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Geschichte Preußens von den ältesten Zeiten bis zum Untergange der Herrschaft des Deutschen Ordens

Geschichte Preußens von den ältesten Zeiten bis zum Untergange der Herrschaft des Deutschen Ordens

Band 3 · 1828 · OCR, ungeprüft

1114 Min. Lesezeit· Johannes Voigt

In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.

Ungeprüfte OCR-Arbeitsfassung. Keine manuelle Gegenlesung. Haupttext, Anmerkungen, Register und Tabellen sind nicht redaktionell getrennt; Erkennungsfehler und fehlerhafte Lesereihenfolgen sind möglich. Alle neun Bände. Historische Orthografie und OCR-Fehler bleiben erhalten. Katalogfehler bei Namen und Jahresangaben werden nicht als Textkorrekturen übernommen.

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Geſchichte Preuſſens, von den aͤlteſten Zeiten bis zum Untergange der Herrſchaft des Deutſchen Ordens, von Johannes Voigt. „ Dritter Band. Die Zeit vom Frieden 1249 bis zur Unterwerfung der Preuſſen 1283 Koͤnigs berg, 1 8 2 8.

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Vorwort. Ulber die Stellung und den Geſichtspunkt, welche in der Geſchichte Preuſſens bei der Zeichnung des Kam⸗ pfes der Deutſchen Ordensritter mit den heidniſchen Preuſſen zu nehmen ſeyen und in dieſem Werke ge⸗ nommen worden ſind, hat das Vorwort zum zweiten Bande den noͤthigen Fingerzeig bereits gegeben. Die⸗ ſer dritte Band fuͤhrt denſelben fort bis zu ſeinem Ende. Sein Ziel war Anfangs weiter geſteckt; er ſollte das dreizehnte Jahrhundert ſchließen. Allein nach vollendeter Unterwerfung der Preuſſen unter des Or⸗ dens Herrſchaft ſchien es unerlaͤßlich, das durch die fortwaͤhrenden Kriegsſcenen faſt ermuͤdete Auge noch einmal ruͤckwaͤrts zu wenden, um zu ſehen, wie ſich mittlerweile unter und nach dem Sturme der Waffen

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vi Vorwort. das innere Leben des Volkes entwickelt und ausgebil⸗ det, in welcher Art und Form ſich die Verhältniffe im Innern ſowohl des Landes als der Staͤdte in und durch den Kampf in dieſem Jahrhunderte geſtaltet und in welchem Geiſte und Character die Herrſchaft und Verwaltung des Ordens nun uͤber dem Lande daſtand. Es ſchien außerdem auch noͤthig, den Leſer nach dem wilden Getümmel von Kriegen, Fehden und Schlach⸗ ten eine Zeitlang Ruhe faſſen und von den Waffen hinweg auf des Volkes ſtilleres Thun und Treiben blik⸗ ken zu laſſen, zumal da die Geſchichte Preuſſens bis⸗ her mehr eigentlich immer nur die Geſchichte des Or⸗ dens in Preuſſen geweſen iſt. Mir aber ſcheint es, als muͤſſe die Landesgeſchichte oder, will man es fo nennen, die Volksgeſchichte als das Wichtigſte und We⸗ ſentlichſte betrachtet werden, als muͤſſe ſie die Traͤgerin der Ordensgeſchichte ſeyn und als duͤrfe ſie nicht mehr wie bisher ſo tief im Hintergrunde ſtehen. Wuͤrden die Quellen für fie noch reichlicher fließen, fo hätte fie auch hier noch ungleich mehr hervortreten muͤſſen, als es jetzt moͤglich iſt. Es ſind auch dieſem Bande einige Beilagen ge⸗ geben worden; fie find von ſolcher Art, daß es nöthig iſt, ein Wort daruͤber zu ſagen. Die erſte derſelben

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Vorwort. VII entſtand aus einer Bereicherung des hieſigen geheimen Archives durch 446 Urkunden, faſt ausſchließlich paͤpſt⸗ liche Bullen aus dem dreizehnten bis funfzehnten Jahr⸗ hunderte, die ſich jetzt in getreuen Abſchriften in zwei Folianten im Archive befinden, deren Benutzung mir bei den beiden erſten Baͤnden noch nicht moͤglich war. Es iſt daher aus ihnen fuͤr dieſe Beilage auch nur das ausgeleſen worden, was die Geſchichte des erſten und zweiten Bandes betrifft. Was der ferneren Zeit an⸗ gehoͤrte, iſt in die Darſtellung der Ereigniſſe und Ver⸗ haͤltniſſe dieſes dritten Bandes bereits mit aufgenom⸗ men worden. — Die zweite Beilage uͤber die Chronik Peters von Dusburg ſchien um ſo nothwendiger, je mehr eines Theils fuͤr die aͤußere Geſchichte des Lan⸗ des, insbeſondere fuͤr die Kriegsgeſchichte dieſer Chro⸗ niſt im dreizehnten Jahrhunderte faſt der einzige durch⸗ gehende Fuͤhrer bleibt, und je entſchiedener andern Theils ſeine Glaubwuͤrdigkeit und ſein geſchichtlicher Werth in neuerer Zeit in Zweifel gezogen worden ſind. Es ſchien daher die Unterſuchung unerlaͤßlich, ob und wie weit dieſem wichtigen Chroniſten Preuſſens in ſei⸗ nen Nachrichten zu trauen ſey und ob man fürchten duͤrfe, in die Irre gefuͤhrt zu werden, wenn man ſei⸗ ner Leitung folge. — Die dritte Beilage iſt eine Mit⸗

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vu Vorwort. theilung des Herrn Profeſſor Grautoff zu Lubeck, welcher mit ruͤhmlichſter Bereitwilligkeit das Archiv zu Lubeck für die Geſchichte Preuſſens durchſucht und be⸗ reits einige wichtige Beitraͤge geliefert hat. Königsberg, am 16% Juni 1828. Johannes Voigt.

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Sa ee Kapitel I. Ueberſicht deſſen, was der Orden bisher erreicht Unvollkommener Sieg der chriſtlich Deutſchen Bildung Streit des Ordens mit der Geiſtlichkeit 3 4 > = bem Erzbifchofe Albert Zwieſpalt in der Hochmeiſterwahl 2 Streit des Ordens mit dem Erzbiſchofe Albert Der Orden und Herzog Suantepolc von Pommern Ludwig von Queden, Landmeiſter in Preuffen . Neue Kreuzpredigten fuͤr den Orden Eberhards von Sayn Wirken in Preuſſen Streit mit Herzog Suante pol * Kaſimir von Cujavien Ausgleichung mit Herzog Kaſimir von Cujavien Verwaltung des Landes in dieſer Zeit Streit mit dem Großfuͤrſt Mindobe Ausföhnung mit dem Großfürft Mindowe Mindowe ein chriſtlicher König in Litthauen Verſuch zur Eroberung Samland Voͤllige Ausföhnung mit Herzog Suantepolc. Neue Thaͤtigkeit des Papſtes für den Orden in Preuffen - Poppo von Oſterna, Hochmeiſter des Ordens Neuer Kreuzzug nach Preuſſen Neuer Zwiſt mit dem Erzbiſchofe Albert von ige Vorbereitungen zu Samlands Eroberung S S K K S8 SS O - 49 52 54 58 62

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x Inhalt. Seite Aufbau der Memelburg e Ba, 2307 Kreuzzug Ottokars von Böhmen nach em. „ Samlands Eroberung durch Ottokar von Boͤhmen . 83 Samlands Eroberung 806 Aufbau von Koͤnigs berg 88 Burchard von Hornhauſen, erſter W in ee . 89 Heinrich von Strittberg, erſter Biſchof von Samland u. 798 Der Hochmeiſter Poppo von Oſternga . . 2 95 Wehlau's Aufbau und Gewinn 99 Kriegszuͤge nach Nad rauen 101 Der Papſt Alexander der Vierte 104 Aufſtand in Samladd?/ N06 Streit mit Herzog Kaſim iin 111 Gerhard von Hirzberrr g 115 Vertrag mit Herzog Kaſimiiiiiimnm 117 Vertrag mit dem Biſchofe von Ploczk ns . 118 Paͤpſtliche Bemühungen zur ae der Srdenstelder 122 Neue Erhebung des Orden??? .. 1726 Poppo's von Oſterna Abgang 129 Anno von Sangerhauſeen 130 Poppo von Oſterna. tu Kapitel U. Ausgleichung mit dem Biſchof von Samland 135 Heinrich Biſchof von Samlandʒd . 139 Neues Kreuzhere 140 Belaͤſtigungen des Ordens durch die Geiſtichket 42 Anklage und Vertheidigung des Orden? 143 Gefahren für den Orden in Preuſſen 148 Die Taxta ren n Te are 19 Bedruͤckung der Neube kehrten 152 Hartmud von Grumbach 154 Neues Kreuzheer in Preuſſen 155 Der Aufbau von Labiun . u ⁊ 1357 Bedrohung durch die Tartaren. 18

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Inhalt. Zunehmende Erbitterung der Neubekehrten Neue Thaͤtigkeit des Papſtes fuͤr den Orden Buͤndniß des Ordens mit Semovit von Maſovien Vorkehrungen wegen des Abfalles der Preuſſen Naͤhere Gefahr des Abfalles der Preuſſen Der König Mindowe von Litthauen Die Schlacht an der Durbe Kapitel III. Der Ordensvogt Walrad Mirabilis Aufſtand der Preuſſen zur Befreiung Des Papſtes Bemühen zur Hülfe des Ordens Beguͤnſtigung treuer Preuſſen Ankunft des Kreuzheeres Die Schlacht bei Pokarwen Siege der Preuſſen Heilsberg erobert N Braunsberg verbrannt Koͤnigsberg, Kreuzburg und Bartenstein belagert Harte Bebrängniß des Ordens Bemuͤhungen des Papſtes fuͤr einen Kreuzzug Neues Kreuzheer in Preuſſeen Koͤnigsbergs Befreiung Die Ordensburg Königsberg . Der Bau von Lochſtaͤtt 2 Samland von neuem uͤberwaͤltigdtt Kapitel IV. Herzog Kaſimir von Cujavien und der Orden Vertrag mit Kaſimir von Cujavien Kampf im Barterlande in Natangen Schlacht bei Lobus Ludwig von Baldersheinmm 9 Kampf um Bartenſtem n Belagerung Bartenſteins

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XII Inhalt. Einnahme Bartenſte ins Kriegsſtuͤrme in Samland Belagerung Wehlau s Aufbau von Zapiu . . - syn; Bemühungen um Hülfe für den Geber 1 Neue Kreuzfahrt nach Preuſſen Aufbau von Branden bug Heimkehr des Kreuzheeres 3 Neue Kreuzpredigt fuͤr den Orden Hemmungen in der Sache des Ordens in Preuſſen Blick auf Pommernmꝰ”ꝰmdaôçœêœwꝑ Herzog Suantepolc's Todd Herzog Miſtwin II.. Herzog Miſtwin von Pommern wider den Orden Friede zwiſchen Wartislav und dem Orden Kämpfe in Natangen 5 andelatien.. „ „Wi = = Pomefanien. Schlacht an der Sirgune Chriſtburgs Belagerunn R Gibin gs Einnahme mehrer Burgen Chriſtburgs Befreiung Marienwerder verbrannt - g Kreuzfahrt des Koͤniges Ottokar von Böhmen . Neues Waffengluͤck der Preuffen ru Aufbau von Starkenb erg Zerſtoͤrung Starkenbergs gs Verheerung des Kulmerlandes Kapitel V. Huͤlfloſe Lage des Ordens in Preuſſen Konrad von Thierbernr gg Bemühungen um Huͤlfe für den Orden Landmeiſter Dieterich von Gatersleben. Erhebung des Ordens

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Inhalt. Der Papſt Gregorius X. Neue Kreuzfahrt nach Preuſſen Siege des Kreuzheeres. . Untergang ber Volkshaͤuptlinge der et Unterwerfung Natangens und Ermlands Kampf in Pogeſanienn. Neue Erhebung des Orbens Tod des Hochmeiſterrs. Der Hochmeiſter Hartmann von ine N Konrad von Thierberg Aufbau von Marienbun g Kämpfe mit den Sudauern „in Nadrauen Nadrauens Eroberung Kaͤmpfe in Schalauen Schalauens Eroberung Kapitel VI. Chriſtian Biſchof von Samland Verſaͤumniß in chriſtlicher Belehrung des Volkes Neue Bewegungen im Volke Unterdruͤckung des Aufſtandes Sudauer im Kulmerlande Der Haͤuptling Skomand . Wenige Ausſicht des Ordens auf ne 8 Pommerns Verhaͤltniſſe zum Orden Erſter Schritt des Ordens auf Pommern Herzog Sambor von Pommern = Miftwin von Pommern 0 Stellung des Ordens zu den Nachbendmben 9 Bekämpfung der Sudauer 0 Der Landmeiſter Konrad von Ben ’ Zug nach Subauen. . . . 4 „ Der Landmeiſter Mangold von ante Kämpfe in Sudauen —

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xIv Inhalt. Seite Skomands Ergebunn -» - - =» 2378 Mangolds Bemuͤhungen um die ie ee wei 379 Streit des Ordens mit Miſtwin um den Beſitz von Mewe 382 Tod des Hochmeiſters Hartmann von Heldrungen 3091 Wahl eines neuen Hochmeiſterrs „393 Mangold von Sternberg, Landmeiſter von preuſſen 304 Konrad von Thierberg, Landmeiſter von Preuſſen. 395 Neuer Kampf in Sudauen . 29 Kantegerde's Unterwerfung 5 2397 Konrads von Thierberg Kriegszuͤge nach en „ 398 Sudauens Unterwerfunnl » = nen 4400 Kapitel VII. Umwandlung des inneren Volksleb ens 402 Des Ordens Recht zum Kampfe gegen die Preuſſen 408 Geſtaltung der neuen Verhältniſſe im Lande 4413 Die Withingg e 420 Die Freilehens⸗ Leute 4434 Die Koͤmer en % AL 444 Der Bauernſtand und bie "Hinterfaffen I 451 Lage der bezwungenen Preuſſeern 458 Urſachen der Unzufriedenheit mit den neuen Verhöltniſſen 459 Die Deutſchen Einzoͤg linge 462 Der Deutſche Bauernſtanndz e 474 Kapitel VIII. Städte und Buͤrgerthu gd 4433 Staͤdtiſcher Handelsbetrie u 504 Handel mit dem Auslande 507 Das Münzeeſe n „% 514 Ueberblick el re ere 517 Kapitel IX. Die Landesverwaltung eee e ee . e ee 519 Der Landmeiſte rr 4 e 21 Der Ordensmarſchallß m 329 Die Kerthur e u 532

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Inhalt. av ©eite Dee dens Vögte 388 Einkuͤnfte des Ordens „35 340 Kirchenthum und Verwaltung der Bifchofetheite 343 Volksbildung FR „6 Beilagen. Neo I. Auszüge aus päpftlichen Bullen zur Geſchichte Preuſſens 865 Nm II. ueber den Werth und die Glaubwürdigkeit der Chronik des Ordensprieſters Peter von Dus burg 603 N® III. Urkunde über die Gründung einer freien Handelsſtadt an Samlands Kuͤſte 627

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Erſtes Kapitel. Nun waren zwanzig Jahre voruͤber, ſeit der Orden der Deutſchen Ritter das Land betreten. Es. war allerdings Vieles vollbracht im Ablaufe dieſer Zeit: das Kulmerland durch Verträge für immer dem Orden feſt zugeeignet, fuͤnf andere Landſchaften, als Pomeſanien, Pogeſanien, Ermland, Natangen und ein Theil des Barterlandes unter Blut und Kampf errungen und wie es ſchien, war durch den Frie⸗ densvertrag der Beſitz dieſer Länder auch für alle Zeit geſi⸗ chert. Ein zehnjaͤhriger Krieg mit Pommerns entſchloſſenem und tapferm Herzoge war unter ſchweren Opfern und Mi- hen durchgekaͤmpft. Siegreich uͤber ſeine Feinde war der Or⸗ den ſchon zu einer bedeutenden Macht emporgeſtiegen. Zwei andere nachbarliche Rittervereine, der jüngere Orden der Rit⸗ terbruͤder von Dobrin und der aͤltere der Schwertbruͤder in Livland, dieſer mit allen ihm zugefallenen Beſitzungen, hat⸗ ten ſich mit den Deutſchen Rittern in Preuſſen vereinigt und in fie aufgeloͤſt. Vom Weichſel⸗Strome, der Graͤnze Pom⸗ merns bis an Samlands Graͤnze, auf einer Weite von zwan⸗ zig bis dreißig Meilen hatte ſich das Volk dem Gehorſam und dem Geſetze des Ordens untergeben und mit Taufe und Geluͤbde auch dem chriſtlichen Glauben gehuldigt. Drei Bi⸗ ſchofsſtuͤhle ſtanden bereits in den Gebieten, auf denen noch vor kurzer Zeit nur des Griwen Machtgebot gegolten, und die Heiligthuͤmer der Haine, wo noch. vor wenigen Jahren die Namen heidniſcher Gottheiten in Opfer und Gebet waren vernommen worden, hatte der Krieger entweiht, zertreten III. 1

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2 Unvollfommener Sieg d. chriſtl. deutſch. Bildung. und vernichtet. Das Kirchenthum war wenigſtens in ſeinen erſten Grundlagen angebaut, geregelt und beſtimmt; aber es fehlte dieſem Bau freilich noch an dem innern belebenden Geiſte, denn es beruhete der neue angenommene Glaube vorerſt faſt nur allein in den aͤußeren Formen und chriſtli⸗ chen Gebraͤuchen, und nur in wenigen Menſchen des bezwun⸗ genen Volkes war es dem Eifer frommer Lehrer gegluͤckt, das Herz mit der Waͤrme zu beleben und den Geiſt mit dem Lichte zu erleuchten, die in Geſinnung und That den Menſchen erſt wahrhaft zum Chriſten bilden. Aber das ganze alte Leben des Volkes war furchtbar geſtoͤrt und durchbro⸗ chen und der uralte Stamm ſtand, wenn auch noch nicht völlig ausgebrannt und abgeſtorben, doch faſt gaͤnzlich ent⸗ blaͤttert und entaͤſtet da. Durch den Friedensſchluß des Jah⸗ res 1249 war man bemuͤht geweſen, eine gewaltige Scheide⸗ wand zwiſchen das alte und das neue Leben hinzuſtellen, und die Verhaͤltniſſe des neu beginnenden haͤuslichen und buͤr⸗ gerlichen Lebens, Sitten und Gebraͤuche, Rechte und Ge⸗ wohnheiten ſchienen durch ihn doch in ſo weit auch eine ge⸗ wiſſe Ordnung und Sicherheit erhalten zu haben, daß die neue chriſtlichdeutſche Bildung auf ihnen ſicher aufgebaut und mehr und mehr erweitert werden konnte. f Das Werk aber war noch bei weitem nicht vollendet, ſelbſt da wo es beendigt ſchien; noch lange ſtand der Orden nicht an ſeinem Ziele und die Bahn dahin war noch mit unend⸗ lichen Hinderniſſen und Schwierigkeiten überfüllt. Das furcht⸗ bare Siegerſchwert, welches ſeit zwanzig Jahren durch die Laͤnder hindurchgegangen war, hatte in den Tauſenden, die es uͤberwaͤltiget, nur die Kraft des Armes gelaͤhmt und den Muth der Seele gebrochen; aber die Bruſt erfüllte noch uͤber⸗ all Zorn und Rachluſt und Ingrimm und Erbitterung, und mit aller Macht der Sehnſucht ging noch in den Meiſten die Erinnerung in die freien Tage des alten friedlichen Le⸗ bens zuruck. Nichts vermochte zu troͤſten uͤber den verlornen Glanz und uͤber die vernichtete Freude der alten freien Zeit; an ihrer Stelle herrſchte uͤberall eine Leere, eine Eroͤdung,

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Streit des Ordens mit der Geiſtlichkeit. 3 eine Verwilderung und eine Gewaltſamkeit, die das Herz mit tiefſtem Jammer erfüllten. Nur Angſt und Schrecken hielten noch Jahre lang den Ausbruch der Spannung zu⸗ rück, die allgemein durch alle Lande ging. So gaͤhrten in dem Boden, auf welchem die Ritterherrſchaft aufgerichtet da⸗ ſtand, noch die gefährlichften Elemente, und es war kaum an⸗ ders zu erwarten, als daß ſie einſt hervorbrechen und den ganzen Bau des Ordens wieder zerwerfen und vernichten wuͤrden. Somit hatte alſo ſelbſt in den bereits gewonnenen Landſchaften der Friede den Kampf nur tief verſteckt, und nur der Name und die Form, nicht der Geiſt des Heiden⸗ thums war im Volke vertilgt und erſtickt. Doch zu dieſem Kampfe gegen das Heidenthum hatte der Orden das Schwert und ſeine ritterliche Kraft. Anders war es in dem aͤrgerlichen Streite, den er noch fort und fort mit der hohen Geiſtlichkeit vor dem Richterſtuhle des Papſtes führte. Der Clerus, der gefaͤhrlichſte und laͤſtigſte Feind des Ordens, durch Habſucht und Neid getrieben, hatte fein liſtiges, heimliches Spiel gegen die Ordensritter auch jetzt noch nicht aufgegeben; er ſpielte es jetzt vielmehr ſchon zu gleicher Zeit in Deutſchland und in Preuſſen. Dort bot er nach wie vor alle erſinnlichen Raͤnke und Kuͤnſte auf, dem Orden in ſeine Rechte und Freiheiten einzugreifen, um ihm in ſolcher Weiſe die Mittel zu entziehen, durch welche er in Preuſſen und Livland fuͤr ſeine Beſtrebungen wirken konnte. Zwar waren fuͤr die meiſten Verhaͤltniſſe, in denen ſonſt die Geiſtlichkeit den Orden zu beeinträchtigen und feine Gerechtſame zu ſchmaͤlern ſuchte, vom paͤpſtlichen Stuhle aus ſeit Jahren der Verbote, Warnungen und Verordnungen ſo viele ergangen, daß es kaum mehr moͤglich ſchien, dem Orden hierin irgend noch entgegentreten zu koͤnnen. Allein die Schlauheit einzelner Geiſtlichen fand immer neue Wege und nirgends galten paͤpſtliche Gebote weniger, als wo ſie der Genußſucht und Habluſt der Geiſtlichkeit entgegenſtan⸗ den. So war unter den Begünſtigungen, die man auch jetzt wieder dem Orden zu entziehen oder im Genuſſe doch 1 *

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4 Streit des Ordens mit dem Erzbiſchofe Albert. zu verringern ſtrebte, beſonders das vom paͤpſtlichen Stuhle ihm zugeſprochene Vorrecht, die Loͤſungsgelder fuͤr das Ge⸗ luͤbde zur Theilnahme an einem Kreuzzuge, fo weit die Sache Preuſſen und Livland betreffe, ausſchließlich und allein ein⸗ ſammeln zu laſſen, um ſie fuͤr ſeine Zwecke in dieſen Lan⸗ den zu verwenden. Abermals brachte daher der Landmeiſter Dieterich von Gruͤningen bei dem Papſte die Klage vor, daß dieſes Einkommen dem Orden auf allerlei liſtigen Wegen durch die Geiſtlichen entzogen und von dieſen zu ihren eige⸗ nen Zwecken verwendet werde, und der Papſt mußte von neuem dem Erzbiſchofe von Magdeburg den gemeſſenen Be⸗ fehl ertheilen, die Unbill aufs ſtrengſte zu beſtrafen, an Laien mit Bann und Interdict und an Geiſtlichen mit augenblick⸗ licher Entſetzung von ihrem Amte 1). An der Spitze der Geiſtlichen aber, mit denen der Or⸗ den bald in dieſer, bald in anderer Weiſe zu kaͤmpfen hatte, ſtand um dieſe Zeit ſelbſt auch ſchon der Erzbiſchof Albert von Preuſſen, und mit ihm war aus mancherlei Ruͤckſicht der Streit am ſchwerſten zu führen. Albert, der große Guͤnſt⸗ ling des Papſtes, eingeweiht in die wichtigſten Verhaͤltniſſe der Zeit, voll Erfahrung und Klugheit, dabei nicht ohne 1) Wir erinnern uns, daß ſchon fruͤher zur Zeit des Biſchofs Chri⸗ ſtian gegen dieſen vom Orden über dieſelbe Sache Klage erhoben wor⸗ den war; vgl. Bd. II. S. 460. Daß dieſes Recht des Ordens jetzt wieder von neuem vielfach verletzt wurde, beweiſet eine paͤpſtliche Bulle im groß. Privilegienbuche p. 109 im geh. Archiv. Sie iſt in der Ab⸗ ſchrift, in welcher fie ſich hier befindet, zwar ohne Datum; gehört in- deſſen offenbar in dieſe Zeit, und da Dieterich von Gruͤningen, der die Klage bei dem Papſte anbrachte, in der Bulle ſelbſt Magister in Ale- mannia genannt iſt, ſo finden ſich Gruͤnde, ſie in das Jahr 1249 zu ſetzen, wo ſie ohnehin durch ihren ganzen Inhalt auch die naͤchſte Beziehung findet, wie bald näher erhellen wird. Eine Geſetzwidrigkeit war die Entziehung der erwaͤhnten Einkuͤnfte des Ordens deshalb, weil den Ordensbruͤdern, wie die Bulle erklaͤrt, a sede apostolica est in- dultum, ut redempciones votorum crucesignatorum Alamanie in sub- sidium Pruscie et Livonie recipere possint pro ipsarum defensione terrarum.

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Streit dis Ordens mit dem Erzbiſchofe Albert. 5 Stolz auf das hohe Wohlwollen des Oberhauptes der Kirche und tief durchdrungen von dem Geiſte und Streben ſeines Standes, konnte oder wollte ſich eben ſo wenig, wie früher der Biſchof Chriſtan, gegen den Orden in bie Richtung ſtellen, in welcher die gegenſeitigen Anrechte und Befugniſſe unberührt und unverletzt bleiben konnten. Es kam hinzu, daß ſeine Stellung gegen den Orden wie in Livland ſo in Preuſſen allerdings eine ganz eigenthümliche war und in ſol⸗ cher Weiſe zwiſchen einem ſolchen Prälaten und einem fol: chen Landesherrn nirgends wieder Statt fand. Als Erzbi⸗ ſchof in dieſen Landen war er im Beſit einer Macht und einer Gerichtsbarkeit, deren Graͤnzen in Beziehung auf den Orden noch keineswegs genau genug beſtimmt und geregelt waren; denn es gab keine Verordnung, daß die für die Lan⸗ desbiſchoͤfe Preuſſens gegen die Ordensritter feſtgeſetzten Ver⸗ hältniffe auch für feine Stellung gelten ſollten, und in der That waren ſie auf ihn, einen Erzbiſchof ohne ein eigentli⸗ ches Erzbiſthum 1), auch nicht einmal recht anwendbar. Und wie er feiner Würde nach über den Biſchoͤfen des Landes ſtand, ſo mußte ihm natürlich ſelbſt auch ſein Verhaͤltniß zum Orden als ganz anders erſcheinen. Der Roͤmiſche Stuhl hatte außerdem nichts verſaͤumt, den Erzbiſchof in den eben erſt chriſtlichgewordenen Laͤndern mit allem Glanze und Pomp auszuſtatten, um auch von dieſer Seite her auf die jungen Chriſten einzuwirken. Wo z. B. im ganzen Umfange der ihm mit Metropolitan⸗Recht untergebenen Provinz der Erz⸗ biſchof öffentlich erſchien, hatte er vom Papſte das ausge: ) Befremdend iſt der Titel, welchen der Erzbiſchof in einer Ori⸗ ginal-Urkunde des Herzogs Miſtwin von Pommern vom J. 1279 be⸗ kommt; es iſt darin von der Zeit zwiſchen 1249 und 1250 die Rede und der Erzbiſchof wird bezeichnet als Archiepiscopus Albertus Prucie tunc temporis apostolice sedis legatus et pater noster episcopus Na- tangie. Da ein Biſchof von Natangen ganz unbekannt iſt, fo könnte diefe Benennung, wenn nicht fonft ein Irrthum obwaltet, doch wohl nur auf die Vacanz des Ermländifchen Biſchofsſtuhles zwiſchen Heinrich und Anſelm in jener Zeit Beziehung haben.

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6 Streit des Ordens mit dem Erzbiſchofe Albert. zeichnete Recht, vor ſeiner Perſon das Kreuz hertragen zu laſſen!)! Aber nicht bloß als Erzbiſchof, ſondern auch als Le: gat des paͤpſtlichen Stuhles im Norden trat er mit einer Gewaltfuͤlle und einer Vollmacht auf, die ihn, fo fern er wollte, noch weit über die Graͤnzen feiner erzbiſchoͤflichen Amtsgewalt hinausgreifen ließen. Was daher dem Erzbi⸗ ſchofe gegen den Orden nicht erreichbar ſchien, das durfte nur der paͤpſtliche Legat verſuchen, denn wie maͤchtig hatten bisher die Legaten der Roͤmiſchen Curie in die Verhaͤltniſſe des Nordens eingegriffen und wie konnte der Orden beſtim⸗ men, wie weit gerade dieſem Legaten feine Macht zugemeſ⸗ ſen war! Albert aber war ein Mann, der nur zu gern ſeine ganze Gewaltfülle geltend machte. Als oberſter Machthaber der Kirche in Livland und Preuſſen, als Schirmherr der geiſtlichen Rechte und in der Ausübung feiner erzbifchöflichen Gerichtsbarkeit kam er nur zu bald in die Stellung eines Gegners des Ordens. Es erfolgten hie und da Reibungen. Der Orden uͤbte Vergeltung, hinderte die Ausuͤbung der erz⸗ biſchoͤflichen Gerichtsbarkeit, nahm nicht ſelten die von dem Erzbiſchofe mit dem Banne Beſtraften in ſeinen Schutz, ver⸗ weigerte dieſem die Ehrenbezeigungen, welche ſonſt ſeiner Winde zukamen, während der Erzbiſchof auch kein Beden⸗ ken trug, die anerkannteſten Rechte und Freiheiten des Or⸗ dens anzutaſten, nach der Sitte anderer Geiſtlichen die er⸗ waͤhnten Loͤſungsgelder zu feinem Gebrauche einzuziehen, ja ſelbſt die ganze Einrichtung des Kirchenweſens anzugreifen, welche der einſtige Biſchof Wilhelm von Modena als paͤpſt⸗ licher Legat im Lande angeordnet. Und da es ſchon ſo weit gekommen war, verlor ſich bei dem Erzbiſchofe auch aller Eifer fuͤr des Ordens Sache, beſonders auch in der Verkuͤn⸗ 1) Regest. Innocent. IV. an. III. epist. 416; im Gopien Buche des geh. Archivs Nr. 69. Die Bulle hieruͤber iſt von Innocenz IV. und hat das Datum: Lugduni XIII. Calend. April. an. III. Des Papſtes Worte ſind: quod per totam provinciam tibi metropolitico iure subiectam tam tu quam successores tui coram vobis faciatis erucis signaculum anteferri.

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Streit des Ordens mit dem Erzbiſchofe Albert. 7 digung des Kreuzes zur Fortſetzung und Foͤrderung des Kam⸗ pfes der Ordensritter gegen die Heiden *). Alſo lag der Keim dieſes Zwiſtes theils ſchon in der Anordnung und in dem Amte des Erzbiſchofs ſelbſt, theils auch in der Stellung, die er als paͤpſtlicher Legat einnahm, und geſammelt hatte ſich der Stoff der feindſeligen Span⸗ nung wohl ſchon ſeit einigen Jahren. Aber mehr hervor⸗ getreten war das Nachtheilige und Verderbliche dieſer Ver⸗ hältniffe beſonders im Laufe des Jahres 1248, als bei der Feſtſtellung des kirchlichen Weſens in den wiedergewonnenen Landen ein thaͤtiges Eingreifen des Erzbiſchofs nothwendig ward. Um fo mehr fühlte man jetzt auch gegenſeitig, wie hinderlich und hemmend gerade um dieſe Zeit das Wider⸗ ſtreben und jene Spannung der geiſtlichen und weltlichen Obergewalt für die neuzugeſtaltenden Verhältniffe in Preuſſen in jeder Weiſe wirken mußten, und man begegnete ſich da⸗ her auch gerne von beiden Seiten in dem Wunſche einer friedlichen Ausgleichung der gegenſeitigen Rechte. Da tra⸗ ten die drei Biſchoͤfe in Preuſſen, Heidenreich von Kulm, Ernſt von Pomeſanien und Heinrich von Ermland in Ver⸗ bindung mit dem Markgrafen Otto von Brandenburg, der damals ſchon in Preuſſen war, im Anfange des Jahres 1249 als Vermittler ein und bewirkten, daß der Erzbiſchof und die Ordensritter ſich gegenſeitig alles bisherige Unrecht ver⸗ ziehen und ſich voͤllig ausſoͤhnten, indem der erſtere verſprach, den Orden forthin durch die Predigt des Kreuzes und auf jede andere foͤrderliche Weiſe nach allen Kräften und wo er oͤnne zu unterſtützen, über die ſtreitig geweſenen Rechte und Freiheiten keine Klage weder bei dem Papſte, noch bei ir⸗ gend einem andern Richter anzubringen, während die Ordens⸗ ritter dem Erzbiſchofe die Verſicherung gaben, daß ſie ihn fernerhin durch nichts mehr belaͤſtigen, vielmehr nach Recht —̃— ) Dieſe urſachen des Streites zwiſchen Albert und dem Orden giebt zunächſt die Urkunde an die Hand, welche Kotzebue B. J. S. 429— “31 mitgetheilt hat. Andere kennen wir nicht, weil die Chroniſten über dieſe ſtreitigen Verhoͤltniſſe gänzlich ſchweigen.

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8 Streit des Ordens mit dem Erzbiſchofe Albert. und Gebuͤhr ſtets achten und ehren wuͤrden. Zudem ver⸗ pflichtete ſich der Orden auch zur Entrichtung von dreihun⸗ dert Mark Silber an den Erzbiſchof in beſtimmten Friſten, von denen zwei noch in demſelben Jahre eingehalten werden ſollten, wogegen der Erzbiſchof das Verſprechen niederlegen mußte, daß er feinen erzbiſchoͤflichen Sitz nie ohne der Or⸗ densgebietiger ausdruͤcklichen Willen in Preuſſen nehmen wolle. So geſchah die Verhandlung am zehnten Januar des Jah⸗ res 1249 1). Der Streit indeſſen ruhete nur auf kurze Zeit; das Uebel wucherte mittlerweile in der Wurzel weiter fort, zu⸗ mal da ohnehin die Irrungen mehr nur auf die Seite ge⸗ ſchoben als völlig ausgeglichen waren. Nur vom paͤpſtli⸗ chen Hofe her konnte eine gruͤndliche Heilung kommen. Den Papſt aber beſchaͤftigten zur Zeit weit wichtigere Verhaͤltniſſe. Es iſt bekannt, in welche arge Zerriſſenheit und in welches wilde Gewirre von Unruhen und aufruͤhreriſchen Bewegun⸗ gen das Deutſche Reich gerathen war, ſeit ſich der Streit zwiſchen Kaiſer Friederich und dem Papſte Innocenz dem Vierten wiederum erneuert hatte und jener in den Bann ge⸗ than und ſeines Thrones fuͤr entſetzt erklaͤrt worden war. Nach Heinrich Raspe's Tod hatte es der Papſt abermals dahin gebracht, daß im Grafen Wilhelm von Holland dem Kaiſer Friederich zum zweitenmal ein Gegenkoͤnig gegenüber geſtellt worden war. Konnte nun Innocenz durch dieſe neue Koͤnigswahl ſein erſehntes Ziel, das herrſchende Haus der 1 Die urkunde hierüber im Original im geh. Archiv Schiebl. XII. Nr. 1, gedruckt bei Baczko B. I. S. 259. Der Erzbifchof ließ die Verhandlung ſelbſt abfaſſen und ſagt, es handele ſich in dem Streite super diversis questionum articulis seu juribus et iniuriis. Daß man ihm Läſſigkeit im Kreuzpredigen vorgeworfen, geht auch aus feinem Verſprechen hervor: Nos in negocio crucis et fidei et in aliis, quae patrie (nicht paci, wie Baczko las) expediunt, fratres ipsos pro posse iuvabimus ubicunque et quandocunque videbitur oportu- num. Cf. Bray Essai critique sur Vhistoire de la Livonie T. I. r. 181.

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Zwieſpalt in der Hochmeiſterwahl. 9 Hohenſtaufen gaͤnzlich in den Staub zu treten, auch keines⸗ wegs erreichen und blieb das Uebergewicht der Macht in Deutſchland, ſo lange Friederich lebte und mit ſeinem gro⸗ ßen Geifte wirkte, auch immer noch auf feiner Seite, fo hatten doch die Umtriebe und Verhetzungen des paͤpſtlichen Hofes in Deutſchland die ſchrecklichſte Verwirrung und Auf⸗ fung aller Ordnung zur Folge, und alles im Reiche war gefpalten in paͤpſtliche und Eaiferliche Parteien. Dieſe Parteiung aber, die fo tief in alle Verhaͤltniſſe des Vaterlandes eingriff, konnte auch ſchwerlich ohne Einfluß auf den Deutſchen Orden bleiben; und ſie wirkte hier gerade um ſo ſtaͤrker ein, da es eben in dieſer ſturmbewegten Zeit geſchah, daß der Orden in dem Hochmeiſter Heinrich von Hohenlohe am ſechzehnten Juli des Jahres 1249 ſein Ober⸗ haupt durch den Tod verlor n). Denn als man bald darauf 1) Wie Über dieſe Zeit der Geſchichte überhaupt noch große Dunkelheit und Ungewißheit herrſcht, die dann wohl erſt zu beſeitigen feyn wird, wenn alle den Orden betreffenden Urkunden ans Licht kommen, ſo ſtimmt auch uͤber Heinrichs von Hohenlohe Todesjahr faſt keiner mit dem andern überein. Man ſchwankt zwiſchen den Jahren 1250, 1252 und 1253. Vgl. die verſchiedenen Meinungen hierüber in Heinrichs Lebensbeſchrei⸗ bung in den Preuff. Samml. B. II. S. 209 und 218, bei Bachem Chronol. der HM. S. 20 und Pauli a. a. O. S. 89. Wir glauben folgende Gruͤnde fuͤr uns zu haben, Heinrichs Tod ſchon in das Jahr 1249 zu ſetzen. 1. Iſt bis jetzt nach dem Jahre 1249 keine Urkunde bekannt, die den fpäteren Tod dieſes Hochmeiſters nachwieſe; ſ. Baczko B. II. S. 261. De Wal Recherches T. II. p. 288. 2. Nennt der Papſt den Landmeiſter Dieterich von Gruͤningen im October 1249 Preceptor, qui est Vicarius Magistri hospitalis in partibus cis- marinis. Man hat zwar meift dieſes Wort Vicarius für „Geſandter“ des Hochmeiſters genommen; allein erſtlich hat es ſtreng genommen dieſe Bedeutung nicht, und dann erſcheint auch Dieterich um dieſe Zeit bei dem Papfte eigentlich gar nicht als Geſandter, ſondern lediglich in ſei⸗ ner eigenen Streitſache. Vicarius nennt ihn der Papſt ohne Zweifel deshalb, weil er den Hochmeiſter als ſolchen nicht anerkannte und die vices des Hochmeiſters von Dieterich zur Zeit verwaltet wurden. 3. Stimmt damit auch die erwähnte päpftl. Bulle im großen Privilegien⸗ buche p. 109 überein. Da fie nach ihrem Inhalte unbezweifelt in das

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10 Zwieſpalt in der Hochmeiſterwahl. das Wahlkapitel zur Kuͤr eines neuen Meiſters verſammelte, war keineswegs Eintracht und Friede, wie bisher, herrſchen⸗ der Geiſt der verſammelten Ordensgebietiger; vielmehr wie im Deutſchen Reiche uͤberhaupt, ſo wirkten auch in dieſer Wahlverſammlung die feindlichen Intereſſen und widerſtre⸗ benden Geſinnungen einander entgegen und es gab auch hier eine paͤpſtliche und eine hohenſtaufiſche Partei. So war alſo auch die Wahl des neuen Ordensmeiſters zwieſpaͤltig, denn die paͤpſtliche Partei, an deren Spitze der Landmeiſter Dieterich von Gruͤningen ſtand, erkor, wie es ſcheint, den Ordensritter und nachmaligen Landmeiſter Ludwig von Que⸗ den zu ihrem Oberhaupte; die Deutſche Partei dagegen be⸗ hielt das Uebergewicht fuͤr den Ordensritter Guͤnther, deſſen vollſtaͤndigen Namen die Geſchichte nicht aufbehalten hat. Und dieſer Zwieſpalt im Orden dauerte einige Jahre hindurch, denn Guͤnther ſcheint keineswegs vom ganzen Orden als all⸗ gemeines Oberhaupt je anerkannt geweſen zu ſeyn, wiewohl J. 1249 gehört und der Landmeiſter darin Magister hospitalis S. M. Th. in Almania genannt wird, fo kann dieſes nur von der interimiſti⸗ ſchen Verwaltung des hochmeiſterlichen Amtes in Deutſchland gelten, zu welcher Dieterich damals berufen war. Setzt man die Bulle in eine andere Zeit, etwa in das J. 1254, in welchem Dieterich Deutſchmeiſter war, fo fällt alle hiſtoriſche Beziehung hinweg, welche die Bulle ſicht⸗ bar auf den Streit des Erzbiſchofs Albert hat. 4. Erklaͤrt ſich hie: durch auch am beſten, worin die ardua et festinata negotia beſtanden, welche der Papſt dem Landmeiſter Dieterich nach einer ſogleich naͤher zu beruͤhrenden Urkunde im J. 1249 gerade zur Zeit der neuen Hochmei⸗ ſterwahl aufgetragen hatte und quae sine morae periculo bene dif- ſerri non poterant. 5. Stimmt hiemit auch am beſten der Umſtand zuſammen, daß bald nach dieſer Zeit auch ein neuer Landmeiſter in Preuſſen erſcheint, denn gewohnlich wurden ſolche Veränderungen zu: gleich bei der neuen Meiſterwahl beſtimmt. 6. Wird es durch obige Annahme des Todesjahres Heinrichs von Hohenlohe auch erſt erklaͤrlich, warum dieſer in der Urkunde in Hennigs Ordensſtatut. S. 222 mit den Worten „beate memorie“ bezeichnet werden konnte. Offenbar ſetzt dieſe Urkunde den Tod des Hochmeiſters voraus; da ſie aber ſicherlich im J. 1251 abgefaßt iſt, ſo muß Heinrich ſchon vor dieſer Zeit geſtor⸗ ben ſeyn.

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Streit des Ordens mit dem Erzbiſchofe Albert. 11 ſeine Partei in Deutſchland, wie die des Kaiſers Friederichs, immer die gewichtvollere und zahlreichere geweſen zu ſeyn ſcheint. Um aber endlich den Gegner aus der Mitte ſeines Anhanges zu entfernen, bewirkte Guͤnther den Beſchluß, den bisherigen Landmeiſter Heinrich von Wida aus Preuſſen zu⸗ ruͤczurufen und an feine Stelle Ludwig von Queden dahin zu ſenden, vielleicht auch um in ſolcher Weiſe ſo viel als möglich) dem Nachtheile der zwieſpaͤltigen Meiſterwahl vor: zubeugen 1). In dieſer Zeit der Spaltung und des inneren Zerwuͤrf⸗ niſſes des Ordens mochten aber wohl leicht hier Verpflich⸗ tungen und Verſprechungen vergeſſen oder doch unbeachtet geblieben, dort auch wohl ihre Erfüllung ſehr erſchwert oder verhindert worden ſeyn. Der Streit des Ordens mit dem Erzbiſchofe Albert ward von neuem rege, ſey es, daß dieſer ſelbſt neuen Anlaß gab oder daß, wie wahrſcheinlicher iſt, das Verſaͤumen der beſtimmten Zahlungsfriſten jener er⸗ wähnten Geldſumme von Seiten des Ordens den Zwiſt wie⸗ der erweckte 2). Je verderblicher dieſer aber gerade jetzt bei 1) Streng diplomatiſch⸗hiſtoriſch laßt ſich freilich bei dem Mangel der Quellen dieſer Verlauf der Dinge nicht nachweiſen. Aber im Allge⸗ meinen ift wohl richtig, was De Wal Recherches T. II. p. 318 dar: über fagt: II paroit, que le schisme dans Empire en occasionna un second dans ’Ordre; on n'a point, & la verité, de certitude sur cet objet, mais voici ce qu'il y a de plus vraisemblable. Apres la mort du Grand Maitre Henri de Hohenlohe, que nous croyons &tre ar- rivee vers le meme tems que celle de PEnpereur Frederic II., les chevaliers attachés au Roi Conrad IV, choisirent pour Grand-Mai- tre Guntherus ou Gonthier, dont on ignore le nom de famille: d un autre cöté quelques partisans de Guillaume de Hollande, la erén ture du Pape, S assemblerent h Venise (2), od ils elurent Louis de Quede. — übrigens mag man über dieſen in fo großer Ausführlichkeit nicht in die Geſchichte Preuſſens gehörigen Gegenftand das Weitere in dem erwähnten" Werke von De Wal ſelbſt nachleſen. 2) Dieß ſcheint theils nach den Worten der früher erwähnten Ur: kunde: Quod si tune (in den erſten Friſten) non dederint (fratres) nec plene exsolverint, liceat nobis post solutas centum Marcas in strumentum fratrum, quod pro ducentis Marcis obligatum pro tres-

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12 Streit des Ordens mit dem Erzbiſchofe Albert. dem innern Zwieſpalte im Orden fir deſſen Freiheiten und Gerechtſame beſonders in Beziehung auf Preuſſen wirken konnte, um ſo mehr eilte der ſo kluge, als in Weltgeſchaͤf⸗ ten viel bewanderte Landmeiſter ) Dieterich von Gruͤningen noch im Sommer dieſes Jahres nach Luͤbeck, wo ſich der Erzbiſchof zur Zeit aufhielt und wo ein neuer Verhandlungs⸗ tag zur Ausgleichung aller ſtreitigen Verhaͤltniſſe angeordnet war. Kaum ließen wichtige und ſchleunigſt auszufuͤhrende Aufträge des Papſtes die Reiſe zu, und Dieterich war jetzt mehr als je geneigt, den verderblichen Zwiſt fuͤr immer zu beſeitigen. Allein mit feinen Ordensbruͤdern in Luͤbeck ange- langt, fand er den Erzbiſchof nicht anweſend, denn dieſer hatte die Zeit des angeſetzten Verhandlungstages nicht nur gar nicht wahrgenommen, ſondern wie abſichtlich ausweichend und unter dem Vorwande kirchlicher Gefchäfte verreiſend, kehrte er auch dann noch nach Luͤbeck nicht zuruͤck, als Dieterich ſei⸗ nen Aufenthalt um ſieben Tage verlaͤngerte und Briefe und Boten den Erzbiſchof von des Landmeiſters Anweſenheit und deſſen aufrichtigem Wunſche zur Beilegung alles Streites benachrichtigten. Da ließ der Landmeiſter uͤber ſeine zum Frieden geneigte Geſinnung und uͤber ſeine Bemuͤhungen zur Ausgleichung mit dem Erzbiſchofe vom Rathe der Stadt ein urkundliches Zeugniß ausſtellen ?) und begab ſich mit dieſem ſofort an den paͤpſtlichen Hof »). Hier ſtellte er dem Papſte centis Marcis in pascha sequente creditoribus obligare, theils auch deshalb der Fall geweſen zu ſeyn, weil fpäterhin der Landmeiſter die 300 Mark noch zahlte. 1) Ordens⸗Chron. bei Matthaeus T. V. p. 734. 2) Das Original dieſer Urkunde im geh. Archiv Schiebl. I. Nr. 2; es iſt ausgeſtellt zu Luͤbeck am 30. Juli 1249. Der Landmeiſter war ſchon am Tage Maris Magdal. oder am 22. Juli in Luͤbeck angekom⸗ men. Er muß daher vom Wahlkapitel aus, vielleicht von Marburg in größter Eile nach Luͤbeck gereiſt ſeyn. Dazu bewogen ihn vorzuͤg⸗ lich die ardua et festiuata negocia sibi a sede apostolica commissa, que sine more periculo bene differri non poterant, wie es in dieſer Urkunde heißt. 3) Seine Anweſenheit am päpftlichen Hofe beweiſet unter andern

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Streit des Ordens mit dem Erzbiſchofe Albert. 13 den großen Nachtheil und die für das Glaubens⸗ und Be⸗ kehrungswerk in Preuffen in vieler Hinſicht ſo verderblichen Folgen dieſes Zwieſpaltes zwiſchen dem Orden und dem Erz⸗ biſchofe mit ſolchem Nachdrucke vor, daß Innocenz beſchloß dem Streite auf jede Weiſe bald ein Ende zu machen. Er fa) wohl ein, daß der Grund alles Uebels in Alberts dop⸗ peltem Amte lag und daß er ſeine Graͤnzen als paͤpſtlicher Legat allerdings uberſchritten hatte. Ehe er indeſſen weiter in die Sache eingriff, lud er den Erzbiſchof nebſt dem Land⸗ meiſter Dieterich auf Oſtern des naͤchſten Jahres vor das Gericht des paͤpſtlichen Stuhles, um die ſtreitigen Verhaͤlt⸗ niſſe felbft zu unterſuchen, und trug dem Abte des Ciſtercien⸗ ſer⸗Kloſters zu Meißen von Buch auf, dem Erzbiſchofe die Ladung bekannt zu machen und dafür zu ſorgen, daß er auch wirklich erſcheine n). Aber zugleich ertheilte der Papſt die⸗ ſem Abte unter Bezeugung feiner guͤnſtigen Geſinnung und mit ruͤhmlicher Erwähnung der Verdienſte des Ordens um Kirche und Glauben auch den Befehl, den Erzbiſchof mit allem Ernſte zu warnen, forthin nichts Nachtheiliges gegen den Landmeiſter und die Ordensritter mehr vorzunehmen, viel⸗ mehr in aller Weiſe ſich ihnen günftig und geneigt zu be⸗ zeigen und ſowohl in Unterftügung durch Pilgrime, als in auch die Bulle bei Dogiel T. V. Nr. XXIV. p. 18. Vgl. Ordens⸗ Chron. bei Matthaeus p. 733. 1) Dieſe Bulle an den Abt von Buch im geh. Arch. Schiebl. III. Nr. 47, datirt: Lug dun. VIII. Calend. Novemb. p. n. an. VII (2b. Oct. 1249); fie iſt gedruckt im Lucas David B. III. S. 27 und in den Actis Boruss. B. II. S. 623. Unrichtig nennt Bergmann im Magazin für Rußlands Geſchichte B. I. H. I. S. 18 den Abt einen Abt von Dünamünde. Daß der Landmeiſter fi damals ſchon am päpftl. Hofe befand, geht auch daraus hervor, daß der Papft in dieſer Bulle ſagt: Maxime cum viva voce iniunxerimus predicto Preceptori, qui est Vicarius dilecti filii-Magistri Hospitalis eiusdem in partibus Cismarinis, ut simili modo propter hoc compareat coram nobis. Uebrigens finden wir hier den Namen des Landmeiſters wie in mehren Urkunden der Zeit, beſonders in den päpftlichen Bullen Tetricus ge⸗ ſchrieben.

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14 Streit des Ordens mit dem Erzbiſchofe Albert. Ruͤckſicht der Loͤſungsgelder fuͤr gethane Geluͤbde, ſo wie in jeder andern Hinſicht zu Gunſten des Ordens den Verord⸗ nungen des paͤpſtlichen Stuhles gemaͤß zu handeln. Am wenigſten aber follte der Erzbifchof es ſich fernerhin erlauben, unter dem Vorwande ſeines Streites gegen die Ordensbruͤ⸗ der gegen ihre Dienerſchaft oder die ihnen dienenden Pilgrime irgend eine kirchliche Strafe zu verhaͤngen, und ſey eine ſol⸗ che von ihm irgend ſchon ausgeſprochen, ſo ſollte der Abt ſie ohne weiteres fuͤr aufgehoben und null und nichtig er⸗ klaͤren ). Aus dieſer Sprache des Papſtes ging ſchon klar hervor, daß er des Erzbiſchofs Benehmen gegen den Orden in keiner Weiſe billigte. Der Vorladung folgend erſchien Albert zur beſtimmten Zeit zu Lion 2); allein der Papſt ward bei dem Verhoͤre der Parteien nur noch mehr uͤberzeugt, daß der Erz⸗ biſchof in ſeinem Verfahren ſeine Gewalt als paͤpſtlicher Le⸗ gat weit uͤberſchritten habe. Aus Schonung indeſſen gegen ſeine Wuͤrde entließ ihn der Papſt wieder, ohne augenblick⸗ lich eine Aenderung in ſeiner bisherigen Stellung zu verfuͤ⸗ gen, und erſt im September des Jahres 1250 erging an Al⸗ bert der paͤpſtliche Befehl, zur Verhütung fernerer Mißver⸗ haͤltniſſe gegen den Orden von feiner Legaten= Vollmacht vor⸗ erſt keinen Gebrauch zu machen und namentlich von deman keinen Biſchof weder in Preuſſen noch in Livland oder Eſth⸗ land fernerhin mehr einzuſetzen 2). Daraus ging deutlich 1) Die Bulle hieruͤber mit der vorigen von gleichem Datum im geh. Arch. Schiebl. III. Nr. 46. 2) Seine Anweſenheit am paͤpſtlichen Hofe erweiſet unter andern auch eine an ihn gerichtete Bulle in Regest. Innocent. IV. an. VIII. epist. 92, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 88, wo es heißt: Du- dum a presentia nostra non minoratus in aliquo ad propria remea- res tibi concessimus etc. 3) Dieſes iſt die ſoeben erwähnte Bulle in Regest. Innocent. IV. an. VIII. epist. 92 mit dem Datum: Lugdun. V. Calend. Octobr. an. VIII (27. Septemb. 1250). Es heißt hier: Tibi concessimus, ne per accessum tuum ad Sedem apostolicam commisse tibi prius legationis offieium expiraret. Cum itaque concessionis huius munere sane sis

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Streit des Ordens mit dem Erzbiſchofe Albert. 15 hervor, daß Albert vorzüglich ſeine Macht als paͤpſtlicher Le⸗ gat gegen den Orden zu deſſen Nachtheil geltend gemacht. Aber auch ſeine Verhaͤltniſſe als Erzbiſchof gegen den Orden bedurften einer feſteren Regelung, und hierüber erfolgte die Entſcheidung erſt im Februar des naͤchſten Jahres 1251. Im Auftrage des Papſtes uͤbernahmen naͤmlich die beiden Bifchöfe Peter von Albano und Wilhelm von Sabina nebſt dem Kardinal Johannes von S. Laurenz die Schlichtung des Streites. Im Weſentlichen legten ſie jenen Vergleich zum Grunde, welchen vor einigen Jahren jene Biſchoͤfe von Preuſſen und Markgraf Otto von Brandenburg über Ver⸗ zeihung und Nachlaß der gegenſeitigen Beeintraͤchtigungen, über die ſ. g. Löſungsgelder ) und über die Unverletzlichkeit der beiderſeitigen Gerechtſame und Freiheiten ausgeſprochen hatten. Der Erzbiſchof ward ausdrücklich darauf hingewieſen, nicht nur alle Privilegien und Freiheiten, welche der Orden vom Nömifchen Stuhle erhalten, nie zu ſchmaͤlern oder auf irgend eine Art zu beeinträchtigen, ſondern auch alle Anord⸗ nungen zu achten und zu genehmigen, welche einſt Wilhelm von Modena, der jetzige Biſchof von Sabina, als Legat im Lande getroffen hatte). Er verſprach, durch Kreuzpredig⸗ fructus, et secundum nostre et tue intentionis propositum honestati tue, quam integram esse cupimus, sit provisum, volumus et fraterni- tati tue per apostolica scripta mandamus, quatenus de cetero ab huius officii laboribus requieacus. Man fieht hieraus, daß der Papſt ſchon früher beſchloſſen hatte den Erzbiſchof ſeines Legaten⸗Amtes zu entbinden und nur aus beſondern Rückſichten dieſe Entbindung nicht To: gleich verfügte. Eine eigentliche Entlaſſung vom Amte war es alſo keineswegs, wie ſchon die Worte des Papſtes ſelbſt bezeugen. Daß aber Albert die Gränzen feiner Gewalt als Legat uͤberſchritten hatte, bemerkt der Papſt ausdrücklich in einer andern Bulle, wo es heißt: „quod fines tue fueras legationis egressus“ etc. 1) Hierüber heißt es: Idem Archiepiscopus permittet fratres ip- sos redemptiones votorum Hbere accipere, sicut hactenus percepe- runt et sicut eis per litteras apostolicas est indultum- 2) Ausdrücklich wird auch gejagt: Consentit etiam et expresse ratum habet ac semper habebit idem Archiepiscopus, quod predicti

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16 Streit des Ordens mit dem Erzbiſchofe Albert. ten die Sache der Ordensritter in Preuſſen mit Eifer und Treue zu befoͤrdern und je weder mit Heiden noch mit Chri⸗ ſten gegen den Orden ein Buͤndniß einzugehen. Die Ritter aber ſollten gegen den Erzbiſchof in Ruͤckſicht der vom paͤpſt⸗ lichen Hofe ihm zugeſtandenen Beguͤnſtigungen und Verleihun⸗ gen ein Gleiches beobachten, und auch außer Preuſſen und Kurland ſollte der letztere in ſeiner ganzen Provinz ſeine erz⸗ bifchöfliche Gerichtsbarkeit frei und ungehindert ausüben koͤn⸗ nen. Dem Erzbiſchofe ſollte forthin von den Ordensrittern ſtets die gebührende Ehre bezeigt und die von ihm Gebann⸗ ten durch den Orden nicht ferner mehr in Schutz genommen werden. Es ward außerdem von den Schiedsrichtern auch feſtgeſetzt, daß wenn die Unglaͤubigen eines Landes ſich zum Glauben bekehren wollten, der Erzbiſchof ſammt den Biſchoͤ⸗ fen und den Ordensrittern ſie freundlich und guͤtig unter er⸗ traͤglichen und ehrenvollen Bedingungen aufnehmen ſolle, und wenn bei ſolcher Aufnahme der Erzbiſchof nicht gegenwaͤrtig ſeyn koͤnne, ſo ſollten die Ordensritter einen ſeiner Suffra⸗ gane an ſeine Stelle nehmen, der mit ihnen die Sache voll⸗ fuͤhre, doch unbeſchadet aller dem Orden vom Roͤmiſchen Stuhle verliehenen Freiheiten und Begnadigungen. Es iſt erinner⸗ lich, daß uͤber dieſen Punkt, die Aufnahme der Neubekehr⸗ ten betreffend, ſchon zur Zeit des Biſchofs Chriſtian viel Ha⸗ der und Streit obgewaltet hatte und die Sache des Glau⸗ bens und der Kirche dadurch nicht wenig gehindert und ge⸗ ſtoͤrt worden war. Darum fand man es jetzt auch um ſo nothwendiger, hieruͤber eine naͤhere Beſtimmung feſtzuſtel⸗ len 1). fratres duas partes terrarum cum decimis habeant in partibus Prus- cie et Curonie. Hatte alſo der Erzbiſchof auch dieſe Anordnung ange: fochten? 1) Es heißt in der Urkunde: Preterea si pagani alicuius terre ad fidem converti voluerint, idem Archiepiscopus cum Episcopis et fratribus supradictis eos comäiter et benigne suscipiet sub condicio- nibus tollerabilibus et honestis, in quorum receptione si copia pre- dieti Archiepiscopi haberi non possit, fratres loco ipsius aliquem de Pr „

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Streit des Ordens mit dem Erzbiſchofe Albert. 17 In ſolcher Weiſe ward der Streit am vierundzwanzig⸗ ſten Februar des Jahres 1251 völlig beigelegt ). Der Land: meiſter Dieterich verſprach hierauf dem Erzbiſchofe aufs neue die Entrichtung von dreihundert Mark Silber, wie ſie vor zwei Jahren ſchon bedungen war und erfüllte dieſes Verſprechen auch noch im Laufe dieſes Jahres ). Der Papſt aber be⸗ ſtaͤtigte nicht nur dieſen Vergleich, indem er ſolchen dem gan⸗ zen Orden bekannt machte '), ſondern er trug dem Biſchofe Bruno von Olmuͤtz auch auf, dafür zu ſorgen, daß er in al len Punkten von beiden Theilen ſtreng beobachtet und befolgt werde ). — Und dennoch ward gerade um dieſe Zeit wie: derum neuer Same zu einem Streite ausgeworfen, der bis ins naͤchſtkommende Jahrhundert dauerte. Um nämlich der erzbiſchoͤflichen Würde in den Baltiſchen Laͤndern eine feſtere Stuͤtze und Haltung zu geben, vielleicht aber zugleich auch um den Orden von der Beſorgniß zu befreien, Albert moͤge einft wohl doch noch feinen Sitz in Preuſſen nehmen, ward suffraganeis eius assumant, qui cum ipsis fratribus negotium prose- “watur. 1) Das Original dieſer VertragssUrkunde, datirt: Lugduni 1251 VI Calend. Martii, pont. dni Innocent. pp. Quarti anno VIII und mit den Siegeln der drei genannten Schiedsrichter, des Erzbiſchofs und des Landmeiſters verſehen, befindet ſich im geh. Arch. Schiebl. XLI. Nr. 2; gedruckt bei Kotzebue B. I. S. 429. Die Urkunde iſt von den Schiedsrichtern ſelbſt ausgefertigt und enthält eigentlich nur den Thatbeſtand der Verhandlung. 2) Dieſes weiſet die noch vorhandene Quittung des Erzbiſchofs im geh. Arch. Schiebl. XII. Nr. 5 aus. Sie ift datirt: Lubike an. dni 1251 in die Brietii (13. Novemb.). Albert giebt ſich darin noch den Titel Minister Eoclesie Lubicensis. 3) Wir beſitzen dieſe paͤpſtliche Bulle nur noch in einem Trans: ſumte vom J. 1451. Sie ift datirt: Lugdun. VII Idus Marti P. n. an. VIII (9. März 1251) und enthält zugleich die ſoeben erwähnte Vertrags⸗Urkundez im geh. Arch. Schiebl. XII. Nr. 3. Daß der Land⸗ meiſter Dieterich ſich auch um dieſe Zeit noch am paͤpſtlichen Hofe be⸗ fand, erſieht man aus Dogiel T. V. p. 18. 4) Das Original dieſer Bulle, datirt: Lug dun. VII Idus Martü p. n. an. VIII. im geh. Arch. Schiebl. III. Nr. 50. III. Dor Uli N A

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18 Streit des Ordens mit dem Erzbiſchofe Albert. im Namen des Papſtes vom Biſchof Wilhelm von Sabina die Anordnung entworfen, daß forthin der Erzbiſchof der Bal⸗ tiſchen Länder feinen erzbiſchoͤflichen Sitz in Riga nehmen folle, weil ſie aus manchen Gruͤnden die vornehmſte und geeignetſte Stadt in dieſen Gegenden ſey. Sobald der zeitige Biſchof von Riga ſterbe oder durch Verſetzung ſein biſchoͤflicher Stuhl erledigt werde, fo ſolle die Kirche zu Riga als eine erzbiſchoͤf⸗ liche an den Erzbiſchof Albert uͤbergehen; bis dahin jedoch der Biſchof von Riga in allen ſeinen bisherigen Verhaͤltniſſen bleiben und der Erzbiſchof in ſeinem ganzen kirchlichen Bezirke nur die ihm zuftändige erzbifchöfliche Gerichtsbarkeit ausüben 1). Durch dieſe Uebertragung des Erzbiſthums von Livland und Preuſſen auf das bisherige Biſthum von Riga geſtalteten ſich wieder eine Menge neuer Verhaͤltniſſe, die dem fuͤr kurze Zeit beſchwichtigten Streite des Erzbiſchofs und der Ordens⸗ ritter neue Nahrung gaben. In Preuſſen waren die Friedenstage des Jahres 1249 in ziemlich ungeſtoͤrter Ruhe hingegangen. Es gab allerdings noch Viele, die in feindlicher Geſinnung und von Haß und Groll getrieben den Ordensrittern, wo ſie konnten, zu ſchaden ſuchten und ſie an ihren Beſitzungen und ſonſtigen Guͤtern 1) Wilhelm von Modena, Biſchof von Sabina, ſagt in einer Ur⸗ kunde im geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 11: Ne sedis metropolitica, que ab eodem domino papa (Innocentio IV) de novo in illis parti- bus est creata, debito careat fundamento, ex sue titulo dignitatis decrevimus ordinandum, ut archiepiscopus, qui ad illam metropolim est assumptus, in civitate Rigensi predicta, que nobilior ex multis causis et habilior aliis ecelesiis illarum partium esse videtur, Sedem archiepiscopalem constituat, secundum quod ei per litteras apostoli- cas est indultum. Si autem idem Rigensis episcopus cedere episco- patum Rigensem vel ad alium episcopatum se transferre voluerit, id ei auctoritate presentium indulgemus, et sic memoratus Archiepisco- pus nominatam Rigensem ecclesiam pro metropoli libere valeat adi- pisci. Alioquin dictus Rigensis, quoad vixerit, pacifice in statu pre- senti tam in civitate, quam in dyocesi Rigensi permaneat, eodem archiepiscopo tam in civitate Rigensi, quam per totau provinciam suam iurisdietionem metropoliticam exercente.

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Der Orden und Herz. Suantepote v. Pommern. 19 auf alle Weiſe beeinträchtigten. Selbſt der damals noch ſchwebende Zwiſt mit dem Erzbiſchofe Albert gab hiezu man⸗ nichfaltigen Anlaß und es iſt ſogar nicht unwahrſcheinlich, daß dieſer bei des Ordens Feinden manche Belaͤſtigungen heimlich angeſchuͤrt und felbft den alten Gegner der Ritter, den Her⸗ zog Suantepolc von Pommern hie und da benutzt habe, um durch dieſen ſeine feindliche Seele gegen den Orden wirken zu laſſen ). Wenn es indeſſen zwiſchen dieſem alten Feinde des Ordens und den Rittern auch nicht zur offenen Fehde kam und wenn alles, was zum Nachtheile der letztern geſchah, auch immer nur Einzelnheiten blieben, ſo waren ſie doch der Art und das feindliche Feuer glimmte ſo ſichtbar unter der Aſche fort, daß der Landmeiſter, um ſeinem Ausbruche vorzu⸗ beugen, hieruͤber von neuem die Huͤlfe des Papſtes anrufen und dieſer dem Biſchofe Heidenreich von Kulm den Befehl ertheilen mußte, gegen ſolche Bedraͤnger und Feinde des Or⸗ dens mit aller Strenge zu verfahren und ohne weiteres die Strafe des Bannes zu verfügen. Auf fünf Jahre ward der Biſchof beauftragt, darauf zu ſehen, daß dem Orden in die⸗ fer Weiſe kein fernerer Schaden geſchehe 2). Gegen Ausgang des Jahres 1249 aber oder im Anfange des folgenden trat, wie ſchon erwaͤhnt iſt, Heinrich von Wida von feiner Stelle als ſtellvertretender Landmeiſter in Preuſſen ab und es folgte ihm im Amte jener Ludwig von Queden ), 1) Ohne Zweifel bezog ſich hierauf in dem Vertrage vom J. 1251 das Verſprechen, welches der Erzbiſchof geben mußte: Nec idem Ar- chiepiscopus procurabit aliquod malum fratrum ipsorum per se vel per alios litteris, opere vel sermone, nec unquam cum aliquo vel ali- quibus christianis vel paganis societatem contrahet vel amicitiam contra fratres eosdem. — Lucas de bellis Suantopolci p. 48. 2) Die Bulle hierüber im Original im geh. Arch. Schiebl. III. Nr. 48; fie iſt datirt: Lugdun. V. Calend. Novembr. p. n. an. VII (28. Oct. 1249). Sie druͤckt ſich uͤber die Sache ſelbſt nur unbeſtimmt aus, indem es heißt: Cum dilecti filii Preceptor et fratres Hospit. S. NM. Th. in Pruscia a nonnullis sicut accepimus graves super posses- sionibus et aliis bonis suis pacjantur iniurias et iacturas etc. 3) Daß Ludwig von Queden aus Meg gebürtig geweſen fey, iſt 2*

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20 Ludwig von Queden, Landmeiſter in Preuffen. der im Jahre 1233 Pfleger der Burg Quidin in Pomefanien geweſen und vor kurzem von einem Theile der Ordensgebie⸗ tiger zum Hochmeiſter erwaͤhlt worden war, ein unter den Ordensrittern angeſehener und vielgeltender Mann. Auch er war eigentlich nur Dieterichs von Gruͤningen Stellvertreter; denn dieſer, meiſt jetzt immer am paͤpſtlichen Hofe, führte noch fortwaͤhrend den Titel eines Landmeiſters von Preuſſen, wiewohl Ludwig von Queden ſich dieſe Amtsbezeichnung doch auch ſelbſt beilegte n). Die erſte Zeit feiner Amtsverwaltung verwandte er meiſt auf die Anordnung und Regelung der innern Landesverhaͤltniſſe, die allerdings bei der gaͤnzlichen Umwandlung des Lebens ſeine volle Thaͤtigkeit in Anſpruch nehmen mochten. Vorzüglich beſchaͤftigte ihn im Anfange ſei⸗ nes Amtes die von uns ſchon früher erwähnte Theilung Po: meſaniens mit dem Biſchofe Ernſt in jener Dioͤceſe 2). Ge⸗ gen die alten Landesbewohner handelte er, wie aus einzelnen Beiſpielen zu ſehen iſt, mit freundlicher Nachſicht und milder Schonung. Er ertheilte ihnen nicht bloß hie und da bebeu- tendes Landeigenthum unter keinen laͤſtigeren Bedingungen und auf das naͤmliche Recht, wie es die Deutſchen Einzoͤg⸗ eine Nachricht, die man dem Simon Grunau Tr. V. c. XI. F. 2. nachgeſchrieben hat. Sonſt hat fie keine Buͤrgſchaft für ſich; auch iſt uns keine Familie bekannt, die dort anſaͤßig ſich von Queden genannt hatte. Ohne Zweifel hatte Ludwig feinen Namen von Quidin, jener Burg in Pomeſanien. 1) So nennt ſich Ludwig von Queden in der Urkunde bei Kotze⸗ bue B. I. S. 427. Preceptor domus S. M. T. in pruscia; in der Kulmiſchen Handfeſte bei Dusburg p. 460 heißt er Provisor Prussiae; in einer Verſchreibungs⸗Urkunde im Fol. X. p. 39 im geh. Arch. ſteht er als Hospitalis S. M. Th. Magister Prusie und in einer Urkunde in den Privilegiis Marienwerd. p. IH. Preceptor domus S. M. Th. in Pruscia. Nicht ein einzigesmal findet ſich von ihm die Benennung Vice-Magister oder vices gerens Magistri. Dadurch hebt ſich der Zweifel, welchen De Wal Recherches T. I. p. 353 gegen dieſen Land⸗ meiſter äußert. Daß aber Dieterich von Gruͤningen noch eigentlicher Landmeiſter von Preuſſen war, geht aus mehren Urkunden hervor, deren wir theils ſchon erwähnt haben, theils noch erwähnen werden. 2) S. B. II. S. 489.

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Ludwig von Queden, Landmeiſter in Preuſſen. 21 linge erhielten), ſondern er erwarb ſich auch um die chriſt⸗ liche Bildung des Volkes manche rühmliche Verdienſte. Wir hören, daß er ſich mit dem Biſchofe Anſelm von Ermland über die Anordnung von Schulen, uͤber die Anſtellung taug⸗ licher Lehrer und mit dem Biſchofe Ernſt von Pomeſanien über die Errichtung neuer Kirchen im Lande aufs freundlichſte verſtaͤndigte und deshalb von dem erſtern auch mit hohem Lobe beehrt wurde 2). N Unter ſolchen rühmlichen Beſtrebungen gingen auch bie Tage des Jahres 1250 in Preuſſen ziemlich friedlich hin. An die Fortſetzung des Eroberungskampfes mit den noch nicht unterworfenen Landen, zunaͤchſt alſo an einen Angriff auf das nachbarliche Samland konnte Ludwig von Queden noch in keiner Weiſe denken. Nach dem Heimzuge jener Kreuzheere, welche die abgeſallenen Landſchaften wieder hatten unterwer⸗ fen helfen, war des Ordens Streitmacht auch wohl keines⸗ wegs zahlreich genug, um mit dem ſtarken und ruͤſtigtapfern Volke Samlands den Kampf mit Gluͤck wagen zu koͤnnen. Zudem war auf Beihüͤlfe aus den Nachbarländern oder aus Deutſchland ohnehin auch kaum zu rechnen. Ueberall waren die Zeiten viel zu ſtuͤrmiſch, verwirrungsvoll und kriegeriſch, als daß man mit beſonderer Theilnahme an den Kampf ge⸗ gen die Heiden in Preuffen hätte denken ſollen. Dänemark war mit Lubeck in einem Kriege begriffen, der einen großen Theil des noͤrdlichen Deutſchlands in Unruhe und Bewegung ſetztes). Gegen den Herzog Suantepolc von Pommern war 1) So ertheilte er z. B. honesto viro et nobis dilecto Prutheno Tufizede und deſſen Erben das beträchtliche Feldgut Kuſieyns im Chriſt burgiſchen Gebiete mit Kulmiſchem Rechte auf ewigen Belik- Der Be⸗ fiser des Gutes ſoll dem Orden ad expeditiones et ad eivitales, ca stra et munciones quaslibet construendas cum hominibus suis beiſte⸗ hen; geh. Arch. Fol. X. p. 39. Zu ſolchen Leiſtungen aber wurden, wie wir ſpaͤter näher ſehen werden, in der Regel auch die Deutſchen Einzoͤglinge verpflichtet. 2) Urkunde im geh. Archiv Schiebl. LI. Nr. 1. 3) Corneri Chron. p. 893.

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22 Neue Kreuzpredigten für den Orden. man im Ordenslande auch jetzt noch nicht einmal ganz ſicher 1). Die Fuͤrſten von Schleſien, Großpolen, Maſovien und Cu⸗ javien kaͤmpften ſelbſt unter einander ſchon ſeit mehren Jah⸗ ren um den Beſitz ihrer Herrſchaften, einer den andern be⸗ neidend und keiner ſeiner Freiheit und ſeines Landes auf lange Zeit ſicher. Das Deutſche Reich war durch des Papſtes Um⸗ triebe in großer Verwirrung und als Kaiſer Friederich im De⸗ cember des Jahres 1250 ſtarb, loͤſten ſich nicht nur noch ſo manche wichtige Banden, welche bisher noch Fürften und Voͤl⸗ ker an ſein Haus geknuͤpft hatten, ſondern es erlitt durch ſei⸗ nen Tod auch der Deutſche Orden einen unerſetzlichen Ver⸗ luſt: denn nie trat unter den nachfolgenden Kaiſern und Koͤ⸗ nigen je wieder einer auf, der den Orden mit ſo ausgezeich⸗ neter Gunſt und Gewogenheit und mit ſo viel Liebe und Eifer beſchuͤtzte und emporhob, und nie fand der Orden auf dem Throne wieder einen Goͤnner, der ihm fuͤr ſeine Erhebung und Bluͤthe das jemals wurde, was ihm ſein ganzes Leben hindurch Kaiſer Friederich unter allen Stuͤrmen der Zeit ge⸗ weſen war. Solche Verhaͤltniſſe der nachbarlichen Lande konnten al⸗ lerdings nicht foͤrderlich auf die Lage der Dinge in Preuſſen einwirken und es trat ſomit auf einige Zeit ein Stillſtand in dem Fortgange der Waffen ein. Nur der Papſt, dem an der Zuneigung des Deutſchen Ordens zumal unter den jetzigen Verhaͤltniſſen viel gelegen war, blieb noch fort und fort fuͤr die Bekehrungsſache eifrigſt thaͤtig und Dieterich von Gruͤnin⸗ gen, der ſich noch fortwaͤhrend am paͤpſtlichen Hofe aufhielt, der Partei des Papſtes ſtets aufs treuſte zugethan, von die⸗ ſem deshalb hochgeſchaͤtzt und im Februar des Jahres 1251 beauftragt, ſich mit dem Archidiaconus Jacob Pantaleon nach Deutſchland zu begeben, um die Fuͤrſten und Voͤlker des Reichs zum Abfalle vom Koͤnige Konrad, Friederichs Sohn und Nach⸗ folger, und zum Gehorſam und zur Treue gegen Wilhelm 1) Boguphal p. 64. Henel. ab Hennenfeld ap. Sommersberg T. II. p. 253—254.

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Neue Kreuzpredigten für den Orden. 23 von Holland aufzufordern ), war bisher unermuͤdlich gewe⸗ ſen, des Papſtes Intereſſe an dem Bekehrungswerke in Preuſ⸗ ſen auch in dieſer ſturmbewegten Zeit noch wach und leben⸗ dig zu erhalten. Es ergingen paͤpſtliche Ermunterungsſchrei⸗ ben an den Provinzial des Prediger⸗Ordens in Polen, in welchen dieſer den Auftrag erhielt, nicht nur ſeine Ordens⸗ bruͤder zur Bekehrung der noch heidniſchen Preuſſen und Li⸗ ven aus zuſenden, ſondern auch die Prioren des Prediger⸗Or⸗ dens in Livland, die gegen die Heiden das Kreuz predigten, und die Ordensritter mit den zur Forderung ihres Kampfes gefammelten Geldern und den zu ihren Kriegen nöthigen Waf⸗ fen und Roſſen hilfreich zu unterftügen ). Aehnliche Auf⸗ forderungen zum thaͤtigſten Eifer in Befoͤrderung des Glau⸗ bens in Preuſſen erließ hierauf der Papſt auch an den Pro⸗ vinzial⸗Prior des Prediger⸗Ordens in Boͤhmen, indem er dieſem zu erkennen gab, daß es fein fehnlichfter Wunſch ſey, 1) Bei Raynald. Annal. Eccles. an. 1251 Nr. 7 heißt es in dem pöpftlichen, an Jacob Pantaleon gerichteten Schreiben: Discretionem tuam rogamus et hortamur attente mandantes, quatenus assumpto te- cum fratre Theodorico magistro domus Theutonicorum Prusciae, qui linguam novit Theutonicam, accedas ad Dudes, Marchiones et Co- mites imperii, revoces eos ad devotionem Ecclesie et ad prestan- dum homagium Carissimo in christo filio nostro W. Regi Romano- rum illustri efficaciter inducere satages iuxta prudentiam a Domino tibi datam. — Regest. Innocent. IV. an. VIII. epist. 555. Tom. II, im Copien⸗Buche des geh. Archivs Nr. 325. Das Datum dieſer Bulle iſt: Lugdun. XII Calend. Martii an. VIII. Als einen ſolchen Legaten nennt der Papſt den Landmeiſter Dieterich auch in einem Schreiben an den Herzog von Sachſen und ſchildert ihn und den Archidiaconus als vr utique discretos et providos ac nobis pro sue devotionis meri- tis gratos plurimum et acceptos. Dieſes Schreiben in den Regest. Innocent. IV. an. VIII. epist. 566. T. II, im Copien: Buche des geh. Arch. Nr. 326 hat das Datum: Lugdun. XI Calend. Mardi an. VIII. Mit zwei andern ſolchen Schreiben begab ſich Dieterich auch zu dem Markgrafen van Meißen und zu dem Herzog von Braunſchweig. Re- gest. Innocent. IV. an. VIII. epist. 567 und 575. 2) Baron Annal. Eocles. an. 1251 Nr. VIII. Bzovius an. 1251. Nr. VIII. 5.

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24 Eberhards von Sayn Wirken in Preuffen. die Bekehrung der Voͤlker des Nordens noch in ſeinen Zeiten vollendet zu ſehen ). Von wichtigen Folgen indeſſen waren dieſe und andere Ermahnungsſchreiben des Papſtes nicht be⸗ gleitet. Zwar kam im Herbſt des Jahres 1251 auch der damalige Deutſchmeiſter Eberhard von Sayn, der Sohn Eber⸗ hards des Zweiten, unter dem Titel eines Stellvertreters des Hochmeiſters in Preuſſen, Livland und Kurland zur Einrich⸗ tung und Anordnung verſchiedener Verhaͤltniſſe ſowohl des Ordens als des Landes in Preuſſen an 2); allein wir hoͤren nicht, daß er eine nur irgend bedeutende kriegeriſche Huͤlfe mit herbeigefuͤhrt habe und es konnte daher auch jetzt noch an die Fortſetzung des Krieges zur weiteren Eroberung der heidniſchen Lande auf keine Weiſe gedacht werden. Eberhards Anweſenheit in Preuſſen ward jedoch in an⸗ derer Hinſicht von vielſeitiger Wichtigkeit; denn als er zu Ende des Septembers nach Kulm kam, erſchienen vor ihm die Vorſteher der Buͤrgerſchaft von Thorn und Kulm mit der Anzeige, daß die von dem Landmeiſter Hermann Balk ihnen gegebene Handfeſte bei einem Brande der Stadt Kulm verloren gegangen ſey und zugleich mit der Bitte, daß er den Buͤrgern dieſer Staͤdte dieſes wichtige Privilegium, auf wel⸗ ches ſich alle ihre Rechte gruͤndeten, wieder erneuern moͤchte. Eberhard zog die vornehmſten ſeiner Ordensbruͤder zu Rath, die der Landesverhaͤltniſſe am meiſten kundig waren und nach⸗ dem ſich die Ordensritter mit den Buͤrgern beider Staͤdte uͤber die Abaͤnderung und Hinzufuͤgung einzelner Punkte ver⸗ ſtaͤndigt hatten, ward die wichtige Urkunde, wie es ſcheint, nach einer noch vorhandenen Abſchrift am erſten October des Jahres 1251 durch Eberhard von Sayn in Gegenwart des 1) Die Bulle hierüber im Original, datirt: Perusii Idus Januar. p. n. au. IX (13. Januar 1252) im geh. Arch. Schiebl. III. Nr. 51. 2) S. Kulm. Handfeſte in Hartknochs Ausgabe von Dusburg p. 453. Ueber die Familie der Grafen von Sayn in dieſer Zeit f. Wenck's Heſſ. Landesgeſch. B. III. S. 124. Einen Everhardus Co- mes de Seine finden wir ſchon im J. 1189 in einer Urkunde in Sches dit Orig. Guelſ. T. III. p. 600.

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Eberhards von Sayn Wirken in Preuffen. 25 Landmeiſters Ludwig von Queden und der übrigen Ordens⸗ beamten erneuert ). 1) Vgl. den Eingang und den Schluß der Kulmiſchen Handfeſte a. a. O. Dieſe Erneuerung des Kulmiſchen Privilegiums war jedoch keineswegs mit in dem Zwecke von Eberhards Sendung geweſen, ſon⸗ dern nur etwas Zufälliges. Die Fragen: Warum die Buͤrgerſchaft von Thorn und Kulm erſt die Ankunft Eberhards abwarteten, um auf die Erneuerung ihrer Handfeſte anzutragen und warum Ludwig von Que⸗ den als Landmeiſter von Preuſſen nicht eben fo gut ermächtigt war, eine ſchon gegebene Urkunde zu erneuern? Yöfen ſich nach unſerm Beduͤnken nur durch die große Wichtigkeit, welche dieſes Privilegium hatte. Des⸗ halb hatte ja auch das aͤltere Original nicht der Landmeiſter Hermann Balk allein, ſondern auch der Hochmeiſter Hermann von Salza in Ver⸗ bindung mit jenem ausgeſtellt. Dunkeler iſt die Frage: wie es moͤglich war, dieſe Handfeſte zu erneuern, wenn der Brand von Kulm das aͤl⸗ tere Original vernichtet hatte? Gaupp in ſ. Schrift: Das alte Mag⸗ deburg und Halliſche Recht S. 10 hat angenommen: im J. 1233 ſeyen hoͤchſt wahrſcheinlich zwei Originaldocumente ausgefertigt worden, eins für Kulm und eins für Thorn; beide hätten im Texte vollkommen uͤber⸗ eingeſtimmt und nur in der Angabe der Zeugen hätten kleine Verſchie⸗ denheiten Statt gefunden. Das Thorner Exemplar ſey nicht mit ver⸗ brannt, ſondern jetzt, im J. 1251 nach Kulm gebracht und dem jetzt für beide Staͤdte erneuerten Privilegium zu Grunde gelegt worden. Al⸗ lein wir tragen Bedenken, dieſer Meinung beizutreten; denn erſtens warum fand denn Eberhard Cives Culmenses ac Thorunienses turba- tos pro eorum Privilegio — — postmodum per incendium Civitatis Culmensis amisso? Was hatten denn die Thorner für Anlaß, turbati zu ſeyn, wenn ſie noch im Beſitze ihres Originaldocuments waren? Wie konnte zweitens das Privilegium amissum und perditum (wie im Ori⸗ ginal ſteht, nicht praedietum, wie der Abdruck bei Hartknoch hat) genannt werden, wenn es wirklich noch vorhanden, und nur das eine Originaldocument untergegangen war? und drittens bedurfte es dann einer Erneuerung, einer restauratio oder renovatio des Privilegiums, oder nicht vielmehr einer bloßen Copie des noch in Thorn befindlichen Documents für Kulm? — Dieß laßt uns zu der Behauptung kommen: es wurde nur Ein älteres Originaldocument ausgefertigt und zu Kulm (der Hauptſtadt des Landes) verwahrt. Ein Thorner Original, nach deſſen Schickſal Gaupp fragt, iſt nie vorhanden geweſen. Aber wie konnte nun eine Erneuerung der Urkunde Statt finden? Wir behaup⸗ ten: nach einer Abſchrift in einem Copiebuche, in deſſen Bene der Dr: den war; denn erſtlich hatte der Orden wirklich ſolche Copiebuͤcher über

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26 Eberhards von Sayn Wirken in Preuffen. Eberhard erſchien aber in Preuſſen auch mit dem vom Ordenskapitel in Akkon ihm zugeſandten Auftrage, die Be⸗ ſchaffenheit und Fuͤhrung der Landesverwaltung uͤberhaupt und insbeſondere auch die Ordnung, die ſittliche Zucht und Lebensweiſe der Ordensritter, ſowie den ganzen Zuſtand der Ordenshaͤuſer in allen Beziehungen einer genauen Unterſuchung zu unterwerfen; er erſchien ſomit nach Ordensſitte als amt⸗ licher Viſitator ). Dieſes war daher der eigentliche wichtig⸗ ſte Zweck ſeiner Sendung in die nordiſchen Laͤnder des Or⸗ dens und auf dieſen mag er wohl auch die meiſte Zeit ſeiner Anweſenheit im Lande verwandt haben. Er war außerdem durch das erwähnte Ordenskapitel beauftragt, den Ordens⸗ gebietigern in Preuſſen gewiſſe Anordnungen und Verfuͤgun⸗ gen bekannt zu machen und ins Leben einzuführen, welche theils die Landesverwaltung, theils die Ordnung und Ver⸗ faſſung des Ordens ſelbſt betrafen. Wir beſchraͤnken uns hier zunaͤchſt nur auf die erſteren 2). Es ward naͤmlich feſtgeſetzt: Der Orden in Preuſſen ſolle ein eigenes Convents-Siegel führen, mit welchem er die urkundlichen Verſchreibungsbriefe der Lehnsleute und anderer zinspflichtiger Guͤterbeſitzer bekraͤf⸗ tigen koͤnne. Jegliches Jahr ſolle am Kreuzerhoͤhungstage zu Elbing ein General⸗Kapitel gehalten werden, zu welchen wenn wichtige Gegenſtaͤnde zu verhandeln ſeyen, wenigſtens acht Ordensbruͤder aus Balga und Chriſtburg berufen wer⸗ alle von ihm ertheilten Privilegien und Verſchreibungen und das geh. Archiv beſitzt noch elf Folianten ſolcher Verſchreibungen ſelbſt aus dem 13ten Jahrhundert. Das geh. Archiv hat aber auch ſelbſt von jenem ältern Originaldocument eine Abſchrift in einem alten, zum Theil auf Pergament geſchriebenen Buche, betitelt: Ellen, Hubenmaß, Muͤnz u. ſ. w. mit der Ueberſchrift: „Dis iſt die uſſchrifft des erſten Privilegü des Colmiſſchen Landes“, worauf ſchon Kotzebue B. I. S. 440 aufmerkſam machte und zwar finden ſich darin fo manche Abweichungen, die dafuͤr ſprechen, daß dieſes eine Copie des ältern Privilegiums iſt. 1) Vgl. den Anfang der Urkunde in Hennigs Ordens⸗Statuten S. 221. 2) Wir werden den übrigen Inhalt dieſer Urkunde ſpaͤter in dem Abſchnitte uͤber die Verfaſſung des Ordens benutzen.

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Streit mit Herzog Suantepole. 27 den ſollten; darum ſollte Elbing von deman auch für das Haupthaus in ganz Preuſſen gelten. Des verſtorbenen Hoch⸗ meiſters Heinrichs von Hohenlohe Verbot, gewiſſe Güter im Kulmerlande als Lehne auszugeben, ſollte auch ferner in dem ganzen von der Weichſel, Drewenz und Oſſa umgränzten Ge⸗ biete beobachtet werden, ſofern hierüber der Hochmeister und das Ordenskapitel zu Akkon nicht eine beſondere Exlaubniß erlaſſe 1). Der Landmeiſter ſolle nie ohne Zuſtimmung des Ordens⸗Convents das Land verlaffen, um in entfernte Ge⸗ genden zu reiſen. Jegliches Jahr ſollten uͤber den Zuſtand des Landes und Über die innere Ordnung im Leben der Ritterbruͤder ſchriftliche Berichte ins Morgenland geſandt wer⸗ den und im zweiten oder dritten Jahre dort ein Ordensritter erſcheinen, um mündlich darüber Bericht zu erſtatten 2). Aber ſchon im Januar des Jahres 1252 brach die fried⸗ liche Ruhe, in welcher Eberhard von Sayn das Land ge funden hatte. Es begannen neue Kriegsfehden zwiſchen Her⸗ zog Suantepolc von Pommern und dem Orden. Ueber An⸗ laß und Urſache find wir auch hier wieder nicht näher unter⸗ richtet; aber gewiß iſt, daß auch nach dem letzten Frieden in des Herzogs Seele der alte Groll und das lange genährte Mißtrauen noch fortlebte; denn gaͤnzlich verſoͤhnt mit dem Or⸗ den war er auch damals noch in keiner Weiſe. Seit funf⸗ zehn Jahren hatte Haß und Feindſchaft gegen die Ordens⸗ herren ſich viel zu tief in ſeiner Bruſt feſtgeſetzt, als daß ein ſolcher Friede, der ohnehin auch mehr erzwungen und er⸗ preßt, als aus freier Seele gewünſcht war, eine vollkommene Verſoͤhnung und eine friedliche Geſinnung haͤtte erzeugen koͤn⸗ nen. So bedurfte es gewiß nur irgend einer Veranlaſſung, 1) „Sicut magister noster frater H. de Honloch beate memorie inhibuerat ne bona aliqua aliquius in terra culmensi in feodum daren- tur, quod et nos inter Wyslam Drivenciam et Ozzam volumus ob- servari nisi fiat de speciali licencia magistri generalis et capituli ultramarini. 2) Die Urkunde hierüber in Hennigs Ordens⸗Statuten S. 221; einen Auszug bei De Wal Recherches T. I. p. 411.

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28 Streit mit Herzog Suantepolc. um das verſteckte Feuer des Krieges wieder aufzuwecken, und ſie fand ſich, wie es ſcheint, in dem Umſtande, daß Suan⸗ tepolcs Bruder, Herzog Sambor, dem Orden immer noch treu ergeben, dieſem am ſiebenten December des Jahres 1251 die an dem Weichſel⸗Strome gelegene Inſel Zanthir, in de⸗ ren Beſitz die Ordensritter ſchon lange Zeit geweſen, für die Summe von 150 Mark mit Verzicht auf alles Recht darauf foͤrmlich abtrat !), eine Verleihung, welche Herzog Suante⸗ polc wohl unmöglich gleichgültig anſehen konnte :). So kam es von neuem zu Mißhelligkeiten und binnen wenigen Wo⸗ chen war der Streit wiederum ſo weit gediehen und die Er⸗ bitterung abermals ſo hoch geſteigert, daß am fuͤnfundzwan⸗ zigſten Januar des Jahres 1252 die Kriegsmannſchaft des Ordens in Pommern plotzlich einfiel, das Land weit und breit verheerte, des Herzogs Heerhaufen uͤberwaͤltigte, einen großen Theil ſeiner Kriegsleute gaͤnzlich aufrieb und bis Oliva 1) Das Original dieſer Verleihungs⸗urkunde, datirt: in Culmine an. dni 1251 VII Idus Decembr. im geh. Arch. Schiebl. XLVIII. Nr. 18, abgedruckt im Lucas David B. III. Anh. S. 22. Kotzebue B. I. S. 412 ſchreibt dieſe urkunde unrichtig dem Herzoge Suantepolc zu; ein Blick auf das Siegel und — der Irrthum waͤre vermieden worden. Die Urkunde iſt aber ſo beſchaͤdigt, daß ſich der Inhalt im Einzelnen nicht uͤberall klar faſſen laͤßt. Der Herzog Sambor behielt ſich noch einiges Land auf der Inſel vor, wie es ſcheint zum Bau der Burg Gordin. Die Fiſcherei in der Weichſel blieb vorerſt gemeinſchaftlich, bis die genannte Summe an den Herzog gezahlt war. 2) Die urkunde ſcheint auch ſelbſt anzudeuten, daß Herzog Suan⸗ tepole nicht einmal mit der bisherigen Beſitznahme der Inſel durch den Orden, viel weniger mit der foͤrmlichen Verleihung an ihn zufrieden war; denn in den Worten: Ne plurimorum beneficiorum nobis a . Magistro et fratribus domus theut. in Pruscia misericorditer inpen- sorum simus immemores, ut vel a nobis vel a successoribus nostris eis de Insula in Santhir in cuius possessione iam longo tempore ex- titerunt, possit Moveri questio, eo pretextu quod quidam eandem ad nostrum dicunt perlinere dominium vel pertinere debere , liegt wohl offenbar eine Beziehung auf Herzog Suantepolc. Uebrigens weiß Lu⸗ cas David B. III. S. 147 keine Urſache der Erneuerung des Krie⸗ ges anzufuͤhren.

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Streit mit Herzog Suantepole. 29 vorſtirmend das Kloſter völlig ausplünderte !). Auch Herzog Sambor nahm an dem neuerweckten Kampfe wieder Theil; ſein Land war abermals den Angriffen ſeines Bruders Preis geſtellt und Suantepolc würde ſchwere Rache geübt haben, wenn nicht vor allem die Bürgerſchaft aus Kulm zur Huͤlfe des Herzogs aufgeſtanden und mit Aufopferung von Gut und Blut zu ſeiner Rettung herbeigeeilt waͤre. Dankbar vergalt nachmals Herzog Sambor den Bürgern von Kulm dieſen Beweis treuer Zuneigung und Anhaͤnglichkeit, indem er ih⸗ nen und allen ihren Nachkommen voͤllige Zollfreiheit zu Waſ⸗ ſer und Land durch ſein ganzes Herzogthum und fuͤr ewige Zeiten verlieh 2). Dennoch übte bald darauf Herzog Suan⸗ tepole noch Rache und Vergeltung. Es gelang ihm durch heimliche Verbindungen, eine Schaar heidniſchen Volkes zu⸗ ſammen zu bringen und an ihrer Spitze, bevor die Ordens⸗ ritter ſolches vermutheten, in Pomeſanien einzufallen, wo er das Land in die Weite und Breite durch Feuer verheerte, viele der Neubekehrten als Gefangene mit hinwegfuͤhrte und überall großen Schaden veranlaßte ). Von wichtigen Folgen waren jedoch dieſe einzelnen Kriegs⸗ 1) Chron. Oliv. p. 30. Schütz p. 82. Lucas David B. III. S. 147. 2) Die Urkunde befindet ſich im Original im geh. Arch. Schiebl. XI VIII. Nr. 19, gedruckt im Lucas David B. III. S. 23 im Anh. im Auszug bei Baczko B. I. S. 390. Der Herzog ſagt ausdruͤck⸗ lich: ad memoriam revocare conati, quanta fidelitatis constancia di- lecti nobis cives de Culmen in tempore necessitatis nobis non sine corporum et rerum propriarum dispendio adheserunt. Da die Ur: kunde am 30. April 1252 ausgeſtellt iſt, fo ſcheint fie uns Beziehung auf die Feindſeligkeiten zu haben, welche im Januar d. J. von neuem ausgebrochen waren. 3) Wir erfahren dieſes durch das Zeugniß des Gardians der Mi⸗ noriten in Thorn Berthog, welches dieſer über Suantepoles Befehdun⸗ gen des Ordens nach dem Vertrage von 1248 ausſtellte. Es hat das Datum: Thorun. VIII Non. (Idus) Junii 1252, im Original im geh. Arch. Schiebl. XLVIIL Nr. 20, gedruckt im Lucas David B. III. Anh. S. 25. Kotzebue B. I. S. 413 giebt der Urkunde faͤlſchlich das Jahr 1256, wiewohl das Jahr 1252 ganz klar daſteht.

