſſe von Urkunden, die, wie es darin heißt, in der Briefkammer zu Marienburg niedergelegt und aufbewahrt wurden. 1) O. Stat. Gew. c. 27. Marienb. Aemterbuch und Treßler⸗ Buch; es gehoͤrten dahin, die Schreiber, Kaͤmmerer, ein Pferdemar⸗ ſchall, Knechte, Jungen, Withinge u. ſ. w. 2) Die Kompane des Großkomtburs kommen ſelten vor. Daß es aber ſolche gab, beweiſet z. B. eine Verſchreibung des Großkomthurs Werner von Orſeln vom J. 1323 im Verſchreib. Buch nr. 4, worin Friederich von Eſpenfeld als Kompan deſſelben genannt wird. 3) Man findet den Großkomthur bald in Hanſeatiſchen Verhand⸗ lungen in den nordiſchen Seeſtaͤdten, im J 1424 in einer diplomatiſchen Sendung beim Koͤnige von Daͤnemark, bald in andern Ordensangele⸗ genheiten in Breslau, Krakau u. ſ. w. Briefe des Großkomthurs Schiebl. I. XX. nr. 81 — 84.
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III. Grofämter des Ordens. 445 die Berathungen ein. Als Ordensbeamter fuͤhrte er wie jeder Gebietiger und Komthur ſein beſonderes Amts⸗ ſiegel, womit er wichtige Beſchluͤſſe und Verhandlun⸗ gen ſowohl in Verhaͤltniſſen des Auslandes als den In⸗ landes, ebenſo wie die uͤbrigen oberſten Gebietiger, mit bekraͤftigen mußte und zwar immer zunächft nach dem Hoch⸗ meiſter. In ſeiner gewöhnlichen Lebensweiſe war er wie jeder der uͤbrigen Gebietiger den allgemeinen Vorſchriften und Geſetzen des Ordensbuches unterworfen, denn obgleich der ſ. g. Speiſekomthur zunaͤchſt unter ſeiner Aufſicht ſtand, ſo genoß er an den Konventstafeln doch die naͤm⸗ liche Speiſe der gemeinen Ordensbruͤder; ? nur wenn er Gaͤſte bewirthete oder Arme ſpeiſen wollte, war ihm mehr als gewöhnlich geſtattet.! Seine übrigen Bevürfnifle, etwa auf Reiſen oder wenn er den Hochmeiſter begleitete, wurden aus der hochmeiſterlichen Kaſſe beſtritten und auf feine Anweiſungen vom Treßler Zahlung geleiſtet.) Uebri⸗ gens beſaß auch er nichts der Art, was in irgend einer Beziehung als ſein Eigenthum haͤtte betrachtet werden koͤnnen. 2. Der Oberſt-Marſchall. Der Oberſt-Marſchall oder, wie er auch genannt wird, der Marſchall des Deutſchen Ordens,“ ſtand mit dem Großkomthur, wie ſoeben erwaͤhnt, in manchen amtli⸗ chen Beruͤhrungen. Sein Amt, ſchon in den fruͤhſten Zeiten 1) Eine Beſchreibung dieſes Siegels in m. Geſch. Marienburgs S. 83; vgl. damit De Wal T. I. p. 310 — 317. 2) O. Stat. Gew. c. 54. 58. 3) O. Stat. Gew. c. 55. AM Treßlec⸗Buch p. 148. 5) Auch wohl „der Homarſchalk des ordins“ d. h. der hohe Mar⸗ ſchall; fo Ark, von 1351 Schiebl. XX XIII. ar. 5.
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446 III. Großaͤmter des Ordens. im Morgenland vorhanden,) war in Preuſſen nachmals ebenfalls ein zwiefaches. Er ſtand eines Theils dem Or⸗ denshauſe Königsberg, wo fein Wohnſitz war, als Kom⸗ thur vor und hatte in dieſer Beziehung alle Amiegeſchaͤfte und Verpflichtungen eines Komthurs in ſeinem Konvente und dem ihm zugewieſenen Bezirke; andern Theils aber führte er die Oberaufſicht und Verwaltung des geſamm⸗ ten Kriegsweſens; er war der eigentliche Feldherr des Or⸗ dens. In dieſem Amtsverhaͤltniſſe waren alle Ritterbruͤ⸗ der, ſelbſt die uͤbrigen oberſten Gebietiger und in man⸗ cher Hinſicht auch der Großkomthur ihm Folgeleiſtung und Gehorſam ſchuldig. Es gehörte zu feinem Amte, die noͤthigen Befehle zur zweckmaͤßigen Bewehrung und Be- feſtigung der Ordensburgen zu ertheilen, auf ihre Aus⸗ führung zu ſehen, die noͤthigen Anſtalten zur gehörigen Ruͤſtung und Anordnungen zur Zubereitung und Erhal- tung der zum Waffendienſte gehörenden Geraͤthſchaften zu treffen, Pferde und Maulthiere zu vertheilen u. ſ. w. ® Unter feiner Aufſicht ſtanden daher ſehr zahlreiche Be⸗ ſtände von Geſchütz, Wafſen, Ruͤſtungen und Kriegsge⸗ raͤthſchaften jeglicher Art; 9 ihm waren die Sattelhaͤuſer, 1) Schon in einer im J. 1196 in Akkon abgefaßten Urkunde kommt ein Johannes mareschalcus des D. Ordens vor; in einer andern vom J. 1215 wird unter den Zeugen erwaͤhnt ein frater Ludovicus de horflegow e tune marescaleus des D. O. Im J. 1240 bekleidete Gerhard von Malberg dieſes Amt im Morgenland, wo er damals zu⸗ gleich Statthalter des HM. war; denn in einem urkundlichen Ver⸗ trage, den der frater Petrus de veteri privata dei gracia sancte domus hospitalis Jerusalem Magister humilis et pauperum eristi custos et conventus eiusdem domus mit Gerhard von Malberg ab: ſchließt, nennt er dieſen Gerardum de Malbergk mariscalcum do- mus theutonicor. locum magistri tenentem. Dieſe Urkunden ſte⸗ hen im Cod. diplom. I. C. 12 p. 27. 30. 31 im geh. Staatsarchiv zu Berlin. 2) O. Stat. Gew. c. 20. 23. 3) O. Stat. Gew. c. 20. 4) Aemterbuch im geh. Arch.
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III. Großaͤmter des Ordens. 447 Harniſchkammern oder Zeughaͤuſer, Schmieden, Karwane oder Schirrhaͤuſer und Wagenhaͤuſer anvertraut, uͤber die er durch andere Ordensritter als ſeine Unterbeamten die noͤthige Aufſicht führen ließ. 9 Aus dem zunaͤchſt unter dem Großkomthur ſtehenden Schnitzhauſe durfte er neh⸗ men, was zur Bewaffnung der Ordensritter erforderlich war. > Bei dem allen beſchraͤnkten ihn jedoch beſtimmte Geſetze. Mit dem vom Ordens-Treßler entnommenen Gelde durfte er keine andern Beduͤrfniſſe als nur die ſei⸗ nes Kriegsamtes, alſo nicht die ſeines Komthuramtes be⸗ ſtreiten. Ohne des Hochmeiſters Erlaubniß konnte er Fremden nichts vom Harniſch geben oder leihen, außer etwa einen Sattel und einiges andere von minderem Wer: the. Pferde aus dem Karwan durfte er andern hoͤch⸗ ſtens nur auf etliche Tage uͤberlaſſen. Der Ankauf der nöthigen Streitroſſe konnte von ihm nur mit des Mei: ſters Erlaubniß geſchehen, ſobald nicht Schaden bei Ver⸗ ſaͤumniß zu beſorgen war. Erſt wenn er dem Hochmei⸗ ſter die Ausleſe aus den angekauften Roſſen anheimge⸗ ſtellt, konnte er die übrigen unter die Ordensritter ver⸗ theilen.) So daheim in der Verwaltung des Kriegs⸗ amtes. Zog das Kriegsheer ins Feld, ſo ſtand ihm der Marſchall als oberſter Führer und Feldherr vor; alles war ſeinem Befehle unterworfen; ſelbſt der Hochmeiſter, wenn er zugegen war, ſtellte haufig alles den Anordnungen des Marſchalls anheim; nur der Angriff auf den Feind durfte in dieſem Falle nicht ohne des Meiſters Einwilligung ge- ſchehen, ſofern nicht Gefahr im Verzuge war. In Feldlager hatte der Marſchall ſelbſt bei des Großkom⸗ 1) O. Stat. Gew. c. 20. 28. 2) O. Stat. Gew. C. 28. 3) O. Stat. Gew. c. 22. 4) O. Stat. Gew. c. 24. 20 50 O. Stat. Gew. c. 25.
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448 III. Großämter des Ordens. thurs Gegenwart, wenn der Meiſter abweſend war, das Vorrecht, einen Kriegsrath zu berufen oder ein Kriegska: pitel zu halten, in welchem ſeine Stimme die gewichtigſte war. In ſeiner Abweſenheit berief der Großkomthur die Kriegsberathung.) Der Marſchall uͤbte ferner im Felde das ſ. g. „Reiſegericht“ oder Kriegsgericht, dem nicht nur alle Ordensritter, ſondern meiſt auch die fremden Huͤlfs⸗ voͤlker und Soldner untergeben waren; jedoch find wir über die Kriegsgeſetze, nach denen gerichtet ward, nicht weiter unterrichtet.“ Sn feiner naͤchſten Begleitung war ein Fahnenführer, im Kriegsfelde oft auch zwei. Ueber die leichte Reiterei ſetzte er mit des Meiſters Zuſtimmung einen beſondern Anführer, den Turkopelier, dem die ans dern untergeben waren. Die Komthure mußten im Kriegsfelde unbedingt alles ausfuͤhren, was der Marſchall und das Kriegskapitel ihnen übertrug und zu allem, was fie gegen den Feind unternehmen wollten, des Marſchalls Erlaubniß erbitten. Es ſtand ihm uͤbrigens auch das Recht zu, etliche weltliche Leute, die ſich ihm beſonders empfohlen oder im Kriege ſich Verdienſte erworben hatten, an die Firmarie⸗ tafel ſeines Hauſes zu nehmen und ſie befpeifen zu lafs fen. ? Es begleitete ihn beſtaͤndig ein Ritterbruder als ſein Kompan; das Geſetz erlaubte ihm zu ſeinem Dienſte noch einen andern Ritter, außerdem auch einen Unter⸗ marſchall, den er wahrſcheinlich nur zuweilen als ſeinen Stellvertreter erwählte. ? Während feiner Abweſenheit 1) O. Stat. Gew. c. 28. 2) Ueber dieſes „Neiſegericht“ des Marſchalls geben die Ordensgeſetze keine Auskunft; wir finden ſeiner aber in Urkunden erwähnt; ſ. oben B. V. S. 504 — 505. 3) O. Stat. Gew. c. 20. 43. De Wall. c. T. I. p. 110 fagt: Le Turcopolier étoit le commandant de la cavalerie legere. vol. Hennig Ord. Statut. S. 303. 4) O. Stat. Gew. c. 25. 5) O. Stat. Gew. . 20. 42.
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Il. Großaͤmter des Ordens. 449 von feinem Haufe führte, wie in allen Ordenshaͤuſern, ſein Hauskomthur die eigentliche Haus⸗ und Amtsverwal⸗ tung. Zu Geſchaͤften und Reiſen ins Ausland konnte er jedoch ſchon ſeines Amtes wegen nur ſelten gebraucht wer⸗ den; nur bei Verhandlungen mit den nachbarlichen Fuͤr⸗ ſten begleitete er haͤuſig den Hochmeiſter oder leitete ſie auf deſſen Auftrag und Vollmacht oft auch ſelbſt allein. Zu allen wichtigen Verträgen und Beſchluͤſſen war jeder Zeit auch fein Zeugniß und Amtsſiegel erforderlich. N 3. Der Oberſt-Spittler. Das Amt des Spittlers war ohne Zweifel das oͤl⸗ teſte, denn noch bevor der Orden als ſolcher da ſtand, finden wir im Deutſchen Hospital zu Jeruſalem einen Aufſeher uͤber die Krankenpflege unter dem Namen eines Spittlers.) Nicht ohne Stolz ruͤhmte es oft der Orden auch noch in ſpaͤterer Zeit, daß er in der Pflege der Kranken ſeine erſte Begruͤndung gefunden, weshalb ſie auch ſtets im ganzen Orden als eine der wichtigſten Pflichten betrachtet wurde und jeder in den Orden Eintretende das Geluͤbde dieſer mildthaͤtigen Tugend ablegen mußte.) Weil 4) De Wal J. c. p. 320. 2) Im Cod. diplom. I. C. 12. p. 49 im geh. Staatsarchiv zu Berlin befindet fid, eine Urkunde des Königes Veit von Lüfignan (Gui⸗ do de Lysanä. Rex nobilis Jerosolimitanus et Sibilla nobilis Regina uxor mea legittima) mit der Angabe: Factum est anno ab incarnat. dni M. C. LXXXVI. Indictione V. VII dies Marcii, worin der Koͤnig ſagt: Quod nos recepimus centum et XI Marcas argenti de domo hospitalis beate Marie theotonicorum per ma- num fratris Severini, qui in illo tempore predicte domus hospi- talarius erat. In einer andern Urkunde, dat. Accon a. d. 1208 mense Septembr. kommt vor frater henrieus custos infirmorum, worunter wahrſcheinlich ebenfalls der Spittler gemeint iſt; er folgt un⸗ ter den Zeugen unmittelbar nach dem Marſchall. Vgl. De al J. e. p. 321. 3) O. Stat. Reg. c. 6. De Wal l. c. Tous les freres de Ordre etoient hospitaliers. VI. 29
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450 III. Großaͤmter des Ordens. aber des Ordens Urſprung eben in einem Spitale begruͤn⸗ det lag,“ ſo ſchrieb das Ordensgeſetz vor, daß auch fort⸗ hin im Ordenshauſe oder da, wo der Meiſter ſein Kapi⸗ tel hielt, beſtaͤndig ein Spital zur Krankenpflege beſtehen ſolle. Den Landkomthuren blieb es zwar nur anheimge⸗ ſtellt, ob ſie mit Rath ihrer einſichtsvollſten Brüder vom Einkommen eines Ordenshauſes ein Spital einrichten und halten koͤnnten und es war beſtimmt, daß man in Or⸗ densburgen, wo noch keine Spitalc beſtanden, ſolche ſtets nur auf beſondere Verordnung des Meiſters gründen ſolle; allein die Krankenpflege wurde den Komthuren ſtets als eine ſo dringende Pflicht empfohlen, daß in den mei⸗ ſten Ordenshaͤuſern, wo ein Konvent beſtand, auch ein Spital war und ein Ordensbruder, von ſeinem Amte der Spittler genannt und mit allem, was zur Pflege von Kranken und Gebrechlichen erforderlich, beauftragt, die Auf- ſicht führte. ® Ueberdieß gab es auch Spitale in vers ſchiedenen Staͤdten, deren Beaufſichtigung der Hochmeiſter oder ein Gebietiger haͤuſig ebenfalls einem Ordensbruder übertrug. ? Man zählte daher im ganzen Lande eine große Zahl ſolcher wohlthätigen Anſtalten, und von wel: cher Wichtigkeit dem Orden dieſe feine Pflicht war, bes zeugen die ſorgſam genauen Vorſchriſten uͤber die Art, wie Kranke in die Spitale aufgenommen, gepflegt, geiſtig und leiblich behandelt und fuͤr ihre Haltung und Pflege die größte Sorgfalt beobachtet werden ſolle.) Die Ober: aufſicht nun und die noͤthige Kontrolle über dieſes ge⸗ ſammte Spitalweſen lag dem Oberſt⸗Spittler ob, der ſei⸗ nen Wohnſitz in Elbing hatte und hier zugleich das Kom⸗ thuramt des dortigen Konvents verwaltete, wahrſcheinlich 4) O. Stat. Reg. c. 4. De Wal I. c. p. 23 — 24. 2) O. Stat. Reg. c. 4. 3) O. Stat. Reg. c. 65 auch in den Vollmachten der Viſitatoren. 4) Von ihm ſpaͤter unter den Hausbeamten. 5) O. Stat. Reg. c. 6. 6) O. Stat. Reg. c. 0.
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III. Grofämter des Ordens. 451 weil Elbing die dem Haupthauſe zunaͤchſt gelegene Or⸗ densburg war und in dieſem ſich immer das Hauptſpital des Ordens befand.) Es war feine Amtspflicht, von Zeit zu Zeit im Lande umherzureiſen, um ſich ſelbſt von der Beſchaffenheit der Spitäler und der Behandlung der Siechen und Kranken zu unterrichten, Über die Verwal tung und zweckmäßige Verwendung des Vermögens der Spitaͤler und der an ſie zu entrichtenden Zinſen Rechen⸗ ſchaft ablegen zu laſſen, ferner darauf zu ſehen, daß nicht Unwürdige aufgenommen und die angeſtorbenen Güter de⸗ rer, die ſich in die Spitaͤler eingekauft, nach ihrem Tode gewiſſenhaft zum Beſten der Krankenpflege verwendet würs den. ) Er hatte für die Anſtellung der noͤthigen Aerzte zu ſorgen; er brachte ſie dem Hochmeiſter in Vorſchlag, der ſie dann berief und ihren Gehalt beſtimmte. 3) Wahr⸗ ſcheinlich ſtand unter der Oberaufſicht des Oberſt⸗Spittlers auch das ganze Medicinal-Weſen, inſoweit damals davon 4) De Wall. c. p. 322 giebt als Grund an: parceque Ekbing toit une ville considerable, qui par son dloignement des fron- tieres dtoit moins exposee que bien d'autres aux attaques in- opindes des ennemis. 2) In einer im J. 1448 gegebenen Vorſchrift über die Ordnung in den Konventen heißt es: Sunder von den Spitteln, das die ſpitteler alle ires ſpittals czinſer ſollen beſchreiben irem kompthur adir obirſten obirantworten, die uns ſemliche beſchrebene ezinſer vordan ſollen obir⸗ ſenden. Ouch das die Spitteler vorbaß meh keynen pravener (?) vn die Spittel nemen ſollen denn mit unſerm und ires kompthurs wiſſen und willen und mit was gelde dieſelben pravener ſich yn den Spittel kowffen werden, das ſollen die ſpitteler irem komptur adir obirſten ant⸗ worten, derſelbe denn ſal ſemliche gelt an czinſer des Spittals mit un⸗ ſerm wiſſen und willen legen, in gleicher weiſe ſollen ſie es ouch hal⸗ den mit den guͤtern und gelde, das en von den gedachten pravenern anirſtorbet, und ſollen ſemliche anirſtorbene gütter mit willen ires kompthurs vorkowffen und das gelt davon an czinſer des ſpittals wenden. 3) Nach einem Briefe v. J. 1417, nach welchem der Leibarzt des Königes von ungern vom HM. berufen wurde, ſollte dieſer 200 Gul⸗ den, feine Hofkleidung, einen guten Tiſch und Futter für vier Pferde erhalten. 29
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152 III Großaͤmter des Ordens. die Rede ſeyn konnte. Daneben hatte er als Komthur von Elbing die jedem Komthur obliegenden Amtspflichten. Auf Kriegsreiſen fuͤhrte er den Heerhaufen ſeines Konvents und Komthurbezirkes, doch unter des Marſchalls Ober⸗ befehle, wie er überhaupt in allem, was das Kriegsweſen betraf, dieſem Folge leiſten mußte. In politiſchen Ver⸗ handlungen und allgemeinen Verwaltungsangelegenheiten hatte er als oberſter Gebietiger beſtaͤndig eine gewichtvolle Stimme. Zu Verträgen und Beſchluͤſſen, die das Gemein: Intereſſe des Ordens oder des Landes betrafen, war ſtets auch die Bekraͤftigung ſeines Amtsſiegels erforderlich. Es kam ſpaͤterhin eine Zeit, in welcher der Oberſt⸗Spittler das Steuer der Landesregierung groͤßten Theils allein in den Händen hielt. 4. Der Oberſt-Trappier. Auch dieſes Ordens-Amt beſtand ſchon früh im Mor⸗ genland und ſelbſt auch noch in fpäterer Zeit. Schon der Name dieſes Gebietigers, einer fremden Sprache ent⸗ nommen, wies in ſeiner Bedeutung auf ſeine Amtsver⸗ haͤltniſſe hin.) Sein wichtigſtes Geſchaͤft nämlich war, außer der Verwaltung ſeines Komthuramtes zu Chriſtburg, die Beſorgung und Aufſicht Über alles, was zur Beklei⸗ 1) O. Stat. Gew. c. 28. 2) Nachrichten über das Oberſt-Spittleramt im Erlaͤut. Preuff. B. IV. S. 36 ff. Werner Nachrichten von den oberſten Spittlern, Königsb. 1751. Seyler Analecta Hispitalariorum bistoriam spe- etant. Elbing. 3) In einer morgenlaͤndiſchen Urk. v. J. 1240 kommt vor Fr. Petrus drapperius des D. O., in einer Franzoͤſiſchen Urk. des Groß: komthurs Hartmann von Heldrungen v. J. 1261 der Frere Goutier le drapier. Cod. diplom. 1. C. 12. p. 31. 4) Drappus oder Trapus, im Franz. drap, im Italien. drappo Tuch, daher draperia, locus ubi venduntur vel confieiuntur drappi; draperius oder drapperius draporum mercator; Du lresne s. h. De Wall. e. p. 104.
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III. Großaͤmter des Ordens. 453 dung, zu Bett: und Tiſchzeug und zur Kriegsruͤſtung der Ordensbruͤder gehörte, fo weit letztere nicht die dem Or⸗ dens⸗Marſchall zufallende eigentliche Waffenruͤſtung, ſon⸗ dern nur die ritterliche Kriegskleidung betraf. Das Ges ſetz ſchrieb aufs genaueſte vor, nicht bloß welche Kleidung, welche Kriegsruſtung, wie viel Bettſtuͤcke u. ſ. w. jeder Ordensritter erhalten, ſondern auch wovon und in welcher beſtimmten Form ſie verfertigt werden ſollten. 1) Die Bor: ſchriften aber waren hierin ſo genau und peinlich ſtreng, daß zur Aufrechthaltung der einmal feſtgeſetzten Ordnung noth⸗ wendig auch eine amtliche Aufſicht vorhanden ſeyn mußte. In jedem Ordenshauſe war eine ſ. g. Trapperie, naͤmlich ein Ort, wo die angekauften Tuche aufbewahrt, zu Klei⸗ dern verarbeitet, dieſe niedergelegt und ausgebeſſert wur⸗ den. Die Aufſicht hieruͤber führte in jedem Konvente ein Ritterbruder, Trappier genannt. Von ihm erhielt je⸗ der Ordensbruder an Kleidern und Leinenzeug, was er bedurfte und die Geſetze erlaubten, denn keiner durfte ſich ſelbſt ein Kleid anfertigen laſſen, ſelbſt wenn er Tuch zum Geſchenk bekam. Außerdem wurde in dieſen Trap⸗ perien auch die Bekleidung der Dienerſchaft der Konvente beſorgt, weil viele Diener auf Koſten des Ordens geklei⸗ det wurden. Ueber alle dieſe Konvents s Trappiere und Konvents⸗Trapperien war der Oberſt-Trappier Oberauf⸗ ſeher; er ſorgte wahrſcheinlich durch den Großſchaͤffer für die Einkäufe der nöthigen Bebürfniffe im Großen, für die Zuſendungen an die Komthure, welche den Bedarf an die Trapperien abliefern mußten.) Er ſtellte etwanige Miß⸗ braͤuche ab und ließ ſich von Zeit zu Zeit von den Trap⸗ pieren Rechnung legen. Es ſtand ihm frei, zuweilen Dürftige und Arme mit Kleidern zu beſchenken. 9 Auch 1) O. Stat. Reg. c. 13. Gew. c. 32 — 33. 2) Aemterbuch im geh. Arch. 3) O. Stat. Gew. c. 37. 4) O. Stat. Gew. c. 34. 5) O. Stat. Gew. c. 32.
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454 III. Großaͤmter des Ordens. er hatte zu ſeinem Dienſte beſtaͤndig einen Ritterbruder als Kompan zur Seite. Sein Wohnſitz war lange Zeit zu Chriſtburg, zuweilen auch zu Mewe. Mitunter aber wurden die Aemter des Oberſt-Trappiers und des Kom⸗ thurs von Chriſtburg auch von zwei verſchiedenen Beam⸗ ten bekleidet oder der Komthur von Mewe fuͤhrte wohl auch das Amt des Oberſt-Trappiers. Zu wichtigen bis plomatiſchen Verhandlungen mit fremden Fuͤrſten wurde dieſer Ordensbeamte weniger gebraucht. Urkundliche Ver⸗ traͤge von Wichtigkeit mußten aber auch mit ſeinem Zeug⸗ niſſe und Amtsſiegel bekräftigt ſeyn. 2 5. Der Ordens-Treßler. Das Amt des Treßlers oder des eigentlichen Schatz⸗ meiſters des Ordens ſtand zwar im Range den uͤbrigen oberſten Gebietiger-Aemtern nach, war aber ſtets unſtrei⸗ tig eines der allerwichtigſten. Es beſtand, wie früher ſchon im Morgenland und nachmals in Preuſſen, ſo auch bei den Meiſtern von Deutſchland und Livland. 9 Ohne irgend ein anderes Amt verwaltete der Treßler in Gemeinſchaft mit dem Großkomthur den ſ. g. Treſſel oder den Ordens⸗ ſchatz im Haupthauſe, die Kaſſe des Hochmeiſters“ und die von der Staatskaſſe abgeſonderte Kaſſe des Hauſes oder Konvents. Er fuͤhrte daher jeder Zeit ein dreifaches Rechnungsbuch, das eine über die Verwaltung des eigent⸗ lichen Treſſels oder der Staatskaſſe, worin Einnahme und Ausgabe im Ganzen bemerkt wurde, ein anderes uͤber die Verwaltung der Hochmeiſter-Kaſſe, welches jetzt zum Theil unter dem Namen des Treßler-Buches noch vorhanden iſt, und ein drittes über feine Verwaltung der Haus oder Kon⸗ 1) De Wall. e. p. 324. 2) Eine eigene Beſchreibung des Amtsſiegels bei De Wal 1. c. 3) Geſetze Konr. v. Erlichshauſen bei Hennig S. 148. 4) Das Geſetz ſelbſt O. Stat. Gew. c. 16. beſtimmte, „wie man des meiſters koſt nemen ſulle von deme triſore“, man folle fie nicht fordern von den Balleien, ſondern von dem Treßler.
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9 III. Großaͤmter des Ordens. 45; [3 vents- Kaffe, worüber wir noch das aufbehaltene Treßler⸗ Zinsbuch beſitzen. v Das Geſetz ſchrieb dem Treßler die pöchfte Genauigkeit, Sorgſamkeit und zugleich Verſchwiegen⸗ heit über feine Amtsverwaltung und den Zuftand des Ordene⸗ ſchatzes vor; kein Ordensbruder, außer den oberſten Gebieti⸗ gern und einigen andern, ſollte dieſen kennen lernen.“ Der Treßler durfte ſtets nur unter Mitwiſſen des Hochmeiſters und Großkomthurs Gold und Silber annehmen. 3) Was der Meiſter ſelbſt irgendwoher an Geld oder Gut empfing, mußte dem Treßler überliefert, von dieſem in Rechnung gebracht und in Verwahrung gehalten werden. Nach Vorſchrift des Geſetzes mußte er zu Ende jedes Mongts über Einnahme und Ausgabe vor dem Hochmeiſter oder an deſſen Stelle vor dem Großkomthur und einem Aus⸗ ſchuſſe dazu auserwählter Ordensbruͤder Rechnung legen und den Beſtand vorweiſen.“ Desgleichen war nach eis ner ſpaͤtern Verordnung auch der Meiſter ſelbſt verpflich. tet, jährlich durch den Treßler vor dem Nathe ſeiner Ge⸗ bietiger uͤber ſeine Einnahme und Ausgabe eine Jahres- rechnung ablegen zu laſſen,“ wie ſolches auch die Mei- ſter von Deutſchland und Livland thun mußten. Ueber die Art und Weiſe, wie der Treßler ſeine Rechnungen zu führen und insbeſondere das ſ. g. Treßler⸗ * 1) Die beiden letztern Rechnungsbuͤcher find noch im geh. Arch. vor: handen. Das Treßler⸗Zinsbuch, die Einnahme und Ausgabe des Kon⸗ vents enthaltend, umfaßt die Jahre 1395 bis 1413. Das ſ. g. Treßler⸗ Buch oder die Rechnung über die Hochmeiſter-Kaſſe, eine in vieler Hinſicht ſehr wichtige Quelle über das innere Hof- und Volksleben Preuſſens, erſtreckt ſich Über die Jahre 1399 bis 1409. Das Ned): nuagsbuch über die Staatskaſſe iſt nicht mehr vorhanden; es läßt ſich aber aus den übrigen Rechnungen auf bafjelbe ganz ſicher ſchließen. 2) O. Stat. Gew. c. 9. 3) Ebendaſ. c. 35. 4) Ebendaſ. c. 17. 5) Ebendaſ. c. 30. 6) Geſetze Konr. v. Erlichshauſen a. a. O. S. 147. 7) Ebendaſ. S. 148.
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456 III. Großaͤmter des Ordens. Buch zu halten hatte, beſtanden beſondere Vorſchriften. Gingen die Einnahmen des Schatzes, z. B. Zinsgelder nicht richtig ein, ſo mußte er wenigſtens im Bezirke des Hauſes Marienburg und in den Kammerguͤtern des Hoch⸗ meiſters für ihr Einkommen ſorgen und fie einfordern laſ⸗ fen. ' Er und der Großkomthur nahmen um nue ten die eingereichten Rechnungen der Komthure ab. Ihm ferner lagen alle Geldſendungen und Zahlungen an aus⸗ waͤrtige Fürſten ob. Kamen fremde Gaͤſte ins Haupthaus, ſo hatte er fuͤr ihr Unterkommen, ihren Unterhalt und die angemeſſene Bewirthung entweder in der Vorburg des Hau⸗ ſes oder in der Stadt zu ſorgen. Er zahlte für fie die Rechnungen und brachte den Betrag in ſeinem Buche in Ausgabe. ? Zu auswärtigen Verhandlungen wurde er nie gefandt, wohl aber zuweilen mit der Leitung und Beſich⸗ tigung neuer Anlagen und Einrichtungen im Innern des Landes beauftragt, beſonders wenn es auf die dabei vor⸗ kommenden Koſten ankam. In des Großkomthurs Ab⸗ weſenheit führte er mitunter die Aufſicht über die Ver⸗ waltung und Wirthſchaft des Marienburgiſchen Komthur⸗ bezirkes. Verſchreibungen uͤber Grundeigenthum ſtellte der Treßler niemals aus, da er der einzige unter den Gebie⸗ tigern war, der kein Komthuramt zu verwalten hatte; es finden ſich jedoch Beiſpiele, daß er urkundliche Beſtim⸗ mungen über Wege und Stege im Komthurbezirke des Haupthauſes gab.“ Er war der einzige Gebietiger, der 1) Im Freßler⸗Buch p. 400. Wir werden darüber einiges nähere hoͤren, wenn ſpaͤter von der Finanzverwaltung im Orden die Rede iſt. 2) Darüber das Nähere im Abſchnitt Über das Finanzweſen. 3) Nach einem Briefe des Komthurs von Thorn an den HM. vom J. 1441, Schiebl. LXXI. nr. 26. 4) Treßler-Buch, wo dieſer Fälle unzählige vorkommen. 5) Z. B. bei einem in Elbing neu angelegten Bollwerke; mitunter war er beauftragt, die Dammarbeiten zu leiten u. dgl. 6) Ein Beiſpiel der Art iſt eine urkunde des Treßlers Johann von Langerak v. J. 1351; Verſchreib. Buch Nro.4, p. 113.
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iv. Die Großſchaͤffer des Ordens. 457 keinen Ordensritter als ſeinen Kompan hatte; zu ſeinem Dienſte indeß ſtanden ihm eine Menge von Schreibern, Kaͤmmerern, Schuͤtzen, Diener und Knechte, beſonders die Withinge des Hauſes zu Gebot, welche letztern er wegen ihrer Treue und Zuverlaͤſſigkeit vorzüglich zu Geldſendun⸗ gen und andern Geſchaͤften von Wichtigkeit gebrauchte.) Beim Tode eines Komthurs oder Gebietigers erhielt der Treßler den Auftrag, den Haus- und Kaſſenbeſtand auf⸗ zunehmen.“ Wichtigen Verträgen und Verhandlungen mußte in der Regel auch ſein Amtsſiegel beigefuͤgt wer⸗ den. Um des Meiſters Ausgaben zu beſtreiten, begleitete er dieſen haͤuſig auf ſeinen Reiſen durchs Land oder auf Verhandlungstage mit fremden Fuͤrſten. Sein Amt ver⸗ ſah dann im Hauſe der Großkomthur oder auch der Haus⸗ komthur. Mit dem letztern ſtand er uͤberdieß auch da⸗ durch in naher Beruͤhrung, daß er ihm zur Beſtreitung der Ausgaben des Konvents aus der Konvents-Kaſſe von Zeit zu Zeit größere Summen auszahlte, worüber der Haus⸗ komthur dann im Einzelnen Rechnung ablegen mußte. Ging ein Treßler von ſeinem Amte ab, ſo mußte er eine ſummariſche Rechnung uͤber Einnahme und Ausgabe ſo⸗ wohl von der Kaſſe des Hochmeiſters als der des Kon⸗ vents ausfertigen und ſeinem Nachfolger den Beſtand rich⸗ tig uͤbergeben. IV. Die Großfſchaͤffer. Schon das alte Geſetz geſtand dem Meiſter einen dienenden Bruder zu, der ihm als Schaͤffer den Einkauf feiner häuslichen Beduͤrfniſſe und überhaupt die Beiſchaffung 1) Beiſpiele davon im Freßler- Buch. 2) Schreiben des Treßlers an den HM. Schiebl. LXXI. nr. 42. 3) Nach Ausweiſung des Treßler- Buchs. 4) Eine ſolche Uebergabe vom J. 1440 Schiebl. L XXI. nr. 31.
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458 IV. Die Großſchaͤffer des Ordens. alles deſſen, was für Haus und Küche noͤthig, zu beſor⸗ gen hatte. Mit ſolchem Geſchaͤfte konnte noch ein Zwei⸗ ter beauftragt werden, wenn ſich der Meiſter außerhalb ſeines Ordenshauſes befand.) In Preuſſen hatten ſich bei der bedeutenden Vergrößerung des hochmeiſterlichen Ho⸗ fes und der ungleich großartigeren Lebensweiſe im Haupt⸗ hauſe die Beduͤrfniſſe ſo anſehnlich vermehrt und alles, was der Unterhalt und die verſchiedenartigen Beduͤrfniſſe ſaͤmmtlicher Konvente der Ordenshaͤuſer erforderten, war ſo ins Große umgewandelt, daß die Anſtellung von zwei ſ. g. Großſchaͤffern nothwendig geworden war, deren einer feinen Wohnſitz im Haupthauſe, der andere in Köͤ⸗ nigsberg hatte.) Beide waren Ordensbruͤder. Ihre ausſchließlichen Amtsgeſchaͤfte betrafen Handel und Verkehr, Verkauf der ausgehenden Erzeugniſſe des Landes und Ein⸗ kauf der Beduͤrfniſſe des Ordens im Auslande. Der Or— den hatte naͤmlich in verſchiedenen Regalien und in ſeinen Getreide-Lieferungen theils aus feinen eigenen Gütern, theils als Zehnten ein ſo reiches Einkommen, daß er, uͤber ſeinen Bedarf, auch das Ausland damit verſehen konnte. Dabei hatte er aber auch für Kleidung, Waffen— ruͤtung und überhaupt für die manchfaltigen Lebensbeduͤrf⸗ niſſe der zahlreichen Ordensbruͤder und Ordensdiener in ſaͤmmtlichen Ordenshaͤuſern eine fo große Maſſe von Tuch⸗ vorräthen und allerlei andern Erzeugniſſen des Auslandes nöthig, daß ſchon frühzeitig die Anſtellung zweier Ordens⸗ beamten zur Leitung und Verwaltung dieſes Handelsver⸗ kehres für zweckmaͤßig beſunden worden war. 25 1) O. Stat. Gew. e. 11. 2) Auch einzelne Ordenshaͤuſer hatten mitunter ihre Schaͤffer; To kommt ein Schäffer und eine Schaͤfferei in Chriſtburg vor in einer urk. vom J. 1407 Schiebl. V. nr. 1. 3) In den aufbehaltenen Rechnungen werden ſie beſtaͤndig als „Bruder“ bezeichnet. Auch nach den O. Stat. Gew. c. 11. ſollte des HM. Schäffer „ein ſariant bruder“ ſeyn. 4) Ueber die eigentliche Zeit der erſten Anſtellung dieſer Handels⸗
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IV. Die Großſchaͤffer des Ordens. 459 Oem Großſchaͤffer von Koͤnigsberg lag vorzüglich die Ausfuhr und der Abſatz des Bernſteins in den Niederlan⸗ den, in Lübeck und früher auch in Lemberg ob. Er und der Ordens⸗Marſchall, unter deſſen Auſſicht er ſtand, ſchloſſen mit den Bernſteinkaͤufern, beſonders den Pater⸗ noſter⸗Gewerken in Brügge die Verträge uber die Preife und Lieferungen der verſchiedenen Bernſteingattungen ab.) Sein alleiniges Geſchaͤft war es dann, den Bernſtein theils vom Bernſteinmeiſter in Empfang zu nehmen, theils vom Biſchofe von Samland und andern, die ſolchen einſam⸗ meln durften, aufzukaufen, nach ſeinen verſchiedenen Gat⸗ tungen ausleſen und ſondern zu laſſen, darauf zu achten, daß niemand anders Handel mit Bernſtein treibe, die Fortſendung der Schiffsladungen zu beſorgen und dieſe durch feine an den erwähnten Orten angeftellten Liger oder Handelsagenten an die Kaͤufer verabfolgen zu laſſen. Au⸗ ßerdem war es beſonders auch Wachs und Grauwerk, wo⸗ mit er einen bedeutenden Handel trieb und worin er den ſtaͤrkſten Abſatz ebenfalls in den Niederlanden, vorzuͤglich in Brügge fand.? Das hauptſaͤchlichſte Betriebsgeſchaͤft des Großſchäffers von Marienburg war dagegen der Ge⸗ treide-Handel ins Ausland, nach England, Schottland, in die Niederlande, Skandinavien und in verſchiedene Hanſeſtaͤdte, denn ihm ſtanden die reichen Vorraͤthe der beamten des Ordens in Preuſſen läßt ſich nichts beſtimmen. Ihre noch vorhandenen Rechnungsbuͤcher gehen bis ins letzte Jahrzehend des 14ten Jahrhund. zuruͤck. Ihre erſte Anordnung fällt aber gewiß früher, Konrad von Muren, im F. 1393 Großſchäffer in Königsberg, ſpricht ſchon von feinem Vorgänger Walther von Niederhof. 1) Wir haben ſolche Verträge noch aus dem 15ten Jahrhundert; auch in Briefen iſt oͤfter von ihnen die Rede. 2) Wir beſiten darüber im geh. Arch nicht nur das Rechnungs⸗ buch des Großſchaͤffers von Königsberg, ſondern auch noch das Handels⸗ und Rechnungsbuch ſeines (Ligers oder Pligers) in Brügge. Beide ge⸗ ben über den damaligen Handel Preuſſens mit Bernſtein, Wachs u. ſ. w. ſehr reiche und intereſſante Aufſchlüſſe. Für eine Geſchichte des Bern⸗ ſteinhandels wuͤrden ſie eine der wichtigſten Quellen ſeyn.
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460 IV. Die Großſchaͤffer des Ordens. Getreide⸗Magazine in den dortigen nahegelegenen Ordens⸗ burgen zur Ausfuhr offen. Beide Ordensſchaͤffer brachten aber eine eben ſo be⸗ deutende Einfuhr ins Land. Der Orden naͤmlich hatte ſchon fruͤhzeitig eingeſehen, daß er bei der Ausfuhr ſeiner Landeserzeugniſſe den Gewinn, welchen der fremde Kauf⸗ mann und Seefahrer bei der Einfuhr der vielfältigen Be⸗ durfnißartikel des Ordens zog, leicht ſelbſt verdienen konne. Die Großſchaͤffer waren daher beauftragt, durch ihre Liger im Auslande die Ankaͤufe im Großen beſorgen und ſie durch ihre eigenen Schiffe ſich zuſenden zu laſſen. So kamen durch ſie alljaͤhrlich ſehr bedeutende Ladungen fuͤr die Beduͤrfniſſe des Ordens an Engliſchen und Holländi⸗ ſchen Tüchern, Weſtphaͤliſchem Leinwand, Salz, Stockfiſch, Waffenruͤſtungen oder an Materialwaaren, als Zucker, Mandeln, Ingwer, Nelken, Reis, Feigen u. dgl. nach Preuſſen und wurden dann von den Schaͤffern an die Ordenskomthure verſandt. Der Großſchaͤffer von Marien⸗ burg mußte insbeſondere für alle aus dem Auslande zu ziehenden Beduͤrfniſſe des Hochmeiſters in feiner Kammer und Küche, wie fir die des Konvents und der Amtleute des Haupthauſes ſorgen. Da die Anzahl der Ordensbruͤ⸗ der eines Konvents und bei der feſten Regelmaͤßigkeit der Lebensweiſe auch die Beduͤrfniſſe deſſelben jedes Jahr im Ganzen ſich immer ziemlich gleich blieben, ſo war genau beſtimmt, was und wie viel der Großfchäffer jedem Kon: vente jährlich zu liefern hatte. ? Die Komthure nahmen 1) Auch vom Großſchaͤffer von Marienburg beſitzt das geh. Archiv noch ein beſonderes Buch mit dem Titel: Dis kegenwertige Buch iſt von deme ampthe der Schefferige von Marienburg und weiſet us, was eyme Scheffere geboret von Rechte czur Notdorfft czu geben an allirley usrichtunge des hawſes Marienburg, unſerm homeiſter und deme Covente und yclichem Ampthmanne, als bie hernach fleet geſchreben, do ſol man ſich nach richten, und was allirley Schulde das Ampth hat von der Schefferige wegen. 2) Solche Beſtimmungen finden ſich in den Rechnungsbuͤchern beider Großſchaͤffer. Nur Ein Beiſpiel: Der von Koͤnigsberg mußte dem dor⸗
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Iv. Die Großſchaͤffer des Ordens. 461 die Zuſendungen in Empfang und vertheilten ſie an die Vorſteher der verſchiedenen Hausämter. So hatte auch der Großſchaͤffer von Marienburg eine beſtimmte Vorſchrift, was er jahrlich zur Ausrichtung des Haupthauſes für den Hochmeiſter, den Großkomthur, den Konvent und die ver⸗ ſchiedenen Amtleute zu verabfolgen hatte. 10 Ueberdieß betrieben die Großſchaͤffer auch Handels⸗ geſchaͤfte in die Staͤdte des Landes. Sie uͤberließen ſtaͤdti⸗ ſchen Kaufleuten, denen es an den erforderlichen Betriebs⸗ ſummen gebrach, bald auf Credit zu theilweiſen Abzah⸗ lungen, bald gegen Pfand und Buͤrgſchaft mitunter an⸗ ſehnliche Ankaͤufe von Niederlaͤndiſchen Tuͤchern, Salz und andern Waaren, zu welchem Zwecke ſie auch in den groͤ⸗ ßeren Handelsſtaͤdten des Landes ihre Liger oder Handels⸗ agenten zu ihrem Geſchaͤftsbetriebe hatten. So war z. B. der Handelsverkehr des Großſchaͤffers von Königsberg ſelbſt bis Thorn ausgedehnt, wo es Kaufleute gab, die ihm ſechs⸗ bis achthundert Mark ſchuldeten. Am ſtaͤrkſten ging in die Landesſtaͤdte, beſonders nach Thorn der Abſatz frem⸗ der Tuͤcher, weil ſie wahrſcheinlich von da aus durch die ſtaͤdtiſchen Handelsleute großen Theils nach Polen abge⸗ ſetzt wurden. Es lag mit im Amte der Großſchaͤffer, daß ſie die Aufſicht über das geſammte Schiffsweſen des Ordens fuͤhr⸗ ten und die darauf bezuͤgliche Einnahme und Ausgabe be⸗ ſorgten, denn jährlich ließ der Orden neue Schiffe bauen tigen Kuͤchenmeiſter jahrlich liefern 130 Pfund Pfeffer, 5 Pfund Saffran, 30 Pfund Ingwer, 12 Pfund Kaneel⸗ 10 Pfund Paradießkörner, 2 Tonnen Mandeln, 2 Tonnen Reis, 4 Töpfe Rofienen, 5 Koͤrbe Feigen, 400 Berger Fiſche, 20 Scheffel Mohn, 10 Scheffel Senf, 10 Tonnen Butter, 10,000 Käſe, 100 Scheffel Erbſen, 1 Tonne Kuͤmmel ꝛc. 1) Die Vorſchrift darüber im erwähnten Rechnungsbuche des Groß⸗ ſchaͤffers von Marienburg. 2) Auch über dieſen Abſatz in die Staͤdte des Landes beſitzt das geh. Archiv noch ein beſonderes Rechnungsbuch des Großſchäffers von Königsberg; es enthalt vorzüglich die in den Städten ausſtehenden Schuldſummen über gelieferte Waarenſendungen des Schäffers.
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462 IV. Die Großſchaͤffer des Ordens. oder hatte wenigſtens gewiſſe Schiffsantheile an neuerbau⸗ ten Schiffen. Ueber alle dieſe Schiffe, mit denen der Orden feinen Großhandel trieb, hielten die Großſchaͤffer Rechnung und Verzeichniſſe, worin eine aͤußerſt ſtrenge Genauigkeit herrſchte. Ueberhaupt mußten die Groß⸗ ſchaͤffer über alle ihre Amtsbeſtaͤnde genau Buch und Rechnung fuͤhren. In Marienburg nahmen jaͤhrlich der Großkomthur und Treßler, in Königsberg der Marſchall die Rechnungen ab. Die Beſtaͤnde waren oft von bedeu⸗ tendem Belang; ſo verblieb z. B. im Jahre 1405 dem Großſchaͤffer von Marienburg nach Abſchlag aller Ausfälle und Gebrechen in ſeinem Amte noch eine Summe von 48,315 Mark an baarem Gelde, Waaren und gewiſſer und ungewiſſer ruͤckſtaͤndiger Schuld, im Jahre 1406 die Summe von 46,042 Mark. Der von Königsberg hatte zu ſeiner Schaͤfferei gehörig ein Betriebskapital von 26,000 Mark, welches im Jahre 1396 bis auf 30,000 Mark erhöht wurde, wofür er ſeitdem auch die Nothdurft des Hauſes Koͤnigsberg ohne Erſatz liefern mußte. Was in der Jahresrechnung uber dieſes Betriebskapital im Beſtande war, mußte an den Marſchall ausgezahlt werden. Aus ßerdem hatten die Großſchaͤffer mitunter im Auslande, wohin ihr Handel ging, und in den inlaͤndiſchen Staͤdten oft anſehnliche Schuldſummen ausſtehen, woruͤber ſie gleich⸗ falls Rechnung legen mußten. Unter ihrer Aufſicht 1) Auch hierüber find noch die Rechnungen und Verzeichniſſe vorhanden theils in beſondern Büchern, theils im Buche des Hauskomthurs von Marienburg, der die Ausgaben fuͤr den Schiffsbau zu beſtreiten hatte. Ueber die Schiffsantheile, partes navium, haben wir Verzeichniſſe des Großſchäffers von Marienburg. 2) Nach dem FTreßler-Buch bei den J. 1405 und 1406. 3) Nach dem Rechnungsbuch des Großſchaͤffers von Königsberg. 4) Eine Aufzeichnung ſolcher Schulden im erwähnten Amtsbuche des Großſchaͤffers von Marienburg. Es ſtanden ſolche Schulden in Flandern, in Bretagne, Schottland, England, Norwegen, Wismar, Luͤbeck, Kalmar, Gothland, Danzig, Thorn und vielen andern Staͤdten Preuſſens und in Maſovien; ſie betrugen im J. 1405 über 32,759 0
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v. Die Komthure und Hausbeamten. 463 und ihrem Befehle ſtanden die Pfundmeiſter in Danzig und andern Haͤfen, welche von den einlaufenden Schiffen das Pfundgeld erhoben, ferner die Maͤkler, Schiffbauer, Steuerleute und die ſ. g. Schiffkinder oder Matroſen. Zur Verwaltung ihrer ausgedehnten Auſchäſt war jedem von ihnen noch ein Unterſchaͤffer zugeordnet.) Dieſe letz⸗ tern waren ihre Stellvertreter, wenn ſie ſi = was in ih⸗ ren vielfältigen Geſchaͤften ſehr häufig vorfiel, auf Reiſen im Auslande oder zur Rechnungsabnahme in den Staͤdten des Landes befanden. „ V. Die Komthure als Oberſte der Or— denskonvente. Haus- und Konventsbeamte. Nach dem alten Geſetze des Ordens waren es zwölf Ordensbruͤder und uͤber ihnen ein Komthur, die in einem Ordenshauſe zuſammenwohnend einen |. g. Konvent bilde⸗ ten, denn es hieß: „man ſoll das behalten in allen Haͤu— ſern, da Konvent iſt von Brüdern, daß find zwölf Bruͤ⸗ der und ein Komthur, zu der Zahl der Juͤnger unſers Herrn Jeſu Chriſti.“ “ Dieſe beſchraͤnkte, wohl nur um des Gleichniſſes willen gewaͤhlte Zahl hatte man aber nachmals bei der Vergroͤßerung des Ordens und deſſen vielfach veraͤnderten Verhaͤltniſſen aufgeben muͤſſen. Einen Mark. Man ſieht daraus, wie bedeutend und ausgedehnt die Han⸗ delsverbindungen dieſes Großſchäffers waren. Nach einer Urkunde vom J. 1433 über die Uebergabe des Großſchäffers von Königeberg beliefen ſich die ausſtehenden Schulden deſſelben freilich nur auf 7250 Mark; Urk. im geh. Archiv Schiebl. V. nr. 2. 1) Nach den Rechnungsbuͤchern und dem Treßler- Buch. 2) Darauf bezieht ſich wohl das Geſetz Werners von Orſern bei Hennig S. 122. 3) O. Stat, Reg. c. 15.
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464 v. Die Komthure und Hausbeamten. Konvent bildeten naͤmlich um die Zeit, von der wir jetzt reden, uͤberhaupt alle in einem Ordenshauſe zuſammen⸗ lebenden oder ſonſt zu dieſem gehörigen Ordensbruͤder. Ihre Zahl war bald groͤßer, bald geringer, indem wir in den kleinern Haͤuſern zuweilen nur zehn bis zwoͤlf, in Mittelhaͤuſern achtzehn oder vierundzwanzig bis dreißig, in großen Ordensburgen, wie in Elbing, Marienburg, Königsberg u. a. zuweilen funfzig bis ſiebenzig in einem Konvente vereinigt ſehen.) Ein Konvent beſtand dem⸗ nach aus einem obenanſtehenden Komthur, einem die⸗ ſem zunaͤchſt folgenden Hauskomthur, einer Anzahl von Ordensrittern, welche die verſchiedenen Hausaͤmter beklei⸗ deten und endlich einer abwechſelnden Zahl von gewoͤhn⸗ lichen Konventsbruͤdern, Prieſter- und Pfaffenbruͤdern. Ueberdieß hatte jedes Ordenshaus noch eine gewiſſe Zahl von Haus⸗ und Hofdienern, die vom Hauſe zwar ihren Unterhalt erhielten, aber nicht Ordensglieder waren und folglich auch nicht zum Konvente gehoͤrten. Obenan ſtanden alſo als Oberſte der Ordenskon⸗ vente die Komthure, “ häufig auch Gebietiger ges 4) Vgl. Voigt Geſchichte Marienburgs S. 51. 70, wo zugleich der Sage, daß in manchen Orbenehäufern anderthalb oder zwei Kon⸗ vente beſtanden hätten, widerſprochen iſt. Obige Zahlen find aus Ver⸗ zeichniſſen der Ordensbruͤder einzelner Häufer aus verſchiedenen Zeiten ent⸗ nommen. Nach einem ſolchen amtlichen Verzeichniſſe betrug im J. 1422 die Zahl der Konventualen zu Königsberg 68 Herren, mit 149 Konvents⸗ pferden; Elbing hatte mit den Beamten zur Zeit des Komthurs Heinrich Reuß von Plauen 35 Ritterbruͤder, 3 Prieſterbruͤder, 6 Bruͤder in der Firmarie und 5 beſondere Beamte. In früheren Zeiten waren freilich die Häufer in der Regel weit ſtaͤrker beſetzt. Auch in Deutſchland war in den Ordenshͤuſern die Zahl der Konventsbruͤder ſehr verſchieden; dort gab es im Verhoͤltniß immer ſehr viele Prieſterbruͤder. Nach einem alten Ver⸗ zeichniſſe aus der erſten Hälfte des 15ten Jahrh. hatte uͤberhaupt da⸗ mals Franken 200 Ordensbruͤder, die Ballei Oeſterreich 43, Lombar⸗ dien 9, Apulien 18, Boten 15, Elſas 79, Lothringen 27, Coblenz 53, Biſſen 32, utrecht 47, Heſſen 77, Thuͤringen 98, Sachſen 27, Weſt⸗ phalen 263 im Ganzen etwas über achthalbhundert Bruͤder. ) Commendatores, Commendure. O. Statut. Gew. . 34.
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v. Die Komthure u. Hausbeamten. 465 nannt.“ Als ſolche waren auch, wie ſchon erwähnt, in den Haͤuſern Marienburg, Königsberg, Elbing und Chriſt⸗ burg zugleich ſelbſt die vier oberſten Gebietiger anzuſehen. Eine Zeitlang gab es auch einen Landkomthur von Kulm. 2 Zu ihrem Amte gelangten die Komthure durch die Be⸗ ſtimmung des Hochmeiſters und Kapitels; ſie gehoͤrten folg⸗ lich mit zu den Amtleuten, die nach erfolgter Viſitation im verſammelten Kapitel ihre Aemter bisweilen aufgeben mußten, um ſie nach Befinden der Umſtaͤnde von neuem zuertheilt zu erhalten.. Gewoͤhnlich indeſſen ging die eigentliche Beſetzung der Komthuraͤmter doch immer zunächft vom Hochmeiſter aus.) Eine Verſetzung aus einem ober: ſten Gebietigeramte in ein gewoͤhnliches Komthuramt oder aus einem größeren Komthuramte in ein geringeres galt keineswegs für Erniedrigung; es fehlt ja nicht an Bei⸗ kommt vor „der kleine Komthur“, entweder der Komthur im Gegen⸗ ſatze des Großkomthurs, oder der Hauskomthur als naͤchſter unterge⸗ ordneter des Komthurs eines Konvents. 4) So bei Lindenblatt S. 51. 62. 64. 181. Ulrich von Jun⸗ gingen begreift in ſeinen Geſetzen vom J. 1408 uͤberhaupt alle Vor⸗ ſteher von Konventen unter den Benennungen „Gebietiger oder ſuſt eyn Amptmann.“ De Wal T. II. p. 27 — 28: Le nom de Gebietiger étoit en quelque sorte generique pour tous les freres qui Etoient appelles au conseil, puisqu’on le donnoit non seulement aux Maitres d’Allemagne et de Livonie, qui dtoient les premiers conseillers du Grand-Maitre, mais encore aux conseillers de ces Maitres provinciaux. 9) Lindenblatt S. 377. De Wal T. II. p. 3—4 Im J. 1394 war Engelhard Nabe, Komthur zu Thorn, zugleich auch Lond⸗ komthur von Kulm. 3) Vergleicht man O. Stat. Gef. e. 7 mit Gew. e. 8, fo erſieht man, daß es nicht das große General⸗Kapitel war, worin den Kom⸗ thuren ihre Lemter übertragen wurden, ſondern die kleineren Provinzial: Kapitel. 4) Daher Lindenblatt S. 181 wohl immer ſagen konnte: Der Meiſter wandelte zeu pruſin deſe Gebitiger; vgl. S. 62. VI. 30
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466 v. Die Komthure u. Hausbeamten. ſpielen, daß ſelbſt entlaſſene Hochmeiſter in gewoͤhnliche Komthuraͤmter zuruͤcktraten. * Der Komthur einer Ordensburg ſtand in Rückſicht ſeiner Amtsverwaltung unter keinem hoͤheren Gebietiger, ſondern unmittelbar unter dem Hochmeiſter und Kapitel; von dieſem allein erhielt er ſeine Befehle, denen er aber in allem unbedingt zu folgen ſchuldig war. Zu gleichem Gehorſam waren ihm zunaͤchſt alle Bruͤder ſeines Kon⸗ vents unterthan;? keiner durfte ſich ſeinen Anordnungen widerſetzen. Hatte einer Klage zu fuͤhren, ſo mußte ſol⸗ ches gegen den Komthur mit erforderlicher Beſcheidenheit geſchehen; erfolgte keine Abhuͤlfe, ſo durfte der Klagende die Sache an den Meiſter bringen. ) Das Geſetz aber befahl dem Komthur, daß er in wichtigen Dingen ſtets auf ſeiner Brüder Rath hören und die älteften und vers ſtaͤndigſten um ihre Meinung und Zuſtimmung befragen folle. ® Wie allen Amtleuten des Ordens, fo war es auch ihm als Pflicht vorgeſchrieben, die ihm untergebenen Bruͤder mit Milde und Guͤte zu behandeln und ſich mehr als der andern Diener, denn als ihren Herrn zu betrach⸗ ten.) Die Amtspflichten und Amtsgeſchaͤfte eines Kom⸗ thurs bezogen ſich in Ruͤckſicht auf feinen Konvent im We⸗ ſentlichen auf folgende Punkte. Er mußte vor allem ſtets und in jeder Beziehung die Regeln, Geſetze und Gewohnheiten des Ordens und insbeſondere in ſeinem Konvente die geſammte beſtehende Hausordnung aufrecht erhalten, die ſaͤumigen und leicht⸗ ſinnigen Ordensbrüder nach der Beſtimmung des Geſetzes und des Kapitels beſtrafen ) und die widerſpenſtigen und 4) Vgl. die Komthurliſten bei Lindenblattz oben B. V. 355 Geſchichte Marienb. S. 356. 2) O. Stat. Gef. c. 35. 3) Geſetze Pauls v. Rußdorf. J) O. Sztat. Gew. c. 7. De e T l vo 7 ) O. Eırat. Geſ. &. 9 0) O. SsStat. Geſ. e.
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V. Die Komthure u. Hausbeamten. 467 ungehorſamen dem Hochmeiſter anzeigen. “ Hierin, wie in allem, was den moraliſchen Wandel und das Seelen⸗ heil ſeiner Konventsbruͤder betraf, war er zur ſtrengſten Puͤnktlichkeit und Aufmerkſamkeit in feinem Amte verpflich⸗ tet.) Es gebot ihm feine Amtöpflicht, verirrte und ab⸗ ſchweifende Brüder mit Einſtimmung der bewaͤhrteſten Bruͤ⸗ der des Konvents durch alle Mittel der Zucht und Beſſe⸗ rung auf die gerade Bahn des Geſetzes zuruckzufuhren.“ Er konnte aber keinen Konventsbruder aus ſeinem Kon⸗ vente entlaſſen oder einen andern aufnehmen ohne Wiſſen und Erlaubniß des Meiſters; nur die Viſitatoren hat⸗ ten kraft ihrer Vollmacht das Recht, ſolche Verſetzungen der Ordensbruͤder nach Gutbefinden vorzunehmen.) Um ſtets von neuem an das Geſetz zu erinnern, mußte der Komthur an jedem Sonntage Kapitel halten und darin einen Theil der Regeln und Geſetze des Ordens vorleſen laſſen, denn es war verordnet, daß in jedem Ordens⸗ hauſe eine richtig und ſorgfaͤltig abgefaßte Abſchrift des Ordensbuches befindlich ſeyn ſolle, damit kein Ordensbru⸗ der ſich mit Unkunde der Geſetze entſchuldigen koͤnne. Es lag ferner in des Komthurs Pflicht, darauf zu achten, daß der Gottesdienſt und die vorgeſchriebenen Zeiten und Faſten aufs puͤnktlichſte abgehalten wuͤrden, worüber er den Viſitatoren, dem Hochmeiſter und Kapitel verantwort⸗ lich war.) Wo Spitale beſtanden oder in den Haus: firmarien, hatte er nicht nur fuͤr aͤrztliche Behandlung, — 1) Schreiben des Komthurs von Elbing an den HM. vom J. 1453. 2) O. Stat. Geſ. c. 6. 3) Geſetze Wine. von Kniprode bei Hennig S. 134: Die gebic⸗ tiger und di alden brudere ſullen die iungen ſtrafen umme alle unorden⸗ liche Ding. 4) Statut. Pauls v. Rußdorf. Schreiben des Komthurs von Mewe an den HM. Schicht. LII. nr. 45. . 5) O. Stat. Gef. c. 1. 18. 28. 29. 6) O. Stat. Reg. c. 8. Statut. Pauls v. Rußdorf; Geſetze Konr. v. Erlichshauſen b. Hennig S. 149. 30 *
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468 V. Die Komthure u. Hausbeamten. ſondern auch dafür zu ſorgen, daß den Siechen und Kran⸗ ken ihre zweckmaͤßige Speiſung und überhaupt die noͤthige Pflege zukomme; im Falle nachlaͤſſiger Verſaͤumniß klagte ihn der Spittler beim Hochmeiſter an und es erfolgte Beſtrafung. Er mußte außerdem darauf ſehen, daß ſeinen Konventsbruͤdern alle ihre Nothdurft an Speiſe, Ge⸗ traͤnk, Kleidung u. dgl. ungeſchmaͤlert, anſtaͤndig und zu gebuͤhrender Zeit ausgerichtet wurden, um ihnen dadurch die Beobachtung ihrer Geluͤbde zu erleichtern; wurde er darin ſaͤumig und beſſerte ihn keine Ermahnung, ſo ward er beim Hochmeiſter angeklagt und galt für einen Unge⸗ horſamen.) Er mußte ſtets an der naͤmlichen Tafel des Konvents mit den übrigen Brüdern ſpeiſen und konnte fo wenig wie ein anderer Beamte ſich mehr Gerichte geben laſſen, als man überhaupt gab. Dabei hatte er die Tiſchordnung, beſonders das Gebot des Schweigens, auf⸗ recht zu halten; nur wenn ein oberſter Gebietiger, ein hoher Geiſtlicher, Praͤlat, Biſchof u. a. im Hauſe als Gäſte waren, durfte er mit ihnen in einem beſondern Ges mache fpeifen. ? Saßen Gaͤſte an der Konventstafel, ſo konnte er das Gebot des Schweigens aufheben. Er durfte keinem Ordensbruder Geld geben, um ſich Speiſen 1) O. Stat. Reg. c. 6. Daß hier vom Speiſekomthur und nicht vom eigentlichen Komthur die Rede ſcy, wie Hennig meint, iſt nicht wahrſcheinlich. De Wal T. I. p. 25. 2) Geſetze Konr. von Erlichshauſen a. a. O. S. 150; die Ver⸗ ordnung wird auch in früheren Geſetzen angedeutet. 3) Nach einer Viſitations⸗Ordnung, wo es als ausdruͤcklicher Be⸗ fehl des HM. ausgeſprochen iſt. 4) Geſetze Dieter. v. Altenburg S. 127. Statut. Pauls v. Ruß⸗ dorf. Viſitations⸗Vollmacht Schiebl. VI. nr. 2. In der Biſitations⸗ Ordnung heißt es: So ſal keyn gebietiger buwſen convents eſſen, ußge⸗ nommen mit prelaten adir mit den obirſten gebietigern; komen aber ge⸗ bietiger czu en adir ſuſt geſte, die ſollen fie fegen czu firmarientiſch; luͤſtet ſie ouch, fo mogen fie ſelbſt czu firmarientiſch fisen und czu en nemen eynen priſterbruder mit andern Coventsbrüdern. 5) O. Stat. Reg. c. 10.
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V. Die Komthure u. Hausbeamten. 469 oder Getraͤnke zu kaufen; keiner konnte ſich ohne ſeine Erlaubniß Kleider anfertigen laſſen.“ Der Komthur hatte von Zeit zu Zeit an den Hoch⸗ meiſter Bericht abzuſtatten uͤber den Zuſtand ſeines Kon⸗ vents, uͤber die Zahl ſeiner Konventsbruͤder, ihr Verhal⸗ ten u. ſ. w.) Er führte die Oberaufſicht über die Ber: waltung der Hausämter, deren Vorſtehern er die noͤthi⸗ gen Bedürfniffe einhaͤndigte. Durch ihn geſchah der Ankauf oder Verkauf des Getreides, wenn das Haus daran Man⸗ gel oder Ueberfluß hatte. Er mußte dafur ſorgen, daß ſein Haus wenigſtens auf ein Jahr mit den noͤthigen Le⸗ bensmitteln verſehen ſey.) Unter feinem Verſchluſſe Aan: den die Vorraͤthe der Hausaͤmter; “ er war fuͤr alle Be: ſtaͤnde verantwortlich. Jeder Konvent hatte feinen befon- dern Treſſel, den der Komthur verwaltete.“) Er mußte nicht nur jährlich, meiſt zu Weihnachten, im Kapitel dem Ordens⸗Treßler zu Marienburg von ſeiner Einnahme und Ausgabe Rechnung legen, ſondern auch beim Abgange von ſeinem Amte ſeinem Nachfolger ein ganz genaues Ver— zeichniß ſeines geſammten Hausbeſtandes uͤbergeben.) Bei 1) O. Stat. Gef. c. 5. Geſetze Dieter. v. Altenburg S. 128. 2) Viſitations-Vollmacht Schicht. VI. nr. 2. 3) Schreiben des Komthurs v. Rheden an den HM. Schiebl. III. ur. 50. 4) Viſitations-Vollmacht; Viſitat.⸗Ordnung: So ſal eyn itzlich gebietiger ſeyne hüwfer ſpeyſen und ſollen alle ir getreyd uff iren huͤwſern behalden und von iren hoffen in ire huͤwſer laſſen fuͤren und in keyner⸗ ley weiſe in die Stete noch daſelbſt vorkoufen, es were denn das ſie was hetten obir ire nottorfft. Vor allen Dingen ſollen die obirſten ge⸗ bietiger ire huͤwſere uff czwey jar fpeyfen und die gemeynen gebietiger uff eyn iar. 5) Viſitat.⸗Vollmacht. 6) Von Danzig heißt es: Der kompthur tete vordan von all ſienem usgegebenen gelde rechenſchaft und das obirloufene gelt wart geleget in den treßil und das geſchae von tor czu ior; ebenſo in Chriſiburg. 7) Solche Verzeichniſſe befinden ſich zahlreich in dem Amts Ueber⸗ gabebuch im geh. Arch. Ueber die jährliche Rechnungslegung Geſetze Wern. v. Orſeln S. 122 und Heinr. Duſmers S. 131. Viſitat.⸗Ordnung.
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470 V. Die Komthure u. Hausbeamten. ſeiner Entlaſſung vom Amte durfte er an Pferden oder ſonſtigen Beſtaͤnden des Hauſes nicht mehr entnehmen, als die Geſetze daruͤber ausdrücklich beſtimmten; widrigen Falls unterlag er der Strafe des Ungehorſams und konnte nie wieder ein Amt verwalten.) Er führte die Aufſicht über die Waffenvorräthe, das Geſchuͤtz und mußte überhaupt die geſammten Bewehrung und zweckmaͤßige Befeſtigung ſeiner Burg beſtaͤndig in gutem Stand halten. ? Unter ihm ſtand daher zunaͤchſt das ganze Bauweſen ſowohl im Hauſe ſelbſt als in den Hoͤfen; insbeſondere mußte er auch ſtets das Gemach des Hochmeiſters in Ordnung erhalten, denn in jeder Burg hatte dieſer ſein eigenes Gemach, wo er wohn⸗ te, wenn er dahin kam. Ueber dieß alles mußte er dem Meiſter von Zeit zu Zeit Bericht erſtatten. Der Komthur eines Hauſes durfte ſo wenig als an⸗ dere Ordensbruͤder eigenes Geld und Gut beſitzen. Was er einnahm, mußte er zu des Hauſes Nutzen verwenden oder bei der Jahresrechnung als Beſtand nachweiſen und durfte nichts davon verſchweigen oder verlaͤugnen. Wurde verlaͤugnetes Geld oder entfremdetes Gut nach ſeinem Tode entdeckt, ſo wurde ſein Leichnam aufs bloße Feld ver⸗ ſcharrt.“ Er durfte auch nichts von Geld und Gut lei⸗ hen oder auf Borg nehmen ohne ſeines Oberſten Rath und Mitwiſſen.) Nur mit Zuſtimmung und auf Geheiß des Meiſters konnte er den Einſaſſen ſeines Gebietes Un⸗ terſtuͤtzung gewaͤhren. Jeder Komthur war wie jeder an⸗ 1) Die Viſitat.⸗Ordnung gab daruͤber genaue Beſtimmungen; der Komthur durfte nur mitnehmen ſeine Pferde, ſeinen Harniſch und fein Kammergeraͤthe. Geſetze Ulr. v. Jungingen v. J. 1408. 2) Viſitat.⸗Ordnung. Statut. Pauls v. Rußdorf. Viſitations⸗ Receß nr. 14. 3) Darüber zahlreiche Briefe der Komthure an den HM. im geh. Archiv. 4) Geſetze Wern. v. Orſeln S. 122; Geſ. Konr. v. Erlichshauſen S. 147. 5) Geſetze Dieter, v. Altenburg S. 1%.
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V. Die Komthure u. Hausbeamten. 471 dere Amtsbruder verpflichtet, die vom Vorgaͤnger im Amte gemachten Schulden zu berichtigen. „Er allein fuͤhrte und gebrauchte das Amtsſiegel ſeines Hauſes und mußte es immer ſorgſam verwahren.) Ihm lag die Correſpon⸗ denz des Hauſes mit dem Hochmeiſter und den uͤbrigen Gebietigern ob. Unter feiner Aufficht ſtand die Brieſpoſt, nach welcher jedes Ordenshaus verbunden war, die an den Hochmeiſter oder die oberſten Gebietiger gerichteten Briefe bis ins naͤchſte Ordenshaus weiter zu befoͤrdern und dabei beſtimmte Stunden einzuhalten.) Jeder Kom⸗ thur hatte zu dem Zwecke eine Anzahl von Briefjungen und Poſtpferden oder ſ. g. Briefſchweiken in beſtaͤndiger Bereitſchaft.) Auf Verſaͤumniſſe erfolgten vom Hoch— meiſter nachdruͤckliche Zurechtweiſungen. Er war der Ober⸗ herr der geſammten Dienerſchaft und aller Knechte des Hauſes, beſtimmte ihnen ihre Arbeit, gab ihnen Lohn und ſorgte fuͤr ihre Beduͤrfniſſe. — Kamen die vom Hoch⸗ meiſter ausgeſandten Viſitirer in eine Burg, ſo mußte ihnen der Komthur uͤber alles den genauſten Aufſchluß uͤber Einnahme und Ausgabe, uͤber die Beſtaͤnde und den ganzen Zuſtand des Hauſes geben.) Jeder Konvents⸗ bruder durfte den Viſitirern ſagen, wo er irgend Schaden und Gebrechen erkannt habe. ® Die Viſitirer ordneten 1) Geſetze Dieter. v. Altenburg S. 129. De Wal T. I. p. 137. 2) O. Stat. Reg. c. 21. Ged. Dieter, v. Altenburg S. 125. 3) Vgl. Raumer Hiſtor. Taſchenbuch Jahrg. I. S. 218 — 219, wo das Nöthige Über die Einrichtung der Reitpoſt im Ordensgebiete ges ſagt und durch ein Beiſpiel erläutert iſt. Eigentlich indeß beſtand dieſe Poſteinrichtung nur fuͤr den Hochmeiſter. 4) Von Danzig heißt es: Den bricfiungen gab man czu ſommer⸗ gewande rot und blo, dy tuͤcher hißen Rozechen und linnene hoſen Kleyne gute tuͤcher gab man den briefiungen czu winterrocken und groe hoſen. | 5) Viſitat.⸗Ordnung: So ſal der Viſitirer in der Viſitation beſe⸗ hen die ſchickunge aller huͤwſer, wie die geſchicket ſeyn mit geſchoſſc, ſpeyſe und allirley nottorfft u. ſ. w. 6) Statut. Pauls v. Rußdorf.
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472 *. Die Komthure u. Hausbeamten. gewoͤhnlich eine Verſammlung aller zum Hauſe gehoͤrigen Brüder an, las ihnen die an alle Konvente vom Hoch⸗ meiſter gerichtete Viſitations-Vollmacht vor und fragte dann uͤber jeden einzelnen Punkt derſelben zuerſt oͤffentlich im Allgemeinen und dann auch beſonders und insgeheim jeden einzelnen Konventsbruder.“ Dieſe Menge und Manchfaltigkeit der Amtsgeſchaͤfte des Komthurs, feine öftere Abweſenheit theils im Kriege, theils bei andern Veranlaſſungen, und die Ausdehnung ſeiner amtlichen Thaͤtigkeit in ſeinem ganzen Komthurbe⸗ zirke machten ihm einen beſtaͤndigen Gehuͤlfen und Stell: vertreter in ſeinem Amte nothwendig, der mit jedem Au⸗ genblick in die Geſchaͤfte eingreifen und alle ſeine Ver⸗ pflichtungen uͤbernehmen konnte; dieß war der ſ. g. Haus⸗ komthur. Der Hausfomthur, ” der naͤchſte im Range nach dem Komthur, trat in deſſen Abweſenheit, wie erwaͤhnt, in ſeinen ganzen Geſchaͤftskreis ein und war demnach in dieſer Zeit auch fuͤr alles verantwortlich. Nur einzelne beſtimmte Amtsgeſchaͤfte des Komthurs, welche Verzug ver⸗ ſtatteten, überließ er dieſem ſelbſt.“ Er hatte eine bes ſondere Kaſſenverwaltung, uͤber welche er dem Komthur vor dem Konvente Rechnung legen mußte.“ In allen Ordenshaͤuſern mit Konventen (denn nur in ſolchen finden ſich mit einigen Ausnahmen auch Hauskomthure) “ fuͤhr⸗ 1) Viſitat.⸗Ordnung nr. 15 im geh. Arch. 2) Die lateinifche Benennung Vice- Commendator deutet eigent⸗ lich beſſer als die nicht ganz paſſende deutſche „Hauskomthur“ auf die weſentliche Beſtimmung als Stellvertreter des Komthurs hin. ef. De Wal T. II. p. 9. 3) Dahin gehören in der Diſtriktsverwaltung z. B. Gerichtsfälle, ländliche Verſchreibungen u. dgl. 5 4) Es heißt: So vil geld als der huskompthur von dem kompthur ufgehaben hatte in dem iore, dovon tete her dem kompthur rechenſchaft vor dem Covente. 5) Es gab einzelne Ordenshaͤuſer, die unter dem Komthur eines andern Hauſes ſtanden und in denen Hauskomthure die Verwaltung fuͤhr⸗
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v. Die Komthure u. Hausbeamten. 473 ten ſie die eigentliche innere Wirthſchaft, gleichſam als die eigentlichen Hauswirthe. Unter ihrer beſondern Aufſicht ſtanden alle Vorraͤthe und Beſtaͤnde des Hauſes an Ge⸗ treide, Pferden, Vieh, Bienen u. ſ. w.; ihnen zunaͤchſt waren daher auch alle Hausaͤmter untergeordnet; ) fie hatten darauf zu ſehen, daß die Anordnungen und Be: fehle des Komthurs in Betreff dieſer Aemter puͤnktlich und genau vollfuͤhrt wuͤrden. Der Hauskomthur mußte den Vorſtehern dieſer Hausaͤmter alles übergeben, was zu ihren Beduͤrfniſſen gehörte, und über das Einzelne beſtaͤndig die nöthige Kontrolle ſuͤhren.) Er hielt deshalb jeden Frei⸗ tag Kapitel, worin alle, die unter ihm ſtanden, erſchei⸗ nen mußten.) Ihm und dem Komthur hatten alle Haus⸗ beamten, die zu ihrer Amtsverwaltung Geld bedurften, jahrlich Rechnung zu legen.) Er führte die Aufficht uͤber die Gaͤrten des Hauſes. Die unter ihm ſtehen⸗ den Verwalter der Hausaͤmter, insgeſammt ebenfalls Or⸗ densritter, waren folgende. ® Der Kellermeiſter, der Auffeher über den Kon: ventskeller, über die Getränke, Trinkgefaͤße, den Bottich⸗ hof und das Malz⸗ und Brauhaus, hatte zugleich das Silbergeraͤth des Konvents in Verwahrſam. Unter ihm ten, ſo z. B. Labiau, welches mit ſeinem Hauskomthur unter dem Komthur von Ragnit ſtand. 1) O. Stat. Gew. c. 34. 2) Im Ordensbuch wird der Hauskomthur, wie es ſcheint, der kleine Komthur genannt; Gew. c. 34. De Pal T. I. p. 105. II. p. 25. 3) S. den fpätern Abſchnitt über Hausordnung. 4) Geſetze Wern. v. Orſeln S. 122. 5) O. Stat. Gew. c. 34. 6) Daß eine beſondere Rangordnung unter ihnen Statt gefunden habe, iſt nicht wahrſcheinlich. Eine belehrende Ueberſicht uͤber die Haus⸗ aͤmter, ſowic uͤber das, was der Verwaltung eines jeden Amtes ange⸗ hörte, giebt das Aemterbuch des Haupthauſes Marienburg im geh. Arch. Wir finden fie auch in verſchiedenen Verzeichniſſen der Komthure und häufig ihre Verwalter als Zeugen in den Urkunden. De Wal T. II. p. 17 kam daruͤber nicht ganz ins Klare.
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474 V. Die Komthure u. Hausbeamten. ſtanden der Braumeiſter, Methbrauer, Mälzer, Hausboͤtt⸗ cher und die noͤthigen Knechte. Der Kuͤchmeiſter als Aufſeher uͤber die Geraͤth⸗ ſchaften und Beduͤrfniſſe der Konventskuͤche hatte den größ- ten Theil der Vorraͤthe fuͤr die Kuͤche in Verwahrung, die ihm zur Beſpeiſung des Konvents geliefert wurden. Unter ihm ſtanden der Koch und das Kuͤchengeſinde.? Der Backmeiſter beauffichtigte das Backhaus, wo er ſeinen Werkmeiſter hatte. Der Tempelmeiſter ſcheint nicht in allen Kon⸗ venten vorhanden geweſen zu ſeyn; wo er war, fuͤhrte er die Aufſicht uͤber den Tempel, ein Vorrathshaus fuͤr aller⸗ lei Speiſegattungen und Lebensmittel nebſt vielen zu Tiſch und Kuͤche noͤthigen Geraͤthſchaften. Der Muͤhlenmeiſter verwaltete den Muͤhlenhof zugleich mit der Aufſicht über die Mahl: und Walkmüh⸗ len, wie über ſaͤmmtliches Muͤhlengeraͤthe. Die Werkmei⸗ ſter der Mühlen ſtanden unter feinem Befehle.“ Der Kornmeiſter hatte die Verwaltung der Ge⸗ treide⸗Vorraͤthe auf den Speichern und Boͤden des Hau⸗ ſes; ſeine Geſchaͤfte waren in manchen Haͤuſern ſehr be⸗ deutend, da er nicht nur fuͤr die taͤgliche Bearbeitung des Getreides, ſondern auch für genaue Berechnung des Abs und Zuganges zu ſorgen hatte.“ So lagen z. B. im Jahre 1378 in Marienburg unter Aufſicht des Kornmei⸗ ſters nicht weniger als 211,460 Scheffel Getreide. Oft wurde dieſer Beamte auch zu andern Geſchaͤften gebraucht. 4) Wie bei dieſem Beamten, fo finden ſich auch bei den uͤbrigen die reichen Beſtaͤnde des Hauſes Marienburg im Aemterbuche fuͤr eine Reihe von Jahren genau verzeichnet, woraus man bis in die größten Einzelnheiten erficht, was jedes Amt beſaß. De Wal T. II. p. 19 — 20. 2) Ein dienender Bruder war der Kuͤchenmeiſter keineswegs, wie De Val T. II. p. 21 ſagt. 3) Ucber die Muͤhlenmeiſter hat De Wal T. II. p. 25 eine un⸗ richtige Vorſtellung. 4) Hie und da z. B. in Labiau kommt ein befonderer Speichermei⸗ ſter als Ordensbruder vor.
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V. Die Komthure u. Hausbeamten. 475 Der Fiſchmeiſter war in jedem Ordenshauſe der Aufſeher uͤber die Fiſcherei in den zahlreichen Seen, für deren Fiſchbeſtand eine wachſame Sorge noͤthig war. Bei den häufigen Faſttagen gab die nothwendige Beiſchaffung der erforderlichen Fiſche feinem Amte eine beſondere Wich⸗ tigkeit. In manchen Konventen finden wir daher auch zwei oder ſelbſt drei Fiſchmeiſter angeſtellt, die dann zum Theil auf den Hoͤfen des Hauſes wohnend dieſe zugleich mit verwalteten; ſie gehoͤrten aber ſtets mit zum Haus⸗ konvente.“) Der Firmariemeiſter ſorgte für die Beduͤrfniſſe der Firmarie, beſonders fuͤr zweckmaͤßige Beſpeiſung und uͤberhaupt fuͤr die geſammte Pflege der erkrankten Kon⸗ ventsbruͤder. Der Spittler war in Ordenshaͤuſern, wo Spitale beſtanden, mit der Aufſicht uͤber die Pflege und aͤrztliche Behandlung der in den Spitalen befindlichen Kranken, ſowie uͤber die mit der Krankenpflege beſchaͤftigten Per⸗ ſonen, worunter die Halbſchweſtern, beauftragt. Er hatte darauf zu ſehen, daß die im Ordensbuche ſehr genau ge⸗ gebenen Vorſchriften in Beziehung auf die Spitale puͤnkt⸗ lich befolgt wurden. Er war fuͤr alle Verſaͤumniſſe und Uebertretung der Geſetze in Ruͤckſicht ſeines Amtes nicht bloß ſeinem Komthur, ſondern auch dem oberſten Spittler verantwortlich. Er fuͤhrte zugleich die Aufſicht uͤber das Spital⸗Vermoͤgen. Rechnung abzulegen war der 1) Aemterbuch von Marienburg. Der Fiſchmeiſter von Scharfau war zugleich Verwalter des dortigen Hofes, hatte die dortige Fiſcherei und beſonders den fo ſehr ergiebigen Stoͤrfang unter ſeiner Aufſicht. Auch die Fiſchmeiſter waren nicht dienende Bruͤder, wie De Wal T. II. p. 24 meint. 2) „Dy Firmarie wart fo gehalden, das der kompthur czu den kranken herren ging jo in III wochen eyns und frogete ſie umb iren gebrechen, der huskompthur alle wochen evns, der firmariemeiſter alle tage und krewdete In ire koſt abe.“ 3) O. Stat. Reg. c. 4 6. De Wal T. II. p. 18. Viſitat.⸗ Receß.
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476 v. Die Komthure u. Hausbeamten. Spittler darum nicht verpflichtet, weil man ſeiner Mild⸗ thaͤtigkeit gegen Sieche und Kranke dadurch keine Schranke ſetzen wollte.) Der Glockmeiſter als Aufſeher uͤber das geſamm⸗ te Kirchengeraͤthe, hatte die gottesdienſtlichen Buͤcher, Meß⸗ gewande, Weihrauch, Lampen, Lichte und überhaupt alles zum Gottesdienſt Noͤthige in ſeiner Verwaltung, mußte zugleich für Reinlichkeit der Kirche ſorgen und alles in Ordnung halten, namentlich auch darauf ſehen, daß jeden Tag pünktlich in den feſtgeſetzten Stunden die Tageszei⸗ ten oder Hrren mit der Glocke angedeutet wurden,“ wo: her er ohne Zweifel auch ſeinen Namen hatte. Der Trappier als Verwalter der in allen Kon⸗ venten befindlichen Trapperie, hatte, wie bereits erwaͤhnt, die Aufſicht uͤber die Anfertigung der Kleidung und die vorhandenen Vorraͤthe an Tuͤchern und Kleidungsſtuͤcken jeglicher Art, wie uͤberhaupt uͤber alle zur Bekleidung der Konventsbruͤder und Diener noͤthigen Beduͤrfniſſe; er führte Verzeichniß und Rechnung uͤber die Beſtaͤnde und nahm die brauchbaren Kleidungsſtuͤcke fuͤr Sommer und Winter in Verwahrung. Unter ſeinem Befehle ſtanden die Schnei⸗ der, Wollweber und Schneiderknechte. Dem Schuhmeiſter war das Schuhhaus und alles zur Fußbekleidung Gehoͤrige anvertraut; er hatte die Auf⸗ ſicht über die Vorraͤthe von Leder, uber die Gerberei oder den Gerbehof, das Lohhaus und die Lohmuͤhle, wo ſolche waren. Unter ihm ſtanden die Schuhwerkmeiſter. 1) O. Stat. Gew. C. 30: Der ſpitaler iſt nicht gebunden czu ſo⸗ getaner rechenunge, das her deſte vreilicher an den ſiechin moge begeen das ampt der mildekeit. Dieſer angegebene Grund beweiſet, daß dieſe Beftimmung für alle Spittler galt. 2) Geſetze Wern. von Orſeln S. 120. 3) Dem Trappier zu Königsberg lieferte der Großſchaͤffer außer 105 Mark fuͤr Lohn, an Tuͤchern 6 weiße Mechelnſche, 3 graue Me⸗ chelnſche, 2 Mechelnſche zu Kogeln, 8 Mechelnſche zu des Marſchalls Dienern, 100 Ellen Engliſ. Tuch zu Hoſen, 7 Futtertuͤcher, 2000 Ellen Weftphätifchen Leinwand ꝛc.
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V. Die Komthure u. Hausbeamten. 477 Der Karwansherr ” hatte den Karwan, d. h. die Gebaͤude unter ſich, in welchen in Friedenszeit die Feldgeſchuͤtze oder Buͤchſen, das Buͤchſengeraͤthe, Blchfen- wagen, mancherlei Reiſegeraͤthe u. dgl. aufbewahrt wur⸗ den; er war Aufſeher des Schirrhauſes, Holzhofes und Holzvorrathes des Hauſes, meiſt auch alles deſſen, was zur Ackerwirthſchaft und zum Angeſpann gehörte, alſo ein für jedes Ordenshaus unentbehrlicher Beamte, unter dem ein Kaͤmmerer, Karwansknechte, Schirrmacher und vieles andere Geſinde ſtanden. Der Schnitzmeiſter beaufſichtigte das Schnitzhaus und die darin befindlichen Geraͤthſchaften und Vorraͤthe an Armbruͤſten, Pfeilen, Bogen u. ſ. w. Er hatte auch Loth= und Steinbuͤchſen in Verwahrung; die ihm unter⸗ geordneten Werkmeiſter waren der Bliedenmeiſter, Pfeil⸗ ſchaͤfter u. a. Der Zimmermeiſter, ebenfalls ein Konventsbru⸗ der, war Aufſeher uͤber den Zimmerhof, den Zimmerwerk⸗ meiſter und die Zimmerleute. Wahrſcheinlich verwaltete er das ganze Bauweſen unter der Oberaufſicht des Kom⸗ thurs, denn wir finden ſonſt keines beſondern Beamten erwaͤhnt, der als Baumeiſter dem geſammten Bauweſen überhaupt vorgeſtanden hätte. Der Steinmeifter leitete die Arbeiten im Stein⸗ hofe, fuͤhrte die Aufſicht uͤber die Ziegelei, Kalkbrennerei, über das ſ. g. Mauerer⸗Amt, Über Steinhauer, Büch ſen⸗ ſteinhauer, das Gießhaus und den Holzhof. Unter ihm ſtanden zahlreiche Werkmeiſter und Geſinde, Mauerer, Buͤchſengießer, Steinkaͤmmerer, Kalkbrecher u. ſ. w. Der Schmied emeiſter als Aufſeher Über die 1) Auch Karbisherr, Karbens= oder Karvansherr geſchrieben, von Carvane, welches nach Hennig Ord. Statut. S. 252 bald die ganze Kriegs⸗Bagage des Ordens, das ſchwere Gepäck, bald den Ort und das Haus bedeutet, wo in Friedenszeit die Kriegs⸗Bagage aufbewahrt wurde. Der. Karwansherr und Schildknechtmeiſter war nach Hennig ein und derſelbige Beamte, De Wal I. I. p. 107.
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478 V. Die Komthure u. Hausbeamten. Schmieden, hatte ſaͤmmtliche Vorraͤthe von Eiſen und ei⸗ ſernen Geraͤthſchaften in Verwahrung; er erhielt vom Großſchaͤffer jahrlich einen beſtimmten Bedarf, den er den Werkmeiſtern, Grob⸗ und Kleinſchmieden zum Verbrauch uͤbergab. Der Pferdemarſchall hatte die Aufſicht uͤber die Pferde des Konvents und uͤber Pferdezucht, zum Theil auch mit uͤber anderes Vieh und uͤber das Futtergetreide. Bei der bedeutenden Pferdezucht in Preußen war ſein Amt in vielen Konventen von beſonderer Wichtigkeit. Un⸗ ter feinem Befehle ſtanden zahlreiche Knechte und Diener. Der Viehmeiſter hatte den Viehhof und deſſen haͤufig ſehr zahlreiche Beſtaͤnde an Vieh von allerlei Gat⸗ tungen unter ſich;?) zuweilen war er auch Verwalter nahegelegener Ordenshoͤfe, wo ſeine Kaͤmmerer und Hof⸗ meiſter die Wirthſchaftsgeſchaͤfte beſorgten. Häufig ſtanden dieſe letztern als Wirthſchafts-Inſpectoren auf den Höfen auch unmittelbar unter dem Komthur. Das Amt des Viehmeiſters war in den meiſten Ordenshaͤuſern wegen des bedeutenden Viehſtandes ebenfalls von beſonderer Wich⸗ tigkeit. Der Thormeiſter war, wenigſtens in groͤßeren Ordensburgen, wie zu Marienburg, Elbing u. a. mit dem Geſchaͤfte beauftragt, für regelmäßige Oeffnung und Schlie⸗ ßung der Thore und für die ſorgfaͤltige Bewachung des Hauſes zu ſorgen. Solcher Thorherren, wie fie auch hei⸗ ßen, waren in Marienburg drei angeſtellt; unter ihnen ſtanden die Thorwarte und Hauswaͤchter. Der Gartenmeiſter beaufſichtigte die um das Or⸗ denshaus liegenden Gaͤrten und verband damit zuweilen 1) O. Stat. Gew. c. 40. 2) ueber ihn eine beſondere Vorſchrift O. Statut. Gew. c. 38. Der HM. und der Großkomthur hatten ihre beſondere Pferdemarſchaͤlle, die jedoch auf Lohn dienten und alſo nicht Ordensbruͤder waren. Mas rienb. Aemterbuch. 3) Namentlich ſorgte der Vichmeifter auch für die Schafzucht.
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v. Die Komthure u. Hausbeamten. 479 auch das Aufſeheramt uͤber die Firmarie, wenn kein Or⸗ densbruder damit bekleidet war. Der Waldmeiſter ſtand dem Waldamte vor, hatte die Aufſicht uͤber die Waldungen des Hauſes, be⸗ ſorgte den Holzſchlag, Holzverkauf, die Zufuhren fuͤr die Beduͤrfniſſe des Hauſes u. dgl. Unter ihm als Oberforſt⸗ meiſter ſtanden verſchiedene Unterbeamte und Schreiber. Wahrſcheinlich lag mit in ſeinem Amte auch die Beauf⸗ ſichtigung des Jagdweſens im Bezirke des Hauſes. Die Anſtellung dieſer Hausbeamten geſchah bald vom Hochmeiſter bald vom Komthur; nur die ordentlichſten und tüchtigften unter den Konventsbruͤdern wurden dazu aus⸗ erleſen. Jeder verwaltete ſein Amt nur als Pflicht des Gehorſams gegen ſeinen Obern, der ihn damit beauf⸗ tragt, alſo ohne allen Gehalt oder Lohn. Keiner durfte ſich eines Amtes weigern; wer mit Geld zu ſchaffen hatte, mußte daruͤber dem Komthur vor dem ganzen Konvente Rechnung legen; benutzte einer ſein Amt zu irgend einem Gewinne fuͤr ſich, ſo ward er als ungehorſam des Amtes entlaſſen und erhielt ein ſolches nie wieder. Viſitatoren konnten die Hausaͤmter veraͤndern, wie es ihnen nützlich ſchien.“ Jeder Hausbeamte hatte, wie es fein Amt er⸗ forderte oder das Geſetz es erlaubte,) zwei oder drei 1) Statut. Pauls von Rußdorf, wo es heißt: Wenn ein Gebicti⸗ ger eines Amtmannes bedarf, ſoll er ſich in ſeinem Konvent fleißig um⸗ ſehen, welcher Bruder ſich ordentlich und redlich halt und nicht ſteht nach Eigenſchaft (Eigenthum) z einem ſolchen ſoll er das Amt befehlen; wuͤrde aber derſelbe erkannt mit unmdglicher Eigenſchaft, davon ſein Amt kommen mochte zu Schaden, ſo ſoll man ihn ſeines Amtes ent⸗ laſſen, ihn fuͤr einen ungehorſamen Bruder halten und ihm fuͤrter kein Amt befehlen. 2) Viſitations⸗Vollmacht v. J. 1409: Damus et concedimus eisdem meram et plenam potestatem, oflicia maiora et minora, si utilitas et necessitas requisierit, cum consilio seniorum fra- trum ibi existentium immutandi, preter illa, que in nostro ca- vitulo Generali per nos resumi et committi sunt consucta. 3) Darüber beſtimmte Vorſchriften in O. Stat. Gew. c. 41. 44.
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480 v. Die Komthure u. Hausbeamten. Pferde und dazu ſeinen Harniſch, denn in Kriegszeiten mußten auch ſie mit dem Komthur ausziehen, nur einige ausgenommen, z. B. der Kuͤchmeiſter, die deshalb auch weder Harniſch noch Pferde hatten. Außer dieſen Hausbeamten gehoͤrten zum Konvente auch die in nahe gelegenen kleinern Ordensburgen wohnen⸗ den Pfleger und zum Theil auch die Voͤgte,“ denn ges woͤhnlich waren auch ſie Beamte eines Komthurhauſes, jedoch als Verwalter und Aufſeher mit eigener Wirthſchaft und Verwaltung auf die zu einem Hauſe gehoͤrigen be⸗ ſondern Gutsbezirke geſetzt oder auf einzelnen Höfen woh⸗ nend. So ſaßen ſolche Voͤgte im Bezirke des Haupt⸗ hauſes Marienburg in Stuhm, zu Grebin und Leſke, und Pfleger zu Montau, Meſelanz und Leſewitz; ebenſo in andern Orbenshäufern. ? Sie waren gewiſſermaßen die Hauskomthure dieſer Güter und Höfe, nur deshalb nicht dieſen Namen fuͤhrend, weil in ihren Burgen kein Kom⸗ thur mit einem Konvente fand; fie führten jedoch ebenſo durch anderweitige Beamten und Werkmeiſter eine beſondere Verwaltung, nur in kleinerem Umfange. Als Konvents⸗ glieder des Komthurhauſes aber waren ſie in ihren Or⸗ denspflichten den Anordnungen des Komthurs und Hands kapitels unterworfen und mußten in den letztern erſcheinen, wenn der Komthur fie berief. Ihre Hausbeſtaͤnde muß: ten von Zeit zu Zeit dem Komthur uͤberwieſen werden und dieſer nahm ſie in ſeine dem Nachfolger im Amte 1) Als Voͤgte werden in Preuſſen genannt die von Leipe, Brathfan, Roggenhauſen, Dirſchau, Grebin, Stuhm, Lefte, Lewenburg, Soldau; als Pfleger die von Raſtenburg, Barthen, Lochſtätt, Tapiau, Inſter⸗ burg, Gerdauen, Papau, Ortelsburg, Seeſten, Angerburg, Lyck, Buͤ⸗ tow (in Pommern), Neidenburg, Schaken u. a. 2) Marienb. Aemterbuch. Voͤgte kommen als Glieder eines andern Konvents ſeltener vor als Pfleger, die faſt regelmäßig als Konvents⸗ bruͤder eines Komthurs erſcheinen. Die Vögte ſtanden in der Regel ſelbſtſtändiger da, z. B. der von Roggenhauſen.
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VI. Geiſtliche Konventsbräder. 481 zu übergebende Nachweiſung auf; denn in allen Verhaͤlt⸗ niffen blieb der Komthur ihr naͤchſter vorgeſetzter Oberſter. 2) Manche dieſer Hausbeamten finden wir auch bei den Landesbiſchoͤfen; jeder hatte feinen Vogt, Waldmeiſter; der von Pomeſanien ſeinen Hauskomthur, das Domkapitel feine Pfleger u. ſ. w. VI. Geiſtliche Konventsbruͤder. Zum Konvente eines Ordenshauſes gehoͤrte ſchon von ſcuͤhſter Zeit an ® nothwendig eine gewiſſe Anzahl geiſt⸗ licher Bruͤder, Prieſterbruͤder, Pfaffenbruͤder und Kaplane genannt. Die erſte Anordnung dieſer Prieſter und 1) So gehörte z. B. der Pfleger zu Raſtenburg zum Konvent von Balga, die von Tapiau, Inſterburg und Lochſtaͤtt zu dem in Kdnigs⸗ berg, der von Pr. Holland zu dem zu Elbing u. ſ. w. In den Amts⸗ verzeichniſſen find die Beſtände der Pflegerämter jeder Zeit aufgeführt, 2) Einiges Nähere über dieſe Voͤgte und Pfleger ſpaͤterhin. 3) Privileg. Capit. Pomesan. p. XXII. 4) Nach der Ordenschron. bei Mattiiaeus T. V. p. 680 ſetzte ſchon der erſte HM. Prieſter zur Abhaltung des Gottesdienſtes ein; ſie wurden vom Konvent unterhalten und wöchentlich ſalarirt. Gewiß wur⸗ den dieſe bald Ordensbruͤder; de Wal T. II. p. 40. 5) Die Anzahl dieſer geiſtlichen Brüder war in den Ordensburgen verſchieden. Nach einer Beſtimmung vom J. 1448, „wie viel priſter⸗ brüder, Capplan, Gracial, ſchuͤler und glockner uff eynem itzlichen Huwze ſeyn ſollen,“ hatten Oſterode, Strasburg, Golub, Rheden, Thorn, Althaus und Graudenz, jedes 2 Prieſterbrüder, 2 Kaplane und einen Glöckner. In den Viſitations⸗Neceſſen wird häufig genau die Jahl der Prieſterbrüder und Kaplane eines Hauſes aufgeführt. In vielen Häu⸗ fern waren oft nur einer oder zwei, nirgends aber überhaupt ihre Zahl ſo greß aus in den Ordenshaͤuſern in Deutſchland. De Wal T. II. 5. 58 bac daher nur in Bezichung auf die letztern Recht, wenn er ſagt: Jes preties furent très-nombreux dans Ordre Teutonique, et 5 paroit qu'il y en avoit ordinairement un assés grand nombre dens les eyursnts pour Y ehanter Voflice. 11 31
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482 VI. Geiſtliche Kon ventsbrüder. Kleriker im Orden erfolgte nicht erſt unter dem Papſte Honorius dem Dritten, ſondern ſie beſtand ſchon unter Innocenz dem Dritten.) Ueber ihre Beſtimmung und Beſchaͤftigung ſpricht das Geſetzbuch: „Unter den Glie⸗ dern des Ordens ſind auch Pfaffen, die eine werthe Statt haben, daß ſie in der Zeit des Friedens als Glaͤnzſterne mitten unter ihnen laufen und ermahnen die Laienbruͤder, daß ſie ihre Regeln ſtreng halten, und daß ſie ihren Gottesdienſt thun und ſie berichten mit den Sacramenten. So man aber ſtreiten ſoll, ſo ſollen ſie ſie ſtaͤrken zu dem Streite und ſie daran mahnen, daß Gott auch durch ſie litt an dem Kreuze. Alſo ſollen ſie bewahren und behuten beide die Geſunden und Siechen und ſollen allen ihren Dienſt vollbringen in einem ſanften Geifle.“ — 2 Das weſentlichſte Tagsgeſchaͤft der geiſtlichen Konvents⸗ bruͤder beſtand demnach zunaͤchſt in der Abhaltung des Gottesdienſtes, denn es war Vorſchrift, daß ſie jeden Tag mit allem Fleiße die ſ. g. Tageszeiten oder den in beſtimmten Stunden des Tages und der Nacht vorgeſchrie⸗ benen Gottesdienſt begehen ſollten, “ wobei die ſtrengſte Ordnung wiederholt zu einem der wichtigſten Gebote ge: macht war. Dieſe vorſchriftmaͤßige Ordnung mußte ſelbſt in ſolchen Ordenshaͤuſern, wo nur zwei Prieſterbruͤder wa— ren, aufs puͤnktlichſte gehalten werden. Hierin, wie in allem ſtanden ſie unter der Aufſicht und dem Befehle ih— res Komthurs, “ denn obgleich Geiſtliche, fo waren fie 4) S. oben B. II. S. 109; vgl. De Wal T. II p. 43. 2) Vorrede der Ord. Statut. v. Hennig S. 35 — 36. De Wal T. II. p. 55. 3) Im Viſitat.⸗Receß heißt es z. B. von Althaus: Do iſt ein Priſter⸗ bruder, 2 Caplan, 3 ſchuͤler, man ſinget Fruͤmeſſe, homeſſe und ves⸗ per, prime, tercie, ſexte u. ſ. w. liſt man, ſunder der priſterbruder liſt alleyne des nachts in der kirche dy mette. 4) Geſetze Wern, von Orſeln S. 121. Gef. Konr. v. Erlichsh. S. 149. 153. Viſitat. Vollmacht Schiebl. VL. nr. 2. 5) Geſetze Dieter, von Altenb. S. 127. 6) De Wal T. II. p. 00.
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v1. Geiſtliche Konventsbrüder. 483 doch keineswegs den Biſchoͤfen des Landes, ſondern nur ihrem Oberſten untergeben und vor allem dem Hochmei⸗ ſter, wie die andern Brüder, ſtrengen Gehorſam ſchuldig. Es beſtand unter ihnen ein Unterſchied zwiſchen Prieſter⸗ und Pfaffenbrüdern. ? Die erſtern mit der Prieſterweihe ſtanden hoͤher im Range, weshalb ſie auch an der Konventstafel über den andern Konventsbrüdern ſaßen und meiſt auch den Hausbeamten vorangingen. Das Geſetz gebot, man ſolle fie beſonders ehren.) Nur der Prieſterbruder konnte Meſſe halten; der Pfaffenbruder beſorgte die uͤbrigen Verrichtungen beim Gottesdienſte. Der erſtere hatte ferner die Seelſorge als eine ſeiner wichtig⸗ ſten Pflichten; er mußte bereit ſeyn, in Stadt und Land zu jedem Kranken, Armen und Reichen, wohin er ver langt wurde, zu kommen, um die Sacramente zu reis chen.) Sein Amt forderte ferner, zum Troſte der Sie⸗ chen und Armen oͤfter auch die Spitale zu beſuchen, zuwei⸗ len in Proceſſionen.“ In allen Amtspflichten und Verrich⸗ tungen der Prieſterbruͤder verlangte das Geſetz ſtets die ſtrengſte Gewiſſenhaftigkeit und puͤnktlichſte Ordnung, uͤber die in früherer Zeit und vielleicht hie und da auch ſpaͤ⸗ terhin noch ein vorgeſetzter Prior, der Dirigent im Chore wachte. Ihm waren beſonders die Pfaffenbruͤder zur Auf⸗ ſicht untergeben.) Der geſammte Gottesdienſt, ihre Ges 1) Bulle des Papſtes Honorius III. ſ. oben B. II. S. 109. De Wal k. II. p. 36. 2) Dicſer unterſchied tritt im Geſctzbuche überall hervor; vgl. Gef. o. 47. Reg. c. 10; de Wal T. II. p. 50. 3) Dieſe Auszeichnung findet ſich auch beim Tempelorden, de Wul T. II. p. 48 — 49. 4) O. Stat. Gef. c. 3; ihre Namen ſtehen daher unter den Zeu⸗ gen in Urkunden denen der Hausbramten immer vor. 5) O. Stat. Geſ. c. 25. 6) O. Stat. Reg. c. 6. 7) Diejes Priors erwähnt O. Stat. Gef. c. 50; auch in emer Urkunde vom J. 1242 ein Frater Johannes prior domus alamanno- rum; vgl. über ihn De Wal T. II. p. 49. 60. 1 >41
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484 Vi. Geiſtliche Konventsbruͤder. bete, die Regel und Ordnung gottesdienſtlicher Feierlichkei⸗ ten war den Prieſtern aufs genaueſte vorgeſchrieben und nichts durfte in der Vorſchrift verfaumt oder verändert wer⸗ den.) Insbeſondere mußten fie den Theil dieſer Vor: ſchrift, welcher die Venie hieß, bis ins Einzelne kennen und beobachten.) Vergehungen und Verſaͤumniſſe im Amte oder ſchwere Suͤnden und Verbrechen beſtrafte das Ordensgeſetz an den geiſtlichen Bruͤdern nach dreifacher Stufe der Bußen, wie wir fpäter hören werden. Ohne des Hochmeiſters Erlaubniß durfte kein Laien⸗ bruder in den Stand. der Pfaffen treten und kein Pfaffe - ohne ſeine Genehmigung eine hohe Schule beſuchen. 2 Man nahm keinen in den Orden als Pfaffenbruder auf, der unehelicher Geburt war oder vom Papſte ſolcher Ge⸗ burt wegen nicht ausdruͤckliche Dispenſation hatte, um die Seelſorge übernehmen zu koͤnnen. Wer aufgenommen war, beſtand zuvor ein Noviciat von einem Jahre; nach dem durften die Prieſter ohne Erlaubniß des Obern das Ordenskleid nicht wieder ablegen, um in einen andern Orden zu treten bei Strafe der Excommunication. 9 Haus fig waren fie aus den Städten Preußens felbft geboren. Als Ordensglieder fanden fie unter denſelbigen Geſetzen wie die uͤbrigen Ordensbruͤder und trugen dieſelben Or⸗ 4) ucber die im Orden gebraͤuchliche Liturgie ſ. de al T. II. p. 65. 2) Ord. Statut. bei Hennig S. 201 ff. Die Viſitat.⸗Vollmacht Schiebl. VI. nr. 2 ſagt: Die Notel und das Ordensbuch ſoll den Pricſterbruͤdern gereit ſeyn, ſonderlich daß ſie ihre Venien wohl ſollen wiſſen, wenn ſich die andern gemeinlich nach ihnen richten. 3) Wie es ſcheint, hatten die Prieſterbruͤder auch ſelbſt ein gewiſſcs Strafrecht; denn in der Viſitat.⸗Vollmacht heißt es: Jeglicher Prieſter⸗ bruder ſoll getreulich und haͤrtlich in der Beichte ſtrafen die Bruͤder ih⸗ res Konvents um ihre Miſſethat bei Namen um die, die groß ſchaͤdlich iſt ihrer Scele, alſo um Unkeuſchheit, ungehorſam und Eigenſchaft. 4) O. Stat. Geſ. c. 2. 5) O. Statut. v. Hennig Beil. III. S. 232; die Beſtimmung iſt etwas undeutlich. 6) S. die paͤpſtl. Bulle bei cke Wal T. II. p. 56.
