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Geſchichte Preuſſens, von den aͤlteſten Zeiten bis zum Untergange der Herrſchaft des Deutſchen Ordens, von Johannes Voigt. Die Zeit von der Unterwerfung der Preuſſen 1283 bis zu Dieterichs von Altenburg Tod 1341 Koͤnigs berg, im Verlage der Gebrüder Borntraͤger 1850.
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In halt. Kapitel I. Seite Beginn des Kampfes mit den Litthaueern - 1 Die Großfuͤrſten von Litthauen 3 „ 4 Litthauens Landesbeſchaffenhe int 8 Kampf um Romowe im Samaitenlande 122 Kriegszug gegen Gart hen 14 Kriegszuͤge gegen die Litthauer 156 Innere Landesverwaltung in Preuſſen 22 Nachbarliche Verhaͤltniſſe . Livlands Verhaͤltniſſe 2 Der Hochmeiſter Burchard von 1 Schwende in 1 Preuſſen 20 Der Landmeiſter Meinhard von Bern:: 382 Die Weichſel⸗ und Nogatdaͤmme r r e 335 Innere Sandescaultur . - - „ 8 Aufbau von Ragnit und Tüſtt „ Az Einfall der Litthauer in Samland 4. 39 Semgallens Unterwerfung 5 41 Meinhards von Querfurt Kriegszug gegen 1 Solane „42 Kriegsereigniſſe gegen die Litthauer und Samaiten 46 Kriegsereigniſſe gegen die Samaiten ee Der Hochmeiſter in Ram 8 11 Des Hochmeiſters Burchards von Schwenden Zug ins Mor⸗ genland . 54 Des Hochmeifters Burchards v von een den Abdankung 57 Der Hochmeiſter Konrad von Feuchtwangen 59 Der Hochmeiſter Konrad von Aeenee in Akkon 61 Akkons Verluſtt 8 e 653 Das Ordens⸗ Haupthaus zu Venedig 71 Veraͤnderte Stellung des Orden??? 73 Serufalem in Preuſſen . 74 Adolf von Naſſau und der Deutſche Orden 78
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vi Inhalt Seite Verhaͤltniſſe des Ordens zu Pommern . 1 79 Verhaͤltniſſe in Polen 6 4 8 8 83 Kriegszuͤge gegen die Litthauer „48 Raubzuͤge der Litthauer nach Polen 12 88 Kriegszuͤge gegen die Litthauer und Samaiten 82 Vernichtung des Heiligthums Romowe in Samaiten 85 Samaitens Unterwerfung e 37 Innere Landesverhaltniſſee . 98 Kapitel II. Verſchwoͤrung gegen den Orden 103 Die Vierbrüderfäule . . - * 1 Innere Verhaͤltniſſe Samlandds . 114 Aufzeichnung und Bevorrechtung der Withinge i in Samland 116 Verhaͤltniſſe in Livland — dem ** und dem Dein 120 Kampf zwifchen dem Orden ai vu Erzbischof von Riga 124 Stellung des Römifchen Hofes gegen den Orden 127 Verhaͤltniſſe Pommerns nach Miſtwins od 131 Der Hochmeiſter Gottfried von Hohenlo ginge 135 Meinhards innere Landesverwaltung 137 Meinhards Bemühungen für Landesculturt 139 Litthauiſche Kriegszuͤge . . 140 Kämpfe gegen die Litthauer in eiwland 142 Verhaͤltniſſe in Livland zwiſchen dem Fan u üb dem Orden - 146 Meinhards von Sei Tod 3 151 Die Landmeiſter Konrad von rn nr Ludwig von Schippen 183 Plan zur Verlegung des Haupthauſes ar Venedig 136 Kapitel UI. Der Landmeiſter Helwig von Goldbach 2 0 40 160 Kaͤmpfe mit den Litthauern u 162 Der Erzbiſchof Jſarn g . 164 Bemühungen um Landescultu rtr 1065 Der Hochmeiſter Gottfried von Hohenlohe in Preuſſen 168 Des Hochmeiſters Gottfried von Hohenlohe Entſagung 171 Siegfrieds von Feuchtwangen . We Spaltung im Orden - 177 Der Landmeiſter Konrad Sack 130 Kämpfe mit den Litthauern 181 185 Innere Landesverwaltung
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neh au vu Seite Verpfaͤndung Michelau s 1.88 Erwerbung des Landes Michelau fuͤr den Biden a 191 Erwerbungen des Ordens in pommern 193 Veraͤnderte Verhaͤltniſſe in 1 - ar 196 Züge nach Litthauen - 202 Der Landmeiſter Sieghard von en. Pi 208 Der Landmeiſter Heinrich Plotzke N I A 206 Kriegszuͤge gegen die Samaiten 208 Eroberung Danzigs durch die Brandenburger 210 Befreiung Danzigs durch den Orden 218 Eroberung Danzigs und Dirſchau's durch den Orden 25 Eroberung von Schwez durch den Orden. 220 Eroberung Pommerellens durch den Orden 63 224 Neue Schritte zur Behauptung Pommerellenns 225 Neuer Anlaß zum Zwieſpalt in Livland 2230 Neue Zwietracht in Livland . au Rare 233 Klage des Erzbiſchofs gegen den Orden „ 4 Vertheidigung gegen des Erzbiſchofs 2238 Gefahrvolle Lage des Ordens . 24 Kapitel IV. Verlegung des Hochmeiſterſitzes nach Marienburg 250 Wichtigkeit der Verlegung des Meiſterſitzes 8. Warnung 256 Der Kaufvertrag über rn 2 263 Streit in Livland 2658 Vertheidigung des Ordens am päpſtlichen Sof: 269 Karl von Trier als neuer Hochmeifter . - 273 Verhandlungen mit Polen 8 275 Des Großfuͤrſten Witen Einfall ins nd re 275 Niederlage der Litthauer bei Woplauken R 280 Kriegszuͤge nach Litthauen . ; 283 Neue Erwerbungen des Ordens in Pommern 5 286 Umwandlung der oberſten Gebietigeraͤmter 93293 Hungersnoth in Preuſſen s Erneuerte Kriegszuͤge gegen die eitthauer 29 Ungluͤcklicher Kriegszug gegen die Litthauer 301 Fortgeſetzter Streit mit dem 1 von Riga 304 Innere Landesverwaltung Dun; — 310 Kaͤmpfe mit den Litthauern > ar; 812 Erwerbung Michelau's 2 Er 18 Zwieſpalt im Orden 5 519 Abſetzung Karls von Trier als Hochmeiſter 320
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vın Inhalt. Seite Johann XXII gegen den Orden 2322 Streit mit den Polniſchen Biſchoͤfſen „ are e Streit mit dem Erzbiſchof von Rigg 328 Ausgleichung des Streites im Orden 38380 Johann XXII Geſinnung gegen den Orden 332 Streit mit Polen wegen pommeern 335 Streit wegen des Peterspfenniggggggs 844 Streit mit Polen wegen pfommern 847 Ausgleichung mit dem Biſchofe von Samland 350 Kriegszuͤge gegen die Litth auer 354 Neue Kreuzfahrt nach Preuſſen. 356 König Gedimin von Litt hauen 383864 Friede in Livland mit Gedimin 368 Der Erzbiſchof von Riga und der Seämeifer am n pöpftiden Hoffe 3 2872 Tod des Hochmeiſters Karl von Erler z 379 Kapitel V. Kriegs fahrten nach Litthauen . Wahl des Hochmeiſters Werner von Orſeln r 384 Werner von Orſeln als Hochmeiſte - - - 386 König Gedimin und die paͤpſtlichen Nuntien 387 Neue Klage des Erzbiſchofs von Riga gegen den ER ar 393 Bannſpruch des Erzbiſchofs von Riga gegen den Orden 396 Rechtfertigung des Ordennn 8 Verbindung Wladislav’s von Polen mit Gedimin 3 400 Vorbereitungen zur Sicherheit des Landes gegen Polen und Fita „ 402 Vorbereitung zur Sicherheit des Landes gegen 1 406 Gunſt des Königes von Polen am paͤpſtlichen Hofe 411 Erneuerter Streit wegen des 5 e General⸗Ordens kapitel BE 417 Anfang des Krieges mit W „ e 19 Krieg mit Polen e Kriegszuͤge nach Litthauen e 422 Der Papft gegen den Krieg mit Polen a 424 Kreuzzug des Koͤniges Johann von Böhmen gegen die a 426 Eroberung des Dobriner⸗Landes durch Johann von Böhmen 431 Schenkung des halben Dobriner⸗Landes an den Orden . . 434 Verpfaͤndung von Stole 8 435 Neue Erwerbungen in Pommern 8 437 439 Krieg mit Polen
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Im ha 8 Seite Werners von Orſeln innere Landesverwaltung 442 Beſtimmungen des 8 uͤber die 9 des oc meiſters . 446 Kriegszug nach Samaiten ER u ; ; 450 Erneuerter Streit wegen des Peterspfennigs 1 Beilegung des Streites mit dem Bifchofe von Leſlau. 457 Erwerbung des ganzen Dobriner Landes. 4439 Krieg mit Polen 61 Einnahme und Demuͤthigung Rigas „ 467 Werners Beſtrebungen für den Orden 469 Ermordung des Hochmeiſters Werner von Orſenn 471 Kapitel VI. Wahl des Herzogs Luther von Braunſchweig zum > 478 Beſtrafung des Moͤrders Werners von Orſenn 482 Neue Anklage des Ordens — rien wil rn 4387 Schlacht ber Ploporze e 4 Krieg mit Polen „499 Unterhandlungen mit Polen 502 Innere Landesverhoͤltniſ ¶e n. 3506 Neue Verhandlungen mit Polen 309 Tod des Hochmeiſters Luther von e 112 Luthers von Braunſchweig Verdienſte um die Bildung 517 Kapitel VII. Dieterich von Altenburg Hochmeiſter 6820 Benedict XII und der Deutſche Orden 523 Der Friedensſpruch zu Wiſſeg rad 527 Neue Störung des Friedens mit Polen 531 Kriegszug nach Samaiteꝛr n 534 Erſtuͤrmung der Burg Pillene ns. 36335 Einfall der Polen ins Lanz: 588 Befeſtigung Marienburgs 9 Innere Landesverwaltung 6540 Kriegszug nach Litthauen 6542 Aufbau der Baierbug - g 545 Verhandlungen mit J 546 Neue Störung des Friedens mit Polen . 550 Verbeſſerung des Schulweſenn sz „6552 Gefahr fuͤr die Bas burg? 354 Kriegszug nach Samaiten 356 Kaiſer Ludwigs Schenkung von eitthauen 357
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x In h a 1 t. Seite Neue Anklagen gegen den Orden am de an ü 560 Streitige Verhaͤltniſſe mit Polen \ 6563 Verhandlungen mit Polen 8 Verurtheilung des Ordens im Streite mit Polen Gen 0 Bemuͤhungen zur Sicherheit des Landes 2872 Schreiben der Landesbifchöfe an das Kardinal⸗ 1-Golgium 3575 Innere Landesverhaͤltniſſe E Neue Verhandlungen mit Polen . a Fa Des Hochmeiſters odds 35384 Beilagen. Nro I. Die Vierbruͤderſaͤube a : 36389 Nro II. Vom Wehrgelde der Preuſſen 22 594 Nro III. Chronologiſche Bemerkungen über die Zeit ber Gründung einiger Staͤdte Preuſſens 603 Neo IV. Ueber die Zeit der Eroberung Pommerns durch ben Siden 607 Neo V. Ueber die Geſetze und Landesordnungen der Hochmeiſter Siegfried von Feuchtwangen, Werner von * und Luther von Braunſchweig 613 Neo VI. Ueber die Aechtheit der Briefe des Koͤniges Gedimin von Litthauen an den Papſt Johann XXII, an den Pre⸗ diger⸗ und Minoriten⸗Orden und an die norddeut⸗ ſchen Seeftädte - . u ee ce
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Erſtes Kapitel. Preuſſens Eroberung war nun ſo weit gelungen, daß fort⸗ hin alle Landſchaften dem Orden Gehorſam leiſteten. Allein die Waffen der Ritter ruheten noch keineswegs und ſie konn⸗ ten und durften noch nicht ruhen, denn erſtens duldete des Ordens Beſtimmung und Geſetz fuͤr den Ritterbruder keinen Frieden, ſo lange noch heidniſches Volk, ein Feind des Glau⸗ bens, ein Widerſacher der Kirche, nicht bloß taͤglich drohend, ſondern nicht ſelten auch ſchweres Verderben bringend in des Ordens Naͤhe ſtand. An ſeinem erſten Tage war dieſer dazu geſtiftet und darauf hingewieſen, daß er gegen die Feinde des Kreuzes Chriſti kaͤmpfe, und dieſe Beſtimmung lag ihm auch bis jetzt noch ob. Noch immer ſahen Paͤpſte und andere hohe Geiſtlichen, Könige und andere weltliche Fuͤrſten den unablaͤſ⸗ ſigen Kampf der Ritter wider die Heiden als des Ordens ruͤhmlichſte Pflicht und als den ſchoͤnſten Zweck ſeines Da- ſeyns an ) und es gab keinen in der ritterlichen Verbruͤde⸗ 1) So ſagt z. B. noch der Papſt Nicolaus IV in einer an den Orden gerichteten Bulle: Cum pro christiane fidei tutela, cui perpe- tuum religionis vestre obsequium dedicastis, in fervore caritatis in- trepide res et vitam contra infidelium impetus exponatis etc. Regest. Nicolai IV. an. III. epist. 462; und wie begeiſtert ſprechen nicht Hein⸗ rich VII und Ludwig IV von den Rittern des Deutſchen Ordens, qui ro Christi fide sudores sanguineos eflundere non timescunt, et qui abjectis rebus suis, propriis voluntatibus abdicatis, spretoque suorum corporum cruciatu, ascendentes ex adverso pro Romano Imperio, et ro Domo Israhel se murum non formidant exponere, et in proprio sanguine pro fide catholica et paternis legibus, animarum suarum pellia rubricare. IV. 1
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2 Beginn des Kampfes mit den Litthauern (1283). rung, der nicht auch ſelbſt von dieſer ihrer Beſtimmung aufs innigſte überzeugt und tief durchdrungen war ). Alſo gebot ſchon des Ordens Zweck und Geſetz fort und fort Krieg und Fehde gegen die Feinde der Chriſtenheit ). Zum andern trieben den Ritter auch Ehrſucht und Kampfluſt an ſich ſchon maͤchtig genug immer wieder zum Schwerte hin; denn es war Meinung der Zeit, daß Kriegszuͤge und Kaͤmpfe wider die Unglaͤubigen in fernen Landen als hoher Ruhm vor Menſchen und als großes Verdienſt vor Gott zu betrachten ſeyen. Gerne machte daher der Orden ſeine Verdienſte um des Glaubens Erweiterung und um den Schutz der Kirche, wo er konnte, auch geltend ) und je mehr er Anerkennung dieſer feiner 1) Die Ordensbeamten ſprachen ſich daruͤber oft klar aus; ſo ſagt der Ordensprocurator in der Streitſache gegen den Erzbiſchof von Riga in Beziehung auf den Krieg gegen die Litthauer: Ipse Ordo principa- liter, ut ferocitatem paganorum partium, in quibus est situs, com- pescat, est fundatus; ad ipsum Ordinem spectat, vigilantissime et solicitissime circumspicere, ne oſſensa aliqua ex terris, unde alias chri- stianitati et ordini offense et graves iacture acciderunt, eveniant; est igitur Ordo ipse ad hoc per sedem apostolicam institutus, ut militet contra paganos. Und bei einer andern Gelegenheit: De facto ad hoc eorum Ordo a Romano pontifice principaliter et specialiter est institutus seu confirmatus, ut quoslibet hostes crucis christi in- vadere eosque cum potencia exterminare et terras eorum seu dominia de manibus eorum eripere et in usus suos convertere pro augmento katholice fidei possit, valeat et debeat. 2) Vgl. die Vorrede der Ordensſtatute bei Hennig S. 33. Schütz Histor. rer. Pruss. p. 106. 3) So ſagt der Sachwalter des Ordens am paͤpſtlichen Hofe im 3. 1306: Omnes homines provincie Prusie erant et fuerant tempore, quo fratres iverunt ad habitandum in Lyvoniam, infideles. Omnes homines de provincia illa conversi sunt ad fidem catholicam potentia et industria fratrum, postquam fratres iverunt ad habitandum in par- tibus illis; eben fo ſpricht er von Kurland, Eſthland u. ſ. w. Predicte gentes sunt numero ultra C. Mille. Per potentiam et industriam fratrum omnes supradicte gentes perseverarunt et perseverant in fide catholica. Omnes predicte gentes apostatassent multociens et apo- statarent nunc a fide catholica, nisi esset potentia et industria fra- trum. Aliqui ex predictis gentibus apostataverunt a fide et per po-
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Beginn des Kampfes mit den Litthauern (1283). 3 Verdienſte fand, um ſo reger trieb der Ehrgeiz immer von neuem zum Kampfe hin. Zum dritten durften die Waffen des Ordens auch darum noch nicht ruhen, weil Preuffens öftliches Nachbarvolk, die heidniſchen Litthauer ihr furchtbares Schwert zu Raub und Verheerung ſeit vielen Jahren ſchon ſo oft bis in des Landes innerſte Gebiete, ſelbſt bis an die Weichſel⸗Ufer getragen hatten, daß von ihnen auch forthin keine Ruhe zu erwarten war. Preuſſen hatte ſchon unbe⸗ ſchreiblich durch die Raubzuͤge dieſes Volkes gelitten, denn fo oft es ſeit Mindowe's Tod ſeine Herrſcher auch gewechſelt, ſo war unter ihnen doch faſt kein einziger geweſen, der dem Orden nicht feindſelig begegnet waͤre bald durch Beiſtand und Unterſtuͤtzung feiner Feinde, bald durch Einfälle in fein Gebiet zu Raub und Pluͤnderung. Schon Mindowe's Sohn und Nachfolger, der Großfuͤrſt Woiſchelg oder Wolſtinik 1), obgleich den Ordensrittern in Livland, wie es ſchien, nicht abgeneigt, hatte zur Belagerung der Ordensburg Wehlau jenen ſtarken Streithaufen ausgeſandt, gegen welchen der tapfere Schuͤtzen⸗ meiſter Heinrich Taubadel ſo mannhaft kaͤmpfte 2), und haͤtte nachmals dieſer grauſame Fürft feine Kraft nicht mehr gegen Rußland wenden muͤſſen ), der Orden in Preuſſen wurde noch ungleich mehr von ihm belaͤſtigt und bedraͤngt worden ſeyn, denn ſo ſtandhaft er vormals im Moͤnchsgewande Buße tentiam et industriam fratrum redierunt ad fidem, scilicet Prutheni et Estones et Semigalli et Osiliani. In dictis provinciis manutenetur per fratres, regitur et defenditur fides catholica. Urf. im geh. Archiv Shit. VI. Nr. 1. N 1) Den Namen Woiſchelg hat Karamſin B. IV. S. 81. 96 nach Ruſſiſchen Quellen; den Namen Wolſtinik dagegen Kojalowiez Histor. Lithuan. p. 125—127. Ueber feinen fruͤheren Aufenthalt in Rußland ſpricht auch Alnpeck S. 94, ohne ihn zu nennen; dabei erzählt er, daß dieſer Sohn Mindowe's bei ſeiner Ruͤckkehr aus Rußland den Mei⸗ ſter von Livland zur Erlangung der väterlichen Herrſchaft um Huͤlfe gebeten, alle gefangenen Chriſten frei gelaſſen, bald nachher aber jene Huͤlfe wieder zuruͤckgewieſen habe. 2) S. oben B. III. S. 248— 249. 3) Kojalowiez J. c. 1*
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4 Die Großfürften von Litthauen (1283). und Entſagung geübt, fo mächtig lockte ihn auf dem Fürften- ſtuhle wilde Rachluſt und gierige Raub⸗ und Laͤnderſucht fort und fort zum Kriege hin. Und als er der großfürftlichen Wuͤrde entſagt, um in das Kloſter zuruͤckzugehen, und ſie ſei⸗ nem Schwager Schwarno !), des Koͤniges Daniil von Halitſch juͤngſtem Sohne, der ſchon Fuͤrſt von Halitſch, Cholm und Drogitſchin war, uͤbertragen, ſo daß dieſer nunmehr auch in Litthauen herrſchte, brach die Kriegsmacht dieſer Laͤnder ver⸗ heerend nicht nur in Livland ein), ſondern Schwarno unter: ſtuͤtzte auch aufs kraͤftigſte die Sudauer durch zahlreiche Schaa⸗ ren aus Litthauen und Samaiten, ja es wurden von ſeinen Kriegshaufen auch das Kulmerland, Pomeſanien und Poge⸗ fanien mit ſchmerer Verheerung uͤberzogen und eine unfägliche Beute aus dieſen Landen davon getragen). Zwar befreite ein früher Tod den Orden von dieſem bittern Feinde; allein es folgte ihm auf dem großfuͤrſtlichen Throne Wids tapferer Sohn Troiden oder Thoreiden ), in welchem ein Mann über Litthauens Volk gebot, von deſſen raſtloſem und kriegeriſchem Geiſte noch weit ſchwerere Tage fuͤr des Ordens Lande zu befürchten waren. Und er hatte um das Jahr 1272 den Fuͤr⸗ ſtenſtuhl kaum eingenommen »), als er durch feine raͤuberiſchen Einfälle in Livland s), wo damals Ernſt von Ratzeburg Mei⸗ 1) So nennt ihn Karamſin B. IV. S. 96 nach Ruſſiſchen Be⸗ richten; bei Kojalowiez p. 131 heißt er Suintorog Utenides, utens Sohn. Wir koͤnnen indeſſen hier den zuverläffigeren Ruſſiſchen Quellen (vgl. Kar amſin B. IV. S. 275) mehr Vertrauen ſchenken. 2) A ln peck S. 105. 3) Kojalowiezx p. 135. 4) Der erſtere Name bei Kojalowiez p. 152 und Karamfin B. IV. S. 97. 275, der andere bei Alnpeck S. 110. 111. 113. 129. Nach Ruſſiſchen Berichten war er Wids Sohn, welchen Wid die Woß⸗ kreßenskiſche Chronik einen Sohn Dawils nennt und gleich nach Min⸗ dowe zur Herrſchaft kommen läßt. 5) Er regierte, wie es nach Alnpeck S. 110 ſcheint, ſchon einige Jahre vor der Wahl Ernſts von Ratzeburg zum Livländifchen Meiſter, alſo ungefähr 1272 oder 1273. Eine feſte chronologiſche Angabe iſt hier indeſſen nicht zu erwarten. 6) Alnpeck S. 110111.
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Die Großfuͤrſten von Litthauen (1283). 5 ſter war, die Gefahren vorzeichnete, die auch für Preuſſen von feinem Haſſe gegen alles Chriſtliche zu befürchten waren. Des⸗ halb errichtete bald darauf der vorſichtige Landmeiſter von Preuſſen Konrad von Thierberg der Aeltere noch im Verlaufe des Kampfes mit den Sudauern, aus Beſorgniß, daß unter Troidens Fuͤhrung die Litthauer einſt unvermuthet auf dem ſchmalen Landſtriche der Kuriſchen Nehring Samlands Gebiete überfallen und mit Verheerung heimſuchen koͤnnten, dort am Seegeſtade die ſtarke Wehrburg Neuhaus *), um von ihr aus den Heranzug des beutegierigen Volkes aufzuhalten. So ſehr indeſſen Troidens wiederholte Raubzuͤge nach Livland zur Rache und Vergeltung trieben und ſo ſchwer die Ordensritter dieſe Rache auch in der Verheerung ſeiner Lande ausuͤbten 2), ſo blieben doch auch Mittel des Friedens keineswegs ganz un⸗ verſucht; denn ſowohl von Livland als von Preuſſen aus war man auf friedlichem Wege mehrmals eifrig bemuͤht, den krie⸗ geriſchen Großfürften zum Empfange der Taufe zu bewegen. So ließ ihn namentlich auch im Jahre 1279 der Erzbiſchof von Riga durch eine abermalige Geſandtſchaft auffordern, ſich dem chriſtlichen Glauben zuzuwenden; allein der Großfuͤrſt gab die Antwort: Das Beiſpiel der Behandlung, welches die Semgallen durch die Ritter erfahren, ſey ihm ſchreckend ge⸗ nug geweſen; er habe kein Verlangen, ſich und ſein Reich eben ſo wie dieſes Volk unterdruͤckt zu ſehen ). Auch bewies er ſchon im naͤchſten Jahre 1280, daß ſein Haß gegen den Orden noch nicht gemindert ſey, denn auf ſeinen Befehl ge⸗ ſchah es, daß im Herbſt ein bedeutendes Raubheer, an deſſen Spitze der Semgallen Hauptmann, der kriegeriſche Nameiſe, 1) Dusburg c. 211. 2) Alnpeck S. 113. 8) Wir erfahren dieſes durch das ſpaͤter noch näher zu erwaͤhnende Rigaiſche Zeugenverhoͤr im geh. Arch. Schiebl. XII, wo es heißt: Rex (Letuinorum) inter alia dixit predictis nuntiis, quod ideo nolebat ad fidem converti, quia timeret exemplum Semigalliorum, ne videlicet fratres facerent sibi et suis, sicut fecerunt illis de Semigalia. Sonſt iſt die Sache unbekannt.
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6 Die Großfuͤrſten von Litthauen (1283). in Preuſſen einbrechend unter grauſamer Verheerung bis Chriſt⸗ burg vorſtuͤrmte n), und gewiß wuͤrde das Land Troidens Raubſchaaren in ſolcher Weiſe noch oͤfter geſehen haben, waͤre er nicht forthin im Oſten feiner Herrſchaft durch die Ruſſiſchen Fuͤrſten und die Mongolen ſo ſehr beſchaͤſtigt worden und haͤtte er darauf nicht bald an ſeinem herrſchſuͤchtigen Bruder Dowmont feinen Meuchelmoͤrder gefunden, der über Troidens Leiche den Thron Litthauens zu beſteigen hoffte 2). Indeß genoß doch dieſer die Frucht ſeines Frevels nicht, denn kaum vernahm Troidens Sohn Buiwid oder Witen ), des Vaters jammervollen Tod, als er um das Jahr 1282 ſich der Herr⸗ ſchaft Litthauens bemaͤchtigte. Er mag friedlicher gefinnt ge⸗ weſen ſeyn, als ſein Vorgaͤnger, denn die Geſchichte weiß nichts von Fehden und Raubzuͤgen in ſeiner Zeit. Allein in Litthauen gab es damals noch eine Menge anderer kleiner Fuͤrſten, die unter und neben dem Großfürften herrſchend auf gleiche Weiſe in Raub und Verheerungskriegen ihre Luft und Freude fanden und mit ihren Raubhaufen bald hier bald dort in die Nachbarlande einbrachen. Solche Fuͤrſten ſcheinen Gjer⸗ mond, Giligin, Romund und Trab geweſen zu ſeyn ), die 1) Alnpeck S. 134 beruͤhrt dieſen Einfall, ohne jedoch des wei⸗ tern Verlaufes der Sache zu erwaͤhnen, indem er bloß berichten will, wie Namciſe, den wir früher B. III. S. 371 ſchon kennen gelernt, den mit den Semgallen geſchloſſenen Frieden wieder gebrochen habe. Von ihm heißt es dann: „Er quam nicht mer in das lant, das Semegallen iſt genannt.“ Nameiſe hielt ſich alſo wahrſcheinlich fortan in Litthauen auf. Vergleicht man Anpeck S. 134 mit den obigen Angaben B. III. S. 372— 373, fo fällt Nameiſe's Zug nach Preuſſen in den Herbſt des J. 1280. 2) Kojalowiez p. 163 sed. Schloͤzers Geſchichte von Litthauen S. 51. Karamſin B. IV. S. 102. 3) Karamſin S. 275 nach Ruſſiſchen Quellen. Daß Buiwid und Witen eine Perſon fey, iſt kaum zu bezweifeln. Troiden regierte bis etwa ins J. 1282 und Buiwid von da bis ungefaͤhr 1290, denn im J. 1291 war ſchon Putuwer Großfuͤrſt von Litthauen. 4) Wir erkennen alſo nach den bisherigen Angaben nach Mindowe nur vier Großfuͤrſten, namlich Woiſchelg, Schwarno, Troiden und Buiwid als ſolche an. Kojalowiez, deſſen Quelle Serikowaky ift, führt zwar
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Die Groffürften von Litthauen (1283). 7 fort und fort ihre plündernden Schaaren auch in die Gebiete Preuſſens einziehen ließen und fie nicht felten ſelbſt bis an das Ufer der Weichſel führten, um reichen Raub und Herden von Gefangenen in die Wälder Litthauens zuruͤckzubringen 1). Wenn alſo Konrad von Thierberg der Juͤngere, damals Landmeiſter in Preuſſen, dieſe vergangene Zeit von einigen zwanzig Jahren mit ihrem Unheile und Verderben überblickte, mußte er nicht mit ſchmerzlichen Beſorgniſſen um die Wohl⸗ fahrt und das Gedeihen der bezwungenen Landſchaften ſchon in die naͤchſte Zukunft ſehen? Ueber Krieg oder Frieden ge⸗ gen die heidniſchen Litthauer konnte fuͤrwahr kaum noch eine Wahl ſeyn und an der Gerechtigkeit eines Kampfes mit dem nachbarlichen Raubvolke wagte im Orden keiner mehr zu zwei⸗ feln. Waren nicht Preuſſen und Livland ſeit langer als zwei Jahrzehenden durch feine Plünderungen und Verheerungen ohne Unterlaß bedraͤngt und veroͤdet worden? Waren nicht Tau⸗ ſende von Bewohnern beider Laͤnder als Gefangene vom grau⸗ ſamen Feinde in die jammervollſte Knechtſchaft hinwegge⸗ ſchleppt, fo daß ganze Städte, wie Grodno durch dieſe Un⸗ auch Gjermond, Giligin, Romund und Trab als Großfürften auf und ebenſo nach ihm Schloͤzer a. a. O. Allein Karamſin B. IV. S. 275 hat ſicherlich Recht, wenn er die Genealogie des Strikowsky in Zweifel zieht und ſagt: „In Litthauen gab es eine Menge kleiner Fuͤrſten, die zu gleicher Zeit lebten. Strikowsky, der ihre Namen aus den Volks⸗ überlieferungen ſammelte, nannte den Einen Vater, den Andern Groß⸗ vater und Urgroßvater irgend eines Fuͤrſten, der vielleicht viel früher, als ſeine vermeintlichen Ahnen lebte.“ Wenn Karamſin ſchon aus feinen zuverläffigeren Ruſſiſchen Quellen zu dieſem Reſultate gelangte, fo beftätigt es ſich unter andern auch dadurch, daß Giligin, Romund und Trab in den Jahren 1275 bis 1280 unmöglich, wie Strikowsky und Kojalowiez wollen, Großfuͤrſten geweſen ſeyn Können, da wir aus Alnpeck, dem Zeitgenoſſen, beſtimmt wiſſen, daß in dieſer Zeit ſein „Kunic Thoreide“ Großfürft von Litthauen war. Dieſe kleinen Fuͤr⸗ ſten waren ohne Zweifel die reguli, die wir in Litthauen fo oft finden; vgl. Dusburg c. 223. ‚ 1) Kojalowiex p. 141. 144. 146. Dieſe fächlichen Angaben, die ſich an die Namen knuͤpften, konnen allerdings wohl ganz richtig ſeyn.
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8 Litthauens Landesbeſchaffenheit (1283). gluͤcklichen bevoͤlkert wurden!)? Hatten in Preuſſen ſelbſt nicht viele Tauſende durch die raubgierigen Horden Habe und Gut verloren und war bei der Beutegier des Volkes und bei der Vielherrſchaft ſeiner Fuͤrſten irgend zu erwarten, daß des namenloſen Jammers und des graͤßlichen Elends, welches die Raubzuge dieſer Heiden über das Land verbreitet, nun ein Ende gekommen ſey? Wenn alſo die Beſtimmung des Ordens, wenn die Mei⸗ nung der Welt von ſeiner Pflicht und ſeinem Zwecke und wenn die Sicherheit, die Ruhe und das Gedeihen der unter⸗ worfenen Lande einen Kampf mit den rohen Heiden in Lit⸗ thauen zu fordern ſchienen, ſo war es doch fuͤrwahr kein leicht⸗ fertiges Spiel, welches der Orden in dieſem Kampfe mit den Waffen trieb; und in hoͤherer Beziehung auf die Ordnung im Weltleben oder zum Untergange der uralten Finſterniß und zum Aufgange eines neuen Lichtes in dieſen Landen mochte die Bekämpfung und Bezaͤhmung der heidniſchen Litthauer wohl nicht minder nothwendig und bedingend ſeyn, als der Kampf in Preuſſen zur Eroberung aller Landſchaften. Das Unternehmen ſelbſt aber, den Krieg mit den Heiden Litthauens in ihrem eigenen Lande zu fuͤhren, war damals in aller Weiſe mit eben ſo großen Gefahren als unſaͤglichen Schwierigkeiten verbunden. Sobald ein Kriegsheer die Graͤnze überfchritt, bot ſich ein eben ſo ſchwerer Kampf mit der Natur als mit des Landes Bewohnern dar, denn wie der Menſch, ſo war die Natur rauh, wild und roh, nirgends noch Spuren von ſittlicher Bildung und phyſiſcher Kultur?). In uralten, fin⸗ 1) Karamſin B. IV. S. 102. So mochten auch die in Slonim wohnenden Preuſſen wohl ſchwerlich insgeſammt Fluͤchtlinge ſeyn. 2) Dubrav. p. 168 nennt Litthauen terram vastam, palustrem, nemorosam, in qua populus terrae suae siwilis, nimirum silvestris et crudus ac ferus potius quam ferox, quando cum feris latere in syl- vis melius quam pugnare cominus acie novit: ex insidiis tantum fe- roculus, vita et victu miser; atrum namque panem misere vorat, bibitque aquam in summa vini triticique penuria et pecuniae inopia: nullum enim in Lithuania metallum,
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Litthauens Landesbeſchaffenheit (1283). 9 ſtern und tiefen Waldungen ) hauſten noch wilde Thierge⸗ ſchlechter in ſicheren Ruhelagern. In ihrer ganzen Laͤnge und Breite oft von vier bis fünf Meilen war kein Weg noch Steg zu finden und wollte ein Kriegsheer dieſe dichten Waͤlder durchziehen, fo mußten zuvor meift mit außerordentlicher Mühe Wege durchbrochen und geraͤumt werden 2); und mitten in dieſen Wildniſſen traf man nicht ſelten auf Verhaue oder von den Landesbewohnern zur Abwehr des Feindes geſchlagene Hagen, die gegen den dahinter liegenden Kriegshaufen gewon⸗ nen und vernichtet werden mußten ). Außerdem boten oft unabſehbare Heide⸗Strecken weder Waſſer noch Futter dar, ſo daß ſchon darum auf Wegereiſen von acht und mehren Meilen ein Kriegsheer kein Nachtlager halten konnte. Deshalb muß⸗ ten zuweilen außerordentliche Tagmaͤrſche zuruͤckgelegt werden, um für die ermuͤdeten Roſſe den noͤthigen Unterhalt zu finden *). 1) Alnpeck S. 166. 2) Nach den Wegeverzeichniſſen aus dem Ende des 14ten Jahrhun⸗ derts (im Fol. Allerlei Miſſive im geh. Archiv) mußten z. B. nach Garthen hin vier Meilen weit Wege durch eine Waldung durchbrochen und geräumt werden. Faſt hundert Jahre ſpaͤter heißt es noch bei Peter Suchenwirt, der als Augenzeuge auf der Ritterfahrt des Her⸗ zogs Albrecht von Oeſterreich das Gefahrvolle und Beſchwerliche eines folgen Kriegszuges ins Land der Litthauer ſchildert: Wol tawſent man man raumen ſach Durch die helken in der wild Man ſcheuchte greben, noch gevild Tieffen wazzer, pruͤch, noch ran (In ungern iſt man ungewan So poz geverd auf ſlechter haid!) Gemus daz tet uns vil tzu layt Das her tzoch in der wuͤſt entwer Schir auf, ſchir ab, da hin, da her. Der wint het nider vil geflagen Der grozzen paum manigvalt, Daruͤber muſt wir mit gewalt Es tet uns wol, es tet uns we! 3) Alnpeck S. 137. 4) Eine Menge von Beiſpielen bieten die erwähnten Wegeverzeich⸗ niſſe dar.
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10 Litthauens Landesbeſchaffenheit (1283). Hatte ſich dann das Heer in angebautem Lande auch etwas wieder erholt *), fo fand es neue Beſchwerden in grundlos boͤſen Wegen oder an Fluͤſſen ohne Bruͤcken und Stege 2). Nicht ſelten geſchah, daß man auf Wegen von wenigen Mei⸗ len drei oder ſechs, ſogar wohl neun Bruͤcken ſchlagen mußte, um die Gewaͤſſer uͤberſchreiten zu koͤnnen ); und fiel die Kriegsfahrt in die Sommerzeit, ſo hinderten des Heeres wei⸗ teren Fortzug oft auch große Bruͤche und Moraͤſte, die nicht einmal in jedem Winter gangbar wurden ). Dann mußten in weiten Strecken Damme aufgeworfen oder Knuͤttelbruͤcken gelegt werden, um Wagen mit den nöthigen Lebensmitteln uͤberzubringen ), denn der Unterhalt des Kriegers aus dem feindlichen Lande war oft Tage lang unmoͤglich, theils weil oft viele Meilen weit kein bewohnter Ort zu finden war, theils auch weil der Litthauer ein aͤußerſt kaͤrgliches und kuͤmmer⸗ liches Leben führte ), und endlich weil man bei der Nachricht von des Feindes Ankunft gewoͤhnlich Habe und Gut in un⸗ zugaͤngliche Bruͤche und tiefe Waͤlder fluͤchtete, bis die Gefahr voruͤber war. Daher kam es auch, daß ſich ein feindliches Heer ſelten lange im Lande erhalten konnte, wenn es ihm nicht gluͤckte, einige Doͤrfer unvermuthet uͤberfallen und aus⸗ pluͤndern zu koͤnnen. 1) Die Wegeverzeichniſſe nennen ſolches Land „gutes rume lant“ oder „gutes gerumes lant“ und wo es Futter und Waſſer giebt, heißt es: „da is zu heeren genug und gute weſſerunge.“ 2) Schon Alnpeck S. 165 ſagt, man finde in Litthauen Bruch und manchen boſen walt Die lant ſint alſo geſtalt Sie vunden manchen boſen wec Da weder brucke noch ftec Nie kein zit gemachet wart. 3) Beiſpiele in den Wegeverzeichniſſen. 4) Alnpeck S. 131. Was Ottokar von Horneck c. 84 von den Gefahren der Kreuzfahrt Ottokars von Boͤhmen nach Preuſſen er⸗ zählt, das gilt in gleicher Weiſe auch von Litthauen. 5) Nach den Wegeverzeichniſſen. 6) Dubrav. I. c.
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Litthauens Lanbesbefhaffenheit (1283). 11 Wegen dieſer Schwierigkeiten ſandte man daher vor einer Kriegsfahrt gemeinhin einige der Sprache kundige Späher ins feindliche Land voraus, welche die Wege und die Beſchaffenheit des Gebietes, dem der Kriegszug galt, aufs genaueſte aus⸗ kundſchaften und berichten mußten, wo zu den Nachtlagern des Kriegsheeres hinreichender Unterhalt zu finden ſey 1). So vielfache Gefahren und Muͤhen indeß den fremden Kriegern dieſe Beſchwerden und Hinderniſſe in einem Kriege gegen die Heiden in Litthauen nicht nur damals, ſondern ſelbſt noch ein Jahrhundert ſpaͤter entgegenlegten, ſo wandte nach Preuſſens Eroberung der Landmeiſter ſeinen Blick doch unablaͤſſig auf den Kampf mit dem heidniſchen Volke hin. Die naͤchſten Zuͤge galten jedoch zuerſt dem Samaitenlande, Schalauens noͤrdlichem Nachbargebiete, deſſen Bewohner aber ſowohl damals als auch in ſpaͤteren Zeiten ebenfalls als Lit⸗ thauer betrachtet und ſelbſt auch ſo genannt wurden, da aller⸗ dings gleiche Abſtammung, gleiche Sprache und derſelbe reli⸗ gioͤſe Kultus ſie aufs engſte mit dem Litthauiſchen Volke verknuͤpften; und dieſe Einheit des Volkes bezeichneten fie ſelbſt dadurch, daß auch ſie ſich Litthauer und nicht Samaiten nannten 2). 1) Diüurch die Berichte dieſer Späher entſtanden die erwähnten We⸗ geverzeichniſſe, welche für die ältere Geographie Litthauens von Wich⸗ tigkeit ſind. Daß dieſer Gebrauch ſchon um das Ende des 13ten Jahr⸗ hunderts beſtand, bezeugt Alnpeck S. 165. 2) Außer den vielen Stellen bei Alnpeck, z. B. S. 68: „Die lettowen alzuhant, die ſameiten ſint genant,“ iſt hieruͤber eine Stelle in einem Briefe des Großfuͤrſten Witold an den Rom. König Sigis⸗ mund vom 3. 1420 wichtig, wo es heißt: Terra Samaytarum est et semper fuit unum et idem cum terra Littwanie, nam unum ydeoma et uni homines, sed quia terra Samaytarum est terra inferior ad terram Littwanie, ideo Szomoyth vocatur, quod in Littwanico terra inferior interpretatur. Samayte vero Littwaniam appellant Auxstote, quod est terra superior respectu terre Samaytarum. Samayte quo- que omnes se Littwanos ab antiquis temporibus et nunquam Sa- maytas appellabant et propter talem ydemptitatem in tytulo nostro nos de Samaycia non scribimus, quia totum unum est terra una et homines uni. Fol. C. p. 187 im geh. Archiv.
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12 Kampf um Romowe im Samaitenlande (1283). Der Landmeiſter Konrad von Thierberg begann den lan⸗ gen und blutigen Kampf mit dem heidniſchen Volke noch in dem naͤmlichen Jahre, als die Unterwerfung Sudauens been⸗ digt wurde. Den naͤchſten Anlaß gaben, wie berichtet wird, drei Flüchtlinge, Peluſe, ein Sproͤßling des großfürftlichen Stammes, vielleicht Dowmonts Sohn!), Stumande und Gir⸗ delo 2), zwei edle Litthauer aus dem vornehmern Geſchlechte, die wegen Theilnahme an des Großfuͤrſten Troiden Ermor⸗ dung aus dem Lande vertrieben bei dem Orden Huͤlfe und Rettung ſuchten und in der Zeit, als der neue Großfuͤrſt Witen in einem Kriege mit Polen beſchaͤftigt war, den Land⸗ meiſter von Preuſſen zu einer Kriegsfahrt gegen Litthauen zu bewegen wußten; denn um ſich Vertrauen zu erwerben, hatten ſie im Ordenslande die Taufe empfangen. Der Landmeiſter faßte jedoch bei dem Unternehmen ein ungleich wichtigeres Ziel. Es war im Beginn des Winters im Jahre 1283, als er mit einem ſtarken Heere durch Nadrauen zog, dort den gefrorenen Memel⸗Strom uͤberſchritt und feine Heerhaufen im feindlichen Lande theilend die eine Schaar auf Raub und Beute ziehen ließ, waͤhrend er ſelbſt die andere zur Belagerung der feſten Burg Biſten im Samaitenlande fuͤhrte ). Dort 1) Kajalowicz p. 184 vermuthet wenigſtens, daß Peluſſa, To nennt er ihn, den Krieg vorzuͤglich betrieben habe, obgleich er nicht ge⸗ nau uͤber die Sache unterrichtet war; er ſchwankt ſelbſt daruͤber, ob er Peluſſa einen Sohn Stroinats oder Dowmonts nennen ſoll. Auch Dusburg c. 223 erwähnt feiner, giebt ihm aber den wahrſcheinlich rich⸗ tigeren Namen Peluse und fagt: Quidam Lethowinus dietus Peluse offensus a Domino suo quodam regulo, qui quasi secundus fuit post Regem Lethowinorum in regno suo, cessit ad fratres in terram Sambiae. 2) So der Name bei Jeroſchin c. 221 und beim Epitomator. 3) Hennig vermuthete in einer Bemerkung zu Lucas David B. V. S. 64, es ſey unter Bisene, wie es Dusburg c. 217 und Schütz Hist. rer. Pruss. p. 106 nennen, wahrſcheinlich das Städtchen Birſen in Samaiten gemeint. Keineswegs! Zwar ſchreibt auch Jeroſchin c. 217 den Namen Byſen; allein eine genauere unterſuchung ergiebt, daß dieſes Biſen kein anderes als das bei Wigand. Marburg. ſo oft
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Kampf um Romowe im Samaitenlande (1283). 13 zwiſchen den Fluͤſſen Naweze und Dobefe*) lag eine heilige Inſel Romowe, nachmals Romayn⸗Werder genannt, bedeckt mit einem heiligen Walde, beſchützt durch die erwaͤhnte Burg und rings umwehrt durch ſtarkgeſchlagene Hagen, mit denen in jenen Gebieten nach allen Seiten hin die Graͤnzen umzo⸗ gen waren. Weit und breit behauptete die dortige Gegend feit alter Zeit eine hohe religiöfe Wichtigkeit, denn ſchon von Ragnit an nordwaͤrts hin nach Medeniken und dann auch nach Oſten am rechten Ufer des Memel⸗Stromes ins Land Wayken hinein bis in das Gebiet der zwei erwähnten Fluͤſſe war alles von heiligen Waͤldern bedeckt und unter heiligen Baͤumen flammten ewige Opferfeuer. Das bedeutungsvollſte Heiligthum war aber jene heilige Romowe⸗Inſel und auf deſſen Vernichtung ward ohne Zweifel des Landmeiſters Kriegs⸗ zug vorzüglich berechnet?). Es begann mit der ſchuͤtzenden vorkommende Biſten iſt, welches bei dieſem auch Piſten, Piſen und Beiſten geſchrieben vorkommt. Er ſetzt es an den Memel⸗Strom und zwar in die Gegend zwiſchen Welun (Wiliona) und Kauen oder Kowno. So heißt es in einer Stelle: Navigio prospero vento transeunt Mi- melam, pretereuntes silenter Welun, Bisten descendentes infra Kawen. Dann ſagt er auch, daß dort eine Insula Romayn inter Welun et Beisten liege, woruͤber ſogleich das Naͤhere. Mit dieſen Angaben des Chroniſten ſtimmen auch die Wegeverzeichniſſe überein; denn nach dieſen, die es „das Land zu Beſten“ nennen, ging man von der Dobeſe (jetzt eubiſſa) nach Erogel (Jeragolja) und von da durch zwei Wälder uns mittelbar ins Land „ Beſten“, nämlich, fübwärts herab nach der Memel zu, alſo östlich von Wiliona. g 1) Setzt Niewjescha und Lubiſſa genannt. 2) Davon ſagt freilich Dusburg I. c. kein Wort; allein in Urkun⸗ den und in den Wegeverzeichniſſen finden ſich hieruͤber die genauſten Nachrichten. Wichtig iſt in dieſer Hinſicht eine Angabe im Friedens⸗ vertrage zwiſchen dem Großfürſten Witold und dem Orden vom J. 1398, wo es heißt: Insula dicta Salleyn sita in fluvio dicto Memla habente sub se Insulam aliam dictam Romeywerder et ita ab extremitate superiori diete Insule Salleyn directe progrediendo ad fluvium dictum Naweze in declivo seu valle continue sub silva dieta Heiligenwalt, Diefen heiligen Wald laſſen uns die Wegeverzeichniſſe aufs genauſte ver⸗ folgen; er begann noͤrdlich von Ragnit, wo der Berg Rambin für heilig
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14 Kriegszug gegen Garthen (1284). Burg ein ſchwerer und hartnaͤckiger Kampf, denn die Beſatzung vertheidigte das nahe Heiligthum mit außerordentlicher Ta⸗ pferkeit. Allein bevor der Abend noch einbrach, uͤberwaͤltigte das Ordensheer durch des Landmeiſters kluge Leitung die feind⸗ liche Mannſchaft; die Burg wurde erſtuͤrmt, durch Feuer ver⸗ nichtet und ihre Vertheidiger theils erſchlagen, theils als Ge⸗ fangene hinweggefuͤhrt. Welches Schickſal das Heiligthum gehabt, wird nicht berichtet, denn als nun die andere Schaar, mit Beute beladen und alles durch Raub und Feuer auf ihrem Wege verheerend zum Landmeiſter zuruͤckkehrte, beſchloß er den Ruͤckzug ins Gebiet des Ordens, weil bedeutende Verluſte vor den Mauern der Burg ſeine Kriegsmacht allzu ſehr geſchwaͤcht hatten. Aber das ſchwerſte Ungluͤck erwartete ihn erſt noch; denn als er mit ſeinem Heere die Memel uͤberſchreiten wollte, brach ploͤtzlich das ſchwache Eis unter der Laſt zuſammen und ein großer Theil der Mannſchaft ward ſammt der reichen Beute durch die Wellen verſchlungen 1). Doch ſchon im naͤchſten Jahre ſammelte der Meiſter ein neues Heer und auf die Nachricht, daß ſich viele Fluͤchtlinge aus Preuſſen in die Gebtete von Garthen (dem heutigen Grodno) begeben, die mit den Litthauern zu Raub und Pluͤn⸗ galt, da wo man ins Gebiet von Medeniken ging, lief dann oſtwaͤrts fort bis in das Gebiet von Wayken am Fluſſe Aleja und von da unter dem Namen Aſſwyote nach Jenſetilte hin zwiſchen Georgenburg und dem Fluſſe Mitwa, wo er noͤrdlich ſich bis Graſyen oder Grauſchy erſtrecktez da zog er ſich bis in das Gebiet der beiden Fluͤſſe Dobeſe und Naweze, wo die heilige Inſel Romowe lag. Ueber dieſe Richtung geben uns die Wegeverzeichniſſe die genauſten Nachrichten und fo erklärt es ſich auch, warum auf dieſe wichtige Gegend hin nicht nur jetzt, ſondern auch noch im 14ten Jahrhundert ſo viele Kriegsreiſen gerichtet waren, wie uns Wigand. Marburg. erzählt. 1) Dusburg c. 217 ſtimmt im Ganzen mit Kojalowiez p. 184— 185 überein, nur daß der letztere den Verluſt des Ordensheeres weit größer angiebt, denn es heißt hier: glacie Nemeni necdum satis solida sub onere fatiscente magna pars exercitus et praedae vorticibus est hausta. Vgl. Lucas David B. V. S. 65. Schütz p. 45. Hist. rer. Pruss. p. 106.
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Kriegszug gegen Garthen (1284). 15 derung im nachbarlichen Lande vereint, durch ihre Kenntniß des Ordensgebietes nicht ſelten aͤußerſt gefaͤhrlich wurden, weil ſie ſich gerne zu Wegeführern oder „Leitſagen“ gebrauchen ließen ), beſchloß er, dießmal feinen Kriegszug auf jene Ge⸗ gend zu richten. Dorthin hatte ſich einſt auch der Sudauer Haͤuptling Skomand gefluͤchtet, als er an der Errettung ſeines Vaterlandes verzweifelnd den Ordenswaffen entwichen war; darum kannte er jene Gebiete auch genauer als jeder andere, weshalb der Landmeiſter ihn jetzt bewog, ſich als Fuͤhrer dem Kriegsheere anzuſchließen. Es war im Sommer, als er durch Sudauen ins feindliche Land einbrach. Die Memel uͤberſchrei⸗ tend, an deren rechtem Ufer Garthen lag, ordnete er ſofort alles zur Belagerung, legte an paſſende Orte einzelne Haufen von Schügen aus und umzingelte nun die Mauern der ſtar⸗ ken Burg von allen Seiten. Bei allen dieſen Vorbereitungen hatte die Burgbeſatzung ſich ruhig verhalten. Kaum aber wa⸗ ren zur Erſtuͤrmung die Sturmleitern angelegt, als ſich ein furchtbarer Kampf erhob. Waͤhrend hier alle Waffen in Be⸗ wegung waren, wurden dort ſtarke Balken und gewaltige Steine von den Mauerzinnen auf die Belagerer herabgeſchleu⸗ dert und viele buͤßten mit dem Leben oder wurden ſchwer ver⸗ wundet. Der blutige Streit dauerte mehre Stunden, bis es den Stürmenden endlich gelang, die Burg zu erſteigen. Die Beſatzung ward theils erſchlagen, theils gefangen hinwegge⸗ fuͤhrt und die trotzige Feſte mit Feuer vertilgt. Der Sudauer Skomand zog darauf mit achtzehnhundert Mann durch die ganze Umgegend unter Raub und Brand umher; alles was ihm begegnete, ward gefangen oder erſchlagen und eine große Beute zum Hauptheere zuruͤckgebracht. Damals erlag auch jener Barte, welcher im Empoͤrungskriege der Preuſſen die Komthure von Chriſtburg und Elbing gefangen genommen und dann aus Pogeſanien entflohen war 2). 1) Vgl. Karamſin B. IV. S. 102. Daß auch die Litthauer und Samaiten ſolche Wegeführer oder f. g. Leitfagen, wie der Orden, hat⸗ ten, erſehen wir aus Alnpeck S. 125. 165. 2) Dusburg c. 218; der Text des Chroniften muß aber hier aus
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16 Kriegszuͤge gegen die Litthauer (1284). Waͤhrend aber in ſolcher Weiſe das Volk durch den Kriegs⸗ ſturm weit umher geſchreckt war, kamen zwei vornehme Barter, Numo und Dersko, fruͤher mit einer Schaar ihrer Landsleute aus dem Barterlande entflohen und eben mit einem Litthaui⸗ ſchen Heerhaufen aus Polen, wohin ſie zum Raube ausge⸗ zogen waren, beutebeladen zurückgekehrt, ins Lager des Land⸗ meiſters, den Sieger um Gnade und Verzeihung anzuflehen, um in ihr altes Vaterland heimzuziehen. Freundlich aufge⸗ nommen erhielten ſie vom Meiſter auch ihre Frauen und Kin⸗ der zurück, die man in ihrer Abweſenheit gefangen aus ihren Wohnſitzen weggefuͤhrt, obgleich der tapfere Vogt von Sam⸗ land Dieterich von Liedelau !) in Ahnung kuͤnftiger Gefahren von dieſen Fluͤchtlingen mit mehren andern Ordensrittern ſolche Milde und Schonung ernſtlich widerrieth. So kehrten mit dem Ordensheere 2) die meiſten dieſer gefluͤchteten Barter, nachdem ſie zuvor treulos noch eine Schaar von Litthauern überfallen und erſchlagen, in ihre früheren Wohnſitze zuruͤck ). Allein nach einigen Jahren ſchon vergalten ſie die milde Be⸗ dem Epitomator und aus Jeroſchin c. 218 vervollſtaͤndigt werden. Nach dieſem vollftändigeren Texte giebt auch Lucas David B. V. S. 65—67 feinen Bericht. Vgl. Kojalowiez p. 185. Schütz p. 45. 1) Nicht Dieterich Liebenzell, wie Kotzebue B. II. S. 69 hat, ſondern Dieterich von Liedelau (Lidelowe) war um dieſe Zeit Vogt von Samland. 2) Die durch Schütz p. 45. Hist. rer. Pruss. p. 106 verbreitete und von De Wal Histoire de TO. T. T. II. p. 198 und Bacz ko B. II. S. 10 aufgenommene Nachricht vom Tode Skomands auf der Ruͤckkehr dieſes Heeres widerlegt die ſchon früher erwähnte Original⸗ Urkunde, in welcher dieſem Skomand und feinen drei Soͤhnen am 18. April 1285 noch eine Beſitzung verliehen wird. 3) Dusburg c. 220. Kojalowiez p. 185 nennt die beiden Barter Numo und Dersco auctores cladis. Dieſes bezieht ſich aber ſchwerlich auf die Erſtuͤrmung von Garthen, ſondern wie Dusb. I. c. berichtet, auf den Licherfall des aus Polen zuruͤckgekehrten Litthauiſchen Heerhau⸗ fens. So verſtand es auch der Epitomator, indem er ſagt: In rever- sione fratrum veniunt duo Bartini Dirsko et Numyn, qui ibiden precibus obtinuerunt omnes Bartinos ad gratiam et fidem recipiendos. Eben fo Jeroſchin c. 220. „**
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Kriegszüge gegen die Litthauer (1284). 17 handlung mit Undank und Verrath und die Ahnung des Vogts von Samland ging in Erfüllung. Insgeheim ſpannen ſie ſammt mehren angeſehenen Preuſſen, beſonders in der Land⸗ ſchaft Pogeſanien gegen den Orden eine Verſchwöoͤrung an, mit dem Plane, zum Umſturze der Ordensherrſchaft einen nahen Fuͤrſten aus Ruͤgen oder Litthauen mit einer ſtarken Kriegs⸗ macht herbeizurufen und ihn zum Herrn des Landes zu er⸗ heben. Bereits fand die Verraͤtherei eifrige Theilnehmer in mehren noͤrdlichen Landſchaften und mit jenem nahen Fuͤrſten hatte man, wie es ſcheint, alles ſchon verabredet, als durch Zufall waͤhrend des Aufbaues der Ordensburg Ragnit der verraͤtheriſche Plan entdeckt und durch harte Beſtrafung der Verſchwörer aus Bartien und Pogeſanien noch vor der Aus⸗ führung vernichtet ward 1). 1) Die Sache iſt noch einiger Dunkelheit unterworfen, die ſchwerlich ganz aufzuhellen ſeyn wird, beſonders auch in Ruͤckſicht des nahen Fuͤr⸗ ſten, den man zu Huͤlfe rufen wollte. Dusburg c. 222 nennt abſicht⸗ lich keinen Namen und wie er von den verſchworenen Preuſſen ſagt: detestabile factum bene haec meruit, quod eorum nomina in publi- cam redigerentur formam, sed propter status ipsorum reverentiam est omissum, ſo bezeichnet er auch den Fuͤrſten bloß durch Principem Ruy anorum. An der Richtigkeit der Lesart moͤchte man kaum zweifeln dürfen, denn es haben fie nicht nur die MSC. Berolin. und Regiomont., ſondern auch Jeroſchin und der Epitomator ſtimmen damit überein; zwar ſagt erſterer: „Nu mogt ir horen, woruf ir pflicht ſich trug in den Untruyn, Si woldin den von Ruyn, Han czu Pruzin in das lant“ und letzterer uͤberſetzt nach: proposuerunt suscipere in capitaneum do- minum de Ruwynz allein es iſt klar, daß der Name „Ruyn“ nur dem Reime nachgebildet und dem „Ruyanorum“ entſprechend iſt. Aber wer war dieſer princeps Ruyanorum? Man hat den Fuͤrſten von Rü- gen Wizlav III darunter gefunden und die Gründe dafür (. Kotzebue B. II. S. 328 — 329) find nicht verwerflich; wirklich nennt ſich Wiz⸗ lav III auch ſelbſt in ſeinen urkunden Ruyanorum Princeps; nach einer von dieſen in Dregers Samml. Pommer. Urk. Nr. 659 befand er ſich im September 1282 in Riga und gab dort der Rigaiſchen Kirche mehre Beweiſe feiner großen Gunſt. Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 329. Allein es treten bei dieſer Annahme doch allerlei Zweifel ein; denn wie kamen die Preuſſen gerade zur Wahl dieſes Fuͤrſten, der Chriſt war, ſein eigenes Fuͤrſtenthum zu regieren hatte, mit Preuſſen weiter in gar * * 8. PR s Blällelekz — m 8
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18 Kriegszuge gegen die Litthauer (1284). Aus Litthauen zuruͤckgekehrt verweilte der Landmeiſter waͤhrend des Jahres 1284 meiſtentheils im Lande, wo ihn Anfangs mancherlei Mißverhaͤltniſſe mit den Herzogen von Polen viel befchäftigt zu haben ſcheinen. Allein die Zeit tft dunkel, denn wir erfahren nur, daß Herzog Leſſek von Krakau und Semovit von Cujavien mit einander gegen den Orden im Bunde ſtanden und ihm auf einige Zeit einen Waffen⸗ ftilftand zuſagten, dem auch Herzog Przemislav von Groß⸗ polen beitrat, obgleich dieſer ſich bisher gegen den Orden noch nicht weiter feindlich bewieſen ). Ohne Zweifel waren es dieſe der Geſchichte ziemlich un⸗ bekannten Verhaͤltniſſe mit dem ſuͤdlichen Nachbarlande, welche den Landmeiſter im Laufe des naͤchſten Jahres noch hinderten, den Kampf gegen die Unglaͤubigen mit gewohntem Eifer fort⸗ zuſetzen. Doch um den Glaubensfeind unablaͤſſig zu beſehden, bewilligte er gerne jenem Girdelo 2), der unter ſeinen Landes⸗ genoſſen vor dem Empfange der Taufe ſowohl wegen ſeiner Koͤrperkraft als wegen ſeiner ſchlauen Klugheit in hohem An⸗ ſehen geſtanden, eine Schaar von hundert Kriegsleuten, mit keiner näheren Berührung ſtand? Und wenn die Todesnachricht über einen Fuͤrſten, der ſich Preuſſens habe bemaͤchtigen wollen, wie ſie uns Dusburg c. 235 mittheilt, auf dieſen Fuͤrſten Wizlav III bezogen würde, machte ſich dann der Chroniſt nicht eines offenbaren Irrthums ſchuldig, da Wizlav nicht im J. 1290, ſondern fpärer ſtarb? — Baczko B. II. S. 11 (. auch Kotzebue a. a. O.) hat daher an einen Ruſſiſchen oder Litthauiſchen Fuͤrſten gedacht und es laͤßt ſich allerdings auch manches fuͤr dieſe Vermuthung ſagen, beſonders da die Anſtifter der Verſchwoͤ⸗ rung ſich lange in Litthauen aufgehalten hatten und dort wohl eine Verbindung mit einem der Landesfuͤrſten angeknuͤpft haben konnten. Zur Gewißheit iſt freilich auf keine Weiſe zu gelangen. I) Nur eine urkunde des Herzogs Przemislav mit dem Datum: in vigilia nativit. s. Marie virg. a. d. 1284 im geh. Arch. Schiebl. 58. Nr. 8 giebt uns über dieſe Verhaͤltniſſe einige Nachricht. 2) Schütz Hist. rer. Pruss. p. 107 ſchreibt den Namen unrichtig Gudilo, ſagt aber, daß er propter corporis fortitudinem et ingenii solertiam et prudentiam celebris inter suos habitus fuerat. Dusburg c. 221 nennt ihn Scalowita. Es ſcheint aber offenbar jener gefluͤchtete Litthauer geweſen zu ſeyn.
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Kriegszüge gegen die Litthauer (1284). 49 welcher dieſer in Litthauen einbrechen wollte. Keiner ahnete Girdelo's verrätherifchen Plan, über den er ſich mit dem Feinde zuvor ſchon verſtaͤndigt hatte. Er fuͤhrte den Streithaufen ins Samaitenland gegen die Burg Oukaym an der Dobeſe, mit deren Befehlshaber er die Vernichtung der Ordenskrieger ver⸗ abredet, und auf ein Zeichen brach plotzlich die Burgbeſatzung aus, fiel über die Ordensmannſchaft unvermuthet her und er⸗ ſchlug fie bis auf wenige Mann, welche die Flucht rettete n). Solche Begegniſſe aber, wie jene Verſchwoͤrung der Bar⸗ ter und dieſe Verraͤtherei hatten den Ordensgebietigern Scheu und Mißtrauen eingefloͤßt gegen ſolche Fluͤchtlinge. Als da⸗ her jener vornehme Litthauer Peluſe, der nach Preuſſen ent⸗ flohen war, gleichfalls mit der Bitte um einen Heerhaufen bei dem Komthur des Hauſes Koͤnigsberg Albert von Meißen 2) 1) Dusburg c. 221. Lucas David B. V. S. 70. Schütz p. 45. Die meiſten Quellen nennen die Burg Otekaym oder Ottokaim; Dusb. c. 233 erwähnt auch einer Burg Onkaim, fo auch Kojalowiez p. 186. Nach den Handſchriften der Dusburgiſchen Chronik aber ſind Otckaim, Ottokaim und Onkaiu nur verſtuͤmmelte und durch ſpaͤtere Abſchriften verdorbene Namen. Bei Jeroſchin und dem Epitomator finden wir uͤberall den Namen Oukein, Oukayn oder Oukaym und Oukeym, wonach kein Zweifel iſt, daß die Burg einſt Oukain oder Oukaim hieß. In den erwaͤhnten Wegeverzeichniſſen kommt nun aber ſehr oft ein Ort und eine Gegend vor, welche Auken, Awken oder Aukon genannt iſt und nach allen Angaben nicht weit von Ro ſiſtna gelegen haben muß. Dort finden wir jetzt an der Lubiſſa den Ort Ugjany und nach allen darüber angeſtellten Vergleichungen kann jenes Oukayn kein anderes als dieſes Ugjany ſeyn. Nach den Wegeverzeich⸗ niffen liegt Auken ungefähr fünf Meilen von Gras yen oder Greysyen entfernt, und dieſes iſt das ſuͤdweſtlich von Ugjany liegende Grauschy noͤrdlich von der Mitwa. Vergleicht man nun die Stellen bei Dusburg c. 221. 233. 240. 274. 283, supplem. c. 8 mit cinander, fo paßt die Lage dieſes Ugjany als des einſtigen Oukayn auch ganz genau zu den davon erzählten Begebenheiten, und ſelbſt das oben erwähnte Ereigniß bekommt durch dieſe Localität ein intereſſanteres Licht. Der Name des Ortes Girtakolln, einige Meilen weſtwaͤrts von Ugjany, ſteht vielleicht zu dem erwähnten Girdele in gewiſſer Verbindung. 2) Die Ordens⸗Chron. bei Matthaeus p. 764 nennt ihn des Mark⸗ grafen von Meißen Bruderſohn. 2 *
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20 Kriegszüge gegen die Litthauer (1285). erſchien, vertraute ihm dieſer nur eine kleine Schaar und auch nur ſolche Kriegsleute an, deren Klugheit, Umſicht und Kriegs⸗ erfahrung ſchon laͤngſt erprobt waren. An ihrer Spitze ſtan⸗ den jene kuͤhnen Struter oder Parteigänger Martin Golin !), der Withing Konrad Tuͤvel und der kuͤhnentſchloſſene Sto⸗ bemel, die ſich ſchon fruͤher in des Ordens Kriegen oft durch tapferen Muth hervorgethan. Auch jetzt war es ein aͤußerſt gefahrvolles Wagniß, welches Peluſe mit dieſer kleinen Schaar auszufuͤhren gedachte. Durch Kundſchafter benachrichtigt, daß einer der Litthauiſchen Fuͤrſten, vor deſſen Nachſtellungen er aus dem Lande hatte entfliehen muͤſſen, ein glaͤnzendes Hoch⸗ zeitfeſt auszurichten Willens ſey, beſchloß er, gerade an die⸗ ſem Tage an ſeinem Feinde Rache zu uͤben. Unvermerkt in der Naͤhe angelangt, nahte ſich mit aller Vorſicht der kleine Haufe zur Nachtzeit des Fuͤrſten Burg ), wo die Haͤuptlinge und Edlen aus der Nachbarſchaft verſammelt ſich theils noch am Trunke erfreuten, theils ſchon dem Schlafe ergeben hatten. Da brach plotzlich Peluſe's Schaar mit Kriegsgeſchrei in die unbewachte Burg ein; keinem der Gaͤſte blieb Zeit, die Waffen zu ergreifen; alles erlag dem feindlichen Schwerte, ſiebenzig der vornehmſten Edlen das Landes) ſammt dem Herrn der 1) Die Ordens⸗Chron. bei Matthaeus p. 767 ſagt hier, man habe ihn auch Herr Unverzagt genannt. 2) Eine Chronik der Wallenrod. Bibliothek (zu Koͤnigsberg) nennt die Burg Struterie, ſ. Hartknoch ad Dusb. p. 305 und De Wal Hist. de TO. T. T. II. p. 202 nahm dieſen Namen auch unbedenklich an. Er beruht indeſſen offenbar auf einem Mißverſtaͤndniſſe eines Aus⸗ druckes, deſſen ſich Jeroſchin c. 223 bedient, indem er Dusburgs Worte: in latrociniis fuerunt plenius exereitati uberſetzt: „, Geuͤbt an Strutterie.“ Wir wiſſen aus Obigem B. III. S. 365 366, was dar⸗ unter zu verſtehen iſt. Jener Chroniſt indeſſen, mit der Bedeutung des Wortes unbekannt, nahm es fuͤr den Namen der Burg. 3) Dusb. c. 223 nennt dieſe Landes⸗Edlen regulos; Jeroſchin uͤberſetzt wörtlich: „Kuͤngelin“; der Epitomator umſchreibt den Aus⸗ druck durch Meliores terrae; in Urkunden z. B. im Rigaiſchen Zeugen⸗ verhör heißen fie Potentiores und bei Dogiel T. V. Nr. XXXVI. p. 26 bei den Semgallen ſchlechthin Dominj. Es waren offenbar kleine Reiks,
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Kriegszüge gegen die Litthauer (1285). 21 Burg und vielen andern wurden niedergeſtreckt. Den Braͤu⸗ tigam und die Braut nebſt den Frauen und Kindern der Erſchlagenen mit hundert Roſſen und vielen Schaͤtzen an Gold und Silber entführte man nach Koͤnigsberg zur Rache des Hohnes und der Schmach, unter welcher Peluſe aus ſeinem väterlichen Beſitze vertrieben war. Jene Kriegszuͤge des Landmeiſters und dieſe kuͤhne That der Freibeuter hatten aber die Litthauer, wie es ſcheint, ſo erſchreckt und eingeſchuͤchtert, daß Jahre dahingingen, ohne daß ſie einen Einfall in das Gebiet des Ordens wagten; we⸗ nigſtens hat die Geſchichte nichts daruͤber aufbehalten. Der Landmeiſter uͤberließ es vorerſt jenen raubluſtigen Freibeutern, das feindliche Land zu belaͤſtigen und mit ihren kleinen Raub⸗ horden zu beunruhigen, wo und wie ſie konnten. Da Krieg und Fehde ihr Taggeſchaͤft, Raub ihr Unterhalt, Brand und Verheerung fuͤr ſie Luſt und Spielwerk waren und dichte Waldungen ihnen als Wohnung und ſichere Zuflucht dienten, ſo war das heidniſche Land auch mehre Jahre hindurch bald an der einen, bald an der andern Graͤnze ihren Einfaͤllen und Fehdezuͤgen Preis geſtellt. Leicht geruͤſtet erſchienen ſie auf ihren ſchnellen Roſſen bald in Samaiten, bald ſchreckten ſie Litthauen, bald lauerten ſie an Strömen auf beladene Fahr: zeuge, um ſich mit deren Gütern zu bereichern ), bald ſteck⸗ ten ſie die Saaten in Brand. Solch loſes und ungezuͤgeltes Kriegsgeſchaͤft nannte man damals Struterie und auch in Preuſſen fanden ſich viele, die es Jahre hindurch als gewohn⸗ tes Tagewerk betrieben 2). Herren und Gebieter über gewiſſe Gebiete, die unter der Oberherrſchaft des Großfuͤrſten ſaßen, vielleicht zum Theil auch unabhangig waren. Wenn man will, mag man die fpäteren Sczupane oder Bajoren dar⸗ unter finden. Der, deſſen Freudenfeſt hier geftört ward, mag ein treuer Untergebener des Großfuͤrſten Witen geweſen ſeyn. — Die Begebenheit ſelbſt erzählt etwas ausgeſchmuͤckt auch Kojalowiez p. 188 189. Vgl. Schütz p. 45. Hist. rer. Pruss. p. 108. Hist. de TO. T. T. II. p. 203. 1) Vgl. die Pax Latrunculorum in Dogiel T. V. Nr. XXXVI. Dus b. c. 224. 2) S. oben B. III. S. 366.
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22 Innere Landesverwaltung in Preuffen (1285). Wahrend aber der Krieg gegen Litthauen mehre Jahre von Seiten des Ordens alſo ruhete, da wieder Streifzuͤge nach Rußland die heidniſchen Fuͤrſten beſchaͤftigten “), war es vorzuͤglich die innere Landesverwaltung, auf welche der Land⸗ meiſter mittlerweile ſeine ganze Sorgfalt wandte. Die Be⸗ gruͤndung neuer Staͤdte und Doͤrfer oder die beſſere Ordnung und Feſtſtellung des ſtaͤdtiſchen Gemeinweſens in den ſchon vorhandenen Staͤdten, daneben auch die Aufrichtung und ſtaͤr⸗ kere Befeſtigung der Landesburgen zur Wehr der Graͤnzen und zur allgemeinen Sicherheit des Landes und endlich vor allem die Erhebung und Befoͤrderung des Ackerbaues nahmen des Meiſters Eifer und Thaͤtigkeit unabläffig in Anſpruch. So erhielten zwei Staͤdte im Jahre 1285 ihre Entſtehung, Stras⸗ burg am Ufer des Drewenz-Fluſſes und Loͤtzen am Lewentin⸗ See, wahrſcheinlich um dadurch zugleich den Litthauern den Einfall ins Gebiet des Ordens zu erſchweren 2). Rheden im Kulmerlande erfreute ſich ſtatt ihrer alten, in den Kriegszeiten verlorenen Gruͤndungs⸗Urkunde Hermann Balks durch den Landmeiſter Konrad von Thierberg in demſelben Jahre einer neuen, vollſtaͤndigen Handfeſte, worin aufs neue ihre Rechte und Freiheiten geſichert und manches zum Nutzen der Stadt nach der Bürger Wunſch und Beiſtimmung verändert war’). Bald darauf ertheilte er in gleicher Weiſe auch der Altſtadt Koͤnigsberg in belohnender Anerkennung der Verdienſte ihrer Bürger in Zeiten der Gefahr fir Beförderung der Glaubens⸗ ſache ihr Hauptprivilegium uͤber ihre Freiheiten und Gerecht⸗ ſame und ihre ſtaͤdtiſche Gemeindeordnung). Dann ward 1) Karamſin B. IV. S. 122. 2) Henneberger Erklaͤr. der Preuſſ. Landtaf. p. 254. 438. Ti⸗ demanns Chron. (Mfer.) p. 11. De Wal. c. p. 207. 3) Sie ift ausgeſtellt am 2. März 1285 und es heißt namentlich darin, daß das privilegium sibi super fundacione civitatis in Redino a fratre Hermanno dicto Balk Magistro Prussie quondam indultun per negligenciam perditum. 4) Die Urkunde ift ausgeſtellt am SO. April 1286. Vgl. Baczko Geſchichte von Königsberg S. 522.
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Innere Landesverwaltung in Preuſſen (1285). 23 einige Jahre ſpaͤter auch die Stadt Elbing, die in einem Brande unermeßlichen Schaden gelitten, in Rückſicht der Ge⸗ richtsordnung, in Erweiterung ihres Stadtgebietes und mehrer ſtaͤdtiſchen Freiheiten, als eigener Wahl ihrer Richter, freier Fahrt zum Handel auf dem Drauſen⸗See u. ſ. w. mit einem neuen Privilegium begabt ); und bald darauf ſtieg in ihrer Nähe, wiewohl wahrſcheinlich erſt von Konrads Nachfolger im Jahre 1290 gegründet, auf ihrer Berghöhe bei der alten Burg Pazlok die Stadt Preuſſiſch-Holland empor, ihren Na: men von Fluͤchtlingen aus Holland erhaltend, die dort ver⸗ trieben oder freiwillig ausgewandert in Preuſſen eine neue Heimat ſuchten und zur Bevölkerung. der jungen Stadt den erſten Grund legten 2). Wir ſahen aber ſchon fruͤher, wie 1) Crichton Urk. zur Preuff. Geſchichte S. 28. Preuſſ. Samml. B. II. S. 443. Fuchs Beſchreib. von Elbing B. I. S. 268. Die in der Urkunde enthaltenen Beſtimmungen uͤber die Gerichtsordnung in vor⸗ kommenden Streitfaͤllen bezogen ſich bloß auf die Buͤrger der Stadt ſelbſt. In Streitigkeiten der Stadt mit dem Orden ging man um Rechtsentſcheidung nach Lübeck, wie aus einem Beiſpiele im J. 1300 über die Auslegung einiger Stellen im Elbingiſ. Privilegium zu erſehen iſt. 2) Die Gründung von Preuſſiſch⸗Holland wird nach den meiſten Chroniſten in das J. 1290 geſetzt; |. Henneberger S. 158; vgl. Hartknoch Diss ert. Il. F. XV. und A. u. N. Preuſſ. S. 412. Ger⸗ ſtenberger Chron. laßt fie erſt 1302 geſchehen. Verſteht man jene An⸗ gabe von der erſten Niederlaſſung von Bewohnern an der Burg Pazlock, deren Beſitzer früher Gerko von Pazlock war, To läßt ſich wohl nichts dagegen einwenden; denn ein Anbau bei dem Castrum Pazlok, welches im J. 1297 noch ſtand und dem Orden gehoͤrte, war ohne Zweifel ſchon damals erfolgt. Zur eigentlichen Stadt erhoben und als Stadt ausge⸗ than wurde dieſer angebaute Ort aber erſt nach der Ankunft der Hol⸗ laͤndiſchen Einzoͤglinge, wie der Landmeiſter Meinhard von Querfurt in dem Gruͤndungsprivilegium ſelbſt durch die Worte bezeugt: Nos — fun- davimus civitatem in territorio Pazlok iure Culmensi, quam secun- dum primos locatores, qui de Hollandia venerant, Holland appella- vimus. Nach der Angabe der Allgemeinen Geſchichte der Niederlande Th. I. S. 422 ſoll der Moͤrder des Grafen Florenz V von Holland Gisbrecht von Amſtel mit ſeinem Anhange im J. 1296 nach Preuſſen entflohen ſeyn und die Stadt Holland „gebauet haben oder bevdlkern helfen.“ Dieſe Nachricht ſtuͤtzt ſich indeſſen nur auf alte, muͤndlich fort⸗
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24 Innere Landesverwaltung in Preuſſen (1285). wichtig es fuͤr den ſtaͤdtiſchen Betrieb war, daß dieſe Hollaͤn⸗ der mit ihrer reichen Kenntniß und ihrer Thaͤtigkeit und Fer⸗ tigkeit in Fabrik⸗ und Manufactur⸗ Arbeiten ins Land kamen und zur Vervollkommnung ſtaͤdtiſcher Erzeugniſſe neuen An⸗ laß gaben ). Außer dieſen Bemuͤhungen um die Erhebung der Staͤdte und um die Ausbildung des ſtaͤdtiſchen Gemein⸗ weſens richtete der thaͤtige Meifter fein Augenmerk vorzüglich auch auf die Beförderung des Ackerbaues, wovon eine große Zahl bis jetzt vorhandener Verleihungen und Verſchreibungen der redendſte Beweis iſt, denn ſie zeigen, wie tief Konrad von Thierberg von dem Gedanken durchdrungen war, daß vor allem aus dem Landvolke die wahre Grundkraft des neuen Staates hervorwachſen und dem ganzen Aufbau der Ordens⸗ herrſchaft feſten Halt und ſichere Stuͤtzen geben muͤſſe; und auch in dieſer Hinſicht mochte die Ankunft der Hollaͤnder in Preuſſen nicht ohne Einfluß ſeyn, denn die Niederlaͤnder gal⸗ ten damals für die beſten Ackerleute ?). Gleiche Sorgfalt ver: wandte der Landmeiſter auf die policeiliche Sicherheit ſowohl in den Staͤdten als auf dem Lande. Ein Beweis davon iſt eine von ihm und dem Ritter⸗Convente zu Königsberg mit dem Schultheiß und Rath der Stadt beſchloſſene Verordnung, daß wenn Diebſtaͤhle von Preuſſen oder Samlaͤndern inner⸗ halb der Stadt begangen wuͤrden, ſolche zwar von den Or⸗ densrittern ſelbſt gerichtet, die Gerichtsbußen aber der Stadt vorbehalten werden ſollten, daß ferner ein Dieb bei einem Diebſtahle von einem Vierdung an Werth oder daruͤber ſei⸗ nen Hals mit ſechzehn Mark freien, bei einem Diebſtahle da⸗ gegen, der mit Staͤupen beſtraft wurde und ein Skot oder daruber oder unter einem Vierdung betrage, ſich vom Gerichte gepflanzte Erzählung. Mit der Handfeſte wuͤrde ſich dieſes zwar ver⸗ einigen laſſen, da ſie erſt am Michaelis⸗Tage 1297 ausgeſtellt iſt; allein in Holland bedurfte es ſolcher gewaltſamer Veranlaſſungen zur Aus⸗ wanderung nicht und es ließe ſich wohl auch ſchon vor dem 3. 1296 eine Niederlaſſung der Hollander im Gebiete Pazlock annehmen. 1) S. B. III. S. 503. 2) Fiſcher Geſchichte des Deutſ. Handels B. I. S. 474.
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Nachbarliche Verhältniffe (1285). 25 durch zwei Mark loͤſen und bei einem Diebſtahle unter einem Skote zu ſeiner Freiung eine Mark zahlen ſolle. Es wurde end⸗ lich noch feſtgeſetzt, daß auch ein Deutſcher, der einen Preuſſen oder Samlaͤnder beſtohlen habe, ſich mit derſelben Strafſumme frei zu kaufen verpflichtet fey, wie der Preuffe oder Same 1). Mit den nachbarlichen Landen ſtand der Orden in den letzten Jahren der Verwaltung dieſes Landmeiſters in durch⸗ aus friedlichen Verhaͤltniſſen, denn die Zwiſtigkeiten mit den Herzogen von Polen, wohl an ſich ſchon nicht von ſonder⸗ licher Wichtigkeit, waren im Laufe der beſtimmten Friedens⸗ friſt, wie es ſcheint, voͤllig ausgeglichen worden. Auf des Komthurs von Thorn Betrieb und aus Wohlwollen gegen den Landmeiſter verbürgte ſelbſt der Herzog Wladislav von Lanziz und Cujavien den Kaufleuten aus Thorn und Kulm für ihren Handel nach Rußland allen Schutz und voͤllige Si⸗ cherheit durch ſein ganzes Gebiet und erbot ſich ſogar, ihre Waarenſendungen ſowie ihre Perſonen bis an die Graͤnzen ſeines Landes unter bewaffneter Bedeckung geleiten zu laſſen 2). 1) Wir finden dieſe alte Policei⸗Verordnung im Fol. 7. p. 30 im geh. Archiv; ſie iſt gegeben zu Koͤnigsberg am 12. Maͤrz 1286 und gilt fuͤr eine der erſten, die uns aufbehalten ſind. Sie ſcheint ſchon ur⸗ ſpruͤnglich in der Deutſchen Sprache abgefaßt geweſen zu ſeyn, iſt aber bei der Unbehüͤlflichkeit, mit der man damals in dieſer Sprache in Ur⸗ kunden noch kaͤmpfte, nichts weniger als leicht verftändlich. 2) Die hieruͤber auch in Beziehung auf die Handelsgeſchichte Preuſ⸗ ſens wichtige, an den Komthur von Thorn gerichtete Original- Urkunde im geh. Archiv Schiebl. XVI. Nr. 10 iſt datirt: Lanchitie proximo sabbato ante rogaciones a. d. 1286. Es heißt darin: Legacionem fratris Johannis sacerdotis ordinis vestri recepimus continentem, quod Cives de Thorun et de Culmine mercatores videlicet qui sunt in terra Russie per terram nostram cum suis mercibus navigio sine inpedi- mento transire permitteremus, quod gratanter ob dilectionem Magistri et fratrum facimus, hoc etiam addicientes quod quicunque de civi- tatibus vestris cum suis pannis et aliis rebus per terraın nostram transire voluerint, secure transeant, insuper de voluntate bona et de consensu baronum nostrorum volumus predictos mercatores in nostra custodia a villa que vocatur Slussow per nostram miliciam secure et quiete usque ad metas terre nostre conducere.
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26 Nachbarliche Verhältniffe (1285). Auch der alte Hader zwiſchen Herzog Miſtwin von Pommern war nicht nur gaͤnzlich beſeitigt, ſondern es herrſchte zwiſchen ihnen an ſeiner Stelle ein ſo freundliches Vertrauen, wie es kaum je hätte erwartet werden koͤnnen., In einem Streite des Ordens mit Wislav Biſchof von Leßlau über den Bau einer Muͤhle am Fluſſe Veriſſa, welchen der Biſchof nicht zu⸗ laſſen wollte, entſchied der Herzog als erwaͤhlter Richter nicht nur völlig zu des Ordens Gunſten, wiewohl jener alles ans gewandt, um die Entſcheidung für ſich zu gewinnen ), ſon⸗ dern im Jahre 1285 uͤbergab er dem Orden auch einen nicht unbedeutenden Werder zwiſchen den Fluͤſſen Primislava und Groß ⸗Kabal in der Nähe der Weichſel als Schenkung für fein und feiner Vorfahren Seelenheil, ein Beweis, daß der Fürft ſeine fruͤhere Geſinnung gegen den Orden jetzt ſchon ganz geaͤndert hatte 2). — Preuſſen genoß ſonach in dieſen Jahren ſowohl im Innern als nach außenhin einer ſo ungeſtoͤrten Ruhe, wie ſolche ihm ſeit langer Zeit nicht zu Theil geworden war und des thaͤtigen Landmeiſters Bemuͤhungen um das Ge⸗ deihen der Städte und den Wohlſtand des Landbewohners ließen daher auch die herrlichſten Erfolge erwarten ?). 1) Original- Urkunde über die ſchiedsrichterliche Entſcheidung des Herzogs, datirt: Wyschegrode Castro nostro an. 1284. im geh. Arch. Schiebl. 49. Nr. 26. S. Dregers Verzeichn. Pommer. Urkunden S. 14. 2) Original⸗urkunde im Duplicat, datirt: in Gdanzeke XVI Calend. Maij 1285 im geh. Arch. Schiebl. 49. Nr. 30. 3) Die Nachricht, welche uns um dieſe Zeit die Chron, Slavica ap. Lindenbrog p. 206 giebt, indem es hier heißt: Anno domini 1286 Cru- ciferi de domo Theutonica a Marchionibus Brandenburg. et Misnens. terram Prussiae fertilem et populosam pro magna summa pecuniae emerunt, quia suis metis erat contigua. Qui Marchiones dictam ter- ram cum exercitu magno eam intrantes contra Regem Poloniae, Rege jam in Polonia interfecto, per ipsos sibi subiecerunt, a cuius tamen terrae impetitione Poloni nunquam nec in praesenti requiescunt, be- zieht ſich ſichtbar auf die ſpaͤtere Erwerbung Pommerellens und iſt nur aus unkunde oder Mißverſtaͤndniß in dieſe frühe Zeit durch die Chroniſten verſetzt, denn etwas verändert findet ſich dieſelbe Nachricht in Stalndelii Chron. ap. Oefele T. I. p. 512, Corneri Chron. ap. Eccard. T. II. p. 937, Botho Chron. Bruns wic. pietur. ap. Leibnitz. T. III. p. 371 etc.
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Livlands Verhaͤltniſſe (1286-1288). 27 Nicht ſo gluͤcklicher Friedensjahre erfreute ſich damals Livland, wo ſeit dem Jahre 1281 Wilhelm von Schauerburg als Landmeiſter an der Spitze des Ordens ſtand, einer der tapferſten Ritter in den dortigen Landen. Waͤhrend der erſten Zeit ſeiner Verwaltung hatten auch dort die Raubzuͤge der Litthauer des Ordens Kriegsmacht fort und fort beſchaͤſtigt ). Nun waren aber vor wenigen Jahren auch die Semgallen, angeblich wegen einer ſchweren Beleidigung ihres damaligen Oberhauptes Nameiſe durch einen Ordensritter, wieder abge⸗ fallen ) und ſeit Witen den großfürftlihen Stuhl in Lit⸗ thauen beſtiegen, hatten ſich die Semgallen, Samaiten und Litthauer zur Bekaͤmpfung des Ordens und zu raͤuberiſchen Einfällen in deſſen Land meiſtentheils verbunden. Da hie⸗ durch der Feind in ſeiner vereinten Kriegsmacht jetzt um ſo ſurchtbarer geworden war, fo beſchloß der Livlaͤndiſche Meiſter, ihn in ſeinem eigenen Lande aufzuſuchen und brach demnach im Jahre 1284 mit einem bedeutenden Heere zunächſt in Semgallen ein, unterſtuͤtzt von Huͤlfshaufen des Erzbiſchofs von Riga und des Statthalters der Daͤniſchen Beſitzungen. Es gelang ihm, bis zu einer Berghoͤhe vorzudringen, die man wegen ihrer religidſen Heiligkeit den heiligen Berg nannte ); er wurde mit einer Burg befeſtigt, von welcher aus eine Burgbeſatzung von dreihundert Mann das Semgalliſche Volk unabläffig beunruhigte “). Allein die Samaiten und Litthauer ſtanden den bedraͤngten Semgallen zu Huͤlfe; die neue Rit⸗ 1) Das Nähere über dieſe Züge beſchreibt Alnpeck S. 136—137. 2) Wir erfahren dieſes durch das Rigaiſche Zeugenverhoͤr, wo ein Zeuge ausſagt: Quod audivit dici, quod in terra Semigalie fuit qui- dam Rex nomine Nameyxe, qui fuit christianus ipse et alii de Se- migalia, et quod audivit dici, quod unus frater de domo Theotoni- corum dedit illi Regi alapam, propter quod dictus Rex cum aliis de Semigalia apostataverunt a fide. Das ſagte freilich ein Gegner des Ordens aus; der Abfall müßte aber auf jeden Fall ungefähr im J. 1280 erfolgt ſeyn. 3) Alnpeck S. 138. 4) Alnpeck a. a. O. enthält das Nähere uͤber den Bau und die Befeſtigung der Burg.
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28 Livlands Verhältniffe (1286—1288). terburg auf Heiligenberg ward mehrmals in große Gefahr geſetzt; denn alles zielte auf ihre Vernichtung, und da der Widerſtand der Kriegsmacht des Ordens das kuͤhne Raubvolk wenig ſchreckte, ſo wagte es ſich ſogar bis an die Mauern von Riga vor, um dort feine Beute zu ſuchen n). Da ruͤckte einſt ein neues ſtarkes Heer von Semgallen und ihren Ver⸗ buͤndeten gegen Riga heran wie zum Hohne gerade in den Tagen, als der Landmeiſter im Jahre 1287 ein Landkapitel halten wollte und alle Komthure des Landes nebſt zwei Send⸗ boten des Hochmeiſters in Riga ſchon verſammelt waren. Daruͤber erzuͤrnt ſammelte er ſogleich einen Heerhaufen von fuͤnfhundert ruͤſtigen Kriegern und folgte dem Feinde nach. Er traf ihn am dritten Tage in einer aͤußerſt gunſtigen Stel⸗ lung vierzehnhundert Mann ſtark. Dennoch ward der Angriff gewagt. „Ich bringe die Semgallen in Noth oder wir blei⸗ ben alle todt!“ rief der Meiſter feiner Schaar entgegen 2) und ſtuͤrzte dem Feinde zu. Der Kampf begann mit außer⸗ ordentlicher Hitze und der Sieg blieb lange zweifelhaft. Als aber bald ein Theil des bewaffneten Landvolkes des Ordens aus der Schlacht entfloh, dann auch ein Theil der uͤbrigen Mannſchaft vom Feinde ſtark bedraͤngt den Kampf aufgab, viele von den Ordensrittern und Komthuren ſchon gefallen und in ſolcher Weiſe die noch gebliebenen Heerhaufen ihrer Fuͤhrer meiſt beraubt waren, und als endlich auch der tapfere Landmeiſter ſelbſt im ritterlichſten Kampfe erſchlagen ward, erlag die ganze uͤbrige Mannſchaft dem ſiegenden Feinde. Dreiunddreißig der tapferſten Ordensritter blieben auf dem Kampfplatze, ſechzehn wurden gefangen und jaͤmmerlich er⸗ mordet, theils mit Knuͤtteln todt geſchlagen, theils auf dem Roſte langſam verbrannt. Aus der Zahl der Feinde war der Hauptmann der Semgallen nebſt ſechzig der vornehmſten Edlen gefallen ). 1) Alnpeck S. 142 — 143. 2) Die Worte bei Alnpeck S. 146. 3) Am vollſtaͤndigſten erzählt alle dieſe Ereigniſſe Alnpeck S. 136 — 149. Ordens⸗Chron. (Mſcr.) S. 55, bei Matthaeus p. 747, wo
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Der Hochmeifter Burchard v. Schwenden in Pr. (1286-1288). 29 Da die Nachricht dieſes unglücklichen Ereigniſſes durch eine Botſchaft von Ritterbruͤdern aus Livland an den Hoch⸗ meiſter Burchard von Schwenden !) gelangte, erließ er ſofort an die Gebietiger in Schwaben und Franken den Befehl, ihm die tuͤchtigſten und ſtreitbarſten Ordensritter ihrer Convente zuzuſenden, die den Verluſt der Bruͤder in Livland erſetzen konnten. Und als ihm Diefer eine anſehnliche Zahl zugekommen war, machte er ſich eiligſt auf, um in Preuſſen ſelbſt ſich mit den vornehmſten Gebietigern des Ordens uͤber die Lage der Verhaͤltniſſe uͤberhaupt und beſonders uͤber den Schutz der Ordensgebiete gegen das gefaͤhrliche Volk Litthauens und Sa⸗ maitens zu berathen 2). Es war in den erſten Tagen des der Landmeiſter unter dem Namen Willikyn von Schierborch vorkommt. Vgl. auch Arndt Th. II. S. 67. Hiärn S. 185. Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 325 ff. 1) Der Hochmeiſter hielt ſich im J. 1287 meiſtens in Deutſchland auf; Acta Academ. Palat. T. II. p. 28. De Wal Recherches T. II. p. 225. Außerdem erſehen wir dieſes auch aus einer Urkunde des Bi⸗ ſchofs Johannes von Tusculum, der ſich in den Jahren 1286 und 1287 als paͤpſtl. Legat in Deutſchland befand, — ſ. Raynald. an. 1286. Nr. 2 — 4. — und mit dem Hochmeiſter, von ihm Borcardus de Sunaden genannt, eine Unterredung hatte, in deren Folge er ſeinen Kapellanen befiehlt, von dem Orden in Preuſſen und Livland aus Rüdfiht feiner großen Verdienſte und Opfer um die Aufrechthaltung des chriſtl. Glau⸗ bens in dieſen Landen fuͤr ſein Procurations⸗Geſchaͤft keine Gebuͤhren einzufordern. Außerdem heißt es aber noch: Duximus indulgendum de procurationibus quogne, quas nobis solvere tenentur occasione domo- rum et locorum, que habent in Polonia pro dicto tempore usque ad viginti marcharum summam eisdem fratribus remittentes, ita quod si aliquid ultra dictam summam fratribus ipsis fuerit impositum, illud golvere teneantur. Urk. im geh. Arch. Schiebl. 23. Nr. 3. 2) Die obenerwaͤhnten Quellen ſagen ausdruͤcklich, daß dieſes der nächſte Anlaß der Reiſe des Hochmeiſters nach Preuſſen geweſen ſey. Am vollftändigften hierüber der Zeitgenoſſe Alnpeck S. 152. Von den ihn begleitenden Rittern heißt es hier: Im wart von manchen enden Junger bruder vil geſant Von ſwaben und von vranken lant Quamen bruder zu im dar
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30 Der Hochmeiſter Burchard v. Schwenden in Pr. (12861288). Februars im Jahre 1288, als er an der Spitze ſeiner „wohl bereiten“ Ritterſchaar im Lande uͤberall, wie es bei eines Hochmeiſters Ankunft Sitte war, aufs feſtlichſte empfangen, zu Elbing ein Ordenskapitel verſammelte n). Es erſchienen die wichtigſten Gebietiger des Landes, außer dem Landmeiſter Konrad von Thierberg der Komthur von Brandenburg Mein⸗ hard von Querfurt, Hermann von Schoͤnenberg Landkomthur von Kulm, der Komthur von Koͤnigsberg Albert von Meißen, einer der froͤmmſten und lobenswuͤrdigſten Ritter im ganzen Orden, Berthold Bruͤhaven Komthur des Hauſes Balga, Hein⸗ rich von Wilnowe Komthur von Marienburg, auch der Or⸗ densmarſchall Helwig von Goldbach und viele andere. Nach⸗ dem man zuerſt Preuſſens näher liegende inneren Verhaͤltniſſe und den Zuſtand ſeiner Ordensburgen ſorgſam berathen und was nothwendig und heilſam ſchien angeordnet, ward vor allem theils für des Landes Verwaltung, theils auch für deſſen aͤußeren Schutz und fuͤr die Kriegsfuͤhrung gegen die nach⸗ barlichen heidniſchen Voͤlker eine Veraͤnderung der oberſten Gebietiger fuͤr zweckmaͤßig befunden. Der bisherige Land⸗ meiſter Konrad von Thierberg ward feines Amtes entlaſſen, denn wiewohl er ſich hohe Verdienſte in ſeiner Verwaltung erworben, ſo ſchien er doch von jeher mehr noch fuͤr das Kriegsweſen geeignet zu ſeyn, weshalb ihm jetzt der Hoch⸗ meiſter auch die ſchon fruͤher von ihm bekleidete Wuͤrde des Ordensmarſchalls von neuem uͤbertrug und den bisherigen Verwalter dieſes Amtes Helwig von Goldbach in das Kom— thuramt von Chriſtburg verſetzte?). Zum Landmeiſter von Preuſſen aber ward vom Hochmeiſter und dem Ordenskapitel erkoren der bisherige Komthur von Brandenburg Meinhard Das ir wart ein michel ſchar Wol bereiter helde gut. 1) Alnpeck S. 152. 2) Hellwig von Goldbach erſcheint als Komthur von Chriſtburg ſchon am 7. April 1288 in einer von ihm ſelbſt ausgeſtellten Urkunde, worin er das Erbrichteramt der Stadt Chriſtburg dem Schultheißen Bernhard verlehnt; Dregers Samml. Pommer. Urk. Nr. 761.
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Der Hochmeiſter Burchard v. Schwenden in Pr. (1236-1288). 31 von Querfurt und an die Stelle des erſchlagenen Landmei⸗ ſters von Livland der Ritter Konrad von Herzogenſtein, dem der Hochmeiſter vierzig neue Ordensbruder mit nach Livland gab :). Ebenſo erhielten auch einige Komthuraͤmter andere Verweſer; in das wichtige Amt zu Elbing trat Siegfried von Rechberg, das erledigte Amt zu Brandenburg uͤbernahm Lud⸗ wig von Schippen. Dann ward beſchloſſen, das Ordensge⸗ biet am Memel⸗Strome durch einige ſtarke Wehrburgen ge⸗ gen den Einfall des nahen Feindes noch mehr zu ſichern und nach ihrem Aufbau den Kampf gegen die Samaiten und Lit⸗ thauer wieder mit Eifer fortzuſetzen. Endlich moͤgen auch über das innere Weſen, die Verfaſſung und die Ordnung des Ordens ſelbſt manche Verhandlungen in dieſem Kapitel gepflogen worden ſeyn, obgleich uns daruͤber naͤhere Berichte fehlen?). Wir erfahren nur, daß der Hochmeiſter die wich⸗ tigſten Ordensburgen des Landes noch ſelbſt beſucht, ſich über alles genau unterrichtet), auch in Betreff des kirchlichen Weſens manche Anordnungen getroffen und unter andern den Kulmiſchen Domherren das Recht verliehen habe, durch Kauf auch Lehenguͤter an ſich bringen zu koͤnnen, doch mit der Verpflichtung, auch die auf dieſen Guͤtern ruhenden Dienſte 1) Nach Alnpeck S. 152 uͤbernahm er das Amt mit Widerſtre⸗ ben; S. 164 nennt ihn der Chroniſt Kune von Hazigenſtein und ſagt von ihm: „Er was der huͤbeſchten bruder ein, den man mit ougen mochte ſehn.“ 2) Es erwähnen dieſes Landkapitels die Ordens⸗Chron. S. 55, bei Matthaeus p. 747, Alnpeck S. 152 u. a., aber alle nur in Bezie⸗ hung auf die Veränderungen in Beſetzung der Ordensaͤmter. Daß auch Landes⸗ und ſtäͤdtiſche Angelegenheiten dort verhandelt und entſchieden wurden, ſehen wir aus dem ſchon früher beruͤhrten Elbingiſchen Privi⸗ legium bei Crichton a. a. O. S. 28. Was Simon Grunau Tr. VIII. c. 16. §. 1. von dieſem Kapitel erzaͤhlt, iſt in Ruͤckſicht des Jah⸗ res 1285, in welchem es nach ihm gehalten ſeyn ſoll, ſowie in Betreff der Gebietiger- Namen, die ihm auch Lucas David B. V. S. 41 nachſchreibt, fo grundfalſch, daß wir auch ſeinen uͤbrigen Nachrichten darüber keinen Glauben ſchenken duͤrfen. 8) Alnpeck S. 152.
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32 Der Landmeiſter Meinhard v. Querfurt (1288). zu leiſten!). Darauf kehrte nach einiger Zeit der Hochmei⸗ ſter nach Deutſchland wieder zurüd. In ſolcher Weiſe ſtand nun der Landmeiſter Meinhard?) von Querfurt der Landesverwaltung in Preuſſen vor, „ein aufrichtiger, freundlicher und ſittiger Mann, auch wohl ein ernſter Kriegsheld“ 3), auf dem mit Recht große Hoffnungen ruheten. Aus dem beruͤhmten Hauſe der edlen Grafen von Querfurt entſproſſen, der fuͤnfte Sohn Gebhard des Sechſten von Querfurt *), war er ſchon frühzeitig in den Deutſchen Orden getreten und mit Hartmann von Heldrungen und Anno von Sangerhaufen nach Preuſſen gekommen, alfo ohne Zwei⸗ fel ſchon ein Mann von ziemlich hohem Alter s), als er die Landmeiſterwuͤrde erhielt. Ueber vier Jahre lang hatte er dem Komthuramte des Hauſes Brandenburg mit Ruhm vorge⸗ ſtanden und im Jahre 1284 auch einmal ſchon das landmei⸗ 1) Dieſer Sache erwaͤhnt Lucas David B. V. S. 42 mit den Worten: „Ich habe funden ein Privilegium den Thumbherren der Cul⸗ miſchen Kirchen zu Thorn i. J. 1287 am 4. Dec. geben, darin ſie be⸗ gnadet, daß fie durchn Kauf Lehnguͤter an ſich bringen mögen, doch daß ſie auch die Dienſt thun, die der vorige Beſitzer des Guts zu thun ſchul⸗ dig war. Ob das aber auf dem Ein⸗ oder Auszuge (des Hochmeiſters) geben, ift mir unbewuſt, doch iſt daraus wol zu verſtehen, daß er umb die Zeit alhie im Lande geweſen.“ Daraus geht wenigſtens hervor, daß der Hochmeiſter dieſes Privilegium ſelbſt ertheilt hatte. 2) Die Namen Meyner oder Meinecke ſind nur Verkuͤrzungen, wie Kune ſtatt Konrad. 3) Lucas David B. V. S. 77. Dusburg c. 227. 4) Die Fabel, daß Meinhard der neunte Sohn des Grafen Geb⸗ hard aus einem und demſelben Wochenbette ſeiner Mutter geweſen ſey, hat den luͤgneriſchen Moͤnch Simon Grunau Tr. VIII. c. 20. §. 2 zur Hauptquelle und iſt von dieſem auf Lucas David B. V. S. 78, Henneberger S. 53. Schütz p. 46 u. a. übergegangen. Daß ber Moͤnch von Tolkemit ſie erſonnen hat, iſt kaum zu bezweifeln und da⸗ her um fo mehr zu bewundern, daß in den Preuff. Lieferung. B. I. S. 265 — 290 fo viele Mühe auf ihre Widerlegung verwandt worden ift. Nach Schütz Hist. rer. Pruss. p. 108 ſtammte Meinhard ex familia comitum Heldrungensium et Mansfeldensium. 5) Franke Hiſtorie der Grafſch. Mansfeld S. 52. Spangen⸗ berg Querf. Chron. S. 345. Pauli a. a. O. S. 103.
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Der Landmeiſter Meinhard v. Querfurt. (1288). 33 fierliche Amt in Stellvertretung Konrads von Thierberg ver⸗ waltet !). So hatte er in den Geſchaͤften der Landesverwal⸗ tung ſchon manche Erfahrung eingeſammelt und manchen Blick in das Leben gethan. Mit dieſer Erfahrung aber und mit der klaren Erkenntniß der Erfordernis e und Pflichten ſeines wichtigen Amtes verbanden ſich in ihm die ſtrengſte Gerech⸗ tigkeit, die offenſte Wahrheitsliebe, Großmuth im Denken wie im Handeln, ein raſtloſer Eifer fuͤr die Wohlfahrt und Ge⸗ deihen der ihm untergebenen Lande und Guͤte und Milde ge⸗ gen alle, die feiner Hülfe und feines Rathes bedurften, be⸗ ſonders auch gegen die Geiſtlichen; nicht minder waren auch Tapferkeit und Heldenmuth gegen den Feind die ausgezeich⸗ netſten feiner Tugenden 2). Des Landes Heil und Gedeihen war das Erſte, worauf der neue Meiſter ſeine ganze Sorgfalt wandte und mit einem großen Gedanken, der ihn vielleicht zu dem Ehrenamte eines Meiſters von Preuſſen mit erhoben hatte, trat er ſeine Ver⸗ waltung an. Wenn ſich das Auge von der Ordensburg El⸗ bing aus gen Weſten oder auf dem Ordenshauſe Marienburg nach Morgen oder nach Abend und Mitternacht richtete, uͤber⸗ blickte es eine meilenweite wilde Gegend, die der thaͤtigen Hand des Menſchen faſt noch nirgends zugaͤnglich geworden war, voll großer Suͤmpfe und grundloſer Moraͤſte, ſo daß in der ganzen weiten Umgebung nur fuͤnf aͤrmliche Doͤrfer auf mäßigen Anhoͤhen hatten erbaut werden koͤnnen ). In uralter Zeit den Meeresboden bildend *) waren dieſe Suͤmpfe und Moraͤſte in den Niederungen jetzt die traurigen Erfolg: niſſe der faſt jährlich wiederkehrenden Ueberſtroͤmung der Nogat und der Weichſel, deren flache Strombetten in dem niedrigen Lande die Waſſermaſſen nicht mehr faſſen konnten, ſobald ſie ſich nur irgend uͤber ihren gewoͤhnlichen Stand erhoben. Dieſes ſumpfige und vom Moraſte tief durchfreſſene meilenweite Land — > 1) Nach einer Urkunde im Fol. XI. p. 93 im geh. Archiv. 2) Dusb. I. c. Lucas David a. a. O. 8) Waissel Chron. S. 102. 4) ©. oben B. I. S. 11. IV. 3
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34 Die Weichſel- und Nogatdaͤmme (1288). voͤllig auszutrocknen, fuͤr menſchlichen Fleiß und Anbau zu gewinnen und gegen die Ueberfluthungen der Stromgewaͤſſer zu ſichern: das war das gewaltige Unternehmen, dem ſich der neue Landmeiſter mit allem Eifer unterzog. Er begann es ſchon im Jahre 1288, dem erſten feiner Amtsverwaltung !). Es war mit unbeſchreiblichen Schwierigkeiten verbunden. Die Stroͤme mußten viele Meilen weit durch ſtarke und hohe Damme gefangen, in ihre Graͤnzen gewieſen und der Damm⸗ bau ſo geſichert und befeſtigt werden, daß er auch bei dem oft ſo maͤchtigen Andrange der Gewaͤſſer der nicht ſelten ganz außerordentlichen Gewalt des Elements den noͤthigen Wider⸗ ſtand zu leiſten vermochte. Von Elbing hinuͤber nach Ma⸗ rienburg zu mußten zwei dieſer Wehrdaͤmme an den Ufern der Nogat unter unſaͤglichen Muͤhen und Schwierigkeiten uͤber Moraͤſte uud ſumpfige Untiefen aufgeführt werden, wenn zur linken und rechten Seite des Fluſſes das niedriggelegene Land für menſchliche Kultur gewonnen werden ſollte. Einen aͤhn⸗ lichen ſtarken Dammbau forderte auch der wilde Weichſel⸗ Strom, da feine Waſſermaſſen für die nächiten Landgebiete deshalb noch ungleich gefaͤhrlicher und verderblicher waren, weil ſie faſt mit jedem Winter bei ſtarken Eisgaͤngen ſich bald hier, bald dort neue Betten brachen und ſich in ſolcher Weiſe ein Stromgebiet gebildet hatten, welches in manchen Gegen⸗ den die Breite einer Meile faßte. Sechs Jahre hindurch wa⸗ ren für dieſe ungeheueren Werke Tag für Tag Tauſende von Menſchen und Tauſende von Wagen beſtaͤndig in Arbeit und Bewegung, bis endlich im Jahre 1294 das große Unterneh⸗ men vollendet daſtand?) und Meinhards hoher Schoͤpferge⸗ danke fuͤr die Ewigkeit verwirklicht war. Noch jetzt ſtaunt der Wanderer uͤber das rieſenmaͤßige Werk, das herrlichſte Denkmal für Meinhards Namen, dem an Groͤße und Wich⸗ 1) Lucas David B. V. S. 81 ſagt: „Er ward im Winter (Fe⸗ bruar) zum Landmeiſter erwählt und begann den Damm von Elbing her bald hernach in der Faſten.“ 2) Lucas David a. a. O. Schütz Histor. rer. Pruss. p. 110. Hartwichs Beſchreib. der drei Preuſſ. Werder.
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Die Weichſel- und Nogatdaͤmme (1288). 35 tigkeit in ſeinen ſegensreichen Folgen nichts gleich kommt, was je der Ritterorden für Kultur und Anbau in dieſem Lande geſtiftet und gegruͤndet hat. Die goldenen Auen der Niede⸗ rungen von Elbing bis Marienburg und die fruchtreichen Ge⸗ biete im Süden und Norden dieſer Linie find für Jahrtau⸗ ſende einzig Meinhards Schoͤpfungen und Ein Gedanke ſeines Geiſtes gab ihnen das Daſeyn. Das Land aber ſollte den wilden Stroͤmen nicht bloß abgewonnen, ſondern es ſollte auch bevoͤlkert, belebt und be⸗ pflanzt werden. Deshalb bewilligte der Landmeiſter allen, welche ſich dort nieberlaffen wollten, eine fünfjährige Freiheit von allen Leiſtungen, Dienſtbarkeiten und Abgaben und der überaus fruchtbare Boden mit dem reichen Segen, der ſich aus ihm verſprechen ließ, lockte beſonders aus Deutſchland bald zahlreiche Schaaren von Anpflanzern und Bearbeitern herbei, die durch Vorbaue, Graben und Schleuſenwerke die noch uͤbrigen Gewaͤſſer auffingen und ableiteten und in ſol⸗ cher Weiſe durch Deutſchen Fleiß die vormals ſumpfige und faſt menſchenleere Wuͤſtung zu einer ſo uͤppigen Fruchtbarkeit brachten, wie ſie nirgends in ganz Preuſſen und ſelbſt weit umher in den Nachbarlanden nicht wieder zu finden iſt !). Auch dieſes war Meinhards großes Werk; auch dieſes neu- geſchaffene Leben auf dem neugewonnenen Lande ſichert fei- nem Namen die Unſterblichkeit. Fuͤr ihn duͤrfte ſonſt das Buch der Geſchichte geſchloſſen ſeyn ?); ſchon um dieſer Schoͤ⸗ pfung willen wuͤrde Preuſſens Volk dankbar ſein Andenken von Geſchlecht zu Geſchlecht und auf ewige Zeiten verherr⸗ lichen muͤſſen. Aber keineswegs war Meinhards Sorge und Thaͤtigkeit für des Landes Gedeihen nur auf jene Gegenden beſchraͤnkt; vielmehr zeugt noch jetzt eine große Zahl urkundlicher Ver⸗ — — 1) Schütz p. 47. Hartknoch A. und N. Preuſſ. S. 406. Vgl. meine Geſchichte Marienburgs S. 32 — 33. 2) Daher ſagt auch Dusburg c. 227 von ihm: Quam gloriosus iste fuerit in officio suo, testantur facta magnifica. Audebat enim aggredi rem arduam, quam alius timuerit cogitare. 3 *
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36 Innere Landeskultur (1288). leihungen über laͤndliches Beſitzthum von dem unermuͤdlichen Eifer, mit dem er auch in den andern Landſchaften Preuſſens Ackerbau und Landeskultur auf alle Weiſe zu foͤrdern und zu heben ſtrebte. Wenn es in den neugewonnenen Niederungen faſt ausſchließlich nur Deutſche waren, welche dort ſich anſie⸗ delnd das moraſtige Geſuͤmpf in bluͤhendes Ackerland umſchu⸗ fen, ſo lohnte anderwaͤrts der Landmeiſter beſonders verdien⸗ ten Preuſſen ihre Treue und Ergebenheit durch zugewieſenen Landbeſitz und nicht ſelten auch durch beſondere Vorrechte, oder er ermunterte wohl auch durch ſolche Verleihungen zur thaͤ⸗ thigen Beihuͤlfe und Unterſtuͤtzung des Ordens gegen ſeine Feinden). Gleichen Eifer aber fir das Gedeihen des Landes und namentlich für den Anbau und die Bevoͤlkerung der ver⸗ wuͤſteten und menſchenleeren Gegenden bewaͤhrten in ihren Landestheilen auch die Biſchoͤfe, vorzuͤglich der Biſchof Hein⸗ rich der Zweite von Ermland, deſſen Gebiete freilich auch in der früheren Zeit durch die Einfälle der Heiden und die Ver⸗ heerungen der abtruͤnnigen Neubekehrten unbeſchreiblich gelitten hatten, ſo daß hie und da meilenweit kaum noch die Spur einer menſchlichen Hand zu erkennen war. Daher rief der Biſchof uͤberall auch neue Bewohner herbei, erleichterte ihnen den Anbau auf jede moͤgliche Weiſe und beguͤnſtigte ſie mit großen Vorrechten, reichen Beſitzungen und wie er ſonſt nur konnte, um fo das Land aus feiner Eroͤdung und wilden Ver: wuͤſtung wieder emporzuheben ?). — Aber auch das Aufkom⸗ 1) Um von den zahlreichen Beiſpielen nur eines zu erwaͤhnen, ſo verlieh er dem getreuen Samlaͤnder Walgune und feinen Erben „fünf geſind (familias) zeu Littowen, ob wir uns dy Littowen undirtanig machin, fry von zeendin und gebürlicher Arbeit als unſer luythe uns pflegen zeu thunde.““ 2) Auch hievon unter vielen nur Ein Beiſpiel: So heißt es in einer Verſchreibung des Biſchofs fuͤr Johann Flemming uͤber 100 Hu⸗ ben vom J. 1288: Reformacioni ecclesie nostre et terre, que per gentiles ac neophitos pruthenos est penitus devastata, quocunque modo possumus intendere cupientes nec habentes modum alium nisi ut ad terras nostras homines prout possumus, convocemus, viro dis- creto Iohanni Flemmingo verisque suis heredibus hoc ponderantes et
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Innere Landeskultur (1288). 37 men und die gedeihliche Ordnung der Staͤdte ließ der Land⸗ meiſter nicht unbeachtet. So erfreute ſich Chriſtburg mancher Beweiſe ſeiner Sorgfalt, denn im J. 1288 wurden der Stadt nicht bloß alle Gewohnheiten, Gerechtſame und Freiheiten der Kulmer auf ewige Zeit zugeſichert !), ſondern fie erhielt bald darauf im Jahre 1290 auf die Bitte ihres Schultheißen und der geſammten Bürgerfchaft vom Landmeiſter auch das Mag: deburgiſche Recht, freie Schifffahrt auf dem Drauſen⸗See, freie Fiſcherei in der Sirgune und manche andere Bewillfin- gen, die ihren Wohlſtand foͤrderten 2). Unter dieſen Bemuͤhungen aber fuͤr das Wohl und Ge⸗ deihen im Innern des Landes vergaß der Meiſter auch keines⸗ wegs die Sorge fir feine Sicherheit von außenher. Seit auf dem Landkapitel zu Elbing der Aufbau einiger feſten Wehrburgen an dem Memel⸗ Strome beſchloſſen worden, wa⸗ ren dort die Verhaͤltniſſe gegen die Nachbarlande noch be⸗ merito quod ipse multas et diversas passus pro ecclesie nostre re- formacione miserias primus extitit, qui se in episcopatu recepit et ipsum desolatum penitus reformavit etc. S. Ermland. Verſchreib. p. WI im Fol. des geh. Arch. 1) Abſchrift einer Urkunde des Komthurs von Chriſtburg Helwig von Goldbach vom 7. April 1288, worin es unter andern heißt: „Wir wellen ouch das gewonheiten, freyheyten und gerechtikeit der Colmener in der eegenanten Stad ewiklich gehalden werden.“ 2) Die Urkunde des Landmeiſters vom 20. November 1290 ſagt hieruͤber: Cum dilecti nostri scultetus et cives de Christburg nos adierint suppliciter exorantes, quatenus ipsis aliquod ius assignare- mus, secundum quod se possent regere in judiciis secularibus exer- cendis et aliis consuetudinibus et libertatibus sicut et alii incole no- strarum civitatum, quoniaın hactenus in incerto positi nullum habe rent ius sibi finaliter deputatum. Et quia petitionibus, que sunt rationi consone jurique consentanee nos merito annuere debemus, nec decet eos dilationibus aliquibus fatigari, qui iusta petunt pariter et honeste. Hinc est quod ad noticiam tam presentium quam futu- rorum cupimus devenire, quod nos de consilio et matura delibera- tione fratrum nostrorum contulimus incolis predicte civitatis Christ- burg ius Meydeburgense, ut eo jure et libertate se sentiant et gau- deant privilegiatos quo et terra Culmensis.
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38 Aufbau von Ragnit und Tilſit (1288). denklicher und die Gefahren für das Ordensgebiet noch un: gleich drohender geworden, da in Semgallen und im Samai⸗ tenlande ſeit der Ankunft des neuen Meiſters in Livland alles in Kriegsruͤſtung begriffen war!). Auf die Nachricht hievon ſammelte Meinhard im Anfange des Jahres 1289 die ganze Streitmacht des Landes, theils um die Graͤnzen gegen den drohenden Feind zu decken, theils um unter dem Schutze der Waffen jene Wehrburgen aufzurichten. Am elften Januar zog er mit dem Heere unter großen Schwierigkeiten auf den ungebahnten Wegen der duͤſtern Waldwildniß, die man zu jener Zeit den Grauden nannte 2), in die Landſchaft Scha⸗ lauen ein und alsbald ward an der Memel auf einer Anhoͤhe der Aufbau einer Burg begonnen. Da alles Bauwerk zuvor ſchon vorbereitet, die Zahl der Arbeiter und Handwerker über- aus bedeutend und unter dem Schutze der wachenden Heer⸗ ſchaar die Arbeit nicht geſtoͤrt worden war, ſo hatte der Bau in großer Schnelle vollendet werden koͤnnen ). Die Burg ward Anfangs nach ihrer Beſtimmung Landshut genannt, er⸗ hielt indeſſen ſpaͤterhin von einem nahen Fluͤßchen, an wel⸗ chem eine altheidniſche Burg deſſelben Namens gelegen hatte, den Namen Nagnit *). Zum erſten Komthur des neuen Ordenshauſes erkor der Landmeiſter den bisherigen Kom⸗ thur von Balga Berthold Bruͤhaven 5), aus Oeſterreich ge 1) Alnpeck S. 156. 2) Schon damals, wie noch ſpaͤter im 14. Jahrhundert war der Grauden- Wald eine kaum durchdringliche Wildniß, von welcher Peter Suchenwirt, der ſie mit eigenen Augen ſah, ſagt: Ein wildnuß haiſt der Graudenz Gen weſten noch gen ſauden (Suͤden) So poz (böfe) gevert ich nye gerayt, Daz ſprich ich wol auf mein ayt! Wen an den ſatel ſtunt ein ros In leten (Lehmgrund) und in tiefem mos So lag vor ym ein grozze von (Wall). 3) Lucas David B. V. S. 84. 4) Dusburg c. 228. Lucas David S. 83. Schütz p. 47. 5) Komthur von Balga war Berthold in den J. 1287 und 1288. Im
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Einfall der Litthauer in Samland (1289). 39 burtig !), einen Ritter, der nicht minder durch feine Tapfer⸗ keit und kriegeriſchen Muth, als wegen feiner Strenge in Beobachtung ſeiner Ordenspflichten, beſonders der Enthalt⸗ ſamkeit 2) unter den Ordensbruͤdern in hoher Achtung ſtand. Ihm zugeſellt waren vierzig andere Ordensritter und eine reiſige Schaar von hundert Kriegsleuten zu der Burg Ver⸗ theidigung. Und kaum war dieſe Burg vollendet, als der Meiſter weiter weſtwaͤrts am Ufer deſſelben Stromes noch eine zweite erbauen ließ, die zum Schutze und als Zufluchtsort der Schalauer dienend, die Schalauer-Burg genannt ward, ihren Namen aber nachmals ebenfalls veränderte und ſeitdem Tilſit hieß). Da auch dieſes neue Ordenshaus ſtark befeftigt und ziemlich zahlreich bemannt wurde, ſo glaubte der Meiſter auf ſolche Weiſe die umhergelegenen Lande gegen feindliche Ein⸗ fälle hinlänglich geſichert und zugleich die Fahrt auf dem Me⸗ mel- Strome aufs beſte gedeckt zu haben. Allein es war dem nicht alſo. Große Beſorgniſſe riefen den Meiſter mit ſeiner Streitmacht eiligſt ins Innere des Landes zuruͤck, denn wie ſchon fruͤher erwaͤhnt, geſchah es beim Aufbau Ragnits, daß die von den aus Litthauen zurüͤck⸗ gekommenen Bartern, Pogeſaniern und den Bewohnern mehrer anderer Landſchaften angeſponnene Verſchwoͤrung zum Abfalle vom Orden entdeckt ward“). Zwar gelang es dem fo ent⸗ ſchloſſenen als ſcharfſichtigen Meiſter, das frevelhafte Gewebe ſchnell zu zerreißen und dieſe Gefahr abzuwenden; allein die Faͤden waren wahrſcheinlich weiter geſponnen, als man im J. 1285 war er noch ohne Amt und hielt ſich als Ordensbruder in Alt⸗Kulm auf. 1) Dusb. I. c. Eine Familie von Bruͤhaven kommt auch im Biſth. Freiſingen vor. S. Falckenſteins urkunden und Zeugniſſe das Burg⸗ grafth. Nuͤrnberg betreff. Nr. 64. S. 71. 2) Von feiner Keuſchheitsprobe giebt Dusb. c. 229 ein Geſchicht⸗ chen, welches man dort ſelbſt nachleſen möge. Pauli S. 131 bemüht ſich, die Sache auf natürlichen Wege zu erklaren, da ihm die Probe fuͤr Fleiſch und Blut zu uͤbernatuͤrlich ſchien. 3) Dusb. c. 228. Lucas David B. V. ©. 86. 4) Dusburg C. 222.
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40 Einfall der Litthauer in Samland (1289). Augenblicke der Entdeckung des Verrathes wohl glauben mochte. Es geſchah wenigſtens um dieſelbe Zeit, daß Witen, der Großfuͤrſt von Litthauen, vielleicht der Meinung, Preuſſen ſtehe durch die Umtriebe der Verſchwoͤrer in vollem Aufſtande und ohne Wehr und Schutz !), ploͤtzlich gegen den Herbſt des Jahres 1289 mit einer Reiterſchaar von achttauſend Mann bis in die Landſchaft Samland eindrang, waͤhrend deren Bi⸗ ſchof Chriſtian ſich damals in Deutſchland befand ). Da man indeß zuvor, vielleicht durch das Geſtaͤndniß der Ver⸗ ſchwoͤrer, von Witens feindlichem Plane ſchon unterrichtet war ), fo hatte ſich das Volk mit allem, was gerettet wer⸗ den konnte, in die Ordensburgen geflüchtet und der raubgie⸗ rige Feind fand daher nichts weiter als leere Häufer und die Saaten des Feldes, die er großen Theils durch Feuer ver⸗ nichtete. Statt dem feindlichen Heere mit offener Macht ent⸗ gegen zu gehen, ſchien es dem Landmeiſter zweckmaͤßiger, die im. Einzelnen oft ſehr zerſtreuten Streifhorden von jeder Burg aus zu uͤberfallen und zu vernichten, wie es denn dem tapfern Komthur von Balga Heinrich von Dobyn bei einem ſolchen Ueberfalle auch gelang, einen pluͤndernden Haufen von faſt hundert Litthauern bis auf den letzten aufzureiben ). Doch 1) Es iſt bei dem Dunkel, welches über dieſer Verſchwoͤrungsge⸗ ſchichte liegt, wenigſtens ſehr möglich, daß man auch den Großfuͤrſten von Litthauen mit in die Sache gezogen hatte. 2) Chron. S. Petri Erfurt. ap. Mencken Script. rer. Germ. T. III. p. 297298. Im Anfange des Februars 1290 hielt ſich der Biſchof in Erfurt auf; ebenſo noch im J. 1291, wo es in der erwaͤhnten Chronik heißt: Propter frequentiam hospitum et eorum insolentias, ut time- bamus, ad maiorem cautelam et certitudinenm reconciliatum est mo- nasterium nostrum Dominica Exurge a Domino Christiano Episcopo Samniensi de ordine Domus Teutonicae. 3) Bei Dusburg c.230 wird ausdruͤcklich geſagt: Fratres adven- tum suum long tempore praesciverunt. 4) Heinrich von Dobyn war im Februar 1289 noch Komthur in Graudenz; nach Berthold Bruͤhavens Abgang finden wir ihn als Kom⸗ thur in Balga. Die Zahl der von ihm erſchlagenen Litthauer giebt Dusb. I. c. auf 80, Kajalowicz p. 192 auf 88, eine andere Chronik aber auf 200 an.
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Semgallens Unterwerfung (1289). 41 vierzehn Tage lang durchſtuͤrmte der Feind die Lande die Weite und die Breite von einer Graͤnze zur andern, bis er endlich, da es an Beute gaͤnzlich gebrach, die Heimkehr antrat. Mitt⸗ lerweile aber hatte der Meiſter im Oberlande eine anſehnliche Kriegsmacht verſammelt, eilte ſchnell dem Feinde nach, uͤberfiel ihn beim Uebergange uͤber einen Fluß, nahm ihm ſaͤmmtlichen Raub wieder ab und erſchlug im Kampfe eine ſolche Schaar der feindlichen Krieger, daß kaum noch die Haͤlfte ihre Hei⸗ mat wieder ſah !). Mit noch groͤßerem Erfolge hatte waͤhrenddeſſen der Mei⸗ ſter von Livland den Kampf gegen die Feinde des Ordens fortgefuͤhrt, denn ſo maͤchtig oft die Streitmacht der Sem⸗ gallen und Samaiten in ihrer Verbindung gegen den Orden geweſen und fo kuͤhn fie ihre Einfälle und Raubzuͤge bis tief ins Gebiet der Ritter ausgedehnt, ſo waren im Laufe von einigen Jahren im Lande der Semgallen die feſten Burgen doch faſt alle vernichtet; Doblen, Raken und Sidroben lagen in Aſche und das Volk, des fruchtloſen Kampfes muͤde, hatte ſich theils den Ordensrittern zu Gehorſam unterworfen, theils ausgewandert in Litthauen neue Niederlaſſungen geſucht ). Ganz Semgallen konnte demnach als völlig bezwungen be trachtet werden. Maͤchtiger dagegen und drohender ſtanden in der Mitte der Ordensgebiete Livlands und Preuſſens noch die Samaiten da, an ihrer Spitze jetzt der kriegeriſche Koͤnig Butegeyde ), der alles aufbot, feinem Volke die alte Freiheit zu bewahren. Gelang es nun dem Orden nach Semgallens Unterwerfung auch Samaiten zu uͤberwaͤltigen, ſo war der alte Plan, die Ordensgebiete Preuſſens und Livlands als Nachbarlande zu vereinigen, verwirklicht. Und in der That faßten die beiden Meiſter von Livland und Preuſſen dieſen 1) Auch Dusburgs Epitomator ſagt, daß noch viele Litthauer in transitu deprehensi fuerunt. Lucas David B. V. S. 89. Schütz 47. Histor. rer. Pruss. p. 110. 2) Dieſe Fehden und Kämpfe genauer bei Alnpeck ©. 154-165. 3) Urkunde im geh. Arch. Schiebl. XI. Nr. 1., worauf wir bald näher kommen werden.
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42 Meinhards von Querfurt Kriegszug gegen Kalayne (1290). Gedanken auf und vereinten ſich ſchon im voraus uͤber eine Theilung der Lande Schalwen, Karſau, Twerkiten und der andern Gebiete des Samaitenlandes; ſie ſandten ſolche dem Hochmeiſter zur Beſtaͤtigung zu mit der Erklärung, daß man bis dorthin mit vereintem Streben das Gebiet des Ordens hinausruͤcken, neue Ordensburgen dort aufrichten und die ge⸗ wonnenen Lande mit neuen Bewohnern beſetzen wolle. Bald erfolgte auch von Rom aus, wo ſich der Hochmeiſter aufhielt, die gewuͤnſchte Genehmigung!). Ohne Zweifel hatte das Kriegsgluͤck in Livland und der Aufbau von Ragnit und Tilfit dieſen Plan veranlaßt; durch beides hatte man ſich ſchon be⸗ traͤchtlich genaͤhert und dieſe Burgen konnten nun als Grund⸗ lage und Haltpunkte bei der Ausführung des Planes dienen. Samaitens Ueberwaͤltigung war alſo nun das naͤchſte Ziel. Bevor der Meiſter von Preuſſen ihm aber entgegen gehen konnte, beſchaͤftigten ihn in den letzten Monden des Jahres 1289 noch manche innere Landesverhaͤltniſſe, die einer beſſeren Ordnung bedurften, vorzuͤglich ein langwieriger und verwickel⸗ ter Streit zwiſchen den Biſchoͤfen Werner von Kulm und Tho⸗ mas von Ploczk, den er nach vielen Verhandlungen als Schiedsrichter und Vermittler endlich dahin beilegte, daß der letztere alle ſeine Anrechte und Forderungen, die er aus den 1) Das Original dieſer Beſtaͤtigungs⸗urkunde des Hochmeiſters, hier Burchardus de Svanden geſchrieben, datirt: Rome a. d. 1289 septimo Idus Februar. (7. Febr.) indietione secunda befindet fi) im geh. Archiv Schicbl. XL Nr. 2. Damals war man freilich erſt mit dem Aufbau von Ragnit und Tilſit beſchaͤftigt; allein die Verhaͤltniſſe ſtanden ohne Zweifel im Zuſammenhange. Die beiden Landmeiſter, an welche die Urkunde gerichtet iſt, hatten den Hochmeiſter, wie er ſelbſt ſagt, unter Vorlegung der von ihnen angeordneten Laͤndertheilung er⸗ ſucht, ut compositionem seu divisionem terrarum Schalwen, Karsowe, Twerkiten ac aliarum provinciarum per vos et maturos fratres ve- stros factam, in quibus domino vobis opitulante edificare et insedere intenditis, vellemus nostro suffragio confirmare. Die bezeichneten Ge biete lagen, wie es ſcheint, in der Richtung zwiſchen Ragnit und Zilfit und Bausk am Aa⸗Fluſſe, wo in der Mitte Samaitens Schawly und Kurſchau zu finden find.
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Meinhards von Querfurt Kriegszug gegen Kalayne (1290). 43 früheren Verhaͤltniſſen feiner Kirche zum Kulmerlande herlei⸗ tend jetzt von neuem im Kulmiſchen Biſthum geltend zu ma⸗ chen ſuchte, für immer aufgeben mußte und dafuͤr vom Kul⸗ miſchen Biſchofe das oͤſtlich von Kulmſee liegende Dorf Or⸗ ziechowo nebſt einigen andern Beſitzungen als Eigenthum feiner Kirche uͤbernahm!). So kam es, daß der Meiſter ſich erſt im Winter des Jahres 1290 zu dem Kriegszuge gegen die Heiden ruͤſten konnte; da indeſſen der Meiſter von Livland feinem Amte um dieſe Zeit entſagte 2), fo mußte die Unter: nehmung auf Samaiten vorerſt noch verſchoben werden. Mein⸗ hard beſchloß jedoch, den Feind anderwaͤrts zu beſchaͤftigen, zog im April mit einem Heerhaufen von fuͤnfhundert Reiſigen und zweitauſend Mann Fußvolk laͤngs der Memel hin und belagerte am Tage des heil. Georgs mit aller Macht die feſte Burg Kalayne, eine der erſten in Litthauen am Ufer des Memel⸗Stromes ). Das Fußvolk auf Kaͤhnen bis unter 1) Die vollſtaͤndigere Auseinanderſetzung dieſes Streites der beiden Biſchoͤfe findet man theils in der Urkunde in den Actis Boruss. B. III. S. 268 — 274, theils bei Lucas David B. V. S. 18. Bei dieſem heißt es: „Thomas der Biſchoff von Plotzkau wolte mit Ime (dem von Kulm) rechten von wegen des Biſthumbs und dasſelbe als zum Plotzker Biſthumb gehörig fordern oder In aufs wenigſte als einen Suffraga⸗ neum ſeiner Kirche ſich underwerfen, darumb daß etwa das Culmiſche Landt ins Plotzker Biſthumb gehörig geweſen und doraus zum Teil ger ſtifftet were und alſo jhaͤrlich von Ime etliche gerechtikeiten haben.“ Aus der erwaͤhnten Urkunde geht hervor, daß die Streitſache in Thorn verhandelt und die Entſcheidung am 6. December 1289 gegeben wurde. 2) Arndt Th. II. S. 68 ſetzt ſeinen Tod in das J. 1288 und Bachem läßt ſeinen Nachfolger ſchon 1289 im Amte ſeyn. Beides iſt unerweislich und ſtreitet gegen Arnpeck S. 165, nach welchem Konrad von Herzogenſtein ſein Amt zwei Jahre, alſo 1288 und 1289 oder bis in den Anfang des J. 1290 verwaltete. Damit ſtimmt nicht bloß das Verzeichniß bei Bray Essai critique T. IL p. 329 überein, fondern wir haben auch von ſeinem Nachfolger keine urkunden vor dem J. 1290. Nach Hiärn S. 189 dankte Konrad ſchon im J. 1289 ab, nach Aln⸗ peck S. 165 ſcheint dieß erſt im J. 1290 geſchehen zu ſeyn. 3) Der Text bei Dusburg c. 231 nach der Ausgabe von Hartknoch iſt fehlerhaft, denn ſtatt in die S. Gregori muß es heißen in die S
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44 Meinharde von Querfurt Kriegszug gegen Kalayne (1290). die Mauern der Burg gelangt, betrieb die Belagerung am meiſten, waͤhrend die Reiterſchaar theils auf Raub auszog, theils die herankommenden feindlichen Haufen von Angriffen auf die Belagerer zuruͤckzuhalten ſuchte. Die Errettung der Burg ſchien unmoͤglich, denn ſo tapfer und entſchloſſen ihr Befehlshaber Surmine und ihre Beſatzung von hundertund⸗ zwanzig Mann ſie auch vertheidigten, ſo waren die Stuͤrme der Belagerer doch ſo heftig und die Zahl der Todten und Verwundeten unter den Vertheidigern bald ſo groß, daß das Blut von den Mauern floß und die ganze Beſatzung der Burg zuletzt nur noch aus zwoͤlf tapfern Kriegern beſtand. Stuͤndlich erwartete der Meiſter ſchon die Uebergabe, als plotzlich eines Abends bei einbrechender Dämmerung jene aus⸗ geſandte Reiterſchaar, des Raubens und Wachehaltens müde, mit hellem und wildem Kriegsgeſchrei auf das Lager los⸗ ſprengte. Man hielt ſie fuͤr einen feindlichen Heerhaufen, der die Belagerer uͤberfallen wolle. Schrecken und Entſetzen verbreitete ſich ſchnell im ganzen Lager; alles ergriff die Flucht und eilte nach dem Strome zu den Fahrzeugen. Alle Er⸗ mahnungen und Bitten des Meiſters und der Ordensritter blieben beim Volke erfolglos; mit einemmal war aller Muth entwichen und Meinhard ſah ſich gezwungen, die Heimkehr anzutreten. Kaum aber war die Burg vom Feinde frei, als der Hauptmann Surmine in Furcht, die Ordensritter moͤchten wiederkehren, mit den wenigen noch unverwundeten Kriegern aus der Feſte entfloh mit dem Schwure bei ſeinen Goͤttern, Georgii; fo leſen nicht nur die Mser. Berolin. und Regiomont., ſon⸗ dern auch der Epitomator, Jeroſchin und Lucas David B. V. S. 91. Statt Colaine haben dieſe drei letzten Quellen Calaine und dieſes iſt ohne Zweifel richtiger. Es giebt zwei Orte, auf welche dieſer Name hinweiſen kann. Der eine, Kallenen, liegt nordwaͤrts von Nagnit an der Jura, der andere, Kalneny, an der Memel, weſtwaͤrts von Georgen⸗ burg. Der Name des erſtern ſcheint dem alten Namen Calayne aller⸗ dings zwar mehr zu entſprechen, allein vergleicht man Dusb. c. 232 mit c. 286, fo muß man ſich doch für das letztere entſcheiden, auch wenn Kojalowicx c. 193 fie nicht nennte prima in Lituania arx Prus- siam versus ad Nemenun, womit offenbar Kalneny gemeint iſt.
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Meinhards von Querfurt Kriegszug gegen Kalayne (1290). 45 daß er nie wieder in einer Burg eine Belagerung der Or⸗ densritter erwarten wolle ). Der heidniſche Hauptmann ſann jedoch auf Rache fuͤr das Blut ſeiner gefallenen Kriegsgenoſſen. Als daher auf des Meiſters Befehl um Himmelfahrt der Ordensritter Erneke Hauskomthur von Ragnit ?) mit dem Ordensbruder Johannes von Wien und fuͤnfundzwanzig Kriegsleuten zu Schiff ins Litthauiſche Gebiet auszog, dort auszuforſchen, ob die Heiden ſich zu neuen Unternehmungen ruͤſteten, ward Surmine, auf die Burg zurückgekehrt, des Kriegshaufens gewahr, da er bei der Feſte Kalayne voruͤberfuhr, und rief eiligſt ſeine Burg⸗ leute zuſammen, mit ihnen den Plan zur Vernichtung der Ritter zu berathen. Man vereinigte ſich zu folgender Liſt. Als des Komthurs Schiff auf dem Memel⸗ Strome heimkeh⸗ rend ſich der Burg Kalayne naͤherte, eilte ſchnell ein junger Litthauer Nodam, der Polniſchen Sprache kundig und in Wei⸗ berkleider gehuͤllt, von noch ſechzig wehrhaften und tapfern Kriegern begleitet, die ſich in ein nahes Gebüfch verſteckten, an das Ufer des Stromes hinab, und als das Schiff nun herankam, rief er haͤnderingend und flehentlich bittend den 1) Dusb. c. 231. Lucas David B. V. S. 91. Schütz p. 47 und Kojalowiez p. 193 weichen in der Erzählung etwas von einander ab, denn nach dem letztern kehren die Belagerer nach erkanntem Irrthum wieder zur Burg zuruͤck, finden ſie aber leer und verlaſſen, da Surmine die gelegene Zeit zur Flucht benutzt hatte. Darauf wird die Burg ver⸗ nichtet. Dusb. verdient indeſſen mehr Glauben, wenn er ſagt: Unde a dieta impugnatione recesserunt. Surminus autem Capitaneus non longe postea dietum castrum desolatum reliquit. 2) Wir finden dieſen Ordensritter im J. 1285 noch als bloßen Conventsbruder in Balga und feinen Namen Ernko geſchrieben; Dusb. hat Erneko. Hennig meint bei Lucas David B. V. S. 94, er habe um dieſe Zeit noch nicht Komthur von Ragnit ſeyn konnen, obgleich ihn Dusb. fo nennt, da der Komthur von Koͤnigsberg Berthold Bruͤha⸗ ven zugleich auch mit Komthur von Ragnit geweſen ſey. Wahrſchein⸗ lich war Erneke nur Hauskomthur zu Ragnit; Schloͤzer Geſch. v. Litthauen S. 53 nennt ihn Ernel, Statthalter von Ragnit nach Koja- lowiez p. 194. Im naͤchſten J. 1291 kommt ſchon Konrad Stange als Komthur zu Landshut oder Ragnit vor.
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46 Kriegdereigniffe gegen die Litthauer und Samaiten (1200). Rittern zu: „er ſey eine unglüdliche gefangene Polin; in die Knechtſchaft der Heiden gerathen und zu ewiger Sklaverei verdammt, erleide er die ſchrecklichſten Mißhandlungen; man moͤge ſich ſeiner erbarmen, ihn aufnehmen und ſeine Seele vom Verderben retten.“ Der Hauskomthur traute den Wor⸗ ten und landete. Da ergriff aber plotzlich der verkleidete Lit⸗ thauer das Tau des Schiffes, zog das Fahrzeug mit aller Kraft auf den Sand, rief die verſteckte Mannſchaft aus dem Gebuͤſche herbei, uͤberfiel die Ordensritter und erſchlug ſie mit Hülfe der Seinen bis auf den letzten Mann 1). Die verwegene That erweckte in den Heiden neuen Muth. In der Meinung, in jenen Rittern ſey der groͤßte Theil der Beſatzung Ragnits vernichtet, wagte ſich ſofort eine plundernde Streifhorde aus der Umgegend der Burg Oukaim bis unter die Mauern von Ragnit vor. Da eine ungluͤckliche Weiſſa⸗ gung eines geworfenen Looſes ſie vom Angriffe auf die Burg abgeſchreckt, ſo eilte ſie in ihre Heimat zuruͤckzukehren; allein die Wartleute, von den Rittern auf Ragnit zur Bewachung der Wege ausgeſtellt, hatten bereits von des Feindes Naͤhe Nachricht gegeben. Die tapfern Ritter Ludwig von Liebenzell und Marquard von Revelingen folgten eiligſt mit einer Streit⸗ ſchaar den fliehenden Heiden nach, kamen mit ihnen zum Kampfe und fuͤnfundzwanzig der Feinde buͤßten mit ihrem Le⸗ ben für ihr kuͤhnes Unternehmen ). Man entſandte eiligſt Botſchaft, dem Landmeiſter dieſe erfreuliche Nachricht zu verkuͤndigen. Meinhard war jedoch in Beſorgniß, daß den Orden ein anderer großer Verluſt betroffen haben koͤnne. Jeisbute, ein Haͤuptling in Litthauen, dem Orden aber ſchon lange freundlich zugethan ), obgleich er 1) Außer den eben erwähnten Quellen vgl. auch Schätz p. 47. Histor. rer. Pruss. p. 111. 2) Dusburg c. 233. Lucas David B. V. S. 95 — 96. Schütz P. 48. 3) Sesbuto, wie der Name bei Dusb. c. 234 ſteht, iſt verdorben. Die Mscr. Berolin. und Regiom. leſen Iesbuto, der Epitomator da: gegen und Jeroſchin c. 234 richtiger Ieisbute, fo auch Lucas Da⸗
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Kriegsereigniſſe gegen die Litthauer und Samaiten (1290). 47 noch Heide war, hatte unlängft den Landmeiſter heimlich be nachrichtigt, er ziehe mit einem Streithaufen von fuͤnfhundert erleſenen Kriegern zu einem Raubzuge nach Polen aus und hoffe mit reicher Beute und einer großen Zahl Gefangener zuruͤckzukehren. Meinhard hatte ſofort den Ordensbruder Hein⸗ rich Zuckſchwert !), damals wahrſcheinlich Vogt von Natangen, mit noch neunundzwanzig Rittern und zwoͤlfhundert tapfern Kriegsleuten bis in die Wildniß zwiſchen den Fluͤſſen Lyck und Narew ausgeſandt, um dort den Feind zu uͤberfallen und ſich der Beute zu bemaͤchtigen. Acht Tage aber harrete dort der Heerhaufe von Mangel und Hunger gequaͤlt auf den heimkehrenden Feind und der Meiſter befuͤrchtete, die ganze ausgeſandte Schaar moͤge durch feindlichen Verrath vernichtet worden ſeyn. Allein noch in derſelben Stunde, als ihm die erfreuliche Botſchaft aus Ragnit kam, traf ein anderer Bote mit der Nachricht bei ihm ein: „auch hier habe Sieg die Ordensbruͤder begluͤckt. Durch ein warnendes Loos der be⸗ fragten Goͤtter geſchreckt habe der Feind der Gegend, wo die Ordensſchaar im Hinterhalte gelegen, zwar auszuweichen ge⸗ ſucht; Jeisbute aber, der wohlgeſinnte Haͤuptling, habe ihn dennoch dorthin gefuͤhrt; die Ritterbruͤder ſeyen plotzlich aus dem Hinterhalte auf den feindlichen Haufen eingeſtuͤrzt, drei⸗ hundert und funfzig Heiden im wildeſten Kampfe unter dem vid B. V. S. 96. Dusburg ſagt ausdruͤcklich von ihm: licet esset cum infidelibus, occulte tamen dilexit fratres. Was in ihm dieſe Zu: neigung zu dem Orden erzeugt hatte, bleibt uns dunkel. Kojalowiez p- 197 nennt ihn Iezbuto vir praecipuae inter Lituanos nobilitatis und der Epitomator Dusburgs ſchildert ihn als einen Lithuanus valde astutus; vgl. Schütz p. 48. Nach De Wal Histoire de PO. T. T. II. p. 315 wäre Iesbute un des plus grands Seigneurs de la Samogitie geweſen; allein dieſe Nachricht iſt aus Simon Grunau Tr. X. c. 7 entnommen. 1) Heinrich Zuckſchwert war im J. 1290 noch nicht Komthur von Balga, wie gewoͤhnlich angenommen wird, ſ. Schubert de Gubernat. Pruss. P. 54, ſondern Heinrich von Dobyn verwaltete dieſes Amt noch bis zum J. 1291, wo Heinrich Zuckſchwert ihm folgte. Nach einer Ur⸗ kunde war dieſer im J. 1290 wahrſcheinlich Vogt von Natangen.
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48 Kriegsereigniſſe gegen die Samaiten (1290). Schwerte der Ritter gefallen und die übrigen in die Wildniß entflohen; von dieſen haͤtten ſich viele in Verzweiflung an Bäumen aufgehängt, andere ſeyen vor Hunger und Durſt geſtorben und ſo nur wenige von der ganzen Schaar geret⸗ tet !).“ Hocherfreut vernahm der Meiſter die Erzaͤhlung des Botſchafters; und kaum hatte dieſer ſeine Rede geendigt, ſo trat ein dritter Bote in des Meiſters Gemach mit der Nach⸗ richt, daß jener nachbarliche Fuͤrſt geſtorben ſey, der ſo lange darauf geſonnen habe, den Orden aus Preuſſen zu vertreiben und ſich des Landes zu bemaͤchtigen. Nichts hatte ſeit langer Zeit den Meiſter und alle Ordensbruͤder mit ſo hoher Freude erfüllt, als dieſe in Einer Stunde verkuͤndigten gluͤcklichen Ereigniſſe 2). Mittlerweile war im Sommer dieſes Jahres (1290) der neue Landmeiſter von Livland Halt von Hohenbach ) durch Preuſſen gekommen und hatte ſich mit Meinhard von Quer⸗ furt über den ſchon erwähnten Plan zur Bekaͤmpfung und Unterwerfung der Samaiten berathen. Man hatte deshalb zuvor noch eine Sendung an das General-Kapitel des Ordens fir nothwendig befunden und dieſe, obgleich fie ohne Erfolg blieb, war die Urſache der Verzoͤgerung in der Ausfuͤhrung 1) Dusburg I. c. 2) Dusburg c. 235. Ob die Nachricht von dem Tode des Fuͤr⸗ ſten, qui voluit, ut communiter referebatur, sibi Pruschiae terram ejectis fratribus subiugare, auf die früher erwähnte Verſchwöͤrung zu beziehen ſey, muͤſſen wir nach dem, was oben daruͤber geſagt iſt, und bei der Dunkelheit, mit der auch hier Dus burg darüber ſpricht, dahin geſtellt ſeyn laſſen. 3) Alnpeck S. 165 ſagt von ihm: Er was des liebes ein helt und rechter zuchte ein ſtam Er was wiſe und kluc Und hette tugende genuc. Nach dieſem Chroniſten geſchah ſeine Wahl zu Mergentheim. Er nennt ihn Holt; dagegen wird in des Meiſters eigenen Urkunden fein Name immer Halt geſchrieben; vgl. hierüber auch Arndt Th. II. S. 69. Schubert I. c. p. 46. Balthaſar wird er in Urkunden aber nie genannt.
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Kriegsereigniſſe gegen die Samaiten (1290). 49 geweſen. Auch der neue Livlaͤndiſche Meiſter hatte den Plan mit vollem Eifer aufgefaßt und ſogleich beim Antritte ſeines Amtes alles aufgeboten, um eine Kriegsmacht aufzubringen, die ſtark genug ſey, die kecken und kuͤhnen Anfaͤlle der Sa⸗ maiten und beſonders die verheerenden Raubzuͤge ihres Koͤ⸗ niges Butegeyde mit Nachdruck zu vergelten und das Land zu uͤberwaͤltigen. Allein feine Bemühungen waren ohne Er⸗ folg geblieben. Er meldete daher im November dieſes Jahres dem Landmeiſter von Preuſſen: „Seit wir uns von euch ge⸗ trennt, haben wir in dieſem Sommer ſechsmal die einzelnen Herren unſeres Landes um Huͤlfe angegangen und ſie inſtaͤn⸗ digſt gebeten, ein Kriegsheer ausfuͤhren zu koͤnnen, und eben jetzt am S. Katharinen-Tage!) haben wir nochmals alle, ſowohl die Biſchoͤfe, als den Hauptmann 2), die Ritter und Vaſallen verſammelt gehabt und drei Tage unter manchen Beſchwerden mit ihnen unterhandelt; aber dennoch haben wir nichts erreicht, da ſie uns alle Huͤlfe verſagen und ſich wei⸗ gern, ein Heer gegen die Litthauer ) über die Duͤna hinaus zu begleiten, nur mit Ausnahme des Erzbiſchofs von Riga, deſſen Macht ſchwach und unbedeutend iſt, denn wie uns unſer Ordensbruder Eckhard, der Vogt des Herrn Erzbiſchofs mit Wahrheit meldet, kann dieſer aus ſeinem Gebiete uͤber die Duͤna ins Land der Litthauer nicht mehr als dreihundert Land⸗ volk und achtzehn Deutſche fuͤhren, auch wenn er alle zuſam⸗ menzaͤhlt. Und unſere eigene Macht ſowohl aus Kurland als Eſthland und von den Gegenden der Duͤna, die wir uͤber dieſen Strom hinaus führen koͤnnen “), beträgt in ihrer gan⸗ J) D. i. 28. November. 2) Unter dieſem Capitaneus ift der Hauptmann oder Statthalter des Koͤniges von Daͤnemark gemeint, der die Herrſchaft Über Eſthland führte. 3) Nach der fruͤhern Bemerkung verſteht auch hier der Landmeiſter unter den Litthauern die Samaiten, wie er denn im Briefe auch einmal ausdruͤcklich ſagt: hostes Lettowinos videlicet de Samey ten. 4) Wie naͤmlich in Preuſſen, ſo waren auch in Livland viele Land⸗ beſitzer nur zur Landwehr und nicht zu Kriegsreiſen (jene defensiones terrae, dieſe expeditiones genannt) verpflichtet. Die Duͤna bildete die Grönzſcheide der Landwehr und der Kriegsreiſen. IV. 4
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50 Kriegsereigniſſe gegen die Samaiten (1290). zen Zahl wie an Deutſchen fo an Landvolk nur achtzehnhun⸗ dert Mann.“ Deſſenungeachtet wuͤnſchte der Meiſter von Liv⸗ land, ins Land der Samaiten noch im naͤchſten Winter mit einem Heere einzufallen; er bat den Landmeiſter von Preuſſen, das feindliche Gebiet zur naͤmlichen Zeit auch an der andern Seite anzugreifen und ihm daruͤber durch einige bewaͤhrte Or⸗ densbruͤder den noͤthigen Kriegsplan zuzuſenden, um mit eis nemmal das ganze Land des Koͤniges Butegeyde !) uͤberwaͤl⸗ tigen zu koͤnnen; und endlich erſuchte er Meinharden, ihm eiligſt auch anzuzeigen, auf welche Hülfe er feiner Seits wohl rechnen duͤrfe, wenn der Feind in ſeine Gebiete einbreche oder eine ſeiner Burgen belagern werde, woruͤber er ihm ſchleunigſt Nachricht ertheilen wolle ). 1) „Toto posse nostro terram Regis Butegeyde eodem tempore invademus. Wir lernen hieraus das damalige Oberhaupt der Samai⸗ ten kennen, denn der Großfuͤrſt von Litthauen ſcheint nicht uͤber Sa⸗ maiten geboten zu haben und wahrſcheinlich war dieſer Butegeyde ganz unabhaͤngig. 2) Ueber alle dieſe Verhältniffe ſchweigen die Chroniken ganzlich und wir lernen ſie nur aus einer Urkunde im geh. Archiv Schiebl. XI. Nr. 1, auf welche ſchon Hennig bei Lucas David B. V. S. 83 hingewieſen hat, genauer kennen. Es iſt nämlich ein Handſchreiben des Livlaͤndiſchen Landmeiſters Halt an den Landmeiſter Meinhard von Quer⸗ furt. Obgleich es kein Datum hat, ſo muͤſſen wir es doch in den No⸗ vember des J. 1290 ſetzen. Der Meiſter Halt hatte ſein Amt ohne Zweifel im Vorſommer angetreten und war auf ſeiner Reiſe von Mer⸗ gentheim nach Livland durch Preuſſen gekommen, wo er ſich mit Mein⸗ hard berathen hatte; darauf ſpielt er in ſeinem Schreiben ſelbſt an, indem er ſagt: Ut autem sciatis posse nostrum, scire debetis, quod sicut ab ultimo a vobis fuimus separati sex vicibus hac estate sin- gulariter singulos terre nostre dominos adivimus, eorum auxilium pro educendo exercitu instantissime inplorantes. Daß der Brief zu Ende des Novemb. geſchrieben iſt, geht aus den Worten hervor: postremo autem zune in die beate Katerine congregavimus omnes in unum, tam episcopos, quam Capitaneum, milites et vasallos et per triduum continue placitantes etc. Der Livlaͤndiſche Meiſter ſagt Meinharden noch: zu einer perfönlichen Zuſammenkunft mit ihm ſey jetzt die Zeit nicht geeignet, aber quia novimus, sanius apud vos quam apud nos esse consilium propter plures fratres, quos habetis industrios maxime
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Der Hochmeiſter in Rom (1290). 51 Dieſes Eifers ungeachtet, mit welchem der Meiſter von Livland an einer großen Unternehmung gegen die Samaiten arbeitete, geſchah im naͤchſten Winter des Jahres 1291 doch wenig fuͤr den vorgezeichneten Plan zu Samaitens Unterwer⸗ fung. Zwar brach im Anfange des Februars der Komthur von Koͤnigsberg Berthold Bruͤhaven mit einer Streitmacht von funfzehnhundert Mann und mehren Ordensrittern in das Gebiet der Heiden ein, um die Burg Kalayne nochmals zu belagern; da er ſie aber ohne Beſatzung und ganz wehrlos fand, ſo ſteckte er ſie in Brand und zog mit ſeinem Heere zu Raub und Beute weiter noͤrdlich hinauf in das Samai⸗ tiſche Gebiet Junigede, jedoch ohne einen andern bedeutenden Erfolg, als daß man aus dem feindlichen Lande gegen ſieben⸗ hundert Heiden gefangen nahm oder toͤdtete !). Der Grund dieſes Mangels an ruͤſtigerer Thaͤtigkeit für den erwähnten Plan lag ohne Zweifel zum Theile mit in den veränderten Verhaͤltniſſen der Nachbarlande Pommern und Polen, zum Theile aber auch in Ereigniſſen im Morgenlande, die fuͤr das Schickſal und die kuͤnftige Stellung des Ordens, beſonders auch in Preuſſen von ungemein wichtigen Folgen begleitet waren, obgleich ſie Anfangs im Orden große Beſorgniſſe erregten. Der Hochmeiſter Burchard von Schwenden war naͤmlich von ſeiner Reiſe aus Preuſſen nach Deutſchland kaum zurück⸗ gekehrt, als ihn Koͤnig Rudolf von Habsburg im Vertrauen auf feine Gewandtheit in Weltgeſchaͤften in den erſten Mo⸗ naten des Jahres 1289 2) nach Rom ſandte, um mit dem et discretos, supplicamus omni qua possumus precium instancia, qua- tenus super predictis articulis nobis vestrum maturum consilium re- scribatis. - 1) Dusburg c.236. Den Namen des erwähnten Gebietes und der Burg, den mit Dusburg alle andere Quellen Iunigede leſen, finden wir in allen Stellen bei Dusburgs Epitomator bald Mingidyn, Mingindyn, Mingendyn, bald Mingedyn und Mingede. Die Burg lag nach Dus- burg c. 247 in der Nähe von Biſten, alfo zwiſchen Wiliona und Kauen an der Memel, aber etwas noͤrdlich hinauf. 2) Nach Raynald. Annal. eccles. an. 1289 Nr. 46 müßte die Reife des Hochmeiſters etwa in den Maͤrz 1289 fallen, da das Schreiben des 4 *
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52 Der Hochmeiſter in Rom (1290). Papſte Nicolaus dem Vierten die nöthigen Verhandlungen über feine Kaiſerkrönung einzuleiten, zugleich aber auch dieſen zu benachrichtigen, daß Rudolf ſeinen Roͤmerzug noch im Laufe des naͤchſten Sommers oder im Anfange des Winters zu un⸗ ternehmen gedenke !). Da der Papſt Aufſchub zu gewinnen und die Krönung noch hinzuhalten ſuchte ?), fo ſah ſich der Hochmeiſter genoͤthigt langer am Roͤmiſchen Hofe zu verwei⸗ len, als er gewollt. So wenig indeſſen der Zweck ſeiner Sendung bei des Papſtes ſchlauem Verfahren erreicht werden konnte, ſo wichtig war doch ſein Aufenthalt in Rom fuͤr die Verhaͤltniſſe des Ordens und in den weiteren Folgen ſelbſt auch fuͤr Preuſſen. Seit laͤngerer Zeit ſchon ſtand der Orden bei weitem nicht mehr in der engen, freundlichen Verbindung mit dem Hofe zu Rom, wie früherhin. Der ſchnelle Wechſel der Paͤpſte, deren in den letzten funfzehn Jahren ſechs einan⸗ der gefolgt waren, hatte in keinem eine lebendige Theilnahme weder an dem Orden überhaupt, noch an ſeinen Verhaͤltniſſen in Preuſſen und Livland insbeſondere entſtehen laſſen. Bur⸗ chards von Schwenden, des auch vom Papſte hochgeſchaͤtzten Meiſters Anweſenheit in Rom aber regte in Nicolaus dem Vierten die alte Vorliebe und Zuneigung des paͤßſtlichen Papſtes an Rudolf von Habsburg, worin er des Hochmeiſters Ankunft in Rom meldet, vom 13. April 1289 datirt iſt; allein wir haben im geh. Archiv (vgl. daſelbſt Hennigs Copienbuch T. V. p. 357) eine Ur⸗ kunde des Meiſters, die er in Rom ſchon am 7. Februar 1289 abgefaßt hat und deren wir ſchon oben S. 42 erwaͤhnt. In der Mitte Aprils aber war der Hochmeiſter von Rom ſchon wieder abgereiſt, wie aus einer Bulle des Papſtes, datirt: Rome apud S. Mariam Maiorem Idus Aprilis an. II in Regest. Nicolai IV. epist. 894, im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 366, hervorgeht. 1) Eine Bulle des Papſtes, datirt: Rome apud S. Mariam Maiorem Idus Aprilis an. II. in Regest. Nicolai IV. epist. 893, im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 365 ſpricht dieſen Zweck der Sendung des Hochmei⸗ ſters beſtimmt aus. 2) Wie ſchon aus dem erwähnten Schreiben bei Raynald.L c. hervorgeht. Auch von Burchards guͤtiger Aufnahme bei dem Papſte zeugt dieſes Schreiben.
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Der Hochmeiſter in Rom (1290). 53 Stuhles gegen die Ritter vom Deutſchen Hauſe wieder von neuem an. Es war nicht mehr bloß eine gewoͤhnliche, allges meine Beſtaͤtigung feiner Freiheiten, Gerechtſame und Beguͤn⸗ ſtigungen, durch welche Nicolaus nach der Weiſe feiner Vor⸗ gaͤnger dem Orden ſogleich im erſten Jahre ſeines Amtes feine Geneigtheit zu erkennen gab!), er entband ferner auch nicht nur die Deutſchen Ordensritter ebenſo wie den Orden der Tempelherren und Johanniter von der Verpflichtung, den Zehnten als Steuer zur Unterſtuͤtzung des Koͤnigreiches Si⸗ cilien von dem dritten Theile ihres Einkommens, den ſie zur Beihuͤlfe ins Morgenland ſenden mußten, zu entrichten 2), ſondern er bewies dem Hochmeiſter, ſo lange dieſer am paͤpſt⸗ lichen Hofe verweilte, auch auf mancherlei andere Weiſe, vor⸗ züglich auch jetzt noch durch feinen Schutz und Beiſtand ge⸗ gen ſo manche erneuerte Anforderungen und Eingriffe der hohen Geiſtlichkeit in des Ordens Rechte und Privilegien ſei⸗ nen beſondern Eifer und ſein lebendiges Beſtreben fuͤr des Ordens Wohlfahrt, Ruhe und Gedeihen ö). 1) Dieſe Beftätigungs- Bulle befindet ſich im großen Privilegien⸗ buche p. 50, mit dem Datum: Reate VI Calend. Iunii p. n. an. I (27. Mai 1288). 2) Die Bulle, datirt: Apud Urbem veter. X Calend. Martii an. III. in Regest. Nicolai IV. an. III. epist. 733. Tom. II., im Copienbuche des geh. Archivs Nr. 368. 3) So befindet ſich im großen Privilegienbuche p. 63 eine Bulle dieſes Papſtes, datirt: Rome apud sanctam Mariam Maiorem IV Non. April. p. n. an. II (2. April 1289), worin er der hohen Geiſtlichkeit eine ſcharfe Vermahnung daruͤber ertheilt, daß ſie ungeachtet der vom Papſte Honorius III dem Orden ertheilten Bewilligung noch immer fortfahre, den von den Ordensbruͤdern zur Beſetzung ihrer geiſtlichen Stellen in ihren Kirchen und Kapellen praͤſentirten Geiſtlichen die Weihe zu verweigern, um waͤhrend der Vacanz der Stellen die kirchlichen Ein⸗ künfte an ſich zu ziehen; dieſelbe Bulle in Regest. Nicolai IV. an. IL epist. 74. Tom. I., im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 362. — So heißt es ferner in einer andern Bulle dieſes Papſtes, datirt: Rome apud S. Mariam Maiorem Kalend. April. p. n. an. II (1. April 1289): Ve- stris devotis precibus inclinati ad instar felicis recordacionis Urbani pape quarti predecessoris nostri presencium vobis auctoritate conce-
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54 Des HM. Burchards v. Schwenden Zug ins Morgenl. (1290). Es waren aber damals Tage voll ſchweren Kummers für den Papſt, wenn er auf die Verhaͤltniſſe der Dinge im Mor⸗ genlande hinſah, denn das Schickſal ſchien ſeine Zeit beſtimmt zu haben, in welcher alles dort wieder verloren werden ſollte, was ſeit Jahrhunderten mit dem Blute vieler Tauſende von Chriſten war erkauft und unter unendlichen Muͤhen und Opfern bisher erhalten worden. Der wunderbare Bau der chriſtlichen Herrſchaft im Morgenlande, der nie auf ganz ſicherem Boden geſtanden, war ſeit langer Zeit aufs tiefſte erſchuͤttert und faſt mit jedem Jahre ihm eine Stuͤtze nach der andern entriſſen worden. Zwar nannte ſich ein chriſtlicher König dort noch immer Koͤnig von Jeruſalem und die drei chriſtlichen Ritter⸗ orden waren in Verbindung mit der ſchwachen chriſtlichen Macht immer noch tapfer und thaͤtig bemuͤht, die chriſtliche Sache aufrecht zu erhalten. Seit aber der kriegeriſche Sul⸗ tan von Aegypten Malec-el⸗Manſur Kalevun den Plan ver⸗ folgte, nach der Mongolen Vertreibung ſein Herrſchergebot auch uͤber Syrien geltend zu machen und feſt zu begruͤnden, und ſeit es ihm unter dem Zwiſte der Chriſten gelungen war, den Hospitalbruͤdern die wichtige Burg Marcab zu entreißen, dann ſelbſt Laodicaͤa zu erobern und endlich nach einer harten Belagerung auch Tripolis zu erſtürmen und unter ſchrecklichem Blutvergießen gaͤnzlich zu verwuͤſten!), ſeitdem gab es für die Rettung und Erhaltung der chriſtlichen Herrſchaft in Sy⸗ rien ſchon faſt keine Hoffnung mehr, da außer Tyrus und einigen Seeſtaͤdten den Chriſten nur noch Akkon uͤbrig blieb. Zwar gluͤckte es den Chriſten, nach des Sultans Kalevun Tod 2) feinen Sohn und Nachfolger Malec⸗el⸗Aſchraf noch im Laufe des Jahres 1290 zu einem Waffenſtillſtande zu be⸗ dimus, ut fratres clericos ordinis vestri ad ecclesias, in quibus jus patronatus habetis dyocesanis eorum presentare possitis sibi de spi- ritualibus et vobis de temporalibus responsuri. Regest. Nicolai IV. an. II. epist. 77. Tom. I., im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 363. 1) Sanut. L. III. P. XII. c. 20. Abulfeda T. V. p. 91. 2) Er ſtarb nach Abulfeda J. c. p. 93 auf dem Wege zur Bela⸗ gerung Akkons.
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Des HM. Burchards v. Schwenden Zug ins Morgenl. (1290). 55 wegen; allein die muͤßige Ruhe gab keinen Gewinn an neuer Kraft. Man war bemüht, dieſe von neuem aus dem Abend⸗ lande herbeizuziehen. In der That bot auch der Papſt, tief erſchuͤttert durch die traurigen Berichte aus dem Morgenlande, ſchon ſeit dem Jahre 1289 alle Kraft ſeiner Ueberredung auf, um in Europa neue Streitkraͤfte in Bewegung zu ſetzen ). Ueberall, zumal in Deutſchland und Italien, ward abermals mit allem Eifer das Kreuz gepredigt und es ſammelten ſich bald nicht unbe⸗ deutende Schaaren, die auf Venetianiſchen Schiffen nach Aſien uͤberſetzten?). Auch den Hochmeiſter Burchard von Schwen⸗ den hatte der Papſt zur Theilnahme am Zuge gewonnen. Begleitet von vierzig tapfern und ausgezeichneten Ordensrit⸗ tern trat er mit viertauſend Kreuzbruͤdern von Venedig aus die Fahrt nach Aſien an). Ihn forderte nicht bloß der all gemeine Eifer fuͤr die chriſtliche Sache an ſich, ſondern auch ſeines Ordens Geſetz und Pflicht, ja ſelbſt auch deſſen welt⸗ liches Intereſſe ganz vorzuͤglich auf, die erſte Heimat des Or⸗ dens, das in aller Hinſicht ſo wichtige Akkon, die Pforte fuͤr das heilige Land den Chriſten erretten zu helfen. Auch jetzt noch hatte dieſe Stadt fuͤr den Deutſchen Orden ihre beſon⸗ dere Wichtigkeit. Dort ſtand noch das aͤlteſte Deutſche Or⸗ denshaus als das Haupthaus des ganzen Ordens, von wel⸗ chem eigentlich die oberſte Verwaltung aller dem Orden jen⸗ . — 1) Raynald. Annal. eccles. an. 1289. Nr. 66—67. 2) Sanut. I. c. p. 20. Herm. Corneri Chron. p. 943. Naueler. p. 975. 3) Schütz p. 48 berichtet, daß das Kreuzheer im Ganzen 40,000 Mann ſtark geweſen und der Hochmeiſter zum Oberanfuͤhrer ernannt worden ſey; allein De Wal Histoire de TO. T. T. II. p. 240 zweifelt mit Recht an der Richtigkeit dieſer Angabe und ſagt: je crois qu'il faut lire quatre mille au lieu de quarante mille, parce que les auto- rités les plus certaines ne portent qu'a douze, et tout au plus & dix-huit mille, le nombre total des Europeens, qui passerent à la Terre-Sainte, depuis cette &poque jusqu’a la prise de la ville Acre. Die Ordenschronik bei Matthaeus p. 747 erwähnt zwar dieſer Heerfahrt des Hochmeiſters ebenfalls, weiß aber von der Oberanfuͤhrung nichts.
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56 Des HM. Burchards v. Schwenden Zug ins Morgenl. (1290). ſeits des Meeres noch zugehörigen Beſitzungen ausging !); dort wohnte noch ein beſonderer Landmeiſter oder oberſter Landkomthur als die naͤchſte oberſte Landesbehoͤrde der dorti⸗ gen Deutſchen Ordensguͤter, meiſt in der Wuͤrde eines Statt⸗ halters des Hochmeiſters, der eigentlich zu Akkon als dem Haupthauſe des Ordens ſeinen Wohnſitz hatte?). Dort wur⸗ den nicht ſelten noch große Ordenskapitel gehalten und eine nicht unbedeutende Zahl Deutſcher Ordensritter lebte noch dort den urſpruͤnglichen Beſtimmungen und Zwecken der rit⸗ terlichen Verbruͤderung: — alſo in aller Weiſe für den Hoch⸗ meiſter des Ordens Aufforderung genug, mit den tapferſten ſeiner Bruͤder zur Errettung Akkons mit zu wirken. In Akkons Hafen gelandet ward der Meiſter von den dortigen Ordensbruͤdern und dem verſammelten Volke mit außerordentlicher Freude und feſtlichem Gepraͤnge empfangen und im feierlichen Zuge in das Deutſche Ordenshaus beglei⸗ tet), denn der Ruhm ſeiner weiſen und verſtaͤndigen Amts⸗ 1) Eigentlich galt freilich dem Namen nach — Domus et Hospi- tale Sancte Marie in Hierusalem — Jeruſalem für das urſpruͤngliche Haupthaus und Honorius III hatte ausdruͤcklich verordnet, ut domus illa sit caput et magistra omnium locorum ad eam pertinentium; aber in der That war der Hauptſitz des Ordens noch zu Akkon und welche Wichtigkeit das Capitulum ultramarinum fuͤr den ganzen Orden noch hatte, erſieht man aus der Urkunde in Hennigs Stat. des D. Ordens S. 222. 2) De Wal Recherches T. I. p. 314 fagt: Les statuts designoient le Grand- Commandeur comme étant la personne la plus propre ä remplir la place de Lieutenant du Magistere, en absence du chef: il est donc vraisemblable que ce furent eux qui en cette qualité gou- vernerent souvent Ordre en Palestine, pendant les longs séjours que les Grands-Maitres firent en Europe. Er erwähnt nach einer Ur: kunde vom J. 1263 eines frere Mortyman Pr&cepteur de Ordre Teu- tonique et Lieutenant du Grand-Maitre au Royaume de Syrie. Nach einer andern Urkunde von 1284 verwaltete der Ordensmarſchall Konrad von Anevelt die Statthalterwuͤrde des Hochmeiſters, daher locumtenens Magistri Hospitalis genannt. 3) Dieſe Nachricht ſtuͤtzt ſich auf Jeroſchin c. 215, der von dieſem Zuge des Hochmeiſters weitläuftiger ſpricht, als Dusburg c. 215. Der
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Des HM. Burchards von Schwenden Abdankung (1290). 57 verwaltung und das Vertrauen, deſſen ihn im Abendlande die beiden Haͤupter der Chriſtenheit gewuͤrdigt, erregten in allen Chriſten des Morgenlandes die groͤßten Hoffnungen von ihm. Um ſo entſchiedener glaubte vielleicht der Hochmeiſter in die Verhaͤltniſſe der Chriſten auch eingreifen zu duͤrfen. Es iſt wahrſcheinlich, daß der verderbliche Zwiſt und die fort⸗ dauernde Eiferſucht und Befeindung der drei geiſtlichen Rit⸗ terorden ihm ſchon in Italien Anlaß gegeben hatten, mit dem Papſte den Plan zu einer Vereinigung und Verſchmelzung aller drei Orden in einen Einzigen zu berathen, um dann mit vereinter, geregelter Kraft im Morgenlande auch um ſo entſcheidender wirken zu koͤnnen ). Ob er mit dieſem Plane wirklich auch auftrat und hartnaͤckigen Widerſtand fand, oder ob der verwirrte und verwilderte Zuſtand der Dinge, der da⸗ mals in Akkon uͤberall herrſchte, ob der Hader und Zwiſt un⸗ ter den Chriſten, die Entartung und Zuͤgelloſigkeit der Sitten, Epitomator ſagt: Hic transit mare cum 40 fratribus in anxilium ci- vitatis Akkirs tunc obsesse a Soldano, de cuius adventu domini ibi- dem multum gratulabantur, sperantes, quod per eum deberent con- solari. Similiter omnes incole civitatis religiosi et seculares cuius- cunque sexus et etatis in ornatu vestium et cum reliquis et candelis et palliis stratis dicto magistro honorifice occurrunt cum cantu et processione deducentes in domum Teutonicorum. Es ift höchſt wahr⸗ ſcheinlich, daß Jeroſchin hier aus einer beſondern Quelle fchöpfte, die ihm genauere Nachrichten uͤber des Meiſters Zug ins Morgenland gab, als ſie Dusburg hatte. Aus ihm hat Lucas David B. V. S. 43 ſeine Nachrichten. 1) Daß damals ein ſolcher Plan vorhanden war, bezeugt das Chron. Salisburg. ap. Pex Seriptt. rer. Austriac. T. I. p. 391, wo es heißt: Quia multorum erat opinio, quod si fratres Domorum, sc. Hospitii, Templi et Teutonicae et reliquus populus omnino concordasset, ci- vitas (Aceon) capta non fuisset; mandavit Papa Nicolaus omnibus Patriarchis, Archiepiscopis, Episcopis et aliis Praelatis, ut Concilia provincialia celebrarent et deliberarent, qua ope et consilio eidem terrae posset subveniri. Et per concilium habitum Salzburgae re- scriptum fuit Domino Papae et consultum, ut praedicti tres Ordines counirentur ad unum Ordinem, melioribus eorum observantiis in unum redactis.
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58 Des HM. Burchards von Schwenden Abdankung (1290). der tiefgeſunkene und verſchlechterte Geiſt aller Bewohner, oder ob vielleicht auch ſchlechte Geſinnung und Sittenloſigkeit un⸗ ter ſeinen eigenen Ordensbruͤdern ihm alle Hoffnung und alle Freudigkeit zum thaͤtigen Mitwirken in ſeiner Stellung ent⸗ nommen habe; — ſchon wenige Tage nach feiner Ankunft) verſammelte er im Deutſchen Ordenshauſe ein Kapitel und entſagte ploͤtzlich zu aller Verwunderung ſeiner hochmeiſter⸗ lichen Wuͤrde, um mit des Papſtes Erlaubniß in den Orden der Johanniter einzutreten. Wie es ſcheint, ſprach ſich Bur⸗ chard uͤber die Beweggruͤnde zu dieſem Schritte nicht weiter aus, vielleicht um Erklaͤrungen und Aeußerungen zu vermei⸗ den, die nur Erbitterung und Haß hätten erregen koͤnnen 2). Zwar baten ihn die Ordensbruͤder flehentlich, dem Meiſteramte auch fernerhin noch vorzuſtehen; es erſuchten ihn darum ſelbſt auch der Patriarch von Jeruſalem und die beiden Großmeiſter des Tempel- und Johanniter⸗Ordens; allein Burchard blieb feſt bei ſeinem Entſchluſſe und nahm bald darauf das Kleid der Johanniter an. Er ſoll einige Zeit nachher zwar wieder den Wunſch gehegt haben, in den Deutſchen Orden zurück⸗ zutreten, aber nicht zugelaſſen worden ſeyn ). Bald darauf farb er als Johanniter-Ritter zu Akkon und wurde auf Rho⸗ 1) In den Actis academ. Palat. T. II. p. 18 heißt es: Supersunt literae, quas Burchardus de Schwanden, magister Hospitalis S. M. d. Th. H. totumque capitulum transmarinum ad fratres ordinis sui in Marpurg scripsere, datae Acon in domo nostra IV nonas Septembris. In scripto ord. 'Theut. contra Hassos an. 1753 vulgato: Entdeckter ungrund etc. Docum. Nr. LXV. Demnach konnte der Hochmeiſter am 2. Sept. 1290 ſeine Wuͤrde noch nicht niedergelegt haben. 2) Schon zu Dusburgs Zeit war die Sache dunkel. Er ſagt ſelbſt c. 215. Hic nescio quo ductus spiritu, dum ad terrae sanctae defensionem debuit transire, petita licentia et obtenta habitum or- dinis domus Teutonicae deposuit; und die Ordenschron. bei Matthaeus p. 747 bemerkt: „Syn gebiedigere ende broederen enkonden niet gewe⸗ ten, noch ghemerken, noch bevinden, wat hem Dair tor Dronghe.“ 3) In einem alten Verzeichniſſe der Land⸗ und Hochmeiſter im Fol. Ordenshaͤndel mit der Krone zu Polen heißt es: Burghardus de Schwa- den posito magistratu in Asiam profectus et reversus deinde frustra principatum repetiit.
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Der Hochmeifter Konrad von Feuchtwangen (1290). 59 dus begraben. Spaͤter ſoll ſein Koͤrper in einer Kirche der Johanniter auf derſelben Inſel in geweihter Erde beigeſetzt worden ſeyn !). Da traten die Ritterbruͤder zu Akkon zur Wahl eines neuen Meiſters zuſammen, denn wenn je, ſo war jetzt beſon⸗ 1) Die Nachrichten uͤber die letzte Zeit dieſes Hochmeiſters lauten in den Quellen ſehr verſchieden. Schütz p. 48, der ihm ein Heer von 40,000 Mann giebt, laͤßt ihn in einer Schlacht gegen den Sultan ge⸗ ſchlagen werden, nach Rhodus entfliehen und da an ſeinen Wunden ſter⸗ ben, weiß aber nichts von ſeinem Uebertritte zu den Johannitern. Ihm ſtimmt mit einigen Veränderungen auch De Wal Histoire de PO. T. T. II. p. 257 bei, da ihm Dusburgs Nachricht uͤber Burchards Ueber⸗ tritt zu den Johannitern nichts weiter als ein Maͤhrchen iſt. — Unfere Darſtellung ftüst ſich vorzuͤglich auf das Zeugniß Jeroſchins. Dieſer Ordensprieſter, nur etwa 40 bis 50 Jahre nach dieſen Ereigniſſen le⸗ bend, konnte allerdings noch beſondere Nachrichten uͤber Burchards letzte Zeit und namentlich auch über feinen Uebertritt zu den Sohannt- tern haben. Die Art aber, wie er gerade hier von Dusburg, dem er ſonſt fo ſtreng folgt, abweicht und die Erzählung ganz eigenthuͤmlich giebt, laßt ſicher annehmen, daß er ganz beſondere Nachrichten haben mußte. Außerdem haͤtte Jeroſchin zu ſeiner Zeit, da Burchards letzte Schickſale noch gar nicht ſo unbekannt ſeyn konnten, ein bloßes Maͤhrchen zu erzählen auch kaum wagen duͤrfen. Daß Burchard im Mor⸗ genlande als Johanniter geſtorben ſey, berichten ferner auch Linden⸗ blatts Jahrb. S. 360 („ ſtarb zeu Ackirs bie ſinte Johannisherrin“), Ordenschron. bei Matthaes p. 747, Hochmeiſterchron. S. 120 (Mſcr.) Henneberger S. 373 u. a. Die Gründe der Histoire de JO. T. I. c. gegen die Sache und die daraus gefolgerte Behauptung, qu'il paröit certain, que l'article (bei Dusburg l. c.) qui contient cet &venement a été ajoute posterieurement par une main inconnue, nämlich erſt nach dem Jahre 1433, werden ſchon durch den einzigen Umftand widerlegt, daß Jeroſchin, der in den Jahren 1335 bis 1340 die Chronik Dus⸗ burgs uͤberſetzte, die Nachricht ſchon kannte, wodurch ſie alſo um hun⸗ dert Jahre aͤlter wird, als De Wal fie annimmt. Hätte dieſer daher den Jeroſchin gekannt, fo würde er feine Behauptung ſicherlich zuruͤck⸗ behalten haben, denn feine übrigen Gründe find von fo geringem Ges Halte und fo wenig auf ſichere Zeugniſſe gebaut, daß fie niemanden über- zeugen werben und gegen das Gewicht, welche Dusburg und Jero— ſchin in der Sache haben, in nichts zerfallen. Vgl. Kotzebue B. II. S. 330-331.
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60 Der Hochmeiſter Konrad von Feuchtwangen (1290). ders ein Oberhaupt nothwendig, welches in ſo wichtigen und entſcheidenden Verhaͤltniſſen, wie ſie ſich in dieſen Zeiten auch für den Deutſchen Orden geſtalteten, mit aller Beſonnenheit, ſtetigem Muthe und feſtem Geiſte handele. Konnten dieſes⸗ mal die entfernten Landmeiſter, als der von Preuſſen und der von Livland der Wahlverſammlung auch nicht beiwohnen, ſo war die Zahl der Ordensbruͤder in Akkon doch hinlaͤnglich groß und der Ort von alter Zeit her in jeder Hinſicht wich⸗ tig genug zu einer vollguͤltigen Wahl. Der oberſte Gebietiger des Ordens im Morgenland, bald Großkomthur, bald Meiſter genannt und zu Akkon wohnend, war Vorſtand der Verſamm⸗ lung und die Stimmen der Wahlherren fielen einhellig auf den ehemaligen Landmeiſter von Preuſſen Konrad von Feucht⸗ wangen, einen der geachtetſten und ehrenwertheſten Ritter des Ordens ), der bisher Meiſter von Deutſchland 2) war und den Hochmeiſter Burchard von Schwenden ins Morgenland begleitet hatte. Seine Tugenden und trefflichen Eigenſchaften hatten vor allem die Wahl auf ihn gelenkt; zudem eröffnete auch ſeine Verwandtſchaft mit mehren Fuͤrſtenhaͤuſern und vie⸗ len edlen Geſchlechtern in Deutſchland dem Orden manche erfreuliche Ausſicht. Die Verhaͤltniſſe der Chriſten im Morgenlande geſtalte⸗ ten ſich aber mit jedem Tage gefahrvoller und ungluͤcklicher. In Akkon ſelbſt, dem Hauptſitze der chriſtlichen Macht, ſah 1) Alnpeck S. 133 ſagt von ihm: Meiſter cunrat von vuͤchtevanc Der was ere und tugende vol Das ſach vil manich ritter wol. Die Ordenschron. bei Matthaeus p. 747 nennt ihn „een deuchtſaem eerlick man ende wys.“ 2) Nach Falckenstein Cod. diplom. Nordgav. p. 78. 80 war er im J. 1283 Landkomthur von Franken. Vom J. 1284 bis 1288 findet man ihn als Meiſter von Deutſchland erwaͤhnt; ſ. Acta Academ. Palat. T. II. p. 27 — 28. In einer Urk. des geh. Arch. vom J. 1324 kommt auch ein Magister Lupoldus de Vuchtewangen Canonicus Eeclesie sancti Iohannis in Hange extra Muros Herbypolen. am päpſtlichen Hofe vor.
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Der HM. Konrad von Feuchtwangen in Akkon (1290). 61 man das wunderlichſte Voͤlkergemiſch, denn nachdem ſich aus den verlorenen chriſtlichen Beſitzungen alles dorthin geflüchtet, lebten hier nun Deutſche, Franzoſen, Englaͤnder, Italiener, Sicilianer und uͤberhaupt Menſchen aus faſt allen Laͤndern Europa's neben einander ). Aber kein gemeinſames verknuͤ⸗ pfendes Band hielt fie irgend zu einem Ganzen zuſammen; jeder folgte nur feinem Willen und feiner Luft oder lebte hoͤch⸗ ſtens nur dem Geſetze, welches fuͤr ihn in ſeinem Vaterlande galt, alſo daß an eine gemeinſame Ordnung, an Einigkeit und Gehorſam gar nicht zu denken war 2). Zwar war mit dem Kreuzheere auch ein paͤpſtlicher Legat nach Akkon gekom⸗ men und neben ihm hatten auch der Koͤnig von Cypern, der ſich Koͤnig von Jeruſalem nannte, und der Patriarch von Je⸗ ruſalem ihren Aufenthalt in der Stadt; allein keiner von ihnen beſaß ſo viel Macht, Anſehn und Gewicht, um ſeinen Anord⸗ nungen und Befehlen in irgend einer Weiſe Achtung und Ge⸗ horſam zu verſchaffen. Wie jeder der drei Ritterorden ſich in dem ihm zugehoͤrigen Theile der Stadt durch Mauern und Thuͤrme befeſtigt und gleichſam in ſich abgeſchloſſen hatte, ſo war auch faſt jede Straße, wo Deutſche, Italiener oder Fran⸗ zoſen zuſammen lebten, wie zu einer Feſtung umgewandelt und mit ſtarken Mauern und eiſernen Thoren verſehen ). Und hinter dieſen Schutzwehren vertrieb man ſich die Zeit mit Spiel, Schmauſerei und allerlei Luſtbarkeiten; jeder ſuchte dabei in dem wilden Voͤlkergewirre durch Raub und Pluͤnde⸗ rung davon zu tragen, was er irgend vermochte. Dieſer Zu⸗ ſtand. der Geſetzloſigkeit und Verwirrung hatte ſich aber noch verſchlimmert, ſeitdem die neuen Heerhaufen der Kreuzbruͤder — 1) Darüber Ottokars von Horneck Reimchron. bei Per Scriptt. rer. Austriac. T. III. p. 384. c. 406, wo dieſes Voͤlkergemiſch näher geſchildert wird; auch Herman. Corner. Chron. p. 942. 2) Die Ordenschron. bei Matthaeus p. 753 ſagt von den Kriegern in Akkon: „Sie deden niet dan drincken, dobbelen, ende ſpelen „bero⸗ vende die luͤden opter ſtraten, ſoe Pelgrims ende Coopluͤden. 3) Die genauere Beſchreibung hierüber giebt die Ordenschron. bei Matthaeus p. 749 — 750.
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62 Der HM. Konrad von Feuchtwangen in Akkon (1290). angekommen waren ), und da nun dieſes raubſuͤchtige Volk den mit dem Sultan abgeſchloſſenen Waffenſtillſtand fuͤr ſich nicht weiter verbindlich hielt ?), fo geſchah es eines Tags, daß ein Haufe beutegieriger Kreuzbruͤder eine Karavane Aegyp⸗ tiſcher Kaufleute, die auf den Waffenſtillſtand vertrauend nach Akkon ziehen wollte, überfiel, beraubte und ermordete ). Der Sultan verlangte Genugthuung für die ſchnoͤde That und na⸗ mentlich auch die Auslieferung der Frevler*). Die vornehm⸗ ſten Herren der Stadt fanden die Forderung gerecht und am entſchiedenſten ſprach dafuͤr in nachdrucksvoller Rede der Hoch⸗ meiſter des Deutſchen Ordens ). Da widerſetzte ſich aber der päpſtliche Legat dem Beſchluſſe der Verſammlung, jedem mit dem Banne drohend, der es wagen werde, dem Sultan einen Chriſten in die Hände zu liefern ®); und endlich fuͤgten ſich auch die Meifter der drei Ritterorden in des Legaten Mei⸗ nung, obgleich der Sultan aufs ernſtlichſte mit der Belage⸗ rung und Erſtuͤrmung der Stadt gedroht hatte, wenn ſeine 1) Herman. Corner. Chron. p. 943. 2) Ottokar von Horneck a. a. O. c. 407. 3) Nach Ottokar von Horneck a. a. O. c. 408 — 409 geſchah dieſer Ueberfall und die Verletzung des Waffenſtillſtandes auf Anſtiften des paͤpſtlichen Legaten, weil auch der Papſt Nicolaus keinen Frieden mit dem Sultan gehalten wiſſen wollte. 4) Sanut. L. III. P. XII. c. 21. Guilielm. de Nang is an. 1289. Corneri Chron. p. 943. Ottokar v. Horneck c. 420. 5) Bei Ottokar von Horneck . 414 ſpricht zuerſt ein Deut⸗ ſcher Ordensritter, dann c. 417 auch der Meiſter in ſehr kräftigen Worten gegen den paͤpſtlichen Legaten; ſo ſagt er dieſem unter andern: Ir ſult uns nicht leren Wie wir ſullen varn Mit dem Swert und geparn: Wann darczu feit ir unnucz. 6) Den Inhalt dieſer unterhandlungen giebt außer Ottokar von Horneck a. a. O. c. 412 — 413 auch das Poema de amissione terrae sanctae ap. Eccard. T. II. p. 1455 seq., wo ebenfalls der Meifter des Deutſ. Ordens als theilnehmend am Streite mit dem Legaten angeführt wird. Ferner die Ordenschron. bei Matthaeus p. 754 und Corner Chron. p. 943.
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Akkons Verluſt (1291). 63 Forderung nicht erfüllt werde, wozu er bis zu Ende des Jah⸗ res 1290 Friſt geſtellt ). Sofort rüftete ſich der Sultan zum Kriege. Auch in Akkon benutzte man die Zeit zu mancherlei kriegeriſchen Vor⸗ bereitungen. Um die Streitkräfte zu vermehren, ſandte man nicht bloß eiligſt eine Botſchaft an den Papſt 2), der alsbald neue Aufforderungen an die Fuͤrſten und Volker des Abend⸗ landes erließ, ſondern die Großmeiſter der Ritterorden ertheil⸗ ten auch Befehl, daß aus ihren Ordenshaͤuſern uͤberall die tapferſten Ritter zu Hülſe eilen ſolltens). Wirklich ſandte unter andern auch der Deutſche Orden aus ſeinen Rittercon⸗ venten in Deutſchland und Italien eine neue Schaar auser⸗ leſener Ordensbruͤder mit einer angemeſſenen ſtreitbaren Mann⸗ ſchaſt in großer Eile von Venedig aus nach Akkon hinuͤber und ſelbſt aus Preuſſen ſoll eine Anzahl reiſiger Ritter dahin gezogen feyn*). So wurden allerdings von vielen Seiten 1) Chron. S. Petri Erfurt. ap. Mencken. T. III. p. 298. 2) Nach Ottokar von Horneck c. 433 ſandte jeder der drei Ordensmeiſter zwei Ordensritter an den Papſt. 3) Ottokar von Horneck c. 433. 4) Ottokar von Horneck a. a. O. ſagt: Do ſach man uͤber Mer gern Tauſend Pruͤeder werlnicher Man, Die dacz (zu) Venedien ſchiften ſich an, Die warn all berait worden In der Tewtſchen Herren Orden. Ir Maiſter auch von Preuzzen Gewan der Chachen und der Heuzzen Wol ſiben Hundert oder mer Die kegen Akers teten die Cher. Wörtlich fo auch das Poema de amiss. s. terrae ap. Eccard I. c. In der Ordenschron. bei Matthaeus p. 748 und 756 und in Anmerk. Z. bei Duellius p. 25 iſt ebenfalls von einer ſolchen Sendung von Or⸗ densrittern nach dem Morgenlande die Rede. Nach der erſtern ſchickt der Hochmeiſter Konrad von Feuchtwangen den ehemaligen Landmeiſter von Preuſſen Mangold von Sternberg (denn Steynborch oder Scyer⸗ borch, wie in der Chronik ſteht, ſoll offenbar Sternberg heißen) und den Marſchall von Livland mit vielen Ordensrittern nebſt 3000 Reitern
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64 Akkons Verluſt (1291). her, beſonders von den Ritterorden außerordentliche Kraͤfte aufgeboten, um die letzte Ruine der chriſtlichen Herrſchaft im Morgenlande wo moͤglich noch zu erhalten, denn ſo wenig auch von dieſer einſtigen Herrſchaft um dieſe Zeit noch übrig war, fo ſah man doch voraus, daß mit Akkons Verluſt für immer Alles verloren ſeyn werde. Insbeſondere aber ſtand auch für den Deutſchen Orden vieles auf dem Spiele. Akkon war die Wiege ſeiner erſten Tage, wo er ſein erſtes Gedeihen und ſeine erſte Erhebung gefunden; dort in dem Ordens⸗ Haupthauſe hatte man haͤufig die Generalkapitel gehalten, die wichtigſten Beſchluͤſſe gefaßt, die noͤthigen Grundgeſetze des Ordens entworfen und ſelbſt bis nach Preuſſen waren von dort aus über die Landesverwaltung und über die einzelnen Ordensverhaͤltniſſe die zweckmaͤßigſten Anordnungen und Be⸗ fehle ergangen, denn außer einem Meiſter oder dem Groß⸗ komthur hatten dort auch der Ordensſchatzmeiſter oder Treßler und der oberſte Ordensſpittler ihren Sitz, die mit dem Hoch⸗ meiſter die oberſte Behörde des Ordens bildeten n); daher nach Akkon; es erwaͤhnt dann dieſe Quelle auch ausdruͤcklich, daß der Hochmeiſter ſelbſt nicht dahin gegangen, daß aber (nach p. 757) Man⸗ gold, der Großkomthur von Akkon, der Marſchall von Livland und eine große Zahl von Rittern in einem Kampfe gefallen ſeyen. Obgleich ſchon Schütz p. 97 dieſe Nachricht von Mangolds Anweſenheit und Tod bei Akkon triftig widerlegt hat, fo hat fie De Wal Histoire de “O. T. T. II. p. 278 doch wieder aufgenommen, ſich auf eine Stelle bei Dus- burg c. 198 ſtuͤtzend, wo es im gewöhnlichen Texte von Mangold heißt: in reditu mortuus in ara, welches letztere verſtuͤmmelte Wort De Wal zur Behauptung feiner Meinung in Acra verwandelt und darunter Akkon verſteht. Allein wir haben ſchon oben B. III. S. 395 Anmerk. 1. be⸗ wieſen, daß die Worte bei Dusburg verdorben ſind und da nun Man⸗ gold im J. 1283 ſchon geſtorben war, ſo iſt die Nachricht der Ordens⸗ chronik ungegruͤndet, obgleich allerdings Ordensritter aus Preuſſen ins Morgenland gezogen zu ſeyn ſcheinen. Die obige Stelle Ottokars von Horneck darf man nicht ſo verſtehen, als ſey auch der Meiſter von Preuſſen mit hinuͤber gezogen, denn dieſer befand ſich nach urkund⸗ lichen Erweiſen im April, Mai und Juni 1291 beſtimmt in Preuſſen. 1) Wir finden nach einer urkunde in Muratori Seriptt. rer. Ital. T. XII. p. 382 als in Akkon wohnhaft im 3. 1272 den frater Con-
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Akkons Verluſt (1291). 65 hatte man dort auch in der Regel wenigſtens in den früheren Zeiten die jungen Ritter, die nach der Beſtimmung des Ge⸗ ſetzes ins Morgenland pilgern mußten, in die Ordensbruͤder⸗ ſchaft aufgenommen und alljaͤhrlich hatten bisher nach Akkon die Berichte uͤber alle Beſitzungen des Ordens, uͤber ihren Zuſtand und ihre Verwaltung zur Pruͤfung und Beurtheilung gehen muͤſſen, ſowie von dorther auch wieder die noͤthigen Verordnungen und Verfuͤgungen in Beziehung auf dieſe Ver⸗ waltung erfolgten). Es war alſo auch in dieſer Hinſicht fuͤr den Deutſchen Orden von groͤßter Wichtigkeit, die Stadt wo moͤglich im Beſitze der Chriſten zu erhalten 2). Je naͤher aber die Gefahr heranruͤckte und je mehr man Kunde erhielt von des Sultans gewaltigen Kriegsruͤſtungen, um ſo mehr entſank den meiſten Chriſten das Vertrauen auf ſich ſelbſt und die feſte Hoffnung und Zuverſicht auf die Mög- radus magnus praeceptor quondam domus Teutonicorum, ferner Fr. Joannes de Saxonia Thesaurarius, Albertus Hospitalarius super in- firmis, Milo socius Thesaurarii, Vellembergus et alii plures Fratres domus Alemannorum. 1) Daruͤber die Urkunde in Hennigs Statuten des D. Ordens S. 221 — 224. 2) Bei Ottokar von Horneck c. 436 wird indeſſen dem Deut⸗ ſchen Orden von den Johannitern doch der Vorwurf gemacht, daß er am Verluſte Akkons Schuld ſey, weil er, um die Gunſt des Papſtes nicht zu verlieren, dem paͤpſtlichen Legaten darin endlich beigeſtimmt habe, dem Sultan keine Genugthuung zu geben. und daz man nicht Pezzerung tet Dem Soldan nach ſeiner Pet, Daz waz der Tewtſchen Herren Schuld Die wolden der Pfaffen Huld Durch nichten verchieſen. Darumb muſt man verlieſen Dacz Akers Er und Gut Und vergiezzen jr Plut Die da nicht furbaz mugen. Freilich heißt es nachher von den Johannitern: Dicz reten ſi in Spot, und ander Red genug. Nieman waz alſo chlug, Der an jr Antwurt, Durnechtichleichen ſpur, Wez in ze Mut wer. Anders ſprechen ſich nachher die Ritter des Deutſ. Ordens auch ſelbſt aus. . 5
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66 Akkons Verluſt (1291). lichkeit der Rettung; und als nun die Nachricht einging, daß der grauſe Feind wirklich im Anzuge ſey, ergriff einen großen Theil von Akkons Bewohnern eine ſolche Kleinmuͤthigkeit und Verzagtheit, daß ganze Schaaren noch vor des Feindes An⸗ kunft die Stadt verließen und ſich der Schiffe im Hafen be⸗ maͤchtigten, um Habe und Gut ins Abendland zu retten!). So uͤberblieb die Vertheidigung der Stadt nur den Rittern der drei geiſtlichen Orden, die nicht einmal ſelbſt unter ſich einig waren?), den Heerhaufen des Koͤniges von Cypern, den jüngft angekommenen Kreuzbruͤdern und dem zuruͤckge⸗ bliebenen Theile der Bewohner: allerdings noch eine Kriegs⸗ macht, die zur Behauptung der Stadt zahlreich und kraͤftig genug geweſen waͤre. Allein es fehlte ſelbſt auch einem Theile dieſer Streitmacht an Muth und Vertrauen; es fehlte an Einheit der Geſinnung und an Feſtigkeit des Willens ); es fehlte an einem feften Plane und an einem Manne, der mit voller Kraft des Geiſtes der vorhandenen Macht Richtung und Leitung haͤtte geben koͤnnen; bis endlich die lange gedrohete Stunde der ſchweren Bedraͤngniß herannahete. Es war am fuͤnften April des Jahres 1291, als der Sultan mit einer außerordentlichen Kriegsmacht und furcht⸗ baren Belagerungswerkzeugen vor der Stadt erſchien, denn entſchloſſen, die laͤngſt untergrabene chriſtliche Herrſchaft jetzt völlig zu ſtuͤrzen und die Chriſten für immer aus dem Mor⸗ genlande zu vertreiben, hatte er bis in den entfernteſten Thei⸗ len feines Reiches alle Kräfte zum Kampfe aufgeboten“). 1) Abulfeda T. V. p. 99. Ottokar v. Horneck c. 436. Poema ap. Eccard. p. 1500. Corner. Chron. p. 945. 2) Nach Ottokar von Horneck e. 436 ſind beſonders die Jo⸗ hanniter und Dentſchen Bruͤder mit einander im Streite. 3) Chron. German. ap. Pistor. T. II. p. 837. Annal. Eberhardi Altahens. in Canisii Lect. antiq. T. I. p. 322. Annal. Steron. Altah. ap. Freher. p. 397. Corner. Chron. p. 944. 4) Abulfeda p. 97. Poema ap. Eccard. p. 1500. Chron. S. Petri Erfurt. ap. Mencken. T. III. p. 299. Sanut. I. c. giebt die Kriegs⸗ macht des Sultans auf 160,000 Fußvolk und 60,000 Reiter an.
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Akkons Verluſt (1291). 67 Es erfolgte eine Belagerung von mehr als vierzig Tagen unter furchtbar blutigen Kaͤmpfen ). Da der Meiſter des Tempelordens Wilhelm von Beaujeu eine Zeitlang zum Ober⸗ befehlshaber gewaͤhlt war und die einzelnen Theile der Stadt beſtimmten Anfuͤhrern zur Vertheidigung zugewieſen wurden, ſo daß z. B. der Hochmeiſter des Deutſchen Ordens mit dem Koͤnige von Cypern auf einem Punkte zuſammenſtanden 2), ſo herrſchte Anfangs im Ganzen eine gewiſſe Einheit in der Vertheidigung, und im Kampfe mit dem Feinde zeigte ſich ein Wetteifer der morgenlaͤndiſchen und abendlaͤndiſchen Ta⸗ pferkeit, wie man ihn lange nicht geſehen. Vor allem be⸗ wieſen die drei Ritterorden nicht ſelten einen Heldenmuth und eine Entſchloſſenheit in der Gefahr, wie kaum je in fruͤherer Zeit. Selbſt die edle Gräfin von Blois ſtand mit dem Köͤ⸗ nige von Cypern in den Reihen der Krieger. Dieſer hart⸗ naͤckige Widerſtand von Seiten der Belagerten bewog daher den Sultan, mit dem Meiſter des Tempelordens wegen Auf⸗ hebung der Belagerung in Unterhandlung zu treten, die ſich freilich wieder zerſchlug, als der Sultan von jedem Kopfe in Akkon einen Venetianiſchen Denar als Löfegeld verlangte ). Allein dieſer Eifer im Streite und ſelbſt die Verzweiflung, mit welcher nunmehr von den Chriſten gekaͤmpft wurde, brach⸗ ten ſchon kein Heil mehr in dem Drange der Gefahr; es war nicht mehr wie im Beginne der Kreuzzuͤge jenes hohe Gottvertrauen, welches die Krieger beſeelte und welches ſieg⸗ reich alles darniederwarf, weil es auf dem Bewußtſeyn einer heiligen Sache ruhete. * Da ward am achtzehnten Mai die Stadt mit Sturm gewonnen, denn die gewaltigen Wurfmaſchinen hatten Mauern und Thuͤrme ſchon ſo ſchrecklich zerruͤttet und vernichtet, daß 1) Nach Ottokar von Horneck c. 456 war der Meiſter der Deutſchen Herren der erſte, welcher ſich mit dem Feinde meſſen wollte. 2) De Wal Histoire de PO. T. T. II. p. 267, wo man über: haupt eine ziemlich ſpeticlle Darſtellung der Belagerung Akkons findet. 3) Corner. Chron. p. 943. Ordenschron. S. 58. Bei Matthaeus p. 754— 758. 5 *
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68 Akkons Verluſt (1291). der Feind nicht mehr abzuhalten war. Es begann ein neuer verzweifelter Kampf im Innern der Stadt, denn die Ritter⸗ orden warfen ſich in ihre Ordenshaͤuſer, die wie Burgen ſtark befeſtigt waren, und vertheidigten ſich fort und fort mit hel⸗ denmaͤßiger Tapferkeit !), fo daß ſelbſt der ſiegreiche Feind vor dem Geiſte erſchrak, der in den Rittern lebte. Als aber der tapfere Meiſter des Tempelordens bei einem Angriffe auf den Feind von einem Pfeile getroffen niederſank 2), entwich den meiſten Bewohnern aller Muth; viele ſuchten die Flucht nach dem Hafen; felbft der König von Cypern und der Pas triarch von Jeruſalem verließen heimlich die Stadt und fluͤch⸗ teten nebſt den meiſten Großen zu Schiffe nach Cypern ). Das Gedraͤnge und der Anlauf im Hafen war ſo groß, daß viele von den Flüchtlingen ihren Tod im Meere fanden). So waren es bald einzig nur noch die Ritterorden, welche dem Feinde aus ihren Haͤuſern Widerſtand leiſteten?). Da traten die Ritter vom Deutſchen Orden vor ihren Meiſter Konrad von Feuchtwangen“) mit der Bitte, noch einmal zum Kampfe ausgefuͤhrt zu werden, um da zu ſterben, wo gerade vor hundert Jahren ihre ritterliche Verbruͤderung begonnen hatte”). Allein der edle Meiſter fand es nutzlos, hier Kraͤfte 1) Abulfeda T. V. p. 99. Ottokar von Horneck c. 445. Corner. Chron. p. 944. 2) Sanut. L. III. P. XII. c. 21. Ottokar v. Horneck c. 443. Poema ap. Eccard. p. 1531. 3) Trivetti Chron. ap. d’Achery Spicileg. T. VIII. an. 1291. Poema ap. Eccard. p. 1584. Ordenschron. bei Matthaeus p. 759— 760. De Wall. c. p. 280. 4) Sanut. I. c. c. 21. 5) Ottokar von Horneck c. 447. 6) Wenn Corner. I. c. fagt: Magister et Fratres de domo Tlieu- tonica cum eorum familiis omnes simul nna hora interfecti sunt, fo iſt dieſes allerdings unrichtig; aber die Tapferkeit der Deutſchen Or: densritter rühmen auch das Poema ap. Eccard. p. 1552 und die Or⸗ denschron. bei Matthaeus p. 756. 7) Beſonders erzaͤhlt Ottokar von Horneck c. 446 vieles von den Heldenthaten eines Deutſchen Ordensritters Hermann von Sachſen,
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Akkons Verluſt (1291). 69 aufzuopfern, die anderswo zum Heil und Gedeihen ſeines Ordens verwendet werden konnten. „Ich kann es nimmer geſtatten, ſprach er zu feinen Rittern, daß ihr ohne Zweck und Ziel euer Leben dem Feinde Preis gebet; es waͤre ein Ver⸗ gehen an unſeres Ordens Regel, denn ſo lange ein Ordens⸗ bruder mit Ehren leben kann, muß er gerne leben. Aber ich gebe euch mein Ritterwort: ich will es einſt mit euch noch an den Heiden in Preuſſen raͤchen, was euch der Sultan hier zu Akkon Leides angethan“ 1). — Kaum hatte der Mei⸗ ſter dieſe Worte geſprochen, als eine Schaar des Sultans das Deutſche Ordenshaus mit Sturm uͤberfiel. Vertheidigung und Widerſtand war bei der ſchwachen Kraft der Ritter nicht mehr moͤglich. Das naͤmliche Loos traf in derſelben Stunde auch die Johanniter und Tempelherren, die ſich in den Thurm des Großmeiſters gefluͤchtet. Da nun ſchon alles in feind⸗ licher Gewalt war und der Sultan im grimmigen Zorne über den hartnaͤckigen Kampf der Ritter die Stadt zugleich an vier Enden anzuͤnden ließ und in wenigen Stunden Burgen, Tem⸗ pel, Haͤuſer und Befeſtigungswerke in einen Steinhaufen verwandelt waren, ſo entflohen die Ritter in den Hafen und ſuchten Rettung auf dem weiten Meere ?). In ſolcher Weiſe ging der ſchoͤne Ort verloren und ſo zerfiel das erſte Deut⸗ ſche Ordenshaus, in welchem die Verbruͤderung der Deutſchen Ritter ihr erſtes Gedeihen gefunden. Hierauf aber fielen in der zu den Heiden uͤbergetreten, jetzt aber wieder zu ſeinem Orden zu⸗ rückgekehrt war und eine große Menge von Ungläubigen meiſt zur Nacht: zeit in ihren Zelten ermordete. 1) Poema ap. Eiccard. p. 1552. Ottokar von Horneck c. 448 hat die Rede des Meiſters ebenfalls; es heißt zuletzt: Swaz Uns der Soldan Hie ze Akers hat getan Daz Laid und die And Ze Pruezzen und in Meiſßen⸗Land Wil Ich an den Haiden rechen Mit Ew Rittern vrechen Meiner Pruederſchaft. 2) Ottokar v. Horneck c. 448.
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70 Akkons Verluſt (1291). kurzer Zeit auch die letzten noch uͤbrigen Beſitzungen der Chri⸗ ſten, als Tyrus, Sidon und andere in die Haͤnde der Un⸗ glaͤubigen ). Die Deutſchen Ritter, die Tempelherren und Johanniter, welche dem Schwerte zu Akkon entkommen waren, landeten zunaͤchſt auf Cypern, wohin ſich auch die meiſten Großen aus dem Morgenlande gefluͤchtet, und da es dem Koͤnige von Cy⸗ pern gluͤckte, die Ritter des Tempel- und Johanniterordens durch Ueberweiſung laͤndlicher Beſitzungen in ſeinem Gebiete feſtzuhalten, ſo verhieß er auch den Deutſchen Ordensherren ein anſehnliches Landeigenthum, ſofern ſie forthin auf Cypern verweilen wuͤrden ?). Allein der Hochmeiſter lehnte dankend das Anerbieten ab, theils vielleicht wegen des ewigen Zwie⸗ ſpaltes der Orden unter einander, theils auch weil es ihm zweckmaͤßiger und der Beſtimmung und Regel des Ordens angemeſſener ſchien, die geretteten Kraͤfte zum Beſten ſeiner Bruͤder im Norden gegen die Heiden zu verwenden. Er ſe⸗ gelte daher mit ſeinen Rittern weiter nach Venedig, wo der Orden ſchon einen eigenen Convent hatte, denn da er in den Kriegen Venedigs gegen Genua beſtaͤndig auf der Seite jenes Freiſtaates geſtanden ) und ihm manche Huͤlfe und Vortheile gebracht, ſo waren ſeitdem die Deutſchen Ordensritter immer als beſondere Freunde der Republik betrachtet worden und der Doge Renier Zeno hatte ſchon in der Mitte dieſes Jahrhun⸗ derts aus Dankbarkeit fuͤr die Deutſchen Ordensritter in Ve⸗ nedig die Kirche der heil. Dreifaltigkeit zu ihrem Gebrauche 1) Abulfeda T. V. p. 99. Sanut. c. 22. Raynald Annal. eccles. an. 1291. Nr. 6— 7. 2) De Wal l. c. p. 308 ſagt: Suivant les historiens Giblet et Iauna, le Roi tächa également de retenir les Chevaliers Teutoniques dans ses états, en leur offrant des établissemens considerables; mais le Grand-Maitre le remercia. Nous voyons cependant par les an- ciens statuts de Ordre Teutonique (Duellii Miscell. L. II. p. 56) qu'il y avoit un Commandeur de Chypre, mais on ne sauroit dire si cet établissement &toit anterieur à la perte de la Teerre-Sainte, ou s'il fut seulement formé à cette époque. 3) Naucler. p. 946.
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Das Ordens-Haupthaus zu Venedig (1291). 71 erbauen laſſen und ihrem Ordenshauſe bedeutende Einkünfte zugewieſen 1). So ward alſo der Hochmeiſter ſammt den Seinen mit Freude in Venedig aufgenommen. Er erhob ſofort das dor⸗ tige Deutſche Ordenshaus zum nunmehrigen Haupthaus des Ordens 2), wo nun mitunter auch die Hochmeifter, regelmäßig aber wie bisher zu Akkon des Ordens wichtigſte Gebietiger, als der Großkomthur, der Treßler und der Spittler ihren Wohnſitz hatten. Gewiß waͤhlte hiezu der Meiſter Venedig nicht ohne Plan und Abſicht. Noch mochte weder der Papſt, 1) Le Bret Staatsgeſchichte von Venedig B. I. S. 735 — 736, wo jedoch unrichtig die Ankunft des Hochmeiſters aus Akkon nach Ve⸗ nedig erſt ins J. 1298 geſetzt wird. 2) Da Dusburg c. 297 von Venedig ausdruͤcklich ſagt: domum prineipalem, quae a tempore destructionis civitatis Achonensis fuerat apud Venetias und dann c. 276 Venedig in Beziehung auf den Orden domum principalem nennt, ſo iſt zu verwundern, daß mehre Schrift⸗ ſteller, z. B. Hartknoch A. und N. Preuſſ. S. 294 und bei Dusburg p. 350 haben behaupten koͤnnen, daß Marburg ſeitdem das Haupthaus des Ordens geweſen, Venedig aber ſchon fruͤher von Hermann von Salza zum Haupthauſe erhoben worden ſey. Der Irrthum iſt offenbar daher entſtanden, daß man den zeitweiligen Aufenthaltsort der Hoch⸗ meiſter mit dem Haupthauſe des Ordens verwechſelt hat, wiewohl ſich Hermann von Salza auch nur ſelten zu Venedig längere Zeit aufge⸗ halten zu haben ſcheint. Wie in Preuſſen Elbing zwar das Haupthaus des Ordens in Preuſſen, aber keineswegs der beſtaͤndige Aufenthaltsort der Landmeiſter war, ſo galt fruͤher Akkon und nunmehr Venedig fuͤr das Haupthaus des ganzen Ordens, ohne daß die Hochmeiſter beftändig dort wohnten. Die Hochmeiſter hatten ſich auch bisher an ſehr ver⸗ ſchiedenen Orten aufgehalten. So ergiebt ſich aus Urkunden, daß z. B. Heinrich von Hohenlohe meiſtentheils in Mergentheim, Anno von San⸗ gerhauſen im Jan. 1273 in Sachſenhauſen bei Frankfurt, Hartmann von Heldrungen im April 1280 in Mergentheim, Burchard von Schwen⸗ den im Mai 1287 in Marburg und im Maͤrz 1288 in Erfurt gelebt haben. Auch die nachfolgenden Hochmeiſter befanden ſich keineswegs immer zu Venedig, vielmehr meiſtentheils in Deutſchen Städten ck. Acta Academ. Palat. T. II. p. 18— 19. Auffallend iſt es aber, daß die Ordenschron. bei Matthaeus p. 763 von Venedig nichts weiß und das Haupthaus ſogleich nach Marburg verlegen läßt.
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72 Das Ordens-Haupthaus zu Venedig (1291). noch der König von Cypern dem Gedanken Raum geben, daß das heilige Land fuͤr immer in der Gewalt der Unglaͤu⸗ bigen bleiben und alles, was ſeit zwei Jahrhunderten ſo ſchwer errungen worden war, fuͤr ewig verloren ſeyn ſolle; und ihre Hoffnung einer baldigen Wiederbefreiung theilte ohne Zweifel auch der Meiſter des Deutſchen Ordens, zumal als er ſah, mit welchen dringenden Ermahnungen und Bitten der Papſt alle Koͤnige und Fuͤrſten, beſonders den Koͤnig von Frankreich aufforderte, das heilige Land der Macht der Unglaͤubigen wie⸗ der zu entwinden ). Venedig hatte aber in den Kreuzzuͤgen eine viel zu wichtige Rolle geſpielt und die Sprache der maͤch⸗ tigen Republik war nicht ſelten zu entſcheidend geweſen, als daß der Meiſter bei einer etwanigen neuen Unternehmung ins Morgenland auf Venedigs Mitwirken zu Gunſten ſeines Or⸗ dens nicht hätte rechnen ſollen. In der That waren es ge: waltige Anſtrengungen, mit welchen der Papſt einen neuen allgemeinen Heereszug zur Befreiung Syriens in Bewegung zu ſetzen ſuchte und die Erfolge ſeiner Bemuͤhungen ſchienen ſeinen Wuͤnſchen zu entſprechen, denn Koͤnig Eduard der Erſte von England hatte ſich erboten, an die Spitze eines Kreuz⸗ heeres zu treten. Hie und da ſammelten ſich auch neue Hau⸗ fen von Kreuzfahrern und an der Vereinigung des Johanniter⸗ und Tempelordens ward vom paͤpſtlichen Hofe aus mit un⸗ gemeinem Eifer gearbeitet, denn hiedurch wollte man eine 1) Raynald, an. 1291. Nr. 20 — 22; auch an die Freiſtaaten Sta liens, Genua, Venedig u. a. wandte der Papſt die dringendſten Bitten. Nach Raynald. an. 1291 Nr. 29 fol der Papſt jetzt erſt die Vereini⸗ gung der verſchiedenen Ritterorden zu Einem betrieben haben; als Be: weggrund zu dieſem Plane führt er an: ferebat enim fama, nunquam Acconem expugnandam fuisse, si mutuum inter eos amicitiae foedus coaluisset. Indeſſen fpricht Nicolaus ſelbſt in einem Briefe Nr. 30 nur davon, quod dilectos filios fratres hospitalis S. Iohannis et mi- litiae Templi Ierosolymitani ad unius ordinis unitatem seu religionis unionem auctoritate apostolica reducamus, ut sincerius et uniformius in vinculo caritatis et pacis tendentes ad unum, efficacius possint prosequi negotium memoratum. Vom Deutſchen Orden war alſo nicht mehr die Rede.
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Veränderte Stellung des Ordens (1291). 73 ſtarke und feftvereinte Kriegsmacht bilden, die als unerſchuͤt⸗ terliche Schutzmauer gegen die Ungläubigen dienen ſollte. Auf Johannis⸗Tag des Jahres 1293 ſollte das neue Kreuz⸗ heer aufbrechen und ſo hoffte der Papſt das Andenken der ſchrecklichen Ereigniſſe wieder auszutilgen, durch welche in ſei⸗ nen Tagen der Beſitz von Akkon fuͤr die Chriſten verloren gegangen war !). Allein es war nur die erfreuliche Hoffnung, die er davon unter beſtaͤndigen Bemühungen und Anſtren⸗ gungen ins Jahr 1292 uͤbertrug, denn ſchon im April dieſes Jahres raffte ihn plotzlich der Tod hinweg?) und nach ihm bot kein Papſt wieder ſolche Muͤhe und ſolche Mittel auf, um das heilige Land den Chriſten wieder zuzueignen. Somit ging alſo fuͤr den Deutſchen Orden auch alle Hoffnung unter, je wieder in den Beſitz ſeiner nicht unbe⸗ deutenden Ordensguͤter im Morgenlande zu kommen; fo war das Band, welches die Ordensritter bisher immer noch nach Aſien hinuͤbergezogen, gaͤnzlich zerriſſen und was einſt ſchon Hermann von Salza mit dem Geiſte eines Sehers in die Zukunft geahnet, war jetzt in Erfüllung gegangen: Preuſſen ſollte im Schickſale der Welt der Schauplatz ſeyn, auf wel⸗ chem der Orden ſich ausleben, ſeine Beſtimmung erfuͤllen und ſeine Aufgabe in der Geſchichte fuͤr die Anpflanzung und Ver⸗ breitung chriſtlich deutſcher Bildung loͤſen ſollte. Ueberhaupt nahm nunmehr, ſeitdem der Orden aus dem Morgenlande als feiner alten Heimat hinweggewieſen war, fein ganzes urſprüng⸗ liches Weſen und fein ureigenthuͤmliches Streben eine andere Richtung und vieles geſtaltete ſich gaͤnzlich um, denn mit dem Boden waren ihm ja zugleich auch alle Verhaͤltniſſe und Be⸗ ziehungen entnommen, auf welche ſeine naͤchſte Beſtimmung und ſeine Pflichten ſich gruͤndeten; fuͤr viele ſeiner Geſetze war jetzt ſchon gar keine Anwendung mehr moͤglich, am we⸗ nigſten in ſeinen Beſitzungen in Deutſchland oder Italien. In Preuſſen und Livland allein beſtanden wegen der Naͤhe 1) Raynald. an. 1291. Nr. 31. an. 1292. Nr. 6. 2) Raynald. an. 1292. Nr. 17.
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7% Serufalem in Preuſſen (1291). der Heiden noch Verhältniffe, auf welche des Ordens erſte Beſtimmung noch anwendbar und ſeine Pflichten fuͤr den Schutz der Kirche und des Glaubens ausfuͤhrbar waren. Des⸗ halb galt auch die Bekaͤmpfung der heidniſchen Litthauer und Samaiten nun immer mehr fuͤr das Erſte, dem der Orden hier nachzugehen hatte, denn in dieſem Kampfe hatte das Schwert der Ordensritter nur den Feind gewechſelt, fuͤr den es beſtimmt war. Fuͤr manche andere Geſetze des Ordens aber, die nach dem Verluſte des heiligen Landes keine An⸗ wendung mehr finden konnten, ſchuf man ſich gewiſſermaßen die neuen Verhaͤltniſſe, um ſie darin anwenden zu koͤnnen, obgleich es oft nur bloße Formen waren, die aus der Be⸗ ſchaffenheit der Dinge im Morgenlande herbeigerufen wurden. So beſtand unter andern auch jetzt noch das Geſetz, daß jeder neuaufzunehmende Ordensritter vor ſeinem Eintritte in die ritterliche Verbruͤderung eine Pilgerreiſe ins heilige Land, wo moͤglich nach Jeruſalem an das Grab des Herrn unternehmen mußte ) und die meiſten Ritter waren dieſem Geſetze bisher, wie es ſcheint, darin nachgekommen, daß ſie wenigſtens nach Akkon wallfahrteten. Um nun auch fernerhin dieſem Geſetze Gnuͤge zu leiſten, legte man in Preuſſen bei den wichtigſten Ordensburgen gewiſſe Orte an, die mit Baͤumen umpflanzt und eingehegt, wahrſcheinlich auch feierlich eingeweiht, viel⸗ leicht auch mit einer Kapelle und einem Grabe verſehen, Je⸗ ruſalem genannt wurden 2). Sind wir durch glaubhafte Zeug⸗ niſſe uͤber den eigentlichen Zweck und die Bedeutung dieſer 1) Wir haben dieſes Gefeges ſchon früher B. II. S. 513 erwähnt und keine Spur gefunden, daß es aufgehoben oder veraͤndert worden ſey, obgleich wohl ſchwerlich jeder aufzunehmende Ordensritter zuerſt ins Morgenland gewandert ſeyn mag. Doch ſcheinen viele junge Ordens⸗ brüder ihre Aufnahme erſt nach der Pilgerwanderung in Akkon erhalten und dann mehre Jahre in den morgenlaͤndiſchen Ordenshaͤuſern verlebt zu haben. Zu dieſem Zwecke aber war ein ſolches Geſetz, um jene Or⸗ densconvente immer vollzählig zu halten, wohl ſelbſt politiſch nothwendig. 2) Man findet Orte dieſes Namens theils noch jetzt, theils in Ur: kunden, beſonders in Verſchreibungen bei Königsberg, Elbing, Marien⸗ burg, Graudenz, Rieſenburg und andern Orten.
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Serufalem in Preuffen (1291). 75 Orte auch nicht genau unterrichtet und mag es immerhin ſeyn, daß fie in fpäterer Zeit, als ihre erſte Bedeutung vielleicht ſchon vergeſſen war, zum Vergnuͤgen und zu mancherlei Luſt⸗ barkeiten benutzt wurden oder daß nachmals bei dem Verfalle der alten Sitte und Zucht des Ordens auch der alte ernſte, heilige Sinn der Gebraͤuche an dieſen Orten mehr und mehr verweltlichte und in der Gemeinheit des Lebens entartete ), ſo iſt doch gar nicht zu bezweifeln, daß dieſe Orte bei ihrer Gruͤndung eine ernſte und fromme Bedeutung und eine auf die Geſchichte des Ordens im heiligen Lande hinzielende Be⸗ ziehung hatten, daß ſie nicht etwa bloß das Andenken an das Grab des Herrn und an des Ordens erſte Beſtimmung in 1) Der Polniſche Scribent Stanislaus Sarnicius, ein abgeſagter Feind des Ordens, ſagt in ſeinen Annal. Polon. L. VI. p. 27 folgendes hierüber: Crucigeri nulli rei impensius studebant, quam malignitati, rapinae, ventri et üis quae sub ventre sunt; obliti interim Hieroso- Iymae, cuius defendendae voto tenebantur. Nec eis ea urbs in me- moriam redibat unquam, nisi quando post commessationes et prandia, animi causa, per eius figuram terrae insculptam, decurrebant. Usu enim illis receptum erat, ubique in Prussia, in collibus editioribus, prope arces nobiliores, figuram quandam labyrintheam et intricatam terrae insculpere, quam Hierosolymam vocabant, ut Grudenti et alibi etiam nung videre est. Hanc ipsi, vel servi ipsorum coram eis, hi- laritatis ergo, post pocula et crapulas percurrebant, et hoc pacto religione se solutos putabant, si pro defensione vera, Hierusalem a Sarracenis oppressae, fictam ludibundi percurrerent. Offenbar ift in dieſer Nachricht vieles bloße Faſelei, anderes nur halbwahr, denn auch zugegeben, daß der Wurm, der in fpäteren Zeiten am Kerne des Ordens fraß, auch hier vieles umwandelte, ſo iſt doch klar, daß die Schilderung des Polniſchen Scribenten, auch wenn ſie ſonſt in Beziehung auf die Orte mit dem Namen Jeruſalem ganz wahr wäre, nicht auf die fruͤ⸗ heren Zeiten anwendbar iſt. Es dürfte aber nicht ſchwer ſeyn, zu be⸗ weiſen, daß der Scribent, ohne es ſelbſt zu wiſſen, etwas ganz anderes ſchildert, als er will. Die Irrgarten oder Vergnuͤgungsorte der Ritter, die Sarnicius hier ſchildert, waren die Luftpläge, welche bald Vogelſang, bald Paradies genannt ſich im 14. und 15. Jahrhunderte faſt bei jeder Ordensburg befanden. In dieſen wurde nach dem Eſſen der heitern Freude und der Luft gefroͤhnt. Vgl. darüber einen kleinen Aufſatz „von den Preuſſ. Labyrinthen“ im Erlaͤut. Preuſſ. B. I. S. 721.
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76 Adolf von Naſſau und der Deutſche Orden (1291). dem Deutſchen Hauſe in Jeruſalem immer wieder zuruͤckrufen ſollten, ſondern daß ſie auch bei verſchiedenen gottesdienſtlichen Feſten und Feierlichkeiten, bei feierlichen Proceſſionen, wie bei der Aufnahme der Ritter in die Ordensbruͤderſchaft u. a. ihren beſtimmten Zweck hatten. An dem Papſte Nicolaus dem Vierten war aber dem Orden ein Goͤnner geſtorben, wie er ihn auf dem Roͤmiſchen Stuhle ſeit vielen Jahren nicht gehabt, und ehe dieſer Stuhl nun wieder beſetzt wurde, gingen uͤber zwei Jahre hin, da ſich die Kardinaͤle uͤber die neue Wahl durchaus nicht verei⸗ nigen konnten. Und kaum war der Hochmeiſter Konrad von Feuchtwangen mit ſeinen Ordensrittern in Venedig angekom⸗ men, als die Trauernachricht eintraf, daß auch König Rudolf von Habsburg am funfzehnten Juli 1291 zu Germersheim geftorben fey: für den Orden ein neuer ſchmerzlicher Verluſt, denn Rudolf hatte ihn von jeher mit vieler Huld beguͤnſtigt, da er einſt auch ſelbſt in Preuſſen ſein Werk mit dem Kampf⸗ ſchwerte befoͤrdert. Faſt zehn Monate gingen vorüber, ehe entſchieden war, welchem von dem Deutſchen Fürften die er⸗ ledigte Krone zufallen werde und erſt am zehnten Mai 1292 ertheilte ſie der Erzbiſchof Gerhard von Mainz ſeinem Vetter, dem Grafen Adolf von Naſſau. Schon die Gunſt, welche der Erzbiſchof dem Orden oft erwieſen !), zog dieſen zur Partei des neuen Koͤniges hinuͤber und Adolf von Naſſau be⸗ lohnte bald darauf dieſe Anhaͤnglichkeit der Deutſchen Ordens⸗ ritter durch ein ausgezeichnetes Privilegium, in welchem er des Ordens Verdienſte nicht bloß mit außerordentlichem Lobe erhob und ihn eben ſo, wie ſeine erhabenen Vorgaͤnger Frie⸗ derich der Zweite, Heinrich der Sechſte und Rudolf von Habs⸗ 1) So iſt unter andern nicht bloß eine Urkunde vom J. 1290 vor⸗ handen, durch welche der Erzbiſchof von Mainz dem damaligen Deutſch⸗ meiſter Konrad von Feuchtwangen jede beliebige Verſetzung der Ordens⸗ geiſtlichen aus einem Convente in den andern bewilligte, ſondern er zeigte ſich dem Orden auch im J. 1291 in einem Streite als Schieds⸗ richter gegen feine nahen Verwandten Philipp und Gottfried von Bik⸗ kembach guͤnſtig; ſ. Guden. Cod. diplom. T. IV. p. 964.