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30 Streit mit Herzog Kaſimir von Cujavien. fehden, ſo viel wir wiſſen, nicht begleitet; ſie wurden ſelbſt, wie es ſcheint, nicht einmal weiter fortgeſetzt; wenigſtens ſchweigt hieruͤber die Geſchichte. Nur der erſte Sturm des Zornes hatte zum Schwerte getrieben; vielleicht vermied man gerne beider Seits, es ferner noch in Thaͤtigkeit zu erhalten; denn für den Orden waren die Verhaͤltniſſe der Zeit weder im Innern ſeines Landes, noch mit den nachbarlichen Her⸗ zogthuͤmern im mindeſten dazu geeignet, den Kampf gegen den alten Feind mit ſicherem Gluͤcke weiter zu verfolgen, da nur zu ſehr zu beſorgen war, Pommerns Herzog möge bald Beiſtand gegen den Orden an einem nachbarlichen Fuͤrſten finden, welcher bereits ſchon einige Jahre mit den Ordens⸗ rittern nicht im freundlichſten Vernehmen ſtand. Dleſer Fuͤrſt war der Herzog Kaſimir von Cujavien und der Anlaß zu den Mißhelligkeiten zwiſchen ihm und dem Orden lag in folgen: den Verhaͤltniſſen. Zur Zeit als Herzog Suantepolc zuerſt als des Ordens Feind auftrat und ſein Land laͤngs dem ganzen Weichſel⸗ Strome fuͤr Handel und Wandel aus Preuſſen her geſchloſ⸗ fen war, die Ritter alſo mit ihren Unterthanen ihre Bebuͤrf⸗ niſſe nicht mehr wie zuvor aus dem weſtlichen Nachbarlande ziehen konnten, war der damalige Landmeiſter Hermann Balk bedacht geweſen, mit den Herzogen von Polen dem Handel und Verkehr ihrer beiderſeitigen Laͤnder mehr Ordnung, Si⸗ cherheit und eine feſtere Richtung zu geben, um fuͤr die Or⸗ denslande von dorther die noͤthigen Beduͤrfniſſe gewinnen zu koͤnnen. Beſonders häufige Klagen über die Willkuͤhr der Zollbeamten bei Erhebung der Zoͤlle in Groß⸗Polen hatten den Herzog Wladislav veranlaßt, im Einverſtaͤndniſſe mit den Ordensrittern daruͤber ſolche Beſtimmungen zu geben, daß den willkuͤhrlichen Erhebungen für immer ein Ziel geſetzt ſchien und Handel und Wandel bedeutend erleichtert worden war. Des Ordens Unterthanen, welche zum Ankauf von Le⸗ bensbeduͤrfniſſen mit einem Zeugniſſe der Ordensgebietiger ver⸗ ſehen in des Herzogs Land kamen, waren ſeitdem für die an⸗ gekauften Lebensbeduͤrfniſſe völlig zollfrei. Nur auf Salz,

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Streit mit Herzog Kafimir von Cujavien. 31 Heringe und Tuch waren gewiſſe Zollabgaben und die Ent⸗ richtung eines gewiſſen Maaßes der genannten Artikel an die Zollbeamten angeordnet 1). Ein ähnlicher Vertrag in Ruͤck⸗ ſicht des Handels und Verkehrs war nun vor Jahren auch zwiſchen dem Orden und Herzog Kaſimir von Cujavien ge⸗ ſchloſſen worden 2); er bezog ſich hauptfächlich auf die Ein⸗ fuhr von Getreide und einigen andern Landeserzeugniſſen Cu⸗ javiens auf der Weichſel, und der Orden war den Beſtim⸗ mungen deſſelben auch nachgekommen, ſo lange er mit Her⸗ zog Suantepolc im Kriege lag. Seit er mit dieſem aber Friede geſchloſſen und der Handel und Betrieb wieder ein weiteres Feld gewonnen hatte, waren ihm die Bedingungen jenes Vertrages wahrſcheinlich zu druͤckend geworden und er hatte ſich nicht mehr ſo ſtreng an die fruͤheren Beſtimmun⸗ gen halten zu duͤrfen geglaubt. Daruͤber liefen Beſchwer⸗ den beim Herzoge ein und da dieſer den Vertrag von Sei⸗ ten des Ordens als verletzt anſah, ſo ſchien es ihm fuͤr die Ruhe und den Vortheil ſeiner Unterthanen weit heilſamer, un⸗ ter Strafe feines Herzogs-Bannes allen Handelsverkehr auf der Weichſel und durch Thorn zu verbieten, indem gegen die Verluſte und Beeintraͤchtigungen, welchen die Unterthanen 1) Dieß iſt der Vertrag vom Jahre 1238 bei Dogiel T. IV. Nr. 19, deſſen wir früher ſchon in anderer Beziehung erwähnt haben; vgl. B. II. S. 359. Es wurde feſtgeſetzt, daß die Handelsleute des Ordens ihre Zeugniſſe bei ihrer Ruͤckkehr am letzten Zollamte abgeben ſollten, und dieſer Zollaͤmter waren zwei, das eine zu Gneſen, das andere zu Poſen. Die oben genannten drei Artikel ausgenommen, ſollte fuͤr alles, was die Handelsleute auf ihren Wagen mit ſich führten, dein Zoll er⸗ legt werden; fuͤr jedes Wagenpferd wurden zwei Scot bezahlt. Von Tuͤchern wurde für das ganze Maaß (ad totum brachium) eine lange Elle von der beſten Gattung und eine Gewichtmark Pfeffer an den Zoll⸗ beamten abgegeben. Vom Salz wurde für jedes Deutſche Pferd ein beſtimmtes Maaß (unum cribrum) erhoben u. ſ. w. 2) Wir befigen zwar dieſen Vertrag nicht mehr ſelbſt; aber der Herzog ſagt in der unten näher bezeichneten Urkunde: Cum inter nos sane et Magistrum et fratres diete domus firmata pacis federa fue- rint vinculis indissolubilibus et certis condicionibus pro utralibet Par- cum bono provide fine utiliter intersertis etc.

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32 Ausgleichung mit Herzog Kaſimir v. Cujavien. ſeines Landes bisher im Ordensgebiete ausgeſetzt waren, in ſolchem Verbote ſogar mehr Vortheil und Nutzen fuͤr ihn lag ). Der Orden erließ ein gleiches Verbot für feine Un⸗ terthanen und ſo geſchah, daß zwei Jahre hindurch alle Han⸗ delsverbindung und aller Verkehr zwiſchen beiden Laͤndern un⸗ terbrochen waren. So ſtanden nun die Verhaͤltniſſe auch noch zur Zeit, als Herzog Suantepolc und der Orden aufs neue in Feindſchaft geriethen und der Handelsverkehr auch in Pommern abermals geſtoͤrt wurde. Weil aber dem Handel im Ordensgebiete in dieſer Lage der Dinge zu bedeutender Nachtheil erwuchs, Preuſſen die Gemeinſchaft mit den Nach⸗ barlanden fuͤr ſeine Beduͤrfniſſe keineswegs entbehren konnte, die alten Handelswege geſchloſſen waren und die Spannung zwiſchen dem Herzoge Kaſimir und dem Orden gerade jetzt um ſo bedenklicher ward, je mehr Kaſimir den Verkehr zwi⸗ ſchen feinem Herzogthum und Pommern zu erleichtern ſuchte ), ſo wandten ſich die Ordensgebietiger, vorzuͤglich der Land⸗ meiſter Dieterich von Gruͤningen an den Herzog mit der Bitte, den freien Verkehr zwiſchen beiden Nachbarlanden wieder her⸗ zuſtellen, und Kaſimir ließ ſich bereit finden, die Verbote und Beſchraͤnkungen im Handel wieder aufzuheben und zu erlau⸗ ben, daß jeder Unterthan des Ordens, er ſey Pole oder Deut⸗ ſcher oder von einem andern Volke, ſicher und frei in ſein herzogliches Gebiet kommen und aus demſelben in das Land des Ordens gehen koͤnne, ſofern er nur die unter ſeinem Va⸗ ter, dem Herzoge Konrad feſtgeſetzten Verordnungen in Ruͤck⸗ 1) Der Herzog erklärt: Sepe sepius ipsi et nos in ipsis pluri- mas in passagio molestias et ut ab ipsorum querelis frequencius di- dicimus in iudicio oppidi thorunensis dampnosas et contumeliosas in- iurjas sumus passi, nec tamen ex eorum provectione ullum nobis emolumentum crevit, sed pocius in honore et in utilitatibus detri- mentum, immo in his et in similibus statutis et prohibicionibus in- venimus nostros redditus in modico esse auctos. 2) So verlieh Kaſimir z. B. dem Kloſter Oliva Zollfreiheit für feine Beduͤrfniſſe in feinem ganzen Lande; Urkunde im geh. Arch. Schiebl. LV. Nr. 24.

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Ausgleichung mit Herzog Kaſimir v. Cujavien. 33 ſicht der Zollentrichtung beobachte). Darauf beſtimmte der Herzog die Zollpläge, an welchen die Einzahlung des Zolles erfolgen ſolle, ſetzte die Hoͤhe des Faͤhrgeldes bei der Ueberfahrt uͤber die Weichſel feſt, ſtellte verſchiedene Verord⸗ nungen im Handelsrecht in Ruͤckſicht der gegenſeitigen Unter⸗ thanen auf, ſchrieb die Art und Weiſe vor, wie in gericht⸗ lichen Unterſuchungen gegen ſeine Unterthanen vor dem Ge⸗ richte zu Thorn verfahren werden ſolle und gab naͤhere Be⸗ ſtimmungen uͤber die Höhe des Strafgeldes, welches bei dem Morde eines feiner Unterthanen gezahlt werden muͤſſe ). Es 1) Der Herzog ſagt in der Urkunde ausdrücklich: er habe dieſe Erlaubniß gegeben eorum (sc. fratrum) precibus inclinati et precipue fratris Theoderici dieti de Gruningen preceptoris Pruscie dulcedine verborum allecti et pacificis promissionibus. 2) Einige dieſer Beſtimmungen find für die damalige Zeit merk⸗ würdig. So heißt es über Markt- und Verkaufsrecht: Quicquid in foro vendendum fuerit, cum inter venditorem et emptorem de pre- cio conventum est, si statutum precium emptor statim non dederit, venditor rem suam vendere poterit sine pena. Ueber das Gerichts⸗ verfahren wird beſtimmt: In omni causa sanguinis sive procedendum sit ad decapitacionem sive ad mutilacionem membrorum sive ad quodcunque genus mortis, sine verbo Commendatoris non debet vin- culis mancipari, maxime si fideiussoriam habere potuerit caucionem. Quod si habuerit, abire permittatur. Item nullus de genere militari in cyppum poni debet, sed aliis ferri vinculis detineri. Detento au- tem de vestibus vel allis rebus donee agnoscatur de causa nihil penitus auferatur. Et quando procedendum est ad examen cause, vocabuntur duo de vassaldis nostris, quos ad hoc deputabimus, quo- rum unus vel ambo assideant thuronensi iudici iudicanti audituri iu- sticiam et iniusticiam delinquentis. Si autem e duobus neuter voca- tus venire voluerit die ipsis prefixo, Commendator vel alter frater ad hoc deputatus in causa procedat. Alia minuta iudicia Commen- dator vel vicem eius gerens cum Scultheto iudicabit supradictis vas- saldis non vocatis. — Ueber das Strafgeld bei einein Morde heißt es: Si quis a latronibus oceisus inventus fuerit in aliquo loco terre ad nostram iurisdiccionem et dominium pertinente, vicini ubi clamor su- per mortuum factus audiri poterit, si miles fuerit functus aliqua di- gnitate secularis potestatis XXX. Marc. argenti persolvant. Si au- tem simplex miles fuerit XV Marc. persolvant. Si autem miles .. III. 3

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34 Verwaltung des Landes in dieſer Zeit. war am ſechsundzwanzigſten Juli des Jahres 1252, als in ſolcher Weiſe das freundſchaftliche Verhaͤltniß des Herzogs und des Ordens wieder hergeſtellt wurde 1). Die Verwaltung im Lande führte aber zur Zeit, als dieſe Verhaͤltniſſe ausgeglichen wurden, nicht mehr der Landmeiſter Ludwig von Queden ſelbſt, ſondern der von ihm zu ſeinem Stellvertreter ernannte Ordensmarſchall Heinrich Botel, deſ⸗ ſen Schwert den Ordensrittern ſo oft ſchon Sieg und Ruhm gebracht 2). Ludwig hatte ſich in Begleitung des Deutſch⸗ meiſters Eberhard von Sayn und des Biſchofs Heidenreich von Kulm nach Livland begeben, wo mittlerweile wichtige Ereigniſſe den Stand der Dinge merklich veraͤndert hatten. Nach dem Abgange Dieterichs von Gruͤningen vom landmei⸗ ſterlichen Amte in Livland war dort der Ordensritter Andreas von Stuckland, „ein ſittſamer, ehrenreicher und freundlicher Mann,“ an die Spitze des Ordens getreten). Doch in den qui non est de genere militari vel quilibet alter de populo, VI Marc. argenti persolvant, nisi occisor inveniatur ab ipsis. Quem si inve- nerint indicio presentabunt. — 1) Die Urkunde ift datirt: In iuveni Wladislaw an. dni MCCLII. septimo Cal. Augusti und befindet ſich in einem Vidimus des Bi⸗ ſchofs Anſelm von Ermland vom J. 1253 im geh. Arch. Schiebl. LVIII. Nr. 5. 2) S. die Urkunde bei Lucas David B. III. Anh. S. 23 — 24. Auch im J. 1258 muß der Ordensmarſchall die Stelle des Landmeiſters vertreten haben, wie aus der in der vorigen Anmerk. erwaͤhnten Urkunde zu ſchließen iſt. 3) Arndt Th. II. S. 50. Wir finden dieſen Landmeiſter unter andern auch in einer Originalurkunde des Biſch. Heinrich von Kurland und des Deutſchmeiſters Eberhard von Sayn, datirt: In Guldingen Castro fratrum a. d. 1252, secunda die Luce ewangel., wo er zwei⸗ mal Andreas Preceptor Lyvoniensis genannt wird. Nach dem Ver⸗ zeichniffe bei Bray Essai critique T. I. p. 822 fol er ſchon im J. 1250 ins Amt getreten ſeyn. In Urkunden im geh. Archiv Schiebl. LI. Nr. 1. finden wir ihn zuerſt am 19. April 1252. Die Ordens⸗ Chron. bei Matthaeus p. 734 nennt ihn „en heerlyck, vroom, wael ge⸗ mynt man von dem volck.“ — Alſo neben Eberhard von Sayn noch ein beſonderer Landmeiſter von Livland, denn jener nannte ſich auch Prece-

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Streit mit dem Großfürſt Mindowe. 35 erſten Jahren ſeines Amtes waren es nur wenige friedliche Tage, die er verlebte: denn der alte grauſame und trotzige Feind des Ordens, das Volk der Litthauer und an deſſen Spitze der kriegeriſche Fuͤrſt Mindowe ſtand auch jetzt noch feſt in dem Entſchluſſe da, die nachbarliche Ritterſchaft und mit ihr zugleich auch das verhaßte Chriſtenthum durch den Sturm der Waffen wo moͤglich wieder zu verdraͤngen. Und von dieſem Gedanken hatte den Fürften auch der blutige Kampf noch nicht zuruͤckgeſchreckt, welchen noch Dieterich von Gruͤ⸗ ningen im Jahre 1248 gegen ihn gewagt hatte, obgleich er dabei eine bedeutende Niederlage erlitten ). Vielmehr ſeit Dieterichs Abgang bot Mindowe alle Kraͤfte ſeines Landes auf, um feinem Ziele näher zu kommen, zumal da feine Nef⸗ fen, die er aus ihrer Herrſchaft vertrieben, an den Livlaͤndi⸗ ſchen Ordensrittern noch fort und fort Verbündete und Beſchuͤtzer fanden. Mit den Samaiten und Semgallen verbunden fiel er daher wiederholt in die Gebiete des Ordens ein und ver⸗ heerte ſolche auf die ſchrecklichſte Weiſe. Da ſammelte auch der Landmeiſter Andreas von Stuckland ein ſtarkes Heer und waͤhrend Mindowe's Neffe von Poloczk aus mit einer zahlrei⸗ ptor Alemannie, summi Magistri Domus Theut. in Livonja Vices gerens; Dogiel T. V. Nr. XXVI. p. 19. Unter die eigentlichen Land⸗ meiſter von Livland darf jedoch Eberhard nicht gefegt werden, obgleich Bachem Chronolog. der HM. S. 19, das Verzeichniß bei Bray J. c. p. 323 u. a. ihn als ſolchen anführen. Wir haben keine Auctorität dazu. Er war vielmehr neben den Landmeiſtern von Livland immer nur Statthalter, Stellvertreter, Vices gerens des Hochmeiſters in dieſem Lande. So lange er ſich in feinen Verhältniffen in Preuffen aufhielt, nannte er ſich „Vicem magistri hospitalis 3. M. Th. gerens in Prusia“, ſ. Hennigs Ordens⸗Statut. S. 221 oder „Vices gerens Magistri Generalis per Livoniam et Prussiam‘“ f. Hartknoch Kulm. Handfeſte p. 453. Auch der Erzbiſchof Albert bezeichnet ihn in der urkunde bei Dog ie! T. V. Nr. XXVI. nur als einen ſolchen, qui eo tempore (1254) vices summi Magistri dom. Theut. gerebat in Li- vonia. Wir werden bald fehen, daß er auch im J. 1256 nicht Land⸗ meiſter in Livland ſeyn konnte, obgleich man dieſes allgemein annimmt. 1) Kojalowiez Histor. Litthuan. p. 95. Hiärn S. 168. 3 *

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36 Streit mit dem Großfuͤrſt Mindowe. chen Macht Litthauen von der einen Seite uͤberzog und das Land mit furchtbarer Verwuͤſtung durch Feuer und Raub heimſuchte, brach der Ordensmeiſter mit ſeinem Kriegshaufen von der andern Seite in die feindlichen Gebiete ein, ſchlug den Feind in einer blutigen Schlacht zuruͤck, trieb Mindowe's ungeordnete Schaaren in die Flucht und drang unter ſchwe⸗ rer Verheerung ins feindliche Land hinein bis an des Fuͤrſten Wohnburg, alles vernichtend und verwuͤſtend, was ſich im Fortgange ſeinen Waffen entgegen ſtellte. Eine unzaͤhlige Schaar Gefangener ward feinem Heere nachgeführt und als er Litthauen weit und breit durchſtuͤrmt hatte, brachen feine Heerhaufen auch in die Gebiete der Samaiten ein und hau⸗ ſeten da in gleicher Weiſe. Daſſelbige Schickſal traf auch die Semgallen, in deren Lande alles, was ſich nicht in die Tiefe der Waͤlder und Suͤmpfe geflüchtet hatte, in Gefan⸗ genſchaft mit fortgeführt wurde. Und kaum war dieſer Sturm voruͤber, als Mindowe von neuem die Kunde erhielt, daß ſich fein Neffe Theophil mit Livlaͤndiſcher Beihuͤlfe abermals zu einem Raubzuge gegen Litthauen ruͤſte !). Da aber feine Kriegsheere völlig aus einander geworfen, feine Wehrburgen faſt alle gebrochen und zerſtoͤrt, Litthauen durch und durch aufs ſchrecklichſte verwuͤſtet und mancher Ereigniſſe wegen auch gegen Rußland nicht einmal außer Gefahr war 2), alſo daß jetzt Widerſtand und Vertheidigung auf keine Weiſe mehr moͤglich ſchien, ſo beſchloß „der liſtige Heide“ ), gedraͤngt durch Noth und neue Gefahr, bei den Ordensritter Friede zu ſuchen, und entbot dem Landmeiſter von Livland durch eine Geſandtſchaft mit zahlreichen Geſchenken eine per⸗ ſoͤnliche Zuſammenkunft. Der Meiſter, begleitet von einem großen Gefolge ſeiner Ritter und der Vornehmſten aus dem Adel ſeines Landes, erſchien auf Mindowe's Hofburg, von dem Fuͤrſten mit wahrhaft koͤniglicher Pracht empfangen und 1) Kojalowiez p. 95. Ordens⸗Chron. Mfer. S. 44. und bei Matthaeus p. 726. Arndt B. II. S. 51. Hiärn S. 171. 2) Karamſin B. IV. S. 55. 59. 68. 3) So nennt ihn Kar amſin.

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Ausföhnung mit dem Großfurſt Mindowe. 37 nach einem glaͤnzenden Gaſtgelage begannen die Unterhand⸗ lungen des Friedens. Vor allem aber trat der Meiſter mit der Erklärung auf: „Es ſey nicht ziemlich für den chriſtlichen Ritter, mit den Heiden Friede zu ſchließen, die zu bekam⸗ pfen ihn fein Eid verpflichte; werde Litthauens Fürft jedoch ſich zum Chriſtenthum bekennen und die von ſeinen Neffen dem Orden zugeſprochenen Laͤnderbeſchenkungen genehmigen auf ſein Recht uͤber dieſe Gebiete verzichtend, ſo ſey zum Frieden kein Hinderniß im Wege. Dann werde er nach des Furſten Wunſch beim Papſte auch bewirken, daß nach Em⸗ pfang der Taufe Mindowe mit der Koͤnigskrone geſchmuͤckt und fein Land zum Königreich erhoben werde.“ Ungern und nur durch den Drang der Gefahr getrieben willigte der Fürft in des Meiſters Verlangen, empfing die Taufe, ſicherte den Ordensrittern die Gebiete von Jatzwingen, Samaiten, Kur⸗ land und die Weiziſchen Lande zu und erließ ſofort im Jahre 1252 mit der Botſchaft des Landmeiſters eine Geſandtſchaft an den Papſt 1). Innocenz war ſehr erfreut uber dieſes Ereigniß, zumal da er zugleich die Nachricht erhielt, daß mit dem Litthaui⸗ ſchen Landesfuͤrſten auch eine große Zahl ſeiner Unterthanen den chriſtlichen Glauben angenommen 2). Darum erließ er im Juli dieſes Jahres ein aͤußerſt freundliches Schreiben an den Fuͤrſten, ihn benachrichtigend, mit welchem Wohlgefallen er ſeinen Austritt aus der Finſterniß des alten Glaubens und ſeine Wiedergeburt zum Ruhme des Wortes Gottes vernom⸗ 1) So erzählen den Vorgang der Sache Kojalowicz p. 96—97- Ordens⸗ Chron. a. a. O. Lucas David B. VII. S. 131 132. Arndt B. II. S. 51. Ruſſow S. 20. Hiärn S. 173. Daß das Jahr 1252 die richtige Zeitangabe der erften f. g. Bekehrung Mindo⸗ we's iſt, geht aus Gründen hervor, die in den nachfolgenden Anmer⸗ kungen mitgetheilt werden. Es iſt folglich unrichtig, wenn Kar a m⸗ fin Bd. IV. S. 68 die Bekehrung Mindowe's erſt in die Zeit Aler⸗ anders IV. ſetzt. 2) Raynald an. 1251. Nr. 44. Sechshundert foil die Zahl derer geweſen ſeyn, welche mit Mindowe die Taufe erhielten.

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38 Mindowe ein chriſtlicher König in Litthauen. men und mit welcher Freude er ſeine Bitte erfuͤlle, ihn als Sohn der Kirche zu empfangen und ſein Reich Litthauen und alle ſeine Gebiete in das Recht und Eigenthum der Roͤmi⸗ ſchen Kirche und ihn ſammt ſeiner Familie in den Schutz des apoſtoliſchen Stuhles aufzunehmen ). Mit dieſem Schreiben des Papſtes und mit dem Auf⸗ trage an den Biſchof von Kulm, den neubekehrten Fuͤrſten zum König zu kroͤnen 2), kehrte die Geſandtſchaft nach Liv: land zuruͤck. Da berief der Landmeiſter Andreas von Stuck⸗ land den Biſchof Heidenreich von Kulm ) und begab ſich mit dieſem, mit dem Biſchofe von Riga, den vornehmſten Ordensgebietigern, unter denen ohne Zweifel auch der Deutſch⸗ meiſter Eberhard von Sayn und Ludwig von Queden, der Landmeiſter von Preuſſen waren, nebſt einer großen Schaar von Ordensrittern nach Litthauen zum Fuͤrſten Mindowe. Es war im Herbſt des Jahres 1252, als auf der Ebene bei Novogrodeck unter dem Zulaufe einer unzaͤhlbaren Menſchen⸗ menge der Fuͤrſt nebſt der Fuͤrſtin Martha, ſeiner Gemahlin durch den Biſchof von Kulm zum Könige Litthauens feier⸗ lich geſalbt und beide vom Landmeiſter von Livland mit koͤ⸗ niglichen Kronen geſchmuͤckt wurden ). Den feſtlichen Tag 1) Das Schreiben des Papſtes mit dem Datum: Mediolani XVII Cal. Aug. an. IX. ſteht bei Raynald 1. c. Es muß in dieſem Datum aber ſtatt anno IX heißen X. Auch liefert Baronius Annal. eccles. an. 1252 Nr. V. den Inhalt des Schreibens nicht wie Raynald im J. 1251, ſondern 1252. 2) Raynald an. 1251. Nr. 46. 3) Seine Anweſenheit beweiſet außerdem auch die ſchon erwähnte Urtunde vom 18. October 1252 im geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 3, wo er Heidenrus Episcopus de Pruscia genannt wird. 4) Daß die Taufe und Krönung Mindowe's, wie auch Kojalowiez p. 97, die Ordens⸗Chron. S. 44 u. a. bezeugen, in einem und demſel⸗ ben Jahre erfolgten, iſt ausgemacht und Urkunden ergeben, daß beides im J. 1252 geſchah. Es weiſen darauf ſchon die paͤpſtlichen Schreiben bei Raynald 1. c. hin, die ins Jahr 1252 gehören; vgl. Baron. An- nal. eccles. an. 1252 Nr. V. Wir haben auch eine Original⸗Bulle des Papſtes vom 21. Auguſt 1253, worin dieſer den Fuͤrſten Regem Le

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Mindomwe ein chriſtlicher König in Litthauen. 39 verherrlichte auch noch die Taufe einer großen Schaar neube⸗ kehrter Litthauer. So war Litthauen ein chriſtliches Königreich geworden faſt ohne Chriſtenthum und Fuͤrſt Mindowe ein chriſtlicher Koͤnig ohne Glauben, ohne chriſtliche Ueberzeugung und faſt ohne alle chriſtliche Belehrung; denn der fluͤchtige Unterricht, welchen ihm vor der Taufe der Ordensprieſter Chriftian er⸗ theilt), war wohl kaum geeignet und hinreichend geweſen, ihn mit den wichtigſten Grundlehren des Evangeliums genau bekannt zu machen. Sichtbar war von beiden Seiten zuerſt alles nur auf die bloße Form berechnet und man eilte gegen⸗ feitig, zunächft nur dieſe Form zu vollenden. Mindowe ſuchte, von Noth und Gefahr bedraͤngt, den Frieden mit dem Feinde; die Taufe war Bedingung; er ging fie ein, ohne zu wiſſen, was die Taufe in ihrem Weſen ſey, im Herzen fort und fort den alten heidniſchen Glauben hegend und die alten vater⸗ laͤndiſchen Goͤtter ehrend 2). Auch der Orden gewann zu⸗ naͤchſt ſchon durch die bloße Form viel zu wichtige Vortheile, als daß er vor allem nicht auf ſie das groͤßte Gewicht haͤtte legen ſollen. Eine Ruſſiſche Heeresmacht drohte ſo eben in Livland einzufallen ) und die Befreiung von einem alten laͤ⸗ ſtigen Feinde, der Gewinn einer anſehnlichen Laͤndermaſſe, vor der Welt der Ruhm der Bekehrung eines ſo maͤchtigen nor⸗ diſchen Fuͤrſten und eines ganzen Volkes, das alles waren thovie de novo conversum nennt, welches Krönung und Taufe im J. 1252 vorausſetzt. Vgl. Hennigs Anmerk. zu Lucas David B. VII. S. 138. Arndt B. II. S. 52. d). De Wal Histoire de l'Ord. Teut. T. I. p. 442 nimmt, durch Raymald verleitet, das Jahr 1251 an. 1) Eine Bulle des Papſtes Innocenz IV. nennt dieſen Mann Ira- trem Christianum de domo Theutonicorum in Livoniam virum uli- que litteratum, providum et honestum, quem (Rex) secum tempore sue conversionis habuit. 2) Daher Kojalowiez p. 94 auch fagt: At Meudog sacra qui- dem metu nuper suscepta palam prae se ferre: privatis vero ad eıhnicas aras sacrificis impie cadem violare. 3) Karamſin Bd. IV. S. 59.

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40 Verſuch zur Eroberung Samlands. allerdings fuͤr die Ordensritter nur zu reizende Lockungen und was verſprach zudem an neuen Vortheilen und Gewinnen auch noch die Zukunft! Wie wichtig konnte es werden, daß der Orden dem neuen Koͤnige den Koͤnigsnamen erwirkt und daß es der Landmeiſter von Livland geweſen war, der ihm die Koͤnigskrone auf das Haupt geſetzt hatte! In der That ging man forthin auch in allem darauf aus, das Ereigniß fuͤr des Ordens Intereſſe in aller Hinſicht nutzbar und er⸗ ſprießlich zu machen. Darauf wies ſchon klar genug der Um⸗ ſtand hin, daß es jener Ordensprieſter Chriſtian war, den man zum erſten Biſchofe Litthauens ernannte 1). Dieſe Ereigniſſe in Litthauen aber und dieſes gluͤckliche Erfolgniß der Waffenmacht des Ordens gegen das dortige Heidenthum blieb nicht ohne Einfluß auf die Lage der Dinge in Preuſſen. Was dort gelungen war, das durfte hier, ſo meinte man, noch um ſo mehr gelingen, indem in dieſem Lande der Orden doch wohl ungleich groͤßere Kraͤfte aufzu⸗ bieten hatte. Man hatte neues Vertrauen gewonnen auf die Macht der chriſtlichen Waffen und die Ueberzeugung war neu geſtaͤrkt, daß wie dort auch hier das Kreuz ſiegen werde, fo bald der Kampf dafür von neuem beginne. So ward der Angriff und die Eroberung Samlands jetzt beſchloſſen. Man hatte Jahre lang gezoͤgert, dem Volke dieſer Landſchaft Preuſ⸗ ſens das feindliche Schwert zu zeigen 2), denn allerdings 1) Daß Bzovius Annal. eccles. an. 1252. Nr. V., Kojalowiez p. 97 und andere neuere Chroniſten den erſten Biſchof von Litthauen Veit oder Vitus nennen, iſt nach den Urkunden bei Dreger Nr. 243. 244. 247. 249 unrichtig. Vgl. Baron. an. 1252. Nr. V. Raynald. an. 1251. Nr. 46—47. an. 1258. Nr. 26. an. 1254. Nr. 27. De Wal Histoire de PO. T. T. I. p. 444. In einer Bulle des Papſtes vom Jahr 1253, deren Original im geh. Arch. Schiebl. III. Nr. 55 liegt, heißt es über dieſen Biſchof: Rex per litteras affectione plenas petivit a nobis, ut de fratre Christiano de domo Theutonicorum in Livonia viro utique litterato, provido et honesto, quem secum tem- pore aue conversionis habuit, et iuxta se in futurum habere deside- rat, predicte provideri ecclesie faceremus. 2) Einzelne Fehden mögen allerdings gegen die Gamländer in den

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Ver ſuch zur Eroberung Samlands. 41 waren hier fehon feit uralten Zeiten die Verhäͤltniſſe in vieler Hinſicht anders, als in den uͤbrigen Theilen des Landes, da ſchon, wie fruͤher berichtet iſt, die Niederlaſſung der Daͤnen die Geſtalt des bürgerlichen Lebens in mancherlei Weiſe ver⸗ ändert hatte. Es kam hinzu, daß vor länger als zehn Jah⸗ ren der Verſuch zu Samlands Eroberung und Bekehrung ſchon einmal gewagt, aber keineswegs gegluͤckt war. Jetzt ſchienen die Verhaͤltniſſe zu einem neuen Verſuche wohl un⸗ gleich günftiger. Am Weichſel⸗Strome herrſchte wenigftens Ruhe, wenn auch noch keine friedliche Geſinnung in Herzog Suantepoles Bruſt. Mit den Herzogen von Polen waren die Irrungen ausgeglichen. Im Innern der unterworfenen Land⸗ ſchaften hatten im Ablaufe von vier Jahren die vereinten Be⸗ muͤhungen der Landesbiſchoͤfe und der Gebietiger und Kom⸗ thure des Ordens vieles geordnet und geregelt, feſter begruͤn⸗ det und geſtaltet, was für die neue Unternehmung zum Theil guͤnſtig wirken konnte. Endlich war man auch benachrichtigt, daß in Samlands Volke keineswegs das Vertrauen und der Glaube herrſchte, das Land werde der Waffengewalt der Or⸗ densritter auf die Dauer widerſtehen koͤnnen, denn durch mancherlei Sagen und Erzaͤhlungen, die uͤber das Leben und die Thaten dieſer Ritter unter dem Volke verbreitet waren, hatte jenes Vertrauen ſchon laͤngſt feine Kraft verloren 1). Jahren 1249 bis 1252 vorgefallen ſeyn, wenn man namlich die Worte bei Dusburg P. III. c. 67: Multa bella gesta sunt contra gentem Sambitarum auch auf dieſe Zeit bezieht. 1) Dusburg c. 69 erzählt hierüber Folgendes. Bald nach dem Aufbau der Burg Balga ſandten die Samläͤnder einen ihrer Aelteſten in die genannte Burg herüber, um Kunde über Sitten und Leben der Ordensritter einzuziehen. Die Ritter, vom Zwecke der Sendung unter⸗ richtet, nahmen den Samen freundlich auf, zeigten ihm ihren Remter, ihr Schlafgemach und ihre Kirche und machten ihn mit allem genau bekannt. Dann kehrte der Gamländer zu den Seinen zurück, ihnen be richtend: Die Ritter ſeyen auch gerade ſolche Menſchen wie fies fie haͤt⸗ ten auch ſolche weiche Bäuche, wie fie (— wegen der Bruſtharniſche der Ritter hatte man dieß fruͤher wahrſcheinlich nicht geglaubt —) und in Waffen, Speiſen und andern Dingen ſtimmten ſie mit ihnen ziemlich

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42 Verſuch zur Eroberung Samlands. Um ſo mehr aber ward es jetzt das naͤchſte Ziel und Beſtre⸗ ben des Ordens, durch Samlands Eroberung den Weg nach Livland zu eröffnen und fo den Ritterbruͤdern in dieſem Lande die Hand zu reichen. Dem Komthur von Chriſtburg Heinrich Stango, einem fo ſtarken und beherzten, als vorſichtigen Helden ), ward vom Meiſter der Auftrag, ſich als Fuͤhrer und Feldherr an die Spitze eines anſehnlichen Heeres zu ſtellen und die Er⸗ oberung Samlands zu verſuchen. Begleitet von ſeinem Bru⸗ der Hermann, einem gleich tapferen Ritter, brach er mit überein. Nur eine fuͤr die Samlaͤnder gefährliche Gewohnheit ſey ihnen eigen: jede Nacht ſtaͤnden fie von ihrem Lager auf und begäben ſich ins Bethaus, wo ſie, wie mehrmals auch des Tages, ihrem Gotte ihre Ehr⸗ furcht bezeigten. „Unde in bello nos sine haesitatione aliqua supe- rabunt.“ Da der Samlaͤnder die Ritter in ihrem Speiſegemache auch Kräuter oder Salat eſſen geſehen, ſo fuͤgte er hinzu: „Sie eſſen auch Gras, wie Pferd und Maulthier“; quis posset talibus resistere, qui In solitudine sine labore inveniunt cibum suum? — So erzählt auch Lucas David B. IV. S. 1—3 nach, nur daß dieſer die Sache mehr ausmalt. Die ganze Nachricht klingt allerdings etwas zweideutig. Viel⸗ leicht wurde dem Chroniſten das Geſchichtchen vorerzählt und er nahm es auf Treu und Glauben auf oder es geht auch hieraus nur die Tendenz des Chroniſten hervor, die heidniſchen Preuſſen als ein ſehr unwiſſendes, ganz ungebildetes und rohes Volk zu ſchildern, was aber wohl am al⸗ lerwenigſten die Samländer waren. An den Einzelnheiten der Erzaͤh⸗ lung mag alſo wohl mit Recht gezweifelt werden duͤrfen. Wer hoͤrte es auch, was der alte Samländer ſeinen Landsleuten von den Rittern berichtete? Und ſcheint es nicht nach Lucas Davids Darftellung, als Hätten die Samlaͤnder zuvor noch nie einen fremden Menſchen gefehen ? 1) Der Name dieſes Komthurs wird in allen Original⸗urkunden Hen- ricus Stango gefunden und fo hat ihn auch Dusburg P. III. c. 67. Lucas David B. IV. S. 3 nennt ihn dagegen Heinrich Stange und fo war auch der eigentliche Familien⸗Name. In Thuͤringen und Mei- ßen iſt das Geſchlecht ſehr alt und auch nach Schleſien und ins Elſaß verzweigt. Heinrich Stango oder Stange ſcheint ein Thuͤringer gewe⸗ ſen zu ſeyn. Dort kommt gerade um dieſe Zeit das Geſchlecht vor. S. Thuringia Sacra P. 349, wo ums Jahr 1264 ein Hartungus miles dictus Stange genannt wird. Falkenſteins Thuͤring. Chron. S. 1339 und 1842,

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Verſuch zur Eroberung Samlands. 43 ſeinem Heerhaufen gegen die Landſchaft auf. Es war Win⸗ terzeit) und das feſtgefrorene Haff erleichterte den Ueber⸗ gang, ſo daß das Heer die Gegend zuerſt betrat, wo nach⸗ mals die Burg Lochſtaͤdt erhoben wurde, an der Graͤnze des alten Witlandes. An der Stätte voruͤberziehend, wo vor dritthalbhundert Jahren der heilige Adalbert fuͤr die Sache des Glaubens erſchlagen worden und wohl in manches Krie⸗ gers Bruſt heilige Erinnerungen erwachten, drang das Heer der Ritter unter Verheerung und Pluͤnderung, alles was man von Bewohnern der Gegend fand, gefangen hinwegführend, in das Land hinauf bis an das Dorf Germau 2). Bis das hin hatten die Ritter faſt nirgends Widerſtand gefunden. Noͤrd⸗ lich hinauf aber, wo zur Zeit alles dichte Waldung war, lag das alte Heiligthum der Landſchaft, das heilige Romowe, der Wohnſitz des Landes-Griwen und ſeiner Prieſter, die Hei⸗ mat der urvaͤterlichen Goͤtter). Es war ohne Zweifel das naͤchſte Ziel des kuͤhnen Komthurs von Chriſtburg, bis in das Innere des Heiligthums vorzudringen und Goͤtter und Prie⸗ ſter zu vernichten, denn auf Vertilgung der heiligen Orte einer Landſchaft war auch bisher ſchon immer das naͤchſte Bemuͤhen der Ritter gerichtet. Allein am Dorfe Germau hatte ſich zu des Heiligthums Vertheidigung und Rettung ein zahl⸗ reiches Heer des Samlaͤndiſchen Volkes verſammelt und als es die Schaar der Ritter heranziehen ſah, ſtuͤrzte es ploͤtzlich zum Kampfe auf ſie ein. Zwar tritt mit maͤnnlichem Muthe 1) Es kann dieſes nur in dem Winter 1252—1253 geweſen ſeyn. Fuͤr das Jahr 1253 iſt kein Beweis vorhanden, daß Heinrich Stange fein Komthuramt verwaltet oder noch gelebt habe. Wir finden ihn zu⸗ letzt in der Urkunde bei Lucas David B. III. Anh. S. 24, woraus der Beweis hervorgeht, daß dieſe Unternehmung gegen Samland nicht in den Winter 1251—1252 fallen konne. Die Chroniſten beſtimmen uͤbri⸗ gens die Zeit dieſes Ereigniſſes gar nicht. De Wal Histoire T. I. p. 420 verſetzt es ins J. 1253, aber ohne Beweis. 2) Nach den Worten „ex utraque parte“ bei Dusburg J. c. iſt wohl keineswegs zu ſchließen, daß das Heer getheilt geweſen ſey; der Epitomator erläutert es durch circumquaque. 3) Vgl. B. 1. S. 644.

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44 Verſuch zur Eroberung Samlands. das chriſtliche Heer entgegen und die Schlacht beginnt mit außerordentlicher Erbitterung; allein in kurzem ſchon macht die Wuth des Samlaͤndiſchen Kriegsvolkes allen Widerſtand unmoͤglich, die Schaaren der Ritter wanken und nur im Ruͤck⸗ zuge erſcheint noch einige Rettung. Waͤhrend aber alſo das chriſtliche Heer ruͤckwaͤrts zieht unter beſtaͤndigem Kampfe, um eine ſichere Stellung zu gewinnen, ſtreitet der Komthur im Nachzuge mit dem verfolgenden Feinde „wie ein unerſchrocke⸗ ner Löwe” 1), wirft die Kuͤhnſten aus dem feindlichen Heere mit ſeiner Lanze nieder, bis eine groͤßere Schaar ihn ploͤtzlich umzingelt und mit Keulenſchlaͤgen vom Streitroſſe herabftürzt. Kaum gewahrt es ſein Bruder Hermann, als er ſchnell zur Huͤlfe heranſprengt und von einer kleinen Schaar unterſtuͤtzt halten jetzt die ritterlichen Bruder im tapferſten Kampfe den Feind zuruͤck, bis ihr Heer ſich durch die Flucht gerettet und ſie ermattet, entkraͤftet und toͤdtlich verwundet beide nieder⸗ ſinken. Der ruͤhmlichſte Tod kroͤnte ihre That; lange ſind ihre Namen unter den Rittern des Ordens in ehrenvollſter Erinnerung geblieben und manche Bruſt iſt nachmals durch ihr Beiſpiel ermuthigt und geſtaͤrkt worden. Man nannte ſie forthin immer die ſtarken Loͤben im Streite und dankbar erhob der Orden auch ſpaͤterhin noch manchen aus ihrem Ge⸗ ſchlechte gerne zu höheren Würden ?). 1) „Quasi leo intrepidus“. Dusb. 2) Außer Dusburg c. 67 und Lucas David B. IV. ©. 3—4 erwaͤhnen dieſes Ereigniſſes auch Henneberger Landtaf. S. 140 und Simon Grunau B. VII. c. 15. & 4. Dieſer letztere wirrt auch hier wieder alles durch einander, ſetzt das Ereigniß ins Jahr 1261, läßt die Schlacht bei Thierberg geſchehen und Lochſtaͤdt nennt er Luxeta. Mehr als das oben Erzaͤhlte wiſſen die altern Quellen nicht. De Wal dagegen in ſ. Histoire de l’Ord. Teut. T. I. p. 421 hat die einfache Erzählung noch mehr ausgeſchmuͤckt. Er erzählt von einem Kampfe an einem engen Paſſe, einem Defile, vor welchem die beiden Brüder das Heer der Samlaͤnder von der Verfolgung der Ihrigen aufgehalten hoͤt⸗ ten u. ſ. w. Davon ſchweigen aber alle ältere Quellen, und die Ge: gend, wo die Schlacht vorgefallen ſeyn muß, weiſet jetzt wenigſtens keine Spur mehr von einem ſolchen engen Paſſe auf. Kotzebue B. I.

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Verſuch zur Eroberung Samlands. 45 Fir Samlands Unterwerfung war allerdings durch dieſe Unternehmung vorerſt noch nichts gefordert; vielmehr der Kampf hatte des Ordens Kraft nur wieder mehr geſchwaͤcht und der entſchloſſene Muth und die verzweifelte Tapferkeit, welche Samlands Volk in der Vertheidigung feiner Götter und um die Rettung feines Heiligthums bewieſen, konnte wohl ſchwer⸗ lich die Hoffnung der Ritter auf des Landes baldigen Ge⸗ winn beſonders aufrecht halten. Indeſſen geſtalteten ſich den⸗ noch im Laufe des Jahres 1253 die Verhaͤltniſſe des Ordens ſowohl im Auslande und am Hofe des Papſtes, als in den nachbarlichen Herzogthuͤmern in ſolcher Weiſe, daß die bal⸗ dige Eroberung auch dieſer Landſchaft Preuſſens nicht lange mehr zweifelhaft blieb. Vor allem zeigte ſich der Papſt In⸗ nocenz fuͤr das Intereſſe des Ordens wieder ungleich thaͤtiger und dem Orden uͤberhaupt weit guͤnſtiger als in den letzten Jahren. Die Spannung und Spaltung im Orden ſelbſt hatte ſich in den letzten Zeiten gaͤnzlich ausgeglichen und es erlaubte daher der Papſt nun auch, daß ſolche, welche fruͤher entſchie⸗ dene Anhaͤnger des Kaiſers Friederich geweſen waren, jetzt in den Orden aufgenommen werden durften, ſelbſt wenn ſie vormals mit dem Banne beladen geweſen ). Zum Zeichen ſeiner Ausſöhnung mit dem ganzen Orden aber ertheilte ihm Innocenz eine neue Beſtaͤtigungsbulle aller ſeiner Freiheiten, Gerechtſame und Beguͤnſtigungen 2). Das Wichtigſte indeſſen war, daß der Papſt nun auch wieder an den Verhaͤltniſſen des Ordens in Preuſſen, an dem S. 223 hat uͤbrigens dem von ihm ſo oft getadelten De Wal die Sache ebenfalls nachgeſchrieben. 1) Die Bulle hierüber, Fratri Conrado presbytero, Priori et fratribus Hospitalis S. M. Th. de Barulo Travens. dioeces., datirt: Perusii Idus Novemb. p. n. an. X. ſteht im groß. Privilegienbuche p- 35. 2) Wir haben von dieſer Bulle nicht bloß eine Abſchrift im klein. Privilegienbuche p. 48, ſondern auch ein Transſumt vom Jahre 1412, worin die Bulle das Datum hat: Perusii XVI. Cal. April. p. n. an. X. (17. Maͤrz 1253).

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46 Voͤllige Ausſoͤhnung mit Herzog Suantepolc Fortgange ſeines Werkes und an der Sicherung ſeiner aͤuße⸗ ren Ruhe den thaͤtigſten und lebendigſten Antheil nahm. Vor allem erließ er eine ernſte, durch die Klagen der Ordensge⸗ bietiger bei ihm veranlaßte Ermahnung an den Herzog Suan⸗ tepolc, der immer noch in feindlichem Geiſte daſtand, ihn mit allem Nachdruck auffordernd, dem Orden ungeſaͤumt alles Un⸗ recht und allen Schaden, den er ihm ſelbſt mit Verletzung ſeines geleiſteten Eides im letzten Kriege zugefuͤgt, aufs voll⸗ kommenſte zu verguͤten und den Frieden forthin unverbruͤch⸗ lich zu beobachten, weil ſonſt der Biſchof von Pomeſanien von ihm beauftragt ſey, nach Ermittelung der Schuld gegen ihn ohne weiteres den kirchlichen Bann zu verfügen n). Und dieſe ernſte Sprache des Papſtes hatte auf des Herzogs Ge⸗ ſinnung oder doch wenigſtens auf ſein Verhalten gegen den Orden die erwuͤnſchte Wirkung. Ein Abgeſandter des paͤpſt⸗ lichen Legaten in Polen, Böhmen und Maͤhren, der Prediger: moͤnch Gerhard, welcher im Fruͤhling des Jahres 1253 in Cruſchwitz erſchien, dort eine Mißhelligkeit zwiſchen dem Bi⸗ fehofe von Cujavien und dem Orden ausglich und ein Freund⸗ ſchaftsbuͤndniß zwiſchen ihnen zu Stande brachte 2), ſcheint 1) Die Bulle hierüber im Original im geh. Arch. Schiebl. III. Nr. 53, gedruckt im Lucas David B. III. Anh. S. 20. Das Da⸗ tum iſt zum Theil, weil das Pergament durch Moder ſehr beſchaͤdigt iſt, nicht mehr zu erkennen; doch ſind mit einiger Muͤhe die Worte pontificatus nostri anno decimo noch zu leſen und Hennig hat daher unrecht, dieſe Bulle in das Jahr 1250 zu ſetzen, wohin fie auch ſchon deshalb nicht paſſen wuͤrde, weil wir keine paͤpſtliche Bulle haben, die des Papſtes Anweſenheit in Perugia im J. 1250 ausweiſet. Erſt im J. 1251 begab er ſich dahin; ſ. Raumer Hohenſtaufen B. IV. S. 825327. 2) Die Urkunde hierüber im geh. Arch. Schiebl. LXXVI. Nr. 3 im Original, gedruckt bei Baczko B. I. S. 394. Sie iſt ausgeſtellt in Cruswicia anno domini M. CC. LIII. mense April. XII Cal. May (20. April); es wird darin feſtgeſtellt, quod altera pars alterius damp- num ner in rebus neque in persona oculte vel manifeste minime pro- curabit, imo altera alterius dampno cavebit et utilitatem pro viri- bus promovebit. Wir wiſſen nicht genau, welches der Gegenſtand des Streites geweſen; aber die Vermuthung bei Lucas de bellis Suantop.

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Voͤllige Ausfähnung mit Herzog Suantepolc. 47 auch die Ausföhnung zwiſchen Herzog Suantepolt und dem Orden vorbereitet zu haben. Es gingen jedoch noch einige Monate hin, ehe fie wirklich erfolgte. Erſt am dreißigsten Juli 1253 ward ein Verhandlungstag auf dem Sande neben der Schmiedsinſel im noͤrdlichen Theile Pomeſaniens angeord⸗ net. Dort erſchienen die vornehmſten Ordensgebietiger, Her⸗ zog Suantepolc ſelbſt nebſt ſeinem Sohne Miſtwin und mehre feiner Landesbeamten. Da alles, was den Unfrieden ſeit Jahren erzeugt und fort und fort genaͤhrt hatte, ſchon durch die Vermittlung des Archidiaconus Jacob von Lüttich und den von ihm bewirkten Friedensvertrag vollkommen ausge⸗ glichen worden war, ſo diente dieſer Vertrag auch jetzt zur Grundlage der Verſoͤhnung. Der Orden hatte dem Herzoge die Strafſumme von zweitauſend Mark, in welche dieſer durch den Friedensbruch und die Verletzung des erwaͤhnten Vertra⸗ ges verfallen war, zur Erleichterung der Verſoͤhnung erlaffen 1). Suantepolc verſprach jetzt, dieſen Vertrag forthin in allen ſei⸗ nen Punkten aufs genaueſte zu beobachten; er verpflichtete fich, ſofern er des Ordens Gebiet aufs neue mit kriegeriſcher Mann⸗ ſchaft uͤberziehe oder mit Heiden oder Chriſten heimlich oder Öffentlich gegen die Ordensbruͤder ein Buͤndniß eingehe, nicht bloß zu derſelben Straſſumme von zweitauſend Mark, ſon⸗ dern er machte ſich dann auch zur Abtretung der Burg und des Gebietes von Danzig mit allen ſeinen Rechten an den Orden verbindlich. Außerdem verhieß er, alle Anforderungen ſeiner Unterthanen uͤber erlittene Schaden oder ſonſtiges Un⸗ p. 49, daß dieſer Streit mit der Feindſeligkeit des Herzogs Suantepolc im Zuſammenhange geſtanden habe, iſt nicht ohne Grund. Sie beftä- tigt ſich wenigſtens durch die urkunde im Lucas David B. III. S. 28. 1) Der Herzog bekennt hiemit urkundlich ſelbſt, daß er es geweſen war, welcher den Frieden im Jahre 1252 gebrochen hatte, denn er ſpricht ſelbſt in der Urkunde von der Strafſumme, in die er verfallen ſey pro eo quod compositionem inter nos initam non observavimus, supradictis fratribus solvere debemus quam penam pro bono pacis relaxarunt.

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48 Voͤllige Ausſoͤhnung mit Herzog Suantepolc. recht vor Gericht ſelbſt zu vertreten und dafür Genuͤge zu leiſten, nur mit Ausnahme des Biſchofs von Cujavien, mit welchem der Orden ſich uͤber alles ſelbſt vergleichen ſolle. Ein gleiches Verfahren verſprachen die Ordensritter auch gegen den Herzog in Ruͤckſicht derer, die gegen ihn Anſpruͤche zu erheben gedaͤchten. Suantepolc und fein Sohn Miſtwin bes kraͤftigten endlich mit einem feierlichen Eide, daß fie keine ih: rer Zuſagen jemals brechen oder verletzen würden 1). Noch im Herbſte dieſes Jahres beſtaͤtigte auch der paͤpſtliche Legat Opizo Abt von Mezano dieſen neuen Friedensvertrag im Na⸗ men des Roͤmiſchen Stuhles 2). Herzog Suantepolc hatte gewiß nie aufrichtiger den Frie⸗ den gewuͤnſcht und nie mit feſterem Vorſatze verſprochen, ihn fortan unverbruͤchlich zu halten, als gerade um dieſe Zeit. Mochte der Druck hoher Jahre ihn mehr und mehr nieder⸗ gebeugt und den einſt ſo kraͤftigen Arm gelaͤhmt, oder die Erfolgloſigkeit aller ſeiner Muͤhen und Beſtrebungen ſeinen Muth gebrochen, alle feine Hoffnungen zerſtoͤrt, alle gehegten Plane zerriſſen haben, oder mochte in ihm der Gedanke le⸗ ben, ſeinem kraͤftigen Sohne das Ziel zu uͤberlaſſen, zu dem er ſelbſt unter Blut und Schweiß nicht hatte gelangen koͤn⸗ nen: — er hatte jetzt feſt beſchloſſen, gegen den Orden nie wieder das Schwert zu erheben. Er ſprach dieſe Geſinnung auch oͤffentlich dadurch aus, daß er zum Beweiſe ſeiner fer⸗ nern Freundſchaft und ſeiner Friedensliebe gegen den Orden 1) Das Original dieſer urkunde mit des Herzogs Siegel im geh. Arch. Schiebl. XL VIII. Nr. 21 a); ein Transſumt derſelben vom Bi⸗ ſchofe Wolomir von Leßlau, datirt: Thorun X Cal. Octobr. 1259 ebendaſ. Nr. 21 c). Gedruckt iſt die Urkunde im Dogiel T. IV. Nr. XXV. p. 24, in den Actis Boruss. B. II. S. 724, in beiden aber feh⸗ lerhaft. Baczko B. I. S. 392. Gercken Cod. diplom. Brandenb. T. VII. p. 122. 2) Das Original dieſer Beftätigungs Urkunde im geh. Archive Schiebl. XVIII. Nr. 21 b), abgedruckt im Lucas David B. III. Anh. Nr. XV. S. 27. — S. 28 3. 5 muß der Druckfehler „nos“ in vos verbeſſert werden. Der Orden hatte uͤbrigens ſelbſt um die Beſtaͤ⸗ tigung bei dem Legaten angetragen.

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Neue Thätigkeit des Papſtes für den Orden in Preuffen. 49 den Bürgern von Kulm, mit denen er Jahre lang in Hader und Zwiſt gelebt und die ihm einſt ſo maͤnnlich widerſtanden hatten, einen ihrer Stadt gegenuͤber liegenden Werder unter dem Titel des Verkaufes uͤberließ und ihnen den Beſitz für ewige Zeiten zuſicherte 1). Wie hier Herzog Suantepolc der Stadt Kulm, ſo hatte in dieſem Jahre auch Herzog Sambor dem Orden durch eine neue Schenkung der Inſel oder des Werders Bern zwiſchen der alten und neuen Weichſel gegen Zantir Über fein Gebiet nach Pommern hin erweitert und dadurch einen neuen Be⸗ weis ſeiner getreuen Anhaͤnglichkeit gegen den Orden gegeben, eingedenk der zahlreichen Wohlthaten, die er den Ordensrit⸗ tern verdankte 2). In ſolcher Weiſe hatten ſich die zwiſtigen Verhaͤltniſſe mit den Nachbarlanden, namentlich mit Pommern und Cuja⸗ vien in kurzer Zeit voͤllig ausgeglichen und der Orden konnte nunmehr um ſo unbeſorgter und ruhiger ſeinen Zielen ander⸗ waͤrts entgegengehen. In der That war auch dem Orden wie dem Papſte dieſer Friede der Ritter mit ihren Nachbarn nur Mittel zu andern hoͤheren Zwecken und auf dieſe gingen nun um ſo mehr auch alle Beſtrebungen hin. Das Schwert des Glaubensritters durfte noch nicht ruhen und die Predigt 1) Die Original⸗urkunde hierüber im geh. Arch. Schiebl. XL VIII. Nr. 22, gedruckt im Lucas David B. III. Anh. Nr. XIV. S. 26. Sie iſt datirt: In Zwez anno dni M. CC. LIII. II Non. August. (4. Aug.) und ſpricht die friedliche Geſinnung des Herzogs mehr als jede andere von ihm gegebene Urkunde aus; es heißt: Sane sublatis omni- bus que inter . Magistrum et fratres domus S. M. Th. ex parte una et nos ex altera iam dudum discordiis movebantur, ac ipsis vel- ut nunquam habitis oblivione perpetua suffocatis, dietis Magistro et fratribus necnon et eorum hominibus plena volumus amieicia iugiter adherere ad ea studiose deinceps intendere cupientes que ipsorum respiciunt utilitatem commodum et honorem. 2) Das Original dieſer Urkunde im geh. Arch. Schiebl. XI VIII. Nr. 23, gedruckt in Dreger Cod. diplom. Pom. Nr. 232. p. 341. Das Datum iſt: In Desorre an. 1253. IV. Idus Januar. (10, Sa: nur). III. 4

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50 Neue Thaͤtigkeit des Papſtes für den Orden in Preuffen. vom Kreuze durfte noch nicht verſtummen, ſolange noch Goͤt⸗ ter in dieſem Lande angebetet wurden, die dem Chriſten ein Graͤuel waren und ein Hohn des einzigen wahren Gottes. Der Papſt forderte daher die Moͤnche des Prediger⸗Ordens aufs neue auf, nicht bloß an der Bekehrung der heidniſchen Volker des Nordens mit allem Eifer ſelbſt zu arbeiten, ſon⸗ dern durch die Predigt des Kreuzes auch in allen Landen zur Vertheidigung der chriſtlichen Kirche in Preuſſen und Liv⸗ land aufzurufen 1). Es galt aber dieſer Aufruf zum Kreuz und Schwert keineswegs allein die heidniſchen Voͤlker in Preuſ⸗ ſen und Litthauen; ſondern es ging die Schreckensnachricht durch die Laͤnder, daß abermals ein großer Schwarm Tar⸗ tariſcher Volker im Anzuge ſey, um durch Polen hindurch⸗ ziehend die Laͤnder der Abendwelt zu uͤberſtuͤrmen. Es war Gefahr, daß auch Livland und Preuſſen von dieſem rohen Volke, vielleicht ſelbſt in Verbindung mit den dortigen Hei⸗ den, heimgeſucht werden koͤnne. Darum gebot der Papſt, daß auch gegen dieſes Volk zum Schutze der Laͤnder das Kreuz gepredigt werden möge 2); und für Preuſſen hatte die⸗ ſes Gebot, wie wir weiter ſehen werden, eine wichtige Wir⸗ kung. Außerdem aber ergingen vom Papſte auch ermunternde Schreiben an Herzog Boleslav von Krakau und an Herzog Kaſimir von Cujavien, um auch dieſe mit neuem Eifer fuͤr die Erweiterung der Kirche in den heidniſchen Landen zu be: leben; deshalb bewilligte er auch, daß alle von ihnen eroberte heidniſche Gebiete, ſofern ſolche noch nicht in den Graͤnzen irgend einer Dioͤceſe begriffen ſeyen, ihrer Herrſchaft unter⸗ geben ſeyn ſollten ?) und da die Herzoge den Papſt benach⸗ 1) Raynald. an. 1253. Nr. 26. Baron. an. 1253. Nr. V. Bo- vis an. 1253. Nr. V. 2) Raynald. an. 1253. Nr. 21—23. an. 1254. Nr. 28. 3) Raynald. I. c. Nr. 25: Ad propagandam vero in septen- trione religionem Cracoviensi duci et ducis Lanchitiae et Cujaviae fillis concessit, ut terras, quae ethnicis parebant, armis compararent Suaeque adjungerent ditioni, modo nullius dioecesios terminis conti- nerentur. Es liegen dieſer Nachricht päpftliche Briefe zum Grunde.

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Neue Thaͤtigkeit des Papſtes für den Orden in Preuffen. 51 richtigt, daß das Volk der Polerianer an Polens öͤſtlicher Graͤnze bereit ſey, den chriſtlichen Glauben anzunehmen, ſo⸗ bald es von ihnen in Schutz und Schirm genommen und über ſeine bisherige Freiheit ſicher geſtellt werde, ſo ertheilte In⸗ nocenz den beiden Herzogen die Erlaubniß, unter dieſen Ver⸗ haͤltniſſen das Land Polexien ihren Herzogthuͤmern zuzueig⸗ nen, fie gegen alle Anfprüche verwahrend, welche deshalb viel: leicht der Deutſche Orden gegen fie erheben koͤnne“). So ruͤckten nun auch die Graͤnzen der Herzoge von Polen bes deutend weiter nach Oſten hinaus und ein der Ruhe ihrer Länder einſt ſehr gefährliches und feindſeliges Volk ward ih: rer Herrſchaft untergeben. Aus dieſen Verhaͤltniſſen und Erſcheinungen konnte jeder erkennen: es ſey in Preuſſen der Vorabend großer Ereigniffe. Das Kreuz ward uͤberall mit einem Eifer gepredigt, wie ſeit Jahren nicht geſchehen war; es wurden in Deutſchland, Boͤh⸗ men, Maͤhren und andern Laͤndern Kraͤfte aufgeweckt, wie fie für die Sache des Chriſtenthums im Norden lange nicht in Bewegung geſetzt worden waren. Da wollte es das Schick⸗ ſal, daß auch ein Mann an des Ordens Spitze trat, der 1) Das Schreiben des Papſtes an den Herzog von Cujavien bei Raynald. an. 1253. Nr. 25. Wir haben von den feindlichen Verhält- niſſen der Polerianer gegen die Herzoge von Polen ſchon früher B. I. S. 359 ff. geſprochen. Wodurch dieſes Volk zunächſt bewogen worden, ſich freiwillig zur Annahme der Taufe bereit zu erklaren, iſt nicht ge⸗ nau bekannt. Die beiden Bedingungen: Schirm und Schutz unter der Herrſchaft der Polniſchen Herzoge und Erhaltung ihrer alten Freiheit wurden den Polexianern bewilligt und der Papſt erklärte: Concedimus, ut dictae terrae (Polexiae) paganos sub tua possis protectione reci- pere ac dominio retinere, si sponte propter hoc velint fidem Christi recipere per baptismum. Er fügte aber noch ausdrücklich hinzu: Non obstante quod fratribus domus Theuton. tota terra Prussiae, quam gladio sibi subiugare poterunt, dieitur esse ab Apostolica sede con- cessa, cum sponte, non coacti gladio velint ipsi pagani, ut dietum est, ad fidem Christiani nominis convolare. Alſo wurde auch jetzt noch Polexien unter dem allgemeinen Namen Preuſſen mitbegriffen, wie ſchon früher geſchah; ſ. B. 1. S. 361. 4 *

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52 Poppo von Oſterna, Hochmeifter des Ordens. dem neuerwachten Intereſſe für die Förderung des Glüdes und des Gedeihens dieſes Ordens die noͤthige Richtung gab. Der Hochmeiſter Guͤnther, vor welchem die Geſchichte faſt gänzlich ſchweigend voruͤbergeht, war ſchon am vierten Mai des Jahres 1253 geſtorben ) und fein Tod hatte nun auch die letzte Spur der Spaltung verwiſcht, die ſeit Heinrichs von Hohenlohe Hinfcheiden im Orden geherrſcht. Die Er⸗ fahrung dieſer Zeit aber ſcheint fuͤr die oberſten Gebietiger des Ordens nicht ohne Lehre voruͤbergegangen zu ſeyn. Das tiefe Schweigen der Geſchichte uͤber Guͤnthers Leben kann zum Beweiſe dienen, wie leer und nuͤchtern die Zeit ſeiner Amtsverwaltung fuͤr den Orden voruͤbergelaufen ſeyn mag. Als nun die Ordensgebietiger zur Wahl eines neuen Meiſters zuſammentraten, ſiel die Stimme aller einmuͤthig auf den Mann, der ſchon ſeit zwanzig Jahren in die wichtigſten Verhaͤltniſſe ſeines Ordens eingegriffen und wo er geſtanden, ſich jeder Zeit Achtung, Anerkennung und Ruhm erworben hatte. Es war jener tapfere, umſichtige und vielerfahrene Ordensritter Poppo von Oſterna. Vor ſeinem Leben war eine große, auch fuͤr den Deutſchen Orden aͤußerſt wichtige Zeit voruͤber⸗ gegangen, feit er vor zwei Jahrzehnden Preuſſen zuerſt ge: ſehen hatte. Von allen, die ihn damals in das Land bes gleitet, ſtand er jetzt faſt nur allein noch da. So kannte er auch die Geſchichte der Zeit, wie kaum ein anderer. Er hatte Preuſſen als Ordensritter kennen gelernt, als da das heid⸗ niſche Leben noch in voller Kraft und Bluͤthe war; er hatte es mehre Jahre auch als Landmeiſter verwaltet und wußte ſomit aus Erfahrung, was es im Kampfe mit den heidniſchen Voͤlkern galt; er kannte Ziel und Richtung und Mittel und Wege; er kannte aber auch wie kein anderer ſeiner Ordens⸗ bruͤder die ganze Stellung ſeines Ordens in der Zeit und die Verhaͤltniſſe, welche die Zeit fuͤr den Orden gegeben hatte. So war es alſo in aller Hinſicht von großer Wichtigkeit, 1) Dusburg c. 69. De Wal Recherches T. II. p. 253. 289. 299. Bachem Chronol. der Hochmeiſt. S. VIII.

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Poppo von Oſterna, Hochmeiſter des Ordens. 53 daß dieſer Mann gerade in dieſen Jahren als Haupt an die Spitze des Ordens erhoben wurde ). Dieſer neue Meiſter nun, der ſchon wegen feiner frühe: ren Verhaͤltniſſe in Preuſſen wohl mehr als irgend einer ſei⸗ ner Ordensbruͤder am Fortgange der Eroberungen im Lande die lebendigſte Theilnahme in ſich trug, bot in Deutſchland allen Eifer auf, um die durch die Kteuzpredigten für die Sache feines Ordens aufgeweckten Kräfte zu vereinigen, zu vermehren und ihnen Richtung und Ordnung zu geben. Und manches wirkte in den Verhaͤltniſſen der Zeit fuͤr ſein Be⸗ ſtreben, den Blick der Fürften und des fehde⸗ und kriegslu⸗ ſtigen Adels auf Preuſſen und auf den verdienſtreichen Kampf mit den Heiden hinzurichten, gerade jetzt beſonders günftig. Seit Friederichs des zweiten Tod ſtand kein Kaiſer oder Kö- nig an der Spitze des Reiches, der große Gedanken verfolgt und an den ſich gerne jeder mit Liebe und Zuneigung ange⸗ ſchloſſen haͤtte, keiner, unter deſſen vaterlaͤndiſchen Fahnen Ruhm und Ehre im Ritterdienſte haͤtten erworben werden koͤnnen. Koͤnig Konrad, Friederichs Sohn, zu welchem noch manchen die alte Liebe zum Hauſe der Hohenſtaufen hinzog, war ſeit dem Jahre 1251 faſt unausgeſetzt in Italien mit Kriegshaͤndeln beſchaͤftigt und keineswegs geeignet, die Her: zen der Deutſchen ungetheilt für feine Sache zu gewinnen. Auch blieb der Papſt Innocenz noch unablaͤſſig bemuͤht, durch Ranke und Drohungen die Zahl der Anhänger des Hohen—⸗ ſtaufiſchen Hauſes zu verringern. Dennoch konnte auch der Gegner dieſes Hauſes, Koͤnig Wilhelm von Holland ſeine Macht noch nicht aller Seits befeſtigen, denn hatte er ſeit kurzem auch das Gluck, feinen Anhang in Deutſchland durch den Hinzutritt der Markgrafen von Brandenburg und von Meißen, des Herzogs von Sachſen, der Fuͤrſten von Anhalt, des Erzbiſchofs von Magdeburg und einiger andern vermehrt 1) Es iſt eben fo wenig bekannt, wo Poppo von Oſterna ſeit ſei⸗ ner Zurückkunft aus Preuſſen im J. 1246 gelebt habe, als wo im J. 1253 ſeine Hochmeiſterwahl erfolgte.

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54 Neuer Kreuzzug nach Preuffen. zu ſehen, fo war dieſes doch nur ein augenblicklicher Gewinn; das Reich war und blieb in ſeinem Innern zerworfen, zer⸗ riſſen und in feindlicher Spaltung; jeder ſtand fuͤr ſich allein; jeder ſtrebte fuͤr ſich allein und jeder freute ſich, von dem ur⸗ alten, blaͤtter⸗ bluͤthen⸗ und fruchtreichen Baume ein Blaͤtt⸗ chen fuͤr ſich nach Hauſe zu tragen!). Wo der Freund des Vaterlandes ſich hinwandte, ſah er nur das troſtloſeſte Ge⸗ treibe der Parteien, ein unſeliges Gewebe von Liſt und Zer⸗ wuͤrfniß, von Raͤnken und Fehden und nirgends vernahm er einen hohen Gedanken, der die Menſchen emporgehoben hätte uͤber die Gemeinheit des Lebens. Um ſo leichter aber drang unter dieſer politiſchen Zerriſſenheit des Reiches und unter ſol⸗ chem Ungluͤcke des Vaterlandes das Wort der Kreuzpredigt in die beſorgte, bange Bruſt; um ſo leichter riß ſich der Ein⸗ zelne los vom väterlichen Boden, der nichts fir Freude und Heiterkeit mehr darbot; um ſo mehr fanden ſich fehdeluſtige Ritter und Kriegsleute fuͤr Belohnungen durch Ruhm und Beute und um ſo leichter ward es auch dem thaͤtig eingrei⸗ fenden Hochmeiſter, die Theilnahme der Fuͤrſten und den Blick der Ritter auf das große und ruͤhmliche Ziel hinzurich⸗ ten, welches für Kirche und Chriſtenthum in den heidniſchen Theilen Preuſſens zu erſtreben war. In der That war keiner eifriger thaͤtig, den Kreuzzug nach Preuſſen ſo bald als moͤglich in Bewegung zu ſetzen, als der Hochmeiſter Poppo von Oſterna, denn er hatte be⸗ ſchloſſen, an der Heerfahrt ſelbſt Theil zu nehmen. Unter den Deutſchen Fuͤrſten, die ſich zu dieſem Zwecke ruͤſteten, war einer der erſten Markgraf Heinrich der Erlauchte von Thuͤringen und Meißen 2) und unter ſeinen Fahnen ſammel⸗ 1) Worte Raumers B. IV. S. 394. 2) Außer Dusburg und den andern Ordens-Chroniſten erwähnt feines Zuges auch Monument. Landgrav. Thuring. ap. Mencken T. II. p. 839. Lucas David B. IV. S. 5 nennt ſtatt Heinrichs des Er⸗ lauchten einen Markgrafen Friedrich von Meißen und „einen Tilemann, Fuͤrſten von Thuͤringen“, welche beide die Geſchichte gar nicht kennt. Er geſteht zwar, daß Dusburg und Jeroſchin dieſer Fuͤrſten nicht ge⸗

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Neuer Kreuzzug nach Preuſſen. 55 ten ſich zahlreiche Schaaren aus feinen eigenen Landen, aus Sachſen und andern Theilen Deutſchlands. An den Hoch⸗ meiſter ſelbſt ſchloß ſich das Kriegsvolk aus Franken und den Rheinlanden an, welches die Predigt des Kreuzes nach Preuſſen rief. Auch Markgraf Otto der Dritte oder der Fromme von Brandenburg, der Urenkel Albrechts des Baͤrs, derſelbe, welcher ſchon in den Jahren 1248 und 1249 in Preuſſen geweſen war, damals den Orden zur Unterwerfung der abtrünnigen Landſchaften unterſtuͤtzt und dann den Frie⸗ den mit den Preuſſen vermittelt, hatte bereits abermals das Kreuz zur Heerfahrt gegen die heidniſchen Preuſſen genom⸗ men; indeſſen verhinderten ihn noch manche Verhaͤltniſſe ſei⸗ nes Landes, in Verbindung mit den andern Heerhaufen den Zug jetzt ſchon anzutreten. Es war um das Ende des Jahres 1253, als der Hoch⸗ meiſter in Begleitung des Markgrafen von Meißen, des Land⸗ meiſters von Preuſſen Dieterichs von Gruͤningen und einer Anzahl anderer Ordensritter an der Spitze eines bedeutenden Kreuzheeres in Preuſſen anlangte 1). Die erſt vor kurzem dachten, aber er hätte auch bekennen follen, daß er feine ganze Nach⸗ richt hierüber aus Simon Grunau Tr. VIII. c. 5. § 1. entnommen habe. Man ſieht jedoch hieraus, wie leicht ſich Lucas David hie und da durch den faſelnden Moͤnch verführen ließ. 1) ueber dieſe fruͤhe Ankunft des Hochmeiſters mit dem Landmei⸗ ſter in Preuſſen ſchweigen zwar alle gedruckten chroniſtiſchen Quellen; deſto klarer aber ſprechen darüber Urkunden. Eine ſolche bei Lucas David B. III. Nr. XVI. S. 30 beweiſet deutlich, daß die beiden Meiſter ſchon am 10ten März 1254 in Elbing waren. Wir werden ferner in einer der naͤchſten Anmerkungen aus dem Inhalte einer Bulle erſehen, daß die Ankunft derſelben ſchon einige Monate vorher erfolgt ſeyn mußte. Dagegen ſtreitet freilich eine Urkunde bei Dogiel T. V. Nr. XXVII. p. 20, durch welche der Hochmeiſter den Landmeiſter Dieterich von Grüningen bevollmächtigt, mit dem Erzbiſchofe von Riga den obwaltenden Streit auszugleichen. Nach ihrem Datum: Bohemiae anno dni Millesimo ducentesimo quinquagesimo quarto in vigilia Exaltationis sanctae Crucis muͤßte ſich der Hochmeiſter am 13ten September 1254 in Böhmen aufgehalten haben. Entweder aber hat es mit dem auffallenden „Bohemiae“ nicht ganz ſeine Richtigkeit,

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56 Neuer Kreuzzug nach Preuſſen. erfolgte Unterwerfung des Volkes der Polexianer unter die Herrſchaft der Herzoge von Polen und Cujavien zog natuͤr⸗ lich zunächft des Meiſters Blick auf die nachbarlichen Graͤnz⸗ gebiete Polexiens, auf den einen Theil der Landſchaft Bar⸗ ten, Groß-Barten genannt, und auf Galindien, beide ſchon einmal durch den Orden bezwungen, ſeit ihrem Abfalle aber noch nicht in den Gehorſam wieder zuruͤckgekehrt!). In der That es war an der Zeit, vor allem dieſe Gebiete unter des Ordens Herrſchaft zuruͤckzubringen, denn nur zu klar zeigte ſich, wie ſehr die Fuͤrſten Polens ſtrebten, dort ihre Graͤnzen immer weiter hinauszuruͤcken, um dorthin immer neues Vor⸗ land und eine neue Vormauer gegen die Anſtuͤrme der raͤu⸗ beriſchen Streifhorden aus Litthauen und Rußland zu gewin⸗ nen. Bereits war Galindiens ſuͤdlichſter Theil wirklich im Beſitze des Herzogs Kaſimir von Cujavien ?). So ſchien es alſo dem Hochmeiſter nothwendig, auf den ſchnellen Wieder⸗ gewinn dieſer bedeutenden Landestheile die ganze Kraft des Kreuzheeres zu richten. Und der Erfolg belohnte. Der Land⸗ meiſter Dieterich fuͤhrte die Schaaren an; ſie fanden ſo we⸗ nig Widerſtand, daß die Geſchichte von keinem einzigen be⸗ deutenden Kampfe mit dem Volke zu erzaͤhlen weiß. Die Landſchaften ergaben ſich in des Ordens Herrſchaft; das Volk gelobte von neuem die Annahme des Chriſtenthums und ſtellte Geißeln zur Sicherung ſeiner Treue. Man war jedoch gegen die nachbarlichen Herzoge viel zu ſcheu und beſorgt ge⸗ worden, als daß man ſich den Beſitz dieſer neuen Eroberun⸗ gen nicht noch auf eine andere Weiſe haͤtte feſt verſichern wollen. Der Landmeiſter Dieterich, die Biſchoͤfe von Pome⸗ ſanien, Kulm und Ermland und einige Edle aus Preuſſen oder der Hochmeiſter muͤßte von Preuſſen aus im Sommer 1254 nach Böhmen gereiſt ſeyn. 1) Es iſt zu Ende des zweiten Bandes S. 615 ſchon erwähnt, daß dieſe beiden Landestheile nicht mit unter denen waren, mit welchen im J. 1249 der Friedensvertrag geſchloſſen wurde. 2) Darüber der Beweis in einer Urkunde des Herzogs von Cuja⸗ vien ſelbſt, die wir bald naͤher berückſichtigen werden.

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Neuer Kreuzzug nach Preuffen. 57 berichteten daher dem Papſte die neue Erwerbung und Be⸗ kehrung der genannten Länder, baten aber zugleich zu ihrer ferneren Erhaltung unter des Ordens Herrſchaft um ſeinen eben ſo nothwendigen als heilſamen Schutz und der Papſt er⸗ ließ fogleich an die drei erwähnten Biſchoͤfe den Befehl, dem Orden in ſeinem Beſitze dieſer Gebiete alle Huͤlfe und allen Rath und Beiſtand zu leiſten und jeglichen, der ihn darin belaͤſtigen und beeinträchtigen werde, ohne alle weitere Ruͤck⸗ ſichten mit dem kirchlichen Banne zu beſtrafen!). So was ren nun auch dieſe Lande der Herrſchaft des Ordens wieder zugeeignet und man regelte und ordnete nun auch hier die 1) Keine einzige chroniſtiſche Quelle ſpricht über dieſe Begebenheit. Nur die erwähnte Bulle giebt darüber einigen Aufſchluß. Es heißt nämlich: Sicut ex relatu dilecti filii fratris Thetrici Preceptoris eius- dem Hospitalis in Alemania et Pruscia necnon ex vestrarum et alio- rum Nobilium de partibus illis serie litterarum accepimus fratres ipsius Hospitalis cum peregrinorum et aliorum fidelium eristi subsi- dio terram, que maior Bartha vulgariter appellatur Warmiens. dio- ces. ac terram nomine Galanda prope positam ad cultum fidei ca- tholice ydoneis de predicta Bartha receptis obsidibus de novo per dei gratiam deduxerunt. Hieraus und aus dem Datum der Bulle: Asisii VI Idus May p. n. an. XI (10 Mai 1254) geht deutlich her⸗ vor, daß das Kreuzheer ſchon mehre Monate zuvor die Unternehmung gegen die beiden Länder ausgefuͤhrt haben und alſo ſchon am Ende des J. 1253 oder wenigſtens zu Anfang des J. 1254 in Preuſſen angekom⸗ men ſeyn mußte. Es iſt ferner aber auch außer Zweifel, daß die Bulle eigentlich gegen die Herzoge von Polen und Cujavien gerichtet war. Der Papſt ſagt: Quia vero dictis fratribus pro terris eisdem salu- briter conservandis nostrum subsidium esse dicitur plurimum opor- tunum, fraternitatem vestram rogamus et hortamur attente per apo- stolica vobis scripta mandantes, quatinus eis ad hoc pro divina et nostra reverencia impendatis consilium, auxilium et favorem, nec permittatis ipsos super illis ab aliquibus indebite molestari. Wer konnten anders die molestatores ſeyn, als die genannten Herzoge, zur mal da ſchon im näcjiten Jahre wirklich Streit mit dem Herzoge von Cujavien wegen eines Theiles von Galindien entſtand? — Das geh. Arch. beſitzt von dieſer Bulle drei Exemplare, Schiebl. III. Nr. 58. 59. 60. Sie ſteht auch in Regest. Innocent. IV An. XI. epist. 776, im Copien-Buche des geh. Arch. Nr. 333.

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58 Neuer Zwiſt mit dem Erzbiſchofe Albert von Riga. Verhaͤltniſſe, wie fie für die neue Geſtalt der Dinge zutraͤg⸗ lich und paſſend ſchienen. Wie fi) hier der Papſt beeiferte, alle Hinderniſſe hin⸗ wegzuraͤumen, welche die Beſtrebungen des Ordens nur ir⸗ gend beſchraͤnken konnten, ſo war er um dieſe Zeit auch wie⸗ derum bemuͤht, die Mißverhaͤltniſſe auszugleichen, welche von neuem zwiſchen dem Orden und dem Erzbifchofe Albert ein: getreten waren. Der Same des neuen Zwiſtes war, wie fruͤher erwaͤhnt, ſchon dadurch ausgeworfen worden, daß der Papſt dem Erzbiſchofe das Biſthum Riga bei deſſen Erledi⸗ gung zugeſprochen hatte. Nun war der bisherige Biſchof von Riga Nicolaus zu Ende des Jahres 1253 geſtorben und das dortige Domcapitel nebſt den Biſchoͤfen der dortigen Lande erwaͤhlte den Erzbiſchof Albert zum Biſchof der Rigaiſchen Kirche. Dem Biſthum Luͤbeck, welchem er bisher immer noch vorgeſtanden, hatte er entſagt und ſchon im Anfange des Jahres 1254 nahm er ſeinen Aufenthalt in Livland, wahr⸗ ſcheinlich ſogleich zu Riga n). Seit einiger Zeit hatte ihm der Papſt auch wieder die Ausuͤbung der Legatengewalt uͤber Preuſſen, Livland und Eſthland zugeſtanden. Allein in Preuſ⸗ ſen traten ihm bei ſeinen Anordnungen im kirchlichen Weſen und bei der Ausuͤbung ſeiner Legatenrechte in den von den Paͤpſten verliehenen Freiheiten und Vorrechten des Ordens und ſelbſt auch in der eigenthuͤmlichen Stellung der Landes⸗ biſchoͤfe zu dem Orden nicht ſelten Schwierigkeiten und Hem⸗ mungen entgegen, die ſeine ganze Thaͤtigkeit behinderten und ſeinen Bemuͤhungen allen Erfolg benahmen. Das meldete er dem Papſte, leiſtete ſelbſt Verzicht auf feine Legatenwuͤrde, ſo weit ſie Preuſſen betraf und legte ihm den Wunſch vor, fie forthin nur noch über Livland, Eſthland oder Ruß⸗ 1) Am 4. Maͤrz 1254 ſchreibt ſchon der Papſt: Cum Venerabilis frater noster Archiepiscopus Pruscie, cui Episcopatun Lubicen. pro sui sustentatione iam dudum commendavimus, in loco idoneo ubi et residere, ac de proventibus Archiepiscopalibus commode sustentari posset erexerit, sicut accepimus, sedem suam — etc.

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Neuer Zwiſt mit dem Erzbiſchofe Albert von Riga. 59 land 1) behalten zu duͤrfen. Innocenz genehmigte ſolches; um aber ferneren Reibungen zwiſchen dem Orden und dem Erzbiſchofe vorzubeugen, erließ er an den letztern in einer beſondern Bulle den Befehl, daß er hinfüͤro in den Laͤndern des Or⸗ dens nichts unternehmen und verfügen ſolle, was nur irgend gegen den Willen der Ordensritter ſtreite, denn zum voraus erkläre er alles, was ſolcher Art ſey, für nichtig und ungül⸗ tig ). Sonach hatte der Erzbiſchof als paͤpſtlicher Legat in Beziehung auf den Orden faſt alle ſeine Macht verloren und der Papſt ſchien alles gethan zu haben, um allen Mißhellig⸗ keiten im voraus zu begegnen. Und dennoch wucherte jener Same der Zwietracht und des Haders im Stillen fort und nur zu bald eroͤffnete ſich eine neue Quelle bitterer Feind⸗ ſchaft. Albert trat naͤmlich ſchon im April des Jahres 1254 als Erzbiſchof von Riga auf?) und als ſolcher kam er in 1) Warum der Papſt auch gerne ſelbſt Rußland noch in den Kreis zog, iſt in Karamſin B. IV. S. 55 — 56 nachzuleſen. 2) Regest. Innocent. IV. an. XI. epist. 415, im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 90. Die Bulle wurde ſpaͤterhin von Alexander IV im J. 1258 erneuert und nur in dieſer Erneuerung befindet fie ſich im Ori⸗ ginal im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 68. Die Bulle Innocenz IV iſt in dieſe vollſtändig aufgenommen und in mancher Hinſicht merkwürdig. Wir erfahren durch ſie, daß der Erzbiſchof am paͤpſtlichen Hofe auf feine Legatenwuͤrde über Preuſſen freiwillig verzichtet. Der Papſt ſagt: Tu tandem videns, quod in Pruscie partibus ex labore tuo circa lega- tionem hniusmodi speratus fructus non poterat provenire, ipsi legationi quantum in te fuit renuntians, revocationis .... litteras a sede pre- dicta sicut asseris recepisti. Dann trägt er ihm das Amt eines Le⸗ gaten auch ferner auf quoad Livoniam, Estoniam vel Rusciam, Pru- scha penitus excepta, deum habendo pre oculis prudenter ac lauda- biliter exercere; fügt aber hinzu: ita tamen quod de dilectis filiis. Magistro et fratribus Hospitalis S. M. Th. in Livonia seu Pruscia et Curonia vel Estonia constitutis ac de hiis que pertinent ad eosdem te ipsis invitis seu renitentibus nullatenus intronüttas. Quod si con- tra feceris illud ex nunc irritun esse volumus et inane. Datirt iſt die Bulle: Lateran. VI Idus Marcii p. n. an. XI (10 Märg 1254.) 3) Dogiel. T. v. Nr. XXVI. p. 19, wo er ſich in der im April ausgeſtellten Urkunde ſchon Albertus miseratione divina Archiepisco- pus Livoniae, Esthoniae et Prutiue ac Higensis ecclesige nennt.

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60 Neuer Zwiſt mit dem Erzbiſchofe Albert von Riga. eine ganz neue Stellung zu dem Orden in Livland, denn ſeine bisher bloß kirchliche Wuͤrde erhielt nun durch den Beſitz des Biſthums Riga eine foͤrmliche feſte Unterlage und die Verhaͤltniſſe des bisherigen Biſchofs von Riga zu dem Ritter⸗ orden in Livland gingen nunmehr auf ihn auch als Erzbiſchof uͤber. Die Theilung des Landes Semgallen, welches Inno⸗ cenz im Jahre 1251 mit dem Biſthum Riga vereinigt hatte !), mit dem noch jetzt in Livland ſich aufhaltenden Deutſchmei⸗ ſter Eberhard von Sayn — das Erſte, was Albert als Erz⸗ biſchof von Riga vornahm — ging friedlich voruͤber ?), denn hieruͤber hatte ſich der Papſt ſchon ganz beſtimmt ausgeſpro⸗ chen. Darauf aber erhob ſich ſogleich ein heftiger Streit uͤber das unterwuͤrfige Verhaͤltniß, in welchem der Orden in Liv⸗ land gegen den Biſchof von Riga ſchon ſeit alten Zeiten und namentlich auch noch bei ſeiner Vereinigung mit dem Deut⸗ ſchen Orden geblieben war). Der Erzbiſchof verlangte nun von den Ordensrittern die Leiſtung eines Gehorſams und eine Untergebenheit, in welche ſich dieſe auf keine Weiſe fuͤgen wollten. Es ward lange daruͤber geſtritten, immer aber ohne Erſolg. Da beſchloß man die Entſcheidung dem Papſte an⸗ heimzuſtellen und der Erzbiſchof, begleitet von dem Biſchofe Heinrich von Oeſel, und Dieterich von Gruͤningen mit einer Vollmacht des Hochmeiſters verſehen, traten zu Ende des Jahres 1254 die Reiſe an den paͤpſtlichen Hof an. Zu Sens trafen beide Parteien zuſammen. Es kam zu Unterhandlun⸗ gen und man vereinigte ſich bald gegenſeitig dahin, daß Die⸗ terich von Gruͤningen in des Meiſters von Livland Namen dem Erzbiſchofe und den beiden Biſchoͤfen von Oeſel und Dorpat den in fruͤheren daruͤber abgefaßten Schriften be⸗ ſtimmten Gehorſam oͤffentlich im Kapitel der Predigerbruͤder zu Sens geloben, der Meifter und die Ordensritter von Liv⸗ land den genannten Praͤlaten in geiſtlichen und weltlichen 1) urkunde im geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 14. 2) Dogiel. T. V. Nr. XXVI und die päpftliche Beſtätigung Nr. XXVII. 3) Vgl. B. II. S. 345.

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Neuer Zwiſt mit dem Erzbiſchofe Albert von Riga. 61 Dingen alles leiſten ſollten, was in den Freiheitsbriefen daruͤ⸗ ber beſtimmt ſey. Sobald indeſſen der Meiſter von Livland oder ſein Nachfolger dem Erzbiſchofe den Gehorſam ſelbſt an⸗ gelobt habe, ſolle Dieterich feines Geloͤbniſſes entbunden ſeyn. Endlich verſprach auch dieſer, daß der Hochmeiſter durch Briefe und Boten dem Livlaͤndiſchen Meiſter dieſes alles mit Nach⸗ druck anbefehlen ſolle, damit die Ordensritter den Biſchoͤfen in Betreff ihrer einzelnen Klagen Genugthuung leiſten ſoll⸗ ten. So ward am zwoͤlften December 1254 der Streit zwi⸗ ſchen der Livlaͤndiſchen hohen Geiſtlichkeit und dem Orden wieder ausgeglichen und es ſchien abermals alles beſeitigt, was neuen Zwiſt erregen konnte !). Der naͤchſte Erfolg die⸗ ſer Beilegung des bisherigen Streites war, daß ſich der Erz⸗ biſchof vom Papſte eine Urkunde ausfertigen ließ, worin die⸗ ſer die Kirche zu Riga mit allen ihren namentlich aufgezeich⸗ neten Beſitzungen in den Schutz des Apoſtels Petrus nahm, ihr ausdruͤcklich die Biſthuͤmer von Oeſel, Dorpat, Wier⸗ land, Kurland, Kulm, Ermland, Pomeſanien, Samland, Rußland und Warſchau untergab, dem Erzbiſchofe alle ſeine erzbiſchoͤflichen Rechte und Freiheiten genau beſtimmte und auf jede Weiſe die Stellung aufs beſtimmteſte zu bezeichnen ſuchte, welche der Erzbiſchof von nun an ſowohl gegen die Geiſt⸗ lichkeit dieſer Länder, als gegen den Orden einnehmen ſollte 2). Je mehr aber ſolche und ähnliche Verhaͤltniſſe ausge: glichen und Hinderniſſe beſeitigt wurden, um fo gegrünbeter 1) Die hierüber abgefaßte Urkunde bei Dog iel. T. V. Nr. XXVIII. P. 20, iſt datirt: In Civitate Senonensi an. dni 1254 in vigilia bea- tae Virginis Luciae. Ohne Zweifel ift der Abdruck fehlerhaft und des⸗ halb Einzelnes auch unverſtaͤndlich. Aber auch außerdem hat die Sache noch ihre Dunkelheiten. Warum kamen die Parteien gerade in Sens zuſammen, da doch der Papſt um dieſe Zeit in Neapel war, wo er im Anfange des Decembers ſtarb? — Vergl. Bray Essai critique T. I. p. 182. 2) Regest. Alexandr. IV. An. I. epist. 291. p. 43, im Copien⸗ Buche des geh. Arch. Nr. 334. Das Datum dieſer wichtigen Bulle iſt: Neapoli II Calend. April. Indict. XIII. An. M. CC. LV. pont. domini Alexand. IV anno I.

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62 Vorbereitungen zu Samlands Eroberung. war die Hoffnung zum Gelingen der ferneren Beſtrebungen des Ordens. Da man von den ſuͤdlichen Nachbarlanden her Ruhe und Friede genoß, da Herzog Suantepolc in ſeiner friedlichen Geſinnung ſich auch jetzt noch getreu blieb und fein Bruder Sambor für eine Guͤterſchenkung auf der Inſel Zantir, womit ihn der Hochmeiſter und Dieterich von Gruͤ⸗ ningen erfreuten, dem Orden neue Zuſicherungen ſeiner Ergebenheit und Treue ertheilte !), ſo durfte nun auch der Gedanke an Samlands Eroberung bei den Ordensgebietigern wieder lebendiger erwachen, und wirklich war bereits im Maͤrz des Jahres 1254 der edle Ordensritter Burchard von Horn⸗ hauſen, „ein Kaͤmpfe tugendlicher Art,“ 2) zum kuͤnftigen Komthur dieſes Landes ernannt). Man war daher auch ſchon bemuͤht, einige der vornehmſten Samlaͤnder noch vor dem Angriffe des Landes zu gewinnen, um durch ſie des Volkes Geſinnung, die innere Beſchaffenheit des Samlaͤndi⸗ ſchen Gebietes zu erforſchen und durch ihr Anſehen und Ge⸗ wicht vielleicht auch auf die Bewohner der Landſchaft guͤnſtig einzuwirken. Man lockte ſie durch mancherlei ausgezeichnete Beguͤnſtigungen. Einer der erſten, welche in ſolcher Weiſe in das Intereſſe des Ordens gezogen wurden, war der Sam⸗ 1) Die Urkunde im Lucas David B. III. Nr. XVI. S. 30. Der Herzog verſprach unter andern auch: ordini eorundem (fratrum) singulis annis duos clipeos albos cum Cruce signatos, quibus iidem fratres uti dinoscuntur. 2) So nennt ihn Alnpeck Reim=Chron. ©. 52. 8) In der oben erwähnten Urkunde kommt ſchon Borchardus Sam- bie commendator vor. Dadurch wird zugleich die Angabe, welche Baczko in d. Annalen des Koͤnigr. Preuſſ. Jahrg. 1793 H. U. S. 128 — 129 mittheilt, widerlegt, daß Burchard erſt mit dem Könige von Boͤhmen nach Preuſſen gekommen, in den Orden aufgenommen und dann zum Komthur von Koͤnigsberg ernannt worden ſey. Wahrſcheinlich war Burchard aus der Gegend von Dortmund und Hörter gebuͤrtig und aus der graͤflichen Familie von Horhuſen, wie ſie ſich im 12ten Jahr⸗ hundert ſchrieb. S. Wig and Geſchichte von Corvey B. I. Abth. II. S. 73, Scheidi Orig. Guelf. T. III. p. 511.

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Vorbereitungen zu Samlands Eroberung. 63 laͤndiſche Edle Ponate, dem durch den Landmeiſter anſehn⸗ liche Beſitzungen zugewieſen wurden !). So wuͤrde nun gewiß Samlands Eroberung noch im Laufe dieſes Jahres erfolgt oder doch verſucht worden ſeyn, wenn nicht folgender Umſtand die Unternehmung verzögert hätte. Schon im Frühling des Jahres erſchien in Preuſſen der Biſchof Bruno von Olmuͤtz, feiner Geburt ein Graf von Schaumburg, ein nicht weniger durch Klugheit, Gewandt⸗ heit und Erfahrung in Weltgeſchaͤften, als durch koͤrperliche Schönheit und Wuͤrde ausgezeichneter Praͤlat?). Er kam im Auftrage ſeines Herrn, des Koͤniges Ottokar von Boͤhmen, als Geſandter an den Hochmeiſter und die Gebietiger, ſie zu benachrichtigen, daß der Koͤnig zu einer Heerfahrt nach Preuſ⸗ fen das Kreuz genommen habe und im nächften Winter fein Geluͤbde erfüllen wolle. Außerdem brachte der Biſchof auch ein Sendſchreiben des Koͤniges an das Samlaͤndiſche Volk, worin er dieſes aufforderte, ſich in friedlicher Ergebung dem chriſtlichen Glauben zuzuwenden und die Herrſchaft des Deut⸗ ſchen Ordens anzuerkennen. „Wir fuͤhlen uns berufen,“ ſchrieb unter andern der ſtolze Koͤnig an Samlands Volk, „euch ins⸗ geſammt zur Theilnahme an dem Ruhme der chriſtlichen Er⸗ löͤſung aufzufordern und zu ermuntern, auf daß in euch der Eifer erwache, euch die Lehre des Chriſtenthums zuzueignen und die heilige Taufe im Namen Jeſu Chriſti des Erloͤſers zu empfangen. Um das Heil euerer Seelen zu gewinnen, find wir entſchloſſen, im kuͤnftigen Winter nach euerem Lande zu kommen und für euer Heil zu ſorgen. Darum ſenden wir den ehrwuͤrdigen Vater, den Biſchof Bruno, zu euch voraus, in deſſen Willen ihr euch fuͤgen koͤnnet, dieweil wir ihn mit 1) Wir beſitzen dieſe Verleihung, eine der älteften über Samlaͤn⸗ diſches Gebiet, nicht mehr im Original, ſondern nur in der Erneue⸗ rung durch den Landmeiſter Konrad von Thierberg im J. 1278; es wird aber in mehren Abſchriften wiederholt, daß Ponate ſeine Beſitzun⸗ 25 in Samland ſchon im J. 1254 vom Orden zugeſprochen erhalten abe. 2) Freer Scriptor. rer. Bohem. de episcop- Olomucens. P. 282.

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64 Vorbereitungen zu Samlands Eroberung. der Ausführung alles deſſen beauftragt haben, was euerer Wohlfahrt frommt. Er hat zugleich auch Vollmacht, euch, wenn ihr Gewißheit uͤber euer Verſprechen gegeben, mit den geachteten und in Chriſto geliebten Bruͤdern des Deutſchen Hauſes in guͤtlicher Weiſe zu dem hinzuleiten, was zur Ein⸗ tracht fuͤhret.“ — So hatte alfo der Biſchof Bruno zwei verbundene Ziele zu erreichen: Samlands Volk durch Ueber⸗ redung zur Taufe zu fuͤhren und Friede zwiſchen ihm und dem Deutſchen Orden zu bewirken !). Wir find zwar nicht unterrichtet, auf welche Weiſe und wie weit Bruno dieſen Zielen nachgegangen ſey; gewiß aber iſt, daß ſeine Sendung dieſen naͤchſten Zweck verfehlte. Auf dieſe Nachricht beſchloß der Hochmeiſter, Samlands Eroberung bis zu des Koͤniges Ankunft aufzuſchieben?) und zwar um ſo mehr, da man in Preuſſen und Livland gegen einen Einfall des Tartaren⸗Volkes gar nicht ficher, vielmehr die Beſorgniß deshalb ſo allgemein und groß war, daß der Papſt der hohen Geiſtlichkeit in Deutſchland und in Preuſ⸗ fen, Livland und Eſthland den Befehl ertheilte, gegen jenes gefährlich drohende Volk von neuem das Kreuz zu predigen ). Aber auf jegliches Mittel bedacht, die Bezwingung der noch 1) Wir erhalten dieſe Nachricht im Anzeige⸗Blatt für Wiſſenſchaft und Kunſt zu den Wiener Jahrbuͤchern Jahrg. 1823. Nro XXII. S. 44 — 46, wo aus einer alten Handſchrift dieſer Brief unter der Ueber⸗ ſchrift: Persuasio ut aliquis se baptizari sinat mitgetheilt iſt. In gegenwaͤrtiger Geſtalt iſt der Brief an vielen Stellen durch die Schuld nachlaͤſſiger oder unwiſſender Abſchreiber fo verdorben, daß der Sinn kaum noch zu errathen iſt. 2) Nimmt man das Datum in der ſchon erwaͤhnten Urkunde bei Dogiel T. V. p. 20 als richtig an, fo begab ſich der Hochmeiſter im Sommer des Jahres 1254 in Begleitung Dieterichs von Gruͤningen nach Boͤhmen, vielleicht um die Heerfahrt des Koͤniges mit Eifer zu beſchleunigen. Von da wuͤrde dann Dieterich nach Sens gereiſt ſeyn, wo wir ihn in der Mitte des Septembers finden. 3) Die Bulle hierüber in Regest. Innocent. IV. An. XI. epist. 665, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nro 331. Sie iſt datirt: Assissii XIV Calend. Junii an. XI.

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Vorbereitungen zu Samlands Eroberung. 65 heidniſchen Landschaften zu erleichtern, war der Meiſter vorzüglich bemüht, fo viel als möglich die Verbindung zwiſchen Samland und den andern noͤrdlichen Gebieten zu verhindern und zugleich auch alle Handelsgemeinſchaft mit den Heiden aufzuheben. Am verderblichſten konnte bei dem Unternehmen zur Er⸗ oberung Samlands die Verbindung der Samlaͤnder mit den aus uralter Zeit her ſtammverwandten Samaiten !) werden. Die Lage des Landes Samaiten gegen Samland bot einen zwieſachen Weg zur Beihuͤlfe des Samaitiſchen Volkes fuͤr die Bewohner des letztern Landes dar: zuerſt den Weg uber den Memel⸗Strom durch Schalauen und Nadrauen; dann aber auch den Weg uͤber die Nehring zwiſchen der offenen See und dem Kuriſchen Haff. Dieſer letztere war inſofern offenbar der gefaͤhrlichſte fuͤr den Orden in ſeiner Herrſchaft auf Samland, weil hier die Ankunft eines feindlichen Heeres am wenigſten bemerkbar war und weil ein Feind von daher kommend der Streitmacht des Ordens leicht in den Ruͤcken fallen und dieſe ſomit unvermerkt in die Mitte zweier Feinde bringen konnte. Das Samaitiſche Volk aber, in dieſen Zei⸗ ten auch nicht ſelten noch mit dem allgemeineren Namen von Litthaueren bezeichnet ?), war im Kriege noch fehr furchtbar. 1) Die weite Ausdehnung der Wohnſitze der Aeſtier in alter Zeit und die Groͤße, welche fruͤher dem Lande der Samen zugeſchrieben wird, beſonders bei den Skandinaviſchen Chroniſten, laſſen ſchon von ſelbſt auf eine weite Ausdehnung des Samiſchen Volkes ſchließen. Auf eine Verwandtſchaft der Samländer, Samaiten und Semgallen weiſen aber außerdem auch Name, Sitte, Verfaſſung und Religion hin. Von die⸗ ſen letzteren hier weiter zu ſprechen, iſt nicht der geeignete Ort; der Name der Samen aber geht auch durch die beiden Benennungen Sa⸗ maiten und Semgallen durch, denn Semgallen iſt aus Semme und Gals, Galas, d. h. das Aeußerſte, Ende, die Graͤnze, zuſammengeſetzt, ebenſo wie Widsemme, das Withland oder Widenland ſ. v. a. Gothen⸗ land, als Name des Lettlandes, welchen Namen man gewiß unrichtig durch Mittelland erklärt. 2) Alnpeck ſagt dieſes öfter ausdruͤcklich. S. 138 heißt es z. B. Von Sameiten ein her gerant Die ſint auch lettowen genannt. III. 5

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66 Vorbereitungen zu Samlands Eroberung. Könige oder ſ. g. Reiks, die an feiner Spitze ſtanden, gaben ihm eine feſte Einheit. Im Kriege waren ſie die Fuͤhrer nr Neben ihnen erweckten außerdem die kriegeriſchen Zeiten und die Gefahren des Vaterlandes auch andere kuͤhne Kriegshel⸗ den. So ſtand in dieſen Tagen der kecke Krieger Aleman bei allen in großem Anſehen ?). Zudem war das ganze Volk jetzt mehr als je zu Krieg und Raub geneigt ), feit es ſah, daß das Joch des Deutſchen Ordens, nachdem er Kurland, das Nachbarland, ſchon bezwungen und Samland zu erobern ſchon Verſuche gemacht hatte, auch einſt noch auf ſeinen Nak⸗ ken geworfen werden ſolle. Daher in ihm der allgemeine Zorn und die tiefe Erbitterung, wenn es vernahm, daß wie⸗ der eins der nachbarlichen Völker dem alten Glauben abge: ſagt und ſich dem Chriſtenthum ergeben habe ). Und feit nun dieſe Gefahr dem Lande immer naͤher drohete, durfte der Fuͤrſt nur zu den Waffen rufen, um jeder Zeit ein kampf⸗ S. 156: Ein her von ſameiten lant Die auch lettowen ſint genant. 1) Als ſolche lernen wir ſpaͤterhin Butegeyde und Nameyxe kennen. Auch Alnpeck S. 55 erwähnt „der kunige von ſameiten.“ So hieß fruͤher auch das Oberhaupt der Semgallen Koͤnig, und Alnpeck S. 29 nennt uns noch den Koͤnig Veſter von Semgallen. 2) Alnpeck S. 37: Zu ſameiten was ein man Bie der zit hies aleman Der was ein vil vromer helt Von ſameiten us erwelt. 3) „Sie hatten riſcher manne vil“ ſagt von ihnen Alnpeck S. 55, 4) Gewiß war es die allgemeine Stimmung des Volkes, wenn Alnpeck S. 46 vom Samaitiſchen Kriegshelden Aleman ſagt: Der truc in ſinem hertzen Bitterlichen ſchmerzen Und dar zu groſen has Ich will uͤch ſagen durch was Das der kunic myndowe Und manich lettowe Criſten waren worden Und der heiden orden Hatten zu ruͤcke geleit.