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VI. Geiſtliche Konventsbrüder. 485 denskleider, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie vorne ge⸗ ſchloſſen ſeyn mußten; ” ſtatt des Rittermantels bedeckte fie ein weißer Rock oder eine Art von Talar, wie Papſt Innocenz der Vierte angeordnet hatte. Außer dem Hauſe hatten ſie einen Mantel, nur nicht von weißer, ſondern wahrſcheinlich grauer Farbe.“ Ohne Urlaub durf⸗ ten fie keine Stadt befuchen 9 und ohne des Komthurs Wiſſen nichts unter Verſchluß halten. Sonſt verband fie mit den übrigen Konventsbrüdern ein gemeinſamer Tiſch und ein gemeinſames Schlafgemach.“ Sie erſchie⸗ nen auch mit im Kapitel und hatten dort ihren Sitz bei dem Oberſten.) In die gewöhnlichen Angelegenheiten des Konvents, wenn ſolche im Kapitel verhandelt wur⸗ den, miſchten ſie ſich nicht ein; aber in kirchlichen Dingen uͤbten ſie, wie es ſcheint, im Kapitel ein gewiſſes Straf⸗ recht und handhabten gegen die uͤbrigen Konventsbruͤder eine Art von kirchlicher Policei.“ Zu wichtigen Ver: handlungen im Kapitel wurde auch ihre Stimme verlangt. Bei einer Hochmeiſter⸗Wahl war unter den Wahlherren ſtets auch ein Prieſterbruder und bei der Aufnahme neuer Brüder in den Orden ertheilten ſie mit Gebet die geiſt⸗ 1) Die Bulle Honorius III. ſchreibt ihnen dieſelben Betten, gleiche Speiſung und Kleidung zu, nur clausa vestimenta portabunt; de al T. II. p. 44. 2) Die Bulle darüber bei de Wal T. II. Beil. nr. V. 3) De Wal T. II. p. 45. 4) Viſitat. Receß nr. 14. 5) Ord. Statut. v. Hennig Beil. IV. S. 235, wo verordnet wird, daß der Komthur auch cinen Schluͤſſel zum Kaſten des Pfaffen⸗ bruders haben ſolle. 6) Papſt Alexander IV. nennt fie in einer Bulle b. J. 1258 Fratres vestri ordinis eleriei seculares, qui vobiscum in vestris domibus commorantes in mensa vestra comedant et dormiant in vestro dormitorio. 7) De Wal T. II. p. 42. 49. 8) De Wal T. II. p. 58 führt an, daß der Chormeiſter den Ritterbruder, der ohne hinrcichende Gruͤnde zur Nachtzeit den Gotkes⸗ dienſt verſäumte, mit Faſten bei Waſſer und Brod beſtrafen konnte.
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486 VI. Geiſtliche Konventsbruͤder. liche Ritterweihe.“ In den Ordenshaͤuſern Deutſchland waren nicht ſelten die Prieſterbruͤder zugleich auch Kom⸗ thure der Haͤuſer. Unter ihrer Aufſicht ſtanden die in jedem Konvente zum Gottesdienſt unterhaltenen Kaplane und Hausſchuͤler. Gewoͤhnlich waren die erſtern nicht Ordensbruͤder, ſondern nur zur Abhaltung des Gottesdienſtes und als Beigehuͤl⸗ fen der Prieſterbruͤder auf Lohn angenommen. Sie konn- ten dieſen Dienſt nach beliebiger Zeit aufgeben, um als Pfarrer auf dem Lande oder in Städten verſorgt zu wer- den.) Die wichtigſte Stelle unter den geiſtlichen Bruͤ⸗ dern hatte der Kaplan des Hochmeiſters, gewoͤhnlich ein Ordensbruder. Er begleitete ſeinen Herrn uͤberall auf Reiſen und verwaltete zugleich einen Theil der geiſtlichen und kirchlichen Angelegenheiten, weshalb man fi) in Sa: chen ſolcher Art meiſt zunaͤchſt an ihn wandte, um ſie vom Meiſter auszuwirken. Ueberhaupt hatte er durch ſeine beſtaͤndige Gegenwart beim Hochmeiſter auf viele Verhaͤlt⸗ niſſe der Verwaltung einen bedeutenden Einfluß, denn in der Regel genoß er bei dieſem großes Vertrauen. Ins⸗ beſondere führte er auch den Briefwechſel mit denen, wel: che der Meiſter auf auswaͤrtige hohe Schulen ſandte, um eine gruͤndlichere Bildung und Kenntniſſe im geiſtlichen und weltlichen Rechte zu erwerben.) Im Ganzen aber kam es bei den Ordensgeiſtlichen wenig auf gelehrte Studien an, denn es hieß im Geſetze ausdruͤcklich: „Die ungelehrten Brü- der ſollten im Orden ohne Urlaub nicht lernen; die ge— lehrten aber möchten das Gelernte üben, wenn fie woll⸗ 1) O. Statut. v. Hennig S. 207. ff. 2) De Wal T. II. p. 52 giebt davon Beiſpiele. 3) O. Stat. Gef; c. 26. Sendſchreiben des HM. an die Gebieriger v. J. 1448. Viſitat.⸗Ordnung nr. 15. 4) Die Viſitat.⸗Receſſe erwähnen folder Fälle viele. 5) Daruber eine anſehnliche Zahl von Briefen ſolcher Studierenden an die Kaplane des HM. im geh. Arch. S. Voigt Geſchichte Ma⸗ nu, S. 379.
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VII. Pebenstoeife u. Hausordn. der Ordensbruͤder. 487 ten.“ ? Die Kaplane der oberſten Gebietiger und Kom: thure treten wenig bemerkbar hervor. 2 VII. Lebensweiſe und Hausordnung der Ordensbruͤder. Mit der Aufnahme des jungen Ritters in den Ver— ein des Ordens begann für ibn ein ſtrenggehaltenes und entſagungsvolles Leben. Aufgenommen wurden in den Or⸗ den gemeinhin nur ſolche Deutſcher Geburt, edle Juͤng⸗ linge nicht unter dem vierzehnten Lebensjahre,“ geſund und ungebrechlich, rittermäßig und zu den Wappen gebo ven, 9 rein in ihrem Wandel, unbefledt in Sitten, un: 1) O. Stat. Gef. c. 2. De Wal T. I. p. 52 druͤckt die Verorb⸗ nung fo aus: Les freres qui n’etoient point lettres. ne devoient pas etudier sans la permission du superieur: cus qui avoient studie avant d’entrer dans lordre, puuvoient faire usage dv leurs connoissanges. 2) Sie waren meift auch die Schreiber der Gevictiger und beſorgten das Bücherabfehreiben für den Konvent; f. Geſchichte Marienb. S. 382. 3) O. Stat. Neg. e. 32. Es iſt merkwürdig, daß im Ordens⸗ buche ſelbſt von der Bedingung der Deutſchen Abſtammung bei der Auf nahme nirgend die Rede iſt. De Wal T. I. p. 277 ſagt zwar: Con- me Ordre Teutonique a &te fonde pour la nation germanique, le candidat doit prouver que toutes les familles qui composent ses quartiers, sont des familles de bempire d’Allemagne; die Sache hat im Ganzen wohl auch ihre Richtigkeit; aber die bei de Wal angeführte Note beweiſt nichts. 4) De Wal T. I. p. 263. Gef. Dieter. v. Altenburg S. 124, wo es heißt: man ſolle keinem den weißen Mantel geben, „her en ſei ſeyn denne wuͤrdig und wol dorczu geboren.“ Ueber die Frage: ob einer zuvor zum Nitter geſchlagen wurde, che man ihn aufnahm? f. de Wal T. I. p. 232; er nimmt an, daß der Ritterſchlag vorausging oder der Aufzunchmende ſchon Nitter war; dgl. p. 236. 273. Später ſcheinen mitunter auch Würgerliche aufgenommen worden zu ſeyn. So wandte ſich z. B. im J. 1445 der Bürgermeifter Johann Kolmann von
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488 VI. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. berüchtigt an ihrem Namen. ? Wurden Knaben vor je: nem Jahre dem Orden zur einſtigen Aufnahme zugebracht, ſo ließ er ſie ſorgſam bis zum geſetzlichen Alter erziehen und nahm ſie dann, wenn die uͤbrigen Bruͤder eines Kon⸗ vents damit einſtimmten, in die Zahl feiner Glieder auf.) Bedurfte der Orden in Preuſſen neuer Bruͤder, ſo ſandte der Meiſter mit Rath ſeiner Gebietiger einen gewandten Ordensbeamten nach Deutſchland, um dort neue Ordens⸗ ritter zu gewinnen. 9 Wer die Aufnahme erlangte „wurde in das Ordenshaus beſchieden, wo ſie erfolgen ſollte. Der Meiſter oder fein Stellvertreter und die gegenwaͤrtigen Or⸗ densbrüder, zu einem Kapitel verſammelt, entſandten von da einen Bruder zu denen, die in ein nahes Gemach ein⸗ gewieſen die Aufnahme wuͤnſchten, um ſie zuvor daruͤber zu belehren, was fie thun müßten, wenn fie in die Ver⸗ ſammlung des Kapitels eintraͤten.) In dieſem erſchei⸗ nend fielen ſie vor dem Meiſter oder deſſen Stellvertreter auf die Kniee nieder mit der Bitte, ſie durch Gott in den Bund des Ordens aufzunehmen. Der Meiſter oder Stellvertreter antwortete hierauf: „Die Bruͤder haben euere Bitte erhoͤrt, ſofern ihr nicht der Dinge eins an euch habt, uͤber die wir euch jetzt fragen muͤſſen: zum erſten, Luͤleck an den Komthur von Danzig um die Aufnahme feines Sohnes und der Komthur fragt beim HM. an, was darauf zu antworten ſey. 1) Als im J. 1406 der HM. die Ordensritter Siegmund von Ramingen Vogt von Leſke und Gottfried Hotzfeld zur Aufnahme neuer Brüder nach Deutſchland ſandte, ſchrieb er ihnen genau vor, welche Eigenſchaften diejenigen haben muͤßten, die man in den Orden aufneh⸗ men wolle; ſ. oben S. 410. 2) O. Stat. Reg. c. 32. S. Muͤnter Statut. des Tempel⸗ ordens S. 28. 3) Vgl. das Schreiben des Komthurs von Oſterode an den HM. im geh. Arch. Schiebl. I. XXI. nr. 74, worin der Komthur ſagt: man muͤſſe zu dieſem Zwecke ſenden „eynen usrichtſamen und wol bewerben⸗ den, der in den landen bekannt ſeie, dorczu ouch ſeie von eynem groſ⸗ ſen geſchlechte.“ 4) O. Stat. Erf. c. 30.
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VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. 489 ob ihr euch nicht ſchon einem Orden verlobt habt? Zum andern, ob ihr an kein Weib gebunden ſeyd durch Geluͤbde oder irgend eines Herrn Knecht? Zum dritten, ob ihr keine Schuld mehr ſchuldig oder irgend Rechnung abzu⸗ thun verpflichtet feyd, woraus dem Orden Bekuͤmmerung entſtehen moͤchte? Zum vierten, ob ihr keine heimliche Krankheit an euch habt? Winde ihr irgend dieſer Dinge eins an euch haben und ihr ſaget es uns nicht, ſo koͤnnet ihr, ſobald wir es nachmals erfahren, nicht mehr un ſer Bruder ſeyn und habt den Orden verloren.“ ) —— Erklaͤr⸗ ten nun die Aufzunehmenden, daß ſie in keinem der ge⸗ fragten Dinge ſich ſchuldig wüßten, fo legte ihnen jetzt der Meiſter oder Stellvertreter die Gelübde vor, durch die ſie an den Orden gebunden ſeyn ſollten: zuerſt daß ſie geloben, die Kranken zu pflegen und die chriſtliche Kirche zu beſchirmen vor den Feinden Gottes, ſo oft man es ihnen heiße; zum andern daß fie dem Meiſter ſagen, ob ſie irgend einem Amte vorſtehen koͤnnen und ſolches dann nach ſeinem Willen und ihren Kraͤften verwalten; zum dritten daß fie geloben, das Kapitel und des Mei⸗ ſters heimlichen Rath nie zu offenbaren; zum vierten daß ſie nie ohne Erlaub aus dieſem Orden in eine andere Lebensordnung uͤbertreten und ſtets des Ordens Regeln und Gewohnheit uͤben und halten wollen. Nach dieſen Geluͤbden entbot man ihnen die ſ. g. Probation; man ſetzte ihnen, ſofern fie es verlangten, eine gewiſſe Pruͤ⸗ fungszeit, um mittlerweile die Strenge des Geſetzes und der Brüder Sitte und Lebensweiſe genau kennen zu ler⸗ nen. Der Meiſter und die Brüder beſtimmten, wie dieſe 1) O. Stat. Gef. e. 305 ähnlich auch die Fragen bei der Auf⸗ nahme in den Tempelorden; ſ. Munter S. 33 — 35. 2) Es heißt eigentlich: „Das heilige lant eu beſchirmene unde ander lant di do czu gehoren vor den vienden gotis alſo verre, ſo man fie euch heiſet;“ offenbar eine Beſtimmung des Morgenlandes, die nach⸗ her eine allgemeine Beziehung auf den Schirm der Kirche und des Chriſtenthums erhielt.
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490 VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. Pruͤfungszeit zu halten ſey. Verzichteten aber die Auf⸗ zunehmenden von ſelbſt darauf und erklaͤrte auch des Or⸗ dens Oberſter, daß er ſie auch ohne ſolche in den Ritter⸗ verein aufzunehmen Willens ſey, ſo geſchah dann in der Kirche des Hauſes die Aufnahme in folgender Weiſe Die Hand auf das Evangelium Johannis gelegt, ſprachen fie zuerſt den Eid: 9 „Ich verheiße und gelobe Keuſchheit meines Lebens, ohne Eigenthum zu ſeyn und Gehorſam Gott, Sanct Marien und euch dem Meiſter des Ordens des Deutſchen Hauſes, daß ich gehorſam ſeyn will bis an meinen Tod.“ Darauf folgte die Weihe des Ritterſchwertes; es ward ein Segensſpruch Über daſſelbe ausgeſprochen und ein Gebet, daß Gott den Knecht ſeg⸗ nen möge, der mit dieſem Schwerte umgürtet werden ſolle, auf daß er gegen die Bosheit der Heiden und aller Uebelthaͤter ein Vertheidiger und Beſchuͤtzer ſey der Kir⸗ chen, der Wittwen und Waiſen und Aller, welche Gott dienten. Dann wurde das Schwert dem jungen Ritter umguͤrtet. Die Prieſter begannen den uͤblichen Feſtge⸗ ſang und nach einem Gebet an Gott fuͤr den jungen „Rittersmann ward er mit Weihwaſſer beſprengt und ihm der Segen ertheilt. Nun folgte unter fernerem Gebete die Weihe des Ordenskleides, des Mantels mit dem Kreuze. Waͤhrend man Gottes Beiſtand erflehte fuͤr dieſen ſeinen E ir ſich der junge Ritter auf die Kniee nieder, 1 Ueber die Pruͤfungszeit O. Stat. Reg. c. 31 und Geſ. c. 30; dieſes letztere Kapitel in den Ordensgeſetzen ſcheint überhaupt eine Art von Kommentar uͤber Reg. c. 31 zu ſeyn. Ueber das, was der Novize in der Pruͤfungszeit als Obliegenheiten zu beachten hatte, de Wal T. I. p. 238 — 239, zum Theil wohl nach neuerer Obſervanz. 2) De Wal T. I. p. 230. 235. 241. Die Aufnahme als Novize und die Ablegung der Geluͤbde erfolgte im Kapitel, die Ritterbekleidung und das Weitere in der Kirche. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 262. 3) Die Eidesformel O. Stat. Gef. c. 30 und S. 215. 4) O. Stat. Geſ. S. 207. Von der Weihe des Ritterſchwertes finden wir bei der Aufnahme in den Jempelorden nichts erwähnt.
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VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. 491 bis der Litanei⸗Geſang der Prieſter und ein erneutes Ge⸗ bet beendigt war. Ein Prieſter beſprengte ihn und das Ordenskleid mit Weihwaſſer, worauf es der Meiſter nun dem neuen Bruder überreichte, indem der Prieſter die Worte ſprach: „Siehe, wir geben dir dieſes Kreuz für alle deine Sünden. Wenn du beobachteſt, was du verſpro⸗ chen, ſo machen wir dich des ewigen Lebens gewiß;“ und waͤhrend dann der Prieſter dem Ritter das Kreuz zum Kuſſe darreichte, fuhr er fort: „der Herr ziehe dir an den neuen Menſchen, der nach Gott gefchaffen iſt in Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wahrheit.“) Waſſer und Brot und ein altes Kleid — das war es alles, was man dem jungen Ritter bei ſeiner Aufnahme entgegen⸗ bot.“ Ein Gebet, daß Gott feinen Knecht beſchuͤtzen und bebüten wolle, auf daß er ſein heiliges Gelübde un: verbrüchlich halten moͤge, endigte die Feier. Gewoͤhn⸗ lich empfing der junge Ritter, wenn es die Umſtaͤnde ge⸗ ſtatteten, noch an dem naͤmlichen Tage das Abendmahl. 1) Ueber die Weihe des Ordenskleides Ord. Statut. S. 209 — 213 vgl. mit O. Stat. Neg. c. 31. Die Umlegung des Ordensmantels mit dem Kreuze war auch bei den Deutſ. Rittern, wie bei den Templern nach Munter S. 40, eigentlich der Act, wodurch die Aufnahme in den Orden vollzogen wurde. Ord. Geſ. e. 30 wird der Mantel „das cleit des abites“ genannt. De Wal T. I. p. 245. 2) O. Stat. Gef. e. 30. De Wall. c. p. 64 ſagt: Encore aujourd'hui lors de la reception d'un chevalier ou d'un pretre, on ne leur promet que du pain et de l'eau et un chetif vete- ment: on ajoute que si on leur donne quelque chose de plus, ils doivent en rendre graces a Dieu et a la ste Vierge et a 1 Ordre. 3) Sämmtliche Gebetsformeln in den Ord. Statut. v. Hennig S. 207 — 214. De Wall. c. p. 229 — 230 ſtellt die älteren und neueren Gebräuche bei der Aufnahme zufammen. 4) O. Stat. Geſ. c. 30. — Von einer Einweihe in etwas Ge⸗ heim⸗Myſteribſes bei der Aufnahme iſt in den Ordens⸗ Statuten nichts geſagt, ohne Zweifel weil nichts darüber zu ſagen war. Es gab gewiß keine Moſterien oder etwas dem Aehnliches im Orden, am wenigſten etwas von Freimaurerei, was man zuweilen bei ihm geſucht hat. Von
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492 VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. Alſo trat der junge Ritter in den Verband des Or⸗ dens ein und ward ſofort als Bruder einem Konvente Überwiefen. Die drei Geluͤbde der Keuſchheit, der Ars muth !) und des Gehorſams waren nun, ſobald er fie nicht ſelbſt eidbruͤchig verletzte, die unaufloͤslichen Banden, die ihn an den Orden feſſelten; als die drei Grundregeln und Grundgeſetze, die ſich durch alle Regeln und Geſetze der Ordensverfaſſung hindurchzogen, bildeten ſie die Haupt⸗ grundfeſte des geſammten Ordenslebens.) Entſagung war das erſte Gebot, welches ſich in allen Geſetzen gel⸗ tend machte. Von vielen der vorgeſchriebenen Regeln konnte der Meiſter nach Umſtaͤnden der Zeit, des Ortes und anderer Verhaͤltniſſe den Ordensbruder entbinden; jene drei Geluͤbde aber waren auch fuͤr ihn voͤllig un⸗ loͤsbar; „denn, hieß es im Geſetze, wenn man eins von dieſen drei Dingen bricht, fo find die Regeln alle gebro⸗ chen.“) Auf fie gründete ſich zugleich auch die durch den ganzen Orden durchgehende Gemeinſamkeit aller Le⸗ einer gewiſſen Heimlichkeit im Orden iſt allerdings, wie ſchon erwähnt, hie und da die Rede; z. B. Neg. c. 343 allein man verſtand darunter ſchwerlich etwas anderes, als was nur den Ordensbruͤdern, nicht aber den weltlichen Leuten bekannt ſeyn ſollte; vgl. Geſ. c. 30. In dieſem Sinne ſprechen auch Briefe von der Heimlichkeit des Ordens; Johannes Karſchau, ein getreuer Ordensdiener ſchreibt z. B. an den HM. im J. 1439: Mich duͤnket vor das beſte, das aller unwille heymlich hinge⸗ legit wurde durch eyn gemeyne cappitel adir ſuſt wie das mag dargan, das do nicht vil fremder herren adir luͤte czukommen, alſo das des hilgen ordens heymlichkeit und haldunge heymlich blebe. 1) Des Wortes Armuth bedient ſich zwar an einigen Stellen auch das Ordensgeſetz z. B. Reg. c. 1; allein wie in dieſer Stelle der Aus⸗ druck Armuth durch den Beiſatz erklärt wird, „das her ane eiginſchaft lebe,“ fo ſpricht es auch in den meiften andern Stellen von dieſem Ge⸗ luͤbde durch die Worte „ane eigenfchaft zu leben“ d. h. ohne Eigenthum zu beſitzen, und allerdings druͤcken dieſe Worte die Sache weit paſſender aus als das Wort Armuth, was den Verhaͤltniſſen des Ritterlebens nicht ganz entſpricht. 2) O. Stat. Reg. c. 1. 3) O. Stat. Neg. e. 1. 39.
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VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. 493 bensbebinfniffe, Lebenspflichten und Lebensverhaͤltniſſe un⸗ ter allen Ordensbruͤdern, jo daß zwar Amt und Würde einen gewiſſen Rangunterſchied unter den Bruͤdern bilde⸗ ten, in den Hauptgeſetzen des Ordens aber auch dieſer zuruͤcktrat. Betrachten wir jetzt im Einzelnen, wie Eine gemeinſame Lebensordnung ſich nach dem Geſetze durch die Lebensweiſe aller Ordensbruͤder hindurchzog. Mit gottesdienſtlicher Uebung, mit der Mette, ward der Tag des ſtillen Konventslebens begonnen ) und nach den Stunden des Gottesdienſtes war der ganze Tag ge⸗ theilt in die Zeiten der Prime, Tertie, Sexte, None, Vesper und Komplete. Sie hießen die Zeiten des Tas ges oder auch das Tag- Amt; es war in den großen Und kleinen Haͤuſern in den Stunden verſchieden.“ Das Nacht⸗Amt begriff die Stunden, in welchen zur Nachts zeit gleichfalls gottesdienſtliche Uebungen und Gebete Statt fanden.“ Das Geſetz verordnete, daß man im ganzen Orden den Gottesdienſt nach Einer Form halte, weshalb man auch die Ordensbreviere im Tag- und Nacht-Amte in allen Häufern genau beachten und befolgen und alles dem Gottesdienſte des Ordens Fremde unterlaſſen ſolle.“ Alle Bruͤder eines Konvents, wie Geiſtliche ſo Laien, mußten Tags und Nachts gemeinſam zum Gottesdienſte kommen und die ihnen genau vorgeſchriebenen Geſaͤnge und Gebete halten.) Nur die amtverwaltenden Bruͤder hat⸗ 1) O. Stat. Venie S. 201. 2) O. Stat. Venie S. 202. Das erwähnte Sendſchreiben an die Gebietiger v. J. 1448 nennt als die Zeiten die Mette, Prime, Fruͤh⸗ meſſe, Tertie, Sexte, None, Vesper und Complete. 3) Viſitat.⸗Vollmacht. 4) O. Stat. Gef. c. 24. Viſitat.⸗Reteß nr. 14. 5) O. Stat. Gef. c. 2% 6) Die Ausnahmen hiebei |. O. Stat. Reg. e. 8. Die Viſitat.⸗Re⸗ teſſe, beſonders nr. 14 geben über die Abhaltung des Gottesdienſtes vielfältigen Ausweis, bezeugen aber zugleich auch, daß die Ausübung ſehr häufig hinter dem Gefege zurückblieb, denn fort und fort kommen Klagen vor, daß man bald den Gottesdienſt nicht vollſtändig halte, die
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494 VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. ten zu Zeiten, wenn dringende Amtsverhaͤltniſſe ſie hin⸗ derten, die Erlaubniß, den Gottesdienſt zu verſaͤumen. Wer aber ſonſt des Gottesdienſtes nicht mit Puͤnktlichkeit und Fleiß wartete, den mußte der Hauskomthur mit Nach⸗ druck ſtrafen und ſtreng an feine Pflicht halten.) Die Zeiten ſelbſt mußten mit puͤnktlichſter Ordnung abgehalten und ſtets zur rechten Zeit durch die Glocke angezeigt wer⸗ den. Es war der Prieſterbruͤder Pflicht, hierauf die ge— nauſte Sorgfalt zu wenden.“ Das Geſetz verbot alles leiſe Sprechen beim Gottesdienſte und ermahnte zu from— mer Andacht und rechter Inuigkeit im Glauben, „auf daß den Bruͤdern das zu Herzen gehe, was ſie mit den Mun⸗ de ſprechen.“) Es war genau vorgeſchrieben, welche Gebete, wie viele derſelben in jeder Zeit und ob man ſie ſitzend, ſtehend oder knieend halten ſolle.“ Jeder in den Orden aufgenommene Bruder mußte den Glauben und das Paternoſter ſprechen koͤnnen; war dieß nicht, ſo mußte er ſolches binnen einem halben Jahre heimlich bei den Prie⸗ ſtern lernen; verſaͤumte er es, ſo erlitt er zuerſt eine Bußſtrafe von drei Tagen und ging die geſetzte Friſt un⸗ benutzt voruͤber, fo verlor er ohne Gnade den Ordens⸗ mantel.) Siebenmal im Jahre empfingen alle Ordens⸗ Ritter die Nachtzeiten nicht regelmaͤßig beſuchten oder Kaplane ihres Amtes nicht warteten u. ſ. w. 4) Statut. Pauls v. Rußdorf: Befehlen euch Hauskomthuren, daß ihr auf ſolche Bruͤder, die der Gezeiten nicht warten, Achtung habet, fie haͤrtlich darum ſtrafet und fie daran haltet, daß fie der Kirchen warten. 2) Geſetze Wern. v. Orſeln S. 121. Gef. Konr. v. Erlichshauſ. S. 149. Viſitat.⸗Vollmacht Schiebl. VI. nr. 2. 3) O. Stat. Reg. c. 8. 4) Hieruͤber vielfache Vorſchriften O. Stat. Reg. c. 8. Geſetze Wern. v. Orſeln S. 121; die Venie S. 201 ff. 5) O. Stat. Gef. c. 34; auch die Vollmachten der Viſitatoren weiſen oft auf dieſe Beſtimmung hin; ſo heißt es in einer v. J. 1409: Preterea statuimus, ut prenominati visitatores nostri a quolibet fratrum, an dominicam oratiunem sciat, Ave Maria et Sym- bolum audiant diligenter, et si quem, quod absit, hee vel unum
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VII. Lebensweiſc u. Hausordn. der Ordensbruͤder. 495 brüder an beſtimmten Tagen das Abendmahl. Bruͤder, die nicht in einem Konventshauſe lebend keine Prieſter um ſich hatten, mußten an dieſen Tagen, wie zu allen hehren Zeiten, in ihren Konvent reiten und das Sacrament mit empfangen.) Vor und bei der Beichte pruͤfte der Prie⸗ ſterbruder den Ritter, ob er ſein Paternoſter und den Glauben ſprechen koͤnne. Konnte er es nicht, ſo beſtimmte ihm der Prieſter eine gewiſſe Zeit, um es zu erlernen; bis dahin wurde das Sacrament verweigert. Kein Or⸗ densbruder, weder Laie noch Geiſtlicher durfte außerhalb des Ordens beichten ohne feines Oberſten Erlaubniß.“ Der Prieſterbruder war berechtigt und verpflichtet, einen Konventsbruder um ſeiner Miſſethat willen, zumal wenn ſie die drei hohen Geluͤbde betraf, mit Nachdruck und Strenge in der Beichte zu ſtrafen.“ So verbrachte der Ordensritter einen bedeutenden Theil des Tages mit dieſem regelmaͤßigen Beſuche des Gottesdienſtes. Zudem war durchs Jahr hindurch eine große Zahl von Faſt- und Feiertagen angeordnet, die theils als allgemeine kirchliche Feſte, theils als beſondere Feiertage im Orden mit gleicher Strenge und Puͤnktlich⸗ keit begangen wurden, worüber ſehr genaue Geſetze bes ſtanden.“ Fir jeden im Konvent geſtorbenen Ordens⸗ bruder ward ein Todtenamt gehalten; jeder Konventsbru⸗ ex ipsis ignorare reperint, ipsum ea castigatione et pena pu- niant, que ignorantihus talia in Regula et Statutis Ordinis est inflieta. Statut. Pauls v. Nußdorf. De Wal T. I. p. 65 will die⸗ ſes Geſetz mehr nur fuͤr die niedere Klaſſe von Menſchen gelten laſſen, aus der man zu verſchiedenen Dienſten im Orden Bruͤder aufnahm. 1) O. Stat. Reg. e. 9. Statut. Pauls von Nußdorf. 2) Statut. Pauls v. Rußdorf. 3) O. Stat. Gef, c. 22. 4) Viſitar.⸗Vollmacht Schiebl. VI. nr. 2. 5) ueber das Einzelne der Faſt⸗ und Feſttage vgl. die Ordensge⸗ ſetze, z. B. Neg. c. 17, Gef. c. 38; Gel. Luthers v. Braunſchweig S. 123, Pauls v. Rußdorf S. 141, Ludwigs v. Erlichshauſ. S. 156 —157.
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496 VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. der mußte für des Verſtorbenen Seele hundert Paternoſter beten und eben ſo viele die nicht im Konvent lebenden Bruͤder. Ueberdieß ſollte jeder Ordensbruder taͤglich funf⸗ zehn Paternoſter fuͤr die dahingeſchiedenen Ordensbruͤder beten. Die Prieſterbruͤder mußten jährlih fur die Suͤn⸗ denvergebung und das Seelenheil aller noch lebenden Bruͤ⸗ der, der heimlichen Mitglieder, Wohlthaͤter und aller Freunde des Ordens zehn Meſſen und eben ſo viele fuͤr die verſtorbenen fingen u. ſ. w. Wie die Kirche ſaͤmmtliche Konventsbruͤder zum ge⸗ meinſamen Gottesdienſte, fo vereinte fie alle das Haus zu einer gemeinſamen Lebensweiſe. In der gewöhnlichen Le: bensordnung fand keinem Ordensbruder, er mochte fürft: liches, graͤfliches oder gemeinadeliches Geſchlechtes ſeyn, vor dem andern ein Vorrecht oder ein Vorzug zu, fo: fern ihn nicht irgend ein bekleidetes Amt verlieh. Alle trugen die naͤmliche Bekleidung. Der weiße Mantel mit ſchwarzem Kreuze als das eigentliche gemeinſame Ordens⸗ kleid ſchmuͤckte jeden Ritterbruder; es war das äußere Zeichen ſeiner Ritterſchaft; in ſeiner uͤbrigen Kleidung war er von den andern Brüdern nicht verſchieden.) Das ſchwarze Kreuz am Mantel, an der Kappe und am Wap⸗ penrocke bezeichnete ihn als Glied des Ordens. Zur Mette ſah man ſie alle in ihren Mettenpelzen oder Maͤn⸗ 1) O. Stat. Reg. e. 0. Außerdem Geſetze für die Reinlichkeit der Gotteshäuſer, Ordnung und Ruhe beim Gottesdienſt, Gef. c. 23. In der Viſitat.⸗ Vollmacht VI. nr. 2 das ausdrückliche Verbot, daß kein Bruder Federſpiel und Hunde mit in die Kirche bringen ſolle. 2) O. Stat. Neg. c. 13. Ueber die Kleidung des Konvents in Danzig heißt es: Man gab den hern Mecheliſche Tuͤcher und huntſchos zu menteln. Ire kogeln waren von gutem ypriſchem gewande mit Ley⸗ diſchem gewande undirfuttirt. Dy hoßen waren von gutem engeliſchem gewande c. De Wal T. I. p. 31. 287. 3) O. Stat. Reg. c. 13. Naͤher bezeichnet find die einzelnen Klei⸗ dungsſtücke O. Stat. Gew. c. 33; vgl. de a T. I. p. 105. 284; überhaupt läßt ſich dieſer ſehr ſpeciell auf das Einzelne der Ordens⸗ kleidung ein p. 277 — 279. 281 sed ·
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VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. 497 teln und Schuhen gehen. Alles Koſtbare und Auffallende am Kleide war unterſagt und wurde nicht geduldet. Wer mit den ihm zuertheilten Kleidern, Waffen und anderem Bedarf unzufrieden nach beſſeren und ſchoͤneren trachtete, hatte verwirkt, daß man ihm noch ſchlechtere gebe.“ Alle aͤußeren Kleider mußten von geiſtlicher Farbe ſeyn. Der Schnitt derſelben war genau beſtimmt, weder zu lang noch zu kurz, weder zu enge noch zu weit.) Ein ab: weichender Kleiderſchnitt wurde wiederholt verboten; der Trappier war dafuͤr verantwortlich.) Alle Verbraͤmung und Beſetzung mit koͤſtlichem Futter, Aermel mit Knoͤpfen oder Runzeln, hohe Koller, große Kogeln, ſeidene Jop⸗ pen, Wappenroͤcke mit vielen Falten waren im Geſetze unterſagt.) Alles Pelzwerk durfte nur von Ziegen- und Schaffellen ſeyn.) Keiner durfte Schuhe mit koſtbaren Schnuͤren, langen Spitzen und großen Schnaͤbeln oder hohen Abſaͤtzen (Unken) tragen;“ die Sporen einfach ohne 1) O. Stat. Reg. c. 13. 2) Ebendaſ. Ein Geſe Winr. v. Kniprode S. 138 gebietet: Der bruder gewant ſall fein ciner bequemen varbe. Gef. Konr. v. Erlichsh. S. 140 — 150. De Wal T. I. p. 288. 3) O. Stat. Reg. c. 13. Geſ. Winr. v. Kniprode a. a. O. Geſ. Wern. v. Orſeln S. 122. 4) Statut. Pauls v. Rußdorf: Wir vernehmen, daß man in Gone venten hält ſonderliche Schneider, die da neue Schnitte ſchneiden, die unſerm Orden 'nicht füaca; wir befehlen ernſtlich, daß man die abthue und nicht halte, ſondern in den Trappenien, was man zu machen hat, laſſe ausrichten; desgleichen vefchlen wir euch Trappiern, daß ihr keine neue Schnitte machet, nur allein nach unſers Ordens Gewohnheit. 5) Gef. Dieter, v. Altenburg S. 128. Statut. Pauls v. Nuß⸗ dorf. Es heißt in einem Geſcte: So ſullen die bruͤder nicht ſwarcze hoſen tragen, noch corden beſlagen mit ſilber, noch groſe gebreme an den rocken. Och ſullen ſie nicht in bloſen copen geen, reithmantele dor⸗ ober gewurffen, noch gortele beſlagen mit ſilber und och ſchu mit rinken. 6) O. Stat. Reg. c. 13. 7) Ebendaſ. Geſ. Winr. v. Kniprode S. 134. Statut. Pauls v. Rußdorf. Geſ. Konr. v. Erlichsh. S. 150. De Wal T. I. P. 31 not. 13. VI. 2
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498 VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. Ringe, Senkel und Rad. Schon Winrich von Kniprode verbot die ſchwarzen und ſpitzigen, ſprenzelichten Hüte mit neuen Befäben. ? Ueberhaupt ſollte des Ordensbruders Kleidung ſtets anſtändig und feinem Stande geziemend ſeyn, ? am Schwertgehaͤnge das Riemenzeug einfach und ohne Spangen. Die Haartracht war vorgeſchrieben, das Haupthaar hinten kurz und vorne laͤnger, der Bart der Ritterbrüder ungeſchoren, doch nicht zu lang und nicht zu kurz. Die geiſtlichen Bruͤder ließen ihn ſcheren und trugen Platten auf dem Haupt Wirbel, 9 So einfach wie die Kleidung war auch der Zifch.- Alle aßen gemeinfam in einem Verſammlungs⸗ und Speiſe⸗ ſaal oder dem Remter des Konvents, Alle dieſelbige Speiſe. Keiner genoß einen Vorzug; ſelbſt der Gebietiger und Komthur ſaß in der Regel mit an der Tafel ſeiner Kon⸗ ventsbrüder. Jeder mußte ſich mit dem beſcheiden, was ihm nach zureichendem Maaße ſeines Beduͤrfniſſes an Speiſe und Trank gereicht ward. Kein Bruder durfte außerhalb des Konvents fpeifen. ? Dabei aber war es Pflicht des Oberſten, dafur zu ſorgen, daß das Dargereichte genuͤgend, zu gehoͤriger Zeit und reinlich zubereitet werde. Klagen hieruͤber gingen an den Hochmeiſter. ) Die Speiſen be⸗ ſtanden aus guter und nahrhafter Hausmannskoſt, ohne alle Leckerbiſſen oder ſonſtige feine Genüffe. ? Auf der Konventstafel ſah man keinen Wein. Bier war das ge⸗ woͤhnliche Getraͤnk. Nur an hohen Feſten wurde beſſer geſpeiſt und mitunter Meth getrunken. Im Haupthauſe 1) Geſ. Dieter. v. Altenb. S. 128. 2) Geſ. Winr. v. Kniprode S. 134. 138. 3) Ebendaſ. 4) O. Stat. Reg. o. 14. Gef, Winr. v. Kniprode S. 134. Gef. Konr. v. Erlichsh. S. 150. 5) Statut. Pauls v. Nußdorf. 6) O. Stat. Reg. c. 15. Statut. Pauls v. Rußdorf. Ed: Konr. v. Erlichsh. S. 150. Viſitat.⸗Receß nr. 14. 7) O. Stat. Geſ. c. 10. Sendſchreiben an die Gebictiger v. J. 1448.
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VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. 499 fand man ſelbſt den Hochmeiſter haͤufig mit an der Kon⸗ ventstafel, ſich mit derſelben Speiſe begnuͤgend; doch er⸗ hielt er viermal ſo viel als ein anderer Bruder, um die zur Buße Sitzenden oder Andere damit mildthaͤtig zu ſaͤt⸗ tigen.) Die frühere Beſtimmung, daß an drei Tagen der Woche Fleiſchſpeiſen, an drei andern Molken-V(Milch⸗) und Eierſpeiſen und am Freitage Faſtenſpeiſe gegeben wer⸗ den ſollten, hatte ſchon Papſt Innocenz der Vierte auf: gehoben, desglkeichen daß je zwei Brüder aus einer Schuͤſſel eſſen ſollten. Beſondere Enthaltung gewiſſer Speiſen gebot das Geſetz zu vermeiden. Gewoͤhnlich ſpeiſte man im Remter an drei Tafeln, an der erſten, der Komthur mit den Hausbeamten und Konventsbruͤdern, an der zweiten die Diener des Hauſes und an der dritten die Knechte. Die erſtere hieß der Herren-Tiſch, die an⸗ dere der Withings-Tiſch, die dritte der Zimmerleute⸗ oder Jungen⸗Tiſch. Wem wegen Kraͤnklichkeit die Speiſen des Konventstiſches nicht zuſagten, durfte mit des Ober⸗ ſten Erlaubniß an die beſſere Firmarien-Tafel gehen, an welcher die Siechen, Kranken und alten Bruͤder geſpeiſt wurden, aber kein geſunder Ordensbruder ohne Bewilli⸗ gung des Oberſten eſſen durfte. Es war genau beſtimmt, welche Speiſen man hier geben ſollte und welche nicht.“ Waͤhrend der Speiſung herrſchte allgemeines Schweigen; in kleineren Haͤuſern durfte etwa nur von Geſchaͤften des Hauſes oder bei anweſenden Gaͤſten mit Erlaubniß des Oberſten geſprochen werden. In Konventen ward waͤh⸗ rend des Tiſches durch angeſtellte und beſoldete Tiſchleſer 1) O. Stat. Gef. c. 11. 2) O. Stat. Neg. c. 15. 175 vgl. oben B. II. S. 513 — 514. 3) O. Stat. Reg. c. 15. 4) Ebendaſ. . 5) Nach dem Rechnungsbuche des Konvents von Elbing, wo die Ordnung der Sitze genau beſtimmt wird. Der Herrentiſch kommt auch ſonſt haͤufig erwähnt dor. 6) O. Stat. Geſ. c. 11. 32°
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500 VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. Lection gehalten und ſtreng auf tiefes Stillſchweigen ge⸗ ſehen, „damit, wie das Geſetz ſagt, nicht allein die Gau⸗ men werden geſpeiſet, ſondern auch die Ohren hungern nach Gottes Wort.“? Was mit Dienern oder andern veuten von Geſchaͤften nothwendig zu ſprechen war, mußte leiſe und kurz geſchehen. 2 In den Speiſeremter durfte keiner anders als mit geſchloſſenem Mantel, nie in kurzen Kleidern kommen, auch keiner eher vom Tiſche aufs ſtehen, als bis alle geſpeiſt hatten. Vor und nach der Speiſung ſprachen Prieſter und Laienbruͤder ihr vorgeſchrie⸗ benes Tiſchgebet. An Faſttagen fand man die Brüder Abends nach der Vesper im Verſammlungsremter zur Kol⸗ lation verſammelt, d. h. zu einem Abendeſſen, wo Krude, leichte Speiſe und Getraͤnk gereicht wurden. Auch hier fand Schweigen oder nur Geſpraͤch von ernſten Dingen Statt. Die Kollation dauerte bis die Glocke die Bruͤder zur Komplete oder zum letzten Tagsgebete rief. Nachge⸗ haltene Kollationen waren ſtreng verboten; an Tagen, wo man zweimal aß, wurden keine Kollationen gehalten, au⸗ ßer mit des Oberſten Erlaubniß.“ Außer den feſtgeſetz⸗ ten Zeiten und außerhalb des Hauſes durften die Bruͤder Me 1) O. Stat. Reg. c. 15. Die Statut. Pauls von Rußdorf ge⸗ bieten, „daß man in den Konventen zu Tiſche leſe und daß die Brüder über Tiſche ſeyen gezogen und ihr Schweigen halten. Viſitat.⸗Voll⸗ macht Schiebl. VI. nr. 2. Viſitat.⸗Reccß nr. 14. An mehren Orten wird geruͤgt, daß man bei Tiſche nicht mehr leſc. 2) O. Stat. Reg. c. 15. 3) Viſitat.⸗ Vollmacht; Viſitat.⸗Ordnung. 4) O. Stat. Reg. c. 15. 5) O. Stat. Reg. e. 18. Viſitat.⸗ Ordnung. In den Statut. Pauls v. Ruß dorf heißt es: Wir befehlen ernſtlich, daß man ablege die Fruenorten (fruwnorthen oder fruenorthe) und die Nachcollatien, die wir auch bei Geherfam und als wir höchfte ſollen verbieten, wenn viel Arges und große Aergerunge davon entſteht unter weltlichen Leuten. Ebenſo Viſitat. Vollmacht Schiebl. VI. nr. 23 Sendſchreiben an die Gebietiger v. 1448. Nachcollatien find ohne Zweifel die über die Zeit uachgeholtenen Collationen, wobei mehr als geſetzlich getrunken und da⸗ durch Aergerniß erregt wurde.
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VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. 501 weder eſſen noch trinken ohne befondere Erlaubniß oder nur unter beſonders erlaubten Umſtaͤnden. Es war ver⸗ boten, in Ordenshaͤuſern das erhitzende Getraͤnk des Luter⸗ tranks zu bereiten oder zu trinken; ward er als Geſchenk geſandt, ſo gab man ihn den Armen. Mußten ihn Brü⸗ der außerhalb des Hauſes bei andern Leuten trinken, fo ſollte es ſtets mit Maaß geſchehen. Ueberhaupt ward Maͤßigkeit im Trinken empfohlen. Nach der Komplete folgte im Hauſe die Zeit allge⸗ meiner Ruhe. Alle gefunden Konventsbruͤder ſchliefen wo moͤglich in demſelben Schlafgemache, wenn nicht der Kom⸗ thur es zweckmaͤßig fand, einige ihrer Aemter oder ande⸗ rer Urſachen wegen hievon ausdruͤcklich zu entbinden. Aber keiner durfte von der Komplete bis zur Prime des an⸗ dern Tages mit einem Bruder etwas ſprechen.“ Unter- brachen ſehr nothwendige Amtsverhaͤltniſſe, Befehle an die Knechte etwa wegen der Roſſe, Diebe, Feuersnoth und aͤhnliche Dinge das Schweigen auf kurze Zeit, ſo mußte das verletzte Geſetz durch ein Paternoſter und Ave Maria wieder gefühnt werden. Kein geſunder Bruder durſ⸗ te auf Federbetten, Matratzen oder anderswie ſchlafen, als das Geſetz es beſtimmte; jedem war ein Bettſack, ein Kopfkiſſen, ein Betttuch und eine leinene oder 4) O. Stat. Gef. Vorrede S. 77. Viſitat.⸗Receß nr. 14. 2) O. Stat. Gef. Vorrede S. 79. De al T. I. p. 51: On defendoit aux freres de preparer du claret dans leurs maisons. Cetoit une liqueur qui etoit fort en usage dans se tems- Ia, sur- tout dans les cours et ches les grands. Dans les traductions latines: non debent facere pigmentum nec bibere. Suivant du Cange pigmentum signifie une liqueur faite avec du vin, du miel et des epiceries. 3) Vifitat.-Vollmadht, wo verboten wird, daß die Bruͤder nicht ſollen zu halben noch zu vollen trinken, noch ſollen das Bier meſſen, weil ſich weltliche Leute daran ſehr Ärger. Statut, Pauls von Ruß⸗ dorf. Viſitat.⸗Ordnung. 4) Viſitat.⸗Receß nr. 14. 5) O. Stat. Reg. o. 20.
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502 VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. wollene Decke nebſt einem Kiſſen zugewieſen. Ob ſol⸗ ches zu vermehren oder zu vermindern ſey, hing von des Oberſten Beſtimmung ab.) Jeder ſchlief beſonders, in ſeine Unterkleider geguͤrtet, wie es geiſtlichen Leuten ziemte. Im gemeinſamen Schlafgemache mußte zur Nacht⸗ zeit Licht brennen und ſelbſt auf Reiſen durfte dieſes wo möglich nicht fehlen. Weder Tags noch Nachts durfte ein Bette umhaͤngt ſeyn, damit jeder Zeit genaue Auf⸗ ſicht möglich ſey. ® Keiner durfte im Hauſe etwas unter Verſchluß, in Kiſten, Reiſetaſchen oder Schreinen verſchloſſen halten, außer bei Verwaltung eines Amtes. Die Thuͤren der Zellen oder Wohnkammern mußten weit gegattert und nie behangen ſeyn, um ſtets zu ſehen, wer ſich darin befinde.) Keiner konnte ein fuͤr ihn nutzbares Geſchenk annehmen ohne Erlaubniß des Meiſters, der es ihm laſſen und neh⸗ men konnte.“ Empfangenes Geld durfte der Konvents⸗ bruder nicht uͤber Nacht behalten, mit Ausnahme derer, die in des Hauſes Geſchaͤften Geld in den Haͤnden hat⸗ ten.) Keiner durfte Geld in Beſitz halten, um Roſſe oder ſonſt etwas zu kaufen; wer es hatte, mußte es ſei⸗ nem Oberſten geben, der ihm Pferde oder ſonſtige Be— duͤrfniſſe beſorgte.“ Daſſelbige galt von den Prieſter⸗ brüdern.) Kein Amtsbruder, der vermoͤge ſeines Amtes Geld hatte, durfte es bei weltlichen Leuten, Buͤrgern 1) O. Stat. Neg. e. 13. Geſ. Vorrede S. 79. 2) O. Stat. Neg. c. 19. 30. Statut. Pauls v. Rußdorf. 3) Geſ. Konr. v. Feuchtwangen S. 117. 4) O. Stat. Reg. c. 23. 5) Ord. Statut. v. Hennig S. 235. 6) O. Stat. Neg. c. 22. 7) O. Stat. Geſ. c. 6. 8) Geſ. Wern. v. Orſeln S. 122. Geſ. Dieter. von Altenburg S. 126. Geſ. Duſmers v. Arfberg S. 131. 9) Geſ. Konr. v. Feuchtwangen S. 119. Gef. Dieter. v. Altenb. S. 1%. Ord. Statut. v. Hennig S. 235.
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VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. 503 oder Bauern einlegen, um es zu behalten; auch keiner einem Konventsbruder Geld geben ohne Erlaubniß des Oberſten. Es ſtand nicht einmal dem Komthur zu, einem ſeiner Konventsbruͤder Geld zu uͤberlaſſen, um Eſſen und Trinken zu kaufen. Nach dem Geſetze war es keinem Ordensbruder erlaubt, fuͤr ſeine Wartung einen Jungen oder Knecht zu halten, ſondern jeder mußte alles, was er bedurfte, ſelbſt beſorgen; nur einiges wurde durch die für die Brüder angeſtellten Kaͤmmerer verrichtet. Kein Konventsbruder durfte ſein erbliches Familien = Siegel fuͤh⸗ ren, ſondern nur ein Ordens Siegel gebrauchen. Kom⸗ thure und andere Beamten hatten ihre beſtimmten Amts⸗ Siegel, die ſie ſorgſam verwahren mußten. Keiner aus dem Konvente durfte ohne ſeines Oberſten Erlaubniß Briefe ausſenden oder empfangene leſen; der Komthur konnte ſich zuvor von dem Inhalte unterrichten, wenn er wollte. Im häuslichen Zuſammenleben war manches zeitver⸗ treibende Spiel erlaubt, doch dabei ſtets Anſtand, Ver⸗ traͤglichkeit und liebevolle Behandlung empfohlen. In Mu⸗ ßeſtunden fand man die Bruͤder im Konventsremter ver⸗ ſammelt theils zur Unterhaltung, theils zu Spiel und an derer Erheiterung. Jedoch war alles Spiel um Geld im Remter ſtreng verboten, desgleichen das Würfelfpiel, er: laubt dagegen der Schachzabel oder das Schachſpiel und das Zackunenſpiel. Jegliches Spiel aber mußte augen⸗ blicklich endigen, ſobald die Glocke zum Gottesdienſte oder 1) Statut. Pauls v. Rußdorf. Viſitations⸗Vollmacht VI. ar. 2. Viſitat.⸗ Ordnung. 2) O. Stat. Geſ. c. 5. Statut. Pauls v. Rußdorf; Viſitat.⸗ Vollmacht Schiebl. VI. nr. 2. 3) Gef. Ulr. v. Jungingen; Statut. Pauls v. Rußdorf. Viſilat.⸗ Vollmacht a. a. O. 4) Gef. Dieter. v. Altenb. S. 125. O. Stat. Neg. c. 21. 5) O. Stat. Neg. e. 21; wegen Beförderung verdächtiger Briefe Ord. Geſ. Vorrede S. 77.
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504 VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. zum Trinken ertönte.“ Außerdem verkürzte mancher an⸗ dere Zeitvertreib die muͤßigen Stunden; häufig beſuchten die Ordenshaͤuſer fremde Spielleute, wandernde Muſikan⸗ ten, blinde Liedſprecher, Kunſtpfeifer, Luftſpringer und Gaukeler, Fuͤhrer abgerichteter Thiere mit allerlei Poſſen⸗ ſpielern und andern herumziehenden Luſtigmachern, wie ſie ſich in jenen Zeiten auch viel in Deutſchland und ander⸗ waͤrts ſehen ließen.) Hunde zu eigenem Vergnuͤgen zu halten, wurde keinem Ordensbruder zugeflanden. ? Wollte der Konvent ſie halten, ſo mußten ſie außerhalb des Hau⸗ ſes ſeyn, um Stoͤrung in der Kirche, im Schlafgemache und in der Firmarie zu vermeiden.“ Die Jagd mit Hunden und Beitze mit Federſpiel waren den Rittern nicht erlaubt. Sie durften zwar Jaͤger halten “ und dieſe auf der Jagd begleiten, aber nicht mit Geſchoß dem Wilde durch Wälder und Felder nachjagen. Nur auf Wölfe, Luchſe, Baͤren und andere reißende Thiere konnte, doch nicht zur Kurzweil, ſondern des gemeinen Nutzen des Lan⸗ des wegen die Jagd geuͤbt werden, aber ohne Hunde. Zur Uebung im Geſchoß ward mitunter den Bruͤdern das Vogelſchießen erlaubt.“ Nur dem Hochmeiſter, den ober— ſten Gebietigern und Komthuren ſtand es zu, zu Zeiten ſich durch die Jagd zu vergnügen ? Ihnen war auch 1) Das Ordensbuch ſelbſt ſagt hierüber zwar nichts; allein in meh⸗ ren Viſitat.⸗Vollmachten heißt es: In dem Remther ſal man nymands geſtaten keynerley ſpil umb gelt, ſunder Schachczabel und Czackunenſpele und andere ſpele, die verbieten wir nicht ane worfel und ane geltſpil; das die glocke das ſpeel ſcheide beyde czu den gerzeiten und ouch ezu dem tryncken. Viſitat.⸗Ordnung. 2) S. Voigt Geſchichte Marienb. S. 177. 237. 3) Gef. Wine. v. Knipr. S. 135. Viſitat.⸗Ordnung. 4) Statut. Pauls v. Rußdorf. 5) D. h. nicht zum eigentlichen Hausgeſinde gehörig, ſondern Land⸗ beſitzer, die ihren Beſitz für die zu leiſtenden Jagddienſte frei vom Zehn⸗ ten und Kriegsdienſte hatten. 6) O. Stat. Reg. c. 25. 7) Geſch. Marienburgs S. 256. Viſitat.⸗Vollmacht VI. 2, wo
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VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. 505 die in Preuſſen ſo eifrig und kunſtfertig betriebene Falken⸗ beitze erlaubt; jedoch hatte nur der Meiſter das Vorrecht Geſchenke von Falken ins Ausland zu ſenden.) Im geſelligen Zuſammenſeyn der Ordensbruͤder em⸗ pfahl das Geſetz Liebe und Friedlichkeit. Es lautete alſo: „Man lieſt, daß Salomo den Tempel und alles, was darinnen, mit Gold bedeckte und ließ wirken goldene Schilde. Das Gold zieret, die Schilde bewahren. Ge⸗ bricht unſerem Gotteshauſe das Gold der Minne, ſo ſind wir unbewahrt und ungeziert, denn die Minne iſt die Grundfeſte geiſtliches Lebens und troͤſtet und ſtaͤrket die darin arbeiten und iſt die Frucht und der Lohn, die ſtets bleiben. Ohne die Minne ſind weder Orden, noch Werke heilig, ſondern ſie ſind nur Scheinheiligkeit. Die Minne iſt ein Schatz, mit dem der Arme reich iſt, der ihn hat und der Reiche arm, der ihn nicht hat. Hierum ſollen alle Bruͤder mit Fleiß darnach ſtehen, daß ſie nicht allein einander nicht beſchweren, ſondern mit Minne, Dienſt und Demuth gegen einander das uͤben, daß ſie im Himmel⸗ reich erhoͤht werden, denn wie das Evangelium ſpricht: wer ſich hier erniedriget, der wird dort erhoͤhet. ““?“ — So ſollte ſtets bruͤderliche Liebe und der Geiſt der Sanft⸗ muth und Milde alle Brüder umſchlingen, jeder des ans dern Burde tragen, jeder den andern ehren. Keine heimz liche Nachrede, kein Afterkoſen, kein Nühmen mit der Vorfahren Thaten, kein Lügen, Fluchen, Schelten,“ keine Streitworte oder eitles Gerede ſollten aus eines Bruders Munde gehen. Keiner ſollte dem andern Ungemach an⸗ es heißt: daß kein Bruder Federſpicl ſoll haben, denn allein Komthure und Hauskomthure, daß es doch habe Maaß. Viſitat.⸗ Ordnung. 1) Geſ. Winr. v. Kniprode S. 135. Geſch. Marienburgs S. 207 — 208. 2) O. Stat. Geſ. c. 36; auch de Wal T. I. p. 60 hebt dieſes ſchone Geſetz beſonders hervor. 3) In den Statut. Pauls v. Nußdorf heißt es insbeſondere: Kein Bruder ſoll ſchelten den Papſt, noch ſonſt einigerlei Fuͤrſten, Praͤlaten oder Prieſter geiſtlich oder weltlich. %
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506 VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. thun weder thaͤtlich noch mit Drohungen. Beleidigten ſich Bruͤder mit Worten oder Werken, ſo ſollten ſie eilen ſich zu verfühnen. D Wenn ein Bruder den andern ſich ver⸗ gehen oder ſuͤndigen ſehe, fo ſollte er ihm abrathen; oͤf⸗ fentliche Vergehungen aber mußte man dem Meiſter mel⸗ den. 2 Jeder Bruder ſollte dem andern, wie fremden Menſchen ein Muſter ſeyn in Zucht und Rechtſchaffen⸗ heit.) Insbeſondere war es der edle Meiſter Winrich von Kniprode, der ſeinen Bruͤdern dringend einen gezie⸗ menden Lebenswandel empfahl und darum fuͤr die Vi⸗ ſitirer auch die Verordnung gab, mit aller Strenge uͤber Aufrechthaltung guter Sitten zu wachen. Es war den Ordens⸗Oberſten zur ernſten Pflicht gemacht, die Kom⸗ thure zu ermahnen, ein unreines Leben, wo ſie es faͤn⸗ den, mit Nachdruck zu beſtrafen. Wer darin als ſaͤumig überwiefen ward, erlitt mit dem Schuldigen ſtets gleiche Buße. Vor allem ſollten die Bruͤder weltlichen Leuten das Muſter eines reinen, gottergebenen und muſterhaften Wan⸗ dels ſeyn. Das Kreuz auf ihrem Kleide, das Zeichen ihrer Milde, ſolle beweiſen, daß fie es durch gutes Vor— bild ihrer Worte und Werke auch bewaͤhrten, daß Gott in ihnen ſey.) Alles, woran die Welt Anſtoß nehme, ſoll⸗ ten ſie vermeiden. Zu großen Feſten, Ritterverſammlun⸗ gen, Geſellſchaften und Gaffenſpiel durften ſie nur ſelten kommen, auf Wegereiſen nur von nuͤtzlichen und ehr: 1) O. Stat. Reg. c. 28. 2) O. Stat. Reg. c. 37. 3) O. Stat. Reg. c. 30. Geſ. c. 9. 4) Gef. Winr. v. Kniprode S. 138 — 139. 5) Geſ. Konr. v. Erlichsh. S. 142 — 143. 6) O. Stat. Reg. c. 30. 7) Ebendaſ. Viſitat.⸗Vollmacht VI. 2, wo es heißt: Daß keiner ohne urlaub gehe zu Hochzeiten oder zu andern „Quoſen“ auf das Land reite. Viſitat.⸗Ordnung. De Wal T. I. p. 143 bezieht hierauf auch die Verordnung in den Geſ. Winrichs v. Knipr. S. 135: Man ſal
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VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. 507 ſamen Dingen ſprechen. Uebelberuͤchtigte Wirthe und Orte mußten ſie meiden und an ſolchen Orten nicht mit Frauen, am wenigſten mit juͤngeren ſprechen. Keiner durfte eine Frau kuͤſſen, „weil dieß zu Unkeuſchheit und weltlicher Minne ein offenes Zeichen iſt;“ ſelbſt der Kuß der eige⸗ nen Mutter und Schweſter war keinem Ordensbruder er⸗ laubt. Keiner durfte Gevatter ſtehen, außer bei nahe drohendem Tode eines Kindes. Mit gebannten Leuten war den Brüdern alle Gemeinſchaft unterſagt.“ Suͤn⸗ digte einer in dieſen oder andern Dingen, ſo ſollte der mitwiſſende Bruder ihn zur Reue und Beſſerung ermah⸗ nen. Aeltere Bruͤder und Gebietiger hatten das Recht, die jüngeren um aller Unordnungen willen ſofort zu be⸗ ſtrafen. Kein Bruder konnte Erlaubniß erhalten, ein Nonnenkloſter zu beſuchen.“ Das Geſetz ſuchte uͤber⸗ haupt jedem zu langen und nahen Umgange mit weltli⸗ chen Leuten und jeder laͤngern Entfernung des Ordens⸗ bruders aus ſeinem Konvente ſo viel moͤglich entgegen zu wirken. Obgleich jeder drei Roſſe fuͤr ſich haben durfte, ) fo gebot doch das Geſetz, daß keiner, der zu Kurzweil ſich vom Hauſe entferne, mehr als zwei Pferde bei ſich habe und nicht uͤber zwei Naͤchte in den Haͤuſern der Voͤgte verweile.) Weil viel Spazieren und Umher⸗ reiten der Seele nicht Nutzen bringe, ſo ſolle kein Gebie— tiger oder Komthur ſeinen Konventsbruͤdern weiter zu rei⸗ keine hove me haben mit werltlichen leuthen als man vormals hat ge⸗ tanz; er ſagt: si hove est encore la meme chose que haufe dans les statuts du G. M. de Kniprode, il semble qu'il a defendu de se trouver dans les assemblees trop nombreuses ou tumultueu- ses, avec des gens du monde. 1) Viſitat.⸗Vollmacht VI. nr. 2. Viſitat.⸗Ordnung. Geſ. Pauls v. Rußdorf. 2) O. Stat. Reg. c. 30. 3) O. Stat. Reg. c. 37. Geſ. Winr. v. Kniprode S. 133. 4) Orb. Statut. v. Hennig S. 235. 5) Geſ. Winr. v. Kniprode S. 135. 137. 6) Geſ. Wern. v. Orſeln S. 122.
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508 VII. Lchensweife u. Hausordn. der Ordensbruͤder. ten Urlaub geben duͤrfen, als bis in die naͤchſten zu bei⸗ den Seiten liegenden Ordenshaͤuſer.“ Wer weiter reiten wollte, bedurfte einer beſondern Erlaubniß des Hochmei⸗ ſters; ?? und wer, Prieſter- oder Laienbruder, mit ſolchem Urlaub ſpazieren ritt, durfte in Hoͤfen oder Haͤuſern nicht uͤber zwei Naͤchte verweilen, auch bei weltlichen Pfaffen, Lehensleuten und Kaͤmmerern oder in Tabernen und Staͤd⸗ ten nicht ohne Erlaubniß Herberge nehmen.) Gelangte ein Ordensbruder in eine Stadt bei einer Ordensburg, ſo durfte er ohne Erlaubniß des Komthurs der Burg oder deſſen Stellvertreters ſich nicht in die Stadt begeben, es begleitete ihn denn ein anderer Bruder des Konvents; auch mußte er jeder Zeit ſagen, wo man ihn finde, wenn man ihn ſuchte. Nur die Schäffer und die vom Ober: ſten ausgeſandten Brüder waren hievon ausgenommen. ? Ein junger Ordensbruder durfte ſtets nur in Begleitung eines aͤltern, den der Komthur ihm beigab, ſpazieren rei⸗ ten, nie allein mit einem Knechte.“ Der Meiſter Kon: rad von Feuchtwangen erließ das Gebot: Bruder, die mit Waffen auf der Reiſe begriffen ſeyen, ſollten ſtets nur ſtehend trinken duͤrfen; “ und das Geſetz hatte allerdings ſeinen wohlbedachten Zweck. Es war Duſmers von Arf— berg Beſtimmung, daß Bruͤder, die mit Erlaubniß aus Samland nach Kulm oder von da dorthin ſpazieren ritten, nicht uͤber einen Monat ausbleiben und im Verhaͤltniſſe der Naͤhe und Entfernung der Orte der Urlaub immer 1) Geſ. Diet. v. Altenb. S. 126. Geſ. Winr. v. Kniprode S. 135. Statut. Pauls v. Rußdorf. Viſitat.⸗Vollmacht VI. nr. 2. 2) Schreiben des Hauskomthurs von Balga an den HM. v. J. 1448. 3) Gef, Diet. v. Altenb. S. 126. Geſ. Duſmers von Arfberg S. 131. Statut. Pauls v. Rußdorf. 4) Gef, Diet. v. Altenburg S. 127. Geſetze Winr. v. Kniprode S. 134. Gef. Duſmers v. Arfberg S. 131, wo beſonders die Stadl. Elbing bei dieſem Geſetze namhaft gemacht wird. Viſitat.⸗ Vollmacht VI. nr. 2. 5) Geſ. Diet. v. Altenb. S. 127. Statut. Pauls v. Rußdorf. 6) Geſ. Konr. v. Feuchtwangen S. 117.
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vi. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. 509 genau beſtimmt werden ſolle. Ueberſchritt ein Bruder ſei⸗ nen Urlaub, fo galt er für ungehorſam und erlitt die auf Ungehorſam feſtgeſetzte Strafe. ) Auf laͤngern Reiſen mußte jeder Ordensbruder ſeinen eigenen Woidſack oder ſeine Reiſetaſche mit ſich fuͤhren; der Trappier des Hau⸗ ſes aber unterſuchte ſie zuvor und nahm weg, was ihm überflüffig ſchien. ® Auf das, was der Konventsbruder gewiſſermaßen als das Seinige beſaß, hatte er noch keineswegs freies und unbedingtes Recht. Alte Kleider z. B. durfte er, wenn er neue erhielt, nicht verſchenken oder verkaufen; er mußte fie gem Trappier geben, der ſie unter die Knechte oder Armen vertheilte. Er konnte keins von ſeinen drei Roſſen verkaufen oder vertauſchen ohne des Oberſten Erlaubniß.) Der Pferdemarſchall des Konvents führte ein genaues Verzeichniß und mußte jeden Tauſch oder Verkauf verhindern. Ward ein Bruder in einen an⸗ dern Konvent verſetzt, ſo erhielt er von ſeinem Komthur ein dem andern Komthur zugefertigtes Verzeichniß uͤber alles, was er mit brachte.) Dagegen war es jedes Gebietigers Pflicht, dafuͤr zu ſorgen, daß jeder Bruder die ihm gebuͤhrenden drei tuͤchtigen Pferde habe und wenn dieſer wohin verſandt werde, ihm ſo viel zu ſeiner Noth⸗ durft zu geben, daß er nicht genoͤthigt ſey ſeinen Har⸗ niſch zu verkaufen.“) Auch auf feinen Harniſch und ſeine Waffen hatte kein Ritter ein Eigenthumsrecht; was er davon beſaß, hatte er nur zu Gebrauch; nahm ihm der Hochmeiſter oder der Komthur eins ſeiner Roſſe, ſeine 4) Gef. Pauls v. Nußdorf. Viſitat.⸗ Vollmacht VI. nr. 2. 2) Gef. Konr. v. Feuchtwangen S. 119. Statut. Pauls v. Ruß dorf. 3) O. Stat. Reg. c. 13. 4) Geſ. Winr. v. Kniprode S. 137. Statut. Pauls v. Rußdorf. Viſttat.⸗ Vollmacht VI. nr. 2. vgl. de Wal T. I. p. 128. 5) Viſitat. Vollmacht VI. nr. 2, wo beſonders das „Vorroſtouſchen“ (Verroßtauſchen) ſtreng unterſagt wird. 6) Statut. Pauls v. Nußdorf.
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510 VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. Waffen oder ſonſt irgend etwas weg, um es andern zu geben, fo durfte er in keiner Weiſe widerſprechen.) Hatte er ſeinen Harniſch auf redliche Weiſe im Kriege verloren, ſo erſetzte ihn der Komthur durch einen andern; wer ihn aber verwahrloſte, verkaufte oder verſpielte, galt fuͤr ungehorſam, erlitt eine nachdruͤckliche Strafe und durfte auf eine Zeitlang die vier Wände nicht verlaſſen. ? Alles was zur ſ. g. Ritterſchaft, d. h. zur Kriegs⸗ ruͤtung an Roſſen, Waffen, Knechten und andern zum Streite noͤthigen Dingen gehoͤrte, hatte der Oberſte mit Rath der einſichtsvollſten oder uͤberhaupt der anweſenden Bruͤder zu ordnen und zu beſtimmen. Aller unnuͤtze Prunk am Zaum⸗ und Reitzeuge, am Schwert und Schild etwa mit Spangen, koſtbaren Riemen, Gold und Silber oder weltlicher Farbe wurde keinem geſtattet. Keiner durfte einer Waffe oder einem Roſſe einen beſondern Namen geben.) Des Ritters Waffen beſtanden aus Speereiſen oder Spießen, Schwertern, Bogen und verſchiedenen Arten von Aembrüften, ® feine Ruͤſtung aus Eiſenhuͤten, Hauben und Helmen, Platen oder Bruſtharniſchen oder Panzern, Blechhandſchuhen, Kniepuckeln, Vorſtollen, Harniſchhoſen, Schilden u. ſ. w. Die Platen-Ruͤſtung nach Landesart war ausdruͤcklich geboten; die Schwaͤbiſche Plate durfte keiner tragen ohne des Meiſters beſondere Erlaubniß. “ Das Schwert, des Ritters erſte Zier, durfte der Bruder nie außer Acht laſſen und nie einem fremden Manne es zu tragen uͤbergeben. © Im Kriegsfelde war der Ordensritter an ſtrengſte 1) O. Stat. Reg. c. 24. 2) Geſ. Ulr. v. Jungingen im geh. Arch. Schiebl. I. XXI. nr. 24. 3) O. Stat. Reg. c. 24. Geſ. Diet. v. Altenb. S. 128. ) 3. B. Windarmbrüfte, Stegreifarmbruͤſte, Ruͤckarmbruͤſte u. a. de Wal T. I. p. 277 — 281. 5) Geſ. Wern. v. Orſeln S. 122. 6) Geſ. Winr. v. Kniprode S. 134.
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VII. Lebensweije u. Hausordn. der Ordensbruͤder. 511 Zucht und Ordnung gebunden. Führte der Ordens⸗ marſchall den Heerbefehl, fo mußten ihm alle Ordensbruͤ⸗ der unbedingt Gehorſam leiſten,“ desgleichen dem Groß⸗ komthur ) oder einem Komthur, wenn dieſer einem Heer⸗ haufen als Befehlshaber vorſtand oder der Marſchall einen an feine Stelle ſetzte.) Es gab gewiſſe feſte Geſetze und Ordnungen uͤber den Ausmarſch und das Verhalten auf der Kriegsreiſe, welche jeder ſtreng und puͤnktlich zu beobachten hatte. Jeder mußte Reihe und Glied halten und bei ſeiner Rotte bleiben; nur auf ein kurzes Ge⸗ fpräch durfte man für einen Augenblick die Ordnung der Schaar verlaffen. ? Von der Fahne durfte nur der ſich entfernen, den der Fahnenführer oder der Oberſte wohin entſandte; ohne deren Exlaubniß konnte auch keiner Schild und Waffen ablegen.) Wer feig die Fahne verließ und aus dem Heere entfloh, buͤßte die ſchwerſte Schuld. Auch über Lager und Herberge beſtanden beſtimmte Vor⸗ ſchriften. Kein Konventsbruder durfte ein beſonderes Zelt haben, ſondern vier Bruͤder mußten ſich mit einem be⸗ gnügen. d Wo man ein Lager ſchlug, wurde ein Ort, an welchem man den Feld = Gottesdienſt auf einem trag⸗ baren Altare hielt, die Kapelle genannt, mit Schnüren umzogen. Außerhalb in einem Ringe umher um die Fah⸗ ne lagerte ſich der Heerhaufe, ſo daß ſich Roſſe und Harniſch innerhalb der Huͤtten und Zelte in gutem Ver⸗ wahr befanden. Den Gottesdienſt durfte keiner durch 4) De Wal T. I. p. 207. 2) O. Stat. Gew. c. 20. 3) O. Stat. Gew. c. 9. 4) O. Stat. Gew. c. 42. 5) Ebend, c. 45. 46. 6) Gef. Dieter. v. Altenburg S. 129. Geſ. Winr. v. Kniprode 138. O. Stat. Gew. c. 59. 7) O. Stat. Gef. c. 46. 8) Geſ. Wern. v. Orſeln S. 122. 9) O. Stat. Gew. c. 49. 0
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512 VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. Schlaf verſaͤumen.“ Neben dem Marſchalle befand ſich beſtaͤndig der Rufer, der des Marſchalls Befehle auszu⸗ rufen hatte. Was er rief, mußte ſchnell befolgt wer⸗ den.) Kein Ordensritter durfte ſich fo weit entfernen, daß er den Ruf oder die Glocken des Hauſes, wo man lag, nicht mehr hören konnte.) Wenn der Marſchall in den Feind einſprengen wollte, ſo trug ein dienender Bru⸗ der die Fahne,“ unter der die Knechte ſich ſammelten und warteten, bis ihre Herren herbeikamen. Kein ein⸗ zelner Ordensbruder durfte ohne Urlaub in den Feind einſprengen, bis es der Fahnentraͤger that.) Die, wel⸗ chen die Fahne anbefohlen war, durften ſich nicht von ihr entfernen.“ Andere ähnliche Anordnungen betrafen die Bekoͤſtigung der Ordensbruͤder auf Kriegsreiſen, die Obliegenheiten des ſ. g. Speiſekomthurs oder Proviant⸗ meiſters u. dgl.“ Wie im Kriegsleben kuͤhner Muth und Tapferkeit des Ritters erſte Pflicht und Tugend war, ſo im ſtillen Friedensleben des Hauſes Milde und Wohlthaͤtigkeit gegen Arme und Kranke. Wir hoͤrten fruͤher, daß es ſtets als eins der erſten und vornehmſten Geluͤbde im Orden galt, Arme und Gebrechliche in Spitalen zu pflegen und fuͤr ihre Unterhaltung und Geneſung zu ſorgen. Schon fruͤh⸗ zeitig war dem Orden vom Papſte das Recht verliehen, zum Unterhalt der Spitale und zur Beſtreitung der Koſten bei der Krankenpflege von Zeit zu Zeit Almoſenbitter aus⸗ 1) Ebendaſ. c. 51; über die Abhaltung des Feldgottesdienſtes durch den Kapellier oder Feldprieſter O. Stat. Gew. c. 62. 2) O. Stat. Gew. c. 53. 3) Ebendaſ. c. 52. 4) De Wal T. I. p. 118 — 119. 5) O. Stat. Gew. c. 60. 6) Ebendaſ. De Wall. c. 7) O. Stat. Gew. c. 54 — 58. Der Speiſekomthur im Kriege und der Küchmeifter im Konvent waren ſicherlich nicht eine und dieſelbe Amtsperſon, wie de Wal T. II. p. 21 meint.
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VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. 513 zuſenden, wozu der Meiſter oder der Landkomthur immer Ordensbruͤder auswaͤhlte, die ſich durch ihren Wandel und redlichen Charakter vorzuͤglich auszeichneten. Unter Ver⸗ kündigung des paͤpſtlichen Ablaſſes ermahnten ſie das Volk zu milder Unterflügung der Spitale des Ordens. Aber auch ſonſt ſpendete man im Orden reichlich an die Armen. Häufig wurden unter fie Kleider vertheilt. Kein ange⸗ ſchnittenes Brod am Konventstiſche wurde verwahrt, ſon⸗ dern jeder Zeit den Armen gegeben.“ Es war Geſetz, daß man an ſie in allen Ordenshaͤuſern, wo Kirchen oder Kapellen waren, das zehnte der gebackenen Brote verthei: len oder ſtatt deſſen dreimal in der Woche allgemeines Almoſen ſpenden ſolle.) Hielt der Hochmeiſter mit” eis nem Fuͤrſten einen wichtigen Verhandlungstag, fo wurden ſtets in allen Haͤuſern waͤhrend ſeiner Abweſenheit mehre Duͤrftige geſpeiſt. Beim Tode eines Ordensbruders ward ſein beſtes Kleid an einen Armen verſchenkt und vierzig Tage lang ein ſolcher mit der Speiſe bekoͤſtigt, wie ſie ein Ordensbruder erhielt; 9 beim Tode eines dienenden Bruders geſchah dieſes auf ſieben Tage,“ damit die Ge: pflegten für des Verſtorbenen Seele beten ſollten.) Auch an manchen Feſten, z. B. am S. Annen-Tage wurden Arme an der Konventstafel erquidt. ? Selbſt in ſpaͤte⸗ 1) O. Stat. Reg. c. 7. 2) Ebendaf. c. 15. 3) Ebendaſ. c. 16. 4) So befichlt z. B. der HM. im J. 1418 bei Gelegenheit einco Verhandlungstages mit dem Koͤnige von Polen: Sundirlichen bitte wir euch, das man uff den groſten huwſern drey arme menſchen, uff den mittelhuſern ezwey und uff den geringen huwſern eynen armen men⸗ ſchen die cziet obir czu tiſche ſetcze. 5) O. Stat. Reg. c. 12. 6) Ebendaſ. c. 35. 7) Ebendaf. c. 12. Gef. Winr. v. Kniprode S. 133. 8) Geſ. Wern. v. Orſeln S. 121. Geſ. Luthers v. Braunſchie S. 123. Yi 33
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514 VI. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. ren Zeiten wurde das hohe Gebot der Mildthaͤtigkeit ge⸗ gen Arme und Kranke immer wieder erneuert. Altersſchwache und kranke Ordensbruͤder pflegte man in jedem Ordenshauſe in der Firmarie. Im Haupthauſe Marienburg beſtanden ihrer zwei, eine, die Herren-Fir⸗ marie, zur Aufnahme alter und kranker Bruͤder, ſowohl der Ritter als Prieſter und Pfaffen, die andere für die Knechte oder das Hof- und Hausgeſinde. Es war dieß nicht etwa bloß ein Krankenzimmer, ſondern eine fuͤr ſich beſtehende große Anſtalt mit eigener Wirthſchaft und Ver⸗ waltung. Sie beſtand aus mehren Gemachen, hatte ihre beſondere Kapelle, ihre Badſtube und Küche. ? Man fpeifte an ihrer Tafel ungleich beſſer als am Konvents⸗ tiſche, wie das Geſetz ausdruͤcklich anordnete. Mit des Oberſten Erlaubniß wurden an ihr zuweilen auch geſunde Ordensbruͤder zugelaſſen. Dem Hochmeiſter fand es frei, die Firmarictafel, ſo oft er wollte, zu beſuchen. Der Großkomthur dagegen und die uͤbrigen Gebietiger genoſſen ſie gleichfalls nur in Krankheitsfaͤllen, wo ſie nicht anders, wie jeder andere Bruder, in der Firmarie verpflegt wur⸗ den. Ueberhaupt aber genoſſen kranke und altersſchwa⸗ che Ordensbruͤder jeder Zeit einer ganz beſonders ſorgſa⸗ men Pflege und aͤrztlichen Behandlung.“ Das Geſetz ſprach ſie von ſtrengen Faſten, wie vom Beſuche des oͤf⸗ fentlichen Gottesdienſtes frei; die Prieſter hielten beſon⸗ dern Gottesdienſt in der FirmariesKapelle, ? In mans 1) Statut. Pauls von Rußdorf. Geſetze Konr. v. Erlichshauſen S. 150. Viſttat.⸗ Vollmacht Schiebl. VI. nr. 2. 2) Nach alten Rechnungen des Hauſes Marienburg. 3) O. Stat. Gef. c. 11. 4) Ebendaſ. o. 12. Wenn der HM. in der Firmarie aß, wurden die Brüder der Firmarie noch beſſer geſpeiſt als gewöhnlich, 5) O. Star. c. 13; dennoch hatte der Großkomthur feine eigene Firmarie in Marienburg. 5 6 O. Stat. Geſ. c. 14. 17. 7) Ebendaſ. c. 17.
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VII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. 515 chen Krankheiten wurden die Kranken von den uͤbrigen abgeſondert.) Ohne Erlaubniß durfte keiner die Fir⸗ marie wieder verlaſſen; auch der Geneſende konnte zur Staͤrkung die beſſere Firmarietafel noch einige Zeit fort: genießen. ? Erkrankte ein Ordensbruder fo ſchwer, daß er mit dem Sacramente der heiligen Oelung berichtet werden mußte, fo ließ der Hauskomthur mit zwei Ritterbruͤdern und einem Prieſter alles ſein Geraͤth und die Schluͤſſel verfiegeln und dieſe letztern den drei Ordensbruͤdern zur Verwahrung übergeben. Starb der kranke Bruder, fo ſah der Hauskomthur nebſt den drei Bruͤdern nach, was an Gold, Silber oder ſonſt vorhanden war und ſandte ſofort alles dem Treßler in Marienburg mit einem Schrei⸗ ben an den Hochmeiſter, worin alles genau verzeichnet ſtand. Ebenſo geſchah es bei einem Gebietiger. Kein Ordensbruder durfte ein Teſtament machen oder auf ſei⸗ nem Sterbebette irgend etwas vermachen ohne Willen und Beiſtimmung des Hochmeiſters. Das Geſetz erlaubte nur, daß der Kranke, bevor er mit der heil. Oelung bes richtet wurde, ſeinen Mitbruͤdern irgend etwas von ſeinem Geraͤthe und Gute, doch nichts von Gold und Silber, als Andenken ſchenken duͤrfe. Nach der Berichtung durfte dieſes nicht mehr geſchehen.. War ein Ordensbruder noch vor der Vesper geſtorben, ſo konnte er noch am naͤm⸗ 1) Ebendaſ. c. 16. 2) Ebendaſ. Statut. Pauls v. Rußdorf. 3) Viſitat.⸗Ordnung. In einer alten Konventsrechnung heißt es: Man hat it alſus lange by unſerm orden gehalden, als man noch doct (thut) wo cyn broeder ader Suſter (Schweſter) unſers ordens ſtirbt und gelt ader ſilber hinder ſich laiſſet, das gelt keret man zo des Hußes Nutz da der broeder ader ſuſter ſtirbet und der Compthur nympt das ſilber zo ſich und wanne der Compthur ſtirbet, ſo vellet und ſtirbet ſyn ſilber in des Mriſters kammer, der mach is wenden und keren wie yr wilt. 4) Gef. Wine, v. Kniprode S. 133. Gef, Kor. v. Erlichshauſen in einem großen Kapitel im J. 1442. 38 *
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516 WII. Lebensweiſe u. Hausordn. der Ordensbruͤder. lichen Tage beſtattet werden; verſchied er erſt nach der Vesper, ſo erfolgte ſeine Beerdigung am andern Tage, wenn nicht in beiden Faͤllen der Oberſte des Hauſes eine Abweichung von dieſer Beſtimmung für noͤthig fand.) Die Nachricht vom Tode eines Bruders lief durch einen ſ. g. Todtenbrief ſogleich von Haus zu Haus bis an den Hoch⸗ meiſter.) In jedem Ordenshauſe wurde uͤber ihn ein Todtenamt mit Meffen und Vigilien gehalten; jeder Laien⸗ bruder feines Konvents ſprach für ihn hundert Pater: nofter. ? Das beſte Kleid des Verſtorbenen ward, wie erwaͤhnt, einem Armen geſchenkt, der uͤbrige Nachlaß zum Theil dem Oberſten des Konvents uͤbergeben oder in die verſchiedenen Amtshaͤuſer abgeliefert und unter die Bruͤder, die es bedurften, vertheilt. Hinterließ ein Prie⸗ ſterbruder Bücher, deren fein Konvent bedurfte, fo blie⸗ ben ſie im Hauſe und mußten genau verzeichnet und ſorg⸗ ſam verwahrt werden. Bedurfte ihrer das Haus nicht, ſo wurden ſie in die Liberei des Haupthauſes Marienburg gebracht. * 1) O. Stat. Reg. c. 6. De Wal T. I. p. 25 bemerkt: La chaleur étant excessive en Palestine, oü les statuts ont Eté redigds, il west pas surprenant qu'on ait ordonné d’inhumer les morts le plutöt possible, afin d’eviter les eflets dangereux de la corruption. 2 Gef, Winr. v. Kniprode S. 137. Viſirat.⸗Ordnung. Wir haben einen ſolchen Todtenbricf vom J. 1448, worin es heißt: Wiſſet ir huwskumpthur u. fe w., das bruder Jorge Eglinger in der firmarien czu Konigsberg iſt verſtorben, von bevelung unſers Homeiſters beſtellet, das derſelbe Jorge noch unſers ordens geborung mit meſſen, vigilien und gebeten der brüder begangen werde. 3) O. Stat. Geſ. e. 21. Reg. c. 10. Geſ. Dieter. v. Altenburg S. 128. De Wal T. I. p. 29. 4) Genauere Beſtimmungen hieruͤber in Geſ. Winr. v. Kniprode S. 132 — 133, Geſetze Konr. v. Erlichsb. S. 154 — 155. Viſitat.⸗ Ordnung. Schreiben des Komthurs von Elbing an den HM. im geh. Arch. Schiebl. LXX. ur. 9.
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vin. Haus⸗Kapitel u. Strafgeſetze. 517 VIII. Haus: Kapitel und Strafgeſetze. Verſchieden vom großen Ordens- und Land-Kapitel war das woͤchentliche Haus-Kapitel, in jedem Konvente am Sonntag abgehalten.) In ihm mußten alle Brüs der eines Konvents erfcheinen. Sobald ein Bruder das Kapitel betrat, mußte er zuvor niederknieend gewiſſe Ge⸗ bete ſprechen, desgleichen wenn es endete.) Es war ein weſentlicher Zweck dieſer woͤchentlichen Konventsverſamm⸗ lungen, den Brüdern beſtaͤndig des Ordens Regeln und Gefege in Erinnerung zu erhalten, weshalb in jedem Ka⸗ pitel gewiſſe Abſchnitte aus dem Ordens⸗ Geſetzbuche allen Verſammelten vorgeleſen wurden. Es ward ferner im Kapitel Verhandlung und Berathung gepflogen über aller⸗ lei Dinge der Verwaltung des Hausbezirks und uͤber An⸗ gelegenheiten des Konvents, überhaupt über alles, was die gemeinſamen Verhaͤltniſſe des Ordenshauſes betraf. Hieruͤber waren im Kapitel auch Gefpräche der Konvents⸗ brüder unter einander erlaubt.) Das Kapitel übte au: ßerdem über alle Hausgenoſſen ein gewiſſes Richteramt; es handhabte die Geſetze und beſtrafte Uebertretung und Verletzung derſelben. Wie alle Bruder vor dem Geſetze gleich waren und alle nach demſelben Geſetze gerichtet wurden, 5 fo bildeten zugleich auch alle im Kapitel eine Art von Gerichtshof fuͤr den Konvent. Im Kapitel er⸗ folgte uͤberdieß die Vollfuͤhrung der Strafgeſetze und die Ausübung der Disciplin. Man nannte dieß damals den 1) Viſitat.⸗Receß nr. 14. 2) O. Stat. Gef. c. 1. 3) Littera fratris Everhardi de Seyne in Hennig Ord. Sta⸗ tut. S. 223. Die Statut. Pauls von Rußdorf gebieten: „Daß man alle Sonntage in allen Konventen, fie ſeyen groß oder klein, Kapitel halte, auf daß die Bruͤder ihre Regel moͤgen lernen und halten und ſich nicht in ſolchen entſchuldigen dürfen und ſich darnach wiſſen zu richten.“ 4) Littera Everhardi de Seyne a. a- O. S. 222. 5) De Wal T. I. p. 207; er nennt die Kapitel des chapitres de discipline et d'instruction, p. 52.
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518 VIII. Haus⸗Kapitel u. Strafgeſetze. Empfang der Juſte. Es war eine Art von Kaſteiung oder eine koͤrperliche Zuͤchtigung und als ſolche verſchie⸗ den. Die erſtere erhielt an jedem Freitage, wo der Hauskomthur alle ihm Untergebenen ebenfalls zu einem Kapitel verſammelte, 7 jeder Ordensbruder ohne Unter⸗ ſchied, nur die auf Reiſen und in der Firmarie ausge⸗ nommen. Es gab ſogar Zeiten im Jahre, in denen die Brüder dreimal wöchentlich die Juſte empfingen und keiner durfte ſich ihr entziehen ohne Erlaubniß feines Oberften. ” Auch die koͤrperliche Zuͤchtigung als Strafe fir Ueber: tretung der Geſetze ward der Empfang der Juſte genannt. Die Strafen waren nach der Schwere der Vergehungen und Verbrechen in vier verſchiedene Grade getheilt oder „die Gerichte der Bußen in vier Theilen unterſchieden.“ ® Es gab eine leichte, ſchwere, ſchwerere und eine aller: ſchwerſte Schuld.) Hatte ſich ein Bruder auf irgend eine Weiſe in einem dieſer vier Grade vergangen, ſo reichte zur Ueberfuͤhrung das Zeugniß zweier Ordensbruͤder hin. ) Die Anzeige geſchah beim Oberſten des Hauſes mit zwei oder drei Zeugen und mit genauer Angabe des Thatbeſtandes. Die Sache kam dann vor das Kapitel, 1) O. Stat. Gew. c. 35. De Wal T. I. p. 106 bemerkt dabei: On tenoit deux especes de chapitre, les uns pour les affaires, ou les Rathsgebietiger et autres capitulaires «toient seuls ap- pelles; on pourroit les nommer conseils: les autres n’ctoient que des chapitres de discipline et d’instruction, auxquels tous devoient assister. Il va sans dire que le chapitre que le vice- precepteur tenoit avec les domestiques, les gens de metier etc. etoient de cette derniere espece. Cétoit un supérieur qui as- sembloit tous ceux qui dependoient de lui, dans un lieu deter- miné pour les instruire et les corriger quand ils l’avoient me rite; ces assembldes se nommoient chapitre, à Vimitatione de velles des freres. 2) O. Stat. Geſ. c. 53. 3) O. Stat. Gef, c. 42. 4) O. Stat. Geſ. c. 40. 3) Ebendaſ.
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VII. Haus⸗Kapitel u. Strafgeſetze. 519 wo die Wahrhaftigkeit und Gültigkeit der Zeugen unter⸗ ſucht wurde. Ward das Zeugniß als unrichtig befunden und der Anzeiger als falſcher Anklaͤger entdeckt, fo erlitt er die Strafe, welche der Angeſchuldigte haͤtte erdulden muͤſſen. Fand hingegen das Kapitel die Zeugen als wahr⸗ haft und unparteiiſch und war die Thatſache aufs ge⸗ naufte ermittelt, fo erwog man zuerſt, in welcher Achtung und Meinung der Beſchuldigte bisher unter den Bruͤdern geſtanden und wie das Verſehen des Angeklagten geſche⸗ hen ſey. Nun konnte dieſer zunaͤchſt Gnade ſuchen beim Kapitel; hier entſchied der beſſere Theil der Bruͤder, ob er ohne weitere Strafe zu entlaſſen oder mit einer Straſ⸗ buße zu belegen ſey. ) Im letztern Falle wurde bera⸗ then, mit welcher Strafe der Schuldige buͤßen ſolle, denn nach der Groͤße der Schuld ward verhaͤltnißmaͤßig die Schwere der Buße beſtimmt. Das Ordensgeſetz enthielt hierüber ſehr genaue Beſtimmungen. Geringe, dem Ober⸗ ſten ſelbſt entdeckte Vergehungen wurden mit nur geringen Strafen geruͤgt, ſofern ſie von demſelben Ordensbruder nicht öfter geſchahen. Die von andern angezeigte Ver⸗ gehungen ahndete man ſchon nachdruͤcklicher. * Das Ordensgeſetz ſetzt eine große Anzahl von Faͤllen feſt, in welchen die verſchiedenen Grade der Bußen in Anwendung kommen ſollten. Aus ihnen moͤgen nur einige Beifpiele genugen. Wer fremder Leute Briefe traͤgt ohne Urlaub, deren Inhalt er nicht weiß oder die irgendwie verdächtig find; wer auf dem Wege wiſſentlich heimliche Geſellſchaft mit boͤſen Weibern hat; wer mit bedachtem Muthe eine Luͤge ſagt, um jemand zu betruͤgen; wer in den Städten, wo ein Ordenshaus iſt, ohne Urlaub mit weltlichen Leuten ißet und trinkt; wer jemand mit Scheltworten und Gefpött behandelt oder ihm eine Schuld 1) O. Stat. Gef. e. 40. Geſ. Winr. v. Kniprode S. 135. 2) O. Stat. Ges. o. 41. 3) O. Stat. Reg. c. 38.
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520 VIII. Haus⸗Kapitel u. Strafgeſetze. vorwirſt, um die er hat buͤßen muͤſſen, den ſoll man um dieſer Schuld willen im Kapitel auf ein bis drei Tage zur Buße ſetzen und am Sonntage ſoll er im Kapitel die Juſte empfangen.) — Eine ſchwere Schuld beging, wer aus Verſäumniß das Haus in großen Schaden brachte, merkliche Gegenflände ohne Urlaub weggab, ohne Erlaub⸗ niß heimliche Briefe entſandte oder die erhaltenen las, wer wiſſentlich und ohne Noth bei uͤbelberuͤchtigten Leuten herbergte, wider Gehorſam eine Nacht außerhalb des Hau— ſes zubrachte, wer in laͤſterlichen Dingen Afterrede im Munde fuͤhrte oder unter den Bruͤdern Zwiſt erregte, wer ſich der Trunkenheit hingab u. dgl. Um ſolche und aͤhnliche Schuld verlor ein Ordensbruder ſein Ordenskreuz bis zum Erkenntniß ſeines Oberſten und der Gnade ſeiner Bruͤder. Blieb er ohne Kreuz, ſo buͤßte er mit der Jahrbuße, bis ihm der Oberſte und die Brüder die Buße erleichter⸗ ten.) — Die ſchwerere Schuld beging, wer einen Chri: ſten im Zorne oder mit bedachtem Muthe, es ſey um ſich oder ſein Gut zu wehren, mit dem Schwerte, Spieße, mit Meſſern oder andern Waffen verwundete, wer gegen den Meiſter oder ſeinen Oberſten boͤſen Rath im Sinne gehabt und deſſen uͤberwieſen wird, wer des Meiſters, ſeines Oberſten oder des Kapitels Heimlichkeit oder Rath mit bedachtem Muthe kund thut, wer Diebſtahl begeht oder heimlich verſtecktes Eigenthum bei ſich finden laͤßt, wer mit einem Weibe ſuͤndigt, wider Gehorſam mit Fre⸗ vel aus dem Hauſe ſich entfernt oder aus dem Orden entweicht und Gehorſam und geiſtliche Zucht von ſich wirft u. dgl. Um ſolche und aͤhnliche Schuld mußte der Schul⸗ dige mit der Jahrbuße buͤßen, d. h. er mußte ein ganzes Jahr lang mit den Knechten des Hauſes gehen, mit einer Kappe ohne Kreuz dienen, bei den Knechten eſſen, auf der Erde ſitzen und drei Tage in der Woche bei Waſſer 1) O. Stat. Geſ. c. 42. Ueber die Art, wie die Juſte ertyeilt wurde, vgl, Gef, Winr. v. Kniprodr S. 135 — 130. 2) O. Stat. Geſ. c. 44.
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VII. Haus:Kapitelu. Strafgeſetze. 521 und Brot faſten, wovon ihm der Oberſte und die Bruͤder zwei erlaſſen konnten; am Sonntage erhielt er vom Prieſter die Juſte, öffentlich) in der Kirche, wenn ſeine Schuld weltlichen Leuten bekannt war und dem Hauſe uͤbles Gerücht daraus entſtehen konnte, oder im Kapitel, wenn die Schuld nicht oͤffentlich war. War die Schuld un⸗ gewöhnlich groß oder der Schuldige ſchon oft in Schuld verfallen, oder wollte er ſich nicht geduldig in die Strafe fuͤgen, ſo konnte die Jahrbuße verlängert oder in Ketten⸗ und Kerkerſtrafe verwandelt oder ſonſt erſchwert werden bis zu ewigem Gefaͤngniß nach des Oberſten und der Brüder Urtheilſpruch. Erſchlug ein Bruder einen andern, ſo ward er ins Gefaͤngniß geworfen und niemand konnte ihn frei laſſen außer der Hochmeiſter mit dem Kapitel. — Die allerſchwerſte Schuld lud ein Bruder auf ſich, der durch Simonie oder mit Luͤge in den Orden trat oder einen andern durch Simonie aufnahm, der irgend etwas verſchwieg, woruͤber er bei der Auſnahme befragt ward, ferner der von der Fahne oder dem Heere entfloh, wer von den Chriſten zu den Heiden uͤberlief, um bei dieſen zu bleiben, oder wer Sodomiterei trieb. Für einige dieſer und aͤhnlicher Verbrechen war noch Begnadigung moglich durch den Meiſter und die Bruͤder; andere hingegen mach⸗ ten den Schuldigen auf immer des Ordens verluſtig. Außerdem beſtimmte das Geſetz noch viele andere Fälle zur verhältnißmäßigen Beſtrafung. Brüder, die um ihres Amtes willen in den Orden aufgenommen, ihr Amt nicht verwalteten, wie ſie gelobt, mußten bei Waſſer und Brot faſten, bis ſie ihrer Pflicht nachkamen; im Kapitel 1) De Wal T. I. p. 208. 2) O. Stat. Gef, c. 45. Geſ. Gottfrieds v. Hohenlohe S. 120. Geſ. Dieter. v. Altenburg S. 129, wo es heißt: Wenn ein Bruder einen andern mit Meſſer, Schwert u. ſ. w. angreift oder ihm mit Fre⸗ vel droht, ihn zu erſtechen, den ſollen die andern alsbald greifen und in die Eiſen ſchlagen bis zu weitern Entſcheidung des Meiſters. 3) O. Stat. Geſ. 6. 40.
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522 VIII. Haus⸗Kapitel u. Strafgeſetze— ſaßen fie bei den buͤßenden Bruͤdern.) Wer Geld ver: laͤugnete oder Ordensgut entfremdete, ward, wenn man es nach feinem Tode entdeckte, aufs freie Feld begraben. Ward die Entfremdung des Ordensgutes noch bei des Bruders Lebzeit entdeckt, ſo nahm man ihn nicht eher wieder in den Orden auf, als bis er dieſem alles wieder zugebracht hatte. Wer uͤberfuͤhrt ward, daß er ſich mit einem andern Bruder durch Eid und Treue verbunden oder in irgend eine Sache mit ihm eingelaſſen habe, wurde bis zum weitern Beſchluſſe des Kapitels ins Ge⸗ faͤngniß geworfen.) Vor allem ſtreng ward aller Unge⸗ horſam gegen die Gebote der Oberſten beſtraft.) Wer die Geſetze des Ordens nicht hielt oder verachtete, ver⸗ fiel in die allerſchwerſte Strafe, war aller Wuͤrden und Ehren beraubt und erhielt nie wieder ein Amt.“ — Auf gleiche Weiſe waren auch Geſetze zur Beſtraſung der Prieſter⸗ und Pfaffenbrüder nach dreifachen Graden der Verſchuldung feſtgeſtellt. Im Allgemeinen dienten die Be⸗ ſtimmungen über Buße und Strafe der Laienbruͤder auch hier zur Grundlage und erlitten nur hie und da Veraͤn⸗ derungen in Ruͤckſicht auf den geiſtlichen Stand dieſer Brüder. Ein Priefter = oder Pfaffenbruder erhielt z. B. nie oͤffentlich vor dem Volke die Juſte, um den geiſtlichen Stand vor den Augen des Volkes zu fchonen. ? Die Verhandlungen uͤber Beſtrafung geiſtlicher Bruͤder geſchahen 1) Gef. Dieter, v. Altenburg S. 124. 2) O. Stat. Gef. c. 45. Gef, Konr. v. Erlichshauſen S. 147. Paul v. Rußdorf befahl: er ſolle auf dem Felde „bei den Hunden“ be⸗ graben werden. 5 3) Geſ. Konr. v. Feuchtwangen S. 118. 4) Geſ. Winr. v. Kniprode S. 133. 5) O. Stat. Gef. c. 35. Gef, Konr. v. Erlichshauſen S. 143 — 144. 6) Gef. Konr. v. Erlichshauſen S. 145. 7) Die verſchiedenen Beſtimmungen uͤber Beſtrafung der geiftlichen Brüder O. Stat. Geſ. c. 47 — 51. De Wal T. I. p. 79. II. p. 50.
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VIII. Haus⸗Kapitel u. Strafgeſetze. 523 gleichfalls im Kapitel. Weil aber kein Laienbruder, alſo auch ſelbſt kein Komthur einen Geiſtlichen beſtrafen durſte, ſo verfuhr man dabei in der Art, daß der in Schuld ver⸗ fallene geiſtliche Bruder im Kapitel erſcheinen mußte, um in des Komthurs Gegenwart vor einem Prieſterbruder we⸗ gen ſeiner Schuld Gnade zu ſuchen. Dann fragte der Komthur die verſammelten Bruͤder: welche Buße wohl ein Laienbrüder bei ſolcher Schuld verwirkt haben wuͤrde? Nach der Antwort kündigte der Prieſterbruder dem Schuldigen die entſchiedene Buße an, jedoch nach dem bei der Buße der Geiſtlichen Statt findenden Unterſchiede. In kleineren Ordenshaͤuſern, wo ſich kein Prieſterbruder befand, mußte der ſchuldige Pfaffenbruder entweder in groͤßere Ordens⸗ haͤuſer gebracht werden oder ein Prieſterbruder ward her⸗ beigerufen. " Zuerkannte Bußen konnte bloß der Hochmeiſter oder deſſen Siatthalter, ſonſt aber kein anderer Gebietiger auf⸗ heben. Nur wenn der Meiſter zu fern war, um daruͤber befragt zu werden, ſtand es auch dem Oberſten zu mit Zuſtimmung des Kapitels. 2) Das Geſetz ſprach es aber als eine dringende Pflicht des Meiſters aus, daß er gegen Vergehungen der Ordensbruder nicht zu gelind ſey und ſelbſt die geringeren nicht ohne Buße laſſen ſolle, denn „nachdem die Schuld ſey, ſolle man auch die Schlaͤge meſſen.“ ) Nur bei eintretender Krankheit ward eine auf⸗ erlegte Buße aufgehoben; nach erfolgter Geneſung mußte ſie wieder fortgeſetzt werden, doch die Jahrbuße nur in der Firmarie. Starb ein Bruder in der Jahrbuße, fo ward er mit dem Kreuze begraben wie die andern Brüder. ® 1) O. Stat. Gef, c. 47. 2) O. Stat. Geſ. c. 4. 3) O. Stat. Geſ. c. 39. q) O. Stat. Geſ. &. 52.
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524 IX. Mitbruͤder, Halbbr., Halbſchweſtern des Ordens. IX. Mitbruͤder, Halbbruͤder, Halbſchweſtern, dienende Bruͤder des Ordens. Die Entſtehung, erſte Ausbildung und die aͤußeren Verhaͤltniſſe dieſer beſondern Klaſſe von Ordensbruͤdern find ſchon früher beſprochen worden;) es iſt alſo hier nur noch einiges über ihre inneren Verhaͤltniſſe zum Or⸗ den hinzuzufügen. ? Nach einer fruͤhern paͤpſtlichen Be⸗ ſtimmung gab es eine doppelte Theilnahme an des Or⸗ dens Mitbruͤderſchaft, deren eine als die Mitbruͤderſchaft der hoͤhern Ordnung, die andere als die der niedern Ordnung betrachtet werden kann, obgleich fuͤr beide nicht fo, wie im Templer- und Johanniter-Orden, unterſchei⸗ dende Benennungen Statt gefunden zu haben ſcheinen, es ſey denn daß vielleicht die Brüder der einen Ordnung ge— meinhin nur „Mitbruͤder,“ die der andern dagegen „Halb: bruͤder“ oder „in Liebe dem Orden dienende Hausdiener oder Knechte“ genannt wurden. 1) S. oben B. II. S. 112 — 115. De Wal T. I. p. 254 — 262 zeigt in einem belehrenden Abſchnitte über dieſen Gegenſtand, daß die Aufnahme ſolcher Mitbruͤder, Affiliirten, Donaten, Oblaten u. ſ. w. bei allen andern religiofen und militaͤriſchen Orden Statt fand. 2) Was in dieſem Abſchnitte geſagt wird, iſt im Weſentlichſten der Inhalt meiner Abhandlung uͤber die Halbbruͤder des deutſ. Ordens in den Beitraͤgen zur Kunde Preuſſ. B. VII. H. I. u. 2, worin ich dieſen Gegenſtand ziemlich zu erſchopfen geſucht habe. Dort findet man in den Anmerkungen auch die Quellen näher angegeben, die ich hier nicht wir⸗ derholen mag. Andere Quellen von beſonderer Wichtigkeit find mir ſcit⸗ dem uͤber die Sache nicht bekannt geworden. 3) Ein Unterſchied zwiſchen „Mitbruͤdern“ (Confratres) und „Halb⸗ bruͤdern“ fand wohl ohne Zweifel Statt. Allein in der Benennung wird diefer Unterſchied nicht immer beobachtet, denn es finden ſich auch Beiſpiele von Verwechſelung dieſer Benennungen. In der Regel in⸗ deſſen werden die Theilhaber der hoͤhern Ordnung „Mitbruͤder“ oder Confratres genannt. Halbbruͤder und in Liebe dienende Hausdiener, Familiares in raritate deservientes oder Fratres in caritate find Zweifelsohne ein und dieſelbigen, denn die in den Drdens = Statuten S. 228 — 232 und 233 — 235 erwähnten Verhaͤltniſſe begründen keinen
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IX. Mitbruͤder, Halbbr., Halbſchweſtern des Ordens. 525 um in die Bruͤderſchaft aufgenommen zu werden, erklärte der Bittende vor dem Meiſter oder einem der Gebietiger ſeinen Wunſch mit dem Geluͤbde: er wolle fuͤr die Theilnahme an des Ordens Mitbruͤderſchaft ſein gan⸗ zes Erbtheil oder die Haͤlfte ſeines Beſitzthums dem Dr: den als Eigenthum verleihen. Hatte ſich dann der Oberſte mit ſeinen andern Bruͤdern über die Aufnahme berathen und war ſie beſchloſſen worden, ſo erfolgte ſie im Ganzen auf die naͤmliche Weiſe wie bei den übrigen Ordensbrü⸗ dern, nur daß die Mitbruͤder nicht zu Ordensrittern ers hoben wurden. Die erſte Bedingung aber war ſtets ein ehrbarer und rechtſchaffener Lebenswandel.“ Die von dem Mitbruder oder Halbbruder bei ſeiner Aufnahme uͤbernom⸗ menen Verpflichtungen lauteten verſchieden. Der Mit⸗ bruder der hoͤhern Ordnung mußte im Allgemeinen ge⸗ loben: dem Orden ſtets treu und hold zu ſeyn, vor deſſen Schaden und Aergſten uͤberall zu warnen und fuͤr ihn das Beſte zu thun nach allem feinen Vermögen. Der Halbbruder der niebern Ordnung verpflichtete ſich, dem Orden jährlih nach dem Betrage ſeines Vermoͤgens ge⸗ wiſſe fromme Gaben darzubieten und alle Dienſte und Arbeiten des Feldes oder des Hauſes, die ihm der Kom⸗ thur des Hauſes uͤbertrage, z. B. zum Ackerbau, ) zur Viehhut u. ſ. w. willig zu ubernehmen. Der Mitbruder konnte verehelicht ſeyn und bleiben. ) Der Halbbruder unterſchied. Nach De Wal T. I. p. 8 hielt man ſich in Nuͤckſicht der dienenden Brüder im Deutf. Orden im Allgemeinen an die Beſtimmun⸗ gen des Templer-Ordens; es heißt: Les statuts du Temple con- tiennent beaucoup de réglements qui les Freres servants concer- nent, et à peine en est-il parle dans ceux des Teutoniques: dest que ces derniers avoient encore conservé les usages des Templiers à leur egard. Was De Wal T. II. p. 171 personnes aſſilices nennt, find keine andern als die Mitbruͤder. 1) O. Stat. Reg. c. 34. S. meine Abhandlung a. a. O. S. 57. 2) De Wal T. II. p. 150. 3) De Wal T. I. p. 44 fügt hinzu: De pareils engagements Contractes avec Ordre par des personnes mariées suppusoient
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526 IX. Mitbruͤder, Halbbr., Halbſchweſtern des Ordens. mußte die drei Geluͤbde der Armuth, Keuſchheit und des Gehorſams ablegen; aber das Probejahr erließ man ihm. Als aͤußeres Zeichen ſeiner Bruͤderſchaft trug der Mitbru⸗ der ein Kleid von geiſtlicher Farbe mit einem halben Kreuze darauf, der Halbbruder ein im Geſetze ihm vorgeſchriebenes Oberkleid oder einen wollenen Mantel von grauer Farbe, Schaprun genannt, und ebenfalls das halbe Kreuz, den Bart geſchoren und das Haupthaar rings bis an die Ohren abgeſchnitten. In den Orden aufgenommen, ward der Mitbruder ſofort aller geiſtigen Wirkungen und Gnaden⸗ guͤter, die Gott dem Orden verliehen, ſowie des von den Vaͤtern der Kirche ihm zugeſprochenen Ablaſſes alſo theil⸗ haftig erklaͤrt, daß ſolches alles auch dem Heile ſeiner Seele zu Statten kommen ſolle. Hiefuͤr mußte er zum Seelenheil aller Ordensbruͤder und zu Frommen der ge— ſammten Chriſtenheit an jedem Tage des Jahres einige Gebete beten. Durch eine Art von Vertrag mußte er zu⸗ gleich dem Orden das Ganze oder die Haͤlfte ſeiner Habe zuſchreiben laſſen, wofür ihm dieſer durch den Gebietiger ſeinen leiblichen Unterhalt auf Lebenszeit zuſicherte, ſofern er nicht ſelbſt das zu ſeiner Unterhaltung Benoͤthigte zu— ruͤckbehielt.) Nach feinem Tode fiel auch dieſes dem nécessairement, qu'elles n’avoient pas d’enfants: il falloit en- core qu'elles s'obligeassent a garder la continence; car la nais- sance d'un enfant auroit rendu tous leurs engagements inutiles. 1) Vgl. darüber weiter De Wal T. I. p. 285. O. Stat. Reg. c. 34 und Ord. Statut. S. 234. Ueber das halbe Kreuz ſ. meine Abhandlung a. a. O. S. 173; de Wal T. I. p. 44 nennt es une croix tronquèe, ou qui n’avoit que trois branches ce qui res- sembloit à la lettre T T. II. p. 235. 2) In einer paͤpſtl. Bulle, dat. Rome V Cal. Martii p. a. u. Xx (26 Febr. 1399) im geh. Arch. Schiebl. VIII nr. 14 heißt es: Plernmque contingit nonnullas personas laicales causa devocionis fraternitatem dietorum fratrum assumere ac se et bona sua, usu tamen bonorum ipsorum sibi ad eorum vitam duntaxat re- servato, ad diversas domus dieti hospitalis imperpetuum offerre et donare et sic in seculo remanentes virtutum domino ſamulari.