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Adolf von Naſſau und der Deutſche Orden (1291). 77 burg zu ſeiner ferneren Erhebung mit ſeiner Huld und Gunſt zu begnadigen verſprach, ſondern auch den geſammten Orden überhaupt, ſowie alle Ordensritter, die Halbbruͤder und alle Untergebenen insbeſondere, nebſt allen Beſitzungen, Staͤdten, Burgen und Unterthanen des Ordens in ſeinen koͤniglichen Schutz nahm und alle Privilegien, Vorrechte und Freiheiten deſſelben von neuem. beftätigfe‘). Freilich war nur allzu ſichtbar, daß Adolf hiebei mehr nur eigennuͤtzige Zwecke ver⸗ folgte, daß er den durch ganz Deutſchland und Italien ver⸗ zweigten und verbreiteten Orden dem Intereſſe und der Zu⸗ neigung der ihm widriggeſinnten Reichsfuͤrſten zu entziehen und an ſeine Partei und ſein Haus feſtzuknuͤpfen ſuchte, wes⸗ halb er vorzuͤglich auch den Hochmeiſter oft an feinem Hofe hatte, ihn in ſeine Reichsverhandlungen zog und ſelbſt zuwei⸗ len als bevollmaͤchtigten Geſchaͤftstraͤger bald hiehin bald dort⸗ hin entfandte?). Da konnte es freilich kaum fehlen, daß bei der damaligen Spaltung und Spannung der Parteien im Deutſchen Reiche nicht in der Seele manches dem Hauſe 1) S. dieſes Privilegium in „Diplomat. Unterricht und Deduction u. ſ. w. Nr. 11.“, datirt- in Bopardia X Cal. Iun. indict. sexta a. d. 1293, Regni vero nostri anno secundo. Unter andern heißt es darin von den Ordensrittern: a Regie Celsitudinis brachio tanto de- bent attentius confoveri in omnibus, tantoque sublimius honorari, quanto frequentius pro defensione Catholice fidei noscuntur in Castris dominicis militare; quid igitur miri, si dieti Fratres Hospitalis S. M. D. Th. I., quorum sancta Religio ab Imperialibus beneficiis circa promerendam specialem gratiam, et impetratam multarum libertatum ac privilegiorum indulgentiam Apostolice Sedis in spiritualibus sumpsit exordium, ac Imperialis Aule ortus floridus Imperatorum plantula et factura a nullo Prineipum tantum, quantum al Imperatoribus in rebus temporalibus habuit incrementum, preter Romanorum Regem nullum habeant Advocatum, seu etiam defensorem. Vgl. De Wal Histoire de IO. T. T. II. p. 341. 2) So erwähnt Perg im Archiv der Geſellſchaft für ältere Deutſ. Geſchichtsk. B. IV. Abtheil. I. S. 194 eines Beglaubigungsſchreibens des Kaiſ. Adolf für feinen Geſandten nach Venedig, „Cunrad von Fuͤth⸗ vangen Magistrum preceptorem ordinis S. Marie de domo Thento- nica.““ 1293. Jul. 29 in Vrideburg oppido imperiali.
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78 Adolf von Naſſau und der Deutſche Orden (1291). Naſſau widerſtrebenden Reichsfuͤrſten auch gegen den Deut⸗ ſchen Orden eine abgeneigte und widrige Geſinnung erwachte, denn in dem Maaße, als Adolf von Naſſau in der Achtung ſelbſt bei ſeinen Anhaͤngern ſank und bald uͤberall Haß und Abneigung auf ſich lud, mußte auch gegen die Deutſchen Or⸗ densritter als ſeine Schuͤtzlinge bei vielen Reichsgroßen ein gewiſſer Widerwille und eine abgeneigte Stimmung lebendig werden, zumal wenn die Beſchuldigung nicht ungegruͤndet war, daß die Ordensritter hie und da die Geſinnungen, Plane und Rathſchlaͤge der Fuͤrſten dem Koͤnige heimlich verrathen haͤtten 1). Je weniger aber unter ſolchen Verhaͤltniſſen der Orden nur irgend Hoffnung zum Wiedergewinne ſeiner Beſitzungen im Morgenlande faſſen durfte, um ſo mehr konnten nun die Kraͤfte, die er bisher noch nach Aſien hatte richten muͤſſen, auf ſeine Beſtrebungen und ſein Intereſſe im Abendlande, auf ſeine Laͤndereien in Italien und Deutſchland und vor allem auf ſeine eigentliche Schoͤpfung und neue Heimat in Preuſſen verwendet werden; und hier wurde auch in der That die Vermehrung ſeiner Kraͤfte ſchon mit jedem Jahre noth⸗ wendiger. 1) Duellius Historia Ordinis Teut. p. 25 ſagt: Ea propter for- tassis nonnulli exterorum Principum, quibus cum Adolpho non con- venerat, suspicione Fratres Teutonicos attigerint, quasi isti partibus Caesaris nimium addicti secreta illorum consilia in huius sinum de- posuissent. Die Nachricht Über diefe Beſchuldigung gründet ſich freilich nur auf Waißel S. 101 und De Wall. c. p. 342 hat den Theil der Angabe, der ſich auf den Verluſt der Ordenshaͤuſer zu Venedig und Neapel — als angebliche Folge jener Beſchuldigung — bezieht, gehörig widerlegt. Allein ganz ohne Grund ſcheint die Beſchuldkgung doch nicht zu ſeyn. — Viele Fuͤrſten blieben indeſſen dem Orden auch ferner noch zugethan. So ſchenkte z. B. der Burggraf Konrad II oder der Juͤngere von Nürnberg dem Orden die Burg Virnsberg mit zahlreichen Beſi⸗ tungen im J. 1294 beim Eintritte feines Sohnes in den Orden. Drei ſeiner Söhne waren in den Orden ſchon eingetreten; ſ. die Urk. in Fal⸗ kenſteins urkunden und Zeugniſſ. das Burggrafth. Nürnberg betreff. Nr. 87. p. 87.
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Verhaͤltniſſe des Ordens zu Pommern (1291). 79 Mit dem Nachbarlande Pommern, wo noch Herzog Miſt⸗ win regierte, ſtand der Orden zwar noch in friedlichen Ver⸗ haͤltniſſen, fo daß der Herzog dem weitern Fortgreifen des Ordens zu neuen Erwerbungen in ſeinem Gebiete nicht nur keine Hinderniſſe entgegenlegte, ſondern es vielmehr in ge⸗ wiſſer Hinſicht zu befoͤrdern ſchien, wie er wenigſtens durch ſeine bereitwillige Zuſtimmung bewies, als der Orden im Jahre 1291 durch den Ankauf des Dorfes Klein⸗Schlanz am linken Weichſel⸗Ufer fein Gebiet dort erweiterte ). Allein es waren in Pommern ſeit kurzem doch ſchon Verhaͤltniſſe ein⸗ getreten, uͤber welche der Orden mehr und mehr beſorgt wer⸗ den mußte. Herzog Miſtwin war nicht bloß bisher ohne maͤnnliche Erben geblieben, ſondern auch ohne Hoffnung, ſolche zu er⸗ halten ). Mit ihm alſo ſtarb der alte Stamm der Herzoge von Hinterpommern aus. In dieſem Falle mußte nach alten beſtehenden Vertraͤgen ſein Land als eroͤffnetes Lehen den Markgrafen von Brandenburg anheimfallen, in deren Lehns⸗ herrlichkeit ſich der Herzog mit feinen Landen früherhin be⸗ geben hatte ), und bei einiger Beſonnenheit hätte er kaum irgend einen andern Schritt fuͤr die Zukunft thun koͤnnen. Deſſenungeachtet hatte er ſchon laͤngſt ſeinen Vetter, den Herzog Przemislav von Polen zu ſeinem Nachfolger be⸗ 1) Original⸗Urkunde, datirt: in Gdanzech III. Non. April. an. 1291 im geh. Arch. Schiebl. 49. Nr. 39. Der Orden kaufte das Dorf von einem gewiſſen Alexius, der es vom Herzoge Miſtwin erhalten, und dieſer letztere trat dem Orden alles Eigenthumsrecht et omnia alia jura ducalia, die er darauf hatte, ab. Dregers Pommer. Urkunden⸗Ver⸗ zeichn. S. 22. 2) Im Chron. Oliv. p. 39 heißt es: Wistwigium vero, quod ille- gitime vixit et sponsam Christi Sanctimonialium de Coenobio Stol- pensi, Fulcam nomine, suo commercio adoptavit, deus privavit sul seminis legitimo successore, tanquam indignum, licet in aliis esset competenter dignus, 3) Die Verträge von 1269 und 1273; |. oben B. III. S. 302 und Gercken Cod. diplom. Brandenb. T. I. p. 210. Lancizolle Geſchichte der Bildung des Preuſſ. Staats B. I. S. 554.
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80 Verhaͤltniſſe des Ordens zu Pommern (1291). ſtimmt !), ohne jedoch auch andern nahen Fuͤrſten, als den Herzogen Bogislav und Otto von Slavien und Caſſubien oder Vorpommern und dem Fuͤrſten Wizlav von Ruͤgen, ſei⸗ nem Schwiegerſohne, ihre Anrechte und die Hoffnung auf die Nachfolge dadurch zu entnehmen 2). Bei dieſem Schwanken 1) Schon im J. 1284 ſpricht Miſtwin nicht bloß vom Herzoge Przemislav als von feinem Erben, ſondern auch „von andern unſerer Nachfolger“, ſ. Sell B. I. S. 349, und in einer urkunde vom J. 1287 bei Dreger Urk. Verzeichn. S. 17 heißt Przemislav erſter Suc⸗ ceſſor. Nach Dlugoss. p. 857 wäre die Ernennung Przemislavs als Nachfolger erſt im J. 1290 geſchehen; allein dieß iſt nur von der foͤrm⸗ lichen Anerkennung und Huldigung zu verſtehen. Micraeliö Antiq. Pomer. p. 183. Schon durch jene beiden Urkunden von 1284 und 1287 würde die Behauptung bei De Wal J. c. p. 458 zu widerlegen ſeyn, als habe Diugoss. die Uebertragung Pommerns an den Herzog von Polen er⸗ dichtet. Er will dieſes durch Urkunden erweiſen, die nach dem J. 1290 gegeben find und führt zunächft die des Herzogs Bogislav IV von Sla⸗ vien und Caſſubien an, worin dieſer das Kloſter Oliva in ſeinen Schutz nimmt und ihm alle feine Rechte und Beſitzungen beftätigt, Gereken l. c. T. VII. p. 110. Allein dieſer Beweis zerfällt dadurch, daß eine Original⸗Urkunde des Herzogs Przemislav von Polen im geh. Arch. Schicbl. LV. Nr. 59 mit der des Herzogs Bogislav faſt völlig gleich lautet, von dem naͤmlichen Datum iſt und namentlich auch die Worte enthält: In huius igitur confirmacionis perhennem memoriam presen- tem paginam sigillo nostro et sigillo domini Mysciwgii ducis Pome- ranie, qui huic ordinacioni presentialiter interfuit cum subscripcione testium fecimus roborari. Schon hienach ift nicht zu bezweifeln, daß Miſtwin wirklich den Herzog von Polen zu ſeinem Nachfolger beſtimmt hatte. Hiezu kommt noch eine Urkunde vom J. 1294, worin „secun- dus Premisl dei gracia dux Polonie Maioris die Schenkung Miſtwins, den er hier patruus noster nennt, an den Johanniter⸗Orden beſtaͤtigt, im geh. Arch. Schiebl. 58. Nr. 28. 2) Die Herzoge von Vorpommern gruͤndeten ihre Anſpruͤche nicht bloß auf ihre Verwandtſchaft mit Miſtwin — ſie waren „les plus proches cousins et parents collateraux“ —, ſondern auch auf einen foͤrmlichen Vertrag vom J. 1264, worin ihnen Miſtwin nicht bloß das Land Schwez, welches er damals ſchon beſaß, ſondern auch alles zuſicherte, was er einft nach dem Tode feines Vaters und feines Bruders erhalten werde; Dreger Cod. Pomer. Nr. 368. Der Fürft von Rügen konnte feine Brnforücie nicht von feiner Gemahlin, Miſtwins Tochter, herleiten, da
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Verhältniffe des Ordens zu Pommern (1291). 81 und bei dem ganzen charakterloſen Weſen des Herzogs konn⸗ ten aber auch die Großen ſeines Landes, die Woiwoden und Caſtellane wegen Sicherſtellung ihrer Rechte und Freiheiten in der Sache nicht gleichguͤltig bleiben und ſie beſchloſſen da⸗ her auf einem Landtage im Jahre 1287, nach Miſtwins Tod keinen als ihren Landesfuͤrſten und Herrn anerkennen zu wol⸗ len, der nicht ihre Rechte und Freiheiten und die Buͤndniſſe mit dem Biſthum Camin und den Herzogen von Slavien und Caſſubien beftätigt habe!). Herzog Miſtwin ſuchte jetzt die Staͤnde ſeines Landes fuͤr dieſe Herzoge von Vorpommern zu gewinnen 2); allein Herzog Przemislav von Polen hatte durch Geſchenke und lockende Verſprechungen bei den Landesgroßen ſeinen Zweck ſchon erreicht, denn dieſe traten dem Herzoge Miſtwin geradehin mit dem Verlangen entgegen, dieſen Fuͤr⸗ ſten, der ihre Verfaſſung, ihre Sitte und Sprache kenne, zu ſeinem Nachfolger zu ernennen, indem ſie erklaͤrten, die Her⸗ zoge von Vorpommern ſeyen ſchon zu ſehr dem Deutſchen Weſen zugethan und ihrer Eigenthuͤmlichkeit entfremdet, um über fie herrſchen zu koͤnnen ). Der willenloſe Herzog wil⸗ fie illegitim erzeugt war; er ſtuͤtzte fie mehr auf feine Abſtammung, denn ſein Großvater Jaromir II hatte Miſtwins Schweſter Eliſabeth zur Gemahlin gehabt; ſ. De Wal. c. p. 495. Vgl. Herzberg Ex- pose des droits du Roi de Prusse in dem Recueil de deductions, ma- nifestes etc. V. I. p. 326, wo vorzüglich die nachſten Anrechte der Her⸗ zoge von Slavien geltend gemacht werden. 1) Sell a. a. O. S. 350 — 351 nach ungedruckten Urkunden im Dreger: Cod. 2) Hiezu wurde Miſtwin zum Theil durch den erwaͤhnten fruͤheren Vertrag bewogen; Herzberg Exposé p. 326. 3) Bei Herzberg Exposé p. 327 heißt es: Mestwin avoit con- voqué la Noblesse de Ia Pomeranie, pour se designer un successeur et leur avoit fortement recommend& ses Cousins les Ducs de Stettin; mais que cette Noblesse, qui etoit encore toute Venede, et qui avoit eté par les corruptions du Palatin Svenzo en faveur du Duc de Po- logne, lui avoit declare, qu'un Prince Polonois, avec lequel ils avoient la meme langue et les m&mes moeurs, leur convenoit mieux, que les Ducs de Stettin, qui avoient adopté les moeurs et la langue des Allemands etc. IV. 6
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82 Verhaͤltniſſe des Ordens zu Pommern (1291). ligte ein; die Staͤnde huldigten dem Herzoge von Polen ſchon im Jahre 1290 als ihrem kuͤnftigen Landesfürften und dieſer ſah ſich ſeitdem auch ſchon als Herrn von Pommern an 1), obgleich im Jahre zuvor die Markgrafen von Brandenburg mit dem Fuͤrſten Wizlav von Ruͤgen ſchon einen Vertrag ge⸗ ſchloſſen hatten, nach welchem nach Miſtwins Tod deſſen Land zwiſchen ihnen getheilt und ſelbſt mit kriegeriſcher Macht in Beſitz genommen werden ſollte 2). Fuͤr den Orden in Preuſſen waren, wie begreiflich, dieſe Verhaͤltniſſe von der aͤußerſten Wichtigkeit. Sey es, daß es dem Landmeiſter Meinhard von Querfurt nicht moͤglich geweſen war, in die Verhandlungen wirkſam mit einzugreifen, oder daß er bei ſolcher Verwickelung der Intereſſen der verſchiede⸗ nen Fuͤrſten erwartete, die Verhaͤltniſſe moͤchten ſich noch in irgend einer Weiſe guͤnſtiger für den Orden geſtalten: fo viel war gewiß, daß zwar eine Vereinigung Hinterpommerns mit den Laͤndern der Herzoge von Slavien und Caſſubien dem Orden keineswegs wuͤnſchenswerth ſeyn koͤnne und manche Beſorglichkeit erregen muͤſſe, daß es aber noch weit bedenk⸗ licher und gefahrvoller ſey, wenn Pommern einem Herzoge von Polen angehoͤre, denn abgeſehen von der bedeutenden Vergroͤßerung des Landes und alſo auch der Macht, welche der Herzog von Polen auf dieſe Art erlangte, war fuͤr den Orden auch der Umſtand von großer Wichtigkeit, daß er da⸗ durch auch im Weſten ein Gebiet unter Polniſcher Herrſchaft als Nachbarland bekommen haͤtte und im Falle eines Krieges mit Polen auf dieſe Weiſe auch dort fuͤr den Feind zugaͤng⸗ lich geworden waͤre. Gewiß ſah er daher nicht ohne Hoff⸗ nung auf die Buͤndniſſe hin, welche die Markgrafen Otto, Konrad, Johannes und Otto von Brandenburg, der Fuͤrſt Wizlav von Ruͤgen und der Biſchof Jaromar von Camin zur Behauptung ihrer Rechte und Anſpruͤche auf Miſtwins Gebiet 1) Kraft des erwähnten Diploms vom J. 1291 handelte er ſchon eigentlich als Landesherr. 2) Gercken Cod. diplom. T. I. Nr. 131. p. 225. Lancisolle a. a. O. S. 558.
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Verhaͤltniſſe in Polen (1291). 83 unter einander ſchloſſen, um nach deſſen Tod ganz anders über Pommern zu verfugen !). Ueberall alſo erwartete man für Pommern ſehr unruhvolle Zeiten. Das andere Nachbarland des Ordens, Polen, war bereits einem furchtbaren Buͤrgerkriege Preis gegeben, der alles durch⸗ einander gewirrt und alle Ordnung des Staates ſchon faſt gänzlich aufgelöft hatte?). Nach dem Tode des Herzogs Leſſek des Schwarzen, eines Enkels des Herzogs Konrad von Maſovien, bemaͤchtigte ſich jeder der Polniſchen Herzoge eines Theiles ſeines Gebietes; jeder griff zu, wie er konnte und einer bekaͤmpfte den andern, wie und ſo oft er wollte. Krakau und Sandomir hatte Leſſek ſeiner Gemahlin Griphina teſta⸗ mentlich zuerkannt; allein das Landvolk dieſer Provinzen waͤhlte den Herzog Boleslav von Maſovien zu feinem Herrn, wäh- rend Krakau's Buͤrgerſchaft den Herzog Heinrich den Vierten von Breslau herbeirief ). Und da nun beide Länder bereits von den Herzogen Wladislav Loktek von Cujavien und Prze⸗ mislav von Großpolen in Beſitz genommen waren, ſo uͤber⸗ trug die Herzogin Griphina ihr Recht auf ihren Schweſter⸗ ſohn, den König Wenceslav von Böhmen, der nun in Polen ebenfalls mit bewaffneter Macht erſchien und das Waffenge⸗ tuͤmmel noch vermehrte). Er brach ſofort in Cujavien ein, trieb den Herzog Wladislav Loktek aus dem Lande, nannte ſich nun Koͤnig von Polen, gewann auch Krakau und ſuchte dieſes theils durch ſtaͤrkere Befeſtigung, theils durch die Gunft 1) Gercken Cod. diplom. Brandenb. T. I. Nr. 144, p. 245. In dem Buͤndniſſe verſprachen der Biſchof Jaromar von Camin und der Fuͤrſt von Rügen: Post obitum Domini Mastwini Ducis Pomeranie toto posse et juvamine fideliter in omnibus iuvabimus Dominos Mar- chiones et patrem nostrun antedictos principes et clausuras nostras eisdem principibus aperiemus. Kantzow B. I. S. 276. 2) Dubrav. Histor. Boiem. p. 148. 3) Henelii ab Hennenfeld Annal. Siles. p. 263. Buͤſching Jahrbuͤch. der Schleſier S. 82. 4) Dubrav. p. 148 seq. Diugoss. p. 858. Buͤſching a. a. O. S. 84. Chron. Bohemiae ap. Ludewig Reliqu. Mscr. T. XI. p. 381. 6 *
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84 Verhaͤltniſſe in Polen (1291). des Krakauiſchen Biſchofs zu behaupten ). Dieſer verwirrte und ordnungsloſe Zuſtand Polens war aber im Jahre 1291 noch in vollem Steigen, als auch von außenher, naͤmlich aus Litthauen ein neuer ſchrecklicher Sturm uͤber das Land einbrach. Die Litthauer und Samaiten waren naͤmlich von Preuſ⸗ fen aus faft das ganze Jahr 1291 hindurch theils in foͤrm⸗ lichen Kriegszuͤgen, theils durch den kleinen Krieg bekaͤmpft und beſchaͤftigt worden. Schon um Oſtern war Berthold Bruͤhaven, Komthur von Koͤnigsberg, auf die Nachricht, daß die Litthauer im Gebiete Junigede zur Deckung des vor kur⸗ zem erſt verwuͤſteten Landes eine Burg gleiches Namens er⸗ bauten, mit einer Heerſchaar von tauſend Samlaͤndern dahin gezogen, um den Bau zu hindern und da ihm dieſes wegen des Feindes Uebermacht nicht gelungen war, ſo hatte er ſich gegen die Burg Mederabe gewandt und dieſe durch Feuer vertilgt?). Um die naͤmliche Zeit hatte ſich auch der Land⸗ meiſter Meinhard ſelbſt, begleitet von dem tapfern Komthur von Balga Heinrich Zuckſchwert, mit einer ſtarken Reiterſchaar und hundert Ritterbruͤdern wieder in die Gegend Samaitens gewagt, wo jenes alte Heiligthum ſtand, und die beiden Ge⸗ biete von Geſow und Pajtow ?) durch Raub und Brand gaͤnzlich verwuͤſtet, das feindliche Volk weit und breit in die Waͤlder verdraͤngend. Der Komthur von Balga aber, auf dieſem Heereszuge im Zweikampfe mit dem abtruͤnnigen Haͤupt⸗ ling der Litthauer Jeisbute ), den er erlegte, verwundet, hatte 1) Chron. Anonymi Archidiac. Gnesn. p. 95. 2) Dusburg c. 236 — 237. Lucas David B. V. S. 98 — 99. 3) Dieſe beiden Gebiete lagen noͤrdlich vom Memel⸗ Strome, ſuͤd⸗ waͤrts vom alten Erogeln, dem jetzigen Jeragolja. Ohne Zweifel weiſen die beiden Namen der heutigen Orte Poczto und Jaswocze auf das ehe⸗ malige Paſtow und Geſow hin. Vgl. Lindenblatts Jahrb. S. 41. Dieſes beftätigt ſich auch dadurch, daß Wigand Marburg. die vier Ge⸗ biete Pernare, Gesow, Eroglen und Pastow als nahe an einander lie⸗ gend nennt. Pernare iſt aber unbezweifelt das oͤſtlich von Erogeln und noͤrdlich von Keidany liegende Pernarewo. 4) Dusb. c. 239 ſagt von ihm: qui ante fuit anıicus nunc hostis, Auch hier ſchreibt der Chroniſt den Namen unrichtig Lesbuto.
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Kriegszüge gegen die Litthauer (1291). 85 bald darauf im Sommer die Burg Junigede abermals heim⸗ geſucht, vor allem jedoch das Gebiet von Oukaim aufs ſchreck⸗ lichſte verwuͤſtet und eine außerordentliche Beute an Menſchen und Vieh hinweggefuͤhrt!). So waren die heidniſchen Ge: biete faſt das ganze Jahr hindurch durch kriegeriſche Raub⸗ zuge, Brand und Verheerungen geſchreckt worden; an Rache und Vergeltung durch Einfaͤlle in Preuſſen konnte nicht ge⸗ dacht werden, denn eines Theils hatte auch der Meiſter von Livland die Heiden nordwaͤrts fort und fort beſchaͤftigt, an⸗ dern Theils waren die beiden Graͤnzburgen Ragnit und Tilſit immer ſtark mit wehrhafter Mannſchaft beſetzt, die durch Zu⸗ fuhr und Leiſtungen aus andern Landſchaften unterhalten wer⸗ den mußte, woher die Landesabgabe des Schalwenskorns oder des Schalauiſchen Getreides ihren Urſprung nahm. Außerdem aber wurde davon auch die von dem Landmeiſter neu ange⸗ ordnete Graͤnzwache unterhalten, eine Art von Landwehr, die an den Graͤnzen der heidniſchen Lande lag, um theils wenig⸗ ſtens den erſten Anfall eines ſtaͤrkeren feindlichen Heeres auf⸗ zuhalten und abzuwehren, theils die Einfaͤlle kleiner pluͤn⸗ dernder Streifhorden ſchon an der Graͤnze zuruͤckzuwerfen ?). Und endlich waren an den Graͤnzen auch ſ. g. Spaͤher, Wart⸗ leute oder Graͤnzwaͤchter aufgeſtellt, die bei jeder Gefahr we⸗ gen eines Feindes dem naͤchſten Komthur ſogleich Nachricht geben und alles, was im feindlichen Lande vorging, auskund⸗ ſchaften mußten). Auch zur Unterhaltung dieſer Graͤnzwaͤch⸗ 1) Dusburg c. 239 — 240. Lucas David B. V. S. 103 — 104 beſchreiben dieſe Kriegszuͤge etwas genauer; wir haben ihrer aber hier mehr nur im Allgemeinen erwaͤhnt, weil auch wir der Meinung ſind: Quoique ces sortes de details ne soient pas toujours fort intéressans, on ne peut cependant pas les supprimer entierement, pour ne pas laisser un vuide dans Phistoire, wie De Wall. c. p. 313 fagt. 2) Auch Schütz p. 49 erwähnt um dieſe Zeit ſchon dieſer Gränz- wache. In Urkunden kommt fie häufig custodia terre genannt vor. Alnpeck S. 127 nennt ſie Landwehr. 3) Dieß ſind die ſo oft vorkommenden speculatores oder Wartleute, die der einbrechende Feind immer gerne zuerſt aufzugreifen ſuchte. Aln⸗ peck S. 127.
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86 Kriegszuͤge gegen die Litthauer (1291). ter ward im Lande eine beſondere Abgabe erhoben, welche man Wartgeld nannte ). Da nun Preuſſen in ſolcher Weiſe den Raubzuͤgen der Litthauer nicht mehr ſo leicht zugaͤnglich war und die beſtaͤn⸗ digen Kriegszuͤge der Ordensritter das heidniſche Volk auch ſcheu und furchtſam gemacht, fo richtete dieſes jetzt, die Ver⸗ wirrung Polens in. feinem Buͤrgerkriege benutzend, feine raͤu⸗ beriſchen Einfälle gegen dieſes Land. Ein neuer Großfürft naͤmlich auf Litthauens Thron, Putuwere, Witens Nachfol⸗ ger 2), fandte noch im Laufe des Jahres 1291 feinen kriege⸗ riſchen Sohn Witen mit einem ſtarken Heere nach Polen ) und da die Fuͤrſten dieſes Landes alle gegen einander ſelbſt in den Waffen ſtanden und nirgends Widerſtand war, ſo drang der pluͤndernde Feind ungehindert bis in die Gegend von Brzeſc und nach Cujavien vor, alles durch Feuer und Schwert verwuͤſtend und ſich mit Beute bereichernd. Eiligſt kehrten zwar die Herzoge Wladislav Loktek von Cajuvien und Kaſimir von Lancziz zur Rettung ihrer Lande zuruͤck; allein ihre geſchwaͤchte Kriegsmacht war nicht im Stande, die wil⸗ den Raubhorden zu vertreiben. Sie riefen daher den Land⸗ meiſter von Preuſſen um Huͤlfe an. Er zog eiligſt mit ſech⸗ 1) Vgl. Lucas David B. V. S. 87. Lindenblatts Jahrb. S. 180. Hier kann nur die Entſtehung dieſer Abgaben angedeutet wer⸗ den, da ſpaͤterhin noch einmal von ihnen die Rede ſeyn wird. 2) Im gewöhnlichen Texte bei Dusburg c. 241 heißt es: Lutu- werus Rex Lethoviae etiam hoc anno filium suum Vithenum cum maximo exercitu misit versus Poloniam. Allein der Name des Kö- niges oder Großfuͤrſten iſt hier ganz falſch, denn ſowohl bei Jeroſchin c. 241 und im Epitomator, als in den Mscr. Berolin. und Regiomont, heißt er Putuwerusz auch bei Lucas David B. V. S. 104 ſteht Pu⸗ tiver. Wann dieſer neue Großfürſt den Litthauiſchen Thron beſtiegen habe, iſt nicht genau zu ermitteln; duͤrfte man aber auf die Worte Dusburgs „etiam hoc anno“ ein Gewicht legen, fo möchten auch frü- her ſchon Raubzuͤge dieſer Art erfolgt ſeyn und er die Herrſchaft ſchon einige Jahre gefuͤhrt haben. 3) Nach Kojalowiez p. 200 und Cromer p. 261 ſoll der Herzog Boleslav von Maſovien dieſen Einfall der Litthauer veranlaßt oder doch Mitwiſſen gehabt haben.
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Kriegszäge gegen die Litthauer (1291). 87 zig Ordensrittern und einer Streitmacht von tauſend auser⸗ leſenen Kriegern herbei; allein kaum hatte er ſich mit den Herzogen vereinigt und den Angriff gegen den Feind begon⸗ nen, als jene plotzlich mit allen den Ihrigen die Flucht er⸗ griffen und die Ritter nun zum Widerſtande zu ſchwach un⸗ ter großer Gefahr und mit einer bedeutenden Zahl von Ver⸗ wundeten in ihre Lande zurüdeilen mußten ). Der Landmeiſter wollte raͤchende Vergeltung uͤben und ſammelte deshalb ſchon in den erſten Monden des Jahres 1292 ein neues ſtarkes Heer zum Einfall ins feindliche Land. Da er aber an der Graͤnze Litthauens im Ruhelager lag, trat ein getreuer Preuſſe ins Zelt des Komthurs von Balga Heinrich Zuckſchwert und ſprach: „Herr! Ihr mit allen euern Bruͤdern ſeyd verrathen, wenn ihr in das Gebiet der Litthauer einziehet, denn der Feind durch Verraͤther aus euerem eigenen Heere ) von euerer Ankunft unterrichtet erwartet euch in einer ſo guͤnſtigen Stellung, daß keiner von euch dem Tode entfliehen kann. Tretet ihr aber die Ruͤckkehr an, fo werden Verraͤther in euerem Heere die Gelegenheit erſpaͤhen, euch zu uͤberfallen und bis auf den letzten Mann zu erwuͤrgen.“ Erſchrocken entgegnete der Komthur: „Wenn dem alſo, ſo ſprich, wie ſollen wir uns retten?“ Da erwiederte der Preuſſe: Tretet den Ruͤckweg an, aber bleibt bewaffnet und zum Kampfe ge⸗ ordnet, denn wenn die Verraͤther euch ſtets zum Streite be⸗ reit ſehen, ſo wird Furcht und Zagen ſie von ihrem Frevel abhalten.“ Der Landmeiſter von dem Komthur eiligſt hievon benachrichtigt, ſandte ſofort heimliche Kundſchafter ins feind⸗ liche Land und als er durch ſie vernahm, daß der Preuſſe 1) Dusburg I. c. Jeroſchin a. a. O. führt an, daß auch ganz Cujavien vom Feinde ſchwer verheert worden ſey. Lucas David B. V. S. 104. Kojalowiez I. c. ſpricht von einer incredibili celeritate, mit welcher dieſes Land verwuͤſtet worden; aber mit Dusburgs Dar⸗ ſtellung paßt dieſes nicht recht zufammen. Diugoss. p. 862 weiß na⸗ tuͤrlich von der ſchimpflichen Flucht der Polen nichts. 2) Nach Schütz p. 49 ſollen Pogeſanier und Schalauer die Ver⸗ räther im Ordensheere geweſen ſeyn.
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88 Raubzuͤge der Litthauer nach Polen (1292). wahr geſprochen, ließ er durch das ganze Heer den Befehl ergehen: es ſolle jeder auf der Ruͤckkehr bewaffnet bleiben; die Gefahr erlaube keinen Zug in Feindesland. Zugleich ließ er im Stillen die ihm bezeichneten Haͤupter der Verraͤtherei, jeden einzeln zu ſich rufen, uͤbergab ſie der Aufſicht ſeiner Ritterbruͤder und trat ſo vorſichtig den Ruͤckzug an. Da aber die uͤbrigen Theilnehmer des verraͤtheriſchen Planes ihre Haͤup⸗ ter ſtets in der Ordensritter Umgebung ſahen und ihr Vor⸗ haben entdeckt oder doch vereitelt glaubten, ſo entging der Meiſter der drohenden Gefahr und kam ſicher in die Heimat zurück ). So ſchmerzlich indeſſen und betrübend dem Landmeiſter auch die Erfahrung des verraͤtheriſchen Geiſtes in ſeinem ei⸗ genen Volke war, fo ſehr erfreuten ihn doch auch die viel- fachen Beweiſe der Treue und Anhaͤnglichkeit, welche ihm von manchen Seiten her, beſonders von Samlands alten Within⸗ gen in dieſen Tagen der Bedraͤngniß und Gefahr gegeben wurden und er belohnte ſie theils durch laͤndliche Verleihun⸗ gen, theils durch Freiheiten und Vorrechte oder auf andere Weiſe ?). Aber nur kurze Zeit durfte der Meiſter das Kriegsſchwert in Ruhe laſſen, denn ein neues Kriegsheer der Litthauer war unter Witens Fuͤhrung ſuͤdwaͤrts gezogen, um Polen und dann auch Preuſſens ſuͤdliche Gebiete, beſonders das Kulmerland mit Raub und Brand heimzuſuchen. Es war kurz vor Pfing⸗ ſten, als es ſich im Oſten den Graͤnzen naͤherte und zwei Kundſchafter des Komthurs von Schoͤnſee aus der Wildniß 1) Dusburg c. 242. Lucas David B. V. S. 111 — 113 fügt hinzu: „Wie aber der Landmeiſter und Orden ſich hernach wider die Heupter ſolcher Meuterci vorhalten, ob ſie dieſe uebelthat mit Nachſicht behandelt, damit kein innerlicher Krieg entſtehen moͤgte, oder ob ſie derer etliche geſtrafft, wird nicht angezeiget.“ Schütz a. a. O. be merkt dagegen, daß der Landmeiſter die Haͤupter der Verraͤtherei aus dem Wege geräumt habe. Kojalowiez p. 201. 2) Das geh. Archiv beſitzt hierüber aus dem J. 1292 mehre Ur⸗ kunden; beſonders werden die Beweiſe der Treue der beiden Bruͤder Symmute und Stilige ausgezeichnet geruhmt.
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Raubzuͤge der Litthauer nach Polen (1292). 89 her die Nachricht von des Feindes Ankunft ins Kulmerland brachten. Es verbreitete ſich ein allgemeines Schrecken und eiligſt meldete der Stellvertreter des Landkomthurs von Kulm Johannes Sachſe, der zur Zeit abweſend war, nicht nur die⸗ ſem, ſondern auch dem Landmeiſter Meinhard: „ein großes, ſtarkes Heer von Heiden iſt gegen das Kulmerland im An⸗ zuge; in Maſovien flüchtet ſich im Schrecken ſchon alles in die Burgen und Verſchanzungen; ein Bote des Komthurs von Schoͤnſee bringt die Nachricht, das feindliche Volk wolle das Kulmerland mit Feuer und Schwert verwuͤſten. Auch haben unſere Spaͤher ſchon zwanzig Reiter ins Land ein⸗ ſprengen geſehen, um die Spaͤher des Ordens aufzuheben und die Wege auszuforſchen. Wir haben deshalb eiligſt un⸗ ſere Landwehr zuſammengerufen und Kriegsgeſchrei ergehen laſſen, damit das Landvolk ſich in die Burgen fluͤchte. Wir bitten euch aber aufs dringendſte, eilet ſchleunigſt mit Huͤlfe herbei, denn ſchon iſt eine Streifhorde ins Gebiet des Bi⸗ ſchofs von Kulm eingefallen, hat Menſchen und Viehherden hinweggetrieben und zwei unſerer beſten Spaͤher erſchlagen ).“ 1) Wir haben dieſen Brief noch im Original im geh. Arch. Schiebl. I. Nr. 8. Er faͤngt mit den Worten an: Religioso nostro fratri Ioh. Commendatori provincjali terre Chulmen. Frater G. vices suas ge- rens obedientiam etc., iſt alſo zunaͤchſt von dem Stellvertreter des Kulmiſchen Landkomthurs an dieſen gerichtet. Er ſollte aber auch an den Landmeiſter gelangen; weshalb es am Schluſſe heißt: Littera sine mora de domo ad domum mittatur. Insuper usque ad magistrum mittatur sine mora. Der Verfaſſer des Briefes und alſo der Stellver⸗ treter des Landkomthurs war wahrſcheinlich Günther von Schwarzburg, der nachmals ſelbſt Landkomthur von Kulm wurde. Jetzt bekleidete dieſe Stelle Johannes Sachſe oder Saxe; wir erſehen dieſes auch aus einem Briefe des Hochmeiſters Konrad von Feuchtwangen aus Meiningen vom J. 1292, worin dieſer jenem Landkomthur aufträgt, einen Kelch und andere Altargeraͤthe, welche die edle Frau von Kalys fuͤr die Ordens⸗ kirche in Marburg beſtimmt habe, in Empfang zu nehmen und ſie mit den zum General⸗Kapitel kommenden Bruͤdern herauszuſenden. Obgleich jener Brief ohne Datum iſt, fo kann er doch in keine andere Zeit ge⸗ hören, als in das J. 1292, denn die im Anfange deſſelben vorkommende
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90 Raubzuͤge ber Litthauer nach Polen (1292). Auf dieſe Nachricht eilten der Landmeiſter und der Landkom⸗ thur ſofort ins Kulmerland hinauf, die Graͤnzen ſtark zu be ſetzen, und der Feind wagte es nicht, ſeinen Plan aufs Kul⸗ merland weiter zu verfolgen. Um ſo leichter aber war es ihm unter den fortdauernden Zerwuͤrfniſſen und Verwirrungen abermals in Polen einzufallen, denn auch dieſesmal fand er im Fortzuge nirgends Widerſtand. Es war am Pfingſtfeſte, als er waͤhrend einer feierlichen Proceſſion die Stadt Lancziz plotzlich uͤberfallend in einer Kirche vierhundert Geflüchtete er⸗ mordete, Praͤlaten und andere Geiſtliche gefangen hinweg⸗ ſchleppte und alle heiligen Gefaͤße raubte und zum gemeinſten Gebrauche verwandte. Dann überftürmte er auch das platte Land und ſchlug der ungluͤcklichen Bewohner ſo viele in Feſ⸗ ſeln, daß jedem einzelnen Litthauer zwanzig Chriſten als Skla⸗ ven zufielen. Erſt jetzt brach Herzog Caſimir von Lancziz im Schmerze uͤber ſeines Landes Verderben mit einer Streitmacht auf, den Feind auf dem Ruͤckzuge zu verfolgen. Allein Her⸗ zog Boleslav von Maſovien trat dazwiſchen und vermittelte, ſey es aus Argliſt oder aus Furcht, einen Waffenſtillſtand zwiſchen Witen und Caſimir. Kaum ſahen jedoch die treu⸗ loſen Heiden die Polen in ihrem Lager ohne Wehr und Ruͤ⸗ ſtung, als ſie des Vertrages nicht achtend ploͤtzlich auf die Sorgloſen einſtuͤrzten und den Herzog ſammt feiner ganzen Heerſchaar erwuͤrgten, alſo daß kaum ein Mann dem Blut⸗ bade entfliehen konnte 1). Zeitbeſtimmung proxima feria tercia infra Octavas Pentecostes paßt genau mit der Angabe bei Dusburg c. 243 zufammen. 1) Dusburg c. 243. ueber den Waffenſtillſtand druͤckt ſich der Epitomator fo aus: Bolislaus dux Masovie nescitur qua interventione intercepit causam et pacavit ad tempus, sed perversi inimici viola- bant et dietum ducem inermem et omnes suos scandalose occidunt, preter unum militem, qui huius rei testimonium perhibuit. Dusburg iſt hier unbezweifelt der vollguͤltigſte Zeuge. Die ſpaͤtern Polniſchen Schriftſteller, als Diugoss. p. 870, Cromer. p. 263 u. a. geben den Verlauf der Sache zwar anders an und ſetzen die Begebenheit ins J. 1294, worin ihnen auch Schloͤzer in f. Geſchichte v. Litthauen S. 55 folgt; allein es findet ſich kein Grund, die Zeitangabe bei Dusburg in
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Raubzüge der Litthauer nach Polen (1292). 91 Den Landmeiſter hatte die Erfahrung des vorigen Jahres gewarnt, die Graͤnze ſeines Landes zu verlaſſen, um dem Nachbar beizuſtehen, obgleich ein langer Zwiſt mit der Her⸗ zogin Salome von Cujavien und ihren Soͤhnen Leſtko, Prze⸗ mislav und Caſimir theils uͤber allerlei gegenſeitige Unbillen, Rechtsverletzungen und Ungerechtigkeiten unter ſich und ihren Unterthanen, theils über eine bei Luͤbitſch auf der Drewenz zum Nachtheile der Herzogin vom Komthur von Thorn er⸗ baute Mühle bereits völlig wieder ausgeglichen und die nach⸗ barliche Freundſchaft hergeſtellt warn). Durch den Aufbau dieſer Muͤhle aber, die nachmals ſtark befeſtigt und in eine Art kleiner Burg umgewandelt wurde, war ein Zankapfel hingeworfen, an den ſich ſpaͤterhin der Hader und die Feind⸗ ſchaft der Fürſten Polens und Preuſſens immer wieder an⸗ knuͤpfte. Als aber dieſe Gefahr an Preuſſens ſuͤdlicher Graͤnze voruͤber und die dort aufgeſtellte Kriegsmacht ins innere Land zuruͤckgekehrt war, beſchloß zu Ende des Juli der tapfere Zweifel zu ziehen, zumal da fie mit dem erwähnten Briefe des Vice⸗ Landkomthurs genau uͤbereinſtimmt. Vgl. noch Anonymi Archidiac. Gnesn. Chron, ap. Sommersberg T. II. p. 88. 1) Wir haben von dieſer Vertragsurkunde zwei Transſumte vom J. 1412 und 1435 im geh. Arch. Schiebl. 58. Nr. 9 und 25. Der Vertrag iſt datirt: In Iuvene Wladislavia a. d. 1292 quinto Kal. May. Geſtritten war zwiſchen beiden Theilen, wie es nur im Allgemeinen heißt, super rebus, dampnis, debitis et iniuriis hincinde illatis; doch gab die Herzogin ihren Schaden auf 3000 Mark, der Orden den ſei⸗ nigen auf 1200 Mark an. Man hob indeſſen gegenſeitig auf. Wich⸗ tiger war der Streit wegen der Muͤhle zu Luͤbitſch, weil ſie ſpaͤter ſo oft Gegenſtand des argſten Haders wurde. Der Komthur von Thorn Heinrich von Byr erbaute ſie und zwar in nostrum preiudicium, wie die Herzogin ſagt. Man glich ſich aber jetzt dahin aus, quod dictum molendinum sicut positum est, ad fratrum maneat utilitatem et repa- retur quociens est necesse eorum sumptibus et expensis, et de eodem nichilominus molendino nobis et nostris heredibus per Commendato- rem domus Thorunen. quafuor marce denariorum monete Thorun. in ſesto b. Martini in Castro Thorun. annis singulis persolvantur. Vgl. Lucas David B. V. ©. 110—111.
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U 92 Kriegszuͤge gegen die Litthauer und Samaiten (1293). Komthur von Ragnit Konrad Stange n) mit einem Theile dieſes Heeres von neuem ins feindliche Gebiet einzufallen, um vor allem die gefaͤhrliche und feſte Burg Junigede zu er⸗ ſtuͤrmen. An der Graͤnze indeſſen brachte ihm ein vorausge⸗ ſandter Spaͤher die Nachricht, die Burgbeſatzung ſey außer⸗ ordentlich zahlreich und das ganze Feld umher mit einem Heere bedeckt. Da entſank aus Schrecken den Ordenskriegern faſt aller Muth. „Es iſt keine Rettung, ſprachen einige, denn ergreifen wir die Ruͤckkehr, ſo folgt der Feind uns nach und keiner wird entkommen. Bieten wir ihm den Kampf, ſo wird uns ſeine gewaltige Macht erdruͤcken und keiner wird die Heimat wieder ſehen. Wo iſt Huͤlfe in ſolcher Bedraͤng⸗ niß?“ Der wackere Komthur aber trat unter den Zagenden mit den Worten auf: „Es iſt Gott leicht, Viele auch durch die Hand von Wenigen zu ſchlagen, denn nicht in der Hee⸗ resmaſſe liegt des Sieges Sicherheit, ſondern vom Himmel kommt Kraft und Staͤrke. Darum laſſet uns maͤnnlich dem Feinde entgegenziehen und der Herr wird uns retten 2).“ Das gottvertrauende Wort griff tief in alle Seelen ein. Alle ſtimmten des Komthurs Meinung bei, und als das ganze Heer ſich mit dem Zeichen des Kreuzes geſegnet, brach es unter dem Schlachtgeſange: „Hilf uns Sancta Maria zu Frommen )!“ muthig auf, griff den Feind an, erſchlug eine bedeutende Zahl, ſtreckte andere ſchwer verwundet auf das Schlachtfeld nieder und warf ſo bald das ganze uͤbrige Heer in die Flucht. Doch zu ſehr ermuͤdet wagte es die tapfere Ritterſchaar nicht, die ſtarkbeſetzte Burg anzugreifen, ſondern beſorgt, der zerſtreute Feind möge ſich wieder ſammeln, trat ſie ſchnell die Ruͤckkehr an. Aber mit Freude ward dieß Bei⸗ 1) Er wurde im nachfolgenden Jahre 1293 als Komthur nach Thorn verſetzt. 2) Der Text bei Dusburg c. 244 ſcheint hier wieder nicht ganz vollſtaͤndig zu ſeyn, denn vor den Worten ergo evadere iſt offenbar eine Luͤcke, die wir aus Jeroſchin und dem Epitomator erganzt haben. 3) Damals der gewöhnliche Schlachtruf der Ordensritter; Alnpeck S. 169.
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Kriegszüge gegen die Litthauer und Samaiten (1293). 93 ſpiel ſolches Vertrauens auf Gottes maͤchtige Hand dem Buche der Geſchichte übergeben ). Auch der Landmeiſter ſelbſt gelangte nicht zu dem Ziele, um welches der Komthur von Ragnit ſo vieles gewagt, denn obgleich er im naͤchſten Jahre 1293 zweimal, im Winter und im Sommer, immer mit einer anſehnlichen Heerſchaar die Burg Junigede beſtuͤrmte und dem Feinde jedesmal große Verluſte brachte, ſo gluͤckte es ihm doch hoͤchſtens nur die Vorburgen zu vernichten 2). Mehr gelang freilich auch einem Litthauiſchen Heerhaufen nicht, den der Großfuͤrſt, bewogen durch das Verſprechen eines Ueberlaͤufers aus Ragnit, eines geborenen Barters, zur Erſtuͤrmung der Ordensburg Tilſit ausgeſandt, denn als die Litthauer der Burg naheten und durch die Fruͤhdaͤmmerung begünſtigt bis an das Burgthor gelangt waren, ſtellten ſich ihnen durch das Geraͤuſch aufge⸗ ſchreckt die beiden heldenmuͤthigen Brüder Konrad und Albert von Hagen mit wenigen Kriegsleuten zum maͤnnlichen Kampfe entgegen. Es war kaum zu hoffen, daß die kleine Kriegerzahl des Feindes weit uͤberlegener Macht werde widerſtehen koͤn⸗ nen; und dennoch widerſtand ſie ihr mit ſo außerordentlicher Tapferkeit im ſtundenlangen Kampfe, daß endlich die Litthauer am Gewinne der Burg verzweifelten und nachdem ſie die Vorburg in Brand geſteckt, in die Heimat zuruͤckzogen ). Auch die Kriegszuͤge im naͤchſten Jahre 1294 waren von keinem beſondern Erfolge begleitet. Zwar brach der Meiſter noch im Winter gegen das Gebiet Erogel am Fluſſe Lubiſſa nordwaͤrts vom Memel⸗ Strome auf, wahrſcheinlich um dann ſeitwaͤrts nach Oſten in das heilige Gebiet Romowe's einzu⸗ 1) Dusburg I. c. Lucas David B. V. S. 114. 2) Dusburg c. 245 und 247. Bei dem zweiten Zuge wurde von ihm auch die Burg Biſten angegriffen und ihre Vorburg verbrannt. Lucas David B. V. S. 115 — 116. 3) Dusburg c. 246. Lucas David a. a. O. Kojalowiez p. 203 — 204. Von allen wird des Todes des Ordensritters Ludwig von Ochs erwähnt, der bei der Fiſcherci von Litthauern überfallen wurde, wie Jeroſchin c. 246 berichtet.
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94 Kriegszuͤge gegen die Litthauer und Samaiten (1293). dringen; da ihm aber der Eintritt in das Land widerrathen ward, ſo beſchraͤnkte er ſich nur auf die abermalige Verwuͤ⸗ ſtung der Gebiete von Paſtow und Geſow, die dem Memel⸗ Strome naͤher lagen. So trugen auch die drei Ordensritter Dieterich von Eſebeck, Otto von Bergau und Otto von Zed- litz, die mit der Landwehr von Ragnit und einer Schaar von Rittern nebſt andern Kriegsleuten gegen die Burg Biſten zo⸗ gen, keinen andern Gewinn davon, als daß ſie Viehherden und eine Schaar Gefangener hinwegfuͤhrten n). Von ungleich groͤßerer Wichtigkeit aber waren die Kriegszuͤge, mit welchen der neue Komthur von Ragnit Ludwig von Liebenzell, „der muthige und kuͤhne Degen )“, ſeit dieſem Jahre den heid- niſchen Feind fort und fort bedraͤngte. Wir ſahen, daß der Landmeiſter nicht ohne ein wichtiges Ziel einen ſeiner letzten Zuͤge in die Gegend von Erogel gerichtet, weil nordoſtwaͤrts von dieſem Orte in der Landſchaft Auſteten am Fluſſe Na⸗ weſe ») der heilige Goͤtterſitz Romowe lag. An den Graͤnzen 1) Dusburg c. 248. 250. Die drei Ritter waren Conventsbruͤder aus Königsberg; als folder wird ihrer öfter in Urkunden erwähnt; fo kommt Otto von Zedlitz noch unter Werner von Orſeln und ſelbſt noch im J. 1338 vor; ſ. Kreutzfeld vom Adel der alt. Preuſſ. Urk. Nr. VIII. Der Name Dieterichs von Eſebeck iſt bei Dusburg in Th. de Esbeth verdorben. Jeroſchin hat Esebe und Esebeck, ebenſo Lucas Da⸗ vid B. V. S. 117. Auch in einer Urk. vom J. 1294 ſteht der Name Theodericus de Esbeke. Friederich von Eſebeck, wahrſcheinlich ein Bruder Dieterichs, war im J 1297 Komthur von Mewe. Die Familie hatte ihren Stammſitz im Braunſchweigiſchenz |. Heineecii Antiq. Goslar. p. 261. Lünig Spicileg. eceles. Th. III. p. 49. 2) Dusburg c. 252 und Jeroſch in find voll Lobes von ihm. Bei letzterem heißt es: Brudir Ludwig von Libenzel Eyn Deggen turſtig und ſnel Beid an Mute und an Tat Swa man ken den Vienden trat. 8) Bei Dusburg c. 252 iſt der Name der Landſchaft — Anste- chia — offenbar verdorben, denn Jeroſchin c. 252 und der Epito⸗ mator haben richtiger Austeten oder Ousteten; das Mser. Berolin. Austethia; nur im Mser. Regiomont. ſteht Anstechia. Die Landſchaft
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Vernichtung des Heiligthums Romowe in Samaiten (1294). 95 dieſer Landſchaft war daher auch immer, wie es ſcheint, eine ſtarke Heeresmacht zur Wehr und Vertheidigung des Heilig⸗ thums aufgeſtellt geweſen. Sich begnügend mit der Verhee⸗ rung ber füblichen Gebiete Paſtow und Geſow hatten die Ritter es noch nie gewagt, weiter nordwaͤrts hinauf in das Heiligthum ſelbſt vorzudringen und ſelbſt der Landmeiſter war erſt vor kurzem durch die Warnung zuruͤckgeſchreckt. Dieſes Wagniß übernahm jetzt der kuͤhnentſchloſſene Ritter Ludwig von Liebenzell, denn außer den lockenden Schaͤtzen, die in dem Heiligthum verwahrt wurden !), ſchien auch ihm die Ver⸗ nichtung dieſer heiligen Goͤtterwohnung, des Wohnſitzes des Landes⸗Griwen und der mächtigen Prieſterſchaft 2) der noth⸗ wendigſte Schritt zu des Volkes Unterwerfung. Mit einer bedeutenden Schaar auserwaͤhlter Streiter fuhr er die Memel aufwaͤrts bis an das Gebiet von Paſtow; hier ward alles erſchlagen, was ſich dem Zuge widerſetzte und nur ſiebenzig Gefangenen wurde das Leben geſchenkt ). Darauf brach er lag zwiſchen den Fluͤſſen Schuschwa und Njewjescha (Naweſe), nördlich von Keidany. Den Ort nennt Dusburg I. c. villa Romene, quae se- cundum ritus eorum sacra fuit. Bei Jeroſchin heißt es: „Da was ein mechtig Dorf geleyn — unde riche, das hieß Romeyn — das Dorf all dy Auſteten — gar vor heilig heten.“ Der Ort Romyn iſt dort noch jetzt vorhanden. Es iſt dieſelbe Romowe⸗Inſel, von der wir fruͤ⸗ her ſprachen. Strykowski und Kojalowicz p. 206 nennen den Ort geradezu Romove und erſterer fest das Laͤndchen Austiten oder Augstiten nach Samaiten, wo die Dubiſſa in den Niemen fließt (Lucas David B. V. S. 119). Es lag aber offenbar etwas nördlicher zwiſchen Kroky und Kjeidany. 1) Dusburgs Epitomator nennt den Ort villa divitiis plena; auch Jeroſchin c. 252 und Lucas David B. V. S. 120 ſprechen von ſeinen Reichthuͤmern. 2) Wenn Schütz p. 49 von dieſem Romowe ſagt: „Da wohneten lauter Edelleute, einer ſonderlichen geiſtlichen Secten, welche alle von den Littawen für heilig und der Götter Diener gehalten worden“, ſo bezeichnet er damit nichts weiter als die heidniſchen Prieſter. Kojalowier c. 206 nennt Romowe oppidum, sacrorum et summi eorum Praesidis inter Lituanos sedes. 3) Wie man ſolche heidniſche Gefangenen ſpaͤterhin und gewiß auch
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96 Vernichtung des Heiligthums Romowe in Samaiten (1204). nordaufwaͤrts ins heilige Gebiet ein. Keiner ſcheint des Fein⸗ des Naͤhe geahnet zu haben, denn ſo bedeutend auch der Um⸗ fang des Ortes und ſo groß die Zahl ſeiner Bewohner war, ſo fand doch faſt kein Widerſtand Statt und wie durch ein Wunder war mit einemmale das ganze Heiligthum in der Ritter Gewalt. Ihr Befehlshaber, der Komthur ließ ſofort die Prieſter und die geſammten Bewohner aus dem Heilig⸗ thum vertreiben; ein Theil ward gefangen hinweggefuͤhrt; aber viele buͤßten auch mit dem Leben, da wie es ſcheint durch ihre Schuld der Ordensritter Konrad von Tuſchenfeld bei ihrer Entfernung aus der Goͤtterwohnung ermordet ward. Der ganze heilige Ort, mit allem was darinnen war, ging hierauf in Flammen auf und alles ward dem Boden gleich gemacht 1). Dieſe Vernichtung des uralten Volksheiligthums der Sa⸗ maiten hatte aber um ſo wichtigere Folgen, als der ritterliche Komthur die Verwirrung und den Schrecken, der nun mit einemmale das ganze Volk durchdrang, mit raſtloſer Thaͤtig⸗ keit benutzte; denn ſechs Jahre lang bedraͤngte und ermuͤdete er den Feind durch ſein ſiegreiches Schwert. Zuerſt brach er in das Gebiet von Grauden ein und vernichtete dort die ganze in einem Hinterhalte liegende Kriegsmacht der Feinde bis auf ſechs Mann. Im Gebiete Pograuden wurde die Reiterei der Samaiten ſo gaͤnzlich aufgerieben, daß viele Jahre hin⸗ gingen, ehe ſie ſich nur irgend wieder zeigen konnte?). Im ſchon um dieſe Zeit behandelte, ſieht man aus Peter Suchenwirts Schilderung in der Ritterfahrt des Herzogs Albrecht von Oeſterreich, ſ. deſſen Werke herausgegeb. von Primiſſer S. 12. 1) Dusb. c. 252, mit welchem hier aber Jeroſchin c. 252 und der Epitomator im Einzelnen zu vergleichen iſt. Lucas David B. V. S. 119 — 120. Schütz a. a. O. Kojalowiez I. c. 2) Es ift nicht zu zweifeln, daß Grauden und Pograuden, nicht aber Granden und Pogranden (Hennig zu Luc. David B. V. S. 121) geleſen werden muͤſſe, denn wenn der Epitomator allerdings auch das zweifelhafte Pogradin hat, ſo findet man bei Jeroſchin doch ganz klar Pograuden. Poganden bei Schütz]. c. ift ebenfalls verdorben. Da die Ortsnamen in Samaiten im Laufe der Zeit ſo außerordentlich häufig verändert find und ganz genaue Charten fehlen, fo iſt es oft un⸗
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Samaitens Unterwerfung (1294). 97 Gebiete von Waiken überliſtete er auf einem Kriegszuge den größten Theil des Adels durch Ueberfall und fo geſchah durch den Schrecken ſeiner Waffen, daß er ſaͤmmtliche Bewohner des Landes oberhalb des Memel-Stromes und von dem Fluſſe Nerige an bis an das Laͤndchen Lamotin vollig uͤber⸗ waͤltigte!) und zum Tribute verpflichtete. Mit der Gewalt des Siegers aber, die alles vor ihm niederwarf, verband der wackere Komthur zugleich die freundliche Milde, die dem Ritter ziemte und die reichſte Herzensguͤte, die ihn als Menſchen zierten. Wie durch Zauber wußte er ſich ſchnell die Herzen der Ueberwundenen wieder zu gewinnen, ſo daß nicht ſelten ſogar die Edlen des Volkes, die über das Land die Herrſchaft führten, das untergebene Volk zu des Komthurs Beihuͤlfe ges gen den Großfuͤrſten von Litthauen aufboten und dieſer we⸗ der durch Drohung noch durch Bitten die Samaiten bewegen konnte, des Komthurs Heerfahne zu verlaſſen und ſich mit ihm zu vereinigen 2). moͤglich, dem alten Namen ſeine Beſtimmtheit wieder zu geben. Man koͤnnte bei Grauden an Grauſchy noͤrdlich von Georgenburg an der Me⸗ mel denken; doch hat Hennig bei Lucas David a. a. O. an den Flecken Grußzir oder Grusdſy zwiſchen den Fluͤſſen Ringa und Muſcha erinnert; aber dieſes moͤchte wohl zu weit noͤrdlich liegen. Auf jeden Fall bezeichnet der Name eine Waldgegend, in deren Naͤhe auch Po⸗ grauden lag, denn po bedeutet auch im Samaitiſchen Namen die Naͤhe an etwas, wie in den Namen Podubis, Ponewjesch, Pomitry u. ad. 1) ueber die Lage des Landes Walken zwiſchen den Fluͤſſen Aleja und Widawja, in der Nähe von Erogel und Roffeine (Jeragolja und Roſſiena) nach den Angaben bei Wigand. Marburg. iſt fruͤher ſchon geſprochen. Wo das Laͤndchen Lamotin gelegen habe, iſt dunkel. Des Fluſſes Nerge oder Nerige wird in den alten Wege- Verzeichniſſen öfter erwähnt. 2) Jeroſchin c. 252 ſagt von ihm: Ouch konde er ys zwiſchen Den landen alſo miſchen Mit wundirlichin liſten Daß by ſynen Vriſten Der kung von Littouwen Mit bete noch mit Drouwen IV. 7
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98 Innere Landesverhältniffe (1294). Der Landmeiſter hatte ſich mittlerweile vielfältig mit des Landes inneren Verhaͤltniſſen beſchaͤftigt. Lange hatte der Or⸗ den mit dem Biſchofe Wizlav von Leßlau im Streite gelegen. Die Kirche und das Domkapitel von Leßlau beſaßen naͤmlich auch jetzt noch einzelne Guͤter im oͤſtlichen und ſuͤdlichen Theile des Kulmerlandes, namentlich auch in der Umgegend von Golub an der Drewenz. Dieſe letzteren erhielten aber gerade jetzt durch ihre Lage unmittelbar an Maſoviens Graͤnze einen um ſo groͤßeren Einfluß auf die Ruhe und Sicherheit des Kulmerlandes, da Herzog Boleslav von Maſovien immer mehr als entſchiedener Feind des Ordens erſchien, den Geg⸗ nern deſſelben uͤberall Vorſchub leiſtete und die heidniſchen Litthauer bei ihren Einfaͤllen ins Ordensgebiet hie und da ſchon ganz offen unterſtuͤtzt hatte. Gewoͤhnlich wählten nun die einzelnen Raubhorden, die das Kulmerland heimſuchen wollten, den Landſtrich bei Golub zum Einzuge in das Land, weil dort die Guͤter der Leßlauiſchen Kirche eine ſichere Ver⸗ wahrung und feſte Bewehrung der Gränze hinderten 1). Es kam hinzu, daß weder der reiche Landesritter Albert von Smolna, noch die uͤbrigen Bewohner dieſer Guͤter, an welche die Kirche ſie ausgethan, dem Orden die ſchuldigen Dienſte, beſonders den pflichtigen Kriegsdienſt leiſteten und der Orden wegen verfuͤgter Beſtrafung dieſer ſaͤumigen Unterthanen des Biſchofs mit dieſem in beſtaͤndigen Zwiſte lebte, indem er ſich in Betreff dieſer Verpflichtungen immer zunaͤchſt an die Kirche und an den Biſchof hielt 2). Da nun ſelbſt das Recht auf Ns dazu mochte brengen ny Daß di Samaiten wolden y Ym in Urloige bygeftan Und die brudere vechten an. 1) Daher ſagt auch der Biſchof Wizlav ſelbſt in einer Urkunde von dieſen Gütern, daß fie in ultimis finibus terre Culmensis sita pagano- rum frequentius patebant insultibus. 2) Der Biſchof ſagt in der erwähnten Urkunde darüber: propter negligenciam subditorum debita servicia scilicet quinque equorum falleratorum predictis magistro et fratribus suo tempore non facien- cium ad penam pecuniariam quantumlibet iustam, nobis tamen et ec-
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Innere Landesverhaͤltniſſe (1294). 99 den Beſitz dieſer Güter uͤberhaupt noch zweifelhaft war, ſo trat der Orden endlich mit der Behauptung hervor, daß der Beſitz zunaͤchſt eigentlich ihm gehoͤre, waͤhrend der Biſchof er⸗ klaͤrte, daß die Kirche zu Leßlau ſie theils durch Kauf, theils durch Schenkung vom Orden erworben, auch bereits ſeit lan⸗ gen Zeiten als Eigenthum benutzt habe. Der Landmeiſter ver⸗ langte die Entſcheidung durch ein Kulmiſches Landgericht; der Biſchof dagegen berief ſich auf den Ausſpruch des Roͤmiſchen Hofes. Ehe es indeſſen hiezu kam, trat eine Vermittlung ein. Der Biſchof naͤmlich trat dem Orden gegen das Dorf Gribna — jetzt Grzywna — bei Kulmſee mit ſechzig Mark Einkuͤnften alle ſeine Guͤter, Doͤrfer und Beſitzungen im Gebiete von Golub und Oſtrowitt, nur mit Ausnahme der beiden Doͤrfer Slotoria und Lygiſchowe, für immer ab, doch alſo daß der Orden gegen den Ritter Albert von Smolna weiter keine Forderungen wegen der nicht geleiſteten Dienſwerpflichtungen mehr erheben, alle Bewohner aber zu jeglichen Dienſten und Leiſtungen gegen den Orden, wie bisher gegen die Kirche zu Leßlau verpflichtet ſeyn ſollten. So wurde der Streit ſchon in der Mitte des Aprils im Jahre 1293 beigelegt!) und ſo⸗ mit auch die Gränze des Ordensgebietes dort weit mehr ge⸗ ſichert, denn der Orden errichtete bald nachher dort die Or⸗ elesie nostre nimis intollerabilem frequencius obligamur magistro et fratribus memoratis. 1) Die Urkunde vom Biſchof Wizlav ausgeſtellt: Actum et datum in Papowe a. d. 1293 XIV Calend. May befindet ſich doppelt im geh. Arch. Schiebl. LIII. Nr. 8. 13. Ein Vidimus vom Biſch. Eberhard von Ermland und vom Abt Alexander von Oliva vom J. 1319 ebend. Nr. 12. Unter Nr. 10 ebendaſ. eine Urkunde des Bild). Wizlav, worin er bezeugt, daß er durch die Bevollmaͤchtigten des Hochmeiſters, den Landkomthur Johannes von Kulm, den Probſt Chriſtian von Marien⸗ werder und die beiden Kapellane des Landmeiſters in den Beſitz des Dorfes Gribna wirklich eingeſetzt ſey und den Zins verzeichnet, den jeder Bauer des Dorfes ihm zu entrichten habe. Die Abtretungs⸗ Urkunde des Biſchofs uͤber die Güter an den Orden, datirt: apnd Cechocyn (Ciechocin) a. d. 1293 in die b. Adalberti (23. April) ebendaf. Nr. 11, S. Dregers Urkunden-Verzeichn. S. 24. 74 *
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100 Innere Landesverhaͤltniſſe (1294). densburg Golub als feſte Graͤnzburg gegen Maſovien ). Wahrſcheinlich geſchah es unter denſelben bedenklichen Verhaͤlt⸗ niſſen gegen dieſes Nachbarland, daß gerade um dieſe Zeit auch die Stadt Thorn ſtaͤrker befeſtigt ward 2). Aber nicht bloß mit der Sorge zur Abwehr äußerer Feinde an des Landes Gränzen, auch mit Erhebung und Bes förderung des inneren Betriebes im Lande, mit dem Aufkom⸗ men und Gedeihen der Staͤdte durch Handel und Wandel war Meinhard von Querfurt in dieſen Zeiten viel beſchaͤftigt und Elbing war auch jetzt noch die vornehmſte Handelsſtadt, für deren Bluͤthe der Meiſter alle moͤgliche Sorgfalt trug. So geſchah es ohne Zweifel durch fein Bemühen, daß ſelbſt der Herzog Miſtwin von Pommern im Jahre 1293 dieſe Stadt von neuem durch einen befondern Freibrief auszeichnete; denn in dankbarem Andenken der Dienſte, welche Elbings Buͤr⸗ ger ſowohl ihm als ſeinem Vater geleiſtet, verlieh er der Stadt fir eine gewiſſe Summe unbeſchraͤnkte Freiheit zu Handel und Wandel in ſeinem ganzen Herzogthum zu Waſſer und Land mit Befreiung von allen Zöllen für ihren ganzen Han⸗ delsbetrieb. Auch fügte er die Beguͤnſtigung hinzu, daß keiner ſeiner Unterthanen einem Buͤrger aus Elbing, der an der Kuͤſte ſeines Gebietes Schiffbruch leide, weder an ſeinem Leibe, noch an Eigenthum Beſchwerden anthun oder Bergegeld von ihm erpreſſen folle ). 1) Henneberger p. 142 und Tiedemanns Chron. S. 11 ſetzen den Erbau der Burg Golub ins J. 1300. Dusburg c. 261 erwähnt ihrer jedoch ſchon im J. 1296. 2) Darüber eine Urkunde im Raths- Archive zu Thorn Cist. IV. Nr. 9., worin wenigſtens ebenfalls von einem insultus hostium die Rede iſt. 3) „Addicientes ipsis Burgensibus de nostra mera liberalitate, ne aliquis hominum nostrorum ipsos Burgenses, si aliquis ipsorum a latere nostri dominii tempestate agitante quod absit nanfragiun per- tulerit gravare presumat in corpore sive rebus aliis quibuscunque, nec eciam aliquam summam pecunie extorquere audeat in tali peri- culo Burgensibus supradictis. Die Original- Urkunde, datirt: Dancek per manum dni Theoderic. Cappellani Curie et Notarii a. d. 1293
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Innere Landesverhältniſſe (1294). 101 Auch in den biſchoͤflichen Landestheilen traten in dieſer Zeit mancherlei Veraͤnderungen ein, bei deren Anordnung und neuer Geſtaltung der Meiſter mit beſchaͤftigt war. Dahin ge⸗ hört die ſchon früher erwähnte, in das Jahr 1294 fallende Stiftung des Domkapitels von Samland durch den Bifchof Chriſtian, bei deſſen Verfaſſung und Einrichtung der Land⸗ meiſter, wie fruͤher gezeigt iſt, ganz beſonders mit einwirkte. Es waren ferner zwiſchen dem Biſchof Heinrich von Pome⸗ ſanien und dem Orden wegen Begraͤnzung des Pomeſaniſchen Biſchofstheiles allerlei Irrungen eingetreten, die nur durch eine genaue Abmeſſung und neue Beſtimmung der Graͤnzen ausgeglichen werden konnten. Es wurde zugleich bei dieſer Gelegenheit auch die Beſtimmung erneuert, daß der Biſchof in den ihm zugewieſenen Landestheilen den Bewohnern alle vom Orden geſchehenen Lehensertheilungen und geſchloſſenen Vertraͤge genehmigen und die Lehensinhaber und Gutsbeſitzer zur Leiſtung derſelben Dienſte und Verpflichtungen an die Kirche anhalten ſolle, welche ſie fruͤherhin dem Orden zu lei⸗ ſten verpflichtet geweſen!). Ueberhaupt aber befand ſich die befindet ſich in der Urkunden⸗Sammlung der Conventshalle zu Elbing Nr. 12. Daß man dieſe Urkunde hie und da, z. B. bei Kotzebue B. 11. S. 85 und in den Beiträgen zur Kunde Preuſſ. B. V. S. 252 einem Herzoge Veſimir zugeſchrieben findet, ruͤhrt von der Verſtuͤmmelung des Namens in dem Abdruck bei Dogiel T. IV. Nr. XLI. p. 35 her, denn in dem von mir verglichenen Originale iſt der Name Mestwinus ganz deutlich zu leſen. Ueberdieß kennt die Geſchichte Pommerns auch uͤber⸗ haupt keinen Herzog Veſimir und es iſt alſo die ganze weitſchweiſige Unterfuchung unnüg, welche De Wal Histoire de PO. T. T. II. p. 446 —456 über die Exiſtenz dieſes Herzogs geführt hat. Die Beftätigung dieſer Verleihung Miſtwins vom Herzog Przemislav von Groß: Polen im J. 1294 f. ebenfalls bei Dogie! T. IV. Nr. XIII und außerdem noch cine andere vom Könige Wladislav von Polen vom J. 1298 Nr. XIII. Zwar ift auch in dieſen Urkunden immer wieder der Name Vesimirus zu finden, allein offenbar ſind dieſe Diplome nicht von Originalen ab⸗ gebruckt, wie man ſich denn überhaupt in dieſer Hinſicht auf Dogier nicht verlaſſen kann. 1) Die Urkunde hieruͤber, datirt: In Insula S. Marie a. d. 1294 pridie Kalend. Iuli im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 11 und im Buche
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102 Innere Landesverhaͤltniſſe (1294). Kirche zu Pomeſanien um dieſe Zeit in einer ſehr druͤckenden Lage. Man empfand jetzt mehr als je die Nachtheile der uͤbergroßen Verſchenkungen früherer Biſchoͤfe an einzelne große Gutsbeſitzer, die man im Drange der Noth durch verſchwen⸗ deriſche Freigebigkeit mit dem Kirchengute zu gewinnen und zu feſſeln geſucht hatte. Zum Glüd wußte es der Biſchof Heinrich durch die Liebe und Achtung, die er überall genoß, bei mehren dieſer reichen Gutsbeſitzer dahin zu bringen, daß ſie auf einen Theil der ihnen fruͤher geſchenkten Guͤter willig Verzicht leiſteten und ſolche der Pomeſaniſchen Kirche wieder zuruͤckſtellten ). Privileg. Capituli Pomezan. p. 2. Die erwähnte Beſtimmung heißt: Omnia quoque feoda, pacciones seu pacta per predictos magistrum et fratres vel ipsoruu predecessores facta, hominibus cuiuscungue condicionis sen lingue intra terminos inclusis perpetuo rata habebi- mus, jidemque homines talia feoda sive bona ammodo nostro ecclesie nostre et capituli nostri nomine tenebunt, nobisque debita et con- sueta servicia, omniaque alia jura facient, que predictis magistro et fratribus de illis antea facere consueverunt. Schon im J. 1289 er⸗ klaͤrte der Biſchof: Insuper omnem donationem a fratribus Pruscie ſactam ante divisionem Episcopatus Insule S. Marie ratam habere tenemur et inconcussam. 1) Die Ceſſions⸗Urkunden hierüber zum Theil im Buche: Marienwerd. Privilegien p. XXIII sed. So cedirt z. B. der Ritter Dieterich von Stange mehr als die Hälfte der früher ihm und feinen Vorfahren ges machten Beſchenkungen und behaͤlt dennoch 276 Huben Land in Dakow und Trumpnia. Sein Bruder Cothobar giebt ebenfalls einen bedeuten⸗ den Theil zurück, beſitzt aber immer noch 250 Huben. Der Ritter Si: mon cedirt von ſeinen 112 Huben beim Dorfe Ottela der Pomeſan. Kirche 40 Huben u. ſ. w.
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Zweites Kapitel. So beſchaͤftigt mit des Landes inneren Verhaͤltniſſen ahnete der Landmeiſter am Schluſſe des Jahres 1294 wohl kaum, welche ſturmvolle und gefahrdrohende Tage im naͤchſten Jahre dem Orden bevorſtanden. Laͤngſt naͤmlich herrſchte unter des Landes alten Stammbewohnern nichts weniger als ein mit der Ordensherrſchaft ausgefühnter und zufriedener Geiſt. Mochte auch mancher die großen Gewinne des Landes in ſeiner neuen Geſtaltung und die ſegensreichen Erfolge der ganzen Umwand⸗ lung der Verhaͤltniſſe nicht verkennen und in ihrem Werthe wuͤrdigen, ſo war doch auch nicht zu laͤugnen, daß daneben auf dem Leben eine gewaltige Schwere lag, und es ſchien, daß dieſe Schwere in dem Maaße immer zunehme, je mehr der Orden in ſeiner Herrſchaft ſicher ward und je mehr er gegen Anſtuͤrmer von außenher geſchuͤtzt ſeine Kraft nach innen wandte. Von denen, die das Leben der urväterlichen Freiheit vor des Ordens Ankunft im Lande ſelbſt noch geſehen, moch⸗ ten zwar nur noch wenige leben und bei den meiſten konnte es nur eine ſchwache Erinnerung ſeyn, die fie in die früheren Zeiten zuruͤckzog; am meiſten aber drückten und am tiefſten erzuͤrnten ohne Zweifel die ewigen Kriegszuͤge ins Ausland, die jaͤhrlich oft mehrmals wiederholten Aufgebote zu Heer⸗ fahrten nach Samaiten und Litthauen, da ſie doch ſelten oder nie dem Lande irgend zum Gedeihen gereichten, vielmehr nur dazu beizutragen ſchienen, die heidniſchen Nachbarvoͤlker zu raͤuberiſchen Einfällen ins Land und zur Rache und Vergel⸗ tung durch Raub und Brand immer wieder aufzureizen. Und
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104 Verſchwoͤrung gegen den Orden (1295). die Laſt dieſer verhaßten Kriegszuͤge fühlten gerade die Lan⸗ deseingeborenen immer am allerſchwerſten, denn die Deutſchen Einzoͤglinge waren entweder ſchon von jeher von dieſem druͤk⸗ kenden Waffendienſte außerhalb des Landes befreit geweſen oder ſie hatten ſich hie und da, wie in Ermland und Natan⸗ gen, ſchon laͤngſt der Verpflichtung zur Heeresfolge außerhalb der Landesgraͤnzen zu entledigen gewußt!) und ſaßen jetzt, ſo lange der Feind die naͤchſten Landſchaften nicht ſelbſt beun⸗ ruhigte, ungeſtoͤrt auf ihren Beſitzungen. Die alten Landes⸗ bewohner hingegen mußten nach dem Laute ihrer Verſchrei⸗ bungen zur Heeresfolge aufſitzen, ſo oft der Komthur ihrer Gegend ſie dazu aufforderte ?), und nie war dieſer Kriegs⸗ dienſt haͤrter und beſchwerlicher gewefen, als in den letzten Jahren, da man den Feind ſo oft in ſeiner fernen Heimat aufſuchte. Sie aber mochten gerade am wenigſten begreifen, wie der Orden durch Beſtimmung und Geſetz verpflichtet ſeyn koͤnne, die Heiden ohne Unterlaß zu bekaͤmpfen, ſo lange ſolche nur irgend noch für fein Schwert zu finden feyen, und noch weniger mochten ſie begreifen koͤnnen, wie ſie ſelbſt verbunden ſeyen, Habe und Gut und Leib und Leben in der Bekaͤmpfung eines Volkes zu opfern, welches nothgezwungen Krieg fuͤhren mußte, weil der Orden keinen Frieden mit ihm wollte und welches wieder rauben und pluͤndern mußte, weil es fort und fort in ſeinem Lande beraubt und durchpluͤndert wurde. Lange war die Laſt dieſer Kriegszuͤge ſchon mit tiefem Unwillen und Erbitterung getragen worden und durch mehre Landſchaften hatte ſich ſchon laͤngſt Ein Gefuͤhl des Ingrimms und des Zornes verbreitet, und gewiß war auch die vor we⸗ nigen Jahren unterdruͤckte Verſchwoͤrung wider den Orden vorzüglich mit aus dieſer Stimmung hervorgegangen oder hatte in ihr doch wenigſtens Halt und Nahrung zu ihrer wei⸗ 1) S. oben B. III. S. 274 und 470. 2) Man erinnere ſich der gewoͤhnlichen Formel in den Verleihungs⸗ urkunden: cum duobus hominibus armatis et totidem equis solutis servire tenentur, quandocungue et quotienscungite super predictis Fuerint servitiis requisiti. Vgl. darüber oben B. III. S. 461 fg.
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Verſchwörung gegen den Orden (1295). 105 ten Verbreitung gefunden. War damals auch der entworfene Plan zur Befreiung zerſtoͤrt worden, fo war der Geiſt im Volke, der ihn geboren, doch geblieben. Nun hatten erſt kurz vor Pfingſten des Jahres 1295 einige kampfluſtige Ordens⸗ ritter abermals einen neuen Heerhaufen, aus dem Volke Sam⸗ lands und Natangens aufgefordert, nach Litthauen gegen die Burg Garthen gefuͤhrt und zwar auch dieſesmal keineswegs mit einem auch nur irgend erfreulichen Erfolge, denn die Be⸗ raubung eines Dorfes und die Ermordung von etwa ſiebenzig tapfern Litthauern hatten vier Ordensbruͤder, jener Dieterich von Eſebeck, der von Veringen, Heinemann Kint und der Ordensritter Liſt nebſt einer Anzahl ihres Kriegsvolkes mit dem Leben büßen muͤſſen n). Dieß hatte vor allem in Nas tangen die erbitterte Stimmung des Volkes noch höher ge⸗ ſteigert, als endlich folgendes Ereigniß ſie zu vollem Aus⸗ bruche brachte. Herzog Boleslav von Maſovien, einer der rachſuͤchtigſten Theilnehmer des Buͤrgerkrieges in Polen, hatte ſchon durch jenen truͤgeriſchen Waffenſtillſtand, dem der Herzog Caſümir von Lancziz zum Opfer gefallen war, klar an den Tag gelegt, daß er mit dem Großfuͤrſten von Litthauen im Buͤndniſſe ſtehe, um in ſolcher Weiſe in Polen vielleicht deſto ſchneller zu ſeinem Ziele zu gelangen. Dieſes beſonders auch für Preuſſen ſehr verderbliche Einverſtaͤndniß zwiſchen dem Herzoge und den Litthauern fand nun auch jetzt noch Statt ). Es kam dem Landmeiſter von Preuſſen ſogar die Nachricht zu, 1) Dusburg c. 258. Der Taufname des oben erwähnten Grafen von Veringen iſt nicht bekannt. Die Familie von Veringen hatte eine bedeutende Grafſchaft bei Reutlingen in Schwaben; vgl. Pfiſter Geſch. von Schwaben B. II. Th. II. S. 140. 185. Das Haus ſtarb 1387 aus. Der Ordensbruder Lift konnte ein Sachſe oder Schleſier geweſen ſeyn, denn ſchon im 12. Jahrhund. kommt dieſes Geſchlecht in Sachſen und Schleſien vor. Bei Peter Suchenwirt in feiner Ritterfahrt des Her⸗ zogs Albrecht von Oeſterreich erſcheint ebenfalls ein Ritter Liſt in Al⸗ brechts Begleitung hier in Preuſſen. 2) Dieſes Buͤndniß des Herzogs Boleslav mit den heidniſchen Lit⸗ thauern laͤugnen auch ſelbſt die Polniſchen Chroniſten nicht; vgl. Diugoss. p. 870.
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106 Verſchwoͤrung gegen den Orden (1295). daß der Herzog die feindlichen Einfaͤlle der Litthauer ins Ge⸗ biet des Ordens immer aufs eifrigſte beguͤnſtige und befoͤr⸗ dere; es wurde offenkundig, daß Boleslav ſeine feſte Burg Wisna am Narew ) einigen Litthauiſchen Raubhaufen foͤrm⸗ lich eingeraͤumt und mit allem Nothwendigen verſehen habe, damit ſie von da aus um ſo leichter in Preuſſen einfallen und im Ruͤckzuge dort immer ſichern Schutz finden koͤnnten ?). Mehrmals fuͤhrte deshalb der Meiſter Beſchwerde bei dem Herzoge und wiederholt war dieſer ſchon erſucht worden, den heidniſchen Raubhaufen aus Wisna zu entfernen. Da jedoch alle Erinnerungen und Bitten nicht fruchteten, ſo brach Mein⸗ hard nun an der Spitze einer hinlaͤnglich ſtarken Streitmacht gegen Wisna auf, umlagerte, erſtuͤrmte und vernichtete die Burg von Grund aus. Herzog Boleslav, ſtets mehr geneigt, ſeinen Feinden im Stillen und durch geheime Umtriebe zu ſchaden, ſcheute einen offenen Krieg mit dem Orden jetzt noch um ſo mehr, da noch unentſchieden war, welche Stellung Herzog Przemislav von Groß-Polen bei feinen Anfprüchen auf Pommern gegen den Orden nehmen werde. So bitter ihn daher auch des Meiſters Einfall in ſein Land und die Vernichtung der Burg erzuͤrnt hatte, fo unterdruͤckte er doch die Luſt nach Rache, zog aber im Fruͤhling des Jahres 1295 einen neuen Huͤlfshaufen aus Litthauen herbei, um unter deſ⸗ ſen Schutz die Burg wieder aufzubauen. Mit ſchwerem Zorne empfing der Landmeiſter dieſe Nachricht und beſchloß ſofort, den Bau unter jeder Bedingung zu hintertreiben. Da er je⸗ doch vermuthen konnte, bei der Verſtaͤrkung der Maſoviſchen Kriegsmacht durch die Litthauer harten Widerſtand zu finden, — 1) Das jetzige Wizna am Narew, oͤſtlich von der Stadt Lomza. Es kommt im Friedensvertrage zwiſchen Witold und dem Orden im J. 1398 unter dem Namen Castrum Wiese vor und gehoͤrte damals dem Orden zu. Herzog Semovit war im Begriff ihm die Burg abzukaufen. 2) Dusburgs Epitomator ſagt: Dampnabiliter hostibus fidei Lithwanis subvenit eos fovendo, hospitando die noctuque cibando etc. et ultra hoc pernittens, quod ab eo transeunt in Prussiam et Polo- niam et dampna inferunt.
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Verſchwoͤrung gegen den Orden (1295). 107 fo war er bemüht, auch feine Streitkraͤfte fo ſtark als moglich zu vermehren, und erließ daher im ganzen Lande das Aufgebot, daß jeglicher wehrhafte Mann ſich zur Heerfahrt ſtellen ſolle ). Kaum aber war dieſes Kriegsgebot in Natangen ver⸗ kuͤndigt, als unter den Bewohnern dieſer Landſchaft der Geiſt der Erbitterung und des Ingrimms in ſeiner ganzen Staͤrke erwachte. Da traten einige der entſchloſſenſten und angeſe⸗ henſten Maͤnner aus dem alten Stamme des Volkes, tief er⸗ griffen von dem Elende der Knechtſchaft und des herriſchen Druckes, das auf dem Lande lag, zu geheimen Berathungen zuſammen. Gauwine, Stante, Trinte, Miſſine und Sabine waren die Vornehmſten unter den Verſammelten 2). Ueber das Ungluͤck und Verderben des Landes unter den unaufhoͤr⸗ lichen Kriegszugen war nur Eine Stimme. Es ward der Plan entworfen, das Volk von dieſem Drucke zu befreien, indem man beſchloß, aus der Maſſe der Erbitterten ein ſtar⸗ kes Heer zu ſammeln und mit dieſem dem Orden gegenüber zu treten. Sabine ward zum Kriegshauptmann erwaͤhlt; auch Samland ſollte ſogleich zum Aufſtande gewonnen werden )3 1) „Demandavit omnibus sibi subjectis, a maiore usque ad mi- nimum, ut ad bellum se praepararent, si quo modo posset aedifica- tionem impedire.“ Dusburg c. 255. 2) So find die Namen offenbar am richtigften; fo geben fie Je⸗ roſchin c. 255, der Epitomator und groͤßtentheils auch Lucas Da: vid VB. V. S. 124. Dusburg c. 255 verſieht fie mit einer beliebigen Lateiniſchen Endung; er nennt fie Gauwina, Stanto, Trinta, Missino, Daß noch mehre als Haͤupter an der Verſchwoͤrung Theil nahmen, ſagt der Chroniſt in den Worten: et plures alli, quorum memoria transeat in oblivionem perpetuam. 3) Daß auch ſchon an dieſer Berathung Samlaͤnder mit Theil ge⸗ nommen, iſt nicht wahrſcheinlich, obgleich der Epitomator ſagt: Nattan- genses occulte convenerunt et major Samitarum pars, denn er ſcheint hier nur den Jeroſchin mißverſtanden zu haben, bei dem es heißt: Eh das heer zuſammen qwam Di Natangen allentſam Sich voreinet heimelich Und gezoggen joch an ſich Das meiſte Teil zuſammen.
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108 Verſchwoͤrung gegen den Orden (1295). vor allem wollte man die wichtigſten Ordensburgen im Lande erſtuͤrmen. Jedem der Haͤupter der Verſchwoͤrung ward zum voraus diejenige beſtimmt, deren Eroberung ihm obliegen ſollte !). Darauf zerſtreuten ſich die Verſchworenen in verſchiedene Theile der Landſchaft und beſchleunigten die Kriegsruͤſtung; manche begaben ſich heimlich nach Samland, um dort die Vornehmern fuͤr ihren Plan zu gewinnen. Keiner der Or⸗ densgebietiger ahnete den verderblichen Zweck, denn alle mein⸗ ten, die eifrige Ruͤſtung geſchehe zu ihrem gebotenen Heeres⸗ zuge. Da brach aber plotzlich, noch ehe das Ordensheer am beſtimmten Orte zuſammenkam, der Kriegshaͤuptling Stante an der Spitze ſeines Heerhaufens gegen die Burg Bartenſtein auf; und weil man hier nicht im entfernteſten einen Feind geahnet, ſo gelang es dem Hauptmanne leicht, ſich der Burg ohne weiteres zu bemaͤchtigen und den Komthur Rudolf von Bodemer nebſt dem Hauskomthur Friederich von Liebenzell mit ihrer ganzen Dienerſchaft gefangen zu nehmen und feſt⸗ zuſetzen. Zu gleicher Zeit fiel der Haͤuptling Miſſine mit den Wehrmaͤnnern aus dem Gebiete Sclumen im Samland ein 2), um die Ordensburg Koͤnigsberg zu gewinnen; doch gluͤckte es vorerſt nur, den dortigen Conventsrittern eine Anzahl Pferde 1) Wenn Dusburg I. c. die Natanger als ſolche ſchildert, die dia- bolico spiritu instigante consuetam malitiam innovantes, in opprobrium Iesn Christi apostasiae vitium iterum commiserunt, fo nimmt er die Sache freilich in ſeinem Geiſte und verſteckt hinter dieſen Redensarten die wahren Urſachen der Empoͤrung; aber erkennbar bleiben ſie doch immer. 2) Schütz p. 50 erwähnt zwar auch hier der Schalauer als Theil⸗ nehmer an dem Aufruhre; allein dieſe Angabe beruht offenbar nur auf einem Mißverſtaͤndniſſe, indem man aus dem unbekannteren Gebiete oder territorium Sclunien bei Dusburg ]. c. Schalauen machte. Bei Duss burg finden wir einmal Selunien und das anderemal Schunen gedruckt; für das letztere ſpricht der Epitomator. Jetzt iſt dieſer Name in Na⸗ tangen nicht mehr zu finden. Zwiſchen Bartenſtein und Preuſſiſch⸗Eilau liegt das jetzige adel. Gut Glomen, welches zu dem in der naͤchſten An⸗ merkung erwähnten Sardienen am beften paſſen möchte. Dort war ja auch der Aufruhr zuerſt ausgebrochen.
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Verſchwöͤrung gegen ben Orden (1295). 109 zu rauben. Ohne Zweifel hatte man zur Eroberung biefer Burg auf die Beihülfe der Samländer gerechnet, die aber wegen irgend eines Hinderniſſes nicht erfolgte. Mittlerweile ſtürmten mehre andere Heerhaufen theils mit theils ohne Fuͤh⸗ rer wild im Lande umher, erſchlugen die Deutſchen Einſaſſen, nahmen deren Frauen und Kinder gefangen, erbrachen die Kirchen, raubten die heiligen Geraͤthe, verhoͤhnten und miß⸗ handelten die Geiſtlichen und trieben unter allerlei Graͤuel⸗ thaten große Viehherden als Beute mit ſich fort!); kurz es zeigte ſich ſehr bald, daß die Leidenſchaft in ihrem wilden Ausbruche alle Beſonnenheit entnommen hatte, ſo daß die meiſten ſchon weder Ziel noch Richtung kannten. Unterdeſſen waren auch ſchon die Ordensgebietiger von dem ganzen Plane der Verſchworenen genau benachrichtigt, denn einig Natanger in die Sache eingeweiht hatten heimlich in verſchiedene Or⸗ densburgen bereits davon Kunde gebracht. Einen von dieſen, Hermann Tottelin 2) ſandte man eiligſt hinauf in die Galin⸗ diſche Wildniß, um von dorther ſchleunigſt den Komthur von Koͤnigsberg zuruͤckzurufen, denn bis dorthin war dieſer mit einer ſtarken Heerſchaar ſchon vorausgezogen. Kaum hatte er Nachricht uͤber die Ereigniſſe in Natangen, als er ſogleich die Ruͤckkehr antrat, um mit ſeiner Streitmacht den Aufruhr zu ſtillen ); und ſobald er im Gebiete von Wohnsdorf mit dem 1) Der Epitomator ſagt hier: duxerunt equos et pecora in ra- pinam usque Czartin und Jeroſchin hat Sach man ſy dort und hy In Roubiswiß zu Zarren. Wahrſcheinlich iſt dieſes Zarren oder Czartin der Ort Sardienen ſuͤd⸗ oͤſtlich von Preuſſiſch⸗Eilau. 2) Lucas David B. V. S. 124 nennt ihn Hermann Tettelein; Jeroſchin dagegen Hermann Tottelin. 3) Der Text bei Dusburg I. c. iſt hier wieder unvollſtaͤndig. Der Epitomator ergaͤnzt ihn durch folgenden Zuſatz nach dem Worte de- texerunt: Unde mittunt quendam Hermannum (de Tottelin) sine tar- dacione in deserta ad locum, ubi Commendatorem de Kunigsberg in propingno suspicabatur invenire, qui paratus fuit cum suis in ex- peditione contra castrum Wysen et invenit eum iuxta optata et nar-
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110 Verſchwoͤrung gegen den Orden (1295). Schwerte erſchien, gerieth in Natangen alles in Angſt und Schrecken; mit einemmal war aller Muth dahin; keiner ſtand mehr an der Spitze und die Wehrmannſchaft des Gebietes von Sclumen ſandte nicht nur dem Komthur die geraubten Roſſe zuruͤck, ſondern erſchien auch ſelbſt vor ihm, bat reuig um Verzeihung und um Gnade, gab ihm alle Gefangenen frei und gelobte aufs feierlichſte Treue und Gehorſam. Nun kam in denſelbigen Tagen der Hochmeiſter Konrad von Feuchtwangen begleitet vom Trapier des Ordenshaupt⸗ hauſes zu Venedig Konrad von Babenberg und von den Or⸗ densrittern Konrad Sack, Ludwig von Schippen und mehren andern aus Deutſchland nach Preuſſen, um verſchiedene Lan⸗ desverhaͤltniſſe beſſer zu ordnen, beſonders auch um das neu⸗ geſtiftete Samlaͤndiſche Domſtift foͤrmlich einzurichten ). Ur lein der Biſchof Chriſtian von Samland, mit welchem ſchon in Deutſchland der ganze Plan berathen und entworfen war, ſtarb gerade in dieſer Zeit und es mußte demnach alles bis zur Beftätigung eines neuen Biſchofs ausgeſetzt bleiben. Ohne: ravit ei omnia supradicta et Commendator revertitur domum. Je⸗ roſchin a. a. O. ſagt daſſelbe, nur noch hinzufuͤgend, daß es vorzuͤglich Samlaͤnder geweſen ſeyen, mit denen der Komthur ausgezogen war. Die Nachricht bei Lucas David a. a. O., daß der Komthur im Wohns⸗ dorfiſchen Gebiete gelegen habe, kann nicht wahr ſeyn, denn in dicfer Nähe hätte er unfehlbar ſchnell Kunde von dem Aufruhre erhalten muͤſſen. 1) Daß der Hochmeiſter noch waͤhrend des Aufruhrs nach Preuſſen kam, ſagt Dusb. c. 257 und Urkunden beſtätigen es. Im Jahre vor⸗ her befand er ſich zu Muͤhlhauſen, einer Ordenskomthurei, wo er da⸗ mals mit dem Biſchof Ehriſtian von Samland die Einrichtung des Sam⸗ ländiſchen Domkapitels berieth. In der am 7. April 1294 hieruͤber ab⸗ gefaßten Urkunde find als Zeugen genannt: fr. Conradus Magister or- dinis nostri antedictus, fr. Helwicus de Goltbach Thuringye provin- cialis, fr. Conradus de Babynberg in Frankenfort, fr. Conradus de Mandern in Martburg, fr. Bertholdus in Mulhusyn, fr. Albertus de Amendorf in Styllen, fr. Heynricus de Hoyheym in Me; Isteste Com- mendatores. Damals war alſo Konrad von Babenberg Komthur in Frankfurt. Wir finden ihn ſpaͤter in einer Urkunde vom 31. Jan. 1296 als Trappiarius Veneciis genannt; ſ. Handfeſt. des Biſth. Samland p. IX. und Samland. Verſchreib. Fol. X. p. 69.
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Verſchwörung gegen den Orden (1295). 111 dieß aber zogen in Samland auch ganz andere Verhaͤltniſſe die Thaͤtigkeit der Ordensgebietiger auf ſich, denn waͤhrend des Komthurs von Koͤnigsberg Abweſenheit war auch in die⸗ fer Landſchaft die Verſchwoͤrung gegen den Orden angefponnen worden. Im Einverſtaͤndniß mit den Verſchworenen in Na: tangen hatten verſchiedene der vornehmeren Samlaͤnder vor⸗ zuglich das Landvolk zur Empörung aufgewiegelt und den Plan gefaßt, zuerſt die Edlen ihrer Landſchaft, namentlich die dem Orden beftändig treuergebenen Withinge ſaͤmmtlich zu erfchlagen und dann auch die Ordensritter und überhaupt alle Chriſten in ihrem Lande zu überfallen und zu ermorden. Bes reits hatte man in einer geheimen Verſammlung einen kuͤhnen Juͤngling Naudiote, den Sohn des alten Withings Jodute!) zum Kriegshauptmann erwaͤhlt; auch war ſchon der Tag be⸗ ſtimmt, an welchem, während der Komthur von Königsberg gegen Wisna ziehe, der verraͤtheriſche Plan zur Ausfuͤhrung gelangen ſollte. Allein nur mit Widerwillen und nur um theils ſich zu retten, theils die Ordensritter gegen die obſchwe⸗ bende Gefahr zu ſichern, hatte Naudiote an der Verſchwoͤrung Theil genommen. Er konnte es nicht uͤber ſich gewinnen, gegen ſeine und ſeines Vaters Goͤnner und Wohlthaͤter mit der Fahne der Empoͤrung aufzutreten und noch vor dem beſtimmten Tage des Ausbruches der Verſchwoͤrung begab er ſich heimlich auf die Ordensburg zu Koͤnigsberg und ent⸗ deckte dort dem Meiſter und den Ordensrittern mit Bezeich⸗ nung aller Urheber den Plan der Verraͤtherei. Sie wurden eiligſt alle an einem Tage gefangen genommen und auf die Burg nach Koͤnigsberg gefuͤhrt. Da berief der Landmeiſter am vierten Tage darauf ein allgemeines Landgericht. In 1) Der Name Naudiote ift bei Dusb. c. 255 in Naudicea ver- ſtuͤmmelt und jo verdorben auch in die neuern Werke von Baczko B. II. S. 19. De Wal Histoire de PO. T. T. II. p. 334 und Kotzebue B. II. S. 80 übergegangen. Daß Naudiote der richtige Name iſt, be⸗ weiſen nicht nur Serof chin und der Epitomator, ſondern auch Urkun⸗ den, z. B. eine vom J. 1307, wo der Name gleichfalls fo vorkommt. Ebenſo muß bei Dusburg J. c. ſtatt Ioduca geleſen werden Todute,
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112 Verſchwoͤrung gegen den Orden (1295). zahlreicher Verſammlung ward eines Jeglichen Schuld erwogen und über alle das Urtheil gefaͤllt. Saͤmmtliche Haͤupter der Verſchwoͤrung ſowohl in Natangen, als in Samland mußten mit dem Leben büßen ). Und wie dem Verbrechen die Strafe, ſo folgte dem Verdienſte auch der Lohn. Der getreue Nau⸗ diote ward nicht bloß unter die Zahl der Landes-Edlen erho⸗ ben, die durch manche Vorrechte und Freiheiten ausgezeichnet waren, ſondern er erhielt auch anſehnliche Beſitzungen, welche fruͤher ſchon ſein Vater gehabt, nachmals aber verloren hatte 2). Die Sage erzaͤhlt, daß unter dieſen Ereigniſſen in Sam⸗ land auch jene vier tapfere, dem Orden immer treuergebene Parteigaͤnger Dyvel, Stobemel, der Sudauer Kudare und Nakaim aus Pogeſanien ihren Tod gefunden ). Jener kuͤhne 1) Dus burg 1. c. iſt auch hier in der Erzaͤhlung nicht vollſtaͤndig. Der Epitomator fügt hinzu: Hes causa quievit donec quardena de- fluxisset et tune Magister pensare cepit, quod excessus excessum se- quitur, pena vel excessus penam gignit. Convocat divitem et egenum et ordinavit iudicium juxta dictamen rationis et juris quemlibet pu- niendo iuxta suum excessum et infidelitas Prutenorum consueta pro- strata est. 2) Schütz p. 50. — Jodute, der Vater Naudiote's ſteht im Ver⸗ zeichniſſe der Withinge unter denen im Gebiete Laptau; ſ. meine Ge⸗ ſchichte der Eidechſen⸗Geſellſch. S. 213. Dort lagen auch die Beſitzun⸗ gen, welche Naudiote wieder erhielt. Unter andern gehoͤrte ihm das ganze Dorf Mollehnen, öftlich von Rudau. Wir ſehen dieſes aus einer Urkunde des Biſchofs Siegfried von Regenſtein vom 3. 1307, worin dieſer dem Naudiote drei Haken Landes im Dorfe Norien (jetzt Nor⸗ gehnen) gegen drei Haken im Dorfe Moleyne (dem heutigen Mollehnen) in Tauſchweiſe verſchreibt. Hier wird das Dorf in Beziehung auf Nau⸗ diote villa sua, que Moleyne dicitur, genannt. 3) Dusburg c. 223 nennt als ſolche Begleiter Golims Conradum dietum Diabolum et quendam dietum Stövemehl et alios viros auda- ces etc.; ebenſo der Epitomator und Jeroſchin c. 223. Fruͤher o. 193 fuͤhrt er außer den beiden ſchon genannten auch Kudare de Sudovia et Nakain de Pogesania an. Demnach ſcheint der Name Roͤder, den hier einige Chroniſten beibringen, wohl unrichtig und Kudare der wahre Name zu ſeyn, denn aus Kudare konnte wohl der Deutfche Name Röder entſtehen. Zur Ergänzung der Anmerk. 2. im B. III. S. 367 muß hier wenigſtens noch bemerkt werden, daß den Namen Kudare der Epitomator
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Die Vierbrüderfäule (1295). 113 Krieger Martin Golin, deſſen wir früher ſchon öfter erwahnt und der jetzt ſeinen Wohnſitz auf der Burg Conowedit, weſt⸗ waͤrts von Koͤnigsberg dicht am Friſchen Haff, gehabt haben ſoll, zog, wie die Sage will, in dieſen unruhigen Bewegungen in Samland eines Tages mit jenen vier Gefaͤhrten zum Raub in das Gebiet der Landſchaft hinauf, wohin man fruͤherhin die Sudauer verpflanzt hatte, weil auch fie an der Verſchwoͤ⸗ rung Theil genommen. Es gelang den kuͤhnen Kriegern dort eine reiche Beute zuſammenzubringen. Auf der Ruͤckkehr aber, da ſie unter der Laſt des Raubes ermuͤdet in einem Walde ruheten, um ſich zu erfriſchen, uͤberfiel fie plotzlich ein Haufe jener Sudauer, deren Güter fie geplündert, und ſchlug fie alle nieder. Nur Golin allein entkam der Gefahr. Doch ſchwer betrübt durch den Tod der Streitgefaͤhrten errichtete er ihnen ein gemeinſames Grabmal mit einem ſchwarzen Kreuze. Der Meiſter Meinhard von Querfurt aber ſoll an dem Orte, wo die getreuen Ordensfreunde den Tod gefunden, zu ihres Na⸗ mens Andenken eine hohe Saͤule errichtet haben, die oft er⸗ neuert unter dem Namen der Vierbruͤderſaͤule in der Capor⸗ niſchen Heide noch bis dieſen Tag fteht'). So ſchmerzlich jedoch den Ordensgebietigern auch jetzt wieder die Erfahrung des unzufriedenen und aufruͤhreriſchen Geiſtes und der Untreue der Bewohner Natangens und Sam⸗ lands ſeyn mußte, ſo erfreulich waren fuͤr ſie doch gewiß auch die zahlreichen Beweiſe der Anhaͤnglichkeit und Treue, die ihnen auch unter dieſen Ereigniſſen uͤberall entgegenkamen. Und dieſe Treue durch Auszeichnungen und Belohnungen noch mehr zu befeſtigen und weiter zu verbreiten, ergriff der Hoch⸗ meiſter gerne die ihm gebotene Gelegenheit. Als naͤmlich die Unruhen im Lande überall beſaͤnftigt | und Jeroſchin ebenfo wie Dusburg haben. Der Name Kobenzell, den man dem vierten Begleiter Golins gegeben findet, rührt bloß von Si⸗ mon Grunau her Tr. VIII. c. 17. S 3, welcher Malachin Kobelentz hat, wie ihn auch De Wal l. c. p. 336 nachſchreibt. i 1) Eine nähere Unterſuchung über dieſen Gegenſtand findet man in der Beilage Nr. 1. IV. 8
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114 Innere Verhältniſſe Samlands (1295). und die Beſtaͤtigung Siegfrieds von Regenſtein als Biſchof von Samland aus Rom angelangt war!), berief der Hoch meiſter im April des Jahres 1296 ein General⸗Kapitel aller feiner Ordensgebietiger in das Haupthaus zu Elbing). Hier wandte er vor allem ſeinen Blick nach Samland, denn es war nicht zu verkennen, daß die lange Abweſenheit der beiden Bi⸗ ſchoͤfe Heinrich und Chriſtian?) in Deutſchland und das Schwankende und Unſichere in der einſtweiligen Verwaltung des Biſchofstheiles durch den Komthur von Koͤnigsberg die unzufriedene Stimmung und den Aufruhr des Volkes zum großen Theile mitbewirkt hatte. Darum war es auch des Hochmeiſters erſtes Beſtreben, in alles, was waͤhrend dieſer ſtellvertretenden Verwaltung durch die Ordensgebietiger gez ſchehen war, feſte Sicherheit zu bringen, um die Bewohner über das Unfichere ihrer Verhaͤltniſſe zu beruhigen, und auf ſeine und des Landmeiſters Bitte beſtaͤtigte und genehmigte der neue Biſchof Samlands im Kapitel zu Elbing alle Be⸗ lehnungen, Verleihungen und Beſetzungen, die in der Zwi⸗ 1) Siegfried trat fein bifchöfliches Amt unbezweifelt erſt im J. 1296 an, obgleich er wahrſcheinlich ſchon im vorhergehenden Jahre zum Bi⸗ ſchofe erwaͤhlt war; wenigſtens findet ſich aus dem J. 1295 noch keine einzige Urkunde von ihm. Er ſtammte aus dem graͤflichen Hauſe Re⸗ genſtein oder Reinſtein, uͤber welches Niemann Geſchichte des vormal. Biſth. Halberſtadt B. I. vielfach Nachricht giebt. Siegfried ſoll vor feiner biſchoͤflichen Wahl Domherr des Samlaͤndiſchen Stiftes (2) ge⸗ weſen ſeyn. 2) ueber die Zeit dieſes Kapitels erhalten wir durch mehre Urkunden beſtimmte Auskunft. So heißt es z. B. in einer: Actum in Elbingo tempore Capituli generalis a. d. 1296 tercio Idus Aprilis, woraus wir alſo beſtimmt wiſſen, daß am 11. April d. J. das Kapitel gehal⸗ ten wurde. 3) Der zweite Biſchof Samlands Hermann wurde naͤmlich nicht als rechtmaͤßiger Biſchof angeſehen, weshalb es auch hier in der Urkunde heißt: Venerabiles patres domini Hinricus primus, Christianus secun- dus Episcopi Sambienses, quorum memoria in benedictionibus sit, dictam ecclesiam pro hostium feritate, neophitorum mobilitate, red- dituum tenuitate desolatam pene et vacuam derelinquentes se ad partes Almanie transtulerunt.
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Innere Verhaͤltniſſe Samlands (1295). 115 ſchenverwaltung durch den Landmeiſter, den Ordensmarſchall, den Komthur von Koͤnigsberg oder den Vogt von Samland an die Neubekehrten und uͤberhaupt an die Bewohner des Biſchofstheiles geſchehen waren ), mit Befeſtigung und Ver⸗ ſicherung aller der Rechte, Freiheiten und Verpflichtungen, wie ſolche von den Ordensgebietigern verfuͤgt worden, ſowohl fir die ſaͤmmtlichen Edlen im Lande, als fuͤr die gemeinen Landbewohner ?). Dann ſchien es ferner billig und nothwendig, auch die⸗ jenigen aus dem Stande der Withinge und der Edlen mit neuen Begünftigungen zu belohnen, die, ſchon früher durch ihre Anhaͤnglichkeit gegen den Orden ausgezeichnet, auch in den letzten Exeigniſſen neue Beweiſe ihrer Treue und Zus neigung gegen die Landesherrſchaft gegeben hatten. Daher verlieh jetzt auf des Hochmeiſters Wunſch und Rath der Bi⸗ ſchof Siegfried und der Landmeiſter Meinhard den getreuen Withingen Philipp und Dieterich aus Kaymen, Rigen, Schude⸗Grande, dem Sohne Jodute's Logote, deſſen Bruder Jane, Kerſe dem Sohne Ibute's und deſſen Bruder Nakoke, Jodute und deſſen Bruder Theyſote, Naſyne aus dem Ge⸗ biete Laptau, Nalube aus dem Gebiete Quedenau nebſt deſſen Brüdern, Parupe dem Vater Gedete's und deſſen Bruder 1) Daß die Ordensritter Samland durch Kriegsgefangene und durch Neubekehrte aus andern Gegenden mehr zu bevoͤlkern geſucht hatten, geht auch aus dieſer Urkunde hervor, indem es hier heißt: Fratres ad instanciam dietorum Episcoporum absentium terre ecclesie Sambiensis curam fideliter agentes ipsam de mancipiis seu neophitis in terra Sambie christiane fide subactis seu alibi belligerando captis reple- verunt, locaverunt singulos de suis bonis et iuribus, prout in com- misso receperant, datis litteris securantes. 2) Der Biſchof beftätigt omnes infeodaciones, collaciones, loca- ciones dietis neophitis seu incolis in bonis ecclesie nostre tam nobi- zibus, quam simplicibus seu popularibus factas. Die hieruͤber von ihm ausgeſtellte Urkunde hat die Angabe: Actum in Elbingo tempore Capituli generalis a. d. 1296 tercio Idus Aprilis. Datum Konigisberg anno eodem VI Idus Septemb. Sie befindet fich im geh. Arch. Fol. 7. p. 9. 8 *
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116 Aufzeichnung u. Bevorrecht. der Withinge in Samland (1296). Dygune das Vorrecht, daß wenn einer von ihnen ohne Er⸗ ben ſterbe, fein naͤchſter Verwandter maͤnnliches Geſchlechtes ſeine Hinterlaſſenſchaft und ſein Erbgut in Beſitz nehmen dürfe, ſtatt daß ſolche bisher in ſolchem Falle dem Biſchofe oder dem Orden als freigewordenes Gut anheim gefallen waren). Die Beguͤnſtigung war in ſofern für die genann⸗ ten Samlaͤnder allerdings von großer Wichtigkeit, weil da⸗ durch der Begriff des Lehens fuͤr ihre Guͤter mehr und mehr unterging und die Allodial⸗Verhaͤltniſſe ſich immer feſter ge⸗ ſtalteten. Das Recht aber, welches auf dieſe Weiſe als be⸗ ſondere Auszeichnung verliehen ward, wahrſcheinlich verbunden mit einem Wehrgelde von ſechzig Mark für den Tobdtſchlag eines der Genannten, wurde in ſeiner Wichtigkeit auch ſchon durch ſeine Benennung bezeichnet, denn es hieß „das große Recht der Edlen der Samlaͤndiſchen Kirche 2).“ 1) Daß man dieſe Beſtimmung als eine beſondere Begünftigung anſah, beweiſen die Worte der Urkunde: Contulimus et conferimus, quod ipsi et heredes sui successores ipsorum hac gratia perpetuo perfruantur, ut si aliquem de progenie ipsorum ex hac vita absque herede decedere contigerit, is qui propiaquior fuerit vel qui pro- pinquiores fuerint, eiusdem defuncti masculini sexus qui presenti gau- dent gracia, ipsius bona relicta tollant et possideant hereditatem, que vel quam nos antea percipere solebamus, predictis de favore speciali pre aliis terrarum nostrarum incolis lane benivolentiam exhibentes, 2) Das Original diefer Urkunde im geh. Archiv Schiebl. LU. unter dem Titel: Littera nobilium Ecclesie magnum ius habencium ſteht fie auch in Matricul. Fischhus. p. XXIX, Handfeſten des Biſth. Sam: land p. LVIII und p. LXXXVIII, im Fol. alte Handfeſten der Vogtei Fiſchhauſen p. XCIX, gedruckt in Schubert Dissertat. de Gubernator. Pruss. p. 62, wo aber das unrichtige Datum: An. dni M. CC. LXXXXVI Kal. Maii ſtatt sexto Kalend. Mai fteht, auch in meiner Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſch. S. 226. Dregers Samml. Pommer. Urkunden Nr. 896. In einer alten Abſchrift im Fol. Samland. Handfeſt. Nr. 7. p. 98 ſtehen dieſer Urkunde die Worte voran: Post decursum temporis nonnulli ex predictis vasallis tam Episcopi quam Ordinis apostata- runt. Nonnulli cum Ecclesia Sambiensi et Ordine viriliter et fide- liter permanserunt. Tandem Episcopus et Magister Prusie volentes
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Aufzeichnung u. Bevorrecht. ber Withinge in Samland (1296). 117 Bald darauf übernahm es auch auf des Hochmeiſters Anz ordnung der Komthur von Königsberg Berthold Brühaven, die Namen aller der Edlen Samlands, die unter dem Ehren⸗ namen der „alten und erſten Withinge“ ſich um den Orden wie durch Geſinnung, ſo durch Thaten ſo vielfache Verdienſte erworben und ſo treu bewaͤhrt hatten, aufs genauſte aufzu⸗ zeichnen und ihr Andenken der Nachwelt zu überliefern. Von vielen waren auch die Soͤhne der Vaͤter Geſinnungen getreu geblieben; auch ihre Namen wollte man der Vergeſſenheit ent⸗ reißen, denn auch an ſie knuͤpfte ſich die Erinnerung mancher rühmlichen That zur Ermunterung der Nachkommen. So wurden fuͤr alle Zeiten aus dem edlen Stamme der Withinge aufgezeichnet: Im Gebiete von Laptau: Grande und ſein Sohn Stan⸗ tike, Sandir und ſein Sohn Judute, Parupe und ſein Sohn Gedete ), Ibute und fein Sohn Kerfe?), Jodute und fein Sohn Logote, Schude⸗Grande, Muntemil und ſein Sohn Wiſſebute, Runkim und ſein Sohn Wayſtote, Nakuntie, Naſynne, Tyrune, Swaymuzel und ſein Sohn Rixte, Panote und ſein Sohn Preytor. Im Gebiete von Quedenau: Sclode und ſein Sohn Nalube, Goyres und ſein Sohn Buſe, Tlokote und ſein Sohn Prewilte, Heninke und ſein Sohn Stintele, Schude und ſein Sohn Dargute. Im Gebiete von Medenau: Noytite und ſein Sohn Surteyke, Gedune ) und fein Sohn Antime, Wiſſegaude *), Na: certos fideles propter sua merita remunerare, eis succedendi ius di- latarunt, prout tenor gracie large in hec verba sequitur. Dann folgt voran die Erläuterungsgloſſe, welche früher B. III. S. 430 mitge⸗ theilt iſt. ; 1) Dusburg c. 214. 2) Dieſem Kerſe hatte ſchon früher der Landmeiſter Ludwig von Galdersheim das Gut Palapita (jetzt Bolbitten) zwiſchen Brandenburg und Heiligenbeil, in der Naͤhe der ehemaligen Burg Partegal verliehen. 3) Dusburg c. 70. 4) Dusburg 1. c.
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118 Aufzeichnung u. Bevorrecht. der Withinge in Samland (1296). pelle, Albert Dyvel!), Konrad Saytarius, Tulekinſte, Junde und ſein Sohn Preydeſſe, Eytiow und ſein Sohn Queydange, Polere und fein Sohn Nermoke, Nemote, Dirke, Nodrans. Im Gebiete von Rinau: Darexte, Glande 2), Nawalde, Gubike. Im Gebiete von Kaymen: Die Bruͤder Philipp und Diete⸗ rich, Palſtok ), Gedute. Im Gebiete von Tapiau: Sapelle und Azayme. 1) Im Verzeichniſſe heißt der Name eigentlich Albertus Dyabulus; man findet aber in urkunden auch Dyvel und Dywel und jenes ift nur die Ueberſetzung des Namens. Dieſer klingt nicht Preuſſiſch und Albert Dyvel ſcheint wohl auch kein alter Stammpreuſſe geweſen zu ſeyn. Man moͤchte ihn wohl eher fuͤr einen Deutſchen halten oder bei ihm doch we⸗ nigſtens an eine Deutſche Abkunft denken. Dieſe Deutſche Abſtammung wird dadurch noch wahrſcheinlicher, daß Albert in einer Urk. des Bi⸗ ſchofs Siegfried vom J. 1296 „interpres noster“ genannt iſt und als Dolmetſcher ſowohl die Deutſche als Preuſſiſche Sprache verſtehen mußte. Er hatte ſeine Guͤter bei Medenau, wo ihm namentlich das Feld Syke (jetzt Siekenhoͤfen) mit ſechs Familien verliehen war. Noch bis zu Ende des 14. Jahrhunderts lebte das Geſchlecht der Dyvel oder Teufel auf der Feldmark Worennie (jetzt Warengen) bei Medenau; fo kommt noch im J. 1391 ein Bartko Dyabulus dort vor und wir finden, daß Ot- tokar, Lucas und Iohannes de Syken Erben unſeres Albert Dyvel waren. Noch in dieſem Jahre gedachte man an die multa fidelitatis obsequia Alberti dieti Tüwel bone memorie feodalis Eeclesie Sam- biensis, patris Ochtakari, que nostre Ecclesie dudum impendit. In Deutſchland war das Geſchlecht der Teufel weit verbreitet; in der Ge⸗ gend von Minden, ſ. Spilckers Geſchichte der Grafen von Woͤlpe S. 222, im Oeſterreichiſchen, ſ. Duellii Excerpta Genealog. p. 177. 187; vgl. auch Chron. Mont. Seren. ap. Mencken T. II. p. 226. Schon im 13. Jahrhundert findet ſich eine Familie dieſes Namens in Pom⸗ mern, ſo in einer Urk. des Herzogs Sambor vom J. 1260 ein Her- mannus Dyabolus, 2) Dusburg d. 84. 3) Dieſer Palſtok hatte Thon im 3.1261 vom Komthur von Köͤ⸗ nigsberg im Auftrage des Landmeiſters Hartmud von Grumbach propter servicia in apostasia terrarum domui nostre ab eo fide constanti ex- hibita ſechs Haken Landes im Gebiete von Labiau beim Dorfe Grindes (jegt Grinden) erhalten. urk. im geh. Arch. Schiebl. XXXIV. Nr. 3.
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Aufzeichnung u. Bevorrecht. der Withinge in Samland (1296). 119 Im Gebiete von Waldau: Miſſote mit feinen Brüdern Jo⸗ hann Brulant und Konrad Dyvel 1). Im Gebiete von Schafen: Muſkte. Im Gebiete von Rudau: Rege und Romeke, Gedune und ſein Sohn Stantele, Bayſe und ſein Sohn Santirme, Dywote und ſein Bruder Bagaule, Sambil und ſein Sohn Glande. Im Gebiete von Wargen: Sclode, Scardune, Guntar und ſein Sohn Nakoke, Bygune und ſein Sohn Kortie, Gar⸗ bote und ſein Sohn Bayone, Nadar, Wargatte, Eytiow und ſein Sohn Dargote, Surteike, Peytone. Im Gebiete von Germau: Gymme, Kunkite, Biriske 2). Doch nicht bloß die Namen dieſer getreuen Günftlinge des Ordens, durch deren Verdienſte die feſtere Begruͤndung der Ordensherrſchaft und die Sicherſtellung der Kirche in Sam⸗ land vorzuͤglich mit bewirkt war, wollte man den ſpaͤteren Ge⸗ ſchlechtern uͤberliefern, ſondern es wurden ihre Verdienſte auch durch eine beſondere Begnadigung belohnt; denn wahrſchein⸗ lich damals, als eben das Leben dieſer Samlaͤndiſchen Edlen in den gefaͤhrlichen Bewegungen des Landes ſo ſehr bedroht geweſen war, geſchah es, daß auf Verletzungen, Verſtuͤmme⸗ lung oder den Todtſchlag eines dieſer Withinge ein hohes Wehrgeld von ſechzig Mark feſtgeſtellt wurde, waͤhrend es nachmals fuͤr andere Stammpreuſſen und namentlich für die Freilehens⸗Leute bald nur auf dreißig, bald auch nur auf funfzehn oder ſechzehn Mark beſtimmt ward. Wie es ſcheint, war es auf dem Kapitel zu Elbing, wo der Hochmeiſter eine beſtimmtere Anordnung in Betreff dieſes Wehrgeldes für die Withinge traf ). 1) Dusburg c. 193. 223. 2) Man ſindet dieſes Verzeichniß der Withinge bei Ko geb ue B. II. S. 318, doch ziemlich fehlerhaft, befonders in Ruͤckſicht der Namen. Mit mehren alten Abſchriften verglichen und vielfach berichtigt iſt es in meiner Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſch. S. 212 mitgetheilt und dort auch uͤberhaupt das Noͤthige darüber geſagt. 3) Zwar haben wir hierüber keine ganz beſtimmte Angabe; allein
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120 Verhaͤltniſſe in Livland Aber auch manche von den Deutſchen Einzoͤglingen er⸗ hielten Beweiſe dankbarer Erkenntlichkeit für die treuen Dienſte, die ſie der Kirche oder dem Orden in der gefahrvollen Zeit geleiſtet. So ward dem edlen Ritter Dieterich Stange, aus dem Geſchlechte jenes tapfern Komthurs von Chriſtburg Hein⸗ richs Stange, der fruͤher auf Samland zur Rettung der Sei⸗ nen den Heldentod geſtorben war, fuͤr ſeine vielfachen Auf⸗ opferungen zum Heile der Kirche von Pomeſanien zur Zeit des Biſchofs Albert nicht bloß von ſeinem Lehnsherrn dem Biſchof Heinrich von Pomeſanien ein Theil der fruͤher zum Beſten der Kirche aufgegebenen Guͤter wieder zuruͤckgegeben mit der hohen und niedern Gerichtsbarkeit und mit der Er⸗ laubniß zum Aufbau einer eigenen Burg und zur Gründung einer Stadt auf ſeinem Gebiete, ſondern der Hochmeiſter Kon⸗ rad von Feuchtwangen belohnte des Ritters Verdienſte auch noch durch die Verleihung der beiden Doͤrfer Balau und Stulzin und erklaͤrte öffentlich, daß er ſolches als eine Dank⸗ entrichtung fuͤr die bewieſene Treue des edlen Ritters be⸗ trachtet wiſſen wolle ). es weiſet darauf ſchon der umſtand hin, daß erſt von dieſer Zeit an das Wehrgeld anfaͤngt, in den Verſchreibungen fuͤr Withinge regelmaͤßiger vorzukommen. Außerdem werden fie Nobiles magnum jus habentes ge⸗ nannt; wie aber in der Beilage Nr. II dieſes Bandes, wo ſpecieller von dieſem Wehrgelde geſprochen wird, gezeigt iſt, bedeutet iudicium maius das Wehrgeld von 60 Mark und es ſcheint demnach als wenn magnum jus hier das Wehrgeld von 60 Mark bezeichne, da jus und iudieium in dieſer Beziehung völlig gleiche Bedeutungen haben. 1) Die beiden Urkunden hieruͤber ſind in verſchiedenen Jahren aus⸗ geſtellt. Die des Biſchofs hat das Datum: Marie Insula an. 1293 in die beati Vincentii Martyr., die des Hochmeiſters dagegen: In castro S. Marie pridie Kalend. Februar. 1296. Beide zeugen aber von den großen Verdienſten, welche ſowohl Dieterich ſelbſt, als ſeine Vorfahren ſich um den Orden und die Kirche erworben hatten. Jener muß einmal auch die Burg Marienwerder im Beſitze gehabt haben, denn in der bi⸗ ſchöflichen Urkunde heißt es: Preterea castrum Insule Sancte Marie ad manus antecessoris nostri libere resignavit. Von ſeinen Verdien⸗ ſten ſagt der Biſchof unter andern: Considerantes quod cum nostra ecclesia ad tale exterminium sive excidium devenerat propter con-
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* 8 . zwiſchen dem Erzbiſchof und dem Orden (1296). 121 Nachdem endlich im General⸗Kapitel zu Elbing auch noch die Verfaſſung und Anordnung des Sainlaͤndiſchen Domkapi⸗ tels in der Art, wie früher ſchon erwähnt iſt !), feſtgeſtellt und vom Hochmeiſter beſtaͤtigt worden, wandte dieſer nun ſein Augenmerk auf die bedenklichen Verhaͤltniſſe in Livland. Wir ſahen fruͤher, wie ſehr der neue Landmeiſter von Livland Halt von Hohenbach ſchon ſeit dem Jahre 1290 eifrig be⸗ müht geweſen, das Volk der Samaiten und beſonders deſſen Koͤnig Butegeyde zu bekaͤmpfen. Wie weit ihm ſolches ge⸗ lungen war, iſt nicht bekannt; Livland genoß indeſſen ſeit mehren Jahren nach außenhin eine Ruhe, wie ſeit langen Zeiten nicht. Auch im Innern des Landes hatte der Orden bisher feine Macht ſchon außerordentlich emporgehobenz man zählte bereits ein und dreißig ſtarke Burgen, die er feit funfzig Jahren zur Befeſtigung ſeiner Herrſchaft hie und dort auf⸗ gerichtet:). Um fo unglüdlicher aber und unheilvoller geſtal⸗ teten ſich von jetzt an die inneren Verhaͤltniſſe, da zwiſchen der hohen Geiſtlichkeit, namentlich dem Erzbiſchofe von Riga und dem Orden eine Feindſchaft ausbrach, die unſaͤgliches Ungluͤck für das Land herbeifuͤhrte. Die Stellung des Or⸗ dens zu der Geiſtlichkeit in Livland war uͤberhaupt von jeher ganz anders als in Preuſſen. Schon die Entſtehung des Liv⸗ ländiſchen Ordens durch den Biſchof von Riga hatte Verhaͤlt⸗ niſſe zur Folge gehabt, welche dem Deutſchen Orden nach feinen Freiheiten und Vorrechten gänzlich fremd ſeyn mußten. Es hatte freilich nicht an mancherlei Verſuchen gefehlt, dieſe Verhaͤltniſſe ſowohl bei der Vereinigung der beiden Orden als auch ſpäterhin noch moͤglichſt auszugleichen und ſich über — — tinuos insultus gentilium et paganorum, quod ab ecclesia nostra do- minus Albertus bone memorie noster predecessor etiam victum habere non poterat, progenitore dieti Militis unacum ipso expendendo res proprias et personas ad reformationem nostre ecclesie et fidei catho- lice conservationem efficacissime intendunt. 1) S. oben B. III. S. 549. 2) Bray Essai critique sur T histoire de la Livonie T. I. p. 179. De Wal Recherches T. I. p. 357 — 358.
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122 Verhaͤltniſſe in Livland die Stellung des Ordens zu der hohen Geiſtlichkeit gegen⸗ ſeitig zu verſtaͤndigen !). Allein was auf Pergamenten be⸗ ſtimmt war, hatte ſich im Leben oft ganz anders geſtaltet und die unendlich vielen Faͤlle, in denen die Intereſſen des Or⸗ dens und der Kirche ſich einander begegneten, hatten auch unmoͤglich zuvor immer genau berechnet und geregelt werden können. Je mehr ſich aber ſolche Intereſſen uͤber Herrſchaft, Rechte und Beſitzthum begegneten und einander gegenuͤber ſtanden, um ſo hoͤher ſteigerte ſich beider Seits die Aufmerk⸗ ſamkeit, durch dieſe dann Eiferſucht und Mißtrauen und durch mißtrauiſche Spannung bald auch gegenſeitiger Neid. So war es wirklich im Jahre 1289 ſchon dahin gekommen, daß die erzbiſchoͤflichen Vaſallen nicht ohne Mitwirken des Ordens den Erzbiſchof Johann von Fechten wegen Nichtbeachtung ihrer Beſchwerden gefangen nahmen und ſo lange in feſtem Verwahrſam hielten, bis er ſich genügend gerechtfertigt hatte 2). Man fuͤhlte bald nur zu ſehr, daß die Spannung mit un⸗ heilvollen Folgen zum Ausbruche kommen muͤſſe; man ſuchte dem zu begegnen und es erfolgte daher im Jahre 1292 eine Art von Freundſchafts⸗ und Vertheidigungs⸗Buͤndniß zwiſchen dem Orden und dem Erzbiſchofe, in deſſen ganzer Abſaſſungs⸗ weiſe man freilich nur zu bald den ergrimmten Loͤwen ſah, der zur Beruhigung geſtreichelt werden ſollte); denn je mehr 1) S. oben B. II. S. 344 ff.; auch die Urkunde bei Dogiel T. V. Nr. XXVIII. p. 20. 2) Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 331. Im Rigaiſchen Zeu⸗ genverhöre ſagt ein Zeuge: Iohannes de Vecte, Archiep. Rigens. captus fuit a quibusdam Militibus secularibus per violentiam de consilio fratrum hospitalis. Freilich trat fpäter im J. 1306 ein Ordens⸗Sach⸗ walter mit der Behauptung auf: Dominus Tohannes de Vecata, olim Archiep. Rigensis, fuit captus in castro Cokenhausen per vasallos ipsius archiepiscopi et in carcere dententus per plures menses. Pre- ceptor et fratres ordinis liberaverunt dominum Iochannem olim Ar- chiepiscopum a carcere. Urk. im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 1. 3) Mit der Darftellung der Ereigniſſe im J. 1292, wie ſie Berg⸗ mann im Magazin für Rußlands Geſchichte B. I. H. I. S. 29 — 30 giebt, will ſich dieſer freundſchaftliche Vertrag allerdings nicht wohl
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zwiſchen dem Erzbiſchof und dem Orden (1296). 123 dem Erzbiſchofe und dem Landmeiſter das Herz voll war von Mißtrauen, Eiferſucht und Neid, um ſo mehr bot man alles auf, in ſchoͤnklingenden Worten ſich gegenfeitige Freundſchaft, Beiſtand, Vertheidigung und Aufrechthaltung der jedem Theile zuſtehenden Freiheiten und Gerechtſame zu verſprechen ). Und wie trügerifch dieſes Buͤndniß in der That war und wie gleißneriſch die zugeſicherte Freundſchaft, bewies ſchon das naͤchſte Jahr, in welchem der Orden nicht bloß mit der Stadt Riga uͤber den Aufbau eines Thurmes und uͤber die ſtaͤdtiſche Verfaſſung in einen harten Streit gerieth ), ſon⸗ dern auch der Erzbiſchof zu feiner perfönlichen Sicherheit gez gen den Orden fuͤr noͤthig fand, die feſte Burg Marienhauſen zu erbauen. Allein das frommte ihm wenig, denn noch in demſelben Jahre brach der Streit ) zwiſchen beiden Theilen mit ſolcher Erbitterung aus, daß der Landmeiſter den Erz⸗ biſchof ploͤtzlich überfallen und feſtſetzen ließ?). So kam das vereinigen laſſen. Vielleicht klaͤrt ſich aber der Abſchluß dieſes Vertrages dadurch etwas auf, daß der Erzbiſchof wegen eines gefaͤhrlichen Bein⸗ bruches genoͤthigt war, das Land zu verlaſſen und wegen der Huͤlfe ge⸗ ſchickter Aerzte nach Flandern zu reiſen. Dieſes umſtandes erwaͤhnt auch Bergmann ſelbſt ſchon und das Rigaiſche Zeugenverhör beftätigt fie, indem es hier heißt: Quod dominus Johannes Archiepiscopus Ri- gensis tibiam habens ruptam pro ope medicorum ivit in Flandriam. Dogiel T. V. Nr. XXXVI. p. 39. 1) Der Vertrag, datirt: Kokenhusen a. d. 1292 feria quarta post dominicam qua cantatur Reminiscere bei Dogiel T. V. Nr. XXXL P. 21. Im geh. Archiv Schiebl. XLI. Nr. 13 befindet ſich das Gegen⸗ Inſtrument des Erzbiſchofs in einem Transſumt vom J. 1415. 2) Dogiel T. V. Nr. XXXVI. p. 29. 3) Daß man auch die alten Mißhelligkeiten noch nicht vergeſſen hatte, bewies die Erklaͤrung des Landmeiſters, welche er dem Erzbiſchofe gab: daß naͤmlich auch aliae causae antiquae ante viginti annos ortae inter eos, Anlaß zur Feindſeligkeit gäben. 4) Nach Bergmann a. a. O. S. 31 ward Riga vom Ordens⸗ meifter belagert und durch Hunger zur Uebergabe bewogen. Von der Gefangenſchaft des Erzbiſchofs ſpricht das Rigaiſche Seugenverhör und erwaͤhnt zugleich, daß einer der mitgefangenen Domherren, Hermann wegen übler Behandlung im Gefaͤngniſſe geftorben ſey.
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124 Kampf zwiſchen dem Orden u. dem Erzbiſchof v. Riga (1296). lange verſteckte Feuer zum vollen Ausbruche. Zwar befreite des Landmeiſters baldiger Tod nach einigen Monden den Praͤ⸗ laten von feiner Haft !); allein es gluͤhte in ihm ſelbſt ein Rachzorn, der keinen Frieden erwarten ließ. Und kaum hatte der neue Landmeiſter Heinrich von Dumpeshagen 2) durch einen beſondern Vertrag mit dem Biſchofe Bernhard von Dorpat den Verſuch gewagt, die uͤbrigen Biſchoͤfe von der Sache des Erzbiſchofs zu trennen und für den Orden zu ge winnen, als dieſer mit allen Mitteln und Waffen der geiſt⸗ lichen und weltlichen Gewalt gegen den Orden in den Kampf trat. Es war ihm nicht genug, daß in ſeiner Kirche foͤrm⸗ liche Gebete zur Vertilgung des Ordensmeiſters und ſeiner Ritter gehalten wurden, ſondern er wußte auch die geſammte Rigaiſche Buͤrgerſchaft gegen den Orden aufzuwiegeln, ja er trat ſogar mit den heidniſchen Litthauern in ein Huͤlfsbuͤndniß gegen feine verhaßten Gegner). Zwar ſtarb der Erzbiſchof noch im Verlaufe des Jahres 1294 und bald darauf im Jahre 1295 auch ſchon der Landmeiſter Heinrich von Dumpeshagen; allein der zum neuen Erzbiſchofe von Riga erwaͤhlte Graf Jo⸗ hann von Schwerin und der zum Landmeiſter erkorene Or⸗ densritter Bruno“) naͤhrten beide keineswegs Geſinnungen, 1) Arndt B. II. S. 70. 2) Er trat ſein Amt im J. 1294 an; Bachem a. a. O. S. 35. Bray J. c. p. 330. 3) Arndt a. a. O. Gadebuſch B. I. S. 335. 4) Wir finden in Urkunden gemeinhin dieſen Bruno als Magister Livonie genannt und koͤnnen daher nicht zweifeln, daß er wirklicher Landmeiſter in Livland war. In einer Urkunde indeſſen, einem Vidimus der paͤpſtl. Bulle, worin der Papſt den Biſchof Albert von Armagh zum Erzbiſchofe von Preuſſen erhebt (1246), das aber ohne Datum und aus dem 16. Jahrh. auf Papier geſchrieben iſt, im geh. Arch. Schiebl. XVII, wird Bruno bloß Vice- magister domus teutonice per Livo- niam genannt, wonach er nur Stellvertreter des Landmeiſters geweſen ſeyn muͤßte. Wahrſcheinlich aber iſt die urkunde unmittelbar nach dem Tode Heinrichs von Dumpeshagen abgefaßt, als Bruno bis zur neuen Wahl des Landmeiſters das Amt ſtellvertretend verwaltete, bis die Nachricht ſeiner Ernennung ankam.
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Kampf zwiſchen dem Orden u. dem Erzbiſchof v. Riga (1296). 125 die zum Frieden führen konnten; vielmehr brach das Kriegs⸗ feuer nun offen aus. Das Buͤndniß mit den Litthauern ward auch von dieſem Erzbiſchofe erneuert; bevor jedoch dieſer Feind noch herzukam, griff man zu den Waffen, denn auf des Erz⸗ biſchofs Antrieb brachen die Rigaer auf; die Ordensburg ihrer Stadt, wo der Landmeiſter bisher ſeinen Sitz gehabt und ein ziemlich zahlreicher Convent geſtanden hatte, wurde durch die Bürger plotzlich überfallen, erſtuͤrmt und von Grund aus zer⸗ ſtoͤrt; den Komthur des Hauſes ſchleppte man am Barte un⸗ ter Schimpf und Schmach zum Galgen, ſechzig der Convents⸗ bruͤder wurden erſchlagen oder aufgehaͤngt und die Kirche und Ordenskapelle mit wilder Wuth niedergeriſſen ). Alsbald ſammelten auch die Ordensgebietiger eine ſtarke Heeresmacht und griffen den Feind mit ſolcher Erbitterung an, daß in der Zeit von achtzehn Monaten neun blutige Treffen geliefert wurden 2). Der Erzbiſchof hatte ſich zur Sicherheit auf die feſte Burg Thoreide gefluͤchtet. Allein der Landmeiſter bela⸗ 1) Dieſe Nachricht, von welcher die Chroniſten nichts wiſſen, er⸗ halten wir in einem alten Mfer. des geh. Archivs betitelt: Rigiſche Handlung p. 49, wo es heißt: Dominus Johannes de Swerino quon- dam archiepiscopus Rigens. motor et seminator discordiarum inter ecclesiam rigensem ex una et fratres ordinis b. M. T. parte ex al- tera ordini plura dampna intulit et procuravit, primo quod ex man- dato et inductu ipsius Cives rigenses domum ordinis solempnem, quam a prima fundacione civitatis rigensis Ordo in Civitate habuit, in qua sedes principalis magistri seu preceptorum Lyvonie esse con- suevit, una cum solempni Conventu de LX fratribus penitus ac fun- ditus destruxerunt, fratres ipsos occiderunt, ecclesiam ac capellas fratrum nec non alias domus pro redditibus fratrum constructas ma- ligno ducti spiritu ruine dederunt, ipsique ordini et fratribus plus quam sex milium marcarum argenti puri dampna intulerunt seu illata fuerunt. In einer andern alten Schrift heißt es darüber: Cives Com- mendatorem ordinis de domo Rigensi ceperunt, ipsum per barbam suam despectuose suspendentes et demum LXII fratres de ordine in foro publice decollantes, Curiam ipsorum ibidem totaliter destruxerunt. In einem Schreiben an den Papſt wird die Sache ebenfo, wie in dieſen beiden Berichten erzaͤhlt. 2) Dusburg c. 262.
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126 Kampf zwiſchen dem Orden u. dem Erzbiſchof v. Riga (1296). gerte ihn hier mit einem ſtarken Heere und da jener bei der geringen Zahl der Beſatzung keine Moͤglichkeit der Errettung ſah, fo übergab er die Burg und gerieth fo ſelbſt in die Ge⸗ fangenſchaft des Meiſters. Man brachte ihn zuerſt auf die Burg Seegold, hierauf nach Wenden und endlich nach Fellin. Dort ward er lange mit mehren ſeiner Anhaͤnger in feſtem Verwahrſam gehalten; er ſoll oft nichts als Waſſer und Brot erhalten haben und von den Ordensrittern mit mancherlei Schimpf und Geſpoͤtte behandelt worden ſeyn !). So wild tobte ſchon der Sturm in Livland, als der Hochmeiſter im Kapitel zu Elbing alles aufbot, ihn zu be⸗ ſchwichtigen. Allein es gelang ihm ſolches durch kein Mittel, denn der Rachzorn und die Erbitterung der Gemuͤther war viel zu hoch geſtiegen, als daß ihm eine friedliche Ausglei⸗ chung moͤglich geweſen waͤre. Vielleicht hinderten ihn auch Kraͤnklichkeit und ſein hohes Alter 2), mit der noͤthigen Kraft in die Verhaͤltniſſe einzugreifen. Nachdem er daher auf dem Kapitel mehre Ordensaͤmter in Preuſſen noch neu beſetzt, un⸗ ter andern den Ordensritter Konrad Sack mit der Wuͤrde des Landkomthurs von Kulm, den Ritter Ludwig von Schippen 1) Ueber dieſe Gefangenſchaft waren ſonſt die Livland. Geſchicht⸗ ſchreiber ſehr uneinig; ſ. Gadebuſch B. I. S. 343, Arndt Th. II. S. 72, Hiärn S. 189. Das Rigaiſche Zeugenverhoͤr giebt darüber vollftändige Auskunft. Es enthält zuerſt die beſtimmteſte Angabe, daß die Gefangennehmung durch den Landmeiſter Bruno geſchehen ſey, denn auf die an einen Zeugen gerichtete Frage: Qui fuerunt illi fratres, qui ſecerunt illum Archiepiscopum detineri ? antwortet er: quod fuit fra- ter Bruno tunc Magister fratrum de Ly vonia. Ein anderer ſagt: die Gefangennehmung ſey in Thoreide im J. 1295 geſchehen. Damit ſtimmt auch die Urkunde bei Dogiel T. V. Nr. XXXVI p. 27 überein, ob⸗ gleich nicht alles darin Geſagte Glauben verdient. Die Gefangenſchaft dauerte 33 Wochen. Ueber des Erzbiſchofs Behandlung heißt es im Zeugenverhoͤr: Fratres ceperunt violenter dom. Ioannem de Suerin tunc Archiep. Rig. et satis eum male tractavernnt, deducentes eum per castrum Wende in parvissimo equo et armati equitabant et cur- rebant post eum deridendo et illudendo eidem risibus et cachinis et quod per aliquod tempus propinabant sibi solummodo panem et aquam. 2) Jeroſchin c. 257 erwähnt feines hohen Alters.
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Stellung des Roͤm. Hofes gegen den Orden (1296). 127 mit dem Komthuramte zu Elbing u. ſ. w. bekleidet, dann die Ordensgebietiger mit Ernſt an ihre Pflichten ermahnt, viele auch durch Geſchenke erfreut und ermuntert !), begab er ſich gegen Ende des Mai nach Thorn 2) und von da nach Boͤh⸗ men, um die dortigen Ordensbeſitzungen zu beſuchen. Als er aber zu Prag verweilte, erkrankte er und ſtarb in den er⸗ ſten Monaten des Jahres 1297. Sein Leichnam ward auf das nahe Ordenshaus Dragowitz gebracht und in der dortigen Ordenskapelle beigeſetzt “). Kaum hatte jedoch der Hochmeiſter Preuſſen verlaſſen, als der Kampf mit den oͤſtlichen Heiden wieder in alter Weiſe begann. Noch gegen Ende des Jahres 1296 brach der kuͤhne Komthur von Ragnit Ludwig von Liebenzell ins feindliche Land ein und brannte dort zwei Burgen nieder, deren eine Kymel genannt an der Memel lag. Ihm folgte bald mit einer groͤßeren Kriegsſchaar aus Natangen der Komthur von Balga, welcher ſich ins Gebiet von Garthen oder Grodno wandte; es gelang ihm jedoch nur die Vorburg der Feſte gleiches Namens niederzubrennen und nach Verheerung des Landes eine reiche Beute hinwegzufuͤhren, unter welcher auch 1) Dusburg c. 257. 2) Nach einer Urkunde im Fol. Nr. 7 Samlaͤnd., Pomeſan. und Kulm. Privilegien p. 174 befand er ſich am 30. Mai 1296 noch zu Thorn. Nach Duellius P. I. p. 26 hielt er ein Kapitel zu Frankfurt; allein die Zeit iſt ungewiß; auch De Wal Recherches T. I. p. 122 konnte aus feinen Quellen nichts darüber ermitteln. Vielleicht faͤllt es noch in dieſe Zeit; ſ. Hennigs Ordens-Statute S. 117. Von den in dieſem Kapitel gegebenen Geſetzen werden wir fpäter ſprechen. 3) Sein Todestag iſt unbekannt. Dagegen uͤber ſein Todesjahr und feinen Begräbnißort iſt nach Jeroſchin c. 257, dem Epitomator, Line denblatts Jahrbuͤch. S. 361, Annal. Oliv. p. 34 und Lucas Da⸗ vid B. V. S. 126 kein Zweifel; ogl. die Ordenschron. bei Matihaeus p. 766, Schütz p. 51 und De Wal Histoire de TO. T. T. II. p. 341. Der verſtorbene Prof. Buͤſch ing theilte mir eine Inſchrift folgendes Inhalts zu: Conradus Feuchtwangen Magister Generalis Ordinis Teu- tonici septem annis Ordini gloriose praefuit, in Bohemia Dracotii circa an. 1296 mortuus, hic sepultus est. Er meldete mir, ſie in der Klo⸗ ſterkirche zu Trebnitz gefunden zu haben.
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128 Stellung des Roͤm. Hofes gegen den Orden (1296). zweihundert Gefangene waren ). Ueberhaupt war es auf ſolchen Heerfahrten auch nicht immer auf große Erfolge ab⸗ geſehen und es konnten ſolche bei der doch meiſt nur ſchwa⸗ chen Kriegsmacht, mit welcher dieſe Fehdezuͤge fortgeſetzt wur⸗ den, auch nicht einmal erwartet werden?). Vielmehr ward auch jetzt noch immer der Krieg nur des Krieges wegen ge⸗ fuͤhrt, weil Verfaſſung und Geſetz des Ordens gegen Chriſten⸗ feinde und Heiden ſteten Krieg geboten. Je mehr aber Litthauens Großfürft durch die unaufhoͤr⸗ lichen Raub= und Verheerungszuͤge gereizt und erbittert ward, um ſo gefahrvoller war es, daß er in Livland an der hohen Geiſtlichkeit einen gegen die Ordensritter von gleichem Grimm erfüllten Freund und Bundesgenoſſen fand. Der Haß und die tiefe Erbitterung des Erzbiſchofs gegen den Orden ließen ihn das Gottloſe und Verdammungswuͤrdige ganz uͤberſehen, was ſonſt die Kirche in einem ſolchen Buͤndniſſe mit den Heiden gegen die Gläubigen erkannte und beſtrafte. Von Kom her ſchien er uͤberdieß nicht viel fürchten zu dürfen, denn ſeit Jahren war man gegen den Roͤmiſchen Stuhl ziemlich ſicher geworden. Zwar hatte ihn endlich nach einer mehr als zweijährigen Erledigung Coͤleſtin der Fünfte eingenommen, aber mehr mit Widerwillen, als mit großen Vorſaͤtzen; zwar wachte auch in ihm einmal der Gedanke wieder auf, das hei⸗ lige Land aus der Unglaͤubigen Haͤnde zu befreien und er er⸗ mahnte auch den Deutſchen Orden zur eifrigſten Beihuͤlfe bei 1) Dusburg c. 258259. Lucas David B. V. S. 126 — 127. Die Burg Kymel ſetzt Jeroſchin o. 258 an die Memel. Den Zug gegen Garthen unternahm Siegfried von Rechberg, damals Komthur von Balga. 2) Peter Suchenwirt bezeichnet den Charakter dieſer Kriegs⸗ zuͤge gegen die Litthauer nicht unpaſſend mit folgenden Worten: Was in tet we, daz tet uns wol! Daz lant waz leute und gutes vol, Da mit ſo het wir unſern luſt, Den chriſten gwin, den haiden fluſt, Als man noch legt auf chrieges wag; Die tzeit waz luſtig und der tag!
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Stellung des Rom. Hofes gegen den Orden (1296). 129 dem Unternehmen; indeſſen dieſer Gedanke ging bald wieder vorüber und die Art, wie Coͤleſtin bei dieſer Gelegenheit von den Kaͤmpfen des Ordens gegen die Heiden im Norden ſprach, verrieth eben keine ſonderliche Theilnahme an dieſen Ereig⸗ niſſen 1). Sein ganzes Intereſſe an dem Orden beſchraͤnkte ſich daher auch nur darauf, daß er ihm zum Erſatze des großen Verluſtes an ſeinen Beſitzungen jenſeits des Meeres die Befreiung von allen Geldunterſtuͤtzungen an die paͤpſtlichen Legaten, Nuntien und Curſoren von neuem zuſicherte 2). Nun ſaß zwar ſeit den letzten Tagen des Jahres 1294 der gewal⸗ tige Papſt Bonifacius der Achte auf dem Roͤm. Stuhle und ſchon im zweiten Jahre feiner Regierung gab er manche Be: weiſe einer regeren Theilnahme an des Ordens Verhaͤltniſſen, indem er ihn hie und da von mehren druͤckenden Laſten be⸗ freite; allein ſeine Beguͤnſtigungen betrafen entweder den Orden nur ganz im Allgemeinen, oder ſie beruͤhrten nur die Verhaͤltniſſe einzelner Ordenshaͤuſer in Deutſchland und Ita⸗ lien. Auf die Lage der Dinge in Livland und Preuſſen da⸗ gegen wandte Bonifacius ſein Augenmerk kaum ein einziges Mals), als er naͤmlich zur Entſchaͤdigung der Verluſte des 1) Die Bulle hicruͤber, datirt: Aquile III. Calend. Septemb. P. n. a. I (30. Aug. 1284) im groß. Privilegienbuche p. 17 18. Von der Befreiung des heil. Landes ſpricht der Papſt mit vielem Eifer. Von den nordiſchen Kämpfen des Ordens heißt es dagegen: Licet igitur prout ſide digna revelat assertio, vos divine maiestatis obsequia fer- ventibus studiis prosequentes ad fidem catholicam in Livonie Prus- sieque provinciis dilatandum cum paganis inibi moram trahentibus in guerra quasi continua existatis, quia tamen predicte terre sancte ne- gotium specialiter et precipue insidet cordi nostro etc. etc. 2) Das Original dieſer Bulle, datirt: Neapoli V Cal. Decembr. P. n. a. I (27. Nov. 1294) im geh. Archiv Schiebl. VII. Nr. 1 und im groß. Privilegienb. p. 51. 3) Dieſes iſt auch der Grund, daß das geh. Archiv keine einzige Original⸗Bulle von dieſem Papſte beſitzt. Mehre Abſchriften von ſeinen Bullen, auswaͤrtige oder allgemeine Verhältniffe betreffend, ſtehen im groß. Privilegienbuche P- 11. 57. 88. Merkwuͤrdig iſt noch eine Bulle dieſes Papſtes im kleinen Privilegienbuche p. 92, worin Bonifacius dem Domkapitel zu Wuͤrzburg meldet, daß die Deutſchen Ordensritter bei IV. 9
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130 Stellung des Röm. Hofes gegen den Orden (1296). Ordens in Akkon und zur Foͤrderung ſeines Kampfes gegen die Heiden im Norden ihn von der Leiſtung des Zehnten und der kirchlichen Einkünfte frei ſprach, die er dem Könige Karl von Sicilien zur Unterſtuͤtzung gegen König Jacob von Ar⸗ ragonien bewilligt hatte 1). Alſo bei dieſer im Ganzen fo lauen Geſinnung und fo geringen Theilnahme des Roͤmiſchen Hofes an den Verhaͤlt⸗ niſſen des Ordens in Preuſſen und Livland durfte es der Erzbiſchof von Riga auch ſchon kuͤhn und keck wagen, die nahen heidniſchen Litthauer zum Kampfe gegen die Ordens⸗ ritter aufzufordern. Und der Großfinft Witen, der feinem Vater Putuwer gefolgt war, gab dieſem Rufe gerne Gehör. Noch im Winter des Jahres 1296 fiel er mit einer zahlreichen Schaar in das Ordensgebiet in Livland ein; es unterlag einer furchtbaren Verheerung, denn uͤberall waren des Erzbiſchofs Anhaͤnger fuͤr die wilden Raubhorden Leiter und Gehuͤlfen. In Preuſſen aber hatte man laͤngſt gewuͤnſcht, daß der Groß⸗ fürft mit feiner Streitmacht fein Land einmal verlaſſen möge. Daher ſammelte jetzt der Komthur von Königsberg in groͤß⸗ ter Eile ein ſtarkes Heer und uͤbergab es dem tapfern Ordens⸗ ritter Heinrich Zuckſchwert?) zu einem Einfalle in Litthauen, um in des Großfuͤrſten Abweſenheit deſſen Gebiet auszupluͤn⸗ dern. Allein dieſer Zweck ward nicht nur nicht erreicht, da das Heer beim Angriffe auf die Burg Garthen einen fo hef— ihm geklagt, die Johanniterritter zu Mergentheim hätten ihnen auf ihren dortigen Beſitzungen die Graͤnzſteine ausgebrochen und unrichtig wieder eingeſetzt; er habe daher als Schiedsrichter Engelhard von Bebenburg, Gerwig von Saxenflur, Hermann von Leſchen, Konrad von Vinſterloch und Reymar von Luden dahin befehligt. 1) Die Bulle, datirt: Rome V Idus Febr. p. a. II im groß. Pri⸗ vilegienb. p. 13 und 57. Der Papſt ertheilt ausdruͤcklich dieſe Bewilli⸗ gung pro defensione ac exaltacione fidei orthodoxe in Livonie ac Prussie partibus in bellis cum inimicis christiani nominis in partibus istis degentibus. 2) Dusburg c. 261 nennt Heinrich Zuckſchwert hier Commenda- torem de Balga; Urkunden ergeben aber, daß ſchon in der Mitte Aprils 1296 Siegfried von Rechberg Komthur von Balga war.
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Verhättniffe Pommerns nach Miſtwins Tod (1296). 131 tigen Widerſtand fand, daß es fruchtlos mil großem Verluſte den Ruͤckzug antreten mußte, ſondern der gereizte Feind folgte den Ordenskriegern eiligſt nach, brach ins Kulmerland ein, plünderte fünf Dörfer aus und zog dann mit vielen Gefan⸗ genen in die Heimat zurück!). Es war ſeit mehren Jahren zum erſtenmale wieder, daß die Litthauer mit dem Schwerte in Preuſſen erſchienen; Livland und Preuſſen waren jetzt ſchon zu gleicher Zeit vom Feinde uͤberzogen geweſen, zwar weder hier noch dort unter großen und entſcheidenden Creigniffen; allein der aus beiden Laͤndern hinweggefuͤhrte Raub ließ den gierigen Feind nur zu bald von neuem befuͤrchten und es wurden ſomit ſchon in dieſer Hinſicht die Zeiten für den Or⸗ den wieder bedenklicher und gefahrvoller. Aber auch im weſtlichen Graͤnzlande hatten ſich mittler⸗ weile die Verhaͤltniſſe anders geſtaltet und zwar auch hier nicht in der Art, daß der Orden gegen dorthin ohne Beſorg⸗ niſſe ſeyn konnte. Herzog Miſtwin von Pommern war be⸗ reits im Sommer des Jahres 1295 geſtorben 2); Herzog Przemislav von Groß-Polen hatte das ihm zugeſprochene Herzogthum ſofort in Beſitz genommen und mit dieſer Er⸗ weiterung ſeiner Macht ſich auch den koͤniglichen Namen zu⸗ gelegt). So ſaß nun wirklich, wie der Orden lange be⸗ 1) Dus burg c. 260.261. Lucas David B. V. S. 127— 128. 2) Ueber die Zeit des Todes des Herzogs Miſtwin vgl. Sell Ge⸗ ſchichte v. Pommern B. I. S. 354. Die dort aufgeſtellte Behauptung, daß der Herzog ſchon vor der Mitte des Auguſts 1295 geſtorben ſeyn muͤſſe, beftätigen auch Original⸗Urkunden des geh. Archivs. Die letzte Urkunde Miſtwins iſt am 29. Juni ausgeſtellt; er muß daher im Juli geſtorben ſeyn, denn in einer Urkunde vom 9. Auguſt 1295 nimmt Prze⸗ mislav als Herzog von Pommern und König von Polen das Kloſter Oliva in feinen Schutz und beftätigt ihm alle feine Freiheiten (geh. Arch. Schiebl. LV. Nr. 68), alſo ein Beweis, daß Miſtwin noch vor dem 15. Auguſt (nach Sell) geſtorben war. Das Chron. Oliv. p. 39 giebt VIII Calend. Ianuar. 1295 und Diugoss. p. 874 den 25. Docemb. 1294 als ſeinen Todestag an. 3) Den königlichen Titel ſcheint Przemislav nach den Urkunden ſogleich nach Miſtwins vo. angenommen za haben, denn ſchon am 9 *
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132 Verhaͤltniſſe Pommerns nach Miſtwins Tod (1296). fuͤrchtet, ein Polulſcher Fuͤrſt zugleich auch auf dem Pomme⸗ riſchen Herzogsſtuhle und die Aneignung des koͤniglichen Ti⸗ tels, den ſeit Boleslav dem Zweiten von Polens Herzogen keiner wieder getragen hatte, ſchien ein hinlaͤngliches Zeugniß zu ſeyn, daß Przemislav nach noch hoͤheren Dingen ſtrebe. Dieſe Wendung der Verhaͤltniſſe war fuͤr Pommern, wie fuͤr den Orden in Preuſſen von der aͤußerſten Wichtigkeit, denn fuͤr das erſtere ſtand jetzt die ganze Richtung ſeiner kuͤnftigen Bildung im Spiele und fuͤr den letztern hatte ſich mit einem⸗ male ſein ganzes Verhaͤltniß zu Deutſchland geaͤndert, wenn Pommern als Zwiſchenland unter Polniſcher Herrſchaft blieb ). Allein dem neuen Koͤnige, ſo eifrig er auch alsbald mit Dan⸗ zigs ſtaͤrkerer Befeſtigung ſich beſchaͤftigte ?), waren doch nur wenige Tage in dieſer Wuͤrde zugedacht; denn rings umher erhoben jetzt die nahen Fuͤrſten ihre gerechten Anſpruͤche auf Miſtwins Lande. Die Markgrafen von Brandenburg, welche Pommern nun als ein an ſie verfallenes Lehen betrachteten und die alte Verleihung des Kaiſers Friederichs des Zweiten durch den Roͤmiſchen Koͤnig Adolf von Naſſau eben wieder hatten beftätigen laſſen ), hatten ſich laͤngſt ſchon, wie wir 9. Aug. (in der Beſtaͤtigungs⸗Urkunde für Oliva) nennt er ſich Rex Polonie et Dux Pomeranie; die Urkunde iſt auch ſchon datirt in castro nostro Gdanczk. Kantzow Pommcerania B. I. S. 283. Schütz p. 51. Nach der Chron. Anonymi Archidiac. Gnesn. p. 90 geſchah die Krö- nung am Sonntage nach Johanni 1295. Buͤſching Jahrbuͤch. der Schleſier S. 88. 1) De Wal Histoire de PO. T. T. II. p. 472 ſagt ganz richtig: U &toit tres - intéressant pour Pordre, non tant d'avoir cette province, que d'empecher qu'elle ne füt possédée par les Polonnois, parce que dans le cas d'une guerre avec eux, les Chevaliers de Prusse se seroĩent trouves entièrement separes de Allemagne, dont ils devoient esperer le plus de secours. 2) Chron. Oliv. p. 39. Nach den Annal. Oliv. p. 73 befeftigte er Danzig deshalb, quoniam Crucigerorum Prussiensium vicinitatem su- spectam habebat et moliri eos iam nonnihil de adipiscendo Gedano et totius Pomeraniae dominatu senserat. 3) Gercken Cod. diplom. Brand. T. VI. p. 27. Herzberg Ex- posé des droits p. 346. Ueber die Rechtlichkeit der Anſprüche der
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Verhaͤltniſſe Pommerns nach Miſtwins Tod (1296). 133 ſahen, mit dem Fuͤrſten Wizlav dem Vierten von Rügen zu dem Zwecke verbunden, ihre Rechte auf Miſtwins Lande gel⸗ tend zu machen. Przemislav hatte aber unter beſtaͤndigen Unterhandlungen mit den Markgrafen noch nicht ein Jahr in Pommern regiert, als dieſe ihn im Frühling des Jahres 1296 mit Heeresmacht uͤberfielen und bei Rogodzuno im Gegen⸗ kampfe erſchlugen ). Durch Przemislavs ſchnellen Tod aber wurden die Ver⸗ haͤltniſſe nur noch verwickelter, denn als die Polen eiligſt den Herzog Wladislav Loktek von Cujavien zu ihrem Koͤnige er⸗ hoben und dieſer ſich auch Herr von Pommern nannte 2), trat ein neuer Gegner mit in die Schranken. Auch der Koͤ⸗ nig Wenceslav von Böhmen nämlich behauptete Anrechte auf Polen, wie auf Pommern, die er, wie es ſcheint, aus fruͤ⸗ heren Verhaͤltniſſen, namentlich von der Vergabung der Her⸗ zogin Griphina herleitete). Vor dieſem Gegner aber ſchrack Wladislav Loktek am meiſten zuruͤck und zu ſchwach, ihm mit Brandenburger De Wal Histoire de PO. T. II. p. 477; über die ent⸗ gegengeſetzte Meinung vgl. Ehrenrettung der aͤlt. Poln. Geſchichtſchreib. S. 53. 1) Das Chron. Oliv. p. 39 ſagt: Captus per satellites Woldemiri Marchionis de Brandenburg occisus est in ultionem S. Lucardis con- jugis suae, quam ipse male suspectam habens fecerat iugulari. Nach Herman. Corneri Chron. p. 951 wäre er ermordet worden a propriis suis militibus. Dagegen die Chron. Anonym. Archidiac. Gnesn. p. 90 ſtellt die Sache mehr als einen heimlichen Ueberfall vor. Hantzow a. a. O. fest feinen Tod auf S. Dorotheen-Tag (6. Febr.) 1296; dieß ſtimmt ziemlich mit der Chron. Anonym. Archid. Gnesn. überein, daß die Ermordung geſchehen ſey summo mane in die Cinerum, als der Koͤnig das Festum Carnis privii in Rogodzno feierte. Von ſeinem Nachfolger iſt auch eine Urkunde vom 25. Mai vorhanden, worin er ſich Dux Pomeranie nennt, im geh. Archiv Schicht. LV. 2) Nach dem Chron. Oliv. p. 39 ſcheinen ihn die vornehmern Pom⸗ mern gerne aufgenommen zu haben. De Wal I. c. p. 463 nennt ihn petit - fils de Conrad Duc de Masovie, vgl. p. 481—485, 3) S. oben S. 83. Der Röm. König Adolf nannte ihn ſchon im J. 1292 dux Cracoviae et Santomiriae, f. Ludewig Reliqu. Mscr. T. V. p. 435. 440.
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134 Verhaͤltniſſe Pommerns nach Miſtwins Tod (1296). feiner Macht widerſtehen zu koͤnnen, legte er fofort den Köͤ⸗ nigstitel ab und nannte ſich nur einen Erben von Polen und Herrn von Pommern ). Den Titel eines Herzogs von Pos len wollten ihm auch nicht eimmal die Herzoge von Schleſien zugeſtehen, indem die Soͤhne des Herzogs Konrad von Glo⸗ gau von Seiten ihrer Mutter Salome, einer Schweſter Prze⸗ mislavs des Aeltern, ſich mit Recht Erben des Koͤnigreiches Polen nennen zu koͤnnen glaubten 2). Und endlich hatten auf Miſtwins Lande auch die Herzoge von Vorpommern oder Stettin ihre Rechte noch keineswegs aufgegeben. So ſchwan⸗ kend und ordnungslos waren um dieſe Zeit die Verhältniffe Pommerns und ſo wenig wußte irgend einer, wer eigentlich Herr im Lande ſey und wer mit Recht Fuͤrſt und Gebieter heiße ), als in dieſen Wirren ein Mann ſich mehr und mehr emporhob, der auf des Landes fernere Schickſale bald den groͤßten Einfluß hatte. Es war der nachmals ſo beruͤhmte Woiwode von Danzig Graf Swenza, ſchon ſeit dem Jahre 1288 von Miſtwin zu dieſer Wuͤrde ernannt und ſeitdem als des Herzogs vertrauteſter Rath ſtets an deſſen Seite ). Auch 1) Kantzow B. I. S. 283. Dieß mag jedoch nur auf kurze Zeit geſchehen ſeyn, denn in einer Urkunde vom 21. Novemb. 1296 nennt er ſich WIadislaus dei gracia Dux regni Polonie et dominus Pomeranie, Cuyavie, Lancycie ac Syradie; geh. Arch. Schiebl. LV. Nr. 68; eben fo in einer Urk. von 1298 im Liber Privileg. Kyriandri p. 153. 2) Sommersberg Script. rer. Siles. T. I. p. 342. 345. Buͤſching Zeitbuͤcher der Schleſier, Anhang S. 22. 3) Nach dem Chron. Oliv. p. 39 erkannten die Pommern als Herrn auch unum de Rugia, qui similiter brevi tempore Pomeranie tenuit Principatun. Aus mehren Urkunden dieſer Jahre geht jedoch hervor, daß Wladislav von Polen die Landesverhaͤltniſſe in Pommern verwaltete; f. Liber Privileg. Kyriandri p. 153. 4) Schon in einer Urkunde vom J. 1288 ſteht Suinza palatinus Gdanensis unter den Zeugen; ſeitdem kommt er beſtaͤndig als ſolcher vor und in einer andern vom J. 1294, in welcher Herzog Miſtwin der Stadt Dirſchau dieſelben Rechte und Gerichte, wie der Stadt Danzig, verlieh, ſagt dieſer: quod de pari consensu honestissimi palatini Gda- nensis pan Swence Civitati nostre Dersovie et Civibus in eadem residentibus omnia jura et iudicia secundum quod Civitas nostra Gda-
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Der Hochmeiſter Gottfried v. Hohenlohe (1297). 135 feine Bruder verwalteten in Pommern wichtige Aemter; der eine Lorenz war Caſtellan von Stolpe, ein anderer Caſtellan und nachher Woiwode von Slupsk. Graf Swenza ſtand feiner Woiwoden⸗Wuͤrde auch um die Zeit noch vor, als Wladislav Loktek ſich Herr von Pommern nannte und dieſer ſoll ihn zum Statthalter über Pommern erhoben haben, als er im Jahre 1297 den Krieg gegen die Schleſiſchen Herzoge begann 1). Auch für den Orden und für Preuſſen erhielt dieſer Mann und ſeine Familie bald eine bedeutende Wich⸗ tigkeit; allein die Verhaͤltniſſe, in die er ſo entſcheidend ein⸗ griff, entwickelten ſich erſt ſpaͤterhin. So war die Lage der Dinge in Preuſſens Nachbarlan⸗ den, als man im Orden auf die Wahl eines neuen Hochmei⸗ ſters bedacht war. Das General-Kapitel ward dieſesmal zu Venedig im Ordens-Haupthauſe gehalten und dort am drit⸗ ten Mai des Jahres 1297 der Ordensritter Graf Gottfried von Hohenlohe, der Sohn Crafts von Hohenlohe und Bru⸗ ders⸗Enkel des ehemaligen Hochmeiſters Heinrich von Hohen⸗ lohe, zum Oberhaupte des Ordens erwaͤhlt ?). Theils war nensis tenet et obtinet — contulimus, geh. Arch. Schiebl. XLIX. Nr. 44. Pauli B. IV. S. 152 ſoll die Familie Swenza aus dem Pommerſchen Haufe Puttkammer herſtammen; ein Unizlaus Potkomor war allerdings um dieſe Zeit Unterkaͤmmerer in Danzig. 1) Sell B. I. S. 358. — Die Familie Swenza war damals uͤber⸗ haupt im Beſitz der wichtigſten Aemter in Pommerellen. Swenza's Bruder Lorenz war ſchon im J. 1285 Caſtellan in Stolpe. Der Name der Familie kommt bald Swentza, Suenzo, Zvenzo, bald Suinza, Swenczo, Suenca oder Sunza vor. 2) ueber die Wahl dieſes Hochmeiſters haben wir eine beſtimmte Angabe in den Ordens-Statuten, ſ. Hennig Ordens⸗Statut. S. 120, wo gewiſſe Geſetze verzeichnet ſtehen, von denen es heißt, ſie ſeyen ge⸗ geben „in deme grozen capitel zeu venedige, do bruder gotfrid von hoenlohe wart czu meiſter irkoren an des heiligen cruczes tage, als is gevunden wart.“ Duellius p. 26. Duisburg c. 262. Eindenblatts Jahrbuch. S. 361. De Wal Recherches T. I. p. 125. Ueber die Ab⸗ ſtammung Gottfrieds von Hohenlohe vgl. Hanſelmann von der Ho⸗ henlohiſ. Landes⸗Hoheit und De Wal Histoire T. II. p. 344. Pauli B. IV. S. 138.
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136 Der Hochmeiſter Gottfried v. Hohenlohe (1297). es der beruͤhmte und weitgefeierte Name ſeines Geſchlechtes und ſeine nahe Verbindung und Verwandtſchaft mit mehren ſuͤrſtlichen Haͤuſern und mit den erſten und edelſten Familien Deutſchlands, theils die ſeit langen Zeiten ſtets treubewaͤhrte und auch jetzt noch beſonders durch Gottfrieds ritterlichen Va⸗ ter Craft von Hohenlohe vielfach bewieſene Anhaͤnglichkeit und Zuneigung zu dem Deutſchen Orden !), welche Gottfrieds Wahl veranlaßt; vieles aber hatte auch feine eigene Perſoͤn⸗ lichkeit dazu beigetragen. Er war in aller Hinſicht einer der wuͤrdigſten und geachtetſten Ritter ſeines Ordens und aus früheren Aemtern reich an Erfahrung für feine neue Würde. Er ſoll eine Zeitlang Landkomthur von Oeſterreich und Steier⸗ mark geweſen ſeyn ?); gewiſſer iſt, daß er nach Konrads von Feuchtwangen Abgang das Amt des Deutſchmeiſters bis zu feiner Wahl als Hochmeiſter verwaltet hatte). Als ſolcher hatte er zuletzt auch mit dem Papſte Bonifacius dem Achten in mancherlei Verhandlungen geſtanden *) und ſich wahrſchein⸗ lich auch hiedurch das hohe Vertrauen ſeines Ordens erworben. Der Landmeiſter von Preuſſen Meinhard von Querfurt war dieſesmal nicht bei der Wahl des neuen Meiſters zugegen. Es beſchaͤftigten ihn im Lande manche wichtige Verhaͤltniſſe. Da der Krieg einige Zeit ruhete, ſo wandte Meinhard ſeine 1) Im J. 1290 gab Craft von Hohenlohe ſeinen Conſens zur Ueber⸗ gabe der Pfarrei Steinach an den D. O.; im J. 1292 verkaufte er die⸗ ſem ſeine Guͤter zu Staldorf und im J. 1294 ſeinen Hof zu Pelach; im J. 1296 ertheilte er ſeine Zuſtimmung zu den Schenkungen Wiperts von Huſen an den Orden, ebenſo im J. 1297 zu der Schenkung Konrad Reitzens an denſelben u. ſ. w. 2) Dieſe Angabe bei Pauli S. 138 beruht freilich nur auf einer Urkunde bei Duelleus P. II. p. 18, wo Gotfridus Commendator fra- trum H. S. M. Th. I. per Austriam et Styriam genannt wird; allein dieſer Gottfried koͤnnte wohl auch ein anderer ſeyn. 3) Acta Academ. Palat. T. II. p. 28, wo aber nur eine zu Mer⸗ gentheim befindliche Lifte der Deutſchmeiſter als Zeugniß angeführt iſt. Nach dieſer ſoll 1294 Cyriacus von Stetten das Amt eine Zeitlang ver⸗ waltet, ihm aber bald entfagt haben. 4) Nach dem großen Privilegienb. p. 88.
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Meinhards innere Landesverwaltung (1297). 137 ganze Thaͤtigkeit vorzüglich auf das innere Gedeihen und das Aufkommen der Staͤdte und ihrer Gewerbe, auf Handel und Betrieb. So erhielt um dieſe Zeit die vor kurzem erſt ge⸗ gründete Stadt Preuffich Holland, um deren Anbau ſich der Landmeiſter ganz beſondere Verdienſte erwarb, ihr erſtes Pri⸗ vilegium mit manchen Freiheiten und Beguͤnſtigungen und das vormals ſehr verwuͤſtete und menſchenarme Gebiet Pazlok, in welchem die neue Stadt auf ihren Hoͤhen emporſtieg, ge⸗ wann durch die herbeigefluͤchteten Hollaͤnder eine aͤußerſt thaͤ⸗ tige und regſame Menſchenclaſſe !). Um die naͤmliche Zeit erhob ſich auch am linken Weichſel-Ufer an der Seite und unter dem Schutze der ſchon laͤngſt vorhandenen Burg Mewe eine neue Stadt gleiches Namens und erhielt vom Landmeiſter Meinhard, ihrem Gruͤnder auch ihr erſtes Privilegium mit den gewöhnlichen Freiheiten und Rechten. Ein Bürger aus Rheden Konrad, ein Deutſcher uͤbernahm als Schultheiß den Auftrag und das Recht der erſten Niederlaſſung der neuen Buͤrgerſchaft, die meiſtentheils aus Deutſchen, doch zum Theil auch aus Preuſſen und Slaven beſtand. Die neue Stadt blieb eine Zeitlang unbefeſtigt und der Orden behielt ſich das Recht vor, die Befeſtigung nach feinem Gutduͤnken anzuord⸗ nen 2). Des Meiſters ruͤhmlichem Beiſpiele im Eifer fuͤr hoͤhere Landescultur folgten auch die Biſchoͤfe in ihren Lan⸗ destheilen und auch jetzt noch uͤbertraf hierin keiner den Bi⸗ ſchof Heinrich von Ermland. Unter allen ſeinen Schoͤpfungen 1) Das Privilegium befindet ſich in einer alten Abſchrift im Archiv und iſt ausgeſtellt zu Elbing am Michaelis⸗Tage 1297. Da um dieſe Zeit Konrad Sack Landkomthur von Kulm, Heinrich von Wilnowe Komthur von Marienburg, Heinrich von Vaternrode Komthur von Chriſtburg, Guͤnther von Schwarzburg Komthur von Graudenz und mehre andere Komthure bei dem Landmeiſter zu Elbing waren, ſo iſt zu vermuthen, daß dort um dieſe Zeit ein Landkapitel gehalten worden ſey. Vgl. Erläut. Preuſſ. B. IV. S. 469. Im J. 1728 war wenig⸗ ſtens das Privilegium noch im Original in Preuſſiſch⸗Holland vor⸗ handen. 2) Das Privilegium von Mewe in den Preuſſ. Lieferung. B. I. S. 290 — 294; es iſt datirt: in Gymea a. d. 1297. VII Cal. Octobr.
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138 Meinhards innere Landesverwaltung (1297). und Anordnungen zum Gedeihen ſeines Landes iſt am wich⸗ tigſten die Gründung von Frauenburg, die gleichfalls noch dem Jahre 1297 angehört‘). Schon von ihrem Entſtehen an war fie der Liebling der Ermlaͤndiſchen Biſchoͤfe; ſchon Hein⸗ rich zeichnete ſie durch manche beſondere Vorrechte aus, gab ihr das Luͤbeckiſche Recht, freie Fiſcherei im Friſchen Haff in dem ganzen Umfange, fo weit es dem Biſchofe zugehoͤrte, verlieh ihr ein bedeutendes Landgebiet zum Betrieb des Acker⸗ baues und ſtellte ihr die Wahl ihrer Magiſtratsperſonen in ſo weit voͤllig frei, daß dem Biſchofe des Landes nur die Beſtaͤtigung vorbehalten blieb ?). Daher ward nachmals auch in liebevoller Dankbarkeit am jedesmaligen Todestage des Stifters fein Andenken mit kirchlicher Feier erneuert ). So ſah alſo Preuſſen mit Inbegriff des Ordensgebietes am linken Weichſel⸗Ufer im Laufe des einen Jahres 1297 drei neue Staͤdte zu friſchem Gedeihen emporſteigen und in allen waren die groͤßere Zahl der neuen Buͤrger Deutſche und das Deutſche Leben mit ſeinen Rechten, Sitten und Geſetzen erhielt ſomit im Lande immer groͤßere Verbreitung und immer 1) In dieſes Jahr ſetzt die Gruͤndung auch Henneberger S. 182. 2) Das Privilegium von Frauenburg vom Biſchofe Heinrich ſelbſt iſt nicht mehr vorhanden und war, wie es ſcheint, ſchon in den erſten zwanzig Jahren verloren. Daher ſuchte die Buͤrgerſchaft im J. 1318 bei Heinrichs Nachfolger, dem Erzöiſchofe Eberhard um eine Erneuerung und Betätigung des Gruͤndungs⸗Privilegiums nach und nur dieſe hat ſich erhalten. Sie befindet ſich im geh. Archiv im Fol. Privilegia vom Ermlande p. 1 und iſt datirt: In Castro domine nostre Idus Mensis Iulii 1318. Die Stadt wird darin „„Unfer vrowenburg“ genannt. Ueber die Ertheilung des Luͤbeckiſchen Rechtes heißt es: Post hec ut multa breviter concludantur, civibus prenominate civitatis, si ad alium lo- cum posita fuerit vel loco manserit in eodem omne Ius Lubicense ex toto et integraliter conferimus cum omnibus suis condicionibus bonis licitis et honestis tam in terra quam in aquis, nisi forte cives aliud communiter peterent aut eligerent libera voluntate, ut suas he- reditates, domus, curias, ortos, agros et ea, que ex civitate coluntur, possint vendere, commutare, dono dare, recipere, resignare coram Consulibus civitatis, prout exigit dus Lulicense. 3) Darauf weiſet auch das erwähnte Privilegium vom J. 1318 hin.
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Meinhards Bemühungen für Landescultur (1297). 139 weitern Spielraum zur Auslebung und Entwickelung. Auch in den aͤlteren Staͤdten des Landes bildete ſich der Deutſche Geiſt durch die ihm eigene ruͤhrige Betriebſamkeit hier im Handel, dort in den ſtädtiſchen Gewerben von Jahr zu Jahr vollkommener aus und auch hiebei ließ es der fuͤr des Landes Wohl ſo regſam thaͤtige Landmeiſter nicht an Eifer fehlen, dem geſchaͤftigen Geiſte der ſtaͤdtiſchen Gemeinen immer neue Mittel und neuen Raum zur Thaͤtigkeit zu geben. So erhielt Kulm, noch immer als die Hauptſtadt des Landes betrachtet und wegen der Verdienſte und Ergebenheit der Buͤrger gegen den Orden immer wie ein Liebling gehalten, vom Landmeiſter die Freiheit zum Aufbau eines neuen großen Kaufhauſes und mancher andern Anſtalten zur Foͤrderung des ſtaͤdtiſchen Han⸗ dels und Betriebes !). Einer gleichen Beguͤnſtigung erfreuten ſich auch Chriſtburg?) und mehre andere Staͤdte. Auch die einzelnen Handwerkszweige hoben ſich in den Städten immer erfreulicher empor, vervielfaͤltigten und bildeten ſich immer vollkommener aus, und auch auf dieſe erſtreckte ſich des Land⸗ meiſters Aufmerkſamkeit, indem er den Umſatz der Waaren und den Verkauf der Erzeugniſſe auf jede Weiſe zu erleich⸗ tern ſuchte ). Nicht minder groß und ruͤhmlich war Mein⸗ 1) Die urkunde des Landmeiſters hierüber, datirt: Thorun quarto decimo Calend. Iunii 1298 befindet ſich im geh. Archiv Fol. 6. und im Buche: Ellen- und Hubenmaaß ꝛc. Wie hoch Kulm bei dem Or⸗ den noch in Gunſt ſtand, geben die Worte zu erkennen: Civitas Cul- mensis inter alias civitates terre nostre principalis et capitanea ha- betur, Nosque propter laudabilia obsequia, que fideles nostri cives civitatis eiusdem domui nostre frequencius exhibuerunt et exhibent bona fide dignis favoribus et honoribus prosequi intendimus. 2) Dieſe Verleihung geſchah durch den Komthur von Chriſtburg Heinrich von Vaternrode auf Einſtimmung des Landmeiſters; die urk. iſt datirt: Christburg in octava die natali b. Iohannis apost. 1298, 3) So erhielt z. B. Kulm außer feinem Kaufhauſe auch licenciam atque facultatem liberam construendi et habendi scampna vel bancas seu casas institorum, calificum, pistorum, carnificum, aliorumque quorumlibet artificum ad quascunque res vendendas, emendas seu servandas sub terra et supra terram.
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440 Litthauiſche Kriegszüge (1298). hards eifriges Streben zur Beförderung des Ackerbaues und der ganzen Landescultur auch noch um dieſe Zeit, wovon eine ſehr bedeutende Zahl von laͤndlichen Verſchreibungen und Verleihungen noch bis dieſen Tag die ſprechenden Beweiſe find). Noch keiner feiner Vorgänger hatte ihn hierin über troffen. So ging alſo das Jahr 1297 ziemlich ruhig und in dieſer Ruhe ſehr ſegensreich und heilbringend fuͤr Preuſſen vorüber. Um fo flürmifcher aher und ungluͤcksvoller war das naͤchſt⸗ kommende Jahr. Zwar erfreute den Orden auch jetzt wieder mancher Beweis von Gunſt und Geneigtheit, der ihm bald vom Papſte, bald von weltlichen Fuͤrſten entgegenkam. Bo⸗ nifacius nahm ſich der Aufrechthaltung und Sicherung der Freiheiten und Rechte des Ordens mit allem möglichen Eifer an und ſtrafte die Widerſacher des Ordens fuͤr ihre Eingriffe in deſſen Gerechtſame mit allen Mitteln feiner Macht :). Zwar gewann Gottfried von Hohenlohe, der ſich jetzt meiſt in Deutſchland aufhielt), auch die Gunſt des neuen Deut⸗ ſchen Koͤniges Albrecht des Erſten, der ſeit dem Sommer des Jahres 1298 nach Adolfs von Naſſau Abgang auf dem Throne ſaß und dem Orden ſchon wenige Wochen nach feiner Krö- nung alle feine Rechte und Freiheiten von neuem beftätigte und ihn und alle ſeine Beſitzungen nach ſeines Vaters Bei⸗ 1) Dieſe Verleihungen befinden ſich zahlreich im geh. Archive. 2) Hieruͤber zwei Bullen dieſes Papſtes, datirt: Rome VI Calend. April. p. n. a. IV und Reate Non. Novem. p. n. a. IV im groß. Pri⸗ vilegienb. p. 76 und im kleinen Privilegienb. p. 92. Die eine an den Probſt des Domkapitels zu Augsburg gerichtet, meldet dieſem, daß di- lecti fili Preceptor et fratres D. S. M. Th. in Alamannia a non- nullis, sicut accepimus, qui nomen domini recipere non formidant, multiplices patiantur injurias et iacturas. Daher trägt der Papſt ihm auf: quatinus eisdem Preceptori et fratribus presidio defensionis as- sistetis, non permittas eos contra indulta privilegiorum sedis aplice ab aliquibus indebite molestari und die Uebelthaͤter ſtreng zu ſtrafen. 3) Wir finden ihn z. B. im Febr. 1298 als Vermittler zwiſchen Gottfried von Braune und dem Grafen Craft von Hohenlohe de. S. Hanſelmann v. d. Hohenloh. Landeshoh. Urk. Nr. LXVIII. Pp. 426.
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Litthauiſche Kriegszüge (1298). 141 fpiel unter feinen beſondern Schutz und Schirm nahm 1). Allein dieſes alles trug vorerſt für die Verhaͤltniſſe des Or⸗ dens in Livland und Preuſſen nur wenig aus und ſchuͤtzte ihn nicht gegen die Gefahren, die ihm hier ſo vielfach drohten. Es geſchah naͤmlich in den letzten Tagen des Mai im Jahre 1298, daß der Großfuͤrſt Witen von neuem mit einem zahlloſen Schwarm ſeiner raubgierigen Kriegsvoͤlker in das Ordensgebiet von Livland einſtuͤrmte. Er kam nicht ohne be⸗ ſondern Anlaß, denn auf des Erzbiſchofs Antrieb hatten ihn die Rigaer zum Verderben der Ordensritter herbeigerufen :). Riga's Bürger aber und die Kriegsmannen des Erzbiſchofs vereinigten ſich ſofort mit des Großfuͤrſten Schaaren und zo⸗ gen eiligſt gegen die Ordensburg Karkhus, die nur von einigen Ordensbrüdern und wenigem Kriegsvolke beſetzt war. Ihre ſtarke Befeſtigung indeß zwang den Feind dennoch ſeine Zu⸗ flucht zur Verraͤtherei zu nehmen; ſie ward gewonnen, vier Ordensritter und alle Kriegsleute erwuͤrgte das feindliche Schwert und nachdem man eine anſehnliche Beute in ihr zu⸗ ſammengeraubt, wurde das Ordenshaus mit allem, was noch uͤbrig war, durch Feuer vernichtet. Doch damit war die Rache noch nicht geſtillt. Der wilde Heerſchwarm zerſtreute ſich weit und breit aufs flache Land, erſchlug alle Geiſtlichen unter den grauſamſten Martern, erbrach die Kirchen, beſudelte und raubte die heiligen Gefaͤße, trieb muthwilliges Geſpoͤtt mit den heiligen Bildniſſen und froͤhnte in jeglicher Weiſe ſeinen Lüften und Leidenſchaften. So verloren mehr als anderthalb: tauſend Menſchen Leben oder Freiheit, denn eine große Schaar 1) Die Urkunde hierüber in diplomat. Unterricht und Deductiou 2c. Urk. Nr. 12, datirt: In Holtzkirchen Idus Sept. 1298. Duellius p- 27 führt ein ſolches Diplom an mit dem Datum: In Gebsedel ad Roden- burgh X Cal. Octobr. 2) Zwar ſagt Dusburg c. 262 nur, der Großfürft ſey gekommen ad vocationem eivium Rigensium; allein eine ziemlich gleichzeitige Er⸗ zählung dieſer Rigaiſchen Händel im Buche: Rigaiſche Handlung p. 49 bemerkt ausdruͤcklich: es ſey geſchehen de mandato et insinuatione Do- mini Iohannis Archiepiscopi.
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142 Kämpfe gegen die Litthauer in Livland (1298). von Frauen und Kindern ſchleppte der Feind gefangen hin⸗ weg. Der Schade, den der Orden durch dieſen Raubzug er⸗ litt, betrug mehr als zehntauſend Mark Silbers ). Mittlerweile hatte aber der Landmeiſter Bruno ſeine Streitmacht geſammelt und zog dem Feinde, als er vernahm, daß dieſer ſchon auf der Ruͤckkehr begriffen ſey, unter ſchwe⸗ ren Verheerungen nach. Bei Treiden traf er mit dem feind⸗ lichen Heere zuſammen und es kam am erſten Juni zu einer heißen Schlacht. Der Sieg neigte ſich zwar Anfangs den Ordenswaffen zu, mehr als achthundert Litthauer lagen auf dem Kampfplatze und dreitauſend gefangene Chriſten hatte Bruno bereits aus der Heiden Feſſeln befreit; allein ergrimmt über den Verluſt der Seinen wandte ſich Witen plotzlich von neuem gegen den ermuͤdeten Heerhaufen des Meiſters; das Waffengluͤck wechſelte, bis die Wehrmannſchaft aus Riga den Litthauern ſchnell zu Huͤlfe kam und nun kein Widerſtand mehr moͤglich war. Der Sieg neigte ſich entſchieden den Heiden zu, denn der Landmeiſter fiel ſelbſt im Kampfe, neben ihm wurden zweiundzwanzig, nach andern ſechzig Ordensritter erſchlagen und vom gemeinen Kriegsvolke bedeckten funfzehn⸗ hundert das Schlachtfeld. Hierauf zog der ſiegesſtolze Feind weit und breit mit Pluͤnderung und Raub im Lande umher; mehr als dreitauſend Menſchen wurden von ihm erwuͤrgt und der durch die ſchreckliche Verheerung veruͤbte Schaden uͤber⸗ ſtieg weit die Summe von zwanzigtauſend Mark Silbers 2). 1) „Ordo dampnificatus fuit ad decem milia marcarum argenti et ultra“ ſagt das Buch Rigaiſche Handlung p. 49. Jeroſchin c. 262. Lucas David B. V. S. 130. 2) Dusburg c. 262 und Jeroſchin J. c. zählen nur 22 Ordens⸗ ritter, die gefallen waren; der Epitomator hat wahrſcheinlich durch ei⸗ nen Schreibfehler 200 fratres. Arndt Th. II. p. 71 ſtimmt mit der erſten Angabe uͤberein, ſetzt aber irrig das ganze Ereigniß ins J. 1297. Ueber den angegebenen Schlachttag iſt kein Zweifel, denn die beſtimmte Angabe bei Dusburg l. c. findet ſich auch in dem alten Chron. Canon. Sambien., wo es heißt: A. d. V. CC. XC VIII Rex Litto wiae devastavit Karkhus et fines eius, revertens vero oppngnatus est iuxta flumen Treidera in octava pentecostes, qui fuit Kalend. Iunii. Schätzp. 50.
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Kämpfe gegen die Litthauer in Livland (1298). 143 Endlich lagerte der wilde Heerhaufe vor der Ordensburg Neuermühlen am Stint⸗See nordwaͤrts von Riga, um auch dieſe Feſte zu erſtuͤrmen. Unterdeſſen war der Hochmeiſter Gottfried von Hohen⸗ lohe, laͤngſt benachrichtigt von dem drohenden Sturme, mit funfzig Ordensrittern nach Preuſſen gekommen, um den Streit mit dem Erzbiſchofe zu ſchlichten ). Auf die Nachricht aber, daß die Litthauer in Livland die Burg Neuermuͤhlen noch be⸗ lagerten, ſandte er eiligſt den kriegserfahrenen und tapfern Komthur von Koͤnigsberg Berthold Bruͤhaven mit einer ſtar⸗ ken Schaar von Rittern und anderem Kriegsvolke dahin ab, die Burg zu entſetzen. Ihn begleitete der Ordensritter Gott⸗ Obige Darſtellung gründet ſich vorzüglich auf eine Responsio per Pro- curat. Ordinis, die wahrſcheinlich am paͤpſtl. Hofe eingegeben wurde und wo es heißt: Johannes de Swerino Archiepiscopus Rigen. et gens armigera, quam convocaverat in ipsius ordinis destructionem cum Litowinis infidelibus colligationem fecerunt et ipsorum infidelium in- numerabilem multitudinem ad terras ipsius ordinis introduxerunt et quoddam Castrum ipsius Ordinis vocatum Carcus miserabili prodicione simulato habitu invaserunt, illudque cum omnibus suis officinüs et pertinenciis devastarunt ipsumque coneremarunt omnibus fratribus dieti Ordinis, eciam sacerdotibus ibi existentibus cum eorum familiis occisis et in obprobrium salvatoris nostri corpus dominicum ad ter- ram proiecerunt, ymagines Crucifixi et eius gloriose matris truncatis capitibus pedibus conculcarunt, ecclesias destruxerunt et captis plus quam Mille quingentis hominibus cristianis eosdem in captivitatem abduxerunt, et bone memorie fratrem Brunonem magistrum dieti or- dinis in Livonia cum sexaginta fratribus et multitudine arınatorum dietum Archiepiscopum, gentem suam et dietos infideles insequentes, ut dietos captivos liberarent de manibus infidelium, quos dieti Ar- chiepiscopi gentes et infideles crudeliter et inhumaniter trucidarunt, ita quod in ore gladii ultra tria millia christifidelium ceciderunt mu- lieribusque et parvulis minime parcentes. Dictisque infidelibus Ar- chiepiscopus et sui post dictam stragem, ut ad propria remearent, vite necessaria hospitia societatem et alia oportuna ministrarunt. Auch das Rigaiſche Zeugenverhoͤr erwähnt der geſchehenen Graͤuel. 1) Nach den Zeitangaben bei Dusburg I c. muß des Hochmeiſters Anweſenheit in Preuſſen in die zweite Hälfte des Juni 1298 fallen; vgl. Leo Hist. Pruss. P. 120.
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144 Kaͤmpfe gegen die Litthauer in Livland (1298). fried von Rogga, den der Hochmeiſter zu Bruno's Nachfolger im landmeiſterlichen Amte beſtimmt hatte!). Es war am Tage Petri und Pauli — am neunundzwanzigſten Juni 1298 —, als ſie vereinigt mit den Ordensrittern von Livland bei Neuermühlen mit dem Heere der Litthauer und Rigaer zuſamentrafen. Es wurde ein furchtbarer Kampf gekaͤmpft, denn es galt den in Neuermuͤhlen noch gefangenen Erzbiſchof aus ſeiner Haft zu befreien. „Aber es kam die Rache Gottes.“ Mehr als viertauſend Rigaer und Litthauer bedeckten bald die Wahlſtatt; andere verſchlang das nahe Gewaͤſſer und eine große Zahl ward gefangen genommen. Unter den tapferſten Streitern im Ordensheere war ein alter Samlaͤnder, der vom Wuͤrgen der Feinde nicht eher abließ, als bis das Schwert feiner ermuͤdeten Hand entfiel ?). Berthold Bruͤhaven war der Sieger des Tages. Kaum aber war die Schlacht gewonnen, als er gegen Riga aufbrach, 1) Arndt Th. II. S. 71. Gadebuſch B. I. S. 344. Wir ha⸗ ben eine Urk. dieſes Landmeiſters vom 16. Aug. 1298, worin er den Kurland. Domherren die Beſitznahme der Pfarrkirche in Windau gegen die Abtretung ihrer Beſitzungen in Memel erlaubt; im geh. Archiv Schiebl. LU. Nr. 11. Auch das Verzeichniß bei Bray J. c. p. 330 ſetzt den Antritt ſeines Amtes ins J. 1298. 2) Dus burg l. c. Lucas David B. V. S. 131. Schütz p. 52; zum Theil nach der oben erwähnten Respons. per Procuratorem Or- dinis. Das Rigaiſche Zeugenverhoͤr hat uͤber den Landmeiſter Gottfried von Rogga die ſonderbare Nachricht: Quod cum frater Gottfridus, Magister fratrum in Lyvonia fuisset in quodam conflietu vulneratus, confratres sui eum voluerunt comburere, sed precibus Conversi, qui tunc erat secularis et aliorum quamplurium dimiserunt dictum fratrem Gotthifridum non comburentes ipsum, qui frater postea sanatus factus fuit Magister Lyvonie. Ein anderer Zeuge erklärt vollftändiger: Quod audivit diei a quodam Converso Monacho de Walchenna, qui fuerat olim serviens fratrum et a pluribus aliis, quod quasi cominunis con- suetudo fratrum est, quod quando ipsi fratres in partibus Paganorum cum eorum exercitu sunt et aliquis de eorum fratribus vulneratus et ipsi fratres non possunt vulneratos reportare secum, quod tunc €0s coniburunt, und belegt dann dieſe Behauptung eben auch mit dem Bei⸗ ſpiele Gottfrieds von Rogga.
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Kämpfe gegen die Litthauer in Livland (1298). 145 die erzbifchöfliche Burg erſtieg und alles auspländern ließ. Die Beute von ſilbernen Gefaͤßen, Koſtbarkeiten und Föfttichen Gewanden betrug an ſechstauſend Mark Silbers ); und hie⸗ mit nicht zufrieden überzogen dann die beiden Anführer des Ordensheeres auch die Tiſch⸗ und Lehensgüter des Erzbiſchofs und nahmen alle in Beſchlag, um ſich an ihnen des Scha⸗ dens zu erholen, den der Orden durch die raͤuberiſchen Lit⸗ thauer erlitten ?). Hierauf aber verfolgte Berthold Bruͤhaven auch gegen die Litthauer ſelbſt ſeinen Sieg noch weiter, fiel mit feiner Streitmacht ins feindliche Land ſelbſt ein, erſtuͤrmte mehre feſte Burgen und machte bedeutende Beute. Mehre von den Vornehmen des Volkes, deren Gebiete vom Feinde verheert wurden, bekannten ſich zum Chriſtenthum ). Nir⸗ gends fand der Komthur beſondern Widerſtand, denn um die⸗ ſelbe Zeit hatte der Hochmeiſter auch den Komthur von Bran⸗ denburg Kuno von Hatzegenſtein mit einem ſtarken Heere nach Litthauen geſandt, um den Großfuͤrſten aus Livland in ſein Gebiet zuruͤckzuziehen. Indeſſen brachte dieſer Kriegszug doch keinen ſonderlichen Erfolg, da es dem Komthur nur ge⸗ lang, die Vorburgen von Junigede und Biſten durch Feuer zu vernichten. Die Litthauer aber ſuchten Rache und Vergel⸗ tung *). Es war am Michaelis⸗Tage, als ein kecker Kriegs⸗ haufe von nur hundert und vierzig Mann, der ſich an der Graͤnze Maſoviens durchgeſchlichen hatte, ploͤtzlich und unver⸗ muthet die erſt juͤngſt gegründete Stadt Strasburg ) an der 1) urk. bei Dogiel T. V. Nr. XXXVI. p. 27. 2) Rigaiſche Handlung p. 51. Das Abbrechen eines Thurmes, die Vernichtung einer großen Muͤhle und die Belagerung von Karkhus ſchlug der Orden auf 20,000 Mark, den Verluſt bei der Niederlage des Mei⸗ ſters Bruno auf 10,000, die Belagerung von Neuermühlen auf 2000 und die Verbrennung der Vorburgen bei Duͤnamuͤnde auf 500 Mark an. 3) De Wal Histoire de TO. T. T. II. p. 352. 4) Dusb. c. 264. Lucas David B. V. S. 132. 5) Der Epitomator Dusburgs ſagt: Veniunt in die S. Michaelis improvise in Strasburg, quod noviter in civitatis possessionem de- venit; auch bei Jeroſchin c. 263 heißt es: „Zu Straßburg, das IV. 10
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146 Verhaͤltniſſe in Livland Drewenz uͤberfallend alle wehrhaften Maͤnner ermordete, einen Prieſter mit ſchrecklichen Martern erwuͤrgte, Frauen und Kin⸗ der gefangen nahm und in feiner Raub- und Rachgier weder Goͤttliches noch Menſchliches ſchonte. Die wilden Krieger fanden nirgends Widerſtand, weil man nirgends des Feindes Naͤhe geahnet. Erſt bei ihrer Ruͤckkehr folgte ihnen der Kul⸗ miſche Landkomthur Konrad Sack mit einer ziemlich bedeu⸗ tenden Schaar nach, erreichte ſie noch tief in der Galindiſchen Wildniß, nahm ihnen im Kampfe alle chriſtlichen Gefangenen ab und vernichtete den ganzen Haufen bis auf den letzten Mann ). Mittlerweile hatte ſich das Domkapitel von Riga um Huͤlfe gegen die Ordensherren an den Koͤnig Erich den Achten von Daͤnemark gewandt. Der zugeſagte Lohn fuͤr den ge⸗ leiſteten Beiſtand war in vieler Hinſicht ſehr Iodend; Sem: gallen und die Gebiete von Nalexe und Therake ſollten fuͤr immer der Krone Dänemarks gehören, ſofern der König die noͤthige Huͤlfe leiſte, und Erich hatte bereits im Juni dieſes Jahres verſprochen, noch vor dem Einbruche des Winters ſeine Streitmacht herbeizuſenden und alle ſeine Lehensleute in Eſthland und Kurland aufzubieten, ſich auch des Schutzes und der Vertheidigung der Rigaiſchen Kirche dann noch anzuneh⸗ men, wenn dieſer Krieg beigelegt ſeyn werde 2). Erſchreckt durch dieſes gefahrdrohende Buͤndniß und an der Moͤglichkeit einer friedlichen Beilegung und Vergleichung des Streites mit dem Erzbiſchofe nun ſchon gaͤnzlich verzweifelnd ſandte der Hochmeiſter noch von Preuſſen aus an den Papſt einen Be⸗ nuͤylich beſaczt was davor czu einer Stat.!“ Henneberger p. 438 ſetzt die Erbauung ins J. 1285. 1) Dusb. c. 268. Lucas David a. a. O. Schütz p. 52. 2) Der Huͤlfs⸗Vertrag, abgeſchloſſen am 12. Juni 1298, bei Dog iel T. V. Nr. XXXIV. p. 33, wo jedoch im Datum nicht Korchinsburg, ſondern Vordingburg gelefen werden muß; vgl. De Reedtz Repertoire historique et chronolog. des Traités de Dannemarc p. 22. Gade⸗ buſch B. I. S. 345 liefert einen Auszug. Was Kotzebue B. II. S. 88. 337 von einem Vergleiche zwiſchen dem Erzbiſchofe und dem Orden ſagt, iſt unrichtig und gehoͤrt nicht in dieſe Zeit.
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zwiſchen dem Erzbiſchof und dem Orden (1209). 147 richt über den gefahrvollen Stand der Dinge, über die Be⸗ ſtrebungen und Anforderungen der Livlaͤndiſchen Geiſtuichkeit und zugleich auch Über die Bemühungen und Verdienſte der Ordensritter in der Sache des Glaubens in jenem Lande ). Der Papſt aber konnte ſich aus dieſem allerdings wohl ein⸗ ſeitigen Berichte uͤber die wahre Lage der Verhaͤltniſſe und uͤber die Anforderungen und Verpflichtungen beider Theile doch keineswegs zurecht finden und erließ deshalb am ſieben⸗ ten Januar des Jahres 1299 ſowohl an den Hochmeiſter, als an den Erzbiſchof verſchiedene Bullen, worin er nicht bloß dieſe beiden, ſondern auch den Landmeiſter nebſt drei Kom: thuren von Livland, mehre Suffragane des erzbiſchoͤflichen Stuhles und Bevollmaͤchtigte aus der uͤbrigen Geiſtlichkeit und aus dem Volke binnen ſechs Monden vor ſeinen Rich⸗ terſtuhl zu Rom mit ſo nachdruͤcklichem Ernſte vorlud, daß er mit Bann und Interdict oder mit Entſetzung des Amtes dro⸗ hete, ſofern irgend einer der Vorladung nicht folgen werde; und mit gleichem kalten Ernſte befahl er dem Erzbiſchofe, ſo⸗ fern er aus gerechten Urſachen ſelbſt zu erſcheinen verhindert werde, dieſes ſofort nicht nur anzuzeigen, ſondern an ſeiner Statt auch einen bewährten und der Sache völlig kundigen, achtbaren Mann zu ſenden, damit eine gründliche Unterſuchung und Entſcheidung der Streitſache erfolgen koͤnne. Der Hoch⸗ meiſter erhielt in der an ihn gerichteten, mit ſichtbarem Un⸗ willen abgefaßten Bulle den gemeſſenen Befehl, ohne Verzug den Erzbiſchof ſeiner Haft zu entlaſſen und die beſetzten Kir⸗ chenguͤter mit allem Schadenerſatze ſofort wieder zuruͤckzuge⸗ ben ?). Man ſah aus dem paͤpſtlichen Schreiben nur zu klar, 1) Es iſt wohl nicht zu bezweifeln, daß es der Hochmeiſter geweſen war, der dem Papſte, wie dieſer nachmals an den Erzbiſchof von Riga ſchrieb den Bericht geſandt hatte de statu et conditionibus, quibus vos cum clericis et populis et terra Livoniae ac tota Rigensis pro- vincia subjacetis, nec non de studiis et operibus fratrum ordinis H. b. M. Tl.; Raynald an. 1299. Nr. 35. 2) Die Bulle des Papſtes an den Hochmeiſter, datirt: Laterani VII Idus Januar. p. a. a. quarto ſteht in Regestis Bonifacii VIII an. 10 *
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148 Verhaͤltniſſe in Livland daß dem Papſte unterdeſſen auch von der Livlaͤndiſchen Geiſt⸗ lichkeit Berichte zugekommen waren, welche das Verfahren der Ordensritter in dem nachtheiligſten Lichte dargeſtellt hatten!). Der kalte und ſtrenge Ernſt aber, den der Papſt beſon⸗ ders gegen den Hochmeiſter und die oberſten Gebietiger des Ordens zeigte ?), machte auf die Gemuͤther den gewaltigſten Eindruck. So viel war gewiß und jeder mochte es voraus⸗ ſehen, daß keiner ohne Schuld und Strafe vor dem paͤpſt⸗ lichen Gerichte werde beſtehen koͤnnen; denn allerdings hatten die Ordensritter aus Rachſucht und Erbitterung gegen die hohen Geiſtlichen in Livland ſich manchen Schritt und manche That erlaubt, die vor den Geſetzen der Kirche nicht beſtehen konnten, und wie wollte es der Erzbiſchof irgend verantwor⸗ ten, daß er zu ſo entſetzlichem Elende und zum Verderben der Kirche und des Glaubens das raͤuberiſche Heidenvolk ins IV. epist. 429 p. 105, im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 369; der Hauptinhalt auch in der Urk. bei Dog zel T. V. Nr. XXXVI. p. 27 und im Bullen⸗Verzeichniß des geh. Arch. Schiebl. XVII. Die Vulle an den Erzbiſchof bei Raynald an. 1299. Nr. 35. mit dem nämtichen Datum. Aus dieſen Quellen geht zugleich hervor, daß der Erzbiſchof um dieſe Zeit noch in der Haft des Ordens war, worauf die Worte bei Dogiel I. c. „Archiepiscopum adhuc in suo carcere existentem“ ſchon an ſich hinweiſen wuͤrden, wenn nicht auch der Papſt in der Bulle an den Hochmeiſter dieſem ausdruͤcklich gebote, ut prefatum Archiepi- scopum Rigensem sine more dispendio per te ac per fratres tui or- dinis relaxari libere facias cum effectu et restitui pristine libertati. 1) Auf dieſen Bericht beruft ſich der Papſt einigemal in feiner Bulle an den Hochmeiſter. 2) So ſchrieb z. B. der Papſt in einer Bulle an den Meiſter in Livland: quod tam per vos, quam per suhditos vestros contra Vene- rabiles fratres nostros Iohannem Archiepiscopum Rigensem, Episcopum Osiliensem et dilectos filios Capitulum et Cives Rigenses ac subditos et bona eorum per hostiles aggressus, captionem terrarum et perso- narum, destructionem bonorum et alias graves et enormes iniurias procedere nequiter presumpsistis. Auch in der Bulle an den Hoch⸗ meiſter iſt die Sprache des Papſtes äußerft ernſt und nachdruͤcklich, To daß man ſieht, der Bericht der Livläͤndiſchen Geiſtlichkeit hatte auf ihn einen ſehr großen Eindruck gemacht.
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zwiſchen dem Erzbiſchof und dem Orden (1299). 149 chriſtliche Gebiet herbeigerufen habe? Das erkannten beide Theile; man ſah ein, es ſey beſſer, den Streit auf dem Wege eines Vergleiches zu ſchlichten. Die Ordensgebietiger mochten allerdings bei der erzuͤrnten Stimmung des Papſtes das größte Intereſſe haben, den Frieden ſchnell herbeizuführen. Es be gannen Unterhandlungen, die endlich zu folgendem Vertrage gediehen: Der Erzbiſchof erließ und verzieh den Ordensrittern allen Schaden, alle Gewaltthaͤtigkeit und alles Unrecht, wel⸗ ches er in Perſon oder an ſeinen Guͤtern durch ſie erlitten hatte und verſprach, ſie daruͤber niemals vor Gericht zu be⸗ langen. Der Orden gab ihm dafuͤr alle von ihm eroberten Burgen und Befeſtigungen unbeſchaͤdigt zuruͤck. Dagegen ſoll⸗ ten die Burgen und Beſitzungen des Domſtiftes und der Va⸗ ſallen der Rigaiſchen Kirche bis auf naͤchſten Martini⸗Tag noch in den Haͤnden der Ritter verbleiben und dann erſt jenen wieder überliefert werden, wenn fie bis dahin dem Beiſpiele und Rath des Erzbiſchofs folgend ſich gleichfalls uͤber ihre ſtreitigen Verhaͤltniſſe mit dem Orden ausgleichen wollten, wozu der Erzbiſchof thaͤtig mitzuwirken verſprach. Waͤhrend der Fortdauer des Streites zwiſchen dem Orden und der Stadt Riga ſollte es dem Erzbiſchofe frei ſtehen, die der Rigaiſchen Kirche zugehörigen Güter des Ordens Schuß an⸗ zuvertrauen und dieſer ſollte verpflichtet ſeyn, die Obhut und Bewachung dieſer Guͤter nebſt den Burgen und Befeſtigungen durch Ordensritter beſorgen zu laſſen, auch den Erzbiſchof ſelbſt, ſeine Kirche und die Neubekehrten gegen die Feinde des Kreuzes in Schutz und Schirm zu nehmen. Ferner ge⸗ lobte der Erzbiſchof, bis zur Herſtellung des Friedens zwi⸗ ſchen dem Orden, der Stadt Riga und feinen übrigen Geg⸗ nern ſich weder in Riga, noch in Oeſel oder an andern Orten der Feinde der Ritter aufzuhalten und alle Gemeinſchaft und Verbindung mit des Ordens Widerſachern zu vermeiden, wo⸗ gegen ihm der Aufenthalt an jeglichem andern Orte völlig frei ſtehen ſolle. Dieß waren die Hauptpunkte des zu Neuer⸗ muͤhlen, wo der Erzbiſchof nach gefangen ſaß, abgeſchloſſenen Vertrages, der den blutigen und heilloſen Streit für immer
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150 Verhaͤltniſſe in Livland zwiſchen dem Erzbiſchof ꝛc. (1299). beendigen ſollte ). Allein wie konnte er fuͤr beendigt gelten, da der Prior und das ganze Domkapitel von Riga den Ver⸗ trag als mit Gewalt erpreßt anſah 2), ihm aufs entſchiedenſte ſeine Zuſtimmung und Genehmigung verſagte und dazu durch keine Bedrohungen und Bedraͤngungen der Ordensritter be⸗ wogen werden konnten, vielmehr dagegen an den Roͤmiſchen Stuhl appellirten )! Dadurch geſchah, daß auch in den Ordensgebietigern wieder Mißtrauen erwachte und daß der Erzbiſchof auch noch ferner in der Haft gehalten wurde, bis endlich Riga's wehrhafte Bürger durch Verheerung der Or⸗ densguͤter den Landmeiſter zwangen, ihn frei zu laffen *). Unterdeſſen hatte man ſich beeilt, dem Papſte Bonifacius noch vor dem Ablaufe der beſtimmten Vorladungsfriſt Nach⸗ richt von der Ausgleichung und Verſoͤnnung mit dem Erz: biſchofe zu geben ), zugleich mit der Bitte, die Vorladung der beiden Meiſter und ihrer Ordensritter aufzuheben. Der Papſt bewilligte ſie, doch mit der Beſtimmung, daß wenn die Eintracht zwiſchen dem Orden, dem Biſchofe von Oeſel und den Rigaern zur Zeit noch nicht hergeſtellt ſey, die bei⸗ 1) Das Original dieſes Vertrages hat ſich nicht bis auf uns er⸗ halten. Wir kennen den Inhalt nur durch die Bulle des Papſtes an den Livland. Landmeiſter, über welche bald das Nähere, und aus der urk. bei Dogtel T. V. Nr. XXXVI. p. 27, woraus zu erſehen iſt, daß der Vertrag zu Neuermuͤhlen — in castro Magistri et Fratrum, quod dicitur Molendinum novum, ubi dictus Archiepiscopus captivus detinebatur — abgeſchloſſen wurde. Arndt, Hiärn, Gadebuſch und die übrigen Livland. Geſchichtſchreiber erwähnen dieſes Vertrages gar nicht; auch Lucas David B. V. S. 132 und 208 beruͤhrt ihn einigemal nur obenhin. 2) Man erklaͤrte, daß die Ordensritter Archiepiscopum adhne in suo carcere existentem, minis, terroribus et exoculationum cruciatibns inferendum tam in eius personam, quam eorum, qui cum ipso capti fuerant, et adhuc licet ab eo segregati detinebantur captivi, com- pulerunt, ut ipsis Magistro et Fratribus absque consensu seu sui Capituli remitteret iniurias, spolia et dampna etc. 3) urk. bei Dogiel J. c. 4) Arndt Th. II. S. 72 übereinftimmend mit der Urk. bei Dog iel I. e. 5) Die Urk. bei Dogiel l. c.
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— Meinhards von Querfurt Tod (1299). 151 den Meiſter einen bevollmaͤchtigten Sachwalter zur Unter⸗ ſuchung und Entſcheidung dieſer Streitſache nach Rom ſenden ſollten 1). Ob auch die Vorladung des Erzbiſchofes zuruͤck⸗ genommen feyı wird nicht ausdruͤcklich berichtet. Nach faſt einſtimmigen Zeugniſſen aber ſoll er noch im Jahre 1299 nach Rom gegangen und im naͤchſten Jahre daſelbſt ſchon geſtorben ſeyn ). Der Hochmeiſter hatte bald nach dem Abſchluſſe jenes Vertrages Preuſſen wieder verlaſſen und ſich zunaͤchſt nach Wien begeben, wo er ſich noch im Auguſt dieſes Jahres auf⸗ hielt, vielleicht um dort die Entſcheidung des Papſtes in Be⸗ treff der voͤlligen Ausgleichung des Streites in Livland zu erwarten. Ihn hatte aber auf ſeiner Reiſe auch der Land⸗ meiſter von Preuſſen begleitet. Es ſcheint, daß Meinhard bei ſeinem Abgange aus Preuſſen ſein Amt ſchon niederge⸗ legt gehabt habe, weil ihn Kraͤnklichkeit und ſein hohes Alter an der gewohnten pflichtgetreuen Verwaltung hinderten. Er ſah aber Preuſſen, wo er ſo lange gelebt und ſo unendlich ſegensreich gewirkt, niemals wieder, denn er ſtarb bald dar⸗ auf in Deutſchland und ſoll in ſeinem Geburtsorte Querfurt begraben ſeyn ). Er iſt im dreizehnten Jahrhundert unſtrei⸗ —— le 1) Bulle des Papſtes an den Landmeiſter und den Orden in Liv⸗ land, datirt Anagnie Idus — — p. n. a. quinto im Original im geh. Archiv. Der Moder hat die genauere Angabe im Datum vernichtet; ver⸗ muthlich hieß es Idus May, denn vom X Cal. Iunii (23. Mai) haben wir eine andere Bulle an den Biſchof von Pomeſanien über eine Unter⸗ ſuchung der Klagen des Klosters Oliva gegen Danzig. Wahrſcheinlich wurden beide Bullen ziemlich zu gleicher Zeit abgefaßt und durch die⸗ ſelbe Gelegenheit hieher gebracht. 2) Arndt Th. II. S. 72. Hiärn S. 189. Ga debuſch B. I. S. 336 und 348. Daß der Erzbiſchof in Rom ſtarb, bezeugt ſelbſt eine paͤpſtliche Bulle, in welcher Bonifacius des obitus bone memorie Iohan- nis Rigensis Archiepiscopi apud sedem apostolicam decedentis erwähnt. 3) Man darf den gewöhnlichen Nachrichten über Meinhards Tod, wie ſie Baczko B. II. S. 26. Kotzebue B. II. S. 87 u. a. liefern, wenig trauen, denn ihre Quelle iſt Simon Grun au Tr. VIII. C. XX. F. 8. , woher fie auch Lucas David B. V. S. 133 genommen hat. Die Angabe iſt ohne Zweifel großen Theils erdichtet; daß ſie viele Irr⸗
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152 Meinhards von Querfurt Tod (1299). tig einer der wichtigſten Männer in der Geſchichte Preuſſens, denn nachdem er mehre Jahre als Komthur dem Convente zu Koͤnigsberg und dem Hauſe Brandenburg vorgeſtanden, hatte er elf Jahre hindurch das landmeiſterliche Amt mit einer Thaͤtigkeit und Umſicht in allen Verhaͤltniſſen, mit einem Ei⸗ fer in der Landescultur und in Befoͤrderung des Ackerbaues und mit einer ſo erfolgreichen Wirkſamkeit fuͤr die Erhebung und Bluͤthe des Handels und aller ſtaͤdtiſchen Gewerbe ver⸗ waltet, die ihm gewiß den unbeſtrittenen vollſten Ruhm der Geſchichte zubringen und fuͤr immer bewahren muͤſſen. Aber das ſchoͤnſte und ewig unvergaͤngliche Denkmal hat ſich Mein⸗ hard in ſeinen Lebenstagen ſelbſt errichtet: jene gewaltigen Waſſerbaue im weſtlichen Gebiete des Ordensſtaates, wo auf dem Boden, den Meinhard durch ſeine großen Werke, durch die Bezaͤhmung der wilden Stromgewaͤſſer zuerſt hervorrief und fuͤr menſchliche Benutzung gleichſam erſt erſchuf, ſeitdem viele Tauſende in den ſegensreichen Folgen ſeiner Verdienſte ihr Gluck, ihr Gedeihen und ihren hohen Wohlſtand fanden und noch bis dieſen Tag finden. So ſchreiben die Edlen der Menſchheit am unvergaͤnglichſten ihren Namen in das Buch der Geſchichte. Darum ſang von ihm ſo einfach als wahr auch ſchon der alte Ordensdichter ): Wie achtbarlich er hat vorſtan Das Amt in ſeinen Tagen, Das ſollen euch wohl ſagen Die Werk, die er begangen hat. Zu Meinhards Nachfolger in der Verwaltung Preuſſens erkor der Hochmeiſter den Ordensritter Konrad von Babenberg, je⸗ thuͤmer enthält, iſt klar; auch weiß keine andere Quelle irgend etwas von einem Kriegszuge in Samaiten, in welchem Meinhard ſchwer ver⸗ wundet worden waͤre. Gewoͤhnlich wird ſein Tod unrichtig ins J. 1298 geſetzt. Bachem S. 27 nimmt ganz richtig das J. 1299 an, denn mehre Verſchreibungen von ihm ausgeſtellt beweiſen klar, daß er in die⸗ ſem Jahre als Landmeiſter in Preuſſen noch thätig war; fo im Fol. 2. p. 35 eine Verſchreibung, datirt: Elbinge IV Non. Ianuar. 1299. 1) Jeroſchin c. 227.
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Die LM. Konrad v. Babenberg u. Ludwig v. Schippen (1299). 153 nem uralten graͤflichen Geſchlechte des Hauſes Babenberg ent⸗ fproffen, das feinen Urſprung auf die Fraͤnkiſchen Könige zu: ruͤckfuͤhrte und dem Reiche ſchon manchen ritterlichen Helden gegeben hatte, auf deſſen Ruhm und Glanz der Stamm der Babenberger mit allem Rechte ſtolz ſeyn durfte. Die Namen Heinrich von Babenberg, Adalbert der Erſte und Zweite und Leopold von Babenberg ſtanden hochberuͤhmt in der Geſchichte des Vaterlandes und keiner hoͤrte ſie ohne Achtung und Be⸗ wunderung. Konrad, der Ordensritter, einer der letzten Sproͤß⸗ linge dieſes Stammes !), hatte bisher ſchon verſchiedene Or⸗ densaͤmter verwaltet; in den Jahren 1290 bis 1294 war er Komthur des Ordenshauſes zu Frankfurt geweſen ?). Der Hochmeiſter Konrad von Feuchtwangen ſah ihn gern in ſei⸗ ner Umgebung und hatte ihn deshalb auch zum oberſten Or⸗ dens⸗Trapier im Haupthauſe zu Venedig erhoben. Als ſol⸗ cher hatte er ſchon im Jahre 1296 in des Hochmeiſters Be⸗ gleitung auch Preuſſen gefehen?) und als ſolchen ernannte ihn jetzt Gottfried von Hohenlohe zum Landmeiſter Preuſſens. Die Wahl geſchah im Juli des Jahres 1299 und im Auguſt befand ſich Konrad noch in der Begleitung des Hochmeiſters zu Wien). In Preuſſen indeſſen erſchien er nie in dieſem 1) Das Geſchlecht der Babenberge ſtarb nach der gewoͤhnlichen An⸗ nahme ſchon im J. 1246 mit Friederich dem Streitbaren aus; Konrad von Babenberg müßte daher wohl ſchon ſehr frühe in den Orden ein⸗ getreten ſeyn. Es fehlen uns indeſſen genauere Nachrichten hierüber. 2) Als ſolcher ſteht er z. B. unter den Zeugen in einer Urkunde des Biſchofs Ehriſtian von Samland, datirt in Mulhusen VII Idus April 1294 in d. Handfeſt. des Biſth. Samland p. IX. 3) So kommt er mit der Angabe C. de Babenberch Trappiarius Veneciis unter den Zeugen einer Verſchreibung des Hochmeiſters Konrad von Feuchtwangen fuͤr den Ritter Dieterich Stange vor, datirt: In castro S. Marie pridie Kal. Februar. an. 1296 im Fol. X. p. 69. 4) Bachem kannte dieſen Landmeiſter noch nicht. Erſt Hennig zu Lucas David B. V. S. 134 führte ihn als ſolchen ein; er lernte ihn in einer urkunde im geh. Arch. Schiebl. I. Nr. 11 kennen, in wel⸗ cher Gertrud, die Wittwe Bernhards von Hartenſtein, Burggrafen von Meißen, ihre Erbſchaft Deblyn mit den dazu gehoͤrigen funfzehn Guͤtern zum Seelenheile des Königes Wenceslav von Böhmen, deſſen Gemahlin
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154 Die EM. Konrad v. Babenberg u. Ludwig v. Schippen (1299). Amte, welches er ohnedieß auch nur einige Monate verwal⸗ tete, ſey es daß ihn Krankheit hinderte, oder daß er zu an⸗ dern Ordensgeſchaͤften gerufen ward oder daß ihn vielleicht der Tod uͤbereilte, denn die Geſchichte ſchweigt gaͤnzlich uͤber ſeine nachfolgenden Schickſale. An ſeiner Stelle ernannte der Hochmeiſter noch im Au⸗ guſt oder September des Jahres 1299 als Landmeiſter von Preuſſen den Ordensritter Ludwig von Schippen, aus einer edlen Familie Frankens entſproſſen, von welcher mehre zur Zeit der Hohenſtaufen das Schenkenamt verwaltet). Bei dem Hauſe Hohenlohe hatte die Familie ſchon laͤngſt in be⸗ ſonderer Gunſt geſtanden 2) und dieſe alte Zuneigung beider Haͤuſer war es wohl auch vorzuͤglich, was den Hochmeiſter Gutta, deren Kinder, ſowie ihrer und ihres verſtorbenen Mannes dem Deutſchen Orden ſchenkt, um daraus eine Komthurei zu gruͤnden, deren Einrichtung ſie vorſchreibt. Dieſe Schenkung iſt datirt: Brunne ipso Kal. Iulii 1299. Am wichtigſten ift für uns aber hier die Beſtaͤtigungs⸗ Urkunde über jene Schenkung vom Hochmeiſter Gottfried von Hohenlohe mit dem Datum: In Wienna III Nonas Aug. 1299, worin als Zeugen angeführt find: Frater Chunradus de Babenberch Preceptor Pruseie, Fr. Ditericus Provincialis Bohemie, Fr. Helwicus de Goltpach com- mendator de Rotenberg, Fr. Reinhardus de Sunthousen tesanrarius in Veneciis, Fr. Sifridus de Feuchtwanch commendator in Wienna et alii. Die Urkunde beweiſet ſonach, daß Konrad von Babenberg am 3. Auguſt 1299 bereits Landmeiſter in Preuſſen war. 1) Die Nachrichten uͤber dieſe Familie ſind wenig bekannt. Der Name iſt bald Scipe, Sciphe, bald Schipf, Seipfen oder Schippen ge⸗ ſchrieben. Ein Walter von Schippen in einer Urkunde des Roͤm. Kö- niges Konrads III. vom J. 1144 bei Hanſelmann a. a. O. B. I. Urk. VI; im J. 1172 ein Conradus Pincerna de Schipf et frater eius Lodwicus ebendaſ. B. II. S. 217. B. I. Urk. IX. Lang Regest. Boica T. I. p. 3879. Lünig Spicileg. eccles. Th. III. p. 848. Scheid Orig. Guelf. T. III. p. 635. 792. Ein Ludwig von Sciphe ſchließt im J. 1235 einen Vergleich mit Gottfried von Hohenlohe, ſ. Hanſelmann B. I. Urk. 23.; derſelbe mit ſeiner Burg Sciphe, von welcher die Fa⸗ milie den Namen trug, im 3.1245 bei Ludewig Reliqu. Mscr. T. II. p. 225 — 226. 2) Beweiſe davon in den erwähnten Urkunden bei Ludewig J. c. und Hanſelmann B. I. Urk. 35. p. 406.
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Die LM. Konrad v. Babenberg u. Ludwig v. Schippen (1299). 155 bewog, den in verſchiedenen Ordensaͤmtern ſchon laͤngſt ge⸗ prüften Ritter Ludwig von Schippen zur landmeiſterlichen Wurde zu erheben. Er kannte auch Preuſſen ſchon in allen ſeinen Verhaͤltniſſen, denn im Jahre 1291 hatte er das Kom⸗ thuramt in Brandenburg und in den Jahren 1296 bis 1298 daſſelbe Amt in Elbing verwaltet. Von dieſem aus erhob ihn der Hochmeiſter zu ſeiner neuen Wuͤrde, die er im Spaͤt⸗ herbſt des Jahres 1299 bereits angetreten hatte 1). Doch auch dieſer Landmeiſter ſtand dem Amte nur ſehr kurze Zeit vor. Es geſchah naͤmlich noch im Winter des Jah⸗ res 1209, daß waͤhrend der Zeit, als der Orden in Livland das feſte Pſkow belagerte und vom alten Fuͤrſten Dowmont an den Ufern der Welikaja eine bedeutende Niederlage erlitt 2), ſich von neuem eine Schaar von ſechshundert Litthauern aus ihren Waldungen erhoben, um das oͤſtliche Natangen in ge⸗ wohnter Weiſe mit Raub und Pluͤnderung heimzuſuchen. Kuno, der Komthur von Brandenburg, zeitig von dieſem Vorhaben benachrichtigt, hatte eiligſt die Wehrmannſchaft ſeines Gebie⸗ tes geſammelt und war bis an die Graͤnze gezogen, dort dem Feinde den Einfall zu wehren. Da er indeſſen mehre Tage dort vergeblich verweilt und nun meinte, der Feind habe ſich wieder zerſtreut, ſo zog er wieder heim und entließ ſofort ſein geſammtes Kriegsvolk. Allein dieſes gerade hatte der verſteckte Feind erwartet und kaum war der Komthur zuruͤck⸗ gekehrt, als der raͤuberiſche Haufe ins Gebiet von Natangen einbrechend weit und breit alles durch Raub und Brand ver⸗ wuͤſtete, überall Jammer und Elend verbreitete und mit den Landesbewohnern ſo unmenſchlich verfuhr, daß an dritthalb 1) Wir erſehen dieſes aus der ſchon in der Note 4. S. 158 erwähnten urkunde, worin der neue Landmeiſter — Lud. de Schippe magister etc., welches „etc.“ doch ohne Zweifel domus Theut. in Prussia heißen fol — die erwähnte Schenkung, weil fie der Hochmeiſter ſchon beftätigt hatte, anerkennt und genehmigt. Da das Datum derfelben: in castro S. Marie an, dni IV Non. Decemb. lautet, fo iſt außer Zweifel, daß Ludwig von Schippen im Decemb. 1299 ſchon im Amte war. 2) Karamſin B. IV. S. 135.
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156 Plan zur Verlegung des Haupthauſes zu Venedig (1299). hundert Menſchen theils ermordet, theils in Feſſeln und Ban⸗ den gefangen fortgeführt wurden ). Wie es ſcheint, machte der Landmeiſter einen Verſuch, den raͤuberiſchen Feind ſo ſchnell als moͤglich aus dem Lande zu vertreiben, ward aber ſo ſchwer verwundet, daß ſein Tod nach einigen Monden unvermeid⸗ lich war. Im Dom zu Kulmfee fand er die ewige Ruhe 2). Dieſer ſchnelle Abgang der beiden letzten Landmeiſter Preuſſens hatte jedoch, wie es ſcheint, im Zuſammentreffen und Einwirken mancher andern Ereigniſſe der Zeit einen großen Einfluß auf einen Plan und Entſchluß: des Hoch⸗ meiſters, der für Preuſſens Schickſale in der folgenden Zeit von unermeßlicher Wichtigkeit geworden iſt. Auch in Boni⸗ facius dem Achten naͤmlich war der Gedanke noch nicht ganz untergegangen, daß das heilige Land vielleicht bald wieder für die Chriſten gewonnen werden koͤnne; ja es gehörte mit zu ſeinen ſehnlichſten Wuͤnſchen, das Grab des Herrn noch in der Zeit ſeines Pontificats aus den Haͤnden der Unglaͤu⸗ bigen wieder befreit zu ſehen; und er ſprach dieſen Wunſch ſelbſt noch in dieſem Jahre 1299 mit dem lebendigſten In⸗ 1) Dusburg c. 266. Lucas David B. V. S. 135. Rajalowicæ p. 219 ſetzt die Begebenheit mit Recht in den Winter des J. 1299, ſagt auch ausdruͤcklich: Lituani tamdiu profundioribus sylvis arma oc- eultarunt, donec Cunno ratus eos iam excessisse atque adeo omnia ab hoste tuta, exercitum dimisisset. 2) Dusburg c. 265. Daß Ludwig von Schippen in einem Kampfe verwundet und an den Folgen der Wunden geſtorben ſey, mag das ein⸗ zige Wahre an der Erzaͤhlung ſeyn, die man gewoͤhnlich uͤber ſeinen Tod giebt; vgl. Pauli B. IV. S. 140. Baczko B. II. S. 26. De Wal Histoire de TO. T. T. II. p. 355. Die ältefte Quelle der Nach⸗ richt, daß Ludwig in einem Kriege gegen die Samaiten, welche den aufruͤhreriſchen Schalauern zu Huͤlfe gezogen ſeyn ſollen, toͤdtlich ver⸗ wundet worden ſey, iſt keine andere als Simon Grunau Tr. X. c. II. F. 1., aus welchem fie auch Leo p. 120 hat. Sonſt erwähnt kein an⸗ derer bewaͤhrter Schriftſteller eines Aufruhres der Schalauer um dieſe Zeit und wir koͤnnen daher der Angabe des Moͤnches keinen Glauben beimeſſen, zumal da ſie auch manche andere Spuren der Erdichtung an ſich traͤgt.