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Aufbau der Memelburg. 67 bereites Heer dem Feinde gegenuber zu ſtellen. Maͤchtig wirk⸗ ten auf dieſe Stimmung auch die Landesprieſter ein. Wollte ein Heer in Feindes Land ausziehen, ſo erweckte man zuvor den kriegeriſchen Muth durch ein großes Trinkgelag, wobei die Könige und die Aelteſten das Kriegövolf zum Streit und zu Raub und Pluͤnderung ermahnten. Dann trat der Opfer⸗ prieſter!) auf und warf nach alter Sitte das wahrſagende Loos; hierauf ſchlachtete er ein junges Rind, beſprengte mit deſſen Blut das ganze Heer und ſprach: „Seyd wohlgemuth, ihr Samaiten! Begegne euch Freude oder Leid auf dieſem Kriegszuge: ihr werdet immer ſo bewahrt bleiben, daß ihr den Sieg behaltet)!“ So zog das Heer dann aus und kaͤmpfte meiſt mit aͤußerſt tapferem Muthe bald zu Fuß, bald zu Roß. Wo es zur Belagerung vor einer Burg erſchien, ward die Gegend weit umher durch ſeinen Raub verheert und Strauchhuͤtten dienten ihm ſtatt der Zelte, es mochte Winter oder Sommer ſeyn ?). Dieſes Volk nun war den Samlaͤndern auch jetzt noch befreundet und es durfte ſicher erwartet werden, daß es ih⸗ nen zu Huͤlfe eilen werde, ſobald der Orden ſie mit Krieg heimſuche. Dieſe Verbindung beider Voͤlker zu hindern, war die Aufgabe des Hochmeiſters und er loͤſte ſie auf folgende Weiſe. Die Wichtigkeit des Ortes, wo in damaliger Zeit die Memel und die Dange zuſammenſtroͤmten und vereint ſich dann in das Kuriſche Haff oder wahrſcheinlicher unmittelbar in die offene See ergoſſen “), hatte man ſchon früh erkannt; 1) „Ir blutekirl“ (Blutkerl) nennt ihn Alnpeck. 2) So bei Alnpeck S. 55 — 66. 3) Alnpeck S. 138. 4) Nach allen Nachrichten, die man im 13ten Jahrhundert uͤber den weſtlichen Theil des Memel⸗Stromes hat, muß ſeine Richtung in den öftlichen Gegenden des Kuriſchen Haffes damals eine ganz andere geweſen ſeyn. Urkunden aus dieſer Zeit bringen beſtaͤndig in der Ge: gend, wo jetzt Memel liegt, den Fluß Memel mit der noͤrdlich herab kommenden Dange in enge Verbindung. In den Urkunden uͤber den Aufbau von Memel wird beſtimmt geſagt, daß die Burg und Stadt 5 *

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68 Aufbau der Memelburg. ja es ſcheint, man hatte fie ſogleich erkennen muͤſſen, als der Livlaͤndiſche Orden ſich mit den Ordensrittern in Preuſſen vereinigte. Ohne Zweifel war deshalb bald nachher dort auch eine Burg erbaut worden, um in ſolcher Weiſe die den Or⸗ Memel erbaut werden ſolle in loco, ubi fluvil scilicet Memala et Danga confluunt. Nachdem das Castrum inter Mimelam et Dangam erbaut iſt, werden auch der Stadt Memel beſtimmte Stadtgraͤnzen an⸗ gewieſen und zwar a loco, ubi Danga et Mimela confluunt et se ex- tendunt per ascensum Mimele usque ad rivum de Sarde et per ascensum eiusdem rivi usque ad silvam vicinam et descendunt secus eandem silvam usque prope Dangam. Dieſe Beftimmungen weiſen alle darauf hin, daß die Memel und die Dange damals in naher Berührung ſtanden. Die Burg Memel wurde in den Winkel gebaut, den die Me⸗ mel und die Dange bei ihrem Zuſammenfluſſe bildeten; daher heißt es von einem Theile der Burg, er liege vieinior Mimele et Dange und von einem andern, attingit usque ad Mimelam und ein dritter Theil se extendit iuxta Dangam. Faßt man dieſe Ortsbeſtimmungen zuſam⸗ men, fo iſt kein Zweifel, daß der Memel⸗Fluß in damaliger Zeit weit noͤrdlicher muͤndete, indem er ſich mit der Dange zuerſt vereinigte und da, wo jetzt Memel liegt, in die See ging. Er muß alſo noch in der Mitte des 13ten Jahrh. in der Gegend von Heidekrug an feinen Lauf nördlich gehabt haben und durch die fortlaufenden Bruchgegenden im öftlichen Uferlande des Haffes bis nach der Gegend hin gegangen ſeyn, wo er ſich mit der Dange vereinigen konnte. In dieſem Falle aber muͤßte die Memel die von Norden herabkommende Minge an irgend einem Punkte in ſich aufgenommen haben, wenn ſich ihre Gewaͤſſer nicht kreu⸗ zen ſollten. Daß dieſe Zuſammenſtroͤmung aber wirklich auch Statt fand, erſehen wir aus einer Urkunde vom J. 1253, worin der Biſchof von Kurland und der Orden eine Theilung des noch unbebauten Lan⸗ des vornehmen. Hier wird nämlich auch der Gegend um Garsden an der Minge gedacht; es heißt: zum zweiten Theile ſolle auch gehören Garde ad mauum sinistram et excepta silva, que ab eadem via (ad Sarde) se ad latus dexirum extendit usque ad locum ubi Menia et Memela confluunt, que remaneret indivisa. Da die Urkunde in Gol⸗ dingen abgefaßt ift, fo ift die rechte Seite von Garsden aus die Ge⸗ gend zunächſt im Oſten des Kuriſchen Haffes oder weſtwaͤrts von Gare: den, und dort wäre der Punkt geweſen, wo die Minge (Minia) ſich mit der Memel vereinigte. Nur darf jenes Garsden mit dem ſuͤdlicher lie⸗ genden Garden (Gordom) nicht verwechſelt werden. Uebrigens bezeugt auch dieſe Urkunde eine Vereinigung der Memel und der Dange.

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Aufbau der Memelburg. 69 densrittern in Preuſſen wie in Livland gleich gefahrvolle und verderbliche Gemeinſchaft der Samlaͤnder mit den nordoͤſtlichen Heidenvoͤlkern, namentlich auch mit den Samaiten und Lit⸗ thauern zu hindern. Sie hieß die Memelburg N. Allein die Erfahrung der Zeit bewies nur zu bald, daß ſie ihren Zweck keineswegs erfüllte. Die Samlaͤnder hatten ſich dennoch mit den Litthauern verbunden, die Burg lange Zeit belagert, um ſie zu erobern und niederzuwerfen, und wenn ihnen dieſes auch nicht gelungen war 2), fo war doch anerkannt, daß die Burg durch ihre Lage und Beſchaffenheit keineswegs geeignet ſeyn konnte, die Völker von ferneren Verſuchen zuruͤckzuhal⸗ ten. Und gewiß war zu befuͤrchten, daß ſolche Verſuche zur Vernichtung der hemmenden Wehrfeſte um ſo eher und nach⸗ druͤcklicher wieder würden gewagt werden, je mehr durch fie die Schiffahrt und der Handel auf dem Memel-Strome, durch welche den heidniſchen Voͤlkern bisher Waffen, Salz und mancherlei Lebensmittel zugefuͤhrt worden waren, ſeitdem geſtört und faſt unmoͤglich wurden ). Dieſe Stoͤrung des 1) Von dieſer Burg, die alte Burg oder die Memelburg genannt, iſt in den Urkunden über den Aufbau von Memel öfter die Rede. Zum Unterſchied der nun zu erbauenden Burg wird ſie immer Castrum primitus edificatum oder Castrum Mimelburg primitus edificatum genannt. Sie muß ganz nahe an der See und in der Naͤhe der jetzigen Stadt Me⸗ mel gelegen haben, denn es wird in Urkunden einer area erwaͤhnt in eminenciori et arciori loco inter Dangam et Mimelam versus mare non longe a Castro primitus edificato, und eine Stadtgränze ſoll an⸗ fangen ab extremo fossato Castri primitus edificati. 2) Von dieſer Belagerung der alten Memelburg durch die Sam⸗ länder und Litthauer hören wir nur beiläufig in einer Theilungs⸗Ur⸗ kunde vom Jahre 1253, wo es in der Grängbeftimmung der Stadt Mes mel heißt: Civitatem duximus limitandam communi consilio et con sensu ab extremo fossato Castri primitus edificati secus Mimelam et Dangam usque ad finem Castrorum exercitus Lettowiorum et Sam- bitarum, que fixerunt in obsidione Castri primitus edificati. 3) Dieſes Handels auf der Dange und Memel wird in Urkunden öfter erwähnt. So heißt es in einer vom J. 1253: Si plures pontes in Danga construi contigerit, tam idem pons quam alii sie construentur, ut naves ascendentes vel descendentes minime impediantur. Vom Handel *

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70 Aufbau der Memelburg. Handels mit den nahen heidniſchen Voͤlkern war aber gerade ein zweiter wichtiger Geſichtspunkt, den der Orden bei der Errichtung der Burg gefaßt hatte. Mit der ganzen Wichtig⸗ keit der Sache bekannt, hatte daher der Hochmeiſter Poppo von Oſterna ſchon im Jahre 1251 ſeinem Statthalter in die⸗ ſen Landen, dem Deutſchmeiſter Eberhard von Sayn, den Auftrag ertheilt, bei ſeiner Ankunft im Norden ſoſort die noͤ⸗ thigen Einleitungen zu treffen, ſowohl zum Aufbau einer neuen, zweckmaͤßiger gelegenen Burg, als zur Gruͤndung einer Stadt unter ihren Mauern. Und kaum war dieſer im Som⸗ mer des Jahres 1252 dort angekommen, als er mit dem Biſchof Heinrich von Kurland 1), zu deſſen Kirchenſprengel die Gegend von Memelburg gehoͤrte 2), in nähere Unterhand⸗ lung trat. Am neunundzwanzigſten Juli ward der Bau beſchloſſen. Der Biſchof verſprach, den Aufbau der neuen Feſte zwiſchen der Memel und der Dange auf fuͤnf Jahre lang mit dem Zins von fuͤnfhundert Haken Landes, von je⸗ dem Haken zwei Loponen ), zu unterſtuͤtzen. Der Orden mit den Heiden auf der Memel iſt in einer von uns bald näher zu be⸗ ruͤhrenden Urkunde die Rede. 1) Dieſer Biſchof, Heinrich von Luͤtzelburg, (Urban IV nennt ihn in einer Bulle H. de Luxemburg) war erſt ſeit kurzem zur bifchöflichen Wuͤrde in Curland gelangt. Zuvor war er Biſchof in Semgallen, von wo ihn aber der Papſt bei der Vereinigung Semgallens mit dem Biſthum Riga nach Kurland verſetzte. 2) Die Graͤnze zwiſchen Preuſſen und Kurland war hier uͤberhaupt ſehr unbeſtimmt; doch lief das Kurlaͤndiſche Gebiet damals weit mehr ſuͤdlich herab, als jetzt. Memel gehoͤrte noch offenbar zu Kurland. Im Ganzen ſah man freilich damals Kurland auch fuͤr einen Theil von Preuſſen an. So erklart z. B. der paͤpſtl. Legat Wilhelm von Modena in einer Urkunde vom J. 1245 (geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 11) Cu- ronia seu Curlandia cum sit pars Prucie etc.; und in einer andern Stelle: Cum notum sit nobis et omni homini terrarum illarum noti- ciam habenti, quod Curonia sen Curlandia inter regiones Prucie totaliter computatur. Eben fo in einer Bulle Innocenz IV in Regest. Innocent. IV. an. II. epist. 295. 3) Lopones wahrſcheinlich i. J. lottoni vel letones. Adelung Glos- sur. man.: Leto metallum ex cupro et cadmia compositum.

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Aufbau der Memelburg. 71 follte in dieſer Zeit auch den Nießbrauch einer Anzahl Laͤn⸗ dereien in der Umgegend zum Behufe der Baumaterialien er⸗ halten und nach Ablauf der fünf Jahre zwei Theile biefer Laͤndergebiete für ſich nehmen, den dritten aber dem Biſchofe abtreten. Im erſten Jahre ſollte die Burg gemeinſam durch die Leute des Biſchofs und des Ordens erbaut werden; für die nachfolgenden vier Jahre übernahm der Orden die Erhal⸗ tung und Bewahrung derſelben auf ſeine eigene Koſten. Mit dem Ablaufe des erſten Jahres ſollte jedoch die Burg getheilt und ein Drittel durchs Loos dem Biſchofe uͤberwieſen wer⸗ den. Innerhalb zwei Jahren wollte der Orden gemeinſam mit dem Bifchofe auch den Aufbau der Stadt in der Nähe der Burg beginnen und auch von dieſer ſollten zwei Theile dem Orden und der dritte dem Biſchofe zugehoͤren. Endlich ward auch feſtgeſetzt, daß ſofern irgend einmal die Burg ver⸗ loren gehe oder aus Noth verlaſſen werden müffe, kein Theil von dem andern die auf den Bau verwandten Koſten verlan⸗ gen, dagegen die der Burg zugewieſenen Guͤter ſofort wieder an den Biſchof frei zuruͤckfallen ſollten ). So ward nun noch im Laufe des J. 1252 der Bau der Memelburg begonnen 2). Man fand indeſſen bald uͤber Ein⸗ zelnes noch eine naͤhere Beſtimmung noͤthig. Unter andern war der Anordnung uͤber die Theilung der neuen Stadt Me⸗ mel die Ausdehnung gegeben worden, als ſolle nunmehr uͤber⸗ haupt jegliche neugegruͤndete Stadt in Kurland immer in 0) Das Original dieſes Vertrages, datirt: IV Cal. Aug. 1252, um geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 2 iſt ausgeſtellt von Evehardus de Seyne preceptor domus thetonicorun per Allemaniam vicem gerens magistri generalis in Iyvonia et curonia. Es enthält noch mehre ein- zelne Beſtimmungen, die nur fpecielle Beziehungen auf die Oertlichkeit der Gegend haben. Zu bemerken iſt, daß die Urkunde außer dem noch vorhandenen Siegel des Deutſchmeiſters auch noch das des Landmeiſters von Livland hatte, woraus ſich ebenfalls beſtätigt, daß Eberhard von Sayn nicht Landmeiſter von Livland war. 2) Bei Dusburg Supplem. c. 3 ift daher ganz richtig der Erbau der Memelburg in das J. 1252 geſetzt.

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72 Aufbau der Memelburg. gleicher Weiſe wie Memel zwiſchen dem Biſchofe und dem Or⸗ den getheilt werden. Dieſes war indeſſen weder des einen, noch des andern Meinung. Sie erklaͤrten oͤffentlich, dieſer Theilungsvertrag gelte nur allein von der neuzugruͤndenden Stadt Memelburg und der Biſchof ſowohl als der Orden koͤnne in ſeinem Landestheile zu ſeinem eigenen Nutzen Staͤdte und Burgen erbauen, wie jeglicher wollen); doch nur in Me: melburg ſolle Münze geſchlagen und dieſe in ganz Kurland für guͤltig erkannt werden. Aber auf allen Kurlaͤndiſchen Maͤrkten ſollten den Unterthanen des Ordens und des Bi⸗ ſchofs Handel und Wandel uͤberall frei ſtehen 2). Der Bau der Burg ward nun mit außerordentlichem Eifer betrieben, ſonder Zweifel auch deshalb, weil der Plan zum Angriff und zur Eroberung Samlands mit dem Aufbau der Wehrfeſte in unverkennbarem Zuſammenhange ſtand. Und ſchon im Februar des naͤchſten Jahres war er ſo weit vor⸗ geruͤckt, daß der Biſchof mit dem Orden die verabredete Thei⸗ lung der Burg vornehmen konnte. Ihm ſiel der weſtliche, der Memel und der Dange naͤher liegende Theil, dem Orden dagegen der mittlere und oͤſtliche zu. Jeder hatte das Recht, ſeinen Theil, wo es noͤthig ſchien, noch ſtaͤrker zu befeſtigen. Auch ward dem Biſchofe außerhalb der Burg ein Raum frei gelaſſen, wo er eine Kirche und Wohnungen fuͤr ſich und ſeine Domherren erbauen laſſen konnte, woraus erhellt, daß er forthin in Memelburg ſeinen biſchoͤflichen Sitz habe neh⸗ 1) Die erwaͤhnte Deutung hatte ihren Grund in einem ſchon am 19 April 1252 zwiſchen dem Biſchofe von Kurland und dem Orden ab⸗ geſchloſſenen Vertrage, worin es hieß: Preterea ubicunque in Curonia civitas fnerit instauranda, hoc fiet de communi episcopi et fratrum consilio et consensu ibique fratres in omni jure et iurisdictione tem- porali duas partes et episcopus terciam obtinebunt. 2) Diefe Original⸗urkunde, datirt in Guldingen castro fratrum an. dni 1252 secunda die Luce ewangel. im geh., Arch. Schiebl. LIT. Nr. 3. Sie ift ausgeſtellt vom Biſchof Heinrich von Kurland und vom Deutſchmeiſter Eberhard von Sayn. Unterſiegelt wurde ſie auch vom Biſchof Heidenreich von Kulm und vom Livlaͤnd. Landmeiſter Andreas von Stuckland.

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Aufbau der Memelburg. 73 men wollen ). Darauf wurde nun auch ſchon an den Auf⸗ bau der Stadt gedacht und der Umfang der Graͤnzen bezeich⸗ net, in welchen man ſie gruͤnden wollte?). Sie ward An⸗ fangs ebenfalls die Memelburg genannt“), wiewohl man ur⸗ ſpruͤnglich Willens war, ihr den Namen Neu-Dortmund und zugleich das Dortmundiſche Recht zu geben, wahrſcheinlich weil es Deutſche aus der Gegend von Dortmund waren, welche die Stadt zunaͤchſt bevoͤlkerten “). 1) In der Urkunde heißt es: Ceterum si nos contenti fuerimus de eodem loco, qui in partem nostram per electionem cessit ad edi- ficandum ecclesiam nostram maiorem et nostram Curiam et Curias Canonicorum, contenti erunt et fratres etc. Daß dieſes zur Ausfuͤh⸗ rung kam, erſehen wir aus einer Urkunde vom J. 1290, worin der Biſchof und ſein Kapitel dem Orden ihre Muͤhle zu Memel mit der Bedingung abtreten: nobis et ecelesie nostre canonicis pro necessi- tatibus expensarum nostrarum in domo nosira Memele solummodo habendarum gratis in eodem molendino molent. Urf, im geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 10. Fruͤherhin hatte der Biſchof von Kurland ſich meift in Riga aufhalten müffen. 2) Die hieruͤber abgefaßte Urkunde des Biſchofs von Kurland im Original im geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 4, datirt: In Castro Mimel- burch primitus edificato an. dni 1253 WIIdus Febr. (8 Febr.). Folg⸗ lich ſtand um dieſe Zeit die alte Memelburg noch da. Als ihr Komthur wird ein gewiſſer Bernhard genannt. 3) Sie wird namentlich Civitas nostra Mymelemburg in einer ur⸗ kunde vom J. 1258 genannt, durch welche der Biſchof von Kurland und der Provincial-Komthur von Livland und Kurland, Burchard von Hornhauſen, die dortige Kirche des heil. Nicolaus zu einer Mutterkirche erheben. Geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 6. 4) Wir erſehen dieſes aus der zuerſt von Dreyer in ſ. Nebenſtunden und dann von Wigand Geſchichte von Corvey B. I. Abth. II. S. 206 mitgetheilten Urkunde der Stadt Corvey an den Biſchof Heinrich von Kurland und den Livland. Ordensmeiſter Anno von Sangerhauſen, wo es heißt: Cum igitur non modicum, ymo magnum nobis hoc sit re- putandum, quod opidum vestrum, quod zunc de novo apud Mimel- borch per vos erigitur, juribus nostris a Majestate etc... . et cum precipue novelle plantacioni vestre nomen nostre civitatis imposni- stis et novam Tremoniam vocari feceritis, nobis pre allis civitati- bus tantam et specialem vicissitudinem ostendentes etc. Man hat faͤlſchlich die Urkunde ins J. 1275 gefegt. Sie kann nur in den Jah⸗

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74 Aufbau der Memelburg. Als nun die Burg vollendet daſtand, war der Orden bemuͤht, ſowohl fuͤr die Erreichung ihres Zweckes, als fuͤr ihre Erhaltung und Vertheidigung auch noch in anderer Weiſe die zweckmaͤßigſten Maßregeln zu ergreifen. Unter andern be⸗ richtete man auch dem Papſte, welches der Zweck der neuen Wehrfeſte und was zu ihrer Sicherheit und Erhaltung gegen die nahen heidniſchen Voͤlker nothwendig ſey. Da erließ In⸗ nocenz im Auguſt des Jahres 1254 eine Bulle an die das Kreuz für Preuſſen und Livland verkuͤndigenden Predigermoͤn⸗ che mit dem Auftrage, uͤberall das Verbot bekannt zu ma⸗ chen, daß forthin niemand mehr auf dem Memel-Strome den Heiden Waffen, Salz, Kleider oder irgend Lebensmittel zufuͤhren und verkaufen ſolle, dagegen ſolchen Kriegsleuten, die ſich um die Bewachung und Vertheidigung der Memel⸗ burg gegen die Heiden beſondere Verdienſte erwerben wuͤr⸗ den, dieſelbe Gnadenverleihung wie den zur Beihuͤlfe Preuſ⸗ ſens und Livlands herbeieilenden Kreuzbruͤdern im Namen des heiligen Stuhles zuzuſichern!). — So war nun auch von ren 1255 — 1257 gegeben ſeyn, da Anno von Sangerhauſen als Land⸗ meiſter von Livland genannt iſt. Die Urfache aber, warum der beab⸗ ſichtigte Name Neu⸗Dortmund nicht aufkam, iſt unbekannt. Memel er⸗ hielt das Luͤbeckiſche Recht, doch ſchwerlich ſchon im J. 1254, wie Hartknoch Dissertatt. XVII. p. 342 annimmt. Hiernach iſt manches zu berichtigen, was Wigand a. a. O. uͤber dieſe Urkunde ſagt. Daß ſich aber Bürger aus Dortmund in den Staͤdten des Ordensgebietes gerne niederließen und namentlich auch Elbing ehemalige Dortmunder unter ſeinen Buͤrgern hatte, ſehen wir aus der Urkunde in Crichton's Beiträgen zur Preuſſ. Geſchichte S. 17. 1) Der Papſt ſpricht in der Bulle den Zweck der Erbauung der Memelburg in den Worten aus: Sicut ex eorum (fratrum) insinua- tione percepimus, iuxta flumen situm inter Livoniam et Prusciam, Memele vulgariter appellatum, guia arma, vestes, sal et multa vite necessaria paganis illarum parcium in discrimen christifidelium fe- rebantur, quoddam castrum cum gravissimis laboribus et expensis de novo construere inceperunt. Er verleiht dann denen, qui ad tui- tionem et conservationem ipsius castri, ne a paganis eisdem valeat occupari, procedant viriliter et potenter, eandem indulgentiam quam

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Kreuzzug Ottokars von Böhmen nach Preuffen. 75 dieſer Seite her zur Bekaͤmpfung und Eroberung Samlands alles vorbereitet; die Verbindung der noͤrdlichen Heiden mit Samlands Bewohnern ſchien durch die neue Wehrburg faſt unmöglich, ſobald fie ſtets mit hinlaͤnglicher Mannſchaft ver⸗ ſehen war. Aber auch der Gewinn dieſer Landſchaft ſelbſt war nunmehr dem Orden offenbar noch wichtiger geworden, denn ſobald fie nun unter des Ordens Herrſchaft ſtand, war die Verbindung mit den Ritterbrudern in Livland durch die Memelburg ſchon vollkommen geſichert und die neue Wehr⸗ fefte bildete den Punkt, wo ſich die Ordensritter aus Preuſ⸗ ſen und Livland gegenſeitig die Haͤnde reichen konnten. Dieſe Hoffnung aber zu Samlands Eroberung ruͤckte nun der Erfuͤllung immer naͤher. Kaum hatte Koͤnig Otto⸗ kar von Boͤhmen mit Bela dem Koͤnige von Ungern im Jahre 1254 Friede geſchloſſen, als er ſich mit allem Eifer zu der gelobten Heerfahrt nach Preuſſen ruͤſtete. Er hatte fuͤrwahr in kurzer Zeit große Tage erlebt. Seit dem Jahre 1251 ſchon Herzog von Oeſterreich und Steiermark, im Kriege mit dem Ungern⸗Koͤnige fort und fort vom Gluͤcke beguͤnſtigt, unter den Waffen von hohem Siegerruhme umſtrahlt, ſeit dem Jahre 1253 durch den Tod ſeines Vaters Wenceslav des Dritten zum Koͤnige von Böhmen und Markgrafen von Maͤhren erhoben, durch den Frieden mit Koͤnig Bela in Oe⸗ ſterreichs Beſitz völlig geſichert und unter allen dieſen Ereig⸗ niffen ſtets durch des Papſtes ausgezeichnetſte Gunſt erfreut, — ſo war der koͤnigliche Juͤngling in wenigen Jahren auf eine Höhe geſtiegen, auf welcher die feuerige Seele wohl ſehr natürlich zu immer hoͤheren Gedanken fortgetrieben werden mußte). Je mehr das Gluͤck feinen Günftling emporgeho⸗ accedentibus in snccursum dictarum Livonie et Prnscie. Die Bulle datirt: Asieii X Calend. Septemb. p. n. an. XI (28 Auguſt 1254) im klein. Privilegienb. p. 189. Regest. Innocent. IV. an. XI. epist. 129, im Copien⸗Buche des geh, Arch. Nr. 329. 1) Freilich ſchildert ihn der Chroniſt — Cosmae Pragens. Con- tinuat. in script. rer. Boemicar. T. I. p. 428 — zunaͤchſt mehr als in sui Principatus regimine zelo pietatis succensus nimio. Ihm iſt

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76 Kreuzzug Ottokars von Böhmen nach Preuffen. ben, deſto höher der Schwung feines ritterlichen Geiſtes. Auch im Könige war der Ritter noch nicht vergeſſen; daher ein ritterlicher Kreuzzug gegen die heidniſchen Preuſſen eins der erſten Gelübde war, welche Ottokar unter der Koͤnigskrone abgelegt hatte !). Wie es ſcheint hatte der Papſt den erſten Gedanken hiezu in ſeine Seele geworfen; ergriffen aber hatte Ottokar dieſen Gedanken mit allem Feuer ſeines Geiſtes und ſeitdem erfuͤllte er feine ganze Seele. Es war im letzten Monate des Jahres 1254, als eine große Schaar von Rittern und Edlen und bedeutende Heer⸗ haufen aus Boͤhmen, Maͤhren und Oeſterreich auf das Wort der Kreuzpredigt des beredten und feuerigen Moͤnches Bar⸗ tholomaͤus 2) ſich unter des Koͤniges Fahnen verſammelten ), er ein lumen quasi sol meridianus praecellens fulgore omnes Reges, Duces et Principes suae magnificae potentiae. 1) Einen Beweis ſeiner Zuneigung gegen den Orden und ſeiner Theilnahme an deſſen Bemuͤhungen in Preuſſen gab Ottokar ſchon im J. 1251, indem er ihm alle Beſchenkungen und Freiheiten, welche ſein Großvater Primislav II und fein Vater Wenceslav III ihm in Boͤhmen mit ausgezeichnetſter Freigebigkeit verliehen hatte, beſtaͤtigt. Er fügt in der Urkunde hinzu: Nos igitur prefati patris ac etiam memorabi- lis Ottocari avi nostri volentes devocionis vestigia imitari, pro la- bore continuo, quem fratres sepius memorati fideliter et frequenter in partibus faciunt transmarinis et etiam in Pruscia pro ecelesia dei contra barbariem paganorum, cuius videlicet laboris participacio- nem ‘affectamus in premio iam scriptum autenticum solempniter re- novamus etc. Das Original dieſer Urkunde, unter deren Zeugen auch Bruno Olomucensis episcopus genannt iſt, befindet ſich im geh. Arch. Schiebl. XXII. Nr. 3. 2) Raynald. an. 1255. Nr. 59. 3) Cosmae Pragens. Continuat. p. 386: Quem (regem) multa turba Nobilium Bohemiae, Moraviae et Austriae secuta est et alio- rum militun generis inferioris. Cum maximo exercitu profectus est in Prussiam heißt es im Chron. Bohemiae ap. Ludewig Reliqu. Msc. T. XI. p. 296. Dubrav. Histor. Bohem. p. 187. Nach Dusburg c. 70 ſoll Ottokar in feiner Begleitung auch „Ducem Austriae, Marchio- nem Moraviae gehabt haben. Allein ſchon Duellius p. 18 widerſprach dieſer Nachricht, behauptend, Ottokar ſelbſt ſey dieſer Dux Austriae et Marchio Mora viae geweſen und nur aus Mifverftändniß ſeyen aus Ot⸗

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Kreuzzug Ottokars von Boͤhmen nach Preuſſen. 77 und am vierzehnten December ſetzte ſich das ganze Heer in Bewegung, der mit dem Kreuze bezeichnete ritterliche Koͤnig an feiner Spitze. Unter feiner Führung zunaͤchſt ſtanden die Boͤhmen und Oeſterreicher. Die Maͤhren dagegen befehligte der Biſchof Bruno von Olmuͤtz. In der Zahl der Ritter be⸗ gleitete den König auch der tapfere Graf Rudolf von Habs⸗ burg, nicht ahnend, daß er einſt noch uͤber das Land, dem der Zug galt, vom Kaiſerthrone herab gebieten werde. Aber damals war es ohne Zweifel, als in Rudolfs Seele die nachmals ſo vielfach bewieſene innige Theilnahme und Zunei⸗ gung zu dem Deutſchen Orden zuerſt erweckt ward !). Man ſchlug den Weg durch Schleſien ein und wenige Tage vor dem Weihnachtsfeſte langte der Koͤnig in Breslau an, aufs ehrenvollſte und glaͤnzendſte von den Herzogen von Polen, dem Bifchofe der Stadt und dem Adel des Landes empfan⸗ gen. Dort traf er, wie verabredet war, ſeinen Schwager den Markgrafen Otto von Brandenburg ?), der ſeinen Heer⸗ tokars Titel: Rex Bohemiae, Dux Austriae et Marchio Moraviae bei dem Ordens⸗Chroniſten drei Perſonen entſtanden. Die Sache hat ihre Richtigkeit. Ottokar führt nicht bloß überall in Urkunden dieſen Titel: — f. Duellius P. III. p. 55. Freller Rer. Boem. Script. P. III. p. 83. 84. Naueler p. 835. Hanthaler Recens. diplom. genealog. T. 1. p. 185. — ſondern es nennt auch keine einzige alte, bewährte Quelle einen Herzog von Oeſterreich und einen Markgrafen von Mähren als Ottokars Begleiter. Nur in den Neuern z. B. Lucas David B. IV. S. 5. Schütz p. 27. Leo Histor. Pruss. p. 95 u. a. ift der Irr⸗ thum Dusburgs beibehalten, und da dieſer Chroniſt, wie er ſelbſt ſagt, über Ottokars Zug nur nach Hoͤrenſagen ſchrieb, fo war ein ſolcher Irrthum bei ihm leicht moͤglich. Auch bei Naucler p. 886 findet man die Nachricht: Othocarus rex Bohemiae, Otho marchio Branden- burgensis, dux Austriae, marchio Moraviae cum multis principi- bus nonnullas regiones Prussiae debilitarunt etc. 1) Fugger Defterreich. Ehrenſpiegel S. 57. Joh. v. Müller Schweizer⸗Geſchichte B. I. S. 500 „moͤglichſt wahrſcheinlich nach Ger- berti fastis p. 29”. Lope Geſchichte des Hauf. Oeſterreich B. I. S. 12. Joh. v. Müller meint, Rudolf habe wohl zur Ausföhnung der Kirche an dem Kreuzzuge Theil genommen. 2) Otto hatte Ottokars Schweſter Beatrir zur Gemahlin. Zwar nennt

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78 Kreuzzug Ottokars von Böhmen nach Preuffen. haufen mit des Koͤniges Schaaren vereinigte. Nachdem die Fuͤrſten in Breslau einige Tage verweilt, das Weihnachtsfeſt gefeiert und das Kreuzheer von den Beſchwerden des Mar⸗ ſches ſich erhohlt hatte, traten ſie am Ende des Jahres den Fortzug nach Preuſſen an’). Den Markgrafen Otto hatte der Koͤnig zu ſeinem Kriegsmarſchall waͤhrend dieſes Kreuz⸗ zuges ernannt; er ordnete auf dem Marſche den Zug des Heeres. Eine zahlloſe Menge von Wagen mit Waffen und Lebensmitteln folgte den Schaaren nach. In den erſten Wochen des Jahres 1255 langte der Koͤ⸗ nig dieſſeits des Weichſel⸗Stromes an. Bei Elbing ward er vom Hochmeiſter, dem Markgrafen Heinrich dem Erlauchten von Meißen und den vornehmſten Ordensgebietigern aufs glaͤnzendſte empfangen ). Auch der Landmeiſter Dieterich von Gruͤningen fand ſich bald darauf in Preuſſen wieder ein). Da zogen auf des Hochmeiſters Aufruf auch die Wehrmannen aus den Biſthuͤmern von Kulm und Ermland Dubrav. p. 137 den Markgrafen Otto ex sorore Othogari prognatus; allein Otto's Mutter Mathilde war eine Tochter des Markgrafen Kon⸗ rad von der Lauſitz. Auch das Chron. Bohem. ap. Ludewig Reliqu. T. XI. p. 296 nennt Otto sororius des Königes Ottokar. 1) Cosmae Pragens. Continuat. p. 386. Dubrav. p. 137. Chron. Claustro-Neoburg. ap. Per T. I. p. 462. Chron. Zwetlicens. ibid. p. 982. Chron. Bohemiae ap. Ludewig Reliqu. Msc. T. XI. p. 296. Hermanns Altahens. Annal. ap. Oefele Script. rer. Boicar. T. I. . 676. 5 2) De Wal Histoire de l’Ord. Teut. T. II. p. 3—4 und Pauli a. a. O. S. 90 erzählen auf das Zeugniß des Polniſchen Chroniſten Diugoss p. 739 vieles von einem glänzenden Ehrentiſche, welchen der Hochmeiſter dem Könige bei Elbing gegeben haben ſoll. Möglich wäre es und gewöhnlich war dieſe Sitte Tpäterhin beim Orden; allein ältere Quellen wiſſen aus dieſer Zeit nichts davon. 8) Wir finden ihn in einer Elbingiſchen urkunde im Monat Mai 1255 wieder in Culmſee und ohne Zweifel wohnte er auch ſchon dem Kriegszuge nach Samland bei. Im Fruͤhling 1254 war Dieterich von Grüningen auch ſchon Deutſchmeiſter; ſchon in einer Bulle des Papſtes Innocenz IV, datirt: Asissii VI Idus Maii an. XI, wird er preceptor in Alamannia et Pruscia genannt.

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Kreuzzug Ottokars von Böhmen nach Preuffen. 79 herbei, Biſchof Heidenreich“), und Biſchof Anſelm an ihrer Spitze und als die Streitmacht ſich auf ſolche Weiſe verei⸗ nigt, betrug die geſammte Zahl der Kriegsleute über ſechzig⸗ tauſend Mann 2). Noch nie waren ſolche Streitkräfte in Preuſſen vorhanden geweſen. Während die Fuͤrſten aber mit dem Hochmeiſter ſich uͤber die Ordnung des Zuges und über den Man der Eroberung Samlands beriethen, brach unter den Kriegsleuten bei Elbing ein gefährlicher Streit aus ‚ dus erft angeregt durch einen Sachſen und einen Oeſterreicher, die ſich über die Benutzung einer Mühle entzweit, dann im⸗ mer mehr erweitert und verſtaͤrkt, als ſaͤmmtliche Kriegsleute aus Sachſen und Oeſterreich Partei ergriffen; ſelbſt der Koͤ⸗ nig und die Fuͤrſten wurden bald in den Hader mit hinein⸗ geriſſen, fo daß Gefahr war, es werde zum förmlichen Kam⸗ pfe kommen. Da trat der Biſchof Bruno von Olmuͤtz in die Mitte der Erbitterten und es gelang ſeinem kraͤftigen Worte und ſeiner Ermahnung zum Frieden, die erhitzten Ge⸗ muͤther wieder zu beſaͤnftigen ). Um aͤhnlichen Unruhen bei laͤngerer Ruhe vorzubeugen, brach Ottokar mit dem Kriegsheere ſogleich gegen Balga hin auf. Dort ward ihm durch die Ordensgebietiger ein alter Samlaͤnder Gedune, der Vater des Withings Wiſſegaude aus dem edlen Geſchlechte der Candeynen im Gebiete von Mede⸗ nau“), vorgeſtellt. Der König fragte ihn, ob er wohl 1) Nicht Henricus Episcopus Coloniensis, wie im Dusburg c. 70 ſteht, ſondern Episcopus Colmensis, wie die Handſchriften leſen. 2) Dusburg 1. c. nennt dieſe Zahl. Lucas David B. IV. S. 6. 3) Dusburg 1. c. Die bei Lucas David a. a. O. genannten Namen find lediglich aus Simon Grunau Tr. VIII. c. 6. S 2. ge nommen. 4) So find die Namen aus Urkunden berichtigt. Der Name des Geſchlechtes der Candeynen ift bei Dusburg 1. c. und Lucas David a. a. O. verſtuͤmmelt Candym und Candeminer. Vgl. meine Abhand⸗ lung über die alten Withinge in der Geſchichte der Eidechſen⸗ Geſell⸗ ſchaft S. 213. 222. Wir finden in dieſem Namen zugleich ein Bei⸗ ſpiel, daß das Geſchlecht entweder damals ſchon den Namen ſeiner Be⸗ figungen führte oder daß der Name des Geſchlechtes nachmals auf die

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“ 80 Kreuzzug Ottokars von Böhmen nach Preuffen. glaube, daß mit ſo viel Kriegern etwas gegen Samland auszuführen ſeyh? Der Alte verneinte die Frage, da er nur erſt einen maͤßigen Theil des Heeres geſehen. Er gab dieſel⸗ bige Antwort, als er eine doppelt groͤßere Schaar erblickte. Erſt da er das ganze große Kriegsheer uͤberſehen und der Koͤnig noch einmal die naͤmliche Frage ihm vorlegte, erwie⸗ derte Gedune: „Das iſt hinreichend; gehe, Koͤnig, wohin du willſt und was du willſt, wirſt du erreichen.“ Da gab ihm der Koͤnig auf ſeine Bitte, ſein Haus und Eigenthum gegen die Gewalt der Krieger zu ſchuͤtzen, ein Faͤhnlein mit dem koͤniglichen Wappen, um ſolches an ſeinem Hauſe auf⸗ zuſtecken. Waͤhrend aber Gedune noch einige Tage auf Balga verweilte, war ein Theil des Heeres auf dem Eiſe des fri⸗ ſchen Haffes bereits ins ſuͤdliche Gebiet Samlands eingebro⸗ chen und hatte, bis nach Medenau vorgedrungen, auch Ge⸗ dune's und ſeiner Familie Haͤuſer und Eigenthum durchpluͤn⸗ dert und aufgebrannt und alle ſeine Verwandten nebſt ſeinem Bruder Ringel erſchlagen. So fand Gedune bei feiner Ruͤck⸗ kehr alles verwuͤſtet und vernichtet !). Darauf brach auch der Koͤnig mit dem uͤbrigen Theile des Heeres in Samland ein. Dort kam auch er an dem Orte voruͤber, wo der heilige Adalbert die Maͤrtyrerkrone er⸗ worben hatte: fuͤr Ottokar gewiß eine um ſo ernſtere und ſchmerzlichere Erinnerung, da es gerade ſein Volk war, von dem Adalbert einſt verſchmaͤht und vertrieben hier das Leben im Eifer für den Glauben geopfert hatte. Jetzt war die Zeit raͤchender Vergeltung. Das Heiligthum Romowe war des Koͤnigs naͤchſtes Ziel. Nichts widerſtand dem chriſtlichen Heere, als es den heiligen Wald betrat; es drang vor bis in das innerſte Heiligthum; die heilige Eiche mit ihren ur⸗ Beſitzung überging. Der Name Candeyn kommt nämlich auch von ei: ner Feldmark im Gebiete von Medenau vor; es iſt das jetzige ſuͤdlich von Medenau liegende Condehnen und wir wiſſen ſomit aufs beſtimm⸗ teſte, wo Gedune in Samland wohnte. Candeyn als Gut findet ſich in urkunden von 1371 und 1401. 1) Vgl. die Erzählung bei Dusburg c. 70.

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Kreuzzug Ottokars von Böhmen nach Preuſſen. 81 alten Goͤtterbildern ward niedergebrannt und alles erlag der Vernichtung, was nur in irgend einer Weiſe an den alten Glauben erinnern konnte n). Seit Adalbert in des Heilig⸗ thums Naͤhe den Tod gefunden, waren dritthalbhundert Jahre voruͤber, als jetzt das uralte Romowe fuͤr immer ſei⸗ nen Untergang erlitt. — Dann zog das Kriegsheer weiter; im Gebiete von Medenau ward weit umher alles niederge⸗ brannt und ein großer Theil der Bewohner theils gefangen, theils erſchlagen. Nachdem Ottokar die Nacht daſelbſt ver⸗ weilt, ging er des andern Tages noͤrdlich hinauf am Gals garben hin. Er erwartete hier am heiligen Walde bei Na⸗ ſtrehnen?) Widerſtand vom Feinde; nirgends aber trat die⸗ ſer dem chriſtlichen Heere entgegen, obgleich der Hochmeiſter den einzelnen Schaaren Wegefuͤhrer zugab, welche ſie zur Pluͤnderung in die nahe liegenden Gebiete geleiten mußten, um hiedurch das verſtockte Volk zum Kampfe zu reizen. Nur einmal geſchah, daß ploͤtzlich eine Schaar von Samlaͤndern hervorſtürmte und des Koͤniges Lager durch ſchnellen Ueber⸗ fall in Unordnung und Verwirrung brachte; allein ihr eiliger Ruͤckzug ließ es nicht zum Kampfe kommen und der König zog nun weiter hinauf in das Gebiet von Rudau. Dort aber griffen ihn die Samlaͤnder, durch das Ereigniß des vo⸗ 1) Wir erhalten dieſe Nachricht durch Schütz p. 27, wo es heißt: „Der König zog noch bey Winterßzeit nach der Balga, von dannen auff Romowe oder Rikayot, eroberte die Feſte und verbrante die große Eiche mit ſampt iren Göttern und macht aus der großen heiligen Stelle ein Dorff, welches noch heutiges tages Rom (Romehnen) heiſt.!“ Vgl. auch Schütz rer. Pruss. Historia p. 66. Dieſe Angabe iſt um ſo auffallen⸗ der bei dieſem Chroniſten, da er früher p. 3 das heilige Romowe ins Galinderland verſetzt. Es geht daraus aber hervor, daß hier der Chro⸗ niſt eine beſtimmte Nachricht aus einer alten Quelle über den Angriff auf das Heiligthum Romowe haben mußte. Weder Dus burg, noch die Ordens - Chronik, noch ſonſt eine andere alte, uns noch zugaͤngliche Quelle wiſſen etwas hievon. 2) Eine Urkunde vom J. 1357 in Matricul. Fischhus. p. CXIII beweiſet die Ausdehnung des heiligen Waldes bis Naſtrehnen, damals Naſtrayn. III. 6

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82 Kreuzzug Ottokars von Böhmen nach Preuffen. rigen Tages ermuthigt, ſchon am andern Morgen an. Der erſte Anſturm des Feindes war aͤußerſt heftig und blutig; mit ihm aber endigte auch der Kampf, denn Ottokars Krie⸗ ger widerſtanden mit ſo heldenmuͤthiger Tapferkeit, daß das ganze feindliche Heer die Flucht ergriff und jeglicher Einzelne ſich rettete, wohin er konnte. Die Fuͤhrer und Vornehm⸗ ſten !) warfen ſich in die in der Nahe von Rudau gelegene feſte Burg Nogympten am Walde Nurande 2). Waͤhrend nun ein Theil der Kreuzlrieger das fluͤchtige Volk verfolgte, eine große Zahl gefangen nahm, andere in der Gegenwehr erſchlug und wohin er kam, alles verheerte und vernichtete, ward von dem andern Theile jene Burgfeſte beſtuͤrmt. Sie leiſtete Anfangs den entſchloſſenſten Widerſtand; allein fie war ſo wenig mit Lebensmitteln verſehen und die Angriffe des zahlreichen Feindes geſchahen mit ſo ausgezeichneter Ta⸗ pferkeit, daß die Flüchtlinge die Vertheidigung bald aufgaben und durch eine Geſandtſchaft aus ihrer Mitte dem Koͤnige Ergebung entboten, fofern er ihres Lebens fehonen wolle. Da antwortete Ottokar den Gefandten: „ich bin ein chriſtli⸗ cher Koͤnig und werde euch treues Wort halten.“ Am an⸗ dern Morgen ergaben ſich die Edlen, erſchienen vor dem Koͤ⸗ nige, gelobten Gehorſam und Unterwerfung und ſtellten Gei⸗ ßeln zur Verſicherung ihrer Treue mit der Bitte, ſie und die Ihrigen in Gnaden aufzunehmen und nicht das ganze Volk zu vernichten. Die Taufe war die erſte Bedingung, die ih: nen der Koͤnig ſtellte und da ſie ſolche verſprachen und die Handlung ſogleich vom Biſchofe Bruno von Olmuͤtz vollzogen 1) Cosmae Pragens. Continuat. p-. 386 bezeichnet diefe Vornehm⸗ ſten durch Potentes et Maiores; Dubrav. p. 137 durch Prutenorum Duces. Dusburg c. 70 nennt ſie Nobiles. Wir wiſſen aus dem er⸗ ſten Theile dieſes Werkes, was wir zunaͤchſt in Samland unter dieſer Claſſe der Nobiles zu verſtehen haben. 2) Dieſe heidniſche Burg Nogympten am Walde Nurande in der Nähe von Rudau finden wir noch in einer Urkunde vom J. 1274, wo fie ein antiguum castrum genannt wird; ſ. Alte Samland. Handfeſten der Freien p. 212 im geh. Archiv.

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Samlands Eroberung durch Ottokar v. Böhmen. 83 wurde, war er ſelbſt der erſte, der ſich als Zeuge bei der Taufe des erſten Samländiſchen Edlen ſtellte und dieſem ſei⸗ nen Namen Ottokar ertheilte !). Desgleichen that der Mark: graf Otto von Brandenburg, indem er dem zweiten getauf⸗ ten Edlen ſeinen Namen Otto uͤbertrug. Beide beſchenkte der König mit koſtbaren Kleidern und begrüßte fie als chriſt⸗ liche Brüder). Dieſem Beifpiele folgten dann auch die uͤb⸗ rigen Führer und Ritter des chriſtlichen Heeres, bis alle Ed⸗ len die Taufe empfangen hatten. Die freundliche Behand: lung der Neubekehrten hatte aber auf das Volk in Samland eine ſo guͤnſtige Wirkung, daß es in den naͤchſten Tagen ſchon in großer Zahl zur Weihe der Taufe hinzuſtroͤmte und das Zeichen des Bekenntniſſes zum Chriſtenthume erhielt ). Nach einiger Tage Verlauf brach der Koͤnig mit dem Heere auf ſuͤdwaͤrts durch die Waldungen bis Quedenau, wo der Edle Sclode wohnte und rings in dem Gebiete um ihn eine zahlreiche Verwandtſchaft?). Er ergab ſich zu Ge: 1) Daher kommt es, daß man den Namen Ottokar wirklich öfter in alten Samländiſchen Verſchreibungen findet, denn gewiß mochten da⸗ mals mehre getaufte Samländer dieſen Namen erhalten. Namentlich kommt er bei alten Preuſſen auch in der Gegend von Medenau vor. Man darf indeſſen nicht glauben, daß die Preuſſen bei der Taufe ihre heidniſchen Namen immer mit christlichen vertauſcht hätten. In der Re⸗ gel behrelten fie vielmehr ihre alten Namen bei und man findet daher durch einige Jahrhunderte hindurch noch weit mehr altheldniſche Namen als chriſtliche. Ein christlicher Taufname mit einem altheidniſchen ver⸗ bunden kommt nur ſelten vor. 2) Das Chron. Bohem. ap. Ludewig 1. c. ſagt überhaupt, daß nur duo duces Prussiae baptizati sunt. Es fügt aber hinzu: et omnis infidelis populus per eos christianam fidem accepit et ad dominum deum conversus est. 3) Cosmae Pragens. Continuat. p. 386. Dubrav. p. 137 hat manche einzelne Umftände allein, ſtimmt im Ganzen aber mit den ans dern Quellen überein. Balbinus Miscellan. histor. regni Bohem. Dec. I. I. VII. p. 121 und eiusd. Epitome Rer. Bohem. P. 272 habe ich nicht ſelbſt einſehen konnen. Dusburg c. 70 und aus ihm Lucas Da⸗ vid B. IV. S. 9. Schütz p. 27. Ordens-Chron. ©. 47. \ 4) Dusburg c. 81. Vergl. das Withings> Privilegium in meiner 6*

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84 Samlands Eroberung durch Otttokar v. Böhmen. borſam und empfing nebſt allen feinen Angehörigen und den Bewohnern der Umgegend die Taufe. Auch hier beſchenkte man die Neugetauften mit ſchoͤnen Kleidern 1). Sclode hielt, was er gelobt; er wankte nie wieder in der treuen Erge⸗ bung, die er dem Orden zugeſagt; vielmehr erwarb er ſich nachmals hohe Verdienſte im Streite fur die chriſtliche Sache. Darauf zog das koͤnigliche Heer am Pregel-Strome entlang bis gegen Waldau hin, dann noͤrdlich hinauf in das Gebiet von Caymen, um dort das Heiligthum des heiligen Waldes zu vernichten, und da ihm ſolches gelungen war, ging es ſuͤdwaͤrts hinab in das Gebiet von Tapiau, wo damals auf der Burg Sugurbi der Edle Sapelle wohnte 2). Ueberall war Angſt und Schrecken vor dem Heere hergegangen; nir⸗ gends fand es Widerſtand; alles ergab ſich zu Gehorſam, um dem Graͤuel der Verheerung und dem Morden der Be— wohner des Landes zu entgehen, von denen Samlands weſt⸗ liche Gebiete heimgefucht worden waren. Wo die Fahnen des Kreuzheeres erſchienen, kamen überall die Landes-Edlen dem Könige entgegen und entboten ihm ihre Söhne als Gei- ßeln zur feften Buͤrgſchaft ihrer Treue und ihres Gehorſams »). Ueberall aber bewies der Koͤnig auch Schonung und Milde, wo er Bereitwilligkeit zur Ergebung und Geneigtheit zum Empfange der Taufe fand. Nur der alte Goͤtzendienſt war ſeiner Seele ein Graͤuel und gegen ihn und ſeine Anhaͤnger kannte er kein Mitleid und kein Erbarmen), denn nur dem Geſchichte der Eidechſen-Geſellſch. S. 213. Die wahrſcheinliche Burg⸗ wohnung des Edlen Sclode bei Quedenau ſtand dort noch in der Mitte des 1 ten Jahrhunderts, wie Urkunden ergeben. S. Handfeſt. des Biſth. Samland p. XXXII. 1) Dusburg l. c. B. I. ©. 506. 2) Dusburg e. 70 vgl. mit c. 107 und dem Withings⸗Privile⸗ gium a. a. O. 3) Dusburg 1. c. Lucas David B. IV. S. 9. Ordens⸗Chron. S. 46, bei Matthaeus p. 734. Nur läßt fälſchlich dieſe Chronik den König über die Memel ziehen. 4) „Die niet gedoopt en was, ſy moſten ſterven “, ſagt die Ordens⸗ Chron. bei Matihaeus I. c.

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Samlands Eroberung durch Ottokar d. Böhmen. 85 Glauben an den einzig wahren Gott und an den Erloͤſer, der durch ſein klares Wort die Finſterniß des Irrglaubens alter Zeit verdraͤngt, war das Schwert geweiht, das unter dem Kreuze ins Land der Heiden getragen wurde und in Die: ſer Beſtimmung erkannte der Kreuzfahrer keinen Werth des Menſchenlebens an, wo das Gebot noch nicht beachtet ward: Du ſollſt nicht andere Götter haben neben mir. Darum war es auch hier vor allem ſtets mit das naͤchſte Ziel des Köͤni⸗ ges, die heiligen Orte zu vernichten, in denen der heidniſche Dienſt ſeit Jahrhunderten ſeine Grundlage und ſeine Heimat gehabt hatte. Wie jenes Heiligthum Romowe an Samlands Weſt⸗Kuͤſte nun nach mehr als touſendjaͤhrigem Daſeyn ſei⸗ nen Untergang gefunden, fo ward auch im oͤſtlichen Sam: land im heiligen Walde am Pregel-Strome ein aͤhnlicher heiliger Goͤtterſitz Romowe durch das chriſtliche Schwert ver⸗ nichtet, die heilige Eiche aufgebrannt und der Goͤtzendienſt vertilgt !). 1) Auf den heiligen Wald am Pregel⸗ Ufer und auf das nahe Lie: gende Romowe (Romau, Romawe, wie es in urkunden vom Jahre 1394 und 1401 vorkommt) iſt ſchon früher im B. I. S. 596 — 597 hingewieſen worden, und wie wir damals bemerkten S. 588, daß bei jeglichem heiligen Walde ein dem Gotte Curche geweihter Ort war, fo finden wir auch hier ein „Kurkelauk“ oder Curche-Feld; ſ. Privileg. des Stifts Samland p. 104 — 105 und 111. Zwar ſagt hier keine Quelle, daß Ottokar dieſes Heiligthum jetzt zerftört habe, wenn man nicht Lucas Davids Nachricht B. IV. S. 11, nach welcher Ottokar „in Nadrauen die heilige Eiche mit den drei Gögen und die Wohnun⸗ gen des Griwen und der Waidelotten vernichtete und den Griwen Mau⸗ golo in Stuͤcken hieb“, darauf beziehen will; allein es iſt auch wohl ohnedieß kaum ein Zweifel, daß fein Zug in die Gegend von Caymen und Tapiau, wo der heilige Wald lag, dieſen Zweck gehabt habe. Es ſtinunt dieſes an fh ſchon mit dem gewöhnlichen Verfahren der Ordens⸗ ritter überein, bei Eroberung der Landſchaften immer zunaͤchſt die heie ligen Orte anzugreifen und zu vernichten; aber es läßt ſich auch nach- weiſen, daß Ottokars Zug gerade auf die Gegenden traf, wo der hei⸗ lige Wald ſtand. Dieſer zog ſich nämlich nach Urkunden aus dem 14ten Jahrhundert aus der Gegend bei dem jetzigen Schloſſe Neuhauſen bis nach Caymen hin. Se ſpricht eine Verſchreibung über die Dörfer Ra⸗

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86 Samlands Eroberung. Von dort aus drang nun König Ottokar weſtwaͤrts längs dem Strome vor bis zu einer Berganhöhe, wo der Wald Twangſte ſtand 1). Die Berghoͤhe in der Nähe des Stro⸗ mes, der die Verbindung mit dem friſchen Haff und durch dieſes die Gemeinſchaft mit den Burgen Balga, Brauns⸗ berg, Elbing und ſelbſt mit denen am Weichſel-Strome ſo leicht darbot, ſchien auch ſelbſt noch durch ihre naͤhere Umgebung, vor allem durch den natuͤrlichen Schutz eines nahe liegenden Sees dem Koͤnige zum Aufbau einer Burg geeignet, von welcher aus, an Samlands ſuͤdlicher Graͤnze gelegen, zunaͤchſt wenigſtens dieſe Landſchaft beherrſcht und ferner im Gehorſam erhalten werden konnte; denn einer ſtar⸗ ken Burgfeſte bedurfte es hier jeden Falls. Das erkannte auch Koͤnig Ottokar; daher bezeichnete er ſelbſt den Ort, wo die neue Burg erbaut werden muͤſſe, ſpendete den Ordensrit⸗ tern zu ihrem Aufbau ſehr bedeutende Geſchenke, übergab ih: nen dann auch die von den Samlaͤndern erhaltenen Geißeln und da er ſomit alles erreicht zu haben glaubte, worauf ſein Ziel gerichtet geweſen, trat er noch im Monat Januar des J. 1255 über Braunsberg eilend die Ruͤckkehr in ſein Reich an 2). rytien und Bulichien, jetzt Rachfitten und Bulitten unfern von Neuhau⸗ fen, von einer „sacra sylva, que Scayte vulgariter nominatur. Fer: ner ertheilt im J. 1334 das Kapitel von Samland feinem Kämmerer in Quedenau einen dimidium mansum in silva olim a Pruthenis sau- eta reputata prope villam Trausdytin, dem jetzigen Dorfe Trauſitten noͤrdlich von Neuhauſen, ſo daß alſo damals die ganze Gegend zwiſchen Neuhauſen und Schoͤnwalde mit dem heiligen Walde bedeckt war. S. Handfeſt. des Biſth. Samland p. XXXII. Daß oſtwaͤrts der heilige Wald ſich bis Caymen erſtreckte, erſehen wir aus einer Urkunde des Hochmeiſters Ludwig von Erlichshauſen, die „des heiligen Waldes vor dem Haufe Caymen“ erwähnt. Um dieſe Zeit hatten fich ſ. g. Deutſche Gaͤrtner dort niedergelaſſen. 1) Dusburg c. 71: Tuwangste in den neuern Mſcr., Jeroſchin hat Twangſte, ebenſo Lucas David B. IV. S. 12. 2) Nach Dusburg 1. c. gab Ottokar nur Rath und Plan zum Auf⸗ bau der Burg. Bei Cosmae Prag. Continuat. p. 386 heißt es zwar: Ad quendam Montem venientes, quem Montem Regalem appella-

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Samlands Eroberung. 87 Kaum einen Monat!) war Ottokar im Lande geweſen; nur Samland hatte er überwältigen wollen und fo eilig war nun die Heimkehr in ſein Reich, daß ein prachtvol⸗ les Kriegszelt ?), welches ein frommer Abt aus Böhmen ihm nach Preuſſen nachſandte, nicht mehr zu ihm gelangte und ſelbſt die Koͤnigin Margaretha mit Verwunderung die Nachricht von des Koͤniges ſchneller Rückkunft vernahm *). Fur den Ruhm des ritterlichen Kämpfers in der Sache der Kirche und des Glaubens und für den Glanz des koͤniglichen Siegers im heidniſchen Nordlande glaubte König Ottokar al: lerdings ſchon genug gewirkt zu haben, als er ſagen konnte, verunt, fecerunt munitionem ad maiorem fidei Christiane corrobora- tionem; allein wenn gleich darauf dieſer Chroniſt ſagt: Princeps Bo- hemiae venit Opaviam VIII Idus Februarii, fo ift in ſo kurzer Zeit an den Aufbau einer Burg nicht zu denken. Dubrav. p. 137 erwähnt ſogar: Urbem in littore maris praeclaram condidit, quam ex titulo suo regio Montem regalem appellavit. Die Ordens-Chron. bei Mat- thaeus p. 735 drückt ſich darüber fo aus: „Die ſelve Coninck van Ber men halp myt rade ende myt gaven ende myt huͤlpe, als die Hoichmei⸗ ſter die Stad van Coningsberg ende das Slot tymmerden.“ 1) Es iſt offenbar unrichtig, wenn das Chron. Bohem. in Lude- wig Relig. Mser. T. XI. p. 296 die Fürſten als per totum annum dictam Prussiam undique oppugnantes bezeichnet. Freilich heißt es hier auch: Usque quendam montem ultra ripam fluminis Pregor, in quo Rex Przemislaus castrum et civitatem et in ca ecclesiam ca- thedralem in honore dei et S. Adalberti martyris, patroni et se- cundi Pragensis episcopi, qui in eadem provincia pro Christo mar- tyrium a Prutenis subierat, devote construxit. 2) Mit ſolchen Zelten trieb man damals in Böhmen, wie ander⸗ waͤrts großen Luxus. So befand ſich im J. 1264 der König von Boh ⸗ men in quodam tentorio novo ad modum Eeclesiae praeparato et di- versis pannis quasi de lateribus tecto; Cosmue Prag. Contin. p · 407. Auch Peter Suchemvirt ſagt fpäterhin bei der Ritterfahrt des Her⸗ zogs Albert von Oeſterreich nach Preuſſen: Da fach man manik fon getzelt Das es gab gegen der ſunne tzier. 3) Wiener Jahrbücher Anzeige- Blatt für Literat. und Kunſt 1823 Nr. XXII, wo ein Brief der Königin Margaretha in Beziehung auf obige Nachricht ſteht.

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88 Aufbau von Koͤnigsberg. er habe das ganze Volk der Samlaͤnder der chriſtlichen Taufe zugeführt, und in der That rühmte er ſich forthin gerne, durch Boͤhmens ausgedehnte Graͤnzen das Adriatiſche Meer mit den Baltiſchen Gewaͤſſern verbunden und Boͤhmens Be⸗ reich bis in den entfernteſten Norden erweitert zu haben !), und nicht minder ruͤhmten gefaͤllige Chroniſten ihm die ſchmei⸗ chelnden Worte nach 2). Allerdings koͤnnte es wohl ſchon jetzt in Ottokars hoher Seele als Plan gelegen haben, „mit der alten Hoheit über Polen ein neues Zinskoͤnigreich am Pregel verknüpfen zu wollen ).“ Als nun Koͤnig Ottokar mit ſeinem Heere das Land ver⸗ laſſen, ward vor allem mit Eifer der Aufbau der neuen Burg begonnen. Nach den noͤthigen Vorbereitungen verban⸗ den des Ordens oberſte Gebietiger mit ihrem Kriegsheere eine bedeutende Schaar der neugetauften Preuſſen aus den fruͤher ſchon unterworfenen Landſchaften und zogen auf jene Berg⸗ hoͤhe, die ihnen der Koͤnig bezeichnet. Hier erſtand nun ſchnell unter der Waffen Schutz die neue Ritterburg, die aus Dankbarkeit gegen den ritterlichen Koͤnig fortan der Koͤnigs⸗ berg genannt wurde. Und zum Andenken an Ottokars Heer⸗ 1) Bohemia Pia ap. Freher. T. III. p. 22: Prussia subacta, gloriari palam solebat (Rex), se terzuinos Regni Bohaemiae a mari Adriatico usque ad mare Germanicum promovisse, quod aliis ante se regibus ne per somnium quidem contigerit. Dubrav. p. 137. 2) Aeneas Sylvius Histor. Bohem. ap. Frreher. p. 185 fagt gera⸗ dezu: Imperium, quod a fratre (2) susceperat, ex mari Balthico us- que ad Danubium protensum. In des Aeneas Sylvius Unwiſſenheit über den Norden bekaͤmpft Ottokar die Tartaren in Samland und Preuſ⸗ fen. Arenpeck Chiron. Austriae ap. Pez T. I. p. 1219. Auch Du- brav. p. 168 neant die Preuſſen olim ab Othogaro clientelae nomine regibus Boiemiae addictos. — Es erwähnen übrigens dieſes Pilger⸗ zuges Ottokars auch noch Chron. Augusten. ap. Frelier. p. 378. Chron. Vetero- Cellens. minus ap. Mencken. T. II. p. 441. Bei Goldast Commentar. de iur. Regni Bohem. T. I. p. 301 ſoll Ottokar dem Or⸗ den Huͤlfe im Kampfe ge,en den Fuͤrſten Mindowe geleiſtet haben. Chron. Hirsaug. T. II. p. 30. Naueler p. 836. 3) Beiträge zur Loͤſung der Preisfrage des Erzherzogs Johann H. I. S. 170.

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Burchard von Hornhauſen, erſter Komthur in Königsberg. 89 fahrt ward ihr das Zeichen eines geharniſchten und gekroͤnten Ritters zum Wappen gegeben. Die alten Stammpreuſſen nannten fie noch lange nach der alten Benennung Twangſte. Sie lag damals in der Gegend, welche heutiges Tages der Steindamm heißt und ihr zur Seite ward noch im Laufe dieſes Jahres auch eine Kirche erbaut und dem heiligen Ni⸗ colaus geweiht, die erſte in der neugewonnenen Landſchaft !). Als erſter Komthur der Burg ward mit einer ſtarken Kriegs⸗ mannſchaft der tapfere Ordensritter Burchard von Hornhau⸗ ſen eingeſetzt, der bisher ſchon Komthur von Samland ge: heißen hatte und ſeit kurzem als Stellvertreter das Amt des Landmeiſters über Preuſſen verwaltete 2). Ohne Zweifel hatte auch er zunaͤchſt den Bau der Burg geleitet und von ihr aus übte er nunmehr auch die ganze Verwaltung über das neu⸗ eroberte Land aus. Wirft man einen Blick auf den Stand der Dinge, fo war es fürwahr keine geringe Aufgabe, mit deren Loͤſung Burchard von Hornhauſen beauftragt ward. An der Graͤnze eines Landes, in welchem der wilde Sturm des Krieges in einem Monat alle Ordnung zerworfen, göttliche und menſch⸗ liche Geſetze aufgehoben, die alten Banden des geſelligen und bürgerlichen Lebens faſt ſaͤmmtlich zerriſſen und alle Verhält⸗ niſſe der früheren Zeit geſtoͤrt und furchtbar verwirrt hatte; auf der neuen, kaum befeſtigten Burg von einer Kriegerzahl umgeben, die einem kraͤftigen Angriffe eines nur irgend zahls reichen Feindes ſchwerlich lange hätte widerſtehen können; eis nem Volke gegenuͤber geſtellt, dem durch Feuer und Schwert alles Heilige und Theuere in ſeinem Glauben und in ſeinem Leben wie aus der Seele geriſſen, vernichtet, zertreten oder doch wankend gemacht worden war und welches nun in feis 1) Ueber den Aufbau der Burg Königsberg iſt die wichtigſte Stelle bei Dusburg c. 70— 71 vgl. mit c. 101. Vgl. Chron. Bohem. ap. Ludewig l. c. ; 2) Vgl. die Urkunde bei Lucas David B. III. Anh. Nr. XVI. S. 32. Als Vice⸗Landmeiſter erſcheint Burchard ſchon in einer Ur⸗ kunde vom 18. Januar 1255.

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90 Burchard von Hornhauſen, erſter Komthur in Königsberg. ner Bekehrung — kaum hat das Wort hier eine Bedeutung — noch nichts weiter kennen gelernt hatte von dem neuen dargebotenen und erzwungenen Glauben als das leere und inhaltsloſe Zeichen der Taufe: — ſo ſollte Burchard von Hornhauſen eine neue Ordnung ſchaffen, ein neues Leben be⸗ gründen, neue Geſetze befeſtigen und überhaupt alle Verhaͤlt⸗ niſſe neu geſtalten. Burchard von Hornhauſen erkannte ge⸗ wiß die ganze Gefahr ſeiner wichtigen Stellung. Darum verfuhr er in ſeiner Verwaltung des Landes mit aͤußerſter Vorſicht, mit groͤßter Maͤßigung, Milde und Schonung. Sein ganzes Streben ging vor allem zunaͤchſt darauf hin, das Vertrauen, die treue Ergebenheit und die Zuneigung je⸗ nes edlen Herrenſtandes zu gewinnen, den wir fruͤher unter dem Namen des Standes der alten Samlaͤndiſchen Withinge kennen gelernt haben. Und er gewann die angeſehenſten und vornehmſten aus dieſem Stande dadurch, daß er ihnen den ferneren und ungeſtoͤrten Beſitz aller ihrer bisherigen Guͤter und ihres geſammten Eigenthums nicht bloß feſt und ſicher verbuͤrgte und verſchrieb, ſondern jenen Beſitz hie und da auch noch anſehnlich vergrößerte. Vielen wurde zu ihrem fruͤ⸗ heren Beſitzthum meiſt noch eine bedeutende Anzahl, nicht ſel⸗ ten funfzehn bis zwanzig oder fuͤnfundzwanzig Familien des geringeren Volkes zugewieſen und ſolche zu ihnen in denſel⸗ bigen Gehorſam und überhaupt in das ganze naͤmliche Ver— haͤltniß geſetzt, in welchem in andern Gebieten das gemeine Zolk des Landes zum Orden ſtand. Ihre eigenen Beſitzun⸗ gen gab man den Edlen völlig frei vom Zehnten und allen ſonſtigen Abgaben; dagegen waren ihnen ſelbſt die unterge⸗ benen Familien ſowohl zins als zehntenpflichtig und ſtarb eine Familie ohne Erben aus, ſo fiel ihr ganzes Eigenthum dem Herrn anheim. Meiſt uͤbten die Edlen uͤber dieſe un⸗ tergebenen Leute auch jetzt ſchon die Gerichtsbarkeit, wenig⸗ ſtens die ſ. g. niedere. Die wichtigſte Forderung, welche hiefür der Orden an die Edlen machte, beſtand in der Ver⸗ pflichtung des Kriegsdienſtes in dem Heere des Ordens, in der Beihuͤlfe zur Landesvertheidigung und zum Aufbau neuer

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Burchard von Hornhauſen, erſter Komthur in Königsberg. 91 Burgen, neuer Staͤdte und Befeſtigungen in gleicher Art, wie des Ordens übrige Lehnsleute ihm hiezu verpflichtet wa⸗ ren. Einer der erſten unter Samlands Edlen, welche in ſol⸗ cher Weiſe fuͤr den Orden gewonnen und zu feſter und un⸗ verbrüchlicher Treue verpflichtet wurden, war der Withing Ibute aus dem Gebiete Laptau !). a Erwägt man dieſe Maaßregel, die wohl ohne Zweifel der Hochmeiſter ſelbſt verfügte, in ihren Folgen und Wirkun⸗ gen, ſo war ſie gewiß von außerordentlicher Wichtigkeit und vor allem am meiſten geeignet, dem Orden eine ſichere Buͤrg⸗ 1) Ueber die Verleihung an dieſen Edlen Ibute, welcher auch in dem Withings⸗Privilegium a. a. O. als Withing bezeichnet wird, ha⸗ ben wir noch die von Burchard von Hornhauſen an ihn ausgeſtellte Ur⸗ kunde vom 18. Januar 1255. Sie bildet gleichſam die Norm aller aͤhn⸗ lichen Verleihungen. Es heißt zunaͤchſt ausdrücklich, fie ſey gegeben ex iussu reverendi in christo fratris Popponis dicti de Hosterna Magi- stri generalis. Ibute erhält außer feinen früheren Beſitzungen in Cam- po, qui Labota nuncupatur, auch noch ein campum in Kewthe (Kiau⸗ ten bei Laptau) cum viginti familiis ad eundem pertinentibus et omni decimatione earumdem necnon et hereditate predictarum absque he- rede morientium jure hereditario in perpetuum. Die ihm und feinen Erben zugewieſenen Familien aber decimam solvere tenebuntur eisdem et subjectionem et servicia sicut homines et subditi fratrum fratri- bus exhibebunt. Er dagegen erhält für ſich, feine Kinder und Erben plenam libertatem de prediis et hereditatibus, decimam non solvendi similiter libertatem. Die hohe Gerichtsbarkeit uͤber dieſe Familien be⸗ hielt ſich in der erſten Zeit in der Regel noch der Orden vor: Maiora iudicia, que sunt vulnus letale, manus amputatio, sententiam mor- tis in predictas familias exercendi nullam habebunt facultatem; de allis vero causis inter ipsas familias subortis iudicandi iudiciariam plene habebunt potestatem. Ueber die pflichtigen Leiſtungen heißt es: De predictis autem bonis serviet nobis idem suique heredes in cli- peo et lancea, sicut ceteri nostri feodales consueverunt, und in eis ner andern Urkunde wird geſagt, der Empfänger muͤſſe in expeditio- nem ire, ad propugnationem terre venire, ad munitionem urbium et eivitatuın juvare und zwar mit feinen Familien. Eine gleiche Verlei⸗ hung, doch nur über ſieben Familien erhielt der Edle Grande, den wir gleichfalls im Withings-Privilegium a. a. O. aufgeführt finden. — Wir werden in einem ſpaͤtern Kapitet dieſe Verhättniffe noch näher verfolgen.

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92 Burchard von Hornhauſen, erſter Komthur in Königsberg. ſchaft für den Beſitz und die Ruhe des Landes, dem Lande ſelbſt aber auch wieder feſte Ordnung und ſichere Begruͤn⸗ dung ſeiner neuen Verhaͤltniſſe zu geben. Der beguͤnſtigte Herren-Stand, in allen Gebieten Samlands zerſtreut und in den Landbezirken von Laptau, Quedenau, Medenau, Ri⸗ nau, Caymen, Tapiau, Waldau, Rudau, Schaken, Wargen und Germau ſchon aus alter Zeit her durch ſein Gewicht und Anſehen unter dem Volke alles geltend und als der reichſte Stand auch alles vermoͤgend, war auf dieſe Weiſe nicht bloß in ſeiner Treue im chriſtlichen Glauben und in ſeinem Ge— horſam gegen den Orden ungleich ſicherer gemacht, als es ſonſt bei den Neubekehrten der Fall geweſen, ſondern man hatte ihn auch mit feinem ganzen Intereſſe für die Erhal⸗ tung ſeines Beſitzthums, fuͤr die Behauptung ſeiner Rechte und für die ganze Stellung ſeines Standes gegen das ge: meine Volk an die Sache des Ordens gekettet !). Die feſte Herrſchaft der Ordensritter ſicherte jetzt auch nur allein die ſeinige uͤber ſeinen Beſitz und Gluͤck und Unglück mußte er mit dem Orden theilen. Durch ihn aber erhielt Burchard von Hornhauſen zugleich auch das zweckmaͤßigſte und wirkſam⸗ ſte Mittel in die Hand, von neuem Ordnung, Geſetz und Verfaſſung in das aufgeloͤſte Leben einzufuͤhren und die ganze neue Geſtalt der Verhäͤltniſſe feſter zu begründen. Wie in ſolcher Art das buͤrgerlichgeſellige Leben der Neu- bekehrten nach und nach wieder mehr geregelt und geordnet ward, ſo wurde ſogleich nach des Volkes Bezwingung auch 1) Nur einzelne dieſer vornehmen Geſchlechter ſcheinen ſich durch die Flucht entweder jetzt oder nachmals der Herrſchaft des Ordens entzogen zu haben. Dahin gehörte namentlich das Geſchlecht der Sypaine, wel⸗ ches füdöftlich von Rudau zwiſchen Gerlauken und Kanthen ſeine Be⸗ fisungen hatte, die nachher der Orden dem getreuen Withing Ibute verlieh. Sie heißen daher in der darüber ausgeſtellten Verſchreibung bona fugitivorum illorum, qui dieuntur Sypayner. Samlaͤnd. Ver⸗ ſchreib. P. 22. Der Name blieb indeſſen noch bis in ſpaͤtere Zeiten, denn noch im J. 1450 finden wir dort den Ort Sipain, dabei ein Berg, Caporn genannt.

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Heinrich von Strittberg, erſter Biſchof von Samland. 93 das geiftlichreligiöfe in feiner Entwickelung und Fortbildung der Sorge eines Biſchofes anvertraut. Für dieſes vierte Bis⸗ thum Preuſſens naͤmlich, deſſen Begraͤnzung ſchon im Jahre 1243 beſtimmt worden, ward ſchon in den erſten Wochen nach Samlands Unterwerfung zum Biſchof ernannt und ge⸗ weiht der Deutſche Ordensbruder Heinrich von Strittberg, bisher Domherr des Stiftes zu Brünn in Mähren, wo er beim Koͤnige Ottokar, mit welchem er nach Preuſſen zog, wegen ſeiner Gewandtheit in Weltgeſchaͤften, ſo wie wegen ſeiner Beredſamkeit in hoher Achtung geſtanden und nicht ſel⸗ ten mit wichtigen Verhandlungen an verſchiedenen Fürftenhö- fen vom Könige beauftragt worden war. Seine Weihe ſoll zu Thorn geſchehen ſeyn 1). Seiner Wahl waren indeſſen mancherlei Irrungen und Verhandlungen mit dem Papſte vor⸗ angegangen, denn dieſer hatte ſchon früher den Prediger⸗ Moͤnch Johannes von Deyſt aus Brabant, des Koͤnigs Wil⸗ helm von Holland Rath und Kapellan, zum Biſchof fuͤr die Samlaͤndiſche Kirche beſtimmt. Doch glich der Papſt ſelbſt die Streitſache dadurch aus, daß er dieſen Guͤnſtling des Koͤ⸗ niges Wilhelm in das erledigte Biſthum zu Luͤbeck verſetzte ?). 1) Leo Histor. Pruss. p. 96. Daß dieſer Biſchof Deutſcher Dr: densbruder war, beweiſen ſeine eigenen Urkunden, in denen er ſich ſchon im Jahre 1255 Frater Ordinis Hospitalis s. Marie Theut. Jerusal. nennt. Einige geben an, ſeine Wahl und Weihe ſeyen ſchon im J. 1252 erfolgt; es laͤßt ſich indeſſen hieruͤber kein Beweis fuͤhren. Wir wiſſen nur beſtimmt, daß er am 10. Februar 1255 ſchon Biſchof von Sam⸗ land war. Seiner Weihe zu Thorn gedenkt Leo J. 0. 2) Daß ein Zwieſpalt in der Ernennung des erſten Biſchofs von Samland vorgefallen ſeyn mußte, war ſchon aus dem Chron. Lubec. ap. Meibom. T. II. p. 897 zu erſehen, wo die Nachricht ſteht: Frater Johannes de Deyst de ordine Minorum, de Brabantia oriundus, translatus est ad petitionem magni Principis Dni Wilhelmi Regis Romanorum, cujus fuit Capellanus et Consiliarius, per Papam In- nocentium IV a Sambiensi Ecclesia ad Ecclesiam Lubicensem anno dni M. CC. LIV. Iste magnus erat Theologus et praedicator cru- cis generalis solennis et prudens Dominus. Auch Botho Chron. Bruns wic. ap. Leibnitz T. III. p. 365 ſpricht von dieſem Johannes

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94 Heinrich von Strittberg, erſter Biſchof von Samtand. So eilig man indeſſen auch mit der Anordnung des neuen Biſchofs verfahren war, ſo weiß die Geſchichte doch von kei⸗ ner Bemuͤhung, das Volk in Samland, dem nur der Schrek⸗ ken des Schwertes den chriſtlichen Namen aufgezwungen, auch mit dem Inhalte und mit dem Geiſte des chriſtlichen Glaubens bekannt zu machen und nicht das Land allein, ſon⸗ dern vor allem auch Herz und Geiſt der Bewohner fuͤr die Kirche zu gewinnen. Scheint doch der Biſchof Heinrich ſelbſt kaum einmal ins Land gekommen zu ſeyn. Er hielt ſich meiſt in Thorn auf, in Verhandlungen mit dem Landmeiſter uͤber die ihm zugehörigen Einkünfte aus feinem Biſthum beſchaͤf⸗ tigt und da dieſe zur Zeit noch aͤußerſt ſpaͤrlich waren, ſo übertrug er die einſtweilige Verwaltung feines Amtes dem Ordensbruder Volpert, den er zum Vogt von Samland be⸗ ſtellte, und forthin unbeſorgt um die religiöfe Belehrung ſei⸗ ner neuen Gemeine begab er ſich ſchon im Februar des Jah⸗ res 1255 nach Deutſchland, nachdem er zuvor fein Eigen⸗ thum, ſofern er nicht wieder zuruͤckkehre, zur beſſeren Befe⸗ ſtigung der Ordensburg Thorn verſchrieben “). Wohl mögen von Deyſt, und wenn er ihn auch nicht als Biſchof von Samland kennt, ſo ſagt doch Raynald an. 1253 Nr. 6: Papa Johannis Minoritae Sam- biensis industria est usus, nt populos ad induendam contra Conra- dum crucem incitaret. — Hund vero Joannem postea ex Sambiensi ad Lubecensem sedem traduxit; und an. 1254 Nr. 34 heißt es: Ex- tant litterae, quibns (Innocentius) Sabinensem (Sambiensem) episco- pum ad Lubecensem sedem traducere iussit- Dieſe Briefe befinden fi in Regest. Innocent. IV. an. XI. epist. 490. 546 und 585 und im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 89. 91 und 92., woraus klar hervorgeht, daß der Papſt den J. de Diest (wie er in dieſen Bullen heißt) zum Samlaͤndiſchen Biſchof ernannt hatte, ihn im J. 1254 aber in das durch Alberts Abgang erledigte Biſthum Luͤbeck verſetzte. Wahrſchein⸗ lich iſt es derſelbe, welcher ſich am 4. October 1254 zu Erfurt bei der Einweihung eines Kloſters gegenwärtig befand und im Erfurdian. An- tiquit. varilog. ap. Mencken. T. II. p. 486 Episcopus de ordine fra- trum domus Teutonicae genannt wird. 1) Wir kennen die einzelnen Verhoͤltniſſe Yierüber nicht genau. Wir haben jedoch zwei zu Thorn am Tage Scholaſticà (10 Febr.) 1255 vom

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Der Hochmeiſter Poppo von Dfterna. 95 manche uns unbekannte Urſachen ihn zu dieſer Reiſe bewo⸗ gen haben; aber fuͤr das Heil und Gedeihen deſſen, wozu fein Amt ihn zunaͤchſt verpflichtete, hatte ſeine Entfernung unendlich nachtheilige Folgen. Jahre lang blieb das Volk in Samland ohne Hirten und Fuͤhrer, faſt ohne alle Beleh⸗ rung uͤber Glaube und Chriſtenthum, von dem es kaum et⸗ was mehr als die bloße Form der Taufe kannte und wenn es vielleicht im Stande der Edlen auch einzelne geben mochte, die unter den Ereigniſſen der früheren Zeit einige Kenntniß von den Lehren des Chriſtenthums erhalten hatten, ſo fand das Volk doch lange durchaus keinen Erſatz fuͤr die Verluſte ſeines alten Glaubens und ſeiner alten Heiligthuͤmer. Und hierin lag nun auch der Keim zu den vielfachen Bewegungen und Stuͤrmen und zu dem ſchweren Ungluͤck, denen Sam⸗ land in der nachfolgenden Zeit noch oftmals unterlag. Auch von dem Hochmeiſter Poppo von Oſterna geſchah, fo viel wir wiſſen, nichts weiter für die gertige Umbildung des unterworfenen Volkes. Ihn beſchaͤftigten ſeit des Boͤh⸗ miſchen Koͤniges Abzug am Weichſel⸗Strome verſchiedene po⸗ litiſche Landesverhaͤltniſſe. Vor allem war ein Streit auszu⸗ gleichen, den der Herzog Kaſimir von Cujavien gegen den Orden führte. Kaum naͤmlich hatte der Herzog von den durch den Papſt ihm zugewieſenen Laͤndern Polexien und Galindien Beſitz genommen, als der Orden gegen dieſen Schritt eine Berufung an den Roͤmiſchen Stuhl einlegte, vom Abte Opizzo aber als paͤpſtlichen Legaten nach der Vers fügung des Papſtes in den Bann gethan wurde ). Nun Biſchofe ausgeſtellte Urkunden, in deren einer er beſtimmt, daß ſeine bei dem Komthur von Thorn und dem Bifchofe von Kulm niedergelegten Bücher und ſonſtige Habe ad opus turris castri sive ad murum eius- dem castri, si nos redire non contigerit, verwandt werden ſollten. Es fanden alſo Verhaͤltniſſe Statt, die feine Ruͤckkehr in das Biſthum zweifelhaft machten. In der andern Urkunde weiſet er zu dem naͤm⸗ lichen Zwecke zehn Mark Silber an. Jenes Original und dieſes Trans⸗ ſumt im geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 1. 2. 1) urkunde im geh. Arch. Schiebl. I. Nr. 4, gedruckt in Hennig 1

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96 Der Hochmeiſter Poppo von Oſterna. trat außerdem der Herzog gegen den Orden noch mit einer neuen Forderung auf. Es ward ihm bei der Landestheilung von feinem Bruder Boleslav auch ein Theil des Löͤbauiſchen Gebietes zugewieſen, über deſſen Beſitz der Orden ſchon frü- her mit dem Herzoge Konrad von Maſovien geſtritten hatte!). Damals war die Sache nicht zu feſter Entſcheidung gekom⸗ men, die Ordensritter aber feit jener Zeit in ungeſtoͤrtem Be⸗ ſitze geblieben, bis jetzt Herzog Kaſimir den alten Streit wieder aufnahm und vom Orden einen Theil des Loͤbauer Landes forderte. Da uͤbernahmen die Biſchoͤfe von Leßlau und Leubus die Vermittlung; es kam zur Ausgleichung 2). Der Orden trat die ſuͤdliche, des Herzogs Gebiet am naͤch⸗ ſten gelegene Hälfte des Loͤbauer Landes ab, wogegen Kaſi⸗ mir nicht nur alle von ſeinem Vater verliehenen Beſchenkun⸗ gen dem Orden beſtaͤtigte, ſondern zu deſſen Gunſten auch auf jene vom Papſte ihm erſt kuͤrzlich zugeſprochenen Ges biete von Polsrien und Galindien Verzicht leiſtete. Somit ſchien es denn, nachdem noch einige andere minder wichtige Streitpunkte, als uͤber die Fiſcherei in der Weichſel, uͤber die gegenſeitige Auslieferung entlaufener Knechte und uͤber anderes der Art naͤher eroͤrtert waren, als ſei der Streit nun völlig ausgeglichen ?), und zwar ſchien es fo um fo Commentat. de rebus Jazygum p. 40 — 41, wo der Landmeiſter ſelbſt fagt: abbas post appellationem a nobis interpositam in nos excom- municationis sententiam promulgavit. 1) Wir erinnern uns, daß damals im J. 1239 der Herzog von Maſovien auf dem dieſe Streitſache betreffenden Verhandlungstage nicht erſchienen war und dadurch feine Anſpruͤche aufgegeben zu haben ſchien. Vgl. B. II. S. 396. 2) Vgl. die Urkunde bei Hennig J. c. 3) Das Original dieſes Vergleiches im geh. Arch. Schiebl. LVIII. Nr. 6. Es iſt die vom Herzoge für den Orden ausgefertigte Urkunde. Die vom Hochmeiſter Poppo für den Herzog ausgeſtellte iſt gedruckt im Dogiel T. IV. Nr. XXVL p. 25. Acta Boruss. B. III. S. 138 und bei Baczko B. I. S. 395. Ueber die beiden wichtigſten Punkte heißt es im Original: Magister Poppo et fratres domus thetonice nobis di- midiam partem terre Lubavie secundum tenorem privilegiorum olim

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Der Hochmeiſter Poppo von Oſterna. 97 mehr, da auch der Papſt dieſen Vergleich in allen Punkten genehmigte und beftätigte 1), außerdem auch den Biſchof Heidenreich von Kulm beauftragte, auf die genaue Befol⸗ gung dieſes Vertrages ſtreng zu halten ). Und dennoch war, wie wir bald näher ſeben werden, dem keineswegs alfo. Vielfach beſchaͤftigten ferner den Hochmeister um dieſe Zeit auch noch die Landestheilungen mit den Biſchoͤfen, denn wir erinnern uns, daß es im Jahre 1255 war, als ſich der Biſchof von Ermland uͤber ſeinen Landestheil zuerſt mit dem Orden ausglich und der von Pomeſanien ſeine frühere Aus: gleichung wiederum veränderte). Während ſonach in den Landestheilen dieſer beiden Biſchoͤfe die neuen Verhaͤltniſſe überall zuerſt begründet und geregelt werden mußten und die neue Schoͤpfung erſt im Beginne war, blieb der umſichtige und thaͤtige Biſchof Heidenreich von Kulm unablaͤſſig bemuͤht, inter dominum B. fratrem nostrum illustrem principem Mazovie et inter nos conceptorum dimittunt nobis cum pleno jure dominio et potestate, quam etiam dimidietateın terre nostre magis vicinam et melius adjacentem iusta et recta facta divisione nobis assignabunt. Der Herzog dagegen verſprach: Nos etiam dicto Magistro et fratri- bus promisimus onmia adimplere, ad que per privilegia patris nostri bone memorie vel nostra sumus obligati. Insuper promittimus, quod nulli volenti inpugnare fratres vel terram ipsorum inpedire nec per nos nec per nostros impendemus auxilium, consilium vel favorem, quod etiam Magister et fratres ante dicti nobis bona fide promise- runt. Preterea nos ommi iuri accioni seu commodo quod nobis ex donacione domini Pape super terris Pelexia et Galenz competebat renunciamus, magister etiam et fratres sue apellacioni renunciave- runt. Vgl. hiemit die Urkunde bei Hennig 1. c. 1) Die Original⸗Beſtäͤtigungs⸗Bulle, dat. Neapoli VII Id. Mart. P. n. an. I. ©. März 1255) im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 1. 2) Dogiel T. IV. Nr. XVIII. Da dieſe Bulle das Datum hat: Neapoli VII Id. Maij p. n. an. I., ſo iſt faſt zu vermuthen, daß in der vorigen Bulle ſtatt Martii ebenfalls Maij ſtehen müffe, denn ficher: lich wurden ſie beide an einem Tage ausgeſtellt und es iſt kaum moͤg⸗ lich, daß der im Januar abgeſchloſſene Vergleich vom Papſt am gten Marz zu Neapel ſchon beftätigt werden konnte. 3) S. B. II. S. 488. III. 7

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98 Der Hochmeiſter Poppo von Oſterna. die Landescultur in ſeinem Biſchofstheile auf jede Weiſe zu foͤrdern und zu vervollkommnen. Um die Fruchtbarkeit und das Gedeihen in duͤrren Gegenden zu vermehren, legte er in verſchiedenen Gebieten ſeines Landes, z. B. bei dem Dorfe Kunzendorf !) unter vielen Koſten Waſſerleitungen an, erneu⸗ erte die Freiheiten und Erleichterungen für ſolche, welche zu: erſt wuͤſte Felder bebauten oder neue Dörfer gründeten, re: gelte die Zinsleiſtung u. ſ. w.). Auch die jungen Städte in jenen weſtlichen Theilen des Ordensgebietes hob die Frie⸗ denszeit mehr und mehr empor, ſie in ihrem Aufſtreben auf mancherlei Weiſe beguͤnſtigend. So erhielt das friſch aufbluͤ⸗ hende Elbing in dieſem Jahre vom Herzoge Sambor aus Dankbarkeit fuͤr manche erwieſene Dienſte für feine Kaufleute völlige Zollfreiheit im ganzen Umfange feines Landes). Eine aͤhnliche Befreiung hatte ſeit einigen Jahren auch ſchon die Bürgerfchaft von Thorn“). Auch Braunsberg hob ſich von dieſem Jahre an, da es nun in den Beſitz des Biſchofs von Ermland kam, bedeutend empor, indem die Stadt, des Bi⸗ ſchofs Wohnſitz, ſeit dieſer Zeit ſich ungleich mehr vergrö- ßerte ). 1) Vgl. hierüber die Urkunde im geh. Arch. Schiebl. XLIX. Nr. 1. 2) Hieruͤber eine vom Biſchof und dem Kapitel von Kulm ausge⸗ ftellte urk. im geh. Arch. im Buche, betitelt: Ellen⸗Hubenmaaß u. ſ. w. 3) Dogiel T. IV. Nr. XXIX. p. 27. Gercken Cod. diplom. Brandenb. T. VII. S. 125. 4) Zernecke Thorn. Chron. S. 12. 5) Wir haben der Erbauung Braunsbergs ſchon fruͤher B. II. S. 408 erwähnt. Auch weiſen Urkunden, z. B. das Privilegium von 1249 bei Dusburg p. 469, Dreger Nr. 257 das fruͤhere Daſeyn der Stadt ganz ſicher nach. Es iſt daher ganz unrichtig, wenn verſchiedene Chro⸗ niſten, z. B. Lucas David B. IV. S. 11, Leo p. 96, Dubrav. p. 137, Schütz p. 27 u. a. behaupten, die Stadt ſey erſt jetzt durch den Biſchof Bruno von Olmuͤtz gegruͤndet und nach ſeinem Namen benannt worden. Das Wahre dieſer Nachricht möchte ſeyn, daß dieſer Biſchof manches zur Erweiterung der Stadt beigetragen habe. Das Chron. Bohemiae ap. Ludewig Reliqu. Msc. T. XI. p. 297 ſagt ſchon: Olo- mucensis episcopus Bruno enm regis praefati iuvamine civitatem

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Wehlau's Aufbau und Gewinn. 99 Nicht ſo friedlich und erfreulich verlief die Zeit im noͤrd⸗ lichen Lande. Samland, geſchreckt, gefeſſelt und begütigt, blieb vorerſt noch in Ruhe; aber die Nachbarvoͤlker in Na: drauen, Schalauen und Sudauen hatte der Sturm des Krie⸗ ges und Samlands Unterwerfung in Angſt und Schrecken geſetzt. Erzurnt über die Zaghaftigkeit und über die willfaͤh⸗ rige Ergebung, mit welcher die Samlaͤnder, ſonſt die maͤch⸗ tigſten und tapferſten Bewohner der noͤrdlichen Lande, ſich des Ordens Geboten unterworfen, und in Beſorgniß, daß nun das nämliche Joch auch ihren Nacken drucken und das naͤm⸗ liche Verderben auch uber ihre Götter und Heiligthuͤmer er⸗ gehen werde, traten die Bewohner dieſer drei Landſchaften zu einem bedeutenden Heere zuſammen und ſielen unter ſchreck⸗ licher Verheerung durch Raub und Brand in Samland ein. Das Chriſtenthum, dem die Samlaͤnder ſich ergeben, ließ an keine nachbarliche Liebe und an keine Banden der Ver⸗ wandtſchaft denken. Die ganze Landſchaft ward uͤberſtuͤrmt und Schaaren von Gefangenen mußten dem Feinde folgen. Zum Gluck der Ordensritter war die Burg Königsberg we⸗ nigſtens ſchon ſo weit in ihrem Aufbaue vorgeſchritten, daß ſie gegen den Anſturm des Feindes vertheidigt werden konnte. Darauf kehrte das feindliche Heer in ſeine Lande wieder zu⸗ ruͤc. Unfern von Samlands oͤſtlicher Graͤnze aber, wo ſich die Alle ſuͤdwaͤrts aus Nadrauen herab mit dem Pregel⸗ Strome vereinigt, ward in Eile eine Burg zur Wehr des Landes erbaut und ſtark befeſtigt. Sie wurde Wehlau ge⸗ nannt, vielleicht ſchon fruͤher der feſte Wohnſitz eines Landes⸗ Edlen. Mit ſtarker Kriegsmannſchaft beſetzt und dem Be⸗ fehle des Nadrauiſchen Landesfürften Tirsko und feines Soh⸗ nes Maybelo anvertraut ſollte fie vor allem die beiden Zlüffe bewachen, an deren Zuſammenſtroͤmung fie errichtet war und dem Feinde den Eingang nach Nadrauen erſchweren N. construens, ei nomen imponens Brunsperg, quod mons Brunonis di- citur, et ecclesiam cathedralem Warmiensem in eadem provincia — — instituit. 1) Dusburg c. 72. Chron. Oliv. p. 24 nennt den Landesfürſten *

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100 Wehlau's Aufbau und Gewinn. Die Vorſicht aber, durch welche das Volk dieſes Lan⸗ des ſeine Freiheit und Sicherheit hatte ſchuͤtzen wollen, ſchlug zu ſeinem Verderben aus; denn kaum hatten ſich die einzel⸗ nen Heereshaufen in ihre Landſchaften zerſtreut, als es dem Landmeiſter und Komthur von Koͤnigsberg Burchard von Hornhauſen gluͤckte, den Befehlshaber der feindlichen Burg und durch ihn auch ſeinen Sohn und die Wehrmannſchaft der Feſte für ſich zu gewinnen. Mag es ſeyn, daß darge⸗ botene Geſchenke, glaͤnzende Verheißungen und Hoffnungen auf irdiſchen Gewinn bei williger Ergebung ſie verlockten, oder mag in ihnen ſelbſt das Vertrauen auf ihre Kraft und der Glaube an die moͤgliche Errettung ihres Landes bald entſchwunden ſeyn und die wankende Seele um ſo leichter ſich den Verlockungen hingegeben haben, oder mag endlich, wie die Chroniſten behaupten *), das Wort eines beredten und begeiſterten chriftlichen Prieſters mit der Kraft der chriſt⸗ lichen Lehre ihr Inneres erſchuͤttert und den alten Glauben in ihrer Seele zerſtoͤrt haben: — fie ließen ſich zur Annahme der Taufe bewegen, uͤberlieferten ihre Burg dem Landmeiſter und begaben ſich in den Schutz des Ordens, der ihre Unter⸗ werfung mit freigebiger Hand belohnte. Kirske. Lucas David B. IV. S. 13, Schütz p. 27 nennt die Burg Wetow und erklärt dieſen Namen aus dem Preuſſiſchen wetow, eine Warte, specula oder eine Landwehre. Der Name Wehlau oder We- lowe iſt aber ohne Zweifel der urſpruͤngliche; wenigſtens paßt die En⸗ dung owe in ihrer Bedeutung nicht zu Schuͤtzens Auslegung. Wie Quedenau, Medenau u. a., fo war ſicherlich auch Wehlau das Beſiß⸗ thum eines Edlen, vielleicht des Tirsko ſelbſt. 1) Dieſes iſt wohl das Unwahrſcheinlichſte. Offenbar decken hier entweder die Chroniſten, wie Dusburg c. 72, Chron. Oliv. p. 24 u. a. die vom Komthur angewandten Mittel der Verlockung und Verführung ab- ſichtlich mit frommen Floskeln zu oder ſie gebrauchten ſolche, um nicht geſtehen zu muͤſſen, daß ſie ſelbſt nicht wuͤßten, wie in der Sache verfahren worden war. Der Epitomator Dusburgs läßt wirklich etwas mehr er⸗ rathen, indem er ſagt: Accidit quoddam mirabile, quia divina cle- mentia Tirskonem dietum antum terruit cum suis et cor eius illu- stravit gratia sna, quod deposito infidelitatis errore conversus est et cum fratribus inimicos fidei impngnavit.