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IX. Mitbrüͤder, Halbbr., Halbſchweſtern des Ordens. 527 Orden zu; ebenſo was er als die Haͤlfte ſeines Beſitz⸗ thums bei ſeinem Ableben der Frau hinterließ, ſobald dieſe ſtarb. Der Halbbruder dagegen uͤberließ ſchon durch ſein Gelübde der Armuth alles, was er beſaß, ſofort dem Orden und man verhieß auch ihm dafür nur Waſſer und Brot und alte Kleider, damit er dankbar fey, wenn er es beſſer hatte. Außerdem war auch in vielen andern Verhaͤltniſſen die Stellung des Mitbruders zum Orden von der des Halbbruders ſehr verſchieden. Die Mitbruͤder, wegen ih⸗ rer Aufnahme in die Heimlichkeit des Ordens auch die Heimlichen genannt, konnten nicht nur verehelicht ſeyn oder ſich noch verehelichen, ſondern auch außerhalb eines. Or⸗ denshauſes in ihren früheren Verhaͤltniſſen fortleben, ohne an die ſtrenge Enthaltſamkeit und Abgeſchloſſenheit gebun⸗ den zu ſeyn, welche die Ordensgeluͤbde andern Ordens⸗ bruͤdern auflegten. Sie dienten dem Orden und foͤrder⸗ ten deſſen Sache, wo und wie ſie konnten, als Rath⸗ geber in Streitigkeiten, als Krieger im Felde, als Wohl⸗ thäter im Frieden, in Behinderung oder Begünſtigung alles deſſen, was irgend dem Orden ſchaden oder frommen mochte. In die Zahl dieſer Mitbruͤder gehoͤrten auch die Deutſchen und auslaͤndiſchen Fürſten, welche in verſchiedenen Zeiten durch die Bruderbriefe der Hochmeiſter aus Dank für ihre Verdienſte in die Gemeinſchaft des Ordens mit aufgenom- men wurden, ſo unter dem Meiſter Werner von Orſeln die Herzoge Boleslav von Schleſien, Herr von Brieg, Heinrich der Sechſte von Breslau, Wladislav von Liegnitz und Herzog Bolco der Zweite von Falkenberg, unter Konrad von Jungingen der Kurfuͤrſt Ruprecht von der 1) Nach O. Stat. Reg. c. 34 war es jedoch den Landkomthuren und alſo auch dem HM. frei geftelt, Mitbruͤder auch unter andern Be⸗ dingungen über das Vermögen derſelben in den Orden aufzunehmen und man machte davon auch wirklich Gebrauch. 2) Vgl. das Nähere in meiner Abhandlung g. a. O. S. 156 ff; oben B. IV. S. 418. 427.
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528 IX. Mitbruͤder, Halbbr., Halbſchweſtern des Ordens. Pfalz, Herzog Albrecht der Dritte von Oeſterreich, der mächtige Fuͤrſt in Unteritalien Romandello Urſini, unter dem Meiſter Heinrich von Plauen jenes Albrechts Enkel Herzog Albrecht der Fünfte von Oeſterreich und unter den nachfolgenden Meiſtern mehre andere. Selbſt Gelehrte, wie der ſeiner Zeit berühmte Meiſter Heinrich Deutha, Profeſſor der Theologie zu Wien, und fremde Ritter, wie Ulrich von Neuhaus aus Oeſterreich wurden um ihrer Ver: dienſte willen als Mitbruͤder in den Orden aufgenommen. Sogar Koͤnige, wie der Roͤm. Koͤnig Sigismund nebſt feiner Gemahlin? und König Alfonfo der Fuͤnfte von Ara⸗ gonien fanden ſich durch die Aufnahme in die Mitbruͤder⸗ ſchaft des Deutſchen Ordens geehrt. Aber auch aus andern Staͤnden traten auf dieſe Weiſe viele mit dem Orden in engere Verbindung, denn es war keineswegs nothwendig, daß der Aufzunehmende Ritter oder ritterbüͤrtig ſey, wenn ihn nur eine ehrbare Geburt und ein rechtſchaffe⸗ ner Lebenswandel empfahlen. Ein eigentliches Ordensamt konnten die Mitbruͤder zwar, fo viel wir wiſſen, nicht vers walten; aber ſchon ſeit fruͤher Zeit dienten ſie dem Orden in dem ihm von Honorius dem Dritten verliehenen Vor⸗ rechte, alljährlich in den Kirchen der Chriſtenheit fuͤr ſeine Spitale Almoſen und milde Gaben einſammeln zu duͤrfen, denn dieſe im Weltleben verbleibenden Mitbruͤder waren es, welche ſelbſt in den mit Interdict belegten Orten die⸗ ſes Geſchaͤft in den Kirchen betrieben.“ Inwiefern fie in ihrer ſonſtigen Lebensweiſe an gewiſſe Beſtimmungen des Ordensgeſetzes gebunden, ob ſie z. B. gehalten waren, 4) ueber alle dieſe Fuͤrſten die naͤheren Angaben in m. Abhandlung a. a. O. 2) Dieß war auch der Grund, warum ſie beide in das Ordensge⸗ bet eingeſchloſſen waren; ſ. Hennig Ord. Statut. S. 217; vol. De Wal T. I. p. 253, der ſich über eine andere Urſache weit ausläßf. 3) Meine Abhandl. a. a. O. 4) Die päp liche Bulle hierüber in meiner Abhandlung a. a. O ©. 09; cf. De Wal T. I. p. 26 27.
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Ix. Mitbruͤder, Halbbr., Halbſchweſtern des Ordens. 529 zuweilen und an beſtimmten Ordensfeſten dem Gottesdienſte in Ordenskirchen oder den Kapitelverſammlungen des naͤch⸗ ſten Ordenshauſes beizuwohnen, vermoͤgen wir nicht zu ſagen; gewiß iſt aber, daß wenn ein Mitbruder ſtarb und ſein Tod dem naͤchſten Ordenshauſe angezeigt ward, ſein Begaͤngniß ebenſo wie bei einem Ordensbruder mit Meſſen, Vigilien, Gebeten und Gedaͤchtniſſen gefeiert wurde.) In ganz andern Verhaͤltniſſen zum Orden ſtanden die Halbbrüder der zweiten Ordnung. Nach ihrer Auf⸗ nahme ſogleich in ein Ordenshaus eintretend, waren ſie der Aufſicht und dem Befehle des Komthurs untergeben und unterlagen beſtimmten, zum Theil nur für fie allein geltenden Geſetzen. Lebensweiſe und Beſchaͤſtigung waren ihnen theils durch dieſe, theils durch beſondere Vorſchriſten genau vorgezeichnet oder der Komthur beſtimmte ſie ihnen. Weil fie Verzicht auf Eigenthum geleiftet, ? fo durfte keine ihrer Arbeiten eigenen Gewinn erzielen; das Ordens⸗ haus unterhielt fie in allen ihren Beduͤrfniſſen. Mit den Ritterbruͤdern des Konvents im gemeinſamen Remter an einem beſondern Tiſche eſſend, mit ihnen faſtend, mit ih⸗ nen zuſammen im Gottesdienſte und in den Gezeiten, zu gewiſſen Gebeten fuͤr die Todten und die Wohlthaͤter des Ordens verpflichtet, waren fie verbruͤderte Diener des Konz vents, die ohne des Oberſten Erlaubniß das Haus nie verlaſſen durſten. Auch ihnen war, wie dem Ritterbru⸗ der, der Beſuch der Tabernen und Wirfelſpiel firenge verboten. Kleinere Vergehungen ſtrafte an ihnen der Komthur nach eigenem Willen mit Feſtſetzung bei Waſſer und Brot auf einige Tage, groͤßere durch haͤrtere Strafen nach Berathung mit des Hauſes uͤbrigen Bruͤdern. Wer 1) Die übrigen den Orden in Preuſſen weniger betreffenden Ver⸗ hältniſſe dieſer Mitbruͤder des Ordens mag man in der erwähnten Ab⸗ handlung nachleſen; vgl. auch De Wal I. II. p. 169, wo anderweitige Beiſpiele der Mitbruͤderſchaft zu finden find, 2) Hennig Ord. Statut. Beil. IV. S. 233. VI. 34
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530 IX. Mitbruͤder, Halbbr., Halbſchweſtern des Ordens. von ihnen das Geſetz der Verſchwiegenheit uͤber Dinge des Ordens verletzte, ward aus dieſem verſtoßen. Bei einem großen Kapitel wurden ſie im Haupthauſe alle neu ge⸗ kleidet. Bei ihrem Tode aber gehoͤrte alles, was ſie hin⸗ terließen, dem Haufe als Eigenthum. Und wer waren nun dieſe Halbbruͤder, wenn wir in das Innere der Ordenshaͤuſer hinſehen? Die Frage iſt nicht ſo leicht zu beantworten, als es ſcheinen duͤrfte. Wir finden in den Ordensburgen wie in Preuſſen,?) jo in Deutſchland die Halbbruͤder haͤufig als Mitglieder des Ordens genannt, aber ſelten in der Art, daß ganz beſtimmt auf Einzelne hingewieſen wird. Es waͤre moͤg⸗ lich und an ſich nicht unwahrſcheinlich, daß mitunter die fruher erwähnten Hausaͤmter hie und da auch von Halb⸗ bruͤdern verwaltet worden und alſo unter den Muͤhlen⸗ meiſtern, Kornmeiſtern, Viehmeiſtern u. a. in einzelnen Haͤuſern auch Halbbruͤder geweſen ſeyen. Noch wahr⸗ ſcheinlicher aber iſt, daß in jeder Ordensburg ein Theil der Haus- und Hofdiener zugleich Halbbruͤder des Ordens ſeyn mochten. In allen bedeutenden Komthurhaͤuſern fin⸗ den wir Kämmerer, 9 Hofmeiſter und Hofmanne, Schrei⸗ 1) Ord. Statut. S. 234. 2) Beſonders kommen die Halbbruͤder öfter in Rechnungen und Ucbergabebuͤchern vor. So heißt es bei der Uebergabe der Beftände der Trapperie zu Marienburg unter andern: VII laken den jungen Herren, VI laken den Halbbruͤdern; in des Großſchaͤffers Rechnung v. J. 1445: Item noch geſant VI par Aldenardeſchen laken den halbbruͤdern czum sofegewandez ferner in einem Verzeichniſſe der Beftände der Trap⸗ verie zu Marienburg: VI Comiſche laken den halbbruͤdern und XVIII Poperiſche den Jungen und Wytingen. 3) So heißt es z. B. in einer Urk. des Deutſchmeiſters Siegfried von Venningen uͤber ein zu Frankfurt a. M. im J. 1383 gehaltenes Ordens⸗ Kapitel in Jaeger Cod. diplom. ord. Teut. an. 1383: Item waren ouch in den Balyen unſers Gebiets zeu duͤtſchen landen Seßhun⸗ dert Scheßzig und zwen Bruͤder mit dem Grüße, item hundert zwentzig und dry Cappelan, pfruͤndner, halbpruͤder, halbſweſtern und ſchulmeiſter. 4) Nämlich Haus-Kämmercr; denn fo legten z. B. einſt die Kon⸗
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IX. Mitbruͤder, Halbbr., Halbſchweſtern des Ordens. 531 ber, Withinge ) u. a. Als Haus- und Hofgeſinde wer⸗ den fie oft ausdruͤcklich von den eigentlichen Knechten des Hauſes unterſchieden. Ihre ganze Haltung und Stellung im Ordenshauſe, ihre Speiſung im Konventsremter am Withings⸗ oder Diener-Tiſch, ihre Bekleidung auf Koſten des Konvents, ihre Beſchaͤftigung in Haus- und Felddien⸗ ſten, ihr bisweiliges Amt als Aufſeher auf die Arbeiter des Hauſes, ihre Sendungen mit wichtigen Auftraͤgen, ihre treue Ergebenheit und feſte Anhaͤnglichkeit: alles deu— tet klar darauf hin, daß ſie dem Ordensverein ſehr nahe geſtanden haben muͤſſen, alſo daß in ihnen hoͤchſt wahr« ſcheinlich die Halbbruͤder zu ſuchen ſind. Da ſie als ſol⸗ che auf allen Lohn und alles Eigenthum Verzicht gelei⸗ ſtet, fo wurde ihnen an hohen Feſttagen vom Hauskom⸗ thur regelmäßig ein Opfergeld ausgezahlt, ) welches fie der Geiſtlichkeit des Ordenshauſes darbrachten. Zum ei⸗ gentlichen Konvent eines Hauſes wurden die Halbbruͤder nicht gerechnet, weshalb ihnen wohl auch der Zutritt zum Kapitel nicht geſtattet war. Vermuthlich aber erſchie⸗ nen ſie in dem Kapitel, welches der Hauskomthur an jedem Freitage zuſammenrief. Eine beſondere, von den Halbbruͤdern verſchiedene Klaſſe bildeten die dienenden Bruͤder. Sie ſcheinen in zwei Abtheilungen beſtanden zu haben, doch ohne ſcharf getrennt zu ſeyn. Wie der Templer- und Johanniter⸗ Orden naͤmlich, fo hatte auch der Deutſche Orden die- nende Waffenbruͤder, Turcopelen genannt, ein leichtbe⸗ waffnetes, bald zu Fuß, bald zu Roß dienendes Streit⸗ ventsbruͤder zu Rheden ihrem Komthur unter andern auch die Bitte vor: So begeren wir alle, das man uns eynen kemerer halde, der uns unſer bette mache und uff uns mag warten. 1) Was die Withinge als vermuthliche Halbbruͤder betrifft » To iſt Über ſie mehres in meiner erwähnten Abhandlung a. a. O. geſagt. 2) Treßler⸗Buch. 3) De Wal T. II. p. 150 ſagt von ihnen: Loin d'avoir entree au chapitre, on n'y deliberoit meme pas sur ce qui les regardoit. 34 *
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532 IX. Mitbruͤder, Halbbr., Halbſchweſtern des Ordens. volk.) Ein Turcopele war im Felde ſtets in des Or⸗ densmarſchalls Kriegsgeleit.“ Alle aber ſtanden unter einem vom Marſchall ernannten Zurcopelier. 9 Zugleich jedoch war dieſer auch der naͤchſte Befehlshaber der gleich⸗ falls im Felde oft mit befindlichen dienenden Brüder, welche Sarjanten hießen.) Der Hochmeiſter ſelbſt hatte ſtets einen „Sarjant⸗Bruder“ und im Felde ihrer zwei an feiner Seite ) und bel der bhochmeiſterlichen Wahl waren unter den Waͤhlern ſtets auch vier Sarjanten⸗ Brüder.) Sie waren ohne Zweifel bürgerlicher Geburt und von den eigentlichen Ritterbruͤdern auch durch ihren Mantel von grauer Farbe verſchieden. Sie hießen daher gemeinhin haͤufig auch die Graumaͤntler wie in Deutſchen, fo in Preuſſiſchen Ordensburgen.) Ueber ihre gewoͤhn⸗ liche Beſchaͤftigung iſt es ſchwer etwas Beſtimmtes zu ſagen. 1) O. Stat. Gew. c. 11. Hennig Ord. Statut. Beil. III. und das Gloſſar. Du Fresne Glossar. s. h. v. 2 O. Stat. Gew. c. 20. 28. 3) O. Stat. Gew. c. 43. 4) Hennig Ord. Statut. Gloſſar. S. 293. Du Fresne Glossar. S. v. Serviens. 5) O. Stat. Gew. c. 11. 6) O. Stat. Gew. c. 4. 7) De Wal T. II. p. 109. Gef. Kom, v. Erlichshauſ. S. 153. In einem Briefe des Ordensbruders Werner von Beldersheim berichtet dieſer uͤber den Zuſtand der Ballei zu Koblenz: Wiſſet das nymant vn der Balye rett (raͤth) adir ampt hat, wen dy gramentler und dy Pfaf⸗ fen und der kumpthur ſelbs eyn Buͤrger und cyn kerley us der Stat czu Collen iſt. Auch ſo hant ſy lang czeyt mit umbgegangen, das dy Balye gancz vn der gramentler hant kome, das iſt nu gancz geendet und yr groſſe ungunfte von herren und von fürften, van Ryttern und von knechten lange gehabt hat, umb des willen, das nicht gute Ritter⸗ meſſene lewt geraten han und me nu dann vor, ſynt der kumpthur nicht eyn eddelman iſt. Ck. De Wal T. II. p. 127. 8) Vgl. über fie überhaupt De Wal T. II. p. 93 seg. Nach p. 159 nimmt er an: Die Turcopelen, als leichte Krieger im Dienſte des Ordens, ſchon im Morgenland entſtanden, ſeyen im Norden keine *
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IX. Mitbruͤder, Halbbr., Halbſchweſtern des Ordens. 533 Das Ordensgeſetz erlaubte endlich auch Frauen als Halbſchweſtern den Eintritt in den Orden und ſichere Zeugniſſe beſtaͤtigen, daß es ſolche wirklich in den Ordens⸗ haͤuſern gab.) Es war jedoch ausdruͤcklich unterſagt, Frauen „in des Ordens volle Geſellſchaft“ aufzunehmen, denn es ſollte nur erlaubt ſeyn, zu manchen Dienſten der Kranken in den Spitalen und zur Wartung des Viehes Frauen zu des Ordens Gemeinſchaft als Halbſchweſtern zuzulaſſen.) Sie mußten bei der Aufnahme“ geloben, ihre Maͤnner zu verlaſſen, trugen eine geiſtliche Ordens⸗ kleidung, die zuvor geweiht wurde; es wurde ihnen das Haar geſchoren und uͤber ihr Haupt, nachdem fie ewige Keuſchheit gelobt, der Segen geſprochen.“) Sie wohn⸗ ten beſtaͤndig außerhalb der Ordensburgen in Wohnun⸗ gen, die ihnen der Komthur anwies. Nach ihrem andern, als die Latrunculi oder Struter und p. 163 heißt es: Au surplus les Turcopoles et les autres serviteurs in caritate qui s’etoient vouds pour la vie au service de Tordre, etvient de vrais Familiers (quasi ex Familia) et comme ils jouissoient de tous ses privileges, on ne peut quere douter qu'ils n'en aient porte la demi-croix. 1) Formliche Konvente, in denen nur Schweſtern des Deutſchen Ordens zu beſtimmten Zwecken zuſammen wohnten, wovon De Wal T. II. p. 178 ff. mehre anfuͤhrt und deren Schickſale genau beſchreibt, fanden in Preuſſen nicht Statt und gehören nur der Geſchichte des Or⸗ dens in Deutſchland an; vgl. p. 209. 2) O. Stat. Reg. c. 33. Von den Halbſchweſtern im Orden ſpricht Hart hnoch Dissertat. de republ. veter. Pruss. XV p. 429; er erwähnt aus der Lebensbeſchreibung der heil. Dorothea einer soror Katharina relicta Nicolai mulier professa Ordinis 8. Mariae Teutonicorum habitans in curia pecudum Eeclesiae Pomesanien- sis etc. 3) Einige Gebetsformeln bei ihrer Aufnahme bei Hartknoch A. und N. Preuſſ. p. 618. und de Wal T. II. p. 216. 4) Ord. Statut. S. 213. 5) Als Grund davon wird O. Stat. Reg. o. 33 angegeben: wenne di kuͤſcheit des begebenen mannes der mit den weibisnamen wonet. ap
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534 IX. Mitbruͤder, Halbbr., Halbſchweſtern des Ordens. Tode wurden ſie ins Gebet der Ordensbruͤder mit einge⸗ ſchloſſen.) Ihr Leben ging in ſtillen Beſchaͤftigungen in Krankenhaͤuſern und in der Wirthſchaft der Ordens⸗ burgen hin, weshalb wir auch von ihren ſonſtigen Ver⸗ haͤltniſſen nicht weiter unterrichtet ſind. ſi leichte behalden wirt. Doch iſt ſi nicht ſicher unde mag ouch di lenge nicht ane ergerunge bleiben. 1) Ord. Statut. S. 217.
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Landesverwaltung u. Landesverfaſſung. 535 Fuͤnftes Kapitel. Landesverwaltung und Landesverfaſſung. I. Regierende und verwaltende Behoͤrden. Wenn bisher der geſammte Orden als eine in ſich ge⸗ ſchloſſene, durch Geſetz und verfaſſungsmaͤßige Ordnung für ſich beſtehende, uͤber ſich ſelbſt gebietende und ſich ſelbſt gehorchende Gemeine erſchienen iſt; wenn wir die einzelnen Glieder dieſer Ordensgemeine, vom Hochmeiſter und den oberſten Gebietigern bis zum letzten Halbbruder, unter ſich ſelbſt durch Eid und Geluͤbde, wie die Ringe einer durch die meiſten Laͤnder Europa's hindurchgezo⸗ genen Kette, enge verbunden und zum ſtrengſten Gehor⸗ ſam gegen die Handhaber der Ordnung und des Ge⸗ ſetzes verpflichtet ſahen, alſo daß ſelbſt der Meiſter, ſonſt über alle Ordensbruͤder hoch geſtellt, ſich beugen mußte vor dem Geſetze, wie vor der Macht und dem Ausſpruche des uͤber Allen ſtehenden und uͤber Alle richtenden Kapi⸗ tels; ſo treten jetzt, wenn von Verwaltung und Verfaſ⸗ ſung des unterworfenen Landes geſprochen wird, jene Ge⸗ horchenden und Untergebenen als befehlende Geſetzgeber, als die regierenden Verwalter, als die gebietenden Ober⸗ herren uͤber die Geſammtzahl der uͤbrigen Bewohner des Landes auf. Das Amt eines Ordensgebietigers hatte jeder Zeit, wenn ſo zu ſagen erlaubt iſt, eine doppelte
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536 Der Hochmeiſter als Landesfuͤrſt. Rolle; die eine ſpielt im Innern des Konvents und auf der Bühne des Kapitels. Hier berührt den Gebietiger ansſchließlich die Gemeinſache des Ordens; nur der Orden iſt es, fir deſſen Zweck und Geſetz, fir deſſen innere Ordnung und feſten Verband und für deſſen Aufrechthal⸗ tung und fernere Dauer er zugleich wie als Geſetzgeber, ſo als Geſetzpflichtiger wirkſam erſcheinen ſoll. Die andere Rolle des Gebietiger-Amtes ſpielt auf der Buͤhne des Landes; hier beruͤhrt den Gebietiger vor allem die Landes⸗ waltung, die Sache des Bewohners von Stadt und Land, fuͤr deſſen Sicherheit, Wohlfahrt und gedeihliches Leben er wachſam und thaͤtig ſeyn ſoll. Es iſt jetzt unſere Aufgabe, den Gebietiger in dieſer Stellung zu betrachten und die Aemter des Meiſters, der Gebietiger, Komthure und Voͤgte als Verwaltungsaͤmter ins Auge zu faſſen. 1. Der Hochmeiſter als Landesfuͤrſt. Sobald der Meiſter im Wahlkapitel als Oberhaupt des Ordens erkoren war, trat er zugleich auch als Lan⸗ desherr und Fuͤrſt auf; es ward ihm ſofort im ganzen Lande die Huldigung geleiſtet und Treue und Gehorſam geſchworen.“ Alsbald trat der neue Hochmeiſter in alle 1) Der dem HM. zu leiſtende Huldigungseid war nicht immer der nämliche. Man ſchwur z. B. dem HM. Konrad Zollner von Roten⸗ ſtein: Wyr globen und ſweren euch als unſerm rechten hern getruͤwde und undirthenig czu ſeyn und euwern ſchaden nicht ezu wiſſen, ſunder czu weren und czu wyddern, und alle andir ſtuͤcke czu thunde, dy eyn icklichir undirtheniger und man ſeynem rechten hern von rechte thun ſal und beweyſen, als uns got ſo helffe und dy heyligen. Dem HM. Kon⸗ rad von Wallenrod wurde geſchworen: Wyr globen und ſweren euch unſerm rechten herren deme Homeiſter und deme Orden getruͤwe und undirthenig czu ſeyn und nicht czu wiſſen cuwern ſchaden u. ſ. w. Dem HM. Konrad von Erlichshauſen ſchwur man: Wyr holdigen euch hern hern Conradt von Erlicheshawſen Homeiſter duͤtſchs Ordens, alſo unſerm rechten hern und ſweren euch getruwe manſchaft und glouben euch ge⸗ truwe und holdt czu ſeyn alſe eyn rechter undirtheniger ſeyme rechten hern ſal ſeyn, alſo uns got ſo helffe und alle heyligen, vorbas globe
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Der Hochmeiſter als Landesfuͤrſt. 537 Rechte, aber auch in alle Pflichten eines Landesherrn ein, jedoch keineswegs als völlig unabhängiger Füͤrſt, denn in beiden Rückſichten war er durch ſein abhaͤngiges Verhaͤlt⸗ niß zum Orden oder vielmehr zu deſſen Organen, dem Ordens⸗Kapitel und den oberſten Gebietigern gebunden. In dieſem Verhaͤltniſſe aber konnte der Hochmeiſter, wenn gleich an der Spitze der Regentſchaſt, in allen ſie be⸗ nden wichtigen und ins Ganze eingreifenden Ange⸗ genheiten eigentlich immer nur als das erſte wirkſame Organ und der Vollſtrecker des Geſammtwillens des Or⸗ dens gelten, wie er ſich im Rathe des Ordens ⸗Kapitels und ſeiner oberſten Gebietiger ausſprach. Nur ſo lange der Meiſter in dieſem Geiſte und Willen des Ordens, nach Rath und Beſchluß des Kapitels und mit Ueberein⸗ ſtimmung feiner als Rathgeber ihm beigeordneten vornehm⸗ ſten Gebietiger wirkte, handelte er im Geſetze, weil der Rath, Beſchluß und Wille des Kapitels und ſeiner ober⸗ ſten Gebietiger fur ihn jeder Zeit Geſetz und Gebot ſeyn mußte. Jede ſolchem Geſetze und Gebote widerſtrebende Willkuͤhr, wie jede dem Geſammtwillen des Ordens wi⸗ derſprechende Handlung des Meiſters galt als ein Verbre⸗ wir bey demeſelben eyde, wenn eyn Homeiſter abegeet adder wyr der holdunge irloſſen werden mit rechte, das wir dem Orden wellen gehor⸗ ſam ſeyn bys noch der holdunge eynes nuͤwen irwelten Homeiſters. Als nach dem Tode Konrads von Erlichshauſen die Wahl eines Meiſters vorgenommen werden ſollte, kamen die Gebietiger überein, „das der, der under en Homeiſter wirt, das her em nicht alleyne, ſunder ſeynem ganczen orden wil laſſen holdigen, als das von alders her geweſen und gehalden iſt. Man ſchwur alſo Ludwigen v. Erlichshauſen: Wyr hol⸗ digen euch hern her Lodwygen von Erlyngißhawſen homeiſter dewtſches Ordens, alſe unſerm rechten hern und ſweren euch rechte manſchaft und globen euch trewe und worheyd ane alle arge lost, das uns got fo helffe und dy heyligen, vorbas glouben wir bey demeſelben eyde, wenne eyn homeiſter irſtyrbet, wen der Orden vor ebnen Obirſten halden bynnen landes, an den ſich czu halden und deme gehorſam czu ſeyn bis czu der holdunge eynes newen hern Homeiſters. Im geh. Arch. Fol. Ellen, Hubenmaaß u. ſ. w.
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538 Der Hochmeiſter als Landesfuͤrſt. chen an der geſetzlichen Ordnung und Verfaſſung, uͤber welches das Ordens-Kapitel, als des Meiſters oberſter Richter, Recht und Gericht ſprach. Haͤuften ſich ſolche Verletzungen der Verfaſſung und ſchritt der Hochmeiſter wiederholt uͤber die Graͤnzen feiner Macht hinaus, fo hatte er feine Fuͤrſtenwuͤrde verwirkt und ward des Meiſteramtes entſetzt. Alſo konnte der Hochmeiſter ohne Berathung und Zu⸗ ſtimmung des Kapitels oder der oberſten Gebietiger keine das Land betreffenden Geſetze geben, nichts in der feſtge⸗ ſtellten Landesverwaltung veraͤndern, keine neuen Beſtim⸗ mungen uͤber Abgaben, Leiſtungen oder ſonſtige Verpflich⸗ tungen der Unterthanen verfügen und weder die Einkuͤnfte des Ordensſchatzes auf ſolche Weiſe ſteigern, noch die durch alte Ordnungen und Geſetze beſtimmten Ausgaben deſſel⸗ ben willkuͤhrlich beſchraͤnken.“ Alles, was den Handel des Landes betraf, jede Veränderung im Verkehre mit dem Auslande, jede mit den Staͤdten des Landes gepflo⸗ gene Verhandlung über Handelöverhältniffe und ſtadtiſche Gewerbe, alles was man Landesſatzung und Landesord⸗ nung hieß, mußte zuvor vom Meiſter mit dem Kapitel oder ſeinen oberſten Gebietigern berathen und beſchloſſen werden.) Desgleichen wurde auch jede mit den Landes⸗ biſchoͤfen getroffene Vereinigung über Dinge der Landes⸗ verwaltung ſtets zuvor dem Rathe und Gutachten der ober⸗ ſten Gebietiger vorgelegt und die Vollfuͤhrung geſchah erſt nach ihrer Genehmigung. Selbſt laͤndliche Verleihungen oder Verſchreibungen uͤber laͤndlichen Beſitz konnte der Meiſter beſtaͤndig nur auf den Rath und unter Zuſtim⸗ 1) Vgl. Lin denblatt S. 204 über die Urſachen der Abſetzung des HM. Heinrichs von Plauen. 2) So heißt es z. B. bei Lindenblatt S. 244 in der Anmerk. „des ſatzte der Homeiſter und ſyne Gebittiger mit fulbort der eld⸗ ſten des landes eine ſchatzunge ober das land. 3) 3. B. die Verhandlungen des HM. Werner von Orſeln mit vom Biſchofe Otto von Kulm im J. 1330.
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Der Hochmeiſter als Landesfuͤrſt. 539 mung ſeiner Gebietiger ertheilen, ) denn nicht er, ſon⸗ dern der Orden war Herr des Landes. Es gehörte das her jeder Zeit mit zur Vollguͤltigkeit aller die Verwaltung und Regentſchaft des Landes betreffenden Verhandlungen und Befchlüffe, daß entweder alle oder doch eine Anzahl der wichtigſten Gebietiger in urkundlichen Abfaſſungen als Zeugen und Buͤrgen mit aufgefuͤhrt werden mußten. War aber der Hochmeiſter ſchon in der innern Lan⸗ desverwaltung ſo ſtreng an den Beirath und die Einſtim⸗ mung ſeiner Rathsgebietiger gebunden, ſo laͤßt ſich ſchon voraus ſchließen, daß er es nicht minder in den Ver⸗ haͤltniſſen zum Auslande geweſen ſey. Nur nach gemein⸗ ſamer Berathung mit den Gebietigern und mit ihrer Ein⸗ willigung konnte er über Krieg und Friede beſtimmen, mit nachbarlichen Fuͤrſten Verträge und Buͤndniſſe ſchlie⸗ ßen, Berathungen und Verhandlungstage halten, Vereini⸗ gungen uͤber Landesgraͤnzen oder Handelsverbindungen ein⸗ gehen, Gelder aus dem Ordens-Schatze an fremde Fuͤr⸗ ſten oder Städte ausleihen. Erlaubte er ſich hiebei will⸗ kuͤhrliche und geſetzwidrige Schritte, fo traten auch hier das Kapitel und die Gebietiger als richtende und ſtrafende Behörden wider ihn auf. ? Eß war ſeit Werners von Orſeln Zeit feſtes Geſetz, daß kein Hochmeiſter forthin mehr Schloͤſſer, Städte, Land und Leute in irgend einer Weiſe veraͤußern durfte ohne Rath, Wiſſen und Geneh⸗ migung der Meiſter von Deutſchland und Livland oder des letztern allein. Nur was an Werth etwa zweitauſend Mark oder weniger betrug, darüber konnte er, doch auch 4) Die Verſchreibungsurkunden beginnen daher gewohnlich: Wir bruder Werner Homeiſter u. ſ. w. haben von volbort und rate unſer bruͤder u. ſ. w. Wir bruder Winrich von Kniprode Homeifter u. ſ. w. haben mit der gebitiger rat und wille u. ſ. w. Nos Frater Theo- doricus Burggravius de Altenburg etc. de maturo Fratrum no- strorum consilio et consensu u. ſ. w. Vgl. Statut. Werners von Orſeln bei Baczko B. II. S. 411. 2) Bol. Lindenblatt S. 203. 265 — 266.
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540 Der Hochmeiſter als Landesfürft. nur mit Rath ſeiner naͤchſten Gebietiger und des Kapi⸗ tels in Preuſſen verfügen. Wie ſeine Handlungsweiſe als Oberhaupt des Ordens und ſein Verhalten gegen die Bruͤder, ſo ſtand auch ſeine Landesverwaltung in ihrem Geiſte und Weſen unter der Aufſicht der Gebietiger. Es war ihre Pflicht und lag in ihrem Rechte, den Meiſter zu ermahnen und zu warnen, wenn er das Land zu hart oder auch zu mild und nach⸗ ſichtig regierte.“ Wollte er die feinen Landen und Leu⸗ ten gegebenen Zuſagen oder Brief und Siegel nicht hal⸗ ten, ſo konnten die Gebietiger ihn daruͤber zur Rede ſetzen und ihn daran weiſen; hoͤrte er ihre Warnung nicht, ſo erſolgte eine Anklage bei dem Meiſter von Deutſchland und das Ordens» Kapitel richtete und ſtrafte. Ueber: haupt hatte der Hochmeiſter in allen Dingen der Regent⸗ ſchaft, wenn gleich als Landesfürſt immer wohl die erſte, doch keineswegs die einzige und allein entſcheidende Stimme; er ſtand im ganzen Kreiſe ſeines Waltens ſtets unter dem Richterſtuhle und dem Geſetze des Kapitels. Wie alle Brüder des Ordens, fo ſollte auch er in allen Dingen ſeinen eigenen Willen brechen, denn es hieß nicht im Geſetze: was der Meiſter will, ſondern „was die Ober⸗ ſten gebieten oder heißen, das ſoll haben Gebotes Kraft.“ ®) Obgleich aber im Gehorſam gegen das Geſetz allen Uebrigen gleich, ſtand doch der Hochmeiſter mit und in dem Geſetze ſtets allen andern Gebietigern als oberſter Landesverwalter voran. Obgleich ſtets ſelbſt der Aufſicht und Kontrolle ſeiner oberſten Gebietiger als eines wachen⸗ den Rathes hingegeben, den er nie ſelbſt, ſondern nur das Ordens⸗ Kapitel verändern konnte, führte er doch immer mit und durch dieſen Rath die oberſte Obhut und Auf⸗ 1) O. Stat. Gew. c. 17. Statut. Werners von Orſeln bei Baczko B. III. S. 411. 2) Statut. Wern. v. Orſeln S. 414, 3) Ebendaſ. 4) O. Stat. Geſ. c. 35.
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Der Hochmeiſter als Landesfuͤrſt. 541 ſicht uͤber die geſammte Landesverwaltung. Obgleich in allem, was er that, dem Ordens ⸗Kapitel verantwortlich, war er doch immer im Namen des Kapitels der erſte Huͤter und Waͤchter des Geſetzes und der Ordnung in der Verwaltung. An ihn zunaͤchſt kam jede Beſchwerde uͤber die Verwalter des Landes, jede Klage uͤber etwanige Un⸗ gerechtigkeiten der Komthure und Vögte; er brachte ſie vor das Kapitel oder die Rathsverſammlung der oberſten Gebietiger; er leitete die Unterfuhung und gerichtliche Verhandlung und durch ihn ſprach das Geſetz die verfügte Strafe aus. An ihn konnte ſich jeder Unterthan, der Unrecht zu leiden glaubte, unmittelbar wenden und kein Komthur oder Gebietiger durfte ſolche Klagende hindern oder beſtrafen, die ſich um Recht und Gerechtigkeit an den Meiſter beriefen.) Von ihm wurden die noͤthigen An⸗ ordnungen und Geſetze uͤber die Landesverwaltung entwor⸗ fen, dem Kapitel oder dem Nathe der oberſten Gebietiger zur Berathung und Genehmigung vorgelegt und nach er⸗ langter Beftätigung oͤffentlich bekannt gemacht. Er ſandte von Zeit zu Zeit die Viſitirer aus oder bereiſte haͤufig auch ſelbſt das Land, um zu erfahren, ob die gegebenen Anordnungen in der Landesverwaltung genau beobachtet 1) Statut. Pauls v. Rußdorf, wo es heißt: Welcher Mann ſich von Gedranges und Noth wegen oder ſonſt beruft an den Meiſter, den ſoll man ungehindert den Meiſter laſſen beſuchen und dem feine Noth klagen und ihn darum nicht ſtocken oder thuͤrmen. 2) Daher heißt es z. B. im Eingange der Geſetze: Deſe gefeteze ſaczte bruder werner der homeiſter unde beſtetigete ſi mit deme grozen capitulo. Wir bruder werner homeiſter des Deutſchen Ordens wellen unde gebieten u. ſ. w., oder: Wir bruder wynrich von kniprode ho⸗ meiſter habin mit der gebietigere rathe geſatezt unde geordent in dem grozen capitulo; oder auch: Bruder winrich von knipperode homeiſter des deutſchin huſcs der heizet unde gebietet deze ding den bruͤdern czu halden. Vor den Statuten Pauls v. Rußdorf heißt es: Deſe noch⸗ geſchreben Articuli ſyn ufgeſaczt und vorramet von unſerm Homeyſter mit cyntrechtigen ſynes Raths Gebietigern in unſers Ordens Gapitel u. ſ. w.
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542 Der Hochmeiſter als Landes fuͤrſt. und aufrecht erhalten wuͤrden, wo Maͤngel und Gebrechen andere Geſetze noͤthig machten, wo Verbeſſerungen in der Landeskultur vorgenommen werden koͤnnten. Von ihm hing es zunaͤchſt ab, die Rechte und Verpflichtungen der Grund⸗ beſitzer zu beſtimmen und nach Gutbefinden die erſtern zu erweitern und die letztern zu erleichtern. Ohne ſein Wiſſen und Wollen durfte kein Gebietiger oder Komthur weder Kulmiſches noch Magdeburgiſches Recht verſchreiben, weder Dienſte zuſammenſchlagen, noch baͤuerliche Erben zu Dienſt machen.“) Ueberhaupt blieben die Komthure in ihrer ganzen Landesverwaltung immer zunaͤchſt dem Hochmeiſter unters geben; ihm hatten fie über alle Ereigniſſe von Wichtig⸗ keit in ihrem Verwaltungsbezirke Bericht abzuſtatten; ihm mußten fie melden, wo ſich irgend fir das Land Gefahr zeigte; ihm zunaͤchſt waren ſie in allen Angelegenheiten ihrer Amtsthaͤtigkeit verantwortlich. Er hatte zwar nicht das Recht, einen Komthur willkuͤhrlich zu beſtrafen oder ſeines Amtes zu entſetzen; aber in dringenden Faͤllen konnte er augenblicklich ſelbſt auch Landkomthure von ihren Amts⸗ geſchaͤften ſuspendiren und Stellvertreter ernennen bis zur Entſcheidung des Kapitels.“ Auch in den Berathungen des Kapitels ſelbſt blieb dem Einfluſſe des Hochmeiſters noch ein ziemlich großer Spielraum ſeines Wirkens, ſo lange er im Geiſte des Geſetzes handelte. Zwar konnte er keinen Amtsverwalter ohne beſondere, von allen andern anerkannte Gruͤnde vom Kapitel ausſchließen; allein er hatte darin den eigentlichen Vortrag, leitete die Verhand⸗ lungen und gab die erſte Stimme für die zu faſſenden Bes ſchluſſe. Sofern es ihm daher moͤglich war, durch Geiſt und Willenskraft im Sinne des Geſetzes uͤber das Kapitel zu herrſchen, beherrſchte er durch dieſes zugleich das ganze Land und fein Geiſt wurde der alles belebende und be> wegende Geiſt in der geſammten Verwaltung. So be⸗ 1) Statut. Pauls v. Rußdorf. 2) O. Stat. Gew. c. 14.
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Die oberſten Gebietiger als Verwaltungsraͤthe. 543 ſchraͤnkt daher den aͤußern Formen nach immer wohl die Macht des Hochmeiſters auch erſcheinen mag: er konnte maͤchtig wirken, ſobald ein maͤchtiger Geiſt in ihm ſelbſt waltete, der es vermochte, die Menſchen fuͤr große Ge⸗ danken und Entſchluͤſſe zu gewinnen. Auch die Geſchichte der Hochmeiſter bewaͤhrt es, daß es im Leben der Men⸗ ſchen weniger auf die gegebenen Formen ankommt, worin ſich ihre Thaͤtigkeit bewegt, als vielmehr auf den Geiſt, der ſie durchdringt und dem Leben in der Form Kraft und Friſche giebt. — 2. Die oberſten Gebietiger als Verwaltungsraͤthe. Die fünf oberſten Gebietiger des Ordens bekleideten, wie wir früher fahen, nicht bloß die ſ. g. Großaͤmter im Orden, ſondern zugleich auch die vornehmſten Rathsaͤmter in Betreff der Landesverwaltung. Als die erſten Verwal⸗ tungsraͤthe bildeten ſie, ſo zu ſagen, das Miniſterium des Landesfuͤrſten, einen ſtehenden engeren Ausſchuß des großen Kapitels, welches durch ſie gewiſſermaaßen beſtaͤn⸗ dig verſammelt und wirkſam blieb, denn, wie erwaͤhnt, hing ihre Wahl und Anſtellung nicht unmittelbar vom Meiſter, ſondern vom Ordens- Kapitel ab. Wie in der Verfaſſung des Ordens, ſo auch in allen Verwaltungs⸗ Angelegenheiten von gewichtvoller Stimme und entſcheiden⸗ dem Einfluſſe, griffen fie in dieſe überall wirkſam ein. Ohne ihren Beirath und Willen konnte vom Meiſter kein Krieg begonnen, kein Friede oder Waffenſtillſtand geſchlof⸗ ſen, kein Buͤndniß oder Vertrag eingegangen, keine Ver⸗ handlung angeknüpft, kein allgemeines Geſetz gegeben, keine Veranderung in der Verwaltung getroffen, keine Anord⸗ nung zum Beſten des Landes entworfen, keine neue Be⸗ ſtimmung über irgend ein bürgerliches oder kirchliches Vers haͤltniß feſtgeſtelt oder ſonſt etwas von Wichtigkeit in den Angelegenheiten der Städte und des Landes vollführt wer⸗ den. Schon dieſes Gewicht ihrer Stellung zum Landes⸗
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544 Die oberften Gebietiger als Verwaltungsraͤthe. fürften und ihres Einfluſſes auf die geſammte Landesver⸗ waltung laͤßt vorausſetzen, daß ſtets nur Maͤnner von vieler Umficht und Erfahrung, von Lebensklugheit und praktiſchem Verſtande, überhaupt nur ſolche, welche durch eine Reihe von andern Aemtern zur Tuͤchtigkeit und durchs Leben fuͤr das Leben herangebildet waren, durch die Wahl des Kapitels zu dieſen hohen Verwaltungsaͤmtern empor⸗ gehoben wurden. Und die Geſchichte bewährt auch ſolches. Sie hatten faſt immer zuvor bald als Kompane der Hoch— meiſter oder der Gebietiger und Komthure, bald in andern Verhaͤltniſſen der Landesverwaltung ſich Kenntniß des Lan⸗ des und Erfahrung fuͤr das Leben geſammelt, dann zu Komthuraͤmtern emporgeſtiegen Geſchick und Umſicht in der Geſchaͤſtsführung gewonnen und in der Anwendung ihrer Erfahrung und Kenntniß ſich der hoͤheren Wirkſamkeit wuͤrdig gezeigt. Geſetzlich feſtgeſtellt war uͤber dieſes Verhaͤltniß der oberſten Gebietiger in Beziehung auf die Landesverwaltung wenig oder nichts. Ihre Stellung zum Landesfuͤrſten hatte ſich offenbar mehr nur geſchichtlich gebildet und war durch Alter und Gewohnheit erſt zur geſetzlichen Ordnung ge⸗ worden; denn es iſt nicht abzuſtreiten, daß ſchon ſeit der Verlegung des hochmeiſterlichen Hauptſitzes nach Marien⸗ burg und wenige Jahre nachher bei der Umwandlung der oberſten Gebietiger-Aemter auch für den Wirkungskreis dieſer oberſten Ordensbeamten ſelbſt in Ruͤckſicht ihrer Ver⸗ waltungsthaͤtigkeit ſich ein weit freierer und größerer Spielraum eröffnet hatte.“ Es waren nicht mehr, wie fruͤherhin, entfernt und zerſtreut liegende Provinzen, nicht bloß einzelne abgeriſſene Ordensbeſitzungen, ſondern es war ein großes, zuſammenhaͤngendes Land, welches einer mit vielſeitigen Schwierigkeiten und darum auch um ſo mehr mit vielſeitigem Rathe und manchfacher Erfahrung geordneten Verwaltung bedurfte. Die hohe Bedeutung 1) Vgl. oben B. IV. S. 293 ff.
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Die oberſten Gebietiger als Verwaltungsraͤthe. 545 aber, welche die oberſten Gebietiger fehon im Orden ſelbſt hatten und wodurch ſie an ſich ſchon dem Hochmeiſter wie an Anſehen, ſo an Einfluß ſo nahe geſtellt waren, brachte es ſchon von ſelbſt mit ſich, daß ſie auch im Verwal⸗ tungsweſen durch Rath und Einwirkung, durch manchfal⸗ tigen Beiſtand und Theilnahme bald eine Stellung ge— wannen, in der ſie nicht mehr bloß als nothwendige, ſon⸗ dern auch als unbedingt ordnungs- und geſetzmaͤßige Bes hoͤrden in der Landesverwaltung auftraten. Ueberdieß mochte ſchon in früheren Zeiten, aus denen uns ſpaͤrlichere Nachrichten uͤber die innere Verfaſſung und Geſtaltung des Ordens übrig geblieben find, wohl auch in den Be— rathungen und Beſchluͤſſen des Ordens⸗Kapitels mancher wichtige Schritt gethan ſeyn, um dem Hochmeiſter wie in ſeiner Regentſchaft uͤber den Orden, ſo in ſeiner lan⸗ desherrlichen Verwaltung des Ordensſtaates in den ober: ſten Gebietigern eine ſein Walten mitlenkende und mit— berathende Behoͤrde an die Seite zu ſetzen und dieſe in ihrem Einfluſſe und ihrer Wichtigkeit immer mehr empor⸗ zuheben.“ Daß nun der Großkomthur unter allen bald den erſten Rang einnehmen mußte, wird leicht begreiflich, wenn man erwaͤgt, daß ſein taͤgliches Zuſammenſeyn und feine tägliche Berathung mit dem Meiſter Über Verhaͤlt⸗ niſſe der Verwaltung und deshalb auch ſeine genauſte Kenntniß von allem, was im Lande geſchah, feiner Stim- me von ſelbſt ſchon bei allen Berathungen immer ein be: deutendes Gewicht verſchaffen mußten. Uebrigens ſtanden dieſe oberſten Gebietiger, mit Ausnahme des Ordens Treßlers, zugleich auch als Gebiets-Verwalter der Ordens⸗ burgen da, die ihnen als Wohnſitze angewieſen waren und hatten als ſolche dieſelbigen Obliegenheiten und Amts⸗ geſchaͤfte, wie die uͤbrigen Komthure im Lande. 1) ueber das, was im Verlaufe des 13ten und 14ten Jahrhunderts in den Ordens⸗ Kapiteln vorging und in der innern Geſtaltung des Or⸗ dens umgeſchaffen wurde, ſind wir ſo wenig unterrichtet, daß ſich auch in Ruͤckſicht des oben erwähnten Punktes nichts mit Sicherheit ermitteln läßt. VI. 35
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546 Die Komthure als Bezirksverwalter. 3. Die Komthure als Bezirksverwalter. Das Landgebiet, welches bis zu beſtimmten Graͤnzen im Umfange einer Burg liegend von dem Komthur ders ſelben verwaltet wurde, war der Komthurbezirk eines Hau⸗ ſes, bald größer, bald kleiner, je nachdem die Entfer⸗ nung des naͤchſten Komthurhauſes, die Staͤrke des Kon⸗ vents, die Beſchaffenheit des Bodens, Naturgraͤnzen oder ſonſtige Umſtaͤnde es forderten, ihn entweder mehr aus⸗ zudehnen oder zu beſchraͤnken; und je nach dieſem Um⸗ fange, zum Theil auch durch die Groͤße und wichtige Lage einer Burg bedingt, waren die Ordensburgen eingetheilt in große, mittlere und kleine Haͤuſer. In den großen Haͤuſern ſtanden befiändig Komthure oder die oberſten Ge⸗ bietiger als ſolche an der Verwaltung; zu ihnen zaͤhlte man Marienburg, Elbing, Chriſtburg, Balga, Koͤnigsberg, Danzig. Desgleichen waren auch die mittlern Haͤuſer, als Brandenburg, Oſterode, Strasburg, Schoͤnſee, Thorn, Graudenz, Engelsburg, Rheden, Mewe, Schwez, Schlos chau u. a. beſtaͤndige Komthurſitze. Die kleinen Haͤuſer hingegen, zu denen unter andern Althaus, Birgelau, Pa⸗ pau, Leipe, Golub, Roggenhauſen u. a. gerechnet wur⸗ den, waren theils von Komthuren, theils von Voͤgten beſetzt.) Außer der Hauptburg des Komthurkreiſes lagen häufig innerhalb eines Komthurbezirkes noch mehre kleinere Burgen, deren Vorſtaͤnde, Voͤgte? oder Pfleger genannt, 4) Dieſe Angabe und Eintheilung der Ordenshäuſer findet ſich auf einem Zettel aus dem 15ten Jahrhund. im geh. Arch. Auf eine voll⸗ ſtändige Aufzahlung der Ordensburgen, ſelbſt auch der Komthurhaͤuſer iſt dabei nicht geſehen, denn es laſſen ſich noch eine anſehnliche Zahl von Burgen nennen, auf denen Komthure oder Voͤgte ſaßen und die nothwendig in eine der drei Klaſſen gehoren, z. B. Tuchel, Rhein, Johannisburg, Ragnit u. a. Ueberhaupt aber finden wir die Einthei⸗ lung der Burgen in große, mittlere und kleine öfter erwähnt; vgl. oben S. 464. 2) Von dieſen den Komthuren untergebenen Voͤgten find diejenigen Vogte zu unterſcheiden, die eine von den Komthuren unabhaͤngige Ver⸗ *
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Die Komthure als Bezirksverwalter. 547 unter der Oberaufſicht des Komthurs ſtanden, kleinere ih⸗ ren Ordenshäuſern zugewieſene Landbezirke verwaltend; fo die Voͤgte von Stuhm, Grebin und Leſke, die Pfleger von Montau, Meſelanz und Leſewitz als untere Verwal⸗ tungsbeamte unter dem Großkomthur als Komthur des Hauſes Marienburg, die Pfleger von Tapiau, Ger⸗ dauen, Inſterburg, Lochſtaͤtt und Schaken unter dem Or⸗ densmarſchall als Komthur von Königsberg, 2 die Pfleger: aͤmter zu Barten und Domnau ) unter dem Komthur von Brandenburg, die Pfleger von Preuſſiſch-Eilau und Raſtenburg unter dem von Balga u. ſ. w. Außer die⸗ fen Pflegerbezirken waren ferner andere im Komthurbezirke gelegenen Gebiete in Kammer- oder Waldaͤmter abgetheilt, über welche Kämmerer, Landkaͤmmerer oder Waldmeiſter “ unter des Komthurs Auſſicht und Befehl die Oeconomie⸗ Verwaltung führten, in allem aber den Anordnungen ih: res Vorgeſetzten untergeben.“ Dieſe Theilung eines Kom: thurbezirkes in groͤßere und kleinere Diſtricte, jeder mit waltung führten, z. B. der Vogt der Neumark, der Vogt von Samai⸗ ten, wie es ſcheint auch der Vogt von Dirſchau; und wieder verſchieden von jenen, wie von bien find die Vögte über ganze einheimiſche Land⸗ ſchaften, wie der Vogt von Samland, der Vogt von Natangen, wel⸗ chen Titel immer zugleich der Komthur von Balga führte; von ihren Amtsverhaͤltniſſen ſpaͤterhin das Nähere, 1) Nach dem Aemterbuche von Marienburg. 2) Nach dem großen Aemterbuche. Schaken kommt in verſchiedenen Zeiten als Pflegeramt und als Kammeramt vor. 3) Fruͤher, z. B. im J. 1324 ſtand Domnau unter einem Pfleger; im Anfange des 15ten Jahrhund. wurde es in ein Kammeramt umge⸗ wandelt. 4) Dieſe Waldmeiſter find von den Beamten der Konvente gleiches Namens, welche immer Ordensbruͤder und Konventsmitglieder waren, zu unterſcheiden. 5) Dieſe Eintheilung des Landes findet man für jedes einzelne Kom⸗ thurhaus im großen Zinsbuche im geh. Arch. genau angegeben. Es kommen z. B. vor das Balgaiſche, Huntenauiſche, Kreuzburgiſche, Knautiſche, Domnauiſche Kammeramt, ferner das Kammeramt Natau⸗ gen und Zinten, das Eilauiſche, Bartenſteiniſche, Wormiſche u. ſ. w. 35 *
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548 Die Komthure als Bezirksverwalter. feinem beſondern Wirthſchafts- und Geſchaͤfts⸗Verwalter unter der Kontrolle des Komthurs, macht es auch begreif⸗ lich, wie es moͤglich war, daß ein Komthur mitunter ein ſo weit ausgedehntes Landesgebiet unter ſeiner Verwal⸗ tung haben konnte, denn es umfaßte z. B. das Komthur⸗ amt von Koͤnigsberg die Gebiete von Wargen, Germau, Popeten, Rudau, Schaken, Roſitten, Kaymen, Kremitten, Waldau als Kammeraͤmter, ferner die von Tapiau, Ger⸗ dauen, Lochſtaͤtt und Inſterburg, außerdem auch Alt-Weh⸗ lau und Wonsdorf.) Außer dem Vorſteheramte in ihrem Konvente hatten demnach die Komthure die Oberaufſicht und Vorſtandſchaft über alles, was nur in irgend einer Beziehung zu den Verwaltungs angelegenheiten ihres Komthurbezirkes gehören mochte. Aber in keiner Sache von Wichtigkeit konnten fie nach Willkuͤhr und eigener Entſchließung handeln, ſon⸗ dern wie der Hochmeiſter in der Geſammtverwaltung des Landes an das Ordens-Kapitel, die Zuſtimmung und den Beirath der oberſten Gebietiger gebunden war, fo in glei⸗ cher Weiſe der Komthur in ſeiner verwaltenden Amtsthaͤ⸗ tigkeit theils an die Beſtimmungen und Anordnungen des Hochmeiſters, theils an die allgemeine Landesordnung, an die in der Verwaltung feſtſtehende Verfaſſung und an die für die Komthure vorhandenen Geſetze, theils auch an den Rath und die Einſtimmung feines Haus: Kapitels, wenig⸗ ſtens ſeiner aͤlteſten und erfahrenſten Konventsbruͤder. Ueber dieſe Schranken hinaus durfte und konnte der Kom⸗ 1) Großes Zinsbuch im geh. Arch. 2) In den von Komthuren ausgeſtellten Urkunden, z. B. in Ver⸗ ſchreibungs⸗ Urkunden erklaͤren fie daher auch gewohnlich im Anfange: ihre Vergabung, Zuſage oder Verleihung geſchehe „von geheiſſes wegen des erwirdigen und geiſtlichen mannes Bruder Conrad von Jungingen homeiſter und mit gutir vorbetrachtunge unſir mitebruͤder;““ oder „mit rote und vulbort des erwird. und geiſtl. mannes Bruder Heinrich Tuſe⸗ mer bomeifter und mit gutem rate unſer metebruder des buſes,“ oder (laß: mit rifem Rate und vollbort und vorbenkniſſe unſer rüber u. dal.
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Die Komthure als Bezirksverwalter. 349 thur nichts von Bedeutung unternehmen, ohne in Gefahr zu ſtehen, vor dem Hochmeiſter und Kapitel zur Verant⸗ wortung und Rechenſchaft gezogen zu werden, denn es hatte nicht nur jeder ſeiner Untergebenen, der von ihm in ſeinen Rechten und Freiheiten widergeſetzlich verletzt wurde, das Recht der Klage unmittelbar beim Hochmeiſter, ) ſon⸗ dern es war auch jeder Konventsbruder, ſobald der Viſi⸗ tirer im Komthurhauſe erſchienen, geſetzlich verpflichtet, jede Ungerechtigkeit, Willkuͤhr und Unregelmaͤßigkeit des Komthurs zu offenbaren. Somit ſtand das Verfahren des Komthurs auch in Ruͤckſicht der Verwaltung unter der beſtaͤndigen Kontrolle ſeiner ſaͤmmtlichen Konventsbruͤder. So lange daher überhaupt die Geſetze des Ordens in fri⸗ ſcher Kraft wirkten, der Geiſt großgeſinnter Meiſter als belebende Seele die Glieder deſſelben durchdrang und hoͤ⸗ here edle Beiſpiele vorleuchteten, finden ſich in der Ge⸗ ſchichte der Landesverwaltung Preuſſens auch ungleich we⸗ niger Faͤlle von geſetzwidrigen Handlungen und ſchonungs⸗ loſem Drucke der Komthure, als in den zerſtreuten, vom Sitze des Oberherrn meiſt weit entlegenen Balleien und Komthurhaͤuſern Deutſchlands. Man hielt in Preuſſen unter dem Auge des Hochmeiſters ſtrenger auf das Geſetz: „man ſolle den Leuten gnaͤdig ſeyn am Gerichte und ſie nicht muͤhen mit übriger Arbeit; es ſolle kein Gebietiger, Vogt, Pfleger oder Amtmann feine Leute zwingen zu un gewöhnlicher Arbeit, ſondern ihrer ſchonen, wo ſie es vermochten; “ man ſolle arme Leute nicht zwingen vor ihrem Zinstage ihren Zins zu geben und ſie überhaupt bei ihren Briefen und Rechten laſſen;“ ein jeglicher Ge⸗ bietiger folle auf feine Amtleute ſehen, daß ſie das Land nicht beſchweren mit ungerechtem und ungewoͤhnlichem Ge⸗ richte, noch mit ungewoͤhnlichem Schaarwerke, ſondern 1) Statut. Pauls v. Nußdorf. 2) Darüber die Beweiſe in Briefen der Deutſchmeiſter im geh. Arch. 3) Geſ. Winr. v. Kniprode S. 134. 137. Y Statut. Pauls v. Nußdorf.
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550 Die Komthure als Bezirksverwalter. man ſolle darauf achten und ſie dazu anhalten, daß ſie arme Leute gnaͤdig richteten; welch Gebietiger Waldwerk und Fiſcherei habe, der ſolle das Land mit Fuhren un⸗ bekuͤmmert laſſen, ſondern dieſe thun mit ſeinem eigenen Gelde. Kein Gebietiger ſolle ſeine Hoͤfe bauen auf Koſten des Landes, ſondern dieſes nur zur Fuhre nach gewoͤhnli⸗ chem Schaarwerk helfen; jedoch außergewoͤhnliche Schaar⸗ werksarbeit, als Duͤnger-Fahren, Pflügen u. dgl. ſolle man ihm nicht zumuthen, noch es damit befchweren. D Es ſolle ein jeglicher Gebietiger und Amtmann von jemand nicht mehr von Gerichts wegen nehmen, fordern und hei⸗ ſchen, denn alſo viel durch ein jegliches Recht, es ſey Preuſſiſch oder Kulmiſch oder ein anderes, nach Ausweis derſelben Rechte von den Schoͤppen zugerichtet und aus⸗ geſprochen werde; doch wolle der Hochmeiſter, daß, wenn jemand ſo arm ſey, daß er ſolches Geld nicht zu geben vermoͤchte, man dann Gnade darin thun ſolle.“ “ Sol- che und aͤhnliche in Ruͤckſicht der Verwaltung gegebenen Geſetze hielten Gerechtigkeit und Ordnung im Lande auf⸗ recht, ſo lange uͤberhaupt Achtung vor dem Geſetze der herrſchende Geiſt in der Verwaltung blieb. Was die einzelnen zur Landesverwaltung eines Kom⸗ thurs gehoͤrigen Zweige betrifft, ſo war es meiſt ein ſehr ausgedehnter und verſchiedenartiger Wirkungskreis, in wel⸗ chem ſich ſeine amtliche Thaͤtigkeit bewegte. Dahin ge⸗ hoͤrte 1. die Verleihung von Grundbeſitz und laͤndlichem Eigenthum an die Einſaſſen ſeines Bezirkes. Außer dem Meiſter ſelbſt konnte nur der Komthur allein oder in ſei⸗ nem Auftrage ſein Hauskomthur an einen Bewohner ſei⸗ nes Bezirkes eine laͤndliche Verſchreibung ausſtellen; in den Gebieten der ihm untergeordneten Voͤgte und Pfleger treten dieſe in den ausgefertigten Urkunden gemeinhin nur als Zeugen auf.) Er beſtimmte darin die Groͤße des 1) Statut. Pauls v. Rußdorf. 2 Viſitat.⸗Ordnung. 3) Von Hauskomthuren ausgeſtellte Verſchreibungen kommen nur
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Die Komthure als Bezirksverwalter. 551 Beſitzthums, deſſen Graͤnzen, die zuſtehenden Rechte, Nutz⸗ nießungen und Freiheiten, desgleichen die Pflichten, Ab⸗ gaben und Leiſtungen des Beſitzers, überhaupt alle das Beſitzthum betreffenden Territorial⸗Verhaͤltniſſe. Bevor je⸗ doch der Komthur eine ſolche Verleihung vollführen konnte, mußte er ſie dem Hochmeiſter melden und daruͤber deſſen Genehmigung erwarten, weil kein Recht auf einen land: lichen Beſitz ohne des Meiſters Zuſtimmung zugeſprochen werden durfte. ? Dem Orden angeſtorbene laͤndliche Be⸗ ſitzungen von mehr als drei Haken Landes durfte kein Komthur verkaufen und vergeben ohne des Meiſters Wil: len.) Erfolgte von Seiten des Komthurs ein Gutsver⸗ kauf an einen Einſaſſen, ſo bedurfte es zur Vollguͤltigkeit der hochmeiſterlichen Beſtaͤtigung. Zur genauen Kon⸗ trolle hieruͤber war angeordnet, daß jeder Komthur den Viſitirern, wenn ſie erſchienen, ein ordnungsmaͤßiges Ver⸗ zeichniß von allen ſeinen beſetzten und unbeſetzten, zins⸗ haftigen und wuͤſte liegenden Huben und Haken, von den von Staͤdten, Muͤhlen und Kretzmern fallenden Zinſen, ſo⸗ wie von allen Nutznießungen und verſchiedenartigen Ein⸗ künften feines Gebietes einhaͤndigen mußte, welche ſaͤmmt⸗ ſelten vor. Im J. 4273 verleiht Frater P. vicecommendator in Zantiro mit den übrigen Brüdern feines Hauſes verſchiedene Fiſchörter an der Weichſel auf Zinsrecht aus (geh. Arch. Schiebl. XLIU. nr. 1); außerdem noch einige Beiſpiele in den Verſchreibungsbuͤchern. Von Pfle⸗ gern und Voͤgten, die unter einem Komthur ſtanden, haben wir gar keine Urkunden ſolcher Art. € 1) Die Viſitat.⸗Ordnung ſagt daruber: So ſal keyn gebieliger keynerley recht verſchriben, noch keyne dinſte czuſampne ſlaen, noch keyn gebeuriſch erbe czu dinſte machen ane des homeiſters willen und wiſſen. In der Viſitat.⸗Vollmacht Schiebl. VI. nr. 2. heißt es: Kein Ge⸗ bictiger ſal Magdeburgiſch Recht verſchreiben u. ſ. w. Vgl. De Wul T. II. p. 8. 2) Viſitat.⸗Ordnung: Keyn gebietiger ſal von den anerſturbenen hoken vorgeben noch vorkouffen boben drey hoken, ſuſt ſal her ouch in keynerley weiſe cynigerley hoken vorgeben noch vorkouffen. 3) Beiſpiele davon im geh. Arch.
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552 Die Komthure als Bezirksverwalter. lich im Haupthauſe Marienburg niedergelegt und aufbe⸗ wahrt wurden.“ — Hieraus folgt, daß 2. der Komthur auch die Verpflichtung hatte, in ſeinem Gebiete fuͤr das richtige Einkommen aller dem Ordenshauſe von Muͤhlen, von der Fiſcherei u. ſ. w. zufallenden Zinſen, Getreide⸗ und ſonſtige Lieferungen, fuͤr die Leiſtung aller auf dem Grundbeſitze ruhenden Dienſte und Verpflichtungen u. dgl. zu forgen hatte, wovon die Beduͤrfniſſe feines Hauſes be- ſtritten, die Ueberſchuͤſſe theils aufbewahrt, theils zum Verkauf gegeben, theils auch in den Ordensſchatz nach Marienburg geliefert wurden. ? In den Gebieten der Pfleger und Voͤgte lag dieſen die naͤmliche Verpflichtung ob. Sie wurden dabei ebenſo wie der Komthur von den Kaͤmmerern und Dorfſchultheißen unterſtuͤtzt, denn dieſe eigentlich hatten die Einnahme zu beſorgen und den Er: trag an das Ordenshaus zu uͤbergeben. Es ſind zahl⸗ reiche Beweiſe vorhanden, daß die Komthure in Hinſicht der zuleiſtenden Zinſen und Abgaben in der Regel mit Nachſicht und Schonung verfuhren, indem ſie die Leiſtun⸗ gen bald auf beſſere Zeiten friſteten, bald ermaͤßigten oder auch ganz erließen. — Es war 3. Amtspflicht des 1) Viſitat.⸗ Ordnung: So ſal eyn itzlicher gebietiger beſchreben geben den viſitirn und antworten, wieviel her hat huben und hoken be⸗ ſatzt, unbeſatzt, czynshafftig adir wuͤſte und wieviel czinſer in ſteten, molen und kretzmen adir ſuſt nutze und czuvelliger fruͤchte und geniſſe groſſe und kleyne nichts nicht ußgenommen, welcherley die ſeyn, uff das, do got vor ſey, ap die buͤcher verbrenten adir verloren wurden, das man das doch czu Marienburg mochte finden und ſich darnach rich⸗ ten. — Dieſer Huben⸗, Haken⸗ und Zinsverzeichniſſe noch eine große Anzahl im geh. Archiv. 2) Von dem Ertrage der verſchiedenartigen Einkünfte der Ordens⸗ häuſer ſpaͤterhin das Nähere. 3) Ruͤckſtaͤndige Leiſtungen kommen in den Verzeichniſſen der Be⸗ ſtaͤnde und Rechnungen der Komthure ſehr häufig vor unter dem Namen von „hinterſtelligem Zins.“ Er betrug z. B. im J. 1383 im Haufe Balga an Geldzins 1214 Mark, im J. 1412 chendaſelbſt an hinter⸗
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Die Komthure als Bezirksverwalter. 553 Komthurs, uͤber alles zu wachen und Sorge zu tragen, was nur in irgend einer Beziehung das Wohl und Wehe ſeiner Gebietseinſaſſen betreffen mochte. Mißgluͤckte die Ernte, fo forgte er entweder ſelbſt durch Getreide⸗Vor⸗ ſchuͤſſe aus feinen Magazinen für die neue Einſaat oder er bat den Hochmeiſter um Beihuͤlfe.) Abgebrannten kam er ſo viel moͤglich mit Beiſteuer zum neuen Aufbau entgegen; wuͤſte Ländereien und verheefte Gegenden bes feste er unter großen Erleichterungen für gewiſſe Frei⸗ jahre mit neuen Bewohnern oder er theilte unbeſetztes Land an nahe wohnende Beſitzer aus, um ihren Wohl⸗ ſtand zu heben u. ſ. w. — Er hatte 4. die Oberauf⸗ ſicht über Forſt⸗, Jagd⸗ und Fifcherei = Angelegenheiten ſeines Bezirkes. Er erlaubte die Benutzung der Waͤlder, mußte aber dabei mit aller Sorgfalt auf die Schonung der Forſten ſehen, ſuͤr welche die Geſetze des Landes be⸗ ſondere Beſtimmungen enthielten.“ Die in vielen Ge⸗ genden Preuſſens von den Komthuren angelegten Pechoͤfen mußten nach wiederholten Befehlen faſt überall abgebrochen werden; ) überhaupt war nur in den größeren dichten Waldwildniſſen von Ragnit, Inſterburg, Gerdauen, Anger⸗ burg, Loͤtzen, Lyck und Johannisburg den Ordensbeamten ſtelligem Getreidezehnten von zwei Jahren 4105 Scheffel Hafer, von einem Jahr an Gerſte 1136 Scheffel. 1) Häufige Beiſpiele davon im Aemterbuche und im Treßler⸗ Buche. Der Komthur von Brandenburg hat z. B. im J. 1399 zur beſſern Ausſaat an feine Gebictseinſaſſen ausgelichen 3800 Scheffel Hafer und 520 Scheffel Gerſte. 2) In der Viſitat.⸗ Ordnung heißt es: So ſollen die gebietiger und amptelewte irer ampte welde und heyden nicht verhauwen, ouch nicht pechoven dorin legen, do es dem huwſe czu ſchaden kommen moge. Statut. Pauls v. Rußdorf. Im J. 1448 wurde geboten, „das die gebietiger und amptslewte fürbas nicht meh die welde und heyden, die czu iren ampten gehoren, vorhauwen ſollen laſſen, czu vorkowffen, ſun⸗ der alleyne ſollen ſie hauwen laſſen czu nottorfft und den gebewden irer ampte u. ſ. w. 3) Doch beſtanden ſolche im Komthurbezirk von Oſterode noch 1412.
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554 Die Komthure als Bezirksverwalter. eine unbeſchraͤnktere Benutzung der Waldungen erlaubt. — Der Komthur übte ferner 5. in feinem Bezirke die Ge⸗ richtsbarkeit und fuͤhrte zugleich die Aufſicht auf die unter⸗ geordneten Gerichte. Dieſes Amtsgeſchaͤft, eins feiner wich tigſten, nahm ſeine Thaͤtigkeit am meiſten mit in Anſpruch, denn ihm lag nicht nur die gerichtliche Policei in ſeinem ganzen Gebiete ob, indem in allen gerichtlich policeilichen Angelegenheiten von Wichtigkeit aus den Staͤdten und vom Lande an ihn berichtet und erkannte peinliche Strafurtheile von ihm beſtaͤtigt werden mußten, ſondern er hatte auch den Vorſitz im Landgerichte oder im Landdinge, wo der Landrichter mit den Landſchoͤppen gerichtliche Unterſuchungen führten. ® Ueberdieß waren der alleinigen Gerichtsbarkeit des Komthurs alle in ſeinem Gebiete wohnenden Preuſſen unterworfen; alle ſie betreffenden Jurisdictionsverhaͤltniſſe unterlagen ſei⸗ ner Entſcheidung. In wichtigen Fällen konnte er ſelbſt Urtheile über Leben und Tod fällen. Wer auf des Kom: thurs dreimalige Vorladung vor ſeinem Gerichte nicht er⸗ ſchien, ward von ihm ſofort in die Acht erklaͤrt. Oft hielt er auf anberaumten Gerichtstagen auch bloß Verhoͤr der Parteien oder der ſ. g. Berichtsleute und gab dann dem Hochmeiſter daruͤber Bericht. Betraf die Streitſache Güͤterbeſitz, fo lud er die Parteien vor das Landding und nahm mit den Landſchoͤppen an der Gerichtsverhandlung Theil. In allen Schritten ſeines gerichtlichen Verfahrens aber war er dem Hochmeiſter verantwortlich. — Der 1) Circular⸗ Schreiben an die Gebietiger v. J. 1448; über Jagd und Fiſcherei eine Urk. vom J. 1367, f. oben B. V. S. 205. 2) In einer Klagſchrift der Thorner uͤber ihren Komthur vom J. 1349 heißt es: Der Komthur habe allen Wundaͤrzten verboten, „daz ſi keyne wunden binden ſolden, ſi emveren erſt gelutbert vor dem richter und beſen von den ſcheppen, das weder unſer recht was, wenn man nymand mac twingen czu clagene. 3) Das Naͤhere uͤber dieſen Gegenſtand ſpaͤterhin im Abſchnitte über die Jurisdiction im Lande. De Wal T. II. p. 7 fagt vom Komthur in dieſer Beziehung: II faisoit des ordonnances de police et donnbit
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Die Komthure als Bezirksverwalter. 555 Komthur hatte 6. als der naͤchſte Oberſte aller Staͤdte ſeines Bezirkes die Oberaufſicht und Leitung des geſamm⸗ ten Staͤdteweſens in allen ſeinen Beziehungen. Die Gruͤn⸗ dung neuer Staͤdte erfolgte zwar meiſtens vom Hochmei⸗ ſter ſelbſt, doch zuweilen unter ſeiner Genehmigung und auf ſeinen Befehl auch durch den Komthur der Landſchaft, der dann an der Stelle des Meiſters in den Gruͤndungs⸗ privilegien auch die Rechte und Verpflichtungen der Buͤr⸗ ger, die ſtäͤdtiſchen Gerichtsverhaͤltniſſe u. dgl. feſtſtelte.“ Jede Veraͤnderung aber im ſtaͤdtiſchen Weſen oder in der Stadtverfaſſung, z. B. neue Beſtimmungen uͤber das Stadtrichter- oder Schultheißen-Amt, uͤber ſtaͤdtiſche Ju⸗ risdiction, Willkuͤhren oder ſonſtige Stadtgeſetze, uͤber Be⸗ feſtigung und Bewehrung, über ſtaͤdtiſche Abgaben u. a. konnten und durften immer nur mit ſeiner Genehmigung und Beſtaͤtigung erfolgen und hatten ohne dieſe keine Güls tigkeit. Auch neue Anordnungen im Handel und Ver⸗ kehr der Stadt konnten entweder vom Komthur getroffen oder mußten durch ihn beſtaͤtigt werden. Erlaubte er ſich aber Druck, Kraͤnkung oder Verletzung der Buͤrger einer Stadt, ſo ſtand dieſen die Klage beim Hochmeiſter offen, wie es z. B. vom Rathe zu Thorn im Jahre 1349 ge⸗ des privileges, qui avoient force de loi: enfin il exercoit la haute iustice (ius vitae et necis), sans avoir besoin de la con- firmation du Grand -Maitre. 1) So ift z. B. das Gruͤndungsprivilegjum von Raſtenburg ausge⸗ ſtellt vom Komthur zu Balga Henning Schindekopf, das von Pr. Eilau vom Komthur zu Chriſtburg Sieghard von Schwarzburg und erneuert vom Komthur zu Chriſtburg Luther von Braunſchweig, das von Wehlau vom Ordensmarſchall Heinrich Duſmer als Komthur von Königsberg, das von Mohrungen vom Spittler und Komthur zu Elbing Hermann von Oettingen. 2) Dicß lag größtentheils ſchon in der Abhängigkeit der Städte durch ihre Gründung und in den Feſtſtellungen der Gründungsprivilegien. Bei neuen Willkühren heißt es daher z. B. Dis ſint di willckor und die geſeteze in der Stadt czum Colmen mit des kompthurs und der Nat luͤte wille u. ſ. w.
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556 Die Komthure als Bezirksverwalter. gen den dortigen Komthur Johannes Nothaft geſchah. ) — Der Komthur mußte 7. alle theils vom Hochmeiſter und deſſen Gebietigern, theils vom Ordens⸗Kapitel beſchloſſe⸗ nen allgemeinen Landes⸗Ordnungen, neue Landesgeſetze und Einrichtungen in ſeinem Kreiſe bekannt machen und auf deren Ausfuͤhrung achten. Er war uͤberhaupt nicht nur das Organ, ſondern auch der Vertreter des Geſetzes in allen Beziehungen, ſowohl in weltlichen als in kirchli⸗ chen Verhaͤltniſſen, inſoweit die letztern nicht Sache des Dioͤceſan⸗Biſchofs waren.) — Aus dem Geſagten folgt von ſelbſt, daß 8. der Komthur einer Landſchaft bei allen allgemeinen Berathungen, in den Ordens- und Land = Ka: piteln gegenwaͤrtig war als der Sachwalter, Deputirte und Vertreter aller feine Landſchaft betreffenden Angeles genheiten. Er ſprach dort uͤber die in ſeinem Gebiete nothwendigen Verbeſſerungen in der Landeskultur, uͤber Anlegung neuer Dörfer und Kolonien, über zweckmaͤßige Unterſtützung verarmter und verunglüdter Einſaſſen feiner Landſchaft u. ſ. w. Er beſorgte dann die noͤthigen Ein⸗ richtungen, die angemeſſene Vertheilung der gewaͤhrten Hülfsgelder, ſah auf deren zweckmaͤßige Anwendung und kam uͤberhaupt, wo es noͤthig war, mit Rath und That zu Hülfe. — Eins feiner wichtigſten Amtsgeſchaͤfte war 9. die beſtaͤndige Verweſerſchaft und Aufſicht über 1) Die Klagſchrift im geh. Archiv. Iſt alles wahr, was der Rath von Thorn von des damaligen Komthurs von Thorn tyranniſchem und geſetzwidrigen Verfahren erzählt (woran kaum zu zweifeln iſt), ſo zeigt dieſes Beiſpiel allerdings, daß es unter den Komthuren mitunter auch rohe und barbariſche Menſchen gab. 2) Zu Stiftungen von Vicarien in Dorfkirchen oder Vermächtniffen zu frommen Zwecken mußte der Komthur ſeine Zuſtimmung geben und ſie durch ein urkundliches Zeugniß beſtätigen; ein ſolches vom Komthur von Brandenburg Ulrich von Jungingen vom J. 1401 im geh. Arch. Schiebl. XXVI. nr. 23. 3) Beiſpicle von ſolchen Unterſtuͤtzungen der Landeinſaſſen aus dem Ordensſchatze durch die Komthure kommen im Treßler⸗Buche, wie wir früher ſahen, ſehr haufig vor.
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Die Komthure als Bezirksverwalter. 557 das geſammte Kriegsweſen ſeiner Landſchaft. Bekanntlich mußten außer den Konventsbruͤdern eines Ordenshauſes auch der Buͤrger und Landbewohner der Heerfahne des Ordens folgen, ſobald entweder ein Feind das Land be⸗ drohte oder die Kriegsmacht des Ordens ins feindliche Land einbrach. Es war daher nothwendig, daß jeder ſtets hinlaͤnglich geruͤſtet und kriegsfertig ſey, daß er be⸗ ftändig nebſt feinen Waffen auch ein taugliches Kriegsroß in Bereitſchaft habe. Der Komthur mußte demnach von Zeit zu Zeit auch waͤhrend des Friedens eine ſ. g. Heer⸗ ſchau halten, eine Muſterung über alles, was der Kriegs⸗ mann zum Auszuge gegen den Feind bedurfte. Dieß war um ſo nothwendiger, weil, wie wir ſehen werden, aufs genaufte- beſtimmt war, mit welchen Waffenarten, mit wie viel Kriegsknechten, mit welchen Kriegsroſſen und wohin jeder Kriegspflichtige mit der Ordensfahne auszu⸗ ziehen verbunden war. ? Geſchah der Aufruf vom Kom⸗ thur in ſeinem Kreiſe, ſo ſtellte ſich alles unter ſeine Fah⸗ ne; er an der Spitze fuͤhrte ſeine Mannſchaft mit dem Ordensheere ins Feld, waͤhrend in ſeiner Abweſenheit der Hauskomthur oder ein anderer zuverlaͤſſiger Hausbeamte mittlerweile die Verwaltung leitete. Außerdem lag auch die Bewehrung und Befeſtigung der Staͤdte ſeines Be⸗ zirkes mit in ſeinen Amtsgeſchaͤften, denn den ſtaͤdtiſchen Behoͤrden ſelbſt ſtand wenigſtens in Ruͤckſicht der letztern keine freie Verfügung zu. Er mußte für das noͤthige Geſchütz ſeiner Burg und die Waffengattungen ſeiner Kon⸗ ventsbruͤder ſorgen, die Buͤchſenſchuͤtzen unterhalten und befolden® u. fe w. Sonach war der Komthur eines 1) Dieſer Heerſchau der Komthure in ihren Diſtricten wird in den Archiosquellen öfter erwähnt. Zuweilen hielt fie in Stelle des Komthurs auch deſſen Hauskomthur. Elbingiſ. Kriegsbuch beim J. 1388. 2) Im Abſchnitt uͤber das Kriegsweſen das Nähere hicruͤber. 3) Darüber gaben in der Regel ſchon die ſtadtiſchen Gründungspri- vilegien die nöthigen Vorſchriften. 4) Darüber Beifpite in den Rechnungen der Komthure.
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558 Der Stand des Adels. Landesritter. Landbezirkes, um in neuerer Sprache zu reden, nicht bloß der Commandant und Gouverneur der Burg und Stadt, wo er ſeinen Wohnſitz hatte, ſondern zugleich der Inſpe⸗ cteur aller andern Burgen und befeſtigten Plaͤtze feiner Landſchaft und der Diviſions⸗Fuͤhrer der geſammten Kriegs⸗ mannſchaft ſeines Landbezirkes. Faßt man dieß alles zuſammen, ſo erſcheint der Komthur eines Gebietes in der ganzen Ausdehnung ſeines Amtes als die oberſte Militär= und Civilbehoͤrde, als der oberſte Suftize und Finanzbeamte, der Stellvertreter des Hochmeiſters in ſeiner Vollgewalt uͤber Grund und Bo⸗ den, als der Oberaufſeher uber alle Verhaͤltniſſe des ftäbti- ſchen Gemeinweſens, uͤber Handel und Gewerbe, der in den Pflegern, Voͤgten, Kaͤmmerern, Schultheißen und in den ſtaͤdtiſchen Magiſtratsbehoͤrden feine Gehuͤlfen und Mitverwalter fuͤr die verſchiedenen Verhaͤltniſſe ſeiner amt⸗ lichen Thaͤtigkeit hatte.) II. Unterthanen des Ordens. 1. Der Stand des Adels. Landesritter. Man duͤrfte ſchon von ſelbſt vermuthen, aber es fin⸗ den ſich auch ſichere Zeugniſſe, daß ſich den früher nach Preuſſen ziehenden Kreuzheeren auch mancher aus dem Stande des Adels in Deutſchland in der Abſicht ange: ſchloſſen habe, nicht bloß gegen die Heiden zu kaͤmpfen, ſondern ſich auch in dem gewonnenen Lande unter des 1) ueber die Verwaltungsverhaltniſſe der Komthure in Preuffen einige, aber nur mangelhafte Andeutungen bei Hartknoch A. und N. Preuſſ. S. 612, im Erläut, Preuſſ. B. IV. S. 453 — 457, bei De al T. II. p. 7, doch iſt es unrichtig, wenn dieſer ſagt: Les com- mandeurs de la Prusse, dont le nombre étoit égal a celui des villes et des forteresses du pays —, denn es gab in Preuſſen viele Städte und feſte Burgen, in denen kein Komthur ſaß.
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Der Stand des Adels. Landesritter. 559 Ordens Schutz anzuheimen. Wenn gleich auch eingeborne Preuſſen mitunter vom Orden in den Adels- und Ritter⸗ ſtand erhoben wurden, fo weiſen doch ſchon in früherer Zeit die Namen der adeligen Geſchlechter im Lande viel⸗ fältig auf Deutſche Abſtammung hin. Bald mag Aus⸗ wanderungsluſt, bald Verwandtſchaft, bald Ungluͤck und Unluſt im Vaterlande oder ein anderer Grund dazu ge⸗ trieben haben. Wir fanden ſchon in früher Zeit beſonders in den ſicherſten Theilen Preuſſens, im Kulmerland und Pomeſanien adelige Deutſche Gutsherren im Beſitze oft ſehr anſehnlicher Guter. Kriegeriſche Stürme indeß und die wiederholten Einfaͤlle der noch unbezwungenen Heiden bewogen ſie wohl nicht ſelten ſich in den Schutz der Staͤdte zu flüchten; viele blieben darin, bauten ſich an, wurden Bürger und erlangten häufig die wichtigſten Aem⸗ ter in der ſtaͤdtiſchen Verwaltung oder bekamen einen Theil des Großhandels in ihre Haͤnde. Da jedoch ſpaͤ⸗ terhin nicht nur ſuͤr jene weſtlichen Gegenden, ſondern auch fuͤr die uͤbrigen Theile Preuſſens die Zeiten nach und nach ruhiger wurden, die ſich anheimenden adeligen Be⸗ ſitzer ungeftört auf ihren Gütern ſitzen konnten, ihre Wohn⸗ ſitze mitunter auch wie Burgen befefligten ? und gegen feindliche Anfaͤlle ſicher ſtellten, ſo hatten ſich in ſolcher Weiſe im Verlaufe des dreizehnten Jahrhunderts zwei Klaſſen des Adels ausgebildet, jener ſtaͤdtiſche Adel als Verwalter und Vorſteher des ſtaͤdtiſchen Gemeinweſens und als Großhaͤndler, wie er ſpaͤterhin in den Staͤdten als 4) S. oben B. III. S. 473. Kreutzfeld vom Adel der alten Preuſſ. S. 22 ff. Noch in der Mitte des 14ten Jahrhund. lebte ein Nachkomme des alten Preuſſiſchen Edlen Selodo von Quedenau, Na⸗ mens Slobote, der als Miles oder Ritter bezeichnet wird und 25 Fa⸗ milien beſaß. Handfeft, des Bisth. Samland p. XXII. 2) S. oben B. III. S. 463. Jener Dieterich von Tiefenau, deſ⸗ fen in der angezogenen Stelle erwähnt wird, heißt in Urkunden von 1239, 1242 u. d. beſtändig nobilis vir. Dusburg P. I. c. 27. 3) Dusburg I. c.
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560 Der Stand des Adels. Landesritter. eine Art von Patriciern erſcheint, “ und dieſer Land- Adel, der im Lande zerſtreut auf feinen Gütern ſaß. Während bei jenem Amt und Beſchaͤftigung den Character des Adels mehr und mehr zuruͤckdraͤngten, nur den erblichen Fami⸗ lien⸗Namen noch fortbeſtehen ließen und im uͤbrigen das Eigenthuͤmliche des Großbuͤrgerthums ſtaͤrker hervorhoben, hielt der Adel auf ſeinen zerſtreuten Landgütern treu an ſeinem characteriſtiſchen Weſen. Auch ſahen wir bereits, wie ſich der umgewandelte Geiſt des ſtaͤdtiſchen Adels in den Artus= und Junkerhoͤfen durch eigenthuͤmliche Formen ausprägte und ſich vom gemeinen Buͤrgerthum immer in gewiſſen Graden entfernt hielt;? es wurde gleichfalls ſchon angedeutet, wie ſich ein Theil des immer zahlreicher wer⸗ denden Adels auf dem Lande durch die Uebernahme der Landrichter- und Landſchoͤppen-Aemter bei den Landgerich⸗ ten die erſten Stufen legte zu ſeinem ſpaͤtern Einfluſſe und Anſehen.) Funfzig Jahre hatte es gedauert, bis dieſer Einfluß des Adels auf die Landesverwaltung mit den erſten Jahrzehnden des funfzehnten Jahrhunderts be⸗ deutend hervortrat. Werfen wir einen Blick auf die eigenthuͤmlichen Vers haͤltniſſe dieſes landſaͤſſigen Adels, ſo hatten ſich ſchon in früher Zeit, auch hier in Preuſſen in den Benennungen unterſchieden, vom Hauptſtamme aus zwei verſchiedene Zweige gezeigt: Ritter und Knechte, in gemeinſamer Bez nennung Edle genannt. Ritter waren bekanntlich ſolche 1) Daß ſich ſchon frühzeitig Adelige in den Städten niederließen und dort bald die oberſten Magiſtratsſtellen bekleideten, ſetzen urkundliche Zeugniſſe außer Zweifel. So erſcheint z. B. im Privilegium von El⸗ bing 1246 als Rathmann zu Elbing Eberhard von Hering; andere Bei⸗ ſpiele find uns früher ſchon oft vorgekommen; vgl. B. V. S. 328 — 320. 2) S. B. V. S. 330 ff. 3) Vgl. was daruͤber oben B. V. S. 130 geſagt iſt. 4) Nicht als hätte ſich dieſer Unterſchied in Preuſſen erſt ausge⸗ bildet, ſondern aus Deutſchland uͤbergetragen ſteht er ſchon im erſten Jahrhundert der Ordensherrſchaft als bleibend da. Der eigentliche Rit⸗
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Der Stand des Adels. Landesritter. 561 Edle, welche den hoͤchſten Ehrengipfel des Mittelalters erſtiegen, naͤmlich die ritterliche Wuͤrde oder das Schildes⸗ amt erlangt hatten, Knappen dagegen oder Wappener fol che, welche als Edle in ihrem Stande zwar die Bedin⸗ gung der edlen Geburt zur Aufnahme in die Innung des Ritterſtandes beſaßen, aber mit dem Schildesamte noch nicht bekleidet, gleichſam noch in der Lehrzeit der ritter— lichen Waffenuͤbung begriffen, dem Ritter als dem Mei: ſter in der Waffenkunſt dienten.“ Schon im dreizehn: ten Jahrhundert tritt dieſer ſtaͤndiſche Unterſchied des Adels auch in Preuſſen hervor und je mehr die Klaſſe der Ade— ligen im vierzehnten Jahrhunderte ſich erweiterte, um fo bemerklicher prägte er ſich auch im Range aus,“ zumal da ſich die Erblichkeit der Guͤter oft an die zum Schilde geborenen Söhne eines und deſſelben Geſchlechtes band.“ Außer den ſchon genannten Landſchaften am rechten Ufer des Weichſel-Stromes hatte ſich dieſer Stand der adeligen Gutsbeſitzer am zahlreichſten in Pogeſanien, im ſ. g. Oberlande und in Ermland,“ weit vereinzelter in terſtand wird durch Milites terre, Landesritter bezeichnet, der uͤbrigc Adel dagegen durch Proceres simplices et Nobiles. 2 1) Vgl. Nachricht vom Geſchlechte der Schlieben S. 64 — 67. 2) Auch in Preuſſ. Urkunden iſt Miles die älteſte und gewöhnlich ſte Bezeichnung des Ritters; vgl. B. III. S. 472. Der Ausdruck Eques iſt jünger und kommt erſt im 14ten Jahrhund. vor. Adelige Lehens⸗ leute werden nobiles, feodales, vasalli oder bloß fideles genannt, Die Benennung Armigeri erſcheint vorzuͤglich nur bei Chroniſten, z. B. Dust. P. I. c. 18. 19. 27 etc. 3) So erhielt z. B. Heinrich von Friſchenbach im J. 1352 ſeine reichen Beſitzungen mit großen Freiheiten auch mit der bedingenden Zu⸗ ſage, daß „des vorgenannten ſine erben ſollen hinder ſich erben of ir menliche erben, di noch in geboren werden tzu erem ſchilde. 4) In dieſen Landſchaften werden im 15ten Jahrhund. als die bes merkbarſten genannt: Johannes von Ziegenberg (Zegenberg), Nicolaus v. Schillingsdorf, Johannes Sykaw, Konrad v. Clement, Johannes v. Plofewßen, Otto v. Plenfhau, Friederich v. Kinthenay Nicolaus v. Wildenow, Auguftin v. Orſckau, Gottfried v. Orlaw, Nicolaus Vogel (vexillifer), Sander v. Baiſen, Nicolaus v. Doring, Georg von Delau f VI. 36
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562 Der Stand des Adels. Landesritter. Natangen und Samland und am wenigſten in den andern öftlichen Landestheilen niedergelaſſen, weil dort gegen Lit⸗ thauen hin der Landbeſitz am wenigſten geſichert war. Sehen wir zunächſt auf die Verhaͤltniſſe des geſammten Landadels in feinem Territorial-Beſitze zum Orden hin, ſo treten manche ihm beſonders zuſtehenden Vorrechte her⸗ vor. Dahin duͤrſte ſchon die gewoͤhnlich ſehr ausgedehnte Größe der ländlichen Beſitzungen zu rechnen ſeyn; denn adelige Guͤter von ſiebenzig bis achtzig Huſen waren faſt die gewoͤhnlichſten, haͤufig auch ſolche von hundert bis hundertunddreißig Hufen; es gab ſogar manche von drei⸗ bis vierhundert Hufen.“ Dieſe ihre Guͤter erhielten die adeligen Beſitzer meiſt entweder zu Kulmiſchem oder Mag⸗ deburgiſchem Rechte und waren demnach dem Orden auch zu allen Dienſten verpflichtet, welche dieſe Rechte feſtſtell⸗ ten. Alſo war jeder durch ſein Beſitzthum in lehenspflich⸗ tiger Abhaͤngigkeit, galt fuͤr einen Vaſallen des Ordens und wird häufig auch fo bezeichnet. In demſelbigen Verhaͤltniſſe ſtanden die adeligen Beſitzer in den biſchoͤf⸗ Guͤnther v. Witchenwalde, Nammer von Hohendorf, Nicolaus v. Buch⸗ walde (vexillifer), Segenand v. Wapels, Benedict von Schonwicfe, Paul v. Teſmannsdorf, Dicterich v. Kripten, Sigmund v. Scidlitz, Johannes v. Jena, David v. Milwe, Dieter. v. Milwe, Johannes v. Oſterwitz, Stanislaus v. Droſenitz, Friederich v. Eppingen, Johannes v. Katze (vexillifer), Jacob v. Baiſen, Michael v. Joduten, Nicolaus v. Sparwin u. a. f 1) Schon im J. 1293 beſaß der Ritter Dieter. von Stange in Pomeſanien ein Beſitzthum von 276 Hufen, ebendaſelbſt noch früher Dieterich von Tiefenau einen Guͤterbeſitz von 300 Zlämif. Hufen. Im vande Saſſen in der Gegend der Wickerau ward den Vorfahren des ſpaͤter fo berühmten Hans von Baiſen, Heinemann und Konrad von Baiſen und deren Vetter Peter von Heſelecht im J. 1321 eine Land⸗ ſtrecke von 1440 Hufen, 2 Meilen lang und eben fo breit verliehen. Der Guͤter⸗Beſitz Philipps von Wildenau betrug 400 Hufen. Schlägt man den Werth einer Kulmiſchen Hufe auf 36 Mark an (denn ſo wurde fir im J. 1401 bezahlt, wiewohl er hie und da wechſelte), fo konnten dieſe Beſitzer für außerſt reich gelten. 3) Dub. P. I. c. 27. B. III. S. 473.
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Der Stand des Adels. Landesritter. 563 lichen Landen zum Biſchofe, dem ſie die foͤrmliche Lehens⸗ huldigung zu leiſten hatten.“ Die Größe dieſer Beſitzungen aber hatte natürlich auch eine groͤßere Vervielfaͤltigung von Dienſten und Lei⸗ ſtungen zur Folge. Ein Gut von achtzig Huben ver- pflichtete zum doppelten Kriegsdienſte oder zu zwei Platen- dienſten; ein ſolches von zweihundert Huben leiſtete drei gewoͤhnliche Platendienſte und einen ſ. g. Roßdienſt, d. h. einen Dienſt mit einem geharniſchten Streitroſſe, “ denn zu dieſem ſchweren Dienſte waren vorzüglich nur die rei- chen adeligen Gutsbeſitzer verbunden. Ueberhaupt diente der Adel nie anders als in der Reiterei. Da Kulmiſches Recht gemeſſenen Kriegsdienſt ſtellte, ſo war der adelige Beſitzer auch nur zu einem Dienſte binnen beſtimmten Graͤnzen, alſo nur zur ſ. g. Landwehr verpflichtet und es ſtand in ſeinem Willen, ob er der Ordensfahne weiter hinaus folgen wollte. Außer dieſem Kriegsdienſte, von 1) Als z. B. der reiche Ritter Tizmann v. Stange im J. 1323 ſich weigerte, dem Biſchofe von Pomeſanien das gewöhnliche homagium und die auf jeinen Lehensdorfern laſtenden Dienſte zu leiſten, traten verſchiedene Ordensgebietiger als Vermittler auf und bewogen den Ritter zur Leiftungz; Urk. im geh. Arch. Schiebl. XVII. nr. 2. 2) ucber dieſe verſchiedenen Kriegedienfte fpäterhin im Abſchnittt Über Kriegspflichtigkeit. Hier nur Ein Beiſpiel: Im J. 1328 erhält Konrad von Doring Duͤring) 200 Huben im Lande Saſſen, wobei es beißt: Er und ſeine Erben ſollen dienen „mit eyme vordackten roſſe und mit dryn gewonlichen Plattendienſten, alzo das das roßdienſt ſie achtezig und itczlich Plattendienſt vierczig Huben zu Culmiſchem Rechte. 3) Daher heißt es häufig in Verſchreibungen an adelige Beſitzer: Volumus, ut uno dextrario phalerato (equo) in his solum ter- "is nobis deserviat, videlicet Sambia, Barthia, Natangia, po- gesania, Pomesania et Warmia nee in aliis terris nobis deser. rire, nisi propria velit voluntate, sit astrietus. In ber Verſchrei⸗ bung für die erwähnten Baiſen: Ob das geſchege, das ſich keins (d. h. irgend eins) unſerer geſaczten lande von uns kerte adir unſir funde unt herten in unſern geſaczten landen, das ſind ſie gebunden, uns czu helfen und czu dynen off unſir Eoft und off unſern ſchaden und frommen, ad wir es von In wollen, alſo ſelbiſt ſullen ſie uns dynen auch in allen 36 *
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564 Der Stand des Adels. Landesritter. welchem die erſten Beſitzer bei Uebernahme ihrer Güter oft ſechzehn bis zwanzig Jahre Befreiung erhielten, ent⸗ richteten ſie auch alle andern Abgaben an Getreide, Geld und Wachs, wie es das Kulmiſche und Magdeburgiſche Recht beſtimmte. Obgleich aber hierin den uͤbrigen Kul⸗ miſchen Beſitzern gleich ſtehend, waren ſie doch nicht ohne ihrem Stande eigenthuͤmliche Vorrechte. Hohe und nie⸗ dere Gerichtsbarkeit uͤber ſeine Dorf- und Gutseinſaſſen hatte zwar der Adel nicht ausſchließlich allein, aber doch faſt ohne Ausnahme. Er ſelbſt dagegen war frei von der Gerichtsbarkeit der buͤrgerlichen Gerichtsbeamten, in deren Bezirke die Güter lagen, denn über die Landesritter und Knechte oder adelige Lehensleute uͤbte der Orden ſelbſt die Gerichtsbarkeit) oder der Hochmeifler ſetzte in einzelnen Fallen eine Ritterbank zum Gericht über fie zuſammen. Es beſtand ein eigenes Rittergericht, vor welches die Lan⸗ desritter bei ſchweren Verbrechen geladen und gerichtet wurden. 2 Der ritterliche Beſitzer genoß ferner haͤufig das Vorrecht, in befeſtigten Wohnungen, Schloͤſſern oder Burgen zu hauſen; es ward vom Orden nicht ſelten als Auszeichnung zugeſtanden, auf einem Gute eine Burg er⸗ bauen zu dürfen, doch zuweilen auch mit der Verpflich⸗ tung, bei dringender Gefahr die Leute des Ordens darin aufnehmen zu muͤſſen. Es wurde ihm außerdem in den andern landen, die an das land Saſſin ſtoßen. — Uebrigens kommen je⸗ doch auch Ausnahmen von dieſem gemeſſenen Kriegsdienſte bei Adeligen vor. 1) Der Orden eximirt oft ausdrücklich Ritter und Knechte von der Gerichtsbarkeit der Schultheißen, wo es dann heißt: Ouch neme wir us Ritter und Knechte und allerlei geſte, deren gerichte wir der her⸗ ſchaft behalden; oder: usgenommen Rittere und lehnluͤte, dy ouch ny⸗ mand ſal richten denn unſere bruͤdere. In einer Verſchreibung des Kom⸗ ihurs von Danzig vom J. 1376: Wir geben ouch den Schultheiſen und ſeinen rechten nachkumlingen den dryten pfennig aller gerichte, us⸗ genommen unſer Ritter und knecht, Geſte, Straſengerichte u. ſ. w., di wir adir unſer bruͤder fullen richten. 2) Vgl. Voigt Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſchaft S. 190 ff. 3) Es heißt z. B. in einer Verſchreibung vom J. 1287 für Tho⸗
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Der Stand des Adels. Landesritter. 565 auf feinen Beſitzungen liegenden Dörfern die Ausübung der naͤchſten herrſchaftlichen Rechte zugegeben; er hatte z. B. das Praͤſentations⸗-Recht des Dorſpfarrers, uͤber⸗ haupt das Patronats⸗Recht, die Anſtellung der Dorf: ſchultheißen u. ſ. w. Endlich wurden den adeligen Be⸗ ſitzern meiſt noch einzelne ſonſt nur dem Orden zuſtaͤndige Rechte, wie freie Jagd, freies Muͤhlenrecht u. dgl. be⸗ willigt. So zerſtreut, auf ſeinen Guͤtern lebend und nur mit dem Ackerbau und der Verwaltung ſeiner Guͤter beſchaͤf⸗ tigt, von welchem ſeinem weſentlichſten Geſchaͤft nur der Kriegsdienſt ihn zuweilen hinwegzog, blieb der Adel in Preuſſen, ohnedieß wohl auch von der Macht des Ordens niedergehalten, bis in die Mitte des vierzehnten Jahr⸗ hunderts faſt ohne alle eingreifende Theilnahme an dem öffentlichen Gemeinweſen und ſomit auch ohne politiſche Wichtigkeit. Seitdem er aber in ſeiner amtlichen Stel⸗ lur g als Landrichter und Landſchoͤppen nicht nur ein Bin⸗ demittel der Einzelnen erhalten, ſondern auch dadurch ein immer ſteigendes Anſehen und groͤßeren Einfluß auf die inneren Angelegenheiten des Landes gewonnen, konnte es nicht fehlen, daß ſich die Landesritter gegen den Anfang des funfzehnten Jahrhunderts ſchon gewiſſermaßen als Ver⸗ treter des Landes in deſſen Gebrechen und Beduͤrfniſſen zu betrachten anfingen, wobei es nicht ohne Einfluß blieb, daß einer Seits um dieſelbe Zeit ſich in den größeren mas von Bechem, dem ein Castrum auf feinem Gute zugeſtanden wurde: si homines nostri tempore necessitatis pro conservatione corporum et rerum ad castrum sibi collatum, euius nomen Bichow dieitur, confugerint, de ipsis in castro, si deliquerint, nobis iudieia reservamus. Die Baifen hatten ihre Burg zu Heſelecht bei Osterode. Auch ſchon der erwähnte Dieterich von Tiefenau erhielt das Recht, castrum, ubi necesse habuerit, construendi. Daſſelbe fand in der Mark Brandenburg Statt; ſ. Wohlbruͤck Geſchichte des Bisth. Lebus B. 1. S. 199. 1) Beiſpiele im Fol. Privileg. des Stifts Samland p. 248. Pri⸗ vileg. von Ermland p. VII. Privileg. eceles. Pomesan.