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Plan zur Verlegung des Haupthauſes zu Venedig (1299). 157 tereſſe fir die Sache aus ). Wer indeſſen den damaligen Zuſtand Europa's mit ruhigem Blicke überfah und die ſtür⸗ miſchen und kriegeriſchen Ereigniſſe erwog, die ſich in dieſen Jahren in Deutſchland zwiſchen Adolf von Naſſau und Al⸗ brecht dem Erſten, in England im Kampfe des Koͤniges Eduard des Erſten mit den Schotten, in Frankreich in den Kriegs⸗ haͤndeln des Koͤniges Philipp des Schoͤnen mit den Englaͤn⸗ dern, in Ungarn in den Fehden Andreas des Venetianers mit Karl Martell und deſſen Sohne Karl dem Erſten und in andern Reichen in aͤhnlicher Weiſe ergaben, dem mußte der Gedanke an die Moͤglichkeit einer großen und kraͤſtigen Unternehmung zur Befreiung des heiligen Landes wohl ziem⸗ lich verſchwinden; und er mußte ganz verſchwinden, wenn man die Verhaͤltniſſe uͤberblickte, in welche der Papſt mit den meiſten Koͤnigen und Fuͤrſten Europa's, namentlich mit Phi⸗ lipp von Frankreich, mit Eduard von England und mit Al⸗ brecht dem Roͤmiſchen Koͤnige gekommen war. Ja ſelbſt die letzte Hoffnung, die man immer noch auf Cypern und auf die ritterlichen Orden der Tempelherren und Johanniter geſetzt hatte, ging in dem Streite unter, welchen der König Hein⸗ rich von Cypern mit den beiden Orden fuͤhrte, und vergebens ſuchte der Papſt die zerriſſenen Banden wieder feſtzuknuͤpfen ?). Somit erloſch auch dem deutſchen Orden der letzte Strahl der Hoffnung, je wieder in den Beſitz ſeiner Guͤter und Bur⸗ gen im Morgenland zu kommen und ſein Haupthaus zu Ak⸗ kon jemals wieder befuchen zu koͤnnen ). Nun war aber 1) Raynald. an. 1299 Nr. 1 ſagt in Beziehung auf einen Brief des Papſtes über die damaligen Sicilianiſchen Streithändel: Subdit (Pontifex) pio se teneri desiderio vindicandae e Saracenorum tyran- nide Terrae Sanctae, quam magno religionis Christianae opprobrio barbari contaminant, nec tanto operi vacare posse, nisi prius Sicu- lorum perdomita sit contumacia: intestinis enim tum bellis vacuam Ecclesiam vires omnes ad instaurandas res Asiaticas conversuram, 2) Raynald. an. 1299. Nr. 37—38, 3) In Steron. Altahens. Annal. ap. Freher Script. rer. Germ. p. 403 findet ſich bei dem J. 1299 die Nachricht: Sarracenorum Rex
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158 Plan zur Verlegung des Haupthauſes zu Venedig (1299). das Ordenshaus zu Venedig zum Haupthauſe des Ordens ohne Zweifel nur mit der Ausſicht und in der Hoffnung er⸗ hoben worden, daß von da aus einſt noch eine erfolgreiche Unternehmung nach Aſien in Bewegung kommen und der Or⸗ den von dort aus, von Venedig beguͤnſtigt, um ſo leichter Theil nehmen und in ſein altes Beſitzthum zuruͤckkehren koͤnne. Auch dieſe Ausſicht war dem Orden jetzt entnommen. Überhaupt hatte ſich auch der ganze Stand der Dinge ver⸗ aͤndert. Venedig ſelbſt war fuͤr den Orden das bei weitem nicht mehr, was es ihm vor acht oder neun Jahren noch gewe⸗ ſen war. Schon laͤngſt war das einſtige freundliche Verhaͤlt⸗ niß zwiſchen der Republick und dem Deutſchen Orden durch⸗ brochen. Das Andenken der fruͤhern Anhaͤnglichkeit der Or⸗ densritter gegen die Venetianer im Morgenland war laͤngſt vergeſſen oder wurde jetzt nicht weiter mehr beachtet. Aber auch fonft wohl mochte das argwoͤhniſche Regierungsſyſtem der kaufmaͤnniſchen Republik zu der Stellung eines Fürften, wie ſie der Hochmeiſter des Deutſchen Ordens zum Papſte und zum Kaiſer hatte, ſchwerlich mehr recht paſſen. Es hat ſich die Nachricht erhalten, daß ſchon zur Zeit Adolfs von Naſſau den Deutſchen Ordensrittern zu Venedig von Seiten des Ra⸗ thes die Beſchuldigung gemacht worden ſey, als haͤtten ſie dem Roͤmiſchen Koͤnige auf verbotenen Wegen verſchiedene Nachrichten uͤber mancherlei geheime Berathungen und Plane der Republik hinterbracht, und es ſoll deshalb ſchon gegen den Hochmeiſter Konrad von Feuchtwangen eine argwoͤhniſche und mißtrauiſche Geſinnung in den Venetianern geherrfcht N. habito conflictu cum Soldano Babiloniae, consilio et auxilio quo- rundam Christianorum eum devicit et ob hoc se baptizari fecit, et terram sanctam promisit tradere cultui Christiano, quam cum quidam fratres de domo Teutonica cum magistro eorum intrassent etc. — Hier bricht der Text leider plotzlich ab. Wenn aber auch zu vermuthen iſt, daß dieſe Kriegsfahrt mehrer Deutſcher Ordensritter nach Aſien mit den erwähnten Bemuͤhungen des Papſtes im Zuſammenhange geſtanden haben moͤge, ſo iſt das, was der Chroniſt daruͤber ſagt, doch zu frag⸗ mentariſch, als daß wir ein Reſultat daraus gewinnen konnten.
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Plan zur Verlegung des Haupthauſes zu Venedig (1299). 159 haben 1). Dieſes Mißtrauen mochte aber gegen den jetzigen Mei⸗ ſter des Ordens noch um ſo mehr erregt worden ſeyn, da er mit dem neuen Roͤmiſchen Könige Albrecht in den freundſchaftlich⸗ ſten Verhaͤltniſſen ſtand und die Schließung des großen Ra⸗ thes im Jahre 1297 die Geheimhaltung der Politik der Re⸗ publik nur noch um ſo nothwendiger machte. Dieſe Ver⸗ haͤltniſſe des Hochmeiſters zu Venedig, die juͤngſten Ereig⸗ niſſe in den Ordensbeſitzungen im Norden, die Größe und Ausdehnung dieſer hier dem Orden zugehoͤrigen Gebiete, die Nothwendigkeit einer zweckmaͤßigeren Verwaltung derſelben, die deshalb ſchon ſo oft nothwendigen Reiſen des Hochmei⸗ ſters in dieſe Laͤnder, der letzte ſchnelle Abgang der beiden Landmeiſter von Preuſſen, die durch die Abweſenheit des Hoch⸗ meiſters ſo oft eintretende Verzoͤgerung und Verhinderung in der Entſcheidung der wichtigſten Angelegenheiten — dieſes alles und manches andere regte in dem Hochmeiſter Gottfried von Hohenlohe den Gedanken an, ſeinen hochmeiſterlichen Wohn⸗ ſitz in irgend eine Ordensburg Preuſſens zu verlegen. Allein zur Ausführung gebracht ward dieſer für Preuſſens Schickſale ſo unendlich wichtige Gedanke erſt im Anfange des nachfol⸗ genden Jahrhunderts, obgleich er jetzt ſchon im Geiſte Gott⸗ frieds von Hohenlohe vorhanden gleichſam den Schlußſtein die⸗ ſes verlaufenen Jahrhunderts bildet. 1) Lucas David B. V. S. 147.
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Drittes Kapitel. Nach Ludwigs von Schippen Tod fuͤhrte die Landesverwal⸗ tung ſtellvertretend der ritterliche Komthur von Königsberg Berthold Bruͤhaven bis in den Vorſommer des Jahres 1300, in welcher Zeit er neben der Altſtadt Königsberg die Neuſtadt oder die nachmals ſogenannte Stadt Loͤbenicht gruͤndete und deren Bewohner mit manchen Freiheiten und Vorrechten er⸗ freute n), denn wie in mehren Staͤdten der weſtlichen Lande, ſo hatte ſich auch in Koͤnigsberg die Zahl der Einwohner ſo vergrößert, daß neben der ältern Stadt jetzt eine zweite Schwe⸗ ſterſtadt emporſtieg. Bald darauf langte auch der neue Land⸗ meiſter von Preuſſen an. Erwaͤhlt war als ſolcher auf einem Generalkapitel zu Frankfurt, wo auch Gottfried von Rogga, der Landmeiſter von Livland zugegen war 2), der Ordensrit⸗ ter Helwig von Goldbach aus dem Thuͤringerlande, wo ſein Geſchlecht ſchon lange im Beſitze des Dorfes Goldbach bei Gotha geweſen und wo er ſelbſt früher gelebt hatte?). Der 1) Das Privilegium gedruckt bei Lucas David B. IV. Beil. Nr. XIV (wo jedoch Hennig unrichtig den Komthur von Koͤnigsberg einen Statthalter „des Hochmeiſters“ nennt, denn er war nur Statt⸗ halter des Landmeiſters), in Baczko Geſchichte von Koͤnigsberg S. 528 und deutſch im Erlaͤut. Preuſſ. B. IV. S. 3 —6. 2) Er erwaͤhnt ſelbſt dieſes Kapitels und ſeiner Anweſenheit in ei⸗ ner urkunde vom J. 1300. 3) Schultes Directorium diplom. B. II. S. 376. Im 3. 1274 war Helwig von Goldbach, wie oben B. III. S. 318 erwähnt iſt, ſchon Conventsbruder in Chriſtburg; es muß daher der in Falkenſteins
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Der Landmeiſter Helwig von Goldbach (1300). 161 Meiſter hatte nicht ohne beſondere Rückſicht gerade ihn zum neuen Verwalter des Landes auserkoren, denn kaum war ir⸗ gend ein anderer Ordensgebietiger mit den Landesverhaͤltniſſen genauer bekannt, als er, da er früherhin ſchon Vogt von Na⸗ tangen, darauf mehre Jahre auch Ordensmarſchall geweſen war, einige Jahre die Stelle eines Hauskomthurs von Rhe⸗ den und zweimal das Komthuramt zu Chriſtburg verwaltet hatten). Nachdem war er in den größeren Wirkungskreis eines Landkomthurs von Thuͤringen verſetzt worden und hatte zuletzt die Verwaltung der Komthurei Rothenburg geführt ). Seine Mildthaͤtigkeit erwarb ihm den ſchoͤnen Namen eines Vaters der Armen, eine Benennung, die einen freundlichen Blick in ſein ganzes inneres Weſen thun laͤßt. Aber auch ſeine Zeit war voll kriegeriſcher Stuͤrme. Die Raub⸗ und Verheerungszüge der Litthauer dauerten fort bald durch größere, bald durch kleinere Heere, bald ſogar in ein- zelnen Haufen von nur ſiebenzig bis achtzig Mann. So brach ſchon im Herbſt des Jahres 1300 eine ſolche kuͤhne Streif⸗ horde von fünfundfiebenzig Raubzuͤglern im Ermlande bis in das Gebiet Glottau vor, uͤberfiel da ploͤtzlich ein Dorf, pluͤn⸗ derte es rein aus, ſteckte es in Brand und ermordete alles, Thuͤring. Ehronik S. 763 und 793 und in der Thuringia sacra p. 489 vorkommende Helwig von Goldbach, der einigemal auch Helwicus Mar- schalcus de Goltpach und zwar ſchon im J. 1254 genannt wird, ein anderer, wahrſcheinlich ſein Vater geweſen ſeyn. 1) Zuerſt war Helwig von Goldbach in den J. 1277 — 1282 Kom⸗ thur in Chriſtburg; dann finden wir ihn im J. 1285 im Frühling als Vogt von Natangen, am 30. April 1285 aber ſchon als Ordensmar⸗ ſchall, welches Amt er bis 1288 bekleidete; hierauf kehrte er im J. 1288 ins Komthuramt von Chriſtburg zurüd und war im 3. 1293 Haus⸗ komthur in Rheden. 2) Als Landkomthur von Thüringen, Thuringiae provincialis, fin- den wir ihn in einer Urkunde vom J. 1294 genannt in den Handfeſt. des Biſth. Samland p. X und als Komthur von Rothenberg erwähnt feiner die im Luc as David B. V. S. 134 angefuͤhrte Urkunde vom J. 1299, wo es aber wahrſcheinlich de Rotenburg heißen muß, denn in einem alten Verzeichniſſe aller Ordensbeſitzungen in Deutſchland finden wir ein Ordenshaus in Rothenburg in Franken. IV. Mm
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162 Kämpfe mit den Litthauern (1300). was ſie lebend fand. Kaum war jedoch die Nachricht von dieſer frechen That in das Haus Brandenburg gekommen, als des dortigen Komthurs Kompan Walther Golden mit einer reiſigen Schaar der Raubhorde nacheilend den Weg, welchen ſie wegen der hohen Gewaͤſſer nothwendig einſchlagen mußte, ſchnell beſetzte und als ſie durchbrechen wollte, alle bis auf drei Fluͤchtlinge erſchlug, ſo daß der ganze Raub in ſeine Hände fiel !). Zur Vergeltung an den Heiden zog hier⸗ auf der tapfere Ritter Heinrich von Dobin aus dem Con⸗ vente zu Königsberg an der Spitze einer Anzahl Ordensbruͤ⸗ der und einer Streitſchaar von zweihundert Mann in das ſchon mehrmals ausgepluͤnderte Gebiet von Oukaym, durch⸗ raubte und verbrannte ſechs Doͤrfer, erſchlug alle wehrhafte Maͤnner und war dann mit einer Schaar gefangener Frauen und Kinder eben auf der Heimkehr begriffen, als ein feind⸗ licher Streithaufe ihn ereilte und in verſchiedenen Gefechten von beiden Seiten viele ſchwer verwundet wurden. Doch den Raub fuͤhrte Heinrich von Dobin gluͤcklich heim 2). Groͤßere Gefahr als in dieſen einzelnen Streifzügen, zu denen nur Raubgier und Streitluſt trieben und die deshalb auch ohne ſonderliches Intereſſe in der Geſchichte voruͤberge⸗ hen, drohte dem Lande von Suͤden her, denn als im Win⸗ ter des Jahres 1300 in Polen, wo immer noch um die Herr⸗ ſchaft des Landes alles in Kampf und Fehde wider einander geſtanden hatte, der Herzog Wladislav Loktek wegen feiner Schlaffheit und zuͤgelloſen Lebensweiſe feiner Wuͤrde entſetzt“) 1) Dusburg c. 268 nennt den Kompan Walther Goldoni, der Epitomator Walterus Aureus, Jeroſchin uͤberſetzt: Walther der Gul⸗ dine und ebenſo Lucas David B. V. S. 136. Schütz Walther von Goldin. Komthur von Brandenburg war Walther aber nicht, wie De Wal I. c. p. 355, wahrſcheinlich durch Kojalowiez p. 220 verleitet, annimmt, denn in Urkunden wird als ſolcher Kuno von Hatzigenſtein in dieſem Jahre genannt. 2) Dus burg c. 269. 3) Anonymi Chron. Bohem. ap. Mencken. T. III. p. 1739. Dlugoss. p. 895. Die Chron. Anonymi Archidiac, Gnesn, p. 90 erwähnt, daß die inconstantia Ducis Wladislai die Urſache feiner Entſetzung geweſen
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Kämpfe mit den Litthauern (1300). 163 und von einem bedeutenden Theile der Großen des Landes der Böhmifche König Wenceslav der Vierte, der nachherige Gemahl der einzigen Tochter Przemislavs Richſa, der Erbin des Polniſchen Thrones !), zum Könige von Polen erkoren ward und ſich zugleich auch als Herzog von Pommern be⸗ trachtete?), brach um die Zeit des Vermaͤhlungsfeſtes des neuen Koͤniges, zu welchem ſich die Polniſchen Großen faſt insgeſammt nach Poſen begeben hatten, ploͤtzlich ein Heer von ſechstauſend Litthauern in das Herzogthum Dobrin ein, weil man auskundſchaftet, daß die Gegner des neuen Herrn dort⸗ hin ihre Roßherden und uͤbrigen Schaͤtze gefluͤchtet hatten. Der Feind fand keinen Widerſtand, trieb eine unſaͤgliche Beute zuſammen, wuͤthete mit Feuer und Schwert auf die ſchreck⸗ lichſte Weiſe und fuͤhrte auf der Ruͤckkehr eine große Zahl Gefangener mit fort. Da uͤberſchritt eine Raubhorde von hundert verwegenen Kriegern auch die Drewenz, den Graͤnz⸗ fluß zwiſchen Polen und dem Ordensgebiete, fiel ins Kul⸗ merland ein und pluͤnderte mehre Doͤrfer aus. Allein auf der Ruͤckkehr erreichte die Kriegsmannſchaft vom Kulmerlande den Heerhaufen, erſchlug ſiebenzig Mann und ſetzte durch ſey, doch fuͤhrt ſie bald darauf p. 91 auch noch manche andere Gruͤnde an. In Henelü al Hennenfeld Annal. Siles. p. 267 heißt es: er ſey ob ignaviam vom Throne vertrieben worden und Dubrav. Hist. Bohem. p. 149 nennt feine Sitten feros inteinperantesque mores, quibus vi- tam suam nunc grassando et spoliando, nunc per stupra et adulteria corpus volutando foede contaminabat. 1) Es war nach Dubrav. I. c. Bedingung feiner Wahl, daß er filiam Premislai regis, unicam regni haeredem, cui Elizabeth no- men, uxorem duxerit. Ihr anderer Name war Richſa. Buͤſch ing Jahrb. der Schleſier S. 91. 2) In ſeinen Urkunden nennt er ſeitdem Pommern auch beſtaͤndig terra nostra; ſ. Urk. im geh. Arch. Schiebl. LIX. Nr. 8. In der Ver⸗ waltung dieſes Landes ſcheint der Boͤhmiſche König nichts verändert zu haben. Graf Swenza blieb Woiwode von Danzig. In einer Urkunde vom 19. Octob. 1300 (im Liber Privilegior. Kyriandri p. 183) worin er eine Schenkung an das Kloſter Oliva beſtaͤtigt, ſagt er: es geſchehe ſolches presente et consentiente honorabili viro Domino Comite Wla- dova Ilustrissimi Domini nostri Regis Bohemie nuncio. 11*
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164 Der Erzbiſchof Sfarn (1300). die uͤbrigen Flüchtlinge das ganze Litthauiſche Heer in ſolchen Schrecken, daß in der eiligſten Flucht uͤber den Narev eine große Zahl, ſelbſt viele von den Vornehmeren in den Wellen ihren Tod fanden. Der groͤßte Theil des Raubes aus dem Kulmiſchen und Dobriner Lande fiel den verfolgenden Or⸗ densrittern in die Haͤnde ). Seitdem herrſchte, ſo lange Helwig von Goldbach die Verwaltung des Landes fuͤhrte, uͤberall Ruhe gegen dieſen Feind und wie Preuſſen, ſo erfreute ſich auch Livland eini⸗ ger gluͤcklicher Friedensjahre. Hier war auch der innere alte Zwiſt zwiſchen der Kirche und dem Orden auf einige Zeit beſchwichtigt, denn der neue Erzbiſchof Iſarn 2), in dem letz⸗ ten Jahrzehend als paͤpſtlicher Legat im Norden, beſonders in Daͤnemark mit den Verhaͤltniſſen der nordiſchen Reiche aufs genauſte bekannt geworden und zu Ende des Jahres 1300 an des verſtorbenen Erzbiſchofs Stelle zu deſſen Nach⸗ folger ernannt, hatte mit dem Orden einen Vergleich getrof⸗ fen, der wenigſtens auf einige Zeit die Ruhe ſicherte. Das ganze Land, hieß es darin, gehört als Erbe und Eigenthum des heiligen Petrus dem Papſte und iſt den Ordensrittern nur zur Fortpflanzung des chriſtlichen Glaubens verliehen. Dieſe duͤrfen daher keine neuen Zoͤlle erheben. Die kirchliche Ge⸗ richtsbarkeit gebuͤhrt allein dem Erzbiſchofe und ſeinen Nach⸗ folgern. In der Stadt Riga bleibt nur eine Kirche in der Ritter Beſitz; auch ſollen ihrer nie mehr als zehn von eini⸗ gen Knechten begleitet in der Stadt verweilen. Innerhalb der Stadtgraͤnzen darf der Orden weder Thuͤrme noch Wehr⸗ ſchanzen erbauen. Wegen der zwiſtigen Guͤter aber, welche der Orden den Rigaern und dieſe wiederum jenem gewalt⸗ ſam entfremdet, will der Papſt ſelbſt die nähere Entſcheidung 1) Dusburg c. 270. Lucas David B. V. S. 137. Schütz p. 52. Kojalowiez p. 221 — 222. 2) Eigentlich Iſarnus Tacconi aus Pavia gebuͤrtig; er erhielt ſpaͤ⸗ terhin den Titel eines Erzbiſchofs von Theben und nachher auch den eines Patriarchen von Antiochien; Raynald. an. 1308. Nr. 10. Bo⸗ wers Hiſtorie der Roͤm. Paͤpſte B. VIII. S. 296.
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Bemühungen um Landescultur (1300). 165 geben ). Auch mit Riga's Buͤrgern hatte der Orden einen beſondern Vertrag geſchloſſen, nach welchem dieſer den Ri⸗ gaern ſeine Burg in der Stadt und alle ſeine Freiheiten und Rechte fuͤr die Summe von tauſend Mark Rigaiſcher Muͤnze verkaufen, die Rigaer dagegen binnen Jahresfriſt allen ihren wider den Orden mit den Litthauern geſchloſſenen Verbin⸗ dungen und Vertraͤgen entſagen und ins kuͤnftige nie wieder Friede oder Waffenſtillſtand ohne des Ordens Genehmigung mit jenem Feinde ſchließen ſollten 2). So ſtoͤrte alſo nichts die loͤblichen Bemühungen, welche der friedlichgeſinnte Landmeiſter Preuſſens zwei Jahre hin⸗ durch auf des Landes innere Wohlfahrt und Gedeihen ver⸗ wandte. Überall wo in den Verheerungszuͤgen der vergan⸗ genen Zeit das feindliche Schwert den Landmann hinwegge⸗ rafft oder von ſeiner friedlichen Arbeit wenigſtens verſcheucht 1) Arndt B. II. S. 73. Gadebuſch B. I. S. 352 meint, dieſer Vertrag ſey verdaͤchtig, fuͤhrt indeſſen keine Gruͤnde dafuͤr an. Wir koͤnnen dieſer Meinung nicht beiſtimmen, theils weil dieſer Vergleich mit dem Vertrage der Rigaer im Zuſammenhange ſteht, theils auch weil wir ſeiner in dem fruͤher ſchon genannten Schreiben Informatio sum- maria etc. ausdruͤcklich erwähnt finden, wo als Hauptpunkt mit ange fuͤhrt wird, daß unus alteri assisteret et alter alterum in negotüs fidei iuvaret. Auch ſpaͤter wird in Urkunden auf dieſen Vertrag öfter Be⸗ zug genommen. 2) Darüber heißt es in einer Urk. im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 1. Preceptor et fratres per Livoniam constituti ex una parte et pre- dieti Cives Rigenses ex altera pacem et concordiam inter se fecerunt in hac forma: videlicet quod ipsi Preceptor et fratres deberent ven- dere Castrum et omnes libertates, quas ipsi habent in Civitate Ri- gensi predictis Civibus Rigensibus pro Mille Mareis argenti ad pon- dus Rigense. Et quod dicti Cives Rigenses infra annum deberent renunciare omnibus conspiracionibus, coniuracionibus et confedera- cionibus initis et factis per eos cum Lytuanis infidelibus contra di- ctos Preceptorem et fratres et terras et bona ipsorum et contra alios dominos terrarum illarum pareium christianos et terras et bona eo- rum et etiam contra alios christianos dietarum parcium inperpetuum non facere aliquas treugas vel pacem cum Lytuinis predictis sine consensu et voluntate Dominorum christianorum illarum parcium et ſratrum predictorum.
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166 PBemühungen um Landescultur (1300). hatte, rief er neue Bewohner herbei und feine zahlreichen Verleihungen beweiſen, daß fein Eifer von Erfolg war 1). Und mit ihm wetteiferten in der Befoͤrderung der Landescul⸗ tur auch die Biſchoͤfe, vor allen auch jetzt noch der um die Bevoͤlkerung und den beſſeren Anbau Ermlands ſo hochver⸗ diente Biſchof Heinrich, vorzuͤglich auch in der Beguͤnſtigung der in ſeinem Biſchofstheile wohnenden alten Stammpreuſſen. Beſchwerte ihn gleich in dieſen Jahren ſchon hohes Alter und Kraͤnklichkeit, ſo ermuͤdete doch nie ſein immer regſamer Eifer fuͤr des Landes Wohlfahrt?). Da es auch noch um dieſe Zeit im Ermlande hie und da Gegenden gab, in denen das alte Heidenthum noch nicht ganz erſtorben war, ſo ging des Biſchofs Sorgfalt vorzuͤglich auch darauf, in ſolche Gegen⸗ den Deutſche Anſiedler zu verpflanzen, um durch dieſe den Reſt des alten Glaubens gaͤnzlich zu erdruͤcken). Deshalb wurden auch ſolche alte Stammpreuſſen, die ſich durch ihre Beſtaͤndigkeit im Glauben und bei deſſen Verbreitung in irgend 1) Hie und da ſinden ſich in ſolchen Verſchreibungen auch ſchon mancherlei Abweichungen von der fruͤheren Form. So heißt es z. B. in einer an Wilune über 2 Huben und 4 Morgen bei der Burg Rog- genhauſen, man ertheile fie ihm liberos a solucione census et decime ac rusticalium operum seu laborum jure hereditario perpetuo possi- ‘dendos, ratione autem huius collationis idem Wilune tenebitur ad venacionem et in officio camerarie fratribus deservire ad tempora vite sue, eo vero mortuo heredes ipsius tenebuntur nostre domui ser- vire ad expeditiones et defensiones terre ac municiones de novo con- struendas cum equo et clipeo et hasta, quando fuerint requisiti. 2) Daß Biſchof Heinrich von Ermland ſchon im J. 1300 geftorben ſey, wie Hartknoch Kirchengeſch. S. 151 und Arnold Kirchengeſch. S. 156 nach Lucas David B. V. S. 138 behaupten, iſt unrichtig er lebte noch bis ins J. 1301. Die erſte Urkunde feines Nachfolgers Eberhard iſt vom 11. Januar 1302, ſ. Handfeſt. des Biſth. Samland p. II. 3) So heißt es z. B. in einer Verſchreibung des Biſchofs: Ut fides catholica in locis gentilibus augeatur et in neophitis circumpositis ex vicinitate fidelium recipiat incrementum, honesto viro Martino dieto de Marchia sexaginta quinque mansos jure Culmensi contulimus in campo Laysen, mit der Verpflichtung, dort auch eine Kirche zu erbauen.
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Bemühungen um Landescultur (1301—1302). 167 einer Weiſe hervorgethan, ſowohl vom Biſchofe als von ſei⸗ nem Domkapitel immer ganz beſonders beguͤnſtigt !). Außerdem hatte der Landmeiſter in dieſen Jahren auch manche äußere Verhältniffe minderer Wichtigkeit mit den Lan⸗ desbiſchofen auszugleichen. So war unter andern ungeachtet der fruͤher zwiſchen dem Biſchofe Heinrich von Pomeſanien und dem Landmeiſter Meinhard von Querfurt vorgenommenen Theilung des biſchoͤflichen Theils und der Ordensgebiete doch wieder eine Irrung uͤber den Beſitz einiger Seen entſtanden und der Streit hieruͤber hatte ſich hingezogen bis ins Jahr 1302, wo ſich beide Theile verglichen 2). Ahnliche Verhaͤlt⸗ niſſe hatte der Landmeiſter mit dem Biſchofe Siegfried von Samland zu eroͤrtern. Als man dieſe indeſſen beſeitigt, wandte Siegfried um ſo thaͤtiger ſeine ganze Sorgfalt auf die Mit⸗ tel und auf die Art und Weiſe, wie das Samlaͤndiſche Volk, durch die lange Abweſenheit der beiden vorigen Biſchoͤfe in religioͤſer Beziehung fo ſehr vernachlaͤſſigt, gruͤndlicher im Glauben belehrt und überhaupt eine feftere veligiöfe Bildung unter den Neubekehrten verbreitet werden koͤnne. Bereits hatte in dieſer Hinſicht die fruͤher ſchon erwaͤhnte, unter Beirath und Mithuͤlfe des Hochmeiſters Konrad von Feuchtwangen und des Landmeiſters Meinhard von Querfurt getroffene Anord⸗ nung des Samlaͤndiſchen Domſtiftes ſehr wohlthaͤtig einge⸗ wirkt, wovon der Aufbau der Kathedralkirche zu Koͤnigsberg ein erfreulicher Erfolg geweſen war. Der Biſchof, um den gedeihlichen Fortgang und die Befeſtigung der Glaubens⸗ ſache in ſeinem Biſthum, wo ebenfalls noch mancher alte Samländer den alten heidniſchen Göttern und Heiligthuͤmern hingegeben war, noch mehr zu foͤrdern, fuhr auf die ruͤhm⸗ lichſte Weiſe fort, dieſe Stiftung zu heben und durch Zuwei⸗ ſung bedeutender laͤndlicher Beſitzungen auch mit den noͤthi⸗ 1) Daher heißt es in den Verleihungsbriefen bald, man überweiſe das Land Pruthenis ob illibataın constantiam, qua semper religioni catholice pre ceteris neophitis firmiter adheserunt, bald auch propter sua et suorum progenitorum preclara merita in fide catholica probata. 2) Urkunde im geh. Archiv datirt: Elbing V Calend. April. 1302.
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168 Der HM. Gottfried von Hohenlohe in Preuffen (1302). gen Mitteln zu kraͤftiger Wirkſamkeit zu verſehen. Er hatte die Freude, ſelbſt von dem Erzbiſchofe Iſarn von Riga ſeine Verdienſte in jeder Weiſe anerkannt zu finden ). Da kam im Sommer des Jahres 1302 der Hochmeiſter Gottfried von Hohenlohe nach Preuſſen 2), nachdem er ſich bisher meiſt in Deutſchland, bald in Marburg, bald in Mer: gentheim aufgehalten ). Es veranlaßten ihn zu dieſer Reife mancherlei Verhaͤltniſſe. Die ſo unruhige Zeit im Deutſchen Vaterlande hatte ſein ganzes Innere in ein eigenes Zerwuͤrf⸗ niß mit ſich ſelbſt gebracht und die Stimmung ſeines Geiſtes ſcheint ſchon mehre Jahre nichts weniger als irgend ruhig und heiter geweſen zu ſeyn. Sein Haupthaus zu Venedig hatte er aus den früher erwähnten Gründen ſchon laͤngſt verlaſſenz aber auch in Deutſchland hatten die ſtuͤrmiſchen Ereigniſſe unter Albrecht des Erſten Herrſchaft, die tiefe Demuͤthigung, welcher unter dieſem Koͤnige die geiſtlichen Fuͤrſten unterla⸗ gen, die habſuͤchtigen Verſuche dieſes Monarchen, ſeinem Hauſe mehr Land und Macht zu erringen, das ganze ord⸗ nungsloſe Draͤngen und Treiben in dieſer Zeit, kurz der ganze wirre Zuſtand der Verhaͤltniſſe in Deutſchland hatte 1) Das Einzelne hierüber gehört nicht der Landesgeſchichte, ſondern mehr einer Geſchichte Koͤnigsbergs an. Die in dieſer Hinſicht wichtige Schenkungsurkunde des Biſchofs Siegfried mit dem Datum: In domo nostra Schonewick III Idus Ianuar. 18302 befindet ſich im Fol. 7 Samlaͤnd., Kulm. und Pomeſan. Privileg. S. 128 und Handfeſt. des Biſth. Samland p. II. Ebendaſ. auch die Beftätigungsurfunde des Erz⸗ biſchofs Iſarn von Riga vom 8. April 1302. Dregers Samml. Pommer. Urk. Nr. 1014. 2) Im Fruͤhling kann der Hochmeiſter noch nicht im Lande geweſen ſeyn, denn wir haben eine Urkunde des Landmeiſters Helwig vom 15. März 1302, in welcher unter den Zeugen genannt werden frater Anshel- mus de Urbach et frater Ulricus provincialis Franconie, nuncii ma- gistri nostri generalis, alſo Geſandte, welche der Hochmeiſter voraus⸗ geſchickt hatte. 3) Wir haben von ihm eine Beftätigungsurfunde über eine Schen⸗ kung der Kunigunde Truchſeß von Groß⸗Lankheim, die in Mergentheim am 23. Febr. 1301 ausgeſtellt iſt, in Iaegeri Codex diplom. ad histor. Ordinis Teut. T. II. im geh. Archiv.
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Der HM. Gottfried von Hohenlohe in Preuſſen (1302). 169 in Gottfrieds Geiſt eine Unruhe und Bangigkeit zur Folge gehabt, die ihn in ſeiner Stellung, wie es ſcheint, mit ſich ſelbſt in Zwieſpalt gebracht. Nicht ſelten uͤberfiel ihn eine tiefe Schwermuth und es kamen Tage, in denen er eine faſt unablösbare Suͤndenſchuld auf feinem Gewiſſen fuͤhlte ). Jene Verhaͤltniſſe in Deutſchland und dieſe Stimmung ſeines In⸗ nern hatten daher auch jetzt wieder aufs lebendigſte den Ge⸗ danken bei ihm angeregt, den feſten Wohnſitz des oberſten Meiſters wo moͤglich nach Preuſſen, in die Hauptbeſitzung des Ordens, zu verlegen, denn allerdings konnte jetzt hier allein der Meiſter des Ordens am wohlthaͤtigſten fuͤr ſeine Beſtimmung wirken. Ohne Zweifel kam alſo Gottfried mit dem Plane nach Preuſſen, zu verſuchen, ob die Gebietiger der noͤrdlichen Ordenslande fuͤr die Ausſuͤhrung dieſes Ge⸗ dankens ſich nicht gewinnen laſſen moͤchten. Den aͤußern Anlaß zu dieſer Reiſe gab jedoch dem Hoch⸗ meiſter eine paͤpſtliche Bulle uͤber die ſtreitigen Verhaͤltniſſe in Livland. Die Entſcheidung des Papſtes uͤber die von bei⸗ den Theilen angeſprochenen Beſitzungen war naͤmlich dahin ausgefallen, daß dem Orden befohlen ward, alle Guͤter, Bur⸗ gen, Befeſtigungen und Doͤrfer, die er bisher nach jenem Vertrage mit dem verſtorbenen Erzbiſchofe Johann zum groſ⸗ ſen Nachtheile der Kirche zu Riga im Beſitze gehalten und benutzt habe, ſo weit ſie nur irgend je dieſer Kirche zugehoͤrt, ohne Verzug und ohne alle Schwierigkeit dem Erzbiſchofe Iſarn oder deſſen Bevollmächtigten zurückzugeben; fir die bisherige Benutzung aber und die daraus gezogenen Einkuͤnfte oder ſonſtigen Vortheile der Rigaiſchen Kirche eine vollkom⸗ mene Entſchaͤdigung zu gewaͤhren. Den Orden wies der 1) Daher hatte ihm der Papſt auf ſeine Bitte auch erlaubt, ut aliquem sacerdotem ydoneum religiosum vel secularem in tuum eli- gere valeas confessorem, qui audita confessione tua, quotiens opor- tunum fuerit pro commissis tibi poenitentiam salutarem iniungat et super hiis auctoritate nostra beneficium debite absolntionis impendat; Bulle des Papſtes Bonifacius VIII in Regest. Bonifacii VIII an. VI. epist. 197, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 371.
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170 Der HM. Gottfried von Hohenlohe in Preuffen (1302). Papſt bloß auf die einſtige Belohnung des Himmels und auf die Gunſt und das Wohlwollen des paͤpſtlichen Stuhles hin, ſofern die Gebietiger ſich ſeinem Ausſpruche folgſam zei⸗ gen wurden. „Sofern ihr aber, erklaͤrte der Papſt, dieſem unſern Befehle binnen eines vom Erzbiſchofe zu beſtimmen⸗ den Zeitraumes euch nicht gehorſam beweiſen werdet, ſo haben wir bereits dem Bifchofe von Reval und den Dechan⸗ ten der Kirchen zu Reval und Luͤbeck die Vollmacht ertheilt, auf Anſuchen des Erzbiſchofes ſofort euch alle und jeglichen einzelnen von euch oͤffentlich in den Bann zu erklaͤren ).“ Da ſich voraus ſehen ließ, welche Wirkung dieſer paͤpſtliche Spruch auf die Ordensritter in Livland machen und welche feindliche Stimmung er gegen den neuen Erzbiſchof in allen Gemuͤthern wieder aufregen werde, ſo beſchloß der Meiſter, dem neuaufglimmenden Feuer der Zwietracht ſo viel als moͤg⸗ lich vorzubeugen und in die Ausgleichung der Verhaͤltniſſe ſelbſtthaͤtig mit einzugreifen. Begleitet von einer Schaar von funfzig neuen Ritterbruͤdern, die er dem Livlaͤndiſchen Meiſter zuführen wollte), begab er ſich ſofort nach Livland hinauf. Es gluͤckte ihm, die ſtreitigen Verhaͤltniſſe mit dem Erzbi⸗ ſchofe Iſarn, einem ſo milden als gemaͤßigten und in ſeiner Geſinnung dem Orden freundlich zugethanen Manne ), fo weit auszugleichen, daß der Friede nicht weiter geſtoͤrt ward *). 1) Die Bulle mit dem Datum: Lateran. XIV Calend. Maij an. VII in Regest. Bonifacii VIII an. VII. epist. 115. p. 28, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 372. 2) Dusburg c. 276 ſpricht nur von Ordensbruͤdern überhaupt, ohne die genauere Zahl anzufuͤhren; allein nicht nur Lucas David B. V. S. 143, ſondern auch Jeroſchin c. 276 und der Epitomator erwaͤh⸗ nen 50 Ordensritter und anderes geruͤſteten Kriegsvolkes. 3) Daher wird der Erzbiſchof in urkunden in Beziehung auf beide Parteien auch amicabilis compositor et communis amicus genannt. 4) In einer ſpaͤtern Vertheidigungsſchrift des Ordens vom J. 1306, im geh. Archiv Schiebl. VI. Nr. 1. erklärt daher der Orden auch: Po- minus Isarnus olim Archiepiscopus Rigensis toto tempore, quo fuit Archiepiscopus Rigensis, fuit amicus Preceptoris et fratrum et ab
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Des HM. Gottfried von Hohenlohe Entfagung (1302). 171 Die Streitpunkte zwiſchen dem Orden und der Buͤrgerſchaft von Riga überließ man beider Seits der Entſcheidung des Erzbiſchofs, obgleich als dieſe erfolgte, die Rigaer ſich kei⸗ neswegs damit begnügten, ſondern von neuem an den Roͤ⸗ miſchen Stuhl appellirten n). Vielleicht war es Folge dieſes Zwieſpaltes zwiſchen den Rigaern und dem Erzbiſchofe, daß dieſer zu Ende des Jahres 1302 mit des Papſtes Bewilli⸗ gung fein erzbiſchoͤfliches Amt in Riga dem Erzbiſchofe Johannes von Lund uͤbergab und an deſſen Stelle, zu⸗ gleich als paͤpſtlicher Legat in Daͤnemark, Erzbiſchof von Lund ward 2). Nun geſchah aber, daß der Hochmeiſter auf ſeiner Ruͤck⸗ kehr in der Ordensburg zu Memel ein Ordenskapitel ver⸗ ſammelte, wozu ſich namentlich auch die beiden Landmeiſter von Preuſſen und Livland einfanden. Wir kennen die Ver⸗ handlungen nicht genau). Es wird erzählt, der Meiſter habe verſchiedenen Klagen uͤber das Sittenverderbniß mancher Ritterbruͤder durch Schaͤrfung der Ordensgeſetze und durch An⸗ ordnung ſtrengerer Strafen abzuhelfen geſucht und uͤberhaupt geſtrebt, Mittel auszufinden, um im ganzen Orden eine ſtrengere Lebensordnung, feſtere Gerechtigkeit und einen ſittenreineren Wandel herfchend zu machen; dabei habe er aber in feinen Ver⸗ ordnungen bei allen verſammelten Rittern und beſonders bei dem ipsis Preceptore et fratribus honoratus in omnibus, in quibus potue- runt nec eidem Domino Isarno iniuriam aliquam intulerunt. 1) Die fo eben erwaͤhnte Urkunde vom J. 1806 erzählt den ganzen Verlauf der Sache, obgleich ſie den ſchiedsrichterlichen Ausſpruch des Erzbiſchofes nicht ſelbſt enthält. Zuletzt heißt es aber: A dicto arbitrio Domini Isarni fuit per sindicum et procuratorem hominum Civitatis Rigensis ad sedem apostolicam appellatum. Preceptor et fratres di- ctum arbitrium latum per dominum Isarnum approbaverunt et acce- ptaverunt et ratum et gratum habuerunt. 2) Nach Arndt p. 74 weigerte ſich jedoch der Erzbiſchof von Lund, das erzbiſchöͤfliche Amt in Riga zu Übernehmen; ſ. Gadebuſch Livland. Jahrb. B. I. S. 354. 3) ueber dieſes Kapitel in Memel ſchweigen alle Chroniſten, indem ſie alle Verhandlungen auf das ſpaͤtere Kapitel in Elbing beziehen. Al⸗
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172 Des HM. Gottfried von Hohenlohe Entſagung (1302). Landmeiſter von Preuſſen den heftigſten Widerſpruch gefun⸗ den und man habe ſeine neuen Geſetze als einen Beweis dargeſtellt, daß er ſeine Gewalt als Oberhaupt des Ordens übermäßig auszudehnen ſtrebe n). Es iſt wahrſcheinlich, daß der Meiſter mit jenem Vorſchlage zur Feſtſtellung ſtrengerer Geſetze auch ſeinen Plan zur Verlegung des hochmeiſterlichen Sitzes nach Preuſſen in Verbindung geſetzt, ihn vor den ver⸗ ſammelten Rittern offen ausgeſprochen und daß auch dieſer Umſtand den Widerſpruch des Kapitels noch vermehrt habe. Da trat aber der Meiſter, als er ſeinen redlichen Willen von den Gebietigern ſo gaͤnzlich verkannt und demnach auch ſei⸗ nen reiflich erwogenen Plan voͤllig vereitelt ſah, mit den ern⸗ ſten Worten auf: „Ich, der ich euer Meiſter bin, muß euch vorſtehen, wie ich es einſt vor Gott am juͤngſten Tage werde verantworten ſollen. Jedoch da ihr mir nicht folgen wollt, fo überlaffe ich mein Amt gerne einem andern und lege es hiemit freiwillig in die Haͤnde der beiden Meiſter von Livland und Preuſſen nieder. Vor zwei Jahren ſchon war ich Willens dieſen Schritt zu thun, und ſolltet ihr mich auch von neuem zu euerem Meiſter erheben wollen, ſo wiſſet hie⸗ mit, daß mein Gewiſſen es nie geſtatten wird, das Amt je wieder anzunehmen“ ?). Man erſtaunte uͤber des Meiſters unerwarteten Schritt; lein die Urkunde bei Lucas David B. I. S. 146 — 147 giebt hier den richtigen Leitfaden und es iſt nach ihr unbeſtreitbar, daß die eigentliche Abdankung des Hochmeiſters nicht, wie alle Chroniſten angeben, zu El⸗ bing, ſondern zu Memel erfolgte. 1) Das Weſentlichſte von dieſer Nachricht giebt zwar nur Simon Grunau Tr. X. 0. 2. §. 23 allein wir dürfen ihm hier etwas mehr Glauben ſchenken, weil er in der Hauptſache mit den andern Chroniſten uͤbereinſtimmt. Im Einzelnen miſcht er freilich auch hier wieder allerlei Unrichtigkeiten ein, z. B. wenn er das ganze Ereigniß ſchon ins J. 1295 ſetzt oder wenn er den Hochmeiſter etwas zu jovial ſagen läßt: „A. B. C., Euer Hoemeiſter bin ich nicht meh.“ 2) urkunde bei Lucas David B. V. S. 147. Auch Hennig ebendaſ. nimmt an, daß damals Irrungen über die Graͤnzen der hoch⸗ meiſterlichen Macht entſtanden ſeyen.
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Des HM. Gottfried von Hohenlohe Entfagung (1302). 173 aber man nahm die Erklärung doch ohne weiteres als eine foͤrmliche Entſagung des hochmeiſterlichen Amtes an. Indeſ⸗ ſen ſtimmten die verſammelten Ordensritter alle darin überein, daß man wegen der Wichtigkeit der Sache noch ein zweites Ordenskapitel verſammeln und dazu auch die uͤbrigen vor⸗ nehmſten Ordensgebietiger berufen muͤſſe. Unterdeſſen aber legte der Landmeiſter von Preuſſen Helwig von Goldbach vielleicht in Folge dieſer Ereigniſſe gegen Ende des Jahres 1302 ſein Amt freiwillig nieder und begab ſich nach Deutſch⸗ land, wo er wie es ſcheint bald nachher ſtarb!). Als fein Nachfolger wurde ernannt der damalige Komthur von Thorn Konrad Sack, aus dem Meißniſchen gebintig, früher als Kompan des Hochmeiſters ſchon in einem Verhaͤltniſſe, in welchem er mit allen Angelegenheiten des Ordens aufs ge⸗ naueſte bekannt werden konnte, und nachmals mehre Jahre hindurch zuerſt als Landkomthur von Kulm 2) und dann als Komthur zu Thorn in Aemtern, in welchen er manche Erfah⸗ rungen uͤber des Landes Verwaltung hatte ſammeln koͤnnen. Hierauf kam im Sommer des Jahres 1303 das beru⸗ ſene Ordenskapitel in Elbing zuſammen. Es erſchienen außer 1) Dusburg c. 267. Daß Helwig von Goldbach vom Hochmeiſter feines Amtes entſetzt worden ſey, ſagt nur Simon Grunau. Dus⸗ burg dagegen giebt ſchon durch die Worte „resignato officio“ zu ver- ſtehen, daß der Landmeiſter es freiwillig niederlegte. Ueberdieß bezeugt auch der Epitomator: renuntiavit officio und Serof ch in uͤberſetzt: „Darnach lis er ys (das Amt) uf.“ ueber die Zeit ſeiner Amtsver⸗ waltung herrſchte bisher große ungewißheit. Schon Dusburg gab zur Verwirrung Anlaß, indem er fie nur auf ein Jahr beſchraͤnkt. Daß Helwig das Amt im J. 1300 antrat, iſt außer Zweifel und Urkunden beweiſen, daß er es bis zu Ende des Jahres 1302 verwaltete, daß aber auch fein Nachfolger in dieſem Jahre ſchon gewählt war. Wir finden in einer Verſchreibung vom 31. Octob. 1302 Konrad Sack ſchon als Landmeiſter genannt, im geh. Arch. Verſchreib. Fol. 6. P. 2. 2) Als ſolchen finden wir ihn in den J. 1296 bis 1298. Urk. im Buche Rigaiſ. Handlung p. 45. Im J. 1292 war nicht er, wie Schu- bert de Gubernat. Pruss. p. 51 hat, ſondern Johannes Saxo Landkom⸗ thur von Kulm, der dieſes Amt bis 1296 verwaltete.
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174 Des HM. Gottfried von Hohenlohe Entſagung (1303). dem neuen Landmeiſter von Preuſſen auch die beiden Mei⸗ ſter von Deutſchland und Livland, Winrich von Busweiler und Gottfried von Rogga, der Großkomthur und der Or⸗ denstreßler aus Venedig, ferner ſaͤmmtliche Komthure, Voͤgte und viele angeſehene Ordensbruͤder aus Preuſſen, außerdem auch die Landesbiſchoͤfe Hermann von Kulm, der eben neu⸗ erwaͤhlte Biſchof Chriſtian von Pomeſanien und andere. Auch der alte Hochmeiſter Gottfried von Hohenlohe war in der Verſammlung zugegen. Seine Sache wurde natürlich der Hauptgegenſtand der Berathung; und da es einem Theile der Ordensgebietiger zweifelhaft war, ob die Abdankung des Hochmeiſters als freiwillig oder als erzwungen anzuſehen ſey, ſo ſchien die Ermittelung dieſes Umſtandes auch ſchon deshalb das Wichtigſte zu ſeyn, weil in dem letzteren Falle die Ab⸗ dankung weder in einer Verſammlung, wie ſie in Memel ge⸗ weſen, noch auf ſolche Art und Weiſe hatte erfolgen duͤrfen. Man forderte daher den alten Meiſter auf, ſich uͤber ſeinen Schritt noch einmal naͤher zu erklaͤren, um die Zweifelnden darüber gewiß zu ſtellen, und er bekannte jetzt vor dem gan⸗ zen verſammelten Kapitel: er habe fein Meiſteramt vollig un⸗ gezwungen und freiwillig zu Memel in die Haͤnde der Land⸗ meiſter von Preuſſen und Livland niedergelegt und werde es auch unter keiner Bedingung je wieder annehmen ). So ſchied 1) So iſt der Verlauf der Sache nach der von Hennig im Lu⸗ cas David B. V. S. 146 mitgetheilten Urkunde, deren Original im geh. Archiv Schiebl. II. Nr. 1. befindlich iſt. Kotzebue B. II. S. 91 —92 hat fie nicht verſtanden oder doch wenigſtens nur ſehr flüchtig bes nutzt. Von jenem fruͤheren Kapitel in Memel ſchweigt er ganz, wie⸗ wohl dort eigentlich die Hauptſache geſchah und alles, was zu Elbing vorging, in Beziehung auf die Amtsentſagung des Meiſters nur Wieder⸗ holung war. Auf dieſe wiederholte Entſagung mag es auch hindeuten, wenn Siegfried von Feuchtwangen den alten Hochmeiſter nachmals einen dupliciter apostata nennt. Es iſt daher auch durchaus unrichtig, wenn Kotzebue und Hennig vom Kapitel in Elbing ſagen: „man hielt ihn auf der Stelle beim Wort.“ Die Urkunde erweiſet ja ganz deutlich, daß der Hochmeiſter ſelbſt ſeine Amtsentſagung offen und frei erklärte. Was die Zeitfolge anlangt, ſo muß das Kapitel in Memel in das Ende
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Siegfrieds von Feuchtwangen Hochmeiſterwahl (1303). 175 alſo jetzt Gottfried von Hohenlohe vor dem verſammelten Generalkapitel foͤrmlich aus dem hochmeiſterlichen Amte aus, nachdem er dieſes ſechs Jahre bindurch bekleidet hatte!). Noch in demſelben Kapitel ſchritt man darauf ſogleich zur Wahl eines neuen Oberhauptes des Ordens und erkoren wurde als ſolches der Ordensritter Siegfried von Feuchtwan⸗ gen, aus Franken gebuͤrtig, ein naher Anverwandter, vielleicht ein Bruder des fruͤheren Hochmeiſters Konrad von Feucht⸗ wangen, ehe er nach Preuſſen kam, mehre Jahre Komthur des Ordenshauſes zu Wien 2). Auf einige Zeit hatte er auch des J. 1302 fallen, das zu Elbing dagegen in den Sommer 1303. Zwiſchen beiden lag wenigſtens ein ſo langer Zeitraum, daß die Urkunde da, wo ſie vom Kapitel zu Elbing ſpricht, ſagen konnte: der Hochmeiſter habe ſchon früher „longe antea“ fein Amt niedergelegt. Ohne Zweifel fällt das Kapitel in Memel und die Amtsentſagung des Landmeiſters Helwig von Goldbach ziemlich in gleiche Zeit. Unrichtig iſt es aber, wenn Hennig das Kapitel zu Elbing erſt am Tage des Evangel. Lu⸗ cas (18. Octob.) 1303 halten laßt, weil an dieſem Tage die erwähnte Urkunde ausgeſtellt iſt, denn die Abfaſſung derſelben war ja offenbar erſt Folge der Wiederannahme der hochmeiſterlichen Wuͤrde durch Gott⸗ fried von Hohenlohe. 1) Schon Pauli Pr. Staatsgeſch. B. IV. S. 144 vermuthete, daß im Texte bei Dusburg c. 262 die Worte: neo tamen etc. einge: ſchaltet ſeyen, denn der Chroniſt ſtaͤnde im Widerſpruch mit ſich ſelbſt, wenn er hier behauptete: nec tamen inter alios Magistros computatur und nachmals ihn doch beſtaͤndig als Hochmeiſter anfuͤhre; und dieſe Vermuthung Pauli's iſt zum Theil auch richtig. Jeroſchin hat namlich die Worte: nec tamen bis XIII anno nicht uͤberſetzt und muß ſie alſo im Texte nicht gefunden haben. Eben ſo wenig hat ſie der Epi⸗ tomator; doch weicht auch dieſer wieder ab, indem er ſagt: Anno 1297 Gotfridus de Hoenloch eligitur in magistrum generalem in Theutonia, qui in tercium annum rexit et interim Magister Tilo gessit officium et renunciavit et contra capitulum reassumpsit. Dieſe Worte bleiben zum Theil ganz dunkel; aber gewiß iſt, daß Gottfried von Hohenlohe allerdings unter die Hochmeiſter gezählt wird. Das Verzeichniß bei eindenblatt S. 361 zählt wahrſcheinlich nur bis zum Kapitel in Memel, wenn es ihn nur fünf Jahre regieren laßt. Vgl. auch Duellii Histor. Ord. Teut. p. 27. 2) Hanthaler Recensus diplom. genealog. T. I. p. 143, 309.
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176 Siegfrieds von Feuchtwangen Hochmeiſterwahl (1303). das Amt des Deutſchmeiſters verwaltet und jetzt den derma⸗ ligen Deutſchmeiſter Winrich von Busweiler nach Preuſſen begleitet!) Er ſoll ſich jedoch Anfangs geweigert haben, die hochmeiſterliche Wuͤrde anzunehmen, vielleicht weil er, gleich⸗ falls von der Nothwendigkeit der Verlegung des Meiſter⸗Siz⸗ zes nach Preuſſen uͤberzeugt, durch den heftigen Widerſpruch der Gebietiger geſchreckt war. Nachdem er den Landmeiſter Konrad Sack in ſeinem Amte beſtaͤtigt, begab er ſich nach Deutfchland und hierauf nach Venedig, wohin ihn auch der Großkomthur und der Ordenstreßler begleiteten. In Deutſchland indeſſen nahmen die Verhaͤltniſſe bald eine Wendung, wie ſie der neue Hochmeiſter wohl kaum er⸗ wartet. Siegfried mußte ſich einſt als Deutſchmeiſter unter den Ordensrittern in Deutſchland nicht uͤberall Freunde er⸗ worben haben, weshalb man mit ſeiner Wahl als Hochmeiſter auch nicht allgemein zufrieden war. Es fanden bald zwiſchen dieſen Unzufriedenen, an deren Spitze die Ordensritter Konrad von Wida und Eberhard von Staufen ſtanden, und dem al— ten Hochmeiſter Gottfried von Hohenlohe allerlei Zuſammen⸗ kuͤnfte und Unterhandlungen Statt, in deren Folge ſich die⸗ ſer den Titel eines Hochmeiſters wieder anmaßte und von neuem als Oberhaupt des Ordens auftrat. Sobald Sieg⸗ fried von Feuchtwangen dieſes vernahm, wandte er ſich an den Landmeiſter von Preuſſen, durch deſſen Vermittlung die beiden Biſchoͤfe Hermann von Kulm und Chriſtian von Po⸗ meſanien ein offenes Zeugniß uͤber den Hergang der freiwil⸗ ligen Amtsentſagung des alten Hochmeiſters ausſtellten, in welchem ſie als Augenzeugen allen Zweifel uͤber die Sache beſeitigten?). Gottfried von Hohenlohe indeſſen war mitt⸗ 1) Daß er vor feiner Wahl Komthur von Oſterode geweſen ſey, erwaͤhnt bloß Simon Grunau, der ihn ganz unpaſſend einen „Land⸗ komthur von Oſterode“ nennt. Wir finden ihn als Deutſchmeiſter im J. 1298 in einer Urk. in Iaegeri Cod. diplomat. ad historiam Ord. Theut. Vgl. Bachem ©. 26. 2) Dieß iſt die früher ſchon erwähnte Urkunde im Lucas David a. a. O. Wir haben davon nur ein Vidimus, aus deſſen Datum: Ve⸗
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Spaltung im Orden (1303). 177 lerweile bemuͤht geweſen, auch den Roͤmiſchen Koͤnig Albrecht und mehre Biſchoͤfe und Grafen in Deutſchland für feine Partei zu gewinnen und erließ nun im Fruͤhling des Jahres 1304 ein Schreiben an das Ordenskapitel in Venedig und ein beſonderes an die vornehmſten Gebietiger, beide mit ſchwar⸗ zem Wachſe (ein beſonderes Vorrecht des Hochmeiſters) beſie⸗ gelt, worin er als Hochmeiſter des Ordens die Ordensbruͤder ſo ernſtlich als dringend zu dem ihm ſchuldigen Gehorſam er⸗ mahnte. In einem bittern Klagebriefe hieruͤber meldete Sieg⸗ fried von Feuchtwangen dem Landmeiſter von Preuſſen aus Venedig: „Mit ſeinen Schreiben an das Kapitel und an die vornehmſten Ordensbruͤder ſandte Gottfried von Hohenlohe auch Briefe vom Roͤmiſchen Koͤnige, von den Biſchoͤfen von Würzburg *) und Speier, von den Grafen von Oettingen, von Katzenellenbogen und Caſtelen 2) und von dem Herrn Konrad von Winsberg ) an das Kapitel gerichtet, worin er dieſes erſucht, alles zuruͤckzunehmen, was die Ordensbruͤder in Preuſſen und Livland mit Unrecht gethan. Damit ihr aber den Inhalt und den harten Ton aller dieſer Briefe deut⸗ lich kennen lernen moͤget, ſo uͤberſenden wir euch hiebei den Brief des Biſchofs von Wuͤrzburg und einen von Gottfried ſelbſt. Dieſe Briefe brachte jener Giftercienfer Mönch, der nach Elbing geſchickt war und unter dem Vorgeben, er werde ſogleich nach Deutſchland zuruͤckkehren, wie wir hoͤren, zum Nachtheile unſeres Ordens an den Roͤmiſchen Hof gegangen iſt. Allein ſowohl die vornehmeren als geringeren Ordens⸗ bruͤder unſeres Kapitels haben in ihrem Antwortſchreiben ein⸗ nedig 28. Februar 1304 zu erſchen iſt, daß es auf ausdrückliches Er⸗ ſuchen des Hochmeiſters verfertigt wurde. 1) Der Biſchof Andreas von Wuͤrzburg nennt Gottfried von Ho⸗ henlohe auch noch im J. 1808 Ordinis fratrum Teutonicorum Magister Generalis, wie eine Urkunde in Iaegeri Cod. diplom. von dieſem Jahre ausweiſet. 2) Wahrſcheinlich die Grafen Ludwig und Konrad von Oettingen, und Friederich und Heinrich von Caſtelen. 3) Oder Weinsberg. IV. 12
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178 Spaltung im Orden (1303). muͤthig erklaͤrt, daß ſie niemals den Ordensbruder Gottfried wieder als Meiſter anerkennen oder ihm im mindeſten Ge⸗ horſam leiſten und niemals wieder Briefe mit ſchwarzem Wachſe geſiegelt von ihm annehmen wuͤrden. Ferner melden wir euch, daß dieſer von Gott und dem Orden abtruͤnnig gewordene und ſeine Helfershelfer, die Ordensbruͤder Konrad von Wida und Eberhard von Staufen in unſer Ordenshaus zu Ulm gewaltſam eingedrungen ſind, die Ordensbruͤder mit Schmaͤhungen herausgeworfen und der Habgierige ſich zum Komthur aufgeworfen hat. Konrad von Wida aber verlaͤum⸗ det die Bruͤder in Preuſſen vor Vornehmen und Niedrigen, vor Klerikern und Laien mit den abſcheulichſten Schmaͤhreden und ſagt ihnen ganz oͤffentlich Dinge nach, die wir weder ſchreiben wollen noch dürfen. Wir hatten ihn vor uns ge rufen; allein er beſann ſich eines andern und begab ſich mit den erhaltenen Pferden und Geldern zu dem erwaͤhnten Or⸗ densbruder Gottfried, auf deſſen Geheiß er unſere Bruͤder und unſern Orden unablaͤſſig verfolgt. Dieſes und anderes der Art moͤge euch bewegen, mit allem Eifer und Fleiß den ſo vielen und großen Widerſtrebungen und dem Unfuge un⸗ ſerer Feinde zu begegnen. Gebt euch Mühe bei dem Könige von Boͤhmen und andern uns guͤnſtiggeſinnten Fuͤrſten. Wir glauben auch, es werde gut ſeyn, wenn ihr und der Land⸗ komthur von Kulm dem Roͤmiſchen Könige einen nachdrüͤckli⸗ chen Brief ſendet, damit er nicht zu voreilig bloß den Be⸗ richten Gottfrieds von Hohenlohe Glauben ſchenke, ſondern mehr Vertrauen auf die Beſſeren und Glaubwuͤrdigſten un⸗ ſeres Ordens ſetze. Endlich ſagen wir euch vielen Dank, daß ihr uns bei dem Koͤnige von Boͤhmen ſo getreulich entſchul⸗ digt habt“ a 1) Diefer Brief mit der Addreſſe: Religioso et prudenti viro fratri C. Sacco, Preceptori Pruscie und mit dem Datum: Veneciis feriar. V infra Octavas Pentecostes ift im Original im geh. Archiv Schiebl. II. Nr. 2 noch vorhanden. Baczko in f. Geſchichte Preuſſ. B. I. S. 74 hat ihn abdrucken laſſen, aber fo fehlerhaft, daß er kaum zu verſtehen iſt. Die Wichtigkeit deſſelben läßt uns hier folgende der nothwendigſten Ver⸗
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Spaltung im Orden (1303). 179 So ſehr ſich indeſſen Gottfried von Hohenlohe auch fer⸗ ner noch bemuͤhte, ſeinen eigenen Schritt in Preuſſen gleich⸗ ſam ungeſchehen zu machen und ſich durch Gunſt und Einfluß einiger Goͤnner als Meiſter des Ordens aufrecht zu erhalten, ſo gelang es ihm doch nicht, ſich im Orden ſelbſt bedeuten⸗ den Anhang zu verſchaffen, und führte er auch den Titel des Hochmeiſters bis an ſeinen Tod noch fort, ſo erkannte doch das Ordenskapitel zu Venedig, es erkannten die drei Landmeiſter von Deutfchland '), Preuſſen und Livland und in den beiden letztern Laͤndern auch alle Ordensbruͤder ohne Ausnahme nur Siegfrieden von Feuchtwangen als wahren und rechtmaͤßigen Meiſter des Ordens an. Wenn daher die fortdauernde Spaltung im Orden in Deutſchland auch eini⸗ gen Einfluß auf die Ordensverhaͤltniſſe haben mochte, ſo blieb doch Preuſſen, ſo viel wir wiſſen, davon ganz unberuͤhrt. Hier fuͤhrte mittlerweile der neue Landmeiſter Konrad beſſerungen bemerken: 3. 5 sincere semper dilectionis; 3. 8 ft. tur- bationem pertumaeiter — turbacionibus pertinaciter; 3. 9 ft. hospi- taliter — specialiter; S. 75 3. 5 ft. retroclamarent — retractarent; Z. 15 ft. accorditer — concorditer, ft. neque — nunquam; 3. 17 ft. velint — penitus, ſt. neque — nunquam; 3.18 ſt. G. — Uraz; 3. 19 ft. dupliciter — duplicis; 3. 21 nach eiusdem — domus; 3. 23 ft. vester — vero; 3. 25 ft. imperat — inproperat; 3.26 ft. iniungens — inpingens; 3.30 ft. ut nunc — continue; 3. 32 ft. operis — opis; 3. 33 fi. virorum — nostrorum; 3. 35 ft. vobis — nobis; ©. 76 3. 6 ft. referemus — referimus. 1) Als ſolchen finden wir Eberhard von Sulzberg genannt ſchon im Jahre 1305 (nicht erſt, wie gewohnlich angenommen wird, feit dem J. 1308) in Urkunden in Jaegeri Cod. diplom.; und daß er mit dem Hochmeiſter Siegfried von Feuchtwangen in gutem Vernehmen ſtand, beweiſet eine Urkunde des Landkomthurs von Lothringen Jacob von Orreo über eine Stiftung in der Ordenskirche zu Trier in Jaeger: Cod. diplom. Eben dieſes Anerkenntniß Siegfrieds von Feuchtwangen als Hochmeiſter in den Jahren 1305 bis 1308 beweiſet eine Urk. im geh. Arch. Schicbl. CI. Nr. 3, worin der Ordensbruder Gyso de Aquis gerens vices provin- cialis per balivam de Iuneis ihm Rechenſchaft uͤber die Verwaltung ſeiner Ballei in dieſen Jahren ablegt. 12 *
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180 Der Landmeiſter Konrad Sack (1303). Sack, der ſich durch ſein freundliches und herablaſſendes We⸗ fen bald die allgemeinſte Liebe und Achtung erwarb 1), fein landmeiſterliches Amt mit ungemeiner Thaͤtigkeit und mit dem loͤblichſten Eifer. Der Kampf gegen die Litthauer ward mit Muth fortgeſetzt und erfreute durch manchen gluͤcklichen Erfolg. Es war im erſten Jahre der Verwaltung des neuen Meiſters, als der Hauptmann der ſo oft ſchon beſtuͤrmten Burg Oukaym Drayke genannt 2), deſſen ganzes Gebiet erſt vor kurzem ſchrecklich verheert worden, insgeheim ſeinen Sohn Pinne s) zum Komthur von Ragnit Volrad ſandte, mit der Nachricht, daß er entſchloſſen ſey, zum chriſtlichen Glauben uͤberzutreten und mit der Bitte, eiligſt herbeizukommen, um von ihm die Burg Oukaym in Beſitz zu nehmen und ihn auf ſolche Weiſe aus ſeiner Lage zu befreien. Da machte ſich der Komthur auf des Meiſters Geheiß mit einem anſehn⸗ lichen Streithaufen eiligſt auf; die Burg ward bald erreicht. In der Nacht als Drayke die Wache hielt, oͤffnete er heim⸗ lich das Burgthor und die Ritter drangen ein und erſchlu⸗ gen außer Drayke's zweiten Sohn Sudarge, der nur ver⸗ wundet ward, die ganze im Schlafe liegende Beſatzung. Dann wurde die Feſte ſammt der Vorburg von Grund aus mit Feuer vertilgt, Weiber und Kinder gefangen hinweggefuͤhrt und Drayke mit ſeiner ganzen Familie im Ordenshauſe zu Ragnit durch die Taufe zum Glauben geweiht“). Bald darauf aber ſah man den Feind auch wieder mit⸗ ten im Lande ſelbſt. Ein Haufe Litthauiſcher Struter, leicht⸗ 1) Dusburg c. 272. 2) Dusburg c. 273 nennt ihn Drayko Castrensis de Oukaym, der Epitomator aber wohl richtiger Drayke Capitaneus in Oukayın und Jeroſchin „Drayke ein burgman von Oukaym.“ 3) So nennt ihn Jeroſchin «. 273. 4) Dusb. I. c. Lucas David B. V. S. 140 — 141. Schütz p. 52. Das J. 1301, in welches Dusburg, der Epitomator und Jeroſch in dieſes Ereigniß ſetzen, iſt offenbar unrichtig, denn da es im erſten Jahre der Amtsverwaltung Konrad Sacks geſchehen ſeyn fell, fo muß es ins F. 1303 fallen.
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Kämpfe mit ben Litthauern (1303). 181 bewaffnete Raub⸗Reiter, wie wir ſie auch im Dienſte des Ordens geſehen 9 ſtuͤrmte plotzlich bis ins Gebiet von Chriſt⸗ burg vor und raubte und mordete nach gewohnter Weiſe. Er war ſchon wieder auf der Ruͤckkehr begriffen, als aus Chriſtburg der Ordensritter Gundram, ſehr klein von Geſtalt, aber muthig und maͤnnlich kuͤhn wie kaum ein anderer, mit einer geringen Zahl von Kriegsleuten ihm nacheilte und in der Wildniß ihn erreichte. Es kam zum Kampfe; allein ſchon im erſten Zuſammentreffen ward Gundram von einer feind⸗ lichen Lanze ſo ſchwer verwundet, daß ihm die Eingeweide aus dem Leibe fielen. Dennoch ruhete ſein Schlachtſchwert nicht eher, als bis die Litthauer ſaͤmmtlich erſchlagen waren. Dann ſtuͤrzte er hin und ſtarb. Eine große Anzahl gefange⸗ ner Frauen, die er aus Feindes Gewalt befreit, folgten ſei⸗ nem Leichname bis Chriſtburg 2). Ein anderer Haufe ſolcher Litthauiſcher Struter fiel bald nachher ins Gebiet von Loͤbau ein und erſchlug an zweihundert Menſchen. Auch ihm folg⸗ ten die Ritter aus Chriſtburg bis in die Wildniß nach, wo ſie dem Feinde ſiebenzig der Gefangenen wieder entriſſen und fuͤnf⸗ undſechzig aus feiner Schaar im Kampfe erlegten ). Unterdeſſen aber hatte auch der Landmeiſter ſelbſt ein ſehr bedeutendes Heer geruͤſtet, um in Litthauen einbrechend den Feind in ſei⸗ nem eigenen Lande zu beſchaͤftigen. Er drang vor bis ins Gebiet von Karſau in Samaiten ); allein die Wegefuͤhrer *) leiteten das Heer ſo lange in der Irre umher, daß die Be⸗ wohner von des Feindes Ankunſt zuvor benachrichtigt hin⸗ laͤnglich Zeit gewannen, ſich in die Waͤlder und Suͤmpfe zu flüchten; und da ſomit das Ordensheer keinen Feind zu be 1) S. oben B. III. S. 365 366. 2) Dusburg c. 274. Lucas David B. V. S. 141. 3) Dusb. c. 275. Lucas David a. a. O. 4) Dieſes Karſau im Samaitenlande ift das heutige Kroſchy, et⸗ was dſtlich an der Jura. Daß es hier lag, beweiſen die mehrmals er⸗ waͤhnten Wegeverzeichniſſe, die es deutlich oͤſtlich an die Jura ſetzen. 5) Dusburg c. 278 nennt ſie ductores, der Epitomator condu- ctores, Jeroſchin Leitfagen.
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182 Kämpfe mit den Litthauern (1309. Fämpfen fand, fo brannte es eine große Anzahl von Gebäuden nieder, machte einige Gefangene und kehrte dann glücklich über das Eis des Kuriſchen Haffes nach Preuſſen zuruͤck 1). Der heidniſche Feind war dadurch aber nicht geſchreckt; denn noch in dem naͤmlichen Jahre wagte er einen neuen Einfall ins Gebiet von Loͤbau mit Raub und Brand. Bei ſeinem Abzuge von den Rittern aus Chriſtburg abermals verfolgt buͤßte er feine Kuͤhnheit mit funfzehn Todten und funfzig Chriſten wurden aus feinen Händen befreit ?). Freilich waren dieſe und aͤhnliche Fehden und Raubzuͤge von keinem beſondern Erfolge begleitet. Die Litthauer unter⸗ nahmen ſie bald nach Preuſſen, bald in die noͤrdlichen Ge⸗ biete Polens) oder nach Livland, theils ſchon weil fie alles, was chriſtlich hieß, zugleich als feindlich betrachteten, theils auch weil ſie an Krieg und Raub gewoͤhnt einen Streifzug ins Ordensland gleichſam wie einen Gang auf die Jagd an⸗ ſahen, auf dem ſie mit jeglicher Art von Beute zufrieden wa⸗ ren. Und den Ordensrittern waren Kriegszuͤge ins nahe Hei⸗ denland, wie ſchon fruͤher erwaͤhnt, zum Theil Sache des Pflichtgebotes ihrer Ordensregel, zum Theil aber jetzt auch ſchon Sache der Gewohnheit und eines kuͤhnen Zeitvertreibes. Man ergriff daher auch gerne jede neue Gelegenheit, die ſich zu einem ſolchen Zuge darbot. Als demnach gegen den Winter des Jahres 1304 wieder verſchiedene Ritter aus Deutſchland, unter ihnen der Graf Werner von Homberg aus Schwaben “), 1) Dusburg l. c. ſieht es als ein Wunder an, daß tantae teneri- tudinis fuit glacies, quod elevabatur et deprimebatur, sicut aqua in tempestate vento valide agitata vadit in altum et bassum. Unde po- pulus nunc ascendit glaciem, quasi montem, postea descendit, ut in vallum. 2) Dus burg c. 279. 3) Chron. Anonymi Archidiac. Gnesn. p. 93. 4) Jeroſchin c. 281 ſchreibt Hoemberk, der Epitomator hat Hoen⸗ berg, Dusb. c. 281 am richtigſten Homberg. Es war derſelbe Schwaͤ⸗ biſche Graf, der in der Schlacht Friederichs von Oeſterreich gegen Ludwig den Baier bei Eßlingen im Heere Friederichs gefangen genommen wurde; ſ. Pfifter Geſchichte von Schwaben 2. B. 2. Abth. S. 194 und 184.
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Kämpfe mit den Litthauern (1304). 183 der Ritter Adolf von Winthimel ) mit feinem Bruder, der Ritter Dieterich von Elner 2) nebſt feinem Bruder Arnold und mehre andere Edle aus den Rheinlanden, aus der Heimat theils durch haͤuslichen Mangel, theils durch die Luſt nach Abenteuern gegen die Ungläubigen hinweggetrie⸗ ben ), nach Preuſſen kamen, ruͤſtete der Landmeiſter ein doppeltes Heer zum Kampfe gegen die Litthauer. An der Spitze des einen zog der Komthur von Brandenburg Kon⸗ rad von Lichtenhagen mit ſtarker Kriegsmacht voraus gegen die Burg Garthen zu, wahrſcheinlich um durch Verheerung dieſes Gebietes den Feind in die Gegend dieſer Burg zu locken und ſomit dem zweiten Heere in ſeinem Plane freiere Wirkſamkeit zu verſchaffen, denn dieſes angefuͤhrt vom Kom⸗ thur zu Koͤnigsberg Eberhard von Virneburg, zweitauſend Reiter ſtark, war drei Tage ſpaͤter, wie der Landmeiſter ſelbſt angeordnet, in das Gebiet Pograuden *) eingedrungen. Aber keinem von beiden Heeren ſtellte ſich ein Feind zum Kampfe entgegen; man raubte und brannte die Gebiete aus und er⸗ mordete, was man fand. Mehr als tauſend der Bewohner wurden erſchlagen oder gefangen. Dann zog das eine Heer in die Gegend von Gedemins Burg) und ihr gegenüber 1) Dusb. 1. c. hat den Namen unrichtig Wintmel und fo iſt er auch in neuere Werke uͤbergegangen. Der Epitomator und Jeroſchin ſchreiben beide Winthimel; doch in einer ſpaͤtern Stelle c. 289 findet man bei dem letztern auch Winthubil. Kojalowiez p. 225 hat Wen- timel; vgl. De Wal Hist. de PO. T. T. IL P. 369. 2) Aus dieſem Geſchlechte trat ſpaͤter Rüdiger von Elner in den Orden und bekleidete in den Jahren 1370 — 1374 das Ordensmar⸗ ſchall⸗Amt. 3) Namentlich war dieſes der Fall bei dem Adel in Schwaben; ſ. Pfiſter a. a. O. S. 262; vgl. auch Peter Suchenwirts Werke von Primiſſer S. XXXVI-XXXVII. 4) Dusb. c. 282 nennt es ein territorium Letlioviae; da bei ihm indeſſen Lethovia auch Samaiten bedeutet, ſo duͤrfte man dieſes Gebiet auch hier, vielleicht in der Naͤhe der Lubiſſa ſuchen, obgleich wir es auf der Charte nicht genau nachzuweiſen wiſſen. 5) Ex opposito Castri Iedemini ſagt Dusb. c. 282. Ob fie aber jetzt ſchon dieſen Namen hatte?
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184 Kämpfe mit den Litthauern (1304). ließen auf einem Berge die Ritter die Ordensfahne in der Mitte der andern Heerfahnen vom fruͤhen Morgen bis um Mittag aufſtecken. Ein Herold aber verkuͤndigte: „wer es wage, den Edlen vom Rheine den Ritternamen abzuſtreiten oder wer eine That von ihrer einem wiſſe, die dem Ritter⸗ thum Schmach bringe, der möge, fo lange des Ordens Fahne wehe, hervortreten und mit dem Angeſchuldigten den Zwei⸗ kampf beginnen.“ Und da es Mittag war und keiner erſchien, ſo erkannte man einmuͤthig die Edlen vom Rheine der rit⸗ terlichen Ehre wuͤrdig und die Ordenskomthure ertheilten ihnen dann, zuerſt dem edlen Grafen Werner von Homberg und darauf auch den Uebrigen nach üblicher Sitte den Ritterſchlag. Auf der Heimkehr indeſſen legten mit Vorſicht die Ordensge⸗ bietiger einen Theil ihres Heeres in den Hinterhalt, denn man fuͤrchtete, die Litthauer wuͤrden ſie nach gewohnter Sitte auf dem Ruͤckwege verfolgen und uͤberfallen; und ſo geſchah es auch; eine maͤßige Reiterſchaar jagte ihnen wirklich nach und es kam zum Kampfe; da jedoch einige zwanzig von den Hei⸗ den erſchlagen waren, ergriffen fie eiligſt die Flucht !). — Noch in demſelben Jahre in der Faſtenzeit unternahm der Komthur von Koͤnigsberg Eberhard von Virneburg einen zweiten Zug ins feindliche Land, indem er benachrichtigt war, daß der neue Hauptmann der wiedererbauten Burg Oukaym mit Namen Swirtel ebenfalls entſchloſſen fey, ihm die Burg zu uͤberliefern und die Taufe zu empfangen. Er kam; das Burgthor ward dem Ordensheere geoͤffnet, die Mannſchaft erſchlagen, Frauen und Kinder gefangen genommen und dann die Burg abermals bis auf den Grund zerſtoͤrt. Ein Raub⸗ zug durch das umherliegende Gebiet beſchloß die Heerfahrt, welche dreißig Kriegern aus dem Ordensheere das Leben ge⸗ koſtet und auf welcher der Ordensritter Heinrich von Wolfs⸗ dorf, vom ganzen Ordensheer uͤbergeritten, nur wie durch 1) Dusb. I. c., wo der Text jedoch an einigen Stellen verdorben iſt, Lucas David B. V. S. 156. Kojalowiez p. 225. Schülz p. 53 beſchreibt nur den Zug gegen Garthen, welches nach feinem Berichte einigemal beſtuͤrmt wurde.
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Innere Landesverwaltung (1304). 185 ein Wunder das Leben rettete. Der Hauptmann Swirtel aber empfing mit ſeiner ganzen Familie in Koͤnigsberg die Taufe 1). Der Landmeiſter hatte zu allen dieſen Raub⸗ und Feh⸗ dezügen nur Plan und Richtung vorgeſchrieben, ohne ſelbſt Theil zu nehmen. Er war unterdeſſen vielfaͤltig mit des Landes innern Angelegenheiten beſchaͤftigt. Zuerſt verſtaͤndigte er ſich uͤber einen Graͤnzſtreit mit dem Biſchofe und Kapitel von Kulm wegen der Gebiete von Löbau und Saſſen, deren genaue Graͤnzſcheide in der Laͤnge der Zeit vergeſſen worden war ). Und als damals der Meiſter ſich im Kulmerlande aufhielt, ertheilte er der Neuſtadt Thorn auf vielfaͤltige Bit⸗ ten ihrer Bürger eine neue, mehre ſchwankende Verhaͤltniſſe ihrer Stadtrechte naͤher beſtimmende Erklaͤrung und Beſtaͤti⸗ gung des ihnen vom Landmeiſter Ludwig von Baldersheim verliehenen Privilegiums, um dadurch den Streitigkeiten zu wehren, welche die Neuſtaͤdter wie es ſcheint ſchon jetzt mit den Altſtaͤdtern zu führen gehabt. Er ſtellte jene mit dieſen in ihren Rechten und Freiheiten von deman völlig gleich 1) Dusburg c. 283. Die Geſchichte Heinrichs von Wolfsdorf hat zwar weder der Epitomator, noch Jeroſchin, der ſonſt nie verſaͤumt, ſolche Einzelnheiten aufzunehmen; auch Lucas David erwähnt dieſer Sache nicht. Allein an der Richtigkeit der Erzählung iſt wohl nicht zu zweifeln, denn erſtens ſteht fie in den beiden Mser. Berolin. und Regiomont. von Dusburgs Chronik, fo daß fie alſo aus einer andern Quelle ein ſpaͤterer Zuſatz zu Dusburg zu ſeyn ſcheint, und zweitens finden wir dieſen Heinrich von Wolfsdorf um dieſe Zeit auch öfter in Urkunden erwähnt. Namentlich kommt er im J. 1310 als Kompan des biſchoͤflichen Vogts von Samland Günthers von Arnſtein vor und wurde fpäter ſelbſt Vogt des Biſchofs von Samland, als welchen wir ihn noch im J. 1327 in urkunden finden. 2) Original der Urkunde, datirt: Thorun a. d. 1303 in die ascens. domini im geh. Arch. Schiebl. XLIX. Nr. 3; auch in Dregers Samml. Pommer. Urk. Nr. 1034. Die Graͤnze wurde damals berichtigt, wie ſie auf unſerer Charte angegeben iſt. Es waren die alten Graͤnzen, denn man beſtimmte fie prout fide digni antiqui tam nostre Ecclesie, quam ipsorum fratrum homines in animas suas et fidem nos dirigere poterant.
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186 Innere Landesverwaltung (1304). und war beſonders bemuͤht, auch in der Neuſtadt den Han⸗ del und die ſtaͤdtiſchen Gewerbe zu beleben !). Bald nachher erneuerte und vervollſtaͤndigte der Meiſter auch das der Stadt Marienburg von Konrad von Thierberg ertheilte Privilegium, in welchem er mehres Einzelne über das Verhaͤltniß der Bür⸗ ger und des dortigen Ordenshauſes ergaͤnzte und klarer aus⸗ einander ſetzte ?). Chriſtburg erhielt von ihm im Jahre 1304 das Kulmiſche Recht ); ebenſo die Stadt Leſſen in Pomeſanien, die er nicht nur mit einer Erweiterung ihres Gebietes, ſondern auch durch mehre ſtaͤdtiſche Freiheiten und Gerechtſame er⸗ freute *). Ueberhaupt bildete ſich das innere ſtaͤdtiſche Leben in ſeinen verſchiedenen Richtungen und in allen Zweigen der buͤrgerlichen Betriebſamkeit faſt mit jedem Jahre immer voll⸗ kommener aus; aber andern Theils erweiterte es ſich auch in einer Menge allmaͤhlig neuentſtehender Staͤdte unter dem Schutze der Ordensburgen. In wenigen Jahrzehenden erho⸗ ben ſich als neue Staͤdte Mohrungen im Hockerlande, Go⸗ lub an der Drewenz, Heiligenbeil, Heilsberg, Wormdit, Gut⸗ ſtadt und Melſack im Ermlande unter der Obhut und Pflege des Biſchofes Eberhard, ferner in Samland die Stadt Fiſch⸗ haufen bei der biſchoͤflichen Burg Schoͤnewik, Deutſch-Eilau an der Graͤnze Pomeſaniens und andere ). Die meiſten Be⸗ 1) Das Original dieſer Urkunde befindet ſich im Raths⸗ Archiv zu Thorn. Continuirtes gelehrt. Preuſſ. B. II. S. 172. Wir finden, daß ſich bald nach dieſer Zeit, naͤmlich im J. 1308 auch die nonnenartige Beguinen⸗Secte in Thorn niederließ, indem eine Jungfrau „Katharina mit der Gans“ genannt ihr Haus zu einer Beguinerei einräumte und beim Rathe der Stadt bewirkte, daß tales begine civitati exhibere jura civilia tenebuntur et talis curia debet conventus consulum appellari. Urk. im Raths⸗Archiv zu Thorn Serin. XXII. Nr. 5. 2) Vgl. meine Geſchichte von Marienburg S. 515 ff. 3) Volumus etiam consuetudines, libertates ac jura Culmensia in dicta civitate Christburg in perpetuum observari heißt es in der Urkunde im Fol. X im geh. Archiv und in Dregers Samml. Pom. Urk. Nr. 1058, 4) Die Urkunde datirt: in Redino VIII Calend. April. 1306 in Dreger a. a. O. Nr. 1118. 5) ueber die Gründung dieſer Städte ſ. hinten die Beilage Nr. IN,
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Innere Landesverwaltung (1304). 187 wohner dieſer neuen Staͤdte waren eingewanderte Deutſche, die ihre alte Heimat wegen der in Deutſchland um dieſe Zeit herrſchenden Seuchen !), großen Sterblichkeit und Theuerung gerne verlaſſend nach Preuſſen gezogen ſeyn mochten. Mit gleichem Eifer fuhr man fort, den Ackerbau und die Cultur des Landes zu befoͤrdern. Wie ſchon ſein Vorgaͤnger, ſo war auch der Biſchof Eberhard von Ermland und ſein Domkapi⸗ tel aufs thaͤtigſte bemuͤht, auf dem platten Lande wuͤſte Ge⸗ genden zu bevoͤlkern und nutzloſe Waldſtrecken in fruchtbaren Boden umzuwandeln, wobei auch er beſonders die alten Stamm⸗ preuſſen beruͤckſichtigte, um fie in ſolcher Weiſe zugleich für ihre bewieſene Treue und Beſtaͤndigkeit zu belohnen 2). Daſ⸗ ſelbe geſchah auch jetzt noch vielfaͤltig vom Biſchofe Siegfried von Samland, der nicht ſelten die Preuſſen in Ruͤckſicht ihrer Rechte und Freiheiten nach Deutſchem Rechte den Deutſchen in feinem Gebiete völlig gleich ſtellte ). Während aber auf ſolche Weiſe das innere Leben im Lande ſich immer mehr entwickelte und erweiterte, ward durch Verknuͤpfung von mancherlei Verhaͤltniſſen auch der Grund⸗ ſtein zum weiteren Ausbau der Ordensherrſchaft nach Suͤden gelegt. Das Zerwuͤrfniß und die innere Zwietracht in Po⸗ len, deren wir ſchon fruͤher erwaͤhnt, war auch im Anfange 1) Botko Chiron. picturat. ap. Leibnitz Script. rer. Bruns w. T. III. p. 372. 2) Unter vielen auch hier nur ein Beiſpiel. um loca deserta et silvas, ex quibus in presenti nullus nobis fructus accrescit, zu beſetzen, verleiht im J. 1304 das Ermländiſche Domkapitel den viris discretis Tholanries, Stephano, Michaeli et Steven Pruthenis ob illibatam con- stantiam, qua seinper religioni katholice pre ceteris neophitis firmiter adheserunt, XX mansos in campo Raus jure Theutunicali und zwar ſollen fie auch genießen libertates inposterum in mellificiis et aliis uti- litatibus juxta formam et modum, qui in vicinis eisdem villis Theu- tunicalibus a nobis concessus est Rusticis et Scultetis. 3) Urkunde im geh. Arch. Schiebl. XXVIII. Nr. 1, wo es heißt: Concediunis eciam dictis Maldite et Strambote prutenis et eorum he- redibus omne ius Teutonicale, quo nostre ville Geydow homines so- lent uti.
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188 Verpfaͤndung Michelau's (1300). des neuen Jahrhunderts noch nicht beſeitigt. Wie wir ſahen, war bereits der Koͤnig von Boͤhmen von den Großen des Landes zum Koͤnige von Polen erwaͤhlt und der durch ein Boͤhmiſches Kriegsheer aus dem Lande vertriebene Wladislav Loktek hatte ſich nach Ungern gefluͤchtet, um dort zur Wie⸗ dererwerbung feines Thrones Hülfe zu ſuchen 1). Dieſe Um⸗ wandlung der Dinge, die Verdraͤngung eines Sproͤßlings des alten Herzogsſtammes, die Entthronung eines nahen Bluts⸗ verwandten und die Herrſchaft des mächtigen Böhmen = Kö- niges ſahen auch die Herzoge von Cujavien nicht gleichgültig, vielmehr nur mit ſcheuem Blicke an. Hier herrſchten nämlich zu der Zeit drei Soͤhne des alten Herzogs Ziemomisl von Cujavien, Leſtko, Przemislav und Kaſimir, deren Mutter Salome nach des Vaters Tod mehre Jahre des Landes Ver⸗ waltung gefuͤhrt 2). Hierauf hatten die Soͤhne die vaͤterliche Herrſchaft alſo getheilt, daß dem aͤlteſten Leſtko unter andern auch das Gebiet von Michelau, ſuͤdlich an der Drewenz zwi⸗ ſchen Dobrin und Maſovien zugefallen war). Nun geſchah aber, daß dieſer Herzog von Cujavien, als zwiſchen dem Koͤ⸗ nige Wenceslav von Böhmen und dem Prinzen Karl Robert von Neapel wegen des Thrones von Ungern Krieg ausbrach, 1) Anonymi Archidiac. Gnesn. Chron. p. 90. Diugoss. p. 894 seq. Dubrav. p. 149. 2) Der Vater dieſer drei Herzoge heißt bei Dlugoss. p. 906 Se- momislaus Cujaviae Dux. Andere, z. B. Lucas David B. V. S. 155 nennen ihn Semovit. Dieß iſt aber ohne Zweifel eine Verwechſelung mit Ziemomisl's Bruder, welcher nach der Urkunde bei Dogiel T. IV. Nr. 44 Semovit hieß. ueber den Namen der Mutter und der drei Söhne giebt uns eine Urk. im geh. Arch. Schiebl. LVIII. Nr. 25 völlige Gewißheit. Cf. De Wal Hist. de PO. T. T. IL p. 481. Ziemomisl war ſchon im J. 1287 geſtorben. Buͤſching Jahrbuch. der Schleſier S. 82. 3) Wann dieſe Theilung geſchehen war, iſt unbekannt. Nur ſo viel wiſſen wir, daß im J. 1292 die Herzogin Salome noch die Vormund⸗ ſchaft uͤber die Soͤhne fuͤhrte. Leſtko (ſo und nicht Leſſek wird er in Urkunden geſchrieben), der ältefte der Söhne, heißt in der einen Urkunde Dux Cuyavie et Dominus de Wysegrod, in einer andern Dux Cuyavie et Dominus Iuvenis Wladislavie.
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Verpfaͤndung Michelau's (1304). 189 dem letztern Fuͤrſten zu Huͤlfe eilte und in deſſen Schlacht⸗ reihen trat, vielleicht auch um ſomit unter dieſes Fuͤrſten Bei⸗ ſtand die Wiedererwerbung der Polniſchen Krone für Wladislav Loktek erringen zu helfen. Allein er hatte das Ungluͤck, in feindliche Gefangenſchaft zu gerathen !) und da er nicht im Stande war, das für feine Freilaſſung verlangte hohe Loͤſe⸗ geld bei den ihm verwandten Fuͤrſten aufzubringen, ſo wandte er ſich in ſeiner Bedraͤngniß an den Deutſchen Orden und verpfaͤndete im Jahre 1303 dem Landmeiſter Konrad Sack das Gebiet von Michelau fuͤr die Summe von hundert und achtzig Mark Thorniſcher Pfennige, welche Pfandſumme er dann im naͤchſten Jahre durch eine abermalige Anleihe von hundert und zwanzig Mark bis zur Hoͤhe von dreihundert Mark vermehrte. Dabei wurde zur Bedingung geftellt: der Orden ſolle das verpfaͤndete Land drei Jahre lang mit aller Nutznießung im Beſitze behalten bis zur Wiederzahlung der Pfandſumme; innerhalb dieſer Zeit ſollten nur der Herzog felbft oder feine Bruͤder ?), ſonſt aber niemand, das Gebiet 1) Dlugoss. p. 906 ſagt von ihm: Volens molestiam captivitatis, in quam pro Carolo Rege Hungariae militando, in manus Venceslai Bohemiae et Poloniae Regis inciderat, evadere; und in einer Verthei⸗ digungsſchrift der Polen, betitelt: Inicium causarum Polonos concer- nencium im Fol. C. p. 161 im geh. Arch. heißt es im Zeugenverhöre: Inter quos testes dux Lestko, qui fuit dominus dicte terre ex parte avi et aliis suis predecessoribus prout ipse deposuit, dixit, quod ipse eam Cruciferis obligavit pro ducentis octuaginta marcis monete Thorun., jam bene tunc erant XXX anui, ad redimendum se de ca- Ptivitate, in qua fuit in Hungaria per Regem Bohemie. Et in luis concordat frater suus eciam unus de testibus videlicet Dominus Ka- zimirus dux Cuyavie, 2) Es iſt offenbar unrichtig, wenn Diugoss. p. 906 ſagt: Leſtko habe verpfändet terram suam et fratrum suorum Przemislai et Casi- miri communem Michaloviensem, ipsis etiam fratribus Przemislao et Casinüro indivisis reclamantibus et invitis, denn der Herzog Tagt ja in der Urkunde ſelbſt, daß das Land Michelau nicht mehr communis ge⸗ weſen ſey und in den Worten: prout (territorium Michelaw) ad nos pertinet et in partem nostram ex divisione terre Cuyavie facta cum fratribus nostris, dominis et ducibus Cuyavie Premislio et Cazimiro
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190 Verpfändung Michelau's (1304). wieder einlöfen koͤnnen. Verſchiedene zu dem Lande Miche⸗ lau gehörige Güter in Ozzek ), welche der Herzog von Dobrin in Beſchlag genommen, ſollte Herzog Leſtko an Mi⸗ chelau zuruͤckbringen und dem Orden gleichfalls als Pfand uͤbergeben. Alle Guͤter in dieſem Gebiete ſollte er von allen Lehensverhaͤltniſſen ſo weit frei machen, daß einen einzigen Ritter ausgenommen, niemand mehr ein Lehen darin haben ſolle. Waͤhrend dieſer Zeit ſollte auch der Orden in dem Gebiete keine Befeſtigungen bauen, noch ſonſt Verbeſſerun⸗ gen anordnen, welche der Herzog nachmals zu verguͤten ge⸗ noͤthigt werde. Sollte aber binnen drei Jahren das Land durch Zahlung der Pfandſumme durch den Herzog oder ſeine Bruͤder nicht wieder eingeloͤſt ſeyn, ſo ſollte es in ſeinem ganzen Umfange und mit allen ſeinen Rechten ohne Wider⸗ ſpruch dem Orden als wahres und reines Eigenthum verfal⸗ len ſeyn 2). — Gleiche Geldbedraͤngniſſe bewogen hierauf den Herzog noch im Jahre 1304, auch an den Landkomthur von Kulm Guͤnther von Schwarzburg fuͤr die Summe von zwei und ſechzig Mark eine Landſtrecke von vierzig der Stadt Strasburg gegenuͤber liegenden Huben in Pfand zu geben, hereditarie est devolutum liegt es ja klar, daß Leſtko uͤber ſein reines Eigenthum verfuͤgte. Vgl. damit S. 189 Note 1. 1) Jetzt Oſiek, in gerader Linie ſuͤdlich von Strasburg. 2) Beide Verpfaͤndungen in Transſumten vom J. 1421 im geh. Archiv Schiebl. LVO. Nr. 20. 21 und LVIII. Nr. 11. Die eine aus⸗ geſtellt: Actum et datuu Thorun a. d. 1303 feria sexta infra Octavas S. Martini Episcopi befindet ſich auch im National⸗Archiv zu Warſchau. In ihr iſt die Zahlungsfriſt der erſten Summe von 180 Mark auf drei Jahre geſtellt. In der zweiten Urkunde heißt es: cum demum anno domini Mo. CC Co. IIIIe. Calixti pape idem Magister et fratres ad requisitionem nostram nobis Centum et viginti marcas denariorum Thorunen. similiter mutuassent etc. und hier iſt die Zahlungs friſt nur auf zwei Jahre beſtimmt, weil ſeit der erſten Anleihe ſchon faſt ein Jahr verfloſſen war. Dieſe Verſchreibung ſteht gedruckt bei Dog iel T. IV. Nr. 44, dabei Nr. 45 auch die Gegen⸗ urkunde des Landmeiſters Konrad Sack vom nämlichen Datum; auch bei Diugoss. P. 907. Außer⸗ dem in den Actis Boruss. B. III. S. 373 und bei Baczko B. II. S. 77 die zweite.
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Erwerbung des Landes Michelau für den Orden (1304). 191 mit der Bedingung, daß ſolche dem Orden ebenfalls als Ei⸗ genthum zufallen ſollten, wenn ſie nicht wenigſtens zwei Wo⸗ chen nach naͤchſten Oſtern wieder eingeloͤſt würden‘). Die Herzoge von Cujavien indeſſen verſaͤumten wahrſcheinlich aus Geldarmuth nicht bloß die feſtgeſetzten Zahlungsfriſten, ſon⸗ dern es gingen auch nachdem noch mehre Jahre hin, in de⸗ nen das verpſaͤndete Land in des Ordens Beſitz blieb. Und als man dann nach Verlauf von zehn bis elf Jahren oͤfter den Verſuch machte, das Land durch Entgegenbieten der Pfand⸗ ſumme wieder einzulöfen, ging der Orden natürlich nicht wei⸗ ter darauf ein, da er das Gebiet ja ſchon laͤngſt als ſein Ei⸗ genthum hatte betrachten muͤſſen. Nach manchen theils zu Thorn, theils zu Neſſau gepflogenen Unterhandlungen ver⸗ einigte man ſich endlich dahin, daß der Orden zu der fruͤ⸗ heren Pfandſumme dem Herzoge noch zweihundert Mark nach⸗ zahlen ſolle und fuͤr dieſen Kaufpreis ihm das Land nun vollig unbeſtritten zugehoͤre, alſo daß der Herzog jetzt allen nur irgend moͤglichen Anſpruͤchen entſagen, zugleich aber auch dieſen foͤrmlichen Verkauf des Gebietes von Michelau vor feinen beiden Brüdern offen erklaͤren und verlautbaren ſolle 2). In ſolcher Weiſe gelangte der Orden zum Beſitze des gan⸗ 1) Urkunde im geh. Archiv Schiebl. L VIII. Nr. 223; vgl. die urk. bei Dogiel T. IV. Nr. 49. 2) Die foͤrmliche Verkaufsurkunde uͤber Michelau, mit der Angabe: Actum et datum a. d. 1317 XVI Calend. Augusti im geh. Archiv Schiebl. LVIII. Nr. 22. Der Verkauf geſchah alſo erſt im J. 1317 unter dem Hochmeiſter Karl von Trier und die unterhandlungen dar⸗ über führte der damalige Landkomthur von Kulm Heinrich von Gera. Gedruckt ſteht die Urkunde bei Dogiel T. IV. Nr. 49, Acta Boruss. B. III. S. 377; bei Baczko B. II. S. 78 nicht vollftändig. Man ſieht es ihr aber wohl an, daß der Orden ſich bei dem bisherigen Ver⸗ haͤltniſſe des bloßen Pfandanfalles gegen Leſtko's Brüder über den Beſitz noch nicht ſo ganz ſicher halten mochte und daß er gerne in die er⸗ waͤhnte Nachzahlung einging, um das Land „empcionis titulo“ zu er⸗ halten, weshalb Leſtko ſich auch verpflichten mußte: nos predictis fra- tribus ac ipsorum Ordini sepedieta bona et veram nostram heredi- tatem in Michelaw rite et rationabiliter vendidisse, quod coram no- stris fratribus dominis ac dueibus supradictis fateri et ubique.
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192 Erwerbung des Landes Michelau für den Orden (1304). zen Michelauer Landes. Obgleich es indeſſen der unbeſtreit⸗ barſte Weg des Rechtes war, auf welchem er feine Graͤnzen uͤber die Drewenz hinausſchob und ſeine Herrſchaft bis in die Gebiete Polens hinein erweiterte, ſo kam er mit den Fuͤrſten dieſes Landes doch bald in Beruͤhrungen, die den Stoff zu unendlichen Streitigkeiten und blutigen Kriegen in ſich trugen 1). Bald aber wurde der Orden in die ſtreitigen Verhaͤlt⸗ niſſe eines andern nachbarlichen Landes, naͤmlich Pommerns hin⸗ eingezogen. Wir ſahen, daß ſeit dem Jahre 1300 auch hier der Koͤnig von Boͤhmen als Herr des Landes aufgetreten war, denn da es dem Herzoge Wladislav Loktek auch in Pommern nicht ge⸗ gluͤckt war, ſich Liebe und Ergebenheit bei ſeinen Untertha⸗ nen zu erwerben, ſo fielen auch dieſe dem Koͤnige Wences⸗ lav ohne weiteres zu. Vorzuͤglich ſcheinen hier der maͤchtige Graf Swenza, Woiwode von Danzig und deſſen Sohn Pe⸗ ter des Koͤniges Sache vielfach befoͤrdert zu haben 2), weshalb Wenceslav nicht bloß jenen in der Verwaltung feines wich⸗ tigen Amtes ließ, ſondern auch dieſem wegen ſeiner Verdien⸗ fie um den König und als Erſatz für die in des Königes Intereſſe verwandten Koſten außer einigen Doͤrfern auch die Stadt Neuenburg mit einem Gebiete von ſechs Meilen Lan⸗ 1) Es iſt merkwuͤrdig, mit welchem unwillen ſelbſt die ſpaͤteren Polniſchen Chroniſten Dlugoss. p. 907, Cromer p. 274, Math. de Mechow p. 199 dieſe Veräußerung von Michelau betrachten. Bei dem erſtern heißt es unter andern: Terra praedicta Michaloviensis tam turpi et foedo commercio a Magistro et Ordine Cruciferorum coepta est damnabiliter detineri. Wir werden aber ſpaͤter noch ſehen, welche Scheingruͤnde die Polen nachmals gegen dieſes Verfahren vorbrachten. 2) Der Graf Swenza, der ſich in einer Urk. vom J. 1302 (im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 69) Swentzo Woywod Pomeranie nennt, auf dem Siegel aber Svenzo Palatinus Gdanensis heißt, hatte drei Söhne, Peter, den der Vater ſelbſt in dieſer Urk. cancellarius betitelt, Johannes oder Yesko, wie er ſich ſelbſt auch nennt, und Lorenz, der dritte Sohn. Der ältefte Peter nennt Neuenburg ſchon in dieſem J. 1302 civitas nostra; Johannes erhielt Rügenwalde und der dritte Slawe und Zuchel.
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Erwerbungen des Ordens in Pommern (1305). 193 des am Weichſel-Ufer uͤbergab, woher dieſer von jetzt an Peter von Neuenburg genannt wurde 1). Offenbar wollte der Koͤnig auf ſolche Weiſe das Intereſſe dieſer im Lande vielgeltenden und angeſehenen Männer ſo viel als moͤglich mit dem ſeinigen verſchmelzen und ſich ihrer Treue hiedurch um ſo mehr verſichern 2). Durch gleiche Freigebigkeit ſuchte ſich König Wenceslav auch die Geiſtlichkeit des Landes, be⸗ ſonders aber die Kloͤſter geneigt zu machen und Oliva ſowohl als Pelplin erhielten manchen Beweis ſeiner Gunſt nicht bloß durch Beſtaͤtigung aller ihrer bisherigen Freiheiten und Vor⸗ rechte, ſondern auch durch neue Vermehrung ihres laͤndlichen Beſitzthumes *). Es iſt wohl begreiflich, daß auch der Orden in Preuſſen auf die Veraͤnderung der Verhaͤltniſſe in Polen und Pommern nicht ohne das lebendigſte Intereſſe und vielleicht ſelbſt nicht 1) Urkunde im großen Privilegienbuche p. XXXIX im geh. Arch. S. Oelrichs Verzeichn. Pommerſ. Urk. S. 32. Sie iſt datirt: Bronne a. d. 1301, IV Calend. Iulii, XIV Indict. anno regnorum nostrorum Bohemie quinto, Polonie vero primo. Der König ſagt ausdruͤcklich, die Verleihung geſchehe propter eius (Petri filii Swence Palatini Po- moraniensis) grata et utilia nobis per ipsum impensa et adhuc im- pendenda servicia. Von dem verliehenen Gebiete heißt es: quae olim fidelis noster dilectus Lexico a duce Wladislao tenuerat et ad nos per ipsius Lexiconis ſuerunt resignationem liberam devoluta. 2) Dieß bezeugen auch die Worte der Urkunde: .... damus et con- ferimus de gratia speciali per eum in nostra et heredum nostrorum fidelitate manentem ac nobis ct heredibus nostris sua fidelia servicia continue exhibentem. 3) urk. im geh. Archiv Schiebl. LVI. Nr. 2. 4. und LIX. Nr. 21. Das Chron. Oliv. p. 39 — 40 weiß daher den Böhmifchen König auch nicht genug zu rühmen. Die Annal. Oliv. p. 38 führen die neuen Laͤn⸗ dererwerbungen des Kloſters Oliva alle namentlich auf; zugleich heißt es hier vom Könige auch: Hie primus monetam argenteam, grossos videlicet Bohemicos in Poloniam intulit, qui adhuc in usu passim ha- bentur. Prius siquidem frustulis quibusdam argenti pellibus aspreo- lorum et ceterarum rerum transmutatione necessaria comparabant. Cf. Chron. Anonymi Arclüdiac. Gnesn. p. 95. Buͤſching Zeitbüch. der Schleſier S. 93. 2. IV. 13
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194 Erwerbungen des Ordens in Pommern (1305). ganz ohne mitwirkende Theilnahme hingeſehen haben mochte. Je weniger ihn ſchon ſeit Jahren die Geſinnungen der Pol⸗ niſchen Herzoge gegen den Orden an den regierenden Fuͤrſten⸗ ſtamm hatten feſſeln koͤnnen und je beſorgter ihn die Verei⸗ nigung Pommerns mit der Krone Polens fuͤr ſeine kuͤnftige Lage gemacht, um ſo entſchiedener ſcheint er ſogleich auf des Boͤhmiſchen Koͤniges Seite getreten zu ſeyn, als man dieſem die Herrſchaft Polens und Pommerns uͤbertrug, zumal da das Boͤhmiſche Koͤnigshaus dem Deutſchen Orden von jeher ſehr geneigt geweſen war. Als daher Koͤnig Wenceslav im Jahre 1305 ſtarb und ſein Sohn Wenceslav ihm wie auf dem Throne Boͤhmens, ſo auch in der Herrſchaft Polens und Pommerns folgte, ſo blieb der Orden, obgleich ein großer Theil der Polen ihren vertriebenen Herzog Wladislav Loktek wieder herbeiriefen und zu ihrem Herrn erhoben ), doch auch jetzt noch auf der Seite des Koͤniges von Boͤhmen ſtehen. Und beide Koͤnige belohnten auch dieſe Ergebenheit des Or⸗ dens und beſonders die manchfaltigen Verdienſte, welche ſich der Landmeiſter Konrad Sack und der Landkomthur von Kulm Günther von Schwarzburg in Beförderung ihrer Sache erworben, denn ſchon Wenceslav, der Vater, ſchenkte dem Orden in Pommern die Guͤter Tymow, Borchow, Stubelow, Globen und Zubeſſow und der Sohn beſtaͤtigte ſie ihm durch eine urkundliche Zuſage ?). Wichtig wurde dieſe Beſchenkung 1) Die Chron. Anonymi Archidiac. Gnesn. p. 95 ſagt: Dux Wla- dislaus sequenti anno in die S. Egidii a Terrigenis, Episcopo et ci- vibus unanimiter susceptus Cracoviensem et Sandomiriensem Ducatus obtinuit et successive Syradie et Lancicie, Cuiavie et Polonie terras recuperavit. Annal. Oliv. p. 36. 2) Original⸗Urk. mit dem großen koͤnigl. Siegel, datirt: Prage a. d. 1305 IV Cal. Iulii, Indict. III anno regnorum nostrorum Boemie et Polonie primo, Ungarie vero quarto, im geh. Arch. Schiebl. XXVIII. Nr. 4. Es heißt ausdruͤcklich, die Schenkung ſey geſchehen ob specialem favorem, quem ad Ordinem Cruciferorum S. M. D. Th. et professores ipsius Ordinis habuit et propter mnlta grata et accepta servicia sibi per circumspectos viros Conradum dictum Saccum Magistrum terra- rum Prussie et Guntherum de Swartzburch Commendatorem provin-
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Erwerbungen des Ordens in Pommern (1305). 195 für den Orden vorzuͤglich auch dadurch, daß die neuen Be⸗ ſitzungen unmittelbar das dortige Ordensgebiet von Mewe beruͤhrten und dieſes anſehnlich vergrößerten, zumal da der Orden dort bald in ſeinen Erwerbungen noch weiter vorſchritt, indem er um dieſelbe Zeit von Swenza's Sohn Peter von Neuenburg auch das Dorf Stargard erkaufte, welches der frühere Caſtellan von Schwez Ada wegen feiner Untreue ge gen den König Wenceslav verloren und Peter von Neuen⸗ burg aus beſonderer Gunſt vom Koͤnige erhalten hatte. So ruͤckte der Orden auch auf dieſe Weiſe ſeine Graͤnze immer weiter nach Pommern hinein und der Koͤnig von Boͤhmen genehmigte auch gerne dieſe neue Erwerbung !). Für ſolche Gunſt aber bewieſen ſich die Ordensgebietiger gegen den Koͤ⸗ nig auch in mancherlei Weiſe dankbar, denn als zum Beiſpiel im Spätfommer des Jahres 1305 eine bedeutende Schaar von Litthauern in Polen eindringend ſich vor das feſte Kaliſch legte und dieſes belagerte, ohne daß die Kriegsmacht des koͤ⸗ niglichen Hauptmanns von Polen Ulrichs von Bozcowitz, der in des Koͤniges Namen die Landesverwaltung fuͤhrte, ſich im Stande fuͤhlte, den Feind zuruͤckzuwerfen, bedurfte es nur einer Aufforderung des Koͤniges an den Landmeiſter zur Un⸗ terſtuͤtzung des Hauptmannes, um Kaliſch von der Belagerung zu befreien ?). cialem per terram Culmensem dieti Ordinis fratres exhibita. Auch Lucas David B. V. S. 159 erwähnt dieſer Urkunde. 1) Original der koͤnigl. Beſtaͤtigungsurkunde, datirt: Prage a. d. 1305. XIV Calend. Augusti, Indict. III regnorum nostrorum anno primo im geh. Arch. Schiebl. XXVIII. Nr. 6. Stargard, die jetzige Stadt, wird hier noch villa genannt. Vgl. Oelrichs Verzeichn. Pommerſ. urk. S. 37. Der König Wenceslav trat dagegen an Peter von Neuen⸗ burg einige andere Laͤndereien in Pommern als Eigenthum ab, weil des Koͤniges Vater ihm 200 Mark hatte entrichten wollen, ihm dafuͤr aber jene Laͤndereien verpfaͤndet und dieſe nicht wieder ausgelöft hatte. Urk. im geh. Arch. Schiebl. LI. Nr. 1. 2) Wir haben hierüber das Schreiben des Königes an den Land⸗ meiſter im geh. Arch. Schiebl. LX. Nr. 1. Es iſt datirt: in Freundetal VI Idus Octobr. anno regnor. nost. Boemie et Polonie prino. Den 13 *
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196 Veränderte Verhaͤltniſſe in Pommern (1305). Waͤhrend indeſſen der Boͤhmiſche Koͤnig ſich theils durch dieſe Beguͤnſtigung des Ordens, theils durch die Erhebung des Grafen Peter von Neuenburg zum oberſten Hauptmann von Pommern in des Landes Beſitz ſchon ziemlich ſicher ge⸗ ſtellt zu haben glaubte ), traten die Markgrafen von Bran⸗ denburg wieder thaͤtiger fuͤr die Behauptung ihrer Anſpruͤche auf Pommern hervor. Es war um die Zeit, als in Boͤh⸗ men im Jahre 1305 Wenceslav's Vater ſtarb und ihn ſelbſt die neue Thronbeſteigung beſchaͤftigte, daß die Brandenburger ſich zuerſt der der Neumark am naͤchſten gelegenen Orte, na⸗ mentlich der Gebiete zwiſchen der Netze, Drave und Kuͤdda bemächtigten?). Da nun ein Krieg mit den Markgrafen viel zu bedenklich war, da ferner durch Wladislav Lokteks Ruͤckkehr nach Polen auch hier ſeine Herrſchaft aͤußerſt unge⸗ wiß ward, zumal weil des jungen, erſt ſechzehnjaͤhrigen Koͤ⸗ niges zuͤgelloſes und ausſchweifendes Leben unter den Polen eben keine guͤnſtigen Hoffnungen erwecken konnte *), und da endlich das Waffengluͤck der Brandenburger fuͤr Pommern immer groͤßere Beſorgniſſe erregte, ſo entbot der Koͤnig den Markgrafen einen Vergleich, nach welchem er ihnen Pom⸗ mern, ſo weit er und ſein Vater es im Beſitze gehabt, ein⸗ raͤumen wolle, ſobald fie die ihnen von feinem Vater vers ulrich von Boscowitz nennt der König fidelem nostrum Capitaneum Polonie. Er hatte dieſe Stelle ſchon im J. 1303 und befand fi) da: mals in Danzig. In einer von ihm ſelbſt ausgeſtellten urkunde im geh. Arch. Schiebl. LVI. Nr. 3 nennt er ſich ſelbſt Capitaneus Regni Po- lonie und indem er eine Graͤnzberichtigung zwiſchen den Aebten von Oliva und Pelplin beſtaͤtigt, ſagt er: Nos ex auctoritate serenissimi principis domini nostri Wenceslai Boemie et Polonie regis dictam limitationem confirmamus. 1) Die Ernennung Peters von Neuenburg zum Capitaneus terre Pomeranie fällt, wie Sell Geſch. von Pommern B. I. S. 360 erweiſt, in den Auguſt 1305. In einer Urk. vom 10. Aug. d. J. im geh. Arch. Schiebl. XL. Nr. 5 nennt er ſich ſelbſt ſchon ſo. Das Chron. Oliv. p. 41 rühmt ihn als ferventer patris vestigia sequi volens. 2) Gerkens vermiſchte Abhandl. B. 3. S. 343. 3) Dubrav. p. 154.
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Veraͤnderte Verhältniſſe in Pommern (1306). 197 pfaͤndete Markgrafſchaft Meißen ihm freigeben wuͤrden 0. Es iſt unbekannt, welchen Erfolg dieſes Anerbieten bei den Markgrafen gehabt haben mag, zumal da ſie ſchwerlich glau⸗ ben konnten, auf dieſem Wege ein neues Recht auf Pom⸗ mern zu erwerben; wahrſcheinlich zogen ſich die Unterhand⸗ lungen bis ins naͤchſte Jahr 1306 hinein, wo ſich die Ver⸗ haͤltniſſe zwiſchen Pommern und den Brandenburgern, wie zwiſchen Polen und dem Koͤnige Wenceslav mit einemmale ganz anders geſtalteten. Es waren naͤmlich ſchon ſeit dem Herbſte des Jahres 1305 zwiſchen dem Herzoge Wladislav Loktek und dem neuen Koͤnige von Boͤhmen, der kaum zu bewegen war, ſein Au⸗ genmerk auf Polen zu richten 2), Friedensverhandlungen durch den Landsmeiſter Konrad Sack eingeleitet und der Ordens⸗ bruder Gallus aus Boͤhmen hatte dieſem vom Koͤnige auch bereits die noͤthigen Aufträge zum Abſchluſſe eines Verglei⸗ ches uͤberbracht). Seit dem Anfange des Jahres 1306 war auch der bisherige Boͤhmiſche Hauptmann Ulrich von Bozco⸗ witz aus dem Lande abberufen und Paul von Paulſtein als Hauptmann von Polen an feine Stelle getreten *). Nach man⸗ 1) Dieſe auch anderweitig noch wichtige Urkunde befindet ſich im Original im geh. Arch. Schiebl. XXVIII. Nr. 7 und in einem Transſumte vom J. 1325 Schiebl. XLI., gedruckt in Gercken Cod. dipl. Brand. T. VII. Nr. XI. p. 118 und Lucas David B. VI. S. 70. 2) Nach Dubrav. p. 155 ſtellte ihm Heinrich von Lypa, ſein ober⸗ ſter Statthalter in Polen, die hoͤchſte Gefahr des Verluſtes der Polni⸗ ſchen Krone vor und doch vergeblich. 3) urk. im geh. Archiv Schiebl. LX. Nr. 1. Dieſer frater Gallus de Bohemia war nachmals auch bei den Friedensverhandlungen zu Thorn zugegen. 4) urk. im geh. Archiv Schiebl. LVIII. Nr. 27, wo er als Capitaneus regni Polonie vorkommt. Der oberſte Hauptmann war eigentlich Hein⸗ rich von Lypaz daher Dubrar. p. 150 jagt: Totius Regni Poloniae caput, quem ipsi Capitaneum vocant, unus Henricus a Ly ppa gerebat, vir procerum Boieniae tum pacis tum belli consiliis eximius. Huic dignitati proximus Udalricus a Boskovicze Cracoviam et Sandomiriam gubernabat; und ſo ſtanden auch Cujavien und Pommern unter ſolchen Hauptleuten.
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198 Veraͤnderte Berhättniffe in Pommern (1306). chen vorläufigen Verhandlungen berief nun der Landmeiſter im Januar 1306 die beiden Biſchoͤfe Gerward von Leßlau und Hermann von Kulm, die Komthure Heinrich von Do⸗ byn von Thorn, Heinrich von Alt-Kulm, Dieterich von Birgelau, Heinrich von Neſſau und mehre andere zu einem Verhandlungstage nach Thorn, wo im Auftrage des Herzogs Wladislav auch drei der vornehmſten Buͤrger aus Brzeſc und im Auftrage des Herzogs Przemislav von Cujavien vier der angeſehenſten Buͤrger aus Leßlau erſchienen. Es ward zu⸗ naͤchſt unter des Landmeiſters Vermittlung ) zwiſchen den beiden Herzogen und dem Boͤhmiſchen Hauptmanne Paul von Paulſtein ein Waffenſtillſtand bis Michaelis dieſes Jah⸗ res abgeſchloſſen, waͤhrend deſſen Dauer uͤber einen feſten Frieden unterhandelt werden ſollte. Die beiden Staͤdte uͤber⸗ nahmen die Buͤrgſchaft fuͤr die Waffenruhe; Brzeſc ward zum Verhandlungsorte des Friedens beſtimmt, dem Herzoge Wla⸗ dislav freier Zutritt und ſicherer Aufenthalt daſelbſt zugeſagt und ſonſt noch manche Beſtimmung entworfen, die den Frie⸗ densſchluß befördern konnte?). Der Landmeiſter nahm ſo⸗ 1) Die Urk. im geh. Arch. Schiebl. LVIII. Nr. 27 nennt den Land⸗ meiſter von Preuſſen ausdruͤcklich als gegenwaͤrtig. 2) Die beiden Urkunden hieruͤber, von den Bürgern der erwähnten Städte im Namen ihrer Communen ausgeſtellt, datirt: In Thorun in die conversionis b. Pauli a. d. 1306, im geh. Arch. Schiebl. LVIII. Nr. 12 und Schiebl. LX. Nr. 2 enthalten noch vieles Einzelne uͤber dieſe Verhandlungen, was für die Geſchichte Polens und Cujaviens bei dem Mangel bewaͤhrter Quellen uͤber dieſe Zeit von großer Wichtigkeit iſt. Die Burg Brzeſc war in den Händen des koͤniglichen Hauptmannes und ſtand unter dem Befehle eines Burggrafen, während die Stadt dem Herzoge von Polen zugethan war. Außerdem hatte der Boͤhmiſche König noch inne die Staͤdte Radeow (Radziejewo) Kaliſch, Gneſen, Konin, Mogilna, Pysdry und mehre Theile Polens und Cujaviens. Namentlich verbürgte ſich die Stadt Leßlau dafür, quod dominus noster Prem. dux Cuiavie et dominus Wladislavie treugam seu pacem inter nos et honorabilem virum dominum Paulum de Paulsteyn capitaneum regni Polonie factam usque ad festum S. Michaelis cum tota Polonia et omnibus castris seu civitatibus et districtibus eorum, que memoratus duminus Paulus nomine domini regis in sua tenet potestate firniter
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Veraͤnderte Verhaͤltniſſe in Pommern (1306). 199 wohl die mündlichen als urkundlichen Zuſicherungen für die Aufrechthaltung des Friedens an!). Welches Ziel er in die⸗ ſen Bemuͤhungen um den Frieden fuͤr den Orden verfolgt habe, iſt nicht ganz klar; es ſcheint jedoch, als habe dieſer die Markgrafen von Brandenburg als Herren von Pommern noch mehr als den Herzog von Polen gefuͤrchtet und als habe der Landmeiſter in dieſem Frieden den Orden in Rüdficht auf Pommern auf irgend eine Weiſe ſicher ſtellen wollen. Für niemanden indeſſen mußte dieſe Ausſicht zum Frie⸗ den zwiſchen Polen und Boͤhmen unerwuͤnſchter kommen, als fuͤr den Woiwoden von Danzig Graf Swenza und ſeinen Sohn Peter von Neuenburg, bisher noch Hauptmann von Pommern. Auf den Koͤnig von Boͤhmen konnten ſie kein Vertrauen mehr ſetzen, da ſie erſt kuͤrzlich aus Wenceslav's Erbieten gegen die Markgrafen von Brandenburg erſehen hat⸗ ten, daß der Koͤnig auf Pommerns ferneren Beſitz kein be⸗ ſonderes Gewicht mehr lege. Trat aber nach dieſem Frieden der Herzog Wladislav von Polen wieder als Herr von Pom⸗ mern auf, ſo war ſehr zu fuͤrchten, daß dieſer ihnen die vom Boͤhmiſchen Koͤnige erwieſenen Beguͤnſtigungen und bedeuten⸗ den Landbeſchenkungen, ſowie ihre bisherige Hinneigung zum Koͤnige in ſchwere Rechnung bringen werde. Sie eilten daher, was irgend moͤglich, zuvor noch zu retten. Sie ver⸗ kauften ſofort an den Deutſchen Orden einen Theil ihrer Grbgüter, vielleicht gerade diejenigen, welche ihnen der Kö: nig geſchenkt, unter andern auch die Beſitzungen in Niradowe, um mit der Verkaufsſumme, wie fie wenigſtens ſpaͤterhin er⸗ klaͤrten, die in ihrem Amte als Hauptleute des Boͤhmiſchen et inviolabiliter cum suis omnibus observabit. Auch über die Erhe⸗ bung und Theilung des ſehr einträglichen Zolls in der Stadt Radziejewo wurde die Beſtimmung entworfen, daß die Haͤlfte dem erwahnten Her⸗ zoge Przemislav und die andere dem Hauptmanne Paul von Paulſtein zufallen ſollte; Urk. im geh. Arch. Schiebl. L VIII. Nr. 27. 1) Pro quibus omnibus et singulis supradictis nos tenore pre- sentium obligamus ad manus honorabilis viri fratris Cunradi magistri terre Pruscie, ea nos servaturos firmiter promittentes.
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200 Veraͤnderte Verhaͤltniſſe in Pommern (1306). Koͤniges auf das Land verwandten großen Ausgaben zu dek⸗ ken und ihre bei der Erhaltung deſſelben entſtandene Armuth zu erleichtern, indem ſie unter den Kriegsunruhen außerordent⸗ liche Koſten aufgewandt und zu deren Beſtreitung keine an⸗ dern Mittel als ihr eigenes Vemoͤgen gehabt!). Wie es ſcheint, war dieſes alles auf den Fall berechnet, wenn Her⸗ zog Wladislav von Polen wieder als Herr von Pommern auftreten werde und es iſt kaum zu verkennen, daß der Land⸗ meiſter und Graf Swenza, beide dem Boͤhmiſchen Koͤnige zugewandt, im Einverſtaͤndniſſe handelten. Gewiß griff we⸗ nigſtens der Orden gerne nach der ihm dargebotenen Gele⸗ genheit zu neuen Erwerbungen, denn es war jetzt ja ſchon ſichtbar das eifrigſte Streben deſſelben, gegen Weſten hin im⸗ mer tiefer nach Pommern, wie im Suͤden immer weiter in die benachbarten Polniſchen Gebiete hineinzugreifen. Gerne nahm er daher auch von dem Herzoge Semovit von Dobrin die in der Naͤhe des Landes Michelau liegende Landſtrecke von zwei⸗ hundert und funfzig Huben als Schenkung an, mit welcher ſich dieſer das Heil feiner Seele und die beſtaͤndige Freundſchaft und aufrichtige Eintracht des Landmeiſters und des Landkom⸗ thurs von Kulm Guͤnthers von Schwarzburg erwerben wollte 2). 1) Original⸗urkunde von Swenzo Palatinus terre Pomoranie und feinem Sohne Petrus de Nuwenbure ausgeſtellt und „mit dem auffal⸗ lenden Datum verſehen: Datum actenus. Anno dni M. CCC. VI. im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 3. Ihrer erwähnt auch Oelrichs Verzeichn. Pom. urk. S. 39 und Sell a. a. O. S. 364. Beide beziehen ſich frei⸗ lich nur auf die Guͤter von Niradowe (nicht Stiradowa, wie Sell hat), welche Swenza fuͤr 40 Mark hingab; allein es iſt von einem doppelten und zwar weit groͤßeren Verkaufe darin die Rede, denn es heißt: Nos cum essemus constituti capitanei terre Pomeranie ab inclito Rege Bohemie pie memorie propter magnos sumptus in dicta terra habitos, incumbente magna necessitate, ad removendam nostram egestatem et terram cum honore servandam quandam parteın nostrarum vendidimus hereditatum. Insuper aucmentatis sumptibus propter multas causas et gwerras diete terre incumbentibus, sumptus ulterius habere non valentibus, compulsi magna necessitate vendidimus bona dieta Nira- dowe etc. 2) Urkunde, datirt: in Golub in die b. Blasii a. d. 1306, in einem
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Veränderte Verhaͤltniſſe in Pommern (1306). 201 Nun geſchah aber, daß der Boͤhmiſche König Wenceslav im Auguſt des Jahres 1306 ermordet wurde. Herzog Wla⸗ dislav kaum hievon benachrichtigt und in den Gebieten von Krakau, Sandomir, Siradien, Lancziz und Dobrin bereits als Herr wieder anerkannt begab ſich alsbald nach Pommern, um auch hier die Großen des Landes fuͤr ſich zu gewinnen, vieles, was durch die Oberherrſchaft Boͤhmens umgewan⸗ delt war, in feine frühere Ordnung und Verfaſſung zuruͤck⸗ zufuͤhren und ſo ſeine Herrſchaft im Lande wieder feſt zu be⸗ gruͤnden !), bevor noch die im Kriege mit den Vorpommeri⸗ ſchen Herzogen beſchaͤftigten Waffen der Markgrafen von Bran⸗ denburg weiter vordringen wuͤrden?). Und in der That Wla⸗ dislav erreichte ſein Ziel; die Großen des Landes huldigten ihm ); wo er erſchien, ward er als Herr des Landes em⸗ pfangen und überall genoß er wieder die Einkünfte und Rechte eines unbeſchraͤnkten Landesherrn“). Er mochte Gründe ha⸗ Transſumt vom J. 1335 im geh. Arch. Schiebl. LIX. Nr. 3. Den Landkomthur von Kulm nennt der Herzog noster dilectus Consangui- neus und erklart, die Schenkung geſchehe in remissionem nostrorum criminum et nostre coniugis carissune domine Anastasie et in per- petuam ipsorum amiciciam et veram concordiam optinendam; 200 mansos weiſet er an in Gransew, 50 in borra, que est inter Golub et Modryn, cum littore et naulo Drvance (Drewenz) et littore fluvii dieti Ruz (Rudziec). 1) Dlugoss. p. 924 — 925. Kantzow Pomerania B. I. S. 292. 2) Exposé des droits etc. p. 331. 3) Die Huldigung geſchah zu Dirſchau in Gegenwart der Herzoge Przemislav und Caſimir von Cujavien. Das Chron. Oliv. p. 41 ſagt: Pomerani, expulsis Bohemis, vocaverunt unanimiter Ducem Wladis- laum, qui recepto homagio et fidelitatis juramento a militibus, vide- licet Petro de Polnow, Ieskone de Slava et Laurentio de Ruimwalde et aliis militibus universis, Dux totius Pomeranie proclamatus. 4) In einem fpätern Zeugenverhöre über die Vorgänge in Pom⸗ mern heißt es: Omnes Milites, vasalli, burgenses, opidanei sibi, vi- delicet domino Wladislao Regi, tune Duci obediverunt et fidelitatem debitam homagii prestiterunt et ipse in eis omnem jurisdictionem per se et suos exercuit temporalem, et census, fructus et redditus dicte terre habuit et recepit.
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202 Züge nach Litthauen (1306). ben, die Anhänger und Freunde des Boͤhmiſchen Koͤnigshau⸗ ſes vorerſt noch zu ſchonen; der Graf Swenza blieb wenig⸗ ſtens auch ferner noch in ſeinem wichtigen Amte als Woi⸗ wode von Danzig. Nur Peter von Neuenburg ſcheint als⸗ bald ſeiner Wuͤrde als Hauptmann von Pommern vom Her⸗ zoge entlaſſen worden zu ſeyn. Er mußte die von ihm bisher beſetzt gehaltenen Burgen dem Herzoge übergeben, der ſie ſofort den Herzogen Przemislav und Kaſimir von Cu⸗ javien uͤberwies 1). Gewiß konnte dieſe Wendung der Verhaͤltniſſe in Pom⸗ mern für den Orden in Preuſſen nichts weniger als erwuͤnſcht ſeyn. Allein hier waren Ereigniſſe eingetreten, die an ſich ſchon kein weiteres Eingreifen in die Angelegenheiten des Nachbarlandes zuließen. Seit dem Anfange des Jahres 1306 naͤmlich waren die Waffen des Ordens wieder in Oſten gegen die Heiden beſchaͤftigt?); denn als der Landmeiſter Konrad Sack die gewiſſe Nachricht erhielt, daß der Großfuͤrſt von Litthauen mit einem ſtarken Heere, zu welchem auch die Be⸗ ſatzung der Burg Garthen geſtoßen war, Polen mit einem neuen Raubzuge heimſuche, ließ er alsbald den tapfern Or⸗ densritter Albert von Hagen) mit mehren andern Ordens⸗ bruͤdern und vierhundert auserleſenen Kriegern aus Natangen zur Eroberung der erwaͤhnten Burg aufbrechen. Ein wildes und ungeflümes Wetter machte es ihnen möglich, unbemerkt bis in die Vorburg einzudringen, die groß und volkreich, faſt wie eine Stadt, gaͤnzlich ausgepluͤndert, durch Tod oder Ge fangenſchaft aller ihrer Bewohner beraubt und dann bis auf 1) Ein Zeuge ſagt in dem erwähnten Verhoͤre: Vidi eciam quod ipse dominus Wladislaus iudicavit Pomeranos, et audivi et presens fui, quod Petrus Suenze et alii Nobiles resignaverunt sibi castra, que sic Tecepta assignavit Ducibus Cuyavie Primislio et Kazimiro suo nomine tenenda, 2) Dusburg c. 284 ſpricht zwar auch von einem Zuge des Vogts von Samland Philipp von Bolant, aber wir werden bald ſehen, daß er nicht in dieſe Zeit fallen kann. 3) Dusb. c. 285 nennt ihn Albertus de Indagine, Jeroſchin Albrecht von dem Hayn, der Epitomator Albertus de Hayn.
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Züge nach Litthauen (1306). 203 den Grund niedergebrannt wurde. Kaum aber waren dieſe Ritter mit reicher Beute zuruͤckgekehrt, als der reiſige Kom⸗ thur von Koͤnigsberg Eberhard von Virneburg, um ſchnell zu vollenden, was jene nur begonnen hatten, naͤmlich die ihrer Vorburg beraubte Hauptburg Garthen zu erftinmen und nie⸗ derzubrechen, mit einer weit ſtaͤrkern Kriegsmacht von hundert Ordensrittern und ſechstauſend Reitern gegen ſie aufbrach. Allein bevor er ankam, hatte ſie der Großfuͤrſt auf die Nach⸗ richt von der Vernichtung der Vorburg bereits mit einer zahl⸗ reichen und auserleſenen Beſatzung verſehen, die ſobald das Ordensheer herannahtete, ihm zu einem maͤnnlichen Kampfe entgegentrat. Er dauerte von Sonnen-Aufgang bis gegen Mittag, ſo daß bald die Burgbeſatzung, bald das Ordens⸗ heer zuruͤckgeworfen ward. Es kam zu keinem entſcheidenden Siege. Außer vielen ſchwer Verwundeten hatten die Litthauer mehre Todte. Das Ordensheer zaͤhlte an Verwundeten zwoͤlf Ritterbruͤder und dreißig andere Kriegsleute. Der Ordens⸗ ritter Hartmann von Elſterburg ward durch einen Pfeil ge⸗ troffen und ſtarb bald nachher !). Es waren dieſes die letzten Unternehmungen in Konrad Sacks Verwaltungszeit; denn nachdem er ſich in den letzten Monaten noch viel mit den inneren Landesangelegenheiten beſchaͤftigt, legte er im Juni oder Juli des Jahres 1306 wegen Kraͤnklichkeit fein Landmeiſter-Amt nieder und Über: nahm das Komthur⸗Amt der Ordensburg zu Golub, wo er ſich in der letztern Zeit ſchon öfter aufgehalten und in groͤſ⸗ ſerer Ruhe noch einige Zeit lebte). Er wählte deßhalb dieſe Burg, weil er ſich um ihren weitern Ausbau manche Ver⸗ dienſte erworben hatte und als er nachmals ſtarb, ward er 1) Dusburg c. 284286. Lucas David B. V. S. 258 — 259. Kojalowicz p. 228 — 229, 2) Dusb. c. 272. In einer Urkunde feines Nachfolgers vom 28. Juli 1306 wird unter den Zeugen auch genannt fr. Conradus Saccus commendator in Goluba; im geh. Arch. Fol. X. p. 39. 66. 67. Wir kennen das Todesjahr Konrad Sacks nicht genau; aber im J. 1309 war Luther von Braunſchweig Komthur von Golub.
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204 Der Landmeiſter Sieghard v. Schwarzburg (1306). in der Domkirche zu Kulmſee begraben. Seine Herablaſſung und fein gefälliges und friedſames Weſen, fein uͤberaus recht⸗ licher und redlicher Sinn und ſein raſtloſes Bemuͤhen um das Gluͤck und die Wohlfahrt anderer, beſonders auch der al⸗ ten Stammpreuſſen!) hatten ihm bei allen Menſchen unge⸗ theilte Liebe und Zuneigung erworben, ſo daß ſein Zeitge⸗ noſſe ihn als einen Mann ſchildert, der jeder Zeit Gott und Menſchen angenehm geweſen ?). Zu ſeinem Nachfolger im landmeiſterlichen Amte ward ernannt der bisherige Komthur von Chriſtburg Sieghard von Schwarzburg ), ein naher Verwandter, vielleicht ein Bruder Guͤnthers von Schwarzburg, der auch jetzt noch mit Ruhm das Amt des Landkomthurs von Kulm bekleidete“). Obgleich Guͤnther weit fruͤher als Sieghard mehre Ordensaͤmter ver⸗ waltet, ſo war doch auch dieſer ſchon vor langer Zeit in den Orden eingetreten und vordem auch ſchon Komthur in Rog⸗ genhauſen geweſen. Er ſtand indeſſen dem Landmeiſter⸗ Amte nur einige Monate vor und außer einigen Verſchrei⸗ bungen über laͤndliche Beſitzungen, beſonders auch an mehre alte Stammpreuſſen, die er ebenfalls ſehr beguͤnſtigte, hat 1) Wie ſehr er ſich dieſer annahm, geht z. B. auch daraus hervor, daß im Auftrage des Landmeiſters der Biſchof Chriſtian von Pomeſanien und der Ordensritter Heinrich von Yſenberg das Kloſter Pelplin, von deſſen Moͤnchen einer den Sohn des alten Preuſſen Zeadel getoͤdtet hatte, zu einer anſehnlichen Strafſumme verurtheilten. urk. im geh. Arch. Schiebl. LIX. Nr. 12. 2) Dusb. c. 272. 3) Er war früher als Landmeiſter ganz unbekannt. Auch Dus burg nennt ihn nicht. Zuerſt machte Kreuzfeld vom Adel der alt. Preufl. S. 47 eine Verſchreibung von ihm bekannt. CE De Wal Recherches T. II. p. 353. Baczko B. II. S. 30. 4) Die Behauptung bei Lucas David B. V. S. 42, daß ſeit Burchard von Swenden das Amt des Kulmiſchen Landkomthurs einge⸗ gangen ſey, iſt ſchon von Hennig ebend. und von Schubert de Gu- bernat. Boruss. p. 51 widerlegt. Aber auch die Annahme ift unrichtig, daß Guͤnther von Schwarzburg dieſes Amt nur bis 1304 verwaltet habe, denn wir finden ihn noch im J. 1309 in dieſem Amte. Im J. 1311 dagegen verwaltete es Dieterich von Lichtenhagen.
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Der Landmeiſter Sieghard v. Schwarzburg (1306). 205 die Geſchichte nichts Über ihn aufbehalten ). Jedoch geſchah es wahrſcheinlich in ſeiner Zeit, daß des Samlaͤndiſchen Bi⸗ ſchofs Vogt Philipp von Bolant mit einem Streithaufen von zweihundert kuͤhnen Kriegsleuten und elf Ordensrittern in Litthauen einbrach, mehre Doͤrfer niederbrannte und be⸗ traͤchtliche Beute machte ?). Der Großfürft von Litthauen hatte ſoeben die Vornehmeren ſeines Landes zu einer Be⸗ rathung um ſich verſammelt, als er auf die Nachricht vom Einfalle der Ordensritter mit funfzehnhundert Mann aufbrach und ihnen nacheilte. Er erreichte nur die Ritter, die ſich 1) Der gewoͤhnliche Grund, warum man dieſem Landmeiſter nur eine Verwaltung von einigen Monaten zuſchreibt, naͤmlich das Datum der von Kotzebue B. II. S. 340 erwähnten Urkunde der Herzogin Sa⸗ lome von Cujavien (worauf auch Schubert c. I. feine Chronologie ſtuͤtzt) iſt ganz unrichtig, denn die Urk. iſt nicht vom J. 1305, ſondern vom J. 1309. Wie Kotzebue in dem von ihm erwaͤhnten Transſumt im geh. Arch. Schiebl. L VIII. Nr. 21 die Zahl 1306 hat leſen wollen, iſt unbegreiflich, weil es wegen der ſtarken Moderflecke unmöglich it, fie zu leſen. Aber eben fo unbegreiflich iſt, daß er das Datum quarto Kalend. Maii nicht las, woraus er ſchon hätte ſchließen koͤnnen, daß die Jahrzahl nicht 1306 ſeyn konnte, da er ſelbſt einer Urkunde Sieg⸗ hards von Schwarzburg vom 8. Octbr. 1806 erwähnt. Das Original dieſer Urkunde Schiebl. LVIII. Nr. 13 giebt ganz deutlich das Datum: in Orlow a. d. 1309 quarto Czlend. Maii. Indeſſen ift es allerdings richtig, daß die Verwaltung Sieghards nur einige Monate dauerte, denn erſtlich haben wir von ihm keine einzige Urkunde aus dem J. 1307 und zweitens ſagt auch Dusb. c. 289, daß das Jahr 1307 das erſte Jahr der Verwaltung Heinrichs von Plotzke geweſen ſey. 2) Das von Dusb. c. 284 für dieſen Kriegszug angegebene J. 1305 kann unmoglich richtig feyn, denn wir haben noch Urkunden aus dem 3. 1306, z. B. eine vom 4. Juni, in welcher fr. Phylippus de Bolanth advocatus noster und fr. Bernhardus de Hoinstein socius suus unter den Zeugen genannt find. Nun fagt Dusb. zwar nicht ausdruͤcklich, daß von den zwei auf dieſem Zuge gebliebenen Ordensbruͤdern Bolant der eine der Vogt von Samland geweſen ſey, wiewohl Lucas David B. V. S. 158 und Jeroſchin es fo verſtanden haben; allein von Bernhard von Hohenſtein ſagt Dusb. doch allerdings, daß er im Kampfe gefallen ſey. Es kann daher, wenn Dusburgs Worte: circa assumptionem b. Virginis richtig find (denn fie befinden ſich weder bei Jeroſchin, noch beim Epitomator) dieſer Zug nur erſt in den Auguſt des J. 1306 fallen.
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206 Der Landmeiſter Heinrich von Plotzke (1307). ſicher glaubend und getrennt der Übrigen Mannſchaft nachzo⸗ gen. Es kam zum Kampfe, in welchem vier Ordensritter, der Vogt von Samland ſelbſt, ſein Neffe, der juͤngere Bo⸗ Yant ), Bernhard von Hohenſtein und Johannes Mönch nebſt ſechs Knechten erſchlagen wurden. Erſt als der uͤbrige Streit⸗ haufe durch das Schlachtgeſchrei geſchreckt auf den Kampf⸗ platz zuruͤckſprengte, ergriff der Großfuͤrſt, eine weit größere Zahl von Feinden vermuthend, mit ſeinem Heere die Flucht. Doch ſiebzehn vornehmere Litthauer und eine große Anzahl des gemeinen Haufens ward vom Ordensvolke im Verfolgen getoͤdtet. So war nun mehre Monate das landmeiſterliche Amt in Preuſſen unbeſetzt und wurde nur ſtellvertretend verwal⸗ tet. Der zu Sieghards Nachfolger ernannte Ordensritter Graf Heinrich von Plotzke, aus einem alten Geſchlechte ent⸗ ſproſſen, deſſen Stammſchloß bei Bernburg lag 2), bisher in den Ordenshaͤuſern in Deutſchlanb lebend, kam vom Hoch⸗ meiſter geſandt, wie es ſcheint, erſt in den erſten Monaten des Jahres 1307 nach Preuſſen. Mit ihm zogen aber wahr⸗ ſcheinlich zugleich auch wieder neue Huͤlfsſtreiter zum Kampfe gegen die Heiden ins Land. Es war naͤmlich um dieſe Zeit wie in Boͤhmen, ſo auch in Deutſchland vielleicht auf Antrieb des Papſtes von wohlgeſinnten Geiſtlichen hie und da von neuem zur Unterſtuͤtzung des Ordens in feiner Bekämpfung der Ungläubigen ermahnt und aufgefordert worden. Es war Sitte um dieſe Zeit, daß Aeltern oder Verwandte beim Tode 1) Die Bolant waren eine Rheinländifche Familie. Ihre Stamm⸗ tafel ſ. in Bodmann Rheingauif. Alterthuͤm. B. II. S. 545. Philipp von Bolant kommt ſchon im J. 1262 bei Guden. Cod. T. IV. p. 903 und ſeit 1302 als biſchoͤfl. Vogt von Samland vor. Der andere Phi⸗ lipp von Bolant war Anfangs ſein Amtskompan, ſeit 1305 war es Bernhard von Hohenſtein. 2) Bei Scheid Orig. Guelf. T. II. p. 504 kommt ſchon im J. 1130 in einer zu Goslar ausgeſtellten urkunde ein Konrad von Plotzke vor; ſ. Schultes Director. diplom. B. I. S. 293 und Hellbachs Adels⸗ Lexicon B. II. S. 243. In dem früher erwähnten Land⸗ und Hochmeiſterverzeichniſſe wird er Saxo genannt.
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Der Landmeiſter Heinrich von Plotzke (1307). 207 ihrer Angehörigen, zumal wenn dieſer plotzlich und unver⸗ muthet eintraf, gewiſſe Summen ausſetzten, um ſie an Soͤld⸗ ner zu zahlen, welche nach Preuſſen zogen, um da zum Heile der Verſtorbenen gegen die Heiden zu kaͤmpfen. Dieſer Gebrauch hatte bisher auch in Boͤhmen beſtanden. Weil in⸗ deſſen der Biſchof Johannes von Prag in Erfahrung gebracht, daß die Soͤldner ſich hiebei manchen Betrug erlaubten, bald nach Empfang des Geldes ſtatt nach Preuſſen in andere Laͤn⸗ der zogen, bald auch in Preuſſen angekommen hier nur ſo kurze Zeit verweilten, daß ſie dem Orden keinen oder doch nur geringen Nutzen brachten, ſo erließ er in ſeiner Dioͤceſe die Aufforderung, man moͤge, ſobald von den Stiftern der Vermaͤchtniſſe ſelbſt nicht zuverlaͤſſige Menſchen zu einem ſolchen Zuge nach Preuſſen ausdruͤcklich beſtimmt ſeyen, die ausgeſetzten Geldſummen lieber den Ordensrittern in Preuſ⸗ ſen ſelbſt uͤberweiſen, weil dieſe in ihren Kaͤmpfen gegen die Heiden davon einen zweckmaͤßigeren Gebrauch zu machen pflegten !). Und wie in Böhmen, fo gedachte man auch in Deutſchland des Kampfes gegen die Heiden von neuem. Aus den Rheinlanden zogen herbei der edle Graf Johann von Sponheim 2), der Graf Adolf von Winthimel, die Ritter Dieterich von Elner der Aeltere und Juͤngere mit ihren Bruͤ⸗ dern Arnold und Ruͤthiger, die beiden Ritter Arnold und Jacob von Baumgart nebſt vielen andern edlen Herren, von denen mehre ſchon vor drei Jahren in Preuſſen gegen die Litthauer geſtritten und ſich damals den Ritter⸗Namen erwor⸗ ben hatten. Man ruͤſtete ein ſehr anſehnliches Heer zu einem 1) Das Original dieſer Urkunde, datirt: Prage Calend. Novemb. pontificatus nostri anno decimo im geh. Arch. Schiebl. XXIII. Es ſpricht ſich in ihr eine große Zuneigung des Biſchofs gegen den Or⸗ den aus. 2) Dieſer Johann von Sponheim war der Stifter der Creuznacher Linie dieſes Hauſes; ſ. Günther Cod. dipl. Rheno-Mosellan. T. II. S. 31— 32. T. III. S. 142. In Hontheim Histor. Trevir. T. II. p. 32 wird Ioannes Comes de Spanheim dominus de Starkenberg genannt.
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208 Kriegszuͤge gegen die Samaiten (1307). Zuge nach Litthauen; allein die große Milde des Winters vereitelte alle Hoffnungen des Erfolges “). So blieb die Bekaͤmpfung der Heiden auch fernerhin meiſt nur Sache der Komthure der nahe gelegenen Ordens⸗ burgen, und keiner uͤbertraf hierin an Eifer den kuͤhnen und entfchloffenen Komthur von Ragnit Volrad oder Volx ), der mehre Jahre hindurch bald mit gluͤcklichem, bald mit minder großem Erfolge beinahe fort und fort gegen die Heiden in den Waffen ſtand. Einen Raubzug der Samaitiſchen Wehr⸗ mannſchaft von Karſau s) gegen Memel hin raͤchte er da⸗ durch, daß auf fein Geheiß der Ritter Hildebrand von Reh⸗ berg *) ihr Gebiet mit Brand und Verheerung heimſuchte. Dann trat er ſelbſt an die Spitze eines Heerhaufens, ging auf Fahrzeugen die Jura hinauf, uͤberfiel eines Morgens, da alles noch im Schlafe lag, die Vorburg der Burg Pute⸗ niken?) und legte fie in Aſche. Und kaum war fie wieder aufgebaut und mit den eingeernften Früchten des Jahres an⸗ gefüllt, als er den Zug erneuerte und fie abermals nieder: brannte. Einige Jahre nachher forderte den Komthur ein angeſehener Samaite Spude genannt“) aus der Burg Pu⸗ 1) Dusb. c. 289. Kojalowicz p. 251 fagt, daß zu der Zahl der Kriegsleute aus Deutſchland der Orden noch 1400 Reiter geſtellt habe und daß es Plan geweſen ſey, munitionum oppugnatione vires non te- rere, sed integro milite ad profundiora provinciae penetrare. 2) Dusb. c. 290 giebt ſelbſt den doppelten Namen Volz vel Vol- radus an, aber er kommt auch in Urkunden Volx vor. Er war vorher Biſchofs⸗Vogt in Samland. 3) S. oben S. 181. 4) Fruͤher, namentlich im J. 1300 als Volrad noch Biſchofs⸗Vogt in Samland war, wird dieſer Hildebrand von Rehberg Kompan des Vogts genannt. 5) Dieß iſt der richtige Name und ſo haben ihn auch Jeroſch in und der Epitomator. Kojalowiez nennt fie Puteba oppidum Iuriae amni imminens. 6) Dusb. c. 294 nennt ihn Spudo, potens in Castro Putenika, zelator fidei et fidelium; Jeroſchin richtiger Spnde. Schütz p. 52 weiß, daß Spude zu dieſer That bewogen worden ſey, weil ihm fein Herr mit Haͤngen gedroht habe.
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Kriegszuͤge gegen die Samaiten (1307). 209 teniken ſelbſt auf herbeizukommen, um ihm aus Zuneigung zum chriſtlichen Glauben die Burg zu uͤberliefern. Volrad kam mit feiner Mannſchaft, das Burgthor ward ihm geöff- net, die Beſatzung theils gefangen, theils erſchlagen und die Burg ſammt der Vorburg bis in den Grund zerſtoͤrt. Spude empfing mit allen den Seinigen die Taufe. Und als bald darauf die Nachricht nach Ragnit kam, daß die Litthauiſche Beſatzung der Burg Biſten nach Ablauf ihrer Wachzeit !) im Abzuge begriffen ſey, brachen die Ordensritter Friederich von Liebenzell, damals Hauskomthur zu Ragnit, Albert von Ora und Dieterich von Altenburg?) mit noch neunzehn Rit⸗ terbruͤdern und ſechzig andern Kriegsleuten auf, uͤberfielen die Litthauer im Gebiete Kalsheim und erſchlugen ſie bis auf drei Mann, welche die Flucht rettete. In ſolcher Weiſe ſetz⸗ ten die Ordensritter der nordoͤſtlichen Lande den Kampf gegen die Heiden unabläffig fort, um dieſe immer mehr zu ermuͤ⸗ den und zu ſchwaͤchen, und da die Bewohner des Gebietes von Karſau endlich erkannten, daß ſie der Ordensmacht nicht mehr widerſtehen koͤnnten, ſo gaben ſie ihre beiden noch uͤbri⸗ gen Burgen Scivneiten und Bibberwaten ) freiwillig auf und uͤberließen ſie, ſich mehr ins Innere des Landes zuruͤck⸗ 1) Dusb. c. 293 erwähnt hiebei der Sitte der Litthauer bei Be⸗ wachung ihrer Graͤnzburgen, daß Rex eorum ordinat aliquos armigeros ad custodiam alicuius Castri ad terminum unius mensis vel amplius, quo completo recedunt et alii superveniunt ad enstodiam supra- dictam. 2) Dieß war der nachmalige Hochmeiſter, jetzt noch bloßer Ordens⸗ bruder im Convent zu Ragnit. 3) So hat Jeroſchin die Namen; der Epitomator Stronenten et Bibbewarten, Dusb. Schroneyten et Bujerwarte, Kojalowiez p- 233 Stroveita et Biverunita, Schütz p. 53 Senoreithe und Biver- wate; vgl. Lucas David B. V. S. 166. So ungewiß aber auch der Name der Burgen iſt, ſo kann uͤber ihre Lage doch kein Zweifel ſeyn; fie muͤſſen im Gebiete von Karſau, alſo in der Nähe des heu⸗ tigen Kroſchy an der Jura gelegen haben. Da ſie nicht wieder auf⸗ gebaut wurden, ſo erinnert jetzt auch kein Name in dieſer Gegend mehr an ſie. IV. 14
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* 210 Eroberung Danzigs durch die Brandenburger (1308). ziehend, der Zerſtoͤrung der Ordensritter und nie wurden ſie wieder aufgebaut !). Waͤhrend aber in ſolchen Kaͤmpfen mit den Glaubens⸗ feinden im Oſten der Orden auch forthin ſeiner Ordenspflicht zu genuͤgen ſtrebte, bereiteten ſich im weſtlichen Nachbarlande zu Ende des Jahres 1307 und im Anfange des folgenden Ereigniſſe vor, die ſowohl für den Orden felbft, als für Preuſſen von ungemein wichtigen Folgen begleitet waren. Peter von Neuenburg naͤmlich, tief gekraͤnkt durch die Ent⸗ laſſung von ſeiner hohen Wuͤrde und durch die Zuruͤckſetzung, mit der ihn Wladislav, der neue Herr des Landes behandelte, trat vor dieſem mit der Forderung der bedeutenden Sum⸗ men auf, die er und ſein Vater, der Woiwode von Danzig, als Landeshauptleute auf die Verwaltung und den Schutz des Landes in den harten Kriegsnoͤthen verwandt und zu de⸗ ren Beſtreitung ſie ihre eigenen Erbguͤter an den Deutſchen Orden hatten verkaufen muͤſſen?). Der Herzog mochte wohl freilich hinreichend Gruͤnde finden, auf den Erſatz dieſer Summen nicht weiter einzugehen, denn allerdings mochte es dem Gra⸗ fen Swenza und ſeinem Sohne ſchwer werden, den Beweis 1) Schätz p. 53 erwähnt hier auch der Ankunft eines Herzogs Heinrich von Baiern mit dem Grafen von Sponheim, ferner eines Zu⸗ ges gegen Welun und der Errichtung der Burgen Friedburg und Baier⸗ burg. Allein dieſe Angabe ift ſicherlich unrichtig und von Schätz wahr: ſcheinlich aus Plug oss. p. 923 entnommen, denn Dusb. ſchweigt dar⸗ uͤber ganz. Auch Simon Grunau, hier wieder uͤberſchwenglich reich an einzelnen Neuigkeiten uͤber die Zuͤge nach Samaiten, wobei freilich kein einziger Name richtig iſt, weiß nichts von einem Baierifchen Herzoge. 2) Im Chron. Oliv. p. 42 heißt es: Cum Cracoviam redire vellet Dux Wladislaus, monuerunt eum pro quadam pecuniae summa, quam expenderant Dominus Swentza Palatinus et filii eius eo tempore, qno Pomerania Principe destituta erat et ipsi terram gubernaverant uni- versam; und die Annales Oliv. p. 36 ſagen: Nam cum Vladislaus dispositis munitionibus terrae illius Cracoviam redisset, Petrus de Polnow Cancellarins Pomeraniae, Suenezae Palatini Gedanensis filius, dolens se a solutione pecuniarum, quas in tuenda Pomerania eXpen- disse asserebat, repulsum iri, novos motns concitare coepit.
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Eroberung Danzigs durch die Brandenburger (1308). 211 zu ſtellen, daß die verlangte Entſchaͤdigungsſumme für des Herzogs Intereſſe verwendet worden ſey. Wladislav verließ alſo das Land ohne der Grafen Forderungen befriedigt zu haben. Kaum aber wußte man ihn in Polen mit kriegeriſchen Rüftungen gegen Herzog Heinrich den Dritten von Glogau, der ſich auch Herzog von Großpolen nannte, beſchaͤſtigt!), als Peter von Neuenburg auf Rache ſann und mit den Mark⸗ grafen von Brandenburg in ein heimliches Verſtaͤndniß trat, um ihnen die Erwerbung der Herrſchaft Pommerns zu erleich⸗ tern, für die fie noch immer alle ihre Kraft aufboten ?). Er verſprach ihnen, eine Anzahl Burgen und Staͤdte in ihre Gewalt zu bringen, damit ihre Waffen von da aus feſten Halt gewaͤnnen. Da ſich indeſſen die Sache laͤngere Zeit hinzog, ſo ward Peters Plan mittlerweile entdeckt. Herzog Wladislav erſchien ſchnell in Pommern, ließ den Grafen nebſt deſſen Vater gefangen nehmen und ſandte ſie zu ſicherer Ver⸗ wahrung auf die Burg nach Krakau). Jedoch auf die Fuͤr⸗ bitte vieler vornehmen Verwandten der Gefangenen und auf das Fuͤrwort mehrer Polniſchen Barone ließ ſich der Herzog bewegen, die beiden Grafen gegen die Geiſelſtellung der bei⸗ den Bruͤder Peters von Neuenburg Johann und Lorenz wie⸗ der in Freiheit zu ſetzen. Durch Beſtechung ihrer Waͤchter aber entkamen dieſe ihrer Haft, flohen nach Pommern zuruͤck und begaben ſich eiligſt mit ihrem Bruder zu den Markgra⸗ fen, um dieſe zur Foͤrderung ihres Planes perfönlich zu un⸗ 1) Diugoss. p. 915. Chron. Anon. Archidiac. Gnesn. p. 91. In einer urkunde vom J. 1307 ſchreibt ſich Heinrich dei gratia heres regni Polonie, ſ. Buͤſching Zeitbuͤcher der Schleſier, Anh. S. 21. 2) Das Chroa. Oliv. p. 42 fagt: daß Swenza und feine Soͤhne cum alüs plurimis militibus Marchionem de Brandenburg Dominum Woldemirum vocaverunt ad suscipiendum ducatum. Nach den An⸗ gaben in Sell Geſchichte Pommerns B. I. S. 365 ſtand Peter von Neuenburg ſchon im Sommer des J. 1307 im freundlichſten Einver⸗ ſtaͤndniſſe mit den Markgrafen. 3) Dieſer Gefangennehmung Peters von Neuenburg erwaͤhnt außer den Chroniſten auch das ſchon angeführte Zeugenverhoͤr über die Pom⸗ meriſchen Angelegenheiten. 14 *
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212 Eroberung Danzigs durch die Brandenburger (1308). terſtuͤtzen !). Dieß geſchah im Sommer des Jahres 1308 2). Sofort ruͤckten nun die Brandenburger mit einem anſehnli⸗ chen Kriegsheere unter Raub und Brand in Pommern weiter und weiter vor; Staͤdte und Burgen fielen ohne großen Wi⸗ derſtand in ihre Haͤnde und zu Ende des Auguſts oder im Anfange des Septembers ſtand das markgraͤfliche Heer be⸗ reits vor Danzig, der Hauptſtadt Hinterpommerns, auf deren Gewinn ſie großes Gewicht legten. Sie fanden faſt gar keine Gegenwehr, denn Danzigs Buͤrger, groͤßtentheils aus Deutſchen beſtehend und mit der Polniſchen Beſatzung immer ſchon im Zwieſpalt, waren von jeher der Herrſchaft Polens abgeneigt und öffneten jetzt freiwillig den Brandenburgern die Thore ). So kam die Stadt in der Markgrafen Ge⸗ walt, waͤhrend die feſte Burg, von Polniſcher Mannſchaft beſetzt, noch in den Haͤnden des Landrichters Boguſſa und des Burghauptmanns Albert als oberſter Befehlshaber blieb und tapfer von ihnen vertheidigt ward ). Mit nicht minderem Eifer aber wurde die Burg von den Brandenburgern belagert und faſt taͤglich beſtürmt, weil man fie zu gewinnen hoffte, bevor noch Wladislav von Po⸗ len her Huͤlfe zum Entſatz bringen koͤnne. Und in der That war die Lage der Burgbeſatzung ſo hoffnungslos, es ließ ſich bei der Zuneigung der Buͤrger der Stadt zu den neuen Her⸗ ren ſo wenig auf gluͤcklichen Erfolg und auf baldige Erret⸗ 1) Annal. Oliv. p. 36 in Uebereinſtimmung mit andern Chro⸗ niſten. 2) ueber die Zeitfolge dieſer Pommeriſchen Angelegenheiten vgl. die Beilage Nr. IV zu dieſem Bande. Sell a. a. O. S. 366. 3) Sowohl das Chron. Oliv. I. c. als die Annal. Oliv. bezeugen die freiwillige Ergebung Danzigs, „cum civium maior pars inibi ex Alemannis essent, ‘* 4) Chron. Oliv. I. c.: Et fuit quotidianus conflictus et alter- catio inter milites inclusos in castro videlicet Woycech, Woyslau et Boguzan, qui tenebant castrum ad manum Ducis Wladislai ex una parte et multa spolia et mala fiebant in terra propter Principum discordiam.
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Befreiung Danzigs durch den Orden (1308). 213 tung rechnen und es wurde vielmehr die Nothwendigkeit einer baldigen Uebergabe der Burg bei dem immer mehr ſteigen⸗ den Mangel von Lebensmitteln bald ſo entſchieden, daß Bo⸗ guſſa der oberſte Befehlshaber, dem alle Verbindung mit ſei⸗ nem Herrn abgeſchnitten war, beſchloß, den Herzog Wladis⸗ lav von der Gefahr und Bebrängniß feiner Lage perfönlich genau zu benachrichtigen. Nachdem er daher die Vertheidi⸗ gung der Burg dem Burghauptmanne Albert und einigen andern bewaͤhrten Getreuen anvertraut, gluͤckte es ihm mit dem Ritter Nyemiera heimlich aus der Burg zu entkommen und in eiligſter Reiſe traf er den Herzog zu Sandomir. Wladislav von der dringenden Noth der Seinen und von der Gefahr fuͤr den Beſitz ganz Hinterpommerns unterrichtet ver⸗ ſprach, mit hinreichender Huͤlfe ſo bald als moͤglich herbeizu⸗ eilen. Da trat ihm aber Boguſſa mit dem Rathe entgegen: es ſcheine ihm heilſamer, wenn man den Meiſter der Deut⸗ ſchen Ordensritter in Preuſſen um Beiſtand anſpreche; denn dieſe Ritter, der belagerten Burg ſo nahe, zu Kampf und Krieg ſtets geruͤſtet, dem Herzoge wohl auch nicht abgeneigt und ohnedieß durch mancherlei Beguͤnſtigungen und Wohl⸗ thaten zu einem ſolchen Dienſt verpflichtet, wuͤrden wohl gerne des Herzogs Wunſche entgegenkommen und gewiß die kraͤf⸗ tigſte Huͤlfe leiſten. Wladislav billigte den Rath und ertheilte ſofort dem Hauptmanne den Auftrag, ſich ohne Verzug nach Preuſſen zu begeben und mit dem Meiſter Heinrich von Plotzke das Weitere zu verhandeln. So geſchah es. Boguſſa fand den Meiſter und die Gebietiger bereitwillig fuͤr des Herzogs Wunſch und es kam bald ein Vertrag zu Stande, nach wel⸗ chem der Orden die eine Haͤlfte der zur Vertheidigung der Burg zu Danzig noͤthigen Beſatzung auf ſeine Koſten, Bo⸗ guſſa dagegen die andere auf ein Jahr lang übernehmen und unterhalten ſollte. Nach Verlauf dieſer Friſt ſollten die Ordensgebietiger ihre Koſten dem Herzoge zur Wiedererſtat⸗ tung berechnen, jedoch nicht verbunden ſeyn, die Burg eher zu raͤumen, als bis die berechneten Koſten ihnen vom Her⸗ zoge wirklich entrichtet ſeyen. Der Schade aber, den fie in
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214 Befreiung Danzigs durch den Orden (1308). der Vertheidigung erleiden könnten, ſolle nicht in Anſchlag kommen 1). Sofort ruͤſtete nun der Landmeiſter eine ziemlich ſtarke Kriegsmacht und ſandte fie unter der Führung des Landkomthurs von Kulm Guͤnthers von Schwarzburg, hinreichend mit allen Beduͤrfniſſen verſehen, nach Danzig hinuͤber ?). Die Burg ward ſogleich dergeſtalt getheilt, daß die Vertheidigung der einen Haͤlfte den Ordensrittern, die der andern dagegen Bo⸗ guſſa und ſeinen Polen und Pommern uͤberlaſſen wurde, ohne daß die Kriegsleute beider Theile ſich eigentlich verei⸗ nigten. Allein die Ordensritter konnten ſich bald nicht mehr auf die bloß abwehrende Vertheidigung beſchraͤnken; ſie wag⸗ ten oͤfter in Ausfaͤllen ſelbſt Angriffe auf die Belagerer und drängten dieſe durch unablaͤſſige Kaͤmpfe, in denen ſich der Pommeriſche Fahnentraͤger Miroslav, Herr von Vidlino, durch Tapferkeit und Eifer für das Ordensheer ſelbſt mit Aufopferung von Habe und Gut vor allen auszeichnete ), immer tiefer in die Stadt zuruͤck. Da nun der Winter ſchon nahete und bei der verdoppelten Beſatzung der Burg, die mit 1) Daß ein foͤrmlicher Vertrag abgeſchloſſen ward, ſagen nicht bloß die Polniſchen Chroniſten Dlugoss. p. 922 durch die Worte: sub his pactis, fide et litteris firmatis, Cromer p. 273 u. d. ausdruͤcklich, ſon⸗ dern es beſtaͤligen es auch die Annal. Oliv. p. 37, wo es heißt: Sta- tuuntur conditiones, ut dimidiam arcem ipsi tenerent, et annum nnum suis sumptibus defenderent; deinceps vero post exactum annum quae- cunque impendia facerent, eis refunderentur, nec prius arce decede- rent, quam exoluta illa sibi essent. Dieſer Vertrag ſelbſt aber iſt nicht mehr vorhanden. 2) In dem erwähnten Zeugenverhoͤre werden öfter Cruciferi de Thorun als ſolche genannt, die der Landmeiſter dahin geſandt habe. Im Chron. Oliv. p. 42 heißt es nur: Continuo missus fuit frater Gun- terus de Schwartzburg cum Prutenis, qui una cum his, qui erant in castro Pomeranis crebris insultibus eos, qui erant in civitate mole- stabant. 3) urk. des Hocjmeifte:s Karl von Trier vom 8. Aug. 1311, worin dem Miroslav ſein Gut Vidlino bei Danzig, welches ihm der Markgraf Waldemar von Brandenburg weggenommen, wieder zuertheilt wird; Dregers Samml. Pommer. Urk. Nr. 1197.
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Eroberung Danzigs u. Dirſchau's durch den Orden (1308). 215 allem wieder reichlich verſorgt war, alle Hoffnung der baldi⸗ gen Eroberung verſchwand, ſo hoben die Markgrafen die eigentliche Belagerung auf, ließen in der Stadt eine mäßige Beſatzung und zogen aus Pommern zuruͤck. Bald darauf aber zog mit maͤchtigem Anſturme die Burgmannſchaft in die Stadt ein; die Brandenburger wurden uͤberwaͤltigt, der größte Theil erſchlagen und die Urheber des Abfalles der Stadt ohne weiteres mit dem Tode beſtraft n). Obgleich die Ordensritter dieſes Gluͤck vorzüglich dem Verdienſte ihrer Waffen zuſchreiben durften, ſo verlangte doch jetzt der Hauptmann Boguſſa, da die Gefahr vorerſt beſeitigt ſchien, ſofort ihren Abzug aus der Burg. Die Ritter wei⸗ gerten ſich deſſen, weil in dem Vertrage ihr Huͤlfsdienſt auf die Dauer eines Jahres beſtimmt und zuvor auch die Wie⸗ dererſtattung ihrer Koſten ausbedungen worden war. Das Bewußtſeyn der Ordensgebietiger, daß Danzigs Befreiung zumeiſt ihr Verdienſt ſey, ließ ſie dem Hauptmanne mit im⸗ mer kuͤhnerer Sprache entgegentreten. Es kam zu bitteren Vorwuͤrfen, ſelbſt zu trotzigen Drohungen, bis plotzlich eines Tages Boguſſa ſammt den uͤbrigen Polniſchen und Pomme⸗ riſchen Edlen von den Rittern feſtgenommen, in Verwahr ge⸗ bracht und die Polniſche Beſatzung aus der Burg vertrieben wurde 2). Eiligſt gab Guͤnther von Schwarzburg dem Land⸗ 1) Wir haben über den Verlauf dieſer Ereigniffe vorzuͤglich nur die Polniſchen Quellen Diugoss. p. 922923. Cromer p. 278. Mechow p. 201; daneben die Annal. Oliv. p. 37, Kantzow B. I. S. 294 und Lucas David B. VI. S. 7 ff., der aber meiſt nur den genannten Polniſchen Chroniſten folgt. Die Ordenschronik iſt uͤber dieſe Zeiten uͤberhaupt ſehr arm und uͤber die Ereigniſſe in Pommern ſchweigt ſie ganz. Sehr ſonderbar lautet in Herman. Corneri Chron. ap. Eecard. T. II. p. 937 der Bericht uͤber dieſe Begebenheiten, den man bei ihm ſelbſt nachleſen mag. Die Archivs⸗Quellen fließen ebenfalls nur von Polniſcher Seite her und ſtimmen daher mit den Polniſchen Berichten auch meiſt uͤberein. 2) In dem Zeugenverhoͤre wird dabei noch des Umſtandes gedacht: Tung Cruciferi sub specie amicicie in Magno Castro Gdanczk in una parte ſecerunt parvulum Castrum, quo facto ejecerunt homines Regis
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216 Eroberung Danzigs u. Dirſchau's durch den Orden (1308). meiſter Nachricht von dieſen Ereigniſſen und bat um ſchleu⸗ nigſte Verſtaͤrkung feiner Mannſchaft. Heinrich von Plotzke brachte ſchnell eine bedeutende Heerſchaar zuſammen und fuͤhrte fie in eigener Perſon nach Danzig hinüber‘). Es geſchah am vierzehnten November des Jahres 1308, daß zur Nacht⸗ zeit die ſtarke Beſatzung aus der Burg aufbrach, um die Polen auch aus der Stadt zu verdrängen. Es kam in den Straßen der Stadt zu einem heftigen Kampfe, in welchem außer funfzig Polniſchen Rittern auch viele Buͤr⸗ ger Danzigs und eine Anzahl anderer Menſchen erſchlagen wurden, die ſich zu Gunſten der Polen in das Gefecht mit einließen. Der Sieg jedoch blieb auf der Seite der Ordens⸗ ritter; die Polniſche Mannſchaft wurde geworfen und ſo fiel nun auch die Stadt in die Gewalt des Ordens 2). Darauf de Magno Castro. Ebendaſelbſt ſagt ein Zeuge: Dominum Regem, tunc Ducem et suos Milites de castro Gdanczk, videlicet dominum Bogu- sium Militem Iudicem terre illius et Albertum Castellanum Gdanen- sem, Woyslaum Castellanum et Stephanum Castellanum Culmen. no- mine eiusdem Regis Castrum possidentes fraudibus et dolis exquisitis de castro predicto Gdanczk violenter et per potentiam aute destru- ctionem Castri Opidi Gdanczk ejecerunt. Es muß aber hier ein für allemal erwaͤhnt werden, daß dieſes Zeugenverhoͤr gegen den Orden ab⸗ gehalten wurde, daß die Zeugen ſaͤmmtlich Polniſch geſinnt und die Aus⸗ ſagen deshalb oft auch ſehr parteüſch waren. 1) Wenn der Ausſage eines Zeugen zu trauen iſt, ſo betrug das Ordensheer 10,000 Mann, denn er ſagt: Fui presens, quando Dux Kazimirus, qui de Trschow et postea de Swecze fugerat et nuncia- vit, quod Cruciferi bene X Millia terram intrassent et castra val- lassent. Bezeichnet aber dieſes vielleicht den Raum, fo möchte die Aus⸗ ſage eines andern Zeugen glaubhafter ſeyn: quod Cruciferi bene cum quatuor Milibus hominum armatorum intraverunt Pomeraniam et Gdanczk opidum et castrum potenter expugnavernnt. 2) Man muß ſich hier ſehr hüten, den Berichten der Polniſchen Chroniſten zu viel zu trauen, denn ſie ſchildern die Einnahme Danzigs offenbar viel zu graͤßlich, ſichtbar in der Abſicht, den Orden und fein Verfahren in das nachtheiligſte Licht zu ſtellen. Gab man doch nach⸗ mals nach Polniſchen Berichten die Zahl der erſchlagenen Danziger Buͤrger auf 10,000 an, ein Blutbad, von dem der Danziger Chroniſt Schütz nicht das Mindeſte weiß. Die übertriebene Schilderung der Er:
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Eroberung Danzigs u. Dirſchau's durch den Orden (1308). 217 ſoll Boguſſa, vielleicht um ſeine Freiheit zu erhalten, mit dem Landmeiſter den Vertrag geſchloſſen haben, daß der Or⸗ den ſo lange im Beſitze der Burg bleiben ſolle, bis Herzog Wladislav ihm alle Kriegskoſten erſtattet habe !). Hier aber konnte der Orden ſchon keineswegs mehr ſtille ſtehen. Die Ausſicht zu neuem Gewinn an Land und Be⸗ ſitzthum in Pommern lockte viel zu maͤchtig und in den Be⸗ drangniffen des Herzogs Wladislav ſchien es wohl auch un⸗ moͤglich, daß er dem Orden die jetzt noch hoͤher geſteigerten Koſten irgend werde decken koͤnnen. Es ward alſo jetzt noth⸗ wendig, Danzigs Beſitz nicht nur zu ſichern, ſondern auch die Verbindung dieſer Stadt mit dem Gebiete des Ordens eigniſſe mag wohl zum Theil ihren Grund in den Ausſagen der Pol⸗ niſchen Zeugen in dem erwähnten Zeugenverhoͤre haben, wo es z. B. einmal heißt: Deinde nocturno tempore intraverunt furtim et potenter in civitatem Gdanczk et abhominabilem stragem fecerunt et occide- runt Nobiles terre, Milites et uxores eorum et pueros; ein anderer Zeuge weiß ſogar, quod canes sanguinem humanum lambebant. So fagt ein Zeuge auch: Frater Heinricus dietus de Ploczk ad ducatum Pomeranie cum exercitu valido hostiliter manu armata accedens, primo opidum Gdanczk expugnavit et quinquaginta Milites preter villanos, quorum numerum nescio, quosdam in ecclesiis, quosdam vero hincinde immaniter occiderunt, non parcentes sexui vel etati. Anders ſtellt das Chron. Oliv. p. 42 die Sache dar: Quidam ex ci- vibus praesumptuosi Dominos terrae Prussiae ludibriis et subsanna- tionibus impositis provocabant, interim Domini exacerbati cum ex- ercitu valido eivitatem obsederunt et eam ferocius arınis oppugna- verunt. Videntes autem cives, quod diutius potentiae Dominorum resistere non valerent, nec ullum possent habere redemptorem, civi- tatem tradiderunt, quam Domini cum suo exercitu intrantes, omnes milites Pomeraniae, quos in ea repererunt, iusserunt trucidari. Daß eine Anzahl Bürger und einiges andere Volk (villani) umgekommen feyen, ſcheint demnach wohl richtig. Im Ganzen aber war es vorzüglich die Einnahme der Stadt, woruͤber ſich die Polen ſo ſehr beſchwerten und hienach löſet ſich der Zweifel bei De Wal Hist. de TO. T. II. p. 506. 1) Dlugoss. p. 925. Cromer p. 278. Die Sache iſt zweifelhaft, denn es konnte wohl Abſicht der Polniſchen Scribenten ſeyn, nun erſt mit dem gefangenen Boguſſa einen Vertrag abſchließen zu laſſen. De Wal l. c. p. 468.
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218 Eroberung Danzigs u. Dirſchau's durch den Orden (1308). zu erleichtern. Dirſchau, die Stadt und Burg am Weichſel⸗ Ufer mußte auf jede Weiſe gewonnen werden und der Land⸗ meiſter brach alsbald von Danzig auf, um es zu erſtuͤrmen !). Auf dieſer Burg ſaß damals der Herzog Kaſimir von Cuja⸗ vien, des Herzogs Wladislav Neffe, ſeit Peters von Neuen⸗ burg Entlaſſung als Statthalter uͤber das ganze Gebiet. Die Befehlshaberſchaft uͤber die Burgbeſatzung fuͤhrte mit ihm der Graf Suentoslav 2). Nach einigen Berichten begab ſich Her: zog Kaſimir, ſobald er von der Eroberung Danzigs und vom Heranzuge des Ordensheeres ſichere Kunde erhalten, eiligſt ins Kriegslager des Landmeiſters, theils ihn zu bitten, die Burg Dirſchau mit der feindlichen Belagerung zu verſchonen, theils ihn an fruͤhere Verſprechungen von nachbarlicher Freund⸗ ſchaft und Huͤlfsleiſtung zu erinnern. Auf den Knieen flehte der Herzog um Schonung der Burg. Allein der Meiſter gab zur Antwort: vertheidigt die Burg, wenn ihr es vermoͤgt; getrauet ihr euch aber nicht, ſie zu behaupten, ſo ziehet frei mit den Eurigen von dannen!“ Waͤhrend er jedoch hierauf den Herzog durch ein Gaſtmahl laͤnger bei ſich im Lager hielt, ließ er mittlerweile die Burg umlagern und beſtürmen, alſo daß Kaſimir, als er zuruͤckkehren wollte, die Ordensfah⸗ nen bereits in der Stadt wehen ſah und ſich genoͤthigt fand, des Meiſters Erbieten eines freien Abzuges mit den Seinen ohne weiteres anzunehmen ). Nach andern Zeugniſſen da⸗ 1) Wie aus dem Zeugenverhoͤre hervorgeht, folgte die Belagerung Dirſchau's ſogleich auf die Eroberung Danzigs. 2) Das Zeugenverhoͤr nennt dominum ducem Kazimirum, dncem Cujavie, possidentem nomine domini Regis tunc ducis, castrum et bnrgum Trschow, und der Dechant von Leßlau ſagt aus: frater meus germanus Comes Suentoslaus tenuit castrum Trschow domini Regis. Dieſer Suentoslav war ein Pommer. Vgl. Diugoss. p. 930 und über die Verwandtſchaft Kaſimirs mit dem Herzoge Wladislav De ul l. c. p. 508. 3) So die Polniſchen Quellen Diugoss. I. c. Cromer p. 268, Meckow p. 202, und außer ihnen auch das Zeugniß des Antonius An- draee de Cuyavia miles, unus de testibus, qui fuit familiaris Cazi- miri et cum eo in Torsaw (Dirſchau); er ſagt, daß er den Herzog
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Eroberung Danzigs u. Dirſchau's durch den Orden (1308). 219 gegen ward Dirſchau hart belagert. Sowohl die Beſatzung der Burg als die Bewohner der Stadt leiſteten ſo heftigen Widerſtand, daß das Ordensheer empfindliche Verluſte erlitt, bis die Burg mit Sturm erobert in Flammen aufging und die Beſatzung ſich durch die Flucht rettete !). Nun erſt auf die Nachricht von dieſen Ereigniſſen ſah Herzog Wladislav ein, wie unklug er gehandelt, daß er den Orden da hatte hintreten laſſen, wo er ſelbſt mit dem Schwerte hätte ſtehen ſollen. Da er aber fuͤrchtete, der Meifter von Preuſſen moͤge ſich mit den Markgrafen von Brandenburg wohl leicht verſtaͤndigen und dann fuͤr ihn ganz Pommern verloren gehen, ſo ließ er jenen in der Hoffnung, daß muͤnd⸗ liche Unterhandlungen ihm Danzigs Beſitz wieder zubringen könnten, durch eine Geſandtſchaft um eine perſoͤnliche Zuſam⸗ menkunft erſuchen. Heinrich von Plotzke darin einwilligend traf bald darauf mit dem Herzoge in Krajowiz in Cujavien zuſammen. Der langen Rede Wladislav's über früher erwie⸗ ſene Wohlthaten und Beguͤnſtigungen, uͤber die Pflicht der Dankbarkeit und die fernere Verwahrung der Ehre und des achtbaren Namens des Ordens vor der Welt ſetzte der Land⸗ meiſter die kurze Erklaͤrung entgegen: ſeiner Seits werde er mit ins Feldlager des Landmeiſters begleitet habe und daß dieſer flexis genibus et junctis manibus coram dicto magistro supplicavit, ut sibi promissa servaret; aber der Meiſter habe ihm geantwortet: quod aut se in castris defenderet, aut exiret terram salvis personis et rebus. 1) Auch dieſe Angabe finden wir im Zeugenverhoͤre, wo es z. B. heißt: Quo facto (i. e. castro Gdanczk occupato) statim progressi snnt ad castrum Trschow, quo per vim kabito, fugientibus posses- soribus Castri pre timore stragis premisse, mox dietum Castrum cre- maverunt. Auch andere Zeugen ſprechen von der Belagerung Dirſchau's mit Wurfmaſchinen und daß der Meiſter dabei beträchtlichen Schaden erlitt, fagt er felbſt in einer ſpaͤtern Urkunde. Die Verbrennung Dir⸗ ſchau's wird in dem Zeugenverhoͤre den Ordensrittern Schuld gegeben. Aber was konnte ihnen an der Vernichtung der Burg liegen? Hatten ſie nicht gerade ein Intereſſe, die Burg erhalten zu ſehen? Nach dem, was fpäter erzählt werden wird, möchte es faſt ſcheinen, daß die Buͤrger von Dirſchau fie in Brand geſteckt.
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220 Eroberung von Schwez durch den Orden (1308). den mit Boguſſa geſchloſſenen Vertrag getreu und puͤnktlich halten; Danzigs Beſitz ſtehe dem Herzoge frei, ſobald er dem Orden die Kriegskoſten verguͤtet; die Summe belaufe ſich jetzt auf hunderttauſend Mark Boͤhmiſcher Groſchen ). — Des erſchrack der Herzog, denn die Forderung ſchien ihm ungeheuer. Er deutete auf die Nothwendigkeit einer ſchieds⸗ richterlichen Entſcheidung hin; allein der Landmeiſter ſchlug ſie aus und da nun Wladislav bei den Gebietigern des Or⸗ dens nur die Abſicht zu entdecken glaubte, ſich auf dieſem Wege Pommerns zu bemaͤchtigen, ſo brach er zornig und erbittert alle Unterhandlungen ab und begab ſich ſchnell von dem Orte hinweg ?), unſchluͤſſig über die Schritte, welche nun zu thun ſeyen, denn er war allerdings in der bedraͤng⸗ teſten Lage, einer Seits im Kriege mit dem Herzoge Hein⸗ rich von Glogau und mit den Markgrafen von Brandenburg, anderer Seits nie ſicher gegen die immer wiederholten Einfaͤlle der Litthauer ), gegen die er nie das Schwert niederlegen durſte und dabei nicht im Stande, weder zu dieſen Kriegen noch zur Befriedigung des Ordens die nöthigen Mittel aufzubringen. Ungleich ſicherer hatte ſich nun ſchon der Orden ſein Ziel geſteckt. Pommerns Beſitz ſchien kaum noch zweifelhaft, ſeit es entſchieden war, daß Herzog Wladislav die Anforde⸗ rung nicht erfuͤllen koͤnne, und fo ging man dieſem Ziele nun 1) De Wall. c. p. 471 zweifelt an der Höhe dieſer Forderung, wie die Poln. Scribenten fie angeben, indem Schütz p. 55 den Meifter ſagen laſſe: es ſey eine Schande, daß ein fo gewaltiger König „ſo ein geringes Geld“ nicht zahlen koͤnne. Wenn jedoch De Wal annimmt, daß Schuͤtz, qui avoit sous les yeux les archives de la ville de Dantzig; persuade que les historiens Polonois ont exagéré la somme, que les Teutoniques r&petoient, comme ils ont altéré la verit& dans toute la suite de cette affaire, fo ift doch wohl ſehr zu zweifeln, ob Schutz hier⸗ uͤber gerade etwas im Archiv zu Danzig gefunden habe. 2) Dlugoss. p. 927. Cromer p. 274. Mechow p. 201. Lucas David B. VI. S. 11 ff. ſchoͤpft aus dieſen Quellen. 8) Diugoss. p. 923. Kojalowiez p. 233. Auch im Zeugenver⸗ hoͤre heißt es, daß dieſe Ereigniſſe erfolgt ſeyen domino Rege, tunc Dnce, in remotis agente et contra Scismaticos pugnante.
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Eroberung von Schwez durch den Orden (1308). 221 auch mit um ſo feſterem Schritte entgegen. Um den Weich⸗ ſel⸗Strom, Pommerns alte Graͤnze, zu beherrſchen und um dem Herzoge von Polen auch den letzten feſten Punkt hier zu entreißen, mußte jetzt die alte Burg Schwez gewonnen werden. Das Unternehmen indeß war aͤußerſt ſchwierig. Schon die Lage und naͤchſte Umgebung der Burg ſtellte dem Belagerer große Hinderniſſe entgegen, denn in dem Winkel gelegen, wo ſich der Weichſel-Strom und das aus den Waͤl⸗ dern Pommerns herabſtroͤmende Schwarzwaſſer vereinigen, hatte ſie an dieſen Gewaͤſſern ſchon eine natuͤrliche Schutz⸗ wehr, wenn gleich in damaliger Zeit weder der eine noch der andere dieſer Fluͤſſe ihre Mauern ſo nahe, wie jetzt be⸗ ſpuͤlte. So war ein Angriff auf die Burg nur von Suͤden aus moͤglich, wo aber zu ihrem Schutze außer der Stadt auch noch eine ſtark umwallte Vorburg ſtand. Ohnedieß war ſie von alter Zeit her außerordentlich befeſtigt und Mauern und Waͤlle von einer Staͤrke, wie ſie ſelten an den Burgen des Ordens zu finden ſind. Vier maͤchtige Wehrthuͤrme, von denen der eine der Zeit bis dieſen Tag getrotzt hat, alle von ausge⸗ zeichneter Hoͤhe und Feſtigkeit und durch Wehrmauern in Verbindung geſetzt, gaben der Burg ein großartiges und er⸗ habenes Anſehen, ſo daß es kaum moͤglich ſchien, die Feſte zu gewinnen. Außerdem ließ jetzt eine zahlreiche Beſatzung den entſchloſſenſten Widerſtand befuͤrchten, denn außer der anſehn⸗ lichen Mannſchaft, welche früher ſchon Herzog Przemislav von Cujavien, Wladislav's anderer Neffe und Statthalter in die⸗ ſem Theile Pommerns, unter dem Befehle der Caſtellane Bogumil !) und Michael in die Burg gelegt, war auch Herzog Kaſimir nach dem Verluſte Dirſchau's mit deſſen Beſatzung nach Schwez geflüchtet 2). Doch vor allen dieſen Schwierigkeiten erſchrack der Land⸗ 1) Dieſer Bogumil war ein Bruder des Biſchofs Florian von Ploczk. 2) Dlugoss. p. 93 1. Auch das Zeugenverhoͤr erwähnt es öfter, daß Herzog KRafjmir von Dirſchau nach Schwez geflüchtet ſey und daß domini Primislius et Kazimirus, duces Cuyavie, possederunt Castrum Swecense.
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222 Eroberung von Schwez durch den Orden (1308). meiſter nicht und noch vor dem Ende des Jahres 1308 ſchritt er zur Belagerung. Ueber vier Wochen lang waren vier Be⸗ lagerungsmaſchinen in beftändiger Bewegung und immer ohne Erfolg, denn Bogumil der Befehlshaber der Beſatzung und die übrigen Polniſchen Ritter leiſteten die ſtandhafteſte Gegen⸗ wehr und alle Angriffe des Ordensvolkes von den in der Nähe der Burg errichteten hölzernen Thuͤrmen wurden mit Gluͤck zuruͤckgeworfen. Vergebens ſchreckten die Ordensritter mit zwoͤlf aufgebauten Galgen, wenn die Burg mit Sturm erobert werde). Da foll es den Ordensgebietigern gelun⸗ gen ſeyn, einen Pommeriſchen Edelmann, der ſich in der Burg befand, durch Beſtechung zur Verraͤtherei zu gewinnen. Die⸗ fer Mann, mit Namen Czedrowitz ?), durchſchnitt, wie be⸗ richtet wird, in einer Nacht die Sehnen aller Balliſten und anderer Wurfmaſchinen und ging darauf zum Feinde uͤber. Am anbrechenden Morgen aber ließ der Meiſter eiligſt die Belagerungswerkzeuge den Burgmauern naͤher bringen und dieſe von neuem beſtuͤrmen. Die Burgbeſatzung ſchnell zum Widerſtande auf die Zinnen eilend fand mit Schrecken alle ihre Vertheidigungswaffen unbrauchbar; man griff zu allen 1) Uebereinftimmend mit Diugoss. p. 932 ſagt das Zeugenverhoͤr: Vallaverunt Suecze et cum quatuor machinis proiciebant ad Castrum bene quatuor septimanis, comminantes interfectionem seu suspensio- nem in patibulo Bogumilo Castellano ibidem et aliis Militihus nostris, qui per nos (Primislaum) in dieto Castro Swecze nomine dicti Regis fuerant locati, qui tandem compulsi ordinacionem fecerunt cum eis, quod salvis personis tantum, eos recedere permiserunt. Nach ber Ausſage eines Zeugen: Cruciferi ibi fecerunt turres ligneas circa Ca- strum ad facilius expugnandum, fecerunt XII patibula lignea ad ter- rendum eos in Castro, in quibus patibulis omni die duos vel tres pauperes, quos capere poterant, suspenderunt. Man vergeſſe freilich nicht, daß dieſes Ausſagen von parteiiſchen Polen find. So mag auch die Erzählung von dem Komthur von Mewe und feinen Stricken, mit denen er die Polen aufhängen wollte, mit dieſer Galgengeſchichte zu: ſammenhaͤngen und wohl nur ein Maͤhrchen ſeyn. 2) Dlugoss. p. 932 nennt ihn unum ex militibus castri, vocatum Andream Czedrowicz de armis et familia Gryphonum ducentem ge- nus; ebenſo Cromer p. 267. Lucas David B. VI. S. 19.
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Eroberung von Schwez durch den Orden (1308). 223 Mitteln der Gegenwehr, man ſtieß den Feind mit Stangen von den Mauern, man waͤlzte Steine auf ihn herab und ſo gelang es den Belagerten ſich noch mehre Tage zu vertheidi⸗ gen. Da jedoch eine ſolche Vertheidigung, wie man einſah, nicht lange dauern konnte und zu befuͤrchten war, der Feind werde bei laͤngerem Widerſtande eine ſchwere Rache uͤben, ſo bat man um einen Waffenſtillſtand auf einen Monat mit dem Verſprechen, man werde die Burg uͤbergeben, wenn binnen dieſer Zeit nicht Huͤlfe komme. Der Landmeiſter bewilligte ihn, denn ohne Zweifel bedurfte auch ſein Kriegsvolk der Ruhe und Erholung in der winterlichen Jahreszeit. Herzog Wladislav ward eiligſt von der Lage der Dinge benachrich⸗ tigt und um ſchleunigſten Beiſtand gebeten. Da er ſelbſt zu ſehr in den unruhigen Verhaͤltniſſen ſeines Landes beſchaͤf⸗ tigt war, ſo ſandte er den Caſtellan Andreas von Rosberg mit einiger Mannſchaft zu Huͤlfe n). Dieſer indeß betrieb die Sache mit ſolcher Saumſeligkeit und kehrte ſo muthlos, noch ehe er den Feind geſehen, durch deſſen Staͤrke geſchreckt mit ſeinen Kriegsleuten wieder zuruͤck, daß nach Verlauf der Waffenruhe die Burg ſich ergeben mußte. Faſt zehn Wo⸗ chen 2) war ſie belagert geweſen und nicht ohne Trauer verließen die Herzoge Przemislav und Kaſimir nebſt dem Hauptmanne Bogumil und einer großen Zahl anderer vor⸗ nehmer Polen mit freiem Abzuge die lange vertheidigten Mauern ). Danzig, Dirſchau und Schwez waren jetzt vom Ordens⸗ volke beſetzt und da mittlerweile verſchiedene Ordensgebietiger 1) Nach dem Zeugenverhöre kam auch Michael Iudex Sandomir. mit einiger Huͤlfe herbei; allein er ſagt ſelbſt: Cruciferi erant valde potentes et subito preoecuparunt castrum. 2) Dieſe Dauer der Belagerung giebt außer Dlugoss. p. 933 auch das Zeugenverhoͤr an. 3) Im Zeugenverhoͤre heißt es in der Ausſage des Herzogs Prze⸗ mislav uͤber die Eroberung der Burg: Ipsi vero fratres, sic Castro recepto, ipsum igne cremaverunt. Davon weiß aber Dlugoss. I. e. nichts.
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224 Eroberung Pommerellens durch d. Orden (1309). mit einzelnen Heerhaufen auch mehre minder befeſtigten Staͤdte, wie Konitz, Tuchel, Schlochau und andere gewonnen hatten, ſo ſtand nun ſchon der groͤßte Theil von Hinter-Pommern unter des Ordens Gewalt 1). Ueberall aber verfuhren die Sieger ſtreng mit denen, die ihren Waffen widerſtanden und ihrer Herrſchaft ſich abgeneigt gezeigt hatten. Die Stadt Danzig verlor durch den Befehlshaber des Ordens ihre ſaͤmmt⸗ lichen Befeſtigunswerke und die Beſatzung beſchraͤnkte ſich bloß auf den Beſitz der Burg 2). Viele Ritter und Edle des Lan⸗ des, die wegen ihrer Anhaͤnglichkeit und Treue gegen den Herzog von Polen verdaͤchtig waren, wurden aus ihren Guͤ⸗ tern vertrieben) und mehre Staͤdte hochbeſchatzt und mit ſchweren Abgaben belegt *). In welche Bedraͤngniſſe aber einzelne Staͤdte wegen der vom Orden fuͤr ſeinen Schaden geforderten Genugthuung geriethen, davon giebt Dirſchau den Beweis, denn da das geſammte Eigenthum der ganzen Buͤrgerſchaft zum Schadenerſatze nicht hinreichte, fo mußten im Februar des Jahres 1309 der Rath und die ganze Buͤr⸗ gergemeine ſich urkundlich verpflichten nach Pfingſten ihre Stadt allzumal zu verlaſſen und nie wieder in ihre Mauern oder überhaupt nach Pommern zuruͤckzukehren ohne des Or⸗ densmeiſters und der Gebietiger beſondere Erlaubniß, doch alſo daß es ihnen freiſtehen ſollte, ſich in andere Staͤdte und 1) Dlugoss. p. 931. Kantzow Pomeran. B. I. S. 297 ſagt: „Der Orden hat das gantze Hinterpommern gewunnen biß an Stolp.“ 2) Im Chron. Oliv. p. 43 und Annal. Oliv. p. 37 heißt es we⸗ nigſtens: A. D. 1309 superbiam civium humiliare volentes, munitio- nem civitatis penitus destruxerunt et servato pro tempore castro Gedanensi etc. 3) Im Zeugenverhoͤre: Sie terram totaliter occuparunt, eiectis quibusdam Militibus de propriis bonis, quos suspectos habebant de fidelitate dicto domino Regi conservanda, aliis sue dicioni potencia- liter subiugatis. 4) Die Summe, welche der Orden theils hiedurch, theils aus den übrigen Einkünften des Landes gewonnen haben ſollte, wurde zur Ent⸗ ſchaͤdigung für den Herzog Wladislav auf 30,000 Mark angeſchlagen; ſ. Dogiel T. IV. Nr. 50. p. 45. Bgl. Baczko B. II. S. 51.
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Neue Schritte zur Behauptung Pommerellens (1309). 225 Doͤrfer des Ordensgebietes hinzubegeben ). Es war ein uͤberaus hartes Verfahren und in keiner Weiſe zu rechtfertigen. Doch aller Gewinn war bis jetzt nur der Erfolg eines Waffengluͤckes, dem nicht einmal eine beſonders mächtige Ge⸗ genkraſt gegenuͤber geſtanden hatte. Sprach auch allerdings fur den Orden ein gewiſſes Recht, Danzig in Beſitz zu neh⸗ men, als der Herzog ihm ſeine Forderungen nicht erfuͤllen konnte und war die Eroberung von Dirſchau und Schwez auch ſchon deßhalb nothwendig, um den Beſitz von Danzig durch dieſe wichtigen Punkte am Weichſel⸗Strome ſicher zu ſtellen, ſo konnte der Orden auf dieſe Verhaͤltniſſe doch noch keineswegs ein unbeſtreitbares und ewiges Beſitz⸗ und Ei: genthumsrecht auf Pommern begruͤnden; ja es ließ ſich ſelbſt nicht einmal vorausſehen, ob nicht die Fuͤrſten Polens einſt doch noch Mittel und Wege finden moͤchten, dem Orden Pom⸗ mern wieder zu entwinden. Wenn alſo das feſtgeſteckte Ziel, Pommerns rechtlicher und ewiger Beſitz erreicht werden ſollte, fo mußte jenem vorgebeugt, es mußte die Möglichkeit des Verluſtes des gewonnenen Landes auf alle Weiſe erſchwert werden. Und die Verhaͤltniſſe der Zeit waren auch hiebei dem Orden in aller Hinſicht guͤnſtig. Zuerſt ſchlug er den Weg des Kaufes ein, um einen feſteren Schritt nach Pom⸗ mern zu gewinnen, und Herzog Przemislav von Cujavien war es ſelbſt, der ihm hierin die Hand bot. Dieſer Fuͤrſt hatte an ſeinen Oheim den Herzog Wladislav eine Schuld⸗ forderung von viertauſend Mark Silber als Erſatz des Scha⸗ dens, den er in deſſen Dienſten bei der ihm uͤbertragenen Verwaltung eines Theiles von Pommern erlitten. Ohne Aus⸗ 1) Original⸗ Urkunde, datirt: A. d. M. Trecentesimo Nono pro- „ima quinta feria post festum purificationis Marie virg. glor. im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 84. Es heißt hier: Cum propter dampna gravia et iniurias plurimas que religiosis et honorabilibus dominis Magistro et fratribus ordinis sacre domus theutunice in Pruscya in illa dampnosa et miserabili discordia, que inter eos et nos heu longo tempore per- duravit, dinoscimur intulisse omnes facultates rerum et possessionum nostrarum ad satisfactionem debitam non sufficiant quoquo modo. IV. 15
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226 Neue Schritte zur Behauptung Pommerellens (1309). fiht zur Bezahlung dieſer Schuld entbot Przemislav dem Landmeiſter den Verkauf des Landgebietes zwiſchen der Weich⸗ ſel, der Nogat und dem friſchen Haff, welches das Fiſchwerder genannt wurde 1), denn dieſe Gegend gehörte ſchon laͤngſt nicht mehr zum Herzogthum Pommern, da Herzog Suantepolc ſie einſt als Erbtheil ſeiner Tochter Salome uͤberwieſen hatte, mit welcher ſie durch Heirath an das herzogliche Haus von Gujavien gekommen war 2). Der Landmeiſter ging jedoch hiebei mit aller Vorſicht zu Werke, denn nachdem er mit ſei⸗ nen Gebietigern den Ankauf dieſes für Danzigs Beſitz aͤußerſt wichtigen Landes beſchloſſen, ließ er zuvor die Herzogin Sa⸗ lome nebſt ihren Soͤhnen Przemislav und Kaſimir ſich mit den Grafen und Rittern ihres Herzogthums uͤber die Sache berathen und erſt als auch dieſer Stimmen zu dem Verkaufe erfolgt waren, wurde dieſer zu Orlow am achtundzwanzigſten October des Jahres 1309 in der Art vollzogen, daß der Or⸗ den fuͤr das ganze Gebiet die Summe von tauſend Mark Thorner Denare zahlte, die Herzogin dagegen nebſt ihren beiden Soͤhnen nicht nur fuͤr immer und ewig allen ihren Rechten und Anſpruͤchen auf das Land entſagte, ſondern auch den Orden in ſeinem rechtmaͤßigen Beſitze in dem Falle ver⸗ treten zu wollen verſprach, wenn etwa der aͤlteſte ihrer Söhne Herzog Leſtko gegen den Verkauf Einwendungen und Anfor⸗ 1) In einer Urkunde über dieſen Kauf wird das erwähnte Gebiet durch die Worte bezeichnet: Piscarium et bona seu villas inter Noga- tum et recens mare sitas; in einer andern heißt es: Omnes piscarias nostras, quas habuimus et habemus in fluviis Magno Kabel et par vo Kabel et in omnibus fluviis seu brachüs de Wyzla effluentibus vel se dividentibus in Recens mare et omnes villas nostras et bona no- stra, cum agris, pratis etc. ac omnibus pertinenciis in Insula inter Wyzlam et Nogatum ac recens mare sitas. 2) Salome, Suantepolcs Tochter (Cromer p. 257. De Wal Hist. de PO. T. II. p. 399) jagt daher auch ſelbſt: Cum omnia predicta nostra bona ad nos Ducissam Salome prenotatam et ad nemiuem alium sint ex successione paterna hereditarie devoluta. Sell B. J. S. 375 nennt unrichtig Salome eine Tochter Sambors und verwirrt ſich uͤberhaupt in der ganzen Sache.
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Neue Schritte zur Behauptung Pommerellens (1309). 227 derungen erheben ſollte 19. Mit dieſem Vertrage begab ſich wenige Tage nachher der Herzog Przemislav zum Landmeiſter nach Thorn und uͤberwies das Land foͤrmlich in den Beſitz des Ordens gegen Empfang der Kaufſumme 2). Nicht minder wichtig fuͤr den Beſitz von Danzig und Dirſchau war der Ankauf von neun Doͤrfern nordwaͤrts von der letztern Stadt in dem Gebiete zwiſchen der Weichſel und Motlau, im kleinen Werder, alſo in der Richtung nach Dan⸗ zig hin, welche die Gebruͤder Jacob und Johannes Unyslav, jener Caſtellan in Dirſchau und dieſer Unterkaͤmmerer daſelbſt, mit dem Heringsfange bei Wyslin und Neſſolin dem Orden fuͤr ſechshundert Mark verkaͤuflich uͤberließen, doch unter der den Or⸗ den ſichernden Bedingung, daß wenn irgend ein anderer recht⸗ maͤßiger Oberherr von Pommern ſich dieſe Doͤrfer und Be⸗ ſitzungen jemals wieder zueignen wolle, dieſer zuvor dem Orden nicht bloß die Kaufſumme, ſondern auch die Verbeſ⸗ ſerungskoſten wieder erflatten muͤſſe ). 1) Das Original dieſes Verkaufsinſtruments, datirt: in Orlow a. d. 1309 IV Cal. May im geh. Arch. Schiebl. L VIII. Nr. 13. Die Urk. des Landmeiſters ſteht in den Preuſſ. Lieferung. B. I. S. 503. Es iſt nicht zu uͤberſchen, daß gewiß mit Abſicht der Herzog Wladislav nur ſchlechthin princeps Cracovie genannt iſt, denn um den Titel eines Her⸗ zogs von Groß⸗Polen lag er mit Herzog Heinrich von Glogau im Kriege. 2) Der Landmeiſter ſtellte ihm daruͤber ein offenes Zeugniß aus, indem er atteſtirt, Premislaum ducem Cuiavie sibi ostendisse, se in servitio Patrui sui Vladislai Ducis Cracovie in gubernatione terre Pomeranie percepisse damni quatuor millia marcarum, cum autem Piscariam et villas inter Nogatum et recens mare hoc nomine si obstrietus habeat easque Cruciferis vendere velit etc., hoc testimo- nium illi Magister dat. Die Urk. ift datirt: Thorunii die S. Philippi et Iacobi an. 1809 und befindet ſich im National- Archiv zu Warſchau. 3) Das Verkaufsinſtrument doppelt im geh. Arch. Schiebl. XL. Nr. 6. 7., mit dem Datum: Marienburch a. d. 1310 XI Cal. Marcii. Die erkauften Dörfer heißen Osycze, Sonowo, Uthatino, Oteslave, Wislina, Bistra, Sedlisko, Vruchi, Ostrow und außerdem die tractura allecium dicta Wyslina et tractura in Nessolino. An einige dieſer Dörfer erinnern im kleinen Werder die jetzigen Dörfernamen Woſſitz, Wotzlaff und Weßlinken. Die beiden Verkäufer hatten dieſe Beſitzung ex donatione 15 *
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228 Neue Schritte zur Behauptung Pommerellens (1309). Doch noch im Laufe des naͤmlichen Jahres that der Orden den wichtigſten Schritt, um ſeine Herrſchaft in Pom⸗ merellen feſtzuſtellen. Er trat mit dem Markgrafen Walde⸗ mar von Brandenburg uͤber den Beſitz der eroberten drei Staͤdte und ihrer Stadtgebiete in Unterhandlungen, um ſich von dieſem durch Kauf ein volles und foͤrmliches Recht auf dieſe Staͤdte zu erwerben. Bis zum dreizehnten September des Jahres 1309 hatten die Verhandlungen ſich hingezogen, als an dieſem Tage zwiſchen dem Markgrafen und dem Land⸗ meiſter zu Soldin ein Vertrag zu Stande kam, nach wel⸗ chem jener dem Orden fuͤr die Kaufſumme von zehntauſend Mark Brandenburgiſches Silbers und Gewichtes die drei Ge⸗ biete von Danzig, Dirſchau und Schwez nach ihren alten Landesgraͤnzen !) nicht nur überließ, ſondern ſich auch ver⸗ pflichtete, dem Orden die Zuſtimmung uͤber dieſen Verkauf von dem Fuͤrſten von Ruͤgen und dem Herzoge von Glogau, weil ſie beide gleichfalls Anrechte zu haben meinten, zu er⸗ werben, auch die kaiſerliche Beſtaͤtigung beizubringen, waͤh⸗ rend dem Orden uͤberlaſſen bleiben ſolle, ſich des Papſtes Beſtaͤtigung auszuwirken. Man ſtellte den zweiten Februar des naͤchſten Jahres als den Tag, bis wohin der Orden im ruhigen Beſitze ſeiner Eroberungen bleiben und die erwaͤhn⸗ ten Zuſtimmungen und Beſtaͤtigungen eingeholt ſeyn ſollten; wofern dieſe aber nicht erfolgten, ſo ſollte der Kaufvertrag als aufgehoben betrachtet werden, um dann andern Berathun⸗ incliti principis Mestwini olim dei gracia ducis Pomeranie ad nostros progenitores retroactis multis temporibus delata. In das zweite Ver⸗ kaufsinſtrument ließ der Orden wohlweislich die im erſtern ausgelaſſene Bedingung ſetzen: quod si dicta bona a quocunque Domino, qui terre legitimus substitueretur Pomeranie gubernator vel quovis alio cuius- cunque condicionis existat fuerint inpetita, nos et nostri liberi su- perius noininati pro eisdem respondere tenebimur obligati. Idem vero Dominus vel Domini, qui quod absit, dicta bona sue vellent subicere dicioni, pretaxatis Magistro et fratribus empcionis summam ac melioracionem bonorum eorumdem tenebuntur restituere sine mora. 1) Das Chron. Oliv. und Annal. Oliv. p. 37 ſagen: usque ad terminos terrae Stolpensis.
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Neue Schritte zur Behauptung Pommerellens (1309). 229 gen Raum zu laſſen ). Die Rechtsanfprüche, welche Herzog Wladislav von Polen auf den Beſitz Pommerns behauptete :), waren dadurch ſchon offenbar ganz auf die Seite geſchoben, daß man die Zuſtimmung des Herzogs Heinrich von Glogau, den eine bedeutende Partei ſchon fruͤher zum Koͤnige von Po⸗ len erwaͤhlt, fuͤr den Verkauf einholen wollte. Dieſe bedeutenden Schritte zur Erwerbung Pommerel⸗ lens hatten aber gerade jetzt um fo leichter geſchehen konnen, da der Landmeiſter ſeine ganze Thaͤtigkeit und der Orden ſeine geſammte Kraft nach Weſten hatte wenden koͤnnen, in⸗ dem die oͤſtlichen Lande des Ordens um dieſe Zeit faſt un: geſtoͤrte Ruhe genoſſen, denn nur einmal wagten es im Maͤrz des Jahres 1309 fünftaufend Samaitiſche Reiter unter An⸗ führung der beiden Haͤuptlinge Manſte und Sudarge und mehrer ihrer Edlen auf der Kuriſchen Nehring herab in Sam⸗ land einzufallen und die Gebiete von Rudau und Powunden mit Brand und Verheerung heimzuſuchen, bis die Nachricht von der Ankunft eines maͤchtigen Ordensheeres ſie mitten in der Nacht zu eiligſter Flucht ſchreckte ). 1) Das Original dieſer urk. im geh. Arch. Schiebl. XLI. Nr. 2 mit dem Datum: Tu deme Soldine, na der bort godes Duſent jar drihundert jar in deme Negheden jare, des Sonavendes na unſer vrowen daghe alſo ſie geboren wart. Die Urkunde iſt durchſchnitten, zum Be⸗ weis, daß ſie caſſirt worden iſt, hat aber noch des Markgrafen Siegel. Steht in Gercken Cod. diplom. Brandenb. T. VII. Nr. XLI. p. 121, Baczko B. IL S. 81. Preuſſ. Lieferung. B. I. S. 504 eine ſchlechte Ueberarbeitung. Die Bemerkung Hennigs bei Lucas David B. VI. S. 66, daß dieſe Urkunde nur eine Ueberſetzung und nicht Original ſey, iſt ſicher ungegruͤndet und durch das Original im geh. Arch. an ſich ſchon widerlegt. Hennig hatte ohne Zweifel dieſe Urkunde nicht geſehen und ſeine vermuthete latein. Urſchrift hat ſich nicht gefunden. Daß Oelrich in ſ. Fortfeg. der Dregerſ. Url. Samml. S. 43 dieſe Urkunde zweimal auffuͤhrt, iſt allerdings auffallend; allein eine zweite Urk. ſcheint er damit nicht gemeint zu haben, wie Hennig glaubt. 2) Nach dem Exposé des droits etc. p. 331 hatte Wladislav gar keine Anſpruͤche. 3) Dusburg c. 296. Nach Jeroſchin heißen die richtigen Namen Manſte und Sudarge. Kojalowiez p. 284.
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230 Neuer Anlaß zum Zwieſpalt in Livland (1305). Weit bedenklicher waren ſchon ſeit mehren Jahren die Verhaͤltniſſe des Ordens in Livland, auf deren Verlauf wir jetzt gerade etwas näher zuruͤckblicken müffen, weil fie in ihren Folgen und Wirkungen eben im Jahre 1309 auch fuͤr die fernere Geſtaltung der Dinge in Preuſſen von großem Ein⸗ fluſſe waren. Es war aber der durch die Bemuͤhungen des Erzbiſchofs Iſarn bewirkte und durch des Hochmeiſters Gott⸗ fried von Hohenlohe Anweſenheit befeſtigte Friede zwiſchen dem Orden und der hohen Geiſtlichkeit!) nicht von langem Beſtande geweſen. Da der Erzbiſchof Johannes von Lund, in deſſen Stelle Iſarn nach des Papſtes Beſtimmung eintrat, die Annahme der erzbiſchoͤflichen Würde von Riga verweigerte und im Jahre 1303 ohne weiteres nach Rom ging ), fo blieb der erzbifchöfliche Stuhl zu Riga einige Jahre ganz uns beſetzt. Indeſſen hielt ſich der Friede zwiſchen dem Orden und der Geiſtlichkeit in dieſer Zeit noch aufrecht und als im naͤchſten Jahre der Boͤhmiſche Minoriten⸗Moͤnch Friederich vom Papſte Benedict dem Elften die erzbiſchoͤfliche Wuͤrde bekam ), ſchien die Ruhe um ſo weniger geſtoͤrt werden zu koͤnnen, weil er ſich nicht bloß auf ſeiner Reiſe zu Venedig mit dem Hochmeiſter Siegfried von Feuchtwangen uͤber die Berhältniffe feiner Kirche zu dem Orden friedlich verſtaͤndigt hatte), ſondern auch der Orden in Livland ihm bei feiner 1) ©. oben S. 170. 2) Vgl. die fleißig geſammelten Stellen hieruͤber aus den Quellen bei Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 358 — 359. 3) Ueber die Wahl dieſes Erzbiſchofs, die von den Livland. Schrift⸗ ſtellern, z. B. Arndt B. II. ©. 74, Hiaͤrn S. 190 ins J. 1302 ge: ſetzt wird, iſt kein Zweifel mehr, denn fon Gadebuſch S. 361 ſetzt ſie ins J. 1304 und Bergmann in ſ. Magazin fuͤr Rußlands Ge⸗ ſchichte B. I. H. I. S. 36 erwaͤhnt ſchon der Urkunde im geh. Arch. Schiebl. VI., welche das beſtimmte Datum vom 21. März 1304 für die Wahl angiebt. 4) Der Erzbiſchof ſagt ſelbſt in feiner nachherigen Klagſchrift: Dum ad nostram ecclesiam de Romana Curia transiremus, affectantes cum sepenominatis fratribus pacifice vivere, Venetias ad eorum Ma- gistrum generalem declinavimus, ubi cum eo pacta inivimus in hune
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Neuer Anlaß zum Zwieſpalt in Livland (1305). 231 Ankunft im Lande mit allen Zeichen der Hochachtung und mit Beweiſen des Vertrauens und des Wohlwollens entge⸗ genkam und die Stadt Riga nebſt den Vaſallen der Rigai⸗ ſchen Kirche ihn gleichfalls mit hoher Verehrung aufnahm und ihm Gehorſam leiſtete. So trat der neue Erzbiſchof auch friedlich und ungeſtoͤrt in den Beſitz aller der Rigaiſchen Kirche zugehoͤrigen Burgen und Gebiete und in den Genuß aller ihm zukommenden Einkünfte und Rechte ). Und den: noch dauerte dieſer Friede ſeitdem nicht einmal ein Jahr hindurch. Den erſten Anlaß zu neuem Zwieſpalte gab der Kauf des feſten Kloſters Duͤnamuͤnde. Die einſtuͤrmenden Heiden nämlich hatten ſich vor einiger Zeit dieſes Ciſtercienſer-Klo⸗ ſters bemaͤchtigt, alles ausgepluͤndert und den Convent da⸗ ſelbſt ermordet. Da es nicht moͤglich ſchien, das Kloſter in erforderlicher Art wieder einzurichten und aͤhnliche Anfaͤlle von modum, videlicet quod fratres eiusdem ordinis deberent ecclesiam nostram ab omnium inimicorum iniuriis defensare et in suis immu- nitatibus tueri et libertatibus conservare et hostilibus impugnatio- nibus totis conatibus resistere occasione qualibet non obstante. Nos vero versa vice promisimus eorum jura et libertates fideliter defen- sare, super quibus ordinationibus nobis patentes prefatus magister dedit litteras sui sigilli munimine roboratas. 1) In einer Urkunde im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 1, enthaltend „Hiſtoriſche Saͤtze und Deductionen des Procurators des Ordens in Liv⸗ land gegen das Erzſtift und die Stadt Riga ꝛc.“ heißt es uͤber dieſe Er⸗ eigniſſe: Probare intendit dietus procurator, quod Preceptor et fratres Ordinis per Lyvoniam constituti sibi associa verunt dictum fratrem Fredericum, cum primo ivit ad Ecclesiam Rigensem a Prusia usque ad ecclesiam Rigensem per XV dietas continue et eidem fratri Fre- derico secum conductum fecerunt et sibi et sue familie a dieta Prusia usque ad Civitatem Rigensem per dictas XV dietas omnes expensas. — Frater Frederieus qui se gerit pro archiepiscopo Rigensi post- quam ivit ad Ecclesiam Rigensem tenuit et possedit patifice et quiete omnia Castra, omnes villas, omnes campos, omnes silvas, omnes pi- scarias et omnia prata, que et quas Ecclesia Rigensis habebat et habet in tota dyocesi et provincia sua et omnes fructus et redditus et proventus ex eis per se vel per alios recepit pacifice et quiete.
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232 Neuer Anlaß zum Zwieſpalt in Livland (1305). den Litthauern oͤfter zu befürchten waren, fo hatten die bei⸗ den Aebte Libert von Duͤnamuͤnde und Dithmar von Falkenau daſſelbe fuͤr die Summe von zweitauſend Mark an den Or⸗ den verkauft!), von welchem es mit der Burg zu Duͤna⸗ muͤnde neu beſeſtigt und durch Waͤlle und Mauern gegen feind⸗ liche Anfälle auf alle Weiſe geſichert wurde 2). Für den Erz biſchof aber, den man uͤber den Verkauf gar nicht weiter unterrichtet hatte, wie nicht minder fuͤr die Stadt Riga war die Sache aus vielen Gründen von hoͤchſter Wichtigkeit. Du⸗ namuͤnde lag in feinem Biſchofstheile, alſo im Gebiete feiner Herrſchaft und ſchon darum ſchien er eine wichtige Stimme bei der Sache haben zu koͤnnen; es bildete ferner den Hafen fuͤr die Stadt Riga und ſein Beſitz war demnach fuͤr den Handel der Rigaer von unſchaͤtzbarem Werthe. Riga verlor außerdem durch den Verluſt dieſes Hafens ungemein an ſei⸗ ner ſonſt ſo guͤnſtigen Lage am Rigaiſchen Meerbuſen, wie ſelbſt auch an ſeiner Sicherheit, denn nicht ohne Grund nannte der Erzbiſchof dieſen ſo nahe gelegenen Hafen „den letzten Troſt und die letzte Zuflucht für ihn, feine Kirche und feine Stadt Riga“ ). Vergebens bot er aber alle möglichen Mit⸗ 1) Der Vertrag hieruͤber in einem Transſumte im geh. Archiv Schiebl. VI. Nr. 2. Die Original⸗ Urkunde, die uns zugleich den da⸗ maligen Landmeiſter von Livland Wenemar kennen lehrt, iſt datirt: a. d. 1305 in vigilia ascensionis domini. Es heißt darin: Pagani dictam domum Dunamunde dudum expugnarunt et conventum ibidem inter- fecerunt et in rebus ac personis posthec eciam multa dampna intu- lerunt, et eisdem paganis ulterius ibidem resistere non est, cum dicta domus edificiis ac proventibus deficere comprobetur. 2) Davon ſpricht der Papſt in einer Bulle vom J. 1319 im paͤpſtl. Copienbuche des geh. Archivs Nr. 376. 3) Wie der Erzbiſchof die Sache anſah, ſagt er ſelbſt in ſeiner nachherigen Klagſchrift, wo es unter andern heißt: Presumpserunt (fratres) ausu temerario nos vexare, volentes pacis foedera violare, castrum Dunemunde cu Monasterio in nostra sorte et in nostro si- tuatum dominio, portumque nostrum vicinum civitati Rigensi, ulti- mum solatium et extremum refugium nostrum, ecclesie, civitatisque nostrarum et omnium christianorum inibi commorantium, quem por- tum predecessores nostri constituerunt liberum, ut via intrare volen-
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Neue Zwietracht in Livland (1305). 233 tel und alle erdenklichen Unterhandlungskuͤnſte auf, um wie⸗ der zum Beſitze des wichtigen Ortes zu gelangen. So war alſo ſchon dadurch das alte Mißtrauen und der alte Groll zwiſchen dem Orden, dem Erzbiſchofe und der Stadt Riga von neuem aufgeſcheucht. Da kam noch folgender Umſtand hinzu, der nicht wenig beitrug, die Zwietracht zu vermehren. Da der Landmeiſter in Erfahrung brachte, daß die Buͤrger von Riga auf des Erzbiſchofs Anſtiften gegen den früheren Vertrag, den ſie freilich als vom Orden gebrochen betrach⸗ teten, ihr Buͤndniß mit den heidniſchen Litthauern wieder an⸗ geknüpft hatten, fo verſammelte er zu Dorpat feine übrigen Ordensgebietiger und ſchloß dort mit dem Biſchofe von Dorpat und mit den Daͤniſchen Vaſallen einen Huͤlfsvertrag zu Schutz und Trutz gegen alle Chriſtenfeinde. Man ſandte ſofort auch eine Botſchaft an die Rigaer, um ſie aufs ernſtlichſte ermahnen zu laſſen, ihr Buͤndniß mit den Litthauern unverzüglich aufzu⸗ geben und nie wieder mit dieſem Feinde des Glaubens Friede oder Waffenſtillſtand zu ſchließen, weil man ſonſt auch ſie wie dieſes Heidenvolk als Feinde behandeln muͤſſe. Allein der Erzbiſchof Friederich rieth den Rigaern aufs eifrigſte zur Aufrechthaltung ihrer Verbindung mit dieſem ihren natuͤrli⸗ chen Schutzverwandten !) und es trat ſomit der ganze arge Zuſtand der Dinge wieder ein, wie er vor Iſarn's Zeit ges weſen war. Nun geſchah, daß bald darauf ein bedeutender Litthauiſcher Heerhaufe, wie man ſagte, auf Einladung der Rigaer, ins Gebiet des Ordens und des Biſchofs einbrach, eine außerordentliche Beute zuſammenraubte und große Schaa⸗ ren von Gefangenen mit fich fortfuͤhrte. Als aber ein Or⸗ tibus et exire pateret libere, contra conscientiam rapientes et vio- lenter in magnum nostrum preiudicium detinentes. 1) In der ſchon erwähnten Urkunde im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 1 heißt es hierüber: Dictus frater Fredericus Archiepiscopus Ri- gensis precepit dietis Civibus Rigensibus, ut dictas coniuraciones, conspiraciones et confederaciones factas per ipsos Cives cum dictis Lytuinis contra predictos Episcopum, fratres et Milites dicti Regis servarent nec eas aliquo modo violarent.
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234 Klage des Erzbiſchofs gegen den Orden (1305). densheer ihm nachfolgte, um die Gefangenen zu befreien, floh er bis an die Stadt Riga, unter deren Mauern er ſich lagerte. Die Ordensgebietiger trugen Bedenken, hier den Feind anzugreifen, aus Beſorgniß, die Rigaer moͤchten ſich mit ihm verbinden. Erſt nachdem ſie dieſe durch ſiebenhun⸗ dert Mark zu dem Verſprechen erkauft, die Litthauer nicht unterftügen zu wollen, wagten fie den Kampf, während wel⸗ chem aber die ergrimmten Heiden alle chriſtlichen Gefangenen ohne Schonung niedermetzelten. Die Ritter ſiegten, ſaͤmmt⸗ liche Beute wurde dem Feinde entriffen und mehr als tau⸗ ſend heidniſche Gefangenen wuͤrgte das Schwert der Ritter hin ). Allein ſeitdem war der Haß und die Zwietracht zwi⸗ ſchen dem Orden, dem Erzbiſchofe und den Rigaern wieder auf den hoͤchſten Grad geſtiegen. Da trat plotzlich im September des Jahres 1305 der Erzbiſchof gegen den Orden mit einer ſchrecklichen Klagſchrift auf. „Die Ordensritter, ſo hieß es unter andern darin, zwin⸗ gen unſere Vaſallen und Riga's Buͤrger unter ihr Gericht. Uneingedenk des durch den Erzbiſchof Iſarn vermittelten Ver⸗ trages haben ſie den Rigaern, die ſie mit unzaͤhligen Be⸗ ſchwerden belaͤſtigen, auf die ungerechteſte Weiſe zweitauſend Mark abgepreßt. Sie haben ſich unſerer Burg Ixkul bemei⸗ ſtert und uns mehre unſerer Tafelguͤter und Burgen entriſ⸗ fen 2), überhaupt ſich fo vieler Beſitzungen unſerer Kirche bes maͤchtigt, daß ſie ſtatt eines Theiles wohl zwei Theile und wir kaum noch den dritten beſitzen, und ſelbſt in dieſen we⸗ nigen belaͤſtigen ſie uns noch Tag fuͤr Tag. Zwiſchen dem Erzbiſchofe und den Suffraganen, wie zwiſchen den Biſchoͤ⸗ fen und deren Kapiteln ſtiften ſie ohne Unterlaß Zwiſt und Unfriede, und dieſe benutzen ſie dann, um Guͤter und Kirchen 1) So nach der eben erwaͤhnten Urkunde, worin es noch heißt: Cives Rigenses dictis Lytuinis infidelibus in adveutu et in recessu victualia ministrarunt et vias eundi ad terras dietorum Episcopi et fratrum doceri fecerunt per suos nuncios. 2) Er nennt namentlich lacum nomine Lubanum, terram Astierne, Castrum Mithoviam et castrum Kerchholm.
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Klage des Erzbiſchofs gegen den Orden (1305). 235 gewaltſam an fich zu reißen. Wenn aber in ſolchem Zerwüͤrf⸗ niſſe die Heiden unſerer und anderer Chriſten Beſitzungen uͤberfallen und alles verwuͤſten, ſo denkt keiner von ihnen an Widerſtand gegen ſolche Einfaͤlle. Ja ſelbſt gegen Chriſten vielmehr ergreifen ſie das Schwert, die zu erwuͤrgen, welche ihnen nicht huldigen, ſeyen es Cleriker oder Laien. Seit drei Jahren nach dem zwiſchen ihnen und den Rigaern ge⸗ ſchloſſenen Vertrage hat ihr wildes Weſen in der Art zuge⸗ nommen, daß alles in unſerer Provinz ihr Schwert fuͤrchtet und niemand es mehr wagt, weder in Wort noch That ges gen ſie aufzutreten, nur die Stadt Riga ausgenommen, die ſich ihren frevelhaften Handlungen mannhaft widerſetzt, aber deßhalb auch von ihnen mit allem Haſſe verfolgt und mit gaͤnzlichem Untergange bedroht wird. Nach Nero's Art blut⸗ dürſtig morden ſie die unſchuldigſten Menſchen ohne alles Erbarmen, wovon der Beweis ihre neuliche That in Oeſel, an die wir nicht ohne Thraͤnen denken koͤnnen, denn als der Biſchof dort ſich ihren Schlechtigkeiten nicht fuͤgen wollte und ihnen widerſtand, brachen ſie mit einem ſtarken Heere in ſein Biſthum ein und erſchlugen verſteinerten Herzens dort viele Tauſende von Menſchen ohne Unterſchied des Geſchlechtes, Greiſe, Juͤnglinge und Kinder, als meinten ſie Gott damit einen Dienſt zu thun und ohne Reue zu empfinden über ihre Miſſethaten. In erledigte kirchliche Aemter an Kathe⸗ dralen oder geringeren Kirchen, es moͤgen biſchoͤfliche Wuͤrden oder minder wichtige Stellen ſeyn, ſetzen fie wifder alle ca⸗ noniſchen Verordnungen bloß nach Willkuͤhr und eigenmaͤch⸗ tig Perſonen ein und ſelbſt die Unwuͤrdigſten beſchuͤtzen ſie mit ihrem Schwerte. Uneingedenk des Zweckes, wozu ſie in dieſes Land berufen wurden, naͤmlich des Schutzes der Rigaiſchen Kirche, haben fie die dem Erzbiſthum zugehörige und an der heidniſchen Graͤnze gelegene Burg Ploczk den Heiden Üiberlaffen und eine andere, Duͤnaburg genannt, die: ſen fuͤr dreihundert Mark verkauft, ſomit die Graͤnze völlig frei geſtellt und alle dort wohnenden Chriſten zur Flucht ge⸗ zwungen. Mit jenen Heiden treiben ſie ſogar Handel mit
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236 Klage des Erzbiſchofs gegen den Orden (1305). Waffen, Eiſen und allerlei andern Waaren, ſchließen Ver⸗ träge mit ihnen und halten mit ihnen Zuſammenkuͤnfte, was doch alles Chriſten nicht erlaubt iſt. Die Prediger⸗ und Mi⸗ noriten⸗Moͤnche werden nicht ſelten gewaltſam von ihnen be⸗ handelt; ja es wird dieſen von ihnen ſogar verboten, den Heiden und Neubekehrten Gottes Wort zu verkuͤndigen. Für die letztern bauen fie weder Kirchen, noch ſtellen fie die noͤ⸗ thigen Geiſtlichen an. Unſere Anhaͤnger, die in unſerer Sache am Roͤmiſchen Hofe gegen ſie aufgetreten ſind, verfolgen ſie in wildem Zorne mit dem Schwerte, alſo daß wir kaum noch jemanden finden, der unſere und unſerer Kirche Angelegen⸗ heiten am Hofe zu Rom anbringen will, und ermorden ſie einen ſolchen, ſo rufen ſie ihm zu: Der Papſt wird dir hel⸗ fen!“ — Endlich erklärt der Erzbiſchof: er habe den Ordens⸗ rittern wegen Abſtellung und Unterlaſſung ſolcher Ungerech⸗ tigkeiten ſchon mehrmals wohlgemeinte und guͤtige Ermah⸗ nungen ertheilt; aber man habe ſie immer nur mit Verach⸗ tung, ſogar mit Drohungen hingenommen. Da habe er ſich ihnen endlich unter Beihuͤlfe der Rigaiſchen Bürger maͤnnlich widerſetzt; allein es ſey nun ſchon dahin gekommen, daß Glaube und Chriſtenthum und alle guten Sitten im Gebiete ſeiner Kirche bald gaͤnzlich untergehen muͤßten, wenn nicht der paͤpſtliche Stuhl mit einem Mittel einſchreite. Dieſen rufe er daher um Huͤlfe und Beiſtand an und bitte, daß er ihn, ſeine Kirche, ſeine Staͤdte, ſeine Lehensleute, alle ſeine Anhaͤnger und ſeine Beſitzungen in ſeinen Schutz und Schirm nehmen moͤge ). So groß die Zahl dieſer Anklagen, ſo ſchwer ſie zum Theil auch in ihrem Inhalte waren und ſo mannigfaltigen Anlaß die Ordensritter hie und da zu gerechten Beſchwerden wohl auch gegeben haben mochten — denn völlig ſchuldfrei 1) Das Original dieſer Urkunde mit dem Datum: In civitate Ri- gensi XVIII Calend. Octobr. a. d. 1305 im geh. Archiv Schiebl. XII. Nr. 6. Wir haben natuͤrlich den Inhalt dieſer weitläuftigen Anklage: ſchrift nur im Auszuge gegeben und nur die wichtigſten Punkte aus⸗ gehoben.