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Kriegszüge nach Nadrauen. 101 Da beſchloß der Komthur von Königsberg, des Volkes Beſtürzung uͤber den Verluſt der Graͤnzfeſte zu benutzen und ſammelte ſchnell auf Tirsko's Rath aus den über die Ber: heerung ihres Landes erzürnten Bewohnern Samlands ein anſehnliches Heer. Tirsko, der Wege kundig, fuͤhrte es un⸗ ter des Komthurs Befehl, den Bewohnern unvermuthet, in das Gebiet von Wohnsdorf zwiſchen der Alle und dem DOmet, wo die Burg Kapoſtete, der Wohnſitz eines Edlen lag. Bei des Heeres Stärke wurde fie leicht erſtürmt, alles was darin war theils gefangen, theils erſchlagen und dann die Feſte durch Feuer verwuͤſtet. Nachdem ward das ganze Gebiet mit Raub und Brand durchzogen und eine reiche Beute nach Königsberg zurückgebracht, mit welcher der Komthur den Sam⸗ laͤndern ihre Theilnahme am Heereszuge lohnte). Aber das Glück lockte nun weiter. Kein Feind hatte auf dieſem Zuge bedeutenden Widerſtand geleiſtet. Daher brach Burchard von Hornhauſen bald darauf mit einem neuen Heere in das genannte Gebiet ein. Die Burg Ochtolitten, da wo jetzt das Dorf Auglitten noch den Namen erhält, er⸗ litt den erſten Anſturm; fie wurde gewonnen und aufge⸗ brannt und ihr Heer ſammt den Seinen gefangen hinwegge⸗ führt. Das Gebiet umher erlag der Pluͤnderung und Vers heerung. Da ſandten die Edlen aus drei anderen umherge⸗ legenen Burgen, aus Unſatrapis, Gundau und Angeteten, erſchreckt durch des Landes Jammer und Verwuͤſtung und verzweifelnd an der Errettung gegen den mächtigeren Feind, eine Botfchaft an den Komthur, erboten ſich zur Unterwer⸗ fung, gelobten die Taufe und ſtellten Geißeln zur Verſiche⸗ rung ihrer Treue ?). 0 So brach der morſche Bau des alten Lebens auch in dieſen Theilen Preuſſens mehr und mehr zuſammen; an je⸗ 1) Dusburg c. 73. Chron. Oliv. p. 24. Lucas David B. IV. S. 14. Schütz p. 27. 2) Vgl. die Quellen der vorigen Note. Ueber die Namen und die Lage der erwähnten Burgen iſt im erſten Bande S. 491 — 492 ſchon geſprochen.

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102 Kriegszuͤge nach Nadrauen. der Burg ſank ihm eine Stuͤtze und mit jeder verlorenen Stuͤtze ging er dem Untergange naͤher entgegen. Im Geiſte der Voͤlker fand er keine feſte Haltung mehr. Zwar war man hie und da bemuͤht, den alten Bau, in welchen man ſich einmal hineingelebt und eingewohnt, noch zu retten und zu vertheidigen und manches große Opfer, ruͤhmlich in ſei⸗ nem Sinne, ward hiezu dargebracht; allein es fehlte immer und uͤberall an Plan, an Einheit in That und Geſinnung, an feſter und anhaltender Vereinigung der geſammten Volks⸗ kraft. Wie Pomeſanien und Pogeſanien unterworfen wur⸗ den, ohne daß das nahe bedrohte Warmien oder Barterland ſich ruͤhrte und regte, wie dann der Sturm uͤber Warmien und Natangen erging, ohne daß Samland oder Nadrauen zur Hülfe und Rettung der nachbarlichen Brüder aufſtand und wie zuletzt Samland überwältigt ward, ohne daß zur Zeit der Noth die drei oͤſtlichen Landſchaften mit ihrer Hee⸗ resmacht herbeigeeilt waren, fo zeigte ſich auch jetzt, da der Orden immer weiter und weiter ins Innere von Nadrauen eindrang, keine Spur einer gemeinſamen Verbindung oder auch nur eines Verſuches zum Widerſtande und zur Rettung des gemeinſamen Ganzen. Mag es ſeyn, daß der Hochmei⸗ ſter Poppo von Oſterna, der ſich im Herbſte des Jahres 1255 in Memelburg aufhielt n), von dort aus die Schalauer mit Krieg befchäftigte, um dem Komthur von Königsberg 1) Der Hochmeiſter war im Auguſt und in der erſten Hälfte des September in Livland geweſen, wovon die Livlaͤndiſchen Schriftſteller nichts wiſſen. Es bezeugt uns dieſes aber eine vom Hochmeiſter ſelbſt ausgeſtellte Urkunde, die in Memelburg am 20. Sept. 1255 gegeben iſt, worin Poppo ſagt: Noverit universitas vestra, quod in reversione itineris nostri, quo a Lyvonia in Prussjam divertimus et venissemus in Memilburg, accessit ad nos frater Girhardus commendator ipsius domus et alii fratres quamplures nobis supplicarunt pro quodam de Sambia nomine Paganle de Wergenow. Unter andern finden wir dort in Begleitung des Hochmeiſters auch Hartmann von Heldrungen. Vgl. Samland. Handfeſt. p. 214 und Handfeſt. der Samländ. Freien p. 204 im geh. Arch.

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Kriegszuͤge nach Nadrauen. 103 feine Kämpfe zu erleichtern, fo würde die Kraft der Na: drauer und Sudauer, feſt vereint und klug verwandt, doch ſicherlich wohl hingereicht haben, dem Feinde aus Samland den noͤthigen Widerſtand zu leiſten. Dem entgegen wurden von dem Orden und fuͤr denſel⸗ ben noch fort und fort Kraͤſte aufgeboten, bei denen Preuſ⸗ ſens völlige Unterwerfung ſchon auf keine Weiſe mehr im Zweifel ſtehen konnte. Zwar war allerdings das, was der Orden an der Stelle des vertilgten und zertretenen alten Le: bens aufrichtete, nichts weniger als auf ſicheren Boden auf: gebaut; es ruhete nicht in der Tiefe des Geiſtes, nicht auf der Liebe, Ueberzeugung und in der Erkenntniß des Volkes; es ruhete auf Schrecken und Angſt, auf Furcht und Ver⸗ zweifelung, auf dem Verderben und Vertilgen alles deſſen, was dem Zwecke und dem Ziele der aufgerichteten Herrſchaft entgegenſtand. Zwar findet ſich noch keine Spur der Bemü⸗ hung, dem neuen Fortbau dieſer Herrſchaft in Samland eine edlere Grundlage, die der Ueberzeugung und der Belehrung des Volkes von dem Heil und der Kraft, von dem Weſen und der Wahrheit des Evangeliums zu geben, und aͤußeres Gehorchen und blindes Unterwerfen blieb vorerſt noch das wichtigſte und faſt das einzige Ziel, an welches der Orden alle ſeine Kraͤfte und ſein ganzes Streben ſetzte. Allein es wurde bei dem allen doch immer ſo viel erreicht, daß der Grundbau des alten Lebens immer mehr zuſammenbrach und die Formen der alten Verhaͤltniſſe mehr und mehr auseinan⸗ der geriſſen und zerſtoͤrt wurden. Fuͤr dieſes Ziel nun ging der Orden mit jedem Jahre weiter. Während im Winter des Jahres 1256 der Komthur von Koͤnigsberg mit einem neuen Heerhaufen, zu welchem nun auch ſchon die kaum bezwungene Wehrmannſchaft aus dem Gebiete von Wohnsdorf hinzuzog, in den oͤſtlichen Theil Natangens einbrach, dort einen edlen Landesherrn, Goducke genannt, der den mit den Natangern (1249) geſchloſſenen Frieden anzunehmen verweigerte, bekaͤmpfte, mit feinen zwei Soͤhnen und vielen andern erſchlug, ſeine Familie gefangen

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104 Der Papſt Alexander der Vierte. hinwegfuͤhrte und das ganze Gebiet ſchwer verwuͤſtete 1), langte am Weichſel⸗Strome der Markgraf von Branden⸗ burg, Otto des Frommen Bruder, ein ſo tapferer und kriegs⸗ geuͤbter, als erfahrener und thaͤtiger Fürft, auf feiner Heer: fahrt nach Preuſſen mit zahlreicher Kriegsmannſchaft an. Al⸗ lein der Winter war ſo weit und die noͤrdlichen Landſchaften, denen der Kampf gelten ſollte, ſo ſtark mit Suͤmpfen und Moraͤſten angefuͤllt, die nur bei harter Kälte gangbar wur: den, daß der Markgraf mit Fruͤhlings Anbruch unverrichteter Sache wieder heimziehen mußte 2). Bereits aber wurden um dieſe Zeit wieder andere Kraͤfte fuͤr die Sache des Ordens aufgerufen. Seit dem Ende des Jahres 1254 war im Kardinalbiſchof Raynald ein neuer Papſt Alexander der Vierte auf den paͤpſtlichen Stuhl ge⸗ kommen. Kaum war das erſte Jahr ſeiner Regierung, in welchem nur einzelne Verordnungen ſeine Zuneigung zu dem Orden kund thaten, voruͤbergegangen, als er erfreut uͤber die Fortſchritte in der Erweiterung der Kirche im Norden durch die Ritterbruͤder des Deutſchen Ordens auch ſeiner Seits die thaͤtige Beihuͤlfe zur Foͤrderung des weiteren Kampfes gegen die Ueberbleibſel des Heidenthums darbot. Es belebte ihn die Hoffnung, daß es feiner Zeit beſchieden ſey ), die letzten Spuren des Irrglaubens in Preuſſen zu vertilgen und er be⸗ wies daher fuͤr dieſe Sache einen Eifer und eine Thaͤtigkeit, wie kaum irgend einer ſeiner naͤchſten Vorgaͤnger. Es ergin⸗ gen neue Aufforderungen zur Kreuzpredigt für den Heereszug nach Preuſſen an die Priore und Brüder des Prediger-Or⸗ dens in Bremen und Magdeburg, Regensburg, Paſſau, Hal⸗ berſtadt, Brandenburg, Havelberg, Hildesheim und Verden, andere an denſelbigen Orden in Polen, Pommern, Daͤne⸗ 1) Dusburg c. 75. Lucas David B. IV. S. 15. 2) Dusburg c. 76 fest die Ankunft des Markgraßen ins J. 1255 und die Handſchriften nebſt Jeroſchin ſtimmen in dieſer Angabe uͤber⸗ ein. Es kann daher die Anweſenheit deſſelben nur in den Winter 1255 — 1256 fallen, wie Lucas David B. IV. S. 15 auch annimmt. 3) Raynald an. 1256. Nr. 15.

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Der Papſt Alexander der Vierte. 10⁵ mark, Schweden, Norwegen und Gothland, überall von neuem an das hohe Verdienſt erinnernd, welches in der Ehre des Gekreuzigten zu erringen ſey. In Preuſſen und Kur⸗ land felbft forderte der Papſt die Biſchoͤfe Heidenreich und Heinrich zu friſcher Thaͤtigkeit und zur eifrigſten Beförderung der Glaubensſache auf). Desgleichen erließ er auch noch beſondere Befehle an den Biſchof von Breslau, an den Prior der Predigerbrüder in Kulm und an andere über die Auf⸗ nahme der Neubekehrten in den Schooß der Kirche *). Der naͤchſte Erfolg dieſer Ermunterungen des Papſtes war zwar keine neue größere Kreuzfahrt eines Fuͤrſten; al⸗ lein es zogen doch, durch die mahnende Predigt des Kreu⸗ zes getrieben, fort und fort einzelne Schaaren bekreuzter Krieger und Ritter gegen Preuſſen herbei und auch dieſer beftändig fortdauernde Zufluß neuer Kräfte hatte fir den Or⸗ den manche heilſame Folgen. Deshalb erneuerte auch bald darauf der Papſt ſeinen Befehl zur Kreuzpredigt an den Pre⸗ diger-Orden in der Umgegend von Mainz, hinzufuͤgend, daß man ſolche, die ſchon mit dem Kreuze bezeichnet aus Armuth oder Schwaͤchlichkeit an einer Heerfahrt nach Preuſſen, Liv⸗ land oder Kurland nicht ſelbſt Theil nehmen koͤnnten, von ihrem Geluͤbde entbinden moͤge, ſobald ſie durch eine ihrem Vermögen angemeſſene Hülfsfpende den Orden in feiner Sa⸗ che unterſtuͤtzen wurden, daß ferner auch ſelbſt ſolche, die wegen Brandſtiftung, wegen Mißhandlungen von Clerikern oder andern geweihten Perſonen in den Bann erklaͤrt werden 1) Regest. Alexand. IV. An. II. epist. 367, im Copien⸗ Buche des geh. Arch. Nr. 337. Raynald 1. c. Das Datum des Briefes an den Orden der Predigermonche iſt: Lateran. V Idus Mart. an. II. (11. März 1256). Der Brief ſpricht beſonders die lebendige Freude und Theilnahme des Papſtes an der Sache in Preuſſen aus. 2) Baron. Annal. eccles. an. 1256. Nr. V giebt zwei paͤpſtliche Schreiben über die Forderung des Bekehrungswerkes anz in dem einen Indulgentias proficiscentibus in succursum Livoniae et Prussiae im- pertivit; in dem andern giebt der Papſt den obengenannten Perſonen auf, ut quosdam (paganorum) ad fidem venire cupientes reciperent et dominio Casimiri Lansiciae et Cujaviae Ducis adjungerent.

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106 Aufſtand in Samland. ſollten, der Strafe enthoben werden moͤchten, ſobald ſie das Kreuz für das Heil der Kirche annehmen wuͤrden !). Bei ſolchem beſtaͤndigen Zuwachs neuer Streitkräfte für den Orden waren daher die heidniſchen Preuſſen auch nicht im Stande, den Ordensrittern zu widerſtehen, viel weniger ſie aus den neuen Erwerbungen wieder zu verdraͤngen. Zwar ftürmte im Laufe des Jahres 1256 einmal ein bedeutender Haufe heidniſcher Krieger bis an Nadrauens weſtliche Graͤnze vor, um die Burg Wehlau wieder zu gewinnen; allein der kraftige Widerſtand der Beſatzung ließ den Verſuch ohne al: len Erfolg?). Mit Benutzung der neuen Streitkraͤfte aber wuͤrde gewiß der Orden ſchon jetzt in ſeinen Eroberungen weiter vorgeſchritten ſeyn, waͤre er im Beſitze ſeiner neuen Erwerbungen zur Zeit nicht noch ſo ſehr unſicher geweſen. Allein ſchon jetzt zeigte ſich, wie wenig es dem Orden ge: lungen war, durch ſein Joch den Geiſt der Samlaͤnder gaͤnz⸗ lich zu erdruͤcken. Es brach im Lande ein ſehr gefaͤhrlicher Aufſtand aus. Die laſtende Knechtſchaft, welcher der groͤßte Theil der Bewohner des Landes untergeben worden war, hatte die Gemuͤther mit jedem Tage mehr aufgereizt. Ver⸗ gebens hatte der Komthur von Königsberg das Mittel ver⸗ ſucht, die Kraft des Volkes in ſeinen Heereszuͤgen auf Na⸗ drauen und Natangen abzuleiten; der Wurm fraß im Her⸗ 1) Die Bulle, datirt: Anagnie XVI Octobr. p. n. an. II. (16 Sept. 1256) befindet ſich in einem Transſumte im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 10. Es heißt darin: Preterea ut prefatum negotium eo ma- gis incrementum prosperitatis optate suscipiat, quo ipsum pluribus remediis contigerit adjuvari presentium vobis auctoritate concedimus, quod illis de predicta provincia, qui ad sollempnem vestram predi- cationem accesserint viginti dies de injuncta penitentia relaxare ac eorum singulis illue assumpto propter hoc crucis caractere proces- suris qui pro incendiis et injectione manuum in Clericos vel alias re- ligiosas personas excommunicationis laqueum incurrerunt absolutio- nis beneficium impertiri juxta formam Ecclesie valeatis proviso ut passis dampna et injurias satisfaciant competenter. 2) Histoire de l’Ord. Teut. T. II. p. 13. Erxläut. Preuſſ. B. IV. S. 675.

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Aufſtand in Samland. 107 zen des Volkes nur weiter fort und die Erbitterung ſteigerte ſich immer mehr, je ſtrenger derſelbe Komthur auf die Ent⸗ richtung der dem Lande auferlegten Geldabgaben hielt, und fo entſagte bald der größte Theil der Landſchaft dem ver⸗ ſprochenen Gehorſam. Aber man dachte hiebei auf weitere Plane. Um mit Kraft dem Schwerte des Ordens entgegen zu treten, hielt man vor allem nothwendig, die Verbindung mit den noͤrdlichen Nachbarvoͤlkern, den erzürnten Feinden der Ritter, wo moͤglich wieder herzuſtellen. Waͤhrend daher ein Theil des Wehrvolkes zur Hut und Vertheidigung des Landes in der Heimat zuruͤckblieb, brach eine anſehnliche Heerſchaar auf der Nehring gegen die Memelburg auf, denn ſie vorzuͤglich hinderte den Zuzug der noͤrdlichen befreundeten Voͤlker zur Beihuͤlfe der Samlaͤnder. Voraus lief eine be⸗ deutende Anzahl Samlaͤndiſcher Schiffe laͤngs der Oſtſeekuͤ⸗ ſte, um die Beſatzung der Memelburg in Schrecken zu hal⸗ ten und das Landheer bei ſeiner Ankunft durch ihre Stellung zu decken. Die Schiffe hatten den Memel-Strom bereits beſetzt, als das Landheer, vor der Burg angelangt, ohne Verzug auf die Mauern einen wilden Sturm wagte. Der Kampf war aͤußerſt blutig; allein die Ritter widerſtanden mit außerordentlicher Tapferkeit. Lange ſetzten auch die Sam⸗ laͤnder die theuerſten Opfer für den Gewinn der Burg ein; doch es glückte kein Erfolg und da endlich nach ſtundenlan⸗ gem Kampfe ihre Streitkraft ſehr bedeutend vermindert und ermuͤdet war, ſo errichteten ſie im Angeſicht der Ritter einen großen Scheiterhaufen, verbrannten nach Landesſitte die Leich⸗ name der im Streite gefallenen Krieger ſammt deren Waf⸗ fen und Roſſen, brachten dann die Verwundeten auf die na⸗ hen Schiffe und traten auf demſelben Wege traurig den Ruͤckzug an. Kaum aber vernahm Anno von Sangerhauſen, der Mei⸗ ſter von Livland, durch Burchard von Hornhauſen von der Kriegsbewegung in Samland unterrichtet, die Kunde von dieſem kuͤhnen Wagniſſe der Samlaͤnder, als er ſofort be⸗ ſchloß, durch einen Kriegszug in ihr Land Rache und Ver—

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108 Aufftand in Samland geltung zu üben. Schnell erließ er an feine Komthure das Kriegsgebot und in kurzem ſtand eine ſtarke Streitſchaar un⸗ ter ſeinen Fahnen. An ſie ſchloß ſich auch ein Theil der Beſatzung der Memelburg an. So zog der Meiſter die Neh⸗ ring herab. Doch in der Gegend angelangt, wo ſich die ſchmale Erdzunge zwiſchen den Gewaͤſſern des Meeres und des Haffes erweitert, ſtieß er ploͤtzlich auf einen ſtarken Ver⸗ hau, welchen die Samlaͤnder vorgeſchlagen hatten, um des Feindes Eindringen in ihr Land zu hindern 1). Er zog ſich vom Ufer des Haffes an bis an den Strand der See, aus maͤchtigen Baumſtaͤmmen und Strauchwerk zuſammengefuͤgt. Der Meiſter aber durchbrach den ſtarken Hagen ohne alle Gegenwehr, denn die Samlaͤnder ahneten noch keinen Feind. Da ſahen ſie ploͤtzlich mit Schrecken ihr Land von den er⸗ grimmten feindlichen Schaaren faſt ganz überzogen und furcht: bar mit Raub und Brand heimgeſucht. Viel Volks ward erſchlagen. Mittlerweile aber, als die Ordenskrieger um Gut und Beute umher zerſtreut waren, ſammelte ſchnell einer der Vornehmſten unter den Samlaͤndern einen ſtarken Kriegs⸗ haufen und eilte durch die Nehring, ohne Saͤumen den Ha⸗ 1) Einen ſolchen Verhau oder Hagen findet man auch ſonſt häufig, beſonders an den Landesgraͤnzen; ſo unter andern auch in Litthauen; vgl. Alnpeck Reimchron. S. 62; auch auf der Inſel Oeſel, ebendaf. S. 79. Von den Semgallen ſagt Alnped S. 97: Sie verhageten die wege Gros und klein in ſteter pflege Die hagene machten ſie ſo gros Das manchen criſten ſint verdros. Zuweilen ſcheint ein ſolcher Hagen eine ziemlich bedeutende Strecke der Landesgraͤnze eingenommen zu haben. So ſpricht Alnpeck S. 123 von einem Hagen, „der vor das lant was geſchlagen“. Bei Wigand Mar- burg. kommen dieſe Verhaue vor unter dem Ausdruck septa vulgariter slege. Sie waren aus Holz, Steinen und Erde zuſammengeworfen und hatten den Zweck der in Deutſchland gewoͤhnlichen „Landwehren“ — munimenta quae Landwehr dicuntur — Graben und Walle zur Sicher⸗ heit um das Land gezogen; ſ. Stenzel Geſchichte der Kriegsverfaſſ. Deutſchlands S. 204.

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Aufſtand in Samland. 109 gen wiederherzuſtellen. Es gelang, bevor der Feind zurück⸗ kehrte; und da nun der Meiſter zur Ruͤckkehr mit ſeiner Schaar herankam, erhob ſich ein furchtbarer Kampf, denn hier wollten die Samen den Rittern vergelten, was dieſe in ihrem Lande verübt. Es blieb dem Meiſter nichts übrig, als unter jedem Opfer ſich durch den Feind durchzuſchlagen. Es geſchah mit ſchweren Verluſten und mancher Ordensrit⸗ ter blieb im Kampfe 1). Auch von den Samlaͤndern erlag eine bedeutende Zahl; aber die ganze Beute der Ritter fiel wieder in ihre Hände. Und als nun ber Meiſter Anno mit den Seinen auf der Memelburg wieder ankam, ward ein Dankgebet gehalten für die Rettung der Wiederkehrenden, denn ſelten war ein Ordensheer bisher in ſolcher Gefahr des Unterganges geweſen. So war alſo der Heranzug des Meiſters von Livland fuͤr Samlands Unterwerfung ohne allen Erfolg geblieben. Um ſo mehr mußten daher in Preuſſen nun von neuem alle Kräfte aufgeboten werden, um das abtruͤnnige Volk in den Gehorſam des Ordens wieder zuruͤckzufuͤhren; und es gelang dieſes vorzüglich durch die Beihuͤlfe und den Eifer der vornehmeren Landes⸗Edlen 2). Kaum aber war dieſer 1) Aehnlich erging es fpäterhin vor einem ſolchen Hagen in Sem⸗ gallen dem Landmeiſter von Livland, Konrad von Mandern; ſ. Aln⸗ peck S. 97. 2) Ueber die Art, wie dieſe neue Unterwerfung Samlands gelang, ſind wir im Einzelnen gar nicht unterrichtet. Die inlaͤndiſchen Chroni⸗ ſten ſchweigen überhaupt gänzlich über dieſen neuen Abfall des Landes. Nach urkundlichen Quellen aber muß dieſe Empörung Samlands in die erſte Zeit des Jahres 1256 fallen. Es bezeugt dieſes nicht bloß eine Urkunde des Biſchofs von Samland „ der ſchon zu Ende Juni's d. J. von Samland als einer terra primo et secundo subjugata ſpricht und hiemit eine Empdrung andeutet, ſondern es wird auch in einer Ver⸗ ſchreibung des nachmaligen Landmeiſters Gerhard von Hirzberg erwähnt, daß zur Zeit Burchards von Hornhauſen ein neuer Abfall Samlands Statt gefunden und daß dieſer den Samländifchen Edlen Ibuthe mit einer neuen Verleihung beſchenkt habe propter fidei promocionem et terre utilitatem, postquam terra Sambiensis apostaverat et Post se-

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110 Aufſtand in Samland. Aufſtand im Lande unterdruͤckt, als der Biſchof Heinrich von Samland, auch jetzt noch weniger um das geiſtige Theil ſei⸗ ner Untergebenen, als um den Gewinn von Geld und Gut aus ſeinem Biſthum bekuͤmmert, von Deutſchland aus gegen den Ordens⸗Convent in Königsberg mit der Forderung auf trat, daß ihm der dritte Theil des Geldes entrichtet werden müffe, welches der Orden bisher aus Samland erhoben habe, weil ihm ja auch nach paͤpſtlicher Verordnung der dritte Theil des Landes gebuͤhre. Der Convent ſtellte vor: es ſey ein unbilliges Verlangen, weil ja der Orden nicht allein fuͤr ſich, ſondern auch fuͤr den Biſchof bedeutende Summen auf den Bau und die Bewehrung der Burg Koͤnigsberg, wie nicht minder auch auf des Landes Eroberung verwandt habe. Dem Biſchofe indeſſen genuͤgte dieſes nicht und es wurden daher mit ſeiner und des Landmeiſters Dieterichs von Gruͤ⸗ ningen Zuſtimmung der Biſchof von Kulm und der Kom⸗ thur von Koͤnigsberg zu Schiedsrichtern in dem Streite er⸗ nannt. Sie erkannten, daß der Biſchof ſich mit der Summe von zweihundert Mark begnuͤgen, ſonſt alle weiteren Anfor⸗ derungen aufgeben, der Orden aber gegen ihn auch keine Anſpruͤche auf Schadenerſatz für feine auf die Burg Königs: cundam subjugacionem et fidei receptionem einsdem terre. Die erſte Verleihung an den Samländer Ibuthe aber, heißt es hier, ſey geſchehen post primam subjugacionem et fidei susceptionem terre Sambiensis, ©. Samländ. Handfeſt. Fol. VII. p. 185. Nach einer bald näher zu beruͤckſichtigenden Urkunde vom 11. März 1258 waltete zwiſchen dem Biſchofe von Samland und dem Orden ein Streit ob de duobus ar- tungis super queinlibet uncum eorum qui postulaverunt pro emenda impositis: alfo ein neuer Beweis für einen ſchon vor dem Jahre 1258 geſchehenen Abfall der Samlaͤnder; ſ. Samland. Handfeſt. p. XV. — Den Zug der Samländer auf die Memelburg und den Einfall des Mei- ſters Anno in Samland beſingt die Reimchronik Alnpecks S. 43 — 46: die einzige Quelle uͤber dieſe Ereigniſſe. Leider iſt vor dem Anfange der Erzählung eine Luͤcke, die uns den Zuſammenhang entreißt. Aber auch nach dieſem Reimchroniſten koͤnnen die erwähnten Ereigniſſe nur in die erſte Zeit des J. 1256 fallen. Anno wird ausdruͤcklich von ihm noch Meiſter von Livland genannt.

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Streit mit Herzog Kaſimir. 111 berg und auf das Land verwandten Koften erheben folle, und Biſchof Heinrich genehmigte dieſe Entſcheidung ). Mittlerweile entſpannen ſich wieder neue Mißhelligkeiten mit dem Herzoge Kaſimir von Cuiavien. Zwar ſchien durch den letzten Vertrag mit dieſem Fürſten, nach welchem er auf 1) Das Original dieſer Urkunde, worin der Biſchof Heinrich ſelbſt die ſchiedsrichterliche Entſcheidung bekannt macht, im geh. Arch. Schiebt. III. Nr. 3. Sie iſt in mancher Hinſicht wichtig. Ihr Datum: apud Vrankevort in festo apost. Petri et Pauli an. dni 1256 beweiſet zu: nächft, daß ſich der Biſchof damals (29. Juni) noch nicht in Preuſſen befand. Sie giebt ferner den erwähnten Beweis von dem Aufſtande in Samland im J. 1256. Sie zeigt uns, daß um dieſe Zeit auch Diete⸗ rich von Gruͤningen als „receptor Allemanie et Pruscie “ in Preuffen war, weshalb hier Burchard von Hornhauſen auch nicht Vice⸗Landmei⸗ ſter, ſondern bloß Commendator und frater B. de Hornhusen genannt wird. Auch fein an der Urkunde befindliches Siegel hat die einfache umſchrift: S. Fratris Borchardi de Hornhusen. Ausdrücklich wird in der Urkunde Dieterich von Grüningen in Beziehung auf Preuſſen pre- ceptor superior genannt. Außerdem führt die Urkunde einen A. Pre- ceptor in Livonia an; es kann alſo um dieſe Zeit weder Eberhard von Sayn, noch Ludwig von Queden Landmeiſter von Livland geweſen ſeyn, und ohne Zweifel iſt dieſer A. kein anderer als Anno de Sangerhausen, der das Landmeiſter⸗Amt einige Jahre verwaltete. Koͤnnte man ſich auf die Richtigkeit des Abdruckes der Urkunde bei Dogiel T. V. Nr. XXVIII verlaſſen, wo ein Anno ſchon im December 1254 als Meifter von Livland genannt iſt, ſo muͤßte dieſer Anno von Sangerhauſen ſein Amt in Livland ſchon fruͤher angetreten haben. Dieſes wird dadurch noch wahrſcheinlicher, daß Alnpeck S. 51 dem Meiſter Anno eine Verwaltungszeit von drei Jahren zuſchreibt. Daß Ludwig von Queden im J. 1256 Landmeiſter von Livland geweſen ſey, kann aus der Ur⸗ kunde bei Arndt B. II. S. 54-- 55, die man gewohnlich als Belag anführt, nicht erwieſen werden, denn er wird darin nicht nur keines⸗ wegs Landmeister von Livland genannt ler heißt dort bloß Magister Lu- dowicus), ſondern es liegen auch ſelbſt in den Worten: dilectos Na- gistrum Ludowicum, Praeceptorem et Fratres etc. in Rigensi dioe- cesi commorantes manche Gründe, einen andern Landmeiſter von Liv⸗ land anzunehmen; und dieſer war kein anderer als Anno von Sanger⸗ hauſen, den wir als ſolchen auch in einer Urkunde in Wigands Ge— ſchichte von Corvey B. I. Abth. II. S. 206 finden. Vgl. damit Schau- bert de Gubernat. Prussiae p. 23 und 44.

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112 Streit mit Herzog Kafımir. Galindien und Polexien verzichtet, dagegen die Hälfte des Loͤbauer Landes erhalten hatte, aller Zwiſt beſeitigt zu ſeyn; zwar hatte ferner auch der Hochmeiſter Poppo von Oſterna in einem Streite des Herzogs Suantepolc von Pommern mit den Fuͤrſten von Polen wegen des Beſitzes der Burg Nanel als Vermittler allen Fleiß aufgewandt, um unter den nach⸗ barlichen Fuͤrſten Friede und Ruhe aufrecht zu erhalten 1). Allein Herzog Kaſimir trieb bald ſeine Anſpruͤche gegen den Orden noch weiter. Er ſchlug denſelben Weg ein, den er vor einigen Jahren ſchon betreten hatte und auf welchem er wirklich auch zum Ziele gelangt war. Wie er damals An⸗ ſpruͤche auf einen Theil von Loͤbau erhoben, ſo behauptete er ſolche jetzt auf das nachbarliche Land Saſſen oder wenig⸗ ſtens auf einen Theil deſſelben?), und wie er ſich damals durch einen Bericht an den Papſt Innocenz die Gebiete Ga⸗ lindiens und Polexiens zu erwerben gewußt, ſo meldete er jetzt dem Papſte Alexander: Es ſey wiederum ein heidniſches Voͤlklein, die Sentuofen oder Jazvingen, bereit, freiwillig das Chriſtenthum zu bekennen; es liege nahe an ſeines Lan⸗ des Graͤnzen und wiünfche feiner Herrſchaft ſich zu unterge⸗ ben. Sich berufend auf das Beiſpiel und auf die Erklaͤrung Innocenz des Vierten, daß er diejenigen nachbarlichen Hei⸗ denvoͤlker, welche freiwillig, ohne durch Kampf und Schwert geſchreckt zu ſeyn, ſich dem Glauben zuwenden und ſeinem Gebote unterwerfen wollten, unbedenklich aufnehmen und be= 1) Boguphal p. 68. Dlugoss. p. 742. Beide wiſſen aber aus dem frater Poppo cruciſer de domo Theutonica, wie ihn erſterer be⸗ zeichnet, nicht klug zu werben. Während jener vieles von einer Bluts⸗ verwandtſchaft Poppo's mit Herzog Przemisl von Polen zu erzählen weiß, dann aber ganz offen geſteht: Poppo de quo genere fuit, apud nos non habetur, macht ihn Diugloss, der freilich den Hochmeiſter Poppo von Oſterna ſchon im J. 1241 hat begraben laſſen, — p. 681 —ı zu einem Polen, aus Krakau, qui Ordinem Cruciferorum assumpse- rat! Chron. Oliv. p. 25. 2) Dieſes weiſet die Urkunde bei Dogiel T. IV. Nr. XXX aus, denn die terra, quae Sausin vulgariter nuncupatur, iſt kein anderes Land als Saſſen, das Nachbarland von Loͤbau.

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Streit mit Herzog Kafimir, 11³ ſchützen und vertheitigen könne, indem es den Rittern des Deutſchen Ordens in dieſen Gegenden nur zugeſtanden ſey, ſolche Voͤlker, die ſie durch Krieg und Gewalt unterjochten, ihrer Herrſchaft zuzueignen, bat der Herzog den Papſt um die Erlaubniß, bei dieſem neuen Volke nach dem vorigen Beiſpiele verfahren zu dürfen. Der Papſt ertheilte ihm fol: che und zwar nicht bloß in Beziehung auf dieſes Volk al⸗ lein, ſondern auch auf alle andern Heiden, die ſich freiwillig zum Glauben bekennen würden‘). Hiemit aber ſchien dem Orden jener Vertrag gebrochen, den er mit dem Herzoge über die Abtretung der einen Hälfte von Löbau und über die Verzichtleiſtung auf Galindien und Polexien geſchloſſen, denn dieſes Volk der Jazvingen hatte ſeinen Wohnſitz in dem letz⸗ tern Lande und war alſo dadurch ſchon dem Orden unter⸗ than 2). Die Folge war, daß die Ritter nicht bloß die Ab⸗ tretung des ſuͤdlichen Theiles von Loͤbau verweigerten), ſon⸗ dern auch in jene ihnen zugeſprochenen Lande bewaffnet ein⸗ drangen, um deren Beſitz zu behaupten ). Der Schrecken der Ordenswaffen mochte manche bewogen haben, ſich zur Rettung in den Schooß der Kirche zu fluͤchten und in der 1) Dieſes Schreiben des Papſtes bei Raynald an. 1256 Nr. 14 iſt datirt: Anagnie Idus Julii an. II (15. Juli 1256). Es heißt ausdruͤck⸗ lich: Ipsius ducis supplicationihus inclinati mandamus, quatenus di- ctos paganos et quoscunque alios sponte ad eandem fidem redire volentes contra quoscunque autoritate nostra manuteueatis et defen- datis. Vgl. Baronti Annal. an. 1257. Nr. VIII. 2) Die Jeutuosi, wie das erwähnte paͤpſtliche Schreiben fie nennt, find keine andern als die Jazvingen, die alten Jazygen. Ueber die große Veraͤnderlichkeit ihres Namens bei den Chroniſten und in Urkun⸗ den dieſer Zeit vgl. Hennig Commentat. de rebus Jazygum, wo zu⸗ gleich auch über ihre Wohnſitze die nöthigen Nachweiſungen zu finden ſind. S. B. I. S. 359. 3) Dieſes geht nicht bloß aus der Urkunde bei Dogiel T. IV. Nr. XXX. p. 27, ſondern auch aus einer fpäteren Urkunde vom J. 1263 im geh. Arch. Schiebl. LVIII. Nr. 7 hervor. Vergl. die ausgehobene Stele bei Hennig J. c. p. 28. 4) Baronii Annal. I. c. und die erwähnte Urkunde vom J. 1263. III. 8

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114 Streit mit Herzog Kafimir. Taufe Schonung vor dem Feinde zu fuchen. Darüber indeß brachte Herzog Kaſimir eine neue Anklage vor den Papſt, den Orden beſchuldigend, daß er mit Waffen und Gewalt die Bewohner des Landes zum Chriſtenthum gezwungen habe, wiewohl er vorgebe, daß ſie freiwillig ſich bekehrt haͤtten, um ſich in ſolcher Weiſe das Land zuzueignen. Und weil nun früher ſchon der Abt von Mezano als paͤpſtlicher Legat dem Orden mit dem Banne gedroht, ſofern er es unternehme, ſich den Beſitz dieſer Länder mit Gewalt der Waffen zu ers ringen, ſo erging vom Herzog an den Papſt zugleich die Bitte, dieſe Strafe mit feinem eigenen Ausſpruche zu beſtaͤ⸗ tigen, und Alexander ercheilte den beiden Prioren des Prediger⸗ Ordens zu Kulm und Elbing und dem Guardian der Mi⸗ noriten zu Thorn nicht bloß den Auftrag, die Anklage ges gen den Orden genau zu unterſuchen und daruͤber Bericht zu geben, ſondern zugleich auch die Weiſung, der Verwe⸗ genheit der Ordensritter Graͤnze zu ſetzen, fie zur Zurückgabe des dem Herzoge mit Unrecht entriſſenen Landes ernſtlich an⸗ zuhalten) und bis dieſe erfolgt ſey und dem Herzoge volls kommen Genuͤge geſchehe, über die Aufrechthaltung der Bann⸗ ſtrafe ſtreng zu wachen ?). So weit war der Streit gediehen, als im Fruͤhling des Jahres 1257 eine Veränderung in der Verwalterſchaft Preufs ſens Statt fand. Noch bevor der Hochmeiſter und der Land⸗ 1) Baron. J. e. giebt uns dieſe Nachricht und dadurch zugleich auch näheren Aufſchluß über die Worte der Urkunde bei Hennig 1. c. p. 41: Nunc vero idem dux sient intelleximus a dicta compositione rece- dens (namlich vom Vertrage vom J. 1255) litteras gravaminis super dicta sententia, Religiosis viris de Elbingo et Culmine Prioribus or- dinis predicatorum et Gardiano fratrum Minorum in Thorun, Cul- mensis dyocesis scribi a sede apostolica procuravit. Wir ſehen hier⸗ aus, daß Kaſimir ſelbſt dieſen Auftrag beim Papſte veranlaßt hatte. 2) Regest. Alexand. IV. an. III. epist. 4., im Gopien= Buche des geh. Arch. Nr. 338. Das Datum ift: Laterani Nonis Januar. an. III. Es heißt ausdruͤcklich: Sicut ex parte ipsius Ducis nobis humi- liter supplicatum, ut eamdem sententiam (excommunicationis) robur faceremus firmitatis debitum obtinere.

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Gerhard von Hirzberg, 145 meiſter Dieterich von Grüningen das Land wieder verließen, erkannten fie für zweckmaͤßig, den bisherigen ſtellvertretenden Landmeiſter von Hornhauſen, deſſen Verwalterſchaft ohnedieß waͤhrend Dieterichs Anweſenheit eingeſtellt geweſen war, zum Landmeiſter von Livland zu ernennen, wo bis jetzt noch Anno von Sangerhauſen das Amt verwaltet hatte 1). Die Ver⸗ waltung Preuſſens aber ward in Stellvertretung Dieterichs von Gruͤningen, der noch fortwährend die eigentliche Würde des Landmeiſters von Preuſſen bekleidete, dem bisherigen Komthur der Memelburg Graf Gerhard von Hirzberg uͤber⸗ tragen?). Aus einem alten Geſchlechte entſproſſen, welches ſchon zur Zeit Heinrichs des Loͤwen ) in Baiern blühete, ein Bruder des Grafen Siegfried von Witgenſtein ), hatte 1) Wir finden ihn in einer Urkunde im geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 11 noch am 25. April 1256 im Amte, woraus abermals erhellt, daß Eberhard von Sayn um dieſe Zeit nicht Landmeiſter von Livland ſeyn konnte. Burchard von Hornhauſen kommt ſchon am 18. April 1257 als Landmeiſter von Livland vor, nach einer Urkunde in d. Handfeſt. des Biſth. Samland p. VII; er befand ſich aber um dieſe Zeit und auch ſpaͤter noch fortwährend in Preuſſen. Dreger Nr. 289. p. 399. Waͤh⸗ rend er jedoch in dieſer Urkunde ſchon den gewoͤhnlichen Titel: Magister Livonie führt (Dreger J. c. hat unrichtig Richardus ſtatt Burchar- dus), könnte es auffallen, daß er in einer andern Urkunde vom 27. Juli 1258 (im geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 6) frater Burchardus de Hornhusen Provincialis commendator domus s. Marie Theuton. in Lyvonia et Curonia genannt wird, zumal da auch auf feinem an die⸗ fer Urkunde befindlichen Siegel die Umſchrift ſteht: S. Commendatoris domus theuton. in Livonia. Allein wir ſehen hieraus nur, daß auch hier noch der Titel Commendator in Livonia für gleichbedeutend mit Praeceptor in Livonia gebraucht wurde. Uebrigens befand ſich Bur⸗ chard damals zu Memelburg. unrichtig ſetzt das Verzeichniß bei Bray Essai crit. T. I. p. 324 feine Meiſterwahl erſt ins J. 1261. 2) Komthur der Memelburg war Gerhard ſchon im J. 1255. Der Hochmeiſter nennt ihn in einer Urkunde von dieſem Jahre ſelbſt als fol- chen. Samläͤnd. Handfeſt. p. 214. In der eben erwähnten Urk vom 27. Juli 1258 wird unter den Zeugen als ſein Nachfolger Bernardus Commendator de Mimelemburg genannt. 3) Scheidii Orig. Guelf. T. III. p. 425. 467. 595. 4) Guden. Cod. diplom. T. I. p. 144. Lang Regest. Beica T. 8 *

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116 Gerhard von Hirzberg. ſich Graf Gerhard als Ordensbruder ſchon laͤngſt das beſon⸗ dere Vertrauen des Hochmeiſters erworben und ſchon ſein bisheriges Amt als Komthur der ſo aͤußerſt wichtigen Me⸗ melburg war hievon Beweis. Aber nicht ohne beſondere Ab⸗ ſicht hatte ihn gerade jetzt der Hochmeiſter zum Verweſer des Landes erkoren, denn ſeine menſchenfreundliche und milde Geſinnung, ſeine Nachſicht und Schonung gegen die Neu⸗ bekehrten, ſeine Froͤmmigkeit und Aufrichtigkeit wie im Den⸗ ken fo im Handeln !) waren allerdings wohl am meiſten ge⸗ eignet, ſo manche Erbitterung zu daͤmpfen, ſo manchen Groll zu maͤßigen und ſo manche Gaͤhrung zu erſticken, die noch in vielen Gemuͤthern in den neuerworbenen Gebieten herrſchten. Deshatb nahm Gerhard auch meiſt feinen Wohnſitz auf der Burg Koͤnigsberg. Schon durch die Zeit feiner Wahl trat dieſer neue Land: meiſter mitten in den Streit mit dem Herzoge von Cujavien hinein. Sobald daher jener paͤpſtliche Befehl an die beiden Prioren zu Kulm und Elbing angelangt war, uͤbergab Ger⸗ hard den beiden Biſchoͤfen von Samland und Leßlau eine Gegenerklaͤrung, worin er im Namen ſeines Ordens an den Roͤmiſchen Stuhl appellirte und deſſen Schutz in Anſpruch nahm 2). Es ging aus allem hervor, daß der Papſt von II. p. 304. 407. Oetters Verſuch e. Geſch. der Burggraf. von Nurnb. B. II. S. 83. Hennig zu Lucas David B. III. S. 135. Vgl. Baczko Annal. des Koͤnigr. Preuſſ. Jahrg. 1798. H. II. S. 126 ff. Chron. August. ap. Freſter Ser. rer. Germ. p. 380. Auch um dieſe Zeit bluͤhete das Geſchlecht in Baiern noch; f. Staindelis Chron. ap. Oe- fele Script. rer. Boicar. T. I. p. 508. 589. Der Name Gerhard war in dieſer Familie ſehr gewoͤhnlich. 1) ueberall wird Gerhards Character gerühmt; Dusburg c. 77. Lucas David B. IV. S. 17 fand fein Lob auch in andern Geſchicht⸗ ſchreibern ausgeſprochen. 2) Das Original dieſer Urkunde im geh. Arch. Schiebl. I. Nr. 4, gedruckt in Hennig Comment. de rebus Jazygum p. 40. Es iſt aue- geſtellt am 14. Mai 1257 und ſchließt mit den Worten: Coram vobis sedem apostolicam appellamus, nos et nostra subjicientes protectioni sedis eiusdem, quam appellationem vestrorum sigillorum instanter petimus roborari.

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Vertrag mit Herzog Kafimir. 117 dem ganzen Verlaufe des Streites zu wenig unterrichtet ge⸗ weſen war; es war auch kaum zu bezweifeln, daß Alexan⸗ der, naͤher unterrichtet, ſich fuͤr das Recht des Ordens ent⸗ ſcheiden werde. Deshalb ging Herzog Kaſimir auch gerne in den Gedanken ein, die ſtreitigen Verhaͤltniſſe durch eine muͤndliche Verhandlung auszugleichen. Es ward alſo ein Verhandlungstag auf den vierten Auguſt 1257 feſtgeſtellt und es erſchienen außer dem Herzoge und dem Landmeiſter auch Heinrich von Meerwitz, Komthur des Kulmiſchen Ge⸗ bieres, Hartmud von Kronenberg, Komthur von Thorn, Hartmud von Grumbach und mehre andere vornehmere Or⸗ densritter. Nach manchen Verhandlungen kam es bald zu einem freundlichen Verhaͤltniſſe über alle obwaltenden Streit: punkte. Herzog Kaſimir verſprach unter hinlaͤnglicher Buͤrg⸗ ſchaft, forthin auf kein Landgebiet des Ordens, welches die: fer zur Zeit beſitze oder inskuͤnftige durch Krieg erobern oder auf einem andern gerechten Wege erlangen werde, irgend wieder Anſpruͤche zu erheben, vielmehr den Ordensrittern im allem, was zu des Friedens Erhaltung diene, ſich ſtets mit Eifer forderlich zu beweiſen. Dagegen ſtellten die Ordens⸗ ritter den früheren Vertrag in Betreff des Loͤbauiſchen Lan⸗ des in neue Kraft und Guͤltigkeit, waͤhrend der Herzog auf feine Anforderung in Ruͤckſicht des Gebietes von Saſſen gaͤnz⸗ lich Verzicht leiſtete. Endlich trat der Orden dem Herzoge für die Summe von ſechzig Mark auch das Dorf Orlau bei Neu-Leßlau ab, welches früher Herzog Konrad von Maſo⸗ vien dem Orden als Schenkung überwiefen n). Gewiß aber ſah der Orden nicht ohne Beſorgniß die Flußgraͤnze der Dre⸗ wenz durch den Nachbar uͤberſchritten und des Herzogs Ge⸗ biet wie in das ſeinige hineingeſchoben, wo keine natürliche Graͤnze die beiderſeitigen Beſitzungen mehr trennte. Daher war es dem Orden wohl hoͤchſt erwuͤnſcht, als noch in dem 1) Dieſer Vertrag bei Hogiel T IV. Nr. XXX. p. 27 ift aus⸗ gefteitt zu Alt⸗Leßlau am 4. Aug. 1257. Die päpftliche Beftätigung Alexanders IV, welche Baczko B. I. S. 306 auf dieſen Vergleich ber zieht, betrifft vielmehr den Vertrag vom Jahre 1255.

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118 Vertrag mit dem Biſchofe von Ploczk. naͤmlichen Jahre Herzog Kaſimir den frommen Gedanken ausführte, die ſoeben neuerworbene Haͤlfte des Loͤbauer Lan⸗ des zum Heile feiner und feiner Kinder Seelen und für eine taͤglich fuͤr ſeine verſtorbene Gemahlin Conſtantia zu haltende Seelenmeſſe der Kirche zu Kulmſee mit feiner Söhne Bewilligung zu ſchenken !), denn ſomit trat der Herzog nun freiwillig wieder aus dem Ordensgebiete zuruͤck. Nicht min⸗ der erwuͤnſcht war es ferner, daß auch der Herzog Semo⸗ vit von Maſovien, Kaſimirs Bruder, deſſen Gebiet die Or⸗ densritter verletzt hatten, um einige dorthin gefluͤchtete Ue⸗ berlaͤufer zuruͤckzubringen, ſich nicht bloß mit dem Orden auf jenem Verhandlungstage völlig wieder ausfühnte, ſondern dem Vertrage ſeines Bruders auch in allen Punkten beitrat 2). Endlich gleichen ſich bei Gerhards von Hirzberz eifrigem Streben, alles was den Frieden mit den Nachbarlanden ſtoͤrte, ſo viel als moͤglich zu beſeitigen, auch die ſtreitigen Verhaͤlt⸗ niſſe aus, in welchen der Orden ſeit Jahren ſchon mit dem Biſchofe von Ploczk lebte. Es iſt erinnerlich, daß bei des Ordens Eintritt ins Kulmerland der Biſchof Guͤnther von Ploczk ihm alle Beſitzungen ſeines Biſthums in dieſem Lande geſchenkt hatte, nur mit dem Vorbehalt, daß kirchliche Wei⸗ hungen oder ſonſt kirchliche Handlungen nur vom Biſthum zu Ploczk aus verrichtet werden ſollten ?). So lange nun 1) urkunde bei Dogiel T. IV. Nr. XXXII. p. 28. Acta Boruss. B. III. S. 141. Nicht ohne Nachdruck ſagt Kaſimir in dieſer Urkunde von der Hälfte des Loͤbauer Landes „quae nostra fuit“. Obgleich er ferner ſehr beſtimmt hinzufuͤgt, die Schenkung ſey von ihm geſchehen nulla cogente necessitate, imo spontanen voluntate, fo liegt doch der Gedanke ſehr nahe, daß der Orden durch mittelbare fromme Einfluͤſte⸗ rungen bei dem Herzoge die Schenkung vielleicht veranlaßt haben mochte. 2) Das Original dieſer Urkunde im geh. Arch. Schiebl. LVII. Nr. 13. Urfache zum Zwiſte hatte der Umſtand gegeben, quod aliqui de fratribus ordinis cum prutenis sibi subjectis requirentes suos profu- gos, filios videlicet Letaudi terram nostram hostiliter intraverunt sub vexillo. Der friedliche Herzog indeſſen erließ dem Orden den dafür zu leiſtenden Schadenerſatz. Uebrigens iſt auch dieſe Urkunde ausgeſtellt zu Alt⸗Leßlau am 4. Auguſt 1257. 8) S. V. II. S. 203.

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dieſer Biſchof, der hohe Freund des Ordens, das biſchöfliche Amt verwaltet, war ein Streit kaum moͤglich geweſen. Als indeſſen der Biſchof Andreas den Biſchofsſtab von Ploczk er⸗ hielt, erhoben ſich bald mancherlei Mißhelligkeiten über den Zehnten, Über einzelne Beſitzungen, über verſchiedene Rechte, über die weltliche Gerichtsbarkeit und manches andere der Art in Beziehung auf jene geſchenkten Guͤter im Kulmer⸗ lande !). Es trat jedoch eine Vermittlung ein; der Streit ward ausgeglichen und ein Vertrag geſchloſſen, den beide Theile genehmigten. Nach Verlauf einiger Zeit indeſſen wei⸗ gerte fi der Orden dieſen Vertrag ſorthin aufrecht zu er: halten und der Biſchof Andreas kam hieruͤber klagbar bei dem Roͤmiſchen Hofe ein. Der Papſt Alexander erließ daher im Jahre 1256 an den Biſchof von Cujavien und an den Prior der Prediger-Moͤnche zu Kulm den Befehl, den Or⸗ den mit nachdruͤcklichem Ernſte zur Beobachtung des von ihm ſelbſt genehmigten Vergleiches anzuhalten und noͤthigen Falls dazu auch mit dem kirchlichen Banne zu zwingen 2). Dieſe entſchiedene Sprache des Papſtes blieb nicht ohne Wirkung auf die Gebietiger des Ordens und ſowohl der Landmeiſter, als der Ordensmarſchall Heinrich Botel, der Landkomthur von Kulm und mehre andere erſchienen im November des Jahres 1257 in dem Dorfe Parchan im Biſthum Leßlau zu einer Verhandlung mit dem Biſchofe von Ploczk. Der Bi⸗ Vertrag mit dem Biſchofe von Ploczk. 149 1) Wie Streit über manches Einzelne hatte entſtehen konnen, iſt freilich dunkel; ſo hatte z. B. der Biſchof Guͤnther dem Orden auch ge⸗ ſchenkt omnes decimas et ecclesias et earum patronatum cum ommi jure ac libertate quod ibidem habemus vel habere possemus und doch entſtand auch hieruͤber Zwiſt. 2) Die einzige Quelle hierüber iſt eine Bulle des Papſtes an den Biſchof von Cujavien, den Prior der Prediger-Mönche zu Kulm und an den Scholaſticus von Leßlau, datirt: Anaguie XV Calend. Aug. P. n. an. II. (18 Juli 1256) im Original im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 9. Es heißt darin: Magister et fratres coiapositionein eandem con- tra iustitiam renuunt obserrare. Dieſen Vertrag ſelbſt aber haben wir nicht mehr.

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120 Vertrag mit dem Bifhofe von Ploczk. ſchof Wolimir von Leßlau trat als Vermittler ein. Der Landmeiſter Gerhard legte dem Biſchofe Andreas den Schen⸗ kungsbrief des Biſchofs Guͤnther vor; dieſer genehmigte ihn nicht nur, beſonders in Rüͤckſicht der Zehntenerhebung, wel⸗ che dem Orden darin zuerkannt war, ſondern er überließ die⸗ ſem auch noch den Theil des Zehnten, auf welchen er bis— her nach beſtehender Gewohnheit Anſpruch gehabt hatte und verzichtete von jetzt an auf alle Anforderungen und Anrechte, die er bisher gegen den Orden erheben zu koͤnnen geglaubt hatte. Als Erſatz hiefuͤr uͤberwies ihm der Landmeiſter ein Erbgut in der Naͤhe vom Kulmſee und eine Beſitzung im Loͤbauer Lande an der Graͤnze Maſoviens, die ſich der Bi: ſchof nach Belieben auswählen ſollte. So ward am neun: zehnten November 1257 auch dieſer Streit völlig beigelegt 1). Für den Orden war es unverkennbar von aͤußerſter Wich⸗ tigkeit, die nachbarlichen Herzoge auf dieſe Weiſe ſowohl im Oſten als im Weſten der Maſoviſchen Graͤnze aus ſeinem Gebiete zuruͤckgewieſen zu ſehen. Aber nicht minder wichtig war es nun auch, den ganzen Beſtandtheil ſeiner Beſitzun⸗ gen in Preuſſen ſich kraft höherer Beſtaͤtigungen von neuem verſichern und befeſtigen zu laſſen, denn nach ſolchen Vor: faͤllen ſchien dieß doppelt nothwendig. Man wirkte daher nicht bloß beim Papſte noch in dieſem Jahre eine Bulle aus, 1) Das Original dieſes Vertrages beſindet ſich im geh. Arch. Schiebl. LXXV. Nr. 2, abgedruckt bei Dreger Nr. 299. p. 411, wo aber außer manchen andern Fehlern ſtatt Badla — Radla und ſtatt Lu- berne — Lubevie zu leſen iſt; auch heißt der Landkomthur von Kulm nicht Henricus de Mornys, ſondern Henricus de Merwiz. Außerdem befigen wir im geh. Arch. Schiebl. LXXVI. Nr. 4 von dieſer Urkunde auch noch ein Vidimus des Biſchofs Wolimir von Leßlau, ausgeſtellt proximo sabbato ante dominicam Reminiscere 1258, gedruckt in den Actis Boruss. B. III. S. 261 — 268, aber ſehr fehlerhaft, ſelbſt im Namen des Biſchofs und im Datum. Baczko B. I. S. 306. — Das Erbgut, welches der Biſchof von Ploczk im Kulmerlande erhielt, ſcheint die heutige Beſitzung Archidiakonka nahe am Kulmſee gewefen zu ſeyn. Außerdem verſprach ihm der Orden ducentos Mansos in terra Lubevie Mazovie finibus contiguos.

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Vertrag mit dem Biſchofe von Ploczk. 121 — in welcher dieſer die alte Schenkung des Kulmerlandes be⸗ ſtätigend zugleich auch alle neuen und künftigen Erwerbun⸗ gen des Ordens in ſeinen und der Kirche Schutz nahm und für des Roͤmiſchen Stuhles Eigenthum erklaͤrte ), ſondern man erſuchte auch den neuen Roͤmiſchen König Richard von Cornwall um eine Beftätigung theils aller Privilegien, Ges rechtſame und Freiheiten des Ordens, theils auch aller jetzi⸗ gen Beſitzungen deſſelben, ſelbſt auch ſolcher, die er inskünf— tige noch erwerben konne 2). Pergamente indeſſen, auch von Koͤnigen und Paͤpſten dargereicht, konnten freilich unmöglich genuͤgen, den Orden im Beſitze ſeiner weiten Eroberungen in jeder Weiſe ganz ſicher zu ſtelen. Ueberblickte man die große Graͤnzlinie, die von dem Weichſel-Ufer bis an Litthauens Graͤnzen zu ver⸗ theidigen war; uͤberſah man die Ausdehnung der unterwor⸗ fenen Landſchaften von der Graͤnze Pommerns an bis nach Nadrauen und gegen Sudauen hin; erwog man hiebei die Stimmung und den Geiſt, der ſich noch hie und da, wie vor kurzem erſt in Samland in dem bezwungenen Volke kund gethan; überdachte man die Gefahren, welche dem Dr: den drohten, ſobald auch nur in einigen Landſchaften die Voͤlker ſich verſtaͤndigten und dem Gehorſam wieder entſag⸗ ten; uͤberſchaͤtzte man die bedeutenden Verluſte, welche der Orden ſelbſt auch nur allein an ſeinen in den Kaͤmpfen ge⸗ fallenen Ordensbruͤdern erlitten hatte?), und hielt man nun 1) Die Bulle in Regest. Alexandr. IV. an. III. epist. 732, im Originat im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 40; ein Transſumt vom Bi ſchofe Johann von Kulm und Gerhard von Pomeſanien vom J. 1421; ein anderes Nr. 41 vom J. 1414 vom Biſchofe Johann von Pomeſa⸗ nien; ein drit tes Nr. 42 vom J. 1419 vom Biſch. Gerhard von Po⸗ meſanien. Gedruckt bei Dogiel T. IV. Nr. XXXI. p. 27. Dreger Nr. 296. 2) Das Privifegium ſteht im Hiſtor. Diplom. unterricht und Des duction der Ballei Heſſen Beil. Nr. 9; auch in Gercken Cod. diplomat. Brandenb. T. VII. 3. 106. Es ift ausgeſtellt am 28. Nooemb. 1257. Bol. Gebauer Richards Leben, Urkunde Nr. 18. p. 362. 3) In einer Butle vom 8. Aug. 1257 (geh. Arch. Schiebl. IV.

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122 Paͤpſtliche Bemühungen zur Vermehrung der Ordensbruͤder. mit dem allen die geringen Kraͤfte zuſammen, welche der Or⸗ den aufzubieten hatte und auf die er ſicher rechnen konnte: ſo ſchien jetzt allerdings wohl nichts nothwendiger, als Mit⸗ tel jeglicher Art zu ergreifen, um die Streitmacht ſo ſtark und ſo ſchnell als moͤglich zu vermehren. Der Papſt wurde von neuem in Bewegung geſetzt. Es ward auf feinen Befehl abermals in Deutſchland für Preuſ⸗ fon das Kreuz gepredigt und um dieſe Predigten für den Orden noch erfolgreicher zu machen, erhielt der Provinzial Prior des Prediger-Ordens in Deutſchland vom Papſte die Weiſung, das Kreuz zum Heereszuge nach Preuſſen vors zugsweiſe durch diejenigen Bruͤder ſeines Ordens verkuͤndi⸗ gen zu laſſen, welche der Hochmeiſter und die Ritterbruͤder ſelbſt als die geſchickteſten dazu auserleſen wuͤrden n). Da jedoch ein Kreuzzug auch bei dem gluͤcklichſten Erfolge im: mer nur eine bald voruͤbergehende Huͤlfe war, ſo ging der Wunſch der Ordensgebietiger und mit dieſem auch das Be: muͤhen des Papſtes vorzuͤglich darauf hin, den Orden ſelbſt in der Zahl ſeiner Glieder aufs moͤglichſte zu verſtaͤrken, und hiezu wurden nun vom paͤpſtlichen Hofe aus alle erdenkliche Mittel aufgeboten. Zuerſt erleichterte man uͤberhaupt den Eintritt in den Orden; auf des Meiſters Bitte erlaubte der Papſt, daß Cleriker und Laien, ſobald fie nur freie Men: ſchen feyen, in den Orden ſogleich und ohne die in den Or⸗ Fr. 51) ſagt hieruͤber der Papſt: Pro fidei negotio in Lyvonie et Prusvie partibus ad dei gloriam magnifice promovendo dilecti filii et fratres Hospitalis S. M. Th. a longis retro temporibus corpus et animam constanter et intrepide posuerunt, ita quod fere Quingenti ex eis iam, prout accepimus, manibus inſidelium erudeliter sunt occisi. 1) Das Original der Bulle, datirt: Viterb. V. Cal. Julii p. n. an. III. (27. Jun. 1257) im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 32. Der Papſt fuͤgte noch die Ermahnung hinzu: Predicationem ipsam cum omni diligentia facias exerceri, proviso quod pro negotio ipso faci- lius et felicius promovendo predicti fratres ordinis tui donec eidem predicationi vacaverint, nulli alii Priori vel fratri de ordine ipso quam tibi et gencrali Magistro eiusdem ordinis obedire ac intendere teneantur.

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Papſtliche Bemühungen zur Vermehrung der Ordensbruder. 123 densgeſetzen bisher beſtimmte Probezeit aufgenommen werden konnten, zugleich aber mit der Verordnung, daß es dem ein⸗ mal aufgenommenen Ordensbruder unter keinem Vorwande je geſtattet werde, das Ordenskleid wieder abzulegen und in das Weltleben oder in einen andern Orden zuruͤckzutreten 1). Der Papſt ſchaͤrfte dieſe Verordnung auch noch dadurch, daß er an alle Prälaten der chriſtlichen Kirche den Befehl ergehen ließ, im Falle ein Deutſcher Ordensbruder ohne des Meiſters Willen den Orden verlaſſe und von jemanden aufgenommen werde, ſowohl den erſtern als den letztern mit dem Kirchenbanne zu beſtrafen ). Ferner erließ er eine Bulle, nach welcher alle diejenigen, die wegen ihrer großen Anhaͤnglichkeit gegen Kai⸗ fer Friederich oder gegen deſſen Söhne Konrad und Man⸗ fred oder auch aus irgend einer andern Urſache mit Amts⸗ entſetzung, Interdict oder Bann beſtraft worden, durch die Geiſtlichen des Ordens von der Strafe losgeſprochen werden konnten, ſofern fie in den Deutſchen Orden treten wuͤr⸗ 1) Die Bulle hierüber, datirt: Viterb. V Cal. Aug. p. n. an. III (28. Juli 1257), im Original im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 39, im groß. Privilegienbuche p. 43 und 64, gedruckt bei Duellius Flistor. ord. Teut. selecta Privileg. Nr. VII. Sie ift an den Meifter und an bie Ordensbruͤder in Deutſchland gerichtet. Als Urſache zu dieſer wichtigen Beſtimmung giebt der Papſt an: Nonnulli ex fratribus vestri ordinis in terra saucta ac Livonie et Prussie partibus pro defensione ca- tholice fidei manibus infidelium prout accepimus crudeliter sunt oc- cisi, unde fit quod idem ordo plurimum indigere dinoscitur, ut de novellis fratribus restauretur. Dann heißt es: Indulgemus, ut eleri- cos seu laycos liberos et absolutos, qui relicta vanitate seculi ve- stro sacro collegio desiderant aggregari et propter devocionis sue fervorem petiunt humiliter et instanter a vobis statim recipi et sine dilatione habitum vestrum sibi dari, libere prout in ordine vestro fuit hactenus observatum in fratres recipere valeatis. An den Lands meiſter und die Ordensbruͤder in Preuſſen gerichtet befinden ſich zwei Originale der Bulle im geh. Archiv Schiebl. IV. Nr. 48. 54. Das Datum iſt hier: IV Non. Aug. (2. Auguſt). 2) Original der Bulle, datirt: Viterby XIII Idus Cal. Septemb. p. n. an. III. (20 Aug. 1257) im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 58; im groß. Privilegienbuche p. 70.

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124 Paͤpſtliche Bemühungen zur Vermehrung der Ordensbruͤder. den‘). Sonach ſtand es jedem mit dem Banne Beladenen frei, ſich durch die Annahme des Ordensmantels der kirchlichen Strafe zu entwinden 2), und bei der Menge derer, die waͤhrend des langen Streites der Paͤpſte mit dem Hauſe der Hohenſtaufen jenes Loos getroffen, konnte ein bedeutender Erfolg fuͤr den Orden wohl kaum fehlen. Der Papſt hatte ferner auch ſchon ſolchen, die vor dem Eintritte in den Orden Raub und Brand geuͤbt oder Schulden gemacht und nun den Orden zu verlaſſen und in die Heimat zuruͤckzukehren wuͤnſchten, um ihre Vergehun⸗ gen wieder zu verfühnen und ihren Verpflichtungen nachzu⸗ kommen, das Gewiſſen dadurch zu beſchwichtigen geſucht, daß ſie ſich in ſolchen Faͤllen mit dem wohlmeinenden Rathe ihrer Beichtiger beruhigen und durch ihre Armuth ſich in Betreff ihrer Verpflichtungen entſchuldigt halten moͤchten, indem der Wille ſie vor Gott ſchon rechtfertige, ſo lange ſie als Bruͤ⸗ der des Ordens der Tugend des Gehorſams huldigten. Auch hiebei hatte der Papſt nur die Abſicht vor Augen, die Briͤ⸗ derſchaft des Ordens fo zahlreich als möglich zu erhalten ). 1) Das Original der Bulle, datirt: Viterby III Idus Junü p. n. an. III im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 21; ſie ſteht auch im groß. Privilegienb. p. 69, hier aber mit dem Datum: V Idus August.; im lein. Privilegienb. p. 87 hat fie das Datum des Originals und von dieſem Datum iſt auch die von De Wal Recherches T. II. p. 56 er: waͤhnte Bulle, welche ſich im Archiv zu Mergentheim befindet. 2) Da es in der Bulle hieß: Indulgemus, ut illis, qui pro fa- vore impenso quondam Friderico Romanorum Imperatori aut Con- rado seu Manfredo natis eius vel pro quacunque alia causa suspen- sionis aut interdieti vel excommunicationis sententiis sunt ligati et vestro cupiunt aggregari collegio fratres presbyteri vestri ordinis possunt absolutionis beneficium iuxta formam ecelesie impertiri, dum- modo ipsi habitum vestre religionis assumant, fo konnte eigentlich je⸗ der Gebannte hiedurch der Strafe entkommen. Nur, heißt es, si ali- qui ex eisdem propter debitum sententlis huiusmodi sunt astricti, de ipso satisfaciant ut tenentur. 3) Daß dieſe Abſicht den Papſt leitete, geht Thon aus den Worten hervor: Quia huiusmodi discursus posset in grave dispendium ordi- nis et eciam aninzs rum periculum redundare; daher giebt er lieber den Rath, quod predicti fratres conſessorum suorum in hac parte

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Päpfttiche Bemühungen zur Vermehrung der Ordensbruͤder. 125 um außerdem auch für ſolche, die ſich als neue Bruͤder dem Orden zugewandt hatten, dem Heeresdienſte gegen die Un⸗ glaͤubigen in Preuſſen noch einen beſondern Reiz zu geben, verlieh er allen Ordensrittern, ſo lange ſie im Dienſte des Ordens in Preuſſen blieben, ganz denſelbigen Ablaß, wie er vom päpftlichen Stuhle im allgemeinen Concilium den Kreuz⸗ fahrern ins heilige Land verliehen worden war und erklärte dieſe Verleihung für eine ganz beſondere Belohnung feiner unveraͤnderlichen Liebe für die frommen Verdienſte 1). End⸗ lich erleichterte Alexander auch die Aufnahme geiſtlicher Bruͤ⸗ der und Cleriker in den Orden, indem er dem Meiſter die Erlaubniß gab, Geiſtliche und Cleriker, woher fie auch kom⸗ men möchten, wenn fie nur geſetzlich ordinirt ſeyen, ohne weiteres in des Ordens Bruͤderſchaft einzuweihen und nur wenn ſie einem nahen Biſchof untergeben geweſen, dieſen darum anzuſprechen. Sofern aber ſolche geiſtliche Bruͤder in den Orden einmal aufgenommen ſeyen, ſollten ſie fortan nie⸗ manden mehr als nur allein dem Hochmeiſter und dem Ka⸗ pitel des Ordens untergeben ſeyn 2). So viel that der Papſt durch unmittelbare Verordnun⸗ gen, um die Ritterbruͤderſchaft des Ordens in ihrer Glieder Zahl ſo viel als moͤglich zu vermehren. Aber auch in andern acquiescant consilio saniori et illo sint omnino contenti maxime cum ipsi tanquam proprium non habentes a predicta satisfactione per in- opiam excusentur et apud deum pro contritione spiritus ac voluntate bona maneant absoluti, cum etiam sit decentius, quod ipsi, qui re- lictis omnibus secuti sunt dominum infra domos vestras obedientie virtuti humili devotione deserviant, quam quod tali pretextu labori dampnoso et redundanti vobis et fratribus vestris in scandalum sa committant. Das Original im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 6, datirt: Neapoli Idus Martii p. n. an. I. 1) Das Original dieſer Bulle, datirt: Viterby V Idus Julü p. n. an. III. (11 Juli 1257) im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 37. 2) Das Original der Bulle, datirt: Viterb. Idus Septembr. p. n. an. III (13 Sept. 1257) im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 62, im großen Privilegienbuche p. 73, im kleinen Privilegienb. p. 59, hier aber mit dem abweichenden Datum: Viterb. XVII Calend. Sept. p. n. an. III.

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126 Neue Erhebung des Ordens. Mitteln war Alexander unermuͤdlich in ſeinem Eifer, den Na⸗ men und den Ruhm des Ordens auf alle Weiſe zu verherr⸗ lichen, feine Verdienſte aller Welt kund zu thun, feine Vor: rechte theils noch mehr ſicher zu ſtellen, theils auch zu ver⸗ mehren, des Ordens Heil und Gedeihen auf jegliche Art zu fördern und ſomit auch auf dieſem Wege zur Annahme des Ordenskleides zu locken und zu gewinnen. So wurde jede thaͤtliche Beleidigung und unehrbare Behandlung eines Deuts ſchen Ordensbruders nach des Papſtes Verordnung mit der Excommunication beſtraft !). Mit derſelben Strafe war es verpoͤnt, von den Ordensbruͤdern irgend eine Art von Zoll zu erheben ?), ein Verbot, welches freilich ſchon oft ergangen war. Gegen die hohe Geiſtlichkeit ward der Orden von neuem gegen jegliche Kirchenſtrafe ſicher geſtellt und auch jetzt nur dem Papſte allein eine Beſtrafung des Ordens vorbehalten ). Es ward ferner auf mancherlei Weiſe vom Papſte dafuͤr ge⸗ ſorgt, des Ordens Einkuͤnfte zu vermehren oder ihm ſeine Er⸗ haltung und die Erreichung ſeiner Zwecke zu erleichtern theils durch Beſtaͤtigung früherer Freiheiten“), theils auch durch Ertheilung neuer Gerechtſame und Beguͤnſtigungen. So wurde namentlich den Ordensbruͤdern in Preuſſen wegen des öfter druͤckenden Mangels der noͤthigſten Lebensmittel vom Papſte die Erlaubniß zugeſtanden, in allen Orten und Landen durch Mitglieder ihres Ordens Handel zu treiben, um ſomit ihre Beduͤrfniſſe deſto leichter befriedigen zu koͤnnen ). Dahin ges 1) Duelkius 1. c. P. II. Nr. 13. p. 10. 2) Bulle im groß. Priwilegienb. p. 26, im klein Privilegienb. p. 40. 58. Duellius P. II. Nr. 16. p. 11. 8) Duellius P. II. Nr. 17. p. 12. Original- Bulle im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 28. Groß. Privilegienb. p. 64. 4) Vgl. die Bulle bei Duellius P. II. Nr. 17, worin mehres in dieſer Beziehung zuſammen gefaßt iſt. 5) Original der Bulle, datirt: Viterb. VIII Idus August. p. n. an. III (6 Aug. 1257) im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 46; gedruckt, wiewohl fehlerhaft, bei Kotzebue B. I. S. 467. Sie iſt hier aber, wie S. 233 zu erſehen iſt, nicht richtig verſtanden worden. Die Or⸗ densritter trieben keineswegs den Handel ſelbſt; ſondern es heißt in der

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Neue Erhebung des Ordens. 127 hört endlich auch die den Ordensrittern vom Papſte ertheilte Berechtigung, die durch Erblichkeit an einzelne Ordensglieder gefallenen aͤlterlichen Güter in Empfang zu nehmen, auf wel⸗ che ſie ein Recht gehabt haͤtten, ſofern ſie nicht in den Or⸗ den getreten wären, nur mit Ausnahme der Lehen !). Dieſe Bemuͤhungen des Papſtes aber theils für das Ge⸗ deihen und die Erhebung des Ordens uberhaupt, theils ins⸗ beſondere auch für die Vermehrung feiner Ritterzahl blieben nicht ohne den erwünfchten Erfolg. Es nahmen wirklich ges rade zu dieſer Zeit in Deutſchland ſehr viele junge Ritter den Deutſchen Ordensmantel an 2), denn außer den Lockmit⸗ teln des Papſtes hatten ohne Zweifel ſeit einigen Jahren auch die Heerfahrten mehrer Deutſchen Fuͤrſten den Blick des Deut⸗ ſchen Adels noch mehr als ſonſt auf Preuſſen und auf die ritterlichen Kaͤmpfer für den Glauben hingerichtet. Hie und da fanden ſich auch Geiſtliche, die wie z. B. der Biſchof Heinrich von Utrecht dem Orden ihre Geneigtheit nicht bloß durch mancherlei Vorrechte in ihren Sprengeln zu erkennen gaben ?), ſondern auch auf die Sache in Preuſſen mit regem Eifer wirkten. Selbſt in dem Volke regte ſich in vielen Ge⸗ genden Deutfchlands, durch die Kreuzprediger geweckt, ein neuer lebendigerer Geiſt der Theilnahme fuͤr den Glaubens⸗ Bulle: Concedimus, ut in omnibus locis et terris ubi videritis expe- dire merces vestras vendere ac emere alienas per ydoncas ad hoc de ordine vestro personas libere valeatis. Ohne Zweifel waren es Halbbruͤder, welche das Handelsgeſchaͤft für den Orden übernahmen Der Papſt ſchildert in dieſer Bulle die Lage der Ordensbrüder in Preufs fen als keineswegs glücklich, denn, ſagt er, Tanta pront accepimus vos urget paupertatis angustia, quod in vite necessariis defectum frequentissime sustinetis. Ueber dieſe Armuth des Ordens in Preuſſen ſpricht der Papſt auch in der Bulle Schiebl. IV. Nr. 51. 1) De Wal Recherches T. I. p. 23. Die Erneuerung dieſer Bulle von Grgor X bei Duellius P. II. Nr. 30. 2) Lucas David B. IV. S. 18. 8) So ertheilte der Biſchof von Utrecht den Ordensbruͤdern in Co⸗ blenz das Vorrecht, jährlich hundert Faß Wein zollfrei durch ſein Stift zu führen; ſ. Lünig Continuat. spicileg. cecl. P. 863. 363.

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125 Neue Erhebung des Ordens. kampf im Norden. Eine bedeutende Menge Menſchen hatte daher im Verlaufe dieſes Jahres das Kreuz genommen, um im naͤchſtfolgenden als Kämpfer für die Sache der Kirche in Preuſſen aufzutreten !). Und im Vertrauen auf dieſe neue Huͤlfe fing man bereits auch in Preuſſen an, die vorhande— nen Kraͤfte zur Verſicherung und Befeſtigung der Ordens⸗ haͤuſer, ſowie zum Anbau des Landes beſſer zu benutzen. Es wurden hin und wieder neue Burgen aufgerichtet, an— dere mit ſtaͤrkerem Mauerwerke verſehen?). Zwar nahm man zu ſolchen Arbeiten beſonders auch die bekehrten Landesbe⸗ wohner in Anſpruch, indem ſie in ihren Guͤterverſchreibungen zu ſolchen Dienſten immer ausdruͤcklich verpflichtet worden waren. Allein man war Anfangs noch auch vielfach bemuͤht, ihnen die Beſchwerden ihrer Arbeit zu verfüßen und durch Belohnungen zu vergelten. Man erheiterte die Arbeiter durch fröhliche Schmaͤuße und mancherlei Vergnuͤgungen ); man 1) Den Beweis hievon giebt der Erfolg im Frühling des naͤchſten Jahres 1258. Es wurde außerdem im Spaͤtſommer 1257 das Kreuz auch in Boͤhmen, Polen, Maͤhren, Pommern und andern Laͤndern ge— predigt. Allein es gingen hiebei mancherlei Unregelmaͤßigkeiten vor. Viele ſcheinen unter dem Vorgeben, daß ſie fur den Orden das Kreuz verkuͤndigten, dem Orden ſehr zur Laſt gefallen zu ſeyn und bedeutende Anſprüche auf Unterſtutzung an ihn gemacht zu haben. Daher der Papft auf die Bitte des Ordens an den Meiſter in Preuſſen die Verordnung richtete, quod in Boemia, Polonia, Pomerauia, Moravia et provin- ciis ac terris aliis, quas benignitas apostolice sedis ordini vestro in Livouie ac Pruscie subsidium deputavit, nemini auctoritate sedis eiusdem vel cuiuscumque alterius contra paganos et infideles eosdem (Lectovie aut Gzetuesie) invitis et renitentibus vobis ac fratribus ve- stris de ian dieta Livonia erucem liceat predicare, vel aliquid pre- textu predicationis sibi commisse facere, quod redundet in vestrum preiudicium vel supradicti negotii detrimentum. Das Original der Bulle, datirt: Viterby VIII Idus Aug. p. n. an. III (6 Aug. 1257) im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 48. Darüber erhielten auch die Kreuz⸗ prediger des Minoriten⸗Ordens in den genannten Landen die noͤthigen Befehle in der Bulle Schiebl IV. Nr. 51, vgl. Nr. 53. 2) Lucas David B. IV. S. 17 — 18. 3) Lucas David a. a. O.

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Poppo's von Oſterna Abgang. 129 belohnte die Vornehmeren für ihre Beweiſe von beſonderer Thaͤtigkeit und Unterftügung bei dem neuen Burgenbau mit verſchiedenen Begünftigungen und Ehrenbezeigungen ) und es geſchah daher, daß in manchen Theilen des Landes das Volk ſich willig und gerne in die Anforderungen und Ge⸗ bote des Ordens fuͤgte. Mitten in dieſem friſchen Aufſtreben des Ordens aber trat gerade aus dem Kreiſe der Gebietiger der Mann zuruck, welcher ſeit des Ordens erſtem Eintritt in das Land in vie⸗ len Beziehungen fo aͤußerſt wirkſam und einflußreich, ſtets mit ſo umſichtiger Thaͤtigkeit und mit dem unermuͤdlichſten Eifer in alle Verhaͤltniſſe des Ordens eingegriffen hatte. Poppo von Oſterna, der früherhin einige Jahre als Landmeiſter ſchwere Zeiten im Lande durchlebt und nun ſeit laͤnger als vier Jahren das hochmeiſterliche Amt meiſt in Preuſſen ver⸗ waltet hatte, fühlte fich nicht mehr ſtark genug, der wichti⸗ gen Winde fernerhin noch vorzuſtehen. Ermattung der Kräfte, Krankheit und die Buͤrde eines hohen Alters zwangen ihn, ſchon im Sommer des Jahres 1257 dem Amte zu entſa⸗ gen?), um die letzten Tage feines Lebens in Ruhe hinzu: bringen ). Er entſchloß ſich zu dieſer Abdankung feines 1) Hariknoch Dissertat. XVII. p. 878. Waiſſel Chron. S. 83. 2) Die Ordens⸗Chron. bei Matthaeus p. 735 ſagt: „Als nu der Hoichmeiſter Meiſter Poppe out wert ende totten (zu den) ſtriden niet meer en dochte, ſo gaff hy die Meiſterſchap ootmoedelick over.“ 3) Dieſe frühe Abdankung Poppo's von Oſterna widerſpricht aller: dings allen bisherigen Annahmen, denn die neueren Schriftſteller laſſen fie entweder erſt im J. 1261, oder auch erſt im J. 1262 erfolgen; ſ. Bachem Chronol. der Hochmeiſt. S. 22. De Wal Recherches T. II. p. 319. Hist. de TOrd. Teut. T. II. p. 66. Duellius p. 22. Hartkn o ch A. und N. Preuſſ. S. 289. Bacz ko B. I. S. 317. Kotzebue B. II. S. 20. Schubert de Gubernat. p. 7. Jene frühere Abdankung Poppo's läßt ſich indeß aus folgenden Gründen erweifen. 1. Giebt es feit dem Au⸗ guſt des J. 1257 keine Urkunde mehr, welche Poppo's längere Amts⸗ verwaltung darthun konnte; wenigſtens iſt uns zur Zeit noch keine be⸗ kannt. 2. Haben wir eine Bulle des Papſtes vom 9. Auguſt 1257 im großen Privilegienb. p. 45, worin des Antritts des neuen Hochmeiſters III. 9

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130 Anno von Sangerhauſen Amtes ſchon in Preuſſen, begab ſich dann nach Rom, er hielt vom Papſte die gewuͤnſchte Entlaſſung, berief hierauf ein allgemeines Ordens⸗Kapitel, wo er den Meiſtern der Ordenslande ſeinen Entſchluß vorlegte. Es ſchmerzte die verſammelten Ordensritter, daß der von allen hochgeachtete Meiſter aus dem Amte ſcheiden wollte, das er ſtets mit ſo vieler Wurde, fo viel Umſicht und fo großem Eifer Jahre lang verwaltet. Poppo aber blieb der Gegenbitten aller ſei⸗ ner Ordensbruͤder ungeachtet doch feſt bei feinem Vorſatze !). So wurde in demſelben Kapitel als des Ordens neuer Hoch⸗ meiſter erkoren der tapfere Anno von Sangerhauſen, aus Thuͤringen gebuͤrtig, ſeines Geſchlechts aber aus dem herzog⸗ lichen Haufe von Braunſchweig ?), ſeit drei Jahren Land⸗ meiſter von Livland, wo er vor kurzem erſt in Verbindung mit den Kuren und Semgallen von einem großen Kriegszuge beſtimmt erwähnt und rater Poppo guondam Magister genannt wird. Daß das Datum dieſer Bulle richtig und nicht, wie Kotzebue B. II. S. 300 ohne Grund vermuthet, verwechſelt iſt, beweiſet der Umftand, daß wir die naͤmliche Bulle an den Meiſter in Livland gerichtet und mit demſelbigen Datum in einem Transſumt Schiebl. IV. Nr. 50 und an den Meiſter von Preuſſen ebenſo im kleinen Privilegienb. p. 85 haben. Wir werden die betreffende Stelle ſogleich in der Note Nro. 8 ausheben. 3. Wird Poppo von Oſterna in einer andern Urkunde, deren Gegen- ſtand, nämlich die Theilung von Samland, im März 12858 verhandelt wurde, unter den Zeugen obenan frater Poppo quondam Magister ge- neralis genannt; ſie iſt ausgeſtellt zu Elbing am 3. Mai 1258, und beweiſet nicht bloß ebenfalls, daß Poppo's Abdankung ſchon vor dieſe Zeit fällt, ſondern auch, daß der alte Meiſter ſich damals in Preuſſen aufhielt. 4. Laßt Alnpeck S. 51 den Meiſter von Livland, Anno von Sangerhauſen, unmittelbar aus dieſem Amte in die hochmeiſterliche Wuͤrde eintreten. Dieſes wäre fpäterhin nicht moͤglich geweſen, da wir im J. 1257 ſchon Burchard von Hornhauſen in Livland als Meifter fin- den. — Alſo ſetzte auch Hennig zu Lucas David B. IV. S. 24 die Abdankung zu fpät ins 3. 1260, 1) Wir erhalten hieruͤber einige ſichere Aufklaͤrungen in Alnpecks Reim⸗Chron. S. 50 — 51. 2) Henneberger Preuſſ. Landtaf. S. 870. Duellii Historia ordin. Teut. p. 22. De Wal Histoire de l’Ord. Teut. T. II. p. 69.

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Anno von Sangerhauſen. 131 ins Land der Samaiten zuruͤckgekehrt war!). In einſtimmi⸗ ger Wahl empfing er den Meiſter-Ring ). Da äußerte Poppo von Oſterna, wie es ſcheint, auf dem Wahl- Kapitel den Wunſch oder verlangte es vielleicht auch als eine beloh⸗ nende Anerkennung feiner Verdienſte, daß ihm für feine letzten Lebenstage zu ſeiner Unterhaltung die Verwaltung irgend eines Ordens hauſes, einer Ballei oder die Einkünfte irgend einiger Or⸗ densguͤter uͤbergeben werden möchten. Es mochten Ruͤckſich⸗ ten Bedenken erregen, des alten Meiſters Bitte zu erfüllen. Der Papſt ſollte die Entſcheidung geben. Dieſer indeſſen, die Sache mehr dem willfaͤhrigen Beſchluſſe der Ordensge⸗ bietiger uͤberlaſſend, ertheilte die Verordnung, daß der Or⸗ den wider ſeiner Gebietiger Willen nie verpflichtet ſeyn ſolle, weder den alten Meiſter Poppo von Oſterna, noch ſonſt ir⸗ gend einen Landmeiſter oder Ordensbruder mit einer Praͤla⸗ tur, einer Wuͤrde, einem Amte, einer Ballei, einem Ordens⸗ hauſe oder mit ſonſt einem Beſitzthum des Ordens zu ver⸗ ſorgen?). So wurde Poppo's Wunſch und Verlangen, wie 1) Ueber dieſen Verheerungszug Alnpeck S. 47 — 50 ziemlich weitlaͤuftig. 2) Alnpeck S. 51: Die (meiſterſchaft) entpfiene gar tugenthaft Meiſter anne von nieflant Do gab man ime an die hant Das zeichen das der meiſter treit Das was ein vingerlin vil feit. I) Wir kennen dieſe Umftände nur aus der an den neuen Hochmei⸗ ſter gerichteten Bulle des Papſtes, datirt: Viterb. V Idus August. p. a. III. im groß. Privilegienb. p. 45. Die wichtigſte Stelle darin heißt: Cum itaque fili Magister ad generale tui ordinis regimen secundum instituta ipsius de novo prout accepimus sis assumptus, nos dignis laudibus id in domino commendantes universitati vestre firmam de vobis volumus adesse fiduciam, quod nos in christo paterna caritate complectamur et gracioso favore prosequi assidue delectamur. In euius rei signum vobis de speciali gratia indulgemus, quod fratri Popponi quondam Magistro vestro seu cuicunque Preceptori vel fra- tri ordinis vestri de prelatura seu dignitate aut officio vel baliva seu domo aut de quibuscunque bonis eiusdem ordinis per litteras Se 9*

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132 Poppo von Oſterna. es ſcheint, nicht erfüllt; wenigſtens iſt zur Zeit die Geſchichte nicht im Stande, das Dunkel gaͤnzlich aufzuhellen, welches die letzten Jahre ſeines Lebens umhuͤllt. Nachdem er ſich im Jahre 1258 noch in Preuſſen aufgehalten, ſoll er nach Deutſchland zuruͤckgegangen ſeyn, dort noch mehre Jahre gelebt, in der letzten Zeit ſeines Lebens ſich nach Schleſien begeben haben, in Breslau am ſechſten November 1263 ge⸗ ſtorben und in der S. Jacobs⸗ Kirche daſelbſt begraben ſeyn 1). Doch find die Nachrichten hieruͤber noch keineswegs außer allen Zweifel geſetzt. Das Gericht der Geſchichte iſt uͤber ihn verſchieden ge: dis apostolice seu legatorum eius impetratas vel de cetero impe- trandas inviti non teneamini provideri. Irritum etiam et inane de- cernimus, si quod contra tenorem ipsius indulgentie fuerit attem- ptatum. 1) Gleichzeitige Nachrichten über Poppo's letzte Lebensjahre fehlen uns ganzlich; die fpätern find ſchwankend und abweichend. Im Hoch⸗ meiſter⸗Verzeichniſſe bei Lindenblatt S. 360 wird unrichtig ſeine Verwaltungszeit auf elf Jahre ausgedehnt, Breslau aber ſchon als Be⸗ gräbnißort genannt. Lucas David B. IV. S. 23, beſonders vor den Nachrichten der Polniſchen Chroniſten über Poppo's Tod warnend, ſagt, daß er ſelbſt in Breslau wegen Poppo's Begraͤbniß Nachforſchungen habe anſtellen laſſen, beſonders auch in der S. Jacobs⸗Kirche, aber ohne Er⸗ folg. Dies befremdet um ſo mehr, da nach Kloſe Geſchichte v. Breslau B. I. S. 467 die fruͤher von uns B. II. S. 664 ſchon erwaͤhnte In⸗ ſchrift über dem Begräbniffe Poppo's im J. 1568 noch vorhanden ge⸗ weſen feyn ſoll. Auch die Nachrichten bei Schütz p. 29 haben keine Gewißheit. Einige laſſen Poppo am 22. Juli 1263 in Preuſſen, an⸗ dere im J. 1264 in Schleſien, noch andere am 8. Juli 1265 in Deut ſch⸗ land ſterben. S. Pauli B. IV. S. 101. Ueber feinen Todestag, 6. November, iſt nach Bachem S. XI und De Wal Recherches T. II. p. 248 wohl kein Zweifel. Die Ordens⸗Chron. (Mſcr.) S. 48 ſagt: „Da gab er das Hoemeiſterampt uͤber gantz demuͤttiglich und nam an ſich eyne ehrliche Ruhe nach allem ſeynem begeren und ſollt alſo kürtz⸗ lichen darnach geſtorben ſeyn. Man ſindet aber yn der legenden Sanct Hedwigen das er bey Lignitz myt yhrem ſone yn eynem ſtreyte myt den Tattern gehalten erſchlagen iſt und alſo zu Breslav in Sanct Albrechts⸗ kirchen czum Predigern gar ehrlichen begraben im iare 1265.“ Ordens⸗ Chron. bei Maithaeus p. 736.

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Poppo von Oſterna. 133 fallen. Während ältere Quellen ihn als einen weifen, redli⸗ chen und milden Mann ruͤhmen und ſeine Kriegstugenden im Kampfe gegen die Heiden preifen !), haben jüngere Chro⸗ niſten, die ſeine Amtsverwaltung auf mehre Jahre ſpaͤter hin⸗ ausrückten, zugleich auch alles ihm als Schuld aufgebürdet, was in dieſer Zeit auf dem Namen des Ordens als ſchwere Vergehungen und als ein untilgbarer Makel in ſeinem Ver⸗ halten gegen das neubekehrte Volk in Preuſſen haftet. Und wenn man mit beſonnenem Blicke in die Verhaͤltniſſe hinein⸗ ſieht und die Keime zu entdecken ſucht, aus denen nachmals das fo furchtbar über den Orden einbrechende Unglück em⸗ porwuchs, ſo iſt allerdings wohl nicht zu laͤugnen, daß dieſe ſchwere Zeit durch Poppo von Dfterna dadurch ſchon vorbe⸗ reitet wurde, daß er es immer mehr nur als wichtigſtes Ziel alles Beſtrebens aufſtellte, das im Sturme überwältigte und mit dem Schrecken des Schwertes überwundene Volk Preuſ⸗ ſens zu bezaͤhmen, durch irdiſche Vortheile zu beſtricken und zu bezuͤgeln; daß er viel zu wenig darauf hinarbeitete, die Neubekehrten auch geiſtig zu gewinnen, die Gemuͤther zu über: zeugen und Herz und Geiſt zu bekehren uͤber das beſſere Heil und Über das edlere Gut, welches im Kreuze ihnen dargebo⸗ ten war; daß er durch alle Gebiete Preuſſens hindurch mehr nur das Zwanggebot und das Schwert wirken ließ in ſeinem Schrecken und in ſeiner vertilgenden Macht, als das tief er⸗ greifende und das innere Leben gewinnende Wort des chriſt⸗ lichen Lehrers und des freundlichen Fuͤhrers auf der Bahn zur Wahrheit des Evangeliums. Dieſe Verſaͤumniß war wohl allerdings vorzüglich die Schuld der Landesbiſchoͤfe; allein fie war auch Schuld des Hochmeiſters. Von Grauſamkeiten aber, die er veranlaßt, von unmaͤßigen Bedruͤckungen des gehorſa⸗ men Volkes, die er geboten, von herriſcher Haͤrte und Strenge, die er gegen die duldſamen Beſiegten geübt, kann die gelaͤu⸗ terte Geſchichte keine Beweiſe ſtellen, denn das Elend und der Jammer, der Schrecken und die Verzweifelung, die durch 1) Dusburg c. 69. Ordens⸗Chron. S. 47, bei Matthacus a. a. O.

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134 Poppo von Oſterna. die Bekaͤmpfung und Ueberwaͤltigung des ganzen Landes wie über die Völker fo über Einzelne gekommen waren, wird ihm allein keiner als Schuld beirechnen und theilt er hier die Schuld, ſo iſt es die Schuld des ganzen Ordens, es iſt die Schuld der Zeit, die in jeglichem Kampfe gegen das Hei: denthum und in aller Vertilgung des Unglaubens und Göt: zendienſtes nur eine fromme, gottverdienſtliche Sache, eine heilige Pflicht des gottgeweihten Ritters und ein gottgefaͤlli⸗ ges Mittel zur Seelen Seligkeit erkannte.

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Zweites Kapitel. Auf Preuſſens Verwaltung hatte vorerſt der Wechſel der hochmeiſterlichen Würde keinen beſondern Einfluß, denn der neue Hochmeiſter Anno von Sangerhausen ), an deſſen Stelle in Livland, wie erwähnt iſt, der Komthur von Kö- nigsberg Burchard von Hornhauſen auf Poppo's von Oſterna Bitte zum Landmeiſter erkoren worden war 2), hielt ſich feit ſeiner Wahl in Deutſchland auf und Gerhard von Hirzberg bekleidete auch forthin noch das Amt eines ſtellvertretenden Meiſters in Preuſſen ). Bunächft beſchaͤftigte ihn die Eroͤr⸗ 1) Die Ordens⸗Chron. (Mſcr.) S. 102 ruͤhmt von ihm: „Ne gierte in großen Ehren, geiſtlicher Zucht und zu des Landes Vermeh⸗ rung hielt er die Preuſen in Gezwang mit ſeinen Bruͤdern; er war ein ſehr weiſer, ſinnſchicklicher Mann, eine herliche Perſohn.“ 2) Alnpecks Reim-Chron. ©. 51. 3) Die Frage: ob Gerhard von Hirzberg wirklich je auch eigent⸗ licher Landmeiſter oder nur Stellvertreter des Landmeiſters geweſen ſey? woruͤber ſchon Pauli S. 95 ungewiß war, laͤßt ſich nur dann genuͤ⸗ gend beantworten, wenn man die urkunden unterſcheidet, in denen er bald praeceptor in Prussia, bald nur Vice - praeceptor oder Vice-Ma- gister genannt wird, und nach dieſem Unterſchiede darf ſicher behauptet werden, daß Gerhard nie eigentlicher Landmeiſter, ſondern ſtets nur Stellvertreter im Amte war. In allen Urkunden nämlich, die er ſelbſt ausſtellt, nennt er ſich ſelbſt vom J. 1257 bis 1259 beftändig nur Vi- ce-praeceptor, vices gerens Magistri in Pruscia oder Vicemagister, fo in zwei Urkunden vom 14. April und 1. Mai 1257 (Samloͤnd. Hand: feft. p. VIII. Dreger Nr. 289 und 290). Ferner giebt ſich Gerhard in der von ihm ausgeſtellten Urkunde vom J. 1258, wovon die Urkunde bel Dreger Nr. 304 die Gegenurkunde iſt, nur den Titel: Vicemagi-

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136 Ausgleichung mit dem Biſchof von Samland. terung und Ausgleichung der biſchoͤflichen Verhaͤltniſſe im neuen Biſthum Samland. Der Biſchof Heinrich von Sam⸗ land war nach Preuſſen zuruͤckgekehrt, aber weniger, wie es ſcheint, um dem zu genuͤgen, was dem Geiſte ſeines Volkes Noth that und was die Seele forderte, als um weltliches Gut und irdiſches Beſitzthum. Da der Orden fuͤr nothwen⸗ dig befunden, die vor wenigen Jahren erbaute Burg Koͤnigs⸗ berg an einen beſſer gelegenen Ort zu verſetzen und ſtaͤrker zu befeſtigen zur Sicherung gegen Gefahren, ſo war der Biſchof aufs emſigſte thaͤtig, ſich mit dem Landmeiſter zuvor uͤber den Ort, wo die bisherige Burg ſtand, wie uͤber die ganze umherliegende Gegend ſorgſam auszugleichen, alſo daß das ganze Gebiet in drei Theile geſchieden und deren zwei dem Orden, der dritte aber dem Biſchofe als erſter Aufent⸗ halt zugewieſen wurden. Der letztere umfaßte die alte Burg, auf welcher Biſchof Heinrich nun vorerſt auch ſeinen Wohn⸗ ster fratrum domus S. M. Th., während dieſe letztere ihn mit Ma- gister bezeichnet; folglich kann dieſe urkunde auch nicht beweiſen, daß Gerhard im J. 1258 wirklicher Landmeiſter geweſen ſey. Dieſes be⸗ ftätigt ſich auch durch eine andere Urkunde vom März 1258, worin er ſich wiederum ſelbſt vicepreceptor nennt; ſ. Samland. Handfeſt. p. IX. XIV., außerdem auch noch durch eine andere vom 28. Mai 1258, in welcher er ſich ſelbſt ebenfalls nur als Vicemagister bezeichnet; ebendaſ. p- XIV., und eine andere vom 21. Mai 1258, die er als Vices ge- rens Magistri fratrum domus S. M. Th. ausſtellt. Auch im Anfange des Jahres 1259 bekleidete Gerhard immer nur ſtellvertretend das Land⸗ meiſteramt. Dieſes beweiſet eine Urkunde vom April d. J. im Archiv des Rathhauſes zu Thorn Cist. III. Nr. 20, worin ſich Gerhard wie⸗ der nur den Titel eines Vicepreceptor beilegt. Dagegen laͤßt ſich keine einzige von ihm ſelbſt ausgeſtellte Urkunde auffinden, in welcher er ſich ſelbſt als wirklichen Landmeister bezeichnet. Die nicht von ihm ſelbſt ausgeſtellten Diplome, welche ihn ſchlechthin Magister oder Praeceptor in Prussia nennen, beweiſen alſo nur, daß man entweder mit der Amts⸗ bezeichnung es nicht immer ganz genau nahm oder daß man mit dieſen Benennungen oft auch den bloß ſtellvertretenden Landmeiſter bezeichnete, und es bleibt ſomit die Behauptung unbeſtreitbar, daß Gerhard nie ei⸗ gentlicher Landmeiſter war. Vgl. dagegen Schubert de Gubernat. Pruss. p. 24 — 25.