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566 Der Stand des Adels. Landesritter. Handelsſtaͤdten, in den Preuſſiſchen Hanſeſtaͤbten, neben der Landesherrſchaft eine Art von Mitregentſchaft in allen das Staͤdteweſen betreffenden Verhaͤltniſſen bereits ausge⸗ bildet hatte und der erwachte und immer wirkſamere In⸗ nungs- und Corporationsgeiſt auch den Adel des Landes bald mehr und mehr berühren und durchdringen mußte,“) und anderer Seits mitunter auch der Hochmeiſter ſelbſt die Ritter und Knechte des Landes zur Theilnahme, Mit- berathung und Zuſtimmung in einzelnen Angelegenheiten der Verwaltung mit hinzurief. So war es jener auch im Adel erwachte Corporationsgeiſt, der zu Ende des viers zehnten Jahrhunderts dem Bunde der Eidechſen-Geſell— ſchaft ſein Entſtehen gab. Die Stellung der Landesritter aber als Vertreter des Landes in ſeinen Wuͤnſchen und Beduͤrfniſſen brachte es auch bald mit ſich, daß ſich ſchon in der zweiten Haͤlfte des vierzehnten Jahrhunderts Ritter und Knechte des Landes haͤufig mit den Bevollmaͤchtigten der Hanſeſtaͤdte vereinigten, um dem Hochmeiſter Vor: ſtellungen und Antraͤge uͤber Verwaltungsangelegenheiten, Gebrechen und Beduͤrfniſſe des Landes zu überreichen. Dieſes Eingreifen der Ritter und Knechte in die innere Landesverwaltung blieb jedoch ſelbſt in den Zeiten der beis den Jungingen immer vorerſt nur noch thatſachlich und alles, was ſie als Rathſchlaͤge, Bitten und Wuͤnſche an den Meiſter brachten, betraf entweder nur die Verhaͤlt— niſſe ihres Standes? oder einzelne Gegenſtaͤnde der Ver— waltung; in allgemeinen Berathungen über Angelegenhei⸗ 4) Vgl. oben S. 147. 2) Wenn es z. B. im J. 1400 im Hanf, Receſſ. II. p. 350 heißt: Dy Ritter und knechte gemcynlich dis landes haben vor unſerm herrn dem homeiſter czu rede geſaczt und begeret, das welche ſtatluͤte mit en adir mit Iren luͤten czu thun haben, ſy ſuchen und czu rechte laden, do fü geſeſſen ſint und in den Steten nicht bekuͤmmern, dergleich welcher under en adir Iren luͤten mit Statluͤten czu thunde haben, ſullen und wellen dyſelbe ſtatluͤte ſuchen in den ſteten, do ſy wonhafftik ſynt und doſelbſt czu rechte laden. 2
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Der Stand des Adels. Landesritter. 367 ten der Verwaltung erſchienen ſie nur, wenn ſie dazu ge⸗ rufen waren. Der Adel des Landes aber hatte unter dieſen beiden Hochmeiſtern, die ihn uͤberhaupt vielfach beguͤnſtigten und unterſtuͤtzten, ) allerdings ſchon weit genug gegriffen, um nicht bald weiter greifen zu wollen. Der »Hochmeiſter Heinrich von Plauen ſah aus der gegen ihn unter der Theilnahme des Kulmiſchen Adels, beſonders der Eidech⸗ ſen⸗Geſellſchaft angeſponnenen Verſchwoͤrung wohl klar ein, daß es an der Zeit ſey, den vornehmeren Adel zur Mitverwaltung des Landes auf geſetzlichem Wege mit hin⸗ zuzuziehen und fuͤr den Orden zu gewinnen, wenn er ihn auf ungeſetzliche Weiſe im Regiment nicht gegen ſich ha⸗ ben wolle. Dieß war auch die Anſicht des Meiſters von Livland und der oberſten Gebietiger, denn ſo weit hatte ſich der Adel des Landes neben der Buͤrgerſchaft der Staͤdte in ſeinem Gewichte ſchon emporgeſchwungen, daß man in der ſchwerbedraͤngten Zeit dieſes Hochmeiſters nur darin noch ein Mittel der Retiung finden zu koͤnnen glaubte, wenn der Adel und der Buͤrger mit in die Ver⸗ waltung gezogen werde. So entſtand im Jahre 1412 der Landesrath. Zwanzig der Vornehmſten vom Adel, meiſt aus dem Ritterſtande, und ſiebenundzwanzig Bürger, je zwei aus jeder irgend bedeutenden Stadt waren es, die ſeitdem als Repraͤſentanten und als Vertreter der Rechte und Freiheiten ihrer Staͤnde in des Hochmeiſters und der Gebietiger Rath mit aufgenommen, zur Treue gegen den Orden und fuͤr das Intereſſe des Landes ver⸗ eidigt, in die Verwaltung des Landes mit eingriffen und in den Berathungen über Landesverhältniſſe ihre Stimme gaben. Bis zu dieſem Punkte von jener erſten Stufe 1) Die Beweiſe davon zahlreich im Treßler⸗ Buche. 2) ueber die Einrichtung des Landesrathes giebt die erſte Nachricht ein denblatt S. 250, wo in der Anmerk. auch über die erſte Zu⸗ ſammenſctzung und die Beeidigung einiges mitgetheilt iſt. Wenn es beim Chroniſten heißt: daß die Landesräthe „methewiſſin ſuldin des Ordine
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568 Der Stand des Kölmere. der Landrichter- und Landſchoͤppen⸗Aemter nun ſchon em⸗ porgeſtiegen, trieb der Adel im Verein mit den großen Handelsſtaͤdten des Landes ſein politiſches Gewicht bald immer hoͤher und es dauerte nur wenige Jahre, ſo war es, wie wir ſehen werden, ſchon dahin gekommen, daß viele der wichtigſten Gegenſtaͤnde der Landesverwaltung von der Zuſtimmung des Landesrathes abhaͤngig wurden und nur mit feiner Einwilligung in Ausführung kommen konnten.“ 2. Die Staͤnde der Koͤlmer, Freilehensleute, Bauern und Hinterſaſſen, Gaͤrtner und Beutener. Koͤl mer. Im Territorialverhaͤltniſſe und in der ganzen Stel⸗ lung des Koͤlmers in Rückſicht feiner Rechte und Pflich⸗ ten gegen den Orden, wie ſie im dreizehnten Jahrhundert in feſter Grundlage ſchon daſtanden, 2 hatte ſich auch in nachfolgender Zeit nichts Weſentliches veraͤndert. Der Koͤlmer⸗Stand umfaßte urſpruͤnglich, wie wir wiſſen, nur Deutſche Einzöglinge, wie der Stand der Freilehensleute ausſchließlich nur eingeborene Preuſſen. Dieſe Geſchieden⸗ heit beider und die Beſchraͤnkung des Kölmer - Standes auf bloß Deutſche ward indeſſen ſchon frühzeitig dadurch ſachin und vor das lant helfin Rathin in truwin unde by erin unde off welche huͤßer des ordins ſie qwomen, do ſulde man ſie fruntlichin uf⸗ nemen als des ordins getruwin unde geſworin unde gutlichin handeln, als ſich das gebort,“ fo ſieht man, das es der HM. auch an äußerer Beehrung nicht fehlen ließ. Einige der beruͤhmteſten, die in den Lan⸗ desrath aufg ommen wurden, waren Hans von Orſechau, Otto von Heimſode, Kaspar von Baiſen, Dieterich von der Delau, Heinrich von Bankow, Wifke von Buchwalde, Paul von Sonnenberg, Lorenz von Sparwin u. a. Es waren darunter vier Landrichter. 1) Das Nähere hieruͤber in der Geſchichte des HM. Heinrich von Plauen. Hier mußte von der Sache deshalb ſchon geſprochen werden, weil für die Geſchichte des Adels in Preuſſen die Entſtehung des Lan⸗ desrathes eine wichtige Epoche bildet. 2) Bgi. was darüber B. III. S. 444 — 449 u. 462 ff. geſagt iſt.
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Der Stand des Koͤlmers. 569 aufgehoben, daß der letztere bereits im dreizehnten und noch weit mehr im vierzehnten Jahrhundert auch eine große Zahl von eingeborenen Preuſſen umfaßte, denn je mehr dieſe im Verlaufe der Zeit, insbeſondere auch bei den beſtaͤndigen Kriegszuͤgen nach Litthauen und Samaiten die häufig auch ausdruͤcklich hervorgehobenen Vorzuͤge des Kulmiſchen Rechts“ im Vergleiche gegen das ihnen zu⸗ ſtehende Freilehensrecht kennen lernten und vor allem die gemeſſene Kriegspflichtigkeit des Koͤlmers gegen die unge⸗ meſſene Kriegsſolge des Freilehensmannes als einen we⸗ ſentlichen Vorzug des Kulmiſchen Rechts in Anſchlag brach⸗ ten, um ſo allgemeiner ward auch unter den Preuſſen das Beſtreben, ihre Güter auf Kulwiſches Recht zu erhalten. Sonach ward die Zahl der in die Klaſſe der Koͤlmiſchen Beſitzer aufgenommenen Preuſſen im Verlaufe des vier⸗ zehnten Jahrhunderts immer groͤßer, denn auch der Orden und die Biſchoͤfe insbeſondere theilten die Anſicht, daß geſunkene und verarmte Freilehensleute nur durch Erthei⸗ lung des Kulmiſchen Rechts wieder zu Wohlſtand empor⸗ gehoben werden könnten.“ Am haͤufigſten aber geſchah dieſe in den biſchoͤflichen Landen, da die Biſchoͤfe und Domſtifte ja keineswegs in dem Maaße wie der Orden das dieſem ſo nahe liegende Intereſſe hatten, die Bewoh⸗ ner ihrer Lande zum ungemeſſenen Kriegsdienſte zu ver⸗ pflichten. So lange der Orden ſich noch ſelbſt durch in⸗ nere Einheit, Kraft und zureichende Mittel gegen drohen⸗ de äußere Gefahren ſtark genug fühlte, hatten auch die 4) ueber den Vorzug des Kulmiſchen Rechts läßt ſich in Beziehung auf die Städte das Privilegium der Stadt Melſar vom J. 1312 und in Beziehung auf das Land eine Verſchreibung des Biſchofs von Same land vom J. 1394 weiter aus; worüber im Abſchnitte vom Kulmiſchen Recht das Nähere. Dieſer Vorzug war es auch hoͤchſtwahrſcheinlich, der die Samaiten bewog, ſich vom Orden das Kulmiſche Recht zu er⸗ bitten; Lindenblatt S. 179. 2) Beſonders iſt dieſe Anſicht in Ermländiſchen Verſchreibungsur⸗ kunden vorherrſchend.
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570 Der Stand des Koͤlmers. Gebietiger die Verleihung des Kulmiſchen Rechts ſogar mitgefoͤrdert und die Zahl der Koͤlmiſchen Beſitzer zu ver⸗ mehren eben nicht Bedenken getragen. Als indeſſen ſpaͤ⸗ terhin der ungemeſſene Kriegsdienſt dadurch immer mehr beſchraͤnkt wurde und die Klaſſe der Freilehensgüter im Verhaͤltniſſe der Kulmiſchen Beſitzungen ſich immer mehr verringerte, fanden die Hochmeiſter es zwedmäßig und nothwendig, die Ertheilung des Kulmiſchen und Magde⸗ burgiſchen Rechts, alſo auch die Vermehrung der Klaſſe der Koͤlmer dadurch mehr von ſich abhaͤngig zu machen, daß ſie geſetzlich beſtimmten: es ſolle forthin kein Gebie⸗ tiger oder Komthur mehr Kulmiſches oder Magdeburgiſches Recht verſchreiben, Dienſte zuſammenſchlagen, auskaufen oder ausgeben ohne Wiſſen und Willen des Hochmei⸗ ſters. Zur genaueren Kenntniß der Verhaͤltniſſe des Köls mer: Standes nicht unwichtig iſt ferner auch die verſchie⸗ dene Seßhaftigkeit der Koͤlmiſchen Beſitzer. Es gab Koͤl⸗ mer auf einzelnen Hoͤfen oder zerſtreut auf ihren Guͤtern wohnend, und andere in Doͤrfern oder im Verbande einer Dorfgemeine lebend, jene theils vom adeligen oder vom bürgerlichen Stande, dieſe gewoͤhnlich nur vom letztern. Es finden ſich außerdem auch ſolche, denen einzelne auf Kulmiſches Recht beſetzte Doͤrfer zugehoͤrten. In manchen einzelnen Verhaͤltniſſen zum Orden ſtellte ihr Recht ſie unter einander gleich;? in andern dagegen waren fie unter einander verſchieden, dieß letztere vorzuͤglich in Ruͤck⸗ ſicht der Gerichtsbarkeit. Der Koͤlmer auf ſeinem einzel⸗ nen Hofe oder als Beſitzer eines Dorfes hatte in der Re⸗ gel zugleich auch das Jurisdictionsrecht uͤber ſeine Leute wie auf dem Hofe, ſo in dem Dorfe, bald nur die nie⸗ dere, bald unter gewiſſen Bedingungen auch die hoͤhere. 1) Wir finden dieſes Geſetzes Öfter erwähnt z. B. in d. Viſitat.⸗ Ordnung, Viſitat.- Vollmacht VI. nr. 2, Statut. Pauls von Rußdorf und in Landesgeſetzen fuͤr die Wildniß. 2) Darüber einiges Nähere im Abſchnitte vom Kulm, Recht.
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Der Stand des Koͤlmers. 571 Er waltete alſo gewoͤhnlich in den Graͤnzen ſeines Beſitz⸗ thums zugleich als richterlicher Schultheiß, wenn gleich ohne dieſen Namen. In Ruͤckſicht ſeiner ſelbſt ſtand er gemeinhin unter der Gerichtsbarkeit des Konvents oder des Vogtes ſeines Bezirkes. Nur uͤber die im Bereiche ſeiner Beſitzung wohnenden Preuſſen war ihm das Juris dictions⸗ recht ſaſt ohne Ausnahme entnommen und dem Komthur uͤberwieſen. Der Koͤlmer im Dorfverbande dagegen beſaß kein Jurisdictionsrecht, war dem Gerichte ſeines Dorf⸗ ſchultheißen untergeben und dieſem in Straffaͤllen zum dritten Pfennig der Buße verpflichtet. In eben dieſer Beziehung auf Jurisdiction unterſchieden ſich ferner die Koͤlmer auf einzelnen Hoͤfen oder die Koͤlmiſchen Beſitzer ganzer Doͤrfer von einander ſelbſt auch wieder, inſofern ſie entweder Deutſche oder eingeborene Preuſſen waren, denn in der Regel uͤbten vornehmere Deutſche Kölmer in ihren Beſitzungen auch die hohe Gerichtsbarkeit nach Kul« miſcher Rechtsbeſtimmung, eingeborene Preuſſen dagegen gewohnlich, wenn fie ihnen überhaupt zugeſtanden war, nur die niedere oder die kleineren Gerichtsfaͤlle, die man Blut und blau nannte.“ — Ueber andere unterſchei⸗ 1) Fuͤr den erſtern Fall heißt es z. B. in einer Verſchreibung fuͤr einen vornehmen Deutſchen Kölmer vom J. 1378: Ouch gebe wir ym und ſinen nochkomlingen dy gerichte gros und cleyn als an hals und an hant dy culmiſchen recht ewiclich czu beſitezen. In einer Verſchreibung für einen Preuſſen auf Kulmiſches Recht heißt es dagegen: Nos si- quidem a predicta collatione excipimus iudicia maiora, manum videlicet et collum attingencia, que fratres nostri iudicabunt, eisdem (dem Preuffen und feinen Erben) penarum terciam partem assignando. Er behielt alſo bloß die niedere Gerichtsbarkeit, oder, wie es auch ſonſt ausgedruckt wird, „die cleynſten gerichte die do blut und blo vornemlich genannt ſynt.“ So wird in einer Verſchreibung vom 3. 1337 gefagt: Wir vorlyen und geben den Prüfen und eren woren erben dy mynre gerichte als ſin blut und blo und den glich und allis daz dovon den cleynen gerichten gevellet, ſundir die groffin ge⸗ richte als hant und hals abehowunge und ander desglichen do von gebe wir in die helfte.
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572 Der Stand der Freilehensleute. denden Rechte und Verpflichtungen des Koͤlmer⸗Standes wird paßlicher an andern Orten zu ſprechen ſeyn. Freilehensleute. Den unterworfenen Preuſſen war, wie wir fruͤher ſahen, im Vergleiche mit ihrem früheren freien Zuſtande nichts ſo widerwaͤrtig und unertraͤglich geweſen, als die vom Orden ihnen aufgebuͤrdeten ſchweren Dienſtarbeiten und die ihnen verhaßte Abgabe des Zehnten, durch die ſie taͤglich an ihr Schickſal des Unterjochtſeyns erinnert wurden. Außer den am Roͤmiſchen Hofe daruͤber erhobe⸗ nen Klagen lag es zugleich auch mit im Intereſſe des Ordens, vor allem die Beſchwerden zu beſeitigen, denen ſich der Landmann als Inhaber und Bewohner des eroberz ten Grund und Bodens am wenigſten unterwerfen mochte. Er ſchuf alſo den Stand der Freilehensleute, d. h. ſol⸗ cher Grundbeſitzer, die ihre Güter vom Orden zwar als Lehen annahmen und durch dieſes Lehensverhaͤltniß zu ge⸗ wiſſen Leiſtungen und Abgaben verpflichtet blieben, jedoch von der ihnen verhaßten Lieferung des Zehnten und von ſchwerer baͤuerlicher Dienſtarbeit völlig frei waren.“ Im Weſentlichen batte ſich auch in den Verhaͤltniſſen dieſer Klaſſe von Landbeſitzern nichts geandert. Sie war aber 1) ueber die wichtigſten Zerritorial = Verhältniffe dieſes Standes der Freilehensleute, wie fie ſich im 13ten Jahrhundert gebildet und im Verlaufe des 14ten Jahrh. beſtehend blieben, iſt oben B. III. S. 434 ff. geſprochen.— Dieſer Stand und überhaupt die Maſſe des Volkes aus altpreuſſiſchem Blute war auch noch zur Zeit Konrads von Jun⸗ gingen, wie wir aus den ſehr zahlreichen Verſchreibungsurkunden und beſonders aus den noch vorhandenen Zinsbuͤchern wiſſen (worin die Na⸗ men der Einzelnen aufgezeichnet find), noch ſehr bedeutend groß und es ſcheint keineswegs richtig, wenn De Wal Histoire de O. T. T. IV p. 260 ſagt: On peut assurer, que la Prusse &toit presque entierement peuplée d’Allemands du tems de Conrad de Jun- gingen et qu'il my avoit plus que quelque reste des anciens Prussiens dans la Sambie, dans la Scalovie et dans la Sudavie.
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Der Stand der Freilehensleute. 573 nicht ſo, wie der Stand der Koͤlmer, ein gemiſchter Stand, ſondern beſtand ausſchließlich nur aus eingeborenen Preuſ⸗ ſen, denn es findet ſich kein einziges Beiſpiel, daß je ein Deutſcher Einſaſſe ein eigentliches Freilehensgut im Be⸗ ſitze gehabt. Häufig dagegen traten Faͤlle ein, daß Frei⸗ lehensleute ſich aus ihrem Stande in die Klaſſe der Kul⸗ miſchen Beſitzer verſetzen ließen, indem man ihnen, wie eben erwaͤhnt, ihre Freilehen auf Kulmiſches Recht verlieh und ſie damit die Abgaben und Verpflichtungen der Kul⸗ miſchen Güter Übernahmen. Der Hauptgrund davon lag zweifelsohne, außer der Verſchiedenheit im Erbrechte, im ungemeſſenen Kriegsdienſte des Freilehensmannes, der als die druͤckendſte Laſt ſchon immer Unzufriedenheit unter den eingeborenen Preuſſen erregt hatte. In Faͤllen der Ver⸗ aͤußerung dieſer Freilehen, wenn fie der Orden erlaubte,“ behielt er ſich beſtaͤndig ſeine oberherrlichen Rechte vor und gab den Verkauf jeder Zeit nur unter der Bedingung zu, daß er mit Wiſſen und Genehmigung der Ordensgebietiger und unter Beibehaltung deſſelben Rechts geſchehe, nach welchem der Orden das Freilehen dem fruͤheren Beſitzer verliehen:“ eine Beſtimmung, die deshalb immer wieder⸗ holt wurde, weil ſich je mehr und mehr das Streben zeigte, Freilehensguͤter mit Kulmiſchem Rechte bewidmen zu laſſen. Haͤufig wurde dem Freilehensmanne ſein Frei⸗ lehen vom Orden auch nur unter Vorbehalt des Rechts verliehen, in vorkommenden Faͤllen, wenn es fuͤr gut ge⸗ 1) S. oben B. III. S. 459 — 460. 2) B. III. S. 438. 3) Das früher B. III. S. 438 gegebene Beiſpiel erläutern und beftätigen andere aus dem 14ten Jahrhundert, wenn es z. B. heißt: Wir geben dorobir orlop czu vorkoufen daſſelbe veld, alzo daz ſy is erſt unſern brüdern bewiſen, weme ſy is wellen vorkoufen czu czoge⸗ tanem rechte als ſy is beſeſſen haben; oder: So vorlye wir in ſunder⸗ liche gnade czu vorkoufen dy vorgenanten gute, weme ſy ſelben wellen, alzo doch, das is myt wiſſen geſche unſir brudir mit demſelben rechte alzo ſy ys vor beſeſſen haben.
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574 Der Stand der Freilehensleute. halten werde, das Gut wieder einziehen zu koͤnnen und den Beſitzer durch Ertheilung eines andern Beſitzes zu ent⸗ ſchaͤdigen,“ oder es ward dem Freilehensmanne überhaupt nur ein zeitweiliger Beſitz ſeines Freilehens zugeſagt, alſo daß er es beim Eintritte der beſtimmten Zeit, wenn man es forderte, wieder verlaſſen mußte. Die Benennung „Freilehensleute und Freilehensguͤter“ war zwar damals nicht gebraͤuchlich; allein ihre Freiheit von Zehntleiſtung und baͤuerlicher Arbeit galt als ein ſo weſentliches Merkmal dieſer Klaſſe von Gutsbeſitzern, daß man ſie im vierzehnten Jahrhundert ganz gewoͤhnlich „die Freien“ und ihre Guͤter „Freihuben“ oder „Freihaken“ nannte, zum Unterſchied der ſ. g. gebaͤuerlichen Huben oder Bauerhaken, weil dieſe mit baͤuerlicher Arbeit oder Schaarwerk beſchwert waren. Schon dieſer Name der Freien unterſchied dieſe Klaſſe von Grundbeſitzern ausdruͤck⸗ lich vom Stande der eigentlichen Bauern. Ihr Grund⸗ beſitz war uͤberdieß in der Regel groͤßer als der der letz⸗ tern; auch zeichnete ihren Stand ganz beſonders das fuͤr fie beſtimmte Wehrgeld aus. 9 In früherer Zeit ſaßen fie meiſt zerſtreut auf ihren vereinzelnten Höfen ohne ei⸗ nem Dorfverbande anzugehoͤren, weshalb auch kein Schult⸗ heiß, ſondern ſtets der Komthur oder der Gerichtsvogt des Diſtricts die Gerichtsbarkeit uber fie übte. Inmitten ihrer Felder lagen ihre Wohnhaͤuſer mit den noͤthigen Ges 1) Dann heißt es in urkunden: Ab unſer bruͤder dermoleyns czu rate wuͤrden, daz ſy dy vorgenanten gute in eren nucz keren welden, ſo ſint ſy ſchuldig, den vorgenanten Pruͤſen alſo gute gut und alſo vil und alſo nucze in rechter wechſelunge wieder czu geben, als ere vorge⸗ ſprochene gute geweſen ſint. 2) In vielen Faͤllen wird z. B. die Unterwerfung der Litthauer als Termin geſetzt, um dann das verliehene Gut gegen ein anderes in Litthauen zu vertauſchen. 3) Samland. Zinsbuch im geh. Arch. Der Freie hatte ſelten ein Gut unter drei Huben, häufig ſolche von 6 bis 8, ſelbſt von 13 bis 15 Huben, der Bauer dagegen meiſt nur eine, zwei, felten drei Huben.
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Bauern und Hinterfaffen. 575 baͤuden zerſtreut. Allein im vierzehnten Jahrhundert fin den ſich hie und da, z. B. in Samland auch häufig Dörfer, in denen Freie zuſammenwohnten. — Auch über die anderweitigen Verhaͤltniſſe dieſes Standes wird ſpaͤter noch die Rede ſeyn. Bauern und Hinterſaſſen. Auch in den Verhaͤltniſſen des Standes der Bauern und der Hinterſaſſen, wie fie ſich im dreizehnten Jahr⸗ hundert feſtgeſetzt und ausgebildet, hatte ſich ſeitdem im Weſentlichen nichts veraͤndert und da auch insbeſondere der Unterſchied zwiſchen Deutſchem und Preuſſiſchem Bauern⸗ ſtand oder Deutſchen und Preuſſiſchen Doͤrfern im Ganzen noch geblieben war, ſo ſcheinen hier nur einige naͤhere Eroͤrterungen nöthig, um einen klaren Blick über die Vers haͤltniſſe dieſer Klaſſe von Landbewohnern im vierzehnten Jahrhundert zu gewinnen. Wir finden ſie auch in dieſer Zeit bald als Dorf⸗ bewohner, bald als Dorfbauern oder ſchlechthin Bauern, bald als Leute und Unterſaſſen bezeichnet.“ Die Dorf⸗ bewohner, Glieder einer Dorfgemeine, Genoſſen der Dorf— rechte und Beſitzer der Dorfhuben hatten immer irgend ein beſtimmtes Recht, weil jeglichem Dorfe bei feiner Grün: dung ein ſolches zugewieſen und nach dieſem die Bewoh⸗ ner zu ihren Leiſtungen und Verpflichtungen verbunden waren. Je nachdem ſie Deutſche oder Preuſſen, ſtanden ſie entweder unter der Gerichtsbarkeit des Dorfſchultheißen oder des Vogts und Komthurs des Bezirkes. In Nüds 1) Beiſpiele im Samland. Zinsbuche. 9) Zu der fruͤhern Bemerkung B. III. S. 452 mag bier hinzu: gefuͤgt werden, daß die verſchiedenen Landbewohner im 14ten Jahrhund. bald Villani, villarum incolae oder inhabitatores, bald bloß rustici oder rustici villae, bald homines et subditi und im Deutſchen Dorfe einwohner, Bauern oder Gebuwer, Leute und Unterſaſſen in Urkunden genannt werden. Die Benennung Hörige kommt in Preuſſ. Urkunden nie vor.
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576 Bauern und Hinterſaſſen. ſicht ihres Grundbeſitzes waren ſie ſelbſtaͤndige Bauern; er war erblich und veraͤußerlich und fiel beim Ausſterben der Familie des Beſitzers nicht an den Orden zuruͤck, ſon⸗ dern verblieb dem Dorfe als ein neu zubeſetzender Theil der Dorffeldmark, beſonders bei Doͤrfern mit Kulmiſchem Rechte. Die Dienſte und Leiſtungen ſolcher Dorfeinſaſſen waren verſchieden, je nachdem ſie entweder Freie oder ei⸗ gentliche Bauern waren. Die Benennung Bauern? wech: ſelt in ihrer Bedeutung, bald uͤberhaupt Bewohner von Dörfern, bald Bebauer einzelner kleiner Höfe oder einzeln liegender Huben und Haken, bald auch Hinterſaſſen von Freilehensleuten bezeichnend. Das Gemeinſame und allen dieſen Bauern Eigenthuͤnliche, ſofern fie nicht Deutſche waren, lag in ihrer Verpflichtung zum Schaarwerksdienſte oder zu bäuerlichen Arbeiten, die deshalb auch dieſen Na⸗ men fuͤhrten. Den weſentlichſten Unterſchied zwiſchen den Dorfbauern, den Bebauern kleinerer Hoͤfe mit einigen Huben und den Bauern als Hinterſaſſen bildete ihre ver⸗ ſchiedene Seßhaſtigkeit. Als Mitglieder einer Dorfgemeine oder als ſelbſtaͤndige Huben- und Hakenbeſitzer ſtanden fie den uͤbrigen Dorfbewohnern uͤberhaupt ganz gleich; nur ihre Schaarwerkspflichtigkeit unterſchied ſie von den mit ihnen im Dorfe zuſammenwohnenden Freien, denn wie es in vielen Dorffeldmarken Freihuben oder Freihaken und ges baͤueriſche Huben oder Bauerhaken gab, fo ſaßen in fols chen Dörfern auch Freie und eigentliche Bauern zuſammen. 1) Rustici. 2) Opera oder servitia rusticalia, gebüerliche Arbeit oder ger buͤwerliche Dinſt. Da gewoͤhnlich nur Preuſſen ſie leiſteten, ſo heißen fie in Urkunden häufig auch „Prüfe erbeit oder Dienſte.“ In einer Verſchreibung vom J. 1305 wird Schaarwerk als eine „buͤrde Pruͤſcher werk aber erbeit“ bezeichnet. 3) Freie hießen die einen, weil ſie, wie oben ſchon bei den Frei⸗ lehensleuten erwähnt iſt, für ihren Landbeſitz oder ihre Freihuben nicht zu bäuerlicher Arbeit verpflichtet waren, Bauern dagegen die andern, weil auf ihrem Beſitze die Verpflichtung zu baͤuerlichen Dienſten lag. Dieſer Unterſchied von Freien und Bauern oder Hakenbauern muß durch⸗
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Bauern und Hinterſaſſen. f In ganz andern Verhaͤltniſſen dagegen ſtanden die Bauern, welche als Leute, Unterſaſſen oder Hinterſaſſen auf den Gütern der Freilehensleute ſaßen“ und zum Unter⸗ ſchied von jenen wohl fuͤglich hinterſaͤſſige Lehensgutsbauern genannt werden koͤnnen. In keiner Weiſe ſelbſtaͤndig hat⸗ ten fie kein freiveraͤußerliches Eigenthum; Grund und Bo— den, worauf ſie ſaßen, gehoͤrte dem Gutsherrn, bald un⸗ mittelbar dem Orden oder dem Biſchofe, bald dem Koͤl— mer, bald dem Freilehensmanne und waren als Gutsun⸗ terthanen dieſem dienſtpflichtig, wie in der Gerichtsbarkeit unterworfen. Sie ſtanden nie im Gemeine-Verband ei— nes Dorfes. Starben ſie ohne Erben, ſo fiel ihr Land⸗ beſitz wieder dem Gutsherrn zu. Hinterlaſſenen Witt: wen und Toͤchtern ließ der Gutsherr gewoͤhnlich einen ge⸗ wiſſen Unterhalt auf dem Gute zukommen, eine Art von Verſorgung, für die ſich der Orden häufig ſogleich bei der Verleihung eines Gutes verwandte. Im Uebrigen hat⸗ ten ſich die Verhaͤltniſſe dieſer Leute zu ihren Gutsher⸗ aus immer feſtgehalten werden, wenn man die doͤrflichen Territoriale Verhaͤltniſſe verſtehen will. 1) Die ſchlechthin Rustici oder auch homines und subditi ge⸗ nannt werden, denn dieſe Ausdrücke find völlig gleichbedeutend, wes⸗ halb fie in Urkunden auch oft neben und für einander vorkommen. 2) Dieß wird in vielen Urkunden des 14ten Jahrhund. ausdrücklich beſtimmt, wenn es z. B. heißt: Wir geben In (den Beſitzern) ouch von ſundirlicher gnode, ob ymand in denſelbigen guten mit inwenenden Gebuwern ane erben ſtuͤrbe, das aneval czu dem Beſitzer und ſynen nochkomelingen ſal komen genczlichen und wederkeren; oder: Och ab ymant erer luͤte ane erbelinge vorſtirbet, des erbe ſullen ſy (der Guts⸗ herr und ſeine Erben) nemen, alzo doch daz daz mit Rechte geſche und myt gote. In einer andern Urkunde: Wir vorlye yn, ob ir ein erbe in eren guͤtern erbeios wuͤrde und fry, das ſy dirkennten, mit dem⸗ ſelbigen erbe moͤgen ſy thun als unſir brudir in eynem ſulchen theten und alzo dy gerechtikeit czuſayt. 3) Gewoͤhnlich heißt es: Der Gutsherr koͤnne das erbloſe Gut wieder einziehen, „alzo doch das is mit gote geſche und was davon gevellet und ſy geben den wpben, ob ſy wellen, das ſetcze wir tzu erem eygen willen. VI. 37
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578 Gärtner und Beutener. ren auch im Verlaufe des vierzehnten Jahrhunderts nicht veraͤndert. Sie waren vom Gute noch abloͤsbar, wie fruͤherhin, ihren Gutsherren kriegspflichtig, zur Zehntlei⸗ ſtung und baͤuerlichen Arbeit verbunden und gewoͤhnlich der niedern Gerichtsbarkeit des Gutsherrn, ſowie der hos hen Jurisdiction des Ordens untergeben. War der Orden ſelbſt ihr unmittelbarer Gutsherr, ſo ſtanden ſie zu die ſem ganz in den naͤmlichen Verhaͤltniſſen, wie zum Koͤlmer oder Freilehensmanne.) Als Leibeigene aber koͤnnen fie auf keine Weiſe gelten. Hie und da waren ſie mit Wachdienſt auf dem Gute des Gutsherrn oder auch mit Jagddienſt beim Wildtreiben beſchwert. Endlich fand ein weſentlicher Unterſchied zwiſchen dieſen Hinterſaſſen und den ſelbſtaͤndigen Bauern oder eigentlichen Dorfbe— wohnern auch in der Groͤße ihres Beſitzthums Statt, denn erſtere hatten meiſt nur einen bis drei Haken, dieſe hin— gegen gewoͤhnlich mehre Huben oder ſechs bis acht Haken; doch hing die Groͤße des Beſitzes der letztern mitunter von geſetzlichen Beſtimmungen ab, weil bei der Gründung eines Dorfes bisweilen ausdruͤcklich feſtgeſtellt wurde, daß ein Dorfbewohner nur eine beſtimmte Anzahl von Huben oder Haken beſitzen folle. ® Gaͤrtner und Beutener. Auch die Gärtner bildeten in Preuſſen einen befon- dern landſaͤſſigen Stand. Der Landbeſitz eines Gaͤrtners hieß ein Garten, nicht ganz im heutigen Sinne dieſes Wortes, ſondern in der Bedeutung eines einzeln liegen: den, bald befriedigten und umſchloſſenen, bald frei liegen— den Ackerlandes, welches, mit dem Pfluge bebaut, in ſei⸗ 1) Vgl. oben B. III. S. 437. 457. 2) Servitia custodialia; die zum Jagddienſte verpflichteten Hin⸗ terſaſſen heißen „Tribere“ oder Treiber. 3) So in einer Dorfver ſchreibung vom J. 1353: Wir wellen, daz in deſem dorfe keyn man ſal mer haben czinshaftiger huben denne czwu, aber her mag wol mynner haben. Aehnlich in andern Urkunden öfter.
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Gaͤrtner und Beutener. 579 ner Groͤße ſehr verſchieden, zuweilen nur einen halben oder einen ganzen Morgen oder auch deren drei bis vier betrug.)“ Hie und da waren mit ſolchen Gärtnern ganze Dörfer, Gartendoͤrfer genannt, beſetzt, jeder mit etwa drei Morgen auf Kulmiſches Recht begabt, der Gerichtsbarkeit eines Schultheißen unterworfen, zu Zins und Dienſtar⸗ beit verpflichtet. ? Gewoͤhnlicher indeß ſaßen die Gaͤrt⸗ ner in den Doͤrfern neben den eigentlichen Hubenbeſitzern, denn nicht ſelten behielt fi der Orden ſchon bei Bes ſetzung oder Gruͤndung eines Dorfes einen Theil der Feld⸗ mark vor, um ihn mit Gaͤrtnern zu beſetzen, die zu un⸗ mittelbarer Zinsleiſtung verpflichtet wurden. Desglei⸗ chen ſtellte er es haͤufig auch den Freilehensleuten und Dorfbewohnern frei, auf ihr laͤndliches Eigenthum Gaͤrt⸗ ner aufzunehmen, beſtimmte dann aber gewoͤhnlich ſelbſt 1) Aehnliche Ackertheile waren im Kulmerland dle Schabernack. Daß dieſer Ausdruck dort ein Stuͤck Ackerland bedeute, geht nicht nur aus Zinsregiſtern, ſondern auch aus Urkunden hervor, wenn es z. B. in einer ſolchen vom J. 1390 heißt: Der Pleban in Dieterichsdorf im Kulmerland habe 30 Mark ausgeſetzt und dem Propſte des S. Georgs⸗ Hospitals gegeben, quas marcas ipsc se recognovit suscepisse ad comparandum agros seu Schabernack vulgariter dietos ab eadem domo non longe sitos, Sex iugera continentes. So lag nach dem Zinsregiſter unter den Gärten vor einer Stadt ein Schabernack, der 2 Mark 10 Scot, ein anderer, der nur eine Mark zinſte. Der Aus⸗ druck hängt offenbar mit dem Worte taberna, ein Kretzem, Krug oder Wirthsſchenke, zuſammen und bezeichnete wahrſcheinlich ein zu einer Taberne zugehoͤriges Stuͤck Land. 2) So giebt im F. 1378 das Domſtift zu Marienwerder ein Gar: tendorf aus; ſein alter Diener Peter Staraſt iſt der Locator, der dafür 2 Garten frei hat von Zins und Dienſt; er muß aber bei den Leuten ſeyn, wenn man ſeiner bedarf; Privileg. Capitul. Pomesan. p. XXV - VI. Für ſchwere Arbeit mit Beil und Art bekamen die Gaͤrtner Lohn. 3) Dann heißt es z. B. Vortmer ſo haben wir von dem czins haftigen ackir des dorfes behalden czwene morgen, doruff haben wir gertener gefatczt, iclich gertener ſal uns alle jar czinſen eynen firdung und vir huͤner. 37 *
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580 Gärtner und Beutener. die naͤheren Verhaͤltniſſe derſelben zum Dorfe oder dem Freilehensmanne, untergab ſie gemeinhin der Gerichts⸗ barkeit des Schultheißen oder des Freilehensmannes, be⸗ nannte die Höhe ihres Zinſes, des Zehnten an den Pfars rer und der übrigen Leiſtungen. Zum Kriegsdienſte wur⸗ den ſie, wie es ſcheint, nie verpflichtet. Demnach waren alſo dieſe Gärtner entweder unmittelbare Gutsunterthanen des Ordens oder zinspflichtige Einſaſſen eines Dorfes oder hinterſaͤſſige Ackerleute eines Freilehensmannes. Den Freien und beerbten Bauern entgegengeftellt D find fie als bloße gutsunterthaͤnige Einſaſſen oder als eine Art von Hinter⸗ ſaſſen anzuſehen, die kein eigentliches Erbe hatten, auf ih—⸗ ren Ackertheilen nur auf zeitweilige Benutzung ſaßen und ihre Beſitzungen ohne weiteres aufgeben mußten, wenn ſie den Zins nicht puͤnktlich lieferten oder ihre andern Lei⸗ ſtungen nicht erfüllten. Wie dieſe Gaͤrtner, ſo bildeten auch die Beutener eine beſondere Klaſſe von Landbeſitzern. Die Wichtigkeit der Bienenzucht in Preuſſen brachte es mit ſich, daß in Gegenden, welche ſich für die Bienenpflege vorzüglich eig⸗ neten oder wo die Waldbiene am zahlreichſten zu finden war, z. B. in den Gebieten von Johannisburg, Lyck, Ortelsburg, Seeſten oder in der Tuchelſchen Heide bei Tuchel und Schlochau ſich Bienenwaͤrter foͤrmlich nieder— ließen und die Bienenzucht als ein beſonderes Gewerbe trieben oder die Aufficht Über die dem Orden oder Bis ſchofe zugehoͤrigen wilden und zahmen Bienen fuͤhrten und fuͤr ihre Vermehrung und ihr Gedeihen ſorgten. Dieſe Bienenwaͤrter, Beutener genannt von dem Worte Beute, 1) Namentlich im Samlaͤnd. Holz⸗ und Fiſcherei⸗Privilegium, ſ. Privileg. der Stände des Herzogth. Preuſſ. P. 5. In Samland waren die Gärtner beſonders zahlreich theils in Dörfern, theils auf Frei⸗ lehensguͤtern. 2) Privileg. Capit. Pomesan. p. LIII. — Solche Gärtner gab es Übrigens auch in Schlefien ſ. Töſchoppe und Stenzel Urkunden: Samml, p. 172. Wohlbrück Geſch. des Bisth. Lebus B. I. S. 208.
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Gaͤrrner und Beutener. 581 welches einen hölzernen Bienenſtock bedeutet, ) ſaßen bald vereinzelt auf kleinen Beſitzungen von einigen Huben Lan⸗ des, ihnen zu dem Zwecke ertheilt, die Bienen eines Or⸗ denshauſes oder des Biſchofs mit Sorgſalt zu pflegen, waren dann voͤllig dienſt⸗ und zinsſrei und erhielten vom Ertrage des Honiges einen beſtimmten Theil, den fie für einen feſtgeſetzten Preis dem Orden wieder verkaufen konn⸗ ten;? bald auch wohnten ſie in Doͤrfern mit andern Dorſbewohnern zuſammen, oder endlich es gab auch Dörfer, in denen fie die alleinigen Bewohner waren.“ Die Bedingungen und beſondern Verhaͤltniſſe, unter wels chen ſie ihre Beſitzungen hatten und ihr Gewerbe der Bie⸗ nenpflege betrieben, wurden das Beutener-Recht genannt, wobei im voraus zu bemerken iſt, daß die Benutzung der Biene, beſonders der wilden, vom Orden als eine Art von Regal betrachtet wurde.“) Dieſes Recht begriff im Weſentlichſten folgende Beſtimmungen. Kein Beutener durfte mehr als zwei bis drei Huben beſitzen meiſt zu Kulmiſchem oder auch zu Preuſſiſchem Rechte; er ſtand unter der Gerichtsbarkeit eines Schultheißen, dort Staroſt genannt, war aber von baͤuerlicher Arbeit, von Leiſtung des Pflugkornes, Kriegsdienſt und ſonſtigen Laſten in der 1) Adelung Wörterbuch B. I. S. 957: Ein Beutener iſt einer, der die Aufſicht über die wilden Bienen in einem Walde hat; eine Beu⸗ tenheide ein Wald, worin Bienenſtöcke mit wilden Bienen angetroffen werden. Man findet das Wort Beute in alten Schriften und Urkunden auch Buͤte, Buͤthe, Bewte und Bute geſchrieben, daher auch Bewtner, Budener u. ſ. w. Vgl. Tzſchoppe und Stenzel Urk. Samml. p. 62. über die Zeidler, mellifices, apifices in Schleſien. Wohlbruͤck a. a. O. S. 320. 2) Ein Beiſpiel ſ. oben B. V. S. 562. 3) Dieß war z. B. im J. 1425 der Fall im Dorfe Lyck, der jetzigen Stadt. 4) Solche Dörfer waren z. B. Peitſchendorf und Aweiden am Nikolaikenſchen Forſte, in welchen 30 bis 60 Huben ganz allein von Beutenern beſetzt waren. 5) Darüber fpäterhin das Nähere.
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582 Gärtner und Beutener. Regel völlig frei; nur die Weiterfoͤrderung der Sendbriefe des Ordens in die nahen Ordenshaͤuſer oder nach Maſovien war den meiſten als Dienſtpflicht auferlegt. Von ih⸗ ren Beuten oder als Abgabe von ihrem Hubenbeſitze muß⸗ ten fie gewöhnlich eine Tonne Honig liefern und ihren gewonnenen Honig den Ordensbeamten um einen beſtimm⸗ ten Preis uͤberlaſſen. Kein Beutener durfte wilde Bienen einfangen und verkaufen, eben ſo wenig ohne Erlaubniß des nahen Ordensbeamten Honig und Wachs verbrauchen oder kaͤuflich überlaffen. ? Gewoͤhnlich hatten die Beu⸗ tener auch die hohe und niedere Jagd, mußten aber von jedem erlegten Wilde Haut und Fell gegen einen feſtge⸗ ſetzten Preis und uͤberdieß ein Stuͤck vom Wilde umſonſt an das Ordenshaus liefern; dagegen erhielten ſie von dieſem viele ihrer Lebensbeduͤrfniſſe, als Salz, Bier, Tuch u. a. zu einem beſtimmten billigen Preis. Bediente ſich ihrer ein Ordensbeamte zur Jagd, ſo gehoͤrte ihnen von jedem durch ſie erlegten Wilde das Haupt. Auch der Fiſchfang ward von ihnen ſtark betrieben, doch mußten ſie auch davon jährlich einen gewiſſen Ertrag an den Orden liefern. 1) So in einer Urkunde fuͤr die Beutener in Lyck: Ouch ſullen fie die brieffe ken Reyne, ken Leczen und in die Maſow uff die neſten huͤw⸗ for czu der herczogen us der Maſow houpluͤwten, wo man ſie heyſet, czu tage und czu nacht tragen. Andere Angaben darüber im Zinsbuche von Sensburg, im Zinsregiſter des Pflegers von Seeſten u. a. 2) Es war ausdruͤckliches Verbot: Keyn Bewtener ſal byenen vor⸗ kawfen von ſeyner heide ane wiſſen der hirſchaft, wenn ſie der hirſchaft anſterblich ſeyn, gleich den heiden, als es von alders iſt geweſt. Key⸗ nen honig adir wachs ſullen ſy nicht vorbrewen, vorkouffen, vorgebin ane orlop der hirſchaft. Urkunde im geh. Arch. Schiebl. XXVI. nr. 18. Zinsbuch von Sensburg. 3) Im Zinsbuch von Sensburg heißt es daruͤber: Was ſy von großen adir cleynem wilde fian, ſullen ſy uns dy hewte und felwerk von antwertin, wir in dy beczalen alzo iczlich ſtuͤcke fo czu Johansborg be⸗ czalet wirt und von iczlichem ſtuͤcke wildes, das ſy flan, uns eine ſlauwe (2) dorvon gleicher weyße alzo czu Ortelsborg. Eine ſehr ges naue Angabe darüber liefert die Verſchreibungsurkunde uͤber das Dorf
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Der Stand der Bürger. 583 3. Der Stand der Buͤrger. Es kann hier ſo wenig Zweck ſeyn uͤber die ſtaͤdti⸗ ſchen Verhaͤltniſſe der Bürger im Einzelnen oder das Staͤdteweſen im Ganzen, als über die ſtaͤdtiſche Verfaf— ſung in ihrer erſten Entwickelung und weitern Fortbil⸗ dung zu ſprechen.) Wir betrachten vielmehr den Bir: ger hier zunaͤchſt als Unterthan des Ordens in feiner ſtei⸗ genden politiſchen Bedeutung. Weil alle Staͤdte Preuſ— ſens ihre Eruͤndung entweder dem Orden oder den Lan⸗ desbiſchoͤfen verdankten und ihnen durch dieſe die erſten bürgerlichen Verhaͤltniſſe in beſtimmten Vorſchriften gege⸗ ben waren, weil ſie ferner in den gefahrdrohenden Kriegs⸗ ſtürmen des dreizehnten Jahrhunderts nur unter dem Schutze der Ordenswaffen hatten Beſtand und Gedeihen finden koͤnnen, fo ſtanden fie lange Zeit bei der weitern Fortent⸗ wickelung des Buͤrgerthums in ſehr beſchraͤnkender Abhän- gigkeit von ihren Gründern. Viele zaͤhlten ſchon über hundert Jahre ihres Daſeyns, ohne daß bei aller Reg⸗ ſamkeit innerer ſtaͤdtiſcher Geſchaͤftigkeit auch nur irgend bedeutſame Spuren eines gewiſſen politiſchen Lebens und Eingreifens in die oͤffentlichen Verhaͤltniſſe zu entdecken Lyck vom J. 1425, wo es heißt: Wir wollen ouch das man den bew⸗ tenern im ſelben Dorfe iren Honig, hewte und all Ir wiltwerg ſal be⸗ czalen gleiche als man es «zu Johannesburg beczalet und domete heldet, als bey namen Eyn tonne honiges umb drittehalbe marg, Eyn Ranczken heniges umb III ſcot und eyn pfunt wachs umb eyn feot, Eyn houpt ower hart umb drey firdunge, Eyn oberkulech uwer (2) umb fünf ſcot, Evne roshawt umb eyn firdung, Eyn hirczhawt umb vierdehalb ſcot, Eyn kowelhawt umb fünf ſcot, Eyn beberbalg umb fuͤnftehalb ſcot, Eyn mardbalg umb drittehalb ſcot, eyn otterbalg umb czwey ſcot. — Wir haben en ouch freye Jaith irloubet, dovon recht czu thun und ſlawen czu geben von allem wilde, usgenommen beren und hauwende ſweyne, dovon fie nichts geben ſullen. — Es geht hieraus hervor, daß es im J. 1425 in Preuſſen noch Bären und wilde Pferde gab, was wir auch aus andern Nachrichten wiſſen. 1) ueber das Eine iſt manches ſchon B. III. S. 483 ff. geſagt worden, uͤber das Andere ſpaͤterhin in einem beſondern Abſchnitte.
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584 Der Stand der Buͤrger. wären. Man ordnete gewiſſermaßen das innere Buͤrger⸗ weſen nur in haushaͤlteriſcher Art; aber es bildete ſich da⸗ bei kein oͤffentliches Buͤrgecleben und kein politiſch wirkſa⸗ mes Buͤrgerthum aus. Erſt der Eintritt der wichtigſten Staͤdte des Landes in den Bund der Hanſe ſchien ſie aus dieſer Beſchraͤnktheit herausheben zu koͤnnen, und doch dauerte es von da an noch faſt ein halbes Jahrhundert, ehe ſich die erſten Spuren eines oͤffentlichen Buͤrgerlebens in der Geſchichte zeigten. Lange alſo im Provinzialleben des Ordensſtaates nur als einzelne Punkte daſtehend, von denen die Pulsſchlaͤge ruͤhriger Thaͤtigkeit und emſigen Betriebes durch alle Theile des Landes ausgingen, gewan⸗ nen ſie erſt ſeit der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts als Bundesſtaͤdte der Hanſe durch ihr Eingreifen in den Welthandel eine weltgeſchichtliche Bedeutung und eben erſt ſeit dieſer Zeit erhielt auch der Buͤrgerſtand in ſeiner Stel⸗ lung gegen den Orden ein eigentliches politiſches Gewicht. Aber wiederum funfzig Jahre war ihre politiſche Thaͤtig⸗ keit vorerſt nur ausſchließlich auf ihr eigenes Intereſſe ge⸗ richtet und vom Orden immer noch ſehr abhaͤngig. Ihre gemeinſamen Berathungen indeß auf ihren eigenen Tag⸗ fahrten, ihre hier gefaßten Beſchluͤſſe über ihr Handels: weſen im Innern und nach außenhin, uͤber ſtaͤdtiſchen Ge⸗ werbsbetrieb, Schifffahrt, Muͤnzweſen und die geſammte ſtaͤdtiſche Ordnung, auch wenn fie zur Ausführung immer erſt der Zuſtimmung und Beſtaͤtigung des Hochmeiſters be⸗ durften, hatten je mehr und mehr im Buͤrgerſtande das Gefühl einer gewiſſen Selbſtaͤndigkeit geweckt, deſſen Spur ren in dem immer freieren Geiſte ihrer Berathungen, in der immer kuͤhneren Sprache ihrer Beſchluͤſſe und der im⸗ mer mehr zunehmenden Unabhaͤngigkeit ihrer Anordnungen unverkennbar hervortreten. Und wie in dieſem ihrem Ver⸗ haͤltniſſe zum Hanſe-Bunde die hohe Macht und das große politiſche Gewicht der Hanſeſtaͤdte im Norden gewiß nicht wenig dazu beigetragen hatten, auch die Staͤdte dieſes Bundes in Preuſſen zugleich mit emporzuheben und in ih⸗
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Der Stand der Bürger. 585 nen felbft das Gefühl höherer Bedeutſamkeit zu erwecken, fo war auch unverkennbar beſonders durch die Anordnun⸗ gen Winrichs von Kniprode, die Bewehrung der Buͤrger, die Bewaffnung der Städte in ihren Buͤrger-Mayen, durch ihre Theilnahme an den Kriegsverhaͤltniſſen des Lan⸗ des, durch die kriegeriſche Richtung der Innungen und Zünfte das geſammte Bürgerleben in feiner ſelbſtaͤndigeren Entwickelung vielfach gefoͤrdert und das Aufwachen und Aufwachſen eines tüchtig kraͤftigen Buͤrgerſinnes auf manch⸗ fache Weiſe beguͤnſtigt worden. Selbſt der immer zuneh⸗ mende Reichthum der Städte und die Wohlhabenheit ih⸗ rer Bewohner thaten hiebei das ihrige, denn Reichthum im Kaufmannsſtande und Wohlſtand unter den Buͤrgern verſcheuchen knechtiſche Geſinnungen und ermuthigen die Gemuͤther. Nicht alſo der Weg gewaltiger Aufregungen, ge⸗ waltthaͤtiges Auftretens gegen Fuͤrſten und Adel, nicht Bimdniſſe und Vereine zur Erſtarkung und Geltendma⸗ chung innerer gefühlter Kraft, nicht blutvolle Kämpfe wie im vierzehnten Jahrhundert im ſuͤdlichen Deutſchland “ waren es, was die Staͤdte Preuſſens zu dem politiſchen Gewichte emvorgehoben hatte, wie fie es am Ende dieſes Jahrhunderts ſowohl in ihrer Stellung zum Orden als in ihren Verhaͤltniſſen zum Auslande zeigen, ſondern viel⸗ mehr es war der ruhigere Gang innerer Kraftentwickelung in geſetzlicher Ordnung und eines naturgemaͤßen Aufwach⸗ ſens des im Buͤrgerthum an ſich gegebenen Keimes zur gereiften Frucht bürgerlicher Vollmuͤndigkeit, welchen Preuſ⸗ ſen in der Geſchichte ſeines Staͤdtelebens aufweiſet. Und dieſe Mündigkeit des Bürgerſtandes erkannte der Orden ſelbſt an, als die Hochmeiſter dieſer Zeit neben dem Adel auch die wichtigſten Staͤdte des Landes zur Theilnahme und Mitlenkung der Landesverwaltung heranzogen und end⸗ lich der edle Meiſter Heinrich von Plauen im Jahre 1412 1) Vgl. Hüllmann Geſch. des Urſprungs der Stände S. 565 ff.
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5 586 Rechts verfaſſung des Landes. auch ſiebenundzwanzig Buͤrger aus den vornehmſten Staͤd⸗ ten mit in den Landesrath aufnahm,“ denn Danzig hatte ja kurz zuvor gezeigt, wie leicht der erſtarkte Geiſt des Buͤrgerſtandes in trotzige Widerſpenſtigkeit uͤbergehen koͤnne, wenn ihm nicht eine weiſe berechnete Richtung gegeben werde. III. Rechts verfaſſung des Landes. Daß die Kenntniß der geſchichtlichen Bildung der Rechtsverfaſſung, der verſchiedenen Rechtszuſtaͤnde und Rechtsformen eines Volkes nicht minder fuͤr den Freund der Geſchichte als fuͤr den Rechtsgelehrten in der aͤltern Landeskunde einer der intereſſanteſten und zugleich wich⸗ tigſten Gegenſtaͤnde der Forſchung ſey, iſt allgemein aner⸗ kannt. Die fortſchreitende Ausbildung und vollkommenere Entwickelung der Rechtsverfaſſung und Rechtszuſtaͤnde ei⸗ nes Landes bildet ſtets eine Art von Stufenmeſſung der geſammten Bildung ſeines Volkes. Deshalb hat auch die Rechtsgeſchichte eines Volkes fuͤr den, der deſſen Kultur⸗ entwickelung in ihrer fortſteigenden Vervollkommnung ver⸗ folgt, immer ein hoͤchſt anziehendes Intereſſe. Die Ge⸗ ſchichte der Rechtsverfaſſung Preuſſens kaͤmpft jedoch in ihrer Abfaſſung mit manchen nicht unbedeutenden Schwie⸗ rigkeiten, theils ſchon darum, weil nicht Ein in allen Be: ziehungen durchgreifendes Rechtsſyſtem, ſondern mehrerlei Rechtsſatzungen und Rechtsformen im Lande geltend wa⸗ ren, die, wie uͤberhaupt faſt alles, was geltendes Recht in Preuſſen hieß, aus verſchiedenen fremden Laͤndern hie— her uͤbertragen wurden, theils auch weil es nicht Eine gleichartige, in ſich ausſchließlich ſtammverwandte Volks⸗ maſſe, ſondern vielmehr ein ſehr verſchiedenartiges Völker: 1) Lindenblatt S. 256. 2) Lindenblatt S. 239.
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Das Kulmiſche oder Deutſche Recht. 587 gemiſch von Deutſchen, Preuſſen, Litthauern und Polen war, deren verſchiedene Rechtszuſtaͤnde geltend wurden. Es kommt endlich hinzu, daß man in früheren Zeiten nicht einmal weder über die Anzahl und Benennung, noch viel weniger uͤber das eigenthuͤmliche Weſen und den un⸗ terſcheidenden Character der hier geltend gewordenen Rechte völlig uͤbereinſtimmte.) Folgen wir urkundlichen Quel⸗ len als den ſicherſten Fuͤhrern, fo laſſen ſich das Kulmi- ſche oder Deutſche, das Magdeburgiſche, das ſ. g. Frei⸗ lehensrecht (das Preuſſiſche, ununterbrochene Erbrecht und Burglehenrecht), das Polniſche und Luͤbeckiſche Recht, die⸗ ſes letztere als Stadtrecht, als die wichtigſten geltenden Rechte im Lande erweiſen. Es iſt hier die Aufgabe, das eigenthuͤmliche Weſen und den Character jedes dieſer Rech⸗ te, wie er ſich in ſeiner geſchichtlichen Entwickelung ge⸗ ſtaltet und ausgeprägt, uͤberſichtlich zu erörtern. 9 1. Das Kulmiſche oder Deutſche Recht. Das Kulmiſche Recht wird haͤufig auch das Deutſche Recht genannt, und es konnte alſo genannt werden theils ſchon feinem Urſprunge, theils auch feinem Inhalte nach. Es war, wie wir fruͤher ſahen, die weſentlichſte Aufgabe 1) Man vergleiche nur, wie verſchieden die in Preuſſen geltenden Rechte genannt und wie abweichend über ſie geſprochen wird in der ur⸗ kunde in den Preuſſ. Samml. B. I. S. 239, in der Urkunde bei Pog el T. IV. nr. CVII. p. 148, in Hart hnoch Dissertat. de iure Prussor. F. VIII. A. und N. Preuſſ. p. 563, Kreutzfeld über den Adel der alten Preuſſ. S. 15. Nach einer Archivs = Quelle aus dem. J. 1450 galten in Preuffen das Magdeburgiſche, Kulmiſche, Preuſſiſche, Polniſche, Luͤbeckiſche und das Erbrecht. 2) Diefer Abſchnitt über die Rechtsverfaſſung Preuſſens enthält das Weſentliche einer Abhandlung uͤber dieſen Gegenſtand, welche von mir abgefaßt in der Zcitſchrift für Theorie und Praxis des Preuſſ. Rechts von Bobrik und Jaco bſon in Königsberg erſchienen iſt. In dieſer Zeitſchrift befindet fie ſich nicht nur vollftändiger und in den Einzelnhei⸗ ten ausführlicher, ſondern auch mit vielen Belegſtellen aus Urkunden verſchen, die deshalb hier auch nur ſpaͤrlich gegeben find.
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588 Das Kulmiſche oder Deutſche Recht. des Ordens bei feinem Eintritte in das Land, den Be: wohnern ſeiner erſten Staͤdte, Deutſchen Buͤrgern, die ſeinen Fahnen als Coloniſten gefolgt waren, ein Deutſches Stadtrecht zu geben, welches in ſeinen Veſtimmungen ih⸗ ren buͤrgerlichen Beduͤrfniſſen, ihren von Deutſchland aus ſchon gewohnten ſtaͤdtiſchen Verhaͤltniſſen und ihrer ganzen Deutſchen Eigenthuͤmlichkeit am meiſten entſprach. Ein für dieſe Buͤrgergemeinen zweckmaͤßiges Stadtrecht mußte demnach nothwendig auf die Grundlage aͤlterer Deutſcher Rechte gebaut und aus ſolchen Rechtsſaͤtzen verſchiedener Deutſcher Rechte zuſammengeſetzt ſeyn, welche in ihrer Anwendung fuͤr die Verhaͤltniſſe der neuen Buͤrger die paſſendſten ſchienen. Es lag offenbar in der Verſchieden⸗ artigkeit der aus ſehr verſchiedenen Eꝛgenden Deutſchlands herſtammenden Buͤrger der Staͤdte Kulm und Thorn, daß man die Uebertragung des geſammten Stadtrechts irgend einer Deutſchen Stadt nicht anwendbar und zweckmaͤßig fand; man las vielmehr aus mehren aͤltern Rechten die⸗ jenigen Rechtsbeſtimmungen aus, die ſich für die Verhaͤlt⸗ niſſe der neuen Buͤrgergemeinen am meiſten zu eignen ſchienen. Fragen wir nun nach den aͤltern Rechtsquellen, aus welchen einzelne Rechtsbeſtimmungen in das Kulmiſche Rechtsprivilegium uͤbergegangen ſind, ſo werden uns, außer dem Schleſiſchen Goldrechte und dem Freiberger Silber⸗ rechte in Bergwerksſachen, das Magdeburgiſche und das Flaͤmiſche Recht als ſolche in der Urkunde ſelbſt genannt. Aus dem erſtern wurden, wie ausdruͤcklich erwaͤhnt wird, vorzuͤglich nur die Rechtsbeſtimmungen uͤber Jurisdictions⸗ verhaͤltniſſe entnommen und auch dieſe, gewoͤhnlich das Magdeburger Weichbild genannt, durch Verminderung der Gerichtsbußen einer Veraͤnderung unterworfen.) Es iſt 4) „Wahrſcheinlich, wie Raumer Hohenſtauf. B. V. S. 291 meint, mit Ruͤckſicht auf den Geldvorrath in Preuſſen.“ Uebrigens aber kommt dieſe Ermäßigung der Magdeburgiſchen Gerichtsbußen auch anderwärts, z. B. in Breslau und mehren Schleſiſchen Städten vor, wo fie überhaupt eigentlich als Regel galt; vgl. Gaupp über Deutſche
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Das Kulmiſche oder Deutſche Recht. 589 möglich, daß unter den Umſtaͤnden, unter denen der Ent⸗ wurf des Kulmiſchen Privilegiums erfolgte, das Magde⸗ burgiſche Recht gleich urſpruͤnglich noch manchen Einfluß auf die Zuſammenſetzung der Kulmiſchen Handfeſte gehabt habe; gewiß iſt wenigſtens, daß ſpaͤterhin, als die Schoͤp⸗ pen aus Kulm ſich häufig um Urtheile und Rechtsbeleh⸗ rungen an den Schoͤppenſtuhl in Magdeburg wandten, aus dem Magdeburgiſchen Rechte unendlich Vieles in das Kul⸗ miſche Recht übergegangen iſt. Aus dem Flaͤmiſchen Rechte wurde, außer der Feſtſetzung uͤber das Flaͤmiſche Huben⸗ maaß, in das Kulmiſche Privilegium das Flaͤmiſche Erb⸗ recht aufgenommen, wodurch die Erblichkeit der Guͤter auf beide Geſchlechter zugeſtanden war und zwar mit der be⸗ ſondern Beſtimmung dieſes Rechts, daß die Frau nach dem Tode des Mannes die Hälfte feines Gutes ohne Auf⸗ gabe, die Kinder die andere Hälfte erhielten.“ Dieſes durch die Kulmiſche Handfeſte begruͤndete Kul⸗ miſche Recht blieb nun eines Theils in Preuſſen auch fernerhin das gewoͤhnliche Stadtrecht, indem mit Ausnahme weniger bei ihrer Gründung mit Lübeckiſchem Rechte bes widmeten Staͤdte, die uͤbrigen in der Regel mit Kulmi⸗ ſchem Rechte begabt wurden, natürlich nur in den Be⸗ ſtimmungen, die, abgeſehen von allen oͤrtlichen Anordnun⸗ gen fuͤr Thorn und Kulm, eine allgemeine Anwendung in den rechtlichen Verhaͤltniſſen des bürgerlichen Lebens in den Stadten finden konnten; andern Theils wurde es auf Dorf und Land übertragen, es wurde ein weitverbreitetes Landrecht, natuͤrlich wiederum auch nur in den Rechtsbe⸗ ſtimmungen, welche in den Dörflichen und Territorials Vers haͤltniſſen Anwendung fanden. Städtegründ. S. 92 — 93 und deſſen Magdeburg. und Halliſches Recht S. 39. 1) Hartknoch A. und N. Preuſſ. S. 552. Tzſchoppe und Stenzel urkunden⸗Samml. p. 104. 2) Vgl. überhaupt was B. III. S. 444 ff. über das Kulmiſche Recht ſchon geſagt iſt.
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590 Das Kulmiſche oder Deutſche Recht. Jedoch erſcheint dieſes Kulmiſche Recht nicht immer ausſchließlich unter dieſem Namen; denn wenngleich er der gewöhnliche iſt, fo wird doch haufig das Kulmiſche Recht auch ſchlechthin Deutſches Recht genannt und mit Deut⸗ ſchem Rechte ſuͤr gleichbedeutend genommen, und zwar dieß eines Theils deshalb, weil die dem Magdeburgiſchen Rechte entnommenen Rechtsbeſtimmungen uͤber Jurisdictions⸗ verhaͤltniſſe Deutſches Weichbild und die nach dieſen Be⸗ ſtimmungen entſcheidenden Gerichte Deutſche Weichbilds— Gerichte hießen,) andern Theils weil auch in Beziehung auf das Flaͤmiſche Erbrecht das Kulmiſche Recht nicht un⸗ paſſend als Deutſches Recht bezeichnet werden konnte, da erwieſen iſt, daß Flaͤmiſches und Deutſches Recht gleich: bedeutende Ausdruͤcke ſind.“ Es wird daher auch haufig in Urkunden das in das Kulmiſche Privilegium aufgenom⸗ mene Flaͤmiſche Erbrecht als Deutſches Erbrecht angeſehen und Kulmiſches Deutſches Recht genannt, beſonders bei Gründung neuer Dörfer. — Wie aber der Ausdruck Kulmiſches Recht haͤufig nur eine Beziehung auf eine ein⸗ zelne Rechtsbeſtimmung dieſes Rechts hat, ſo umfaßt auch die Benennung Deutſches Recht nicht immer den ganzen Inhalt des Kulmiſchen Privilegiums, ſondern hat oft gleich— falls nur Beziehung auf einzelne Beſtimmungen des Kulz miſchen Rechts. Nicht ſelten naͤmlich bezeichnet Deutſches Recht, wie aus dem Gefagten hervorgeht, das im Kul— miſchen Rechte geltende Erbrecht; bald umfaßt es auch 1) So heißt es z. B. in der Verſchreibungsurkunde uͤber das Dorf Heinrichsdorf vom J. 1351: Wir vorlien dem erbaren Manne Hans Clukow und finen Erben das Dorf czu beſeczczene und czu beſiczezene czu deuczſen kolmiſchen rechte mit ſogetaner undirſcheit, wir geben deſem ſelben Hanſe dy czende hube vry und das ſchultisamt und dritten pfennig von allem deuczſem wichbildesgerichte, ane unſer lenleute und unſer Po⸗ lenſchen leute, die nicht deuczſches recht haben. 2) S. Tzſchoppe und Stenzel a. a. O. p. 101. 3) So in einer Urkunde des Komthurs ne Danzig Winr. von Kniprode uͤber das Dorf Ora bei Danzig vom J. 1338, in einer Urt. uͤber das Gut Zullmin vom J. 1340.
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Das Kulmiſche oder Deutſche Recht. 591 bloß das Jurisdictionsrecht, ſo weit es das Kulmiſche Recht Gutsbeſitzern oder Erbſchultheißen zugeſtand; beſonders häufig wird daher das Schultheißenamt in Deutſchen Doͤr⸗ fern zu Deutſchem Rechte, d. h. alſo nach den Beſtim⸗ mungen des Kulmiſchen Rechts uͤber Pflichten und Rechte dieſes Amtes verliehen. Endlich aber hat der Ausdruck Deutſches Recht Überhaupt oft auch gar keine ſpecielle Bes ziehung auf das Kulmiſche Recht, wie im Allgemeinen in mehren von Slaven bewohnten Laͤndern dem Ausdrucke Deutſches Recht nicht immer eine beſtimmte Beziehung auf irgend ein Recht zugeſchrieben werden kann, ſondern er bezeichnet mitunter nichts weiter als die nach Deutſcher Art und Brauch geſtalteten Verhaͤltniſſe der Staͤdte und Dörfer. ? Dieß gilt beſonders in Ruͤckſicht des Theiles des Deutſchen Ordens- Staates, der aus frühen Zeiten her von Slaven bewohnt war, naͤmlich Pommerellens, wo ſchon laͤngſt vor des Ordens Ankunft in Preuſſen an meh⸗ ren Orten ſich Deutſche angeſiedelt und Doͤrfer mit Deut⸗ ſchem Rechte, d. h. ſolche, deren Verhaͤltniſſe Deutſcher Art waren, gegründet hatten. ? Demnach bezeichnet der Ausdruck Deutſches Recht in dieſer Beziehung den vollen Gegenſatz gegen alles Undeutſche und insbeſondere auch die Befreiung von den Laſten des Polniſchen Rechts,“ wel— ches der Orden in Pommern dadurch immer mehr zu ver⸗ draͤngen bemuͤht war, daß er keine Gelegenheit voruͤber ließ, wo er bald ganzen Dorfgemeinen, bald einzelnen Gütern ſtatt des bisherigen Polniſchen Rechts das Deutſche Recht verleihen konnte. 1) Vgl. darüber Tzſchoppe und Stenzel a. a. O. p. 99; das dort Geſagte gilt auch fuͤr Pommern. 2) Privilegium fundationis virginum in Conventu Sucko- viensi v. J. 1209. Der Komthur von Neſſau ertheilt im J. 1295 zwei Brüdern ein Stuͤck Landes ad locandum jure Theutonico, wo dieß offenbar nichts anders heißen ſoll als: ſie ſollen das Land mit Be⸗ wohnen beſetzen, die in ihren Verhältniſſen nach Deutſcher Art leben. Sell Geſchichte Pommerns B. 1. S. 383 ff. 3) Davon ſpaͤter, wenn vom Polniſchen Rechte die Rede iſt.
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592 Das Kulmiſche oder Deutſche Recht. Was die Anwendung des Kulmiſchen Rechts in den verſchiedenen Landesverhaͤltniſſen ſowohl im Allgemeinen und in feinem geſammten Umfange als in feinen einzelnen Rechts⸗ beziehungen anlangt, fo iſt ſchon früher daruͤber geſpro⸗ chen worden D und was im dreizehnten Jahrhundert hie: bei als geſetzliche Regel galt, behielt auch im vierzehnten und funfzehnten Jahrhundert allgemeine Guͤltigkeit. Es ſcheint hier jedoch zweckmaͤßig, uͤber die ſchon in der Kul⸗ miſchen Handfeſte begruͤndete Veranlaſſung zur Berufung in Gerichtsſachen an den Schoͤppenſtuhl in Kulm in zwei⸗ felhaften Rechtsfaͤllen noch einiges hinzuzufuͤgen. Die im Kulm. Privilegium gegebene Beſtimmung naͤmlich, daß wenn irgend ein Bedenken uͤber das Recht in Gerichts— ſachen oder uͤber Urtheile des Gerichtsrechts entſtehe, man ſich um Entſcheidung an die Rathsmanne von Kulm wen⸗ den ſolle, wuͤrde in doppelter Hinſicht von Wichtigkeit; zuerſt ſchon dadurch, daß mehre Staͤdte und Doͤrfer in ihren Gruͤndungs⸗ oder ſonſtigen Privilegien ausdrücklich darauf hingewieſen wurden, in Berufungen uͤber ſtreitige und zweifelhafte Rechtsfaͤlle ſich unmittelbar an den Schoͤp⸗ penſtuhl zu Kulm zu wenden und von dieſem Urtel einzu: holen, oder wie es in der damaligen Gerichtsſprache hieß, „ihre geſtraften oder gefcholtenes Urtheile in Kulm zu holen.“ ) Wie nun ſchon in viel früherer Zeit in Deutſch⸗ land für gerichtliches Rechtserholen hie und da ſ. g. Ober⸗ hoͤfe beftanden, ? bei welchen die Untergerichte Urtheile 1) S. oben B. III. S. 445 ff. 2) S. die Kulmiſche Handfefte und oben B. II. S. 239. 3) Grimm Deutſch. Rechts⸗Alterthuͤm. B. II. S. 8065: „Ein geſundes Urtheil anfechten hieß: es ſchelten (blasphemare, blämer) oder ſtrafen. Rogge das Gerichtsweſen der Germanen S. 89. Es heißt z. B. im Privileg. von Danzig: Ire geſtraften orteil ſullen ſy holen czu dem Colmen. Tſchoppe u. Stenzel urk. Samml. p. 466. 4) Grimm a. a. O. S. 834 ff. Huͤllmann Staͤdteweſen des ME. B. III. S. 89 — 90. Gaupp das Magdeb. und Halliſ. Recht S. 47.
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Das Kulmiſche oder Deutſche Recht. 593 ſuchten und an die in geſcholtenen Urtheilen Berufungen Statt fanden, ſo bildete ohne Zweifel fuͤr Preuſſen der Schoͤppenſtuhl zu Kulm einen ſolchen Oberhof, an den ſich zunaͤchſt in unmittelbarer Berufung die an ihn gewieſenen Staͤdte und Doͤrfer wandten. Aber es werden ferner auch die Städte Marienwerder, Chriſtburg, Oſterode, Gils genburg u. a. als ſolche Orte genannt, in welchen andere benachbarte Staͤdte und Doͤrfer ihre geſcholtenen Urtheile ſuchen ſollten, fo Neidenburg beim Schöppenftuhle zu Gil genburg, Biſchofswerder bei dem zu Marienwerder, Ho: henſtein bei dem zu Oſterode, mehre Doͤrfer bei dem zu Chriſtburg u. ſ. w.) Dieß waren hoͤchſtwahrſcheinlich nur Mittelhöfe oder Mittelgerichte, die für die an fie ges wieſenen Orte entſchieden, wenn ihre Rechtskenntniſſe zu⸗ reichten oder ſonſt kein Zweifel uͤber eine Sache Statt fand, die aber ſelbſt auch wieder, wenn ſie das Urtheil nicht finden konnten, um Nechtsbelchrung an den Oberhof zu Kulm gingen, oder von denen vielleicht auch noch eine weitere Berufung an den Oberhof moͤglich war; denn da wir nirgends eine Spur finden, daß von irgend einer ans dern Stadt Preuſſens, außer Kulm und Thorn, I Rechts— belehrung oder Urtheile bei einem auswaͤrtigen Schoͤppen⸗ ſtuhle jemals geſucht worden ſeyen, ſo darf man wohl den 1) Im Privilegium von Neidenburg heißt es z. B.: Ire geſchul⸗ dine Orteille ſullin ſy in unſer Stad Ilgenburg holen; in dem von Biſchofswerder: Ceterum si de aliqua sententia iudiciaria illata vel inferenda aliquod dubium emerserit, volumus quod de hoe dubio nostra civitas videliret insula sancte marie specialiter consulatur; in dem des Dorfes Hanswalde: Jure utentur Meyde- burgensi reprehensas suas sententias in Christburg civitate af- ferendo. 2) Daß man ſich Häufig auch von Thorn aus um Rechtsbelehrung an den Schöppenſtuhl in Magdeburg wandte, beweiſet nicht nur eine Urkunde im geh. Arch. Schiebl. LXXIV. nr. 3, ſondern auch eine zahlreiche Sammlung von Magdeburgiſchen Schoͤppenurtheilen auf die von Thorn aus dem Magdeb. Schöppenftuhle vorgelegten Anfragen im Fol. des geh. Arch. betirelt: Alt Culmiſches Recht. VI. 38
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594 Das Kulmiſche oder Deutſche Recht. Schluß ziehen, daß in ſolchen Fällen die Schoͤppenſtuͤhle der uͤbrigen Staͤdte des Landes ſich an den Oberhof zu Kulm wandten.) So gelangten alſo von Jahr zu Jahr theils mittelbar, theils unmittelbar eine Menge gerade der ſchwierigſten und intereſſanteſten Rechtsfaͤlle und Rechts⸗ fragen an den Schoͤppenſtuhl zu Kulm, um dort Ent⸗ ſcheidung zu finden. — Dadurch aber ward die Beſtimmung der Kulmiſchen Handfeſte, welche den Schoͤppenſtuhl zu Kulm zum Ober⸗ hof erhob, in zweiter Hinſicht von großer Wichtigkeit, in⸗ dem in ihr zunaͤchſt der Anlaß lag zur Entſtehung und Abfaſſung des beruͤhmten Rechtsbuches, welches der alte Kulm oder das alte Kulmiſche Recht genannt wird. In vielen Faͤllen naͤmlich, wenn entweder Zweifel obwalteten oder ganz ungewoͤhnliche Rechtsfaͤlle eintraten, wenn ſeine Rechtskenntniſſe nicht ausreichten oder auch ſein bisher angewandtes Recht ſich luͤckenhaft zeigte, ſah der Ober⸗ hof zu Kulm kein anderes Mittel, als ſich zu weiterer Belehrung mit ſeinen Rechtsfragen an den Schoͤppenſtuhl zu Magdeburg zu wenden, weil eben das Magdeburgi⸗ ſche Recht in Jurisdictionsſachen die Grundlage ſeines Schoͤppenrechts war. Die Reſcripte des Schoͤppen⸗ ſtuhls zu Magdeburg als Antworten auf ſolche Rechts⸗ fragen wurden in Kulm und Thorn geſammelt und aufs gehoben, es haben ſich ihrer eine große Zahl bis auf unſere Zeit erhalten. Sie bilden ohne Zweifel die 1) Jus Culmense, Danzig 1767 p. 15. §. 27. 2) Gaupp Magdeb. und Halliſ. Recht S. 177 behauptet zwar: „Culm durfte bekanntlich keine Urtheile aus Magdeburg holen;“ allein dieſe Behauptung iſt durchaus falſch und es zerfällt daher auch die dar⸗ auf gebaute Hypotheſe, daß ſich die Stadt Culm bei Anordnung ihres Rechtsbuches der Breslauer Rechtsſammlungen bedient habe. Wir wiſſen ſicher, daß Kulm feine Urtheile aus Magdeburg und, wir möchten bes baupten, nur allein aus Magdeburg holte. 3) Die von Kulm befinden ſich zahlreich theils im Fol. des geh. Arch. betitelt: Alt Culm. Recht, theils im Fol. Ellen⸗Hubenmaaß
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Das Magdeburgiſche Recht. 595 Hauptgrundlage des Alten Kulms;“ denn außer den Reſcripten des Schoͤppenſtuhles zu Magdeburg ſammelte man auch in andern Laͤndern, in denen Magdeburgiſches Recht galt, eben ſolche Reſcripte, und aus dieſen einzel⸗ nen Rechtsfragen und Antworten, den geſammelten Re: ſcripten, dem Saͤchſiſchen Weichbilde u. a. wurde nach— mals, indem man das Einzelne in eine beſtimmte Ord- nung brachte und das Gleichartige in gewiſſe Faͤcher zu⸗ ſammenſtellte, jenes alte Rechtsbuch, der Alte Kulm, in fünf Büchern verfaßt. Es wird angenommen, daß es im vierzehnten Jahrhundert, aber ſicher erſt nach dem darin erwaͤhnten Jahre 1321 entſtanden ſey. Der Anordner oder Verſaſſer iſt unbekannt und man hat vermuthet, daß die Zuſammenſtellung uͤberhaupt nicht unter oͤffentlicher Auctorität, ſondern als Unternehmen irgend eines Rich⸗ ters oder Schoppen erfolgt fey. ? Doch iſt hiebei noch vieles dunkel. 2. Das Magdeburgiſche Recht. Wenn vom Magdeburgiſchen Rechte als in Preuſſen geltend die Rede iſt, ſo muß wohl unterſchieden werden, was einer Seits von dieſem Rechte ſchon in der Kulmi- ſchen Handfeſte oder im uͤberbrachten alten Kulmiſchen Rechte überhaupt enthalten war und was anderer Seits von dieſem Rechte durch foͤrmliche Bewidmung mit Mag⸗ deburgiſchem Rechte geltend wurde. Jenes betraf, wie wir geſehen, vorzüglich Jurisdictionsverhaͤltniſſe, alſo daß u. ſ. w. Schon Hartknoch A. u. N. Preuff. S. 574 erwähnt ſol⸗ cher Sammlungen; ſ. Gaupp a, a. O. S. 171. 1) Bekanntlich iſt dieſe Anſicht in neueren Zeiten, beſonders von Gaupp a. a. O. beſtritten. Allein es wird fie anderweitig Gelegen⸗ heit geben, die obige Behauptung feſt zu begruͤnden. 2) Vgl. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. P. 574. Gaupp a. a. O Hier iſt keineswegs der Ort, näher auf das Einzelne einzugehen, da ed uns nur auf einen Ueberblick in der Sache ankommt. Das Nähere wir noch anderwärts zur Sprache gebracht werden. 38 *
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596 Das Magdeburgiſche Recht. alle Staͤdte, Doͤrfer und einzelne Beſitzer mit Kulmiſchem Rechte begabt, zugleich auch Magdeburgiſches Recht in ih⸗ ren Gerichtsverhaͤltniſſen hatten. In dieſer Beziehung galt Kulmiſches und Magdeburgiſches Recht fuͤr ein und daſſelbe.) Es wurde daher, mit Ausnahme der weni: gen mit Luͤbeckiſchem Rechte bewidmeten Staͤdte, in allen übrigen bei gerichtlichen Verhandlungen nach Magdeburgi⸗ ſchem Rechte verfahren. Verſchieden von dieſem war aber das erſt ſpaͤter eingefuͤhrte Magdeburgiſche Lehenrecht im Territorial⸗Beſitze, wodurch neben den Kulmiſchen Gütern auch Magdeburgiſche Lehenguͤter entſtanden. Im dreizehn⸗ ten Jahrhundert geſchah jedoch noch gar keine Verleihung auf Magdeburgiſches Recht und ſelbſt in den erſten Jahr⸗ zehnden des vierzehnten Jahrhunderts gelten ſie noch als Seltenheiten. Erſt unter den Hochmeiſtern Dieterich von Altenburg und Heinrich Duſmer von Arfberg tritt dieſes Recht bei Guͤterverleihungen mehr in Gebrauch, beſonders in Pommerellen, wo es in vielen Faͤllen das Polniſche Recht verdraͤngte. Eine weite Verbreitung indeſſen er⸗ hielt es auch unter den nachfolgenden Hochmeiſtern noch keineswegs, denn Winrich von Kniprode und ſeine naͤch⸗ ſten Nachfolger thaten noch meiſtentheils die Guͤter auf Kulmiſches oder andere geltende Rechte aus. Weit allge⸗ meiner ward das Magdeburgiſche Lehenrecht erſt im funf⸗ zehnten Jahrhundert, insbeſondere in der Zeit des Hoch⸗ 1) Dieß weiſet ein Magdeburgiſ. Schoͤppenurtheil für Thorn hin⸗ reichend aus. 2) Alſo nicht erſt ſeit der Zeit des Hochmeiſters Konrad von Wal⸗ lenrod, wie der Verfaſſer der Abhandlung über Preuff, Lehen in Bacz⸗ ko Annal. des Königr. Preuſſ. 1793. Quart. 3 S. 43 anzunehmen ſcheint. Fuͤr die Zeit Dieterichs von Altenburg und Heinrichs Duſmer von Arfberg laſſen ſich Verleihungen auf Magdeburgiſches Recht im Ver⸗ ſchreibungsbuch des geh. Arch. nr. 4 p. 7. 10. u. ſ. w. und im Fol. Privileg. vom Stifte Samland ſicher nachweiſen. Die bis jetzt aufge⸗ fundenen ältefien Verleihungen dieſes Rechts find aus den J. 1338 und 1339 und zwar großen Theils in Pommern, aber auch ſchon einzeln fuͤr Guͤter in Samland.
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Das Magdeburgiſche Recht. 597 meiſters Michael Kuͤchmeiſter von Sternberg in Gebrauch gebracht, denn dieſer war es vorzuͤglich, der dieſes Recht faſt durch ganz Preuſſen verbreitete. Achtet man uͤberhaupt naͤher auf den Gang, den das Magdeburgiſche Recht in ſeinem zunehmenden Geltend⸗ werden im Lande neben dem Kulmiſchen Rechte nahm, ſo legt ſich auch hierin einer Seits die ſteigende Macht und anderer Seits das allmaͤhlige Sinken des Ordens deutlich an den Tag. So lange dieſer zur Bekämpfung und Ueberwaͤltigung der Preuſſen einſt vor allem noch der Dienſte der Deutſchen Einſaſſen im Lande bedurfte, hatte er ihnen auch ganz ausſchließlich den Vorzug des Kulmi⸗ ſchen Rechts verliehen, denn wir wiſſen, daß in den früh: ſten Zeiten nur Deutſche dieſes Rechts gewuͤrdigt wurden. Als er hierauf die Preuſſen bezwungen hatte und es jetzt wegen feiner weitern Kämpfe mit den Nachbarvoͤlkern nd» thig ward, ſich der Treue und Dienſtwilligkeit der Preufs ſen zu verſichern, beguͤnſtigte er auch dieſe mit dem Vor⸗ zuge des Kulmiſchen Rechts, fo lange er gegen die häus figen Einfälle der Feinde der Dienſte und Leiſtungen der Preuſſen bedurfte. Allein noch vor der Mitte des vier⸗ zehnten Jahrhunderts fing man ſchon an, ſtatt des Kul- miſchen Rechts das fir den Grundbeſitzer weniger vors theilhafte Lehenrecht zu verleihen und zwar zunaͤchſt am meiſten in dem Theile des Ordensſtaates, wo er der Bei⸗ huͤlfe und Unterſtuͤtzung ſeiner Unterthanen zu ſeinen Krie⸗ gen vorerſt am wenigſten zu beduͤrfen ſchien, nämlich in Pommerellen. Gegen Ende des vierzehnten und im An⸗ fange des funfzehnten Jahrhunderts, wo die vereinte Macht Litthauens und Polens dem Orden noch ſo ſtark drohend gegenuͤber ſtand, behauptete die Ertheilung des Kulmiſchen Rechts im Ganzen immer noch den Vorrang, denn auch unter den Hochmeiſtern Konrad und Ulrich von Jungingen wird das Magdeburgiſche Recht immer nur erſt maͤßig verliehen. Später indeſſen, bald nach der Schlacht bei Tannenberg, da die Kraft des Ordens ſchon gebrochen
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598 Das Mag deburgiſche Recht. und ſeine Bluͤthe dahin war, geſchah die Ertheilung die— ſes Rechts in eben dem Maaße häufiger und gewöhnlis cher, als die des Kulmiſchen immer ſeltener ward, denn der Orden ſah nun ſchon offenbar jenes mit als ein Mit⸗ tel an, dem Mangel feiner Kräfte und feinen geſchmaͤler— ten Einfünften zu Hülfe zu kommen.) — Beide Rechte begründeten bekanntlich eine ſehr verſchiedene Erbfolge, denn das im Kulmiſchen Rechte geltende Erbrecht hatte den Vorzug der Erbfolge auf beide Geſchlechter, das Mag: deburgiſche dagegen ein weit ſtrengeres Lehensfolgerecht, zumal in feiner fruͤhſten Geſtalt, in der es noch im gan⸗ zen Verlaufe des vierzehnten Jahrhunderts in Preuſſen galt. Es war dieſes noch das ſ. g. ſchlechtweg Magde⸗ burgiſche Recht,“ darin mit dem gewöhnlichen Lehen⸗ rechte uͤbereinſtimmend, daß es nur den Soͤhnen ein glei⸗ ches Erbrecht zugeſtand und die Toͤchter, ſowie fruͤher mit dem Sächſiſchen Lehenrechte auch die Seitenverwandten (wenn ſie nicht zugleich mitbelehnt waren) ausſchloß. Es unterſchied ſich von dem fpätern Magdeburgiſchen Rechte „zu beiden Kunnen“ oder zu beider Kinder Rechte“ darin, daß dieſes in der Erbfolge in Ermangelung maͤnnlicher Erben duch die Toͤchter als Erben zuließ. Naturlich alſo fand aer Orden in Ertheilung des Magdeburgiſchen Rechts in feiner altern Form viel leichter ein Mittel zur Ergänzung feiner ſchwindenden Kräfte als im Kulmifchen. * 1) Diefes Reſultat ergiebt ſich aus der Vergleichung der zahlreichen Verſchreibungen zu Kulmiſchem und Magdeburgiſchem Rechte aus dem 14ten und 15ten Jahrhundert in den Verſchreibungsbuͤchern des geh. Archivs. 2) Jus Magdeburgense oder Magdeburgicum simplex. Ge⸗ wöhnlich ſpricht die ſtrenge Lehenserbfolge dieſes Rechts ſich auch in den Worten aus: es werde verliehen veris heredibus, worunter nur maͤnn⸗ liche Erben verſtanden ſind. 3) Jus Magdeburgicum ad utrumque sexum. Das Deutſche „zu beiden Kunnen oder Konnen“ kommt bekanntlich vom althochdeut⸗ ſchen chunni, kunni ſ. v. a. genus. 4) Es heißt daher auch in allen Verſchreibungsurkunden Uber Mag⸗
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Das Magdeburgiſche Recht. 599 Was die Anwendung dieſer beiden Magdeburgiſchen Lehenrechtsformen in Preuſſen betrifft, fo wurde in frühes rer Zeit ausſchließlich nur das ſchlechtweg Magdeburgiſche Recht ertheilt und der Orden geſtattete demnach keine Erbfolge der Toͤchter in Magdeburgiſchen Gütern. Starb der männliche Stamm aus, fo fiel das Magdeburgiſche Gut an den Orden zuruck. Im Ordenstheile von Poms mern, wo es, wie erwaͤhnt, am fruͤhſten erſcheint, trat es haͤufig an die Stelle des bisher noch geltenden Polni⸗ ſchen Rechts. In Preuſſen wurde es mitunter ſchon früh auch ſelbſt in ſolchen Gegenden verliehen, wo ſonſt wie im Kulmerland faſt ausſchließlich nur Kulmiſches ⸗ Recht gewoͤhnlich war. In Betreff der Territorial⸗Verhaͤltniſſe fand, mit Ausnahme der verſchiedenen Erbfolge, zwiſchen Magdeburgiſchen und Kulmiſchen Gütern kein bedeuten⸗ der Unterſchied Statt, denn in der Regel hatte der Bez ſitzer zu Magdeburgiſchem Rechte die hohe und niedere Gerichtsbarkeit, leiſtete Kriegsdienſte zur Landwehr und zu Kriegsreiſen zugleich mit ſeinen Hinterſaſſen, wenn er ſol⸗ che hatte, entrichtete Pflugkorn, meiſt auch Wartgeld und Schalvenskorn, zahlte den Kulmiſchen Pfennig und lie⸗ ferte ein Pfund Wachs zur Anerkennung der Oberherrlich⸗ keit des Ordens u. ſ. w., wie der Kulmiſche Beſitzer. Auch war dieſes Recht keineswegs bloß auf Deutſche be⸗ ſchraͤnkt, ſondern wie in Pommerellen haͤufig Beſitzer Sla⸗ viſcher Abkunft, ſo wurden in Preuſſen ſehr oft auch Ab⸗ koͤmmlinge alter Stamm⸗Preuſſen damit begabt, weshalb es auch nicht ſelten mit einem beſtimmten Wehrgelde im Falle der Ermordung des Beſitzers verbunden erſcheint.“ Bei Veraͤußerung Magdeburgiſcher Guͤter durch Ver⸗ kauf war man immer ſehr darauf bedacht, daß das Be⸗ ſitzthum nicht in einzelne Theile zerfalle, weshalb dieſes deburgiſches Recht aus dem 14ten Jahrh. immer ganz einfach nur Jure Magdeburgensi oder „zu Magdeburgiſchem Rechte.“ 1) Bald hat dieſes Wehrgeld die Höhe von 30, bald von 60 Mark.
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600 Das Magdeburgiſche Recht. meiſtens auch als ausdrückliche Bedingung feſtgeſtellt wurde. Der weſentlichſte Grund davon war die Erhaltung des auf den Guͤtern ruhenden vollſtaͤndigen Kriegsdienſtes, wie daraus hervorgeht, daß die Veraͤußerung eines Theiles oder auch die Theilung eines Gutes unter mehre Bruͤder ſtets nur unter der Bedingung zugeſtanden wurde, daß die eins zelnen Theile dem Orden dann eben ſo viele beſondere Dienſte zu leiſten haͤtten.) Aufs weibliche Geſchlecht wurde in Verleihungen zu Magdeburgiſchem Rechte im Verlaufe des vierzehnten Jahrhunderts nur wenig Ruͤckſicht genommen, denn nur zuweilen findet ſich fuͤr den Erben eines Magdeburgiſchen Gutes die Verpflichtung, die hin⸗ terbliebenen Tochter des verſtorbenen Beſitzers in geziemen⸗ der Weiſe auszuſtatten. ” So lange ausſchließlich nur ſchlechtweg Magdebur⸗ giſches Recht verliehen wurde, war natürlich eine weitere Beſtimmung der Lehenserbfolge bei Verleihungen nicht nothwendig. Als man dagegen im funfzehnten Jahrhun⸗ dert mehr und mehr anfing, Magdeburgiſches Recht zu beiden Kindern, alſo auch mit Erbfolgerecht fuͤr Toͤchter zu verleihen, mußten unerlaͤßlich unterſcheidende Beſtim⸗ mungen eintreten. Es geſchahen daher jetzt Verleihungen entweder auf ſchlechtweg Magdeburgiſches Recht, ohne weitere Beſtimmung, oder ſolche auf Magdeburgiſches Recht zu beis den Kunnen, oder die Erbfolge wurde ausdruͤcklich auf die Toͤchter ausgedehnt und für einzelne Fälle noch beſon⸗ ders näher beflimmt, ® 1) Dann heißt es in Urkunden z. B. Volumus etiam, quod si predicta bona per predictos fratres aut eorum heredes vel suc- cessores dividentur, quot partes erunt, tot servicia secundum posse eorum facere debent de bonis supradictis. 2) Urkunde Dieterichs von Altenburg vom J. 1339. 3) Es wird z. B. ein Gut verliehen „frei, erblich und ewiglich zu Magdeburgiſchem Rechte, doch mit ſolcher Unterſcheidenheit, were es, das der vorgenannte nicht manneserben, ſondern tochter nach feinem tode laſſen wuͤrde, ſo thun wir den tochtern ſolche genade, das das obge⸗ nante gut an fie erben ſolle.“
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Das Freilehensrecht. Preuſſiſche Recht. 601 Staͤdten und Doͤrfern wurde dieſes Lehenrecht na⸗ tuͤrlich nie verliehen. Ebenſo zogen in der Regel fremde Einzoͤglinge, die ſich als Koloniſten niederlaſſen wollten, das Kulmiſche Recht dem Magdeburgiſchen vor, weil die⸗ ſes fuͤr ihre Nachkommen keine ſo ſichere Buͤrgſchaft im Beſitze ſtellte, wozu auch kam, daß der Orden ſich hie und da Verſetzungen Magdeburgiſcher Grundbeſitzer aus einer Gegend in eine andere erlaubte, wobei die verhei⸗ ßenen Entſchaͤdigungen wohl nicht in allen Fällen genuͤ⸗ gen mochten. Hoͤchſt ſelten erbaten ſich daher auch Bes ſitzer ihre Güter ausdruͤcklich zu Magdeburgiſchem Rechte aus. Wie wir aber ſpaͤter ſehen werden, unterlag die⸗ ſes Recht nachmals noch mancherlei Veränderungen. 3. Das Freilehensrecht; Preuſſiſche Recht; ununter⸗ brochene Erbrecht und Burglehenrecht. Wenn Kulmiſches und Magdeburgiſches Recht eben⸗ fo an Preuſſen, wie an Deutſche Einſaſſen verliehen wur: de, ſo waren dagegen mit Freilehensrecht, Preuſſiſchem Recht, ununterbrochenem Erbrecht und Burglehenrecht aus⸗ ſchließlich immer nur Preuſſen bewidmet und nie erhielt dieſe Rechte ein Deutſcher Beſitzer. Das Weſentliche im Character dieſer Rechte, wie ſie ſich im dreizehnten Jahr⸗ hundert ausgebildet, haben wir früher kennen gelernt. Bedeutende Veraͤnderungen darin waren auch ſpaͤterhin nicht vorgefallen. Dem Namen nach gab es freilich eben ſo wenig ein Freilehensrecht als Freilehensguͤter und Frei⸗ lehensleute; aber es fand ein den Preuſſen allein zu⸗ ſtaͤndiges Recht Statt, welches ſich durch die in ihm be⸗ gründete Freiheit von Zehentleiſtung und baͤuerlicher Ar: 1) Wie der Brief des Komthurs von Balga an den HM. vom J. 1428 über die Anfegung neuer Koloniften in der Wildniß bei Johannis⸗ burg ausweiſet. 2) urk. Dicterichs von Altenburg. 3) S. B. III. S. 434 — 443. IV. S. 594 ff.
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602 Das Freilehensrecht. Preuſſiſche Recht. beit, durch eine beſondere Erbfolge, durch ungemeſſene Kriegsdienſtpflicht, durch regelmaͤßige Feſtſtellung eines be⸗ ſtimmten Wehrgeldes u. ſ. w. als ein beſonderes Recht geſtaltete; es gab ferner, wie wir ſahen, Beſitzungen auf dieſes Recht, welche durch den Character deſſelben den Namen Freiguͤter oder Preuſſiſche Freiguͤter erhalten hat⸗ ten, und es gab endlich Beſitzer, welche davon die Freien oder Preuſſiſche Freien genannt wurden. Man hat dem Rechte, nach welchem dieſe Freilehensguͤter ausgethan wur⸗ den, den Namen des Preuſſiſchen Rechts gegeben; allein fo paſſend er auch iſt, fo hat man doch ſelten damit ei- nen beſtimmten und richtigen Begriff verbunden.“) Viel⸗ leicht moͤchte Folgendes zu näherer Erlaͤuterung dienen. Es iſt von ſelbſt klar, daß diejenigen Preuſſen, welche ihre Beſitzungen weder auf Kulmiſches noch auf Magdeburgiſches Recht hatten, auch in allen ihren Rechts⸗ verhaͤltniſſen nicht an dieſe Rechte gebunden ſeyn konnten, ſondern daß vielmehr ein Recht vorhanden ſeyn mußte, welches fuͤr ſolche Bewohner des Landes die noͤthigen Rechts⸗ beſtimmungen enthielt und nach welchen ihre Nechtsverhält: niſſe geſtaltet wurden. Dieß war das f. g. Preuſſiſche Recht.) Wie aber das Kulmiſche Recht im Allgemeinen die Geſammtheit aller Rechtsverhaͤltniſſe derjenigen um⸗ faßte, welche ihre Beſitzungen auf dieſes Recht erhalten hatten, ſo auch das Preuſſiſche Recht; woraus von ſelbſt folgt, daß wenn vom Preuſſiſchen Rechte uͤberhaupt die Rede iſt, nicht an ein einzelnes beſtimmtes Rechtsverhaͤlt⸗ niß, mit Ausſchluß aller andern, gedacht werden darf, denn in der Anwendung findet es ſich auch wirklich in Beziehung geſtellt zu den verſchiedenen Rechtsverhaͤltniſſen der Preuſſiſchen Grundbeſitzer. 1) Vgl. daruͤber Hartknoch A. u. N. Preuſſ. p. 563, aus deſſen Worten klar hervorgeht, daß er einen unrichtigen, wenigſtens durchaus nicht umfaſſenden Begriff vom Preuſſ. Rechte hatte. 2) Jus Prutenicum oder Pruthenicale, wie es in Urkunden hun⸗ dertfältig genannt vorkommt.
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Das Freilehensrecht. Preufſiſche Recht. 603 Achtet man naͤmlich genauer auf die verſchiedenen Beziehungen dieſes Rechts, ſo erſcheint es erſtens als ein beſtimmtes Erbfolgerecht oder als ein eigenthuͤmliches Preuſ⸗ ſiſches Erbfolgerecht.“ Als ſolches beſtand es jedoch in doppelter Form, eines Theils naͤmlich in der, in welcher es fchon der bekannte Vertrag vom Jahre 1249 feſtſtellte, alſo daß nicht bloß Söhne, ſondern auch Toͤchter in den Beſitz der Freilehen eintreten konnten, wie auch wirklich die letztern oft ausdruͤcklich als Erben zugelaſſen werden, andern Theils in der ſtrengeren Form des ununterbrochenen Erbrechts, nach welchem das Freilehen in gerader Linie herunter bis auf den letzten männlichen Erben fällt? Es war bekanntlich in dem erwaͤhnten Vertrage, obgleich der Orden ſchon damals vorzuͤglich durch den Grundſatz ge⸗ leitet wurde, die Lehenguͤter der Preuſſen in der Erbfolge ſo viel als möglich in männlicher Linie feſtzuhalten, den Unterworfenen ein ziemlich ausgedehntes Erbrecht zugeſtan⸗ den worden. Allein die erfolgte Empoͤrung der Preuſſen hatte mit allen in dem Vertrage beſtimmten Rechten auch dieſes freiere Erbrecht aufgehoben und um ſich in Bezie⸗ hung auf die den Preuſſen verliehenen Lehenguͤter ſicherer zu ſtellen, hatte der Orden an die Stelle jenes freieren Erbrechts das ſ. g. ununterbrochene Erbrecht geſetzt, nach welchem die Erbfolge „ſtetig und ununterbrochen, nur in gerader Linie herunter bis auf den letzten männlichen Ers ben fällt und da aufhört." ? Dieſe ſtrenge, ununter⸗ brochene Erbfolge galt nun auch allerdings bei den Frei⸗ lehensguͤtern im Allgemeinen als vorherrſchende Regel und gehoͤrte ſonach mit zu deren eigentlichem Character. Allein ſchon in früher Zeit, d. h. im dreizehnten Jahrhundert hatte der Orden, um einzelne Preuſſen fuͤr ihre Verdienſte zu belohnen und andere fuͤr ſich mehr zu gewinnen, nicht 1) Das in Freilehensverſchreibungen ſehr häufig vorkommende, aber auch oft vorausgeſetzte Jus hereditarium Pruthenicale. 2) Kreutzfeld vom Adel der alten Preuſſ. S. 16. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. p. 563.
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604 Das Freilehensrecht. Preuſſiſche Recht. ſelten bei Verleihung dieſer Guͤter ſich auch Ausnahmen von der ſtrengen Regel erlaubt, d. h. bei dieſen Gütern auch die Erblichkeit auf beide Geſchlechter zugegeben, ſo daß erſt in Ermangelung von Erben beides Geſchlechts die auf Preuſſiſches Erbrecht verliehenen Guͤter an den Orden zuruͤckfielen.) Man findet auch, daß dieſes Preuſ—⸗ ſiſche Erbrecht zuweilen an ganze mit Preuſſen beſetzte Dorſſchaften verliehen wurde. Schied dann ein Dorfbe⸗ wohner aus der Gemeine aus, fo durfte er fein Beſitz⸗ thum nicht veraͤußern, ſondern mußte, weil es ein Dorf⸗ lehen war, ohne weiteres darauf Verzicht leiſten.“ — Das Preuſſiſche Recht erſcheint zweitens auch oft in einer beſtimmten Beziehung auf gewiſſe Abgaben, Leiſtungen und Dienſte, welche der Orden von den Beſitzern Preuſſiſcher Freilehen nach Landesgewohnheit verlangte, wohin beſon⸗ ders der fuͤr Preuſſiſche Freilehensbeſitzer eigenthuͤmliche Kriegsdienſt mit ſ. g. Preuſſiſchen Waffen und auf unge⸗ meſſene Zeit gehoͤrte.“ — Noch weit häufiger findet ſich drittens das Preuſſiſche Recht in einer beſtimmten An⸗ wendung in Jurisdictionsverhaͤltniſſen. Da der Orden res gelmaͤßig die Gerichtsbarkeit uͤber die Preuſſen ſich ſelbſt und ausſchließlich vorbehielt, ſo mußte er ſie nach einem beſondern Rechte richten, und dieſes war das Preuſſiſche Recht in Jurisdictionsfaͤllen, worin ſich der Preuſſiſche Lehensbeſitzer weſentlich vom Kulmiſchen unterſchied, denn auch in dieſer Beziehung bildeten Kulmiſches oder Deut⸗ ſches Recht und Preuſſiſches Recht gewiſſermaßen Gegen: ſaͤtze.) — Mit dieſer Beziehung auf Jurisdictionsver⸗ haͤltniſſe ſteht viertens in enger Verbindung die vollig 0 1) Vgl. oben B. III. S. 429. 435. 450 — 451. 2) Urk. des Biſchoffs Jacob von Samland vom J. 1346. 3) Daher wurden auch die nach dem Preuſſ. Rechte zu leiſtenden Dienſte „Preuſſiſche Dienſte“ genannt. Urk. des Domkapitels von Por mefanien vom J. 1401 in Privileg. Capit. Pomesan. p. LXXXV. 4) Verſchreib. des Domkapitels von Ermland: Judieia maiora et minora in sepedictis bonis Jure prutenico nostri Capituli Ad-
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Das Freilehensrecht. Preuſſiſche Recht. 605 gleiche Bedeutung des Preuſſiſchen Rechts und des Wehr⸗ geldsrechts, denn wie ſchon fruͤher bewieſen iſt, heißt Ver⸗ leihung des Preuſſiſchen Rechts haͤufig nichts weiter als Beſtimmung eines gewiſſen Wehrgeldes bei der Toͤdtung eines mit dieſem Rechte begabten Freilehensmanned. In dieſer Beziehung hat beſonders im Verlaufe des vierzehn⸗ ten Jahrhunderts das Preuſſiſche Recht eine große Ver⸗ breitung gewonnen, denn es gab wenig Freilehensbeſitzer mehr, die nicht zugleich ein beſtimmtes Wehrgeld gehabt haͤtten. Aus dem allen leuchtet aber wohl klar ein, daß das Preuſſiſche Recht keineswegs, wie man früher glaubte, ſich nur auf ein beſtimmtes Erbrecht beſchraͤnkte, ſondern uͤber⸗ haupt mehrfache Rechtsverhaͤltniſſe umfaßte. Wird nun aber ſchon durch dieſes Recht in feinen verſchiedenen Bes ziehungen der Character der Freilehensguͤter ziemlich ſcharf gezeichnet, ſo kommt noch ferner hinzu, daß mit dem Freilehensrechte gewoͤhnlich auch die rechtliche Befugniß verbunden war, die Lehensbeſitzung mit Bauern und Hin⸗ terſaſſen zu beſetzen, von dieſen gewiſſe Dienſte und Leis ſtungen zu fordern, über fie die Gerichtsbarkeit, gewoͤhn⸗ lich wenigſtens die niedere zu uͤben u. ſ. w. Streng hielt man dagegen auf die Untheilbarkeit dieſer Guͤter in der Erbfolge, denn nach dem ununterbrochenen Erbrechte ſoll⸗ ten ſie, wie ſchon fruͤher erwaͤhnt, eigentlich nie theilbar ſeyn, wenn auch mehre Soͤhne eines Beſitzers vorhanden waren. In der Regel folgte daher im Beſitze der aͤlteſte Sohn oder der Orden beſtimmte aus mehren Soͤhnen den Erben des Gutes, oder, was ebenfalls haͤufig geſchah, das Lehensgut wurde zwei oder drei Brüdern zugleich ver⸗ fhrieben. ? Nun mochte zwar allerdings nicht ſelten der Fall eintreten, daß nachgeborene Soͤhne ohne Beſitz blie⸗ vocatus, qui tune pro tempore fuerit, iudicabit; vgl. B. IV. S. 395. 1) Hierüber iſt hinlänglich oben B. IV. Beil. nr. II. geſprochen. 2) Vgl. B. III. S. 435 — 436.
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606 Das Freilehensrecht. Preufſiſche Recht. ben; da indeſſen die erbloſen oder erledigten Lehen dem Orden anheimfielen und neu ausgethan werden mußten, fo bot ſich dadurch wiederum vielfache Gelegenheit dar, auch die nachgeborenen Soͤhne mit laͤndlichem Eigenthum zu begaben. Eben ſo waren dieſe Guͤter ihrem Weſen nach nicht freiveraͤußerlich. Zuweilen jedoch ertheilte der Orden ſogleich bei der Verleihung die Erlaubniß, das Freilehens⸗ gut zu verkaufen oder zu vertauſchen, aber nur mit Wiſ— ſen und Genehmigung der Ordensgebietiger und ſtets unter Vorbehalt der Oberherrlichen Rechte. Ueberhaupt darf nicht unbemerkt bleiben, daß bei keinem andern in Preuſſen geltenden Rechte die Rechtsverhaͤltniſſe im Einzelnen bei der Anwendung fo manchfaltig wechſelten und die gelten— den Regeln von fo vielfältigen Ausnahmen und Abändes rungen durchkreuzt wurden, wie bei dieſem Freilehens⸗ rechte; woraus man faſt ſchließen moͤchte, als habe der Orden ſich gerade bei dieſem nur eigentlichen Preuſſen zus kommenden Rechte einen moͤglichſt freien Spielraum zu allerlei einzelnen Freiheiten, Begnadigungen und Beguͤnſti⸗ gungen, welche theils Zeit-, theils Orts-, theils perſoͤn⸗ liche Verhaͤltniſſe erforderten, nicht ohne Abſicht ofen ges laſſen.) Das Burglehenrecht bildete eine Art von Mittels oder Nebengattung von Kulmiſchen Guͤtern und Freilehen, denn es band ſich nicht ſtreng an eins der beiden Rech— te; es gab Burglehen zu Kulmiſchem und zu Freilehens⸗ recht.) Da die Ordensritter die ihre Burgen betreffen- den Dienſte zum Theil ſelbſt verrichteten, ſie z. B. mit ihren eigenen Waffen bewachten und vertheidigten, zum 1) Außer der doppelten Form in der Erbfolge, der verſchiedenen Höhe im Wehrgelde und den verſchiedenen Beſtünmungen in der Juris⸗ diction wechſeln z. B. auch noch die Beguͤnſtigungen mit freier Holzbe⸗ nutzung, freier Jagdgerechtigkeit, freier Fiſcherei u. dgl. in den Frei⸗ lehensguͤtern ab. Auf dieſe Ungleichheit macht auch Hartknoch A. u. N. Preuſſ. p. 564 aufmerkſam. 2) Vgl. oben B. III. S. 468.