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Klage des Erzbiſchofs gegen den Orden (1305). 237 waren ſie gewiß keineswegs —, ſo ſprach ſich aus der Klag⸗ ſchrift des Erzbiſchofs doch ein Geiſt aus, der in keiner Weiſe unbedingten Glauben erwecken konnte. Die Feder war offen⸗ bar in Galle getaucht; die Schrift zeugte aufs deutlichſte von der bitterſten Leidenſchaft; ja der zornvolle Praͤlat hatte es nicht verſchmaͤht, das ſchwere Suͤndenverzeichniß ſelbſt durch die unwahrſten und ungerechteſten Behauptungen ſo viel als moͤglich zu vergroͤßern. So war es unwahr, wenn er in derſelben Schrift erklaͤrte, der Orden habe ſich Duͤnamuͤnde's mit Gewalt bemaͤchtigt, denn es war ja bekannt, wie er es durch Kauf erworben. Es war ferner unwahr, daß der Or⸗ den, wie ihn der Erzbiſchof beſchuldigte, aus der Kurlaͤndi⸗ ſchen Kirche rechtliche und ehrbare Geiſtliche gewaltſam ver⸗ ſtoßen habe, um dort nur Domherren aus ſeiner Mitte und durch dieſe auch nur Biſchoͤfe aus der Zahl ſeiner Ordens⸗ bruͤder einzuſetzen, denn der Hergang dieſer Sache war ganz anders und der Roͤmiſche Hof war ja laͤngſt mit dieſem Sy⸗ ſtem des Ordens einverſtanden ). Außerdem legte der Erz⸗ biſchof auch offenbar ein viel zu großes Gewicht auf unziem⸗ liche Aeußerungen einzelner gemeiner Ordensritter oder auf ausgebreitete Volksgeruͤchte, nach welchen die Ritter z. B. geſagt haben ſollten: „Da wir andere Erzbiſchoͤfe einkerkerten, ohne etwas dadurch erreicht zu haben, ſo wird es vielleicht beſſer gehen, wenn wir dieſen ermorden; es thut uns uͤber⸗ haupt leid, daß wir ihn nicht ſchon erſaͤuft haben, da er ſich unſern Planen in keiner Weiſe fuͤgen will.“ Kurz es leuch⸗ tete aus allem hervor, daß der Hauptzweck der Klagſchrift 1) Es bleibt dabei immer merkwuͤrdig, wie der Erzbiſchof die Sache anſah. Er ſagt: Sed nec sic eorum appetitus potuit satiari, quin- immo canonicos seculares probos viros utique et honestos de Cu- ronensi ecclesia eiecerunt et ibidem canoni cos sui ordinis locaverunt, qui episcopos non nisi sui ordinis, quos dicti fratres habere volunt, eligunt, sub quorum regimine fratres prehabiti faciunt quicquid vo- lunt, idem autem Curonensis et alii episcopi de eodem ordine as- sumpti modicis contenti propter dictoruin fratrum metum, jura sua- rum ecclesiarum defendere non presumunt.
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238 Vertheidigung gegen des Erzbiſchofs Klage (1306). auf nichts geringeres hinauslief, als durch Aufhaͤufung einer ungeheueren Suͤndenſchuld dem Orden in Livland von Rom her wo moͤglich den Todesſtoß zu bereiten 1). Gegen dieſe ſchwere Klage aber trat ſchon im naͤchſten Jahre 1306 ein Sachwalter des Ordens zu Rom mit einer ausfuͤhrlichen und gruͤndlichen Vertheidigung auf, indem er aufs buͤndigſte bewies, daß des Erzbiſchofs Beſchuldigungen nicht bloß theils auf Unkunde der bisherigen Verhaͤltniſſe des Ordens zu der Geiſtlichkeit in Livland und Preuſſen uͤber⸗ haupt, ſondern theils auch auf offenbar falſchen Angaben, ja ſelbſt auf reinen Erdichtungen beruhten. Er erklaͤrte es fuͤr unrichtig, daß die oberſten Ordensbeamten in Livland es ſich jemals erlaubt haͤtten, uͤber den Erzbiſchof, ſeine Suffra⸗ gane oder über Geiſtliche und Laien, die dem Erzbifchofe oder den andern Biſchoͤfen unterthan ſeyen, das Richteramt zu uͤben, ſie vorzuladen, ſie zu verurtheilen und ihnen dann zur Strafe ihre Guͤter zu entziehen; doch ließ er dabei nicht unerwaͤhnt, daß der Orden in Livland und Preuſſen ſchon länger als hundert Jahre?) von aller Jurisdiction des Erz⸗ biſchofs und der Biſchoͤfe frei ſey. Gegen die ſonderbare Anklage des Erzbiſchofs: von vierzehn Biſthuͤmern, welche der Kirche zu Riga ſonſt untergeben geweſen, ſeyen ſieben durch Schuld der Ordensritter gaͤnzlich untergegangen und ſieben nur beſtaͤnden noch und zwar auch dieſe in Schmach und Schimpf fuͤr den geiſtlichen Stand; erwiederte der Sachwal⸗ ter, daß in Livland und Preuſſen ja nie mehr als ſieben 1) Dahin zielten unter andern auch wohl deutlich die Worte: Cum dieti fratres propter hoc locati sint in nostra provincia, ut sint de- fensores Rigensis Ecclesie, in arcum pravum totaliter sunt conversi, ecclesiam nostram Rigensem et totum clerum in nostra constitutum provincia, hostiliter impugnando, nee sunt maiores inimiei sancte Romane ecclesie et nostre provincie sicut ipsi, quia per eorum enor- mia facta in magna parte christianitatis in nostra provincia est de- leta et breviter concludendo fides in substantia et mores in com- mansione pene delete videntur, nisi cito sedes apostolica pia mise- racione christianis compaciens, remedium adhibeat. 2) 2
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Vertheidigung gegen des Erzbiſchofs Klage (1306). 239 Biſthuͤmer vorhanden geweſen ſeyen und der Orden dieſe auch immer mit Gut und Blut zu erhalten geſucht habe. Die erzbifchöfliche Kirche zu Riga beſitze von der ganzen Diöcefe noch zwei Theile und genieße daraus noch alle Einkuͤnfte, wie vor funfzig Jahren; eben ſo die Kirche zu Oeſel. Die zu Dorpat habe aber nach paͤpſtlicher Anordnung nur die Hälfte des Landes der ganzen Diöcefe, die andere Hälfte der Orden. Daß die Kirche in Kurland mit Ordensbruͤdern beſetzt worden, ſey durch den damaligen Erzbiſchof von Riga und deſſen Kapitel mit Einſtimmung und Willen des Kur⸗ laͤndiſchen Biſchofes und ſeines Kapitels ſelbſt geſchehen. Ge⸗ gen die Anfaͤlle der nahen Heidenvoͤlker ſey dieſe Kirche und ihr Biſchof immer mit aller Kraft vom Orden vertheidigt worden und es habe dieſer in ſolchen Kaͤmpfen fuͤr das Biſthum über zweihundert Ordensbruͤder und mehr als zwei⸗ tauſend Kriegsleute aufgeopfert. Dann fuͤhrte der Sachwalter des Ordens eine Menge von Beiſpielen an, um die Beſchul⸗ digung zu widerlegen, daß der Orden ſich unbefugt in die Wahl der Biſchoͤfe oder anderer Praͤlaten eingemiſcht oder deren Anſtellung nur nach ſeinem Intereſſe geleitet. Er er⸗ Härte ferner, daß der Orden noch nie ſolche, die gegen ihn am Roͤmiſchen Hofe haͤtten appelliren wollen, an ihrem Vor⸗ haben oder auf ihrer Reiſe dahin im geringſten verhindert habe!). Die Burg Ixkul habe ein Lehensmann der Rigai⸗ ſchen Kirche dem Orden nur als Pfand fuͤr eine Geldſumme eingegeben und dieſer werde ſie ſogleich nach Entrichtung der Summe an den Lehensmann zuruͤckſtellen. Die Burg Mitau 1) Quod Preceptor et fratres dieti Ordinis per Lyvoniam con- stitnti, qui nunc sunt et qui ſuerunt in dicta provincia iam sunt C anni et plus illos, qui appellaverunt contra eos et eciam venientes ad Curiam Romanam contra eos permiserunt et permittunt libere et secure per eorum terras transire ac ipsos ire ad Curiam Romanam prout eis placebat et placet. Item quod predicti preceptor et fratres dicti ordinis per Lyvoniam et Pruciam constituti non prestiterunt nec prestant impedimentun appellantiBus contra eos et venientibus ad Curiam Romanan.
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240 Vertheidigung gegen des Erzbiſchofs Klage (1306). habe der Orden auf eigene Koſten erbaut und beſitze ſie als Eigenthum ſchon feit funfzig Jahren, eben fo die Duͤnaburg, welche die Heiden erſtuͤrmt und nach Ermordung aller dorti⸗ gen Ordensbruͤder vernichtet haͤtten. Die Beſchuldigung des Erzbiſchofs, daß der Orden die Litthauer und ihren Koͤnig Mindowe vom Chriſtenthum abtruͤnnig gemacht und die Geiſt⸗ lichen aus deren Lande verdraͤngt, widerlegte der Sachwalter durch die Thatſache, daß die Litthauer ihren zum chriſtlichen Glauben bekehrten Koͤnig bald nach ſeiner Ruͤckkehr mit allen Neubekehrten ermordet haͤtten und ſeitdem auch keine Biſchoͤfe und Geiſtlichen mehr in jenen Landen geweſen ſeyen 1). Weit entfernt aber, die Prediger- und Minoriten-Moͤnche an der Verbreitung des Glaubens unter den Heiden zu hindern, habe der Orden ſie vielmehr oft dazu eingeladen und aufgefordert. So begegnete er ferner auch der Anklage wegen Verhinde⸗ rung des Aufbaues neuer Kirchen durch den Beweis, daß auf des Ordens Antrag von den Biſchoͤfen vierzig Kirchen neu erbaut worden ſeyen. Auf des Erzbiſchofes Anklage, daß die Ordensgebietiger die Geiſtlichen aus Semgallen gaͤnz⸗ lich vertrieben, die Landes-Edlen zu einem Gaſtmahle ein- geladen, dabei aber verraͤtheriſch überfallen und verftümmelt und mehr als hunderttauſend bekehrte Semgallen gezwungen haͤtten, zu den Heiden in die Sklaverei zu entfliehen, ent⸗ gegnete der Sachwalter: es ſey allbekannt, daß die Bewoh⸗ ner des Biſthums Semgallen ganz freiwillig vom Chriſten⸗ glauben wieder abfallend alle dort befindlichen Ordensritter ermordet, die Burg Trunetene eingenommen und gaͤnzlich ausgepluͤndert hätten ?). So warf er ferner die Anſchuldi⸗ 1) Mindaw olim Rex Lytovie venit ad Curiam Romanam et in Romana Curia baptisatus est cum quibusdam suis familiaribus; item quod dietus Rex redditus ad Regnum Lytovie; item quod Lytuini statim dieto Rege reverso pro eo quod baptisınum receperat ipsum Regem et omnes qui cum co facti sunt christiani occiderunt; item quod in dieto Regno cessaverunt esse Episcopi, presbiteri, fratres minores et predicatores. 2) Diefe Beſchuldigung bezieht ſich auf folgenden umſtand. Nach dem
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Vertheidigung gegen des Erzbiſchofs Klage (1306). 241 gung, daß der Orden mit den Heiden Handel treibe, auf die Rigaer zuruͤck, indem dieſe, wie ja jedermann wiſſe, den mit den Chriſten im Kriege begriffenen Heiden Waffen, Ei⸗ fen, Kaufwaaren und Lebensmittel in Menge zugetragen und verkauft haͤtten, trotz allen Verboten der Kirche, zum großen Nachtheil der Chriſten und namentlich des Ordens, weshalb man mehrmals Rigaiſche Buͤrger, die ſolches gethan, gefan⸗ gen genommen und ihnen die Waaren entzogen habe. Die ſonderbare Anklage des Erzbiſchofs, daß die Ordensritter ihre im Kampfe gebliebenen Bruͤder und andere Chriſten ſtatt des Begraͤbniſſes zu verbrennen pflegten!) und daß ſie ſich, gleich den nahen Heiden, Wahrſagereien und Zeichendeutereien hin⸗ gaͤben, erklaͤrte der Sachwalter fuͤr die ſchnoͤdeſte Verlaͤum⸗ dung, eben ſo die Beſchuldigung, daß man den jetzigen Erz⸗ biſchof habe gefangen nehmen wollen; dabei aber ließ er nicht fruͤheren Vertrage ſollte der Erzbiſchof und der Orden alter alterum in negotiis fidei juvare. Demum Magister et ordo propter apostasiam Semigallensium a fide commoti una cum Archiepiscopo Rigensi, cuius adiutorium propter hoc invocarunt, terram Semigallens. intrarunt ipsamque ut patet ad fidem reduxerunt. Expost ipsis iterum apo- stantibus, Magister et ordo non obstante, quod Archiepiscopus Rig. per eosdem requisitus ipsis auxilium prestare denegavit, eandem ter- ram reintrarunt, ipsam iterum ad fidem committentes, cumque ex eo quod Magister et ordo absque adiutorio Archiepiscopi requisiti tamen, ut prefertur, dietam terram Semigallensem iterato sibi subicientes ex concordatis suprascriptis non credebant sibi aliquam partem terre huiusmodi debere, nova guerra insurrexisset et ipsa durante Semi- gallensis tercio a fide apostatarunt, et propter hoc petentes iterum auxiliun ad reintrandum dietam terram ab archiepiscopo, ipse dene- gavit et quod peius fuerat, cum Magister et ordo dictam terram cum eorum exercitu intrare volebant, ipse Archiepiscopus congregans exercitum contra eos huiusmodi pium opus impedire nitebatur. Et ibi tunc Magister cum magno exercitu fuit interfectus et succubuit. Demum non obstante strage huiusmodi Magister et ordo de novo dietam terram Semigallorum intrarunt absque adiutorio Archiepiscopi Rig., ipsamque iterum convertebant ad fidem terram ipsam retinentes. Ex quo lis inter ordinem et Episcopum super partibus ipsius terre fuit suscitata. 1) S. oben ©. 144. not. 2. IV. 16
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242 Vertheidigung gegen des Erzbiſchofs Klage (1306). unberuͤhrt, daß die Rigaer auf ſeinen Anrath, ungeachtet des fruͤher mit dem Orden geſchloſſenen Vertrages ihr Buͤndniß und ihre Verſchwoͤrung mit den Litthauern, den Chriſtenfein⸗ den, dennoch wieder erneuert und ſo den Orden, den Biſchof von Dorpat und die Vaſallen des Koͤniges von Daͤnemark in neue Gefahr geſetzt haͤtten ). Unwahr ſey ferner die Be⸗ ſchuldigung, fuhr dann der Sachwalter fort, daß der Orden des Erzbiſchofs geiſtliche Strafen verachte, da ja die Ritter in Livland wie in Preuſſen die durch Biſchoͤfe und andere Praͤlaten uͤber Kirchen ausgeſprochene Interdicte immer in Ehren gehalten; aber freilich kein Erzbiſchof oder Biſchof der ganzen Welt habe die Macht, den Ordensmeiſter, die Or⸗ densbruͤder und deren Kirchen mit Bann und Interdict zu ſtrafen, weshalb auch die durch den Erzbiſchof von Riga und ſeine Suffragane gegen den Orden oder einzelne Bruͤder ver⸗ haͤngten Bann⸗ und Interdictsſpruͤche immer an ſich ſchon nichtig und ohne Wirkung geweſen ſeyen, da nur der Papſt über den Orden ſolche Strafen verfügen koͤnne 2). Uebrigens habe ja der Orden in beiden Landen von jeher die von den Rigaiſchen Erzbiſchoͤfen Gebannten nach der Verordnung In⸗ nocenz des Dritten aus ſeinen Burgen und Haͤuſern entfernt und in gleicher Weiſe die Apoſtaten irgend eines Ordens. Oſt ſchon habe der Landmeiſter den Erzbiſchof Friederich er⸗ ſucht, ſich in die in feiner Diöcefe gelegenen Ordenskirchen zur 1) Dicti Cives Rigenses post adventum fratris Frederici ad ec- clesiam Rigensem renovavernnt confederaciones, conspiraciones, con- juraciones cum Lituinis, Sarracenis dictarum parcium, inimicis catho- lice fidei et dictorum fratrum et aliorum christianorum illarum par- cium et Episcopi Tarbacensis et vasallorum ipsius ecclesie et militum Regis Dacie. 2) Dieſe merkwürdige Anwendung einer früheren paͤpſtlichen Be⸗ günftigung des Drdens heißt: Archiepiscopi et Episcopi tocius mundi carent potestate excommunicandi et interdicendi Magistrum et fratres tocius ordinis Theutonicorum et eorum ecclesias. Sententie excom- municationis et interdicti late per Archiepiscopum Rigensem et suf- fraganeos suos et alios prelatos in dictos Magistrum et fratres ordi- nis et eorum ecclesias sunt et fuerunt ipso iure irrite et inanes,
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Vertheidigung gegen des Erzbiſchofs Klage (1306). 243 Viſitation und Confirmation der Kinder zu begeben; er habe dieſes jedoch beſtaͤndig verweigert und ſo ſeyen ſeit ſeiner ganzen Zeit weder durch ihn noch durch andere die Ordens⸗ kirchen viſitirt und den Kindern das Sacrament der Confir⸗ mation ertheilt worden. — In ſolcher Weiſe rechtfertigte, ver⸗ theidigte, widerlegte und berichtigte der Sachwalter des Ordens jeden einzelnen Punkt, in welchem der Erzbiſchof klagend wider dieſen aufgetreten war; aber zugleich warf er auf die Gegner des Ordens Anklagen und Beſchuldigungen zuruͤck, die von nicht minderer Wichtigkeit als die ihm aufgebürdeten waren). In Livland felbft ruhte vorerſt der Streit auf einige Zeit, denn der Erzbiſchof Friederich hatte ſich an den paͤpſt⸗ 1) Wir haben uns hier nur auf einen gedrängten Auszug des Wichtigſten aus dieſer Vertheidigungsſchrift des Ordens⸗Sachwalters beſchraͤnken muͤſſen, fo wie wir auch nur einzelne Anklage⸗Punkte aus der Schrift des Erzbiſchofes mitgetheilt haben, indem beide von ſehr bedeutendem Umfange ſind. Es fehlt der erſtern der Anfang und ſie ſcheint uͤberhaupt mehr nur ein Entwurf des Sachwalters geweſen zu ſeyn. Da ſie kein Datum hat, ſo iſt man uͤber die Zeit, in welche ſie gehört, in Zweifel geweſen. Bergmann Magazin für Rußl. Geſchichte B. I. H. I. S. 45 ſetzt fie ins 3.1309, allein ohne genuͤgende Gründe, denn der aus der Bulle bei Dog iel Nr. XXXVII entnommene will nichts ſagen. Die Urkunde giebt indeſſen ſelbſt den Beweis, daß ſie in die er⸗ fin Monate des J. 1306 gehört. Indem naͤmlich der Ordens⸗Sach⸗ walter beweiſet, daß auch die Preuſſiſchen Biſchoͤfe dem Erzbiſchofe von Riga die gebuͤhrende Ehrfurcht erwieſen, ſagt er: Episcopi qui fuerunt in dietis ecelesiis obediverunt in licitis et honestis dicto fratri Fre- derico Archiepiscopo Rigensi tamquam suo Metropolitano et prepo- sito et Canonicis ecclesie Rigensis. Episcopi qui π 1oͤ c sunt in dictis ecclesiis, excepto Episcopo Pomesanensi, qui mortuus est, obediunt Archiepiscopo et suo officjali in licitis et honestis. Item Cristanus olim Episcopus Pomesanensis, per cuius mortem nzne ultimo vacat ecclesia dieta obedivit Archiepiscopo in licitis et honestis, quam diu fuit in dicta ecclesia. Nun ſtarb aber dieſer Biſchof Chriſtian von Pomeſanien am 14. Decemb. 1505 (ſ. Hartknoch Dissertat. XIV. p. 225. Hartknoch Kirchengeſch. S. 167. Arnold Kirchengeſch. v. Preuſſ. S. 164) und die Wahl feines Nachfolgers ſiel in die erſten Zeiten des J. 1306; die Urkunde kann alſo auch nur in dieſer Zeit ab⸗ gefaßt ſeyn. 16 *
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244 Gefahrvolle Lage des Ordens (1307). lichen Hof nach Lion begeben, um dort in perſoͤnlicher Ge⸗ genwart ſeine Sache mit deſto groͤßerem Nachdrucke zu betrei⸗ ben. Von dort her erließ er an den Biſchof Engelbrecht von Dorpat ein nachdruͤckliches Ermahnungsſchreiben, den Orden aufzufordern, nach Beſtimmung des vom Erzbiſchofe Iſarn getroffenen Vergleiches alles zu erfuͤllen, was zu des Erzbi⸗ ſchofs Beſten gereihe'). Der Biſchof, durch den erniten Befehl ſeines Obern eingeſchuͤchtert, folgte zwar; da indeſſen ſein Sachwalter ſich erkuͤhnte, vom Landmeiſter Wenemar und deſſen Gebietigern Gehorſam und Unterwerfung gegen den Erzbiſchof zu verlangen und da es uͤberhaupt ſchien, als ſuche dieſer den Orden in Livland in ein dienſtpflichtiges Ver⸗ haͤltniß zu ſich und ſeiner Kirche zu ſetzen, ſo trat der Or⸗ densbruder Johannes von Elbing, Domherr zu Pomeſanien als Sachwalter und Sindicus des Landmeiſters und geſamm⸗ ten Ordens in Livland mit der Erklaͤrung gegen ihn auf, daß der Orden ſich zu dieſem Verhaͤltniſſe des Gehorſams und der Unterwürfigkeit nicht nur nicht verpflichtet erkenne, weil ein paͤpſtliches Privilegium ihn von aller biſchoͤflichen Jurisdiction völlig frei ſpreche, ſondern daß er im Namen des Ordens gegen dieſes Anſinnen auch foͤrmlich proteſtire, an den paͤpſtlichen Hof appellire und bis auf weiteres den ganzen Orden in Livland mit allen ſeinen Beſitzungen in den Schutz des apoſtoliſchen Stuhles erklaͤre 2). Während hierauf Wenemar's Nachfolger im Meiſteramte Gerhard von Jocke im Laufe des Jahres 1307, durch eine ziemliche Kriegsmacht aus Preuſſen verſtaͤrkt, in einem Kriege gegen die Ruſſen beſchaͤftigt war, bis gegen Pleſkow vordrang, den dortigen Statthalter Feodor vertrieb, die Stadt eroberte 1) Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 367. 2) Die Urkunde hierüber im geh. Archiv Schiebl. XXVIIL Nr. 1. Sie ift ohne Datum, gehört aber offenbar ins J. 1306. Der Livlän: diſche Meiſter heißt hier Reymarz; allein es iſt wohl kein Zweifel, daß dieſes der Name des in der Verkaufsurkunde von Dünamünde genann⸗ ten Wenemar ſeyn ſoll, denn da jene Urkunde kein Original, ſondern nur eine alte Abſchrift iſt, ſo kann der Name wohl leicht verſchrieben ſeyn.
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Gefahrvolle Lage des Ordens (1307). 245 und dann die Pleſkower zu einem ſehr nachtheiligen Frieden zwang !), herrſchte in Livland ſelbſt ziemlich Ruhe; am paͤpſt⸗ lichen Hofe dagegen ward der aͤrgerliche Streit zwiſchen dem Erzbifchofe und den Ordens-Anwalden mit aller Erbitterung fortgeſetzt. Der erſtere ließ es nicht an neuen Anklagen und neuen ſchweren Beſchuldigungen gegen den Orden fehlen und die Eroberung Pommerns durch die Ritter gab ihm hiezu bald neuen reichen Stoff, denn ohne Zweifel erhielt der Papſt durch ihn die uͤbertriebene Nachricht, daß bei der Einnahme Danzigs durch den Orden nicht weniger als zehntauſend Menſchen unter grauſamen Martern der Ordensritter umge⸗ kommen ſeyen 2). So wurden die Verhaͤltniſſe fuͤr den Orden immer be⸗ denklicher und die Gefahr faſt mit jedem Tage groͤßer, denn wenn auch die meiſten der Anklagen und Beſchuldigungen gegen ihn nicht bloß als unbegründet widerlegt und fir er: dichtet erklaͤrt, ſondern zum Theil auf den Erzbiſchof und die Rigaer ſelbſt zuruͤckgeworfen worden waren, fo war der Haß der Ankläger doch unvertilgbar und ihre Thaͤtigkeit zu neuen Umtrieben und Raͤnken fuͤr den Verderb des Ordens unermuͤdlich, und was das wichtigſte war — der Papſt Cle⸗ mens der Fünfte konnte keineswegs für einen Mann gelten, auf welchen der Orden irgend ſein Vertrauen ſetzen durfte. 1) Schütz p. 53. Arndt Th. II. S. 77. Hiaͤrn S. 196. Ka⸗ ramſin B. IV. S. 145. 2) Es iſt ſchon früher erwähnt, daß die von allen neuern Schrift⸗ ſtellern hieher gezogene Anklageſchrift bei Dagiel T. V. Nr. XX XVI. P. 25 nicht hieher gehört, obgleich fie dort mit der Jahresangabe 1308 verſehen iſt. Daß aber der Erzbiſchof von Riga im Laufe des J. 1308 neue Klagen über den Orden beim Papſte anbrachte, geht auch aus der paͤpſtlichen Bulle bei Dogiel ibid. Nr. XXXVII hervor, in welcher der Papſt unter andern ſagt: Novissime vero ad nostrum pervenit audi- tum, quod dilecti filii nobilis viri Vladislai Cracoviae et Sandomiriae Ducis terras hostiliter subintrantes, in civitate Gdansko ultra decem millia hominum gladio peremerunt, infantibus vagientibus in cunis mortis exitium inferentes, quibus etiam hostis fidei pepercisset. Wahr: ſcheinlich iſt es wenigſtens, daß der Erzbiſchof dieſe Nachricht verbreitete.
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246 Gefahrvolle Lage des Ordens (1309). Er hatte ja dieſem, außer den gewoͤhnlichen Beſtaͤtigungs⸗ bullen feiner Privilegien und Freiheiten !), faſt noch gar kei⸗ nen Beweis von beſonderer Gunſt und Zuneigung gegeben, vielmehr bereits hinlaͤnglich gezeigt, daß er den Ordensbrü⸗ derſchaften uͤberhaupt eben nicht beſonders zugethan ſey. Die ſchwere Unterſuchung gegen den Tempelorden hatte ſchon be⸗ gonnen und die Art, wie Clemens gegen dieſe Ordensritter in Frankreich verfahren ließ, die Willfaͤhrigkeit, mit der er ſich allen willkuͤhrlichen Schritten des Koͤniges Philipp ge⸗ gen die Tempelherren geſchmeidig fuͤgte, und die Leichtfertig⸗ keit, mit welcher er auch allen dieſem Ritterorden aufgebuͤr⸗ deten Beſchuldigungen Glauben ſchenkte, endlich ſein Geiz und ſeine Ehrſucht, durch die man leicht alles bei ihm in Bewegung ſetzen konnte: dieß alles mußte bei den oberſten Gebietigern des Deutſchen Ordens unter den obwaltenden Verhaͤltniſſen gewiß eben ſo große Beſorgniſſe erregen, als es bei dem Livlaͤndiſchen Erzbiſchofe die Hoffnung ſtaͤrken mochte, die Deutſchen Ordensherren wenigſtens aus Livland und Preuſſen verwieſen zu ſehen 2). Nun geſchah, daß der Papſt im Juni des Jahres 1309, ſey es weil er ſelbſt aus dem bunten Gemiſche von Klagen und Widerklagen, von Beſchuldigungen und Vertheidigungen das Wahre vom Falſchen nicht auszufinden wußte oder daß 1) Bulle des Papſtes Clemens V datirt: Avinion. II Non. Novemb. p- a. II im großen Privilegienbuche p. 89 — 90. 2) Kogebue B. II. S. 109 und 348 führt bei dieſer Gelegenheit einen Brief aus Rom an den Hochmeiſter an, in welchem dieſer von der drohenden Gefahr benachrichtigt worden ſeyn und den Rath erhal⸗ ten haben ſoll, den Papſt und die Kardinaͤle zu beſtechen u. ſ. w. Allein dieſer Brief, der ſich in einem alten Buche des geh. Archivs unter dem Titel: Dis font di Privilegia von Leyflant her, befindet, gehört keines⸗ wegs ins J. 1308 oder 1309, in welches ihn Kotzebue ſetzt, wie dieſer wohl leicht haͤtte ſehen koͤnnen, wenn er gewußt, daß der Papſt ſich da⸗ mals in Avignon aufhielt, denn es heißt ja ausdruͤcklich in dem Briefe, „das ſich der Pabſt richtet alle tage czu cziende von Rome “, abgeſehen von andern Gruͤnden, welche beweiſen, daß dieſer undatirte Brief in das Jahr 1392 zu ſetzen iſt.
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Gefahrvolle Lage des Ordens (1309). 247 der Orden felbft von ihm als gerechtem Richter eine ſtrenge Unterſuchung an Ort und Stelle verlangte, dem Erzbiſchofe Johannes von Bremen und dem Magiſter Albert von Mai⸗ land, Domherrn zu Ravenna und paͤpſtlichen Kapellan, den Auftrag ertheilte, ſich nach Livland zu begeben, dort die ge⸗ naueſten und forgfältigften Unterſuchungen uͤber alle dem Or⸗ den angeſchuldigten ſchwere Verbrechen und Graͤuelthaten an zuſtellen und ihm dann uͤber den ermittelten Thatbeſtand ei⸗ nen vollſtaͤndigen Bericht zukommen zu laſſen. Der ganze Geiſt indeſſen, in welchem dieſe Bulle abgefaßt war, die offenbare Parteilichkeit des Papſtes gegen den Orden ſchon vor begonnener Unterſuchung, die ſichtbare Abſicht deſſelben, durch den in der Bulle ſchon offen ausgeſprochenen Zorn und Ingrimm gegen die Ordensritter auch die beiden bevollmaͤch⸗ tigten Praͤlaten ſchon zum voraus gegen ſie zu ſtimmen, die ganze leidenſchaftliche Art, mit welcher Clemens in dieſer Bulle das lange Suͤndenverzeichniß gegen den Orden nicht blos wieder aufreihte, ſondern ihm auch offenbar ſchon vollen Glauben ſchenkte und wiederholt daruͤber ſeine Seufzer und ſeinen Herzenskummer ausließ, die in der ganzen Faſſung der Bulle unverkennbaren Merkmale des maͤchtigen Einfluſſes des Livlaͤndiſchen Erzbiſchofs auf die Anſichten des Papſtes in der ganzen Streitſache, wie auf deſſen bittere Stimmung gegen die Ordensgebietiger, und endlich ſelbſt der auffallende Umſtand, daß der Papſt ſelbſt die offenbarſten und, wie es ſcheint, ihm keineswegs unbekannten Unwahrheiten und Er⸗ dichtungen unter den Anklagepunkten gegen den Orden in feine Bulle als unbezweifelte Wahrheiten mit aufnahm !), 1) 3. B. die grundfalſche Beſchuldigung, daß der Orden von vier⸗ zehn Suffragan⸗Kirchen, welche die Rigaiſche Metropolitan⸗Kirche ſonſt gehabt, ſieben ganzlich zu Grunde gerichtet und die ſieben andern in einen ſolchen Zuſtand gebracht habe, daß fie der Prieſterwuͤrde mehr zu Schmach und Schimpf gereichten, denn aus vier derſelben habe er die nach canoniſchen Geſetzen eingeſetzten Domherren vertrieben und ſeine eigenen Ordensbruͤder als Domherren an dieſe Kirchen gebracht, quos (ſratres) in eisdem de facto instituunt et destituunt, sicut volunt et
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248 Gefahrvolle Lage des Ordens (1309) mit einem Worte, die ganze feindſelige und parteiiſche Stel⸗ lung, welche Clemens in dieſer Bulle gegen den Orden an den Tag legte, ließ für dieſen in der angeordneten Unter⸗ ſuchung ſchon jetzt keinen gluͤcklichen Ausgang erwarten. „Wir muͤſſen aus dem Weinberge des Herrn, ſchrieb der Papſt, die Dornen der Laſter und das ſtacheliche Unkraut der Suͤn⸗ den ausreuten, welches ſeinen Boden zuweilen zu beſchatten wagt. Schon zu unſerer Vorgaͤnger und wiederholt auch in unſern Zeiten iſt durch ein maͤchtiges Geſchrei zur Kunde des apoſtoliſchen Stuhles gekommen, daß die Deutſchen Ordens⸗ ritter, in die Gebiete von Preuſſen und Livland dazu geſetzt, daß ſie den Kirchen, Geiſtlichen und den andern Bekennern des Glaubens wie ein maͤchtiger Wall zur Befeſtigung dienen und gegen die Anfaͤlle der Heiden Schutz gewaͤhren ſollen, zu ſchwerem Unglimpfe unſeres Erloͤſers, zur Schmach aller Glaͤubigen und zum Nachtheile des Glaubens wie Feinde im Hauſe und wie Widerſacher in der Familie geworden ſind, die nicht mehr für Chriſti Namen wider die Feinde des Glau⸗ bens auftreten, ſondern vielmehr, man ſtaunt es zu hoͤ⸗ ren, mit aller Liſt und Schlauheit wider Chriſtum kaͤm⸗ pfen, die Kirchen aller ihrer Guͤter berauben, gegen Chri⸗ ſten Kriege anregen, Erzbiſchoͤfe und Praͤlaten in ſcheusliche Kerker werfen u. ſ. w. Bei ſolchen Miſſethaten und Freveln wuͤrde in dieſen Landen, in welchen der Herr ſeine Kirche erweitert hat, durch die mit wilder Wuth im Innern herr⸗ ſchende Peſt der feſtgewurzelte und begruͤndete Glaube nicht tales eorum confratres pro canonicis se gerentes, eligunt in Episco- Pos, quos iidem Praeceptores et Fratres ınandant de suis confratribus eligendos, electi vero taliter falsa, immo verius confirmatione aliqua non obtenta in Episcopos se faciunt consecrar! etc. — Aber wußte der heilige Vater denn gar nicht und konnte er nicht leicht erfahren, wie es mit dieſen kirchlichen Dingen in Preuſſen ſtand, wie ganz anders es dabei hergegangen war, wie ſeine Vorgaͤnger ſelbſt dabei mit gewirkt und wie fruͤhere Erzbiſchoͤfe von Livland ſelbſt dieſe Einrichtung des Kirchenweſens im Ordensgebiete genehmigt und beſtaͤtigt hatten? War es Unwiſſenheit oder blinder Haß und Zorn, welche ihn ſolche Behaup⸗ tungen hinſtellen ließen? Oder war es nicht beides in gleichem Maaße?
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Gefahrvolle Lage des Ordens (1309). 2⁴9 nur nicht weiter mehr gedeihen, ſondern bei der fernern in⸗ nern Verfolgung voͤllig vertilgt werden und der chriſtliche Name dort gaͤnzlich untergehen, wenn nicht durch ein ſchnelles Heil⸗ mittel entgegengewirkt wird ).“ So war das Ziel alſo ziemlich ſcharf hingezeichnet, dem man am paͤpſtlichen Hofe entgegenſchreiten wollte. Es war nun klar, daß der Erzbiſchof von Riga waͤhrend ſeiner An⸗ weſenheit an jenem Hofe den Papſt ſchon voͤllig fuͤr ſeinen Plan zur Vertreibung des Ordens aus Livland und Preuſſen gewonnen hatte; aber es war auch unverkennbar, wie ſehr des Papſtes damalige Stimmung und Geſinnung gegen die Tempelherren, die er gerade in denſelbigen Tagen ſo offen und deutlich durch Wort und That ausſprach, auch in die Streitſache gegen den verbruͤderten Orden der Deutſchen Rit⸗ ter übergegangen war. Der Plan gegen dieſe war in der⸗ ſelbigen Art eingeleitet, wie er bereits gegen den Tempelor⸗ den auf des Papſtes Befehl und Anordnung in vielen Laͤn⸗ dern Europa's verfolgt wurde: durch eine Unterſuchung naͤm⸗ lich, bei deren Beginn die wichtigſten und ſchwerſten Ankla⸗ gen und Beſchuldigungen ſchon als erwieſen angenommen wurden und durch ein vom Papſte ſelbſt ſchon hingeſtelltes Ziel, auf welches die Unterſuchung der Anklagen hinauslau⸗ fen ſollte. Es mußte jetzt vom Orden aus irgend ein Schritt geſchehen, der es dem Papſte und dem Erzbiſchofe ſchwer und vielleicht unmoͤglich machte, ihren Plan durchzufuͤhren und durch den es dem Orden leichter ward, in dem Kampfe wider die beiden maͤchtigen Gegner mit ſeiner ganzen vereinten Kraft aufzutreten, und dieſen Schritt that der Hochmeiſter Sieg⸗ fried von Feuchtwangen von Venedig aus. 1) Dogiel T. V. Nr. XXXVII. Die Bulle ift datirt: Avinione XIII Calend. Iulii p. n. a. V. (19. Juni 1309).
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Viertes Kapitel. Nachdem der alte Meiſter des Ordens Gottfried von Ho⸗ henlohe angeblich zu Marburg in der erſten Hälfte des Jah⸗ res 1309 geſtorben war!), ſtand der Hochmeiſter Siegfried von Feuchtwangen, der ſich ſeit ſeiner Wahl meiſtentheils im Haupthauſe zu Venedig aufgehalten, nun unbeſtritten als 1) Daß Gottfried von Hohenlohe im Herbſte des J. 1308 noch lebte und von einer Partei auch noch als Hochmeiſter betrachtet wurde, beweiſet unter andern auch eine Urkunde in Jaeger Cod. diplom. ordin, Theut. mit dem Datum: Herbipoli a. d. 1308 in die Exaltacionis sancte Crucis, wo es uͤber die Beſiegelung heißt: In quorum permis- sorum testimonium hoc scriptum nostro, honorabilis et religiosi viri, fratris Gotfridi de Hohenloh ordinis fratrum tentonicor. Magistri Generalis etc. sigillis est diligentius roboratum. Die Urkunde ift vom Biſchofe Andreas von Würzburg ausgeftellt, der gleich vom Anfange der Spaltung an ein Goͤnner und Anhaͤnger der Partei Gottfrieds ge⸗ weſen war. Die gewoͤhnliche Annahme, daß Marburg der Ort des Todes Gottfrieds ſey, iſt keineswegs ſo ganz ſicher, denn die Urquelle dieſer Nachricht iſt einzig Simon Grun au Tr. X. c. 2, welchem ſie alle fpätere Chroniſten nur nachgeſchrieben haben, fo Henneberger p. 384. Auch Lucas David B. V. S. 145 wiederholt nur Grunau's Nachricht und da nun dieſer letztere ſeine Angabe mit der ganz unwah⸗ ren Behauptung verbindet, Gottfried von Hohenlohe ſey kurz zuvor noch einmal in Preuſſen geweſen, um die Ordensburgen zu viſttiren, fo iſt fein Bericht überhaupt ſehr verdaͤchtig. Gewiſſer iſt Gottfrieds Todesjahr 1309, obgleich De Wal Hist. de O. T. II. p. 378 anfuͤhrt, daß manche auch das J. 1308 annehmen. Leo p. 122 und 126 laͤßt Gottfrieden erſt im 3.1307 reſigniren und im J. 1308 ſterben. Seal p. 53 ſetzt ſogar feine Abdankung im Kapitel zu Elbing erſt ins J. 1309.
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Verlegung des Hochmeiſterſitzes nach Marienburg (1309). 251 das alleinige Oberhaupt des Ordens da, denn Gottfrieds im⸗ mer nur geringer Anhang vereinigte ſich jetzt mit den uͤbrigen Ordensgebietigern in Italien, Deutſchland und den nordiſchen Ordensgebieten in Siegfrieds Anerkennung als des rechtmaͤßi⸗ gen Meiſters, ohne daß es dieſer fuͤr nothwendig finden mochte, in einem neuberufenen Ordenskapitel, wie unzuverlaͤſſige Be⸗ richte ſagen, eine abermalige Meiſterwahl zu ſeiner einſtim⸗ migen Erhebung als Haupt des Ordens erfolgen zu laſſen 1). Blickte nun aber Siegfried von Feuchtwangen von ſei⸗ nem Haupthauſe zu Venedig aus mit klarer Beſonnenheit auf die Verhaͤltniſſe und die ganze Lage und Stellung feines Ordens hin, hielt er die Vergangenheit mit der Gegenwart zuſammen, in jener die Gruͤnde erwaͤgend, welche einſt den Meiſter des Ordens bei dem damaligen ſehnſuchtsvollen Blicke auf das Morgenland, als die Wiege der Ordensbruͤderſchaft, beſtimmt haben konnten, das Haupthaus in Venedig aufzu⸗ richten, und in dieſer die Umſtaͤnde und Verhaͤltniſſe betrach⸗ tend, unter denen ſich alles umgewandelt und anders geſtal⸗ tet hatte; ſah er ferner auf die Urſachen hin, welche ſchon feinen Vorgänger, den Meiſter Gottfried von Hohenlohe zu dem Gedanken einer Veraͤnderung ſeines hochmeiſterlichen Sitzes gefuͤhrt haben mochten, und faßte er dann noch ins Auge, wie ganz anders ſich ſeitdem noch die Stellung ſeines Ordens in den nordiſchen Landen entwickelt, wenn er eines 1) Auch dieſe allgemein als wahr angenommene Nachricht von einer zweiten Wahl Siegfrieds von Feuchtwangen hat nur den Simon Gru⸗ nau Tr. X. c. 7 zur erſten Quelle, der die Wahl zu Marburg im 3.1308 halten läßt. Allein auch in dieſem Berichte, den ſpaͤtere Chro⸗ niſten, wie Henneberger p. 280, Waißel p. 104 u. a. wiederum gläubig nachgeſchrieben haben, häufen ſich ebenfalls allerlei Unwahrheiten; denn es iſt z. B. unmöglich, daß Siegfried im Kapitel geſagt haben könnte, „umb ergermuß willen hab ichs (das Hochmeiſteramt) nicht wollen gebrauchen“, da wir in Urkunden ja die deutlichſten Beweiſe haben, daß Siegfried im J. 1305 u. ſ. w. als Hochmeiſter angeſehen wurde; of. Jaeger Cod. diplom. ord. theut. an. 1305. De Wal Hist. T. II. p. 380 erzählt den obigen Chroniſten die abermalige Hochmeiſter⸗ wahl ebenfalls nach.
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252 Verlegung des Hochmeiſterſitzes nach Marienburg (1309). Theils ſah, welchen aͤußerſt wichtigen Schritt der Orden ſo⸗ eben auf das linke Weichfel-Ufer gethan und wie nothwen⸗ dig es nun ſey, hier mit ruhiger Beſonnenheit zu Werke zu gehen und die fo vielfältig widerſtrebenden Intereſſen mit klu⸗ gem Geiſte auszugleichen, und wenn er andern Theils die große Gefahr erwog, die ſelbſt das fernere Beſtehen ſeines Ordens in Livland und Preuſſen durch den ergrimmten Erz⸗ biſchof von Riga vom paͤpſtlichen Stuhle aus bedrohte, eine Gefahr, die wie es ſchien unfehlbar hereinbrechen mußte, ſo⸗ fern der Argliſt und den ſchlauen Umtrieben des erbitterten Praͤlaten und ſeines Anhanges unter den obwaltenden Um⸗ ſtaͤnden am paͤpſtlichen Hofe nicht mit Kraft und feſtem Muthe begegnet werde: — mit einem Worte, hielt Siegfried von Feuchtwangen die ganze Ausdehnung, Groͤße und Wichtigkeit des Beſitzthums des Ordens im Norden und deſſen neuge⸗ ſtalteten Verhaͤltniſſe ſowohl nach Weſten als nach Oſten hin mit ſeiner Stellung als oberſter Gebieter des Ordens, mit ſeinem Berufe und ſeiner Pflicht als Hochmeiſter und mit feinem entfernten Aufenthalte im Haupthauſe zu Venedig zu⸗ ſammen, ſo mußte in ihm jetzt mehr als je der Entſchluß zur Reife kommen, den Gedanken Gottfrieds von Hohenlohe, den Meiſterſitz in Preuſſen ſelbſt aufzurichten, in Ausfuͤhrung zu bringen ); denn wenn auch damals gerade das Andenken der Menſchen an das heilige Grab ſelbſt in Deutſchland wies der lebendig erwachte und nochmals ſich wieder bedeutende Schaaren von Kreuzbruͤdern ſammelten, um das Morgenland noch einmal zu ſehen, fo konnte aus ſolchen einzelnen Auf⸗ wallungen der alten Sehnſucht der Orden nun ſchon gar keine Hoffnung mehr ſchoͤpfen e). 1) Die Quellen ſagen nichts von den in den Ordensverhaͤltniſſen ſelbſt liegenden Urſachen zur Verlegung des hochmeiſterlichen Wohnſitzes nach Preuſſen. Lucas David B. V. S. 147 ff. ſpricht nur von der von Seiten Venedigs dem Hochmeiſter gegebenen Veranlaſſung zur Ent⸗ fernung der Ordensgebietiger aus der argwoͤhniſchen Handelsſtadt. 2) Bothon. Chron. Bruns wic. Pictur, ap. Leibnitz Scriptt. rer. Brunsw. T. III. p. 373,
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Verlegung des Hochmeiſterſitzes nach Marienburg (1309). 253 Bereits hatte der Hochmeiſter auch aus andern Gruͤnden Venedig ſchon im Frühling des Jahres 1309 verlaſſen muͤſ⸗ ſen, denn es lag ſeit dem ſiebenundzwanzigſten Maͤrz auf der Stadt ein ſurchtbarer Bannfluch, weil ſich die Venetia⸗ ner Ferrara's bemaͤchtigt hatten, welches der Papſt als ein Beſitzthum des apoſtoliſchen Stuhles betrachtete und verge⸗ bens alle Mittel aufgeboten, es der Kirche zuzueignen ). Da Venedig mit dem Interdicte belegt, ſaͤmmtliche Einwohner für ehrlos erklaͤrt, alle Unterthanen des Eides der Treue entbun⸗ den und ſowohl den weltlichen als regularen Geiſtlichen aufs ſtrengſte geboten war, binnen zehn Tagen ſich aus dem Ge⸗ biete der Republik zu entfernen und alle Gemeinſchaft und Verbindung mit den Gebannten zu meiden, ſo hatte ſich der Hochmeiſter, um dem ergrimmten Papſte nicht neuen Anlaß zum Zorne gegen ſeinen Orden zu geben, von Venedig nach Marburg verfuͤgt, wo, wie es ſcheint, in einem verſammel⸗ ten General: Kapitel ihn feine bisherigen Gegner als Hochs meiſter einſtimmig anerkannten. Hier legte er wahrſcheinlich den anweſenden Gebietigern feinen Pan zur Veränderung des hochmeiſterlichen Wohnſitzes zur Berathung vor. Die Gefahren der Zeit aber mochten auch ſie jetzt ſtaͤrker an Ein⸗ tracht mahnen und zu reiferem Nachdenken uͤber das Heilſame und Nothwendige dieſer Veraͤnderung bewegen, denn daß der Meiſter ferner nicht mehr in Venedig verweilen koͤnne, mußte jedem einleuchten. Vor allem moͤgen auch die Gebietiger von Preuſſen jetzt die Ueberzeugung gewonnen haben, wie wohlbedacht und wie umſichtig und klug berechnet, aber wie dringend nothwendig es auch ſey, daß in ſolcher Zeit, wo es überall um fie her ſtuͤrmte und ein vom paͤpſtlichen Hofe her aufziehendes großes Gewitter ſelbſt ihr ferneres Daſeyn zu bedrohen anfing, des Ordens oberſtes Haupt unter ihnen ſelbſt wohne, damit den Gefahren, wenn ſie hereinbraͤchen, in Einem Geiſte Ein Wille und Eine Kraft entgegengeſetzt 1) Raynald. Annal. Eccles. an. 1308 Nr. 15—16. an. 1309 Nr. 6, Le Bret Staatsgeſchichte der Republ. Venedig O. I. S. 675.
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254 Verlegung des Hochmeiſterſitzes nach Marienburg (1309). werden koͤnnten. Die Berechnung perſoͤnlicher Vortheile in der bisherigen Stellung der oberſten Gebietiger ſcheint in der Verſammlung ſo wenig und hingegen die Uebereinſtimmung uͤber die nothwendigen Mittel zum Heile und Gluͤck des gan⸗ zen Ordens ſo allgemein der durchherrſchende Geiſt geweſen zu ſeyn, daß die Geſchichte keine Spur von ſolchen unruhi⸗ gen Bewegungen kennt, wie ſie gegen Gottfried von Hohen⸗ lohe erhoben wurden, als er ſeinen Plan den Ordensgebieti⸗ gern zuerſt in Memel vorlegte. Die auf dem Uferberge der Nogat hochprangende Ma⸗ rienburg ward vom Hochmeiſter zu ſeinem Wohnſitze auser⸗ koren. Dort erhob ſich auf dem Raume, wo bisher die Vor⸗ burg des nun ſchon uͤber dreißig Jahre en Ordens⸗ hauſes gelegen hatte, in ihrem Aufbau vielleicht ſchon ſeit dem Jahre 1306 begonnen, eine fuͤrſtliche Hofburg, die an Pracht ihres Schmuckes, an Groͤße kunſtſinniger Gedanken und an Erhabenheit der in ihr verwirklichten Idee ſchon in ihrer Gründung alles übertraf, was das Land in feinen uͤbri⸗ gen Ordensburgen aufzuweiſen hatte. Nicht wie die Ritter⸗ burgen Deutſchlands auf großen Höhen und Bergen aufge baut, in deren Umgebung der Zauberreiz der Natur den Geiſt zur Bewunderung mit emporhebt, ſondern dieſen Zauberreiz in ihrer Groͤße und Herrlichkeit und in dem Adel ihres Baues ſelbſt in ſich tragend erſtand die fuͤrſtliche Marienburg, nicht ohne einen klugen Blick ihres Gruͤnders in die Tage der Zu⸗ kunft faſt an der Graͤnzſcheide Pommerns und Preuſſens er⸗ baut, ſchon in ihren erſten Jahren in einem ſo eigenthuͤmli⸗ chen Geiſte, daß es der Kunſt in keinem Lande je wieder ge⸗ gluͤckt iſt, in ſolcher Geſtalt etwas Aehnliches zu ſchaffen. Und als nun dieſer in ſeiner Groͤße eben ſo bewunderungs⸗ wuͤrdige, wie in ſeinen Kunſtformen edle und erhabene Bau, gleichſam als der Orden ſelbſt nach ſeinem ganzen Geiſte und Character, nach ſeinen Sitten und Geſetzen, nach ſeinem gan⸗ zen innern Leben und Weſen wie für die Ewigkeit in Stein nachgebildet, bis zum Herbſte des Jahres 1309 vollendet da⸗ ſtand, geſchah es in der Zeit zwiſchen dem neunten und den
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Verlegung des Hochmeifterfiges nach Marienburg (1309). 255 einundzwanzigſten September, daß der Hochmeiſter mit ſei⸗ nen oberſten Gebietigern und dem ganzen fuͤrſtlichen Gefolge dort feinen Einzug hielt!) Es umfaſſen aber dieſe Tage eins der wichtigſten und ſolgenreichſten Ereigniſſe in der ganzen Geſchichte des Ordens und des Landes, denn wichtig und von nicht zu berechnenden Folgen begleitet war die Verlegung des hochmeiſterlichen Wohn⸗ ſitzes nach Marienburg nicht allein für dieſe Burg und für die unter ihren Mauern erſtandene Stadt, ſondern auch fuͤr das ganze Land und fuͤr den ganzen Orden, ja ſelbſt wichtig und einflußreich fuͤr den ganzen Norden und fuͤr die ganze Deutſche Bildung des nördlichen Europa's, denn in allen dies ſen Hinſichten erfolgten ſeitdem hoͤchſt bedeutende Umwand⸗ lungen der bisherigen Verhaͤltniſſe. Wichtig fuͤr die Marienburg ſelbſt war des Hochmeiſters Einzug ſchon dadurch, daß das Ordenshaus Elbing nun auf⸗ hoͤrte, die erſte und vornehmſte aller Ordensburgen im Lande zu ſeyn, indem von jetzt an die Marienburg in dieſen ihren Rang trat 2); und nicht blos in Preuſſen galt fie nunmehr 1) Vgl. meine Geſchichte Marienburgs S. 69, wo in einer An⸗ merkung der weitere Beweis uͤber die obige chronologiſche Angabe ge⸗ führt iſt. — Wir find leider über die ganze Sache faſt gar nicht uns terrichtet. Dusburg c. 297, der uns hier als Zeitgenoſſe vieles über den eigentlichen Hergang dieſes fo wichtigen Ereigniſſes hätte ſagen koͤn⸗ nen, iſt uͤber die Verlegung des Meiſterſitzes nach Marienburg ungemein wortkarg und außer ihm bieten auch andere Quellen nichts Erhebliches dar. Die durch einige Chroniſten in Gang gekommene Behauptung, daß von Venedig der Wohnſitz des Hochmeiſters zuerſt nach Marburg und von da aus nach Marienburg verlegt worden ſey (ſ. die Anmerk. b. bei Dusburg 1. c.) bedarf kaum einer Widerlegung mehr, denn außer den dawider ſtreitenden Beweiſen aus Urkunden fagt ja ſchon Dusburg I. c. ganz richtig, daß der Hochmeifter domum principalem, quae a tempore destructionis civitatis Achonensis fuerat apud Venetias, transtulit ad Castrum Mergenburg in Prussiam. Das Wahre kann alſo nur ſeyn, daß der Hochmeiſter, welcher Venedig ſchon im Frühe ling 1309 verlaſſen hatte, im Herbſt unmittelbar von Marburg nach Marienburg kam. 2) Daß Marienburg bisher deinen Vorrang unter den übrigen Or⸗
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256 Wichtigkeit der Verlegung fuͤr das oberſte aller Ordenshaͤuſer, ſondern auch darin hatte des Hochmeiſters Ankunft fuͤr ſie eine hohe Wichtigkeit, daß das oberſte Ordenskapitel, welches fruͤher in Akkon und nach⸗ mals zu Venedig ſeinen Sitz gehabt, nunmehr in ſie als in des ganzen Ordens Haupthaus verlegt wurde. So gingen nun von ihr an alle uͤbrigen Ordensgebietiger und in die Convente und Ordensbeſitzungen in allen Landen alle die Be⸗ fehle, Geſetze und Verordnungen aus, die uͤber Leben und Wandel aller einzelnen Ordensglieder, uͤber Verfaſſung und Einrichtung ſaͤmmtlicher Convente des Ordens und über die Verwaltung aller andern Ordensguͤter gelten ſollten. In ihr wurden von nun an die großen Ordens verſammlungen der Gebietiger gehalten, in welchen uͤber alles, was den Orden in irgend einer Hinſicht betraf, die noͤthigen Berathungen ge⸗ pflogen und die zweckdienlichen Beſchluͤſſe gefaßt wurden. Sonach war die Marienburg von jetzt an der Vereinigungs⸗ punkt der hoͤchſten Gewalt im Orden und für die Ordensglie⸗ der in allen Landen das wahrhafte „Haupthaus des ganzen Deutſchen Ordens“ geworden !). Aber ſchon darum nahm auch das bisherige ſtille Leben des einfachen Ritterconvents auf dem Hauſe Marienburg von jetzt an einen ganz andern Character an, denn es ward nicht nur die Zahl der Ritterbruͤder des Convents ums drei= bis vierfache vermehrt, ſondern auch das ganze Leben in der Burg gewann ungleich mehr an Regſam⸗ keit und vielſeitiger Beweglichkeit, indem der Kreis der taͤgli⸗ chen Beruͤhrungen, der Mittheilung und des Umganges ſich außerordentlich erweiterte. Der taͤgliche Ab- und Zugang von Fremdlingen aus allen Laͤndern, von Ordensbruͤdern aus allen densburgen gehabt habe und daß ſie keineswegs der Wohnſitz der Land⸗ meiſter geweſen, iſt in meiner Geſchichte von Marienburg S. 40 hin⸗ laͤnglich erwieſen. 1) Wie in den fruͤheren Zeiten Akkon und nachher Venedig in Be⸗ ziehung auf den ganzen Orden domus principalis ordinis fratrum Teuton. geheißen und in Hinſicht auf die Ordensburgen in Preuſſen Elbing die⸗ ſen Namen in Urkunden gehabt hatte, ſo ging er von jetzt an auf die Marienburg uͤber. S. m. Geſchichte v. Marienb. S. 77.
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des Meifterfiges nach Marienburg (1309). 257 Ordensbeſitzungen, ſelbſt aus Deutſchland und Italien, die öftere Anweſenheit von Geſandten und Botfchaftern fremder Fuͤrſtenhoͤfe, der oft zahlreiche Beſuch vornehmer und ſelbſt fürftlicher Gaͤſte am Hofe des Meiſters, dieß alles mußte un⸗ fehlbar auf die Bildung, den Geiſt und die ganze Lebens⸗ anſicht der Ritter zu Marienburg von dem bedeutendſten Ein⸗ fluſſe ſeyn, weshalb auch die Ordensbruͤder dieſes Convents an Weltkenntniß, an Einſicht und Gewandtheit des Geiſtes bald allen andern vorangeſtanden haben ſollen. Aber auch in der ganzen innern Hausverfaſſung ging durch des Hochmei⸗ ſters Einzug eine wichtige Veraͤnderung vor, denn in die Stelle des bisherigen Komthurs von Marienburg trat nun⸗ mehr ein Großkomthur, eine Gebietigerwuͤrde, die immer ſchon da beſtanden hatte, wo das Haupthaus des Ordens und das große Ordenskapitel geweſen waren n). Der Hoch⸗ meiſter erkor jetzt zu dieſem hohen Ehrenamte den bisherigen Landmeiſter von Preuſſen Heinrich von Plotzke, der jetzt nach dreijähriger Amtsverwaltung die Reihe der Landmeiſter von Preuſſen ſchloß, denn bei dieſer Umwandlung der Dinge ward ſeine Stelle nun aufgehoben. Nach dem Hochmeiſter galt nunmehr die Wuͤrde des Großkomthurs fuͤr die erſte und wich⸗ tigſte im ganzen Lande. An der Spitze der Gebietiger des Landes ſtehend und als beſtaͤndiger Komthur der Fuͤrſtenburg und des Ordens-Haupthauſes im oberſten Range als Ordens⸗ beamter war er ſtets des Meiſters erſter Rath und ſein Stell⸗ vertreter in ſeiner Abweſenheit 2). Ihm zunaͤchſt im Range ſtand der Spittler des Haupthauſes, eine Wuͤrde, die gleich⸗ ſam ſchon in der Wiege des Ordens mit ihre Entſtehung ge⸗ funden und wegen der fruͤhſten und urſpruͤnglichen Beſtim⸗ 1) Vgl. meine Geſch. Marienburgs S. 71. Anmerk. 69. 2) Die erſte bis jetzt bekannte Urkunde, wörin Heinrich von Nlotzke als Großkomthur vorkommt, iſt von ihm ſelbſt zu Thorn am Tage Mat⸗ thai (21. Sept.) 1309 ausgeſtellt; er nennt ſich darin Henricus de Ploczek erdinis fratrum s. Marie domus Theutunice Magnus com- mendator domus principalis Castri sancte Marie. Sie befindet fich im Raths⸗Archive zu Thorn Scrin. III. Nr. 13, IV. 17
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258 Wichtigkeit der Verlegung mung der Ordensbruͤderſchaft ſtets in hohen Ehren gehalten worden war. Der Meiſter verlieh ſie jetzt dem Grafen Eber⸗ hard von Virneburg, bisher Komthur von Königsberg‘). Die dritte Gebietigerſtelle verwaltete der Trapier des Haupthauſes, der Auffeher des Hausweſens im Convente, als der Beklei⸗ dung, der, Beſpeiſung der Ordensbruͤder und anderer zum Lebensunterhalte noͤthiger Dinge. Es iſt nicht bekannt, wel⸗ chem Ritter der Meiſter dieſes Amt hier zuerſt uͤbertragen habe. Der Treßler endlich oder der Schatzmeiſter des Haupt⸗ hauſes 2) ſchloß die Reihe der vier hohen Ordensgebietiger, die mit dem Hochmeiſter im Haupthauſe zuſammen wohnten; der Meiſter ernannte zu dieſem wichtigen Amte den Ordens⸗ ritter Johannes Schrape, der es auch eine ganze Reihe von Jahren bekleidete). In der erſten Zeit des Aufenthaltes des Hochmeiſters in Marienburg erſcheinen dieſe vier Ordens⸗ beamten noch nicht in der Stellung, in welcher ſie nachmals auftraten, denn wie ſie zu Venedig mit dem Meiſter in dem Haupthauſe zuſammen gelebt und außer ihren beſtimmten Amtsverpflichtungen in Sachen der Verwaltung die erſten ſeines Rathes geweſen und gleichſam den feſten Kern des Or⸗ denskapitels gebildet, ſo befanden ſie ſich auch hier in den erſten Jahren im Haupthauſe Marienburg beſtaͤndig an der 1) In der eben erwaͤhnten Urkunde heißt er: frater de Virnbure hospilalarius domus principalis. 2) Er kommt in Urkunden Thesaurarius domus principalis Castri saucte Marie genannt vor. 3) Es waren alſo die angeſehenſten Komthure aus Preuſſen ſelbſt, welche der Hochmeifter wahrſcheinlich wegen ihrer genauen Kenntniß der Landesverhaͤltniſſe zu dieſen oberen Ordensaͤmtern erkor, ſey es daß die bisherigen Verwalter dieſer Amtswuͤrden, die mit dem Hochmeiſter in Venedig gelebt hatten, nicht mit nach Preuſſen kamen oder doch hier wenigſtens nicht mehr in ihrer fruͤheren Stellung blieben. Wir kennen fie freilich auch faſt gar nicht, denn in Urkunden kommen ſie ſehr ſelten vor. Im J. 1306 war Marquard von Mezzingen Großkomthur und befand ſich in Deutſchland bei dem Deutſchmeiſter, nach Jaeger Cod. diplomat. an. 1306. Früher ſahen wir den Treßler aus Venedig ein⸗ mal in Preuſſen.
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des Meiſterſitzes nach Marienburg (1309). 259 Seite des Hochmeiſters, jetzt mehr nur als die erſten und oberſten Beamten des Haupthauſes betrachtet, indem erſt ſpaͤ⸗ terhin ihnen nicht nur zum Theile beſtimmte Ordensburgen als Wohnſitze angewieſen, ſondern auch ihre Wirkungskreiſe bedeutend erweitert wurden 1). Aber auch auf die Stadt Marienburg hatte des Meiſters Einzug in die Burg einen wichtigen Einfluß. Das alte Kulm behielt zwar auch forthin noch den Namen der Hauptſtadt des Landes; allein wie ſchon jetzt manche andere Städte, als Thorn und Elbing an Größe, Wohlſtand und Bevölkerung weit vorangeeilt waren, ſo ſtieg nun bald auch Marienburg weit uͤber Kulm empor, denn die Naͤhe des Fuͤrſtenhofes, der beſtaͤndige Zufluß und zahlreiche Beſuch von Fremdlingen aus allen Landen, der regere Betrieb im Handel mit ſtaͤdti⸗ ſchen Erzeugniſſen und der von ſelbſt ſchon erwachende Eifer in der Vervollkommnung der Gegenſtaͤnde ſtaͤdtiſches Gewerb⸗ fleißes konnte auf die Wohlhabenheit und den Reichthum der Bürger, auf die Foͤrderung der Gewerbe, auf die Erweite⸗ rung aller Kreiſe der Thaͤtigkeit, wie uͤberhaupt auf das fri⸗ ſchere Erbluͤhen des ganzen ſtaͤdtiſchen Lebens in allen feinen Verzweigungen unmöglich ohne große Wirkung bleiben. Aus ßerdem uͤbte auch ſchon an ſich das regere und großartigere Fuͤrſten⸗Leben in der Hofburg natürlich feinen Einfluß auf das Buͤrger⸗Leben der Stadt; wozu noch kam, daß Marien⸗ burg wegen des Meiſters Naͤhe auch bald der Vereinigungs⸗ punkt und Verſammlungsort der erſten ſtaͤdtiſchen Behoͤrden der Übrigen Städte Preuſſens wurde, wenn über gemeinſame Angelegenheiten der Staͤdte und des Landes mit dem Meiſter und den Gebietigern berathſchlagt werden ſollte, wie ſpaͤter⸗ 1) Schon die Benennungen Magnus commendator domus princi- palis, Hospitalarius domus principalis und Thesaurarius domus prin- cipalis zeigen, daß dieſe oberen Beamten vorerſt nur als Hausbeamten der Fuͤrſtenburg und noch nicht eigentlich als oberſte Ordensbeamten betrachtet wurden, denn als ſolche traten fie erſt einige Jahre fpäter auf. Vom Ordensmarſchall ift jetzt überhaupt noch nicht die Rede. 1 *
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260 Wichtigkeit der Verlegung hin unter andern die Berathungstage der Hanſeatiſchen Staͤdte Preuſſens in der Regel zu Marienburg gehalten wurden. Beſonders aber war auch fuͤr das ganze Land des Hoch⸗ meiſters nunmehr beſtaͤndige Anweſenheit in Preuſſen von der wichtigſten Bedeutung, denn zunaͤchſt erhielten ſchon die ein⸗ zelnen Bezirksverweſer oder die Komthure des Landes eine veränderte Stellung in Ruͤckſicht ihrer Verwaltung. Sie wa⸗ ren nun nicht mehr einem Landmeiſter, einer vom Hochmeiſter in ſo manchen Beziehungen ſehr abhaͤngigen, oft wechſelnden oder im Lande abweſenden und beftändig durch Verhaͤltniſſe des Krieges und des Friedens vielfach beſchaͤftigten Behoͤrde, ſondern nunmehr in allen wichtigen Dingen dem oberſten Ordenshaupte unmittelbar ſelbſt untergeben. Alles was in ihren Landbezirken neu anzuordnen, in ihren Staͤdten beſſer zu regeln, in der Verwaltung ihrer Gebiete naͤher zu beach⸗ ten und in ihren Ordenshaͤuſern neu einzurichten war, muß⸗ ten fie nun mit dem Hochmeiſter, dem Landesfuͤrſten felbft bera⸗ then und von ihm ſelbſt erhielten ſie die Beſtaͤtigung und Geneh⸗ migung ihrer Plane und Vorſchlaͤge in dem Geſchaͤftskreiſe ihrer Aemter. Dadurch ward bald ein ganz anderer Geiſt in des Landes innerer Verwaltung herrſchend; denn ſeit es jedem Unterthan möglich war, dem Landesfuͤrſten ſelbſt feine Bitten, Wuͤnſche, Ges brechen und Klagen vorzutragen, ſeit der Meiſter ſelbſt das Land öfter bereiſte und den Gedruͤckten um Erleichterung, den Ver⸗ armten um Huͤlfe, den Verfolgten um Recht und Beiſtand ſelbſt rufen hoͤrte, ſeit er mit eigenen Augen ſah, wo die Un⸗ ſchuld Beihuͤlfe, das Laſter und Verbrechen ſtrenge Strafe, das Vergehen neue Geſetze und der Mißbrauch neue Gebote erforderten; ſeit er ſelbſt bemerkte, wo das Land noch mehr an Bluͤthe und Gedeihen durch fleißigen Anbau, durch Schutz gegen die Gewaͤſſer, durch Kultur der Wuͤſtungen, durch Lich tung duͤſterer Waldungen oder durch Austrocknen der zahlrei⸗ chen Seen und Suͤmpfe gewinnen konnte: ſeitdem mußten auch die Komthure als die Verwalter einzelner Gebiete in den Pflichten und Obliegenheiten ihres Amtes ihre Thaͤtigkeit, ihre Sorgfalt und ihren Eifer für des Landes Aufnahme und
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des Meiſterſitzes nach Marienburg (1309). 261 Gedeihen in aller Weiſe verdoppeln. Und wie in dieſer Hin⸗ ſicht alles ſich bald anders geſtaltete, fo hatte des Hochmei⸗ ſters Gegenwart im Lande auch auf des Volkes ganze geiſtige Bildung den bedeutendſten Einfluß. Die Geſchichte zeigte, wie wenig im Ganzen im Verlaufe des dreizehnten Jahrhun⸗ derts unter den wilden Stuͤrmen des Krieges fr die religioͤſe und ſittliche Bildung des Volkes, zumal der Abkoͤmmlinge der alten Landesbewohner in dem Verhaͤltniſſe zu den religid- ſen und ſittlichen Beduͤrfniſſen geſchehen und wie oft die ſpaͤrliche Saat, die man hie und da ausgeworfen und eine Zeitlang gepflegt hatte, wieder niedergetreten worden war. Allerdings hatte der Germaniſche Bildungsgeiſt durch die ganze Geſtaltung der Verhaͤltniſſe des Landes zwar ſchon ſo tiefe Wurzeln gefaßt, daß er nicht wieder ausſterben konnte; auch trieb er hie und da zwar ſchon die erfreulichſten Fruͤchte und wucherte gleichſam ſchon von ſelbſt mit jedem Jahre weiter fort; aber er bedurfte doch immer noch der ſorgſamen War⸗ tung und Pflege, die das daneben noch fortkeimende Unkraut ausreutete; er bedurfte noch des Schutzes und feſter Geſetze, unter deren Hut und Schirm er ſich immer weiter verbreiten und unter deren Strenge die noch uͤbrigen Reſte und Spu⸗ ren der altpreuſſiſchen Eigenthuͤmlichkeit zuruͤckgedraͤngt und in ihrer Gegenwirkung geſchwaͤcht werden konnten; es bedurfte uͤberhaupt einer feſteren Landesordnung, durch welche das geiſtige Leben in ſeinen verſchiedenen Richtungen mehr gere⸗ gelt und ſicherer geleitet und unter deren Einwirkung und Schutz die buͤrgerliche, wie die ſittliche und religioͤſe Bildung des Volkes ungeſtoͤrter gedeihen und leichter gefordert wer⸗ den konnte — und auch dafür geſchah von nun an ungleich mehr durch die Hochmeiſter vom Hauſe Marienburg aus. „Je mehr aber der Deutſche Geiſt alle Erſcheinungen des Lebens in Preuſſen ſelbſt durchdrang und in der Geſtal⸗ tung der Verhaͤltniſſe wirkſam ſich immer weiter verbreitete und entfaltete, deſto mehr leuchtet auch hervor, wie wichtig des Meiſters Ankunft in Preuſſen ſelbſt fuͤr den ganzen Norden und für die ganze menſchliche Bildung des noͤrdlichen Euro:
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262 Wichtigkeit d. Verlegung d. Meiſterſitzes ꝛc. (1309). pa's war; denn jener Deutſche Geiſt hielt ſich keineswegs nur in den engeren Grenzen des Ordensſtaates; er ging viel⸗ mehr bald weit uͤber dieſe hinaus; durch friedliche Verbin⸗ dungen ſchritt er fort von Land zu Land und durch Kriege und kampfvolle Stürme brach er ſich ſelbſt überall neue Bah⸗ nen. Schon in den naͤchſten Jahren nach des Meiſters An: kunft heimte er ſich mehr und mehr in Pommern ein; er drang dann weiter auch nach Polen vor, obwohl hier nicht mit ſolcher ſiegenden Kraft herrſchend, wie in Preuſſen und Pommern, doch im Einzelnen auch immer heilſam wirkend. In den weiten Gebieten Eſthlands, Livlands und Kurlands, ſelbſt in dem wald⸗ und wuͤſtenreichen Litthauen keimte bald, hier weniger, dort mehr Deutſche Bildung; Überall erzeugte die Deutſche Bildung Menſchlichkeit; überall hob Menſchlich⸗ keit die Voͤlker aus der alten Rohheit mehr und mehr empor zum Adel der Geſinnung und zur Erhabenheit der menſch⸗ lichen Natur. Allerdings mußten bis zur Erſcheinung dieſer großen und weitverbreiteten Wirkungen erſt Faͤden an Faͤden durchs Leben hindurch geknuͤpft werden, alſo daß es dem Betrachter oft ſchwer wird, im Gewebe der Ereigniſſe die durchherrſchende Einheit und Ordnung aufzufinden; allein es laufen doch alle die vielfachen Verſchlingungen auf einen Punkt zuruͤck, aus dem ſich alles entwickelt: es iſt des Hochmeiſters Ankunft in Marienburg, das Walten und Wirken eines Deut⸗ ſchen Fuͤrſten rings unter Slaviſchen und rohen Voͤlkern, und durch ſein Daſeyn die Erhebung Preuſſens zu einem Deut⸗ ſchen Staate !).“ Preuſſens innere Landesverhaͤltniſſe waren mit das Erſte, worauf der Hochmeiſter Siegfried von Feuchtwangen ſeine Thaͤtigkeit richtete, denn allerdings mußte ihm hierin ſchon beim erſten Blicke unendlich vieles begegnen, was einer feſte⸗ ren Beſtimmung und geregelteren Ordnung fuͤr die Ruhe und Wohlfahrt des Landes bedurfte. Er berief zu dieſem Zwecke eine Anzahl von Gebietigern, Praͤlaten und Komthuren, auch 1) Nach meiner Geſchichte Marienburgs S. 79 — 80.
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Der Kaufvertrag über Pommerellen (1310). 263 viele Landesritter und die vornehmſten Bürger der Staͤdte zu einer Verſammlung, in welcher nach Berathung mit den be⸗ rufenen Staͤnden die ſ. g. erſte Landesordnung, d. h. eine Anzahl neuer Landesgeſetze entworfen und als allgemein gel⸗ tend bekannt gemacht wurde, durch die eines Theils verſchie— dene bürgerliche Verhaͤltniſſe des täglichen Lebens im Han⸗ del und Wandel beſſer geordnet und geregelt, andern Theils die ſittliche und religiöfe Bildung des Volkes mehr gehoben und befoͤrdert werden ſollten. Sind wir gleich uͤber das Ganze auch nicht genau und ſicher unterrichtet und erheben ſich auch gegen mehre dieſer Geſetze bedenkliche Zweifel, ob fie wirk⸗ lich dieſem Hochmeiſter zugehoͤren und nicht vielleicht weit jüngeren Alters find, fo geht aus vielen von ihnen doch das Zeugniß hervor, daß es dem Meiſter die angelegenſte Sorge war, die Hemmungen und Hinderniſſe zu heben, welche zur Zeit der religioͤſen Bildung und der Sittlichkeit des Volkes, ſo wie der beſſeren Ordnung der Verhaͤltniſſe des Lebens noch ſtark entgegenwirkten !), Nun aber richtete der Meiſter ſeinen Blick auch auf die wichtigen Verhaͤltniſſe Pommerns. Er ſetzte zwar ſchon ſeit dem Anfange des Jahres 1310 die Unterhandlungen mit dem Markgrafen Waldemar von Brandenburg mit allem Eifer fort; allein der im Vertrage zu Soldin feſtgeſetzte Tag, bis zu welchem die Verzichtleiſtungen der betheiligten Fuͤrſten von 1) Was in kritiſcher Hinſicht uͤber die ſ. g. Landesordnung des Hochmeiſters Siegfried von Feuchtwangen zu ſagen iſt, findet man in der Beilage Nr. V zu dieſem Bande, aus welcher Abhandlung wir hier nur das Reſultat aufgenommen haben. Eine genauere Unterſuchung und Prüfung dieſes Gegenſtandes hat manches für unrichtig befinden laſſen, was wir fruͤher im Vertrauen auf Simon Grunau in der Geſchichte Marienburgs S. 81 ff. uͤber dieſe Sache geſagt. Namentlich iſt ungegruͤndet, daß im Anfange des Octobers 1310 zu Elbing ein großes Ordenskapitel gehalten und die Landesordnung daſelbſt entworfen worden ſey, denn eine genauere Anſicht und Pruͤfung der dort erwaͤhn⸗ ten Urkunde hat ergeben, daß jene Verſammlung zu Elbing nur ein Provinzial⸗Kapitel der Predigermoͤnche war, wie wir hier bald näher ſehen werden.
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264 Der Kaufvertrag über Pommerellen (1310). Schleſien und Ruͤgen beigebracht ſeyn ſollten, ging dennoch voruͤber, ohne daß ſie erfolgten. Erſt nach einem Monat, am erſten Maͤrz ſprachen die Herzoge Heinrich, Konrad und Bonislav von Schleſien und Herren zu Glogau urkundlich das Bekenntniß aus, daß ſie auf Pommerns Beſitz forthin kein Recht mehr behaupten und den Theil des Landes, wel⸗ chen ſie bisher im Beſitze gehabt, ihren Schwaͤgern den Mark⸗ grafen Waldemar und Johann von Brandenburg kraft deren Beſitzrechtes zuruͤckgeben wollten!). Noch länger zoͤgerte der Fuͤrſt Wizlav von Ruͤgen und erſt als der Markgraf Walde⸗ mar und Herzog Wartislav von Stettin ihre Bemühungen vereinigten, ſtellte er am zwölften April feine Verzichtleiſtung auf den Theil Pommerns aus, welchen die Brandenburger dem Orden uͤberlaſſen hatten?). Nun fehlte zwar noch die im Vertrage zu Soldin bedingte Beſtaͤtigung des Kaufes durch den Kaiſer; allein Markgraf Waldemar, geldbeduͤrftig, glaubte ſich dieſer ganz gewiß und der Orden hatte manche Gruͤnde, den Kauf zum feſten Schluſſe zu bringen. Alſo begaben ſich im Juni dieſes Jahres der Hochmeiſter ſammt ſeinen ange⸗ ſehenſten Gebietigern und der Markgraf Waldemar, begleitet von den Grafen Bernhard von Plozk, Peter von Loſſow, Heinrich und Friederich von Alvensleben, Burchard von Lin⸗ dau, Guͤnther von Kevernburg und mehren andern nach Stolpe 1) Die Urkunde datirt: Berolin. an. 1310 feria tercia ante diem b. Adriani befindet ſich im geh. Archiv im groß. Privilegienbuche p. XVI, gedruckt in Gercken Cod. dipl. T. VII. p. 124 und Lucas David B. VI. S. 68. Vgl. Sell Geſchichte v. Pommern B. I. S. 370. 2) Die Urkunde datirt: in Trybese in die Palmarum an. 1310 im geh. Archiv Schiebl. XLI. Nr. 5 in einem Transſumte vom J. 1508 und in Abſchrift im groß. Privilegienbuche p. XVIII, gedruckt in Lu⸗ cas David B. VI. S. 68. Es heißt darin ausdrücklich: Per pre- sentes litteras cessamus penitus ab omni impeticione et jure districtus Terre Pomeranie, quem dicti Principes religiosis viris fratribus or- dinis S. M. D. T. universis resignando voluntarie dimiserunt. Unter den Zeugen ſind als gegenwoͤrtig genannt Waldemar Markgraf von Brandenburg, Graf Albert von Anhalt, Herzog Wartislav von Stettin, Heinrich von Regenſtein u. a.
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Der Kaufvertrag über Pommerellen (1310). 265 in Pommern zu einer Zuſammenkunft, in welcher der Kauf auf den Grund des Vertrages zu Soldin dergeſtalt abgefchlof- ſen ward, daß Markgraf Waldemar dem Orden die Staͤdte und Burgen Danzig, Dirſchau und Schwez nebſt den um ſie liegenden Gebieten, ſo weit ſolche von Alters her ſchon zu ihnen gehört, mit allen Rechten und Gerechtigkeiten ), nach genau beſtimmten Graͤnzen fuͤr die Kaufſumme von zehn⸗ tauſend Mark Brandenburgiſches Gewichtes foͤrmlich abtrat, daß ferner der Markgraf auch verſprach und ſich feſt verpflich⸗ tete, dem Orden das Eigenthumsrecht uͤber das Land, wel⸗ ches die Markgrafen, wie bekannt, nur auf Reichs⸗Lehensrecht gehabt, vom Kaiſer auf ſeine Koſten auszuwirken und beſtaͤ⸗ tigen zu laſſen ?), indem er ſowohl für ſich, als für den Markgrafen Johann, ſeinen Muͤndel, und ihre beiderſeitigen Nachfolger auf alle Rechte und Anſpruͤche an die erwähnten Gebiete für ewig und immer Verzicht leiſtete. Die Hälfte der Kaufſumme, alſo fuͤnftauſend Mark zahlte der Orden dem Markgrafen aus ); zur Zahlung der andern Hälfte ſollte er aber nicht eher verpflichtet ſeyn, als bis der Markgraf vom Kaiſer die Beſtaͤtigung des Kaufvertrages und des Eigen⸗ thumsrechtes uͤber das Land ausgewirkt haben werde; und er⸗ 1) Namentlich heißt es auch: cum omni dominio, jure et iudicio, quo nostri progenitores prefatam terram Imperiali auctoritate quon- dam habuerant et nos eadem auctoritate actenus habuimus perpetuo libere possidendam. 2) Promittentes et obligantes nos Magistro et fratribus ante- dictis, quod proprietatem terre jam dicte, quam Jure feudi Impe- riali auctoritate habuimus, resignari eisdem a Serenissimo Domino Romanorum Rege optinebimus et confirmari procurabimus nostris sumptibus, laboribus et expensis. 3) Dieſe Summe war dem Markgrafen ſchon vor Abfaſſung der Verkaufsurkunde ausgezahlt worden; er ſagt es in der Urkunde ſelbſt. Außerdem befindet ſich im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 40 auch die Ori⸗ ginal⸗Quittung Bernhards von Plozk und Friederichs von Alvensleben, datirt: Stolp an. 1310 in die Idus Iunii, worin beide erklaren, an dieſem Tage 5000 Mark von der Kaufſumme erhalten zu haben. Das Chron. Oliv. p. 43 läßt die Zahlung in nova Calis geſchehen. Vgl. Sell a. a. O. S. 371.
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266 Der Kaufvertrag über Pommerellen (1310). folgte dieſe innerhalb eines Jahres, fo follte der Orden auch die Zahlung von Pfingſten an binnen einem Jahre leiſten. Sterbe jedoch Waldemar binnen der Zahlungsfriſt, fo ſollte die ruͤckſtaͤndige Summe an den Markgrafen Johann von Brandenburg entrichtet werden. In ſolcher Weiſe ward dieſer wichtige Vertrag am zwoͤlften Juni des Jahres 1310 abge⸗ ſchloſſen!). Nun erfolgte zwar bald darauf auch die Beſtaͤ⸗ tigung des Kaiſers Heinrichs des Siebenten aus Frankfurt, wo dieſer zu Ende des Juli Hoftag hielt 2); da ſich dieſe jedoch nach der Lage der Dinge nur auf den Vertrag des Markgrafen Waldemar beziehen konnte, ſo wirkte der Orden zu groͤßerer Sicherheit und Befeſtigung ſeines Rechtes im naͤchſtfolgenden Jahre durch Vermittlung Konrads von Gun⸗ delfingen, des Landkomthurs von Franken, der ſich auf des Kaiſers Romfahrt deſſen beſondere Gunſt erwarb, eine kai⸗ ſerliche Beſtaͤtigung aller ſeiner Guͤter und Beſitzungen in Pommern, ſelbſt auch der hinfuͤro dort noch zu erwerbenden mit allen vollkommenen Hoheitsrechten aus, und der Kaiſer ergriff gerne die dargebotene Gelegenheit, hiedurch dem Orden ſeine hohe Zuneigung und beſondere Gunſt thaͤtig an den Tag zu legen). Sonach erſtreckte ſich nun des Ordens Ge⸗ 1) Die urkunde in drei Transſumten vom J. 1419 und 1421 im geh. Archiv Schiebl. XLI. Nr. 2. 3. 4. Gedruckt in Acta Boruss. B. III. S. 539, aber nicht ganz fehlerfrei, beſonders in Ruͤckſicht der Na⸗ men. Lucas David B. VI. S. 69. Oelrichs Verzeichn. zu Dre⸗ ger S. 44. De Wall. c. T. II. p. 474 irrt übrigens, wenn er ben Vertrag am 31. Mai abſchließen läßt, denn die Urkunde hat nicht pridie Calend. Iun., ſondern pridie Idus Iun. als Datum. 2) Sie ift ausgeſtellt: in Frankenfurt VI Calend. August. (27. Juli) 1310; in einem Transſumte vom J. 1412 im geh. Arch. Schiebl. XX. Nr. 1, gedruckt bei Lucas David B. VI. S. 71. Cf. De Na l. c. p. 474. 3) Die Urkunde datirt: In castris ante Brixiam IV Idus Iulii 1311 in mehren Transſumten aus den J. 1330, 1371, 1421 und 1508 im geh. Arch. Schiebl. XX. Nr. 2. 3. 4 und XLVIII. Nr. 31., gedruckt bei Dagiel T. IV. Nr. XLVI. p. 38. Es ſpricht fi in dieſer urkunde eine ganz beſondere Zuneigung des Kaiſers gegen den Orden aus. Es geht aus ihr aber auch hervor, daß verſchiedene Ordensritter und na⸗ 1
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Der Kaufvertrag über Pommerellen (1310). 267 biet in Pommern nach Weſten hin noͤrdlich bis an die Muͤn⸗ dung der Leba in die See, dann dieſen Fluß ſuͤdwaͤrts hin⸗ auf bis in die Gegend, wo er ſich oͤſtlich hin nach Lauenburg wendet, von da in ziemlich gerader Richtung ſuͤdwaͤrts nach dem Fluͤßchen Bukowin und ſofort weiter meiſt dem Schwarz⸗ waſſer folgend bis nach Schwez hinauf ). Die weſtlichen Gebiete Pommerns zwiſchen der Leba und Grabow, alſo die Lande von Buͤtow, Stolpe, Slawe und Ruͤgenwalde verblie⸗ ben vorerſt noch den Markgrafen von Brandenburg. Ueber ein Recht des Koͤniges von Polen auf dieſe Gebiete oder auch nur uͤber deſſen etwanigen Anſpruͤche hatte natuͤrlich gar keine Verhandlung Statt gefunden, da ihm der Markgraf von Bran⸗ denburg weder Anſpruͤche noch Rechte auf Pommern zuge⸗ ſtand 2) und vorerſt ließ auch der Orden die Verhaͤltniſſe mit mentlich der erwähnte Landkomthur von Franken Konrad von Gundel⸗ fingen dem Kaiſer auf feinem Zuge nach Italien große Gefaͤlligkeit und beſondern Dienfteifer erwieſen hatten. CE De Wal J. c. 1) Wir lernen die Graͤnzlinie genau aus der Graͤnzbeſtimmung des Markgrafen in einer Urkunde vom Jahre 1313 kennen, von welcher das Original und ein Transſumt vom J. 1344 im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 5; ſ. Oelrichs Verzeichn. zu Dreger S. 48. Hiernach war die Graͤnze des erkauften Gebietes folgende: Von der Mündung der Leba an dieſem Fluſſe aufwärts bis wo er ſich oͤſtlich gegen Lauenburg hin⸗ wendet, dort weiter ſuͤdlich an das Dorf Maletſitz (jetzt Malſchitz ſuͤd⸗ lich von Lauenburg), dann nach Onezſino (Wuneſchin), nach Wozkowe (jetzt Wutzkow am Fluͤßchen Bukowin), von da in gerader Linie nach Goluzſino (Kollodzin), zwiſchen den Dörfern Sucow und Studzentz (jest Studzenken) hindurch nach Goligevo (Golczau) und an den See Glino (jetzt Glinow), von da etwas weſtlich nach dem See Zomyn (Summin) bei dem Dorfe Dambrow (Dombrowo), von hier weiter nach dem Fluſſe Warnewawoda (Czarnawoda, Schwarzwaſſer), dann weiter fübabwärts bis an den Ort Weſtechy (jetzt Wozydze), von da am Schwarzwaſſer fort bis an den See Camenyzno (bei dem jetzigen Dorfe Miedzno), dann weiter an den See Lanke (bei dem jetzigen Dorfe Lone) nach Peterſcow, an den See Studenitzno, an die Suͤmpfe Voltſcha bei Slawen und von hier an den See Leczentzin bei Stythena, über welche letztere die neueren Charten keine ſichere Auskunft geben. 2) De Wal Histoire de TO. T. II. p. 505 ſchließt ſeine lange unterſuchung über die Beſitzrechte auf Pommern mit folgendem Reſultate:
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268 Streit in Livland (1310). Polen unbekuͤmmert zur Seite liegen, indem er ja nun im rechtlichen Beſitze der erkauften neuen Erwerbungen war 1). Von ungleich groͤßerer Wichtigkeit waren zudem jetzt fuͤr den Hochmeiſter die bedenklichen Verhaͤltniſſe in Livland, denn wir ſahen ſchon früher, daß vorzuͤglich auch der gefahrvolle Streit des Ordens mit dem Erzbiſchofe von Riga ihn zur Verlegung ſeines forthinigen Aufenthaltsortes nach Preuſſen bewogen hatte. Bereits war die ſtrengſte Unterſuchung gegen den Orden angeordnet und bei dem argen Haſſe des Erzbi⸗ ſchofs und der Rigaiſchen Geiſtlichkeit gegen die Ordensritter, wie von der widerwaͤrtigen Geſinnung des Papſtes ließ ſich der traurigſte Erfolg fuͤr den Orden erwarten. Da traten, vielleicht nicht ohne des Meiſters Anſuchen, die Bifchöfe Preuf- ſens Hermann von Kulm, Eberhard von Ermland und Sieg⸗ fried von Samland?) zu des Ordens Rechtfertigung und Les Margraves de Brandebourg avoient un droit réel à la Pomeranie; les Chevaliers Teutoniques Pacquirent legitimement, puisque ce fut avec le consentement de ’Empereur; les pretentions des autres ne preiudicioient pas & la légitimité des droits acquis par les Teutons, et enfin les Polonois, ne pouvant avoir droit d’aucun chef, à la Pomeranie, n’&toient que des usurpateurs, que les Chevaliers Teu- toniques &toient antorises a deposseder. 1) Nach den chronologiſchen Erörterungen, die theils ſchon früher, theils in der Beilage Nr. IV gegeben ſind, fallen die Kriegsereigniſſe, welche Dlugoss. p. 928 seg. in das J. 1310 ſetzt, in eine frühere Zeit. Wie dieſer Chroniſt, dem die Neuern, z. B. Sell, Kotzebue u. a. ohne weiteres gefolgt ſind, in dem J. 1310 alles durch einander wirrt, erſieht man ſchon daraus, daß er gleich im Anfange der Kriegsbegeben⸗ heiten im J. 1310 von einem Magister Prussiae Carolus de Lucem- burg ſpricht und dieſen Magister Carolus durch dieſes ganze Jahr hin⸗ durch aͤußerſt thaͤtig ſeyn laͤßt. So führt er im J. 1307 ſogar ſchon einen Theodoricus de Aldenburg Magister Prussiae ein und ſpricht im 3. 1308 von einem Henricus Prussiae Marschalcus; und dieſem Chro- niſten ſoll man in chronologiſcher Hinſicht trauen? S. De Wal J. c. p. 476. 2) Es muß auffallen, daß hier nicht auch der Pomeſaniſche Biſchof Ludiko mit genannt iſt. Da wir indeffen überhaupt nur wenig von ſeiner Wirkſamkeit wiſſen, ſo läßt ſich auch hier der Grund nicht an⸗ geben, warum er an dieſer Sache nicht Theil nahm.
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Vertheidigung des Ordens am paͤpſtlichen Hofe (1310). 269 Vertheidigung auf, indem ſie in einem Schreiben vom acht⸗ zehnten October des Jahres 1310 an das Kollegium der Kar⸗ dinaͤle die Deutſchen Ordensritter der Huld und Gnade des Kollegiums als Männer empfahlen, uͤber deren Beſtaͤndigkeit im Glauben und bewährter Froͤmmigkeit es keiner Beweiſe von fremden Zeugen beduͤrfe, denn ſie ſelbſt koͤnnten durch Erfahrung beſtaͤtigen, wie ſehr Gerechtigkeit durch die Ritter⸗ bruͤder aufrecht erhalten und der chriſtliche Gottesdienſt von Tag zu Tag weiter verbreitet werde, mit welcher Klugheit ſie uͤberdieß die Landesverwaltung fuͤhrten und daneben ſich unabläffig als wahre Kämpfer Chriſti, wie ein unuͤberwind⸗ liches Schild, den Angriffen der Ungläubigen entgegenſtellten ). Eine Reihe von Anklagen und Beſchuldigungen, womit die Neider und Feinde der Ordensritter dieſe bei den Kardinaͤlen zu verlaͤumden geſucht, als die, daß ſie bei Beerdigung ihrer eigenen Ordensbruͤder nicht den chriſtlichen Gebrauch beobach⸗ tet, ſondern die heidniſche Sitte nachgeahmt, daß ſie den Heiden Eiſen, Waffen, Lebensmittel und andere dieſen noͤ⸗ thige Dinge aus ihren Laͤndern verkauft, daß ſie in Danzig ohne Schonung gegen Alter und Geſchlecht das Blut unzaͤh⸗ liger Chriſten vergoſſen, daß ſie in den von den Rittern Chriſti laͤngſt gewonnenen Laͤndern 2) eine tyranniſche Herr⸗ ſchaft ausgeuͤbt und andern rechtlich zugehoͤrige Beſitzungen gewaltſam an ſich geriſſen, ja daß ſie ſogar die Verkuͤndigung des Wortes Gottes unter den Heiden den Predigern unter⸗ ſagt und durch mancherlei niedrige Mittel des Betruges zu verhindern geſucht haben ſollten, damit die Heiden nicht zur Erkenntniß des wahren Lichtes und zum Sacramente des Glau⸗ bens gelangen moͤchten: alle dieſe Anſchuldigungen erklaͤrten 1) Hec autem, heißt es hier, reverencie vestre non sine causa pro ipsorum commendacione scribeuda duximus, quia sicud relacione veridica didicimus, quidam ipsorum emuli denunciacionibus et accusa- cionibns publicis in couspectum presencie vestre satagientes infamando ledere, asseruerunt etc. und nun folgen die einzelnen Anklagepunkte. 2) In terris ab ipsis Christi militibus iam dudum habitis et pos- sessis, womit offenbar Livland gemeint iſt.
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270 Vertheidigung des Ordens am paͤpſtlichen Hofe (1310). die Biſchoͤfe als völlig unwahr ), indem fie bezeugten, daß obgleich die Ordensritter in ihren Kirchſprengeln lebten, man doch niemals eine ſo ſchaͤndliche Nachrede?) weder gehoͤrt, noch in der That begruͤndet gefunden habe. Sie bezeugten ferner, daß ſie meiſt zur Beſtattung der Ordensbruͤder einge⸗ laden es ſelbſt geſehen, wie man die verſtorbenen Bruͤder beerdige, daß in Danzig nie das Blut ſo unzaͤhliger Unſchul⸗ digen vergoſſen worden ſey, obwohl die Ritter ſunfzehn Boͤ⸗ ſewichte, welche die Ihrigen beraubt, durchs Schwert haͤtten hinrichten laſſen, daß man nie etwas wahres von der Ge⸗ waltſamkeit gegen ihre Unterthanen vernommen, daß ſie im Gegentheil aufs beſtimmteſte unterrichtet ſeyen, wie wegen des obwaltenden Friedens und wegen der in der Verwaltung herrſchenden Ordnung und Gerechtigkeit unzaͤhlige Schaaren von andern Laͤndern und Voͤlkern in die Gebiete des Ordens einwanderten, um unter deſſen Herrſchaft zu leben u. ſ. w.). Außer den Biſchoͤfen Preuſſens aber erließen auch der Provinzial⸗Prior Peregrin und die erwaͤhlten Vorſteher eines zu Elbing gehaltenen Provinzial⸗-Kapitels des Prediger⸗Or⸗ dens der Provinz Polen *) ein anderes faſt ganz gleichlauten⸗ 1) Propter quod nos, qui in parte sollicitudinis ecclesie ad ve- ritatis ostensionem predicationis officium suscepimus veritati testi- monium super premissis articulis dictis religiosis militibus inpositis presentibus prohibemus bona couscientia, quod predicta non conti- nent veritatem. 2) Huiusmodi sermonem nepharium nec auditu nec experientia invenimus esse verum. 3) Nec verum de certo unguam de violencia ipsorum in sibi subjectos audivimus, sed de contrario sumus certissimi, quia in tanta pace et disciplina et iustitia administrant rem publicam, quod quasi innumerabiles populi de diversis nacionibus, terris et dominiis, re- lictis propriis, que alibi possederant, in dictorum fratrum transeunt colonias, sub ipsorum regimine vivere cupientes. 4) Der Anfang diefes Schreibens: Venerabili in christo patri ac domino fratri T. divina providencia titulo sancte Sabine presbitero Cardinali frater Peregrinus prior provincialis ac diffinitores provin- cialis capituli apud Elbingum celebrati fratrum ordinis predicatornm de provincia Polonie, zeigt, daß es nur an einen Kardinal beſonders
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Vertheidigung des Ordens am päpftlichen Hofe (1310). 271 des Zeugniß über des Ordens Schuldloſigkeit in den erwaͤhn⸗ ten Anklagen, worin ſie zugleich verſicherten, daß die Ritter ihren Ordensbruͤdern, den Predigermoͤnchen, in der Verbrei⸗ tung des Wortes Gottes unter den Heiden nicht nur niemals irgend ein Hinderniß entgegen gelegt, ſondern vielmehr die Neubekehrten immer mit aller Kraft vertheidigt und befehüßt, auch an Orten, die ſonſt dem Goͤtzendienſte geweiht geweſen, Kirchen und Bethaͤuſer errichtet haͤtten und bis jetzt noch zu errichten fortfuͤhren. Was aber den Waffenverkauf an die Heiden betreffe, ſo erlaube ja die Vernunft gar nicht, auch nur im mindeſten daran zu glauben, daß die Ritter waͤhrend ihres unablaͤſſigen Kampfes gegen die ergrimmten nahen Hei⸗ den dieſe, ſtatt ſie ihrer Waffen zu berauben, mit ihren ei⸗ genen zu ihrem und der Ihrigen Verderben verſtaͤrken ſollten. „Darum, fuhren ſie endlich fort, bitten wir flehentlich ein⸗ muͤthig zu eueren Knieen hingeworfen, nehmet dieſes ſtarke Schild der Kirche und des Glaubens in unſern Landen in eueren gnaͤdigen Schutz, helfet den Gegnern der Or⸗ densritter widerſtehen und foͤrdert ihre Sache bei dem Papſte durch Rath und Huͤlfe fo wirkſam als möglich"). — Wie es ſcheint, blieben dieſe Vertheidigungsſchriften nicht ganz ohne wohlthaͤtige Wirkung fuͤr den Orden. Zwar war die genaue Unterſuchung der Anklagen vom Papſte ſchon angeord⸗ gerichtet iſt. Ueber die diffinitores capituli vgl. Du Fresne Glossar. s. h. v. Dieſes iſt uͤbrigens das Provinzial⸗Kapitel zu Elbing, auf welches wir kurz zuvor ſchon aufmerkſam gemacht haben. 1) Dieſe mit fünf Siegeln verfehene Urkunde befindet fich im Ori⸗ ginal im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 1 und iſt datirt: Apud Elbingum in nostro capitulo provinciali a. d. 1310 Nonis Octobris. Das Schrei⸗ ben der Preuſſ. Biſchoͤfe mit drei Siegeln im Original Schiebl. XLVIII. Nr. 7 hat das Datum: In partibus Pruscie a. d. 1310 XV Calend. Novembr. Beide Urkunden find in den meiſten Punkten fo ganz woͤrt⸗ lich gleichlautend, daß man ſogleich ſieht, fie find nach einem und dem⸗ ſelben Entwurfe verfaßt; nur enthaͤlt die der Biſchöfe einige Punkte mehr, z. B. den, welcher Danzig betrifft. Ohne Zweifel ließ ſich der Hochmeiſter von den an den paͤpſtlichen Hof abgehenden gleichzeitige Original⸗Abſchriften verfertigen.
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272 Vertheidigung des Ordens am paͤpſtlichen Hofe (1310). net und konnte durch dieſe Verwendung fuͤglich nicht aufge⸗ hoben werden; zwar waren ferner zwei jener Bifchöfe ſelbſt auch Ordensbruͤder und alſo eine ganz ſtrenge Unparteilichkeit in der Sache vielleicht noch dem Zweifel zu unterwerfen; allein der Biſchof von Ermland ſtand in keinem ſo engen Verhaͤltniſſe zu dem Orden und fo konnte ſchon fein Zeug⸗ niß das der andern beſtaͤtigen. Außerdem bekraͤftigten die Ausſage der Biſchoͤfe ja auch die angeſehenſten Vorſteher des Prediger⸗Ordens dieſer Provinz, alſo gerade Maͤnner, die waͤren ſie vom Orden in den ihnen vom Papſte auferlegten Pflichten und Geſchaͤften wirklich verhindert und bedraͤngt worden, jetzt gewiß die beſte Gelegenheit gefunden haͤtten, ſich des Ordens Anklaͤgern und Widerſachern anzuſchließen. Und endlich war auch nicht zu verkennen, daß ſich in der Art und dem Geiſte der Abfaſſung dieſer beiden Vertheidi⸗ gungsſchriften das reine Bewußtſeyn der Wahrheit und das lautere Gefuͤhl des Rechtes und der Schuldloſigkeit des Or⸗ dens klar und offen ausſprach. Dem Hochmeiſter Siegfried von Feuchtwangen war es indeſſen nicht vergoͤnnt, den Erfolg dieſer kraͤftigen Verwen⸗ dung fuͤr ſeines Ordens Sache noch zu ſehen. Er ſtarb ent⸗ weder ſchon zu Ende des Jahres 1310 oder im Anfange des Jahres 13111). Er endigte fein Leben an der rothen Ruhr 1) Dieſe Annahme widerſtreitet allen bisherigen Angaben der Schrift: ſteller, die einſtimmig Siegfrieds Tod erſt ins Jahr 1312 ſetzen, und ſelbſt De Wal Histoire de IO. T. II. p. 535, obgleich er ſah, daß auch ſchon Dusb. c. 302 das Todesjahr 1311 angiebt, muͤht fich ab. um die gewoͤhnliche Annahme des J. 1312 zu begruͤnden. Seine Be⸗ rechnung wird indeſſen durch Urkunden widerlegt, die zugleich die obige Annahme außer allen Zweifel ſetzen. Wir haben naͤmlich erſtens eine Original⸗Urkunde vom Hochmciſter Karl von Trier, Siegfrieds Nach⸗ folger, deren Datum iſt: Thorun in die beat. Martyrum Dyonisii et socior. eius a. d. M. CCC. XI, alfo vom 8. Febr., im geh. Archiv Schiebl. XX. Nr. 1. Baczko B. I. S. 292, der dieſe Urkunde kannte und Karl von Trier im 3. 1311 auch ſchon Hochmeiſter ſeyn laßt, nimmt B. II. S. 56 doch erſt das J. 1312 als Siegfrieds Todesjahr an. Eine zweite Urkunde, nämlich eine Verſchreibung, ganz von demſelbigen
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Karl von Trier als neuer Hochmeiſter (1311). 273 leidend durch einen Nervenſchlag; doch ſind die Polniſchen Chroniſten voll Grimmes gegen dieſen Meiſter bemuͤht gewe⸗ ſen, ſein Lebensende durch einen wunderbaren Kampf mit dem Satan herbeifuͤhren zu laſſen ). Das Maͤhrchen iſt in⸗ deſſen nur die Stimme bitterer Leidenſchaft, wie ſie natuͤrlich die derzeitige Stellung des Ordens gegen Polen leicht anre⸗ gen konnte. Seine Leiche ward im feierlichen Geleite von dem Haupthauſe Marienburg, weil hier noch kein des Hoch- meiſters wuͤrdiger Begraͤbnißort eingerichtet war, nach Kulmſee gebracht und dort im Dom zu ewiger Ruhe beigeſetzt ). Gewiß ging bei ſeinem zeitigen Tode mancher ſchoͤne Gedanke für des Landes Wohlfahrt und manche edle Beſtrebung für Preuſſens und des Ordens Groͤße und Ruhe, die er bei ſei⸗ ner Ankunft ſich als Aufgabe vorgeſtellt, mit ihm ins Grab. um ſo gerechter war der Schmerz der Ordensbruͤder und des Landes Trauer uͤber ſein fruͤhes Dahinſcheiden mitten in der Ausfuͤhrung der Entwuͤrfe, die ihn bewogen, ſeinen Wohnſitz in Preuſſen ſelbſt zu nehmen. Die Verwaltung uͤbernahm alsbald an des Meiſters Statt der Großkomthur Heinrich von Plotzke und berief ſofort die vor⸗ nehmſten Gebietiger des Ordens zur Wahl eines neuen Hoch⸗ meiſters nach Marienburg ). Sie mußte um ſo eiliger geſche⸗ Datum, wie die eben erwähnte, ſteht im Fol. 6 im geh. Archiv. Eine dritte Urkunde, ebenfalls eine Verſchreibung, hat das Datum: in die b. Augusti (3. Auguſt) 1311 im Fol. 2. p. 92. Eine vierte Ori⸗ ginal⸗urkunde des HM. Karl vom J. 1313 hat bei ihrem Datum den Zuſatz: anno vero nostri Magistratus secundo und ſpricht alſo eben- falls fuͤr das J. 1311. Demnach muß Siegfried in dem letzten Monat des J. 1310 oder im Januar 1311 geſtorben ſeyn und es iſt alſo auch der 5. März, den Bachem a. a. O. S. 28 als Todestag angiebt, nicht richtig. 1) Schütz p. 56. 2) Dusburg c. 302. Lindenblatt S. 361. Lucas David B. V. S. 169. 3) De Wall. c. p. 536 ſagt: L’histoire des Ordres Militaires dit qne Henri de Pleghen fut nommé Lieutenant du Magistere dans Pinterregne. Dusbourg ni Schutz n' en font pas mention. Die Sache IV. 18
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274 Karl von Trier als neuer Hochmeiſter (1311). hen, je mehr man bereits von neuen Gefahren hoͤrte, die aus Litthauen vom Großfuͤrſten Witen drohten. Alſo kamen die Gebietiger ſchnell zum Wahlkapitel im Ordenshaupthauſe zuſammen. Da fiel die Kuͤr einftimmig t) auf den Ordens⸗ ritter Karl von Beffart, der ſich gewoͤhnlich nach damaliger Sitte von ſeinem Geburtsorte Karl von Trier zu nennen pflegte?); und fie konnte kaum auf einen Wuͤrdigeren fallen, denn Karl war gewiß einer der gebildetſten Ritter im ganzen Orden. Nicht bloß in dem damaligen Felde der Wiſſenſchaf⸗ ten bewandert und der Lateiniſchen Sprache kundig, verſtand iſt ohne Zweifel richtig, denn der Großkomthur führte regelmäßig beim Tode eines Hochmeiſters interimiſtiſch die Verwaltung; nur muß es ſtatt Henri de Pleghen heißen Henri de Ploczk. Lucas David B. V. S. 176. 1) Wigand Marburg, welcher dieſer Wahl im Anfange feiner Chronik erwaͤhnt, jagt: Preceptores concorditer elegerunt in Magi- struu Prussie Karolum de Tyr (Trier) nobilem. Alſo ift hiedurch die Nachricht widerlegt, daß die Wahl zwieſpaͤltig geweſen ſey, wie Lucas David B. V. S. 177, Schütz p. 57 und mit ihnen die Neuern- erzählen. Die Urquelle dieſer Nachricht iſt wiederum nur Si⸗ mon Grunau Tr. XI. c. 5., der uns David von Cammerſtein, Kom⸗ thur von Danzig nennt, durch welchen Irrung und Zwieſpalt in die Wahlverſammlung gekommen ſeyn ſoll. 2) Die aͤlteſten Quellen, ſowohl Urkunden als Chroniken nennen ihn nie anders als Carolus de Treviris und ſo nennt er ſich in ſeinen Diplomen auch immer ſelbſt; nie findet man den Namen Beffart. Si⸗ mon Grunau a. a. O. hat die luͤgneriſche Nachricht, daß Karl ſein Geſchlecht von einer Roͤmiſchen unter dem Kaiſer Caracalla vertriebenen Familie abgeleitet habe. Richtiger meint Pauli a. a. O. S. 159, daß er aus einem Patricier⸗Geſchlechte aus Trier abſtamme und aus dieſem Geſchlechte war auch Johann von Beffart Trapier und Komthur in Chriſtburg im J. 1396. Das alte Land⸗ und Hochmeiſterverzeichniß nennt den Hochmeiſter Carolus de Luczburgh und Diugoss. Carolus de Lucemburg. Woher dieſe Benennung kommt und ob wirklich Karl aus dem Luxemburgiſchen Hauſe ſtammte, iſt mir nachzuweiſen nicht möglich geweſen. Nach Vogt Rheinif. Geſchichten und Sagen B. III. S. 219 wuͤrde aber ſeine Abſtammung aus dieſem Hauſe, welches da⸗ mals gerade in Trier einen fo maͤchtigen Einfluß übte, gar nicht un⸗ wahrſcheinlich ſeyn.
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Verhandlungen mit Polen (1311). 275 er auch die Italiaͤniſche wie feine Mutterſprache, fo daß er nachmals mit dem Papſte und den Kardinaͤlen ſtets ohne Dol⸗ metſcher reden konnte. Dabei beſaß er eine Gabe der Rede und ſprach uͤber jeden Gegenſtand ſo fließend und angenehm, daß ſelbſt ſolche, gegen deren Sache er mit Widerlegung auf: trat, ihn nie ohne beſonderes Vergnuͤgen hoͤrten. Außerdem auch ſonſt ausgezeichnet durch hohe geiſtige Anlagen, durch Klugheit und Umſicht in weltlichen Verhaͤltniſſen, durch Ge⸗ wandtheit in Staatsſachen und durch Beſonnenheit im Han⸗ deln, war er nicht minder ſchaͤtzenswerth in ſeinem Charakter durch Milde der Geſinnung, wie durch Herablaſſung und Freundlichkeit im Umgange !). Karl trat ſein Meiſteramt ſchon in den erſten Monden des Jahres 1311 an 2). Aber es waren gefahr⸗ und ſorgen⸗ volle Tage und die Zeit ging ſchwanger mit manchem unheil⸗ drohenden Ereigniſſe. Herzog Wladislav von Polen naͤhrte bittern Zorn im Herzen wegen Pommerns Verluſt; aus Lit⸗ thauen kamen immer drohendere Nachrichten uͤber feindliche Plane des Großfuͤrſten; die Livlaͤndiſchen Streithaͤndel erfuͤll⸗ 1) Dusb. c. 307. Jeroſchin c. 307 nennt ihn einen „gotis reis nen Mann, der groze wisheit hatte.“ Der Epitomator ſagt von ihm: Prudens fuit et linguam gallicam novit, unde personaliter coram papa et cardinalibus lepide et composite respondit ad obiecta, in quibus ordo fuerat diffſamatus. Lucas David B. V. S. 177 ruͤhmt ihn als einen „treuen, ſcharfſinnigen, weiſen, wohl erfahrenen und wohlberedten Mann in Deutſcher, Welſcher und Franzoͤſiſcher Sprache.“ Schütz p. 57. In den Annal. Oliv. p. 37 heißt er vir prudens et industrius, quem Johannes XXII summus Pontifex utpote sibi familiariter notum et dilectum in Magistrum Ordinis secundo confirmavit. 2) Damit ſtimmen freilich Dusb. I. c., Jeroſchin und der Epi- tomator nicht uͤberein, denn ſie nehmen das J. 1312 als das des Re⸗ gierungsantritts Karls an und ihnen folgen die Neuern. Allein ſie wi⸗ derſprechen ſich ſelbſt, indem ſie Karls Regierungszeit auf 13 Jahre ausdehnen, denn da Karl im J. 1324 ſtarb, ſo kommen 13 Regierungs⸗ jahre nur dann heraus, wenn das J. 1311 als erſtes Regierungsjahr angenommen wird und hieruͤber geben gerade die S. 272 Anmerk. 1) an⸗ geführten Urkunden auch vollkommene Gewißheit. Die Annal. Oliv. p. 37 ſetzen Karls Wahl ſogar ſchon in das J. 1309. 18 *
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276 Verhandlungen mit Polen (1311). ten die Seele mit großen Beſorgniſſen, denn deſſen, was vom paͤpſtlichen Stuhle kommen konnte, war man noch keineswegs gewiß. Es ſchien dem Meiſter am nothwendigſten, zunaͤchſt die feindlichen Verhaͤltniſſe mit dem Herzoge von Polen aus⸗ zugleichen, um ſich vor allem wenigſtens nach dieſer Seite hin zu ſichern. Er entbot daher dem Herzoge eine perſoͤn⸗ liche Zuſammenkunft, und dieſer in Hoffnung, vielleicht doch einiges noch retten zu koͤnnen, nahm ſie an, Brzeſc in Cu⸗ javien zum Verſammlungsorte beſtimmend. Es war im An⸗ fange des Februars, als der Hochmeiſter dort erſchien, beglei⸗ tet von ſeinen oberſten Gebietigern, Heinrich von Plotzke dem Großkomthur, Sieghard von Schwarzburg dem Spittler, Jo⸗ hannes Schrape dem Treßler, dem Kulmiſchen Landkomthur Dieterich von Lichtenhagen und mehren andern Komthuren. Auf des Herzogs Klagen über erlittenes Unrecht und auf feine Vorwuͤrfe wegen des Ordens undankbaren Benehmens nicht weiter eingehend verlangte Karl von ihm ohne weiteres die Anerkennung des rechtlichen Beſitzes von Pommern mit dem Erbieten, an den Herzog die Burg Neſſau nebſt einigen Doͤr⸗ fern abzutreten, fuͤr des Herzogs Kriegsdienſte vierzig Lanzen zu ſtellen, auch nach ſeinem Wunſche ein Kloſter zu erbauen und dieſes reichlich auszuſtatten. Freilich welch ein Erſatz fuͤr das, was der Herzog an Pommern verloren hatte! Natuͤrlich mußte ein ſolches Anerbieten ſeinen bitteren Zorn nur noch vermehren und im hoͤchſten Unwillen ſchied er als⸗ bald mit feinen Raͤthen von dannen ). Alſo kehrte auch der 1) Dlugoss. p. 937 fest dieſe Unterhandlung ganz richtig in die erſte Zeit des J. 1311, womit Urkunden inſofern uͤbereinſtimmen, als ſie beweiſen, daß ſich der Hochmeiſter mit ſeinen vornehmſten Gebietigern im Anfange des Februars 1311 in jenen ſuͤdlichen Gegenden befand. Vom Herzoge ſagt der erwähnte Chroniſt: Non movit haec oblatio Ducem Wladislaum, sed ad indignationem choleramque accendit, dum contra suam et consiliariorum spem, non terrae Pomeraniae restitutio- nem, sed quaedam indigna et levia videbat oſſerri. Lucas David B. VI. S. 21 — 22. Kantzow Pommeran. B. I. S. 299. Mieraelii Antiq. Pomeran. p. 185. In dem Zeugenverhöre heißt es über dieſe
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Verhandlungen mit Polen (1311). Zi Hochmeifter, ohne zum Ziele gelangt zu ſeyn, über Thorn, wo er die Buͤrger von Kulm zur Belohnung ihrer dem Or⸗ den vielfaͤltig erwieſenen Treue und ihrer Verdienſte mit der Uebergabe zweier in der Weichſel liegenden Werder erfreute, da ſie fuͤr die Stadt Kulm von beſonderer Wichtigkeit wa⸗ ren 1), nach Marienburg zuruͤck. Indeſſen ſcheinen doch Po⸗ lens uͤbrige Herzoge an dem Streite des Ordens mit Wla⸗ dislav wenig Theil genommen zu haben; wenigſtens ſtellte in dieſen Jahren der Herzog Semovit von Maſovien in einer freundlichen Zuſage dem Komthur und Convente zu Thorn, ſowie den Buͤrgern dieſer Stadt den Aus- und Eingang in ſein Gebiet fuͤr Handel und Wandel nicht nur voͤllig frei, ſondern er ſagte auch allen, die aus Preuſſen nach Krakau oder anders wohin mit ihren Waaren durch ſein Land ziehen wollten, vollkommene Sicherheit und Foͤrderung zu 2). Verhandlung: Reverendus pater dominus Io. Episcopus Cracoviensis unus de testibus dieit, se fuisse in quodam tractatu, qui fuit inter Regem Wlad. et Cruciferos, in quo tractatu Cruciferi oflerebant dieto Regi pro terra Pomeranie primo X milia marcarum arg. puri et quasdam possessiones, quas habebant in Cuyavia et ultra hoc vo- luerunt construere et dotare unum Monasterium de XVIII fratribus cuiuscungue religionis ipse Rex pro salute et suorum. Et insuper volebant ultra hoc servire Regi predicto in omni necessitate sua cum certo numero militum armatorum, et ita multi alii testes dixerunt. Indeſſen an dem Anerbieten der berührten Geldſumme möchte wohl fehr zu zweifeln ſeyn. 1) Dieſe Urkunde im Original im geh. Arch. Schiebl. XX. Nr. 1. und in alter Abſchrift im Fol. Culmiſ. Privileg. über Ellen⸗Maaß ꝛc. Ihr Datum: Thorun M.CCC.undecimo in die beat. Marty r. Dyonisii et sociorum eius ift der buͤndigſte Beweis, daß Karl von Trier um dieſe Zeit (8. Februar) ſchon Hochmeiſter war. Die Kulmer hatten die beiden Werder zwar ſchon fruͤher vom Herzoge Suantepolc erkauft; allein der Orden hatte ſich damals ein beſtimmtes Recht darauf vorbe⸗ halten, auf welches er jetzt Verzicht leiſtete. 2) Die Urkunde hieruͤber im Origin. im Raths⸗Archiv zu Thorn Scrin. VI. Nr. 30. Sie iſt ohne Datum, gehoͤrt aber offenbar in dieſe Zeit; der in ihr mit G. bezeichnete Komthur von Thorn kann kein an⸗ derer als Peter Gozwin ſeyn, der das Amt von 13061313 verwaltete.
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278 Des Großfuͤrſten Witen Einfall ins Land (1311). Kaum aber waren einige Wochen vorüber, als von Oſten her der drohende Sturm losbrach. Der Großfuͤrſt Witen warf fi) um die Faſtenzeit plotzlich mit einem Heere nach Natan⸗ gen und Samland unter ſo furchtbarem Raub und Brand und mit ſolcher reißenden Schnelligkeit, daß ihm im erſten Augenblicke nichts widerſtehen konnte. Zwar wurden Einzelne aus ſeiner Heerſchaar, die ſich um Pluͤnderung zu weit von der Hauptmaſſe entfernten, von den Landesbewohnern erſchla⸗ gen; allein eine weit groͤßere Zahl der Unterthanen des Ordens erlag dem feindlichen Schwerte und außer einer reichen Beute mußten an fuͤnfhundert Menſchen aus den beiden Landſchaften dem rohen Feinde in die traurigſte Sklaverei folgen. Neun Tage hatte das furchtbare Raubheer im Lande gehauſet, als es die Ruͤckkehr antrat !). Alsbald aber folgte auf des Mei⸗ ſters Befehl der Komthur von Koͤnigsberg Friederich von Wil⸗ denberg mit einem bedeutenden Heerhaufen unter den Heer⸗ fahnen des heiligen Georgs und der heiligen Jungfrau dem Großfürften nach; die Ritterbruͤder aus Ragnit, der Komthur von Inſterburg und ein Haufe Withinge ?) ſchloſſen ſich im Fortzuge ſeiner Kriegsſchaar an, waͤhrend der tapfere Ordens⸗ ritter Otto von Bergau mit noch fuͤnf andern Rittern und einer Schaar von vierhundert Reiſigen aus Natangen ſeine Richtung mehr ſuͤdlich gegen Garthen zu nahm, um ſo eiligſt vorruͤckend wo moͤglich dem Feinde den Ruͤckzug abzuſchneiden. Es gluͤckte dem Komthur von Koͤnigsberg, den feindlichen Heerhaufen jenſeits der Landesgraͤnze, wo er ſich gelagert und 1) Dusburg o. 299 ift hier im Texte wieder nicht ganz vollſtaͤndig, wie aus Jeroſchin und dem Epitomator hervorgeht; unter andern ſagt der letztere: igne et gladio multi sunt occisi, ancillis, pueris comportatis cum mulieribus in spacio IX dierum. So las auch Lu⸗ cas David B. V. S. 168. Schütz p. 56. Das Chron. Oliv. p. 43 dehnt den Aufenthalt des Großfuͤrſten in Preuſſen auf 18 Tage aus; ebenſo die Annal. Oliv. p. 38. 2) Wigand. Marburg. p. 279: In eorum reversione ordinis vexilla contra eos erecta sunt, primum Ragnitarum, commendatoris de Inster- burg, Witingorum, sancti Georgü, vexillun virginis Marie etc.
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Des Großfuͤrſten Witen Einfall ins Land (1311). 279 nach Vertheilung der Beute zur Erholung ein Dank- und Opferfeſt für feine Götter veranſtaltet hatte, fo plöglich zu überfallen, daß die Litthauer faft gar keine Gegenwehr leiſten konnten, ein großer Theil erſchlagen, die uͤbrigen zerſtreut wurden und der Großfürft ſelbſt, der eben am feſtlichen Mahle ſaß, ſich nur noch durch die Schnelligkeit feines Roſſes ret⸗ tete. Die ganze Zahl der aus Preuſſen weggeführten Gefan⸗ genen, die ſaͤmmtliche Beute und vieles, was der Feind zu⸗ ruͤckließ, fiel dem Ordensvolke in die Haͤnde nebſt vielen Litthauiſchen Gefangenen. Darauf brach der Komthur in das Gebiet Pograuden in Samaiten ein und hauſete da mit Raub und Schwert ſo fuͤrchterlich und verwuͤſtete das Land ſo gaͤnz⸗ lich, daß es ſich viele Jahre hindurch nicht wieder erholen konnte. Mittlerweile war Otto von Bergau mit ſeiner Rei⸗ terſchaar bis ins Gebiet von Garthen vorgedrungen und brachte von dort reiche Beute zuruͤck, ohne mit dem Feinde in Kampf gekommen zu ſeyn !). So war der Kampf mit den Litthauern wieder fuͤrchter⸗ lich erwacht zum Verderben beider Laͤnder, denn der Groß⸗ fuͤrſt ſann auf ſchwere Rache und ſammelte alsbald von neuem eine anſehnliche Kriegsſchaar. Mit viertauſend auserleſenen Kriegern ſtuͤrmte er ploͤtzlich am dritten April des Jahres 1311 in Preuſſens Graͤnzen ein und uͤberzog Ermland bis gegen Braunsberg hin drei Tage mit einer furchtbaren Verheerung, fo daß alles, was nicht Schutz in den Burgen und Befeſti⸗ gungen fand, gefangen oder ermordet und mit Feuer ver⸗ tilgt ward. Die Kirchen des Landes wurden vernichtet, die heiligen Geraͤthe geraubt, Prieſter aufs ſchrecklichſte gemißhan⸗ delt und außer einer großen Beute fuͤhrte der Feind gegen 1) Dusb. c. 300-301. Wigand. Marburg. p. 279; aus dieſem ſcheint hier Seltz p. 56 geſchoͤpft zu haben. Kojalowiez p. 236 und Lucas David B. V. S. 169 haben nur, was Dusburg erzaͤhlt. Un⸗ richtig nennt De Wal J. c. p. 518 den Komthur Friederich von Wil⸗ denberg Mar&chal de Ordre; nicht nur Dusburg nennt ihn bloß Com- mendator de Kunigsberg, ſondern wir finden ihn als ſolchen in einer urk. auch noch im Auguſt 1312.
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280 Niederlage der Litthauer bei Woplauken (1311). zwölf bis vierzehnhundert!) Chriſten als Gefangene mit ſich fort. Darauf als der Großfürft faſt ganz Ermland mit wil⸗ der Raubſucht heimgeſucht, warf er ſich ins Barterland und lagerte endlich an der Wildniß auf einer Anhoͤhe bei Wo⸗ plauken ) in der Nähe von Raſtenburg, wo er fein Heer mit einem Hagen umgab, um ihm Ruhe und Erholung zu goͤn⸗ nen. Da ging der Fuͤrſt voll uͤbermuͤthiges Stolzes im La⸗ ger umher, um ſich am Anblide der unermeßlichen Beute und der zahlreichen Gefangenen in ihren Feſſeln zu erfreuen und als er unter dem Raube eine Buͤchſe oder Monſtranz erblickte, in welcher das Allerheiligſte befindlich war, ließ er ſich ſolche darreichen, nahm das Heilige heraus und fragte die chriſtlichen Gefangenen im hoͤhniſchen Spotte: „Iſt das nicht euer Gott? Warum hilft er euch nicht, ſo wie unſere Goͤtter uns helfen? Sehet wie ohnmaͤchtig er iſt, will ich euch beweiſen.“ Somit nahm er das Sacrament, warf es auf die Erde und trat es mit Fuͤßen, gegen die Chriſten es mit den Worten laͤſternd: „Kuͤmmert euch nicht um dieſen eueren Gott! Was iſt es denn, was ihr anbetet? Nimmer kann Brod Gott ſeyn; es iſt ein eitler Wahn, den ihr heget; ſehet doch meine Macht an, die mir unſere Goͤtter verliehen und wendet euch zu unſerem Glauben. Waͤhrend euer Gott weder euch noch ſich ſelbſt zu helfen vermag, haben es unſere Goͤtter bewirkt, daß ihr in meiner Gefangenſchaft auf ewig bleibet).“ Die Chriſten erſchraken und ſtaunten über den 1) Nach Schätz p. 56 waren es allein 1400 Jungfrauen ohne die Männer und Frauen. Jeroſchin c. 308 und der Epitomator führen an, der Feind ſey bis Braunsberg vorgeſtuͤrmt. 2) Dusb. c. 303 nenut es Woyploc, Jeroſchin c. 303 Woplauken, Wigand. Marburg. Papilouken. Jeroſchin ſagt, der Feind habe ſich daſelbſt gelagert: Impor uf einem berge Di lenge und di twerge Mit heggenen vortingilt. 3) So nach Wigand. Marb. p. 279, Jeroſchin «. 308 und dem Epitomator. Dusb. I. c. ſpricht von der Sache nur kurz oder der
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Niederlage der Litthauer bei Woplauken (1311). 281 ſchnoͤden Frevel, doch keiner wagte zu reden. Aber der Groß⸗ fürft ahnete nicht, wie nahe die Rache ſey. Der tapfere Großkomthur Heinrich von Plotzke war mit achtzig Ordensrittern!) und einer ſtarken Kriegsfchaar dem Feinde nachgefolgt. Ueberall hatten ſich auf ſeinem Fortzuge die Conventsbruͤder der Ordenshaͤuſer und viele reiſige Kriegs⸗ leute ſeinem Heerhaufen angeſchloſſen; alles wollte unter der Fahne der heiligen Jungfrau den veruͤbten Graͤuel an den Heiden raͤchen 2). Zur Abendzeit in der Naͤhe des Feindes angelangt, ordnete der Großkomthur waͤhrend der Nacht alles zum Angriffe und ließ ſein Kriegsvolk ringsum vertheilen ). Darauf mit dem fruͤhſten Morgen brach ein Theil des Or⸗ densvolkes mit wilder Kampfluſt auf das Lager ein. Die Litthauer leiſteten Anfangs kraͤftigen Widerſtand und vierzig Chriften *) erlagen im erſten Anſturme. Jetzt aber drang der Großkomthur mit ſeiner ganzen Streitmacht auf den Feind ein und ſuchte das ihn ſchuͤtzende Gehaͤge zu zer⸗ ſprengen. Es kam zum heißeſten Kampfe; ein Regen von Speeren und Keulen fiel auf die Chriſten heruͤber. Da ſtuͤrzte ſich plotzlich zur Seite wendend der kuͤhne Komthur von Chriſt⸗ burg Guͤnther von Arnſtein auf die Reuſſiſchen Schuͤtzen, die Anſangs mit ihren ſcharfen Pfeilgeſchoſſen tapfer wider⸗ ſtanden. Bald aber gluͤckte es, ihren Haufen auseinander zu werfen; der Komthur brach alsbald in das Gehaͤge ein und in dem naͤmlichen Augenblicke drang auch die größere Schaar unter der Ordensfahne durch die Wehr des Lagers hindurch °). Text iſt auch hier vielleicht nicht ganz vollſtaͤndig. Vgl. Schütz P. 56. Lucas David B. V. S. 170 - 171. Annal. Oliv. p. 38. 1) Dust. I. c. zählt 150 Ordensritter. Jeroſchin muß jedoch einen beſtimmten Grund gehabt haben, hier von dem Chroniſten abzu⸗ weichen. Wahrſcheinlich zog der Großkomthur nur mit 80 aus und erſt im Fortzuge vermehrte ſich die Zahl auf 150. 2) Jeroſchin a. a. O. 3) Wigand. Marl. p. 279: ordinatis aciebus in furore belli mane paganorum exercitum circumdederunt. 4) Jeroſchin a. a. O. und der Epitomator. Dusb. hat 60. 5) Dusb. ift hier mangelhaft; Jeroſchin und der Epitomator er⸗
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282 Niederlage der Litthauer bei Woplauken (1311). Nloͤtzlich entſank dem Feinde aller Muth; mit Furcht und Schrecken warf ſich alles auf die Flucht, Allein die Ordens⸗ krieger ſiegeserfreut verfolgten alsbald die Fluͤchtlinge nach allen Seiten hin. Nur der Großfuͤrſt, obgleich am Kopfe ſchwer verwundet, entrann mit wenigen Begleitern dem Ver⸗ derben, denn ſein ganzes Heer ward theils auf der Flucht erſchlagen, theils in einen See geſprengt, wo eine große Zahl jaͤmmerlich unterging, theils fand es in der Wildniß durch Hunger und Wundenſchmerz ein trauriges Ende. Selbſt die gefangenen chriſtlichen Frauen und Jungfrauen wurden, als der Sieg ſich zu den Ordenswaffen neigte, ſo ermuthigt, daß ſie ihre Feſſeln zerſprengend uͤber ihre Waͤchter herfielen und die meiſten ermordeten. Somit war Witens ganzes Kriegs⸗ heer aufgerieben und nur einige wenige ſahen die Heimath wieder. Erſt am ſolgenden Morgen kehrte der Großkomthur mit ſeiner Streitſchaar auf den Kampfplatz zuruͤck. Die er⸗ loͤſeten Gefangenen, Frauen und Jungfrauen an dreizehnhun⸗ dert in der Zahl fielen dankend ihren Errettern um die Kniee, und nachdem man auf dem blutigen Felde ein Dankgebet gefeiert, kehrte der Heerhaufe mit der Beute von zweitau⸗ ſend achthundert Litthauiſchen Roſſen unter Siegsgeſang zuruck. Um den herrlichen Sieg aber durch ein frommes Denk⸗ mal zu verewigen, ward zum Dank fuͤr dieſen ſo wichtigen und ruhmvollen Tag zu Woplauken in Thorn ein Nonnen⸗ kloſter gegründet und reich mit Gütern begabt ). zählen vollſtaͤndiger. Günther von Arnſtein wird in Urkunden in den J. 1311 und 1312 als Komthur von Chriſtburg genannt. Der Epito⸗ mator ſagt von ihm: Frater Gunterus de Arnsteyn ad latus inimi- corum infregit contra ruthenos, qui sagittis fortiter resistunt, quos tamen divisit et processit etc. 2 1) Jeroſchin c. 803 weicht wider feine ſonſtige Gewohnheit in der ganzen Beſchreibung dieſer Ereigniſſe bedeutend von Dusburg ab, worauf ſchon Lucas David B. V. S. 172 auſmerkſam machte. Man uͤberzeugt ſich hievon nicht bloß bald durch die Sache ſelbſt, ſondern er ſagt auch ausdruͤcklich, daß er hier noch einer andern Quelle folgte und aus dieſer ergaͤnzte. So heißt es bei ihm:
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Kriegszuͤge nach Litthauen (1311). 283 Nun ruhte der Kampf bis in den Sommer. Da ſtuͤrmte der junge und kuͤhne Komthur von Brandenburg Gebhard von Mansfeld mit einer Schaar von Ordensbruͤdern und funfzehnhundert Reiſigen von neuem ins Gebiet Pograuden im Samaitenlande ein und raubte und brannte nach gewohn⸗ ter Weiſe. Beim Ruͤckzuge aber traten ihm die Edlen der Gegend kampfgeruͤſtet zum Widerſtande entgegen und bei der kleinen Schaar von Streitern wuͤrde der Komthur das Land nicht ohne große Opfer verlaſſen haben, wenn nicht der Edle Manſte, ein kluger und erfahrener Samaite, aus Beſorgniß eines Hinterhaltes der Ritter, den Seinigen den Kampf wi⸗ derrathen hätte, denn nur hiedurch gluͤckte es dem Komthur, den Ruͤckzug unverfolgt und unverſehrt anzutreten. Um die naͤmliche Zeit unternahm der Großkomthur Hein⸗ rich von Plotzke einen neuen Heereszug gegen Garthen, weil ein in Balga gefangen gehaltener Kaͤmmerer des Großfuͤrſten von Litthauen den Ordensrittern auf Todesſtrafe verſprochen hatte, fuͤr ſeine Freilaſſung die Burg Garthen in ihre Haͤnde zu liefern. Seinen Worten vertrauend hatten die Ritter ihn entlaſſen. Allein wortbruͤchig hatte er den Großfuͤrſten von allem genau benachrichtigt und als nun der Großkomthur mit ſeinen fuͤnftauſend Streitern ſich der Burg Garthen naͤherte, Darnach ſach man ſy buyten Als ich horte duyten Acht und zwencig hundirt pfert Di entmannet hat ir ſchwert. Alſo hörte Jeroſchin noch mündliche Berichte über dieſen Kampf. Auch die Chronik des Wigund. Marburg haben wir Über dieſe Ereigniſſe zuerſt als eine ſehr wichtige Quelle der Geſchichte Preuſſens zu begruͤßen. Sie macht hier ſchon auf manches aufmerkſam, was Dusburg nicht hat und ihr folgte großen Theils auch Schütz p. 56. Kojalowiez p. 236 giebt nichts Neues. Was den Schlachttag anlangt, fo fällt er nach Dusb. auf den 6. April, nach Jeroſchin aber wohl richtiger auf den 7. April, der ein Mittwoch war. Jeroſchin nennt auch beſtimmt das Jahr 1311, alſo nicht 1312, wie manche annehmen. Chron. Oliv. p. 44, genauer die Annal. Oliv. p. 38, die namentlich auch der Gruͤndung des Kloſters zu Thorn erwaͤhnen.
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254 Kriegszuͤge nach Litthauen (1311). entdeckte ihm ein aus der Zahl der feindlichen Kundſchafter gefangen genommener Greis, daß Witen mit ſtarker Heeres⸗ macht um Garthen liege, um das Ordensheer, wenn es beim Uebergange uͤber die Memel getheilt ſey, zu uͤberfallen und zu vernichten. Da beſann ſich der Großkomthur eines Bef: ſeren und kehrte ohne weiteres zuruck, weil ihm die Gefahr zu groß ſchien. Mehr vom Gluͤcke beguͤnſtigt war er auf einem neuen Zuge nach Litthauen im Anfange des Juli an der Spitze von hundert und funfzig Ordensrittern und eines ſtar⸗ ken Heeres, worunter zweitauſend Fußvolk; denn als er ſich Garthen naͤherte, gab ihm ein gefangener Wartmann des Großfuͤrſten die Nachricht, daß man im Lande nichts von dem Heranzuge eines feindlichen Heeres wiſſe, wie ſich daraus er⸗ weiſe, daß eben funfzig Männer vom Großfürften ausgeſandt fuͤr ihn ein Jagdvergnuͤgen vorbereiten ſollten. Sie wurden aufgegriffen und erſchlagen. Dann uͤberſchritt das Ordens⸗ heer die Memel, brach in das Gebiet von Salſeniken ein, wo noch nie ein chriſtlicher Krieger erſchienen war, verheerte alles durch Raub und Brand, brach drei Burgen im Lande und nachdem es eine große Zahl der Landbewohner erſchla⸗ gen, kehrte es mit außerordentlich reicher Beute und ſieben⸗ hundert Gefangenen über die Memel zuruͤck !). Mittlerweile war des Hochmeiſters Thaͤtigkeit vorzuͤglich auf die Verhaͤltniſſe Pommerns gerichtet. Zur Entrichtung der zweiten Haͤlfte der Kaufſumme fuͤr Pommern an den Markgrafen von Brandenburg ſoll er ſeine Unterthanen mit einer Abgabe belegt haben, die den zehnten Theil von allen Guͤtern betrug. Unter dem Namen der Zinſe oder Acciſe er⸗ hoben und im kurzen mehrmals eingefordert ſoll ſie großen Unwillen im Lande erregt haben 2). Ob ſich dieſe Nachricht 1) Dusb. c. 3804 — 306. Jeroſchin hier wieder treu nach feinem Chroniſten. Lucas David B. V. S. 174 — 176. Schütz p. 56. Ko- alowiez p. 238 weicht über den Zug des Komthurs von Brandenburg von Dusburg etwas ab. 2) Leo Historia Pruss. p. 133. Baczko B. U. S. 51. 82.
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Kriegszüge nach Litthauen (1311). 285 beſtaͤtigen laſſe oder ob, wie andere wollen), die Abgabe nur in den neuerworbenen Gebieten Pommerns auferlegt wor⸗ den ſey, und ob der Ordens⸗Schatz nicht ſelbſt zur Zahlung der Summe zugereicht habe, muͤſſen wir bei dem Schweigen bewaͤhrter Quellen dahin geſtellt ſeyn laſſen. Gewiß iſt, daß zu Ende des Juni 1311 die ganze Kaufſumme an den Mark⸗ grafen bereits entrichtet war?). Daher ließ ſich nun der Or⸗ den von den Brandenburgiſchen Rittern Bernhard von Plotzk, Friederich von Alvensleben und Droske die Zuſicherung geben, daß der junge Markgraf Johann, ſobald er muͤndig werde, ihm eine eben ſolche Verkaufsurkunde uͤber Pommern aus⸗ ſtellen folle, wie fie Markgraf Waldemar gegeben ). Darauf fertigte endlich der Markgraf Waldemar in ſeinem und ſeines Muͤndels Namen am vierundzwanzigſten Juli 1311 einen neuen Kaufbrief aus, in welchem er das vom Orden erkaufte Land dieſem foͤrmlich und gaͤnzlich uͤberwies, auf ewig allen Rechten und Anſpruͤchen entſagend und den Orden in jeder Be⸗ ziehung in deſſen Beſitz und Eigenthumsrecht ſicher ſtellte “). 1) Lucas David B. V. 2) Am 23. März 1311 zahlte der Orden 2000 weniger 40 Mark, worüber der Markgraf zu Stolpe tercia feria post dominicam Letare Ierusal. 1311 quittirt. Die Zahlung geſchah durch den Großkomthur; die Urk. hieruͤber im groß. Privilegienb. p. XVIII. Die zweite Zahlung von noch 3040 Mark erfolgte zu Stolpe am 26. Juni 1311 nach der Urk. im groß. Privilegienb. p. XVIII, worin der Markgraf Waldemar zugleich auch als Vormund des jungen Markgrafen Johann quittirt. Vgl. die Nachweiſungen bei Lancizolle Geſchichte der Bild. des Preuſſ. Staats B. I. S. 562. 3) Original⸗urkunde, datirt: Stolpa VI Calend. Juli 1311 im geh. Arch. Schiebl. XLI. 4) Original⸗ Urkunde, datirt: in Curia Breden a. d. 1311 in vi- gilia b. Jacobi apost. im geh. Archiv Schiebl. L. Nr. 1.; mehre Trans⸗ ſumte von 1419, 1330, 1421 und 1442 in Schiebl. XLI. Nr. 6. 7. 8, Schicht. XLVIII. Nr. 31; Schiebl. L. Nr. 41. Gedruckt iſt die Urk. in Dogiel T. IV. Nr. XLVII. p. 39; vgl. Lucas David B. VI. S. 72. — Dieſer urkundlichen Beweiſe ungeachtet behaupteten die Polen dennoch in dem nachfolgenden Streite wegen Pommerns: Venditio ter- rarum Pomeraniae fuit fictitia et simulata, quod patet ex parvitate
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286 Neue Erwerbungen des Ordens in Pommern (1312). Von dem an trat nun der Hochmeiſter Karl von Trier in dem erworbenen Theile Pommerns voͤllig als Landesherr auf. Sein Ziel aber konnte nichts anderes ſeyn, als eines Theils die Beſitzungen in Pommern ſo viel als moͤglich noch zu erweitern und vor allem die den Ordensbeſitz durch ihre Lage unterbrechenden Gebiete fremder Beſitzer noch zu erwer⸗ ben, um in ſolcher Weiſe das ganze dortige Gebiet des Or⸗ dens mehr abzurunden, andern Theils die neuen Unterthanen fuͤr des Ordens Herrſchaft zu gewinnen. Zu dem erſtern Be⸗ ſtreben erboten ſich bald manchfaltige Gelegenheiten. Schon in den erſten Tagen des Jahres 1312 ließ die Fuͤrſtin Ger⸗ trude, des Herzogs Sambor von Pommern Tochter, dem Hochmeiſter ihre ganze Herrſchaft Pirſna mit zweiundzwanzig Dörfern oſtwaͤrts vom Radaunen-See, die ihr vor achtund- zwanzig Jahren Herzog Miſtwin als eigenes Beſitzthum zu⸗ gefprochen n), zum Verkaufe entbieten. Der Orden erwarb dieſe Herrſchaft fuͤr die Summe von dreihundert Mark und erweiterte auch dadurch wieder ſein Gebiet mehr nach Weſten hin 2). Bald darauf ſchritt er noch weiter, da ihm Nico⸗ pretii, nam facta dieitur per X marcas (2) argenti confessati, non tamen realiter soluti et redditus unius anni ipsius terrae Pomeraniae plus valent, quam sit praedietum pretium, et ex parvitate pretii praesumitur simulatio. 1) Nach dieſer Urkunde, datirt: in Slupzk a. d. 1284 im Origin. im geh. Arch. Schiebl. XLIX. Nr. 27. 28 hatte der Herzog Miſtwin der Fuͤrſtin Gertrude, die er soror nostra nennt, das Recht verliehen, nach ſeinem Tode mit der geſchenkten Beſitzung ganz nach ihrer Will⸗ kuͤhr zu ſchalten. Die Schenkung betraf naͤmlich das geſammte Gebiet von Pirſna, worin folgende Doͤrfer lagen: Costrina, Zclonino (jetzt Zclenina), Bandomino (Bendomin), Neruse, Grabovo (Grabau), Lubna Eubahn), Korne (Kornen), Gostome, Zkorevo, Scorevo (Skorzewen), Uneraze, Saple (Czapel) Pirscevo (Pierszewo), Golube (Gollubien), Potuli (Patully), Sicorino (Sycorzyn), Pchuce (Putz), Zgorale (Igor: zallen), Mancevo, Clobucino (Kloboczyn), Sarevo. 2) Urkunde, datirt: in Swechowe a. d. 1312 in die s. Felicis in Pincis (14. Januar) im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 32. Gertrude ſelbſt nennt ſich hier Domicella filia Ducis Sambori terre Pomeranic und ſagt, der Verkauf geſchehe de communi consensu reverende ducisse
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Neue Erwerbungen des Ordens in Pommern (1312). 287 laus, der Sohn des Grafen Nicolaus von Ponitz, ſeine Erb⸗ guͤter Schlochau und das Dorf Brode fuͤr dritthalbhundert Mark verkaufte ). Nicht ohne Hoffnung des einſtigen Er⸗ werbes nahm ferner der Orden von dem Fuͤrſten Primico den ſehr fiſchreichen See Malſche in Pommern fuͤr dreißig Mark als Pfand an ) und da es nun auch wichtig ſeyn mußte, die Ordensgebiete um die gewonnenen Burgen Dirſchau und Schwez ſo viel als moͤglich zu erweitern, um dem Beſitze dadurch feſtere Haltpunkte zu geben, ſo trat der Meiſter an das Kloſter Pelplin das Dorf Schlanz ab und erhielt dafür mehre in den Gebieten dieſer Burgen gelegene Dörfer’). Zu demſelben Zwecke ſchloß er mit dem Biſchofe Johannes von Ploczk einen Vertrag ab, nach welchem ihm dieſer die im Gebiete von Dirſchau liegenden Doͤrfer Gerdien, Schlanz und Brsusz, die ſchon ſeit langer Zeit der Kirche von Ploczk zu⸗ gehoͤrt, abtrat und dafuͤr das im Kulmerlande ſeinen andern Beſitzungen naͤher liegende Dorf Baͤrenwalde mit vierzig Mark jaͤhrlicher Einkünfte erhielt, doch alſo daß deſſen Be⸗ wohner dem Orden auch fortan noch zu allen Dienſten ver⸗ pflichtet bleiben ſollten, die des Landes Sicherheit erfordern werde). — Wie aber der Orden in ſolcher Weiſe feine Salomee sororis mee necnon et filiorum eius ducum Primislii et Ka- simiri terre Cuyavie und zwar verkaufe fie ihre Beſitzungen non coacta, sed spontanea voluntate. 1) Urkunde datirt: in Slochaw a. d. 1312 feria secunda ante na- tivitatem virg. glor. in zwei Transſumten von 1412 und 1421 im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 86 und 87. 2) Original- Urk. datirt: in Polplin a. d. 1312 in die circumci- sionis dni im geh. Archiv Schiebl. XL. Nr. 8. Die Urkunde iſt auch wegen des Fuͤrſten ſelbſt nicht unwichtig; er heißt hier nobilis vir, do- minus Primico princeps generosus, licet nullius terre vel provincie celebri nomine tituletur, alfo ein titelloſer Fuͤrſt. Wenn er die Summe nach einem Jahre nicht zuruͤckzahlte, ſo verfiel der See dem Orden. 3) Original⸗Urk. datirt: In Castro s. Marie domo nostra prin- eipali a. d. 1312 in die translationis b. Benedicti abbatis im geh. Arch. Schiebl. LIX. Nr. 14. 4) Original⸗Uurk. des Biſchofs datirt: Apud Plock a. d. 1312
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288 Neue Erwerbungen des Ordens in Pommern (1312). Herrſchaft immer weiter gen Weſten auszudehnen ſuchte, ſo erſtrebte er daſſelbe auch im Suͤden. Im Michelauer-⸗Lande, welches, wie erwähnt, ſchon früher erworben war, lag ſuͤd⸗ waͤrts von Strasburg vom Gebiete von Michelau ab bis an die Burg Kiente 1) hin eine Landſtrecke, die dem Biſchofe von Ploczk gehoͤrte, aber nur wenig bevoͤlkert war. Der Hochmeiſter fand es theils uͤberhaupt im Vortheile des Or⸗ dens, theils auch zu groͤßerer Sicherung der dortigen Graͤnz⸗ lande nothwendig, durch Vermehrung der Bevoͤlkerung dieſes Gebietes auch ſeine Herrſchaft dort noch ſtaͤrker zu befeſtigen. Er ſchloß deshalb mit dem Biſchofe einen Vertrag, nach welchem der Orden die Freiheit haben ſollte, die erwaͤhnte Landſchaft durch Gruͤndung von Doͤrfern ſtaͤrker zu bevoͤlkern, für die nach Ablauf von ſieben Freijahren der Orden dem Biſthum Ploczk ſtatt des Zehnten eine Summe von neunzig Mark Kulmiſcher Münze jaͤhrlich zu entrichten verpflichtet ſeyn ſollte; uͤber die bisher aber der Kirche von Ploczk dort ſchon zugehoͤrigen Doͤrfer behielt ſich der Biſchof alle ſeine bisheri⸗ gen Rechte vor ſowohl in geiſtlicher als weltlicher Beziehung. Dafuͤr uͤbernahm der Orden die Vertheidigung der biſchoͤfli⸗ IV Idus Septemb. im geh. Arch. Schiebl. XIX. Nr. 3 und im groß. Privilegienb. p. XVI. Es kommt hier die merkwuͤrdige Stelle vor: Magister et fratres ab ipsis incolis talia exigere poterunt servicia, videlicet quod ad defensionem terre vadant et ad reformandum littus Druance (Drewenz) auxilium prestent, annonam, que consuevit dari in subsidium Castri Ragemeten in tercium annum solvant, ad pre- cium custodum seu speculatorum terre prout moris est, contribuant et ad reformandas municiones subsidium prebeant, ad quas confugere consueverunt. Et si aliquod Castrum de novo in dyocesi Culmensi pro utilitate Terre construendum fuerit, ad id iuvare sicut ceteri homines tenebuntur. Si qui vero ex dicte ville incolis horum unum vel plura, quando a fratribus requisiti fuerint adimplere neglexerint, penam quam pro hiis merebuntur, que est arbitraria, Ecclesia nostra tollet et nichilominus ipsi, quod adimplere neglexerant, facere te- nebuntur. 1) Dieſe Burg heißt in der Urkunde Castrum Kxenite und lag an einem Fluſſe; es kann keine andere ſeyn als Xiente, ſüdwaͤrts von Gurzno.
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Neue Erwerbungen des Ordens in Pommern (1312). 289 chen Güter gegen jeglichen Feind, zu deſſen Abwehr jedoch immer auch die Bewohner der biſchoͤflichen Beſitzungen ver⸗ bunden ſeyn ſollten ). Um aber ferner auch die neuen Unterthanen in Pom⸗ mern fuͤr des Ordens Herrſchaft mehr zu gewinnen, ſetzte der Hochmeiſter in Danzig den Komthur David von Cammerſtein, ſowie in Dirſchau einen Vogt und in Schwez einen Komthur ein, welche die im Sturme der unruhigen Ereigniſſe verwirrte und verfallene Landesverwaltung wieder ordnen und Recht und Geſetz im Lande aufrecht erhalten ſollten ?). Danzig wurde durch ein ganz neues Stadttheil, welches forthin „die rechte Stadt“ hieß, anſehnlich erweitert und ſtaͤrker befeſtigt ). Vor allem beſtaͤtigte der Orden den Kloͤſtern Oliva, Pelplin, Byſſowen u. a. alle ihre Rechte, Freiheiten und Beſitzun⸗ gen, die ſie aus alten Zeiten durch die Mildthaͤtigkeit der Herzoge von Pommern erhalten, denn man ſchien wohl zu wiſſen, wie maͤchtig durch den Mund der Moͤnche auf das Volk gewirkt werden koͤnne ). Ueberall ſtellte er die alten Freiheiten wieder her und verbuͤrgte die Gerechtſame, wie ſie einſt die Herzoge von Pommern verliehen; ſo erhielt unter andern die Zunft der Bernſteinfiſcher in Danzig, welche lange an der Sammlung des Bernſteins gehindert wörden war, ihr altes Recht wieder, innerhalb gewiſſer Graͤnzen und unter der Bedingung verſchiedener Leiſtungen 1) Original- urk. des Biſchofs datirt: Apud Plock a. d. 1312 XV Calend. Iulii im geh. Arch. Schiebl. LXXV. Nr. 5, gedruckt in Dogiel T. IV. Nr. XL. VIII. p. 40. 2) urkunden führen beftimmt ſchon im J. 1311 und 1312 den erſten Komthur von Danzig David an und aus Simon Grunau, wenn wir ihm hier trauen duͤrfen, erfahren wir, daß er David von Cam⸗ merſtein hieß, was dadurch wahrſcheinlich wird, daß es eine Familie dieſes Namens in Thuͤringen und Heſſen gab. 3) Schütz p. 55. Y Beſtätigungsurkunde des Hochmeiſters über die Privilegien des Kloſters Pelplin, datirt: Danczke X Aug. 1312 im Original im geh. Arch. Schiebl. LIX. Nr. 26; das Beftätigungsprivilegium für das Klo⸗ ſter Byſſowen Schiebl. XLIX, Nr. 47. IV. 19
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290 Neue Erwerbungen des Ordens in Pommern (1313). gegen den Orden ihr Geſchaͤft forthin ungeftört betreiben zu koͤnnen ). Daſſelbe Streben nach Erweiterung ſeines Gebietes in Pommern verfolgte der Orden auch noch in dem naͤchſten Jahr 1313; denn nachdem er ſich zuvor mit Waldemar von Brandenburg uͤber die Graͤnzen zwiſchen dem angekauften Be⸗ ſitzthum des Ordens und dem dem Markgrafen verbliebenen Stolpeſchen Gebiete genau verſtaͤndigt hatte 2), ging der Hoch⸗ meiſter mit den Soͤhnen des nun ſchon verſtorbenen Kanzlers Swenza, Peter, Jesco und Lorenz, denen der Orden fruͤher ſchon die Burg Tuchel und ein um fie liegendes Gebiet Über: wieſen, einen wichtigen Kauf⸗ und Tauſchvertrag ein, nach welchem dieſe ihr ganzes Gebiet von Neuenburg am Weich⸗ ſel⸗Strome, das einſt Koͤnig Wenceslav von Boͤhmen an Peter Swenza allein verliehen, die Markgrafen Otto, Her⸗ mann und Waldemar von Brandenburg aber auf alle drei Bruͤder uͤbergetragen hatten, dem Orden fuͤr die Summe von zwölfhundert Mark und für fünf in der Nähe ihrer Burg Tuchel liegende Doͤrfer, nebſt einem See und der Fiſcherei im Fluſſe Braa verkauften, wobei ſie ſich gegen den Orden auch zu allen den Lehensdienſten verpflichteten, die fie bisher von ihren Gütern zu Neuenburg geleiftet hatten. Dafür ward ihnen die Erlaubniß, auf ihren Beſitzungen zu Tuchel eine neue Burg oder Stadt zu erbauen, ſofern ſie ſolche dem Or⸗ den in dringender Noth zur Einlagerung und Beſetzung ſtets offen halten wuͤrden ). Dieſe Erwerbung von Neuenburg 1) Urkunde des Hochmeiſters datirt: Marienburc feria quinta ante Invocavit 1312 in Dregers Samml. Pommer. Urk. Nr. 1212. Die den Bernſteinſiſchern in Danzig angewieſenen Graͤnzen bezogen ſich vor⸗ zuͤglich auf die Friſche Nehring. S. Verſchreibungsbuch im geh. Arch. Nr. 2. p. 88. 2) Die Original⸗Urk. datirt: in Stolpa a. d. 1313 die beator. Dionysii et Socior. eius im geh. Arch. Schiebl. XLI. Nr. 10 und in einem Transſumt vom J. 1344 in Schiebl. L. Nr. 5. Den Hauptinhalt biefer Urkunde haben wir ſchon oben S. 267 not. 1 kennen gelernt. 3) Wir haben hierüber theils die Verkaufs⸗urk. der Söhne des verſtorbenen Palatinus Swenza, datirt: in Castro sancte Marie feria
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Neue Erwerbungen des Ordens in Pommern (1313). 291 war aber dadurch ſchon von Wichtigkeit, weil der Orden nun im Beſitze eines neuen feſten Punktes war, von welchem aus der Weichſel⸗Strom beherrſcht werden konnte und nun auch die Gebiete von der Burg Dirſchau an uͤber Mewe und Neuenburg bis hinauf nach Schwez durch kein bedeutendes Beſitzthum eines fremden Herrn mehr unterbrochen wurden. An demſelben Tage noch, als dieſer Kauf geſchah, verpfaͤn⸗ deten die drei Brüder dem Orden ihre ſaͤmmtlichen Güter für eine Buͤrgſchaft, die der Hochmeiſter dem Biſchofe von Leſlau uͤber eine Schuldſumme von ſechshundert Mark fuͤr ſie lei⸗ ſtete, mit der Beſtimmung, daß dieſe Guͤter dem Orden ohne weiteres verfallen ſeyn ſollten, wenn die Zahlung nicht in beſtimmten Friſten richtig erfolge !). — Auch in den nad) folgenden Jahren fuhr der Orden noch fort, ſein Gebiet in Pommern ſo viel als moͤglich zu erweitern, auf jegliche Ge⸗ legenheit aufmerkſam, die ihm dazu eine Ausſicht bot. So erhielt er bald darauf auch die anſehnlichen Beſitzungen, welche bei Kyſchau an der Ferſe einſt der Hauptmann Nicolaus von Kaliſch beſeſſen, von feinen juͤngern Söhnen aber dem aͤltern V infra octavas Penthecostes 1313 im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 70, theils auch die am naͤmlichen Tage ausgeſtellte Urkunde des Hochmeiſters mit der vorigen faſt ganz gleichlautend im Original Schiebl. L. Nr. 71 und im groß. Privilegienb. p. XXXIX und XL. In der erſtern ur⸗ kunde heißt es: De supradictis bonis Nos et nostri heredes talia ho- magii servicia exhibebimus fratribus domus theut., qualia eisdem de bonis Nuenburgensibus antea facere tenebamur. Der Hochmeiſter nennt den Vertrag empeionis et cuiusdam permutacionis contractum. In einer andern Urkunde datirt: in Mewa a. d. 1313 in die apost. Petri et Pauli Schiebl. XL. Nr. 9 überweifet der Hochmeiſter den drei Bruͤdern förmlich die Dörfer, quinque villas castro Tuchol vicinas. Die Burg Tuchel war alſo um dieſe Zeit ſchon daz und wir ſehen aus dieſer Urkunde zugleich auch, daß der Orden den Brüdern einen Theil des Gebietes von Tuchel ſchon fruͤher verliehen hatte, denn es heißt: quas (villas) sibi partim in concambio pro dominio Nuenburgensi donavimus possidere, eodem iure quo dominium Tucholense eisdem contulimus. 1) Original⸗Urk. datirt: in Marienbunch a. d. 1313 VI Idus Iunü im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 4. 19 *
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292 Neue Erwerbungen des Ordens in Pommern (1313). Jacob Herrn von Slucz uͤbertragen worden waren, der ſie nun, da er in den geiſtlichen Stand getreten und Domherr in Poſen geworden war, ſaͤmmtlich dem Orden ſchenkte, mit der Bedingung, daß der Orden in gewiſſen Faͤllen, z. B. wenn er ſich zum weiteren Studium irgend anderswohin be⸗ geben werde, ihn mit einer gewiſſen Geldſumme bis an ſei⸗ nen Tod unterſtuͤtzen ſolle ). Je weiter aber der Orden in ſolcher Weiſe ſeine Graͤnze in Pommern weſtwaͤrts vorruͤckte, um ſo mehr ward Herzog Wartislav von Vorpommern beſorgt, daß der Orden noch weiter ſtreben und Mittel finden werde, ſich auch des Ge⸗ bietes zwiſchen der Leba und der Wipper zu bemeiſtern, in deſſen Beſitz zur Zeit noch die Markgrafen von Brandenburg waren, denn bereits hatte der Orden ſich ſchon erboten, ihm ſeine Anſpruͤche auf Hinterpommern uͤberhaupt abzukaufen. Herzog Wartislav indeſſen, noch die Hoffnung hegend, einſt vielleicht noch dieſe Gebiete ſich zueignen zu koͤnnen, ging auf jenes Erbieten nicht nur gar nicht ein, ſondern es gluͤckte ihm bald durch Waffengewalt und einen feindlichen Einfall, ſich des erwaͤhnten Gebietes zu bemaͤchtigen und durch einen Vertrag mit dem Markgrafen Waldemar von dieſem die Zu⸗ ſage zu erhalten, daß der Herzog und ſeine Erben forthin im Beſitze des Landes bleiben ſollten 2). In dieſen Beſtrebungen nach außenhin vergaß indeſſen der Hochmeiſter auch keineswegs die Pflichten und die Sorge fuͤr die zweckmaͤßige Verwaltung, wie fuͤr die Wohlfahrt und 1) Original⸗Urk. des Iacobus Palatinus, Scolasticus Gnezdens. ac Canonicus Poznaniensis, datirt: in Mewa a. d. 1316 XIV Indi- ctione feria II post domin. Reminiscere im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 7. Die Urkunde über die Uebertragung dieſer Güter an den altern Bruder im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 6. So kaufte der Orden im J. 1314 von den Bruͤdern Nicolaus und Woycech, Soͤhnen des Grafen Woycech zwei von ihrem Vater auf ſie geerbte Doͤrfer Wiſſoke und Lo⸗ tine, woruͤber die Urk. im groß. Privilegienb. p. XXXIX. 2) Kantzow Pommeran. B. I. S. 300. 302. Sell Geſch. von Pommern B. I. S. 376. De Wall. c. T. II. p. 501. Exposé des droits etc. p. 331. Lancizolle a. a. O. B. I. S. 563.
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Umwandlung d. oberften Gebietigeraͤmter (1312). 293 den inneren Frieden der alten Ordenslande Preuſſen. Vor allem wichtig war für die Verfaſſung des Ordens und für des Landes Verwaltung eine Umwandlung der oberſten Ge⸗ bietiger⸗Aemter, die er im Sommer des Jahres 1312 vor⸗ nahm 1). Es hatte naͤmlich mit in den früheren Verhaͤlt⸗ niſſen des hochmeiſterlichen Wohnſitzes in Venedig gelegen, daß dieſe Gebietiger Anfangs, wie wir ſahen, auch in Preuſ⸗ fen nur als des Meiſters erſte Ordenshaus⸗ Beamten betrachtet wurden. Es ward aber jetzt beſtimmt, daß der Großkomthur neben ſeiner Stellung als oberſter Komthur der Fuͤrſtenburg Marienburg forthin auch den Titel „eines Großkomthurs des Deutſchen Ordens“ fuͤhren 2), in des Hochmeiſters Abweſen⸗ heit oder zur Zeit etwaniger Krankheit und vom Tode eines Meiſters bis zur Wahl des Nachfolgers die Landesverwaltung uͤbernehmen und als erſter Rath in dieſe wirkſam mit ein⸗ greifen ſollte, weshalb ihm auch manche Zweige feines fruͤ⸗ heren Verwaltungsamtes jetzt abgenommen und andern Be⸗ amten zuertheilt zu ſeyn ſcheinen ). Zu dieſem Amte erkor der Hochmeiſter den Ordensritter Heinrich von Gera, der bisher mehre Jahre dem Komthuramte in Elbing vorgeſtan⸗ den hatte. — Die zweite hohe Gebietigerwuͤrde, das Amt des Marſchalls in Preuſſen oder des oberſten Verwalters des Kriegsweſens war ſeit Konrads von Thierberg des Juͤngern Zeiten, alſo ſeit laͤnger als zwanzig Jahren unbeſetzt geblie⸗ ben, indem fruͤher in der Regel die Landmeiſter und zuletzt ſeit des Meiſters Ankunft der Großkomthur die Obliegenhei⸗ ten des Marſchalls übernommen hatten. Die neue Stellung des Großkomthurs erforderte jetzt die Trennung beider Aem⸗ ter und ſchon wegen des fortwaͤhrenden Kampfes mit den 1) Diefe Umwandlung der Gebietigerämter erfolgte im Auguſt oder Septemb. des Jahres 1312, denn um Michaelis⸗Tag finden wir Hein⸗ rich von Gera ſchon als Großkomthur, Friederich von Wildenberg ſchon als Ordens⸗Spittler und Heinrich von Iſenberg als Trapier. 2) S. meine Geſchichte Marienburgs S. 82 Anmerk. 83. 8) Vgl. über feine früheren Amtsgeſchaͤfte die Ordens⸗Statut. ©. 180.
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294 Umwandlung d. oberſten Gebietigerämter (1312). öftlichen Heiden fand der Hochmeifter die Beſetzung des Mar: ſchallamtes fuͤr nothwendig. Keiner aber hatte ſich deſſelben in den bisherigen Kriegen mit den Litthauern wuͤrdiger ge⸗ zeigt, als der bisherige Großkomthur Heinrich von Plotzke, der von dem an feinen Wohnſitz als Marſchall von Preuſſen !) in Koͤnigsberg erhielt. Außer der nunmehrigen beſtaͤndigen Verbindung des Komthuramtes zu Koͤnigsberg mit dem Mar⸗ ſchallamte blieb der Kreis der Amtsgeſchaͤfte des Marſchalls derſelbe, wie wir ihn früher ſchon bezeichnet ?). — Wie bie: ſes Amt jetzt neu wieder beſetzt ward, ſo ſcheint die Wuͤrde eines oberſten Spittlers des Ordens, die naͤchſte nach dem Marſchallamte, um dieſe Zeit fuͤr die neuen Verhaͤltniſſe in Preuſſen auch erſt neu geſchaffen worden zu ſeyn. Zwar hatte nach dem Ordensgeſetze ) ſchon laͤngſt jedes bedeutende Ordenshaus auch ſein Spital und ſeinen Spittler, dem die Pflicht der Krankenpflege zunaͤchſt oblag, wie denn nach alter Vorſchrift vor allem das Ordenshaupthaus verpflichtet war, fuͤr Kranke und Gebrechliche ſtets ein offenes Spital zu 1) „Marschalcus Prussie“; dagegen kommt Ordinis Marschaleus jetzt noch nicht vor. 2) Die Angaben in Werners Geſammelten Nachrichten zur Preuſſ., Maͤrk., und Poln. Geſchichte S. 180, nach welchen im J. 1305 Pan⸗ cratius von Baldersheim und im J. 1308 Heinrich Duſener das Mar⸗ ſchallamt bekleidet haben ſollen, ſtuͤtzen fi) auf ganz unſichere Quellen. Simon Grunau Tr. XI. c. 1 nennt nach ſeiner Art als erſten Or⸗ densmarſchall Elias Grumpau, ein völlig erdichteter Name. Auch die Annahme, daß Werner von Orſeln im J. 1312 die Würde des Mar: ſchalls verwaltet habe, iſt nicht zu begründen, denn es nennt ihn als ſolchen keine einzige Urkunde und dem Moͤnch Simon Grunau wird man dieſe Nachricht ſchwerlich glauben, ſ. Tr. XI. c. 5; was Lucas David B. V. S. 178 daruͤber ſagt, iſt jenem Moͤnche nur nachge⸗ ſchrieben und ſtimmt mit keiner Urkunde überein. Daß aber das Mar: ſchallamt ſogleich getrennt an Heinrich von Plotzke uͤbertragen worden iſt, kann nicht bezweifelt werden, da wir ihn nicht bloß bei Dusburg‘ c. 309 ſchon im J. 1315, ſondern in dieſen Jahren auch in Urkunden finden. Einigemal kommt in den erſten Zeiten auch noch ein beſonderer Komthur von Königsberg vor. 3) S. Ordens⸗Statut. S. 43 — 44.
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Umwandlung d. oberſten Gebietigerämter (1312). 295 halten. Bei der vermehrten Zahl der Ordensſpitaͤler im Lande aber fand es der Meiſter jetzt nothwendig, einen Oberauf⸗ ſeher und Oberverwalter derſelben unter dem Namen „des Ordens oberſter Spittler !)“ zu ernennen und inskuͤnftige das Ordenshaus zu Elbing zu feinem Wohnſitz zu beſtim⸗ men, alſo daß von dem an das Komthuramt zu Elbing mit dieſer Wuͤrde verbunden war. Der Hochmeiſter vertraute ſie dem Ordensritter Friederich von Wildenberg an, der ſie mehre Jahre bekleidete. — Gleiche Bewandtniß hatte es mit dem Amte des Trapiers. Die Beſorgung der Bekleidung und Kriegsruͤſtung, ſoweit dieſe nicht eigentliche Waffenruͤſtung, ſondern nur die Kriegskleidung betraf, die Aufbewahrung, Vertheilung, der Ankauf und die Verfertigung alles deſſen, was nur irgend zur Ordensbekleidung eines Ritter⸗ oder Prieſterbruders gehoͤrte, war zwar bisher ſchon in jedem Con⸗ vente einem Ordensbruder übertragen ?); man fand indeſſen jetzt ebenfalls für zweckmaͤßig, einen Oberaufſeher uͤber alle Conventstrapiere und uͤber die Traperien aller einzelnen Or⸗ denshaͤuſer unter dem Titel „eines oberſten Trapiers des Ordens“ zu ernennen. Von ihm zunaͤchſt gingen nun in dieſer Sache alle ſpecielleren Verordnungen aus; er beſorgte wahrſcheinlich die Einkaͤufe im Großen, ſtellte etwa einſchlei⸗ chende Mißbraͤuche ab und ſorgte fuͤr Ordnung und Regel⸗ maͤßigkeit der Ordenskleidung; ihm mußten die Trapiere der einzelnen Häufer Rechnung ablegen. Das Amt ward dem Di: densritter Heinrich von Iſenburg übertragen ) und als kuͤnf⸗ tiger Wohnſitz die Ordensburg Chriſtburg angewieſen, deren Komthuramt in der Regel nun ebenfalls mit dem des ober⸗ ſten Ordens⸗Trapiers verbunden war. — Auch das Amt des 1) In lateiniſchen urkunden heißt es nunmehr: Ordinis domus theut. Hospitalarius et Commendator Elbingensis. 2) Vgl. Ordens⸗Statut. S. 183 — 185, 3) Seit Michaclis 1312 komut dieſer Heinrich von Iſenburg in mehren Urkunden als Trapier des Ordens vor; es iſt unrichtig, wenn in meiner Geſchichte Marienburgs S. 85 Sieghard von Schwarzburg als ſolcher genannt iſt.
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296 Hungersnoth in Preuffen (1313). Treßlers oder Schatzmeiſters war bisher noch kein allgemeines Ordensamt geweſen, ſondern der Treßler des Hochmeiſters hatte bisher nur die Geldverhaͤltniſſe des Ordens⸗Haupthau⸗ ſes verwaltet. Er trat von nun an in ein anderes Verhaͤlt⸗ niß und ſelbſt auch in einen hoͤheren Rang ein, indem er jetzt, der Schatzmeiſter eines Landesfuͤrſten, uͤber die Einnahme eines ganzen Landes und die Ausgabe eines fuͤrſtlichen Hofes und einer fuͤrſtlichen Verwaltung Rechnung und Aufſicht zu fuͤhren hatte. Schon dieſer ungleich weitere Geſchaͤftskreis erhob ihn nunmehr zum oberſten Schatzmeiſter des Ordens. Sein Verhaͤltniß zum Hochmeiſter machte es aber nothwen⸗ dig, daß ſein Wohnſitz auch fernerhin im Haupthauſe des Ordens verbleibe. Der bisherige Treßler Johannes Schrape verwaltete auch fernerhin das Amt in dieſer weitern Ausdeh⸗ nung. — Das wichtige Amt des Landkomthurs von Kulm bekleidete jetzt noch Dieterich von Lichtenhagen und zu ſeinem Kompan hatte der Hochmeiſter den edlen Ritter Eberhard von Dohna auserkoren ). Aber nicht minder beſorgt war der Hochmeiſter auch fuͤr des Landes innere Wohlfahrt und Gedeihen. Eine zahlreiche Menge laͤndlicher Vergabungen an thaͤtige Landleute, ſowohl an Deutſche als an Preuſſen, ſprechen ſein eifriges Bemuͤhen fuͤr regeren Anbau des Landes und fuͤr Befoͤrderung des Ackerbaues aus und kein Jahr ſeiner Regierung ging vor⸗ uͤber, in dem er hievon nicht immer neue Beweiſe gab. Freilich bedurfte jetzt das Land auch mehr als je der huͤlf⸗ reichen und wohlthuenden Hand des Landesfuͤrſten, denn es waren traurige und troſtloſe Zeiten. Nicht bloß in Preuſſen ſelbſt, ſondern auch in Livland, Kurland und Litthauen folgte auf mehrjährigen Mißwachs der Erndte eine ſchreckliche Hun⸗ gersnoth und große Theuerung, alfo daß die Menſchen, be⸗ ſonders auf dem Lande, wo das Elend am fuͤrchterlichſten war, nicht nur zu ganz unnatuͤrlichen Lebensmitteln ihre Zu⸗ 1) Es iſt der erſte im Lande vorkommende Ritter dieſes Geſchlechtes; Tpäterhin im J. 1323 war er Trapier des Haupthauſes Marienburg.
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Hungersnoth in Preuſſen (13189). 297 flucht nahmen und die widrigſten Thiere verzehrten, ſondern daß auch, wie berichtet wird, ſogar Mordthaten unter den naͤchſten Blutsverwandten Statt fanden, daß der Vater vom Sohne oder Kinder von den Aeltern geſchlachtet oder erſtickt wurden, um am Fleiſche der Getoͤdteten das Leben zu friſten. Ja ſelbſt an ſchon begrabenen Leichnamen ſoll man ſich vom furchtbarſten Hunger gequaͤlt vergriffen haben, denn das furchtbare Elend und der namenloſe Jammer im Lande dau⸗ erte drei volle Jahre hindurch). Ueberdieß wurden die Men⸗ ſchen durch die Erſcheinung eines Kometen ſehr eingeſchreckt, da man vorzuͤglich ihm das große Ungluͤck zuſchrieb, weil in dieſen drei Jahren, ſeit er erſchienen war, beſtaͤndiger Re⸗ gen, Kaͤlte und Naͤſſe keine Saaten zum Gedeihen kommen ließen 2). Außerdem zog ſich ſeit dem Jahre 1313 auch der Hering von der Kuͤſte Preuſſens auf einige Zeit faſt gaͤnzlich 1) Schütz p. 57. Lucas David B. V. S. 187. Simon Grunau Tr. XI. c. 2 ſetzt dieſe Theuerung und Hungersnoth in die Jahre 1308 und 1309, alſo noch in die Zeit Siegfrieds von Feucht⸗ wangen, und weiß ſogar auch die Zahlen der Geſtorbenen unter den einzelnen Staͤnden anzugeben; von den Ordensrittern ſollen nach ihm 112 von der Seuche hingerafft worden ſeyn. Er fuͤgt auch die von Lucas David a. a. O. aufgenommene Nachricht hinzu, daß aus Po⸗ len ziemlich viel Getreide nach Preuſſen eingefuͤhrt worden ſey. Aber wenn dieſes wahr wäre, warum klagt denn Dlugoss. p. 958 ebenfalls über die große Hungersnoth in Polen und über den großen Mißwachs der Saaten? Und wie hätten die Annal. Oliv. p. 39 fagen koͤnnen: Anno 1315 acerba quaedam fames Poloniam omnem annis aliquot af- flixit, cuiusmodi nemo vel prolixissimae aetatis fuisset, antea suo tempore contigisse poterat meminisse. Multi alienos liberos ad fa- mem depellendau intereipiebant, neque a propriis etiam natis sibi temperabant. Nonnulli cadavera in patibulum actorum rapuerunt, ut rugientem implerent ventrem. Chron. Anonymi Archidiac. Gnesn. p. 93. Huth Geſchichte von Altenburg S. 158. 2) Dusburg c. 308 läßt den Kometen im J. 1313 erſcheinen. Andere erwähnen feiner in den Jahren 1314 und 1315. Einige ſpre⸗ chen von zwei Kometen, die bald nach einander am Himmel erſchienen Trithem. Chron. Hirsaug. T. II. p. 135. Magnum Chron. Belgic. ap. Pistor. T. III. p. 307. Annal. Stereon. Altah. ap. Freher. p. 407.
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298 Hungersnoth in Preuſſen (1313). weg und das Land entbehrte ſomit auch dieſes bisher fo reichlich eingebrachten Lebensmittels ). Wie aber in Deutſch⸗ land und mehren andern Laͤndern, wo in dieſen Jahren eben⸗ falls ſchwere Hungersnoth und Theuerung herrſchten 2), fo waren auch in Preuſſen ſchreckliche Seuchen und peſtartige Krankheiten die Folgen der unnatürlichen und ſchlechten Le bensmittel und des elenden Lebens, in welchem die Menſchen ſich kuͤmmerlich hinſchleppten. Der Hungertod und dieſe Seu⸗ chen rafften daher eine unſaͤgliche Menge der fleißigſten und betriebſamſten Bewohner wie in den Staͤdten ſo auf dem Lande hinweg; doch war die Sterblichkeit unter den Landleu⸗ ten am allerſtaͤrkſten, denn in vielen Gegenden fehlte es bald ganz an den noͤthigen Menſchen, um die Felder zu bebauen ). Dieſes Ungluͤckes im Lande ungeachtet dauerte aber der Krieg im Oſten gegen die Litthauer nach kurzem Stillſtande“) 1) Dusburg c. 308. Lucas David B. V. S. 187. Auch der | Epitomator fagt: Eodem anno (1313) in Prussia tota captura alle- cum perüt, quae antea fructuosa fuerat et utilis. Demnach ſollte man an ein gänzlicyes Wegziehen dieſer Fiſchgattung von der Preuſſi⸗ ſchen Kuͤſte glauben. Allein dieß ſcheint nur auf einige Jahre Statt gefunden zu haben, denn in ſpaͤtern Urkunden wird ihrer noch öfter er⸗ waͤhnt. So heißt es z. B. in einer Urkunde des Abts Stanislaus von Oliva vom J. 1342: Pro conventu nostro navem liberam habere de- bemus per omne dominium domini Magistri et fratrum suornm in salso mari versus occidentem éstimali et hyemali tempore pro captura alleeum et aliorum piscium quorumcunque. 2) Das Chron. Belgic. I. c. jagt: mortiſera pestis inhorruit et valida fames invaluit, adeo ut plerique pauperes cadavera pecudum, sicuti canes, crude, ut et gramina pratorum, sicut boves incocta comederunt. Heineceii Antiq. Goslar. p. 829. Die Peſt fing ſchon im J. 1313 anz aber auch nach dem J. 1314 noch dauerte die große Sterblichkeit fort. Das Chron. S. Petri Erfurt. p. 325 ſetzt die Hun⸗ gersnoth ins J. 1316, ſagt aber, daß ſie ſchon drei Jahre gedauert habe. Chron. Hirsaug. p. 138. 3) Daß Dusburg von dieſer traurigen Lage des Landes nichts er⸗ zählt, obgleich er fie ſelbſt mit erlebte, kann nicht auffallen, wenn man ſich des eigentlichen Zweckes ſeiner Chronik erinnert. 4) Wigand. Marburg. ſagt: Post breve intervallum factae sunt treugae. Dieß ſcheint im J. 1312 geſchehen zu ſeyn. Die Sache iſt
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Erneuerte Kriegszüge gegen d. Litthauer (1313). 299 auch noch in dieſem Jahre fort, denn man ſchien den Kampf gegen die Heiden fuͤr Kirche und Glauben jetzt um ſo weni⸗ ger ruhen laſſen zu duͤrfen, jemehr gerade in dieſen Zeiten des Ungluͤckes die Gnade und die Güte des Himmels durch ſolche Verdienſte um Gottes Sache erworben werden mußten. Daher beſchloß auch der Hochmeiſter, dieſen Kampf mit den Litthauiſchen Heiden mit noch mehr Ernſt und Nachdruck zu betreiben. Den alten Plan wieder aufgreifend, nach welchem der Orden bei der Eroberung Preuſſens verfahren war, faßte er den Gedanken, ins heidniſche Land vor allem eine feſte Burg hinaus zu legen, von welcher aus die Heiden in Sa⸗ maiten und Litthauen immer leicht bekaͤmpft werden und wo⸗ hin die Ritter mit ihren Kriegsleuten ſtets einen ſichern Zu⸗ fluchtsort finden koͤnnten. Es war um Oſtern des Jahres 1313, als er mit ſeiner ganzen Kriegsmacht und mit einer großen Menge von Flußſchiffen den Memel⸗Strom aufwärts bis ſechs Meilen jenſeit Ragnit zog, wo er das Ufergebiet zur Aufrichtung einer Burg geeignet fand !). Nachdem zuvor auf der Memel eine Schiffbruͤcke zur großen Bewunderung der Litthauer, die nie dergleichen geſehen, geſchlagen war, damit man um ſo leichter und ohne Gefahr auf das andere Ufer des Stromes ins Land der Heiden gelangen koͤnne, ſtieg die Burg unter dem Schutze des Kriegsheeres ziemlich ſchnell und ſtark empor, obgleich eine bedeutende Anzahl Schiffe mit Lebensmitteln und Baugeraͤthſchaften, die dahin beſtimmt waren, auf der offenen See mit vier Ordensrittern und vier⸗ hundert Menſchen 2) im Sturme durch Schiffbruch unter⸗ dunkel; es muß dabei aber eine Unterredung zwiſchen dem Hochmeiſter und dem Großfürften Statt gefunden haben, denn der Chroniſt erzählt: Rex ait preceptoribus: unus e vobis, cuius caput ferrcum fuit, mo- lestavit me, quem libens adhuc viderem. Magister quoque destinavit ei enm Dusemer dietum. Cui rex: tuo acuto gladio me quasi inter- fecisses; et ait: sic actum fuisset, si mei expectassetis. 1) ©. die Karte im 2ten Bande. 2) Dusb. c. 308 hat nur viri quinquginta; es iſt aber kein Zwei⸗ fel, daß dieſe Zahl verdorben iſt, denn nicht nur Jeroſchin hat „vir⸗
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300 Erneuerte Kriegszuͤge gegen d. Litthauer (1313). gingen. Und als ſie nun vollendet daſtand und die Geiſt⸗ lichkeit an der Spitze des Kriegsvolkes in feierlichem Um⸗ gange und unter dem Geſange einer Meſſe einen Reliquien⸗ Schatz in die Kapelle niedergelegt und ſo die Weihe ausge⸗ ſprochen hatte, ward die Burg zur Ehre des Erloͤſers die Chriſtmemel genannt. Sie erhielt dann unter eines Kom⸗ thurs Befehl eine ſtarke Kriegsbeſatzung !). Ein Verſuch, den der Marſchall Heinrich von Plotzke im Sommer dieſes Jahres mit ſeiner ganzen Kriegsmacht zur Eroberung der ſchon oft erwaͤhnten Burg Biſten machte, blieb erfolglos und auf einem zweiten Zuge dahin mit der Kriegsmannſchaft aus Samland und Natangen im Herbft gluͤckte es ihm nach langen Kriegsmuͤhen ebenfalls nur, die Vorburg zu verbrennen 2). Mehr verſprach ſich der Kom⸗ thur von Ragnit Werner von Orſeln von einem großen, mit ſtarkem Bollwerke umſchlagenen Heerſchiffe, welches er mit mehren andern Fahrzeugen die Memel aufwärts fandte, um die heidniſche Burg Junigede zu erſtuͤrmen. Allein ein hef⸗ tiger Sturm warf das ſchwerfaͤllige Werk auf den Strand und nach fruchtloſen Verſuchen, es gegen die heranſtuͤrmenden Feinde zu retten, ward es endlich von dem kriegeriſchen Haͤupt⸗ ling Surmine, welchen der Großfuͤrſt mit ſtarker Mannſchaft herbeigeſandt, genommen und verbrannt). hundirt mann“, ſondern auch Lucas David B. V. S. 180 und Schätz p. 57. Das Chron. Oliv. p. 44 und die Annal. Oliv. p. 38 nennen namentlich den frater Reynico, Magister piscaturae de Scar- povia, der mit ſeinem Schiffe unterging. 1) Daß dieſer Komthur Gangolf von Andelau geheißen habe, wie Lucas David B. V. S. 180 dem Simon Grunau nachſchreibt, wird man ſchwerlich glauben. Nach einer brieflichen Mittheilung eines Freundes aus jener Gegend heißt dieſe Burg mit dem babeiliegenden Dorfe jetzt Skirstnemonie (Nemonie ſ. v. a. Niemen oder Memel), liegt am rechten Ufer des Stromes, 4 Deutſche Meile von Gielgudiszki und ſteht noch in zweiten Seiten mit zwei hohen und runden Thuͤrmen da. Fruͤher hatte fie ohne Zweifel vier ſolcher Thuͤrme. 2) Dusb. c. 809. 312. Schütz p. 57. 3) Dusb. c. 310-311. Lucas David B. V. S. 184 — 186
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Ungluͤcklicher Kriegszug gegen bie Litthauer (1314). 301 So waren auch des Marſchalls Kriegszuͤge im naͤchſten Jahre 1314 nicht von erfreulichen Erfolgen begleitet, vielmehr ungeachtet der Verheerungen im feindlichen Lande und der oft bedeutenden Beute, die man hinwegfuͤhrte, nicht ſelten mit ſchmerzlichen Opfern verbunden. In dem erſten dieſer Zuͤge ins Gebiet Medeniken in Samaiten 1) waren die Feinde fo kuhn, zur Nachtzeit bis in die Zelte der Ordensritter ein⸗ zudringen und das Heer waͤhrend der ganzen Nacht zu be⸗ ſchaͤftigen, was freilich die Landſchaft mit einer ſchrecklichen Verwuͤſtung buͤßen mußte, wobei ſiebenhundert Menſchen ge⸗ fangen und erſchlagen wurden. Auf einer zweiten Kriegs⸗ fahrt in das naͤmliche Gebiet, um dort die Burg Sixditen zu erſtuͤrmen, fielen im Kampfe bei der tapferen Gegenwehr der Beſatzung die drei braven Ordensritter Heinrich Reuß, Ulrich von Tettingen und Robote von Iſenburg nebſt mehren andern wehrhaften Kriegsleuten und doch konnte die Burg nicht ge⸗ wonnen werden ?). Noch weit ungluͤcklicher war der Ausgang eines dritten Kriegszuges, den der Marſchall im September dieſes Jahres mit einer ſtarken Heeresmacht unternahm. Nachdem auf ſei⸗ theilt zugleich die hie und da abweichende Erzaͤhlung Simon Gru⸗ nau's Tr. XI. c. 5 mit. Schütz I. c. 1) Dieſes Medeniken iſt kein anderes als das jetzige Wornie oder Worny, welches auf altern Karten auch noch Miedniki genannt iſt. Auf dieſes weiſen auch die oft erwaͤhnten Wegeverzeichniſſe hin. Sie fangen die Nachweiſung der Orte bei dem Rambin an der Memel (Ragnit gegenüber) an, führen über Lumpin (jetzt Lumpoͤnen), dann über Wylkeen (jest Willkiſchken), hierauf uͤber andere nicht mehr bes kannte Orte in das Gebiet von Medeniken, welches ſich fruͤher aber von dem jetzigen Worny aus auch ziemlich weit fühwärts erſtreckt has ben muß. 2) c. 313— 314 hat die Namen nicht ganz richtig. Statt Ulrieus de Cecinge findet man bei Jeroſchin richtiger Ulrich von Tetingen und ſtatt Rebodo beſſer Robote; ferner ſtatt Spagerat, Que- ramde, Waldow (2) Michael et Mindota hat Jeroſchin die Namen Queyram, Spagerote, Michel und Mindote; fo auch Lucas David B. V. S. 189. Vgl. Schütz p. 57.
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302 Ungluͤcklicher Kriegszug gegen die Litthauer (1314). nen Befehl ſich jeglicher im Heere mit Lebensmitteln auf vier Wochen verſorgt, brach er mit ſeinen Streithaufen in der Richtung gegen Garthen hin auf. Der Marſch durch Bruͤche, uͤber Gewaͤſſer, durch Wuͤſteneien und Wildniſſe war außer⸗ ordentlich beſchwerlich und noch nie hatte das Kriegsvolk aus Preuſſen auf einer Kriegsfahrt fo große Muͤhſale erduldet 1). An zwei verſchiedenen Orten, zuletzt in der Wildniß von Garthen ließ man einen Theil der Nahrungsmittel und die Laſtthiere unter Bedeckung einer Anzahl ſtreitbarer Maͤnner zuruͤck, um fie auf der Ruͤckkehr hier wieder vorzufinden 2). Hierauf unfern von Garthen voruͤberziehend fiel der Marſchall ins Gebiet von Kriwitſchen ein, wo jedoch alle Bewohner, zuvor von des Feindes Anzug ſchon benachrichtigt, in Waͤl⸗ der und Sumpfgegenden oder in Burgen geflüchtet waren. So ward die Stadt Klein⸗Nogarthen oder Novogrodek auch ohne Widerſtand erobert, bis auf den Grund niedergebrannt und das umherliegende Gebiet mit Raub und Feuer heimge⸗ ſucht. Dann wandte ſich das Ordensheer nordwaͤrts gegen die Burg Kriwitſchen am Njemen ) und griff fie mit Sturm an. Allein die Beſatzung hielt tapfern Widerſtand; es kam 1) Vgl. die Schilderung bei Jeroſchin c. 315. 2) Dusb. c. 315 erzählt den Anfang dieſer Heerfahrt unvollſtaͤndig; das Nähere bei Jeroſch in a. a. O. Epitomator und Lucas David B. V. S. 190. Kojalowiez p. 241 führt an: Cum fame conflictati, aperta itinera ne in hostem inciderent devitando, plerique inter syl- vas miserrime perierunt. 3) Dusb. I. c. ift hier nicht ganz klar und aus Jeroſchin und dem Epitomator zu ergänzen. Das Land und die Burg Kriwitſchen werden von beiden beſtimmt unterſchieden. Novogrodek lag in terra Cri- vitiae. Die Burg finden wir in gerader Richtung noͤrdlich von Novo⸗ grodek noch jetzt durch den Ort Kriwitſchi am Njemen angedeutet. Der Epitomator ſagt: Prope Gartin intrant terram Krywitzen, in qua populns avisatus fuit et in silvas et castra declinabat, et parum contra paganos fecerunt, unde eciam Nougartin oppidum minus et circumiacentem terram combusserunt, et quieverunt nocte prop® Kri- witz castrum, a quo molestantnr, dum impugnarunt. — Deutet der Rome Kriwitz vielleicht auf den Wohnſitz eines Griwe hin?
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Unglüͤcklicher Kriegszug gegen die Litthauer (1314) 303 zum harten Kampfe, in welchem viele vom Ordensvolke erla⸗ gen und unter andern auch der edle Pomeſanier Divane toͤdt⸗ lich verwundet, bald darauf von vielen betrauert ſtarb !). Endlich beſchloß der Marſchall die Rückkehr, voll Mißmuth, daß die Burg bei des Feindes hartnaͤckiger Vertheidigung nicht gewonnen werden konnte. Doch in der Gegend angelangt, wo man die Lebensmittel unter Bedeckung zuruͤckgelaſſen, fand er zu großem Leide die Mannſchaft erſchlagen und den Vor⸗ rath nebſt funfzehnhundert Saumroſſen durch den Hauptmann David von Garthen, der ſie uͤberfallen hatte, geraubt. Be⸗ ſorgt eilte das Volk an den andern Ort, wo man den andern Theil des Proviantes niedergelegt; allein zum groͤßten Jam⸗ mer und Schrecken war auch hier alles genommen und da nun niemand mehr mit Lebensmitteln verſehen und mitten in der Wildniß, in wuͤſten und unwirthbaren Gegenden kein Unterhalt zu finden war, ſo trat im Heere eine ſchreckliche Hungersnoth ein, ſo daß manche ihre Pferde ſchlachten, an⸗ dere ihren Hunger mit wilden Wurzeln und Kraͤutern ſtillen mußten. Manche ſtarben ſchon auf dem Wege, eine große Zahl ſpaͤter in der Heimat in Folge der ſchlechten Nahrung und der erlittenen Muͤhſale, denn zuletzt war alle Ordnung völlig aufgelöft geweſen und der Marſchall hatte jeden feines Weges ziehen laſſen, um ſich aus der Noth zu retten. Bleich und abgezehrt kamen ſo die meiſten erſt nach ſechs Wochen zu den Ihrigen zuruͤck, ohne daß man den mindeſten Erfolg fir die großen Opfer aufzuweiſen hatte?). Und was hatte der Marſchall bei dieſem gefahrvollen Zuge ſo weit ins feind⸗ liche Land hinein eigentlich bezweckt? War es nur Luſt nach Abenteuern, der ſo vieles geopfert ward? War es bloß Raubſucht und Beutegier, die ihn trieb? Oder hatte das Land, dem der Zug galt, eine beſondere Bedeutung in reli⸗ giöfer Hinficht und fand dadurch der Marſchall als Glau⸗ bensritter ſich aufgefordert, jene Gebiete mit Verheerung 1) Jeroſchin a. a. O. Lucas David a. a. O. 2) Nach Jeroſchin a. a. O.
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304 Fortgeſetzter Streit mit dem Erzbiſchofe von Riga (1313). heimzuſuchen? — Die Geſchichte laͤßt uns hierüber ohne alles Licht ). Waͤhrend jener Verhandlungen uͤber Pommern aber und waͤhrend dieſer Kriegsereigniſſe in Litthauen war auch die Streit⸗ ſache zwiſchen dem Orden und dem Erzbiſchofe von Riga be⸗ deutend weiter gediehen. Schon im Juni des Jahres 1312 hatte die Unterſuchung in Riga begonnen, aber nicht, wie der Papſt fruͤher beſtimmt, durch den Erzbiſchof Johannes von Bremen und den Domherrn Albert von Mailand, ſon⸗ dern durch einen paͤpſtlichen Nuntius, den Domherrn Franz von Moliano, den der Papſt in dieſem Jahre damit beauf⸗ tragt und deshalb auch auf die Erhebung der dem Erzbiſchofe von Riga und deſſen Suffraganen, dem Biſchofe von Erm⸗ land, den Proͤbſten der drei andern Domſtifte in Preuſſen, dem Hochmeiſter und deſſen Orden auferlegten Geldabgaben zur Beſtreitung ſeiner Koſten waͤhrend dieſer Unterſuchung angewieſen hatte 2). Sie dauerte volle ſechs Monate und 1) Die Quellen laſſen uns daruͤber ganz im Dunkeln und Lucas David B. V. S. 189 fagt ganz offen: „Ich weiß nicht, was für Luft offtgedachten Br. Heinr. v. Plotze ankam.“ Karamſin B. I. S. 73 ſetzt allerdings den Namen Kriwitſchen in Verbindung mit dem Griwe und ſagt: „ihr (der Kriwitſchen) Name bezeigt, wie es ſcheint, daß ſie den Lettiſchen Kriwe fuͤr ihres Glaubens Oberhaupt erkannten.“ Wenn indeſſen dieſe Annahme aus Gruͤnden (vgl. oben B. I. S. 705) auch noch zu bezweifeln ſeyn duͤrfte, ſo koͤnnte doch wohl der Name mit einem Griwe in dieſer Gegend im Zuſammenhange ſtehen und alſo vielleicht die Zerftörung feines Wohnſitzes oder eines heidniſchen Heilig⸗ thums der Zweck dieſer Heerfahrt geweſen ſeyn. Daß Dusburg dieſes Zweckes nicht erwähnt, darf wohl eben fo wenig befremden, als daß er auch bei den Kriegszuͤgen gegen das Heiligthum in Samaiten nichts von dem eigentlichen Zwecke ſagt. 2) In einer Bulle Clemens V, datirt: Avinion. VIII. Cal. Decemb. p. a. VII (23. Nov. 1311) in Regest. Clement. V. epist. 60. p. 16, im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 105 an den Erzbiſchof von Bremen und den Domherrn Albert von Mailand gerichtet, werden dieſe beiden noch bevollmaͤchtigt, vom Erzbiſchofe von Riga, deſſen Suffraganen, dem Meiſter, Gebietigern, Ordensbrüdern und übrigen geiſtl. und weltl. Perſonen der Stadt Riga und der Provinz zu verlangen Pro expensis
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Fortgeſetzter Streit mit dem Erzbiſchofe von Riga (1313). 305 erſt zu Ende des Novembers konnte das langwierige Zeugen⸗ verhoͤr uber die zweihundert und dreißig vorgelegten Klag⸗ punkte geſchloſſen und der Bericht daruͤber an den Papſt ab⸗ geſandt werden!). Die Sache ſtand nach dieſer Unterſuchung, wie ſich wohl denken laͤßt, keineswegs zu Gunſten des Or⸗ dens, denn im Ganzen fielen die Ausſagen der Zeugen faſt alle zu ſeinem entſchiedenſten Nachtheile aus, wenigſtens ſind uns nur diejenigen noch aufbehalten, welche gegen den Orden ſprachen, und unter dieſen Zeugen war ſichtbar eine bedeutende Zahl ſolcher Menſchen, die gegen den Orden an ſich ſchon feindlich geſinnt und deshalb offenbar parteiiſch in ihren Ausſagen waren, waͤhrend eine andere große Anzahl in ihren Zeugniſſen ſich nur auf das allgemeine gangbare Ge⸗ rücht und Gerede ſtuͤtzte. Es war klar, daß man die Zeugen mit aller Vorſicht auserleſen hatte und daß viele die Gele⸗ genheit auch gerne wahrnahmen, den Orden nur noch mehr zu verdaͤchtigen. Es ſtand nun dahin, in welcher Weiſe der Papſt dieſes wichtige Inſtrument, dieſe ſcharfe Waffe gegen den Orden benutzen und welche Entſcheidung er jetzt in dem Streite ausſprechen werde ?). tuis, frater archiepiscope, quatuordecim, pro tuis vero, fili canonice, sex floren. auri diebus singulis, und wer dieſe nicht zahle, folle von ihnen mit dem Banne beſtraft werden koͤnnen. Daß auch Franz von Moliano eine ſolche Bevollmaͤchtigung erhalten habe, geht aus dem Folgenden hervor. 1) Ein altes Manuſcr. (im geh. Arch.) ſpricht ebenfalls von dieſem großen Zeugenverhoͤre: De huiusmodi executione inquisitionis et pro- latione testium mmagni habentur Iihri autentici. 2) Dieſes beſonders für die Geſchichte Livlands aͤußerſt wichtige Zeugenverhoͤr befindet fi) im Origin. im geh. Arch. Schiebl. XLI. Ob⸗ gleich die Urkunde nicht mehr vollftändig und im Anfange und zu Ende manches davon verloren gegangen iſt, fo beträgt fie doch noch 51 Ri⸗ gaiſche Ellen in die Länge, indem fie aus einzelnen Pergamentbogen, jeden zu 1 Rigaiſ. Elle lang, zufammengefegt if. Den Inhalt der 230 Klagpunkte kennt man ſchon aus Dogiel T. V. Nr. XXXVI. Die Ausſagen der Zeugen beſtehen entweder in der Verſicherung des Nicht⸗ wiſſens oder in andern nichts ſagenden Antworten oder in Beftätigungen der vorgelegten Anklagen. Nur einzelne laſſen ſich uͤber manche Punkte weiter aus. . IV. 20
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306 Fortgeſetzter Streit mit dem Erzbiſchofe von Riga (1313). Doch noch im Laufe der Unterſuchung ſelbſt war der Hochmeiſter ſammt allen ſeinen Gebietigern und dem ganzen Orden vom paͤpſtlichen Nuntius ſchon in den Bann gethan und alle ſeine Kirchen in das Interdict erklaͤrt worden, weil er deſſen Befehlen nicht Gehorſam geleiſtet, die Burg Duͤna⸗ muͤnde, von deren Ankauf der Zwiſt ſeinen Anfang genom⸗ men, binnen einer kurzen Friſt entweder ihm oder ſeinem Bevollmächtigten unverzüglich zu uͤberweiſen und einzuräumen. Zwar achteten vorerſt der Hochmeiſter und ſeine Gebietiger dieſes Bannes nicht weiter); indeſſen ſandte man doch ſofort eine Appellation an den paͤpſtlichen Stuhl mit der Klage: Franz von Moliano habe gegen die Form des ihm ertheilten Befehles gehandelt, uͤber die Streitfrage wegen Duͤnamuͤnde keine weitere Unterſuchung angeſtellt und ſelbſt die Friſt zur Uebergabe der Burg ſo uͤberaus kurz beſtimmt, daß dieſe nicht einmal moͤglich geweſen ſey 2). Der damalige Geſchaͤftstraͤger oder Procurator des Ordens am paͤpſtlichen Hofe Konrad von Brül, ein ſehr gewandter und thaͤtiger Mann, erhielt zu⸗ gleich vom Hochmeiſter den Auftrag, bei dem Papſte die Auf⸗ hebung und Widerrufung des Bannſpruches auszuwirken, und 1) In dem Zeugenverhoͤre ſelbſt ſchon wird den Rittern vorgewor⸗ fen, quod non curant sententias excommunicationis et interdicti latas tam per dominum Franciscum de Moliano inquisitorem, quas ipse düus Franciscus tulit auctoritate domini pape, quam per dominum Archiepiscopum Rigens. 2) Es iſt ganz unrichtig, wenn man (wie Kotzebue B. II. S. 348) dieſen Bannſpruch als Erfolg der Unterſuchung uͤber den ganzen Streit anficht. Die gleich näher bezeichnete Urkunde ſagt ja ausdruͤcklich: quod duus Francischus contra formam Mandati sibi traditi, nullaque cause cognitione premissa Magistro generali H. S. M. Th. I. exempti in Pruscia et universis Preceptoribus et fratribus eiusdem Hospitalis per Prusciam et Livoniam constitutis, nullius etiam expresso nomine mandavit, ut dieitur, quod castrum Dunemunde, ad dietum Hospitale pertinens, sibi aut allis, quibus ipse duceret conunittendum assigna- rent et facerent assignari infra adeo certum breve dierum spatium, quod etiam inpossibile erat eis sub pena excommunicationis, quam extune in eos et interdicti in eorum ecclesias idem dominus Fran- cischus dicitur protnlisse.
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Fortgeſetzter Streit mit dem Erzbiſchofe von Riga (1313). 307 obgleich der Sachwalter des Erzbiſchofs von Riga mit allen liſtigen Kuͤnſten entgegenarbeitete ), fo ertheilte doch wirklich der Papſt, vom Unrechte uͤberzeugt, dem Kardinal von Co⸗ lonna den Auftrag, nach genauer Unterſuchung der Sache und nach Erwaͤgung des hiebei geltenden Rechtes die Aufhebung des Bannes uͤber den Orden auszuſprechen und es geſchah dieſes auch in der That am elften Mai des Jahres 13132). Weil man hiebei aber geſehen hatte, wie viel in dem Streite darauf ankam, ſich den Beſitz von Duͤnamuͤnde in jeder Weiſe zu ſichern, ſo wirkte der Hochmeiſter vom Erzabte Heinrich von Ciſterz deſſen Beſtaͤtigung uͤber einen zwiſchen dem Ci⸗ ſterzienſer Abte von Stolpe, von deſſen Kloſter aus das Klo⸗ ſter Duͤnamuͤnde war gegruͤndet worden, und dem Orden we⸗ gen der Abtretung von Duͤnamuͤnde an die Ordensritter ge⸗ ſchloſſenen Vertrag aus, alſo daß jetzt jener Erzabt den früher erwähnten Verkauf des ehemaligen Ciſterzienſer⸗Kloſters zu Duͤnamuͤnde foͤrmlich genehmigte, doch unter Vorbehalt der paͤpſtlichen Einwilligung, wodurch allerdings fir den Orden viel gewonnen ſchien, ſelbſt um die Beſchuldigungen zuruͤckzu⸗ weiſen, die man ihm wegen der gewaltſamen Wegnahme die⸗ ſes Kloſters gemacht ). 1) Magister Petrus de Piperno asserens se procuratorem venerab. patris dni fratris Frederic Rigensis Archiepiscopi comparuit coram nobis et exceptiones et rationes quam plures obtulit contra petitionem. 2) Es heißt in der hierüber ausgeſtellten Urkunde: Ipsos Magistrum generalem, Preceptores et fratres in persona fratris Corradi (pro- curatoris Ordinis) et Magistri Iohannis de Rocca (conprocuratoris ipsius fratris Corradi) a predicta excommunicationis sententia in eos promulgata per düum Francischum de Moliano absolvimus ad cau- telam. Folglich wurde erſt noch eine nähere Unterſuchung vorbehalten, weshalb auch die Urkunde ſelbſt eine absolutio ad cautelam genannt iſt. Sie iſt ein Notariats-Inſtrument, datirt: Avinion. a. d. 1313, in- dictione undecima, die veneris undecima mensis May pontif. s. Patris ani Clementis pp. quinti anno octavo, im geh. Arch. Schiebl. XLI. Nr. 8 im Original mit dem Kardinalsſiegel. Der früher mit der Un: terſuchung beauftragte Albert von Mailand, hier sacri Palatii auditor vausarum, ſteht unter den Zeugen. 3) Die Beſtaͤtigungsurkunde des Erzabtes in einem Transſumt vom 20 *
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308 Fortgeſetzter Streit mit dem Erzbiſchofe von Riga (1313). Allein es dauerte nicht lange, ſo war der Hochmeiſter nebſt ſeinem Orden abermals und außerdem jetzt auch der Bi⸗ ſchof Eberhard von Ermland und die Proͤbſte Hermann von Kulm, Peter von Pomeſanien, Heinrich von Ermland und Gerwin von Samland durch den paͤpſtlichen Nuntius mit einem neuen Bannſpruche beſtrickt, weil ſie verabſaͤumt hatten, ihm die vom Papſte angewieſene, auf den Orden und die Kirchen in Preuſſen gelegte und zur Beſtreitung ſeiner in der Unterſuchungsſache veranlaßten Koſten benöthigte Geldſumme !) in dem ihnen beſtimmten Zeitraume zu entrichten, da ſie in der Meinung ſtanden, der Legat koͤnne fie deshalb, ungeach⸗ tet ſeiner Drohung, nicht mit dem Banne beſtrafen. Der Hochmeiſter brachte auch dieſe Sache durch ſeinen Geſchaͤfts⸗ traͤger an den Papſt und dieſer beauftragte den Biſchof Be⸗ rengar von Tusculum, den Bann durch den paͤpſtlichen Nun⸗ tius ſofort aufzuheben, ſobald der Orden und die Praͤlaten den Forderungen Genuͤge geleiſtet. So mußten ſie alſo wirk⸗ lich die verlangte Geldſumme zuvor entrichten, ehe Franz von Moliano ſie von der kirchlichen Strafe frei ſprach 2). J. 1416 im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 3 und in Dregers Samml. Pom. Urk. Nr. 1241. Die Beſtaͤtigung geſchah in Capitulo generali. Den Vertrag zwiſchen dem Abte von Stolpe und dem Orden beſitzen wir nicht mehr; er war deshalb von dieſem Abte geſchloſſen, weil das Kloſter Duͤnamuͤnde ein Filial des Kloſters zu Stolpe und dieſem unter⸗ geben geweſen war, denn nachdem dieſes Kloſter den Benedictiner⸗Orden verlaſſen hatte und in den Ciſtercienſer-Orden eingetreten war, wurde es im J. 1305 zum Filial des Kloſters Pforte bei Naumburg und zur Mater der Kloͤſter Duͤnamuͤnde und Falkenau erklaͤrt. urk. in Dreger a. a. O. Nr. 1085. Aus einer Urk. im geh. Arch. Schiebl. LVI und im Liber privileg. Kyriand. p. 167 vom J. 1316 erſehen wir, daß auch der Abt von Oliva in der Sache thaͤtig geweſen war und deshalb vom Hochmeiſter Belohnung erhilt. 1) Der Nuntius verlangte von ihnen quantitatem pecunie eis et ecclesiis supradictis impositam in subsidium expensarum ipsius domini Francisci pro sex mensibus incipiendis in Kal. Iunii currentibus annis domini a nativitate ipsius M.CCC.XII Indictione decina et finiendis in Kal. Decemb. tunc proxime sequentis in anno predieto. 2) Dieß geſchah am 2. October 1318. Die urkunde hierüber, ein
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Fortgeſetzter Streit mit dem Erzbiſchofe von Riga (1313). 309 Schon in dieſen beiden Faͤllen hatte man eine merkliche Veränderung in der Geſinnung und im Benehmen des Pap⸗ ſtes gegen den Orden wahrgenommen. Einiges mochte hiebei wohl ſeine ſchmerzhafte Krankheit in der letzten Zeit ſeines Lebens mit beitragen; anderes mochte auch durch den Ein⸗ fluß wohlgeſinnter Perſonen in des Papſtes Umgebung ge⸗ ſchehen ſeyn !); das meiſte aber wirkten offenbar die bedeu⸗ tenden Geſchenke, welche von Seiten des Ordens ſowohl dem Papſte ſelbſt, als den Kardinaͤlen geſpendet wurden. Wir erfahren, daß unter andern der Papſt vom Ordensprocurator einmal ein Geſchenk von viertauſend Goldgulden, ein Kardi⸗ nal einhundert Goldduplonen, mehre andere Kardinaͤle vier⸗ hundert und ſieben und achtzig Goldgulden und fuͤnfund⸗ zwanzig Goldduplonen erhielten. Ein andermal wurden zwei vergoldete Becher und ein Trinkgefaͤß von Silber, neunzig Goldgulden an Werth zum Geſchenk gemacht und mehre Kar⸗ dinale gewann man zu gewiſſen Dienſtleiſtungen mit vier⸗ hundert und ſiebzehn Goldduplonen ?). Man wußte alſo ſchon damals, daß der Roͤmiſche Hof ſeine Schafe nicht ohne die Wolle weidet ). Da es indeſſen ſolcher Mittel be⸗ durfte, um den Zorn des Papſtes abzukuͤhlen und ſeine Zu⸗ Notariats⸗Inſtrument, datirt: Malausanie Vasionens, dioces. a. d. 1313 die seeundo Octobr. im Origin. im geh. Arch. Schiebl. XL. Nr. 2. 1) Ottokar von Horneck in ſ. Reimchron. c. 423. 436 fuͤhrt mehrmals an, daß gewoͤhnlich Deutſche Ordensbruͤder als Thuͤrhuͤter oder Kaͤmmerer im Dienſte des Papſtes waren. 2) Wir haben hieruͤber im geh. Arch. Schiebl. XIX. noch die uͤber ſolche Ausgaben abgelegte Rechnung, die mit den Worten anfaͤngt: Frater Johannes de Riga Sacerdos Ordinis Hospitalis S. M. Th. ex parte fratrum eiusdem Ordinis de Lyvonia, mediante scitu fratris Chunradi dicti Bruel, procuratoris Generalis eiusdem Ordinis in Curia Romana pecuniam exposuit infrascriptam. Die meiften aufgeführten Ausgaben find „ad presentam“ ober „pro presenta“ entſtanden. So werden z. B. in Rechnung gebracht pro duabus anforis et una cuppa argenteis deauratis XC. flor. Die Rechnung iſt datirt: Aurasice a. d. 1314 die sabbato infra Octavam Pasche. 3) „Curia Romana non paseit ovem sine lana,“
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310 Innere Landesverwaltung (1315). neigung fuͤr den Orden wenigſtens in einigem Grade zu ge⸗ winnen, ſo war es offenbar ein Gluͤck fuͤr dieſen, daß Cle⸗ mens im April des Jahres 1314 ſchon ſtarb, ohne daß er in der Streitſache des Ordens weiter einen Schritt gethan; und da nun zwei Jahre lang das Collegium der Kardinaͤle uͤber die Wahl eines neuen Papſtes uneinig war, ſo geſchah vorerſt noch nichts weiter in dem bedenklichen Zwiſte. Durch dieſe Verhaͤltniſſe aber waren nun auch die am päpftlichen Hofe bisher fo thaͤtig geweſenen Gegner des Or⸗ dens einſtweilen zur Ruhe gezwungen und nachdem im April des Jahres 1315 auch der nun muͤndig gewordene Markgraf Johann von Brandenburg die Kaufbriefe ſeines Schwagers Waldemar uͤber den abgetretenen Theil Pommerns in aller Form beſtaͤtigt hatte!) und ſonach jetzt der letzte Schritt in dieſer Sache zur Verſicherung der Rechte des Ordens gethan war, konnte der Hochmeiſter Karl von Trier nun auch wie⸗ der ſeine ganze Thaͤtigkeit auf die Verwaltung Preuſſens wen⸗ den. Und nie war dieſes nothwendiger geweſen, denn da durch die noch immer fortdauernde große Sterblichkeit im Lande eine bedeutende Menge ländlicher Beſizungen ihre Ei⸗ genthuͤmer verloren hatte, ſo mußte es jetzt des Meiſters eif⸗ rigſte Sorge ſeyn, dieſe ausgeſtorbenen Guͤter neuen Beſitzern zuzuweiſen ;). Beſonders beguͤnſtigte auch er hiebei die Stamm: preuſſen, namentlich die Nachkommen derjenigen, die ſich fruͤ⸗ her zur Zeit des Abfalles der Preuſſen viele Verdienſte um den Orden erworben). Sie wurden bald als Dolmetſcher, 1) Die Urkunde datirt: Wachowe am ©. Jürgen Tage 1315 im Orig. im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 1 und in mehren Transſumten von den J. 1330 und 1421 Schiebl. XLI. Nr. 12. 13. 14; Schiebl. XLVIII. Nr. 31 und im groß. Privilegienb. p. 17. 2) Davon die Beweiſe in zahlreichen Verſchreibungen in den Ver⸗ ſchreibungsbuͤchern des geh. Arch. 3) Z. B. ſeine Beguͤnſtigung Luprechts, des Sohnes des früher er⸗ wähnten Gebete. So ertheilte er den beiden Brüdern Picten und Preidor in Wargen propter multa servicia, que pater eorum Wargule in apo- stasia terrarum fratribus nostris exhibuit — omnia iudicia antiquorun Wytingorun. Ebenſo verdient Erwähnung feine vorzüglihe Begünfti:
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Innere Landesverwaltung (1315). 311 bald als Kaͤmmerer auf Guͤtern und Burgen des Ordens oder der Biſchoͤfe immer mit mancherlei Vorrechten ausgezeichnet); wie der Meiſter unter andern durch das Beiſpiel des biedern Preuſſen Graſuthe bewies, deſſen Treue und Ergebenheit er durch eine reiche Vergabung des ganzen Feldes Saſne und durch Verleihung anſehnlicher Freiheiten und Rechte belohnte, und der Erfolg dieſer Bemühungen war, daß das alte Stamm: volk des Landes fuͤr die Herrſchaft des Ordens immer mehr gewonnen wurde. Auch geflüchtete Litthauer nahm man gerne im Lande auf und ertheilte ihnen laͤndliches Beſitzthum, um auch durch fie die Zahl der Ackerbauer zu vermehren 2). Nicht minder regen Eifer bewies der Hochmeiſter mit ſeinen Gebie⸗ tigern auch in Befoͤrderung des Wohlſtandes der Staͤdte, der in dieſen ungluͤcklichen Jahren gleichfalls fehr geſunken war. Kreuzburg erhielt im Jahre 1315 durch den Marſchall Hein⸗ rich von Plotzke feine Entſtehung ). Die Stadt Salfeld er⸗ freute der Komthur von Chriſtburg Luther von Braunſchweig mit mehren Freiheiten. Der ſchon vor zehn Jahren gegruͤn⸗ deten Stadt Deutſch-Eilau wurden manche Erleichterungen in Ruͤckſicht ihrer Verpflichtungen gegen den Orden zu Theil!) und wie der Meiſter das Stadtgebiet von Leſſen in Pome⸗ ſanien bedeutend erweiterte ), fo nahm er auch in den Rech⸗ gung der Preuſſen Stankeyte, Dorge, Sangaube und Toloweyſe aus Ruͤckſicht der großen Verdienſte ihres Vaters Wiltaute in Pogeſanien. 1) So z. B. ſchon im J. 1312 Assowirt Pruthenus quondam Ca- merarius in Pogezania oder Angolte Camerarius in Rynowe oder Ki: nau, jetzt Galgarben. 2) Es kommen ſchon in den Jahren 1311 bis 1315, vorzuͤglich aber ſpaͤterhin in den J. 1330 bis 1350 eine große Menge Litthauer nach Preuſſen, wo ſie ihre Beſitzungen doch meiſt nur bis auf die Zeit zugeſprochen erhielten, wo Litthauen vom Orden erobert ſeyn werde, um ſie dann wieder in ihr Vaterland zu verſetzen, ſobald ſie zuruͤckkehren wollten. 3) Das Gruͤndungs⸗Privilegium datirt: Cruceburg a. d. 1315 in die b. Agnetis virg. im Fol. 6. p. 212 und in Dregers Samml. Pommer. Urk. Nr. 1276. 4) S. die Beil. Nr. III zu dieſem Bande. 5) Dreger a. a. O. Nr. 1256.
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312 Kämpfe mit den Litthauern (1314). ten und Freiheiten oder im Beſitzthum mehrer anderer Städte manche heilſame Veraͤnderung vor, doch nie ohne allgemeine Uebereinſtimmung der ſtaͤdtiſchen Gemeine oder ohne Bitten der Buͤrger ſelbſt!). Und dieſem ruͤhmlichen Beiſpiele des Meiſters folgten in ihren Gebieten auch die Biſchoͤfe, unter denen immer noch der Biſchof Eberhard von Ermland den regſten Eifer bethaͤtigte, denn noch immer hatte ſich Ermland aus ſeiner fruͤheren Eroͤdung und Verwuͤſtung nicht wieder erholt, weshalb auch der Biſchof und ſein Kapitel, um neue Bewohner und Ackerleute ins Land zu ziehen, die neuen An⸗ koͤmmlinge mit ganz beſondern Vorrechten beguͤnſtigten ?). Das freundliche Einverſtaͤndniß dieſes Biſchoſs aber mit den nahen Ordensgebietigern trug nicht wenig dazu bei, die Wohl⸗ fahrt ſeines Landes zu foͤrdern, denn ſo hatte ſich z. B. Hein⸗ rich von Gera, ſo lange er Komthur in Elbing war, um den biſchoͤflichen Theil Ermlands manche große Vervienfte erwor⸗ ben, wie das Domkapitel dankbar anerkannte ?). Aber nur zu bald zog der alte heidniſche Feind alle Thaͤ⸗ tigkeit wieder nach Oſten hin. Ein ſtarkes Heer von Samai⸗ ten ſtuͤrmte in der Mitte des Auguſt bis Ragnit vor, ohne 1) So heißt es z. B. in einer Urkunde des Komthurs von Elbing Heinrich von Iſenburg über einen mit der Stadt Preuſſiſch⸗Holland getroffenen Tauſch von Ländereien, er ſey geſchehen diligenti ac fideli scrutinatione previa et utrorumlibet videlicet fratrum nostrorum et honorabilium civitatis nostre Holland inhabitatorum utilitate revera comperta, non sine fratrum nostrorum consilio unauimi et consensu, existente civium predietorum voluntate omnimode libera, tocius etiam communitatis civium consensu irremutabili adhibito. 2) Beiſpiele hievon aus den J. 1311—1315 im Fol. Ermlaͤnd. Verſchreibungen. Beſonders ruͤhmt in dieſer Hinſicht den Biſchof auch Plasting Chron. de vitis Episcop. Warmiens. (Msgr.). 3) Dieß bezeugt unter andern eine Urk. des Domkapitels von Erm⸗ land vom J. 1317, wo es heißt: Advertentes zelum et aſſectum pro- mocionis continue honorabilis et religiosi viri fratris Henrici de Gera commendatoris provincialis terre Culmensis, quibus dum esset Com- mendator domus Elbingensis nostris et Ecclesie nostre utilitatibus et promocionibus initebatur etc.
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Kämpfe mit den Litthauern (1314). 313 daß man von feinem Heranzuge zuvor unterrichtet war. Da es die Ordensburg bald ſelbſt angriff, ſo ſtellte ſich ihm der tapfere Komthur Volx mit ſeiner Ritterſchaar zum Kampfe entgegen. Allein des Feindes Uebermacht zwang ihn bald zum Nüdzuge, indem eine bedeutende Zahl feiner Ritter ver: wundet und der tapferkuͤhne Ordensbruder Johannes Poppo gefallen war. Darauf in den beiden Gebieten von Ragnit und vom Schalauiſchen Hauſe die heranreifenden Saaten gaͤnzlich vernichtend kehrte das feindliche Heer nach ſolcher Verheerung in fein Land zuruͤck!). Allein es war dieſes nur das Vorſpiel eines weit ernſteren Kampfes, der ſchon im nächſten Monate vor Chriſtmemel begann, denn der Groß⸗ fuͤrſt Witen hatte ſich mit der ganzen Streitmacht ſeines Lan⸗ des vor dieſe neue Burg geworfen, um ſie wieder zu ver⸗ nichten. Siebzehn Tage hindurch beſtuͤrmte er ſie mit zwei Bleiden und mit Schuͤtzen von allen Seiten. Die ritterliche Beſatzung indeß widerſtand mit außerordentlichem Muthe und da ſie ſah, daß ihr die Vorburg zu großer Gefahr gereiche, ſo brannte ſie ſolche ſelbſt auf. Zwar zogen mittlerweile auf die Nachricht dieſer Ereigniſſe zehn Ordensritter mit andert⸗ halbhundert ſtreitbaren Samlaͤndern 2) der Burg zu Huͤlfe; allein der Feind hatte alle Wege und Zugänge zur Burg fo ſtark beſetzt, daß es ihnen nicht moͤglich war, ſich den Mauern zu naͤhern; vielmehr wurden ſie Tag fuͤr Tag von den Lit⸗ thauern auf ihren Stromſchiffen angegriffen. Am ſiebzehnten Tage endlich, da der Großfuͤrſt eben die Ruͤckkehr antreten wollte, erhielt er die Nachricht von dem Heranzuge des Hoch⸗ meiſters mit einer bedeutenden Streitmacht, und alsbald ließ er eiligſt am Burggraben ungeheuere Maſſen von Holz, Stroh 1) Dusb. c. 316. Lucas David B. V. S. 192. 2) Der Epitomator und Schätz p. 58 geben 200 an; letzterer er⸗ wähnt auch, daß die Streitmacht des Großfürften an 60,000 Mann betragen habe; kaum glaublich! Auch darin weicht er von dem gewoͤhn⸗ lichen Berichte ab, daß er ſtatt der Vorburg eine vor der Burg liegende Stadt durch die Ordensritter abbrennen läßt. Wahrſcheinlich verſtand er den Ausdruck suburbium nicht richtig.
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314 Kämpfe mit ben Litthauern (1315). und Heu zufammenhäufen, um die Burg in Brand zu ſtecken. Allein der Plan mißlang durch die Wachſamkeit der Burgbe⸗ ſatzung, die waͤhrenddeſſen eine ſo bedeutende Zahl von Fein⸗ den getoͤdtet und verwundet hatte, daß der Großfürft in Eile die Flucht ergriff !). Hievon noch auf dem Wege benach⸗ richtigt, entließ der Hochmeiſter einen Theil ſeines Heeres und warf ſich mit noch ſechstauſend Mann vor die Burg Juni⸗ gede auf einem Berge gelegen, verbrannte die Vorburg und zog dann mit einer Anzahl Gefangener nach Chriſtmemel hin⸗ über, um hier die Befeſtigungswerke wieder herſtellen zu laſ⸗ fen, welche Witen's Heer zum Theil zerſtoͤrt hatte 2). Die Belagerung Chriſtmemels war des Großfürften Wi⸗ ten letzte Unternehmung; denn kaum war er heimgekehrt, als Gedimin, ſein Stallmeiſter, vom Blute ſeines Herrn befleckt, im Jahre 1315 ſelbſt den Fuͤrſtenthron von Litthauen beſtieg, auf welchem er fi) König nannte) und wenn auch nicht an Tapferkeit und kriegeriſchem Geiſte, doch an Verſtand, Klugheit und Liſt ſeinen Vorgaͤnger noch weit uͤbertraf. Ihm genuͤgten bald nicht mehr bloß Raub und Beute, ſondern feine Herrſchluſt, die ihn über die Leiche feines Fürften auf den Thron getrieben, ging auch auf Eroberungen aus. Zwar wandte er vorerſt ſeine Waffen mehr gen Oſten in die Ruſ⸗ ſiſchen Gebiete, um dorthin ſeine Herrſchaft weiter auszudeh⸗ 1) Dusb. c. 317. Lucas David B. V. S. 193. 2) Dusb. c. 318. Kojalowiez p. 242. Nach Schätz 1. c. entließ der Meiſter ſein ſaͤmmtliches Fußvolk und behielt nur ſeine 6000 Reiter bei ſich. In Ob Gedimin Witens Sohn oder Stallmeiſter geweſen fen, dar⸗ uͤber ſind die Quellen nicht einig. Der gruͤndliche Forſcher Karamſin B. IV. S. 173 und 286 entſcheidet ſich jedoch fir die letztere Annahme und wir glauben ihm folgen zu dürfen, da auch Schloͤzer in ſ. Geſch. von Litthauen S. 60 ſich zu dieſer Meinung hinneigt. Die Annal. Oliv. p. 49 ſagen ebenfalls: Fuit Gediminus hie Magister stabuli apud Vi tenen Magnum Ducem Lithuaniae, vir ambitiosus et excelsi animi, qui praedictum Vitenen Dominum suum nacta occasione temporis ob- truncavit, statimque magno Ducatu et uxore Domini oceisi, quae etiam in necem mariti consenserat, potitus est.
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Kämpfe mit den Litthauern (1316). 315 nen; allein auch die Fehdezuͤge der Ordensritter wurden im Laufe des Jahres 1316 in gleicher Weiſe noch fortgeſetzt bald durch den Marſchall Heinrich von Mlotzke oder durch den kühnen Hauskomthur von Chriſtmemel Friederich von Liebenzelle, bald durch die Ordensritter Dieterich von Al⸗ tenburg und Friederich Quitz aus dem Convente zu Ragnit oder durch den tapfern Vogt von Samland Hugo von Almenhauſen!) und trafen theils das Gebiet von Paſtow 2), theils die Landſchaft Medeniken, wohin den Marſchall eine bedeutende Pilgerſchaar aus den Rheinlanden, unter andern der edle Graf Adolf von Berg, der Graf Johann von Neuenahr ?), der Ritter Arnold von Elner und viele andere Edlen beglei⸗ teten, um ſich im Kampfe mit den Heiden kirchliches Ver⸗ dienſt und ritterlichen Ruhm zu erwerben. Als man die Land⸗ ſchaft mit Raub und Brand durchzogen und zweihundert Hei⸗ den gefangen oder erſchlagen hatte, ſteckte man die Ordens⸗ fahne vor der Burg Medewageln auf und unter ihr ſchlug der Graf von Berg die tapferſten Streiter zu Rittern“). Raub und Beute waren die Ziele, und Verheerung und Pluͤn⸗ derung das gewohnte Tagewerk auf ſolchen Zuͤgen in Fein⸗ desland. In einer dieſer Heerfahrten legte der kuͤhne Ritter 1) Dieſe Züge erzählt Dusb. c. 319 —323. Lucas David B. V. S. 194 — 196. Den Ordensritter Friederich Quitz nennt Lucas David Queis; Jeroſchin hat jedoch ebenfalls die ältere Schreibart. 2) Nicht Passovia, wie Dusb. I. c. Jeroſchin und der Epito⸗ mator haben richtig Pastow. 3) Baͤrſch Beſchreibung der Eifel ir B. 1ſte Abtheil. S. 140. Günther Cod. diplom. Rheno- Mosel. T. III. p. 20. 4) Dusb. c. 320 nennt die Burg Megenada; Jeroſchin und der Epitomator richtiger Medewageln. Bei jenem heißt es: Da hilt der brudre vane dort Vor Medewageln umbekort Darundir in dem ſelben til Der greve von dem berge vil Knaben edler ſlachte Zu rittren da machte.
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316 Kämpfe mit den Litthauern (1316). Dieterich von Altenburg die Burg Biſten in Aſche, um die ſo oft ſchon gekaͤmpft worden war, und ſie iſt ſeitdem nie wieder erbaut worden 1). Da kam waͤhrend dieſer Kriegsfehden im Sommer die⸗ ſes Jahres an den Hochmeiſter Karl eine Geſandtſchaft aus Rußland von den beiden Fuͤrſten Andrei und Lew, die ſich Herzoge ganz Rußlands und von Galizien und Wladimir nannten, die erſte bekannte Erſcheinung dieſer Art in Preuf: ſens Geſchichte. Sie erfreute den Meiſter durch ein freund⸗ liches Schreiben, in welchem die Fürften nicht nur erklärten, daß auch ſie nach ihrer Vorfahren Beiſpiel und durch die Mit⸗ wirkung ihres nahen Anverwandten Sieghards von Schwarz⸗ burg, damals Komthur der Ordensburg Birgelau ?) bei Thorn, mit dem Orden in denſelbigen friedlichen und freundſchaftli⸗ chen Verhaͤltniſſen verbleiben wollten, wie Rußlands Fuͤrſten in früherer Zeit, ſondern auch die Zuſicherung gaben, des Ordens Gebiete auch gegen die Anfaͤlle der Tartaren zu ſchuͤtzen, fo weit es in ihrer Macht ſtehe, um fo dem ge ſammten Volke Preuſſens Beweiſe ihrer Gunſt und ihres Wohlwollens an den Tag zu legen 5). Aber auch noch im naͤchſten Jahre 1317 waren die Or⸗ densritter auf ihren Kriegsreiſen keineswegs von beſonderem Gluͤcke beguͤnſtigt. Auf einer Kriegsfahrt des Marſchalls mit ſeiner Streitmacht aus Samland und Natangen in das Ge⸗ biet von Waiken brach in der Nacht zuvor, als er die feind⸗ 1) Dusb. c. 322, 2) Sieghard heißt in dem Schreiben Consanguineus noster dilectus. Eine ſolche Verwandtſchaft mit dem Schwarzburgiſchen Hauſe wird auch ſchon vom Herzoge Semovit von Dobrin im J. 1306 geltend gemacht, denn dieſer nennt den damaligen Kulmiſchen Landkomthur Günther von Schwarzburg gleichfalls nostrum dilectum Cousanguineum. Kar amſin B. IV. S. 287 konnte die Verwandtſchaft mit den Ruſſiſchen Fürften nicht ermitteln. 3) Das Original dieſer Urkunde datirt: In Lademiria anno verbi incarnati M. CCC. XVI. in vigilia s. Laurencii Martiris im geh. Arch. Schiebl. LXXXI. Nr. 1. Vgl. Karamfin a. a. O., wo ſchon ein Theil dieſer Urkunde mitgetheilt iſt.