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Ausgleichung mit dem Biſchof von Samland. 137 fit nahm 1). Darauf ſchloß der Landmeiſter mit ihm zur Beſtimmung der nöthigen biſchoͤflichen Einkuͤnfte einen Ver⸗ trag über die beiden in der Nähe von Koͤnigsberg liegenden Gebiete von Quedenau und Derne, ſowie uͤber die nahe Burgmühle, nach welchem von dem allen der dritte Theil dem Biſchofe anheimfiel 2). Dieſelbigen Bemühungen zur Ausgleichung der aͤußeren Verhaͤltniſſe des Biſthums und des Ordensgebietes ſetzte der Biſchof und der Landmeiſter auch noch im Anfange des Jahres 1258 fort; fie betrafen die Ein⸗ theilung und die ganze äußere Geſtaltung des biſchoͤflichen Sprengels. Lange hatte Heinrich mit dem Orden über die Art der Theilung ſchon gehadert und geſtritten; durch gegen⸗ ſeitiges Verſtaͤndniß ſchien eine Ausgleichung kaum mehr möge lich. Da traten endlich auf beider Theile Erſuchen die Bir ſchoͤfe Heidenreich von Kulm und Anſelm von Ermland als freundliche Vermittler ein und auf einem Verhandlungstage zu Elbing am zwölften März 1258 ward die Streitſache da hin beſtimmt, daß die Theilung des bereits bewohnten Theis les von Samland und der Nehring nach der papftlichen Vor⸗ ſchrift binnen einer beſtimmten Friſt geſchehen, der Biſchof das Seinige wählen und die weitere Erörterung uͤber ſpaͤter erſt zu theilende Gebiete einer kuͤnftigen Verhandlung vorbe⸗ halten bleiben folle ). Zugleich verpflichtete ſich der Orden, Samlands Theilung binnen drei Wochen zu beendigen und dem Biſchofe die Wahl ſeines Biſchofstheiles in einem Mo⸗ nate frei zu ſtellen. Der Biſchof erließ dem Orden jene früͤ⸗ her ſchon erwaͤhnte Forderung von zweihundert Mark des 1) Wir befigen die hierüber abgefaßte Urkunde doppelt; namlich bei Dreger Nr. 290. p. 400 die des Biſchofs und in den Samland. Hand⸗ feſt. p. VII die des Landmeiſters. Die Theilung geſchah am 14. April 1257. 2) Dreger Nr. 289. p. 399. Samländ. Handfeſt. P. VIII. Das Ländchen Derne iſt daſſelbe, welches bei Dreger 1. c. unter dem ver⸗ ftümmelten Namen Derume, p. 400 richtiger Dernen und ſo auch in den Samlaͤnd. Handfeſten p. IX vorkommt. 3) Dreger Nr. 301. p. 414. Samländ. Handfeſt. p. XI XII.

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138 Ausgleichung mit dem Biſchof von Samland Einkommens aus dem Samlaͤndiſchen Gebiete bis zur Haͤlfte; dagegen verſprach der Landmeiſter, dem Biſchofe die alte Burg Koͤnigsberg, ſobald die Ordensbruͤder ſolche verlaſſen koͤnnten, in ihrem ganzen Zuſtande mit allen Gebaͤuden und Nebenanlagen ſofort zu uͤbergeben, bis dahin aber den An⸗ bau neuer Gebäude nach des Biſchofs Gefallen gerne zu er: lauben. Das war die wichtigſte Entſcheidung. Aber auch alle uͤbrigen Streitpunkte des Ordens und des Biſchofs theils über den früher von den Ordensrittern an die Bürger von Lubeck als Lehengut übertragenen und wieder zuruͤckgekauften dritten Theil von Samland, theils uͤber die auf Bewachung und Sicherung des Landes vom Orden verwandten Koſten, ferner über das von jedem Haken Landes der kurzlich abtruͤn⸗ nig gewordenen Samlaͤnder zu erhebende Strafgeld, ſowie der Zwiſt uͤber die drei Jahre lange Zuruͤckhaltung der Ein⸗ kuͤnfte des Biſthums Ermland wurden durch der erwaͤhnten Biſchoͤfe Vermittlung geſchlichtet und fuͤr immer beigelegt. Fuͤnfhundert Mark ſollten deſſen Strafbuße ſeyn, der uͤber ſolches alles wieder neuen Zwiſt anrege !). Nun erfolgte im 1) Dieſe in mancher Hinſicht wichtige Urkunde, datirt: In Elbingo an. dni 1258. V Idus Marcii, ſteht in den Samland. Handfeſt. p. XV und enthält das ſchiedsrichterliche Erkenntniß der Biſchoͤfe von Kulm und Ermland. Wir lernen aus ihr vor allem die Hauptpunkte des Streites zwifchen dem Samland. Biſchofe und dem Orden kennen. So heißt es unter andern auch: Ceterum questiones omnes, que ab utraque parte fuere proposite de incendio Curie Nesov (dieſer Umſtand iſt dunkel,) de infeudata per fratres et redempta a civibus Lubicensibus tercia parte Sambie (darüber ift ſchon im zweiten Bande S. 568 geſprochen und wir ſehen hier nur, daß hierüber zwiſchen dem Orden und dem Bi: ſchofe Streit entſtand, wahrſcheinlich weil der Orden dieſes mit ſeinem Gelde wieder erkaufte Land nicht mit theilen wollte), de expensis in custodia terre factis (worüber der Orden Anforderungen an den Bi: ſchof erhob) de duobus artungis super quemlibet uncum eorum, qui postataverant pro emenda impositis (wovon ohne Zweifel auch der Bi⸗ ſchof einen Antheil verlangte), item de retentione reddituum episco- patus Warmye per tres annos (woruͤber wir keine naͤhere Nachricht haben) ac de dampno ducentarum marcarum in terminis promissis non solutarum (über welchen Punkt wir oben ſchon geſprochen haben.)

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Heinrich Biſchof von Samland. 139 Mai die Theilung Samlands ſelbſt. Zuvor ward die ganze Landſchaft mit Sorgfalt in drei Theile ausgemeſſen und dann dem Biſchofe die Auswahl völlig freigeſtellt. Er wählte mit Klugheit den ſuͤd- und nordweſtlichen Theil, weil dieſer ge⸗ gen die Anfälle der oͤſtlichen Heidenvoͤlker am meiſten geſi⸗ chert lag!), verbuͤrgte aber ausdrücklich, die vom Orden in dieſem Theile bereits erfolgten Guͤterverleihungen an verdiente Samlaͤnder vollkommen zu genehmigen, jedoch mit der Be⸗ dingung, daß der Orden fuͤr das an dieſen Guͤtern ihm zu⸗ kommende Recht nöthigen Falls ſich verpflichte ?), den Bi⸗ ſchof zu vertreten. Und als nun in ſolcher Weiſe die aͤuße⸗ ren Verhaͤltniſſe des Biſthums Samland vorerſt wenigſtens im Ganzen ausgeglichen und geordnet und dem Biſchofe das Seine an Landgebiet und Einkommen zugewieſen und geſi⸗ chert war, dachte nun dieſer letztere auch an das geiſtige Heil der Seinigen? Suchte er durch Lehre und Unterricht der troſt⸗ loſen Bruſt der Bewohner ſeines Sprengels das heilige Klei⸗ nod chriſtlicher Wahrheit im Geiſte des Evangeliums entge⸗ gen zu bringen und ſie mit dem wieder zu troͤſten und zu erfüllen, wonach die menſchliche Seele ſich ewig ſehnt? Trat er jetzt nun als Vermittler zwiſchen das ſchreckhafte Kriegs⸗ ſchwert und den verſoͤhnenden chriſtlichen Altar, um die ge⸗ waltige Kluft zwiſchen dem Einſt und dem Jetzt in den ver⸗ zweifelten Gemuͤthern in Vergeſſenheit zu bringen? Zuͤndete er nun das heilige Licht chriſtlicher Erkenntniß an, nachdem das alte Feuer der heiligen Eiche erloſchen war? — Die Geſchichte ſchweigt auch noch um dieſe Zeit und keine Spur iſt aufzufinden von einer Bemuͤhung des Biſchofs, auch nur das erſte Samenkorn auf dem verwilderten und verwuͤſteten Boden auszuſtreuen. 1) Die ſpecielle Theilungsurkunde vom Landmeiſter ausgeſtellt und datirt: in Elbingo quinto Nonas Maij 1258, ſteht in den Samland. Handfeſt. p. X. 2) Dreger Nr. 305. p. 418. Den Verpflichtungsbrief ſtellte der Landmeiſter am 28. Mai 1258 auch wirklich aus. Er ſteht in den Samland. Handfeſt. p. XIV.

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140 Neues Kreuzheer. Mittlerweile waren die in Deutſchland und andern Laͤn⸗ dern aufgerufenen Heerhaufen von Kreuzbruͤdern in Preuſſen angelangt. Freudig vernahm der Papſt Alexander die Nach⸗ richt ihres Pilgerzuges. „Das Verlangen nach den Freuden des ewigen Lebens,, rief er ihnen ermunternd zu, „hat euch getrieben, den Reiz des vaͤterlichen Bodens aufzugeben, Freunde und Verwandte zu verlaſſen, um einem Kampfe mit dem un⸗ gläubigen, den Chriſten feindlichgefinnten Volke in Preuſſen mit muthiger Bruſt entgegenzugehen, freiwillig die vielfachen Bedraͤngniſſe ertragend, um mit der Huͤlfe goͤttlicher Macht das Heil der Gläubigen und das Gedeihen des wahren Glau⸗ bens zu befoͤrdern. Tief ergriffen von innigſter Freude hier⸗ uͤber und mit vaͤterlicher Liebe wuͤnſchend, daß euer Werk zu Gottes Ehre fruchtbringend gedeihe, bitten wir euch bei der Barmherzigkeit Gottes und legen es euch zur Vergebung eu: erer Suͤnden ans Herz, daß ihr ſtarken und tapferen Geiſtes und unerſchuͤtterlich in eueren Geſinnungen in Einigkeit die Sache Gottes mit Eifer verfolget und dem Meiſter und den Brüdern des Hospitals euch in allem willig untergebet, was der Eifer im Kriege fordert und zum Kampfe gehoͤrt, aufdaß es ihnen durch euch als tapferen Kaͤmpfern Chriſti durch Ein⸗ tracht leicht werde, die Veraͤchter des Namens Chriſti zu zer⸗ treten, euch aber der Ruhm des Triumphes und endlich die himmliſche Palme, die ihr ſuchet, zu Theil werde !).“ So ſprach der Papſt und erließ zugleich auch eine drin⸗ gende Ermahnung an die geſammte chriſtliche Streitmann⸗ ſchaft in Preuſſen, worin er dieſe gleichfalls zum tapfern und männlichen Kampfe, zu willigem Beiſtand und zur Folgelei⸗ ſtung in der Anordnung und im Rathe der Ordensritter auf- forderte, damit das Werk der Ueberwindung der Heiden nun bald fein erwuͤnſchtes Ende erreiche ). Und um alle Hin derniſſe, die dem Plane des Ordens in der Bekaͤmpfung der J) Das Original dieſer Bulle, datirt: Viterbii V Idus Mail p. u. an. IV (11 Mai 1258) im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 67. 2) Das Original der Bulle, datirt wie das vorige, im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 80.

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Neues Kreuzheer. 141 Ungläubigen entgegen wirken konnten, zu beſeitigen, brachte Alexander dem Erzbiſchofe von Riga — ſo hieß Albert ſeit dem erſten Jahre der Regierung dieſes Papſtes, als er ſei⸗ nen Sitz in Riga genommen und die Nigaifche Kirche, die ältefte und bisher immer ſchon die angeſehenſte in Livland 1), zu einem Erzbiſthum erhoben worden war 2) — die Verord⸗ mung Innocenz des Vierten in Erinnerung, nach welcher er in Preuſſen, Livland, Kurland und Eſthland nichts unterneh⸗ men ſolle, was den Wünfchen und Beſtrebungen der Ordens⸗ ritter nicht entſpreche und ihrem Vorhaben nicht förderlich ſey ). Kurz zuvor aber hatte der Papſt zu dem naͤmlichen Zwecke auch die Erlaubniß zugeſtanden, daß ſich der Orden gegen diejenigen, welche feiner Burgen und Befeſtigungen ſich bemeiſtern wollten, auch in Preuffen und Livland mit der Macht der Waffen vertheidigen koͤnne “). Die Geſchichte indeſſen laͤßt uns daruber unbelehrt, wie weit um dieſe Zeit die Unternehmungen des Ordens durch die herbeigekommene Hülfe mehr gefördert worden ſeyen und wie er die im Lande verſammelten Streitkräfte verwendet habe; fie ſchweigt viel⸗ leicht, weil keine hervorſtechenden Ereigniſſe die Aufmerkſam⸗ keit der Zeitgenoſſen auf ſich zogen. 1) Primitiva et praecipua nennt fie der Papſt ſelbſt in der Bulle bei Dogiel T. V. Nr. XXIV. p. 17. 2) Regest. Alexand. IV. an. I. epist. 342; Copien⸗Buch im geh. Arch. Nr. 100. Raynald an. 1255. Nr. 64. Arndt Livland. Chron. Th. II. S. 58. 3) Original der Bulle, datirt: Viterb. — Idus Mail p. u. an. IV im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 68. 4) Original der Bulle, datirt: Viterb. V Idus Februar. P. . 8. IV im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 64. Wir kennen die eigentliche Be⸗ ziehung dieſer Bulle nicht genau und wiſſen nicht beſtimmt, wer es in beiden genannten Laͤndern gewagt, ſich der Burgen des Ordens zu be⸗ mächtigen. Zielte ſie vielleicht noch gegen Herzog Kaſimir von Cuja⸗ vien? Die Erlaubniß des Papſtes zur Nothwehr war allerdings des⸗ halb wohl nothwendig, weil der Orden gegen Chriſten eigentlich nicht ſtreiten durfte. Aber hatte er nicht ſchon gegen Herzog Suantepolc von Pommern geſtritten? — Eine Abſchrift dieſer Bulle im groß. Privile⸗ gienbuche p. 71.

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142 Belaͤſtigungen des Ordens durch die Geiſtlichkeit. Da trat der alte Feind wieder in die Schranken. Die zahlreichen Beguͤnſtigungen, die außerordentlichen Lobpreiſun⸗ gen, die vielfältigen Beweiſe der Liebe und der Zuneigung und die willfaͤhrige Bereitwilligkeit zur Abhuͤlfe aller Beſchwer⸗ den, die nun ſeit Jahren wieder der Papſt gegen den Orden kund gegeben: das alles war der hohen Geiſtlichkeit ein Graͤuel im Auge und regte den alten Neid und Groll von neuem an. Sie ſpielte daher gegen das Gedeihen und die Ruhe des Or⸗ dens in allen Wegen und Weiſen auch wiederum das alte verderbliche, ſchnoͤde Spiel. Bald erhoben Erzbiſchoͤfe, Bi⸗ ſchoͤfe und andere Praͤlaten auf Kirchen des Ordens neue und bisher ganz ungewoͤhnliche Rechte und mußten vom Papſte mit ſcharfem Nachdruck zuruͤckgewieſen werden!); bald traten Biſchoͤfe den Ordensgebietigern hinderlich entgegen, wenn dieſe ihnen zur Beſetzung erledigter Ordenskirchen geſchickte und taug⸗ liche Weltgeiſtliche des Ordens, die in den Ordenshaͤuſern ihren Unterhalt gehabt hatten, zur Beſtaͤtigung vorſchlugen und ver⸗ weigerten unter allerlei Vorwaͤnden deren Zulaſſung zum kirch⸗ lichen Amte, woruͤber der Papſt gleichfalls eine neue Ent⸗ ſcheidung geben mußte ?); bald mußten gegen die Geiſtlichen 1) Bulle im groß. Privilegienb. p. 69, im klein. Privilegienb. p 137, datirt: Viterb. IX. Cal. Jun. p. n. an. IV (25 Mai 1258), wo es heißt: Nos quieti et tranquillitati vestre (sc. fratrum Ordinis) pa- terna diligencia providere volentes, vestris inclinati precibus, aucto- ritate vobis presentium indulgemus, ut Archiepiscopi et Episcopi et alii ecclesiarum prelati in vestris quas habetis et tenetis ecclesiis salva procuratione si qua debetur eisdem, eo tantummodo sint iure contenti, quod ipsi et predecessores eorum a vobis et predecessori- bus vestris noscuntur hactenus habuisse; quod si amplius ex predi- ctis ecclesiis petere vel extorquere contenderint, vobis id liceat au- ctoritate sedis apostolice denegare. 2) Original der Bulle, datirt: Viterb. V Jdus Jun. p. n. an. IV ( Juni 1258) im geh. Arche Schiebl. IV. Nr. 69, im groß. Privile⸗ gienbuche p. 69. Der Papſt entſchied: ut huiusmodi personas ydonens prefatis diocesanis ad easdem ecclesias vobis liceat presentare, dum- modo dicte ecclesie nullum defectum in divinis officis patiantur et de premissis juribus faciatis locorum Episcopis plenarie responderi.

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Anklage und Vertheidigung des Ordens. 145 auch die alten Verbote gegen Bann und Interdict, gegen Erhebung von Abgaben und Zoͤllen vom Gute und Eigen⸗ thum des Ordens und dergleichen von neuem geſchaͤrft wer⸗ den, weil es der hab- und herrſchſuͤchtige Clerus immerfort noch verſuchte, die paͤpſtlichen Verordnungen zu umgehen 1). In eben dem Maaße jedoch als die Geiſtlichkeit auf jegliche Weiſe bemüht war, durch Naͤnke und Schliche, durch Lift und Umtriebe den Orden zu beeinträchtigen und feine Rechte zu ſchmaͤlern, ſtieg und wuchs auch des Papſtes Eifer und Wachſamkeit für des Ordens Schutz und Ruhe 2). Aber der Neid und haͤmiſche Eiferſucht, in allen Zeiten der Schmutz gemeiner Seelen, ruheten dennoch nicht. Vom Papſte, des Ordens wachſamem Schutzherrn, in ihren argli⸗ ſtigen Bedraͤngungen und Befehdungen des gehaßten Ritter⸗ Vereines zurechtgewieſen, getadelt, bedroht und mit ernſter Strenge in ihre Schranken zuruͤckgetrieben, verſuchte die hohe Geiſtlichkeit bald einen weiteren Schritt in ihrem Haſſe und ihrer Feindſchaft. Es galt das Wagniß, ob der Orden nicht bei dem Papſte ſelbſt aus dem Angel aller ſeiner Gunſt her⸗ ausgehoben und ſo mit dem Umſturze dieſer maͤchtig feſten Saͤule der ganze Aufbau der Ordensherrſchaft im Norden niedergeworfen und zertrümmert werden koͤnne. Da liefen Anklagen bei dem paͤpſtlichen Hofe und bei dem Kollegium der Kardinaͤle ein, welche das ganze Weſen und Verdienſt des Ordens erſchuͤttern ſollten. Die Ritter wurden ange⸗ ſchuldigt, daß ſie die Regeln und Geſetze ihres Ordens ver⸗ letzten und pflichtwidrig wider ihr Bekenntniß handelten, daß ſie die Predigt und Belehrung im Worte Gottes verhinder⸗ Die daruber den hohen Geiſtlichen ertheilte Weiſung im groß. Privile⸗ gienbuche p. 72. 1) Hieruͤber verſchiedene Bullen im groß. Privilegienb. p. 4. 13. 70. 2) Daher erllärte Alexander in ſeinen Bullen an die Geiſtlichkeit auch wiederholt: Religiosos Viros fratres Hospitalis S. M. Th. pro religione et honestate sua tanto propensius a malignorum incursibus protegere volumus et tueri, quanto puriorem devocionem circa nos et romanam ecclesiam habere noscuntur.

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144 Anklage und Vertheidigung des Ordens. ten, daß ſie laͤſſig und ſaͤumig in Ausuͤbung der Verordnun⸗ gen des apoſtoliſchen Stuhles ſeyen, daß ſie der Ermittelung der Unzucht, des Ehebruches und anderer aͤhnlicher Laſter Hinderniſſe in den Weg legten), keine Bethaͤuſer zu errich⸗ ten geſtatteten, daß ſie mit Abſicht aͤltere Kirchen niederriſ⸗ ſen, die Sacramente der Beichte, der Taufe, des Abend⸗ mahls, Begraͤbniſſe und andere heilige Braͤuche verwehrten, daß ſie die Neubekehrten mit dem Joche der Knechtſchaft be⸗ laſteten u. ſ. w. Konnte die Wahrheit ſolcher Verbrechen be⸗ gruͤndet werden, ſo waren ſie allerdings geeignet, den Na⸗ men des Ordens wie vor dem Papſte, ſo vor den Augen der ganzen Welt ins ſchwaͤrzeſte Licht zu ſtellen, ſtatt ſeiner Ver⸗ dienſte und ſeines Ruhmes ihn auf ewig mit Schmach und Schande zu bedecken und — was als Folge nothwendig kom⸗ men mußte — ihm mit ſeiner Achtung und Ehre auch ſeinen Reichthum an Beſitzungen, ſeine große Zahl von Vorrechten und Freiheiten, ihm ſeine ganze hohe wichtige Stellung zu entreißen. Keiner aus dem Orden ſelbſt fand es ſeiner wuͤr⸗ dig, die arge Verleumdung und haͤmiſche Schmaͤhung vor dem Papſte zu widerlegen. Es liegt ein edles Bewußtſeyn ſeines Werthes und ſeiner Wuͤrde in der Seele des Men⸗ 1) Dieſe Beſchuldigung heißt wörtlich Quod incestus et adulte- ria et hiis similia redargui prohibeant. Damit iſt aber auf keine Weiſe gefagt, daß die Ritter ſelbſt „incestus et adulteria treiben“, wie Kotzebue B. I. S. 469 es ausdrückt, um ſeiner argen Anſicht ein ſchlagendes Argument zu geben. Auch Kotzebue ſchrieb hier nicht „secundum conscientiam, sed dolose “, wie dieſe Urkunde von den Anklaͤgern des Ordens ſagt. Wir benutzen dieſe Gelegenheit, um noch ein anderes kalsum aufzudecken, welches Kotzebue zur Begruͤn⸗ dung ſeiner Vorſtellung von dem ſchlechten Lebenswandel der Deutſchen Ordensritter ſich erlaubt hat; B. I. S. 460 führt er nämlich eine Bulle an ohne Angabe ihres Anfanges und bezieht ſie ausſchließlich auf den Deutſchen Orden; ſie betrifft aber, wie man deutlich aus dem Anfange ſieht, den Johanniter⸗Orden und Kotzebue — hat bier nicht ſehen wollen. So ſieht es aber öfter in dem Werke aus, welches Kotzebue als „ein klaſſiſches Denkmal für Preuſſens Geſchichte auf Klio's Altar niederlegte“; Hennig Vorrede zu Lncas David B. I.

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Anklage und Vertheidigung des Ordens. 145 ſchen, welches uͤber den Ekel nicht hinaus kann, wenn er in die Lage verſetzt iſt, die Gemeinheit der Geſinnung und die verachtungswurdigen Beſtrebungen feiner Feinde vor die Au⸗ gen der Welt bringen zu muͤſſen. Es traten aber andere Maͤnner für den Orden auf, welche dem Papſte in verſchie⸗ denen Berichten das liſtige Spiel entraͤthſelten und das feind⸗ liche Gewebe aufdeckten. Herzog Semovit von Maſovien, derſelbe Fürſt, welcher mehre Jahre hindurch mit dem Orden in Hader und Spannung gelebt und der Guardian Dieterich aus einem Kloſter zu Thorn waren es vorzuͤglich, die unauf⸗ gefordert und durch die Ueberzeugung der Liebe zur Wahrheit getrieben!) es für ihre Pflicht hielten, dem Papſte die Quelle dieſer Anklagen und die wahre Beſchaffenheit der Dinge klar zu enthuͤllen. „Es iſt eine verleumderiſche und erdichtete Be⸗ ſchuldigung, erklärten fie, womit die Ordensritter unverdient am Hofe zu Rom verunglimpft find 2). Aber weil von ih⸗ rer Ruhe und Sicherheit der Friede und das Heil der Laͤn⸗ der ringsumher abhaͤngt, ſo glauben wir in wahrhaften Be⸗ richten bezeugen zu muͤſſen, daß der Landmeiſter Gerhard und ſeine Bruͤder mit bedaͤchtiger Umſicht und Ueberlegung in den durch die Heerfahne des Kreuzes errungenen Ländern alles fo angeordnet, wie es die Natur des ungezaͤhmten Preuffenvol: kes und des Landes erfordert). Wir wiſſen aus taͤglichem Umgange, daß die Geſetze und Gewohnheiten, die ſie der Neubekehrten auflegen, in keinem Punkte vom Wahren und Rechten abweichen. Euere Heiligkeit aber wird jenem Ge⸗ murre wohl um ſo weniger Gehoͤr leihen, da nur Haß ſeine Quelle iſt. Wie iſt es wahrſcheinlich, daß ſie die Predigt des Wortes Gottes verhindern, da ſie ja fromme Kirchenlehrer an ſich ziehen, mit aller Liebe behandeln, zumal wenn ſie 1) „Urgente consciencia, nulla precum instantia compulsi, cel- situdini vestre humilibus et veridicis litteris duximus intimandum.“ 2) „ Quorumlam calumpniosa et Salsa accusatione apud maie- statem vestram nescimus quo spiritu sunt immerito inlamati.“ 3) „Omnia disponunt habita consideratione provida, prout exi- git gentis Prutenorum indomabilis et terrarum qualitas eorumden.‘ III. 10

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146 Anklage und Vertheidigung des Ordens. ſolche finden koͤnnen, welche zum Unterricht des Volkes die Preuſſiſche Sprache verſtehen !). Falſch iſt ferner auch die Anſchuldigung, daß ſie in der Ausfuͤhrung der paͤpſtlichen Verordnungen ſaumſelig und laͤſſig ſeyen, da ſie es ja ſind, die von der Kirche ausgeſandt ſie fuͤr ihre Herrin und Mei⸗ ſterin erkennen, und ſie als ſolche ehren und lieben und fuͤr jeden Wink des Papſtes bereit ſtehen. Unwahr iſt es, daß ſie die Ermittelung ſchaͤndlicher Verbrechen verhindern, der Errichtung von Bethaͤuſern und Kirchen und der Anſtellung rechtglaͤubiger Geiſtlichen entgegen wirken ſollen oder daß ſie alte Kirchen verwüften, da fie ja Überall in dieſen Gegenden neue erbauen und die erbauten auch wohl verſorgen. Daß ſie die Sacramente in der Ausuͤbung verhindern, iſt eine Be⸗ ſchuldigung, die nicht einmal mit der Vernunft uͤbereinkommt, da ſie ſelbſt ja dem kirchlichen Gebrauche mit aller Treue er⸗ geben ſind. Und was die Beknechtung der Neubekehrten be⸗ trifft, ſo widerlegen wir ſie als unglaublich, da ſie ihnen die Freiheit, womit Chriſtus uns erloͤſet hat, auch ſelbſt gegen ihren Willen und in ihrem Widerſtreben, wenn ſich Gelegen⸗ heit giebt, darbieten und in allen geiſtlichen und weltlichen Dingen mitleidig und vaͤterlich für fie ſorgen 2). Gott weiß es, daß alle Beſchuldigungen, die man zu Ohren Euerer Heiligkeit gebracht hat, ohne Grund und Urſache ſind und da wir ſeit langer Zeit alles ſelbſt geſehen und gehoͤrt, ſo be⸗ zeugen wir vor Gott, daß alles gegen die Ordensritter miß⸗ guͤnſtig erdichtet und nicht aus reinem Gewiſſen, ſondern aus Lug und Trug hervorgegangen iſt“ 3). 1) „Etiam religiosos et doctores ecclesiasticos sibi attrahunt, alfectuosissime pertractantes, presertim si aliqui possent inveniri scientes ydioma prutenicum ad erudiendum gentem illam in preceptis fidei ortodoxe.“ 2) „Quod autem ut dieitur predicti fratres neophitos suos ser- vitutis iugo premant pro inopinabili confutamus, cum eis libertatem, qua christus nos liberavit, etiam eis invitis et adhuc renitentibus si daretur occasio, tribuant et in omnibus spiritualibus et temporalibus eis provideant misericorditer et paterne. “ 3) „Hec et huiusmodi quidam infrunite predictis doninis inpin-

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Anklage und Vertheidigung des Ordens. 147 So ward der Orden gegen die ſchweren Anklagen vor dem Stuhle zu Rom vertheidigt. Der Plan der verſteckten Anklaͤger war gaͤnzlich vernichtet, denn auf die Gefinnung und Zuneigung des Papſtes hatten alle dieſe Anſchuldigun⸗ gen nicht den mindeſten Einfluß, da es klar am Tage lag, wie unlauter und ſchmutzig die Quelle war, aus welcher die Anklagen gefloſſen. Aber manches von dem, was hier uͤber Gerhards von Hirzberg erſte Verwaltungszeit zu des Ordens Nachtheil zum Theil erdichtet, zum Theil übertrieben wat, ging in den letzten Zeiten feines Amtes — das muß die Ge⸗ ſchichte offenbar bekennen — allerdings mehr und mehr in die That und Wahrheit über, und hievon trug am meiſten der Papſt die Schuld. Sein auch jetzt noch fortdauerndes Bemühen, den Orden in feiner Gliederzahl aufs moͤglichſte zu vergrößern, leitete ihn nicht felten zu Mitteln, die auf den Geiſt und Charakter des Ordens in aller Weiſe verderblich wirkten. Bereits iſt einiger dieſer Mittel ſchon Erwaͤhnung geſchehen. Aber der Papſt ging jetzt noch weiter. Jene fruͤ⸗ her von ihm ſchon dargebotenen Lockungen hatten wirklich bedeutenden Erfolg gehabt; aber es waren durch ſie auch Menſchen in den Verein des Ordens hineingezogen worden, deren früheres Leben nichts weniger als loͤblich, ja ſelbſt mit xerunt, deus noverit sine causa ea vestre sanctitatis auribus instil- lando. Et quoniam veritati reddit testimonium mens secura, ideo prout vidimus a longo tempore et audivimus, in domino protesta- mur, hec omnia contra eos conficta inique non secundum conscien- tiam sed dolose. Itaque pater sancte delationes huiusmodi frivolas habeatis. — Unde sanctitati vestre pedibus provoluti supplicamus, ut nullius quacumque religiosi fabricate detractioni adversus eosdem preceptorem et fratres aurem vestre majestatis velitis aperire.“ — Beide Urkunden befinden ſich im geh. Arch. Schiebl. LIV. Nr. 1 und Schiebl. LVII. Nr. 14. Die des Herzogs Semovit iſt datirt: Anno dom. 1258. XVI Calend. Augusti, die des Guardians: Thorun anno dni 1258. V Calend. Augusti. Die erſtere hat noch das herzogliche Siegels von der zweiten iſt das Siegel abgefallen. Beide ſtimmen in den meiſten Punkten völlig überein, nur widerlegt die des Guardians die einzelnen Anklagen ſpecieller. 10 *

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148 Gefahren für den Orden in Preuffen. ſchweren Verbrechen angefüllt war. Schien auch in mancher verirrten Seele nach dem Eintritte in die geweihte Verbruͤ⸗ derung das Gewiſſen zu erwachen, moͤgen einzelne auch wirk⸗ lich in ihrem geiſtigen Leben gaͤnzlich umgewandelt worden ſeyn und ertheilte auch der Papſt zur Erleichterung der ſuͤn⸗ denbeladenen Bruſt die Erlaubniß, daß die Ordensgeiſtlichen ſolchen Ordensrittern, die vor ihrem Eintritte in die Verbruͤ⸗ derung Raub oder Brandſtiftung und Verheerungen geuͤbt, auf abgenommene Beichte Abſolution ertheilen koͤnnten ), fo war doch von den meiſten wohl ſchwerlich zu erwarten, daß die vergebenen Verbrechen die letzten ſeyn wuͤrden. Der Or⸗ densmantel war kein Schutzmittel gegen Suͤnde und Verge⸗ hen und fuͤr manchen, der im Weltleben wild getobt hatte und auf keine andere Weiſe die unruhige Seele uͤber ſeine Handlungen beſchwichtigen konnte, galt der Eintritt in die geweihte Bruͤderſchaft der von Papſt und Kirche ſo hochge⸗ prieſenen Ritter nur für ein ſicheres Ausgleichungsmittel der ſchuldbeladenen Vergangenheit, die das Gewiſſen belaſtete. Selbſt bei dem Eintritte und bei der Aufnahme in den Or⸗ den blieb der betretene Weg nicht immer rein und geſetzlich; es ereigneten ſich Faͤlle, in welchen bald der neu eintretende Ritter, bald auch der aufnehmende Ordensgebietiger ſich ſelbſt vom Verbrechen der Simonie nicht frei hielt und der Papſt 1) Wir haben eine Bulle im großen Privilegienb. p. 71, datirt: Viterb. XV Calend. Jun. p. n. an. IV (18 Mai 1258), worin der Papſt ſelbſt ſagt: Ex parte vestra fuit propositum nobis, quod non- nulli ex fratribus ordinis vestri, dum adhuc manerent in seculo, ra- pinas, incendia et depopulationes rerum quamplurium commiserunt, propter quod humiliter petivistis, ut eorum in hac parte providere saluti misericorditer curaremus. Der Papft verordnet dann die Abfo- lution und fügt endlich noch hinzu: Ita tamen quod predicti fratres, qui se reputant fuisse culpabiles in premissis sine ipsorum discursu seu vagatione, quam fieri penitus inhibemus, devotis mentibus iuxta consilium vestrum ordinent et procurent, ut de bonis suis, que in seculo dimiserunt, vel de bonis consanguineorum et amicorun suo- rum, si possint, passis dampnis huiusmodi congrua satisfactione in- pendatur.

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Die Tartaren. 149 erſucht werden mußte, daruͤber Dispenſation zu bewilligen. Und ſtatt nun ſolche Glieder aus dem Orden zu ſeinem Heile wieder auszuſtoßen, ward nur verordnet, daß ſie in andere Ordenshaͤuſer verſetzt die unterſten Stellen im Chore und im Speiſegemache einnehmen ſollten 1). Aber nur zu bald brachen Stuͤrme herein, welche be⸗ wieſen, wie ungleich mehr in der Stunde der Gefahr und am Tage der Entſcheidung Tugend und Tuͤchtigkeit aus: tragen und wie weit wichtiger es in allen Dingen iſt, auf Geiſt, auf große Gedanken und auf moraliſche Kraft zu bauen, als Heil und Rettung in der Vielheit der Maſſe und in der Ueberzahl der Glieder zu ſuchen. Der erſte jener Stürme drohete freilich mehr nur an der Graͤnze, ohne in das Land felbſt einzubrechen. Seit zwanzig Jahren ſchon hatten die Horden der Tartaren oder Mongolen unter Baty's Führung die Gebiete Rußlands weit und breit uͤberzogen und dort eine Herrſchaft aufgerichtet, die den naͤchſten Graͤnz⸗ landen im Weſten die hoͤchſte Gefahr drohete 2). Zwar war der maͤchtige Baty ſoeben im Jahre 1257 geſtorben; allein es traten andere entſchloſſene Kriegshaͤupter an ſeine Stelle und je mehr jenem ſchon gelungen war, deſto weiter ſchrit⸗ ten dieſe fort und deſto mehr ſuchten fie noch zu gewinnen?). Da kam ploͤtzlich im Jahre 1258 die ſchreckliche Nachricht in 1) Das Original dieſer Bulle, datirt: Anagnie X Calend. De- dembr. p. n. an. IV (22 November 1258) im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 74; eine Abſchrift im großen Privilegienb. p. 71, im kleinen Pri⸗ vilegienb. p. 98, gedruckt bei Kotzebue B. I. S. 467. 2) Schon Innocenz IV fürchtete große Gefahr für die Ordensge⸗ biete von den Tartaren, denn in einer Bulle vom F. 1254 ſchrieb er: Sane non absque cordis anxietate percepimus, quod sevissimi Tar- tari Christiani nominis inimici et ipsorum complices terras Livonic, Estonie, Pruscie et alias, quas in partibus illis dilecti Alii kratres Hospit. S. M. Th. — — reduxerunt ad culmen Catholice veritalis, oecupare ct destruere moliuntur. Schon damals befahl er, gegen fie das Kreuz zu predigen. Regest. Innocent. IV. an. XI. epist. 665 im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 331. . 3) Vgl. Karamſin B. IV. S. 62 ff.

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150 Die Tartaren. die nahen Graͤnzlande und von da weiter durch Europa, daß das Tartarenvolk gegen Abend vordringe, Litthauen von ihm ſchon überzogen, das Land der Jatzwingen ſchon verheert!) und Polen und Preuſſen in hoͤchſter Gefahr ſeyen, von den wilden Horden uͤberſtuͤrmt zu werden. Sie gelangte bis an den paͤpſtlichen Hof?). Für Preuſſen war die Gefahr aller: dings doppelt groß, wenn man auf den Geiſt der juͤngſt erſt unterworfenen Voͤlker ſah und dabei erwog, wie wenig die Kriegsmacht des Ordens hinreichen wuͤrde, bei dieſem Zu⸗ ſtande der Dinge im Innern des Landes auch nur dem mins deſten Anſturm eines ſolchen Feindes von außen her widerſte⸗ hen zu koͤnnen. Der ganzen Herrſchaft des Ordens drohete der unvermeidliche Untergang, ſobald nur ein Hordenführer es unternahm, Rußlands und Litthauens Graͤnzen zu Über: ſchreiten, um Preuſſen heimzuſuchen. Der Papſt nahm vor allem das Verderben und den Untergang der Kirche vor Au⸗ gen, ſofern das wilde Volk uͤber Preuſſen und Polen vor⸗ ſtuͤrme und, von den Herzogen des letztern Landes und den Biſchoͤfen von der ſchweren Gefahr unterrichtet, erließ er im Juli des Jahres 1258 in den dringendſten Worten eine Auf⸗ forderung an die Provinzialen des Prediger-Ordens in ganz Deutſchland, Boͤhmen, Maͤhren und Polen zur thaͤtigſten und eifrigſten Predigt des Kreuzes gegen die grauſamen, im Oſten der Kirche, „der Braut Chriſti,“ drohenden Horden. Er ſelbſt forderte zugleich alle Chriſten auf, die des Schwer⸗ tes maͤchtig ſeyen, dem Unheil und Verderben zu widerſtehen, welches dem Glauben bevorſtehe. Alle Gnadenmittel der Kirche wurden denen dargeboten, die den Ruf des Kreuzes 1) Karamſin B. IV. S. 69. 2) Der Papſt ſchrieb dem Orden in Preuſſen: Corde tristes au- divimus, quod multi ex fratribus vestris et aliis christi fidelibus pri- dem pro tuitione catholice fidei paganorum mauibus fucrunt erude- lissime interfecti et gens impia Tartarorum jam Pruscie partibus ita propinqua esse dinoseitur. ut a vobis et altis fidelibus convieinis gravissima rerum et personarum perditio vehementissime timeatur.

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Die Tartaren. 151 hoͤren und zum Kampfe gegen die Tartaren und deren Ver⸗ buͤndete ausziehen wuͤrden 1). Aus Beſorgniß aber, durch dieſe Kreuzpredigt gegen das Tartarenvolk möge die für den Orden in Preuſſen theils ge⸗ gen die naͤmliche Gefahr, theils gegen die nahen Heiden noch fo nothwendige Kriegshülfe geſchmaͤlert oder wohl ganz ent⸗ zogen werden, erließ der Papſt bald nachher an die Prioren deſſelbigen Ordens die neue Aufforderung, daß fie die Kreuz⸗ predigt fur Preuffen und Livland, in denen die Ritter des Deutſchen Ordens die neue Pflanzung immer noch mit maͤch⸗ tiger Hand und ohne Unterlaß zu vertheidigen haͤtten ?), auf keine Weiſe unter dem Vorwande jener Kreuzpredigt gegen die Tartaren durch ihre Predigerbruͤder verhindern, vielmehr mit gleichem Eifer und Feuer auch fernerhin betreiben laſſen ſollten, zumal da auch die Ritterbruͤder aus Preuſſen bereit ſtaͤnden, zur Zeit der Gefahr gegen das Volk der Tartaren aufzutreten. Zugleich erließ Alexander auch das Verbot, daß kein Heerhaufe der gegen die Tartaren aufbrechenden Kreuz⸗ bruͤder ohne der Ordensritter Einſtimmung und Wunſch in Preuſſen oder Livland oder in ein anderes dem Orden unter⸗ gebenes Land einziehen ſolle unter Strafe des Bannes und unter Verluſt aller zugeſicherten Gnadenmittel »). Selbſt noch zu Ende des Jahres 1258 war die Gefahr nicht nur nicht voruͤber, ſondern ſie zog ſich ſogar ſo nahe, daß der Papſt den Orden aufs dringendſte aufforderte, ſich zu ſeiner und ſeines Landes Rettung eiligſt mit den nahen Herzogen und Fuͤrſten, die ihm Schutz und Hülfe angeboten, zu verbinden, 1) Die Bulle des Papſtes, datirt: Viterb. XII Calend. Jul. p. n. an. IV (20 Juni 1258), im kleinen Privilegienb. p. 104. 2) Der Papſt ſagt in der Bulle, daß illi precipue fratres, per quos novella christi plantatio in eisdem Pruscie partibus potenti manu et sine intermissione defenditur, defectum gravem vite in necessa riis sub continua expectatione martirii frequentissime patiuntur. 3) Das Original der Bulle, datirt: Viterb. Idus Julü p. n. an. IV (15 Juli 1258), im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 72.

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152 Bedrüdung der Neubekehrten. um dem Sturme mit aller Kraft begegnen zu koͤnnen, ſo⸗ bald er hereinbreche 1). Er brach nun zwar nicht herein, dieſer gefahrvolle Sturm, allein ſein Jahre langes Drohen an den Graͤnzen hatte doch manche, ſchon fuͤr die naͤchſte Zukunft bedeutend wichtige Fol⸗ gen. Die Gefahr der Zeit verlangte eiligſt uͤberall im Lande eine ſtaͤrkere Befeſtigung der Burgen und Bewehrungen. Sol⸗ che, die fruͤher in der Schnelle nur aus Holz errichtet wor⸗ den waren, wurden jetzt in aller Eile aus Stein- und Zie⸗ gelwerk feſter umgebaut 2). Vor andern Burgen mußten feſte Wehrſchanzen, Graben und Waͤlle aufgeworfen und hie und da auch neue Burgen errichtet werden. Bei dem allen war natürlich, daß auch die Anforderungen an die Huͤlfsdienſte der Landeseingeborenen verdoppelt und geſteigert und wahl nicht bloß ihre Arme und ihre Kraft, ſondern auch ihre Habe und ihr Eigenthum zur Beiſteuer weit mehr als fruͤher in Anſpruch genommen werden mußten. Die außerordentliche Zeit ſchien auch außerordentliche Maaßregeln zu rechtfertigen. Dadurch geſchah aber, daß zugleich auch Groll und Ingrimm und Erbitterung im Volke ſich mit jedem Tage ſteigerten. Haͤufig erſchienen die Aufgebotenen gar nicht bei der Frohn⸗ arbeit und wurden dann von den Ordensrittern mit Strenge herbeigetrieben, auch wegen der trotzigen Weigerung mit Stra⸗ fen belegt. Bald ging durch das ganze Volk ein dumpfes Murren. Da verhing es Gott, ſagt der Chroniſt, daß die Preuſſen heimlich wieder einen Griwaiten oder Griwe, Aleps genannt, unter ſich aufwarfen, durch den ſie ihren alten Goͤt⸗ 1) Das Original der Bulle, datirt: Auagn. XVI Januar. p. n. an. V (17 Decemb. 1258), im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 75.. Es muß hiebei noch ein eigener Umftand obgewaltet haben, den wir nicht kennen. Der Orden ſcheint zu einem ſolchen Bündniffe nicht recht ge- neigt geweſen zu ſeyn, denn der Papſt ſagt: EKtiam vobis in remissio- nem iniungimus peccatorum, quatinus conſederationem ipsam de con- silio aliquorum religiosorum et proborum virorum deum timentium pro tantis et talibus devitandis periculis in christi nomine libere ſaciatis. 2) Lucas David B. IV. S. 18.

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Bedruckung der Neubekehrten. 153 tern wieder opferten und den Waidelotten dienten. Und als ſie einſt durch dieſen Griwe ihre Goͤtter fragten: ob ihrer Herren Hochmuth und Ungerechtigkeit in kurzem nicht werde beſtraft werden? gaben die Götter die Antwort: fie werden beſtraft werden und mehr denn genug )! Der Landmeiſter Gerhard von Hirzberg konnte den be⸗ denklichen, gefährlichen Geiſt nicht verkennen, der durch das ganze Volk herrſchte, denn die Zeichen der Erbitterung, des Zornes und der Verzweifelung, wovon die Seelen erfüllt wa⸗ ren, boten ſich ihm taͤglich zahlreich dar. Er ſuchte zu ſcho⸗ nen, ſo viel moͤglich war und ſo viel die Bedraͤngniſſe der Zeit nur irgend erlaubten. Er rieth den uͤbrigen Ordensge⸗ bietigern gleichfalls Nachſicht, Milde und Schonung gegen die Neubekehrten an; allein ſeine Ermahnungen wurden ſel⸗ ten gehoͤrt, ſeine Verordnungen ſelten befolgt, ſeine Hindeu⸗ tungen auf die Groͤße der Gefahr ſelten beachtet, denn der herriſche Stolz und wilde Uebermuth, der mit der neuen Zahl von neuaufgenommenen Ordensrittern ins Land gekommen war, ließ gegen Geſetze, gegen heilſamen Rath und Verbot keinen Gehorſam zu. Da ſah Gerhard das Unvermeidliche; er ſah voraus, daß nothwendig einmal ein Ausbruch des Zor⸗ nes erfolgen und die verhaltene Spannung ſich loͤſen muͤſſe. Er fuͤhlte ſich dem drohenden Sturme nicht gewachſen, legte deshalb im Fruͤhling des Jahres 1259 ſein Landmeiſter⸗Amt nieder und begab ſich nach Deutſchland, um den Hochmeiſter Anno von Sangerhauſen über den gefahrvollen Zuſtand der Dinge in Preuſſen naͤher zu belehren 2). 1) Lucas David B. IV. S. 19. Simon Grunau Tr. VIII c. VI. 8 3. Schütz p- 28. 2) Man nahm gemeinhin an, daß Gerhard von Hirzberg ſchon im J. 1258 von ſeinem Amte abgetreten ſey, ſo Hennig zu Lucas Da⸗ vid B. IV. S. 17% Bachem Chronol. der HM. S. 19, De Wal Hist. de ’Ord. Teut. T. II. p. 23, Baczko B. I. S. 307, Schu- bert I. d. p. 26. Dieſe Annahme widerlegt aber eine von Gerhard noch ſelbſt ausgeſtellte Urkunde, die ſich im Original im Archiv des Rathhauſes zu Thorn Cist. III. Nr. 20 befindet und das Datum hat: In Crisburg anno domini Mo. CC®. Quinquagesimo Nono, in mense

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154 Hartmud von Grumbach— Zu ſeinem Nachfolger wurde ernannt der Ordensritter Hartmud von Grumbach *), aus einem alten und vornehmen Geſchlechte Thuͤringens entſproſſen 2), bisher Komthur des Hauſes zu Chriftburg?). Er trat das Amt nicht wie fein Vorgaͤnger als Stellvertreter, ſondern als wirklicher Landmei⸗ ſter im Mai des Jahres 1259 an*), aber ohne die Hoffnung zu erwecken, daß durch ihn die obſchwebende Gefahr beſeitigt und die gereizten und erbitterten Gemuͤther nur im mindeſten beſaͤnftigt und beruhigt werden koͤnnten. Er war ein harter, karger und geſtrenger Herr, ſagt von ihm die Chronik, der ſeinen Namen Hartmud nicht ohne Andeutung auf ſeinen hart⸗ herzigen und unbeugſamen Geiſt trug. Es wird berichtet, daß er nicht bloß die Neubekehrten mit großer Strenge und Schonungsloſigkeit behandelt, ſondern ſelbſt auch die Ordens⸗ Aprili. Als Zeugen find in ihr genannt: frater Hartmudus commen- dator ipsius Domus, frater Henricus dietus Bozel Marscalcus Pru- scie, fr. Theoderieus commendator de Kunigesberg ete. Gerhard ſelbſt nennt ſich darin noch Vicepreceptor fratrum domus S. M. Th. in Pruscia. Die Urkunde giebt den Thorner Buͤrgern die Erlaubniß zum Bau eines Kaufhauſes (Domus forensis); es iſt dieſelbe, worauf in den Preuſſ. Samml. B. II. S. 245 Bezug genommen iſt. Vergl. Pauli B. IV. S. 94. Es erhellt hieraus aber, daß Gerhard im April 1259 noch Vice⸗Landmeiſter war. 1) So ift der Name in den von ihm ſelbſt ausgeſtellten Urkunden ; ſonſt wird er auch oft Grünbach, Gronbach, Grunebach, Gronbahe gefunden. Der unrichtige Taufname Hartmann wird ihm nur in Chro⸗ niken und verſtuͤmmelten Urkunden beigelegt. In Originalen heißt er beftändig Hartmud. 2) Fruͤher war dieſes Geſchlecht auch in Franken einheimiſch. Mar- quardus de Gruombach kommt ſchon in einer Urkunde von 1151 vor; Scheidis Orig. Guelf. T. III. p. 440. 465. 467. Albertus de Grom- bach ibid. p. 553. 3) In zwei Urkunden des Biſchofs von Samland vom J. 1257 und 1258 wird er Komthur von Chriſtburg genannt; nach der in der vorſtehenden Note Nr. 2 beruͤhrten Urkunde verwaltete er dieſes Amt auch noch im April 1259. Vgl. Dreger Nr. 290. 4) Die erſte Urkunde, welche wir von ihm haben, iſt vom 14. Mai 1259. Wir werden ihrer ſpaͤter erwaͤhnen. Vgl. Lucas David B. IV. S. 20.

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Neues Kreuzheer in Preuſſen. 155 bruder ſeine Kargheit und Haͤrte habe fühlen laſſen, denn er habe ſie in grobes, ſchlechtes Tuch gekleidet, von welchem man ihm den Schimpfnamen Watmal gegeben; auf ſeine Anordnung ſeyen den Conventsbruͤdern an den Faſttagen nur meiſt trockene, ſchlechte Fiſche gereicht worden, wahrend er ſelbſt mit den Komthuren des Landes fich aller Schranken überhoben und jeglichen nach feinem Belieben habe ſchalten und walten laſſen 1). So wurde ein Ausbruch der Erbitterung und des Jor⸗ nes im Volke wohl ſchon im erſten Verwaltungsjahre des neuen Landmeiſters erfolgt ſeyn, waͤren nicht gerade um dieſe Zeit wiederum bedeutende Schaaren von Kreuzheeren in das Land gekommen, die vorerſt die ergrimmten Gemuͤther in Furcht ſetzten und die Waffen zuruͤckhielten. Der Erzbiſchof Konrad von Coͤln hatte auf paͤpſtliche Ermahnung durch die Mönchsorden und Geiſtlichen feines Sprengels in den Rhein⸗ landen von neuem zur Huͤlfe des Ordens und zur Foͤrderung 1) So ſchildern ihn die Landes⸗Chroniken einſtimmig. Dusburg c. 79 ſagt: Hic nomen habuit a re, quia durissimae fuit cervicis. Interpretatur Hartmann durus vir. Iste dietus fuit Watmal ab illo panno laneo, dicto Watmal, quod instituit fratribus deferendum. Der Ausdruck Watmal kommt auch in Heinrich dem Letten p. 8 vor; vgl. Ottokar von Horneck von Schacht S. 95. 302. Da fuͤr den pannus laneus, der auf dem Handelswege durch Polen kam, ein geringerer Zoll bezahlt wurde, als fuͤr die feinen farbigen Tuͤcher (panni nobiles), wie die Urkunde bei Dreger Nr. 150. p- 231 aus- weiſet, fo iſt auch ſchon daraus klar, daß es eine gröbere Tuchgattung war. Fiſcher Geſchichte des Hand. B. I. S. 18 nimmt es fuͤr gleich⸗ bedeutend mit faldones oder paldones und erklärt dieſes für eine Art von Zottelkleid, mit langen herabhaͤngenden Faͤden. Die Ordens⸗Chron. bei Matihaeus P. 735 ſchildert Hartmuden beſonders als habfüchtig und geizig. Es heißt: „Oy was een hart man ende feer ſcerp op aertfchen kärdiſchen) goede the crighen ende ſeer vreeck. Hy was die ierfle, die den broederen des Oirdens gaf te draghen grof laken, als men in Pruy⸗ ſen maket. Oick was hy die ierſte die opbracht, dat men den bruederen des Viſchndags ſtockviſche te eten gaf. Dit dede hy von groeter kari⸗ heit. Schütz p. 28 nennt ihn einen grimmigen und tyranniſchen Mann. Lucas David B. IV. S. 20. Waißel S. 82.

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156 Neues Kreuzheer in Preuſſen. der Glaubensſache in Preuſſen, Livland und Kurland das Kreuz predigen laſſen und das ungemein ruͤhmliche Zeugniß, welches dieſer hohe Praͤlat in ſeinem Umſchreiben uͤber die großen Verdienſte des Ordens um die Verbreitung des Evan⸗ geliums und um die Erweiterung der chriſtlichen Kirche aus⸗ ſprach, die reichen Gnadenſpenden, welche er allen verhieß, die das Kreuz für die heilbringende Sache aufnehmen wuͤr⸗ den, der glühende Eifer, mit welchem er ſelbſt die Verkuͤndi⸗ gung des Kreuzes empfahl, der Umſtand, daß er ſogar be⸗ ſondere Feſttage zum Behufe der Kreuzpredigten anzuſagen befahl und daß er erlaubte, daß auch an den mit dem In⸗ terdicte belegten Orten zur Ermunterung und Ermahnung des Volkes für die gottverdienſtliche Unternehmung Gottes: dienſt gehalten werden koͤnne, das feuerige Wort des hochge⸗ achteten Praͤlaten, das er uͤberhaupt uͤber die ganze hohe Wichtigkeit des Werkes der Deutſchen Ritter im Norden aus⸗ ſprach: das alles hatte auf die Gemuͤther der Menſchen eben ſo bedeutende Wirkungen, als große Erfolge gehabt!). Schon im Fruͤhling des Jahres 1259 zogen die geſammelten Schaa⸗ ren gegen Preuſſen heran und weil der Orden bei dem Papſte die Klage angebracht, daß bisher die den Ordensrittern zu Hilfe kommenden Pilgerhaufen auf ihren Zügen nicht felten uͤberfallen, zum Theil gefangen genommen oder beraubt und auf andere Weiſe gemißhandelt worden waren, ſo erließ Alex⸗ ander an den Biſchof Ernſt von Pomeſanien den Befehl, die⸗ jenigen fofort mit der Kirchenſtrafe zu belegen, welche die Pilgrime auf ihrem Zuge nach Preuſſen in irgend einer Art beleidigen oder beſchaͤdigen würden 2). 1) Das geh. Arch. Schiebl. XXIII. Nr. 2 beſitzt eine Original⸗ Abſchrift dieſer Urkunde, aus welcher hervorgeht, daß dominus papa dictis fratribus concesserit pro gratia speciali, ut in nostro Episco- patu et aliis ad provincias Moguntinens. et Coloniens. pertinentibus in subsidium dictarum terrarum (i. e. Livonie, Pruscie et Curonic) predicatio sancte crucis christi fidelibus proponatur. Die Urkunde hat nur die Jahresangabe 1259 und kein genaueres Datum. 2) Original der Bulle, datirt: Anagnie IV Cal. Mali p. n. an (28 April 1259) im geh. Arch. Schiebl. IV. Nr. 77.

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Der Aufbau von Labiau. 157 Sobald die Heeresmacht des Ordens durch die Ankunft dieſer neuen Beihuͤlfe wieder bedeutend verſtaͤrkt war, ward beſchloſſen, die neuen Kraͤfte zu einem gemeinſamen, fuͤr Preuſſen und Livland gleich wichtigen Plane zu verwenden. Am südlichen Küſtenlande des Kuriſchen Haffes ſchien eine neue ſtarke Burg nicht bloß von großer Wichtigkeit, ſondern ſelbſt in mancher Hinſicht unumgaͤnglich nothwendig zu ſeyn. Wie im Weſten Preuſſens bei des Landes damaliger Beſchaf⸗ fenheit dem Orden gleich im Anfange ſeiner Eroberungen al⸗ les daran gelegen geweſen, ſich die natuͤrlichen Waſſerwege von der ſuͤdweſtlichen Graͤnze des Kulmerlandes an bis an die Oſtkuͤſte des friſchen Haffes ſtets ſicher und offen zu er⸗ halten, ſo ging er nun mit demſelben Gedanken und in dem naͤmlichen Streben auch im Oſten und Norden weiter. Die Burg Koͤnigsberg ſicherte ihm bereits die Einfahrt in das Waſſerbecken des friſchen Haffes; die Burgen Tapiau und Wehlau ſchuͤtzten die Fahrt auf dem Pregel-Strome bis an die Graͤnzen der noch unbezwungenen Heiden. Dort vermit⸗ telte die Deime eine in vielfacher Beziehung ſehr wichtige Verbindung zwiſchen dieſem Strome und dem Kuriſchen Haff. Um ſie aber zu ſichern und um die Gemeinſchaft mit der Memelburg ſtets offen zu erhalten, mußte am ſuͤdlichen Kuͤ⸗ ſtenlande die Burg Labiau unter der Beihuͤlfe und dem Schutze des Pilgerheeres errichtet werden!). Mittlerweile hatte ſich ein anderer Theil des Kreuzheeres nach Kurland hipaufbege⸗ ben, wo der damalige Landmeiſter von Livland Burchard von Hornhauſen nach demſelbigen Plane im Gebiete Karſau unfern vom Fluſſe Aa auf einer Berghöhe die S. Georgen⸗ burg erbaute, um die Fahrt aus dieſem Fluſſe in den Ri⸗ gaiſchen Meerbuſen zu ſichern. Da auch fie beftimmt war, die Verbindung zwiſchen Preuſſen und Livland zu vermitteln, ſo ward ihre Erbauung auf gemeinſame Koſten der Ordens⸗ 1) Henneberger S. 245 fegt die Erbauung in das Jahr 1258 und ihm folgt auch Beckher in ſ. Beſchreibung des Schloſſes und der Stadt Labiau im Erläͤut. Preuſſ. B. II. S. 707.

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158 Bedrohung durch die Tartaren. ritter beider Lande unternommen und als ſie vollendet war, auch mit Ordensbruͤdern und einer ſtreitfertigen Mannſchaft aus beiden Laͤndern beſetzt und ſtark bewehrt !). Der Aufbau dieſer und einiger andern Burgen ſcheint das Wichtigſte geweſen zu ſeyn, wozu der Orden die ver⸗ mehrten Kraͤfte ſeiner Kriegsmacht durch die Kreuzfahrer be⸗ nutzte. Ein Verſuch zur weitern Bekaͤmpfung der Heiden im Oſten konnte fir jetzt in keiner Weiſe heilſam ſeyn, vielmehr nur neue Gefahr erwecken. Hiezu waren jetzt die Verhaͤlt⸗ niſſe der Zeit in keiner Hinſicht guͤnſtig. Im Ruͤcken dieſer Voͤlker drohten nicht bloß immer noch die maͤchtigen Horden der Tartaren, die durch die heidniſchen Preuſſen herbeigeru⸗ fen oder durch einen Kampf des Ordens gegen dieſe auf den Weſten aufmerkſam gemacht leicht das ganze Ordensgebiet überziehen konnten, ſondern es waren bereits auch ſchon im Jahre 1259 unter der Anfuͤhrung des ſtuͤrmiſchen und grau⸗ ſamen Burondai einige Haufen jenes Volkes mit heidniſchen Preuſſen, Litthauern, Ruſſen und andern Voͤlkern verbunden in Polen eingebrochen und hatten das Land, beſonders die Gebiete von Sandomir mit Raub und Brand aufs fuͤrchter⸗ lichſte verwuͤſtet und alles mit Graͤueln überfüllt?). Mit je⸗ 1) Dusburg c. 80. Lucas David B. IV. S. 29 legen beide ihre Erbauung ins J. 1259. Erſterer giebt als Zweck nur im Allge⸗ meinen mit den Worten an: quod tum fuit summe necessarium ad in- crementum fidei Christianae. Arndt B. II. S. 58, Gadebuſch eivl. Jahrb. B. I. ©. 274 und nach ihnen Hennig zu Lucas Da: vid a. a. O. bemerken, daß die Burg nicht weit von der Stadt Do⸗ blen weſtwaͤrts von der Aa gelegen habe. Ganz genau ſcheint man mit ihrer Lage nicht bekannt zu ſeyn, da ſie bald nach ihrer Erbauung wie⸗ der zerftört wurde. Vgl. Raynald. an. 1260. p. 22. 2) Boguphal p. 73 nennt ausdrücklich auch Preuſſen als damalige Verbündete der Tartaren. Chron. Salisburg. ap. Pez T. I. p. 367. Diugoss. T. I. p. 757. Heneli ab Hennenfeld Annal. ap. Sommers- berg T. II. p. 256. Nach Karamſin B. IV. S. 71 mußten die Ruſſiſchen Fuͤrſten Waßilko, Daniil von Halitſch Bruder, und Lew, bes erſtern Sohn, den Mongolen zu Werkzeugen ihrer Graͤuelthaten bei dem Einfalle in Sandomir dienen, indem ſie den Wojewoden von San⸗ domir beredeten, ſich zu ergeben.

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Zunehmende Erbitterung der Neubekehrten. 159 dem Tage mußte der Orden gleiches Ungluͤck für Preuſſen befürchten. Und welche Gefahren drohten ihm dann hiebei im Innern ſeines eigenen Landes! Der Burgenbau und die raſtloſen Arbeiten an den Ordenshaͤuſern und an den Wehr⸗ ſchanzen der am meiſten bedrohten Theile des Landes hatten ſchon jetzt uͤberall Ungehorſam und Widerſetzlichkeik erzeugt, alſo daß bald keiner mehr weder ſich zur Arbeit ſtellen, noch für den Orden das Schwert führen wollte. Unter ſolchen Verhaͤltniſſen waͤre vorerſt gewiß jeder Verſuch zur weitern Bekämpfung der oͤſtlichen Heidenvoͤlker mit großem Unheil und Verderben verbunden geweſen. Der innere Zuſtand Preuſſens aber regte immer größere Beſorgniſſe an; die Ordensgebietiger ſchilderten endlich auch dem Papſte das Bedenkliche und Gefahrvolle ihrer Lage und baten um Rath und Huͤlfe. Zwar half der Papſt auch jetzt, wie ſonſt, nur durch ein neues Pergament; allein in der Art und in der Zeit, in welcher es gegeben ward, hatte es ſehr bedeutenden Einfluß auf die Geſtaltung der Dinge in nachfolgender Zeit. Man hatte dem Papſt berichtet: Der Orden habe einſt vom paͤpſtlichen Legaten Wilhelm, Biſchof von Sabina, die Weiſung erhalten, diejenigen der unterwor⸗ fenen Preuſſen, welche von den Ritterbruͤdern zur Theilnahme an ihren Kriegszuͤgen gegen die Glaubensfeinde oder zur Bei⸗ huͤlfe und Unterſtuͤtzung beim Burgenbau und bei den Fe: ſtungswerken zu des Landes gemeinem Beſten aufgefordert, fi) unfolgſam, widerſetzlich und laͤſſig beweifen würden, da⸗ durch zu jenen Leiſtungen zwingen zu duͤrfen, daß ſie ihnen ihre Kinder als Unterpfaͤnder wegnaͤhmen und ſolche ſo lange im Verwahrſam behielten, bis die Anforderungen erfuͤllt ſeyen. Zugleich erſuchte man den Papſt, dieſe Verfügung des Lega⸗ ten jetzt von neuem zu beſtaͤtigen und in Kraft zu ſetzen. Und Alexander, deſſen Vorgaͤnger immer ſo ernſt und nach⸗ drücklich gegen alle Belaſtung und Unterdruͤckung der Neube⸗ kehrten geſprochen und ſo dringend an Schonung und Milde gegen die neuen Chriſten gemahnt, erließ jetzt an den Mei⸗ ſter und die Gebietiger in Preuſſen die unheilvolle Verord⸗

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160 Zunehmende Erbitterung der Neubekehrten. nung, daß ſie, weil wegen der haͤufigen Anfaͤlle der Feinde in dieſem Lande fuͤr die Glaͤubigen ein ſolches Zwangsantrei⸗ ben fuͤr das zweckdienlichſte Mittel des Gehorſams erkannt werde, gegen die Preuſſen zur Erfuͤllung ihrer Verpflichtun⸗ gen ſorthin ganz nach jener Weiſung des Legaten verfahren koͤnnten „). — Einige Zeit nachher erhielten vom paͤpſtlichen Hofe auch Preuſſens ſaͤmmtliche Bifchöfe eine Verfügung glei⸗ cher Art. Nachdem der Papſt in dem Schreiben an ſie den großen Verluſt des Ordens an ſeinen Bruͤdern im Kampfe mit den Heiden, ſeinen Mangel und ſeine Armuth oft in den noͤthigſten Lebensmitteln beklagt, fuhr er alſo fort: „Um die⸗ ſen Ordensbruͤdern aber fuͤr ihre glaͤnzenden Verdienſte un⸗ ſere Liebe und unſer beſonderes Wohlwollen zu beweiſen und mit Recht wuͤnſchend, daß ihr frommes Werk nicht unter⸗ gehe, ſondern vom Guten zum Beſſern fortſchreite und die erwuͤnſchte Frucht erzeuge, halten wir dafuͤr, euch, meine Bruͤder, mit aller Sorgfalt bitten und ermahnen und mit Ernſt hiedurch beauftragen zu muͤſſen, daß ihr alle euere 1) Das Original dieſer merkwuͤrdigen Bulle, datirt Anagnie XII Calend. Februar. p. n. an. VI (21 Januar 1260), im geheim. Arch. Schiebl. V. Nr. 85. Es ift durch Moder ſchon ſehr beſchaͤdigt und an einigen Stellen unleſerlich; wir beſitzen indeſſen eine ſehr alte Abſchrift davon in den Matricul. Fischhus. p. XXXI. Es heißt darin: W. Sabi- nensis Episcopus tunc Penitentiarius et in partibus Pruseic aposto- lice sedis legatus dum adhuc in partibus cisdem existeret intellecto quod Pruteni Episcopo Pruscie subjecti quantumcunque moniti tac- cedere in expeditionibus contra hostes fidei ac iuvare in faciendis munitionibus pro communi utilitate terre nolebant, vobis sicut asse- ritis auctoritate sue legationis committendo mandavit, ut dietos Pru- tenos si ipsi per enmdem Episcopum aut suos et tandem per vos sen nuncios vestros moniti in expeditionibus ipsis ire ac in munitio- nibus predictis iuvare nepligerent, ad ea per captionem et etiam re- tentionem pignorum compellatis. Quia vero huiusmodi compulsio fidelibus de dictis partibus propter frequentes insultus hostium esse dinoscitur plurimum oportuna, Nos vestris supplicationibus iuolinati presentium vobis anctoritate concedimus, ut iuxta commissionem et mandatum predicti legati contra Prutenos ipsos snper premissis pro- cedere valcatis.

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* Zunehmende Erbitterung der Neubekehrten. 161 Lehnsleute und Unterthanen aus Eifer fuͤr Gottes Sache mit Nachdruck anhaltet, an dem Kriegszuge der Ordensritter ge⸗ gen die Heiden jener Gegenden ſo oft es nothwendig iſt, ohne Weigerung mit maͤnnlichem Muthe Theil zu nehmen und den Orden mit ihrem Vermoͤgen beim Aufbau der ge⸗ gen die Angriffe der Feinde noͤthigen feſten Burgen mit Eis fer zu unterſtuͤtzen. Sofern es aber ihre trotzige Widerſpen⸗ ſtigkeit erheiſcht, ſo treibet ſie durch Wegnahme und Einhal⸗ tung ihrer Kinder als Pfaͤnder ohne weiteres dazu an, zu⸗ mal es nothwendig iſt, daß da, wo es ſich um ihre und der andern Glaͤubigen Errettung aus der Gefahr handelt, keine Traͤgheit und Nachlaͤſſigkeit herrſchend werde, ſondern viel⸗ mehr alle Bereitwilligkeit Statt finde, weil ſie ſelbſt nur im Verein mit den andern Glaͤubigen ſicher und frei leben koͤnnen 1).“ Welche Wirkung nun aber dieſe Maaßregel auf die Stim⸗ mung des unterworfenen Volkes machen mußte, iſt wohl leicht zu ermeſſen, und haͤlt man ſie mit dem jammervollen Zu⸗ ſtande zuſammen, in welchem die ungluͤcklichen Landesbewoh⸗ ner damals ſich in allen Theilen des Landes uͤberhaupt be⸗ fanden, ſo war ihr Loos fuͤrwahr in aller Hinſicht verzweife⸗ lungsvoll. Ihre Felder waren durch die wilden Kriegsftürme faſt alle verheert und verwuͤſtet worden; die beinahe alljaͤhr⸗ lich wiederkehrenden unruhevollen Bewegungen hatten den Ackerbau noch nirgends wieder zu einiger Bluͤthe gelangen laſſen und den Betrieb des Landmannes immer bedeutend ge⸗ ſtört. Daher die harten Bedraͤngniſſe, die ſelbſt der Orden in Beſtreitung ſeiner nothwendigſten Beduͤrfniſſe erleiden mußte 2). Hatten aber die Ordensritter, die Herren und Gebieier im Lande, mit Noth und Mangel zu kaͤmpfen und 1) Das Original dieſer Bulle, datirt Anagn. X Cal. Martü p. n. an. (20 Febr. 1260), im geh. Arch. Schiebl. V. Nr. 90; eine alte Ab⸗ ſchrift in den Matricul. Fischhus. p. XIV. 2) Der Papſt ſagt wiederholt in feinen Bullen von den Ordensrit⸗ tern in Preuſſen: defectum gravissimum in vite necessariis sub con- tinua exspectatione martirii frequentissine patiuntur. III. 11

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=” 162 Zunehmende Erbitterung der Neubekehrten. rangen ſie, wie der Papſt ſagt, mit Armuth, wie mußte das Schickſal der Unterworfenen, wie elend und jammervoll mußte das Leben des gemeinen Volkes ſeyn :)! Oder iſt zu glau⸗ ben, daß der Beſiegte in Fuͤlle gelebt, waͤhrend der Sieger hungerte? Und fuͤr die Erhaltung dieſes Lebens ohne Freude, ohne Erheiterung, ohne Troſt, voll Jammer, voll Truͤbſal und Kummer ſollte nun der unglückliche Eingeborne alle feine Kräfte opfern, ſollte das Schwert zu einem Kampfe führen, der ihn ſelbſt in Noth und Elend geſtürzt hatte, ſollte aus dem Gewinne der Arbeit ſeiner Haͤnde den Tiſch der Herren füllen, die ihm das Joch aufgelegt, follte die Kreuzheere ernaͤh⸗ ren, die nur herbeikamen, um die Feſſeln enger anzulegen; er ſollte mit eigenen Händen, waͤhrend die Seinigen darbten und mit Hunger und Kummer rangen, die Burgfeſten mit aufbauen und ſtaͤrker befeftigen helfen, von welchen aller Jam⸗ mer und alles Ungluͤck ausfloß und auf welche die theuerſten Pfaͤnder ſeines Hauſes, ſeine Kinder als Geißeln geſchleppt wurden, ſobald er den ſchreckhaften Geboten der Ordensher⸗ ren nicht nachkam! Und dieſe Gewaltthaten und dieſe ganze Zwingherrſchaft hatten nunmehr durch das machtvolle Haupt der Kirche, das auch ihm der heilige Vater heißen ſollte, ge⸗ ſetzliche Kraft und neue Beſtaͤtigung erhalten und der Or: densritter handelte ganz im Sinne der Kirche und im Ein⸗ klange mit dem Willen des Heiligen, der an ihrer Spitze ſtand, wenn er ſeine Anforderungen an die Neubekehrten mit aller Strenge und Gewalt erpreßte! In der That wenn der unglückliche Preuſſe fo das Einſt und das Jetzt uͤberſah, fo fand er ein furchtbares Loos uͤber ſein Leben geworfen. Es ift freilich kein Schrei des Jammers, keine Klage des Elends, 1) Wie wenig waren die Worte in Erfüllung gegangen, die einſt der Payſt Gregorius IX on die Neubekehrten ſchrieb, indem er ihnen verſprach, ut cum gratia fidei vestra plenius procuretur utilitas et data vobis pace plenaria eum augmento bonarum temporalium vos tanquam dijjectissimos in filiorum gratiam adoptatos sincere caritatis bracinis amplexemur. Regest. Gregor. IX. an. VI. epist. 232, im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 32.

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Zunehmende Erbitterung der Neubekehrten. 163 kein Wort der Verzweiſelung des Volkes aus jener Zeit zu uns herubergekommen und es ſpricht keiner von den Fluchen der Väter und keine von den Thraͤnen der Mütter: aber die Thaten ſprechen, wo die Worte verhallt und die Stimmen der Ungluͤcklichen verſtummt ſind. Aber die Zeit der Rache ruͤckte nun ſchon immer näher. Allerdings war auch die Lage des Ordens in aller Hinſicht ſchreckenvoll. Denn waͤhrend im eigenen Lande der Boden ſei⸗ ner Herrſchaft mit jedem Tage unſicherer ward, mußte er fort und fort ſein Augenmerk auf die Gefahren von außen richten. Wiederum hatten neue Tartaren-Horden Polen weit und breit uͤberzogen und ihre Grauſamkeiten und Graͤuel wa⸗ ren ſchrecklicher als je zuvor. Nichts Goͤttliches und Menſch⸗ liches, kein Alter und Geſchlecht fanden Schonung und Er⸗ barmen 1). Die Gefahr bedrohte auch Preuſſen und die Or⸗ densgebietiger ruͤſteten ſich daher ebenfalls mit einem ſtarken Heerhaufen 2). Da mochte wohl jene Maaßregel der Gewalt ſchon hie und da ſcharfe Anwendung finden, denn auch in dieſe Verhaͤltniſſe griff der Papſt von neuem ein. Um den Kampf gegen die Tartaren zu beleben, erklaͤrte er ſich zum beſtaͤndigen Schutzherrn aller der Landgebiete, Burgen und Staͤdte, welche dem Orden in Rußland oder von den Tar⸗ taren entweder durch Schenkung oder durch die Waffen zu⸗ fallen wuͤrden, nahm ſie zum voraus ſchon als rechtmaͤßiges Beſitzthum des Apoſtels Petrus auf und uͤberwies auch ſchon dem Orden alles Einkommen und die weltliche Botmaͤßigkeit in denſelben ). 1) Vgl. die Schilderung bei Boguphal p. 73. Dlugoss p. 760. Raynald an. 1260. Nr. 25, 2) Das Chron. Salisburg. ap. Pez T. I. p. 367 hat die Nach⸗ richt: Duces Poloniae et fratres Domus Theutonicorum cum auxilio aliorum, quorum Deus corda tetigerat, congressi cum Tartaris in Polonia, ipsos vicerunt. Allein an der Theilnahme des Ordens iſt in. ſofern wohl ſehr zu zweifeln, als ſich die Herzoge von Polen gerade in dieſem Jahre 1260 beim Papſte uͤber den Orden wegen Mangel an Theilnahme beklagten. 3) Regest. Alexand. IV. an. VI. epist. 34. Das Original. der 11 *

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104 Neue Thaͤtigkeit des Papſtes für den Orden. Doch ſeit der Papſt von jenem inneren bedenklichen Zu⸗ ſtande der Dinge in Preuſſen und dieſen aͤußeren drohenden Gefahren naͤher unterrichtet war, ging ſein eifrigſtes Stre⸗ ben einzig darauf hin, die Streitmacht des Ordens durch fremde Beihuͤlfe fo viel als möglich zu verſtaͤrken. Er erließ daher an die Ordensgebietiger in Preuſſen und Livland die Verordnung, daß ſie ſowohl in dieſen, als in allen andern Laͤndern, auf welche der Roͤmiſche Stuhl fie in Ruͤckſicht ihr rer Huͤlfsleiſtung angewieſen habe, durch geſchickte Ordens: geiſtliche das Kreuz in eben der Art predigen laſſen ſollten, wie er es ſelbſt den Predigerbruͤdern und verſchiedenen Bis ſchoͤfen aufgetragen habe !), und als nun bald eine anfehnli: Bulle, datirt Anagn. VIII Calend. Februar. p. n. an. VI (25 Sa: nuar 1260), im geh. Arch. Schiebl. V. Nr. 87. Wir haben auch noch zwei Transſumte dieſer Bulle, das eine vom J. 1445 vom Biſchofe Kaspar von Pomeſanien, das andere vom J. 1506 vom Pomeſan. Bi⸗ ſchof Hiob von Dobeneck, in welchen aber bei ſonſt voͤlliger Ueberein— ſtimmung der Laͤnder in Rußland und der Tartaren nicht beſonders, ſondern nur im Allgemeinen der Gebiete erwaͤhnt wird, welche der Or⸗ den den Händen der Heiden entreißen würde; und in dieſer Art befindet ſich auch eine Bulle in den Regest. Alexand. IV. an. VI. epist. 35. So ſteht die Bulle auch im Dogiel T. IV. Nr. 83 und fo erwähnt ib: rer auch De Wal Histoire etc. T. II. p. 28. Auch Raynald an. 1260. Nr. 22 ſagt: Quo vero magis ad pugnam in barbaros eosdem reli- giosos eyuites concitaret, spopondit se in Apostolicac sedis cliente- lam accepturum terras, quas hosti erupuissent. 1) Die Bulle in Regost. Alexand. IV. an. VI. epist. 28, im Co⸗ pien= Buche des geh. Arch. Nr. 344 und im Auszuge bei Raynald an. 1260. Nr. 22. Der Papſt jagt: Vix absque lacrymis meditari vel andire possumus, od fidei negotio in Livoniae et Prussiae parti- bus sub innumeris expensis ordinis vestri et infinitis angustiis ad Dei gloriam magnifice iam promoto, plurimi ex fratribus ipsius or- dinis per manus infidelium crudelissime sunt oceisi. Dieſe Stelle bat ſowohl Raynald l. c. als Kotzebue B. II. S. 297 veranlaßt, die Schlacht bei Durben ſchon ins J. 1259 zu ſetzen; allein Hennig zu Lucas David B. IV. S. 33 hat dieſen Irrthum ſchon berichtigt und es kann dieſe Bulle kaum wohl auf etwas anders, als auf die bedraͤn⸗ gende Gefahr von den Tartaren bezogen werden. Auch ſpricht die Bulle nur überhaupt von Gefahren, welche dem chriſtlichen Glauben drohten;

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Neue Thaͤtigkeit des Papſtes für den Orden. 165 che Schaar ſolcher, die zu des Glaubens Schutz in Preuſſen und in den nachbarlichen Gebieten das Kreuz genommen, im Lande verſammelt war, um den feindlichen Horden der Tar⸗ taren zu begegnen, erging an ſie der paͤpſtliche Befehl, daß ſie ſich in allem, was die Bekaͤmpfung der Tartaren betreffe, nach dem Rathe und der Leitung des Meiſters und der Or⸗ densbruder ſowohl in Preuſſen ſelbſt als in den nachbarlichen Gebieten unbedingt richten ſolle, da genaue Bekanntſchaft mit dem Lande und lange Erfahrung im Kriegswefen bei dieſen am meiſten die Hoffnung begruͤnde, daß unter ihrer Führung und durch Eintracht im chriſtlichen Heere die Ver: nichtung des Tartaren-Geſchlechtes gelingen werde !). Dem Landmeiſter von Preuſſen ſelbſt uͤberſandte Alexander eine Bulle voll Lobeserhebungen uͤber ſeine und des Ordens hohe Verdienſte, beſonders auch uͤber den Entſchluß, der kuͤhnen Frechheit des Tartaren-Volkes mit maͤnnlichem Muthe Wider ſtand zu leiſten, ſofern es Preuſſen zu betreten wage, und um ihm einen Beweis ſeines Vertrauens und ſeiner beſon⸗ dern Gewogenheit zu geben, erhob ihn Alexander zum Feld: hauptmann und oberſten Fuͤhrer aller Kreuzheere, die ſich in Preuſſen zum Kampfe gegen die Tartaren verſammeln wuͤr⸗ den; den ſchon im Lande anweſenden Kreuzbruͤdern aber er: theilte er den Befehl, den Meiſter Hartmud von Grumbach als ſolchen anzuerkennen und ihm in allem Folge zu lei⸗ ſten ). So wie aber dieſe Belobung der Ordensritter und aber »„luctuosis precibus“ hatten die Ritter den Papſt bewogen, für ſie das Kreuz predigen zu laſſen. 1) Das Original der Bulle, datirt Anagn. XII Calend. April. p. u. au. VI (21 Maͤrz 1260), im geh. Arch. Schiebl. V. Nr. 94. Die Bulle iſt zugeſchrieben: Dilectis filiis universis Crucesignatis contra Tartaros in Pruscie partibus coustitutis. 2) Das Original der Bulle, datirt Anagn. XII Calend. April. p un an. VI im geh. Arch. Schiebl. V. Nr. 95. Die Worte des Pap- fies: Erxiam quod sevitie Tartarorum triumphalis audacie oppouatis obstaculum, si Prusdie partes quod absit velhit aggredi sue multitu- diuis terriläli furore confisi, beweiſen, daß ſich der Orden um dieſe Zeit noch mehr bloß vertheidigungsweiſe verhielt und daß die Tartaren

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166 Neue Thaͤtigkeit des Papſtes für den Orden. diefe Erhebung ihres Landmeiſters gewiß auch manchen Ein⸗ fluß auf ihre Behandlung der Neubekehrten und auf den ganzen Charakter ihrer Herrſchaft hatte, fo entnahm die Ans weſenheit der neuen Kriegshuͤlfe im Lande dem gedrüdten, ungluͤcklichen Volke vorerſt noch alle Gelegenheit und jegliche Ausſicht, ſein ſchweres Loos zu aͤndern. Das Unheil alſo, womit die Zeit ſchwanger ging, dauerte noch immer fort. Der Papſt aber arbeitete fuͤr den Schutz der Kirche wei⸗ ter und je weiter er ging, deſto hoͤher ſtieg ſein Eifer. Er erließ im Juni des Jahres 1260 auch eine Aufforderung an die Minoriten-Moͤnche der Magdeburgiſchen Provinz, daß ſie in dieſer ganzen Umgegend das Volk aufs dringendſte ermahnen und erwecken moͤchten, mit der Liebe, in welcher Chriſtus die Welt geliebet, Kreuz und Schwert zu ergreifen fuͤr den Ruhm des Gekreuzigten, fuͤr die Befreiung der Chriſt⸗ glaͤubigen und fuͤr die Errettung der bedraͤngten Gemeine des Herrn in Preuſſen, Kurland und Livland, auf daß die Hei⸗ den ſich ferner nicht mehr ruͤhmen koͤnnten, ungeſtraft Chriſti Namen zu befeinden. Wer mit dem Kreuze bezeichnet aus Armuth oder Schwachheit fein Geluͤbde nicht zu erfüllen vers möge, ſolle zur Unterſtuͤtung des Ordens aus feinem Ver⸗ moͤgen beiſteuern, ſo viel er koͤnne. Alle Kreuzfahrer, alle ihre Angehoͤrigen, ihr geſammtes Eigenthum nahm der Papſt von neuem in den Schutz der Kirche und verſicherte jeden, der auf dieſe oder auf jene Weiſe zur Foͤrderung der heilis gen Sache ſich th tig beweiſe, aller üblichen Gnadenmittel. Zwanzig Tage der Buße wurden ſchon denen erlaſſen, welche der Kreuzpredigt beiwohnen würden und wer wegen Brands ſtiftung oder wegen gewaltthaͤtiger Angriffe auf Geiſtliche oder fonft geweihte Perſonen mit dem Banne beſtrickt war, ſollte die Gränze Preuſſens noch nicht berührt hatten. An den Landmeiſter ſchrieb der Papſt: Devotioni tue fili Preceptor presentium auctoritate committimus, quod omnium Crucesignatorum contra eosdem Tarta- ros, qui predictas Pruscie partes adiverint, pro illorum compescenda rabie vel confundenda dampnabili ſeritate, tu Capitaneus et Dux principalis existas.

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Neue Thätigkeit des Papſtes für den Orden. 167 frei geſprochen werden, ſobald er für die Sache des Glau⸗ bens in Preuſſen oder Livland das Kreuz annehme 1). Auf dieſen Kreuzesruf kamen abermals neue Pilgerhau⸗ fen in Preuſſen an, wahrſcheinlich meiſt aus den entfernteren Theilen Deutſchlands, denn die Fuͤrſten von Schleſien und Brandenburg hatten zur Zeit bedeutende Kriegshaufen in den Kriegshaͤndeln zwiſchen Böhmen und Ungern beſchäftigt ); indeſſen beſchraͤnkte ſich der Orden auch jetzt noch immer nur auf die Verwahrung und Sicherung ſeiner Graͤnzen gegen den Feind in Polen. Es ſcheint demnach, daß ein bedeuten— der Theil feiner Streitmacht im Laufe des Jahres 1260 be: ſtaͤndig an der ſudlichen Granze Preuſſens zur Wacht und Wehr aufgeſtellt blieb. Aber auch das innere Land ſelbſt bedurfte hie und da ſchon ernſtliche Bewachung. Nicht ſelten brach im Einzelnen der Zorn und Grimm des Volkes in wilde Bewegungen aus; bereits waren in manchen Gegenden die alten Landesbewohner nicht allein vom Gehorſam gegen den Orden, ſondern ſelbſt auch ſchon vom chriſtlichen Glauben wieder abgefallen und in ihr altes Leben und in die heiligen Haine zu ihren Göttern zurückgekehrt. Und dieſe Erſcheinun— gen hatten nun auch ſchon bei den Ordensrittern, wie bei den Biſchoͤfen des Landes große Beſorgniß und allgemeine Bangigkeit angeregt ). 1) Wir haben von dieſer Bulle nur noch eine Copie aus dem 13. Jahrhundert, datirt Anagnie Idus Jun. p. u. an. VI (13 Jun. 1260), im geh. Arch. Schiebl. V. Nr. 96. Der Papſt bezieht ſich ſelbſt auf dieſe Bulle an die Minoriten in dem Schreiben bei Nayudlil an. 1260. Nr. 22. 2) Cos nie Pragens. Continuat. in Script. rer. Boenmcar. 1 1 p. 395 — 396. 3) Wir erfahren dieſes durch eine Bulle des Papſtes an den Bi ſchof von Samland vom 7. Januar 1261 (im geh. Arch. Schiebl. v Nr. 104), worin er fagt: Siguificasti nobis, quod cum multi Neo- phiti de Pruscie partibus instinctu diabolico fidem culboliczun damıpna biliter relinquentes in errorem pristinum dampnabiliter sint relapsi, gravis tibi timor ingeritur — etc. Daun muß alſo diefer Abfall ſchon in das Jahr 1260 fallen.

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168 Buͤndniß des Ordens mit Semovit von Maſovien. Da griff der Orden endlich auch zu dem Mittel, wel⸗ ches der Papſt ihm laͤngſt angerathen, zu einem Huͤlfs⸗ und Vertheidigungsbuͤndniß mit einem nachbarlichen Fuͤrſten. Her⸗ zog Semovit von Maſovien ſchien der geeignetſte nicht nur wegen der Naͤhe ſeines Landes, ſondern auch weil er erſt vor kurzem ſeine freundſchaftliche Geſinnung gegen den Orden am aufrichtigſten beurkundet, und es ward daher zwiſchen ihm und dem Landmeiſter Hartmud von Grumbach am funf⸗ zehnten Juni des Jahres 1260 ein Vertrag geſchloſſen fol⸗ genden Inhalts: Der Landmeiſter und der Orden beſtaͤtigen die Abtretung des ſechſten Theiles des Jatzwinger-Landes an den Herzog Semovit, wie ſolche ſchon durch Hartmuds Vorgaͤnger Burchard von Hornhauſen mit Zuſtimmung der Ordensgebietiger bereits geſchehen war ). Dafur verſpricht der Herzog, ſich ſammt den Baronen ſeines Landes treu und unverbrüchlich mit dem Orden zu verbinden und wenn ihn nicht ſelbſt eigene Gefahr, ein drohender Einfall eines Fein⸗ des verhindert und in ſeinem Lande zuruͤckhaͤlt, dem Orden mit ſeiner ganzen Kriegsmacht zu jeglichem Kriegszuge gegen die Feinde des Glaubens zu Huͤlfe zu ſtehen, bis dieſer Feind wieder zur Annahme des Glaubens gezwungen iſt. Wird des Herzogs Land durch einen chriſtlichen Feind bedraͤngt, ſo ſoll ihm der Orden mit dem noͤthigen Rathe gegen die Bedraͤng⸗ niſſe beizuſtehen verbunden ſeyn 2). Wird das Jatzwinger 1) Es heißt in der Urkunde: Magister Hartmodus de Gronbahe et cius fratres domus Th. S. M. in Prussia donationem illam, quam fecit suus antecessor frater Borcardus vicemagister cum fratrum suo- rum consensu nobis sextam partem terre Getvinzitarum conferendo, prout in forma publica super hoc confecta clarius innotescit, placido affectu confirmant. Wir haben jedoch uͤber dieſe Schenkung unter Bur⸗ chard von Hornhauſen keine Nachricht weiter; auch die Schenkungsur⸗ kunde, auf welche in dieſen Worten hingedeutet wird, iſt nicht mehr vorhanden. 2) Si terra nostra per hostes christianos gravabitur, predicti magister et fratres, sicut ex pacto sunt astricti, nobis consilium contra huiusmodi molestias necessarium ministrabunt. Dieß deswe⸗

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Blndnig des Ordens mit Semovit von Maſovien. 169 chriſtlich bekehrte Land von einem Feinde uͤberfallen, ſo ver⸗ pflichtet ſich der Herzog dem Orden kraͤftig und mit aller ſei⸗ ner Macht Beiſtand zu leiſten; es mag der feindliche Einfall nur jenen abgetretenen Theil oder das übrige dem Orden noch zugehörige Land betreffen, fo foll eine feindliche Verlet⸗ zung des Jatzwingiſchen Gebietes als gemeinſchaftliche Belei⸗ digung beider Theile angeſehen werden. Sollte es ſich fer⸗ ner aber ereignen, daß ein Land der Neubekehrten, durch die Kraft des Kreuzes bezwungen, dem Glauben entſagend zum Heidenthum zurüͤckkehre oder ſonſt im Aufruhr ſich gegen den Orden empoͤre, fo verpflichtet ſich der Herzog, gegen ſolche Abtrünnige den Ordensrittern mit ſeinem Kriegsheere unver⸗ zuͤglich Hülfe zu bringen und in beſtimmter Friſt nach voll⸗ endeter Ruͤſtung dem Ordensheere zuzuziehen !). Geſchloſſen ward dieſer Vertrag zu Troſſin in des Herzogs und des Landmeiſters Gegenwart 2). gen, weil thaͤtige Huͤlfe im Kriege gegen Chriſten dem Orden ohne aus⸗ druͤcklichen Erlaß vom Papſte nicht erlaubt war. 1) Dieſer wichtige Artikel lautete: Preterea si aliquam terram neophitorum eis virtute sancte crucis iam subjectam suadente dya- bolo spreto fidei orthodoxe sacramento ad squalorem vetuste genti- litatis vel aliter cervicem temerariam erexerint contra fratros, quod absit contigerit declinare, astrinximus nos contra tales sepedictis fratribus nostri exercitus auxilium indeficiens ministrare. Cum ita- que deo anctore per sepedietos magistrum et fratres contra prefatos gentiles expedicio incipiet procurari, nobis vel nostro palatino citra spacium quinque ebdomadarum pro equis pascendis et aliis necessa- rüs comparandis ipsorum nuncio qualicunque debebit intimari et ex- inde ante duas ebdomadas dies et locus conveniendi exercitibus per ipsos foret indicandus, ad quem nos et nostri cum omni cordis puri- tate auxiliante domino venjemus in singulis et universis penes ipso- rum consilium et regimen ambulantes. 2) Das Originar der vom Herzoge ausgeſtellten Urkunde im geh. Arch. Schiebl. LVII. Nr. 15; gedruckt in Hennig Commentat. de re- bus Jazygum p. 45. Troſſin, der Ort der Verhandlung über dieſen Vertrag, war wahrſcheinlich das heutige Troszyn, ſuͤdlich von Narew. Uebrigens war von Seiten des Ordens auch ein Komthur von Thorn, Heinrich, gegenwärtig, deſſen Familiennamen wir aber nicht kennen.

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170 Vorkehrungen wegen des Abfalles der Preuffen. So war es nun aufs klarſte kund, daß ſich der Orden der Treue der Neubekehrten auf keine Weiſe mehr ſicher glaubte und die Beſorgniſſe vermehrten ſich, als im Auguſt der Papſt den Ordensbruͤdern den Befehl ertheilte, ihre Streit⸗ macht ferner nicht mehr bloß an den Graͤnzen ihres Landes aufzuſtellen, ſondern ſobald das rauhe Volk der Tartaren es wiederum wage, in Polen einzudringen, ihrer Ordenspflicht zu gedenken, die ſie verbinde, die Angriffe der Unglaͤubigen auf die Kirche mit maͤnnlich thaͤtiger Hand zuruͤckzutreiben und am Kampfe wider den Chriſtenfeind dadurch ſogleich Theil zu nehmen, daß ſie dem Erzbiſchofe von Gneſen und den Herzogen von Polen eiligſt zu Huͤlfe kaͤmen, denn, ſagte der Papſt, es gilt ja auch das Euere, wenn eueres Nach: bars Wand in Flammen ſteht. Dieſe Mahnung des Papſtes war ſehr wahrſcheinlich die Wirkung der Klagen der Polniſchen Fuͤrſten am paͤpſtlichen Hofe uͤber des Ordens Saumſeligkeit in der Leiſtung der er⸗ betenen Huͤlfe bei des Feindes letztem Einfalle ins Land und der Papſt konnte wohl kaum umhin, die Ordensgebietiger aufs ernſtlichſte auf ihre Pflicht hinzuweiſen ). Aber ſollte dann der Orden ſein eigenes Land, wo im Innern alles glühte und gaͤhrte, unbewehrt und unbewacht laſſen und ſei— nen Nachbar retten, waͤhrend uͤber ſeinem eigenen Hauſe die Flammen zuſammen ſchlagen konnten? Dieß erwaͤgend hatte auch der Landmeiſter klagenvolle Berichte uͤber die ſo ſehr ge— fahrvolle Lage des Ordens und über die aͤußerſt bedenklichen Verhaͤltniſſe des Landes an den Papſt geſandt, mit der drin- gendſten Bitte, alles aufzubieten, daß neue Kreuzheere eiligfl J) Das Original dieſer Bulle, datirt: Sublaci IV Idus Aug. p. n. an. VI (10 Aug. 1260) im geh. Arch. Schiebl. V. Nr. 98. Daß der Erzbiſchof von Gneſen und die Herzoge von Polen bei dem Papſte uͤber das Ungluͤck ihres Landes ſchwer geklagt hatten, geht aus der Bulle hervor. Die Tartaren, heißt es, iu concepti furoris prohosito persi- stentes eandem terram adhue durioribus inisultibus impupnare pro- ponunt, spem suam pro eo quod dev permittente de pluribus trium- pharunt Regnis et Kegibus ad cunctorum christianorum exitiun pro- togantes.

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Vorkehrungen wegen des Abfalles der Preuffen. 171 zu Huͤlfe kaͤmen, weil ſonſt in kurzem Alles in Preuſſen dem unvermeidlichſten Untergange entgegen gehe). Der Papſt eilte mit ſeiner Huͤlfe; aber er half auch jetzt nur, wie er konnte, durch neue feuerige Ermahnungen und Aufrufe an alle Erzbifchöfe, Biſchoͤfe und Praͤlaten der chriſtlichen Kirche zur eifrigſten Predigt des Kreuzes für Preuſſen, Livland und Kurland 2); ahnliche Aufforderungen ergingen auch an die Prioren und ſonſtigen Vorgeſetzte der Prediger- und Minori⸗ ten⸗Moͤnche ); außerdem erhielten die Erzbiſchoͤfe von Mainz, Bremen, Coͤln, Trier, Magdeburg und Salzburg nebſt des ren Suffraganen noch den beſondern Befehl, darauf zu ſehen, daß der Kreuzpredigt fuͤr Preuſſen und Livland unter dem Vorwande, die Kreuzpredigt gegen die Tartaren befördern zu muͤſſen, durchaus kein Hinderniß entgegengelegt, ſondern ſie vielmehr in jeder Hinſicht vorzugsweiſe begünftigt werde ). Zugleich ertheilte Alexander dem Koͤnige von Boͤhmen und dem Markgrafen von Brandenburg, die durch ihn ſelbſt auf die Bitten der Herzoge von Polen aufgefordert worden was ren, die Oberanfuͤhrung des Kreuzheeres gegen die Tartaren zu übernehmen, die Weiſung, daß fie in das Gebiet des Or⸗ dens mit ihrer Kriegsmacht ohne der Ordensritter Zuſtim⸗ mung unter keiner Bedingung eindringen, am wenigſten aber die nach Preuſſen ziehenden Pilgrime und Kreuzheere auf ih⸗ rem Zuge hindern oder ſonſt belaͤſtigen ſollten s). 1) Quia idem negotium, fagt der Papſt, perire creditur, nisi per divine virtutis auxilium et apostolice sedis favorem in eo potis- sime roboretur, quod ad partes ipsas peregrinorum confluat multi- tudo, nos dilectorum filiorum Preceptorum et fratrum ipsius ordinis in Livonia et Pruscia luctuosis precibus inclinati — etc. 2) Original der Bulle, datirt Sublaci V Idus Sept. p. n. an. VI (9. Sept. 1260) im geh. Arch. Schiebl. V. Nr. 100. 3) Die Bulle don dem naͤmlichen Datum im kleinen Privilegienb. p. 86— 87. 4) Original der Bulle von demſelben Datum im geh. Arch. Schicht. V. Nr. 102. 5) Die an beide Fürften gerichteten Bullen im Original vom naͤm⸗ lichen Datum wie die vorigen im geh. Arch. Schiebl. V. Nr. 101 und 103.

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172 Vorkehrungen wegen des Abfalles der Preuffen. Doch alle dieſe Bemuͤhungen des eifrigen Oberhauptes der Kirche hatten keineswegs den großen Erfolg, den Aler⸗ ander ſelbſt und der Orden erwarteten. Auch für Preuſſen und Livland war der Ruf des Kreuzes ſeit dreißig Jahren ſchon zu oſt erſchollen, als daß er auch jetzt noch die einſt fo wunderbare Wirkung auf die Gemuͤther der Menſchen haͤtte äußern koͤnnen und das nun ſchon gealterte Mittel der Kreuz: zuge war bereits an ſich auch viel zu ſtark abgenutzt. Und doch war der Orden in Preuſſen zur Zeit noch auf keine Weiſe im Stande, ſich ohne dieſes Mittel allein aufrecht zu erhalten. Der Abfall der Neubekehrten vom Chriſtenthum und folglich auch vom Orden nahm nun ſchon mit jedem Tage mehr und mehr zu, ſo daß der Biſchof von Samland ſchon fuͤrchtete, es werde in kurzem fein ganzer bifchöflicher Sprengel zum heidniſchen Glauben zuruͤckkehren. Auch er ſuchte noch zu halten, ſo viel als moͤglich war und um ſich zunaͤchſt unter den Vornehmſten der Neubekehrten ſeines Ge— bietes größeren Anhang zu verſchaffen und die Einflußreich— ſten an fein Intereſſe zu feſſeln, erbat er ſich vom Papſte die Erlaubniß, aus einem Theile feiner Kirchengüter Lehen zu ſtiften und ſie an ſolche Neubekehrte zu verleihen, die am meiſten im Stande waren, auf das uͤbrige Volk einzuwirken und fo die Kirche bei einbrechender Gefahr zu ſchuͤtzen 1). Dieſem Beiſpiele des Biſchofs folgte auch der Landineifter ), und der Biſchof Anſelm von Ermland, ſich hieraus ebenfalls 1) Das Original der hieruͤber an den Biſchof gerichteten Bulle, datirt Lateran. VII Idus Januar. p. n. an. VII (7 Januar 1261) im geh. Arch. V. Nr. 104. Es heißt darin: Nos devotionis tue precibus inclinati presentinm tibi auctoritate concedimus, ut in bonis episco- patus tui aliqua ſeuda statuere ac de illis tot ex eisdem fidelibus inſeudare valeas, quot necessitati partium earundem propter immi- nentem persecutionem inlidelium videris expedire, non obstaute iu ramento quod de non alienandis bonis eiusdem Kpiscopatus te as- seris prestitisse, dummodo episcopalis mensa exinde graviter non le- datur. 2) Darüber mehre Verſchreibungen aus der erſten Halfte des Zah: res 1261.