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Das Freilehensrecht. Preuſſiſche Recht. 607 Theil auch ihre Lehensleute an ſich ſchon zu ſolchen Burg⸗ dienſten verpflichtet waren, ſo finden ſich Burglehen im eigentlichen Ordensgebiete uͤberhaupt gar nicht und nur in den biſchoͤflichen Landestheilen erſcheinen ſie als eine beſondere Gattung von Lehensguͤtern. Wir lernen ihre Verhaͤltniſſe am beſten im Gebiete des Biſchofs von Sam⸗ land kennen,) denn da fein Landestheil von jeher den feindlichen Einfaͤllen von Oſten her ſehr ausgeſetzt war, ſo mußte er auch um ſo mehr bemuͤht ſeyn, ſeine Lan⸗ desburgen ſtets mit allen Mitteln der Vertheidigung zu verſehen. Eins der wichtigſten war, daß er um dieſe Burgen wehrhafte Leute anſaͤſſig machte, die er für das ihnen zuertheilte Land vor allem zum Kriegsdienſte bei Vertheidigung der Burgen und zum Wachdienſte bei etwa drohenden Gefahren verpflichtete. Dieß blieben immer die weſentlichſten Verpflichtungen des Burglehen-Man⸗ nes. Mitunter hatten die Burglehen-Leute außerdem noch andere zinspflichtige Güter und waren nur zinsfrei in Rückſicht ihrer Burglehen. Beſaßen fie dieſe auf Frei⸗ lehensrecht, ſo ſtand ihnen auch Freiheit vom Zehnten und von baͤuerlicher Arbeit zu. Als Beſitzer dieſer Burg⸗ lehen hießen fie Burgmanne, Burgleute oder Bürger. Verſaͤumten ſie die ihnen obliegenden Dienſtpflichten, ſo konnten ihnen die Burglehen genommen und anderweitig ausgegeben werden. Außer ihnen ſaßen auf den Lehen 1) Einzelne kommen auch in Ermland vor; nur in Pomeſanien und Kulmerland keine Spur davon. 2) In einer Verſchreibung des Biſchofs von Samland vom J. 1332 heißt es: Der Beſitzer einer Anzahl von Huben in der Gegend der biſchöfl. Burg Fiſchhauſen ſolle haben unam partem videlicet bono- rum huiusmodi titulo feudi, quod Borklehen dieitur, reliquam vero partem sub annuo censu; dann wird hinzugefügt, daß auch feine Erben partem dietorum bonorum in feudum castri nostri Bischoveshusen, quod borklehen dicitur teneant et bossideant, sicut ab antiquo pacifice sunt possessa, de quibus pro defen- sione castri nostri jamdieti contra quoslibet ipsum impugnantes, ad quaeque fidelitatis obsequia sint astricti.
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608 Das Polniſche Recht. als Hinterſaſſen Burgdienſtknechte oder Geleitsknechte, die den Burgmann in ſeinem Kriegsdienſte zur Vertheidigung der Burg begleiten mußten, uͤber die er die niedere Ge⸗ richtsbarkeit uͤbte und deren Unterhaltung auf dem Burg⸗ lehen mit in feinen Verpflichtungen lag.“ 4. Das Polniſche Recht. Polniſches Recht war in Preuſſen ohne Zweifel ſchon vor des Ordens Ankunft nicht ganz unbekannt, denn es galt wahrſcheinlich ſchon ſeit langer Zeit nicht nur im nachbarlichen Pommern, ſondern auch die Unterwuͤrfigkeit des Kulmerlandes unter dem Scepter Polens und die viel⸗ fachen theils friedlichen, theils feindlichen Beruͤhrungen der Preuſſen mit Polen und Maſoviern hatten gewiß auch zu einiger Bekanntſchaft mit Polniſchen Sitten, Rechten und Geſetzen geführt. 9 Daher kam es auch, daß die neu— bekehrten Preuſſen in dem Vertrage vom J. 1249 ſich das Recht und die Gerichtsverfaſſung der Polen waͤhlten, um darnach gerichtet zu werden.) Es bleibt indeſſen zweifelhaft, welches die einzelnen Rechtsſatzungen geweſen ſeyn moͤgen, die damals aufgenommen wurden, wie ſie den Verhaͤltniſſen der Preuſſen angepaßt, was darin ſchon fruͤher und nachmals umgewandelt worden und inwiefern alſo das ſpaͤtere Preuſſiſche Recht in Jurisdictionsverhaͤlt⸗ niſſen dem Polniſchen Rechte noch nahe verwandt geweſen ſeyn mag. Gewiß aber iſt, daß im vierzehnten und funf⸗ 1) Dieſe Geleitsknechte hießen familia conduetitia; es heißt dar⸗ über in einer Verſchreibung über ein Burglehen: Preterea memorato A. et suis heredibus singularem eoncedimus facultatem corri- gendi familiam suam conductitiam de levibus excessibus, si quos committunt intra sepes curie, maioribus duntaxat et qui extra curiam ipsam perpetrantur nostro et successorum nostro- rum iudicio reservatis. 2) Jus Culmense, Danz. 1767 p. 9. 3) S. oben B. II. S. 625 — 626.
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Das Polniſche Recht. 609 zehnten Jahrhundert das Polniſche Recht auch neben dem Preuſſiſchen ſowohl in Preuſſen als in Pommern noch gel⸗ tend war. Die fortwaͤhrende Anwendung deſſelben in Preuſ⸗ ſen laͤßt ſich nicht bloß daraus ſchließen, daß ſich der Orden die Gerichtsbarkeit uͤber die in Preuſſen wohnenden Polen, Slaven oder Wenden beſtaͤndig ſelbſt vorbehielt und dieſe alſo nach einem beſtimmten Rechte richten mußte, welches kein anderes als Polniſches Recht geweſen ſeyn kann, ſon— dern wir erfahren auch noch aus einer Verordnung aus der Mitte des funfzehnten Jahrhunderts, daß das in Preuſ⸗ ſen geltende Polniſche Recht noch ſeine eigenen Beſtim⸗ mungen über Gerichtsſporteln hatte.) In andern Bezie⸗ hungen aber als in Jurisdictionsverhaͤltniſſen ſcheint die: ſes Recht in Preuſſen ſelbſt keine Anwendung gefunden zu haben. In Pommern war im Anfange des vierzehnten Jahr⸗ hunderts das Polniſche Recht noch ſehr allgemein und ſelbſt der Orden gab noch im Verlaufe dieſes Jahrhun— derts hie und da Guͤter auf dieſes Recht aus, wobei es auch zuweilen unter dem Namen des Pommeriſchen, auch wohl des Slaviſchen Rechts erſcheint. Es kommen zwar auch hier Faͤlle vor, in denen das Polniſche Recht nur eine ſpecielle Beziehung auf Jurisdiction oder auf die Ge⸗ richtsfaͤlle hat; weit häufiger aber werden, wie in Schle⸗ fien, Polniſches Recht oder Polniſche Rechte auch die ver ſchiedenartigen Leiſtungen, Abgaben und Dienſte genannt, zu welchen ſchon aus fruͤher Zeit her die Bewohner Pom⸗ merns gegen ihre Fuͤrſten und deren Hof verpflichtet ge⸗ 1) Es heißt namlich in einer Verordnung des HM. Konrad von Erlichshauſen vom J. 1445 für die Komthure: „Das eyn itezlicher (Komthur) nicht mehr in den gerichten von ymands nemen, furdern und heiſchen ſolle, denn als vil em durch eyn itczlich Recht, es ſey Prrwſch, Colmiſch ader Polanſch, nach awswyſung derſelben Rechte von den Scheppen czugerichtet und awsgeſprochen wirt. 2) In Verſchreibungen von Dieter, von Altenburg Jus Pomera- nense, in einer Urk. von Luther von Braunſchweig Jus slavicum genannt. VI. 39
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610 Das Poluiſche Recht. weſen, welche immer ſchon als ein landuͤbliches Polniſches Recht betrachtet und darum ſo genannt waren, weil ſie ohne Zweifel ihren Urſprung und ihre Namen aus Polen hatten.) Als alte fuͤrſtliche Hoheitsrechte, wie man ſie auch in Schleſien und Polen findet, hießen ſie zur Zeit der Pommeriſchen Herzoge haͤufig auch „herzogliche Rechte.“ 2 Diefe Leiftungen befanden nun zwar unter dem Na: men „Polniſches oder Slaviſches Recht“ auch noch im vierzehnten Jahrhundert. Allein als mit der Freiheit des Deutſchen Rechts und mit dem ganzen Character der Or⸗ densverwaltung unvereinbar, wurden ſie im Verlaufe die⸗ fer Zeit meiſtentheils abgelöft, d. h. in der Regel in eine beſtimmte Geldabgabe umgewandelt.) Der Orden in⸗ deß verfuhr hiebei nur Schritt vor Schritt Man findet mitunter Beſitzer, die einen Theil ihrer Guͤter noch zu Polniſchem und einen andern zu Kulmiſchem Rechte be ſaßen. Neuverlichene Guͤter wurden frei von jenen Ver⸗ pflichtungen erklaͤrt, meiſt auf Magdeburgiſches oder auch auf Kulmiſches oder Deutſches Recht ausgegeben. Es hörte ſomit dieſes ſ. g. Polniſche Recht nach und nach gänzlich auf, denn nur in ſeltenen Fällen behielt ſich der Orden noch eine oder die andere Leiſtung vor.“ Endlich begegnet uns auch noch im vierzehnten Jahr: hundert ein beſonderes Polniſches Ritterrecht. Seinen Urſprung in Preuſſen hatte es ſchon fruͤh zur Zeit des Landmeiſters Hermann Balk erhalten, als ſich, wie wir fruͤher hörten, Polniſche Ritter vorzuͤglich in Kulmerland, 1) ueber dieſes Jus Polonicum und die Benennungen der einzelnen Leiſtungen, Abgaben und Dienſte vgl. die treffliche Erläuterung in Tzſchoppe und Stenzel urkunden-Samml. p. 9 seg. 2) Jura nostra ducalia nennen die Herzoge fie in ihren Urkunden oder jura ducatus nostri. 3) Wenn daher von abaelöften Polniſchen Richte die Rede iſt, ſo find darunter die fruheren Poimiſchen Leiſtungen und Dienſte zu verſtehen. 4) Z. B. in einer Dorfverſchreibung vom J. 1305. 5) Jus Polonicum milttare, wie «3 in Urkunden genannt wird.
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Das Luͤbeckiſche Recht. 611 Pomeſanien und einigen Gegenden Pogeſaniens niederlie⸗ ßen. Es galt daher dieſes Polniſche Ritterrecht nach dem Inhalte, wie er fruher bezeichnet iſt, auch nur in die⸗ ſen Landſchaften. Da indeſſen der Orden auch in Pom⸗ mern ritterliche Gutsbeſitzer Slaviſches Stammes fand, deren Verhaͤltniſſe zur Landesherrſchaft auf gleiche Weiſe und nach denſelben rechtlichen Grundſaͤtzen zu beſtimmen waren, ſo fand jenes Ritterrecht auch in dieſem Lande Guͤltigkeit, wo es vielleicht zum Theil auch ſchon fruͤher beſtanden hatte. Die ritterlichen Beſitzer waren natürlich ſtets von Polniſchen Dienſten frei oder wurden vom Or⸗ den für frei erklärt und ſtanden unter deſſen beſonderer Gerichtsbarkeit. Vorzuͤglich aber war es in der Regel die fruͤher feſtgeſtellte Beſtimmung über die Erbfolge ihrer Guͤter, welche bei Verleihungen auf Polniſches Ritterrecht in Pommern in Anwendung gebracht wurde.“ Ihren Kriegsdienſt leiſteten ſolche Ritter meiſt wie Kulmiſche Beſitzer. 5. Das Luͤbeckiſche Recht. Wenn vom Kulmiſchen Rechte zugleich als von ei— nem Stadt⸗ und Landrechte, vom Freilehensrechte und vom Polniſchen Rechte ausſchließlich nur als von Land⸗ rechten geſprochen iſt, ſo kann jetzt vom Luͤbeckiſchen Rechte nur als von einem Stadtrechte die Rede ſeyn. Es gab keine Stadt in Preuſſen, die nicht entweder Kulmiſches oder Luͤbeckiſches Stadtrecht hatte.“ Wie aber in andern Ländern, fo war es auch in Preuſſen Brauch, „daß juͤn⸗ gere Staͤdte entweder bei ihrer Gründung oder auch ſpaͤ— ter das Recht aͤlterer Staͤdte erhielten. Man nahm aͤl⸗ 1) Vgl. B. II. S. 298 — 300. 2) Verſchreibungsurk. des Komthurs von Danzig v. J. 1354 u. 1361. 3) Es iſt alſo ſtreng genommen nicht ganz richtig, wenn man ſagt: „Die Preuſſiſchen Städte lebten meiſt nach Magdeburger Recht;“ ſ. Raumer Hohenſtauf. B. V. S. 291. 39 *
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612 Das Luͤbeckiſche Recht. tere, alſo langer eingerichtete Städte mit ihren ausgebil⸗ deten Verfaſſungen für die jingern Städte zu Muſter und ordnete mit dieſer allgemeinen Beſtimmung ſogleich viele einzelne Verhaͤltniſſe, jedoch ohne es dabei auf eine voll⸗ ſtaͤndige Uebertragung der geſammten Verfaſſung einer Stadt auf eine andere abzuſehen; man änderte vielmehr nach Gutduͤnken ab und ergaͤnzte das Nothwendige und Fehlende, was fuͤr die beſondern Verhaͤltniſſe der jungern Stadt zweckdienlich war. Es fand aber bei der Bewid⸗ mung neuer Staͤdte mit dem Rechte aͤlterer der wichtige Unterſchied Statt, daß entweder eine Stadt die Rechte einer andern in dem Sinne erhielt, daß die innern Vers haͤltniſſe der Bürger gegen einander oder zum Landes herrn oder mit einem Worte, daß die Verfaſſung in beis den Städten gleich ſeyn ſollte, oder die Bewidmung ges ſchah auch fo, daß eine jüngere Stadt die Rechtsſaͤtze er⸗ hielt, nach welchen in den Gerichten einer andern geſpro⸗ chen zu werden pflegte, um nun ebenfalls darnach zu ſprechen.“ ) Beftätigt fanden wir dieſes ſchon bei der Kulmiſchen Handfefte, in welche wir die Magdeburgiſchen Rechts⸗ ſatzungen in Beziehung auf Jurisdictionsverhaͤltniſſe über: tragen ſahen. Denſelbigen Unterſchied aber in Uebertra⸗ gung der Rechtsſaͤtze und der Verfaſſung einer altern Stadt auf eine juͤngere bemerken wir auch bei der Be widmung mehrer Preuſſiſcher Staͤdte mit Luͤbeckiſchem Rechte. Bekanntlich galt dieſes Stadtrecht im Mittelal⸗ ter als eins der vollkommenſten und vollſtaͤndigſten, wo⸗ von die Uebertragung deſſelben auf eine ſehr bedeutende Zahl von Städten laͤngs der ganzen Oſtſeekuͤſte ein hin⸗ A) Was in obigen Worten in Tzſchoppe und Stenzel Urkuns den⸗Samml. p. 109 — 110 in Beziehung auf die Schleſiſchen Staͤdte geſagt iſt, findet auch auf die Staͤdte Preuſſens eine ſo nahe liegende Anwendung, daß wir geglaubt haben, die obigen richtigen Bemerkungen mit des Verfaſſers eigenen Worten geben zu muͤſſen.
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Das Luͤbeckiſche Recht. 613 laͤnglicher Beweis iſt.) Auch fünf zum Ordens⸗Staate gehörigen Staͤdte, naͤmlich Elbing, Frauenburg, Brauns⸗ berg, Memel und Hela wurden mit dieſem Rechte be— widmet, doch keineswegs alle in gleicher Weiſe. Zuerſt waren es die meiſt aus Luͤbeck herſtammenden Bürger von Elbing, die bei der Gründung ihrer Stadt aus dem Lübeckiſchen Rechte, weil es fuͤr eine Handels⸗ ſtadt in jeder Beziehung das geeignetſte und ihnen zugleich das bekannteſte war, manches ihrer ſtaͤdtiſchen Verfaſ⸗ ſung zum Grunde legten. Allein es wurde nicht das ganze Luͤbeckiſche Recht unveraͤndert auf Elbing ubertra⸗ gen, denn theils wird ausdruͤcklich erwähnt, daß man al- les davon ausgeſchieden habe, was etwa gegen Gott, den Orden, die Stadt und das Land ſeyn mochte, d. h. was ſich mit den eigenthuͤmlichen Verhaͤltniſſen des Ordens zu ſeinen Buͤrgern und den beſondern Verhaͤltniſſen der Stadi und des Landes nicht fuͤglich vereinigen ließ, und daß man dagegen nach Rath mehrer Ordensritter und anderer weiſer Maͤnner durch Abfaſſung neuer Rechtsſaͤtze das noch ergaͤnzt habe, was dem Nutzen des Ordens und dem Gedeihen des Landes und der Stadt mehr zu entſprechen ſchien, ® theils finden wir auch, daß wenn vom Lübedifchen Rechte in Elbing die Rede iſt, es immer vorzuͤglich ſeine Beziehung auf das Gerichtsweſen der Stadt hat, obgleich gewiß auch für die übrigen ſtaͤdtiſchen Verhaͤltniſſe manches andere aus dieſem Rechte aufgenommen wurde. Urſprünglich hatte man den Buͤrgern keine Berufung an die Stadt Luͤbeck 1) Nach Hillmann Städteweſen des MA. B. I. S. 155 ſollen neunzig Städte an der Oſtſce (?) das Luͤbeckiſche Stadtrecht angenom⸗ men baben; vgl. ebendaſ. B. III. S. 83 — 84. Raumer Hohenftauf. B. V. S. 289. 2) Nach dem Jus Culm. p. 10 hatte ſcit 1260 auch Dirſchau Luͤbeckiſches Recht; aber es fehlen uns nähere Nachrichten. 3) S. oben B. II. S. 201. 4) S. die Privilegien von Elbing in Crichton Urk, und Bei⸗ ige zur Preuff. Geſchichte S. 14; ſ. oben B. II. S. 570.
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614 Das Luͤbeckiſche Recht. in Gerichtsfaͤllen zugeſtanden, um dort in zweifelhaften und ſtreitigen Punkten Entſcheidung und Urtheil zu ſu⸗ chen. Die Anordnung von vier Gerichtsbaͤnken, bei wel⸗ chen in jeglicher Gerichtsſache nach Rath der Ordensrit⸗ ter Recht geſprochen werden ſollte, hatte die Berufung an den Schoͤppenſtuhl in Luͤbeck entbehrlich machen follen, ” und beinahe hundert Jahre ſcheint dieſe Einrichtung auch Ge⸗ nüge geleiftet zu haben. Mittlerweile indeß waren in den Rechtsverhaͤltniſſen der Stadt mancherlei Veraͤnderungen erſolgt, welche die Gerichtspflege nach Luͤbeckiſchem Rechte bedeutend erweitert hatten.“ Die Folge davon war, daß ſelbſt bei den von Zeit zu Zeit mit Rath und Einſtim⸗ mung der Ordensritter hinzugefuͤgten neuen Willführen die fruͤher aus dem Luͤbeckiſchen Rechte aufgenommenen Rechtsſaͤtze nicht mehr zureichten, um in allen Fällen Ent⸗ ſcheidung zu finden und es mußte ſich daher nicht ſelten ereignen, daß in Elbing nach dem dortigen Rechte kein urtheil geſprochen werden konnte. Die Stadt erhielt deshalb im Jahre 1343 das Berufungsrecht an den Schoͤp⸗ penſtuhl in Lubeck, wo nun ebenfo, wie von Kulm in Magdeburg, von Elbing aus in zweifelhaften Faͤllen Recht geſucht werden konnte.) Daſſelbige Recht ward nach⸗ her auch der Neuſtadt Elbing bei ihrer Gruͤndung zuer⸗ theilt.) Sonach war Elbing in ſeinem Gerichtsweſen durch das Einwirken und Eingreifen der Ordensherren doch lange Zeit manchen Beſchraͤnkungen unterworfen geweſen. Obgleich es indeß auch in feiner Kriegspflichtigkeit nicht 1) S. oben B. II. S. 570. 2) Vgl. daruͤber oben B. IV. S. 23. 410. 578. B. V. S. 44. 3) Wie B. IV. S. 23 Anmerk. 1 crwaͤhnt iſt, war man in Etrei⸗ tigkeiten zwiſchen dem Orden und der Stadt Elbing ſchon im J. 1300 um Rechtsentſcheidung nach Luͤbeck gegangen. 4) B. V. S. 15. 44. 5) Verleihungsurkunde des HM. Heinrich Duſmer von Arfberg, dat. Elbing Sonnt. Reminiſcere 1347 im Fol. Privileg. des Stifte Samland p. 229.
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Das Luͤbeckiſche Recht. 615 bloß für die Vertheidigung feiner Mauern, ſondern des ganzen Landes) außerdem noch manche ſchwere Laſt zu tragen hatte, ſo geſtattete das Luͤbeckiſche Recht ſeinen Buͤrgern doch immer noch hinlaͤngliche Freiheit zu ruͤhriger Beweglichkeit im Handelsleben, zumal da es mit Ausnah⸗ me der Hofſteuer Freiheit von allen Zoͤllen und Abgaben genoß. Memel hatte urſpruͤnglich, wie früher erwähnt, weil wahrſcheinlich Deutſche aus der Gegend von Dortmund den groͤßten Theil ſeiner Bewohner ausmachten, Dortmun⸗ diſches Recht erhalten ſollen. Wie aber der fuͤr die Stadt Anfangs beabſichtigte Name Neu-Dortmund nicht geltend wurde, ſo gab man auch ſchon in den erſten Jahren ih⸗ res Daſeyns die Bewidmung der Stadt mit Dortmundi⸗ ſchem Rechte auf und verlieh ihr bereits im Jahre 1254 Luͤbeckiſches Recht.“ Der damalige Landmeiſter von Liv⸗ land naͤmlich, zu deſſen Verwaltungsbezirk das Gebiei von Memel in jener Zeit noch gehoͤrte, wandte ſich an den Rath von Lubeck mit der Bitte, ihm eine Abſchrift des Luͤbeckiſchen Rechts anfertigen zu laſſen, um die Stadt Memel mit dieſem Rechte zu bewidmen. Des Meiſters Bitte wurde erfuͤllt; der Rath Luͤbecks uͤberſandte, wie es ſcheint, das geſammte Luͤbeckiſche Recht, wie es von Hein: rich dem Loͤwen ertheilt und vom Kaiſer Friederich dem Zweiten beſtaͤtigt worden war. Memel erhielt ſomit den damaligen geſammten Inhalt dieſes Rechts. Allein in 1) Auch darin wich die Stadtverfaſſung Elbings vom Luübeckiſchen Rechte ab; ſ. Raumer a. a. O. 2) S. oben B. II. S. 570. 3) S. B. III. S. 73 — 74; das J. 1254, welches in dieſer Stelle in Zweifel gezogen wurde, iſt allerdings das richtige, wie ſchon Hart- knoch Dissertat. XVII. p. 342 annimmt. 4) Im Fol. Päpſtl. Privilegien im geh. Archiv befindet ſich eine Abſchrift des Lübockiſchen Rechts, welche in einer Art von geſchichtlicher Einleitung den oben erwahnten Hergang der Sache erzählt, und zugleich das J. 1254 für die Bewidmung Memels mit Luͤbeckiſchem Rechte frſt⸗ fiele. Nach Harıkaoeh 1. c toll das Luͤbeckiſche Recht wie in dieſer
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616 Das Luͤbeckiſche Recht. dieſem geſammten Umfange kam es hier eben ſo wenig, als in Elbing unveraͤndert in Anwendung; vielmehr muß⸗ ten auch hier einzelne Rechtsſaͤtze nach den beſondern Ver⸗ haͤltniſſen der Bewohner Memels zur Landesherrſchaft und nach den eigenthuͤmlichen Umſtaͤnden und Beduͤrfniſſen der Stadt umgeſtaltet und modificirt werden. Waͤhrend z. B. alle oder doch die meiſten Rechtsbeſtimmungen des Erb⸗ rechts ohne Aenderung aufgenommen werden konnten, un⸗ terlagen die über die Kriegspflichtigkeit der Burger, uͤber das ſtaͤdtiſche Gerichtsweſen, uͤber Magiſtratswahl u. ſ. w. einer merklichen Umgeſtaltung, denn die Beſtimmung des Lübeckiſchen Rechts uͤber die Kriegspflicht des Buͤrgers ließ ſich auf die Verhaͤltniſſe Memels ſchwerlich anwenden. Diefe Veränderungen und Ergänzungen im Luͤbeckiſchen Rechte wurden dem Ganzen in einer Reihe von Zuſaͤtzen angeſchloſſen. Uebrigens fand von Memel aus keine Be⸗ rufung in Gerichtsfaͤllen an den Schoͤppenſtuhl in Luͤbeck Statt, durch welche etwa neue Rechtsergaͤnzungen von dort her haͤtten veranlaßt werden koͤnnen; vielmehr war ausdruͤcklich beſtimmt, daß in Faͤllen, wo von dem ſtaͤdti⸗ ſchen Gerichte in Memel ſelbſt das Urtheil nicht gefun— den werden koͤnne, die Entſcheidung durch die Landesherr⸗ ſchaft von rechtskundigen Maͤnnern erfolgen ſolle. Ueber⸗ dieß hatte nicht nur der Rath der Stadt ſelbſt das Recht, in feinem ſtaͤdtiſchen Rechte Verbeſſerungen und Veraͤnde— rungen vorzunehmen, welche vom Gerichtsvogte und dem ſtaͤdtiſchen Gerichte aufgenommen werden mußten, ſondern auch dem Biſchofe von Kurland und dem Landmeiſter war die Befugniß vorbehalten, alles was in dem Rechte „gegen Gott und das Land“ ſey, verbeſſern zu koͤnnen.“ Dieſes Rechts bediente ſich nachmals auch der Hochmeiſter Abſchrift auch bei Joh. Sihrand Urbis Lubecensis Jus Publicum p. 107 ſtehen; wir haben dieſes Buch nicht einfchen konnen. I) Dieß ergiebt ſich zugleich aus den Zuſaͤtzen und Ergänzungen, welche der erwähnten Abſchrift des Luͤbeckiſchen Rechts a. a. O. beige⸗ fuͤgt ſind.
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Das Luͤbeckiſche Recht. 617 Winrich von Kniprode, denn als die Verleihungsurkunde, nach welcher Memel das Luͤbeckiſche Recht erhalten, in einem Brande untergegangen war und er auf Bitten der Bürger ihre Handfeſte im Jahre 1365 erneuerte, verlieh er ihnen nicht nur überhaupt das Luͤbeckiſche Recht auch fernerhin, ſondern fügte auch noch eine Ergänzung hinzu, welche das Stadtrecht bisher nicht enthalten hatte.) Es geht aber zugleich aus dieſer neuen Verleihung des Hoch⸗ meiſters auch hervor, daß Memel fein Luͤbeckiſches Recht weit laͤnger behielt, als man früher annahm, denn erſt nach ſeiner Zeit kann dort das Kulmiſche Recht an die Stelle des Luͤbeckiſchen getreten feyn. 2 — Sonach ſcheint alſo Memel dieſes Recht in gleichem Umfange, aber zu⸗ gleich auch mit denſelbigen oder doch ähnlichen Beſchraͤn⸗ kungen wie Elbing gehabt zu haben, was darum um fo wahrſcheinlicher wird, weil der Orden uͤberhaupt in ſeinen Staatsinſtitutionen fo viel moglich immer nach conformen Regeln zu verfahren pflegte. Was die beiden biſchoͤflichen Staͤdte Braunsberg und Frauenburg anlangt, ſo war auch ihnen das ganze Luͤbecki⸗ ſche Recht zuertheilt; ihre Privilegien lauteten ausdruͤcklich auf Verleihung des geſammten Luͤbeckiſchen Rechts und als die weſentlichſten Vorzüge deſſelben waren ihnen na— mentlich freies Veraͤußerungsrecht des wirklichen Beſitzthums, freie Marktgerechtigkeit und freie eigene Magiſtratswahl zugeſprochen. Wie es ſcheint, genoſſen dieſe beiden bifchöf- lichen Städte ihr Luͤbeckiſches Stadtrecht in ungleich wei⸗ terer Ausdehnung und freierer Beweglichkeit, namentlich 1) Die Erneuerung des Privilegiums von Memel vom HM. Win⸗ rich von Kniprode, dat. Marienburg 1365 im geh. Arch. Schicbl. I VIII. nr. 66. 2) Harthnoch 1. c. jagt freilich ſelbſt zweifelhaft: Memela vero cum an. 1328 Fratribus Ordinis Teutonici in Prussia degentibus esset tradita, Forlasse statim Jus Magdeburgense et Flamingi- vale recepit. Nihil tamen hie determino; ſ. A. und N. Prcuſſ. p. 562.
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618 Das Luͤbeckiſche Recht. auch im Gerichtsweſen, denn fie hatten alle Freiheiten bie: ſes Rechts, ohne die Beſchraͤnkungen, welche der Orden über das in Elbing und Memel geltende Luͤbeckiſche Recht verfügt hatte, wenigſtens iſt von ihnen in den Verlei⸗ hungsurkunden nicht im mindeſten die Rede. * Endlich hatte auch die Stadt Hela auf der Land⸗ zunge am Putziger Wyck in ihrer vom Hochmeiſter Win⸗ rich von Kniprode im Jahre 1378 ausgeſtellten Handfeſte Luͤbeckiſches Recht erhalten, jedoch keineswegs in der Aus⸗ dehnung wie Braunsberg und Frauenburg, ſelbſt nicht einmal wie Elbing und Memel, denn weiter als auf die Gerichtsverhaͤltniſſe der Stadt und auf freie Marktgerech⸗ tigkeit ſcheint die Bewidmung Hela's mit Luͤbeckiſchem Rechte keinen Einfluß gehabt zu haben. In der Gerichts⸗ berufung war die Stadt ubrigens an den Schoͤppenſtuhl in Elbing gewieſen und mußte ſomit alle ihre geſtraften urtheile von den Elbinger Schoppen holen. Ueberhaupt war in der eigenen örtlichen Lage dieſer Stadt, die mehr der See als dem Lande anzugehoͤren ſchien, der Grund zu manchen Eigenthuͤmlichkeiten auch in ihrer ſtaͤdtiſchen Verfaſſung gegeben, die mit dem Lübedifhen Rechte in keiner weitern Verbindung ſtehen. 1) Das Privilegium von Frauenburg im Fol. Privilegien vom Erm⸗ iand p. 1 im geh. Arch.; das von Braunsberg im Formularbuche des geh. Arch. 2) Das Privilegium von Hela vom HM. Wine. von Kniprode, dat. Marienb. am Dienſt. nach unſ. Frauen Aſſumtion. 1378 im geh. Arch.
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Regalien des Ordens. Oberſte Gerichtsbarkeit. 619 Sechstes Kapitel. Oberhoheitliche Rechte des Ordens. Der Hochmeiſter oder vielmehr der Orden, im Meiſter als ſeinem Oberhaupte ſich darſtellend, hatte als Oberherr und Fuͤrſt des Landes gewiſſe Oberhoheitsrechte, die man fuͤglich auch Fuͤrſtenrechte nennen kann. Zuerſt begründet wurden ihm dieſe Rechte in der bekannten Verleihungs⸗ Urkunde Kaiſer Friederichs des Zweiten, denn es war ihm, wie erinnerlich iſt, darin zugeſtanden, „zu ſeinem Nutzen Straßen und Markt⸗Zoͤlle anzuordnen, Märkte und Han⸗ delsplaͤtze einzurichten, Muͤnzen zu ſchlagen, Grundabgaben und andere Leiſtungen aufzulegen, Ungelder zu Land, auf Fluͤſſen und auf der See feſtzuſtellen, Bergwerke anzulegen, Salzquellen in Beſitz zu nehmen, ferner auch Richter und Magiſtrate einzuſetzen, die in buͤrgerlichen und Criminal⸗ Faͤllen Streitſachen entſcheiden und das Volk, nicht min⸗ der das noch unbekehrte, als das dem Chriſtenthum ſchon zugewandte in Geſetz und Ordnung halten koͤnnten. Außer⸗ dem ertheilte der Kaiſer dem Hochmeiſter und allen ſeinen Nachfolgern volle Gerichtsbarkeit und alle ſonſtige Macht und Gewalt uͤber das Land, ſo weit ſolche irgend ein Reichsfuͤrſt in feinem eigenen Lande haben koͤnne, alſo daß ſie Geſetze und Rechtsgewohnheiten anzuordnen, Gerichts⸗ verſammlungen zu halten und alle Einrichtungen zu treffen vermoͤchten, durch welche der Glaube der Glaͤubigen be⸗ feſtigt und fuͤr die Unterthanen überhaupt ein ruhiges Le⸗
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620 Regalien des Ordens. Oberſte Gerichtsbarkeit. ben begruͤndet und geſichert werde.“) — So lautet es im Allgemeinen uber alle Oberhoheitsrechte, die der Kaifer Kraft feiner Kaiſer⸗ Gewalt dem Orden in Preuffen ver: liehen. Gehen wir aber auf das Einzelne dieſer fuͤrſtli⸗ chen Rechte ein, fo koͤnnen fie fuͤglich, wie in andern Laͤn⸗ dern,? unter zwei Geſichtspunkte gebracht werden; ſie beſtehen erſtens in ſolchen Rechten, welche man Regalien zu nennen pflegt, und zweitens in einer Menge verſchie⸗ denartiger anderer Rechte uͤber alle Unterthanen des Ordens. I. Regalien des Ordens. a. Die oberſte Gerichtsbarkeit mit den aus ihr her⸗ fließenden Gefaͤllen. Der Orden oder was hier ſtets gleich viel ſagen will, der Hochmeiſter war als Landesfuͤrſt alle Zeit auch oberſter Richter im Lande. Dieſes Recht der oberſten Gerichtsbarkeit konnte er entweder ausſchließlich und ganz allein ausuͤben oder deſſen Ausuͤbung zum Theil gegen Abtretung eines Theiles der daraus fließenden Gefaͤlle auch auf andere uͤbertragen. Beides geſchah. Schon in der Kulmiſchen Handfeſte hatte er den Bürgern das Recht zu: geſtanden, ihre Richter jaͤhrlich ſelbſt zu waͤhlen, jedoch in Ruͤckſicht ihrer Tuͤchtigkeit oder ihrer Competenz ſich die Entſcheidung vorbehalten. Von dieſen ſtaͤdtiſchen Gerichts⸗ behoͤrden ſpaͤterhin das Naͤhere. Was zunaͤchſt das Ge: richtsweſen auf dem Lande betrifft, ſo übte hier in vielen Faͤllen theils der Orden ſelbſt die Gerichtöbarkeit aus, theils ließ er durch angeordnete Landrichter und Landdinge, Rittergerichte und Ritterbänke Gericht halten oder er übers trug einen Theil der Gerichtsbarkeit den Grundbeſitzern und Dorfſchultheißen. 1) S. oben B. II. S. 166. 2) Vgl. Tzſchoppe und Stenzel Urkunden⸗Sanmil. P. 4— 8.
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Oberſte Gerichtsbarkeit. 621 Im Namen des Ordens oder des Hochmeiſters war von jeher der Komthur eines Landbezirkes darin zugleich auch der naͤchſte oberſte Gerichtsbeamte, der in beſtimmten Faͤllen die Gerichtsbarkeit unmittelbar ſelbſt ausübte, in andern nur theilnehmend und als Oberauſſeher erſchien oder als eine Behörde daſtand, an welche weitere Beru: fung Statt finden konnte. Vor den ſ. g. Richthof des Komthurs als unmittelbaren Gerichtsbeamten gehoͤrten alle Gerichtsverhaͤltniſſe, in denen ſich der Orden die richter— liche Entſcheidung ganz allein vorbehalten. Zuvörberft naͤmlich hatte der Komthur oder Vogt eines Bezirkes das Gericht uͤber alle in ſeinem Kreiſe wohnenden Preuſſen oder Nichtdeutſche, ſofern ſie nicht ausdruͤcklich irgend einem andern Gerichte untergeben waren, denn der Orden er— laubte nie, daß Deutſche Schultheißen oder Deutſche Ein⸗ zoͤglinge auf dem Lande die Gerichtsbarkeit uͤber Preuſſen ausüben durften. Wenn alſo der Meiſter die hohe und niedere Gerichtsbarkeit verlieh, ſo nahm er immer aus⸗ druͤcklich die Preuſſen davon aus, fie unter das Gericht des Ordens, d. h. des zunaͤchſt ſitzenden Komthurs oder Vogts ſtellend. Was demnach mit einem Preuſſen ge⸗ richtlich zu verhandeln war, mußte im Kichthofe feines Komthurs oder Vogts geſchehen und zwar namentlich auch, wenn ein Kulmiſcher Beſitzer gegen einen Preuſſen oder Dieſer gegen jenen zu klagen hatte, alſo daß jeder bei feinem eigenen Rechte bleiben möge. 9 In dieſem Ge: 1) So in einer Verſchreibung zu Kulmiſchem Rechte vom J. 1394: Ouch welle wir, ab ſy mit unſern Prüfen adir unſir Prüfen mit en icht czu ſchicken adir czu clagen würden haben, das fal geſchen vor dem kompthur in dem Richthofe, alſo beſcheydenlich wen is czu den eyden kompt, das iczlicher by fyme rechte blöbet. Ouch behalde wir alle Pruͤ⸗ fen mit allen eren bruͤchen ezu unſerme gerichte. So ähnlich in vielen andern Verſchreibungs⸗ Urkunden. 2) Verſchreibung von 1369: Were ouch, das fi (der Beſitzer und feine Erben) czu ſachin adir czu clagin hettin czu den Pruͤſin adir di Pruͤſin wider czu In, ſotane clage und antwort ſullin ſi tun vor der Pruͤſin komture, doch alſo das fi bi irem Culmiſchen rechte bliben fullen.
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622 Oberſte Gerichtsbarkeit. richte Über Preuſſen fielen auch alle Gerichtsgefaͤlle ganz allein dem Orden zu.“ Desgleichen hegte der Komthur das Gericht uͤber die in ſeinem Bezirke wohnenden Polen, Slaven oder Pommern und zog auch von dieſen ſ. g. „Polniſchen Gerichten“ ebenſo wie von den „Preuſſiſchen Gerichten“ die Gerichtsbußen allein ein.“ Er hatte fer⸗ ner ausſchließlich die Gerichtsbarkeit über Gaͤſte und Fremd⸗ linge, denn nur in ſeltenen Ausnahmen waren dieſe der Jurisdiction einzelner Lehensbeſitzer untergeben. ? Vor des Komthurs Richthof gehörten außerdem alle auf offener Straße veruͤbte Verbrechen und Vergehungen, die ſ. g. Straßengerichte. In laͤndlichen Verleihungen ſind ſie re⸗ gelmaͤßig dem Orden vorbehalten, nur mit Ausnahme ſehr ſeltener Faͤlle.) Endlich hatte der Orden ausſchließlich In einer andern Verſchreibung: Wir wellen, ap unſer Pruͤſen wedir ſie icht czu clagen haben, daz daz geſchehe vor dem kompthur im richt⸗ hofe, ſo daz ſie bie erem rechte und dy Pruͤſen ouch bey erem rechte bleiben. 1) Daher Häufig bei Verleihung der Jurisdiction die Beſchraͤnkung: Prutenis exceptis, quorum excessus iudicandos nostris et suc- cessorum nostrorum advocatis penitus reservamus cum omnibus exinde provenientibus; oder iudicia saltem pruteniea cum deri- vationibus ab ipsis provenientibus fratrum nostrorum examini reservantes. 2) Dieß die indicia Prutenica und judicia Polonica. In cincr Dorfverſchreibung Werners von Orſeln heißt es: Wir wellen ſtete hal⸗ den diſen nachgeſchreben underſcheid an dem gerichte, geſchyt das Polan, Wenden adir Pruͤſen, die under uns ſitzen yn dem gute ſich ſlaen adir werren, das dy ſache unſer bruder richten. 3) 3, B. in einem Privilegium für Ermland. Lehensleute; vgl. oben B. III. S. 469 — 470 Anmerk. 2. 4) Es heißt dann bei Verleihung der Gerichtsbarkeit: praeter viarum iudicia, strossingerichte vulgariter appellata, que nostro et fratrum nostrorum dominio vel examini reservamus; vgl. B. III. S. 470, Anmerk. Es heißt in der dort angezogenen Urkunde: porro iudieia in stratis publicis et viis communibus, quibus mur de villa in villam, de civitate in eivitatem, de castro 11 Castrum nostre domui reservumus.
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Oberſte Gerichtsbarkett. 623 auch die oberſte Gerichtsbarkeit uͤber ſeine Lehensleute, Ritter und Knechte des Landes oder den ſ. g. Landadel, da dieſer ſchon an ſich nicht fuͤglich unbeſchraͤnkt einem andern Gerichte unterworfen ſeyn konnte.) Hier indeſſen traten in manchen Fallen auch Mittel- Gerichtsbehoͤrden ein. In vielen Dingen naͤmlich, wo es auf ſchiedsrich⸗ terliche Vergleiche oder Austraͤge ankam oder zur Ents ſcheidung die landesherrliche Macht geltend gemacht werden mußte, uͤbte der Komthur auch in Streitſachen des Adels und der Lehensleute das Gericht bald allein, bald mit mehren Komthuren verbunden, haͤufig auch mit Zuziehung ſeines Hauskapitels oder ſeiner aͤlteſten Konventsbruͤder. In andern Faͤllen dagegen, wo nach dem altgermaniſchen Rechtsgrund ſatze das Gericht unter Gleichen in Anwendung kam oder das uͤbliche Landrecht die Entſcheidung geben mußte, ward für die Ritter des Landes ein ſ. g. Ritter⸗ gericht, eine Ritterbank oder Landbank zuſammengeſetzt. In wichtigen Gerichtsfaͤllen naͤmlich, beſonders in Crimi⸗ nalſachen, wenn ein Landesritter eines Verbrechens oder irgend einer ſchweren Unthat beſchuldigt wurde, forderte der Hochmeiſter eine gewiſſe Anzahl von Landrichtern, Lan⸗ desrittern und Knechten aus der Landſchaft, in welcher der Angeklagte ſeßhaft war, auf, eine Ritterbank oder das Rittergericht zu beſetzen, mit der ernſten Bedrohung, daß ſie nicht mehr ſeine Manne, d. h. in der Lehenſchaft des Ordens ſeyn ſollten, ſofern ſie nicht erſcheinen wuͤrden. War alſo die Ritterbank geſetzt und erſchien der Ange⸗ klagte, ſo ſtand ihm Vertheidigung, Rechtfertigung und Reinigung durch den Eid zu. Genuͤgte jenes nicht, ſo wurde er nach Ritterrecht gerichtet und mußte dem Ritter⸗ ſpruche ſich ohne weiteres fügen. Stellte er ſich aber nicht 1) Es heißt daher in Verſchreibungen: Ouch neme wir us Rittere und lehnluͤte und alle unſer lüte, dy nicht deuczh recht haben, dy ny⸗ mand ſal richten denne unſer bruͤdere, oder:; usgenommen ritter und knochte, allirleye geſte, unſer lantſtraßen und alle undcuczh geczunge, des gerichte wir der herſchuft behalden.
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624 Oberſte Gerichtsbarkeit. nach dreimaliger Ladung und dreimaliger Sitzung der Rit⸗ terbank, fo ward gewöhnlich auf die Anfrage des Land⸗ richters, des jedesmaligen Oberſten des Rittergerichtes: welche Buße der Angeſchuldigte auf ſich geladen habe? die Landes- Acht mit Einziehung aller feiner Güter als Strafe vom Rittergerichte ausgeſprochen. So war es Brauch nach dem Ritterrechte, aus dem das Urtheil ge: funden wurde. In der Regel wurden die Ritterbaͤnke in oder bei den Ordensburgen geſetzt, woraus zu vermuthen iſt, daß auch die Komthure dabei in gewiſſer Hinſicht Theil genommen. Verſchieden von dieſem nur in außerordentlichen Faͤl⸗ len zuſammenberufenen Rittergerichte war das Landgericht, das landgehegete Ding oder gehegete Landding, jedesmal nach der Stadt benannt, wo es ſeinen Sitz hatte. Das ganze Land war naͤmlich in verſchiedene Gerichtsbezirke eingetheilt, in deren jedem ein ſ. g. Landding ſaß, be⸗ ſtehend aus einem Landrichter und gewoͤhnlich zwoͤlf Land⸗ a 1) Vgl. was in meiner Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſchaft in der Beilage Neo. IV als Beitrag zur Geſchichte des Rittergerichtes in Preuſ⸗ ſen geſagt iſt. Es darf hier nur noch bemerkt werden, daß die Nach⸗ richten über dieſen Gegenſtand ſehr ſparſam ſind. Das Meiſte in der erwaͤhnten Abhandlung bezieht ſich zwar nur auf die erſten Jahrzehnde des 15ten Jahrhunderts; allein es kommen auch ſchon im 14ten Jahr⸗ hundert hie und da Spuren vom Rittergerichte in Preuſſen vor, doch ſcheint es damals in den ruhigeren Zeiten in Ruͤckſicht der innern Landes⸗ verhältniffe ſeltener in Ausuͤbung gekommen zu ſeyn. So meldet z. B. der HM. im J. 1389 dem Herzoge Albrecht von Baiern, daß ein Un⸗ terthan des Ordens von einem der Mannen des Herzogs verunrcchtet, vor ein „Nitterrecht von viel Rittern und Knechten geladen worden ſey, dieſes jedoch nicht angenommen habe. Im 15ten Jahrhund. kommt die Beſetzung der Ritterbank haufiger vor. Außer den in der erwähnten Abhandlung ſchon angeführten Beiſpielen beklagt ſich im J. 1448 ein gewiſſer Jacob Wolf beim HM., daß er „wart gewiſet vor dy Ritter⸗ banck czu Danczk, dy nicht uff dy czyt geſeſſen wart.“ Was Henne⸗ berger p. 52 von einer Beſetzung der Ritterbank durch Ordensherren, prälaten, Ritter und ftäbtifche Magiſtrate ſagt, verdient kaum der Beachtung, da Simon Grunau hier ſeine Quelle iſt.
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Oberſte Gerichtsbarkeit. 625 ſchoͤppen, meiſt aus dem Ritterſtande, adeligen Gutsherren oder den vornehmſten Lehensleuten des Landbezirkes zu⸗ ſammengeſetzt.) Ihre Wahl geſchah, wie es ſcheint, in ihrer eigenen Mitte und ward vom Orden beſtaͤtigt. Des Landrichters Stelle vertrat mitunter ſein „Statthalter,“ wozu er auch den Hauskomthur des nahen Ordenshauſes ernennen konnte. Das Landding bildete ein beſtaͤndig ſte⸗ hendes Gericht, vor welchem weniger Proceſſe gefuͤhrt und andere gerichtliche Streitſachen entſchieden, als vielmehr alle das Landeigenthum betreffenden Angelegenheiten, alſo Guͤterverkauf, Guͤtertauſch, Graͤnzberichtungen, Vormund⸗ ſchafts⸗Verhaͤltniſſe und mancherlei andere Grundbeſitz und Eigenthum anlangende Dinge verhandelt und oͤffentlich ver⸗ lautbart werden mußten. Durch das gehegete Landding erhielten Vertraͤge uͤber Beſitz und Eigenthum ihre gerichts liche Gültigkeit. In ſtreitigen Fällen urtheilte und er⸗ kannte es nach Landrecht, d. h. vorzuͤglich nach Kulmiſchem Rechte. Aber es konnte von ſeinem Ausſpruche Berufung an den Hochmeiſter Statt finden. Jedes Landding hatte fein eigenes Schoͤppenbuch, in welches es das Weſentlichſte feiner Verhandlungen aufnahm. 2 Diefe drei Gerichtsbehoͤrden, der Komthur, die Rit⸗ terbank und das Landding mit dem Landrichter waren es, die über den geſammten Stand der Grundbeſitzer und Les hensleute eines Landbezirkes Recht und Urtheil ſprachen. 1) So kommen z. B. in Rieſenburg im J. 1396 ein Landding mit einem Landrichter, Nicolaus von Krixen und 12 Landſchöͤppen, ebenſo die Landſchöppen im landgehegten Ding zu Chriſtburg vor; Privileg. Capit. Pomesan. p. XXV — XXVII. Wir finden aber dieſes iu- dicium provinciale ſchon viel früher im Lande, z. B. im J. 1367 in Privileg. Pomesan, eceles. p. XVII. XVIII; ein Landding in Worm⸗ ditt im J. 1376. Mehre Beispiele feiner Verhandlungen Über Vor⸗ mundſchaftsſachen, Güterverkäufe u. ſ. w. im geh. Arch. im ſ. g. grüs nen Buche p. 189 — 190 und in Urkunden Schiebl XXII. nr, 28. 29, , 2 ueber dieſcs Landding finden ſich im geh. Arch. noch manche be⸗ lehrende Nachrichten; nur iſt hier nicht der geeignete Ort zu weiterer Ausführung des Einzelnen. VI. 40
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626 Oberſte Gerichtsbarkeit. Der Orden aber übertrug faſt regelmaͤßig dieſen auch ſelbſt über die auf ihren Gütern befindlichen Hinterſaſſen und Leute bald die geſammte Gerichtsbarkeit, bald wenigſtens einen Theil derſelben; man unterſchied die hohe und nie⸗ dere Gerichtsbarkeit oder größere und mindere Gerichte.“ Die erſtere konnte indeß vom Gutsherrn gewoͤhnlich nur ge⸗ uͤbt werden unter Mitwiſſen und Zuſtimmung des Komthurs oder des Hochmeiſters, ohne deſſen Beſtätigung kein pein⸗ liches Urtheil vollſtreckt werden durfte.“ Häufig jedoch bezog ſich die Verleihung der hoͤhern Gerichte auch nur auf Theilnahme an den Gerichtsgefaͤllen, alſo daß das ei⸗ gentliche Gericht dem Orden verblieb.) Meiſt nämlich wurden die Gefaͤlle der hoͤheren Gerichte beſonders bei Kulmiſchen Lehensbeſitzern ſo getheilt, daß zwei Theile dem Orden und der Dritte, gemeinhin der dritte Pfennig ges nannt, dem Beſitzer zufielen.) Dagegen gehörten die Gefaͤlle der niedern Gerichte ſtets ungetheilt dem Gutsherrn 1) Sie werden in Urkunden oft näher umſchrieben, z. B. Maiora indicia videlicet corporis privatio, corporis detruncatio et ma- nus amputatio, manus mutilatio; oder kurz amputatio manus et eolli; in deutſchen Urkunden: als da is des halzes und der hant ab⸗ hauunge. Die niedere Gerichtsbarkeit wird oft bezeichnet als „die eleyn⸗ ſten gerichte dy da blut und blo ſint genannt.“ 2) So heißt es in einer Urk. vom J. 1285: Concedimus in- super predictis feodalibus et eorum heredibus, ut rusticos eorum et homines valeaut iudicare, eo tamen excepto, quod ad vite Privacionem seu membrorum mutilationem neminem debent abs- que scitu fratrum nostrorum iudicialiter condempnare, quorum eciam consilia sunt in talibus indiciis requirenda. Et si quid forsitan questio de huiusmodi iudicio derivabitur, hoc totum predicti percipient feodales. 3) Dann kommt gewöhnlich die ausdruͤckliche Beſtimmung vor: man verleihe die hohen und niederen Gerichte, „doch alſo das unſere bruͤder beyde gerichte richten ſullen, oder: das unſere bruͤder beyde gerichte ſollen ſiczen.“ 4) Zuweilen wird auch die Theilung der Gerichtsbußen auf die Haͤlfte verliehen.
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Oberſte Gerichtsbarkeit. 627 zu. Nicht ſelten bezog ſich auch die Ertheilung dieſer niedern Gerichtsbarkeit nur auf die Theilnahme an den Gefällen und die Ausuͤbung des Gerichtes ſelbſt hatte der Komthur. Zuweilen aber erfolgte die Verleihung der ho⸗ hen und niedern Gerichtsbarkeit auch ohne alle Befchrän- kung und es fielen dann die Ausübung des Gerichtes, ſowie alle Bußen und Gefälle ohne weiteres dem Guts⸗ berrn zu.) Die Höhe der Gefälle war zwar meiſt ge⸗ ſetzlich beſtimmt; allein der Orden hatte das Recht, in einzelnen Faͤllen die Bußen nach Gutduͤnken zu erhoͤhen oder zu mindern; der Theilnehmer der Gefälle mußte ſich begnuͤgen, wie der Orden hiebei verfahren wollte. Aber in allen dem Orden ausſchließlich vorbehaltenen Gerichten, wie Über Preuſſen und im Straßengerichte gehoͤrten na⸗ tuͤlich auch alle Bußen ganz allein dem Orden zu. 9 Ueber die Verleihung der Gerichtsbarkeit war nichts geſetzlich beſtimmt; fie hing ganz von der Willkuͤhr des Meiſters oder des Ordens ab. Ritter und Knechte oder uͤberhaupt adelige Gutsbeſitzer und vornehmere Lehensleute erhielten faſt regelmaͤßig die hohen und niedern Gerichte, geringere Kulmiſche Beſitzer häufig nur die letztern oder wohl auch keine. Preuſſen, mit Kulmiſchem Rechte be⸗ gabt, wurden nicht ſelten, zumal im vierzehnten Jahr⸗ hundert auch zugleich mit Gerichtsbarkeit nach Kulmiſcher Rechtsbeſtimmung belehnt.“ Preuſſiſche Freilehensleute hatten bald nur die niedern Gerichte, bald auch beide zu⸗ gleich und im letztern Falle auch den dritten Theil der Gerichtsbußen. In Deutſchen Doͤrfern mit Kulmiſchem 1) Dann heißt es: Man verleihe „allerley gerichte gros und cleyne czu richten und czu behalden vry und unbekuͤmmert.“ 2) So in einer Verſchreibung vom FJ. 1349: Judicia saltem Polonica et Prutenica cum derivationibus ab ipsis provenientibns fratrum nostrorum examini Teservantes. 3) In einer Verſchreibung fuͤr einen Preuffen: Maiora siquidem et minora iudieia in dictis bonis Jure Culmensi volumus ad ipsum totaliter pertinere. 40 *
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628 Oberſte Gerichtsbarkeit. Rechte war regelmäßig die Gerichtsbarkeit uͤber die Dorf: bewohner mit dem Amte des Schultheißen verbunden, doch gewoͤhnlich nur die niedern Gerichte; die hoͤhern behielt der Orden. In jenen richtete der Schultheiß als Vor⸗ ſitzer im Dorfgerichte, aber in manchen Faͤllen nur im Beiſeyn eines Ordensbeamten. Sein Gerichtsrecht erſtreckte ſich jedoch ſtets nur uͤber die Deutſchen Dorfeinſaſſen, nie über Preuſſen, Pommern und Polen; nur wenn dieſer einer im Dorfbereiche mit handhafter That von den Be⸗ wohnern des Dorfes aufgehalten ward, richtete ihn der Schultheiß in Gegenwart eines Ritterbruders und erhielt dann auch den dritten Pfennig des Bußgeldes.“ Ges richtet wurde nach dem Rechte, womit das Dorf bewid⸗ met war, alſo meiſt nach Kulmiſchem oder, wie es auch hieß, nach Landrecht; hie und da gab es auch Doͤrfliche Willkuͤhren. In biſchoͤflichen und Kapitels-Landen war im Gerichtsweſen kein weſentlicher Unterſchied, denn wo im Ordensgebiete der Komthur oder der Ordensvogt als naͤchſte oberſte Gerichtsbehoͤrde ſtand, trat mit gleichen Gerichtsrechten der Vogt des Biſchofs oder der des Dom⸗ ſtiftes auf. Er uͤbte alſo bald die hoͤhere und niedere Gerichtsbarkeit zugleich, bald auch nur die erſtere allein; haͤufig hatten auch hier die Beſitzer nach Kulmiſchem Rechte beide Gerichte zuſammen im Umfange ihres Grundbe⸗ fißes. ? — Aus dem Allen erhellt demnach: der Orden hatte in allen ſeinen Landen das unbedingte Recht der 1) In einer Pommeriſchen Dorfverſchreibung von 1356: Der Schultheiß ſolle haben „den dritten pfennig von duͤczem gerichte, unſer Polniſche luͤte di ſol nimand richten denn wir adir unſer bruͤder, is were denn daz Ymand ofgehalden wuͤrde binnen deſes gutes greniczen buſen unſer lantſtraſe mit hanthaftiger tat von den Inwonern des dor⸗ fis, das ſal richten der ſchulteis czu kegenwertikeit unſer bruder czwen. 2) Entweder heißt es: Judicandi maiora indicia et minora tamen nostri capituli Advocato, oder Judicia maiora noster ad- vocatus iudicabit, oder der Beſitzer indieia quoque maiora et mi- nora in suis campis habebit, quemadmodum habere dinoseuntur alii nostri feodales, quibus jura Culmensia duximus conſerenda.
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Bergwerksrecht. Bernfleins Monopol. 629 oberſten Gerichtsbarkeit; er übertrug jedoch die Ausuͤbung nach freier Beſtimmung bald in weiterer, bald in be⸗ ſchraͤnkterer Ausdehnung und beſtimmte die Gerichtsge⸗ fälle, wie er für gut fand; aber in vielen Faͤllen behielt er die Vollfuͤhrung des Gerichts auch ganz allein für ſich und zog die Gerichtsbußen ausſchließlich in ſeinen Schatz. b. Das Bergwerksrecht. Es war ohne Zweifel dem Orden, bevor er Preuſſen erobert, ganz unbekannt, ob im Lande nicht Bergwerke anzulegen und doch wenigſtens Metalle aufzufinden ſeyn moͤchten. Darum hatte er ſich vom Kaiſer Friederich dem Zweiten auch das Bergwerksrecht ertheilen laſſen und machte nachmals kraft dieſer kaiſerlichen Verleihung in der Kul⸗ miſchen Handfeſte die Bergwerke oder die Auffindung von Metallen als ſein Regal geltend. Zwar ließ ſich nach des Landes Beſchaffenheit jenes Recht wenig in Anwen⸗ dung bringen; allein hie und da wurden im Lande doch edle Metalle oder überhaupt Metalle gefunden und der Orden betrachtete deren Gewinn beſtaͤndig als ſein aus⸗ ſchließliches Recht. Daher geſchah, daß ſowohl die Or⸗ densgebietiger als die Biſchoͤfe in laͤndlichen Verſchreibun⸗ gen die Auffindung aller Metalle ſich ausſchließlich immer als Regal vorbehielten. ? Daſſelbe fand Statt bei Ent⸗ deckung von Salzquellen, denn auch das Salz wurde vom 1) S. B. II. S. 166 u. 239. 2) Schon in einer Verſchreib. von 1255 heißt es: Si aliqua vena cniuscunque metalli vel salis ibidem inveniatur inposterum, hanc et nobis reserramus; in einer Verſchreib. des Biſchofs v. Ermland von 1288: Exceptis lucris terre, auro videlicet, argento, sale et cuiuslibet generis metallo. Ebenſo in ſtädtiſchen Gruͤndungspri⸗ vilegien, z. B. in dem von Mohrungen: Excipimus eciam molendina, vias, usum salis, fussuram metallorum et omnia cetera, que iure dominii excipienda fuerint, que nostre domui Klbingensi penitus reservamus; in dem von Kreuzburg: Nostre domui reser- vamus aurifodinas vel argenti, ferri, metalli, eris et venas salis-
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630 Bergwerksrecht. Bernfeins Monopol. Orden als Regal angefehen, weshalb auch ſchon die Kul⸗ miſche Handfeſte die Benutzung der Salzquellen ihm ganz allein zuweiſt. Auch in laͤndlichen Verleihungen und ſtaͤdti⸗ ſchen Privilegien hielt man fort und fort an dieſem ober⸗ hoheitlichen Rechte feſt.) Aber erſt nach anderthalbhun⸗ oert Jahren zog der Orden eine Zeitlang aus dieſem Rechte einen Gewinn, als unter der Verwaltung des Meiſters Konrad von Jungingen, wie wir früher hörten, eine ziem— lich ergiebige Salzquelle in Preuſſen entdeckt und vom Orden nicht ohne glüdlichen Erfolg benutzt wurde. 9 Des: Reichen ſcheint auch der Salzhandel ein Monopol des Ordens geweſen zu ſeyn, denn theils finden ſich in den Städten keine Spuren eines freien Handels mit dieſem Beduͤrfniſſe, theils lagen hie und da in den Magazinen der Ordenshaͤuſer oft fo bedeutende Quantitaͤten in Vor— rath, daß daraus wohl auf einen ausſchließlichen Handel damit zu ſchließen iſt.“ In gleicher Weiſe nahm der Orden ſofort im An⸗ auge auch den Bernſtein als ein Regal in Anſpruch. Wir wiſſen bereits, wie er die Benutzung des Bernſteins nach verſchiedenen Vertraͤgen uͤber die Theilung Samlands mit dem dortigen Biſchofe theilte; “ allein er wußte ſich das alleinige Regal in gewiſſer Hinſicht dadurch wieder zuzueignen, daß er den Biſchof verpflichtete, den im bi⸗ ſchoͤflichen Gebiete aufgefundenen oder eingeſammelten Bern: ſtein niemand anders als nur dem deshalb angeſetzten Or⸗ densbeamten um einen beſtimmten Preis zu verkaufen, wodurch der Bernſtein- Handel ein ausſchließliches Mono⸗ pol des Ordens bis auf die letzten Zeiten blieb. Desglei⸗ chen die Stadt Danzig und das Kloſter Oliva, denn ob— gleich beide von den alten Herzogen von Pommern das Recht des Bernſtein-Sammelns in ihren Gebieten erhal 1) S. die vorige Anmerk. 2) S. oben S. 392. 3) Aemterbuch. 4) S. B. III. S. 220. IV. S. 353.
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Bergwerksrecht. Bernflein: Monopol. 631 ten und auch der Orden es ihnen beſtaͤtigt hatte, ſo wa⸗ ren ſie doch ebenfalls zum Verkaufe an den Orden zu einem gewiſſen Preiſe verpflichtet. ) Auf dieſes Handels⸗ monopol hielt man ſtets mit großer Strenge, alſo daß die Willkühr der Städte Königsberg zu Ende des vier⸗ zehnten Jahrhunderts nicht nur mit nachdruͤcklicher Strafe verbot, mit unverarbeitetem Bernſtein irgendwie Handel zu treiben, ſondern auch der Bernſteinmeiſter als ober⸗ ſter Aufſeher jeder Zeit eidlich geloben mußte, den ge⸗ ſammelten Bernſtein ſtets in ſolcher Verwahrung zu hal⸗ ten, daß niemand irgend davon bekommen koͤnne, auch ihn 1) Dieß erſieht man ſchon aus einem Briefe des Ordensmarſchalls an den HM. vom J. 1425, worin er klagt: „das der huwskompthur czur Balga, der ſiſchmeiſter czum Elbinge und der ſiſchmeiſter in der Scharfau den Buͤrnſteyn, der en wirt, vaſte eynen andern weg vor⸗ kowfen und yn dem nicht czufuͤgen, als iz doch vor in langen czithen bisher allewege geweſt iſt. Worumb wir beten demuͤticlichen, das irs mit den obengeſchreben gerucht czu beſtellen, das ſy denn den ſteyn, den yn gott alſo gebit, unſerm großſcheffer alſo czufuͤgen, alſo do thun der here Biſchoff czu Samland, der here Abt czu Olyva, der komp⸗ thur czu Dantzk und als is vor alden czithen bisher iſt gehalden. — Als unter dem HM. Karl von Trier die Fiſcher von Danzig klagten, daß ſie gegen die alte Landesgewohnheit an ihrem alten Rechte des Bernſteinſammelns und der Fiſcherei gehindert wuͤrden, erklaͤrte der M., daß er ihnen ihr Recht erneuere, tali tamen conditione, quod de collectione dictorum lapidum et piscatione servicia sicut ab antiquo „‚sepedieti piscatores et eorum predecessores dominis terre Pomeranie-servierunt, fratribus ordinis per omnia et sine contradietione siut astrieti. Ohne Zweifel mußten fie den Bern ſtein an den Komthur in Danzig verlaufen. In der vom HM, Lu: dolf König im J. 1342 auögeftellten Beſtaͤtigung des zwiſchen Dieterich von Altenburg und dem Kloſter Oliva abgeſchloſſenen Vergleiches heißt es: quod homines nostri piscatores dumtaxat Gdanenses cum hominibus eorum habebunt ius piscandi et ardentem lapidem, qui burnsteyn dieitur colligendi, quem tamen dictus Abbas et fratres sui ement et iuxta valorem solitum et consuetum pro- euratoribus nostris vendent; Urk. Schiebl. LVI. nr. 26. Beiträge zur Kunde Preuſſens B. VI. S. 45. 2 9), Beiträge zur Kunde Preuſſens a. a. O.
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632 Das Muͤnzrecht. niemand ohne des Hochmeiſters Wiſſen und Willen verab⸗ folgen zu laſſen u. ſ. w. Es waren ferner zur ge⸗ nauen Aufſicht beim Einſammeln des Bernſteins, wozu man am liebſten Preuſſen gebrauchte, ſchon damals Strand⸗ waͤchter angeſtellt und unter gewiſſen Freiheiten in der Nähe des Seeufers mit Landeigenthum begabt.“ Und um endlich auch im Bernſtein⸗ Handel ſelbſt eine gehoͤrige Kontrolle zu führen, war angeordnet, daß nur der Groß⸗ ſchaͤffer zu Koͤnigsberg unter des Ordensmarſchalls Aufſicht den Einkauf im Lande und den Abſatz ins Ausland zu beſorgen hatte, alſo daß niemand anderswoher als nur durch ihn Bernſtein erhalten konnte. Uebrigens war der Ertrag dieſes Regals für den Orden mitunter aͤußerſt be⸗ deutend, denn wir wiſſen aus ſichern Quellen, daß zu Ende des vierzehnten Jahrhunderts in manchen Jahren der nach Brügge allein abgeſetzte Bernſtein Summen von 2300 bis nahe an 3000 Mark einbrachte: daher auch das große Gewicht, welches der Orden alle Zeit auf die⸗ ſes Monopol legte.) c. Das Muͤnzrecht. Auch das Regal des Muͤnzrechts ſtüͤtzt ſich auf die Verleihungsurkunde Friederichs des Zweiten und in deſſen Benutzung verfuhr der Orden ziemlich auf gleiche Weiſe, wie mit dem Jurisdictionsrechte, indem er es zum Theil ſelbſt ausuͤbte, zum Theil das Recht der Ausuͤbung eini⸗ gen Staͤdten des Landes übertrug, doch alſo daß er als Oberherr ſtets die geſetzliche Beſtimmung über die Art der 1) Eidesformel des Bernſteinmeiſters im geh. Arch. 2) So verleiht der Ordensmarſchall Werner von Tettingen einigen Preuſſen 4 Haken Landes, „uf das ſy deſte flyſiger ſint den Strand czu bewahren.“ 3) Vgl. was fiber den damaligen Werth des Bernſteins in den Beiträgen zur Kunde Preuſſ. a. a. O. nach Archivsquellen geſagt iſt.
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Das Muͤnzrecht. 633 Auslibung ſich vorbehielt.) Obgleich namlich in der Regel der Muͤnzmeiſter ein ſtaͤdtiſcher Buͤrger war, ſo iſt es doch immer unrichtig, wenn man irgend einer Stadt Preuſſens ein zu ihrem unbeſchraͤnkten Gebrauche und zu ſelbſtaͤndiger und unabhängiger Ausuͤbung ihr verliehenes Muͤnzrecht zus ſchreibt, denn ein ſolches hat zur Zeit des Ordens keine einzige Stadt gehabt. ? Sie waren ſtets nur Muͤnzſtaͤtten und keine an ſich muͤnzberechtigt. Der Name, den die Münze gewöhnlich von ihrem Prägorte trug, kann keines⸗ wegs die Annahme eines foͤrmlichen Muͤnzrechts fuͤr irgend eine Stadt begruͤnden; auch wird keiner einzigen weder im Gruͤndungsprivilegium noch ſonſt ein freies Münzrecht zugeſagt; vielmehr iſt zu erweiſen, daß nur der Orden zur ſelbſtaͤndigen Ausuͤbung des Muͤnzrechts berechtigt war und ſeiner Seits nur die Uebernahme und Beſorgung des Münzſchlages einigen Staͤdten gewährt wurde. In Danzig und Preuſſiſch⸗ Holland behielt ſich der Orden, wie wir wiſſen, die Muͤnze ausdruͤcklich als ſein oberherrliches Recht vor und als im Jahre 1393 gerade diejenigen Staͤdte, 1) Pol. was früher B. III. S. 514 bereits über das Muͤnzweſen geſagt ift- 2) In der Abhandlung über das Preuſſ. Münzwefen in den Preuſſ Samml. B. II. S. 601 moͤchte vieles zu berichtigen ſeyn, wenn hier der Ort zu ſpeciellen Unterſuchungen in dieſer Sache waͤre. Vgl. was Wilda das Gildeweſen des MA. S. 196 über das Muͤnzrecht im MA. fagt und auch auf Preuſſen Anwendung findet. 3) Im Privilegium von Preuſſ. Holland heißt es: Reliquam dimidiam partem census cum tota moneta nostre domui reser- vamıs, und in dem von Danzig vom J. 1378: Alle den czins und nutz, den ſy (die Bürger) haben und noch machen mogen in der Stad, der ſal den vorgenanten unſern burgern alczumole czugehoren ewiclich, usgenomen Montze und Wechſel und alles das czur herlichkeit gehort, das welle wir uns und unſerm huſe behalden. Daß die Muͤnze in Danzig auch fpäter noch wirklich dem Orden zugehörte, erſehen wir auch aus einer Urkunde vom J. 1423, worin der HM. Paul von Ruf: dorf einem gewiſſen Hildebrand Tannenberg, Bürger in Danzig, einen Raum und eine Hofſtatt verſchreibt und fügt: fie ſey gelegen „neheſt
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634 Das Muͤnzrecht. in welchen Münzen geprägt wurden, das Beduͤrfniß einer kleinern Muͤnzgattung im taͤglichen Verkehre fuͤhlten, konn⸗ ten ſie dieſe nicht aus eigener Macht praͤgen, ſondern mußten von einer Hanſeatiſchen Tagfahrt aus den Hoch— meiſter erſuchen, eine ſolche Muͤnze ſchlagen zu laſſen und von dieſem erhielt der Muͤnzmeiſter zu Thorn den Befehl, dieſe kleinere Muͤnzgattung auszupraͤgen.) Gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts aber hatte die Hauptmuͤnze zu Thorn die übrigen im Lande ſchon bedeutend niederge⸗ drückt. Die zu Preuffifch = Holland ſcheint uͤberhaupt nicht lange beſtanden zu haben; in der zu Koͤnigsberg mag in früherer Zeit nur wenig geprägt worden ſeyn, denn Kö⸗ nigsbergiſche Denare kommen nur ſelten vor, haͤufiger El⸗ bingiſche und Danziger. Im funfzehnten Jahrhundert war die Münze zu Thorn unſtreitig die wichtigſte, aber der Stadt ſchon abgenommen, indem der Orden das Geſchaͤft des Muͤnzſchlages nicht mehr einem Bürger überlaffen, fondern die geſammte Muͤnzverwaltung einem Ordensbe⸗ amten als Muͤnzmeiſter uͤbergeben hatte. Die letzte Spur, daß die dortige Muͤnze noch in den Haͤnden eines Buͤrgers war, giebt im Jahre 1380 eine Verordnung des Hoch⸗ meiſters, wie es mit dem Verſuchen der Muͤnze oder der Muͤnzprobe zu Thorn gehalten werden ſolle.“ Seitdem dann fihon im Jahre 1404 der Ordensbruder Peter von Waldheim vom Muͤnzamte in Thorn abgeht und es dem dortigen Hauskomthur uͤbergiebt, finden wir dieſe Haupt⸗ münze des ganzen Landes beſtaͤndig unter der Verwaltung von Ordensbruͤdern. Von dem in andern Laͤndern vor⸗ hinder dem huwſe, dorinne in vorczeiten iſt geweſt unſers Ordens Muͤncze in der hundegaſſe der rechten ſtad Danczk.“ 1) S. B. V. S. 647. 2) Im Fol. Graͤnzbuch B. p. 84, wo es heißt: Mit willen und Rathe unſer Mittgebietiger haben wir Homeiſter W. unſerm lieben ge⸗ truwen N. unſer Muncze czu Thorun, als lange uns fuͤget, bevolen czu bewaren und czu vorſtehen, alſo als einem vorſucher den man pfleget czu haben in rechten Munczen.
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Das Regal der Gewälfer. 635 kommenden Münzgelde findet ſich in Preuſſen keine Spur. » Mit dem Sinken des Ordens aber nach der Schlacht bei Tannenberg traten auch in den Verhaͤltniſſen des Muͤnz⸗ weſens in Preuſſen bedeutende Veraͤnderungen ein, die manchfaltigen Anlaß zu Klagen der größeren Handelsſtaͤdte des Landes gaben. d. Das Regal der Gewaͤſſer. Das ausſchließliche Recht zur Benutzung der Ge⸗ waͤſſer im Lande, theils auf Kaiſer Friederichs Verleihung, theils auch durch die Eroberung des Landes begruͤndet, 1) Was den früher B. III. S. 515 erwähnten Umſchlag der Lan⸗ desmuͤnze betrifft, ſo hat man jene Beſtimmung gewoͤhnlich unrichtig verſtanden, indem man annahm, es ſey damit das Geſetz gegeben wor⸗ den, daß die Muͤnze deshalb wenigſtens alle zehn Jahre erneuert wer⸗ den ſolle, weil in dieſer Zeit durch den täglichen Gebrauch ſo viel vom Gelde abgerieben werde, daß es noͤthig ſey, ſolches wieder zu erſetzen, damit die Münze mit der Zeit nicht allzu ſehr verringert würde; f. Hartknoch A. u. N. Preuſſ. S. 522, Kretz ſchmer die Kulm. Handfeſte S. 63. Dieß ſcheint indeß keineswegs die richtige Beziehung jener Beſtimmung. Wie auch Stenzel und Tzſchoppe Urkunden: Samml. S. 6 bemerken, war es im Mittelalter Sitte, daß die Muͤn⸗ zen ſehr haͤufig verſchlagen oder verrufen und umgepraͤgt wurden. Hier⸗ durch gewannen die Fuͤrſten ſehr viel, weil ſie die alte verrufene Muͤnze im Verhaͤltniſſe zu ihrem wahren Werthe jedesmal niedriger annahmen, als ſie die neue ausgaben, ohne daß in der fruͤhern Zeit noch an eine eigentliche Verſchlechterung des Gehalts der Stuͤcke ſelbſt gedacht wurde. Dieß ging ſo weit, daß z. B. in Polen und Schleſien in fruͤherer Zeit die Münze jährlic dreimal, nämlich bei jedem Jahrmarkte verändert wurde, was natuͤrlich fuͤr den Handel große Nachtheile und Unbequem⸗ lichkeiten hatte. Um nun einem ähnlichen Mißbrauche im voraus zu be⸗ gegnen, wurde in der Kulm. Handfeſte und dann auch im Privilegium von Elbing geſetzlich beſtimmt, daß eine ſolche Umprägung der Muͤnze nur alle zehn Jahre einmal (non nisi semel in singulis decenniis) erfolgen und die Einwechſelung der alten oder verrufenen Münze gegen die neue in einem beſtimmten Verhaͤltniſſe geſchehen ſolle. Dieſe Be: ſtimmung iſt ohne Zweifel auch der Grund, daß in Preuſſen von einer Steuer des Muͤnzgeldes keine Spur vorkommt.
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636 Das Regal der Gewäller. hatte für den Orden mehr als für jeden andern Landes⸗ fürften deshalb eine ſehr große Wichtigkeit, weil Preuſſen in fruͤheren Zeiten eine noch ungleich bedeutendere Zahl von Fluͤſſen und Seen in ſich ſchloß, denn wenn auch auf die Angaben der Chroniſten über die ehedem fo zahl: reichen Seen und Binnengewaͤſſer in Preuſſen kein beſon⸗ deres Gewicht zu legen ſeyn möchte, U fo Laßt ſich doch aus Urkunden aufs beſtimmteſte nachweiſen, daß eine außer⸗ ordentlich große Anzahl von Fluͤſſen, Seen und Teichen theils nach und nach untergegangen und von ſelbſt aus⸗ getrocknet, theils durch menſchlichen Fleiß trocken gelegt worden ſind. Ueber alle dieſe Binnengewaͤſſer, uͤber die beiden Haffe und über einen großen Theil der Oſtſee be: hauptete der Orden nebſt den Landesbiſchoͤfen das Ober⸗ hoheitsrecht. Da die ausſchließliche und ſelbſteigene Be: nutzung aller Gewaͤſſer ſchon an ſich nicht moͤglich war, fo verfuhr man auch hier, wie mit andern Oberhoheits⸗ rechten, indem man einen Theil der Benutzung ausſchließ⸗ lich allein behielt und den andern gegen gewiſſe Abgaben und Leiſtungen den Unterthanen uͤberließ. Die zwei wich⸗ tigſten auf Benutzung der Gewaͤſſer bezuͤglichen Rechte wa— ren das Fiſcherei⸗-Recht und das Mühlen + Recht. Das Fiſcherei-Recht hatte bekanntlich im Mittelal⸗ ter eine viel groͤßere Wichtigkeit als heutiges Tages, nicht bloß weil damals die Menge und Verſchiedenartigkeit der Lebensmittel bei weitem noch nicht ſo bedeutend war, ſon⸗ dern vorzüglich auch wegen des Faſtenzwanges, weil Zeiz ten eintraten, in welchen der Chriſt nothwendig und zwangsweiſe auf den Genuß der Fiſche angewieſen wurde. Darum konnte auch der Orden das Fiſcherei- Recht theils zu finanziellen Zwecken, theils zur Erreichung mancher andern Leiſtungen ſo ſicher und eintraͤglich benutzen, wie er wirklich that. Er verlieh es nämlich bald in gewiſſen 1) Henneberger der Seen, Stroͤme und Fluͤſſe Namen u. ſ. w. Baczte B. 1. S. 46 47. Hartknoch A. u. N. Pr. S. 205 — 200.
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Fiſcherei-Recht. 637 Gebieten völlig unbeſchraͤnkt, bald auch nur unter bes ſtimmten Bedingungen und Beſchraͤnkungen und zwar dieſe letztern theils in Beziehung auf Oertlichkeit oder auf die gebräuchlichen Inſtrumente, theils auch in Ruͤckſicht auf die verſchiedenen Fiſchgattungen.) Es beſtand ein we⸗ ſentlicher Unterſchied im Fiſcherei-Rechte mit großen oder kleinen Netzen, großem oder kleinem Gezeuge. Mit bei⸗ den Gezelgen wurde das Recht nur ſelten ertheilt, in der Regel nur mit dem kleinen Gezeuge und nur zu eigener Nothdurft oder zum Bedarf der Kuͤche. Der Verkauf von Fiſchen ward immer ausdruͤcklich unterſagt. Dorf = und Stadtgemeinen erhielten gewoͤhnlich die Fiſcherei in den naͤchſten Gewaͤſſern als Gemeinrecht. Insbeſondere aber gehoͤrte freie Fiſcherei, oft mit beſondern Vorrechten zu den Amtsrechten der Dorfſchultheißen.“ In der Dorf gemeine hatte jeder Hubenbeſitzer das Fiſcherei⸗ Recht ge⸗ woͤhnlich gegen einen jährlichen Zins. Freilehensguͤter ges noſſen dieſes Freirechts gemeinhin ebenfalls und auf Kul⸗ miſchen Beſitzungen galt hierin die Beſtimmung der Kul⸗ miſchen Handfefte, ) desgleichen in ſtaͤdtiſchen Feldmarken, 1) Dann erhalten die Grundbeſitzer nach der gewöhnlichen Formel liberam et omnimodam piscandi facultatem et licentiam. 2) Urkunde von 1273 im geh. Arch. Schiebl. XLIM. nr. 1. 3) Retia parva, kleines Gezeug, nannte man Handwathen, Fuß⸗ wathen, Stocknetze, Klebenetze, Hamen, Wurfangeln, Reußen u. dgl. unter dem großen Gezeuge, retia magna, iſt die Niwathe, Niwade, Newode oder Nywod das bekannteſte, ein Fiſchergarn, welches man meiſtens mit einer Winde zog; ſ. Adel ung Woͤrterb. u. d. W. Wathe. 4) Es heißt aber auch zuweilen: der Schultheiß erhalte freie Fiſcherei zu feinem Tiſche „dy vyſche czu vande (fangen) mit eyme menſchen und nicht mer und dazſelbe menſche ſal ſyn des Schultis Ine geſinde und ſin broteſſe. 5) S. die Kulm. Handfeſte. Mit dem Niwath zu fiſchen, wurde ſehr ſelten erlaubt, zuweilen nur den Anwohnern der See. So heißt es z. B. ein Gutsbeſitzer ſolle in salso mari in nostris stationibus habere unam navim, que burding dieitur, pro captura allecum; ex speciali eciam gracia favemus, ut in Puczker Habe cum
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638 Fiſcherei-Recht. wo ſich aber der Stadtſchultheiß meiſt gleichfalls beſon⸗ derer Vorrechte erfreute.) Mitunter aber ward das freie Fiſcherei⸗Recht auch nur als perfönliche Beguͤnſtigung er⸗ theilt und haftete nicht am Gute. ? Frei hieß jedoch die Fiſcherei nur inſofern, als niemand den Beſitzer dieſes Rechts in der Ausübung behindern durfte, denn im uͤbri— gen war es an beſtimmte Bedingungen geknuͤpft, bald mit gewiſſen den Fiſchmeiſtern des Ordens zu entrichtenden Abgaben, bald mit feſtgeſtellten Dienſten und Leiſtungen verbunden. Bei den vielen in Ertheilung des Fiſcherei-Rechts Statt findenden Ausnahmen und Beſchraͤnkungen und bei der großen Menge der Binnengewaͤſſer, in denen niemand von den Unterthanen die Fiſcherei betreiben durfte, blieb auch fuͤr den Orden ſelbſt noch eine bedeutende Zahl von Gewaͤſſern zu ſeiner eigenen Benutzung. Die Fiſcherei wurde daher von ihm auch ſehr ſtark betrieben, denn jedes nur irgend bedeutende Ordenshaus hatte ſeinen eigenen Fiſchmeiſter, einen Ordensbruder, der in dem ihm ange⸗ wieſenen Bezirke die Aufſicht über die Fiſcherei führte. Außer ſeinem eigenen Bedarfe benutzte der Orden die Fiſcherei auch als eine Art von Erwerb oder als ein Finanzmittel. So lieferten z. B. die Pfleger von Raſten⸗ burg und Barten jaͤhrlich beträchtliche Ladungen von Hech⸗ ten zum Verkaufe nach Thorn; der Komthur von Memel feste jährlich für mehre hundert Mark Fiſche an den Kon⸗ vent in Marienburg ab. Hie und da that man die Fiſcherei auf Pacht aus; ſo uͤbernahmen die Vierdener zu Dirſchau, eine Geſellſchaft von Fiſchern, je auf vier Jahre die Fiſcherei in einem Theile der Weichſel gegen eine jähr: instrumento, quod Nywod dicitur, navigio aestatis tempore et In glaciebus liberam habeat piscaturam. 1) So im Privilegium von Kreuzburg. 2) Privileg Capit. Pomegan. p. XLVIII. 3) Treßler⸗ Buch.
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Mühlen: Rege. 639 liche Pachtſumme von hundert Mark.“ Am eintraͤglich⸗ ſten waren in finanzieller Hinſicht die jaͤhrlich ertheilten ſ. g. Keutelbriefe, Erlaubnißſcheine zum Fiſchfange mit einem beſtimmten Fiſchernetze, dem Keutel, auf dem Fri⸗ ſchen Haff und in der offenen See, die immer in großer Zahl ausgegeben und ziemlich hoch verzinſt wurden.) Je⸗ der trug zehn bis zwoͤlf Mark ein und die Domherren in Frauenburg allein zahlten dafuͤr jaͤhrlich dritthalbhundert Mark. An den Strömen und Kuͤſten des Friſchen Haf⸗ fes und der Oſtſee hatten ſich Fiſcher-Kolonien, Suͤmen genannt, angeſiedelt, die jedes Jahr vom Orden ihre Keutelbriefe kauften und darauf ihr Gewerbe trieben. ® Auch das Muͤhlenrecht ward vom Orden als Regal betrachtet, welches er entweder ausſchließlich für ſich bes hielt oder gegen beſtimmte Leiſtungen und Abgaben an andere ausgab. Die Kulmiſche Handfeſte erlaubte jedem Eigenthuͤmer, deſſen laͤndliches Beſitzthum ein Fluß be⸗ rühre, daran eine Mühle anzulegen; bei zweien aber an demſelben Fluſſe behielt ſich der Orden vor, zu der einen den dritten Theil der Baukoſten zu tragen und dafuͤr den dritten Theil des Einkommens zu genießen. Dieſe Feſt⸗ ſetzung ging dann wahrſcheinlich auch auf die Kulmiſchen Guͤter uͤber. Das Recht zur Anlegung von Muͤhlen mußte jedoch vom Orden immer ausdruͤcklich verliehen werden und er ertheilte es nie anders als gegen einen jaͤhrlichen Zins in Geld oder Naturalien. In der Nähe der Or⸗ 1) Treßler⸗Buch p. 22. Die Verpachtung war Sache des Treßlers. 2) Solche Keutelbriefe und Nachrichten uͤber ihre Verleihung im geh. Arch. Im J. 1451 gab der HM. nach einem Verzeichniß 112 ſolcher Keutelbriefe aus. 3) Schreiben des Ordensmarſchalls an den HM. von 1431. Schrei⸗ ben des Hauskomthurs von Balga an den HM. von 1408 Schiebl. LXXII. nr. 56. : 4) Suͤmen oder Zuͤmen, auch Zuͤner oder Seiner; fie zahlten fuͤr jeden Keutelbrief 10 bis 12 Mark. Schreiben des Ordensmarſchalls an den HM. von 1448,
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640 Müßhlen-Recht. densburgen und beſonders in Staͤdten ward gemeinhin auch die Verpflichtung geſtellt, daß der Muͤhlenbeſitzer au⸗ ßer dem Zinſe alles Getreide zum Bedarf der Ordensburg ohne Abzug mahlen muͤſſe.) Auf dem platten Lande uͤberließ man das Recht der Muͤhlenanlage am liebſten den Dorfſchultheißen gegen einen beſtimmten Zins. In der Regel jedoch behielt der Orden das Muͤhlrecht fuͤr ſich, weshalb auch bei laͤndlichen Verleihungen Muͤhlgra⸗ ben und bequeme Gelegenheiten zum Muͤhlenbau immer als der Landesherrſchaft zugehörig betrachtet wurden.) Daher auch ſelbſt Staͤdte ſich dieſes Rechts nur ſelten er⸗ freuten.) Der Grund davon waren Muͤhlenzwang und finanzieller Vortheil fir den Orden; denn obgleich ſchon Winrich von Kniprode verordnet hatte, man folle allen Leuten zu mahlen erlauben, wo es ihnen am bequemſten fey, ? fo war dennoch haͤufig geſetzlich beſtimmt, daß Buͤr⸗ ger einer Stadt oder die Bewohner einer Gegend nirgend anderswo als nur in den Muͤhlen des Ordens ihr Ge— treide mahlen laſſen durften,“ wofür der Mahlpfennig oder die Mahlmetze entrichtet werden mußte, eine fuͤr den 1) Gewoͤhnlich heißt es: Quod predictus N. et sui veri here- des aut successores nobis et nostris successoribus, quando et duocienscunque requisiti fuerint, pro nostro usu et necessitate sine mulcro vulgariter meteze moleri sint astricti. Matric. Fischhusian. p. XVII. 2) In einer großen Anzahl von Urkunden kommt daher die Bes ſtimmung vor: Molgraben czu leiten oder Molen czu buwen und alles, waz an die herlicheit gehorit, behalde wir unſer hirſchaft. 3) In vielen ftädtifhen Privilegien wird die Erbauung von Mühlen ausdruͤcklich unterſagt oder der Orden behält ſich die loca pro molen- dinis construendis apta ſelbſt vor; ebenſo die Biſchoͤfe. So heißt es im Privilegium von Braunsberg: ut nullus infra granicias (civi- tatis) aliquod molendinum edificet. 4) Geſetze Winr. von Kniprode bei Hennig S. 137. 5) In einer Dorfverſchreibung von 1369 heißt es z. B. Molen, molenſtad, graben und alle Ercz welle wir uns behalden, ouch ſullen dy Inwoner nirgen malen wen in unſer molen czur Lewenburg.
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Regal der Forſten, Jagdrecht und Bienenzucht. 641 Orden aͤußerſt eintraͤgliche Abgabe. Ueberließ er zuwei⸗ len einer Stadt eine Wind- oder Waſſermuͤhle, ſo geſchah es nie ohne ſich dabei ein bedeutendes Einkommen zu ſichern. Der hohe Muͤhlenzins aber, der Mahlpfennig und überhaupt dieſes ganze Zwangsverhaͤltniß wurde im funfzehnten Jahrhundert fuͤr die Staͤdte viel zu druͤckend, ſo daß ſie haͤufig unter Klagen und Beſchwerden den Ver⸗ ſuch machten, ſich davon zu befreien, obgleich lange Zeit ohne Erfolg.“ e. Das Regal der Forſten, Jagdrecht und Bienenzucht. Daß Waldung und Jagd ebenſo, wie Gewaͤſſer und Fiſcherei als Gegenſtaͤnde des oberherrlichen Rechts be— trachtet worden, laͤßt ſich ſchon von ſelbſt ſchließen. In⸗ deß verfuhr der Orden bei ihrer Benutzung nicht ganz auf dieſelbige Weiſe. Die Waldungen waren von jeher auch in Deutſchland als Zubehör der Landguͤter ange ſehen wor⸗ den und da Preuſſen zur Zeit des Ordens noch einen ſo großen Ueberfluß von Waͤldern beſaß, ſo wies man ge⸗ woͤhnlich jedem Gute und jedem Dorfe oder der Stadt die Waldung zu, die ſich im Umfange der ihnen zuge⸗ meſſenen Hubenzahl befand. Allein der Umſtand eben, daß in Gruͤndungs⸗ und Verſchreibungs-Urkunden das Benutzungsrecht der Forſten immer ausdrücklich zugeſagt, und daß die Waldbenutzung noch beſonders verzinſt wer⸗ den mußte, zeigt klar, daß der Orden ein oberherrliches Recht auf Wald und Forſt geltend machte. Wo Waldung im Bereiche eines Gutes oder Dorfes fehlte, erlaubte der Orden gewohnlich als beſondere Beguͤnſtigung die freie Holzbenutzung in den naͤchſten Ordenswaͤldern, denn alle nicht ausdruͤcklich verliehenen Waldungen gehoͤrten dem Or⸗ den oder dem Biſchofe zu. Die Nutzung war bald nur auf Feuerung beſchraͤnkt, bald auch auf Bauholz ausge⸗ 1) Daruͤber ſpaͤterhin das Weitere. VI. 41
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642 Regal der Forſten, Jagdrecht und Bienenzucht. dehnt, doch immer nur unter Mitwiſſen des naͤchſten Kom⸗ thurs oder ſeines Waldmeiſters, eines Ordensritters, der die Aufſicht über die Waldbenutzung fuͤhrte.) Den Staͤd⸗ len wurde meiſt bei ihrer Gründung ein f. g. Hegewald zu unbeſchraͤnkter und voͤllig eigener Benutzung verliehen; zuweilen indeß behielt ſich der Orden oder Biſchof auch das Recht der Mitbenutzung vor. Was die zahlreichen dem Orden ausſchließlich zugehoͤrigen Waldungen betrifft, ſo war es Sache der Komthure, ſie zu den Zwecken und Vortheilen ihrer Haͤuſer zu verwenden. Allein es ward ihnen wiederholt zur Pflicht gemacht, die Waͤlder moͤg⸗ tichft zu ſchonen, fie nicht zu ſtark zu verhauen u. ſ. w.) Die Jagd, gleichfalls ein oberherrliches Recht des Ordens, behielt er bald ausſchließlich für ſich, bald vers gabte er fie an andere unter beſtimmten Bedingungen. Die früher erwähnte Beſtimmung der Kulmiſchen Hand— feſte, daß von jeglichem erlegten Wilde, mit Ausnahme von Bären, Schweinen und Rehboͤcken, der rechte Vor— derbug an das naͤchſte Ordenshaus geliefert werden ſolle, “ ſcheint als Landrecht fuͤr alle Kulmiſchen Guͤter geltend 4) Vgl. das Privilegium der Samländer vom HM. Heinr. von Plauen von 1413 über freie Fiſcherei und Holzung in Privileg. der Stande des Herzogth. Preuſſ. p. 5. 2) So im Privilegium von Kreuzburg: Civibus civitatis con ferimus unam silvam in vulgari Ilegewalt dictam, decem man- sos cum graniciis et metis distincte consignatos, pro utilitate communi libere absque omni censu et onere in perpetuum ob- tinendos, in qua nobis pro utilitate castri nostri Cruceburg ta- men ligna ad edificia et non ad plancas tempore indigentie re- servamus. 2 3) Die Vorſchriften hieruͤber in den Viſitations⸗ Vollmachten; es heißt z. B. Ouch von den welden und heyden, das die gebietiger und amptslewte fuͤrbas nicht meh die welde und heyden, die czu iren amp⸗ ten gehoren, vorhauwen ſollen laſſen czu vorkowffen, ſunder alleyne ſollen fie hauwen laſſen czu nottorfft und den gebewden iver ampte. Die Vorſchriften gehen dann weiter ins Einzelne ein. S. B. II. S. 240,
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Regar der Forſten, Jagdrecht und Vienenzucht. 643 geworden zu ſeyn, denn man findet ſie auch im vierzehn⸗ ten Jahrhundert als landuͤbliches Herkommen in mehren Gegenden in Anwendung und zwar dergeſtalt, daß die Lieferung als Zeichen des oberhoheitlichen Rechtes betrach⸗ tet wurde. Sonach hatten Dörfer, Staͤdte und Güter mit Kulmiſchem Rechte in ihren Marken zugleich auch das Jagdrecht unter den erwähnten Bedingungen; auf Freis lehensguͤtern hingegen wurde es nie ertheilt. Am freige⸗ bigſten mit dem Jagdrechte war man in den großen Waldwildniſſen, z. B. bei Johannisburg und Lyck, theils weil wahrſcheinlich die dortigen wenigen Ordenshaͤuſer den zahlreichen Wildſtand in jenen ausgedehnten Forſten nicht bewaͤltigen konnten, theils auch weil die Bewohner jener Gegenden wegen Unfruchtbarkeit des Bodens mehr als anderswo auf Jagd und Fiſchfang angewieſen waren. Daher erhielten auch die in jenen Gegenden und im oͤſt⸗ lichen Ermland wohnenden Preuſſen meiſtens freie Jagd⸗ gerechtigkeit, doch gewoͤhnlich mit der Bedingung, die Felle des erlegten Wildes oder das ſ. g. Wildwerk dem naͤch⸗ ſten Ordenshauſe zu beſtimmten Preiſen einzuliefern und die Kulmiſche Jagdbeſtimmung zu erfüllen. 2 Nirgends war man mit dem freien Jagdrechte freigebiger als in Ermland, wo nicht nur alle Städte, ſondern auch nicht kulmiſche Gutsbeſitzer und Preuſſen ſehr haͤufig mit freier 1) S. B. V. S. 205 — 206. Ueber das den Johannisburgern zugeſtandene Jagdrecht heißt es: Insuper eisdem incolis omnia fe- rarum genera venandi ibidem et mactandi plenam tradimus li- centiam, incipiendo a flumine, quod Berwikenulis dicitur usque ad terram Lyttovie, quousque pro corum metu venacionis offi- cium auserint exercere, addito, quod in signum dominii nobis et fratribus inibi existentibus de magnis animalibus, que ve- nando ceperint, crura seu tybias, ut est solitum, representent, exceptis ursis tantummodo et apris silvestribus, de quibus hu- iusmodi presentationes ut faciant non cogantur, sed solis suis usibus ut adaptent. 2) Darüber eine Urkunde für die Bewohner von Lyck vom J. 1425 im Verſchreib. Buch nr. 8 p. 23 f. oben S. 582 Anmerk. 3. 41 *
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644 Regal der Forſten, Jagdrecht und Bienenzucht. Jagd, doch meiſt nur mit der niedern begabt wurden.“ Der Biberfang war indeſſen ſeit alter Zeit uͤberall aus⸗ genommen und ſtets dem Landesherrn ausſchließlich vor: behalten.) Uebrigens hatte natürlich) jeder Komthur voͤllig freie Jagd in ſeinem ganzen Verwaltungsbezirk. Man nannte es hle und da auch das Klopfrecht. Dem Kom⸗ thur bei der Jagd Treibdienſte zu leiſten, ward als ein Theil des Schaarwerkdienſtes angeſehen. f Daß auch die Bienenzucht gewiſſermaßen mit in die Klaſſe der Oberhoheitsrechte des Ordens gezogen und als eine Art von Regal betrachtet wurde, darf nicht befrem⸗ den, denn erſtens war ſie uͤberhaupt im Mittelalter ein viel wichtigerer Gegenſtand der Landwirthſchaft als heut zu Tage, theils weil zur Bereitung des allgemein belieb⸗ ten Getraͤnkes des Methes eine außerordentliche Menge Honiges nothwendig war und dieſer auch ſonſt vielfach die Stelle des Zuckers vertrat, theils auch wegen des ſtar⸗ ken Verbrauchs von Wachs beim Gottesdienſte; und zwei- tens hatte ſie fuͤr den Orden insbeſondere dadurch eine große Wichtigkeit erlangt, daß von ihm, wie wir ſchon früher hörten, ein ſehr einträglicher Handel mit Honig und Wachs ins Ausland, beſonders nach den Niederlan⸗ den betrieben ward. Schon darum verwandte auch die Landesverwaltung auf die Bienenzucht ſtets die groͤßte Aufmerkſamkeit; wozu noch kam, daß auch die allgemeine 1) Entweder erhalten die Staͤdte im Allgemeinen venationes et aucupationes, wie Melſack, oder es heißt, wie bei Allenſtein: Ex speciali gratia indulgemus universis et singulis incolis eivitatis, quatenus in libertate seu bonis civitatis libere possint venari vulpem cum lepore, aucupari etc. oder, wie bei Guttſtadt: In- super admittimus, ut Wilhelmus scultetus et sui posteri intra granicias Civitatis aves capere et venaciones parvarum ferarum, leporis videlicet et vulpis valeant exercere. In Verſchreibungen für Preuſſen ſehr häufig die Beſtimmung: Ipsis coucedimus in ex- trema nostra solitudine more aliorum Pruthenorum lieentiam venandi. 2) Nach der Kulm. Handfefte.
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Regal der Foren, Jagdrecht und Bienenzucht. 645 Verpflichtung der Wachslieferung bei Kulmiſchen Guͤtern ſie an ſich ſchon zu einem beſondern Zweig der Landwirth⸗ ſchaft erhob. Sie wurde auf doppelte Weiſe geübt. Die meiſten Ordenshaͤuſer hatten gewöhnlich eine ſehr anſehn⸗ liche Zucht ſ. g. zahmer Bienen, die in Bienenſtoͤcken, wie früher erwähnt, in den Gegenden der Komthurbezirfe von Beutenern gepflegt wurden, wo für ſie die reichlichſte Nahrung vorhanden war. Noch bedeutender aber war die Pflege der ſ. g. wilden oder Waldbienen und dieſe war es auch, welche der Orden als eine Art von Regal oder als eine Sache betrachtete, die er ſich als oberherrliches Eigenthum zuzueignen ein Recht habe. Er machte es haͤufig dadurch geltend, daß er bei laͤndlichen Verleihun⸗ gen die Haͤlfte der im Dorfgebiete zu findenden Bienen ſich ſelbſt, die andere dem Dorfe zuſchrieb oder die Hälfte des Honiges verlangte.) Ländliche Beſitzer durften da⸗ her Bienen⸗Beuten auch nur unter landesherrlicher Erlaub⸗ niß anlegen und dieſe erhielten ſie ſtets nur gegen eine beſtimmte Abgabe vom gewonnenen Honige. Es iſt fruher ſchon erwähnt, daß der Orden bei Anſetzung der Beutener in Waldgegenden ſein oberherrliches Anrecht an die Waldbienen auch durch gewiſſe von dieſen geforderten 1) Vgl. B. V. S. 300. 503. Dieſe Entrichtung des halben Ev: trages der Bienenzucht war eine ſo allgemeine Landesgewohnheit, daß ſie als bekannt vorausgeſetzt und in den meiſten Urkunden nur ganz kurz angedeutet wird; z. B. der Beſitzer erhalte ſein Gut cum omni iure et utilitate tam in melle quam in pisce, de quo nobis iu- stitiam exhibebit, was in Beziehung auf den Honig nichts anders heißt, als: er liefert uns die Hälfte. 2) So heißt es z. B. in einer Verſchreibung des Komthurs von Balga v. J. 1399: Von ſunderlichen gnaden ſo gebe wir den ehege⸗ ſchreben und eren rechten Erben, was fie Buthen machen, das fie uns yo von vuͤnff und czwenczik buten ſullen geben und czinſen eyne Ranzke honigs und was ſie honigs von eren buthen irkrygen, das ſullen ſie dem Pfleger von Raſtinburg veil bieten, wil In der als veel dovor gebin als eyn ander, ſo ſullen ſi is Im lieber laſſen, wen eyme andern; Schiebl. XXVI. nx. 18
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646 Das Markt: und Handelsrecht. Verpflichtungen und Leiſtungen geltend machte.) Um die Waldbienen⸗Zucht moͤglichſt zu foͤrdern, ward bei Erthei⸗ lung eines Waldes an ein Dorf häufig ausdruͤcklich die Bedingung geſtellt, daß die zur Bienenpflege geeigneten 2 Baͤume nicht umgehauen werden ſollten. l. Das Markt- und Handelsrecht. In allen eigentlichen Ordens-Landen hatte der Or⸗ den, in den biſchoͤflichen der Biſchof und in den Stifts⸗ Landen das Domkapitel das ausſchließliche Recht, Staͤdte zu gruͤnden, deren innere Verfaſſung und Rechtsformen zu beſtimmen und ſie mit Marktrecht zu begaben. Wie einer Seits die Staͤdte durch ihr ſtaͤdtiſches Landeigen⸗ thum auf Pflege und Betrieb des Ackerbaues hingewieſen waren, ſo ſtand anderer Seits Handel und Verkehr mit dem ſtaͤdtiſchen Zuſammenleben der Bürger in engſter Ges meinſchaft. Die Marktgerechtigkeit mußte indeß den Staͤd⸗ ten vom Landesherrn foͤrmlich verliehen werden; es ge: ſchah entweder ſogleich bei Ertheilung des Gruͤndungspri⸗ vilegiums, oder auch erſt ſpaͤterhin, wie bei Kulm. Wie fruͤher nur in den bedeutenderen Staͤdten unter landes⸗ herrlicher Genehmigung oͤffentliche Kaufhaͤuſer beſtanden, ſo hatten ſolche im Verlaufe des vierzehnten Jahrhunderts auch die meiſten Mittel-Staͤdte erhalten, ein Beweis, daß auch in ihnen Handel und Verkehr in regeres Leben gez kommen war. Desgleichen war ſeit dieſer Zeit in vie⸗ len Staͤdten mit Zuſtimmung der Landesherrſchaft auch die 1) S. oben S. 582. 2) Es heißt dann: Volumus tamen, ut arbores pro melli- fieiis habiles minime suceidant. 3) S. B. III. S. 502. 4) So heißt es z. B. im Privilegium von Deutſch⸗Eilau: Si eives eivitatis nobiscum scampna, ubi calcei venduntur et thea- trum, in quo pannus inciditur, edificabunt, dimidium censum tollent.
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Das Markt: und Handelsrecht. 647 Zahl der ſchon beſtehenden Kauf- und Krambaͤnke ver: mehrt und hie und da, wie in Marienburg, Sensburg u. a. auch die urſpruͤnglich einfachere Form dieſer Kram: buden in ſchoͤnere ſ. g. Lauben umgewandelt worden, wel- che um den Marktplatz oder Ring umherlaufend, außer ihrer zweckmaͤßigen Einrichtung fuͤr Handel und Betrieb, zugleich den Städten auch zum Schmucke dienten. Mit ſolchen Erweiterungen und Beguͤnſtigungen um ſtaͤdtiſchen Handelsweſen, die jeder Zeit nur durch neue Nechtsverleihungen der Landesherrſchaſt erfolgen konnten, waren ſtets für dieſe auch vermehrte Einkuͤnfte verbunden, denn das Einkommen der ihr zufallenden Kram- und Han delsgelder ſtieg natuͤrlich mit Erweiterung der Handels rechte und mit dem regeren Leben der ſtaͤdtiſchen Gewerbe immer in gleichem Verhaͤltniſſe. In manchen Städten ſtieg baher die Einnahme der Stand- und Marktgelder ſchon zu anſehnlichen Summen; mitunter wurden fie den Staͤd— ten ſelbſt uͤberlaſſen und jaͤhrlich an die Herrſchaft eine feſtgeſetzte Summe im Ganzen entrichtet. ) Aber nur 1) Marienburg hat bekanntlich dieſe ſchoͤne Einrichtung der Lauben noch bis dieſen Tag. Früher war fie in mehren Staͤdten zu finden; fo heißt es z. B. bei einer Ausmeſſung der Stadt Sensburg: ein icz⸗ lichir halbhoff an dem ringe hat VIII ruten dy lenge und II ruten dy breite. Dy hewſer an dem ringe, dy vorlewbin (Vorlauben) habin, dorume habin ſy der ruten deſte me. Vgl. Huͤllmann Geld. des Urſprungs der Stände S. 542. 2) Der Orden nahm hiebei gerne erleichternde Hinſichten. Die reiche Stadt Danzig mußte jahrlich 170 Mark als Geſammtſumme an den dortigen Komthur zahlen, wofür fie aber nicht nur alle laufenden Hof: und Marktzinſen ganz allein behielt, ſondern auch das Recht hat: te, die Einnahme dieſer Zinſen nach Belieben zu vermehren. Die Neuftadt Elbing entrichtete im Ganzen 80 Mark. Als beſondere Aus⸗ nahme erhielt Marienburg die Buden- und Bänkezinſen ungetheilt als ſtädtiſche Einnahme zu feiner freien Verwendung, mußte aber dafür jahrlich in die hochmeiſterliche Hofburg vier Stein Seife liefern. In einer urkunde des HM. Konrad von Wallenrod, worin er auf Bitten des Raths von Thorn erlaubt, das ſehr baufällige Rath: und Kauf: haus u. ſ. w. wieder neu aufzubauen, heißt es: Wir haben angeſehen 1
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648 Das Markt- und Handelsrecht. der taͤgliche ſtaͤdtiſche Handelsverkehr in Lauben, Buden, Baͤnken oder Kaufhaͤuſern war ſolchen Abgaben an die Landesherrſchaft unterworfen, frei dagegen der Verkehr auf den den Staͤdten zugeſtandenen Wochenmaͤrkten,“ weshalb fie Freimaͤrkte hießen.) Die Beſtimmung des Markttages war entweder der Wahl des Magiſtrats über: laſſen oder er wurde fruͤher meiſt auf Sonnabend oder Sonntag feſtgeſetzt.“ Jedoch verordnete ſchon Winrich von Kniprode, daß kein Komthur in ſeinem Gebiete am Sonntage Markt zu halten erlauben ſolle, und durch ſtaͤd⸗ tiſche Willkuͤhren und Landesordnungen wurden im Lande nach und nach alle Sonntagsmärkte eingeſtellt. derſelben unſer Buͤrger getruwen Dinſt und ire gutwillikeit und geben In von ſunderlichen gnaden und vorleyen, was geniſſes, fromens und czinſes ſie czu der Stad nucze an dem Rothhuwße, kowfhouwße, ding⸗ hawße, kromen, brotbenken, buden, woge und an allen andern ge⸗ machen, die ſie bynnen und in die vier wende und in die lenghe, wey⸗ the und hoge bauwen mogen nu ader in czukunftigen czeiten gemachen mogen, es ſey vile ader wenig, das ſie des czu allem nutze fromen und bequemikeit der ſtad frey gebrauchen und geniſſen ſullen und mogen czu ewigen tagen und ſullen vollmacht haben, den czinß und geniß czu beſ⸗ ſern und czu meren, wie In das eben gefellet und czu ſtate der Stad kom⸗ men mag. Urk, im geh. Arch. Schiebl. LII. nr. 100; f. B. V. S. 648. 1) S. B. III. S. 503. 2) Forum liberum heißt es in den Gruͤndungsprivilegien von Braunsberg, Frauenburg u. a. Im Privileg. der Neuſtadt Thorn lau⸗ tet es zur näheren Erklaͤrung: Habebunt insuper et habere debent predicti eives in sua civitate forum liberum, quod et larga interpretatione intelligi volumus, — ita ut pannifices, carnifi- ces, sutores, textores, omniumque mechanicarum artium opifi- ces generaliter intra et extra civitatem morantes, indigene vel forenses per totum diem illum fori artificii sui res et mercata, ita in foro ubi potuerint, sicut in locis ad hoc alias dehitis, libere vendere et sibi necessaria emere valeant, exclusa penitus omni vara. Ueber vara vgl. Zzfhoppeu. Stenzel Urk. Samml. b. 267. 3) In Deutſchland geſchah dieſes, wie Huͤllmann Staͤdteweſen B. 1. S. 289 vermuthet, um die Juden vom Markte auszuſchließen. (2) 4) Das Ältefte Verbot der Sonntagsmärkte in den Geſetzen Winr.