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Kämpfe mit den Litthauern (1317). 317 liche Graͤnze uͤberſchreiten wollte, ein ſo furchtbarer Orkan aus, daß die ſcheu gewordenen Roſſe, fuͤnfhundert an der Zahl ſich losreißend in die nahen Waͤlder verliefen und nur mit großer Muͤhe wieder aufzufinden waren. Auch ſchien allen das wilde Ungewitter eine ſo boͤſe Vorbedeutung, daß man ohne weiteres der Heimat wieder zuzog, und zum Gluͤcke der Ordensritter, denn die Feinde, von ihrer Ankunft ſchon benachrichtigt, hatten ſich im Gebiete Waiken in ſo außeror⸗ dentlicher Zahl verſammelt, daß der Untergang des Ordens⸗ heeres faſt unvermeidlich geweſen wäre !). Eben fo erfolglos war ein anderer Heereszug des Marſchalls ins Gebiet Po⸗ grauden, obgleich verſchiedene Heerhaufen des Ordensvolkes ſich ins Land hineinwarfen, denn die Bewohner hatten zuvor von des Feindes Ankunft ſchon Kunde erhalten, und die Ge⸗ dimins⸗Burg, gegen welche der tapfere Komthur von Ragnit Friederich von Liebenzelle ausgeſandt war, ward ſo maͤnnlich von ihrer Beſatzung vertheidigt, daß ſich die Ritter begnuͤgen mußten, nur die Vorburg zu vernichten ?). So wurde dem Marſchall im Herbſt dieſes Jahres auch noch ein dritter Zug gegen die Burg Junigede vereitelt, da die Burgbeſatzung, zuvor ſchon wegen des Anſturmes der Feinde gewarnt, die Bewohner der nahen Gegenden durch Rauch und Feuerzeichen von der Geſahr benachrichtigt hatte. So heftig daher auch des Marſchalls Angriff auf die Burg war, ſo blieb ihm bei dem langen und hartnaͤckigen Widerſtande der Vertheidiger doch nichts uͤbrig, als bloß die Vorburg aufzubrennen, um damit wenigſtens den Tod des edlen Ordensritters Dieterichs von Pirmont an dem Feinde zu rächen ). Der Hochmeiſter war im Laufe dieſer Kriegsſehden fort⸗ waͤhrend theils mit inneren Verwaltungsſachen, theils auch 1) Dusb. c. 324. 2) Dusb. c. 825 — 326 beſchreibt dieſe Züge und ſelbſt die Schick⸗ ſale eines einzelnen Ordensbruders hier ſehr genau; allein dieſe Ein⸗ zelnheiten konnten eigentlich nur fuͤr ihn bei ſeinem beſondern Geſichts⸗ punkte ein wichtiges Intereſſe haben. Vgl. Lucas David B. V. S. 197. 3) Duisb. c. 327. Lucas David B. V. S. 199.
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318 Erwerbung Michelau's (1317). mit Verhandlungen mit den nachbarlichen Fürften beſchaͤftigt. Als er ſich mit dem Kloſter Oliva uͤber die Fiſcherei im fri⸗ ſchen Haff verftändigt !), begannen Unterhandlungen mit dem Herzoge Leſtko von Cujavien wegen des Gebietes von Mi⸗ chelau, welches dieſer, wie fruͤher erwaͤhnt, an den Orden verpfaͤndet hatte. Obgleich die Zahlungsfriſte der Pfandſumme ſchon laͤngſt abgelaufen und das Land alſo nach den fruͤheren Beſtimmungen dem Orden rechtlich verfallen war, ſo machte der Herzog doch mehrmals, wiewohl immer fruchtloſe Ver⸗ ſuche, daſſelbe wieder einzulöfen 2), bis endlich in dieſem Jahre der Meiſter den Landkomthur von Kulm Heinrich von Gera beauftragte, eine Ausgleichung mit dem Herzoge zu bewirken. Nach verſchiedenen Verhandlungen zu Thorn und Neſſau kam man endlich darin uͤberein, daß der Orden dem Herzoge zu der fruͤheren Pfandſumme noch zweihundert Mark Thorner Pfennige nachzahlen ſolle, alſo daß die geſammte Kaufſumme nun auf fuͤnfhundertzweiundſechzig Mark ſtieg, wofuͤr der Herzog das ganze Gebiet nun in der Form eines Verkaufes an den Orden foͤrmlich abtrat. Dieß geſchah zu Neſſau am ſiebzehnten Juli des Jahres 1317). Und um 1) urk. im geh. Arch. Schiebl. LVI. Nr. 16 und Schiebl. L. Nr. 59. Die Fiſcherei im Haff wurde dem Orden vom Kloſter gegen eine Ver⸗ guͤtung abgetreten; Chron. Oliv. p. 45. Annal. Oliv. p. 40. 2) Der Herzog geſteht in der nachfolgenden Urkunde ſelbſt: Tan- dem cum post elapsos terininos solucionis faciende prenominate pe- cunie Reverendo viro fratri Karulo Magistro Ordinis domus Theut. ac aliis fratribus suis aliquotiens instaremus, ut sepedietum Terri- torium Michelow, nobis redimendum concederetur, nec optinere pos- semus, eo quod ad ipsos fratres et suum Ordinem iam devolutum perpetualiter extitit etc. 3) Die Urf, hierüber datirt: Nessou a. d. 1317 XVI Cal. August. in zwei Transſumten v. J. 1335 und 1421 im geh. Arch. Schiebl. LVIII. Nr. 15 und Schiebl. LVII. Nr. 22; gedruckt in Dogiel T. IV. Nr. XLIX. p. 41. Dieſer Urkunde ungeachtet argumentirten ſpaͤterhin die Polen, als ſie Michelau wieder verlangten, auf folgende Art: In Be Michaloviensi Pruteni nullum titulum produxerunt nec habent, immo terram ipsam pignori acceperunt pro certa pecunia per cos us dicitur mutuata. Tenentur ergo dietam terram restituere, quia de eius red-
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Zwieſpalt im Orden (1317) 319 zugleich alle ſtreitigen Verhaͤltniſſe über dieſes Land auszuglei⸗ chen, verſtaͤndigte ſich der Orden durch den Landkomthur von Kulm auch mit dem Biſchofe von Ploczk uͤber die Graͤnzen feiner im oͤſtlichen Theile der Landſchaft liegenden Güter ). Gerade in dieſen Tagen aber entwickelten ſich fuͤr den Hochmeiſter hoͤchſt niederſchlagende und traurige Ereigniſſe. Karl hatte, wie es ſcheint, durch ſtrenge Ahndung begange⸗ ner Ungerechtigkeiten, durch ernſte Ruͤge mancher Vergehun⸗ gen und durch ſeinen Eifer gegen eingewurzelte Mißbraͤuche verſchiedene Ordensgebietiger ſich ſehr befeindet, weil er uͤberall, wo das Recht verletzt und das Gute erdruͤckt wurde, mit aller Strenge durchgriff 2). Lange hatte ſich der Zorn und Ingrimm im Stillen gehalten, als folgender Umſtand die Erbitterung zum Ausbruche brachte. Der bisherige Mei⸗ ſter von Livland Gerhard von Jocke war aus unbekannten Urſachen im Jahre 1317 feines Amtes entlaſſen worden ) und man hatte im Kapitel zu Marienburg den vormaligen Vogt von Jerwen Johann von Hohenhorſt zu ſeinem Nach⸗ folger ernannt. Allein die Ordensgebietiger in Livland woll⸗ ten ihn nicht als ihren Meiſter anerkennen, weil ſein Lebens⸗ wandel mit einem Schimpfe befleckt war, wie man naͤher erfuhr, als der Hochmeiſter den Biſchof Paul von Kurland und aus Preuſſen den Komthur von Schwez Dieterich von Lichtenhain, den Komthur von Papau und den Hauskomthur von Koͤnigsberg zur Unterſuchung nach Duͤnamuͤnde ſandte, ditibus plus in decuplo perceperunt, quam fuerit pecunia mutuata, qui redditus pro rata sortis in eam compntantur et ipsam sortem extingunt. 1) urk. des Biſchofs datirt: In Ploc in crastino b. Dominici conf. sub a. d. 1317 im geh. Arch. Schicht. LXXV. Nr. 6. 2) Wigand. Marburg. fagt gewiß mit Wahrheit von ihm: Dietus eciam Magister ſuit iustitie propugnator et omnis mali extirpator, propterea Ordo apud eum crevit multum. 3) In der nachfolgenden Urk. vom 19. Juli 1317 wird Gerhard bereits quondam preceptor genannt; indeſſen übernahm er bald darauf das Amt von neuem und verwaltete es von dem an noch gegen zehn Jahre lang.
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320 Abſetzung Karls v. Trier als Hochmeiſter (1347). denn in einem dort verſammelten Kapitel der vornehmſten Gebietiger wurde Johann von Hohenhorſt als ehemaliger Vogt von Jerwen eines Diebſtahls von hundertneunund⸗ ſechzig Mark Silbers, die er dem Orden entfremdet, beſchul⸗ digt ), und es erklaͤrten noch einmal alle Gebietiger und Ordensbruͤder einmuͤthig, daß ſie auch bei allem dem Hoch⸗ meiſter und Generalkapitel ſchuldigen Gehorſam dieſen mit einem ſolchen Schimpfe befleckten Ritter) nicht als ihren Meiſter anerkennen koͤnnten. Daruͤber faßten die erwaͤhnten Abgeordneten zur Stelle einen Bericht ab und ſandten dieſen dem Großkomthur, dem Spittler, Trapier und Ordenstreß⸗ lers). Die Sache war von um fo größerer Wichtigkeit, da ſich noch nie ein ſolcher Fall in der Geſchichte des Ordens ereignet. Die Gebietiger in Preuſſen warfen aber, wie es ſcheint, die Schuld der Wahl dieſes unwuͤrdigen Ritters al⸗ lein auf den Hochmeiſter. Bald ſtanden zwei Parteien ein⸗ ander gegenüber *) und Karls Widerſacher beſchloſſen, dieſe Gelegenheit zu benutzen, um ſeine Abſetzung zu bewirken. In einem Ordenskapitel zu Marienburg legte man ihm die⸗ ſes und jenes als Beweis ſeiner ſchlechten Landesverwaltung vor; man machte ferner, wie es ſcheint, auch jenen Bericht aus Livland über Johann von Hohenhorſt geltend °) und es 1) Fratrem Ichannem de Hoenhorst ipsis pro Magistro deputa- tum de furto manifeste sicut dicant statuta Ordinis convicerunt — sit furatus et furtive alienaverit ab ordine quandam suumam pecunie, que ad CLXIX marcas argenti se extendit. 2) Utpote infamem et de manifesto crimine sic confictuin. 3) Dieſer Bericht datirt: Dunemunde feria III ante festum beate Marie Magdal., ohne Jahrangabe, im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 1. Die Urkunde iſt aber ohne Zweifel vom J. 1317, da es ausgemacht iſt, daß der erſte Ausſteller derſelben, der Biſchof Paul von Kurland fein Viſthum in dieſem Jahre antrat. 4) Dieſe Spaltung im Orden liegt in der eben erwaͤhnten urkunde auch ſchon dadurch angedeutet, daß der Hochmeiſter ſeinen beſondern Abgeordneten nach Livland abgeſandt hatte; daher auch Wig and. Mar- burg. p. 279 jagt, daß der Hochmeiſter a fratribus suspectus habebatur. 5) Wigand. Marburg. I. c. führt an: visumque est eis, quo-
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Abſetzung Karls v. Trier als Hochmeiſter (1317). 321 ward ſonach der Hochmeiſter von feiner Gegenpartei aufge⸗ fordert, ſein Meiſteramt niederzulegen und ſein Siegel nebſt dem goldenen Meiſterringe ohne weiteres auszuliefern. Karl entfagte ſofort feiner Würde ohne alle Widerrede. Denen ſeiner Partei, die ihn dringend baten, ſein Meiſteramt nicht aufzugeben, antwortete er mit ruhiger Gelaſſenheit: „Laſſet mich nach Trier gehen, wo ich in Ruhe von dem Nachlaſſe meiner Aeltern werde leben koͤnnen“ ). — Nicht ohne Freude ſahen ihn ſeine Gegner nach Deutſchland ziehen; allein mit nicht geringerer Beſtuͤrzung erfuhr man auch bald, daß Karl das Meiſterſiegel und den Meiſterring mit ſich genommen und dadurch eine neue Meiſterwahl unmöglich gemacht habe 2). Man ordnete nun zwar die Landesverwaltung in der Art an, daß man das alte landmeiſterliche Ordensamt noch einmal erneuerte, indem der bisherige Ordensſpittler und Komthur zu Elbing Friederich von Wildenberg ) das Amt eines Land⸗ modo male regeret, unde Capitulum congregant, in quo lecta fuit cedula; dieſe cedula ſcheint wohl jener Bericht geweſen zu ſeyn. Im Chron. Oliv. p. 46 heißt es: Quidam fratres praedictum Magistrum pro regimine Magisterii Ordinis insufficientem affirmantes exegerunt ab eo, ut officium cum sigillo et annulo voluntarie resignaret. 1) Das Chron. Oliv. I. c. erzählt: Seine Reſignation plerisque Praeceptoribus non placuit. Attamen vir prudens et maturus, volens sibi et Ordinis honori consulere, insignia Magisterii sui constanter resignare (nach den Annal. Oliv. resignavit) petens, ut eum ad Con- ventum Treverensem, cui Pater suus domos suas solennes et omnia, quae habuit, propter Deum tradiderat, redire permitterent cum quiete, quod facere annuerunt et destinatis quibusdam Commendatoribus et aliis pro ipsorum voluntate institutis et dato Commendatore destituto et pro illo de Luseberg (? — wohl Wildenberg) Instituto, ipsum abire versus Trevirim, ut petierat, permiserunt, 2) So erzählt Wigand. Marb. I. c. den Verlauf der Sache. Die Stelle hieruͤber in meiner Geſchichte von Marienburg S. 96. Man ſieht es ihr indeſſen bald an, daß fie die Verhaͤltniſſe nur ſehr frag⸗ mentariſch mittheilt. 3) Im J. 1306 war dieſer Wildenberg noch Kompan des Land⸗ meiſters Konrad Sack. Er ſtammte wahrſcheinlich aus den Rheinlan⸗ den, wo das Geſchlecht von Wildenberg im Gebiete von Trier wohnte; IV. 21
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322 Johann XXII gegen den Orden (1317). meiſters von Preuſſen und die Stellvertretung des Hochmei⸗ ſters übernahm (weshalb er ſich zuweilen auch Großkomthur im Ordenshauſe Marienburg nannte), waͤhrend Werner von Orſeln die Wuͤrde des Großkomthurs ) und Heinrich von Plotzke auch fernerhin die des Marſchalls von Preuſſen be⸗ kleidete und zuweilen auch in Stellvertretung des Hochmei⸗ ſters auftrat 2); allein es trafen nur zu bald theils vom paͤpſt⸗ lichen Hofe her, theils in den Streithaͤndeln mit der Livlaͤn⸗ diſchen Geiſtlichkeit und mit Polen Verhaͤltniſſe ein, unter denen die im Orden herrſchende Zwietracht und Spaltung für ſeine Sache eben ſo hoͤchſt gefaͤhrlich wirken konnte, als ein Oberhaupt zur Leitung jener Verhaͤltniſſe durchaus noth⸗ wendig ward. Seit dem Herbſt des Jahres 1316 naͤmlich ſaß nach zweijaͤhriger Erledigung Johann der Zweiundzwanzigſte auf dem paͤpſtlichen Stuhle, ein Mann, von deſſen hellem Ver⸗ ſtande, raſtloſer Thaͤtigkeit und Conſequenz im Handeln fuͤr den Orden gleichviel zu fuͤrchten als zu hoffen war, je nach⸗ dem ſich ſeine Geſinnung und ſeine Stellung entweder fuͤr oder gegen den Orden richten werde. Und gleich im Anfange ſeines paͤpſtlichen Amtes ſchon aufs eifrigſte bemuͤht, die Rechte der Kirche in jeder Beziehung und ihre Würde auf jede Weiſe aufrecht zu erhalten, erregte er im Orden aller⸗ dings mehr Beſorgniſſe als Hoffnungen. „Wir haben in Erfahrung gebracht, — das waren ſeine erſten ernſten Worte, die er von Avignon aus an den Hochmeiſter und das Or⸗ denskapitel erließ — daß ihr und euer Orden jedes Jahr eine gewiſſe Goldſumme an die Römifche Kirche zu entrichten ſ. Hontheim Histor. Trevir. T. I. p. 805. II. p. 144. Günther Cod. diplom. Rheno- Mosel. T. III. S. 13. 1) Vgl. meine Geſchichte von Marienburg S. 96. Nr. 21. Es haben ſich mehre Urkunden vom J. 1318 gefunden, in denen ſich Friedr. von Wildenberg auch Großkomthur nennt. Allein in Urkunden vom J. 1319 kommt auch Werner von Orſeln als ſolcher vor. Vgl. Werners Geſammelte Nachrichten S. 52. 2) S. meine Geſch. v. Marienburg S. 97.
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Johann XXII gegen den Orden (1317). 323 verpflichtet ſeyd ). Aber wir wundern uns uͤber die Maßen, daß ihr und euere Vorgaͤnger ſeit ſo langen Zeiten dieſe Zahlung unterlaſſen habt und daß ihr euch in der Entrich⸗ tung dieſes Zinſes ſolche Nachlaͤſſigkeit erlauben konntet. Da uns unter andern Pflichten, die uns unſer Amt gebietet, vor allem auch die am Herzen liegt, die Rechte der Kirche wieder aufzunehmen und aufrecht zu erhalten, ſo erinnern und ermahnen wir euch aufs ernſtlichſte, dieſe Zahlung fuͤr die verfloſſene Zeit ohne Minderung an die paͤpſtliche Kammer binnen drei Monaten zu entrichten, ſie aber ins⸗ kuͤnftige zu gehoͤriger Zeit ſo puͤnktlich geſchehen zu laſſen, daß euch darüber nicht wieder der Vorwurf der Nachläf- ſigkeit zu machen iſt und damit es nicht noͤthig wird, in dieſer Angelegenheit ein anderes zweckdienliches Mittel anzu⸗ wenden“ 2). Mit derſelben ernſten und entſchiedenen Sprache gebot der Papſt auch das Buͤndniß aufzulöfen, welches das Rigaiſche Domkapitel, der Livlaͤndiſche Landmeiſter, mehre Ordensge⸗ bietiger und verſchiedene Vaſallen der Rigaiſchen Kirche an⸗ geblich gegen die Litthauer und Ruſſen geſchloſſen und ſich darin gegenſeitig zu Schutz und Wehr gegen jeglichen Feind verpflichtet hatten, der ſie irgend belaͤſtigen oder angreifen werde, denn der Papſt fand dieſe Verbindung nicht nur ge⸗ gen die Kirche zu Riga und gegen mehre Landesbiſchoͤfe fo frevelhaft und rechtswidrig, ſondern auch der dem Roͤmiſchen Stuhle ſchuldigen Ehrfurcht ſo widerſtreitend, er erkannte uͤberhaupt in dieſem Bunde ſo entſchieden den Character einer Verſchwoͤrung und geſetzwidrigen Zuſammenrottung ausge 1) Audito, quod vos et ordo vester certam ecclesie Romane quantitatem auri singulis annis tenebamini solvere nomine pensionis. Ohne Zweifel war dieſes der Lchenszins, den der Orden, wie ſchon früher B. II. S. 453 erwähnt ift, an die Roͤmiſche Kirche zu entrich⸗ ten hatte. 2) Bulle datirt: Avinion. XII Calend. Februar. an. I (21. Januar 1317) in Regest. Iohann. XXIII. an. I. epist. 1035 p. I. und im Go: pienbuche des geh. Arch. Nr. 373. air
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324 Johann XXII gegen den Orden (1317). ſprochen !), daß er ohne weiteres mit dem Bannfluche dro⸗ hete, wenn die Verbindung nicht auf der Stelle aufgelöft werde 2). Es bedurfte wohl wenig Scharſſinn, um zu ſehen, daß es hier wiederum der Erzbiſchof von Riga war, der er⸗ bittert uͤber dieſe Vereinigung ſeines Domkapitels mit dem Orden und mißtrauiſch über Zweck und Ziel dieſes Buͤnd⸗ niſſes den Papſt zu dieſem Schritte getrieben hatte, denn ohne Zweifel bot er nun auch bei dem neuen Oberhaupte der Kirche alle Mittel auf, um mit deſſen Hülfe feinen Kampf gegen den Orden ſiegreich durchzukaͤmpfen. Und wie hier der Papſt gegen den Orden nur im ſtrengſten Ernſte ſprach, ſo ſprach er auch zu dem Biſchofe von Pomeſanien in einer Bulle, worin er ſein großes Mißfallen zu erkennen gab, daß der Domprobſt und das Domkapitel der Pomeſaniſchen Kirche, wie ihm gemeldet worden war, nicht unbedeutende Beſitzun⸗ gen dieſer Kirche, Zehnten und andere Einkuͤnfte zum groͤß⸗ ten Schaden derſelben theils an Cleriker, theils auch an Laien für einen jährlichen Zins veräußert und fo die Kirche in Ar⸗ muth gebracht haͤtten. Er trug dem Domprobſte von Kulm auf, alle dieſe veraͤußerten Guͤter derſelben trotz aller darüber geſchloſſenen Verträge unverzuͤglich an fie zuruͤckzubringen 1) Der Papſt ſagt in feiner Bulle: Confederationes, conventiones et colligationes et ordinationes impias et iniquas nedum contra Rigens. et nonnullas ecclesias et ecclesiasticas personas illarum partium, quin etiam contra reverentiam Romane matri ecclesie debitam ac in eius- dem contemptum et preiudicium evidens ecclesiastice libertatis non absque conspirationis nota seu coniurationis oflensa in animarum suarum periculum dampnabiliter inierunt, Aber wer hört durch dieſe Worte nicht den Erzbiſchof von Riga hindurchſprechen! 2) Die Bulle datirt: Avinion. XII Calend. Januar. an. II (21. De⸗ cember 1317), welche zugleich die Urkunde uͤber die im J. 1316 ge⸗ ſchloſſene Verbindung ſelbſt enthält, in Regest. Iohan. XXII. epist. 508 an. II. p. 1., im Copienb. des geh. Arch. Nr. 874, gedruckt im Dogiel T. V. Nr. XXXIX. p. 38. Ferner eine an den Orden in Livland und das Rigaiſche Domkapitel unmittelbar gerichtete Bulle gleiches Inhalts in Regest. Ichan. XXII epist. 509. p. 152, im Gopienb. des geh. Arch. Nr. 375.
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Streit mit den Poln. Biſchoͤfen (1317). 325 und jeglichen mit dem Banne zu zuͤchtigen, der ſich irgend widerſetzen werde ). Bald entſpannen ſich fuͤr den Orden auch neue Strei⸗ tigkeiten mit den Polniſchen Bifchöfen wegen ihrer kirchlichen Rechte in Pommern. Sie hatten ſich bei der Erwerbung des Landes durch den Orden ganz ruhig verhalten, vielleicht vorausſetzend, ihre kirchlichen Verhaͤltniſſe würden weiter keine Aenderung erleiden, oder um abzuwarten, in welche Stellung der Orden ſich gegen ſie ſetzen wolle. Von der Meinung ausgehend, daß die paͤpſtlichen Verordnungen, Beguͤnſtigun⸗ gen und Vorrechte, welche dem Orden zu den Biſchoͤfen Preuſſens ſeine ganz eigenthuͤmliche Stellung gegeben und dieſe Biſchoͤfe in mancher Beziehung beſchraͤnkt und ſelbſt ab⸗ haͤngig vom Orden gemacht hatten, auf ſie weiter keine An⸗ wendung finden koͤnnten, glaubten ſie auch unter der neuen Landesherrſchaft in Pommern in der ganzen Ausdehnung ihrer alten Rechte zu verbleiben. Anders aber meinte es der Or⸗ den, denn nach ſeiner Ueberzeugung galten ſeine Vorrechte und Freiheiten keineswegs nur in Beziehung auf die bishe⸗ rigen Biſchoͤfe im Ordenslande, ſondern fanden auch Anwen⸗ dung auf die Biſchoͤfe, deren Diöcefen zum Theil nun Ordens⸗ gebiet geworden waren, ſo daß folglich die Biſchoͤfe Polens in ihren Beſitztheilen Pommerellens in das naͤmliche Verhaͤlt⸗ niß zu dem Orden getreten ſeyen, in welchem die Biſchoͤfe Preuſſens ſtanden. Und in einigen dieſer Verhaͤltniſſe ſpra⸗ chen, wie es ſchien, die paͤpſtlichen Verordnungen allerdings auch für die Anſicht des Ordens; in andern dagegen ſchienen ſie fuͤr die Meinung der Biſchoͤfe zu ſprechen. In dieſen entgegengeſetzten Meinungen begegneten ſich zuerſt der Orden und der Biſchof von Cujavien bei Beſetzung der erledigten Kirche zu Schwez, die zu dieſes Biſchofs Dioͤ⸗ ceſe gehörte, indem ihm der Orden nach feinem Patronats⸗ rechte zur Wiederbeſetzung der Kirche einen geſchickten Pres⸗ 1) Die Bulle datirt: Avinion. secundo Non. Octob. p. a. I in Abſchrift in den Privileg. Capituli Pomezan. p. 1.
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326 Streit mit den Poln. Biſchoͤfen (1317). byter ſeiner Ordensbruͤder in Vorſchlag brachte. Der Biſchof aber, obgleich mit jenem Rechte des Ordens wohl bekannt, weigerte ſich, den Presbyter in die Kirche einzuſetzen, alſo daß der Orden, in ſeinem Rechte gekraͤnkt, ſich genoͤthigt fand, die Streitſache an den Papſt zu bringen, der alsbald dem Dechant des Ermlaͤndiſchen Kapitels den Auftrag er⸗ theilte, nach genauer Unterſuchung einen entſcheidenden Aus⸗ ſpruch zu thun; und die Entſcheidung fiel zu Gunſten des Ordens aus, denn auch der Papſt ſtand hier offenbar auf der Seite des Ordens ). Somit war eines feiner Rechte durchgekaͤmpft. Ungleich heftiger und langwieriger waren die bereits be⸗ gonnenen Streitigkeiten des Ordens mit den Polniſchen Bi⸗ ſchoͤfen, namentlich mit dem Erzbiſchofe von Gneſen und mit den Biſchoͤfen von Poſen, Leflau und Ploczk wegen des Zehnten, welchen dieſe auch fernerhin in bisher gewoͤhnlicher Weiſe verlangten, der Orden dagegen nicht ferner mehr in Fruͤchten leiſten laſſen, ſondern in eine den Biſchoͤfen zu ent⸗ richtende Geldſteuer verwandeln wollte, wie dieſes fruͤher be⸗ reits in einzelnen Beſitzungen zwiſchen dem Orden und dem Biſchofe von Leſlau auch geſchehen 2). Da aber den Biſchoͤ⸗ fen die angebotene Entſchaͤdigung viel zu gering ſchien und der Orden die Erhebung in Fruͤchten nicht laͤnger mehr ge⸗ ſtatten wollte, ſo ging der Streit endlich ſo weit, daß die Praͤlaten gegen den Orden den Bann ausſprachen und ſeine Kirchen mit dem Interdicte belegten, freilich ohne zu beden⸗ ken, daß dieſes Strafrecht gegen den Orden nur dem Papſte allein zuſtehe. Da alſo die Ordensgebietiger des Strafſpru⸗ ches auch gar nicht weiter achteten, ſondern der unbefugten Zuͤchtigung vielmehr ſpotteten ), fo thaten die Bifchöfe bald einen andern Schritt, der den Orden allerdings weit mehr 1) Das Original der Bulle datirt: Avinion. VII Idus Iunii p. n. an, 1 (7. Juni 1317) im geh. Arch. Schiebl. VII. Nr. 1a). 2) 3. B. im J. 1268; urk. im geh. Arch. Schicbl. LIIL Nr. 1; dann im J. 1283; Urk. Schiebl. LIII. Nr. 3. 3) Cromer p. 280 — 281.
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Streit mit den Poln. Biſchoͤfen (1317). 327 belaͤſtigte. Sie traten jetzt mit dem Herzoge Wladislav von Polen in Verbindung, der Pommerns Verluſt noch keines⸗ wegs verſchmerzt hatte, vielmehr von der Hoffnung belebt war, daß eines Theils in der Erhebung Polens zu einem Koͤnigreiche viel Heil fuͤr ſein Land, wie im Schmucke der Koͤnigskrone für ihn ſelbſt viel Ruhm und Glanz zu erwar⸗ ten ſey, andern Theils durch die Mithuͤlfe dieſes dem Orden nicht eben ſehr zugeneigten Papſtes auch Pommern vielleicht wieder fuͤr ihn gewonnen werden koͤnne. Man hielt man⸗ cherlei Berathungen und ſandte hierauf den Biſchof Gervard von Leſlau an den paͤpſtlichen Hof mit dem Auftrage, ſowohl des Herzogs Wunſch in Ruͤckſicht der Koͤnigskrone, als die Streitſache der Biſchoͤfe dort mit Nachdruck zu betreiben ). Vor allem ließ der Herzog auch die bitterſte Beſchwerde uͤber den Orden wegen der Eroberung Pommerns fuͤhren, indem der Biſchof dem Papſte berichten mußte, wie ſich die Ordens⸗ ritter, von Wladislavs Aeltervater in dem Vertrauen ins Land gerufen, daß ſie wahrhafte Vertheidiger des Glaubens ſeyn wuͤrden, jetzt hoͤchſt undankbar bewieſen, ihre raͤuberiſchen Haͤnde auf die frechſte Weiſe nach Pommern ausgebreitet und dieſes dem Reiche Polen zugehörige Land wider alles Recht geraubt und ſchon ſeit einer Reihe von Jahren in ge⸗ 1) Als Zweck dieſer Sendung giebt Cromer p. 281 an: ut non modo de ecelesiasticis bonis et decimis, verum etiam de erepta per sunnuam iniuriam Pomerania, regis et universae Poloniae nomine contra Cruciferos actionem iustitueret: simul autem ut Wladislao diadema et nomen regium impetraret; vgl. damit Dlugoss. p. 959 — 960. Daß dieſe Sendung aber ſchon im J. 1316 erfolgt ſey, wie dieſer Chroniſt will, iſt darum ſchon ſehr unwahrſcheinlich, weil die Wahl Johanns XXII erſt im Herbſte dieſes Jahres geſchah. Zwar ſagt der Papſt in einem Schreiben vom J. 1319 bei Raynald Annal. Eccles. an. 1319 Nr. I, daß der Biſchof von Leſlau ſchon „dudum“ an den paͤpſtl. Hof gekommen ſey, allein dieß hindert doch nicht, ſeine Ankunft erſt ins J. 1317 zu ſetzen. Damalewiez Vitae Vladislav. Episcop. p. 210 ſchildert den Biſchof als animosus bonorum ecclesiae propu gnator, acerrimus iurium patriae deſensor, vir consilii et ingenüi singularis ete.
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328 Streit mit dem Erzbiſchof von Riga (1317). waltſamen Beſitz gehalten hätten :). So kam hiermit eine neue Streitſache des Ordens vor das Gericht des paͤpſtlichen Stuhles. Waͤhrend aber bald darauf ein paͤpſtlicher Legat Gabriel von Fabriano, vom Papſte wahrſcheinlich zu dem Zwecke aus⸗ geſandt, um uͤber die Verhaͤltniſſe Polens und des Ordens wegen Pommern naͤhere Kunde einzuziehen, von Boͤhmen aus in Polen, Schlefien, Pommern und Preuſſen, zum Theil auf Koften des Ordens 2), umherzog, brachte ein anderer paͤpſtlicher Sendbote eine Bulle nach Preuffen, deren Inhalt bewies, daß der Papſt vor allem jetzt erſt den aͤrgerlichen Streit des Ordens mit dem Erzbiſchoſe von Riga zu been⸗ digen mit vollem Ernſte entſchloſſen ſey. Sich an den Hoch⸗ meiſter, den Meiſter von Livland und mehre Gebietiger wen⸗ dend) erklaͤrte er: Nicht ohne große Verwunderung habe er die ſchon unter ſeinen Vorgaͤngern wiederholt angebrachte Klage nun auch ſelbſt vernommen, daß ungeachtet der Ver⸗ pflichtung des Ordens, die zur Aufrechthaltung der Freiheit der Kirche und der Neubekehrten und zum Heile des Landes getroffenen paͤpſtlichen Anordnungen zu beachten und zu ver⸗ theidigen, die frühere Bluͤthe der jungen Kirche und der Wohl: ſtand des Landes von Jahr zu Jahr mehr zu Grunde gehe, weil man die Geiſtlichen und die Neubekehrten unmenſchlich behandeln ſolle, viele von der Bekehrung zum Glauben zu⸗ ruͤckſchrecke, die Kirche zu Riga, ſowie viele andere in Liv⸗ land und Preuſſen außer der ſchmaͤhlichen Behandlung, die 1) Dieſe Nachricht giebt der Fol. G. im geh. Archiv, wo dem Hauptinhalte nach die Klage des Herzogs mitgetheilt iſt. 2) Die Bulle datirt: Avinion. VIII Idus Iun. p. a. I im geh. Arch. Schiebl. VII. Nr. 1. Der Legat erließ darauf eine Aufforderung an den Meiſter und die Gebietiger des Ordens „in Thorn, Pommern, Kulm, Cujavien und in allen dem Orden unterworfenen Ländern usque ad brachium maris, quod Se vocatur, ihm innerhalb 30 Tagen 100 Mark reines Silber zur Beſtreitung ſeiner Ausgaben zu ſenden. 3) Außer dem Hochmeiſter und dem Meiſter von Livland war die Bulle auch an die Komthure von Duͤnamuͤnde, Vellin und Wenden, an den Dechant Florentius von Dorpat und an mehre Lehensritter gerichtet.
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Streit mit dem Erzbiſchof von Riga (1317). 329 man ſich gegen ſie erlaube, ihrer Burgen und Beſitzungen beraube und die Hirten vertreibe, die im Worte Gottes die erſehnte Nahrung darbringen ſollten ). Obgleich ſchon feine Vorgaͤnger, beſonders Bonifacius der Achte und Clemens der Fuͤnfte ihre ganze Aufmerkſamkeit auf die Beſeitigung der Hinderniſſe in der Befoͤrderung des Glaubens und in der Herſtellung der Ruhe und des Friedens im Lande gerichtet, ſo habe doch der Tod oder andere Verhaͤltniſſe ihr Streben nicht gelingen laſſen. Um ſo mehr aber fordere ihn jetzt das fo häufige ſtarke Klaggeſchrei und der glaubwuͤrdige Bericht uͤber den Zuſtand der Dinge auf, ſeine ganze Thaͤtigkeit und Sorgfalt auf eine verbeſſerte Umwandlung der Verhaͤltniſſe Livlands und Preuſſens und namentlich der dortigen Geiſt⸗ lichkeit zu richten ). Er beauftrage deshalb den Meiſter und beſonders auch die Gebietiger, denen die Lage der Dinge im Lande am bekannteſten ſey, den Roͤmiſchen Stuhl uͤber die Verhaͤltniſſe der Kirchen und Geiſtlichen und uͤber die ganze Beſchaffenheit des Landes aufs vollſtaͤndigſte zu unterrichten, damit auf dieſen Bericht dann ein heilſames Mittel zur Ver⸗ beſſerung gegründet werden koͤnne. — Dann gebot aber der Papſt dem Hochmeiſter und allen denen, an welche die Bulle gerichtet war, binnen ſechs Monaten perſoͤnlich am paͤpſtlichen Hofe zu erſcheinen, um mit ihnen ſelbſt Mittel und Wege zu berathen, wie die Sache des Glaubens in jenen Gegenden aufrecht erhalten und das Bekehrungswerk gefoͤrdert werden 1) Es ſey ſchon dahin gekommen, ſagt der Papſt, daß pro magna parte incole et habitatores dictarum Provinciarum — ab observantia fidei et moribus Romane Ecclesie sunt redditi alieni, quod plus osten- dunt in eorum ritibus de paganorum erroribus, quam de observantia fidei orthodoxe. 2) Nos igitur frequentibus clamoribus validis et inculcatis rela- tionibus fidedignis sepius excitati, ut super reformatione dictarum terrarum Livonie et Pruscie in dicta Rigensi Provincia consistentium ecclesiarum quoque et personarum ecclesiasticarum ipsius, adversus quas plus dicitur desevisse christianorum impietas quam hostilitas paganorum, debeamus impendere necessariam opem et perutilem ope- ram diligentie salutaris.
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330 Ausgleichung des Streites im Orden (1318). koͤnne. Endlich befahl er auch dem Hochmeiſter, alles was der Orden an Gütern, Beſitzungen, Burgen oder Dörfern dem Erzbiſchofe von Riga entzogen habe und unter andern auch Duͤnamuͤnde, dieſem unter Strafe der Excommunication unverzuͤglich wieder zuruͤckzugeben und uͤberdieß ihn wegen der Einhaltung und Nutzung dieſer Beſitzungen auch voll⸗ kommen zu entſchaͤdigen, denn der Roͤmiſche Stuhl werde es in keiner Weiſe geſtatten, daß die Kirche zu Riga ſolchen Schaden erleide, vielmehr wiſſe er kraͤftige Mittel zu gebrau⸗ chen, die zum Ziele fuͤhren koͤnnten. Uebrigens moͤge aber der Meiſter dafuͤr ſorgen, daß man ſich gegen den Erzbiſchof, das Kapitel und die Kirche zu Riga oder ſonſtige geiſtliche Perſonen ſowohl in Livland als in Preuſſen nicht die gering⸗ ſten Ungerechtigkeiten und Bedruͤckungen ferner mehr erlaube unter unvermeidlicher Strafe des Bannes 1). So hatten ſich die Verhaͤltniſſe des Ordens gegen die Biſchoͤfe und gegen den Herzog Wladislav von Polen geſtal⸗ tet und ſo drohete ihm auch wieder neue Gefahr in ſeinem Streite mit der Geiſtlichkeit in Livland, als er noch immer in ſich ſelbſt durch Zwieſpalt befeindet, ohne Friede und Ein⸗ heit in feinem Innern und eigentlich ſelbſt ohne Haupt da⸗ ſtand. Es war vorauszuſehen, daß der aus Livland drohende Sturm fuͤr den Orden jetzt noch um ſo gefahrvoller werden koͤnne, da ſich zu gleicher Zeit auch duͤſtere Wolken von Po⸗ len aus zeigten. Das fuͤhrte denn endlich die feindlichen Par⸗ teien im Orden wieder zur Beſinnung; man fuͤhlte bald mehr als je, daß nothwendig ein Haupt und ein Fuͤrſt an des Ordens Spitze ſtehen muͤſſe, der wie Karl, der Hochmeiſter, durch ſeinen Geiſt, durch ſein Anſehn und ſeine Achtung unter den Fuͤrſten und Koͤnigen 2) am paͤpſtlichen Hofe mit Nach⸗ 1) Die Bulle datirt: Avinion. VII Calend. Martii p. n. a. II (23. Februar 1318) in Regest. Iohan. XXII, im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 106. 2) Die Worte bei Wigand. Marburg. p. 279: Preceptores e- nientes cum eo cognoverunt honorem Magistri, qui eidem ibidem propter suain probitateıu a principibus et ceteris exhibebatur et re-
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Ausgleichung des Streites im Orden (1318). 331 druck unter ſolchen Gefahren fuͤr das Heil des Ganzen wir⸗ ken koͤnne. Es ging daher eine Geſandtſchaft, an deren Spitze der Marſchall Heinrich von Plotzke, nach Deutſchland, um den Streit mit dem Hochmeiſter auszugleichen. Es fand zuerſt eine Verhandlung zu Erfurt Statt, in deren Folge die Gebietiger dem Meiſter wieder Gehorſam und Unterwuͤrfigkeit gelobten ). Allein zur Ruͤckkehr nach Preuſſen konnte Karl nicht bewogen werden. Er begab ſich in ſeine Vaterſtadt Trier zuruͤck, wo er bald ein Ordenskapitel zuſammenberief, in wel⸗ chem er theils bewies, wie ſehr ſeine Gegner ſich ſelbſt in ihrem Plane getaͤuſcht und wie ungerecht ſie gegen ihn ge⸗ handelt haͤtten, theils auch in Beziehung auf die Verwaltung Preuſſens waͤhrend ſeiner Abweſenheit mehre nothwendige Anordnungen feſtſtellte ). Auf dieſe Ausgleichung des Strei⸗ tes im Orden hatte, wie es ſcheint, auch der Papſt mit ein⸗ verentiam, eo quod in sua dignitate se honorifice habuerat, ſcheinen anzudeuten, daß das Schickſal des Hochmeiſters auch bei den Fuͤrſten nicht ohne Theilnahme geblieben war und daß dieſe Theilnahme auch auf die Gebietiger einwirkte. 1) So glauben wir hier Wigand. Marburg. I. c. und das Chron. Canonici Sambien. vereinigen zu koͤnnen, indem dieſes bei dem J. 1318 ſagt: Tempore Quadragesimae vocat Magister Karolus Marsalcum et preceptores plures Erfordiae; denn auch Wigand deutet an, daß ſchon vor dem Kapitel zu Trier die Gebietiger mit dem Hochmeiſter eine Zu⸗ ſammenkunft hatten, wo ſie ihm erklaͤrten: Domine, nos libenter pa- rebimus tibi! 2) Das freilich juͤngere Chron. Oliv. p. 47 ſagt über dieſe Ver⸗ haͤltniſſe: Magister Carolus cum venisset ad partes Rheni, praece- ptores Ordinis in Alemania cum Regibus et Principibus, qui eius experti fuerant morum honestatem, nominaverunt et habere voluerunt Ordinis Magistrum Generalem et Dominus Papa Ioannes XXII ipsum quasi sibi familiariter notum et dilectum in Magistrum Ordinis con- firmat. Ad cuius etiam obedientiam omnes, qui talia contra ipsum egerant, humiliter redierunt, quos ipse benigne suscepit et omnia in eum per ipsos commissa clementer dimisit et indulsit. Die Nachrich⸗ ten Wigands über dieſe Ereigniſſe ſind leider ſo zerriſſen und verwirrt, daß kaum eine klare Darſtellung daraus zu gewinnen iſt; die hicher gez hörige Stelle |. in meiner Geſchichte Marienburgs ©. 96.
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332 Johann XXII Geſinnung gegen d. Orden (1319). gewirkt einer Seits ſchon durch den Inhalt der eben er⸗ waͤhnten Bulle, andern Theils durch eine unmittelbare Er⸗ klaͤrung uͤber die ſchaͤdlichen Folgen dieſes Zwieſpaltes im Orden fuͤr das Heil der Kirche in Preuſſen und in den uͤbri⸗ gen Ordenslanden ). So ernſt und drohend aber der Papſt geſprochen hatte und ſo wenig auch in dem letztern Schreiben deſſelben wie⸗ derum der Erzbiſchof von Riga zu verkennen war, der auch jetzt mit ſeinem Grimme und ſeiner Erbitterung durch den paͤpſtlichen Hof gegen den Orden zu wirken ſuchte, fo ge⸗ ſtalteten ſich doch ſchon im naͤchſten Jahre durch des Hoch⸗ meiſters Eingreifen die Verhaͤltniſſe ganz anders fuͤr den Or⸗ den. Kaum naͤmlich war dem Koͤnige Johann von Boͤhmen das Bemuͤhen des Herzogs Wladislav von Polen um die Koͤnigskrone kund geworden, als er am paͤpſtlichen Hofe mit den alten Anrechten ſeines Thrones auf den Beſitz von Po⸗ len, an die man unter den Unruhen in Boͤhmen lange Zeit kaum einmal gedacht hatte, dem Herzoge entgegentrat und den Papſt auch zu bewegen wußte, ſich nicht fuͤr Wladislav's Wuͤnſche zu erklaͤren, denn Johann ſtand damals in den Kaͤmpfen in Deutſchland zwiſchen dem Koͤnige Ludwig von Baiern und dem Thronbewerber Friederich von Oeſterreich noch treu auf des erſtern Seite 2) und ſpielte hier eine viel zu wichtige Rolle, als daß der Papſt auf ſeine Sprache nicht großes Gewicht haͤtte legen muͤſſen. An dieſen Koͤnig hatte ſich nun auch der Hochmeiſter mit der Bitte gewandt, am paͤpſtlichen Hofe auch die Sache des Ordens gegen Polen mit vertreten zu wollen?), und Johann ſcheint in der That bei dem Papſte guͤnſtig fuͤr den Orden gewirkt zu haben, denn ſeit dem Jahre 1319 zeigte dieſer eine auffallend mil⸗ dere, ja zuweilen ſelbſt freundliche Geſinnung gegen die Deut⸗ 1) Darauf bezieht ſich ohne Zweifel das Fragment eines Schreibens des Papſtes in dem Formulario Marini Ebuli Epist. 1868, im Copien⸗ buche des geh. Arch. Nr. 111. 2) Dubrav. p. 166. 3) Dligoss. p. 962.
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Johann XXII Gefinnung gegen d. Orden (1319). 333 ſchen Ordensritter und bethaͤtigte dieſe auch durch manche Beguͤnſtigungen. So nahm er den Orden ſammt allen ſei⸗ nen Beſitzungen nicht bloß unter den Schutz des heil. Petrus und beſtaͤtigte ihm alle ſeine Gerechtſame, Freiheiten und ſonſtige Verleihungen n), wie die früheren dem Orden wohl⸗ geſinnten Paͤpſte immer gethan, ſondern er traf zur Sicher⸗ heit feines Eigenthums, zur Unverletzbarkeit feiner Beſitzungen und zur Aufrechthaltung und Verwahrung aller ſeiner Rechte und Freiheiten auch die ganz neue Anordnung, daß er in verſchiedenen Theilen Deutſchlands mehre Erzbiſchoͤfe und Bi⸗ ſchoͤfe zu Erhaltern und Richtern des Deutſchen Ordens er⸗ nannte, indem er ſie beauftragte, ſich der Rechte und des Eigenthums des Ordens, die ſo haͤufig verletzt und geſchmaͤ⸗ lert wurden, in allen Faͤllen, in denen die Ordensritter ſich nicht an den Papſt, ihren einzigen oberſten Richter und Be⸗ ſchuͤtzer, wenden koͤnnten oder moͤchten, gegen jeglichen Be⸗ draͤnger und Bedruͤcker des Ordens, aufs thaͤtigſte und eifrigſte anzunehmen 2), gegen alle, die ſich an den Rechten und am Eigenthume des Ordens in irgend einer Weiſe vergehen oder ſich irgend eine Ungerechtigkeit gegen ihn erlauben wuͤrden, die ſtrengſte kirchliche Strafe zu verhaͤngen und wenn es nothwendig werde, ſelbſt die Huͤlfe weltlicher Macht zu ge⸗ 1) Wir finden diefe Beſtaͤtigungsbulle in den Copiebuͤchern; un⸗ richtig aber iſt es, wenn Kotzebue B. II. S. 361 eine Originalbulle hieruͤber anfuͤhrt, denn die von ihm erwähnte Bulle gehört nicht Io: hann XXII, ſondern dem XXIII an. 2) Es heißt hieruͤber in der Bulle: Nos igitur adversus occupa- tores, detentores, presumptores, molestatores et iniuriatores huius- modi illo volentes eis remedio subvenire, per quod ipsorum compe- scatur temeritas et aliis aditus committendi similia precludatur, fra- ternitati vestre per apostolica scripta mandamus, quatinus vos vel duo aut unus vestrum per vos vel alium seu alios etiam si sint extra loca, in quibus deputati estis Conservatores et Iudices Magistro et fratribus et membris predictis efficacis defensionis presidio assistentes non permittatis eosdem super hiis et quibuslibet aliis bonis et iuribus ad ipsos spectantibus ab eisdem et quibuscungue aliis indebite mole- Stari vel „u: — mina sen demnna vel iniurias irrogari.
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334 Johann XXII Geſinnung gegen d. Orden (1319). brauchen, es moͤge die Ahndung ihres Gerichtes Laien jegliches Standes oder ſelbſt auch Biſchoͤfe und Erzbiſchoͤfe treffen. Als ſolche Erhalter und Richter uͤber des Ordens Rechte und Ei⸗ genthum wurden vom Papſte ernannt einer Seits der Erz⸗ biſchof von Salzburg und die Biſchoͤfe von Augsburg und Trident, anderer Seits die Erzbiſchoͤfe von Koͤln und Mag⸗ deburg und der Biſchof von Utrecht, ferner der Erzbiſchof von Mainz und die Biſchoͤfe von Strasburg und Wuͤrzburg und endlich auch der Erzbiſchof von Trier und der Biſchof von Metz n). Veranlaßt war dieſe neue Anordnung zwar zunaͤchſt durch des Hochmeiſters Klage am paͤpſtlichen Stuhle uͤber die oͤfteren Eingriffe, welche der Orden von hohen und niederen Geiſtlichen, von Grafen, Baronen und anderen Ed⸗ len an feinen Beſitzungen zu erleiden hatte 2); allein es lag doch in der Art und ſelbſt auch in der Sprache des Papſtes, wie er den erwaͤhnten hohen Praͤlaten die Vertheidigung und Verwahrung aller Rechte des Ordens anempfahl, ein ſo war⸗ mes und theilnehmendes Intereſſe offenbart, wie er es bisher noch nie bewieſen. Und dieſe naͤmliche Geſinnung bezeugte er dem Orden auch dadurch noch, daß er ihn in Beruͤckſich⸗ tigung ſo mancher ihn druͤckenden Laſten von der Leiſtung einer gewiſſen Abgabe an die paͤpſtliche Kammer frei ſprach, die damals unter dem Namen der Einkuͤnfte des erſten Jah⸗ res von Kloſter⸗ und andern geiſtlichen Guͤtern in Deutſch⸗ land eingeſammelt wurden). Noch wichtiger aber war es, 1) Dieſe Bullen ſaͤmmtlich datirt: Avinion. IV Idus Iulii p. n. a. III (12. Juli 1319) im geh. Arch. Schiebl. VII. Nr. 2. 3a, Sb,, die eine ein Transſumt vom J. 1417. Die an die Erzbiſchoͤfe von Köln und Magdeburg auch im groß. Privilegienb. p. 82; die an den Erzbi⸗ ſchof von Mainz und die Biſchoͤfe von Strasburg und Wuͤrzburg im klein. Privilegienb. p. 31. 45. 2) Der Papſt ſagt ſelbſt: Quare dicti Magister et fratres nobis humiliter supplicarunt, ut cum valde difficile reddatur eisdem et aliis membris suis pro singulis querelis ad apostolicam sedem habere re- cursum, providere eis super hoc paterna diligentia curaremus- 3) Die Bulle hierüber datirt: Avinion. IV Idus Iulii P. n. a- III im klein. Privilegienb. p. 170. Es heißt darin: Cum onera debitorum
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Streit mit Polen wegen Pommern (1319). 335 daß der Papſt bald hierauf den Ankauf von Duͤnamuͤnde durch den Orden in Ruͤckſicht auf den Zweck, welchen dieſer dabei in der Abwehr heidniſcher Einfaͤlle verfolgt, nicht bloß fuͤr völlig rechtmäßig erkannte und beſtaͤtigte, ſondern zugleich auch die Anſpruͤche des Erzbiſchofs von Riga als gaͤnzlich unbegruͤndet zuruͤckwies und ſomit dieſen Gegenſtand, die Quelle des langwierigen Haders in Livland, fuͤr immer auf die Seite ſchob ). Alſo hatte ſich des Papſtes Geſinnung gegen den Orden überhaupt ſchon merklich geändert und für den letztern war in feinen Streithaͤndeln eine ungleich heiterere Ausſicht eroͤff⸗ net, ſey es nun, daß dieſes allein die Folge der wichtigen Einwirkungen des Koͤniges von Boͤhmen am paͤpſtlichen Hofe war, oder daß, wie nachmals die Polen behaupteten, der Orden mit einer in Pommern als Steuer erhobenen großen Geldſumme von dreißigtauſend Mark ſich am feilen Hofe zu Avignon wichtige Gönner und Freunde zu erkaufen gewußt 2). et alia gravia, quibus hospitalis sancte Marie Theutunicorum sacra religio miserabiliter premitur, non sunt nobis incognita et nimium interne compatimur etc. 1) Die Bulle hierüber datirt: Avinion. VIII Calend. Aug. an. III in Regest. Ichan. XXII epist. 964 p. 303, im Copienb. des geh. Arch. Nr. 376. Ueber den Erzbiſchof von Riga ſagt der Papſt: Licet vene- rabilis frater noster Fredericus Archiepiscopus Rigensis Ecclesiam et archiepiscopalem mensam Rigensem in predicto castro seu mona- sterio ius habere pretendens, vobis super co controversiam moverit, quia tamen jam dietus Archiepiscopus controversia ipsa ad examen apostolice libre deducta nil probavit et quod ecclesiam et mensam predictas in eodem castro seu monasterio nunquam habuisse vel ha- bere ius aliquod appareret etc. 2) Der paͤpſtliche Hof war, wie wir fruͤher ſchon ſahen, um dieſe Zeit allerdings verkaͤuflich genug. Indeſſen rührt die obige Nachricht doch nur von Diugoss. p. 962 her, wo er ſagt: Exactione quidem universis terris, quas occupaverant, constituta, pro administrandis et exequendis his, quae adversus missionem Gervardi praeparaverant. de unica terra Pomeraniae, quamvis ex recenti bello languida et pannosa, scotum usualem a marca exigendo, triginta millia marca- rum feruntur habuisse. Die Sache iſt ſicherlich uͤbertrieben.
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336 Streit mit Polen wegen Pommern (1319). Jeden Falls aber weit entfernt von dem Haſſe, den ſein Vor⸗ gaͤnger gegen den Orden genaͤhrt n), beſchloß jetzt der Papſt auch den Streit wegen Pommern zu beendigen und ſchon am elften September des Jahres 1319 beauftragte er drei Praͤ⸗ laten, den Erzbiſchof Janislav von Gneſen und Primas von Polen, den Biſchof Domarat von Poſen und den Abt Ni⸗ colaus vom Benedictiner⸗Kloſter Mogilno bei Warſchau als Schiedsrichter mit einer genauen Unterſuchung uͤber die Wahr⸗ heit der von Herzog Wladislav am paͤpſtlichen Hofe gegen den Orden angebrachten Klage wegen der gewaltthaͤtigen Be⸗ ſitznahme Pommerns, zugleich mit der Vollmacht, nach bes gründet gefundener Klage den Orden nicht bloß zur Zuruͤck⸗ gabe des Landes ſelbſt, ſondern auch zum Erſatze aller bis jetzt bezogenen Einkuͤnfte mit Beiſeitſetzung aller Foͤrmlichkei⸗ ten durch geiſtliche Strafmittel und wenn es noͤthig ſey, ſelbſt mit der Beihuͤlfe des weltlichen Armes zu zwingen. Um aber dieſe Schiedsrichter in ihrem Verfahren in keiner Weiſe zu beſchraͤnken, hob der Papſt alle Freiheiten, welche der Orden im Gerichtsweſen beſaß oder ihn gegen kirchliche Strafen ſicherten, einſtweilen auf. Es ging indeſſen aus dem Schrei⸗ ben des Papſtes klar hervor, daß ihm der Herzog Wladislav die Einnahme Pommerns durch den Orden als eine bloße gewaltthaͤtige Eroberung hatte ſchildern laſſen mit Verſchwei⸗ gung aller Vorgänge, die zu dem Schritte getrieben hatten ?). Kaum war nun dieſe Vollmacht bei den erwaͤhnten Praͤ⸗ laten angelangt, als ſie ſofort die beiden Parteien auf einen beſtimmten Tag nach Neu-Leſlau vorluden ?). Die Gebie⸗ 1) Was Dlugoss. p. 965 von dem großen Haſſe dieſes Papſtes Johann gegen den Orden vorbringt, der ihn ſo weit getrieben haben ſoll, quod illum iuxta ac Templariorum exterminare disponebat, wi: derſpricht allen urkundlichen Beweiſen aus dieſer Zeit und De Wal Hi- stoire de IO. T. III. p. 39 jagt wohl ganz richtig: Dlugoss semble preter ici ses propres sentimens au Pape. 2) Dieſe Volmacht datirt: Avinion. III Idus Septemb. P. n. a. IV bei Dogiel T. IV. Nr. L p. 43, im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 9 und im Fol. G. 3 Dieſe Vorladung gerichtet an Magistrum et fratres domus S.
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Streit mit Polen wegen Pommern (1320). 337 tiger in Preuſſen erſtaunten allerdings nicht wenig uͤber den vom Papſte eingeleiteten Gang der Unterſuchung. Kaum war zu glauben, daß es dem Papſte ein rechter Ernſt mit dieſem Wege der Entſcheidung ſey, denn wie hätte er Maͤn⸗ ner damit beauftragen koͤnnen, welche offenbare Gegner des Ordens waren, die entſchieden nur im Einfluſſe des Herzogs von Polen und nur für deſſen Intereſſe handelten, ja die mit dem Orden ſelbſt noch im Streite lagen wegen ihres Zehnten in Pommern? — Man hielt unter dieſen Verhaͤlt⸗ niſſen für das Beſte, die ganze Sache eben fo leicht zu neh⸗ men, wie ſie der Papſt genommen zu haben ſchien, um vor allem auch Zeit zu gewinnen und mittlerweile am paͤpſtlichen Hofe andere Schritte einzuleiten. Waͤhrend daher der Her⸗ zog ſeinen Reichskanzler Philipp, den Kanzler Sbiſcho von Siradien damals Unterkanzler und einen Domherrn als feine ernannten Sachwalter auf den angeſetzten Verhandlungstag ſandte, begab ſich von Seiten des Ordens bloß der Pres⸗ byter und Ordensbruder Siegfried aus Papau dahin. Am vierzehnten April des Jahres 1320 begannen die Verhand⸗ lungen damit, daß die Sachwalter beider Theile ihre Voll⸗ machten vorlegend ſich auf ſolche Weiſe gegenſeitig beglau⸗ bigten ). Allein die Vollmacht des Ordensprieſters ließ ſchon die Abſicht klar erkennen, zu welcher er als Sachwalter er⸗ ſchienen war, denn ſie war weder im Namen des Hochmei⸗ ſters und des Ordens, noch mit Hinzuziehung des Ordens⸗ kapitels oder der wichtigſten Gebietiger, ſondern nur im Na⸗ men des Landmeiſters Friederichs von Wildenberg abgefaßt und der Presbyter daher auch nur Sachwalter des Landmei⸗ ſters und der drei Komthure von Danzig, Mewe und Schwez genannt 2). Selbſt nicht einmal als Zeuge war ein Ordens⸗ M. Th. necnon commendatores de Gdancz, Gmeva et de Swece, possessores Terre Pomeranie beſindet ſich im geh. Arch. Schicht. I. Nr. 2 und iſt datirt: in Uneyow XI Calend. Marcii a. d. 1320. 1) Sie befinden ſich in der Urkunde des geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 2, gedruckt bei Dogiel I. c. 2) Als bloß ſolchen ſah ihn auch der bei der Verhandlung gegen» IV. 22
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338 Streit mit Polen wegen Pommern (1320). ritter mit hinzugezogen worden. Daher ward dieſe Vollmacht auch zuerſt Gegenſtand der Verhandlung. Die Polniſchen Sachwalter erklaͤrten fie für unzulaͤnglich und ungenügend ') und verlangten daher von den Schiedsrichtern ohne weiteres, daß ſie die drei Komthure wegen der Beſetzung Pommerns verurtheilen und zur Bezahlung der Koſten verbinden ſollten. Der Ordensprocurator proteſtirte dawider und forderte einen Aufſchub der Verhandlung bis zu Weihnachten, damit man waͤhrenddeß den Hochmeiſter und das Generalkapitel, welches gewoͤhnlich am Kreuzerhoͤhungstage gehalten werde, um Rath fragen koͤnne, denn ohne deren Bevollmaͤchtigung duͤrften der Landmeiſter und die Komthure in der ſchwierigen Sache kei⸗ nen Beſchluß faſſen. Anfangs verweigerten zwar die Polni⸗ ſchen Sachwalter dieſen Aufſchub, weil es ſich, wie fie er⸗ klaͤrten, eigentlich ja nur um einen Raub handele; auf Ver⸗ mittlung des Erzbiſchofs von Gneſen indeſſen bewilligte man ihn endlich auf drei Monate, um mittlerweile den Hochmei⸗ ſter und ein Generalkapitel um Rath fragen zu laſſen. Der Sachwalter des Ordens fand jedoch dieſe Zeit zu kurz und legte ſofort eine Appellation an den paͤpſtlichen Stuhl ein. Allein die Schiedsrichter erklaͤrten dieſe Berufung an den Papſt aus mehren Gründen fir völlig unzuläffig, nannten ſie nichtswuͤrdig, fanden ſie ſelbſt ihrem vom Papſte in die⸗ ſer Sache erhaltenen Auftrage durchaus widerſprechend und ſandten hierauf einen Bericht uͤber ihre Verwerfung der Ap⸗ pellation zu ihrer Rechtfertigung an den paͤpſtlichen Hof 2). waͤrtige Notarius an, denn er ſagt in ſeinem Verhandlungsinſtrument, Siegfried ſey erſchienen pro parte Magistri et commendatorum pre- dictorum. 1) Es heißt von ihnen: Quare petimus nomine procuratorio pro domino nostro, quod pronuncietis procuratorium esse insufficiens et dictos Commendatores (de Gdanczk, de Gmeva et de Suetze) fore contumaces, procedentes contra eos propter eorum contumaciam ad missionem in possessionem rei petite, scilicet Terre Pomeranie causa rei servande, et in expensis ipsos legitimis condempnetis. 2) Dieſes Schreiben der Schiedsrichter an den Papſt, welches den ganzen bisherigen Verlauf der Verhandlung enthält, iſt datirt: in
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Streit mit Polen wegen Pommern (1320). 339 Nun ging eine bedeutende Zeit vorüber. Man benutzte mehre Monate, um über den ehemaligen Vorgang der Erobe⸗ rung von Danzig, Dirſchau und Schwez eine große Anzahl Zeugen zu verhoͤren, die aber ſaͤmmtlich wieder nur aus Die⸗ nern des Herzogs Wladislav und aus Polniſchen Unterthanen beſtanden, alſo auch ohne Ausnahme nur fuͤr das Intereſſe des Herzogs ſprachen !). Und als man nun auf dieſe Weiſe der Sache den Schein einer gruͤndlichen Unterſuchung gege⸗ ben, wurde der Landmeiſter nebſt den Komthuren von Dan⸗ zig, Mewe und Schwez von den Schiedsrichtern in aller geſetzlichen Form wiederum nach Neu-Leſlau zur Faͤllung des Urtheilsſpruches vorgeladen. Es erſchien aber dort wieder nur der Ordensbruder und Presbyter Siegfried von Papau als Sachwalter, begleitet von dem Pfarrherrn Friederich aus Thorn, um ſowohl uͤber die Parteilichkeit der Richter 2), als über die Ausfindung des Thatbeſtandes durch das vorgenom⸗ mene Zeugenverhoͤr verſchiedene Einreden niederzulegen >). Brescze XIII Calend. May a. d. 1320 und befindet ſich im Original im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 9, auch in dem Notariatsinſtrument Schiebl. L. Nr. 2; vgl. Dogiel I. c. p. 45. Die Gründe, warum man die Appellation des Ordensprocurators verwerfen zu duͤrfen glaubte und weshalb man ſie eine appellatio frivola nannte, ſind in dem Notariats⸗ inſtrument ſehr ſpeciell angegeben. 1) Dieß iſt das früher ſchon öfter erwähnte „Pommerſche Zeugen⸗ verhoͤr“; es befindet ſich doppelt im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 2. Weiter die Rede iſt von ihm in der Beilage Nr. IV zu dieſem Bande. 2) Er erklaͤrte hieruͤber: Cum dominus Rex Polonie, qui vos in iudices impetravit snper terra Pomoranie, sit vester dominus in teın- poralibus et omnia bona vestra temporalia et ipse ecclesie vestre in suo dominio et distrietu sint sita et ob hoc nimis sitis faventes eidem, Ego ipsorum nomine et pro ipsis vos in iudices recuso; et certe ta- liter recusati vos ipsorum iudices non potestis de iure esse, et po- tissime vos domine Archiepiscope, qui fuistis balivus et Capitaneus Terre sue Kalisiensis et estis de familiari consilio suo in hac causa iudicare non potexitis recusatus. Dann fügt er noch hinzu: recuso vos propter inordinatissimos vestros processus und beweiſet ihnen, worin in dem gerichtlichen Verfahren gefehlt worden ſey. 3) So erklaͤrt er z. B.: Subditi sine suo prelato Maiori in tali 22 *
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340 Streit mit Polen wegen Pommern (1320). Allein die Polniſchen Sachwalter erklaͤrten dieſe fuͤr unzu⸗ laͤſſig und ſahen darin kein Hinderniß, in der Sache zum Spruche zu gehen, obgleich der Ordensprocurator ſchon im voraus die Erklaͤrung gab, daß bei ſolcher Verletzung aller geſetzlichen Form in ihrem Verfahren jeder von ihnen ge⸗ thane Spruch an ſich ſchon null und nichtig und alſo eine weitere Appellation dagegen nicht einmal nothwendig ſeyn werde. Nachdem indeſſen die Sachwalter des Herzogs den paͤpſtlichen Schiedsrichtern den Thatbeſtand wegen der ges waltthaͤtigen Beſitznahme Pommerns durch den Orden und der Beraubung der Krone Polens in Bezug auf dieſes Land kurz und einfach dargelegt, erfolgte demungeachtet durch die Richter der Urtheilsſpruch: „Wir verurtheilen den Meiſter und den Orden zur Zuruͤckgabe des Landes Pommern mit allem, was dazu gehoͤrt, ferner zur Zahlung von dreißigtau⸗ ſend Mark Silber Polniſches Gewichtes als Verguͤtung fuͤr die Einkuͤnfte, welche daraus gezogen oder zu ziehen geweſen ſind, und endlich zur Erſtattung aller in dieſer Streitſache verwandten Koſten der Polniſchen Sachwalter im Betrage von hundertundfunfzig Mark Prager Groſchen“ ). — Waͤh⸗ rend aber der Erzbiſchof von Gneſen in voller Verſammlung dieſen Urtheilsſpruch vorlas, trat zu gleicher Zeit auch der Sachwalter des Ordens auf und las mit lauter Stimme eine Appellation dagegen, ſo daß keiner auf den andern weiter hoͤrte und die Umſtehenden weder den einen noch andern ver⸗ ſtehen konnten ?). Mit vieler Feinheit und ſcharfem Blicke causa citari ad iudicium non possunt. Magister Prusie subditus est Magistro domus Theutonice, similiter et Commendatores Pomeranie, ideo sine ipso citari non possunt ad iudieium vestrum, nec dominus papa contra ipsos aliquod commisisset, sed huius iuris providus do- minus papa commisit vobis causam contra Magistrum et fratres do- mus Theutonice, non contra Magistrum Prusie nec contra Commen- datores Pomeranie, quos temere citavistis. 1) S. die Urkunde bei Dogiel I. c. p. 45—46 und doppelt auch im geh. Arch. Schiebl. L; ferner im Fol. G. 2) Daher ſagen die Polniſchen Berichte hierüber: procurator Ma- gistri et fratrum prolacionem ipsius Sentencie impediens nec indi-
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Streit mit Polen wegen Pommern (1320). 341 legte der Ordensſachwalter eine große Zahl der wichtigſten Gründe vor, nach welchen der geſchehene Spruch voͤllig un⸗ zulaͤſſig und widergeſetzlich ſey, unterwarf die ganze Streit⸗ ſache des Ordens von neuem dem Schutze und der Verthei⸗ digung des apoſtoliſchen Stuhles und erklaͤrte endlich: der Rechtsſpruch ſtreite wider Gott, wider die Gerechtigkeit, ſtreite gegen alle Ordnung des Rechts und darum ſey er unguͤltig und nichtig. Die Polniſchen Sachwalter faßten indeſſen ſo⸗ fort uͤber den ganzen Verlauf der Verhandlung einen Bericht an den Papſt ab, worin ſie, wie ſich denken laͤßt, aufs ent⸗ ſchiedenſte zu Gunſten ihres Gebieters und zum Nachtheile des Ordens ſprachen ). Alſo war man nach einigen Jahren wieder auf demſel⸗ ben Punkte, von dem man ausgegangen war und Herzog Wladislav von Polen hatte durch ſeine Sendung an den paͤpſtlichen Stuhl nichts weiter erreicht, als daß er aus der nicht ganz verneinenden und doch auch nicht ganz bejahenden Erklaͤrung des Papſtes in Betreff ſeiner Koͤnigskroͤnung den Muth gewann, im Anfange des Jahres 1320 die Krone auf ſein Haupt zu ſetzen 2). — Bei der entſchiedenen Stellung ciali auctoritati deferens cum strepitu et rumore in quandam appel- lationem prorupit, quam legit. 1) Den ganzen Verlauf der Verhandlungen enthaͤlt ein damals ab⸗ gefaßtes Actenſtuͤck, welches unter dem Titel: Processus habitus in Iuvene Wladislav. coram Archiepiscopo Gnesnensi et suis collegis vigore rescripti apostolici inter dominum Wladislaum Regem Polonie ex una et commendatores in Gdanzk, Gmeva et Schwecz ex alia partibus super impeticione terre Pomoranie, doppelt im geh. Arch. Schiebl. L.. beſindlich iſt. 2) Vgl. Diugoss. p. 966 — 971. Das Schreiben des Papſtes we⸗ gen der Königskrönung ebendaſ. In den Annal. Oliv. p. 41 heißt es in Ruͤckſicht der Erklärung des Papſtes über die Krönung: Pontifex «uidem nihil hac de re aperte decrevit, secreto tamen voluntatis suae significationem Gerardo Vladislai internnncio dedit; daher die Chron. Anonymi Archidiac. Gnesn. p. 96 auch wohl ſagen konnte, die Krönung ſey geſchehen de licencia Johannis pape. Nach dem Anonymus Chron. Bohem. ap. Mencken. T. III. p. 1758 verdankte Wladislav
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342 Streit mit Polen wegen Pommern (1320). aber, welche der neue Koͤnig von Polen nun ſchon zur Be⸗ hauptung ſeines angeblichen Beſitzrechtes von Pommern nahm, war man im Orden noch waͤhrend der richterlichen Verhand⸗ lungen zugleich auch auf Mittel bedacht, einem Verſuche des Koͤniges, ſich Pommerns wieder mit Waffenmacht zu bemaͤch⸗ tigen, mit ſtarkbewaffneter Hand aufs kraͤftigſte zu begegnen. Alſo ſchloß der Landmeiſter Friederich von Wildenberg mit dem Herzoge Wartislav von Vorpommern ) und mit dem Biſchofe Konrad von Kamin zur Aufrechthaltung der Ruhe und des Friedens ihrer Lande ein Schutz⸗ und Vertheidi⸗ gungsbuͤndniß, nach welchem ſie jeden Angriff von Polen her auf Pommern mit Waffengewalt zuruͤckwerfen 2), des Biſchofs Gebiet mit Macht vertheidigen und jeglicher des andern Schaden auf ſeine Koſten wehren wollten. Zudem verpflichteten ſich die Ordensritter, die aus Polen oder aus der Feſte Nakel in des Herzogs oder des Biſchofs Gebiet einbrechenden Räuberhaufen, ſobald deren Einfall ihnen kund werde, ſofort zuruͤckzutreiben. Dieſe Feſte beſchloß man zu erobern und dann gemeinſchaftlich in Beſitz zu nehmen, weil ſie nicht zu Polen, ſondern zu Pommern gehoͤre. Wolle aber einer von ihnen ſie forthin allein in Beſitz halten, ſo ſolle er verbunden ſeyn, den andern wegen der Koſten der Eroberung hinlaͤnglich Genuͤge zu leiſten; doch ſolle ubrigens keiner von ihnen ohne des andern Genehmigung und Zuſtimmung mit der Beſatzung von Nakel einen Vertrag oder irgend eine Uebereinkunft ſchließen. Man beſtimmte die Dauer dieſes Schutz- und Vertheidigungsbuͤndniſſes von Michaelis des dieſes Benehmen des Papſtes vorzüglich dem Einwirken des Königes Karl von ungern. Dubrav. p. 168 ſetzt die Krönung erſt ins J. 1329. 1) Beide erklaͤrten geradezu: Terra Pomeranie ad nos spectare et ipsius regimen in nostris dependere manibus dinoscitur. 2) Quod si quis vel qui princeps vel principes Regui Polonie nos omnes simnl vel nostrum alterum singulariter suo in dominio seu iurisdictione quod absit maliciose inpngnare presumpserint, quod alter alterum ad reprimendam invasorum seviciam coadiuvabit manu va- lida et potenti.
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Streit mit Polen wegen Pommern (1320). 343 Jahres 1320 anf wenigſtens drei Jahre!). Alſo durch das vorgezeigte Kriegsſchwert, nicht aber, wie vorgegeben worden, durch eine erkaufte laͤcherliche Prophezeiung eines Arabiſchen Zeichendeuters uͤber Polens Untergang ſuchte man den Pol⸗ niſchen König von einem Verſuche, fi) Pommerns mit Ge⸗ walt zu bemaͤchtigen, im voraus abzuſchrecken 2). Nicht minder wichtig für den Orden in feiner Stellung zu Polen war ſeine Ausſoͤhnung und ſein Vergleich mit Her⸗ zog Wenzeslav von Maſovien, der nach langem Streite ſich mit dem Orden dahin einigte, daß jeglicher Theil ſeines er⸗ littenen Schadens vergeſſen und der Herzog weder in Rath und That durch das Litthauiſche Volk, noch durch irgend einen Menſchen die Ordensritter oder ihr Gebiet angreifen laſſen, vielmehr in ſteter freundlicher Einigkeit mit ihnen le⸗ 1) Die urk. dieſes Buͤndniſſes datirt: In Pomerania prope fluvium Leba vulgariter nuncupatum a. d. 1320 VI Non. Iulii (2. Juli), iſt nicht das eigentliche Original, ſondern nur der bei der Unterhandlung verfaßte Entwurf, weshalb zuletzt Henningus Bere, Miles incliti ducis Wartizlai Slavorum, Cassubie et Pomeranorum Marscalcus auch er- klaͤrt, quod totam ordinationem similiter et placita inter predictuu dium Ducem et venerabilem patrem nostrum däum Conradum Ka- mynen. Episc. et dominos terre Pruscie prope fluvium Leba in Po- merania habita et legittime diffinita idem dnus Dux ante nominatus inviolabiliter conservabit et illese, 2) Von der erwähnten Prophezeiung ſpricht Kotzebue B. II. ©. 129 und 362 — 364 ſehr viel. Allein es iſt hier abermals feine hiſto⸗ riſche Unredlichkeit ſchwer zu tadeln, denn wer ſagt, daß der Orden dieſe Prophezeiung von einem Zeichendeuter erkauft habe? Sie ſteht bloß in einem alten Folianten des geh. Archivs, wo Formulare, Copien von Briefen und allerlei Dinge neben einander gereiht ſind. Aber ſie enthält auch das gar nicht einmal, was Kotzebue in Beziehung auf den Orden darin gefunden haben will; ſo kommen z. B. „des Ordens bittere Klagen gegen Wladislav“ gar nicht vor und „das helle Geſtirn des Ordens“ wird mit keiner Silbe genannt. In einiger Beziehung auf die Feindſeligkeiten zwiſchen dem Könige Wladislav und dem Orden ſteht die Schrift wohl allerdings; allein fie war gewiß weder beſtimmt, noch geeignet, die Polen zu ſchrecken. Es iſt ja bekannt, daß ſolche Prophezeiungen im Mittelalter nicht ſelten umherliefen; vgl. z. B. eine ſolche in Chron. Aulae Regiae p. 66.
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344 Streit wegen des Peterspfennigs (1320). ben, die gegen die Heidenſchaft aufgeſtellten Landeswaͤchter des Ordens aufs ſicherſte ſchuͤtzen und in ihrer Sache foͤrdern und die Ritter ſelbſt gegen jeglichen Feind voraus warnen wolle, beſonders wenn ein heidniſches Heer, dem er ſelbſt nicht widerſtehen koͤnne, ins Ordensland einzufallen drohe 1). Um die naͤmliche Zeit aber erweckten der Erzbiſchof Ja⸗ nislav von Gneſen und der Biſchof Gervard von Leſlau gegen den Orden einen neuen Streit wegen Erhebung des Peterspfennigs in einigen Theilen des Ordensgebietes. In Polen naͤmlich war dieſe Abgabe an den paͤpſtlichen Stuhl zum Anerkenntniſſe der Unterwuͤrfigkeit unter deſſen Oberge⸗ walt ſchon ſeit langer Zeit erhoben worden ) und weil man am Roͤmiſchen Hofe wie das Biſthum Kamin fo auch das Biſthum Kulm als im Herzogthum Polen gelegen betrach⸗ tete ), ſo hatte man auch ſie als zur Leiſtung des Peters⸗ 1) Dieſer Vertrag datirt: in Golube a. d. 1321 tercia feria post Domine ne longe, que est VIII Calend. Maii iſt nicht mehr im Ori⸗ ginal, ſondern nur in einer Abſchrift im geh. Arch. Fol. D. p. 8 vor⸗ handen. Der Herzog nennt ſich Wenceslaus d. gr. dux Mazovie et Plocz. Der Vergleich war geſchehen auxilio domini Floriani Episcopi Ploczens. Außer dem Landmeiſter wird namentlich auch Otto von Lu⸗ terberg genannt, als mit welchem der Vergleich geſchloſſen ſey. Ueber die Landeswaͤchter oder Wartleute heißt es hier: Ceterum custodes pre- dictorum dominorum, qui eos custodiunt a gentilitatis nocumento aut a quibuscungue inimicis cum terram nostram intraverint vel in ea eustodierint, securissime custodiant, non timoris angustia a nobis per- territi, sed promotione nostra gaudeant eterna, quia non tantum cu- stodes promovere volumus, sed prelibatos dominos nostros premunire. 2) Der Papſt Johann XXII ſagt ſelbſt in einer Bulle hierüber: Census, qui vocatur denarius Sancti Petri in toto Ducatu Polonie Ecclesie Romane subiecto in signum subiectionis eidem ecelesie de- bebatur et multis temporibus retroactis ipsi ecelesie persolutus. Si⸗ mon Grunau Tr. XI. c. 7. leitet die Erhebung dieſer Abgabe von Kaſimir her, der bei ſeiner Losſprechung vom Moͤnchsgeluͤbde dem apo⸗ ſtoliſchen Stuhle aus Erkenntlichkeit dieſen Kopfzins in ſeinem Reiche zuerkannt habe. Aber wer kann dieſer Nachricht Glauben ſchenken? ©. Preuſſ. Samml. B. I. S. 402. Kotzebue B. II. S. 134. Vgl. Herman. Corner. Chron. p. 993. Alb. Cruntzii Wandalia L. VIII. c. 2. 3) Wahrſcheinlich war dieſe Anſicht von Polen aus an den paͤpſt⸗
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Streit wegen des Peterspfennigs (13%). 345 pfennigs verpflichtet angeſehen. Sie hatten jedoch aus man⸗ chen Gruͤnden die Abgabe verweigert, der Biſchof von Kulm namentlich aus dem Grunde, weil ſeine Dioͤceſe nicht mehr dem Metropolitan-Bezirke des Erzbiſchofs von Gneſen, ſon⸗ dern dem des Erzbiſchofs von Riga zugehoͤre und alſo in keiner Beziehung mit den kirchlichen Verhaltniſſen Polens in Beruͤhrung ſtehe. Wenigſtens behauptete dieſer Biſchof, daß ſeit der Verbindung feines Biſthums mit der erzbiſchoͤflichen Kirche zu Riga durch einen paͤpſtlichen Legaten ſeine Ver⸗ pflichtung zur Leiſtung des Peterspfennigs völlig aufgehoben ſey 1). Der Papſt indeſſen ertheilte demungeachtet dem Erz⸗ biſchofe von Gneſen und dem Biſchofe von Leſlau den Auf— treg, innerhalb der alten Graͤnzen des Herzogthums Polen, folglich auch in den Staͤdten und Dioͤceſen von Kulm und Kamin von jeglicher Perſon jegliches Standes ſelbſt noch von der Zeit an, wo man die Entrichtung unterlaſſen habe, die Abgabe erheben zu laſſen und damit inskuͤnftige fortzufahren, ohne irgend ein Privilegium oder eine Exemtion daruͤber zu beachten, die Widerſpenſtigen aber und Widerſetzlichen ohne weiteres mit kirchlicher Zuchtſtrafe und wofern es nöthig, ſelbſt mit Anwendung weltlicher Macht zur Abzahlung zu zwingen 2). Alsbald machten die beiden Praͤlaten das Kul⸗ miſche Domkapitel mit dieſem ihnen gewordenen Auftrage bekannt, ihm erklaͤrend, daß es ſich, ſofern dem paͤpſtlichen Befehle auch forthin noch nicht Folge geleiſtet und die Er⸗ lichen Hof gekommen, denn in einer Klagſchrift der Polen heißt es dar⸗ über: De terra Culmensi, quod sit infra limites Regni Polonie et ad Regnum Polonie pertinet, ducunt omnes testes, quod hoc sit noto- rium, nam dieunt, quod verus limes dividens terram Prussie a Regno Polonie est flumen dietum vulgariter Ossa et ideo totus ambitus terre Culmensis a flumine Wisla usque ad flumen Ossa est in regno Polonie. 1) Die Worte der Bulle hieruͤber find etwas unklar, doch geht der obenerwaͤhnte Sinn daraus hervor. 2) Die Bulle datirt: Avinion. XIII Calend. Juni p. u. a. II ſteht in Abſchrift in der Urkunde, worin die beiden Praͤlaten das Domkapitel von Kulm damit bekannt machen.
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346 Streit wegen des Peterspfennigs (1320). hebung des Peterspfennigs ferner von ihm verhindert werde, unfehlbar die Strafe der Excommunication zuziehe und daß es daher den Clerus und das geſammte Volk der Kulmiſchen Dioͤceſe von dem Inhalte der paͤpſtlichen Verordnung unter⸗ richten und die Erhebung des Zinſes von jedem Kopfe an⸗ befehlen ſolle. Sofern man ſich im Kulmerlande der Ent⸗ richtung des Pfennigs nur im mindeſten unfuͤgſam zeigen werde, ſo muͤſſe unfehlbar binnen einem Monat die Stadt und die ganze Dioͤceſe von Kulm in das Interdict verfal⸗ len !). Da reichten ſofort aber die beiden Achte Alexander von Oliva und Heinrich von Pelplin nebſt den Pommerſchen Komthuren Dieterich von Lichtenhagen aus Schwez, Heinrich von Buchholz aus Mewe und David von Cammerſtein aus Danzig durch einen Ciſterzienſer-Moͤnch aus Pelplin eine Appellation gegen die Erhebung des Peterspfennigs in ihren Gebieten bei dem Erzbiſchofe von Gneſen ein, worin ſie ſich aufs entſchiedenſte wider die Entrichtung des Zinſes erklaͤrten und ihn eine Neuerung nannten, da ſelbſt die älteften Men⸗ ſchen in ihrem Lande von dieſer Abgabe keine Kunde haͤtten und nicht zu glauben ſey, daß der Papſt, von dem nur Handlungen eines frommen und gerechten Sinnes auszugehen pflegten, da einen neuen Zins einfuͤhren werde, wo er bisher noch nie erhoben ſey?). Der Komthur von Schwez mußte die fuͤr das Kulmerland ernannten Sammler des Peterspfen⸗ nigs von dieſem Schritte benachrichtigen und wenige Tage darauf ließ auch der Landmeiſter in Uebereinſtimmung mit dem Kulmiſchen Domkapitel und ſaͤmmtlichen Komthuren des Kulmerlandes eine Proteſtation und Appellation wegen dieſes 1) Das Schreiben datirt: in Bresce III feria proxima post do- minicam Invocavit a. d. 1320 im geh. Arch. Schiebl. XLVII. Nr. 1a. 2) Neque credendum sit sanctissimum patrem, dominum aposto- lienm, de cuius scrinio pectoris pietatis et iusticie rivi soliti sunt manare, velle novum Censum introducere, ubi actenus nunquam ex- titit persolutus et cum inpreciabilis res sit libertas et honus intolle- rabile novitas servitutis. Die Appellationsſchrift iſt datirt: III Calend. Marcii a. d. 1320 im geh. Arch. Schiebl. XI. VII. Nr. 1b).
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Streit mit Polen wegen Pommern (1321). 347 Zinſes bei ihnen einlegen‘). So wehrte man mit dreiſter Entſchloſſenheit einen vom paͤpſtlichen Hofe ausgehenden An⸗ griff auf alte Rechte und Beguͤnſtigungen namentlich auch der Pommerſchen Kloͤſter ?) gerade in einer Zeit ab, als der Papſt durch vielfältige Klagen über Verletzung ihrer Rechte und Schmaͤlerung ihrer Beſitzungen veranlaßt, jedem mit dem Banne drohete, der ſich an den Gerechtſamen und Freiheiten oder am Eigenthume und an den Perſonen der Kloͤſter Oliva und Pelplin im mindeſten vergreifen werde, und deshalb den Abt des Kloſters Belbok und die Proͤbſte von Ermland und Kulm zu Erhaltern und Richter der beiden Klöfter ernannte ). In ſolcher Weiſe auch in dieſer Sache mit ihren Gebo⸗ ten zuruͤckgewieſen, gingen jetzt der Erzbiſchof von Gneſen und der Biſchof von Leſlau als Schiedsrichter des Streites mit Polen einen Schritt weiter. Sie erließen naͤmlich an die Biſchoͤfe von Preuſſen den gemeſſenen Befehl, ſich innerhalb dreier Tage zum Meiſter und Landkomthur von Kulm und zu den Dioͤceſen zu begeben und dieſe, wofern fie nicht in einer beſtimmten Friſt dem Koͤnige von Polen das Land Pom⸗ mern uͤbergeben, den Schadenerſatz fuͤr die Einkuͤnfte entrich⸗ ten und die Koſten des Proceſſes bezahlen wuͤrden, ſofort in den Bann und das Land in das Interdict zu erklaͤren und ihnen namentlich alle kirchliche Beſtattung gaͤnzlich zu unter⸗ ſagen. Allein auch auf dieſem Wege kamen die genannten 1) Die Urkunde datirt: VI Idus Marcii a. d. 1320 im geh. Arch. Schiebl. XLIX. Nr. 4. Vgl. übrigens über dieſen Streit in Betreff des Peterspfennigs auch Lucas David B. V. S. 217 — 221; doch iſt zu beachten, daß dieſer Chroniſt einen Theil feiner Nachrichten aus Simon Grunau entnahm. 2) Daß die Klöfter die Erhebung des Peterspfennigs als eine Ver⸗ letzung ihrer Vorrechte und Freiheiten anſahen, geht aus der erwähnten Urkunde Schiebl. XL VII. Nr. 1 ganz klar hervor, denn fie ſagen ſelbſt: quoniam melius est, ut alicuius iura serventur intacta, quain queratur remedium postquam fuerint vulnerata etc. 3) Die paͤpſtlichen Bullen hieruͤber datirt: Avinion. X Calend. May p. a. IV im Original im geh. Arch. Schiebl. LX. Nr. 2 und in Trans⸗ ſumten v. J. 1394 und 1488 Schiebl. LVI. Nr. 41. LVII. Nr. 4.
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348 Streit mit Polen wegen Pommern (1321). Praͤlaten nicht zum Ziele, denn der Biſchof Johannes von Samland nahm es uͤber ſich, ihnen zu erweiſen, daß ihr Gebot zuerſt unausfuͤhrbar, dann ungerecht und endlich ſelbſt frechkuͤhn zu nennen ſey; — unausführbar, weil es eine Un⸗ möglichkeit fey, in drei Tagen zum Hochmeiſter nach Deutfch- land und zum Landkomthur und zu den übrigen Gebietigern zu kommen, indem dieſe ſchon laͤngſt zum Generalkapitel ab⸗ gegangen ſeyen und ſelbſt auch ſein Probſt, mit welchem er das Gebot in Ausführung bringen ſolle, ſich ſchon längft zuvor nach Deutſchland begeben habe; — ungerecht, weil man von ihm verlange, ſich zum Landkomthur in einer Reiſe von acht Tagen auf ſeine eigenen Koſten zu verfuͤgen ); — frechkühn, weil es allbekannt ſey, daß der Meiſter und Or⸗ den ſowohl vor als nach ihrem ſchiedsrichterlichen Ausſpruche an den paͤpſtlichen Stuhl appellirt haͤtten und weil das Ge⸗ bot ſelbſt ſogar auch eine Unwahrheit enthalte, indem es darin heiße, der Meiſter und der Orden haͤtten dem Koͤnige von Polen Pommern mit raͤuberiſcher Hand entfremdet, da ja doch offenkundig das Land auf geſetzlichem Wege mit Geld erkauft worden ſey. Aus dieſen Gründen ſeyen auch die Bi- ſchoͤfe Preuſſens genoͤthigt, an den paͤpſtlichen Stuhl zu ap⸗ pelliren 2). Somit hatte man die polniſchen Praͤlaten auch in ihrem drohenden Strafmittel entwaffnet und vorerſt jeden weitern Weg verſteckt. Je gefahrvoller indeſſen in dieſen Zeiten die Verhaͤltniſſe gegen Polen wurden, um ſo mehr bemuͤhte ſich der Hochmeiſter um die Gunſt und Freundſchaft von Wla⸗ dislav's Gegnern, und keiner von dieſen war dem Orden mehr 1) Der Biſchof erklärt geradezu: Vobis non tenemur nostris ex- pensis et propriis stipendiis militari. 2) Dieſe Urkunde im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 19. Es heißt am Schluſſe: Lecta, interposita et pupplicata est hec appellacio in Cap- pella Castri nostri Vishusen, ipse ydus Augusti, i. e. in festo Sau- ctorum nostrorum Ypoliti et sociorum eius anno domini DI. OC. XXI. Die Appellation wurde dann auch in Elbing von den Biſchoͤfen von Kulm und Ermland geleſen und genehmigt. Ct. Annal. Oliv. P. 42.
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Streit mit Polen wegen Pommern (1321). 349 geneigt, als der König Johann von Böhmen, der fich auch jetzt noch König von Polen nannte und ſchon im Anfange des Jahres 1321 auf feines Freundes, des Hochmeiſters Bitte zu Trier dem Orden alle ſeine Vorrechte, Freiheiten und Be⸗ günftigungen beſtaͤtigte, welche dieſer je in Böhmen und Maͤh⸗ ren von früheren Koͤnigen erhalten hatte 1). Auf ihn ſchien der Hochmeiſter ſicher rechnen zu dürfen, wenn es mit dem Koͤnige von Polen zum Kampfe kommen ſollte. Und wie der Hochmeiſter fir den Orden nach außenhin, fo war der Land⸗ meiſter in Preuſſen waͤhrend dieſer Streithaͤndel aufs eifrigſte bemüht, im Innern des Landes Ruhe und Friede, Wohlfahrt und Gedeihen zu foͤrdern. Hatte er es doch ſogar bewirkt, daß mitten in dem bittern Streite mit Wladislav von Polen deſſen Reichshauptmann Stephan Pacaveus den Buͤrgern von Thorn zum Betriebe ihres Handels freie und ſichere Wege⸗ fahrt bis Konin und Kaliſch auf eine gewiſſe Zeit bewil⸗ ligte ). Wo Zwiſtigkeiten über Graͤnzen oder Guͤterbeſitz in Preuſſen oder Pommern, beſonders mit den dortigen Kloͤſtern erwachten, ſchlichtete er ſie entweder ſelbſt oder ließ ſie durch feine Gebietiger ausgleichen ?). Ferner zeugt eine zahlreiche 1) Originalurkunde im geh. Arch. Schicht. XXII. Nr. 1. Der Koͤ⸗ nig nennt den Hochmeiſter Amicus noster dilectus und da es in der Urkunde heißt: Der Hochmeiſter ſey ad presentiam regis gekommen, und das Diplom datirt iſt: Treviris XVI Calend. Februar. a. d. 1321, ſo muͤſſen damals beide in Trier zuſammen geweſen ſeyn. Im J. 1319 ſcheint ſich der Hochmeiſter auch einige Zeit in Marburg aufgehalten zu haben. S. Hiſtoriſch⸗Diplomat. unterricht und gründl. Deduction Nr. 96. 2) Originalurkunde datirt: in Kalis a. d. 1318 im Raths⸗ Arch. zu Thorn. Sie iſt ausgeſtellt von Stephanus dictus Pacaveus Capi- taneus tocius regni Polonie ac Cuiavie. 3) So die Beilegung eines Graͤnzſtreites zwiſchen dem Kloſter Pelplin und dem Orden durch den Komthur von Mewe im J. 1319, Originalurk. im geh. Arch. Schiebl. LIX. Nr. 30; ferner die Beſeitigung mehrer Streitigkeiten dieſes Kloſters mit verſchiedenen Landesedlen über Güter- befig durch denſelben Komthur im J. 1320, Originalurk. Schiebl. LIX. Nr. 31. 32. 33; ein ſchiedsrichterliches Erkenntniß dieſes Komthurs und des Vogts von Dirſchau in einem Streite des Kloſters Dliva über Güter in Briſt, Originalurk. Schicbl. LVI. Nr. 17.
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350 Ausgleichung mit d. Biſchofe v. Samland (1322). Menge laͤndlicher Verſchreibungen aus dieſen Jahren auch von des Landmeiſters thaͤtigem Beſtreben, den Wohlſtand durch Befoͤrderung des Ackerbaues und durch Cultur des Landes zu heben und damit zugleich auch ſeine Kriegsmacht immer mehr zu verſtaͤrken, denn Kriegswehr und Ackerbau waren damals auf alle Weiſe aufs engſte verbunden, weil man an dem reichen Gutsbeſitzer immer zugleich auch einen wohlgeruͤſteten und ſtreitbaren Wehrmann und Kriegsgeſellen zu gewinnen ſuchte 1). Gleichen Eifer verwandte der Landmeiſter in dieſer Beziehung auch auf Pommerellen, wodurch geſchah, daß na⸗ mentlich das Kulmiſche Recht auf laͤndlichen Beſitzungen auch auf dieſes Land uͤberging oder vielmehr dort allgemeiner ver⸗ breitet wurde ). Des Landmeiſters Beiſpiel eiferten auch noch die Landesbiſchoͤfe in ihren Gebieten nach und um ihnen in ſolchen loͤblichen Beſtrebungen unbeſchraͤnkten Spielraum und die noͤthige Ruhe zu gewaͤhren, glich der Landmeiſter gerne alle Mißhelligkeiten aus, die jenen Bemuͤhungen der Biſchoͤfe hinderlich ſeyn konnten. Am verwickeltſten war die Streitſache zwiſchen dem Or⸗ 1) Darüber eine bedeutende Zahl von Vergabungsurkunden im geh. Archiv. Vorzuͤglich gehoͤrt hierher als Beiſpiel, wie der Landmeiſter tuͤchtige und reichbeguͤterte Landgutsbeſitzer zum Kriegsdienſte zu ge⸗ winnen wußte, die merkwuͤrdige Verſchreibung fuͤr die Ritter Peter von Heſelecht, Heinemann von Baiſen und deſſen Bruder Konrad von Bai⸗ ſen uͤber 1440 Huben, zwei Meilen lang und ebenſo breit im Lande Saſſen bei Gilgenburg, wodurch die fpäter fo wichtige Familie der Baiſen in jener Gegend ihren Sitz bekam. Vgl. daruͤber meine Ge⸗ ſchichte Marienburgs S. 308 — 309. Die Verſchreibungsurk. in Dre⸗ gers Samml. Pommerſ. Urk. Nr. 1391. 2) Dreger a. a. O. Nr. 1418 — 1420. Einzelne Verleihungen von Landbeſitz auf Kulmiſches Recht findet man in Pommern auch ſchon früher. So ertheilte z. B. der Komthur des Johanniter-Convents in Schöne Johannes Borchfeld dem Heinrich von Dicterichsdorf einen Beſitz bei Thomaswalde im J. 1305 auf Kulmiſches Recht. Dreger a. a. O. Nr. 1088. Der Orden befreite auch zuweilen Befiger in Pom⸗ mern von ehemaligen Laſten, z. B. von der Narszaz, d. h. von der Verpflichtung, jährlich eine Kuh und ein Schwein an den fuͤrſtlichen Hof zu liefern.
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Ausgleichung mit d. Biſchofe v. Samland (1322), 351 den und dem Biſchofe Johannes von Samland, dem Nach⸗ folger des im Jahre 1318 geſtorbenen Biſchofs Siegfried von Regenſtein, indem dieſer gegen jenen die Klage erhob, daß ſchon ſeit langer Zeit verſchiedene Guͤter und Beſitzungen ſei⸗ ner Kirche ihm und ſeinem Kapitel vom Komthur zu Koͤnigs⸗ berg mit Unrecht vorenthalten und in Beſitz genommen ſeyen, daß man die Samlaͤndiſche Kirche durch manche fruͤhere Tauſch⸗ vertraͤge uͤbervortheilt habe n), daß fie z. B. in dem Tauſche um das Gebiet von Sabnow ihren Gewinn an Bernſtein verloren 2), wofuͤr ſie einen Erſatz verlange, daß ſchon der Komthur Berthold Bruͤhaven zu Königsberg ihr mehre Güter gewaltſam entzogen, daß ſie in ihrer Fiſcherei im friſchen Haff verkuͤrzt werde, daß der Orden zur Zeit der Abweſenheit des Biſchofs Chriſtian mehre Lehenguͤter ausgethan ), woruͤ⸗ ber man zwar eine allgemeine Verſchreibung erhalten, aber der Biſchof und das Kapitel noch keinen Erſatz bekommen, daß der Orden ferner das heilige Feld in Samland), welches der Kirche gehoͤre, trotz eines daruͤber geſchloſſenen Vertrages mit allem Unrecht immer noch in Beſitze habe, daß die Kir⸗ chen zu Ermland und Pomeſanien ſchon von Alters her das Landes⸗Wachgeld erheben duͤrften, während die von Samland ſolches noch bis jetzt nicht erhalte, indem es der Orden ſchon ſeit vielen Jahren mit Gewalt und zum groͤßten Schaden der Kirche in einem jaͤhrlichen Betrage von ſiebenzig Mark ein⸗ treibe, woruͤber die Kirche von Samland die Wiedererſtattung 1) So klagte er z. B. uͤber den ſchon fruͤher B. III. S. 221 er⸗ wähnten Tauſch der Ländereien bei dem Dorfe Windeſturm, quam vil- lam quidam Episcopus postposito dei timore pro quadam summa pe- cunie vendidit. 2) In cadem commutatione ecclesia quam plurimum sit decepta maxime propter lapidem marinum, qui ibidem reperitur. S. oben B. III. ©. 345. 3) Es heißt von dieſem Biſchofe: „qui ipsam ecclesiam suam te- mere relinquens dei timore postposito in partibus extraneis divaga- batur hincinde. 4) ueber dieſen Campus sacer ſ. oben B. I. S. 643.
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352 Ausgleichung mit d. Biſchofe v. Samland (1322). verlange ); man klagte ferner auch, daß ſich der Orden in der Samlaͤndiſchen Dioͤceſe ſogar die Ausuͤbung des geiſtlichen Gerichtes anmaaße und daß der Bifchofstheil in Samland, ungeachtet der Orden fuͤr ſeine zwei Theile die Kriegslaſten tragen ſolle, durch die häufigen Kriegsreiſen ſehr bedruͤckt werde. Endlich verlangte der Biſchof auch eine genaue und feſte Begraͤnzung zwiſchen den Kirchen- und den Ordensbe⸗ ſitzungen und machte Anſpruch auf den dritten Theil der Ku⸗ riſchen und der Danziger Nehring nebſt der Fiſcherei, auch eine Theilung der Inſeln im Pregel-Strome u. ſ. w. Dieſe Klagſchrift 2) uͤberreichte der Sanilaͤndiſche Biſchof dem Landmeiſter ſelbſt und verlangte Abhuͤlfe der geführten Beſchwerden. Zwar behaupteten die Ordensgebietiger uͤber mehre dieſer Klagpunkte, z. B. uͤber die Guͤtervertauſche Brief und Siegel von den Biſchoͤfen und dem Kapitel zu beſitzen; allein der Biſchof Johannes erklaͤrte ſie fuͤr unguͤltig und verfaͤlſcht, denn als das Kapitel als ſolches noch nicht be⸗ ſtanden und die Domherren nicht an einem Orte zuſammen, ſondern zerſtreut in den Ordenshaͤuſern und Conventen ge⸗ wohnt, habe man ſich ihrer Siegel mit Gewalt bemaͤchtigt und allerlei Briefe uͤber Tauſche, Veraͤußerungen, Abtre⸗ 1) Dieſe auch fuͤr die Landesverfaſſung merkwuͤrdige Stelle heißt: Cum ecclesie Warmiensis et Pomezaniensis pecuniam pro custodia terre recipiant ac receperint ab antiquo et ecclesia Sambiensis ean- dem pecuniam pro custodia terre non receperit hucusque, sed fra- tres per vim et potenciam jam multis annis iam dietam pecuniam re- ceperint in ecclesie dicte preiudicium maximum et gravamen, que pecunia singulis annis ad LXX Marcas denarior. se extendit, petit idem Episcopus totumque capitulum restitutionem omnium percepto- rum, cum sepedicta Sambiensis ecelesia sicut predicte ecelesie War- miensis et Pomezaniensis eadem gaudeat libertate. 2) Das Original diefer Schrift im geh. Archiv Schiebl. LU. und in Abſchrift im Fol. 7. p. 43. In einer Copie ſteht das Datum: In ecclesia nostra kathedrali Konigisberg a. d. 1322 XIII. Calend. Iunii. Die Ernennung der Sachwalter des Biſchofs in dieſen Angelegenheiten, datirt: In ecclesia nostra cathedrali in Kungesberg a- 1321 pridie Calend. Augusti im Fol. 7. p. 75. 76.
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Ausgleichung mit d. Biſchofe v. Samland (1322). 353 tungen und neue Belehnungen nach bloßer Willkuͤhr und ohne Wiſſen und Willen der Domherren damit beſiegelt. Gegen alle ſolche Urkunden proteſtirte daher auch jetzt der Biſchof 1). Der Landmeiſter erkannte das Gerechte mehrer der vorgelegten Klagpunkte an und eilte, den Zwiſt durch eine freundliche Ausgleichung beizulegen. Der Biſchof erhielt demnach zur Ergaͤnzung ſeines dritten Theiles von Samland einen Theil des heiligen Feldes nach genau beſtimmten Graͤnzen, uͤberließ ihn jedoch ſogleich wieder für ſeine Lebenszeit dem Orden zur Benutzung, doch alſo daß ſeine Leute gemeinſam mit denen des Ordens oder auch beſonders den Bernſtein dort einſam⸗ meln, ihn aber niemanden anders als nur dem Biſchofe oder deſſen Ofſicial verkaufen oder anbieten koͤnnten?). Außerdem ertheilte man ihm zu ſeinem dritten Theile Samlands noch mehre andere Guͤter und Gebiete, als den Koͤnigsberg gegen⸗ über liegenden Vogtswerder und einen bei der Burg Arnau liegenden Werder, ſo daß nun hiedurch der Biſchofstheil als der dritte Theil von Samland ganz vollſtaͤndig wurde ). 1) Nachdem der Biſchof die erwähnten Umftände auseinander ge⸗ fest, ſchließt er: unde literas fratrum de omnibus hiis commutationi- bus et alienacionibus propter predictas causas protestamur et dici- mus nullius esse penitus firmitatis. 2) Die Urkunde des Biſchofs hierüber datirt: In ecclesia nostra kathedrali in Kungisberg anno 1322 XII Calend. Iun. im Original im geh. Arch. Schiebl. XXXIII. Nr. 3. Ueber den Bernſtein heißt es: quod iidem homines (Episcopi) a loco, in quo fluvius Lassa influit mare salsum usque ad graniciam quercus site iuxta curiam fratrum sacri campi lapidem marinum communiter vel divisim cum hominibus fratrum possint colligere, quem lapidem nulli alteri quam nobis aut nostro officiali vendere aut praesentare cogantur. Das Bekenntniß des Komthurs von Koͤnigsberg Heinrich von Iſenberg, des Vogts von Samland Hugo von Almenhauſen und des Convents von Koͤnigsberg über dieſe Verleihung des Biſchofs nur auf Lebenszeit, datirt: in Kun- gesberch in vigilia Ascensionis domini a. 1322 im geh. Arch. Schiebl. XXXIL Nr. 1 und in Matrieul. Vischhus. p. XVII. 3) Hec omnia supradicta predictis dominis et ecclesie sue donamus et assignamus iure perpetuo libere possidenda in totale supplementum ter- cie partis terre Sambiensis, que ipsos quoquomodo contingere potuisset, IV. 23
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354 Kriegszuͤge gegen die Litthauer (1322). Dagegen genehmigten und beſtaͤtigten der Biſchof und das Kapitel aufs neue alle früheren zwiſchen dem Orden und den Samlaͤndiſchen Biſchoͤfen abgeſchloſſenen Tauſchvertraͤge, ebenſo alle Verleihungen, Ausgebungen und Belehnungen des Or⸗ dens in fruͤherer Zeit, ſtellten daruͤber neue urkundliche Ver⸗ ſicherungen aus und verzichteten fuͤr immer auf alle Anſpruͤche. Die beiden Nehringen ſollten erſt noch getheilt werden und der dritte Theil dem Biſchofe zufallen. Jeder kuͤnftigen Klage des Biſchofs, daß ſeiner Kirche durch die erwaͤhnten Verlei⸗ hungen, Ausgebungen und Belehnungen Eintrag geſchehe, beugte man dadurch vor, daß der Landmeiſter dem Biſchofe die Summe von dreihundert Mark Silber auszahlte und au⸗ ßerdem noch ſiebenhundert Mark auf Rückzahlung nach ſieben Jahren lieh !). Endlich mußte der Biſchof ein Bekenntniß ausſtellen, daß er, durch dieſe Ausgleichung und dieſen Ver⸗ trag in Betreff ſeines dritten Theiles von Samland vollig befriedigt, gegen ihren Inhalt nie wieder Streit erheben wolle, widrigen Falls er ſammt ſeinen Nachfolgern verpflichtet feygn ſolle, jene Summe von dreihundert Mark wieder zu⸗ ruͤckzuzahlen, waͤhrend der Orden ſich dann wieder in den Beſitz aller in dieſem Vertrage dem Biſchofe uͤberwieſenen Güter und Gebiete ſetzen möge 2). Somit waren die Mißhelligkeiten zwiſchen dem Orden und dem Samlaͤndiſchen Biſchofe wieder ausgeglichen. Zwar hatte man mehre Klagpunkte des letztern in dem Vertrage ganz unberuͤhrt gelaſſen, wie die uͤber die Belaͤſtigung des Biſchofstheiles durch die haͤufigen Kriegsreiſen der Ritter ins Heidenland; ohne Zweifel aber bezog ſich dieſe Klage auch 1) Zu dieſer Bedingung ſcheint den Biſchof Geldnoth gezwungen zu haben, denn es heißt von der Geldſumme: quas (pecunias) in usus valde necessarios converterunt. 2) Dieſe Vertragsurkunde datirt: In Konigisberg a. J. 1322 XIII Calend. Iunii ſteht in dem Buche: Handfeſten des Biſth. Samland p. XLVI—XLIX und im Fol. 7. p. 47; in Abſchrift Schiebl. III. S. Matricul. Vischhus. p. VII. Vgl. Eucas David B. V. S. 221 — 223, wo der Hauptinhalt mitgetheilt iſt.
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Kriegszuͤge gegen die Litthauer (1322). 355 mehr nur auf fruͤhere Zeiten, denn ſchon ſeit dem Jahre 1318, wo der Marſchall Heinrich von Plotzke die Vorburgen von Junigede und Biſten mit ihren reichen Getreidevorraͤthen aufgebrannt hatte, und ſeit im naͤchſten Jahre ſeine Unter⸗ nehmung zur Eroberung jener beiden Burgen ſelbſt erfolglos geblieben war !), hatte man die Heereszuͤge ins feindliche Land bei weitem nicht mehr mit dem fruͤheren Eifer betrie⸗ ben, zumal da man in dem naͤmlichen Jahre den Feind im Lande ſelbſt ſah, denn der Hauptmann von Garthen war mit achthundert Kriegern bis in die Gegend von Loͤzen vor⸗ gezogen, hatte dort den groͤßten Theil ſeiner Kriegsleute in den Hinterhalt gelegt und etwa achtzig der Kuͤhnſten ſeiner Mannſchaft nach Natangen hinein bis ins Gebiet von Wohns⸗ dorf geführt, wo er mit Raub und Feuer wuͤthete und eine bedeutende Anzahl von Gefangenen und eine große Beute zuſammenbrachte. Der Komthur von Tapiau aber Ulrich von Drieleben 2), und fein kuͤhner Kompan Friederich Quitz bra⸗ chen zuerſt eine Bruͤcke ab, über die ſich der Feind zurück⸗ ziehen mußte, fielen dann über ihn her, erſchlugen ihm fünf: undfunfzig Mann und nahmen ihm alle Beute wieder ab. Die übrigen kamen zwar zu dem gelegten Hinterhalte zuruck; allein die Muͤhſeligkeiten auf dem Ruͤckwege rieben noch fo viele auf, daß nur wenige die Heimath wieder ſahen >). Ueberdieß war ſeit dem Jahre 1320 auch der Marſchall Heinrich von Plotzke vom Schauplatze des wuͤſten Kriegsge⸗ tummels ſchon abgetreten, denn nachdem er im Juli auf einer Kriegsreiſe ins Gebiet Medeniken mit vierzig Ordens⸗ rittern und einer Schaar von Reiſigen aus Samland und Memel großen Raub zufammengetrieben und vieles durch Feuer verwüſtet, ward er auf dem Ruͤckzuge, wo die Bewohner der 1) Dusburg c. 328 — 329. 2) Oder Dreileben. 3) Dusb. c. 280. Der Tert iſt jedoch nicht ganz vollftändig; wenigſtens ſagen Jeroſchin c. 230 und der Epitomator ausdruͤcklich, daß „vor dem lande luyzen“ oder prope Luzin der Feind einen Hin⸗ terhalt gelegt habe. 2
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356 Neue Kreuzfahrt nach Preuffen (1322). Gegend den Weg durch einen Verhau verſchlagen hatten, in einer Waldung uͤberfallen und in einem Engpaſſe in einem harten Kampfe mit neunundzwanzig ſeiner Ordensbruͤder und vielem Volke erſchlagen n), und die ſich von dem Heere in die Waldwildniß retteten, rieb nach mehrtaͤgigem Umherirren endlich der Hunger auf. Das traurigſte Loos traf den Vogt von Sainland Gerhard von Ruͤden, der vom Feinde gefan⸗ gen mit einer dreifachen Ruͤſtung angethan, auf ein an vier Pfaͤhle gefeſſeltes Roß gebunden und fo inmitten eines ge waltigen Holzſtoßes durch den Feuertod den heidniſchen Goͤt⸗ tern geopfert wurde ?). Es war fuͤr den Orden ein aͤußerſt harter Schlag. Der Marſchall Heinrich von Plotzke, der nie vor einem Feinde erſchrak, vielmehr nur zu oft durch Muth und Kuͤhnheit bis zur Unvorſichtigkeit und Unbeſonnenheit fortgeriſſen dem Or⸗ den in ſeinen Kriegsfehden manchen empfindlichen Verluſt zugezogen hatte, erhielt nicht ſogleich einen Nachfolger, weil im Jahre 1321 die gewoͤhnlichen Kriegsreiſen ins heidniſche Land nicht mit beſonderem Eifer betrieben wurden. Um ſo thaͤtiger aber wirkte um dieſe Zeit der Papſt zur ruͤſtigeren und erfolgreicheren Fortſetzung des Kampfes wider die Heiden im Norden, denn das ſah er bald ein, daß durch die jährlich in bisheriger Weiſe wiederholten Kriegszuͤge, deren Ziele im⸗ mer nur Verheerung, Raub und Brand in einigen Gebieten und Burgen waren, fuͤr den Hauptzweck der Bekehrung und Bezaͤhmung des heidniſchen Litthauiſchen Volkes ſo viel als 1) Heinrich von Plotzke war gegen 30 Jahre lang Ordensbruder geweſen, denn ſchon im J. 1286 finden wir ihn in dem Ordenshauſe zu Altenburg als Ordensritter; ſ. Huth Geſchichte der Reichsſtadt Als tenburg S. 278. 2) Dusb. c. 351 erzählt auch hier wieder unvollftändiger als Je⸗ roſchin und der Epitomator. Ueberhaupt iſt hier Dusburgs Bericht auch ziemlich unverſtaͤndlich. Ganz klar wird der Verlauf der Dinge erſt durch dea erwähnten Reimchroniſten. Lucas David B. y. S. 201 giebt neben Dusburg auch Simon Grunau's Bericht, der in vielen Einzelnheiten anders lautet. Vgl. auch Schütz p. 59.
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Neue Kreuzfahrt nach Preuffen (1322). 357 nichts gewonnen ſey. Obgleich man daher von Polen aus am paͤpſtlichen Hofe auch dieſe Kriegsreiſen gegen die Un⸗ glaͤubigen in ihrem Zwecke auf alle Weiſe zu verdaͤchtigen ſuchte 1), ſo beſchloß der Papſt jetzt doch eine neue große Kreuzfahrt nach Preuſſen in Bewegung zu ſetzen, zumal als er von der letzten ſchweren Niederlage und dem Tode ſo vie⸗ ler Ordensritter auf der Heerfahrt nach Samaiten benachrich⸗ tigt ward. Es erging eine Aufforderung an den Provinzial⸗ Prior des Prediger-Ordens in Deutſchland, ſeine Prioren und Prediger⸗Bruͤder in den Gebieten von Magdeburg, Re⸗ gensburg und andern Gegenden aufs ſchleunigſte zu beauf⸗ tragen, zur Unterſtuͤtzung des Ordens und der Glaͤubigen in Preuſſen und Livland das Kreuz zu predigen und ihnen in der Sache allen moͤglichen Eifer anzuempfehlen, auf daß ſie auch ſolche, deren koͤrperlicher Zuſtand oder Armuth keine perſönliche Theilnahme am Zuge ſelbſt erlaubten, zur Unter⸗ ſtuͤtzung des Krieges durch ihr Vermögen ermahnen möchten. Nach gewoͤhnlicher Weiſe nahm der Papſt nicht bloß alle, die mit dem Kreuze nach Preuſſen ziehen wuͤrden, ſammt ihren Familien und Guͤtern bis zu ihrer Ruͤckkehr unter den Schutz des paͤpſtlichen Stuhles und verlieh denen, die der Sache des Glaubens in Livland oder Preuſſen ein Jahr hindurch dienen wuͤrden, alle Gnadenſpenden, ſondern er gebot auch, ſolchen, die durch Brandſtiftung oder Gewaltthaͤtigkeiten an Geiſtlichen und geweihten Perſonen den Bann auf ſich geladen, die Ab⸗ ſolution zu ertheilen, ſobald ſie ſich mit dem Kreuze bezeich⸗ 1) In einer Klagſchrift des Sachwaltes am paͤpſtlichen Hofe heißt es darüber: Primo colore quasi adhuc rabies paganica in christicolas deseviret, convocant (sc. fratres Ordinis) in subsidium Christianos, assumunt sibi quasi pro regula cum valido exercitu invadere partes infidelium bis in anno, hiis scilicet diebus et temporibus videlicet assumptionis et purificationis gloriose virginis Marie, quas vices suo vulgari sermone Reysas vocant sicque in consuetudinem error deducitur, quod fideles christi causa exercende milicie credentes ob- sequium prestare deo iu multitudine illuc confluunt et occasione ca- tholice fidei ampliande gens quieta infidelium erudeliter impugnatur.
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358 Neue Kreuzfahrt nach Preuſſen (1322). nen würden‘). Seit langer Zeit hatte keinem Papſte die Beendigung des Glaubenskampfes in Preuſſen ſo ſehr am Herzen gelegen 2). Er wandte ſich daher mit ſeinen Ermun⸗ terungen außerdem auch an verſchiedene Fuͤrſten, namentlich an den Grafen von Juͤlich, da er die Nachricht erhalten, daß dieſer das Kreuz ſchon genommen habe und indem er ihn von dem erſt kuͤrzlich erlittenen Verluſte der Ordensritter un⸗ terrichtete, erließ er die Bitte und Ermahnung an ihn, die Loͤſung feines Geluͤbdes fo bald als möglich zu erfüllen, theils weil der Orden in Preuſſen eiligſte Hülfe beduͤrfe, theils da⸗ mit andere an ſeinem Eifer fuͤr den Dienſt im Glauben einen Spiegel und ein Beiſpiel vor ſich ſaͤhen für ihr eigenes Thun und Streben. Außer dem Lohne des unvergaͤnglichen Ruh⸗ mes hielt der Papſt dem Fuͤrſten auch noch die wohlwollende Gunſt des paͤpſtlichen Stuhles als Lockung vor ?). So geſchah, daß im Winter des Jahres 1322, nach langer Unterbrechung ſolcher Zuͤge, eine neue Kreuzfahrt nach Preuſſen in Bewegung kam. An der Spitze der einzelnen Heerhaufen ſtanden Herzog Bernhard von Schleſien Herr von Schweidnitz “), der Graf von Geroldseck aus Schwaben ), 1) Die Bulle iſt aus dem Formular. Marini Ebuli epist. 1865, im geh. Arch. Nr. 110. Sie hat, wie die meiſten Bullen aus dieſem Formulario (vgl. oben B. III. S. 253) kein Datum, gehort aber uns ſtreitig in dieſe Zeit. In Inhalt und Form iſt fie den früheren Bullen ſolcher Art ganz ähnlich. 2) Der Papſt ſpricht ſich darüber in einer Bulle im Formulario Marini Ebuli epist. 1869, im Copienb. des geh. Arch. Nr. 112 ſo aus: Cordi nobis est et fratribus nostris, ut causa Dei, que in Pruscie partibus agitur, ad felicem exitum divina cooperante gratia perdu- catur, maxime cum sit a longis inchoata temporibus et promota multi effusione sanguinis et innumeris laboribus et expensis. 3) Das Schreiben befindet ſich in Formulario Marini Ebuli epist. 1893, im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 121. 4) Dusb. c. 333 nennt ihn Dux Wratislaviensis, Jeroſchin und der Epitomator Bernhard von Schweidnitz. Er war der erſte Sohn des Herzogs Bolko und erhielt das Herzogthum Schweidnitz zu feinem Beſitze; ſ. Sommersberg Script. rer. Siles. T. I. p. 48. 150 — 151. 5) Jeroſchin c. 333 ſagt: „Von Geroldisecke, eyn herre dort
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Neue Kreuzfahrt nach Preuffen (1322). 359 die beiden Rheinlaͤndiſchen Grafen von Juͤlich und von Wildenberg !), ein Herr von Lichtenberg und ein Herr von Pflichten 2), dieſer mit einem ſeiner Bruͤder aus Boͤhmen und außer ihnen noch eine bedeutende Anzahl von Rittern. Mit dieſem Kriegsheer verband der Landmeiſter Friederich von Wil⸗ denberg ſeine ganze Streitmacht aus dem Lande. Entſchloſſen, dieſe Streitkräfte zu einer wichtigen Unternehmung gegen die Heidenſchaft zu benutzen, fuͤhrte er an der Spitze von hun⸗ dertundfunfzig Ordensrittern das Heer in das Gebiet von Wayken im Samaitenlande. Es galt jetzt nicht, wie in den bisherigen Kriegsreiſen nur Raub, Verheerung und Pluͤnde⸗ rung, ſondern im Lande Wayken ſtand ein heiliger Wald mit einem heidniſchen Heiligthum, welches mit feiner nahen Burg und allen umliegenden Gebäuden in einer Nacht gänzlich durch Feuer vernichtet ward. Des Gebietes ſaͤmmtliche Bewohner wurden ermordet. Nach dieſer blutigen That zog das Streit⸗ heer am andern Tage hinüber in das Gebiet von Roffiena und dann in die Gegend von Erogeln, beides, wie ſchon früher erwähnt, für den heidniſchen Götterglauben bedeutungs⸗ von fwaven’. Auch der Epitomator bezeichnet ihn als einen Schwaben. Wahrſcheinlich war es Walther von Geroldseck, |. Pfiſter Geſchichte von Schwaben B. II. Abth. II. S. 271 u. 252. 1) Dusb. nennt primogeniti filii Comitum de Iuliaco et de Wil- denberg. Jeroſchin: „uz dem ryniſchen gemerk von Juͤlich und von Wildenberg. Vielleicht war es einer der beiden Brüder Johann und Hermann von Wildenberg, der jetzt Preuſſen beſuchte; ſ. Günther Cod. diplom. Rheno- Mosel. T. III. S. 14. 2) Bei Dusb. I. c. finden wir: Dominus de Lichtenberg et Pligt cum fratre suo de Bohemia. Jeroſchin hat dagegen: Ouch quam in ritterlicher pflicht, mit dem von Lüchtenburg her Pflicht. Den Na⸗ men Lichtenberg mag Dusburg wohl richtiger haben, obgleich es auch eine Familie von Leuchtenberg in Boͤhmen gab. Aber unbezweifelt iſt der Name Pflicht bei Jeroſchin richtiger. Die Familic Pflicht war eine Linie der Familie Zierotin, die in Boͤhmen den Namen Plichta, Plich⸗ ten oder Pflichten führte. So kommt ein Baro Plihta vor im Chron. Aulae Regiae ap. Freher rer. Bohem. Script. p. 29, der in der Schlacht bei Mühlberg fiel; ſ. Heltbachs Adels⸗Lexicon B. II. S. 228. 822. Statt dieſes Pflichten hat Schütz p. 59 einen von Hatzkerode.
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360 Neue Kreuzfahrt nach Preuſſen (1322). volle Landſchaften, denn wie wir ſahen, ſtand dort das Hei⸗ ligthum Romowe ). Die Lande wurden mit Feuer ſchrecklich verwuͤſtet. Darauf warf ſich das Kreuzheer vor die Burg Biſten, fie zu erſtuͤrmen und noch ſpaͤt am Abend ward ein Angriff gewagt. Die Beſatzung vertheidigte ihre Mauern mit außerordentlicher Tapferkeit, obgleich die ſtarkgepanzerten Deutſchen weder Schwert noch Lanze ſcheuten, um die Burg zu erſteigen. Doch es gelang dieß nicht, indem bald zwei bis drei oder vier Litthauer mit ihren Speeren auf den Ruͤcken oder die Bruſt der heraufklimmenden Feinde einrannten und ſie von den Mauern immer wieder hinabſtießen. Als man aber am kommenden Morgen den Sturm erneuern wollte, bat die Beſatzung um Friede und ſtellte Geiſeln fuͤr das Verſprechen, ſich den Ordensrittern zu Gehorſam zu ergeben. Doch kaum hatte ſich das Kreuzheer entfernt, ſo zwang ſie der Koͤnig Gedimin mit Gewalt, ihr gegebenes Wort zu bre⸗ chen und dem Orden den Gehorſam wieder aufzukuͤndigen 2). Siegreich in feinen Eroberungsfehden in den öftlichen Landen wandte naͤmlich dieſer Koͤnig ſein blutiges Schwert nun auch nach Weſten, vielleicht veranlaßt durch den Heran⸗ zug des Kreuzheeres an die Graͤnzen ſeiner Gebiete. Waͤhrend dieſes Heer noch in Samaiten lag, brachen ſchon die Litthauer mit ſtarker Macht in Livland ein und verwuͤſteten vor allem das Biſthum Dorpat durch Feuer und Raub. Mehr als fünftaufend Chriſten wurden in dieſem Kriegsſturme erſchlagen 1) ucber die religiöfe Bedeutung dieſer Gegenden iſt früher ſchon geſprochen; ſ. oben S. 13. 2) Dusb. c. 333. Lucas David B. V. S. 223 erwähnt aus einem andern Buche noch der Grafen Werner und Adolf von Henneberg als Theilnehmer an dieſer Kriegsreiſe. Schütz p. 59 läßt „den Land⸗ marſchall! mit in dem Heereszuge ſeyn, giebt auch die Namen der Landſchaften unrichtig an. Am wenigſten darf man hier wieder dem Berichte Simon Grunau's Tr. XI. c. 6 glauben, den auch Lucas David a. a. O. mittheilt, denn felbft dieſer ſetzt hier Zweifel in die Wahrheit des Moͤnches, der hier aber auch (. Lucas David B. v. S. 204 ff.) auf die unverfhämtefte Weife lügt und fabelt. Jeder Name, den der Mönch vorbringt, iſt eine hiſtoriſche Lüge.
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Neue Kreuzfahrt nach Preuſſen (1323). 361 oder gefangen hinweggefuͤhrt!). Es war nachmals allgemei⸗ ner Glaube unter den Ordensrittern, daß der Erzbiſchof Frie⸗ derich von Riga von altem Haſſe getrieben den Feind ins Land gerufen habe; unläugbar ift wenigſtens, daß Gedimin ſeitdem mit dem Erzbiſchofe im Einverſtaͤndniſſe ſtand und nach deſſen Rathſchlaͤgen und Planen handelte 2). So viel indeſſen nun von Gedimins eroberungsfüchtigen Planen zu befuͤrchten war, ſo hatte man doch Hoffnung, den Gefahren mit Macht begegnen zu koͤnnen, denn es traf bald in Preuſſen die Nachricht von einem neuen Kreuzheer aus Deutſchland und Boͤhmen ein. Es erſchienen auch wirklich ſchon im Anfange des Jahres 1323 der Herr von Zinnen⸗ berg und der Herr von Egerberg *) mit einer großen Schaar edler Ritter und Reiſige ſowohl aus Boͤhmen als von den Rheinlanden. Nachdem der Landmeiſter auch die Wehrmann⸗ ſchaft des Landes mit ihnen vereint, brach dann die geſammte Kriegsmacht gegen Litthauen auf. Allein es trat bald eine ſo furchtbare Kaͤlte ein, daß in Preuſſen und Livland nicht nur faſt alle Obſtbaͤume erfroren und die See funfzehn Mei⸗ len weit mit fo ſtarkem Eis bedeckt war, daß man von Daͤ⸗ nemark bis Luͤbeck auf der zugefrorenen See gehen konnte“), 1) Dusb. c. 334. 2) Die ſchon früher erwähnte Responsio per Procurat. Ordinis erzaͤhlt dieſe Sache viel ausfuͤhrlicher. Es heißt unter andern: Tem- pore Friderici dudum Archiepiscopi idem Archiepiscopus cum suis complicibus nitens ad totale exterminium Ordinis prelibati Ainbaxia- tores ad regem Litwinorum infidelium miserunt, per quos cum eisdem Rege et infhidelibus contra ipsum Ordinem confederaciones fecerunt, cum eisdemque ordinarunt , quod in manu forti venirent versus Li- voniam et quod transitum haberent per terras ecclesie Rigensis et in ipsis Castris et terris possent ad exterminium dicti Ordinis stare et per ea Ordinem invadere. Dann folgt in der Erzählung das Einzelne. 3) Dusb. c. 335 hat die ſchlechte Lesart Cimeberg; auch in den andern Chroniſten iſt der Name ſehr verſtuͤmmelt. Jeroſchin und der Epitomator leſen richtig Zinnenberg, wie Lucas David B. V. S. 226. 4) So Jeroſchin c. 335 und der Epitomator. Gade buſch Livl. Jahrb. B. I. S. 402 führt mehre andere nordiſche Quellen zur
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362 Neue Kreuzfahrt nach Preuſſen (1323). ſondern auch das Kriegsheer am weiteren Zuge verhindert ward, da zu beſorgen war, die aus dem Suͤden gekommenen und an einen ſo heftigen Froſt nicht gewoͤhnten Kreuzfahrer möchten alle umkommen. So blieb dieſer Kriegszug ohne Erfolg; indeſſen dauerte das Kriegsgetuͤmmel in dieſem Jahre doch in alter Weiſe fort; denn waͤhrend der kriegeriſche Hauptmann von Garthen in das Daͤniſche Gebiet von Reval einfallend dort eine ſchreck⸗ liche Verheerung anrichtete *), brachen in der Faſtenzeit die Samaiten mit einem Heere gegen Memel hervor, erflürmten die Stadt, erſchlugen gegen ſiebenzig Maͤnner, brannten die ganze Stadt nebſt mehren naheliegenden Fliehhaͤuſern der Neu⸗ bekehrten 2) und die ſaͤmmtlichen Schiffe und Fahrzeuge nie⸗ der und vernichteten alles, was nur durch Feuer zu vernich⸗ ten war, ſo daß bloß die Wohnburg der Ordensritter noch übrig blieb). — Kühn gemacht durch dieſen gluͤcklichen Zug ſtuͤrmten darauf im Auguſt die Litthauer bis in die Gegend Beftätigung der außerordentlichen Kälte an. Lucas David a. a. O. Schätz p. 59. Alb. Krantzii Wandal. L. VIII. c. 7. 1) Außer Dusb. c. 336 ſagt eine Urkunde des Biſchofs Eberhard von Ermland vom J. 1325: Idem gentiles Lytwini anno dom. M. CCC. XXIII in carniprivio intraverunt Revaliam terram regis Dacie in partibus Lyvonie ac eciam Episcopatum Tarbetensem, quas — rapinis et incendiis exsiccialiter (2) destruxerunt occidentes et capientes quatuor Millia hominum sexus promiscui et quingentas duas parochiales ecclesias cum sacramentis ecclesie comburentes etc. 2) Dusb. c. 337 nennt tria circumiacentia Castra neophytorum ; der Epitomator tres domus refugii in propinquo sitae; Jeroſch in uͤberſetzt: „Dry vlihuyſer“, ebenfo Lucas David B. V. S. 227. Es waren verſchanzte und befeſtigte Wohnungen, wohin ſich die von den Heiden verfolgten Neubekehrten durch die Flucht zu retten pflegten. 3) In der erwähnten Urkunde des Biſchofs von Ermland heißt es hierüber: Eodem anno post festum b. Gregorii iidem Lytwini civita- tem Memelam arınata manu intraverunt hostiliter et eam cum sub- urbiis suis preter solum castrum muro eircumdatum, in quo fratves eiusdem Ordinis morantur, ceperunt, cremaverunt et penitus destruxe- runt, multos ibidem occidentes homines ac eciam captivantes virgines, mulieres et alios, quos rapere valuerunt.
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Neue Kreuzfahrt nach Preuſſen (1323). 363 von Wehlau vor, wo ſie ſechs Doͤrfer aufbrannten und den tapfern Ordensritter Friederich Quitz nebſt ſechsunddreißig Kriegsleuten erſchlugen ). Am furchtbarſten aber litten durch einen ſolchen Einfall die Gebiete des Herzogthums Dobrin, wo um dieſe Zeit die Herzogin Anaſtaſia die Verwaltung führte, ſowie das nach⸗ barliche Maſovien und die nahe gelegenen Landſchaften 2), denn ermuthigt durch ihr bisheriges Gluͤck brachen die Lit⸗ thauer am Kreuzerhoͤhungstage, wo die Gebietiger in Preuſſen ſich zum Landkapitel nach Marienburg begeben hatten, in einem zahlreichen Heere in die erwaͤhnten Lande ein, ermor⸗ deten ſechs bis achttauſend Menſchen jegliches Gefchlechtes >) oder entfuͤhrten ſie zu ewiger Gefangenſchaft, erſchlugen Prie⸗ ſter und Mönche in großer Zahl und tödteten in der Stadt Dobrin ſelbſt, die ſie erſtuͤrmten, gegen zweitauſend Ein⸗ wohner. Alle Doͤrfer des Herzogthums mit zehn Kirchen wurden ausgepluͤndert und niedergebrannt. Die Zahl der in die ſchrecklichſte Sklaverei entfuͤhrten Gefangenen rechnete man auf neuntauſend Menſchen. Dann brach eine Schaar des Raubvolkes auch uͤber die Drewenz in das Gebiet von Stras⸗ burg ein, ermordete auch hier gegen ſechzig Landbewohner und veruͤbte einen Schaden, den der Orden auf tauſend Mark anſchlug *). — So waren in anderthalb Jahren aus Preuſſen, 1) Dusb. c. 338. Jeroſchin c. 338 nennt den Ordensritter Friederich Quitz einen „ellenthaften Deggen.“ Die Urkunde des Biſchofs von Ermland ſpricht auch hievon, nennt Wehlau aber Wilnnouwe. 2) Dusb. c. 399 nennt bloß das Herzogthum Dobrin; allein eine urk. im geh. Arch. Schiebl. XI. Nr. 18, deren wir bald näher geden⸗ ken werden, führt an, daß terra Dobrynensis et confinia Culmensia in dieſem Einfalle ſchwer gelitten hätten. Kojalowiez p. 270 erwähnt auch Maſoviens. 3) Dusb. I. c. sex millia hominum utriusque sexus. In der Ur⸗ kunde des geh. Arch. Schiebl. LIV. Nr. 3 heißt es aber hierüber: Sa- tellites ipsius (i. e. Gedimini) fines christianorum circumquaque in- vaserunt, in tantum ledentes, ut pene octo Millia occiderent, con- cremarent et in captivitatem redigerent utriusque sexus fidelium. 4) Darüber die erwähnte Urkunde des Biſchofs von Ermland:
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364 König Gedimin von Litthauen (1323). Livland und Dobrin beinahe zwanzigtauſend Chriften von den Heiden bei deren Raubzuͤgen theils ermordet theils in die Sklaverei hinweggeſchleppt worden und es gingen viele Jahre hin, ehe die ſo ſchrecklich heimgeſuchten Lande das ſchwere Ungluͤck mit feinen traurigen Folgen überwinden konnten !). Und waͤhrend nun in ſolcher Weiſe die Raubhorden aus Litthauen, meiſt von Guͤnſtlingen und Freunden des Koͤniges angefuͤhrt, in den chriſtlichen Landen ringsumher mit wilder Wuth alles vernichteten, was nur irgend den chriſtlichen Namen trug, kam die Nachricht nach Preuſſen: der Koͤnig Gedimin habe uͤberallhin Briefe ausgehen laſſen, die ſeinen Wunſch verkuͤnden ſollten, die chriſtliche Taufe zu empfangen und in den Schooß der Kirche einzutreten. Bald wurden in Preuſſen dieſe Briefe auch ſelbſt bekannt. In dem einen, der an den Papſt und an die Kardinaͤle gerichtet war, mel⸗ dete dieſer Gedimin: Sein Vorgaͤnger der Koͤnig Mindowe habe ſich ſchon mit ſeinem ganzen Volke dem chriſtlichen Glauben zugewandt gehabt; allein durch die trotzigen Frevel⸗ thaten und unzaͤhligen verraͤtheriſchen Handlungen des Mei⸗ ſters des Deutſchen Ordens ſeyen alle vom Chriſtenglauben Ijdem infideles in districtu fratrum domus Theut. videlicet in Stras- burg sexaginta homines, virgines, mulieres et viros--- et in dicto districtu ipsis fratribus dampna mille marcarum dampnabiliter intu- lerunt. Uebrigens erzählt dieſe Urkunde auch den Einfall in Dobrin. 1) Dusb. 1. c.; manches aus Jeroſchin c. 339 und dem Epi⸗ tomator. Chron. Anonymi Archidiac. Gnesn. p. 98. Der Ermordung der vielen Prieſter und Geiſtlichen erwaͤhnen außer der urkunde des Bi⸗ ſchofs von Ermland, die 47 erſchlagene Geiſtliche und 2 Benedictiner⸗ Mönche angiebt, auch die Urkunden im geh. Arch. Schiebl. XI. Nr. 19 und LIV. No. 3. Eine ſpaͤter noch naͤher zu erwaͤhnende Urk. der Her⸗ zoge Semovit und Troyden ſagt uͤber den Einfall ins Dobrinſche Ge⸗ biet: Qui prophanus dux David paulo ante indictas treugas predi- ctas ingrediens cum valido exercitu Litwanorum terram Drobrinen. sitam in prenominata Plocen. dioc. totam miserabiliter devastavit. Et nihilominus opido quodam munito Dobryn vulgariter dieto expu- gnato et in favillam prorsus redacto multis inibi christifidelibus ferro peremptis decem milia et utra hominum utriusque sexus secum abegit similiter et deduxit.
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König Gedimin von Litthauen (1323). 365 wieder abtruͤnnig geworden und fo fey auch er bis jetzt noch im Glauben ſeiner Vaͤter geblieben. Oft ſchon haͤtten ſeine Vorgaͤnger ihre Geſandten an die Erzbiſchoͤfe von Riga zur Herſtellung des Friedens geſchickt, allein man habe dieſe grauſam ermordet. Zwar ſey durch den Erzbiſchof Iſarn wirklich einmal ein Friede zwiſchen den Litthauern und dem Orden zu Stande gekommen; als indeſſen die Sendboten von dem Erzbiſchofe zuruͤckgekehrt ſeyen, habe man einige auf dem Wege erſchlagen, andere aufgehaͤngt oder erſaͤuft. Ebenſo habe der Koͤnig Witen den paͤpſtlichen Legaten Franciscus und den Erzbiſchof Friederich von Riga ſchriftlich erſucht, ihm einige Minoriten-Bruͤder zuzuſenden, denen er eine ſchon erbaute Kirche habe uͤberweiſen wollen; doch als die Ordens⸗ ritter ſolches erfahren, haͤtten ſie durch einen herbeigeſandten Heerhaufen die Kirche aufbrennen laſſen. So mißhandelten ſie auch die oberſten Geiſtlichen, wie die Erzbiſchoͤfe Johannes und Friederich, und Laͤnder, wie Semgallen und andere ver⸗ wandelten ſie in Wuͤſten und dennoch ſagten ſie: ſolches alles geſchehe, um die Chriſten zu vertheidigen.“ „Gerne, hieß es dann, moͤchten wir die Chriſten nicht weiter mehr bekaͤmpfen, ſondern den katholiſchen Glauben vielmehr befoͤrdern, wie ja daraus einleuchtet, daß wir mehre Minoriten-Bruͤder bei uns haben, denen wir voͤllige Freiheit ertheilt zu taufen, zu pre⸗ digen und alle kirchlichen Gebraͤuche zu verrichten. Das ſchrei⸗ ben wir euch, verehrungswuͤrdiger Vater, damit ihr nur wiſ⸗ ſet, warum unſere Vorgaͤnger noch im Irrthum des Unglau⸗ bens und der Irrglaͤubigkeit verſchieden ſind.“ Endlich bittet Gedimin den Papſt inſtaͤndig, auf ſeine traurige Lage Ruͤck⸗ ſicht zu nehmen und erklaͤrt offen: „Wir ſind bereit, euch wie andere chriſtliche Fuͤrſten in allem Gehorſam zu bezeigen und den chriſtlichen Glauben anzunehmen, ſofern wir nur den Henkern, naͤmlich dem Meiſter und den Ordensritter * in — ** werden ). 1) Dieſer Brief befindet ſich in einer gleichzeitigen Abſchrift auf Pergament, doch ohne Datum, im geh. Archiv Schiebl. XXVIII. *
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J 366 König Gedimin von Litthauen (1323). Zu gleicher Zeit wurden noch einige andere Briefe be⸗ kannt, welche in Gedimins Namen an die Oberſten des Pre⸗ diger⸗Ordens beſonders in Sachſen, an den Orden der Mi⸗ noriten und dann auch an die Seeſtaͤdte Lubeck, Roſtock, Sund, Greifswalde, Stettin und nach Gothland gerichtet waren, worin er dieſen meldete: er habe ſich an den Papſt gewendet, ihm einige Bothſchafter zu ſenden; dieſe erwarte er jetzt mit Sehnſucht; er ſey zu allen Befehlen des Papſtes bereit. „Wir wuͤnſchen aber, faͤhrt er fort, Geiſtliche und Biſchoͤfe in unſer Land; wir wollen gewiß die kirchlichen Rechte in Schutz nehmen, dem Clerus Ehre erweiſen und den Gottesdienſt verbreiten. Kriegsleuten, die zu uns kom⸗ men, wollen wir Einkuͤnfte und Land geben, ſo viel ſie moͤgen. Kaufleute und Handwerker, Waffenſchmiede, Verfer⸗ tiger von Kriegsmaſchinen, Schuhmacher, Steinmetze, Stell⸗ macher, Salzwirker, Goldſchmiede, Fiſcher und uͤberhaupt Leute jegliches Handwerkes moͤgen mit Frau und Kind in unſer Land frei ein⸗ und ausziehen, ohne Zoͤlle und Abgaben zu entrichten oder irgend ſonſt belaͤſtigt zu werden. Ackers⸗ leuten, die zu uns kommen und ſich bei uns niederlaſſen, bewilligen wir zehn Freijahre in allen Abgaben und Arbeiten und nach Verlauf dieſer Zeit ſollen ſie nach Verhaͤltniß der Ergiebigkeit des Landes nur ſo viel an Zehnten geben, als in andern Laͤndern uͤblich iſt. Alle Einzoͤglinge ſollen ſich des Stadtrechtes von Riga zu erfreuen haben, wenn ihnen nach dem Rathe bewährter Männer ein anderes nicht beffer ſcheint. Zwei Kirchen fuͤr die Minoriten, die eine in unſerer koͤniglichen Stadt Wilna, die andere in Novgorod haben wir fhon erbaut; eine dritte weifen wir den Prediger-Bruͤdern zu, damit jeder den Gottesdienſt nach ſeinem Gebrauche hal⸗ ten koͤnne. Wir wuͤnſchen aber für dieſe Kirchen vier Or⸗ densbruͤder, die der Polniſchen, Semgalliſchen und Preuſſi⸗ ſchen Sprache kundig ſind, noch in dieſem Jahre; doch ſchlie⸗ Nr. 1. Wir theilen ihn in der Beilage Nr. VI. zu dieſem Bande mit, wo wir uns zugleich näher über ihn auslaſſen muͤſſen.
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König Gedimin von Litthauen (1323). 367 ßen wir alle ſolche Ordensgeiſtliche aus, die aus ihren Kloͤſtern Raͤuberhoͤhlen machen, ihr Almoſen verkaufen, Geiſtliche mor⸗ den und die Seelen taͤuſchen. Allen Einzöglingen ſteht der Zugang zu uns durch das Gebiet des Herzog Boleslav von Maſovien ohne Zoll und Abgabe frei und ſicher offen. Zur ſicheren Gewähr und Glaubwürdigkeit bekraͤftigen wir dieſe Briefe mit demſelben Siegel, welches wir in unſerem Schrei⸗ ben an den Papſt geſandt haben, alſo daß ſich eher Eiſen in Wachs und Waſſer in Stahl verwandeln wird, ehe wir un⸗ ſer Wort brechen oder zuruͤcknehmen, da die Kreuztraͤger unſer Siegel uns zum Schimpfe ins Feuer geworfen haben, um dieſes mit Gott begonnene Vorhaben zu verhindern und die Augen der Menſchen zu verblenden; und wer dieſes Siegel verdaͤchtiget und ihm boshaft widerſpricht, den erklaͤren und verachten wir hiemit in dieſen Schriften als Verdreher der Wahrheit, als Verehrer des Satans, als Feind des Glau⸗ bens, als Ketzer, Luͤgner und als einen ehrloſen Menſchen.“ Gegeben waren dieſe Briefe in Wilna am ſechsundzwanzigſten Mai des Jahres 1323, mit der Weiſung, dieſe Schreiben, wenn ſie geleſen ſeyen, weiter zu ſenden und die Zuſagen und Erbietungen überall bekannt zu machen ). 1) Es find dieſer Briefe drei, der eine an den Prediger-Orden, der zweite an die erwähnten Seeſtaͤdte, der dritte an die Minoriten Brüder gerichtet. Alle find dadirt: Vilna a. d. 1323 ipso die corporis christi. Sie befinden ſich im geh. Arch. Schiebl. XI. Nr. 4 in einem Transſumt vom Jahre 1323; gedruckt in Kotzebue B. II. ©. 353 — 358. Da ſie hier indeſſen ziemlich fehlerhaft ſtehen, ſo wird es, um ſie richtig verſtehen zu koͤnnen, noͤthig ſeyn, die wichtigſten Fehler hier anzugeben. Es muß alſo heißen S. 353 Zeile 5 v. u. ſtatt autem — tamen. S. 354 3. 4 ft. Itaque — ita quod, 3. 10 ft. aliqui — ali- quod, 3. 13 ft. arpentariis — carpentarüs, 3. 23 ft. sigillati — si- gillari, 3. 32 ft. gratia — gloria. S. 355 3. 4 und 5 find bie be denklichen Wörter tenemus und forına ganz richtig; 3. 7 ſt. populis maximis — propriis maximus, 3. 8 fi. imperare — impetrare, 3. 9 ft. reservare — reserare, ſt. transmistis — transivistis, 3. 11 ſt. Pleskowiamque — Pleskowiamu, que, fi. proprium — propter, 3. 12 f. a me — aure, 3. 20 ft. papa — pape, 3. 25 ft. unos — viros,
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368 Friede in Livland mit Gedimin (1323). Wie leicht begreiflich ift, erſtaunte man in Preuſſen nicht wenig uͤber den Inhalt dieſer Briefe. Man wagte es zwar nicht an ihrer Aechtheit zu zweifeln; aber man wußte auch Gedimins Handlungen mit dieſen offen ausgeſprochenen Ge⸗ ſinnungen in keiner Weiſe zu vereinigen. Keiner ahnete noch, daß hier abermals pfaͤffiſche Liſt und Betrug im Spiele ſey, zumal da bald ein neuer Schritt geſchah, deſſen Ziel man ebenfalls noch nicht begreifen konnte. Es ging naͤmlich eine Botſchaft an den paͤpſtlichen Hof, die dem Papſte Gedimins Wunſch zur Bekehrung auch muͤndlich vorlegen und die Bitte hinzufuͤgen mußte, der Papſt moͤge einige fromme und in der Religion gelehrte Maͤnner nach Livland und Litthauen fenden, die des Koͤniges Vorhaben ins Werk ſetzen konnten. Außerdem ſandte auch die Stadt Riga einige Sendboten an den Papſt, ihm zu berichten: Gedimin habe bei den Ordens⸗ rittern, den Biſchoͤfen und den Staͤdten Livlands um Frie⸗ densvermittler gebeten; man habe ſich daruͤber berathen und zugleich die Wahrheit der Briefe des Koͤniges, die er nach Deutſchland geſchrieben, in Betracht genommen ); in Folge deſſen ſey eine feierliche Geſandtſchaft zu ihm geſchickt wor⸗ 3. 33 ft. noluimus — nolumus, 3. 35 et etiam unde latrunculi. S. 356 3.18 ft. ipse — tempore, 3. 20 ft. tantum — etiam, 3. 21 ff. provinciis — proprüs, 3. 22 ft. tunc — tamen, 3. 23 fi. populus — plus und ft. gratiam — gratia, 3. 31 ſt. deum — dominum. ©. 357 fehlt am Schluſſe des Briefes folgende ganze Stelle: ipso die corporis christi. Litera per- lecta in una civitate petimus sub testimonio religiosorum ac aliorum fidedignorum virorum exscribi et mittere in aliam sine mora, ut de- siderium nostrum manifestetur universis, valete. — 3.7 ft. ac cum, 3. 18 ft. quod — quod, 3. 29 in dispendium dominorum, 3. 33 ft nostri. Quod — nostri, quod S. 358 3.1 ft. de — ac, 3. 6 ft. quod verbum ut — quia verbum nostrum ut, 3. 12 contra- dictores et serei reddimns. Am Schluſſe des Briefes fehlt wieder fol- gende Stelle: litera perlecta a ministro et custodibus mittatur ad aliam provinciam, et omnes frates orent pro Rege filiis et Reginis et tota terra, ut dominus perficiat quod incepit. — Vgl. über die Briefe auch Karamſ in B. IV. S. 178 und 292 — 298. 1) Wir werden dieſen Punkt in der Beilage Nr. VI. naͤher be⸗ ruͤhren.
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Friede in Livland mit Gedimin (1323). 369 den, die ehrenvoll von ihm empfangen und glaͤnzend bewir⸗ thet nach dem Laute ihrer Vollmacht einen Frieden mit ihm abgeſchloſſen, den beide Theile nach ſeinem ganzen Inhalte beſchworen haͤtten. Man legte dem Papſte eine aus dem Deut⸗ ſchen in das Lateiniſche übertragene Abſchrift dieſes zu Wilna am Sontag nach Michaelis im Jahre 1323 vollzogenen Frie⸗ dens vor. Nach genauer Angabe der Friedensvermittler von Seiten des Erzbiſchofs und des Kapitels von Riga, des Bi⸗ ſchofs von Oeſel, des von Dorpat und dieſer Stadt ſelbſt, des Hauptmanns des Königes von Dänemark, des Deutſchen Ordens!) und der Stadt Riga und nach Aufzählung der Landgebiete, auf welche ſich der Friedensſtand erſtrecken ſollte 05 enthielt er nichts weiter als einige Punkte uͤber die Sicher⸗ heit der Reiſenden auf Weg und Steg in den beiderſeitigen Ländern, über richterliche Ausgleichung in Beeintraͤchtigungen der beiderſeitigen Unterthanen, uͤber Wiedererſtattung geraubter Güter, über Auslieferung entlaufener Knechte und Dienſt⸗ leute u. ſ. w. Obgleich man nun den Papſt dringend er⸗ ſuchle, dieſen Frieden durch fein apoſtoliſches Wort zu beſtaͤ⸗ tigen und zu befräftigen®), fo nahm er dennoch Anſtand, dieſes Geſuch ohne weiteres zu erfuͤllen. Vielleicht bewogen ihn hiezu naͤhere Berichte aus Preuſſen. Kaum naͤmlich hatte man hier von jenem Friedensſchluſſe genauere Kunde bekommen, als die drei Landesbiſchoͤfe Eber⸗ hard von Ermland, Johannes von Samland und Rudolf 1) Von Seiten des Ordens in Livland werden indeſſen doch nur genannt frater Johannes de Lowenbinke (Lowenbrulie) Commendator in Mithowe und frater Otto (Blanehorn). 2) Namentlich war für das Ordensgebiet auch die Ordensburg Memel mit eingeſchloſſen. 3) Das Schreiben an den Papſt iſt nicht mehr vorhanden; wir erhalten indeſſen dieſe Nachrichten aus der Bulle des Papſtes in Regest. litterar. communium Iohan. XXII epist. 1894 P. II, im Copienb. des geh. Arch. Nr. 379, wo auch die beiden Sricdeneinftrumente des Koͤniges Gedimin und der bevollmaͤchtigten Friedensvermittler mit inbegriffen find. Bei Raynald Annal. eccles. an. 1828 Nr. 20 ſteht nur die Bulle ohne die Friedensinſtrumente. IV. 24
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370 Friede in Livland mit Gedimin (1323). von Pomeſanien (denn Nicolaus von Kulm war kurz zuvor geſtorben) mit den Proͤbſten ihrer Kirchen in Elbing eine Berathung hielten und an den Biſchof von Oeſel, an die Domkapitel von Riga, Oeſel, Dorpat und Reval, an den Landmeiſter und den geſammten Orden in Livland, an den Hauptmann des Daͤniſchen Koͤniges und an alle Edlen und Vaſallen in Livland und Eſthland, die den Frieden mit ab⸗ geſchloſſen, ein Schreiben erließen, worin ſie dieſen Frieden geradezu fuͤr ein liſtiges Werk des Teufels und fuͤr einen Schandflecken der ganzen Chriſtenheit erklaͤrten, der auch Preuf⸗ ſen und den anliegenden Landen zu unheilbarem Verderben gereichen muͤſſe, „denn, fuhren fie fort, dieſe Söhne des Sa⸗ tans richten ihre argliſtigen Plane in ihrer Falſchheit wie gegen euch, fo gegen uns 1), und wie eine Maus im Sacke und wie eine Schlange im Buſen genaͤhrt, werden ſie zuerſt uns und unſere Laͤnder mit den angraͤnzenden Gebieten, und dann auch euch und euere Provinzen und euere Unterthanen in ihrer wilden Rohheit zu Grunde richten, dem Chriſtenthum zu bejammernswerthem Verderben. Darum ermahnen und rathen wir euch mit aller Aufrichtigkeit, kuͤndiget den Frie⸗ den, wie er auch geſchloſſen ſeyn mag, aufs ſchleunigſte wie⸗ der auf, denn es ziemt ſich nicht fuͤr die, ſo fuͤr den Herrn ſtreiten, mit einem ſo ſuͤndhaften Geſchlechte, einem ſo nichts⸗ würdigen Volke und mit ſo verbrecheriſchen Soͤhnen des Sa⸗ tans ſich irgend friedlich zu verbinden 2). Daß fie unter ſchlauer Argliſt auf nichts anderes als auf das Verderben euerer und unſerer Lande ſinnen, das leuchtet nicht allein aus vielen alten, ſondern auch aus neuen beklagenswerthen Beweiſen im Dobriner-Lande und in den nahen Kulmiſchen Gebieten leider nur zu deutlich ein. Werfet alſo dieſes gott⸗ loſe Buͤndniß wieder zuruͤck und da der Herr euere Kriege leitet und aus der Hoͤhe Tapferkeit verleiht, ſo bekaͤmpfet den 1) Cum iidem filii Sathane fraudis commenta contra vos et nos machinentur in dolo. 2) Minus ergo decet militantes domino, genti peccatrici, populo nequam, filiis celeratis aliqua pactione coniungi.
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Friede in Livland mit Gedimin (1323). 371 Feind fort und fort, und erſt wenn ihr ihn gaͤnzlich vernichtet habt, folgt euch auf Erden Ruhm und im Himmel die Palme des Triumphſieges ). Da man nun um dieſelbe Zeit in Preuſſen erfuhr, daß Gedimins Klagſchrift an den Papſt wirklich bereits abge⸗ ſandt ſey, ſo traten nicht blos der Cuſtos der Minoriten⸗ Moͤnche in ganz Preuſſen und die Guardiane derſelben in Thorn, Kulm, Braunsberg und Neuenburg, ſondern auch die beiden ehrwuͤrdigen Aebte Paul von Oliva und Jordan von Pelplin als des Ordens Vertheidiger auf, indem ſie dem Papſte unmittelbar in zwei Schreiben berichteten: ihr Gefühl für Wahrheit und ihre Pflicht zur Aufrechthaltung der Wahr⸗ heit zwinge ſie, ihm kund zu thun, daß der gute Ruf der Bruͤder vom Deutſchen Hauſe auf eine ungerechte und un⸗ würdige Weiſe angeſchwaͤrzt werde, indem einige neidiſche Feinde von ihnen zu behaupten wagten, ſie haͤtten dem Lit⸗ thauiſchen Koͤnige in ſeinem Wunſche zur Annahme des chriſtlichen Glaubens mit allem Eifer entgegengeſtanden 2); ſie koͤnnten aber, von der Sache ganz ſicher und aufs voll⸗ kommenſte unterrichtet, zur Vertheidigung des Ordens ihn mit aller Wahrhaftigkeit verſichern, daß jener Koͤnig durch alle Welt zwar Briefe habe ausgehen laſſen, worin er jenen Wunſch ausgeſprochen und daß deshalb auch bereits mehre Sendboten zu ihm gekommen ſeyen ); allein dieſe hätten 1) Das Original dieſes Schreibens der Biſchoͤfe datirt: in Elbingo a. d. 1323 feria secunda ante festum beat, Symonis et Iude im geh. Arch. Schiebl. XI. Nr. 18. 2) Nos considerantes, virorum religiosorum dominorum de domo theutonica famam gravius et immerito et indigne denigrari, ex eo quod nonnulli ipsorum emuli audeant asserere, Littwanorum regem fidem cum suis katholicam assumere cupientem, ipsi nitantur studio- sius impedire. 3) Ex nuper actis patefacimus per presentes eundem prefatum regem quasdam per plures mundi partes litteras direxisse, in quibus se cum suis et toto Regno asseruit babtizari et coniungi velle turbe fidelium populorum. Die erwähnten Sendboten waren ohne Zweifel aus Luͤbeck gekommen. 24 *
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372 Der Erzbiſchof von Riga ſelbſt das Vorgeben als eine Luͤge befunden und den König Gott laͤſtern gehört, ja des Koͤniges Trabanten ſeyen gerade damals in die nahen chriſtlichen Laͤnder eingefallen, haͤtten an achttauſend Menſchen ermordet, geraubt, Kirchen nieder⸗ gebrannt und eine zahlloſe Schaar von Bewohnern, unter ihnen auch Prieſter in die Gefangenſchaft hinweggeſchleppt. Wie koͤnne es wahrſcheinlich oder auch nur denkbar ſeyn, daß die Ordensbruͤder, die fi) täglich zur Vertheidigung der Chri⸗ ſten allen Gefahren des Todes ausſetzten, die Bekehrung eines Koͤniges verhindert haͤtten, der ſelbſt und deſſen Trabanten an den Chriſten fo oft ſolche Graͤuelthaten ausübten 1)! Faßt man nun aber im Ueberblicke alles zuſammen, was ſeit einigen Jahren über die Verhaͤltniſſe des Ordens theils zu dem Könige von Polen über den Beſitz von Pommern, theils zu den Polniſchen Biſchoͤfen wegen Erhebung des Zehnten und des Peterspfennigs, theils zu dem Erzbiſchofe von Riga wegen der alten Anklagen, theils auch zu dem Koͤnige von Litthauen ſowohl gegen als fuͤr den Orden an den paͤpſtlichen Hof zu Avignon berichtet worden war, ſo iſt es wohl ſehr begreiflich, wie unendlich ſchwer, ja wie faſt unmoͤglich es dem Papſte in ſeiner Lage, in ſeiner Entfer⸗ nung und in ſeiner Unbekanntſchaft mit den Verhaͤltniſſen der erwaͤhnten Laͤnder ſeyn mußte, die vielfach verſchlungenen und oft abſichtlich verwirrten Faͤden zu entwickeln, das Wahre vom Falſchen, das Rechte vom Erdichteten zu ſcheiden und 1) Das Schreiben der Minoriten, datirt: In Culmine a. d. 1323 in die s. Katherine in zwei Originalen im geh. Arch. Schiebl. XI. Nr. 19. 20, und in einem ien, welches der Landmeiſter Frie⸗ derich von Wildenberg in Mewe im J. 1324 in Gegenwart des Abtes Jordan von Pelplin anfertigen ließ, in Schiebl. LII. Nr. 1. Das Schreiben der beiden Aebte von Oliva und Pelplin hat das ſpaͤtere Datum: In castro Gmeva a. d. 1324 indictione VII. XVI. Calend. Februar., im Origin. im geh. Arch. Schiebl. LIV. Nr. 3. Die Schrei⸗ ben ſchließen beide mit den Worten: Cupientes igitur, ut veritatis testimonium, quod coram vestra protulimus sanctitäte, fratribus pre- notatis utile et laudabile fiat nostrorum duximus apensione fieri evi- dens sigillorum.
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und der Hochmeifter am päpftl. Hofe (1323). 373 die Stellung zu gewinnen, auf der er als erſter und oberſter Richter des Ordens ſtehen mußte, um fuͤr dieſen oder fuͤr jenen der ſtreiterbitterten Theile die Entſcheidung auszuſpre⸗ chen. Da nun der Erzbiſchof von Riga bald nach dem Aus⸗ gang jener Briefe Gedimins ſich an den paͤpſtlichen Hof be: geben hatte!), wahrſcheinlich um dort fein argliſtiges Ge: webe noch weiter fortzuſpinnen, ſo berief der Papſt im Herbſt des Jahres 1323 auch den Hochmeiſter nach Avignon. Karl, der ſich bisher meiſt zu Trier aufgehalten, erſchien in Be⸗ gleitung einiger Rechtsgelehrten und vieler ſeiner Ordensritter, vom Papſte eben fo freundſchaftlich als ehrenvoll empfangen ?). Er hatte zuerſt mit dieſem eine geheime Unterredung, worin er ihm die noͤthigen Aufſchluͤſſe über feine bisherige Stellung zu feinem Orden mittheilte*). Bald darauf ward ein öffent: liches Conſiſtorium der Kardinaͤle angeordnet, in welchem die Streitſache zwiſchen dem Erzbiſchofe von Riga und dem Or⸗ den in Livland verhandelt werden ſollte. Da trat jener zuerſt wider die Ordensherren auf und faßte feine Klagen kurzlich alſo zuſammen: „Sie hindern die Glaubensprediger an der Verbreitung des evangeliſchen Lichtes unter den Heiden und verweigern ihnen die noͤthige Sicherheit auf ihren Reiſen durch ihre Gebiete; ſie belaſten die Neubekehrten mit einem unertraͤglichen Joche der Knechtſchaft; ſie unterſagen den Kir⸗ 1) Raynald annal. eccles. an. 1323. Nr. 62. 2) Die Zeit der Reiſe des Hochmeiſters nach Avignon wird in Chro⸗ niken zwar nirgends beſtimmt angegeben; wir wiſſen indeſſen aus Ur⸗ kunden in Hiſtor. Diplomat. Unterricht und Deduct. Nr. 66 und in Guden. Cod. diplom. T. IV. p. 1034 — 1035, daß ſich Karl von Trier in der Mitte des Auguſts 1323 noch in Deutſchland befand. Ueber feine Aufnahme am paͤpſtl. Hofe heißt es bei Wigand Marburg. p. 279: Adiit papam, a quo honorifice et amicabiliter susceptus est. S. Ordenschron. Bei Matthaeus p. 771. 3) Darauf weiſen die etwas dunkelen Worte bei Wigand. Mar- burg hin: Tractans cum eo (i. e. papa) secreta cordis sui, qui cum confirmavit, nichilominus tamen ordinis in hoc ſorefacto expurgavit. Der Chroniſt fest dieſe Worte in Zuſammenhang mit ſeiner fruͤheren Abſetzung. 5
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374 Der Erzbiſchof von Riga chenbau, berauben und vernichten Gotteshaͤuſer, unterdruͤcken und ermorden Geiſtliche, ſchlagen ſie in Feſſeln, ſchrecken ſie durch Drohungen und Strafen, ſchwaͤchen das Anſehen des apoſtoliſchen Stuhles durch gefaͤhrliche Verbindungen und ver⸗ ſperren denen den Weg, die an den paͤpſtlichen Hof zu gehen wuͤnſchen; ſie geben ihren eigenen Ordensbruͤdern, die vom Feinde verwundet werden, den Todesſtoß und werfen deren Leichname ins Feuer; ſie greifen in die Rechte des Erzbiſchofs von Riga, ſeiner Kirche, ſeines Domſtiftes und der uͤbrigen Biſchoͤfe ein, berauben die Guͤter der Rigaiſchen Buͤrger, kraͤnken deren Freiheiten, beſetzen die Ufer der Duͤna und den Hafen von Riga und ſtoͤren dadurch allen Handel und Wandel !).“ — Darauf ſtand der Hochmeiſter zur Verant⸗ wortung der Anklagen und zur Vertheidigung ſeines Ordens auf. Seine Fertigkeit in der Italiaͤniſchen Sprache machte es ihm moͤglich ohne Dolmetſcher zu ſprechen und er ſprach vor dem Papſte und den Kardinaͤlen über feine Sache mit ſolcher hinreißenden Beredſamkeit und ſolcher Anmuth, mit ſo viel Kraft und Nachdruck und mit ſolcher Umſicht in den Verhaͤltniſſen ſeines Ordens und der Rigaiſchen Kirche, daß er alles fuͤr ſich einnahm und daß ſelbſt ſeine Gegner uͤber feine Rede erſtaunten ?). Von den meiſten Anklagen erwies er, daß ſie ſeinen Orden nicht im mindeſten traͤfen und daß er darin unſchuldig ſey; von mehren, daß die Ordensritter darin gerechtfertigt und vertheidigt werden koͤnnten, und von andern wieder, daß fie unwahr und erdichtet ſeyen ). — 1) So findet man die Klagpunkte bei Raynald. an. 1324. Nr. 53. Sie ſtimmen im Ganzen mit denen in der Urkunde bei Kotzebue B. II. S. 368 — 371 überein. Die Darſtellung der Sache bei Lucas Da: vid B. V. S. 208 — 212 iſt faſt ganz woͤrtlich aus Simon Gru⸗ nau Tr. XI. c. 7 entnommen und von dieſem auch in die übrigen ſpaͤ⸗ tern Chroniſten, z. B. Henneberger S. 282 uͤbergegangen. Obgleich Pauli in ſ. Preuſſ. Staatsgeſch. B. IV. S. 164 ff. fie aufgenommen hat, fo tragen wir doch Bedenken, ihr Glauben beizumeſſen. 2) Dusburg c. 307. Wigand Marburg. p. 279. 3) Bei Raynald 1. c. heißt es ganz kurz: quae (Sc. crimina) tamen illi equites negabant constanter ac se illorum labe puros ac
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und der Hochmeiſter am paͤpſtl. Hofe (1323). 375 Nachdem hierauf der Papſt mit den Kardinaͤlen eine beſondere Berathung gehalten, ſprach er dann in oͤffentlicher Verſamm⸗ lung den Richterſpruch: „Die Ordensritter ſollen der Kirche zu Riga, den Biſchoͤfen und Domſtiftern alles Entzogene zu⸗ ruͤkgeben und fie ferner in keiner Weiſe mehr belaͤſtigen; diejenigen ſoll der Bann treffen, welche die im Kampfe ver⸗ wundeten Ordensbruͤder toͤdten oder in ein ſolches Verbrechen auch nur einſtimmen wuͤrden; niemand ſoll die, welche an den paͤpſtlichen Hof gehen wollen, hinfort weiter verhindern oder belaͤſtigen; alle Verbindungen und beſchworenen Vereine, die das Anſehen der Kirche beeintraͤchtigen, ſollen aufgehoben und hinfuͤro nicht mehr geſchloſſen werden; die Ordensherren ſollen die Geiſtlichen in Ehren halten und ſich keine Unge⸗ rechtigkeiten gegen ſie oder Verletzungen ihrer Kirchen zu Schulden kommen laſſen; ſie ſollen den Kirchenbau der Neu⸗ bekehrten in keiner Hinſicht hindern und dieſe nicht nur nicht beläftigen und bedruͤcken, ſondern vielmehr ihnen aufhelfen; den Glaubensprdigern ſollen ſie Schutz und Sicherheit ge⸗ waͤhren, und wer dieſem Gebote zuwider handelt, indem er ſolche Maͤnner beleidigt oder anfeindet, den treffe der Bann⸗ fluch !).“ Das war es, was der Papſt zur Beendigung des immunees contendebant; und Wigand. Marburg. 1. c. ſagt: Que gravamina statim per prudentiam Magistri Caroli sunt amota, ad gratiam tocius Curie ordo est restitutus. Die Ordenschron. bei Mat- thaeus p. 771. erwähnt: „Hy hielt ſyn woirden ſelve voir den Paus ende voir den Cardinalen, ende bedingden ſyns Oirdens ſaken tegens fon wederpartye, ende wan dat recht.“ Wenn aber noch hinzugefügt wird: „Ende alle coſten ende ſcade moſten ſy hem betalen ſy die gedaen had“, ſo moͤchte der Chroniſt doch wohl zu viel ſagen. Die lange Ver⸗ theidigungsrede des Hochmeiſters bei Lucas David B. V. S. 212 — 215 hat nur den Simon Grunau a. a. O. zu ihrer Quelle; |. Henneberger p. 283. 1) Wir haben zwei Berichte uͤber dieſen Ausſpruch des Papſtes, den einen bei Raynald J. c. als Auszug einer Bulle, deren Datum IV Idus Februar. p. a. VIII (10 Febr. 1324) lautet; dieſe Quelle iſt offenbar die zuverläͤſſigſte, denn den zweiten Bericht giebt der Erzbiſchof von Riga ſelbſt in der Urkunde, durch welche er nachmals den Bann⸗
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376 Der Erzbiſchof von Riga langen Streites ſprach. Der Hochmeiſter mußte nebſt ſeinen Ordensbruͤdern und dem Ordensſachwalter alle dieſe Gebote und Verordnungen vor dem Papſte und den Kardinaͤlen feier⸗ lich beſchwoͤren. Alſo nur dieſe Warnungen und Gebote waren das end⸗ liche Erfolgniß aller der vielfaͤltigen Klagen und Beſchwerden, welche ſeit Jahren der Erzbiſchof am paͤpſtlichen Hofe gegen den Orden geführt hatte. Ohne Zweifel hatte der Hochmei⸗ ſter über den Geiſt der Livlaͤndiſchen Prälaten und uͤber Zweck und Ziel ihrer Anklagen in einer Weiſe geſprochen, daß dem Papſte nichts weiter uͤbrig blieb, als nur zu warnen und ernſtlich zu ermahnen. Gewiß aber waren des Erzbiſchofs Ewartungen ganz anderer Art geweſen; ſeinen Hoffnungen und Wuͤnſchen war offenbar nicht im mindeſten genuͤgt, und es wird ſich ſpaͤter zeigen, wie wenig ihn dieſer Ausgang der Sache in ſeinen Beſtrebungen zufrieden ſtellte. — Die Streitſache wegen des Koͤniges von Litthauen hielt der Papſt für angemeſſener nach Unterſuchung der dem Orden hierin aufgebuͤrdeten Beſchuldigungen durch eine beſondere Geſandt⸗ ſchaft zur Ausgleichung zu bringen. Ueber die damals am paͤpſtlichen Hofe gepflogenen Un⸗ terhandlungen in Beziehung auf Pommern ſind wir faſt gar nicht unterrichtet. Ohne Zweifel ſah der Papſt auch ſelbſt ein, daß die von ihm ernannten Schiedsrichter allerdings nicht geeignet geweſen und ihr Verfahren in der Unterſuchung kei⸗ neswegs der Art ſey, den Streit zum Schluſſe zu bringen; und als er jetzt durch den Hochmeiſter den wahren Verlauf der Dinge vernahm und daraus erkannte, auf welchen falſchen und ungerechten Gruͤnden die Anklage gegen den Orden be⸗ ruhte, ſchien nun auch ihm das Verfahren der Ordensgebie⸗ fluch gegen den Orden ausſprach; ſ. Kotzebue B. II. S. 370 — 871. Der Erzbiſchof druckt den Ausſpruch des Papſtes in den meiſten Punkten allerdings viel ſtaͤrker aus und führt auch einige Verordnungen mehr an, z. B. die Freiheit des Hafens von Riga und der Duͤna, die Sicher⸗ ſtellung der Rigaer gegen Feindſeligkeiten des Ordens u. ſ. w.; der Erzbiſchof ſpricht hier aber als erbitterte Partei.
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und der Hochmeiſter am päpftl. Hofe (1323). 377 tiger in jeder Weiſe gerechtfertigt und es geſchah deshalb von ihm auch kein Schritt weiter weder fuͤr noch wider den Or⸗ den 1). Ueberhaupt hatte er ſich uͤber die Angelegenheit ſchon früher völlig zu Gunſten des Ordens ausgeſprochen, indem er die Behauptung des Koͤniges von Polen, daß Pommern rechtmaͤßig zu feinem Reiche gehöre, nicht nur fir unrichtig erklaͤrt 2) und das Verfahren der ernannten Schiedsrichter in der Unterſuchung der Sache als unangemeſſen getadelt ), ſondern auch dem Biſchofe von Samland in einer eigenen Bulle bereits den Auftrag ertheilt hatte, in Beziehung auf die vom Orden gegen das gefaͤllte Richterurtheil eingereichte Appellation auf dem geſetzlichen Wege zu verfahren, nochmals ein Verhoͤr in der Sache anzuordnen und dann nach der For⸗ derung des Rechts mit Hintanſetzung einer Appellation jenen 1) Das Einzige, was wir uͤber dieſe Verhaͤltniſſe wiſſen, liefert Wigand. Marb. p. 279, indem er in Beziehung auf des Hochmeiſters Anweſenheit am paͤpſtl. Hofe ſagt: Eodem tempore Poloni insidiabantur ordini, quocunque modo poterant, figmentis excommunicantes ordi- nem. Comperta vero veritate et iniusta ordinis accusatione absoluti sunt ab huiusmodi iniusta impetitione, unde deo graciantur, quod per prudentiam Karoli ordo fuit justificatus. 2) Es heißt naͤmlich in der Bulle an den Eczöiſchof von Samland: Quod licet terra Pomerania Wladislav. dioc. cum hominibus, vasallis, castris, villis, possessionibus et bonis existentibus in eadem ad Hospitale S. M. Th. I. zusfo titulo pertinere noscatur et tam Ma- gister generalis et fratres Hospitalis eiusdem s. Marie dictique Ma- gister et fratres Hospitalis in Pruscia quam predecessores eorum in pacifica possessione vel quasi eiusdem terre — fuissent a tempore quo terra ipsa cum dictis hominibus, vasallis, castris, villis, pos- sessionibus et bonis ad dietun Hospitale Ilieros. tytulo pervenit pre- dicto, Tamen nobili viro Wladyzlao duce Polonie suggerente nobis minus veraciler ad se terram ipsam, quam ad se asserit pertinere et quod dicti Magister generalis et fratres Hospitalis eum dicta terra cum dietis hominibus etc, contra iusticiam spoliarant etc. 3) Der Papft ſagt ſelbſt in der naͤmlichen Bulle: Dicti vero Ar- chiepiscopus, Episcopus et Abbas perperam in causa huiusmodi pro- cedenies, diffinitivam contra eosdem Magistrum et fratres Hospitalis Pruscia sententiam promulgarunt iniquam, a quo pro parte ipso- rum Magistri et fratrum ſuit ad sedem apostolicam appellatum.
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378 Der Erzbiſchof v. Riga u. d. Hochmeiſter x. (1323). Richterſpruch entweder zu beſtaͤtigen oder für ungültig zu er⸗ klaͤren!). Seitdem hatte der Papſt ſich abſichtlich mit der laͤſtigen Streitſache nicht weiter befaſſen wollen und deshalb dem Ordensſachwalter auch den Zutritt zu ihm in dieſer An⸗ gelegenheit nicht mehr geſtattet ?). Mit demſelben gluͤcklichen Erfolg fuͤr den Orden ward auch ſein Streit wegen des Peterspfennigs beendigt, denn auch hierin war dem Hochmeiſter durch den Ordensſachwalter Matthaͤus von Viterbo ſchon vorgearbeitet, indem dieſer be⸗ reits nachgewieſen hatte, daß der paͤpſtliche Stuhl dieſe Ab⸗ gabe von den Bewohnern des Kulmerlandes nie erhoben und die Herren dieſes Landes zur Leiſtung auch nicht verbunden ſeyen. Dieß wurde nun auch jetzt vom Hochmeiſter geltend gemacht und der Orden ſomit von der Verpflichtung zu dieſer Abgabe voͤllig frei geſprochen ). Nur fuͤr die Ordenslande in Pommern, die in dem Sprengel des Biſchofs von Leſlau lagen, konnten die Beweiſe des Hochmeiſters keine Anwendung finden. 1) Der Papſt erließ zwei Bullen an den Biſchof von Samland; in der einen beauftragt er ihn nach Erzaͤhlung des bisherigen Verlaufes dieſes Streites: quatinus vocatis, qui fuerint evocandi et auditis hincinde propositis, quod iustum fuerit, appellatione remota, decernas faciens quod decreveris per censuram ecclesiasticam firmiter obser- vari; in der andern heißt es: Fraternitati tue per apostolica scripta mandamus, quatinus in huius appellationis causa procedens legittime, sententiam ipsam confirmare vel infirmare, appellatione remota, pro- cures, prout de jure fuerit faciendum, 2) Daruͤber ein beſonderes Notariatsinſtrument des Ordensprocu⸗ rators Konrad Bruͤel, welches dieſer daruͤber abfaſſen ließ, weil ihm Iohannes de Montaginaco ipsius domini pape Portarius, qui tunc custodiebat hostium Pallatii düi pape, nicht erlaubt hatte, ad domi- num papam intrare, 3) Die Urkunde, welche alle dieſe vorerwaͤhnten Beſtimmungen ent⸗ haͤlt, iſt ein Notariatsinſtrument mit der Angabe: Facta fuit hec copia et per me Fridericum Notarium subseriptun scripta et auscultata ad ipsas litteras et originalium in domo ipsius fratris Conradi de Bruel, quam tunc Avinion. inhabitabat, anno a nativ. d. 1324, in- dictione VI, die XVI Mensis Marcii, pont. dni Iohannis pp. XXII an. VIII. Im geh. Arch. Schiebl. L.
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Tod des Hochmeiſters Karl von Trier (1324). 379 Indeſſen war damit die Streitſache noch keineswegs für immer abgethan, denn man kam ſpaͤterhin noch mehrmals mit dem paͤpſtlichen Hofe in Zwiſt über dieſe Abgabe. — Endlich ward auch der Streit des Ordens mit den Polniſchen Biſchoͤfen über die Erhebung des Zehnten in Pommerellen dahin entſchieden, daß der Hochmeiſter ſich mit den Praͤlaten durch Anweiſung auf Grundſtücke als Entſchaͤdigung für den Zehnten friedlich und guͤtlich abzufinden habe, wie dieſes auch bald nachher unter andern zwiſchen dem Hochmeiſter und dem Biſchofe Florian von Ploczk wegen des Zehnten im Michelauer⸗Lande wirklich geſchah '), In Folge der Anſtrengung aber, welche dieſe verwickel⸗ ten Verhandlungen dem Hochmeiſter Karl gekoſtet, trat ploͤtzlich in ſeinem Geſundheitszuſtande eine außerordentliche Schwaͤche ein, obgleich er noch in den ſchoͤnſten maͤnnlichen Jahren fand). Er begab ſich nach Trier zuruͤck, um dort im Or⸗ denshauſe unter ſorgfaͤltiger Pflege ſeine zerruͤttete Geſundheit wieder herzustellen; indeſſen blieben alle Bemühungen doch fruchtlos. Er ſoll am zwoͤlſten Februar des Jahres 1324 in den Armen ſeiner Ordensbruͤder geſtorben ſeyn und liegt zu Trier begraben “). 1) Dieſe Ausgleichung erfolgte im J. 1325 unter dem Hochmeiſter Werner von Orſeln. Der Biſchof erhaͤlt fuͤr den Fruchtzehnten im Michelauer⸗Lande das Dorf Jaſtrebe mit 60 Hufen Land, in welchem ihm 56 Mark Zins fallen und ſolchen Zins von 12 Mark bekommt er noch in drei andern Doͤrfern. Der Orden uͤbernimmt die Verthei⸗ digung des Dorfes. Urk. im Origin. im geh. Arch. Schiebl. LXXV. Nr. 7. 2) „Licet adhuc iuvenis esset“, Dusb. 3) Dusb. c. 307 fagt: Reversus ad Almanniam post paucos an- nos in civitate Treverensi apud fratres suos mortuus et sepultns est. Hienach hätte Karl nach feiner Rückkehr noch einige Jahre gelebt; da jedoch Dusburg ſelbſt ſeine Regierungszeit auf 13 Jahre beſchraͤnkt und Karl das Amt im J. 1311 uͤbernahm, ſo ſcheint er nach dieſer Angabe ſelbſt auch nach Dusburg im J. 1324 geſtorben zu ſeyn. Es kommt hinzu, daß weder der Epitomator, noch Jeroſch in e. 307 etwas von dem Zufage „post paucos annos ““ wiſſen, denn dieſer überfegt:
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380 Tod des Hochmeiſters Karl von Trier (1324). Das Urtheil der Polen uͤber ſeinen Charakter, in wel⸗ chem ihm Härte, Stolz, Halsſtarrigkeit!) und vorzuͤglich auch das Streben zugeſchrieben wird, Recht in Unrecht und Wahr⸗ heit in Lüge zu verkehren, gründet ſich offenbar nur auf die feindliche Stellung, welche er mit dem Orden waͤhrend ſeiner ganzen Regierungszeit gegen Polen nehmen mußte. Der Streit mit Polen aber beruhte eines Theils auf Verhaͤltniſſen, die ſich ſchon vor ihm ergeben hatten und in welche ihn die Pflichten ſeines Amtes ſetzten, andern Theils auch auf Rech⸗ ten, von deren Guͤltigkeit und Wahrheit nicht bloß er mit ſeinem ganzen Orden, ſondern zuletzt auch ſelbſt der Papſt aufs vollkommenſte uͤberzeugt waren, und von dieſer Ueber⸗ zeugung aus, nicht aber in blinder Parteilichkeit, muß ſein Handeln und Verhalten in dieſem Streite beurtheilt und ge⸗ richtet werden. Darum finden die Ordensſchriftſteller ſeine Verwaltung in aller Weiſe lobenswuͤrdig und ruͤhmenswerth und preiſen es als ſein beſonderes Verdienſt, daß durch ſeine ſtrenge Gerechtigkeitsliebe und ſein Widerſtreben gegen alles Schlechte der Orden ſich in ſeiner Zeit an Achtung und Ehre Darnach yn ſuͤche dannen treib Di ſint ſo lang ouch an ym warb Uncz er davon zu iungift ſtarb Zu trir in ſynes ordins huys Da iſt ouch ſynes grabis cluys. Auch Schütz p. 60 nimmt 1324 als Karls Todesjahr an; nach Wigand. Marburg. p. 279 und Lindenblatt S. 361 müßte Karl zwar wirklich erſt im J. 1327 oder 1328 geſtorben ſeyn, da ſie 1328 als das erſte Jahr ſeines Nachfolgers angeben; daß dieſes aber unrichtig iſt, beweiſen Ur⸗ kunden, wie wir ſehen werden, aufs entſchiedenſte. Lucas David B. V. S. 234 hat 1323 als Karls Todesjahr. Seinen Todestag, 12. Fe⸗ bruar, finden wir im Anniverfarium bei Bachem Chronol. der Hoch⸗ meiſter S. 30 angegeben. Einige Chroniſten, wie Schütz J. c. laſſen Karln in Wien ſterben und dort auch begraben ſeyn; ebenſo ſagen die Annal. Oliv. p. 42: Roma discedens, in itinere Viennae morbo op- pressus expiravit, ibique tumulatus est. . 1) So nennt ihn Damalewiez Vitae Vladislav. Episcop. p. 217 einen „homo ferus et superbus.“
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Tod des Hochmeiſters Karl von Trier (1324). 381 fo bedeutend emporgehoben n). Mönche ruͤhmen vor allem feine Freigebigkeit und fein Wohlwollen gegen Kloͤſter, vor⸗ zuͤglich gegen Oliva?) Für feinen Edelmuth ſpricht der Um⸗ ſtand, daß er ſeinen einſtigen Widerſachern unter den Ordens⸗ rittern, die ihn früher zur Entſagung feines Amtes gezwun⸗ gen, ihr damaliges Verfahren gegen ihn nicht nur verzieh, ſondern mehre ſogar nachmals zu höheren Ehrenaͤmtern bes förderte’). Er vergab und vergaß ihr Vergehen, weil fie ſelbſt erkannt hatten, daß fie irrend ihm Unrecht gethan *). Auch iſt es gewiß ein Ruhm fuͤr ihn, daß der bitterſte Gegner des Ordens, der Erzbiſchof von Riga keinen Flecken auf ſein Leben und ſeinen Wandel hat bringen koͤnnen. 1) Wigand. Marb.: Dictus Magister fuit iustitie propugnator et omnis mali extirpator, propterea Ordo apud eum crevit multum und in den Annal. Oliv. p. 40 heißt es: Erat Magister ille zelator iustitiae, nec avaritiam sibi usurpare voluit, et ideo tempore ipsius Deus benedixit Ordini, qui crevit in divitiis et honore, 2) Chron. Oliv. p. 45. Annal. Oliv. p. 39 — 40. 3) Wigand. Marb. I. c. Chron. Oliv. p. 47. Annal. Oliv. p. 41. 4) In ſeinem Schatze ſoll ſich nach Lucas David B. VI. S. 88 das Leben und eine Prophezeiung der heiligen Brigitte gefunden haben, die ihm manche ſogar als Verfaſſer zuſchreiben; allein die erſte Quelle dieſer Nachricht iſt Simon Grunau und dieſes reicht ſchon hin zu ihrer Wuͤrdigung.
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Fuͤnftes Kapitel. Noch waͤhrend jener Verhandlungen am paͤpſtlichen Hofe waren im Winter des Jahres 1324 in Preuſſen neue Heer⸗ haufen von Glaubenskaͤmpfern angekommen, angefuͤhrt von den beiden Rheinlaͤndiſchen Grafen Johann und Philipp von Sponheim!) und von dem edlen Ritter Peter von Roſenberg aus Boͤhmen 2). Die Zahl der Ritter und Knechte und vie⸗ ler andern Edlen vom Rhein, aus dem Elſaß und aus Boͤh⸗ men war nicht unbedeutend. Man entwarf den Plan zu einem Heereszuge nach Litthauen und die Boͤhmen drangen vorausziehend auch in das Land ein. Allein die Witterung war fo gelind und weich und das Eis über Fluͤſſen und Seen fo ſchwach, daß man die Unternehmung aufgeben mußte ). Ein Streifzug einiger Ordensritter mit ſechshundert Natan⸗ gern ins Gebiet des verhaßten Kaſtellans David von Gar⸗ then ward wenigſtens durch eine anſehnliche Beute belohnt. Bald nach dieſem im Mai brach der Komthur von Ragnit Dieterich von Altenburg mit vierundvierzig Ordensrittern und vierhundert ſtreitbaren Maͤnnern aus Samland und Natangen unvermuthet ins heidniſche Gebiet ein, bemaͤchtigte ſich der 1) Beide aus dem bekannten Rheinlaͤndiſchen Geſchlechte Starken⸗ burger Linie. 2) Er ſpielte damals in Böhmen eine ſehr wichtige Rolle; ſ. Chron. Aulae Reg. p. 80 — 31. Dubrav. Hist. Boiem. p. 165. 3) Dusb. c. 341. Das Chron. Canon. Samb. ſagt: Per hiememn non fuit expeditio; sed Bohemi explorabant aliquam partem Litwi- norum terre.
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Kriegsfahrten nach Litthauen (1324). 383 Vorburg von Gedimins-Burg, erſchlug alles, was ſich nicht in die Hauptburg hatte retten koͤnnen, und brannte ſie dann von Grund aus nieder ). Aber außer dieſen geordneten Kriegsreiſen ins feindliche Land trieben auch jetzt noch die Freibeuter, jene ſchon fruͤher erwaͤhnten Struter ?) mit den unter ihrer Fuͤhrung dienenden kampfluſtigen Kriegsgeſellen ihr raͤuberiſches Kriegsgeſchaͤft. Der berühmte und vom Feinde gefürchtetſte war um dieſe Zeit der Ermlaͤnder Prewilte, auch Mucke genannt), der es wagte, mit nur neunzehn feiner kuͤhnen Geſellen tief in die Wildniß Litthauens einzudringen und als er dort vernahm, daß in der Naͤhe fuͤnfundvierzig Litthauiſche Reiter ſich mit der Jagd erluſtigten, zog er ihnen mit Liſt und Vorſicht ſo lange nach, bis er ſie in einer Nacht überfallend in tiefem Schlafe alle bis auf den letzten Mann mit den Seinen erſchlug. Ihre Roſſe und ihr Jagdgeraͤthe waren die Beute der Abenteurer. Da Prewilte bald darauf in einer andern Kriegsreiſe mit nur wenigen Geſellen wie⸗ derum in die Wildniß Litthauens kam, traf er ploͤtzlich auf eine weit uͤberlegene Schaar feindlicher Reiter. Weil er ſich indeß ihrer Zahl und Macht nicht gewachſen fand, ſo ergriff 1)˙ Dusb. c. 344 erzählt hier noch, daß hiebei ein Ordensbruder Other gefangen genommen, bald wieder frei gekommen, dann zehn Tage lang in der Irre ohne Speiſe hingebracht habe. Und Jeroſchin fuͤgt dieſer Erzaͤhlung hinzu: Das vindet ir hat ir ſin ruch Gancz in gerſtenbergis buch Want der hat daz betichtet Und encelen intrichtet. Dieſer Chronik Gerſtenbergers erwaͤhnt auch Lucas David B. V. S. 231. Zu Hennebergers Zeit muß ſie noch vorhanden geweſen ſeyn, denn er fuͤhrt ſie unter ſeinen Quellen an. 2) ueber dieſe Latrunculi oder Struter ſ. oben B. III. S. 365. 3) Dusb. c. 345 nennt nur den einen Namen Mucko, Jeroſchin dagegen beide, der Epitomator Perwelte alias Mucke, Lucas David B. V. S. 232 Prewilt. In Ermlaͤnd. Verſchreibungen kommt der Name meiſt Prewilte geſchrieben vor. Nach einer Urkunde vom J. 1333 im Fol. Ermlaͤnd. Privileg. p. XXVIII war unſer Prewilte im genann⸗ ten Jahre ſchon geſtorben.
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384 Wahl des Hochmeiſters Werner v. Orſeln (1324). er mit den Seinigen die Flucht und um dieſe zu beſchleuni⸗ gen, ließ er, da der Feind ſehr nahe war, Speiſe und alles Gepaͤck eiligſt von den Roſſen werfen. So gelang zwar die Rettung der kuͤhnen Kriegsgeſellen; allein mitten in der Wild⸗ niß trat bald große Hungersnoth ein und alle ſahen dem jam⸗ mervollſten Schickſale entgegen. Da ſprach Prewilte das mu⸗ thige Wort: „Ihr ſehet, uns verzehrt der Hungertod; alſo wohlan, laßt uns einen ehrenvollen Tod erkaufen; laßt uns dem Feinde nachfolgen; vielleicht daß uns das Gluͤck gegen ihn beguͤnſtigt!“ Alle gehorchten; fie kamen den feindlichen Reitern heimlich nahe und es gelang, ſie zur Nachtzeit uͤber⸗ fallend ſaͤmmtlich zu erſchlagen und ihre Waffen, Roſſe und Lebensmittel als Beute wegzunehmen ). Mittlerweile waren des Ordens oberſten Gebietiger, der Deutſchmeiſter Konrad von Gundelfingen 2), der Meiſter von Livland Eberhard von Monheim und viele andere der vor⸗ nehmſten Beamten und Ritter des Ordens zur neuen Mei⸗ ſterwahl in Marienburg zuſammengekommen und als nun der zu des Meiſters Kuͤr beſtimmte Tag am ſechſten Juli des Jahres 1324 erſchien, „da haben ſie, wie ein Chroniſt berichtet, ihrer Gewohnheit und ihrem Brauche nach mit gro⸗ ßer Herrlichkeit, Zierde und Gepraͤnge eine Meſſe vom heiligen Geiſte geſungen und zur Wahl eines neuen Hochmeiſters ge⸗ ſchritten, da denn nach vielem Bedenken und Erwaͤgen der Haͤndel und Perſonen beſchloſſen worden, daß ſie den Bruder Werner von Orſeln zum Meiſter erkoren und auch am ſech⸗ ſten des Heumonds angenommen, ausgerufen und nach ihrem Brauche vor dem Hochaltare zu Marienburg in der Schloß— kirche mit ihres Hochmeiſters Kleidung bekleidet haben ).“ 1) Dusb. c. 346. Jeroſchin c. 346. Lucas David B. V. S. 232. 2) Konrad von Gundelfingen war nicht erſt 1325 Deutſchmeiſter geworden, wie Bachem a. a. O. S. 28 und De Wal Recherches T. I. p. 405 anzunehmen ſcheinen, ſondern er hatte das Deutſchmeiſteramt ſchon im J. 1323, wie eine urk. in Jaeger Cod. diplom. ord. Theut. T. II. beweifet. Im J. 1322 war er noch Landkomthur von Franken. 3) Lucas David B. V. S. 284. Wigand. Marb. fagt: Pre-
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Wahl des Hochmeiſters Werner v. Orſeln (1324). 385 Die Wahl geſchah voͤllig einſtimmig und ohne irgend einen Widerſpruch 1), denn Werner, aus den Rheinlanden gebuͤrtig, wo fein Geſchlecht in Mainz ſchon feit alter Zeit bluͤhete ?), war fruͤherhin als Komthur in Ragnit mit der Kriegsfuͤhrung auf den Zuͤgen nach Litthauen bekannt geworden und hatte darauf durch eine faſt zehnjaͤhrige Verwaltung des wichtigen Amtes des Großkomthurs ſowohl die innere Landesherrſchaft, als die Verhandlungen der aͤußeren Verhaͤltniſſe des Ordens, beſonders zu den Nachbarſtaaten aufs genauſte kennen gelernt. Seit des vorigen Meiſters Abweſenheit war außer dem Land⸗ meiſter er es ja vorzuͤglich geweſen, der den Verwaltungs⸗ und Regierungsgeſchaͤften in Preuſſen mit ruͤhmlichem Eifer vorgeſtanden ). Sein Charakter hatte ihm laͤngſt bei ſeinen Ordensbruͤdern allgemeine hohe Achtung erworben; man ruͤhmte ſeine Weisheit und ſein offenes und beſonnenes Weſen; in Froͤmmigkeit und Demuth war er allen Muſter und Vorbild, und wenn er auch nicht die feine Bildung und die beredte Gewandtheit feines Vorgängers beſaß, fo wirkte er um fo mehr durch die Reinheit feiner Sitten, durch Unbeflecktheit ritterlicher Ehre und durch Aufrechthaltung ſtrenger Zucht und eines keuſchen und reinen Wandels auf den Geiſt ſeines Or⸗ ceptores pro electione magistri in Prussiam breviter convenerunt. Nach einer Bemerkung Hennigs zu Luc. David B. VI. S. 219 ſollte man glauben, Friederich von Wildenberg habe ſein Amt noch bis zum October 1324 verwaltet und Werner von Orſeln das ſeinige erſt ſpaͤter angetreten. Allein Hennigs Annahme ſtuͤtzt ſich auf die unrichtige Aus⸗ legung einer Urkunde (wovon bald das Naͤhere) und es iſt ſchon an ſich nicht glaublich, daß Dusburg den Tag der Hochmeiſterwahl unrichtig angegeben habe, da er Wernern von Orſeln ſeine Chronik widmete. Jeroſchin und der Epitomator weichen etwas ab, indem ſie den Tag Petri und Pauli (29. Juni) als Wahltag anführen. 1) Wigand. Marb. I. c.: In Marienburg concorditer elegerunt Wernerum de Orsola. 2) Guden. Cod. diplomat. T. III. p. 795. 800. 3) Werner von Orſeln kommt ſchon im Anfange des J. 1315 als Großkomthur vor und erſcheint ſeit des Hochmeiſters Abreiſe aus Preuſſen in den Urkunden uͤberall als Mitverwalter der Landesregierung. IV. 25
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386 Werner von Orſeln als Hochmeiſter (1324). dens und auf die Geſinnung feiner Ritterbruͤder ein!). In dem Wahlkapitel aber ward der bisherige Landmeiſter Frie⸗ derich von Wildenberg zum Großkomthur ernannt und Hil⸗ debrand von Rechberg war Ordens-Treßler. Das Ordens⸗ amt des Marſchalls dagegen blieb auch jetzt noch unbeſetzt ?). Kaum aber hatte Werner von Orſeln den hochmeiſterli⸗ chen Stuhl eingenommen, als aus Litthauen her, zum Be⸗ weiſe, daß Koͤnig Gedimin nichts weniger als friedliche Ge⸗ ſinnungen hege, ein neues Kriegsgeſchrei erſcholl mit der Nachricht, daß eine Schaar von vierhundert Litthauern vor der Ordensburg Chriſtmemel liege, um das Haus zu erſtuͤr⸗ men und dann weiter ins Land einzudringen. Der Sturm brach ſich jedoch ſchon an dem Muthe der dortigen Beſatzung, denn die Ordensritter, von des Feindes Ankunft durch einen Fiſcher zeitig unterrichtet, leiſteten beim Angriffe auf die Burg und in offener Feldſchlacht den tapferſten Widerſtand, alſo daß eine bedeutende Zahl der Heiden und unter ihnen auch ein vornehmer Edler ihres Volkes dem Schwerte und den Pfeilen der ritterlichen Burgbeſatzung erlag, bis endlich nach einem bittern Kampfe um den Leichnam des erſchlagenen Edlen die Litthauer unter großem Verluſte zuruͤckzogen ). 1) So ruͤhmt ihn Jeroſchin c. 347. Lucas David B. V. S. 234. Der Epitomator ſchildert ihn als animosus, virtuosus et devotus. Henneberger S. 283. In der Ordenschron. p. 66 heißt es: Er war gancz ein eddeler, gottsfuͤrchtiger herre, ſeines ordens bruder hieltt er in geiſtlichen und erbarlichen czuchten, aber diß genoß er am ende ſeines lebens gancz uͤbel“; ebenſo die Ordenschron. bei Matthaeus p. 773. Annal. Oliv. p. 42. 2) Die Nachricht, daß das Marſchallamt mit dem Ordensritter Ignatius von Lermau oder Lermaul beſetzt worden ſey, ruͤhrt von Simon Grunau Tr. XI. c. 11 her und ging zu Leo p. 141 über; ſ. Werner Geſammelte Nachrichten zur Preuſſ. und Poln. Geſch. S. 180. Alle Namen aber, welche Simon Grunau bei der neuen Ge⸗ bietiger⸗Wahl anfuͤhrt, ſind erdichtet und Urkunden kennen um dieſe Zeit keinen Marſchall. Heinrich von Iſenburg damals Komthur von Koͤnigsberg wird nie als ſolcher bezeichnet. 3) Dusb. c. 348. Jeroſchin c. 348. Lucas David B. V. S. 235. Kojalowiczx p. 271.
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König Gedimin u. die päpſtl. Nuntien (1324). 387 Da kam unerwartet vom paͤpſtlichen Hofe her das Frie⸗ denswort. Der Papſt naͤmlich war wirklich durch die an ihn geſandten Briefe mit dem ganzen Kardinalcollegium zu der Meinung gelangt, der Koͤnig Gedimin wuͤnſche jetzt aufrich⸗ tig den Empfang der Taufe !), und da er zugleich die Hoff⸗ nung hegte, daß des Fürften Beiſpiel auch mächtig auf die Edlen des Landes und auf das ganze Volk einwirken werde, ſo hielt er es fuͤr wichtig genug, zwei Bevollmaͤchtigte, den Biſchof Bartholomaͤus von Alet und den Abt Bernhard vom Benedictiner⸗Kloſter S. Theofried im Gebiete von Puͤy nach dem Norden zu ſenden, um durch ſie das erfreuliche Werk ausfuͤhren zu laſſen. Mit einem an die geſammte Geiſtlich⸗ keit, an alle Moͤnchsorden, ſowie an die Orden der Johan⸗ niter, der Deutſchen Bruͤder und der Ritter von Calatrava gerichteten Empfehlungsſchreiben des Papſtes verfehen ?), lang⸗ ten ſie in Preuſſen an mit dem Befehl an den Hochmeiſter, ſich ſofort, ſobald der Fuͤrſt von Litthauen die Taufe empfan⸗ gen, aller Belaͤſtigungen, Fehden und Feindſeligkeiten gegen ihn aufs ſtrengſte zu enthalten und hinfuͤro bruͤderlich und 1) Es heißt in der gleich näher erwähnten Bulle an den Hochmei⸗ ſter: Pater luminum — mentem magnifici Viri Gedemine Regis Letwi- norum et multorum Ruthenorum preparasse videtur, sicut per devo- tissimas litteras eius nobis et fratribus nostris Sancte Romane Ec- clesie Cardinalibus nobis directas percepimus, ad cognoscendam et percipiendam lucem catholice veritatis. 2) Ein Transſumt diefes Empfehlungsſchreibens des Papſtes, wel⸗ ches letztere das Datum hat: Avinion. Calend. Iunii p. n. a. octavo (1. Juni 1324) im geh. Arch. Schiebl. VII. Nr. 4b. Merkwuͤrdig ift darin die Stelle: Universitatem vestram rogamus et hortamur attente per apostolica vobis scripta mandantes, quatenus eosdem Nuncios, cum per partes vestras transitum fecerint, ob reverenciam dicte Sedis et nostram benigne recipientes et honeste tractantes eisdem diebus singulis Episcopo videlicet in octo et Abbati in quinque florenis auri pro eorum necessariis et de securo conductu necnon in evectionibns oportunis, si sue in via forsan defecerint — in eundo, morando et redeundo liberaliter providere enretis. Wer dieſem nicht nachkommt, wird für einen Rebellen erklärt, gegen den die Geſandten den Bann ſchleudern koͤnnen. 2
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388 König Gedimin u. die päpftl. Nuntien (1324). friedlich mit ihm zu leben. Die von dem Könige bei ihm wider den Orden erhobenen Klagen und Beſchwerden verhieß der Papſt nach erfolgter Bekehrung auf dem Wege des Rechts unterſuchen und entſcheiden zu laſſen !). Auch ſonſt noch mit den zu ihrer Beſtimmung nothwendigen Vollmachten zur ge⸗ deihlichen Verbreitung des Glaubens verſehen 2), kamen ſie am zweiundzwanzigſten September des Jahres 1324, wie es ſcheint in des Hochmeiſters Begleitung, in Riga an), wo ihre erſte Bemuͤhung war, zwiſchen dem Koͤnige von Litthauen und den chriſtlichen Landen einen feſten Frieden herzuſtellen, zumal da der Papſt bereits auch den Friedensvertrag beſtaͤtigt hatte, den im vorigen Jahre als zwiſchen Gedimin und den Livlaͤndern abgeſchloſſen der Erzbiſchof von Riga ihm zur Be⸗ ſtaͤtigung und Bekraͤftigung vorgelegt hatte). Wiewohl nun 1) Dieſe an den Hochmeiſter gerichtete Bulle mit dem Datum: Avinion. Calend. Junii an. VIII ſteht in Regest. bullar. p. 18, im Copienb. des geh. Arch. Nr. 878; vgl. Raynald. an. 1324 Nr. 51. Der Papft ſagt: er ſende die Legaten ad eiusdem Regis devote requi- sitionis instanciam. Bei Dusb. c. 349 heißt es dagegen: Iohannes Papa XXII ad suggestionem fratris Friderici Ord. fratrum Minorum Archiepiscopi de Riga et Civium ibidem misit ad partes Livoniae duos Legatos. Man wußte alſo im Orden recht gut, daß der Erz⸗ biſchof dazu den Anlaß gegeben. Noch mehr beweiſet dieſes Jeroſchin, wie in der Beilage Nr. VI gezeigt iſt. 2) ©. Raynald. an. 1324. Nr. 46. 3) Dusb. d. 349. Daß der Hochmeifter die Legaten begleitete, iſt darum wahrſcheinlich, weil wir in dieſer Zeit gar keine Spur ſeiner Anweſenheit in Preuſſen ſinden. 4) Dieſe an den geſammten Orden in Deutſchland, Preuſſen und Livland gerichtete Bulle, datirt: Avinion. II Calend. Septembr. p. a. VIII (31. Aug. 1524) in Regest. litterar. commun. epist. 1893, P. II., im Copienb. Nr. 379; ſ. auch Raynald. an. 1323 Nr. 20, wo jedoch der Friedensvertrag nicht ſelbſt mit ſteht; ſ. auch an. 1324 Nr. 52. In der Urkunde des Kaif. Ludwig IV, worin der Papſt für einen Ketzer erklärt wird — ſ. Olenſchlager Staats-Geſch. des Röm. Kaiſerth. urkundenb. Nr. LVIII. p. 168, heißt es zum Beweiſe, daß der Papſt nur auf den Untergang des Glaubens hinarbeite: Proh dolor, aures humanae refugiunt, observationem treugarum cum infidelibus in con- finio Pruciae praeceptori generali domus s. Mariae Theutonicorum
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König Gedimin u. die päpftl. Nuntien (1324). 389 fhon vom Erzbiſchofe ſelbſt neben ernſtlichen Ermahnungen auch die nachdruͤcklichſten Drohungen von Strafen an den Orden ergangen waren, ſofern durch ſeine Schuld der Friede im mindeſten verletzt werde, ſo verfuͤgten die paͤpſtlichen Le⸗ gaten doch uͤberdieß ſchon im voraus den Bannfluch gegen den Hochmeiſter, alle Gebietiger und den geſammten Orden, ſowie gegen jeglichen feiner Unterthanen, der es wagen werde, den Frieden in irgend einer Weiſe zu brechen. Sie erklaͤrten dabei ausdruͤcklich, daß der Friedensvertrag ſich namentlich auch auf den Orden in Preuſſen erſtrecken und der Meiſter und die Gebietiger dort ebenfalls verpflichtet ſeyn ſollten, ihn aufs ſtrengſte zu beobachten, fo lange es dem paͤpſtlichen Stuhle heilſam und zweckmaͤßig ſcheinen werde 1). Waͤhrend nun der Papſt ſchon darauf bedacht war, den Minoriten⸗Moͤnchen in Sachſen, fuͤr welche Gedimin bereits zwei Kirchen in Litthauen erbaut haben ſollte, ihre Wande⸗ rung dahin durch Beſtimmung einiger Orte in Preuſſen und Kurland als Ruhepunkte zur Erholung auf der langen Reiſe zu erleichtern und daruͤber bereits die noͤthigen Vorkehrungen traf 2), ſandten die Legaten, in der Hoffnung, ſich auf dieſe districtissime injunxit, illud agere in augmentum fidei christianae, licet mendaciter, se praetendens quod in eiusdem fidei conceperat notorium detrimentum. 1) Außer Dusb. I. c., der über dieſen Frieden in Beziehung auf Preuſſen als von einem neuen ſpricht, haben wir die Ratification des Friedens von den Legaten auch noch ſelbſt im Original mit dem Datum: Rige a. d. 1324 die vicesima mensis Octobr. im geh. Arch. Schiebl. XI. Nr. 3. Die Urkunde iſt an Magistrum, Preceptores et fratres Prussie gerichtet. Die Legaten erklaͤren, ſie ſeyen destinati pro exaltatione catholice fidei, ad cuius ampliationem et cultum domini nostri pon- tificis pervigil versatur intentio und weil fie der Ueberzeugung feyen, daß ihnen der Weg zu ihrem Werke durch den Frieden ſehr erleichtert werde, jo pacem quandam initam hactenus inter clerum, populum et vasallos civitatis dioc. et Provincie Rigens. ac nonnullos fratres vestri ordinis ex parte una et Regem Letwinorum et Ruthenorum ex altera procuravimus omni ope, qua potuimus incogitari. 2) Das paͤpſtl. Schreiben hieruͤber an den Minoriten-Orden in Sachſen, datirt: Avinion. II Idus Novembr. anno IX in Regest. litterar.
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390 König Gedimin u. die päpftl. Nuntien (1324), Weiſe zuvor des Vertrauens des Königes Gedimin zu ver⸗ ſichern, eine feierliche Botſchaft an ihn ab, theils um ihm ein Schreiben des Papſtes einzuhaͤndigen, worin dieſer ihm vor allem Gluͤck wuͤnſchte zu feiner helleren Erkenntniß des wahrhaft Goͤttlichen, ihm dann auch ſeine Freude zu erkennen gab uͤber den Empfang und Inhalt ſeiner Briefe wegen ſeines feſten Entſchluſſes zum Eintritte in die chriſtliche Gemeinſchaft und endlich auch den Zweck der Reiſe dieſer beiden Legaten in Beziehung auf feine Bekehrung meldete !), theils auch um ihm von ihrer Seite den Zweck ihrer Ankunft und den vom Papſte ihnen gewordenen Auftrag mitzutheilen, und um end⸗ lich auch genau erforſchen zu laſſen, ob ſein Entſchluß zum Empfange der Taufe und zur Bekehrung ſeines Volkes wirk⸗ lich feſtſtehe, denn wie es ſcheint waren die Legaten von mehren Seiten her uͤber die Wahrhaftigkeit der Geſinnungen des Fuͤr⸗ ſten ſchon etwas zweifelhaft und ſcheu gemacht ?). Bevor jedoch die Botſchaft nach Riga zuruͤckkehrte, bewies Gedimin nur zu deutlich, daß weder friedliche noch chriſtliche Geſinnungen in ſeiner Seele lebten, denn waͤhrend die Nach⸗ barlande feſt auf den gebotenen Frieden vertrauten und die Botſchafter noch an des Fuͤrſten Hof verweilten, brach der raubluſtige Hauptmann David von Garthen auf Gedimins Befehl mit einem ſtarken Heere unvermuthet in das Gebiet des Herzogs von Maſovien ein, erſtuͤrmte die Stadt Pultusk communium epist. 440 P. I., im Copienb. des geh. Arch. Nr. 107 vgl. mit Nr. 120. 1) Das weitläuftige Schreiben des Papſtes an Gedimin bei Raynald an. 1324 Nr. 48 — 50. Es iſt auch inſofern wichtig, als man ſieht, daß der in der Beilage Nr. VI. abgedruckte Brief Gedimins ſeinem we⸗ ſentlichen Inhalte nach in dieſem wieder enthalten iſt, daß aber außer⸗ dem nach dieſem erſten Briefe noch ein zweiter als von Gedimin an den Papſt gelangte, worin dieſer ihm gemeldet, daß außer ihm noch mehre principes et omnes barones ſeines Reiches die Taufe empfangen wollten. 2) Dusb. c. 349. Jeroſchin c. 349. Lucas David B. V. S. 236 hat die Nachricht, daß der Landmeiſter von Livland die Legaten auf die umtriebe der Rigaer in der Sache zuvor ſchon aufmerkſam ge⸗ macht habe.
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König Gedimin u. die päpftl. Nuntien (1324). 391 am Narew, pluͤnderte und verbrannte gegen hundert und drei⸗ ßig theils dem Biſchofe von Ploczk, theils dem Herzoge und andern Großen zugehörige Dörfer, zerftörte über dreißig Pfarr: kirchen und Kapellen, raubte und entweihte überall die hei⸗ ligen Geraͤthe, erſchlug Prieſter und Mönche, ermordete Über zweitauſend Menſchen beides Geſchlechtes und fuͤhrte eine gleiche Zahl in die traurigſte Gefangenſchaft mit fort. Eine große Anzahl geraubter Kinder ſtarben auf dem Ruͤckzuge vor Hunger und Kaͤlte in den Wildniſſen und Waͤldern und wur⸗ den den wilden Thieren zum Fraße hingeworfen. Mit einer - überaus reichen Beute von Roſſen, Vieh und vielen andern Dingen kam dann nach wenigen Wochen der raubgeſaͤttigte Krieger in der Heimat wieder an 1). Und waͤhrend dieſes Raubheer ſo furchtbar in Maſovien hauſte, war auf des Koͤ⸗ niges Gedimin Befehl ein anderer maͤchtiger Heerhaufe in Livland eingefallen und hatte dort das Gebiet von Roſiten mit Feuer und Raub ſchrecklich heimgeſucht ?). 1) Außer Dusb. c. 350 geben auch in einer Urkunde die Herzoge Semovit und Troyden und der Biſchof Florian von Ploczk einen Be⸗ richt uͤber dieſen Einfall der Litthauer, worin es heißt: In vigilia b. Cecilie proxime transacta quidam princeps infidelis nomine David regi sive duci eidem Litwanie subiectus in multitudine gravi et ex- ercitu copioso clam subintrans terras nostras octuaginta villas in nostro dominio et triginta septem mense episcopales et unum oppidum non munitum cum multis villis ınonasteriorum, equis, pecoribus et rebus omnibus spoliavit, Quamquam plures ecclesias cum prefatis villis nomine dei nostri blasphemando incendio ignis hostiliter con- cremavit sanguinem christianum quod cum dolore referimus occisione gladii crudeliter effudit et proh dolor plus quam duo milia christia- norum utriusque sexus in errorem paganicum secum abduxit redigens perpetue servituti, exceptis parvulis, qui ex nuditate et frigoris aspe- ritate perempti per devia silvas et nemora consumendi a bestiis sunt relicti. 2) Dusb. c. 351. Jeroſchin fehließt feine Erzählung mit den Worten: Nu ſeht, wi rechte innentlich Schikte czu deme toufe ſich Dirre heideniſche hunt Als man e von ym machte kunt.
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392 König Gedimin u. die päpftl. Nuntien (1324), Nun kehrten wenige Tage nach dem Einfalle dieſer Raub: heere in die genannten Länder auch die Botſchafter der paͤpſt⸗ lichen Legaten nach Riga zuruͤck!), in ihrer Begleitung ein ſehr vornehmer Litthauer, der nach dem Koͤnige den erſten Rang unter den Großen des Landes einnahm. Sie kamen aber mit einer Antwort des Koͤniges, die der Papſt auf keine Weiſe erwartet, auf welche indeß die Botſchafter deſſelben durch die juͤngſten Ereigniſſe gewiß ſchon vorbereitet waren; denn vor einer Verſammlung der Legaten, vieler Praͤlaten und Edlen des Landes trat jener vornehme Litthauer im Auf⸗ trage ſeines Herrn mit der Erklaͤrung auf: „Unter Mitwiſſen und Willen des Koͤniges find niemals irgend Briefe über feine oder ſeiner Unterthanen Bekehrung zum Chriſtenthum ausgegan⸗ gen und er ſelbſt hat weder jemals an den Papſt geſchrieben, noch auch befohlen, ſolcherlei an die Seeſtaͤdte oder in andere Laͤnder zu verkuͤndigen. Vielmehr hat es der Koͤnig, mein Herr, bei der Macht unſerer Goͤtter geſchworen, daß er nie einen andern Glau⸗ ben annehmen wolle, als in welchem ſeine Vorfahren geſtorben ſeyen.“ Man erſtaunte über dieſe Worte; da jedoch die Wahr: heit dieſer Erklaͤrung des Koͤniges auch die Botſchafter beftä- tigten, ſo blieb jetzt kein Zweifel mehr, daß Gedimin nie auch den Gedanken der Bekehrung gehegt und ausgeſprochen habe ?). Gewiß mochten aber nun die paͤpſtlichen Legaten die 1) Dusb. I. c. nennt XI Cal. Decemb. oder 21. Novemb. als den Tag des Einfalls in Maſovien; Jeroſchin dagegen den Eliſabethen⸗ Tag d. h. 19. Novemb. Der Tag der heil. Caͤcilia ſtimmt mit Dusburgs Angabe genau uͤberein. Der Einfall in Livland geſchah X Cal. Decemb. oder 22. Novemb. Die Geſandten kamen aus Litthauen zuruͤck VII Cal. Decemb. oder 25. Novemb. oder am S. Katharinen⸗Tag nach Jeroſchin. 2) Dusb. c. 352. Alb. Crantz Wandalia L. VIII. c. 9 giebt die Worte Gedimins etwas anders. Nach dem Chron. Herm. Corneri p. 1006 ſagt Gedimin den Legaten ſelbſt: Papam vestrum non novi nec noscere cupio, fidem autem, quam ex traditione paterna accepi, in illa perseverabo vertando pro ea usque ad mortem. Cf. Raynald, Annal. eccles. an. 13%. Nr. 35. Lucas David B. V. S. 238 ff. iſt hier nicht Überall glaubhaft, da er den Nachrichten Simon Gru⸗ nau's zu viel Vertrauen ſchenkt.
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Neue Klage des Erzbiſchofs v. Riga gegen d. Orden (1325). 393 Frage aufwerfen: welche Bewandtniß es denn mit den aus⸗ gefandten Briefen habe, wenn Gedimin ſie nicht als die ſei⸗ nigen anerkenne? — Damals mochte wohl keiner im Stande ſeyn, das dunkele Raͤthſel zu loͤſen, denn das Gewebe der Argliſt und des Betruges war zu fein geſponnen, als daß man die Faͤden im Augenblicke haͤtte entdecken und verfolgen koͤnnen. Erſt nach Jahren klaͤrte es ſich auf und ward faſt allgemein bekannt, daß kein anderer, als des Ordens unver⸗ ſoͤhnlicher Feind, der Erzbiſchof von Riga die Briefe in Ge⸗ dimins Namen heimlich verfaßt und dem Papſte, ſowie den Seeſtaͤdten und den Mönchsorden zugeſandt habe, um fo durch Lug und Trug ſeinen Plan, den Orden am paͤpſtlichen Hofe immer mehr anzuſchwaͤrzen, weiter zu verfolgen und damit den Ausſchlag des zwiſchen ihm und dem Orden da⸗ mals noch obſchwebenden Streites bei dem Papſte um ſo ſicherer und guͤnſtiger für ſich zu gewinnen ). Dem Erzbiſchofe blieb jetzt nichts uͤbrig, als bei ſeinem Syſtem ſtandhaft zu beharren. Den Papſt beſchwichtigte er, wie es ſcheint, mit des Koͤniges Wankelmuth und veraͤnder⸗ licher Geſinnung. Um ſeinen Worten aber noch feſteren Glau⸗ ben zu verſchaffen, that er im April des Jahres 1325, waͤh⸗ rend die paͤpſtlichen Legaten noch zu Riga verweilten, einen neuen Schritt. Durch den unlaͤngſt erfolgten Spruch des Papſtes war ſein Ziel noch bei weitem nicht erreicht; er ver⸗ faßte daher eine abermalige Klagſchrift gegen den Orden 2), in welcher er, nicht ohne ſchlaue Abſichten ſowohl ſeines ſchon 1) Den umſtaͤndlicheren Beweis hieruͤber geben wir in der Beilage Nr. VI. zu dieſem Bande. 2) Gleich im Anfange dieſer Klagſchrift bezeichnet der leidenſchaft⸗ liche Prälat die Ordensritter als fidei Christi impeditores, ecclesiarum destructores, morum bonorum violatores, captivatores temerarios, Archiepiscoporum et aliorum prelatorum et clericorum, quorum quam plures per eosdem occisi fuerunt, notorios invasores, castrorum alio- rumque locorum earundem ecclesiarum avidissimos occupatores, con- spiratores, periuros ac facientes parlamenta und als ſolche habe er fie damals ſchon in den Bann und ihre Häufer und Kirchen in das Inter⸗ dict erklart.
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394 Neue Klage des Erzbiſchofs v. Riga gegen d. Orden (1325). fruͤher gegen die Ritter ausgeſprochenen Bannes und Inter⸗ dicts, als auch der Banndrohung des ehemaligen Biſchofs von Modena gegen alle Uebertreter ſeiner Graͤnzbeſtimmungen, ſowie auch des Bannſpruches des paͤpſtlichen Inquiſitors Franz von Moliano gegen den Meiſter und Orden erwaͤhnend !) und in des Papſtes Gedaͤchtniß zuruͤckrufend, die Beſchwerde erhob, daß, obgleich der Hochmeiſter und die Gebietiger aus Livland die vom Papſte ihnen in der Kardinalverſammlung „unter angedrohetem Banne auferlegten Befehle und Verord⸗ nungen vollkommen, unverbruͤchlich und unablaͤſſig zu befol⸗ gen auf das Evangelium geſchworen hätten, dennoch bisher von dem allen, was ſie eidlich verſprochen, nichts erfüllt ſey 2). Vielmehr, faͤhrt er fort, haͤufen ſie noch immer Ver⸗ brechen auf Verbrechen und nur nach ihrer Willkuͤhr handelnd verhaͤrten ſie immer mehr in ihren Bosheiten. Da haben ſie mehre Geiſtliche, die vom paͤpſtlichen Hofe kamen oder dahin gehen wollten, ermordet oder mißhandelnd gefangen geſetzt und im Kerker ihnen das Verſprechen abgepreßt, nie wieder gegen fie an den paͤpſtlichen Hof zu gehen. Auch hören fie jetzt noch nicht auf, Rigaiſche Buͤrger aufzugreifen, auszu⸗ plündern und aus dem Gefängniffe nur unter den haͤrteſten Bedingungen zu entlaſſen. Und zu allen dieſen Beſchuldi⸗ gungen wußte der Erzbiſchof eine Menge von Beiſpielen zur Beſtaͤtigung hinzuzufuͤgen. Dann erneuerte er nicht ohne Schlauheit auch die alte Klage: der Orden habe auf jegliche Weiſe den Koͤnig von Litthauen an ſeiner Bekehrung gehin⸗ dert und hindere ihn noch bis dieſe Stunde s), indem er die 1) Wohlweislich ſagt der Erzbiſchof nur: Dominus Franciscus — eosdem Magistrum et fratres etiam propter quasdam causas et eorum inobedientiam excommunicavit; wir kennen aber die Verhaͤltniſſe genau, und offenbar wollte der ſchlaue Prälat durch Anfuͤhrung dieſer Beiſpiele ſeinen jetzigen Schritt einleitend entſchuldigen. 2) Hier werden nun alle ſchon oben S. 375 erwähnten Beſtim⸗ mungen und Gebote des Papſtes, die er dem Orden zur ſtrengen Beach⸗ tung aufgab, weitlaͤuftig angefuͤhrt. 8) Preterea dictum regem Lethwinorum infidelium, ne ad fidem
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Neue Klage des Erzbiſchofs b. Riga gegen d. Orden (1325). 395 zu ihm hingeſandten oder von ihm kommenden Boten auf⸗ greife, wie denn erſt juͤngſt ein Botſchafter jenes Koͤniges an die paͤpſtlichen Legaten in der Burg Aſchrade grauſam ermordet worden ſey. Um aber der Anklage zu entgehen, daß durch Schuld des Ordens der Koͤnig von ſeiner Bekehrung zuruͤckgehalten werde, gebe der Meiſter vor, ihm eine Summe von tauſend Mark Silber oder viertauſend Gulden verſprochen zu haben, ſobald er mit den Seinen die Taufe empfange 1). Fuͤr dieſen Fall wolle man ihm auch zugeſagt haben, einige im Gebiete der Rigaiſchen Kirche gewaltthaͤtig erbaute Bur⸗ gen ſofort wieder abzubrechen; und bei dem allen verlaͤumde man dennoch den Koͤnig durch allerlei Schmaͤhbriefe, die man in alle Welt verbreite ). Ferner habe der Orden den mit ihm abgeſchloſſenen und beſchworenen Frieden nicht nur frech und gewaltſam gebrochen, ſondern auch dem Biſchofe von Oeſel und andern Praͤlaten mit harten Drohungen zu⸗ geſetzt, dem Friedensvertrage zu entſagen. Er bemaͤchtige ſich der Kirchen und Kapellen, um darin, ſelbſt wenn auf ihnen das Interdict liege, durch ſeine Geiſtlichen oder auch durch Fremdlinge die geiſtlichen Verrichtungen beſorgen zu laſſen zum offenbaren Verderben der Seelen und zur Ver⸗ achtung der paͤpſtlichen Gewalt. Er, der Erzbiſchof, habe catholicam cum suis veniat, dicti Magister et fratres per oinnes vias quas possunt, impediverunt et impediunt. 1) Dieſe wunderliche Beſchuldigung lautet woͤrtlich: Insuper dicti Magister et fratres postquam per premissa et quam plura alia dietum regem Lethovie cum suis a fide Christi callide et subdole retraxerunt, ne viderentur impedivisse, nec adhuc impedire dictum regem et suos, ut ad fidem christi veniret, fucos et colores mendaciter adinveniunt. — Sic sub quadam apparencia verborum dicti Magister et fratres promittebant dicto regi Lethwinorum mille marchas argenti vel qua- tuor millia florenorum, si sacrum baptisma cum suis recipiat, se daturos. 2) Magister et fratres contra dietum regem et suos — litteras diffamatorias, illusorias, subsannativas et impeditorias ad Curiam Romanam et alias civitates et partes infidelium miserunt, mittunt et mittere non desistunt in distractionem, ut dietum est, fidei orthodoxe.
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396 Bannſpruch des Erzbiſchofs v. Riga gegen d. Orden (1325). juͤngſt erſt den Meiſter und die Ordensritter nebſt den von ihnen verfuͤhrten Vaſallen der Rigaiſchen Kirche, ihren An⸗ haͤngern und Mitverſchworenen n), durch Bitten und Ermah⸗ nungen zu bewegen geſucht, zum Gehorſam, zur Vereinigung mit der Kirche, zur Reue und Genugthuung zurückzukehren; ja er habe ſie dazu mit vaͤterlicher Liebe ermuntert; aber alles ohne Erfolg, „denn fie achten weder Bann und In: terdict in ihrer frechen und halsſtarrigen Geſinnung, noch liegt es ihnen am Herzen, wieder in den Schooß und zum Gehorſam der Kirche zuruͤckzukommen.“ — Aus dieſen Gruͤn⸗ den ſprach nun der Erzbiſchof uͤber den Meiſter, den Orden und ſeine Anhaͤnger abermals den Bann und uͤber ſein gan⸗ zes Gebiet das Interdict aus, ließ dieſen Strafſpruch in allen Kirchen ſeines Sprengels oͤffentlich bekannt machen, mit ſeinem Siegel verſehen zu allgemeiner Kunde an die Kirchen⸗ thuͤren anheften, doch aber wie zur Schonung die milde Verſicherung hinzufuͤgen, daß er mit Aufopferung von Vor⸗ theilen die Irrenden gerne wieder in den Schooß der Kirche auſnehmen und mit ihnen vaͤterlich, freundlich und edelmuͤthig verfahren wolle, ja daß er Gott bitten werde, ſie moͤchten eingedenk ihres Heiles wieder in die Gemeinſchaft der Kirche zuruͤkkommen. Dieſer Bannfluch erfolgte am vierten April des Jahres 1325 in der Kathedrale zu Riga in Gegenwart des paͤpſtlichen Legaten Bernhards, Abtes des Kloſters S. Theofried ). 1) Welche alle namentlich aufgeführt und zugleich mit in den Bann erklaͤrt werden. 2) Das Original dieſes Bannfluches, datirt: Rige in dieta kathe- drali ecelesia beate virginis a. d. 1325, indictione octava pontificatus 8. patris et domini nostri Domini Iohannis pape XXII an. nono mensis Aprilis die quarta, quinta et septima im geh. Arch. Schiebl. XI. Nr. 21; gedruckt bei Kotzebue B. II. S. 369, wo aber zum Ver⸗ ſtaͤndniſſe der Urkunde folgende Fehler zu verbeſſern find: S. 369 3. 7 ſtatt ecclesie — sancte. 3.15 ft. iurium dictionem — iurisdictioneni. 3. 20 ſt. summas — sentencias. 3. 26 ft. ecclesia — eciam. 3. 28 fl. dara — clare. S. 370 3. 8 fi. provincia — presencia. S. 371 3. 6 lies quas eciam. 3. 8 fi. ecclesiam — eviam. 3. 28 ff. romane
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# . Bannſpruch des Erzbiſchofs v. Riga gegen d. Orden (1325). 397 So wenig ſich aber auch der Orden um den Strafſpruch kuͤmmerte, ſo mußte der Erzbiſchof einen ſolchen Schritt jetzt ſchon unter allen Umſtaͤnden thun, wenn ihn nicht die Be⸗ ſchuldigung treffen ſollte, daß er den Papſt und die Welt mit Unwahrheit und Trug hintergangen habe; er mußte noth⸗ wendig auch die Behauptung feſthalten, Litthauens König ſey allerdings zur Bekehrung geneigt und bereit geweſen, vom Orden aber an der Ausführung feines Entſchluſſes ver⸗ hindert worden. Freilich liegt die Frage nahe: warum be⸗ muͤhten ſich die paͤpſtlichen Legaten nicht um eine gruͤndlichere Unterſuchung in der wichtigen Streitſache und warum war in dem Bannbriefe nur der Abt Bernhard und nicht auch der angeſehene Biſchof Bartholomaͤus von Alet als bei der Bannſprechung gegenwaͤrtig mit aufgefuͤhrt? Ueber dieſen Umſtand ſchwebt Dunkelheit; aber gewiß hatte auch hier der ſchlaue Praͤlat in irgend einer Weiſe vorgebeugt. Zudem verließen die Legaten bald darauf das Ordensland wieder, ohne irgend etwas von Bedeutung vollbracht zu haben, und traten, nachdem ſie unter Androhung neuer geiſtlicher Stra⸗ fen von den Biſchoͤfen und dem Orden in Preuſſen eine Reiſeſumme von dreihundertundachtzig Goldgulden gefordert und bei verweigerter Zahlung einen abermaligen Bannſtrahl auf den Orden geſchleudert hatten, von Riga zur See ihre Ruͤckkehr Über Lubeck an 1). — ratione. S. 372 3 3 ft. iam — nam. S. 873 3.4 lies in eorum castro. S. 374 3.1 ſt. subsannacivas — subsannativas. 3.3 ft. de- corum — dietum. 3. 22 ft. quales — quod. S. 375 3. 19 ft. sum- mas — sentencias. 3. 28 lies obediencia prodesse videretur. S. 876 3. 7 fi. pactis — factis. 3. 9 ft. irreati — irreciti. 3. 10 ft. cuius- modi — commodis. 1) Ihr Schreiben an die Preuſſ. Biſchoͤfe und an den von Kurland, an die Meiſter und Gebietiger des Ordens in Preuſſen und Livland und deren Sachwalter Georg von Hembeke und Johannes von Elbing mit dem Datum: Rige a. d. 1525 die vicesima nona Mensis Madii im Original im geh. Arch. Schiebl. XL. Nr. 3. Sie forderten die erwähnte Summe pro navali conductu et nostris stipendiis, indem der Papſt fie darauf angewieſen habe de cextis procurationibus et necessarlis
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398 Rechtfertigung des Ordens (1325). Bald indeſſen erhoben ſich andere Stimmen fir die Sache des Ordens und ſprachen die Sprache der Rechtferti⸗ gung. Die beiden Herzoge Semovit und Troyden von Ma⸗ fovien !) nebſt dem Biſchofe Florian von Ploczk wenden ſich unmittelbar an den Papſt, ihm berichtend: die paͤpſtlichen Legaten haͤtten einen Frieden oder eine Waffenruhe zwiſchen dem Koͤnige der Litthauer und dem Orden in Preuſſen auf paͤpſtliche Vollmacht fuͤr vier Jahre anbefohlen, indem man verſprochen habe, waͤhrend dieſer Friſt des Fuͤrſten Bekehrung ins Werk zu ſtellen. Das ſey ein truͤgeriſches Vorgeben 2), denn nur mit Waffengewalt und mit dem zweiſchneidigen Schwerte werde der Fuͤrſt zu dieſem Schritte zu zwingen ſeyn. Welchen unerſetzlichen Schaden aber den Chriſten und am meiſten ihren den Litthauern zunaͤchſt gelegenen Landen während dieſes Friedens von Litthauen aus ſchon zugefügt ſey, koͤnnten ſie ohne tiefen Schmerz und ohne Thraͤnen nicht berichten. Darauf erzaͤhlten ſie dem Papſte die furcht⸗ baren Verwuſtungen ihres Landes bei dem letzten Einfalle der Litthauer in Maſovien ), erwähnten ferner der ſchweren Verheerungen des Dobriner Landes bei dem Einbruche dieſes Feindes unter der Fuͤhrung des Hauptmannes David von Garthen und wandten ſich dann bittend an den Papſt: „Wenn nicht Euere Heiligkeit die Chriſten in unſern Landen und be⸗ evectionibus per personas ecclesiasticas ipsarum partium provideri. Sie ſetzen die Zahlungsfriſt auf drei Wochen und muͤſſen demnach im Juni 1325 aus Livland abgereiſt ſeyn. Daß der Orden wegen Verwei⸗ gerung der Zahlung von den Legaten in den Bann erklaͤrt wurde, er⸗ fahren wir durch eine paͤpſtliche Bulle in Formulario Marini Ebuli epist. 1174, im Copienbuche Nr. 385, die durch eine Appellation des Ordens an den paͤpſtl. Hof veranlaßt wurde. 1) Die beiden Herzoge nennen ſich in der Urkunde Semovitus Ra- vensis, Droydynus Cirnensis Duces Masovie, jener als Herr der Sa- trapia Ravensis, dieſer als Herr des territorium Cyrnense. In einer Originalurk. vom J. 1329 heißen fie ſchlechthin: Sem. Throy- dei gra- cia Duces Mazovie. Dlugoss. p. 1099 — 1100. 2) „Fallaciter promĩserunt.“ 3) Vgl. oben S. 391 Anmerk. 1).