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Vorkehrungen wegen des Abfalles der Preuſſen. 173 glücklichen Erfolg verſprechend, genehmigte zum voraus jegli⸗ ches Mittel, welches der Landmeiſter theils in Erlaſſung der Schuld der Neubekehrten, theils in Ertheilung neuer Frei⸗ heiten in ſeinem Biſthum anwenden werde, um Ruhe und Gehorſam aufrecht zu erhalten 1). Was indeſſen durch die erwaͤhnten Mittel im Einzelnen zur Verminderung der Gefahr einer Seits gewonnen ward, ging anderer Seits durch böswillige Hintertreibung oft wies derum verloren. Wie konnte die Argliſt und Mißgunſt ſchla⸗ fen zu einer Zeit, als für den Orden mehr als je alles auf dem Spiele ſtand! Es fanden ſich Menſchen, ſelbſt haͤuſig im Stande der Geiſtlichkeit nicht bloß in Deutſchland und andern Laͤndern, ſondern feibft in Preuſſen, welche dem Or⸗ den und ſeiner Sache abhold ihr uͤberall und auf jede Weiſe hinderlich entgegenwirkten, die ſich bemuͤhten, das ganze Werk der Ordensritter in Livland und Preuſſen als verkehrt und fruchtlos darzuſtellen, die Menſchen uͤberhaupt uͤber das Ver⸗ dienſtliche des Unternehmens irre zu machen, Pilgrimen von ihrem Entſchluſſe, dem Orden in Preuſſen Hülfe zu leiſten, abzurathen und gegen Ordensgebietiger oder Ordensbrüder⸗ gegen Kreuzfahrer und andere Goͤnner des Ordens, die ſich ſeiner Sache mit thaͤtigem Eifer annahmen, ſogar die Strafe des Bannes und des Interdicts zu verfugen 2). Zwar er: Härte fi) der Papſt hiegegen aufs allernachdruͤcklichſte und gab den Erzbiſchoͤfen und Biſchoͤfen in Deutſchland und in Preuſſen dem Biſchofe Anſelm von Ermland den ſtrengſten 1) Die hierüber ausgeſtellte Urkunde, datirt: in Thorun, mense Martio 1261, im geh. Arch. Schiebl. I. Nr. 6, abgedruckt bei Kotze⸗ bue B. I. ©. 452. 2) Es heißt in den Bullen des Papſtes hierüber: Aliqui sue dampna- bilis sermentes impetum voluntatis huiusmodi pium et secundum ne- gotium tot expensis et tanti sanguinis eſlusione promotum impedire aut turbare seu peregrinos avertere a subsidio predietarum Livonie ac Pruscie vel in Preceptores et fratres prefati Hospitalis ant pe- regrinos eosdem seu quoscunque alios pretextu ipsius negotii excom- municationis vel suspensionis aut interdicti sententias presumpserunt promulgare.

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174 Nähere Gefahr des Abfalles der Preuſſen. Befehl, jene kirchlichen Zuchtmittel gegen ſolche argliſtige Menſchen ſofort ſelbſt anzuwenden 1); allein wie leicht war es bisher der Liſt und Schlauheit der Ordensfeinde immer ſchon gelungen, die paͤpſtlichen Verbote zu umgehen und bald hier bald da durch neue Umtriebe und neue Kuͤnſte die Ver⸗ ordnungen des Roͤmiſchen Stuhles unwirkſam zu machen! Und ſo geſchah es gewiß in gleicher Art auch noch um dieſe Zeit. Indeſſen waͤren auch alle dieſe Mittel nach des Papſtes und des Ordens Wuͤnſchen ausgefallen und hätte man aber mals ein neues Kreuzheer in Preuſſen geſehen; damit war keine Rettung aus dem Ungluͤck gegeben; das Schwert konnte jetzt ſchon nicht mehr ſchrecken und mit jedem Tage ſchon ruͤckte die Entſcheidung naͤher. Unter Angſt und Bangigkeit zog ſich die drohende Gefahr nicht bloß auch ins Jahr 1261 hinein, ſondern es ereigneten ſich ſchon hie und da ſehr ernſt— hafte und ſelbſt blutige Auftritte, in denen viele Ordensritter auf die grauſamſte Weiſe von dem abtruͤnnigen, erbitterten Volke ermordet wurden ). Da erließ der Papſt, weil keine Hoffnung war, daß bald ein hinreichendes Kreuzheer die noͤ⸗ thige Huͤlfe bringen werde, an die Biſchoͤfe von Kulm und Cujavien den Auftrag, ſofern die Horden der Tartaren wie⸗ 1) Das Original der Bulle an den Biſchof von Ermland, datirt: Lateran. II Idus Januar. p. n. an. VIII (11 Januar 1261) im geh. Arch. Schiebl. V. Nr. 105. Die an die Deutſchen Erzbiſchoͤfe und Bi⸗ ſchoͤfe gerichtete Bulle mit dem Datum: Lateran. XII Calend. Februar. p. n. an. VII (21 Januar 1261) im kleinen Privilegienb. p. 99. Aus der erſtern Bulle erfahren wir auch, daß jetzt noch fort und fort in Boͤhmen, Polen, Maͤhren, Pommern und andern Laͤndern fuͤr den Or⸗ den in Preuſſen das Kreuz gepredigt wurde. 2) Die Chroniſten ſchweigen zwar auch hieruͤber, wie uͤber dieſe ganze Zeit; der Papſt aber ſagt in einer Bulle vom 8. April 1261: Multi ex dilectis filzis fratribus Hospitalis S. M. Th. et aliis christi fidelibus in Livonie et Pruscie partibus constitutis de novo, sicut tristes audivimus, manibus infidelium crudelissime sunt occisi, Pre- dietis Livonia et Pruscia propter hoc in discrimine tanto positis, quod de perditione ipsarum conlinuus timor ingeritur, nisi de po- tenti peregrinorum auxilio eis propere per sedis apostolice providen- tiam succurratur.

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Nähere Gefahr des Abfalles der Preuſſen. 175 der zurückgezogen und keine Beſorgniſſe eines neuen Anſtur⸗ mes mehr vorhanden ſeyen, die zum Streit gegen ſie in je⸗ nen Gegenden angekommenen Heerhaufen von Kreuzfahrern!) auf gleiche Weiſe und mit den dringendſten Ermahnungen zu bewegen, ſtatt des angelobten Kampfes gegen die Tarta⸗ ren den Ordensrittern in Preuſſen und Livland in ihren Be⸗ draͤngniſſen zu Hülfe zu eilen und männlich beizuſtehen mit Zuſicherung derſelbigen Gnadenverleihungen auch in dieſem Kampfe 2). Jetzt war indeſſen der Bau der Ordensherrſchaft in Preuſſen ſchon viel zu tief erſchuͤttert und aus ſeinen Fugen gewichen, als daß irgend ein ſolches Mittel, wie der Papſt fie vorſchlug und der Orden anwandte, im Stande geweſen waͤre, den Sturm, der ſeinen Einſturz drohete, in ſeinem Laufe aufzuhalten und das verhaͤngte Ungluͤck zu beſchwoͤren, welches nicht minder der Papſt als der Orden durch Schuld und Suͤnde herbeigezogen hatten. Auch war der Geiſt der Erbitterung und des Aufruhrs bereits uͤber Preuſſens Graͤn⸗ zen hinausgegangen; in Kurland und Livland zeigten ſich gleichfalls ſchon Spuren von ihm und war der Zorn und Groll gegen die Ordensherrſchaft dort auch bei weitem nicht ſo allgemein, ſo hatte er doch in vielen Seelen tiefe Wur⸗ zeln gefaßt. Nirgends aber war auf die Wirkungen dieſer feindlichen Stimmung im ganzen Ordenslande mehr gerechnet als in Litthauen. Der neue Koͤnig dieſes Landes Mindowe, ein Neubekehrter, wie es Tauſende in Preuſſen gab, ein Chriſt 1) Der Papſt hatte naͤmlich zu einer allgemeinen Heerfahrt gegen die Tartaren auch alle Fuͤrſten Deutſchlands aufgefordert. In Stain- delii Chron. ap. Oefele Scriptt. rer. Boicar. T. I. p. 508 heißt es: Alexander Papa direxit litteras Regibus, et Ducibus, Archiepisco- pis et Episcopis ac universis Principibus Christianis, hortando ipsos, ut contra horrendam vabiem Tartarorum consiliis et armis se prac- munire deberent. 2) Original der Bulle, datirt: Lateran. VI Idus April. p. n. an. VII (8 April 1251) im geh. Arch. Schiebl. V. Nr. 107.

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176 Der König Mindowe von Litthauen. am Altare und ein Heide im heiligen Goͤtterhaine n), jenes ohne gründliche Belehrung, ohne ſichere Ueberzeugung, ohne Haltung im Glauben, dieſes noch in voller Seele und mit ganzer Hingebung in die Religion der Vaͤter, hatte ſchon ſeit Jahren keineswegs gleichgültig auf dieſe Geſtalt der Dinge in den Nachbarlanden hingeſehen. Der Orden ſelbſt ahnete von dorther kein Arges. Seit des Fuͤrſten Bekehrung und koͤniglicher Erhebung waren kaum einige Jahre hingegangen, in denen er dem Orden nicht durch neue Beſchenkungen auch neue Beweiſe ſeiner Gunſt und Treue gab oder doch gegeben haben fol. Schon im Jahre 1254 erfreute er die Livländis ſchen Ritter mit ſehr anſehnlichen Laͤndereien, worunter auch Karſau, Weyſe, Wangen und Betegallen genannt waren. Im folgenden Jahre erhielten ſie von ihm das ganze Land⸗ gebiet Selen in Semgallen und verſchiedene andere Beſitzun⸗ gen. Dann ſoll im Jahre 1257 Mindowe dem Orden das ganze Land Samaiten als Eigenthum uͤberwieſen haben und zwei Jahre nachher ſtellte er ein Diplom aus, welches den Rittern das ganze Land Schalauen und mehre andere Laͤnde⸗ reien uͤberwies, unter denen auch wieder Samaitenland be⸗ griffen war). Mit dem Livlaͤndiſchen Meiſter Burchard von Hornhauſen ſtand er lange, wie es ſcheint, in den freund⸗ lichſten Verhaͤltniſſen; beide ſandten ſich gegenſeitige Ehren⸗ geſchenkes). Aus dem Jahre 1260 aber iſt fogar eine Ur⸗ 1) Ganz richtig ſagt daher auch Kojalowiez p. 98: Mendogus sacra quidem metu nuper suscepta palam prae se ſerre, privatis vero ad Ethnicas aras sacrificiis impie eadem violare. 2) Wir uͤberheben uns der fpeciellen Nachweiſungen über diefe ein⸗ zelnen Beſchenkungsurkunden, indem wir auf die Angaben bei Lu cas David B. VII. S. 136 — 144, bei Kotzebue B. II. S. 291 — 295 und auf die Urkunden bei Dreger Nr. 252. 270. 271. 298. 312. 315, in den Actis Boruss. B. III. S. 738 und ff. und auf die Originale und Traneſumte im geh. Arch. Schiebl. XI. Nr. 6 — 12 verweiſen. 3) Alnpeck Reimchron. S. 52; und dieſen Chroniſten beftätigt auch die Ordenschron. bei Matthaeus p. 738, indem ſie vom Landmei⸗ ſter ſagt: „Hy ſcreef aen den Coninck Mandouwe von Lettauwen vrunt⸗ licke brieven, ende ſenden hem cleynoden tot eenre gruete, dat die Co⸗

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Der König Mindowe von Litthauen. 177 funde vorhanden, in welcher der König aus Dankbarkeit für des Ordens Verdienſte um ihn und feine Lande den Ordens: rittern in Livland, im Fall er ohne Erben ſterben ſollte, ſein ganzes Koͤnigreich uͤbermachte. In der That waͤren alle dieſe reichen Beſchenkungen vom Koͤnige mit vollem freien Herzen gegeben, haͤtten nicht manche vielleicht nur Noth und Be⸗ draͤngniß, andere vielleicht nur ſchmeichleriſche Ueberredung, andere prieſterliche Lift bewirkt, dürfte ſelbſt bei allen dieſen Schenkungsbriefen völlige Aechtheit unbezweifelt ſeyn) und waͤre die Sprache der Pergamente in Wahrheit auch die Sprache ſeiner Seele geweſen: fuͤrwahr ſie waͤren die herr⸗ lichſten Zeugniſſe der hoͤchſten Zuneigung, der waͤrmſten Ge⸗ ſinnung, des vollſten Vertrauens des Koͤniges gegen die Or⸗ densherren. Allein keine Forſchung in die Tiefe der Verhaͤlt⸗ niſſe gewinnt die Ueberzeugung, daß Mindowe ſich wirklich dem Orden fo völlig hingegeben habe, ohne der Tage zu ge⸗ denken, die durch ſolche verſchwenderiſche Freigebigkeit noch einſt fuͤr ihn kommen koͤnnten; es widerſpricht ſein ganzes Leben ſowohl vor ſeiner Kroͤnung, als nach dieſer Zeit und es zeugt weit mehr fuͤr die Annahme, daß wohl in ſeiner Seele meiſt ganz andere Gedanken und Geſinnungen lebten, als auf den Schenkungs-Pergamenten ſtanden, daß ſein In⸗ neres wenig von der Dankbarkeit und nichts von der Liebe und der Zuneigung gegen den Orden wußte, wovon die Schenkungsbriefe voll in Worten und Formeln ſind und daß er oft auch nur gab, weil er geben mußte 2). ninck ſeer vruntelick nam. Ende die Coninck ſenden hem weder ſcriften ende cleynoden ende gaven.“ 1) Schon Hennig hat bei Lucas David B. VII. S. 142 ei⸗ nige Bedenklichkeiten gegen die Aechtheit einiger dieſer urkunden und die Aeußerung hingeworfen, daß ſie zum Theil das Machwerk der Ordens⸗ prieſter ſeyen. Dieſe Zweifel duͤrften ſich leicht weiter begruͤnden laſſen, wenn wir, um die Unterſuchung gruͤndlich zu verfolgen, hier nicht zu weit ausholen müßten. Ohnedieß auch gehört eine ſolche Unterſuchung eigentlich mehr in eine Geſchichte Litthauens und Livlands als hieher. 2) Vielleicht ſchildert Kojalowiez p. 98 des Koͤnigs Geſinnung ganz richtig, wenn er ſagt: Ubi deinde periculo abeunte, timor ma- 12

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178 Der König Mindowe von Litthauen. Vor allem aber ſcheinen zwei Umſtaͤnde den gaͤnzlichen Umſchlag ſeiner gewiß laͤngſt ſchon wankenden und vielleicht nie voͤllig gewonnenen Seele noch im Ablaufe des Jahres 1260 erzeugt zu haben. Zuerſt war die Unzufriedenheit der maͤchtigſten Großen ſeines Reiches!) und unruhige Bewegun⸗ gen unter ſeinem dem groͤßten Theile nach noch heidniſchen und darum gegen die nahe, immer weiter dringende Ritter⸗ herrſchaft feindſelig gefinnten Volke nie fo allgemein gewe⸗ fen, als gerade um dieſe Zeit und es mag daher die Nach⸗ richt nicht ungegruͤndet ſeyn, daß einer der koͤniglichen Gro⸗ ßen Troinat mit einer Geſandtſchaft aus Samaiten dem Kö: nige Aufſchluß uͤber die Stimmung und Geſinnung ſeines Volkes gab, die allerdings bei ihm hohe Beſorgniß erregte 2). Wohl um dieſe Stimmung abzuleiten und die an Fehde und Raub gewoͤhnten Kriegerhaufen zu beſchaͤftigen, fiel Mindowe noch im Jahre 1260 zuerſt in Polen und bald darauf mit einem zahlreichen Heere auch in Maſovien ein, heerte und plünderte bis Ploczk, verbrannte Burgen und Dörfer weit und breit und uͤberzog mit reicher Beute heimkehrend, gewiß nicht ohne Abſicht auf jene mißliche Stimmung ſeines Vol⸗ kes, auf dem Ruͤckwege auch einen Theil von Preuſſen ). gis resedisset, dolore actorum acrius urgeri. sub regio titulo prin- eipatus undique mancus, hin Russia detracta, inde Samogitia, Cu- ronia, Jatwiezia amissis, se ipso minor, vehementius displicere. yuidquid nuper metu aut simulatione egisset, penitus odisse. 1) Darüber die Erzählung bei Lucas David B. IV. ©. 139 ff. Die Ordenschron. bei Matthaeus p. 740 berichtet: Der König der Sa⸗ maiten, der von Litthauen und ein König aus Rußland hätten um dieſe Zeit gemeinſchaftlich den Plan gefaßt, Livland und Kurland dem Orden wieder zu entreißen und die Chriſten dort alle zu vertreiben. Andere Quellen aber wiſſen davon nichts. 2) Vergl. Alnpeck S. 82 — 83. Ordenschron. bei Matthaeus p. 741. 3) So ſcheint es wenigſtens nach Boguphal p. 73, welcher, über: einſtimmend mit Kojalowiez p. 99, zuerſt eines Einfalles in Polen, dann eines andern in Maſovien erwähnt und darauf hinzufuͤgt: deinde Prussiam invadens urbes subvertit, villas et fere totam terram Prus-

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Der König Mindowe von Litthauen. 179 Zum andern aber hatte auf Mindowe's Geſinnung und Hand⸗ lungsweiſe gegen den Orden ohne Zweifel auch der Groll, die erbitterte Stimmung und der theilweiſe ſchon erfolgte Ab⸗ fall der Neubekehrten in Preuſſen bedeutend eingewirkt und nur im Vertrauen auf dieſen feindlichen Geiſt in Preuſſen ſelbſt mochte er es gewagt haben, einen Theil des Ordens⸗ gebietes ploͤtzich mit den Waffen zu überziehen. Und als nun der König ſchon fo weit gegangen war, da kam es ihm gewiß als ſehr erwuͤnſchter Anlaß zum gaͤnzlichen Abfalle und zur offenen Feindſchaft, als ein naher Verwandter, deſſen Habe und Waaren die Ordensritter geraubt haben ſollten, vor ihm mit ſchweren Klagen gegen die Ritter erſchien. Min⸗ dowe verlangte die Zuruͤckgabe und Genugthuung fuͤr den er⸗ littenen Schaden und da dieſe nicht erfolgten, ſo trat er mit Entſagung ſeines Glaubens oͤffentlich als Feind des Ordens auf 1). siae destruxit, magnam stragem in populo Christiano per suos Pru- thenos baptizatos committendo etc. Dieſe Prutheni find bei Bogu- phal entweder Polexianer (Kadlubeck L. IV. c. 19) oder wirklich ge⸗ raufte Preuſſen, bie ſich mit Mindowe verbunden hatten. Indeſſen nimmt es der Polniſche Chroniſt mit dem Namen Prutheni nicht ſehr genau, denn nach ihm müßte ſelbſt „Mendolphus Rex Prussiae “ ge: weſen ſeyn. Der von Mindowe feindlich uͤberfallene Theil Preuſſens kann wohl nur der füböftliche ſeyn, denn infesta sigua in Propinguam Prussiam ex insperato intulit. Kojalowiez 1. c. 1) In einem zu Riga im Jahre 1309 abgehaltenen Zeugenverhör Original im geh. Arch. Schiebl. XII.) erhalten wir über Mindowe's Abfall folgende ſonſt nirgends zu findende Nachricht: quod Rex Letho- vie quondam Mindo nonine fuit conversus ad fidem catholicam et quod fratres hospitalis quedam dampna fecerunt cuidam ipsius regis nepoti, et quia noluerunt satisfacere pro dampuis huiusmodi ipsi regi seu nepoti eius, ipse Rex apostatavit a fide. Ein anderer Zeuge ſtellt die Sache ſo vor: Quod audivit dici, quod quidam Rex fuit in Lethovia, qui fuit christianus nomine Mindo et quod audivit dici a quodam merontore, quod Rex ille apostatavit ab fide ob istam cau- sam, videlicet quod cum dietus Rex haberet quendam suum avun- culum strenuum in armis et ille mitteret familiam suam cum quibus- dam mercibus versus partes fidelium, quod fratres predicti illas mer- 12*

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150 Der König Mindowe von Litthauen. Da griff man ſchnell auch im Orden zu den noͤthigen Maßregeln. Es ſchien vor allem nothwendig, eine anſehnli⸗ che Heeresmacht in Kurland zu verſammeln, denn ein Einfall der Litthauer in dieſes Land war ſchon darum am gefährlich- ſten, weil der in Preuſſen herrſchende Geiſt auch dort ſchon allgemein verbreitet und die Kuren bereits ſeit Jahren dem Ordensgebote und den Lehren des Chriſtenthums nichts we⸗ niger als zugethan waren. Der Livlaͤndiſche Meiſter Bur⸗ chard von Hornhauſen hatte daher ſchon mehre Jahre hin⸗ durch wiederholt in Kurland gegen einzelne einbrechende Heer⸗ haufen von Litthauern und Samaiten ankaͤmpfen muͤſſen. Sogar bis zur Memelburg war der Feind einmal vorge⸗ flürmt und nicht ohne bedeutenden Verluſt des Ordensheeres von dort wieder verdrängt worden ). Nun hatte es vor kur⸗ zem ein Samaitiſcher Heerhaufe auch gewagt, bis zur S. Georgenburg im Gebiete Karſau vorzuruͤcken, um ſie zu er⸗ ſtuͤrmen und da dieſes nicht gelungen war, fo hatten die Sa⸗ maiten unfern davon eine andere Burg erbaut und mit ſtar⸗ ker Wehrmannſchaft beſetzt. Seitdem hatten die blutigſten Kaͤmpfe um die S. Georgenburg nicht einen Tag geruht. Da beſchloß der Meiſter Burchard von Hornhauſen, alle Streitkräfte feines Landes aufzubieten, den laͤſtigen Feind aus ces predictas familie abstulerunt, unde dietus avunculus Regis au- dito quod bona sui sibi fuissent ablata, dixit Regi: tu es christia- nus factus, et cum eis pacem fecisti, videas qualem amicitiam fa- ciunt nobis! Quo Rex audito dixit: ego mittam ibi nuncios meos et faciam oma restitui tibi, et missis nunciis suis ad fratres ro- gans de restitutione rerum predictarum, et fratres nollent restituere, voluit dietus Rex esse contentus quod solummodo dimidium eorum, que ablata fuerant, restituerent, quod cum dicti fratres nollent hoc facere, dictus avunculus regis intravit terram christianorum cum magno exercitu et fecit ibidem magna dampna, ex quibus postea potentiores Lythovie opposuerunt se Regi predicto, ita quod ipse postmodum apostatavit a fide. 1) Ordenschron. S. 51, bei Matthaeus p. 738 — 739. Den blu: tigen Kampf bei der Memelburg, in welchem Burchard ſelbſt verwundet wurde, beſchreibt Alnpeck S. 52 — 53 und 58 — 59.

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Der König Mindowe von Litthauen. 181 dem Gebiete zu vertreiben und ließ in Livland auf ein Heer⸗ gebot alles zum Kampfe ruͤſten. Er ſelbſt eilte nach Preuſ⸗ ſen, um auch von daher Huͤlfe herbeizurufen ). Sofort bot auch der Landmeiſter von Preuſſen aus feinen Landſchaften alle ſtreitbare Mannſchaft auf, die nur irgend entbehrlich war. Die vornehmeren Stammpreuſſen zogen gleichfalls nach Lehns⸗ pflicht der Heerfahne des Ordens zu und als im Sommer des Jahres 1261 nun alles gerüftet und eine ſtarke Streit⸗ macht verſammelt war, auch dreiſſig eben aus Deutſchland angekommene Ordensbruͤder ſich dem Heere angeſchloſſen, trat der alte, unter dem Schwerte ergraute Ordensmarſchall Hein⸗ rich Botel an ſeine Spitze und zog gegen Kurland hinauf. Wie verabredet, fuͤhrte auch der Landmeiſter Burchard von Hornhauſen eine bedeutende Schaar von Ordensrittern und anderm Kriegsvolke aus Livland herbei 2), verſtaͤrkt durch ei⸗ nen Heerhaufen Daͤniſchen Huͤlfsvolkes aus Reval, welchen der Herzog Karl von Schweden fuͤhrte ). Bei der S. Ge: 1) Alnpeck S. 69 — 70. 2) Sie kamen beide, wie Dusburg c. 81 ſagt, cum validis ex- ercitibus; aber die Stärke dieſer Heere wird nirgends angegeben. Auch Alnpeck S. 70 ſpricht nur uͤberhaupt von „zwei ſchonen hern“ und ſagt von Burchard: „Sin her was michel und gros.“ 3) Vgl. den Auszug aus dem Liber Anniversar. bei Bachem Chronol. der Hochmeiſt. S. 21 und Lucas David B. IV. S. 34. Dieſer Chroniſt ſagt S. 31: „Der Juncker utram von Zihebogen, der von wegen des Koͤniges von Dennemarcken und Schweden mit ethlichen Schwediſchen Reutern von Revel dem orden zu huͤlff komen,“ habe den Huͤlfshaufen angeführt. Dieſen ganz unrichtigen Namen aber erborgte Lucas David aus Simon Grunau Tr. VIII. c. 14. $ 2, wo er Uthram von Zoybogen heißt. Grunau giebt ihn für den Marſchall des Königes von Schweden aus. Kojalowicez p. 100 erwähnt des Dö- niſchen Hülfsvolkes nur im Allgemeinen und Alnpeck S. 88 rühmt ebenfalls nur obenhin, daß der Dänifche Hauptmann zu Reval die Or⸗ densritter oft unterftügt habe. Wir erfahren aber aus Erici Olai Hi- stor. Suecorum L. III. p. 61, daß dieſer Herzog Karl von Schweden, deſſen d. Liber Annivers. erwähnt, kein anderer war, als jener An- ſtifter der Verſchwoͤrung mehrer mächtiger Schweden gegen den Jarl Birger, der im J. 1251 der Ermordung mehrer maͤchtiger Verſchwore⸗

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182 Die Schlacht an der Durbe. orgenburg trafen die Heere zuſammen und dort ſtießen auch noch die aufgebotenen Kriegsmannen aus Kurland hinzu. Es ward beſchloſſen, vor allem die S. Georgenburg ſtaͤrker zu bemannen und unter dem Schutze der verſammel⸗ ten Streitmacht mit zureichenden Lebensmitteln zu verſor⸗ gen 1), um dann an den Samaiten und Litthauern die ver⸗ übte Unbill zu raͤchen. Da kam plotzlich die Nachricht ins Lager, daß eben viertauſend Litthauer einen Theil Kurlands mit wilder Verheerung, mit Raub und Brand heimgeſucht, die Chriſten Überall ermordet hätten und wie es damals Kriegsſitte war, mit einer großen Zahl gefangener Frauen und Kinder beutebeladen im Ruͤckzuge begriffen ſeyen. Schnell folgte das Ordensheer der Raubhorde nach und als nen entgangen war, ſich nachmals mit Birger ſcheinbar zwar wieder ausgeſoͤhnt hatte, aber um Birgers fortdauernden Verfolgungen zu ent: gehen, ſich nach Livland fluͤchtete, wo er ſich im Kampfe gegen die Un⸗ glaͤubigen oft durch Tapferkeit ſehr ausgezeichnet. S. Ekendahl Ge⸗ ſchichte des Schwed. Volks und Reichs B. I. S. 487. 1) Lucas David B. IV. S. 30 giebt die Nachricht, daß auch des Koͤniges von Boͤhmen Volk mit in dem Kriegsheere der Litthauer geweſen ſey. Woher er dieſe Angabe entnommen, iſt ungewiß. Si⸗ mon Grunau, den er hier leider ſehr ſtark benutzte, hat ſie nicht. Sie iſt an ſich ſchon ganz unglaublich; dennoch hat Hennig bei Lu⸗ cas David a. a. O. ſie durch eine paͤpſtliche Bulle bekraͤftigen und damit beweiſen wollen, daß um dieſe Zeit der Koͤnig von Boͤhmen wirk⸗ lich feindlich gegen den Orden geſinnt geweſen ſey. Allein Hennigs Beweis zerfällt ſchon dadurch in nichts, daß der Papſt die nämlichen Worte, auf welche Hennig ſeinen Beweis ſtuͤtzt, gleichlautend an alle diejenigen Fuͤrſten ſchrieb, welche er gegen die Tartaren aufrief. So ſtehen ſie z. B. ebenſo in der Bulle an den Markgrafen von Branden⸗ burg vom 9. Septemb. 1260, alſo von demſelben Datum, welches die Bulle an den Koͤnig von Boͤhmen hat; ja wir finden ſie ferner in der fruͤher ſchon erwaͤhnten Bulle an die Erzbiſchoͤfe von Mainz, Bremen, Coͤln u. ſ. w. vom naͤmlichen Datum. Wir haben vielmehr Grund zu der Annahme, daß der Boͤhmiſche König mit dem Orden noch in den freundlichſten Verhaͤltniſſen gelebt habe, denn gerade im J. 1261 ſandte der Ordensmeiſter zwei Biſchoͤſe aus Preuſſen zur Feſtfeier und Verherr⸗ lichung feiner Koͤnigskroͤnung in Prag; ſ. daruber Cosmae Pragens. Continuat. p. 405.

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Die Schlacht an der Durbe. 183 es ihr nahete und man den Feind am Ufer des Fluſſes Durbe gelagert fand, hielten die Ordensgebietiger mit den übrigen Führern und mehren Edlen eine Berathung über den Angriff des feindlichen Haufens. Da trat der Pomeſaniſche Edle Macho, der Sohn Pipins, deſſen früher ſchon gedacht iſt, auf des Ordensmarſchalls Befragen mit dem Rathe hervor: „Laſſet uns die Roſſe entfernen, auf daß uns keine Hoff- nung zum ſchnellen Ruͤckzuge uͤbrig bleibt. Bekaͤmpfen wir den Feind zu Fuß, ſo wird das Volk, nicht auf die Schnel⸗ ligkeit der Pferde vertrauend, im Kampfe um fo männlicher beharren; wo nicht, ſo fuͤrchte ich, es wird alles bald in Flucht gerathen.“ Ohne Zweifel kannte Macho den uneini⸗ gen Geiſt des buntgemiſchten Heervolkes. Die Ritter aber und beſonders der Herzog Karl von Schweden verwarfen den wohlbedachten Rath, die Schwere ihrer Ruͤſtung vorſchuͤtzend !). Da erhoben die Kurlaͤnder die Forderung, daß ihnen, gelinge des Feindes Beſiegung, ihre gefangenen Frauen und Kinder frei zuruͤckgegeben wuͤrden. Die Bitte ſchien gerecht und die Ordensritter bewilligten ſie; allein das Kriegsvolk aus Preuſ⸗ ſen und Livland und wahrſcheinlich auch Herzog Karl von Schweden, mehr um Gewinn und Beute dienend, ſprachen dem Verlangen entgegen, behauptend, die Gefangenen be: handele man auch hier nach ſtrenger Kriegsgewohnheit 2), und wer die Seinen frei wuͤnſche, moͤge ſie mit Geld loͤſen. Darob erzuͤrnten die Kurlaͤnder; ein dumpfes Gemurre ging durch den ganzen Heerhaufen und man beſchloß, Rache zu uͤben, ſobald ſich nur Gelegenheit biete. Ins geheim aber ſandten 1) Dusburg c. 81. Ueber Macho vgl. oben B. II. S. 434. Eu: cas David B. IV. S. 30. Daß Macho feines Rathes wegen als Verraͤther aus dem Ordensheere entfernt worden fen, ſchreibt dieſer Chro⸗ niſt dem Simon Grunau a. a. O. nach. 2) Vergl. hier die Verdrehung und Verfütfchung der Quellen bei Kotzebue B. II. S. 10 mit Dusburg 1. c., wo ausdruͤcklich gefagt iſt, daß die Ordensritter precibus eorum (Curonensium) satis inclinati geweſen ſeyen. Lucas David B. IV. S. 31. Kojalowiez p. 101.

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184 Die Schlacht an der Durbe. die Vornehmeren ſofort eine Botſchaft an die Litthauer und ſpielten Verrath gegen das Heer des Ordens !). Bald nach jener Berathung zog man dem Feinde näher. Als aber die Schlacht nun begann und die Litthauer und Samaiten 2) mit dem Keulenwurfe dem erſten Anſturm des Feindes widerſtanden hatten und der Kampf nun Mann ge⸗ gen Mann ging, griffen plotzlich die erbitterten Kurlaͤnder, die man aus Mißtrauen im Nachtrappe gelaſſen, das Or⸗ densheer im Rüden an ). So ſtand dieſes mit einemmal zum allgemeinen Entſetzen inmitten des doppelten Feindes. Es drohte das furchtbarſte Loos; der Kampf wogte bald mehr hierhin gegen die Kurlaͤnder, bald mehr dorthin gegen die Litthauer und Samaiten. Da ergriff ploͤtzlich vom Schrecken uͤberwaͤltigt ein großer Theil des gemeinen Kriegsvolkes im Ordens heere die Flucht“). Nur die Ordensritter ſammt ih: ren Getreuen und das Daͤniſche Huͤlfsvolk hielten den bluti⸗ gen Kampf noch aufrecht und manche der Edlen aus Preuſ⸗ ſen bewaͤhrten dem Orden ihre Treue in ſolcher Noth. So rief Sclode aus Quedenau, jener edle Haͤuptling aus Sam⸗ land, den Seinen zum entſchloſſenen Streite entgegen: „Ge⸗ denket der Geſchenke an bunten Kleidern, die euch die Or⸗ densbruͤder dargereicht; wohlan! faͤrbt ſie heute mit dem Blute euerer Wunden, und fuͤr den ſuͤßen Meth, den ihr aus ihrer Hand empfangen, ſchmecket heute den bittern Tod 1) Ordenschron. S. 52 und bei Matthaeus p. 740. Leo p. 97. Nach Kojalowiez 1. c. trennten ſich die Kurlaͤnder vom Ordensheere und verbanden ſich mit dem Feinde. 2) Auch ſolche waren nach der Ordenschron. a. a. O. mit im Lit⸗ thauer⸗ Heere. 3) Zwar nicht von einem ſolchen foͤrmlichen Angriffe, aber doch von einer ſchon vor der Schlacht angeſponnenen Verrätherei der Kurländer fpricht auch Alnpeck S. 70: Die kuren hatten vor gedacht Ein ding, das wart vollenbracht Es was ein geraten rat Den ſie volvurten mit der tat. 4) Alnpeck a. a. O. nennt als Fliehende vorzüglich die Eſthen.

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Die Schlacht an der Durbe. 185 zum Bekenntniſſe des wahren Glaubens!“ So ſprach der heldenmuͤthige Samlaͤnder und ſtuͤrzte mit den Seinigen, zwei⸗ hundert an der Zahl, von neuem in die Schlacht). Ihm folgte auch Macho, jener edle Pomeſanier. Es begann von neuem ein harter, wilder und verzweifelter Kampf; acht Stun⸗ den dauerte er ohne Unterlaß und unter furchtbarem Morden. Da ermattete endlich gegen den doppelten Feind die Streit⸗ kraft der Ritter und als nun in der letzten Schlachtſtunde Meiſter Burchard von Hornhauſen, „der auserkorene De⸗ gen,“ und mit ihm auch der alte, tapfere Ordensmarſchall Heinrich Botel unter den Keulen des Feindes fielen, war keine Haltung mehr in ihrem Schlachthaufen und der Sieg lag in den Händen der Litthauer. Hundert und funfzig ta⸗ pfere Ordensritter ?), der edle Sclode mit feinen Samlaͤn⸗ dern und Macho mit ſeinen Pomeſaniern waren erſchlagen und neben ihnen auch der größte Theil des Daͤniſchen Huͤlfs⸗ volkes aus Reval ſammt feinem Führer, dem Herzog Karls). 1) Dusburg J. c. Lucas David B. IV. S. 32 dagegen ſchreibt dieſe Worte dem Macho zu, obgleich er dieſen fruͤher aus dem Heere entfernen laͤßt; allein auch hier iſt wieder Simon Grunau ſeine faule Quelle. Alnpeck S. 71 rühmt ebenfalls die Treue und Tapfer⸗ keit der Gamlänber. 2) Die Zahl wechſelt. Dusburg 1. c. giebt 150 Ordensritter an und fügt hinzu: de populo Dei tanta multitndo, quod eorum nume- rum non andivi. Im Liber Anniversar. ift von 136 gefallenen Ordens⸗ bruͤdern die Rede. Lucas David B. IV. S. 34, Ruſſow S. 10, Kojalowiez 1. c., die Ordenschron. bei Matthaeus p. 740 nennen eben⸗ falls 150, dagegen die Ordenschron. S. 52 (Mſcr.) giebt 200 gefallene Ritter an. Nach Simon Grunau Tr. VIII. c. 14. $ 2 blieb Her: mann Riſe, der Marſchall von Livland, mit 80 Bruͤdern und der Or⸗ densmarſchall von Preuſſen, Werner Doldaw, mit 33 Ordensrittern — ein neues Beiſpiel, wie der Moͤnch Namen ſchmiedet! Alnpeck ſagt: Der meiſter da die martir leit Mit anderhalb hundert brudern ſin Da was auch manich pilgerin Der da leit die ſelbe not Durch got unde ſtarken tot. 3) Ericus Olai l. c. erwähnt Karls Tod in dieſer Schlacht eben falls, hinzufuͤgend: Coguita per famam et nuntium morte eius, Dux

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186 Die Schlacht an der Durbe. Das ganze Kriegsheer des Ordens war zerſprengt, gefluͤchtet oder aufgerieben und was ſich vor dem Feinde noch retten konnte, zerſtreute ſich in die Waldungen, um unter Angſt und Noth der Heimat zuzueilen. Es war am dreizehnten Juli, am Tage der heil. Margaretha im Jahre 1261, als den Orden dieſer unheilvolle Schlag traf ). Vierzehn Or⸗ Birgerus orans pro anima eius, benedixit Deum pro eo, quod sepa- ratus esset ab illo. 1) ueber die richtige Zeitangabe der Schlacht hat ſchon Hennig zu Lucas David B. IV. S. 33 einige Erläuterungen gegeben; aber voͤllig klar iſt dadurch die Sache noch keineswegs geworden, denn es iſt unrichtig, wenn Hennig behauptet, daß unter dem Titel Magister in Urkunden immer der Hochmeiſter und unter Preceptor der Landmeiſter verſtanden werde. Schon die Urkunde bei Dreger Nr. 304 beweiſet, daß ſogar der Vice⸗Landmeiſter magister genannt wird. Dieſer Fall iſt nun ohne Zweifel auch hier anzuwenden. Der in der Urkunde in den Actis Boruss. B. III. S. 744 und in dem Transſumt dieſer Urkunde im geh. Arch. Schiebl. XI. Nr. 14 genannte Magister Andreas war ſicherlich nur Vice⸗Landmeiſter von Livland im J. 1260 und Vurchard von Hornhauſen verwaltete eigentlich das Amt, war aber nach der Or⸗ denschron. S. 51 in dieſem Jahre vielfältig mit Krieg beſchaͤftigt. Daß der Hochmeiſter Anno von Sangerhauſen im J. 1260 in Livland gewe⸗ fen ſey, wäre allerdings möglich; dann aber würde in der Urkunde nicht magister allein, ſondern magister generalis ſtehen. Anch iſt der Name Andreas in der Urkunde ſelbſt ausgeſchrieben. Vei dem allen aber bleibt Hennigs Angabe feſt, daß namlich die Schlacht am 13. Juli 1261 erfolgte. Da Burchard von Hornhauſen im J. 1257 ins Amt trat, ſo ſetzt auch Alnpeck S. 71 die Schlacht ins J. 1261, wenn er dieſem Meiſter eine Verwaltung von vierthalb Jahren zuſchreibt. Der Anonymus Leobiens. Chron. ap. Pez T. I. p. 825 giebt unter dem J. 1259 eine Nachricht, die ſich wahrſcheinlich auf dieſe Schlacht bezieht. Es heißt: Tartari multa mala fecerunt in Pruscia, contra quos congregati sunt Fratres de domo Theutonicorunt, et in die S. Margarethae simul pugnantibus, occisi sunt fratres de domo Theut. plures quam centum, et de familia eorum plures; sed tamen lauda- biliter oceisi, quia Tartari ipsis cesserunt. Der letzte Satz paßt frei⸗ lich nicht, aber der Schlachttag trifft zu, die Tartaren könnten hier die Litthauer ſeyn und ſo uͤberhaupt die Nachricht Beziehung finden, da wir ſonſt von einer Schlacht gegen die Tartaren in Preuſſen in dieſer Zeit nichts wiſſen.

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Die Schlacht an der Durbe. 187 densritter waren in feindliche Hände gefallen; acht von ih: nen wurden den Göttern zu Ehren lebendig verbrannt; den übrigen wurden Arme und Beine abgehauen und ihre Koͤr⸗ per mit thieriſcher Wuth zerriſſen ). Aber kaum war der Sieg am Ufer der Durbe errungen und die reiche Beute an Kleidern, Waffen und Roſſen der Erſchlagenen zuſammengerafft, als der ermuthigte Feind dem fluͤchtigen Volke des Ordensheeres in die Waldungen nach⸗ eilte und ſo ſchrecklich war alles von Furcht und Angſt er⸗ griffen, daß drei bis vier Litthauer hinreichten, Hunderte von Fluͤchtlingen zu erſchlagen oder in die Flucht zu treiben. Nir⸗ gends war mehr Widerſtand; auch die Ordensburgen fielen in feindliche Gewalt und fo ſchien alles in jenem Lande für den Orden an dieſem einen Tage verloren 2). 1) Ordenschron. S. 52 und bei Matthaeus p. 740. Arndt Th. II S. 59. Hiärn S. 177. 2) Dusburg c. 81. Ordenschron. a. a. O.

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Drittes Kapitel. Furchtbar war das Ungluͤck und ſchrecklich der Verluſt des Ordens in der erlittenen Niederlage ſelbſt; aber weit ver⸗ derblicher und unheilvoller waren die Folgen der blutigen Schlacht beſonders fuͤr den Orden in Preuſſen. Auch an dem ſchreckenvollen Tage an der Durbe hatte der wild hereinge⸗ brochene Sturm noch nicht ausgetobt; ungluͤckſchwanger zog er weiter, denn da der raubgierige Feind, aufgeblaͤht vom zornigen Stolze uͤber den Sieg, bald auch in die Gebiete Preuſſens hereinſtuͤrmte, ohne Widerſtand bis nach Samland eindringend alles verwuͤſtete und vertilgte, was ihm entge⸗ gentrat, dann auch die Burg Koͤnigsberg umlagerte, wo ihn nur die entſchloſſenſte Tapferkeit der Beſatzung mit ſchwerem Verluſte zuruͤckwarf!), ſo ging bald durch die Landſchaften Preuſſens eine allgemeine wilde Bewegung. Dem Gedanken des ſchrecklichen Verluſtes, den der Orden erlitten, lag der Gedanke an Befreiung vom laſtenden Joche viel zu nahe, als daß er nicht bald in aller Bruſt mit neuem Leben, mit neuer Sehnſucht und mit neuer Erbitterung gegen die Or⸗ densherren haͤtte erwachen muͤſſen 2). Und er erwachte jetzt e 1) Kojalowiez p. 102. 2) Alnpeck S. 72: Do bie ſemen quamen 0 Zu lande, ſie vernamen Das ſie manchen vromen helt Hatten verlorn gar usirwelt Die clageten ſie vil manche tage

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Der Ordensvogt Walrad Mirabilis. 189 auch allgemeiner und feueriger als je zuvor und faſt keine Seele war, die nicht von ihm ergriffen, bewegt und geho⸗ ben wurde. Da kam durch folgendes Ereigniß die entſcheidende Stunde. Waͤhrend des Kriegszuges nach Kurland waren die daheimgebliebenen Vornehmeren der Landeseingeborenen mehrmals vor den Gebietigern des Ordens mit der Bitte er⸗ ſchienen, in der Erhebung des Zinſes und in der Leiſtung der Frohnarbeiten das verarmte und niedergedruͤckte Volk des Landes mit mehr Schonung und Milde zu behandeln; aber ſelten war ihnen eine freundliche und troſtvolle Antwort ge⸗ worden. So traten nun auch, da ſchon die allgemeine Be⸗ wegung und Unruhe durchs ganze Land ging, die Edlen aus Natangen und Ermland vor dem Ordensvogt Walrad Mi⸗ rabilis, aus einem alten Geſchlechte Weſtphalens ), der auf Mit vil bitterlicher clage Duch was der natangen mut Und der pruſen maſen gut Und der ermen alſo wol Sie hatten gegeben alle zol Zu dorben in deme ſtrite. 1) Man hat geglaubt, Walrad habe den Beinamen Wunderlich ge⸗ habt. Baczko B. I. S. 310 meinte ſogar, es ſey ein Spottname geweſen und Kotzebue B. II. S. 298 tadelt den Herrn von Wal wegen einer ſchlechten Ueberſetzung des Wortes Mirabilis. Es iſt aber bekannt, daß Mirabilis der Name einer adelichen Familie Weſtphalens war, wo die Glieder derſelben in Urkunden oft vorkommen. So fuͤhrt Troß in ſ. Zeitſchrift Weſtphalia Jahrg. 1826. Nr. 37. S. 308 eine Urkunde vom J. 1167 an, in welcher eines Advocatus Thiedericus Mirabilis erwähnt iſt. Die Familie hatte in der Gegend von Hamm ſehr anſehnliche Beſitzungen. Vgl. Pistoris Scriptt. Rer. German. T. III. p. 812. Sehr gründliche Nachrichten Über dieſes alte Geſchlecht findet man in von Spilcker Beiträgen zur ältern Deutſch. Geſchichte. B. I. Geſchichte der Grafen von Woͤlpe, Arolſen 1827, wo S. 123 eine Stammtafel der aͤlteſten Glieder dieſes Geſchlechtes beſindlich iſt; S. 14 und 15 fuͤhrt der Verfaſſer das Geſchlecht bis ins 12. Jahrhund. zuruͤck, weiſet aber den Namen der Familie Mirabilis auch im 13. Jahrhund., namentlich in Urkunden aus den Jahren 1245, 1248 und

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190 Der Drdensvogt Walrad Mirabilis. dem Lenzenberg am friſchen Haff unfern vom Hauſe Bran⸗ denburg ſaß, mit der Bitte auf, daß er ihnen die Lieferung des Pflugkornes erlaſſen moͤge, weil die ſchweren Frohnen und Schaarwerke es nicht moͤglich gemacht, den Acker mit Sorgfalt zu bebauen. Der Vogt ſchuͤtzte ſeiner Obern ſtrenge Befehle vor, verhieß jedoch, das Geſuch weiter an den Mei⸗ ſter zu bringen und da es Abend war, ſo lud er die Edlen ein, bei ihm zu Gaſt zu bleiben. Sie folgten der Einladung. Waͤhrend des Mahles aber, da der Vogt die Leiſtung des Pflugkornes abermals zur Sprache brachte, wurden ploͤtzlich im Gemache die Lichter verloͤſcht. Alle ſprangen auf und ſtuͤrzten mit gezuͤckten Schwertern nach dem Orte, wo der Vogt geſeſſen, um ihn zu ermorden. Allein ihn ſchuͤtzte ſein Panzer unter dem Kleide, bis die Burgdiener wieder Licht herbeibrachten. Da der Vogt jeden der Gaͤſte wieder an ſei⸗ nem Platze fand, zeigte er ihnen ſein durchbohrtes Kleid, ſie befragend: welche Strafe derjenige nach ihrem Geſetze ver⸗ diene, welcher in ſolcher Weiſe auf feines Herrn Mord ges ſonnen? Den Feuertod! antworteten ſie Alle. Darauf ent⸗ ließ Walrad die Gaͤſte mit dem Beſcheide, daß ſie nach we⸗ nigen Tagen wieder kommen und Antwort wegen Leiſtung des Pflugkorns von ihm empfangen moͤchten. Sie kamen und der Vogt lud ſie abermals zu einem Mahle; ploͤtzlich aber ließ er die Thuͤren verrammeln, die Burg in Flammen ſetzen und ſaͤmmtliche Edlen verbrennen, ſie beſchuldigend, daß ſie eine Verſchwoͤrung wider ſein Leben angeſtiftet. Er ſelbſt verließ eiligſt das Land, um bei dem Hochmeiſter ſich einer Buße wegen feiner That zu unterwerfen). 1281 nach. Vorzüglich hatte die Familie auch Güter in der Gegend von Minden; der Wohnſitz war Brock, der jetzige Bruchhof bei Stadt⸗ hagen, unfern von Minden, damals Mirabelsbrock genannt. 1) So geben die Erzählung Dusburg c. 83, nach ihm Jeroſchin c. 83, Lucas David B. IV. S. 36-38; Schütz p. 28 liefert fie im Einzelnen noch etwas vollſtaͤndiger. Die Edlen regen z. B. abſicht⸗ lich unter ſich ſelbſt Zank und Streit an; es kommt dadurch alles in Aufruhr und in ihrer Vertheidigung gegen den Vogt erklaͤren ſie nach⸗ *

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Aufſtand der Preuſſen zur Befreiung. 191 Kaum war die Nachricht dieſer ſchrecklichen That in den Landſchaften bekannt, als Allen die laͤngſt erſehnte Stunde der Befreiung gekommen ſchien. Nur Ein Gedanke ging durch alle Lande: der Gedanke des Aufruhrs und der Erloͤ⸗ ſung vom aufgebuͤrdeten Joche. Nie war die Hoffnung zur alten Freiheit größer, wie die Sehnſucht nach dem alten Le⸗ ben der Voͤlker in Aller Bruſt lebendiger, nie die Zeit guͤn⸗ ſtiger, die alten Tage wiederum herbeizurufen mit ihrer Frei⸗ heit, mit ihren Göttern, mit ihrer Freude und ihrem Gluͤcke für dießeits und jenſeits. Kreuzheere waren nicht im Lande; des Ordens eigene Kriegsmacht und ſeine Kriegswerkzeuge und Waffen hatten die Litthauer im Kampfe an der Durbe vernichtet, zum wenigſten bedeutend veringert; die Zahl der Ordensritter war theils in dieſer Schlacht, theils in früheren Kaͤmpfen, zum Theil ſelbſt durch heimliche Ermordung ſehr vermindert !). Auch der alte reiſige Ordensmarſchall, der fo manchen Unzufriedenen in Zaum und Zuͤgel gehalten, war nicht mehr ?). Aus den Nachbarlanden war keine Theil⸗ her, die Lichter ſeyen verloͤſcht worden, um dem wilden Gezaͤnk und Toben unter ſich ſelbſt ein Ende zu machen; ſie leugnen eine abſichtliche Verſchwoͤrung, geſtehen jedoch, daß unter ihnen ein Boͤſewicht ſeyn muͤſſe, der es auf den Vogt abgeſehen habe. Nach Henneberger p. 252 waren es 50 Preuſſ. Edle, welche verbrannt wurden; ebenſo nach Leo p. 98. Tidemanns Chron. Mſcr. S. 55. Simon Grunau Tr. VIII. c. 7. § 1 nennt den Vogt Wallenrot Wunderlich und feine Burg Luͤnenburg. Die Histoire de l’Ord. Teut. T. II. p. 30 erzählt die Begebenheit meiſt nach Schütz, bei welchem der Vogt überhaupt in beſſern Ehren ſteht; denn er weiß ſchon vorher, daß eine Verſchwoͤrung unter den Landesedlen wider ihn im Werke iſt, „welchs er aber anfeng⸗ lich nicht wohl glauben kundte, dieweil er inen gar nicht hart geſiel, ſondern viel zu gute hielte, was andere nicht gethan hatten und ſonſten fein Regiment ſanfftmuͤtig und linde fuͤhrete, deſſen er unter den Preuſ⸗ fen fur allen andern Ereutzherren bey jedermenniglich beſonders Lob und guten Namen hatte.“ Die Ordenschron. erzählt nichts von dieſem Er⸗ eigniſſe. 1) Dusburg c. 84. 2) Daß auch dieſer Umftand bedeutend auf die Stimmung des Bol: kes wirkte, beruͤhrt Alnpeck S. 72.

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192 Aufſtand der Preuffen zur Befreiung. nahme am Kampfe und keine ſonderliche Beihuͤlfe für den Orden zu befuͤrchten. Pommerns Herzoge hatten ſich ſeit Jahren kaum noch um die Sache des Ordens bekuͤmmert. Polen war noch fort und fort vom Volke der Tartaren be⸗ droht und das Buͤndniß der Ordensherren mit Herzog Se⸗ movit von Maſovien konnte nicht ſonderlich gefaͤhrlich ſchei⸗ nen. In Livland ſtand der Orden in der naͤmlichen Be⸗ draͤngniß, wie in Preuſſen. Die Kurlaͤnder verknuͤpfte glei⸗ cher Druck und gleiches Ungluͤck zu Verbündeten; fie hatten an der Durbe ihre Geſinnung gegen den Orden kundgethan und bereits auch neue Heerhaufen von Litthauern zur Huͤlfe gegen die Ordensherren in ihr Land gerufen ). Selbſt auf den Koͤnig Mindowe, der ſich ja ebenfalls wieder zu den al⸗ ten Goͤttern gewandt, durfte man in Preuſſen nicht ohne Vertrauen hinſehen; des Ordens Feind war er, der Preuſſen Freund, und dieſes gerade jetzt noch um ſo mehr, da die Kivländifchen Ritter feinen Neffen Towtiwil bei der Erobe⸗ rung von Ploczk, wo dieſer als unabhaͤngiger Fuͤrſt auftrat, huͤlfreich unterſtuͤtzt hatten ?). Hatte er doch wahrſcheinlich auf ſeinem Kriegszuge nach Samland die erſte Flamme des Aufruhrs unter den Preuſſen mit entzündet ). So ſchien alles zu dem Plane der Befreiung geeignet und bereit. Das Wichtigſte aber war, daß Maͤnner aus dem Volke hervortraten, die mit Muth und Geiſt die Kraft der Einzelnen zuſammenfaßten, an welchen die Wuͤnſche und Beſtrebungen Aller ſich vereinigend feſten Halt und ſichere Richtung gewannen, in denen die Landſchaften ihre Führer und Retter fanden, an deren Ruhm und Namen ſich alles 1) Alnpeck S. 72 — 73. 2) Karamſin B. IV. S. 74. 3) Kojalowiez p. 103 ſagt wenigſtens fehr beſtimmt: Ne tamen recuperata per eam expeditionem Samogitia et Curonia vastata Sam- bia, frustra Prussiam tentasse Mendogus videretur, per universam provinciam popularium animos ad defectionem solicitavit; submissis- que auxiliis Samogiticis conflavit post aliquot annos intra Prussiam bellum. In der Zeitangabe iſt dieſes freilich nicht richtig.

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Aufſtand der Preuffen zur Befreiung. 193 knuͤpfte, welche die Leiter und Lenker der Kraͤfte waren, durch welche die Befreiung gewagt und gewonnen werden ſollte. Es waren zum Theil jene Preuſſiſchen Juͤnglinge, welche die Ordensritter auf Deutſchen Schulen hatten ausbilden und unterrichten laſſen, jetzt zu kraͤftigen Männern herangewach⸗ ſen, vertraut mit Deutſchen Sitten, mit Deutſchem Waffen⸗ gebrauche und mit der Kriegsart der Ritter, dabei aber noch tief erfüllt von Liebe zu ihrem Volke, begeiſtert von dem Ge⸗ danken ſeiner Befreiung, unverdorben in ihrer Geſinnung fuͤr das Vaterland, voll Feuereifer fuͤr das große Werk, das ſie begannen und feſten Entſchluſſes, an ſeine Vollendung Gut und Blut zu ſetzen. Aus fünf Landſchaften traten zunächft ſolche Maͤnner auf: Glande war der aus Samland, dem Geſchlechte der Withinge entſproſſen, aus dem Gebiete von Rinau, wo er in der Taufe den Namen Richard erhalten ). Aus Natangen war der tapfere Monte, in der Taufe Hein⸗ rich genannt?). Aus Warmien erſchien der in allem feſt ent⸗ 1) Der Name Glande kommt unter den alten Samlaͤndiſchen Per⸗ ſonen⸗Namen ziemlich häufig vor, beſonders in der Gegend von War⸗ gen; im Withins⸗Privilegium, ſ. meine Geſchichte der Eidechſen⸗Ge⸗ ſellſch. S. 214, erſcheint er einigemal. Es laͤßt fi) aus den Verſchrei⸗ bungen abnehmen, daß die Glande immer aus edlem, vornehmen Ge⸗ ſchlechte waren. Noch im J. 1298 finden wir einen Glande, den Sohn Sambils, im Beſitze des Feldes Sirgite in Samland; dieß war der Withing Glande. Auch in Ermland kommt der Name zuweilen vor; z. B. in einer Verſchreibung vom J. 1326. 2) Monte iſt theils ein Samlaͤndiſcher, theils ein Ermländiſcher Name, dem man oͤfter in Verſchreibungen begegnet. Der Name Hen⸗ drik Momen, wie ihn die Ordenschron. bei Matthaeus p. 737, oder Montnigo, wie ihn Lucas David B. IV. S. 40 hat, iſt daher eben ſo falſch, als nicht abzuſehen iſt, warum dieſer Chroniſt ihn auch Hein⸗ rich von Monte ſchreibt. Jene Verſtuͤmmelung ruͤhrt wieder von Si⸗ mon Grunau Tr. VIII. C. 7. $ 2 her. Eben fo unrichtig iſt die Schreibart Hercus Monte, wie fie Baczko B. I. S. 310 und Kotze⸗ bue B. II. S. 15 haben. Hercus iſt offenbar nur eine Abbreviatur von Heinricus. Als ein heidniſcher Name kann Hercus auch ſchon des⸗ halb ſchwerlich gelten, weil es eins der außerſt ſeltenen Beiſpiele ſeyn würde, daß ein Stammpreuſſe zwei heidniſche Namen gehabt hätte. In III. 13

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104 Aufſtand der Preuſſen zur Befreiung. ſchloſſene Edle Glappo. Aus dem Barterlande trat der kuͤhne Divane, genannt Clekine, hervor ) und für Pogeſanien ſtand der edle Auctumo auf ). Alle noch Söhne der einſtigen freien Tage und aus dem Blute freier Vaͤter entſproſſen, zielte auch alles, was ſie ſannen und dachten, nur allein auf Rettung und Freiheit. Das Ungluͤck des Vaterlandes hatte fie erweckt; der Jammer ihres Volkes hatte fie zu Freunden vereint; die Schmach der Ihrigen rief ſie zur Rache auf und in einer geheimen Zuſammenkunft hatten fie den Plan be: ſchworen, als Befreier ihres Vaterlandes an ihres Volkes Spitze zu treten. Und die Landſchaften nahmen ſie mit Freu⸗ den zu Fuͤhrern ihrer Kriegsſchaaren und waͤhlten ſie zu Haͤup⸗ tern ihrer Streitheere. Der Tag der Befreiung war unter ihnen feſtgeſetzt. Jeder wirkte insgeheim in ſeiner eigenen Landſchaft; alles ward im Stillen vorbereitet. Kein Ordens⸗ ritter ahnete die Naͤhe einer ſo ſchreckenvollen Gefahr. einer Verſchreibung aus der Zeit Dieterichs von Altenburg iſt der Name Henrich Muriche geſchrieben und es wird dabei erwähnt, daß dieſer Henrich Muriche das eigentliche Haupt der Verſchwörung geweſen ſey. Spaͤter iſt ein Stammpreuſſe Monte im Beſitze von Guͤtern bei Kaimen. 1) So nennt ihn Dusburg c. 138. Clekine war offenbar ein Beiname, wie ſchon aus Dusburgs Worten: Divanus dictus Clekine hervorgeht. Nach Jeroſchin c. 138, wo es heißt: Dywan der Bartin Hauptmann Dem ein Zuname klebte an Daß man yn hiß Klekine Nach dem Vater ſyne wurde er dieſen Beinamen von feinem Vater haben, und dieß iſt auch das Wahrſcheinlichſte; wenigſtens entgeht uns die Beziehung, wenn wir ihn mit Praͤtorius in ſ. Schaubuͤhne vom Litthauiſchen Worte kly- kahns oder kleegt d. h. Schreier oder ſchreien ableiten wollten. Der Name Dywane oder Dywan kommt als Preuſſ. Perſonal-⸗Name öfter vor, beſonders in den Zinsbuͤchern; wir finden ihn noch zu Ende des 14. Jahrhund. S. Samland. alte Handfeſt. p. 190. 307. 2) Auctumo iſt ohne Zweifel der richtige Name; ſo hat ihn auch Jeroſchin und die Handſchr. Dusburgs. Lucas Davids Name Auctunus iſt eben fo unrichtig als Autinnen bei Schütz. Simon Grunau hat ſogar Arctonio.

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Aufſtand der Preuſſen zur Befreiung. 195 Es war am zwanzigſten September des Jahres 1261, am Abend vor S. Matthaͤus-Tag, als ploͤtzlich in allen Land⸗ ſchaften die Zeichen des Aufſtandes ertoͤnten und die Kriegs⸗ haufen der Lande überall zufammenftrömten, an ihrer Spitze jene erwaͤhlten Feldherren und Befreier. Von Samlands See⸗ geſtade bis an die Graͤnze Pomeſaniens ging an demſelbigen Tage Eine Vernichtung und Verwuͤſtung, denn alles, was auf den chriſtlichen Glauben deutete, wurde zertreten, enthei⸗ ligt und zerſtoͤrt; Kirchen und Kapellen wurden niedergeſtuͤrzt oder verbrannt, die heiligen Geraͤthe geraubt, die Prieſter aufs grauſamſte ermordet. Alle Landbewohner, Chriſten und Deutſche, die nicht eiligſt Rettung in einer nahen Ordens⸗ burg finden konnten, wurden theils jammervoll erwuͤrgt und erſchlagen, theils in Sklaverei himweggefuͤhrt!). Es war nur die Wahl zwiſchen Tod und Gefangenſchaft. In Samland ergriff man einen Ordensprieſter, der zur Taufe dahin ge⸗ ſandt war, quetſchte ſeinen Hals zwiſchen zwei Brettern und erwürgte ihn alſo, ſpottend: ein ſolcher Tod gezieme heiligen Maͤnnern, deren Blut man nicht zu vergießen wage 2). Und ſolche Grauſamkeiten wurden vielfach uͤberall veruͤbt, denn je laͤnger die Erbitterung des Volkes verhalten war und je tie⸗ fer der Grimm und Groll ſich in die Seele eingefreſſen, deſto ſchrecklicher war jetzt fein Ausbruch, zumal wenn Ordensbrüͤ⸗ der das fuͤrchterliche Schickſal hatten, den wuͤthenden Volks⸗ haufen in die Haͤnde zu fallen. Allenthalben wurden die Or⸗ densburgen umlagert und kein Ordensritter durfte es wagen, die Mauern zu verlaffen. Außer den größeren Kriegshaufen aber, die ſich vor die Burgen legten, ſammelten ſich bald in allen Landſchaften auch noch kleinere Raubhorden, an deren Spitze ſich einzelne Preuſſiſche Edlen ſtellten. So ruͤckten zwei folcher Hordenführer, die Edlen Stumo und Stutze, auch vor die Burg Balga, um Vieh und Roſſe zu rauben. Aber 1) Dusburg c. 132. 2) Dusburg c. 85. Lucas David B. IV. S. 40. Schütz p. 29. Kojalowiez p. 103. 13 *

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196 Aufſtand der Preuffen zur Befreiung. die Ordensritter brachen plöglich aus der Feſte; es kam zum handgemeinen Kampf, in welchem die beiden Edlen erſchla⸗ gen wurden; doch bezahlten die Ritter, im Verfolgen des Feindes von einem verſteckten Haufen uͤberfallen, jenen Sieg mit dem Leben von drei ihrer Bruͤder und vierzig ihrer Kriegs⸗ leute ). Der Gewinn Balga's war vor allem das Ziel der Ermlaͤnder und Natanger; faſt taͤglich erſchienen neue Heer⸗ haufen unter den Mauern der Burg; aber immer warf ſie die ritterliche Tapferkeit der Beſatzung wieder zuruck. Der edle Preuſſe Pobrave, einſt ebenfalls mit einem ſtarken Heer⸗ haufen vor der Burg erſcheinend, um eine Viehheerde der Or⸗ densritter in der Naͤhe des Hauſes aufzuheben, ward von dem kuͤhnen Ritter Gerhard von Rhein uͤberfallen und buͤßte die verwegene That mit dem Tode ). So dauerte der Kampf mehrere Wochen hindurch; doch nicht uͤberall bewieſen die Ordensritter ſolche Tapferkeit im Streite und ſolches Ausharren in ihrer Noth. Zwei Ritter⸗ bruͤder aus dem Convente zu Elbing ließen ſich ſogar in ver⸗ raͤtheriſche Verbindung mit den Preuſſen ein, ritten insge⸗ heim in deren Heerlager und wollten dem Feinde die Burg uͤberliefern. Der verbrecheriſche Plan indeß ward noch zeitig genug entdeckt und der ſtrenge Meiſter Hartmud von Grum⸗ 1) Dusburg c. 133. 2) Dusburg c. 134. Lucas David B. IV. S. 42 — 43. Der erwähnte Ordensritter, ſpaͤterhin im Convent zu Marienburg (f. Privis legium von Marienburg vom J. 1276, wo er frater Gerardus Renen- sis genannt iſt) heißt in der Chronik Gerhardus de Reno; wahrſchein⸗ lich aus dem Orte Renen bei Utrecht gebuͤrtig, vielleicht ein Bruder oder Verwandter jenes Hugo von Renen oder Rhein (Hugo de Reno), der im J. 1263 alle ſeine Beſitzungen dem Orden ſchenkte und im J. 1267 in den Orden ſelbſt eintrat; ſ. die Urkunden hierüber in Lünig Continuat. Spicileg. eccles. p. 363, wo wir einer parochia de Renen und eines presbiter in Reno erwähnt finden. Ob die Familie von und zu Rhein ſo weit hinaufreicht, iſt ungewiß. Ein Albrecht von Reen war fpäter Cleriker zu Minden und kaiſerlicher Notar. Wir finden im 14. Jahrhundert auch eine Familie von Rein in Franken, ſ. Falken⸗ ſteins Urkunden das Burggrafth. Nürnberg betreff. Nr. 132. p. 125.

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Aufftand der Preuſſen zur Befreiung. 197 bach erkannte auf das ſchwere Verbrechen den Feuertod. So wurden beide Ritter zum Schrecken der andern zu Elbing öffentlich verbrannt). Da aber die Nachricht von dieſer That an den Papſt gelangte, ward er ſo erzuͤrnt uͤber dieſe Verletzung des Ordensgeſetzes, nach welchem kein Ordens⸗ bruder den andern mit dem Leben beſtrafen durfte, daß er den Hochmeiſter erſuchte, den Landmeiſter des Amtes zu ent⸗ ſetzen und ihn nebſt allen, die ihm bei der That zu Rath geſtanden, mit der Jahrbuße zu beſtrafen 2). So geſchah es auch. Der Hochmeiſter entließ Hartmud von Grumbach noch im Spaͤtherbſte des Jahres 1261 ſeiner Wuͤrde und uͤbertrug des Landes einſtweilige Verwaltung dem Komthur von Koͤ⸗ nigsberg, der ſeit dem Tode Heinrich Botels auch ſchon das Amt des Ordensmarſchalls übernommen hatte ). Mittlerweile hatte ſich die Nachricht von dem ſchrecken⸗ vollen Ungluͤck, welches den Orden in Livland und Preuſſen 1) Duos fratres Ordinis sui, qui conspirationem fecerant cum Pruthenis in Apostasia — iussit in Elbingo comburi in conspectu multitudinis populi circumstantis, fagt Dusburg c. 79. Auch die Or⸗ denschron. S. 48 und bei Matthaeus p. 735 erzählt die Sache, hin⸗ zufügend: der Landmeiſter habe die beiden Ritter nicht in Poͤnitenz neh⸗ men wollen. Schütz p. 30 ſagt nur im Allgemeinen, Hartmud ſey ſei⸗ ner Tyrannei halben entſetzt worden; p. 28 führt er indeſſen auch die⸗ ſes Ereigniß an und bemerkt, daß einige auch drei, andere ſogar ſieben Ordensbruͤder als beſtrafte Verbrecher nennten, die mit den Samlaͤndern heimliche Unterredung gehabt. Lucas David B. IV. S. 54. Hoch⸗ meiſter⸗Chron. S. 99 Mſcr. im geh. Arch. 2) Bei Dusburg c. 79 muß es heißen: puniri poenitentia annali. S. Ordens⸗ Statut. v. Hennig S. 97. Der Landmeiſter durfte offen: bar nur nach dem Geſetze in d. Ordens⸗ Statut. c. 45. S. 109 beſtra⸗ fen. Ordenschron. bei Matthaes p. 735. 3) Die Amtsentſetzung muß ſchon vor dem 16. Octob. 1261 erfolgt ſeyn, denn wir haben im Fol. Hubenzahl und Handfeſt. von Samland p. 66 eine Urkunde von dieſem Tage, worin es heißt: Nos frater Theo. doricus Commendator in Konigsberg ex parte fratris H. l terre Pruscie, qui nobis vices suas delegavit etc. oder wenn die foͤrm⸗ liche Entſetzung auch noch nicht erfolgt war, fo hatte Hartmud doch die Verwaltung um dieſe Zeit ſchon abgetreten.

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198 Des Papftes Bemühen zur Hülfe des Ordens. getroffen, auch durch Deutſchland verbreitet und bei Fürften und Edlen Theilnahme und Mitleid erregt. Der Hochmei- ſter Anno von Sangerhauſen wandte allen Eifer auf, den bedraͤngten Brüdern fo ſchnell als möglich Hülfe zuzuſenden und bereits ſammelten ſich ſchon im Herbſt des Jahres 1261 auch hie und da bedeutende Heerhaufen. Auch der Papſt blieb nicht unthaͤtig. Allein es war nicht mehr Alexander der Vierte, der mit unwandelbarer, immer ſteigender Liebe und mit dem feuerigſten Eifer bis an ſeinen Tod fuͤr den Orden gewirkt hatte; ſondern es ſaß um dieſe Zeit ſchon als ſein Nachfolger Urban der Vierte auf dem paͤpſtlichen Stuhle. Und in der That fuͤr die Sache des Ordens in Preuſſen haͤtte die lange zwiſtige Papſtwahl wohl ſchwerlich guͤnſtiger aus⸗ fallen koͤnnen; denn in Urban kam jetzt der Mann in den Beſitz der paͤpſtlichen Tiare, welcher im Jahre 1249 unter dem Namen Jacob Pantaleon als paͤpſtlicher Legat den Frie⸗ den zwiſchen den Preuſſen und dem Orden vermittelt. Schon darum erregten bei ihm die Verhaͤltniſſe des Ordens beſon⸗ ders in Preuſſen die lebendigſte Theilnahme und bereits ſchon in den erſten Monaten ſeines Pontificats gab er dem Meiſter Anno von Sangerhauſen manchen Beweis ſeiner beſondern Zuneigung und feines Wohlwollens ). Sein ganzer Eifer aber ward entflammt und das Andenken ſeiner einſtigen Wirk⸗ 1) unter andern erließ er ſchon am 26. Nov. 1261 an den Hoch⸗ meiſter Anno von Sangerhauſen eine Bulle, nach welcher allen denen, welche nach Anhörung der hohen Meſſe in ihren Pfarrkirchen die Kir⸗ chen des Ordens an den Feſttagen Weihnachten, Himmelfahrt, Pfing⸗ ſten, Himmelfahrt und Reinigung Maria, Allerheiligen und am Grü: nen⸗Donnerſtage beſuchen wuͤrden, Erlaß von 40 Tagen der ihnen auf: erlegten Poͤnitenz ertheilt, doch dieſe Gnadenverleihung nur auf die Zeit dieſes Hochmeiſters ausgedehnt wird. Die Bulle, im Original im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 1 iſt auch inſofern noch wichtig, als ſie gegen die Annahme der meiften Geſchichtſchreiber beſtimmt beweiſet, daß Anno von Sangerhauſen um dieſe Zeit ſchon im hochmeiſterlichen Amte war, denn ſein Name wird in der Bulle ausdruͤcklich genannt. Vgl. Hen⸗ nig zu Lucas David B. IV. S. 24. 87. Dadurch iſt Bacz ko B. J. S. 321 widerlegt.

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Des Papſtes Bemühen zur Hülfe des Ordens. 199 ſamkeit im Norden erwachte aufs lebendigſte in ſeiner Seele, als ihm die Nachricht von dem Ungluͤck zukam, welches den Orden ſo ſchwer getroffen. Schon da er den Verluſt und die Niederlage der Ordensritter an der Durbe vernahm, forderte er zur ſchnellen Abwendung der drohenden Gefahren die hohe Geiſtlichkeit in ganz Deutſchland zur Erneuerung der Kreuz⸗ predigt fuͤr Preuſſen, Livland und Kurland mit allem Eifer auf. „Nicht ohne Thraͤnen“, ſchrieb er, „haben wir gehoͤrt, wie für des Glaubens Sache, die bisher in jenen Landen unter ſo unendlichen Muͤhen und Bedraͤngniſſen gefoͤrdert worden, jungſt faft tauſend der Ordensbruͤder durch die grau⸗ ſame Hand der Unglaͤubigen erſchlagen worden ſind. Es iſt kein Zweifel, daß das begonnene Werk wieder untergehen muß, wenn nicht eiligſt eine große Schaar neuer Pilgrime zu des Ordens Huͤlfe dahin ziehet. Darum betreibet die Verkündigung des Kreuzes mit allem Eifer, der euch inwoh⸗ net, um Gottes Ehren)!“ Hierauf ertheilte der Papſt auch dem Biſchofe Anſelm von Ermland 2), den er zu ſeinem Legaten in Preuſſen er⸗ nannt hatte), den Auftrag, die Kreuzfahrer, welche zur Bes kaͤmpfung der Tartaren in Preuſſens Nachbarlanden bereits angelangt waren, durch jegliches Mittel zur Beihuͤlfe des Or⸗ dens zu bewegen, da die Gefahr in Preuſſen gegen die Hei⸗ den jetzt ungleich dringender ſey, als gegen das Volk der Tartaren. Als aber bald nachher auch die trauervolle Nach: richt vom Abfalle der Preuſſen vom Glauben und von ihrem Aufſtande gegen den Orden an den Papſt gelangte und es nun faſt gewiß wurde, daß das Werk der Kirche in jenen 1) Die Bulle im kleinen Privilegienb. p. 101 iſt datirt: Viterb. Idus Decemb. p. u. an. I (13 Decemb. 1261) „Fere Mille ex fratri- bus ipsius ordinis, prout accepimus, per manus infidelium crudelis- sime sunt occisi.“ Alſo nach mündlichen Nachrichten. 2) Original der Bulle, datirt: Viterb. III Non. Januar. P. n. an. I (13 Jan. 1262) im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 3. 3) Als ſolchen bezeichnet ihn nicht nur Lucas David B. IV. S. 50, ſondern die eben erwähnte Bulle auch ſelbſt.

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200 Des Papſtes Bemühen zur Huͤlfe des Ordens. nordiſchen Landen wieder gaͤnzlich zerworfen und vernichtet werden muͤſſe, wenn nicht ſchleunigſt Beiſtand komme, erließ er an die Vorſteher des Prediger⸗Ordens in Deutſchland, Dänemark, Polen und Böhmen ein Wort der Ermahnung und Ermunterung und Verkuͤndigung des Kreuzes, wie es mit ſolcher ergreifenden Waͤrme und mit ſo gluͤhendem Ei⸗ fer faſt noch nie vom Roͤmiſchen Stuhle aus fuͤr die Sache des Ordens geſprochen worden war. „Schon laͤngſt haben die Bruͤder, der Meiſter und die Gebietiger geſeufzet, daß fuͤr das Werk des Glaubens in Preuſſen, Livland und Kur⸗ land ſo viele der Ihrigen durch die Hand der Unglaͤubigen aufs grauſamſte ermordet und erſchlagen worden ſind. Jetzt aber haͤufen ſie Seufzer auf Seufzer, ſeitdem die ganze Maſſe der Unglaͤubigen, die jene Gegenden bewohnen, in ſo ver⸗ dammungswuͤrdiger Weiſe in den alten Irrglauben zuruͤckge⸗ fallen ſind und die noch uͤbrig gebliebenen Ordensbruͤder von den Heiden und den abtruͤnnigen Neubekehrten in ihren Bur⸗ gen hart belagert und aller Huͤlfe entbloͤßt den jammervoll⸗ ſten Tod unfehlbar erwarten muͤſſen, wenn nicht ſchnell ih⸗ nen ſiegreicher Beiſtand geleiſtet wird. Uns hat der Jam⸗ mer der Bruͤder aufs tiefſte erſchuͤttert und welche ſchreckli⸗ chere Kunde konnte uns zukommen, als daß der Glaube in einem Lande wieder untergehe, in welchem wir einſt ſelbſt als paͤpſtlicher Legat Zeuge waren, unter welchen unaus⸗ ſprechlichen Muͤhſalen und Bedraͤngniſſen jene Ordensbruͤder maͤnnlich und kraͤftig das Glaubenswerk befoͤrderten! Dar⸗ um gebieten und ermahnen wir euch, ziehet aus und ſendet euere Bruͤder aus, die in Boͤhmen, Daͤnemark, Schweden und Norwegen, in Friesland, Polen, Pommern und Goth⸗ land, und andere, welche in den Gebieten von Magdeburg, Bremen, Mainz, Coͤln und Salzburg und in allen Staͤdten und Kirchſprengeln die Chriſtglaͤubigen dieſer Lande durch das Wort des Kreuzes und durch Erinnerung an die Liebe des Heilandes in dem Werke der Erloͤſung aufrufen und er: muntern, daß ſie das Schwert umguͤrten im Eifer fuͤr die Verherrlichung deſſen, der uns am Kreuze geliebt und erloͤ⸗

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Des Papftes Bemühen zur Hülfe des Ordens. 201 ſet, und zur Errettung der Brüder aus der Hand der Hei⸗ den.“ — Dann verhieß der Papſt ſolchen, die das Kreuz empfangen würden für die heilige Sache oder auch ſolchen, welche den Orden in ſeinem Werke nur irgend unterſtützen möchten, alle Gnadengaben, die nur je vom paͤpſtlichen Stuhle aus für die Vertheidigung und Rettung der Kirche waren verliehen worden !). So ſprach der Papſt und er ſprach nicht ohne Wirkung, denn die Zahl derer, welche beſonders in Deutſchland zu des Ordens Hülfe das Kreuz empfingen, wurde immer bedeuten⸗ der. Bevor indeſſen die Huͤlfe ankam, war das Loos der Ordensritter in Preuſſen in aller Weiſe ſchrecklich und ver⸗ zweifelungsvoll. Faſt immer nur auf die naͤchſten Umgebun⸗ gen ihrer Burgen beſchraͤnkt, in dieſen nicht einmal auf lange Zeit mit den noͤthigen Lebensmitteln verſehen und ganz au⸗ ßer Stande, dem Feinde mit Macht entgegentreten zu koͤn⸗ nen, ging ihr einziges Streben vorerſt vorzuͤglich nur dar⸗ auf hin, ſich der Treue und Ergebenheit der Neubekehrten zu verſichern, welche Zuflucht und Rettung in ihren Burgen geſucht hatten. Und man gewann ſie vor allem dadurch, daß man ſolchen, welche fruͤher vom Orden noch keine beſondern Belohnungen erhalten hatten, neue Beſitzungen ertheilte und 1) Dieſe merkwuͤrdige Bulle iſt datirt: Viterb, VIII Calend. Maij P. n. an. I (24 April 1262) und ſteht im kleinen Privilegienbuche p. 165 — 166; auch im großen Privilegienb. p. 80 — 81, hier aber mit dem abweichenden Datum: Apud Urbem veterem II Calend. Novembr. P. n. an. II (31 Octob. 1262). Sie ift zugleich in Verbindung mit jener Bulle vom 13. Decemb. 1261 ein neuer Beweis für die Annahme, daß die Schlacht an der Durbe und der Abfall der Preuſſen nicht in das J. 1260 und noch viel weniger in das J. 1263 fallen kann, denn der Papſt ſagt hier ausdrücklich: Plurimi ex jam dictis fratribus Lyvonie, Curonie ac Pruscie de novo ab eisdem infidelibus erudelissime sunt oceisi, multitudine neophitorum , que in illis partibus habebatur, dampnabiliter in errorem pristinum relabante, unde fit, quod residui ex fratribus taliter interfectis obsessi durissime ab infidelibus ac neophitis memoratis et alias omni destituti presidio mortis periculum habent sine intermissione pre oculis, nisi eis triumphale cito subsi- dium procuret apostolice providentia pietatis.

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202 Beguͤnſtigung treuer Preuſſen. denen, die vormals ſolche ſchon empfangen, neue Freiheiten, Erleichterungen und Vorrechte zuwies. So erhielt der ge⸗ treue Samlaͤnder Berisco, der ſich auf das Haus Koͤnigs⸗ berg geflüchtet und dort den Ordensbruͤdern manchen Beweis ſeiner treuen Zuneigung gegeben, vom Komthur Dieterich zu feinem früheren Beſitzthum noch fünf Familien im Dorfe Su: negoge auf Erbrecht. Um gleicher Verdienſte willen erfreute derſelbe Komthur die beiden Bruͤder Romike und Gilbirs mit einer Schenkung von zehn Familien im Dorfe Gierſteins 1). Der getreue Schardimo erhielt fuͤr ſeine im Tumulte des Ab⸗ falles bewieſene Anhaͤnglichkeit zwanzig Familien im Dorfe Preweren im Gebiete von Wargen und Greibau; und ſo be⸗ lohnte man auch den treu gebliebenen Geduke und manche andere 2). Wargule aber, der gleichgeſinnte Sohn jenes ed: len Sclode von Quedenau, der ſich mit den Seinen fuͤr den Orden im Kampfe an der Durbe geopfert, ward wegen der Treue, die wie ſein Vater ſo auch er beſtaͤndig gegen den Orden bewieſen und wegen ſeiner zur Zeit des Abfalles den Rittern geleiſteten Dienſte mit der hohen und niedern Ges richtsbarkeit über fuͤnfundzwanzig Familien in verſchiedenen Gegenden Samlands erfreut. Der Beſitz ward ihm und ſei⸗ nen Erben fuͤr alle Zeiten zugeſichert und zugleich auch das Recht ertheilt, die Guͤter ſeinem Belieben gemaͤß veraͤußern zu koͤnnen ). Und je größer die Verdienſte und die Opfer fir des Ordens Wohl, deſto ausgezeichneter waren ſtets auch die vergeltenden Belohnungen. Wenige aber hatten ſich in 1) Weſtlich von Rudau am Kranzeſchen Forſte. 2) Die Urkunden hieruͤber findet man im Fol. Hanbfeft. der Freien in Samland p. 14. 163. 171. 221 und im Fol. Hubenzahl und Hand⸗ feſt. in Samland p. 66. In allen heißt es: die Verleihungen ſeyen ge: ſchehen propter servitia in apostasia terrarum domui nostre fide con- stanti exhibita. Die meiſten dieſer Verleihungen ertheilte der Komthur Dieterich von Koͤnigsberg, wie er fagt, ex parte Hartmudi magistri Prussie, qui nobis vices suas delegavit. 3) Fol. alte Handfeſt. der Vogtei Fiſchhauſen; auch gedruckt bei Kreuzfeld vom Adel der alten Preuſſ. S. 38, hier aber aͤußerſt feh⸗ lerhaft. Schubert de Gubernat. Pruss. p. 61.

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Beguͤnſtigung treuer Preuſſen. 203 Liebe und Ergebenheit gegen die Ritter mehr hervorgethan, als der edle Gedune, deſſen Beſitz um Medenau lag. Des⸗ halb befreite ihn der Orden nicht bloß von aller Zehntenlie⸗ ferung und allen ſonſtigen Dienſtleiſtungen, den Waffendienſt zur Landwehr ausgenommen, ſondern er ſetzte auf ſeine Er⸗ mordung die Todesſtrafe oder nach Gutbefinden der Schieds⸗ richter ein angemeſſenes Wehrgeld und verbürgte ſich dafür, daß ihm jeder irgendwo erlittene Schade immer aufs voll⸗ kommenſte verguͤtet werden ſolle. Sein Beſitzthum erhielt er für alle feine Erben völlig frei und es ward ihm außerdem verheißen, daß ſobald er ſeinen Wohnſitz mit einem beſſer gelegenen vertauſchen wolle, der Orden ihm hiebei ſtets will⸗ fahren wolle 1). Mittlerweile war gegen Anfang des Jahres 1262 ein Kreuzheer in Preuſſen angekommen, an ſeiner Spitze der neue Landmeiſter Helmerich von Rechenberg, aus Franken gebuͤrtig, und mit ihm auch eine anſehnliche Zahl neuer Or⸗ densbruͤder?). Unter den Kreuzfahrern glaͤnzten mehre edle 1) Dieſe urkunde ſtellt der Komthur von Balga Berthold aus; ſie ift datirt: Balga Non. May 1261 und wird auch dadurch merkwürdig, daß fie eine der erſten iſt, in welchen des Wehrgeldes Erwähnung ge⸗ ſchieht, denn es heißt: Et si idem prefato per aliquam vim illatam vite cursus fuerit breviatus, is qui necis reus ſuerit collum pro collo, manum pro manu reddere teneatur, tamen suorum arbitri sit per- missum si pro eo decreverint aequam Summam pecunie acceptare. 2) Fruͤher kann Helmerich von Rechenberg (welches fein richtiger Name, indem Reichenberg oder Reichenbach nur verdorben iſt) ſein Amt nicht fuͤglich angetreten haben, da vom 21. und 24. Decemb. 1261 noch Urkunden vorhanden find, welche der Komthur Dieterich von Koͤnigs⸗ berg als Stellvertreter des Landmeiſters ausſtellt; vgl. Samland. Hand: feſt. p. 221 und Handfeſt. der Freien in Samland p. 14. Daß das Kreuzheer nicht, wie Dusburg c. 86 angiebt, im J. 1261, ſondern erſt im Anfange des J. 1262 nach Preuſſen kam, ſagt Anonymus Leo- biens. Chron. ap. Pez T. I. p- 826, wo es heißt: Fratres de domo Theutonicorum et alli Christiani congregati sunt contra Prutenos et adjutorio Dei victoriam obtinuerunt; im J. 1262. Kojalowiez p. 103. — Die Familie von Rechenberg kommt um dieſe Zeit in Franken noch häufig vor; ſ. Fal kenſteins Urkunden und Zeugniſſe das Burggraf⸗

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204 Ankunft des Kreuzheers. Ritter, als der von Reyder n), Stenzel von Bentheim aus Weſtphalen und mancher andere. Der Zug des Heeres durch Kulmerland und Pomeſanien geſchah in Ruhe, denn dieſe Landſchaften, meiſt von Deutſchen Einzoͤglingen bewohnt, hatten am Aufſtande keinen Theil genommen. Auch in Po⸗ geſanien und Ermland fand ſich nirgends Widerſtand, denn das Volk war tief in die Waͤlder gefluͤchtet, als es von der Ankunft des Kreuzheeres Nachricht erhalten?). Auch gaben viele das Vaterland lieber auf und fluͤchteten nach Rußland, wohin der Ruhm des edlen Fürften Alexander Newsky lockte '). So zog nun das Kreuzheer mit den Ordensrittern der dortigen Burgen vereinigt unter Raub und Brand in die Landſchaft Natangen ein bis in die Gegend, wo nachmals Brandenburg erbaut ward. Da ſchlug man Lager. Es ward beſchloſſen, den einen Theil des Heeres ins Innere der Land⸗ ſchaft zu Raub und Pluͤnderung auszuſenden, waͤhrend der andere im Lager verbleiben und die Wacht halten ſollte. Da aber die Natanger auskundſchaftet, daß der groͤßere Theil des thum Nürnberg betreff. Nr. 52. p. 62. Scleidii Orig. Guelf. T. III. p. 513. 1) Wir finden dieſer Familie von Reyder in Weſtphalen oͤfter er⸗ wähnt; z. B. eines Antonius de Reidere in Monument. Paderborn. p. 204. Lucas David nennt ihn von Roͤder und Schütz einen Frei⸗ herrn von Reder. Wäre dieſer Name richtig, fo wuͤrde hier an die Fa⸗ milie von Reder, Redern oder Raeder im Schwarzburgiſchen und Go⸗ thaiſchen zu denken ſeyn. Ein Arnold von Reder aus dem Anhaltiſchen kommt im J. 1223 in einer urkunde bei Schultes Director diplom. B. II. S. 575 vor. 2) Lucas David B. IV. S. 43. Die Nachricht, welche dieſer Chroniſt über den Aufbau Rieſenburgs und über die Eroberung Chriſt⸗ burgs durch dieſes Kreuzheer beibringt, iſt aus Simon Grunau Tr. VIII. c. XI. $ 2 genommen und unbezweifelt erdichtet, wie denn uͤberhaupt Simon Grunau's Erzählung hier wieder voll Unrichtigkei⸗ ten iſt. 3) Karamſin B. IV. S. 76 nach Ruſſiſchen Quellen; S. 267 erwaͤhnt er beſonders eines gewiſſen Michael, der aus Preuſſen nach Rußland geflüchtet ſeyn und von welchem die Familien Moroſow, Schein, Tſcheglokow, Scheßtow, Saltykow, Tutſchkow u. a. abſtammen ſollen.

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Die Schlacht bei Pokarwen. 205 Heeres zum Raube ausgezogen war, fo brach plotzlich eine ſtarke Schaar derſelben aus den Waldungen hervor, ſich bei dem Orte Pokarwen nahe am feindlichen Lager dem Kreuz⸗ heere entgegenftellend :). Es kam zur Schlacht. So un gleich aber die Streitkraͤfte beider Heere waren, ſo hielt die maͤnnliche Tapferkeit der Deutſchen Ritter den Kampf doch mehre Stunden aufrecht. Am meiſten glaͤnzte vor allen durch wunderbaren Muth der Ritter Stenzel von Bentheim?) her⸗ vor. Er fuͤrchtete keinen Tod, denn einſt hatte er in eines Biſchofs Predigt gehoͤrt, daß die Seelen der in Preuſſen von den Unglaͤubigen Erſchlagenen unmittelbar und ohne die Laͤu⸗ terung durch das Fegfeuer in den Himmel entfloͤhen. Und auch in dieſem Kampfe von jenem Gedanken ergluͤht ſtuͤrzt er plotzlich, wie einſt Winkelried im Schweizerlande, mit ge: faͤllter Lanze auf ſeinem Streitroſſe in den Feind, durchbricht die feindlichen Reihen und wirft rechts und links alles nie⸗ der, was ihm Widerſtand leiſtet. So im fuͤrchterlichen Streite bis in den Ruͤcken des Feindes gelangt, ſprengt er zum zweitenmal in die feindlichen Haufen zuruͤck, um den Seinen die Bahn zu eroͤffnen zum Durchbrechen der Natan⸗ giſchen Heerſchaar. Doch als er bis in die Mitte des Hee⸗ res vorgedrungen den Boden um ſich her mit Leichen ange⸗ füllt, erliegt der Held von Feinden rings umſtuͤrmt der Er: mattung und den Wunden und ſterbend ſinkt er nieder. Das iſt die Macht des Glaubens und die Gewalt der Idee, wenn ſie den Menſchen begeiſtert. Da durchgluͤhte des edlen Rit⸗ ters Beiſpiel das ganze chriſtliche Heer. Doppelt furchtbar — — — 1) Bei dem jetzigen Pokarben, öſtlich nahe bei Brandenburg. Dus- burg c. 86 nennt den Ort Pocarwiz; der Name iſt aber bei Jero⸗ ſchin c. 86 und in Dusburgs Epitomator richtiger Pocarwin geſchrie⸗ ben; ſ. Lucas David B. IV. S. 44— 48. 2) Dusburg 1. c. nennt ihn Stenkel (richtiger Stenzel) de Bent- heim; Jeroſchin Schenkel von Bintheim; Schütz p. 29 ſogar Schin- ckel von Buchheim. Die Familie kommt in Urkunden des 13. und 14. Jahrhund. in Weſtphalen öfter vor; ſ. z. B. Troß Zeitſchrift Weſt⸗ phalia 1826 Nr. 35. S. 287. Scheid. Orig. Guelf. T. III. p. 509. Teschenmacher Annales Cliviae-Juliae-Montiae etc. p. 455 sei ·

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206 Die Schlacht bei Pokarwen. tobte nun die Schlacht; hier ſtuͤrzten Verwundete, dort fies len Schaaren von Todten nieder. Doch endlich uͤberwog des Feindes ungleich ſtaͤrkere Heermaſſe der Deutſchen Muth und Kriegskunſt, denn auch die Natanger waren durch ihren Häuptling Heinrich Monte mit Deutſcher Waffenuͤbung be kannt geworden. Da erlag auch der tapfere Ritter von Rey⸗ der mit ſeiner Kriegerſchaar und einer anſehnlichen Zahl von Ordensbruͤdern, und als nun kein Widerſtand mehr moͤglich war, ergriff das uͤbrige Heer die Flucht und uͤberließ den Natangern den Triumph des Sieges. Die Schlacht war ſchon beendigt, als jener auf Beute und Pluͤnderung ausge⸗ ſandte Theil des Kreuzheeres zuruͤckkehrte, aber zum Schrek⸗ ken das ganze Lager in Verwirrung und feine Kampfgenof- ſen theils in Flucht und Unordnung zerſtreut, theils auf dem Kampſplatze erſchlagen fand. Bei des Feindes ſiegstrunke⸗ nem Muthe wagten die Fuͤhrer keinen neuen Angriff auf den bei weitem noch ſtaͤrkeren Haufen der Natanger und vertrau⸗ ten ſich gerne getreuen Wegeleitern, um in die Burgen und Staͤdte der weſtlichen Landſchaften zuruͤckzukehren 1). Alsbald zogen auch die Natanger in das Innere ihrer Landſchaft zuruͤck, den Goͤttern ein Freudenopfer zu bringen fuͤr den verliehenen Sieg, denn ſo gebot es Religion und Kriegsgebrauch. Nach alter Volksſitte ward uͤber die Gefan⸗ genen das Loos geworfen und welchen es traf, der war zum Opfer beſtimmt. Es fiel dieſesmal auf einen edlen und rei⸗ chen Burggeſeſſenen von Magdeburg, Hirzhals genannt, ei⸗ nen Wohlthaͤter und Freund des Natangiſchen Kriegshaͤupt⸗ 1) So erzählt Dusburg o. 86 und nach ihm Lucas David B. IV. S. 44 — 46 und fo iſt die Begebenheit ohne Zweifel am richtigſten dargeſtellt, zumal wenn mit dem Hartknochiſchen Texte Dusburgs Je⸗ roſchin und der Epitomator verglichen wird. Schütz p. 29 giebt ei⸗ nen etwas abweichenden, aber keineswegs glaublicheren Bericht, denn es iſt ſehr unwahrſcheinlich, daß in dem Augenblicke, als das Kreuzheer im weſtlichen Theile Natangens lag, Heinrich Monte an einen Einfall ins Kulmiſche Gebiet gedacht habe. Auch ſcheint Schuͤtz mit der Lage von Pokarben ganz unbekannt geweſen zu ſeyn. Vgl. Kajalowicz p. 104 105. Raynald an. 1261. Nr. 2.

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Siege der Preuſſen. 207 lings Heinrich Monte, der einſt in Magdeburg zum Unter⸗ richt gaſtfreundlich bei ihm aufgenommen worden war. Da bat Hirzhals den edlen Freund in der Angſt des Todes, der einftigen Wohlthaten zu gedenken und das furchtbare Unglück von ihm abzuwenden. Es geſchah; Heinrich Monte befreite ihn vom Opfertode. Der Wurf ward zum zweitenmal ge⸗ than; allein es traf denſelben Ritter auch dieſesmal. Da wagte es der Feldherr noch einmal, das Loos fuͤr ungültig zu erklären, um den Freund zu retten. Als aber der dritte Wurf abermals auf Hirzhals fiel, verbat ſich dieſer des Freundes Fuͤrſprache und bot ſich nun ſelbſt zum Tode dar. Er ward auf ſein Roß gebunden und in einem rings umher aufgeſchichteten Scheiterhaufen den Goͤttern zu Ehren ver⸗ brannt. „Die Goͤtter moͤgen dir lohnen!“ rief Heinrich Monte dem Freunde zu, als die Flamme aufloderte. So heilig dem Feldherrn die Pflicht der Gaſtfreundſchaft geweſen war, ſo durfte die heilige menſchliche Sitte doch uͤber den Goͤtterwillen nicht obſiegen 1). Nicht gluͤcklicher war ein zweiter Heerhaufe von Kreuz⸗ bruͤdern, der unter der Fuͤhrung eines Grafen von Barby um dieſelbe Zeit nach Preuſſen zog und in Verbindung mit den Ordensrittern und den aus der Schlacht bei Pokarwen Geretteten es unternahm, Samland zum Gehorſam zuruͤckzu⸗ bringen. Er durchſtreifte das Land weit und breit unter ſchrecklicher Verheerung. Da uͤberfiel ihn ploͤtzlich ein ſtar⸗ kes Heer von Samlaͤndern am Tage der heil. Agnes; der Graf von Barby ſelbſt ward im Kampfe ſchwer verwundet und mehre Stunden dauerte der blutige Streit; allein die Samlaͤnder errangen zuletzt den Sieg, denn als das chriſtli⸗ che Heer, durch ſeine Verluſte zu ſehr geſchwaͤcht, ſich gegen den zahlreicheren Feind nicht mehr halten konnte, ſuchte es ſeine Rettung in der Flucht nach Königsberg; viele aber 1) Dusburg c. 86. Lucas David B. IV. S. 46— 7. Schütz b. 29. Simon Grunau Tr. VIII. c. XI. $2. Kojalowiez p. 105. Raynald an. 1261. Nr. 3.

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208 Siege ber Preuſſen. wurden von den verfolgenden Samlaͤndern auf dem Wege noch erreicht und theils erſchlagen, theils gefangen genom⸗ men ). Der Siegesjubel aber unter den Preuſſen ging ſchnell von Gau zu Gau und von einer Landſchaft in die andere, und die Verluſte, welche der Orden in dieſen beiden Schlach⸗ ten an ſeiner Streitkraft erlitten, waren wenn gleich immer wichtig fir ihn ſelbſt, doch in keinem Maße fo bedeutend, als die Wirkungen der Siege auf die Preuſſen. Zweimal hatten die alten Goͤtter, ſeit das Volk ſich von neuem ihren heiligen Orten genaht, wieder Huͤlfe urd Rettung verliehen und es ſchien der neue Morgen des alten freien Lebens wie⸗ der anzubrechen. Zweimal war das Schwert fuͤr die Befrei⸗ ung mit Gluͤck und Siegesruhm in die Schlacht getragen; die Kraft des Volkes ſchien erprobt und durch den Opfertod der chriſtlichen Gefangenen der Zorn der alten Gottheiten fuͤr immer wieder verſoͤhnt. So ſchwerer Druck, fo großer Jam⸗ mer und ſo viel Ungluͤck auf den Tagen des Gehorſams und der Knechtſchaft unter des Ordens Geboten gelegen hatten, ſo hohe Freude, ſo große Hoffnungen, und ſo viel ermuthi⸗ gendes Gluͤck erfüllten nun die Tage, in welchen das Joch abgeworfen und das Schwert fuͤr die alten Goͤtter und die alte Freiheit ergriffen worden war. Es war nur Ein Ge⸗ fühl männlicher Erhebung und muthiger Zuverſicht auf Gluͤck und Sieg, von welchem das neuerſtandene Volk emporgetra⸗ 1) Schütz p. 29 weicht auch hier von Dusburg c. 88 und Lu: cas David B. IV. S. 51 merklich ab. Nach ihm iſt es ein Graf von Berg, der in Samland einfaͤllt und dieſer Graf bleibt dann auch in der Schlacht. Die Verwechſelung in der Perſon mag wohl daher entſtanden ſeyn, daß ſtatt Comes de Barbye, wie der Text Dusburgs von Hartknoch hat, im Jeroſchin c. 88 „ein Greve von Barboyge“, im Epitomator ebenfalls ein Comes de Barboyge und im Mser. Bero- lin. p. 82 Comes de Barbige vorkommt, während nur das Mscr. Re- giomont. Comes de Barbie hat. Simon Grunau Tr. VIII. c. XV. S 3 hilft ſich auch hier wieder nach feiner Weiſe, nennt den Grafen Bernhard von Birbenaw und laͤßt mit ihm auch einen Fuͤrſten von Maͤhren herbeiziehen.