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Geldabgaben an den Orden. 649 Außer dieſem Handelsverkehr in Staͤdten fand auch ein gewiſſer Kleinhandel, beſonders mit den noͤthigen Les bensbeduͤrfniſſen, in Doͤrfern und auf dem platten Lande Statt und auch uͤber dieſen uͤbte der Orden oder der Biſchof ein oberherrliches Recht aus, denn er beſtimmte, in wef- ſen Haͤnden dieſer Kleinhandel ſich ausſchließlich befinden, mit welchen Gegenſtaͤnden er betrieben und was dafuͤr als Zins und Abgabe geleiſtet werden ſolle. In Doͤrfern wurde der Kleinhandel meiſt in den Kruͤgen oder Kretzem getrie⸗ ben und dieſe häufig den Dorfſchultheißen zugewiefen. " Es gab auch Doͤrfer, die mit einem Freimarkte bevorrech⸗ tet waren und ſpaͤterhin als Marktflecken hervortreten. — Der geſammte Handel des Landes war damals ausſchließ⸗ lich in den Händen der Chriſten; es iſt keine pur vors handen, daß auch Juden ſich in Dörfern uns mit dem Handel beſchaͤftigt oder auch nur aufgehalten haben; wie es ſcheint, wurden ſie im Lande vom Orden uͤberhaupt nicht geduldet. II. Verſchiedene andere Oberhoheitsrechte des Ordens. Das Recht, Abgaben vom Lande zu erheben, von deſſen Bewohnern, ſeinen Unterthanen mancherlei Leiſtun⸗ gen und Dienſte zu fordern, hatte der Hochmeiſter eines Theils als Landesfuͤrſt vom Kaiſer, andern Theils hatte es der Orden durch die Eroberung des Landes erworben. Das ſiegende Schwert hatte ihn zum Herrn von Grund und Boden erhoben; nach der Anſicht der Zeit war das ganze Land ſein erworbenes Eigenthum. Wer ſich von von Kniprode S. 1385 in Städte = und Landeswillkühren des 15ten Jahrh. wird es öfter wiederholt; fo in einer Landeswillkuͤhr von 1420: Kein Marcktag ſoll man legen auf den Sontag, ouch ſoll man keinen kouffmann oder kramer auf den Eirchhöffen oder in der kirchen keinerley wahr oder kauffmannſchaft laſſen feil haben. S. Huͤllmann a. a. O. 1) S. B. V. S. 301.
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650 Geldabgaben an den Orden. ihm Landbefiß zur Bearbeitung und Benutzung uͤberweiſen ließ, wurde dadurch ſein Unterthan. Der Orden ſtellte über ſolche Ländliche Verleihungen |. g. Verſchreibungen aus, die ein beſtimmtes vertragsmaͤßiges Verhaͤltniß, ge⸗ wiſſe wechſelſeitige Bedingungen zwiſchen dem Verleiher und dem Empfänger feſtſtellten; dieß waren Abgaben, Lei: ſtungen und Dienſte, die auf dem empfangenen Grund und Boden haſtend, vom Inhaber des Beſitzes ſo lange nach dem Vertragsverhaͤltuſſſe getragen werden mußten, als er den Beſitz ſelbſt noch feſthielt. Ging ein Beſitz aus der weltlichen Hand mit des Oberherrn Erlaubniß in eine geiſtliche über, fo trat auch dieſe in alle feſtgeſetzten Ver: pflichtungen ein.) Dahin gehörten zunaͤchſt 1. Verſchiedene Geldabgaben an die Landesherrſchaft. Unter den dem Orden oder den Biſchoͤfen in ihren Landestheilen zu leiſtenden Geldabgaben war a) der ſ. g. Kulmiſche Pfennig oder Kulmiſche Pfennigzins eine der aͤlteſten und allgemeinſten, denn ſchon die Kulmiſche Handfefte beſtimmte, daß jeder, der ein Erbe vom Orden habe, dieſem zur Anerkennung der Oberherr⸗ ſchaft einen Kölnifchen oder ſtatt deſſen funf Kulmiſche Pfen⸗ nige entrichten ſolle. Er war nicht Überall gleich und be- trug zuweilen auch nur zwei oder drei Pfennige. Wer ihn nicht jahrlich regelmäßig und puͤnktlich lieferte, unterlag einer Geldſtrafe oder auch der Auspfaͤndung.. Seine 4) Urkunde des Domkapitels zu Kulmſee vom J. 1402 Schiebl. 19. nr. 8. 2) Daß in der Kulm, Handfeſte nummus Coloniensis vel pro eo quinque Culmenses Pfennige oder Denare find, geht aus den Verſchreibungen hervor, wo es gewoͤhnlich heißt: in signum dominii unum Coloniensem seu loco talis quinque denarios monete usu- alis; „czu Bekenntniß der herſchafft einen Colniſchen pfennig oder fünf pruſſ. Vgl. Tzſchoppe und Stenzel Urk.⸗Samml. p. 88. 3) Die nähere Beſtimmung darüber ſ. in der Kulm. Handfeſte. Die Steigerung des Strafzinſes hat Aehnlichkeit mit dem in Deutſch⸗
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Geldabgaben an den Orden. 651 Leiſtung geſchah nur von Kulmiſchen Gütern und ſetzte dieſe in die Klaſſe der Lehen.) Sonſt ruhte auf ihnen keine andere Geldabgabe, außer wenn Dienſte durch Geld abgeloͤſt waren, wie haͤufig in Pommern geſchah, oder wenn das Wartgeld entrichtet werden mußte. b) Das Zinshuben-Geld oder der Huben— zins, wie der Kulmiſche Pfennig ein eigentlicher Grund⸗ zins, aber darin von ihm verſchieden, daß er fuͤr die Benutzung des empfangenen Grundbeſitzes oder wohl hie und da auch als Abloͤſungsgeld des aͤltern Vieh- und Fruchtzinſes gezahlt werden mußte. Er war uͤberdieß nicht, wie der Kulmiſche Pfennig, in ſeinem Betrage feſt⸗ beſtimmt, ſondern hatte viel Regelloſes und Veraͤnderliches, denn je nachdem die beſſere oder ſchlechtere Beſchaffenheit des Bodens eine eintraͤgliche oder minder vortheilhafte Bes nutzung bedingte, wechſelte auch die Hoͤhe des zuleiſtenden Zinsgeldes, fo daß hier eine Hube nur 2 Mark, dort 1 Mark, anderswo 12 oder 2 Mark zu zinſen hatte. Auſ⸗ ſerdem ſtand der hoͤhere oder geringere Betrag dieſes Zin⸗ ſes auch im Verhaͤltniſſe zu den Übrigen auf dem Grund⸗ eigenthum liegenden Dienſten und Leiſtungen; leichtere Dienſte oder Freiheit von allen Dienſten hatten hoͤheren Zins zur Folge und ſo umgekehrt.) Die meiſten Doͤrfer und alle Städte wurden bei ihrer Gründung zur Zinslei⸗ ſtung verpflichtet; es ward ſogleich beſtimmt, wie hoch der Zins fuͤr jede der zugewieſenen Huben ſtehen ſolle, wes⸗ halb auch alle Huben eines Dorfes oder einer Stadt in land gewöhnlichen Rutſcherzins, census promobilis, f. Grimm Rechtsalterthuͤm. B. I. S. 387. 1) Er wurde geleiſtet: in recognitionem oder in signum do- minii, zu Bekenntniß oder zu einem „Orkunde“ der Herrſchaft, wor⸗ über die Kulm. Handfeſte die Erklarung giebt. 2) So zinſete z. B. in der fruchtbaren Elbingiſ. Niederung einc ſchaarwerkspflichtige Hube 23 Mark, eine ſchaarwerksfreie dagegen bis 6 Mark.
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652 Geldabgaben an den Orden. der Zinshoͤhe ſich gleich waren.) Geleiſtet wurde der Zins aber nur von den wirklich beſetzten und bebauten, nie von den wuͤſten und unbeſetzten Huben, woruͤber die Komthure genaue Verzeichniſſe hielten.) Häufig war, um den erſten Bewohnern einer wuͤſten Gegend den An⸗ bau zu erleichtern, der Grundzins Anfangs nur niedrig geſetzt oder auf beſtimmte Jahre ganz erlaſſen.) Ber: armten oder von Ungluͤcksfaͤllen heimgeſuchten Dörfern wur: de er in der Regel vermindert. Die Freihuben eines Dorfes, als die des Pfarrers, des Schultheißen, Weide⸗ land u. dgl. waren zinsfrei; Waldungen dagegen zinſten nach Hubenzahl in gleichem Verhaͤltniſſe des Ackerlandes. — In Pommern unterſchied ſich dieſer Grundzins durch den Namen „eines rechten“ oder „eines redlichen Zinſes“ von dem für abgelöfte Dienſte und Leiſtungen, denn wir hör: ten ſchon, daß die alten ſ. g. Polniſchen Dienſte oder das Polniſche Recht, insbeſondere der alte Viehzins oder die Lieferung einer beſtimmten Anzahl von Ochſen, Kühen, Schweinen u. ſ. w.; als mit der Freiheit des Deutſchen Rechts und der Verwaltung des Ordens unvertraͤglich, in einen zuleiſtenden Geldzins umgewandelt wurden. Die 1) Jedoch nicht immer; in einem Zinsverzeichniſſe von Rheden heißt es z B.: Stadt und vorwerk hat LXXIIII huben czinshaftig, und eyne hube czinſet der andern nicht gleich; ebenſo vom Dorfe Gabelndorf. 2) Viſitat.⸗Vollmacht Schiebl. VI. nr. 2: So foll jeglicher Ger bietiger beſchrieben geben, wie viel er hat Huben und Haken beſetzt und unbeſetzt, zinshaftig oder wüfte und Zins in Städten, Mühlen, Kretzem u. ſ. w. Dieſer Verzeichniſſe bewahrt das geh. Archiv noch vicle. Zinstafeln von ſchwarzem Wachſe, worauf die Hubenzahl nebſt dem Zins⸗ ertrage aufgezeichnet wurde, befinden ſich in den Archiven zu Danzig und Thorn. Bleitafeln dieſer Art find nicht mehr vorhanden. 3) So in einer Dorfverſchreibung von 1338: Um Usrodunge willen des landes ſo ſullen uns dy Inwoner des gutes geben von iclicher czins⸗ haften hube vir halbe czinſe (d. h. auf 4 Jahre halben Zins), wend dy gevallin ſin, ſo ſal man uns adir unſern bruͤdern uf das hus czu Danczk alle jar geben von iclicher czinshaften hube gewohnlicher muncze 15 Scot pfennige.
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Geldabgaben an den Orden. 653 Abloͤſungsſumme, baͤuerlicher Polniſcher Zins oder auch der Kuhpfennig und Schweinepfennig genannt, war verſchieden nach der Beſchaffenheit des Bodens und der Art und An⸗ zahl der abgelöften Leiſtungen und Dienſte;“ mitunter wurden ſie aus beſondern Ruͤckſichten auch umſonſt erlaſſen. Wahrſcheinlich von Pommern aus ging der Gebrauch ſol⸗ cher Abloͤſungen von Dienſten und Leiſtungen ſchon in der erſten Haͤlfte des vierzehnten Jahrhunderts auch auf Preuſ⸗ ſen uͤber, indem haͤufig Beſitzer auf Preuſſiſches Recht ſich ihrer Zehnt⸗ und Schaarwerkspflichtigkeit durch einen jaͤhr⸗ lich von jeder Hube zuleiſtenden Geldzins zu entledigen ſuchten, und der Orden legte ſolchen Erleichterungen des Landmannes, wenn ſie ſein Aufkommen befoͤrderten, keine Schwierigkeiten entgegen. c) Das Wartgeld, Wartpfennig oder Wach— geld, gleichfalls eine Grundabgabe, haben wir feinem Urſprunge nach ſchon kennen gelernt und bereits gehoͤrt, welchen Streit daruͤber der Biſchof von Pomeſanien mit den Lehensleuten und Vaſallen ſeines Bisthums im Jahre 1579 zu führen hatte.) Im dreizehnten Jahrhundert wird dieſer Abgabe faſt noch gar nicht und auch in der 1) Da der Viehzins, die Lieferung von Kuͤhen, Schweinen u. ſ. w. ſich am Längften erhielt, fo kommt feine Ablöfung oder die solutio vac- eae et porei, wie fic in Urkunden heißt, in der zweiten Hälfte des 14ten Jahrh. auch noch am haͤufigſten vor. Es heißt gewohnlich: Ouch ſal man wiſſen, das man pflag czu geben von deſem gute kuͤe und ſwyn und andir Polenſche dynſte, des ſal derſelbe und ſyne erben vry ſyn ewiclich und unvorworren, dovon fal uns gevallen alle jar uf Martini neun jar eine Mark pfennige gewohnl. muͤncz, nach neun jar ſal man geben viertehalbe Mark pfennige vor die genanten Dienſte. Oder: der Beſitzer ſolle alle Jahr dem Ordenshauſe geben „III mrk pfennige vor Fü und vor ſwin und vor geblierliche erbeit und vor Polniſch recht, das uff dem gute han gehat wir und unſer bruͤder. Vgl. Wohlb ruͤck Geſch. des Bisth. Lebus B. I. S. 263. 2) Beiſpiele davon bereits im Sten Bande. 3) Peecunia eustodialis oder denarii custodiales in Urkunden. 4) B. V. S. 301— 303.
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654 Geldabgaben an den Orden. erſten Haͤlfte des vierzehnten nur ſelten erwaͤhnt. Als eine außerordentliche Abgabe, urſpruͤnglich nur durch ge⸗ wiſſe Zeitumſtaͤnde veranlaßt, wurde fie Anfangs in länds lichen Verſchreibungen auch nur in ſeltenen Faͤllen als ſte⸗ hende Leiſtung ausbedungen.) Sie mußte nach der Pflugzahl, d. h. von jedem einzelnen Pfluge und zwar vorzüglih auch nur auf Kulmiſchen Gütern entrichtet werden, weil dieſe nur zu einem gemeſſenen Kriegsdienſte verpflichtet waren; allein man erhob ſie hie und da auch von Gütern auf Preuſſiſches Erbrecht, auf welchen Kriegs⸗ dienſte außerhalb Landes ruhten.“ Seitdem indeß der urſpruͤngliche Zweck dieſes Pflugzinſes nicht mehr vorhanden war, ſah man die Landesherrſchaft auch nicht mehr als berechtigt an, ihn fernerhin zu fordern; es kam hinzu, daß in den meiſten Verleihungsurkunden von dieſer Geld⸗ ſteuer gar nicht die Rede war, daß bei ihrer Erhebung allerlei Ungleichheiten und Unregelmaͤßigkeiten Statt fan⸗ den, daß man ſie von dem einen forderte, dem andern erließ ) u. ſ. w. Wie daher früher die Lehensleute in Pomeſanien, ſo weigerten ſich im Jahre 1407 auch die Ritter und Knechte im Lande, das Wartgeld ferner zu entrichten, und nur auf des Hochmeiſters beſondere Bitte ließen fie ſich noch zu einer dreijaͤhrigen Leiſtung bereit⸗ 1) Das ältefte, bisher ermittelte Beiſpiel von dieſer Abgabe giebt eine Verſchreibung des HM. Karl v. Trier v. J. 1312, in welcher er zwei Preuſſen ein Erbe verleiht und ſagt: Hoc eciam adiecto, quod singulis annis fratribus nostris de jure dicto Wartpfennig duos scotos de quolibet aratro et unum lottonem de unco usualis monete solvere teneantur. 2) 3. B. in einer Verſchreib. von 1380 im Berfchreib, = Buch nr. 2. p. 57. 3) So in einer Verſchreibung des Biſchofs von Pomeſanien an drei Preuſſen v. J. 1330: Dicti fratres et eorum heredes a custo- dialibus et aliis quibuscunque exactionibus pretextu eorundem bonorum sint penitus absoluti. Auch Städte wurden zuweilen da⸗ von befreit; fo im Privileg. von Kreuzburg: Relaxamus eciam civi- bus precium speculatorum, quod vulgo Wartlon dicitur.
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Geldabgaben an den Orden. 655 willig finden. D Die Folge aber war, daß ſpaͤterhin die Hochmeiſter anfingen, die Entrichtung dieſer Pflugſteuer zu einer geſetzlichen Verpflichtung zu erheben, indem ſie die Grundbeſitzer ſogleich beim Empfange ihres laͤndlichen Eigenthums zur Leiſtung derſelben verbindlich machten und ſich dieſelbe urkundlich im voraus verſprechen ließen, was nachmals Anlaß zu ſchweren Klagen gegen den Orden gab. d) Der Arealzins, Ruthenzins oder die ſ. g. Hofſteuer“ in den Staͤdten, von jeher für den Orden eine ſehr eintraͤgliche Finanzquelle, gruͤndete ſich, wie es ſcheint, gleichfalls auf die Anſicht, daß Grund und Boden, alſo auch die Orte, auf welchen Staͤdte errichtet wurden, dem Orden oder Biſchof als Oberherrn zugehoͤrten. Da jeder Ort, auf dem ein Haus oder Hof erbaut ward, dem Buͤrger zur Benutzung uͤberlaſſen war, ſo hatte er dafuͤr einen jaͤhrlichen Zins zu leiſten, der zwar nicht uͤber⸗ all ganz gleich war, gewoͤhnlich aber ſechs Denare betrug. Er wurde, wie der Kulmiſche Pfennig, als ein oberherr⸗ liches Recht zur Anerkennung der Oberherrſchaft angeſehen und keine Stadt war frei von feiner Leiſtung. “) 1) Lindenblatt S. 180. Die Warthen oder Wachen gegen die Samaiten waren noch ſo nothwendig, daß Samland an ſeinen Graͤnzen noch ſtark damit beſetzt ſeyn mußte. Wir kennen ſie aus einer Angabe im geh. Arch. Schiebl. LXXIII. nr. 120, woraus man zugleich erſieht, wie das Wartgeld verwendet wurde. 2) Beſonders geſchah dieſes unter Michael Kuͤchmeiſter von Stern⸗ berg, der in Verſchreibungsurk. die Entrichtung des Wartgeldes ſehr häufig ausdruͤcklich als ſtehende Abgabe verlangt. 3) Nämlich ſogleich im Anfange des Bundes der Staͤdte gegen den Orden. 4) In Urkunden annua pensio pro areis, annualis pensio, cen- sus arearum, f. B. III. S. 498. Wohlbrück Geſchichte des Bisth. Lebus B. I. S. 187. 5) Außer dem B. III. S. 498 angeführten Beiſpiel hier noch eins aus dem Privileg. von Allenſtein, wo es heißt: Addicimus quoque, quod civitatis diete cives de qualibet curia integra intra septa civitatis contenta in recognitionem dominii sui et in signum
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656 Geldabgaben an den Orden. e) Der Krugzins oder Kretzemszins, eine von jedem im Dorfe befindlichen Kruge erhobene Abgabe, war eine Art von Gewerbſteuer oder ein Pachtzins, je nachdem der Schultheiß oder ein anderer Dorfeinſaſſe den Krug des Dorfes erblich beſaß und mit dem Kleinhandel darin ein Gewerbe betrieb, oder ein Pächter ihn auf zeit- weiligen Beſitz vom Orden erhalten hatte. Der Zins wechſelte je nach der Lage des Ortes und dem davon ab⸗ hängenden Gewerbertrage beim Verkaufe der Lebensmittel. Einen ſolchen Gewerbszins entrichteten auch Baͤcker, Fleiſcher und andere Handwerker, fobald fie im Dorfe ihr Gewer⸗ be trieben. 1) Der Mahlpfennig und Muͤhlenzins waren verſchiedene Abgaben; erſterer wurde, wie ſchon erwaͤhnt, von allem in den Ordens - Mühlen zumahlenden Getreide entrichtet. Der Muͤhlenzins dagegen hatte ſeinen Grund in dem dem Orden eigentlich ausſchließlich zuſtehenden Muͤhlenrechte. Begab er ſich dieſes Rechts, erlaubte er eine Muͤhle zu erbauen oder verkaufte er eine ſeiner Muͤh⸗ len, ſo ließ er ſich davon einen Zins entrichten, der aber in Staͤdten und auf dem Lande ſehr verſchieden war und bald fuͤnf, bald acht, zehn oder funfzehn Mark betrug, ja ſelbſt auch auf ſechzig Mark flieg. ? Alle dieſe Geldabgaben nahm der Komthur in ſeinem Bezirke ein und fuͤhrte daruͤber Buch und Rechnung, die er den Viſitirern vorzulegen hatte, wenn ſie den Zuſtand Juris Culmensis sex denarios Culmenses aunis singulis nobis solvant. 4) In kleineren Dörfern betrug er 13 Mark, in größeren 3, auch oft 6 Mark. 2) Die Summe von 60 Mark zinſte z. B. eine Muͤhle vor der Stadt Kreuzburg. Häufig zinſten die Mühlen auch in Getreide; fo hatte das Haus Rheden von 5 Muͤhlen 28 Laſt Korn, wenn ſie im Gange waren. Wurde einem Dorfe der Bau einer Windmuͤhle erlaubt, ſo mußte der Herrſchaft dafuͤr Zins z. B. an Pfeffer und dem Pfarrer Decem geleiſtet werden. Privileg. Capit. Pomesau. p. XXXVIII. Eine Oelmuͤhle giebt 7 Mark Zins.
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Geldabgaben an den Orden. 657 eines Ordenshauſes unterſuchten. Natuͤrlich war der Be- trag der jaͤhrlichen Zinseinnahme der Ordenshaͤuſer ſehr verſchieden, da er von oͤrtlichen Umſtaͤnden und Verhaͤlt⸗ niſſen abhing und nach der Groͤße und Bevoͤlkerung der Komthurbezirke ſehr wechſelte.“) g) Endlich kann auch der Pfarrer- u. Bi ſchofs⸗ zins noch hieher gerechnet werden, obgleich beide nicht an den Orden entrichtet wurden. Statt des Decems an Pfarrer nämlich war hie und da eine Geldabgabe gebräuch: lich, wodurch der Decem gewiſſermaßen abgekauft oder abgeloͤſt war, und wurde natürlich auch nur da gezahlt, wo der Decem in Naturallieferungen ſelbſt nicht mehr be⸗ ſtand. Ferner entrichteten den Pfarrerzins auch diejenigen Dorfbewohner, welche, wie die Gaͤrtner, Kretzmer und Handwerksleute kein oder nur geringes Landeigenthum hatten und Naturallieferungen nicht fuͤglich leiſten konnten.) — Was den Biſchofszins betrifft, ſo iſt uͤber ſeinen Urſprung und die Beilegung des daruͤber mit dem Biſchofe von Leſlau geführten Streites bereits früher das Noͤthige gefagt worden. Man war, wie erinnerlich, darin uͤbereingekom⸗ men, daß dem Bifchofe im Ordenstheile Pommerns von 1) Der Komthur von Althaus z. B. nahm jährlich an Zins 665 Mark, 3 Vierd. 3 Scot ein, dazu an S. Barbara: Gelb 437 Mark, alſo im Ganzen 1102 Mark, 9 Scot, 4 Schill. Der Komthur von Danzig hatte an Zinseinnahme 4359 Mark 10 Scot, wovon aber 621 Mark 22 Scot für wuͤſt liegende Huben abgingen; Elbing an allerlei Zinſen jahrlich 5009 Mark, wovon in einem Jahre aber nur 3461 Mark fielen und das uͤbrige hinterſtellig blieb. Brandenburg nahm an Huben⸗, Stadt⸗, Kretzems⸗ und Muͤhlenzins 2700 Mark ein; das Haus Chriſtburg von allen Deutſch. Huben 1606 Mark und von Preuff. Haken 318 Scot. 2) Es heißt daruͤber gewoͤhnlich in den Gruͤndungsprivilegien der Dörfer: Was Gertener von dem Schultheiß adir von den ynwonern in demſelben dorffe geſaczt werden, der ſal iglicher dem Pfarrer eynen ſchiling geben czu Meſſepfennig und feinem glockener ſechs pfennige czu ſchulerlon alle jor. Ouch die kretzmer doſelbſt ſollen demſelben pfarrer ſolch recht thun als gemeynlich alle Kretzmer iren Pfarrern thun. * 42
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658 Naturallieferungen an die Landesherrſchaft. jeder beſetzten und bebauten Flaͤmiſchen Hube ſowohl geiſt⸗ licher als weltlicher Beſitzer jahrlich ein Zins von drei Scot ſtatt des Zehnten entrichtet werden folle, ? Dieſer Beſtimmung getreu ließ daher der Orden dem genannten Viſchofe, was ſonſt in Preuſſen ganz ungewöhnlich war, ſtatt des Biſchofszehnten einen Biſchofszins entrichten, eben⸗ ſo in den Ordensgebieten von Tuchel und Schlochau, wo dem Erzbiſchofe von Gneſen, zu deſſen Dioͤceſe fie gehoͤr⸗ ten, von jeder Hube zwei gute Scot gezinſt werden muß⸗ ten. Der Orden mußte jeder Zeit dafur einſtehen, daß dieſes Biſchofsgeld immer richtig gezahlt werde, weshalb er bei neuen Verleihungen die Grundbeſitzer ſtets auch urkundlich und ausdrücklich zur Leiſtung verpflichtete. 2. Verſchiedene Naturallieferungen au die Landes⸗ herrſchaft. Wie in Deutſchland die Füͤrſten ihr Syſtem der Grundherrlichkeit auch auf ganze Provinzen ausdehnten, ſo hatte der Orden in Preuſſen nach derſelben Anſicht, die ihn zur Erhebung der eben erwaͤhnten Geldabgaben berechtigte, als Grundherr zugleich auch das Recht, fuͤr die zugeſtandene Benutzung eines uͤbergebenen Theiles vom Grund und Boden gewiſſe Abgaben als Quoten des Er⸗ trages in Naturallieferungen, alſo in Getreide, Vieh und andern Erzeugniſſen zu fordern, je nachdem er es ſelbſt 1) Vgl. B. III. S. 390. IV. S. 326. 457. 2) Im J. 1427 fand zwiſchen dem Biſchofe von Kamin und dem Komthur von Tuchel ein Streit uͤber das Biſch ofsgeld der Schultheißen und etlicher Dörfer im Gebiete von Tuchel Statt, indem es die erſtern nicht geben wollten, weil ſie das Jahr lang große Muͤhe haͤtten, um es von andern einzuſammeln. Der Komthur ſchreibt dem HM.: er wolle ſich Muͤhe geben, daß es bei der alten Gewohnheit bleibe, daß nämlich „die ſcholczen fry bliben dorvor, das ſie is innamen und ſamp⸗ len.“ In der Verſchreibung des Biſchofs und Kapitels ende man, „das fie das biſchoffisgelt ſelbeſt ſullen inmanen, worumb ſulden denne die Scholczen ir kuechte umſuſt ſien?“
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Naturallieferungen an die Landesherrſchaft. 659 beliebig feſtſtellte und der Empfaͤnger des uͤbergebenen Landtheiles ſich zu den geſtellten Bedingungen verpflich⸗ tete. — Eine der aͤlteſten und zugleich die im ganzen Lande am weiteſten verbreitete Naturalabgabe war a) Das Kulmiſche Pflugkorn oder der Kul⸗ miſche Biſchofsſcheffel, eine Abgabe, die ihren Ur— ſprung und Namen durch die Kulmiſche Handfeſte erhal⸗ ten hatte, indem dieſe beſtimmte, daß von jeglichem Deut⸗ ſchen Pfluge der Buͤrger von Thorn und Kulm ein Scheffel Weizen und ein Scheffel Roggen und von jedem Polni⸗ ſchen Pfluge oder Haken ein Scheffel Weizen jaͤhrlich an den Biſchof des Sprengels als Zehnte geliefert werden ſollten.) Von einer Naturalabgabe an den Orden war damals nicht die Rede. Indeſſen aͤnderte ſich dieſe Be⸗ ſtimmung, als das Kulmiſche Stadtrecht als Landrecht weiter verbreitet und zumal als durch die Einrichtung der Bisthuͤmer und die Theilungsvertraͤge zwiſchen dem Orden und den Biſchoͤfen dieſe ſelbſt Landesherren über die von ihnen gewaͤhlten Landestheile wurden, denn der Orden be⸗ hielt ſich in den ihm verbleibenden Gebieten alle Einkuͤnfte, folglich auch jene Naturalabgabe vor, waͤhrend er in den biſchoͤflichen Landen alle Einkünfte den Biſchoͤfen uͤberließ. In dieſen letztern behielt die Abgabe den Namen Bi⸗ ſchofsſcheffel, im Ordensgebiete ward fie gewoͤhnlich das 1) S. B. II. S. 241. 2) Vgl. die Urkunde bei reger Cod. Pomeran. Nro. 158 p. 242. Der Biſchof von Kulm machte damals noch eine Ausnahme; allein man nahm wahrſcheinlich nur Nüͤckſicht auf den Biſchof Chriſtian, denn ſpä⸗ tere Biſchbfe von Kulm ſtanden den andern Bifchöfen des Landes dar⸗ in völlig gleich, daß fie nur die Einkünfte aus ihren Gebieten zogen. Es iſt keine Spur vorhanden, daß im Ordensgebiete des Kulmerlandes ihnen ſpäter die Naturalabgabe von Getreide zugeſtanden geweſen ſey. Die dem Orden verbleibenden Landestheile hatte dieſer, wie er ausdruͤck⸗ lich ſagt, cum omni proventu, ſowie der Biſchof den dritten Theil cum omni jurisdietione et jure, salvis tamen ep'scopo in dua- bus partibus fratrum illis omnibus, que non possunt nisi per episcopum exereeri, alſo außerdem nichts weiter. 2
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660 Naturallieferungen an die Landesherrſchaft. Pflugkorn, in beiden aber häufig auch der Zehnte genannt.) Geleiſtet wurde ſie von allen Kulmiſchen Guͤtern in den beſtimmten Quoten, felten mit Erhöhung derſelben, ſehr haͤufig mit Verminderung oder ſonſtigen Erleichterungen; wo z. B. ſchlechter Boden war, ward Hafer ſtatt Roggen oder Weizen genommen oder die Abgabe nur von einigen Pfluͤgen eines Beſitzers verlangt und fuͤr die uͤbrigen erlaſ⸗ ſen. Aus beſonderer Gnade wurden hie und da einzelne Güter völlig davon befreit.“ Magdeburgiſche Güter ſtan⸗ den in dieſer Leiſtung den Kulmiſchen ganz gleich, des⸗ gleichen die auf Preuſſiſches Erbrecht. Durchaus frei von ihr waren dagegen alle Preuſſiſchen Freilehensguͤter, und dieſe Zehentfreiheit bildete mit den weſentlichen Cha- racter der Freilehen. Hinterſaſſen aber und Bauern auf dem Gute des Freilehensmannes wurden ſehr haͤufig zur Zehntleiſtung an den Orden verpflichtet, waͤhrend der Freilehensbeſitzer in Betreff des Landes, welches er mit eigener Hand bebaute, frei blieb.) Das Anrecht der 1) Daß obige Benennungen für eine und dieſelbe Abgabe gelten, beweiſet auch eine Stelle über dieſen Gegenſtand im Fol. Nro. 7 p. 154, wo es heißt: Homines, qui morantur in diocesi Gneznensi, vi- delicet in ferritorio Thauchel et Slochaw solvunt de manso Archiepiscopo Gneznensi pro deeimis duos bonos scotos, habi- tatores autem in Pomerania solvunt domino Episcopo Wladis- laviensi de manso unum medium fertonem bone monete pro decimis. IIabitatores vero in terra Culmensi, Pomezaniensi, Warmiensi etc. solvunt eorum Episcopis et Ordini pro decimis unum modium tritici et unum siliginis de aratro vulgariter pfluckorn vel bisschofschefel nuncupatum et hoc expresse poni- tur in privilegio Culmensi. 2) Von allen dieſen Fällen zahlreiche Beiſpiele in den Verſchreibungen. 3) S. B. III. S. 450. 4) B. III. S. 435. 5) Es heißt z. B. in einer Verſchreibung, nach welcher der Frei⸗ lehensmann ſelbſt von der Zehntlciſtung frei war: Wir wellen, daz von dem vorgeſprochenen gute von allen ſinen underſeſſen ader geburen von iclichem pfluge czwene ſcheffel, den eynen weyſſen, den andern Rocken und von iclichem hoken cynen ſcheffel weyſſen unſern bruͤdern an des —
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Naturallieferungen an die Landesherrſchaft. 661 Landesherrſchaft an dieſe Abgabe wird zuweilen das Pflug⸗ recht genannt; abaelöft und in eine Geldabgabe verwan⸗ delt“ hieß fie Pfluggeld, eine Grundſteuer, die frühers hin ſelten, doch in den Zinsdoͤrfern der Gegend von Ma⸗ rienburg zur Zeit Konrads von Jungingen faſt ſchon re⸗ gelmaͤßig vorkommt. —In biſchoͤflichen Gebieten war durch ſie das Biſchofsgetreide oder der Biſchofsſcheffel ab⸗ geloͤſt. czenden ſtatt alle ior ſullen vorgolden und uf unſer bus von denſelben luͤten zullen gevuͤret werden; oder es heißt ganz kurz: dy gebur, dye ſye in dye gefprochene gut ſeczen werden, von iclichem pfluge II ſcheffel, einen Weizen und einen Roggen alle jar dem Orden ſchuldig ſind czu geben. 1) So erklärt z. B. der Biſchof von Pomefanien in einer Urkunde, daß einer feiner ehemaligen Lehensmanne gewiſſe der Kirche zugehörige Lehenguͤter mit ſeiner und des Kapitels Erlaubniß den Buͤrgern von Rieſenburg verkauft habe, eo tamen salvo, quod yredieti Cives antedietorum ratione bonorum nobis et Eeclesie nostre pro Jure, quod phlucrecht vulgariter dicitur, dimidiam marcam denario- rum monete usualis singulis annis solvere perpetuo tenebuntur. Daß unter biefem Pflugrechte die Getreidcabgabe verſtanden wird, be⸗ weiſet eine Verſchreibung von 1399, wo es heißt: Ouch ſullen ſy alle jar von IIII pflügen Pflugrecht geben, jo von dem Pfluge evnen ſcheffel Roggen und eynen ſcheffel Weyßen und dy Pfluͤge ſullen ſich nicht meren noch mynren und ſullen denne vort vry fin. 2) Dort wurde dieſe Abgabe faſt von allen Dörfern, auch von den Preuſſiſchen Freien, nur nicht von Preuſſ. Haken entrichtet und nach der Anzahl der Pfluͤge gezahlt; z. B. Poſtelin gab 12 Mark Pfluggeld für 18 Pfluͤge, Königsdorf 1 Mark 2 Scot von 13 Pfluͤgen; es flieg bis zu 4 Mark. 3) Nach einer Urk. im Fol. nr. 22 und im Fol. Ellen ⸗Huben⸗ maaß ꝛc. waltete daruͤber im J. 1396 zwiſchen dem Domkapitel von Kulmſee und der Stadt Kulm ein Streit ob, der endlich dahin beige⸗ legt wurde, daß der Rath von Kulm jährlich nach Martini, wenn andere Leute das Biſchofsgetreide geben, dem Kapitel 2 Mark entrichten ſolle von den Schabernacken und ſonſtigen Ackerwerk in der Stadtfrei⸗ heit, wobei es heißt: Ouch iſt nicht czu vorſwigen, das das Dorf Schöneiche uns Rathmannen czum Colmen alle jar jehrlich eyne Mark ewigen Zinſes geben ſal czu dein gelde, das unſere ſtat den Thumherren vor Biſchofsgetreyde gebit.
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662 Naturallieferungen an die Landesherrſchaft. b) Das Schalauiſche oder Schal viſche Korn, ) ebenfalls eine ſehr alte und allgemeine Natural: leiſtung, hatte dieſen Namen nicht, wie man vermuthet, weil die Schalauer zu dieſer Abgabe verpflichtet geweſen, ſondern ſie war von ihrer urſpruͤnglichen Beſtimmung ſo genannt, da ſie Anfangs zu dem Zwecke erhoben wurde, um die an den Schalauiſchen Graͤnzen zum Schutze des Landes aufgeſtellten Wehr- und Wartleute und die zur Abwehr der eindringenden Litthauer und Samaiten dort ſtehenden Kriegshaufen damit zu unterhalten. ? Sie hatte alſo denſelben Urſprung und Zweck wie das Wartgeld, weshalb auch beide faſt immer mit einander verbunden ſind, denn wer Wartgeld entrichtete, lieferte gewoͤhnlich auch Schalauiſches Korn. Als es ſpaͤter feine erſte Be: ſtimmung nicht mehr haben konnte, weil die ſtarken Graͤnz⸗ wachhaufen nicht mehr beftauden, wurde es zum Theil we⸗ nigſtens verwandt, um die Schalauiſchen Ordensburgen, vorzuͤglich mit den noͤthigen Getreidevorraͤthen zu verſor⸗ gen, denn lange Zeit reichten die Einkuͤnfte der dortigen Komthurgebiete keineswegs hin, ihre gewöhnlich ſehr zahl: reichen Beſatzungen aus eigenen Mitteln unterhalten zu koͤnnen.) Ueber den Betrag dieſer Leiſtung findet ſich keine beſtimmte Angabe; vielleicht wechſelte er nach den jedesmaligen Beduͤrfniſſen. Im funfzehnten Jahrhunderte erregte ſie ebenſo wie das Wartgeld große Unzufriedenheit und im Jahre 1407 verweigerte der Landadel auch die fernere Lieferung des Schalviſchen Kornes; er gab zwar auch hier auf des Hochmeiſters Bitte fuͤr einige Jahre nach; “ allein der Meiſter Michael Kuͤchmeiſter von Stern⸗ 1) In Urkunden auch haͤufig Schalwenſches, Schaluniſches Korn genannt. 2) Wie ſchon Lucas David B. V. S. 87 andeutet. 3) Daher die Häufizen Lieferungen, die nach dem Treßler⸗Buche dorthin gehen. 4 Lindenblatt S. 180.
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Naturallieferungen an die Landesherrſchaft. 663 berg war bemuͤht, auch dieſe Abgabe durch urkundliche Verpflichtung für die Folge feſtzuſtellen. c) Die Lieferung von Wachs war ſchon durch die Kulmiſche Handfeſte jedem Beſitzer Kulmiſcher Guͤter als lehenspflichtige Abgabe auferlegt und mußte wie der Kulmiſche Pfennig zur Anerkennung der Oberherrſchaft ger leiſtet werden. Der Betrag der Lieferung war in der Regel jährlich ein Krampfund oder zwei Markgewichte, ſtieg aber in manchen Faͤllen auf zwei und ſelbſt bis auf fünf Krampfunde Wachs.“ Wie nun einer Seits durch dieſe Abgabe die Bienenzucht in Preuſſen ungemein be foͤrdert wurde, ſo haͤuften ſich anderer Seits durch ſie in den Ordenshaͤuſern auch oft bedeutende Vorraͤthe von Wachs an, ) die theils beim Gottesdienſte und zu Wachsſiegeln verbraucht, theils als eintraͤglicher Haudelsartickel ins Aus⸗ land verführt wurden. Hie und da beſonders in Pom: mern waren einzelne Staͤdte und Doͤrfer auch zur Liefe⸗ rung einer beſtimmten Quantitaͤt Honig verpflichtet; in⸗ deſſen kommt dieſe Abgabe doch nur ſelten vor. * d) Die Lieferungen von Pfeffer, Saffran, Hühner, Kapaunen, Gaͤnſen, Enten, Flachs, Hanf u. dgl. wurden vom Orden theils nur in gewiſſen Gegenden, theils auch nur von einzelnen Gütern gefor- dert. Pfeffer und Saffran lieferte man am haͤufigſten in 1) S. die Kulm. Handfeſte; in Urk. heißt es regelmäßig: es ſolle gegeben werden in recognitionem dominii. 2) „Unum talentum cere, quod est pondus duarum mar- carum;“ zwei Markgewichte oder Markpfunde waren gleich einem Kram⸗ pfunde. In einer Verſchreibung v. 1289: Insuper singulis annis in festo beati Martini nobis et ecclesie nostre quinque talenta cere et quinque denarios Colomenses aut ipsorum equivales in recognicionem dominii solvere sint astricti. 3) Nach den Amtsbuͤchern. Im J. 1374 hat der Ordensmarſchall 21 Stein Wachs. 4) Beiſpiele find die Stadt Tuchel, die aber bald von der Lieferung wieder befreit wurde, und verſchiedene Dörfer in Pommern, die jahrlich zwei Eimer Honig liefern mußten, auch einige im Gebiete von Neſſau.
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664 Daturallieferungen an die Landesherrſchaft. den Danziger und Marienburgiſchen Niederungen, um die nahen Ordensburgen, beſonders Marienburg mit dieſen be⸗ liebten Gewuͤrzen reichlich zu verſehen. Die Abgabe war mitunter nicht unbedeutend, indem es Doͤrfer gab, die von jeder zinshaften Hube ein Pfund Pfeffer einſenden mußten. Warum der Orden gerade dieſe Gegenſtaͤnde als Abgabe vom Landmanne verlangte, iſt kaum begreif⸗ lich und um ſo mehr befremdend, da er den noͤthigen Bedarf dieſer Waaren durch Handel aus England und den Niederlanden erhielt. Zu Lieferungen an Federvieh in al⸗ len Gattungen waren vorzüglich die Güter und Dörfer in den Elbingiſchen und Marienburgiſchen Werdern ver pflichtet, ohne Zweifel wegen der Naͤhe des hochmeiſter⸗ lichen Wohnſitzes, wo der Bedarf an ſolchen Gegenſtaͤnden natuͤrlich immer am groͤßten war. Ueberhaupt findet man die dortigen fruchtbaren Niederungen am ſtaͤrkſten mit Ab⸗ gaben belegt, weil ſie allerdings bei der außerordentlichen Ergiebigkeit des Bodens auch am meiſten leiſten konnten. Es ſind nicht ſeltene Beiſpiele, daß von jeder Hube jaͤhr⸗ lich zwei bis drei Mark Pfennige, vier Kapaunen oder acht Huͤhner und ein Pfund Pfeffer geliefert werden muß⸗ ten. Haͤufig war die Lieferung von zwanzig oder drei⸗ ßig Huͤhnern, Gaͤnſen oder Schweinen auch fuͤr ein Dorf im Ganzen beftimmt. ? Außerdem mußten meiſtentheils die Dorfkruͤge oder Kretzem ſehr ſtarke Naturallieferungen tragen, denn nicht ſelten hatten ſie neben ihrem gewoͤhn⸗ lichen Geldzinſe noch zwanzig bis dreißig Zinshuͤhner u. dgl. an das naͤchſte Ordenshaus zu entrichten. Dieß waren uͤberhaupt die weſentlichſten Natural⸗ lieferungen wie im Ordensgebiete, ſo desgleichen auch in den biſchoͤflichen Landen, denn daß hie und da noch ein⸗ 1) Beiſpicle davon im Verſchreibungs⸗ Buch nro. 2. 2) Die Lieferungen von einer Hube waren verſchieden; bald 2, bald 4 Huͤhner oder 2 bis 4 Kapaunen. 3) Verſchreib.⸗Buch Nro. 2 p. 125. 121.
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Naturallieferungen an die Landesherrſchaft. 665 zelne Güter mit einigen andern Leiſtungen belegt waren, z. B. mit Lieferung von Butter, Kaͤſe, Eier, Kuͤmmel, Fellen von einigen Thieren u. dgl., darf kaum erwaͤhnt werden. Andere allgemeine Landesauflagen und ungewoͤhn⸗ liche Steuererhebungen als außerordentliche Anforderungen der Landesherrſchaft fanden in den beiden erſten Jahr⸗ hunderten der Ordensherrſchaft in Preuſſen faſt noch gar nicht Statt, denn in der Kulmiſchen Handfeſte ſchon hatte der Orden die Buͤrger ausdruͤcklich von allem ungerechten Geſchoſſe, von erzwungenen Bewirthungen und Einquar⸗ tirungen und andern nicht gebuͤhrlichen Abgaben frei ges ſprochen und dieſe Befreiung zugleich auch auf alle ihre Beſitzungen ausgedehnt, eine Beſtimmung, die nachher mit dem Kulmiſchen Rechte als Landrecht auch auf die Kulmiſchen Güter überhaupt übergegangen war. Sie wurde in der blühendfien Zeit der Ordensherrſchaft, alſo bis auf den ungluͤcklichen Tag bei Tannenberg auch wirklich ſtreng beobachtet, denn außer den wenigen bereits erwaͤhnten Fällen, wo zur Beſtreitung ſtarker Ausruͤſtungskoſten bei Unternehmungen zur Saͤuberung der See ein Geſchoß auf die Staͤdte des Landes ausgeſchrieben wurde, iſt alles, was einzelne Chroniſten von außerordentlichen Steuererhebungen in Preuſſen berichten, als unbegruͤndet erwieſen. Die 1) „Absolvimus predictos Cives ab omnibus collectis iniustis et hospitationibus coactivis aliisque exactionibus indebitis, ad omnia bona eis attinentia hanc gratiam extendentes. Dieß war auch mit ein Grund, warum die Lehensmanne des Biſchofs von Pome⸗ ſanien die Entrichtung des Wartgeldes, welches man als eine außer⸗ ordentliche Auflage anſah, verweigerten, denn ſie erklärten, wie es in der früher erwähnten Urkunde heißt: Servitores vestri hic stantes nunquam malo zelo nec intentione contraria pecunias custodia- les vobis solvere denegarunt, nisi quod ipsis videtur, quod de iure Culmensi solvere non teneantur, 2) Was früher B. IV. S. 224 von einer ſolchen Schatzung geſagt iſt, bezog ſich nur auf Pommern; über die angebliche große Landesauf⸗ — lage unter Konrad von Wallenrod iſt B. V. S. 726 geſprochen. Eben ſo unbegründet iſt die Angabe, daß der HM. beim Ankaufe der Neu⸗
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666 Dienſtverpflichtungen u. baͤuerliche Leiſtungen. erſte allgemeine Landſteuer oder wie man es nannte, ein allgemeines Geſchoß im ganzen Lande wurde in den Jah⸗ ren 1411 und 1412 erhoben, woruͤber ſpaͤter die Rede ſeyn wird.) Ebenſo war nach der Kulmiſchen Handfeſte das Land frei von aller Zollerhebung und Preuſſen wußte nichts von den zahlreichen Land-, Waſſer- und Marktzoͤllen, wie fie damals in Deutſchland und andern Ländern fo ſehr gewoͤhnlich waren.) Man kannte lange Zeit nur den Durchgangszoll, den fremde Kaufleute, beſonders aus Polen und Litthauen beim Transport ihrer Waaren auf der Weichſel bei der Niederlage zu Thorn oder ſonſt, und einen Waarenzoll, den die Englaͤnder, Daͤnen und andere Kaufleute, ſeit der Handel mit dem Auslande mehr in Aufnahme kam, von den eingefuͤhrten Handelsartickeln ent⸗ richten mußten, wie desgleichen der Preuſſiſche Kaufmann fuͤr ſeine Producte und Kaufguͤter im Auslande ebenfalls verpflichtet war. Endlich beſtand noch der Pfundzoll und das ſ. g. Pfahlgeld, über welche ſchon früher ge: ſprochen iſt. 3. Dienſtverpflichtungen und baͤuerliche Leiſtungen. Der Grundſatz, daß der Orden als Oberherr, als erſter und oberſter Eigenthuͤmer von Grund und Boden berechtigt ſey, fuͤr Beſitz und Benutzung der den Unter— thanen im Character der Lehen uͤberlaſſenen und zugeſchrie— benen Landestheile gewiſſe Leiſtungen und Dienſte zu ver⸗ mark zur Bezahlung der Kaufſumme eine ſchwere Abgabe durchs ganze Land gefordert habe, denn wir wiſſen aufs beſtimmteſte aus Archivs⸗ nachrichten und aus dem Zreßler = Buche insbeſondere, daß die ganze Kaufſumme durch die regelmäßigen Einkünfte des Ordens aus dem Or⸗ dens⸗Schatze, krineswegs aber durch eine allgemeine Landſteuer gezahlt wurde. a 1) Vgl. Lindenblatt S. 238. 2) In der Kulmiſ. Handfeſte heißt es: Absolvimus etiam 1o- tam terram ab omni penitus telonei exactione. 3) S. B. V. S. 650. VI. S. 94.
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Dienfverpflihtungen u. baͤuerliche Leiſtungen. 667 langen und dieſe fo lange fordern zu duͤrfen, als jener Beſitz und jene Benutzung dauerte, muß auch hier noch feſtgehalten werden, denn dieſes Recht hatte ſich der Or⸗ den nach der Anſicht der Zeit erworben und es war ihm allgemein und unbeſtritten zugeſtanden. Die Urtheile ſpaͤ⸗ terer Geſchichtſchreiber, welche den Orden in ſeinem Ver⸗ ſahren gegen die Landes eingeborenen und in ſeinen Anfor⸗ derungen an ſeine Unterthanen nicht ſelten der groͤßten Haͤrte und Grauſamkeit beſchuldigt haben, muß, wenn ſie es kann, eine einfache und wahrhafte Darſtellung des Sachbeſtandes ſelbſt widerlegen; vermag ſie es nicht, ſo muß der Orden vor dem Richterſtuhle der Geſchichte die ſchwere Anklage tragen, weil er ſie verdiente. Es iſt auf keine Weiſe abzuſtreiten, daß alle Lei⸗ ſtungen und Dienſte, von denen hier zunaͤchſt die Rede iſt, ebenſo wie die bereits erwaͤhnten Abgaben und Liefe⸗ rungen auf einem beſtimmten Vertragsverhaͤltniſſe zwiſchen dem Landesherrn und dem Gutsunterthanen beruhten, denn jede Verleihungsurkunde über laͤndliches Beſitzthum ſetzte einen Vertrag zwiſchen Verleiher und Empfaͤnger, welcher fir Beſitz und Nutzung zu gewiſſen Leiſtungen und Dien⸗ ſten verpflichtete. Zu dieſen Dienſten gehörte: a) Der Dienſt beim Burgenbau, einer der allgemeinſten, d. h. faſt auf alle Klaſſen von Landbeſitzern ausgedehnt und zugleich in allen Land ſchaften des Ordens, wie in allen bifchöflichen Landen bei ländlichen Verleihun⸗ gen zur Bedingung geſtellt. Er wurde geleiſtet, wenn neue Burgen aufgebaut, vorhandene ausgebeſſert und flärs ker bejeſtigt oder alte abgebrochen werden ſollten,“ zuwei⸗ 1) Es heißt darüber gewoͤhnlich in den Verleihungsurkunden: Ad castra et munitiones de novo construendas, veteres reformandas seu etiam dirimendas quantocunque, ubicunque et quocienscun- que per nos seu nostros fratres requisiti fuerint, fideliter ser- ire tenehuntur; oder in Deutſ. Urkunden: Sie ſullen uns dienen we huſcre czu buwen, alde czu beſſern adir czu brechin, wenne, wy dicke und wo fy von uns adir von unſern bruͤdern geheiſen werden.
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668 Dienſtverpflichtungen u. bäuerliche Leiſtungen. len auch zur Befeſtigung der Städte, deren ſtarke Be: wehrung faſt uͤberall auch zugleich dem Orden mit oblag. Es fand jedoch, wie es ſcheint, ein zwiefach verſchiedener Burgbaudienſt Statt, deren einen man wohl fuͤglich den Schutzdienſt, den andern dagegen den Arbeitsdienſt beim Burgenbau nennen koͤnnte. Wenn naͤmlich von Withingen, Freilehensleuten und mitunter auch von Koͤlmern ausdruͤck⸗ lich nichts weiter verlangt wird, als daß ſie beim Bau von Burgen und Befeſtigungen mit Roß und Waffen zu⸗ gegen ſeyn ſollen,“ fo ſcheint ſolcher Dienſt nur darauf beſchraͤnkt geweſen zu ſeyn, den Bauleuten und Arbeitern gegen die ſo gewoͤhnlichen Ueberfaͤlle der Feinde, beſonders an den Landesgraͤnzen den noͤthigen Schutz zu gewaͤhren, alſo nur einen bewaffneten Wachdienſt zu leiſten, weshalb auch ſelbſt vornehme Landesritter und uͤberhaupt der Land⸗ adel zum Dienſt beim Burgenbau verpflichtet werden konn⸗ ten. Den gemeinen Arbeitsdienſt dagegen, als Schaarwerk, Frohnfuhren und Handarbeit überhaupt leiſteten beim Bur⸗ genbau wahrſcheinlich meiſtens nur die kleinern Koͤlmiſchen Beſitzer, der Bauernſtand und die Hinterſaſſen, denn außer den Gutsherren ſelbſt waren beſtaͤndig auch deren Hinter⸗ ſaſſen oder gutsunterthaͤnige Bauern zum Burgbaudienſt verpflichtet. Fruͤher als die meiſten Burgen erſt auf: gebaut oder oͤfter ſtaͤrker befeſtigt werden mußten, mag 1) S. B. III. S. 497. 2) Es heißt dann in Urkunden: Teenebuntur önleresse munitio- nibus de novo cunstruendis cum eorum equis et armis pruteni- calibus, quuciens fuerint a nostris fratribus requisiti. In einer urk. des Biſchofs von Samland: Ad construendas quoque muni- ciones sive castra et quidquid pro defensione terre et ecclesie nostre fuerit et contra inimicos ecelesie nostre pugnandum seu profieiscendum quandocunque ab ipsis requisitum fuerit, fideliter ope et opera adiuvabunt. 3) Auf dieſen Dienſt mag es dann auch gehen, wenn es heißt: Ad novas munitiones construendas cum eorum hominibus tene- buntur fratribus fideliter deservire oder: Ad munitiones con- struendas et firmandas tam ipsi quam eorum humines sunt astrieti.
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Dienſtverpflichtungen u. baͤuerliche Leiſtungen. 669 allerdings dieſer Dienſt viel Laͤſtiges und Beſchwerliches gehabt und den Landmann oft Monate lang ſeiner fried⸗ lichen Feldarbeit entzogen haben. Allein in ſpaͤtern Zei⸗ ten konnte dieſe Dienſtverpflichtung zumal bei ihrer großen Allgemeinheit unmoͤglich ſo viel Druͤckendes und Laͤſtiges mehr haben, da wir beſtimmt auch wiſſen, daß der Or⸗ den den Burgbau = Dienft dem Landmanne vielfach zu er⸗ leichtern ſuchte.) — Verſchieden von dieſer allgemeinen Dienſtverpflichtung beim Burgenbau war: p) Die ſ. g. baͤuerliche Arbeit, der baͤuer⸗ liche Dienſt oder Schaarwerk und Srohndienft, worunter allerlei Hand- und Spanndienſte, als Heudienſt oder Grasmaͤhen, Getreide-Hauen, Holz- und Getreide⸗ Fuhren, Holzfaͤllen, Fiſch- und Honig ⸗ Fuhren, Graben⸗ und Teicharbeit u. dgl. begriffen waren. Ihre Leiſtung aber war keineswegs fo durchgängig ungemeffen, wie der Burgbaudienſt, d. h. alſo es waren nicht Dienſte, die geleiſtet werden mußten, ſo oſt, wo und in welchem Maaße man ſie forderte, ſondern es wurden in der Regel ſ. g. gemeſſene Dienſte fefigeftellt und gewoͤhnlich genau beſtimmt, zu wie vielen Dienſten dieſer Art ein Schaarwerkspflich⸗ tiger jahrlich verbunden ſey entweder durch Angabe einer gewiſſen Zahl von Schaarwerkstagen oder eines gewiſſen Maaßes von Dienſtarbeit. Bald leiſteten die Bewohner eines Dorfes auf jede ihrer Huben jaͤhrlich nur einen Tag, bald andere von jeder Hube vier oder ſechs Tage, bald aber auch woͤchentlich einen Tag Schaarwerksdienſt; ) dieß 1) Burgenbau und Baudienſte waren übrigens auch anderwaͤrts nicht ungewoͤhnlich; ſ. Tzſchoppe und Stenzel Urk.⸗Samml. p. 27. Das Treßler⸗ Buch giebt viele Beiſpiele, daß der Orden für Bekoͤſti⸗ gung und Loͤhnung der beim Burgenbau beſchaͤftigten Frohnleute ſorgte. 2) In Urkunden genannt Sexvitia rusticalia, opera et servitia rusticalia, labores rusticales, onera rusticalia, iugum operum rusticalium etc. ober baͤuerliche Dienfte, bäuerliche Arbeit, gemein: liche Arbeit, Schaarwerk, gemeine Landdienſte u. 5 3) Die Beſtimmungen daruber gehen mitunter ſehr ins Einzelne, was hier weiter auszuführen uͤberfluͤſſig waͤre.
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670 Dienſtverpflichtungen u. bäuerliche Leiſtungen. letztere jedoch nur felten, denn in der Regel beſchraͤnkte ſich die ganze Schaarwerkspflicht, außer dem Dienſte beim Burgenbau, jaͤhrlich nur auf ſechs Tage ſ. g. Heudienſtes oder anderer Dienſtarbeit. Haͤufig wurde bei Gruͤndung von Dörfern auch eine Anzahl von Freijahren in Ruͤckſicht des Schaarwerksdienſtes zugeſtanden;) ebenfo ließ der Orden nicht ſelten Ermaͤßigungen und Erleichterungen des Dienſtes eintreten. Mitunter wurde wohl aus beſondern Ruͤckſichten die Schaarwerksleiſtung, ſelbſt auch Preuſſen ganz erlaffen, ? zumal wenn Klagen entſtanden, daß fie den Bewohnern eines Dorfes an ihrem Fortkommen und Wohlſtande zu hinderlich und allzu druͤckend ſey; dann behielt der Orden gewoͤhnlich nur jaͤhrlich eine Anzahl von Heudienſttagen, weil er dieſe nicht entbehren konnte. Wir wiſſen auch, daß der edle Meiſter Winrich von Knip⸗ rode ausdruͤcklich geboten hatte, man ſolle den Landmann mit drückender Dienſtarbeit nicht uͤbermaͤßig belaften und beſchweren, vielmehr ihn hierin moͤglichſt ſchonen. Es iſt ferner bereits erwaͤhnt, daß ſeit der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts auch die Abloͤſung des Schaarwerkes und der baͤuerlichen Dienſte durch erhoͤhte Zinsleiſtung haͤufig zugeſtanden ward, denn je mehr um dieſe Zeit auch beim Landvolke der Wohlſtand zunahm und beſonders mehr Geld in Umlauf kam, um ſo haͤufiger ſuchte man ſich auch durch Anerbietungen höherer Zinsleiſtungen vom Echaar: 4) Von vielen nur Ein Beiſpiel: Vortmer fo dirloſſe wir dem Scholtis und den Inwonern des Dorfis allirley Scharwerk, und wenn acht Jar ſin umkomen und dy fryheit usgeet, ſo ſall uns der Scholtis und dy inwoner pflichtig ſin czu thun Scharwerk glich andern unſern deuczſchen dorffern. 2) So heißt es bisweilen: Von gemeynlicher erbeit, alz hoyſlan, getreide, abeczu owſten, holcz furen und howen und dergliche wellen wir ſy vry und usgenommen ſyn, is enwere denne daz ſye das thun welden von eren guten willen. 3) Zuweilen werden bei Erlaß des Schaarwerkes noch einige Fuhren ausbedungen, die die Beſitzer thun ſollen, „wenn ſie an irer Soet (Sagt) und awſte nicht vorhindert werden.
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Dienſtverpflichtungen u. baͤuerliche Leiſtungen. 671 werksdienſte frei zu machen und weder der Orden noch die Biſchoͤfe legten Schwierigkeiten entgegen. Frei von allem Schaarwerke waren aber an ſich ſchon nicht nur alle Freilehensguͤter, zu deren beſonderer Eigenthuͤmlichkeit eben dieſe Freiheit gehörte, ſondern auch alle Preuſſiſchen Guͤter auf ununterbrochenes Erbrecht und außerdem ur⸗ ſprünglich auch alle Kulmiſchen Beſitzungen, da mit dem Kulmiſchen Rechte eigentlich keine baͤuerlichen Dienſte verbunden waren. Seitdem indeſſen dieſes Recht auch an Preuſſen uͤberging und auf Preuſſiſche oder mit Pommern beſetzte Doͤrfer übertragen wurde, kommen ſchon im vier⸗ zehuten Jahrhundert eine große Zahl von Doͤrfern mit Kulmiſchem Rechte auch mit Schaarwerk und baͤuerlichen Dienſten belaſtet vor.“ Ueberhaupt war es theils der Preuſſiſche, theils auch der Deutſche Bauernſtand, welcher dieſe Dienſte zu tragen hatte und zwar eben ſo die un⸗ mittelbaren Gutsunterthanen des Ordens oder die Ordens⸗ bauern in den Doͤrfern, wie die hinterſaͤſſigen Bauern der belehnten Grundbeſitzer, denn der Hinterſaſſe mußte ſeinem Gutsherrn auch im bäuerlichen Schaarwerksdienſte alles leiſten, was der unmittelbare Gutsunterthan dem Orden. Früher war allerdings der Deutſche Bauer von dieſem Dienſte meiſt frei geweſen; allein im vierzehnten Jahr⸗ hundert finden wir auch ihn haͤufig dazu verpflichtet. a) 1) So z. B. in einer Dorfverſchreib. von 1376: Ouch loſſe wir ledig von bethe und ſunderlicher gnade wegen ſechs tage heudienſt, die ſie uns pflichtig waren von 42 Garten, dywile is uns geluſt, davon ſal uns eyn iclich garten jerlichs czinſen eynen firdung Pruͤſſ. Were is, das wir das hewdinſt hirnochmals weldin wedir haben, ſo ſuldin ſy des firdung zinſes vry ſin. 2) Es gab auch viele Dörfer, die einen Theil ihrer Huben ſchaar⸗ werkspflichtig, den andern ſchaarwerksfrei hatten. 3) In einer Verſchreib. des Biſchofs von Samland v. J. 1338 fuͤr einige Preuſſen heißt es: Necnon ad alia onera rusticalia, ad que ceteri theutonici rustici sunt astricti, volumus obligari. So waren die Deutſchen Dorfeinſaſſen von Boraw im Gebiete von Alt⸗ haus nach ihrer Verſchreib. vom J. 1376, die ihnen 39 Huben auf
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672 Dienſtverpflichtungen u. baͤuerliche Leiſtungen. c) Die Dammarbeit war eine der wichtigſten Verpflichtungen der Dorfbewohner in den Nogat = und Weichſel⸗Gegenden. Es iſt erinnerlich, unter welchen unſaͤglichen Muͤhen und Schwierigkeiten es dem edlen Land⸗ meiſter Meinhard von Querfurt gelungen war, durch den Rieſenbau der Weichfel = und Nogatdaͤmme in jenen ſonſt unwohnbaren Gebieten eine ganz neue Schoͤpfung hervor⸗ zurufen.) Dieſe großartigen Werke indeß bedurften bei dem nicht ſelten wieder ausbrechenden Ungeſtuͤm jener ge⸗ waltigen Stromgewaͤſſer einer fortwaͤhrend ſorgſamen Er⸗ haltung, Ausbeſſerung und Befeſtigung. Da es nun vor allem das eigene Wohl der dortigen Bewohner bedingte, jene Daͤmme gegen die Gewalt der Gewaͤſſer ſtets hin— laͤnglich zu ſichern, ſo ſchrieb es der Orden den Doͤrfern immer ſchon bei ihrer Gruͤndung als Verpflichtung vor, im Dorfbereiche die Damme ſtets in gutem Stand zu hal: ten oder die Beſchaͤdigungen wieder auszubefjern. 2 Die Dammarbeit ſelbſt war in dieſen ſ. g. Dammpflichtigen Doͤrfern meiſt nach der Hubenzahl berechnet. Auch das Kloſter Oliva ſogar war von der Dammverpflichtung nicht frei. Die Auſſicht über die Damme und ihre Erhal⸗ tung führten ſchon frühzeitig beſondere Beamten unter dem Kulm. Recht anwies, verpflichtet, je von der Hube 2 Morgen Wieſen zu ſchlagen, das Heu aufzubringen und aufs Haus zu fuͤhren. Dann heißt es noch: Ouch ſullen ſie uns jo von einer huben einen menſchen uff unſern awſt ſenden, dy erbeiten glich den andern luͤten und unſern haber helfen rechen by unſer koſt. Vorbasme ſo ſollen ſy ander ſchar⸗ werk tun noch unſerm gebot by unſer koſt. 1) B. IV. S. 35, 2) In der Verſchreib. von Damerau v. 1352 heißt es z. B. Ouch haben uns dy ynwoner des dorfes gelobit, das fie daſſelbe gut bynnen iren greniczen eweclich wellen vortempnen, das es von waſſirs wegen nicht vorterbez in einer andern von 1356: So ſullen ſie ouch tempnen bynnen iren greniczen von iglicher huben ſeben ruthen und domite ledig ſein, es were denne das ein broch wuͤrde, ſo ſollen ſie gleiche tun iren nakeborn. 3) Urkunde Winrichs von Kniprode v. J. 1376.
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Dienfiverpfliihtungen u. baͤuerliche Leiſtungen. 673 Namen von Teichgraͤfen und Teichgeſchworenen. Wer ſei⸗ ner Dammverpflichtung nicht puͤnktlich nachkam, konnte von ihnen oder von dem Ordensvogte oder dem des Bi⸗ ſchofs ausgepfaͤndet und geſtraft werden.) d) Auch die Verbeſſerung der Landſtraßen und der Wege und Stege wurde dem Grundbeſitzer als Dienſtpflicht auferlegt. Das Weg: und Stegrecht ge⸗ hoͤrte ausſchließlich zwar dem Orden oder dem Biſchofe zu, d. h. er allein konnte beſtimmen, wo durch ein Gut oder eine Dorffeldmark Wege und Stege gefuͤhrt werden ſollten, und dieſe Beſtimmung behielt ſich der Orden auch immer ausdrücklich vor. Die Beſſerung der Landſtra⸗ ßen und Wege aber, die Herſtellung noͤthiger Bruͤcken und dgl. war Pflicht der Dorfbewohner oder Gutsbeſitzer.“ e) Gab es noch unterſchiedliche andere Dienſtver⸗ pflichtungen, die jedoch meiſt nur in gewiſſen Gegenden von einzelnen Grundbeſitzern oder einzelnen Doͤrfern ge⸗ leiſtet wurden. So hatten z. B. manche Beſitzer ſich auf eine beſtimmte Anzahl von Tagen zum Jagddienſte oder zum f. g. Treibdienſte zu fielen; andern war die Weiter. 1) In der Verſchreib. des Dorfs Hochzeit bei Grebin v. J. 1425 heißt es z. B: So ſullen die Inwoner deſſelben dorfes helffen czu Tyechen, Temmen, Graben, houpte czu machen, landſtraßen czu beſ⸗ ſern, gleich andirn Werderiſchen dorfhern, was das werder und das gemeyne land wirt anruͤrende ſien, wuͤrden fie ſich ouch dorwedir ſetzin adir ſuſt dormete vorſuͤmelichin ſien, denn ſal unſers Ordens Voith von Grebin ſie dorumb laſſen pfendin und buſſen, als man das mit en von alders hat gehalden. Verſchreib.⸗Buch nro. 6. p. 122. Ueber einen Streit zwiſchen den Teichgeſchworenen und den Dammverpflichteten des Biſch. von Pomeſanien eine Urk. v. 1381 in Privileg. Capit. Pome- san. p. LXXXV. 2) Es heißt oft: Ouch welle wir wege und ſtege, wo fie ung adir unſerem lande bequeme ſint gelegen, richten. 3) Sie wurden in den Verſchreibungen dazu verpflichtet, wenn es z. B. heißt: Ad reparationem, meliorationem seu refectinnem pontium, vadorum, viarum et semitarum, ubi, quando et qua- ciens necessitate exigente per nos et nostros Successores ipsis mandatum fuerit, sint astrieti. VI. 4 B} 5]
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674 Verpflichtung zum Kriegsdienſte. beförderung von Briefen von Dorf zu Dorf auferlegt; noch andere hatten in einzelnen beſtimmten Faͤllen Fuhr⸗ werk zu ſtellen. Dieß alles aber waren nur Einzelnheiten, an beſondere oͤrtliche Verhaͤltniſſe geknuͤpft. 4. Verpflichtung zum Kriegsdienſte. Die feindliche Stellung des Ordens gegen die Urbe⸗ wohner Preuſſens ſogleich bei ſeinem Eintritte in das Land hatte es ihm nothwendig gemacht, außer den ihm von fernher zu Huͤlfe kommenden und nur von Zeit zu Zeit erſcheinenden Kreuzheeren ſo viel als moͤglich auch eine gewiſſe bewaffnete Kriegsmacht im Lande ſelbſt zu ſchaffen. Das Lehenſyſtem aber, vom Orden nach Preuſ⸗ ſen verpflanzt, verband bekanntlich an ſich ſchon lehens⸗ pflichtigen Landbeſitz mit Kriegsdienſtpflicht und es ward dieß auch in der Kulmiſchen Handfeſte bereits dadurch geltend gemacht, daß man die Norm feſtſtellte, nach wel⸗ cher fuͤr kuͤnftige Zeiten der Kriegsdienſt nach Kulmiſchem Rechte geleiſtet werden ſolle. Wir erinnern uns der ge⸗ setzlichen Beſtimmung: wer vierzig oder mehr Huben Lan⸗ des vom Orden erhalten, ſolle mit voller Waffenruͤſtung, einem bedeckten und der Ruͤſtung angemeſſenen Roſſe und mit wenigſtens zwei andern Reitern dem Orden zum Kriegs⸗ dienſte verpflichtet ſeyn; wer geringeres Beſitzthum habe, ſolle nur mit einer Plate und andern leichten Waffen nebſt einem dazu paßlichen Roſſe zur Kriegsfolge dienen.“ Alſo war hier ſchon ein doppelter Kriegsdienſt unterſchie⸗ den; der eine wird häufig der ſchwere Dienſt oder Roß⸗ dienſt, der andere der leichte oder der Platendienſt ge⸗ nannt. 1) S. oben B. II. S. 240. (Beiläufig mag hier bemerkt werden, daß es in dieſer erwahnten Stelle nicht „Plate oder andern leichten Maffen,“ ſondern Plate und andern leichten Waffen heißen muß.) 2) Dieſer unterſchied zwiſchen Roßdienſt und Platendienſt wird in Urkunden oft beſonders hervorgehoben; fo erhält z. B. Konrad During
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Verpflichtung zum Kriegsdienſte. 675 Der Roßdienſt wurde geleiſtet mit einem ſtarken, für die volle und ſchwere Kriegsruͤſtung des Reiters volle kommen tauglichen und ſelbſt auch mit einer Art von ſtarkem Panzer bedeckten oder bewehrten Streithengſte, für welchen deshalb auch oft ausdruͤcklich der Preis beſtimmt wird, damit er nicht unter einer gewiſſen Güte und Staͤrke zum Heere geſtellt werde. Es folgten indeß dem Or⸗ densheere in dieſem ſchweren Roßdienſte nur die reichſten, alſo meiſt nur adelige Beſitzer und ihre Zahl war nie von großer Bedeutung. Weit allgemeiner war der leichtere Platendienſt, ſo genannt von der Plate, dem Bruſtſtuͤcke eines Harniſch, welches als die weſentlichſte Ruͤſtung des leichten Dienſtes betrachtet immer auch mit leichtern Waf⸗ fen, dem Eiſen-Hut, Helm, Schild und Speer verbun⸗ den war. Gleichfalls ein Reiterdienſt, aber nicht auf einem ſtarken Streithengſte, ſondern meiſt auf Wallachen oder leichtern Kriegsroſſen, bildete er die eigentliche Norm des Kriegsdienſtes beinahe fuͤr alle Kulmiſchen und Magdeburgiſchen Güter, weshalb auch Kulmiſcher Dienft im F. 1328 im Lande Saſſen 200 Huben zu Kulmiſchem Rechte mit der Verpflichtung: Er und ſeine Erben ſollen dienen unſerm Hauſe „mit eyme vordackten roſſe und mit dryn gewonlichen Platendienften, wen fie werden geheiſchit gegen allen unfern vigenden in groſſer ker: verte und in alle lantwer bey irer eignen koſt, alſo das das rosdienſt fie achtzig und itzlich Platendienſt vierzig Huwen czu Culmiſchem Rechte. Ebenſo iſt im Zineverzeichniſſe von Althaus der Unterſchied zwiſchen. Roßdienſt und Platendienſt genau bemerkt. 1) Die urkundlichen Benennungen dieſer Streitroſſe ſind: equus dextrarius, dextrarius falleratus, equus cataphractus, opertus ober cvopertus; es waren Schlachtroſſe, wie bei Ottocar von Hor⸗ neck v. Schacht S. 336, vorne an Bruſt und Kopf mit Eiſenblech gefhügt und mit Decken zugedeckt. 2) So in einer Verſchreib. von 1322: ein Beſitzer eines Kulm. Gutes ſolle dienen mit einem Hengſte und mit leichten Waffen dazu „als eyſern hut oder eyn preuſch helm, Schilt, ſper und Platen find, ader an der Platen ſtad ein gut panzer oder brunie. 3) Es heißt daher haͤufig: tenentur deservire cum uno spa- done et armis leribus, quod vulgariter dicitur eyn Platendynst, 43 *
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676 Verpflichtung zum Kriegsdienſte. und Platendienſt als voͤllig gleichbedeutend genommen wer⸗ den.) Auf kleineren Kulmiſchen Gütern wurde in der Regel der Platendienſt nur mit einem Roſſe, auf groͤße⸗ ren mit zwei oder drei Roſſen geleiſtet und auf ſehr aus⸗ gedehnten Kulmiſchen Beſitzungen war entweder der ſchwere Roßdienſt mit mehren Platendienſten verbunden oder es wurden ſtatt des ſchweren Roßdienſtes mehrfache Platen⸗ dienſte bedungen, weil man dieſe überhaupt jenem ſchwe⸗ ren Dienſte vorzog. ? Frauen, die auf Kulmiſchen Gür tern ſaßen, mußten einen oder mehre gewappnete Knechte zur Fahne des Ordens ſtellen. Erfolgte nun ein Aufge⸗ bot, eine Kriegsmahnung oder ein Kriegsgeſchrei durchs Land, ſo ſtellten ſich jeder Zeit alle Kulmiſchen Beſitzer, zumal die Deutſchen mit Platen und leichten Waffen ges ruͤſtet ſofort unter die Heerfahnen ihrer Komthure zur ges ſetzlichen Heeresfolge. Preuſſen dagegen als Kulmiſche Beſitzer leiſteten den Kriegsdienſt „nach der Preuſſen Gewohnheit“ oder „mit gewohnten Preuffifchen Waffen.“ Die Art naͤmlich, wie Preuſſen und beſonders die zahlreiche Klaſſe der Freilehens⸗ leute ihrer Kriegsverpflichtung gegen den Orden zu genüͤ⸗ 1) Es heißt dann: myt eyme geringen Platendinſte czu dynen myt Culmiſchem rechte und mit zotanen als ander ritter und knechte in unferm Culmiſchen lande dynſte und aller andern Rechte gebruchen, al⸗ zo ſullen ſy ere gut och irkant werden czu vordynen. Haͤuſig wird auch gefagt: der Kriegsdienſt ſolle geſchehen secundum terre Culmen- sis consuetudinem. 2) Dieß kommt im 14ten Jahrhund. ſchon ſehr häufig vor. Auf 80 Huben z. B. werden zwei Platendienſte geleiſtet. Winrich v. Knip⸗ rode giebt ein Gut von 110 Huben aus und beſtimmt: man ſolle da⸗ für leiſten tria vulgaria servicia eum thoracibus h. e. dri Platin- dinst tuginde. Die Hubenzahl der kleinern Güter bedingte aber nicht immer die Zahl der Dienſte; wir finden z. B. 3 Huben mit 2 Platen⸗ dienſten, 7 Huben mit einem Platendienſt, 8 Huben mit 2 und 16 Huben mit 3 Platendienſten verbunden. 3) In Urkunden: secundum Prutenorum consuetudinem oder cum armis pruthenicalibus consuetis.
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Verpflichtung zum Kriegsdienſte. 677 gen hatten, war vom Kulmiſchen Dienſte verſchieden. Wie für Kulmiſche Kriegsleute die Plate, fo galt für Preuſſi⸗ ſche Wehrmaͤnner die Brunie ) als derjenige Theil ihrer Rüſtung, der das Eigenthuͤmliche ihrer Bewehrung am meiſten hervorhob; es war ebenfalls ein Bruſtharniſch oder Panzer, doch in Form und Beſchaffenheit von der Plate abweichend. Ihr zur vollſtaͤndigen Ruͤſtung des Preuſ⸗ ſiſchen Kriegers beigeſellt war der Helm, der Speer oder die Lanze und der Schild oder ſtatt des Helmes ein Eiſen⸗ Hut. Dieß zuſammen nannte man gemeinhin Preuſſiſche Waffen oder Preuſſiſche Ruͤſtung. Außer ihr wurde auch ſtets ein taugliches Kriegsroß erfordert, denn auch dieſer Dienſt war beſtaͤndig ein Reiterdienſt, bei dem es großentheils von der Größe der Beſitzung abhing, ob er einfach oder doppelt und mehrfach, d. h. mit einem, zwei oder mehren Kriegsroſſen geleiſtet werden mußte.“ Ur; fprünglich ſcheint dieſer Kriegsdienſt nur auf eigentlichen Preuſſiſchen Gütern, beſonders auf Freilehensguͤtern gele⸗ gen zu haben; er ging aber, als Preuſſen auch Beſitzun⸗ gen auf Kulmiſches Recht erhielten, mit dieſem auch auf 1) In Urkunden brunia, brunea, bronia, im Latein: lorica, thorax; bekanntlich eine ſehr alte Schutzruͤſtung, die ſchon vielfältig in den Kapitularien Karls des Gr. vorkommt; Stenzel Kriegsverfaſſ. Deutſchl. S. 335. 2) Daß fie mit der Plate doch manches Aehnliche gehabt habe, iſt daraus zu ſchließen, daß es dem Kriege manne mitunter frei geſtellt war, ob er ſich zur Ruͤſtung einer Plate oder ſtatt deren der Brune oder eines guten Panzers bedienen wolle. 3) Consueta arma Prutenicalia; ein Freilehensmann ſoll dienen ad expeditiones ac terre defensiones cum armis prutenicalibus consuetis videlicet bronia, galea, lanceis et elipeo; oder es heißt gewohnlich nur cum equis et armis in terra Prusie consuetis ober cum bruniis et ceteris armis pruthenicalibus consuetis, oder se. cundum morem patrie, secundum Prutenorum consuetudinem: oft auch nur „mit ſperen und mit ſchilden.“ 4) Der Ausdruck unnm sers icium bedeutet fo viel als einen Dienſt mit Einem Pferde.
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678 Verpflichtung zum Kriegsdienſte. Kulmiſche uͤber und es fand ſonach bei Kulmiſchen Guͤ⸗ tern der Unterſchied Statt, daß Deutſche Beſitzer in der Kriegsfolge zum Platendienſte, Preuſſen dagegen auf ſol⸗ chen Gütern zum Kriegsdienſte mit der Brunie und den gewoͤhnlichen Waffen verpflichtet waren. Außer den Gutsherren ſelbſt waren faſt regelmaͤßig auch ihre Hinterſaſſen zu Kriegsdienſten verbunden;“ fie bildeten wahrſcheinlich einen Theil des Fußvolkes, denn obgleich wir nichts Beſtimmtes uͤber ihre Ruͤſtung wiſſen, ſo deutet doch ſchon der Umſtand auf den Dienſt zu Fuß bin, daß fie gemeinhin in ihren kriegspflichtigen Verhaͤlt⸗ niſſen mit den Gutsunterthanen oder den ſ. g. Leuten des Ordens zuſammengeſtellt werden. ? Für dieſe aber, wie für den Preuſſiſchen Bauernſtand galt die Kriegsfolge fuͤr eine der wichtigften Pflichten. Sie waren im Ordens— heere das eigentliche Fußvolk, mit dem die Hinterſaſſen der Koͤlmer und Freilehensleute im Dienſte zuſammen ſtanden. In welchem Verhaͤltniſſe jedoch ein Dorf ſeine Monnſchaft zu ſtellen hatte, iſt ungewiß; faſt ſcheint es, daß überhaupt keine ganz feſte und überall gleichmäßige 1) Daher bei Verleihungen ſehr häufig die ausdruͤckliche Beſtim⸗ mung, daß die Beſitzer cum eorum rusticis contra quoslibet terre nostre turbatores una cum fratribus nostris in solitis armis pro- eedere sint astrieti; oder: Ouch ſullen uns Ire luͤte czu Herverten und czu lantweren glich unfern Tüten dinen. Schon in einer Verſchreib. v. J. 1279 heißt es: So ſullen ere underſeſſen mete komen wenne das ganze lant czuczuet. Aber es gab auch Ausnahmen; ſo in einer Verſchreib. v. 1287 für den Preuſſen Sambange: predictus S. et sui heredes in expeditionibus contra omnes nostros conturbatores servicio uno cum armis prutenicalibus fratribus nostris astricti erunt et parati, et predieti sambangi servitores, subditi et vil- Jani fratribus nostris servire non tenebuntur. 2) Hie und da werden die Hinterſaſſen ausdrücklich als Fußgänger bezeichnet; ſo in einer Verſchreib. v. 1277 im Verſchreib.⸗Buch Nro. 2 p. 195 in einer andern heißt es: glicher wys ſullen dinen alle luͤte dy do ſitczen in dem genanten velde myt yn beyde czu pferde und czu fuſſe czu reſen.
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Verpflichtung zum Kriegsdienſte. 679 Beſtimmung über die Kriegspflichtigkeit des Preuſſiſchen Bauernſtandes geltend war, denn bald finden wir aller dings zwar die Zahl der Dorfhuben mit der zu ſtellenden Munnſchaft in einem gewiſſen Verhaͤltniſſe,“ bald aber ſcheinen auch wieder alle kriegsfaͤhigen Dorfbewohner zur Kriegsfolge verpflichtet geweſen zu ſeyn; bald endlich ſehen wer Dörfer, die nur einen einzigen Mann zum Ordens⸗ beere zu ſtellen hatten.“ Wahrſcheinlich alſo beſtimmten die jedesmaligen Zeitumſtaͤnde die noͤthigen Maaßregeln in Betreff der Kriegsfolge fuͤr den Preuſſiſchen Bauernſtand. Viel leichter war in dieſer Beziehung die Lage des Deut⸗ ſchen Dorfbewohners, denn in der Regel war er von der Kriegsfolge völlig frei, weshalb auch in den Gruͤndungs⸗ privilegien Deutſcher Bauerndoͤrfer der Kriegsverpflichtung fall niemals erwähnt wird. Nur der Schultheiß ſolcher Dorker mußte gewöhnlich im Reiterdienſte auf einem Streit: roſſe von beſtimmtem Preiſe dem Ordensheere folgen. 3} Gemeinhin leiſtete er Platendienſt. Erfolgte indeß durchs ganze Land ein ſ. g. Kriegsgeſchrei, d. h. war die Gefahr von einem in die Landesgraͤnzen einbrechenden Feinde fo groß, daß alle wehrhafte Leute zu den Waffen gerufen werden mußten, fo hatten ſich auch die Bewohner Deut: ſcher Doͤrfer zum Kriegsdienſte oder zur Heerſchau zu ſtel 1) So heißt es z. B. von einem Dorfe bei Sensburg: Das dorff hat bynnen ſeynen grenitzen LX colmiſche hubin allis von XV huben eyn Platendinſt czu thun. Ein Freilehensmann leiſtet im J. 1352 auf ſeine 15 Huben drei Preuſſiſche Dienſte mit Pferden und Wappen. 2) Dann heißt es z. B.: Sunderlich fullen die gebuwer allewege in unfer Reife ſchicken adir myten mit irme gelde uf eren ſchaden eynen, der in unſer koſt uns adir den unſern dyne. 3) Dann wird gewohnlich in Beziehung auf die vier Freihuben des Schultheißen geſagt: Davor ſal uns der Schultiſſe, ſyne rechte erben und nachkomelinge pflichtig ſin czu dinen undir ſiner eygen koſt mit eyme pferde von vir marken adir uffs geringiſte von drun marken czu allen Meiſen, wenne, wy dicke und wohin her geheiſen wirt. Die Beſtim⸗ mung des Preiſes des Strcitroſſes zu 3, 4 oder 5 Mark wird in ſol⸗ chen Fällen faſt regelmaͤßig wiederholt.
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680 Verpflichtung zum Kriegsdienſte. len, oder es zahlten in ſolchem Falle manche Doͤrfer ſtatt der Leiſtung des Dienſtes eine beſtimmte Kriegsſteuer.“ Ueber die Kriegspflichtigkeit der Städte und Über die Art, wie ihre Buͤrger in Mayen eingetheilt, oft in nicht unbe⸗ deutender Zahl dem Ordensheere zuzogen, iſt fruͤher ſchon das Noͤthige gefagt. ? Was die Beſchaffenheit des Kriegsdienſtes ſelbſt be⸗ trifft, ſo war er entweder gemeſſener oder ungemeſſener Dienſt. Gemeſſen hieß er, wenn er ſich nur auf beſtimmte Graͤnzen erſtreckte und uͤber dieſe nicht hinausging. Die in Deutſchland geltende Hauptbeſtimmung bei der Kriegs⸗ folge, daß der Dienſt nicht uͤber eine gewiſſe Zeit und Graͤnze hinaus geleiſtet werde, war mit den Deutſchen Einzoͤglingen auch nach Preuſſen uͤbergehend, ſchon in der Kulmiſchen Handfeſte ausdruͤcklich für ſie geltend geworden, indem dort beſtimmt war, daß die Grundbeſitzer zur Heer⸗ fahrt oder zum Angriffskriege nur bis zu einer gewiſſen Zeit und in beſtimmten Graͤnzen, zur Vertheidigung des 4) Es heißt dann: Wenn das gemeine land Reife czuͤt, fo ſullen fie uns vor die Reife geben vuͤnf mark. 2) S. oben B. V. S. 341. Der Ausdruck Maia bedeutet nach Du Fresne Glossar. „Acervus manipulorum segetis, Belgis Gallicis Maie, “ alſo eigentlich ein Haufen Garben auf dem Felde. Adelung meint, das Wort ſcheine auch uͤberhaupt einen Haufen, eine Verbindung mehrer Dinge zu bezeichnen. Aus der Verbindung, in der es beim Kriegsweſen ſteht, geht klar hervor, daß es einen Kriegshaufen oder eine Schaar bedeutet. Zu der fruͤher B. V. S. 342 gegebenen Bemerkung kommt noch die Nachricht aus den jetzt erſt benutzten Actis Praetorianis im Rathsarchiv zu Braunsberg, wo es p. 28 heißt: Anno dnni MCCCCHI do wart der Rad eyns, wenn der rat eynen houptman usſendet us dem Rate in dy Reiſe, zo ſal man Im us czween magen czwey Pferde thun und itzliche mayge ſal dem houptmanne geben als vil als man eynem wepener pfleet czu geben. — Zu einer Krieges reiſe im J. 1405 mußte die Altſtadt Thorn ſtellen 35 Waͤppner, zwei Theile davon gute Schuͤtzen, die Neuſtadt Thorn 15, Kulm 10, Stras- burg 8, Graudenz 8, Rheden 4, Elbing 50, Danzig 60, Mewe 10, Stargard 6, Dirſchau 16 u. |. w. 3) Grimm Deutſche Rechtsalterth. B. I. S. 295 — 296.
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Verpflichtung zum Kriegsdienſte. 681 Kulmerlandes aber oder zur Landwehr ſtets und bei jedem Aufgebote verpflichtet ſeyn follten. ? Heerfahrt und Land⸗ wehr wurden alſo damals ſchon unterfchienen. ? Die Beſchraͤnkung der Landwehr aufs Kulmerland fiel aber natürlich für diejenigen hinweg, die ſpaͤterhin außerhalb des Kulmiſchen Landes Kulmiſches Recht erhielten. Die Verpflichtung der Landesvertheidigung wurde uͤberhaupt er⸗ weitert und Über die einzelne Landſchaft hinaus gehoben, denn ſchon der Landmeiſter Ludwig von Baldersheim hatte, wie wir wiſſen, fuͤr die Deutſchen Lehensbeſitzer in Erm⸗ land und Natangen die Beſtimmung feſtgeſtellt, daß ſie nach Bezwingung der abtruͤnnigen Preuſſen zur Landes⸗ vertheidigung innerhalb der Graͤnzen Samlands, Natan⸗ gens, Ermlands, Barterlands, Pogeſaniens und bis an die Weichſel, nicht aber ferner hinaus verpflichtet ſeyn folten. ® Als jedoch nach der Eroberung Preuſſens der Krieg mit den Nachbarlanden begann, aͤnderten ſich die Ver⸗ haͤltniſſe. Der Orden bedurfte auch dorthin einer beſtaͤn⸗ dig ihm zur Hand ſtehenden Kriegsmacht und es trat da⸗ her in der verſchiedenen Verpflichtung des Kriegsdienſtes für die einzelnen Stände eine ſchaͤrfere Beſtimmung her⸗ vor. Zur Landwehr,“ wenn das Kriegsgeſchrei von Dorf zu Dorf kund gab, daß der Feind die Landesgraͤnzen be⸗ drohe oder uͤberſchritten habe, blieben im Allgemeinen auch fernerhin alle Deutſche Lehensleute verpflichtet, die ihre Güter auf Kulmiſches Recht beſaßen;“ es war ihrem 1) S. B. II. S. 240 — 241. 2) Vgl. die Kulm. Handfeſte, wo die expeditio und die defensio terrae beſtimmt unterſchieden wird. 3) S. B. III. S. 274. 4) Ad defensiones terrarum, que vulgariter Lantwere di- euntur, wie es in einer Urk. von 1342 heißt. 5) Es kommen noch ums J. 1313 Beiſpiele vor, daß Beſitzer im Kulmerland mit Kulmiſchem Rechte verpflichtet find, nur intra Wis- lam, Ossam et Driwanciam cum levibus armis, videlicet cum thorace deservire.
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682 Verpflichtung zum Kriegsdienſte. freien Willen uͤberlaſſen, ob fie dem Orden auch außer⸗ halb der beſtimmten Gebiete zur Kriegsfolge zuziehen woll⸗ ten.) Zuweilen war beſonders in biſchoͤflichen Landen der Kriegsdienſt nur auf die Graͤnzen einer Landſchaft oder auf die Diöcefe des Biſchofs beſchraͤnkt. Desglei⸗ chen leiſtete auch der Deutſche Bauernſtand bei erfolgtem Kriegsgeſchrei nur Kriegsdienſt zu Landwehr, denn er war ebenfalls nur zu gemeſſenem Dienſt verpflichtet. Ungemeſſen hieß dagegen der Dienſt, wenn er weder auf Zeit noch Graͤnze beſchraͤnkt war, wie jede eigentliche Heerfahrt, welche beim Orden häufig „eine Reiſe oder Kriegsreiſe“ genannt zu werden pflegte. ) Dieſen Kriegs⸗ dienſt leiſteten zwar hie und da zuweilen auch Deutſche Grundbeſitzer ® und insbeſondere waren faſt regelmäßig ihre Hinterſaſſen dazu verpflichtet; vor allen aber waren es die eigentlichen Preuſſen, ſowohl die Freilehensleute als der Preuſſiſche Bauernſtand, auf denen dieſe ungemeſſenen Dienſte ruhten. Sie mußten jedem Aufgebote wie zur Landwehr fo zur Kriegsreiſe Folge leiſten, fo oft und wo⸗ hin es der Orden verlangte.) Es war ſchon darum 1) S. B. III. S. 470. 2) So in einer Ermländiſchen Urkunde v. 1310: Der Dienſt ſolle geleiſtet werden cum duobus spadonibus competentibus et totidem viris levibus armis secundum consuctudinem huius terre armatis intra terminos nostre dyocesis pro communi defensione terre; oder wie der Biſchof von Pomeſanien einen Beſitzer von 110 Huben verpflichtet: pro his mansis nobis et ecclesie nostre intra termi- nos dyocesis nostre cum uno dextrario fallerato deservire tene- buntur. 3) Der Ausdruck Reiſe ging daher ſtatt expeditio in das latini⸗ ſirte Resa über. Reiſegerathe Häufig fo viel als Kriegsgeraͤthe zu einer auswärtigen Kriegsunternehmung. 4) Ein Beiſpiel davon die eben erwähnte Verſchreib. für Konrad Duͤring von 1328. 5) Es heißt daher in Verſchreib. Urk. über Preuſſ. Freilehen: lidem et eorum posteri cum equis et armis secundum terre con- suetudinem ad expeditiones et terrarum defensiones quandocun- que, ubicunque et quocienscunque requisiti fuerint, servire fide-
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Verpflichtung zum Kriegsdienſte. 683 eine der allerſchwerſten und druͤckendſten Laſten fuͤr den Unterthan, weil es kein Maaß und Ziel gab, bis wohin die Verpflichtung von ihm gefordert werden konnte; wozu noch kam, daß, wenn auch nicht alle, doch ein großer Theil dieſer Kriegspflichtigen auf eigene Koſten dem Or⸗ densheere folgen mußten, was bei Belehnungen oft aus⸗ druͤcklich zur Bedingung geſtellt wurde,) denn Loͤhnung oder Koftgeld ward gemeinhin nur ſolchen gezahlt, die, obgleich nur zu gemeſſenem Dienſte verpflichtet, der Or⸗ densfahne auch außerhalb der Graͤnzen noch zuzogen.“ Da die Kriegsfolge als auf dem Grundbeſitze ruhend be⸗ trachtet wurde, ſo vermehrte nicht ſelten der Orden einem Beſitzer feine Hubenzahl zu beſſerem Dienſte, und da: mit der Kriegsdienſt immer moͤglichſt vollſtaͤndig geleiftet werde, war man, wie wir ſchon fruͤher hoͤrten, ſtets be⸗ muͤht, die Theilung der Güter fo viel als möglich zu verhuͤten; haufig wurde fie entweder gänzlich unterſagt oder doch nur zugelaſſen, daß ein Gut hoͤchſtens in zwei liter tenebuntur cum suis hominibus seu rusticis, prout nostri faciunt contra nostros et fratrum nostrorum quoslibet invasores; oder: Volumus quoque, ut de predictis bonis cum levibus armis nobis serviant ad generales expeditiones ct contra quoslibet nostros et nostre Reclesie turbatores. In deutſchen urk.: Sie ſollen dynen mit Pferdin und Wopen noch des landes gewonheit czu allen herverten und lantweren, wenne, wy dicke aber wohin daz ſy von uns oder von unſern bruͤdern werden geheiſin; oder: ſie ſollen dienen mit hengſten und mit bronigen czu allen reyſen, geſchrey und lantwere. 1 Daher heißt es oft: Der Kriegsdienſt ſolle geleiſtet werden „uf ere eygen koſt und ſchaden.“ 2) So in einer Urk. v. 1424: es ſollen zwei Platendienſte ge⸗ leiſtet werden, „doch alſo wenn fie myt uns ader den unſern buwfen unſern grenitzen werden reyßen, das wyr In denne vor redlichen ſchaden wellen ſten und koſtegelt gebin glich den im Colmeſchen lande gefeffen,“ woraus hervorgeht, daß dieſe Koſtgeldzahlung im Kulmerlande gewoͤhn⸗ lich war. 3) Wie es Häufig heißt: uf das das her unſern brübern deſto bas gedienen moge.
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684 Finanzverwaltung. Theile getheilt werden koͤnne und zwar alſo, daß jeglicher Theil denſelben Dienſt, wie das Ganze zu leiſten habe. 4 II. Finanzverwaltung. Es iſt zum Theil ſchon aus dem klar, was über die Regalien und die übrigen Oberhoheitsrechte des Ordens geſagt iſt, daß die Einkünfte deſſelben von großer Bedeu⸗ tung ſeyn mußten. Ein anſehnlicher Theil davon floß in den Ordens ⸗Hauptſchatz im Haupthauſe Marienburg; ein anderer ward verwendet zur Unterhaltung der Ordensbur⸗ gen, ihrer Konvente und überhaupt zur Beſtreitung der vielfachen Beduͤrfniſſe, die der einzelne Komthur fuͤr ſein Haus, fuͤr die ihm untergebenen Ordensglieder, ſeine Die⸗ nerſchaft und für feinen ganzen Komthurbezirk zu beſor⸗ gen hatte. An der Spitze der geſammten Finanzverwaltung ſtand der Ordens Treßler, zugleich der oberſte Verwaltungsbe⸗ amte des Ordens = Hauptſchatzes zu Marienburg. Aber ſchon in früher Zeit war ihm zur Kontrolle und als Mit⸗ verwalter des Ordensſchatzes der Großkomthur zur Seite geſetzt, wiewohl dieſer eigentlich im Ganzen nur eine kon⸗ trollirende Aufſicht über das Kaſſenverwaltungsweſen, der Treßler dagegen die eigentlichen Finanzgeſchaͤfte zu fuͤhren hatte. Das Geſetz verpflichtete ihn zur groͤßten Sorgfalt und Genauigkeit, aber zugleich auch zur Geheimhaltung feiner Finanzverhaͤltniſſe.“ Sein Amt legte ihm im We⸗ ſentlichen ein dreifach es Geſchaͤft auf; er führte naͤmlich zuerſt Buch und Rechnung über den eigentlichen Ordens⸗ treſſel oder den Ordens⸗Hauptſchatz; er beſorgte dann zweitens die Einnahme und Ausgabe des hochmeiſterlichen Treſſels oder des Hochmeiſters Kammerkaſſe und hielt auch 4) Davon Beiſpiele oben. 2) O. Stat. Gewohnh. c. 9.
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Finanzverwaltung. 685 darüber beſonders Buch und Rechnung; brittend gehörte es zu ſeinem Amte, in Buch und Rechnung die Einnahme und Ausgabe des Hauſes Marienburg oder des dortigen Konvents aufzuzeichnen, alſo die Konventskaſſe in Ordnung zu halten. Er war ſonach in dreifacher Beziehung Ver⸗ walter des Ordens, Verwalter des Hochmeiſters und Ver⸗ walter des Konvents des Haupthauſes in finanziellen An⸗ gelegenheiten“ und in jedem dieſer Verwaltungsgeſchaͤfte führte er beſondere Buͤcher, von denen jedoch nur noch einige erhalten ſind. =) Was zunaͤchſt den Ordens⸗Hauptſchatz betrifft, den wir zum Unterſchied den großen Ordenstreſſel nennen koͤn⸗ nen, ſo hatte dieſer erſtens einen großen Theil ſeiner Ein⸗ nahme aus den Beitraͤgen oder Zinſen der verſchiedenen Ordenshaͤuſer, die nicht zum Kammerzins des Hochmeiſters geſchlagen waren, denn wie dieſe letztern jährlich, wie wir ſogleich näher ſehen werden, einen Theil der in ihren Bereichen gewonnenen Einnahme an die Kammerkaſſe des Hochmeiſters entrichten mußten, fo ſcheinen die übrigen und zwar der Zahl nach die meiſten andern Ordenshaͤuſer in gleichen Verhaͤltniſſen jährliche Beiträge zum großen Ordenstreſſel gezahlt zu haben.) Ferner floſſen in dies fen Schatz auch alle die Ueberſchuͤſſe ihrer Einnahme, wel⸗ 1) Im Rechnungsbuche des Treßlers ſelbſt wird ein dreifacher Treſſel genannt, hoͤchſt wahrſcheinlich in obenerwaͤhnter dreifacher Be⸗ ziehung, nämlich der Treſſel auf dem Hauſe, der große Treſſel im Keller und die Süberkammer auf dem Haufe, welche letztere gleichfalls ein Treſſel war. 2) Es iſt kein Zweifel, daß über die drei Kaſſen auch Buch und Rechnung beſonders gefuͤhrt wurden. Wir haben aber nur noch das Treßler⸗ Buch, welches die Einnahme und Ausgabe der hochmeiſterlichen Kaffe enthält und die Jahre 1399 bis 1409 umfaßt, Am meiſten zu bedauern iſt, daß ſich die Rechnungsbuͤcher Über den Ordens⸗Haupt⸗ ſchatz nicht erhalten haben, denn daraus muͤßten ſich gewiß hoͤchſt wich⸗ tige geſchichtliche Reſultate entnehmen laſſen. 3) Als Beweis dazu dient auch der Umſtand, daß bisweilen ein⸗ zelnen Häufern die Ruͤckſtaͤnde ihrer Zahlungen erlaſſen werden.
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686 Finanzverwaltung. che die andern Ordenshaͤuſer nicht zur Unterhaltung ihrer Konvente oder zur Deckung ihrer ſonſtigen Beduͤrfniſſe ver⸗ brauchten. Die bedeutendſten Zahlungen an den Ordens: ſchatz geſchahen bei Entlaſſung der Komthure aus ihren Aemtern oder bei ihrem Tode, wo beim Antritte der neuen Beamten eine genaue Berechnung des Beſtandes der Haͤu⸗ fer Statt fand und die geſammelten Ueberſchuͤſſe an den Ordensſchatz geſandt wurden.) Außerdem fiel dieſem Schatze auch alles anheim, was aus der Nachlaſſenſchaft der Gebietiger, Komthure und uͤberhaupt aller Ordens⸗ bruͤder an Geld, Silbergeraͤth oder ſonſtigen werthvollen Dingen bei ihrem Tode dem Orden verblieb. Aus die⸗ fen und mehren andern einzelnen Quellen mußten dem nach die Einkünfte und Beſtaͤnde des großen Ordenstreſſels immer von bedeutendem Belange ſeyn. Beſtritten wur: den aus ihm alle den Orden im Ganzen betreffenden gro: ßen Ausgaben, welche die Staatsbeduͤrfniſſe uͤberhaupt, z. B. Bauten zu Waſſer und Land, Ausbeſſerungen oder der Neubau der Ordensburgen, Kriegsruͤſtungen u. dgl. er⸗ forderten; aus ihm entnahm man die oft ſo anſehnlichen Summen, welche bald dem Deutſchmeiſter als Vorſchuͤſſe zur Unterſtützung oder den nachbarlichen Fuͤrſten gegen Pfand ausgeliehen wurden. Der Hochmeiſter hatte das Recht, aus dieſem Schatze groͤßere oder kleinere Summen zu erheben, je nachdem es die Bedürfniſſe und Umſtaͤnde 1) Darliber giebt das große Aemterbuch manchen Aufſchluß, wor⸗ aus hier nur einige Beiſpiele beim Amtswechſel in verſchiedenen Haͤu⸗ ſern. Elbing lieferte 1384 an den HM. an erſparten Ueberſchuͤſſen ab 42,000 Mark (der neue Komthur behielt 2100 Mark in Kaſſe,) im J. 1396 wieder 8000 Mark (dem neuen Komthur verblieben 2500 Markz) ferner im J. 1402 abermals 8908 Mark, 14 Schock Boͤhm. Groſ., 157 Engl. Nobeln, 42 Unger. Gulden und 48 Stuͤck loͤthig. Silber, die 432 Mark loͤth. wogen; im J. 1404 nochmals 1000 Mark. Aus Chriſtburg kam in den Ordensſchatz im J. 1399 5000 Mark, im F. 1410 aber nur 1000 Mark. Balga lieferte 1382 an den Haupt: ſchatz 8700 Mark, 1396 nur 1300 Mark, im J. 1404 wieder 7758 Mark, und fo im Verhaͤltniſſe auch die übrigen Ordenshaͤuſer.
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Finanzverwaltung. 687 noͤthig machten. Auszahlungen aus dieſem Schatze konn⸗ ten jedoch nie anders als nur im Beiſeyn des Großkom⸗ thurs erfolgen, dem deshalb auch ein beſonderer Schluͤſſel uͤber dieſe Schatzkammer anvertraut war; wie es ſcheint, führte er noch beſonders Buch und Rechnung Über Ein⸗ nahme und Ausgabe, welche das Großkomthur-Buch ges nannt wurde. ? Wenn es die Beduͤrfniſſe erforderten, wurden häufig aus dem großen Ordenstreſſel ſehr bedeu— tende Summen entnommen und vom Treßler fuͤr die Kaſſe des Hochmeiſters in Einnahme gebracht, doch auch dieſes ſtets nur im Beiſeyn des Großkomthurs. Dieſer Treſſel des Hochmeiſters oder die hochmeifter- liche Kammerkaſſe beſtand fuͤr ſich beſonders und nament⸗ lich getrennt von der Kaſſe des Konvents zu Marienburg. Ueber ſie fuͤhrte der Treßler allein Buch und Rechnung und leiſtete daraus alle einzelnen Zahlungen im Großen und Kleinen, wie der Meiſter fie anwies? oder fie als feſtſtehend angeordnet waren. Die weſentlichſten Einnah⸗ men dieſer Kaſſe beſtanden erſtens in einem beſtimmten, jahrlich von einer gewiſſen Anzahl von Ordenshaͤuſern zu⸗ entrichtenden Kammerzins; ihn zahlten namentlich die Haͤu⸗ ſer Tuchel, Leipe, Dirſchau, Roggenhauſen, Brathean, Papau, Neſſau, Buͤtow und Schwez;“ er beſtand theils 1) Des Großkomthur⸗ Buches über Rechnungs- und Finanz⸗ Sachen wird öfter erwähnt und es kann kaum etwas anders geweſen ſeyn, als Buch und Rechnung uͤber den großen Ordenstreſſel, wie ſchon daraus hervorgeht, daß ausſtehende, auf Zins ausgegebene Gelder, die aus dieſem Schatze ausgeliehen wurden, in das Großkomthur⸗ Buch einge⸗ tragen d. h. alſo in den Treſſel zurückgelegt werden. Werden Summen aus dem großen Ordenstreſſel entnommen, fo ſagt der Treßler häufig ausdrücklich, daß der Großkomthur mit dabei geweſen ſey. 2) Beiſpiele im Treßler-Buche im J. 1403. 3) Daher die regelmaͤßig bei ſolchen Ausgaben wiederkehrenden Worte: „uff des Meiſters Geheiß. 4) Wir haben darüber ein genaues Verzeichniß, welches mit den Angaben im Treßler⸗Buch uͤbereinſtimmt, nur daß in den J. 1399 — 1409 Neſſau und die Pfarrer von Thorn und Danzig als dem HM.
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688 Finanzverwaltung. in Huben⸗ und Muͤhlzins, theils in Fiſchereizins aus ih⸗ ren Gebieten. Zweitens floſſen in dieſe Kaſſe auch die Zinſen von ausſtehenden Geldern oder von Grundſtuͤcken und Landguͤtern, die man anfaufte und gegen Zins aus⸗ that. Drittens ſcheinen mitunter auch die geſammelten Ueberſchuͤſſe der Ordensbeamten bei ihrem Tode oder ih: rer Verſetzung an dieſe hochmeiſterliche Kaſſe gekommen zu feyn. ? Außerdem hatte fie viertens eine bedeutende Eins nahme an dem Erlöfe von Getreide: Verkäufen, denn der Hochmeiſter trieb mit den Ueberſchuͤſſen des auf den Ho: fen gewonnenen oder als Zins eingelieferten Getreides, die auf den großen Getreide-Speichern zu Marienburg und in andern Städten ? aufgehäuft wurden, einen foͤrmlichen Getreide⸗Handel, wodurch in die hochmeiſterliche Kaffe ſehr anſehnliche Summen floſſen. Endlich wurden auch oft bedeutende Zuſchuͤſſe zu dieſer Kaffe aus dem großen Ordenstreſſel entnommen, doch dieſes nur in vorkommen⸗ den außerordentlichen Verhaͤltniſſen. Indeß umfaßt dieſes noch keineswegs alles, was in die hochmeiſterliche Kaſſe kam, denn es finden ſich noch eine Menge anderweitige Einnahmen und Ueberſchuͤſſe, die unter keine beſtimmte Bezeichnung zu bringen ſind;“ fo fiel z. B. im Jahre zinshaft mit aufgeführt werden, die in jenem ſpaͤtern Verzeichniſſe fehlen, während dagegen in jenen früheren Jahren Schwez eine Zeit⸗ lang und Raſtenburg nicht genannt ſind, welches letztere dem HM. fpäterhin ebenfalls zinſte. In einem Briefe des Komthurs von Neſſau an den HM. wird der jaͤhrliche Zins dieſes Hauſes auf 80 Mark ans gegeben; Schiebl. LXXXI. nr. 73. 1) Sie werden häufig, doch nicht alle vom Treßler bei der Kam⸗ merkaſſe in Einnahme gebracht, ſo daß ein Thell davon wohl ohne Zweifel an den großen Ordenstreſſel fiel. 2) Nicht nur in Marienburg und Kulm, ſondern faſt in allen Seeſtädten als Danzig, Elbing, Königsberg u. a. hatte der HM. ber ſondere Getreide⸗Magazine. Den Getreide⸗ Handel betrieb, wie wir fruͤher hoͤrten, der Großſchaͤffer von Marienburg. 3) Im Treßler⸗ Buche findet man fie zum Theil unter dem Artik⸗ kel: Suscepta aufgefuͤhrt.