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Rechtfertigung des Ordens (1325). 399 ſonders in dem Kirchenſprengel von Ploczk, wie uͤberhaupt das Polniſche Volk gegen dieſe Litthauer durch ein heilſames und ſchnelles Mittel in Schutz nimmt, ſo werden dieſe Hei⸗ den, jetzt durch Beute bereichert, mit Kriegswaffen verſehen, durch ihre waͤhrend des Waffenſtillſtandes verſtaͤrkten und ausgebeſſerten Befeſtigungswerke geſchuͤtzt und nun juͤngſt erſt durch die Befeſtigung der Stadt Grodno (die nur einige Mei⸗ len von unſern Graͤnzen entfernt iſt) als einem Stuͤtzpunkte gedeckt, uns und unſere Gebiete, wie wir ſchon benachrichtigt find, noch weit nachdruͤcklicher mit ihren Verheerungen heim⸗ ſuchen. Wir bitten alſo Euere Heiligkeit aufs inſtaͤndigſte: hebet den anbefohlenen Frieden wieder auf; leget es dem Meiſter und den Ordensrittern wieder als Pflicht ans Herz, die Litthauer kraͤftig zu bekaͤmpfen, wie ſie fruͤher gethan, und unſere Lande und beſonders die Kirche zu Ploczk gegen die haͤufigen Einfaͤlle des Feindes zu vertheidigen und zu ſchuͤtzen, wie es bisher geſchehen iſt, denn dieſe Ritter ſind es vor allen, welche die Heiden fürchten und vor denen fie zuruͤckbeben“ 1). Auch der Biſchof Eberhard von Ermland und ſein gan⸗ zes Domkapitel traten mit einer Rechtfertigung fuͤr den Or⸗ den auf, indem ſie in einem offenen Schreiben erklaͤrten: „Es giebt gewiſſe Menſchen, die unter Erdichtung dieſer und jener Ereigniſſe alle Naͤchſtenliebe verlaͤugnend und bei dem gemeinen Haufen ihren Unterhalt mit nichtswuͤrdigem Ge⸗ ſchwaͤtze erkaufend, luͤgneriſch die Behauptung verbreiten, daß die Litthauer, die bisher ſo viel chriſtliches Blut vergoſſen, ſich gerne zum Chriſtenglauben bekennen moͤchten, von den Bruͤdern des Deutſchen Ordens aber nicht zugelaſſen wuͤrden. Wir erklaͤren dieſe Behauptung hiemit vor aller Welt und vor allen Gottesglaͤubigen fr eine offenbare Lüge, wie es 1) Die Urkunde mit dem Datum: in Ploczk in crastino beati Bartholomei Apli glor. a. d. 1825, ift nicht mehr im Original vor: handen, ſondern ſteht in einer alten vidimirten Abſchrift in dem Buche des geh. Arch. betitelt: Copie omnium privilegior. et productorum contra Regem Polonie ex parte Cruciferorum in Romana Curia co- ram papa p. XXIV. Schiebl. L.
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400 Verbindung Wladislav's v. Polen mit Gedimin (1325). ja auch dieſe Ungläubigen felbft durch Wort und That ganz offen laͤugnen ), denn fie ſuchen den Namen Chrifli und den heiligen katholiſchen Glauben, ſo viel an ihnen liegt, im chriſtlichen Volke gaͤnzlich zu vertilgen.“ Dieß bewies man durch Berichte uͤber ihre Verheerungen und ihr Blutvergießen bei ihren Raubzuͤgen in die Gebiete von Reval und Dorpat, in die Gegenden von Wehlau und Memel, in das Dobriner Land und in das Ordensgebiet von Strasburg. „Es iſt unglaublich, faͤhrt hierauf der Biſchof fort, wie viel Men⸗ ſchenblut an Chriſtglaͤubigen aufs grauſamſte von dieſen Hei⸗ den vergoſſen worden iſt. Darum bitten wir auch dringend, leihet ſolchen Verlaͤumdern der Ordensritter, ſolchen Unter⸗ druͤckern der Wahrheit und Gerechtigkeit weiter kein Gehoͤr, ſondern wenn ſie zu euch kommen, ſo antwortet ihnen als entlarvten und offenbaren falſchen Anklaͤgern 2). So ward von mehren Seiten her die Argliſt der Luͤge und des Trugs durch die Waffe der Wahrheit darniederge⸗ ſchlagen und die Sache des Ordens vor der Welt allerdings aufs vollkommenſte gerechtfertigt. Und dennoch geſtalteten ſich die Verhaͤltniſſe mit jedem Tage bedenklicher. Es war natuͤrlich, daß der König Wladislav von Polen und Gedi⸗ min, der Koͤnig von Litthauen, beide des Ordens bitterſte Feinde, ſobald der erſtere in dieſem den Heiden vergeſſen konnte, in dieſer gemeinſchaftlichen Feindſchaft auch bald ihre gegenſeitige politiſche Freundſchaft erkennen mußten, zumal da Wladislav erſprießliche Vortheile erwarten durfte, wenn es ihm gelang, den Litthauiſchen Fuͤrſten ſich naͤher zu ver⸗ binden, denn er ſetzte durch ein engeres Anſchließen an ihn 1) „Mendacium manifestum, quod et iidem infideles verbis ne- gant manifestissime atque factis. 2) Dieſe Urkunde im Original im geh. Arch. mit dem Datum: --- burg in castro nostro in die b. Galli a. d. supradicto, iſt durch Moder und Maͤuſe an ſehr vielen Stellen ſo verdorben, daß der Sinn der einzelnen noch daſtehenden Worte unmoglich mehr zu errathen iſt; was oben aus ihr entnommen, möchte ungefahr das Wichtigſte ihres Inhaltes ſeyn.
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Verbindung Wladislav's v. Polen mit Gedimin (1325). 401 ja nicht allein feine eigenen Lande in völlige Sicherheit ge⸗ gen die Einfaͤlle und Raubzuͤge der Litthauer ſelbſt im Falle eines Krieges mit dem Orden, zu dem er jetzt mehr als je entſchloſſen ſchien, ſondern er durfte offenbar in einem ſol⸗ chen Kampfe mit dem Orden auch auf Gedimins thätige Beihuͤlfe und Unterſtuͤtzung rechnen ). Hiedurch bewogen ſandte er einige der vornehmſten Großen ſeines Reiches an Gedimins Hof und ließ um deſſen Tochter Aldona 2) für ſeinen Sohn Kaſimir, den einſtigen Erben ſeines Thrones werben. Mit Freude willigte Gedimin in die auch ihm er⸗ wuͤnſchte Verbindung und ſandte bald darauf mit hohem fuͤrſtlichen Glanze die Tochter, welcher nach des Koͤniges Ver⸗ langen alle in Litthauen gefangen gehaltene Polen als Braut⸗ ſchatz folgen mußten, nach Krakau, wo ſie im Chriſtenthum unterrichtet und in der Taufe Anna genannt, bald nachher mit Kaſimir vermaͤhlt ward. Am glaͤnzenden Hochzeitsfeſte zu Krakau fol vom Könige zum Andenken der Feier nicht bloß der Orden vom weißen Adler geſtiftet), ſondern zwi⸗ ſchen ihm und Gedimin auch ein gemeinſamer Kampf gegen den Deutſchen Orden beſchloſſen worden ſeyn *). 1) In den Annal. Oliv. p. 42 heißt es hieruͤber: Rex Poloniae Vladislaus cernens assiduis excursionibus Lithuanorum terras Regni vastari, nec facile eos domari posse, quippe qui neque foris pu- gnandi copiam facerent, sed rapta praeda fugerent, et domi flumi- num obieetu silvarumque et paludum latebris tuti essent, itaque quod erat reliquum placuit tentare, si forte eos mitigare ulla ratione et in societatem pertrahere posset, contra Crucigeros communes utris- que hostes. Quam sententiam cum frequens senatus comprobasset, mittuntur ad Gediminum magnum Ducem Legati. Chron. Anonym. Archidiac. Gnesn. p. 96. 2) So nennt fie Kojalowiez p. 274. 3) De Wal Histoire de IO. T. T. III. p. 72 fagt hierüber nach der Hist. des Ordres milit. T. III p. 328: Le Roi voulant perpetuer le souvenir de cet &v&nement, institua un Ordre de Chevalerie, qui fut nommé l’Ordre del’Aigle blanc, parceque les nouveaux Chevaliers devoient en porter un au col, attaché a une chaine d'or, et un autre sur leur manteau qui étoit bleu. 4) Diugoss. p. 988— 989. Annal. Oliv. p. 42. Koialowicz p. 274 IV. W
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402 Vorbereitungen zur Sicherheit des Landes Der Hochmeiſter Werner von Orſeln und mit ihm der ganze Orden verkannten keineswegs die unheildrohende Zu⸗ kunft, die bei dieſer Verbindung der beiden feindlichen Nach⸗ barreiche und bei der Erbitterung ihrer Häupter den Ordens⸗ landen bevorſtand. Es galt jetzt alle Sorgfalt, allen Eifer und alle umſichtige Thaͤtigkeit, um ſich vorzubereiten auf die Stunde der Gefahr und auf den Sturm, der ſich nun zu⸗ gleich im Oſten und im Suͤden von ferne zeigte; und keiner unter den oberſten Gebietigern war jetzt eifrigthaͤtiger als der Meiſter ſelbſt!). Auf feine Anordnung geſchah, daß der Komthur von Koͤnigsberg Heinrich von Iſenburg am Omet⸗ Fluſſe im Barterlande die Burg Gerdauen erbaute, um von dorther zugleich auch Natangen gegen feindliche Einfaͤlle mehr zu decken, denn es ſchien vor allem jetzt nothwendig, theils die Graͤnzgebiete gegen Polen und Litthauen hin mehr zu bewehren und beſſer zu befeſtigen, theils auch im Binnen⸗ lande ſelbſt die Wege und Gegenden mehr zu ſichern, durch welche bisher gewoͤhnlich der Feind ſeine Streifzuͤge genom⸗ men. Der Name des alten edlen Preuſſen Girdawe, der ſagt, daß der Braut 24,000 befreite Gefangene in ihr Vaterland — ein wuͤrdiger Brautſchatz — gefolgt ſeyn. Diugoss. I. c. führt an, der König Wladislav habe als Brautſchatz verlangt non aurum, non argen- tum (expertes enim horum omnium tunc Lithuani erant), sed ommium captivorum, qui superioribus annis in Poloniae regionibus per Li- thuanos capti et abducti erant, restitutionem, Die Annal. Oliv. I. c. ſchildern die ihr beigegebenen Begleiter: deducentibus eam (sponsam) mille viris hirsutis, pellibus ursinis amictis, quo terribili ornatu non minus tunc cunctorum in se oculos converterunt spectatorum Lithuani, quam olim Imperator Otto Magnus eum ducens exercitum sub muris Parisiorum in Gallia constitit, cunctis militibus eius a maximo ad minimum stramineos pileos in capite gerentibus. Cſ. Guaguini An- nal. Polon. p. 307. Lucas David B. VI. S. 82 erkannte das In⸗ tereſſe des Polniſchen Königes viel richtiger, as Wigand. Marb. I. c. der nur ſagt: Rex Polonorum contraxit amicitian cum Rege Wy- tan (2), liberos suos copulantes in finem, ut pacifice simul regna sna gubernarent. Vgl. Schütz p. 60. 1) Daher nennt ihn Dusb. c. 353 jetzt unter dieſen Verhaͤltniſſen auch Vir utique sollicitus et intentus circa iniunctum sibi officium.
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gegen Polen und Litthauer (1325). 403 hier einſt auf ſeiner Stammburg dem Orden ein ſo ſchoͤnes Beiſpiel ſeiner Treue gegeben, ward auf die neue Burg zur Feier ſeines Andenkens uͤbertragen und ſo der Nachwelt er⸗ halten ). Man ſah es als ein gluͤckverkuͤndendes Zeichen an, daß bei der Einweihung der Burg, als eben die Meſſe geleſen ward, zwei Haustauben um die Burgmauern umher⸗ flogen, denn die mit dem Bau beſchaͤftigt geweſenen Preuſſen bezeugten, daß in dieſer wuͤſten Wildniß 2) ſonſt noch nie Tauben geſehen worden. — Nicht minder thaͤtig und beſorgt um des Landes Sicherheit waren die Biſchoͤfe. Der dem Orden ſtets ſo freundlich geſinnte Biſchof Eberhard von Erm⸗ land ließ um dieſelbe Zeit durch ſeinen Vogt Friederich von Liebenzelle an der Graͤnzſcheide des Barterlandes und Galin⸗ diens am Ufer des Piſſa-Fluſſes hart am Wadang-See die Wartenburg erbauen ), um dort die ſuͤdlichen Graͤnzgebiete feines Biſchofstheiles ſicherer zu ſtellen; und etwas nord⸗ waͤrts herunter gruͤndete damals derſelbe Vogt von Ermland an der Alle im Gebiete von Glottau die Stadt Guttſtadt und ließ ſie ſtark befeſtigen, waͤhrend der Ermlaͤndiſche Probſt Jordan nordoͤſtlich von der Stadt Melſack eine ſtarke Wehr⸗ burg errichtete, die er Plut oder Plauth benannte. Auch der Biſchof Rudolf von Pomeſanien ſtand im Eifer nicht nach, denn an der Suͤdgraͤnze ſeines Biſchofstheiles am Ufer der Oſſa erſtieg auf feine Anordnung und unter feiner Mithülfe die befeſtigte Stadt Bifchofswerder *). Mittlerweile war nicht ferne von ihr, etwas weiter nach Oſten hin der reiſige Land: komthur von Kulm Otto von Luterberg am Ufer der Dre⸗ 1) Vgl. oben B. III. S. 237. Dusb. I. o. fest die Vollendung de Burg Gerdauen auf den 29. Juni 1325. > 2) In hac vasta solitudine ſagt Dusb. I. c.; alſo war die Gegend um Gerdauen noch wenig bebaut. 3) Dusb. c. 353. Hen neber ger p. 469. 4) Ihr erſtes Privilegium erhielt die Stadt Biſchofswerder vom Biſchofe Rudolf erſt im J. 1331. Es hat nichts Eigenthümliches und ſteht in einer alten Abſchrift im Fol. des geh. Arch. Privileg. Capituli Pomezan. p. L. 26 *
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404 Vorbereitungen zur Sicherheit des Landes wenz mit der Gruͤndung und Befeſtigung der Stadt Neu⸗ mark beſchaͤftigt, um auch von dorther das Eindringen des Feindes zu verhindern und in dem Drange der Gefahr den Bewohnern der Umgegend in ihr einen ſichern Zufluchtsort zu geben ). Waͤhrend aber in ſolcher Weiſe die Gebietiger des Or⸗ dens, im Verein mit den Biſchoͤfen im Innern des Landes fuͤr Sicherheit und Ruhe aufs eifrigſte bemuͤht, zugleich mit dieſem Zwecke auch die loͤblichſte Sorgfalt fuͤr das weitere Gedeihen und friſche Aufbluͤhen des Buͤrgerlebens in den neugegruͤndeten Staͤdten verbanden, ließ es der Meiſter ſelbſt auch nicht an Bemuͤhungen fehlen, den Frieden des Ordens⸗ landes auch von außenher durch freundſchaftliche Verbindun⸗ gen mit den nahen Landesfuͤrſten ſo viel als moͤglich zu ſichern. Vom Ruſſiſchen Großfuͤrſten Georg Danylow erhielt er die erfreuliche Zuſicherung derſelben freundſchaftlichen Ge⸗ ſinnungen, die ſchon ſein Vorgaͤnger und ſeine Voraͤltern von jeher gegen den Deutſchen Orden gehegt, und wenige Jahre nachher wiederholte der Fuͤrſt die Verſicherung ſeiner fort⸗ dauernd wohlwollenden Geſinnung gegen den Hochmeiſter und deſſen Gebietiger, beſonders gegen Sieghard von Schwarz⸗ burg, den damaligen Komthur von Graudenz, den auch er ſeinen Blutsverwandten nannte, indem er das Verſprechen hinzufuͤgte, er werde des Ordens Gebiete gegen die Einfälle 1) Ueber dieſen Städte und Burgenbau ſ. Dusb. c. 353. Cu⸗ cas David B. V. S. 244 führt an, daß auch Wormdit vom Bifchofe Eberhard von Ermland gegründet ſey; es iſt möglich. Nur kommt dieſe Stadt in Urkunden unter dem Namen Warmediten ſchon vor dem J. 1326 vor. Sclliftæ p. 60. Henneberger p. 488 ſetzt die Gruͤn⸗ dung ins J. 1316. Dieſer Chroniſt weicht aber auch in der Angabe des Gruͤndungsjahres der andern Burgen und Ctädte merklich ab. Obgleich z. B. Dusb. die Burg Gerdauen im J. 1325 erbauen laßt, ſo nimmt Henneberger p. 140 doch das J. 1312 als Gründungsjahr an und läßt die Burg im J. 1325 nur neu ummauern und die Stadt anlegen. Ueberhaupt laͤßt ſich Henneberger gar zu oft von Simon Grunau verkeiten. Wie dieſer über die Gründung dieſer und anderer Staͤdte faſelt, leſe man Tr. XI. c. 12.
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gegen Polen und Litthauer (1325). 405 der Mongolen auf jede Weife zu ſichern ſuchen ). Weit bedenklicher ſchienen die Verhaͤltniſſe des Ordenslandes im Weſten, da der Hochmeiſter Kunde erhielt, daß der Herzog Wartislav von Pommern vor kurzem mit dem Koͤnige von Polen zu Nakel ein Buͤndniß zu Schutz und Trutz gegen jeglichen Feind und zu Eroberungen in der Neumark ge⸗ ſchloſſen habe?); nach einigen Unterhandlungen indeſſen er⸗ hielt der Meiſter von dem Herzoge das feierlich verbuͤrgte Verſprechen, daß er je weder dem Koͤnige von Polen oder ſonſt irgend einem Fuͤrſten gegen den Orden beiſtehen oder dieſem in irgend einer Weiſe feindlich entgegentreten wolle, widrigenfalls ſollten die vornehmſten Ritter aus des Herzogs Landen mit ihren Gebieten, Burgen und Befeſtigungen dem Orden gegen ihn Beiſtand leiſten, bis er ſich von des Or⸗ dens Feinden wieder trenne ). 1) Die Originale dieſer beiden Schreiben des Ruſſiſchen Großfürften Georg, wovon das eine vom J. 1325, das andere vom J. 1327 ift, beſinden ſich im geh. Arch. Schiebl. LXXXI. Nr. 2. 3, beide noch mit dem Siegel verſehen. Da Karamſin B. IV. S. 289 — 290 den er: ſten Brief ſchon mitgetheilt hat und der zweite nur eine Wiederholung des fruͤher von uns ſchon erwaͤhnten Briefes Andrei's und Lews iſt, ſo enthalten wir uns hier eines Auszuges der wichtigeren Stellen, und bemerken nur, daß man in Rußland damals geglaubt zu haben ſcheint, Thorn ſey der Wohnſitz des Hochmeiſters. 2) Sell Geſchichte v. Pommern B. II. S. 15 hatte hierüber die Urkunde aus Dregers Samml. Pommer. Urk. Nr. 1450 vor fich; da: her feine Darftellung über die vorläufige Theilung der Eroberungen ohne Zweifel richtiger iſt, als man ſie bei Kantzow Pommerania B. I. S. 321 findet. Der Vertrag war Übrigens im J. 1325 geſchloſſen. 3) Die Originalurkunde des Herzogs datirt: In Swecze sub au. nat. dom. 1825 in die b. Mychael. archang. im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 16. Der Herzog befand ſich damals zu Schwez wahrſcheinlich mit dem Hochmeiſter zuſammen. Die in der Urkunde genannten Ritter, welche dem Orden zu Hülfe ſtehen ſollten, wenn der Herzog feinem Verſprechen untreu werde, waren Hennyngus de Plote, Hennyngus Bere, jener mit dem Stolpiſchen, dieſer mit dem Belgardiſchen Gebiete, Petrus de Nuwinburch und deſſen Bruder Jesco, Soͤhne des Kanzlers Swenza. Der Herzog nennt fie alle nostri milites.
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406 Vorbereitungen z. Sicherheit des Landes gegen Polen (1326). So ſicher jedoch dieſer Vertrag mit dem Herzoge von Pommern das Ordensgebiet nach dieſer Seite hin auch ge⸗ ſtellt hatte, ſo wuchs die Beſorgniß des Hochmeiſters wegen eines baldigen Krieges mit dem Koͤnige von Polen doch im⸗ mer mehr. Zwar beſtand jetzt allerdings dem aͤußeren Scheine nach noch ein Friede oder wenigſtens ein Waffenſtillſtand, den Werner mit dem Koͤnige bis zu Weihnachten des Jahres 1326 abgeſchloſſen hatte n). Allein ſchon ſeit dem Buͤndniſſe mit dem heidniſchen Fuͤrſten der Litthauer ſah der Hochmei⸗ ſter den Friedensſtand mit Polen als gebrochen an?) und in der That erlaubte ſich Wladislav von dem an auch Schritte, die ſeinen Wunſch zum Kriege dem Orden aufs klarſte an den Tag legten. So zog er eine anſehnliche Streitmacht in Cujavien zuſammen, um in Pommern einzubrechen und ſich des Landes mit dem Schwerte zu bemaͤchtigen, denn dieſes war jetzt das Ziel aller ſeiner Anſtrengungen. Als ſich in⸗ deſſen der Orden ſowohl hier, als in Preuſſen in ſeiner Waffenmacht ihm hinlaͤnglich gewachſen zeigte, ſo warf ſich das koͤnigliche Heer in das Gebiet des Herzogs Wenceslav von Maſovien, des Verbuͤndeten des Ordens, verheerte und pluͤn⸗ derte, bemeiſterte ſich der Stadt Ploczk, ſteckte ſie in Brand und trieb uͤberall große Beute zuſammen, bis der Orden nach dem fruͤher geſchloſſenen Vertrage dem Herzoge zu Huͤlfe ſeine Streitmacht in Bewegung ſetzte und den Feind zerſtreute ). 1) Die Urkunde hierüber iſt nicht mehr vorhanden; allein der Hoch⸗ meiſter bezieht ſich darauf in einer andern Urkunde bei Dogiel T. IV. Nr. 51, wo er ſagt: Cum Wladislao Rege Kracoviae olim gratiam boni communis et auxilium terrarum omnium ubicunque confirmatum in salutem et augmentum conservationis omnium Christi fidelium, foedera pacis et concordiae modo inviolabili firmaveramus, censentes, ut exinde tranquillitatis quietudo, necnon vigor cunctis temporibus utrobique continue perduraret. Spaͤterhin nennt er diefen Vertrag mit dem Könige Treugae per modum pacis inter ipsum et Nos firmatae, quae nsque ad Nativitatem Domini proxime affuturam se extendunt. 2) Wie der Hochmeifter in der Urkunde bei Dogiel 1. c. auch ſelbſt erklaͤrt. 3) Diugoss. p. 989. Auch Wigand. Marb. p. 279 ſpricht von
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Vorbereitungen z. Sicherheit des Landes gegen Polen (1326). 407 So hatte der Krieg zwiſchen Polen und dem Orden nun eigentlich ſchon begonnen, denn uͤber des Koͤniges Geſinnun⸗ gen und Beſtrebuͤngen war jetzt kein Zweifel mehr. Um fo nothwendiger ward es daher, einer Seits die Bemuͤhungen um auswärtigen Beiſtand durch getreue Bundesgenoſſen, an⸗ derer Seits auch die Vertheidigungsanſtalten im Innern des Landes mit allem Eifer fortzuſetzen. Die erſteren gluͤckten dem Meiſter ſchon im Anfange des Jahres 1326 auch bei dem Herzoge Semovit von Maſovien, denn auf den Rath feiner Brüder, der Herzoge Wenceslav und Troyden ſchloß dieſer mit Werner von Orſeln ein gegenſeitiges Schutz⸗ und Trutzbuͤndniß gegen jeglichen Feind, der Maſovien oder das Ordensgebiet mit verheerender Waffe uͤberziehen werde. Kei⸗ ner ſolle ohne des andern Beirath mit dem Feinde Friede ſchließen oder mit einem andern in neue Feindſchaft treten; zudem verſprach der Herzog, auch die geringeren Streithau⸗ fen oder die Struter des Ordens, die ins feindliche Land einfallen wuͤrden, mit Rath und Huͤlfe in aller Weiſe zu unterſtuͤtzen!). Zwar war in dieſem Vertrage der König von dieſem Zuge des Königes, aber etwas verwirrt. Daß es der König auf Pommern abgrfehen hatte, liegt in den Worten: Deinde Rex Polonie cum coniuge sua postulavit terram Pomeranie atque in Cuyaviam copiam hominum misit, und daß die Ordensritter dem Herzoge von Maſovien zu Huͤlfe kamen, wird ausdruͤcklich erwaͤhnt, obgleich Dlugoss. I. c. darüber ſchweigt. 1) Das Original dieſes Vertrages iſt nicht mehr vorhanden; eine alte Abſchrift mit dem Datum: In Strasberg a. d. 1326 in crastino circumcisionis domini nostri befindet ſich im geh. Arch. im Fol. D. p. 8. Das National⸗Archiv zu Warſchau beſitzt eine ähnliche Urkunde, wor⸗ aus mir folgender Inhalt mitgetheilt iſt: Venceslaus dux Masoviae cum consilio Sewoviti et Troideni fratrum suorum societatem et ami- citiam init cum Vernero Magistro Prussiae contra omnes hostes mu- tuum auxilium. Dat. in Sadeberg (2) in crastino circumcis. a. d. 1326, Der Herzog Semovitus dux Masovie dominus Wyznens. ſagt ausdruͤck⸗ lich, daß er den Vertrag ſchließe de maturo et sano fratrum nostrorum ducum Chrodini (Troydini) et Wenceslai consilio. Die Urkunde'ſchließt mit der Beſtimmung: Adicimus eciam, quod si latrunculi aut exer- citus exilis et modicus eorundeın ſratrum terras subintraverint, ipsos
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408 Vorbereitungen z. Sicherheit des Landes gegen Polen (1326). Polen noch nicht geradezu als beiderſeitiger Feind genannt; allein die ferneren Schritte deſſelben wurden je mehr und mehr, ohne daß er dem Orden den Frieden foͤrmlich auf⸗ kuͤndigte, doch ſo entſchieden feindſelig, die Ritter und ihr Geſinde erlitten in des Koͤniges Gebiet oft ſolche Gewalt⸗ thaten, manche waren ſo erwieſen auf ſein Anordnen getoͤdtet oder gefangen genommen und ausgepluͤndert worden und alle deshalb geſchehenen Anforderungen des Hochmeiſters an den König um Recht und Genugthuung uͤber dieſe Verletzung des geſchloſſenen Vertrages wurden fort und fort von ihm fo ſtarr und trotzig zuruͤckgewieſen, daß endlich der Meiſter in einem neuen Huͤlfsbuͤndniſſe, welches er im Fruͤhling des Jahres 1326 mit dem vom Koͤnige von Polen ebenfalls mit Krieg bedrohten Herzoge Heinrich dem Sechsten von Bres⸗ lau!) zu Thorn abſchloß, ſchon offen als Wladislav's Feind auftrat, indem er dieſem gegen den Koͤnig mit ſeiner ganzen Kriegsmacht beizuſtehen verſprach, ſobald der mit Wladislav eingegangene Waffenſtillſtand zu Ende gehe, alſo daß er dann mit dieſem Feinde keine Unterhandlungen je anknuͤpfen und keinen Frieden ſchließen wolle, in welchem der Herzog nicht mit begriffen ſey 2). Mit gleichem Eifer wurden auch im Innern des Landes die Anſtalten und Bemuͤhungen zur Sicherheit und Verthei⸗ digung gegen den Feind unablaͤſſig fortgeſetzt. Der wackere Komthur von Balga Dieterich von Altenburg, mit des Lan⸗ des Beſchaffenheit genau bekannt und dem Hochmeiſter vor⸗ ſtellend, daß das Barterland gegen den Andrang eines Fein⸗ des noch nicht genug bewehrt ſey, erhielt den Auftrag, am Zuſammenfluſſe der Guber und der Zain eine ſtarke Wehr⸗ fratres consilio et auxilio secundum utrique parti videbitur, volumus et tenemur suflragari. 1) Der Vorwand war, weil Herzog Heinrich einen berüchtigten Räuber aus Polen hatte hängen laſſen. 2) Dieſer Vertrag befindet ſich in Sommers herg Seriptt. rer. Siles. T. II. p. 77 76, bei Dogiel T. IV. Nr. L., zum Theil auch bei Baczko B. II. S. 135.
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Vorbereitungen z. Sicherheit des Landes gegen Polen (1326). 409 burg zu errichten, die er nach dem Gebiete, in dem ſie bald erſtand, die Lünenburg nannte 1). Zugleich gründete derſelbe Komthur bei der Ordensburg Bartenſtein eine Stadt gleiches Namens 2). Dieterichs Beiſpiel folgte der Komthur von Chriſtburg Luther von Braunſchweig bei der Burg Gilgen⸗ burg, alſo daß ſich auch hier in der Mitte zweier großen Seen eine neue Stadt erhob); und fo flieg auch im fol- genden Jahre 1327 unter den Bemuͤhungen des Ordens⸗ ſpittlers und Komthurs von Elbing Hermanns von Oettingen bei der Burg Mohrungen eine Stadt empor *), fo daß in ſolcher Weiſe in dieſen befeſtigten Staͤdten die Bewohner des Landes zur Zeit der Noth und Gefahr nicht nur Schutz und Sicherheit finden konnten fuͤr ihr Leben, wie fuͤr Habe und Gut, ſondern auch dem Beduͤrfniſſe ſtaͤdtiſcher Bildung und Entwickelung der geiſtigen Kraͤfte immer mehr genuͤgt wurde, 1) Jetzt heißt der Ort Leunenburg. Es find noch Ruinen der alten Burg vorhanden. Der Orden ertheilte nachmals den Bewohnern das Stadtrecht. Vgl. Lucas David B. VL S. 77. 2) Dusb. c. 355. Das Privilegium von Bartenftein iſt vom Hoch⸗ meiſter Luther von Braunſchweig ausgeſtellt und hat das Datum: In castro Elbingensi a. d. 1332 secunda feria ante cathedram Petri. 3) Bei Dusb. c. 355 heißt die Burg Ylienburg; Jeroſchin hat dagegen Ilgenburg. 4) Bei Dusb. Supplem. c. 2 heißt es zwar: anno domini 1327 frater Hermannus Commendator de Elbingo etc. civitatem dictam Morungen circa civitatem Salfelt, nomen suum trahens a Stagno, in cuius sita est littore, instauravit und nach Henneberger p. 320 duͤrfte man zwar glauben, die Stadt habe ſchon ſeit dem J. 1302 da⸗ geſtanden und ſey von Hermann von Oettingen im J. 1328 nur mit Mauern umgeben worden. Allein das Privilegium von Mohrungen, welches der Ordensſpittler Otto von Dreleben im J. 1331 erneuerte, ſagt: Cum venerabilis et religiosus vir frater Hermannus Hospita- larius ordinis d. Th. et Commendator in Elbingo — in districtu nostro Elbingensi civitatem locasset, quae Morungen appellatur et privi- legium super eandem civitatem a prefato fratre Hermanno datum, defectuu aliquem pateretur etc., woraus ſicher hervorgeht, daß Her⸗ mann von Oettingen eigentlicher Gruͤnder der Stadt iſt. Der See, von welchem die Stadt den Namen erhielt, heißt im Privilegium lacus Maurin.
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410 Vorbereitungen z. Sicherheit des Landes gegen Polen (1326). denn auch dieſe Sorge vergaß man keineswegs unter den drohenden Gefahren von außenher, wie unter andern das Beiſpiel Elbings bewies, welchem der Meiſter bei ſeiner rei⸗ chen Bevoͤlkerung, ſo daß die alten Mauern ſie nicht mehr faſſen konnten, eine bedeutende Erweiterung erlaubte, indem er zugleich den neuanziehenden Buͤrgern in dem neuen Stadt⸗ theile daſſelbe Recht zugeſtand, welches die Buͤrger der Alt⸗ ſtadt ſchon ſeit langer Zeit genoſſen !). Waͤhrend man aber in Preuſſen noch bemuͤht war, in ſolcher Weiſe theils durch Buͤndniſſe mit nachbarlichen Fuͤr⸗ ſten, theils durch innere Vertheidigungsanſtalten das Land gegen den Feind ſicher zu ſtellen, ſchien der Sturm ſchon hereinbrechen zu wollen, denn es kam die Nachricht von ſtar⸗ ken Kriegsruͤſtungen zugleich in Polen und in Litthauen, deren Zweck, wie man fuͤrchtete, auf nichts anderes, als auf einen Kampf mit dem Orden zielen konnte. Die Beſorgniß ver⸗ ſchwand indeſſen, als man vernahm, daß der Koͤnig Wla⸗ dislav Anlaß erhalten hatte, feine Waffen nach Weſten in das Land des Markgrafen von Brandenburg zu richten. Es griffen nämlich die ſtuͤrmiſchen Ereigniſſe, welche ſeit Heinrichs des Luxemburgers Tod das Deutſche Vaterland bewegt und zerriſſen hatten, jetzt auch in die Verhaͤltniſſe Polens und des Deutſchen Ordens ein. Wie die neue Koͤnigswahl bei dem Streite uͤber die Kuͤr unter den Reichsfuͤrſten getheilt und einer Seits auf den Herzog Ludwig von Baiern, anderer Seits auf den Herzog Friederich von Oeſterreich gefallen war, wie dann die Schlacht bei Muͤhldorf fuͤr Koͤnig Ludwig ent⸗ ſchieden hatte, wie hierauf dieſer dadurch, daß er dem Papſte Johann dem Zweiundzwanzigſten in ſeinem Plane, dem hei⸗ ligen Stuhle durch die Erwerbung einer Unterlage an irdiſcher Macht mehr Feſtigkeit und einen ſicheren aͤußeren Halt zu geben, mit entſcheidender Kraft entgegentrat, die ganze Fulle 1) Originalurkunde, datirt: In domo nostra prineipali Marienburc sub an. 1326 in die b. Barcholomei Apost. in der Conventshalle zu Elbing Nr. 9. Vgl. Fuchs Beſchreib. der Stadt Elbing B. I. S. 46.
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Gunſt des Königes v. Polen am paͤpſtl. Hofe (1326). 411 des Zornes und des Haſſes des Papſtes auf ſich lud und wie dieſer bis zum Jahre 1324 ſchon alle Mittel verſucht hatte, um ſeines Gegners ſtarken Geiſt zu demuͤthigen, zu brechen und ſeinen Thron zu ſtuͤrzen: das iſt den Freunden der Geſchichte des Vaterlandes nicht unbekannt!). Nun hatte der Papſt in dem erwaͤhnten Jahre uͤber Ludwig den Bann geſprochen und die Kurfuͤrſten zu einer neuen Koͤnigswahl auf⸗ gefordert. Die Fuͤrſten verſammelten ſich auf dem Tage zu Renſe, obwohl zwieſpaltig und wankend in ihren Anſichten und Intereſſen. Als es dort aber zur Verhandlung über die neue Wahl kam, trat der Deutſche Ordenskomthur von Ko⸗ blenz Berthold von Bucheck, des Kurfuͤrſten von Mainz Bru⸗ der, in der fuͤrſtlichen Verſammlung auf und ſprach mit ſol⸗ cher Waͤrme und ſo hinreißendem Eifer fuͤr des Vaterlandes Wohlfahrt uͤber die aus einer neuen Koͤnigswahl hervorgehen⸗ den Nachtheile und unheilbringenden Folgen, daß, als er ſeine Rede geendigt, keiner der Fuͤrſten an der neuen Wahl mehr Theil nehmen mochte 2). So ſprach ſich ſchon damals die ganze Richtung und die Stellung aus, welche der Deutſche Orden in dem bittern Kampfe des Papſtes mit dem Deut⸗ ſchen Koͤnige genommen, denn wie einſt zu Hermanns von Salza Zeiten der Orden durch keine Drohung vom paͤpſtlichen Hofe her in ſeiner Ergebenheit gegen Kaiſer Friederich zum Wanken zu bringen geweſen war, ſo blieb auch der edle Meiſter Werner von Orſeln und ſein Orden wie jetzt ſo nach⸗ mals unwandelbar dem Deutſchen Koͤnige Ludwig treu. Je entſchiedener aber der Deutſche Orden fuͤr Ludwigs Sache wirkte, um ſo naͤher traten ſich der Papſt und der Koͤnig Wladislav von Polen. Nun war der Kurfuͤrſt Wal⸗ demar von Brandenburg ohne Erben geſtorben und König Ludwig, Brandenburg als ein eroͤffnetes Reichslehen betrach⸗ 1) S. Mannert Kaiſer Ludwig IV. S. 89 ff. 2) Chron. Albert. Argent. apud Urstis. P. II. p. 123. Man⸗ nert a. a. O. S. 218. Das Chron. Hirsaug. p. 171 fagt, daß im J. 1329 dieſer Ordensbruder Berthold von Bucheck zum Biſchof von Strasburg ernannt worden ſey.
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412 Gunſt des Königes v. Polen am paͤpſtl. Hofe (1326). tend, hatte auf dem Reichstage zu Nuͤrnberg im Jahre 1323 feinen aͤlteſten Sohn Ludwig mit dieſem Lande belehnt. In den Augen des Papſtes aber, der kein anderes Ziel als Lud⸗ wigs Sturz und Untergang verfolgte, war dieſe Erwerbung einer zweiten Kurſtimme fuͤr das Baieriſche Haus unter den Verhaͤltniſſen, wie fie geſchah, ein neues ſchweres Verbrechen!) und es bedurfte neuer Mittel, um dieſe Machtvergroͤßerung jenes Hauſes wieder zu vernichten, zumal nachdem Friederich von Oeſterreich ſich mit dem Koͤnige Ludwig ausgeſoͤhnt und des ungeſtümen Herzogs Leopold von Oeſterreich Tod dieſen von einem ſeiner bitterſten und hartnaͤckigſten Feinde befreit hatte. Um Ludwigs Hauſe jetzt neue Feinde zu erwecken, fand der Papſt an dem Koͤnige von Polen bald einen ſehr bereit⸗ willigen Diener, denn dieſer legte in der Hoffnung, durch das Mitwirken des paͤpſtlichen Stuhles ſich einſt Pommerns doch wieder bemaͤchtigen zu koͤnnen, ein viel zu großes Gewicht auf das Wohlwollen und die Gunſt des Papſtes, als daß er deſſen Aufforderung, ſeine Waffen wider den neuen Mark⸗ grafen von Brandenburg zu richten, nicht bereitwillig hätte Folge leiſten ſollen?). Er fing eiligſt an zu ruͤſten und um mit einer anſehnlichen Kriegsmacht auftreten zu koͤnnen, er⸗ ſuchte er den Koͤnig Gedimin von Litthauen, ihm ein Huͤlfs⸗ heer herbeizuſenden, und weil reiche Beute lockte, ſo kam in 1) Raynald. an. 1323 Nr. 31. Herman. Corner Chron. p. 987. 2) Ueber den Anlaß zum Einfalle in die Mark Brandenburg ſagen die Annal. Oliv. p. 43: Deinseps revocatis pluribus iniuriis Rex Po- loniae Vladislaus, quibus Regnum Poloniae per Marchiones Brande burgenses superiore tempore in interfectione Regis Premislii, in va- statione Pomeraniae et eiusdem venditione lacessitum fuit, cum copiis suarum gentium et Lithuanorum atque Russorum auxiliis anno 1326 in Marchiam expeditionem fecit. Der erſte Anſtoß kam indeſſen offen- bar vom Papftes daher die Chron. Aulae Regine p. 53 auch klar ſagt: Inveteratus dierum Lockocko rex Poloniae, volens sedi Apostolicae et Papae complacere, ut assernit, contra Marchionem Brandenburg. iuvenculum, innumerabiles Lythowanorum turbas pugnaturus sibi as- sumit. Herm. Corner p. 937. Heinr. Rebdorf Annal. ap, Freher. p. 424.
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Gunſt des Königes v. Polen am paͤpſtl. Hofe (1326). 413 kurzem eine Schaar von zwoͤlfhundert Litthauiſchen Reitern, angefuͤhrt von dem kriegeriſchen Hauptmanne David von Gar⸗ then !). Mit dieſem heidniſchen Volke vereint brach nun das Polniſche Heer in das Gebiet des Markgrafen ein; der Raub⸗ zug war furchtbar, denn es war uͤberall nur auf Vernichtung und Verheerung, auf Plünderung und Beute abgeſehen und wo das wilde Kriegsvolk, beſonders die rohe Horde der Lit⸗ thauer hintraf, ward Weltliches und Heiliges der Vertilgung und der Schaͤndung Preis gegeben 2). Doch bald genug vergalt die Nemeſis dem Fuͤhrer der Litthauer fuͤr die un⸗ nennbaren Graͤuel ſeines wilden Raubhaufens, denn der Hauptmann David, dieſer alte bittere Feind des Ordens ward auf dem Ruͤckzuge von einem Polen ermordet 3). Damit aber hatte der Papſt, wie nur zu bald klar wurde, zugleich auch den Feuerbrand des Krieges zwiſchen 1) Dusb. c. 354 ſagt ausdruͤcklich: Loteko Rex Poloniae rogavit Gediminum Regem Lethowinorum, ut ei aliquos arınigeros de gente sua mitteret, und dieſes Zeugniß des Zeitgenoſſen widerlegt die An⸗ nahme Mannerts a. a. O. S. 221, daß der Papſt unmittelbar auch den Koͤnig von Litthauen zu einem Einfalle in die Mark aufgefordert habe, denn die hiefuͤr angeführten Stellen aus Raynald beweiſen dieſes nicht. Spaͤterhin S. 250 ſtellt Mannert die Sache auch etwas an⸗ ders dar. Wenn Rebdorf l. c. ſagt: Pagani marchionatum depopu- lantur permittente Iohanne Papa, ſo kann dieß doch nur heißen: der Papſt ließ es zu, daß Wladislav die Heiden mit in die Waffen rief. Nach Herm. Corner J. c. verband ſich der König mit den Heiden con- silio et beneplacito Iohannis XXII Papae. 2) Herm. Corner Chron. I. c. erwähnt hiebei einer Begebenheit, die auf eine alte Sitte der Preuſſen und Litthauer Beziehung hat; naͤm⸗ lich Stragem maximam in metis Marchiae et Poloniae facientes, ex- ercitum ad interiora terrae duxerunt, et Praepositum de Bernowe hominem corpulentum et pinguem vinxerunt, caput inter erura tor- serunt et dorsum eius gladiis aperuerunt, ac profluvium sanguinis attendentes, de exitu belli per ipsum divinare coeperunt, 3) Dusb. c. 354. Schütz p. 60. Kojalowiez p. 275 läßt zwei Heereszuͤge ins Brandenburgiſche gehen und zwar den zweiten von Ge⸗ dimins Sohn Olgerd anfuͤhren, wovon die uͤbrigen Chroniſten nichts wiſſen. Herm. Corner. p. 1022 nennt den Hauptmann David Regem Lithuanorum de Ploscowe.
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414 Erneuerter Streit wegen des Peterspfennigs (1326). Polen und dem Orden ausgeworfen. Des Koͤniges Bereit⸗ willigkeit in der blutigen Vollfuͤhrung der paͤpſtlichen Plane, die außerordentlichen Lobeserhebungen, mit welchen Johann den König Wladislav wegen feines gräuelhaften Raubzuges vor aller Welt beehrte !), die hohe Gunſt, welche ſich dieſer durch ſeine Dienſtwilligkeit bei dem Papſte erworben und das unverkennbare Ziel, welches der Koͤnig in ſeiner Bereit⸗ willigkeit gegen den erſten Oberherrn und Richter des Ordens unbezweifelt vor Augen gehabt: dieß alles ließ jetzt den Or⸗ den in Preuſſen in jeder Beziehung das Schlimmſte befuͤrch⸗ ten 2). Es war offenbar, daß Wladislav für feine Plane gegen den Orden am paͤpſtlichen Stuhle eine mächtige Stüße gewonnen hatte, denn welcher Geſinnung der Papſt gegen den letztern ſey, nachdem dieſer ſich offen fuͤr Koͤnig Ludwigs Partei erklaͤrt, ließ ſich nicht nur von ſelbſt leicht vermuthen, ſondern er that es auch bald deutlich kund. Weil der Streit wegen Pommern ſchon gaͤnzlich geſchloſſen war und hierin ein Widerruf von Seiten des Papſtes nicht zulaͤſſig ſchien, ſo mußte abermals der Peterspfennig zum Mittel dienen, den Orden vom paͤpſtlichen Hofe her zu bedruͤcken und zu bedrangen. Es waren neue paͤpſtliche Abgeordnete nach Po⸗ len zur Erhebung dieſer Kirchenſteuer geſandt worden, zu⸗ 1) Raynald. an. 1325 Nr. 8. Im J. 1327 ſchrieb der Papſt dem Koͤnige: Famae gloria crescis et merito, fili carissime, multipliciter profuturus tibi et aliis apud Deum, si ad incrementum fidei catho- licae niteris, ad quod tanquam princeps Catholicus piis considera- tionibus imitaris. Raynald, an. 1827. Nr. 49. 2) Wenn es wahr iſt, was Herm. Corner. p. 1022 erzählt: Pru- theni et Fratres de domo Theut. in nullo nocuerunt exercitui Li- thuanorum, nec impediverunt eorum transitum, quia prohibiti erant per Ichannem Papam sub excommunicationis sententia, eo quod iam patrem Ludovici Marchionis excommunicasset tanquam Eoclesiae ho- stem, fo loͤſt ſich wenigſtens einigermaßen die Frage, warum der Or⸗ den ſich hiebei fo ruhig benahm. Alb. Krantz Wand. L. VIII c. 10 führt freilich als noch wahrſcheinlicher an: Fratres Theutonici iter tum incolume prestitere Letuanis, quod bellum a gente in se avertere non auderent, praesertim quum in auxilium prodirent regis Polonorum.
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Erneuerter Streit wegen des Peterspfennigs (1326). 415 gleich mit dem Auftrage, ſie auch im Kulmerlande und in dem Ordensgebiete Pommerns einzuziehen ), obgleich man allgemein glaubte, die zwiſtige Frage uͤber den Peterspfennig ſey ſchon vom vorigen Hochmeiſter genuͤgend beantwortet und abgethan worden. Deshalb wandten ſich der Meiſter und der ganze Orden in Preuſſen mit einem neuen Vorſtellen an den Papſt, ihm nochmals erklaͤrend: ihre Unterthanen im Kulmerlande, wie in Pommern ſeyen von jeder Steuer an die Roͤmiſche Kirche von jeher ledig und frei geweſen und ſchon als Neubekehrte habe man fie in früherer Zeit durch ertheilte Freiheiten zum Glauben mehr anlocken, als⸗durch druͤckende Laſten zuruͤckſchrecken muͤſſen. Jetzt habe man den Peterspfennig von neuem verlangt, wiewohl eine ſolche Steuer ſeit Menſchengedenken nicht gefordert und nicht geleiſtet wor⸗ den ſey, und weil man ſie nicht entrichtet, ſo habe der Erz⸗ biſchof von Gneſen und der Biſchof von Leſlau gegen des Ordens Appellation dennoch Bann und Interdict uͤber das Land ausgeſprochen kraft paͤpſtlicher Vollmachtsbriefe. „Dar⸗ uͤber ſind die Bewohner dieſer Gegenden ſo erbittert, daß ſie allzumal, nicht bloß die Landleute und das gemeine Volk, ſondern auch die Vornehmen und die Buͤrger erklaͤren, ſie wollen ihre Wohnung und dieſe ihre Urheimat lieber verlaſſen und ſich in fremden Landen anſiedeln, als ſich dieſer unge⸗ wohnlichen Belaſtung unterwerfen 2). Zudem iſt ſehr zu be fürchten, daß die Neubekehrten mehr zum Abfalle, als zu feſter Treue im Glauben geneigt ſeyn werden, ſofern man ſie dieſen Beſchwerden nicht enthebt.“ Sodann ſtellte der Mei⸗ ſter die außerordentlichen Nachtheile von dem allen vor: wie 1) Raynald. an. 1325 Nr. 19. Urkunde im geh. Arch. Schiebl. XXIII. Nr. 9. 2) Propter quod incole parcium predictarum et habitatores in tantum sunt exasperati, ita quod dicunt universi et singuli non so- lum Rurenses et ignobiles, sed et etiam nobiles sive Civitatenses et opidani constanter asserunt, pocius se loca sua velle deserere et originario incolatu dimisso ad partes transferre alienas, quam subici nunc insolite servituti,
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416 Erneuerter Streit wegen des Peterspfennigs (1326). es zum Kriege an hinlaͤnglicher Mannſchaft, zum Erwerbe der Nahrungsmittel an den noͤthigen Landbewohnern gebre⸗ chen werde, wie die an den Graͤnzen der Heiden gelegenen Wehrburgen weder mit Lebensunterhalt, noch mit der erfor⸗ derlichen Kriegsmannſchaft verſorgt werden koͤnnten, wie folg⸗ lich die Chriſten den einfallenden Feinden der Kirche Preis gegeben und ſomit bald jene ganze Landſtrecke einem allge⸗ meinen Verderben unterliegen wuͤrde. Endlich bat der Hoch⸗ meiſter den Papſt, in Betracht aller dieſer Gefahren die Stra⸗ fen des Bannes und Interdicts wieder aufzuheben und einige gerechte, gottesfuͤrchtige und unparteiiſche Maͤnner als Rich⸗ ter zur Unterſuchung der Sache herbeizuſenden !). Der Papſt aber, wie man klar ſah, jetzt am wenigſten geneigt, die Streitfrage in naͤhere Unterſuchung zu ziehen, erklärte dem Meiſter: in Ruͤckſicht auf die ihm vorgelegte Bitte und in Erwaͤgung der fuͤr die Seelen und fuͤr die Ver⸗ breitung des Glaubens aus dem Mangel des Gottesdienſtes entſtehenden Gefahren ſey er wohl bereit, aus beſonderer Gnade die Strafen des Bannes und Interdicts bis zu Oſtern des naͤchſten Jahres aufzuheben 2). Auf ein Weiteres indeß ging er gar nicht ein und der Bitte um Unterſuchung der Sache gedachte er nicht mit einem Worte. Noch wichtiger war jedoch, daß er auf das Geſuch des Hochmeiſters, die in 1) Dieſes Schreiben des Hochmeiſters und des Ordens an den Papſt befindet ſich im Entwurfe im geh. Arch. Schiebl. XXIII. Nr. 9. Es iſt ohne Datum, gehoͤrt aber, weil es mit der nachfolgenden paͤpſtl. Bulle in genauſter Verbindung ſteht, unzweifelhaft in dieſe Zeit. 2) Die Bulle im Original, datirt: Avinion. II Non. August. p. n. a. duodecimo (4. Aug. 1327) im geh. Arch. Schiebl. VII. Nr. 5. Die Bitte, welche der Papſt dem Hochmeiſter unterſchob, nämlich die Strafe zu ſuspendiren, hatte dieſer eigentlich gar nicht gethan; ſondern es heißt in dem Schreiben des Meiſters: Supplicant humiliter Magister, commendatores et fratres, quatinus fidei et saluti incolarum et ha- bitatorum dictarum parcium paterne consulentes et huiusmodi peri- culis promptis et gravibus occurrentes predictas excommunicationis et interdicti sentencias et alias quascumque oceasione premissorum prolatas dignemini tollere et onera relaxare.
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General-Ordenskapitel (1326). 417 der paͤpſtlichen Kanzlei ſchon fo lange liegende und bisher immer noch zuruͤckgehaltene Entſcheidung des Papſtes in der Streitſache wegen Pommern ausfertigen und beſiegeln zu laſſen, nicht einmal eine Antwort ertheilte, waͤhrend man die Nachricht hatte, der paͤpſtliche Vicekanzler wolle und koͤnne das fuͤr den Orden ſo wichtige Inſtrument ohne des Papſtes beſonderen Befehl nicht ausſtellen ). Man ſah alſo jetzt klar, daß Johann gegen den Orden eine Geſinnung hege, von welcher nur viel zu fuͤrchten und wenig zu ſeinen Gunſten zu hoffen ſey. Man hatte die un⸗ verkennbarſten Beweiſe, daß der paͤpſtliche Hof ſich in aller Weiſe dem Koͤnige von Polen ergeben und gefaͤllig zu zeigen ſuche und es kam jetzt alles auf die Stellung an, welche der Orden in dem Streite zwiſchen dem Papſte und dem Koͤnige Ludwig fernerhin behalten werde, denn daran knuͤpfte ſich auch unendlich vieles andere. Der Hochmeiſter berief daher ohne Zweifel vorzuͤglich auch zur Berathung uͤber des Ordens aͤußere politiſche Verhaͤltniſſe noch im Jahre 1326 ein Gene⸗ ral-Ordenskapitel in Marienburg und die Zahl der dort er ſcheinenden Ordensritter und Gebietiger, unter denen auch der damalige Deutſchmeiſter Konrad von Gundelfingen war 2), ſoll ſehr bedeutend geweſen ſeyn ?). Man entwarf und be ſtaͤtigte zuerſt verſchiedene Satzungen und Geſetze, welche theils die Ordnung des Gottesdienſtes an einigen Feſten, theils die Lebensweiſe und das Verhalten der Ritterbruͤder in verſchie⸗ denen Verhaͤltniſſen feſter beſtimmen und regeln ſollten “). 1) Urkunde im geh. Arch. Schiebl. XXIII. Nr. 9. : 2) Daß Konrad von Gundelfingen früher, als man gewöhnlich ans nimmt, ſchon Deutſchmeiſter war, ift ſchon oben S. 384 not. 2 er⸗ wicſen. Im J. 1325 kommt er als ſolcher auch in einer Urkunde in Olenſchlagers Staatsgeſchichte des Roͤm. Kaiſerth. Nr. L. vor. 3) Dusb. Supplem. c. 1 ſetzt dieſes Kapitel beſtimmt noch ins J. 1326. Die Anweſenheit des Deutſchmeiſters wird zwar nicht ausdruͤck⸗ lich erwähnt; allein bei einem General- Kapitel war feine Gegenwart an ſich ſchon nothwendig. Die Zahl der in Marienburg Anweſenden giebt Simon Grunau Tr. XI. c. 11 auf 219 an. 4) Was von dieſen Geſetzen und Anordnungen als aͤcht zu betrach⸗ IV. 27
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418 General: Drdensfapitel (1326). Hierauf wurden vorzüglich auch die politifchen Verbindungen und Verhaͤltniſſe des Ordens in Berathung gezogen. Man beſchloß an der Partei des Koͤniges Ludwig trotz des paͤpſt⸗ lichen Zornes auch forthin noch feſtzuhalten und auf ſolche Weiſe wider die Gefahr von Polen her ſich auch der Freund⸗ ſchaft des Markgrafen Ludwig von Brandenburg noch mehr zu verſichern. An dem Koͤnige Johann von Boͤhmen hatte der Orden an ſich ſchon einen natuͤrlichen Verbuͤndeten, denn in ſeiner Hoffnung auf den Beſitz der Kurmark Brandenburg getaͤuſcht und von dem Augenblick an fuͤr Koͤnig Ludwigs Sache erkaltet, mochte er ſich gerne durch ſeine alten An⸗ ſpruͤche auf Polen entſchaͤdigen und war ſomit hiedurch ſchon Wladislav's Feind), und da endlich der Orden auch mit den Herzogen von Schleſien befreundet war und an den von Breslau ihn uͤberdieß ein enges Buͤndniß knuͤpfte 2), ſo fand man in der Freundſchaft dieſer Fuͤrſten hinlaͤnglich Schutz gegen den Zorn des Papſtes. Endlich wandte ſich die Be⸗ rathung des Kapitels auch noch auf die Verhaͤltniſſe Livlands, wo bis jetzt ſeit jener zwiſtigen Wahl Johanns von Hohen⸗ horſt zum Meiſter des Landes der alte Landmeiſter Gerhard von Jocke die Verwaltung noch fortgeführt’). Da ihn aber ten iſt, findet ſich zum Theil bei Dusb. I. c., zum Theil in den Dr: densſtatut. von Hennig S. 120 — 123. (Wir werden ſpaͤter die Be⸗ ſtimmungen noch weiter beruͤckſichtigen, wenn von der Verfaſſung des Ordens die Rede iſt.). Das Meiſte, was Simon Grunau Tr. XI. c. 11 — 12 und ihm folgend Lucas David B. VI. S. 87 von dieſem Kapitel und den in ihm entworfenen Statuten ſagen, iſt bloße Erdich⸗ tung jenes Moͤnches, wie wir theils ſchon in der Geſchichte Marien⸗ burgs S. 104, theils in der Beilage Nr. V. zu dieſem Bande noch naͤher erwieſen haben. 1) Martini Poloni Continuat. ap. Eccard, T. I. p. 1446. Du- brav. p. 534. 2) Die Geſinnungen der Schleſiſchen Fuͤrſten ſchildert Dlugoss. P. 992. 3) Vgl. oben S. 319, 320. Der Hochmeiſter fagt ſelbſt in der gleich näher erwähnten Urkunde, daß die im Kapitel zu Marienburg erſchie⸗ nenen Rivländifchen nuncii nomine fratrum de Livonia coram nobis et
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Anfang des Krieges mit Polen (1327). 419 koͤrperliche Gebrechlichkeit und fortwaͤhrende Krankheit in ſei⸗ nen Amtspflichten mehr und mehr hinderten, wie er denn auch deshalb in dieſem Ordenskapitel nicht hatte erſcheinen koͤnnen, fo ernannte der Hochmeiſter mit Zuſtimmung des verſammelten Kapitels den bisherigen Komthur von Goldin⸗ gen Eberhard von Monheim zu ſeinem Nachfolger im land⸗ meiſterlichen Amte ). Ferner entboten die Ordensgebietiger aus Livland freiwillig die Abtretung der Burg und des Ge⸗ bietes von Memel an die Ordensritter in Preuſſen, weil es ihnen bei der großen Entfernung ferner nicht mehr moͤglich ſey, dieſe fo wichtige Burg in dem noͤthigen wehrhaften Stande zu erhalten, und man fand es im Kapitel auch all⸗ gemein fuͤr zweckmaͤßiger, ſie mit ihrem Gebiete forthin dem Orden in Preuſſen zuzuweiſen 2). Unter ſolchen Verhaͤltniſſen begann nun das Jahr 1327. Sein Anfang aber war das Ende des Waffenſtillſtandes zwi⸗ fratribus nostris propalarunt, quod haberent defectum notabilem in praeceptore seu Magistro Livoniae olim sibi deputato eo quod prae impotentia fragilitatis suae et aegritudinis continuae non posset offi- cium commissum sibi debite gubernare. Daß Gerhard im J. 1326 noch Landmciſter war, iſt aus Urkunden zu erweiſen. 1) De Wal Histoire de lO. T. III. p. 114 hat offenbar ganz Recht, wenn er Eberhard von Monheim ſchon im J. 1327 ins land⸗ meiſterliche Amt ſetzt, denn es iſt nach der erwähnten Urkunde, worin ihn der Hochmeiſter als bisherigen Komthur von Goldingen bezeichnet, kein Zweifel, daß er in dieſem Kapitel zum Landmeiſter ernannt wurde. S. Bachem a. a. SEN 2) Wir haben die Urkunde hierüber in einer beglaubigten Abſchrift im geh. Arch. unter der Rubrik: Memelſche Privilegien und Graͤnzſachen Nr. 98, worin zugleich bemerkt iſt, daß ſich das Original in Berlin befinde. Es heißt darin, daß die Livland. Ordensritter dem Hochmeiſter vorgeſtellt, qnod propter nimiam elongationem castri et territorii Me- melae pluresque defectus alios insimul concurrentes, bona illa et possessiones amplius fovere pro suo commodo et forsan convenienti non possent, imo mallent potius abrenunciare voluntarie manibus confratrum nostrorum de Prussia perpetuo mancipanda, quam ea tot et tantis difficultatibus longius possidere, quin imo si ad hanc ac- ceptationem deveniret, nullatenus ea repeterent consequenter. 27
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420 Krieg mit Polen (1327). ſchen Polen und dem Orden, denn die Waffenruhe war nicht verlaͤngert worden und ſchon im Sommer dieſes Jahres brach der Krieg auch offen aus. Da naͤmlich Wladislav fort und fort die feindſeligſten Geſinnungen gegen den Orden bewieſen und ſich unaufhoͤrlich Neckereien gegen ihn erlaubte, ſo uͤber⸗ ſchritt auf des Hochmeiſters Befehl Otto von Luterberg, der Landkomthur von Kulm, zu Ende des Juli !) mit einer an⸗ ſehnlichen Streitmacht die Ufer der Drewenz und fiel mit der Huͤlfsſchaar des Herzogs Wenceslav von Maſovien vereint in die Landſchaft Cujavien ein, wo, weil der Einbruch des Feindes ganz unvermuthet kam, nirgends Widerſtand geleiſtet und weit und breit alles durch Raub und Brand verwuͤſtet ward. So trieb die Pluͤnderungsluſt das Kriegsheer vorwärts bis an die Burg Kowale 2), welche umlagert, erſtuͤrmt und verbrannt wurde. Dann kehrten mit reicher Beute der Her⸗ zog und der Landkomthur in ihre Gebiete zuruͤck. Es war aber durch dieſen erſten Raubzug zwiſchen Polen und dem Orden ein Kriegsfeuer entzlindet worden, welches bei dem furchtbaren Haß und Groll, der es naͤhrte, faſt zwei Jahr⸗ hunderte hindurch nie wieder ganz erſtickt werden konnte, viel⸗ mehr nach kurzen Unterbrechungen mit ſeiner verderblichen Macht immer wieder ausbrach und namenloſes Unheil uͤber Volker und Länder brachte *). Der Koͤnig von Polen war ſchwer erzuͤrnt wegen dieſes feindlichen Einbruches; allein die Verhaͤltniſſe ſeines Landes, beſonders die Unficherheit des Reiches ſowohl gegen den Koͤ⸗ nig von Boͤhmen und die nahen Schleſiſchen Fuͤrſten, die ſich eben erſt wider Polen noch enger verbuͤndet⸗), als auch gegen den tieferbitterten Markgrafen von Brandenburg erlaubten ihm nicht augenblicklich Rache zu uͤben. Er verſchob ſie bis 1) Diugoss. p. 993. 2) Jetzt Kowal, ein Staͤdtchen, einige Meilen weſtwaͤrts von der Weichſel. 3) Außer Dlug oss. I. c. erwähnen dieſes Zuges auch Lucas Da: vid B. VI. S. 97 und Schütz p. 61. 4) Chron. Aulae Regiae p. 58. Dlugoss. P. 992.
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Krieg mit Polen (1328). 421 ins kommende Jahr 1328. Da brach er dann plotzlich, durch Huͤlfsvoͤlker aus Litthauen und Ungern verſtärkt ), welche letzteren ihm ſein Eidam der Koͤnig Karl von Ungern zuge⸗ ſandt, ins Kulmerland ein. Seine Heeresmacht aber war ſo bedeutend und der Einfall geſchah fo unvermuthet, daß der Landkomthur es nicht wagte, ſich dem Feinde entgegen zu ſtellen. Ungehindert alſo durchftinmte dieſer mit Feuer und Verheerung das ganze Land bis an die Oſſa herab und alle Doͤrfer und Hoͤfe, auf die er traf, gingen in Flammen auf. Mit dieſer rachgierigen Verwuͤſtung des Landes war jedoch des Zuges ganzer Zweck auch ſchon erreicht, denn ohne eine Stadt oder eine Ordensburg zu belagern oder die Ritter zum Kampfe zu fordern, ging das feindliche Heer uͤber die Dre⸗ wenz wieder zuruͤck. Waͤhrend es ſich aber nun in das Ge⸗ biet des Herzogs Wenceslav von Maſovien warf, um hier gleiche Rache zu nehmen, ſammelte ſchnell der Kulmiſche Land⸗ komthur ſeine ganze Streitmacht und zog dem Feinde, vereint mit den Kriegsleuten des Herzogs von Maſovien in Eile nach. In Cujavien ſtellte er ſich ihm zur Schlacht entgegen; allein, wie feindliche Berichte erzaͤhlen, erlag im Kampfe faſt die ganze Mannſchaft des Landkomthurs; der Komthur von Thorn 2) fiel im Streite und der Herzog von Maſovien war kaum noch ſo gluͤcklich, mit einem Theile der Seinen ſich durch die Flucht zu retten). 1) Kojalowiez p. 278 ſagt: Adfuit in tempore Ladislao ipse Gediminus, copias inter filios suos, velut inter legatos partitus. Annal. Oliv. p. 43. 2) Dieſer Komthur war nicht Berengar von Diſtelſtein, wie Lu⸗ cas David B. M. S. 98 angiebt, denn dieſer Name iſt von Simon Grunau erdichtet, ſondern es kann nur Hugo von Almenhauſen da⸗ mals Komthur von Thorn geweſen ſeyn. 3) Wir haben dieſe Nachricht theils freilich nur aus Diugoss. p. 994, theils aus den Annal. Oliv. p. 43 und Kojalowiez p. 278. Die Ordensſchriftſteller find für dieſe Jahre aͤußerſt dürftig. Lucas Da⸗ vid B. VI. S. 98 erzaͤhlt nur den Polniſchen Chroniſten und dem Simon Grunau nach. Kantzow Pommeran. B. I. S. 336 ſetzt den Einfall ins Kulmerland ebenfalls ins J. 1328. Der Verheerungs⸗
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422 Kriegszuͤge nach Litthauen (1328). Mittlerweile hatten auch die Kriegszuͤge der Ritter nach Litthauen von neuem begonnen, ſey es, daß man unter den erwaͤhnten Verhaͤltniſſen den vom Papſte anbefohlenen Frie⸗ den weiter zu beachten nicht mehr fuͤr noͤthig fand oder daß der Papſt ſelbſt jenen Frieden als aufgehoben erklaͤrt hatte. Zuvor jedoch hatte man zur Sicherung der Graͤnzen Preufs ſens gegen die Samaiten die Burg und das Gebiet von Me⸗ mel, wie im General-Kapitel beſchloſſen war, dem Orden in Preuſſen foͤrmlich uͤberwieſen und namentlich die Ordens⸗ burg durch die Ritterbruͤder von Chriſtmemel in Beſitz neh⸗ men laffen *), denn da dieſes neuere Ordenshaus feinem Zwecke wenig zu entſprechen ſchien, dabei dennoch eine ſtarke und ſchwer zu unterhaltende Beſatzung erforderte, ohnedieß auch kurz zuvor eine Erderſchuͤtterung es ſo bedeutend beſchaͤdigt haben ſoll 2), daß die meiſten Gebaͤude den Einſturz drohten, ſo ließ es der Hochmeiſter in dieſem Jahre 1328 gaͤnzlich niederbrechen ?). Von den Kriegszuͤgen nach Litthauen war indeſſen nur der gegen das Gebiet von Garthen hin von eini⸗ gem wichtigen Erfolge. Sechzig Ritterbruͤder mit einer Mann⸗ ſchaft von dreitauſend Kriegsleuten brachen dahin auf. Doch auf die Nachricht, daß die Landesbewohner vom feindlichen zug, von welchem Dusb. Supplem. c. 10 im J. 1329 ſpricht, iſt die⸗ ſem allerdings ſehr aͤhnlich; indeſſen ſcheint er doch nicht der naͤmliche zu ſeyn, denn ſolche Raub⸗ und Verheerungszuͤge hatten im Ganzen immer ziemlich denſelbigen Charakter. 1) Der Hochmeiſter beſtaͤtigte dieſe ueberweiſung Memels durch eine eigene Urkunde datirt: Elbingi a. d. 1328 in die s. Urbani (25. Mai); es iſt dieſelbe, deren wir eben vorhin erwähnt haben. &ie enthält zu: gleich die naͤhere Graͤnzbeſtimmung des ganzen Gebietes von Memel. Vgl. Dusb. c. 3; auch das Chron. Canon. Samb. erwähnt der Ueber⸗ gabe. Beide Quellen wiſſen aber nichts davon, daß Memel dem Orden in Preuſſen vorerſt nur auf ein Jahr uͤbergeben worden ſey, wie im Erlaͤut. Preuſſ. B. 4. S. 235 gefagt iſt. S. Arndt Chron. v. Liv⸗ land B. II. S. 87. 2) Dusb. c. 5 ſtellt das Ereigniß nur als eine locale Erderſchuͤt— terung dar. 3) Wigand. Marb. p. 281.
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Kriegszüge nach Litthauen (1328). 423 Einfalle zuvor ſchon unterrichtet und zum Widerſtande geruͤſtet ſeyen, ſandte man nur vierhundert Mann zum Raub in das Gebiet hinein, die aber am folgenden Tage ſchon zur größe: ren Heerſchaar wieder zuruͤckkehrten. Da glaubten die zur Gegenwehr verſammelten Litthauer, der Feind ſey in ſein Land wieder zuruͤckgezogen und gingen auseinander. Bald darauf aber brachen die Ritter mit ihrer ganzen Heeresmacht ohne Widerſtand in das Gebiet ein, verheerten es ſechs Meilen weit mit Raub und Feuer und da der Burg Garthen kein fo tapferer Krieger, wie früher ihr Hauptmann David, mehr vorſtand, ſo mußte ſie ſich dem Ordensheere ergeben. Die Schonung ihrer Bewohner hatte den erfreulichen Erfolg, daß ſich aus Garthen ſelbſt mehre Edle mit allen ihren Angehö: rigen und aus dem übrigen Gebiete im Ganzen vierundneun⸗ zig Edle dem Ordensheere anſchließend mit nach Preuſſen zogen und hier die Taufe empfingen). Zwei andere Raub: züge ins feindliche Land von den Ordensrittern aus Ragnit unternommen endigten mit der Verbrennung der Vorburgen von Putheniken und Oukaim und der Ermordung faſt aller ihrer Bewohner, da man ſie beide bei naͤchtlicher Weile uͤber⸗ fiel und ohne Widerſtand eroberte ?). Mit dem Ende des Jahres 1328 aber bereiteten ſich fuͤr 1) Dusb. c. 6 ſagt nur: Plures etiam Nobiles de dicto castro cum omni domo et familia sua usque IX animas adiuncti sunt fra- tribus. Schütz dagegen, welcher hier gute Quellen, z. B. den voll⸗ ftänbigen Wigand. Marb. zur Hand hatte, nennt 94 aus edlem Ge⸗ ſchlechte ſammt allen den Ihrigen. 2) Dusb. Suppl. c. 7— 8. Schütz p. 61. Die Erzählung bei Kojalowiez p. 279 von der Ankunft des Herzogs Heinrich von Baiern, von deſſen Zug nach Litthauen und von der Erbauung der Baierburg, die der Chroniſt ins J. 1328 ſetzt, mit deren Berichtigung De Wal J. III. p. 91 ſich ermuͤdet, die aber unbedenklich von Kotzebue B. II. S. 144 in das J. 1328 aufgenommen iſt, fällt gerade zehn Jahre ſpaͤter, alſo erft ins J. 1338. Dahin ſetzt fie ausdruͤcklich Wigand. Marburg. Folglich iſt auch die Gelehrſamkeit, welche Kotzebue B. II. S. 366 über den fo frühen Gebrauch des Feuergewehres in Preuſſen meiſt aus De Wal l. c. abgeſchrieben hat, hier an einem ganz unpaſſenden Orte.
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424 Der Papſt gegen den Krieg mit Polen (1328). den Orden in Preuſſen ungleich wichtigere Zeiten vor. Der Papſt Johann ohnedieß ſchon erbittert gegen den Orden, nach⸗ dem er vernommen, daß dieſer dem Koͤnige Ludwig zugethan auf dem Tage zu Renſe nicht nur mit warmen Eifer für deſſen Sache geſprochen, ſondern auch den Deutfchmeifter Konrad von Gundelfingen im koͤniglichen Geleite mit nach Italien geſandt habe und mit Ludwigs Sohn dem Markgrafen von Brandenburg in enge Verbindung getreten ſey, nahm die Miene des Schwererzuͤrnten an, als er die Nachricht von dem Einfalle der Ordensritter ins Cujaviſche Gebiet erhielt. In einem Schreiben an die Erzbiſchoͤfe Balduin von Trier, Heinrich von Koͤln und Matthias von Mainz erzaͤhlte er dieſen, wahrſcheinlich nach Berichten, die ihm aus Polen zugekom⸗ men waren, in der uͤbertriebenſten Schilderung!) die Graͤuel⸗ thaten und Verwuͤſtungen, welche von den Rittern auf ihrem Zuge nach Cujavien an Kirchen und Kloͤſtern, im Niederbren⸗ nen von Dörfern, Burgen und Städten, in Raub und Mord⸗ thaten ſelbſt an ſolchen, die ſich in Kirchen und andere hei⸗ lige Orte geflüchtet, in Entehrung geachteter Frauen, in Ent⸗ weihung alles Heiligen in Gotteshaͤuſern und in Unterbrüf: kung alles Gottesdienſtes durch Vertreibung aller Geiſtlichen verübt worden ſeyen ?). Er erwähnte ferner auch, wie hals⸗ ſtarrig ſich der Orden durch ſtrenge Befehle der Erhebung des Peterspfennigs widerſetze und wie er allen Eroͤrterungen der paͤpſtlichen Nuntien uͤber dieſen Gegenſtand mit frecher Kuͤhnheit und mit Verachtung begegne. Dann ertheilte er den erwaͤhnten Praͤlaten den Auftrag, uͤber alle dieſe durch glaubhafte Berichte ihm kundgewordenen Graͤuelthaten des Ordens eine genaue Unterſuchung anzuſtellen und nach Be⸗ finden der Sache mit aller Macht einzuſchreiten. „Kann jedoch, 1) Obgleich der Papſt ſagt: ut habet fidedignorum relatio. 2) Es heißt: Terra illa sic existit per eorum vastationem afflicta, quod inde Prelatis et Clericis exulare compulsis, nullus reperitur ibidem, qui divina velit et audeat in Ecclesiis, que ab incendio huiusmodi fuerunt divina providentia preservate, divina celebrare officia et ıninistrare residuo populo ecclesiastica sacramenta.
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Der Papſt gegen den Krieg mit Polen (1328). 425 fügte der Papſt, wie noch von einiger vaͤterlicher Milde be⸗ ſeelt, endlich noch hinzu, die uns zugekommene Nachricht mit der Wahrheit widerlegt werden und koͤnnen die Ordensbruͤder ſich wahrhaft vertheidigen, ſo wird es uns ſehr angenehm ſeyn, denn wir wuͤrden nichts lieber hoͤren, als daß ſie ſich in dieſer Sache in ihrer Reinheit und Unſchuld zeigen koͤnn⸗ ten. Wofern aber nicht, ſo koͤnnen wir in geziemender Weiſe ſo viele und ſo große Schandthaten mit verdeckter Nachſicht und ohne die noͤthige Beſſerungsſtrafe durchaus nicht hingehen laſſen ).“ Da ferner der Papſt um dieſelbe Zeit einem paͤpſt⸗ lichen Legaten, der nach Deutſchland ging, auch die Voll⸗ macht ertheilte, den Deutſchen Orden aller ſeiner Freiheiten, Rechte und Begnadigungen fuͤr verluſtig erklaͤren zu koͤnnen, ſobald er ſich in irgend einer Weiſe gegen die Kirche unge⸗ horſam und rebelliſch beweiſe 2), ſo war nur zu klar, daß ſein Ziel auf nichts anderes hinauslief, als den Orden durch ſei⸗ nen Zorn zu ſchrecken und ihn fo wo moͤglich von des Koͤ⸗ niges Ludwig Partei zu trennen. Es war aber außerdem auch ganz gegen des Papſtes Plan, daß Polen mit dem Orden bereits im offenen Kampfe ſtand, denn offenbar hatte er die Streitkraͤfte jenes Reiches 1) Dieſe Bulle datirt: Avinion. XII Calend. April an. XII. be⸗ findet fi) in Regest. Iohan. XXII epist. 1698, im Copienb. des geh. Arch. Nr. 380. Im Anfange derſelben iſt freilich der Text durch Lücken fo zerriſſen, daß der Zuſammenhang kaum noch errathen werden kann. Von der Anhaͤnglichkeit des Ordens an Koͤnig Ludwig und ſeinen Sohn den Markgrafen iſt aber deutlich die Rede. Wenn es jedoch bei Raynald an. 1328. Nr. 41, wo der Hauptinhalt dieſer Bulle ebenfalls ſteht, heißt: Data etiam eidem Archiepiscopo provincia, ut cruceatorum equitum Prussiae et Pomeraniae causam cognosceret, qui iuncto cum Ludo- vico Bavaro armorum foedere Marchionatum Brandeburgensem ir- ruptione facta, caedibus foedarant, fo können wir dieſen Sinn in den einzelnen Anfangsworten dieſer Bulle nicht finden und es ſcheint, daß Rainald in der Deutung der einzelnen Worte eben nicht beſonders glück lich geweſen iſt. 2) Bulle des Papſtes in Formular. Marini Ebuli epist. 715, im Copienb. des geh. Arch. Nr. 383.
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426 Kreuzzug des Königes Johann von Böhmen für eine ganz andere. Richtung berechnet, indem er fie gegen den Markgrafen von Brandenburg gebrauchen wollte. Es galt alſo jetzt, durch irgend ein Mittel Polen gegen den Orden wieder mehr zu ſichern und des letztern Waffen in dem er⸗ neuten Kampfe gegen die Heiden thaͤtiger zu beſchaͤftigen, und er fand dieſes Mittel darin, von neuem eine große Heerfahrt nach Preuſſen zur Bekaͤmpfung der Unglaͤubigen in Bewegung zu ſetzen. Sofort erging an den Prediger-Orden der Befehl, in Boͤhmen, Maͤhren, im Salzburgiſchen und mehren andern Ländern zur Unterſtuͤtzung des Ordens in Preuſſen in ſeinem Kampfe wider die Heiden mit Nachdruck und Eifer abermals das Kreuz zu predigen und allen, die ſich fuͤr die heilige Sache durch die Mahnung erwecken lie⸗ ßen, alle Gnadenmittel in reichem Maaße zu verheißen). Ob der Papſt auch den kampf⸗ und reiſeluſtigen König Johann von Böhmen noch beſonders zu einer ſolchen Heerfahrt auf: gefordert habe, iſt nicht ganz gewiß 2); wir erfahren nur, daß ihn der Hochmeiſter Werner von Orſeln um Hülfe habe erſuchen laſſen s) und man vernahm bald nicht ohne Freude, 1) Bulle des Papſtes im Formular. Marini Ebuli epist. 742, im Copienb. des geh. Arch. Nr. 384. 2) Wir haben allerdings wohl eine ſolche Aufforderung Johanns XXII an den König von Böhmen im Formular. Marini Ebuli epist. 1894, im Copienb. Nr. 122. Sie iſt aber nicht nur ohne Datum, ſondern auch darum ſehr verdaͤchtig, weil der Papſt darin ſagt, der Koͤnig ſey ſchon einmal in Preuſſen geweſen, habe das Samlaͤndiſche Volk unterjocht u. ſ. w. Ueberhaupt paßt die Bulle ihrem Inhalte nach weit mehr in die Zeit des Koͤniges Ottokar und es ſcheint demnach, daß ihr der Name Johann XXII nur an die Stirne geſetzt iſt. Es beſtaͤtigt dieſes auch eine andere Bulle Johanns XXII im Formular. Mar. Ebuli epist. 1896, im Copienb. Nr. 391, worin er dem Koͤnige alles zu ero⸗ bernde Land, ſofern es nicht dem Orden oder einem andern chriſtl. Herrn gehdre, als Eigenthum zuſagt, wie wir dieſe Zuſage auch fruͤher B. III. S. 285 bei Ottokar fanden. 3) Dubrav. p. 168 ſagt ausdruͤcklich: der König ſey gekommen rogatus a Vernero Prussiae Magistro, ne Prutenos, iam olim ab Othogaro clientelae nomine regibus Boiemiae addictos, auxilio desti- tutos relinqueret contra Lithuanos gentem impiam.
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gegen die Samaiten (1328). 427 daß der König, der ſich überhaupt fort und fort in Kriegs: fehden, Turnieren, Ritterſpielen und allerlei abenteuerlichen Unternehmungen umhertrieb ) und eben erſt von einer Kriegs⸗ fahrt aus Oeſterreich heimgekehrt war, ſich zu einem Heeres⸗ zuge nach Preuſſen im Herbſt des Jahres 1328 mit Eifer ruͤſte. Obgleich nun an ſich ſelbſt ſchon eine Heerfahrt nach Preuſſen zum Kampfe wider die Heiden für die ſtreitluſtige Ritterſchaft von jeher viel Lockendes und immer einen großen Reiz gehabt hatte, ſo erhoͤhte doch dieſen jetzt noch die Nach⸗ richt von dem Vorhaben des beruͤhmten Koͤniges, die ſchnell durch alle Laͤnder ging, und als darauf im Winter dieſes Jahres der Aufbruch wirklich geſchah und der Koͤnig mit ſei⸗ ner Gemahlin Eliſabeth und ſeinem Sohne dem Markgrafen Karl von Maͤhren, im prunkvollen Geleite der vornehmſten Herren und edelſten Ritter ſeines Reiches an der Spitze einer ausgeſuchten Heerſchaar den Zug antrat, ſammelten ſich zu ſeinen Fahnen auch der Herzog Bolko von Falkenberg aus Schleſien 2), die Grafen Gottfried von Leiningen, Heinrich von Wilnau, Ulrich von Hanau, ein Graf von Wirtenberg, ein Graf von Oettingen, einer von Neuenar, einer von Schauenburg) und einer von Falkenſtein, ferner die edlen Herren Otto von Bergau, Peter von Roſenberg, auch Hein⸗ rich von Lipa der Juͤngere, in Boͤhmen von hochwichtigem Anſehen und Einfluß, da er mehrmals an des Koͤniges Statt die Reichsverwaltung führte *), außerdem die edlen Ritter Wilhelm von Landſtein ), Thymo von Coltitz, Bernhard 77) Chron. Aulae Regiae p. 39. 2) Vgl. Dusb. Suppl. c. 9 mit der Urkunde bei Sommersberg Scriptt. rer. Siles. T. I. p. 834 Nr. LI. 3) Bei Dusb. ſteht wahrſcheinlich verdorben de Stowenborg ftatt Scowenburg oder Schowenburg für Schauenburg oder Schaumburg. 4) Auch die Chron. Aulae Regine p. 22. 65. 71 unterſcheidet einen Henricus de Lypa Senior et Iunior. Der Aeltere ſtarb im J. 1329. 5) Nach der Chron. Aulae Reg. p. 22 ſpielen Wilhelm von Land⸗ ſtein und Peter von Roſenberg beſonders im J. 1317 eine wichtige Rolle in Böhmen. Der letztere heißt Wilhelmi de Landestein patruus p. 24. Dubrav. P. 165.
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428 Kreuzzug des Königes Johann von Böhmen von Zinnenburg, die von Kerpen, von Gera, von Berga, von Rothenſtein, von Damitz, von Kotbus; auch zogen herbei die edlen Burggrafen von Meißen und von Dohna, wahrſcheinlich Otto von Dohna, nebſt vielen andern edlen Herren aus Deutſchland ), und ſelbſt aus England hatte die Luſt des Heidenkampfes manchen ſtreitbaren Ritter her⸗ beigelockt. Der Koͤnig nahm ſeinen Zug durch Schleſien, um dort zugleich die Vaſallen⸗Huldigung der Landesherzoge zu em⸗ pfangen 2). Erſt gegen das Ende des Jahres 1328 langte das Heer an der Graͤnze Preuſſens ans) und große Erwar⸗ tungen und frohe Hoffnungen kamen ihm hier entgegen. Es ward ſofort mit dem Koͤnige von Polen ein Waffenſtillſtand geſchloſſen, damit waͤhrend der Kriegsreiſe ins heidniſche Ge⸗ biet Preuſſen gegen Suͤden hin geſichert ſey“). Der Hoch⸗ 1) Dieſer Grafen und edlen Herren erwähnt theils Dusb. I. o., theils eine Urkunde datirt zu Thorn am Sonnt. Invocavit 1329 im geh. Arch. Schiebl. XXII. Nr. 2. Wie die Namen in der urk. bei Diugoss. p. 999 ſtehen, find fie außerordentlich verdorben, ebenſo zum Theil bei Schütz p. 61. Ob auch ein Graf von Wallenrod mitgekom⸗ men ſey? Nach Dusb. ſcheint es fo. Da jedoch dieſe Familie nie gräf- lich war, ſo iſt wahrſcheinlich Wallrode verdorben und Wilnowe zu leſen, welcher Graf Heinrich von Wilnowe oder Wilnau in der erwaͤhn⸗ ten Urkunde wirklich vorkommt. De Wal T. III. p. 95 hat Wilnowe auch ſchon aufgenommen. 2) Anonymi Chron. Bohem. ap. Mencken T. III. p. 1762. 3) Die Annal. Oliv. p. 43 ſetzen die Ankunft etwas zu fpät an, wenn ſie ſagen: vere ineunte venit. Der Anonym. Chron. Bohein. p. 1762 erwähnt: Post haec VII die Decembr. cum maxima multitu- dine bellatorum Prussiam progreditur. Herm. Corner. p. 993 fest den Zug ſchon ins J. 1319. In der Chron. Aulae Reg. p. 62 heißt es: Congregata magna parte pecuniae per collationem generalem terrae et diversae exactionis species VI die mensis Decembris de Praga exiens versus Prussiam procedit cum exercitu. 4) Dusb. c. 10 deutet dieſen Waffenſtillſtand nur anz; Wigand. Marb. p. 279 ſagt aber beſtimmt: Eo tempore dissentio erat inter Ordinem et terram Cracoviensem; quare Rex Iohannes ex prudentia sua ibidem pacem statuerat, quam putabant perpetuo duraturam. Dubrav. I. c.
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gegen die Samaiten (1328). 429 meiſter hatte ſich laͤngſt zum Kriegszuge geruͤſtet und alles im Lande vorbereitet. So brach nun die ganze Kriegsmacht aus Preuſſen auf; zweihundertundfunfzig Ordensritter verein⸗ ten ſich mit dreihundert auserleſenen Reiſigen des Koͤniges. Das übrige Streitheer aus den Ankoͤmmlingen und den Kriegs⸗ leuten des Ordensgebietes beſtehend betrug achtzehntauſend Mann, ungerechnet eine nicht unbedeutende Schaar von Fuß⸗ volk ), dem eine unabſehbare Reihe von Fahrzeugen und Wagen mit Beduͤrfniſſen für das Heer nachfolgte ?). Man beſchloß, mit dieſer Streitmacht bis in das Herz von Sa⸗ maiten einzubrechen, um gleichſam erſt dieſen Vorbau des Heidenthums in Litthauen gaͤnzlich zu vernichten, und alles ver⸗ kuͤndigte einen gluͤcklichen Erfolg, denn der Winter rauh und hart war zu dem Unternehmen aͤußerſt guͤnſtig. Bei der Burg Ragnit überfchritt das Heer, an feiner Spitze der Köͤ⸗ nig und der Meiſter, die Ufer des Memel-Stromes und drang laͤngs der Jura hinauf bis in das Gebiet von Mede⸗ niken vor, wo die Burg Medewageln lag, die man vor drei⸗ zehn Jahren unter den Bannern der Grafen von Neuenar und Berg ſchon einmal belagert hatte?). Mag es die reiche 1) Die Angaben find verſchieden. Schon De Wal I. c. p. 95 fagt: Le continuateur de Dusbourg s'exprime d'une maniere ambigug; il paroit au premier coup-d’oeil que le Grand -Maitre avoit 18 mille chevaux et une infanterie indéterminée; on peut aussi entendre que les forces des croises et du Grand-Maitre montoient à 18 mille hommes de cavalerie, sans compter l’infanterie, ce qui est le plus vraisemblable. Schütz p. 62 giebt 250 Ordensritter und 18,000 Mann gan, ohne das gemeine Fußvolk. Wigand. Marb. I. c. läßt den König kommen cum 300 armigeris et aliis christifidelibus und dann: cum 10,000 Litwaniam invadere proponebant. 2) Chron. Aulae Regiae p. 65. 3) Auch hier kaͤmpft man wieder mit verſtuͤmmelten Namen. Dusb. c. 9 nennt die Burg Mederage, Schütz. I. c. Mednagen; früher bei Dusb. c. 320 im Gebiete von Medeniken eine Burg Megenade, und wir fanden dort durch Vergleichung, daß der richtige Name Medewageln ſey, ſ. oben S. 315 not. 4. Wigand. Marb. I. c. nennt hier die Burg; welche der König angriff, Castrum Medwagken und es iſt alſo kein Zweifel mehr, daß jene und dieſe Burg die naͤmliche ſey.
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430 Kreuzzug des Koͤniges Joh. v. Böhmen x. (1329). Bevoͤlkerung dieſer Landſchaft, ihre ausgezeichnete Tapferkeit oder mehr eine religiöfe Beziehung, vielleicht die Heiligkeit eines Goͤtterſitzes in den dortigen Waldgegenden geweſen ſeyn, was jetzt den Hochmeiſter bewog, die bedeutenden Kraͤfte die⸗ ſes Kriegsheeres dorthin zu richten, die Gebiete von Mede⸗ niken hatten fuͤr den Orden ſchon wegen ihrer Naͤhe bei der Ordensburg Memel ſo jetzt wie nachmals ihre große Wich⸗ tigkeit *). Am erſten Februar?) des Jahres 1329 ward die Burg Medewageln von dem Kriegsheere umlagert und fortan mehre Tage lang unaufhoͤrlich beſtuͤrmt, ſo daß ſelbſt die Nacht den Kampf nicht unterbrach und die Beſatzung der Burg endlich ſo ermuͤdet und entmuthigt war, daß ſie ſich der Gnade des Siegers ergeben mußte. Unter den Gefallenen ſah man einen Hauptmann, deſſen rieſenhafte Groͤße Aller Bewunderung auf ſich zog ). Dreitauſend von den Bewoh⸗ nern warfen ſich darauf dem Könige und dem Hochmeiſter zu Fuͤßen, um Schonung und Erbarmung flehend. Allein ihr hartnaͤckiger Widerſtand hatte den Meiſter ſo erbittert, daß er ſie alle ohne Mitleid dem Schwerte opfern wollte und das blutige Opfer wuͤrde unfehlbar gebracht worden ſeyn, haͤtte den Ungluͤcklichen nicht der Koͤnig gegen ihr Erbieten zur Annahme der Taufe vom Meiſter das Leben erbeten. Die Taufe ward alsbald vollzogen und durch Geiſeln, die dem Hochmeiſter geſtellt werden mußten, fernere Treue und Unter⸗ gebenheit verbürgt *). Der König Johann war hoch erfreut 1) Wir erſchen dieſes vorzüglich aus den ofterwaͤhnten Wegever⸗ zeichniſſen im Fol. Allerlei Miſſive im geh. Arch. 2) Dusb. c. 9, womit Wigand. Marb. I. c. genau uͤbereinſtimmt. 3) Die Chron. Aulae Regiae p. 65 verſichert: Unus procerum gen- tilis tunc occiditur, qui habuisse XII pedes in longitudine perhibetur. 4) Dusb. c. 9. Schütz p. 62. Wigand. Marb. p. 279 berichtet: quo (castro) obtento magnam multitudinem ibidem invenerunt, quam magister omnino perdere voluit, sed Rex Iohannes precibus suis sal- vavit vitaın eorum et per baptisma incorporantur fidei katholice, In der Chron. Aulae regiae p. 65 heißt es: sunt per ipsum Regem inibi multa millia trucidata et circiter tria millia gentilium baptizata. Der Anonym. Chron. Bohem. ap. Mencken. T. III. p. 1765 fagt von
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Eroberung d. Dobriner⸗Landes durch Joh. v. Böhmen (1329). 431 über dieſes glüdliche Ereigniß und obgleich die uͤberaus ſcharfe und nebelichte Luft und die heftige Kälte feine Augen fo außerordentlich angriffen, daß das eine ſogar erblindete, ſo wuͤrde er den Kampf gegen die Heiden doch gewiß noch wei⸗ ter verfolgt haben, wäre nicht zu aller Erſtaunen plotzlich im Kriegslager die Nachricht eingetroffen, daß der Koͤnig von Polen mittlerweile treulos den Frieden gebrochen 1), das Kul⸗ merland mit ſechstauſend Mann unerwartet uͤberfallen und fünf Tage lang mit Raub und Feuer furchtbar darin ge⸗ wuͤthet habe ?). Da zog eiligſt das Kriegsheer aus Samaiten wieder zu⸗ ruͤck, deſſen getaufte Bewohner bald nachher ſich wieder dem alten Glauben zuwandten ), und ging in ſchnellen Tagreiſen Johann: innumeros infideles interficit et ex eis circa tria millia ca- ptivitate constringit, Prussia secum adducit et procurat singulos baptizari; bei welcher Stelle in Ludewig Reliqu. Mscr. T. XI. p. 377 jedoch die Bemerkung ſteht: locus procul dubio mendosus. Herman. Corner. Chron. p. 993. Alb. Crantziö Wand. L. VIII. c. 3 ſpricht von dem Kriegszuge ſchon im J. 1319. 1) Dubrav. p. 168 ſchreibt den Ruͤckzug einer andern Urfache zu, indem er ſagt: weil es in Litthauen kein Geld gegeben und das Volk ein jaͤmmerliches Leben geführt habe, iccirco cum nullum quoque pre- cium operae esset, quamobrein diutius ibi moraretur rex, gente tam ignava et infoelici (ut tum erat) despecta exercitum in Prussiam ad laetiora pascua reducebat, iussis per viam incendi pagis et vicis (quos etiam rarissimos Lithuani habent) dolore videlicet accensus, quod alterum illum oculum ex gravi et nebuloso aöre ibi amiserit. 2) Dusb. c. 10. Wigand. Marb. p. 280. Schütz p. 62 verwechſelt hier den früheren Einfall des Koͤniges, wenn er anführt, daß dieſer hiezu Huͤlfsvolk aus Ungern, Litthauen und Rußland erhalten habe. Dazu fehlte es jetzt offenbar an Zeit. Herman. Corner. p. 1033. Chron. Anonym. Archidiac, Gnesn. p. 96. 3) Dusb. I. C. Der Abfall geſchah noch im Sommer. Bei Wi- gand. Marb. I. c. heißt es daruͤber: Eo tempore multi pagani maiores de Medwalgen tractant cum magistro, quod si eos a furore et po- tencia regis (wahrſcheinlich des Litthauiſchen) securare posset, omnes vellent ei obedire, quia aliter non possent salvari, et abierunt pa- gani et revertuntur in pristinum errorem, sicut canis rediens ad vo- mitum. Alb. Crantz. I. c. ſagt gerade das Gegentheil.
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432 Eroberung d. Dobriner⸗Landes durch Joh. v. Böhmen (1329). bis an die Ufer der Drewenz. Dort brach es zuerſt ins Do⸗ briner⸗Land ein und waͤhrend ein Theil des Kriegsheeres die ganze Landſchaft durchpluͤnderte, umlagerte und beſtuͤrmte das Ordensvolk die feſte Burg Dobrin mehre Wochen lang, bis ſie endlich aller ihrer Vertheidigungswerke beraubt von ihrem Hauptmanne Paul von Spiczimer dem Feinde uͤbergeben werden mußte !). Nun war aber auch ſchon das ganze Do⸗ briner⸗Land in des Boͤhmiſchen Koͤniges Haͤnden und alles, was dem Koͤnige Wladislav nicht entſagen wollte, ward mit Gewalt aus dem Lande vertrieben. Darauf warf ſich das Heer nach Cujavien, gewann Leſlau, des Biſchofs Reſidenz, brannte ſie mit der Kathedrale nieder und pluͤnderte das Land weit und breit aus. Endlich ward auch Maſovien vom feind⸗ lichen Heere heimgeſucht, weil wahrſcheinlich Herzog Wences⸗ lav vom Koͤnige Wladislav geſchreckt, ſeinem Buͤndniſſe mit dem Orden untreu geworden war. Ploczk wurde mehre Tage beſtürmt und ſtark beſchoſſen, bis unter den Bürgern ſelbſt Aufruhr ausbrach, die Mauern niedergeworfen und die Stadt erobert ward. Nun ergab ſich der Herzog dem Koͤnige von Boͤhmen und ward gezwungen, ihm, der ſich immer ſchon auch Koͤnig von Polen genannt, als ſeinem Lehensherrn zu huldigen ). In einem Streite mit dem Orden, deſſen Ge⸗ genſtand uns unbekannt bleibt, erkannte er nicht nur den Koͤnig als oberſten Schiedsrichter an, ſich unbedingt deſſen richterlichem Ausſpruche unterwerfend, ſondern er mußte auch das Verſprechen leiſten, daß er dem Boͤhmiſchen Koͤnige wie an ſich ſchon gegen jeglichen Feind, ſo beſonders wider Wla⸗ 1) Chron. Anonym. Gnesn. p. 96. Dubrav. p. 168. 2) Wigand. Marb. l. c.: Tandem Rex Iohannes compulit ducem Walden. (i. e. Wenceslaum), quod ab eo suscepit omagium et sub- jecit se perpetuo. Dlugoss. p. 995. Annal. Oliv. p. 43. Es iſt un⸗ richtig, wenn Dabrav. p. 168 den Einfall in Maſovien vorhergehen und dann den Herzog Wenceslav mit nach Litthauen ziehen laͤßt. Die Lehensacte, welche dieſer Herzog unter dem Datum: in Plocz a. d. 1329 feria quarta post doninicam Oculi mei ausftelite, ſteht in Lu- dewig Relig. Mser. T. V. p. 605, wo aber ſtatt 1329 das Jahr 1339 gedruckt iſt.
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Eroberung d. Dobriner⸗Landes durch Joh. v. Böhmen (1328). 433 dislav, den König von Krakau, wie er ihn nannte, durch perſoͤnlichen Dienſt und mit allen Kraͤften zu Huͤlfe ſtehen wolle 1). Hierauf nun begab ſich der Koͤnig Johann mit dem Meiſter in zahlreicher Begleitung nach Thorn, dort uͤber al⸗ les, was die Waffen uͤberwaͤltigt, weiter zu entſcheiden. Vor allem ſtellte er dem Orden in ſeinem und Eliſabeths, der Koͤnigin, Namen einen Schenkungsbrief uͤber Pommern aus, in welchem er als Koͤnig von Polen „um Gottes und ihrer beiden Seligkeit willen“ den Ordensrittern das Land nicht bloß zu ewigem Beſitze und Eigenthum uͤberwies, ſondern auch fuͤr alle Zeiten und fuͤr alle ſeine Nachfolger auf alle Anſpruͤche und Rechte in Beziehung auf Pommern Verzicht leiſtete. Es ward ferner beſtimmt, daß auch des Koͤniges Sohn Karl von Maͤhren nachmals, ſobald er zum geſetzlichen Alter gelangt, dieſe Schenkung beſtaͤtigen und dabei eidlich verſichern ſolle, daß er auf keinen Theil des Landes je einen rechtlichen Anſpruch erheben wolle 2), worüber der Orden fich noch eine beſondere urkundliche Erklaͤrung von vier edlen Zeu⸗ gen ausſtellen ließ, in welcher Karls freiwillige und uner⸗ zwungene Einwilligung in die Schenkung feiner Aeltern be⸗ urkundet wurde). Zwar war dieſe Schenkung allerdings kein neuer Gewinn fuͤr den Orden, denn Pommerns Beſitz war ihm jetzt ſchon ziemlich ſicher; allein es hatte doch auch 10 Ludewig I. c. p. 606 — 607. 2) Die Urkunde hierüber datirt: in Thorun Dominica Invocavit (12. Maͤrz) 1329 in einem Transſumt im geh. Arch. Schiebl. XXII. Nr. 2, gedruckt bei Dog iel T. IV. Nr. LU. p. 47 und Diugoss. p. 996, wo fie der Polniſche Chroniſt freilich als eine eben jo laͤcherliche als freche Sache anficht. Auch De Wal T. II. p. 487 betrachtet fie als eine „acte inutile.“ 3) Originalurkunde datirt: In Castro dieto zu der Welschen vels a.d. 1330 feria quinta post Dominicam, in qua cantatur Quasimodo- geniti, Indictione XIII, im geh. Arch. Schiebl. XXVIII. Nr. 20. Die erwaͤhnten Zeugen, welche die Urkunde ausſtellen, find Arnoldus de Rupe, Arnoldus dominus de Pyttingen, Bernhardus dominus de Zynnenburg et Iohannes de Oschens dominus de Gyneppe. IV. 28
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434 Schenkung des halben Dobriner⸗Landes an d. Orden (1329). ſeine Wichtigkeit, daß die alten Anrechte des Koͤniges von Böhmen auf Pommern nunmehr völlig erloſchen waren und der Orden ſomit auch von der Krone Boͤhmens her eine neue Stuͤtze für fein Eigenthumsrecht auf dieſes Land gewonnen hatte; und in dieſer Beziehung konnte dem Orden Johanns Schenkung nicht anders als nur ſehr erfreulich ſeyn “). Noch ungleich wichtiger aber war eine zweite Schenkung, mit welcher der Boͤhmen Koͤnig den Orden am vierten April erfreute, indem er ihm als Erſatz ſeines waͤhrend der Kriegs⸗ fahrt nach Samaiten durch den Einfall des Polniſchen Heeres in fein Land erlittenen Schadens die Hälfte des bereits erober⸗ ten Dobriner-Landes, fo wie auch zur Hälfte die vielleicht im Maſoviſchen Gebiete noch zu machenden Eroberungen zum eigenthuͤmlichen Beſitze uͤberwies und zu eigenem Rechte ver⸗ ſchrieb, zugleich verſprechend, daß er dem Orden auch alle Koſten erſtatten wolle, welche dieſer auf die Befeſtigung, Vertheidigung und Verwaltung der ihm verbleibenden andern Hälfte verwenden werde 2). Dabei ertheilt der König dem 1) Bei Dubrav. p. 168 heißt es: In hoc praeterea Vernero gra- tificatus, quod Pomoraniam Polonis ademptam, perinde acsi empta a se esset, diplomate suo regio ei confirmavit, querenteque Vladislao Lokteco, principe Poloniae de iniuria sibi illata, sie respondit: Se Poloniae regem esse, illum autem duntaxat principem, plus vero di- gnitatem regiam quam principalem in jure suo vindicando polere. 2) Die Urkunde hieruͤber, datirt: Thorun a. d. 1329 secunda feria post Domin. Letare Jerusalem in zwei Transſumten von 1412 und 1420 im geh. Arch. Schiebl. XXVIII. Nr. 16 und LX. Nr. 19. Die wich⸗ tigſte Stelle lautet: Nos attendentes grata, que Celsitudini nostre conspicui viri fratres, videlicet Wernherus de Orsela Magister gene- ralis ac fratres ceteri terre Prusie domini Ordinis etc. exhibuerunt hactenus et inantea exhibere poterunt servicia, dampna quogne, que Nobis et ipsis nobiscum in Lythovia constitutis, in terris et hominibus suis a Rege Cracovie ac Polonis aliis pertulerunt, be- nigno pensantes affectu et volentes ipsos ab huiusmodi iuxta conde- cenciam regiam relevare, de consilio favoris et consensu fidelium et consiliariorum nostrorum expressis, Terras Dobrynens. scilicet quam dictioni scu potestati nostre ipsorum adiutorio iam subegimus et Mazovien., quam adhuc fortassis subigere nos continget, equa lance
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Verpfaͤndung von Stolpe (1329). 435 Orden auch das Recht, im ganzen Umfange des Dobriner⸗ Landes neue Dörfer zu gründen, Wildniſſe urbar zu machen, von Einwohnern verlaſſene Ortſchaften oder von Beſitzern entblößte Güter wieder zu beſetzen (nur mit Ausſchluß des Burggebietes von Dobrin) und ſelbſt nach Gutbefinden auch Lehen zu ertheilen :), alſo daß es auch dadurch dem Orden mehr als fonft möglich ward, ſich in des Landes Beſitz feſt zu fichern. Somit war in dieſer Ruͤckſicht des Koͤniges An⸗ weſenheit in Preuſſen von ungleich groͤßerem Erfolge und fuͤr die Zukunft weit einflußreicher, als feine von Lobrednern fo hochgeprieſene Heerfahrt gegen die Heiden. Bald hierauf aber trat Johann mit ſeinem Geleite die Ruͤckkehr an und in den letzten Tagen des Monats Mai befand er ſich bereits wieder in feinen Staaten ). Bevor jedoch der Boͤhmen Koͤnig das Land verlaſſen, hatte der Orden ſchon wieder den erſten Schritt zu einer neuen anſehnlichen Erwerbung und Erweiterung ſeines Ge⸗ bietes gethan. Herzog Wartislav der Vierte von Vorpom⸗ mern hatte mehre Soͤhne, als Bogislav, Barnim und War⸗ tislav hinterlaſſen, die noch unmuͤndig unter der Vormund⸗ ſchaft der Herzoge Otto und Barnim von Stettin ſtanden. Es war aber in jenen Landen eine ſehr gefahrdrohende und ſtuͤrmiſche Zeit, denn ſchon ſeit vielen Jahren lagen die Her⸗ zoge von Pommern mit dem Markgrafen Ludwig von Bran⸗ denburg wegen deſſen Lehensherrlichkeit uber Pommern in einem heftigen Streite, den weder die Verbindung der Her⸗ zoge mit den Meklenburgern, noch die Vermittlung Daͤne⸗ marks, noch auch die Einſprache des Hochmeiſters Werners von Orſeln, den man zum Obmanne erkoren, zur Genuͤge per medium dividentes medietatem earundem utrique ripe seu littori Huvii Wizle contiguam cum oınnibus ipsarum Terrarum Castris etc. etc. ipsis Magistro generali fratribus et ordini supradieto damus, con- ferimus et donamus habendas etc. Vgl. Lucas David B. VI. S. 99 — 100. 1) Urkunde bei Dogiel T. IV. Nr. LIII p. 48. 2) Chron. Aulae Regiae p. 65. De Wal l. c. p. 101. 28 *
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436 Verpfaͤndung von Stolpe (1329). beider Theile entſcheiden konnten ). Auch der letzte Verſuch zu einer friedlichen Ausgleichung durch den Grafen von Lin⸗ dau war fehlgeſchlagen ?) und es drohte zu Ende des Jahres 1328 der Ausbruch eines offenen Kampfes. Die Herzoge Otto und Barnim ſchloſſen nicht bloß neue Verbindungen, ſondern ruͤſteten auch mit aller Macht in ihren eigenen Lan⸗ den, um dem Markgrafen mit Kraft und Nachdruck zu be⸗ gegnen. In dieſen Bedraͤngniſſen nun, die neue Geldmittel erforderten, wandten ſich die Herzoge auch an den Hochmei⸗ ſter in Preuſſen; er lieh ihnen die Summe von ſechstauſend Mark reines Silber Luͤbeckiſches Gewichtes, wofuͤr ſie dem Orden die Burg, die Stadt und das ganze Gebiet von Stolpe mit allen Einkuͤnften, Herrn⸗ und Lehenrechten und allen Freiheiten zum Pfande ſetzten. Es ward aber ausdruͤcklich beſtimmt, daß der Orden, ſofern die Herzoge das Pfand innerhalb zwoͤlf Jahren durch Zahlung der Pfandſumme wie⸗ der einlöfen wollten, daſſelbe ohne Schwierigkeit zurückgeben ſolle; doch nach Verlauf dieſer Friſt dürfe er das nicht ein⸗ gelöſte Land ohne Widerſpruch als fein Eigenthum betrachten, ſobald er dann noch viertauſend Mark zu der Pfandſumme nachzahlen werde. Den Lehensleuten, Buͤrgern, Bauern und allen Gebietsbewohnern ſollten in jedem Falle alle ihre Rechte und Freiheiten erhalten werden, und endlich verſprachen die Herzoge dem Orden auch die Zuſtimmung ihrer Muͤndel, der Soͤhne und Erben Wartislav's, zu dieſem Vertrage zu ver⸗ ſchaffen, ſobald ſie das geſetzliche Alter erreicht. Man ſchloß dieſen Vertrag zu Marienburg am ſiebenundzwanzigſten Fe⸗ bruar des Jahres 1329 ). Zweitauſend Mark von jener 1) Vgl. Lancizolle Geſchichte der Bildung des Preuſſ. Staats B. I. S. 563 und Sell Geſchichte Pom. B. II. S. 15. 2) Lancizolle a. a. O. S. 567. 3) Wir haben hierüber die beiderſeitigen Urkunden, ſowohl die des Ordens als die der beiden Herzoge Otto und Barnim, die erſtere mit dem Datum: Marienburg domo nostra principali a. d. 1329 Indi- utione XII tertio Cal. Mareii (27. Febr.), die andere datirt: Marien- borch a. d. 1329 feria quarta ante dominicam, qua cantatur Esto
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Neue Erwerbungen in Pommern (1329). 437 Pfandſumme zahlte Albert von Ore, Komthur zu Danzig, in des Hochmeiſters Namen an die verwittwete Herzogin Eliſa⸗ beth, Mutter jener drei unmuͤndigen Soͤhne, zur Unterhaltung und Erziehung ihrer Kinder 1). Freilich hatte ſich der Orden hiedurch nur erſt eine ent⸗ fernte Ausſicht zu einer neuen wichtigen Erweiterung feines Gebietes in Pommern eröffnet; allein in dem ſuͤdlichen Nach⸗ barlande war er auf dieſer Bahn ſchon einigemal fo glücklich zu neuen Beſitzungen gelangt, daß man auch dieſen Vertrag wohl nicht ohne die Hoffnung ſchloß, hier zu dem naͤmlichen Ziele zu gelangen. Und wie gerne auch dieſer Hochmeiſter nach ſeiner Vorgaͤnger Beiſpiel auf dieſer Bahn weiter ging, davon gab dieſes Jahr noch manchen neuen Beweis. So erkaufte er von den Rittern Heinrich, Henning und Luppold von Beren die Herrſchaft Buͤtow ſammt der Burg in Pom⸗ mern fuͤr achthundert Mark Silber, nachdem ſie ſolche als ein Geſchenk des Herzogs Wartislav für feinen Marſchall Henning von Beren kaum erſt acht Jahre beſeſſen, und weil dieſer Herzog ſchon damals die Erlaubniß ertheilt, die Herr⸗ ſchaft nach Gutbeſinden wieder zu veraͤußern, ſo erklaͤrten die Herzoge Otto und Barnim auch gerne ihre Einwilligung zu dieſem Verkaufe und es ruͤckte ſo durch dieſe neue anſehnliche Erwerbung der Orden wieder weiter in das weſtliche Pom⸗ mern vor 2). Zwiſchen Buͤtow und Stolpe aber lagen noch hu mm mihi in Deum Indictione duodecima. Dieſe letztere Urkunde durch Moder und Maͤuſezahn ſehr beſchädigt würde ohne die erſtere, ihr faſt ganz gleichlautende an vielen Stellen kaum verftändlich ſeyn; beide im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 74. — Uebrigens ſetzte der Orden nun auch einen Komthur nach Stolpe; als ſolchen finden wir im 3. 1335 den Ordensritter Otto im Liber Privileg. Kyriandri p. 232. 1) Die urkundliche Beſcheinigung der Herzogin, datirt: in Nyen- trebetow a. d. 1329 feria V post domin. Misericordia domini im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 33. Sie nennt ihre Söhne Illustres pueri nostri bugheslaus, barnym et wartizlaus. 2) Das Original dieſes Verkaufsbriefes über Buͤtow, datirt: Ma- rienburc a. d. 1329 in die s. Elizabeth Indictione XIII im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 63. Vielleicht behielten die Ritter von Beren
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438 Neue Erwerbungen in Pomern (1329). mehre Beſitzungen, welche zu erwerben dem Orden im Fall, daß Stolpe ihm zufiel, hoͤchſt wuͤnſchenswerth ſeyn mußte, und hiezu erbot ſich ſchon jetzt eine Gelegenheit. Graf Jeſchko von Slave ſah ſich in Verhaͤltniſſen, welche ihm die Veraͤuße⸗ rung einiger feiner Güter ſehr nothwendig machten und uͤber⸗ ließ deshalb die beiden bedeutenden Beſitzungen Crampe und Lubona ſuͤdwaͤrts von Stolpe dem Orden fuͤr dreihundert Mark, jedoch mit der Bedingung, daß er ſie vom Orden mit derſelben Summe wieder zuruͤckkaufen muͤſſe, ſobald das Ge⸗ biet von Stolpe wieder eingelöft werden). Bald darauf er⸗ kaufte der in Stolpe nun ſchon eingeſetzte Komthur Ulrich von Haugwitz von dem erwaͤhnten Luppold von Beren, Erb⸗ herrn von Belgart, das in der Naͤhe von Stolpe und Crampe gelegene Dorf Koſſow fuͤr einen Streithengſt und funfzig Mark Pfennige 2). Aus dieſen Erwerbungen leuchtet aber klar ein, daß ſich der Orden in ſeiner Hoffnung auf den einſtigen foͤrmlichen Beſitz von Stolpe ſchon ziemlich ſicher glaubte; es geht zugleich daraus hervor, uͤber welche Geldmittel der Or⸗ den um dieſe Zeit zu gebieten hatte und wie trefflich ſeine Finanzen geordnet ſeyn mußten, waͤhrend die nachbarlichen noch Einiges in dem Gebiete, denn es heißt in der Urk. eigentlich nur: vendidimus rite et rationabiliter bona nostra venabilia Territorii scilicet Bütow dominium et Castrum pro Octingentis Marcis denar. Pruthen. Die drei Brüder, von denen nur Heinrich und Henning Mi- lites waren, hießen wohl eigentlich Baͤren, denn auf ihren an der ur⸗ kunde befindlichen Siegeln find Bären als Sinnbilder zu ſehen. Die Schenkung des Gebietes vom Herzoge Wartislav an feinen Marſchall Henning von Beren und deſſen Erben war im J. 1321 geſchehen; die hieruͤber ausgeſtellte Urkunde im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 61. Nicht lange zuvor hatte dieſe Schenkung auch der Herzog Otto von Pommern neu beſtaͤtigt, woruͤber die Urk. datirt: in Civitate nostra Dam a. d. 1329 sequenti die divisionis apostol. im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 62. 1) Original der Verkaufsurkunde datirt: in Castro sancte Marie a. d. 1329 in die s. Appollinaris Martyr. (23. Juli) im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 8. 2) Original der Verkaufsurkunde datirt: in Castro Stolpensi a. d. 1329 die b. Nycolay Episcopi im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 10.
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Krieg mit Polen (1329). 439 Fuͤrſten faſt überall zu borgen und zu verpfänden gezwungen waren, denn noch kurz zuvor hatte der Hochmeiſter und der Thorner Bürger Hermann von Eſſen auch dem Könige von Böhmen die Summe von dreizehnhundert Schock Boͤhmiſcher Groſchen zur Deckung der bedeutenden Koſten ſeiner Kriegs⸗ fahrt leihen muͤſſen 1). Mittlerweile aber ruhten auch die Waffen nicht, um dem Koͤnige von Polen nicht Zeit zu laſſen, ſich an dem Orden zu raͤchen. Schon bald nach Oſtern brach der ſtreitbare Land⸗ komthur von Kulm Otto von Luterberg mit einem bedeuten⸗ den Heere ins feindliche Land ein, belagerte zuerſt die Burg Mosberg, deren Vertheidiger Anfangs die Drohungen des Ordensgebietigers mit ſtolzen Worten erwiedernd, durch des Feindes kraͤftige Belagerungsmaſchinen doch bald zur Erge⸗ bung gezwungen wurden und ihren trotzigen Widerſtand mit dem Tode von achtzig ihrer Vornehmſten buͤßen mußten. Der Hauptkriegszug aber galt der Burg und Stadt Wiſſegrod, ſchon ziemlich tief in Polen hart an der Weichſel liegend, wo fi) der Fluß Brzura mit dieſem Strome vereinigt; denn ihre Bewohner hatten längft ſchon des Ordens Zorn erregt. Es waren raubſuͤchtige Menſchen, die ſchon Jahre lang den Weichſel⸗Handel geftört und kein Schiff voruͤbergelaſſen, welches ſie nicht ausgepluͤndert und deſſen Mannſchaft ſie nicht entweder gefangen genommen oder auch wohl getoͤdtet hatten, alſo daß der Orden mehre Jahre lang durch das Raubweſen dieſer Stadt ſchon oftmals großen Schaden er⸗ litten. Jetzt kam Otto von Luterberg zur Rache. Die Burg ward belagert und beſtürmt und obgleich die Beſatzung lan⸗ gen und heftigen Widerſtand leiſtete, ſo drang doch endlich mit Macht das Ordensheer in die Mauern ein und es erhob ſich nun ein furchtbares Blutvergießen. Alles, was man O 5 Original des Schuldſcheines des Königes datirt: Thorun secunda feria post domin. Letare 1329 im geh. Arch. Schiebl. LX. Nr. 4. Zu dieſer Kriegsfahrt hatte der Koͤnig ſchon in Boͤhmen eine bedeutende Geldſumme durch eine Generalſteuer zuſammengebracht; ſ. Chron. Aulae Regiae p. 62.
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440 Krieg mit Polen (13209). fand, erlag dem Schwerte und kein einziger entfloh dem Tode; es waren allein zweihundert ſtreitbare Maͤnner, welche erſchlagen wurden. Die Burg aber ward dem Feuer uͤber⸗ geben und in einen Steinhaufen verwandelt 1). Um die naͤmliche Zeit war ein anderes Ordensheer in die Gegend von Dobrin eingefallen, hatte dort alles, was noch koͤniglich geſinnt war, aus dem Lande vertrieben und verheerte dann uͤber die Weichſel ſetzend zuerſt das Gebiet von Brzesc, pluͤnderte die Stadt und belagerte hierauf auch Ra⸗ zians, eine Burg des Biſchofs von Leſlau 2), die Anfangs bedeutenden Widerſtand leiſtend, viele Tage lang beſtuͤrmt und endlich ihrer Vertheidigungswerke beraubt durch das Ab⸗ graben des Brunnes, der allein der Beſatzung das noͤthige Trinkwaſſer zubrachte, zur Uebergabe gezwungen und durch Feuer verwuͤſtet ward. Außer einer großen Beute an Waffen jeglicher Art nahm man die Vornehmſten zu Gefangenen, um ſie nachmals vom Biſchofe wieder frei kaufen zu laſſen und ſo den bedeutenden Verluſt zu erſetzen, welchen das Ordens⸗ heer bei der Belagerung dieſer Burg erlitten. Nachdem hier⸗ auf die Fuͤhrer des Heeres eine Menge von Doͤrfern des Biſchofs durchpluͤndert und verheert, die Stadt Alt⸗Leſlau uͤberfallen und durchraubt, die Kathedrale nebſt allen Stifts⸗ gebaͤuden verbrannt) und noch zwei andere Burgen in Cu: 1) Dusb. c. 12. Wigand. Marb. p. 280 fest die Vernichtung der Burg in die s. Iacobi (25. Juli) Schätz p. 62. Diugoss. p. 999 ruͤckt dieſen Heereszug ins J. 1330 hinein und läßt ihn erfolgen ex as- sistentia et instigatione Ioannis Bohemiae Regis und mercenario mi- lite ex Almanis et Bohemis conducto. 2) Das Chron. Anonym. Archidiac. Gnesn. p. 80 laͤßt die Burg am 5. Juli, Herman. Corner. p. 1034 dagegen, der ſie Reseys nennt, in die s. Alexii (17. Juli) erobern. Die paͤpſtliche Bulle bei Dog iel T. IV. Nr. LV. p. 51 bezeichnet ſie als ein oppidum ad mensam Epi- scopalem pertinens. Für die Freilaſſung der Gefangenen ſoll der Bi⸗ ſchof 400 Mark Poln. Muͤnze gezahlt haben. 3) Das Chron. Anonym. Archid. Gnesn. p. 79 laßt dieſes am 23. April (ſchwerlich der richtige Tag) geſchehen und nennt den Ordens⸗ ritter Bersternus (2) als Anführer. Vgl. die paͤpſtl. Bulle bei Dogiel
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Krieg mit Polen (1329). 441 javien umlagert und gewonnen hatten ), zogen fie weſtwaͤrts vor bis an die Burg Nakel am Netz-Fluſſe, die von einem Hauptmanne vertheidigt ward, der lange Zeit durch ſein Raubweſen der ganzen Umgegend Furcht und Schrecken ge⸗ bracht. Da er den Anſturm eines ſo großen feindlichen Hee⸗ res nicht vermuthet, ſo war er nicht im Stande, ſeine Burg lange zu behaupten; fie ward erflürmt, ausgeplündert und ging wie die andern in Flammen auf. Die ganze Beſatzung wurde aufgerieben; nur der Hauptmann rettete ſein Leben, obgleich nur als Gefangener, und einſt gefragt: warum er in feinem Gebiete fo viele und große Graͤuel verübt? gab er die kurze Antwort: weil niemand mir fie verbot! 2). Da ſchloſſen die Herzoge Semovit und Troyden von Maſovien, durch ſolche Kriegsſtuͤrme geſchreckt, mit dem Hochmeiſter einen neuen Waffenſtillſtand bis zum Auguſt dieſes Jahres, ihn dann durch Vermittlung des Komthurs von Schoͤnſee verlaͤn⸗ gernd bis zu Oſtern des kuͤnftigen Jahres mit dem Gelöbnig, daß fie bis dahin dem Könige Wladislav in keiner Weiſe zu I. c., doch darf man die Nachrichten des Papſtes hieruͤber nicht für ganz zuverlaͤſſig halten, denn er ſchildert die Sache wahrſcheinlich nach Pol⸗ niſchen Berichten. 1) Das Chron. Anonym. Archid. Gnesn. p. 80 nennt unter an⸗ dern noch das Castrum Padzcowiense bei dem berühmten Schlachtorte Plowze. 2) Nach dem Chron. Anonym. Archid. Gnesn. I. c. faͤllt die Ver⸗ brennung von Nakel auf den 9. Juli, nach Wigand. Marb. I. c. dagegen auf den Tag S. Alexii oder 17. Juli, auf welchen Tag Herman. Corner I. c. die Eroberung von Raczians ſetzt. Dlugoss. I. c. läßt Raczians am 14. Juni erobern und die Verbrennung von Nakel fpäter erfolgen. Wenn es bei Wigand. Marb. heißt: Similiter Cartens domus Episcopi, que post 8 dierum impugnationem in die Petri et Pauli hostiliter obtenta est, ſo muß dieſe am 29. Juni gewonnene Burg eine von de⸗ nen ſeyn, welche Dus burg Sup. c. 13 und Schütz p. 62 nicht nament⸗ lich angeben. Ob aber der Name Gartens ganz richtig ſey, müffen wir dahin geſtellt ſeyn laſſen. Vgl. Lucas David B. VI. S. 108. Nach Herman. Corner p. 1034 castrum funditus destruxerunt et cre- mati sunt in eo omnes eius inhabitatores, praeter Capitaneum, quem captivantes secum duxerant. Alb. Krantz Wand. L. VIII. c. 15,
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442 Werners von Orſeln innere Landesverwaltung (1329). Te . des Ordens Nachtheil Huͤlfe und Beistand vielmehr den Or⸗ den gegen etwa drohenden Schaden getreulich warnen und ſchuͤtzen wollten ). Werner von Orſeln hatte jedoch ſein Auge niemals bloß auf die Verhaͤltniſſe des Auslandes gerichtet, ſo ungemein wichtig dieſe zum Theil auch fuͤr den Orden in Preuſſen waren; ſeine unermuͤdete Thaͤtigkeit war ferner keineswegs nur allein auf die Fehden und Kriege mit den nachbarlichen Fuͤrſten und Voͤlkern oder nur auf die neuen Erwerbungen in den Nebenlaͤndern beſchraͤnkt, ſo bedeutend in vieler Hin⸗ ſicht ſie fuͤr den immer weiter begraͤnzten Ordensſtaat auch ſeyn mochten; vielmehr waͤhrend Werner des Ordens alte Pflicht zum Kampfe gegen den Glaubensfeind immer im Auge behielt und in Ausuͤbung brachte, waͤhrend keiner der nahen Widerſacher des Ordens ohne raͤchende Beſtrafung deſſen Rechte verletzte oder deſſen Gebiete beſchaͤdigte und waͤhrend ſein ei⸗ friges Bemuͤhen um neue Erwerbungen und Erweiterungen des Ordensgebietes nie ſtille ſtand, ſie mochten ganze Land⸗ ſchaften, einzelne Guͤter, einzelne Doͤrfer, ſelbſt einzelne Hoͤfe und Muͤhlen betreffen: waͤhrend aller dieſer Beſtrebungen nach außenhin auf die politiſche Wichtigkeit und Stellung, Groͤße und Bedeutung des Ordens verlor ſein Geiſt nie den Sinn und die Sorge fuͤr die innere Landesordnung und Landes⸗ verwaltung in allen ihren Zweigen. Wo es die Aufrechthal⸗ tung der Freiheiten und Rechte ſeiner Unterthanen galt, griff ſeine Gerechtigkeitsliebe und ſeine Sorgfalt fuͤr ihre Wohl⸗ fahrt ſtets mit der entſchiedenſten Beharrlichkeit und mit aller 1) Die eine Urkunde, den Abſchluß des Waffenſtillſtandes enthal⸗ tend, datirt: in Sochazow in die divisionis apost. a. d. 1329, quarta decima die mensis Iulii, die andere über die Verlängerung des Waf⸗ fenſtillſtandes, datirt: in Sacrocin a. d. 1329 in die b. Luce Ewangel. im geh. Arch. Schiebl. LVII. Nr. 23. 24. Merkwuͤrdig if, daß auch dieſe beiden Fuͤrſten den König von Polen nur Dominus Wladizlaus Rex Cracovie nennen. Sich ſelbſt nennen beide Duces Mazovie ac domini Wysnenses; auf dem Siegel dagegen heißt Troyden Dux Ma- zovie et Cirnensis.
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Werners von Orſeln innere Landesverwaltung (1329). 443 Kraft durch. Wir ſahen ihn ja in einem ſolchen Falle einen offenen Kampf ſelbſt mit dem Papſte beſtehen, als er nicht dulden wollte, daß die Einſammler des Peterspfennigs im Kulmerlande geſehen werden ſollten und der geſtrenge Papſt gab von einer Zeit zur andern nach 1). Nicht minder regſam war des Meiſters Eifer für die Cultur des Ackerbaues und der Landespflege in allen ihren Theilen. Die neuen Staͤdte hoben ſich unter den Beguͤnſtigungen und Freiheiten, deren ſie ſich erfreuten, ſchnell empor und ein regſames und ruͤhri⸗ ges Buͤrgerleben entwickelte ſich immer weiter fort und draͤngte die alte Uncultur immer mehr in das Dunkel der Vergan⸗ genheit zuruͤck. Selten blieb bei Werners Sorgfalt fuͤr Lan⸗ descultur eine Beſitzung lange herrenlos und ſeine zahlreichen Vergabungen von Land und Gut?) beweiſen hinlaͤnglich, daß er im Kriegsſchwerte den friedlichen Pflug nie vergaß. So wurden Preuſſens alte Wuͤſteneien mit jedem Jahre geringer und ſeine großen Wildniſſe der thaͤtigen Hand des Land⸗ mannes von Tag zu Tag zugaͤnglicher. Weil aber unter dem gemeinen Volke des Landes die Heiligkeit ſo mancher Orte, wo die Vaͤter im alten heidniſchen Glauben zu ihren Goͤttern gebetet und ihre Opfer geſpendet, noch keineswegs allenthalben vergeſſen war, vielmehr der beim Mangel beſſe⸗ rer Belehrung leicht fortwuchernde alte Irrglaube hie und da noch manchen im Verborgenen an die alten heiligen Orte, deren Namen ſelbſt noch an die alte Zeit und ihren Glauben erinnerten, und zu den alten heiligen Eichen hintrieb, ſo verlieh man gerne den Beſitz ſolcher Orte an Deutſche Ein⸗ zoͤglinge oder auch an ſolche alte Stammpreuſſen, die ſich vorzuͤglich ausgezeichnet durch Beſtaͤndigkeit und feſte Anhaͤng⸗ . 5 1) So wurde z. B. die Suſpenſion des wegen der Buitbezahlung des Peterspfennigs auf das Kulmerland und auf Pommern gelegten Interdicts abermals verlängert in einer Bulle datirt: Avinion. X Ca- lend. April. p. a. XIII (23. Maͤrz 1328) im geh. Arch. Schiebl. VII. Nr. 6. 2) Davon die zahlreichen Beweiſe von urkundlichen Verſchreibungen in den Verſchreibungsbuͤchern des geh. Arch.
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444 Werners von Orſeln innere Landesverwaltung (1329). lichkeit am chriſtlichen Glauben. So war es der treubewaͤhrte Preuſſe Stagote von Rinau, den man um dieſe Zeit in den Beſitz der Feldmark des alten Heiligthums Romove in Sam⸗ land feste‘). Um aber durch Lehre und Beiſpiel wohlthaͤtig auf das Volk zu wirken, trug man hie und da auch Sorge, die ſittliche und geiſtige Bildung der Geiſtlichen mehr zu heben und zu foͤrdern. Zu dieſem Zwecke entſtanden nun auch Stiftsbibliotheken, wozu vorzuͤglich der Biſchof Johannes von Samland, ein Mann, der uͤberhaupt fuͤr hoͤhere Bildung vielen Sinn hatte und namentlich auch fuͤr die edlere Bau⸗ kunſt mit großem Eifer wirkte, ein loͤbliches Beiſpiel gab, indem er eine Bibliothek, die er fuͤr hundert Mark angekauft, dem Domſtifte von Samland mit der Beſtimmung uͤber⸗ machte, daß ſie niemals wieder veraͤußert werden, ſondern für immer zur Benutzung für die Stiftsherren und Geiſtlichen im Beſitze des Domſtiftes bleiben ſolle ). Je allgemeiner aber Werner von Orſeln die Pflichten ſeines hohen Amtes umfaßte, je vielſeitiger er ſie im Leben auszuuͤben und in der Ordnung der buͤrgerlichen Verhaͤltniſſe 1) Matricul. Fischhus. p. XVIII. — Daß auch um dieſe Zeit noch die Preuſſen die einſt fuͤr heilig gehaltenen Waͤlder heilig nannten, wird in Urkunden öfter erwähnt, fo z. B. jener heilige Wald im Ermlande bei den Doͤrfern Seefeld und Plauth, ſ. B. I. S. 507 not. 2., ebenſo in Samland bei dem Dorfe Blumenau noch um dieſe Zeit ein nemus, quod a Pruthenis sacrum nemus dicitur; Urk. vom J. 1326 in Ma- tricul. Fishus. p. XXII. 2) Der Biſchof ſagt daruͤber in einer Urkunde vom J. 1327: Do- namus libere nostro Capitulo libros, qui in alia nostra littera desuper confecta et nostro sigillo munita plenius exprimuntur, per nos com- paratos Centum marcas denariorum usualium et ultra bona estima- tione valentes, in virtute sancte obediencie percipientes, ne dicti libri vel aliquis eorum ab ecclesia nostra kathedrali vendendo, obli- gando vel quocunque modo alienentur, sed diligenter apud dietam ecclesiam pro honore et communi utilitate Canonicorum et persona- rum ipsius ecclesie in perpetuum conserventur. Wir haben auch jenes erwähnte Verzeichniß der Bücher ſelbſt noch in dem Buche des geh. Arch. Handfeſten des Biſth. Samland p. XII vgl. mit p. IV. Es enthält faſt ausſchließlich nur geiſtliche Bücher.
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Werners von Orſeln innere Landesverwaltung (1329). 445 geltend zu machen ſtrebte und je hoͤher ihm uͤberhaupt in ſolchem Streben die Idee eines wahren Meiſters des Ordens, eines leitenden Oberherrn der ganzen weitverzweigten Ordens⸗ verbruͤderung und eines gebietenden Landesfuͤrſten uͤber ſo weit ausgedehnte und immer noch vergroͤßerte Laͤnder und Gebiete ſtand, um ſo weniger ſchien ihm die beſtehende Ordnung der Dinge geeignet, immer den Mann an die Spitze des Ordens zu ſtellen, welcher der hohen Wichtigkeit des Meiſteramtes völlig entfprechen und die Idee des oberſten Ordensmeiſters und Landesfuͤrſten im Leben verwirklichen koͤnne. Die alte Form der Hochmeiſterwahl, wie ſie einſt im Morgenlande unter ganz andern Verhaͤltniſſen eingerichtet worden, war im Einzelnen unzweckmaͤßig und im Ganzen gleichſam morſch und zerbrechlich geworden; die Forderungen an den Geiſt, an die Eigenſchaften und Tugenden eines Meiſters waren durch die gewaltige Umwandlung aller Verhaͤltniſſe, in denen er zum Orden fruͤher im Morgenlande oder auch nachmals zuerſt im Abendlande geſtanden hatte und in welche er nun zugleich als Landesfuͤrſt in Pommern, Preuſſen, Kurland und Livland getreten war, jetzt natuͤrlich ungleich höher geſteigert. Die Stellung des Oberhauptes des Ordens zu den oberſten Ge⸗ bietigern, beſonders zu den beiden Meiſtern in Deutſchland und Livland war im Ganzen viel zu unbeſtimmt, gleichſam nur wie durch den Strom der Zeit gegeben und es bedurfte auch hierin einer feſteren Regelung. Ueberhaupt hatte die Zeit in Betreff des Standpunktes, wo der Hochmeiſter einſt gegen den Orden geſtanden und wo er jetzt als oberſtes Haupt und weitgebietender Landesfuͤrſt ſtehen mußte, vieles fo gaͤnz⸗ lich verandert, daß nothwendig fo traurige Erſcheinungen hat⸗ ten erfolgen muͤſſen, wie ſie in den Tagen Gottfrieds von Hohenlohe, Siegfrieds von Feuchtwangen und Karls von Trier zum Unheil des Landes und zur Unehre des Ordens hervorgetreten waren. Hatten aber ſchon dieſe Tage der Zwietracht, des Zerwuͤrfniſſes und der Spaltung im Orden hinlaͤngliche Beweiſe von den verderblichen Folgen für den inneren feſten Verband der geſammten Ordensverbruͤderung,
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446 Beſtimmungen des Ordenskapitels wie nicht minder fuͤr die Verwaltung und die Wohlfahrt des ganzen Bereiches der Ordensbeſitzungen gegeben, ſo ſchienen ſolche Ereigniſſe, wenn ſie auch kuͤnftig noch moͤglich ſeyn ſollten, unter den jetzigen keineswegs überall friedlichen und freundlichen Verhaͤltniſſen der Nachbarlande noch ungleich mehr verderblich und unheilvoll wirken zu muͤſſen. Werner von Orſeln hatte aber jene Zeiten ſelbſt mit durchlebt; er hatte mit an der Spitze der Verwaltung Preuſſens geſtanden; er wußte jene Zeiten von feiner Stellung aus zu wuͤrdigen; keinem waren ihre nachtheiligen Folgen weniger entgangen als ihm und keiner ſah mit reineren und froͤmmeren Wuͤn⸗ ſchen fuͤr Einigkeit und Friede im Orden und fuͤr das Heil und Gedeihen ſeiner Lande in die Tage der Zukunft als er; daher beſchloß er, hier mit entſcheidender Kraft durch Rath und That in die Lage der Dinge einzugreifen. Er berief im Herbſt des Jahres 1329 ein allgemeines Ordenskapitel und am heil. Kreuzerhoͤhungstage, an welchem nach Ordensgebrauch die Kapitel gehalten wurden, erſchienen auf dem Haupthauſe Marienburg der neue Deutſchmeiſter Wolfram von Nellenburg ) und der Meiſter von Livland 1) Wir finden im J. 1329 nicht weniger als drei Deutſchmeiſter. In einer Urkunde des Kaiſers Ludwig IV, ausgeſtellt zu Piſa am Frei⸗ tag vor Eſtomihi 1329 erwaͤhnt Ludwig „des erbaren und geiſtlichen mannes bruder Cunradus von Gundolfingen Maiſter des deutſchen Or⸗ dens in deutſchen landes unſers lieben haimlichen.“ Dieſer befand ſich damals — am 3. Maͤrz — noch mit dem Kaiſer in Italien. Außer dieſem nennt ſich aber auch Zuͤrich von Stetten in einer von ihm ſelbſt ausgeſtellten Urkunde, datirt: Mergentheim am S. Peterstag des Apo⸗ ſtels, alz er off den ſtul wart geſazt (22. Febr.) 1329, des Deutſchen Ordens Meiſter, und als ſolchen finden wir ihn auch in Urkunden vom 1. Mai und 11. Novemb. 1329 und ſelbſt noch vom 14. Novemb. 1330, Dieſe Urkunden in Jaeger Codex diplom. ord. Teut. T. II. Endlich bringen uns die Kapitelſchluͤſſe von Marienburg im J. 1329 (.. Baczko B. II. S. 418) auch noch Wolfram von Nellenburg als Meiſter von Deutſchland, ſowie auch Wigund. Marl. p. 280 Wulvram de Nellen- burg Magistrum in Teutonia nennt. Bachem Chronol. der Hochm. giebt daruͤber keine rechte Aufklaͤrung, ebenſowenig die Acta Academ. Palat. T. II. p. 30, wo Zuͤrichs von Steten nur in einer Urkunde vom
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über die Stellung des Hochmeiſters (1329). 447 Eberhard von Monheim ſammt ihren oberſten und angeſehen⸗ ſten Gebietigern und Rittern. Als die Verſammlung eroͤffnet ward, gab man in der Berathung zuerſt der Betrachtung Raum, wie auch in der Verfaſſung des Ordens manche fruͤ⸗ here Anordnung und Satzung für gute und loͤbliche Werke in der Zeit verkehrt worden ſey zu Zwecken der Ungerechtig⸗ keit, woraus viel Unheil und Verderben fuͤr Seele und welt⸗ liches Gut entſtanden; man fand dieſe Erfahrung auch an⸗ wendbar auf die Art der Hochmeiſterwahl. Und weil nun Werner von Orſeln von der Ueberzeugung ausging, daß der Hochmeiſter gleichſam das vollendete Bild aller dem Ordens⸗ ritter geziemenden Tugenden und aller ihm obliegenden Pflich⸗ ten ſeyn und daß er ſtets rein und ohne Makel, ſtets wohl⸗ wollend und immer doch auch ſtreng gerecht als des Ordens Haupt daſtehen muͤſſe, ſo ſchien es ihm nothwendig, daß vor allem ſchon in der Wahl des Meiſters alle perſoͤnliche Ruͤckſicht, alle Gunſt, Liebe, Freundſchaft und Verwandtſchaft aus den Augen geſetzt und ſtets nur des Ordens Ehre, Nuz⸗ zen, Gedeihen und Redlichkeit als die wichtigſten und hoͤch⸗ ſten Ziele betrachtet werden muͤßten; es ſchien ihm ferner nothwendig, im voraus auf gewiſſe Anordnungen zu denken, daß die Regierung eines Meiſters zu jeder Zeit als unbe⸗ ſcholten, tadellos und gerecht vor Gott, dem Orden und der ganzen Welt befunden werde, damit er ſelbſt um ſo mehr alle unter ihm ſtehenden Glieder in ihren Fehlern mit Gerech⸗ tigkeit zur Beſſerung leiten koͤnne ). Sonach wurden feſte T J. 1329 erwähnt wird. De Wal Recherches T. I. p. 405 ſucht ſich dadurch aus der Verwirrung zu helfen, daß er mehre Zürich von Steten als Deutſchmeiſter annimmt. Allein die Sache klaͤrt ſich ganz einfach auf, ſobald man Zuͤrich von Steten nur als ſtellvertretenden Meiſter von Deutſchland betrachtet, der als ſolcher die Verwaltung fuͤhrte theils ſchon in der Zeit, als Konrad von Gundelfingen mit dem Kaiſer in Italien, theils auch nachher, als deſſen Nachfolger Wolfram von Nel⸗ lenburg bei dem Hochmeiſter in Preuſſen abweſend waren. 1) In der Urkunde heißt es: Quamobrem secundum consilium pre- fatorum Magistrorum suorumque et nostrorum preceptorum et fratrum eiusdem Capituli recepimus coram nobis ac consideravimus et per-
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448 Beſtimmungen des Ordenskapitels Beſtimmungen entworfen, wie es in der Zwiſchenzeit von eines Meiſters Tode bis zur einhelligen Wahl eines andern mit der Regentſchaft im Orden gehalten, was bei zwieſpalti⸗ ger Wahl beobachtet und auf welche Weiſe eine geſetzmaͤßige Wahl eines neuen Meiſters unternommen werden ſolle. Fer⸗ ner wurden die Strafen beſtimmt theils fuͤr einen Ordens⸗ bruder, der ſich in das hochmeiſterliche Amt auf ungeſetzlichem Wege einzudraͤngen ſuche, theils fuͤr diejenigen Ordensritter, die ihn dabei unterſtuͤtzen wuͤrden. Man entwarf die bei Veraͤußerung der Ordensbeſitzungen fuͤr den Hochmeiſter noͤthi⸗ gen Beſchraͤnkungen und uͤberließ nur die Verleihung der an⸗ geſtorbenen Lehen in Preuſſen ſelbſt ſeiner eigenen freien Ver⸗ fuͤgung unter Beirath feiner Gebietiger!). Man gab ferner ein beſtimmtes Geſetz uͤber die Art, wie der Hochmeiſter bei Beſtrafung eines Ordensbruders bei einem groͤßeren oder ge⸗ ringeren Verbrechen zu verfahren habe und welcher Weg ein⸗ zuſchlagen ſey, wenn der Meiſter ſich in Vollziehung der Strafe nach Beſtimmung des Ordenskapitels aus irgend einer Urſache zu nachſichtig oder ſaumſelig zeigen werde. Es wurde außerdem eine Anordnung uͤber den Fall entworfen, wenn ein Hochmeiſter leichtfertig feinen Meiſtereid oder fein andern Fuͤr⸗ pendimus, quod electio magistri generalis futuris temporibus precapi debeat, ut pura sit et nil mali in ea reperiatur, nec aliquis favor, amor, dilectio, munus, pactio aut aliud quomodocunque id excogi- tari aut queri queat, sed nostri ordinis honor, utilitas, profectus et legalitas preponantur. Etiam quod regimen magistri generalis uno- quoque tempore premeditetur et fiat, quod purum sit atque iustum coram deo, suo ordine et cum hoc toto mundo, secundum quod ipse supremum caput est et omnia alia eiusdem ordinis membra, que sub ipso sunt, juste corrigat et semper in benefacto reperiatur. 1) Reservato tamen Magistro geuerali, qui nunc est vel futurus erit, quevis feuda ad ipsum in terra Prussia per mortem vasallorum devoluta, que potest iuxta consilium suorum preceptorum ulterius dare et concedere ordinis predicti familiaribus vel aliis nobilibus hominibus, sicut hucusque devenit et consuetum est, ad hoc ut fami- liares ordinis et homines eo liberius et fidelius possint servire et eornm corpora exponere adversus inimicos christi.
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über die Stellung des Hochmeiſters (1329). 449 ſten und Landen gegebenes eidliches Verſprechen brechen und den Orden dadurch mit Schimpf und Schmach beladen werde, ſowie über die Strafe gegen ſolche Ordensritter, die dem Meiſter zu einem ſolchen Verbrechen irgend beiraͤthlich oder behuͤlflich geweſen ſeyen. Ueber den Charakter und Geift der Landesregierung ward folgende Beſtimmung feſtgeſtellt: „Wenn ein Hochmeiſter aus Unwiſſenheit oder irgend einer Verſaͤumniß die Bruͤder unſeres Ordens oder das Land Preuſ⸗ ſen ſo mild und laͤſſig regierte, daß der Eigenwille uͤberhand nehmen wuͤrde, woraus dem Orden Schaden entſtehen koͤnnte, oder auch wenn er ſo hart regierte, daß auch hieraus Ver⸗ derben entſpringen wuͤrde und beiderlei Arten der Regierung ohne Rath der Gebietiger erfolgten, fo ſollen die Gebietiger des Landes Preuſſen dafuͤr ſorgen, mit Hinzuziehung des Kapitels bei dem Meiſter zu bewirken, daß ſolche Weichlich⸗ keit gehaͤrtet und die zu große Haͤrte gemildert werde nach geziemenden Umſtaͤnden und wie es ſich in jeder Sache ge- buͤhret.“ Endlich wurden auch mehre Punkte über des Hoch⸗ meiſters Stellung zum Deutſchmeiſter feſt beſtimmt, welcher letztere in allen Faͤllen, wo jener von ſeinen Pflichten abwich oder in irgend einer Handlung ſich tadelnswerth zeigte, eine ſehr bedeutende Gewalt uͤber den Hochmeiſter in die Hand erhielt ). Der Meiſter von Livland eilte bald nach dem Schluſſe des Kapitels in fein Land zuruͤck, weil der Streit mit dem 1) Wir haben uns hier darauf beſchraͤnken muͤſſen, nur im Allge⸗ meinen die Gegenſtaͤnde der Verhandlungen dieſes Generalkapitels be⸗ merklich zu machen, indem das Einzelne eigentlich dem Abſchnitte von der Verfaſſung des Ordens zugehoͤrt, den wir ſpäterhin geben werden. Wer die einzelnen Beſtimmungen genauer kennen lernen will, findet fic bei Baczko B. II. S. 407 — 418. Zwei deutſche Copien von dieſen Statuten, die, wie in ihnen am Schluſſe ausdrücklich erwähnt wird, nicht ins Ordens-⸗Geſetzbuch und vor den gemeinen Mann kommen ſollten, befinden ſich im geh. Arch. Schiebl. VI. Ebendaſelbſt ein Vidimus der Be⸗ ſtätigungsbulle des Baſeler Conciliums uͤber dieſe Statuten vom J. 1450, worin die Statuten lateiniſch ſtehen. Wir werden ſpaͤter noch öfter Gelegenheit haben, über fie zu ſprechen. IV. 29
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450 Kriegszug nach Samaiten (1330). Erzbiſchofe und mit Riga bereits ſo weit geſteigert, daß die Stadt von einem Ordensheere umlagert ward, dort ſeine Gegenwart ſehr nothwendig machte ). Der Deutſchmeiſter dagegen verweilte laͤnger im Lande, da aus den Nachbarlan⸗ den Gefahren drohten, welche dem Hochmeiſter ſeine Anwe⸗ ſenheit wohl wuͤnſchen laſſen mochten. Vor allem fuͤrchtete man einen neuen Raubzug der Litthauer, die in den Graͤnz⸗ gebieten bisher ſchon ſo gefaͤhrliche Einfaͤlle wieder gewagt hatten, daß man noch waͤhrend des Generalkapitels dieſem Feinde hatte entgegen gehen wollen?). Zudem kam Nach⸗ richt von dem Anzuge eines neuen Haufens von Kreuzfahrern aus Deutſchland und als darauf gegen Anfang des Jahres 1330 der Graf von der Mark) und von Berg nebſt Gott⸗ fried'n Herrn von Bergheim, Bruder des Grafen Wilhelm von Juͤlich, mit vielen Rittern, Edlen und einer anfehnlichen Streitſchaar in Preuſſen anlangten, ließ ſie der Hochmeiſter verbunden mit noch hundert Ordensrittern und dreitauſend Reiſigen in das Gebiet Wayken führen, deſſen religiöfe Be⸗ deutſamkeit uns ſchon bekannt iſt). Da indeß die Bewohner von des Feindes Ankunft zuvor ſchon gewarnt weit in die Waͤlder entflohen, ſo war Verwuͤſtung des Gebietes und eine geringe Beute der einzige Erfolg des Zuges. Doch hatten 1) Als naͤchſter Anlaß zu dieſer Belagerung Riga's wird nach ei⸗ nem alten Manuſcr. der ploͤtzliche ueberfall von Duͤnamuͤnde durch die Rigaer waͤhrend des Waffenſtillſtandes im J. 1328 angegeben, wobei dieſe incolas eiusdem opidi utriusque sexus, homines tam senes quam parvulos in ore gladii crudeliter occiderunt et continue infideles et Letwinos in adiutorium invocantes terras fratrum rapinis, incendiis et non modica strage fidelium devastarunt et dampna plus quam XXX M. marcar. Rigen. intulerunt. Hac necessitate compulsi fratres ipsi, ne propter nimiam fortificationem infidelium huiusmodi fidem catholicam ibi exterminari dictamque civitatem per infideles occupari perpetuo contingeret et ut ulterioribus incommodis obviaretur, se et sua diffendendo, Civitatem ipsam obsederunt. 2) Wigand. Marb. p. 280. 3) Wahrſcheinlich Engelbert von der Mark. 4) ©. oben S. 95 — 97.
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Erneuerter Streit wegen des Peterspfennigs (1330). 451 ſich mittlerweile die Conventsritter des Hauſes Ragnit mit einem Streithaufen hinauf bis an die Gedimins-Burg oder Wilna!) gewagt, die Vorſtadt am frühen Morgen überfallen und alle Bewohner ohne Unterſchied des Alters und Geſchlech⸗ tes erſchlagen, bis auf zwoͤlf Maͤnner, die ſich in die Burg geflüchtet ?). Den Hochmeiſter hatten unterdeſſen ſehr bedenkliche Ver⸗ haͤltniſſe ins Kulmerland gerufen. Schon feit dem September des Jahres 1328 naͤmlich war das auf das Land gelegte Interdict nicht wieder ſuspendirt, ſondern mit aller Strenge vollzogen worden. Es lag daher dem Hochmeiſter ſeitdem immer ſehr am Herzen, dieſen Streit mit dem Papſte, bei welchem es freilich auf mehre tauſend Mark Silber ankam, die alljährlich aus dem fo oft verheerten Kulmiſchen Gebiete in die paͤpſtliche Schatzkammer gehen ſollten, ſo bald, aber auch ſo guͤnſtig als moͤglich beigelegt zu ſehen. Nun war aber uͤberdieß der Hochmeiſter bei dem Papſte der Unredlich⸗ keit beſchuldigt worden, daß er jedes Jahr den Peterspfennig im Kulmerlande und in dem ihm zugehoͤrigen Theile Pom⸗ merns zu einem Betrage von zweitauſend Goldgulden zwar habe erheben laſſen, aber niemals eingeſandt, vielmehr den Papſt darum betrogen habe ). Da es in der Stellung nun, in welcher der Orden gerade jetzt zum paͤpſtlichen Stuhle ſtand, dem Meiſter nichts weniger als gleichgültig ſeyn konnte, bei 1) Wilna ſoll zwar ſchon im 12. Jahrhundert vorhanden geweſen ſeyn; doch findet Karamſin B. IV. S. 292 nicht unwahrſcheinlich, daß es feine Gründung als Hauptſtadt dem Könige Gedimin verdanke, daher ſie auch Gedimins⸗Burg heiße. 2) Dussb. Suppl. c. 14 — 15. 3) Der Hochmeiſter ſagt ſelbſt in einer urkunde: Sanctissimo pa- tri ac domino nostro Summo pontifici est suggestum in status ordinis nostri ac honoris lesione, quod singulis annis denarium Sancti Petri en dyocesi Culmen. et illa parte Pomeranie, qualiter nobis subiecta, colligamus ad valorem duorum millium florenorum aureorum ipsius et nomine percipiamus, sicque sacrosanctam ecclesiam Roma- nam et sanctissimum patrem et dominum nostrum apostolicum frau- damus et decipiamus. 20 *
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452 Erneuerter Streit wegen des Peterspfennigs (1330). dem Papſte in dieſem Lichte zu erſcheinen, ſo berief er ſchon im Sommer des Jahres 1329 die Biſchoͤfe Otto von Kulm und Rudolf von Pomeſanien, ferner die Ritter und Vaſal⸗ len, die Rathsleute aus den Staͤdten und die Aelteſten aus dem ganzen Kulmerlande nebſt vielen Pfarrherren zu einer Verſammlung auf das Haus Rheden und theilte ihnen die am paͤpſtlichen Stuhle gegen ihn angebrachte Beſchuldigung mit. Mit tiefem Unwillen vernommen erklaͤrten ſie ſolche insgeſammt fuͤr eine ſchmaͤhliche und offenbare Unwahrheit eines luͤgenhaften Menſchen, da ſich niemand der Erhebung des Peterspfennigs im Kulmiſchen Gebiete jemals erinnern könne, und der Hochmeiſter ließ alsbald hierüber zu feiner Rechtfertigung vor dem Papſte ein foͤrmliches Zeugniß aus⸗ fertigen. Darauf aber ward die Verſammlung weit ſtuͤrmi⸗ ſcher, denn als der Biſchof Otto von Kulm, durch das In⸗ terdict in ſeinem Sprengel geſchreckt, in einer aͤngſtlichen Rede Nachgiebigkeit gegen den Willen des Papſtes anempfahl und fi) für die Erhebung der päpftlichen Steuer bereitwillig er⸗ Härte, da traten allzumal die Landesritter, Lehensleute und die Rathsmaͤnner und die Aelteſten der Staͤdte mit den bit⸗ terſten Vorwuͤrfen gegen ihn auf. „Wir ſollen jetzt, ſprachen ſie, dem Papſte eine neue Steuer entrichten, nachdem erſt kuͤrzlich auf feinen Befehl, gerade als wir unſer Leben im Kampfe gegen den Feind des Kreuzes Preis gaben und un⸗ ſern Eifer fuͤr die Vertheidigung des Glaubens bewaͤhrten, durch den Koͤnig von Krakau unſer Land verraͤtheriſch mit Raub und Brand heimgeſucht und alles das Unſere verheert worden iſt? Und ihr, Herr Biſchof, dem wir unſern Zehn⸗ ten zahlen, ihr entziehet uns unter dem Vorwande des Pe⸗ terspfennigs, den wir, wie ihr ſelbſt wiſſet, nicht ſchuldig find, die kirchlichen Officien und wollet uns und unſere Nachkommen einer ſolchen knechtiſchen Laſt unterwerfen? Fuͤr⸗ wahr ehe wir unſere von unſern Vaͤtern ererbte Freiheiten brechen oder ſchwaͤchen laſſen, ſoll man uns lieber an unſern Kehlen greifen und aufhängen. Der Papſt, unſer Herr, iſt durch die luͤgneriſchen Einreden der Polen, unſerer Todfeinde,
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Erneuerter Streit wegen des Peterspfennigs (1330). 453 betrogen und muß des Richtigeren belehrt werden und darin thut euere Pflicht, Herr Biſchof. Wir werden den Hochmei⸗ ſter und die Gebietiger bitten, daß unſere Freiheiten uns nicht verkuͤrzt werden. Wiſſet aber, wir werden das knechtiſche Joch nimmer tragen, ſollten wir auch alle unſere Haͤlſe darum verlieren.“ 1). So war die Sache nun gleichſam auf die Spitze geſtellt. Der Biſchof von Kulm durfte jetzt bei dieſer Stimmung kei⸗ nen Schritt mehr wagen, ohne zu ſehen, daß das ganze Kulmerland gegen ihn aufſtehe. Deshalb ließ auch der Hoch⸗ meiſter, der ſo oft ſchon die Freiheit und Rechte des Landes vertheidigt und darum auch das unbedingte Vertrauen der Bewohner beſaß, mit Abſicht eine bedeutende Zeit vorüber: gehen, ehe er im Kulmerlande die verhaßte Steuer von neuem zur Sprache brachte, theils um vorerſt die Gemuͤther wieder in Ruhe kommen zu laſſen, theils auch um am paͤpſtlichen Hofe durch Vorſtellung aller Umſtaͤnde und Verhaͤltniſſe des Landes wenigſtens einige Milderungsmaaßregeln auszuwirken, denn ſo viel ſah er nun auch ſelbſt, daß auf die Laͤnge dem Papſte nicht Trotz zu bieten ſey. So weit war die Streitſache gediehen, als nun der Meiſter vom paͤpſtlichen Stuhle her mit den noͤthigen Nach⸗ richten verſehen, am achtundzwanzigſten Februar des Jahres 1330 eine allgemeine Landesverſammlung aus dem Kulmiſchen 1) Die Urkunde hierüber — der Entwurf oder die Abſchrift eines Notariatsinſtruments —, datirt: A. d. 1329, indictione XII, meusis Iulii XV Calend. Sanct. in christo patris ac domini nostri Iohan. pape XXII anno XIII in castro Redino hora quasi sexta im geh. Arch. Schiebl. XXVIII Nr. 1, ift, weil die Schrift ſchon ſehr verblaßt und verloſchen, nur mit vieler Muͤhe zu leſen. Als Verſammelte wer⸗ den außer dem Hochmeiſter und den beiden Bifchöfen noch genannt Mi- lites, militares, feodales, Consules civitatum, opidorum, senioresque terre Culmensis unacum multis plebanis ac clericis. Die Anklage des Hochmeiſters am päpftlichen Hofe nannten alle coram deo et omni populo ein notorium mendacium und die Ritterſchaft erklaͤrte: dominus noster papa Polonorum capitalium inimicorum nostrorum mendosis suggestionibus decipitur.
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454 Erneuerter Streit wegen des Peterspfennigs (1330). Gebiete und dem Ordenstheile Pommerns in die Kathedrale von Kulmſee zuſammenberief, wohin ihn außer dem Biſchofe Otto von Kulm auch mehre ſeiner Gebietiger und Komthure, ſo unter andern der Ordenstrapier Luther von Braunſchweig und der Kulmiſche Landkomthur Otto von Luterberg beglei⸗ teten. Der Meiſter ſowohl als der Biſchof ſtellten der Ver⸗ ſammlung in milden, aber auch in ernſten und nachdruck⸗ vollen Worten!) den ganzen Stand der Streitſache vor und forderten ſodann alle zur Entrichtung des Peterspfennigs auf, indem ſie erklaͤrten, daß der Papſt von der Abloͤſung des zehnfachen Betrages der Steuer abgelaſſen habe, daß man die Gunſt deſſelben bei fernerer Weigerung gaͤnzlich zu ver⸗ lieren fuͤrchten muͤſſe, das Land dagegen und der Orden, wie er ſelbſt geaͤußert, ſich reichlicher Gnadenſpenden zu erfreuen haben werde, wenn man ſich in dieſer Sache ſeinem Willen fuͤgen wolle. Sofort hielten die Staͤnde des Landes daruͤber eine beſondere Berathung, in deren Folge hierauf der Raths⸗ herr von Kulm Tiedemann von Hericke dem Biſchofe und dem Meiſter den Beſcheid gab: die ganze Gemeinheit des Kulmerlandes und des Ordenstheils von Pommern wolle ſich dem Willen des Papſtes geneigt zeigen und ſey bereit, doch nicht aus Schuldigkeit, fur jetzt den Peterspfennig zu ent: richten und deſſen Zahlung auch fuͤr die Zukunft zu verſpre⸗ chen, in der Hoffnung, es werde ihnen ſolches durch andere Beguͤnſtigungen erſetzt und der apoſtoliſche Stuhl über ihr Recht beſſer unterrichtet werden 2). Dieſe Erklarung beftätigte und genehmigte dann auch die ganze verſammelte Gemeinheit 1) Vicissim multis monitis blandis et asperis. 2) Nos consules, seniores populi ac communitas terre Culmensis et illius partis terre Pomeranie ordini dominorum nostrorum tempo- raliter subiecte, ut voluntati sanctissini patris et domini nostri do- mini Johannis pape XXII in hoc condescendamus, pro tempore pre- senti denarium beati Petri licet non ex debito parati sumus solyere et in futurum promittimus Romane ecclesie exsolvendum, sperantes de eo nobis in aliis graclis recompensari vel quod sedes apostolica super iure nostro melius dignabitur informari.
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Erneuerter Streit wegen des Peterspfennigs (1330). 455 der erwaͤhnten Lande ſelbſt und die Verſammlung ward ſomit entlaſſen 1). So war der Streit im Kulmerlande zwar einer Seits wohl beigelegt, aber doch keineswegs gaͤnzlich beendigt. Man ſandte naͤmlich ſofort den Ermlaͤndiſchen Domherrn Martin nach Krakau, wo ſich damals der mit der Einſammlung des Peterspfennigs in Polen beauftragte paͤpſtliche Nuntius Peter von Alvernia befand, mit dem Auftrage, dieſem den Beſchluß der Kulmiſchen Landſchaft mitzutheilen und zugleich bei ihm auszuwirken, daß nach des Papſtes eigener Verfuͤgung das verhaͤngte Interdict uͤber das Kulmerland noch bis zum Feſte Aller Heiligen aufgehoben werde, damit man unterdeſſen we⸗ gen gaͤnzlicher Zurücknahme des Strafſpruches an den Papſt ſenden koͤnne, und weil jetzt, nachdem man ſich zur Entrich⸗ tung der Steuer verpflichtet, bis zu Oſtern nur noch fuͤnf Wochen Zeit uͤbrig ſey, das Geld aber in ſolcher kurzen Zeit nicht einmal eingeſammelt, vielweniger auf dem weiten Wege dem Nuntius zugeſandt werden koͤnne, ſo ließen der Biſchof Otto und der Hochmeiſter ſelbſt ihn ſchriftlich erſuchen, dieß⸗ mal wegen der beſchraͤnkten Zeit und der Neuheit der Sache einige Nachſicht zu haben. Zur Beglaubigung belegte der genannte Sachwalter alle ſeine Erklaͤrungen mit den bewaͤhr⸗ teſten Zeugniſſen, ſich ſelbſt zum Verluſte ſeines Amtes er⸗ bietend, wenn ſeine Verſprechungen nicht alle aufs puͤnktlichſte erfüllt würden. Allein dem zaͤhen paͤpſtlichen Geldſammler genügten alle dieſe Zuſagen nicht; er verlangte vom Sach⸗ walter entweder die Niederlegung von tauſend Mark zur ſiche⸗ ren Buͤrgſchaft oder die Zahlung von fuͤnfhundert Mark auf der Stelle. Zwar erklaͤrte dieſer die Forderung fuͤr ganz außer der Ordnung, zumal da gar nicht zu vermuthen ſey, daß in dem ſo ſehr verheerten Lande eine ſolche Summe überhaupt werde zuſammengebracht werden koͤnnen. Weil a ____ 1) Das hierüber abgefaßte Notariatsinſtrument datirt: a. d. 1330 pridie Kalend. Marcii in ecclesia kathedrali Culmens. ſteht in Ab⸗ ſchrift im Fol. Culm. Privilegien von Gewicht, Ellen, Hubenmaß ꝛc.
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456 Erneuerter Streit wegen des Peterspfennigs (1330). aber dennoch der Nuntius unter keinen andern Bedingungen das Interdict ſuspendiren wollte, vielmehr in der Kuͤrze der Zeit wegen Leiſtung der Steuer eine Unmoͤglichkeit verlangte, überhaupt auch feine Vollmacht, nach welcher er die Kirchen- ſtrafe aufheben ſollte, ſobald man den Peterspfennig entrichte oder entrichten wolle, in ſeiner Strenge zu uͤberſchreiten ſchien, ſo legte der Sachwalter ſofort eine Appellation an den paͤpſt⸗ lichen Stuhl ein, mit der Erklaͤrung, daß nach des Papſtes eigener Verfuͤgung das Interdict bis naͤchſten Aller Heiligen⸗ Tag als ſuspendirt betrachtet und bis dahin auch der Got⸗ tesdienſt von den Geiſtlichen werde gehalten werden, um mittlerweile bei dem Papſte die völlige Aufhebung der Strafe zu bewirken. Den ſtolzen Nuntius befremdete dieſe kuͤhne Sprache des Domherrn nicht wenig und als dieſer endlich von ihm die gewoͤhnlichen Zeugniſſe uͤber die eingelegte Ap⸗ pellation verlangte, rief ihm voll grimmiges Zornes der Steuer⸗Sammler entgegen: „Und wenn es tauſend Appella⸗ tionen waͤren, ſo werde ich euch doch keine andern als nur verwerfliche und abweiſende Zeugbriefe geben!“ 1). Wie der Sachwalter erklaͤrt, ſo verfuhr man nun auch im Kulmerlande, indem man unbekuͤmmert um den nach⸗ ſichtsloſen Nuntius den Gottesdienſt fortan uͤberall wieder eröffnete, und während dann zur gaͤnzlichen Aufhebung des Interdicts ein Sendbote an den paͤpſtlichen Hof ging, un⸗ terließ man nicht, den Peterspfennig im Kulmerlande und im Ordenstheile Pommerns einzuſammeln. Und als dann zu 1) Collector denarii sic respondit: Si essent mille appellationes, non alios quam refutatorios apostolos vobis dabo. — (Ueber den da⸗ mals gewoͤhnlichen Ausdruck Apostolos dare im kirchlichen Gerichts⸗ weſen ſ. Du Fresne Glossar. s. h. v.) — Das Notariatsinſtrument über die Appellation datirt: a. d. 1330 XIV Calend. April., hora quasi completorii in Castro Cracow. et domo episcopali in stuba im geh. Arch. Schiebl. XLIX. Nr. 5. Der Ermlandiſche Domherr Martin nennt ſich ſelbſt Procurator communitatis et hominum dyoces, Cul- mensis et illius partis Pomeranie fratribus de domo Thewtolica tem- poraliter subiecte.
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- Beilegung des Streites mit dem Biſchofe v. Leſlau (1330). 457 Ende des Septembers der Kulmiſche Rathsherr Tiedemann von Hericke dem Biſchofe Otto den Betrag der Steuer uͤber⸗ reichte, ſprach er im Auftrage des ganzen Landes nochmals die Erklaͤrung aus: „Dieweil ſich unlaͤngſt die Bewohner dieſes Sprengels und des Ordenstheils in Pommern zur Entrichtung des Peterspfennigs, wiewohl nicht aus Schul⸗ digkeit verpflichtet, ſo bringe ich ihn jetzt euerer Vaͤterlichkeit entgegen; doch fern ſey, daß wir uns oder unſern Nachkom⸗ men hiemit eine knechtiſche Laſt aufbuͤrden, ſondern wir fuͤ⸗ gen uns hierin nur fuͤr jetzt und in dieſem einzelnen Falle dem Willen unſeres heiligſten Vaters des Papſtes. Darum proteſtire ich hiemit, daß unſern Freiheiten hiedurch durchaus kein Eintrag geſchehe, da wir bereit und Willens ſind, zu gelegener Zeit die Roͤmiſche Kirche uͤber unſer Recht beſſer und grümdlicher zu belehren“ ). Man lieferte hierauf die geſammelte Summe an den paͤpſtlichen Nuntius ab und wahr⸗ ſcheinlich erfolgte nun von Seiten des Papſtes auch bald die gaͤnzliche Aufhebung des Interdicts, denn weiter ſind wir über den Fortgang der Sache nicht genau mehr unterrichtet. Wie ſomit hier durch des Meiſters thaͤtiges Bemuͤhen der Friede zwiſchen der Kirche und dem Orden endlich wie⸗ der hergeſtellt war, fo beeiferten ſich mittlerweile die Bifchöfe Otto von Kulm und Rudolf von Pomeſanien, auch eine Ausgleichung des Zwiſtes zwiſchen dem Orden und dem Bi⸗ ſchofe Mathias von Leſlau zu bewirken. Der Hauptpunkt des Streites betraf, wie wir wiſſen, die Zehntlieferung. Man kam durch Vermittlung jener Praͤlaten im Lauſe dieſes Jahres endlich darin uͤberein, es ſolle von jetzt an dem Biſchofe und ſeinen Nachfolgern im Ordenstheile Pommerns von jeder be⸗ ſetzten und bebauten Flaͤmiſchen Hufe ſowohl geiſtlicher als weltlicher Beſitzer alljährlich eine Steuer von drei Scot Kul⸗ 1) Der Biſchof Otto und das Kulmiſche Domkapitel ſtellen hier⸗ über ein beſonderes Zeugniß aus, datirt: In domo nostra episcopali in die translationis b. Stanislai (27. Sept.) 1330. Es ſteht im Fol. Kulm. Privilegien über Gewicht, Ellen, Hubenmaß ꝛc. Der Ermlaͤn⸗ diſche Domherr Martin befindet ſich hier mit unter den Zeugen.
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458 Beilegung des Streites mit dem Biſchofe v. Leſlau (1330). miſcher Münze als Zehnte gezahlt werden 1), jedoch mit Aus⸗ nahme ſolcher, denen vom Papſte oder früheren Leſlauiſchen Biſchoͤfen irgend ein Privilegium in Betreff des Zehnten er⸗ theilt ſey; ſolche ſollten auch forthin, ſie moͤchten Geiſtliche oder Weltprieſter ſeyn, nach ihren Privilegien den ihnen ge⸗ hoͤrigen Zins einnehmen. Koͤnne aber der Biſchof den ihm gebuͤhrenden Zehnten ſelbſt durch kirchliche Strafen nicht bei⸗ treiben, fo verſprach der Hochmeiſter thaͤtige Unterſtuͤtzung. Hingegen mußte der Biſchof ausdruͤcklich angeloben, daß hin⸗ fort von ſeiner Burg Razians aus durch die Seinen dem Orden und deſſen Unterthanen kein Schaden mehr geſchehen ſolle, ausgenommen wenn etwa der Koͤnig von Polen oder irgend ein anderer ſich der Burg mit Liſt oder Gewalt be⸗ maͤchtige, was jedoch der Biſchof mit aller Kraft zu verhuͤten verſprach. Dafür nahm der Orden des Biſchofs ſaͤmmtliche Guͤter und Beſitzungen ſowohl in Pommern als innerhalb des Ordensgebietes in ſeinen beſondern Schutz und verſprach deren Vertheidigung nach ſeinem ganzen Vermoͤgen. Alle vom Orden noch beſetzten biſchoͤflichen Guͤter ſtellte er der Kirche zu Leſlau frei zuruͤck. Geſchloſſen ward dieſer Vergleich zu Thorn am vierundzwanzigſten Auguſt des Jahres 13302) 1) De quolibet manso Flamingo locato et exculto debeant solvi tres Scoti Culmensis monete. 2) Das Original diefer Urkunde datirt: in Thorun in die b. Bartholomei 1330 im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 12. Es iſt zuletzt noch die Clauſel hinzugefügt: Huius etiam ordinationis cunfirmationem procurabit idem dominus episcopus cum auxilio et promotione dumini magistri et fratrum suorum infra spatium unius anni si poterit a sede apostolica inpetrari, quod si non posset efficere quoquomodo et hoc liqueret per litteras procuratorum utriusque partis tam domini episcopi quam domini magistri, hoc sibi a nobis et fratribus nostris non debeat aliqualiter iuputari, nichilominus idem dominus episcopus apud dominum apostolicum modernum et successores ipsius pro ea- dem confirmatione optinenda instabit sollicitus bona fide, donec eius- dem ordinationis confirmatio ab eadem sede apostolica ſuerit inpe- trata. Cf. Diagoss. p. 1000. De Wal T. III. p. 139 — 140. Ge⸗ druckt ſteht die Urkunde bei Lengnich Geſchichte der Preuſſ. Lande T. I. Docum. Nr. 16. p. 46.
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Erwerbung des ganzen Dobriner-Landes (1330). 459 und bald darauf vom Erzbiſchofe Janislav von Gneſen auch in aller Form genehmigt 1). Waͤhrend in ſolcher Weiſe aber die Ruhe und Einigkeit im Innern des Landes mehr und mehr befeſtigt ward, wuchs des Ordens Gluck auch wieder von außenher. Sein hoher Goͤnner, der Koͤnig Johann von Boͤhmen befand ſich im Fruͤhling des Jahres 1330 in den Rheingegenden 2), gerade als Kaiſer Ludwig aus Italien von feinem Roͤmerzuge zu⸗ rückkam. Sey es nun, daß Johann in feiner Verbindung mit den beiden Herzogen Albrecht und Otto von Oeſterreich wirklich ſchon auf die Roͤmiſche Koͤnigswuͤrde hinarbeitend neuer Geldmittel benoͤthigt war oder daß ihm die noch zuge⸗ hoͤrige andere Haͤlfte des Dobriner-Landes von ſeinen Staa⸗ ten zu entfernt lag, alſo daß ihre Verwaltung mehr Koſten veranlaßte als Gewinn trug: er vollzog zu Metz am ſechzehn⸗ ten Maͤrz des Jahres 1330 einen Verkaufsbrief, nach welchem er dem Orden auch die andere Haͤlfte des genannten Landes, alſo das ganze Fuͤrſtenthum Dobrin dieſſeits und jenſeits des Weichſel⸗Stromes fuͤr die Summe von viertauſendundacht⸗ hundert Schock Boͤhmiſcher Groſchen uͤberließ, die ihm vom Orden auch alsbald entrichtet wurde. Zudem machte ſich der Koͤnig auch noch verbindlich, nicht nur beim Papſte die gaͤnz⸗ liche Befreiung des Landes vom Zehnten auszuwirken, ſon⸗ dern auch mit „dem Koͤnige Wladislav von Krakau“ nicht eher Friede zu ſchließen, als bis er ſelbſt und ſein Bruders⸗ ſohn Semovit, einſtiger Herzog von Dobrin, fuͤr ſich und alle ihre Nachfolger und Erben allen Anrechten auf das Land entſagen und alſo der Orden alles weiteren Streites uͤber den Beſitz enthoben ſeyn wuͤrde ). Sofort machte der König 1) Dieſe Beſtaͤtigung des Erzbiſchofs datirt: In Quecisow in vi- gilia 8. Katharine a. d. 1830 im Original im geh. Arch. Schiebt LI. Nr. 14 und in einem Transſumt vom J. 1335 Schiebl. LXXV. Nr. 8; einige andere Transſumte vom J. 1326 Schiebl. LXXV. Nr. 9. 10. 2) Chron. Aulae Regiae p. 76. 3) Die Urkunde datirt: Metis a. d. 1330 XVI die Mensis Mar- ci, indictione XIII in mehren Transſumten vom J. 1335, 1393 und
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460 Erwerbung des ganzen Dobriner-Landes (1330). den Rittern und Vaſallen nebſt ſaͤmmtlichen Bewohnern des Dobriner-Landes dieſen Verkauf bekannt, fie des ihm gelei⸗ ſteten Eides entlaffend mit Ermahnungen zur Treue und zum Gehorſam gegen den neuen Landesherrn ). Damals aber war, wie es ſcheint, auch die Frage zur Sprache gekommen, ob nicht auch die Boͤhmiſche Koͤnigin Eliſabeth, Johanns Gemahlin, auf Pommern foͤrmlich und oͤffentlich Verzicht lei⸗ ſten muͤſſe, da ſie ja eigentlich als Tochter des verſtorbenen Koͤniges Wenceslav und als Erbin des Reiches Boͤhmen die Anrechte auf Pommern dem Könige Johann in die Hand gebracht?). Wahrſcheinlich erkaufte ſich der Orden dieſe foͤrm⸗ liche Verzichtleiſtung auf den Ordenstheil in Pommern, denn die Koͤnigin ſtellte ihm hieruͤber eine Zuſicherung aus, die ziemlich deutlich darauf hinweiſet ). 1420 im geh. Arch. Schiebl. XXII. Nr. 3. XXVIII. Nr. 17. LIX. Nr. 83 gedruckt bei Dogiel T. IV. Nr. 54. p. 49. Bemerkenswerth find die Zeugen: Ioffredus Comes de Liningen, Arnoldus dominus de Blan- quenain, Conradus dominus de Seleyda, Ulricus dominus de Hanowe, Helmannus de Columba dictus Birke, Wilhelmus de Landinsteyn, Thimo de Coldicz, Otto de Bergowe, Bernhardus de Zinnenburg. 1) Diefe Urkunde ift nur um einen Tag ſpaͤter datirt, als die vo⸗ rige und gerichtet an die Milites, Vasallos, Burggravios, Clientes, Officiatos, villicos ceterosque Incolas in terra Dobrinensi. Sie be⸗ ſindet ſich im geh. Arch. Schiebl. LX. Nr. 19 in einem Transſumt vom J. 1410; auch im National⸗Archiv zu Warſchau. 2) Eliſabeth war die Tochter Wenceslav's IV von Boͤhmen und der Eliſabeth, der Tochter Przemislav's II von Polen; daher nennt die Chron. Aulae Reg. p. 41 fie auch vera haeres Boemiae. 3) In dem früher erwähnten Schenkungsbriefe über Pommern ift nämlich von einem Verkanfe des Landes nicht mit einer Silbe die Rede; vielmehr heißt es dort: Nomine simplicis elemosine propter deum ac veneracionem gloriose virginis Marie de liberalitate et munificentia regia consensu nostrorum fidelium accedente damus, donamus et conferimus terram Pomeraniam etc. Dagegen fagt die Königin in ihrer Urkunde, daß der König dem Orden Terram Pomeranie — pie ac provide ac rite donaverit propter deum et vendiderit justo venditio- nis titulo pro certa summa pecunie, quam ex certa scientia reco- gnoscinus in nostram communem utilitatem esse conversam. Die Ur⸗ kunde datirt: Prage a. d. 1330 prima die mensis Octobris im geh.
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* Krieg mit Polen (1330). 461 Unter dieſen Verhaͤltniſſen und unter fortwaͤhrenden Be⸗ muͤhungen des Hochmeiſters für des Landes inneren Wohl⸗ ſtand ging der Sommer dieſes Jahres noch ziemlich ruhig hin. Allein im Herbſt kam von der Graͤnze Polens her die Nachricht von ſtarken Ruͤſtungen des Koͤniges zu einem Hee⸗ reszuge gegen das Ordensland. Auf ſeine Bitte hatte ihm ſein Eidam, der Koͤnig Karl von Ungern unter der Anfuͤh⸗ rung eines Grafen Wilhelm 1) ein ziemlich bedeutendes Hülfs- heer zugeſandt, welches an achttauſend Mann ſtark ſich mit andern Soldtruppen und der geſammten Reiterei des Koͤniges vereinigte. Zugleich aber hatte er auch den Koͤnig von Lit⸗ thauen zum Zuzuge und zum Einfall in Preuſſens oͤſtliche Gebiete aufgefordert und um die Streitmacht des Ordens zu theilen, war zwiſchen beiden Koͤnigen der Tag von Mariä Geburt oder der achte September zum gleichzeitigen Einbruch ins feindliche Land verabredet worden?). Kaum benachrich⸗ tigt von dieſem Plane des Feindes ließ der Hochmeiſter in ſchnellen Rüftungen alles zur Begegnung des feindlichen Hee⸗ res vorbereiten und ſeine Hauptmacht hinauf an das Ufer der Drewenz legen, wohin er auch ſeine einzelnen Heerhaufen Arch. Schiebl. XXVIII. Nr. 13 in zwei Transſumten vom J. 1421; großes Copienbuch p. XX. Uebrigens ſtarb die Königin wenige Tage nachher, ſ. Chron. Aulae Regiae p. 73. 1) Es iſt nicht genau zu ermitteln, wer dieſer Graf Wilhelm ge⸗ weſen ſeyn mag. Wollte man Diugoss. p. 1000 glauben, fo war es ein Herzog von Oeſterreich, der die ungern fuͤhrte; ſo nimmt es auch De Wal T. III. p. 104. Wigand. Marb. p. 280 nennt ihn dagegen bloß princeps Ungarorum oder Comes de Ungaria oder auch dux Wilhelmus, wo aber dux auch bloß die Bedeutung von Anfuͤhrer haben kann. Bei Dusb. Suppl. c. 18 heißt er: Comes M. Wilhelmus Ca- pitaneus Ungarorum, ohne daß man angeben kann, was die Sigle M. eigentlich bedeuten ſoll. 2) In die nativitatis Marie virginis Rex Lokut Polonie concepit malum propositum vindicte cum auxilio Gedemyn regis Lithwanorum, qui sibi condixerant, se pretacta die paratos esse, nach Wigand, Marb. I. c. Herman. Corner p. 1034 läßt den König herankommen circa ſestum s. Dionysii innumerabilem populum congregans de Po- lonis, Ungaris et Turcis.
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462 Krieg mit Polen (1330). aus dem Dobriner⸗Lande zuruͤckrief, um fo dem Könige den Uebergang über den Graͤnzfluß zu wehren. An der Oſtgraͤnze des Ordensgebietes fand der Meiſter keine Kriegsmacht noͤthig, weil er glauben mochte, der Litthauiſche Huͤlfshaufe werde ſich jenſeits der Drewenz mit des Koͤniges Heer verbinden. Am verabredeten Tage aber ſtuͤrmte plotzlich der König Ges dimin mit ſeinen Schaaren in das Gebiet von Oſterode her⸗ vor, alles mit Feuer verwuͤſtend, dann weiter bis gegen die Stadt Loͤbau, wo der wilde Feind alles aufbot, ſie in Brand zu ſtecken, nachdem rings um ihre Mauern alles ſchon in Flammen ſtand. Da zog eiligſt auf die Kunde von Loͤbau's Bedraͤngniß der kuͤhne Ritter Johann von Trier, Vogt des Biſchofs von Kulm, mit einer kleinen Schaar herbei, warf ſich dem Feinde entgegen und weil dieſer, des Vogts Hau⸗ fen nur fuͤr den Vortrab haltend, ein weit groͤßeres herbei⸗ gekommenes Heer vermuthete, ſo ließ er ſich eine bedeutende Anzahl Roſſe abnehmen, viele der Seinigen erſchlagen und zog ſich von der Stadt zuruͤck. Am andern Tage aber wagte ſich Gedimin mit einem Reiterhaufen hinauf bis Kauernik am Drewenz⸗Fluſſe, der Hoffnung, dort den König von Polen mit ſeiner Streitmacht zu finden. Allein, wie es ihm ſchien, vom Könige getaͤuſcht zog er voll Mißmuthes wieder zuruck, nachdem er das Gebiet verwuͤſtet und die Stadt verbrannt !). Allerdings war zur verabredeten Zeit auch der Koͤnig mit ſeinem Heere im Gebiete von Michelau am Ufer der Drewenz angekommen, dort des Ordens Beſitzungen bis nahe vor Strasburg furchtbar verwuͤſtend. Allein der Hochmeiſter, begleitet von den beiden Meiſtern von Deutſchland und Liv⸗ land, Wolfram von Nellenburg und Eberhard von Monheim, den er ſchnell herbeigerufen, hatte das Flußufer ſo ſtark ver⸗ ſchanzt und an den Uebergangsorten mit fo auserleſener Mannſchaft beſetzt, daß es dem Koͤnige nicht moͤglich war, den Uebergang bei Strasburg zu erzwingen, zumal da die Waffen und Wurfmaſchinen des Ordensheeres Tag und Nacht 1) Wigand. Marburg. p. 280.
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Krieg mit Polen (1330). 463 in raſtloſer Bewegung waren. Nachdem der König mehre Tage vergebens den Feind zu taͤuſchen geſucht, zog er ſtrom⸗ abwärts ins Dobriner-Land, wo ihm bei Luͤbitſch, dem heu⸗ tigen Leibitſch, eine bequeme Furth entdeckt worden war !). Der Hochmeiſter indeß folgte ihm am andern Flußufer auch dorthin nach, alſo daß auch hier der Koͤnig nicht ſogleich zum Ziele kam. Zudem herrſchte zwiſchen ihm und Wilhelm, dem Führer der Ungern ſchon Uneinigkeit. Wladislav hatte naͤmlich an Gedimin eine Botſchaft mit der Aufforderung geſandt, ſich mit ihm zum Einfall ins feindliche Land zu vereinigen. Der Fuͤrſt aber ließ antworten: „Ich hatte ſchon einmal mit Dir verabredet, am beſtimmten Tage mit Dir zuſammenzutreffen. Ich kam, du aber nicht; und haͤtten mich damals nicht meine Goͤtter geſchuͤtzt, ich waͤre durch Verrath in Gefangenfchaft gerathen; doch nun kenne ich meine Verraͤther!“ — Als der Graf Wilhelm von dieſer Botſchaft Nachricht erhielt, trat er dem Koͤnige mit den Worten entgegen: „Du willſt alſo mit Heiden die Chriſten bekaͤmpfen? So erlaube, daß wir nach Ungern zuruͤckkehren. Sollen wir forthin bei Dir bleiben, ſo laß die Heiden in ihre Heimat ziehen, denn nur dann wollen wir gerne zu Deiner Huͤlfe mitkaͤmpfen.“ Der König brach alsbald das Bümdniß mit Gedimin, denn in denſelbigen Tagen ſandte dieſer, erzuͤrnt, daß ihn der Koͤnig nutzlos herzugerufen, eine Botſchaft an Wladislav und verlangte von ihm einen Sold in Gold und Silber, Tuch und Roſſen fuͤr ſeine Krieger, jeglichem nach Verdienſt, und als dieſe Forderung erfuͤllt war, kehrte er mit feinem Raubheere nach Litthauen zuruͤck?). So⸗ wohl dieſe Verhaͤltniſſe, als die Belagerung der Burg Do⸗ brin, wo ſich die Ordensbeſatzung unterdeſſen aufs tapferſte vertheidigte und den Koͤnig endlich zum Abzuge zwang, hat⸗ ten dieſen einige Zeit in ſeinem Unternehmen gehindert. 1) Wigand. Marburg. I. c. Lucas David B. IV. S. 105106. Schütz p. 63. 2) Wigand, Marburg. 1. c.
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464 Krieg mit Polen (1330). Nun aber brach Wladislav mit den Ungern in ſtarker Macht gegen Luͤbitſch auf. Da er jedoch die Furth mit drei Heerhaufen ſo ſtark beſetzt und ſo tapfer vertheidigt fand, daß er ſie, obgleich der Kampf faſt zehn Tage dauerte, auf keine Weiſe uͤberſchreiten konnte, ſo griff er endlich zur Liſt. Das ganze Heer von Luͤbitſch wieder zuruͤckrufend ließ er eine ausgeſuchte Streitſchaar von ſechshundert Reitern landeinwaͤrts ziehen, ſo daß die Ordensritter meinten, der Haufe kehre nach Polen zuruͤck. Er ſelbſt fuͤhrte das uͤbrige Heer ſtrom⸗ aufwaͤrts zwei Meilen weit gegen Strasburg hin, als ſuche er einen andern Uebergang. Das Ordensheer zog am an⸗ dern Ufer dem Feinde nach bis gegen Golub hin. Dort aber wandte ſich ſchnell der Koͤnig wieder zuruͤck, denn das verabredete Zeichen, ein großer aufſteigender Rauch hatte ihm kund gethan, daß die Lift gelungen und die Furth bei Luͤ⸗ bitſch von jener Reiterſchaar bereits uͤberſchritten ſey; und da es ihm gluͤckte, die Furth eher als der Feind zu erreichen, ſo ſetzte er nun mit ſeiner zahlreichen Kriegsmacht ins Kul⸗ merland uͤber. Der Meiſter fand jedoch Bedenken, mit ſei⸗ nen ungleich ſchwaͤcheren Streitkraͤften ſich der feindlichen Maſſe zum offenen Kampfe entgegen zu ſtellen und eilte, ſein Heer getheilt in die Burgen des Kulmerlandes, vorzuͤg⸗ lich nach Thorn, Golub und Leipe zu werfen, um fo wes nigſtens die feſten Punkte des Landes gegen den Feind ſicher zu ſtellen 1). So ſtand nunmehr das ganze Kulmerland der Rache des Feindes offen. Er warf ſich zuerſt vor die Stadt Schoͤnſee, auf deren Burg der entſchloſſene und heldenmuͤthige Hermann von Oppen, ein Sachſe, als Komthur befehligte. Die Klein⸗ 1) Wigand. Marburg. I. c. Lucas David a. a. O. Schütz l. c. Bei Herman. Corner. p. 1034 heißt es: Der König pro primo destruxit Lyn oppidum ignium injectione. Inde vero transiens de- molitus est omnem regionem a Culmensi urbe usque Gordin, nulli parcentes aetati vel sexui, sed omnes viventes gladius et ignis ab- sumserunt. Daß die Kriegsmacht des Hochmeiſters gegen den Feind zu ſchwach geweſen, beſtaͤtigt auch dieſer Chroniſt.
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Krieg mit Polen (1330). 465 heit der Stadt ließ die Polen eine ſchnelle Eroberung hoffen; allein da viel geflüchtetes Landvolk in der Stadt war, fo konnte der kuͤhne Komthur mit deſſen Huͤlfe, ſtatt ſich nur auf die Vertheidigung zu beſchraͤnken, den Feind ſogar im freien Kampfe angreifen und bis in die Zelte des feindlichen Lagers eindringen. Durch ſolche Kuͤhnheit aber war der Pol⸗ niſche Heerhaufe ſo eingeſchreckt, daß er ſich nie bis an die Mauer der Stadt hervor wagte, alſo daß, wie verſichert wird, die Stadtthore faſt niemals geſchloſſen waren!), und als eines Tages eine Schaar ſich erkuͤhnte, ein nahe an der Stadt liegendes Vorwerk in Brand zu ſtecken, ward ſie vom tapfern Komthur uͤberfallen und zum groͤßten Theile erſchla⸗ gen. So dauerte der Kampf um Schoͤnſee vier Tage lang und am fuͤnften zog der Koͤnig, ſo gedemuͤthigt durch des Feindes ruhmvolle Tapferkeit, weiter ins Kulmerland hinein vor die Burg Leipe, in welche ſich Günther von Schwarz⸗ burg, Komthur von Chriſtburg mit der Mannfchaft feines Hauſes geworfen hatte, um die Vertheidigung zu leiten 2). Der Koͤnig ordnete eine harte Belagerung an, ließ Wurf⸗ maſchinen und allerlei Belagerungswerke fortwaͤhrend in Be⸗ wegung ſetzen und die Burg von allen Seiten beſtuͤrmen; allein die ritterliche Beſatzung vertheidigte ſie mit der aͤußer⸗ ſten Entſchloſſenheit und mit unbezwinglichem Muthe. Bald indeß litt das Polniſche Heer in dem ſo oft verwuͤſteten und ausgepluͤnderten Lande bedeutend Mangel an Lebensmitteln und die ſich vom groͤßeren Heere um Nahrungsmittel ent⸗ fernten, wurden oft zu ganzen Haufen von den Ordensrittern gefangen oder erſchlagen. Taͤglich ſah man aus Futtermangel eine groͤßere Zahl von Roſſen fallen; des Koͤniges Kriegsmacht 1) Licet oppidum vile fuerit, nunquam tamen valve ibidem fue- runt clause, ſagt Wiegand. Marb. 2) Wigand. Marb. p. 280 nennt außerdem auch Lutherum de Wonsdorf commendatorem terre; den Landkomthur von Kulm kann er damit nicht meinen, denn deſſen Amt bekleidete damals noch Otto von Luterberg. Daß dieſer aber ebenfalls mit auf der Burg war, erwähnt der Chroniſt nachher ſelbſt. IV. 30
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466 Krieg mit Polen (1330). ward faft mit jeder Stunde geringer und im ganzen Lager herrſchte bald ſolche Noth felbft des unentbehrlichften Lebens⸗ unterhalts, daß ſich unmoͤglich ein gluͤcklicher Ausgang mehr erwarten ließ:). Da lud der König den Landkomthur Otto von Luterberg und den Ordensritter Giſehard auf der Burg unter ſicherem Geleite zu einer friedlichen Verhandlung in ſein Lager ein 2). Nachdem ſie dem Hochmeiſter, der ſich mit den beiden Meiſtern von Deutſchland und Livland auf der Burg zu Graudenz befand, darüber Nachricht ertheilt, erſchie⸗ nen ſie vor dem Koͤnige, mit ihnen der von den Meiſtern zugeſandte Komthur von Birgelau, damals zu Graudenz Sieg⸗ hard von Schwarzburg ). Wladislav empfing den letztern mit ungemeiner Freundlichkeit, ihn beredend, daß er den Hochmeiſter bewegen moͤge, zur Verhandlung uͤber den Frie⸗ den ſelbſt ins koͤnigliche Lager zu kommen. Werner erſchien, nachdem Graf Wilhelm, der Anfuͤhrer der Ungern ſich frei⸗ willig erboten, ihn perfönlich unter dem Schutze der Seinigen ins Lager zu geleiten. Es erfolgte ſofort ein Waffenſtillſtand, während deſſen Dauer die Könige von Böhmen und Ungern als Schiedsrichter, jener fuͤr den Orden, dieſer fuͤr Wladislav allen Streit, beſonders aber den Zwiſt wegen Pommerns völlig beſchwichtigen ſollten. Der Orden räumte dem Könige von Polen Wiſſegrod und Bromberg nebſt deren Gebieten ein 2), blieb dagegen aber im Beſitze aller ſeiner Laͤnder. So 1) Es iſt alſo nicht nöthig, mit der Chron. princip. Polon ap. Sommersberg T. I. p. 60 anzunehmen, daß der König a propriis con- siliariis traditns fuisset, indem a dominis cruciferis de Prussia non- nulli habuerunt pecunias, propter quas traditiones fecerunt in Regem. 2) Wigand. Marb. — Wer dieſer Giſehard geweſen ſey, wird nicht geſagt; unter den Gebietigern dieſer Zeit finden wir keinen dieſes Namens. 3) Dieſer Sieghard von Schwarzburg war nicht Komthur von Graudenz, wie Wigand. Marb. faͤlſchlich angiebt. Früher in den Jah⸗ ren 1319 — 1823 hatte er allerdings dieſe Komthurei verwaltet; in den Jahren 1329 und 1330 finden wir ihn in Urkunden ars Komthur zu Birgelau. 4) In robur fidei fratres Brawenburg et Wyssegrat Polonis pre-
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Einnahme und Demüthigung Riga's (1330). 467 zog das Polniſche Heer nun aus dem Kulmerlande wieder zuruck und Graf Wilhelm eilte mit feinem Huͤlfshaufen nach Ungern, da eben Nachrichten von kriegeriſchen Unruhen aus jenem Reiche anlangten 1). Froh des Erfolges, daß der ſchwer drohende Sturm im Ganzen noch fo gluͤcklich oder doch nur mit fo geringen Opfern voruͤbergezogen war, begab ſich nun auch der Hoch⸗ meiſter in ſein Haupthaus Marienburg zuruͤck. Dort erfreu⸗ ten ihn auch von Livland her ungleich guͤnſtigere Nachrichten, als ſie ſeit Jahren von daher gekommen waren. Faſt ein ganzes Jahr war Riga vom Ordensheere belagert und nach und nach alle Zufuhr abgeſchnitten worden. Da brach end⸗ lich Hunger und Elend allen Muth zu fernerer Vertheidigung, denn alle Bemuͤhungen um Beiſtand ſowohl bei auswaͤrtigen Fuͤrſten als bei den Deutſchen Seeſtaͤdten blieben ohne Er⸗ sentarunt cnm attinenciis iuxta dictamen Polonorum, nach Wigand. Marb. Statt Wiſſegrod nennt Herman. Corner. p. 1034 Dobryn. Alb. Krantz Wandal. L. VIII. c. 15. 1) Die Hauptquellen über dieſe Ereigniſſe find? Wigand. Mar- burg p. 280, Dusb. Suppl. c. 17 — 19, Schütz p. 6364, der hier Wigands Chronik ſichtbar benutzt hat, Diugoss. p. 1001 — 1002. Die Zeitbeſtimmung in dieſen Quellen hat jedoch einige Schwierigkeit. Am Tage vor Mariä Geburt oder am 8. Sept. erſcheint nach Wigand. der König am Ufer der Drewenz, geht vor Dobrin und nach Luͤbitſch, wo er 10 Tage liegt, dann bis Golub und wieder zuruͤck, über die Dre wenz, liegt er 4 Tage vor Schoͤnſee, dann eine mehrtägige Belagerung der Burg Leipe, bis es zur Friedensunterhandlung kommt und nun, nachdem ſich der Hochmeiſter ins koͤnigliche Lager begeben, ibidem in die sancti Johannis pax concepta est, wie es bei Wigand heißt. Soll dieſes der Tag Iohannis Baptist. Conception., alſo der 24. Sept. ſeyn (denn ein anderer kann darunter ſchwerlich gemeint ſeyn), ſo kommt man mit der Zeit allerdings etwas zu ſehr ins Gedraͤnge. Diugoss bringt uns nicht viel weiter, indem er den König 15 Tage lang das Kulmerland verheeren und dann ebenfalls den Frieden in die S. Io- hannis Baptistae eintreten läßt. Dusburg läßt das Land nur 10 Tage feindlich uͤberzogen ſeyn und ſetzt im Allgemeinen die ganze Begebenheit in den Herbſt. Die Chron. Archidiac. Gnesn. p. 96 giebt den Monat Novemb. und eine Zeit von 29 Tagen fuͤr die Verheerung des Landes an. 30 *
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468 Einnahme und Demuͤthigung Riga's (1330). folg. So mußte ſich die Stadt der Gnade des Siegers er⸗ geben!). Der Landmeiſter ſchrieb harte Bedingungen vor: die Stadt muß dem Orden zur Beſetzung zwei Thuͤrme raͤu⸗ men; die Rathsherren im Lager der Ordensritter erſcheinend muͤſſen dem Meiſter alle ihre Privilegien und Freiheiten zu Füßen legen, um zu erwarten, welche man ihnen wieder be⸗ willigen und welche verweigern werde; die Stadt verzichtet auf einen anſehnlichen Theil ihres Bezirkes, um da dem Or⸗ den ſtatt des von den Bürgern niedergebrochenen S. Georgs⸗ hofes, der früheren Ritterburg, ein neues Ordenshaus mit aufbauen zu helfen, wozu die Stadtmauer dreißig Klaftern weit niedergeriſſen wird. Riga ſoll jedes Jahr dem Orden zur Ausbeſſerung der neuen Burg hundert Mark als Zins entrichten. Das ſtaͤdtiſche Gerichtsweſen erhaͤlt fortan zur Haͤlfte der Orden und der Komthur des Hauſes Sitz und Stimme im Richterſaale 2). Bei allen Heerfahrten verpflich⸗ tet ſich die Stadt zur Kriegshülfe und zur Wehrmannſchaft gegen jeglichen Feind, nur mit Ausnahme des Erzbiſchofs und deſſen Kirche. So lautete „der Suͤhnebrief“ zwiſchen Riga und dem Orden und ſo ward die Stadt gedemuͤthigt, die ſo lange ihren Hader und ihre Zwietracht mit den ſieges⸗ ſtolzen Rittern emporgehalten hatte). Seit Jahren war dem 1) Nach einem alten Manuſcript geſchah die Uebergabe der Stadt Archiepiscopo Rigensi in Romana Curia existente. 2) ueber dieſe Theilnahme des Ordens am Gerichtsweſen Riga's ſpricht ſich eine urkunde des Landmeiſters Eberhard von Monheim, da⸗ tirt: Duͤnamuͤnde am zweiten Tage nach Mariä Himmelfahrt 1330 noch beſtimmter aus. 3) Das Genauere hierüber bei Arndt Th. II. S. 87 — 89, wo auch der ſ. g. Suͤhnebrief von Freitag vor Palmarum (30. Maͤrz) 1330 abgedruckt ſteht. Es iſt aber zu bemerken, daß ſchon acht Tage zuvor ein Suͤhne⸗ brief zwiſchen der Stadt Riga und dem Orden abgeſchloſſen war, worin es unter andern hieß: Subiecimus nos et civitatem nostram deo et b. virgini Marie matri eius et gratie dictorum preceptorum et fratrum cum omnibus bonis et libertatibus nostris, corporibus tamen nostris salvis; et quia Preceptor et fratres se contentos non verbis simpli- eibus non reddebant, assignavimus ipsis et, voluntate spontanea tra-
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Werners Beſtrebungen für den Orden (1330). 469 Orden in feiner alten Streitſache kein fo wichtiger Schritt gelungen, denn er brachte ihn faſt an das Ziel aller ſeiner Wuͤnſche und Beſtrebungen. Der Erzbiſchof hatte zwar laͤngſt wieder ſchwere Klagen am paͤpſtlichen Hofe angebracht und der Papſt hatte nicht ermangelt, durch die Landesbiſchoͤfe die oberſten Ordensgebietiger ermahnen zu laſſen, alles, was dem Erzbiſchofe und ſeiner Kirche entnommen ſey, mit Entſchaͤdi⸗ gung wieder zuruͤckzugeben, die Belagerung der Stadt un⸗ verzuͤglich aufzuheben und zum Frieden zuruͤckzukehren, widri⸗ gen Falls die Ordensherren vor den paͤpſtlichen Stuhl zu laden, wo fie ihr Gericht erwarten ſollten ). Allein dieſe Mahnung des Papſtes kam in Livland viel zu ſpaͤt an, und wäre fie auch zeitiger gekommen, fo hatte ſich der Orden an ſolche Worte ſchon viel zu ſehr gewoͤhnt, als daß ſie haͤtten ſchrecken koͤnnen. Und ſelbſt nachdem die drohende Bulle angelangt war, blieben die Gebietiger vorerſt dennoch im Beſitze alles deſſen, was ihnen Angſt und Elend und der Schrecken des Schwertes bereits in die Haͤnde gegeben. Der Landmeiſter war nunmehr aufs eifrigſte beſchaͤftigt, in Riga die neue Ordensburg emporzurichten 2). Unter ſolchen Ereigniſſen nahete nun der Herbſt des verhaͤngnißvollen Jahres. Es war nach dem ſchweren Sturme wieder Ruhe ins Land zuruͤckgekehrt und Werner von Orſeln, der wohlgefinnte Meiſter, hegte in ſolchem Frieden gewiß noch manchen loͤblichen Plan fuͤr des Landes Wohlfahrt und fuͤr das Heil und den Ruhm des Ordens. Vor allem war es immer ſchon fein Streben geweſen, unter den Ordens⸗ gliedern ſittliche Reinheit, Ehrbarkeit des Wandels, ſowie didimus ad manus eorum duas turres civitatis nostre —, donec de- liberaverint et declaraverint, in quo iure vel gratia velint nos et nostram dimittere civitatem. — Vgl. Dusb. Suppl. c. 16. 1) Die Bulle des Papſtes bei Dogiel T. V. Nr. XL. p. 40. 2) Wizand Marb. p. 281 fagt: In die S. Viti et Modesti ſra- ter Eberhardus Munheym primum lapidem posuit ad fundamentum domus in Riga apud s. spiritum et idem magister primus fundator cius domus fuit.
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470 Werners Beſtrebungen für den Orden (1330). durch Strenge in den Geluͤbden und durch Gehorſam gegen Regel und Geſetz den alten guten Namen der ritterlichen Verbruͤderung vor der Welt aufrecht zu erhalten, um ſo mehr auch das Laſter, die Leidenſchaft und die Luſt der Welt, wo ſie wuchernd herrſchten — und ſie herrſchten mit ungezuͤgelter Gewalt ſchon in manches Ritters Bruſt — mit allem Nach⸗ druck und aller Strenge zu vertilgen, denn Werner erkannte die Wahrheit des Spruches an der Spitze des Geſetzbuches: „Wo man eins der Geluͤbde des Ordens zerbricht, ſo ſind wohl die Regeln alle zerbrochen“ 1). Darum hatte er ſchon vor einigen Jahren manche heilſame Geſetze und Gebote theils erneuert, theils neu entworfen, und wie er ſelbſt untadelhaft und unbeſcholten in ſeinem Wandel, ſtreng in ſeinen Sitten, gewiſſenhaft in der Erfüllung feiner Pflichten, unerſchuͤtterlich in ſeinen Vorſaͤtzen fuͤr das Gute und Rechte und wahrhaft und gottergeben in ſeinen Geſinnungen war, ſo galt es ihm fuͤr das hoͤchſte Ziel, dieſen reinen und pflichtſtrengen Geiſt und dieſen rechtſchaffenen und aͤchtfrommen Wandel auch zum Hauptgepraͤge des Charakters ſeines ganzen Ordens zu ma⸗ chen 2). Allein dieſes Ziel blieb unerreicht, denn nur zu früh fand der edle Meiſter im Widerſtreben gegen das Laſter und die Leidenſchaft, die ſchon hie und da maͤchtig in dem Orden aufwuchſen, ſeinen traurigen Untergang. Es geſchah im Anfange dieſes Jahres, daß ein Ordens⸗ ritter aus einem nahen Convente, Johann von Endorf ge⸗ nannt, ein Sachſe von Geburt ), ein Menſch, der ſchon 1) S. die Ordensſtatut. die Regeln c. I. p. 41. 2) Schütz p. 64. 3) Die Angabe, daß dieſer Johann von Endorf ein Maͤrker gewe⸗ ſen ſey, ſcheint von Simon Grunau herzuſtammen; wenigſtens nennt ihn dieſer zuerſt ſo und ihm haben es Henneberger p. 284, Wai⸗ Bel S. 112 und wahrſcheinlich auch Schütz p. 64. nachgeſchrieben. Dusb. Suppl. c. 20 nennt ihn einen Sachſen. Es gab aber auch in Baiern, namentlich in der Grafſchaft Neuburg und Falkenſtein eine Familie von Endorf, ſ. Lang Baieriſch. Jahrb. S. 311. Ein Hein⸗ rich von Endorf kommt als Zeuge ſchon in einer urkunde vom J. 1130
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Ermordung des Hochmeiſters Werner v. Orſeln (1330). 471 aus unlauteren Abſichten in den Orden getreten und wegen ſeines unſittlichen Lebens oft vom Meiſter ſchon getadelt und geſtraft worden war und deshalb ſchon laͤngſt heimlichen Groll gegen dieſen im Buſen naͤhrte !), vor dem Hochmeiſter mit der Bitte erſchien, ihm zu erlauben, daß er an dem da⸗ maligen Kriegszuge gegen die Litthauer mit Theil nehmen duͤrfe. Der Meiſter, dem dieſer Ritter ſchon mehrmals Ge⸗ ſuche ſolcher Art vorgelegt, wies ihn, weil er ſah, daß er im Kriegsgetümmel ſich nur der ſtrengeren Zucht und Auf⸗ ſicht zu entziehen ſuche, mit der Erklaͤrung zuruͤck: „Es ſey fuͤr ihn kein Roß mehr vorhanden; auch ſey es fuͤr ihn noch viel zu fruͤh, gegen den Feind ziehend dem Tode entgegen zu gehen; er muͤſſe zuvor von ſeinem wuͤſten und unordent⸗ lichen Leben ablaſſen; die Seele, welche einem ſolchen Kampfe entgegentrete, muͤſſe zuvor ernſte Buße thun und ſich uͤben in Tugenden, guten Sitten und ruͤhmlichen Werken“ 2). in den Monum. Canon. Chiemsees. vor in den Monument. Boicis T. II. p. 370 Nr. 254. Eine Nachweiſung uͤber mehre Glieder dieſer Familie f. ebendaf. im Index p. 540. — Ueber die Richtigkeit des Namens Io: hann von Endorf, der durchaus in allen Chroniken verſtuͤmmelt iſt, ſ. Fabers Abhandlung uͤber die Ermordung Werners von Orſeln in den Beiträgen zur Kunde Preuſſ. B. I. S. 233 ff. und die Anmerk. zu meiner Geſchichte Marienburgs S. 111. Eine ganz eigene Art von Freude äußert De Wal T. III. p. 118 über die ungewißheit des Na⸗ mens und der Geburt dieſes Menſchen, indem er ſagt: Ces incertitudes sont fort heureuses, car elles sont cause, qu'on ne peut plus déme- ler aujourd'hui la famille, oü il avoit pris naissance. 1) Wigand. Marb. p. 281: Ex concepta malicia, quam gessit dudum in corde suo propter correctionibus, quas meritis suis exi- gentibus a Magistro sustulerat, Dusb. Suppl. c. 20. 2) Lucas David B. VI. S. 111. Es iſt nicht richtig, wenn De Wal I. c. fagt: Le Grand- Maitre qui le connoissoit pour un mauvais sujet et un libertin, le tenoit toujours & Marienbourg sous ses yeux, denn die Urkunde in den Beiträgen zur Kunde Preufl. a. a. O. bezeugt ganz klar: De proprio conventu suo absque licentia sui su- perioris carens ad castrum ordinis principale, nomine castrum Sancte Marie, in quo iam fatus magister generalis suam solebat tenere mansionem, accessit.
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472 Ermordung des Hochmeiſters Werner v. Orſeln (1330). Der Abgewieſene wandte ſich jetzt an ſeine Freunde in der Mark und nachdem er durch dieſe zwei gute Pferde zur Kriegsfahrt zugeſandt erhalten, wagte er es abermals, ſeine Bitte bei dem Meiſter zu erneuern, ohne von ſeinem Con⸗ ventsoberſten Erlaubniß zu haben, ſich nach Marienburg zu begeben. Weil aber Werner von Orſeln erſt vor einigen Jahren in dem General⸗Kapitel das Geſetz gegeben: „Auch ſoll kein Ritterbruder Pfennige behalten, Pferde oder andere Dinge zu kaufen, denn wer ſie hat, der ſoll ſie ſeinem Ober⸗ ſten aufgeben, der ihm Pferde ſoll beſorgen“ 1), und weil es uͤberhaupt geſetzlich dem Hochmeiſter frei ſtand, einem Or⸗ densbruder ſeine Pferde und Waffen entnehmen und einem andern uͤbergeben zu laſſen, indem kein Ordensritter ſolche als ſein Eigenthum betrachten durfte 2), ſo wurden auf des Meiſters Geheiß auch dieſem ungehorſamen Ordensbruder die beiden Roſſe weggenommen. Vergebens ſuchte dieſer durch die Fuͤrbitte einiger Ritter vom Hochmeiſter ſeine Roſſe und die Erlaubniß zur Theilnahme am Kriegszuge zu erhalten, denn Werner blieb unerbittlich bei feiner Weigerung >). Da begab ſich Johann von Endorf von Wuth und Rache entbrannt vom Ordenshauſe heimlich in die Stadt Marien⸗ burg und kaufte bei einem Kraͤmer ein großes Meſſer der Art, womit man Fiſche zu reißen pflegte. Da er es weg⸗ gehend in den Aermel einſteckte, rief ihm der Kraͤmer nach: „Wollt ihr die Scheide nicht auch mit euch nehmen?“ „Nein, 1) S. Werners Geſetze in den Ordens-Statut. von Hennig S. 122. 2) S. die Regeln der Ordens⸗Statut. c. XXIV. S. 61. 3) Schon Schütz p. 64 erwähnt, daß die Chroniken hier in eini⸗ gen Umftänden abweichen und unter andern angeben, daß der Ordens⸗ bruder Johann zwei Pferde mehr gehabt, als ihm gebuͤhrt und dieſe ihm vom Hochmeiſter weggenommen worden ſeyen. Allein in der Haupt⸗ ſache iſt dieſes eigentlich ganz einerlei. Ferner ſagt Schütz, Johann von Endorf ſey noch nicht eigentlicher Ordensritter geweſen und es ſey dieſes auch dadurch zu beftätigen, daß ihm der Hochmeiſter den Rath gebe: „er ſolle noch zu Hauſe bleiben und zu Chor ſingen.“ Die er⸗ waͤhnte Urkunde widerlegt aber dieſe Angabe.
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Ermordung des Hochmeiſters Werner v. Orſeln (1330). 473 entgegnete der Ritter, aber ich werde dem Meſſer die koſt⸗ barſte Scheide ſuchen, die in ganz Preuſſen zu finden iſt.“ — So eilte der Rachſuͤchtige auf Mord und Blut ſinnend in die Hofburg zuruck. Es war am Feſttage der heil. Eliſabeth, am neunzehnten November zur Abendzeit, als er den Burg⸗ hof entlang gehend an der Erleuchtung der hochmeiſterlichen Hauskapelle in des Meiſters Wohngebaͤude bemerkte, daß der Meiſter dort einſam zur Vesperzeit feine Andacht verrichte 1). Dieſe Zeit ſchien ihm guͤnſtig zu feiner verruchten That, denn des Hauſes uͤbrige Bruͤder waren eben insgeſammt in der 1) Man nimmt nach dem Zeugniß von Schütz p. 64. Chron. Oliv. p. 49, Annal Oliv. p. 43, Henneberger S. 285, Lucas David B. VI. S. 113 gewohnlich an, die That ſey am Abende vor ©. Eli⸗ ſabetys⸗Tage, alfo am 18. Novemb. geſchehen und dieſen Tag findet man auch bei Bachem a. a. O. S. 30, Baczko B. II. S. 98, De Wal T. III. S. 118 und in meiner Geſchichte Marienburgs S. 113 angegeben. Faber a. a. O. S. 238 ſucht ihn auch mit der bald näher zu beruͤhrenden urkunde in Einſtimmung zu bringen. Allein dieſe An⸗ nahme iſt doch unrichtig, denn erſtens fuͤhren den 19. Novemb. die be⸗ ſten Chroniſten an; fo Wigand. Marb. p. 281: XIII Calend. Decembr., Dusb. Suppl. c. 20 in Octava S. Martini. Zweitens nennt auch das Anniverſarien⸗Buch den 19. Novemb., ſ. Bachem a. a. O. Drittens ſagen auch die vorerwähnten Chroniſten keineswegs, die Ermordung ſey am Abende vor S. Eliſabeths-Tag, ſondern am S. Elifabeth = Abend oder am Abend Elifabethä geſchehen, d. h. am Abend des Eliſabeths⸗ Tages ſelbſt, ſo auch Lindenblatts Jahrbuͤch. S. 361. Die urkunde in den Beitrag. z. Kunde Preuſſ. widerſpricht auch dieſer Angabe nicht nur nicht, ſondern beftätigt fie vielmehr, denn die Worte: ob gloriam dei omnipotentis et sui genetricis virginis Marie ac beate Elizabeth — — — — tinus gracia devocionis et obsequii impendenda officium vesperarum visitavit ac ipsis vesperis religiose interfuit et devote heißen nicht: er habe den Gottesdienſt am Abende vor dem Feſte der heil. Eliſabeth beſucht (dann müßte in vigilia S. Elisabethae ſtehen), ſondern er beſuchte den Vesper⸗Gottesdienſt oder das Vesper⸗Amt (ſonſt auch vespertinum officium) zu Ehren der heil. Eliſabeth. Schütz l. c. führt an, die That ſey des Morgens nach dem Fruͤhgebete des Hoch: meiſters geſchehen; dem widerſpricht aber nicht bloß die Urkunde, ſon⸗ dern auch Dusb. I. c., wo es beſtimmt heißt: dum cantatis vesperis exiret de ecclesia.
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474 Ermordung des Hochmeiſters Werner v. Orſeln (1330). Hauptkirche auf der obern Burg zur Vesper verſammelt und ſelbſt des Meiſters Dienerſchaft zog ſich, wenn er zum Gebete ging, von ihm mehr zuruͤck. So gelang es dem rachſuͤchti⸗ gen Ritter leicht, ſich unbemerkt bis in die Vorhalle der Ka⸗ pelle hinaufzuſchleichen, wo er an der Thuͤre verſteckt im Dunkeln lauerte. Als nun der Meiſter ſein Gebet geendigt und durch die Vorhalle in ſein gegenuͤberliegendes Wohnge⸗ mach zuruͤckkehren wollte, ſtuͤrzte ploͤtzlich der Moͤrder auf ihn ein und ſtach ihm das Meſſer in die Bruſt mit den Worten: „Nimm mir mehr das Meine!“ Der Meiſter ſank zu Bo⸗ den und ſtoͤhnte ihm die Worte zu: „Das vergebe Dir Jeſus Chriſt!“ Da zuͤckte der Unmenſch den Mordſtahl noch ein⸗ mal, ſtieß ihn dem Meiſter noch tiefer in das Herz und er⸗ griff alsbald die Flucht von einem bellenden Huͤndlein des Meiſters verfolgt!). So fand zuerſt der Notar Johannes Weiß, der ſeinem Herrn in deſſen Gemach zu einem Geſchaͤft hatte folgen wollen, zu feinem Entſetzen den Meiſter röchelnd in ſeinem Blute vor der Thuͤre der Kapelle liegend. Unter Angſtgeſchrei um Hülfe ſucht er ihn aufzurichten; die Diener⸗ ſchaft, die ſonſt ihren Herrn uͤberallhin begleitete, ftürzt zit⸗ ternd herbei; alles bebt vor Schrecken und Entſetzen. Waͤh⸗ rend man bemuͤht iſt, den ſterbenden Meiſter in ſein nahes Wohngemach zu bringen, verfolgt ſogleich ein Theil der Die⸗ ner den entſprungenen Moͤrder und es gelingt, ihn bald zu ergreifen. Er laͤugnete die That nicht und ſelbſt ſein blut⸗ beſpritztes Kleid verrieth ſogleich ſein ſchauderhaftes Verbre⸗ chen. Man warf ihn gefeſſelt in den Kerker. Unterdeſſen waren vom obern Hauſe auf die ſchreckenvolle Nachricht der Großkomthur Otto von Bonsdorf, der Treßler Konrad Keſſel⸗ hut, des Meiſters Kompane Heinrich von Bartenſtein und Heinrich von Swerſteten und alle übrigen Brüder des Hauſes herbeigeeilt. Kaum aber vermochte es der ungluͤckliche Mei⸗ 1) Wigand Marb. p. 281. Lucas David B. VI. S. 112—113. Schütz I. c. Ordenschron. bei Matthaeus p. 775; vgl. die Urk. in den Beitraͤg. z. Kunde Preuſſ. a. a. O.
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Ermordung des Hochmeiſters Werner v. Orſeln (1330). 475 ſter noch, die noͤthigen Verordnungen den Gebietigern mit wenigen Worten anzudeuten und nachdem er in frommer und gottergebener Geſinnung noch einmal Verzeihung für feinen Mörder ausgeſprochen, gab er ſchon nach einer Stunde in den Armen ſeines getreuen Kapellans und Beichtigers Hein⸗ rich ſein Leben auf 1). Schnell lief nun mit Eilboten die Trauernachricht durch das ganze Land und verbreitete uͤberall Schrecken und Be⸗ truͤbniß unter dem Volke; unter allen Ständen war nur Eine Klage und Trauer über des Meiſters ungluͤckliches Ende ). Am andern Tage ſchon brachte man unter feierlicher Beglei⸗ tung der oberſten Gebietiger zu Marienburg, Elbing und Chriſtburg den Leichnam nach Marienwerder, wo in Gegen⸗ wart der ehrwuͤrdigen Biſchoͤfe Rudolf von Pomeſanien und Otto von Kulm der Trauergottesdienſt, wie er dem Fuͤrſten gebuͤhrte, gehalten und dann der Leichnam in der dortigen Domkirche zur Ruhe beigeſetzt wurde). Am folgenden Tage erſchienen dort auch die beiden Biſchoͤfe Heinrich von Erm⸗ land und Johannes von Samland. Außerdem war auch des Hochmeiſters Notar als Augenzeuge der unheilvollen That dahin berufen worden, um durch ihn ein urkundliches Zeug⸗ niß uͤber die Ermordung zur Beſtrafung des Moͤrders ab⸗ faſſen zu laſſen und ſomit jedem falſchen Berichte uͤber die 1) Post modicam horam presentibus omnibus fratribus eiusdem castri in brachiis sui capellani et confessoris exspiravit, et ut speramus in domino salubriter obdormivit heißt es in der uͤber feinen Tod aufgenommenen Urkunde. Ueber die Localverhaͤltniſſe und namentlich über den Ort im Ordenshauſe, wo der Mord voll: bracht wurde, vgl. die Anmerk. in meiner Geſchichte Marienburgs S. 113 — 115. 2) Cuncti in tota terra tam Religiosi quam Saeculares in luctum ac moerorem sunt conversi; Annal. Oliv. p. 44. 3) Wigand. Marburg l. c. Chron. Oliv. p. 50 und die er⸗ wähnte Urkunde. Im Dom zu Marienwerder iſt noch jetzt ein Wand⸗ gemaͤlde dieſes Hochmeiſters zu ſehen mit der Inſchrift: Meister. Werner. von. Orsele. starb. noch. xpi. gebort, M. CCC. undt. in. dem. XXX. iare. Die Schrift ift ſchwarz, die Zwiſchenpunkte roth.
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476 Ermordung des Hochmeiſters Werner v. Orſeln (1330). Sache im voraus zu begegnen ). Der Hauptgrund der ur⸗ kundlichen Aufnahme des Thatbeſtandes ſcheint jedoch kein anderer geweſen zu ſeyn, als den Mörder fr wahnſinnig zu erklaͤren?) und dadurch die Schmach zu vermeiden, welche die Frevelthat ſonſt wohl auf den Orden bringen mußte !). 1) Ne.... de predicto prochdolor maleficio sinistra relacio ali- cui alteri inponendo valeat suboriri et ad ampliorem supradicti facti noticiam etc. 2) Daher heißt es in der urkunde: quod quidam frater nomine Iohannes de Endorph eiusdem sacre professionis fuerit extra men- tem suam et sensum et frenetico morbo percussus. Wigand Marb. ſagt: Der Mörder habe die That vollbracht ductu et impulsu naligni spiritus; nach Dusburg instigante Diabolo et propria iniquitate. Die Ordenschron. ſagt von ihm: ende was een woest halff dol mynsche, in boser dullicheyt. 3) Dieſe hier oft erwähnte Urkunde mit dem Datum: In Insula sancte Marie a. d. 1330 quarta feria post Elizabeth (23. Novemb.) und mit den fünf Siegeln der Bifchöfe und des Notars verſehen, be⸗ findet ſich im Original im geh. Arch. Schiebl. II. Nr. 4. Sie iſt an mehren Stellen ſo vermodert und zerfreſſen, daß ſie nicht mehr ganz vollftändig gelefen werden kann. Deshalb blieb fie unbenutzt, bis der um die Geſchichte Preuſſens ſo verdienſtvolle geh. Archivar Faber ſie groͤßtentheils entzifferte und in den Beiträgen zur Kunde Preuſſ. B. 1. Heft 3. S. 235— 237 mittheilte. — Wir ſchließen hier noch den Be⸗ richt an, welchen das Chron. Oliv. p. 49 über die Sache giebt: Hoden tempore quidam infelix frater de Ordine Dominorum, nomine Ioan- nes Stille (2), correctionis impatiens, quam sibi pro excessibus suis ordinatus et devotus Magister iniunxerat, ordinate in vigilia S. Eli zabeth in castro S. Marie vesperis solenniter decantatis, cum Do- minus Magister more consueto antecedentibus eum famulis suis exiret Ecclesiam, ille miser maligno plenus spiritu, Reverendum Dominuni Magistrum in ambitu ante fores Ecelesiae cultello atrociter pene- travit, et eum ut firmiter credo effecit morientem coram Deo, propter quod totus ille fratrum Reverendorum Conventus in castro S. Mariae et omnes in tota terra tam Religiosi quam seculares in luctum et lamentum wmiserabile sunt conversi. Et ille miser, qui tantum scelus perpetravit, inclusus in carcere, per eum, cuius voluntatem inplevit, videlicet iniquum Diabolum collo fracto fuit absque pinna (? — poe- nitentia) suffocatus. Corpore vero Magistri cum lamentis et fleti- bus a Reverendis viris pro tune Pracceptoribus in Margenwerder in
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Ermordung des Hochmeiſters Werner v. Oeſeln (1330). 477 Das Gericht uͤber den Moͤrder ward uͤbrigens bis zur naͤch⸗ ſten Verſammlung eines großen Kapitels und bis zur Wahl eines neuen Meiſters verſchoben. Cathedrali Ecclesia decenter et solenniter ut decuit tumulato. Die Bemerkung bei Alb. Krantz Wand. L. VIII. c. 15, die Ermordung ſey geſchehen, quum magister non satis frafribus placeret, iſt eine leicht hingeworfene Vermuthung.
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Sechſtes Kapitel. Der Großkomthur Otto von Bonsdorf uͤbernahm alsbald nach des Meiſters Tod als Statthalter die Verwaltung des Landes. Sein erſtes Geſchaͤft war die ſchmerzliche Pflicht, die beiden Ordensmeiſter und die Gebietiger in Livland und Deutſchland von des Hochmeiſters unglüdlichem Ende zu be⸗ nachrichtigen und ſie zur Wahl eines neuen Oberhauptes des Ordens in das Haupthaus einzuladen. Am Sonntage In⸗ vocavit oder am ſiebzehnten Februar des Jahres 1331, als am beſtimmten Wahltage !) hatten ſich die Gebietiger im Kapitel zu Marienburg verſammelt?) und die Stimmen der Wahlherren fielen einmuͤthig auf den bisherigen Ordenstra⸗ pier und Komthur von Chriſtburg Luther Herzog von Braun⸗ 1) Luc as David B. VI. S. 114 führt an, daß Simon Gru⸗ nau die Wahl erſt am Tage Nativität. Mariä (8. Sept.) erfolgen laſſe, zweifelt aber ſelbſt an der Richtigkeit der Angabe. Wigand. Murb. p. 281 nennt beſtimmt den Sonntag Invocavit, womit auch Schütz p. 64 übereinftimmt; ſ. Bachem a. a. O. S. 30. De Wal T. III. p. 128. Baczko B. II. S. 100. 2) Bei Mig and. Marb. I. c. heißt es: Post obitum dicti Ma- gistri preceptores de Almania, Romania, Lyvonia conveniunt in Prussiam; demnach wäre auch der Gebietiger oder der Landkomthur von Romanien bei der Wahl zugegen geweſen, und dieß wird um fo wahrſcheinlicher, weil wenigſtens vor dem J. 1837 Romanien noch un⸗ mittelbar unter dem Hochmeiſter ſtand und erſt nachher dem Deutſch⸗ meiſter untergeben wurde, wie De Wal Recherches T. I. p. 333 und 398 nachweiſet. Wahrſcheinlich war um dieſe Zeit der Ordensritter Johann Winter von Bruningsheim Landkomthur von Romanien.
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Wahl des Herzogs Luther v. Braunſchweig zum HM. (1331). 479 ſchweig !), einen Sohn des Herzogs Albrecht des Großen von Braunſchweig, deſſelben, der in fruͤherer Zeit ſelbſt ein⸗ mal dem Orden in Preuſſen zu Huͤlfe gezogen war?) und ihm drei ſeiner Soͤhne, Konrad, Otto und Luther als Or⸗ densbruͤder gegeben hatte). Auch ein Enkel Albrechts des Großen, Albrecht Herzog von Braunſchweig, der Sohn Hein⸗ richs des Erſten von Braunſchweig trug den Deutſchen Or⸗ densmantel und lebte damals als gemeiner Conventsritter im Ordenshauſe zu Königsberg *). Schon dieſe beſondere Zu⸗ 1) Er ſchreibt ſich ſelbſt in ſeinen urkunden Frater Luderus ordi- nis hospitalis b. M. d. Th. Generalis Magister dei gratia natus Dux Brunswicens. Dieß widerlegt alle abweichenden Angaben der Chroni⸗ ſten und ſpaͤteren Schriftſteller uͤber ſeinen Namen, wie ſie Pauli B. IV. S. 173 — 174 aufzählt und ſetzt es außer allen Zweifel, daß Luder oder Luther ſtatt Lothar ſein rechter Name war, wie denn Urkunden ſeinen Namen uͤberhaupt nicht anders als Luderus oder Lutherus kennen. 2) S. oben B. III. S. 254 und Kronika fan Saſſen herausgeg. von Scheller S. 278. 3) Stadtwegii Chron. ap. Leibnitz Scriptt. rer. Brunsw. T. III. p- 273 und Mader Autiquit. Brunsw. Chron. ducum Brunsw. p. 15 fagen beſtimmt, daß Albrecht des Großen drei Göhne in den Deutſch. Or⸗ den getreten ſeyen; deshalb iſt der Nachricht bei Botho Chron. Bruns w. Picturat. ap. Leibnitz I. c. p. 356, daß Konrad und Luther Johan⸗ niterritter und Tempelherr geworden ſeyen, auch nicht zu trauen; kennt doch Botho p. 370 dieſen Sohn Luther nicht einmal und nennt da⸗ gegen einen andern Sohn Albrechts des Fetten, mit Namen Johann als Hochmeiſter in Preuſſen. Nach dieſer Angabe haben freilich auch Neuere, z. B. Bachem a. a. O. S. 30, De ‚Wal T. III. p. 128 u. a. den Hochmeiſter einen Sohn Albrechts des Fetten genannt. In⸗ deſſen wenn dieſer nach Meibom. Script. rer. German. T. I. p. 469 auch wirklich einen Sohn Namens Luther hatte, ſo wird doch nicht ge⸗ fagt, daß er in den D. Orden getreten ſey, vielmehr liegen in der erwähn⸗ ten Stelle ſelbſt Gruͤnde, die daran zweifeln laſſen. Ohnedieß wuͤrde für einen Sohn Albrechts des Fetten auch das Alter ſchwerlich paſſen, in welchem unſer Hochmeiſter um dieſe Zeit ſtand. Ein zeifgenöffifcher Dichter läßt uͤbrigens dieſen Luther von Braunſchweig aus kaiſerlichem Blute ſtammen; ſ. Hennig hiſtoriſch⸗krit. Wuͤrdigung einer Hochdeut⸗ ſchen Ueberſetzung der Bibel S. 15. 4) In einer Urkunde Werners von Orſeln, datirt: in die Assumpt. Marie 1328 in Samlaͤnd. Handfeſt. p. 140. Dieſer Albrecht Herzog
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480 Wahl des Herzogs Luther v. Braunſchweig zum HM. (1331). neigung jenes herzoglichen Hauſes und ſein lebendiges In⸗ tereſſe!) für den Ruhm des Ordens hätte die Wahl auf den edlen Herzog Luther leiten koͤnnen, waͤren es nicht weit mehr noch feine erhabenen, ſchon laͤngſt erprobten Tugenden, feine edlen Ritterſitten und ſeine vorzuͤgliche Bildung geweſen, die ihm die Meiſterwuͤrde zubrachten. Schon ſein Aeußeres, ſein hoher und grader Wuchs?) hatte viel Empfehlendes; dabei war man einſtimmig im Lobe über feine Milde und Güte vereint mit ſtrenger Gerechtigkeitsliebe, uͤber ſeinen frommen und ſittlichreinen Wandel, wie über feine liebevollen Geſin⸗ nungen gegen ſeine Ordensbruͤder, obgleich er ihnen oft auch die ernſteſten Ermahnungen „zum rechten geiſtlichen Leben,“ zur Demuth und Froͤmmigkeit ertheilte. Noch ehe man ihn zum Meiſter erkor, hatte ihm ſeine weiſe Nachſicht und Scho⸗ nung, ſeine Mildthaͤtigkeit und Gerechtigkeit gegen Unterge⸗ bene allgemeine Liebe und einſtimmiges Vertrauen unter den Ordensrittern, wie unter den Bewohnern ſeines Komthur⸗ bezirkes erworben ). Seine Bildung war der Zeuge einer ſorgſamen Erziehung, in der er ſchon als Juͤngling wie fir Wiſſenſchaft, ſo vor allem fuͤr Geſang und Dichtkunſt viele Empfaͤnglichkeit und Liebe gewonnen haben mochte. Er gab von Braunſchweig war ein Bruder der Herzoge Heinrich Ernſt und Wilhelm und bekleidete im Jahr 1336 die Stelle des Kulmiſchen Land⸗ komthurs. 1) Auch die Bruderſoͤhne unſeres Hochmeiſters Heinrich, Ernſt und Wilhelm, die eben erwähnten Herzoge, Söhne Heinrichs I von Braun⸗ ſchweig zeigten ſich noch unter dem Hochmeiſter Dieterich von Altenburg dem Orden ſehr geneigt, wie eine von ihnen ausgeſtellte Originalur⸗ kunde im geh. Arch. Schiebl. XC VIII. Nr. 9 ausweiſet, indem fie an⸗ zeigen, ut Ecclessia parrochialis in Duderstad cum suis pertinenciis ordini vestro incorporetur, sic tamen ut Albertus frater noster si voluerit quoad vixerit, in ea preceptor et rector existat et ipsam regi faciat per fratres vestri ordinis in divinis. 2) Homo statura procera; Leo p. 141. 3) Wigand. Marburg. p. 282. Ordenschron. bei Matihaeus p. 775. Lucas David B. VI. S. 114. Henneberger p. 285. Schütz p. 64. Leo p. 141.