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Heilsberg erobert. 209 gen und tief durchdrungen wurde. Darum fo fern auch das Ziel noch lag, man durfte beim Beginn nicht ſtehen bleiben; nur am Ziele gab es Raſt und Ruhe und Glück und Freiheit. Daher geſchah, daß bald nach jenen ſiegreichen Ta⸗ gen die Heerhaufen dreier Landſchaften unter der Fuͤhrung des Hauptmannes der Pogeſanier Auctumo und des der Erm⸗ länder Glappo mit drei Belagerungsmaſchinen und anderem Kriegszeuge ſich aufmachten, um Heilsberg, die Burg des Biſchofs von Ermland, zu erſtuͤrmen. Lange leiſtete die Be⸗ ſatzung den entſchloſſenſten Widerſtand. Allein die Burg hatte im Sturme des Auſſtandes nicht mit den noͤthigen Lebens⸗ mitteln verſorgt werden koͤnnen; man zehrte daher endlich auch alle Roſſe auf und da nun nichts mehr uͤbrig war und der Hunger den Muth gaͤnzlich gebrochen hatte, ſo entwich die Beſatzung heimlich aus der Burg und floh nach Elbing, wo zwoͤlf Geißeln der Preuſſen, die ſie mit ſich brachte, der Augen beraubt und ſo den Ihrigen zuruͤckgeſandt wurden. So fiel Heilsberg in die Gewalt der Preuſſen !). Man ließ den einen Heerhaufen dort als Beſatzung; die Ermlaͤnder aber und Pogeſanier fuͤhrten ihre Hauptleute hierauf weiter gegen Braunsberg zu. Da dieſe Burg die Verbindung zwi⸗ ſchen den Ermlaͤndern und den Natangern verhinderte und jetzt mehr als je durch die Kriegshaͤupter der Gedanke der gemeinſamen Zuſammenwirkung aller Streitkraͤfte der Land⸗ ſchaften im Volke erweckt worden war, ſo wandten ſie alle Macht auf, die Burg und Stadt zu gewinnen. Einen gan⸗ zen Tag lang wurde die letztere beſtuͤrmt; allein die Bewoh⸗ ner, durch den Biſchof Anſelm ſelbſt zum ſtandhafteſten Wi⸗ 1) Dusburg c. 89 ſagt: cum tribus exercitibus ſeyen die Preuf⸗ ſen vor die Burg gezogen. Eine ſolche Theilung des Kriegsvolkes be⸗ ſtand wohl ohne Zweifel nur darin, daß die Kriegsvolker aus drei Land: ſchaften zuſammenzogen und jedes ſeinen „Heergrafen“ oder ſeinen Hauptmann an der Spitze hatte. Es waren alſo ſchwerlich bloß die Ermlaͤnder, wie Schulz p. 29 angiebt. Lucas David B. IV. S. 52 nennt beſonders auch die Barter, ohne Zweifel weil dieſe die Burg ſpaͤ⸗ terhin beſetzten. III. K 14

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210 Braunsberg verbrannt. derſtand ermuntert, trieben den Feind mit großen Verluſten zuruͤck und dieſer legte ſich heimlich in einen nahen Wald, um von da aus jede Verbindung und jede Huͤlfe für die Stadt abzuſchneiden. Auch hier kaͤmpften die Buͤrger bald mit Noth und Hunger und als einſt vierzig ruͤſtige Maͤnner, die ausgeſandt waren, um Holz und Futter einzubringen, von den Preuſſen aus dem Walde uͤberfallen und ſaͤmmtlich erſchlagen wurden, wagte ſich forthin keiner mehr aus den Mauern. So verſchwand nun alle Ausſicht zur Rettung. Der Biſchof Anſelm gab ſelbſt den Rath, die trauerige Stadt zu verlaſſen und Zuflucht und Schutz in Elbing zu ſuchen. Da brachen in einer Nacht alle Bewohner auf, ſo viel von ihrer Habe mit ſich nehmend, als jeglicher retten konnte und eilten auf Elbing zu, auf dem Wege einem ziem⸗ lich ſtarken Kriegshaufen begegnend, den ihnen der Komthur von Elbing zur Vertheidigung ihrer Stadt zugeſandt hatte. Allein Braunsberg war bereits vernichtet, denn fünf entſchloſ⸗ ſene Maͤnner waren in der Stadt zuruͤckgeblieben und hatten, als ſich die Ihrigen ſaͤmmtlich gerettet, die Haͤuſer und die Burg in Brand geſteckt; ſie ſelbſt fluͤchteten dann ebenfalls nach Elbing zu !). So war die Hoffnung der Preuſſen, Braunsberg fuͤr ſich zu gewinnen, zwar getaͤuſcht; allein ſelbſt ſeine Vernich⸗ tung galt fuͤr ſie als ein gluͤckliches Ereigniß; denn daß man eine Zwingburg im Lande doch nun weniger zaͤhlte, ſchien allerdings auch ein Gewinn und ſelbſt dieſes hob den Muth und das Vertrauen des Volkes auf ſeine Kraft maͤchtig em⸗ por ). Daher geſchah, daß die Kriegsheere der Preuſſen an 1) Dusburg c. 135. Lucas David B. IV. S. 48 — 50. 2) Jeroſchin c. 90 bezeichnet dieſen Geiſt auf folgende Weiſe: Nu ſach die tuͤweliſche dit Daß nach Wunſche ir gerit Und is gar nach Willin ging S' was ſy argis angeving Zu harme der criſtinheit Des ſprochin ſy in üppikeit

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Königsberg, Kreuzburg u. Bartenſtein belagert. 211 Zahl und Staͤrke immer bedeutender wurden, denn auch die Zweifelnden und Zaudernden gelangten nunmehr zu feſterer Hoffnung und Zuverſicht auf des Vaterlandes Befreiung; und bald reichten die Streitkraͤfte hin, zu gleicher Zeit drei Burgen, Koͤnigsberg, Kreuzburg und Bartenſtein zu umla⸗ gern. Braunsbergs Beiſpiel aber hatte die Erfahrung ge⸗ bracht, daß die offene Beſtuͤrmung mehr nur mit großen Verluſten verbunden ſey, als ſchnell zum Zwecke fuͤhre. Da⸗ her warf man jetzt bei jeglicher Burg drei ſtarke Burgweh⸗ ren oder Bergfrieden) auf, bemannte fie mit zahlreichen, kriegsmuthigen und wohlgeuͤbten Streithaufen und verſchloß ſomit den Ordensrittern und Burgbewohnern jeden Aus- und Eingang. So war auch bald in dieſen drei Burgen die Beſatzung nur auf ihre Mauern beſchraͤnkt und die Noth ſteigerte ſich in ihnen in dem Maße immer um ſo ſchneller, als aus den Landſchaften ſich viele treugebliebene Preuſſen in ihren Bezirk geflüchtet und nun von dem oft nur maͤßigen Vorrath an Lebensmitteln auch mit erhalten werden mußten. In kurzem brach in allen dieſen Burgen der ſchrecklichſte Hun⸗ ger ein. Thierhaͤute und anderes kaum Genießbare mußte als Nahrung dienen 2) und waͤhrend dieſer innere Feind taͤg⸗ lich mehr quaͤlte, manchen entmuthigte und ermattete, war der Feind von außen gegen die Burgbeſatzung in unaufhoͤrlicher Thaͤtigkeit, und doch durfte bei ſeiner ungleich groͤßeren Staͤrke kein ernſter Angriff gegen ihn gewagt werden, denn wenn auf Bartenſtein die Beſatzung auch vierhundert Mann zaͤhlte, ſo lag eine zweimal groͤßere feindliche Heerſchaar rings um Sa wie lange ſal dis wern Wol dann wir wollin abeſchern Und tilgin criſtlichin Nam Von diſen Landin allintfam. 1) In circuitu cuiuslibet tria propugnacula firma — construxe- runt, fügt Dusburg c. 90. Jeroſchin a. a. O. giebt propngnacula durch „Bergfrieden“. Wir haben hierüber B. I. ©. 537 — 538 ge ſprochen. 2) Vgl. die Schilderung bei Dusburg 1. c. 14 *

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212 Königsberg, Kreuzburg u. Vartenftein belagert. ihre Mauern n). Doch unter allen Kämpfen mit dem erbit⸗ terten Feinde, unter allen Bedraͤngniſſen durch Mangel und Hungersnoth hielten die Ritter feſt am Vertrauen auf ſich ſelbſt und widerſtanden in freudiger Zuverſicht auf ihre Sache der taͤglichen Gefahr mit maͤnnlichem, ungebrochenem Muthe. Selbſt viele der Neubekehrten, die ſich in die Burgen geflüchs tet, zeichneten ſich nicht ſelten durch tapfere Thaten aus. Die Geſchichte nennt uns die Namen des heldenmuͤthigen Troppo 2), des tapfern Samlaͤnders Tyrune *), der braven Söhne Ibute's Nakox und Kerſe, deren Vater mit mehren ſeiner Soͤhne in der Vertheidigung Samlands gefallen war?) und mehrer an⸗ derer. Der Orden belohnte ſie alle durch reiche Beſitzungen und Vorrechte. Nur die Ordensritter und die Kriegsleute auf der Burg Roͤſſel belebte keineswegs jene feſte Zuverſicht, in der die Kraft ſich ſtaͤhlt und der Geiſt erſtarkt, denn als 1) Henneberger Landtaf. p. 28 — 29. 2) Urkunde vom J. 1262 vom Landmeiſter Helmerich von Rechen: berg im geh. Arch. Schiebl. XXVI. Nr. 1. Ihrer erwähnt auch ſchon Kreuzfeld vom Adel der alten Preuſſ. S. 80; nur find hier die Doͤrfernamen nicht ganz richtig; fie heißen Plotemeiten, Sur weisten, Lauxeinnen, Hewksene, Reiotiten und Keymal. Auch Dusburg c. 114 nennt dieſen Troppo und ſchildert ihn als totus magnanimus et fidei zelator. 3) Dieſer Tyrune erhält propter servitia, que Ecclesie in apo- stasia terre exhibuit, vom Vogt des Samlaͤnd. Biſchofs Andreas Fiſch septem familias in villa Trintiton (Trentitten, öftlic) von Rudau in Samland) im J. 1262. Urk. im geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 5, Vgl. Kreuzfeld a. a. O. S. 41. 4) Original⸗Urkunde im geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 4. Es heißt: Dampna et pericula considerans ac labores, quos homines domini nostri in servicio suo bona videlicet ecelesie fideliter defen- dendo plurimos sunt perpessi, cuius rei causa Iboto bone memorie de Sambia et filiorum suorum aliqui perierunt, dignum fore ratione previa iudicavi, ut reliqui fili sui adhuc superstites Nakox scilicet et Kerse in recompensationem hniusmodi discriminis et moeroris ali quo saltem remedio consolentur, quatinus hoc exemplo iidem et alii promptiores merito murum pro ecclesia se opponant. Vergl. meine Abhandlung Über die Withinge in der Geſchichte der Eidechfen = Gefell- ſchaft S. 219.

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Harte Bedraͤngniß des Ordens. 213 ſie vernahmen, wie Koͤnigsberg, Kreuzburg und Bartenſtein durch die Preuſſen umzingelt und bedraͤngt ſeyen, wurden ſie zaghaft, brannten ihre Burg auf und ſuchten auf heimlichen Wegen durch Waldungen und Wildniſſe Zuflucht in andern Ordenshaͤuſern 1). Aber woher nun Hülſe und Rettung in dieſer harten Bedraͤngniß? — Der Meiſter von Livland Georg von Eich⸗ ſtaͤtt, ſeit Burchards von Hornhauſen Tod dort im Amte, war im Kampfe mit den Kurlaͤndern beſchaͤftigt und bedurfte in feinen Landen feine ganze Streitmacht ?). Herzog Semo⸗ vit von Maſovien war allerdings zum Beiſtande verpflichtet; allein er konnte oder wollte feine Wehrmannſchaft jetzt nicht aus feinem Lande ziehen. Wiederholt war auch der Hoch: meiſter und der Orden in Deutſchland von der großen Ge⸗ fahr benachrichtigt und um ſchnelle Beihuͤlfe angefleht wor: den. Allein im Deutſchen Reiche herrſchte gerade jetzt in der Zeit des Interregnums überall die heilloſeſte Verwirrung und Paͤpſte und Prälaten ſchalteten mit der Königswuͤrde, wie mit einer feilen Waare. Zwei Könige ſtanden eben an der Spitze des Regiments, Alfons von Caſtilien, der Deutſch⸗ land nicht einmal ſah, und Richard von Cornwall, der das Reich immer nur wie im Fluge durcheilte. Unter den Fuͤr⸗ ſten war alles in Zwieſpalt und Parteiung; jeglicher ſuchte ſich geltend zu machen; jeder wollte gebieten; keiner kannte das Vaterland mehr ) und weil den Gliedern das gemein: ſame Haupt fehlte, fo fehlte überall auch Ordnung, Gehor: 1) Dusburg c. 92. Lucas David B. IV. S. 55 berichtet, daß Röſſel oft von den Preuſſen beunruhigt worden ſey, wovon Duv- burg nichts weiß. Schätz p. 29. Henn neberger S. 390. 2) Alnpeck S. 74 — 75. Er nennt den Landmeiſter Juries (Georg), bezeichnet ihn aber meiſt nur als Vice⸗Landmeiſter S. 81. 3) Principes nihil de republica agebant, sed sua quisque sta- biliebat. Annal. Hildesh. an. 1265. So manchen Fürften umſtrickten wohl auch die Geiſtlichen und ihre Käthe zum Nachtheil des Ordens; ein Beiſpiel giebt der Landgraf Heinrich I. von Heſſen, worüber Rom. mel Geſchichte v. Heſſen B. II. S. 63 und die Urkunde in dem hiſter. diplomat. Unterricht Nr. 80.

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214 Bemühungen des Papſtes für einen Kreuzzug. ſam und Geſetz. Wer demnach Krieg nnd Fehde ſuchte, fand ſie zahlreich im ganzen Umkreiſe des Deutſchen Reiches und wer in ſolcher Verwirrung zu verlieren hatte, blieb gerne zum Schutz der Seinigen in der Heimat; denn ſelbſt die Schutzbriefe des Papſtes für das Eigenthum derer, die für die Sache der Kirche das Kreuz nahmen, leiſteten in dieſer ſturmvollen Zeit ſchon keine ſichere Buͤrgſchaft mehr und die oͤftern Erneuerungen und wiederholten ſcharfen Ermahnungen des Papſtes in dieſer Sache beweiſen an ſich hinlaͤnglich, wie vielfach dagegen gefrevelt und wie oft fie uͤbertreten wur: den ). Den Gedanken aber, durch einen Pilgerzug nach Preuſſen im Kampfe wider die Heiden fuͤr das Heil der Seele zu ſorgen, ließ die Verwilderung der Zeit nur weni⸗ gen in die Seele kommen, wiewohl der Papſt auch jetzt noch unermuͤdlich blieb, dieſen Gedanken immer von neuem anzu⸗ regen. Wie ſchwer freilich ſein mahnendes Wort Gehoͤr fand und wie ſehr das alte Mittel der Kreuzpredigt ſchon abge⸗ nutzt war, beweiſet unter andern auch ſchon der Umſtand, daß vielen die Zeit eines Jahres eine viel zu lange Friſt zur Gewinnung der Gnadenſpenden war, um die man früher un⸗ ter Leiden und Muͤhen aller Art bis ins ferne Morgenland gezogen war, und daß auch ſchon aus dieſem Grunde viele ſich weigerten, das Kreuz zu einem Pilgerzug nach Preuſſen anzunehmen. Und dennoch blieb das Mittel der Kreuzpre⸗ digt auch fuͤr jetzt nur das einzige, wodurch dem Orden ei⸗ nige Huͤlfe in ſeiner Noth zugebracht werden konnte. An neuen Ermahnungen zur eifrigſten Verkuͤndigung des Kreu⸗ zes ließ es daher der Papſt auch jetzt nicht fehlen 2); nur 1) So erließ der Papſt hierüber auch um dieſe Zeit eine Bulle, worin er den Erzbiſchoͤfen und Biſchoͤfen auftrug, in subsidium Livo- nie, Curonie et Pruscie crucesignatis et crucesignandis Schutz und Sicherheit im ruhigen Beſitze ihrer Güter innerhalb ihrer Städte und Diöcefen zu gewähren. Das Datum ift: Apud Urbem Veter. VII Cal. Jun. p. n. an. II (26 Mai 1263) geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 10. 2) Original⸗Bulle an den Biſchof Heidenreich von Kulm gerichtet im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 6.

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Neues Kreuzheer in Preuffen. 215 mußte er den hohen Geiſtlichen und Kreuzpredigern die Er: laubniß ertheilen, mit denjenigen, die für Preuſſen oder Liv⸗ land das Kreuz nicht auf ein ganzes Jahr zu empfangen ge⸗ neigt waren, nach Lage der Umſtaͤnde auch kuͤrzere Termine ihres Dienſtes für die Suͤndenerlaſſung abzuſchließen !). Das Wort des Papſtes blieb auch dieſesmal nicht ganz ungehoͤrt. Die beiden Grafen Wilhelm der Fünfte von Its lich und Engelbert von der Mark ») ſammelten unter ihren Fahnen aus den Rheinlanden eine ziemlich bedeutende Strei⸗ terzahl, die im Winter des Jahres 1263 in Preuſſen an⸗ langte. Es begleitete ſie der Hochmeiſter Anno von San⸗ gerhauſen mit einer Anzahl Ordensritter), um durch perſoͤn⸗ 1) Original⸗Bulle, datirt: Montesfiascone III Idus Aug. p. n. an. I (11 Aug. 1262) im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 5. Die merk⸗ wuͤrdige Stelle, woraus man ſieht, wie ſchwer es jetzt ſchon mit einem Kreuzzuge hielt, heißt: Sane paweissims ex ſidellbus illis, qui ad predicationem vestram conveniunt, crucem prout dicitur volunt as sumere, qum turbato corde percipiunt, quod ipsi per unius anni spatium in eisdem manere partibus teneantur. Nos itaque ad in- stantiaim lacrimose supplicationis fratrum ipsorum, quorum plurini per manus infidelium de novo ecrudelissime sunt vccisi, presentium vobis auctoritate concedimus, ut singuli vestrum illis ex fidelibus memoratis, qui ad suam predicationem convenerint et voluerint eru- cem aszumere in subsidium partium predietarum, ad mauendum ibi- dem prefigant terminum, prout distantiam locorum et alias eircun- stantias oportunas, tam pro negotio viderint expedire. 2) Dusburg c. 93 nennt nur den letztern ausdruͤcklich mit feinem Namen und bezeichnet den erſtern bloß durch Comes de Juliaco. Gs kann aber kein anderer ſeyn, als Wilhelm V nad) Gebauer Leben des Königs Richard S. 525. Teschenmarker Annales Cliviae - Juliae- Montiae etc. p. 388. 3) Daß der Hochmeifter im Anfange des J. 1263 in Preuſſen war, ergiebt ſich aus mehren Urkunden. So beweiſet eine ſolche vom Biſchofe Anſeun vom 1. Januar 1263 (deren wir ſogleich naher gedenken wol⸗ len), daß er ſich um dieſe Zeit ſchen in Elbing befand. Hier ſtellte er am 24. Januar 1263 eine Urkunde aus (Original in der Convenkshalle zu Elbing), worin er der Stadt Elbing die ihr in ihrem Privilegium zugeſicherten Gränzen ihres ſtuͤdtiſchen Gebietes beſtaͤtigte. Außer dem

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216 Koͤnigsbergs Befreiung. lichen Rath die Gefahren beſeitigen zu helfen. Waͤhrend er ſelbſt in den weſtlichen Landſchaſten verweilte, brach das Kreuzheer nach kurzer Raſt durch Ermland und Natangen bis nach Koͤnigsberg vor, wo es am Abend des einundzwan⸗ zigſten Januars ankam. Noch in derſelbigen Stunde wollten die Grafen die Wehrſchanzen erſtuͤrmen, in welchen die Sam: laͤnder die Burg noch belagert hielten. Allein die im Heere befindlichen Ordensritter widerriethen den Angriff bis auf den naͤchſten Morgen. Als jedoch in der Fruͤhe des andern Ta⸗ ges der Sturm auf die Wehrſchanzen geſchehen ſollte und das Kreuzheer ſich naͤherte, fand es die Befeſtigungen alle vom Feinde verlaſſen, denn die Samlaͤnder hatten ſich waͤh⸗ rend der Nacht auf einem Seitenwege dem chriſtlichen Heere in den Ruͤcken gelegt, um ihm den Ruͤckzug abzuſchneiden und es auf der Heimkehr aus dem Hinterhalte zu uͤberfallen. Unbekannt mit dieſer Kriegsliſt und erzuͤrnt, daß er dem Feinde das Schwert nicht bieten konnte, brach Graf Wil helm alsbald mit dem Kriegsheere auf. Auf den Rath der Ordensritter aber, die aus der Samlaͤnder ſchnellem Abzuge gerechten Verdacht ſchoͤpften, ſandte er einige Kundſchafter aus, um uͤber den Feind Nachricht einzuziehen. Der eine von ihnen, Stantike, ein Sohn jenes getreuen Samlaͤnders Grande !), der mit der ausgeſtellten Heerwache der Sam⸗ laͤnder zuſammengetroffen und im Gefechte ſchwer verwundet worden war, ſprengte noch in derſelbigen Stunde mit ge: Landmeiſter Helmerich von Rechenberg befanden ſich damals bei ihm Gerhard von Hirzberg, Ludwig von Baldersheim (der im naͤchſten Jahre Landmeiſter ward), Hartmud von Grumbach, Johannes von Wegelere u. a. Die genannten waren um dieſe Zeit alle ohne ein Amt und were den daher auch nur mit fratres bezeichnet. Am 10. Februar 126 ſtellt Anno eine urkunde in Thorn aus; ſ. Handfeſt. des Biſth. Samland p. XV. Dusburg J. c. {ft hier in feiner Jahrangabe immer um ein Jahr zuruͤck; es muß daher auch bei ihm 1263 heißen. 1) Dieſer Stantike war ein Withing, wie das Withings⸗Privile⸗ gium in meiner Geſchichte der Eidechſen-Geſellſch. S. 213 ausweiſet. Nur etwas verändert ſchreibt Dusburg 1. c. den Namen Stanteko. Je⸗ roſchin nennt ihn noch richtiger Stanteke.

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Königsbergs Befreiung. 217 zücktem blutigen Schwerte in das Kreuzheer zurück, die Kriegsfuͤhrer von des Feindes liſtiger Stellung benachrichti⸗ gend. Da ruͤſtete ſich ſchnell das ganze Heer zur Schlacht. Graf Engelbert von der Mark trat an die Spitze der Rei⸗ terſchaar. Wilhelm von Juͤlich führte das Fußvolk an. So ward der Feind unvermuthet uͤberraſcht. Es kam zu einem aͤußerſt hitzigen Kampfe; zuerſt hielten die Samlaͤnder ihn muthig und entſchloſſen aus; da aber die Zahl ihrer Erſchla⸗ genen und Verwundeten ſich mit jedem Augenblicke vermehrte, ein Theil ihres Heeres die Flucht ergriff und in offener Feld⸗ ſchlacht kein Widerſtand mehr moͤglich war, ſo warf ſich der noch übrige Streithaufe in das Dorf Caligen!). Das Kreuz⸗ heer indeſſen folgte dem Feinde nach und es erhob ſich in dem Dorfe ein neuer wilder Kampf. Die Samlaͤnder, in Verzweifelung und ohne alle Hoffnung zur Rettung fochten mit einer Tapferkeit und mit ſo ſtürmender Wuth, daß kaum das ganze Kreuzheer widerſtehen konnte. Stundenlang wogte die Schlacht; noch war auf keiner Seite Hoffnung zum Siege. Da ſprengten, eiligft zu Huͤlſe gerufen, die Ordensritter aus Koͤnigsberg mit allen ihren Wehrmannen zum Kampfe her⸗ bei; das gab die Entſcheidung. Zwar hielten auch jetzt noch die Samlaͤnder den tapferſten Widerſtand; allein immer klei⸗ ner ward ihre Zahl, bis ſie endlich bis auf den letzten Mann erſchlagen wurden. Ueber dreitauſend waren an dieſem Tage — es war der naͤmliche Tag, an welchem im Jahre vorher der Kampf bei Pokarben geſchah — fuͤr ihre Freiheit gefal⸗ 1) Es kann dieſes kein anderer Ort ſeyn als Kalgen, unfern weſt⸗ lich von Königsberg, auf der Straße nach Braunsberg zu. Nach Dus- burg 1. c. ſcheint der Name Kalgen oder Caligen der ältere und Sklume oder nach Jeroſchin Slunyen der jüngere zu ſeyn. Jetzt iſt aber der Ältere wieder im Gebrauch und der Name Sklume oder Slunyen iſt in Urkunden nicht zu finden. Vielmehr kommt immer Kalgen vor. Si⸗ mon Grunau Tr. VIII. c. XV. 8 3 kennt zwar ebenfalls nur den Namen „Slumney“, allein es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß früher der Ort beide Namen zu gleicher Zeit führte, wenigſteus find Beiſpiele die⸗ ſer Art nicht ſelten.

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218 Königsbergs Befreiung. len; aber auch die Ordensritter und das Kreuzheer zaͤhlte eine bedeutende Menge von Todten und Verwundeten 1). So war die Burg Koͤnigsberg vom Feinde wieder frei. Allein der Verluſt der Schlacht hatte auf die Stimmung der Samlaͤnder keine beſondere Wirkung; feſt entſchloſſen, das freie Land auch forthin noch mit freier Seele mannhaft zu vertheidigen, blieben ſie in feindlicher Stellung und jener Kampf, in welchem die Ihrigen ſich für die Freiheit Aller fo heldenmuͤthig aufgeopfert, hatte dieſes hohe Erbgut der Vaͤ⸗ ter Allen nur noch heiliger und theuerer gemacht, denn auch die Fältere Seele erwärmt es, wenn fie Tauſende in gluͤhen⸗ der Liebe für Freiheit und Vaterland ſich hingeben und opfern ſieht. Anderer Seits waren fuͤr das Intereſſe des Ordens auch ferner noch Liſt und Klugheit thaͤtig, denn die Gebieti⸗ ger ſowohl als die Biſchoͤfe?) blieben immer aufs eifrigſte bemuͤht, die Angeſehenſten und Vornehmſten aus dem Lande 1) Die Hauptquelle über dieſe Begebenheit iſt Dusburg c. 93; aber der Chroniſt will hier richtig verſtanden ſeyn, denn er iſt im er⸗ ſten Augenblick nicht ganz klar. Achtet man genau auf den Zuſammen⸗ hang, ſo ergiebt ſich folgendes Reſultat. Das Kreuzheer liegt in der Nacht vom 21. zum 22. Januar zwiſchen Kalgen und Königsberg. Die Preuſſen, ihr Lager verlaſſend, ziehen ſuͤdlich über Aweyden und Kar⸗ ſchau gegen Kalgen hin und legen ſich dort in den Hinterhalt, um dem Feinde in den Ruͤcken zu fallen; daher viam occupaverunt peregrinis. Der Graf von Juͤlich ahnet Gefahr vom Abzuge des Feindes und re- cessit cum exercitu. Man erfährt aber durch den Späher, daß der Feind fich in den Rücken gelegt hat. Die Schlacht beginnt nun in der Gegend zwiſchen Königsberg und Kalgen, ſo daß das Kreuzheer gegen das erſtere und die Samlaͤnder gegen das letztere den Rücken wenden, denn da die Grafen nachher aus Königsberg Huͤlfe kommen laſſen und die Samländer ſich nach Kalgen zurückziehen — cedentibus quibusdam ad villam, quae quondam Calige, etiam Sclume dieitur, — fo koͤn⸗ nen dieſe nicht zwiſchen dem Kreuzheere und Königsberg geſtanden ha⸗ ben. Von einem „Schloß Kalgen“ (Pauli S. 98. Baczko 8.1. S. 314) wiſſen die beſſern Quellen nichts. Vgl. Lucas David B. IV. S. 56 — 57. Schütz p. 50. 2) Auch vom Biſchof Heinrich von Samland ſind hierüber mehre Urkunden vorhanden. So beſtaͤtigt er in der einen alle Lehnsverſchrei⸗

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Königsberg Befreiung. 219 an ſich zu ziehen, um in ſolcher Weiſe das Volk immer mehr feiner Haͤupter und Führer zu berauben, und die ſchon oft verſuchten Mittel hatten auch jetzt wieder manchen fuͤr den Orden erfreulichen Erfolg, denn es kamen der Edlen, durch Verheißungen und Verleihungen verlockt, immer mehre aus Samland nach Königsberg‘). Man begriff fie nun ſchon allgemein unter dem Namen der alten Withinge, eine Be⸗ zeichnung, deren Bedeutung und Beziehung wir früher ſchon kennen gelernt. Aber viele wieſen auch mit zornerfuͤllter Seele dieſe ſchlauen Lockmittel zuruͤck; bei vielen galt es für Schmach und Schande, um ſolches Gewinnes willen das freie Haupt unter des Ordens Gebot zu beugen. Nalube, der Sohn jenes tapfern Edlen Sclodo aus Quedenau 2) und Bruder des getreuen Wargule ), konnte es nicht über ſich gewinnen, ſeinen Namen mit ſolchem Schimpfe zu beflecken, obgleich ſchon alle ſeine Bruͤder ſich dem Orden zugewandt. bungen, die ſein Vogt auf Anrath und mit Beiſtimmung der Ordens⸗ gebietiger an Neubekehrte gegeben hat, um fie für den Schutz ſeiner Kirche zu gewinnen; dat. Thorn am 12. Febr. 1263 im geh. Archiv Schiebl. LII. Nr. 6. Es heißt ausdruͤcklich, die Guͤter ſeyen verliehen worden ad defensionem et conservacionem neophitorum in Sambie partibus. 1) Dusburg c. 95. Schütz p. 30 — 31. — Daß es nicht pauci viri praeclari genere et Nobiles waren, die ſich dem Orden auf ſolche Weiſe zuwandten, erſieht man aus dem Withings⸗Privilegium a. a. O. S. 212, deſſen Eingangsworte gerade in den Verhältniffen dieſer Zeit ihre Beziehung finden. 2) unrichtig behauptet Kreuzfeld a. a. O. S. 29, daß Sclodo um dieſe Zeit noch gelebt und mit ſeiner Familie in den Aufſtand der Samlaͤnder verwickelt geweſen ſey. 3) Dusburg c. 96. Lucas David B. IV. S. 58. Die Na⸗ men Nalube und Wargule ſind in dieſen Chroniſten nicht ganz richtig Nalubo und Wargullo oder Wirgullo geſchrieben. Jene Schreibart der Namen ſtuͤtzt ſich auf Urkunden. Wargule muß bald nachher geſtorben ſeyn, denn im Withings-Privilegium finden wir nur Nalube im Beſitze der Guͤter ſeines Vaters in Quedenau. Er wurde nachmals auch unter die Nobiles Ecclesiae magnum ius habentes gezählt. Vgl. meine Ge⸗ ſchichte der Eidechſen-Geſellſch. S. 226 und Schütz p. 30 — 81.

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220 Die Ordensburg Königsberg. Und als die Ritter aus Koͤnigsberg mit bewaffneter Macht gegen ihn ausziehen wollten und ſein Bruder Wargule ihm die Wahl legte, entweder dem Beiſpiele der Seinigen zu fol⸗ gen oder Habe und Gut zu verlaſſen, da gab er lieber Al— les, Haus und Familie auf und entfloh allein in das Gebiet von Schaken, ſein Eigenthum und alle die Seinen der Rit⸗ ter Willkühr uͤberlaſſend. Es ward alles zerſtreut und zur Beute der Ordensleute. Nur das eine edle Kleinod, das er in der Seele trug, die Freiheit hatte er gerettet und dieſes wollte er auch dem Volke retten. Bevor man es jedoch wagen durfte, den Kampf gegen die Samländer weiter ins Land hineinzuverſetzen, ſchien es nothwendig, für fernere ähnliche Gefahren die Burg Königs: berg ſtaͤrker zu befeſtigen und gegen feindliche Angriffe beſſer zu verwahren. Es ſtanden aber hier um dieſe Zeit noch zwei Burgen unfern von einander, denn die neue dem Orden zu⸗ gehörige Burg war ſchon vor des Landes Abfall ganz voll: endet und die aͤltere hatte nach einem fruͤheren Vertrage der Biſchof Heinrich erhalten. Sonach lag dieſem auch ihre Er: haltung und Vertheidigung ob. Der Abfall der Samländer indeß uͤberzeugte ihn bald von der Unzweckmaͤßigkeit beider Burgen an demſelbigen Orte; er trat deshalb bei der An: kunft des Hochmeiſters in Preuſſen mit dieſem in Unterhand⸗ lungen und da ſowohl ihm als der Scche ſeiner Kirche aus dem Beſitze ſeiner Burg faſt gar kein Nutzen erwuchs, ſo be⸗ ſchloß er, theils zu ſeinem Wohnſitze, theils zum Schutze der getreuen Neubekehrten an irgend einem paſſenden Orte Sam⸗ lands eine neue Burg aufzurichten 1). Er trat daher in ei⸗ nem mit dem Hochmeiſter zu Elbing abgeſchloſſenen Vertrage dem Orden nicht bloß jene aͤltere Burg, ſondern auch die in 1) Der Biſchof ſagt ſelbſt: Cum de structura castri iuxta muros castri predileetorum fratrum nostrorum hospitalis S. M. T. in Ku- negesberch siti novelle plautationi christianorum modicus hucusque tructus provenerit et cum nos ad ampliandum honorem et gloriam erucifixi et tuitionem neophitorum in Sambie partibus iu loco com- petenti castrum providerimus construendum etc.

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Die Ordensburg Königsberg. 221 ihrer Nähe liegenden, ihm zugehörigen Beſitzungen mit allen Rechten und Anfprüchen wieder ab. Als Erſatz uͤberwies ihm der Hochmeiſter zur Vermehrung ſeiner Einkuͤnfte funfzig Hu⸗ fen Landes im Kulmerlande!) zum ewigen Beſitz der Sams laͤndiſchen Kirche; zudem verpflichtete ſich auch der Orden, den Biſchof bei dem Aufbau der neuen Burg entweder durch eine beſtimmte Geldſumme oder im Baue ſelbſt thätig zu une terſtützen?). So kam der Orden wieder in den Beſitz der alten Burg Königsberg ). Der Biſchof indeſſen mußte es über ſich nehmen, die Koſten für die Erhaltung derſelben und fuͤr die Verpflegung ſeiner darauf liegenden Kriegsmannſchaft noch bis zum Aufbau der neuen Burg zu beſtreiten, obgleich er in ſeinen Einkuͤnften durch den Aufſtand der Samlaͤnder ſo verarmt war, daß er die noͤthige Geldſumme von dem Or⸗ den leihen und dieſen wegen der Wiederbezahlung auf die Samlaͤndiſchen Geißeln weiſen mußte, die noch in ſeinem Verwahrſam waren. Dafuͤr wies er dem Orden bis zu Sam⸗ 1) Quinquaginta mansos in terra Culmensi sitos iuxta villam, que dicitur Windesturen. 2) Der Orden verſprach nämlich: ut quando nos aut noster suc- cessor primum in terra Sambiensi castrum construere decreverimus, nos unam partem, fratres vero duas partes plancarum procurabunt;, ut etiam idem castrum plancis muniatur, ad hoc fratres in expensis proprüs tenentur auxilium ministrare. Ad hec fratres predicti in eodem castro nobis per dictam partem plancarum construendo duas domos ambas ad viginti Marcarum valorem construent, vel nobis aut successori nostro pro castri et domorum structuris Marcas quin- quaginta persolvent. 3) Der Vertrag hieruͤber, abgeſchloſſen zwiſchen dem Hochmeiſter Anno von Sangerhauſen und dem Biſchof Heinrich von Samland zu Elbing am 30. Decemb. 1262, wurde vom paͤpſtlichen Legaten, dem Biſchofe Anſelm von Ermland, beſtaͤtigt. Dieſe Beſtaͤtigung, datirt: in Thorun an. dom. 1263, quinto Idus Februar. ift noch vorhanden im geh. Arch. Schiebl. XXXIII. Nr. 2. In einer andern Urkunde er⸗ läßt der Biſchof Heidenreich von Kulm die Zehntenſteuer über die dem Samlaͤndiſchen Biſchofe bei dem Dorfe Windeſturen abgetretenen Laͤnde⸗ reien, doch fo, daß der Orden ihm als Erſatz einen gleichen Zehnten auf den Ordensguͤtern bei Birgelau anweiſen muß. S. geh. Arch. Fol. VII.

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222 Die Ordensburg Königsberg. lands völliger Bezwingung alles Einkommen und allen Ges winn, den er aus dem Lande ziehen koͤnne, zu ſeinem freien Gebrauche an!). Den Rittern auf Koͤnigsberg war dieſes in aller Weiſe von bedeutender Wichtigkeit. Es drohten bald abermals neue, harte Gefahren. Nalube, jener bittere Ordensfeind, hatte den Ruf zur Errettung der Freiheit von neuem durch ganz Samland verbreitet; die Vernichtung der Zwingburg Koͤnigs⸗ berg war jetzt wieder mehr als je das Looſungswort im gan⸗ zen Lande und jeglicher war bereit, dafuͤr alles einzuſetzen 2). Man beſchloß, die Ritter auf der Burg in gleicher Zeit zu Waſſer und zu Land zu bedraͤngen und ſo unablaͤſſig durch Kampf und Sturm zu beſchaͤftigen, daß ſie endlich ermattet und geſchwaͤcht allen Widerſtand aufgeben ſollten, denn das Kreuzheer war ſchon wieder abgezogen. Nalube ſtand an der Spitze, Freiheitsliebe und Rachluſt trieben ſeine ſchwerbela⸗ dene Seele und mit zornerfuͤllter Bruſt erſchien er überall in Samlands Gebieten, die Gemuͤther zu entflammen zu neuer Kampfluſt und zur Vertheidigung und Rettung der urvaͤterli⸗ chen Freiheit. Viele Tauſende traten unter ſeine Fuͤhrung und ploͤtzich ward die um die Burg Königsberg neugegruͤn⸗ dete Stadt von ihm mit Raub und Verheerung uͤberfallen. Kaum durch die Burgbeſatzung vertrieben, erſchien er gleich darauf von neuem und ſtellte ſich den Ordenskriegern zur Schlacht. Es erhob ſich ein moͤrderiſcher Kampf, in welchem nicht weniger als fiebentaufend Samlaͤnder erlagen und das ganze übrige Heer zerſtreut wurde “). Die Unternehmungen der Samlaͤnder zu Waſſer, theils auf dem friſchen Haff theils auf dem Pregel-Strome leitete 1) urkunde im geh. Arch. Schiebl. XXXIII. Nr. 1; ſie iſt datirt: Thorun an. dom. 1263, Non. Februar., gedruckt bei Kotzebue B. I. S. 432. Der Betrag der geliehenen Summe belief ſich auf 100 Mark. 2) Dusburg c. 97. 8) Schütz p. 31. Dusburg erzählt dieſe Begebenheit nicht, deu⸗ tet aber c. 96 durch die Worte: Nalubo fatigatus crebris impugnatio- nibus darauf hin.

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Die Ordens burg Königsberg, 223 ihr Kriegsfeldherr Glande, verbunden mit Swayno, dem Reiks eines großen Theiles der Nehring. Ihr Hauptziel war, der Burg alle Zufuhr zu Waſſer von Elbing herauf abzuſchneiden, denn zu Land war es an ſich ſchon unmoͤglich, ihr irgend woher Lebensmittel zuzuführen. Sie belegten da⸗ her das Haff und die Einfahrt in den Pregel mit einer Menge bewaffneter Fahrzeuge, durch welche alle heranfegelns den Frachtſchiffe der Ritter genommen oder vernichtet wur⸗ den, und es entſtand in Koͤnigsberg bald wieder eine neue ſchreckliche Hungersnoth. Zwar gelang den Ordensrittern, die feindlichen Fahrzeuge durch einen liſtigen Anſchlag alle aus dem Wege zu raͤumen, da ein Luͤbecker Bootsmann, durch hohe Verſprechungen gewonnen, in Begleitung mehrer Preuſſen auf einem Kahne den Pregel hinabfahrend zur Nachtzeit durch die Sprache ſeiner Begleiter die Wachen der Samlaͤnder täufchte, des Feindes Fahrzeuge durch einges bohrte Oeffnungen unter Waſſer ſetzte und die meiſten ver⸗ ſenkte!); allein das liſtige Wagſtuͤck brachte den Rittern auf 1) Dusburg c. 97. Der Text des Chroniſten ſcheint jedoch hier nicht ganz vollſtaͤndig zu ſeyn, denn ſowohl Jeroſchin c. 97, als der Epitomator ſprechen auch vom Verbrennen mehrer Schiffe. Der letztere ſagt: Novissime mittunt quendam, qui naves Prutenoruin perforaret, submergeret et combureret, quod idem sepius ſecit, und Jeroſchin uͤberſetzt: Zujuͤngſt wurdin ſy in eyn Daß ſy truge (occulte) eynen Mann Santin, der dy Schiff ouch ſan Bornte, durchrenkte (perforavit) Und ſy alſo verſenkte. Sehütz p. 30 nennt als Unternehmer dieſes Wagniſſes einen Lübecker, „welcher ehemals zur Seewarts fuͤr einen Boßman geſiegelt hatte.“ Baczko B. I. S. 315 meint, er ſey feinem Gewerbe nach ein Taucher geweſen. Nach Dusburgs Worten: et hoc tociens iteravit etc. bürfte man glauben, die Schiffe der Samländer ſeyen nicht alle auf einmal in einer Nacht vernichtet worden. Die Erzählung bei Lucas David B. IV. S. 60 vom Tode des Neiks Swayno auf den Schiffen und von der Rache ſeines Bruders Seleino iſt aus Simon Grunau Tr. VIII. d. XVS 2 genommen und desbalb verdöͤchtig.

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224 Die Ordensburg Königsberg. Königsberg doch keinen ſonderlichen Gewinn, denn die Preuſ⸗ ſen erſannen bald ein anderes Mittel, um zu ihrem Zwecke zu kommen. Sie zogen uͤber den Pregel-Strom eine Bruͤcke, erbauten an beiden Enden zwei feſte Wehrſchanzen in der Form eines Thurmes und beſetzten dieſe mit ſo ſtarker Mann⸗ ſchaft, daß wiederum alle Zufuhr auf dem Strome gehemmt war. In Königsberg aber flieg nun die Noth auf den hoͤch— ſten Grad; bereits war alles aufgezehrt, was nur irgend zut Friſtung des Lebens tauglich geweſen und es drohte allen in kurzer Zeit der Hungertod. Da beſchloß man in Verzweifelung, lieber im maͤnnli⸗ chen Kampfe mit dem Feinde zu ſterben, als in der graͤßli⸗ chen Noth dem ſchmaͤhlichen Tode entgegenzugehen. Alles was waffenfaͤhig war, warf fi in die Fahrzeuge und ſteu— erte den Strom hinab bis an die Bruͤcke. Unter einem hef⸗ tigen Sturmwinde wurde ſie erſtiegen und ſofort der ent ſchloſſenſte und wildeſte Kampf mit dem Feinde auf der Bruͤcke und um die Wehrſchanzen begonnen. Swayno und Glande befehligten die feindliche Mannſchaft ſelbſt; aber faſt noch nie war mit fo ungleicher Streitmacht und mit fo ſtuͤrmender Tapferkeit und ſolcher verzweifelten Wuth gefoch— ten worden !). Den Ordenskriegern ſtand nur die Wahl zwiſchen Sieg oder Tod; das gab ihren Waffen die unbe⸗ zwinglichſte Kraft. Der Sieg kroͤnte endlich den Ruhm ih— res ritterlichen Kampfes, denn als der Kriegsfuͤrſt Glande und bald nach ihm auch der Reiks Swayno im wilden Streite gefallen waren und die Samlaͤndiſchen Krieger we der Fuͤhrung noch Haltung mehr hatten, warf ſich alles, was ſich noch retten konnte, in die Flucht. Da erſtuͤrmten die Ritter die Wehrſchanzen, ſchlugen alles nieder, verfolg⸗ ten den Feind weit ins Land hinein und erlegten an dieſem Tage uͤberhaupt nicht weniger als fünftaufend Samlaͤnder. 1) Ortum (uit inter ipsos tam durum bellum, quale unquam vi- sum fuit in hoc seculo inter paucos bellatores, ſagt Dusburg c. 98. Schütz p. 50.

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Der Bau von Lochſtaͤtt. 225 Die Brücke und die Wehrſchanzen wurden hierauf vernichtet und fo die Fahrt nach Königsberg wieder völlig frei n). Die Folge aber belohnte den blutigen Kampf; denn bald kamen aus Elbing reichbeladene Fahrzeuge und linderten die lang erduldete Noth auf Koͤnigsberg. Sofort wurden nun auch, um ferneren Hemmungen vorzubeugen, jene durchbohrten Fahrzeuge der Samlaͤnder eilig wieder ausgebeſſert, die Ufer⸗ gebiete vom Feinde geſaͤubert und Swayno's Burg uͤberfal⸗ len und gänzlich vernichtet). Die Gefahr indeß, durch welche die Waſſerverbindung zwiſchen Koͤnigsberg und den weſtlichen Ordensburgen eine Zeit lang unterbrochen worden war, hatte den Ordensrittern ihre große Wichtigkeit nur um ſo fuͤhlbarer gemacht; die bit⸗ tere Erfahrung hatte in der That auch eine zu ernſthafte Lehre gebracht, als daß man nicht mit weiſer Vorſicht dem Uebel fuͤr die Zukunft haͤtte vorbeugen ſollen. Man beſchloß daher, unfern von dem Orte, an welchem damals die Ein⸗ und Ausfahrt der Schiffe ins friſche Haff am leichteſten ge⸗ hemmt werden konnte, eine feſte Burg zu errichten, durch deren kriegeriſche Beſatzung die Schiffahrt aus der See in das Haff und in den Pregel-Strom immer geſichert und frei erhalten werden konnte ). Da ein Theil der Gegend, 1) Dusburg J. c. und Lucas David B. IV. S. 62: beide er⸗ zaͤhlen dabei noch, daß der Ordensritter Gerhard aus Sachſen einem Samländer auf der Flucht den Kopf auf Einen Hieb abgehauen habe und der Rumpf dann noch 29 Schritte weit fortgelaufen ſey. Kajalo- wicz p. 102 bringt das Maͤhrchen in die Schlacht an der Durbe, läßt aber den cadaver ad plura stadia fortlaufen. „Das iſt mehr wie Boer⸗ have's Hahn!“ — Die Zahl von 5000 gefallenen Samlaͤndern giebt Schütz I. c. an. 2) Schütz I. c. nennt die Burg Neidenburg, nach Angabe der Deutſchen, Lucas David B. IV. S. 60 Nittenburg. Hoͤchſt wahr: ſcheinlich war es die alte Burg Naito, deren wir B. I. S. 100 bei ih: rer Erbauung erwaͤhnt haben. Ihr altpreuſſiſcher Name mag Naite- pile geweſen ſeyn, woraus im Deutſchen Neidenburg wurde. 3) Dieſen Zweck ſpricht die urkunde bei Dreger Nr. 367. p. 476 ausdruͤcklich aus: Fratres — quandam munitionem, ut securus pa- III. 15

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226 Der Bau von Lochſtaͤtt. deren Lage für die Burg am geeignetſten war, damals Wit⸗ landsort oder Witlands⸗Graͤnze genannt, durch die Landes⸗ theilung dem Samlaͤndiſchen Biſchofe zugefallen war, ſo trat dieſer ihn an den Orden ab, mit der Bedingung daß man ihm da, wo er ſeinen biſchoͤflichen Wohnſitz erbauen werde, wie⸗ der eine gleiche Landesſtrecke zuweiſen und den in Witlands⸗ ort gewonnenen Bernſtein zum dritten Theile ihm zufallen laſſen wolle ). So erſtand zu dieſem Zwecke im naͤchſten Jahre (1264) die Burg Lochſtaͤtt, von einem Samlaͤnder Laucſtiete fo genannt, der bis dahin dort feinen Wohnſitz gehabt?). Die Burg Koͤnigsberg aber, wie nicht minder die Stadt blieben noch fort und fort den Anfaͤllen und Befehdungen des nahen Feindes Preis geſtellt, denn waͤhrend Samlaͤndi⸗ ſche Heerhaufen die Ritter faſt Tag für Tag durch ſtuͤrmende Angriffe und Pluͤnderungen in Bewegung ſetzten und die Kaͤmpfe faſt niemals aufhoͤrten, brach eines Tags auch der Haͤuptling Heinrich Monte mit einer ſtarken Schaar aus Natangen von Suͤden gegen die Burg heran, ſie zu erſtuͤr⸗ men. Der Verſuch mißgluͤckte, denn die Kriegsmannſchaſt der Burg zog zum offenen Kampfe entgegen. Da ſah mit⸗ ten im Streite Heinrich Monte den Ordensritter Heinrich Ulenbuſch ſeine Armbruſt ſpannen, ſtuͤrzte auf ihn ein und teat introĩtus et exitus navibus ad terras Prussie applicantibus in loco, qui Witlandisort vulgariter appellatur, intendunt construere. Dusburg c. 107 ſagt nur im Allgemeinen, die Ritter hätten die Burg erbaut, ut facilius compescerent malitiam Sambitarum. 1) Das Original dieſer Urkunde, die im Juli 1264 ausgeſtellt wurde, im geh. Arch. Schiebl. XVI. Nr. 1, gedruckt in Dreger Nr. 367. Die vom Hochmeiſter zu gleicher Zeit ausgeſtellte Gegenurkunde in den Actis Boruss. B. III. S. 146 und in Baieri Opuscula p. 267. 2) Dusburg c. 107. Der Name Lochftätt oder Locstete, wie Dusburg hat, ſcheint nicht der urſpruͤngliche geweſen zu feynz vielmehr hieß die Burg Anfangs wie die Gegend Witlandsort. So nimmt es auch Jeroſchin, welcher beſtimmt ſagt: Witlandisort hiß ſye Nu heißit ſy Louſtete.

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Samland von neuem überwältigt. 227 verwundete ihn faſt toͤdtlich mit der Lanze. In dem Augen⸗ blick aber ſchleuderte ein Kriegsknecht ſeine Lanze auf den Hauptmann ab; er fiel verwundet und nun entwich den Sei: nen aller Muth; eiligſt ergriffen ſie die Flucht und kaum ge⸗ lang es ihnen noch, ihren ermatteten Fuͤhrer von der Gefan⸗ genſchaft zu retten !). Doch aus allen dieſen Kaͤmpfen im Umkreiſe der Burg erſahen die Ritter auf Koͤnigsberg weder Gewinn fuͤr die Ge⸗ genwart, noch viel weniger Heil und Rettung fuͤr die Zu⸗ kunft. Nachdem man daher die Anordnung getroffen, daß die im Norden der Burg erſt juͤngſt angelegte, aber von Sam⸗ laͤndiſchen Pluͤnderern oft heimgeſuchte Stadt ſuͤdwaͤrts zwi⸗ ſchen die Burg und den Pregel-Strom 2) verſetzt wurde ), beſchloß Dieterich, der Ordensmarſchall und zugleich Komthur von Königsberg, den Krieg weiter ins Land zu ſpielen und ſo den Feind auf ſeinem eigenen Boden zu bekaͤmpfen. Er brach zunaͤchſt in das Gebiet von Quedenau und uͤberwaͤl⸗ tigte Land und Volk. Dann traf daſſelbe Schickſal auch die Gebiete von Waldau und Wargen, wo die Bewohner theils zum Gehorſam gezwungen wurden, theils in fernere Gegen⸗ den entflohen. Hierauf wagte ſich das Ordensvolk auch ſchon bis in das Gebiet von Schafen am Kuriſchen Haff) und von da weſtwaͤrts hinuͤber in das Gebiet Pobethen. Nirgends fand es mehr bedeutenden Widerſtand. Selbſt die wenigen Edlen, 1) Dusburg c. 9. Lucas David B. IV. S. 73. 2) Jetzt die Altſtadt genannt. 3) Die Samlaͤnder naͤmlich hatten erſt kuͤrzlich bei einem unver⸗ mutheten Ueberfalle die Stadt faſt gaͤnzlich vernichtet, viele Einwohner erſchlagen und gefangen fortgeführt, wie Dusburg c. 101 erzählt. Die Verſetzung der Stadt war alfo mehr ein neuer Aufbau in der bezeich- neten Gegend. Cie fällt indeffen noch ins J. 1263, nicht 1264, wie Baczko Geſchichte von Königsberg S. 27 angiebt. Vgl. Lucas Da⸗ vid B. IV. S. 74 — 76. 4) Dieſes Gebiet wird im Dusburg c. 102 nicht genannt; allein der Text iſt hier wieder mangelhaft; es erwahnt feiner nicht nur Je⸗ ro ſchin c. 102, ſondern auch der Epitomator und eben fo Schütz p. 31. 15* We,

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228 Samland von neuem uͤberwaͤltigt. die noch im Lande zerſtreut waren, traten dem Schwerte des Ordens nicht ferner mehr entgegen. Jener tapfere Nalube, von allem getrennt, was ihn an das Leben gefeſſelt, war durch die unablaͤſſigen Fehden und Verfolgungen endlich er⸗ muͤdet und als er nun mit der Hoffnung zur Errettung der vaͤterlichen Freiheit auch die Kraft und den Muth verloren, da beugte auch er den ſtolzen Nacken und ergab ſich dem Orden zu Treue und Gehorſam ). Und da die Haͤupter wankten, ſo war bald nirgends mehr Zuverſicht und Haltung im Volke. Was ſich daher des Ordens Geboten nicht fuͤgen wollte, ward erſchlagen oder gefangen mit fortgefuͤhrt, und ſo geſchah, daß hie und da ganze Geſchlechter dem vaͤterli⸗ chen Boden entriſſen oder gaͤnzlich vertilgt wurden. Zwar uͤberfiel die Ordensritter auf der Ruͤckkehr ein ſtarker Sam⸗ laͤndiſcher Kriegshaufe, um ihnen die Beute wieder zu ent⸗ nehmen; allein der tapfere Ritter Heinrich Ulenbuſch floͤßte durch ſeinen entſchloſſenen Widerſtand dem ganzen Heere Muth ein und feſſelte ſo abermals den Sieg an die Waffen des Ordens 2). So war in kurzer Zeit der groͤßte Theil des Landes dem Gehorſam des Ordens wieder unterworfen und zwar wie es ſcheint ohne beſondere Gegenwehr. So befremdend dieſes al⸗ lerdings auch bei dem Geiſte iſt, der erſt juͤngſt noch das ganze Volk befeuert und belebt hatte, ſo oft kehrt doch in Preuſſen die Erſcheinung wieder, daß das Volk des Landes immer mehr feſten Muth und kriegeriſche Tapferkeit und ſiche⸗ res Vertrauen auf ſeine Waffen beim Angriffe zeigte, als in der Vertheidigung und in der Abwehr feindlicher Macht. Viel⸗ leicht mag es auch wahr ſeyn, daß dem Volke Samlands auch dadurch alle Zuverſicht auf fein ferneres Glück und alle Hoff⸗ nung der Errettung entſchwand, daß ſein letzter Landes⸗Griwe, an allem Heile verzweifelnd, die Seinigen verließ, nach Kö- nigsberg entfloh und dort die Taufe empfing ). 1) Dusburg c. 96. 2) Dusburg c. 102. 3) Die Sache erzählen zwar Tucas David B. V. S. 1 und

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Samland von neuem Überwältigt. 229 Samlands weſtlicher Theil indeß, da wo damals noch in weiter Ausdehnung der heilige Wald rauſchte und einſt das Goͤtter⸗Heiligthum Romowe ſtand, fuͤgte ſich noch nicht in den erzwungenen Gehorſam. Der Ordensmarſchall trug jedoch Bedenken, jenes Gebiet mit ſeiner Kriegsmannſchaft allein zu bekaͤmpfen, denn in der Naͤhe dieſer Gegend, weſt⸗ waͤrts von Pobethen nach S. Lorenz und HeiligesKreuz hin⸗ uͤber, wohnten im Landgebiete Bethen die tapferſten und ent⸗ ſchloſſenſten Kriegsmaͤnner ganz Samlands, gleichſam als des heiligen Waldes Vorwacht; und jegliches Dorf in dieſem Ge⸗ biete, ſo ſagt die Chronik, ſtellte zum Kampfe an fuͤnfhun⸗ dert ſtreitbare Maͤnner auf 1). Um ſo wichtiger aber und nothwendiger war die Ueberwaͤltigung und Eroberung auch noch dieſes Theiles von Samland. Darum rief der Ordens⸗ marſchall den Landmeiſter von Livland um Beiſtand an, Tag und Ort beſtimmend, wo die zugeſandten Heerhaufen ſich mit Schütz p. 31; allein die Urquelle dieſer Nachricht iſt ohne Zweifel Si: mon Grunau Tr. VIII. c. XV. 5 5 und in den Worten bei Schütz liegt der Beweis, daß dieſer aus dem letztern geſchoͤpft habe. Es bleibt alſo immer noch ein Zweifel gegen die Wahrheit dieſer Nachricht uͤbrig. Indeſſen ſcheint der Name des letzten Landes-Griwen Aleps nicht er⸗ dichtet, denn der Name Aleps und Auleps kommt in Samland als Per⸗ ſonal⸗Name ſpaͤterhin noch oft vor. 1) Dusburg c. 103 ſagt: In quo (territorio) homines feroces habitabant et adeo potentes, quod de una villa quingenti viri ad bellum habiles poterant procedere. Es wäre indeſſen moͤglich, daß dieſe keineswegs alle Bewohner eines Dorfs waren, und daß ſich viel: leicht dorthin aus dem uͤbrigen Samlande eine bedeutende Anzahl Ver⸗ triebener geflüchtet oder auch von den Edlen und Fuͤhrern in die Dörfer dieſes Gebietes gelegt waren, um dort das alte Heiligthum mit verthei⸗ digen zu helfen; denn wie erfuhren die Ordenschroniſten ſo genau, daß alle aus einem Dorfe kommenden Kriegsleute wirkliche Bewohner des Dorfes waren? — Daß das Gebiet Bethen (territorium dictum Be- chen) in jener Gegend lag, geht ſchon daraus hervor, daß Pobethen nur ein zuſammengeſetzter Name und aus Po- Bethen, d. h. bei oder unter Bethen, entſtanden if. Dusburg, Jeroſch in und der Epitoma⸗ tor, welche letztere den Namen Betyn ſchreiben, geben die Lage nicht genau an.

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230 Samland von neuem überwältigt. ſeiner Kriegsmacht vereinigen ſollten. Und als die Kriegs⸗ huͤlfe ihm zugeſagt war und der Tag kam, brach die Ritter⸗ ſchaar aus Koͤnigsberg in die Gegend ein und begann im Gebiete zu rauben und zu heeren, wiewohl die Livlaͤndiſche Huͤlfe noch nicht angelangt war. Da ſammelte ſich ſchnell das geſammte Kriegsvolk von Dorf zu Dorf, und ſtellte ſich dem Ordensheere zur Schlacht entgegen. Nachdem die Rit⸗ ter ſechs Stunden den wuͤthendſten Kampf ausgehalten und viele von ihnen ſchon gefallen waren, begannen bei des Fein⸗ des uͤbermaͤchtiger Zahl die Kraͤfte der Ordenswaffen zu er⸗ muͤden und der Muth zu wanken. Es ſchien endlich nur noch Rettung in der Flucht, als ploͤtzlich noch zur glücklichen Stunde die ſtarke Schaar des Livlaͤndiſchen Reitervolkes her⸗ anſprengend die wankende Schlacht mit neuen Kraͤften wie⸗ der aufnahm, die ermatteten Samlaͤnder in kurzem uͤberwaͤl⸗ tigte und faſt das ganze feindliche Streitheer aufrieb, denn keiner der ergrimmten Krieger nahm Gnade von dem Sie⸗ ger, keiner ergab ſich in Gefangenſchaft, keiner wollte das ſchmachvolle Joch der Knechtſchaft noch einmal auf ſeinem Nacken tragen. Sie fielen alle als die letzten freien Maͤn⸗ ner. Darauf ward das ganze Gebiet zur Wuͤſte gemacht; alle Doͤrfer wurden niedergebrannt; alles wurde durchraubt und durchpluͤndert und um kein einziges Zeichen des alten Lebens dort zuruͤckzulaſſen, wurden Weiber und Kinder auf⸗ gehoben und weit entfernt in andere Gegenden verſetzt ). Eine Todtenſtille herrſchte ſeitdem auf lange Zeit in dem Gebiete, wo bisher die tapferen Waͤchter des alten Heiligthums den Goͤttern und Prieſtern zu Schutz und Wehr geſtanden und in der letzten Stunde ihres freien Lebens das Grab der alten Freiheit mit ihrem Blute durchnaͤßt. Es war der letzte Tag der Freiheit Samlands. Der Schrecken der Schlacht ging durch das ganze Land und ſeit die tapferen Maͤnner von Bethen gefallen waren, wagte vor⸗ 1) Dusburg 1. c. Schütz p. 31 meldet noch, daß ſeit dieſer Zeit das Gebiet Bethen zu Wald und Wildniß geworden ſey.

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Samland von neuem überwältigt. 231 erſt keiner mehr das Schwert zu ergreifen. Die wenigen noch uͤbrigen Edlen des Volkes beugten nunmehr alle den ſtolzen Nacken unter des Ordens Gebot; ſie ſandten als Buͤrgen für ihre Treue ihre Söhne auf die Burg zu Kö: nigsberg und bekannten mit eben der Schnelle, als ſie ihn verlaſſen, von neuem den chriſtlichen Glauben. So ging zum zweitenmale das neuerweckte alte Leben in Samland unter und keiner ſah es fortan je wieder zu ſolcher Friſche er⸗ wachen.

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Viertes Kapitel. Mitilerweile war die Bedraͤngniß der Ordensritter in den uͤbrigen Landſchaften nicht minder groß; uͤberall tobte der Kriegsſturm und im ganzen Lande war nur Fehde und Kampf des Tages Geſchaͤft; denn das hatte das Volk in allen Landen erkannt: es muͤſſe jetzt jedes Opfer dargebracht und jegliche Kraft daran geſetzt werden, die Freiheit zu er⸗ retten, weil die Feſſeln, noch einmal angelegt, dann wohl nie wieder zerſprengt werden koͤnnten. Und diefer entfchlof- ſene, kriegsmuthige Geiſt drohte faſt uͤberall den Ordensrit⸗ tern den Untergang. Nicht bloß Koͤnigsberg beſtand im Laufe des Jahres 1263 ſo harte Tage der Noth, der Bedraͤngniß und Gefahr; es gab beinahe keine einzige Burg in den ab⸗ gefallenen Landſchaften, die nicht Aehnliches zu erdulden hatte. Die Ereigniſſe aber und die zahlreichen Kriegszuͤge und Kaͤmpfe liefen in den verſchiedenen Theilen des Landes ſo wild und ſtuͤrmiſch durch einander und der Vertilgungskrieg gegen alles Chriſtliche durchkreuzte und verwirrte ſich ſelbſt ſo außerordentlich, daß Tage und Monate und Jahr, wie der Geſchichtſchreiber der Zeit geſteht, felbft dem Gedaͤchtniſſe der Zeitgenoſſen und der naͤchſten Geſchlechter großen Theils entſchwunden waren!); und fo wuͤrde ſelbſt die Zerriſſenheit 1) Dusburg c. 132 ſagt in Beziehung hierauf: Non moveat Le- ctorem, si aliqua bella infra secundam Apostasiam jam posita vel ponenda non inveniat eo ordine, quo sunt digesta, quia jam trans- iverunt a ınemoria hominum nunc viventiun, quod nullus de ipsis posset se modo debito expedire: factum quidem pro maiori parte ponitur, sed tempus debitum non servatur.

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Herzog Kaſimir von Cujavien und der Orden. 233 und die plan⸗ und regelloſe Folge der Ereigniſſe und Erſchei⸗ nungen ein ſprechendes Bild ihrer verwirrten Zeit ſeyn. Der Hochmeiſter Anno von Sangerhauſen ward vorerſt im Suͤden des Landes viel zu ſehr beſchaͤftigt, als daß er ſelbſtthaͤtig in die verwirrten Kriegsereigniſſe haͤtte eingreifen koͤnnen, denn es walteten Verhaͤltniſſe mit Herzog Kaſimir von Cujavien ob, die auch von dorther dem Ordens lande man⸗ cherlei Gefahren drohten. Schon laͤngſt herrſchte Spannung und Feindſchaft zwiſchen dem Herzoge und dem Orden. Als Poppo von Oſterna noch des Ordens Meiſter war, hatten ſich Herzog Boleslav von Kaliſch und Gneſen, Herzog Se⸗ movit von Maſovien und Herzog Boleslav der Fuͤnfte von Krakau zu einem Einfall in Kaſimirs Gebiet verbunden und den Sohn des Ruſſiſchen Koͤniges Daniel, Romano, zur Huͤlfe herbeigerufen. Kaſimir aber ſah damals ſchon den Hochmeiſter als die Seele dieſes Buͤndniſſes an 1). Bald nachher war ein bedeutender Heerhaufe von Ruſſen und Lit⸗ thauern unter der Fuͤhrung Swarno's, eines Schweſterſoh⸗ nes des Koͤniges Daniel, mit Raub und Brand in Maſo⸗ vien eingefallen und Semovit, Kaſimirs Halbbruder, war von Swarno's eigener Hand ermordet worden. Zu gleicher Zeit aber hatte auch eine Heerſchaar Preuſſen Maſovien uͤber⸗ zogen und die Maſoviſche Kriegsmannſchaft bei dem Dorfe Dlu⸗ goßedle in einer ſchweren Niederlage überwältigt?). Auch in dieſem Ereigniſſe hielt Kaſimir den Orden nicht frei von al⸗ ler Schuld ); er hatte deshalb gegen einen zwiſchen ihm und dem Orden beſtehenden Vertrag nicht bloß mit den Lit⸗ 1) Boguphal p. 72 erwähnt bloß des Einfalls der Fuͤrſten ins Ge⸗ biet von Lancziz ſelbſt. Daß Kaſimir aber den Hochmeiſter fuͤr die bewe⸗ gende Urfache anſah, erſehen wir aus der Urkunde im geh. Arch. Schiebl. LVIII. Nr. 7, wo Kaſimir deshalb eine Klage erhob contra fratrem Poponem et fratres alios ratione expeditionis facte in terram Lan- chicie per Cracovie, Polonie et Mazovie Duces ac per filium Da- nielis Regis Russie. 2) Boguphal p. 74. Diugoss. p. 766. 3) Die erwähnte Urkunde im geh. Arch. Schiebl. L VIII. Nr. 7.

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234 Vertrag mit Kaſimir von Cujavien. thauern, ſondern auch mit den abtruͤnnigen Preuſſen einen Frieden abgeſchloſſen, der fuͤr den Orden in jeder Weiſe nachtheilig wirken konnte). Als es aber nun ſchon zu Dies ſer feindlichen Spannung gekommen war, konnte es nicht fehlen, daß immer neue feindliche Reibungen, Verletzungen früherer Verträge und Befehdungen und Beleidigungen jegli⸗ cher Art erfolgten und daß beſonders der Handelsverkehr zwi⸗ ſchen beiden Laͤndern theils gänzlich geftört, theils wenigſtens bedeutend gefaͤhrdet wurde. Bei dem Zuſtande der Dinge in Preuſſen mußte es dem Hochmeiſter in jeder Hinſicht be⸗ denklich ſcheinen, dieſen feindlichen Nachbar beſtaͤndig im Ruͤcken zu haben. Er wuͤnſchte eine friedliche Vergleichung; und da der Herzog, durch einen neuen Einfall der Preuſſen bedraͤngt ), ihm mit demſelbigen Wunſche entgegentrat, ſo erkor man ge⸗ genſeitig zur Beilegung aller Mißverhaͤltniſſe den Herzog Sam⸗ bor von Pommern und den Biſchof Wolimir von Leßlau von des Herzogs Seite und den Biſchof Heidenreich von Kulm nebſt den beiden Ordensbruͤdern Friederich von Hauſen und Johannes von Wegeleben auf der Seite des Ordens zu Schiedsrichtern in den gegenſeitigen Klagbeſchwerden und An⸗ forderungen). Sie entſchieden in den wichtigſten Punkten alſo: In Hoffnung der Beihuͤlfe, die der Herzog den Or⸗ 1) In ber erwähnten Urkunde heißt es hierüber: Fratres eundem Ducem accusant, quod contra tenorem privilegii sui treugas fecerit sine ipsis cum Paganis, Lethuinis et apostatis hostibus fidei chri- stiane in maximum eorum et Ecclesie detrimentum. 2) Boguphal p. 74 fest biefen zweiten Einfall der Preuſſen auf den 13. Januar 1263 und fagt: Castellaniam Lowicensem et alias multas villas in circuitu eiusdem Prutheni et alie gentes paganice . gladio et incendio et aliis armis enormiter vastaverunt. Es war die⸗ ſes wahrſcheinlich der nämliche Einfall, über welchen ſich der Herzog auch in der erwähnten Urkunde gegen die Ordensritter beklagt, indem er hier ſagt: Quod eorum (i. e. fratrum) consilio et precepto castel- lani Ducis Kazimiri sunt captivati et spoliati ac terra depredata per quosdam Prutenos. 3) Dogiel Cod. diplom. Polon. T. IV. Nr. 34. p. 29. Friede⸗ rich von Hauſen oder de Husen wird in der urkunde im geh. Archiv

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Vertrag mit Kafimir von Cujavien. 235 densrittern inskuͤnftige noch leiſten wird, erlaſſen ſie ihm den durch den Frieden mit den Unglaͤubigen ihnen zugefügten Schaden; weder der Herzog aber, noch ſeine Nachfolger ſol⸗ len je wieder mit den Heiden, den Litthauern oder den vom Orden Abgefallenen Frieden ſchließen ohne der Ritter Zuſtim⸗ mung, wie der Vertrag des Herzogs mit dem Orden es aus⸗ druͤcklich beſtimmt. Des Herzogs Klage uͤber den Einfall der Preuſſen in ſein Gebiet beſeitigt ſchon der Vertrag, den er mit dem Biſchofe von Pomeſanien 1) abgeſchloſſen, indem es Preuſſen aus deſſen Dioͤceſe waren, die des Herzogs Land feindlich uͤberzogen. Auf die Klage des Herzogs, daß die Kaufleute ſeines Landes nicht jenſeits Elbing fahren duͤrften, ſondern auf der Weichſel in Kulm gezwungen wuͤrden, ihre Waaren auszuladen und die Auslegung ihrer Guͤter in Soletz durch die Ordensritter gaͤnzlich verhindert werde, ſowie auf des Ordens Gegenklage, daß die Handelsleute aus Preuſſen weder Getreide noch ſonſt etwas anderes in das Land des Herzogs aufkaufen und ausführen duͤrften, wird beſtimmt, daß forthin Handel und Verkehr aus einem Lande in das andere voͤllig frei und ungehindert ſeyn ſollen?). Unordnun⸗ Schiebl. LII. Nr. 5 Sacerdos genannt. Wahrſcheinlich war er aus den Rheingegenden gebuͤrtig, wo die Dörfer Haufen lagen; ſ. Acta Aca- dem. Palat. T. II. p. 162. Scheid Orig. Guelf. T. III. p. 657. Er wurde bald nach dieſer Zeit zum Biſchof von Kulm ernannt. Die Fa⸗ milie von Hauſen kommt jedoch auch haͤufig in Franken vor, ſ. Fal⸗ ckenſteins urkunden und Zeugniſſe das Burggrafth. Nuͤrnberg betreff. p. 23. 54. 61. 62. 65. Scheid Orig. Guelf. T. III. p. 487. 596. 1) Hier noch Episcopus Quedinensis genannt. 2) ueber dieſen Verkehr beider Lander iſt folgende Stelle nicht un⸗ wichtig: Super eo quod domiuus dux querulatur, quia mercatores sui ultra Elbingum navigio descendere non sinuntur et mercatores ascendentes per Wislam in Culmen tantum cum pannis applicare co- gantur, et Naves, que in Soletz merces suas vellent deponere, per fratres prohibentur et ex converso fratres querulantur, quod homi- nes terre ipsorum in terris ducis K. annonam et res alias emere et deducere prohibentur, taliter diffinimus et sub predicta pena statui- mus, ut naves descendentes et ascendentes indifferenter omnes cum

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236 Vertrag mit Kafimir von Cujavien. gen im Zollweſen, die den Verkehr bisher geftört, follten ab⸗ gethan und fernerhin nur die alten Zölle erhoben werden. Landesfluͤchtlinge und entlaufene Knechte ſollte die Herrſchaft beider Laͤnder ſich gegenſeitig ausliefern. An den Beſitz der Doͤrfer des Ordens jenſeits des Weichſel⸗Stromes ſollte Her⸗ zog Kaſimir inskuͤnftige keine Anſpruͤche mehr erheben, ſon⸗ dern den Orden nach den daruͤber beſtehenden Vertraͤgen in ruhigem Beſitze laſſen. Endlich wurden durch die Schieds⸗ richter auch noch verſchiedene andere die buͤrgerliche Sicherheit und Ruhe beider Länder betreffende Verhaͤltniſſe näher eroͤr⸗ tert und feſtgeſtellt und in ſolcher Weiſe der Friede und nach⸗ barliche Freundſchaft des Herzogs und des Ordens wieder herbeigefuͤhrt ). Fuͤr den Orden war dieſe friedliche Ausgleichung mit dem Herzoge von Cujavien um ſo wichtiger, da ſich der pannis et rebus aliis vadant et applicent ubicunque volunt sine fra- trum prohibitione et e converso diffinimus et statuimus, ut dictus K. dux sive sui heredes non prohibeant quin fratres et quilibet homi- nes in terris eorum degentes in d. ducis K. terris et heredum suo- rum libere possint emere ac deducere annonam et alias merces salva iusta et consueta telonei pensione. 1) Wir haben dieſe ſchiedsrichterliche Entſcheidung im Original im geh. Arch. Schiebl. LVIII. Nr. 7 mit der Angabe: Actum et datum in Juvene Wladislavia M. CC. LXIII. XI Calend. Marcii (19 Fe⸗ bruar), woraus erhellt, daß die Verhandlung der Schiedsrichter in Neu⸗ Leßlau gepflogen wurde. Wir erfahren aus dieſer Urkunde auch noch manchen andern nicht ganz unwichtigen umſtand. So erhob z. B. der Orden die Klage, daß feine Unternehmungen gegen die Jatzwinger (Get- wezitas) durch den Herzog waren verhindert worden, daß ferner auch Herzog Sambor von Pommern ſich einige Feindseligkeiten gegen Kaſi⸗ mirs Unterthanen erlaubt hatte, denn es heißt: De spolio navis, quod factum est in Trssew (Dirſchau), cum hoc Dux Samborius se fe- cisse recognoscat, fratres inculpabiles esse pronunciamus. Daß der Ordens⸗Komthur in Orlow mit den Bürgern von Leßlau pro inter- Tectione hominis fratrum de Orlove in Fehde gelegen und die Stadt mit bewaffneter Gewalt überfallen, mehre Bürger getöbtet und gefan⸗ gen genommen, außerdem auch Geld von der Stadt erpreßt hatte u. ſ. w., geht ebenfalls daraus hervor.

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Kampf im Barterlande. 237 Kriegsſturm in Preuſſen bald auch bis in die Nähe ber Graͤnzen Maſoviens und Cujaviens hinaufzog. Vorerſt in⸗ deſſen tobte er noch am verderblichſten im Barterland, wo der Kriegshauptmann Dywane mit ſeiner Heermacht alles Chriſtliche zu vernichten ſuchte. Der edle Preuſſe Girdawe, deſſen Geſchlecht auch noch in ſpaͤterer Zeit unter dem Na⸗ men der Rendalier bluͤhete !), eifrig wie kaum ein anderer dem chriſtlichen Glauben zugethan, ward auf ſeiner Stamm⸗ burg Girdauen von einem Heerhaufen des Barterlandes mit um fo größerer Erbitterung bekaͤmpft, da er auf keine Weiſe zu bewegen geweſen war, am Aufſtande ſeiner Landſchaft wider den Orden Theil zu nehmen. Aber die Tapferkeit der Seinen hielt alle Stuͤrme maͤnnlich aus, bis Hunger und Noth die Kraͤfte brach. Da brannte er ſeine Burg mit ei⸗ gener Hand auf und entwich mit allen den Seinigen in das Ordenshaus Königsberg 2). Noch wichtiger aber war fuͤr die Bewohner des Barter⸗ landes der Kampf um die beiden Burgen Weiſtote-Pil und Wallewona oder Wiſenburg, denn es kuuͤpften ſich an fie, wie wir wiſſen, ſo manche große und heilige Erinnerungen aus dem alten Leben, welche die Seele mit Freude und die Bruſt mit Muth erfüllten?). Darum ward alles daran ge⸗ ſetzt, durch den Gewinn beider Burgen ſich dieſer heiligwich⸗ tigen Gegend wieder zu bemeiſtern. Faſt drei Jahre lang waren die Ritter von den Heerſchaaren der Preuſſen theils aus der Landſchaft ſelbſt, theils aus dem oͤſtlichen Sudauen, 1) Auch der Name Girdawe kommt ſpaͤterhin noch öfter als alt: preuſſiſcher Name vor; unter andern noch in einer Verſchreibung vom J. 1362. 2) Dusburg c. 108. Schütz p. 35 giebt an, Girdawe ſey aus feiner Burg gewichen aus Beſorgniß, belagert zu werden. Nach Dur- burg aber geſchah es post multa bella et impugnationes, quas a com- patriotis suis apostatis sustinuit. Lucas David B. IV. S. 64 ſchreibt hier meiſt nur dem Simon Grunau Tr. VIII. c. VII. S. 3 nach und iſt daher hier wenig glaubwuͤrdig. 3) Vgl. B. I. S. 493 —494.

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238 5 Kampf im Barterlande theils auch aus andern Gegenden hart belagert, oft ſchwer bekaͤmpft und nicht ſelten im Kampfe uͤberliſtet. Da zog einſt ein doppelt ſtarker Heerhaufe gegen Weiſtote⸗Pil heran. Tag und Nacht wurde die Burg beſtuͤrmt; die Ritter leiſteten heldenmuͤthigen Widerſtand und der Feind mußte wieder wei⸗ chen. Allein der harte Sturm hatte die Kraft der Beſatzung ſo erſchoͤpft und die Befeſtigungswerke waren ſo bedeutend beſchaͤdigt, daß die Ritter, um größerem Ungluͤck zu entge⸗ hen, die Burg in Brand ſteckten und auf verborgenen We⸗ gen davon zogen !). Wallewona, die andere Burg, ward noch ſtandhaft vertheidigt, obgleich taͤglich drei Belagerungs⸗ maſchinen gegen fie in Bewegung waren; aber auch fie un⸗ terlag in kurzem dem allgemeinen Looſe. Der Hauptmann Dywane ergriff endlich, um ſich der Burg zu bemeiſtern, verrätherifche Liſt. Mit einem feilen Preuſſen aus der Die⸗ nerſchaft der Burg ward der Verrath verabredet. Da zog eines Tags der Hauptmann mit einer bedeutenden Schaar gegen die Burg heran, durchpluͤnderte die Umgegend und wich dann eilig wieder zuruͤck. Alsbald erbot ſich jener Preuſſe den Rittern, ihren Heerhauſen im Verfolgen des Feindes fo zu führen, daß er plotzlich überfallen, leicht bes ſiegt und aller Raub ihm wieder entriſſen werden koͤnne. Die Ritter trauten dem verraͤtheriſchen Worte und folgten ſchnell dem wegekundigen Fuͤhrer mit ihrer Kriegsmacht bis an die Graͤnzen des Barterlandes. Von dort wollten ſie zu⸗ ruͤckkehren, weil ſie den Feind nicht fanden; allein der Ver⸗ raͤther lockte ſie weiter durch die Hoffnung, daß ſich ſonder Zweifel am Fluſſe Angerapp 2) das feindliche Heer gelagert habe. Da gelangten die Ritter unbeſorgt an den Ort, der zwiſchen dem Hauptmanne und dem verraͤtheriſchen Fuͤhrer 1) Dusburg o. 109 — 110. (Im Text c. 106 ift Ducis ein Druck⸗ fehler für duas villas, wie Jeroſchin und der Epitomator haben.) Lucas David B. IV. S. 64 — 65. Schütz p. 35. 2) Wengrapia nennt Dusburg c. 111 den Fluß. Der Epitoma⸗ tor ſchreibt Wangrapien und eben fo Jeroſchin c. 111; Lucas Da⸗ vid B. IV. S. 66 die Wangerap.

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und in Natangen. 239 verabredet war und plotzlich ſtuͤrzte das ganze feindliche Heer auf die Ordensritter ein. Schnell geſammelt faßten ſie Stand auf einer nahen Anhoͤhe und nun erfolgte ein aͤußerſt bluti⸗ ger Kampf. Bald indeß war das Ordensvolk vom Feinde ganz umringt und wiewohl es fort und fort mit außeror⸗ dentlicher Tapferkeit den ſtuͤrmenden Heiden widerſtand, fo wurden doch endlich zwanzig Ordensritter mit ihrer geſamm⸗ ten Mannſchaft erſchlagen, alſo daß nur eine geringe Zahl in die Ordensburg zuruͤckflohen !). Mit der Kraft aber war ih⸗ nen auch der Muth entſchwunden und da ſie bald auch Hun⸗ gersnoth bedraͤngte, fo verließen fie insgeheim die Burg und ſchlugen den Weg nach Maſovien ein. Der Hauptmann Dy⸗ wane jedoch ſetzte ihnen ſchnell mit einer ſtarken Schaar nach und mit dreizehn ruͤſtigen Reitern vorauseilend griff er die ermuͤdeten und durch Hunger ermatteten Ritter in einem neuen Kampfe an. Drei aus ihrer Zahl fielen ſogleich im erſten An⸗ griffe; die uͤbrigen aber vertheidigten ſich mit aller Kraft, bis Dywane ſelbſt ſchwer verwundet genoͤthigt war, zu feiner Ret⸗ tung den weitern Kampf aufzugeben 2). Mittlerweile war auch die ſtarke Kreuzburg in Natangen gefallen. Aber nicht gebrochener Muth, nicht Mangel an Ta⸗ pferkeit bei der ritterlichen Burgbeſatzung hatte fie fallen laſ⸗ ſen, denn Jahre lang war die Feſte von drei Wehrſchanzen aus mit drei Kriegsmaſchinen hart belagert worden und in allen Stuͤrmen und Kaͤmpfen hatten die Ritter mit den Ih⸗ rigen ſtets maͤnnlich und ruͤhmlich widerſtanden. Da zwang auch hier endlich der unbeſiegliche Feind einer ſchrecklichen 1) Lucas David a. a. O. nennt den Verraͤther Merune, aber nur auf die Auctorität des Simon Grunau. Nach Schütz p. 35 wurde der verraͤtheriſche Diener von den Ordensrittern in Stuͤcken zer: hauen. 2) Ob Wallewona oder Wiſenburg wirklich zerftört worden ſey, bleibt zweifelhaft; in der Ueberſchrift bei Dusburg c. 112 heißt es frei⸗ lich: De destructione castri Wiesenburg; im Texte ſelbſt aber wird gefagt: fratres relicto castro recesserunt und beim Epitomator: ca- trum deserunt; eben fo bei Schütz p. 35.

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240 Schlacht bei Löbau. Hungersnoth, die Burg aufzugeben. Die Ritter entflohen heimlich bei naͤchtlicher Weile; allein der Feind, hievon un⸗ terrichtet, folgte dem abziehenden Haufen eiligſt nach, uͤber⸗ fiel ihn plotzlich und erſchlug alles bis auf zwei Ritterbruͤder, die ſich durch die Flucht retteten !). Kreuzburgs Belagerung hatte lange Zeit der tapfere Heinrich Monte geleitet. Da brach er nun von neuem Mu⸗ the erhoben an der Spitze ſeiner Natanger auf und ſtuͤrmte bis ins Kulmerland hinauf. Furchtbar war die Verwuͤſtung, die er dort aller Orten anrichtete; alle Gebaͤude, welche nicht ſtarke Mauern ſchuͤtzten, wurden durch ſeine wilde Horde nie⸗ dergebrannt; kein Chriſt, der ungluͤcklich in des Feindes Haͤnde fiel, fand Schonung vor dem Schwerte. Frauen und Kinder trieb man wie Herden vor dem Heere her und da das Land lange Zeit Friede genoſſen, ſo war der Raub unzaͤhlig, den Heinrich Monte hinwegfuͤhrte ?). Aber kaum hatte er das Gebiet von Loͤbau erreicht, als der Landmeiſter Helmerich von Rechenberg und Dieterich der Ordensmarſchall ihm mit der ganzen Kriegsmacht des Kulmerlandes nacheilten und ihm die Schlacht boten. Ohne Saͤumen nahm ſie der Hauptmann an; es wurde mit großer Erbitterung geſtritten. Die Preuſ⸗ ſen, dadurch im Vortheile, daß ſie durch Verhaue gedeckt kei⸗ nen Angriff zur Seite fürchten durften), leiſteten Anfangs den maͤnnlichſten Widerſtand und faſt ſchien ſchon der Sieg ſich ihnen zuzuneigen. Da ſprach der Landmeiſter den Sei⸗ nen neuen Muth und neue Freudigkeit zum Kampfe ein: „Es ſind nicht unſere Feinde, die ihr zu beſiegen habt; es ſind die Feinde der gebenedeieten Jungfrau! Es iſt nicht ir⸗ 1) Dusburg c. 113. Schütz p. 35. 2) Immensam rapinam cum mulieribus et liberis deduxit, fagt der Epitomator. Jeroſchin o. 118. Ordenschron. bei Matthaeus . 787. x 3) Jeroſchin a. a. O. ſagt: Und hattin ſich behouwin Dy Pruzin und vorheynit Des wart von yn begeynit Den criſtenyn mit hertir Wer.

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Schlacht bei Löbau. 241 diſcher Lohn, den ihr im Kampfe erringen ſollt; es iſt der Lohn des ewigen Lebens, der eueren Sieg kroͤnen wird!“ So ſprach der Meiſter und dieſes Wort in der Stunde der Entſcheidung that eine gewaltige Wirkung !). Der Feind ward in die Flucht geworfen und in ein nahes Gebuͤſch getrie⸗ ben, wo viele dem Schwerte der Ritter erlagen. Das Or⸗ densheer aber, im Verfolgen einzelner feindlicher Haufen be⸗ griffen, hatte ſich allzu ſehr zerſtreut, ſo daß nur eine geringe Zahl bei der Heerfahne zuruͤckgeblieben war. Als Heinrich Monte dieſes von einer Anhoͤhe gewahrte 2), ſammelte er ſchnell die Seinen wieder und ſtuͤrmte mit reißender Gewalt auf den Kampfplatz zuruck, die Schlacht von neuem begin⸗ nend. Es wurde Stunden lang und mit der aͤußerſten Er⸗ bitterung gekaͤmpft. Da ſiel der Landmeiſter im Schlachtge⸗ wuͤhle; der Schrecken benahm dem Ordensvolke alle Haltung und Richtung; der Feind draͤngte nun mit um ſo hoͤherem Muthe auf die wankenden Haufen ein und in kurzem waren vierzig von den Ordensrittern und der geſammte uͤbrige Theil des Heeres erſchlagen. — Es war eine ſchreckliche Niederlage, welche der Orden hier erlitt und Jammer und Betruͤbniß, Angſt und Schrecken ging bald durch das ganze Land, ſo weit noch Chriſten wohnten. Seit der Schlacht an der Durbe hatte der Orden keinen ſo ſchweren Verluſt empfunden, und er war hier und gerade in dieſer Zeit noch ungleich ſchmerz⸗ licher und unheilvoller; denn zaͤhlte man jetzt auch nicht ſo viel Erſchlagene als damals an der Durbe, ſo bejammerte man hier neben der auserleſenſten und tuͤchtigſten Kriegs⸗ mannſchaft auch die ausgezeichnetſten Gebietiger und Ordens⸗ ritter, durch deren Weisheit und thaͤtigen Eifer bisher ſowohl des Landes Verwaltung, als die Fuͤhrung des Krieges gelei⸗ tet und geordnet worden war ). Der eine Tag hatte die 1) Der Text Dusburgs von Hartknoch iſt auch hier wieder nicht ganz vollſtändig. Sowohl Jeroſchin als der Epitomator weiſen deut⸗ lich auf die ermunternden Worte des Landmeiſters hin. 2) Ordenschron. bei Matthaeus p. 737. Schütz p. 36. 3) Ohne Zweifel verſteht Dusburg bei den Worten: omnes electi I. 16

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242 Schlacht bei Lobau. ganze Bluͤthe der Ritterſchaft auf lange Zeit vernichtet und vor allem von welcher Wirkung mußte dieſer neue Sieg für den Muth und das Vertrauen der Preuſſen ſeyn !)! et praeelecti viri, quorum sapientia et industria et terra Pruschiae et bellum regebatur auch die beiden ehemaligen Landmeiſter Gerhard von Hirzberg und Hartmud von Grumbach darunter, denn dieſe befan⸗ den ſich nach der Urkunde Schiebl. LII. Nr. 5 damals noch bei dem Hochmeiſter im Kulmerlande. 1) Die Hauptquelle iſt auch hierüber Dusburg c. 118. Er fügt noch die fromme Nachricht hinzu: In hoc loco certaminis postea qui- dam Eremita habitans vidit noctis tempore candelas ardentes pluri- mis vicibus, quae interfectos ibi jam coronam Martyrii apud Regem martyrum manifestius declarabant- — Dusburg c. 118 vgl. mit c. 116 ſcheint die Schlacht in das J. 1264 zu ſetzen. Allein dieſer An: gabe widerſprechen urkundliche Beweiſe, nach welchen der Tod des Land⸗ meiſters noch in das J. 1263 fallen muß. In zwei Urkunden im geh. Arch. Fol. II. p. 179 und 188 nennt ſich der Ordensritter Johannes von Wegeleben (derſelbe, welcher in der Urkunde bei Dogiel T. IV. p. 29 erwahnt iſt) Praͤceptor oder Gebietiger der Brüder des Hauſes S. Marien der Deutſchen in Preuſſen. Hoͤchſt wahrſcheinlich war er Vice⸗ Landmeiſter. Da nun die eine dieſer Urkunden am 12. Juni 1263 aus⸗ geſtellt iſt, ſo darf der Schluß gezogen werden, daß Johannes von We⸗ geleben an die Stelle des in der Schlacht gefallenen Helmerich von Re chenberg getreten war und folglich die Schlacht auch noch vor dem 13. Juni 1263 erfolgt iſt. Ein Irrthum in der Jahrzahl der Urkunden iſt um fo unmwahrfcheinlicher, weil fie fie beidemal mit Buchſtaben ausge⸗ ſchrieben haben. Es tritt hier aber noch der beſondere Umftand ein, daß der Marſchall Dieterich neben dem Komthur Bertold von Elbing in dieſen Urkunden als Zeuge angeführt wird. Nun erwaͤhnt aber Dus- burg J. c. des Marſchalls mit unter den in der Schlacht Gefallenen und es muß alſo hier irgendwo ein Irrthum liegen. Er liegt jedoch nicht in den Urkunden, ſondern bei Dusburg ſelbſt. Dieſer führt c. 115 an, daß bei Bartenſtein Marschaleus cecidit interfectus. Da Diete rich nun ſchon im J. 1262 als Marſchall erſcheint, dann ein Marfchalt im J. 1263 bei Bartenſtein fällt und jener Marſchall Dieterich nach Dusburgs Zählung im J. 1264 in der Schlacht bei Löbau erſchlagen wird, ſo läßt ſich dieſe Verwirrung bei dem Chroniſten nicht anders auflöfen, als daß man annimmt, Dusburgs Angabe vom Tode des Mar⸗ ſchalls Dieterich bei Loͤbau ſey ein Irrthum und Dieterich ſey erſt ſpaͤ⸗ ter bei Bartenſtein gefallen nach c. 115. Damit ſtimmen dann auch die

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Ludwig von Baldersheim. 243 Dem im Kampfe gefallenen Landmeiſter folgte im Amte der Ordensritter Johannes von Wegeleben aus Sachſen ge⸗ bürtig, doch wie es ſcheint nur ſtellvertretend und nur auf kurze Zeit!). Die Geſchichte hat nichts von ſonderlicher Wich⸗ tigkeit von ihm aufbehalten 2) und es trat an ſeine Stelle bald nachher als Landmeiſter von Preuſſen der Ordensritter Ludwig von Baldersheim, damals zugleich Landkomthur von Boͤhmen. Seine Stammverwandten bluͤhten zur Zeit in Fran⸗ ken und in den Rheinlanden, zum Theil als Hohenlohiſche Vaſallen ). Er uͤbernahm das Amt wahrſcheinlich erſt ge gen Ende des Jahres 1263, vielleicht weil ihn der Hochmei⸗ ſter erſt aus Böhmen herbeirief “). Ludwig von Baldersheim fand in Preuſſen ſchwere und jammervolle Tage, Zeiten voll Noth und Bedraͤngniß, uͤber⸗ all noch den tobenden Sturm des Krieges und den Orden erwähnten Urkunden überein, nach welchen Dieterich noch lebte, als Jo⸗ hannes von Wegeleben als Vice⸗Landmeiſter auftrat. 1) Der Name dieſes Johannes von Wegeleben wechſelt in der Schreibart in den verſchiedenen Urkunden und wir finden Wegelere, Weg⸗ clere, Wegelaw und Wegeleyben. Johannes Wegelewe kommt in einer Urkunde vom 24. Jan. 1263 vor. Das Richtigſte iſt ohne Zweifel We⸗ geleben, der Name einer niederſächſiſchen, im 18. und 14. Jahrh. bluͤ⸗ henden Familie. S. Wohlbruͤck Geſchichte des Geſchlechts von Al- vensleben B. I. S. 98. Scheid. Orig. Guelf. T. III. p. 545. 2) Wir haben von ihm nur einige Urkunden uͤber Guͤterverleihun⸗ gen an Preuſſen im Fol. II. p. 48. 179, 188. In der einen heißt es: Do dy newen criſten czu Pruͤſen hatten abegewurffen den criſten gelou⸗ ben und die kirche gots pynygitten mit mancherleie Pyn und wedir uns und andir geloubigen in gote grymeclichin czornten, dovon ſy nicht un⸗ bilichin vorloren ere vreyheit, ſo welle wir dowedir, das dy die by uns getruͤlichin geſtanden haben, ſich vrouwen ſundirliche befeſtunge der vryheit. 3) Hanſelmann von der Hohenloh. Landeshoheit S. 591. B. II. S. 161. 4) Die erſte Urkunde, in welcher er als Landmeiſter vorkommt, iſt die bei Dag iel T. IV. Nr. 35 und im Februar 1264 gegeben; alſo iſt es unrichtig, wenn Dushurg c. 119 ihn fein Amt erſt 1265 antre⸗ ten laͤßt. 16 *

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244 Kampf um Bartenſtein. mit feiner Herrſchaft über das Land mehr als je am Rande des Unterganges. Immer näher ruͤckten die empoͤrten Preuſ⸗ ſen an ihr Ziel, denn eine Zwingburg fiel nach der andern. Am wildeſten war jetzt der Kampf um die Burg Bartenſtein an der Graͤnze des Barterlandes. Vierhundert Krieger, theils Ordensritter, theils Deutſche Einzoͤglinge nebſt einigen treu⸗ gebliebenen Preuſſen bildeten die Burgbeſatzung. Ihr entge⸗ gen aber lag vor den Mauern ein Heer von dreizehnhundert ſtreitruͤſigen Preuſſen in drei Wehrſchanzen ringsumher mit drei Belagerungsmaſchinen, die faſt beſtaͤndig thaͤtig waren. So oft indeſſen und ſo ſtuͤrmend die Belagerer die Burg auch bedraͤngten, ſo waren ſie doch ſelten vom Gluͤck ſehr beguͤnſtigt, denn die Beſatzung leiſtete Tag fuͤr Tag den hel⸗ denmuͤthigſten Widerſtand und in allen Kämpfen war die Zahl der gefallenen Preuſſen bei weitem ſtaͤrker, als die der Ritter. Am meiſten aber glaͤnzte im Streit durch ſeine au⸗ ßerordentliche Tapferkeit ein Preuſſe hervor, Milegede ge⸗ nannt *), aus Samland, ein eben fo muthvoller und maͤnn⸗ lich Fühner, als aͤußerſt flinker und behender Streiter, wel⸗ chen darum die Feinde auch mehr fürchteten, als faſt die Hälfte der Beſatzung. Schon oft hatte in den Streitfehden alles auf ſeinen Tod gezielt und immer war er der Gefahr entkommen. Man ſann im feindlichen Heere auf allerlei li⸗ ſtige Anſchlaͤge, um ſich des gefuͤrchteten Gegners zu entledi⸗ gen. Einſt legten die Befehlshaber eine Heerſchaar in Hin⸗ terhalt und ſandten dann einen ruͤſtigen Krieger unter die Burgmauer, um zu einem Zweikampfe aufzufordern. „ Iſt einer unter euch,“ rief er mit ſtarker Stimme, „der mit mir den Kampf wagen will; er komme heraus!“ Milegede ſtellt 1) Milegede ift der richtige Name; fo finden wir ihn auch noch in fpätern Urkunden, z. B. in einer Verſchreibung des Biſchofs Jacob von Samland vom J. 1356 in Matricul. Fischhus. p. 110. So ſchreibt ihn auch Jeroſchin c. 114. Dushurg c. 114 hat Miligedo, der Epi⸗ tomator Milgedus und Lucas David B. IV. S. 69 Melgedo; eine Urkunde von 1330 Mylligeyde. In den Matrieul. Fischhus. p. 25 werden als Bruͤder eines Miliede Samone und Dargots genannt.