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Finanzverwaltung. 689 1406 auch ein Theil des von den Komthuren erhobenen Geſchoſſes der Kammerkaſſe des Hochmeiſters zu. v — Was die Ausgaben aus dieſer Kaffe betrifft, fo bezogen ſich dieſe keineswegs allein auf die Beduͤrfniſſe des Hoch⸗ meiſters ſelbſt, feiner ganzen Umgebung und feiner Die⸗ nerſchaft, ſondern zugleich auch mit auf die des Ordens und des Staates im Allgemeinen und Einzelnen, im Klei⸗ nen wie im Großen. Dieſe Ausgaben für Staatsbeduͤrf⸗ niſſe betrafen theils die Unterſtuͤtzung anderer Konvente, die Ausbeſſerung, ſtaͤrkere Befeſtigung oder den Neubau anderer Ordenshaͤuſer im Lande, die Anſchaffung von Har⸗ niſch, der noͤthigen Waffenvorraͤthe, der verſchiedenen Kriegs⸗ bedürfniſſe, des Geſchuͤtzes u. dgl., theils Beiſteuern zur Aufhuͤlfe und Verbeſſerung der Lage einzelner der Unter: ſtüͤtzung beduͤrfender Gutsbeſitzer und Einſaſſen oder abge⸗ brannter und ſonſt verarmter Eigenthuͤmer, theils die Be⸗ ſtreitung der Koſten für ausgeſandte Botſchafter und Brief: traͤger oder fuͤr die Unterhaltung und Beſchenkung fremder Gaͤſte, Herolde und Geſandten, theils den Unterhalt des geſammten hochmeiſterlichen Hoſſtaates im Ordenshaupt⸗ hauſe, theils wurde aus dieſer Kaſſe auch ſelbſt, eben weil ſie auch aus dem großen Ordenstreſſel anſehnliche Summen entnehmen konnte, der Ankauf von Muͤhlen, Land⸗ guͤtern und ſelbſt ganzer Laͤnder, wie z. B. der Neumark, beſtritten und vom Treßler in Ausgabe geſtellt.“ Ueber⸗ haupt alſo deckte die Kammerkaſſe des Hochmeiſters den größten Theil aller Staatsbeduͤrfniſſe, ſofern dieſe nicht unmittelbar aus dem Ordenstreſſel befriedigt wurden. Da⸗ neben leiſtete der Treßler aus ihr auch noch alle Zahlun⸗ gen fuͤr den Hochmeiſter, welche dieſer auf ſie anwies theils zur Anſchaffung und Verbeſſerung ſeines Harniſch, 1) Er betrug über 500 Mark. 2) Im J. 1404 kauft jedoch der HM. das Dorf Fronau von Adam von Logendorf und läßt das Geld, 280 Mark vom Vogt von Leipe auszahlen, wobei es heißt: Das Geld ſchlug uns der Vogt an Mark: geld und Zins ab. Treßl. Buch p. 141. VI. 41
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690 Finanzverwaltung. feiner Kleidung, ſaͤmmtlicher Haus⸗ und Hofgeraͤthſchaften, zum Ankaufe der Weine, Methe und ſonſtigen Lebensbe⸗ duͤrfniſſe, theils zu den Ausgaben des Hochmeiſters auf Reiſen und fuͤrſtlichen Verhandlungstage, zu Geſchenken an fremde Fuͤrſten, theils zu mildthaͤtigen Spenden an Kirchen, Kloͤſter und Arme. Zu dieſem Zwecke wurden dem Meiſter ſelbſt von Zeit zu Zeit einzelne Geldſummen, gleichſam eine Art von Taſchengeld ausgezahlt, uͤber deren weitere Verausgabung keine weitere Nachweiſung Statt fand. Aehnliche Zahlungen geſchahen jährlich aus dieſer Kaffe auch an den Großkomthur, “ für welchen, wie für den Treßler, ebenfalls aus ihr verſchiedene Beduͤrfniſſe be⸗ ſtritten und auf ihre Anweiſungen Zahlungen geleiſtet wur⸗ den. Haͤufig endlich pflegte man aus der Kaſſe des Mei⸗ ſters auch bedeutende Geldſummen gegen Zins oder gegen Pfandſtcke auszuleihen. — Aus dem allen geht aber hervor, daß die jaͤhrliche Einnahme und Ausgabe dieſer Kaſſe nach dem damaligen Geldſtande von großem Belange ſeyn mußten. So betrug z. B. im Jahre 1401 die Ein⸗ nahme 14,627 Mark 152 Scot, die Ausgabe 13,318 Mark; im Jahre 1403 war die Einnahme 34,695 Mark 18 Scot 9 Pfen., die Ausgabe 34,930 Mark 9 Scot 13 Pfen.; im Jahre 1404 die Einnahme 37,221 Mark, die Ausgabe 34,0 19 Mark 10 Scot; im Jahre 1406 die Einnahme 12,420 Mark 4 Scot 9 Pfen., die Aus⸗ gabe 13,237 Mark 7 Scot; im Jahre 1409 die Ein⸗ nahme mit der neuen und alten bezahlten Schuld und mit dem, was der Treßler im Jahre 1408 ſchuldig ge⸗ blieben, 73,953 Mark 16 Scot 5 Pfen., die Ausgabe 62,119 Mark 6 Scot. ? 1) Dieß war offenbar nur das jährliche Almoſen im Kleinen, wes⸗ halb es gewoͤhnlich auch in ſ. g. kleinen Pfennigen gezahlt wurde. Es betrug jahrlich für den HM. 140 bis 150 und 160 Mark, für den Großkomthur 110 bis 130 Mark. 2) Angaben aus dem Treßler-Buch. Die großen Differenzen der verſchiedenen Jahre ruͤhren offenbar daher, ob viel oder wenig zu
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Finanzverwaltung. 691 Die dritte vom Treßler verwaltete Kaſſe war der Treſſel des Hauſes Marienburg oder die Konventskaſſe, denn Einnahme und Ausgabe des Konvents und des Hau⸗ ſes iſt gleichbedeutend. Der Konvent von Marienburg naͤm⸗ lich beſtritt ſeinen Unterhalt aus dem Ertrage der dem Hauſe zugewieſenen Hoͤfe, die ihm die noͤthigen Lebensbe⸗ duͤrfniſſe lieferten und als dem Haufe eigenthuͤmliche Land⸗ guͤter von den Hausbeamten oder durch beſondere Pfleger und Hofleute bewirthſchaftet wurden. Sie verſorgten alſo das Haus mit Getreide, Schlachtvieh, Pferden u. ſ. w. Nur ſolche Beduͤrfniſſe, welche die Hoͤfe nicht hinlaͤnglich oder gar nicht erzeugten, wurden durch anderweitige An⸗ kaͤufe angeſchafft. Dieß geſchah aus der Konventskaſſe. Dem Konvente nämlich waren eine Anzahl von Zinsdoͤr⸗ fern und Zinsſtaͤdten angewieſen, aus denen der Treßler den Grundzins für die Konventskaſſe zog. In Ruͤckſicht dieſer Zinsverpflichtung gehoͤrte zum Hauſe Marienburg nicht nur der ganze jetzige große und kleine Marienbur⸗ giſche Werder nebſt dem Tiegenhoͤfiſchen Bezirke, ſondern auch der Danziger Werder nebſt der Nehring und der ganze Stuhmiſche Bezirk, wo der Konvent theils in den Doͤrfern und in den Staͤdten Marienburg und Neuteich den Grundzins erhob, theils auch ſehr bedeutende Lands güter und Höfe beſaß. Die Einnahme der Kaſſe aus Deckung der Beduͤrfniſſe aus dem großen Ordenstreſſel in die Kammer⸗ kaſſe des HM. entnommen worden war. Wenn Fiſcher Geſchichte des Deutſ. Handels B. II. S. 384 die „ordentlichen Einkuͤnfte“ des Ordens im Allgemeinen auf 800,000 Rhein. Gulden angiebt, ſo iſt dieß offenbar viel zu unbeſtimmt geſagt. uebrigens iſt die Nachricht aus Schütz p. 2165 ſ. De Wal Histoire T. IV. p. 259. 1) Wir haben noch ein Zinsbuch uͤber Marienburg, welches ein Ver⸗ zeichniß ſämmtlicher Zinsdoͤrfer des Hauſes und zugleich die Angabe des jährlichen Zinſes enthält, den die Dörfer und Staͤdte an das Haus zu zahlen hatten. Es ſtimmt mit der Zinseinnahme, die im Zinseinnahme⸗ Buch des Treßlers jährlich verzeichnet iſt, vollkommen überein. Im J. 1395 betrug die Einnahme 8200 Mark, im J. 1396 dagegen 7545 Mark 10 Scot 1 fen. 44 ¹
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692 Finanzverwaltung. dieſem Zinsertrage blieb ſich natürlich jedes Jahr ziemlich gleich und war an ſich ſchon ſehr anſehnlich. Sie hatte ferner auch jaͤhrlich eine baare Einnahme aus dem Ver- kaufe der nicht verbrauchten Erzeugniſſe der Hoͤfe und Landguͤter des Konvents, beſonders an Getreide, Malz, Wolle u. ſ. w.) Außerdem fiel ihr der Zins oder Pacht⸗ ertrag einer Anzahl uͤber die Weichſel und Nogat gehen⸗ der Faͤhren zu und endlich hatte der Konvent auch Gel— der auf Grundſtuͤcken und Laͤndereien ausſtehen, wovon er jährlich Zinſen bezog. Alle dieſe verſchiedenen Einkünfte nun gingen durch die Hand des Treßlers in den Treſſel des Konvents. Er leiſtete daraus auch die Zahlungen an die verſchiedenen Hausbeamten nach Maaßgabe der Bes duͤrfniſſe jedes Amtes, weshalb ſie auch in den einzelnen Jahren ſehr verſchieden waren;? fie erfolgten an den Hauskomthur, Kuͤchenmeiſter, Kellermeiſter, Trappier u. ſ. w. An den Hauskomthur, den eigentlichen Hausverwalter, wur⸗ den meiſt groͤßere Summen gezahlt, ohne daß die einzel⸗ nen Ausgaben genannt wurden, weil dieſer Beamte uͤber ſeine Ausgaben ſelbſt wieder beſonders Buch und Rech— nung fuͤhrte. Bei Zahlungen an die andern Beamten mußte aber immer genau angezeigt werden, wofür fie ges leiſtet ſeyen. Mit den vom Treßler aus der Konvents⸗ kaſſe erhaltenen Summen beſtritt der Hauskomthur die Beduͤrſniſſe der hochmeiſterlichen und Konvents-Kuͤche, des 1) Im J. 1395 nahm die Kaſſe ein 56 Mark fuͤr 22 Tonnen Ho⸗ nig, 27 Mark fuͤr 50 Stein Wolle, 310 Mark fuͤr 3735 Scheffel Gerſte. 29 Wir haben noch ein ſolches Rechnungsbuch des Treßlers über die Einnahme und Ausgabe des Konvents zu Marienburg aus den J. 1395 bis 1399. Beim Anfange eines Jahres iſt die Einnahme fuͤr das ganze Jahr zuſammengeſtellt; im J. 1395 betrug fie an Zinsgel⸗ dern, fuͤr Honig, Wolle und verkaufte Gerſte 9200 Mark. In der Ausgabe iſt aufgefuͤhrt: 2000 Mrk an den Hauskomthur ex parte con- ventus gezahlt; im J. 1397 wurde dieſem in ſein Amt im Ganzen gezahlt 2500 Mark. 3) Dieſes Rechnungsbuch des Hauskomthurs aus den Jahren 1410 bis 1420 iſt noch vorhanden
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Finanzverwaltung. 693 Konvents⸗Kellers, die Koften für die im Haufe noͤthigen Bauten, zum Theil auch die Ausgaben für die erforder: lichen Waffenvorraͤthe und fuͤr das ſ. g. Buͤchſenamt des Hauſes, für Schiffe, für die Bedürfniſſe und Bauten auf den Hoͤfen; er bezahlte das Geſindelohn und ſorgte uͤber— haupt fuͤr ſaͤmmtliche Beduͤrfniſſe der ſ. g. Commune, d. h. des ganzen Gemeinweſens des Hauſes. Daraus wird er⸗ ſichtlich, daß die jaͤhrlichen Ausgaben aus der Konvents⸗ Kaſſe immer ziemlich bedeutend ſeyn mußten. Im Jahre 1401 betrug ihre Einnahme 8766 Mark 212 Scot, die Ausgabe 5149 Mark 4 Scot, im Jahre 1403 die Ein⸗ nahme 8416 Mark 21 Scot, die Ausgabe 4640 Mark 19 Scot, im Jahre 1404 die Einnahme 4853 Mark, die Ausgabe 3705 Mark, im Jahre 1406 die Einnahme 8602 Mark, im Jahre 1409 die Einnahme 8155 Mark 8 Scot 8 Pfen., die Ausgabe 4163 Mark 19 Scot 5 Pfen. Es blieb alſo, wie man ſieht, jaͤhrlich regelmaͤßig ein Ueberſchuß, der in den großen Ordenstreſſel oder in die Kaſſe des Hochmeiſters floß, denn wie jede andere Or- densburg ihren Ueberſchuß an die Hauptkaſſen des Ordens liefern mußte, ſo geſchah dieſes auch in der Konvents⸗ Kaffe zu Marienburg. Zur Ermittelung der jährlichen Beſtaͤnde nach der Einnahme und Ausgabe beſtanden be⸗ ſtimmte Vorſchriften, nach welchen der Treßler Buch und Rechnung zu führen hatte. Jedes Jahr wurde die Ein⸗ nahme und Ausgabe der hochmeiſterlichen Kaffe im Treßler⸗ Buche abgeſchloſſen, ebenſo in des Treßlers Zinseinnahme⸗ Buch die Einnahme und Ausgabe der Konvents-Kaſſe; dieſe wurde dann in das Treßler-Buch uͤbergetragen und hier die Hauptſumme uͤber die Geſammteinnahme und Ge⸗ ſammtausgabe der Hochmeiſter⸗ und Konvents⸗Kaſſe ge: zogen und abgeſchloſſen und dabei angegeben, wie viel der Treßler ſchuldig blieb, d. h. welchen Ueberſchuß er 1) Eine ſolche Vorſchrift aus dem J. 1400 iſt un Zinsbuche der lahme dieſes Jahres noch auf behalten.
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694 Finanzverwaltung. hatte; zugleich ward auch bemerkt, wie viel er von die⸗ ſer Schuld, d. h. von ſeinem Ueberſchuſſe gezahlt hatte. Dieſe Ueberſchuͤſſe jedes Jahres wurden in den großen Or⸗ denstreſſel zuruͤckgelegt und im Buche des Großkomthurs 1) Einige Beiſpiele werden dieſes näher erläutern, Es heißt im F. 1401 über die Einnahme: Summa des meiſters: XI" VIC. XXVII ein halb mrc III ein halb ſcot Summa des Covents: VIII VII ein halb? XVI mr XXI ein halb ſcot und IIII pf. minus Summa fummarum mit dem Covent XXIII. III ein halb“ XLIII u. XIII ſcot obirall III pf. minus eder Einnahme des Meiſters: 14,627 Mark 152 Scot Einnahme des Konvents: 8,766 = 212 = weniger 4 Pfen. Zufammen: 23,394 Mark 13 Scot weniger 4 Pfen. Ausgabe: Summa des usgeben von des meiſters wegen XIII. II ein halb“ LXVIH mrc ane 1 halb ſcot. Summa des Covents V 1% XLIX mre und III ſcot Summa ſummarum XVIII. III“ LXVII mec und III ein halb ſcot oder Autzgabe des Meiſters: 13,318 Mark weniger Z Scot Ausgabe des Konvents: 5,149 = 4 Scot Zuſammen: 18,407 Mark 32 Scot. Alſo Geſammteinnahme: 23,394 Mark 13 Scot weniger 4 Pfen. Geſammtausgabe: 18,467 = 34 = Ueberſchuß: 4,927 Mark 92 Scot weniger 4 Pfen. Im J. 1409 heißt es: Treßlerbuch: Summa des homeyſters Innemen mit der nümwen und alden beczalten ſcholt, und mit der ſcholt dy der Treß⸗ ler ſcholdig bleyb im XIIII“ VIII Jore: LXXIII X. IX ein halb“ III ein halb Mrk IIII ſcot V pf. Zinseinnahmeb.: Summa des Covents Innemen VIII. I ein halb“ V mec VIII ſcot und VIII pf. Treßlerbuch: Summa ſummar. des homeiſters und Covents Innemen: LXXXIIX I“. IX mrc XIII pf. Treßlerbuch: Summa des homeyſters usgeben: LXII V. 10. XIX mrc 1 fird, Zinseinnahmeb.: Summa des Covents usgeben: III. I ein halb“ XIII mre XIX ſcot und V pf.
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Finanzverwaltung. 695 oder dem Rechnungsbuche uͤber Einnahme, Ausgabe und Beſtand des großen Ordenstreſſels eingetragen, oder, wie es gewoͤhnlich heißt, „die Schuld des Treßlers wird in das Großkomthur⸗Buch gezahlt.“ Nach Vorſchrift des Geſetzes mußte der Treßler eben: fo, wie andere Beamten, die mit Geldgeſchaͤften zu thun hatten, am Ende jedes Monats entweder vor dem Hoch— meiſter oder dem Großkomthur und den von dieſem dazu ernannten Ordensbruͤdern eine ſpecielle Rechnung ablegen. Im letztern Falle wurde dem Hochmeiſter der Abſchluß vorgelegt.“ Ging der Treßler vom Amte ab, ſo fand zuvor eine genaue Uebergabe ſeiner Beſtaͤnde an ſeinen Nachfolger Statt, wobei nachgewieſen wurde, wie viel beim Großſchaͤffer und dem Hauskomthur von Marienburg im Beſtand ſey, wie viel die einzelnen andern Haͤuſer dem Treßler noch ſchuldeten und was dieſer ſelbſt noch unter ſeiner Verwaltung gehabt habe. Wie der Treßler dem Hochmeiſter, ſo mußte jenem wieder jeder Gebietiger und Komthur alljaͤhrlich von ſeiner Verwaltung Rechnung legen. Wie wir früher hörten, Das Treßler- Buch hat hier die Summa Summar. nicht gezogen, ſondern bemerkt nur: Summa das der Treßler ſcholdig blybet: XVM. VIII“ XXV rc III fird. Oder Einnahme des Meifters: 73,953 Mrk 16 Scot 0 Pfen. Einnahme des Konvents: 8,155 8 = = Zuſammen: 82,109 Mrk — Scot 15 Pfen. Ausgabe des Meiſters: 62,119 ME 6 Scot — Pfen, Ausgabe des Konvents: 4,163 = 19 5 Zuſammen:; 66,283 Mrk 1 Scot 5 Pfen. Alſo Geſammteinnahme: 82,109 Mrk — Scot 13 Pfen. Gefammtausgabe: (60,2838 1᷑ũ„ 5 = Ueberſchuß: 15,825 Mrk 23 Scot 8 Pfen, 1) O. Stat. Gewohnh. c. 30. 2) Treßler⸗Buch p. 146. Wir haben eine ſolche uebergabe aus dem J. 1414, als Behemund Brendel vom Treßler: Amte abging; fie etrug im Ganzen 6015 Mrk 18 Scot 5 Pfen.
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696 Finanzverwaltung. hatte jeder Komthur die Kaſſe ſeines Hauſes oder Kon⸗ vents unter ſich; in ſie floſſen aus ſeinem Bezirke alle Zinsleiſtungen, Abgaben und ſonſtige Gefaͤlle, die dem Orden zukamen, außerdem auch alle Erloͤſe von Verkaͤu⸗ fen an Getreide, Wolle, Honig, Fiſchen, Holz u. dgl. Ueberhaupt ging aus den Komthurbezirken an Zins und Abgaben unmittelbar nichts an den Ordens⸗ oder hoch⸗ meiſterlichen Schatz, ſondern alles an die Kaſſe des Kom⸗ thurs. Dieſe Einkuͤnfte aber waren, wie ſchon erwaͤhnt, nach dem Umfange eines Komthurbezirkes, nach dem Maa⸗ ße feiner Bevoͤlkerung, nach der Beſchaffenheit ſeines Bo⸗ dens und nach ſeiner Lage ſehr verſchieden. So betrug 3 B. die baare Zinseinnahme des Hauſes Elbing jaͤhr⸗ lich 3860 bis 5149 Mark, die von Chriſtburg zwiſchen 2245 bis 2350 Mark, die von Balga zwiſchen 3000 und 4430, die von Dfterode ungefähr 1380, die von Rheden im Jahre 1409 nur 640 Mark. Außerdem hatte jedes Komthurhaus aus ſeinem Bezirke und auf ſeinen Höfen feine mitunter ſehr bedeutenden Vorraͤthe von aller⸗ lei Getreide, ſeine anſehnlichen Viehheerden, den Ertrag ſeiner Schafzucht und ſeiner Bienenpflege, die groͤßten⸗ theils ſehr betraͤchtliche Pferdezucht u. ſ. w. Mit dem allen beſtritt der Komthur ſaͤmmtliche Beduͤrfniſſe ſeines Konventes und alles, was ſonſt zur geſammten wirthſchaft⸗ lichen Verwaltung ſeines Bezirkes erforderlich war. Zur Unterhaltung des Hausbeſtandes zahlte er dem Hauskom⸗ thur die noͤthigen Summen aus, der fuͤr die Beiſchaffung und Beſtreitung der einzelnen Bedürfniſſe zu ſorgen hatte und dem Komthur von Zeit zu Zeit Rechnung legte. Was das Haus zu ſeinem Beſtande nicht bedurfte und in der Verwaltung uͤberhaupt eruͤbrigt wurde, konnte der Komthur mit des Meiſters Erlaubniß verkaufen und den Erlös in die Kaffe des Hauſes nehmen. Ueber dieſe Hauskaſſe aber mußte der Komthur am Ende jedes Jahres genaue Rechnung ablegen. Er ſandte ſie entweder an das Haupthaus Marienburg oder der
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Finanzverwaltung. 697 Treßler reiſte umher und nahm die Hausrechnungen ab. Was als Erſparniß oder Ueberſchuß gefunden wurde, ſchrieb man dem Otrdensſchatze oder der Kaffe des Hochmeiſters gut und ſandte es dieſen Kaſſen gewoͤhnlich beim Abgange vom Amte zu. Der neueintretende Beamte behielt dann immer einen gewiſſen Beſtand in feiner Amtskaſſe.) Auch bei dieſen Kaſſen-Uebergaben war regelmaͤßig der Treßler zugegen. Der Großſchaͤffer zu Königsberg ſtand in feinen Geld⸗ geſchaͤften, wie überhaupt in allen feinen Handelsangele— genheiten unter der Kontrolle des Ordensmarſchalls und hatte daher auch dieſem von ſeiner Kaſſe Rechnung zu legen. Der Großſchaͤffer zu Marienburg dagegen fuͤhrte ſeine Geſchaͤſte unter des Treßlers und Großkomthurs Auf⸗ ſicht und war dieſen zur Abrechnung unterworfen, die von Zeit zu Zeit Über feine Betriebsſumme erfolgen mußte. ) End lich war auch der Muͤnzmeiſter zu Thorn der Kontrolle des Treßlers untergeben. Weil nicht eigentlich der Orden, ſondern der Hochmeiſter als Landesſuͤrſt das Geld ſchlagen ließ, alſo der Muͤnzmeiſter als ein Beamter des Meiſters angeſeben wurde, fo trug der Treßler auch die Uebergabe des Münzmeiſteramtes, ſowie überhaupt alle Zahlungen und 1) Es heißt z. B. im Treßler⸗ Buche p. 147: Item haben wir (Treßler) empfangen ii. marc vom alten Komthur von Tuchel Her Johann von Striffen, die er unſerm HM. gab, als er des Komthur⸗ amtes zu Tuchel erlaſſen ward. 2) Auch darin war große Verſchie denheit. Der Ordensſpittler Me rich von Fricke hatte das Komthuramt in Elbing gegen 12 Jahre ver⸗ waltet und als er 1384 ſtarb, wurden auß feiner Kaffe der Kammer⸗ Kaffe des HM. 42,000 Mrk uͤbergeben; der Nachfolger behielt 2100 Mark baares Geld an gefallenem Zinſe und 800 Mrk an gewiſſer und unge⸗ wiſſer Schuld. Nachdem er ebenfalls 12 Jahre im Amte geſtanden, wurden bei feinem Abgange dem HM. nur 8000 Mark geſandt; wahr: ſcheinlich alſo waren innerhalb dieſer Zeit ſchon Erſparniſſe eingezogen worden. Sein Nachfolger blieb nur 6 Jahre im Amte und bei ſeinem Tode erhielt die Kaffe des HM. doch 89008 Mark. So im Verhältniß bei den uͤbrigen Ordensburgen. 3) S. oben S. 457.
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698 Finanzverwaltung. Ankaͤufe fuͤr die Münze in das Treßler⸗Buch, d. h. in das hochmeiſterliche Kaſſenbuch ein. Wie man demnach aus allem ſieht, war das Finanz⸗ weſen und die Kaſſenverwaltung in aller Beziehung gut geregelt und die geſetzliche Ordnung ward ſtets aufs puͤnkt⸗ lichſte beobachtet. So genau wir auch bei den zahlreich vorhandenen Nachrichten und Rechnungen bis ins Einzelne nachforſchen koͤnnen, ſo findet ſich doch nirgends auch nur die mindeſte Spur von Unterſchleifen oder ſonſtigen Ver⸗ untreuungen. Inwiefern in fruͤherer Zeit der Hochmeiſter ſelbſt in Ruͤckſicht der Finanzverwaltung verantwortlich war, iſt ungewiß, denn erſt ſpaͤterhin ward das Geſetz gegeben, daß er von allen Einnahmen und Ausgaben jaͤhrlich vor ſeinen Rathsgebietigern durch ſeinen Treßler Rechnung ablegen und ausweiſen ſolle, ob er Geld und Gut mit ihrem Wiſſen auch immer zum Beſten des Ordens verwendet habe.“ 1) In den Geſetzen Konr. v. Erlichshauſen bei Hennig S. 147. Fruͤhere Geſetze kennen eine ſolche Verpflichtung für den HM. noch nicht; in O. Stat. Geſ. c. 8 werden nur die Landkomthure oder Landmeiſter von Livland, Preuſſen, Deutſchland u. ſ. w. verbindlich gemacht, jaͤhr⸗ lich im großen Kapitel vor ihren Amtleuten Rechnung ablegen zu laſ⸗ fen. Einige Beſtimmungen in O. Stat. Gew. c. 10. 17 ſprechen bloß davon, in wie weit der HM. uͤber gewiſſe Summen des Ordensſchatzes verfuͤgen und wie manches Einkommen verwaltet werden ſolle.
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Stäbtifhes Gemeinweſen. 699 Siebentes Kapitel. Staͤdtiſches Gemeinweſen. Die urſpruͤnglich ſo einfachen inneren Verhaͤltniſſe der Staͤdte Preuſſens hatten ſich im Verlaufe von hundert Jahren in vielen Beziehungen gaͤnzlich umgeſtaltet, in andern vollkommener ausgebildet. Der fruͤhere, in der Art der Entſtehung der Staͤdte begruͤndete doͤrfliche Cha⸗ racter der Staͤdteverhaͤltniſſe war ſeitdem mehr und mehr zurüdgetreten oder vielmehr in den Character des ſtaͤdti⸗ ſchen Gemeinweſens umgewandelt, D Auch die Stadtge⸗ meine ſtand in ihrer Zuſammenſetzung nicht mehr in ihrer fruheren Einfachheit da; es bildeten ſie diejenigen Be⸗ wohner der Stadt, welche durch ihre Anſaͤßigkeit und ihre ſtaͤdtiſchen Rechte wirkliche Buͤrger waren, ihrem Stande nach entweder Beamte, Kaufleute oder Ackerbuͤrger und Handwerker, die Haus und Hof hatten. Bloße Einwoh⸗ ner der Stadt hießen dagegen ſolche, die ſich um eines Geſchaͤftes willen oder zum Erwerbe ihres Unterhaltes als Miethlinge in der Stadt niedergelaſſen hatten ? und des⸗ 1) Vgl. was fruͤher B. III. S. 483 ff. daruͤber geſagt iſt, wor⸗ an ſich dieſer Abſchnitt als weitere Entwickelung anſchließt. Eine in⸗ tereſſante Vergleichung bietet Wohlbruͤͤck Geld. des Bisth. Lebus B. I. S. 183 ff. in dem dar, was über das Städteweſen der Mark Brandenburg geſagt iſt. 2) In urkunden werden Bürger und Einwohner, eives oder bur- genses und incolae oder habitatores nicht immer unterſchieden, viel⸗
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700 Staͤdtiſches Gemeinwefen. kalb als Gaͤſte oder Einkoͤmmlinge betrachtet und vom Gemeineverband ausgeſchloſſen die Stadt wieder verlaſſen konnten, wenn ſie wollten.) Das Buͤrgerrecht galt als ein Ehrenrecht, welches man nur unter gewiſſen Bedin⸗ gungen erwarb, an welches ſich beſtimmte ehrenvolle Ge⸗ rechtſame und Befugniſſe knuͤpften, deſſen Verluſt als ent⸗ ehrende Strafe angeſehen wurde. Nur ein Ehrenmann konnte Buͤrger ſeyn. Man mußte zuvor das Buͤrgerrecht gewinnen, wenn man in der Stadt ein Amt erwerben, ein Erbe kaufen, Handel treiben oder als Handwerker einer Innung zugehoͤren wollte.“ In vielen Staͤdten, vielleicht in allen war es geſetzlich, daß keinem Preuſſen und Nichtdeutſchen das Bürgerrecht ertheilt werden und Preuſſen ſich bei Deutſchen in Staͤdten nicht in Dienſt begeben ſollten.) Das Bürgerrecht verlor und in Acht fiel, wer ſich eines ſchweren Verbrechens oder einer ent— ehrenden Handlung ſchuldig gemacht und deſſen uͤberwieſen mehr häufig für eins genommen oder als gleichbedeutend verbunden. In manchen Städten werden den Bürgern (eiribus) Rechte verliehen, welche in andern die Einwohner (incolae) haben. Im Allgemeinen bildete aber Wohnſaͤßigkeit und Miethe einen weſentlichen Unterſchied, denn wir finden ausdruͤcklich unterſchieden „Buͤrger und Handwerkes⸗ mann“ von den „handwerkern, die in kellern adir gemyten kammern wonen und Huwſſer ſelber ufzuhalden nicht vormogen, die nicht burgere ſyn und handelunge haben in Steten.“ 1) In Urkunden meiſt Hospites, Advenae, Forenses, Gäſte genannt. 2) Willkuͤhr von Kulm: Wir wellen ouch, wer czu uns kumt von buſün, der ſal keyn Erbe kowfen noch myten, her gewynne denne e fon borgerrecht. Willkuͤhr von Marienburg: Ouch welle wyr, das nymand hy wonen ſal in der ſtad ſich czu generen mit kouffen adir vor⸗ kouffen, her gewynne denn ſyn burgerrecht. Willkuͤhr v. Preuſſ. Hol land. 3) Willkuͤhr von Marienburg: Ouch ſal man vorbas mer in czu⸗ komftigen czeiten keynem pruͤſſen burgerrecht geben noch undeuczen. Landesordnung: Item wellen wir, das keyn Deutſcher in Steten, in deutſchen dorffern adir in Gregemern keynen preuſchen knecht noch mayt czu dinſte entpfangen fat.
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1 Staͤdtiſches Gemeinweſen. 701 war. Zum ſtaͤdtiſchen Gemeineverband gehoͤrten auch die Bewohner der f. g. Stadtfreiheit, naͤmlich alle, welche ſich innerhalb der ſtaͤdtiſchen Feldmark entweder zerſteeut auf einzelnen Höfen oder in den zum Gerichtsbezirke der Stadt gehoͤrigen Doͤrfern niedergelaſſen hatten. Die Verwaltung des ſtaͤdtiſchen Gemeinweſens fuͤhrte der Magiſtrat oder der Rath der Stadt. An ſeiner Spitze ſtand in vielen und zwar in den meiſten kleinern Staͤdten noch der Schultheiß zugleich als oberſte richtende und ver⸗ waltende Behoͤrde, auch im vierzehnten Jahrhundert meiſt noch in denſelbigen Verhaͤltniſſen erſcheinend, wie fruͤher⸗ hin, alſo beſonders noch im erblichen Beſitze ſeines Schult⸗ heißen = Amtes ) und hie und da mit einigen Vorrechten begabt.“ In mehren dieſer kleinern Städte jedoch, als in Braunsberg, Gerdauen u. a. hatte ſchon früher neben dem Erbrichter ein waͤhlbarer Schultheiß geſeſſen oder es wurde auch im erwaͤhnten Jahrhundert noch einzelnen Städten das Recht bewilligt, neben dem Erbſchultheißen oder Erbrichter jaͤhrlich noch einen andern Schultheißen zu waͤhlen, welcher dann nur der eigentlichen ſtaͤdtiſchen Ver⸗ waltung vorſtand.“ In den größern Staͤdten, in denen 1) In manchen Staͤdten war die Verwaltung und Richtergewalt vereinigt und der Buͤrgermeiſter und Richter Eine Perſon, wie von frühan der Schultheiß beides in ſich vereinte. In vielen ſtaͤdtiſchen Privilegien aus dem 14ten Jahrh. iſt nur von Schultheißen, beſonders in richterlicher Beziehung die Rede, nicht aber von Bürgermeiftern als beſondern Verwaltungsbehoͤrden. Der Stadtſchultheiß ſtand alſo dann beiden, den Verwaltungs- und Gerichtsverhältuiſſen vor. 2) Häufig hatten die Stadtſchultheiße z. B. das Vorrecht, eine beſtimmte Anzahl von Schafen auf der Stadtweide zu halten; ſo in Saalfeld, Deutſch⸗Eilau u. a. 3) Im Privileg, von Braunsberg giebt der Biſchof den Bürgern ausdrücklich das Recht, daß fie außer dem iudex hereditarius auch noch scultetum, schabinos, consules, seniores possint eligere etc. In dem von Gerdauen vom J. 1398 werden zuerft dem Schultheiß und ſeinen rechten Erben, alſo dem Erbſchultheißen feine gewöhnlichen Rechte zugeſtanden insbeſondere im Gerichtoͤweſen; dann aber heißt es noch
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702 Staͤdtiſches Gemeinweſen. das Gerichts =» und Verwaltungsweſen eine bedeutende Ausdehnung hatte, waren beide durchweg getrennt. Jenem ſtand ein Schultheiß mit acht bis zehn Schoͤppen oder ein Erbrichter mit dieſem Gerichtscollegium als „gehegetes Ding“ oder als geordnete richterliche Behoͤrde vor. Dieſes leitete ein Buͤrgermeiſter mit den ſtaͤdtiſchen Rathsmaͤnnern. Der Blrgermeifter und die Rathsmanne bildeten den eigentlichen Vorſtand der Stadtgemeine in allen Verwal⸗ tungs = und Policei = Angelegenheiten. In der Regel jaͤhr⸗ lich wechſelnd wurden ſie von der Buͤrgerſchaft gewaͤhlt und von der Landesherrſchaft beſtaͤtigt oder die Wahl ge⸗ ſchah in ihrer eigenen Mitte.) Die Zahl der Raths⸗ manne wechſelte zwiſchen acht, zehn oder zwölf.” Der Buͤrgermeiſter konnte fein Amt nach jährlich erneuerter Wahl mehre Jahre nach einander verwalten, wenn es die Herrſchaft genehmigte. Ihm zur Seite ſtand ein Kompan. In ihren Rathsverſammlungen, Verordnungen und Be⸗ ſchluͤſſen treten meiſt Vuͤrgermeiſter und Rathsmanne als Rath der Stadt oder als ein geſchloſſenes Ganze auf, ohne daß erſterer als an der Spitze ſtehend bezeichnet wird.) Ihre Rechte und Amtsgeſchaͤfte bezogen ſich Ouch ſollen die Buͤrger der Stadt jerlich eynen Scholtzen kyßen mit rothe unſerer bruͤder. Es gab alſo hier zwei Schultheiße; der letztere offenbar für die ſtaͤdtiſche Verwaltung. 1) ueber die Wahl der Rathsmanne erfolgte einſt aus Kulm eine Anfrage an den Schöppenſtuhl zu Magdeburg, worauf dieſer antwortete: Das ſprechen wir vor eyn recht, das die Ratmanne mogen wol Ratmanne kyſen czu eyme Jare und eynen Buͤrgermeiſter adir czwene und en ouch czu eyme Jare und der Burggrave hat keyne macht das her der gekor⸗ nen Ratmanne keynen möge abgeſeczen und cynen andern widder ſeczen von Rechts wegen. Ueber die Freiheit der Rathsmannen⸗Wahl enthiel⸗ ten die ſtaͤdtiſchen Privilegien die näheren Beſtimmungen; bald war bie Wahl freier wie zu Braunsberg, Gerdauen, bald beſchraͤnkter wie zu Frauenburg u. a. 2) Die gewöhnliche Zahl ſcheint zwölf geweſen zu ſeyn. 3) Z. B. Wir Natmanne der Stadt Kulm mit macht deſſis bryff beczügen u. ſ. w.; aber nicht ſelten auch: Wir Buͤrgermeiſter und Rathmannc u. ſ. w.
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Staͤdtiſches Gemeinweſen. 703 hauptſaͤchlich auch hier ebenſo, wie in andern Laͤndern z. B. in Schleſien,“ auf die policeiliche Aufſicht zur Er⸗ haltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit. Sie hielten dieſe erſtens aufrecht in allen Gegenftänden des Handels und Wandels, beſonders in Richtigkeit des Maa⸗ ßes und der Gewichte, wie ſchon früher erwähnt iſt. ® Sie ſetzten mit Zuziehung der Schoͤppen der Stadt den Preis der Lebensmittel und deren Gewicht und Maaß nach dem Verhaͤltniſſe der Getreidepreiſe feſt, um bei Hoͤ⸗ kern und Bädern der Willkuͤhr im Verkaufe zu begegs nen. Wer ſich hierin ihren Beſtimmungen nicht fügte, dem konnten ſie das Buͤrgerrecht entziehen und die Stadt verbieten. Sie führten zweitens die Oberaufficht über die Innungen der Handwerker. Wie in Breslau, ſo ließ auch in den Staͤdten Preuſſens der Rath gewoͤhnlich zwei Maͤnner aus jedem Gewerke ſchwoͤren, daß ſie ihm fuͤr das Wohl der Stadt mit Rath zur Hand ſtehen wollten, wenn fie deſſen bedurften; dieß waren die Geſchworenen und Aelteſten der Gewerke.) Die Rathsmanne gaben und beſtaͤtigten ferner den Innungen ihre Willkuͤhren oder Gewerksrollen und beſtimmten darin die in den Gewerken geltende Ordnung. Sie hatten das Recht, den Innungs⸗ verſammlungen oder ſ. g. Morgenſprachen der Gewerke, 1) Wir dürfen daher auch fuͤglich der fo gründlichen als klaren Auseinanderſetzung dieſer Sache in Stenzels und If choppe's Ur⸗ kunden⸗Samml. folgen und hier die Verhältniffe nur in Beziehung auf Preuſſen erörtern, Vgl. auch Wil da Gildeweſen des. MA. S. 190 ff. 2) S. B. III. S. 492 Anmerk. 1. 3) Eine ſolche Feſtſetzung über Brotgewicht und Getreidepreiſe von Kulm im Fol. Ellen und Hubenmaaß, wo es heißt: Diſſe ſatzunge ge⸗ ſchah von dem Erbaren Rathe und den Scheppen und von der gantezen gemcyne. So trug der Erbar Rath und bie Scheppen obireyn mit der ganttzen gemeyne der buͤrger, were ymand, der ſich welde ſetezen wedir diſſe ſatezunge, deme ſulde der erbar rath uffſagen ſeyn buͤrgerrecht und ſulde vm die ſtat vorbyten. 4) urk. vom J. 1405 im Fol. nr. 22. Rolle der Schneiderzunft zu Kulm.
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704 Staͤdtiſches Gemeinweſen. ſowie den Verſammlungen oder Kompaneien in den Jun⸗ kerhoͤfen und Schießgaͤrten beizuwohnen.) Ohne ihre An: weſenheit konnten keine Alterleute neu gewählt werden. 9 Sie ſchrieben den Schuͤtzengeſellſchaften in den Schießgaͤr⸗ ten ihre Geſetzrollen vor, desgleichen den König = Artug- hoͤfen, bei deren Alterleute-Wahl ſie ſtets zugegen ſeyn mußten.“ Sie erſchienen in deren Verſammlungen, wenn ſie wollten und hatten das Strafrecht, wenn darin Unfug getrieben wurde oder Unordnungen vorfielen. ? Sie be ſtimmten ferner über Kaufbuden und Krambaͤnke, wie es der Stadt am meiſten zu frommen ſchien;“ fie konnten uͤberhaupt in den Gewerksordnungen aͤndern und verbeſſern, wie es fuͤr die Buͤrgerſchaft am heilſamſten war. Sie hatten drittens auch haͤufig die Entſcheidung uͤber ſtaͤdtiſche Schuldſachen; betrafen die angebrachten Klagen Handels⸗ ſchulden, ſo entſchieden ſie gewoͤhnlich mit Zuziehung einer Anzahl von Kaufleuten. Der Rath der Stadt hatte vier⸗ tens die policeiliche Oberaufſicht uͤber alles, was die ſtaͤd⸗ tiſche Sicherheit betraf und zu dem Zwecke in den allge⸗ meinen Landesordnungen oder in den Stadtwillkuͤhren vor⸗ geſchrieben war. So kam der Rath von Koͤnigsberg mit dem dortigen Konvente darin uͤberein, wie es bei Dieb⸗ ſtaͤhlen von Preuſſen oder Samlaͤndern veruͤbt gehalten 1) Willkuͤhr von Friedland von 1406: So iſt das unſers homeiſters gebot, keyne Morgenſprache czu haben wenn czu vier geczyten im Jare und do ſullen bie ſien czwene us dem rathe. 2) Rolle des Junker-Schießgartens von Braunsberg: Wenn man alderluͤte kyſen ſal dar ſullen by fin vir Ratmanne und ſechs der eldiſten in dem garten. 3) Rolle des Schießgartens zu Braunsberg: Wir Ratmanne czu dem Brunsberg unde der ſiczende ſtul des rates durch nutzbarkeit und vromen der gemeynen ſtad zo gebe wir und vorligen den Schuͤtzen und irer kumpania und der geſelleſchaft, dy in den garten gehoren, eyne ordinancia, darnach man den garten halden ſal. A) Rolle des Koͤnig⸗Artushofes zu Braunsberg. 5) Rolle des Artushofes zu Kulm. 6) S. oben B. III. S. 502.
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Staͤdtiſches Gemeinweſen. 705 werden ſolle.) Die Rathsmanne von Kulm gaben den Innungen auf, wie von ihnen der Reihe nach die Stadt⸗ wache gehalten, wann die Stadtthore geoͤffnet und ge⸗ ſchloſſen werden ſollten ? u. dgl.; fie verjügten Verord⸗ nungen über die Feuerpolicei,) beſtimmten, wie und wo die Buͤrger nur allein und wann ſie nicht bewaffnet ſeyn durften, geboten, daß ſie keine Meſſer bei ſich tragen ſollten u. ſ. w.“ Damit ſtand fuͤnftens in Verbindung die Oberaufficht über die Sittenpolicei. So hatten die Rathmanne z. B. zu beſtimmen, welche Spiele allein und wie hoch dieſe unter den Bürgern gefpielt werden follten, ® wie groß im Verhaͤltniſſe zu den Vermoͤgensumſtaͤnden Gaſtmaͤhler und Schmaußereien bei Hochzeiten und Kind⸗ taufen gegeben werden durften und was uͤberhaupt in Volksbeluſtigungen innerhalb der Stadt erlaubt oder ver: boten ſeyn ſolle.“ Sechſtens gebührte es dem Nathe der Stadt, fuͤr Reinlichkelt der Straßen zu ſorgen, uͤber die Geſundheitspolicei zu wachen und dabei den aͤußern An⸗ ſtand der Stadt aufrecht zu erhalten. Er verbot Stra⸗ ßenbettelei und das muͤßige Umherliegen des loſen Gefin- dels und der Vagabonden. Wer auf öffentlicher Straße Ungebuͤhrlichkeiten beging oder ſich unanſtaͤndige Dinge er: laubte, den konnte der Rath zuͤchtigen und ins Gefaͤng⸗ 1) S. B. IV. S. 24. 2) Willkuͤhr der Schneiderzunft zu Kulm; Willkuͤhr der Wollweber zu Kulm. 3) Willkuͤhr von Kulm. Willkuͤhr von Marienburg. 4) Ebendaſ. 5) In der erwähnten Willkuͤhr: Is ſal nymand mit dem andern hoer ſpelen wenn her gereytes geldis bey Im hat, und nymand ſal dem andern ſine kleydere usczihen umb ſpyl, noch In in gevengniſſe legen. Beclant ymand den andirn umb Spelgeld, den ſal man nicht richten. 6) Willkuͤhr von Kulm. Willk. von Preuſſ. Holland: Ouch fat keyn Spilman pfyfen, puken, vedeln an heilgen tagen vor der hoemeſſe. Willk. von Marienburg. 7) Willkuͤhr von Kulm. Landeswillkuͤhr von 1420. VI. 45
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706 Staͤdtiſches Gemeinweſen. niß legen laſſen.“ Die Rathsmanne hatten ſiebentens die Aufſicht über alles, was irgend den Nutzen und das Intereſſe der Stadt, zumal die Erhaltung und Vermeh⸗ rung des ſtaͤdtiſchen Vermögens betraf. Sie mußten alfo dafuͤr ſorgen, daß jeder Bürger feinen ſchuldigen Zins am Zinstage puͤnktlich entrichte, daß kein zinshaftes Erbe ver⸗ kauft und kein Gebaͤude abgebrochen werde ohne Willen des Zinsherrn, daß kein angeſtorbenes Gut fuͤr Elende und verwaiſte Kinder von andern aus der Stadt genom⸗ men und entfremdet werde, daß kein Bürger von Frem⸗ den oder Geiſtlichen in fein Erbe Zins nehme u. ſ. w. Achtens war es Sache des Rathes, fuͤr das ſtaͤdtiſche Kriegsweſen zu ſorgen, alſo darauf zu achten, daß die Buͤrger die noͤthigen Waffen beſaßen, daß dieſe nicht au⸗ ßerhalb der Stadt verkauft, daß die Mayen vollzaͤhlig geſtellt, die Hauptleute ernannt und mit den noͤthigen Pferden verſehen, daß die Loͤhnung richtig gezahlt wurde af. wir Man erſieht ſchon hieraus, obgleich hier in das Eins zelne des fläbtifchen Verwaltungs- und Policeiweſens nicht weiter eingegangen werden kann, wie weit der Geſchaͤfts⸗ kreis der Rathsmanne ausgedehnt und wie manchfaltig die ihnen obliegenden Pflichten und zuſtehenden Rechte waren. Es lag mit in der ganzen Stellung des Rathes, daß ihm in allem, worüber er die Aufſicht führte und ges ſetzliche Vorſchriften gab, auch ein Erkenntniß- und Straf⸗ recht zuſtehen mußte. In vielen die ſtaͤdtiſche Ord⸗ nung betreffenden Dingen richtete er auch zugleich mit 1) Willkuͤhr von Kulm. 2) Willkuͤhr von Kulm und Marienburg. Vgl. Tzſchoppe und Stenzel a. a. O. S. 240. 3) Acta Practoriana p. 28 im Archiv zu Braunsberg. Willkuͤhr von Marienburg. Daher wird auch in den Gewerksrollen verboten, Waffen außerhalb der Gewerke zu verkaufen. 4) Wie in den Schleſiſchen Städten; ſ. Tſchoppe u. Stenzel a. q. O. S. 241.
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Städtiſches Gemeinweſen. 707 den Schoppen der Stadt in Angelegenheiten der Innun⸗ gen. Die Alterleute und Geſchworenen waren verpflich⸗ tet, dem Rathe anzuzeigen, wenn die Willkuͤhr verlent und ihre Anordnungen nicht beachtet wurden. ? In man: chen Fallen fiel ihm auch ein Theil der Strafgefaͤlle der Innungen zu. Er hatte das Recht, in den den In— nungen vorgeſchriebenen Willkuͤhren nach feinem Gutduͤn⸗ ken auf Uebertretung ſeiner Beſtimmungen die große oder kleine Buße zu ſetzen und die Strafgefaͤlle zum Nutzen der Stadt einzuziehen.“ Die vom Mathe gegen Glie⸗ der der Innungen verfuͤgten Strafen beſtanden bald in höheren oder niedern Geldſtrafen, in Gefaͤngniß, Liefe⸗ rung einer beſtimmten Quantität Wachs, bald in Legung des Handwerkes entweder fuͤr immer oder fuͤr eine be⸗ ſtimmte Zeit, in Achtserklaͤrung, Verſtoßen aus der Stadt: freiheit, Entziehung des Bürgerrechte, Abſchneiden des rechten Ohres ) u. ſ. w. Hie und da z. B. in Frauen⸗ burg konnte der Rath in manchen ſtaͤdtiſchen Angelegen⸗ heiten nur zugleich mit dem Biſchofs-Vogte Gericht uͤben und Strafen verfuͤgen.“ Wer ſich dem Rathe ungehor⸗ ſam bewies, heimliche Verſammlungen hielt ohne des Ra— thes Wiſſen, heimliche Geſetze gab gegen den Nath oder die Herrſchaft, erlitt die große Buße. Wer den Rath, die Schoͤppen, die Geſchworenen, Geiſtliche oder ſonſt ehr⸗ bare Leute, Jungfrauen oder Frauen in Bierbaͤnken oder ſonſt uͤbel beredete und deſſen durch zwei Biedermaͤnner 1) 3. B. in Markt⸗ Angelegenheiten; in einer Klagſache der Bäcker in Kulm u, ſ. w. 2) Willkuͤhr von Kulm. 3) Rolle der Wollweber zu Kulm. 4) Schoͤppenurtheil aus Magdeburg auf elne Anfrage aus Kulm: Wir ſprechen vor eyn Recht, das die Ratmanne moͤgen wol mit irer gemeyne Bürger wille willekuͤr ſetczen undir en bey großer ader bey kleyner buſſe wie en die behagt, — und die Ratmanne ſullen macht haben die buſſe czu fordern und czu behalden czu der Stat nucz u. ſ. w. 5) Willk. von Kulm. Kulmiſ. Baͤckerordnung. 6) Privilegium von Frauenburg vom J. 1320, 45 *
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708 Staͤdtiſches Gemeinweſen. überwieſen ward, den ſtrafte der Rath zu Preuſſiſch⸗Hol⸗ land mit achtzehn Pfund. Was die dem Mathe obliegende Verwaltung des ſtaͤdtiſchen Eigenthums betrifft, fo waren mit dem eigent⸗ lichen Verwaltungsdienſt der Kaͤmmerer und Unterkaͤmme⸗ rer, ein Waldmeiſter, Kirchvaͤter und aͤhnliche Beamte der Stadt beauftragt. Zur Förderung des Wohlſtandes der Stadt konnte der Rath im Umkreiſe der Stadffreis beit neue Stadtdoͤrfer gruͤnden; er beſtimmte ihre Rechte und Verpflichtungen, insbeſondere die Zinsleiſtungen und Dienſte und war Patron der Dorfkirche. Alle Veraͤn⸗ derungen im Geſammteigenthum der Stadt, als Kauf und Verkauf oder Tauſch von liegenden Gründen u. ſ. w. geſchahen durch den Rath mit Zuſtimmung der Aelteſten und Geſchworenen.) Er verpachtete die Stadtmuͤhlen im Umkreiſe der Stadtfreiheit.“ Ins ſtaͤdtiſche Gerichtsweſen griff der Rath nur in ſo weit ein, als es mit dem Verwaltungs- und Policei⸗ weſen zuſammenhing. Alles was ſonſt vor Gericht ver⸗ bandelt und entſchieden werden mußte, kam vor das ei⸗ gentliche Stadtgericht. Dieſes beſtand aus dem Schulthei⸗ ßen oder Erbrichter, dem Stadtrichter und einer Anzahl von Schoͤppen als Urtheilsfinder, deren einer, wahrſchein⸗ lich an der Spitze ſtehend, der Schoͤppenmeiſter hieß.“ Die Anſtellung des Stadtrichters geſchah hie und da vom Komthur, doch mit der Buͤrger Rath.“ Der Schult⸗ 1) Willk. v. Preuſſ.⸗Holland. 2) urk. des Rathes von Kulm über das Dorf Schoͤneiche v. J. 1376. 3) Urk. des Rathes von Kulm v. J. 1405 im Fol. 22. In einer u F. vom J. 1303 erklären die Ratkmanne von Kulm, daß fie „mit wille, rat und eyntrackt unſirs ratis, richters und ſcheppin und unſer gemeynen buͤrger vorkouft haben u. ſ. w. 4) Urk. des Rathes von Kulm v. J. 1357 im Fol. 22. 5) Privileg. Capit. Pomesan. p. XXII. XI. VI - VII. Ueber den Magister scabinorum Wilda Gildeweſen des MA. S. 182, 185 Huͤllmann Geſch. des Urſprungs d. Staͤnde S. 603. 6) Privileg. von Preuſſ.⸗Eilau.
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Staͤdtiſches Gemeinweſen. 709 heiß oder der Erbrichter hatte gemeinhin feine Rechte als richterliche Behoͤrde vom Orden oder Biſchof ſchon in den ſtaͤdtiſchen Gruͤndungsprivilegien zugeſprochen erhalten. In Städten mit Kulmiſchem Rechte war fein Richteramt faji immer erblich; fiel es an den Orden zuruck, fo that es dieſer mitunter Verkaufsweiſe von neuem aus, wobei in biſchoͤflichen und Stifts⸗Staͤdten zuweilen eine fürm: liche Inveſtitur des Schultheißen durch den Ring Stalt fand. ? Mit Lübeckiſchem Rechte war beinahe regelma⸗ ßig freie Schultheißen⸗, Richter- und Schoͤppenwahl aus: druͤcklich verbunden. ? Das Amt der letztern dauerte ge- woͤhnlich auf Lebenszeit. Sie ergaͤnzten ihr Collegium, bald aus zehn, bald aus zwoͤlf oder einigen mehr und minder beſtehend, durch eigene Wahl, welche der Landes- herr beftätigte. 9 Ordnungsmaͤßig mit dem Schultheißen oder Richter als Gerichtsbehoͤrde verſammelt und im Ding: hauſe ) auf der Dingbank ſitzend hießen fie „das gehe— gete Ding der Stadt.“ “ Der ſeſtgeſetzte Gerichtstag bes 1) Privileg. von Allenburg v. J. 1400, wo es heißt: Ouch weile wir wenne der rechten erpſcholtiſſen nyme iſt ader keyner me iſt, das dy burger der flat Allinburg jerlich eynen ſchulteis undir in ſullen kyſen mit rathe und willen unſir bruͤder. 2) So heißt es z. B. in einer Urk, des Ermlaͤndiſ. Domlapitels über das Schultheißenamt zu Wormditt: Nos supradictam Sculte tiam atque Curiam disereto viro Nievlao Barden ibidem pro- consuli vice et nomine prenarratorum Consulum resignantes, ipsum vice et numine ipsorum per nustrum annulum manualiter investimus. 3) Vgl. oben B. III. S. 494 — 495. 4) Schöppenurtheil aus Magdeburg: Die ſcheppen fullen Schepnen kyſen und die ſie czu Scheppen kyſen, ſullen Scheppen bleiben dieweile fie leben. Schreiben des Hauskomthurs von Chriſtburg v. J. 1408 5) Schöppenurtheil aus Magdeburg; vgl. Töſchoppe u. Sten⸗ zel a. a. O. S. 215. Wilda Gildeweſen im MU. S. 180. 6) Ein ſolches wird in einer Urk. Konrads von Wallenrod (Schiebl. J. II. nr. 100) wenigſtens in Thorn neben dem Ratbhauſe liegend ge nannt. Ohne Zweifel gab es ſolche auch in andern Staͤdten. 7) Ja lateiniſchen Urkunden iudieinm bannitum genannt.
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710 Staͤdtiſches Gemeinweſen. Schoͤppenſtuhles war der Dingtag oder Bürgerdingtag ges nannt. In vielen Staͤdten hatte der Schultheiß oder Rich⸗ ter nur die niedere Gerichtsbarkeit fuͤr fi) und einen Anz theil an den Strafgefaͤllen, die hoͤhere uͤbte er mit den Schoͤppen im gehegeten Ding.) Die ſtaͤdtiſche Gerichts; barkeit dehnte ſich zugleich auch über die ganze Stadtfrei⸗ heit, alſo über die in ihr liegenden Dörfer und Höfe aus.) In Kulm und wahrſcheinlich auch in andern Städten ſaß neben dem Stadtſchultheißen noch ein beſon⸗ derer Richter der Freiheit, d. h. des Stadtbezirkes. Die in der Stadtfreiheit wohnenden Preuſſen und Undeutſche unterlagen aber keiner ſtaͤdtiſchen Gerichtsbarkeit, ſondern der des Komthurs oder des Bezirks-Vogtes. Nur wenn auswaͤrts Wohnende binnen den Stadtgraͤnzen in Zwiſt ergriffen wurden, richtete ſie der Stadtſchultheiß mit einem Theil der Gerichtsbußen.) Wenn aber Stadtleute aus ßerhalb des Stadtbezirkes Verbrechen begingen, fielen ſie 1) Willk. von Preuſſ.⸗ Holland: Deme Richter ſal das kleine ges richte und der ſtadt das große. Privileg. von Allenburg: Wir wellen ouch, das der ſcholteis der flat Allinburg keyn gros gerichte noch wun⸗ den ſulle richten, is ſy denne das unſer bruder adir ire boten kegin⸗ wertig ſyn. Von ſundirlichen gnaden vorlie wir und geben deme ſchol⸗ teiſſen dy cleyne gerichte als vir ſchillinge und dorundir. 2) U Heinrichs Duſmer v. Arfberg v. J. 1346 im geh. Arch. Schiebl. XXI. nr. 2. Ueber die Graͤnzen der ſtaͤdtiſchen Gerichtsbar⸗ keit und des Landrichters ein Magdeburgiſ. Schoͤppenurtheil Schiebl. LXXIV. nr. 3. Eine Erklarung über die Ausdehnung der ftädtif, Gerichtsbarkeit vom Hauskomthur von Danzig vom J. 1445 Schiebl. LX. nr. 222. 3) Ein index libertatis; er hatte die Gerichtsbarkeit, wie es heißt, foris civitatem. Im Schoͤppenbuch von Kulm heißt es daher oft, daß außer der Stadt N. N. geächtet ſey Volemaro iudice foris eivitatem oder foris civitatem iudice libertatis Laurentio de Lynaw existente. ) Privileg. von Allenburg und in vielen ftädtif. Gründungspri⸗ vilegien.
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Staͤdtiſches Gemeinweſen. 711 dem Gerichte des Landrichters anheim. In biſchoͤflichen Staͤdten ſaß gewoͤhnlich auch der Biſchofs⸗-Vogt mit im ſtaͤdtiſchen Gerichte. Was den Wirkungskreis des Richters und der Schoͤp⸗ pen anlangt, fo war Verwaltungs ⸗ und Gerichtsweſen noch nicht uͤberall ſcharf getrennt; ſie traten daher auch bald mitrathend, bald beiſtimmend mit in die Geſchaͤfts⸗ verwaltung des Rathes ein, wenn ſie von dieſem mit zugezogen wurden, ſehr haͤufig ſelbſt in Dingen, die kei⸗ neswegs das Gerichtsweſen betrafen, z. B. bei Entwer⸗ fung ſtaͤdtiſcher Verordnungen, in Angelegenheiten der Innungen, beim Verkaufe des ſtaͤdtiſchen Gemeingutes u. dgl.) Sie erſchienen Überhaupt allenthalben, wo es der Zuſtimmung und des Beirathes der ganzen Stadtge⸗ meine bedurfte. In allen Gegenſtaͤnden aber, die ihrem eigentlichen Amtskreiſe zugehoͤrten und vor dem Stadtge⸗ richte verhandelt werden mußten, traten ſie „im gehegeten Dinge“ und „zu rechter Dingſtatt“ auf. Vor dieſem naͤm⸗ lich mußten alle im Gerichtsbezirke liegenden, von Buͤr⸗ gern beſeſſene Güter bei Veraͤnderung der Beſitzer aufge⸗ laſſen, alle Käufe und Verkäufe, alle Vermaͤchtniſſe, Erb— theilungen zwiſchen Geſchwiſtern, Stiefaͤltern und Kindern, alle Schicht- und Theilungsſachen verlautbart, Zinsbeſtim⸗ mungen, Zinsaufgaben, Vormundſchafts- Angelegenheiten und überhaupt alles verhandelt werden, was privatrecht⸗ liche Verhaͤltniſſe betraf und einer gerichtlichen Feſtſetzung oder Confirmation bedurfte.“ Es erſchienen dann jeder 1) Privileg, von Thorn v. 3. 1346 im geh. Arch. Schiebl. XXI nr. 2. 2) Privileg. Capie. Pomesan. p. XXII. XI. VII — VIII. Der Vogt, die Schöppen und das gehegete Ding, bisweilen auch der Erb⸗ richter bildeten dann den Gerichtsſtuhl der Stadt. 3) Vol. Wilda a, a. O. S. 188 — 189. 4) Zahlreiche Beiſpiele hierüber giebt ein Buch: Liber Scabino- rum libertatis Colmen a. d. 1407 compilatus et inceptus, in que libro continentur omnia acta in Bannito Judicio acticata, que
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712 Staͤdtiſches Gemeinweſen. Zeit beide Theile „vor Richter, Schoͤppen und gehegetem Ding zu rechter Dingſtatt“ und verlautbarten ihr Ueber⸗ einkommen, worauf es zu fortdauernder vollſtaͤndiger Rechts⸗ guͤltigkeit in das Schoͤppenbuch eingetragen ward.) Bei Verkäufen entſagten zugleich die Verkäufer nebſt ihren Angehoͤrigen und Erben vor gehegetem Ding allen ihren Rechten und Anſpruͤchen und empfingen auch haufig alss bald die Zahlung. Vor Richter, Schoͤppen und gehes getem Ding wurden ferner auch alle Kriminalfachen ver— handelt und auf Kriminalſtrafen erkannt. Achtserklaͤrungen konnten von ihnen in ihrem Gerichtsbezirke allein erfolgen. In Faͤllen dagegen, wo auf Tod, Verſtuͤmmelung des Koͤrpers und aͤhnliche peinliche Strafen erkannt wurde, mußte entweder ein Komthur oder Vogt oder deren Bez vollmaͤchtigte zugegen ſeyn oder der Spruch konnte erſt nach erfolgter Anzeige und Beſtaͤtigung des Landesherrn vollführt werden.) Außerdem kam vor Richter und Schoͤp⸗ pen auch alles, wobei wegen erlittener Verluſte in irgend einer Weiſe Schadenerſatz geſucht wurde; es war Landes⸗ geſetz, daß die in ſolchen Klagſachen erfolgten Erkennt⸗ niſſe der Schoͤppen weiter vor kein anderes Gericht ge⸗ bracht werden durften. 9 Es lag in der damaligen Stellung der ſtaͤdtiſchen Verhaͤltniſſe, daß ſich die Kreiſe der Wirkſamkeit des Ra⸗ per scabinos ad discuciendum inhabitator. libertatem tam intra quam extra Civitatem Colmensem in perhenne testimonium re- servantur im geh. Archiv, und Acta Praetorian. im Rathsarchiv zu Braunsberg. 1) Solche Schoͤppenbuͤcher find zu Thorn, Danzig u. a. noch mehre vorhanden; vgl Privileg. Capit. Pomesan. p. XXII. 2) Privileg. Capit. Pomesan. p. XLV - VI. 3) Darauf bezieht es ſich, wenn z. B. im Privileg. von Kreuz⸗ burg geſagt wird: Debet eciam idem scultetus sine scitu et vo- luntate fratrum ad vite privationem vel membrorum mutilatio- nem neminem iudicialiter condempnarc. Privileg. v. Bartenſtein. 4) Uebereinkommen des HM. darüber mit den Städten des Landes vom J. 1400 im Fol nr. 22.
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Städtifhes Gemeinweſen. 713 thes und des Schoͤppenſtuhles der Stadt einander vielfach berührten und haͤufig ſich durchkreuzten. Dann traten beide in ihren Verhandlungen zuſammen; Richter und Schoͤppen erſchienen „vor dem ſitzenden Rathe“ und be⸗ zeugten „mit gehegetem Ding,“ daß der eine den andern bei ihnen „zu Recht geladen und Dingſtellig gemacht habe.“ Der Rath nahm hierauf bald nur ein Zeugniß uͤber die Ausſage des Richters und der Schoͤppen auf“ oder die gerichtliche Verhandlung geſchah zwiſchen ihnen gemein⸗ ſchaftlich. In biſchoͤflichen Städten griff vorzüglich auch der Biſchofs⸗ Vogt in die ſtaͤdtiſchen Gerichtspverhandlungen häufig mit ein. So kam im Jahre 1380 der Biſchof von Ermland mit der Stadt Braunsberg uͤberein: das Stadtgericht ſolle ſorthin richten wie zuvor; aber der Vogt ſolle dabei ſitzen, wenn er wolle; des Abends vor einem Gerichte über Hals und Hand ſolle man es ihm wiſſen laſſen; komme er, ſo moͤge er mit zu Gericht ſitzen, wo nicht, ſo ſolle das Gericht dennoch vor ſich gehen. = Jeder Schöppenftuhl richtete naturlich nach dem Rechte, womit eine Stadt bewidmet war, alſo entweder nach Lüͤbeckiſchem oder nach Kulmiſchem Rechte oder viel⸗ mehr nach Magdeburgiſchen Gerichtsbeſtimmungen. Wenn die Schoppen einer Stadt das Urtheil nicht ſelbſt finden konnten, gingen ſie, wie fruͤher erwaͤhnt iſt, nach Kulm um Rath oder ihre geſcholtenen Urtheile wurden an den Schoͤppenſtuhl gebracht, wohin die Stadt in ihrem Rechte gewieſen war. Dem Rathe der Stadt bot bei ſeinen Entſcheidungen über Policeiverhaͤltniſſe die ſtaͤdtiſche Mill: kühr die naͤchſte Norm und geſetzliche Richtſchnur dar. Jede Stadt hatte das Recht, ſich eine Willführ über alles, was ſtaͤdtiſche Ordnung und Verfaſſung betraf, zu ſetzen, ſolche zu veraͤndern und zu verbeſſern, jedoch nur mit 1) urk. des Nathes von Danzig im geh. Arch. Schiebl. XVII. nr. 21. 2) In den Actis Praetorian. p. 463; ob dieſe Anordnung auch anderwaͤrts beſtanden habe, tft ungewiß.
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714 Staͤdtiſches Gemeinweſen. Genehmigung und Beirath des Landesherrn.) Entworfen wurde ſie vom Rathe und der geſammten Buͤrgerſchaft und beſtaͤtigt vom Hochmeiſter oder dem naͤchſten Gebie⸗ tiger, vom Biſchofe oder dem Domkapitel. Jeder Zeit nur die eigenen Verhaͤltniſſe der Stadt oder des ſtaͤdtiſchen Bezirkes beruͤckſichtigend, ) umfaßten fie im Allgemeinen uͤberall die policeiliche Ordnung, Anſtand und Sitte der Stadtbewohner, geſetzliche Beſtimmungen über die Vers haͤltniſſe der Buͤrger zu einander, uͤber Handel und Wan⸗ del im Kleinen und Großen, Feſtſtellungen uͤber Brauch und Gewohnheit und überhaupt eine Menge geſetzlicher Vorſchriften, welche das buͤrgerliche Leben in allen ſeinen Richtungen ordnen, regeln und in gewiſſen ordnungsmaͤ⸗ ßigen Schranken halten ſollten. Vor allem wurde in ihnen Achtung und Gehorfam gegen den Rath der Stadt und Unverletzlichkeit der von ihm zur Ausführung und Aufrecht⸗ haltung der Geſetze beſtellten Beamte und Diener mit Nachdruck geboten. ? Alle Rechte der Bürger, deren Ges nuß und Ausübung ſie feſtſtellten, knuͤpſten fie an das Buͤrgerrecht, denn kein Stadtbewohner konnte ein ſelbſtaͤn⸗ 1) S. oben B. III. S. 496. Die Nichterwaͤhnung dieſes Rechts in manchen Privilegien ſchließt es noch nicht eigentlich aus, denn daß z. B. Braunsberg, in deſſen Privilegium der Willkuͤhr nicht erwaͤhnt iſt, das Recht dennoch hatte, ſehen wir aus den Actis Praetorian., wo ſolche Beſtimmungen der Willkuͤhr vorkommen. Wir haben noch ſolche Willkuͤhren von Kulm, Rieſenburg, Marienburg, Preuſſiſch-Hol⸗ land, Salfeld, Liebſtadt, Eilau, Koͤnigsberg u. a. 2) Daher es in den Privilegien heißt: Statuimus, quod con- sules seu incole civitatis nulla statuta seu consuetudines, que Wilkör dicuntur, statuant sine nostrorum requisitione et consensu. 3) Kulm hatte daher eine „Willekor in der Stat“ und eine „Wille⸗ kor vor der ſtat.“ 4) Willk. von Salfeld; Willk. von Kulm: Wer ſich ouch ſeczet wedir den Rath mit ungehorſam, vrevil adir mit unvuge, den ſal der Rath richten und czuͤchtigen, alſuſt das ſich eyn ander do bey czien mag und ſolchir dinge nicht nodt geſchee und wer dorynne brochik wirt, den ſal man inlegen und nicht wedir uslaſin ane willen unſirs hern des kompthurs. Willk. von Rieſenburg, Marienburg u. a.
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Staͤdtiſches Gemeinweſen. 715 diges und eigenes Gewerbe treiben, der nicht zuvor das Bürgerrecht gewonnen,) und dieſes wieder erhoben fie fir jeden, der in den Beſitz eines ſtaͤdtiſchen Erbeigenthums treten wollte, ? zur erſten Bedingung, ſowie zum erſten Vorzug Deutſcher Geburt, indem ſie jeden Nichtdeutſchen von ſeiner Erwerbung ausſchloſſen.“ Kein Eigenthuͤmer durſte Zins verkaufen in ein Erbe in der Stadt Freiheit oder auf fein Erbe Zins nehmen ohne des Rathes Wiſſen. Wer Erbe irgend einer Art in einer Stadt kauſte, mußte es Jahr und Tag behalten; und wer ſich ankaufte und Bürgerrecht gewann, mußte ſich in ſeinem Vermoͤgen dem Schoſſe der Stadt unterwerfen.) Andere Geſetze vetrafen das geſellſchaftliche Zuſammenleben, Vergnuͤgungen, das ſittliche Verhalten der Geſchlechter u. ſ. w. So war verordnet: es ſolle niemand mit andern hoͤher ſpielen, als er baares Geld bei ſich habe, niemand dem andern um Spiel die Kleider ausziehen, noch ihn ins Gefaͤngniß legen. Klagen um Spielgeld ſolle man nicht richten.“ An allen Heiligentagen ſolle allerlei Spiel um Geld oder umſonſt, ſowie erſteres auch an Werktagen verboten ſeyn.) Kein Spielmann ſolle an Heiligentagen vor der Hochmeſſe pfei⸗ fen, pauken oder fiedeln. Keine Dienſtmagd ſolle an Heiligentagen zum Tanze gehen ohne Urlaub ihrer Herr⸗ 1) Willk. v. Preuſſ.⸗ Holland, Rieſenburg, Marienb., Salfeld. 2) Willk. von Kulm: Wir wellen ouch, wer czu uns kumth von buſſin, der ſal keyn Erbe kowfen noch myten, her gewynne denne e ſeyn Borgerrecht, gebende das leczte geſchos, das geweſt iſt. Willk. v. Salfeld, Preuſſ.⸗ Holland. 3) Willk. v. Rieſenburg: Och ſal man wiſſen, das man keynen Polen ader Preußen Burgerrecht gebet yn der Stad ader Erbe offgebet das do leyd yn der Stadt freyheit. Willk. v. Marienb., Salfeld. 4) Willk. von Preuſſ.⸗ Holland, Salfeld. 5) Will. von Salfeld. 6) Willk. von Rieſenburg, v. Kulm, v. Salfeld. 7) Willk. von Kulm. 8) Willk. von Marienb., von Salfeld, v. Preuſſ.⸗ Holland. 9 Willk, von Kulm.
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716 Städtifhes Gemeinweſen. ſchaft; widrigenſalls warb fie fortgeſchickt und ihr Lohn war verloren.) Wer nach der letzten Glocke am Abend auf der Straße ohne Licht gefunden wurde, unterlag einer Geld: oder Gefaͤngnißſtraſe. Niemand ſolle mit Beilen, Spieſen oder andern ungewoͤhnlichen Waffen in Straßen oder Tabernen weder Tags noch Nachts gefunden werden. Bei wem man nach der letzten Glocke auf der Straße noch Waffen ſehe, dem ſollten fie verloren feyn. ? Nie mand ſolle hoͤher Hochzeit machen als auf dreißig Schuͤſſel; wer mehr habe, verbuße zwei und dreißig Schillinge. “ Am Sonnabend ſolle man keine Abendſchmaͤuſe oder Kolla: cien halten; deshalb ſolle am Freitage der Braͤutigam eidlich bezeugen, daß er die Willkuͤhr der Stadt beobach⸗ tet habe und damit ſolle die Hochzeit beendigt feyn. ® Auf Entführung von Jungfrauen und andere Ungebüͤhr gegen das weibliche Geſchlecht waren ſtrenge Strafen ge⸗ ſetzt.) Folgte eine Jungfrau einem jungen Geſellen ei— genwillig ohne der Aeltern Rath und Willen, ſo durften ihr dieſe nichts vom Erbe und Eigenthum geben, ſo lange ſie lebten; widrigenfalls mußten ſie auch der Stadt geben, ſo viel ſie ihr gegeben hatten.) Bei dem allgemein 1) Willk. von Kulm. 2) Willk. von Kulm, v. Marienburg, v. Preuſſ.⸗ Holland: Wir willekorn ouch, das keyn wirt noch Mitternacht ſal ſchenken in ſyme hueſe, noch loſſe ſpelen bie eyme firdunge, 3) Willk. von Kulm; Willk. von Salfeld: Ouch fo verbeuth man von der hyrſchafft wegen bey III gutte marc und bei der Stat wilköre alle unczemliche Gewer czu tragen, Barten ader ander unczemlich ge⸗ wer und wirt ymanth dobowen gefunden, er ſal ſich myt der hyrſchafft entrichten. 4) Obige Beſtimmung in der Willk. v. Preuſſ. Holland. In an⸗ dern Städten war die Zahl der Schuͤſſel verſchieden, z. B. in Marien⸗ burg; in Salfeld nicht über 10 Schuͤſſel. Vgl. die Willk. v. Morienb, in meiner Geſchichte Marienburgs. 5) Willk. von Preuſſ. Holland. 6) Willk. von Kulm. 7) Willk. v. Preuſſ. Holland.
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Staͤdtiſches Geme inweſen. 717 noch herrſchenden Glauben an Hexerei und Bezaubern galt das Geſetz: der Zauberin, die Jemandes Kind ausbringt, ſolle man ein Ohr abſchneiden, ſie durch die Backen bren⸗ nen und aus der Stadt verjagen, ſobald es die Jungfrau auf die Heiligen behaͤlt, doß ſie ſie ausgebracht habe; oder die Zauberin ſolle für jede ihrer Strafen fuͤnf Mark, alſo funfzehn Mark bezahlen.) — Die Willkuͤhren der Staͤdte geboten ferner, daß jeder Burger zur Vertheidigung die noͤthigen Waffen beſitze;? aber fie verboten zugleich auch ernſtlich deren Mißbrauch oder auch nur das Mittragen derſelben an unrechte Orte und zu unrechter Zeit.) Sie enthielten außerdem Beſtimmungen uͤber ſtaͤdtiſche Sicher⸗ heit, Vorſchriften bei ausbrechender Feuersgefahr und zur Verhütung derſelben.) In den verſchiedenartigen ſtaͤdti⸗ ſchen Handierungen und Erwerbsarten, worin ſich die Bürger am meiſten begegneten, bedurfte es naturlich auch der meiſten geſetzlichen Anordnungen. Sehr zahlreich und genau ſprachen ſolche z. B. uͤber den Getreide = Handel, Verkauf der Lebensbebürfniffe und Kleidung, uͤber Malz⸗ bereitung und Bierbrauerei, uͤber Weinſchenken, den Ver⸗ kauf von Wild, Fiſchen u. dgl. Andere Beſtimmungen ſetzten richtiges Maaß und Gewicht feſt ® oder ſicherten 1) Willk. v. Kulm; in der v. Preuſſ. Holland wird die Zauberin „ufmecherinne ader uffbrengerinne“ genannt. 2) Acta Praetorian. im Archiv zu Braunsberg. 3) Merkwürdig iſt darüber die Beſtimmung in der Willk. von Danzig: Eyn itczlich mann, des weib bundt treedt (trägt), ſal haben in ſynem houſe eyn gutte manne harnſch, eyne lotbüchſe ader ein arm⸗ broſt. Item eyn itczlich man der eynen ſilbern gürtel hat, der jj margk lotiges hat ader weget ader dorobir, der ſal eynen man harnſch haben, und welche frouwe eynen ſilbernen gürtel hat, eynen ader meh dy alle mit eynander eyne margk lotiges wegen aber dorober, derſelben frou⸗ wen man ader dy frouwe ſal ouch in beſunderheit von deswegen eyn gut manne harnſch haben. Warnungen wegen Mißbrauch von Wehr und Waffen in Willk. von Kulm, Preuſſ. Holland u. a. 4) Darüber Vorſchriften in allen erwähnten Willkuͤhren. 5) Willk. v. Preuſſ. Holland.
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718 Stadtiſches Gemeinweſen. den Buͤrger gegen alles Feilſchen und Kramhalten fremder Hoͤker und Einſchlepper. In manchen Dingen hatten die Städte zunaͤchſt am meiſten ihre eigenthuͤmlichen Verhaͤlt⸗ niſſe zu beruͤckſichtigen; wo z. B. ſtarker Holzhandel 5 oder vorzuͤglich Bierbrauerei betrieben wurde, bedurfte es hieruͤber auch mehrer Anordnungen als anderswo; in Acker⸗ ſtädten traten mehr Beſtimmungen über Ankauf, Verthei⸗ lung und Beſitz von Landeigenthum hervor und die Will⸗ führen mußten ſtrenger auf Reinlichkeit der Straßen hal⸗ ten, daher hier die noͤthigen Policeimaaßregeln Über Vieh— austreiben, Duͤngerfahren u. ſ. w. Auffallend ſelten find die Verordnungen gegen Straßenbettelei, denn bei der großen Anzahl milder Anſtalten fuͤr Arme und Kranke, die damals im Lande beſtanden, war man von dieſem Uebel weniger beläftigt. ? Haͤufiger ſchon kommen Ge ſetze gegen Diebſtahl, diebiſche Betruͤgereien und über das Einfangen der Diebe vor.“ In Beziehung auf Ins nungen und Gewerke enthielten die Willkuͤhren nur die allgemeineren Beſtimmungen uͤber die Verhaͤltniſſe und Stellung der Gewerke zu der Stadtgemeine, über ihre ſtaͤttiſchen Vorrechte im Ganzen, Über Preis und Verkauf ihrer Fabricate u. dgl., denn uͤber die innern Verhaͤltniſſe der Innungen hatten dieſe, wie wir ſehen werden, ihre eigenen Willkuͤhren, auf die nicht ſelten ausdruͤcklich hin⸗ gewieſen wird.) Den meiſten Satzungen der Willkuͤhren waren zugleich die Bußen oder Bruͤche, d. h. die Stra⸗ 1) 3. B. in den Willk. von Kulm und Marienburg, wo auf der Weichſel und Nogat großer Holz-Verkehr war. 2) Nur in der Willk. von Kulm findet fi die Beſtimmung: Ouch ſal nymand mit dem andirn geen Beteln von hueſe czu hueſe, noch by ym ſtehen uff dem kirchofe ym czu betelne bie der Statis koͤre. Eynir Bete uff dem kirchofe alleyne als vll als her moge, das gan (gönne) man ym wol. 3) Willk. von Rieſenburg, v. Marienburg, v. Salfeld; die von Kulm verbietet das Verfertigen der Nachſchlüſſel. 4) WINE, von Kulm,
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Städtifhes Gemeinweſen. 719 fen beigefügt, in welche der Uebertreter verfiel; wo fie fehlten, beſtimmte ſie der Rath als richtende und ſtrafende Behörde und der Bürgermeifter hatte die Verpflichtung, fie durch den Buͤttel einzufordern. Aber es gab auch Faͤlle, in denen die Beſtrafung des Uebertreters der Lan⸗ desherrſchaft uͤberlaſſen wurde. Die geſammte Buͤrgerſchaft, welche dieſen verwal⸗ tenden und richtenden Behoͤrden unterthan und den Be⸗ ſtimmungen dieſer Willkuͤhren unterworfen war, beſtand theils aus Ackerbuͤrgern, die das Ackergebiet der Stadt bebauten und der Herrſchaft für ihr Erbe Zins leiſten mußten, theils aus dem Kaufmannsſtande, von welchem bereits öfter geſyrochen iſt, theils aus den verſchiedenen Handwerken, deren Ausbildung und Verfaſſung hier noch einer naͤheren Eroͤrterung bedarf. Wir bemerkten ſchon, daß ſich in fruͤhern Zeiten vorerſt meiſt nur ſolche Hand⸗ werker in den Staͤdten fanden, die zur Beſtreitung der nothwendigſten Beduͤrfniſſe ganz unentbehrlich waren,“ daß aber ſpaͤterhin, beſonders zur Zeit des Hochmeiſters Winrich von Kniprode, als der genoſſenſchaftliche Geiſt, der das ganze Mittelalter durchdrang, alle diejenigen en⸗ ger verband, welche ein gemeinſchaftliches Streben und Intereſſe verfolgten, auch in den Staͤdten Preuſſens eine Trennung des Kaufmannes und Großhaͤndlers von der übrigen Buͤrgergemeine eintrat, alſo daß nun auch, was in Deutſchland laͤngſt geſchehen, die einzelnen Gewerke in geſchloſſene Vereine enger zuſammen ſtanden und die aͤu⸗ ßeren m der Zünfte und Gilden ſich nach und nach geſtalteten. Schon damals fanden wir auch die erſten Spuren von beſtimmten Geſetzen oder ſ. g. Willlühren bei einzelnen Gewerken. Allein vol kommener ausgebildet 1) Willk. von Salfeld. 2) S. oben B. III. S. 503. 3) B. V. S. 336 — 337. Ueber das Allgemeine des Gildeweſens vgl. das treffliche Werk von Wilda das Gildeweſen im Mittelalter. Halle 1831.
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720 Städtifhes Gemeinweſen. tritt das Zunft⸗ und Gildeweſen in der Geſchichte Preuf: ſens erſt mit dem funfzehnten Jahrhundert hervor. Der⸗ ſelbige Geiſt zunftgenoͤſſiſcher Verbruͤderung, der ſchon in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts jene Bruͤderſchaft armer Geiſtlichen in Samland als geiſtliche Gilde,“ dann einige Jahrzehende ſpaͤter die Junkercompagnien und Kauf⸗ mannsgilden der vornehmeren Altbuͤrger in ihren Junker⸗ und Artushoͤfen, hierauf am Ende dieſes Jahrhunderts die ritterliche Eidechſen-Geſellſchaft als eine Art von ge⸗ ſchworener Schutzgilde des landſaͤſſigen Adels im Kulmer⸗ lande erzeugt und uͤberhaupt wie in Deutſchland und an⸗ dern Laͤndern das geſammte Zunft- und Gildeweſen ſchon zur vollkommenen Ausbildung gebracht hatte, — der⸗ ſelbe durch das geſammte Leben dieſer Zeiten obwaltende genoſſenſchaftliche Geiſt wirkte nun im funfzehnten Jahr⸗ hundert auch auf die aͤußere Geſtaltung und die innere characteriſtiſche Bildung des Gildeweſens in Preuſſen maͤch⸗ tig ein. Wie uͤberall, wo ſich das Gildeweſen in ſeiner Aus⸗ bildung zeigt, fo waren es auch hier vorzüglich zwei Ele: mente, das kirchliche oder geiſtliche und das geſellige, oder Religion und brudergeſelliges Zuſammenleben, die in der erſten Entwickelung dieſer Erſcheinung zum Grunde liegen und ihr das characteriſtiſche Eigenthuͤmliche ihres Weſens geben.) Die Feier beſtimmter gottesdienſtlicher Feſte und geſellige Gaſtereien unter den Gliedern gleiches Gewerkes bilden auch im Gildeweſen Preuſſens gleichſam die erſten Ringe zu einer Kette von anderweitigen Beſtimmungen und Vorſchriften Über Lebenswandel der Mitglieder, Tuͤch⸗ 1) Vgl. oben B. V. S. 109. 2) um zu ſehen, wie viel Aehnliches auch in dieſer Beziehung aus fremden Ländern und Städten nach Preuſſen übertragen wurde, darf man z. B. nur die Innungsurkunde in Riedels Diplomat. Bei⸗ trägen zur Geſchichte der Mark Brandenb. B. I. S. 336 ff. vom J. 1393 vergleichen. 3) Vgl. darüber das Weitere bei Wilda S. 19, 26. 45. 122.
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Staͤdtiſches Gemeinweſen. 721 tigkeit und Preiswurdigkeit ihrer Gewerkserzeugniſſe und uͤber vieles andere, was das Intereſſe des geſammten Ge⸗ werkes betraf und deſſen Ehre und Gedeihen foͤrdern konnte. Verfaßt und den Gewerken als Willkuͤhren vorgeſchrieben wurden dieſe Beſtimmungen bald vom Ordensgebietiger oder Komthur mit Zuziehung des Nathes und der Aelteſten der Stadt, bald vom Rathe und den Aelteſten mit Zu— ſtimmung und Genehmigung des Komthurs, ) meiſt auf eigenes Anſuchen eines Gewerkes ſelbſt. Eine der aͤlteſten dieſer Handwerkswillkuͤhren iſt die des Schuſtergewerkes zu Braunsberg im Jahre 1386 vom Nathe der Stadt ge⸗ geben.“ Mit ihr ſtimmen im Weſentlichen die uͤbrigen aus ſpaͤterer Zeit ziemlich überall, wiewohl natürlich in jeder einzelnen die individuellen Verhaͤltniſſe des einzelnen Gewerkes hervortreten. Faſſen wir zuerſt das Allgemeine ins Auge, ſo be— ſtand eine Gilde zunaͤchſt aus den Meiſtern eines und deſſelben Gewerkes. Wer Meiſter werden und überhaupt vor oder in einer Stadt das Gewerk treiben wollte, mußte zuvor das Buͤrgerrecht der Stadt gewinnen; ohne daſſelbe ward keiner zum Eintritt in eine Gilde zugelaſſen.) Er 1) Die Willkuͤhr des Schuſtergewerkes zu Friedland v. J. 1406 beginnt mit den Worten: Wir Bruder Marquard von Sultzbach komp⸗ thur czu Brandenburg Thun wiſſentlich allen die deſſin briff ſeen ader hoͤren leſen, das wir mit wiſſen und willen unſer Bruͤder und mit Ja⸗ wort des States und der Eldeſten unfer Stadt Fredelande vorlien und geben von bete wegen und von ſundirlichen gnaden unſern getruwen den Schumechirn in der ſtadt czu Fredelande eyne willekoͤre ober Ir werk umb beſſerunge willen der Stad und ouch des werkes u. ſ. w. 2) Sie beginnt mit den Worten: Wir Ratmanne czu dem Brunf- berge mit willen und mit Rate unfer eibiften und des ganczen Rates durch bequemelicher ordenunge der bruͤderſchaft und der gilden der Schu⸗ macher zo gebe wir in eyne ſchriftliche Beſtetigung, wy ſy ere bruder ſchaft und ire gilde halben ſullen. Die Gilde der Leineweber zu Kulm wird vom dortigen Nathe auf Bitten des Gewerkes förmlich geſtiftet, wie ihre Willkuͤhr ſelbſt ſagt. 3) Willk. der Schuſter zu Braunsberg und Friedland; Willk. der VI. 46
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722 Staͤdtiſches Gemeinweſen. mußte ferner durch Zeugniſſe ausweiſen, daß er ſich als Biedermann ſtets ehrlich und redlich gefuͤhrt habe; Un⸗ beſcholtenheit des Lebenswandels und unbefleckte Ehre gal⸗ ten als die erſten Bedingungen zur Aufnahme in das Gewerk.) Wer in dem Gewerke irgend etwas Unred⸗ liches von ihm wußte, mußte es anzeigen und wer in dem Gewerke ſeyend ſeinen ehrbaren Namen verletzte, z. B. durch Heirat eines in ſeinem Lebenswandel beruͤchtigten Weibes, konnte nicht in der Bruͤderſchaſt des Gewerkes bleiben.) Wer in das Gewerk eintreten wollte, mußte nachweiſen, daß er zum Betrieb des Gewerkes ein gewiſ⸗ ſes Vermögen beſitze;“ er mußte beim Eintritte den Ge⸗ werksgenoſſen gewoͤhnlich eine Tonne Bier, mehre Pfunde Wachs und ein beſtimmtes Eintrittsgeld in die Buͤchſe als Beiſteuer zur Brüderſchaft geben. ” Zur Aufnahme in die Meiſterſchaft des Gewerkes war nothwendig, daß einer den Meiſtern deſſelben eine Probe vorlege; beſtand er da⸗ mit nach ihrem Erkenntniſſe, ſo durfte er forthin als Mei⸗ ſter in ſeinem Handwerke arbeiten. ) Die Meiſter bil⸗ deten den Vorſtand der ganzen Gilde. Von ihnen ge: waͤhlt ſtanden an der Spitze der Verbindung gewoͤhnlich zwei Altermaͤnner, auch die geſchworenen Meiſter, Ge⸗ ſchworene der Zeche oder geſchworene Aelteſte genannt, weil ſie eidlich verpflichtet wurden, die allgemeine policei⸗ liche Aufſicht uͤber die Gilde zu fuͤhren, ihre Ehre in je⸗ Schneider zu Kulm; Willk. der Kuͤrſchner zu Braunsberg; Willk. der Böttcher zu Wehlau: Wer do kumpt in die Stadt der unſers gewerks iſt, der ſal Burgerrecht gewynnen. Willk. der Wollweber zu Kulm. 1) Willk. der Kuͤrſchner zu Braunsberg u. a. Wilda S. 331. 2) Willk. der Schuſter zu Braunsb. und Friedland. 3) WINE, der Schuſter: Ouch ſal her eyne bewyſunge tun, daz her habe eygens gutes und unvorborget uff achte mre; bei andern 4 oder 5 Mark. Wilda S. 332. Willk. der Kürfchner, 4) Diefe Eintrittögebühren fanden bei allen Gilden Statt, waren aber verſchieden. Wild a S. 326. 5) Willk. der Schuſter zu Braunsb. und Friedland. Willk. der Schneider zu Kulm; Willk. der Böttcher zu Wehlau.
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Staͤdtiſches Gemeinweſen. 723 der Beziehung aufrecht zu halten, ihr Intereſſe zu ver treten und in aller Weiſe ihr Wohl und Gedeihen zu för: dern. Der Rath der Stadt nahm fie in Eid und beſta⸗ tigte ihre Wahl.) Es fielen ihnen dadurch neben be; ſtimmten Pflichten und Obliegenheiten auch gewiſſe Rechte und Freiheiten zu. Sie zunaͤchſt waren dem Rathe für alles, was in der Gilde wider Redlichkeit und wider die Satzungen der Willkuͤhr geſchah, verantwortlich; ſie üb- ten daher in Verbindung mit den Meiſtern die Gerichts: barkeit und die Strafgewalt uͤber die Glieder der Gilde aus und handhabten zugleich uͤber alle ihre Zunftgenoſſen die Sittenpolicei. Alle mußten ihnen Gehorſam leiſten und ihren Anordnungen nachkommen.. Wem die ge: ſchworenen Aelteſten und die aͤltern Meiſter aus irgend wichtigen Gründen das Handwerk verboten oder „fein Werk ſchloſſen,“ durfte es wider ihren Willen nicht wieder „aufſchließen.““ Sie hatten die Verpflichtung, von Zeit zu Zeit auf dem Markte umzugehen, um die Arbeit ihrer Zunft zu prüfen; was mangelhaft befunden wurde, be: wirkte eine Strafe; die Waare wurde weggenommen und meiſtens vernichtet.) Es gehörte ferner zu ihrem Amte, darauf zu achten, daß die das Gewerk betreffenden Ge⸗ 1) Willk. der Kuͤrſchner zu Braunsb. Willk, der Fleiſcher zu Kulm, Willk. der Schneider: Sunderlichen von alder gewonheit, fo pflege wir czwene Meiſter us unſerm gewerke czu kyſen, die unſerm werk vor ſteen konnen und die ſullen alle Jar jerlichen eynen Eyd vor dem Rat: ſweren. 8 2) Wille, der Böttcher zu Wehlau. Willk, der Leineweber zu Kulm. 3) Witt, der Kuͤrſchner zu Braunsb.: Den Alterluͤten, di d. bruͤder nach yrem beſten ſynnen gekorin habin und von dem Rathe be ſtetiget ſynt, den ſullen die ander bruder gehorſam ſeyn in redelichen ſachen. 4) Willk. der Leineweber zu Kulm. 5) Dieſe Beftimmung ſteht faſt in allen Willkuͤhren; in der der Schneider z. B.: Ouch ob wir finden mentel, kogeln, Rocke unge⸗ krumpen und das wandelbar iſt, das ſal man buſſen nach des Rates willen. 46
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724 Staͤdtiſches Gemeinweſen. bote und Verordnungen der Landesherrſchaft puͤnktlich ges halten wurden.) Sie konnten das Gewerk zuſammen⸗ rufen, ſo oft ſie wollten; wer nicht erſchien, unterlag ei⸗ ner Strafe; desgleichen konnten fie den juͤngern Mei⸗ ſtern mancherlei Geſchaͤfte auftragen und dieſe mußten ſie auf ihr Geheiß vollfuͤhren. Bei allen feſtlichen oder geſelligen Zuſammenkuͤnſten der Gildegenoſſen fuͤhrten die Altermaͤnner eine gewiſſe policeiliche Aufſicht. Faſt in alien Gildewillkuͤhren ſind die feftlichen Gelage und die Zuſammenkunfte zum gemein⸗ ſamen Trinken mit ganz beſonderer Ausfuͤhrlichkeit und Ge⸗ nauigkeit behandelt, ein Beweis, welche Wichtigkeit ſie fuͤr die Zunftgenoffen hatten. Sie waren verſchieden, denn es fanden erſtens im Jahre vier allgemeine Verſammlun⸗ gen zu Weihnachten, Pfingſten, Faſtnacht und am heil. Leichnamstage Statt. Sie wurden entweder das Gemein⸗ bier oder gewöhnlicher Morgenſprachen genannt. ) Mehr als vier durften nach des Hochmeiſters Gebot in einem Jahre nicht gehalten werden.“ In ihnen kamen die wichtigſten Angelegenheiten der Genoſſenſchaſt, als Aende⸗ rung der Statuten, Rechnungsablegung, Wechſel des Vor⸗ ſtandes u. dgl. zur Verhandlung.“ An dieſen Verhand⸗ lungen nahmen natürlich nur die Meiſter Antheil und 1) Willk. der Fleiſcher zu Kulm. 2) Willk. der Boͤttcher zu Wehlau. 3) Vgl. Wilda S. 121. In der Willk. der Leineweber zu Kulm heißt es z. B. Nymand fal kyndern geben czu trinken aws deme ge⸗ feſſe, do die alden aws trinken bey eyme gutten ſchill. 4) Willk. der Wollweber zu Kulm. Wilda S. 333 — 334 über die Morgenſprachen. 5) Willk. der Schuſter zu Braunsberg und Friedland: So iſt unſers Homeiſters gebot, keyne morgenſprache czu haben, wen czu vier geczyten im Jare und do ſullen bie ſien czwene us dem rathe. Willk. der Kuͤrſchner zu Braunsberg. 6) Wilda a. a. O. Willk. der Fleiſcher zu Kulm: So geen ſie czuſampne in ire Morgenſprache, uff das ſie unſir herren gebot deſte bereiter fint beyde czu tage und czu nachte czu volbrengen.
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Staͤdtiſches Gemeinweſen. 725 wenn es der Rath der Stadt wollte, konnte er zwei Rathsmanne beauftragen, dieſen Berathungen beizuwohnen. Mit dieſen Morgenſprachen waren aber auch Gaſtereien und Schmaͤuſe verbunden und die ganze Familie des Gil⸗ degenoſſen war berechtigt an ihnen Theil zu nehmen, denn ſein ganzes Haus wurde als zur Genoffenfchaft ges hoͤrig betrachtet.) Strenge Geſetze hielten Anſtand und Ordnung aufrecht. Es war ausdruͤcklich geboten, die Ael⸗ teſten in der Morgenſprache mit Achtung zu behandeln; wer ihnen uͤbel begegnete, fie irgendwie beleidigte, erlitt eine namhafte Strafe. Wer ſich im Trinken uͤbernahm, alſo daß er ſich dabei eine Unbill erlaubte, es mochte Mann oder Frau ſeyn, verbußte eine Tonne Bier. Ohne Erlaubniß der Aelteſten durfte kein Meiſter die Morgen⸗ ſprache verlaſſen bei feſtgeſetzter Strafe. Andere und zwar häufigere geſellige Zuſammenkaͤnfte zum gemeinſamen Trinken nannte man das Bruderbier. An ihnen nahmen gewoͤhnlich alle Meiſter und ſelbſt Wittwen des Gewerkes Antheil; ) doch gab es mitunter auch Meiſter, die das Bruderbier nicht mit tranken und die Trinkſtuben nicht mit beſuchten.) Auch fur dieſe Verſammlungen beſtan⸗ den viele und ſehr ins Einzelne gehende Geſetze, befon: ders über das gemeinſchaftliche Trinken. Es hieß z. B. Wenn die Kompanei zuſammen trinkt, ſoll niemand den andern erzürnen; keiner ſoll dann ein Meſſer bei ſich fuͤh⸗ ren, trägt es einer dennoch auf Frevel, fo bußet er mii — — 11 Wilda S. 329 — 330. 2) Wilk. der Leineweber zu Kulm. Willk. der Wollweber daf. Wer dy geſworenen der czeche obil handelt adir ſtroffet, der vorbufiei eyne halbe tonne byr. 3) Willk. der Wollweber zu Kulm. Willk. der Leineweber: Wer do tronket ober die moße und ſich czu unrechte czyret in der czeche, der vorbuſſet eyn pfund wachs. +) Willk. der Schuſter zu Braunsberg. 5) Willk. der Schneider zu Kulm. 0) Willk. der Schneider zu Kulm.
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126 Stadtiſches Gemernweſen. einer halben Tonne Bier. ? Wer in der Kompanei in Frevel boͤſe Worte ſpricht, auch wenn er niemand nennt, ſoll es beſſern mit einer halben Tonne Bier. ? Niemand ſoll unbeſcheiden ſeyn mit Worten oder Werken, weder Mann noch Frau. In der Kompanei ſoll niemand mit dem andern wetten oder fpielen. ? Die zwei letzten, wel⸗ che das Werk gewonnen haben, ſollen das Bier einſchen⸗ ken, wenn die Kompanei zuſammen trinkt; ſind ſie nicht gegenwaͤrtig, ſo geben ſie dem Rathe und der Kompanei ihre Buße.) Keiner darf einen Gaſt einfuͤhren zum Bruderbier ohne Wiſſen der Werkmeiſter oder Aelteſten; was der Gaſt gebricht, muß der beſſern, der ihn einge⸗ ſuhrt.) Von dieſem Bruderbier ausgeſchloſſen zu wer: den oder mit der Bruͤderſchaft nicht mehr trinken zu duͤr⸗ fen, galt fuͤr eine Verſtoßung aus dem Gewerke. Die Aelteſten hatten das Recht, die uͤbrigen Gildebruͤder aus dem Bruderbier nach Hauſe gehen zu heißen; wer auf ihr dreimaliges Gebot nicht ging, unterlag einer Strafe. 0 Was das kirchliche Verhaͤltniß der Gildegenoſſen be⸗ trifft, fo wird in allen Gildegeſetzen das feierliche Be⸗ A) WINE, der Schuſter zu Braunsberg und Friedland. Das Mit: nehmen von Waffen und Meſſern ins Bruderbier wird in allen Will⸗ Führen verboten, z. B. in der der Schneider zu Kulm: Ouch ſo fal keyn bruder unſer bruderſchaft in unſer ſammelunge, dieweile wir bru⸗ dirbir mittenander trinken, keynirhande woffin gros noch kieyne tragen bey eyme pfunde wachs. Willk. der Kuͤrſchner zu Braunsberg: Were es ſache, das eyner heym nach eynem meſſir frevelich liefe und das in die brudirſchaft brechte, der ſal eine halbe tonne bier haben gebrochen. 2) Willk. der Schneider zu Kulm. Willk. der Fleiſcher zu Braunsb. Willk. der Boͤttcher zu Wehlau. 3) Willk. der Schuſter zu Braunsb. Willk. der Leineweber zu Kulm: Wer do ſpelet in der czeche, gebe eyn pfund wachs. 4) Willk. der Kuͤrſchner zu Braunsb. Willk. der Schuſter daf. 5) Willk. der Schneider zu Kulm. Willk. der Schuſter zu Fried⸗ land und Braunsberg. 6) Will. der Schneider zu Kulm. In der Willk. der Böttcher zu Wehlau: Alle ere gildebruͤder ſullen gleych beczalen ir gildebir, dy bynnen landes ſeyn, ſy trinken mete ader nicht.
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Stäbtiſches Gemeinweſen. 727 graͤbniß und die Sorge fuͤr das Seelenheil der verſtorbe⸗ nen Brüder am meiſten hervorgehoben.“ Weil, wie ſchon erwaͤhnt, das ganze Haus des Gildebruders zur Gilde mitgehoͤrte, ſo erſtreckte ſich jenes auch auf alle Glie⸗ der der Familie. Die Willkuͤhren ſetzten daher feſt: Wenn einer aus der Bruͤderſchaft ſtirbt, dem man Vigilien fingt, ſo ſoll jedermann dabei ſeyn; wer nicht mit im Sterbe⸗ hauſe oder beim Begraͤbniß iſt oder die Meſſe verfaumt, bußet ſechs Pfennige. Wer mit zur Bruͤd erſchaft ge: hoͤren will, muß mit ihr das Seelgeraͤthe halten. ) Man ſoll alle Jahr Spende geben durch Gott zu unſerer Frauen Ehre, den Seelen zu Troſt, die aus der Bruͤderſchaft ver⸗ ſchieden find. ? Die vier jungſten Meiſter ſollen der Lich⸗ ter oder Kerzen warten zu allen heiligen Tagen, zu Lei⸗ chen und Vigilien u. ſ. w. Auch Knappen, Geſellen, Lehr⸗ jungen und Knaͤppinnen des Gewerkes, wenn ſie des Seel⸗ geraͤthes wuͤrdig waren, trug das Gewerk mit Kerzen zu Grabe und beging ſie mit allen Aemtern gleich den Mei⸗ ſtern; desgleichen begrub man Weiber und Kinder „fo ſaͤuberlichſt man konnte.“ ) Bußgelder und das als Strafe gelieferte Wachs fiel dem Seelgeraͤthe der Gilde zu. Jede Gilde hatte ihre eigene Kaſſe, die Buͤchſe, Burſe oder Boͤrſe genannt. Sie war in den Haͤnden der Altermaͤnner.) Sie gaben aus ihr kranken Gefellen Unterſtüͤtzung, bis fie geneſen das Geliehene wieder ent⸗ richten konnten. Wer das, was er dem Gewerke ſchul⸗ dete, nicht entrichtete, dem wurde das Handwerk nieder⸗ 1) Wilda S. 123. 335. 2) Willk. der Schuſter zu Braunsb. und Friedland. Willk. der Schneider und Leineweber in Kulm. 3) Willk. der Leineweber zu Kulm. a) WINE. der Schuſter zu Braunsb. 5) Willk. der Schuſter zu Friedland. Willk. der Leineweber zu 60 Will, der Leineweber und Fleiſcher zu Kulm. 7) Willl. der Böttcher zu Wehlau: Das ſie haben czu kyſen czwene vorſtendige manne, dy ſullen rathen vor die buͤchſe.
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728 Staͤdtiſches Gemeinweſen. gelegt.) Die einzelnen Willkuͤhren umfaßten überhaupt noch eine Menge von Vorſchriften und Geſetzen, um Ord⸗ nung, Recht und Anſtand in den Gilden aufrecht zu er⸗ halten. Hier nur noch einige als Beiſpiele: Wer an Feiertagen, am Sonnabend bei Abendzeit oder an jedem Feierabend arbeitet, bußet eine gute Tonne Bier.“ Wer dem andern ſeinen Kaufmann entfremdet auf dem Kauf: hauſe, giebt zwei Pfund Wachs. Kein Meiſter ſoll dem andern ſeine Kunden oder Arbeiter und Geſinde entziehen oder entfremden. Welcher Meiſter des Gewerkes Heim⸗ lichkeit meldet, ſoll dem Gewerke forthin nicht mehr gut genug ſeyn.) Wer einen Lehrjungen annehmen will, muß ihn zuvor den Meiſtern vorſtellen; aber man ſoll keinem Preuſſen das Handwerk lehren.) Im Schneider⸗ gewerk zu Kulm galt das Geſetz: Es ſolle niemand einen andern zu Hohn und Spott mit einem andern Namen benennen, als den er redlich fuͤhrt; wird einer deſſen uͤber⸗ wieſen, ſo ſoll er ein Pfund Wachs verbußen. — Daß die Zünfte auch in den Staͤdten Preuſſens Abtheilungen der ſtaͤdtiſchen Kriegsmacht bildeten, in die Kriegs = Mayen eintrafen und durch die Luft des Volgelſchießens in ihren Schießgaͤrten zum Ernſt des Krieges ſich vorbereiteten, iſt bereits erwähnt worden. 0 Immer aber behielt die Landesherrſchaft die Ober⸗ gewalt und Oberaufſicht Eber das geſammte Gildeweſen. Geſetze des Hochmeiſters über die Verhaͤltniſſe eines Ge⸗ werkes in allen Staͤdten des Landes, gewoͤhnlich zuvor mit den Praͤlaten, Gebietigern und den Staͤdten berathen, 1) Willk. der Leineweber zu Kulm. 2) WINE der Wollweber zu Kulm. 3) In faſt allen Winkühren wiederholt. Wilda S. 336, 4 Willk. der Wollweber zu Kulm. 5) Willk. der Schuſter zu Friedland und Braunsb. 6) Vgl. auch Wilda S. 162. 340. Hüllmann Geſch. des Urſpr. der Staͤnde S. 570.