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Wahl des Herzogs Luther v. Braunſchweig zum HM. (1331). 481 hievon die ſchoͤnſten Beweiſe waͤhrend ſeines Meiſteramtes. Aber auch eine reiche, durch ein langes Leben geſammelte Er⸗ fahrung begleitete ihn in ſeine neue Amtswuͤrde. Schon ge⸗ gen funfzig Jahre lebte er als Ordensritter in Preuſſen, denn wir begegnen ihm als ſolchen ſchon im Jahre 1280 1). Ob: gleich er im Jahre 1297 noch kein eigentliches Ordensamt bekleidete, fo ſcheint ihn doch damals ſchon der edle Land: meiſter Meinhard von Querfurt aus der Zahl der gemeineren Ordensbruͤder beſonders hervorgezogen zu haben?). Darauf hatte er eine Zeitlang, namentlich im Jahre 1309 das Kom⸗ thuramt im Ordenshauſe Golub verwaltet ), bis ihn der Hochmeiſter Karl von Trier zu der hoͤheren Wuͤrde des Or⸗ denstrapiers und Komthurs von Chriſtburg erhob *), der er vom Jahre 1314 an bis zu ſeiner Meiſterwahl, alſo ſechzehn Jahre hindurch mit dem ruͤhmlichſten Eifer vorſtand und dieſe Stellung unter den erſten Gebietigern Preuſſens war es vor⸗ züglich geweſen, wo er vielfache Gelegenheit erhalten, die Verhaͤltniſſe des Ordens wie im Innern fo nach außen und das ganze Leben ſeiner Zeit aufs genauſte kennen zu lernen. Seine erſte Sorgfalt in dem neuen Amte zielte auf eine zweckmaͤßige Verwaltung der oberſten Gebietigeraͤmter, deren Wichtigkeit für Ordnung und Gehorſam im Orden ſelbſt, wie für die Wohlfahrt und das Gedeihen des Landes von ihm laͤngſt erkannt war. Otto von Bonsdorf als Großkomthur und Hermann von Oettingen als oberſter Spittler und Kom⸗ thur zu Elbing bekleideten auch fernerhin noch ihre bisherigen 1) Mader Antiquit. Brunsw. p. 15. Der ſchon im J. 1276 in Urkunde vorkommende Ludeke de Brunsweig (ſ. Acta Boruss. B. III. S. 288) war ſicherlich nicht der unſrige; es beweiſet dieſes ſchon die Stellung, in welcher er in den Urkunden erſcheint, woraus hervorgeht, daß er niche Ordensbruder, ſondern nur Buͤrger war. 2) Urkunde in Preuſſ. Lieferung. B. I. S. 294. Erläut. Preuſſ. B. 1. S. 327. 3) Verſchreibungsbuch Nr. 6. p. 4 im geh. Arch. 4) Es iſt eine unrichtige Angabe Simon Grunau's, wenn ihn Leo p. 141 und Pauli a. a. O. S. 174 zum Ordenstreßler er⸗ waͤhlen laſſen. IV. 31
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482 Beſtrafung des Moͤrders Werners von Orſeln (1331). Wuͤrden. Die Verwaltung des Ordensſchatzes verſah noch eine kurze Zeit Konrad Keſſelhut und uͤbergab ſie dann dem neuen Treßler Ludolf Koͤnig; die bisher von dem nunmeh⸗ rigen Hochmeiſter verwaltete Wuͤrde des oberſten Trapiers und Komthurs von Chriſtburg übernahm Graf Günther von Schwarzburg und indem der neue Meiſter die ſeit langer Zeit unbeſetzt geweſene Wuͤrde des Marſchalls von Preuſſen dem bisherigen Komthur vom Hauſe Balga Dieterich Burg⸗ grafen von Altenburg ertheilte, eröffnete er auch dieſem wuͤr⸗ digen Ordensritter die erſte Bahn, auf der er bald als Mei⸗ ſter des Ordens ſo ruhmvoll fortſchritt. Nicht aus furchtſamer Vorſicht, ſondern nach einer laͤngſt beſtehenden Gewohnheit der oberſten Ordensgebietiger waͤhlte ſich der neue Meiſter auch zwei neue Kompane in den Ordensrittern Konrad von Gartau und Otto Dobner, die ihn beſtaͤndig und uͤberallhin begleiten mußten 1). Hierauf kam in dem Ordenskapitel auch die ſcheußliche That der Ermordung des letzten Meiſters zur naͤheren Ver⸗ handlung. Weil indeſſen eine ſolche Graͤuelthat an dem Haupte des Ordens den Urhebern der Ordensgeſetze nicht denkbar geweſen, ſo fand ſich im Ordensgeſetzbuche keine Be⸗ ſtimmung, wie ein ſolches Verbrechen an dem ganzen Orden beſtraft werden muͤſſe. Dagegen ſprach es Folgendes aus: „Auch ſetzen wir das und ordnen es: ob ein Bruder den andern zu Tode ſchlage, daß man ihn ins Gefaͤngniß lege und niemand Gewalt habe, ihn auszulaſſen ohne den Mei⸗ 1) Die Nachricht, daß um dieſe Zeit aus Anlaß der Ermordung Werners von Orſeln die Anordnung einer hochmeiſterlichen Leibwache und die Einrichtung von zwei den Hochmeiſter ſtets begleitenden Kom⸗ panen getroffen worden ſey, welche dem Simon Gruuau Tr. XIII. c. 1 zuerſt von Lucas Daved B. VI. S. 117 und dann durch dieſen von allen neuern Geſchichtſchreibern Preuſſens ohne naͤhere Pruͤfung nachgeſchrieben worden iſt, ſindet ſchon in meiner Geſchichte Marien⸗ burgs S. 117 — 118 hinlängliche Widerlegung. Ganz neu iſt auch nicht einmal die Aenderung in Ruͤckſicht der Kompane, daß nunmehr immer zwei, zuweilen auch drei vom Hochmeiſter erwählt wurden, denn wie wir ſahen, waren ſchon bei Werners Tod zwei Kompane vorhanden.
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Beſtrafung des Moͤrders Werners von Orſeln (1331). 483 ſter mit dem Kapitel. Waͤre aber der Hochmeiſter nicht bei dem Kapitel, ſo mag es keiner ohne den andern thun“ 1). Dieſes Geſetz fand allerdings eine Anwendung auf Johanns von Endorf That, ſobald man den Hochmeiſter nur als den erſten Bruder des Ordens betrachtete, und in der That ſchei⸗ nen einige Ritter des Kapitels der Meinung geweſen zu ſeyn, daß der Meiſter und das verſammelte Kapitel des Or⸗ dens ſchon fir ſich ſelbſt ein vollgültiges Richterurtheil über den Verbrecher ausſprechen koͤnnten. Da aber der Moͤrder für wahnſinnig erklärt worden, eine Freilaſſung alſo gar nicht zuläffig war, uͤberdieß der Meiſter in Uebereinſtimmung mit den Biſchoͤfen ?) und Rechtsgelehrten, die man zur Ver⸗ handlung mit in das Kapitel hinzugezogen, die Behauptung aufſtellte: der Verbrecher habe nicht allein ſeinen Herrn und Oberſten, ſondern in dem Hochmeiſter auch ſeinen geiſtlichen Vater ermordet und die That ſey anzuſehen als ein wahrer Vatermord, alſo daß jene Beſtimmung des Geſetzbuches hie⸗ nach auf Endorfs That nicht anwendbar befunden ward, fo beſchloß das Ordenskapitel, das Gericht uͤber den Moͤrder dem Papſte als des Ordens oberſtem Richter zu uͤberlaſſen. So ging die Sache nun an den paͤpſtlichen Stuhl, von wo⸗ her bald der Ausſpruch erfolgte: der Verbrecher ſolle ſein Leben lang bei Waſſer und Brot im Kerker gehalten werden und dieſes als feine Strafe gelten für Zeit und Ewigkeit ). 1) S. Ordens⸗Statut. v. Hennig S. 112. Ordenschron. bei Matthaeus p. 774. 2) Wahrſcheinlich nur die Biſchoͤfe von Kulm, Pomeſanien und Samland, welche Ordensbruͤder waren. 3) So die Ordenschron. bei Matthaeus p. 774, welche die Er⸗ zaͤhlung mit den Worten ſchließt: „Ende daer wert gefloten tor poͤni⸗ tencien, dat ſy in den ewigſen kerker ſyn leven lanck bliven ſoude in water ende brot te eten. Ende daer op wert ſy geabſolveert in der conſcientie. Damit ſtimmt auch Lucas David B. VI. S. 116 uͤber⸗ ein. Wigand. Marb. p. 281 jagt nur: nec mora propter hoc fore- factum incareratur, ubi in dolore vitam terminavit. Des Papſtes iſt weder hier, noch bei Leo p. 140 erwähnt. Wenn aber Hartknoch im Alt und N. Preuſſ. S. 300 ſagt: „Der Thaͤter ward bald gefaͤng⸗ 31 *
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484 Neue Anklage des Ordens (1351). Es iſt wohl moͤglich, daß der neue Meiſter das traurige Ereigniß zur Warnung benutzend den verſammelten Ordens⸗ gebietigern manche ernſte Ermahnung und manches wichtige Wort uͤber ihre Pflichten, wie uͤber Sitte und Lebenswandel naͤher an das Herz gelegt habe; es iſt auch glaublich, daß er uͤber Einzelnes, was Noth that, als uͤber Unbeſtechlichkeit, uͤber unparteiiſches Gericht, uͤber Eigenthum der Ordensglie⸗ der, uͤber Friede und Nuͤchternheit unter den Bruͤdern und anderes ſolcher Art beſtimmte Vorſchriften ertheilt oder aͤltere Geſetze wieder ins Leben gerufen habe; allein die in truͤber Quelle hieruͤber aufbehaltenen Verordnungen ſind keineswegs außer Zweifel in Ruͤckſicht ihrer Aechtheit !). Gerne haͤtte wohl Luther von Braunſchweig zum Heile des Landes in dem Geiſte fortgewaltet, wie er als Gruͤnder der Stadt Gilgenburg in ſeinem vorigen Amte gehandelt und wie der Biſchof Rudolf von Pomeſanien, der in dieſem Jahre 1331 der Stadt Biſchofswerder ihr Daſeyn gab 2), auf Gruͤn⸗ dung neuer Staͤdte und auf Foͤrderung des Gemeinwohls der Buͤrger und des Landbewohners ſeine ganze Thaͤtigkeit ver⸗ wandt, haͤtte nicht ſchon bald nach ſeiner Wahl der von Polen her aufs neue drohende Kriegsſturm ſeine ganze Sorg⸗ falt zunaͤchſt auf kriegeriſche Ruͤſtungen gezogen und waͤre nicht zu gleicher Zeit auch der Papſt, von Polen aus gegen lich eingezogen, aber er iſt hernach von dem Papſt, der dem Hochmei⸗ ſter nicht günftig war, abſolvirt worden,“ jo ſchiebt er hier in den rei⸗ nen Thatbeſtand etwas Unerweisliches unter, worüber ihn ſchon Duel Bus Histor. Ord. p. 31 getadelt hat. 1) Ueber die dieſem Hochmeiſter zugeſchriebenen Geſetze ſ. die Bei⸗ lage Nr. V. zu dieſem Bande. Die Beiſpiele von Luthers Gerechtig⸗ keitsliebe, wie fie Schutz p. 64, Pauli S. 176 u. a. erzählen, haben nur Simon Srunau T. XII. c. 2. zur erſten Quelle. 2) Das Gruͤndungsprivilegium datirt: In Insula S. Marie castro nostro a. d. 1331 in octava Epiphanie ſteht in Privileg. Capitul. Pomesan. p. L. Wie im Privilegium von Ricſenburg — f. oben B. III. S. 495. — fo heißt es auch hier: Insuper iudicium eivitatis nobis reservamus et ecclesie providendo annuatim de sculteto prout nobis placuerit et utilitati congruerit civitati.
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Neue Anklage des Ordens (1331). 485 den Orden mit neuen feindlichen Gefinnungen erfüllt, jetzt als offener Gegner dieſem gegenüber getreten. Der Biſchof Mathias von Cujavien, mit welchem der Hochmeiſter ſich erſt im vorigen Jahre uͤber alle Streithaͤndel völlig friedlich aus⸗ geglichen, war es gerade, der, wie es ſcheint vom Koͤnige von Polen leicht gewonnen, am paͤpſtlichen Hofe gegen den Orden wiederum als Klaͤger erſchien, indem er dahin berich⸗ tet, wie die Ordensritter nach ſeiner Bekanntmachung der Executionsbeſchluͤſſe der paͤpſtlichen Nuntien in Betreff des Peterspfennigs und in ſeinem Streite wegen des Zehnten in Pommern ſein Biſthum mit feindlicher Macht uͤberzogen, ohne Schonung Staͤdte und Doͤrfer verwuͤſtet, die Kirchen und Heiligthuͤmer verbrannt, Viele ermordet, alles durchraubt und gepluͤndert und ſeinen ganzen Kirchenſprengel in die druͤckendſte Armuth gebracht hätten). Dieſe Klage aber und der Huͤlfruf des Biſchofs kam dem Papſte, wie man deut⸗ lich ſieht, gar nicht ungelegen, denn vorgebend, es ſey ſeines Amtes hohe Pflicht, ſolche Mordbrenner, Heiligthumsſchaͤnder und Boͤſewichte mit aller Strenge zu beſtrafen, damit das boͤſe Beiſpiel nicht weiter gehe, ertheilte er dem Erzbiſchofe von Gneſen und den Biſchoͤfen von Krakau und Poſen den Auftrag, gegen die vom Cujaviſchen Biſchofe beſchuldigten Ordensritter, naͤmlich den Hochmeiſter, den Landkomthur von 1) Die Anklage des Biſchofs iſt dem weſentlichſten Theile nach in die Bannbulle des Papſtes bei Dogiel T. IV. Nr. LV. mit aufgenom- men. Wir ſehen daraus, daß der Biſchof den Einfall der Ordensritter in ſein Biſthum als eine Sache der Rache und des Haſſes gegen ihn beim Papſte dargeſtellt hatte, namentlich auch, wie es in der Bulle heißt, pro eo, quod in Terra Pomeraniae Vladislaviensis Dioecesis, quam dicti Magister, Provincialis et fratres contra iustitiam per vio- lentiam occuparunt et detinent occupatam, decimas praediales ad Episcopum ipsum et dietam Ecclesiam suam Vladislaviensem spectan- tes, eisdem Magistro et Fratribus et habitatoribus dietae terrae re- mittere, vel in ius aliud pro voluntate Magistri et Commendatorum in dampnum et praeiudicium maximum ipsius Episcopi et dietae Ec- clesiae suae Vladislaviensis noluit commutare, prout etiam de jure non poterat nec debebat. 5
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486 Neue Anklage des Ordens (1331). Kulm und die Komthure von Neſſau, Golub, Schwez und Engelberg, ſofern man die Klagen als wahr befinde, oͤffent⸗ lich und allgemein in den Bann zu erklaͤren und dieſen Bann⸗ fluch an Sonntagen und hohen Feſten in allen Kirchen ver⸗ kuͤndigen zu laſſen !). Zugleich wurden die Praͤlaten auch bevollmaͤchtigt, fuͤr den Biſchof und alle, welche durch den Einfall ins Land irgend Schaden erlitten, von den Rittern die vollkommenſte Genugthuung und Entſchaͤdigung zu for⸗ dern und wofern dieſe nicht erfolge, gegen jeden Widerſetzli⸗ chen und Widerſprechenden den Bann und uͤber die Gebiete, Kirchen und Gemeinden das Interdict zu verfuͤgen 2) mit Hintanſetzung aller Beguͤnſtigungen, welche der Orden in Ruͤckſicht feiner Gerichtsverhaͤltniſſe durch frühere Paͤpſte er: halten. Und ſollten auch hiebei der Meiſter und ſeine Ge⸗ bietiger allen Gehorſam verweigern, ſo wurden die Praͤlaten beauftragt, die Schuldigen innerhalb ſechs Monaten vor den paͤpſtlichen Stuhl vorzuladen mit Vorbringung ihrer Privile⸗ gien, und ſollten ſie da nicht erſcheinen, ſo drohte der Papſt, alle ihre Gerechtſame, Privilegien und Freiheiten ſofort aufzu⸗ heben und über fie ein gerechtes Gericht ergehen zu laſſen ). — 1) In der Regel hat man dieſe Bannbulle auf den ganzen Orden in Preuſſen bezogen, ſo bei Baczko B. II. S. 102, De Wal T. III. p. 141 und Kotzebue B. II. S. 162; allein dieſe weite Beziehung hat ſie genau betrachtet auf keine Weiſe, denn der Papſt nennt aus⸗ druͤcklich im Eingange der Bulle nur die erwaͤhnten Gebietiger als die Schuldigen; fie bezeichnet er als die incendarios, sacrilegos et male- factores und fuͤgt dann hinzu: dieſe incendarios Eoclesiarum prae- dictarum, cuiuscunque status, ordinis et conditionis existant, aucto- ritate nostra in Ecclesiis et locis, ubi expedire videritis, generaliter excommunicatos publice nuntietis etc. 2) Erſt für dieſen Fall erflärte der Papſt: Contradictores quos- libet et rebelles cuiuscunque aetatis, dignitatis, ordinis vel conditio- nis extiterint, per excommunicationes et suspensiones in personas, et interdictum in terras seu Ecclesias eorumdem, ac universitates seu communitates dictarum terrarum ac alia juris remedia, prout expe- dire videritis, compescendo etc. 3) Die Bulle datirt: Aviuion. pridie Kalend. April. p. n. a. quinto decimo (31. März 1331) bei Dogiel T. IV. Nr. LV. p. 51. Es
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Krieg mit Polen (1331). 487 Wir ſind nicht genau unterrichtet, welche Wirkung dieſer Bannſpruch, der in Polen mit uͤbermaͤßigem Eifer von den Kanzeln verkuͤndigt wurde, und welche Folgen er bei den Ordensrittern in Preuſſen nach ſich zog. Da er jedoch nur einige der Gebietiger traf, ſo mag es wahr ſeyn, „daß die Ritter, wie ein ſpaͤterer Chroniſt ſich ausdruͤckt, ſich des Bannes ungeachtet ihr Brot und Bier nicht minder ſchmecken ließen“ 1). Aus dieſen Vorgaͤngen aber und aus den Ruͤſtungen in Polen erſah der Orden bald klar genug, daß der Koͤnig auf nichts weniger als auf Frieden ſinne. Zwar war der Waf⸗ fenſtillſtand noch nicht abgelauſen; allein die beiden Friedens⸗ vermittler, die Koͤnige von Ungern und Boͤhmen beſchaͤftigten ganz andere, für fie weit wichtigere Angelegenheiten, und beſonders hatte der koͤnigliche Goͤnner des Ordens Johann von Böhmen auf feinem Zuge nach Italien feine Thaͤtigkeit viel zu ſehr auf ſeine Verhaͤltniſſe mit dem Kaiſer Ludwig gerichtet ?), als daß von ihnen auch nur die erſte Einleitung zu einem Frieden haͤtte erwartet werden koͤnnen. So blieb dem Meiſter nichts uͤbrig als die eifrigſte Ruͤſtung gegen den drohenden Feind, weshalb er auch in Deutſchland durch mehre dahin entſandte Ordensritter um hohe Summen überall Kriegs⸗ völfer werben ließ). Und wie nothwendig dieſe Ruͤſtung zum Kriege war, bewies die ſchon um Johannistag wirklich erfolgte Aufkuͤndigung des Waffenſtillſtandes, mit welcher auch die letzte Hoffnung zum Frieden verſchwand ). Es iſt wohl werden aber keineswegs in ihr, wie Kotzebue a. a. O. anfuͤhrt, alle Privilegien des Ordens ohne weiteres aufgehoben, ſondern es heißt nur: alioquin nisi comparuerint et dicta privilegia portaverint, illa dietae Sedi Apostolicae osteusuri, extunc privilegia ipsa suspendimus etc. 1) Lucas David B. VI. S. 129. 2) Chron. Aulae Reg. p. 78. Mannert Kaiſer Ludwig IV S. 333 — 339. 3) Wigand Marb. p. 281. Chron. Oliv. p. 50. Chron. Auonyn. Archid. Gnesn, p. 96. 4) Wigand Marb. I. c. führt ein doppeltes Datum, nämlich Ca- lend. Iulii und in die S. Iohannis bapt. als die Zeit der Ankündigung
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488 Krieg mit Polen (1331). moͤglich, daß Wladislav nach einem früher ſchon gebrauchten Mittel vom Papſte nur deshalb die Verkuͤndigung eines Kreuz⸗ zuges gegen die, wie er vorgab, ſein Reich bedrohenden Lit⸗ thauer und Tartaren, obgleich erfolglos, erbeten hatte, um die dadurch gewonnenen Streitkräfte gegen den Orden zu wenden oder deſſen Kriegsmacht zu theilen n). Um fo mehr aber war der Meiſter bemuͤht, durch ſchnellen Beginn des Krieges den Feind zu uͤberraſchen und er ſammelte eiligſt ein anſehnliches Kriegsheer, verſtaͤrkt durch einige Heerhaufen aus fremden Landen, ſo unter andern durch die Huͤlfsſchaar des Grafen Thomas von Offart aus England, der dem Orden mit hundert Lanzen zugezogen war. Befehligt vom Marſchall Dieterich von Altenburg und vom Landkomthur Otto von Luterberg ruͤckte es bis an die ſeindliche Graͤnze vor. Bis Thorn begleitete es der Hochmeiſter ſelbſt?). Dort erſchien vor ihm tiefgekraͤnkt als Fluͤchtling der Polniſche Woywode des neuen Krieges an. Der Unterfchied iſt nicht von Bedeutung. Aber ſowohl nach Diugoss. p. 1008, als nach Wigand. I. c. ſcheint man doch auch einen Verſuch zur Herſtellung des Friedens zuvor gemacht zu haben. 1) Dieſes umſtandes erwähnt Dlugoss. p. 1007. Zwar weiß man nichts von einem drohenden Einfalle der beiden genannten Voͤlker; allein dadurch wird die Nachricht keineswegs „verdaͤchtig,“ wie Kotzebue B. II. S. 389 meint, vielmehr mag De Wal T. III. p. 146 ganz Recht haben, wenn er ſagt: Le motif de ces sollicitations étoit clair; le Roi de Pologne ne supposoit un besoin pressant de secours que pour l' employer contre l’Ordre Teutonique. 2) Wigand, Marb. p. 231. Chron. Oliv. p. 50. Schatz p. 65. unrichtig nennt der letztere Otto'n von Luterberg als Großkomthur, da wir aus Urkunden wiſſen, daß Otto noch im J. 1334 das Kulmiſche Landkomthuramt verwaltete. Magister domi mansit bei Wigand. heißt wahrſcheinlich nur: er blieb in feinem Lande, denn nach Dlugoss. p. 1010 begab ſich der Hochmeiſter mit dem Streitheere nach Thorn, in Thorun ipse Magister sub expeditionis tempore moraturus. Es iſt uͤbrigens grundlos, daß der Meiſter damals, wie Kotzebue B. II. S. 163 behauptet, den Verſuch gemacht habe, den Herzog Semovit gegen Polen aufzuwiegeln, denn die von dieſem Schriftſteller S. 389 ange⸗ führte urkunde iſt keineswegs vom J. 1330, ſondern erſt aus dem J. 1354, wo wir ihrer erwähnen werben.
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Krieg mit Polen (1331). 489 von Polen Vincenz Zamotuli aus dem Geſchlechte Nalenz, mit dem Erbieten, zur gerechten Rache an dem Koͤnige Wla⸗ dislab das Ordensheer zur Verwuͤſtung ſeines Reiches mit anfuͤhren zu wollen. Der König naͤmlich, vom Alter ſchon ſchwer niederge⸗ druͤckt und von dem Wunſche belebt, ſeine wenigen noch übrigen Tage in ungeſtoͤrter Ruhe in Krakau zuzubringen, hatte im Juni dieſes Jahres die Verwaltung von Groß⸗Po⸗ len und Cujavien ſeinem aͤlteſten Prinzen Kaſimir, einem hoffnungsvollen Juͤngling von einundzwanzig Jahren uͤber⸗ tragen und hiedurch dem Statthalter dieſer Lande, dem ehr⸗ geizigen Woywoden Vincenz Zamotuli die Quelle ſeines Reich⸗ thums und ſeiner Schaͤtze entnommen. Gerne haͤtte ſich dieſer mit den Waffen im Beſitze erhalten, waͤre ſein Anhang ſtaͤr⸗ ker geweſen. Schwer erzuͤrnt uͤber des Koͤniges Anordnung entfloh er bei der Ankunft des feindlichen Heeres ins Gebiet des Ordens und verhieß dem Meiſter nicht nur, ihm bei ſei⸗ nem Einfalle ins feindliche Land durch die Zahl ſeiner Freunde, durch Uebergabe der noch beſetzten Staͤdte und Burgen und durch ſeine genaue Kenntniß des Landes in jeglicher Weiſe zu Hülfe zu ſtehen, ſondern wo moͤglich ſogar den jungen Prin⸗ zen Kaſimir gefangen in feine Gewalt zu bringen). Man war in Polen von dieſen Vorgaͤngen und von dem ſchnellen Anzuge eines feindlichen Heeres nicht im mindeſten unter⸗ richtet, weshalb es auch, als es bei Thorn uͤber die Weichſel ſetzte, das zum Pfand geſetzte Bromberg nach kurzer Bela⸗ gerung eroberte 2), unter Zamotuli's Fuͤhrung in Cujavien einfiel und nirgends Widerſtand fand, alſo daß die Bewob: 1) Dlugoss. p. 1009 — 1010. Ob freilich Vincenz Zamotuli wirk⸗ lich der war, wie ihn dieſer Chroniſt und Cromer p. 290 offenbar zu Gunſten des Königes ſchildern und ob allein beleidigter Ehrgeiz und Furcht vor Entdeckung und Beſtrafung ſo mancher ſeiner ungerechten Handlungen ihn zur Flucht und Verraͤtherei trieben, muß dahin geſtellt bleiben. Schütz p. 65 erzählt die Sache wenigſtens auf die naͤmliche Weiſe. 2) Herman. Corner. p. 1034.
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490 Krieg mit Polen (1331). ner der Städte Leſlau und Brzesc bei der Ankunft des Hee⸗ res vor ihren Thoren noch zweifelten, ob Feinde oder Freunde naheten. Eine furchtbare Verheerung ihrer Gebiete brachte ſie freilich bald zur Gewißheit uͤber ihr ungluͤckliches Schickſal, denn Brand und Verwuͤſtung bezeichneten den Weg der Or⸗ denskrieger !). Die beiden Städte zwar leiſteten ruͤſtigen Widerſtand; ringsumher aber erlag alles dem Schwerte und dem Feuer. Darauf brachen die Kriegerſchaaren von Zamo⸗ tuli geleitet in Groß⸗Polen ein mit fo reißender Schnellig⸗ keit, daß auch hier niemand einen Feind vermuthete. Die Stadt Slupcza, dem Biſchofe von Poſen gehoͤrig, fiel ohne Widerſtand in feindliche Gewalt und ward aufgebrannt; und da Zamotuli mittlerweile auskundſchaftet, daß der Prinz Ka⸗ ſimir mit einer Schaar zu Pizdri liege ?), fo ruͤckte das Or⸗ densheer eiligſt dahin, in der Hoffnung, ihn dort einzu⸗ ſchließen und gefangen zu nehmen. Da es der Stadt an allen Vertheidigungsmitteln gebrach, ſo wurde ſie leicht er⸗ ſtuͤrmt; allein der Prinz, kurz zuvor von des Feindes Ankunft unterrichtet, hatte ſich mit den Seinen in die nahen Wal⸗ dungen gefluͤchtet, wohin man ihm nicht folgen konnte. Nach⸗ dem man an der Stadt durch Raub und Mord eine furcht⸗ bare Rache geuͤbt, gab man ſie den Flammen Preis. Mit reicher Beute aus Staͤdten und Doͤrfern ſchwer beladen und mit einer großen Zahl gefangener Buͤrger und Landbewohner zog hierauf das Kriegsheer von Zamotuli begleitet nach Thorn wieder zuruͤck, ohne einen bewaffneten Feind auch nur geſe⸗ ben zu haben ). 1) Das Chron. Oliv. p. 50 ſagt: Tune multa Ecclesiarum in- cendia et multa alia facta enormia fuerunt perpetrata, quae Domini non poterant propter multitudinem exercitus prohibere. 2) Bei Herman. Corner I. c. Pysir genannt. 3) Diugoss. p. 1010 — 1011 und Schätz J. c. find hierüber am vollſtaͤndigſten. Cromer p. 290 giebt nichts Neues und Mig and. Marb. I. c. iſt hier im Auszuge ſehr duͤrftig; wir haben jedoch feine Nachrich⸗ ten vollſtaͤndiger durch Schutz, der, wie er ſelbſt ſagt, dieſen Reim: chroniſten hier ſehr benutzte. Herm Corner. I. c. giebt Einiges.
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Krieg mit Polen (1331). 491 Aber des Woywoden Rachſucht war noch keineswegs geſaͤttigt. Bei dem Meiſter in hohem Vertrauen, ermunterte er dieſen vielmehr unablaͤſſig zu einem neuen Kriegszuge, und da bald aus Deutſchland, beſonders aus den Rheinge⸗ genden neue Soͤldnerhaufen in Preuſſen ankamen, uͤberdieß auch der Meiſter von Livland einen Huͤlfshaufen herbeiſandte, ſo brach im Spaͤtſommer dieſes Jahres ein noch ungleich größeres Heer unter der Führung des Marſchalls Dieterich von Altenburg und des Woywoden Zamotuli nach Thorn hin auf. Hier verſtaͤrkt durch den Zuzug der Komthure aller nahe gelegenen Lande und des Landkomthurs von Kulm Otto von Luterberg *) zog das Heer, uͤber die Weichſel ſchreitend, durch Cujavien in das Gebiet von Lancicz, wo die Stadt trotz der tapferen Vertheidigung durch einen koͤniglichen Heerhaufen von den Rittern erobert und gepluͤndert und die Doͤrfer weit um⸗ her verwuͤſtet wurden. Das Gleiche geſchah im Gebiete von Kaliſch, wo man bei einem Dorfe ein Standlager ſchlug, faſt eine halbe Meile im Umfange. Dort erwartete man den aus Italien bereits zuruͤckgekehrten Koͤnig von Boͤhmen, da er noch eben mit der Belagerung von Poſen beſchaͤftigt ?) verſprochen hatte, ſich mit des Marſchalls Heer vor den Mauern von Kaliſch zu vereinigen ). Waͤhrend ein Streit⸗ 1) Dlugoss. I. c. nennt hier einen Komthur Zigardum Egilper- pegensem. Es iſt zweifelhaft, wen er damit meint. Soll das letztere Wort Engelsberg bedeuten, ſo war nicht ein Sieghard, ſondern Hein⸗ rich Ruthenus (Reuß) im J. 1330 Komthur dieſer Burg. Sieghard von Schwarzburg dagegen kommt in dieſem Jahre als Komthur von Birgelau bei Thorn vor. 2) Vgl. den Brief des koͤniglichen Notars in d. Chron. Aulae Reg. p. 79. 7 8) Wigand. Marb. ſagt: Demum transiit marschalcus et statuit rex bohemie dietam certam ante opidum Kalis und an einer andern Stelle: Rex Iohannes de Bohemia cum ordine consilia querit eo quod dictus magister cum Rege Locut belligerare proposuit et in die ex- altacionis sancte crucis condixerant convenire prope Kalis. Alſo wäre der Marſchall am 14. Sept. 1331 vor Kaliſch geweſen. Vgl. auch Diugoss. p. 1012.
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492 Krieg mit Polen (1331). haufe von dreitauſend die Stadt Kaliſch mit Sturm angriff, um vor allem die Burg zu gewinnen, jedoch mit Verluſt zuruͤckgeworfen ward, wagte eine Streifhorde ſich nordwaͤrts hinauf bis Gneſen, um ſich dort der verwahrten Reliquien des heil. Adalberts, des verehrten Apoſtels der Preuſſen, zu bemaͤchtigen. In der That gelang es den Kriegern, bis in die Hauptkirche der Stadt einzudringen; allein getaͤuſcht um die Heiligthuͤmer, welche die Domherren verſteckt hatten, be⸗ friedigten ſie ihre Raubgier an den reichen Gefaͤßen und Kir⸗ chengeraͤthen und ſtillten ihre Rache durch die Ermordung einer großen Zahl der Bewohner. Gneſen erlitt in dieſen Tagen ein uͤberaus ſchweres Schickſal!). Im Ruͤckzuge aber wandte ſich der Heerhaufe oſtwaͤrts hinuͤber nach Siradien und bemaͤchtigte ſich dort zur Nachtzeit des feſten Ortes Ko⸗ nin und mehrer anderer Burgen des Landes. Es ward manche Graͤuelthat am weiblichen Geſchlechte verübt, mancher Frevel ſelbſt an heiligen Orten begangen, mancher Unſchuldige in blinder Kriegswuth der Krieger gemordet und eine große Zahl von Staͤdten, Doͤrfern und Kirchen der gaͤnzlichen Ver⸗ nichtung Preis gegeben, denn bis jetzt war der Einfall mehr ein Raubzug als ein Kriegszug zu nennen ). Schwer mit 1) Wigand. Marb. ſagt ſogar: Fratres circumdant civitatem et altera die obtinent et omnes circumcirca ab eis sunt occisi et capti- vati; vgl. Schätz p. 65. 2) Die Polen ſchildern in einer ſpaͤtern Klagſchrift im Fol. G. im geh. Arch. die Verwuͤſtung in folgender Weiſe: Isti domini Cruciferi non contenti, ecce post istam occupationem terre Dobrinensis iterum secundo anno (1331) cum magna potentia invadunt Regnum Polonie et illud hostiliter et crudeliter vastarunt terram Naklensem maioris Polonie, Siradie et Lancicie cum castris, opidis et villis earum igne crematis desolarunt et penitus destruxerunt, ınulieres honestas et virgines turpiter oppresserunt, denudaverunt eas eciam in ecelesiis, multos homines nobiles decolarunt et multos alios acriter oceiderunt, alios in captivitatem abduxerunt, et quocunque diverterunt euntes per Regnum animalia et pecora et quascunque res alias sive in ec- clesiis sive in locis aliis reperire poterant, totum rapuerunt multisque iniurüs atrocissimis et gravissimis dampnis tunc dietum Regem et Regnicolas atque Regnum Polonie crudeliter oppresserunt, videlicet
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Krieg mit Polen (1331). 493 Beute beladen und eine große Schaar Gefangener und Her: den von Vieh vor ſich hertreibend zog endlich dieſe Streif⸗ horde dem Hauptheere vor Kaliſch wieder zu, wo der Mar⸗ ſchall fuͤnf Tage vergebens auf die Ankunft des Boͤmiſchen Koͤniges gewartet hatte, denn dieſer hatte mittlerweile mit dem Koͤnige von Polen einen Waffenſtillſtand abgeſchloſſen und den Ruͤckzug nach Maͤhren angetreten 1). Da kam dem Landkomthur von Kulm durch Kundſchaf⸗ ter die Nachricht zu, daß der König Wladislav mit einem Streitheere heranziehe, um der Verwuͤſtung ſeines Landes Einhalt zu thun, und noch an demſelben Abende brachen die beiden Anfuͤhrer des Ordensheeres unter Zamotuli's Leitung auf, um den Koͤnig in der Nacht in ſeinem Lager zu uͤber⸗ fallen. Das gluͤckgewohnte Kriegsvolk war ſo eilig im Mar⸗ ſche, daß man beim Einbruche der Nacht dem koͤniglichen La⸗ ger ſchon ganz nahe kam. Der Koͤnig aber durch Kund⸗ ſchafter von des Feindes naͤchtlichem Vorhaben und deſſen Staͤrke benachrichtigt, brach eiligſt das Lager ab, ließ eine große Zahl von Wagen mit Waffen und Lebensmitteln bela⸗ den zur Beute des Feindes zuruͤck und ergriff ſchnell die Flucht 2). Da zog das Ordensheer nordwaͤrts hinab über die Wartha gegen die Stad Radzeyow, jetzt Radzieiewo ge⸗ anno domini MCCCXXXI, prout de hiis omnibus constat sufficienter per autentica documenta et publica instrumenta. Vgl. Dlugoss. p. 1012 — 1013. 1) Chron. Aulae Regiae p. 79 — 80. 2) Die Nachricht, daß ein Komthur Roland von Hollenſtein, den Simon Grunau Tr. XII. o. 3 und Kotzebue B. II. S. 164 als Komthur von Thorn oder Papau bezeichnen, als Ueberlaͤufer oder als ein verbrecheriſcher Fluͤchtling im koͤniglichen Heere geweſen und dem Könige mit Rath und That zur Hand geſtanden habe, iſt ſchon dadurch mehr als verdaͤchtig, daß urkundliche Quellen einen Roland von Hollen⸗ ſtein weder als Komthur von Thorn, noch von Papau kennen, denn Komthur von Thorn war um dieſe Zeit Heinrich Ruwe und von Papau Heinrich von Hugewitz (Haugwitz)z fie wird aber dadurch ganz unglaub⸗ lich, daß nur Simon Grunau ihre Quelle iſt und außer dieſem kein bewährter Zeuge für fie ſpricht, ſelbſt nicht einmal ein Polniſcher.
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494 Schlacht bei Plowcze (1331). nannt, denn ihr Beſitz war um fo wichtiger, weil durch fie die Haupt⸗ und Handelsſtraße fuͤhrte und der dort erhobene Zoll dem Koͤnige von jeher betraͤchtliche Einkuͤnfte gab 1). Dort theilte ſich die Streitmacht in zwei Haͤlften, indem der Marſchall im Nachzuge mit etwa dreihundert und funfzig Reiſigen und einer großen Anzahl Preuſſen unfern der Stadt bei dem Dorfe Plowcze ſtehen blieb 2), während der Land⸗ komthur ſich weiter noͤrdlich wandte, um Briſick, jetzt Brzeſc, zu belagern. Es war aber unterdeſſen dem Koͤnige durch einen Ver⸗ trauten gelungen, den verraͤtheriſchen Woywoden Zamotuli im Ordensheer fuͤr ſich zu gewinnen. Unter dem Vorgeben, das Polniſche Lager auszukundſchaften, hatte dieſer bei naͤcht⸗ licher Weile eine Zuſammenkunft mit dem Koͤnige gehabt und gegen das eidliche Verſprechen, von jetzt im Kriegsfelde nur des Koͤniges Gluͤck in allen Dingen foͤrdern zu wollen, Begnadigung wegen ſeiner Untreue erhalten. Zum Ordens⸗ heer zuruͤckgekehrt verſicherte der Verraͤther: des Königes Heer ſey ungleich an Kraͤften, er werde in ſolcher Lage keine Schlacht liefern, und die Ordensgebietiger vertrauten ſeiner Rede und blieben ſorglos um den Feind '). Drei Tage war 1) Urkunde im geh. Arch. Schiebl. LVIII. Nr. 273 ſchon in dieſer urk. vom J. 1306 kommt der Name Radzeyow vor, obgleich Chroni⸗ ſten fie ſpaͤter auch Redsey nennen. 2) Der Marſchall war im Nachzuge gegen Brzeſc begriffen, denn der Ort Ploweze liegt auf dem Wege zwiſchen Radzieiewo und Brzeſc. Die Chron. Anonym. Archid. Gnesn. p. 96 nennt ihn unrichtig Po- lococze. 3) Wigand. Marb. ift hier etwas verwirrt, denn nach ihm frater Otto et frater Theodericus simul cognoverunt Lokut regis malum propositum, qui sequebatur fratres, quod non sperabant et per cam- pos, silvas fratres properant, proponentes obsidere Brisik. Commotus vero Terre commendator cum potenti exercitu in Brisig et Marschal- cus duntaxat cum 350 mansit cum multis prutenis. Vgl. damit Diugoss. p. 1015 — 1016, der auch die Nachricht über Zamotuli giebt, und Schütz I. c., der die Erzählung von Zamotuli in Zweifel zu ziehen ſcheint, ob⸗ gleich die Annal. Oliv. p. 44 fie beftätigen.
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Schlacht bei Plowcze (1331). 495 der König dem feindlichen Heere von ferne nachgezogen, als er am Morgen des ſiebenundzwanzigſten Septembers — es war der Tag des heiligen Stanislaus, des Schutzpatrons von Polen — in der Naͤhe des Ordenslagers angelangt eine Schlacht beſchloß n). Ein dichter Nebel, der um die dritte Stunde aufſtieg und keinen den andern ſehen ließ, beguͤn⸗ ſtigte des Koͤniges Heer, um bis an das der Ordensritter vorzudringen, alſo daß die Feinde beiderſeits erſchrocken zu⸗ rüͤckwichen, als fie ſich in ungeordneten Reihen einander ge⸗ genuͤber ſahen 2). Beide ordneten und ruͤſteten ſich alsbald zum Kampfe, und wie der Marſchall, ſo theilte auch der Koͤnig ſeine Streitmacht in fuͤnf Schlachthaufen. Zugleich ſandte jener mehre Eilboten aus, um den nach Briſick hin⸗ abgezogenen Heerhaufen des Landkomthurs von Kulm zu ſchneller Huͤlfe herbeizurufen ). Kaum aber hatte der Koͤnig in wenigen kraͤftigen Worten den Seinen Muth zugeſprochen, als er, um den Feind noch in ſeiner Schwaͤche anzugreifen, vorwaͤrts ſchreitend die Schlacht begann. Und ſie begann ſo⸗ gleich mit einem furchtbaren Gemetzel, denn auch die un⸗ gleich ſchwaͤcheren Streithaufen der Ritter fochten mit der 1) ueber dieſen Schlachttag kann kein Zweifel feyn, da Dlugoss. J. c. fagt: illucescente vigesima septima Septembr. die, dann p. 1020 den Tag S. Stanislai Translationis und Wigand. Marb. den dies Cosme et Damiani angeben, welche beide auf den 27. Septemb. fallen; ebenſo Annal. Oliv. p. 45 und Chron. Anonym. Archid. Gnesn. p. 80 und 96. Auch das J. 1331 iſt unbezweifelt. 2) Das Chron. Oliv. p. 51 und die Annal. Oliv. p. 44 ſprechen beſonders von der großen Unordnung, in der ſich das Ordensheer be⸗ funden habe: cum inordinate ac divisim incederent, Vladislaus Rex cum exercitu suo terga eorum sequebatur, captans committendi praelii opportunitatem. 3) Schütz p. 65. Wigand. Marb. I. c. läßt zwar hier ſchon auch den Landkomthur mit an der Schlacht Theil nehmen, widerſpricht ſich aber bald felbft, indem er ihn nachher fpäter erſt herankommen läßt. Diugoss. p. 1016 ſucht den Schrecken der Ordensritter dadurch zu be⸗ zeichnen, daß er ſagt: Obiectis tamen ne Poloni in pavidos et inprae- paratos penetrarent, catenis ferreis, tumultuario magis quam justo ordine Cruciferi aciem constituunt.
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496 Schlacht bei Ploweze (1331). aͤußerſten Wuth. Als aber nach einigen Stunden des bluti⸗ gen Streites der verraͤtheriſche Woywode Zamotuli mit einer Kriegerhorde des Koͤniges ihnen in den Ruͤcken fiel und während dieſes gedoppelten Kampfes der Ordensritter Ywan mit der Ordensfahne niederſtuͤrzte, indem fein Roß von ei⸗ nem Pfeile getroffen war, erhob ſich im Ordensheere Huͤlfs⸗ geſchrei und allgemeine Verwirrung). Das ermuthigte des Koͤniges Heer von neuem. Alsbald ward das Ordensvolk umzingelt und großen Theils erſchlagen; ſechs und funfzig Ordensritter und unter ihnen auch der Marſchall geriethen in feindliche Gefangenſchaft und nur ein Theil ihrer Streit⸗ haufen rettete ſich durch die Flucht auf dem Wege nach Bri⸗ ſick zu. Soweit war Koͤnig Wladislav Sieger des Tages und behauptete den Kampfplatz, wenn auch nicht ohne be⸗ deutenden Verluſt 2). Dort aber ſeiner Rache noch weiter zu genuͤgen, ließ er, als die Schlacht ausgetobt, die gefan⸗ genen Ritter vor ſich fuͤhren. „Wer ſind dieſe Krieger?“ fragt er ſeine Begleiter und auf die Antwort: „Sie ſind vom Heere der Deutſchen“, erwiedert zornig der Koͤnig: „Pluͤndert fie völlig aus und ermordet fie bis auf den letz⸗ ten Mann!“ So wurden ſie insgeſammt, unter ihnen auch der Großkomthur Otto von Bonsdorf, der Komthur von El⸗ bing Hermann von Oettingen, der Komthur von Danzig Al⸗ bert von Ore und mehre Gebietiger des Koͤniges Zorne ge⸗ opfert und nur dem Marſchall Dietrich von Altenburg ward das Leben gefriſtet ). 1) Von Zamotuli's verraͤtheriſchem Angriffe Dlugoss. p. 1018, na: tuͤrlich in lobreichen Worten; die Ordenschroniſten ſprechen von ihm nicht. Weigand. Marb. ſchreibt den Verluſt der Schlacht dem Sturze der Ordensfahne zu, indem er fagt: Frater Ywan cum vexillo ordinis corruit, quia equus eius telo transfixus nec quisquam poterat vexil- lum levare, quia concla vatum fuit et grave, et fit clamor pro subsidio. 2) De parte etiam Regis multi Nobiles corruerunt; Chron. Oliv. p. 51. = 3) Diugoss. p. 1019 ſcheint fich beinahe geſchaͤmt zu haben, dieſe That des Polniſchen Koͤniges nackt und bloß zu erzählen. Er verſteckt den Tod der Ordensgebietiger hinter einer Redensart, aus der im Zu⸗
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Schlacht bei Plowcze (1331). 497 Doch nur kurz erfreute ſich der Koͤnig des errungenen Sieges, denn noch hatte er die Wahlſtatt nicht verlaſſen, als der Landkomthur Otto von Luterberg und mit ihm Heinrich von Plauen, Vogt des Biſchofs von Pomeſanien 1), der den Vortrab des gegen Briſick beſtimmten Streithaufens ange⸗ führt, auf des Marſchalls abgeſandte Botſchaft zur Huͤlfe der Ihrigen herbeieilend die zerſtreuten Heerhaufen des Mar⸗ ſchalls ſchnell wieder ſammelten und im raſchen Angriffe den Kampf mit dem Könige erneuerten. Dieſem kam der neue Feind ganz unerwartet. Allein der Streit ward jetzt noch ungleich heftiger als zuvor, zumal als es dem Landkomthur gelungen war, den bereits in Feſſeln liegenden Marſchall wieder zu befreien und als man auf die Stelle kam, wo die Polniſchen Krieger die gefangenen Ordensbruͤder erwuͤrgt hat⸗ ten; denn als der Landkomthur die verſtuͤmmelten Leichname der Bruͤder ſah, bebte er vor Ingrimm zuruͤck, ſprang von ſeinem Streitroſſe und forderte in tiefer Trauer alle Freunde des Ordens zu ſchwerer Rache fuͤr die Unthat auf. „Man ſoll keines Feindes weiter ſchonen; die man greift, ſoll man alleſammt ermorden!“ rief er den Seinen entgegen, und da die Preuſſiſchen Krieger betroffen ihm erwiederten: Wir möchten auch darum eine Anzahl Gefangene davon führen, um die Unſrigen durch ſie einzuloͤſen, die ſchwer gefeſſelt ſind“, gab er zur Antwort: Deſſen ſeyd unbekuͤmmert; der Herr wird uns heute manchen guten Mann überliefern, mit ſammenhange nicht recht klug zu werden if. Migand. Marb. I. c. iſt hier offenbar viel glaubhafter; ebenſo nach ihm Schütz 1. c. 1) Heinrich von Plauen war damals weder Komthur von Elbing, wie man gewoͤhnlich annimmt, noch Ordensvogt von Pomeſanien, ſon⸗ dern er kommt in Urkunden aus den Jahren 1330 und 1331 als Vogt des Biſchofs von Pomeſanien vor und wird hier nicht Heinrich Reuß von Plauen, ſondern nur Heinrich von Plauen genannt; ſ. Privileg. von Marienwerder p. XV. XL. Herman. Corner. p. 1041 betrachtet dieſen Plauen, wie es ſcheint, gar nicht als Ordensbruder; doch liegt in ſeinen Worten: Captivati autem sunt de Comitibus et Dominis ber- rarum, qui Pruthenis auxilium tulerant, Rucze de Plawis terrae Ad- vocatorum (2) et iunior Comes de Honsteen, irgend eine Unrichtigkeit. IV. 32
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498 Schlacht bei Ploweze (1331). denen wir die Unſern von unſern Feinden befreien; aber ſchlaget alle zu Boden!“ +) In gleicher Weiſe ermunterte die Krieger auch der Marſchall Dieterich von Altenburg und das Ordensheer kaͤmpfte nun mit ſo ſtuͤrmender Wuth, daß die Heerhaufen des Koͤniges nicht ferner mehr widerſtehen konnten und Wladislav gezwungen war unter bedeutenden Verluſten das Schlachtfeld durch die Flucht zu raͤumen, auf dem er noch vor wenigen Stunden ſich als Sieger ſo gluͤck⸗ lich gefuͤhlt ?). Vom Ordensheere fielen in dieſem Kampfe an dreihundert und funfzig auserleſene Krieger und eine gleiche Zahl von Preuſſen; ungleich größer aber war des Koͤ⸗ niges Verluſt, denn außer hundert Gefangenen, meiſt vor⸗ nehmen Kriegern und außer einer unbeſtimmten Zahl von Todten, die auf dem Wege nach Briſick hin im Verfolgen erſchlagen waren, bedeckten das Schlachtfeld ſechshundert Po⸗ len, die in beiden Kaͤmpfen gefallen waren. So hatte der Ritter Tapferkeit den Ruhm der Ordenswaffen wiederum ge⸗ rettet ). 1) Wigand. Marb. p. 282. Schütz p. 66 giebt an, der Mar⸗ ſchall ſey erſt auf der Flucht der Polen befreit worden. Allein nach Wigand. geſchah die Befreiung früher noch während der Schlacht. Nach der Chron. Anonym. Archid. Gnesn. p. 96 dauerte der Kampf ab ortu solis ad horam nonam. s 2) Wigand. Marb.: Fit novum bellum, in quo Rex vi pulsus cum suis a Comunendatore dicto retrogradiari finito bello exercitus libens locum obtinuisset. So ſchlecht hier die Wortfuͤgung, ſo klar ift doch der Sinn: daß der Koͤnig vom Komthur (Landkomthur) mit Ge⸗ walt gedrungen zuruͤckweichen mußte, fo gerne auch das Heer nach been⸗ digtem Kampfe die Wahlftatt behauptet haͤtte. Dieß beftätigt auch das Chron. Oliv. p. 51. 3) Die Berichte über dieſe zweite Schlacht (denn über den Verluſt der erſtern fuͤr den Orden ſtimmen die Quellen uͤberein) weichen ſehr von einander ab, wie ſchon Schütz p. 66 berichtet, der hier ausſchließ⸗ lich Wigand. Marb. folgt. Dieſer naͤmlich läßt die Ordenswaffen ſiegen und fügt endlich hinzu: In hoc conflictu de fratribus manserunt bene 350 pruteni et de polonis 600 mortui preter alios, qui numerari non poterant in campo 4 (i. e. 14) miliare prope Brisik. Zwar fagt Schütz I. c. „An des Ordens feiten blieben auff der Wahlftabt bey vierthalb⸗
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Krieg mit Polen (1331). 499 Bald nachher aber erfand auf dem Felde, wo das Kriegsſchwert ſo grauſam gewuͤthet, ein ſchoͤnes Werk milder Froͤmmigkeit, denn als die Streitheere den Kampfplatz ver⸗ laſſen, verordnete der Biſchof Mathias von Cujavien, daß die Leichname der Erſchlagenen genau gezaͤhlt und dort begraben wuͤrden. Dieß dem Hochmeiſter meldend gab er die Zahl der auf der Wahlſtatt Beerdigten auf viertauſend zweihundert weni⸗ ger dreizehn an und ließ bald darauf, vielleicht mit in dem Bewußtſeyn, daß durch ihn zum Theil die Flamme des Krie⸗ ges entzuͤndet worden ſey, inmitten der Graͤber der Gefalle⸗ nen eine ſchoͤne Kapelle erbauen, in welcher lange Zeit fuͤr die Seelen der Gebliebenen fromme Gebete dargebracht wur⸗ den. Damit glaubte der Biſchof, wie es ſcheint, ſeine Schuld verſuͤhnt 1). hundert außerleſener Kriegsleute und auch fo viel oder mehr von den Preuſſen“; allein er ſcheint ſeine Quelle doch richtiger verſtanden zu haben, als ſie jetzt vor uns liegt und wir muͤſſen ſeine Auctoritaͤt gelten laſſen, da erwieſen werden kann, daß der Text bei Wigand,, wie wir ihn haben, verdorben iſt. Aber geſetzt auch, daß an 700 vom Ordens⸗ heere blieben, ſo ſtimmt doch dieſes mit den Polniſchen Chroniſten kei⸗ neswegs überein, denn Dlug oss. p. 1019 und die Chron, Archid. Gnesn. p. 96 laſſen den König die Schlacht nicht nur glorreich gewinnen, ſon⸗ dern jener fügt auch noch hinzu: Quadraginta et amplius hostium mil- lia caesa ea pugna feruntur; pauca capta, sterni enim et extingui Polonus fugientes malebat, multumque caedis a iusta ira editnun. De Polonis duodeeim tantummodo nobilitate insignes, — quingenti de vulgo communi desiderati, ut non mirandum solum, sed stupen- dum sit, tam insignem triumphum tam paucorum impendio stetisse. Freilich! Aber wenn Cromer p. 295 den Verluſt des Ordensheeres auch auf die Hälfte von 20,000 ermäßigt, To verdient doch auch dieſe Uebertreibung noch keinen Glauben. Da Wigand. Marb. nicht gar lange nach dieſen Ereigniſſen ſchrieb, fo hat er offenbar weit mehr Auctoritaͤt für ſich, als die fpäteren Polniſchen Chroniſten. Alb. Krantz. Wand. L. VIII. c. 15 behauptet, der größere Verluſt ſey bei den Polen ge: wefen. — Herman. Corner p. 1040 — 1041 ſtellt das Ganze als einen Rachekrieg des Koͤniges wegen der unſchuld einer zu Mewe verbrannten Jungfrau Gertrude dar; vgl. an. 1333. Man mag die wunderliche Er⸗ zählung bei ihm ſelbſt nachleſen. h 1) So Wigund. Marb. I. c. und das Chron. ng p. 513 auch 32
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900 Krieg mit Polen (1331). Geſchwaͤcht und gemindert zogen die beiden Heere gleich nach der Schlacht in ihre Länder zuruͤck, ohne daß der Kö- nig es wagte oder vermochte, das Gebiet des Ordens zu be⸗ rühren, ein Beweis, daß ihm mehr die Feder ſpaͤterer Ges ſchichtſchreiber, als das Gluͤck in der Stunde des Kampfes als Sieger gehuldigt. Es wurden Unterhandlungen begon⸗ nen und auf Martini ward ein Tag aufgenommen, auf wel⸗ chem die Koͤnige Johann von Boͤhmen und Karl von Un⸗ gern als Vermittler zum Frieden eintraten. Allein die Frie⸗ densvermittlung zerſchlug ſich bald an des Polniſchen Köni⸗ ges Forderung, daß Pommern unbedingt an ſein Reich wie⸗ der zuruͤckzuſtellen ſey !); und da bald nach dieſem fruchtlo⸗ ſen Verſuche zum Frieden der edle Ritter Otto von Bergau, auf welchen der Koͤnig von Boͤhmen immer großes Vertrauen feste, und der Hauptmann Poppo von Koͤkeritz 2) neue Soͤld⸗ nerhaufen aus Deutſchland und Boͤhmen herbeifuͤhrten, ſo brachen die Ordensritter, dieſe neue Kriegshuͤlfe benutzend, unter der Fuͤhrung des Grafen Guͤnther von Schwarzburg, Komthur von Chriſtburg, ſchon in der Mitte des Novem⸗ bers abermals über die Weichſel und verheerten das früher Diugoss. p. 1021 erwähnt des Bethauſes. Wenn freilich der Ordens⸗ chroniſt ſagt: Intimavit (Episcopus Cujaviensis) Magistro Lutero hanc suam pietatem, quam exercuit contra suos, quomodo scilicet 4200 minus 13 sepelevisset, fo konnte man wohl glauben, er meine damit die Gefallenen des Ordens allein. Aber ſollte der Biſchof nicht auch die gefallenen Polen mit beerdigt und dieſe mit in die Geſammtzahl ge⸗ rechnet haben? 1) Wenigſtens führt Diugoss. p. 1022 dieſen Grund an. Wigand. Murb. und Schütz J. c. ſchweigen über die Urſache des Mißlingens der Unterhandlungen. Vielleicht aber lag die Schuld auch daran, daß der Kaiſer Ludwig aus Mißtrauen und Groll gegen Johann von Böhmen den Herzog Otto von Oeſterreich dahin bewog, den Koͤnig Karl von ungern und den von Polen gegen Johann von Böhmen aufzuhetzen, ſ. Chron. Aulae Regiae p. 80. 2) Nicht Otto von Bergen, wie ihn Schütz I. c., Pauli S. 180 und De Wal T. III. p. 167 nennen, ſondern von Bergau, wie er in einer Urkunde Johanns von Boͤhmen vom J. 1332 heißt.
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Krieg mit Polen (1332). 501 verſchonte Cujavien durch Brand und Raub vierzehn Tage lang, ohne irgend Gegenwehr zu finden ). Nachdem hierauf der Meiſter noch in den letzten Tagen des Jahres 1331 vom Kaiſer Ludwig durch eine ſehr huld⸗ reiche Beſtaͤtigung des alten Privilegiums Friederichs des Zweiten und aller Freiheiten, Rechte und Beguͤnſtigungen ſpaͤterer Kaiſer zum Zeichen und Zeugniſſe ſeiner Erkenntlich⸗ keit und ſeines Dankes fuͤr des Ordens treues Feſthalten am Kaiſerthrone in Zeiten gefahrdrohender Stuͤrme, wie in Ta⸗ gen friedliches Gluͤckes, erfreut und erhoben worden war ?), zog er den wilden Verheerungskrieg auch in das Jahr 1332 hinuͤber, denn ſchon mit deſſen Beginn ward das in den Staͤdten zerſtreut geweſene Kriegsvolk zu einem anſehnlichen Heere zuſammengerufen und gefuͤhrt von den Hauptleuten Otto von Bergau, Poppo von Koͤkeritz und dem Grafen Guͤn⸗ ther von Schwarzburg warf es ſich abermals mit großer Ver⸗ heerung in die Landſchaft Cujavien, zuerſt hinauf vor die Stadt Briſick oder Brzeſc, deren Beſatzung ſich endlich nach einer dreimonatlichen Belagerung an ihrer Rettung verzwei⸗ felnd gegen Oſtern ergeben mußte ), dann hinuͤber vor Neu⸗ Leſlau, welches am ſieben und zwanzigſten April faſt ohne Widerſtand genommen ward ). Auch auf dem Ruͤckwege nach der Weichſel hin vor der Burg Gniewkow, in welcher Herzog Kaſimir, Wladislavs Bruderſohn, mit einer Beſaz⸗ zung lag, fanden die Ordenswaffen geringe Gegenwehr, da die Wurfmaſchinen des Belagerungsheeres den Herzog bald 1) Chron. Ohv. p. 51. 2) Die Beſtaͤtigungsurkunde |. in Hiſtor. Diplom. Unterricht und Deduct. Nr. 14, datirt: in Franckenfurt in vigilia s. Thome Apost. an. 1331. Der Kaiſer ſpricht darin ſeine beſondere Zuneigung gegen den Orden aus. 3) Auf dieſe Belagerung bezieht ſich ohne Zweifel die Chron. Anonym. Archid. Gnesn. p. 80, die hier faͤlſchlich die Jahreszahl MCCCXXII ſtatt MOCCXXͤXII hat. Die Belagerung würde hiernach vom 11. April bis zum 25. April gedauert haben. Nach dieſer Quelle geſchah die Ein⸗ nahme der Stadt durch Otto von Luterberg; ck. ibid. p. 96. 4) Chron. Oliv. p. 51. Annal. Oliv. p. 45.
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502 Unterhandlungen mit Polen (1332). zu einem Vertrage zwangen, welcher ihm freien Abzug ge⸗ waͤhrte, wiewohl er im Abziehen, wie es ſcheint gegen den Vertrag, die Burg in Brand ſteckte. Alſo war jetzt die ganze Landſchaft Cujavien in der Ge⸗ walt des Ordens und wie der Ordenschroniſt verſichert, ohne Blut gewonnen 1). Da man aber vorausſah, daß der Koͤ⸗ nig von Polen auf Rache finnen werde, fo ließ der Hoch meiſter zur Begegnung ſolcher Gefahr in großer Eile an paſ⸗ ſenden Orten Burgen und Befeſtigungswerke errichten und mit hinlänglichen Beſatzungen unter dem Befehle kriegskun⸗ diger Ordensritter verſehen, gleich als wollte man ſich des Beſitzes von Cujavien auch für die Folgezeit verſichern 2); und wider Erwarten wurde dem Orden im Laufe des Som⸗ mers auch Zeit gelaſſen, wenn gleich nicht Alles, ſo doch Vieles für ſeinen Plan auszufuͤhren, denn erſt in der Mitte des Tugaſts erhielt der König Wladislav aus Ungern die noͤthige Verſtaͤrkung, um mit einem anſehnlichen Kriegsheere 1) Dusb. Suppl. c. 21, wo ſtatt der Jahreszahl 1327 das J. 1332 ſtehen muß, ſagt wenigſtens: Die Belagerung von Briske (Brzeſc) und Neu⸗Leſlau fen erfolgt utrobique sine hominum laesione. Auch Dlugoss. p. 1023 ſpricht gerade nicht von irgend bedeutendem Blutvergießen; Neu⸗Leſlau ergiebt ſich ſogar per spontaneam deditionem, Uebrigens ſtimmen die übrigen meiſt aus Weigand. Marb. p. 282 fließenden Quel⸗ len in der Zeitangabe und ſonſt überein. Wenn jedoch Diugoss. J. c. erwähnt: Dux Casimirus videns se resistentiam facere non posse, pa- ciscitur cum illis, ut salvis rebus, personis suis atque fortunis castro excedat et illud incendat, fo kann man ſchwerlich glauben, daß auch das Letztere vertragsmaͤßig geſchehen ſey. Welchen Grund haͤtten die Ordensritter gehabt, dieſes zu bewilligen, ſie, die bald neue Burgen im Lande aufbauten? Daß der Brand vertragswidrig war, leuchtet auch aus Schatz I. c. hervor. 2) So ſahen es wenigſtens die Polen an; ſ. Diugoss. I. c. Der Bericht im Fol. G. im geh. Arch. ſagt: Et eadem terra Cuiavie tunc occupata edificarunt sibi certa Castra in ea tamquam in corum terra propria et fecerunt Commendatores in eis, quia eam pluribus annis cum terra Dobrinensi tenuerunt, tunc etiam Castrum Nessowa (?), ut creditur, in terra Cuiavia edificaverunt, quod hucusque modo cum aliquibus villis in Cuiavia detinent occupatum.
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Unterhandlungen mit Polen (1332). 503 gegen den Feind von neuem im Felde zu erſcheinen. Er drang durch Maſovien bis an die Drewenz vor, um ins Kulmerland einzubrechen. Bevor indeß das feindliche Heer den Fluß überfchritten, trat ihm der Hochmeiſter, von ſei⸗ nem Anzuge zeitig unterrichtet, mit einer ſtarken Streitmacht entgegen, ihm den Übergang verwehrend. Weder der König noch der Meiſter konnte ſein Heer uͤber den Fluß ſetzen, ob⸗ gleich der letztere ſich gerne mit dem Feinde, dem er ſich be⸗ deutend uͤberlegen glaubte, zu meſſen wuͤnſchte; dennoch wollte auch keiner wie aus Furcht zuruͤckweichen, um nicht den Feind ins eigene Land zu ziehen. In ſolcher gefahrdro⸗ henden Stellung erwog man beiderſeits mehr und mehr den ungewiſſen Ausgang eines entſcheidenden Kampfes; man er⸗ wog im Ordensheere vor allem, was jetzt bei dem Verluſte einer Schlacht ganz Preuſſen von der Rache des ſchwerer⸗ zuͤrnten Koͤniges zu erwarten habe; und im Rathe des Koͤ⸗ niges ſcheint beſonders der Wankelmuth der Reichsgro⸗ ßen und ihre theilweiſe Hinneigung zum Koͤnige von Boͤh⸗ men, die man ſchon deutlich wahrnahm, manche Bedenklich⸗ keit erregt zu haben ). Man begegnete ſich alſo bald in Un⸗ terhandlungen, deren Folge ein neuer Waffenſtillſtand war, waͤhrend deſſen erwaͤhlten Schiedsrichtern die Erwirkung ei⸗ nes völligen Friedens übertragen werden ſollte 2). So ſchie⸗ 1) Dlugoss. p. 1024 — 1025. Das Chron. Oliv. p. 52 erzaͤhlt die Sache etwas anders. Als der Koͤnig bis an die Drewenz gekommen und der Meiſter ihm dort begegnet ſey, transito fluvio conclusit exer- citum Regis inter duos lacus, sic quod nullum effugium habere po- tuissent, sed habuissent necesse aut mori aut propugnare. 2) Die Berichte der Polniſchen und Ordenschroniſten weichen hier wieder merklich von einander ab. Nach Wigand. Marb. I. c. konnte der König nicht Über die Drewenz, denn der Hochmeiſter prohibuit, quod nec transire nec fugere voluit. Aus den Worten: tung erant quidam pii et honesti homines, qui toto conamine, ne tantus sanguis effunderetur, unionem inter partes statuerunt et sic deposita ira et omni rancore facti amici consenseruntque in arbitros ad pacem con- firmandam, die mit dem Chron. Oliv. p.52 und den Annal. Oliv. p. 45 übereinftimmen, iſt zu ſchließen, daß auch von Seiten des Ordens an
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504 Unterhandlungen mit Polen (1332). den die Heere wieder von einander; der Orden blieb in Cu⸗ javiens Beſitz und der Sturm ging ohne Schaden an Preuf. ſens Graͤnzen voruͤber, denn nur die Ordensgebiete jenſeits der Drewenz ſcheinen beim Anzuge des Feindes mit Verhee⸗ rung heimgeſucht worden zu ſeyn. Alsbald entſandte der Hochmeiſter den Hauptmann Otto von Bergau an den Koͤnig von Boͤhmen, theils ihm die Abſchließung des Waffenſtillſtandes anzuzeigen, theils auch um ihm in Ruͤckſicht der Friedensvermittlung verſchiedene Wuͤnſche und Bitten vorzulegen und ſchon im Auguſt erhielt er von ihm die freundliche Zuſage, daß er nicht nur hierin das Beſte des Ordens in aller Weiſe foͤrdern, ſondern auch ſelbſt „mit dem Koͤnige von Krakau ſich nicht verſoͤhnen, noch verrichten wolle, er ſchicke ihm denn zuvor an dem Lande Cujavien alſo viel, daß dem Orden fuͤr den Schaden, den dieſer empfangen habe, wohl genuͤgen moͤge“, ſowie er denn allem treu nachkommen werde, was er dem Orden je in ſei⸗ nen Briefen verſprochen n). Und wie ſomit hier endlich ein Strahl des Friedens leuchtete, ſo ſchien auch die Ruhe in Livland um dieſe Zeit dadurch noch feſter geſichert zu wer⸗ den, daß des Ordens hoher Goͤnner Kaiſer Ludwig den Ver⸗ einem Waffenſtillſtande eifrig gearbeitet wurde und es dürfte wohl nicht unrichtig ſeyn, daß nach Plugoss. p. 1024 der erſte Anlaß zur Waffen: ruhe vom Hochmeiſter ausging, denn dieſer ſetzte bei einer Schlacht al⸗ lerdings außerordentlich viel ins Spiel; daher auch das Chron. Oliv. I. c. ſagt: aspirante Deo mentes Dominorum (Cruciferorum) tune in exercitu principalium existentium fuerunt ad concordiam subito in- clinatae et habito foedere ex utraque ambo exercitus illaesi ad pro- pria redierunt, Aber unrichtig iſt es wohl, daß das Polniſche Heer, wie Dlugoss. I. c. angiebt, ſchon auf Kulmiſchem Boden geſtanden und mit Raub und Feuer das Land ſchon uͤberzogen gehabt habe. Nach ſei⸗ ner Angabe ſollte die Waffenruhe bis Trinitatis des naͤchſten Jahres dauern. Die übrigen Chroniſten Cromer, Leo, Schütz u. a. fagen nichts Neues. 1) Das Original dieſes Briefes, datirt: Nuͤrnberg am naͤchſten Mit⸗ woch nach S. Bartholomäi 1332 im geh. Arch. Schiebl. XXVIII. Nr. 19. Daß der Meiſter den Otto von Bergau an den Koͤnig geſandt, iſt im Briefe ausdruͤcklich erwähnt.
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Unterhandlungen mit Polen (1332). 505 trag der Ordensherren mit der Stadt Riga in der Art be⸗ flätigte, daß er dem Orden in Livland die Herrſchaft, das oberſte Gericht und die Bannberechtigung uͤber die Stadt fuͤr ewige Zeiten zuſagte '). Die letzten Monate des Jahres 1332 aber und die er⸗ ſten des naͤchſten Jahres gingen in langwierigen Unterhand⸗ lungen theils zwiſchen dem Hochmeiſter und dem Koͤnige von Polen ſelbſt, theils zwiſchen den Koͤnigen von Boͤhmen und Ungern als erwaͤhlten Schiedsrichtern faſt ganz fruchtlos hin 2), denn bei den von Wladislav feſtgehaltenen Anſpruͤ⸗ chen und den an ſich ſchon ſehr verwickelten und verwirrten Verhaͤltniſſen der Laͤnder war es wohl allerdings eine ſchwie⸗ rige Aufgabe, den Punkt aufzufinden, von wo aus ein fried⸗ licher Stand der Dinge begründet werden konnte. Und viel- leicht würde auch dieſe Bemuͤhung um den Frieden und die Ruhe der Laͤnder bald wieder aufgegeben worden ſeyn, waͤre nicht König Wladislav am zweiten März des Jahres 1333 zu Krakau geſtorben ). Sein Tod befreite den Orden von einem bittern und unverſoͤhnlichen Gegner, der es nie hatte vergeſſen koͤnnen, daß das Scepter ſeiner Vorfahren eine Zeit lang uͤber Gebiete gewaltet hatte, in denen jetzt der Orden Geſetze und Befehle gab. Von ſeinem ungleich fried⸗ licher geſinnten und den Waffen mehr abgeneigten jungen Sohne Kaſimir, der ihm auf Polens Throne folgte, waren auch fuͤr Preuſſen bald ruhige Zeiten zu erwarten, wiewohl der Vater, zumal in den letzten Jahren ſeines Lebens nichts verſaͤumt hatte, den Sohn für die Waffen gegen den Orden 1) Dieſe Urkunde datirt: ulm Freitags nach der Findung des h. Kreuzes 1332, im 18ten Jahre des Königreiches und im Sten des Kai⸗ ſerthums, iſt nur noch in einem Transſumt in Deutſ. Sprache vom J. 1392 vorhanden im Buche des geh. Arch. „Dis ſynt di Privilegia von leyflant her.“ 2) Zum Theil auch fruchtlos wegen der beftändigen Abweſenheit des Böhm. Königes bald in Paris, bald in Avignon u. ſ. w. Chron. Aulae Regiae p. 83. 3) Dlagoss. p. 1027. Wigand. Marb. p. 282. Schütz p. 67. Chron. Oliv. p. 52. Chron. Aulae Reg. p. 84.
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506 Innere Landesverhaͤltniſſe (1333). zu gewinnen und ſeinen Haß gegen die Ordensritter auf ihn uͤberzupflanzen 1). Luther von Braunſchweig widmete nun die ihm ver⸗ goͤnnte, faſt ungeſtoͤrte Ruhe 2) der Verwaltung feines Lanz des. Schon im vorigen Jahre hatte er durch die Ausſtel⸗ lung eines Gruͤndungsprivilegiums der Stadt Bartenſtein ihre Entſtehung gegeben) und ſchon dadurch feinem Namen ein bleibendes Denkmal geſetzt, und ſo fuhr er auch jetzt noch fort, auf jegliche Weiſe theils Handel und Betriebſam⸗ keit in den Staͤdten, theils den Ackerbau auf dem Lande mehr und mehr zu foͤrdern, namentlich auch indem er hie und da Wildniſſe und Einoͤden in fruchtbares und bewohn⸗ tes Land umſchaffen ließ ). Je größer aber in dieſer Rich⸗ 1) Diugoss. p. 1009. Annal. Oliv. p. 52. 2) Schütz p. 66 — 67 erzählt bei dem J. 1332 noch von einer Fehde zwiſchen einem Brandenburgiſchen Hauptmanne in Stolpe und dem Komthur von Danzig wegen verweigerter Auslieferung einiger nach Danzig gefluͤchteter ueberlaͤufer, in deren Folge die Burg und Stadt Stolpe in den Beſitz des Ordens gekommen ſeyn ſoll. Obgleich ſchon Schütz ſelbſt an der Richtigkeit der ihm durch Preuſſiſche Chroniſten gemeldeten Nachricht zweifelte, fo haben doch Neuere, z. B. Pauli a. a. O. S. 180, Baczko B. II. S. 106, Loͤſchin Geſchichte Danzigs B. I. S. 42 fie wieder nacherzaͤhlt. Sie iſt offenbar erdichtet; denn erſtens erwähnt ihrer keine aͤltere Quelle, und Simon Grunau Tr. XII. c. 5 iſt der erſte, bei welchem wir die Erzaͤhlung finden; er nennt den Hauptmann von Stolpe Belsellaus und berichtet die ganze Bege⸗ benheit ſo ſinnlos, daß man ſogleich die Luͤge erkennt. Aber zweitens gehörte denn Stolpe im J. 1332 noch dem Markgrafen von Branden⸗ burg? Keineswegs! Wir wiſſen, daß es im J. 1329 an den Orden verpfändet und die Zeit der Austöfung auf 12 Jahre beſtimmt war. Dieſe war bis jetzt noch nicht erfolgt und der Orden noch im Befige. Da kein älterer Chroniſt dieſes Vorganges erwähnte, To wußte Si⸗ mon Grunau ſich das Raͤthſel nicht zu loͤſen, wie der Orden zum Beſitze gekommen ſey, und eine Erdichtung mußte aus der Verlegenheit helfen. Vgl. De Wal T. III. p. 181. Sell Geſch. von Pommern B. I. S. 91. 8) Der eigentliche Gründer der Stadt war eigentlich Dieterich von Altenburg, Komthur von Balga; Dusb. c. 355. 4) Vgl. Urkunden im geh. Arch. Schiebl. LVI.
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Innere Landesverhaͤltniſſe (1333). 507 tung feiner Thaͤtigkeit feine fürftlichen Verdienſte waren, um ſo weniger bedarf es zu ſeinem Ruhme in der Geſchichte, ihm auch, wie mit Unrecht immer geſchehen iſt, den Aufbau der Kathedrale zu Koͤnigsberg als fromme Widmung fuͤr den Sieg über das Polniſche Heer bei Plowcze zuzuſchreiben, denn nicht er, ſondern der ehrwuͤrdige Biſchof Johannes von Sam⸗ land war es, der nach Beſeitigung eines Streites mit dem Hochmeiſter und nach erfolgtem Einverſtaͤndniſſe mit dieſem uͤber die Art des Baues den Plan zur Errichtung dieſes Do⸗ mes im Jahre 1333 entwarf und ſofort auch zur Ausfuͤh⸗ rung brachte, ohne daß Luther von Braunſchweig an dem Aufbaue ſelbſt irgend beſondern Antheil nahm, weil es ja ausſchließlich auch nur des Biſchofs und ſeines Domſtifts Abſicht war, ſich eine neue Kathedralkirche auf dem Inſel⸗ Theile Koͤnigsbergs zu erbauen ). 1 Bisher wurde ganz allgemein der Bau der Domkirche zu Kö- nigeberg dem Hochmeiſter zugeſchrieben; ſ. Schütz p. 67, Hartknoch A. und N. Preuſſ. S. 393, deſſen Kirchengeſch. S. 170, Pauli S. 181 nach Henneberger p. 286, Baczko B. II. S. 107. Arnold Kirchengeſch. ſchreibt den Bau dem Samlaͤnd. Biſchofe Jacob zu und läßt, wie Leo p. 146 die Vollendung durch den Biſchof Bartholomäus geſchchen. Alles dieſes iſt unrichtig. Den Bi giebt eine Urkunde des Biſchofs Johannes von Samland vom J. 1333 (im Buche des geh. Arch. Rigaiſche Handlung p. 119), worin er ſelbſt auseinander ſetzt, wie er ſich uͤber den obwaltenden Streit mit dem Meiſter in Ruͤckſicht der Art des Baues der Kathedrale verſtaͤndigt habe. Schon in den Wor⸗ ten des Biſchofs: In Insula predicta (prope civitatem Kungisberg) non Castrum aut munitionem construemus, sed chorum et ecclesiam kathedralem pulchre et decenter secundum exigenciam nostram et similitudinem kathedralis ecclesie Claustri et mansionis religiosarum personarum muris et testudinibus construemus liegt eines Theils der Beweis, daß der Biſchof der Erbauer war, und andern Theils iſt da⸗ mit auch der Gegenſtand des Streites angedeutet, indem der Hochmeiſter jede Art von Befeſtigung in der Gegend verhindern wollte, weshalb der Biſchof auch ausdruͤcklich verſprechen mußte: eundem locum muro ac fossatis aut quibuslibet aliis munimentis firmare nolumus nec debemus nisi indulto et licentia magistri et fratrum desuper preoptentis. In der Urkunde des Hochmeiſters ſelbſt uͤber dieſen Streit (im Buche des geh. Arch. Handfeſt. des Biſth. Samland p. VII) ſagt er ebenfalls:
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508 Innere Landesverhaͤltniſſe (1333). Die Ruhe des Landes unterbrach im Laufe dieſes Jah⸗ res nur ein kurzer Kriegszug ins Cujaviſche Gebiet. Der junge Koͤnig Kaſimir von Polen hatte naͤmlich zwar unter gewiſſen Beſtimmungen im April des Jahres 1333 zu Kra⸗ kau den Waffenſtillſtand mit dem Orden noch auf ein Jahr verlaͤngert, allein es war, wie es ſcheint, zur Bedingung gemacht, daß auch die Burg Pakoſcz *) in Cujavien ſich dem Orden ergeben ſolle, denn ſie war die einzige, welche vom Hauptmann von Brzeſc vertheidigt ſich gegen die Or⸗ denswaffen behauptet hatte. Da nun die freiwillige Über⸗ gabe nicht erfolgte, ſo brach zur Erntezeit eine Schaar von Ordenskriegern ins Land ein, um ſich der Burg zu bemei⸗ ſtern. Nicht ohne Verluſt im Ordensheere beſtuͤrmt, ward ſie endlich unter der Bedingung gewonnen, daß der Haupt⸗ mann mit den Seinen zwar im Beſitze derſelben bleiben, zur Verſicherung ſeiner Treue aber dem Meiſter ſeinen Sohn als Geiſel uͤberliefern ſollte 2). So viel iſt gewiß, daß der Koͤnig von Polen dieſen Zug nach Cujavien keineswegs als eine Verletzung des Waffenſtillſtandes betrachtete ). Die übrige Zeit des Jahres benutzten die Gebietiger in Preuſſen in Verbindung mit Huͤlfsheeren aus Livland zu einigen Ein⸗ Cum occasione fabrice seu structure, quas pro sua ecclesia kathe- drali in insula prope civitatem nostram Kungisberg Venerabilis in christo pater dominus Ioh. Sambiens. ecclesie episcopus una cum suo capitulo fratre Barthramo preposito, fratre Zacharia decano et aliis, ut apparet, erigere et edificare iam aliqualiter conceperunt, dissen- tionis materia suborta fuisset etc. 1) Zwiſchen Inowraclaw und Barczyn liegend. 2) Wigand. Marb. I. c. Schütz p. 67. Dlugoss. p. 1023 weiß nur, daß ſich Pakoſcz gegen den Feind behauptet habe und ſchweigt uͤber dieſe Begebenheit, vielleicht weil er ſie nicht ganz ehrenwerth fand. 3) Mit welchem Rechte der Orden die Burg noch waͤhrend des Waffenſtillſtandes angreifen konnte, iſt nicht ganz klar, weil uns die Urkunde Über die Verlängerung der Waffenruhe fehlt. Daß eine ſolche aber verfaßt worden war, erſehen wir aus einer andern vom J. 1334 im geh. Arch. Schiebl. LX. Nr. 5, worin der Waffenſtillſtand von 1334 noch bis 1335 verlängert wird. Wahrſcheinlich war in jener fehlenden Urk. auch eine naͤhere Beſtimmung uͤber Pakoſcz enthalten.
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Neue Verhandlungen mit Polen (1334), 509 fällen ins heidniſche Litthauen; allein weder in dieſem, noch im folgenden Jahre waren dieſe Kriegsreiſen von irgend be⸗ deutenden Erfolgen begleitet, alſo daß der Meiſter beſchloß, ſie uͤberhaupt bis auf weiteres einzuſtellen 1). Das Jahr 1334 begann in einer Verhandlung des Hochmeiſters mit den Johanniter⸗Rittern in Pommern, die in dem Gebiete von Schoͤneck, in Lübſchau und Thomaswalde noch einen Theil ihrer alten Guͤter beſaßen, mehre ihrer ehe⸗ maligen Beſitzungen aber ſchon früher durch Verkauf an den Deutſchen Orden abgetreten hatten, alſo daß nur noch alte Pergamente an das einſtige Beſitzrecht der Johanniter erin⸗ nerten ). Weil jedoch der Hochmeiſter in Erfahrung ge⸗ bracht, daß auch dieſe Beſitzungen als dem Johanniter⸗Or⸗ den zugehoͤrig in deſſen Privilegien noch aufgefuͤhrt wuͤrden und hieraus in der Folge allerdings Irrungen entſtehen konnten, ſo wirkte er vom Komthur zu Schoͤneck Johann von Bortveld ein urkundliches Zeugniß uͤber den rechtmaͤßigen Beſitz des Deutſchen Ordens in Betreff dieſer Güter aus ). An dieſe Verhandlung knuͤpfte ſich dann noch ein Tauſch⸗ vertrag zwiſchen dem Hochmeiſter und dem genannten Kom⸗ thur uͤber verſchiedene Doͤrfer und Laͤndereien weſtwaͤrts von Dirſchau ). Uebrigens aber ſtanden auch forthin noch die beiden altverbruͤderten Ritterorden ziemlich kaltſinnig und ohne beſondere Theilnahme neben einander da, wozu freilich wohl die Kleinheit der Beſitzungen des Johanniter⸗-Ordens in die⸗ ſen Gegenden manches beitragen mochte. Von da wandte hierauf der Meiſter ſein Auge wieder auf die noch uneroͤrterten Verhaͤltniſſe mit Polen. Sein 1) Wigand. Marb. fügt hinzu: sed magister cum fratribus pen- savit, quod huiusmodi transitus de cetero non induceret profectum. 2) In Thomaswalde und Luͤbſchau ſaßen zwei Pfleger (provisores) Konrad von Dorſtet und Johannes Stapel. 3) Die Urkunde datirt: in Molendino Rekow ohne Zeitangabe im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 13. 4) Die Urkunde des Hochmeiſters datirt: in Mewa quinto Idus Ianuar. 1334 im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 39.
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510 Neue Verhandlungen mit Polen (1334). ziemlich hohes Alter, fein ruhiger Charakter und feine Nei⸗ gung zu den ſtillen Geſchaͤften der inneren Landespflege lie⸗ ßen ihn je mehr und mehr einen ſicheren Frieden wuͤnſchen, und mit gleichen friedlichen Geſinnungen kam ihm der junge Koͤnig von Polen entgegen, indem auch dieſer unter der Lei⸗ tung des verſtaͤndigen, vorſichtigen und wohlgeſinnten bishe⸗ rigen Caſtellans von Krakau Jaſchko von Melſchtin, der ihm als erſter Rath in der Verwaltung zur Seite ſtand, ſeine jugendliche Thaͤtigkeit mehr auf des Landes innere Wohlfahrt und Ordnung zu richten für nöthig fand). So von fried⸗ lichen Geſinnungen geleitet ſtellten beide um Pfingſten des Jahres 1334 die ſchiedsrichterliche Entſcheidung der obwal⸗ tenden Streithaͤndel nochmals den Koͤnigen Johann von Boͤhmen und Karl von Ungern anheim mit der offenen Er⸗ klaͤrung, daß ſie beide ſich dem Richterurtheile der Koͤnige unbedingt untergeben wollten 2). Zugleich verlaͤngerte man auch den Waffenſtillſtand noch auf ein ganzes Jahr, naͤm⸗ lich bis Johanni des Jahres 1335, mit der Beſtimmung, daß in ihm auch die Herzoge Primiſl von Siradien und Wladislav von Lancziz mit eingeſchloſſen, der Hochmeiſter aber ſammt ſeinen Gebietigern verpflichtet ſeyn ſollte, die Burg und Stadt Brzeſc nebſt dem zugehoͤrigen Gebiete dem Herzoge Semovit von Maſovien, des Koͤniges Bruder, oder ſofern dieſer nicht wolle, dem Biſchofe Mathias von Leſlau laut fruͤheren Beſtimmungen zu uͤbergeben ), doch alſo daß wenn der erwuͤnſchte Friede durch die Schiedsrichter nicht zu 1) Dlugoss. p. 1030. 2) Der Compromiß des Polniſchen Koͤniges im Original datirt: in Cracovia a. d. 1334 in festo Penthecosten im geh. Arch. Schiebl. LX. Nr. 6. Von der beſondern Zuneigung des Ungeriſchen Koͤniges ge⸗ gen den jungen Koͤnig von Polen vgl. Chron. Aulae Regiae p. 84. 3) Es heißt in der Urkunde, daß dieſes geſchehen folle nostris lit- teris super ipsis treugis ac compromisso in magnificos principes Ka- rolum d. g. Hungarie et Iohannem Bohemiae reges facto Magistro et fratribus predictis prius datis; es war dieſes alfo ſchon eine frühere Beſtimmung, wahrſcheinlich bei der Verlängerung des Waffenſtillſtandes vom J. 1333, worüber uns die Urkunde fehlt.
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Neue Verhandlungen mit Polen (1334). 511 Stande komme, Brzeſc mit ſeinem Gebiete dem Hochmeiſter vier Wochen vor Ablauf des Waffenſtillſtandes wieder uͤber⸗ liefert werden ſolle !). Deſſenungeachtet erfolgte der Friede auch in dieſem Jahre noch keineswegs, denn die beiden Koͤ⸗ nige ſchoben die Friedensverhandlungen bis ins naͤchſte Jahr hinaus 2), obgleich der Hochmeiſter bemüht war, feiner Ver⸗ pflichtung ſtreng nachzukommen, indem er Brzeſc zuerſt dem Herzoge Semovit durch den fruͤheren Großkomthur Konrad Keſſelhut zur Uebergabe anbot und ihm fuͤr die Erhaltung der Burg und zur Verwaltung des Gebietes ſelbſt die noͤthigen Geldſummen darzuleihen verſprach, vom Herzoge aber den⸗ noch eine verneinende Antwort erhielt, was ingleichen auch bald darauf vom Biſchofe von Leflau geſchah, indem auch dieſer Gruͤnde vorwandte, das wiederholte Erbieten des Mei⸗ ſters nicht annehmen zu koͤnnen ). 1) Ein Transſumt dieſer Urkunde, deren Datum: in Cracovia in festo Penthecostes a. d. 1334 ift, im geh. Arch. Schiebl. LX. Nr. 5, Die Urkunde des Hochmeiſters hierüber im National: Archiv zu Warſchau. Den Inhalt derſelben giebt auch Diugoss. p. 1030 ganz richtig an. 2) Zum Theil auch weil der Boͤhmiſche König faſt das ganze Jahr in Oberitalien war; Chron. Aulae Reg. p. 84. 3) Der Hochmeiſter ließ ſich ſowohl vom Herzoge, als vom Bi⸗ ſchofe urkundliche Zeugniſſe über ihre Weigerung wegen Empfangnahme von Brzeſc ausſtellen; das des Herzogs iſt datirt: In solitudine dieta Nyczsk in vigilia b. Michaelis a. d. 1334. Der Herzog ſagt im All⸗ gemeinen: er koͤnne Brzeſc nicht annehmen propter multas rationabiles et notabiles causas nos urgentes; Urf. im geh. Arch. Schiebl. LVII. Nr. 25. Das Zeugniß des Biſchofs datirt: in Grudenz a. d. 1334 feria sexta post ſestum s. Martini weiſet aus, daß dem Biſchofe das Anerbieten pluribus vicibus et ultimo in presencia domini Galhardi de Carceribus licenciati in legibus apostolice sedis nuncii et plurium aliorum prelatorum iuxta formam et ordinacionem in littera treuga- rum conceptam gemacht worden war; Orig. Urk. im geh. Arch. Schicht. LIV. Nr. 3. Man ſieht hieraus, wie irrig Diugoss. p. 1032 behauptet, der Hochmeiſter habe dieſe Bedingung wegen Brzeſc nicht erfuͤllen wollen und wie unbeſonnen die Behauptung bei Kotzebue B. II. S. 389 iſt, der Orden habe den Herzog Semovit durch das Anerbieten von Brzeſc aufwiegeln wollen. Ohnedieß iſt auch die Jahrszahl 1330 bei Kotzebue ganz falſch.
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512 Tod des Hochmeiſters Luther v. Braunſchweig (1335). Unter dieſen Bemuͤhungen des Meiſters um den Frie⸗ den ſeines Landes brach das Jahr 1335 an, ruhiger und friedlicher als ſeit langen Zeiten irgend eins begonnen; in ihm hoffte Luther von Braunſchweig das Friedenswerk voll⸗ endet zu ſehen, und doch war ihm ſolches nicht vergoͤnnt, denn es war das letzte Jahr ſeines Lebens. In den erſten Monaten beſchaͤftigten ihn noch mancherlei Gegenſtaͤnde der Landesverwaltung und wie er erſt kurz zuvor einen langwie⸗ rigen Streit des Biſchofs Berthold von Pomeſanien mit def ſen Domkapitel uͤber einen Antheil am ſ. g. neuen Werder dadurch beigelegt, daß er den Biſchof zur theilweiſen Bewil⸗ ligung der Anforderungen des Kapitels zu bewegen wußte 1), ſo trat er auch als Schiedsrichter in einer Streitſache uͤber verſchiedene Beſitzungen zwiſchen dem Abte Eberhard von Pelplin und dem Johanniter-Komthur zu Schoͤneck Johann von Bortveld auf und genuͤgte dem Abte in deſſen Anſpruͤ⸗ chen durch ſeine gerechte Entſcheidung 2). Bald darauf aber fühlte Luther, ſchon in ziemlich hohem Alter, plotzlich eine ſehr bedeutende Abnahme feiner Kräfte. Er begab ſich im April ) nach Königsberg theils zur Gr: holung durch die Reiſe, theils um dort in der neuerbauten Kathedrale bei ihrer Einweihung ſein frommes Gebet zu ver⸗ richten. Er fuͤhlte hier jedoch mehr und mehr, daß ſein Ende bald nahen werde. Er ſah ihm getroſtes Muthes entgegen und es waren ſeitdem nur Gedanken uͤber das Jenſeits, mit denen er ſich Tage lang beſchaͤftigte. Schon am fuͤnften April hatte er verordnet, daß nach ſeinem Tode an ſeinem 1) urkunde in Privileg. Capituli Pomezan. p. VI. 2) Original⸗Urk. des Hochmeiſters datirt: a. d. 1335 die Martis infra octavas Epiphanie in Marienburch domo nostra principali im geh. Arch. Schiebl. LIX. Nr. 22. 3) Dieſe Reiſe muß in die Mitte des Aprils fallen, denn nach einer von ihm ausgeſtellten Urkunde mit dem Datum: Marienburg in vigilia Ramispalmarum a. d. 1335 Magistratus nostri anno quinto befand er ſich am 8. April noch im Ordenshauſe und nach einer andern mit dem Datum: in Stuma a. d. 1335 Magistratus nostri quinto, feria secunda post festum Pasche war er am 18. April noch zu Stuhm.
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Tod des Hochmeiſters Luther v. Braunſchweig (1335). 513 Grabe in der Mitte des Chores in der Domkirche, welches er bereits hatte zubereiten laſſen, ein ewiges Licht brennen ſolle, wozu er der Kirche eine ſehr reichliche Spende an Geld übergab. Er beftimmte ferner, daß der Kirche der zum Hochamte benöthige Wein für immer geliefert und an feinem Todestage alljährlich dem Domſtifte ein ausgezeichnetes Gaſt⸗ mahl mit dem ausgeſuchteſten Getraͤnke gegeben, welcher Tag aber jeder Zeit mit Vigilien und Meſſen feierlich begangen werden ſollte ). Mit der feften Zuſicherung, daß dieſe Stif⸗ tung des wohlgeſinnten Meiſters auf ewige Zeit unwandel⸗ bar erhalten werden ſolle, nahm dankbar das Domkapitel das fromme Vermaͤchtniß auf 2). Und nur zu bald kam es auch zur Ausfuͤhrung. Noch im April, bald nach der Oſter⸗ zeit dieſes Jahres ) ſtarb Luther von Braunſchweig, „der 1) Solche Gedaͤchtnißmahle waren damals nicht ungewoͤhnlich. So fegte im J. 1327 auch der Biſchof Johannes von Samland eine gewiſſe Summe aus in anniversario obitus nostri pro communi pictantia seu reſectione canonicorum; Urk. im Buche: Handfeſt. des Biſth. Sam: land p. IV. 2) Die Urkunde hierüber datirt a. d. 1835 Nonas Aprilis deutſch und lateiniſch im Buche: Rigaiſche Handlung p. 123. Nachdem der largae elemosinae et subsidia erwähnt iſt, womit der Meiſter die Kirche begabt, heißt es Über die Stiftung ſelbſt: Donavit ac apud nos et ec- clesiam nostram comparavit legittime — ad perpetuam predicti ma- gistri generalis memoriam in nostra ecclesia faciendam unum cereum sine intermissione lucentem atque supra tumulum in medio chori nostri, ubi posiquam domino disponente vitam hanc miseram mu- taverit in iocundam corpus suum requiescere disposuit et elegit inextingwibiliter pendentem et vinum pro divino officio in nostra ec- clesia celebrando perpetuis temporibus ac unam petanciam (i. e. pi- ctantiam) duo scilicet fercula bona et delicata ultra consueta cum potu optimo, qui tunc reperiri poterit vel haberi pro refectione no- stri collegii ad unum prandium singulis annis in die obitus eiusdem venerabilis magistri, qui quidem dies anniversarius vigiliis et missa- rum solempniis a nobis nostrisque successoribus ac singulis de nostro collegio cum devotione debita peragetur. 3) Man ift Über das Todesjahr dieſes Hochmeiſters immer ſehr zweifelhaft geweſen, indem ſelbſt manche aͤltere Quellen ganz falſche und verſchiedene Angaben enthalten; fo laͤßt z. B. die Ordenschron. bei Mat- IV. 33
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514 Tod des Hochmeiſters Luther v. Braunſchweig (1335). reine und weiſe Meiſter“, zu Koͤnigsberg und ward ſeiner Verordnung gemaͤß in dem von ihm ſelbſt ſchon vorbereiteten Grabe in der Kathedralkirche mit vieler Feierlichkeit zur Ruhe beigeſetzt, nachdem er vier Jahre als Hochmeiſter und Lan⸗ desfürft der Verwaltung des Ordens vorgeſtanden 1). thaeus p. 776 ihn ſchon im J. 1332 ſterben. Neuere, als De Wal T. III. p. 179 und Recherches T. II. p. 321, Kogebue B. II. S. 391 u. a. ſetzen ſeinen Tod ins J. 1333, geſtuͤtzt auf das Datum der Urkunde bei Dogiel T. IV. Nr. 56 und bei Sommers berg Scriptt. rer. Siles. T. II. p. 78, die nach der dortigen Angabe ſchon am Sonntage Invocavit (13. Febr.) 1334 von Luthers Nachfolger Dieterich von Al⸗ tenburg ausgeſtellt ſeyn ſoll. Allein der erſte Blick auf dieſe Urkunde zeigt ſogleich, daß ihr Datum falſch iſt und daß ſie ins J. 1336 gehoͤrt, indem ſie ja von dem zu Wiſſegrad geſchloſſenen Frieden (1385) als von einem vor ihr liegenden Ereigniſſe ſpricht. Die hier ſchon erwaͤhn⸗ ten Original-⸗Urkunden aber, wozu noch eine Verſchreibungsurkunde im Original, datirr; 1335 magistratus nostri anno quinto, feria secunda post festum Pasche, alſo um die Zeit des Todes dieſes Meiſters, kommt, beweiſen unwiderleglich, daß ſein Todesjahr 1335 iſt, wie es auch Wigand. Marb. I. c. Lindenblacts Jahrb. S. 362, Schütz p. 67 u. a. angeben. Ungewiß aber bleibt fein Todestag, denn Urkunden und chroniſtiſche Angaben weiſen nur darauf hin, daß er im April um die Oſterzeit ſtarb. Zwar ſagt Leo p. 146: morte obiit Luderus, et qui- dem in Ecclesia ad quam se deferri feria sexta proxima post Pascha ad divina audienda fecerat; allein dieſe Angabe iſt faſt wörtlich aus Simon Grunau Tr. XII. c. 1 uͤberſetzt und alſo zweifelhaft. Bald nach Oſtern muß Luther allerdings geſtorben ſeyn, denn erſtlich hat man bald nach dieſem Feſte keine Urkunden mehr von ihm; zweitens beweiſet das Datum einer Urk. feines Nachfolgers: Marienburg sub a. d. 1336 in crastino ascensionis domini Magistratus nostri anno se- cundo, daß dieſer ſchon vor dem 11. Mai 1335 das Meifteramt ange treten hatte. 1) Daß der Hochmeiſter zu Königsberg geftorben ſey, ſagt nicht bloß Schütz a. a. O., ſondern auch Wigand. Marb. I. C.: finem clau- sit in Choro Canonicorum in Konigisberg; obgleich andere Chroniſten, z. B. Chron. Oliv. p. 54. Annal. Oliv. p. 46 nur von feinem Be⸗ graͤbniſſe in Koͤnigsberg berichten. Ueber dieſes Begraͤbniß in der Dom⸗ kirche iſt kein Zweifel; aber daß der Dom erſt fo weit in feinem Aufbau gediehen geweſen ſeyn ſollte, daß er in einer etwa mannhohen Blende in der Mauer hätte beigeſetzt werden muͤſſen, wie zuerſt Simon Gru⸗
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Tod des Hechmeiſters Luther v. Braunſchweig (1335). 515 Luther von Braunſchweig ſchied aus dem Leben mit dem einſtimmigen Lobe aller, die ihn kannten und noch in ſpaͤteren Jahren ruhten auf ſeinem Namen die ruͤhmlichſten Erinnerungen. Allgemein anerkannt war ſeine ſtrenge Ge⸗ rechtigkeitsliebe gepaart mit Milde und Guͤte. Unabweislich und unwandelbar waltete unter ihm das Geſetz, es mochte irgend einen Gegenſtand des bürgerlichen Lebens oder den Ordensbruder in ſeinen beſondern Verhaͤltniſſen des Ordens betreffen ). Es wird erzählt, daß er einfimal einen geld⸗ feilen Richter in der Stadt Salfeld, der ſich durch ehebre- cheriſchen Umgang mit dem Weibe eines reichen Buͤrgers im Einverſtaͤndniſſe mit dem Ehemanne zu einem gewiſſenloſen Urtheile gegen eine Wittwe gewinnen ließ, die ihre ſchoͤne Tochter ſeinen Luͤſten nicht Preis geben wollte, durch vier Pferde habe zerreißen laſſen, nachdem er den reichen Buͤr⸗ ger gleichfalls zum Tode und die Ehebrecherin zum Brand: mark und zur Landesverweiſung verurtheilt hatte 2). Wie ſeine Handlungen uͤberall von Umſicht, Beſonnenheit und Weisheit zeugten), fo war fein Wandel durchaus rein und unbeſcholten. Selbſt Feinde des Ordens wagten es nicht, mit Unglimpf uͤber ſeinen Charakter zu ſprechen und konnten nau Tr. XII. c. 1, und nach ihm Henneberger p. 286 und Baczko B. II. S. 107 berichten, iſt ſehr zweifelhaft, denn wenngleich eine Mauervertiefung noch vorhanden iſt, worin die Bildſaͤule eines Mannes (nicht eines Ordensritters) und mehre Gebeine liegen, ſo ſpricht doch die obenerwähnte Urkunde von einem tumulus in medio chori und der Bau des Doms war im J. 1335 gewiß ſchon fo weit gediehen, daß er eingeweiht werden konnte. Lucas David B. VI. S. 118. 1) Ordenschron. bei Matthaeus p. 775, wo beſonders feine Milde, aber auch ſeine ſtrenge Zucht gegen ſeine Ordensbruͤder geruͤhmt wird. Chron. Oliv. p. 54. Henneberger p. 285. 2) Man licfet dieſe Geſchichte weitläuftiger bei Schätz p. 64, Leo p. 142; aber auch bei Simon Grunau Tr. XII. c. 2, vielleicht die Quelle für jene beiden, weshalb fie nicht zu verbuͤrgen iſt. De Wal T. III. p. 130. 3) Dieſes Lob ertheilt ihm ein zeitgendſſiſcher Dichter; ſ. Hennig Hiſtor. crit. Wuͤrdigung einer hochdeutſch. Ueberfegung eines Theils der Bibel S. 15. 8
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516 Tod des Hochmeiſters Luther v. Braunſchweig (1335). es nur tadeln, daß er nicht friedfertiges Sinnes geweſen ſey ). Gegen Kirchen und Kloͤſter, zumal gegen das ſchöne Oliva bewies er ſich jederzeit ſehr mildthaͤtig und freigebig, beſchenkte ſie oft mit anſehnlichen Spenden und nahm ſich gerne und mit Eifer im Streite uͤber ihre Rechte und Be⸗ ſitzungen ihrer Sache vertheidigend an 2); daher er fuͤr Bit⸗ ten und Wuͤnſche von Biſchoͤfen, Aebten und andern Geiſt⸗ lichen auch leicht zugaͤnglich gefunden wurde. Er ſelbſt be⸗ fchäftigte ſich auch gerne mit kirchlichen und religioͤſen Din⸗ gen und nicht ſelten fand man ihn ſingend im Chore mitten unter Geiſtlichen, da er den Kirchengeſang ganz beſonders liebte. Als die beſondere Schutzheilige ſeines Lebens verehrte er vorzuͤglich die heilige Eliſabeth, mit welcher er durch ſeine Abſtammung verwandt war und die mit dem heiligen Adalbert als die Schutzpatronin der Samlaͤndiſchen Kirche angebetet wurde ). Ihr vor allen widmete er ſeine frommen Weihun⸗ gen und Lobgeſaͤnge ). Ueberhaupt zeigt fein für alles Edle und Schoͤne reger Sinn von einer trefflichen Eziehung, die er einſt als Juͤngling im Haufe feiner fürftlichen Aeltern ge⸗ noſſen haben mußte und von einer emſigen Fortbildung ſei⸗ nes Geiſtes auch im Laufe ſeines Ordenslebens. Er liebte nicht nur die Dichtkunſt und naͤhrte und erhob ſeinen Geiſt durch ihre Schoͤpfungen, ſondern er war auch ſelbſt Dichter; er beſang unter andern das Leben der heiligen Barbara, die⸗ ſer im Orden ſo hochverehrten Heiligen, deren Haupt, wie 1) Dieſen Tadel ſprechen die Polniſchen Chroniſten uͤber ihn aus. 2) Im Chron. Oliv. p. 52 heißt es: Iste Magister secundum stemmatis sui generositateın fuit in moribus generosus et praecipue in hoc, quod se omni clero et specialiter Religiosis se exhibuit gra- tiosum, de quo experientia me saepius fecit certum, cum coram eo aliquot Monasterii negotia placitarem, ad partem Monasterii defen- dendam ipsum sensi proniorem, und weiterhin: Iste Magister fuit vir beneficus et benignus, diligens et promovens cultum Dei, hoc enim sibi quam naturale fuit a progenitoribus. 3) urkunde des Biſchofs Johannes von Samland vom J. 1327. 4) Wigand, Marb. p. 282. Hennig Hiſtor. crit. Würdigung u. ſ. w. S. 15.
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Luthers v. Braunſchweig Verdienſte um die Bildung (1335). 517 wir hoͤrten, einſt der tapfere Marſchall Dieterich von Bern⸗ heim in der Burg Zartowitz aufgehoben und gen Kulm ge⸗ bracht hatte!). Wie aber dieſes Gedicht des edlen Meifters in der Zeit untergegangen iſt, ſo hat ſich auch von ſeinen übrigen dichteriſchen Schoͤpfungen keine Spur, ſelbſt nicht einmal der Name der Gegenſtaͤnde, die in ihnen beſungen waren, bis auf unſere Zeit erhalten. Des Meiſters Beiſpiel aber und ſeine Liebe zu Dichtung und Geſang erweckte da⸗ mals im Ordenslande auch manches andere Talent zu glüͤck⸗ lichen Verſuchen in der Dichtkunſt und es verbreitete ſich in Preuſſen bald eine befondere Vorliebe für Poeſie. So über: ſetzte durch ſeinen Meiſter ermuntert der Ordensprieſter Ni⸗ colaus Jeroſchin die Chronik des Ordensprieſters Peter von Dusburg in Deutſche Reime, obgleich ſein erſter Verſuch in der Zeit dieſes Hochmeiſters noch vor der Vollendung wie⸗ der unterging und unter dem naͤchſten Meiſter von neuem begonnen werden mußte 2). Auf ſeine Bitte verfaßte ein 1) S. oben B. II. S. 438. — Ueber des Hochmeiſters Gedicht von der heil. Barbara haben wir das Zeugniß des Ordensprieſters Jero⸗ ſchin P. III. c. 36. Ihm lag das Gedicht ſelbſt vor. Daß aber Luther außerdem noch mchres gedichtet habe, bezeugen die Worte bei Wigand. Marb. I. c.: vulgares libros composuerat und dieſe libri vulgares find offenbar Gedichte in Deutſcher Sprache. Vgl. Hartknoch Kirchen⸗ geſchichte S. 196. Alt und Neu Preuſſ. in der Vorrede. Piſanski Preuf. Literaͤrgeſch. S. 81. 2) Jeroſchin ſagt ſelbſt in feiner Vorrede, wiewohl etwas dunkel: Ich weiß es iſt gnug leuten kund Daß ich hatte vor der Stund Ouch czu tichtene begunt By Meiſtere Ludere (ſo Gott ſyn Sele nere) Dies Buch durch ſine bete und das geſchrieben hatte Quinternen me davon vire Die von dem argen Tire Vertilget wurden Gotte weiß Daß Joſephus Rock zureiß Davon. Was ich nu mache Das iſt gar eine Sache Des hoemeiſter Dietherich.
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518 Luthers v. Braunſchweig Verdienſte um die Bildung (1335). anderer uns unbekannter Dichter den Propheten Daniel in einer poetiſchen Deutſchen Ueberſetzung !), und ohne Zweifel verdanken wir ſeiner Ermunterung auch die dichteriſche Pe⸗ riphraſe des Buches Hiob, die ein Deutſcher Ordensbruder wahrſcheinlich unter ihm begann und unter ſeinem Nachfol⸗ ger beendigte 2). In ſolcher Weiſe wurde unter Luther von Braunſchweig das Ordenshaupthaus Marienburg der Aufent⸗ halt der erſten Saͤnger und Dichter, die im Ordenslande auftraten und Religion und Landesgeſchichte waren die erſten Gegenſtaͤnde, welche ſich die Muſe der Dichtkunſt zu ihrem Stoffe waͤhlte. Ein Fuͤrſt aber, wie Luther von Braunſchweig, der fo viel Sinn und fo regen Eifer für das Höhere und Eblere, was das Leben aus der Gemeinheit des Tages emporhebt, offenbarte, mußte im Bewußtſeyn des hohen Werthes geiz ſtiger Bildung wohl vor allem auch ſtreben, eine höhere Bil dung zum Gemeingute des Volkes zu machen und es zeugt von des Meiſters verſtaͤndiger Umſicht, daß es zunaͤchſt die Verbeſſerung des Schulunterrichtes war, dem er nicht ſelten feine regſte Thaͤtigkeit zuwandte ). So ertheilte er unter andern den Domherren des Samlaͤndiſchen Stiftes das Recht der Beſetzung und die Oberaufſicht uͤber die Schulen der bei⸗ den Stadttheile Koͤnigsbergs, welche die Altſtadt und Pre⸗ gelmuͤnde oder der Kneiphof genannt wurden; aber er be⸗ ſtimmte zugleich, daß die Beſetzung dieſer Schulen jeder Zeit nur durch einen wiſſenſchaftlich gebildeten, wohlgeſitteten und in gutem Rufe ſtehenden Mann geſchehen und die Knaben 1) Das Weitere hierüber ſ. in Hennigs Hiſtor. crit. Wuͤrdi⸗ gung u. ſ. w. S. 15 — 16. Piſanski a. a. O. 2) Hennig a. a. O. S. 10 — 12. 5) So wurde das im Privilegium von Mohrungen unbeachtet ge— bliebene Schulweſen im J. 1333 im Auftrage des Hochmeiſters vom Or⸗ densſpittler zu Elbing Siegfried von Sitten beſſer geordnet; in der Urkunde beſtimmt der Ordensſpittler: regiminis civitatis scholaris col- lalionem nobis ac nostris fratribus Elbingeus. assiguamus fiendam, attzmen sinzul consilio consulum Alorungen.
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Luthers v. Braunſchweig Verdienſte um die Bildung (1335). 519 beider Staͤdte nur dieſe Schulen zur Betreibung ihrer Stu⸗ dien und ihres Unterrichtes und keine andern beſuchen ſoll⸗ ten, ſo lange ſie noch bei ihren Aeltern wohnten. Die hin⸗ zugefuͤgte Verordnung aber, daß an Feſttagen und wann es fonft noch noͤthig ſey, ſechs und zwanzig von dieſen Schuͤ⸗ lern zum Geſange bei der Feier des Gottesdienſtes in der Pfarrkirche der Altſtadt ſich einfinden ſollten, iſt wiederum ein Beweis von des Meiſters beſonderer Vorliebe für einen ſchoͤnen Kirchengeſang ). So erhielt die Domſchule in Koͤ⸗ nigsberg unter dieſem Hochmeiſter ihre erſte Begruͤndung und der edle Braunſchweiger hinterließ auch den Buͤrgern die⸗ ſer Stadt ein Denkmal, welches ſeinen durch ſo viele Ver⸗ dienſte verewigten Namen auch in ihren Mauern nie vergeſ⸗ ſen ließ. 1) Dieſe Verordnungen gab der Hochmeiſter in einer Urkunde datirt: in Konigisberg Sabbato quatuor temporum venite adoremus a. d. 1333, worin er dem Biſchofe von Samland und deſſen Domkapitel alle ihnen vom Hochmeiſter Konrad von Feuchtwangen und dem Landmeiſter Konrad Sack verliehenen Freiheiten und Rechte beſtaͤtigt und dann den Bau einer neuen Kathedrale in Koͤnigsberg bewilligt. Als Urſache dazu wird an⸗ gegeben: Favente domino in eadem civitate nostra auetus est populus, cultum eciam domini expediens est augeri. Für die Benennung des einen Stadttheiles von Königsberg find die Worte merkwürdig: die Kathedrale möge erbaut werden in illa parte Civitatis nostre Konges- berg, que pridem abusive Knibabe appellabatur, in antea vero Pre- gorinunde nominabatur. Die Beſtimmung in Betreff der Schulen heißt: Eisdem (Canonicis) couferimus et donamus jus conferendi scolas bone opinionis viro literato in artibus et morigerato ambarum civitatum nostrarum antique Kongesberg et Pregormunde. Quarum ambarum civitatum pueri easdem scolas et non alias, dum manere apud suos parentes eos contigerit, frequentare pro suis studiis et disciplinis debebunt. Die Urkunde befindet ſich im Buche: Handfeſten des Biſth. Samland p. III.
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Siebentes Kapitel, Als die Gebietiger in Deutſchland und Livland von dem Hinſcheiden des Hochmeiſters Luther von Braunſchweig be⸗ nachrichtigt, zugleich auch zur Wahl eines neuen Oberhaup⸗ tes des Ordens in das Haupthaus Marienburg eingeladen waren und der Großkomthur Graf Guͤnther von Schwarz⸗ burg, wie das Geſetz beſtimmte, die Verwaltung des Landes uͤber vier Monate gefuͤhrt hatte, vereinten ſich die herbeige⸗ kommenen hohen Ordensbeamten am funfzehnten Auguſt des Jahres 1335, als an dem angeordneten Wahltage ) im 1) Lucas David B. VI. S. 119 nahm nach Simon Grunau Tr. XII. c. 6 den Tag Assumtion. Mariae oder den 15. Auguſt 1335 als Wahltag an, und aus derſelben Quelle auch Henneberger p. 287, Leo p. 146, Pauli S. 183 u. a. Die Angabe iſt richtig. Zwar konnte die ältere Auctorität von Lindenblatts Jahrb. S. 362, nach welchem die Wahl „off den tag des heiligen cruͤczis als irhaben wart“, alſo am 14. Septemb. geſchehen ſeyn ſoll, deshalb auch glaubhafter ſcheinen, weil an dieſem Tage nach den Ordensgeſetzen (Hennigs Or⸗ densſtatut. S. 222) immer an ſich ſchon ein Ordenskapitel gehalten wurde. Allein wir haben eine Originalurkunde im geh. Arch. Schiebl. XLVIII. Nr. 2 mit dem Datum: in Marienburch a. d. 1335 in Octava Assumtionis Marie virg., worin des fratris Theod, generalis Magistri Ordinis ſchon erwähnt und von einer Verſammlung der Ordensritter in Marienburg geſprochen wird, wonach es alſo kein Zweifel iſt, daß Die⸗ terich am 15. Auguſt gewählt ſeyn muß. Wigand. Marb. I. c. hat die wunderliche Angabe: Eodem anno 52 Nonas May in die Inventionis s. Crucis ſrater Theodericus de Aldenburg item eligitnr in Marschal- kum, Saxo nacione. Anno 1336 32 Kal. April. idem Theodericus fit Magister generalis; ſie iſt aber ſicherlich falſch und daher auch von
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Dieterich von Altenburg Hochmeiſter (1335). 521 Ordenskapitel zu Marienburg zur Kuͤr des neuen Meiſters und einſtimmig ward der edle und tapfere Marſchall Burg⸗ graf Dieterich von Altenburg als der wuͤrdigſte des hohen Amtes erkannt. Ein Sachſe von Geburt war er aus dem ed⸗ len und hochberuͤhmten Stamme der Burggrafen von Alten⸗ burg entſproſſen, der Sohn des Burggrafen Albrecht des Dritten von Altenburg). Wahrſcheinlich im Jahre 1255 geboren und mit ſeinem aͤltern Bruder Heinrich ſchon zwi⸗ ſchen den Jahren 1298 und 1300 in den Deutſchen Orden eingetreten, da ſein Stammhaus von jeher eine beſondere Vorliebe fuͤr dieſen Ritterverein bewieſen und um das Or⸗ denshaus in Altenburg ſich manche Verdienſte erworben 2), hatte er ſeitdem ſich als Komthur und Gebietiger in mehren Ordenshaͤuſern nicht bloß durch ſeine kriegeriſche Tapferkeit und ſeine Kuͤhnheit in den Kaͤmpfen mit den heidniſchen Litthauern und im Kriege mit Polen nicht ſelten ſehr hervor⸗ Schütz p. 67 nicht aufgenommen. Wenn nun Dieterich feine Urkunden 3. B. datirt: Marienb. sub a. d. 1336 in crastino ascens. domini Ma- gistratus nostri anno secundo oder sub anno 1338 in festo S. Petri et Pauli Apost. anno IVto nostri Magistratus, fo zählte er entweder vom Tode ſeines Vorgaͤngers an, oder er geht mit den Jahren von Chriſti Geburt fort. 1) Wir folgen in dieſer Angabe Huth's Geſchichte der Reichsſtadt Altenburg bis zu ihrem endlichen Anfall an das Haus Meißen. Altenb. 1829 S. 221 und 228, da ſie uns in jeder Hinſicht begruͤndeter ſcheint, als die Nachweiſungen in der Mantissa diplomat. Historiae Comit. Leisnic. ap. Mencken Scriptt. rer. German. T. III. p. 1077 — 1078 und bei Pauli S. 184 oder De Wal T. III. p. 183. Huth a. a. O. widerlegt die gewöhnlichen Meinungen Über feine Abſtammung, beſon⸗ ders die, daß er aus dem gräflichen Haufe von Oldenburg entſproſſen ſey. Dieterich nennt ſich in allen feinen zahlreichen Urkunden Burg- gravius de Aldenburg. 2) In Altenburg befand ſich ein Ordenshaus, welches unter dem Landkomthur von Thuͤringen ſtand und nach ſpaͤtern Verzeichniſſen zehn Ordensbruͤder und einige Geiſtliche zu Bewohnern hatte. Schon in einer Urkunde vom J. 1248 kommt ein Commendator domus theut. in Al- denburg vor, ſ. Huth a. a. O. S. 273, wo mehres uͤber dieſes Or⸗ denshaus geſagt iſt.
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522 Dieterich von Altenburg Hochmeiſter (1335). gethan, ſondern auch durch einen vielfachen Wechſel ſeiner Verhaͤltniſſe eine nicht gewöhnliche Erfahrung und Kenntniß der Weltverhaͤltniſſe geſammelt ). Schon im Jahre 1307 ſtritt er als Ritterbruder des Convents zu Ragnit mit Aus⸗ zeichnung gegen die Litthauer 2) und betrieb dieſen Kampf gegen das heidniſche Volk auch forthin mit beſonderem Eifer, zumal nachdem er mit dem Komthuramte zu Ragnit beklei⸗ det ſich um ſo mehr der Befehdung der Heiden hingeben konnte, und wir ſahen, wie er auf einer ſolchen Kriegsfahrt die Vorburg der Gedimins-Burg aufbrannte. Wenige Jahre als Komthur in das Haus Balga verſetzt, beſchaͤftigte ihn hier mehr die Pflege und Verwaltung ſeines Komthurgebie⸗ tes und im Barterlande verdankten ihm die Stadt Barten⸗ ſtein und die Burg Luͤneburg ihre Entſtehung ). Seit Wer⸗ ners von Orſeln Tode ſchmuͤckte ihn die Marſchallswuͤrde und der Krieg mit dem Könige von Polen ward vorzüglich unter ſeiner Leitung gefuͤhrt, wie ihn denn uͤberhaupt dieſes Amt mit an den wichtigſten Angelegenheiten des Landes Theil nehmen ließ. Und fuͤnf Jahre hatte er ihm mit Ruhm und Auszeichnung vorgeſtanden, alle Zeit wacker und tüchtig befunden, als ihm zum Lohne ſeiner Verdienſte das hehre Amt des oberſten Meiſters zu Theil ward. Schon ſieben und dreißig Jahre lang mit dem Ordensmantel geſchmuͤckt und unter den Waffen ergraut, uͤbernahm er es als achtzig⸗ jaͤhriger Greis, doch noch friſches Muthes, reges Geiſtes und ruͤſtig und beruͤhrig an Kräften *). In demſelbigen General-Kapitel war der neue Meiſter vor allem darauf bedacht, die wichtigſten Gebietigeraͤmter mit Maͤnnern zu beſetzen, die ihm als Rathgeber und Gehuͤlfen in Sache des Friedens wie des Krieges kraͤftig und thaͤtig zur Seite ſtehen koͤnnten. Die Wuͤrde des Großkomthurs 1) Das Chron. Oliv. p. 54 nennt ihn lobend vir prudens et in- dustrius. 2) Dusburg c. 293. 3) Dusburg c. 355. 4) Lucas David B. VI. S. 119. Schütz p. 67.
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Benedict XII und der Deutſche Orden (1335). 523 verblieb noch einige Zeit dem Grafen Guͤnther von Schwarz⸗ burg; Heinrich Duſemer trat in das erledigte Amt des Mar⸗ ſchalls ein; Siegfried von Sitten bekleidete fortan das Amt des Ordensſpittlers und Hartung von Sonnenborn das des Ordenstrapiers und Komthurs von Chriſtburg. Ludolf Koͤnig genannt von Weizau behielt auch ferner noch die ihm vom vorigen Meiſter anvertraute Verwaltung des Ordensſchatzes als Treßler und die wichtige Wuͤrde des Landkomthurs von Kulm verſah jetzt der brave Ritter Heinrich Reuß, der ſich ſchon fruͤher als Komthur der Burg Birgelau im Kriege ge⸗ gen Polen ſehr hervorgethan !). Außerdem ward in dem Kapitel noch manches andere berathen, was das Heil des Ordens und des Landes betraf. Es ſchien den Gebietigern vorzuͤglich wuͤnſchenswerth, mit dem paͤſtlichen Stuhle, an welchen den Orden ſo viele Bande knüpften, wieder in ein freundlicheres Verhaͤltniß zu tre⸗ ten und die Lage der Dinge ſchien dazu jetzt guͤnſtig. Der Papſt Johann der Zweiundzwanzigſte, der es dem Orden nie vergeſſen konnte, daß er ſich mit ſo feſter Treue der Sache ſeines bittern Feindes, des Kaiſers Ludwig hingegeben, war bereits gegen das Ende des Jahres 1334 geſtorben und als ſein Nachfolger Benedict der Zwoͤlfte auf den paͤpſtlichen Stuhl geſtiegen, ein Mann, der keineswegs von ſo ſtuͤrmi⸗ ſchen Leidenſchaften wie ſein Vorgaͤnger getrieben, ſogleich nach ſeiner Wahl zur Verſoͤhnung mit dem Kaiſer Schritte that, welche keiner von ihm erwartet hatte. Und wie er ſich an mehre Freunde des Kaiſers wandte, um durch ſie eine Suͤhne Ludwigs mit dem paͤpſtlichen Stuhle zu bewirken 2), ſo gab er auch den erſten Anlaß zu einem freundlicheren Verſtaͤndniſſe mit dem Deutſchen Orden. Er meldete ihm nämlich nicht nur in einem ungewoͤhnlich weitlaͤuftigen Be⸗ richte die auf ihn gefallene Wahl, feine Salbung und Kroͤ⸗ — 1) Dieſe Angaben beruhen auf Urkunden. Folglich ſind faſt alle Namen der Gebietiger unrichtig, welche Lucas David B. VI. S. 119 als in dieſem Kapitel erwaͤhlt anfuͤhrt. 2) Vgl. Mannert Ludwig IV S. 376.
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524 Benedict XII und der Deutſche Orden (1335). nung, ſondern mit dem offenherzigſten Geſtaͤndniſſe des Man⸗ gels ſeiner Kraͤfte zur Verwaltung des ſchweren Amtes erſuchte er den Orden auch in faſt demuͤthigen Bitten, bei der Feier feiner General= Kapitel die göttliche Gnade für ihn anzuflehen, daß ihm die nöthige Kraft verliehen werde, der Kirche wuͤr⸗ dig und mit Nutzen vorzuſtehen. „Und weil denn euer krie⸗ geriſcher Orden, fuhr er fort, von ſeinem Beginne an als Saͤule des chriſtlichen Glaubens eingeſetzt iſt, ſo muntern wir euern großherzigen Eifer auf, daß alle aus euerer Zahl, die auf das ritterliche Kriegswerk eingeſchrieben und hinge⸗ wieſen ſind, den Feinden des Glaubens maͤnnlich und kraͤftig Widerſtand leiſten mögen, auf daß fie nicht, was Gottes Huͤlfe verhüte, Über die Bekenner des Glaubens uͤbermaͤchtig werden, ſondern mit Schmach bedeckt zu Grunde gehen und in ſchimpflicher Verwirrung vernichtet bleiben, Chriſto dem Heilande als dem Haupte unſeres Glaubens zu Ruhm und Preis; denn je eifriger ihr in des Herrn Dienſt und fuͤr den Glauben thaͤtigwirkſam werdet, deſto reichlicher wird für euch die Gnade der goͤttlichen Erbarmung ſeyn und deſto mehr verdienet ihr, den ſuͤßen Lohn des apoſtoliſchen Wohlwollens zu genießen und im Schutze der Gunſt des paͤpſtlichen Stuh⸗ les geſichert zu werden. Und ſo oͤffnen auch wir euch den Schooß unſerer Huld und werden eueren Vortheilen, ſoviel wir vor Gott vermögen, mit vaͤterlicher Güte entgegenkom⸗ men"). Sowohl der Geift und die Geſinnung, von welcher die ſes Schreiben des neuen Papſtes zeugte, als auch die Form ſeiner Abfaſſung und ſelbſt die Art, wie es dem Orden uͤber⸗ bracht wurde?), waren die klarſten Beweiſe, daß Benedict 1) Die Bulle datirt: Avinion. V Idus Ianuar. p. n. a. primo (9. Januar 1335) im geh. Arch. Schicbl. VII. Nr. 1. 2) Es heißt nämli in der erwähnten Bulle: Cum sicut intel- leximus portitores huiusmodi litterarum interdum esse consueverint contra intentionem mittentium exactores, nunc importune petitionis instantia, nunc etiam murmurationum susuriis ac detractionum et querularum comminationibus exigendo, scire vos volumus, quod nostre
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Benedict XII und der Deutſche Orden (1335). 525 das fruͤhere friedliche und freundliche Verhaͤltniß des Ordens zum paͤpſtlichen Stuhle wiederherzuſtellen wuͤnſchte. Es laͤßt ſich erwarten, daß dieſer Schritt des Papſtes im ganzen Or⸗ den mit ungetheilter Freude betrachtet worden ſey. Zwar iſt uns nicht berichtet, wie man dieſe Geſinnungen des heil. Vaters erwiedert habe; gewiß aber geſchah es nicht ohne Mitwirken der oberſten Ordensgebietiger in Preuſſen, daß wenige Tage nach des neuen Hochmeiſters Wahl der Cuſtos der Minoritenbruͤder in Preuſſen und die Guardiane dieſes Ordens in Thorn, Kulm, Neuenburg, Braunsberg, Leſlau und Raczianz in einem Schreiben an den Papſt die Verdienſte der Deutſchen Ordensritter „um das Haus Israels“ bei Bekaͤmpfung der grauſamen Preuſſen ruͤhmend auseinander ſetzten und den heil. Vater uͤber ihren Eifer im Gottesdienſte, ihre Ehrbarkeit der Sitten, ihre Herablaſſung, ihre Strenge in Beobachtung ihrer Ordensregel, ihre Mildthaͤtigkeit gegen Arme, ihr Wohlwollen gegen ihre Unterthanen, ihre Strenge in den Strafen gegen Uebertreter ihrer Ordensgeluͤbde, ihre Wachſamkeit in Erhaltung des Friedens und der Eintracht unter ſich und in ihren Landen, ihre Wohlthaͤtigkeit und Gaſtfreundſchaft gegen alle Religioſen und beſonders auch gegen die Bruͤder des Minoriten⸗Ordens nach Pflicht und Gewiſſen genauer unterrichteten !). Dann ſprachen fie in intentionis existat, latoresque presentium iurare voluimns, quod ad exigendum vel obtinendum aliquid preter ea qne ad victum vel ob infirmitatis ac alios casus necessaria per alias eis sub certa forma litteras quas vobis exhiberi mandamus, ministrari precipimus, tali- bus.... murmurationibus, detractionibus seu comminationibus non utantur, nec recipere oblata presumant. Ideoque ut nostris in hoc intentione et beneplacitis concurratis, prefatis eorum....- ceterisque similibus si forsan eis quod non est verisimile uti presumerent contra proprium iuramentum, contemptis omnino, vos ultra premissa , ipsis nostro ministrando mandato, tribuendo aliquid non gravetis, cum.... extorsiones huiusmodi, sed alias retributione congrua, intendamus ipsorum laboribus respondere. 1) Sie fagen freilich in dem Schreiben auch ſelbſt: Nos ab eorun- dem ſratrum Generali Magistro viro utique spectabili et omnium vir-
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526 Benedict XII und der Deutſche Orden (1335). Ruͤckſicht des Eifers der Ordensritter in der Vertheidigung der Glaͤubigen das offene Bekenntniß aus, daß ohne die Heldenmuͤthigkeit und ohne die einmuͤthige Anſtrengung des Ordens im Gegenkampfe wider die Verſuche der Unglaͤubigen dieſes ganze Land und der groͤßte Theil der nahen Gebiete ganz offenbar mit Verdraͤngung aller Glaͤubigen in eine Ein⸗ oͤde verwandelt und dem allgemeinen Verderben Preis gegeben ſeyn würde ). In gleicher Weiſe ſandten bald nachher an den Papſt auch die Priore des Prediger-Ordens in Elbing 2), Danzig, Kulm, Thorn, Dirſchau und Brzeſc ein aͤhnliches Schreiben mit der Bitte, die Ordensritter als wahrhafte Glaubenskaͤmpfer in feinen Schutz und feine Gunſt zu neh⸗ men, und mit der ruͤhmlichſten Erwähnung ihres Eifers für religibſe Belehrung in Errichtung neuer Gotteshaͤuſer, in eh⸗ renvoller Behandlung und reicher Beſchenkung der Geiſtlichen u. ſ. w. ). Vor allem aber wies man in dieſem Schreiben mit aller Abſicht darauf hin, daß auch Polen dem Orden unendlich viel zu verdanken habe, indem er dieſes Land nicht nur gegen die Einfaͤlle der Heiden vertheidigt, ſondern durch ſeinen Eifer im Kampfe gegen ſie das Reich vom gaͤnzlichen tutum probitate conspicuo domino videlicet et fratre Theoderico de Aldenburc requisiti humiliter et rogati ea que de ipsorum fratrum vita, statu et moribus experientia teste scimus et sentimus nullius timoris inpulsu, nullius amoris vel odii privati affectione extra veri- tatis tramitem deflexi, sanctitati vestre per tenorem presentium du- ximus propalanda. 1) Originalurkunde datirt: in Marienburch a. d. 1335 in Octava Assumpcionis Marie virg. mit 13 Siegeln im geh. Arch. Schiebl. XLVIII. Nr. 2. 2) Der von Elbing nennt ſich Guillielnus Elbingensis prior et inquisitor heretice pravitatis. 3) Außer der auch in dieſem Schreiben geruͤhmten Friedensliebe, Gaſtfreundſchaft, Wohlthaͤtigkeit und ſtrenger Beobachtung des Gottes⸗ dienſtes heißt es noch: multiplicant et erigunt de die in diem novas ecclesias et ecclesiasticas personas necnon et religiosas honoribus et beneficiis munificis amplectunt, Nuncios insuper sancte Romane ecclesie prout patuit in magistro lacobo de Rota et Galhardo de Carceribus summa enın reverencia suscipiunt et pertractant.
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Der Friedensſpruch zu Wiſſegrad (1335). 527 Untergange gerettet!). Das Ziel aber, worauf die Erklaͤ⸗ rung berechnet war, ließ ſich wohl leicht erkennen, denn es lag klar am Tage, daß man den Papſt in der obwaltenden Streitſache des Ordens mit dem Koͤnige von Polen für den erſtern gewinnen wollte ?). Dieſe Verhaͤltniſſe mit Polen aber nahmen jetzt auch an ſich ſchon eine fuͤr den Orden ſehr guͤnſtige Wendung. Nach⸗ dem ſich naͤmlich die beiden Koͤnige von Ungern und Boͤhmen als erkorene Schiedsrichter uͤber den Ort ihrer Zuſammenkunft verſtaͤndigt, fand in den erſten Tagen des Novembers auf der Burg Wiffegrad in Ungern eine aͤußerſt glänzende Ver⸗ ſammlung Statt, denn außer den beiden erwähnten Koͤnigen erſchienen dort auch der Koͤnig Kaſimir von Polen ſelbſt, Herzog Rudolf von Sachſen, Markgraf Karl von Maͤhren, des Boͤhmiſchen Koͤniges Sohn, Herzog Boleslav von Schle⸗ ſien nebſt mehren Erzbiſchoͤfen, Biſchoͤfen und vielen andern edlen Herren. Von Seiten des Ordens ſah man dort den Landkomthur von Kulm Heinrich Reuß, einen in Unterhand⸗ lungen ſehr gewandten Ritter, mit ihm Marquard von Spar⸗ renberg Komthur von Thorn und Konrad von Brunigsheim Komthur von Schwez ). Nachdem die Könige in glaͤnzen⸗ 1) Et signanter Poloniam ab insultu infidelium fideliter armis sue defenderunt potencie, ut digno et merito post innumerabiles quasi triumphos de hostibus sint in eterna memoria sancte ecclesie et in laude, Et nisi dietorum fratrum multe sollicitudinis fuisset in- dustria, dudum regnum tocius Polonie lamentabiliter periisset. 2) Das Schreiben ift datirt: Elbingi Warmiensis Dyocesis a. d. 1335 Kaleudas Septembr., im Original im geh. Arch. Schiebl. XLVIII. Nr. 8. 3) Die Namen dieſer Komthure find in der Urkunde bei Dogzel T. IV. Nr. LVII ſehr verdorben. Marcardus de Sparrenberg oder Merkel von Sparrenberg, fruͤher Hauskomthur zu Chriſtburg, iſt zu unterſcheiden von Luther von Sparrenberg, der in den Jahren 1323 bis 1326 Komthur zu Thorn war. Der Name Konrads von Brunigs⸗ heim wird ſelbſt in Urkunden verſchieden gefunden, bald de Bruneushe;m oder Brunygesheim, bald Brungisbeym, aber nie Brunestein, wie ihn Dogiel I. c. hat. Heinrich Reuß wird in der Urkunde noch provincialis de terra Culmensi genannt. Werners Geſammelte Nachrichten S. 83.
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528 Der Friedensfprud zu Wiſſegrad (1335). den Feſtlichkeiten und fuͤrſtlichem Gepränge ſich bewillkommt und die Verhandlungen uͤber ihre eigenen gegenſeitigen Ver⸗ haͤltniſſe beendigt hatten!), wurde die Streitſache des Or⸗ dens und des Koͤniges von Polen der Hauptgegenſtand ihrer Berathungen. Johann von Boͤhmen wuͤnſchte jetzt nichts ſehnlicher als die Herſtellung des Friedens zwiſchen ihm und dem Orden und den Koͤnigen von Ungern und Polen ?), denn je ernſtlicher und eifriger im Laufe dieſes Jahres die Aus⸗ ſoͤhnung des Kaiſers, ſeines nunmehrigen offenen Feindes, mit dem Papſte betrieben ward und je mehr ſich Ludwig bemuͤht hatte, durch ſeinen Sohn den Markgrafen von Bran⸗ denburg auch den König von Polen für ſich zu gewinnen ), um ſo mehr mußte es ſein Ziel ſeyn, zur Erreichung ſeiner ehrgeizigen Plane durch Beilegung der alten Zwiſtigkeiten jene beiden bisherigen Widerſacher auf ſeine Seite zu ziehen. Er betrieb daher die Unterhandlungen mit ungemeiner Thaͤ⸗ tigkeit; aber ſie dauerten dennoch mehre Wochen lang, denn die Ordensgebietiger waren mit Verhaltungsregeln verſehen und legten zum Abſchluſſe des Friedens einen Entwurf vor, welche viele Verhandlungen nothwendig machten). Endlich fiel die ſchiedsrichterliche Entſcheidung dahin aus: die Land⸗ 1) Darüber Dubrav Histor. Bohem. Francof. p. 562. Bonfin. Rer. Hungar. Dec. III. L. IX. p. 324. Auf die gegenfeitigen Ver⸗ bältniffe der Könige beziehen ſich auch die Urkunden bei Ludewig Relig. Mscr. T. V. Nr. 74. S. 593 wegen des Titels des Koͤniges von Polen, auf den Johann fuͤr 20,000 Schock Groſchen verzichtet, ferner Nr. 76 und 77 S. 600 602. Dogiel T. I. Nr. 2. p. 2. 2) Deshalb ſchon im Mai 1335 der Waffenſtillſtand zwiſchen Jo⸗ hann und Kaſimir von Polen, Ludewig I. c. Nr. 75. ©. 595. Ka⸗ ſimir verzichtete zu Gunſten des Koͤniges von Böhmen auf den Beſitz von Schleſien, ſ. Sommersberg Scriptt. rer. Siles. T. I. p. 774-775. 3) Ludewig Reliqu. Mscr. T. II. Nr. LXX. p. 291. 4) Dieſer Entwurf befindet ſich ohne weiteres Datum im geh. Arch. Schiebl. LX. Nr. 12 mit der Ueberſchrift: Isti sunt articuli. quos petiit dominus Magister generalis et fratres ordinis domus thewt. petiunt a domino Kazimiro Magnifico Rege Polonie, que de verbo ad verbum in instrumento pacis et concordie debent describi, sicut hic continentur.
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Der Friedensſpruch zu Wiſſegrad (1335). 529 ſchaften Cujavien und Dobrin mit allen zu ihnen gehörigen Gebieten und Bezirken, welche erblich an die Krone Polens gefallen ſind und namentlich in Cujavien auch der Landestheil des Herzogs Kaſimir, ſoll Koͤnig Kaſimir forthin in Friede und Ruhe beſitzen!) und auf feine Nachkommen vererben, doch mit Ausſchluß aller der Guͤter und Beſitzungen, welche in beiden Landſchaften der Orden ſchon vor des Krieges Be⸗ ginn gehabt, deren Beſitz ihm auch fernerhin in ihrer ganzen Ausdehnung verbleiben ſoll. Das Land Pommern dagegen nach ſeinen alten Graͤnzen ſoll der Orden hinfuͤro ungeſtoͤrt und auf immer im Beſitze behalten, indem Koͤnig Kaſimir zum Heile ſeiner und ſeiner Vorfahren Seelen es ihm zu einem ewigen Almoſen und um des Friedens willen uͤberlaͤßt, auf alle ſeine Rechte und Anſpruͤche Verzicht leiſtet?) und es dem Orden in eben dem Rechte und in eben der Art uͤber⸗ traͤgt und ſchenkt, wie ihm ſeine Vorfahren das Kulmerland geſchenkt und uͤbertragen haben. Außerdem ſollen aller ge⸗ genſeitig veruͤbte Schaden und ſonſtige Beeintraͤchtigungen im Ganzen abgethan und davon nie mehr die Rede ſeyn ), und endlich ſollen alle im Laufe des Krieges von ihren Guͤ⸗ tern in Cujavien, Dobrin, im Kulmerland und Pommern geflüchteten Lehensleute auf ihre Güter wieder zuruͤckkehren 1) Darauf bezieht ſich auch die Chron. Anonym. Archid. Gnesn. p. 97. 2) Die Ordensbevollmaͤchtigten ſollten nach ihrer Inſtruction dar⸗ auf halten, daß der König verzichte auf alle Anſpruͤche super territo- riis Culmensi, Pomeranie, Michilovie, Xenithen, Castro Nessoviensi cum suis pertinenciis necnon Curiis Orlow et Morin, quinquaginta mansis ante Golubam et totidem ante Sulischow ex parte nostra (i. e. Regis) fluvii Driwancz, similiter et ville Stikelin in territorio Slunicensi sieut in suis antiquis graniciis continetur, quinquaginta eciam mansis, quos magister et fratres in terra Syradiensi ex pri- vilegio, quod habent, debent habere. 3) In der Inſtruction für feine Geſandten bezog ſich der Hoch⸗ meiſter beſonders auch auf den Schaden, der venerabilibus patribus dominis Episcopis seu aliis prelatis ecelesiarum aut Religiosis qui- busvis locorum quorumcunque sive monasteriorum monachorum aut Monialium in Polonia geſchehen fey. IV. 34
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530 Der Friedensſpruch zu Wiſſegrad (1335). oder auch nach deren freien Veraͤußerung ſich, wohin ſie wollen, begeben duͤrfen. Auf dieſe Beſtimmungen geſchah der Friedensſpruch zu Wiſſegrad am vierundzwanzigſten November im Jahre 1335 1). Die Landſchaft Dobrin hatte der Koͤnig von Polen bereits einige Tage zuvor dem bisherigen Herzoge Wladislav von Lancziz und Dobrin, ſeinem nahen Verwandten, wieder zu⸗ geſprochen und dieſer auch den Orden von allem Erſatze des ihm zugefuͤgten Schadens frei und ledig erflärt?). Allein es war noch bei weitem nicht alles eroͤrtert, was fuͤr die Folge den Frieden haͤtte ſichern koͤnnen. So hatte der Hoch⸗ meiſter verlangt, daß der Koͤnig ihm fuͤr allen von Polen aus zuzufuͤgenden Schaden die Staͤdte Krakau, Sendomir, Sandez, Kaliſch, Poſen, Brzeſc und Leſlau verbuͤrgen und daß die Barone, Caſtellane und Buͤrger dieſer Staͤdte jeder Zeit fuͤr den Schadenerſatz aufkommen ſollten; er hatte ferner vom Koͤnige die Zuſicherung verlangt, daß alle Pilgrime und wer ſonſt mit Roß und Waffe zum Kampfe gegen die Un⸗ gläubigen durch Polen ziehen würde, einen ſichern und fried⸗ lichen Durchzug finden ſollten, daß aber der Koͤnig ſelbſt den Heiden im Kampfe gegen den Orden mit Rath und That niemals zu Huͤlfe ſtehen, und endlich daß er den Orden ge⸗ gen alle Anſpruͤche der Herzoge von Cujavien und anderer Fuͤrſten außer allen Streit ſetzen wolle, wenn ſolche nach der Uebergabe der Städte Brzeſc und Leſlau etwa irgend Zwiſt erheben wuͤrden. Ueber dieſes alles war im ſchiedsrichterlichen Spruche der beiden Koͤnige nichts beſtimmt, ſowie auch Ka⸗ ſimir ſelbſt hierüber keine weitere Zuſicherung ausſtellte. So ſchieden alſo die Koͤnige und die Ordensgebietiger in Wiſſe⸗ 1) Dieſer ſchiedsrichterliche Ausſpruch in mehren Transſumten aus den 3. 1393 und 1421 im geh. Arch. Schiebl. XXVIII. Nr. 15 und Schiebl. LX. Nr. 8 — 13, gedruckt bei Dogiel T. IV. Nr. LVII; wie aber hier, ſo iſt auch der Abdruck in den Actis Boruss. B. III. S. 545 nicht fehlerfrei; vgl. auch Dlugoss. p. 1033. 2) urkunde datirt: In alto castro feria tertia post b. Elisabeth bei Ludewig l. c. Nr. 78 p. 604.
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Neue Störung des Friedens mit Polen (1335). 531 grad aus einander, ohne allen Stoff zu fernerem Zwiſte be⸗ ſeitigt zu haben 1). Freilich ſuchte der Koͤnig von Boͤhmen uͤber einzelne noch uneroͤrterte Punkte den Hochmeiſter einſtweilen durch Hoffnungen zu beruhigen ), ihm in einem Schreiben unter andern meldend: „Wiſſet, daß ich bei dem Könige von Un⸗ gern drei Wochen gelegen fuͤr euere und eueres Ordens Ge⸗ ſchaͤfte und daß ich dieſe aufs beſte als ich mochte, beſchickt habe, wie euch euere Bruͤder, die mit uns waren, vollkomm⸗ lich unterrichten moͤgen. Zuerſt ſoll euch der Koͤnig von Po⸗ len Entſagebriefe ſenden fuͤr ſich und ſeine Erben auf die Lande Kulm ), Pommern und auf lautere Freundſchaft in zukuͤnftiger Zeit; der Koͤnig von Ungern aber und wir ſelbſt werden euch Gezeugbriefe Über dieſe Entſagung des Koͤniges von Polen und uͤber die zwiſchen euch geſchloſſene Freund⸗ ſchaft geben.” Außerdem verſprach Johann dem Hochmeiſter von Seiten des Koͤniges von Polen auch ein Bittſchreiben an den Papſt um deſſen Beſtaͤtigung uͤber die von ſeinen 1) Vgl. hierüber auch Lucas David B. MI. S. 119 ff. 2) Dlugoss. p. 1032 fagt vom Könige: Apparuit, Ioannem Bo- hemiae Regem, Advocati magis quam arbitri officio fungi, et calli- ditate eloquentiaque qua pollebat, partem Cruciferorum, quorum erat arbiter, quorumque expensis adductus, largitionibusque et muneri- bus inescatus, praesumebatur enixe deſendere. 3) Auch auf dieſes Land erhoben die Polen wieder Anſpruͤche, frei⸗ lich unter einem ganz ſonderbaren Vorwande. Herzog Leſtko hatte naͤm⸗ lich fruͤherhin als Zeuge ausgeſagt: quod vidit pluries privilegium sive litteras et in manibus suis tenuit et etiam legit, in quibus contine- batur, terram Culmensem pertinere ad Regnum Polonie, et ultimo vidit illud apud Boleslaum ducem Masovie patruum suum, qui sibi ostendit illud dicens, quomodo haberemus ius in terra Culmensi et si nunc non potest recuperari, saltem recuperetur per alios succes- sores. Item quidam Magister de ordine predicatorum Inquisitor he- retice pravitatis, unus de testibus vocatis, per quendam magistrum generalem dictum Karolum ad Marienburg, ibi inter multa privilegia, que idem magister sibi dabat ad legendum, vidit privilegium ducis Conradi de concessione terre Culmensis, quod legit a principio usque ad finem, in quo continebatur, quod supra dictum est. 34 *
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532 Neue Störung des Friedens mit Polen (1335). Vorfahren an den Orden geſchehene Schenkung über das Kulmerland, ferner Briefe des Koͤniges, der Biſchoͤfe und anderer geiſtlichen und weltlichen Perſonen des Koͤnigreiches über die Verzichtleiſtung auf Erſatz des im Kriege ihnen zu⸗ gefügten Schadens, und endlich auch Entſagebriefe des Koͤ⸗ niges von Ungern auf Pommern und das Kulmerland, weil dieſer als Kaſimirs Schwager einſt ebenfalls Anſpruͤche auf dieſe Lande erheben möchte !). Dieterich von Altenburg erwartete die voͤllige Vollziehung dieſer friedlichen Verhandlungen nicht ohne einen freudigen Blick auf die kommenden Jahre ſeines Meiſteramtes und auf das Heil des Landes, welches der Friede einſt herbeifuͤhren werde, denn außer der freundlicheren Stellung, in die der Orden bereits zum paͤpſtlichen Hofe getreten war und außer der Ruhe, die im Ganzen ſeit mehren Jahren in Livland herrſchte, erfreute ihn um dieſe Zeit, wie in dem letzten Jahre ſeines Lebens auch ſeinen Vorgaͤnger Luther von Braunſchweig, eine ſehr freundſchaftliche erneuerte Zuſicherung des Herzogs Georg von Klein-Rußland über die fernere Fortdauer der Eintracht, des Friedens und des Vertrauens, in welchem immer ſchon Rußlands Fuͤrſten zu den Meiſtern des Ordens geſtanden ). 1) Dieſer Brief datirt: Am ſuntage do man inne ſinget ad te do- mine levamine im Jare gotts M. CCC. XXXV. ſteht im Fol. des geh. Arch. „Des Ordens Handlung wider Polen“ p. 56— 57. Mehre der angegebenen Briefe hatte der Hochmeiſter in der Inſtruction ſeiner Be⸗ vollmaͤchtigten auch ausdruͤcklich verlangt. 2) Das Original dieſer Urkunde datirt: In Wlademiria a. d. 1335 tredecimo Kal. Novemb. in vigilia undecim millium sanctarum vir- ginum im geh. Arch. Schiebl. LXXXI. Nr. 5. Der Fuͤrſt nennt ſich hier Georgius dei gratia natus dux tocius Russie mynoris und als fruͤhere Fuͤrſten, die mit dem Orden ſolche Freundſchaftsvertraͤge ge⸗ ſchloſſen, werden erwaͤhnt Romanus, Danyelis, Leo, Georgius et An- dreas. Zugleich fuͤhrt der Fuͤrſt auch die wichtigſten ſeiner Großen an, welche dieſen Freundſchaftsvertrag mit beſtatigten; ſ. Kotzebue B. II. S. 397. Die Freundſchafsverſicherung des naͤmlichen Fuͤrſten an Luther von Braunſchweig iſt datirt: In Lemburga proxima feria sexta ante
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Neue Störung des Friedens mit Polen (1336). 533 Und doch wurde dem Hochmeiſter Dieterich die Ausſicht auf friedliche Tage der Zukunft bald nur zu ſehr getruͤbt. Vom paͤſtlichen Hofe her erfreuten ihn zwar auch ferner noch manche Beweiſe des fortdauernden Wohlwollens !); allein gerade in Polen ging die Hoffnung auf den Frieden fuͤr einige Zeit faſt gänzlich wieder unter. Als nämlich der Kö: nig Kaſimir, im Anfang des Jahres 1336 in ſein Reich zu⸗ ruͤckgekehrt, vom Meiſter ſofort die Räumung von Cujavien und Dobrin verlangte, erhielt er die Antwort: ſie werde un⸗ verzuͤglich erfolgen, ſobald des Koͤniges Praͤlaten, Reichs⸗ großen und Staͤdte den Schiedsrichterſpruch als genehmigt erklaͤrt und der Koͤnig ihm die Verzichtbriefe uͤber Pommern, Kulmerland und Michelau uͤberſandt haben werde. Die For⸗ derung war gerecht und klug, denn bekanntlich war die Stel⸗ lung des Königed zu den Reichsgroßen von der Art, daß ohne der letztern Zuſtimmung und Genehmigung nichts von Wichtigkeit im Reiche geſchehen und am wenigſten uͤber den Umfang und das Graͤnzgebiet des Koͤnigreiches eine Veraͤn⸗ derung eintreten konnte: ein Verhaͤltniß, welches dem Hoch⸗ meiſter viel zu bekannt war, als daß das Zugeſtaͤndniß dieſer Reichsgroßen nicht ſeine erſte Bedingung bei Erfuͤllung ſeines Verſprechens haͤtte ſeyn muͤſſen, zumal da er ohnedieß wohl durch ſeine zuruͤckgekehrten Bevollmaͤchtigten von der Stim⸗ mung der Barone und Praͤlaten des Reiches ſchon unterrich⸗ tet ſeyn mochte ?); denn als bald hierauf der König feine Reichsgroßen auf einen Tag verſammelte, war es ihm in dominicam Invocavit a. d. 1334, im Original im geh. Arch. Schiebl. LXXXI. Nr. 4. 1) So unter andern eine Bulle des Papſtes, datirt: Avinion. VI Idus Februar. p. n. a. II (8. Febr. 1336) in brei Abſchriften im groß. Privilegienb. p. 12. 51. 87, worin er dem Orden alle feine Freiheiten und Privilegien, die er je von Päpften, Königen und Fuͤrſten erhalten, beſtaͤtigt. 2) Dlugoss. p. 1036 giebt ſelbſt zu erkennen, daß der Hochmeiſter wohl wußte, quod sine eorum (i. e. Baronum, Praelatorum etc.) consensu omnis alicnatio Regni censetur irrita et inanis.
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534 Kriegszug nach Samaiten (1336). keiner Weiſe moͤglich, ihre Zuſtimmung in den ſchiedsrichter⸗ lichen Spruch zu erhalten !). Dem Hochmeiſter war es ſchmerzlich, auf ſolche Weiſe die Hoffnung des Friedens faſt gaͤnzlich wieder vereitelt zu ſehen, denn es mußte ihm an der Erhaltung der Ruhe gegen Polen jetzt um ſo mehr gelegen ſeyn, da gerade um die Zeit der Aufforderung des Koͤniges wegen der Raͤumung Dobrins und Cujaviens wahrſcheinlich auf den erneuerten Ruf des Papſtes zur Bekaͤmpfung der heidniſchen Litthauer abermals Schaaren von ſtreitluſtigen Kriegern nach Preuſſen herbeigezogen waren. Mag es ſeyn, daß der neue Papſt die Fortſetzung des Kampfes gegen die Heiden, den er, wie er kurz zuvor erklärt, als des Ordens unerlaͤßliche Pflicht anſah, in Deutſchland wieder ſelbſt angeregt oder daß der Hochmei⸗ ſter, den paͤpſtlichen Ermahnungen folgſam, Fuͤrſten und Rit⸗ ter im Reiche zum Glaubenskampfe aufgefordert hatte, zumal da die Litthauer, nachdem ſie mehre Jahre lang ihre kriege⸗ riſche Kraft auf Eroberungen und Raubzuͤge nach Rußland verwendet 2), jetzt nach deren Beendigung wieder ungleich drohender gegen die weſtlichen Nachbarlande daſtanden; ſchon im Februar des Jahres 1336 erſchienen in Preuſſen an der Spitze anſehnlicher Streithaufen der Markgraf Ludwig von Brandenburg ), der Graf Philipp von Namuͤr, ein Graf von Henneberg, mehre Ritter aus Frankreich und Oeſterreich und viele edle Herren in trefflicher Ruͤſtung an Zahl uͤber 1) Das Chron. Oliv. p. 47 jagt: Quod cum Rex ad senatum et comitia retulisset, omnes bellum maluerunt, quam tam ignominio- sam pacem. Lucas David B. VI. S. 122. Diugoss. p. 1036 ſtellt, wie gewohnlich, die Sache in einem für den Orden nachtheiligen Lichte dar, denn die ruͤhmliche Vorſicht des Hochmeiſters iſt ihm cal- iditas et vaſricia. Sehr richtig urtheilt hierüber De Wal T. III. p- 201 seq. 2) Kojalowiez p. 296 sey. Schloͤzer Geſchichte von Litthauen S. 67 — 68. Karamſin B. IV. S. 173 ff. und 197 ff. 3) Von dieſem Zuge des Markgrafen Ludwig von Brandenburg ſpricht auch Herman. Corner p. 1045, jest ihn aber faͤlſchlich ins J. 1334.
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Erſtuͤrmung der Burg Pillenen (1336). 535 zweihundert Helme ). Zu biefen Kriegsſchaaren fofort auch eine ſtarke Streitmacht aus dem Lande ſelbſt ruͤſtend brach der Meiſter an der Spitze dieſes Heeres zu Ende des Fe⸗ bruars, da die Kaͤlte die Wege uͤberall noch gangbar hielt, gegen die Lande der Heiden auf. Er nahm zuerſt den Zug gegen die altheidniſche Burg Pillenen im Lande Troppen, wahrſcheinlich in Samaiten nordoſtwaͤrts von Roſſiena hin⸗ auf, in welcher bedeutungsvollen Gegend man fruͤherhin die Heiden ſchon mehrmals bekaͤmpft hatte). Die Burg war 1) Wigand. Marb. p. 282. Scütz p. 68. Dlugoss. p. 1038. De Wal J. c. p. 203 ſagt von dem Grafen von Namuͤr: Philippe III Comte de Namur £toit le troisieme fils de Iean I et de Marie d' Ar- tois; bei Wigand. und Dlugoss. wird der Name de Namen genannt. Den Grafen von Henneberg nennt Pauli a. a. O. Berthold, nach Alb. Krantz Wand. L. VIII. c. 12 nicht unwahrſcheinlich. Bei Lu: cas David B. VI. S. 130 finden wir noch einen Grafen Ludwig von Baden, einen Grafen Philipp von Wochem, Rudolf und Paul Grafen von Henneberg, Othmar Grafen von Manſo und mehre andere; allein dieſe Namen fließen alle aus der ſehr verdaͤchtigen Quelle Simon Grunau Tr. XII. c. 8 und ſchon die Nachrichten, die Lucas Da: vid S. 129 — 130 über die Ereigniſſe dieſer Zeit mittheilt, laſſen an der Richtigkeit ſehr zweifeln. Schütz ſagt viel aufrichtiger, daß die rechten Namen vieler Anweſenden „durch die nachleſſigen Scribenten vergeſſen.“ 2) Der Name und die Lage dieſer Burg ſind allerdings etwas dunkel, da die Chroniſten fo ſehr darüber ſchwanken. Schätz 1. c. nennt ſie Pullen oder Pilleven (wahrſcheinlich zu leſen Pillenen); auch Lucas David a. a. O. hat Pullen, fuͤhrt jedoch auch den Namen Simon Grunau's Pylleien an. Schloͤzer S. 69 wollte ſtatt Pul⸗ len Punie leſen, aber nur weil er im Kojalowiez p. 300 arcem Pul- len seu rectius Punie gefunden, und Hennig zu Lucas David B. VI. S. 132 führt ein Puhnien in Samaiten unfern der Kurland. Gränge an. Halten wir uns aber an Wigand. Marb. als die älteftı und bewährtefte Quelle, fo finden wir bei ihm den Namen einmal Pil lenen mit dem Zuſatze in terra Troppen und bald darauf Poleucn. Wir halten Pillenen für das richtigere, theils ſchon wegen der ſprach⸗ lichen Bedeutung des Namens (Pile-Burg) und wegen der Auctorität des Chroniſten, theils auch weil wir bei dem alten Dichter, der zur Zeit Dieterichs von Altenburg fang (f. Hennigs Würdigung einer Hochdeutſ. Ueberſ. d. Bibel S. 11) die Burg Pelen genannt ſinden. Der
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536 Erſtuͤrmung der Burg Pillenen (1336). ſtark befeſtigt und mit Menſchen ganz angefuͤllt, denn als die Bewohner der umliegenden Gegend vom Anzuge des feind⸗ lichen Heeres vernommen, hatten ſich aus vier nahen Bezir⸗ ken über viertauſend Heiden mit Weib und Kind und aller Habe dahin gefluͤchtet zur Rettung ihres Lebens. Mit Schrecken ſahen ſie den Feind in ſeiner Staͤrke der Burg nahen; aber mit heldenmuͤthiger Tapferkeit wehrten ſie mehre Tage lang, befehligt von ihrem Fuͤrſten und Kriegsoberſten Marger, den feindlichen Anſturm von ihren Mauern zuruͤck. Ohne Raſt und Ruhe dauerte der Kampf Tag und Nacht, und wie die Ordenskrieger Hoffnung zu reicher Beute und Rache im Blute der Heiden lockte, ſo fochten die Burgbewohner fuͤr alles, was ihnen nur irgend heilig und theuer war, fuͤr ihre Goͤt⸗ ter, fuͤr ihre Freiheit, fuͤr Leben und Eigenthum, fuͤr Weib und Kind. Lange hinderten ſie mit Kuͤhnheit die Ausfuͤllung der Burggraben und beſſerten im Augenblicke der Ruhe das zertruͤmmerte Bollwerk und die niedergeworfenen Wehren aus, entſchloſſen das Aeußerſte zu wagen und lieber das Theuerſte zu opfern, als ſich dem Feinde zu ergeben. Aber es leuch⸗ tete ihnen kein gluͤcklicher Stern. Die Burggraben wurden mehr und mehr gefuͤllt; das Wurfgeſchuͤtz und die Belage⸗ rungsmaſchinen zertruͤmmerten die Burgwehren und Befeſti⸗ gungswerke jede Stunde mehr. Es war keine Hoffnung zur Rettung und als endlich die Stunde der Entſcheidung nahete, ergriff die wackeren Vertheidiger die hoͤchſte Verzweifelung. Da heißt der tapfere Fuͤrſt Marger inmitten der Burg ein maͤchtiges Feuer entzuͤnden 1); zuerſt werfen fie alles hinein, jetzige Ort Piljany zwiſchen den Fluͤſſen Njewjeſcha und Schuſchwa auf der Straße von Kjeidany nach Beiſſagola in Samaiten weiſet klar auf den Namen der alten Burg hin, was ſich dadurch noch beftäs tigt, daß in den Wegeverzeichniſſen uͤber jene Gegend auch des Gebietes Trappen oder Troppen wirklich erwähnt wird. Von der religiöfen Wichtigkeit dieſer Gegend iſt oben ſchon geſprochen. 1) Die Erzaͤhlung, daß ein Ritter Werner von Rhendorf oder Rondorf unter 30 Bogenſchüͤtzen 10 Schock Feuerpfeile ausgetheilt habe, die von dieſen ohne Unterlaß gegen die Burg geſchoſſen das Holzwerk an allen Orten in Brand geſetzt und die Burg mit allen, die darin ge⸗
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Erftürmung der Burg Pillenen (1336). 537 was ihnen an Habe und Gut noch uͤbrig war; dann erwuͤr⸗ gen die Gatten ihre Frauen, die Väter ihre Kinder und uͤber⸗ geben die Leichen der lodernden Flamme; nun wenden die verzweifelten Krieger die bluttriefenden Schwerter gegen ſich ſelbſt; einer ſtoͤßt dem andern das Schlachtſchwert in die Bruſt; mehr als hundert bieten ihre Häupter dem Opferbeile einer alten Prieſterin dar, die ſich ſelbſt den Todesſtreich giebt, als der Feind in die Burg eindringt. Da ſtürzt der Fuͤrſt den Einſtuͤrmenden entgegen und ſchlaͤgt die Erſten mit mächtiger Hand nieder; als er aber ſieht, daß Widerſtand nicht fruchtet, wirft ſich flüchtend „der große, ſtarke Heune“ in ein nahes Erdgeſchoß, wo er fein geliebtes Weib verbor⸗ gen, ſtoͤßt dieſem das Schwert in die Bruſt und giebt zuletzt ſich ſelbſt den Tod. Mit Schauder nahmen die Deutſchen Krieger das entſetzliche Blutbad wahr und faſt erſtarrte ihr Blut, als ſie den Boden der graͤßlichen That betraten. Es war bald nichts mehr als Schutt und Menſchenaſche übrig, denn die ganze Burg ging in Flammen auf; nur einige we⸗ nige der nahen Bewohner wurden als Gefangene aufgegriffen. Bei ſolchem Geiſte des Volkes aber wagte das Deutſche Kriegsheer nicht weiter in das Land einzudringen. Nur mit geringem Kriegsruhme trat es alsbald die Ruͤckkehr an und noch nie war ein Kriegsheer mehr mit Wunden bedeckt nach Preuſſen zuruͤckgekommen 1). weſen, verzehrt haͤtten, hat Simon Grunau a. a. O. zur erſten Quelle, ging dann zu Lucas David B. VI. S. 131 über und wurde von den Neuern aufgenommen. Der ältere Wigand. Marb. und die aus ihm ſchöͤpfenden Chroniſten wiſſen nichts davon. Uebrigens zerreißt dieſe Erzählung auch den ganzen Gang der Ereigniſſe, wie ihn Schultz und Dlugoss. aus Wigand. Marb. auffaßten. 1) Die Hauptquellen über dieſe Ereigniſſe find Wigand. Marb. I. c. und die aus ihm ſchoͤpfenden Chroniſten Schutz p. 68. Dlugoss. p. 1038; auch Kojalowicz p. 300 — 301. Cromer p. 300 alles wie Diugoss. Lucas David B. VI. S. 130 erzählt das Meiſte Simon Grunau nach und laͤßt daher auch nicht den Hochmeiſter, ſondern den Marſchall das Heer anführen. Schütz benutzte aber hier den Wigand. vollſtändiger, als unſer Auszug iſt. Uebrigens enthält dieſer hier auch
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538 Einfall der Polen ins Land (1336). Zu dieſem fruͤhen Ruͤckzuge aber bewogen den Hoch⸗ meiſter auch manche betruͤbende Nachrichten aus den Graͤnz⸗ gebieten der Drewenz her. Kaum naͤmlich hatten die Polen Kunde erhalten, daß der Meiſter in Preuſſen mit ſeiner Kriegsmacht wider die Heiden ausgezogen ſey, als Koͤnig Kafimir, gewiß weniger aus eigenem Antriebe, als durch das taͤgliche Anrathen und Bereden der unzufriedenen Reichs⸗ großen verhetzt, unterſtuͤtzt durch die Beihuͤlfe des Erzbiſchofs von Gneſen und mehrer von deſſen Suffragan-Biſchoͤfen, mit einer Heerſchaar in die Gebiete des Ordens einfiel und dort, ohne nach Gebrauch dem Meiſter den Frieden zuvor aufzukuͤndigen, alles durch Raub, Feuer und Schwert ver⸗ nichtete, was ſeinem Heere begegnete; und da ſelbſt ein Heerhaufe von heidniſchen Litthauern mit unter ſeinen Fahnen ſtand, ſo wurden auch viele Kirchen der Verwuͤſtung Preis gegeben und gewiß wuͤrden des Koͤniges Raubhorden noch tiefer in das Land eingedrungen ſeyn, haͤtte nicht die Nach⸗ richt von des Meiſters Ruͤckkehr aus Samaiten den verhee⸗ renden Feind in ſein Land zuruͤckgeſcheucht. So befremdend indeß und fo kraͤnkend dieſer argliſtige Friedensbruch des Koͤ⸗ niges dem Meiſter war und ſo bedenklich immer ſchon Kaſi⸗ mirs raſtloſer Eifer in Befeſtigung ſeiner Burgen und Staͤdte in den naheliegenden Landen dem Orden ſeyn mußte !), fo konnte Dieterich von Altenburg ſich doch nicht entſchließen, mit Gleichem zu vergelten und ſo die Kriegsflamme wieder hell auflodern zu laſſen, weil er die Schuld weniger dem Koͤnige als den erbitterten Reichsgroßen zumeſſen mochte. Es ergingen jedoch ſogleich Klagſchriften ſowohl an den Kai⸗ fer Ludwig, als an die Könige von Ungern und Böhmen, worin er Kaſimirs feindliches Verhalten berichtete mit der manches Unverſtaͤndliche, z. B. wenn es heißt: In tali conflictu pagani sic volnerati multi hinc equitabant, unde Comes de Hennenberg ibidem bene se habuit in hoc castro; alſo zeichnete ſich der Graf vielleicht ganz beſonders aus? Vgl. auch das Fragment des alten Dich⸗ ters bei Hennig Hiſtor. crit. Wuͤrdigung u. ſ. w. S. 11. 1) Chron. Anonym. Archid. Gnesn. p. 98.
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Befeſtigung Marienburgs (1336). 539 Bitte, ihr ſchiedsrichterliches Anſehen gegen ihn von neuem geltend zu machen, und auf ihre nachdruͤcklichen und drin⸗ genden Ermahnungen gab nun Kaſimir die feſte Zuſicherung, er werde an dem von den Koͤnigen gethanen Spruche und ihren angeordneten Beſtimmungen nicht nur fernerhin getreu feſthalten und ſie unverbruͤchlich wahrnehmen, ſondern uͤber⸗ haupt auch gegen den Meiſter, ſeinen Orden und ſeine Lande von Johannis-Tag an auf ein ganzes Jahr keine Neuerung beginnen oder ſie in irgend einer Weiſe verletzen und beein⸗ trächtigen, und ſofern ſolches dennoch geſchehe, fo verſpreche er fir den erlittenen Schaden unverzuͤglich nach dem Befehle und Ermeſſen der erwaͤhnten Koͤnige dem Orden die voll⸗ kommenſte Genugthuung zu leiſten 1). Nachdem in ſolcher Art das Ordensgebiet gegen Polen vorerſt wenigſtens wieder ſicher geſtellt und die Fuͤrſten aus Deutſchland der Heimat wieder zugezogen waren, wandte der Meiſter ſeine Sorgfalt auf die Sicherheit ſeiner Graͤnz⸗ lande um ſo mehr zunaͤchſt nach Oſten hin, als von den aufgereizten und ergrimmten Bewohnern Samaitens zur Rache neue Verheerungszuͤge ins Gebiet des Ordens ſehr zu be⸗ fürchten waren. Es war um Pfingſten, als er zur Abwehr des Feindes auf dem Werder Romayn (der Romove⸗Inſel) am Memel⸗Strome zwiſchen Welun und Biſten, alfo gerade in ſuͤdlicher Richtung von der vernichteten Burg Pillenen eine neue Feſte, die Marienburg genannt e), zu erbauen begann, 1) Die urkunde hierüber datirt: Cracovie in die s. Trinitatis a. d. 1336 in zwei Transſumten im geh. Arch. Schiebl. LX. Nr. 13 und 14, gedruckt bei Dogiel T. IV. Nr. LVIII. p. 55, überfegt bei De Wal J. c. p. 209. 2) Die Angabe bei Schütz p. 68, daß dieſes Marienburg in Liv⸗ land erbaut worden ſey, hatte ſchon bei Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 420 Bedenken und Widerſpruch erregt und dennoch folgt ihr noch Baczko B. II. S. 114 und auch Pauli S. 188 fand keinen Anſtoß. Wigand. Marb. belehrt uns eines ganz andern. Er ſagt, die Burg ſey erbaut worden in Insula Romayn inter Welyn et Beisten, wie auch Schütz angiebt. Dieſe Gegend iſt aus den Wegeverzeichniſſen ziemlich genau zu ermitteln. Wir fuͤhrten hieraus ſchon fruͤher an,
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540 Innere Landesverwaltung (1336). um ſomit zugleich den Ordensheeren den Uebergang ins feind⸗ liche Land zu erleichtern. Um den Bau ungeſtoͤrt zu vollen den, warf man gegen die feindliche Graͤnze eine ſtarke Wehr⸗ ſchanze auf, denn die Memel war damals ſo ſeicht, daß ſie leicht uͤberſchritten werden konnte. Bald zog jedoch eine ſo große Maſſe heidniſcher Kriegsvoͤlker gegen die Heerwache der Ritter heran, daß die Gebietiger fuͤr gut fanden, ſich aus der Gegend zu entfernen und den Bau fuͤr dieſesmal unbe⸗ endigt zu laſſen 1). Gerne richtete hierauf Dieterich von Altenburg eine Zeit⸗ lang ſein Augenmerk ausſchließlich auf die innere Landesver⸗ waltung und auf die ſtaͤrkere Befeſtigung der Ordensburgen. Keine von den letztern aber zog des Meiſters Thaͤtigkeit mehr auf ſich, als das Ordenshaupthaus Marienburg, denn das immer noch nicht ganz getilgte Kriegsfeuer, welches aus Po⸗ len drohete, machte es nothwendig, die erhabene Burg noch ungleich mehr zu bewehren und ſtaͤrker zu befeſtigen. Da ferner auch im Verlaufe der fuͤnfundzwanzig Jahre, ſeitdem ſie der hochmeiſterliche Sitz war, die Zahl der Ordensritter in der Burg ſich bedeutend vergroͤßert hatte, ſo ließ er die Hauptkirche im obern Hauſe, die urſpruͤnglich nur fuͤr den Convent eines bloßen Komthurhauſes berechnet geweſen war, anſehnlich verlaͤngern und unter ihr eine Kapelle als Todten⸗ daß Welun kein anderer Ort als das jetzige Wiliona an der Memel ſey und Biſten oder Beiſten zwiſchen Welun und Kauen oder Kowno gelegen habe. Nun wird aber in jenen Verzeichniſſen Marienburg an die Dobeſe, Dubiffe, jetzt Lubiſſa geſetzt und es iſt demnach die Lage der Burg genau ermittelt. Dort lag auch der Werder oder die Insula Romayn. 1) So hat Schütz I. c. den Wigand. Marb. verſtanden. Unſer Auszug iſt nicht ganz deutlich; es heißt: quo (sc. castro Marienburg) constructo erexit quoddam fortalicium, ibique pagani cum magno exercitu steterunt contra copiam fratrum et vi pepulerunt Magistrum de loco et ita domus mansit destructa et non completa. Die erſten Worte ſollen wahrſcheinlich heißen: „zum Aufbau der Burg errichtete er zuvor eine Wehrſchanze“, denn fonft ſtehen fie in Widerſpruch mit den letztern.
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Innere Landesverwaltung (1336). 541 gruft für die Hochmeiſter in dem verlaͤngerten Theile der Hauptkirche einrichten. Und um dieſes fromme Werk des Kirchenbaues wuͤrdig zu kroͤnen, ſtellte der edle Meiſter an der Suͤdoſtſeite des Gotteshauſes jenes weitbekannte, wun⸗ derbare Standgebilde der Jungfrau Maria mit dem Jeſus⸗ kinde auf dem Arme und der friedlichen Lilie in der Rech⸗ ten in der aͤußeren Mauerniſche der Sanct Annen-Kapelle auf, und noch heute iſt es ein Zeugniß des ſo großſinnigen als frommen Gedankens, mit welchem Dieterich den ganzen Bau ausführte '). Auch das Daſeyn mehrer Städte Preuſ⸗ ſens erinnert an Dieterichs als ihres Stifters Namen. Auf ſeinen Befehl ward Wehlau unter dem Schutze der dortigen Burg vom Marſchall und Komthur von Koͤnigsberg Hein⸗ rich Duſener von Arffberg noch im Jahre 1336 gegründet und mit den gewoͤhnlichen ſtaͤdtiſchen Freiheiten berechtigt 2). So waren im vorherigen Jahre auch die Staͤdte Liebmuͤhl durch den Ordenstrapier und Komthur von Chriſtburg Har⸗ tung von Sonnenborn, und Landsberg durch den Komthur von Balga Heinrich von Muro auf des Meiſters Geheiß entſtanden 2). Auch Preuſſiſch⸗Eilau fol auf feine Anord⸗ nung im Jahre 1336 gegründet ſeyn ). Deutſch⸗Eilau er hielt eine anſehnliche Erweiterung feines Stadtgebietes 5). Ferner trug der Meiſter Sorge, daß die Stadt Neuenburg am Weichſelſtrome ſtaͤrker befeſtigt und zur Vertheidigung gegen angreifende Feinde mit den noͤthigen Wehrthuͤrmen 1) S. das Naͤhere hieruͤber in meiner Geſchichte Marienburgs S. 123 — 124. 2) S. Erlaͤutert. Preuſſ. B. IV. S. 680. Das Datum des Gruͤn⸗ dungs⸗Privilegiums iſt: in Konigsberg die Conversion. Pauli a. d. 1336. 3) Die Gründungs=Urkunde der Stadt Liebmuͤhl hat das Datum: die Sylvestris Pape a. d. 1335. Das Datum der von Landsberg lautet in einer Abſchrift: die Agnet. a. d. 1335, in einer andern dagegen: die Agathae a. d. 1330. 4) Henneberger p. 129. 5) Zunächſt vom Ordenstrapier Hartung von Sonnenbornz Urk. im geh. Archiv.
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542 Kriegszug nach Litthauen (1337). verſehen wurde ). Auch in verſchiedenen bifchöflichen Staͤd⸗ ten des Landes traten mancherlei Veranderungen der fruͤheren Verhaͤltniſſe ein. So erhielt unter andern Marienwerder, nachdem die Buͤrger dort viele Jahre lang mit dem Dom⸗ ſtifte über einzelne Punkte ihrer alten Freiheiten unablaͤſſig Streit gefuͤhrt, auf das Geſuch des Rathes der Stadt vom Biſchofe Berthold ein neues Stadtprivilegium, welches nicht nur allem Hader mit dem Domſtifte vorbeugte, ſondern auch das Gedeihen und die Wohlfahrt der Stadt in al⸗ ler Hinſicht ſehr befoͤrderte, da eines Theils das ſtaͤdtiſche Gebiet anſehnlich erweitert, andern Theils die Zahl ihrer Rechte und Freiheiten vermehrt oder andere doch feſter ver⸗ ſichert wurden 2). Um in den Staͤdten Handel und Wan⸗ del zu erleichtern und die ſtaͤdtiſche Ordnung zu vervollkomm⸗ nen, berieth ſich der Hochmeiſter mit den vornehmſten Buͤr⸗ gern der groͤßeren Staͤdte des Landes auf einem Land⸗ tage zu Elbing uͤber die zweckdienlichſten Mittel, als uͤber die Einfuͤhrung eines gleichen Maaßes und Gewichtes im ganzen Lande und erließ dann die noͤthigen Verordnungen hieruͤber ). Nun zog aber mit dem Anfange des Jahres 1337 ein neues maͤchtiges Kriegsheer zum Kampfe wider die Heiden herbei und unterbrach des Meiſters Thaͤtigkeit in der Verwal⸗ tung feines Landes ). Es war der König Johann von 1) Original⸗Urkunde datirt: Thorun a. d. 1336 in octava Nati- vitatis virginis glor. im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 72. Die Urkunde betrifft eigentlich einen Streit zwiſchen der Stadt Neuenburg und dem dortigen Minoriten⸗Kloſter, welches ſich durch die neue Befeſtigung der Stadt beeintraͤchtigt fand. 2) Dieſes neue Privilegium von Marienwerder datirt: Marien⸗ werder am naͤchſten Dienſtag nach Oſtern im J. 1336 in Privileg. Capitul. Pomezan. p. XVIII. 3) Die hieruͤber abgefaßte Urkunde ſteht in dem Buche: Colmiſche Privilegia von Gewicht, Ellen, Hubenmaaß ꝛc., ſie iſt ohne Jahres⸗ angabe, gehoͤrt aber wahrſcheinlich in dieſe Zeit. 4) Die Klage, welche Hennig in einer Anmerk. zu Lucas Da⸗ vid B. VI. S. 133 darüber führt, daß dieſer Chroniſt, wie alle (2)
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Kriegszug nach Litthauen (1337). 543 Boͤhmen ſelbſt, welcher ſtets von neuer Luſt nach abenteuer⸗ lichen Unternehmungen getrieben und vom Hochmeiſter um Huͤlfe gebeten ) an der Spitze eines trefflich geruͤſteten Kriegsvolkes ſtand 2), begleitet von einer anſehnlichen Schaar von Fürften, Grafen, Rittern und andern edlen Herren. Preuſſen ſah unter ihnen den juͤngern Herzog Heinrich von Baiern, den Herzog Ludwig von Burgund, der den Namen eines Königes von Theſſalonich führte und ein Enkel Ludwigs des Heiligen war, den Herzog Wenceslav von Lignitz, den Markgrafen Karl von Maͤhren, des Boͤhmiſchen Koͤniges Sohn, den jedoch am Kampfe gegen die Heiden eine Krank⸗ heit hinderte ), ferner den Pfalzgrafen Otto den Erlauchten vom Rhein, einen Grafen von Piemont und einen von Hennegau, auch die Grafen Adolf von Berg, Siegfried von Witgenſtein, Wilhelm von Arnsberg, Heinrich und Guͤnther von Schwarzburg, Eberhard von Zweibruͤcken, Johannes von Falkenburg und mehre andere, von Rittern und edlen Herren Otto von Bergau, Arnold von Blankenhain, Konrad von Salei⸗ den, Johannes von Lippe, Otto von Rifenſcheid, Johannes von Klingenberg, Friederich von Dohna, Wanko von Wartenberg *) Preuſſ., Polniſ. und Litth. Geſchichtſchreiber, die Begebenheiten dieſer Zeit ſehr unchronologiſch durch einander werfe und daß bei manchen ein Unterſchied von 20 Jahren Statt finde, würde unterblieben ſeyn, wenn Hennig die eigentliche Quelle genau unterſucht haͤtte, aus welcher Lucas David hier ſchoͤpft. Dieſer ſchreibt naͤmlich hier immer faſt woͤrtlich den uns ſchon hinreichlich bekannten Simon Grunau Tr. XII. c. 8 aus und aus dieſer Quelle allein fließt die große Verwirrung in der Zeitrechnung. Doch ſetzt auch Herman. Corner. p. 1045 die Ankunft Heinrichs von Baiern ganz unrichtig ins J. 1334. 1) Wenigſtens ſagt dieſes Dubrav. p. 174. 2) Unter dem Vorwande dieſer Ruͤſtung hatte fi Johann ſogar der Kirchenſchaͤtze bemächtigt, wie Dubrav. jagt. 3) Wigand. Marb. I. c. fagt von ihm: hic propter ulcera, que habuit, nequivit intrare Prussiam nec in terram Paganorum, sicut optabat. Wir finden ihn jedoch noch im Maͤrz in Cujavien. 4) Der hier genannte von Wartenberg, deſſen Familie in Böhmen unter mehren Königen mächtig in die Verhältniffe des Reiches einge⸗ wirkt hatte, heißt bei Dubrav. p. 165 Janus Vartembergus, in Ur⸗
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544 Kriegszug nach Litthauen (1337). und viele andere 1). Sie alle trieb die Luſt zum Ritterdienſte unter der Heerfahne des Deutſchen Ordens und der Ehren⸗ kampf gegen die Heiden in dieſe Lande 2). Bis nach Cujavien zog der Meiſter in ritterlichem Geleite ſeinem hohen Goͤnner dem Boͤhmiſchen Koͤnige entgegen, die ritterlichen Gaͤſte mit Ehren zu empfangen, und dort zu Leſlau erſchien auch der Koͤnig Kaſimir von Polen. Der Friede zwiſchen ihm und dem Orden ward durch den Koͤnig Johann erneuert und nochmals urkundlich befeftigt ), obgleich bereits in Polen, wie wir bald hoͤren werden, Schritte geſchehen waren, die keine Dauer des Friedens erwarten ließen. Bevor indeſſen das Kriegsheer den Weichſel⸗Strom uͤberſchritt, wandte ſich der König von Böhmen wieder nach Schleſien zuruͤck, wohin ihn mancherlei Verhaͤlt⸗ niffe riefen, und nur der Herzog Heinrich von Baiern und die uͤbrigen Fuͤrſten, Grafen und Ritter folgten dem Mei⸗ ſter nach Preuſſen “). Dort ſich an die Spitze feiner eige⸗ nen Kriegsmacht ſtellend zog er darauf in großer Heerſchaar mit den Fürften der Graͤnze des heidniſchen Landes entgegen. Auf dem Werder, wo im vergangenen Jahre der Bau der Marienburg begonnen, aber nicht vollendet war, ward jetzt unter dem Schutze der Waffen die Ordensfeſte völlig aufge⸗ richtet. Mittlerweile erbaute Herzog Heinrich gleichfalls an kunden aber Wanko de Wartenberg; ſ. Freher Scriptt. rer. Boem. p- 63. 1) Von dieſen allen wiſſen wir beftimmt, daß fie damals in Preuſ⸗ fen waren. Zum Theil nennt fie Wigand. Marb. und Schütz p. 69, zum Theil finden wir ſie als Begleiter des Boͤhmiſchen Koͤniges in Ur⸗ kunden. Von den Namen bei Lucas David B. VI. S. 136 iſt außer dem des Herzogs Heinrich von Baiern kein einziger richtig; fie find alle aus Simon Grunau Tr. XII. c. 8 abgeſchrieben und der Markgraf von Mähren muß hier Wilhelm heißen. Wigand. ſagt, daß auch ge⸗ kommen ſeyen quidam de Burgundia, Francia, Galicia (2). 2) Hii omnes milicie causa venerunt in festo Epyphanie; Wigand. 3) Die Urkunden ſelbſt find nicht mehr vorhanden; von der Sache ſprechen aber Wigand. Marb. p. 282 und Schätz I. c. 4) Wigand. Marb. I. c. Diugoss. p. 1039. Dubrav. I. c. Som- mersberg Scriptt. rer. Siles. T. I. p. 158. T. II. p. 280.
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Aufbau der Baierburg (1337). 545 der Graͤnze Samaitens an dem Ufer des Memel-Stromes eine zweite ſtarke Burg, welche nach ihm die Baierburg ge⸗ nannt, bald zur Hauptburg dieſer Gebiete erhoben und mit einer Wehrmannſchaft von hundert tapfern Kriegsleuten, vier⸗ zig Ordensrittern, eben ſo viel Schuͤtzen und zur Bewachung mit einer Anzahl von Withingen und Wehrmaͤnnern aus Samland und Natangen beſetzt wurde 1). Darauf ſtreiften die übrigen Heerhaufen weit und breit mit Feuer und Raub im feindlichen Lande umher, machten nieder, was widerſtand und brachten zahlreiche Gefangene und große Beute zuſam⸗ men. Ehe indeß der Hochmeiſter die Gegend verließ, benutzte er das Kriegsheer zu Errichtung dreier großer Wehrwaͤlle und zum Aufbau einer Anzahl Blockhaͤuſer, die er mit Gra⸗ ben und Schanzen verſehen ließ, um durch ſie Samland ge⸗ gen die Einfälle der Litthauer und Samaiten ſicher zu ſtel⸗ len, und als hierauf die beiden errichteten Burgen auch mit 1) Wigand. Marb. I. c. ſagt: Multos quoque Wytingos pro cu- stodia et vigilia circum ordinat, preter Natangos et Sambienses. Wir treffen hier die Withinge nach langer Zeit in den Quellen zum erſten⸗ male wieder, obgleich ſie in einzelnen Guͤterverſchreibungen hie und da vorkommen, z. B. unter Werner von Orſeln im J. 1328, ſ. Kreuz⸗ feld vom Adel d. alt. Preuſſ. S. 49. Daß ſie hier im Kriegsdienſte erſcheinen, iſt in der Ordnung, denn wir ſahen oben B. III. S. 426, daß fie zu ſolchem verpflichtet waren. Ueber die Burg felhft heißt es im Fol. G.;: fie ſey vom Herzoge Heinrich erbaut worden cum adiutorio et potentia Ordinis prope Castrum Welune ad quartale unius mi- liaris, a quo eciam dictum Castrum Welune fuit ab infidelibus ex- pugnatum et per ordinem emptum. Nach einer brieflichen Mittheilung eines Freundes aus jener Gegend lag die Burg eine halbe Meile von Gielgudiski am linken ufer der Memel auf der hoͤchſten Anhoͤhe neben dem Flußbette, geradeuͤber dem Dorfe Skirſtnemonie (Chriſtmemel). Bis Wiclona ſtromaufwäͤrts werden noch 3! Meilen gerechnet, alſo iſt die Entfernung der Burg von Wielona weiter als eine Viertelmeile. Jetzt find von der Baierburg keine Ruinen mehr vorhanden; theils aber ſind unter der Erde noch die unverkennbarſten Spuren einer einſt da⸗ geweſenen Burg vorhanden, theils weiſet auch der Name dieſer Anhöhe Pilkalnes (Schloßberg) noch auf die Burg hin. Wall und Graben deuten auf eine ehemalige ſtarke Befeſtigung. IV. 35
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546 Verhandlungen mit Polen (1337). den noͤthigen Kriegswerkzeugen verſorgt waren, indem Her⸗ zog Heinrich ſeine Baierburg ſelbſt mit den erforderlichen Waffen und Lebensmitteln verſah, ihr zugleich auch ſeine Heerfahne, und ſein Fuͤrſtenſiegel zum Gebrauche uͤberlaſſend, trat das Koͤnigsheer, nachdem es faſt zwei Monate im feind⸗ lichen Lande zugebracht, die Ruͤckkehr nach Preußen an, denn groͤßere Unternehmungen waren bei der Zerſtreutheit der Be⸗ wohner und weil kein Feind in Maſſe ſich entgegen ſtellte, nicht moͤglich oder es zwang eintretende laue und weiche Witterung zum Ruͤckzuge ). Der Meiſter begleitete den Kriegshaufen der Fuͤrſten uͤber Thorn, wo auch der Koͤnig von Boͤhmen wieder einge⸗ troffen war, bis nach Leſlau in Cujavien, wo die Fuͤrſten mehre Tage verweilten. Es wurden mit dem Koͤnige von Polen neue Unterhandlungen begonnen, um den Frieden der beiden Nachbarländer feſter zu begruͤnden. Weil naͤmlich der Hochmeiſter ſchon bei der vorigen Verhandlung feſt auf ſei⸗ ner Forderung beharrt, daß auch die Staͤnde Polens des Koͤniges Zuſagen beftätigen und verbuͤrgen ſollten, fo hatte Kaſimir während deſſen auf einer neuen Reichsverſammlung den Reichsgroßen die Sache noch einmal zur Verhandlung empfohlen. Allein die Staͤnde hatten ihre Zuſtimmung in die Entſcheidung der Koͤnige nicht nur abermals aufs ſtand⸗ hafteſte verweigert, ſondern es war auch allgemein die Mei⸗ nung ausgeſprochen und herrſchend geworden, man muͤſſe al⸗ les aufbieten, außer Dobrin, Cujavien und Pommern dem Orden auch das Kulmerland und Michelau wieder zu entrei⸗ ßen 2). Sobald dem Hochmeiſter dieſer Beſchluß jetzt be⸗ kannt ward, blieb ihm nichts übrig, als ſich vor allem die Rechte nochmals feſtſtellen zu laſſen, auf welche ſich der Be⸗ ſitz von Pommern mit gruͤndete, und der Koͤnig von Boͤh⸗ men beſtaͤtigte daher nochmals ſeine Uebertragung dieſes Lan⸗ 1) Wigand. Marb. l. c. Schütz p. 69. Kojalowicz p. 279 ſetzt dieſe Ereigniſſe ſchon ins J. 1328. Alb, Krantz Wand. L. VIII. c. 17. 2) Dlugoss. p. 1038 — 1039.
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Verhandlungen mit Polen (1337). 547 des an den Orden durch eine neue urkundliche Zuſicherung, weil feine frühere Vergabungsurkunde wenigſtens in einigen Punkten dem Meiſter nicht ganz genügen mochte n). Ferner ſtellte jetzt auch des Koͤniges Sohn Karl, Markgraf von Maͤhren, eine foͤrmliche Verzichtleiſtung aller ſeiner Rechte auf das genannte Land und eine Genehmigung aller von feinem Vater daruͤber gegebenen urkundlichen Briefe aus 2). Dann nahmen beide den Orden in ihren beſondern Schutz und Schirm mit der feſten Verſicherung, daß ſie die Or⸗ densritter, noch ihrer Vorfahren loͤblichem Beiſpiele, nicht nur in des Ordens Privilegien über alle heidniſchen Lande, ſondern auch im Beſitze von Kulmerland, Pommern, Preuf: ſen und Livland und andern umhergelegenen und gewonne⸗ nen Gebieten ſtets und immerdar erhalten und beſchuͤtzen wuͤrden, ſo oft man ihre bewaffnete Hand um ſolchen Schutz erſuchen werde. Endlich verſprachen ſie dem Meiſter, dem Orden auch in ſeinen Verhaͤltniſſen am paͤpſtlichen Hofe auf alle Weiſe foͤrderlich zu ſeyn 5). Nun erſchienen aber in denſelbigen Tagen auch die bei⸗ 1) Die Urkunde datirt: Leslavia a. d. 1337 dominica Estomihi im geh. Arch. Schiebl. XXVIII. Nr. 21 und im National- Archiv zu Warſchau. Als Grund dieſer Erneuerung der Urkunde wird angegeben: quia instructi et certificati ſuimus noviter in opido Thorun, cum ibi essemus, quod predictus Illustris Karulus primogenitus noster eo tempore, quo vendicionem et donacionem huiusmodi pro se et suis quonterinis heredibus et successoribus universis de voluntate et iussu nostro fide prestita loco Iuramenti ratificavit et ratas illibatasque habere promisit, extitit minor annis ac eciam quia prelibata domina Elisabeth sigillum suum litteris vendicionis non appendit. 2) Die Urkunde datirt: Leslavia a. d. 1337 dominica qua can- tatur Estomihi im geh. Arch. Schiebl. XXVIII. Nr. 21 und in mehren Transſumten von 1410, 1421, 1442 und 1508 Schiebl. LX. Nr. 19, Schiebl. XXVIII. Nr. 22—24. Fol. G. und großes Copienbuch p. XXI. 3) Die urkunde datirt: In der Stat czu Leſſlaw n. d. Geburt unſirs Herren 1337 an deme aſchtage, in einem Transſumt vom J. 1420 im geh. Arch. Schiebl. XXII. Nr. 1. 35
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548 Verhandlungen mit Polen (1337). den Könige von Polen und Ungern in Leſlau und es be- gannen auf Betrieb des Königes Johann) neue Unterhand⸗ lungen. Der Erfolg war, daß der Koͤnig von Polen dem Orden endlich einen feſten und unverbruͤchlichen Frieden zu⸗ ſicherte, die Schenkung ſeiner Vorfahren in Beziehung auf Kulmerland, auf die Burg Neſſau und die Hoͤfe Orlow und Morin von neuem beſtaͤtigte, in den Beſitz von Miche⸗ lau foͤrmlich einwilligte und auf Pommern fuͤr ſich und fuͤr die Koͤnigin, ſeine Gemahlin, ſo wie fuͤr alle ſeine Nach⸗ kommen und Erben gleichmaͤßig Verzicht leiſtete und zugleich verſprach, den Orden deshalb nie wieder zu belaͤſtigen und weder den Titel noch das Siegel eines Herzogs von Pom⸗ mern jemals wieder zu gebrauchen 2). Sollte aber der Koͤ⸗ nig von Ungern oder deſſen Gemahlin auf die genannten Lande irgend Anſpruch oder ein Recht geltend machen wol⸗ len, ſo erklaͤrte Kaſimir den Orden in dieſem Falle in ſeiner Sache vertreten zu wollen. Er gab auch das Verſprechen im Namen des Erzbiſchoſs von Gneſen, der Bifchöfe von Leſlau und Poſen, der Aebte und uͤbrigen Geiſtlichen, der Fuͤrſten von Cujavien und Dobrin, der Baronen, Grafen und aller ſeiner Reichsgroßen, daß niemand von ihnen we⸗ gen des im Kriege erlittenen Schadens oder Verluſtes gegen den Orden irgend eine Anklage, ein Gericht oder irgend eine Forderung anbringen, ſondern fuͤr immer daruͤber ſchweigen ſolle. Ferner verpflichtete ſich Kaſimir, vom Koͤnige von Ungern und deſſen Gemahlin Verzichtleiſtungen auf ihre et⸗ wanigen Rechte auf die Laͤnder auszuwirken, damit ſie auch nach ſeinem Tode keine Anſpruͤche mehr erheben koͤnnten und 1) Horum omnnium negotiorum premissorum dominns Iohannes Rex Bohemie ordinator fuit atqne gestor, heißt es in der darüber abgefaßten Urkunde. 2) Ceterum renunciamus pro nobis et successoribus nostris uni- versis titulo Ducatus terre Pomeranie, qui exnunc sigillo maiori est impressus, pronunciantes eundem titulum quoad Ducatum terre Po- meranje de dicto Sigillo deponere, nec umquam ullo tempore eun- dem titulum resumere nec eo uti.
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Verhandlungen mit Polen (1337). 549 wirklich erhielt der Orden in kurzem vom Ungeriſchen Könige und deſſen Gemahlin auch ſolche Briefe noch zu Leſlau ſelbſt ausgeftellt *). Außerdem wiederholte der König von Polen auch die fruͤheren Geloͤbniſſe wegen Wiederaufnahme der Landfluͤchtigen, wegen Freilaſſung aller Gefangenen und legte zugleich das Geluͤbde nieder, niemals wieder den Heiden ge⸗ gen den Orden oder andere Chriſtglaͤubige auf irgend eine Weiſe weder oͤffentlich noch heimlich beizuſtehen. Dieſe Ver⸗ ſprechungen gab der König oͤffentlich in Gegenwart des Erz⸗ biſchofs Janislaus von Gneſen, der Biſchoͤfe Mathias von Cujavien, Otto von Kulm und Berthold von Pomeſanien, der Herzoge Semovit und Maſovien, Wlodko von Dobrin, Wladislav von Kofel und mehrer Grafen und edlen Her: ren 2). Der Meiſter Dieterich von Altenburg erklaͤrte noch an dem naͤmlichen Tage ſeine vollkommene Genehmigung dieſes Friedensvertrages, mit dem Verſprechen, daß ſofern ihm die vom Koͤnige zugeſagten Briefe bis auf heil. Dreifal⸗ 1) Dieſe urkundliche Verzichtleiſtung mit dem Datum: In Civitate Wladislaviensi Iuniori a. d. 1337 Indictione quinta in die tali ſteht mit in dieſer allgemeinen urkunde des Polniſchen Koͤniges im geh. Arch. Schiebl. LX. Nr. 15a, gedruckt in den Preuſſ. Sammlung. B. II. S. 591. 2) Das darüber abgefaßte Notariats- Inftrument mit dem Datum: In Civitate Wladislaviensi etc. wie in obiger Urkunde im geh. Arch. Schiebl. LX. Nr. 15a. Es enthält die Entwürfe der vom Könige von Polen weiter auszufertigenden Urkunden im Einzelnen, daher auch bei kei⸗ ner das Datum hinzugeſetzt und bei der letztern, der Entſagungsurkunde des Königes von Ungern nur gejagt iſt: „in die tali“, denn in dem Originale ſollte der Tag erſt noch näher angegeben werden. Vgl. die Anmerk. in Preuſſ. Sammlung. B. II. S. 599. Daß die Jahreszahl 1337 richtig iſt, geht aus der Urkunde ſelbſt klar hervor. Sie muß als Original gelten, da fie mit den Siegeln des Poln. Koͤniges und des Hochmeiſters verſehen iſt. Im geh. Arch. Schiebl. LX. Nr. 16 und 17 befinden ſich von ihr auch zwei Transſumte von 1337 und 1506. Der König von Böhmen notificirte dieſe Zuſagen Kaſimirs noch in einer be: ſondern mit ſeinem Siegel verſehenen Urkunde, woraus hervorgeht, daß jene Zuſagen des Poln. Königes am Sonntage Invocavit, alſo am 9. März 1337 geſchehen waren; die Urk. im geh. Arch. Schicbl. LX. Nr. 15b.
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550 Neue Störung des Friedens mit Polen (1337). tigkeitstag in Thorn richtig eingehaͤndigt wuͤrden, die Stadt und Burg Brzeſc in des Boͤhmiſchen Koͤniges Namen dem Ritter Otto von Bergau und das Land Dobrin dem Her⸗ zoge von Dobrin ſofort und ohne Verzög eingeräumt wer⸗ hen ſollten ). So ſchieden nun die Fuͤrſten von einander und das Friedenswerk ſchien jetzt vollendet. Und dennoch war man vom feſten Frieden noch weit entfernt, denn in Polen gingen dagegen allerlei Umtriebe vor. Waͤhrend naͤmlich der Koͤnig in Leſlau alles hatte ver⸗ ſprechen muͤſſen, was man mit einer bewaffneten Heeres⸗ macht an ſeinen Graͤnzen von ihm verlangte, zog von den Reichsgroßen, vielleicht auch mit des Königes Zuſtimmung abgeſandt der Biſchof Johannes von Krakau :), ein kluger und verſchmitzter Geiſtlicher, an den Hof nach Avignon, mit dem Auftrage, den Papſt auf alle Weiſe gegen den Orden aufzuhetzen, und der ſchlaue Praͤlat ſprach vor dem heil. Va⸗ ter von dem der Krone Polens durch den Ritterorden zuge⸗ fuͤgten Unrecht, von der gewaltſamen Entfremdung der dem Polniſchen Reiche zugehörigen Länder, von den dabei durch die Ritter veruͤbten Gewaltthaten an Menſchen und Kirchen, von ihrer Verachtung paͤpſtlicher Befehle, von dem Starr⸗ ſinne und der Hartnaͤckigkeit des Hochmeiſters bei Wieder⸗ herſtellung des Friedens und uͤber andere Dinge aͤhnlicher Art ) mit fo ſchneidender Schärfe und mit ſolcher Dreiſtig⸗ keit, daß der Papſt bei dem Berichte in Staunen gerieth, zumal da ihn erſt im vorigen Jahre der Meiſter von ſeinem großen Wunſche zur Aufrichtung eines feſten Friedens zu 1) Die Urkunde in den Preuſſ. Sammlung. B. III. S. 527. Vor⸗ laͤuſig ließ ſich der König von Polen das Land Dobrin vom Herzoge Wlodko von Dobrin als Schenkung uͤbergeben und uͤberwies ihm dage⸗ gen das Lanczizer Gebiet; ſ. Dogiel T. IV. Nr. LIX. p. 96. 2) Dlug oss. p. 1039 nennt ihn Ioannes Grotlionis de Slupcza und ſagt, er ſey dazu gewaͤhlt worden propter plures respectus, quod et vir praestantis esset ingenii. 3) Vgl. die Bulle bei Dogiel T. IV. Nr. LX. p. 57 mit Dlugoss. p. 1039, Lucas David B. VI. S. 122 und Schütz p. 68.
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Neue Störung des Friedens mit Polen (1337). 551 uͤberzeugen geſucht ). Auf des Biſchofs im Namen des Koͤniges vorgelegte Bitte um Abhülfe ſolcher Grauſamkeit des Ordens trug der Papſt abermals die genauere Unterſu⸗ chung einigen Kardinaͤlen auf und ſomit zog ſich die paͤpſt⸗ liche Entſcheidung wieder längere Zeit hin. Der Hochmeiſter Anfangs, wie es ſcheint, von biefen! Umtrieben gar nicht unterrichtet, ſuchte den Abſchluß des Friedens auf alle Weiſe zu erleichtern und zu beſchleunigen, denn ohne Zweifel geſchah es auf ſeine Aufforderung, daß ſowohl das Nonnenkloſter zu Kulm als auch andere Geift: liche und Stiftungen die Erklaͤrung ausſtellten, ſie wollten den Koͤnig von Polen wegen des von den Seinen im Kriege ihnen zugefuͤgten Schadens weder je um Genugthuung an⸗ ſprechen, noch vor irgend einem Gerichte beklagen 2). Je ſicherer aber Dieterich jetzt auf den feſten Frieden rechnete, um ſo ſorgenfreier widmete er die uͤbrige Zeit des Jahres der Verwaltung und Ordnung der inneren Verhaͤltniſſe ſeines Landes. Nachdem er einen ſchon ſeit Jahren mit dem Klo⸗ ſter Oliva gefuͤhrten Streit uͤber verſchiedene Beſitzungen, Graͤnzen, Vorrechte und die Fiſcherei des Kloſters, beſon⸗ ders auch über den Stoͤrfang unnd die Einleſe des Bern: ſteins beigelegt ), berief er im Sommer ein großes Or⸗ 1) Dlugoss. p. 1042 jagt ſelbſt, der Biſchof habe fo geſprochen, daß der Papſt vix creditum praestare potuit, Magistrum et ordinem Cruciferorum in tam saevam Christiani sanguinis eflusionem et Ca- tholicarum terrarum occupationem perpetrasse. 2) Was das erwaͤhnte Kloſter zu Kulm that, thaten ſicherlich auch die uebrigen. Von jenem haben wir noch die Original⸗ Urkunde, datirt: in Claustro nostro a. d. 1357 die Ascensionis domini, im geh. Arch. Schicht. XX. Nr. 4. 3) Vgl. die Urkunden in den Preuſſ. Sammlung. B. III. S. 92 und im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 58 und LVI. Nr. 26. Sie ſind in mancher Hinſicht, was den Stoͤr- und Heringsfang an der Oſtſeekuͤſte, die Einſammlung des Bernſteins, das Strandrecht, die Gerichtsbarkeit des Kloſters u. dgl. betrifft, im Einzelnen merkwuͤrdig und wir werden ſpaͤter noch manches daraus benutzen. Chron. Oliv. p. 55 und Annal. Oliv. p. 47, wo die Kloſterverhaͤltniſſe und die Bemühungen des Hoch⸗ meiſters bei ihrer Anordnung ziemlich genau eroͤrtert werden.
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552 Verbeſſerung des Schulweſens (1337). denskapitel nach Marienburg, wo eines Theils uͤber die Lan⸗ desordnung und die Verwaltung der Ordensbeſitzungen im Auslande vieles berathen und beſchloſſen, andern Theils mehre Geſetze entworfen wurden, welche die Amtsverwaltung der Ordensritter, die Ordnung ihres Gottesdienſtes, ihr Leben in den Ordensburgen und andere dergleichen innere Verhaͤltniſſe des Ordens ſelbſt betrafen 1). Ferner beſchaͤftigte ſich der Hochmeiſter in dieſem und den folgenden Jahren auch viel mit der beſſeren Anordnung des Schulweſens und der Jugendbildung, und beſonders war es die neue Domſchule zu Koͤnigsberg, die durch den Anwachs der von allen Seiten her zuſtroͤmenden Schüler 2) ſeine Aufmerkſamkeit, ſo wie des Samlaͤndiſchen Biſchofs eifrigſte Theilnahme lebhaft auf ſich zog. Daher es der letztere ſeinem Dompropſt und Kapitel zur wichtigſten Pflicht machte, vor allem ſtets fuͤr einen zur Direction der Schule beſonders tauglichen Mann zu ſorgen, der auf ihre Koſten unterhalten Cleriker und Schuͤler gut unterrichten koͤnne, un⸗ terſagte aber zugleich, bei andern Kirchen oder in den Vor⸗ ſtaͤdten oder auch innerhalb der Stadtgraͤnzen irgend neue Schulen zu errichten, durch welche jene Domſchule beein⸗ trächtigt werden koͤnne ). Bei einem nachmaligen Streite des Stadtrathes und des Domkapitels wegen des Beſuches der Schulen, beſtimmte der Hochmeiſter als Schiedsrichter nicht nur die Stadttheile, deren Kinder die Schule der 1) Die Urkunde bei Duellius P. III. p. 67 zeigt, daß diefes Ge⸗ neralkapitel am S. Bartholomaͤus⸗Tage 1337 in Marienburg gehalten wurde. Die das Verhalten der Ordensbruͤder betreffenden Geſetze, welche Dieterich wahrſcheinlich um dieſe Zeit gab, findet man in Hennig Statut. des D. O. S. 124. Wir werden ſie ſpäterhin naͤher beachten. 2) In der unten naͤher beruͤhrten Urkunde des Samlaͤnd. Biſchofs heißt es darüber: Attendentes quod cultus divini nominis — in Ec- clesia nostra Sambiensi Civitatis Kungisberg per scolarium ad scolas ipsius Ecclesie e diversis mundi partibus confluencium frequentiam sollempniter diebus singulis pagatur etc. — 3) Die Urkunde des Biſchofs Johannes hieruͤber vom J. 1337 in den Matricul. Fischhus. p. XLIV.
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Verbeſſerung des Schulweſens (1337). 553 Hauptkirche oder die Schule der Pfarrkirche beſuchen ſoll⸗ ten 1), ſondern er traf auch die Anordnung, daß die Schü: ler nach Ablauf von zwei Jahren jeder Zeit die Schulen der Stadt wechſeln ſollten, wahrſcheinlich um ihnen dadurch eine vielfeitigere Bildung moͤglich zu machen. Dem Domkapitel ſprach der Meiſter das Recht zu, auch die Schule der Pfarr⸗ kirche mit einem „Schulmeiſter“ zu verſehen, doch mit der Verpflichtung, hiezu ſtets einen zum Amte in jeder Hinſicht tüchtigen und wiſſenſchaftlich gebildeten Mann auszuwaͤhlen, dem auch die Befugniß zuſtehen ſollte, den Clerikern Vor⸗ traͤge uͤber Grammaticalien zu halten 2). Wie aber in ſol⸗ cher Weiſe in Koͤnigsberg, ſo wurde auf Anregung des Hoch⸗ meiſters auch in manchen andern Staͤdten das Schulweſen ungleich beſſer eingerichtet), wiewohl freilich damals überall die Zeit der Unterrichtsjahre der Schuͤler durch ihre Verpflich⸗ tung zum Geſange beim Gottesdienſte haͤufig zerriſſen und vielfaͤltig unterbrochen wurde, eine Einrichtung, die viel zu ſehr in das kirchliche Weſen verwachſen war, als daß der Hochmeiſter fie hätte abſtellen koͤnnen “), da die Schule noch ſtreng im Dienſte der Kirche ſtand. 1) Doch, wie es heißt, mit der Ausnahme: nisi quis civium filium suum vellet extra Sambiensem dyocesim causa studii destinare. 2) Dominus magister generalis arbitrio ordinavit et statuit, quod prefati domini prepositus Sambiensis ecclesie cum suo capitulo ma- gistrum scole parrochialis ydoneum et scientificum instituere debeant et eundem, si notorie promeruerit, amovere, qui magister eciam ha- bebit auctoritatem grammaticalia queque legendi suis clericis ad li- beram facultatem. 3) Z. B. in Wehlau, deſſen Bürger vom Ordensmarſchall Heinrich Dufener im J. 1339 die Freiheit erhalten, ut ipsi scholam viro idoneo et literato plenariam habeant conferre potestatem. S. die Urk. in Werners Geſammelten Nachricht. S. 117 — 118. 4) Die daruͤber abgefaßte Urkunde datirt: Kungisberg a. d. 1339 XVI Calend. Marcii im Buche des geh. Arch.: Handveſten des Biſth. Samland p. IV hat überhaupt für die Schul⸗ und Bildungsgeſchichte manchfaltiges Intereſſe. ueber den durch die Schüler zu führenden Kir chengeſang enthält fie mehre Vorſchriften; fo heißt es z. B. Pueri eciam omnium scolarum tam parvi quam magni in festivitatibus, videlicet
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554 Gefahr für die Baierburg (1337). Während indeß der Hochmeifter auf ſolche Weiſe mit der inneren Verwaltung beſchaͤftigt, das Land von außen⸗ her gegen jeden Feind ganz ſicher glaubte, waͤre dem Orden die neuerrichtete Baierburg und mit ihr wohl auch der ganze Gewinn des dießjaͤhrigen Heereszuges beinahe wieder ent: riſſen worden. Unter den Withingen naͤmlich, denen die Be⸗ wachung der Burg anvertraut worden, faßten zwei, mit ih⸗ rer Lage unter dem Orden unzufrieden, den verrätherifchen Plan, die neue Burg dem Feinde in die Haͤnde zu ſpielen. Der eine zum Koͤnige von Litthauen entfliehend ſollte dieſen gewinnen, die von Holz erbaute und leicht zu erobernde Burg an einem beſtimmten Tage mit einem Heere zu beftür- men, waͤhrend der andere in der Burg zuruͤckbleibend ein Haus in Brand ſtecken und unterdeſſen dem Feinde die Thore oͤffnen wollte. Gedimin, in der That von dem Wi⸗ thinge für den Plan gewonnen, gebot uͤberall in ſeinem Lande ſchnelle Kriegsruͤſtung. Allein der Verrath der Wi⸗ thinge ward noch vor ſeiner Ankunft den Ordensrittern ent⸗ deckt, indem ein Deutſcher Edelknabe ), der ſeit neun Jah⸗ ren in Gedimins Gunſt geſtanden und den es ſchmerzte, daß die Ritter durch ſo ſchnoͤden Verrath die Burg wieder ver⸗ lieren ſollten, ſeinem Herrn entfliehend auf die Baierburg kam, die Ritter von dem Vorhaben der Verraͤther zu benach⸗ richtigen. Die Ausſage des in der Burg zuruͤckgebliebenen Withings beſtaͤtigte die Angabe des Edelknaben und ſchnell ward alles zum Empfang des Feindes vorbereitet. Als nun Gedimin bald darauf mit einem gewaltigen Heere vor der Burg anlangte, ſah er nicht ohne Erſtaunen ſtatt der geoͤff⸗ neten Thore den zweiten Withing über der Burgmauer auf gehaͤngt, zum Zeichen, daß die Verraͤtherei entdeckt ſey. Voll dedicationis sancte crucis, sancti Adalberti, sancte Elyzabeth, in cena domini et precipue domino episcopo celebrante in primis vespe- ris et missa sequenti ratione divini officii maioreni ecelesiam fre- quentabunt etc. 1) Wigand, Marb. p. 283 bezeichnet ihn durch quidanı probus vir; vgl. Schütz p. 69.
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Gefahr für die Baierburg (1337). 555 Zornes über den ungehofften Erfolg ließ er den andern Wi⸗ thing vor dem Heere niederhauen; doch entſchloſſen, die Burg durch jedes Opfer zu gewinnen, befahl er ſie von allen Sei⸗ ten zu umlagern und beſtuͤrmte fie von dem an zweiund⸗ zwanzig Tage lang. Er hatte eben zwei Tage Raſt geboten, um dann noch einen Hauptſturm mit erneuter Kraft zu wa⸗ gen, als plotzlich der vom Hochmeiſter auf erhaltene Nachricht abgejandte Marſchall Heinrich Duſener, begleitet von dem Pfalzgrafen vom Rhein, mit einer ſtarken Heerſchaar zum Entſatz der bedraͤngten Burg herbeieilte. Und als man von den Mauern aus des Marſchalls Ankunft wahrnahm, fiel ſchnell die Beſatzung aus der Burg aus und ſtuͤrmte mit des Marſchalls Heerhaufen vereint ins feindliche Lager ein. Es entſtand ein furchtbares Gemetzel; faſt die Hälfte des Fein⸗ des wurde erſchlagen, der Koͤnig Gedimin ſelbſt ward durch einen Pfeil getroffen und ſtarb an ſeiner Wunde; die Uebri⸗ gen ergriffen bald die Flucht und ließen hie und dorthin zer⸗ ſtreut dem Ordensheere eine reiche Beute zurück 1). 1) Die Erzählung iſt meiſt nach Schütz 1. c. gegeben, der den vollſtaͤndigen Wigand. Marb. vor ſich hatte. Der vor uns liegende Auszug iſt hier ziemlich unvollſtaͤndig und verwirrt, erzählt das Vor und Nach ſo bunt durch einander, daß ſich kein Bild des Ganzen bei ihm gewinnen läßt. Nach ihm erfolgte die Flucht des Feindes auf eine ganz andere Weiſe, indem er ſagt: Accidit, quod quidam frater Ti- lemannus de Sunpach magister sagittariorum telo igneo vexillum combussit, et statim post paganorum regem de Tracken telo vol- nerat in collum inter scapulas et mortuus est, suscipiens partem cum dampnatis et ita pagani post plurima dampna perpessa cum scandalo abierunt. Fratres quoque exeunt et machinas et alia relicta dedueunt ad Castrum. Die Sache mag mit vorgefallen ſeyn, vielleicht als Anlaß der zweitägigen Waffenruhe. Allein die Hauptentſcheidung gab offenbar die Ankunft des Marſchalls, die auch Wigand, jedoch erſt nach der Flucht des Feindes erfolgen laͤßt. Daß bei Schütz auch der alte Hochmeiſter mit hinzieht, kann ſchwerlich richtig ſeyn; der Feind ruͤckte am Sonntage Trinitatis oder 15. Suni vor die Burg und lag vor ihr 22 Tage, alſo bis zum 6. Juli. Gerade in dieſer Zeit aber hielt ſich der Hochmeiſter nach den noch vorhandenen Verſchreibungsur⸗ kunden bald zu Elbing, bald in Marienburg auf und Schütz muß ſich
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556 Kriegszug nach Samaiten (1337). Der Marſchall aber ſetzte dem fliehenden Feinde auf dem Fuße nach, nahm ihm noch eine bedeutende Anzahl Gefan⸗ gene weg und warf ſich hierauf in das Gebiet von Medeni⸗ ken 1), wo, weil ſich nirgends Widerſtand zeigte, das Kriegs⸗ volk ſich uͤberall hin zu Raub und Beute zerſtreute und keiner die drohende Gefahr ahnete. Waͤhrend jedoch in ſolcher Weiſe weit und breit eine ſchreckliche Verheerung veruͤbt und Frauen und Kinder als Gefangene wie in Herden zuſammengetrieben wurden, hatten ſich die gefluͤchteten Männer zu einem ſtarken Heere vereinigt und ehe es der Marſchall vermuthete, ſah er ſich ploͤtzlich auf dem Felde bei Galekuken 2) unfern von Me⸗ deniken von einem dreimal maͤchtigeren Feinde rings umgeben. Die Rettung ſchien unmoͤglich; der Muth des Ordensvolkes verzagte; man ſah nur allgemein ruhmloſen Untergang. Da trat der ritterliche Marſchall unter ſeine Krieger, mit einem Worte des Vertrauens und durch die Vorſtellung ihres Be⸗ rufes als Kaͤmpfer fuͤr die Ehre der reinen Jungfrau Maria alle bald ſo begeiſternd und mit Hoffnung und Zuverſicht auf Rettung erfuͤllend, daß ſie, noch ehe er ſein ermuntern⸗ des Wort geendigt, in die feindlichen, noch ungeordneten Heerhaufen eindrangen und durch den wilden Anſturm die daher bei Benutzung ſeiner Quelle wahrſcheinlich verſehen haben. — Daß Gedimin vor der Baierburg geſtorben ſey, bezeugen die meiſten Chroniſten und ohne Zweifel verſteht auch Wigand. unter ſeinem Rex paganorum de Tracken keinen andern als Gedimin, deſſen er kurz vorher noch namentlich erwähnt. Auch die Annal. Oliv. p. 48 ſetzen ſeinen Tod in dieſes Jahr, laſſen ihn aber bei der etwas ſpaͤteren Be⸗ ſtuͤrmung von Welun erfolgen, wo es heißt: Porro Gediminus Magnus Dux Lithuaniae cum ipsemet seu miles gregarius machinas moenibus arcis Violonae admoveret, a milite Mariano globo bombardae, tum primum in Germania inventae, necdum Lithuano militi visae, tra- jectus fuit. Karamfin B. IV. ©. 302 vgl. mit S. 213 ſetzt den Tod Gedimins erſt ins J. 1341, ohne jedoch uͤberzeugende Gruͤnde da⸗ für anzufuͤhren. a 1) Wigand. 1. c. hat Wenducken, Schütz I. c. richtiger Medenike. 2) So Wigand. und Schütz p 703 vielleicht Kukony ſuͤdwaͤrts von Miedniki.
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Kaif. Ludwigs Schenkung v. Litthauen (1337). 557 Heiden ploͤtzlich in ſolchen Schrecken ſetzten, daß kaum Wi⸗ derſtand geleiftet und theils auf dem Kampfplatze, theils auf der Flucht uͤber zwoͤlfhundert der Feinde erſchlagen wurden. Froh des doppelten Sieges, hier und dort unter den Mauern der Baierburg, trat nun der Marſchall mit ſeiner Schaar die Ruͤckkehr nach Preuſſen an ). Auch den hochbetagten Meiſter erfreute die Nachricht vom Gluͤcke ſeiner Waffen ungemein, zumal da in denſelbigen Ta⸗ gen ein Diplom des Kaiſers Ludwig des Vierten, der wahr⸗ ſcheinlich durch ſeinen Neffen, den Herzog Heinrich von Baiern vom Erfolge ſeiner Heerfahrt ins heidniſche Land benachrich⸗ tigt war, dem Deutſchen Orden, deſſen Deutſchmeiſter Wol⸗ fram von Nellenburg gerade damals des Kaiſers Sache am paͤpſtlichen Hofe mit ſo vielem Eifer betrieb 2), einen Beweis von Gunſt und Wohlwollen brachte, wie er ihn ſeit langen Zeiten vom Kaiſerthrone herab nicht erhalten hatte. Im Ge⸗ — — 1) Dieſen Zuſammenhang finden wir am natuͤrlichſten und deshalb am wahrſcheinlichſten. Wigand. nämlich fest einen Theil dieſer Bege⸗ benheiten, z. B. die Verrätherei der Withinge ins J. 1337 und laͤßt den Marſchall einmal in dieſem und ein andermal im folgenden Jahre den Feind bekämpfen und zwar das zweitemal in vigilia Assumptionis Marie (14. Auguſt). Schütz p. 69 ſetzt die ganze Begebenheit ins J. 1338, obgleich Wigand. ſagt, der Koͤnig ſey vor der Baierburg ange⸗ kommen in festo Trinitatis, dum domus dicta foret (fuerat) perfecta, im J. 1337. Da nun die Ereigniſſe genau mit einander zuſammen⸗ hängen, die Chroniſten in der Zeitbeſtimmung von einander abweichen, auch der alte Dichter (ſ. Hennings Wuͤrdig. einer Hochdeutſ. Bibel⸗ uͤberſ. S. 12) im J. 1337 von der nachdruͤcklichen Bekämpfung der Heiden bei der Baierburg ſpricht, fo glauben wir mit Grund das J. 1337 als die richtige Zeit der erwaͤhnten Ereigniſſe annehmen zu duͤr⸗ fen, obgleich fie bisher überall ins J. 1338 verſetzt wurden. Kojalo- wicx weiß von allen dieſen Begebenheiten gar nichts und die Nachrich⸗ ten bei Lucas David B. VI. S. 132 ff. ſind nicht zu gebrauchen, da faſt nur Simon Grunau Tr. XII. o. 8 ſeine Quelle iſt und dieſer hier ganz wunderhafte Dinge durcheinander wirft. Er iſt es auch, der die drei großen Buͤchſen durch ihren Knall die Heiden ſo ſehr erſchrecken und die auch Kotzebue B. II. S. 176 noch donnern läßt. 2) Chron. Ioh. Vitodur. ap. Eecard Corp. Histor. T. I. p. 1843,
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558 Kaiſ. Ludwigs Schenkung v. Litthauen (1337). fühle feiner Pflicht nämlich, dem Beiſpiele früherer Kaiſer in ihrer Beguͤnſtigung und reichen Begnadigung des Deutſchen Ordens ſeit ſeinem Beginne auch ſeiner Seits nachzufolgen, in lobpreiſendem Anerkenntniſſe der hohen Verdienſte des Or⸗ dens in der Verbreitung des Glaubens, in Beſchuͤtzung der Kirche durch ſeinen raſtloſen Kampf wider die Heiden und in der Vertheidigung des Reiches, dem er immer wie eine Schutzmauer vorgeſtanden, auch mit ruhmvoller Erwaͤhnung deſſen, was der Orden in frommen Werken als Spital fuͤr Arme und Unglüdliche übe, und endlich aus ganz beſonderer Zuneigung, welche der Kaiſer ſichtbar gegen den wuͤrdigen Hochmeiſter, „ſeinen Fuͤrſten und Geliebteſten des Reiches“ hegte, ſandte Ludwig dieſem eine Urkunde zu, in welcher er aus kaiſerlicher Macht dem Deutſchen Orden das ganze Land Litthauen, nebſt Samaiten, Karſau und Rußland, ſo weit es die Heiden inne hatten, zu eigenem und ewigen Beſitze uͤber⸗ wies, den Hochmeiſter im Namen des Ordens mit der Ver⸗ waltung der weltlichen Verhältniſſe und mit der geſammten Gerichtsbarkeit des ganzen Fuͤrſtenthums foͤrmlich inveſtirend !), mit der Beſtimmung, daß die Hauptburg dieſes Fuͤrſtenthums, welcher ſein Neffe den Namen und die Inſignien der Waffen und der Heerfahne Baierns gegeben, dieſe Inſignien als ein Zeichen und Vorrecht feiner Ehre und Winde immerdar fuͤh⸗ ren und ſolche auf Kriegsreiſen gegen die Litthauer vor allen andern Heerfahnen beim Angriffe die erſten, ſowie beim Ruͤck⸗ zuge die letzten ſeyn ſollten. Es ward ferner auch beſtimmt, daß die Bewohner des Landes inskuͤnftige jeder Zeit nur in der Baierburg Gericht und Recht ſuchen ſollten und da fruͤ⸗ her ſchon Herzog Heinrich von Baiern und der Hochmeiſter den Plan beſprochen, in dem Lande, ſobald der chriſtliche Glaube dort Wurzel gefaßt habe, eine Kathedrale zu erbauen, welcher als der Metropolitankirche ein Erzbiſchof als Metro: 1) Dietum fratrem Theodericum ſelicem nostrum et Imperii Principem nomine dicti sacri Ordinis investimus de eisdem (terris) cum aministratione temporalium et Iurisdictione eiusdem plenaria prin- cipatus; allerdings etwas befremdend; vgl. De Wall. c. T. III. p. 218.
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Kaif. Ludwigs Schenkung v. Litthauen (1337). 559 politan vorgeſetzt und die etwa im Lande einzuſetzenden Suf⸗ fragane in allem zu Gehorſam untergeben ſeyn ſollten, ſo genehmigte der Kaiſer nicht nur dieſen Plan, ſondern ver⸗ ordnete auch, daß die Kirche und das Erzbiſthum fuͤr immer den Namen Baiern fuͤhren ſollten 1). Je guͤnſtiger aber und je wohlgeſinnter ſich in ſolcher 1) Von dieſer Urkunde beſitzt das geh. Archiv Schiebl. XX drei Copien, die eine ein Transſumt vom J. 1421, die andere eine bloße Abſchrift auf Pergament, die dritte eine Art von Original mit dem Siegel des Herzogs Heinrich von Baiern und des Hochmeiſters. Sie ſtimmen aber nicht alle mit einander uͤberein. So iſt die eine datirt: Monaci XVII Non. Decembr. vel feria sexta ante Lucie virginis Proxima a. d. 1337, Indictione quinta, Regni nostri anno XXIII. Imperii vero decimo. Wenn XVII Non. Decembr. auch ein offenbarer Schreibfehler fuͤr VII Idus Decembr. iſt, ſo ſteht doch in einer Ab⸗ ſchrift ſtatt Monaci als Ort der Ausſtellung Ienti. Aber auch dieſes als Schreibfehler genommen, weichen die Abſchriften ferner noch darin von einander ab, daß die eine als die geſchenkten Länder terram Lit- winorum cum omnibns pertinenciis suis et partibus cuiuscunque ydeo- matis sive Samaythen, Karsaw vel Russie seu alterius cuinscungne existant, prout nunc sunt vel ad quameungue fidem declinaverint, nennt, während es in der andern heißt: Terram infidelium Litwino- rum, erueis christi inimicorum, videlicet Onchsteten, Samayten, Karsoto, Ruzzen, ceterasque partes prenominatis Terris adiacentes cum omnibus suis pertinencjis et partibus cuiuscunque ydoneitatis pront nunc sunt vel ad quamcunque formam seu statum fidei decli- naverint. Abſchriften von demſelbigen Originale können dieſes alſo wohl ſchwerlich ſeyn und da wir ein ſolches Original gar nicht haben, ſo könnte beinahe ein Zweifel uͤber die Aechtheit dieſer kaiſerl. Urkunde auf⸗ ſteigen. Eine genauere Unterſuchung der Transſumte ergiebt jedoch, daß es zwei vom Kaiſer beſiegelte Originale gegeben habe; das eine, mit der goldenen Bulle und dem Monogramme des Kaiſers verſehen, hat den Namen Ouchsteten nicht, aber das Datum: Monaci XVII Non. Decembr. etc.; das andere hatte nur ein Siegel de glauca cera rotunde forme und kein Monogram; in dieſem ſtand der Name Ouchsteten und das Datum: Monaci feria sexta ante Lucie virginis proxima. Gedruckt findet man die urkunde in Ludewig Reliqu. Iscr. T. I. Nr. 259 p. 336. Lünig Reichs⸗Archiv pars spec. T. V. p. 6. Acta Boruss. B. III. S. 549. Vgl. auch Lucas David B VI. ©. 126— 127.
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560 Neue Anklagen gegen d. Orden am paͤpſtl. Stuhle (1338). Weiſe der Kaiſer dem Orden bewieſen, um ſo mehr ſchien ſich mit dem Jahre 1338 die Gewogenheit und Zuneigung des Papſtes gegen ihn zu mindern. Der Biſchof von Kra⸗ kau hatte die Geſinnungen deſſelben durch allerlei Vorſtellun⸗ gen und Verdrehungen uͤber die Lage der Verhaͤltniſſe ſchon ſo umgeſtimmt und die Kardinaͤle, denen Benedict die Un⸗ terſuchung der Sache aufgetragen, hatten nicht ohne reichli⸗ chen Lohn von Seiten des Polniſchen Koͤniges !) einen Be⸗ richt abgeſtattet, der keine andere Wirkung haben konnte, als den Papſt eine Zeitlang von dem völligen Unrecht und dem ſchnoͤden und verbrecheriſchen Verfahren des Ordens, wie es der Bericht darſtellte, vollkommen zu uͤberzeugen 2). Und in dieſer Ueberzeugung ertheilte er ſeinen beiden Nuntien dem Probſt Galhard von Chartres und dem Domherrn Peter Ger⸗ vais, die er mit der weitern Ausführung der Streitſache zwi⸗ ſchen dem Koͤnige und dem Orden beauftragt, die Vollmacht, zuerſt diejenigen, welche die Kirchen in Polen durch Brand verwuͤſtet, mit dem Banne zu beſtrafen, ſodann nach Unter⸗ ſuchung die, welche an den feindlichen Einfaͤllen, Eroberun⸗ gen, Verheerungen und Brandſtiftungen uͤberhaupt Theil ge⸗ nommen, mit gleicher Strafe zu belegen, die Verheerer und Brandſtifter zum Wiederaufbau der Kirchen und zum voll⸗ kommenſten Erſatz fuͤr allen und jeglichen Schaden an be⸗ weglichen, wie an unbeweglichen Guͤtern zu verpflichten und anzuhalten, ohne ihnen daruͤber das Recht der Appellation zuzugeſtehen, vielmehr die Widerſetzlichen mit Bann und In⸗ terdict zu zuͤchtigen, die Unterſuchung in ihrer ganzen Aus⸗ dehnung fortzuführen und den Hochmeiſter nebſt den Ordens⸗ bruͤdern, wenn ſie ihrer Entſcheidung nicht Folge leiſten 1) Worauf ſelbſt Raynald an. 1339 Nr. 80 hindeutet. 2) In der Bulle des Papſtes bei Dog iel T. IV. Nr. LX p. 57 heißt es: quia per relationem huiusmodi Nobis constat, quod Magister et Fratres predicti super praemissis noscuntur infamia laborare ete. Die Unterſuchung hatten geführt Peter Tituli s. Praxedis Presbyter et Joannes S. Theodori Diaconus Cardinales; der letztere war aber im Fruͤhling 1338 ſchon geſtorben.
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Neue Anklagen gegen d. Orden am paͤpſtl. Stuhle (1338). 561 wollten, im Namen des Papſtes vorzuladen, innerhalb ſechs Monaten mit allen ihren Privilegien entweder perſoͤnlich oder durch bevollmaͤchtigte Sachwalter vor dem päpfilichen Stuhle zu erſcheinen, um dann von dieſem aus die Entſcheidung zu vernehmen, ihnen aber anzufündigen, daß wofern ſie nicht erſcheinen würden, alle ihre Privilegien aufgehoben ſeyn ſoll⸗ ten und daß dann auch in ihrer Abweſenheit das Recht nach feiner ganzen Strenge über fie ergehen werde ). Dem Orden ſelbſt hatte der Papſt, ſo viel wir wiſſen, noch nichts uͤber die neuen Anklagen der Polen kund gethan; allein man war in Preuſſen dennoch mit den feindſeligen Verlaͤumdungen bekannt, die am paͤpſtlichen Hofe von neuem gegen den Orden angebracht worden waren und ſchon gegen Ende des Mai wandte ſich der Abt und Convent des Klo⸗ ſters Oliva mit einem Schreiben an den Papſt, ihm berich⸗ tend, auf wie truͤgeriſche Weiſe die Feinde des Ordens aber⸗ mals bemüht ſeyn, dieſen bei ihm durch allerlei ehrenruͤhrige Anſchuldigungen anzuſchwaͤrzen, und zugleich bittend, ſolchen luͤgenhaften Verlaͤumdungen weiter kein Gehör zu geben, ſon⸗ dern der Wohlfahrt des Ordens feine vaͤterliche Sorgfalt wie⸗ der zuzuwenden, denn aus täglicher Beobachtung des ehrba⸗ ren Wandels der Ritter und mit ſtrenger Gewiſſenhaftigkeit koͤnnten fie bezeugen, welch ein Licht für die Kirche und welch eine Säule, ein Schild und Schirm für das chriſtliche Volk der Orden in dieſen Gegenden ſey und wie die Ordensbruͤder für die Verbreitung des Glaubens Leib und Leben einzuſetzen nicht ſcheuten?). Sey es aber, daß dieſes Fuͤrwort bei dem 1) Dieß iſt in kurzem der Inhalt der langen Bulle, datirt: Avi- nion. IV Nonas May p. n. a. quarto (4. Mai 1338) bei Dogiel T. IV. Nr. LX. Vgl. Diugoss. p. 1043 und Lucas David B. VI. S. 123. 2) Das Original dieſes Schreibens datirt: Oliva a, d. 1338 jn die b. Wilhelmi Pontificis et confessoris im geh. Arch. Schiebl. LIV. Nr. 5. Es heißt unter andern: Quoniam quidam Emuli religiosorum virorum fratrum Ordinis S. M. Th. puram innocenciam coram bea- titudine vestra indebite denigrando non verentur fallaciter infamare eis imponendo talia, que non solum bonorum, verumeciam honoris ipsis privacionem inferunt et jacturam, quare sanctitati vestre sup- IV. 36
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562 Neue Anklagen gegen d. Orden am paͤpſtl. Stuhle (1338). Papſte keine andere Ueberzeugung erweckte, oder daß die Nuntien des Papſtes bereits nach Polen abgegangen waren, bevor jenes Schreiben am paͤpſtlichen Hofe anlangte, es blieb ohne alle Wirkung. Mittlerweile aber war dem Kaiſer Ludwig, dem der Hochmeiſter ſchon oft Bericht uͤber des Koͤniges von Polen feindſelige und gewaltthaͤtige Schritte gegeben!), die Nach⸗ richt zugekommen, daß dieſer Koͤnig mit dem Erzbiſchofe von Gneſen und den Biſchoͤfen in Polen am paͤpſtlichen Stuhle nicht bloß ungerechte Klagen wider den Orden angebracht, ſondern dieſen auch in einen Streit uͤber Laͤnder und Be⸗ ſitzungen verwickelt habe, die er von Kaiſern und Königen feierlich zugeſagt und geſchenkt erhalten und die von Paͤpſten ihm geſetzlich beſtaͤtigt und ſchon lange fein Eigenthum ge⸗ weſen waren. Nicht ohne Befremden ſchrieb daher der Kaiſer dem Hochmeiſter Dieterich: „Da euer Orden von Kaiſern und Roͤmiſchen Koͤnigen geftiftet und eingeſetzt iſt zu des Reiches und des Glaubens Vertheidigung und der vom Koͤ⸗ nige Kafimir?) wegen der Ordensgebiete gegen euch als des Reiches Glieder erhobene Streit auch uns und das Reich angeht, ſo erſuchen wir euch ernſtlich und warnen euch zwar in Gnaden, doch unter Strafe des Verluſtes aller euch von unſern Vorfahren, den Kaiſern und Koͤnigen ertheilten Lan⸗ den, Rechten und Freiheiten, daß ihr keine der euch verlie⸗ henen Gebiete und Rechte auf irgend eines Befehl irgendwie aus euerer Gewalt gebet oder auf die Vorladung irgend eines geiſtlichen oder weltlichen Richters in dem gegen euch plicamus humiliter genibus provolutis, quatenus huiusmodi suggestio- nibus, quibus nullam inesse credimus rei veritatem et ex diutine ac cottidiane conversacionis noticia scimus veraciter, vestre sanctitatis aures non paciamini infestari, sed ipsas reicientes ut frivolas dicto- run fratrum commoditatibus paterna sollieitudine dignemini providere. 1) Gravi ad nos sepe querela deduxistis, fagt der Kaiſer ſelbſt in dem nachfolgenden Briefe. 2) Kazimerus, qui se nominat Regem Polonie nennt ihn der Kaiſer, damit andeutend, daß er ihn als ſolchen nicht anerkenne. Vgl. Müllers Reichstagstheat. P. I. p. 445.
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Streitige Verhaͤltniſſe mit Polen (1338). 563 angeregten Streite erſcheinet ohne unſere Zuſtimmung oder dem Gerichte Folge leiſtet, da vorzuͤglich uns die Vertheidi⸗ gung jener Lande zuſteht!); wir ermuntern euch daher, ſtaͤr⸗ ket eueren Geiſt in der Tugend der Beſtaͤndigkeit und erhaltet euch unter dem Schilde unſeres kaiſerlichen Schutzes die Ge⸗ biete, zu deren Erwerbung ihr euch ſo vielen Gefahren Preis gegeben und euer Blut vergoſſen habt; laſſet eueren Muth nicht durch Furcht und Schrecken brechen, denn unſere maͤch⸗ tige Hand iſt ruͤſtig und bereit gegen alle, die euere Lande überziehen oder ſich ihrer ſonſt bemeiſtern, da wir eueren Orden aufs zaͤrtlichſte lieben und mit Eifer und Fleiß fuͤr ſeine Wohlfahrt wachen.“ So ſchrieb der Kaiſer dem Mei⸗ ſter aus Frankfurt am zweiundzwanzigſten Juli des Jahres 1338 2). Dieſes Schreiben des Kaiſers aber, durch den Hochmei⸗ ſter ſelbſt von ihm erbeten, ohne Zweifel mit Dieterichs Ein⸗ verſtaͤndniſſe gerade in ſolcher Art abgefaßt und ſichtbar auf die Vorladung und das Richteramt am paͤpſtlichen Hofe hinzielend ), war für den Orden in aller Hinſicht von ſehr großer Wichtigkeit. Der Streit zwiſchen ihm und Polen war jetzt zur Rechtsſache zwiſchen dem Kaiſerthrone und dem paͤpſtlichen Stuhle geworden und wenn der Papſt auch nicht unterlaſſen hatte, ein gewiſſes Recht ſeiner Einmiſchung in 1) Ne Terras, possessiones ac Iurisdictiones vobis donatas et concessas ob cuiuspiam preceptum et mandatum extra potestatem vestram aliqualiter permittatis, aut ad citationem cuiuspiam Iudicis Ecclesiastici vel Secularis super ipsis de vobis conquerentibus et causam moventibus vel movere volentibus compareatis sine nostro consensu aut Iuri aliqualiter pareatis, cum principaliter defensio ea- rundem terrarum nobis competere dinoscatur. 2) Von dieſer wichtigen Urkunde beſitzt das geh. Archiv nicht we⸗ niger als ſechs verſchiedene Transſumte, das erſte vom J. 1393, Schicht. XX. Nr. 7 — 123; zum Theil ſteht fie gedruckt in Duellius P. I. p. 32 und bei Baczko B. II. S. 141; auch in Lünig Spicileg. eccles. Contin. p. I. p. 9. Lucas David B. VI. S. 125. 3) Pauli B. IV. S. 190 nach Muͤllers Reichstagstheat. P. I. . 444. . 36*
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564 Streitige Verhaͤltniſſe mit Polen (1338). die Streithaͤndel in dem Verhaͤltniſſe des Koͤnigreiches Polen zum apoſtoliſchen Stuhle hervorzufinden und geltend zu ma⸗ chen), fo ſtand doch gerade jetzt, da die Kurfuͤrſten mit dem Kaiſer vereint zur Begegnung des päpftlichen Einfluſſes auf den Kaiſerthron eben beſchloſſen hatten, die Rechte des Deut⸗ ſchen Reiches, ihrer Wahl und fuͤrſtlichen Ehre gegen jeder⸗ mann ſtandhaft zu vertheidigen und deshalb ſich für immer zu der feſteſten Verbuͤndung — den ſ. g. Kurverein — ver⸗ einigen zu wollen, der Kaiſer Ludwig gegen den Papſt in einer Stellung, die fuͤr den Orden die beſten Hoffnungen faſſen ließ. Die paͤpſtlichen Nuntien indeſſen, in Polen mittlerweile angelangt und unbekuͤmmert um des Kaiſers Er⸗ klaͤrung, verfuhren ſtreng nach dem Befehle ihres Hofes und der König unterließ nicht, ihren Eifer durch klingende Mittel noch mehr zu befeuern. Von der Strafſumme von dreißig⸗ tauſend Mark, zu welcher der Orden durch die früheren paͤpſtlichen Richter als Schadenerſatz verurtheilt ſeyn ſollte und an welche der König auch jetzt wieder Anfprüche machte, uͤberließ er der paͤpſtlichen Kammer als Schenkung die Summe von funfzehntauſend Mark mit dem Anheimſtellen, ſie vom Orden einzuziehen ?). Und dieſes Lockmittel wirkte allerdings nicht wenig auf die paͤpſtlichen Bevollmaͤchtigten, denn es erfolgte bald darauf ihrer Seits eine Vorladung, nach wel⸗ cher nicht nur der Hochmeiſter, ſondern auch eine große Zahl von Komthuren, Voͤgten und andern Ordensbeamten aus Preuſſen, Pommern, dem Kulmerlande und Cujavien auf den 1) Indem er naͤmlich von Polen ſagt: quod regnum est Romanae Ecclesiae censuale, quodque post Deum nullum praeter ipsam re- cognoscit superiorem in terris; Dogiel T. IV. p. 57. 2) Die Urkunde hieruͤber liegt im paͤpſtlichen Archiv, wovon eine Abſchrift ex autographo Instrum. C. Fasc. 33, Nr. 8 im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 445. Es iſt ein zu Krakau am 8. Septemb. 1338 aufgenommenes Notariatsinſtrument, worin Kaſimir dem paͤpſtl. Nun⸗ tius Galhard das Recht zuſpricht, gegen den Orden fuͤr die Entrichtung der genannten Summe an die paͤpſtliche Kammer ſich jedes erforder⸗ lichen Rechtsmittels zu bedienen.
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Streitige Verhaͤltniſſe mit Polen (1338). 565 vierten Februar des naͤchſten Jahres zu Warſchau vor den paͤpſtlichen Richtern zur Verantwortung erſcheinen ſollten 1). So ſchritten die paͤpſtlichen Nuntien keck und kuͤhn vor⸗ waͤrts; keiner konnte noch das Ziel ermeſſen, bis wohin man die Sache forttreiben werde. Aber allgemein war ſchon die Beſorgniß, daß bei ſolchem Fortgange der Verhaͤltniſſe end⸗ lich das Schwert wieder den Ausſchlag geben werde. Des⸗ halb wandte ſich der Biſchof Clemens von Ploczk mit ſeinem Domkapitel an den Papſt und verſichernd, daß der Hoch⸗ meiſter und fein Orden ſehr bereit ſeyen, den von den Kö: nigen von Ungern und Boͤhmen vermittelten Frieden aufrecht zu erhalten, bat er ihn aufs dringendſte, der paͤpſtliche Stuhl moͤge Mittel auffinden, dem drohenden Ausbruche eines neuen ſchweren Krieges und dem abermaligen Blutvergießen vorzu⸗ beugen 2). Allein auch dieſe Vorſtellung blieb ohne allen Er⸗ folg und es lief ſomit das Jahr 1338 ſeinem Ende entgegen, ohne daß friedlichere Hoffnungen gewonnen werden konnten. Und wie es in den aͤußeren politiſchen Verhaͤltniſſen keine irgend erfreulichen Ereigniſſe mit ſich gefuͤhrt, ſo hatte es auch in Beziehung auf die innere Geſtaltung der Dinge im Lande keine Erſcheinung von beſonderer Erheblichkeit aufzu⸗ weiſen. Nur ein Streit des Biſchofs Otto von Kulm mit dem Orden uͤber die Graͤnzen des Gebietes von Loͤbau hatte den Hochmeiſter lange Zeit beſchaͤftigt, bis man im Sommer dieſes Jahres dieſe Graͤnzen durch den Hauskomthur zu Strasburg und den Ritter Ludwig von Tuſchow genau un⸗ 1) Die vorgeladenen Komthure waren unter andern der Großkom⸗ thur, der Kulm. Landkomthur, die Komthure von Thorn, Graudenz, Leipe, Rheden, Engelsberg, Golub, Strasburg, Papau, Wenzlaw, Althaus, Neſſau, Orlow, Morin, Schwez, Danzig u. ſ. w. vgl. Dog iel T. IV. p. 59. Diugoss. p. 1043 ſagt: per certi tenoris litteras in Wladislaviensi Ecclesia Cathedrali et in Juniwladisiaviensi per Ni- colaum Praepositum S. Crucis Oppoliensem Wratislaviensis dioecesis, per edietum eitare procurarunt. Vgl. Eucas David B. VI. S. 125. 2) Original- Urkunde datirt: in Ploczk in vigilia Ommium san- ctorum a. d. 1338 im geh. Arch. Schiebl. LX. Nr. 20.
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566 Verhandlungen mit Polen (1339). terſuchen und feſtſtellen ließ, wodurch dem Orden ſein Theil ſicher beſtimmt und auch dem Biſchofe ſein Gebiet in dorti⸗ ger Gegend, wo es an den des Ordens graͤnzte, zugewieſen wurde ). Noch vor Ablauf des Jahres aber begab ſich der Meiſter nach Thorn und bevollmaͤchtigte dort in einem verſammelten Kapitel ſeiner oberſten Gebietiger und mehrer Komthure im Namen aller Vorgeladenen zu Sachwaltern des Ordens den Pfarrherrn Magiſter Jacob von Arnoldsdorf aus dem Kul⸗ miſchen und den Cleriker Bando aus der Dioͤceſe von Po⸗ ſen 2), und als hierauf der anberaumte Gerichtstag im naͤch⸗ ſten Jahre 1339 erſchien und des Koͤniges von Polen Be⸗ vollmaͤchtigter Magiſter Berthold von Ratibor die koͤnigliche Klaͤgſchrift den paͤpſtlichen Nuntien überreicht hatten), trat jener erſtere vor den Richtern mit der Erklaͤrung auf: der Orden erkenne ſie nicht als ſeine Richter an, verwerfe ihr Gericht und appellire hiemit an den paͤpſtlichen Stuhl aus viel⸗ faͤltigen Gruͤnden, zuerſt weil der Koͤnig von Polen im Banne ſey, da er nicht nur einen Geiſtlichen gewaltſam gefangen ge⸗ nommen und eingekerkert !), ſondern auch das Kulmiſche Ge⸗ biet zweimal mit Waffengewalt uͤberzogen und mit Raub und 1) Original- Urk. datirt: in Castro Reddin a. d. 1338 sabato ante festum s. Iohannis Baptiste im geh. Arch. Schiebl. XIX. Nr. 5. Die Graͤnze iſt in der urkunde fo beſtimmt, wie fie die Burgencharte zum zweiten Bande zeigt. Die Scheidelinie geht von da, wo der Fluß Grisla bei Damerau in die Drewenz fällt, an jenem Fluſſe längs fort bis Haaßenberg, dann ſuͤdwaͤrts nach Omulle und Prontnica bis an den Roman ⸗See beim Dorfe Rumian, hierauf weiter bis Rybno und fo fort wie die Charte zeigt. Alles weſtwaͤrts von dieſer Linie Gelegene gehoͤrte nach dieſer Graͤnzbeſtimmung dem Kulmiſchen Biſchofe. 2) Dogiel l. c. p. 60 — 61. Nach der unten näher beruͤhrten Ur⸗ kunde ſandte der Hochmeiſter auch einen Ermlaͤndiſchen Domherrn Ma⸗ giſter Martin mit nach Warſchau. 3) Dogiell.c. Dlugoss. p. 1043. Lucas David B. VI. S. 125. 4) Est excommunicationum sentenciis multipliciter irretitus, ex eo quod ipse dominum Io. presbyterum, qui dicitur lector Cypzensis violenter capi, incarcerari et per aliquot dies captum in vinculis detineri.
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Verhandlungen mit Polen (1339). 567 Brand aufs grauſamſte verwuͤſtet habe, einmal als der Koͤ⸗ nig von Boͤhmen pilgernd in Preuſſen geweſen und der Mei⸗ ſter ſich im Lande der Heiden mit ſeiner Kriegsmacht zum Heile des Glaubens kaͤmpfend befunden, und nachmals als der Koͤnig auf des Erzbiſchofs von Gneſen Rath ſogar die Heiden zur Verheerung des Kulmer- und Loͤbauer⸗Landes herzugerufen habe, wodurch damals unzaͤhlige Menſchen Leben und Freiheit verloren; und fuͤr ſolchen Fall ſpraͤchen paͤpſt⸗ liche Verordnungen gegen den König, wie gegen den Erzbi⸗ ſchof von Gneſen offenbar den Bann aus. Zum zweiten muͤſſe der Orden an den paͤpſtlichen Stuhl appelliren, weil durch die Koͤnige von Ungern und Boͤhmen uͤber die obwal⸗ tende Streitſache ein Friede vermittelt worden ſey, den der Koͤnig von Polen wie der Hochmeiſter mit koͤrperlichem Eid⸗ ſchwure befeſtigt und in welchen der Erzbiſchof von Gneſen, damals ſelbſt gegenwärtig, nicht nur eingewilligt), ſondern auch allen Anforderungen auf Schadenerſatz ausdruͤcklich ent⸗ ſagt habe. In dieſem Friedensſchluſſe aber ſey vom Koͤnige auch auf all ſein angebliches Recht auf Kulmerland, Pom⸗ mern und Michelau in jener Koͤnige Gegenwart gaͤnzlich Ver⸗ zicht geleiſtet und weder für ihn noch für feine Nachfolger irgend ein Recht auf jene Lande vorbehalten worden. Da nun der Papſt, wenn man ihm dieſe Verzichtleiſtung bekannt gemacht, ſeinen Nuntien einen ſolchen Auftrag zu neuer Un⸗ terſuchung gewiß nicht ertheilt haben wuͤrde, ſo ſey klar, daß die paͤpſtlichen Briefe und Auftraͤge mit Trug erſchlichen, an ſich alſo nichtig und kraftlos ſeyen und demnach den Nun⸗ tien auch kein Richterrecht zuſtehe 2). Darum berufe ſich der 1) Super premissis omnibus inviolabiliter observandis idem do- minus Archiepiscopus manum suam in signum fidei juxta morem pa- trie dedit Magistro et fratribus; ibi etiam dominus Kazimirus Rex Polonie sepedictus Terris Culmensi, Pomeranie et Michelovie, ac juri si quod super eisdem terris sibi competeret, prout ipse idem in Ungaria coram dietis principibus Ungarie et Bohemie regibus prius fecerat, expresse et in totum renunciavit, nichil juris aut dominii in eisdem terris sibi aut suis successoribus retinendo. 2) Ex quo patet, quod dicte commissiones et littere apostolice
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568 Verhandlungen mit Polen (1339). Orden wegen ungerechter Belaͤſtigung an den heiligen Vater, feinen Herrn den Papſt !). — Als aber Jacob von Arnolds⸗ dorf auf ſolche Weiſe fuͤr den Orden geſprochen, verließ er Warſchau ſofort ohne ſich bei den paͤpſtlichen Nuntien weiter zu beurlauben 2). Zwar ließen ſich die paͤpſtlichen Bevollmaͤchtigten durch „dieſe albernen und unangemeſſenen Gründe‘ ), wie fie fie nannten, keineswegs bewegen, ihr Gericht einzuſtellen; allein ſie waren doch, wie es ſcheint, einigermaßen ſcheu geworden, denn nachdem ſie ſich mit dem Koͤnige von Polen verſtaͤndigt, begaben ſie ſich im Maͤrz dieſes Jahres nach Thorn, wohin von ihnen auch der Hochmeifter zu einer Verhandlung ein⸗ geladen ward, um eine gütliche Ausgleichung zu vermitteln ). Hier legten ſie dieſem die Erklaͤrung vor: der Koͤnig Kaſimir wolle die zwiſchen ihm und dem Orden getroffene „Anord⸗ nung“ auch fernerhin beobachten, doch nur wenn ihm der Hochmeiſter die Summe von vierzehntauſend Gulden zahle s). Allein Dieterich entgegnete feſt und entſchieden: „Von un⸗ ſerer Appellation an den paͤpſtlichen Stuhl kann ich auf keine sunt expressa falsitate ac veritate tacita impetrate et sunt subre- pticie, invalide, nulle et nullius vigoris et per consequens nulla vobis per eas auf earum virtute seu occasione potuit aut debuit iurisdictio, aut aliqualis iudicandi seu exequendi facultas attribui vel acquiri. 1) Dieſe Appellation erfolgte im Beiſeyn des Erzbiſchofs Janislav von Gneſen, des Biſchofs Johannes von Poſen und vieler andern. Das daruͤber aufgenommene Notariats-⸗Inſtrument datirt: Varsovie IV die Februar. a. d. 1339 im geh. Arch. Schicbl. LX. Nr. 21b. 2) Dogiel I. c. p. 61. Diugoss. p. 1044. 3) Causae frivolae et minus rationales, in ihrem Schreiben bei Dogiel I. c. 4) Wohl nicht ohne Abſicht nannten ſich die Nuntien hier nuncios speciales sanctissimi principis domini Kazimiri Regis Polonie. 5) Nuncii asseruerunt publice, quod prelibatus Rex ordinacio- nem inter eum et suos ac Magistrum et ordinem suum factam nullo modo vellet servare, nisi Magister et sui confratres sibi quatuor- decim Millia florenorum solverent atque darent. War dieſes vielleicht das Taſchengeld, welches der Papft für feine Kammer ziehen follte? Wohlweislich nannten die Nuntien den Frieden nur eine „ordinacio.““
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Verhandlungen mit Polen (1339). 569 Weiſe abſtehen; den Frieden habe ich meiner Seits in allen Stuͤcken und Punkten bisher unverbruͤchlich gehalten und ſo⸗ fern es an mir liegt, will ich ihn auch kuͤnftighin immer unverletzlich halten, wenn er nicht von des Koͤniges Seite gebrochen wird. Allein zu jener Geldleiſtung fuͤhle ich mich mitnichten verpflichtet und werde ſolche auch niemals entrich⸗ ten.“ Doch erbot ſich der Meiſter weiterhin freiwillig zum Erſatze alles vor und nach dem Frieden geſchehenen und nach dem Urtheile rechtlicher Maͤnner abgeſchaͤtzten Schadens, fofern ſich der König zu einem gleichen Erbieten bereitwillig finden laſſe 1). So blieb auch dieſer Verſuch fruchtlos und er mußte natuͤrlich fruchtlos bleiben, da der Meiſter nur zu bald er⸗ kannte, welche Schlinge ihm dadurch gelegt werden ſollte, denn offenbar wuͤrde er durch Bezahlung der verlangten Summe der Buͤndigkeit und Reinheit ſeines Rechtes in jedem Falle ſehr geſchadet und den abgeſchloſſenen Frieden gewiſſer⸗ maßen für ungenügend erklärt haben. Nach Polen zuruͤck⸗ gekehrt waren aber jetzt die paͤpſtlichen Nuntien mit nichts eifriger befchäftigt, als eine bedeutende Anzahl von Zeugen zu vernehmen und die noͤthigen Beweismittel gegen den Or⸗ den zuſammenzubringen. Faſt der ganze Sommer ging in dieſen Bemuͤhungen hin, ohne daß durch den Hochmeiſter ein weiterer Schritt in der Sache geſchah. Da erfolgte end⸗ lich am funfzehnten September des Jahres 1339, nachdem der Meiſter nebſt ſeinen Gebietigern und Komthuren noch einmal, aber wiederum erfolglos vorgeladen?) und von des Koͤniges Sachwalter eine weitlaͤuftige Klagſchrift und Auffor⸗ derung zur Verurtheilung der Ordensherren verleſen worden war ?), das lange gedrohte Urtheil der paͤpſtlichen Geſandten 1) Das hieruͤber aufgenommene Notariatsinſtrument datirt: a. d. 1339, indictione septima ultima die mensis Marcli, in preurbio ca- stri Thorun, im geh. Arch. Schiebl. LX. Nr. 21a. Von dieſer Bege⸗ benheit ſprechen freilich die Polniſchen Chroniſten gar nicht 2) Diugoss. p. 1044. 3) Dogiel J. c. p. 61 — 63.
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570 Verurtheilung des Ordens im Streite mit Polen (1339). des Lautes: „Der Hochmeiſter Dieterich von Altenburg und alle vorgeladenen Gebietiger und Komthure werden um der Verwuͤſtung und Verbrennung der Kirchen willen in Polen hiemit in den Bann erklaͤrt und die Aufhebung dieſes Ban⸗ nes iſt nur allein dem Papſte vorbehalten; der Orden wird zu deren Wiederaufbau und zum Schadenerſatze aller unbe⸗ weglichen Guͤter verurtheilt; er ſoll ferner die zum Reiche Polen gehoͤrigen Lande, die er mit Heeresmacht uͤberzogen, verwuͤſtet und gewaltſam ſich zugeeignet, als Kulmerland, Pommern, Michelau, Dobrin und die Gebiete von Leflau und Brzeſc dem Könige von Polen zuruͤckgeben und ihm den Verluſt an Einkuͤnften und den erlittenen Schaden (den der Koͤnig ſo hoch geſchaͤtzt und mit einem Eide beſchworen hatte) mit der Summe von einhundertundvierundneunzigtauſend⸗ undfuͤnfhundert Mark Polniſcher Muͤnze verguͤten und endlich dem Koͤnige auch die auf die Fuͤhrung des Streites mit dem Orden verwandten Koſten mit ſechzehnhundert Mark erſetzen 1). Man ſtaunte, als der kecke Spruch der Nuntien bekannt ward; allein der Orden hatte ja ſchon vorher durch ſeine Berufung an den paͤpſtlichen Stuhl jegliche Anerkennung eines Urtheils dieſer Richter zuruͤckgewieſen, jetzt ruhig erwartend, welchen weitern Schritt nun der Papſt thun werde. Zwar gebot des letztern Bulle: der Hochmeiſter ſolle bei Verweige⸗ rung des Gehorſams gegen den Spruch der Nuntien vor den paͤpſtlichen Stuhl ſelbſt vorgeladen werden; allein man hatte ja auch gegen die Quelle proteſtirt, aus welcher dieſer Befehl des Papſtes gefloſſen war, wie denn auch die erwaͤhnte Wei⸗ ſung des Kaiſers an ſich ſchon das Erſcheinen des Meiſters vor dem paͤpſtlichen Gerichtsſtuhle ganz unzulaͤſſig machte. Der Bann ward natuͤrlich in Preuſſen nicht im mindeſten beachtet, ſo fleißig man ihn auch auf Polniſchen Kanzeln verkuͤndigte?) und fo ſicher man in Polen auch der Hoff⸗ 1) Der Richterſpruch bei Dogiel I. c. p. 63. Vgl. Dlugoss. p. 1045 — 1054. Lucas David B. VI. S. 128. 2) Lucas David a. a. O.
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Verurtheiling des Ordens im Streite mit Polen (1339). 571 nung lebte, der Papſt werde der Proteſtation der Ordens⸗ herren ungeachtet das Urtheil feiner Nuntien beſtaͤtigen, zu⸗ mal da bald nach dem Spruche an den Koͤnig Kaſimir, der damals den Tod ſeiner Gemahlin Anna, Gedimins Tochter, betrauerte, eine paͤpſtliche Bulle gelangte, die nach den ihm darin ertheilten Lobeserhebungen uͤber ſeine Friedensliebe und Gerechtigkeit fir ihn den guͤnſtigſten Erfolg erwarten ließ 1). Die paͤpſtlichen Nuntien unterdeſſen in Krakau noch verwei⸗ lend erließen von dorther im Laufe des Jahres noch eine neue Anforderung, indem ſie dem Probſte des Kulmiſchen Domkapitels und dem Pfarrherrn Jacob von Arnoldsdorf den ihnen vom Papſte zugekommenen Auftrag ertheilten, vom Biſchofe und ſaͤmmtlichen Geiſtlichen der Kulmiſchen Dioͤteſe nach der Beſtimmung Clemens des Fuͤnften im Concilium zu Vienne den Zehnten von ihrem Zehnten einzufordern, weil dringende Geſchaͤfte ihnen nicht erlaubten, ſich ſelbſt in dieſe Gegenden zu begeben, um die Einſammlung zu beſorgen 2). Wir ſind nicht unterrichtet, wie dieſe neue Anforderung in Preuſſen aufgenommen ſeyn mag und welchen Erfolg ſie gehabt habe; wenn man ſich indeß des Widerſtrebens gegen den Peterspfennig erinnert und hinzunimmt, daß dieſe Ab⸗ gabe in der Vorausſetzung verlangt wurde, das Kulmerland gehoͤre zum Polniſchen Reiche, ſo iſt zu vermuthen, daß man ſich ſchwerlich unter die neue Laſt werde gebeugt haben. Auch unter dieſen unerfreulichen Ereigniſſen unterließ der Meiſter nicht, ſeinen Blick vor allem auf den ſittlichen Zu⸗ 1) Dieſes Schreiben des Papſtes an den König bei Raynald an. 1339 Nr. 80. Die Lobeserhebungen gegen den Koͤnig gruͤnden ſich vor⸗ zuͤglich, wie der Papſt ſelbſt ſagt, auf einen Bericht, den der paͤpſt⸗ liche Nuntius Galhard von Chartres uͤber den Koͤnig abgeſtattet hatte. Man ſieht es indeſſen dem Schreiben an, daß ſich der Koͤnig auch mit klingenden Mitteln das Lob erworben hatte. Uebrigens ſtellte der Papſt die Bulle noch vor dem zu Warſchau geſchehenen Richterſpruch aus, denn fie hat das Datum: Avinion. XVI Calend. Septemb. an. V (17. Auguſt 1339). 2) Urkunde im geh. Arch. Schiebl. XLVII. Nr. 4 mit dem Datum: Cracovie a. d. 1339, indictione septima die XXI Mensis Decembr.
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572 Bemühungen zur Sicherheit des Landes (1339). ſtand und die inneren Verhaͤltniſſe ſeines Ordens zu richten, denn je weniger ſich dieſer jetzt wieder der Gunſt und Ge⸗ wogenheit des paͤpſtlichen Hofes zu erfreuen hatte, um ſo nothwendiger fand es Dieterich, die innere moraliſche Kraft der Ritterverbruͤderung in ihrer Staͤrke und Reinheit aufrecht zu erhalten und ſelbſt noch mehr zu heben, weshalb er durch ausgeſandte ſ. g. Viſitatoren ſowohl in den ſaͤmmtlichen Or⸗ denshaͤuſern Deutſchlands, als in denen Italiens und Sici⸗ liens den ſittlichen Lebenswandel, die Beobachtung des Got⸗ tesdienſtes, die Verwaltung der Ordensaͤmter, die Aufrecht⸗ haltung der Ordensregeln und Geſetze u. d. g. aufs genauſte unterſuchen ließ, um in dieſer Hinſicht den Orden gegen jeglichen Angriff vom paͤpſtlichen Hofe her zu ſichern 1). Mittlerweile war der Meiſter auch darauf bedacht, im Verlauf dieſes Jahres den Kampf gegen die Heiden fortzu⸗ ſetzen und da es ſein naͤchſtes Ziel war, dieſem Kampfe am Memel ⸗Strome in der Nähe der neuerbauten Baierburg eine immer feſtere Grundlage zu geben, ſo war ſchon im Anfange dieſes Jahres, da der Pfalzgraf vom Rhein das Ordensheer mit einem anſehnlichen Kriegshaufen verſtaͤrkt hatte, eine Heer⸗ fahrt zur Eroberung der heidniſchen Burg Welun unfern der Baierburg unternommen worden. Weil jedoch die Beſatzung die ſtark befeftigte Burg mit außerordentlichem Muthe ver⸗ theidigte, ſo hatte die uͤberaus ſtrenge Kaͤlte das Ordensheer bald wieder zur Ruͤckkehr gezwungen. Im Verlaufe des Som⸗ mers waren indeß noch drei Einfaͤlle ins feindliche Land er⸗ folgt, theils um die Heiden durch Verwuͤſtung ihrer Länder, Verheerung ihrer Saaten und durch Gefangennehmung der Bewohner immer mehr zu ermuͤden, zu entmuthigen und zu 1) Ausgeſandt wurden vom Hochmeiſter als Ordensviſitatoren der Komthur von Mewe Hermann von Kudorf und der Presbyter Johannes von Böhmen aus dem Haupthauſe Marienburg. Die hieruͤber ausge⸗ ſtellte urkunde, datirt in Trajecto a. 1339 in crastino Ioannis Bapt. im geh. Arch. Schiebl. C. Nr. 3 iſt eine Vollmacht fuͤr die Viſita⸗ toren und bezeichnet die Punkte, worauf bei der Viſitation zunaͤchſt zu achten ſey.
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Bemühungen zur Sicherheit des Landes (1339—1340). 573 ſchwaͤchen, theils auch um zur Abwehr ihrer Raubzuͤge ins Gebiet des Ordens an leicht zugaͤnglichen Graͤnzorten unter dem Schutze der Waffen maͤchtige Waͤlle, Landwehren und Graben aufzuwerfen, weil nahe Rache von den Heiden ſehr zu befürchten war ). Wie aber der Meiſter in dieſem Jahre 1339 alle Kraͤfte zur Sicherung der Landesgraͤnzen im Oſten verwandte, ſo war er im naͤchſtfolgenden eifrigſt bemuͤht, ſich durch ſtaͤrkere Befeſtigung mehrer ſeiner Ordensburgen im Weſten auf einen wahrſcheinlichen Krieg mit Polen vorzubereiten, zumal da die mit Bewilligung der Staͤnde des Landes geſchehene Annahme des Ungeriſchen Prinzen Ludwig, feines Schweſter⸗Sohnes, zu ſeinem einſtigen Nachfolger im Reiche und neue Laͤnder⸗ erwerbungen in Roth-Reuſſen Kaſimir's kriegeriſchen Kräfte nicht wenig verſtaͤrkt hatten?). Da nun vorauszuſehen war, daß Pommerns Wiedereroberung in einem ſolchen Kriege das Hauptziel des Koͤniges ſeyn werde, ſo ließ der Meiſter nicht nur eine ſtark befeſtigte und mit Wehrthuͤrmen verſehene Pfahlbruͤcke bei dem Haupthauſe Marienburg uͤber die Nogat ſchlagen, um fo zum Ueberſetzen der nöthigen Kriegsmacht nach Pommern die Verbindung mit Preuſſen zu erleichtern ), ſondern auf ſeine Anordnung wurden vorzuͤglich auch die bei⸗ den Burgen zu Danzig und Schwez wit neuen ſtarken Be⸗ feſtigungswerken verſehen!), weil auf deren Wiedergewinn 1) Wigund. p. 283. Dlugoss. p. 1057. 2) Diugoss. p. 1055. 1058. 3) S. meine Geſchichte von Marienburg S. 138 — 134. Wigand. l. o. Chron. Oliv. p. 54. 4) Wigand.]. c. fagt: Edificavit eciam duo Castra Gdantzk et Swetza a ſundamento usque ad menia intra et extra. An einen ganz neuen Aufbau der Burgen iſt hier ſchwerlich zu denken, ſondern nur an eine ſtaͤrkere Befeſtigung; dieß bezeugen auch andere Quellen, fo z. B. Chron. Oliv. p. 54 und Annal. Oliv. p. 49, wo es heißt: Ma- gister Theodericus castrum Gdantz et castrum Swetz muro coctili circumdari ac muniri fecit. Auch Henneberger p. 33 und 431 ſpricht bloß von einer bedeutenderen Befeſtigung durch Waͤlle, Graben und Mauern, bezieht dieſe indeſſen bei Danzig mehr auf die Stadt.
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574 Bemühungen zur Sicherheit des Landes (1339—1340). dem Könige alles ankommen mußte. Die Burg Thorn konnte dem Feinde durch ihre ſtarken Mauern wohl trotzen, weniger aber die Neuſtadt Thorn, deren Buͤrger in Kriegsgefahr dem Feinde Preis geſtellt geweſen waͤren, weshalb ſie vom Mei⸗ ſter die Erlaubniß erhielten, ihre Stadt ebenfalls durch Gra⸗ ben und Waͤlle ſtaͤrker zu befeſtigen!). Auf dieſe ſtaͤrkere Bewehrung der weſtlichen Landesburgen und Staͤdte konnte aber in dieſem Jahre um ſo mehr alle Zeit und Kraft ver⸗ wandt werden, da die Litthauer von Oſten her wenig Be⸗ ſorgniß erregten, indem ſie ihre Raub⸗ und Streifzuͤge mehr nach Suͤden hin in das Maſoviſche Gebiet richteten 2). Dennoch ſchreckte noch in dem naͤmlichen Jahre ein an⸗ derer furchtbarer Feind nicht bloß Preuſſen beſonders in ſei⸗ nen oͤſtlichen Gebieten, ſondern vorzuͤglich auch Polen, Ungern und bald den groͤßten Theil des Abendlandes. Das rohe Volk der Tartaren naͤmlich bedrohte vom Innern Rußlands aus, wo der grauſame Chan Usbek über daſſelbe gebot), Polen von Oſten her ſchon in dem Maaße, daß der Papſt vom Koͤnige Kaſimir ſelbſt von der ſchweren Geſahr benachrich⸗ tigt“), alle Mittel aufbot, um den Anſturm dieſes Feindes der Chriſtenheit zuruͤckzudraͤngen ). Es griff aber dieſer Um⸗ ſtand auch in den Streit des Ordens mit Polen ein. Nach des Papſtes Befehle haͤtte der Hochmeiſter, wie erwaͤhnt, vor dem paͤpſtlichen Stuhle erſcheinen muͤſſen. Zwar war nun durch die Appellation und durch die Proteſtation gegen das Urtheil der Nuntien auch dieſer Befehl an ſich ſchon zuruͤck⸗ gewieſen „). Allein um den eifrigen Bemühungen der Pol⸗ 1) Original⸗ Urkunde datirt: a. d. 1338 in die b. Lucie im Raths⸗ archiv zu Thorn Cist. IV. Nr. 14. Da die Staͤdte aus eigenem Willen keine neuen Befeſtigungswerke anlegen durften, ſo war eine ſolche Er⸗ laubnis des Hochmeiſters jeder Zeit nothwendig. 2) Dlug oss. p. 1059. 3) Vgl. Karamſin B. IV. S. 194 — 195. 4) In welcher großen Bedraͤngniß damals die Könige von Polen und Ungern waren, ſchildert Jo. Vitoduri Chron. ap. Eccard. T. L p. 1860 sed. 5) Raynald. an. 1340. Nr. 74 — 78. 6) Dieß war namentlich auch die Anſicht der Biſchoͤfe von Preuſſen,
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Schreiben der Landesbiſchoͤfe an d. Kardinal⸗Collegium (1340). 575 niſchen Sachwalter am paͤpſtlichen Hofe um die Beſtaͤtigung des gefaͤllten Urtheilsſpruches zu begegnen, hielten es die Bi⸗ ſchoͤſe Otto von Kulm, Berthold von Pomeſanien und Jo⸗ hannes von Samland fuͤr zweckmaͤßig, dem Kardinal⸗Colle⸗ gium in einem Schreiben vorzuſtellen: der Befehl des Papſtes zum perſoͤnlichen Erſcheinen des Hochmeiſters vor dem heili⸗ gen Stuhle ſey in der Art, wie er erfolgt ſey, zwar an ſich ſchon aufgehoben; allein Dieterich von Altenburg werde ſich auch wegen der drohenden Einfaͤlle der Heiden und beſonders der Tartaren, die gleichſam ſchon an den Thoren des Landes ſtaͤnden, nur mit der groͤßten Gefahr aus dieſem haben ent⸗ fernen duͤrfen, indem man juͤngſt erſt aus den Berichten von Edlen, Kaufleuten und andern glaubwuͤrdigen Maͤnnern er⸗ fahren, daß der Kaiſer der Tartaren beſchloſſen habe, in Ver⸗ bindung mit andern Fuͤrſten, beſonders mit den Koͤnigen der Litthauer und Ruſſen, ſeinen Soldpflichtigen, gegen welche der Orden zum Heile des Glaubens im beſtaͤndigen Kampfe ſtehe, das geſammte nahe chriſtliche Land, namentlich Preuf- ſen, Kurland und Livland gaͤnzlich zu verwuͤſten und ſeiner Herrſchaft zu unterwerfen ). Die Tartaren aber feyen fo mächtig, daß weder der Orden, noch ſelbſt die ganze Chri⸗ ſtenheit der angraͤnzenden Laͤnder zum Widerſtande gegen ſie denn in ihrem gleich naͤher beruͤhrten Schreiben an das Kardinal⸗Col⸗ legium heißt es: Sicque non sit sancte sedis apostolice intentio, ut cum principalia (namlich der erſchlichene Befehl des Papſtes und der daraus erfolgte Urtheilsſpruch) non valeant nec obligent fratres Or- dinis, ut accessoria sicut Citatio personalis ad Curiam et alia, que per ipsos putativos commissarios facta vel precepta esse dieuntur (namentlich der Bannſpruch) eos debeant obligare, nisi aliud ab ipsa sancta sede speciale et expressum emanaret beneplacitum. 1) Io. Vitoduri Chron. p. 1861 läßt die Tartaren wirklich in Preuſſen einfallen. Es heißt naͤmlich: De praedictis paganis maxima multitudo repentino incursu et insperato Brusciam ingreditur, et eam degrassantur. Sed Christiani, quaın cito poterant, se congregantes, bellum eis inferunt, et in eo praevalentes ipsos fugarunt, non ta- men absque caede et sanguinis effusione multorum Christicolarum. Einheimiſche Chroniſten wiſſen davon nichts.
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576 Schreiben der Landesbiſchoͤfe an d. Kardinal⸗Collegium (1340). hinreichen werde, denn ſeit Menſchengedenken ſey die chriſt⸗ liche Welt noch nie von Blutvergießen ſo erſchuͤttert worden und noch nie habe ſie eines ſo trefflichen und kraͤftigen Ver⸗ theidigers bedurft, als man ihn unter dieſen Umſtaͤnden wie vom Himmel gegeben im Meiſter Dieterich von Altenburg erkenne. Solle er ſich jetzt aus dem Lande entfernen, ſo ſey die Chriſtenheit dieſer Lande der groͤßten Verzweifelung Preis gegeben. Das Traurigſte aber unter dieſen Wirrungen der Zeit, fuhren fie fort, iſt für uns, daß der König von Polen den von den Koͤnigen von Ungern und Boͤhmen in Gegen⸗ wart ſo vieler hohen Praͤlaten, Fuͤrſten und Edlen abge⸗ ſchloſſenen und durch den Eid auf die heiligen Evangelien ſo feierlich beſchworenen Frieden ohne Scheu vor Gott und Men⸗ ſchen nicht nur nicht beobachtet, ſondern haͤufig ſchwer ver⸗ letzt, indem er ſelbſt um eine Vereinigung mit den obgenann⸗ ten Feinden des Kreuzes Chriſti eifrig bemuͤht iſt. Darum kann der Hochmeiſter nicht glauben, daß es der Abſicht des heiligen Stuhles gemaͤß ſey, wenn ſeine Nuntien die achtba⸗ ren Maͤnner Meiſter Galhard von Chartres und Peter Ger⸗ vais, die gleichſam wie Hausfreunde der Koͤnige von Ungern und Polen ſich fuͤr Commiſſarien, Richter und fuͤr den Koͤnig von Polen vom apoſtoliſchen Stuhle beauftragte Executoren ausgeben, dem Orden eben ſo gaͤnzlich mißguͤnſtig als ver⸗ daͤchtig, kraft der vom apoſtoliſchen Stuhle erſchlichenen Voll⸗ machtsbriefe eine Gerichtsbarkeit ausuͤben, die ihnen durch heilige Kirchengeſetze unterſagt iſt und durchs Recht ſelbſt ſchon in nichts zerfaͤllt, zumal waͤhrend am paͤpſtlichen Hofe ſowohl uͤber ihr liſtiges Erſchleichen, als gegen ihr von ihnen ſo genanntes diffinitives Richterurtheil Appellationen angebracht ſind. Aber wenn auch dieſe nicht angebracht waͤren, ſo muͤß⸗ ten ihre erſchlichene richterliche Gewalt, der von Seiten des Ordens auch hinlaͤnglich Widerſtand geleiſtet wird, und ihre daraus hervorgegangenen richterlichen Verhandlungen auch an ſich ſchon fir nichtig und kraftlos gehalten werden 1). 1) Das Original dieſes Schreibens datirt: in opido Elbingensi
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Innere Landesverhaͤltniſſe (1340—1341). 577 Dieſes mit ſo vieler Freimuͤthigkeit abgefaßte Schreiben der Biſchoͤfe ſcheint wie auf das Kardinal-Collegium, fo auf den Papſt ſelbſt großen Eindruck gemacht zu haben. Dieſer trug demnach Bedenken, den Spruch ſeiner Nuntien zu be⸗ flätigen; ſcheu gegen die Wahrhaftigkeit ihrer Berichte und ſelbſt im Zweifel uͤber die Rechtmaͤßigkeit ihres Verfahrens, ſetzte er auch immer mehr Mißtrauen in die Darſtellung der Polniſchen Sachwalter an ſeinem Hofe und fand es daher nothwendig, einige Kardinaͤle noch einmal mit einer ſtrengen und genauen Unterſuchung der Streitſache zu beauftragen 1). Der Hochmeiſter von dieſen Verhaͤltniſſen bald naͤher unterrichtet, durfte jetzt ruhig den Erfolg der neuen Unter⸗ ſuchung erwarten, und uͤberzeugt, die Wahrheit muͤſſe endlich über die argliſtigen Umtriebe der Gegner dennoch obſiegen, wandte er um ſo lieber im Laufe des Jahres 1341 ſeine Thaͤtigkeit wieder den inneren, friedlichen Verhaͤltniſſen feines Landes zu. Im Fruͤhling trat er zuerſt in neue Unterhand⸗ lungen mit der Herzogin Eliſabeth und den Herzogen Bo⸗ gislav, Barnim und Wartislav von Pommern 2), deren Vor: muͤnder fruͤherhin, wie oben erwaͤhnt iſt, dem Orden die Stadt, die Burg und das Gebiet von Stolpe gegen eine gewiſſe Geldſumme verpfaͤndet hatten). Die damals be⸗ ſtimmte Einlöfungsfrift ging mit dieſem Jahre zu Ende; doch ſind wir nicht genau unterrichtet, ob die Einloͤſung des Pfan⸗ prima die dominica adventus, que fuit III dies Decembr. a. d. 1340 im geh. Arch. Schiebl. LX. Nr. 22. 1) Der Papſt ſagt ſelbſt in einem Schreiben an den Koͤnig von Polen bei Raynald an. 1241 Nr. 40: Nos petitioni huiusmodi (nam⸗ lich um Beftätigung des Urtheils der Nuntien) annuere, si juste va- leret fieri, cupientes processum per dictos commissarios super prae- dictis habitum, et eandem sententiam nobis per ipsos nuntios exhi- Ditos, examinari per quosdam ex fratribus nostris S. R. C. Cardinales fecimus diligenter. 2) Sie nennen ſich jetzt in der nachfolgenden Urkunde Heredes et Duces Sthetin. Slavie, Cassubie, Pomeranie, Ruyeque principes und ſtanden nicht mehr unter Vormundſchaft. 3) S. oben S. 435 — 486. IV. 37
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578 Innere Landesverhaͤltniſſe (1341). des wirklich ganz erfolgt ſey. Wir erfahren aber, daß die genannten Herzoge den Orden jetzt abermals um eine Geld⸗ anleihe erſucht hatten. Er ſtreckte ihnen die Summe von zweitauſendſiebenhundertundſechsundſechzig Mark vor und erhielt wiederum die Burg, die Stadt und das ganze Gebiet von Stolpe als Pfand geſtellt, auch jetzt mit der Beſtim⸗ mung, daß wenn jene Summe an einem von den Fuͤrſten ſelbſt feſtgeſetzten Termine an den Orden nicht wieder zuruͤck⸗ gezahlt ſey, jenes ganze Gebiet ſammt Stadt und Burg die⸗ ſem als Eigenthum verfallen ſolle und ſey es auch ungleich mehr werth, ſo moͤge das Uebrige als zum Heile ihrer und ihrer Aeltern Seelen geſchenkt betrachtet werden!). — Einige Zeit zuvor hatte der Meiſter auch einen Streit zwiſchen den Staͤdten Danzig und Elbing, welcher letztern er nicht lange vorher auch die hohe und niedere Gerichtsbarkeit bewilligt ?), uͤber die Erhebung des ſ. g. Pfalgeldes beigelegt, einer Ab⸗ gabe, welche an den Haͤfen dieſer Staͤdte von den eingehen⸗ den Handelswaaren erhoben wurde, indem er beſtimmte, daß das von den im Balgaiſchen Tiefe einſegelnden Schiffen er⸗ hobene Pfalgeld den Elbingern, dagegen das von den auf der Weichſel eingehenden Kaufguͤtern bezahlte den Danzigern zufallen ſolle, womit ſich beide Städte begnuͤgten ), denn 1) Original⸗Urk. datirt: in Prikar, actum in Marienburg a. d. 1341 in die beat. Philippi et Iacobi (1. Mai) im geh. Arch. Schicbl. L. Nr. 30; das vom Hochmeiſter hieruͤber ausgeſtellte Document datirt: Marienburg 1341 in crastino ascensionis Christi in Dregers Samml. Pommer. Urk. Nr. 1689. Es ift die nämliche Urkunde, deren Kotze⸗ bue B. II. S. 398 erwahnt; daß dieſer aber das Land Siclra (mit einem verwundernden sic!) nennt, beweiſet nur, daß er den deutlich geſchriebenen Namen Stolpa in der Urkunde nicht leſen konnte. Cf. Ma- eraelii Antiquit. Pomeran. p. 188. Pontani Histor. rer. Danic p. 458. 2) Original⸗Urk. vom J. 1339 im Rathsarchiv zu Elbing Nr. 12. 3) Die Urkunde datirt: in Danczk a. d. 1341 quarta feria ante diem Palmarum im geh. Arch. Schiebl. XL, gedruckt bei Schütz p. 94 und Du Mont Corps diplom. T. I. P. II. p. 202. Wenn es in einer Stelle dieſer urkunde heißt: pecunia proveniens de bonis, que in Balganı pervenerint, fo ſcheint darunter doch wohl das Balgaiſche
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Innere Landesverhaͤltniſſe (1341). 579 ſie gewannen hiedurch beider Seits ein ziemlich ſicheres Ein⸗ kommen zur Unterhaltung ihrer Haͤfen. Und es ward dieſes Einkommen jetzt um ſo bedeutender, je mehr der Handel Preuſſens, in ſeiner Richtung nach Polen durch Feindſelig⸗ keiten, neue Zoͤlle und ſonſtige Beſchwerden dort ſehr ge⸗ hemmt 1), ſich ſchon ſeit Jahren immer mehr in Seehandel umgewandelt hatte. Man beſuchte jetzt weit lieber die Nie⸗ derlaͤndiſchen Märkte und kaufte da die Waaren ein, die man früher auf dem Handelswege zu Land durch Polen und Cu— javien gezogen hatte, ſo groß auch die Schwierigkeiten und Gefahren waren, welche nicht ſelten die Seeraͤuber auf der Oſt⸗ und Nordſee dem Seehandel entgegen legten ?). Damals öffnete ſich zur Freude des Hochmeiſters den Kaufleuten in Tief verſtanden werden zu muͤſſen. Die Nachricht daß dieſes Tief im J. 1311 bei einem großen Sturme entſtanden ſey, iſt keineswegs ſo gewiß, als man gewoͤhnlich annimmt; denn ihre Hauptquelle iſt Simon Grunau Tr. XI. c. 2 und von da iſt ſie zu Henneberger über Seen, Stroͤme u. |. w. S. 22, Hartknoch A. und N. Preuff. S. 399 übergegangen. 1) In einer Verhandlungsſchrift des Ordensprocurators gegen Polen heißt es daruͤber: Quia Prussia est terra satis sterilis et fri- gida et solis mercanciis et industriis hominum conservatur, quando mercatores ordinis regnum Polonie cum mercanciis pertransiverunt, Rex Polonie ipsos conpulit ire per loca et mercari in locis, in qui- bus novas dacias et nova thelonia instituit. 2) Darüber giebt Herm. Corneri Chron. ap. Eccard. T. II. p. 1047 eine merkwuͤrdige Nachricht: Post nandinas urbis Brugensis piratae sive raptores maris (secundum Chronicon Francorum) spo- liantes mercatorum naves in portu Swen, tres magnos cogones pan- nis et speciebus aromaticis plenos rapuerunt et in portum Secanae transduxerunt. Naves autem illae Pruthenorum erant. Quo percepto civitates orientales puta Lubeke et caeterae nuncios miserunt ad Philippum Regem Franciae in urbem Parisiensem, ut mercatoribus suis bona eis ablata et in Regnum suum deducta eis restituerentur Rex vero nuncios civitatum benigne pertractans, restitui fecit ad ultimum quadrantem bona a suis rapta et captivos eorum liberos remisit ad propria. Einiges über den Seehandel in dieſer Zeit in Be⸗ ziehung auf Luͤbeck und die Ordenslande in Dreyer Specimen iur. publ. Lubec. p- 185. 197. 37 *
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580 Innere Landesverhaͤltniſſe (1341). Preuſſen, namentlich den Thornern auch die eine Zeit lang geſperrte Handelsſtraße nach Gallicien wieder, indem der Hauptmann dieſer Ruſſiſchen Provinz Demetrius Dedko den Thorner Kaufleuten, die nach Lemberg Handel treiben wuͤr⸗ den, nicht nur voͤllige Sicherheit verſprach, ſondern ſolchen, die ſich dort haͤuslich niederlaſſen wollten, auch freies Beſitz⸗ thum verhieß ). Selbſt mit Italien ſtand Preuſſen ſchon in Handelsverbindungen und bei den Gerichten in Piacenza, wohin beſonders aus Thorn nicht unbedeutender Handel ging, nahm ſich der Hochmeiſter der Rechte ſeiner Unterthanen mit allem Eifer an 2). Auch die Graͤnzverhaͤltniſſe der Biſthuͤmer des Landes beſchaͤftigten den Hochmeiſter noch hie und da, denn ſie wa⸗ 1) Dieſe in verſchiedener Hinſicht ſehr merkwuͤrdige Urkunde von Demetrius Dedko, provisor ceu Capitaneus terre Rusie ift datirt: in Lemberg anno in presenti; fie gehört ohne Zweifel ins J. 1341, denn es heißt darin: discordiam a dyabolica suggestione seminatam inter dominum Kazimirum Regem Polonie et nos, ex inspiracione alıni pneumatis postergantes temptatorem humanum concordie inivimus unionem. Dieß iſt der Friede, den Kaſimir nach feinem Kriege in Gallicien ſchloß, worüber Ka ramſin B. IV. S. 209. Dann ſagt er: Eatenus scire volumus universos terram Rusie visitare cupienti- bus, quod secundum jura nostrorum predecessorum cum mercimoniis neminem pertimescentes, Lemburgam secure poterint subintrare. Qui vero ad commansionem ibidem venire proposuerint, hereditatem liberam concedimus et donamus, prout pristini exactionem nobis an- nuatim necnon alia iura solum sint tribuentes. Dampna vero post obitum domini nostri felicis memorie ducis Rusie quicunque Lem- burgen. intulerunt duntaxat excipimus litteris in alüs et in istis. Dieß war wahrſcheinlich der im J. 1336 geſtorbene Fuͤrſt Georg von Gallicien. S. oben in tiefem Bande S. 25. Cf. Dlugoss. p. 1057 — 1058. 2) Urkunde datirt: Placent. XIV die mensis Martii a. 1339 im geh. Arch. Schiebl. CI. Nr. 8, worin das Gericht und die Buͤrger⸗ ſchaft zu Piacenza erklaͤren, daß ſie auf das Anſuchen des Hochmeiſters Dieterich von Altenburg und des Rathes von Thorn die einigen Kauf leuten aus Preuſſen vorenthaltenen Guͤter und Waaren wieder heraus⸗ geben und die Handelsleute des Ordens in ihrem Handel nirgends ver⸗ hindern wollen.
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Innere Landesverhaͤltniſſe (134). 581 ren noch keineswegs ſo feſt beſtimmt, daß nicht bald in die⸗ ſem, bald in jenem neue Irrungen und Zwiſtigkeiten haͤtten erfolgen muͤſſen. So waren lange Zeit die Graͤnzen der Biſthuͤmer Samland und Ermland von dem Punkte an, wo ſich die Inſter und Angerapp bei Inſterburg zum Pregel⸗ Strome verbinden, ſehr zweifelhaft geweſen und das Sam⸗ laͤndiſche Biſthum hatte deshalb viele Jahre lang manchen Eintrag an ſeinen Rechten erlitten, bis man mit Beirath des Hochmeiſters im Jahre 1340 beſtimmte, daß von jenem Punkte der Fluß Angerapp bis an die Burg Angerburg, von da dann laͤngs dieſem Fluſſe bis an den See Swokisken und vom Ausgange des Fluſſes aus dieſem See eine gerade Linie oſtwaͤrts bis an die Litthauiſche Graͤnze die Scheide beider bifchöflichen Sprengel bilden ſollten !). Eben fo glich ſich der Hochmeiſter uͤber die Graͤnzen des Biſthums Ermland in der Gegend von Hohenſtein in der Feldmark Kurkoſadel, wo einſt dem heidniſchen Gotte Curche geopfert worden war, mit dem Ermlaͤndiſchen Domkapitel dahin aus, daß aller Streit für immer beigelegt ſchien?). Auch mit dem Kloſter Oliva waltete noch immer theils uͤber Anforderungen deſſelben we⸗ gen der Fiſcherei und ſeiner Gerichtsbarkeit, theils uͤber Be⸗ fißrechte verſchiedener Gebiete und. über Graͤnzirrungen ein Streit ob, der nach vielfachen, den Meiſter oft beſchaͤftigen⸗ den Verhandlungen im Jahre 1341 endlich durch einen Ver⸗ gleich geſchlichtet wurde, welcher die Anſpruͤche des Kloſters und des Ordens gegenſeitig aufhob, dem letztern alle ſeine rechtmaͤßig erworbenen Beſitzungen beſtaͤtigte und nach ſeinem 1) Urkunde datirt: in castro Kungisberg sexta feria post diem b. Luce evangel. XIII Calend. Novemb. an. d. 1340 im geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 10. Die Original- Urk. der Biſchoͤfe von Ermland und Samland mit dem nämlichen Datum befindet ſich im Archiv des Domkapitels zu Frauenburg L. Nr. 52 doppelt. 2) Notariatsinſtrument datirt: in loco dicto Kurkosadel XXVI die mensis Augusti a. 1341 im geh. Arch. Schiebl. LI. Nr. 5. Der Groͤnzſtreit ſchien nur für immer beigelegt, denn wir werden ſpaͤter ſehen, daß nachmals über dieſe Graͤnze neue Irrungen entſtanden.
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582 Neue Verhandlungen mit Polen (1341). ganzen Inhalte vom Ciſtercienſer General: Kapitel auch die Genehmigung erhielt 1). Mittlerweile waren die Verhandlungen in der Streitſache zwifchen Polen und dem Orden am paͤpſtlichen Hofe fort: waͤhrend betrieben worden, und nachdem der Papſt ſich im⸗ mer mehr theils von der unrichtigen Darſtellung der ſtreitigen Verhaͤltniſſe, wie des Koͤniges Sachwalter ſie vorgelegt, theils auch von der einſeitigen und parteüſchen Entſcheidung feiner Nuntien uͤberzeugt zu haben ſchien, hatte er ſchon am zwei⸗ undzwanzigſten Juni dieſes Jahres drei neuen Schiedsrichtern und zwar, um allen Schein der Parteilichkeit zu vermeiden, dem Biſchofe von Krakau, einem Polen, dem von Kulm, einem Preuſſen, und dem von Meißen, einem Sachſen, den Auftrag ertheilt, durch genauſte Unterſuchung der Streitpunkte mit Eifer den Frieden zu vermitteln. Als Praͤliminarien zeich⸗ nete er ſelbſt die Beſtimmungen vor: die Gebiete von Cuja⸗ vien und Dobrin, mit Ausſchluß der Beſitzungen, welche dem Orden ſchon vor der Beſitznahme in dieſen Landen zu⸗ gehört, nebſt einer Summe von zehntauſend Goldgulden als Schadenerſatz fuͤr die daraus gezogenen Einkuͤnfte ſolle der Orden den erwaͤhnten Biſchoͤfen und dieſe dem Koͤnige ein⸗ haͤndigen, denn hierauf ſchien dieſer nach des Papſtes Be⸗ duͤnken ein unſtreitiges Recht zu haben 2); die Rechte und Anſpruͤche beider Theile auf Pommern, das Kulmer⸗ und Michelauer⸗Land, ſowie auf den Schadenerſatz fuͤr die aus ihnen gezogenen Einkuͤnfte ſollten zuerſt gruͤndlich gepruͤft und dann nach Ermeſſen des Rechts der Streit fuͤr immer 1) Die Sache kann hier mehr nur angedeutet werden. Weitlaͤuf⸗ tiger handelt darüber das Chron. Oliv. p. 54 — 58. In der Urkunde des geh. Arch. Schiebl. LVI. Nr. 47 erſucht das Kloſter das Ciſtercienſer General⸗ Kapitel um Beftätigung feines mit dem Hochmeiſter geſchloſ⸗ ſenen Vertrages und in der Urk. Schiebl. L. Nr. 56 wird vom Abte Johann von Ciſterz dieſe Beftätigung im J. 1341 ertheilt. 2) Der Papſt ſagt freilich in der Bulle an die Bifchöfe: es ſolle dieſes geſchehen, si de Regis et Magistri predictorum processerit vo- luntate; alſo war der Vorſchlag keineswegs unbedingt.
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Neue Verhandlungen mit Polen (1341). 583 beigelegt werden, ohne daß irgend einem Theile fernere Wi⸗ derrede geſtattet ſeyn ſolle ). Inwiefern aber die erwähnten Bifchöfe in die Friedens: verhandlungen kraft ihres Auftrages eingegriffen haben, iſt uns unbekannt geblieben. Gewiß iſt jedoch, daß die Koͤnige von Ungern und Boͤhmen gegen den Ausgang des Sommers wieder thaͤtiger als je für die Herſtellung des Friedens wirk⸗ ten, denn der erſtere ſandte den Probſt Anton von Hay, der andere feinen Sohn, den Markgrafen Karl von Mähren zu dieſem Zwecke nach Preuſſen und es wurde nun ein Verhand⸗ lungstag zu Thorn angeordnet, auf welchem die Streitſache noch einmal berathen und geſchlichtet werden ſollte. Der Hochmeiſter entſandte zuvor noch einige Komthure und Or⸗ densritter an den Koͤnig von Ungern, vielleicht um durch die⸗ fen den König von Polen leichter zur Annahme der geſtellten Bedingungen zu gewinnen 2). In den erſten Tagen des Octobers waren auch bereits die Bevollmaͤchtigten der ge⸗ nannten Koͤnige nebſt denen des Koͤniges von Polen, des Erzbiſchofs von Gneſen und vielen andern Perſonen geiſtliches und weltliches Standes in Thorn eingetroffen). Nachdem der Hochmeiſter ſich dort ebenfalls eingefunden und den Mark⸗ grafen mit Ehren empfangen hatte, ſollten die Unterhandlun⸗ 1) Die Bulle mit dem Datum: Avinion. X Calend. Iulii p. n. a. VII (22. Juni 1341) in einem Transſumt vom J. 1357 im geh. Arch. Schiebl. VII. Nr. 2, auch im National- Archiv zu Warſchau, gedruckt bei Dogiel T. IV. Nr. LXI. p. 66— 67. Vgl. Lucas David B. VI. S. 124. 2) Wir kennen den Zweck dieſer Sendung nicht genau, denn wir haben nur den Geleitsbrief des Geſandten des Koͤniges von ungern An⸗ tons von Hay fuͤr die abgeſandten Komthure, ausgeſtellt in Schonense a. d. 1341 in crastino sancti Stanislai translationis (28. Sept.), wor⸗ aus hervorgeht, daß der Geſandte ſich damals in Schoͤnſee befand; im geh. Arch. Schiebl. XXVIII. Nr. 27. 3) Vei Wigand Marb. p. 283 heißt es: non longe ante obitum Magistri Theoderici missi erant legati in Thorun a rege Locuk ad magistrum, 8. dux de Bunslow (2), Karolus et tercius venit de Archiepiscopo Gneznensi.
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584 Des Hochmeiſters Tod (1341). gen beginnen. Da erſchien aber ploͤtzlich mitten in der Nacht bei dem Markgrafen der Großkomthur Ludolf Koͤnig von Weizau mit der traurigen Nachricht, daß der Meiſter, ſchon durch ſein hohes Alter niedergebeugt und durch die Muͤhen ſeines Amtes ſeit einiger Zeit ſehr entkraͤftet, jetzt durch die Reiſe angegriffen in wenigen Stunden ſchwer auf das Kran⸗ kenbette darniedergeworfen ſey und ſchon faſt keine Hoffnung mehr zur Geneſung gebe. Zugleich bat der Großkomthur den Fuͤrſten in des Meiſters Namen, eiligſt zu ihm zu kommen, um mit ihm noch manches uͤber die obwaltenden Berhaͤltniſſe zu berathen. Karl eilte die Bitte zu erfuͤllen und als der Meiſter von des Fuͤrſten Ankunft benachrichtigt ward, richtete er ſich in ſeinem Krankenbette auf und ließ ſich, obgleich ſchon fo ſchwach, daß ihm nur noch wenige Stunden übrig zu ſeyn ſchienen, ſein feſtliches Ordenskleid anlegen, um ſo den Fuͤrſten geziemend zu empfangen. Nur mit großer An⸗ ſtrengung ſprach er mit ihm einige Zeit uͤber die Angelegen⸗ heiten des Landes in Beziehung auf die Verhaͤltniſſe mit Po⸗ len; dann empfahl er den Orden und feine Ritterbruͤder mit vieler Ruͤhrung aufs dringendſte des Fuͤrſten Fuͤrſorge und Schutz. Kaum aber konnte er ihm fuͤr die Wohlthaten und Beguͤnſtigungen, die er und fein Vater dem Orden fo zahl— reich erwieſen, noch Dank ſagen, denn er wurde durch die Rede ſo ermattet, daß er auf das Bette zuruͤckſank. Wenige Stunden darauf entſchlief der edle Meiſter, der letzte Sproͤßling feines Stammes !), ruhig und in Gott ergeben. Mit einem großen Trauergeleite und unter vielen Thraͤnen ward ſeine Leiche von Thorn nach dem Haupthauſe Marienburg gebracht und hier in der S. Annenkapelle in der Gruft beigeſetzt, welche er ſelbſt als ſtille Ruheſtaͤtte der Hochmeiſter hatte errichten laſſen ?). 1) Huth Geſchichte der Reichsſtadt Altenburg S. 235. De Wal Hist. de l'O. T. T. UI. p. 248. 2) Ueber den Tag und den Ort ſeines Todes ſtimmen die Quellen nicht überein. Das Chron. Oliv. p. 58 laßt ihn zu Thorn ſterben, indem es ſagt: Qui (Carolus Marchio Moraviae) cum moram traheret in Thorn, Magister generalis occurrit et ibidem infirmatus est, et
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Des Hochmeiſters Tod (1341). 585 Da deckt noch bis dieſen Tag fein Grab ein einfacher Stein mit der Inſchrift: Do unſers herren Chriſti jar was M dri C XLI gar do ſtarb der meiſtere ſinerich von Aldenbure bruder Diterich. hie zeyin di meiſter begraben. Der von Aldenburc hat angehaben. Amen. post unam noctem circa medium noctis, misit Magister magnum Com- mendatorem cum aliis fratribus pro dicto Marchione, et indutis ve- stibus suis, sedendo in lecto commendavit ei suppliciter Ordinem suum etc. Et hoc facto valedicens Marchioni, recollegit se in lecto suo et prima nocte extremum vitae suae clausit diem. Cuius corpus cum devotione et multorum gemitu deductum fuit in castrum s. Ma- riae. Dieſe Nachricht beftätigt auch Wigand. Marb. I. c., der aus: druͤcklich vom Hochmeiſter ſagt: Marchioni de Moravia in occursum venit Magister et benigne suscepit et honoravit, qui eciam fnit in Thorun; ebenſo Lucas David B. VI. S. 141. Simon Grunau Tr. XII. c. 9. Henneberger S. 287. Ordenschron. bei Matthaeus p- 777. Schütz p. 70 führt dagegen Marienburg als Ort feines Todes an; allein feine Auctorität muß hier zuruͤckſtehen. Als Todestag führt Wigand. I. c. den dies s. Viti (15. Juni) an, und nach ihm auch Schütz l. c. Andere haben nach De Wal l. c. den 15. Juli, welche Angabe unbezweifelt falſch iſt. Das Anniverſarienbuch nimmt den 6. October 1341 an, ſ. Bachem Chronol. der Hochmeiſter S. 32 und dieß iſt ohne Zweifel das Richtigſte, ſtimmt am beſten mit den oben erwähnten Urkunden zuſammen und läßt auch den Zwiſchenraum bis zur Wahl des naͤchſten Hochmeiſters nicht zu groß ſeyn, welcher Umſtand die Angabe bei Wigand. ſchon allein zweifelhaft macht. — Eine Le⸗ bensbeſchreibung Dieterichs von Altenburg ſteht in den Hiſtoriſ. Samm⸗ lungen zur Deutſ. Staats: und Kirchengeſchich. Halle 1751 S. 295 ff.; ſie hat indeſſen nur geringen Werth.
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Beilage Nel. Die VBierbrüderfäule. Das Denkmal auf dem Wege von Koͤnigsberg nach Pillau, eine Saͤule mit vier baͤrtigen und behelmten Maͤnnerkoͤpfen hat ſchon im vorigen Jahrhunderte die Phantaſie und Kritik der Gelehrten des Landes, z. B. Rhode's, Lilienthal's, Kowalewski's, Boltz's, Baczko's u. a. viel zu ſehr beſchaͤftigt und ſteht in jedem Falle mit der Geſchichte Samlands in zu naher Verbindung, als daß nicht auch hier daruͤber ein Wort geſprochen werden muͤßte. Kaum aber koͤnnen uͤber die beruͤhmte Irminſaͤule ſo viele Hypotheſen zu Tage gefoͤrdert worden ſeyn, als bereits uͤber den Zweck und die Bedeutung dieſes Denkmals vorhanden ſind. Dem einen ſtellte es vier Wege - Götter oder vier Graͤnz-Goͤtter vor; einem andern war die Saͤule ein Denkmal fuͤr vier Moͤrder; einem dritten verewigte ſie das Andenken an vier Gothiſche Fuͤrſten zur Zeit des alten Widewuds. Bald wiederum ſollten an ihrer Stelle einſt vier Fuͤrſten, der Koͤnig Sigismund von Polen, der Herzog Al⸗ brecht von Preuſſen, der Kurfuͤrſt Joachim von Brandenburg und der Markgraf Georg Friederich von Brandenburg-Anſpach nach einem fröhlichen Jagdvergnuͤgen ſich beim Schmauſe weiblich er⸗ goͤtzt haben; dann mußte fie die Erinnerung von vier Capuciner⸗ Heiligen verewigen oder eine Schandſaͤule der vier Nuheſtoͤrer Funk, Schnell, Horſt und Steinbach aus der Zeit des Herzogs Albrecht ſeyn, um in ſolcher Weiſe durch das Beiſpiel dieſer Maͤnner, von denen drei enthauptet und einer verwieſen wurde, auf immer abzuſchrecken. Allein ſolche und aͤhnliche Muthmaßun⸗ gen Über Veranlaſſung und Zweck des Denkmals haben auch meift nur ihren Urhebern gefallen, ſind belacht und bald vergeſſen wor⸗ den, denn für keine konnten aus bewährten geſchichtlichen Quellen irgend wichtige oder auch nur die Wahrſcheinlichkeit hervorhebende
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590 Die Vierbruͤderſaͤule. Gründe und Beweiſe aufgeſtellt werden. Am laͤngſten hielt ſich noch die Meinung aufrecht, die Saͤule ſey ein Denkmal eines entweder vom Herzoge Albrecht oder von deſſen Sohn Albrecht Friederich in jener Gegend fuͤr einige fremde Fuͤrſten veranſtal⸗ teten Jagdvergnuͤgens und eines darauf erfolgten großen Gaſt⸗ ſchmauſes. Man findet dieſe verſchiedenen Muthmaßungen weiter ausgeführt im Erlaͤut. Preuſſ. B. I. S. 54 ff. und B. III. S. 868, und Acta Boruss. T. I. p. 197 — 198. Da es an allen ſicheren Nachrichten uͤber die Entſtehung des Denkmals fehlte, ſo ſetzte man es vor etwa hundert Jahren zuerſt in einer beſondern Abhandlung im Erlaͤut. Preuſſ. B. I. S. 54 ff. in Verbindung mit der altern Geſchichte Preuſſens, indem man es auf die vier Ordensfreunde, die fruͤher ſo genann⸗ ten Struter oder kuͤhnen Parteigaͤnger und Freibeuter bezog, die hier nach einer gefahrvollen Unternehmung von dem ſie uͤberfal⸗ lenden Feinde erſchlagen ſeyn ſollten. Man ſuchte die Volksmei⸗ nung, nach welcher das Denkmal auf vier Moͤrder, die Stra⸗ ßenraub getrieben, hinweiſen ſollte, mit der Geſchichte jener Frei⸗ beuter inſofern zu verſchmelzen, daß man dieſe fuͤr Ordensbruͤder erklaͤrte, ihre Bezeichnung bei Dusburg durch latrones oder la- trunculi auf Mörder deutete u. ſ. w. So vieles auch in dieſer Deutung uͤber den Zweck des Denkmals noch ſchwankend und unerwieſen blieb, fo wurde der Hauptgedanke dieſer Loͤſung des Raͤthſels doch auch in der Folge immer noch feſtgehalten, und es pflichteten ihr Paul Polens Chronik, Pauli B. IV. S. 137, Baczko B. II. S. 20. u. a. bei. Auch De Wal in ſ. Hi- stoire de PO. T. T. II. p. 335 huldigt dieſer Meinung, in⸗ dem er ſagt: Selon toute apparence, c'est à cette Epoque que la colonne des quatre Freres, qu'on voit encore aujourd'hui en Prusse, doit son origine und nachdem er darauf das kuͤhne Unternehmen Martin Golins erzaͤhlt hat, faͤhrt er fort: Cette vengeance n’etant pas suffisante pour diminuer les regrets que lui laissoit la perte de ses quatre amis, il entreprit d'en eterniser le souvenir: comme ils avoient cte inseparables dans le combat, il les fit inhumer dans un meme tombeau, et leur erigea un monument, qu'on croit etre la colonne des quatre Freres. Selon Mr. de Busching les quatre fi- gures qui y sont posees, representent exactement des Che- valiers Teutoniques; et l'on se rappellera que ces partisans etoient Freres servans de POrdre. Quand ce monument deperissoit, dit le m&me auteur, on en faisoit toujours un autre parfaitement semblable à Y’ancien, en sorte qu'on La perpetue ainsi pendant un espace de plus de quatre siecles.
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Die Vierbrüderfäule. 591 In den Recherches sur l’aneienne constitution de PO. T. T. II. p. 162 ſagt derſelbe Verfaſſer: II ne paroit pas dou- teux, que Golin et les autres partisans que Dusbourg nomme Latrunculi, n’aient appartenu à J'Ordre d'une maniere quel- canque. On a vu dans Thistoire, que Golin etoit comman- dant du chäteau de Conowedit et qu'il avoit fait eriger un monument à quatre de ses freres d’armes les plus cheris, qui avoient été tués dans la bruyere de Caporn. Nach Baczko a. a. O. läßt der Landmeiſter Meinhard von Querfurt ſelbſt jenen vier Waffengenoſſen das Denkmal errichten. Was nun dieſe Erklaͤrung uͤber Anlaß und Bedeutung des Denkmals, die in neuern Zeiten Kotzebue B. II. S. 81 und 333 wieder in Zweifel zog, an ſich ſelbſt betrifft, ſo iſt ſie frei⸗ lich ebenfalls nichts weiter als eine Muthmaßung; aber ſie bleibt doch unter allen Hypotheſen offenbar die wahrſcheinlichſte und ob⸗ gleich auch für fie keine ganz feſten Beweiſe aufzuführen find, fo ſcheint doch Folgendes fuͤr ihre Wahrſcheinlichkeit am meiſten zu ſprechen. Erſtens war es allerdings Sitte des Ordens, merk⸗ wuͤrdige Ereigniſſe in der Geſchichte des Landes durch Denkmale zu verewigen und es geſchah ſolches bald durch Erbauung von Kapellen, bald auch durch Aufſtellung von Denkſaͤulen. Die ein⸗ ſtigen Kapellen zum Andenken des heil. Adalberts an dem Orte, wo er erſchlagen ward, und zur Erinnerung an die gefallenen Ordensritter auf dem Felde von Tannenberg, von welchen beiden noch die Ruinen vorhanden, ſowie die Denkſaͤule auf der Wahl: ſtatt von Rudau, die noch bis dieſen Tag ſteht, ſind unzweifel⸗ hafte Beweiſe fuͤr dieſe Sitte und ſchon dadurch koͤnnte es wahr⸗ ſcheinlich werden, daß der Orden auch bei dem Tode jener um ihn ſo vielverdienten und getreuen Anhaͤnger dieſem Gebrauche gefolgt ſey. — Zweitens iſt auch der Name des Denkmals gar nicht unwichtig, vielmehr fuͤr die richtige Beziehung und Deu⸗ tung deſſelben ſehr weſentlich. Wenn auch wirklich einſt die obenerwaͤhnten vier Fuͤrſten in jener Gegend zum Jagdvergnuͤgen beiſammen geweſen waͤren (was noch keineswegs bewieſen iſt), wuͤrde dann der Name „Bruͤderſaͤule,“ der nie gewechſelt hat, nicht ein neues Raͤthſel und die Benennung „Vierfuͤrſtenſaͤule“ nicht viel paſſender ſeyn? Offenbar weiſet jener erſtere Name auf ein nahes Verwandtſchafts⸗ oder ſonſt ſehr enges und inniges Verhaͤltniß derer hin, fuͤr welche das Denkmal errichtet wurde. Von vier wirklichen Bruͤdern oder von vier Ordensbruͤdern, die ſich hier durch irgend eine große That beſonders ausgezeichnet, weiß nun aber die Geſchichte nichts zu erzaͤhlen; dagegen berich⸗ tet ſie von jenen vier Waffenbruͤdern, die als ſtete Geſellſchafter
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592 Die Vierbrüderfäule. des kuͤhnen Martin Golin in feinen Unternehmungen ſich um den Orden ſehr verdient machten, und erwaͤhnt zugleich, daß die⸗ fer ihr Hauptmann und Führer feinen Wohnſitz auf der nicht weit von dem Denkmale gelegenen Burg Conowedit hatte. Nun waͤre zweierlei moͤglich; entweder naͤmlich konnte das Denkmal fuͤr jene vier Deutſche Waffenbruͤder gelten, welche im Jahre 1278 auf einem Raubzuge Golins von den Sudauern erſchlagen wurden, wie Dusb. c. 193 berichtet, ſ. oben B. III. S. 367, oder Go⸗ lin errichtete die Denkſaͤule fuͤr ſeine vier Freibeuter oder Struter (latrunculi), die von den in Samland wohnenden, im Jahre 1295 mit in der Verſchwoͤrung begriffenen Sudauern uͤberfallen und ermordet worden ſeyn ſollen. Da nun aber gewiß iſt, daß die im Jahre 1278 erſchlagenen vier Deutſchen Waffenbruͤder nicht die ihn gewoͤhnlich begleitenden Freibeuter oder Struter ſeyn koͤnnen, weil zweier von ihnen auch noch im Jahre 1295 wieder erwaͤhnt wird, ſo bliebe nur uͤbrig, das Denkmal auf den Tod dieſer vier Waffenbruͤder Golins zu beziehen. Duͤrfte man dem Chroniſten Simon Grunau einigen Glauben ſchenken und waͤre auch hier ſeine Erzaͤhlung nicht mit ſeinen luͤgneriſchen Aus⸗ ſchmuͤckungen entſtellt, ſo wuͤrde auf den Namen der Bruͤderſaͤule durch ihn noch mehr Licht fallen, denn bei ihm hesßen jene Freibeuter wirklich Brüder. Er ſagt Tr. VIII. c. 17. F. 2: „So wollten dies vier ſtarke bruͤder raͤchen, als bruder Martin Golyn, bruder Conrad Tulchyn (Duͤvel), bruder Jacob Stobe⸗ mehl, bruder Malachin Kobeleng.” Doch auch abgeſehen von dieſer unſicheren Nachricht, iſt es doch gar nicht unwahrſcheinlich, daß dieſe Freibeuter Halbbruͤder, fratres servientes, Freres ser- vans des Ordens waren, denn dieſes Inſtitut der Halbbruͤder⸗ ſchaft beſtand, wie wir wiſſen, ſchon laͤngſt im Orden. In die⸗ fer Annahme aber würde der Name Vierbruͤderſaͤule auch feine natuͤrlichſte Erklaͤrung finden. — Drittens bietet fuͤr dieſe Bezie⸗ hung des Denkmals der Name eines dieſer Freibeuter, nämlich Kon: rad Dyvels einen nicht unwichtigen Umſtand dar. In dem Wi⸗ thingsverzeichniſſe (S. oben S. 118, 119) wird eines Albert Dyvel und eines Konrad Dyvel Erwaͤhnung gethan und zwar des erſtern im Gebiete von Medenau, des andern im Gebiete von Waldau. Dieſer Konrad Dyvel iſt wohl offenbar unſer Freibeuter, dem als Belohnung vom Orden ein Beſitzthum im Gebiete von Waldau uͤbergeben worden war. Das eigentliche Stammgut der Familie Dyvel war jedoch, wie oben ſchon erwähnt worden, das Befißs thum im Gebiete von Medenau, denn dort ſaßen die Erben und Nachkoͤmmlinge Albert Dyvels noch zu Ende des vierzehnten Jahrhunderts. Auf dieſem Stammgute mochte wohl fruͤher auch
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Die Vierbrüderfäute. 593 Konrad Dyvel gelebt und nachmals eine andere Beſitzung bei Waldau erhalten haben, wie denn ſolche Verſetzungen bei den Withingen in Verſchreibungsurkunden wirklich oͤfter vorkommen. Aber wie dem auch ſeyn mag, die Vierbruͤderſaͤule ſteht in der Gegend, wo einſt die Withingsfamilie der Dyvel anſehnliche Be⸗ ſitzungen hatte und da einer von den Waffengenoſſen Golins, die erſchlagen wurden, Konrad Dyvel war, fo wird es hiedurch wahr ſcheinlich, daß das Denkmal ſeine Beziehung auf dieſe Freibeuter hat. — Es kommt viertens noch hinzu, daß, wie ſchon erwaͤhnt iſt, der Fuͤhrer dieſer Freibeuter Golin auf der Burg Conowedit ſeinen Wohnſitz hatte, welche ganz in der Naͤhe des Denkmals, zwiſchen Caporn und Margen, etwa 300 Schritte von dem letz⸗ tern, dicht am friſchen Haffe auf einer Anhoͤhe lag, die wie eine Zunge in das Haff hineinging. Von ihrer Lage giebt Jeſter (in ſ. Hiſtoriſ. Abhandlung und gegruͤndeten Nachricht von der be⸗ ruͤhmten Vierbruͤder⸗Saͤule. Koͤnigsb. 1784) folgenden Bericht: „Der groͤßte Theil des ſpitzen, ſteilen, hohen Berges ſelbſt, wo das Schloß geftanden hat, iſt nach und nach durch eine Reihe von anſehnlichen vielen Jahren von den Wellen des Haffes bei Stuͤrmen und Eisgaͤngen abgeſchlagen, die Menge von Erde nach und nach herunter geſtuͤrzt und durch das Waſſer verflaͤcht wor⸗ den, ſo daß nunmehr weiter nichts als ein kleiner Theil von die⸗ ſem Berge und zwar ein Stuͤck des alten Begraͤbniß-Berges uͤbrig iſt, woſelbſt zuweilen noch gegenwaͤrtig einige Urnen oder Todten⸗ aſchen-Toͤpfe und mit denſelben alte Spieße, Meſſer, Ringe, Stuͤcke von Reitzeug und andere Dinge mehr entdeckt und aus⸗ gegraben werden. Es ſind demnaͤchſt noch Kennzeichen von eini⸗ gen Laufgraben und Wallungen uͤbrig, auch zwei ſpitzige kleine Berge vorhanden. Wenn das Waſſer im friſchen Haff ganz niedrig iſt, fo kann man noch eine Menge von Fundament⸗Stei⸗ nen dieſes ehemaligen Schloſſes ganz deutlich entdecken, auch eini⸗ germaßen den Raum des Schloſſes hiedurch beſtimmen.“ Hienach ift über die Lage des alten Conowedits, des Wohnſitzes Golins, wohl kaum ein Zweifel uͤbrig. Zum Schluſſe mag noch erwaͤhnt werden, daß vielleicht auch der Name des Waldes, in welchem ſüdlich jene Burg und nördlich die Denkfäufe ſtanden, eine Be ziehung zu dieſer als Begraͤbnißdenkmal haben koͤnnte, denn wie wir früher B. I. S. 570 ſahen, hießen Kapurnen die Begraͤb⸗ nißorte der alten Preuſſen und es duͤrfte nicht unwahrſcheinlich ſeyn, daß dieſes Begraͤbnißdenkmal der vier Bruͤder der Waldung den Namen gegeben habe. Vgl. J. J. Rhode Dissertatio de celebri statua quatuor fratrum. Regiom. 1717. IV. 38
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Beilage Nell. Vom Wehrgelde der Preuſſen. Wenn wir hier einige Bemerkungen uͤber das durch den Deut⸗ ſchen Orden nach Preuſſen verpflanzte Wehrgeld niederlegen, ſo darf nicht erwartet werden, daß wir uns uͤber die damaligen Verhaͤltniſſe dieſes Inſtituts in Deutſchland weiter auslaſſen, ſon⸗ dern wir betrachten es nur, ſoweit es die ſpaͤrlichen Quellen hier⸗ uͤber moͤglich machen, in ſeiner Erſcheinung und Anwendung in Preuſſen. Die Einführung des Wehrgeldes im Ordenslande be⸗ ruhte, wie früher (B. III. S. 432) ſchon erwähnt wurde, ohne Zweifel vorzüglich mit auf der Wichtigkeit, welche der bevorrech⸗ tete Stand der Withinge zunaͤchſt in Samland fuͤr den Orden hatte, denn wie oben (a. a. O.) ſchon erwieſen iſt, fand das Wehrgeld in dem Bemühen des Ordens für die Erhaltung und Sicherheit dieſes ſo wichtigen Herrenſtandes ſeine fruͤheſte Anwen⸗ dung und der Withing Gedune iſt der erſte, deſſen Wehrgeld im Jahre 1261 Erwaͤhnung geſchieht, obgleich es noch nicht auf eine beſtimmte Summe geſetzt iſt, da es den Verwandten noch frei geſtellt wird, pro eo aequam summam pecunie acceptare. So lange der Orden nach der Unterwerfung der Preuſſen theils den Deutſchen Einzoͤglingen, theils den bezwungenen Lan⸗ desbewohnern das laͤndliche Beſitzthum auf Kulmiſches Recht ver⸗ lieh, war für dieſe eine Beſtimmung des Wehrgeldes gar nicht nothwendig, weil im Fall ihrer Ermordung oder thaͤtlichen Ver⸗ letzung die Kulmiſche Handfeſte ſchon die noͤthigen Beſtimmungen enthielt (ſ. Privileg. Culmens. ap. Dusdurg ed. Hartknoch p. 454). Anders war es bei den Withingen, die als ein Stand hervortraten, der ſeine Beſitzungen, ſowohl ſein Allode, als ſeine Lehenguͤter nicht auf Kulmiſches Recht beſaß. Für ihn war alſo die Feſtſetzung eines beſtimmten Wehrgeldes nothwendig, und urſpruͤnglich
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Vom Wehrgelde der Preuffen. 595 ſcheint ausſchließlich auf das Leben eines Withings die Summe von 60 Mark geſetzt worden zu ſeyn, die auch nachmals ſtehen blieb. Eine zweite Klaſſe von ſolchen, die Wehrgelds⸗Recht ge⸗ noſſen, aber nicht zu dem Stande der Withinge gehoͤrten, ſon⸗ dern ſich dieſes Recht durch treue Anhaͤnglichkeit oder durch be⸗ fondere Verdienſte um den Orden erworben hatten, bildeten bald einzelne Preuſſen aus dem Stamme der Urbewohner des Landes oder auch Fluͤchtlinge, die ſich mit ihren Familien oder Anhaͤngern aus Sudauen oder Litthauen zur Zeit des Krieges in dieſen Land⸗ ſchaften in den Schutz des Ordens begeben hatten und von die⸗ ſem mit beſondern Vorrechten beguͤnſtigt wurden. Von jenen erſtern giebt uns der Hochmeiſter Karl von Trier im Jahre 1315 ein Beiſpiel, indem er in einer Verſchreibung der beſonders um den Orden verdienten Preuſſen Stankeyte, Dorge, Sangaube und Toloweyſe in Pogeſanien erklaͤrt: Insuper ex dono gracie sin- gularis addicimus, quod prefatos Stankeyte et suos fratres eorumque heredes legittimos in causis homieidii vel aliis quibuscunque contra quoscunque Prutenico lure fruentes ius Prutenicum, adversus omnes Culmense Ius habentes habere volumus ius Culmense, hoc dumtaxat exceptis, quod in qui- bus causis ipsos contra nostros fratres occupari contigerit, in hiis iure prutenico subiacebunt !) Daß aber auch getreue Sudauer vom Orden mit Withings⸗Wehrgeld beguͤnſtigt wurden, beweiſet nicht bloß das Beiſpiel jenes Luprechts, des Sohnes Gedete's vom Jahre 1316, woruͤber ſchon fruͤher (B. III. S. 431) geſprochen iſt, ſondern ſchon im Jahre 1317 ertheilt auch der Landmeiſter Friederich von Wildenberg dem Sudauer Powyle, als Beſitzer von 3 Huben und 10 Morgen bei Preuſſiſch-Hol⸗ land ein Wehrgeld von 30 Mark und ſeitdem wiederholen ſich dieſe Beiſpiele haͤufiger auch bei gefluͤchteten Litthauern. Sobald ſich aber in Preuſſen nach Unterwerfung aller Land⸗ 1) Ius Prutenicum umfaßt nämlich hier auch zugleich mit das Wehrgeldsrecht. Im Allgemeinen bilden wie in dieſer, ſo in vielen an⸗ dern Urkunden Ius Prutenicum und Ius H aue Fe enfag und begreifen, jedes für ſich, die Geſammtheit aller Rechtsver⸗ bälkniſſe des der auf Kulmiſches und des der auf Preuſſiſches Recht ſitzt. Insbeſondere aber kommt der Gegenſatz beider Rechte im Gerichtsver⸗ hältniſſe Häufig vor, wo es denn z. B. in einer Urkunde fuͤr einen der Kulmiſches Recht genießen ſoll, in dieſer Beziehung heißt: Wir wellen ap (ob) unſer Pruſin wedir ſy (d. h. ihn und ſeine Erben) icht czu clagen haben, das ſal geſchen vorm kompthur im richthove, alzo das dy Pruͤſin by erem rechte und ſy by erem rechte blyben.“ In Criminal⸗ fallen hat endlich das Ius Prutenicum oder Pruthenicale feine noch ſpe ciellere Beziehung auf das Wehrgeld, wie nachher gezeigt werden wird. 38 *
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596 Vom Wehrgelde der Preuſſen. ſchaften die Territorial⸗Verhaͤltniſſe fefter ſtellten und die Klaſſe der Freilehens⸗Leute mehr und mehr hervortrat, mußte das Wehrgeld ſchon darum auch auf ſie ausgedehnt werden, weil ſie ihre Beſitzungen nicht auf Kulmiſches Recht erhielten und alſo die Beſtimmungen der Kulmiſchen Handfeſte auf ſie auch keine Anwendung fanden. Dieſe drei Klaſſen der Withinge, der gefluͤchteten Sudauer und Litthauer und der landeseingeborenen Freilehens⸗Leute find es aber allein, in deren Verſchreibungen des Wehrgeldes ausdruͤcklich erwaͤhnt wird, denn es findet ſich in aͤußerſt zahlreichen Ver⸗ ſchreibungen fuͤr Preuſſiſche Koͤlmer kaum ein oder das andere Beiſpiel, daß in der Beſtimmung ihrer Rechte und Verpflichtun⸗ gen noch beſonders vom Wehrgelde die Rede waͤre, und zwar aus dem ſchon erwähnten natürlichen Grunde. Beſaßen aber gleich Anfangs alle Withinge und ſaͤmmtliche Freilehens⸗Leute oder nur ein Theil von ihnen dieſes Recht des Wehrgeldes? Urſpruͤnglich war, wie es ſcheint, das Letztere der Fall, denn in fruͤher Zeit finden wir in einer großen Zahl von Verſchreibungen uͤber Freilehens-Guͤter des Wehrgeldes in keiner Spur erwaͤhnt und ohne Zweifel moͤgen es bei der erſten Bil⸗ dung des Standes der Freilehens-Leute und in der Periode des Ueberganges und der Verbreitung des Wehrgeldes von dem Wi⸗ thingsſtande auf die Klaſſe der Freilehens⸗Leute nur Einzelne aus dieſer letztern erhalten haben, denn ſelbſt nicht einmal alle Nach⸗ koͤmmlinge der alten Withinge ſcheinen mit dem Wehrgelds⸗ Rechte bevorrechtet geweſen zu ſeyn, wie ein Beiſpiel aus einer Ver⸗ ſchreibung des Biſchofs von Samland vom Jahre 1327 beweiſet, wo es fuͤr die drei Bruͤder Miligede, Dargote und Samone, Sproͤßlinge eines alten Withings, heißt: Preterea ad petitionem discreti viri fratris Henrici advocati nostri multorumque no- bilium et feodalium nostrorum ex speciali gratia conferimus ius XXX marcar. fratribus memoratis, ut si aliquis ipsorum aut heredum suorum in futurum, quod absit, oecideretur ab aliquo, extune hujusmodi oceisionis iudieium ad XXX mar- cas denariorum usualium se extendat. Auch noch in der erſten Haͤlfte des vierzehnten Jahrhunderts gab es eine bedeutende Zahl von Freilehens⸗Leuten, die offenbar kein Wehrgeld hatten und erſt in der Mitte und in der zweiten Haͤlfte dieſes Jahrhunderts ging es nach und nach auf die ganze Klaſſe derſelben uͤber und zwar in folgender Weiſe. Erſtens mußte ſich das Wehrgelds⸗ Recht unter den Freilehens⸗Leuten ſchon dadurch ſehr verbreiten, daß es immer als ein erbliches Recht verliehen wurde, indem es faſt ohne Ausnahme heißt: man vergoͤnne das Wehrgeld dem oder jenem Beſitzer eines Gutes „et suis veris heredibus oder
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Vom Wehrgelde der Preuffen. 597 suis legitimis successoribus.“ Somit wurde es, ſobald es ein: mal verliehen war, ein erbliches Familien⸗Recht, doch dergeſtalt daß der Beſitz des Gutes dabei Bedingung blieb. In ſpaͤterer Zeit aber war auf dieſe Weiſe das Wehrgelds⸗Recht ein am Gute ſelbſt haftendes Recht geworden, weshalb auch bei neuen Ver⸗ leihungen und Verſchreibungen uͤber ein ſolches Gut die aus⸗ druͤckliche Erwaͤhnung des Wehrgeldes keineswegs mehr nothwen⸗ dig war. Wer alſo nachmals die rechtmaͤßige Erbfolge von einem früher mit Wehrgeld berechteten Freilehens-Manne nachweiſen konnte oder durch Beſitz eines Freilehens-Gutes eines ſolchen Freilehens⸗Mannes auch in den Genuß aller ſeiner Rechte trat, hatte das Wehrgeld immer ſchon an ſich, ohne eine erneuerte ausdruͤckliche Zuſicherung. Dieß beſtaͤtigt ſich auch dadurch noch, daß in einer bedeutenden Menge von Verſchreibungen des Wehr⸗ geldes gar keine Erwaͤhnung geſchieht, obgleich wir beſtimmt er⸗ fahren, daß die Beſitzer der Freilehens- Güter, welche fie betreffen, das Wehrgeld wirklich beſaßen; denn bei dieſen Verſchreibungen iſt die Beſtimmung des Wehrgeldes fuͤr die Beſitzer zur Kennt⸗ nißnahme in vorkommenden Faͤllen nebenbei am Rande ange⸗ merkt, wahrſcheinlich nach Vergleichung der erſten Verleihungs⸗ urkunden, in denen es beſtimmt war. — Wenn nun ſchon in ſolcher Weiſe durch Erblichkeit das Wehrgelds-Recht eine große Verbreitung gewann, ſo wurde es zweitens auch dadurch noch allgemeiner, daß im Laufe des vierzehnten Jahrhunderts fort und fort auch neue Verleihungen des Wehrgelds-Rechtes und zwar an ſolche erfolgten, die es bisher noch nicht gehabt und die es nun ebenfalls auf Erblichkeit erhielten. So geſchah, daß das Wehrgeld endlich auf die ganze Klaſſe der Freilehens-Leute aus⸗ gedehnt und zu einem Rechte wurde, welches zuletzt mit jedem Beſitze eines Freilehens-Gutes zuſammenfiel. Daß dieſes Letztere wirklich der Fall war, beweiſet ſchon die Bezeichnung, unter welcher das Wehrgelds-Recht in Urkunden vorkommt. So heißt es z. B. in einer Verleihungsurkunde des Biſchofs Johannes von Samland für feinen Preuſſiſchen Dol⸗ metſcher Heinrich vom J. 1343: Si ipsum Henricum vel alı- quem de suis heredibus oceidi contingeret, quod absit, quod extunc huiusmodi iudieium secundum communem consueludi- nem feodalium terre simile ius habentium firmiter observetur. Es wird alfo hier das Wehrgelds-Recht ſchon als eine commn- nis consuetudo feodalium terre, d. h. der Freilehens-Leute an⸗ geſehen. Da ferner das Wehrgeld nur fuͤr ſolche Preuſſen naͤher beſtimmt werden mußte, die ihr Beſitzthum nicht auf Kulmiſches Recht beſaßen, ſo erſcheint es bald auch unter der Benennung
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598 Vom Wehrgelde der Preuffen. „Preuſſiſches Recht, Jus Prutenicum oder Prutenicale.“ Dieß ſieht man klar, wenn es heißt: Damus insuper sepedicto Pel- dethe et fratri suo Beswayge eorumque veris heredibus jus Prutenicale sedeeim marcarum, quarum penam si quis, quod absit, aliquem ex eis oceiderit, se noverit incursurum, oder wenn der Biſchof Jacob von Samland den Brüdern Pelle und Senkethe eine Beſitzung verleiht dum jure prutenicali videlicet XVI marcarum, quarum penam si quis ete. Daher findet man auch in allen „pririlegiis liberorum jure pruthenicali re- sidentium“ ganz regelmaͤßig des Wehrgeldes erwähnt. Sehr oft kommt die Bezeichnung Jus Prutenicale auch mit dem Zuſatze hereditarium vor und begreift dann immer auch das Wehrgeld in ſich. Weil aber meiſt noch erklaͤrend hinzugefuͤgt wird, „ita quod depelli non debeant ab eisdem mansis “, fo faßt dieſe Bezeichnung ohne Zweifel zugleich den ununterbrochenen erblichen Beſitz des Gutes und die Erblichkeit des Wehrgelds-Rechts zu⸗ ſammen. Durch jene Benennung der „liberi jure prutenicali resilentes“ ift aber wiederum die ganze Klaſſe der mit Wehrgeld berechteten Preuſſiſchen Landbeſitzer bezeichnet und dieſe war keine andere als die der Freilehens⸗ Leute. Was die Hoͤhe des Wehrgeldes anlangt, ſo gab es im Ganzen drei Grade deſſelben, deren erſter und hoͤchſter 60 Mark, der zweite 30 Mark und der geringſte 16 Mark Preuſſ. Pfen⸗ nige betrug, und hienach wurden auch die Freilehens-Leute in Ruͤckſicht ihres Wehrgeldes in drei Klaſſen getheilt, naͤmlich 1) in ſolche, quorum iudieium ad sedecim marcas denariorum usualium se extendit, 2) in ſolche, quorum iudieium ad tri- ginta marcas den. usual. se extendit und 3) in ſolche, quo- rum iudicium ad sexaginta marcas den. usual. se extendit, Nur zuweilen kommt noch ein Grad von 32 Mark vor, ohne daß aus den Verſchreibungen der Grund dieſer Erhoͤhung des zweiten Grades zu erſehen iſt. Der hoͤchſte Grad war urſpruͤng⸗ lich ohne Zweifel das Wehrgeld der Withinge und ihrer Nach⸗ koͤmmlinge. Er wurde aber auch nachmals auch ſolchen verlie⸗ hen, die uͤberhaupt ſich beſondere Verdienſte um den Orden erworben, beſondere Treue und Anhaͤnglichkeit gegen die Ordens⸗ herrſchaft bewieſen und darum auch einen bedeutend großen Land⸗ beſitz erhalten hatten. In dieſem Falle ſtand jedoch dieſes Wehr⸗ geld von 60 Mark nur auf dem wirklichen Todſchlag des Bevor⸗ rechteten und die uͤbrigen Verletzungen oder Verwundungen ſeiner Perſon wurden dann nach Verhaͤltniß abgeſchaͤtzt, d. h. ebenfalls mit einem verhaͤltnißmaͤßigen Wehrgelde beſtraft. Daher heißt es 3. B. in einer Verſchreibung des Hochmeiſters Dieterich von Al:
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Vom Wehrgelde der Preuffen. 599 tenburg fuͤr einen alten Preuſſen, der dem Orden viele Beweiſe beſonderer Treue gegeben und ein Beſitzthum von 26 Huben mit der hohen und niederen Gerichtsbarkeit erhalten hatte: Volumus et statuimus, quod si iam dictum S. aut aliquem ex suis heredibus quis occiderit, quod absit, penam LX marcarum monete usualis se noverit incursurum, de aliis autem lesio- nibns fiat emenda secundum huiusmodi iudieii equitatem. Dieſer Grad des Wehrgeldes iſt offenbar auch gemeint, wenn es in der bekannten Verſchreibung für Gedete's Sohn Luprecht heißt: Et si idem Luprecht vel aliquis de suis heredibus mesticione vel lesione aliqua fuerint molestati, quod absit, ipsis secun- dum omne Jus antiquorum Wytingorum detur retributio vel emenda. Als der hoͤchſte Grad wurde dieſes Wehrgeld auch zu⸗ weilen iudieium maius genannt und hie und da auch Freilehens⸗ Leuten als beſondere Beguͤnſtigung verliehen, wie aus einer Ver⸗ leihungsurkunde des Hochmeiſters Luther von Braunſchweig her⸗ vorgeht, wo es heißt: Adhue ratione probitatis ipsorum fra- trum Muntil et Keytil damus eis iudieium maius ingenuorum Prutenorum, si, quod absit, quempiam ipsorum occidi con- tigerit, emenda LX marcarum oceisi punietur. Eben fo er⸗ theilt der Hochmeiſter Winrich von Kniprode einem Stammpreuſſen das ganze Dorf Mintegeiten mit der hohen und niedern Gerichts⸗ barkeit und zugleich mit „dem großen Rechte von 60 Mark Wehrgeld.“ Nur dieſer hoͤchſte Grad des Wehrgeldes war es, welcher zuweilen auch andern als Withingen und Freilehen-Be⸗ ſitzern als beſondere Gnade und Belohnung ertheilt wurde, wie dann jedesmal ausdruͤcklich erwaͤhnt wird. So verleiht z. B. der Samlaͤndiſche Biſchof Bartholomaͤus im J. 1368 dem Samlaͤn⸗ der Senkethe ſein Gut auf Kulmiſches Recht mit der Beſtim⸗ mung: veruntamen propter varia et diversa servicia utilia nobis et ecelesie nostre successoribus inpensa et posterum inpendenda premisso Senkethen et suis veris heredibus nec- non legitimis successoribus ut prefertur Ins sexaginta mar- carum gratiose elargimur, quarum penam siquis ete. In gleicher Weiſe erhält auch fpäter noch unter dem Hochmeiſter Konrad von Jungingen unter aͤhnlichen Verhaͤltniſſen ein Preuſſe mit Magdeburgiſchem Rechte das hohe Wehrgeld von 60 Mark. Ohne Zweifel aber waren dieſe Faͤlle immer nur Erhoͤhungen desjenigen Wehrgeldes, welches den Beſitzern nach Kulmiſchen oder Magdeburgiſchen Rechte durch dieſe zukam 1). 1) Nach dem Magdeburgiſchen Rechte war das ganze Wehrgeld 18 Pfund, das halbe 9 Pfund. Wäre nun bei Beſtimmung des Wehr: geldes fuͤr einen Beſitzer mit Kulmiſchem Rechte nach der Kulmiſchen
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600 Vom Wehrgelde der Preuffen. Daß die Hoͤhe des Wehrgeldes aber mit der Groͤße oder Kleinheit des Landbeſitzes in keinem genau geregelten und ſcharf⸗ beſtimmten Verhaͤltniſſe ſtand, geht aus der Vergleichung des zweiten und dritten Grades hervor; denn wenn es im Allgemei⸗ nen auch richtig ſeyn moͤchte, daß der zweite Grad von 30 Mark für den Mittelſtand der Freilehens⸗Leute beſtimmt war, fo fin⸗ det doch auch hiebei keine recht feſte Regel Statt. Waͤhrend hier ein Beſitzer von 15 und 16 Huben dieſes Wehrgeld von 30 Mark hat und neben ihm ein anderer von 3 oder 4 Huben ihm hierin voͤllig gleich ſteht, genießt ein dritter Beſitzer von nur 14 Haken den erſten Grad von 60 Mark. Es ſcheint, daß in der Beſtimmung der Hoͤhe des Wehrgeldes vieles nur von der Willkuͤhr und Gunſt der Ordensgebietiger abhing und beſondere Verdienſte um den Orden mit Steigerung des Wehrgeldſatzes be⸗ lohnt wurden. Da jedoch immer der Mittelſtand, beſonders in der gluͤcklichen Zeit Winrichs von Kniprode der zahlreichere war, ſo iſt unter dieſem Hochmeiſter der zweite Grad von 30 Mark auch der gewoͤhnlichſte. Er galt in der Regel ebenfalls nur vom wirklichen Todtſchlage und bloße Verwundungen wurden auch hier nach Verhaͤltniß abgeſchaͤtzt, denn auch bei dieſem Grade des Wehrgeldes heißt es z. B. in einer Verſchreibung des Hochmei⸗ ſters Luther von Braunſchweig fuͤr den Litthauer Leppe: Addi- eimus eciam, quod si quis, quod absit, in predicto Leppe aut suis heredibus violentiam committere presumpserit, de perpetrato homicidio penam XXX marcarum persolvere cen- sebitur, de aliis vero lesionibus, ut in sanguinis effusione ant plagarum percussione, quod blut et blaw vulgariter di- eitur, emendam facient iuxta qualitätem et estimationem pene supradiete. Litthauer, die wie dieſer Leppe ſich in das Ordensland fluͤchteten, erhielten in der Regel, auch wenn ſie nur 3 bis 4 Haken beſaßen, dieſen zweiten Grad des Wehrgeldes. Der dritte Grad faͤllt gewoͤhnlich nur Preuſſen zu, welche 2 oder 3, hoͤchſtens 6 Haken Landes beſaßen. Bei Beſitzern von groͤ— ßerem Landbeſitze kommt dieſes Wehrgeld von 16 Mark nur ſehr ſelten vor und galt auch ausſchließlich nur vom Todtſchlage, denn es wird nirgends erwaͤhnt, daß bei dieſem Grade des Wehrgeldes Handfeſte mit Reducirung der Bußen auf die Haͤlfte verfahren worden, ſo wuͤrde das Wehrgeld fuͤr dieſen auf nur 13 Mark geſtanden haben, was kaum glaublich iſt. Hätte dagegen der Kulmiſche Beſitzer das ganze Magdeburgiſche Wehrgeld gehabt, alſo 18 Pfund oder 36 Mark, ſo war die Erhoͤhung auf 60 Mark allerdings ſehr bedeutend. Eine ge⸗ naue Beſtimmung des Wehrgeldes eines Kulmiſchen Beſitzers kommt in Urkunden niemals vor. ”
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Vom Wehrgelde der Preuffen. 601 andere Verletzungen nach Verhaͤltniß abgeſchaͤtzt und beſtraft wer: den ſollten. Uebrigens findet ſich dieſes Wehrgeld von 16 Mark zuweilen auch bei Beſitzern von zinshaftigen Burglehen, wie z. B. eine Urkunde des Biſchofs Johannes von Samland vom J. 1326 beweiſet, worin dieſer dem Samlaͤnder Nagripte ein Burg⸗ lehen bei Medenau verleiht und hinzufuͤgt: Preteren eidem Na- gripte ct suis heredibus ex speciali gratia concedimus, ut si aliquis ipsorum, qui ad custodiam diete Curie nostre deputatus fuerit, ab aliquo oceideretur, quod absit, extune iudicium hniusmodi ad sedecim marcas denariorum usualium se extendat. Die Feſtſetzung eines Wehrgeldes auf das Leben eines Preuſ⸗ ſen ſchloß indeſſen keineswegs in allen Faͤllen die Todesſtrafe eines Moͤrders aus. Entweder mochte wohl der Umſtand entſcheiden, ob ein Mord mit Abſicht und Ueberlegung oder eine Toͤdtung durch Zufall erfolgt ſey, oder es mochte vom Ermeſſen des Rich⸗ ters und von dem Willen der Verwandten abhaͤngen, ob der Moͤrder dieſe Todesſtrafe erleiden oder das geſetzte Wehrgeld ent⸗ richten ſolle. Daß neben dem Wehrgelde wirklich in gewiſſen Faͤllen auf Todesſtrafe erkannt werden konnte, geht aus vielen Urkunden hervor, z. B. wenn es in der Verſchreibung des Erm⸗ laͤndiſchen Domkapitels fuͤr die Preuſſen Bute und Arbute heißt: Ex gratia eciam speciali concedimus supradietis eorumque legitimis posteris, ut quicunque dyabolo forsitan suadente aliquem ex predictis seu eorum veris heredibus aut legitimis successoribus, quod absit, oceiderit, dummodo penam san- guinis evaserit, solvat penam triginta marcarum pruthenica- lium contradictione qualibet non obstante, oder wenn auch in andern Urkunden geſagt iſt: Si aliquis predictum Pruthenum occiderit, ille idem occisor XXX marcarum pena sit mul- ctandus, dummodo penam evaserit corporalem: Beſtimmungen, die ſich ſehr oft wiederholen. Daß es wirklich mit von dem Willen der Anverwandten abhing, ob ſie Wehrgeld nehmen oder die koͤrperliche Strafe an dem Moͤrder vollziehen laſſen wollten, geht nicht bloß aus einem fruͤher (B. III. S. 433) ſchon er⸗ waͤhnten Beiſpiele hervor, ſondern es heißt auch in einer Ver⸗ ſchreibung des Landmeiſters Konrad von Thierberg vom J. 1280 fuͤr den Preuſſen Bliwot: Si quis ipsum, quod absit occiderit aut membrum mutilaverit, reus huius facti collum pro collo aut manum pro manu reddet, tamen in suorum arbitrio sit parentum, si pro ipso pecuniam voluerint acceptare. Das Wehrgeld fiel zum Theil der Landesherrſchaft, d. h. entweder dem Orden, dem Biſchoͤfe oder dem Domkapitel zu, weil fie in Gerichtsfaͤllen über Preuſſen überhaupt immer ſchon
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602 Vom Wehrgelde der Preuffen. einen Theil oder auch alle Strafgefaͤlle einzog, zum Theil empfing es als Schmerzengeld der Verwundete oder beim Todtſchlage die Erben des Ermordeten und zwar dergeſtalt, daß der Landesherr⸗ [haft ein Drittheil und den Erben zwei Drittheile zukamen 1). So beſtimmt es ausdruͤcklich eine Verſchreibung Winrichs von Kniprode vom J. 1352, wo es heißt: „Were ouch das ymand den vorgenanten hern Luprecht adir keynen (d. h. irgend einen) ſyner erben adir nachkomen irſluge, der ſal beſtanden ſyn LX marc pfeninge czu wergelde, des ſullen czwei teil deme, der di ſmerczen hat adir des irſlagen erben und das dritte teil uns und unſern brudern gehoren.“ Im dreizehnten Jahrhunderte ſcheint indeſſen dieſe Theilung des Wehrgeldes noch nicht Statt gefunden zu haben und das Ganze den Verwandten zugefallen zu ſeyn, wie theils aus der ſchon fruͤher (B. III. S. 433) erwaͤhnten und der eben beruͤhrten Urkunde vom J. 1280, theils auch aus dem Umſtande geſchloſſen werden darf, daß ſich von dieſer Thei⸗ lung in Urkunden aus jener Zeit nicht die geringſte Spur zeigt. Die naͤchſten Verwandten des Ermordeten, parentes, cognati, heredes (erbende Söhne) waren natürlich zunaͤchſt berechtigt, das Wehrgeld zu fordern und es iſt nicht genau zu beſtimmen, ob es in deren Ermangelung auch den Agnaten zufallen durfte. Bei den Withingen indeſſen oder den mobiles magnum ius habentes moͤchten wohl nach dem beſondern Privilegium, durch welches im J. 1296 ihre Erblinie auf Seitenverwandten erweitert wurde, die Agnaten in Ermangelung von Cognaten das Wehrgeld empfangen haben (f. meine Geſchichte der Eidechſengeſellſchaft S. 226). War jemand, dem die Strafe des Wehrgeldes oblag, nicht im Stande, die volle Zahlung zu leiſten, ſo verfiel ſein geſamm⸗ tes ſowohl bewegliches als unbewegliches Eigenthum der Landes⸗ herrſchaft, dem Orden oder dem Biſchofe anheim und es hing dann von deren Willen ab, ob ſie dem Unvermoͤgenden zur Er⸗ haltung ſeines Lebens einen Theil ſeiner Habe wieder zuruͤckgeben wolle oder nicht. Ein ſolcher Fall ereignete ſich im J. 1328 im biſchoͤflichen Theile Samlands, wo ein Lehensmann des Biſchofs wegen eines Todtſchlages, der mit 60 Mark verpoͤnt war, ſtatt dieſes Wehrgeldes ſeine vier Haken Landes mit ſeiner geſammten Habe dem Biſchofe uͤberlaſſen mußte und nur auf dringende Bit⸗ ten eine Hake von ihm zuruͤckerhielt. 1) Wie es auch im Halliſchen Schoͤffenbriefe vom J. 1235 heißt: Si wergelt vel dimidium in iudieio acquisitum ſuerit. una pars at- tingit iudicem. Due partes causam promoventem. S. Gaupp Das alte Magdeburg. und Halliſ. Recht S. 226 F. 19.
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Beilage III. Chronologiſche Bemerkungen über die Zeit der Gruͤndung einiger Staͤdte Preuſſens. U der die Gruͤndung und das erſte Daſeyn mancher Staͤdte Preuſſens herrſcht in den Chroniſten beſonders der ſpaͤteren Zeit oft ſo viel Widerſpruch in ihren Angaben und ſo großes Schwanken, daß es, wo nicht urkundliche Quellen den Ausſchlag geben, kaum moͤglich wird, zu ſicheren Reſultaten zu gelangen. Dieß iſt auch der Fall bei den Staͤdten, von deren Entſtehen oben S. 186 geſprochen wurde, ohne daß dort die naͤheren Beſtimmungen ihrer Gruͤndungszeit gegeben werden konnten. Da manche dieſer Staͤdte durch Brand oder andere Ungluͤcksfaͤlle ihre Gruͤndungsurkunden oder ſ. g. Handfeſten verloren und keine Abſchriften ſich davon erhalten haben, ſo wird man ſich immer nur mit den chroniſti⸗ ſchen Berichten begnügen muͤſſen, wenn nicht zufällig andere Quellen einige genauere Auskunft geben. Mohrungen, als als die erſte unter den obengenannten Staͤdten, ſoll nach Angabe Hennebergers p. 320, welcher auch Baczko B. II. S. 27 gefolgt iſt, im J. 1302 erbaut und im J. 1328 unter Werner von Orſeln mit einer Mauer um⸗ geben worden ſeyn. Dieſes Gruͤndungsjahr 1302 wuͤrde aber deshalb ſchon ſehr verdaͤchtig werden, weil die Ummauerung zu Schutz und Sicherheit eine nothwendige Bedingung einer Stadt iſt, wenn wir auch nicht durch Dusd. Supplem c. 2, die be⸗ ſtimmte Nachricht erhielten, daß die Entſtehung der Stadt in das J. 1327 falle und der Ordensſpittler Hermann von Oettin⸗ gen ihr Gruͤnder ſey. Von ihm hatte ſie auch ihr Gruͤndungs⸗ privilegium ohne Zweifel in dem naͤmlichen Jahre erhalten; da es indeſſen bald Schaden erlitten, ſo erneuerte es Hermanns
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604 Gründung einiger Städte Preuſſens. Nachfolger Otto von Dreileben am 17. Decemb. 1331, indem er ſeinem Vorgaͤnger ausdruͤcklich die Gruͤndung der Stadt zu⸗ ſchreibt. Damit ſtimmt auch Simon Grunau Tr. XI. c. 12 ziemlich genau überein; Hartknoch A. und N. Preuſſ. S. 413. Die Erneuerung des Gruͤndungsprivilegiums iſt abſchriſtlich im geh. Archiv vorhanden. Golub ſoll nach ſpaͤteren Angaben, auf welche ſich auch Henneberger p. 142 bezieht, im J. 1300 vom Landmeiſter Konrad Sack gegruͤndet worden ſeyn. Allein abgeſehen von dem chronologiſchem Widerſpruche in dieſer Angabe, da damals Kon⸗ rad Sack die Landmeifter- Würde noch keineswegs bekleidete, fo ſpricht Dusdurg e. 272 auch nur von der Erbauung der Burg Golub durch Konrad Sack und da dieſe nach Dush. e. 261 be⸗ reits im J. 1296 daſtand, ſo muͤßte ſie kurz vor oder noch im J. 1296 von ihm erbaut ſeyn, denn damals war er Kulmiſcher Landkomthur. Das Gruͤndungsjahr der Stadt 1300, welches auch Tiedemanns Chronik (Mſcr.) angiebt, laͤßt ſich indeſſen nicht verbuͤrgen, da wir das Gruͤndungsprivilegium nicht mehr beſitzen. Heiligenbeil hat eine Zeitlang die Ehre gehabt, die aͤlteſte Stadt in Preuſſen zu heißen und ihren Urſprung noch aus den heidniſchen Zeiten hergeleitet zu ſehen (ſ. Erlaͤut. Preuſſ. B. II. S. 124 und Werner Hiſtor. Nachricht von den Staͤdten des Koͤnigreichs Preuſſ. S. 13, wo faſt alles zuſammengetragen iſt, was die Chroniſten uͤber dieſe Stadt berichten). Aber abge⸗ ſehen von dem Umſtande, daß die Meinung von dem hohen Alter dieſer Stadt ſich nur auf das Maͤhrchen ſtuͤtzt, welches um den Namen Heiligenbeil ſpielt (Lucas David B. I. S. 83), wird ſie auch dadurch ſchon unglaublich, daß die Chroniſten ihre Gruͤndung ins J. 1301 oder 1303, einige auch erſt ins J. 1319 ſetzen. Da indeſſen auch von ihr das Gruͤndungsprivilegium nicht vorhanden iſt, ſo kann keine ganz ſichere Nachricht uͤber die Zeit ihrer Entſtehung gegeben werden. Heilsberg wird nach einigen Chroniſten, z. B. Henne⸗ berger p. 146 ſchon im J. 1240 erbaut; ſ. Hartknoch A. und N. Preuſſ. S. 386. Dieſe Angabe bezieht ſich indeſſen offenbar nur auf die dortige Burg, denn nach ſicherern Nach⸗ richten bei Treier de Episcopatu Warmiensi p. 6, Plasting Chron. de vitis Episcop. Warmiens. (Mser.), womit auch Ti e⸗ demanns Chron. uͤbereinſtimmt, hat die Stadt den um den beſſeren Anbau ſeines Landes ſo vielverdienten Ermlaͤndiſchen Bi⸗ ſchof Eberhard zu ihrem Gruͤnder (Lucas David B. V. S. 138), womit die Angabe ihres Gruͤndungsjahres 1320 wohl
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Gründung einiger Städte Preuſſens. 605 vereinbar wäre, zumal da fie uns in Urkunden früher nicht vor⸗ gekommen iſt. Ihr Gruͤndungsprivilegium fehlt. Wormdit iſt ohne Zweifel Älter als Heilsberg, obgleich eben⸗ falls der Biſchof Eberhard als ihr Gruͤnder genannt wird bei Treter l. e. Lucas David a. a. O. Daß Wormdit, in der aͤlteſten Zeit Warmedit genannt, als Dorf ſchon laͤngſt zuvor, ehe es Stadt ward und namentlich ſchon in der heidniſchen Zeit vorhanden war, möchte nicht zu bezweifeln ſeyn. Schon im J. 1312 kommt ein Henricus plebanus in Warmedit vor, obgleich es ungewiß bleibt, ob es damals ſchon eine Stadt oder noch bloßes Dorf geweſen ſeyn mag. Henneberger p. 488 giebt ohne Benennung ſeiner Quelle das J. 1316, Tiedemann dagegen 1326 als Gruͤndungsjahr an; doch iſt dieſes letztere Jahr wohl ſchwerlich richtig. Auch von ihr iſt das Gruͤndungsprivilegium nicht mehr aufzufinden geweſen. Gutſtadt, fruͤherhin meiſt „Gutenſtadt“ geſchrieben, hat nach Treter 1. c. Lucas David a. a. O. gleichfalls den Biſchof Eberhard zu ihrem Gründer und wurde nach Dusb. e. 353 durch den Ermlaͤndiſchen Vogt Friederich von Liebenzelle im J. 1325 auf des Biſchofs Anordnung erbaut, womit auch Hen⸗ neberger p. 144 und Tiedemann uͤbereinſtimmen; ſ. Hart⸗ knoch A. und N. Pr. S. 419. Das Gruͤndungsprivilegium iſt im geh. Arch. nicht vorhanden. Mehlſack, vielleicht richtiger Melſak geſchrieben, ſoll nach chroniſtiſchen Angaben bei Henneberger p. 312, Hartknoch A. und N. Pr. S. 419 erſt im J. 1326 erbaut ſeyn. Das gegen ſtreitet aber nicht bloß Dusb. c. 353, der es ſchon im J. 1325 eine Stadt nennt, ſondern das Gruͤndungsprivilegium im geh. Arch. vom Probſte und dem Domkapitel von Ermland im J. 1312 zu Frauenburg ausgeſtellt giebt uns auch beſtimmt dieſes Gruͤndungsjahr 1312 an, wie denn in Urkunden vom J. 1315 und 1317 Mehlſack ſchon immer als Stadt bezeichnet wird. Wie oben B. III. S. 489 ſchon erwaͤhnt wurde, war es ur⸗ ſpruͤnglich ein heidniſches Dorf, damals Malcekuke genannt in einem Gebiete gleiches Namens, welcher ins neuere Mehlſack oder Melſak und Melſag (wie früher geſchrieben wurde) uͤberging. Als ein ſolches Dorf kommt es auch noch in einer Urkunde vom J. 1282 vor. Fiſchhauſen laſſen Henneberger p. 130, Tiede⸗ mann u. a. ſchon im J. 1269 erbaut werden, worin ihnen auch Hartknoch A. und N. Pr. S. 400 nachfolgt. Dieſes Jahr indeſſen iſt weder in Beziehung auf die biſchoͤfliche Wohn: burg (f. oben B. III. S 248), noch auf die Stadt richtig. Wir
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606 Gründung einiger Städte Preuſſens. erfahren vielmehr durch das Gruͤndungsprivilegium des Samlaͤn⸗ diſchen Biſchofs Siegfried von Regenſtein (in Matricul. Fischhus. p. LXVI im geh. Archiv) aufs beſtimmteſte, daß die Stadt erſt im J. 1305 erbaut wurde, denn der Biſchoſ ſagt in ihm ausdruͤcklich: Nos communicato consilio et consensu expresso nostri capi- tuli aput nostrum castrum Schonewick civitatem construxi- mus, in qua eives seu Burgenses supra quadraginta areas collocamus. Dieſes Gruͤndungsprivilegium iſt ausgeſtellt: in Kungisberg anno ab incarn. domini M. CCC. V. XIIII Calend. Septembr. Deutſch⸗Eilau wird nach chroniſtiſchen Angaben bei Hen⸗ neberger p. 128, der ſich auf Simon Grunau Tr. XI. e. 12 ſtuͤtzt, Tiedemann und Hartknoch A. und N. Pr. S. 441 erſt im J. 1326 oder 1328 erbaut. Aber auch hier fuͤhren uns urkundliche Quellen viel richtiger, denn wir erfahren durch eine Urkunde des Ordenstrapiers und Komthurs von Chriſt⸗ burg Luther von Braunſchweig vom J. 1317, daß die Stadt ihr Gruͤndungsprivilegium im J. 1305 erhalten hatte und daß der Komthur von Chriſtburg Sieghard von Schwarzburg ihr Gruͤn⸗ der war.
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Beilage NIV. Ueber die Zeit der Eroberung Pommerns durch den Orden. S. der Zeitfolge der Ereigniſſe bei der Eroberung Pommerellens durch den Orden weicht unſere Darſtellung von der bisherigen, welche gemeinhin nur die Polniſchen Chroniſten zu ihren Fuͤhrern hatte, in weſentlichen Punkten ab. Obgleich ſchon Lu cas Da⸗ vid B. VI. S. 26 uͤber die Angaben dieſer Chroniſten bedenk⸗ lich geworden war, ſo wußte er ſich aus der Verwirrung, in welche dieſe ſeine Quellen die einzelnen Ereigniſſe brachten, doch nicht herauszufinden. Daß aber die Darſtellung der Begebenheiten, wie fie Dlugoss. und nach ihm Cromer und Mechow gaben, in chronologiſcher Hinſicht ganz unrichtig ſeyn muͤſſe, konnte man leicht beim erſten Ueberblicke erkennen, denn daß die Verbindung Peter Swenza's mit den Markgrafen von Brandenburg im Jahre 1307 angeknuͤpft und dann erſt nach drei Jahren, naͤmlich im Jahre 1310 Pommern erobert ſeyn ſolle, war, abgeſehen von den Widerſpruͤchen, in die der Chroniſt Dlugoss. verfaͤllt, ſchon an ſich ſehr unwahrſcheinlich. Dieſe Unſicherheit der Chroniften uͤber das ſo wichtige Ereigniß der Eroberung Pommerns kann jedoch um ſo weniger auffallen, da man ſchon im 15ten Jahr⸗ hundert uͤber die richtige Zeit des Einfalles des Ordens in das Nachbarland bei den Polen nicht mehr gewiß war und ſelbſt ſogar im zweiten Jahrzehend des 14ten Jahrhunderts ſchon viele Men⸗ ſchen nicht mehr wußten, in welchem Jahre der Orden Danzig und die uͤbrigen Burgen genommen hatte. In mehren Streit⸗ ſchriften der Polen aus dem 15ten Jahrhundert wird in der Regel angenommen, die Eroberung Pommerns falle ſchon ins Jahr 1306. So heißt es in einer dieſer Schriften: Tempore quon- dam Wladislai Regis, qui suo tempore annis pluribus dictam
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608 Zeitangabe der Eroberung Pommerns. terram Pomeranie pacifice et quiete tenuit et suos Capitaneos et officiales ibi habuit per terram illam universam sicut in aliis terris Regni Polonie. Verum quidam Magister genera- lis (2) dietorum fratrum tune existencium congregato valido exercitu invadendo hostiliter dietam terram, primo opidum capitale eiusdem Terre scilicet Gdanczk occupavit violenter cum castro, quod est ibidem, omnibus Polonis eiectis et multis militibus et hominibus aliis dicti Regis Wladislai interfeetis Anne domini Millesimo tricentesimo sexto et eunsequenter eontinuando violeneiam huiusmodi et vastando dictam terram castris in ea acquisitis totam terram Pomeranie violenter oceuparunt !). Noch beſtimmter wird in einem alten Verzeich⸗ niſſe der Hoch⸗ und Landmeiſter geſagt: Henricus de Pletzko Saxo, hic vocatus in auxilium contra vim Brandeburgen. per Bogussum prefectum Wladislai Luktek polonorum mo- narche, deinde regis in arce Gedanensi dimidium arcis in eundem suscepit, anno M. CCC. VI, per occasionem tandem Bogussio inde eiecto universum eastrum oecupavit, quod ab eo tempore cum oppido insigniter munitum est). Daß in jener Stelle der Hochmeiſter ſtatt des Landmeiſters genannt wird und Heinrich von Plozke im Jahre 1306 noch nicht Landmeiſter war, muß man den Polen wohl nachfehen. Da nun jene Chroniſten und dieſe Streitſchriften, mit ein⸗ ander im Widerſpruche ſtehend, keinen richtigen Aufſchluß geben, ſo wird zu verſuchen ſeyn, ob nicht andere Quellen und nament⸗ lich Urkunden zu einem feſteren Reſultate fuͤhren koͤnnen und fol⸗ gende Angaben moͤchten die Sache in ein klareres Licht bringen. 1. Im Anfange des Jahres 1307 kann die Familie Swenza dem Herzoge von Polen noch nicht beſonders verdaͤchtig geweſen ſeyn, denn der Woiwode von Danzig war um jene Zeit nicht nur noch in ſeinem Amte, ſondern er als Palatinus und Bo⸗ guſſa als iudex Pomoranie ſtellen in Danzig auch ein urkund⸗ liches Zeugniß über die Beilegung einer Graͤnzſtreitigkeit circa festum dominice eircumeisionis aus und Albert der Caſtellan der Burg zu Danzig iſt dabei als Zeuge gegenwaͤrtig. Folglich war Danzig um dieſe Zeit noch in den Haͤnden des Herzogs von Polen. Dieſes beſtaͤtigt ſich auch dadurch, daß Peter von Neuen⸗ burg, des Woiwoden Sohn, im Sommer dieſes Jahres noch völlig frei war und am 22. Juli 1307 einen gewiſſen Heinrich 1) Fol. C. p. 159 im geh. Arch. Fol. F. p. 238. 2) Im Fol. „Ordenshaͤndel mit der Kron zu Polen.“
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Zeitangabe der Eroberung Pommerns. 609 von Lumenitz mit einem Dorfe in ſeinem Gebiete von Neuenburg belehnte; ſ. Sell Geſchichte v. Pommern B. 1. S. 365. 2. Die Verbindung Peters von Neuenburg mit den Mark⸗ grafen von Brandenburg war im Jahre 1307 ſchon ange⸗ knuͤpft, worauf urkundliche Zeugniſſe hinweiſen; ſ. Sell a. a. O. Seine Gefangennehmung aber durch den Herzog von Polen erfolgte erſt im Vorſommer des Jahres 1308. Daß er am 22. Juni d. J. ſich noch in der Gefangenſchaft befand, bezeugt ſein Vater in einer Urkunde, in welcher es heißt: si deus nobis de gracia sua tantum annuerit, quod Petrus miles dictus de Nuenburg, eorum frater, a captivitate liberabitur. Wie lange Peter von Neuenburg in der Gefangenſchaft ſchon zugebracht hatte, ift un- bekannt; aber ſchon im Juli oder in der erſten Haͤlfte des Au⸗ guſts 1308 konnte ſeine Freilaſſung erfolgen. Er fluͤchtete ſogleich zu den Markgrafen von Brandenburg, deren Heer am 24. Auguſt 1308 in der Heide am See Cholop (wahrſcheinlich dem Stolpi⸗ ſchen See im jetzigen Weſtpreußen) ſtand, ſ. Sell a. a. O. S. 366 und im großen Privilegienbuche p. LII im geh. Arch. Da es Eile in der Sache galt, weil Wladislav von dem Ver⸗ rathe ſchon unterrichtet war, ſo ruͤckten die Brandenburger ohne Verzug gegen Danzig und die Einnahme der Stadt konnte daher fuͤglich ſchon in der erſten Haͤlfte des Septembers erfolgen, denn fie hatte, wie Plugoss. p. 920 verſichert, gar keine Schwierigkeit. Im Laufe des Septembers und Octobers begiebt ſich nun Bo⸗ guſſa, der Befehlshaber der Burg zu Danzig, nach Sandomir zum Herzoge und von dieſem zum Landmeiſter Heinrich von Plozke und ſchließt mit dieſem den Vertrag wegen der Huͤlfsleiſtung ab. Nach einigen Wochen zieht der Landmeiſter nach vollendeter Ruͤ⸗ ſtung nach Danzig hinüber und beſetzt die eine Hälfte der Burg. Seine häufigen Ausfälle in die Stadt bewegen die Brandenburger zur Aufhebung der Belagerung der Burg, zumal da auch der Winter naht (cum hyemis rigor plus solito illas oras premens, exercitui esset onerosus, obsidionem solvunt, Diugoss. I. c.). Die Stadt wird alsbald (illico) von den Polen und den Ordens⸗ rittern beſetzt nach Dlugoss. p. 923. Da nun der Zweck der Huͤlfs⸗ leiſtung des Ordens erreicht war, ſo verlangt Boguſſa den Abzug der Ordenstruppen; es kommt daruͤber zum Streite, weil die Huͤlfe des Ordens auf ein ganzes Jahr bedungen worden war. Boguſſa wird gefangen geſetzt, der Landmeiſter bemaͤchtigt ſich der ganzen Burg und thut am 14. Novemb. auch einen Ausfall in die Stadt, in welchem er die Polniſche Beſatzung auch hier vertreibt. So liegen alſo zwiſchen der Freilaſſung Peters von Neuenburg und der Eroberung Danzigs am 14. Novemb. 1308 ungefähr fünf Monate. IV. » 39
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610 Zeitangabe der Eroberung Pommerns. 3. Dieſe letztere beſtimmte Angabe des 14. Novemb. erhalten wir in dem fruͤher ſchon oft erwaͤhnten Zeugenverhoͤre uͤber die Eroberung Pommerns, woruͤber in chronologiſcher Hinſicht Fol⸗ gendes zu bemerken iſt. Seine Abfaſſung geſchah im Jahre 1320, als der Streit zwiſchen dem Orden und Polen wegen des Be⸗ ſitzes von Pommern gerichtlich behandelt wurde. Es wurden naͤmlich uͤber die Vorfaͤlle bei der Eroberung des Landes 25 Zeu⸗ gen und darunter auch der Biſchof Gerward von Leſlau, der Biſchof Florian von Ploczk, die Herzoge Leſtko und Przemislav von Cujavien und Wenceslav von Maſovien verhoͤrt. Unter den ihnen vorgelegten Fragen war nun aber unter andern auch die: in welchem Jahre die Eroberung Pommerns durch die Ordens⸗ ritter geſchehen ſeys Die allermeiſten gaben darauf zur Ant⸗ wort: non recordor; andere dagegen erwiederten: Gdanezk et Trschovia occupata sunt per Cruciferos circa decem annos, sed postea per unum annum vel amplius vallaverunt Suecze; oder auch: Castrum Gdanczk et Trschow uno et eodem anno occupaverunt, castrum vero Swecze post lapsum temporis successive. Die Übrigen Antworten hießen entweder: circiter decem annos eiectio facta est oder non bene recordor, sed credo quod annus deeimus presens currat. Aus dieſen Aus⸗ ſagen wuͤrde nun folgen, daß 1) die Eroberung Danzigs und Dirſchau's in einem und demſelben Jahre erfolgte, die Eroberung von Schwez dagegen erſt im naͤchſtfolgenden Jahre und 2) daß die beiden erſten Staͤdte im J. 1310 und Schwez im J. 1311 dem Orden in die Haͤnde gefallen ſeyen; aber 3) geht daraus auch hervor, daß viele Menſchen ſchon damals uͤber die genauere Zeit der Eroberung Pommerns entweder gar keine beſtimmte Erinnerung mehr hatten (non recordor) oder doch wenigſtens ihrer Angaben nicht ganz gewiß waren (circa oder circiter decem annos; non bene recordor, sed credo etc.) Ein Zeuge ſprach ſich indeſſen ſcheinbar ſehr beſtimmt aus, denn auf die Frage: in welchem Jahre die Polen aus Pommern vertrieben worden ſeyen? gab er die Antwort: quod eiectio facta fuit circa de- cem annos et quod tercia die post festum sancti Martini oc- cuparunt Gdanczk et Trschow et postea ante exitum anni circa diem beati Michaelis Swecense Castrum expugnarunt. So genau aber dieſe Angabe auch ſcheint, ſo iſt ſie doch im hoͤchſten Grade verwirrt, denn erſtens wird die Einnahme von Danzig und Dirſchau auf einen und denſelbigen Tag, den 14. Novemb. 1310 geſetzt und zweitens ſoll nachher noch vor dem Ablaufe des Jahres um Michaelis am 29. Septemb. auch Schwez belagert worden ſeyn. Wenn indeſſen in der letztern Angabe auch eine
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Zeitangabe der Eroberung Pommerns. 611 chronologiſche Ungereimtheit liegt, ſo glauben wir doch den 14 Novemb. als den Tag der Einnahme von Danzig annehmen zu koͤnnen, wie folgende Bemerkung naͤher eroͤrtern wird. 4. Hoͤchſt wahrſcheinlich naͤmlich liegt in der nur in Bauſch und Bogen ausgeſprochenen Angabe jener Zeugen „ eirca oder eirciter decem annos die Urquelle zu der ſpaͤtern Annahme aller Polniſchen Chroniſten: die Eroberung von Dirſchau, Danzig und Schwez fey im J. 1310 erfolgt. Da jedoch Dlugoss. die Burg zu Danzig ſchon im J. 1308 und die Stadt erſt zwei Jahre ſpaͤter, alſo 1310 erobern läßt, fo ſcheint er außer dieſem Zeugenverhoͤre noch eine andere Quelle benutzt zu haben, die ihm die Eroberung der Burg zu Danzig im J. 1308 angab, denn nach dieſem Zeugen⸗ verhoͤre haͤtte er die Einnahme der Burg und Stadt Danzig und Dirſchau in ein und daſſelbe Jahr ſetzen muͤſſen. Ohne Zweifel aber war dieſe andere Quelle, welche dem Chroniſten die Eroberung im J. 1308 angab, die richtigere, denn wir haben mehre Gruͤnde, die Einnahme der Burg und Stadt Danzig und Dirſchau in die letzten Monate des Jahres 1308 und die Eroberung von Schwez in die erſte Zeit des J. 1309 zu ſetzen. Erſtens naͤmlich iſt es außer Zweifel, daß die Stadt Dirſchau im Anfange des Februars 1309 ſchon in der Gewalt des Ordens war. Der ſicherſte Be⸗ weis hiefuͤr iſt die ſchon früher erwähnte Urkunde über eine Erklaͤ⸗ rung des Magiſtrats und der ganzen Stadtgemeine von Dirſchau wegen der dem Orden fuͤr ſeinen Schaden zu leiſtenden Genug⸗ thuung; ſ. oben S. 225. Sie iſt ausgeſtellt: proxima quinta feria post festum purificationis Marie 1309, alfo am 7. Februar. Wir haben zweitens eine Driginal = Urkunde des Komthurs von Mewe Siegfried, worin dieſer dem Heinrich von Swaroſin den Verkauf des Zinſes von der Muͤhle zu Irſignino an das Kloſter Oliva erlaubt. Dieſer Heinrich von Swaroſin war Beſitzer des Dorfes Schwarozyn im Gebiete von Dirſchau und die Urkunde ſelbſt iſt ausgeſtellt: In Dersovia a, d. 1309 in octava nativi- tatis b. Marie virg. Inhalt und Datum dienen zum Beweis, daß der Komthur ſich in dieſer Zeit zu Dirſchau nicht blos auf⸗ hielt, ſondern auch eine Art von Verwaltung fuͤhrte, denn wie hätte er ohne eine gewiſſe obrigkeitliche Stellung eine ſolche Ur⸗ kunde in Dirſchau ausfertigen koͤnnen. Drittens verkauft die Herzogin Salome von Cujavien und ihre beiden Soͤhne Prze⸗ mislav und Kaſimir dem Landmeiſter von Preuſſen ein Gebiet zwiſchen der Weichſel und der Nogat (wie oben weiter erwaͤhnt iſt) und ſtellen die Urkunde hierüber aus: in Orlau IV Calend, Maji (28. April) 1309. Dieſes beweifet, daß dieſe Herzoge um die Zeit nicht mehr auf den ihnen als Statthaltern und Befehls⸗ 39 *
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612 Zeitangabe der Eroberung Pommerns. habern angewieſenen Poſten zu Dirſchau und Schwez und dieſe bereits dem Orden uͤbergeben waren. Einen vierten Beweis, daß die Eroberung Pommerns nicht erſt im Sommer des J. 1310 erfolgt ſeyn Eönne (ſ. Dlugoss. p. 929), liefert ein Verkaufsin⸗ ſtrument der Bruͤder Jacob und Johannes, Soͤhne des ehema⸗ ligen Caſtellans Unyslav von Danzig, von welchen der erſtere Caſtellan von Dirſchau, der andere Unterkaͤmmerer daſelbſt war, worin ſie dem Orden eine Anzahl Doͤrfer und Guͤter an der Weichſel fuͤr 600 Mark abtreten. Nicht nur der ganze Inhalt der Urkunde ſpricht dafuͤr, daß zur Zeit ihrer Ausſtellung, naͤm⸗ lich am 19. Februar 1310 der Orden ſchon im Beſitze von Pom⸗ mern und namentlich auch von Dirſchau und Danzig war, ſon⸗ dern es zeugt davon auch der Umſtand, daß die Urkunde zu Marienburg ausgeſtellt außer den beiden Aebten Ruͤdiger von Oliva und Gottfried von Pelplin auch Woycech Caſtellan von Danzig und Boguſſa Landrichter von Pommern als Zeugen auf⸗ führe. Dieſe Männer aber würden wohl ſchwerlich in Marien⸗ burg ein ſolches Zeugniß fuͤr den Orden geſtellt haben, wenn ſie nicht damals in ihrer Gefangenſchaft ſolches haͤtten thun muͤſſen. Fuͤnftens wußte der Papſt ſchon am 19. Juni 1310 (nicht 1309, wie bei Dogiel T. V. Nr. 37) in Avignon von der Eroberung Danzigs durch den Orden und von dem Geruͤchte, daß dabei an 10,000 Menfchen umgekommen ſeyn ſollten; ſ. Dogiel T. V. p. 36. Dieß widerſpricht geradezu der Angabe bei Dlugoss., daß die Eroberung und der angebliche entſetzliche Meuſchenmord erſt am 4. Auguſt oder am S. Dominicus = Tage 1310 geſchehen feyen. Endlich ſechſtens kann hier auch noch das Verkaufsinſtrument des Markgrafen Woldemar uͤber die Gebiete von Danzig, Dirſchau und Schwez vom 13. Sept. 1309 (ſ. Baczko B. II. S. 81) geltend gemacht werden, denn der Orden würde ſich in einen ſol— chen Kauf des Landes vom Markgrafen wohl ſchwerlich eingelaſſen haben, wenn ihn um dieſe Zeit ſein Waffengluͤck gegen die Po⸗ len nicht ſchon ganz ſicher geſtellt gehabt haͤtte; die Behauptung aber, daß der Orden mit 10,000 Mark ſich eigentlich nur die Erlaubniß zur Eroberung der genannten Staͤdte mit ihren Ge⸗ bieten habe erkaufen wollen (. Kotzebue B. II. S. 101), iſt eine nichts ſagende Redensart. — Dieſe Beweiſe ſtellen alſo die Annahme feſt, daß Danzig am 14. Novemb. 1308, in dem naͤmlichen Jahre auch Dirſchau und in den erſten Monaten des J. 1309 Schwez vom Orden erobert worden ſeyen.
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Beilage NV. Ueber die Geſetze und Landesordnungen der Hochmeiſter Siegfried von Feuchtwangen, Werner von Orſeln und Luther von Braun— ſchweig. 3 Ruhm weiſer Geſetzgebung betrachtet die Geſchichte aller Zeiten als den edelſten Schmuck, womit Fuͤrſten ihre Kronen ver⸗ herrlichen koͤnnen. Um fo mehr darf er auch nur denen zugefpro- chen werden, die ihn mit Recht verdienen, denn jedem feil geboten und gewiſſenlos verſchwendet wuͤrde er nur zu bald ſeinen hohen Werth verlieren. Auch die drei Hochmeiſter Siegfried von Feucht⸗ wangen, der ungluͤcklich endende Werner von Orſeln und der Fuͤrſtenſohn Luther von Braunſchweig find in älterer und neuerer Zeit mit dieſem Ruhme geſchmuͤckt worden. Je heiliger aber die Geſchichte den Namen eines Geſetzgebers halten muß, um ſo wichtiger wird hier die Frage: verdienen ihn wirklich dieſe drei erwaͤhnten Fuͤrſten Preuſſens? Wir beginnen die Unterſuchung mit der ſ. g. Landesord⸗ nung Siegfrieds von Feuchtwangen auch ſchon darum, weil auf ſie von jeher das meiſte Gewicht gelegt worden iſt. Es wird naͤmlich berichtet: Als dieſer Hochmeiſter nach Preuſſen kam, hielt er um Pfingſten des Jahres 1310 ein Kapitel zu Marienburg, worin die Komthure des Landes, der Adel und die vornehmſten Buͤrger aus den Staͤdten verſammelt waren und entwarf dort in gemeinſamer Berathung mit ihnen eine „gemeine Willkuͤhr der Bruͤder, des Adels und der Buͤrger in allen Staͤdten.“ Die wichtigſten Geſetze dieſer ſ. g. Landesordnung waren im Ganzen folgende: f 1. Kein Jude, kein Schwarzkuͤnſtler, kein Zauberer, Wai⸗
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614 Ueber die Geſetze einiger Hochmeiſter. deler oder wie ſie ſonſt heißen, die mit des Teufels Huͤlfe zu ſeiner Ehre und zum Mißbrauche des Glaubens handeln und wandeln, ſollen im Lande geduldet werden und wer ſie verhalten wuͤrde, ſoll von Rechtswegen mit ihnen gleiche Strafe erleiden. 2. Da wir jetzt nicht eigene Muͤnze haben (Kulmiſche Vier⸗ chen ausgenommen) und Boͤhmiſche Muͤnze in unſerm Lande gangbar iſt, ſo wollen wir, daß 30 Boͤhmiſche Groſchen eine gute Mark in Preuſſen ſeyen. 3. Wer Preuſſiſche Unterthanen und Geſinde hat, ſoll ſie fleißig zum Gottesdienſte anhalten und darauf ſehen, daß ſie nicht mehr Preuſſiſch reden, — oder nicht viel Preuſſiſch mit ihnen reden —, ſondern fie immer moͤglich an die Deutſche Sprache gewoͤhnen. 4. Wir gebieten, daß in Deutſchen Staͤdten und Vorſtaͤdten, in Deutſchen Doͤrfern, Hoͤfen und Kruͤgen kein Preuſſe als obrig⸗ keitliche Behoͤrde andern vorgeſetzt oder zu einem Amte zugelaſſen werde; ingleichen ſollen die Preuſſen nicht Bier ſchenken, weder Frau noch Mann; ſondern ſie ſollen die wuͤſten Erben und wuͤſten Huben raͤumen und bewohnen und die wuͤſten Aecker bauen. 5. Dieſes Geſetz ſetzt den Lohn fuͤr das Geſinde feſt. 6. Wenn ein Knecht ſeinem Herrn entlaͤuft, ſo kann ihn dieſer aller Orten verfolgen und wo er ihn trifft, mit einem Pfriemen durch die Ohren ſtechen und ihn mit nach Hauſe fuͤh⸗ ren. Wird ein Dienſtbote ohne Verſchulden verſtoßen oder vor der Zeit entlaſſen, ſo ſoll die Herrſchaft ihm ſein volles Lohn entrichten. Muͤßiggaͤnger und Bettler ſollen nirgends geduldet und geheget werden. 7. Ehen zwiſchen Dienſtboten ſollen von der Herrſchaft nicht gehindert werden, außer in der Erndtezeit, im Heuſchlage, in der Weinleſe und beim Hopfenpfluͤcken, denn da ſollen die Dienſtboten der Herrſchaft die Arbeit verrichten. 8. Alles, was man verkaufen will, ſoll man in die Staͤdte auf die Maͤrkte fuͤhren. Es ſollen im Lande keine Vorkaͤufer geduldet werden. 9. Jeder Handwerker ſoll ſeine Arbeit mit ſeinem beſondern Zeichen bezeichnen, damit man ſehen koͤnne, wer die Arbeit ge— macht habe. 10. Bei großen Gaſtgelagen, bei Hochzeiten und Kindelbieren duͤrfen die Freien und Schulzen ihre Gaͤſte auf ſechs Schuͤſſel, die gemeinen Buͤrger in Städten die ihrigen auf vier Schüffel, die gemeinen Bauern aber die ihrigen nur auf zwei Schuͤſſel ſetzen und dieſes nur den Montag allein. = 11. Zu einem Eheverloͤbniſſe und zum Kirchgange einer
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Ueber die Geſetze einiger Hochmeiſter. 615 Frau ſoll man nur eine Mahlzeit nicht Über vier Schuͤſſel und zu dem Firmen der Preuſſen nur eine Tonne Bier geben. 12. Kein Freier, Schulz, Handwerker, Bauer oder ſonſt jemand in Staͤdten und Doͤrfern ſoll fortmehr Bruͤche ſetzen auf Bierkauf, ſondern mit dem Strafgelde ſoll man Harniſche und Waffen kaufen. 13. Am Sonntage und an Heiligentagen ſoll kein Kauf ge⸗ ſchehen mit irgend einer Waare, ehe der Gottesdienſt geendigt iſt. 14. Man ſoll keine gemachten Kleider zu Lande zum Ver⸗ kaufe führen; auch kein Gewand anders fürben, ſondern es bei ſeiner erſten Farbe laſſen. 15. Kein Schulz, Freier oder Bauer ſoll um Lohn fuhr⸗ werken, auch keinen Verkauf treiben, außer die Kruͤger und die das Privilegium haben mit Bier, Hering, Oel, Honig, Salz und Brod zu hoͤkern, wenn ſie es aus den Staͤdten geholt haben. Die andern ſollen ihren Ackerbau treiben. 16. Niemand ſoll ein Erbe, auch wenn es ihm ſchon ange⸗ ſtorben iſt, ohne des Erbherrn Wiſſen und Willen verkaufen bei des Erbes Verluſt. 17. Niemand ſoll wuͤſte Guͤter anbauen ohne des Eigen⸗ thuͤmers Zulaſſung und Erlaubniß. 18. Niemand darf in ſeinem Hauſe verlaufene Bauern oder Dienſtboten aufnehmen und herbergen. 19. Man ſoll keinem ſein zu taͤglicher Arbeit nothwendiges Vieh um irgend einer Schuld willen pfaͤnden ohne Erlaubniß. 20. Kein Gaͤrtner ſoll ohne Bewilligung der Herrſchaft mehr als zwei Pferde halten. 21. Niemand ſoll einen Wald aushauen, um Holz zu ver⸗ kaufen, es ſey denn, daß er das Land urbar machen wollte. 22. Jedem ſoll es frei ſtehen, wegen zugefuͤgten Schadens ſich von jedem Richter an Schiedsrichter und zum Erkenntniſſe braver Maͤnner zu wenden. 23. Alle Jahr ſollen die Schulzen mit ihren Rathsleuten die Graͤnzen bereiſen und zuſehen, daß ſolche nicht unkenntlich und mangelhaft werden. 24. Niemand ſoll liederliches Doppelſpiel üben oder verhegen, ſo gering es auch ſeyn moͤge. 25. In Streitfaͤllen, wo beide Theile ſich auf den Eid be⸗ rufen, ſoll der Klaͤger zuerſt ſchwoͤren. 26. Vormuͤnder von Wittwen und Waiſen ſollen bei Ver⸗ luſt ihrer Ehre ein richtiges Verzeichniß des ihnen anvertrauten Gutes fuͤhren und dann im Beiſeyn bewaͤhrter Maͤnner den Muͤn⸗ digen alles ausliefern.
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616 Ueber die Geſetze einiger Hochmeiſter. 27. Jeder Schutz ſoll vier Wochen vor und nach Martini dem Pfarrherrn ſeinen Zehnten einnehmen und die Unfolgſamen mit Ernſt ſtrafen oder pfaͤnden. 28. Alle Schulzen ſollen vier freie Huben haben, dafuͤr einen Hengſt und Harniſch zu einem Manne halten und auf eigene Zehrung der Herrſchaft zu Dienſt reiten bei Verluſt ihrer Frei heiten und ihres Amtes. 29. Den von den Biſchoͤfen alle drei Jahre auszuſendenden Abgeordneten ſoll man gegen die Ungehorſamen uͤberall Beiſtand leiſten, wo es Noth thut. 30. In allen Staͤdten, Doͤrfern und Gemeinen ſollen dieſe Satzungen gehalten und im Jahre dreimal oͤffentlich vorgeleſen eum damit niemand ſich mit der Unwiſſenheit entſchuldigen oͤnne! Bei der Frage, welche ſich hier zunaͤchſt aufdraͤngt: Sind dieſe Verordnungen alle oder wenigſtens der groͤßte Theil derſelben wirklich dem Hochmeiſter Siegfried von Feuchtwangen zuzuſchrei⸗ ben? ruht ein vorzuͤgliches Gewicht auf den Quellen, durch die ſie uns uͤberliefert ſind. Unter dieſen aber iſt die Urquelle keine andere, als Simon Grunau Tr. XI. c. 1., denn aus ihm hat dieſe Geſetze Waißel Chron. p. 105 — 109, Preuſſ. Samml. B. II. S. 98 ff. Leo Histor. Pruss. p. 130; vgl. noch Erlaͤut. Preuſſ. B. III. S. 507 u. S. 582 eine beſondere Abhandlung daruͤber, Hartknoch A. und N. Preuſſ. S. 567 und Hart- knoch Dissertat. XVII de jur. Prussor. $. X. Außerdem finden wir einen Theil dieſer Geſetze bei Schütz p. 54 und in der latein. Ausgabe p. 124 — 125, aber mit bedeutenden Abweichungen und Veränderungen, die in der Abhandlung in den Preuſſ. Samml. a. a. O. ſorgfaͤltig geſammelt ſind. — Zur Loͤſung der Frage uͤber die Authenticitaͤt dieſer Landesordnung muͤſſen wir die Gruͤnde für und gegen fie erwägen und nach ihrem Gewichte die Entſchei⸗ dung ausfallen laſſen. Gegen fie ſpricht zuvoͤrderſt 1. ſchon der Umſtand, daß der Chroniſt Dushurg c. 208, wo er von einigen liturgiſchen Anordnungen dieſes Hochmeiſters ſpricht und der An⸗ laß zur Erwaͤhnung dieſer Landesgeſetze ſehr nahe lag, ihrer nicht mit einem Worte gedenkt; daß ferner aber auch Lucas David B. V. S. 168 bei der naͤmlichen Gelegenheit mit Stillſchweigen uͤber ſie hinweggeht. Bei dem letztern Chroniſten iſt dieß um ſo auffallender, da er die allgemeinen Landesverhaͤltniſſe immer weit ſorgſamer beruͤhrt, als es Dusburg thut. 2) Wird die Aechtheit dieſer Landesordnung auch dadurch ſehr zweifelhaft, daß Simon Grunau uͤberall, wo er die alleinige ältere Quelle iſt, in der Regel wenig Glauben verdient; und ein ſtarkes Mißtrauen gegen
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Ueber die Geſetze einiger Hochmeiſter. 617 ihn kann auch hier um ſo weniger unterdruͤckt werden, da er in dem naͤmlichen Kapitel, in welchem er dieſe Landesordnung mit⸗ theilt, auch der Anordnung und Ernennung der fuͤnf obern Ge⸗ bietiger erwaͤhnt und daruͤber Dinge beibringt und Namen nennt, welche erweislich völlig grundlos und erdichtet find. 3. Sagt uns Simon Grunau kein Wort davon, wo er dieſe Landesordnung gefunden habe. Aus einer aͤltern Chronik oder ſonſt einer Quelle, die auch dem Lucas David zugaͤnglich war, konnte er ſie nicht entnommen haben, denn ſo wenig wie bei Dusburg findet ſie ſich auch in der Ordens⸗Chronik, und welche Quellen gab es für Simon Grunau noch ſonſt, die in die Zeit Siegfrieds von Feuchtwangen hinaufreichten? 4. Das Ordens ⸗Archiv weiſet nicht die mindeſte Spur von ſolchen Geſetzen dieſes Hochmeiſters auf; ſelbſt in ſpaͤ⸗ tern Landesverordnungen wird nie ſeines Namens erwaͤhnt oder irgend Bezug auf dieſe fruͤheren Geſetze genommen, was um ſo mehr auffallen muß, da mehrer dieſer Anordnungen ſpaͤterhin Er⸗ waͤhnung geſchieht als von ſpaͤtern Hochmeiſtern gegeben. 5. Die Sprache und die Form der Faſſung dieſer Geſetze ſind offenbar nicht aus dem Anfange des vierzehnten Jahrhunderts, ſondern wie ſie Simon Grunau giebt, ſind ſie ſichtbar in ſeiner Sprache und Schreibart abgefaßt. Haͤtte er ſie in einer alten Quelle oder in einer alten Abſchrift vor ſich gehabt, etwa wie die Geſetze Ulrichs von Jungingen bei Lindenblatt S. 188, (die doch um hundert Jahre juͤnger ſind), er wuͤrde ſie doch ver⸗ muthlich in ihrer alten Geſtalt gegeben haben. 6. Iſt es kaum zu verkennen, daß mehre Artikel dieſer Landesordnung einer viel jüngeren Zeit angehören, indem fie hie und da Verhaͤltniſſe be⸗ ruͤhren, die im Anfange des vierzehnten Jahrhunderts ſchwerlich ſchon beſtanden. Eine Bemerkung dieſer Art machte ſchon Hart—⸗ knoch im A. und N. Preuſſ. S. 570, indem er ſagt: „Mir kommen dieſe Geſetze etwas neuer vor, weil vom Unterſchied der Marken darin Meldung geſchieht, welches mit denenſelben Zeiten nicht uͤberein koͤmpt.“ Unter dieſe ſpaͤteren Geſetze gehoͤrt offen⸗ bar auch das ſiebente, theils ſchon weil es des Weinbaues in Preuſſen erwaͤhnt, der damals wohl ſchwerlich hier in ſolcher Ausdehnung betrieben wurde, daß die Weinleſe als ein ſo wich⸗ tiges Geſchaͤft in einem Geſetze beruͤckſichtigt werden mußte, wie wir denn in den zahlreichen Verſchreibungen aus dieſer Zeit keine Spur davon gefunden, theils aber auch weil Schuͤtz unter ſeinen Geſetzen dieſes nicht hat. Ferner iſt auch das zehnte Geſetz aus fpäteree Zeit, denn es kommt nicht bloß als von einem ſpaͤtern Hochmeiſter gegeben vor, ſondern es herrſchte in der Zeit Sieg⸗ frieds von Feuchtwangen auch keineswegs der Luxus ſchon fo ſtark;
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618 Ueber die Geſetze einiger Hochmeiſter. wozu noch kommt, daß auch dieſes Geſetz Schutz nicht kennt. Ebenſo laͤßt ſich vom zwanzigſten Geſetz fein jüngeres Alter nach⸗ weiſen, denn die Bezeichnung „Gaͤrtner“ iſt erſt in ſpaͤterer Zeit im Lande gewoͤhnlich geworden. Endlich 7. enthalten manche Geſetze ſogar Ungereimtheiten, die nur im Kopfe eines fo unwiſ⸗ ſenden Moͤnches, wie Simon Grunau war, entſtehen konnten; andere find wenigſtens als Geſetze völlig nußlos. Als Beiſpiel der erſtern kann das vierte dienen. Was ſoll in Preuſſen die Bezeichnung von „Deutſchen Staͤdten und Vorſtaͤdten“ heißen? Staͤdte von Preuſſen ausſchließlich bewohnt, alſo ſolche Preuſſiſche Staͤdte gab es gar nicht. Voͤllig ungereimt iſt der Satz: die Preuſſen ſollen die wuͤſten Erben und wuͤſten Huben raͤumen und bewohnen und die wuͤſten Aecker bauen. Als geſetzliches Gebot war dieſer Satz nicht bloß ganz überflüffig, da ja niemand als die Landesherrſchaft ſolche wuͤſte Laͤndereien austhat, ſondern es iſt auch unwahr, denn hunderte von Beiſpielen laͤndlicher Ver⸗ ſchreibungen beweiſen, daß die Preuſſen auch die ſchoͤnſten ange⸗ bauten Beſitzungen von den Ordensgebietigern zugewieſen bekamen. Ehe wir aber aus dem bisher Geſagten das Schlußurtheil ziehen, muͤſſen wir auch die Gruͤnde hoͤren, welche fuͤr die Aecht⸗ heit eines Theils dieſer Geſetze zu ſprechen ſcheinen, obgleich ihre Zahl eben nicht ſonderlich groß iſt. Wir rechnen dahin 1) den wichtigen Umſtand, daß außer Simon Grunau auch der ungleich glaubwuͤrdigere Schutz, wie ſchon erwähnt, einen Theil dieſer Geſetze überliefert hat. Unerwaͤhnt bleiben bei ihm die Geſetze 2. 7. 10. 11. 14. 16. 17. 20. 25. 26. 28., die wir alſo nur bei Simon Grunau finden. In den andern von Schutz überlieferten find bald unwichtige, bald aber auch ſehr wichtige Abweichungen. Schuͤtz kann alſo dieſe Landesordnung nicht fuͤglich aus Simon Grunau entnommen, ſondern er ſcheint irgend eine andere Quelle gehabt zu haben, obgleich auch er darüber gänzlich ſchweigt. (Unter den von ihm benutzten Quellen erwaͤhnt er des Simon Grunau auch nicht einmal.) 2) Schuͤtz iſt frei von aller Beſchuldigung ſchnoͤder Erdichtung und grober Luͤgenhaftigkeit, die auf dem ofterwaͤhnten Moͤnche ſo ſchwer laſtet, und ſeine ſonſtige Glaubwuͤrdigkeit ſpricht demnach auch fuͤr die Aechtheit der von ihm uͤberlieferten Geſetze. 3) Wir finden dieſe Geſetze bei Schutz, wenngleich nicht in ihrer urſpruͤnglichen Sprache und Geſtalt, doch in einer weit wuͤrdigeren Faſſung. Bei vielen Geſetzen fehlen bei ihm gerade ſolche Zuſaͤtze, welche bei Simon Grunau Verdacht erwecken; er weiß z. B. in dem oben erwähnten vierten Geſetze nichts von „Deutſchen Staͤdten und Vorſtaͤdten“ und eben fo wenig von „wuͤſten Erben, wuͤſten
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Ueber die Geſetze einiger Hochmeiſter. 619 Huben u. f. w. Ueberhaupt ſprechen die meiſten Abweichungen bei Schuͤtz, denen des Simon Grunau gegenuͤbergehalten, zu Gunſten der Aechtheit dieſer Geſetze. 4) Fehlen bei Schuͤtz ge⸗ rade die meiſten ſolcher Geſetze, die das Gepraͤge des juͤngeren Alters an ſich tragen und ſpaͤter entſtandene Verhaͤltniſſe betreffen. In der That findet ſich in den Geſetzen, die er uns mittheilt, kaum ein einziges Verhaͤltniß beruͤhrt, welches zur Zeit Siegfrieds von Feuchtwangen nicht Statt fand oder Statt gefunden haben könnte. Endlich 5) war es allerdings gewohnlich, daß die Hoch: meiſter immer bald nach dem Antritte ihres Amtes gewiſſe Ge⸗ ſetze und Anordnungen entwarfen, ſ. Ordens-Statut. v. Hennig S. 120 ff. und es iſt demnach wohl glaublich, daß auch Sieg⸗ fried bei ſeiner Ankunft in Preuſſen manche Verhaͤltniſſe vorfand, uͤber die er feſtere geſetzliche Beſtimmungen fuͤr nothwendig hielt. Stellt man nun aber dieſe Gruͤnde fuͤr und gegen die Aecht⸗ heit dieſer Geſetze einander gegenüber, fo ſcheint aus allem, fo dunkel auch die Quelle bleibt, aus welcher beide Chroniſten ſchoͤpf⸗ ten, doch als Reſultat hervorzugehen, daß Siegfried von Feucht⸗ wangen die Geſetze nach dem Inhalte, wie ſie uns Schuͤtz uͤber⸗ liefert, wirklich gab, wenn gleich ſie urſpruͤnglich in einer etwas andern Form gefaßt geweſen ſeyn moͤgen, und daß dagegen auch hier wieder Simon Grunau einen ſeiner gewoͤhnlichen Streiche ſpielte, d. h. an einem gewiſſen gegebenen geſchichtlichen Stoffe drechſelte und drehte und uͤber ihn dichtete und log, um ihn ins Gewand ſeiner luͤgneriſchen Chronik einzukleiden. Ueber die Geſetze Werners von Orſeln. Wenn Siegfried von Feuchtwangen bei aͤltern und neueren Ge⸗ ſchichtſchreibern die gerechteſte Anerkennung feiner Verdienſte durch ſeine Geſetze gefunden hat, ſo hat dagegen Werner von Orſeln wegen einer Anzahl von Verordnungen und Geſetzen, die man ihm zuſchreibt, oft den bitterſten Tadel geerndtet, weil ſie vor⸗ zuͤglich in der Folge beigetragen haben ſollen, „die Wohlfahrt des Ordens zu untergraben“ (Baczko B. II. S. 88) und weil, wie man behauptet, fie nicht bloß „den Stempel von Werners Gei- ſtesſchwaͤche an ſich tragen, ſondern auch die Zucht und Sittſam⸗ keit im Orden weit mehr geſchmaͤlert als befördert haben (Ko tze⸗
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620 Ueber die Gefege einiger Hochmeiſter. bue B. II. S. 154 —155). Wir wollen auch hier die Sache etwas naͤher mit dem Lichte der Kritik beleuchten. Im zweiten Jahre ſeines Amtes, ſo wird berichtet, hielt Werner von Orſeln zu Marienburg ein großes Kapitel, in wel⸗ chem 219 Ordensbruͤder verſammelt waren. Zuerſt ermahnte er die Ordensritter durch eine fromme Rede zur guten Sitte und Zucht und zu ſtrenger Ordnung in ihrem geweihten Leben; dann las er ihnen eine Prophezeiung der heil. Brigitte vor, die, im nachgelaſſenen Schatze des Hochmeiſters Karl von Trier gefunden, eine Vorausverkuͤndigung des ſchweren Gerichtes und der ſchreck⸗ haften Strafen enthielt, welche uͤber die Ordensritter bei ihren fortgeſetzten Verbrechen und Uebelthaten gegen die Unterthanen unfehlbar kommen wuͤrden. Die Prophezeiung verfehlte jedoch ihren Zweck; ſie wurde von den Rittern fuͤr ein Weibermaͤhrchen erklaͤrt und der Hochmeiſter wegen dieſes Schreckmittels verhoͤhnt. Hierauf folgte eine Verhandlung und lange Berathung uͤber die Frage: ob es nicht beſſer ſey, den Bettelmoͤnchen liegende Gründe und feſtes Beſitzthum zu ihrem Unterhalte zu geben, anſtatt daß ſie ſich durch Betteln ernaͤhren muͤßten? Die Sache wird hin und her beſprochen, bis endlich der Prior des Ordenshauſes zu Frankfurt, Bruder Bernhard von Linzenſtein mit einer Lobrede auf den Bettlerorden auftritt und der Hochmeiſter nach des Priors Vorſchlag den Bettelmoͤnchen erlaubt, im ganzen Lande zu betteln und es ſelbſt zulaͤßt, daß ihnen auch Almoſen von den Ordens⸗ guͤtern gereicht werden duͤrften. Nun ermahnt der Hochmeiſter die verſammelten Ritter zur Achtung und Verehrung der Prieſter⸗ ſchaft, erzaͤhlt, wie ſehr der Orden zum Theil mit ſeiner Schuld in fremden Landen verunglimpft werde, wie man z. B. ſage, es ſey nicht noͤthig, den Ordensrittern Ochſenfleiſch aufzutragen, „weil derſelben viele einen guten groben Ochſen mit ſich braͤchten.“ Und von dieſer Rede geht hierauf der Meiſter zu ſeinen neuen Anordnungen uͤber. Er findet es vor allem nothwendig, ſaͤmmtliche Ordensbruͤder in beſtimmte Rangordnungen einzutheilen und ſie nach Namen und Titeln zu unterſcheiden, wobei „Herkommen, Stand und Verhaltung“ zu Grunde gelegt werden. Die Prieſterbruͤder, ge⸗ bietet der Meiſter, ſolle man forthin mit dem Titel „Herr“ beehren und ſie Chorherren nennen, ſie moͤchten ſchon Prieſter ſeyn oder es noch werden wollen. Dieſer Titel „Herr“ ſolle auch den Or⸗ densrittern zuertheilt werden, „deren Voraͤltern, Aeltern oder die ſelbſt mit ihren ehrlichen Thaten von Kaiſern oder Königen erwor⸗ ben, daß ſie Fuͤrſten oder Freiherrn oder Herrn benannt worden“; es ſolle alſo z. B. heißen: Bruder Heinrich Herr von Kyburg
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Ueber die Geſetze einiger Hochmeiſter. 621 oder Bruder Dieterich Herr von Sponheim. Ferner diejenigen Ordensritter, die ihrer vier Schilde halben untadelig und durch Kaiſer oder Koͤnige geadelt ſeyen, ſollten fernerhin „von“ genannt werden, z. B. Bruder Ulrich von Hochberg, Bruder Steffan von Rollinsbach. Die andern Ordensbruͤder dagegen ohne die vier Schilde ſollten ſchlechthin mit ihrem Namen benannt ſeyn als Bruder Hans Leiningen oder Bruder Guͤnther Doringer. Dieſe Brüder ſollten kein Velum noch eine braune Kogel (—Kotze bue B. II. S. 154 las“ keine braune Orgel“ —) tragen, ſondern ſtets in lichtgrauen Maͤnteln und einem Hute einhergehen. Auch ſolle dieſen fuͤrder kein großes Amt anbefohlen werden, es geſchehe denn aus großem Verdienſte und aus Wohlthat; doch moͤchten ſie zu den unterſten Aemtern, als zu denen der Kellermeiſter, Fiſchmeiſter, Kornmeiſter, Muͤhlmeiſter, Gartenmeiſter u. dgl. erkoren werden, doch alſo daß der Hochmeiſter die Macht habe, ſolches nach Gelegenheit zu aͤndern. — In Folge dieſer Anord⸗ nung, heißt es, wurden dieſe geringern Brüder ſehr unmuthig und einige fielen vom Orden ab; der groͤßere Theil ſehnte ſich herzlich nach einem Kriege, um da zu ſterben, weil ihnen Gewalt geſchehen ſey an ihrer Ehre. Außer dieſen Anordnungen wurden vom Hochmeiſter „auf gemeines Begehren“ auch mehre Geſetze uͤber den Gottesdienſt gegeben, als z. B. die Chorherren ſollten das Nocturnum halten; jeden Sonnabend, auf welchen nicht ein Feſt falle, ſolle man zu Ehren unſerer Frauen feiern; von Pfingſten bis zu Kreuzerhoͤhung ſolle man bei anbrechendem Tage zur Meſſe gehen und niemand ſolle liegen bleiben, außer die Kranken und Gaͤſte. Wer den Gottesdienſt verfaume, den ſolle der oberſte Chorherr zu Waſſer und Brod ſetzen. Außerdem entwarf der Meiſter einige Geſetze fuͤr Zucht und Ordnung, als: Im Chor, Kapitel und Remter ſollen die Bruͤder das Velum und um Haupt und Hals die braune, runde Kogel tragen; keiner ſoll ohne das Kreuz gehen, niemand ohne Urlaub das Haus verlaſſen oder mit Weltlichen reden, eſſen oder trinken. Wer dieſes bricht, wer ſich an Trunkenheit oder an Fluchen gewoͤhnt, Leute ſchaͤndet, beſonders ſeine Bruͤder, wer ſtiehlt, ſich mit einem Weibe vermiſcht, den ſoll man zweimal hart ſtrafen mit der ſchweren Buße, er ſoll den grauen Mantel tragen und bei Waſſer und Brod ſitzen u. ſ. w. Dieß iſt im Weſentlichen der Bericht, den wir von Werners von Orſeln Anordnungen und Geſetzen haben und in den neueren Werken uͤber die Geſchichte Preuſſens benutzt finden; ſ. Baczko B. II. S. 88—89. Kotzebue B. II. S. 154 — 155 und ſelbſt Hennig zu Lucas David B. VI. S. 93 trug keinen
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622 Ueber die Gefege einiger Hochmeiſter. Zweifel, ſeine Aechtheit zu bewaͤhren. Wir werden mit nachfol⸗ genden Gruͤnden zu beweiſen ſuchen, daß dieſer ganze Bericht nichts weiter als Erdichtung und Fabelei iſt und daß alle dieſe Anordnungen und Geſetze dem Hochmeiſter Werner von Orſeln untergeſchoben ſind. Sehen wir 1) auf die Urquelle, aus welcher dieſer Bericht gefloſſen iſt, ſo findet ſich auch hier wieder keine andere als Simon Grun au, denn kein Chroniſt vor ihm weiß auch nur eine Silbe von ſolchen Verordnungen Werners v. Orſeln; ſelbſt Wigand. Marburg. giebt keine Spur davon. Dieſer Um⸗ ſtand allein reicht ſchon hin, um uͤber die Wahrheit der ganzen Sache ſtarke Zweifel zu erregen. Die Darſtellung bei Simon Grunau ſelbſt aber noch etwas naͤher betrachtet, verliert bald allen Glauben ſchon wegen der groben Irrthuͤmer, die fie enthält, und wegen der Ungereimtheiten, die er dem Hochmeiſter in den Mund legt. Zu den erſtern gehoͤren die Wahl Werners am Bartholomaͤi-Tage 1328, ferner die Namen aller obern Gebie⸗ tiger, die uns der Moͤnch bei dieſer Gelegenheit nennt, ſ. meine Geſchichte Marienburs S. 104. Einen andern Irrthum in Betreff der Prophezeiung der heil. Brigitte weiſet ſchon Lucas David B. VI. S. 89 nach, obgleich er zuletzt die Unwiſſenheit des Moͤnches auf die Rechnung eines Schreibers, der ſich in der Jahrzahl verſehen haben muͤſſe, zu ſetzen ſucht. Als eine Unge⸗ reimtheit, die der Moͤnch dem Hochmeiſter in den Mund legt, iſt uͤberhaupt die ganze Erzaͤhlung von dieſer Prophezeiung der heil. Brigitte zu betrachten, denn erſtens konnte ſie nach der Zeit⸗ rechnung in dem Schatze des Hochmeiſters Karl von Trier gar nicht gefunden worden ſeyn, und zweitens iſt die ganze Prophe⸗ zeiung vom Anfange bis zu Ende eine Faſelei, wie ſie nur irgend in einem Moͤnchskopfe entſtehen konnte. In nicht beſſerem Geiſte find die Ermahnungsreden gedichtet, welche der Moͤnch den Hoch⸗ meiſter im Generalkapitel halten laͤßt, denn von der Frage: Wo⸗ her denn Simon Grunau dieſe Reden in ſo woͤrtlichem Zuſam⸗ menhange nehmen konnte? wollen wir hier ganz abſtehen. 2) Zwar finden wir einen ſolchen Bericht uͤber dieſe Anordnungen Werners v. Orſeln auch bei Lucas David B. VI. S. 87-97. Allein dieſer Chroniſt ſteht zu Simon Grunau keineswegs in dem Ver⸗ haͤltniſſe, wie bei den Geſetzen Siegfrieds von Feuchtwangen Schuͤtz zu ihm ſtand, denn Lucas David hat hier den Simon Grunau offenbar copirt, nur mit dem Unterſchiede, daß jener als reine Thatſache hinſtellt, was dieſer in ſeine dem Hochmeiſter zu⸗ geſchriebene Rede an die verſammelten Ritter einwebt. Die Pro⸗ phezeiung von der heil. Brigitte macht ihn indeſſen etwas ſcheu, weshalb er fie auch nicht vollſtaͤndig mittheilt; er aͤußert ſich uͤber⸗
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Ueber bie Geſetze einiger Hochmeiſter. 623 haupt dahin: „will davon einen Jeden nach feinem Vorſtandt und Andacht halten laſſen, was Im gut bedunkt.“ Uebrigens aber ſchreibt er dem Simon Grunau alle feine Irrthuͤmer nach und es iſt daher durch das Zeugniß des Lucas David fuͤr die Glaubwuͤrdigkeit der Sache ſelbſt nicht das Mindeſte gewonnen. Von großer Wichtigkeit iſt 3), daß von allen dieſen Anordnungen und Geſetzen nicht ein einziges in dem Statuten⸗Buche des D. Ordens ſteht. Zwar finden wir in dieſen Statuten, ſ. die Ausgabe von Hennig S. 120123, daß Werner von Orſeln wirklich eine Anzahl neuer Geſetze entwarf, welche theils den Gottesdienſt, theils die Zucht und Lebensweiſe der Ordensbruͤder betrafen; allein ſie ſind den Anordnungen bei Simon Grunau auch nicht im geringſten ahnlich. Und wie ſollte es gekommen ſeyn, daß dieſe Anordmin⸗ gen, die doch tief in die ganze Verfaſſung und Lebensverhältniffe der Ordensritter eingriffen, nicht in das Statuten⸗Buch des Or⸗ dens aufgenommen ſeyen? Zwar ſagt Hennig in einer Anmerk. zu Luc. David B. VI. S. 93: die Beſtimmung, daß dieſe Anordnungen „mit dem Beſcheid gemacht und angenommen wor⸗ den, daß ein jeder Hochmeiſter ſie nach Gelegenheit zu veraͤndern Macht habe“, moͤge wohl die Urſache ſeyn, warum dieſes Statut Werners von Orſeln nicht in das Statuten-Buch aufgenommen worden iſt. Allein davon abgeſehen, daß auch dieſe Beſtimmung ſelbſt ein Theil der angeblichen Anordnungen des Meiſters iſt, ſo waͤre es ja doch wohl nothwendig geweſen, dieſe Verordnung über die dem Hochmeiſter zuſtehende Macht in Beziehung auf jene neue Anordnung in der Geſetzſammlung aufzubewahren und ſie durch die Aufnahme in das Geſetzbuch zu ſanctioniren; denn eigentlich mußten alle Geſetze der Hochmeiſter, ſofern ſie die Ver⸗ faſſung des Ordens betrafen, in das Geſetzbuch des Ordens auf: genommen werden, wie wir die aͤchten Geſetze Werners von Or⸗ fein auch wirklich darin finden. Noch wichtiger aber iſt 4) der Umſtand, daß man von der angeblich angeordneten Rangfolge und der Beſtimmung der Titel der Ordensritter ſelbſt in den naͤchſten Zeiten nach dieſem Kapitel keine durchgreifende Anwen⸗ dung findet. Schon in Urkunden aus dem Jahre 1327 findet man von einem ſolchen Unterſchiede der Titel nicht die mindeſte Spur; der Großkomthur heißt ſchlechtweg Bruder Friederich von Wildenberg und ſelbſt der aus fuͤrſtlichem Geſchlechte entſproſſene Luther von Braunſchweig, damals oberſter Trapier des Ordens, erhält die ganz einfache Bezeichnung „Bruder.“ Ueberhaupt findet weder in den Urkunden Werners von Orſeln, noch in denen ſeiner Nachfolger irgend eine beſtimmte Regel in Ruͤckſicht der Titel Statt, denn bald werden die Ordensritter mit „Herr“, bald auch
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624 Ueber die Geſetze einiger Hochmeiſter. bloß mit „Bruder“ bezeichnet, welches letztere das Gewoͤhnlichſte iſt und ſelbſt die nach jener vorgeblichen Anordnung beſtimmte Benennung „Chorherr“ ſtatt „Prieſterbruder“ findet ſich in Ur⸗ kunden beinahe noch gar nicht. Uebrigens wird das Beiſpiel, welches Hennig zu Lucas David B. VI. S. 93 gleichſam als Beweis und zur Beſtaͤtigung der erwaͤhnten Anordnung aus dem Jahre 1450 beibringt, ſchwerlich fuͤr die Wahrheit und Aechtheit des beſprochenen Gegenſtandes gewinnen konnen. Sonach bleibt uns kaum noch der geringſte Zweifel uͤbrig, daß der ganze Bericht Simon Grunau's eine bloße Erdichtung iſt. Hier aber laͤßt ſich auch Simon Grunau's Zweck und Ab⸗ ſicht ſeiner Erdichtuug bald errathen. Es war naͤmlich dem Tol⸗ kemiter Moͤnch ſichtbar nur darum zu thun, fuͤr das Moͤnchs⸗ weſen ein lobredneriſches Wort zu ſagen, denn die Lobrede des angeblichen Priors des Deutſchen Hauſes zu Frankfurt a. M. (bei Simon Grunau ungleich ſchoͤner ausgeſchmuͤckt als bei Lucas David) war offenbar das Ziel ſeiner ganzen Dichtung und nicht ohne Abſicht laͤßt er den Ordensbruder Bernhard von Linzenſtein (2) den Ordensrittern die Lehre geben: „So ihr etwas fuͤr die Moͤnche thun wollet, ihr habet gemeinlich bei allen Städten Schloͤſſer; auf dieſen laſſet ſie in eueren Kapellen Meſſe leſen, dafuͤr gebet ihnen Korn, Fiſche, Fleiſch und was ihnen ſonſt von noͤthen iſt.“ Ueber die Geſetze des Hochmeiſters Luther von Braunſchweig. User die Geſetze, welche dem Hochmeiſter Luther von Braun: ſchweig zugeſchrieben werden, koͤnnen wir uns ganz kurz faſſen, denn theils ſind ihrer nur wenige, theils auch dieſe wenigen nicht von großer Wichtigkeit. Das erſte ermahnt an Genuͤgelei⸗ ſtung des gethanen Geluͤbdes; das zweite verbietet Trunkenheit und Umgang mit uͤbelberuͤchtigten Leuten; das dritte warnt vor Zwietracht und Verleumdung; das vierte vor Beſtechlichkeit der Amtsleute als Richter; das fuͤnfte gebietet den Ordensbruͤdern Entſagung alles Eigenthums und Entfremdung deſſen, was dem Orden gehoͤrt; das ſechſte endlich ſetzt feſt: es ſolle kein Kranker verhindert werden, durch ein Teſtament uͤber das Seinige zu ver⸗ fuͤgen oder zu Gottes Ehre an Kirchen, Geiſtliche oder arme Leute etwas zu vermachen. An ſich ſelbſt möchten dieſe Geſetze
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Ueber die Gefege einiger Hochmeiſter. 625 wohl nicht verdächtig ſeyn, obgleich einige ſchon laͤngſt da waren und als neue Geſetze dieſes Hochmeiſters nicht angeſehen werden koͤnnen. Allein die Quelle, aus welcher wir ſie erhalten und der Zuſammenhang, in welchem ſie uns mitgetheilt werden, ent⸗ nehmen ihnen in unſern Augen wieder allen Glauben. Die ur⸗ fprüngliche Quelle iſt auch hier keine andere als Simon Gru⸗ nau Tr. XII. c. 1.; aus ihm entnahmen ſie Lucas David B. VI. S. 116 — 117 und die Neuern, als Baczko B. II. S. 101 und Kogebue B. II. S. 167. Außer Simon Gru⸗ nau und Lucas David aber erwaͤhnt ihrer keine einzige der aͤl⸗ tern bewaͤhrten Quellen; das Statuten-Buch des Ordens kennt ſie ebenfalls nicht, ſondern enthaͤlt von dieſem Hochmeiſter nur einige Verordnungen über die Feier des S. Marcus- und S. Unnen = Zages. So ſteht alſo auch hier Simon Grunau ganz allein als verdaͤchtige Quelle da. Aber auch der Zuſammenhang, in dem er von dieſen Geſetzen ſpricht, raubt ihnen allen Glauben. Abermals tritt der Hochmeiſter im verſammelten Kapitel mit einer ſchoͤnen Ermahnungsrede auf; abermals ſpricht er von der Pro⸗ phezeiung der heil. Brigitte aus Schweden; abermals erzaͤhlt der Moͤnch uns allerlei Unwahrheiten z. B. von der Anordnung der Stelle des Kompans, die ſchon in meiner Geſchichte Marienburgs S. 117 hinlaͤnglich widerlegt und berichtigt iſt. Wir tragen da⸗ her auch hier kein Bedenken, dieſe Geſetze des Hochmeiſters Lu⸗ ther von Braunſchweig in die Claſſe der Grunauſchen Erdichtun⸗ gen zu ſetzen und ſie gleichfalls fuͤr untergeſchoben zu erklaͤren. Die Frage aber: wie kam denn der Moͤnch zu Tolkemit auf den Gedanken, dem erwaͤhnten Hochmeiſter ſolche Geſetze unter⸗ zuſchieben? laͤßt ſich wohl leicht beantworten. Wahrſcheinlich fand er in ſeinen magern Chroniken, die er benutzte, die Bemerkung verzeichnet, daß dieſer Meiſter zum Heile des Landes und ſeines Ordens auch verſchiedene Anordnungen und Geſetze entworfen. Die Geſetze Werners von Orſeln und Luthers von Braunſchweig fand nun aber der Moͤnch in ſeinen Quellen nicht vor; ſie ſtan⸗ den im Ordens⸗-Geſetzbuche, welches er nicht kannte. Leichtfertig und luͤgenhaft, wie ſeine ganze Natur war, warf er daher ſelbſt, wie es ihm einfiel, einige Geſetze hin, unbekuͤmmert um die Zeit und ihre Verhaͤltniſſe, in die er ſie hineinſchob. Es kann des⸗ halb auch nie genug vor dem Gebrauche ſeines leichtſinnigen Mach⸗ werks von Chronik gewarnt werden. IV. 40
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Beilage N VI. Ueber die Aechtheit der Briefe des Koͤniges Gedimin von Litthauen an den Papſt Jo— hann XXII, an den Prediger- und Minoriten- Orden und an die norddeutſchen Seeſtaͤdte. Da bis jetzt nur die Briefe Gedimins an die erwaͤhnten beiden Moͤnchs⸗ Orden und an die norddeutſchen Seeſtaͤdte durch Kotze⸗ bue's Aelt. Preuſſ. Geſchichte Bd. II. S. 353 ff. (der an die Seeſtaͤdte befindet ſich auch und zwar weit correcter als bei Ko⸗ tzebue in Dreyer Specimen Juris publ. Lubec. p. 183) bekannt geworden ſind, ſo wird es, bevor wir in die Unterſuchung dieſes Gegenſtandes ſelbſt eingehen, vor allem nöthig ſeyn, auch das Schreiben des genannten Koͤniges an den Papſt hier mitzutheilen. Es lautet alſo: Excellentissimo patri domino Iohanni Romane sedis Summo pontifici. Gedeminne letwinorum et multorum Ruthenorum Rex etc. Diu est quod audivimus, quod omnes Cultores christiane fidei vestre auctoritati et paternitati debent esse subiecti et quod ipsa fides catholica iuxta provisionem Ro- mane Ecelesie gubernatur. Hinc est quod Reverencie vestre presentibus litteris declaramus, quod predecessor noster Rex Myndowe cum toto suo Regno ad fidem christi fuit conver- sus, sed propter atroces iniurias et innumerabiles prodiciones magistri fratrum de domo Theutonica omnes a fide recesse- runt, sicut prohdolor et nos usque in hodiernum diem in errore ipsorum progenitorum nostrorum permanere. Nam multociens predecessores nostri nuncios suos dominis Archie- piscopis Rygensibus miserunt pro pace facienda, quos cru- deliter oceiderunt, sicut patet per dominum Ysarnum, qui
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Unächtheit der Briefe Gedimins. 627 nobiscum et cum fratribus de domo Theuton. ex parte do- mini Bonifacii pacem et Treugas ordinavit et litteras suas nobis misit, sed nunciis de domino Ysarno revertentibus in via alios oceiderunt, alios suspenderunt et ut se ipsos sub- mergerent coegerunt. Item predecessor noster Rex Viten misit litteras suas domino legato Francisco et domino ar- chiepiscopo Frederico, rogans ut sibi duos fratres de ordine minorum fratrum mitterent, assignans eis locum et ecclesiam iam constructam. Hoc intelligentes fratres Pruscie de domo Theutoniea miserunt exereitum per devia et predictam Ec- clesiam igne succenderunt. Item dominos Archiepiscopos et episcopos et Clericos capiunt, ut patet in domino Johanne, qui temporibus domini Bonifacii in Curia fuit defunctus et in domino Frederico archiepiscopo, quem fraudulenter de Ecclesia eiecerunt. Item Clericum unum dominum bertoldum, quem in Civitate Rygensi in propria domo crudeliter occide- runt. Item terras ponunt desertas, ut patet in Samigallia et in aliis multis. Sed dicunt, quod faciunt propterea ut christianos defendant. Pater Sancte et Reverende, nos chri- stianos non inpugnamus, ut fidem catholicam destruamus, sed ut iniuriis nostris resistamus, sicut faciunt Reges et principes christiani, quod patet quia habemus nobiscum fra- tres de ordine fratrum minorum et de ordine fratrum pre- dicatorum, quibus dedimus plenam libertatem baptizandi, predicandi et alia sacra ministrandi. Ista enim, Pater Re- verende, vobis scripsimus, ut sciatis, quare progenitores nostri in errore infidelitatis et ineredulitatis decesserunt, Nunc autem Pater Sancte et Reverende studiose supplica- mus, ut flebilem statum nostrum attendatis, quia parati su- mus vobis sicut ceteri Reges christiani in omnibus obedire et filem catholicam recipere, dummodo tortoribus predictis videlicet magistro predicto et fratribus in nullo teneamur. Wir ſtellten nun oben S. 393 die Behauptung hin, daß ſowohl dieſer Brief an den Papſt als die übrigen an die beiden Moͤnchs⸗Orden und die norddeutſchen Seeſtaͤdte, die unter Ge⸗ dimins Namen geſchrieben ſind, ihn weder zum Verfaſſer haben, noch auch mit ſeinem Wiſſen und Willen geſchrieben, ſondern von dem Erzbiſchofe von Riga in Gedimins Namen heimlich verfaßt und ins Ausland geſandt worden ſind, um ſo durch Lug und Trug feinen Plan, den Orden am paͤpſtlichen Hofe immer mehr anzuſchwaͤrzen, weiter zu verfolgen und damit den Ausſchlag des zwiſchen ihm und dem Orden damals noch obſchwebenden Streites bei dem Pipſte um ſo ſicherer und guͤnſtiger für ſich zu gewinnen. 40 *
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628 Unaͤchtheit der Briefe Gedimins. Die Beweiſe fuͤr dieſe Behauptung ſind folgende. Sehen wir 1) auf den Inhalt des Briefes an den Papſt hin, ſo iſt er nichts weiter als eine anklagende Schmaͤhſchrift gegen den Deutſchen Orden und ſeine ganze Tendenz geht einzig nur dar⸗ auf hinaus, die Ordensritter als Verhinderer und Unterdruͤcker des chriſtlichen Glaubens zu ſchildern. Haͤtte der Koͤnig Gedimin wirklich den Gedanken der Bekehrung zum Chriſtenthum gehabt, ſo wuͤrde er auf dieſe Weiſe gewiß nicht an den Papſt geſchrieben haben. Da er aber dieſen Gedanken, wie der Erfolg bewies, nicht einmal hatte, da es gar nicht zur Bekehrung kam, auf keinen Fall alſo ein reger Eifer fuͤr den Chriſtenglauben und ein beſonderes Intereſſe bei deſſen weiterer Ausbreitung in ihm vor⸗ handen geweſen ſeyn kann, vielmehr die beſiegten Bewohner eines Theiles von Samaiten erſt noch im Jahre 1322 von ihm ge⸗ zwungen wurden, vom chriſtlichen Glauben wieder abzufallen (f. oben S. 360), ſo iſt der Eifer fuͤr das Chriſtenthum, den der Brief dem Koͤnige andichtet, eine wahre Ungereimtheit in Gedi⸗ mins Charakter, zumal da ſeine Handlungen in den Jahren 1323 und 1324 mit der Geſinnungweiſe, die ihm der Brief unter⸗ ſchiebt, in geradem Widerſpruche ſtehen. Anderer Seits iſt 2) dieſer Brief eine offenbare Lobſchrift auf die Erzbiſchoͤfe von Riga, denn in eben dem Maaße, als der Orden in ſeinem Thun und Streben verdammt, verketzert und gezuͤchtigt wird, ſind die Erzbiſchoͤfe von Riga als Friedensſtifter und Glaubensbefoͤrderer hervorgehoben, zugleich aber auch als Maͤrtyrer und Dulder un⸗ ter den Unthaten der Ordensritter dargeſtellt. Hier hat offenbar der pfaͤffiſche Verfaͤlſcher ſich am meiſten verrathen, denn was haͤtte den Koͤnig Gedimin nur irgend veranlaſſen koͤnnen, ſich zum Anklaͤger der Ordensritter in ihrem Verhalten gegen die Rigaiſchen Erzbiſchoͤfe aufzuwerfen, ihn, der bisher an dieſen ſtreitigen Verhaͤltniſſen nicht im mindeſten Theil genommen? Außerdem enthaͤlt der Brief 3) auch manche einzelne Angaben, die gegen ſeine Aechtheit ſtreiten. Dahin gehoͤrt erſtens die Er⸗ waͤhnung des Abfalles des Koͤniges Mindowe, der dem Orden als Schuld beigemeſſen wird. Sollte Gedimin, der erſt etwa 50 Jahre nach ihm auf dem naͤmlichen Throne ſaß, die Urſachen jenes Abfalles nicht beſſer gekannt, und wenn er ſie kannte, lie⸗ ber daruͤber geſchwiegen haben? Iſt es zweitens denklich, daß Gedimin in einem ſolchen Briefe ſeines Vorfahren des Großfuͤr⸗ ſten Witen, den er ſelbſt ermordet hatte, als eines Fuͤrſten wuͤrde erwaͤhnt haben, der nach dem chriſtlichen Glauben Verlangen getragen? Was konnte ihn drittens die Ermordung des Prieſters Bertold kuͤmmern, die er, bisher meiſt nur im Oſten feiner Lande
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Unaͤchtheit der Briefe Gedimins. 629 mit Kriegen beſchaͤftigt, gewiß viel zu wenig in ihren Umſtaͤnden kannte, als daß er ſie als Klage gegen den Orden bei dem Papſte angebracht haben wuͤrde. Sieht man 4) auf den Schluß des Briefes, ſo iſt hier offen und klar gegen den Papſt der Wunſch ausgeſprochen, der Koͤnig moͤge ſich zum Chriſtenthum bekennen und auch gerne des Papſtes Gehorſam unterwerfen, ſobald er nur dem Orden in keiner Hinſicht verpflichtet werde. Dieſe Erklaͤrung aber ſteht nicht bloß in geradem Widerſpruche mit den Zeugniſſen des Ko- jalowiez p. 272, Herm. Corneri Chron. p. 1006, Alb. Kraniz Wandal I. VIII. c. 9, nach welchen Gedimin geſchworen hatte, daß er im Glauben ſeiner Vaͤter leben und ſterben wolle, ſondern nach dem Berichte des zeitgenoͤſſiſchen Dusdurg c. 352 ſchickte Gedimin an die in Riga ſeyenden paͤpſtlichen Nuntien, die ſeine Bekehrung bewirken ſollten, einen vornehmen Geſandten, „gui ex ore ipsius Regis in praesentia Legatorum et multitudine Praclatorum et aliorum fidelium eircumstante alta voce dixit: quod nunquam aliquae litterae de conscientia Regis super negotio baptismatis sui vel suorum cmanaverunt, aut Domino Papae praesentatae fuerunt, nec mandaverit talia in Civita- tibus Maritimis et Provinciis aliis in sermonibus publicari; addens, quod ipse Rex per Deorum potentiam iuraverit, quod nunquam aliam legem vellet assumere, practer cam, in qua progenitores sui decesserunt. Hoc idem etiam nuncii prae- dicti (sc. Legatorum) ita esse coram omni multitudine vera- eiter affirmabant.“ Hier haben wir alſo das offene Geſtaͤndniß Gedimins ſelbſt, daß er nie Briefe weder an den Papſt, noch an die Staͤdte in Norddeutſchland geſchrieben oder habe ſchreiben laſſen oder uͤberhaupt auch je nur den Wunſch zur Bekehrung zum Chriſtenthum geäußert. Nach Krantz 1. c. ſoll Gedimin auch erklärt haben: Papam vestrum nec novi, nec nosse cupio. Man hat zwar den Verſuch gemacht (ſ. Kotzebue B. II. S. 359), Gedimins Ehre gewiſſermaßen zu retten, indem man die Behauptung aufftellte: nicht Gedimin, ſondern der Großfuͤrſt von Mofcau habe dieſe Erklärung gegeben und ſey nachher mit Gedimin verwechſelt worden. Aber welch ein ſonderbarer Noth⸗ behelf! Waren denn die Fuͤrſten von Moſcau nicht laͤngſt ſchon Chriſten und erbaute daſelbſt nicht der Großfuͤrſt Joann Danuͤlo⸗ witſch im J. 1326 die erſte ſteinerne Kirche? Karamſin B. IV. S. 134 und 182. Hier iſt es aber wieder der luͤgenhafte Simon Grunau, der uns vom Großfuͤrſten von Moſcau etwas vorfabelt und deſſen Maͤhrchen ſchon von Lucas David B. V. S. 236 — 237 ſehr bezweifelt wird. Es bleibt alſo die
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630 Unaͤchtheit der Briefe Gedimins. Behauptung ſtehen, daß Gedimin ſelbſt durch ſeine Geſandten verſichern ließ, wie Jeroſchin es ausdruͤckt: Daz ny von ſynen reten Zu di keinen ſteten Noch diweddir in kein lant Noch ouch zu des pabiſtes hant Gegangen weren brive Diweddir recht noch ſchive Er het ouch nicht ſulchen gedank Daz er ymmer wolde wank Getun von ſynen goten. Wenden wir uns nun zu den Briefen, welche unter Gedi⸗ mins Namen an den Prediger⸗ und Minoriten⸗Orden und an die norddeutſchen Seeſtaͤdte geſchrieben wurden, fo giebt es aͤußere und innere Beweiſe genug, auch ſie fuͤr untergeſchoben und fuͤr ein Machwerk des Erzbiſchofs von Riga zu halten. Was zuerſt die Äußeren Beweiſe anlangt, fo heißt es vor allem bei Jero⸗ ſchin c. 349: Nu lagen noch in crige Di burgere von rige Und ouch ir ercebiſchof Den dort hild des pabſtis hof Widdir die brudre zu liflant Unde machten wyt irkant In den ſteten manchir wein Di by der ſelang waren gelein Mit briven unde boten Und ioch in predigoten Lizen in den ſtunden Daz offenberlich kunden Den brudren zu abzugge In gemachter lugge Daz ſich ane vede Diſe kunge bede Von ruyzen, von littouwen Wolden gar inthouwen Alliz ungelouben me Und nach criſtenlichir e Sich gerne wolden toufen lan Nu wolde man ir nicht intpfan Di ſelben mer ſy ſchribben Und mit boten tribben Biz an den pabſt der hyz iohan Unde brachten yn daran Daz er hyn ken liflande Zwene legaten ſande. Jeroſchin wußte alſo aufs beſtimmteſte, daß der Erzbi⸗ ſchof und die Rigaer „in gemachter lugge“ die Briefe an die
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Unaͤchtheit der Briefe Gedimins. 631 Seeſtaͤdte und an den Papſt geſchrieben und faͤlſchlich die Nach⸗ richt verbreitet hätten: Gedimin wolle die Taufe empfangen. Der Epitomator ſagt daher auch geradezu: Cives Rigenses et Ar- chiepiscopus eorum tune Rome adhuc contra fratres in Ly- vonia dissidiantur et in omnibus civitatibus et locis mariti- mis notificant et predicant, quomodo Rex Ruthenorum et Rex Lithwanorum baptisma et fidem libenter cum suis susci- perent, sed fratres nollent eos suscipere, et idem intimant litteris apostolico. Da nun Dusd. c. 349 nur ganz kurz an⸗ deutet, daß Joannes Papa XXII ad suggestionem fratris Fri- derici Ordinis fratrum Minorum Archiepiscopi de Riga et Cirium ibidem misit ad partes Livoniae duos Legatos, fo muß ſich Jeroſchin bewogen gefunden haben, die Sache ganz klar darzuſtellen, wie fie wirklich war. — 2) Einige Zeit glaubte man wirklich noch, daß Gedimin die Briefe ſelbſt verfaßt habe. So ſchrieben z. B. die beiden Aebte von Olira und Pelplin im Jahre 1323 an den Papſt: Ex nuper actis patefecinus per presentes, eundem prefatum regem quasdam per plures mundi partes litteras direxisse, in quibus se cum suis et toto Regno asseruit babtizari et coniungi velle turbe fidelium populorum (Urk. im geh. Arch. Schiebl. XI. Nr. 19. 20); allein die Taͤu⸗ ſchung verlor ſich bald. So erklaͤrt ſchon der Biſchof Eberhard von Ermland im Jahre 1325: Quidam — factis caritatem negantes, que ambiciosa non est, nugis vietum querentes in populo apud fideles predieare et asserere mendaciter sunt inventi, quod (Lethowini) Cristi fidelium sanguinis effusores velint eonverti ad fidem Cristi, sed per fratres de domo Theutunica nullatenus admittantur, quod in hiis seriptis — — — coram — et dei fidelibus mendacium manifestum, quod et üdem infideles verbis negant manifestissime atque factis. Offenbar meint hiemit der Biſchof den Erzbiſchof von Riga, den er aber als ſeinen Metropolitan nicht namentlich bezeichnen mochte. 3) Duͤrfte auch eine Stelle in der Bulle des Papſtes bei Ray- nald. an. 1323 Nr. 20 von einigem Belang ſeyn, wo es heißt: Der Koͤnig Gedimin habe die Livlaͤnder ſchriftlich erſucht, ihm einige Bevollmaͤchtigte zu einer Friedensverhandlung zu ſenden; propter quod dilecti filii nobiles viri universi dietarum ter- rarum Livoniae et Estoniae in festo beati Laurentii anni proximi praeteriti certo loco una cum aliquibus ex vobis colloquendi gratia convenerunt ad investigandum et Perseru- tandum veritatis formulam, ut eorum verbis utamur, de lit- teris, quas idem Rex versus Theutoniam ad vos et predictos nobiles destinarat. So dunkel auch dieſe Stelle iſt, ſo geht 41 IV.
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632 Unaͤchtheit der Briefe Gedimins. doch ſo viel hervor, daß man die Aechtheit und Wahrheit von Briefen, welche Gedimin nach Deutſchland geſandt haben ſollte, in Zweifel gezogen hatte und deshalb genauer unterſuchen mußte. 4) Spaͤtere Chroniſten, als Alb. Krantz. Wand. L. VIII. c. 9, Kojalowiez p. 271, Herm. Corneri Chron. p. 1006 wiſſen nicht nur nichts von Gedimins Briefen, ſondern ſchreiben alles dem Erzbiſchofe zu. Lucas David B. V. S. 235 laͤßt die Rigaer an ihren Erzbiſchof und an die Hanſeſtaͤdte ſchreiben und erwaͤhnt der Briefe Gedimins nicht mit einer Silbe. Haben nun aber dieſe aͤußeren Beweiſe den Glauben an die Aechtheit dieſer Briefe ſtark erſchuͤttert, ſo wird es vorzuͤglich darauf ankommen, ob nicht in den Briefen ſelbſt auch manche Beweiſe vorhanden ſind, die den Betrug des Erzbiſchofs klar ausweiſen koͤnnen. Merken wir zuerſt auf die Art, wie die drei Briefe an die Moͤnchs⸗Orden und an die Seeſtaͤdte diplomatiſch bekraͤftigt find, fo heißt es in dem erſten in Betreff des Siegels: Licet crueiferĩ huius negotii causa prescripti sigillum nostrum in contumeliam nostram igne cremaverunt, videbitur ut a Deo inceptum extinguerent et oculos hominum obsecarent, tamen hanc cartam cum ipso sigillamus prout sigillari feci- mus literas Domini patris apostolici predilecti in certam cre- denciam et munimen; in dem Briefe an die Minoriten: In cuius rei testimonium nostrum sigillum, quod domino apo- stolico et patri nostro sanctissimo misimus, quod nune Cru- eileri ad ignem proiecerunt in eontumeliam huius legationis presentibus duximus apponendum; in dem Briefe an die See⸗ ftädte wird dagegen nur geſagt: Quod ergo nostre donacionis concessio maneat inpermutabilis et firma presentem cartam conscribi jiussimus et sigilli nostri appensione fecimus robo- rari, Quia hoc scientes quod idem sigillum domino nostro ac patri sanctissimo misimus et quidquid sibi litteraliter con- scripsimus, servabimus illibatum. Nach dieſen Erklaͤrungen uͤber die Beſiegelung wird in allen drei Briefen eine Art von Fluch uͤber diejenigen ausgeſprochen, welche dieſes Siegel etwa nicht für das richtige halten würden; — contradietores huius sigilli tanquam maliciosos, fidei destructores, hereticos, men- daees repudiamus et omni honore privatos in hiis scriptis. Wir lernen dieſes Siegel in dem Notariatsinſtrument, welches noch im J. 1323 zu Luͤbeck uͤber die Briefe aufgenommen wurde, genau kennen, denn es iſt hier ſo beſchrieben: Sigillum vero huiusmodi litteris appensum erat rotundum cereum, continens eirculum duodecim angulorum et in medio cireuli ymaginem viri capillati residentis in Cathedra, continentis in manu
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Unaͤchtheit der Briefe Gedimins. 633 dextra coronam et ceptrum in sinistra, et in circumferencia eius per quadraginta unam litteras et cruce sculptum erat: S. dei gracia Gedemini lethwinorum et rutkenor. reg. — Wenn dieſes nun aber wirklich das Achte Siegel Gedimins war, wozu, wird man fragen, in den Briefen die abſichtlichen und ſaſt uͤbertriebenen Bemuͤhungen, ihm Glauben zu verſchaffen und allen Zweifel an ſeiner Aechtheit abzuwehren? Wozu die ſonder⸗ bare Bemerkung: die Kreuzherren hätten dieſes Siegel huius negotii causa prescripti in contumeliam nostram oder in con- tumeliam hujus legationis ins Feuer geworfen? Und warum dieſe Bemerkung nur in den beiden Briefen an die Moͤnchs⸗ Orden und nicht auch in dem an die Seeſtaͤdte? Etwa deshalb weil man wußte, daß ſich um dieſe Zeit mehre Livländiſche Or⸗ densritter, namentlich der Ordenspresbyter Johannes von Riga, der Komthur von Wenden Reymar von Hane, Nicolaus von Parſau Vogt zu Karkus und Gottfried von Uft (Oſt) zu Luͤbeck aufhielten, welche dieſer Angabe haͤtten widerſprechen koͤnnen? Wozu ferner die in den drei Briefen gefliſſentlich wiederholte Verſicherung, daß mit dieſem naͤmlichen Siegel auch der Brief an den Papſt geſiegelt worden ſeys — Faßt man dieſes alles zuſammen, ſo ſcheint daraus hervorzugehen: das Siegel war kei⸗ nesweges das aͤchte Siegel des Koͤniges, ſondern ein untergeſcho⸗ benes. Der Verfaſſer der Briefe, beſorgt, man Eönne hie und da wohl Anſtand nehmen, es fuͤr das aͤchte Siegel zu halten, mußte einem ſolchen Zweifel auf jede Weiſe vorzubeugen ſuchen. Daher die Bemerkung: die Kreuzherren haͤtten dieſes Siegel, welches fie alſo für das wahre und aͤchte Siegel des Königes erkannt, ins Feuer geworfen, denn mochte dieſer Umſtand wahr oder erdichtet ſeyn, ſeine Erwaͤhnung fuͤhrte hier zu einem be⸗ ſtimmten Zwecke; daher ferner die Angabe: der heilige Vater habe ebenfalls Briefe mit dieſem Siegel erhalten und — was daraus gefolgert werden ſollte — es muͤſſe das aͤchte Siegel des Königes ſeyn, indem ja nicht einmal der Papſt feine Aechtheit bezweifelt habe; daher endlich auch die Fluchworte gegen alle, die an ſeiner Aechtheit zweifeln wuͤrden, Worte, die nur aus einem Munde gehen konnten, der ſich Unredlichkeiten, Betruͤgerei und Unwahrheit erlaubt hatte und ſolche Mittel aufbieten mußte, ihre Entdeckung und Enthuͤllung zu verhindern. Ein zweiter innerer Grund gegen die Aechtheit der Briefe liegt ſowohl in der Geſinnung als in der Form, in denen die Briefe geſchrieben ſind. Beide verrathen keineswegs einen Mann, der eben erſt Chriſt werden will und erſt chriſtliche Belehrung und Bildung erhalten ſoll, ſondern vielmehr einen ſolchen, der 41 *
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634 Unaͤchtheit der Briefe Gedimins. ſchon von Eifer für die chriſtliche Kirche, von Verlangen zur moͤglichſt ſchnellen und weiten Verbreitung des Chriſtenthums und von Ehrfurcht gegen den Papſt erfüllt war. Und während er nun dieſen in den Briefen patrem nostrum gloriosissimum, sanctissimum, excellentissimum etc. nennt, ſoll er im naͤchſten Jahre den paͤpſtlichen Legaten haben fagen laſſen: Papam ve- strum nec novi, nec nosse cupio! In feinem Briefe verſpricht er Jura eeclesiastica protegere, clerum honorare et eultum Dei ampliare und nachher läßt er antworten. quod ipse per Deorum potentiam iuraverit, quod nunquam aliäm legem vellet assumere, praeter eam, in qua progenitores sui deces- serunt! Im Jahre 1323 ſchreibt er: omnia regna subiacent celesti regi Jesu Christo de quibus unum tenemus tanquam forma in materia vel servus in domo und im Jahre 1324 weiſet er die paͤpſtlichen Legaten mit der kurzen und uͤbermuͤthi⸗ gen Erklaͤrung ab! In jenem Jahre verſichert er: prius ferrum in ceram transit et aqua in calibem eommutatur, quam ver- bum a nobis progressum retrahamus und ein Jahr ſpaͤter will er von allen ſeinen Briefen und Verſprechungen gar nichts wiſſen! Dieß alles ſind Widerſpruͤche und Umwandlungen in ſeinem an⸗ geblichen Vorſatze (den er als eine Sache Gottes betrachtet, — ut dominus perficiat, quod incepit), welche ſich nicht begreifen laſſen, zumal da wir nicht die mindeſte Urſache erfahren, welche zu ſolchen Veranderungen in Gedimins Geiſt Anlaß hätte geben koͤnnen. Und duͤrfte fuͤr ihn wohl Grund geweſen ſeyn, ſolche Urſachen ſeiner Geſinnungsaͤnderung, beſonders wenn ſie von den Ordensrittern veranlaßt worden waͤren, den Legaten zu ver⸗ ſchweigen? Ein dritter und zwar beſonders wichtiger Beweis fuͤr die Unaͤchtheit dieſer Briefe liegt in dem Umſtande, daß in ihnen das Gebiet des Herzogs von Maſovien als ein ſolches bezeichnet wird, durch welches die eingeladenen fremden Einzoͤglinge ſicher und frei und ohne alle belaͤſtigenden Zölle und Abgaben nach Litthauen ein⸗ und ausziehen koͤnnten, und daß der Herzog von Maſovien demnach als ein mit dem Koͤnige von Litthauen be⸗ freundeter und wegen des Durchzuges der Fremdlinge mit ihm im Einverſtaͤndniſſe handelnder Fuͤrſt angeſehen und gewißermaßen als ſolcher geſchildert iſt. Allein Gedimin ſpielt hier dem Ver⸗ faſſer der Briefe, ſo zu ſagen, den boͤſen Streich, daß er gerade in den Jahren 1323 und 1324 die Gebiete von Maſovien und Dobrin mit einem alles verheerenden und pluͤndernden Kriegs⸗ haufen überzieht und eine ſchreckliche Grauſamkeit an den Be⸗ wohnern ausübt, wie nicht bloß Dusburg c. 339 und 350 und
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Unaͤchtheit der Briefe Gedimins. 635 Kojalowiez p. 270 berichten, ſondern auch Urkunden bezeugen, indem eine vom Jahre 1323 (im geh. Arch. Schieb. XI. Nr. 18) unter andern von Gedimin erzaͤhlt: quod nichil aliud quam vestrarum nostrarumque terrarum subversionem sua dolosa calliditate pretendit, non solum ex multis antiquis, verum et ex novis experimentis lamentosis novissime in terra Do- brynen. et confinibus Culmensibus patet et patuit prohdolor eridenter. Und wie die Herzoge von Maſovien einige Jahre ſpaͤter (1325) uͤber die Verheerungen der Litthauer in ihren Ge bieten bitter klagten, haben wir oben S. 398 — 399 geſehen. Allein es ſtimmen in ſolcher Weiſe nicht nur dieſe Verhäftniffe gar nicht mit einander uͤberein und der Verfaſſer der Briefe irrte ſich nicht bloß völlig in Gedimins Geſinnung gegen den Herzog von Maſovien, ſondern er ſcheint nicht einmal genau gewußt zu haben, wer damals Herzog von Maſovien war. In zweien ſei⸗ ner Briefe nennt er einen dominus Bonizlaus dux Masovie 1). Einen Herzog von Maſovien dieſes Namens haben wir aber nir⸗ gends finden koͤnnen, indem wir nur wiſſen, daß damals Wen- censlaus dei gratia dux Masovie et Plocz: (nach Urkunden) war, derſelbe, welcher im J. 1321 ein Buͤndniß mit dem Orden ſchloß, und nicht bloß von Dlugoss. p. 989 und 993 ebenſalls Venceslaus oder Vaniek oder Vanko Masoviae Dux noch im J. 1327, ſondern auch von Wigand. Marl. dux Masovie Vanczke im Jahre 1328 noch genannt wird, waͤhrend in an⸗ dern Gebieten dieſes Landes im Jahre 1325 die Herzoge Se⸗ movit und Troyden herrſchten. Es duͤrfte nicht ſchwer fallen, dieſen Beweiſen uͤber die Unaͤchtheit der Briefe noch mehre an die Seite zu ſtellen; in⸗ deſſen werden fie ſchon hinreichen, die obige Behauptung zu bes gruͤnden, daß die Briefe wirklich untergeſchoben und zwar vom Erzbiſchofe von Riga aus Haß gegen den Orden geſchmiedet worden ſind. Wir finden uns hier am Schluſſe dieſer Abhandlung noch zu einer beſondern Bemerkung veranlaßt. Kotzebue B. II. S. 360 beſchuldigt den Orden, „daß er ſich der niedertraͤchtigſten Mittel bedient habe, um ſeinen Zweck zu erreichen“, naͤmlich dieſe Briefe Gedimins in ſeine Haͤnde zu bekommen.“ Denn wie ka⸗ men, fragt Kotzebue, die Originale von Gedimins Briefen in das Ordensarchiv? es war nicht anders moͤglich, er mußte ſie 1) In dem Abdruck in Dreyer Specimen iur. publ. Lubec. p. 184 ſteht Dominus Subovislaus Dux Marovie. Sollte Dreyer in der ur⸗ kunde wirklich ſo geleſen haben?
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636 Unaͤchtheit der Briefe Gedimins. aufgefangen haben. Es wäre ein elender Nothbehelf, wenn man etwa ſagen wollte, die Seeſtaͤdte haͤtten dieſe Briefe dem Orden zugeſchickt. Warum?“ — Aber warum that Kogebue nicht die Augen auf, um zu ſehen, was mit Haͤnden zu greifen war? Die Originale dieſer Briefe beſaͤße das Ordensarchiv? Mit nichten! Offenbar traͤumte ſich Kotzebue die Originale nur des⸗ halb ins Ordensarchiv hinein, um in ſeiner beliebten Manier den Orden hiebei einer neuen Niedertraͤchtigkeit zu beſchuldigen. Es war aber nichts leichter, als den wahren Hergang der Dinge ge⸗ nauer kennen zu lernen. Am 18. Juli 1323 erſchien naͤmlich der Rathsherr von Riga Heinrich von Calmar mit ſeinem Col⸗ legen Johannes Roghen auf dem Rathhauſe zu Lübeck in Gegen- wart des kaiſerlichen Notars Johannes von Bremen, mehrer Dom⸗ herren der Kirche zu Kübel, mehrer Prediger -Moͤnche und Raths⸗ herren der Stadt und uͤberreichte den Prediger-Moͤnchen die an⸗ geblichen Briefe des Koͤniges Gedimin, mit dem Erſuchen, ſie alsbald zu leſen. Dieß geſchah ſowohl mit dieſen als den andern Briefen, die er den Rathsherren von Lubeck und dem Cuſtos der Minoriten Brüder zu Luͤbeck übergab. Man hielt eine Berathung uͤber den Inhalt der Briefe und fand fuͤr angemeſſen, die Mei⸗ nung und den Rath der damals in Luͤbeck ſich eben aufhaltenden Ordensbruͤder, des Presbyters von Riga, des Komthurs von Wenden Reymar von Hane, des Vogts von Karkus Nicolaus von Parſau und Gottfried von Oſt zu vernehmen, um einen Beſchluß zu faſſen, was in der Sache etwa zu thun ſey. Nach⸗ dem dieſe auf die Vorladung erſchienen und die Briefe ihnen vor⸗ geleſen waren, erklaͤrten ſie: Wenn ſich in den Brieſen alles auf Wahrheit gruͤnde, ſo hielten ſie es allerdings fuͤr Pflicht, die Sache des Glaubens unter den Litthauern zu fördern. Da in deſſen immer noch Einzelne aus dem edlen und unedlen Stande des Volkes in ihren bisherigen Verhaͤltniſſen bleiben wuͤr⸗ den, ſo ſcheine es ihnen rathſam, zuvor mehre Sendboten in diefer Angelegenheit an die Litthauer zu ſchicken; doch fügten fie hinzu: si prefato negocio stante in suspenso Antequam fidem christi suscipiant et baptismum, quemadmodum in litteris pol- licentur prelibatis, in christianos quod absit, aut in res, ter- ras seu personas eorundem manus mitterent virulentas, sicut ex certis verisimiliter formidant coniecturis, cum fides fiden non servanti minime debeat observari, in ipsos cogentur fidei contumeliam vindicare, atque hoc facientes promissi sui in- veniri nolunt circa premissa transgressores. x Ueber diefe ganze Verhandlung wurde nun von dem erwaͤhn⸗ ten Notar ein Notariatsinſtrument ausgefertigt, in welches na⸗
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Unädhtheit der Briefe Gedimins. 637 mentlich auch die angeblichen Briefe Gedimins an die beiden Monchs⸗ Orden und an die Seeſtaͤdte mit aufgenommen wurden und dieſe Urkunde iſt es, welche ſich im Ordensarchiv befindet und aus welcher allein wir die Briefe kennen. Ohne Zweifel brachten jene Ordensritter dieſe Urkunde mit nach Preuſſen und alſo auf dieſem Wege, nicht aber durch eine „Niedertraͤchtigkeit des Ordens“ kamen die Briefe in das Ordensarchiv. — Dieß wieder zum Beweiſe, wie es mit „Kotzebue's klaſſiſchem Denk⸗ mal für Preuſſens Geſchichte auf Klio's Altar niedergelegt“ (f. Hennigs Vorrede zu Lucas David B. I. S. IX) hie und da ausſieht! — % GD vg = a * 4 Rislisteka = = * — hd Gedruckt bei Fr. Brockhaus in Leipzig.
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Im Verlage der Gebrüder Bornträger in Königsberg iſt unter andern erſchienen: v. Baer, Dr. K. E., Vorleſungen über die Anthropologie für den Selbſt⸗ unterricht bearbeitet. Iſter Bd. (Phyſiologie.) Mit 11 Kupfer: tafeln. gr. 8. 1824. 5 Kthlr. 10 Sgr. oder 8 gGr. Barthold, Dr. F. W., der Roͤmerzug König Heinrichs von Luͤtzelburg. 2 Bde. gr. 8. 1826. 1830. 6 Rthlr. Ebert, J. F., Sikelion sive commentationum de veteris Siciliae geographia, historia, mythologia, antiquitatibus, lingua sy lloge. Acced. scriptorum tum patria Siculorum tum eorum, qui de rebus Siculis scripserunt, vitae cum operum reliquiis etc. Vol. I. P. 1. 8 maj. 1830. 20 fGr. Ellend, Dr. Fr., Lehrbuch der Geſchichte fuͤr die obern Klaſſen der Gymnaſien. gr. 8. 1827. 1 Nthlr. 15 Sgr. oder 12 gGr. Fragmenta Vaticana juris civilis antejustinianei e Cod. rescripto ab A. Majo edita recognov. commeutario tum critico tum exegetico nec non quadruplici appendice instruxit Dr. A. Aug. de Buch- holtz. 8 maj. 1828. 2 Rthir. Lobeck, Chr. Aug., Aglaophamus sive de theologiae mysticae Grae- corum causis libri III. Accedunt Poetarum Orphicorum reliquiae, Tom. I, et II. 8 maj. 1829, 10 Rthır. Velinpapier 13 Rthir. 10 Sgr. oder 8 gGr. Lucas, Dr. C. T. L., de bellis Suantopolei, ducis Pomeranorum ad- versus ordinem gestis Teutonicum liber. 8 maj. 1823. — 10 Sgr. oder 8 gGr. Motherby, R., Pocket - Dictionary of the Scottish Idiom, the signi- fieation of the words in english and german chietly calculated to promote the understand of the works of Scott, Rob. Burns, Allan Ramsay etc. with an appendix containing notes ex- plicative of Scottish customs, manners, traditions etc. (Taſchen⸗ woͤrterbuch des ſchottiſchen Dialekts, mit der Erklaͤrung der Woͤrter in engliſcher und deutſcher Sprache ꝛc.) Zweite mit Nachtraͤgen vermehrte Auflage. gr. 12. 1828. cartonirt. - 1 Rthle. 20 Sgr. oder 16 gGr. Otfried, Kriſt. Das ältefte im Iten Jahrhundert verfaßte hochdeutſche Gedicht, nach den drei gleichzeitigen in Wien, Muͤnchen und Hei⸗ delberg befindlichen Handſchriften, kritiſch herausgegeben von E. G. Graff. Mit einem Facſimile. gr. 4. 1830. Schubert, Dr. F. W., de Romanorum Aedilibus libri IV. quibus praemittitur de similibus magistratibus apud potentiores pupulos antiquos Diss. duae. 8 maj. 1828. 3 Kthilr. — — Preußens erſtes politiſches Auftreten unter Friedrich Wilhelm dem Großen. 8. 1823. geh 7: Sgr. oder 6 gGr. Voigt, J., Geſchichte Marienburgs, der Stadt und des Haupthauſes des deutſchen Ritter⸗Ordens in Preußen. Mit einer Anſicht des Ordenshauſes, geſt. von Rosmäsler. gr. 8. 1824. 3 Athlr. — — ODarſtellung der ſtaͤndiſchen Verhaͤltniſſe Oſtpreußens, vorzuͤglich der neueſten Zeit. 8. 1822. geh. 15 Sgr. oder 12 g Gr. Wutzke, J. C., Bemerkungen über die Gewaͤſſer, die Oſtſeeküſte und die Beſchaffenheit des Bodens im Koͤnigreich Preußen. Mit einer Ge⸗ waͤſſerkarte von Preußen. 4. 1829. 2 Nthlr. 10 Sgr. oder 8 gGr.
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Verbeſſerungen zur Geſchichte Preuſſens. Vierter Theil. Seite 19 Zeile 15 v. u. lies Roſiena e Leſlau — 29 — 7 v. o. dieſer — 37 — 9 v. o. : Bewilligungen — 18 — 15 v. u. = Biſchof Eberhard — 171 — 16 v. u. = herrſchend — 208 — 17 v. o. = eingeernteten — 235 — 11 v. u. = wider — 254 — 183 v. o. = daſtehenden — 284 — 38 v. u. = Bide — 353 — 3 v. o. = Urkunden — 354 — 19 v. o. = ſeyn — 377 — 18 v. u. - Biſchof von Samland — 3838 — 7 v. o. = berühmtefte — 442 — 1 v. o. ⸗Beiſtand leiſten — 443 — 7 v. u. = Nichtbezahlung — 489 — 1 v. o. = von Poſen — 502 — 16 v. o. = des Sommers (ſtatt des Auguſts) — 506 — 3 v. u. = war Dieterich — 513 — 5 v. o. = benöthigte — 516 — 17 v. o. = zeugt — 546 — 5 v. o. Kriegsheer — 549 — 12 v. o. = von Maſovien — 550 — 4 v. o. Verzug — 551 — 6 v. o. dieſen — 561 — 17 v. o. ſeyen — 592 — 21 v. o. heißen — 598 — 10 v. u. = aber nadjmals