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Staͤdtiſches Gemeinweſen. 729 mußten uͤberall beſolgt werden.) Geſteigerter Arbeits⸗ lohn und Preiserhoͤhungen der Waaren in theueren Zeiten mußten vom Hochmeiſter zuvor genehmigt feyn. 9 Die Landesherrſchaft beſtimmte auch, wie viel Baͤnke oder Buden jedes Gewerk in einer Stadt halten duͤrfe und in welchem Umfange außerhalb der Stadt ein Gewerk nicht betrieben werden ſolle.) Dieß war nothwendig wegen des von den Gewerksbaͤnken und Kaufbuden zu leiſtenden Zinſes, denn uͤberall, wie wir wiſſen, waren ſie zinspflichtig bald unmittelbar an die Herrſchaft oder an den Bezirkskomthur, bald an die Stadt ſelbſt, wenn ihr die Herrſchaft die Zinseinnahme gegen eine im Ganzen zu zahlende Summe uͤberlaſſen hatte.“ In dieſem Falle verfügte der Rath der Stadt völlig frei über die Zahl, Verpachtung oder den Verkauf der Baͤnke an die einzelnen Gewerke und zog dann für die Stadt auch jeden Gewinn daraus.“ Von manchen Gewerken fiel ein Theil der Baͤnkezinſen der Herrſchaſt, der andere der Stadt zu.“ Die Staͤdte 1) Schreiben des HM. an den Rath von Danzig v. J. 1419 wegen einer Verordnung uͤber Tuchfabrication fuͤr die Wollweber, im geh. Arch. Schiebl. LX. nr. 234. 2) Mehre ſolche Vorſtellen an den HM. vom Fleiſcher⸗, Moll: weber⸗, Kuͤrſchner- und Schuſtergewerke in Thorn Schiebl LII. ur. 50 — 54. 3) Auch die Willkuͤhren der Gewerke ſelbſt enthielten Beſtimmun⸗ gen darüber. Zunft- und Waarenzwang war faſt in allen Städten. Willk. der Schuſter zu Friedland: So haben wir gegeben dem werke czu huͤlfe off das, das is ſich deſte bas behelffen moge, das keyn Schu⸗ mecher ſal arbeiten bynnen eyner myle und och ſal keyner ſchu obir ſie bringen in dy Stadt czu Markte czu vorkowffen. 4) S. oben S. 647. 5) Privileg. v. Marienburg in meiner Geſchichte Marienb. S. 517. So verkaufte der Rath von Mewe 1353 die Fleiſchbaͤnke der Stadt an das dortige Fleiſchergewerk für einen ewigen Zins von 45 Vierdung fuͤr jede Bank im Jahre. 6) S. die Handfeſte des Fleiſchergewerkes zu Marienburg in m. Geſch. Marienb. S. 518 — 519. In manchen Staͤdten fiel ein Drit- theil der Zinſen von den Bänken der Stadt zu,
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730 Staͤdtiſches Gemeinweſen. hatten ferner gewoͤhnlich auch einen Theil von den von den Gewerken fallenden Strafgebühren, wenigfiens fiel bei manchen Vergehungen ein Theil oder auch das Ganze des Strafgeldes dem Rathe der Stadt anheim. Uueberdieß war den Staͤdten in der Regel auch von der hohen Ge- richtsbarkeit meiſtens ein Drittheil der Strafgefaͤlle, zu⸗ weilen auch die Haͤlfte als Einnahme zugewieſen. In die Stadtkaſſe floß außerdem ein Theil der in den Stadtwill⸗ küͤhren beſtimmten Strafgebuͤhren, gewöhnlich die Halfte; ?“ desgleichen die Gebühren für Erlangung des Buͤrgerrechts, und dieſe Einnahme vermehrte ſich, je größer und volk reicher nach und nach die Städte wurden.“ Zudem zog man auch Einkuͤnfte aus der ſtaͤdtiſchen Jagdgerechtigkeit und aus den Abgaben der Bürger für die gemeine Vieh⸗ weide. Die reichſte Duelle des Einkommens der Stadt- kaſſe waren aber unſtreitig die manchfachen Zufluͤſſe aus der ganzen Stadtfreiheit, in welcher der Rath der Stadt theils Aecker, Wieſen, Viehweiden oder Muͤhlen auf Pacht ausgab, theils Stabtbörfer gründete, die der Stadt zins⸗ und dienſtpflichtig die ſtaͤdtiſchen Einkuͤnfte bedeutend ver⸗ mehrten, denn ſie hatten in der Regel alles der Stadt zu leiſten, wozu andere dem Orden oder Biſchofe ver⸗ pflichtet waren.) Aus ihnen und uͤberhaupt aus der 1) 3. B. in der Willk. der Schuſter zu Braunsberg: Wer Schu koufet buſen der ſtad und vorkoufet ſy hir wyder in der ſtad, der ſal das beſſeren dem rate und der kumpania. Willk. der Kuͤrſchner zu Braunsberg. 2) Beiſpiele in der Willk. von Kulm. 3) In den Actis Praetor. p. 60 heißt es v. J. 1398 in Be: ziehung auf Braunsberg: do wart der Rat eyns, wer burgerrecht ge⸗ wynnet ader eyn hantwerk triben wil in unſer ſtad, zo ſal das myneſte gelt ſin eine halbe marc. 4) Auf dieſes Verhaͤltniß der Stadtdoͤrfer zur Stadt bezieht es ſich auch, wenn es in den Actis Praetor. p. 33 heißt: Anno 1411 do wart der rat eyns alt und jung, wenn eyn hubener gewynnet bu⸗ werrecht, der ſal geben VIII ſcot czu buwerrechte und wen eyn gertener gewynnet buwerrecht, der ſal geben 1III ſcot czu buwerreckte.
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Staͤdtiſches Gemernweſen. 731 ganzen Stadtfreiheit fielen endlich der ſtaͤdtiſchen Kaffe auch die Gerichtsfaͤlle zu, wie fie fie innerhalb ihrer eige⸗ nen Mauern hatte. Was endlich das Verhaͤltniß der Neuſtaͤdte zu den Altſtaͤdten betrifft, ſo ſind die erſtern immer als beſondere und ſelbſtaͤndige Kommunen zu betrachten, die, bei zu⸗ nehmender Bevoͤlkerung entſtanden, ſich den letztern gleid)- ſam als Schweſterſtaͤdte nur angeſchloſſen hatten.“) In der Regel waren ſie mit demſelben Rechte der Altſtaͤdte bewidmet, wie z. B. die Neuſtadt Elbing mit Luͤbeckiſchem Rechte, weshalb auch ihre Buͤrger dieſelbigen Rechte und Freiheiten wie die der Altſtaͤdte genoſſen.“ Uebrigens aber nahm an dem, was einer Altſtadt zugehoͤrte, es mochten Beguͤnſtigungen, ſtaͤdtiſches Eigenthum u. ſ. w. ſeyn, die Neuſtadt in keiner Beziehung Theil. Sie hatte ihren eigenen Buͤrgermeiſter und Rath, ihre eigene Ver⸗ waltung und beſondere Gerichtsbarkeit, ihre eigenen Ein⸗ 1) Die auf eine Nachricht bei Schütz gegründete Angabe Ba cz⸗ ko's B. II. S. 334, daß die Neuftädte erſt unter Konrad von Wal: lenrod aus Veranlaſſung des Geſetzes entſtanden ſeyen, daß Polen, Litthauer und Kurländer das Buͤrgerrecht erhalten follten, iſt ganz un⸗ richtig, denn viele Neuſtaͤdte waren ſchon viel früher vorhanden. Eine Urk. des Landmeiſters Konr. v. Thierberg erwähnt der Neuſtadt Thorn ſchon 1276 (Orig. im Rathsarchiv zu Thorn); die Neuſtadt Elbing erhielt ſchon 1347 Luͤbeckiſ. Recht. Die Handfeſte der Neuſtadt Koͤnigs⸗ berg (Loͤbenicht) iſt ſchon im J. 1300 ausgeſtellt. 2) Vgl. das Privileg. der Neuſtadt Königsberg (Loͤbenicht) bei Lucas David B. IV. Beil. nr. XIV. S. 39. In einer Urk. des Landmeiſt. Konrad Sack uͤber die Neuſtadt Thorn heißt es: Quod prediete eivitatis nove cives et incole habuerunt et habere de- bent tam ex predictorum collatione, quam ex nostra innova- tione, inperpetuum omnes emunitates, libertates et jura anti- que civitatis, ut sicut in antiqua sit et in nova civitate cives et incole piscandi, braxandi, carnes mactandi, vendendi et emendi hec et alia usibus hominum necessaria et generaliter omnia bono statui eivitatis valentia faciendi sine reclamatione et exceptione doli cuiuslibet liberam inperpetuum habeant fa- cultatem.
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732 Doͤrfliches Gemeinweſen. fünfte und gegen den Landesherrn auch ihre beſondern Verpflichtungen. Sie erhielten gewoͤhnlich bei ihrer Gruͤn⸗ dung auch ihr beſonderes ſtaͤdtiſches Landgebiet und in dieſem die Gerichtsbarkeit ebenſo wie die Altſtaͤdte; des⸗ gleichen ihr eigenes Rathhaus und Kaufhaus, ihre eigenen Gewerksbaͤnke und ihre beſondere Marktgerechtigkeit.“ Alſo waren die Neuſtaͤdte uͤberhaupt Kommunen, welche nur ihre Nachbarſchaft und ihr gleicher Name mit den Altſtaͤdten verſchwiſterte. Doͤrfliches Gemeinweſen. Die Dorfgemeine beſtand, wie früher bereits erwähnt, in der Regel nur aus ſolchen Bauern des Bauernſtandes, die einem Dorfverbande zugehoͤrend die Dorfrechte beſaßen, unter dem Dorfſchultheißen ſtanden und einen Theil der Dorffeldmark bebauten. ? An ſie als die eigentlichen Hubenbeſitzer oder Hakenbauern ſchloſſen ſich in manchen Dörfern die ſ. g. Gärtner an, die aber, wie wir früher hoͤrten, nicht gleiche Rechte mit den Dorfbauern genoſſen und daher nur als Dorfeinſaſſen zu betrachten ſind. Es iſt erinnerlich, daß jedem Dorfe bei feiner Gründung ges woͤhnlich eine beſtimmte Feldmark oder eine gewiſſe An⸗ zahl von Huben zugewieſen, dem Schultheißen aber, als dem Gruͤnder der eigentlichen Dorfgemeine die Verpflich⸗ tung auferlegt wurde, die Dorfhuben mit Anbauern zu beſetzen. In der Regel war es ihm auch ganz überlaſſen, wie er die Dorfhuben vertheilen und wie viel er einem 1) Im erwähnten Privileg. der Neuſtadt Thorn heißt es: IIa: bebunt insuper et habere debent predicti cives in sua civitate forum liberum, quod et larga interpretatione intelligi volumus, omni sabbato pleno jure etc. ; vgl. damit das Privileg. der Neuſtadt Königsberg bei Lucas David a. a. O. 2) Es ſind dieſes, wie oben erwähnt, die Villani, villarum in- colae, inhabitatores villae oder villae rustici.
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Doͤrfliches Gemeinweſen. 733 neuen Dorfbewohner uͤbergeben wollte, weshalb in vielen Doͤrfern auch die Größe des Beſitzes der einzelnen Dorf⸗ bewohner und wie natürlich auch ihre Wohlhabenheit ſehr verſchieden war. Allein nicht immer war dem Schulthei⸗ ßen darin freie Hand gelaſſen; vielmehr wurde ihm bis⸗ weilen ſogleich bei Beſetzung des Dorfes beſtimmt vorge⸗ ſchrieben, wie viel Huben jeder Dorfbauer beſitzen ſolle, ſo daß dann der Vermoͤgensſtand wenigſtens im Beſitz von Landeigenthum unter allen gleich war.“ An der Spitze der Dorfgemeine ſtand regelmaͤßig, wenn die Bewohner Deutſche waren, der Schultheiß, in den erſten Zeiten gewoͤhnlich der Gruͤnder des Dorfes, weil er faſt immer als Lohn für die Beſetzung des Dor⸗ fes das Schultheißen-Amt und drei bis fünf Huben Frei⸗ land erhielt.) In den meiſten Dörfern verblieb das Amt lange in einer und derſelben Familie, denn es war gewoͤhnlich mit den freien Schulzen-Huben auch den Nachkommen erblich zugeſchrieben.“ Aber das Amt nebſt dem Landbeſitze konnte vom Inhaber mit des nahegeſeſſenen Komthurs oder Vogts Einwilligung an einen andern vers äußert werden. Starb ein Schultheiß ohne Erben, fo fiel das Amt mit feinen Freihuben an den Orden oder Biſchof zuruͤck und wurde von dieſem gewoͤhnlich an einen andern verkauft.) So faft in allen Dörfern mit Kul⸗ 1) S. oben S. 578 Anmerk. 3. Gewoͤhnlich ging die Beſtimmung darauf hin, daß ein ſolcher Dorfbewohner nicht uͤber zwei oder drei Zinshuben beſitzen ſolle. 2) Drei, vier oder fünf Huben war das gewöhnliche Landeigen⸗ thum, welches ihm zukam, mitunter aber auch 8 Huben. Häufig er⸗ hielt er von der ganzen Zahl der Dorfhuben die zehnte. Ueberhaupt herrſchte hiebei keine durchgehende Gleichmäßigkeit. 3) S. was oben B. III. S. 476 darüber geſagt if, Vgl. Wohl⸗ bruck Geſch. des Bisth. Lebus B. 1. S. 209. 4) Vgl. B. III. S. 477. Sehr deutlich ſpricht über die Sache der Schultheißen-Brief des Samland. Dorfes Blumenau vom J. 1352, wo der Biſchof ſagt, daß er pretextu locationis ville eiusdem tres mansos ibidem liberos neenon oſſicium Scultecie ac terciam par
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734 Doͤrfliches Gemeinweſen. miſchem Rechte. Es finden ſich indeſſen beſonders in bi⸗ ſchoͤflichen Landen auch Beiſpiele, daß den Dorfbauern entweder nach dem Ausſterben der Familie ihres erſten Schultheißen oder uberhaupt die freie Wahl ihres Schult⸗ heißen zugeſtanden und der Landesherrſchaft nur die Be⸗ ſtaͤtigung des Erwaͤhlten vorbehalten war, oder auch daß Schultheißen ſich ohne weiteres Stellvertreter in ihrem Amte waͤhlen konnten.) In vielen Doͤrfern, beſonders tem iudiciorum proveniencium ab incolis diete ville tantum Con- rado dicto Sudow et suis heredibus iure Culmensi contulisset hereditatis titulo possidenda. Cumque prefatus Conradus et sui heredes bona ipsa, ut premittitur, aliquot annis possedisset, omnia ac singula bona ipsa eo iure, quo actenus possederunt, de consensu ac voluntate nostri predecessoris antedieti Herman- no Wenken et suis heredibus pro certa summa pecunie racio- nabiliter vendiderunt; eodemque Hermanno mortuo Theodricus Scultetus in Medenow tutor seu curator heredum predicti IIer- manni de voluntate ipsorum prelibata bona cum omnibus suis iuribus Gerkoni de Blumenow et suis heredibus pro certa quan- titate pecunie iustis empcionis et vendicionis intervenientibus titulis concorditer de nostro consensu vendidit, eaque omnia et singula in nostris manibus resignavit. Nos itaque empeionem et vendicionem, ut predictum est, factam ratificamus recepta- que resignacione predicta officium scultecie in prefata villa Blumenow ac terciam partem iudiciorum maiorum et minorum — Gerkoni ac suis heredibus iure Culmensi contulimus. 1) Verſchreib. des Ermland. Dorfes Woynithen bei Melſack vom J. 1390: Concedimus insuper ex speciali gracia eisdem (incolis) potestatem et licenciam cum consilio Advocati nostri, eligendi inter se Scultetum, ad quem causas parvas referant, cui eciam minora iudicia scilicet quatuor solidorum et infra quoadusque illi officio prefuerit, assignamus; fo öfter in Ermländ. Urkunden. In einer Verſchreib. von 1327 überträgt der Samland. Biſchof einem gewiſſen Frowin ein Schultheißen⸗-Amt und ſagt: Adieimus eciam, quod Frowinus et sui heredes de familia in bonis ipsorum pre- dictis residenti plenariam indiciariam habeant facultatem et quod si procedenti tempore Frowino vel suis heredibus expediens vi- deretur vel si ipsos a dieta villa abesse contingeret, extune alium scultetum loco ipsorum substituendi liberam habeant op- tionem.
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Doͤrfliches Gemeinweſen. 735 in denen von größerem Umfange ſtanden neben dem Schult⸗ heißen auch noch Rathleute und Dorfaͤlteſte, welche das doͤrfliche Gemeinweſen mit verwalteten. Es gab auch Doͤrfer, welche zwei Schultheißen hatten, beide mit vier Freihuben zu ihrem Dienſte. In Ruͤckſicht ſeiner Amtspflichten war der Dorf⸗ ſchultheiß überhaupt verbunden, das Dorf in allen ſeinen Rechten und ſonſtigen Gemeine Angelegenheiten ſowohl gegen die Nachbardoͤrfer als bei der Landesherrſchaft in allen Fällen zu vertreten, aber zugleich auch fir die Ans forderungen der Herrſchaft in Ruͤckſicht aller pflichtigen Leiſtungen und Dienſte einzuſtehen. Zunaͤchſt gehoͤrte es ſeinem Amte an, von den Dorfbauern den Zins einzu⸗ nehmen und ſeiner Landesherrſchaft zu uͤberliefern, wofuͤr fein Hubenbeſitz frei von Zinsleiſtung war.“ Er hatte zweitens fuͤr die Entrichtung des Zehnten zu ſorgen und ihn dem, welchem er zugehoͤrte, zu Übergeben. Drittens erhielt der Schultheiß zuweilen außer ſeinen Freihuben noch einige Morgen Wieſewachs mit der Verpflichtung, darauf ein Pferd von etwa drei Mark an Werth zu hal⸗ ten, damit ſich der nahegeſeſſene Komthur deſſen auf ſei⸗ ner Reife bedienen koͤnne, fo oft er es verlange. Auch finden ſich Beiſpiele, daß die Schultheißen hie und da gehalten waren, die Sendbriefe der Ordensgebietiger von einem Dorfe zum andern zu befördern. ? Viertens war der Schultheiß, wie fruͤher erwaͤhnt, verpflichtet, dem 1) Haͤuſig kommen in doͤrflichen Urkunden Seultetus, consules et seniores, Schultheis, Ratluͤte und Eldeſten des Dorfes vor. 2) S. B. III. S. 479. Es heißt oft ausdruͤcklich in Urkunden: Umb das her (der Schultheiß) und ſeine nachkomelinge uns unſern czins fat uerichten, fo lie wir im fry vir huben mit dem dritten pfennige allis gerichtes glich andirn Schultiſſen in unſerm gebite. 3) Verſchreib. des Komthurs von Danzig v. 1365. J) So ertheilt der Landmeiſter Konrad Sack im J. 1306 dem Schultheißen eines Dorfes bei Roggenhauſen 6 Huben und ſagt: de quibus sex mansis tres liberos pussidebit, ita ut ipse et sui hie- redes de prefatis liberis mansis litteras missiles fratrum in vil-
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736 Doͤrfliches Gemeinweſen. Orden oder Biſchofe auf Kriegsreiſen den Lehendienſt mit einem Roſſe von beſtimmten Preiſe zu leiften. ? Fuͤnftens uͤbte er uͤber ſaͤmmtliche Dorfbewohner, Hubenbeſitzer und Gaͤrtner, nur mit Ausnahme der Preuſſen, Polen und in den Straßengerichten, die Gerichtsbarkeit und zwar unter den Rechten und Beſchraͤnkungen, wie wir ſie fruͤher ken⸗ nen gelernt.“ In dieſem Amtsgeſchaͤfte bildete der Schult— heiß mit den Rathmannen und Dorfaͤlteſten, wo ſolche waren, das Dorfgericht, von welchem in manchen Doͤrfern die Berufungen in geſtraften Urtheilen an den Schoͤppen— ſtuhl der naͤchſten Stadt gingen.“ Wie ſonach der Schultz heiß der erſte richterliche Beamte des Dorfes, ſo war er zugleich die naͤchſte Policeibehoͤrde, weshalb es uͤberhaupt in ſeiner Amtspflicht lag, in allen Fällen die Aufficht uͤber die Dorfordnung zu fuͤhren, d. h. diejenigen Beſtim⸗ mungen aufrecht zu erhalten, welche die Bewohner eines Dorfes als feſtſtehendes Herkommen und uͤbliches Recht unter ſich anerkannt hatten. Man faßte dieß hie und da in fe g. Dorfwillkühren zuſammen mit Beſtimmung der Bußen fir die Uebertreter der Dorfordnung. Eine ſolche, die ſich vom Dorfe Lupen noch erhalten, gebietet, dem Schultheißen und den Rathmannen des Dorfes gehorſam zu ſeyn, vor dem erſtern zu erſcheinen, wenn er im Dorfe umruft oder jemand vorladet, die Feldgraben zu machen oder zu raͤumen, wenn es die Dorfaͤlteſten anſagen, die Zaͤune gehoͤrig auszubeſſern, Vieh und Pferde auf der Weide ſorgſam zu huͤten, damit kein Schade geſchehe, keines andern Wieſe zu uͤberfahren, kranke Pferde gehörig abzuſondern u. dgl. las, que Nogathen et Wyderne nuncupantur, quandocunque a fratribus requisitus fuerit, ducere sit ligatus. 1) S. oben S. 679. 2) S. oben S. 628. 3) ©. oben S. 592. Vgl. Wohlbruͤck Geſch. des Bisth. Lebus V. I, 225 uͤber die Verpflichtung der Lehenſchulzen. 4) Ueber das Alter dieſer Dorfwillkuͤhr (in einem Fol. Verſchrei⸗
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Doͤrfliches Geme inweſen. 737 Für dieſe Amtsgeſchaͤſte genoß der Dorffchultheiß manche Vorrechte und Einkuͤnfte. Er beſaß zuerſt eine Anzahl von Huben frei von Zins und bäuerlicher Arbeit. Hatte er neben ſeinen Schulzen-Huben noch Zinshuben, ſo war er fuͤr dieſe wie jeder andere Hubenbeſitzer zins⸗ pflichtig. Ihm gebuͤhrte ferner der dritte Theil der Gerichtsgefaͤlle ſowohl der niedern als hohen Gerichtsbar⸗ keit, obgleich er die letztere nie ſelbſt, wenigſtens nicht ohne Beiſeyn eines Bevollmächtigten des Ordens übte. Es fiel ihm ebenfalls der dritte Pfennig zu, wenn ein Preuſſe oder Pole innerhalb der Dorfmark mit handhafter That von Dorfeinwohnern aufgegriffen und nach Landrecht vom Schultheißen in Gegenwart eines Ordensritters ges richtet wurde.) Es iſt bereits erwähnt, daß ihm auch im freien Fiſcherei⸗Rechte und in freier Schaftrift häufig gewiſſe Vorzüge ertheilt, nicht ſelten der Kretzem des Dor⸗ fes oder doch ein Theil des davon fallenden Zinſes zuge⸗ wieſen wurde. Hielt er den Kretzem ſelbſt, ſo zinſte er entweder dafuͤr dem Orden oder er beſaß ihn zinsfrei. Von den Brot⸗ und Fleiſchbaͤnken oder andern Krambuden des Dorfes zog er in der Regel die Haͤlfte des Zinſes, mitunter auch den geſammten Zinsertrag.“ Hie und da erhielt er auch das Vorrecht, im Dorfe eine Muͤhle zu bungen im geh. Archiv) laͤßt ſich nichts beſtimmen; die Abſchrift iſt of⸗ fenbar jünger als die Willkuͤhr ſelbſt. 1) Bei Verleihungen ſolcher Zinshuben neben den Freihuben heißt es wohl auch: der Schultheiß erhalte fie „uf das das her ſinen hoff deſte bas moge gehalden.“ urk. v. J. 1373 in Privileg. Capit. Po- mesan. p. XXXV. 2) Eine in Verſchreibungen ſehr häufig vorkommende Beſtim⸗ mung. 3) Verſchreib. des Dorfes Schoͤnwalde von 1303: Preterea de taberna et maxillis, in quibus panes vel carnes venduntur, quit- quid census derivabitur annuatim dimidia pars ad domum no- stram et dimidia ad scultetum dietum et suos posteros pertine- bit; jo oft in Dorfverſchreibungen. VI. 47
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738 Doͤrfliches Gemeinweſen. erbauen) oder im nahen Ordenswalde alles benoͤthigte Holz füllen zu dürfen.) — Ob auch die Rathmanne und Dorfölteften, waͤhrend fie Vorſteher der Dorfgemeine waren, gewiſſe Einkünfte und Vortheile genoſſen, iſt nicht zu beſtimmen, da wir uͤberhaupt uͤber ihre naͤheren Ver⸗ haͤltniſſe ſehr wenig unterrichtet ſind. Ueber die verſchiedenen Leiſtungen der Dorfgemeinen an die Landesherrſchaft, Über Zins und Zehnten, über die manchfaltigen Dienſte, welche ihnen oblagen, iſt bereits geſprochen.“ Hie und da hatten Dörfer noch ganz be⸗ ſondere Vorrechte und Beguͤnſtigungen. Den Bewohnern des Dorfes Schoͤnwalde war z. B. in früher Zeit die Erlaubniß ertheilt, ſich zu ihrem Schutze im Dorfe eine Burg zu erbauen, in welche ſie ſich in Tagen der Noth flüchten koͤnnten.) Einzelne Dörfer beſaßen freie Markt⸗ gerechtigkeit.“ Im Dorfe Kampenau bei Chriſiburg hatte jeder Einwohner das Recht, mit Fleiſch und Brot Ge⸗ werbe zu treiben; ® in manchen Dörfern waren die Kretzem bevorrechtet, mit allen moͤglichen Lebensbeduͤrfniſſen handeln zu duͤrfen, waͤhrend andere nur auf den Verkauf gewiſſer Nahrungsmittel beſchraͤnkt waren. Im Allgemeinen war in der Regel den Deutſchen Dorfbewohnern oder den Ein⸗ ſaſſen Deutſcher Dörfer freiere Beweglichkeit geſtattet als den Bewohnern Preuffifher Dörfer, wozu ſchon das Ver⸗ baltniß der Deutſchen zu ihrem eigenen Schultheißen und 1) Verſchreib. des Dorfes Schönwalde; Verſchreib. des Dorfes Kuwal v. 1378. 2) Verſchreib. des Dorfes vor Roggenhauſen v. 1303. Vgl. auch Wohlbruͤck Geſch. des Bisth. Lebus B. I. S. 203. 219. 3) Vgl. B. III. S. 477 und in dieſem Bande S. 666. 4) Privileg. v. 1302: Indulgemus predicto sculteto et rusti- cis ville, quod infra terminos suos edificent castrum, si volunt, ad quod confugiant tempore necessitatis. 5) So hatte z. B. das Dorf Streczin ſchon im J. 1352 ein libe- rum forum. 6) Verſchreib. von Kampenau im Chriſtburgiſ. Verſchreib.⸗Buch.
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Doͤrfliches Gemeinwesen. 739 ihren aus ihrer Mitte gewählten Rathmannen gewiß vie⸗ les beitrug. Der Orden war auch bemüht, die Vermi⸗ ſchung der Deutſchen und Preuſſen in einem Dorfe fo viel als moͤglich zu verhindern. Es beſtanden daher die Verordnungen: Wer Deutſche Dörfer beſetzen wolle, ſolle es alſo beſtellen, daß man keinen Preuſſen auf eine Deut⸗ ſche Hube ſetze. Kein Deutſcher weder in Staͤdten, noch in Deutſchen Doͤrfern oder Kretzem ſolle einen Preuſſiſchen Knecht oder eine Preuſſiſche Magd in feinen Dienſt neh: men; finde man dennoch ſolche in Deutſchen Doͤrfern, ſo ſolle daruͤber die Herrſchaft Gericht halten. Es folle über: haupt kein Preuſſe und keine Preuſſin in Deutſchen Doͤr⸗ fern oder in Staͤdten dienen oder Bier ſchenken, auch ſelbſt bei andern Preuſſen keine Dienſte nehmen ohne Mit⸗ wiſſen ihrer Aeltern. In Doͤrfern, deren Bewohner ausſchließlich Preuſſen waren, geſtalteten fi natürlih viele Verhaͤltniſſe ſchon aus dem Grunde ganz anders, weil kein Schultheiß an der Spitze der Dorfgemeine ſtand. Die Gerichtsbarkeil über die Bewohner dieſer Dörfer hatte der Komthur oder der Vogt des Biſchofs und Kapitels oder der Vogt der Landſchaft. Einen großen Theil der Amtsgeſchaͤfte des Deutſchen Schultheißen verwaltete in Preuſſiſchen Dörfern der über einen gewiſſen Diſtrict geſetzte Kämmerer, häufig ein Preuſſe, der in feinem Kammeramte den Zins ein: nahm, die ſonſtigen Dienſte und Leiſtungen forderte, aber dafür nicht die Vorrechte und Beguͤnſtigungen des Dorf- ſchultheißen genoß. Er beſaß indeß immer auch Land⸗ eigenthum, hielt haͤufig einen Kretzem und war ſelten mit vielen anderweitigen Dienſten und Laſten beſchwert, die nicht zu Verwaltung feines Kammeramtes gehoͤrten. 2) 1) Diefe Verordnungen führen zwar die Ueberſchrift: Alſo ſal mans halber. in der Wiltniſſe; aber fie galten ohne Zweifel allgemein; einzelner ähnlicher Beſtimmungen finden wir z. B. auch in Samland erwahnt. 2) Ueber die Kaͤmmerer weiſen die Zins⸗ und Verſchreibungs⸗Buͤcher das Noͤthige aus. N 47 *
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740 Kirchenweſen. Kirchenweſen. Die erſten Kirchen, deren bald nach des Ordens Ein⸗ tritt in Preuſſen Erwähnung geſchieht, befanden ſich in Kulm und Thorn. Der Landmeiſter verſah im Kulmiſchen Privilegium jede derſelben mit vier Huben Landes, ver⸗ ſprach aber uͤberdieß jeder noch andere vierzig Huben an⸗ zuweiſen. Das Patronatrecht uͤber dieſe Kirchen behielt er dem Orden vor, erklaͤrend, daß dieſer fie mit tuͤchti⸗ gen Pfarrern beſetzen werde. Es wurde damals auch be⸗ ſtimmt: wenn in den Dörfern der erwaͤhnten Staͤdte Kirchen erbaut wuͤrden und dieſe Dörfer eine Feldmark von achtzig oder mehr Huben beſaͤßen, ſo werde der Or⸗ den jeder Kirche ſeiner Seits ebenfalls vier Huben uͤber⸗ weiſen; das Patronat aber behielt er ſich ebenfalls vor, mit der Verſicherung, er werde auch dieſe Kirchen mit geſchickten Pfarrherren verſorgen. ) Dieſe Beſtimmung nun, urſpruͤnglich ſich nur auf jene beiden Staͤdte bezie⸗ hend, blieb auch ſpaͤter feſte Norm und erhielt durchs ganze Land allgemeine Gültigkeit, denn bei der Einthei⸗ -lung Preuſſens in Bisthuͤmer und der Landestheilung mit den Biſchoͤfen traten dieſe in den von ihnen erwaͤhlten Gebieten zwar in alle hoheitlichen Rechte in Beziehung auf das Kirchenweſen ein; allein in den dem Orden ver⸗ bleibenden Landen wurde der Orden fortwaͤhrend als ober⸗ ſter Kirchenpatron betrachtet und den Biſchoͤfen nur ein thaͤtiger Einfluß in ſolchen Dingen zugeſtanden, die noth⸗ wendig durch einen Biſchof geſchehen und geleitet werden mußten, d. h. alſo nur in reingeiſtlichen Angelegenheiten des innern Kirchenwefens. ? In derſelbigen Stellung als oberſter Vorſteher und Oberherr im aͤußern Kirchenweſen erſcheint der Orden, wie wir früher ſahen, auch in dem 1) S. Kulm. Handfeſte; vgl. oben B. II. S. 239. 2) Wie es heißt: salvis tamen episcopo in duabus fratrum partibus illis omnibus, que non possunt nisi per episcopum exerceri: B. II. S. 494.
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Kirchenweſen. 741 mit den unterworfenen Preuſſen im J. 1249 geſchloſſe⸗ nen Vertrage, denn er war es, der die Landesbewohner verpflichtete, für den Aufbau der noͤthigen Kirchen in den verſchiedenen Landſchaften zu ſorgen, wobei er verſprach, ſie ſeiner Seits mit Geiſtlichen und den noͤthigen Be⸗ ſitzungen zu verſehen.) In gleicher Weiſe verfuhr der Orden auch in den nachfolgenden Zeiten. Die Kirche eines Dorfes mochte von ihm ſelbſt oder unter feiner Beihuͤlfe oder von feinen Einfaffen erbaut ſeyn, er blieb immer der Patron der⸗ ſelben, denn ſelbſt der Roͤmiſche Stuhl hatte ihm aus druͤcklich das Patronatrecht über die Kirchen ſeiner Lande zugeſprochen.“ Ebenſo die Biſchoͤfe und Domkapitel in ihren Landestheilen. Jener aber, wie dieſe entaͤußerten ſich nicht ſelten ihres Patronatsrechts, indem ſie es als beſondere Beguͤnſtigung vornehmen Grundbeſitzern, vorzüg: lich aus dem Ritterſtande uͤbertrugen, zuweilen jedoch mit der Verpflichtung, die Kirche ihres Gutsdorfes zuerſt zu erbauen.“ Mit dem Patronate war ſtets das Recht verbunden, bei Erledigung einer Pfarre einen Nachfolger für das Pfarramt auswaͤhlen und dem Dioͤceſan-Biſchofe zur Einweiſung in die geiſtlichen Amtspflichten und zur Uebertragung der Seelſorge in Vorſchlag bringen zu duͤr⸗ ee. ee 1) S. oben B. II. S. 630. 2) Es heißt z. B. in der Bulle Urban IV vom J. 1201 an den Orden (Schiebl. VI nr. 2: Vestris devotis precibus inclinati pre seutium vobis auctoritate concedimus, ut fratres ordinis vestri ad eeclesias, in quibus ius patronatus habetis, diocesanis earum presentare possitis, sibi de spiritualibus et vobis de temporali- bus responsuros. 3) So erhält der Ritter Dieterich von Oelſen 1310 das ius pa- tronatus parochialis ecelesie in Heinrichsdorf vom Ermland. Bi: ſchofe. Hermann von Bludau erhaͤlt zwei Felder, um ſie mit neuen Einſaſſen zu beſetzen und dann an einem paſſenden Orte eine Kirche zu erbauen, über die er als beſondere Gunſtbezeugung erhält ius patro- natus in ipsa Ecelesia constructa, prout patronis constat in Jure terre.
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742 Kirchenweſen. fen. Der Biſchof inveſtirte ihn hierauf in dieſer Ruͤck⸗ ficht mit dem Ringe, und feste ihn in folder Weiſe als Seelſorger und geiſtlichen Hirten in das Amt ein.) Den Genuß feiner Amtseinkünfte aber überwies ihm dann der Patron der Kirche, alſo entweder ein Ordensgebietiger im Namen des Ordens oder ein Gutsherr eines Kirchdorfes und in biſchoͤflichen Landen der Biſchof ſelbſt oder das Domkapitel. Es ſtand ihm vor allem auch zu, dafuͤr zu ſorgen, daß dem Pfarrer ſein Einkommen jeder Zeit rich— tig geliefert werde. Außer den vier Freihuben naͤmlich, welche meiſt ſogleich bei Gruͤndung eines Kirchdorfes der Kirche oder dem Pfarrer des Dorfes zugeſchrieben wur⸗ den, waren die Dorfeinfaffen zum Zehnten an den 1) Bulle des Papſtes Alexander IV vom J. 1258 f. B, III. S. 142. Bonifacius IX gebot in einer Bulle v. J. 1392, daß die Perſonen, welche der Orden vermöge feines Patronatsrechts zu einer Parochialkirche oder Pfruͤnde präfentive, von den Erzbiſchöfen und Bi: ſchöfen zu keiner Abgabe des erſten Jahres verpflichtet werden ſollten. Jaeger Cod. diplom. ord, Teut. T. II. 2) Im Fol. Formularia befindet ſich das Formular zu dem Schrei⸗ ben des HM. an die Biſchoͤfe in ſolchen Fällen. Der HM. ſagt dar⸗ in: Ad ecclesiam parochialem Opidi vel ville N. vestre divcesis per ultimi et inmediati eiusdem Heclesie Rectoris obitum va- cantem, cuius juspatronatus ad nos pertinere dinoscitur, dis- eretum virum dominum N. presbiterum vel clericum ostensorem presentium paternitati vestre presentamus, supplicantes, qun- spiritualium et temporalium ipsum propter deum investire digne- mini ad eandem. Als im J. 1351 der Ordensmarſchall dem Viſchofe von Samland zur Beſetzung der Pfarrſtelle in Rudau einen in Vor⸗ ſchlag gebracht, erklärte dieſer in der daruͤber abgefaßten Urkunde: Nos Fr. Jacubus etc. ad preseutationem Marschalei generalis Nycolaum per annulum de eadem Eeclesia canonice investisi- mus, conferentes sibi in ea regimen spiritualıum et curam ani- marum super populum tantum fratrum, eonstituentesque dictum Ny colaum prefate Ecclesie in Rudow rectorem legittimum et patztorem. 3 Bald heißt es in Urkunden, die Kirche des Dorfes oder „die
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Kirchenweſen. 743 pfarrer, von jeder Hube einen Scheffel Roggen und einen Scheffel Hafer, verpflichtet. Er wurde auch das Meſſe⸗ korn genannt und mußte ebenſo von jeder Hube der an⸗ dern eingepfarrten Dörfer geliefert werden. Häufig be trug das Meſſekorn von jeder Hube auch nur die Haͤlſte ?) oder der Pfarrer hatte in einer gewiſſen Anzahl Huben Theil an Acker, Wieſen, Wald u. ſ. w. nach Hubenzahl gleich einem andern Dorfnachbar; die Einſaſſen waren dann in dieſen Huben decemsfrei und gaben nur fur ihre uͤbrigen noch einen Scheffel Roggen. In manchen Doͤr⸗ fern war der Decem nicht nach der Hubenzahl, ſondern fuͤr die Dorfgemeine im Ganzen beſtimmt und dann zu⸗ weilen auch noch mit einer Geldabgabe fuͤr den Decem verbunden.) Gärtner und Kretzmer entrichteten dem Pfarrer gewohnlich den |. g. Meſſepfennig, meiſt im Be⸗ Wedeme,“ bald der Pfarrer erhalte die Freihubenz die Anzahl der⸗ ſelben war bald zwei, bald drei, gewoͤhnlich vier. 4) Es heißt z. V. in der Verſchreib. von Hanswalde v. 1308: Die Dorfbewohner ſollen jährlich liefern de quolibet manso plebano unum modium siliginis et alium avene pro missali annona. Ber: Schreib. vom Dorfe Reichenfeld im Chriſtburgiſchen, welches nach Notzen⸗ dorf eingepfarrt war: cdu Noczendorf do ſullen di luͤte ir geiſtliche recht ſuchen und ſullen erem Pferrer von Noczendorf von eyner iczlichen hube, ſi ſy vry adir czinshaftik ierlich eynen ſcheffel kornis und den andern haber czu meſſekorne geben. Vgl. Tſchoppe und Stenzel urk.⸗Samml. p. 163. 2) So nach der Verſchreib. von Montau, ebenſo nach der von Muͤnſterberg u. a. 3) In der Verſchreib. von Baumgart bei Chriſtburg v. 1354 heißt es z. B.: Ouch mache wir den pferrer der kirchen teylhaft in vuͤnf und czwenczik huben an Acker, an walde, an weſen, an bruͤchern und an allerleie nucze nach hubenczal glich als eynen andern ſyner nokebur und dorch desſelben willen ſullen di luͤte des Dorfes teczmes vrie ſyn von den vorgenanten vuͤnf und czwenczik huben, von den andern czweyn und ſechzik ſullen die hubenbeſiczczer erem pfarrer geben jerlich uf ſente mertinstag io von der hube eyn ſcheffel rockins. 4) So gab z. B. ein Dorf fuͤr ſeinen Decem 9 Vierdung, 40 Scheffel Hafer und 20 Scheffel Roggen.
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744 Kirchenweſen. trage eines Schillings.) Ferner hatte der Pfarrer freie Holzgerechtigkeit zu feinem Bedarf und freie Weide; er war von allen Abgaben und Leiſtungen frei. ? Auch in den Staͤdten war die aͤußere Stellung des Pfarrers nicht viel verſchieden; denn auch jede eigentliche Stadtkirche hatte ihre Kirchenhuben und von jedem Hubenbeſitzer ward ebenſo der gewöhnliche Zehnten entrichtet, nur daß häufig eine Anzahl ſtaͤdtiſcher Freihuben der Lieferung des Meſſe⸗ kornes enthoben waren. Außer dieſen beſtimmten Ein⸗ kuͤnften fielen den Pfarrern und Kirchen noch beſondere Einnahmen von ihren gottesdienſtlichen Verrichtungen, Opſergeld, teſtamentariſche Vermaͤchtniſſe?) u. dgl. zu und endlich brachten auch die zahlreichen Stiftungen von See⸗ lenmeſſen und gottesdienſtlichen Gedaͤchtnißfeiern, ſowie manche andere als fromme Handlungen betrachtete Spen⸗ den den Geiſtlichen manchen Gewinn an Einkommen zu. Zu reichem Beſitz an unbeweglichen Guͤtern konnte jedoch die Kirche in Preuſſen niemals gelangen, denn ſchon in fruͤher Zeit hatte der Orden die Beſtimmung feſt⸗ geſtellt und daran auch immer feſtgehalten, daß unbeweg⸗ liches Eigenthum an Kirchen und Geiſtliche durch Teſta⸗ mente zwar vermacht werden koͤnne, dieſe es aber unbe⸗ dingt binnen einem Jahre wieder verkaufen muͤßten und nur den Verkaufspreis behalten duͤrften, widrigenfalls es ohne weiteres dem Orden zufiel.“ Es war ferner faſt 1) Es heißt häufig: Ouch was Gertener von dem Schulteiß adir von den ynwonern in demſelben dorffe geſaczt werden, der ſal iglicher dem Pfarrer eynen ſchilling geben czu meſſepfenninge und ſeinem glocke⸗ ner ſechs pfennnige czu ſchuͤlerlon alle Jor. Ouch die Creczmere bo: ſelbiſt ſollen demſelben Pferrer ſolch recht thun als gemeinlich alle krecz⸗ mere iren Pferrern thun off dem werder. 2) Dieſe Befreiung wird mitunter ausdruͤcklich erklärt, z. B. in einer Urk. v. 1406: Der Pfarrer ſal frye und unpflichtig fon czu ſte⸗ gen und czu wegen, noch czu des dorffes fredeczuͤne adir graben. 3) Ein ſolches Vermäaͤchtniß einer Wittwe von 50 Mark für die Pfarrkirche und deren Geiſtliche in Kulm v. J. 1311 im geh. Arch. Schiebl. XX. nr. 2. 4) ©, oben B. II. S. 623.
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Kirchenweſen. 745 ohne Ausnahme den Staͤdten bei ihrer Gründung als Geſetz vorgeſchrieben, an keine geiſtliche Perſon oder geiſt⸗ liche Gemeinſchaft in der Stadt oder den Guͤtern einen Hofplatz, Hof oder Haus zu verſchenken oder zu verkau⸗ fen, alſo daß kein ſtaͤdtiſcher Grundbeſitz jemals weder an eine Kirche noch an ein Kloſter gelangen konnte. U So finden ſich in der That auch keine Spuren von be⸗ ſonderem Reichthum der Kirchen in Preuſſen an liegenden Gütern; vielmehr waren im Gegentheil die Biſchoͤfe und Hochmeiſter nicht ſelten genoͤthigt, den einzelnen Kirchen zu ihrer Unterhaltung und den bei ihnen angeſtellten Geiſt⸗ lichen zu ihrem ſtandesmaͤßigen Leben durch beſondere Bei⸗ ſteuern zu Huͤlfe zu kommen, wie dieß z. B. Werner von Orſeln bei der Pfarrkirche zu Kulm that.“ Kam es uͤber die aͤußern kirchlichen Verhaͤltniſſe, uͤber aͤußere Kirchenpolicei, uͤber das Eigenthum oder die Rechte einer Kirche und der Geiſtlichen zum Streit mit dem Rathe der Stadt oder einem Gemeine-Mitgliede, ſo hatte in Ordenslanden gewoͤhnlich der naͤchſte Komthur und in biſchoͤflichen Landen die Domherren die Unterſu— chung zu führen. Die richterliche Entſcheidung gaben fie entweder ſelbſt, oder ſie brachten die Klagſache an den Biſchof oder den Hochmeiſter. Als z. B. im Jahre 1368 der Pfarrer der S. Marien-Kirche zu Danzig ſich über den Rath der Stadt beklagte, daß ihm ſein Theil von Leichengeldern von Begraͤbniſſen in der Kirche und auf dem Kirchhofe nicht richtig gezahlt, Teſtamente vom Rathe 1) Daß die früher B. III. S. 499 bloß auf die Kloͤſter bezogene Beſtimmung auf die Geiſtlichkeit uͤberhaupt auszudehnen ſey, beweiſen mehre ftädtifche Privilegien. So heißt es in dem von Muͤhlhauſen: Vortmer fo wollen wir das keine geiſtlichen in die Stadt aber guͤttern geſaczt werde ane unſer Bruder Rath und mitewillen und das auch kei⸗ ner ane unſer bruder mittewillen einicherley geiſtlichen gebe ader vor: keuffe eine hoffeſtadt und Hoffſtedte, ein Haus ader heuſer, einen hoffe ader hoeffe in der Stadt ader iren guͤtern u. ſ. w. 2) Urk. Werners von Orſeln v. J. 1326.
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746 Kirchenweſen. gehindert, dem Bau ſeiner Pfarrwohnung durch ihn Schwie⸗ rigkeiten in den Weg gelegt worden ſeyen u. ſ. w., gab der Komthur von Danzig ohne weiteres die Entſcheidung: der Kirchhof ſey billig fuͤr Arme und Reiche frei; in die Kirche aber ſolle man niemand anders als nur Praͤlaten und Lehensherren begraben, ſobald man daruͤber in guter Eintracht aus Noth oder nach Landesgewohnheit nicht an⸗ ders zu Rath werde; Teſtamente an den Pfarrer oder die Pfarre ſolle hinfüͤro niemand hindern u. ſ. w. Auf des Pfarrers Klage, daß auf den Kirchhoͤfen Handel getrieben werde, erklaͤrte der Komthur: ihm duͤnke, es ſey Sache des Pfarrers, ſolche Dinge bei dem Banne zu verbieten und wolle ſolches nicht helfen, ſo ſolle dieſer es dem Rathe anzeigen, welcher es dann abzuſtellen habe. Auf eine an⸗ dere Beſchwerde des Pfarrers, daß manche Leute die Sonntagsfeier durch alltaͤgliche Geſchaͤfte, als Backen, Brauen, Schlachten und andere grobe Arbeit ſtoͤrten, wurde vom Komthur entgegnet: das muͤſſe der Pfarrer rechtfer⸗ tigen mit der Gewalt, die ihm befohlen ſey. Desglei⸗ chen trat auch der Rath mit mancherlei Klagen wider den Pfarrer auf, z. B. daß dieſer ſich öfter außer Lan⸗ des begebe ohne Wiſſen des Rathes und man dann nicht wiſſe, an wen man ſich als Pfarrer zu wenden habe, daß er Kinder nur unter der Meſſe taufen wolle um ſei⸗ nes Opfers willen u. ſ. w. Der Komthur entſchied: der Pfarrer moͤge ſich zwar aus redlichen Urſachen irgend wo⸗ hin begeben, aber er muͤſſe durch einen Prieſter ſeine Stelle vertreten laſſen, der alles thue, was dem Pfarrer gebühre; das muͤſſe dieſer dem Rathe auch jeder Zeit an⸗ zeigen, damit er darauf ſehe, daß der Kirche ihr Recht geſchehe. Kinder muͤſſe der Pfarrer unentgeldlich taufen zu jeder Zeit ſowohl bei Tag als zur Nachtzeit. Geld und Gaben ſolle man dafür durchaus nicht fordern; doch Gott zu Lobe Opfer zu bringen, ſey eine gute Gewohnheit. 1) Ueber dieſe kirchliche Streitſache, die manches uͤber die damalige
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Kirchenweſen. 747 In allem, was das innere Kirchenweſen, den Got⸗ tesdienſt, die Seelſorge und uͤberhaupt das geiſtliche Amt der Pfarrer betraf, fuͤhrten nicht nur in ihren eigenen Landestheilen, ſondern auch in den Ordensgebieten die Biſchoͤfe die noͤthige Aufſicht. Sie ſchrieben vor, wie der Gottesdienſt zu halten, wie die Meſſen an Werk- und Feiertagen, in Vicarien, bei Leichen, bei Trauungen u. ſ. w. zu leſen und überhaupt alle geiftlichen Pflichten der Seelſorge auszuüben ſeyen.) Um zu erfahren, ob die gegebenen Vorſchriften immer puͤnktlich befolgt wuͤrden und um genaue Berichte Über den ganzen kirchlichen Zu: ſtand des Landes zu erhalten, waren von den Biſchoͤfen jährliche Kirchenviſitationen angeordnet, womit fie bald Domherren, bald andere angeſehene Geiſtliche beauftrag⸗ ten, wenn ſie das Geſchaͤft nicht ſelbſt beſorgen konnten. Die Viſitatoren erhielten nicht bloß die Vollmacht zur Beſtrafung aller in ihren Pflichten ſaumſeligen oder un⸗ gehorſamen und widerſpenſtigen Geiſtlichen, 2) ſondern es Stellung der ſtaͤdtiſchen Geiſtlichen aufftärt, befindet ſich das Original⸗ document, dat. Sonntag Oculi 1363 im Rathsarchiv zu Danzig. Es enthält noch mehre andere nicht unwichtige Gegenſtände des Kirchen⸗ weſens, die hier jedoch keine ſpecielle Erwaͤhnung finden konnten. Ueber einen andern Streit eines Pfarrers mit feinem Dorfe eine Urk. in Pri- vileg. Capit. Pomesan. p. XXXII. 1) Eine ſolche Vorſchrift, wie der Gottesdienſt vom Pfarrer in Kulm gehalten werden ſolle, haben wir aus dem J. 1408 im Fol. Ellen ⸗Hubenmaaß u. ſ. w. Andere Beſtimmungen daruber vom Bi⸗ ſchofe von Pomeſanien im J. 1389 in einer Urk. in Privileg. Capit. Pomesan. p. IX — X; ebenfo eine gottesdienſtliche Vorſchrift von dem⸗ ſelben Biſchof vom J. 1395 im Original im geh. Archiv. 2) So beauftragt z. B. im J. 1400 der Biſchof Johannes von Pomeſanien einen Domherrn ſeiner Kirche mit einer ſolchen Viſitation und ſagt in der daruͤber ausgeſtellten urkunde: Cum prelati eccle- siarum vigili cura intendere debeant correctionibus et reforma- tionibus subditorum annua visitacione — duia omnibus et sin- gulis nobis ineumbentibus negociis personaliter intendere non possimus, variis et diversis ecclesie nostre curis et sollicitu- dinibus impediti, caritati igitur vestre visitationis ollicium tam
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748 Kirchenweſen. wurden ihnen überhaupt beſtimmte Vorſchriften über alle einzelnen Punkte, worauf ſie beſonders zu achten und was ſie zu verbeſſern hatten, in die Hand gegeben. Die Art, wie man hiebei verfuhr, giebt einen Blick in die Sitte der Zeit. Am Tage der Viſitation las zuerſt der Pfarrer allen verſammelten Kirchengliedern des Biſchofs Befehl über die bevorſtehende Viſitation und die weſent⸗ lichſten Punkte vor, die bei der Unterſuchung uͤber etwa⸗ nige Gebrechen und Maͤngel zur Sprache kommen konn⸗ ten. Erſchienen nun die Viſitatoren, ſo fragten ſie den Pfarrer zuerſt, ob ſie die erwähnte öffentliche Ankuͤndigung vollführt, und trafen fofort nach alter loͤblicher Gewohn⸗ heit die Anordnung, daß in Staͤdten der Rath und jede Gewerksbrüderſchaft und in Doͤrfern die Gemeine, jede zwei ehrenwerthe und glaubwürdige Männer zu |. g. Des nunciatoren oder Synodal-Schoͤppen aus ihrer Mitte er⸗ waͤhle.) Dieſe wurden dann unterrichtet, wie und mit welcher Geſinnung ſie alle offenen und bekannten Maͤn⸗ gel der Kirche und Vergehungen ihrer Mitglieder, die ſie aus eigener Erfahrung oder durch die allgemeine oͤffentli⸗ che Stimme kennten, ausſagen ſollten, weil dieſes zur Verbannung der Laſter und Verbeſſerung der Sitten die⸗ nen ſolle. Die Synodal⸗Schoͤppen forderten darauf er⸗ clericorum quam laycorum Civitatum et villarum sedium infra- seriptarum Ilgenburg, Soldaw, Nydenburg, Hoenstein, Ostir- rode, Libenmol, Morung et Hersefelt ad presens auctoritate presentium committimus peragendum, adhibentes talem, sicut de vobis presumimus, diligeneiam in dicte visitacionis officio, quod contumaces et rebelles puniantur, benemeriti et obedien- tes ex correctione perversorum in moribus et vite conversacione reformentur. Committimus insuper vobis quod inobedientes et rebelles per censuram ecelesiasticam ut A suis insolenciis ces- sent, restatis. Urk. im geh. Arch. Schiebl. L. nr. 29. 1) Ut in civitatibus Consulatus eligat duos ex se denuncia- tores seu scabinos synodales honestos et fidedignos, et similiter quelibet fraternitas eligat duos ex se et eodem modo quelibet villa eligat duos ex se denunciatores honestos et maturos.
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Kirchenweſen. 749 mahnend den geſammten Rath und jeden Einzelnen, des⸗ gleichen die Gewerksbrüderſchaften und in Dörfern alle Einſaſſen auf, ihnen auf Treue und Gewiſſen oͤffentlich oder insgeheim alles mitzutheilen, was im Rathe, in der Stadt oder Überhaupt in der ganzen Parochie an Mäns geln oder Gebrechen oder Vergehungen ihnen aus Kennt⸗ niß der Thatſachen oder durch allgemeines Geruͤcht bekannt geworden ſey, und zwar ohne allen Haß und aus bloßer Liebe zur Verbeſſerung der Sitten. Von allem, was die Denunciatoren in ſolcher Weiſe erfuhren, mußten fie den Viſitatoren genauen Bericht abſtatten und deſſen Wahr⸗ heit eidlich beſtaͤtigen. Es gab uberdieß verſchiedene Ge⸗ genſtaͤnde, uͤber welche nichts Öffentlich bekannt gemacht wurde, die Synodal⸗Schoͤppen aber antworten mußten, wenn ſie befragt wurden. Alsdann ward von den Viſi⸗ tatoren in den Kirchen nachgeforfiht, ob Mangel an Dis chern, Ornaten oder andern gottesdienſtlichen Bedürfniſſen ſey und aus weſſen Schuld, ob die kirchlichen Gewande, Corporalien und dergleichen ſauber gehalten und die ge⸗ weihten Geraͤthe mit Vorſicht unter gutem Verſchluſſe und in ſorgſamer Verwahrung ſeyen, ob die Gebaͤude und Daͤcher der Kirche fleißig in Ordnung gehalten und die Gelder für den Kirchenbau nützlich verwendet und wie ſie verwaltet würden. Der Pfarrer ſelbſt ward befragt: ob er geſetzlich in feine Kirche eingeſetzt ſey und von wem er die Seelſorge erhalten habe, ebenſo auch andere Pres⸗ byter, wenn ſich ſolche an dem Orte befanden. Hatte die Kirche Preuſſen in ihrer Gemeine, ſo mußten dieſe ausfagen, ob und wie ihnen das Wort Gottes gepredigt, ob ſie im Gebet und im Symbolum unterrichtet und wie 1) Ut sub fide christiana et bona conscientia dicant eisdem singuli publice vel secrete, quidquid in consulatu, in civitate ei in tota parochia et ubicunque seiverint per evidentiam ſacti vel per famam publicam de eriminibus et defectibus solummodo manifestis, non ex odio, sed ex caritate ad emendacionem ex- cessuum et reſormationem morum.
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759 Kirchenweſen. ihnen die Beichte abgenommen werde, ob durch einen Tolk oder auf andere Weiſe. Die Viſitatoren hatten ſich ferner bei den Synodal-Schoͤppen auf Eides⸗Wort zu erkundigen, ob der Pfarrer einen ehrbaren Lebenswan⸗ del fuͤhre, der Kirche in der Feier der Meſſe, durch die Predigt und Verrichtung der Sacramente gut diene, ſich mit Eifer der Kranken annehme, ob er zaͤnkiſch, unmaͤßig, gemeinen Laſtern ergeben oder fonft andern anſtoͤßig ſey, ob er in der Verwaltung und Erhaltung des Kirchenei⸗ genthums Eifer beweiſe u. dgl. Ebenſo wurde jeder Pfar⸗ rer uͤber ſeine nachbarlichen Amtsbruͤder und Presbyter befragt und alles, was er uͤber ſie ausſagte, mußte er eidlich beglaubigen.) Darauf wurden genaue Nachfor⸗ ſchungen über das religioͤſe und ſittliche Leben der Ge: meineglieder gehalten. Den Bifitatoren mußten alle an— gezeigt werden, die wider den Glauben und die Sacra⸗ mente geſprochen oder ſich Aeußerungen gegen die Satzun⸗ gen der Apoſtel und heiligen Vaͤter, gegen Decretale oder die heil. Schrift erlaubt oder andere in ihrem Glauben an Faſten, in ihrer Ueberzeugung von der Beichte oder im Gehorſam gegen die Geſetze der Kirche wankend zu machen geſucht hatten, desgleichen die Geiſterbeſchwoͤrer, Wahrſager, Zauberer, auch alle, welche die geweihten Ge— raͤthe zu andern Dingen gemißbraucht hatten, im Jahre das heil. Abendmahl nicht genoſſen, die Feſitage nicht heilig hielten, keine Kirchen beſuchten, uͤbernommene Bü: 1) Ubi ecclesia habet sub se Pruthenos, queratur diligen- ter, si et qualiter eis verbum predieetur, si de oratiene et sym- bolo informantur et qualiter in confessionibus expediantur, an per interpretem seu alio modo. 2) Similiter idem queratur sub juramento a quolibet pleba- no de vicinis suis plebauis et presbiteris per sedem illam con- stitutis, ut dicant de enrum conversatione et si seiverint aliqua de eis denunciatione diena, illa denuncient sub juramento pre- standlo visitatoribus et huiusmodi iuramentunı visitatores à quu- libet plebanv recipere debent.
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Kirchenweſen. 751 ßungen nicht uͤbten, ferner alle offenbare ſchwere Sünder, als Gotteslaͤſterer, Excommunicirte, Moͤrder, Brandſtifter, Meineidige, Waaren⸗, Maaß⸗ und Gewichtverfaͤlſcher, Ehebrecher, Konkubinenhalter u. a., endlich auch die, wel⸗ che in verbotenen Graden oder uͤberhaupt gegen die Kir⸗ chengeſetze Ehen geſchloſſen oder in ehelichen Verhaͤltniſſen ein unfriedſames oder ſonſt anftößiges Leben führten. ” Es moͤchte allerdings an der Form und Einrichtung dieſer Firchlichen Viſitationen mancherlei zu tadeln ſeyn; aber gewiß erhielt der Biſchof mittelſt dieſer genauen Unterſuchungen immer die ſpeciellſte Kenntniß des geſamm⸗ ten kirchlichen Zuſtandes feiner Dioͤceſe und es ward ihm ſomit auch um fo leichter, in Alles, was in den kirchli⸗ chen Verhaͤltniſſen ſowohl in Ruͤckſicht auf das aͤußere Kir⸗ chenweſen, als in religiöfer und ſittlicher Beziehung einer Umgeſtaltung und Verbeſſerung bedurfte, mit wirkſamer Kraft einzugreifen. Eine ſo ſtrenge Aufſicht aber ſowohl in Betreff der Geistlichen als der Laien war in Preuſſen auch allerdings ſehr nothwendig, denn ſo fromm und re⸗ ligioͤs auch gemeinhin die Zeit des Mittelalters genannt wird, ſo fehlt es doch auch hier nicht an Beiſpielen von Aeußerungen eines aller kirchlichen Ordnung widerſtreben⸗ den und die Gebote der Kirche und des Chriſtenthums verletzenden Geiſtes, ſelbſt von Mangel an Achtung und Scheu gegen das Heilige. Schon im Jahre 1364 muß⸗ ten in Elbing den Laien die ſchnoͤden Betrügereien, wos durch ſie den Geiſtlichen gewiſſe rechtmaͤßige Einkuͤnfte zu entziehen ſuchten, unterſagt, das Eingreifen in prieſterliche Amtsverrichtungen, die ungebuͤhrlichen Zuſammenkunfte und Berathſchlagungen in den Kirchen, alles eitle und profane Gerede und Geſchwaͤtz, welches den Gottesdienſt ſtoͤrte und anderes der Art ſtreng verboten werden. ? Natürlich bie⸗ 1) Diefe Informatio pro visitatoribus im geh. Archiv auf einem einzelnen Blatte iſt wahrſcheinlich von einem Biſchofe von Pomeſanienz die Zeit, der ſie angehoͤrt, läßt ſich genau nicht beſtimmen. 2) In einer Urkunde, dat. Heilsberg am 3. Juni 1364, worin
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752 Kirchenweſen. ten ſich dem Blicke auf das platte Land in religioͤſer und ſittlicher Hinſicht noch traurigere Erſchetungen dar. Wie⸗ derholt mußte nicht nur in allgemeinen Landes verordnungen das Unweſen von Zauberern, Wahrſagern und Hexen ſtreng unterſagt werden, weil das Volk noch überall in dieſem wahnſinnigen Glauben ſtark befangen war, ſondern es herrſchte auch vorzüglich unter den Preufjen noch immer ein Streit zwiſchen dem Rektor der Parochialkirche und dem Magistrat zu Elbing durch den Biſchof von Ermland und mehre andere (eiſtlichen entſchieden wird, wird den Laien unter andern auch die Weiſung gege⸗ ben: Layci diete ecclesie contra preceptum deminieum, sancto- rum decreta patrum, in anime sue detrimentum de cetero obhla- tiones, vota fidelium, precia peccatorum, patrimonia pauperum, que ministris debentur eeclesie, non auferant sive toilant, ne- que in hiis fraudem committant quoquomodo, auferendo u gines de ecelesia, quas reponant, aut ipsas locando cum cistula extra ecclesiam sive intra. Neque staciones aliquas cum yma- ginibus sine consensu plebani faciant, ut in oblacionibus debitis defraudetur. — Item oflicia sacerdotum non exerceent nec usur- pent, videlicet funera sua furtive et clam sine missarum gele- bracione sepeliendo contra consuetudinem patrie generalem. In ecelesiis cessent universitatum et societatum quarumlibet consi- lia et publica parlamenta, vana et multo forcius feda et pro- phana colloquia, confabulaciones quelibet et sint postremo que- eunque alia, que divinum possunt turbare oflicium aut oculos divine maiestatis offendere ab ipsis prorsus extranea. 4) Lindenblatt S. 189. In Stabt-Willlühren kommen Bes ſtimmungen gegen das Unweſen der Zauberei ſehr häufig vor. In der von Preuſſ. Holland z. B. heißt es: Welche Zewuberynne und ufmeh⸗ rinne ader uffbrengerinne Imandes kindt ausbrengt, der ſal man ein Oher abſchneiden und buͤrnen durch die Packen und die Stadt darzu vor⸗ ſchweren, ſo verre ap die Jungſir das behalden darf uff den heiligen, das ſie ſy aus habe gebracht. Ebenſo in der Willkuͤhr von Kulm. In der von Danzig heißt es: Ein iederman ſoll feine unterſaßen fleißig darzu halten, das ſie beichten und Gottesrecht thun und wer Zouberey ader andern unglouben unter ihnen erfaͤhret, das ſoll er wehren und ſteuren, fo er ins hoͤchſte mag. In einer Landesordnung vom J. 1427: Gote czu lobe und merunge des gloubens fo wellen wir ſetzen und ge⸗ bieten, daß offenbar czoberer und czoberynne nicht ſullen gehalden noch geheget werden von erbaren luͤwten, Buͤrgern und gebuwern noch von keyme.
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* Kirchenweſen. 73 die groͤßte — in religioͤſen Dingen neben dem noch immer ni ergeſſenen alten Goͤtzendienſte und heid⸗ niſchen Gebräuchen. Den Beweis findet man in den vom Biſchofe von Samland, in deſſen Sprengel der alte Goͤ⸗ tzenglaube noch am meiſten im Schwange war, dagegen erlaſſenen Verordnungen, denn unter andern heißt es darin: Jeder Preuſſe foie von feinem Pfarrer das Vater-Unſer dung den g lernen, wie ihn der Pfarrer ſelbſt oder durch If ausſpreche; wer beides nicht herbeten füns ne, ſolle nach feinem Tode weder ein kirchliches Begraͤb⸗ niß erhalten, noch uͤberhaupt unter den Chriſten begraben werden. Nach der Beichte ſolle keiner das Wirthshaus beſuchen oder ſich durch andere Vier bringen laſſen, um feine Suͤnden zu erſaͤufen.) Kein Schenkwirth ſone an he zu Feſttagen und vor der Meſſe Vier ſchenken der verkaufen. Man ſolle fortan in Wäldern und Hais nen keine Zufammenfünfte und Feſtlichkeiten gegen die Ge⸗ ſetze der Kirche halten und die ſ. g. Kreſſe nicht mehr feiern unter harter Strafe; ? auch ſollen die Preuſſen ihre vom Pfarrer getauſten Kinder in Flüſſen oder ander⸗ waͤrts nicht wiedertaufen oder ihnen andere Namen beile— gen als die fie in der Taufe erhalten bei Strafe harter Geißelbiebe. Alle Mißbraͤuche und heidniſchen Gewohn⸗ heiten bei ihren Todten ſollen ſie gaͤnzlich unterlaſſen und beſonders in Wäldern, Hainen und Haͤuſern die Anru— fung der Geiſter, Opfer und Trinkgelage auf keine Weiſe mehr erlaubt ſeyn. Sie ſollen forthin auch niemand mehr 1) Ad peccata eorum propotanda. 2) Ut decetero in silvis aut nemoribus nullas faciant con- gregationes seu celebritates contra statuta s. matris ecclesie et corum Kresse amplins non celebrent sub pena rigide correctio- nis et privationis ecelesiastice sepulture. Dieſes Feſt der Kreſſe kommt auch in einer Klagſchrift des Probſtes vom Samland. Domſtift uͤber das Verderben der Samländer vor, wo es heißt: Obir das haben fie etliche heideniſche qwaſſe, als metie, kryße, Snyke und dergleich, domete jie vele czeit vorthun und rorczeren domete was ſie haben. VI. 48
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754 Kirchenweſen. heimlich oder oͤffentlich toͤdten und an ihren geheimen Or⸗ ten den Geiſtern opfern.) Alle Beſchwoͤrungen und Wahrſagereien beim Bier oder Hahngeſchrei oder auf ir⸗ gend andere Weiſe ſollen unter ſtrenger Sttafe unterblei⸗ ben; wer ſich darin nicht beſſern laͤßt, ſoll dem weltlichen Gericht übergeben und mit dem Tode beſtraft werden.“ Kein Preuſſe und keine Preuſſin ſoll hinfüro in Wäldern irgend aberglaͤubiſche Gebrauche oder Verfluchungen nach Art der Heiden an Todtenhuͤgeln und Begräbniſſen aus⸗ uͤben, welche bei Schmauß- und Trinkgelagen in ihrer Sprache Geten oder Cappyn genannt werden, unter Strafe harter Geißelhiebe und drei Mark Geldes; ebenſo ſollen alle heidniſchen Gebraͤuche an den Begraͤbnißhuͤgeln ihrer Freunde und Angehoͤrigen mit Seufzen und Geheul ver⸗ bunden unterbleiben.)“ — Obgleich indeß außer dieſen Verboten und Bedro⸗ hungen auch ſcharfe und nachdruͤckliche Befehle und Ver— ordnungen zum fleißigeren Beſuche des Gottesdienſtes, der Beichte und zum Gehorſam gegen den Biſchof und die Geiſtlichen erlaſſen und in allen Geſetzen Geißelhiebe und 1) Ut de cetero nullum vel in secreto vel eciam publico occidant nec demoniis in eorum contuberniis ymolent, 2) Omnino prohibeatur eis ne cantaciones vel divinationes in cerevisia vel pullis vel aliis quibascungue modis exerceant sub pena privationis ecclesiastice sepulture et si in hoc fiunt incorrigibiles, dentur iudieio seculari finali sententia puniendi. 3) Quod nullus pruthenus vir aut mulier in silvis quoscun- que abusus aut abhominaciones de cetero exerceat iuxta ritus paganorum cum ipsi christiani sunt effecti, presertim juxta tu- mulos et sepulera eorum, qui vel que Geten vel Cappyn iuxta ydeomata eorum nuncupantur in potacionibus, commestionibus seu quibusvis aliis conviviis suh pena strietissime flagellacionis et pena trium marcarum ecclesie et iudici. Item de cetero nul- lus vir aut mulier ritus pannorum exerceat post mortem de- functorum amicorum seu proximorum in eimiteriis circa sepul- era flendo aut ululendo sicuti usque modo facere consueverunt sub penis dire flagellationis et trium marcarum ecclesie et iudici. 0
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Kirchenweſen. 755 Geldſtrafen angedroht wurden,“ ſo konnten doch ſolche Mittel das Volk aus feinem verwahrloſten religioͤſen Zus ſtand noch lange nicht emporheben. Die Haupturſache des Mangels an chriſtlicher Bildung unter den Preuſſen lag offenbar in der Vernachlaͤſſigung des Unterrichtes der Jugend. In den meiſten Staͤdten des Landes waren zwar, wie wir früher hörten, ſchon laͤngſt Schulen vorhanden und in mehren hatte man das Schulweſen mit loͤblichem Eifer immer mehr zu foͤrdern und zu heben geſucht; ?) allein ſelbſt bis in die Zeit des funfzehnten Jahrhunderts finden ſich nur ſelten Spuren von Landſchulen, ſo daß der größte Theil des Landvolkes faſt obne alle religioͤſe Belehrung und Bildung wild und roh aufwuchs, woher fi) auch die eben erwähnte Verordnung erklaͤrt, daß der Preuſſe ſein Paternoſter und das Symbolum von ſeinem Pfarrer erlernen ſolle. Unter allen Verordnungen der Geiſtlichen und Biſchoͤfe uͤber kirchliche Verhaͤltniſſe ſpricht keine einzige uͤber das Landſchulweſen und uͤber Jugend⸗ unterricht auf dem Lande, woraus hervorzugehen ſcheint, daß auch die Geiſtlichkeit ſich wenig oder nicht um die Jugendbildung des Landvolkes befümmerte. 9 Vom Or⸗ 1) Dieſe Verordnungen befinden ſich unter der Ueberſchrift: Sub- seripti articuli sunt editi per Rever. in cristo patrem et domi- nun Michaelem Episcopum Erelesie Samb. et de mandato ipsius per districtum suum a Pruthenis utriusque sexus firmiter sub penis annexis observandi, im Fol. Alte paͤpſtl. Privilegia; fie find alſo aus etwas ſpäterer Zeit. 2) Als Seltenheit für die frühere Zeit mochte wohl gelten, daß einer, der Prieſter werden wollte und in Braunsberg zur Schule ging, in den J. 1380 — 1590 beabſichtigte, „ durch lerunge willen us dem lande czu czien“ und ſich zur Unterſtuͤtzung ſechs Mark Pfennige jaͤhr⸗ lich erbat; Acta Praetorian. p. 43. 3) Wo in kirchlichen Urkunden der Schüler erwahnt wird, geſchieht es blos in Beziehung auf den Gottesdienſt, z. B. bei Stiftung zweier Vicarien im Dom zu Marienwerder zu einer täglichen Meſſe cum quatuor scolaribus eciam debite salariatis; Privileg. Capit. Po- mesan. p. XII. 48 *
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756 Kloſterweſen. den ſelbſt aber geſchah ebenfalls nichts, um das gemeine Volk aus feiner Unwiſſenheit und religioͤſen Unkultur em⸗ porzuheben und eben ſo wenig wirkten in Preuſſen die Kloͤſter irgend wohlthaͤtig auf das Schulweſen ein, wie wir ſehen werden, wenn wir jetzt ihre Verhaͤltniſſe etwas naͤher betrachten. — men Das Kloſterweſen. Das Moͤnchthum und Kloſterweſen haben unter der Herrſchaft des Ordens in Preuſſen nie zu beſonderem Ge— deihen und zu der Ausbreitung wie anderwaͤrts gelangen koͤnnen. Der Hauptgrund davon lag, wie ſchon fruͤher bemerkt,“ in dem wichtigen Umſtande, daß ohne des Ordens oder eines Biſchofs ausdruͤckliche Genehmigung in keiner Stadt weder ein neues Kloſter erbaut, noch einem vorhandenen irgend ein Platz, Hof oder Haus verſchenkt oder verkauft werden durfte, und daß wenn eine ſolche Verſchenkung, ein Vermaͤchtniß oder Verkauf an ein Klo⸗ ſter auch Statt fand, der erkaufte oder geſchenkte Gegen⸗ ſtand immer binnen Jahresfriſt vom Kloſter wieder ver⸗ aͤußert werden mußte. Es lag ferner in der eigenthuͤm⸗ lichen Lehens-Beſchaffenheit des Territorialbeſitzes auf dem Lande, daß auch außerhalb der Staͤdte die Kloͤſter nie zu beſonderem Reichthum an laͤndlichem Eigenthum kommen konnten, denn auch in dieſer Beziehung hingen alle Vers gabungen und Verleihungen von der Zuſtimmung der Lan⸗ desherrſchaft ab. Dazu kam, daß die Kloͤſter vom Or⸗ den immer unter ſtreuger Aufſicht gehalten wurden und zu jeder weſentlichen Veraͤnderung und Umgeſtaltung der kloͤſterlichen Verhaͤltniſſe der Hochmeiſter oder ein Biſchof ſeine Zuſtimmung ertheilen mußte. So ſind in der That 1) S. oben B. III. S. 500,
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Kloſterweſen. 757 auch alle vom Orden ſelbſt geſtifteten oder unter ſeiner Herrſchaft in Preuſſen entſtandenen Kloͤſter im Ganzen beſtaͤndig arm geblieben und kein einziges gelangte je zu ſolcher Wohlhabenheit und zu fo ausgedehntem Guͤterbeſitz, wie zu der Zeit ſo viele in Deutſchland und andern Laͤn⸗ dern. Nur die zum Theil ziemlich beguͤterten Kloͤſter in Pommern, beſonders Oliva und Pelplin machten eine Aus⸗ nahme, da fie ſchon früher unter der Herrſchaft der Her⸗ zoge von Pommern durch vielfache Beſchenkungen zu nicht ınbebeutendem Landbeſitze gekommen waren und ihn, als Pommern an den Orden fiel, von dieſem auch beſtaͤtigt erhalten hatten.“ — In Preuſſen ſelbſt blieb es fort⸗ waͤhrend feſtes Princip des Ordens, die Kloͤſter das ih⸗ nen angewieſene Bereich ihrer Beſitzungen nicht leicht uͤber⸗ ſchreiten zu laſſen und ſie ſelbſt im weitern Ausbau ihrer Umgebungen auf jegliche Weiſe zu beſchraͤnken, denn als z. B. die Prediger-Moͤnche zu Kulm zu ihrem Nutzen einen Thurm in die Stadtmauer gebaut hatten, mußten ſie im Jahre 1307 nicht nur dieſen, ſondern alles, was fie außerhalb ihrer Zäune erworben hatten, an den Rath von Kulm wieder verkaufen, damit die Stadt, wie man vorgab, an ihrer Befeſtigung nicht Schaden leide; ? und als die Minoriten zu Kulm im Jahre 1326 auf ihre tringende Bitte vom Hochmeiſter Werner von Orſeln zur Erweiterung ihrer Kirche noch einen Theil eines Hofrau⸗ mes erhielten, mußten ſie das ausdruͤckliche Verſprechen geben, daß fie forthin um keinen Fußbreit Landes bei den Bürgern von Kulm mehr bitten wollten. ? Den 1) S. oben B. IV. S. 289. 2) Urkunde, dat. am Tage S. Maria Aegypt. 1307 im Fol. El⸗ len⸗, Hubenmaaß u. ſ. w. 3) In der Urkunde, dat, quarto Idus Martii 1326 im Fol. Er: len⸗, Hubenmaaß ꝛc., heißt es, daß ſich die Mönche des Kloſters dem HM,, den Gebietigern, dem Rathe und den Bürgern der Stadt ver: pflichteten, quod nullatenus extra aree iam diete sen Claustri vel Curie nostre ampliando limites vel circumferenciam directe
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758 Kloſterweſen. Prediger⸗Moͤnchen zu Elbing war in den erſten Zeiten der Ordensherrſchaft zwar erlaubt worden, zu ihrer Un⸗ terhaltung im Elbingiſchen Gebiete auch Erbe anzuneh⸗ men, wenn ſie ihnen aus frommer Mildthaͤtigkeit darge⸗ boten wurden; allein der Orden hatte ſich dabei den Vor: kauf vorbehalten und, wenn er ſelbſt dieſen Vorbehalt nicht benutzen wolle, die Bedingung geſtellt, die Erbtheile wie— der an ſolche zu verkaufen, die den daran gebundenen Dienſt leiſten wollten und Eönnten. D So kam es, daß die meiſten Kloͤſter in Preuſſen nur aͤußerſt wenig und manche faſt gar keinen Landbeſitz hatten, weshalb auch in den Territorialverhaͤltniſſen des Landes von Kloſterguͤtern nur felten die Rede iſt. In der erſten Zeit waren es vorzuͤglich Dominicaner oder Prediger-Moͤnche, die ſich ſogleich nach der Erobe— rung des Landes in verſchiedenen Staͤdten angeſiedelt. Es befanden ſich nachmals Kloͤſter dieſes Ordens zu Thorn, Kulm, Elbing, Heiligenbeil, Nößel, Patollen, ? Dirſchau, Danzig und andern Staͤdten. Da bekanntlich Verbrei— tung und Beförderung des roͤmiſchkatholiſchen Glaubens unter den Heiden Hauptzweck und Pflicht dieſes Ordens war, ſo hatte er ſich, den Ordensrittern zu dieſem Zwecke nach Preuſſen nachfolgend, auch um die Bekehrung der bezwungenen Landesbewohner nicht mindere Verdienſte er: vel indirecte per nos vel per alios quoquomodo aliquam a sepe- dictis Civibus aream aut particulam ac eciam quod minus est passum pedis de cetero petituros omni dolo seu fraude eciam postposito in premissis. 1) urk. dat. in Culmine an. 1246 XVIII. Cal. Max im geh. Arch. Schiebl. VIII nr. 3, gedruckt in Dreger Cod. diplom. Pomer. nr. 167 p. 254. 2) S. 8.1. S. 587. Dieſes Kloſter zu Patollen, auch feines Urſprungs wegen merkwuͤrdig, wird im Zrefler: Buche öfter genannt. In einem ſpaͤtern Briefe des Priors dieſes Kloſters vom J. 1491 nennt es dieſer ſelbſt das Kloſter der heil. Dreifaltigkeit. Vgl. Arnoldts Preuſſ. Kirchengeſch. S. 198. Casseburg Dissertat. de coenobiis Prussiae. Regiom. 1740 p. 18.
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Kloſterweſen. 759 worben, ) als er ſelbſt auch durch die Kreuzpredigten ſei⸗ ner Ordensbruͤder zur Eroberung des Landes weſentlich mit beigetragen. Naͤchſt den Prediger-Moͤnchen hatten ſich die um den Orden bei der Eroberung Preuſſens gleich⸗ falls ſehr verdienten Franciſcaner Minoriten-Moͤnche im Lande am meiſten ausgebreitet; ſie beſaßen Kloͤſter zu Braunsberg, Wartenberg, Wehlau, Kulm, Thorn, Neuen⸗ burg, Danzig u. ſ. w.) Die Verdienſte dieſer beiden Moͤnchsorden um die Eroberung und Bekehrung des Lan⸗ des wurden von den Hochmeiſtern nie vergeſſen. Wir ſahen bereits, wie der edle Winrich von Kniprode ſie nicht nur vielfach beguͤnſtigte, ſondern ihnen in mehren Städten auch neue Kloͤſter erbaute.“ Kein Hochmeiſter beſuchte auf ſeinen Reiſen durchs Land eine Stadt, wo ſich ein oder mehre Kloͤſter dieſer Orden befanden, ohne fie jedes⸗ mal zu beſchenken.) Alljaͤhrlich wurde ferner jedes die⸗ fer Kloͤſter aus dem Schatze des Hochmeiſters mit einer Spende von zwei Mark erfreut, ſo daß der Meiſter Kon⸗ rad von Jungingen außer ſeinen ſonſtigen Gaben an be— ſtimmte Kloͤſter jedes Jahr noch gegen dreißig Mark ent⸗ 1) Vgl. darüber die erwähnte Urkunde bei Dreger I. e. 2) Wehlau hatte fpäter zwei Franciſcancr⸗Kloſter, denn in einer urk. vom J. 1500 ſagt der Erzbiſchof von Riga: Intelleximus quali- ter in opido Wilou sint duo monasteria eiusdem ordinis b. Fran- eisci, gaudentes scilicet interius et observanciales exterius, ipsi- que de observancia considerantes quod oppidum illud modieum non bene ad ambo illa monasteria suis eleomosinis sustentan- dura, ob id essent contenti et consensum dare vellent, ut trans- latio fiat, sic quod pro illo ante Wilou habeant aliud in vel ante königesberge. 3) Treßler⸗Buch. Urk. vom J. 1311 im geh. Arch. Schiebl. XX. nr. 2., wo faſt alle Minoriten⸗Kldſter im Lande in einem Vermaͤcht⸗ niſſe bedacht find. In der Neuſtadt Danzig erlaubte der HM. Michael Küchmeiſter von Sternberg den Aufbau eines neuen Franciſcaner⸗Klo⸗ ſters; Abſchrift der darüber ausgeſtellten Urk. ohne Dat. im geh. Arch. Schiebl. LX. nr. 228. 4) B. V. S. 391 — 392. 5) Treßler⸗Buch an viclen Stellen. 2
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760 Kloſterweſen. richten ließ. Ebenſo ward nicht ſelten auch bei andern Gelegenheiten vorzuͤglich immer der Kloͤſter gedacht, wie denn z. B. der erwaͤhnte Meiſter verordnet, daß bei ſei⸗ nem Tode vierzig Mark an die Kloͤſter dieſer Orden ge⸗ ſpendet werden follten. > Meiſtens lebten zwar die Bruͤder dieſer Orden als Bettelmoͤnche von dem Ertrage milder Gaben und fie trieben hie und da ihre Hausbettelei mit ſolchem Eifer, daß die ſtaͤdtiſchen Behoͤrden dem Unweſen Einhalt thun mußten, woruͤber einſt der Rath von Danzig mit den dor= tigen Prediger-Moͤnchen in einen harten Streit gerieth. ” Außerdem aber floſſen den Kloͤſtern auch manche Geldſum⸗ men durch teſtamentariſche Vermaͤchtniſſe und ſonſtige Bes ſchenkungen zu,“ oder ſie zogen andere beſtimmte Ein⸗ kuͤnfte von gewiſſen an ſie vermachten Stiftungen. So entrichtete z. B. die Schifferzunft zu Danzig dem bortis gen Kloſter der Prediger-Moͤnche jahrlich dreißig Mark und lieferte ihm zwei Tonnen Heringe, wofuͤr ſich das Kloſter verpflichtet, zum Heile der Mitglieder dieſer Zunſt jeden Tag eine Meſſe zu leſen.“ In gleicher Weiſe machte ſich das Minoriten-Kloſter zu Wehlau verbindlich, dem Baͤckergewerke zu Raſtenburg fuͤr einen jaͤhrlich an 1) Das FTreßler⸗Buch führt dieſe Ausgabe jedes Jahr auf. Als beſchenkte Kloͤſter werden in der Regel genannt: zwei in Danzig, Thorn und Kulm, und eins in Wehlau, Braunsberg, Neuenburg, Warten⸗ berg, Heiligenbeil, Rößel, Konitz, Dirſchau und Patollen, alſo im Ganzen 15. 2) Treßler⸗Buch beim J. 1407. 3) Der Streit fällt in die Zeit des HM. Michael Kuͤchmeiſter von Sternberg. Der Rath von Danzig verbot den Moͤnchen die Hausbettelei; allein dieſe beriefen ſich auf ihr kirchliches Recht, ihre Freiheit und wandten ſich ſowohl an ihre Oberſten, als an den HM. mit bittern Beſchwerden über die Beſchraͤnkung ihrer Rochte. Das Schreiben an den HM. Schiebl. LX. nr. 87. 4) Vgl. Urkunde v. J. 1311 im geh. Arch. Schiebl. XX. nr. 2. 5) Origin. = Urkunde, dat. in conventu nostro Gdanensi 1386 ipsa domin. Estomihi im geh. Arch. Schicht. LIV.
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Kloſterweſen. 761 das Kloſter zu ſpendenden Geldertrag an jedem Pfingſtfeſte Scelenmeffen zu halten und erklärte zugleich jedes einzelne Mitglied des Gewerkes aller Gnadenwirkungen der im Kloſter geleſenen Meſſen, Gebete, ſowie der Faſten, Ka⸗ ſteiungen und Viailien ı kcheilhaftig, denn auch dieſes war bei den Moͤnchen dieſer Orden ein ſehr haͤufig benutztes Mittel, ſpendende Hände zu ihrem Unterhalte zu öffnen.“ Außer den Franciſcanern und Dominicanern hatten ſich auch noch einige mit den Bettelmoͤnchen in Verbin⸗ dung ſtehende Orden in einzelnen Staͤdten des Ordens⸗ ſtaates angeſiedelt. In Danzig z. B. ſtand ein Kloſter der Karmeliter, die gleichfalls als Bettelmoͤnche von Al— mofen lebten, wie denn überhaupt Danzig unter allen Staͤdten die meiſten Moͤnchs⸗ und Nonnenkloͤſter zählte. In Heiligenbeil, Konitz und einigen andern Orten hatten Auguſtiner⸗Eremiten oder Auguſtiner⸗Einſiedler Kloͤſter er⸗ baut, die nicht ſelten von Ordensgebietigern und Hoc: meiſtern Beweiſe ihrer Huld erhielten. So zogen ins Auguſtiner⸗Kloſter zu Konitz die ihm vom Komthur zu Tuchel Ruͤticher von Elner geſchenkten Reliquien manchen frommen Spender und brachten ihm manchen Gewinn.“ * hatten ſeit dem Jahre 1381 in der Naͤhe von 1) 1 dat. Wehlau Sonnab. vor Judica 1433 Schiebl. XXXVII nr. 3. Andere ahnliche Urkunden, worin bald Kloſter der Prediger-Moͤnche, bald Minoriten- Klöfter einzelne Perſonen oder ganze Korporationen der Gnadenwirkungen ihrer Gebete und gottesdienſtlichen Uebungen theilhaftig erklären, finden ſich zahlreich im geh. Arch. 2) Treßler-Buch. In einem Schreiben des Komthurs von Danzig (ohne Dat.) wird dem HM. gemeldet, daß „dy bruͤder des ordens der Carmeliten haben clegelich vorgeleyt eren groſſen iomer und ſchaden, den ſy von den vynden entpfangen han.“ Es wird daher fuͤr ſie um ein anderes Unterkommen gebeten; Schiebl. LX nr. 81. 3) urk. des Erzbiſchofs von Gneſen, worin er denen, welche dieſe Reliquien beſuchen würden et qui ad opus Monasterii predieti pro ornatu et cultu divino manus porrexerint adiutrices, quadraginta dies de iniunctis eis penitenclis verheißt, dat. Zmeyne ultima die mens, April. 1384 Schiebl. IIV. nr. 8. VI. 49
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762 Kloſterweſen. Danzig auch Karthaͤuſer eine Niederlaſſung gefunden;“) fie erbauten dort das Kloſter Marien-Paradieß und zaͤhl⸗ ten gleichfalls wie fruͤher ſo ſpaͤter manchen Gebietiger des Ordens unter ihre Goͤnner;? fo beſchenkte fie z. B. der Meiſter Ulrich von Jungingen im Jahre 1409 mit hun⸗ dert Mark. Im Verlaufe der Zeit gewann dieſes Klo⸗ ſter auch manches Landeigenthum; ein ſpaͤterer Hochmeiſter verlieh ihm das Gut Oſtritz mit hoher und niederer Ges richtsbarkeit, Kriegsdienſt und Burgenbau; im uͤbrigen er⸗ ließ er ihm alle weitern Leiſtungen und Dienſte. Nach Preuſſen aber breitete ſich dieſer Orden der Karthaͤuſer nicht weiter aus. Die Ciſtercienſer hatten ſchon lange vor des Ordens Ankunft in Preuſſen ſich in Pommern anſehnliche Beſitzun⸗ gen erworben; beſonders waren die beiden bedeutendſten Ciſtercienſer Kloͤſter Oliva und Pelplin unter dem Schutze und durch die Freigebigkeit der alten Herzoge von Pom⸗ 1) Lindenblatt S. 47. Annal. Olivens. p. 59: Anno 1380 Monasterium Carthusianorum per Johannem Lusciusky militem natione Polonorum fundatum est, ad incolendumque fratres Car- thusiani ex Monasterio Pragensi vocati, extunc locus ille para- disus S. Mariae vocari coepit. 2) Beſonders guͤnſtig war den Karthaͤuſern nachmals Konrad von Erlichshauſen. Schon als Vogt von Grebin wurde er im J. 1420 vom Prior und dem ganzen Konvent domus Paradisi Marie ordinis Car- thusiensis der Gnadenwirkungen ihrer Gebete u. ſ. w. theilhaftig er⸗ klaͤrt; Urk. Schicbl. LIV. Daſſelbe wiederholen wegen „Konrads be⸗ ſonderer Liebe zum Orden der Karthaͤuſer“ der Prior Wilhelm ceteri- que generalis eapituli difinitores im J. 1426, als Konrad Kom⸗ thur zu Ragnit war; Urk. Schiebl. LIV nr. 19. 3) Das Kloſter muß ſehr arm geweſen ſeyn, denn in dem Dank⸗ ſchreiben des Priors an den HM. heißt es: die gabe iſt gar anneme und fromelich den armen bruͤdern und dem ganzen Cloſter, wend got weis, yn was notdurft ſie czu ſtunden ſiczen, Sie mogen nu an dem freitage czu dem warmen waſſer wol Semmeln eſſen eyne czeit, do ſie alſoſt an Rocken brote eyn genuͤge hatten muſt haben. 4) Verſchr. urk. des HM. Michael Kuͤchmeiſter von Sternberg v. J. 1422 im Verſchreib. Buch Nr. 6 p. 90.
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Kloſterweſen. 763 mern zu einem ſehr ausgedehnten Güterbefige gelangt, fo daß kein anderes Kloſter weder in Pommern noch in Preuſ⸗ fen fie an Guͤterreichthum übertraf. Nicht minder wichtig waren ihre Vorrechte, Freiheiten und Beguͤnſtigungen, wo⸗ mit ſchon in fruͤheren Zeiten theils die Paͤpſte, theils die Herzoge von Pommern ſie reichlich verſehen und in deren Beſitz ſie auch, als Pommern unter des Ordens Herrſchaft kam, nicht nur unbeſchraͤnkt gelaſſen, ſondern noch viel⸗ fach mehr bevorrechtet und beguͤnſtigt wurden. Karl von Trier, Ludolf Koͤnig von Weizau, Winrich von Kniprode, Konrad von Jungingen und mancher andere Meiſter hat⸗ ten häufig in Beſchenkungen und Beguͤnſtigungen ihnen ihre Huld und Geneigtheit bewiefen.” Sie waren die beiden einzigen Kloͤſter, denen Aebte vorſtanden, welche unmittelbar dem Roͤmiſchen Stuhle untergeben waren, denn die uͤbrigen Kloͤſter in Pommern und Preuſſen hat⸗ ten ſaͤmmtlich nur Priore und Unterpriore zu ihren Obe⸗ ren, die entweder den Obervorſtehern der Landſchaft Sach⸗ ſen oder Cuſtoden einzelner Bezirke unterthan waren. 2) Bei den Franciſcanern galt der Guardian als Oberer des 1) So reich das Material in einer ſehr bedeutenden Anzahl von Urkunden und andern Quellen uͤber die Geſchichte dieſer beiden Kloͤſter vorliegt, ſo wenig kann doch hier auf das Einzelne ihrer Geſchichte weiter eingegangen werden. Es muß einer eigenen Bearbeitung übers laſſen bleiben. 2) Wir finden z. B. bei den Minoriten im J. 1326 einen frater Nicolaus fratrum minorum custos per Prusiam; im J. 1413 „der geiſtliche vater Bruder Johannes Biſchof, Meiſter in der heyligen ſchrift und gemeyner provincial yn Polan und in Pruͤſſenz“ er ſtand als ſolcher den Prediger⸗Moͤnchen vor. In einer Urk. des Auguſtiner⸗ Eremiten⸗Kloſters zu Heiligenbeil ein dominus Nicolaus Hollant vi- carius distrietus Prusie ordinis predieti; in einer Urk. v. J. 1481 Heinricus Stall S. Theologie lector neenon vicarius provincialis per distrietum Prussie ordinis heremitarum fratrum S. Augusti- ni; in einer Urk. vom Kloſter zu Wehlau v. J. 1488 ein Heinricus Voss Ordinis Fratrum minorum de observancia nuncupatorum in custodia Livonie et in Prusia custos, 49”
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764 Kloſterweſen. Kloſterkonvents. Da der Orden aber die Ciſtercienſer in Preuſſen ſelbſt ſich wenig oder nicht anſiedeln ließ, vom eigentlichen Orden der Benedictiner hier nicht die mindeſte Spur vorhanden iſt und die Bettler-Orden ſich nirgends durch wiſſenſchaftliches Wirken auszeichneten, fo erklaͤrt ſich auch leicht die Erſcheinung, daß in Preuſſen durch die Kloͤſter fuͤr wiſſenſchaftliche Bildung faſt nicht das mindeſte geſchehen iſt. Nirgends findet ſich auch nur eine Spur von einer Kloſterſchule. Die Ciſtercienſer zu Oliva und Pelplin beſaßen zwar Bibliotheken von einigem Belange; allein wir hoͤren von keinem einzigen Abte oder Moͤnch, der ſich in irgend einer Weiſe durch wiſſenſchaftliche Be⸗ ſtrebungen hervorgetan.“ Die übrigen Kloͤſter beſaßen an Büchern kaum etwas mehr, als was ſie zum taͤglichen Gebete und Gottesdienſt noͤthig hatten. So ſteht alſo das Kloſterweſen und Moͤnchsthum in Preuſſen in völlig ſchaler Leerheit da. Nonnenkloͤſter hatte Preuſſen in damaliger Zeit nur wenige. In Thorn ſtand ſchon aus fruͤher Zeit her ein Jungfrauen⸗Kloſter zum heiligen Geiſt genannt, dem der Hochmeiſter Werner von Orſeln im Jahre 1330 das Pa- tronatsrecht uͤber die Pfarrkirche zu Schoͤnwalde in der Didcefe von Pomeſanien mit Einwilligung des Pomeſani⸗ ſchen Biſchofs verlieh.“ Es hatte feine eigene Aebtiſſin und gehörte zum Orden der Ciſtercienſer. Es hatte 1) Das Kloſter Pelplin erbat ſich im J. 1424 vom Abte von Gi: ſterz die Exemtion von der Verpflichtung aus, feine Scholares oder studentes ad collegium Cracaviense ſenden zu duͤrfen und erhielt fie auch; Urk. Schiebl. IX. nr. 49. Im J. 1487 wurde die Exemtion erneuert und jetzt erſt das Kloſter verpflichtet, jene scholares ad ali- quod alium vicinum studium zu ſenden. 2) Verleihungsurk. dat. Marienb. domo nostra prineipali Idus May 1330 im Regiſtr. ur. 9. 3) In einer Urk. v. J. 1413 vocirt die Soror Margaretha Pe- pynne divina providencia Abbatissa una cum grege sibi credito günctimonjalium in Thorun ordinis Cistereiensis den Johannes Vinke Lector der Theologie und Prior Provincialis der Provinz Thuͤ⸗
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Kloſterweſen. 765 laͤndliche Beſitzungen und ward von Winrich von Kniprode mit neuen Verleihungen beſchenkt.“ Die Schweſtern be ſchaͤſtigten fi) vorzuͤglich mit der Krankenpflege in den Spitalen. Ebenſo hatte Kulm ein Ciſtercienſer Non⸗ nenkloſter, deſſen Schweſtern ſchon im Jahre 1267 ent⸗ weder zum Aufbau oder zur Erweiterung ihres Kloſters unter gewiſſen Bedingungen vier Hoſſtaͤten erwarben, doch mit der Verpflichtung, ſie unter gewiſſen Umſtaͤnden zum Theil wieder veräußern zu muͤſſen. 9 Auch dieſem Klo⸗ ſter ſtand eine eigene Aebtiſſin und außer ihr ein Propſt vor. Aus dankbarer Geſinnung fuͤr das Gluͤck der Or⸗ denswaffen in der Schlacht an der Strebe hatte der Hoch⸗ meiſter Heinrich Duſmer von Arfberg, wie wir uns erin⸗ nern, ein Nonnenkloſter im Loͤbenicht zu Königsberg er⸗ baut und es mit laͤndlichen Beſitzungen nebſt manchen Vorrechten und Freiheiten begabt.“ Es wurde auch noch ſpaͤter von mehren Hochmeiſtern vielfach beguͤnſtigt. Kon⸗ rad Zöllner von Rotenſtein uͤberwies ihm das Patronats⸗ recht uͤber die Pfarre zu Bartenſtein;“ von andern wurde ihm der Zins an mehren Doͤrfern in den Gebieten von ringen und Sachſen vom Auguſtiner⸗Eremiten⸗ Orden zum Seelſorger bei ihrem Kloſter; urk. Schiebl. LIV. nr. 15. Die Aebtiſſin nennt ſich gewohnlich „erwählt von Gottes Gnaden.“ Urk. Schiebl. III. nr. 16. Nach einer Urk. v. J. 1311 hatte Thorn mehr als ein Nonnen⸗ kloſter, Schiebl. XX. nr. 2 1) Verleihungsurk. dat. Thorn Mont. nach Oculi 1370 im Raths⸗ archiv zu Thorn. 2) Darüber eine Urk. im geh. Arch. Schiebl. LII. nr. 14. 3) Urk. des Rathes von Kulm, dat. in Culmine Mense Marei 1267 im Fol. Ellen, Hubenmaaß u. ſ. w. 4) Beide ſtellen die fehon früher B. IV. S. 551 Anmerk. 2 er: wähnte Urkunde aus. 5) S. B. V. S. 65. Vgl. Casseburg Diss'rtat. de coenobiis Pruss. Regiom. 1740. Die früher a. a. O. erwähnte Urkunde zählt die Beſitzungen und Freiheiten dieſes Kloſters genau auf. 6) urk. dat. Elbing am T. Philippi und Jacobi 1387 in Schiebl. XXXIII. nr. 6, VI. 50
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766 Kloſterweſen. Brandenburg und Kreuzburg zugeſchrieben, ſo daß es uͤber⸗ haupt für ein ziemlich beguͤtertes Kloſter galt.“ Lange Zeit hatte Koͤnigsberg nur dieſes einzige Kloſter. In Danzig befand ſich ein Brigitten-Kloſter, von Wittwen und Jungfrauen bewohnt, welche zum Auguſtiner-Orden gehoͤrend auch die Buͤßerinnen genannt wurden. Obgleich das Kloſter, zu Sanct Maria Magdalena geheißen, be— ſtimmte Einkuͤnfte genoß, die ihm der Hochmeiſter Konrad von Jungingen im Jahre 1402 auch beſtaͤtigte, ſo lebten die Nonnen doch mehr von dem Almoſen, welches ſie in der Stadt erbettelten, ? liehen dabei aber mitunter Gel: der aus. Es war mit dieſem Nonnenkloſter zugleich auch ein Moͤnchskloſter für Bußbruͤder verbunden; ? allein es herrſchten in beiden Kloͤſtern beſtaͤndige Streitigkeiten, weil es ihnen, wie es ſcheint, an einer beſtimmten, feſten Regel fehlte oder die Moͤnche und Nonnen ſich nicht ſtreng 1) Arnoldt Preuſſ. Kirchengeſch. S. 197 ſagt: es ſey in dieſem Kloſter die Regel Benedicts beobachtet worden. In einer Urk. der Aebtiſſin dieſes Kloſters vom J. 1411, worin ſie die Domherren der Pomeſan. Kirche in die Gemeinſchaft ihrer guten Werke aufnimmt, heißt es: de communi consensu nostri capituli auctoritate spiri- tus septiformis et beat. patrum nostrorum Benedicti et Bern- hardi damus et concedimus vobis plenariam fraternitatem et participationem; urk. in Schiebl. XXXIII. nr. 7. 2) Der Erzbiſchof von Riga, der erſt im J. 1500 die Erlaubniß ertheilte, für die Minoriten in Koͤnigsberg ein Kloſter zu erbauen, ſagt in der Urkunde darüber: Cum in Civitate Montisregalis vulgariter Konixberge nullum sit monasterium seu cenobium de ordine fratrum mendicancium, sed unum duntaxat sanctimonialium, quibus predicare aut confessiones audire est canonice inhibitum etc. 3) Urk. v. J. 1401 Schiebl. LXIII. nr. 2. Man wollte ihnen im J. 1401 das Almoſenbetteln verbieten; allein der Komthur von Danzig bittet ſelbſt für fie, „das In die tafel und das bettel nicht abegeleith werde.“ 4) Darüber Urk. v. J. 1401 und 1421 Schiebl. XLI. nr. 7 LXIII. ur. 2. 5) Eigentlich aber waren es zwei Brigitten⸗Kloͤſter, wie eine Urk. v. J. 1421 auch klar ausmeift.
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Klo'ſterweſen. 767 an ſie hielten. Daher war namentlich das Nonnenkloſter ſchon zur Zeit Konrads von Jungingen in großer Unord⸗ nung, theils durch die nachtheilige Verwaltung zweier Vor⸗ ſteher, theils weil man, von der Ordensregel abweichend, lange Zeit nur Wittwen und keine Jungfrauen mehr auf⸗ genommen hatte. Man gerieth dann auch uͤber die Wahl der Aebtiſſin Häufig in Zwiſtigkeit, denn bald war man gar nicht im Stande, aus den Nonnen eine Aebtiſſin zu wählen, bald lagen die erwaͤhlten Priore daruͤber in Streit mit einander. Dazu kamen noch allerlei Spaͤne mit den Buͤrgern der Stadt, denn dieſe klagten bald, daß das Brigitten⸗Kloſter zu viele Haͤuſer an ſich zu bringen ſuche und eine Art von Handel damit treibe, ohne dem Rathe die pflichtigen Abgaben und Dienſte zu leiſten; bald wie⸗ der beſchwerten ſich die jungen Nonnen beim Komthur von Danzig, daß man ſie bedruͤcke und bedraͤnge, daß die Kloſtervorſteher das Kloſtereigenthum verzehrten, waͤhrend fie ſelbſt darben müßten, daß fie übermäßig lange in der Probezeit gehalten würden u. ſ. w. Alle dieſe Nonnenkloͤſter hatten jedes ſeinen beſondern Propſt, der als Verweſer und Sachwalter das Kloſter, dem er vorſtand, in allen feinen aͤußern Verhaͤltniſſen ver⸗ treten mußte. Die Einſetzung und Entlaſſung dieſes Be⸗ amten, der mit beſonderer Erlaubniß auch ein Ordens⸗ 1) Ueber dieſe Streitigkeiten mit dem Brigitten⸗Kloſter in Danzig finden ſich manche ſpecielle Nachrichten im geh. Archir; ſie erregen je⸗ doch als Einzelnheiten wenig Intereſſe und beweiſen nur, daß unter allen Kloͤſtern dieſes ſich durch Zuchtloſigkeit und unordnung am meiſten auszeichnete. Der Komthur v. Danzig ſchreibt einmal dem H M.: Als ich heute von der Molzeit ging, do fand ich acht Buͤſſerinnen, die noch nicht in das rechte Cloſter fien gekleydet, die mit ſulchem groſſen bittern füffzen und weynen vor mich uff ir angeſichte fylen uff die erde, mich umb gotis und ſiener heitigen leidung willen thaten bitten, das ich ans ſehen welle den groſſen gedrank, ſwere unrecht, domete ſie von eren vorweſern ven tag zu tage gar jemmerlich werden gedrungen, da fie nicht gebruchen moͤgen und nymer gefrewet werden der gnaden, daroff daſſelbe Cloſter iſt geſtiftet, sur
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768 Kloſterweſen. ritter ſeyn konnte, hing immer vom Hochmeiſter ab, denn dieſer war ſtets der naͤchſte Schutzherr aller Nonnenkloͤſter im Lande.“) Außer dieſen hier erwähnten Moͤnchs- und Nonnen⸗ kloͤſtern gab es in verſchiedenen Staͤdten theils aus frühes rer, theils in ſpaͤterer Zeit noch manche andere meiſt von den naͤmlichen Moͤnchsorden. Allein kein einziges tritt auf irgend eine Weiſe in beſonderer geſchichtlicher Wichtigkeit hervor; denn wenn auch nicht entweder Unordnung und Mangel an Disciplin oder Armuth und knechtiſcher Ges luͤbdedienſt alle von ſelbſt in der Leerheit und Gemeinheit des Kloſterlebens feſtgehalten haͤtte, ſo wuͤrde doch gewiß ſchon die Herrſchergewalt des Deutſchen Ordens das Klo: ſterweſen und Moͤnchthum hier jemals ſchwerlich zu fri⸗ ſchem Gedeihen und Aufſtreben haben gelangen laſſen. Der maͤchtige Stamm des Ritterordens konnte unmoͤglich die wuchernde Pflanze des Kloſterthums auf ſeinem Boden zu gedeihlichem Wachsthum kommen ſehen. 4) Darüber Briefe der Aebtiſſin des Nonnenkloſters zu Thorn im geh. Arch. Im J. 1438 finden wir den Ordensritter Johannes von Weidau als Propſt des Nonnenkloſters zu Thorn erwähnt; ſ. Schreiben der Aebtiſſin und des Konvents dieſes Kloſters Schiebl- LII. nr. 18. „ 60 * 85 a u Llallelekz 7 + c *
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Verbeſſerungen zur Geſchichte Preuſſens. Sechſter Theil. Seite „„ n a EL. N * 5 9 11 22 23 310 39 16 v. o. 2 540. 0. 3 v. u. 4 v. o. 17 v. o. 10 v. u. „17 v. o. Ueberſchrift = 31000 10 v. u. : 3 v. o. : 2 v. o. 4 v. o. 3 v. u. 7 v. u. 16 v. u. 16 v. u. 16 v. u. 14 v. u. I v. o. 2 v. o. So o. „ „ „* „ „% M M n un u 2 Ny. ü. = 9 v. o. 2 3 v. u. 2 v. U 17 v. u. „15 v. u · * „ * 2 Zeile 1 v. o. lies Skirgal Untergebenen Preuſſen (und fo überall ſtatt: Preußen) Drohiczyn ausgezeichneten Burgundiſchen Litthauern Langebeck Oberlehensherrn wegen des Erzbisthums ſchweren dieſen Lande Hauptziel Albrechts gleichzeitig gebeitt auch aus den kieſen gekorenen Feinheit fuͤhrten ehelicher Brathean verlangte Plenchau Kinthenau Kripten Vogelſchießens. ——