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Belagerung Bartenſteins. 245 ſich dem Kämpfer mit der Ritter Erlaubniß zum Streite und als dieſer bald die Flucht ergreift, ſetzt er ihm weiter und weiter nach. Da bricht aber plotzlich jene Schaar aus dem Hinterhalte hervor; Milegede ſchlaͤgt den Gegner mit der Keule nieder, erreicht durch ſeine außerordentliche Schnellig⸗ keit gluͤcklich den nahen Wald und kommt wohlbehalten auf heimlichen Wegen nach Bartenſtein zuruͤck. Die Feinde in⸗ deſſen boten auch forthin noch allerlei ſchlaue Mittel auf, den gefaͤhrlichen Helden in ihre Gewalt zu bekommen und Mile⸗ gede wagte ſich oft allzu unvorſichtig in Gefahr. Da uͤber⸗ fielen ihn einſt aus verſtecktem Hinterhalte zehn wackere Krie⸗ ger; er beſtand ſie maͤnnlich im Kampfe; aber es ſtuͤrzten plotzlich noch funfzig andere über ihn her; feine Kraft ermuͤ⸗ dete und er erlag endlich ihren Waffen zu unendlicher Freude des ganzen Belagerungsheeres. Da nun die Preuſſen zur naͤmlichen Zeit auch jenen tapfern Helden Troppo, deſſen wir früher ſchon erwähnten !), im Kampfe erſchlugen, fo wurden die Ritter auf der Burg ſo vom Zorn ergriffen gegen den Feind, daß ſie aus Rache dreißig Geißeln der Preuſſen an einem Galgen vor dem Thore der Burg aufhaͤngen ließen zu großem Jammer ihrer Väter und Blutsverwandten 2). Eines Tags geſchah aber, daß die Preuſſen ein heiliges Opfergefaͤß aus einer Wehrſchanze in die andere trugen. Die Ritter auf der Burg, ſolches gewahrend, meinten, die Feinde feierten ein fröhliches Feſtgelage und ſtuͤrmten plotzlich hundert und funfzig Mann ſtark aus ihren Mauern auf ſie ein. Es kam zu einem heißen Kampfe und mit fortreißender Gewalt drang die Ordensmannſchaft von einer Wehrſchanze in die andere. Die feindlichen Krieger entflohen oder erlagen dem Schwerte; kein einziger blieb in den Belagerungswerken“) 1) S. S. 212. Der Epitomator und Jeroſchin a. a. O. ſchrei⸗ ben auch hier dieſen Namen Troppe. 2) Dusburg c. 114. Lucas David B. IV. S. 69. Schütz p. 85 — 36 berührt einige nähere umſtaͤnde, unter andern von Milege⸗ de's Tod. 3) Nach Dusburg c. 115 wurde freilich faſt die ganze Mannſchaft

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246 Belagerung Bartenſteins. und unter Jubel und Freude brachte die Burgbeſatzung das eroberte Opfergefaͤß in die Burg zuruͤck. Nur des tapfern Ordensmarſchalls Dieterich Tod truͤbte das froͤhliche Ereigniß. Er war der einzige Gefallene. Darauf wurden ſogleich die drei Wehrſchanzen gaͤnzlich vernichtet und dem Boden gleich gemacht und die Ritter glaubten ſich nun von aller Gefahr befreit. Allein die Hoffnung taͤuſchte, denn in kurzem zog ein neues Belagerungsheer von dreitauſend Mann heran, wel⸗ ches ſchnell die Wehrſchanzen wieder herſtellte und die Bela⸗ gerung nun mit um ſo groͤßerer Erbitterung fortſetzte. Mehr als je war die Burgbeſatzung bald nur auf ihre Mauer be⸗ ſchraͤnkt und alle Ausſicht auf Erſatz und Rettung verſchwand. Da kehrte auch hier in die Burg ein Feind ein, dem bisher faft alle hatten erliegen müſſen; es gebrach auch hier bald an allen Lebensmitteln und die Ritter ſannen jetzt nur noch auf einen Weg zur Rettung ihres Lebens. Dreimal wurden die Feinde im Lager dadurch getaͤuſcht, daß die Burgbeſat⸗ zung ſich vom Morgen bis zum Abend in ihren Mauern ſo verborgen und ſo ruhig verhielt, als ſey die Burg verlaſſen; wenn dann die Belagerer ſich naͤherten, um in die Thore einzudringen, wurden fie plößlich überfallen und ſtets mit gro⸗ ßem Verluſte zuruͤckgetrieben. So hatte man abſichtlich den Feind in Schrecken geſetzt, um mit ſo groͤßerer Sicherheit die Gelegenheit zur Rettung zu benutzen. Der erſehnte Tag er⸗ ſchien, an welchem ein frommer Ordensbruder gluͤcklichen Aus⸗ aufgerieben. Er ſagt: de MCC C viris, qui ad defensionem ipsorum fuerant ordinati, vix aliquis mortem evasit. Die Sache klingt etwas übertrieben. Der Epitomator ſagt aber, vielleicht um der Erzählung mehr Wahrſcheinlichkeit zu geben: Tria fortalitia attigerunt, in qui- terempti Doch heißt es auch bei Jeroſchin c. 115: Da ſy di bergfried alle drie Mit Gotis huͤlf irliefen Da lagin unde ſliffen Der Pruͤzin vil von Trunkinheit Den auch der Slaf mit bittirkeit Ward in des Todis Slaf gewant.

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Einnahme Bartenſteins. 247 gang verheißen. In zwei Haufen getheilt und in größter Stille die Burg verlaffend zog die Beſatzung in dunkeler Nacht ein Theil nach Koͤnigsberg, ein anderer nach Elbing zu, nur ihre Waffen und die Reliquien ihrer Kirche mit ſich nehmend. Nur ein alter, kranker und blinder Ordensbruder, der nicht folgen konnte, blieb in der Burg zuruck, den Feind uͤber den Abzug der Seinen mehre Tage dadurch taͤuſchend, daß er in den uͤblichen Stunden des Gottesdienſtes nie ver⸗ ſaͤumte, die Glocke zu laͤuten. Doch endlich naheten ſich die Preuſſen der Burg, erſtiegen die Mauern, ermordeten den Ordensbruder aus Zorn uͤber die Taͤuſchung und beſetzten die Feſte mit einer ſtarken Mannſchaft, die von hier aus den Or⸗ den nicht felten noch hart bedraͤngte und beläftigte !). So ging an dem Bau der Ordensherrſchaft eine Stuͤtze nach der andern verloren, mit dem Verluſte jeder Burg ſank ein Pfeiler nieder und jeder Ordensritter ſah ſchon mit ban⸗ gem Herzen dem Augenblicke entgegen, in welchem er gaͤnzlich zuſammenbrechen und alle Keime Deutſcher Bildung und chriſtlicher Erkenntniß wieder erſtickt und zertreten werden würden. Eine Rettung ſchien nun ſchon kaum mehr mög: lich, denn die Folgen und Wirkungen des Unheils, welches den Orden bisher faſt Tag fuͤr Tag getroffen, gingen immer weiter und weiter und nirgends mehr durfte auf einige Si⸗ cherheit im Beſitze und auf beſtaͤndige Ruhe im Frieden ge: rechnet werden. Kaum war die Kunde von dem Unglüd der Ordensritter auf ihren Burgen im Barterland nach Sam⸗ land gekommen, als auch dort wieder im Rinauer Gebiete um den Galtgarben der Geiſt der Empoͤrung aufzuckte, denn alles, was waffenfaͤhig war, trat zuſammen und ſtuͤrmte hinab an das Ufergebiet des friſchen Haffes, wo der Biſchof Hein⸗ 1) Dusburg c. 116. Schütz p. 36. Lucas David B. IV. S. 70 — 71 benutzte hier den Simon Grunau. Die Angabe des J. 1264 bei Dusburg und Lucas David iſt wohl richtig, denn die Be: lagerung Bartenſteins zog ſich allerdings in das J. 1264 hinein. Ti⸗ demanns Chron. (Mſcr.) p. 61 nennt ebenfalls das J. 1264, läßt aber den einen Theil der Beſatzung ſtatt nach Königsberg nach Balga ziehen.

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248 Kriegsftärme in Samland. rich von Samland fo eben feine neue Wohnburg Schönewif erbaut hatte ). Sie war zur Zeit noch ohne alle Vertheidi⸗ ger und nur der Zug eines Riemens an der Burgpforte haͤtte dem Feinde den Eingang geöffnet; allein die Samlaͤnder, wie es ſcheint noch ganz unbekannt mit dieſer Art der Verſchlies⸗ ſung, verſuchten umſonſt die Eroberung und zogen dann wie⸗ der in ihr Gebiet zuruck. Da brach der Komthur von Kö: nigsberg, erzuͤrnt uͤber den kuͤhnen Frevel, mit ſeinen Con⸗ ventsrittern und einer Schaar von getreuen Samlaͤndern in das Gebiet von Rinau ein. Zum Schreckensbeiſpiel anderer wurden alle waffenfaͤhigen Maͤnner des ganzen Landſtrichs erſchlagen, Weiber und Kinder mit aller ihrer Habe hinweg⸗ geführt und in ferne wuͤſte Gegenden verſetzt. So ward die Ruhe im weſtlichen Samland wieder hergeſtellt. Dagegen ward um dieſelbe Zeit das oͤſtliche Samland, als die Nachricht von des Ordens Verluſten im Barterland ſich in die heidniſchen Landſchaften verbreitet, durch einen neuen Kriegsſturm heimgeſucht. Ein ſtarkes Heer von Preuſ⸗ ſen 2), Sudauern und Litthauern brach in die oͤſtlichen Ge⸗ biete Samlands ein und das Land mit Raub und Verwuͤ⸗ ſtung weit und breit durchziehend, lagerte es ſich dann in getheilten Haufen mit zwei Belagerungsmaſchinen vor die Burg Wehlau. Acht Tage lang war vor ihren Mauern al⸗ les in raſtloſer Thaͤtigkeit, um ihren Fall zu bewirken, hier die Wurfmaſchinen mit Steinſchleudern, dort Schaaren von geuͤbten Bogenſchuͤtzen und anderer Seits große Heerhaufen 1) Dusburg c. 105 ſagt: Ipsi congregati cum exercitu Castrum Vischusen Episcopi Sambiensis impugnaverunt. Der Chroniſt ſetzt alſo voraus, daß die bifchöftiche Reſidenz in Samland ſchon erbaut war. Den Namen Fiſchhauſen, Anfangs Biſchofshauſen, hatte die Burg da⸗ mals allerdings noch nicht; denn zuerſt hieß fie Schoͤnewik. Aber der Bau der Burg kann eigentlich auch erſt im Nachſommer des J. 1264 erfolgt ſeyn, da im Juli der Biſchof erſt beſchloſſen hatte, dort ſeine sedem kathedralem zu errichten, nach der urkunde bei Dreger Nr. 367. p. 476. Vgl. Lucas David B. IV. S. 99. Henneberger p. 130 giebt das J. 1269 als die Zeit der Erbauung von Fiſchhauſen an. 2) Henneberger p. 471 nennt ausdruͤcklich Nadrauer.

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Belagerung Wehlau's. 249 beſchaͤftigt, Stroh und Holz an den Mauern aufzuhäufen !), um die Burg ſammt der Beſatzung durch Feuer zu vertilgen. Und ſicherlich hätte Wehlau dieſem gewaltigen Sturme erlie⸗ gen müffen, wäre nicht der Schuͤtzenmeiſter der Burg, Hein⸗ rich Taubadel, ein ſo entſchloſſener und tapferer, als in der Waffenkunſt meiſterlich geuͤbter Mann 2), Tag und Nacht thaͤtig geweſen, bald die ermuͤdete Beſatzung zur ſtandhaften Gegenwehr zu ermuntern, bald die Wurfmaſchinen anzurich⸗ ten, bald die Flammen zu loͤſchen, welche die Burg verzeh⸗ ren ſollten. Taͤglich erlagen zahlreiche Feinde feinen Geſchoſ⸗ ſen von der Burgmauer und eines Tags traf ſein gluͤcklicher Wurf auch das Kriegshaupt der Litthauer. Da fing der Muth der Feinde ſchon zu wanken an und als nun am ach⸗ ten Tage Heinrich Taubadel einem feindlichen Buͤchſenmei⸗ ſter, den er eben mit der Ausbeſſerung einer Wurfmaſchine beſchaͤftigt ſah, durch einen geſchickten Pfeilſchuß die Hand an die Wurfbleide feſtnagelte, erſchraken die Heiden, ihres Fuͤh⸗ rers beraubt, ob des Wunders in ſolchem Maaße, daß ſie die Burg eilig verlaſſend in ihre Heimat zuruͤckkehrten. Da es vor allem Heinrich Taubadels Verdienſt war, daß Wehlau gerettet ward, ſo belohnte man nachmals ſeine Tapferkeit mit der Aufnahme in den Orden ). Um Samland aber nach ſolcher Gefahr an feiner öftlichen Graͤnze gegen ſolche 1) Ein damals ſehr gewoͤhnliches Mittel zur Vernichtung der Bur⸗ gen. Alnpeck ſagt einmal bei der Belagerung einer Burg: Do wart ein harter ſturm erhaben, Do was holtzes zu der tracht Manich hundert vuder bracht Man buſte al umme vuer an Die burc an manchen enden bran. 2) Dusburg c. 117 nennt „Henricus Tupadel“ einen vir stre- nuus in arınis et arte balistariorum plenius edoctus; der Epitomator: Ilinricus subtilis et animosus contra inimicos cognomine Tupadil ma- gister sagittarum. Die Familie Taubadel erhielt nachmals auch an: ſehnliche Beſitzungen in Preuſſen. 3) Dusbarg I. c. Jeroſchin c. 117. Lucas David B. IV. ©. 76 77. Henneberger p. 471. Erläut. Preuſſ. B. IV. S. 675,

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250 Aufbau von Tapiau. Raubzuͤge noch mehr ſicher zu ſtellen, ward an der Deime und am Pregel: Strome der Bau einer neuen Burg Tapiau begonnen und im Jahre 1265 auch ſchon vollendet !). So blieb hie und da das Gluͤck im Einzelnen auch bei den Rittern. Aber wie gering und troſtlos waren immer die Erfolge ſolcher einzelnen Ereigniſſe fuͤr die Erhaltung des Ganzen! Wie konnte ein Kampf noch lange beſtanden wer⸗ den, in welchem taͤglich des Ordens ſpaͤrliche Kraͤfte in un⸗ aufhoͤrlichen Kriegsfehden mehr und mehr verzehrt wurden gegen einen Feind, deſſen Muth uud Trotz mit jedem Gluͤcke wuchs, deſſen Kraft immer leicht erſetzt wurde, deſſen Be: duͤrfniſſe ohne Muͤhe zu befriedigen waren, dem Feld und Wald zur Wohnung dienten, dem Seen und Wildniſſe im⸗ mer die noͤthige Nahrung boten, der ſchon kein zu theueres Opfer mehr für feine Freiheit kannte und für Haus, Götter und Vaterland kaͤmpfte, der nun auch ſchon in ein enges Huͤlfsbuͤndniß mit dem Raubvolke Litthauens getreten war? Wie konnte ein ſolcher blutiger Vertilgungskampf ferner noch beſtanden und wie konnte er auch nur mit einigem Gluͤck für den Orden beendigt werden, wenn dieſem nicht irgend ein Erſatz der verbrauchten und taͤglich noch mehr hinſchwinden⸗ den Kraͤfte herbei kam? — Das erkannte auch der Hochmei⸗ ſter Anno von Sangerhauſen und war deshalb in den treu⸗ gebliebenen weſtlichen Landſchaften in Verbindung mit den Landesbiſchoͤfen auch auf jede Weiſe bemuͤht geweſen, das ſinkende Gluͤck ſeines Ordens durch die Streitkraͤfte jener Lande wieder mehr emporzuheben 2). Allein er ſah nur zu — — 1) Nach Dusburg c. 107 und Henneberger p. 449. Tapiau war früher der Name des ganzen Landgebietes; Dusburg c. 70. Sehr wahrſcheinlich hatte ehedem dort eine heidniſche Burg geſtanden, Sugurbi genannt. Daher die Preuſſen dieſen Namen auch fuͤr die neue Burg noch beibehielten. 2) Beſonders diente zur Befoͤrderung des Intereſſes des Ordens auch die Gründung der Neuftädte an der Seite der Altſtaͤdte. Die Neuſtadt Thorn war die erſte, welche um dieſe Zeit neben der Altſtadt Thorn ihre Entſtehung erhielt. Ihre Gruͤndung geſchah durch den Landmeiſter

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Bemühungen um Hülfe für den Orden. 251 bald ein, daß dieſe Kräfte nicht zureichten und begab ſich daher ſchon im Fruͤhling des Jahres 1264 nach Deutſchland, zunaͤchſt aber zu den Markgrafen Johannes und Otto von Brandenburg, um hier fuͤr die ſo ſehr gefaͤhrdete Sache ſeines Ordens durch feine Gegenwart zu wirken ). Von da ging er dann nach Thuͤringen, um den hohen Goͤnner des Ordens Landgraf Albert fuͤr einen Heereszug nach Preuſſen zu ge⸗ winnen und ſowohl Otto von Brandenburg als Albert er⸗ freuten den Meiſter durch eine freundliche Zuſage. Darauf eilte der Hochmeiſter im Sommer des Jahres 1264 auch nach Rom zum Papſte 2), ihm mündlich und nicht ohne Thraͤnen das ſchwere Ungluͤck ſeines Ordens in Preuſſen, den Jammer und Verderb des ganzen Landes, die Noth und Angſt der Chriſten und den faſt unvermeidli⸗ chen Untergang der chriſtlichen Kirche in jenen Gegenden ſchil⸗ bernd, zugleich aber auch aufs dringendſte um Huͤlfe und Ludwig von Baldersheim durch eine am 13. Auguſt 1264 ausgeſtellte Urkunde, in welcher er der Neuſtadt alle Freiheiten und Rechte der Alt⸗ ſtadt Thorn mit Ausnahme einiger wenigen verlieh. Abſchrift der ur⸗ kunde im geh. Arch. Schiebl. XXI, deutſch in Zernecke Thorn. Chron. S. 13. Zwei Jahre nachher beſtaͤtigte auch der Hochmeiſter Anno von Sangerhauſen jenes Privilegium; ſ. Zernecke a. a. O. Gedruckt ſte⸗ hen die Urkunden im Continuirten gelehrt. Preuſſ. Quart. II. S. 169 — 172. 1) Wir finden den Hochmeiſter ſchon am 17. Maͤrz 1264 bei den Markgrafen von Brandenburg in Guben (Kopeniae) nach einer Urkunde in Hoffinanni Scriptt. rer. Lusaticar. T. IV. p. 173, wo aber ſtatt Amone zu leſen iſt Annone. 2) Daß Anno im Sommer 1264 perſoͤnlich bei dem Papſte war, ſagt dieſer ſelbſt in einer Bulle vom 5. Septemb. 1264, wo es heißt: Magistri predicti Hospitalis tunc apud sedem apostolicam persona- liter constituti lacrimosis precibus inclinati ete. Ferner beweiſet es auch eine Bulle vom 17. Aug. 1264, worin der Papſt den Biſchof von Wuͤrzburg beauftragt, den Notarius und Clerikus des Hochmeiſters mit einer geiſtlichen Pfruͤnde zu verſehen und hinzufuͤgt: Nos dilectum filium fratrem A. Magistrum Hospit. S. M. Th. devotum nostrun — — honorare volentes etc. Regest. Urban. IV. an. III. epist. 1101 im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 355.

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252 Bemühungen um Huͤlfe für den Orden. Beiſtand flehend. Dann uͤberbrachte der Meiſter dem Papſte auch die trauerige Nachricht, daß der ſeit langen Zeiten fo eifrig thaͤtige und fuͤr das Wohl des Kulmerlandes immer ſo unermuͤdliche Biſchof Heidenreich vor kurzem geſtorben ſey, mit der Bitte, einen andern tuͤchtigen und den gefahrvollen Zeiten gewachſenen Mann der Kirche zu Kulm vorzuſetzen, und auf des Meiſters Vorſchlag ward ſofort vom Papſte der Ordensbruder Friederich von Haufen, ein ebenſo durch ſittli⸗ chen Wandel, als durch Kenntniſſe mit Umficht in Weltge⸗ ſchaͤften ausgezeichneter Geiſtlicher zu Heidenreichs Nachfolger ernannt 1). Nun erließ der Papſt ſogleich an die Provinzialen des Prediger⸗Ordens und an die Minoritenbruͤder, auch an mehre Biſchoͤfe und an die Prieſterbruͤder des Deutſchen Ordens ſelbſt eine mit eben ſo tiefer Waͤrme, als feuerigem Eifer er⸗ mahnende Aufforderung zur Erneuerung der Kreuzpredigt fuͤr die Wiedererhebung der ſinkenden Kirche in Preuſſen, Livland und Kurland. Den hohen Geiſtlichen aber, den Erzbifchöfen, Biſchoͤfen und Aebten trug er noch ganz beſonders auf, jetzt da der Untergang der großen Sache Gottes in jenen Landen fo ſchreckenvoll drohe, die Kreuzpredigt in ihren Gebieten in keiner Weiſe behindern zu laſſen, ſondern vielmehr mit allem nur möglichen Eifer zu befördern, auf daß der Erfolg den ſehnlichſten Wuͤnſchen entſpreche?). Vor allem wandte ſich 1) Die paͤpſtliche Bulle hieruͤber in Regest. Urban. IV. an. III. epist. 313. im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 353. Der Papſt nennt den Friedericum de Husen presbyterum fratrem Hospitalis S. M. Th. virum utique de honestate morum, litterarumque scientia et circum- specta providentia commendatum. Das Datum dieſer Bulle ift: Apud Urbem veterem XVII Calend. Septemb. an. III. (16. Auguſt 1264.) Die Wahl eines Ordensbruders zum Biſchof, ſagt der Papſt, ſey des⸗ halb geſchehen, quod eadem Eoclesia per ipsius fratris industriam fratrum hospitalis eiusdem favore assiduo fulciendam in spiritualibus et temporalibus deberet multipliciter prosperari. 2) Das Original dieſer Bulle, datirt: Apud Urbem veter. Non. Scptemb. p. n. an. IV (5. Sept. 1264) im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 15. Es heißt darin unter andern: Vix absque lacrimis meditari

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Bemühungen um Hülfe für den Orden. 253 Urban ſelbſt abermals an den König Ottokar von Böhmen mit der dringendſten Bitte, eiligſt das Schwert zu umguͤrten zum Kampfe gegen die Ruſſen, Litthauer und gegen die an⸗ dern nahen heidniſchen Voͤlker, die nicht bloß Polen zum Ver⸗ derb der Kirche mit wilder Raubluſt uͤberſtuͤrmt, ſondern auch in Preuſſen die Pflanzung des Evangeliums gaͤnzlich wieder auszurotten trachteten. Und um den Koͤnig zugleich auch durch irdiſchen Gewinn zu ſchleuniger Huͤlfe zu bewegen, ſprach ihm der Papſt alle Laͤnder, die er durch ſeine Waffen⸗ macht bewaͤltigen und zum Glauben fuͤhren werde, ſofern nicht ſchon die Ordensritter oder andere chriſtliche Herren ein Recht darauf beſaͤßen, als Eigenthum feines Reiches zu !). Mit großer Freude vernahm auch Urban bald nachher, daß der Koͤnig wirklich von neuem das Kreuz empfangen habe, entſchloſſen, zum Schutz der Glaͤubigen mit einer ſtarken Heermacht aufzubrechen. Ihn mit Lob uͤberhaͤufend erließ der Papſt nur noch die Bitte an ihn, dem Orden in Preuſ⸗ ſen in der ſchweren Bedraͤngniß die noͤthige Huͤlfe ſo eilig als moͤglich zu bringen 2). Es gingen indeſſen doch noch eis vel audire possumus, quod pro fidei negotio in Livonie, Curonie ac Pruscie partibus sub expensis innumeris ordinis Hospitalis S. M. Th. et infinitis angustiis ad dei gloriam magnifice promovendo fere Mille ex fratribus ipsins ordinis prout accepimus per manus infidelium cru- delissime sunt occisi. 1) Raynald an. 1264. Nr. 44. Regest. Urban. IV. an. III. epist. 850. T. IV. im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 854. Das paͤpſtl. Schreiben an den Koͤnig iſt datirt: Apud Urbem veter. II Non. Jun. p. n. an. III (4 Juni 1264). Was aber Raynald Nr. 45 über den Kreuzzug Ottokars ſelbſt ſagt, gehört offenbar in das J. 1254. 2) Raynald au. 1255. Nr. 61 ſetzt dieſes Schreiben ohne Datum in die Zeit des erſten Kreuzzuges des Koͤniges. Er ſagt: hasce litte- ras nos ex ingenti volumine M. S. archivi Vaticani inscripto For- mular. Marini Ebuli — descripsimus. Dieſes Formelbuch hatte zum Theil keine Jahrzahlen, wodurch Raynald ſich verleiten ließ, den Brief an den König der Zeit feines erſten Zuges zuzueignen. Die Gründe indeſſen, nach welchen dieſee Schreiben in die Jahre 1264 oder 1265 zu ziehen iſt, ergeben ſich leicht aus ihm ſelbſt, denn unter andern heißt es, nachdem von der fruͤheren Eroberung Samlands die Rede ge⸗

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254 Neue Kreuzfahrt nach Preuſſen. nige Jahre vorüber, ehe es die Verhaͤltniſſe ſeines Reiches dem Könige geſtatteten, fein Geluͤbde zu erfüllen. Der Meiſter Anno war darauf nach Deutſchland zuruͤck⸗ gekehrt!) und wandte hier im Fruͤhling des Jahres 1265 allen möglichen Eifer auf, den Kreuzzug der Fuͤrſten in Be⸗ wegung zu ſetzen. Auf ſeine Veranlaſſung fand zu Qued⸗ linburg zwiſchen dem Landgrafen Albert von Thuͤringen, dem Markgrafen Otto von Brandenburg, den beiden Herzogen Albert und Johann von Braunſchweig, dem Markgrafen von Meißen, den Grafen von Holſtein und mehren andern auch uͤber eine Kreuzfahrt nach Preuſſen eine Berathung Statt; fie ward befchloffen?) und im Sommer dieſes Jahres bra⸗ chen auch wirklich der Landgraf Albert von Thuͤringen und Herzog Albert von Braunſchweig mit einer ziemlich anſehnli⸗ chen Pilgerſchaar nach Preuſſen auf). Der Hochmeiſter be⸗ gleitete ſie bis in die Mark Brandenburg, wo er ſich zum Markgrafen Otto begab, um auch dieſen zum baldigen Zuge zu bewegen. In Preuſſen angelangt, ſandten jene beiden Fuͤrſten vor allem eine Anzahl Schiffe mit Lebensmitteln auf dem ftiſchen Haff nach Königsberg, um dort der Noth der Ordensritter huͤlfreich zu begegnen. Der tapfere, rieſenſtarke weſen iſt: Processu vero temporis tu pie considerans, quod ex mul- tiplicato studio beatorum operum major proveniat cumulus praemio- rum perennium, denzto crucis characterem tuis humeris affixisti. 1) Die Urkunde in Diplomat. Unterricht und Deduction gegen Heſ⸗ ſen Nr. 230 beweiſet ſeine Gegenwart in Marburg im April 1265. 2) Heineccii Antiquit. Goslariens. an. 1265. p. 284. Allerdings wurden außerdem auch andere wichtige Gegenſtaͤnde verhandelt. 3) Albert der Unartige, Landgraf von Thuͤringen, war es, der die⸗ ſen Kreuzzug unternahm, nicht aber Heinrich der Erlauchte, wie Pauli B. IV. S. 105 und Koßebue B. II. S. 29 angeben. Jenen erſtern nennen auch alle Quellen; z. B. Addition, ad Lambert. Schaffnab. ap. Pistor. T. I. p. 433. Compilat. Chronolog. ibid. p. 1105. Hi- storia Landgrav. Thuring. ibid. p. 1332. Chron. S. Aegidii ap. Leih- nitz Script. rer, Brunsv. T. III. p. 592. Des Zuges des Herzogs von Braunſchweig erwähnt das Chron. Rhythmic. ap. Leibnitz T. III. p. 141. v. 215 — 219.

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Neue Kreuzfahrt nach Preuſſen. 255 Ordensbruder Ulrich von Magdeburg war nebſt einigen Or⸗ densrittern und andern Kriegsleuten vom Komthur des Hau⸗ ſes mit der Bewachung der Schiffe beauftragt, als plotzlich die Preuſſen mit fuͤnf Schiffen heranſegelten, um ſich der feindlichen Fahrzeuge zu bemaͤchtigen oder ſie zu vernichten. Da ergriff aber Ulrich eilig den Maſtbaum ſeines Schiffes und ſchlug ſo gewaltig damit umher, daß funfzig Preuſſen mit ihren Schiffen unterſanken und die uͤbrigen ſich durch die Flucht retteten !). Weiter indeſſen wagten ſich die beiden Fuͤrſten nicht in den Kampf mit den abgefallenen Landſchaften, denn ſie woll⸗ ten ihr Kriegsheer ſchonen und ihre Kraͤfte nicht vereinzeln bis zur Ankunft des Hochmeiſters und des Markgrafen von Brandenburg. Dieſe aber erfolgte erſt im Anfange des Jah⸗ res 1266 und es begleitete den Markgrafen Otto auch ſein Sohn und ſein Bruder, der Markgraf Johann von Bran⸗ denburg 2). Allein ſo bedeutend nun auch die Zahl des Kreuzheeres in Preuſſen war) und fo ſehr die Ordensgebie⸗ tiger deshalb auch auf gluͤckliche Erfolge rechneten, fo hin⸗ derte die Thaͤtigkeit des Kriegsheeres doch ein in Preuſſen ganz beſonders wichtiger Umſtand. Das Land war damals noch aller Orten ſo zahlreich mit Suͤmpfen und Moraͤſten angefuͤllt und noch fo häufig von Fluͤſſen und Seen durch⸗ brochen, daß es nur bei ſtarker Winterkaͤlte moͤglich wurde, mit einem Kriegsheere in die Waͤlder und Schlupfwinkel vor⸗ 1) Dusburg c. 121. Von der Rieſenſtaͤrke dieſes Ritters ſagt der Chroniſt: Adeo fortis erat in corpore, quod plurium virorum vires excederet; accepit enim duos armigeros gnemlibet cum uno digito per cingulum et eos in sublime ipsis renitentibus elevavit. Ordens⸗ chron. bei Matthaeus p. 737 — 788. 2) Außer Dusburg c. 120. 122 auch Addition. ad Lambert Schafft nab. I. c. und Chron. S. Aegidii I. c., wo aber nur Otto's und feines Sohnes Erwähnung geſchieht. Ordenschron. bei Matthaeus 1. c. 3) Vom Herzoge von Braunſchweig heißt es im Chron. Rhythmic. I. c.: „Darnach in dem andern jar, Fuhr er mit herrlicher Schar zu Preuſſen.“ Von Otto von Brandenburg ſagt Dusburg c. 122: cum muliatudine pugnatorum venit in terram Pruschiae.

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256 Aufbau von Brandenburg. zudringen, wohin der Feind fich zu flüchten pflegte und wo er ſich immer auch ſicher und unangreifbar fand. Ohnedieß waren die Stroͤme, damals zum Theil in ihren Betten noch ungezaͤhmter, auch nur ſelten mit Bruͤcken verſehen und nur bei feſtem Eiſe uͤberall gangbar. Der Winter des Jahres 1266 aber war ſo weich und faul, daß das Kreuzheer Mo⸗ nate lang faſt ganz unthaͤtig im Lande lag, ohne nur irgend mit den feindlichen Preuſſen, die ſich ſorgſam ins Innere ih⸗ rer Landſchaften zuſammengezogen hatten, in Kampf zu kom⸗ men !). So blieb der Zweck der Kreuzfahrt allerdings wohl unerfuͤlt. Um jedoch das Heil der Sache, für welche der Zug unternommen war, nach Kräften zu foͤrdern, ließ ſich der Markgraf Otto auf des Hochmeiſters und der Gebietiger Anrath bereit finden, in der Landſchaft Natangen inmitten der beiden Burgen Balga und Koͤnigsberg hart am friſchen Haff eine neue Burg zu erbauen, durch die zwiſchen den beiden genannten Ordenshaͤuſern die Verbindung und Ge⸗ meinſchaft bedeutend erleichtert, daneben aber auch der ſuͤd⸗ oͤſtliche Theil des Haffes ſelbſt ungleich mehr geſichert wer⸗ den konnte. Sie ward nach des Markgrafen Land die Bran⸗ denburg genannt und ihre Bewachung und Vertheidigung dem Ordensmarſchall Friederich von Holdenſtaͤte, Dieterichs Nachfolger, uͤbertragen, der nun alſo zugleich auch Komthur der neuen Burg war 2). Und als das neue Ordenshaus vollendet daſtand und darauf an einem feſtlichen Tage der 1) Bei Dusburg c. 120 bleibt es unbeftimmt, auf welches von den drei von ihm genannten Jahren die mollicies hyemis zu beziehen ſey und auch c. 122 druͤckt er ſich nicht deutlich aus. Der Epitomator aber ſagt: Hec peregrinatio parvum fructum induxit propter hyemis mol- liciem, quia hostes non poterant invadere. Damit ſtimmt auch die Nachricht in Addition. ad Lambert Schaffnab. I. c. überein, wo es heißt: quod hyems lenis erat eodem tempore, nihil proficientes ad propria reversi sunt. Eben fo die Ordenschron. bei Matthaeus p. 737, wo die Begebenheit aber ins J. 1270 geſetzt wird. 2) Dusburg c. 122 vergl. mit c. 119. Lucas David B. IV. S. 87. 90.

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Heimkehr des Kreuzheeres. 257 edle Landgraf von Thuͤringen vom Hochmeiſter ſich feierlich zum Ritter hatte ſchlagen laſſen, — eine Ehrenhandlung, auf welcher ſchon in damaliger, wie in ſpaͤterer Zeit, zumal wenn ſie vom oberſten Meiſter des Deutſchen Ordens ge⸗ ſchah, ein ganz eigenes Gewicht und ein beſonderer Ruhm ruhete, — auch des Landgrafen Ritter und Begleiter mit Geld, Koſtbarkeiten und ſchoͤnen Gewanden fuͤrſtlich beſchenkt worden waren !), traten die Fuͤrſten insgeſammt mit ihren Heerhaufen im anbrechenden Fruͤhling des Jahres 1266 die Heimkehr an ). Den Markgrafen Otto begleitete auf der 1) Die Historia Landgrav. Thuring. ap. Pistor. T. I. p. 1332 fagt von Albert nur ganz kurz: ivit in Prusciam contra paganos cum signo crucis et miles eſſectus est; der Monach. Pirnens. ibid. p. 1447 dagegen: Anno Cristi MCCLXVIII cezug er mit vilen edlen Junglingen in Preusen auf di Heiden, Ritterschaft zu uben, wart daselbst zu Ritter geslagen, teilte miltreichlich den jungen Rittern umbher gelt cleinot und gewant, so mit ym aufgereist warn. Eben fo Rolle Chron. Thuring. ibid. p. 1743. 2) Ueber die Zeit dieſes Kreuzzuges ſind die Quellen nicht ganz einſtimmig. Dusburg c. 120 fest die Ankunft des Landgrafen Albert und des Herzogs Albert von Braunſchweig ins J. 1265 und die der Markgrafen von Brandenburg ins J. 1266. Da die Addition. ad Lam- dert. Schaffnab. 1. c. dieſe ſämmtlichen Fuͤrſten mit einander im J. 1265 nach Preuſſen ziehen laſſen, ſo glaubten wir dieſe Quellen in der Art, wie oben geſchehen iſt, vereinigen zu konnen. Damit ſtimmt auch die Chron. S. Aegidii ap. Leibnitz T. III. p. 592 überein. Es wäre indeſſen nicht unmöglich, daß der Zug des Markgrafen Otto erſt in den Spaͤtherbſt oder Winter des J. 1266 fiele, denn im Anfange des Juni 1266 finden wir den Hochmeiſter Anno bei dem Markgrafen zu Tanger⸗ münde nach der Urkunde bei Gercken Cod. diplom. Brandenb. T. 1. Nr. 122. Da indeſſen die Markgrafen Johann und Otto ſich am 2. Februar 1267 ſchon wieder in Stolpe beſinden nach der Urkunde bei Gercken T. II. Nr. 220, und da nicht glaublich iſt, daß fie in dieſem Jahre fo früh Preuſſen würden verlaſſen haben; da außerdem auch der Markgraf Konrad von Brandenburg in ihrer Begleitung iſt, der in den Quellen nirgends als Theilnehmer des Zuges genannt wird, ſo findet die Annahme des J. 1266 für den Zug der Fuͤrſten wenig Begründung. Auf keine Weiſe kann aber der Heereszug erſt ins J. 1268 fallen, wie Monach. Pirnens. I. c. und Rohte 1. c. angeben. III. 47

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‚298 Neue Kreuzpredigt für den Orden. Ruͤckkehr auch der Hochmeiſter, um in Deutſchland wo mög: lich ein neues Kreuzheer in Bewegung zu ſetzen ). In Deutſchland naͤmlich ward ſeit kurzem wieder uͤberall mit neuerwecktem Eifer das Kreuz gepredigt. Seit dem Fe⸗ bruar des Jahres 1265 ſaß der Kardinal Guido von Sabina als Papſt Clemens der Vierte auf dem paͤpſtlichen Stuhle, der in Zuneigung und Eifer für den Deutſchen Orden ſei⸗ nem Vorgaͤnger wohl in keiner Hinſicht nachſtand. Es wa⸗ ren drei maͤchtige Feinde, gegen welche die bedraͤngte Kirche von ihm als ihrem Oberhaupte Huͤlfe und Rettung forderte in ihrer Noth und uͤberall erlitt durch dieſe drei Feinde auch der Deutſche Orden großen Eintrag an feinem Gluͤck und Wohlſtand. Im Morgenland beſtuͤrmte ſchon ſeit Jahren der kriegeriſche Sultan von Babylon Bendocdar die Stadt Ak⸗ kon und durchpluͤnderte und verwuͤſtete hiebei auch alle Veſit⸗ zungen, durch welche ſich der Orden bisher immer noch im Morgenlande erhalten hatte; und bei der geringen chriſtlichen Macht, die ſich damals dort noch hielt, unterlag auch der Orden von einem Jahre zum andern unerſetzlichen Verluſten, alſo daß die dortigen Ordensritter, nachdem der Sultan auch Saphet erobert und die Chriſten faſt allein nur auf das Ge⸗ biet von Akkon beſchraͤnkt hatte, in der druͤckendſten Armuth lebten und faſt keine ihrer Ordenspflichten mehr erfüllen konn⸗ ten 2). Der andere gefaͤhrliche Feind der Kirche und des Or⸗ dens waren auch jetzt noch die Tartaren, die immer noch in mächtigen Raubhorden in Polen, Ungern und andern Nach⸗ 1) Im Monat März 1266 finden wir den Hochmeiſter noch zu Thorn, wo er dem Privilegium uͤber die Rechte der Neuſtadt ſeine Be⸗ ſtäͤtigung ertheilt; Urk. im geh. Arch. Schiebl. XXI. Zernecke Thorn. Chron. S. 14. 2) Sanut. L. III. P. XII. c. 6. 8. Siffridi Presbyt. Epitom. ap. Fistor. T. I. p. 1046, wo es heißt: Cepit castrum munitissimum, quod dicitur Caphet, in quo fratres domus Teutonicae et alios Chri- stienos inventos, duris vinculis constrinxit, ad duo millia et plures. Ueber die druͤckende Armuth des Ordens vgl. die Bulle bei Ducllius P. II. Nr. 23. p. 15. BRaynald an, 1265. Nr. 37 — 39.

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Neue Kreuzpredigt für den Orden. 259 barländern umherſchweiften, nicht felten auch in die üftlie chen Theile Preuſſens einbrachen und mit den Feinden des Ordens ſich verbanden 1). Wie ein dunkler Gewitterſturm lagen ſie an der Oſtgraͤnze des Ordensgebietes, immer die Bruſt mit Angſt und Bangigkeit erfüllend. Der dritte Feind der Kirche und in feinem trotzigen Muthe und feiner Erbit⸗ terung auch fuͤr den Orden nicht der geringſte waren die Preuſſen, deren Hoffnung und Vertrauen auf die Erhaltung und Vertheidigung ihrer alten Freiheit auch durch die gaͤnz⸗ liche Erfolgloſigkeit des letzten Kreuzzuges gewiß wiederum nicht wenig geſteigert und von neuem bekraͤftigt ſeyn mochte. Gegen dieſen dreifachen Feind des Ordens und der Chri⸗ ſtenheit ließ nun der neue Papſt ſogleich in den erſten Mona⸗ ten ſeines Amtes uͤberall das Kreuz verkuͤndigen. Es durch⸗ zog nicht bloß der Kardinal Guido als paͤpſtlicher Legat Deutſchland, Böhmen und den Norden, überall Fuͤrſten und Voͤlker ermahnend und ermunternd 2), ſondern es erhielten auch die geſammten Geiſtlichen des Ciſtercienſer⸗, Praͤmon⸗ ſtratenſer-, Prediger- und Minoriten-Ordens noch eigene Auftraͤge, in Boͤhmen, Daͤnemark, Schweden und Norwe⸗ gen, in Friesland, Polen, Pommern und Gothland und in allen Gebieten Deutſchlands gegen die Heiden in Preuſſen, 1) Daher ſagt auch der Papſt in dem Schreiben an Koͤnig Ottokar bei Raynald. au. 1264. Nr. 44: Ipsi etiam (i. e. Rhuteni et Lituani, una cum Tartaris eorum complicibus), quidquid est in Pruscia per dilectos filios domus Hospitalis S. M. Th. Jer. auxilio sedis apo- stolicae Christique fidelium non absque plurima eſſusione sanguinis acquisitum, conantur destruere, intendentes fidem christianam ex- inde totaliter extirpare. — Welche Gefahren für die ganze chriſtliche Kirche der Papſt von den Tartaren befürchtete, fprach er in einer Bulle an den Erzbiſchof von Gran aus, woraus hervorgeht, daß das Kreuz gegen dieſes Volk um dieſe Zeit in Ungern, Boͤhmen, Polen, Steier⸗ mark, Oeſterreich, Kaͤrnthen und in der Mark Brandenburg gepredigt wurde; die Bulle, datirt: Perusii VII Calend. Jul. P. n. an. J. iu Re- gest. Clement. IV. an. I. epist. 112. T. III., im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 151. 2) Baronii Annal. Eccles. an. 1265. Nr. 7. Raynald. an. 1265, Nr. 51 — 52. Bzovi Annal. Eccles. an. 1265. 17*

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260 Neue Kreuzpredigt für den Orden. Kurland und Livland mit allem Eifer das Kreuz zu predi⸗ gen, „damit das wiederaufgeſtandene Unthier des alten Goͤz⸗ zendienſtes von neuem uͤberwaͤltigt werden konne)“. Man erſah aus den vielfachen Verordnungen des Papſtes, wie nahe ihm die Glaubensſache in Preuſſen am Herzen liege; denn er verfuͤgte nicht bloß ausdruͤcklich, daß die Kreuzpredigten zu Gunſten dieſer nordiſchen Laͤnder durch die fuͤr das Mor⸗ genland und gegen die Tartaren in keiner Weiſe Eintrag er⸗ leiden ſollten?), ſondern er ſuchte den Kreuzfahrern auch den Zug in die heidniſchen Lande theils durch Abkürzung der ſonſt beſtimmten laͤngeren Friſt, theils noch auf manchfache andere Art zu erleichtern?) und mit dem Verdienſte des Kampfes ſelbſt noch manche andere Beguͤnſtigungen zu verbinden. Da⸗ hin gehörte die Verordnung, daß alle die, welche für Preuſ— ſen entweder das Kreuz ſchon genommen oder noch nehmen wollten, außerhalb ihrer Städte und Kirchenſprengel in Ruͤck⸗ ſicht ihrer Beſitzungen darin binnen drei Jahren nicht vor Gericht geladen werden follten*); und um diejenigen, welche 1) Die Bulle, datirt: Perusii XV Calend. Maü p. n. an. I (17 April 1265) in einer alten Abſchrift im geh. Archiv. Das Original im Schleſiſchen Provinzial: Archiv zu Breslau sub rubro Dominikaner zu Breslau Nr. 45. 2) So ſchrieb z. B. der Papft an den Erzbiſchof von Gran: Cae terum volumus, quod ex huiusmodi praedicatione tur nullum prae- dicationi crucis, quae fit auctoritate sedis Apostolicae in subsidium dilectorum filiorum fratrum hospitalis S. M. Th. aliorumque fidelium de Livonia, Curonia et Prussia, praeiudicium generetur. Raynalä. an. 1265. Nr. 50. Regest. Clement. IV. an. I. epist. 112. T. III. im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 151. 3) Auch jetzt machte der Papſt wieder die Erfahrung, daß nur paucissimi ex fidelibus ipsis, qui ad praedicationem conveniunt, cru- cem prout dicitur volunt assumere, dum turbato corde pereipiunt, quod ipsi per unius anni spatium in eisdem manere partibus tenean- tur und überläßt daher den Geiſtlichen die Abkürzung der Friſt. Die Bulle, datirt: Perusii II Non. Jun. p. n. an. I (4 Juni 1265) im kleinen Privilegienb. p. 101. 4) Das Original dieſer Bulle, datirt: Perusii III Cal. Jun. p. n. an. I (30 Mai 1265) im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 1.

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Hemmungen in der. Sache des Ordens in Preuſſen. 261 für die Glaubensſache in Preuſſen das Kreuz genommen hat⸗ ten, in ihrem Geluͤbde feſter an den Orden zu knuͤpfen, zum Theil auch um des letztern Einkünfte zur Förderung feiner Sache zu vermehren und zu ſichern, befahl Clemens, daß forthin unter Strafe des Bannes niemand mehr ohne der Ordensgebietiger ausdruͤckliche Zuſtimmung die Löfegelder für die Geluͤbde zur Unterſtuͤtzung des Kampfes einnehmen und behalten ſolle!) und daß es kuͤnftighin auch nur den Or⸗ densprieſtern zuſtehe, von dem Geluͤbde einer Pilgerfahrt ge⸗ gen ein angemeſſenes Loͤſegeld zu entbinden und nach dem Verhaͤltniſſe der Huͤlfe im Kampfe oder der geleiſteten Bei⸗ ſteuer Erlaß der Suͤnden zu verleihen ?). 2 Allein diefer Bemuͤhungen des Papſtes ungeachtet was ren die Erfolge der Kreuzpredigten für Preuſſen vorerſt doch nicht von ſonderlicher Bedeutung, denn es zeigte ſich nicht bloß auch jetzt wieder, wie ungemein viel das Wort vom Kreuze von ſeiner einſt ſo gewaltig bezaubernden Kraft durch oͤftern Brauch und Mißbrauch ſchon verloren hatte, ſondern es traten uͤberdieß in Ruͤckſicht auf den Orden und auf Preuſ⸗ ſen auch noch allerlei Hinderniſſe und Hemmungen ein. Noch immer wachte und wirkte jener feindliche Geiſt der Geiſtlich⸗ keit; es gab in dieſem Stande auch jetzt wieder zahlreich mißgünftige Menſchen, die in den Ländern, in welchen für Preuſſen das Kreuz gepredigt wurde, zu des Ordens Nach⸗ theil die Nachricht verbreiteten, der Papſt habe den Kreuz⸗ predigern den Befehl ertheilt, die Loͤſegelder fir die gethanen Geluͤbde von allen mit dem Kreuze Bezeichneten ausſchließ⸗ lich nur zur Unterſtuͤtzung der chriſtlichen Sache im heiligen Lande zu verwenden, und die Folge dieſer erdichteten Angabe war, daß man in vielen Gegenden das Kreuz zur Huͤlfe des Ordens in Preuſſen und Livland nicht nur gar nicht mehr annahm, ſondern die ſchon gethanen Gelübde eines Kreuzzu⸗ 1) Original der Bulle, datirt: Perusii II Cal. Jun. p. n. au. ! (31 Mai 1265) im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 6. 2) Die Bulle, datirt: Perusii IV Non. Jun. P. n. an. I (2 Juni 1265) im großen Privilegienb. p. 76.

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262 Hemmungen in der Sache des Ordens in Preuffen. ges in dieſe Länder auch weiter nicht mehr erfüllte, wodurch dem Orden auch alle daraus erfolgenden Unterſtuͤtzungen und Einkuͤnfte gänzlich entzogen wurden 1). Zwar wirkte der Papſt dagegen und es erging namentlich an die fuͤr den Kreuzzug ins heilige Land predigenden Minoriten = Brüder die Verordnung, daß ſie diejenigen Geluͤbde, welche fuͤr Preuſſen und Livland gethan wuͤrden, nicht zu denen fuͤr das Morgenland rechnen ſollten 2); allein wie wenig war es dem Roͤmiſchen Stuhle bisher immer moͤglich geweſen, den gehei⸗ men und hinterliſtigen Umtrieben des neidiſchen Clerus Ein⸗ halt zu thun! Folgten daher, um den Orden gegen die ho⸗ hen Geiſtlichen in Schutz zu nehmen und ſeine Rechte und Freiheiten zu verwahren, auch jetzt wieder von Seiten des Papſtes neue Warnungen, neue Befehle und Verbote ), fo frommte dieſes alles doch nur wenig. Nur ſelten bewieſen einzelne Geiſtliche fuͤr das Heil des Ordens und fuͤr die Foͤr⸗ derung der Glaubensſache in Preuſſen und Livland einen ſo thaͤtigen und reinen Eifer, wie der Biſchof Heinrich von Brandenburg, der den in ſeinem biſchoͤflichen Sprengel mit der Kreuzpredigt beauſtragten Ordensprieſter Konrad nicht bloß ſelbſt mit der regſten Theilnahme unterſtuͤtzte, ſondern auch feine geſammte Geiſtlichkeit aufforderte, dem Ordens⸗ prieſter in ſeinem Geſchaͤfte ſowohl der Kreuzpredigt ſelbſt, als der Einſammlung der Loͤſegelder aufs thaͤtigſte beizuſte⸗ 1) Wie der Papſt ſagt, gereichte dieſes dem Orden in non modi- cum detrimentum. 2) Original der Bulle, datirt: Perusii II Cal. Jun. p. n. an. I (31 Mai 1265) im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 5. 3) Wir haben hieruͤber mehre paͤpſtl. Bullen aus dem erſten und zweiten Jahre des Pontificats Clemens IV; z. B. in Betreff des Eine ſammelns der Almoſen in Kirchen, über Freiheit von Zöllen und andern Abgaben u. ſ. w. Sie beziehen ſich alle auf Geſetzwidrigkeiten und Rechtsverletzungen, die ſchon laͤngſt unterſagt waren, aber immer wie: der unterſagt werden mußten. Sie ergeben daher im Ganzen nichts Neues; nur den Beweis liefern ſie, daß auch die Geiſtlichen im Mittel⸗ alter allerlei liſtige Schliche und Pfiffe kannten und anwandten, um den heiligen Vater zu hintergehen.

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Hemmungen in der Sache des Ordens in Preuſſen. 263 hen und denen eine vierzigtägige Bußerlaſſung zuzuſichern, die ſich bei der Kreuzpredigt Konrads einfinden wurden 1). In Verbindung mit dem Papſte und einzelnen wohlge⸗ ſinnten Bifchöfen wirkte auch der Hochmeiſter auf feinen Rei⸗ fen fo viel als möglich für die Förderung einer neuen Kreuz⸗ fahrt nach Preuſſen. Von Brandenburg aus ) begleitete er den Landgrafen Albert nach Thüringen, um auch hier die Theilnahme fuͤr die Sache des Ordens forthin noch lebendig zu erhalten. Freilich war ihm hier, als er ſich im Juni 1266 auf dem Ordenshauſe Griefſtaͤdt an der Unſtrut auf⸗ hielt, die Nachricht ſehr betruͤbend, daß auch nicht einmal in Preuſſen ſelbſt zwiſchen den Biſchoͤfen und den Ordensgebie⸗ tigern uͤberall vollkommene Eintracht herrſche und namentlich zwiſchen dem Biſchof Heinrich von Samland und den Or⸗ densrittern ſchon wieder Mißverſtaͤndniſſe ausgebrochen ſeyen, indem die letztern ſich weigerten, den zwiſchen dem Biſchofe und den Landmeiſtern Helmerich von Rechenberg und Ludwig von Baldersheim eingegangenen Tauſchvertrag in Beziehung auf die Beſitzungen des Biſchofs im Kulmerlande in Aus⸗ führung zu bringen. Der Hochmeiſter, erwaͤgend, wie ver derblich gerade jetzt ein ſolcher Zwieſpalt wirken muͤſſe, er⸗ ließ daher ſogleich an den Landmeiſter in Preuſſen den Be⸗ fehl, dem Vertrage ſofort in allen Punkten unverbruͤchlich nachzukommen und den Ordensbruͤdern in keiner Weiſe zu erlauben, den abgeſchloſſenen Beſtimmungen auch nur im ge⸗ ringſten entgegen zu treten *). 1) Eine Original- Abſchrift des biſchoͤflichen Schreibens, datirt: Sygezere (Zieſer) an. 1266 pridie Calend. Mart. pontificatus nostri anno tercio im geh. Arch. Schiebl. XLI. Der Biſchof fand die Ver⸗ ſicherung nöthig, quod omnia et singula, que in eiusdem Pruscie ac Lyvonie subventionem dicto fratri Cunrado predicatori erucis offe- runtur, ommi dubio remoto ad utilitatem sepe dieterum terrarum fide- liter convertuntur. 2) Gercken Cod. diplom. Brandenb. I. Nr. 122. p. 205. 3) Wir finden dieſe Urkunde in einer alten Copie in den Handfeſt. des Biſtb. Samland p. XV und gedruckt in den Actis Boruss. B. III. ©. 147, an beiden Orten aber ohne Jabrangabe und nur mit dem Da:

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264 Blick auf Pommern. In Preuſſen verlief das Jahr 1266 im Ganzen ohne beſonders hervorglaͤnzende Ereigniſſe, denn theils zogen aus den naͤchſten Laͤndern durch Kreuzpredigten aufgerufen doch wenigſtens fo viele Kreuzfahrer ins Land 1), daß die Preuſ⸗ ſen nicht wagten, ihre Waffen weiter zu tragen und ihr Gluͤck bis an die Weichſel zu verfolgen, theils ſcheint es unter den einzelnen Hauptleuten der Landſchaften auch jetzt wieder an Plan, feſter Richtung und Einheit ihrer Beſtrebungen gefehlt zu haben. Wir kennen indeſſen freilich die im Innern der Landſchaften obwaltenden Verhaͤltniſſe viel zu wenig, um die Urſachen dieſer anſcheinenden Ermattung und dieſes muͤßigen Stillſtandes in ihrer Befreiungsſache klar entwickeln zu koͤn⸗ nen. Vielleicht aber erwarteten die Hauptleute zunächſt erſt den Ausgang der bedenklichen Verhaͤltniſſe, welche um dieſe Zeit am linken Ufer des Weichſel-Stromes, in Pommern eingetreten waren und auch nach dieſer Seite hin fuͤr den Orden nichts weniger als eine friedliche Zukunft zu verſpre⸗ chen ſchienen, denn allerdings war dort der Stand der Dinge der Art, daß ſie an die Zeiten erinnern konnten, in denen einſt Herzog Suantepolc mit den Preuſſen wider den Orden im Kampfe geſtanden hatte. Dieſer Fuͤrſt hatte fein dem Orden im Jahre 1253 ge⸗ gebenes Wort des Friedens unverbrüchlich gehalten. Man⸗ cherlei Kriegsfehden mit Herzog Przemislaw von Polen we— gen der für ihn wichtigen Burg Nakel, dann mit Herzog Boleslav von Kaliſch und mit Wratislav Herzog von De⸗ tum: Gryfstede III Cal. Julii. Es würde zweifelhaft ſeyn, in welches Jahr fie zu ſetzen wäre, fände ſich dieſelbe Urkunde nicht auch wieder im geh. Arch. im Fol. 7. p. 69 mit dem Datum: 1266 in die beat. Petri et Pauli, welches mit III Cal. Juli derſelbe Tag, namlich der 29. Juni iſt. Griefſtaͤdt war eine Komthurei, die zur Ballei Heffen gehoͤrte; ſ. Falkenſteins Thuͤring. Chron. S. 930. Die urkunde bezieht ſich übrigens auf den früher erwähnten Tauſchvertrag vom 1. Januar 1263. 1) Dieß geht unter andern auch aus einer paͤpſtl. Bulle im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 11 hervor.

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Blick auf Pommern. 265 min!) hatten ihn Jahre lang fo unablaͤſſig befchäftigt, durch herannahendes hohes Alter waren die Kraͤfte des Geiſtes und des Koͤrpers endlich ſo hingeſchwunden und ermattet und der Gedanke, ein Krieg gegen den Orden ſey immer zugleich ein Kampf mit dem Papſte ) und als ſolcher nicht bloß immer mit ſehr bedenklichen Folgen verbunden, ſondern auch nie bis an das erwuͤnſchte Ziel zu führen, hatte ihn nun ſchon fo nie⸗ dergedruͤckt, daß er auch ſelbſt in der Zeit des Abfalles der Preuſſen und in den großen Bedraͤngniſſen des Ordens an keinen Kampf gegen dieſen mehr denken mochte. Darum hatte er in den letzten Jahren ſeines Lebens auch ſchon die Landesverwaltung feinen Söhnen übergeben. Der aͤlteſte von ihnen Miſtwin nannte ſich ſchon ſeit dem Jahre 1264 Her⸗ zog von Schwez oder auch Herzog von Pommern, weil der Vater ihm den Bezirk von Schwez bereits foͤrmlich abgetre⸗ ten hatte »). Der junge Fuͤrſt ließ aber ſchon um dieſe Zeit gegen den Orden eine Geſinnung blicken, die wohl nichts weniger als günftig war, denn indem er ſchon im erwaͤhnten Jahre feinen Vetter den Herzog Barnim den Erſten von Slavien im Falle ſeines Todes zum Erben nicht nur des Gebietes von Schwez, ſondern auch des ganzen einſt von ſeinem Vater und Bruder ihm zufallenden Landes einſetzte, gab er offenbar die Abſicht zu erkennen, dieſe Lande den Bruͤdern ſeines Vaters Sambor und Ratibor auf ſolche Weiſe zu entziehen, damit ſie durch dieſe nicht etwa an den Deut— ſchen Orden gelangen koͤnnten *). Für Suantepolc's zweiten 1) Boguphal p. 68. 72. 2) Nicht ohne Abſicht ſprachen die Paͤpſte in ihren Bullen ſo oft „de Prussia, que juris est et proprietatis beati Petri,“ oder „de terra Pruscie, quam Sanctissimus Pater Dominus Innocentius Papa recepit in jus et proprietatem beati Petri.“ 8) In der einen urkunde bei Dreger Nr. 868. p. 477 nennt er ſich Mistwinus Dei gratia Dux Scwecensis, in der andern ibid. Nr. 369 vom naͤmlichen Jahre Mestwinus Dei gratia Dux Pomeranorum. 4) Dreger Nr. 368. Miftwin führt in der Urkunde zwar keinen weitern Grund dieſer Verleihung an, indem er nur ſagt: Nos de mera

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266 Blick auf Pommern. Sohn Wartislav war einſt das Gebiet von Danzig beſtimmt und es iſt wahrſcheinlich, daß auch er ſchon um dieſe Zeit die Verwaltung hierüber geführt habe ). Es lebten aber, wie erwaͤhnt, auch noch Suantepolc's beide Bruͤder Sam⸗ bor und Ratibor) und jener erſtere hatte ſich in mancher Hinſicht um ſein Land ſehr verdient gemacht. So war von ihm im Jahre 1260 die Stadt Dirſchau gegründet und mit dem Luͤbeckiſchen Rechte und manchen andern Beguͤnſtigun⸗ gen begabt worden ). Schon ſeit Jahren herrſchte zwiſchen den Brüdern ungeſtoͤrte Einigkeit); nur war Sambor ſchon vor mehren Jahren mit der Kirche zerfallen. Schon 1258 naͤmlich hatte das Kloſter Oliva am paͤpſtlichen Hofe gegen den Herzog wegen Vorenthaltung der Guͤter Klage gefuͤhrt, welche einſt Wartislav, Sambors juͤngſter Bruder, im Ge⸗ biete von Wanzke oder Mewe dem Kloſter zum Heile ſeiner Seele geſchenkt. Zwar waren damals der Abt von Mogilno und der Probſt von Kulmſee vom Papſt Alexander mit nd: herer Unterſuchung der Sache beauftragt worden s); allein auch noch im Jahre 1261 waren die Beſitzungen dem Klo⸗ nostra liberalitate — contulimus etc. Allein der oben angeführte liegt wohl ſehr nahe. Auch muß weder Miſtwin, noch ſein Bruder irgend Hoffnung zur Nachkommenſchaft gehabt haben, denn es iſt in der Ur⸗ kunde von einſtigen Erben wenigſtens gar nicht die Rede. 1) Suantepolc hatte nur dieſe beiden Göhne, wie aus den Urkun⸗ den bei Preger Nr. 189 und 288 hervorgeht. Auch in Nr. 378 wird Wartislav „ dilectissimus filius meus“ unter den Zeugen genannt. 2) Dreger Nr. 343. Durch den Titel: Dei gratia Dux Slavo- rum, welchen Ratibor hier hat, darf man ſich nicht irre führen laſſen, wie in der Anmerkung b) von Dreger geſchehen iſt. 3) Original⸗Urkunde, datirt: In castro nostro Dersowe 1260, im geh. Arch. Schiebl. XL. Nr. 1. Die Burg Dirſchau iſt dagegen weit alter. 4) Dieß beweiſet nicht bloß die Urkunde bei reger Nr. 543, fon: dern auch eine andere im geh. Arch. Schiebl. LIX vom J. 1260, in welcher Suantepolc dem Kloſter Dobran im Lande feines Bruders Sam⸗ bor Zollfreiheit bewilligt. 5) Bulle im Original, datirt: Viterb. III Non. Mart. p. n. an. IV im geh. Arch. Schiebl. LV. Nr. 27.

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Herzog Suantepolc's Tod. 267 ſter nicht abgetreten und da nun Urban nicht nur neue Er⸗ mahnungen an den Herzog erließ‘), ſondern auch eine aber malige Unterſuchung des Streites veranlaßte ?), Sambor aber auch jetzt ſich noch in keiner Weiſe fuͤgſam zeigte, ſo ward er mit dem Banne geſtraft ). So ſah Herzog Suantepolc am Abend feines Lebens, wenn er Pommern überblickte, noch das naͤmliche Bild der Getheiltheit und Zerriſſenheit des Ganzen, wie in früherer Zeit und erwog er die vielfachen Muͤhen und Kaͤmpfe ſeiner Tage, ſo fand er ſich freilich mit allen dargebrachten Opfern nicht um einen Schritt naͤher an ſeinem Ziele, denn alles was er fuͤr die Vereinigung und feſtere Verbindung der Lan⸗ destheile erſtrebt und gewollt, war ohne allen Erfolg geblie⸗ ben und ſo lag der nutzloſe Kampf gegen den Deutſchen Or⸗ den mit ſeinen Opfern und Graͤueln gewiß ſchwer auf ſeiner Seele. Als daher die Stunde herannahete, die für fein lan⸗ ges und thatenreiches Leben die letzte ſeyn ſollte, rief er die beiden Soͤhne, die Erben ſeines Landes, vor ſein Sterbe⸗ bette, ſie ermahnend: „Seitdem zwiſchen mir und den Rit⸗ tern des Deutſchen Ordens Krieg obgewaltet, habe ich im⸗ mer großen Schaden erlitten; ich habe ſie mit Recht und mit Unrecht und auf mancherlei Weiſe bekaͤmpft; allein ich habe nichts erreicht, weil Gott mit ihnen iſt und fuͤr ſie ſtreitet. Darum gebe ich euch den vaͤterlichen Rath: ſtellet euch ihnen nie entgegen, ſondern ehret ſie mit aller Achtung. Haltet Friede mit ihnen)!“ — So ſprach im tiefen Schmerze 1) Original-⸗Bulle, datirt: Viterb. III Idus Jul. p. n. an. I im geh. Arch. Schiebl. LV. Nr. 29. Der Herzog Wartislav heißt darin: Quondam Wartislaus dominus Pomeranie. 2) Original⸗Bulle, datirt: Viterb. V Idus Jul. p. n. an. I im geh. Arch. Schiebl. LV. Nr. 30. 3) Die beiden Aebte von Uzna und Belbok hatten in Folge ihrer Unterſuchung den Bann ausgeſprochen und der paͤpſtliche Legat Guido be⸗ ſtaͤtigte ihn im J. 1267; Urkunde des Legaten, datirt: Spandou XIII Calend. April. pont. dni Clement. pape an. II im geh. Arch. Schiebl. LV. Nr. 32. Chron. Oliv. p. 28. 4) Dusburg e. 123. Der Epitomator und Jeroſchin c. 123 ge⸗ r

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268 Herzog Miſtwin TI. der Herzog in wenigen Worten die bitterſte Erfahrung ſeines ganzen Lebens aus und mit dieſem reuigen Blicke auf die fruchtloſen Mühen feiner Tage verſchied er am elften Januar des Jahres 12661). Er endigte ein langes und überaus thatenreiches Leben, aber ein Leben, welches kein großer Aus⸗ gang und kein gluͤcklicher Erfolg kroͤnte. Die beiden Soͤhne des Herzogs uͤbernahmen ſofort die foͤrmliche Herrſchaft des Landes. Miſtwin, der Zweite diefes Namens unter den Fuͤrſten dieſes Landes, nannte ſich nun Herzog von ganz Pommern ), vielleicht in demſelben Sinne, wie einſt ſein Vater. Sein Bruder Wartislav uͤbernahm das Gebiet von Danzig als feinen Landestheil und hieß bald Herz zog von Danzig, bald auch Herzog der Pommern). Die Bruder lebten Anfangs in den friedlichſten Verhaͤltniſſen. Al: lein in Miſtwins Seele gingen bald uͤber die Verhaͤltniſſe ſeines Landes Gedanken um, uͤber die er bei dem Schwan⸗ ken ſeines Geiſtes nicht zur Ruhe kommen konnte. Noch war ben die Ermahnungsworte noch etwas vollſtaͤndiger. Eben fo die Dr: denschron. Mſcr. p. 49, bei Matihasus p. 736. Hochmeiſterchron. S. 102 Mſcr. im geh. Arch. 1) Das Chron. Oliv. p. 27 giebt dieſe Zeit beſtimmt an: Anno. 1266 Dux Suantepolcus, expletis jam duodecim post ultimam con- cordiam annis serviens interim Deo in operibus misericordia, plenus dierum servitio grato decessit fine beato III Idus Januarii, sepultus- que est in sepulchro progenitorum suorum in Oliva. In der Angabe des erwahnten Jahres ſtimmen auch Dusburg c. 123 und Kangow B. I. S. 258 überein. Schätz p. 14 laßt den Herzog ein Alter von 97 Jahren erreichen und ſagt, daß ſein Fuͤrſtenkleid im Kloſter Suckow noch zu feiner Zeit wie ein Heiligthum aufbewahrt worden ſey. Bacz ko B. I. S. 329 giebt unrichtig das J. 1268 an. Die Ordenschron. p. 48 hat das J. 1269. Die Hochmeiſterchron. S. 103 ſagt: „Seinen Rock und fein Krieges» Zeug haben die Muͤnche in der Olive, wer denſelben, meinen fie, ſtehet, erlanget große Gnade bei der Jungfrauen Maria.“ 2) In einer Urkunde vom J. 1266, im Original im geh. Archiv Schiebl. XLIX. Nr. 1, bei Dreger Nr. 391 nennt er ſich Dei gratis Dux totius Pomeranie; Nr. 436 Dux Pomeranorum. 3) Dreger Nr. 386. p. 494: W. Dei gratia Dux de Gdanzk; Nr. 427. p. 537: W. Dei gratia Dux Pomeranorum.

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Herzog Miſtwin II. 269 die Lage feines Herzogthums dieſelbe, in welcher ſchon fein Vater für fein Land fo viele drohende Gefahren erkannt hatte; die abermalige Theilung zwiſchen ihm und ſeinem Bruder hatten dieſe Gefahren ſelbſt nur noch mehr geſteigert. Noch immer ſtanden ſeines Vaters Bruͤder Sambor und Ratibor als Freunde und Goͤnner der Ordensritter da und das Band der Freundſchaft war durch gegenſeitige Beſchenkungen und Beguͤnſtigungen ſeit Jahren nur noch enger und enger ge⸗ knüpft. Wenn es nun dem Orden gelang, die Preuſſen wie⸗ der zu uͤberwaͤltigen; wenn er dann im Einverſtaͤndniß mit dieſen beiden Fuͤrſten feinen Blick auf Pommern warf und vielleicht geringfuͤgige Mißverhaͤltniſſe benutzend ſeine Waffen uͤber die Weichſel trug: woher dann die noͤthige Kraft zum Widerſtande in einem Lande, welches durch die beſtaͤndigen Durchzuͤge Deutſcher Pilgerhaufen und Kreuzfahrer nicht bloß manchen Schaden und Eintrag erlitten hatte, ſondern wo auch eine Menge Deutſcher Anſiedler ſich nach Deutſcher Herrſchaft ſehnen mochten !)? Woher dann die nöthige Bei: huͤlfe von andern nahen Fuͤrſten, da der Orden mit den Her⸗ zogen Polens, die ohnedieß dem herzoglichen Hauſe Pom⸗ merns nicht zugethan waren, im Frieden lebte und Herzog Barnim von Slavien viel zu friedfertig und aller Kriegsfehde abgeneigt war, als daß auf ſeinen kraͤftigen Beiſtand gebaut werden durfte? Konnte ein ſolcher Friede mit dem Orden dem Lande fuͤr die Zukunft Heil bringen? Oder gingen nicht vielmehr die Tage friedlicher Ruhe mit den Tagen der dro⸗ henden Gefahr Schritt vor Schritt vorwaͤrts? Freilich ſollte 1) Daß die Zahl der Deutſchen auch in dieſen Theilen Pommerns ſchon jetzt bedeutend zunahm, erſieht man nicht bloß an den Zeugen⸗An⸗ gaben in Urkunden, in welchen immer mehr Deutſche vorkommen, ſon⸗ dern auch in der oͤftern Verleihung des Deutſchen oder Luͤbeckiſchen Rechts. Es trug hiezu vorzüglich auch der Umſtand ſehr viel bei, daß die Klöfter bei Guͤterverleihungen ſehr oft auch die Erlaubniß erhielten, die geſchenkten Güter an Deutſche auszuthun. Vgl. Dreger Nr. 213. 230. In den Staͤdten Danzig, Dirſchau u. a. wohnten um dieſe Zeit ſchon ſehr viele Deutſche; vgl. Sell Geſchichte Pommerns B. I. S. 383.

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270 Herzog Miſtwin v. Pommern wider den Orden. dem Sohne das Friedenswort des ſterbenden Vaters ſtets ein ernſtes Wort ſeyn; aber fuͤr den Fuͤrſten war es nur das Wort eines hingealterten Greiſes, deſſen ganzes Leben und Streben ja ohnedieß dieſem Worte des Friedens nicht ent⸗ ſprach. Allerdings hatte der Vater das Ziel nicht erreicht, dem er faſt zwanzig Jahre lang nachgegangen war; er war unter den Muͤhen und Schwierigkeiten ſeiner Bahn ermattet und entmuthigt. Aber galt darum das Ziel für unerreich⸗ bar? Wie ganz anders ſtanden jetzt die Zeiten da! Wie ge⸗ waltig und wie tief war jetzt der Bau der Ordensherrſchaft ſchon erſchuͤttert! Wie wild tobte noch fort und fort der Sturm gegen ihn an! Und wie nun, wenn in dieſem wil⸗ den Treiben und Draͤngen gegen den Orden von Oſten her ein Kampf gegen ihn auch von Weſten aus erhoben ward, konnte da des Vaters Wunſch und Ziel nicht leicht und ohne große Opfer erreicht werden? — Solche Gedanken waren es, wie es ſcheint, die Miſtwins Seele fort und fort beweg⸗ ten, erfüllten und befchaftigten, und fie fanden immer neuen Aufſchwung und neue Nahrung in einer bitteren Abneigung und in einem Haſſe gegen den Orden, der ſchon in fruͤher Zeit, in den Tagen ſeiner Gefangenſchaft im Innerſten ſei⸗ nes Geiſtes feſtgewurzelt war “). So geſinnt trat Herzog Miſtwin noch im Laufe des Jahres 1266 gegen den Orden mit Anforderungen uͤber die von feinem Oheim, dem Herzog Sambor den Ordensbruͤ⸗ dern verkaufte Inſel Zanthir auf, von welcher nach naͤher berichtigten Graͤnzen noch manche Gebiete, wie er vorgab, zu feinem Landestheile gehören ſollten ). Es kam beider 1) Dusburg c. 123 giebt gar keine Urſachen der Feindſchaft Miſt⸗ wins gegen den Orden an; eben ſo wenig andere Quellen. Es bleibt alſo dem Geſchichtſchreiber nichts übrig, als 4 aus den Verhaͤltniſſen und der Lage der Dinge zu entwickeln. 2) Lucas David B. IV. S. 92 ſagt zwar: Miſtwin habe die ganze Inſel Zanthir vom Orden zuruͤckverlangt; allein dieß iſt kaum glaublich, da der Orden ſie rechtmaͤßig erworben hatte und dem Her⸗ zoge dieſes nicht unbekannt ſeyn konnte. Ohnedieß ſcheint Lucas Da⸗

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Herzog Miſtwin v. Pommern wider den Orden. 271 Seits zu harten Erklärungen, denn der Landmeiſter warf es dem Herzoge tadelnd vor, daß er dem Beiſpiele feines Va⸗ ters in ſeinen ungerechten Handlungen folgen wolle, und der Herzog vertheidigte dagegen deſſen Verfahren als keineswegs ungebuͤhrlich, ſondern vielmehr als gerecht. So ſchieden beide Theile voll Erbitterung und Groll gegen einander. Nun ge⸗ wann Miſtwin auch ſeinen Bruder Wartislav zum Krieg ge⸗ gen den Orden und jetzt des Ordens Feind war er ſchon ent⸗ ſchieden der Preuſſen Freund. Zwar ſcheute er das Urtheil der Welt und trat nicht ſo frei und offen, wie einſt ſein Va⸗ ter, mit den Feinden der Kirche ins Buͤndniß; aber im Stil⸗ len und verſteckt begunſtigte er alle ihre Plane !). Durch ihn verlockt und gehetzt?) brach daher ein ſtarker Heerhaufe von Preuſſen ins Kulmerland und in das Biſthum Pomeſanien ein und verheerte alles mit Raub und Brand. Wie der Or⸗ den Zanthir ſtaͤrker beſetzte, ſo befeſtigte Miſtwin am Ufer des Weichſel-Stromes die Burg Neuenburg und bemannte ſie mit einer zahlreichen Beſatzung, die nicht ſelten heerend und plündernd ins Gebiet des Ordens einfiel. Funfzehn mit Les bensmitteln beladene und in die nordoͤſtlichen Ordensburgen beſtimmte Frachtſchiffe wurden im Sommer 1267 in der Nähe vid dieſe Angabe auch nur aus Simon Grunau Tr. MIII. c. 18. § entlehnt zu haben. Weit mehr hat Kantzows Nachricht B. I. S. 258 für ſich, nach welcher der Zwiſt zwiſchen dem Orden und dem Herzog ſich über Graͤnzverhaͤltniſſe erhob. Daß Zanthir dem Orden von Suantepolc verkauft worden ſey, wie Kotzebue B. II. S. 33 und B. I. S. 189 angiebt, iſt ein Irrthum und beruht auf einer unrichtigen Beziehung der Urkunde, deren B. I. S. 412 erwaͤhnt iſt, die aber von Hennig bei Lucas David B. III. Beilage Nr. XI ganz richtig auf Sambor bezogen wird. 1) Lucas David a. a. O. 2) Induxit Pruthenos, ſagt Dusburg c. 123. Von einem foͤrmli⸗ chen Buͤndniſſe mit den Preuſſen, von welchem Lucas David a. a. O. ſpricht, weiß jener Chronift nichts. Kantzow a. a. O. läßt die Her⸗ zoge Miſtwin und Wartislav dieſe Einfälle ins Ordensgebiet ſelbſt un⸗ ternehmen. Daß auch von deren Kriegsleuten Räubereien in den nahen Landſchaften geſchehen waren, geht aus den nachmaligen Friedensſchluͤfß⸗ ſen hervor.

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272 Herzog Miſtwin v. Pommern wider den Orden. der Neuenburg einer Seits von der Burgbeſatzung und ande⸗ rer Seits durch einen Heerhaufen von Preuſſen uͤberfallen und ſo heftig bekaͤmpft, daß die Mannſchaft der Schiffe ihre ganze Ladung in den Strom werfen mußte, um ſich auf den erleichterten Fahrzeugen retten zu koͤnnen 1). Da machte ſich Ludwig von Baldersheim, der Landmei⸗ ſter, mit einem bedeutenden Heere von Kreuzbruͤdern und Kriegsleuten des Landes auf, ſetzte uͤber die Weichſel, brach in die Gebiete von Dirſchau, Neuenburg und Mewe ein, verwuͤſtete Miſtwins und Wartislavs Land mit Raub und Brand, ſo weit er konnte und kehrte dann nach ſchwerer Rache mit reicher Beute nach Pomeſanien zuruͤck. Eine große Schaar von Gefangenen und ein bedeutender Raub von Vieh⸗ heerden waren die Frucht des verheerenden Zuges, deſſen Graͤuel Wartislavs Gebiete am meiſten getroffen 2), denn ſelbſt Danzig, ſeine Wohnburg war vom Feinde ſtark be⸗ draͤngt und die Gegend rings umher ſchrecklich verwuͤſtet wor: den. Da begab ſich Wartislav zu ſeinem Bruder, nicht bloß für die Erholung feiner Unterthanen Friede mit dem Orden verlangend, ſondern ſelbſt auch eine neue ihm vortheilhaftere Landestheilung als Erſatz ſeines erlittenen Schadens. „Willſt du Friede, erwiederte ihm der erzuͤrnte Bruder, ſo ſuche ihn nicht bei mir, ſondern bei den Ordensrittern, die deinem 1) Dusburg c. 123. Lucas David B. IV. S. 93. Kantz ow a. a. O. ſpricht nur von 5 Schiffen. 2) ueber die Zeit dieſer erneuerten Feindſchaft zwiſchen dem Orden und den Herzogen von Pommern find die Quellen nicht einftimmig- Dusburg c. 124 ſagt von dem Landmeiſter: intravit in die beat. Pe- tri et Pauli Apost. terram Pomeranie: dieß wäre nach feiner Zahlung am 29. Juni 1266. Dieſes Jahr iſt aber ohne Zweifel unrichtig und muß 1267 heißen. Der Chroniſt giebt durch die Worte „Quo facto “ ſelbſt zu verſtehen, daß bald nach dieſem Einfalle in Pommern der Friede erfolgte. Nimmt man nun aber an, daß dieſe Kriegsfehde ins J. 1266 falle, ſo bliebe zwiſchen ihr und dem Friedensſchluſſe noch ein Zeitraum von faſt anderthalb Jahr. Kantzow a. a. O. hat die ganz unrichtige Zahl 1270 und die Ordenschron. p. 48 das J. 1269. Die Ordenschron. bei Matthaeus p. 736 giebt gar keine Zeit an.

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Friede zwiſchen Wartislav und dem Orden. 273 Lande Schaden zugefuͤgt; von ihnen laß dir Erſatz gewaͤh⸗ ren.“ So ſchieden beide Brüder in Zwiſt von einander ). Wartislav aber knuͤpfte ſofort mit dem Landmeiſter Unter⸗ handlungen an. Berthold von Nordhauſen, der Landkom⸗ thur von Kulm 2), übernahm die Vermittlung und am er⸗ ſten Auguſt des Jahres 1267 erfolgte der Friedensſchluß un⸗ ter folgenden Bedingungen: Wenn jemals wieder aus des Herzogs Land hundert oder mehr Kriegsleute das Ordensge⸗ biet uͤberfallen und mit Raub belaͤſtigen, ſo verpflichtet er ſich ſelbſt zur Strafe von zweitauſend Mark an den Orden; wenn aber eine geringere Zahl von Kriegsleuten einen fol: chen Einfall wagen, ſo ſollen des Herzogs Ritter uͤber die Schadenſache Gericht ſprechen; verweigern ſie dieſes, ſo will es der Herzog ſelbſt und iſt dieſer in der Sache ſaͤumig, ſo büßet er die Strafe von zweitauſend Mark. Entrichtet er dieſe nicht und kann der Orden auch durch die Vermittlung nachbarlicher Fuͤrſten nicht zum Erſatze feines Schadens ge⸗ langen, ſo ſteht es ihm zu, ſich in des Herzogs Land auf jegliche Weiſe ſeines Schadens zu erholen. Wenn aber bei einem Einfalle der Kriegsleute des Herzogs eine Burg oder Befeſtigung in deren Gewalt faͤllt, ſo will der Herzog mit ſeiner ganzen Macht dem Orden zu Huͤlfe ziehen und ihm die Burg wieder gewinnen. Ueberlaͤufern und Verbrechern aus des Ordens Gebiet wird der Herzog in ſeinem Lande forthin keinen Schutz mehr geben ). 1) Lucas David B. IV. S. 94 muß hier mit Vorſicht benutzt werden, da er vorzuͤglich dem Simon Grunau Tr. VIII. c. 18. 8 1 folgt; namentlich iſt die Erzählung von Miſtwins Buhlerei mit der Aeb⸗ tiſſin Fulca eine Grunauiſche Nachricht. 2) Als ſolchen nennt ihn die Friedens⸗Urkunde ſelbſt. Sein Tauf⸗ name war aber nicht Bartholomaeus, wie ihn die Urkunde im Conti⸗ nuirten gelehrt. Preuſſ. Quart. II. S. 170 angiebt, ſondern Berthold. + 3) Original dieſes Friedensſchluſſes, datirt Svece Kalend. August. 1267 im geh. Arch. Schiebl. XLI. Nr. 1. Der Abdruck bei Kotzebue B. II. S. 304 iſt völlig unbrauchbar, denn da das Original ſtark mit Abbreviaturen geſchrieben iſt, fo findet man in dieſem Abdrucke nicht weniger als 46 grobe Fehler. III. 18

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* 274 Kaͤmpfe in Natangen. Herzog Miſtwin aber bequemte ſich noch nicht zum Frie⸗ den. Obgleich von ſeinem Bruder verlaſſen, vertraute er theils noch auf die Beihuͤlfe des Herzogs Barnim von Sla⸗ vien, des einſtigen Erben ſeines Herzogthums, theils am mei⸗ ſten auf den Beiſtand der Preuſſen, die ohne Zweifel auch auf ihn gerechnet. Dieſe Hoffnung indeſſen taͤuſchte den Her⸗ zog, denn der Landmeiſter hatte des Herzogs Plan wohl durchſchaut und den Komthuren der Ordensburgen deshalb den Befehl ertheilt, die Preuſſen in ihren eigenen Gebieten durch Kampf und Fehden unablaͤſſig zu beſchaͤftigen. So brach auch der Ordensmarſchall Friederich von Holdenſtaͤdt mit ſeiner Mannſchaft, verſtaͤrkt durch den Zuzug der Deut⸗ ſchen Lehnsleute aus Natangen und Ermland, von Branden⸗ burg aus ins Innere der Landſchaft ein. Bis nach Kreuz⸗ burg hinauf laͤngs dem Pasmar-Fluſſe und im Gebiete von Solidau *) ward alles dem Raube und dem Feuer Preis ge⸗ geben; wer mit den Waffen widerſtand, ward erſchlagen, die uͤbrigen Bewohner aber, die nicht Gehorſam gelobten, gefangen hinweggeführt und ſo geſchah, daß ein großer Theil von Natangen und Ermland ſich jetzt den Geboten des Or⸗ dens wieder fuͤgte. Freilich hatte der Landmeiſter, um die Deutſchen Lehnsleute zur ruͤſtigen Theilnahme an dieſem Zuge zu gewinnen, dieſen die fefte Zuſicherung ertheilen muͤſſen, daß ſie nach Bezwingung der abtruͤnnigen Landſchaften fort⸗ hin nur bis an das Ufer der Weichſel und nur zur Land⸗ wehr und zur Vertheidigung des Vaterlandes innerhalb ſei⸗ ner Graͤnzen verpflichtet feyn ſollten?). Doch froh des gluͤck⸗ 1) Dusburg c. 125 nennt es ein territorium Nattangiae, quod dicitur Solidow, circa castrum Cruceburg; es iſt das jetzige Sollau am Pasmar, zwiſchen Kreuzburg und Dollſtädt. Vgl. B. I. S. 489. 2) So Dusburg 1. c. und eine Urkunde des Landmeiſters Ludwig von Baldersheim, datirt: Konigesperg an. dni 1267, Mense Junio im Fol. Balgaiſch. Verſchreib. p. 889, worin es heißt: Universitatem ve- stram cupimus non latere, quod dilecti nobis theutonici feodales no- stri in Warmia et Nataugia ad compescendam Prutenorum uposta- tarum insaniam et refrenandam sunt astricti. Postquam vero idem apostate auxiliante domino ad fideim redierint eristianam, dicti feo-

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Kämpfe in Natangen. 275 lichen Erfolges dieſes Zuges trat der „Ordensmarſchall den Ruͤckweg an. Da brachte ihm aber ein Eilbote aus Bran⸗ denburg die Nachricht entgegen, die Burg ſey mittlerweile vom Feinde vernichtet worden. Ein Preuſſiſches Weib, bis⸗ her im Burgdienſte, war aus der Burg entflohen und hatte dem Hauptmanne der Ermlaͤnder Glappo die Kunde gebracht, daß das Haus von ſeiner Beſatzung verlaſſen, faſt ohne alle Vertheidigung und alſo leicht zu erſtuͤrmen ſey. Eiligſt war der Hauptmann mit einem Heerhaufen herangezogen, hatte die Burg gewonnen, durch Feuer vernichtet und belagerte eben die noch dort zurückgebliebenen Ordensbruͤder mit ihrer geringen Mannſchaft in einer feſten Wehrſchanze, worin ſich dieſe vertheidigten. Erſchreckt durch dieſe Nachricht wagte der Ordensmarſchall nicht, mit ſeiner ermuͤdeten Mannſchaft den Feind ſogleich anzugreifen, da er ſeine Staͤrke nicht kannte. Er ſchlug den Weg nach Koͤnigsberg ein, fuhr dann zu Schiff gegen Brandenburg und entſetzte die Belagerten mit leichter Mühe 1). Zu demſelbigen Zwecke, die Preuſſen im Innern ihres Landes zu beſchaͤftigen, brach einige Zeit zuvor auch der Kom⸗ thur von Chriſtburg Dieterich von Rhode ?) mit feinen Rit⸗ tern und einer Schaar von hundert Kreuzkriegern zu Raub dales non ulterius ad defensionem patrie quam infra spacium et me- tas terrarum subscriptarum, Sambie scilicet et Natangie, Warmie et Barthie, Pogzanie procedere tenebuntur contra omnes quoque do- mus nostre et patrie turbatores usque ad Wyslam armis solitis sunt, progressuri. 2) Dusburg c. 124. Daß die Burg aufgebrannt wurde, ſagt der Epitomator. Lucas David B. IV. S. 119 erwähnt, das verräthe- riſche Weib ſey eine Viehmutter in der Burg und von den Preuſſen zum Verrathe erkauft geweſen. Nach Dus burg vertheidigen fi) die zuruͤckgebliebenen Ordensritter in turri lignea, dem Epitomator zufolge in quodam fortalitio, welches Jeroſchin durch „Bergfriede“ uͤber⸗ ſetzt. Ordenschron. S. 104 (Mſcr. im geh. Arch.). 3) Wahrſcheinlich aus der Familie von Rhode, die um dieſe Zeit bei Speier wohnte. Ein Ritter Dieterich von Rhode im J. 1270 in einer Urkunde in den Actis Academ. Palatin. T. II. p. 78. 18 *

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276 Kämpfe in Pogefanien und Beute in das Gebiet von Pogeſanien ein, durchſtreifte das Land mit Brand und Verheerung und trieb großen Ge⸗ winn davon. Auf der Ruͤckkehr aber folgte ihm im Nüden eine unzaͤhlige Schaar von Preuſſen, die ihm den Weg bald ſo verſtellt hatten, daß ein Kampf unvermeidlich war, ob⸗ gleich der Feind es mehr nur auf die Beute abgeſehen. Da ſiel der tapfere Komthur mit ſeinem kleinen Haufen ploͤtzlich und unvermuthet uͤber ihn her, ſchlug einen Theil mit maͤnn⸗ licher Kraft darnieder, zwang die Uebrigen zur Flucht und ließ dann dieſe durch ſeine Mannſchaft verfolgen. Alles, was zu erreichen war, erlag dem Schwerte und ſelten waren an ei⸗ nem Tage ſo Viele von ſo Wenigen erſchlagen worden. Eine den Preuſſen am Himmel erſchienene wunderſchoͤne Jungfrau mit der Ordensfahne ſollte ihnen, wie die Sage wollte, al⸗ len Muth zum Widerſtande entnommen!) haben. Aber es folgte bald die Rache. Die Pogeſanier ſammelten ſich, ſtuͤrm⸗ ten bis Chriſtburg vor, bemaͤchtigten ſich dort eines ſtark be⸗ wehrten Hauſes, wohin ſich Pomeſanier geflüchtet und er⸗ mordeten alle, die ſie fanden. Das feſte Haus ſelbſt ward bis auf den Grund zerſtoͤrt?). - Doch diefes war nur das Vorſpiel zu noch bedeutende⸗ ren Kaͤmpfen. Auf des Pommern-Herzogs Beihuͤlfe ver⸗ trauend warfen ſich der Barter Hauptmann Diwane und Linko der Kriegshaͤuptling der Pogeſanier mit einem ſtarken Heere ins Kulmerland. Da indeſſen der Komthur von Chriſt⸗ 1) Dusburg c. 136. Lucas David B. IV. S. 78 — 79. Die: ſes Ereigniß fällt wenigſtens noch in das J. 1265; denn in dieſem Jahre legte Dieterich von Rhode das Komthuramt in Chriſtburg nieder und es folgte ihm Konrad von Thierberg, wie wir aus einer Urk. im Fol. XI. p. 74 im geh. Arch. erſehen. 2) Dusburg c. 137 nennt es ein Castrum situm iuxta ipsum Chrisburg; nach dem Epitomator war es domus quaedam in refugium christianorum Pomesaniensiun. Lucas David B. IV. S. 79 uͤber⸗ ſetzt es durch „Fliehhaus.“ Wahrſcheinlich war es die alte Burg, wel⸗ che vormals Herzog Suantepolc bei der Belagerung der Ordensburg Chriſtburg erbaut hatte und die man um dieſe Zeit als Zufluchtsort der Fluͤchtlinge aus dem Lande von neuem befeſtigt.

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und Pomefanien. Schlacht an der Sirgune. 277 burg dem Feinde mit ſtarker Kriegsmacht nacheilte, ſo zogen die Pogeſanier, wie Diwane zuvor angeordnet, vor die Po⸗ meſaniſche Burg Trappeinen zwiſchen Chriſtburg und Alyem !) — dem Orte, wo nachmals die Marienburg emporſtieg, — um auf ſolche Weiſe die Ordensritter auch hier zu beſchaͤfti⸗ gen und ihre Kriegsmacht getheilt zu halten. Hier ließen ſie das Fußvolk unter dem Hauptmanne Kolte zur Belagerung, waͤhrend ein Reiterhaufe, der mit vor die Feſte gezogen war, unter großen Verheerungen bis ins Gebiet von Alyem vor⸗ drang und dann hinauf bis Marienwerder ſprengte, alles mordend und verbrennend, was ihm entgegenſtand. Da rie⸗ fen ſchnell die Ordensritter auf Chriſtburg die Ritter aus den Landesburgen zu Puſilie und Fiſchau in Pomeſanien zur Huͤlfe auf und eilten mit den Buͤrgern von Chriſtburg vor die belagerte Burg, als Kolte ſie eben zu erſtuͤrmen ſuchte. Aber kaum den reiſigen Ritterhaufen gewahrend, ergriff er in groͤßter Eile mit feinem Volke die Flucht, ward jedoch mit Vielen aus feinem Heere von den nachfolgenden Rittern er: ſchlagen. Was ſich noch retten konnte, ſammelte ſich bei dem um Marienwerder noch pluͤndernden Reiterhaufen, der nun mit dem Fußvolke vereint, hinuͤber an die Sirgune zog, wo an dem andern Ufer beim Dorfe Poganſte die Ordensritter mit einem Heerhaufen bereits ein Lager geſchlagen, um hier in gutgewaͤhlter Stellung die ins Kulmerland hinaufgezogene Heerſchaar der Preuſſen bei ihrer Ruͤckkehr zu erwarten. Die Ritter aber, des Feindes Naͤhe nicht ahnend, waren ſorglos in der Wache. Das erſpaͤheten die Preuſſen, ſetzten zur Nachtzeit einen Reiterhaufen uͤber den Fluß und ploͤtzlich ſah ſich das Ordensheer hier vorne und dort im Rücken uͤberfal⸗ len. Es kam zum heftigſten Kampfe; doch ehe die Deut⸗ ſchen ſich förmlich zur Schlacht ordnen konnten, waren ſchon zwölf Ordensbruͤder und fuͤnfhundert der trefflichſten Kriegs⸗ leute jaͤmmerlich erſchlagen und die übrigen wurden nun bald in die Flucht geworfen. Was ſich retten konnte, flüchtete 1) Vgl. hierüber Voigt's Geſchichte v. Marienburg S. 17 — 18.

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278 Chriſtburgs Belagerung. auf Chriſtburg zu, um unter dem Schutze ihrer Mauern der Wuth des Feindes zu entkommen. Allein die Stadt, ſchlecht vertheidigt, ward vom nacheilenden feindlichen Heere bald er⸗ ſtuͤrmt; gleiches Schickſal hatte auch die nahe Feſte Landvolk genannt +), und ſelbſt die Vorburg der Ordensburg konnte dem feindlichen Sturme nicht lange widerſtehen. Alles Volk in der Stadt und in den beiden Burgen ward theils erſchla⸗ gen, theils gefangen und dann alles in den Grund gebro: chen. Die Hauptburg hielt ſich zwar noch; aber wo war die Ausſicht auf Rettung, da nur drei Ritterbruͤder und drei Knechte in ihr geblieben waren! Und ſicherlich waͤre auch ſie in der Feinde Haͤnde gefallen, haͤtte nicht ein in der Burg wegen Vergehungen gefangen gehaltener Pomeſane, Syrene genannt, ſich ſeiner Feſſeln entledigt und mit Schwert und Lanze die Bruͤcke der Burg ſo lange und ſo heldenmuͤthig gegen den anſtuͤrmenden Feind vertheidigt, bis durch den Auf⸗ zug der Bruͤcke der Eingang in die Burg verſchloſſen war. So entging die Chriſtburg der Vernichtung, obwohl ſie fort⸗ hin Naur belagert blieb 2). In aͤhnlicher Weiſe aber waren die Landſchaften Poge⸗ ſanien und Pomeſanien noch lange Zeit der blutige Tummel⸗ platz unaufhoͤrlicher Raubfehden und Kaͤmpfe; denn hoͤren wir auch nicht, daß Herzog Miſtwin es gewagt habe, die Weich⸗ ſel zu uͤberſchreiten, ſo erſchien doch bald darauf der Barter Hauptmann Diwane mit einem neuen maͤchtigen Heere und durchſtuͤrmte mit wildeſter Verwuͤſtung abermals die Gebiete 1) Dusburg c. 138 nennt es ein Castrum Pogesaniorum; der Epitomator dagegen domus Lantvolke und Jeroſchin überfegt: „eyn huß dem Landvolke genannt.“ Es muß alſo im alten Texte des Dus⸗ burg dieſer Name geſtanden haben. Eine alte Ueberſetzung der Dusbur⸗ giſchen Chronik nennt es „eyn Vlyhus, daz dem Lantvolke waz gebu⸗ wet.“ Dieß giebt uns wohl auch die beſte Aufklärung über die Sache. Es war ein befeſtigter Zufluchtsort für das fluͤchtige Landvolk aus Po: geſanien, daher bei Dusburg auch Castrum Pogesaniorum. So nennt es auch Lucas David B. IV. S. 81. 2) Dusburg c. 138. Lucas David B. IV. S. 80 ff. Schütz p. 86. Voigt's Geſch. v. Marienb. S. 18 — 19.

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Chriſtburgs Belagerung. 27) um Chriſtburg und Alyem, entſchloſſen, hier auch die letzten Reſte der Zwingherrſchaft des Ordens in kurzem zu vertilgen. Der Raub war reich und nirgends fand der Feind Wider⸗ ſtand, denn ſeine Kriegsmacht war ſo außerordentlich und die Zahl der Ordensritter und ihrer Kriegsleute durch die beſtaͤn⸗ digen Verluſte ſo vermindert, daß kein offener Kampf von ihnen mehr gewagt werden durfte. Kaum hatte indeß der Feind das verödete Land verlaſſen und Diwane, den Raub von Vieh und Menſchen unter dem Schutze des groͤßten Thei⸗ les ſeines Heeres vorausſendend, mit einer geringen, aber er⸗ leſenen Mannſchaft die Ruͤckkehr ins Barterland angetreten, als die Ordensritter aus Elbing und Chriſtburg mit einem maͤßigen Kriegshaufen nacheilten. Sie trafen den Feind am Ufer des Guber⸗Fluſſes, uͤberfielen die ſorglos Schlafenden, erſchlugen ſie bis auf den letzten Mann und nahmen ſo die reiche Beute zuruͤck. Seinen nahen Blutsfreund Dabore un⸗ ter den Gefallenen bejammernd, entkam Diwane ſelbſt kaum noch durch die Flucht mit Wenigen der Seinen 1). Die Ritter auf Chriſtburg aber hatten des wenig Ge⸗ winn; denn bald lagerte ſich wieder ein neues feindliches Heer rings um ihre Burg. Die zahlreichen Fluͤchtlinge aus Pomeſanien hatten die vorraͤthigen Lebensmittel bald verzehrt; nur unter großen Muͤhen und Gefahren konnte zuweilen aus Elbing auf dem Drauſen und der Sirgune das Nothwen⸗ digſte herbeigebracht werden; aber dreimal wurde die Mann⸗ ſchaft auf den Fahrzeugen in der Sirgune vom Feinde uͤber⸗ fallen und ermordet. Die Noth ſtieg oftmals ſo hoch, daß kaum noch fuͤr einen Tag die Rettung moͤglich ſchien. Da ſetzte mehrmals der edle Preuſſe Samile aus Pomeſanien *), 1) Dusburg c. 139. Auch der Epitomator ſagt: Totus ibi exer- citus Prutenorum conteritur. Lucas David B. IV. S. 83 —84. 2) Dusburg 1. c. hat den Namen unrichtig Namile; ſowohl der Epitomator, als Jeroſchin c. 139 haben richtiger Samile, wie auch Hartknoch in der Anmerkung zu Dusburg 1. c. anfuͤhrt. Der Name Samile kommt im Chriſtburgiſchen Gebiete auch noch ſpäterhin, z. B. in einer Verſchreibung vom J. 1354 im Fol. XI. p. 119 im geh. Arch.

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280 Elbing. zwar mit im feindlichen Heere, aber dem Orden in treuer Liebe zugethan, ſein Leben ein, um heimlich die Ritter auf der Burg mit neuen Lebensmitteln zu verſorgen. Das merk⸗ ten jedoch endlich die Preuſſen, ergriffen ihn auf der That und beſtraften das Verbrechen damit, daß ſie ihm heißes Waſſer in den Mund goſſen, dann ihn am Feuer langſam marterten und endlich vor das Burgthor vor Chriſtburg war⸗ fen. Halbtodt von den Rittern hier aufgenommen genaß er wieder unter ſorgſamer Pflege und vergalt nachmals dem Or⸗ den die Wohlthat durch manches ſchoͤne Verdienſt. Die Hun⸗ gersnoth auf der Burg aber ward nun um ſo ſchrecklicher und obgleich eine Anzahl getreuer Pomeſanier, die ſich zur Net: tung dorthin gefluͤchtet, entfernt und mit Gefahr in andere Burgen gebracht wurden, fo war doch auch den wenigen Zu⸗ ruͤckbleibenden noch lange Zeit der ſchrecklichſte Jammer be⸗ ſchieden, denn nirgendswoher leuchtete der mindeſte Hoffnungs⸗ ſtrahl zur Rettung !). Doch endlich kam fuͤr die Bedraͤngten die Befreiung; ſie kam aus Elbing. Seit dem Abfalle der Preuſſen war dieſe Burg im Ganzen nur wenig belaͤſtigt worden, obgleich auch fie ſchon gleich im Anfange der Zufluchtsort für mehre Preuſ⸗ ſiſche Edle aus Pogeſanien war, welche dem Orden treu blieben 2). Nur einmal warf ſich in der fruͤhſten Zeit des Ab⸗ falles ein anſehnliches Heer von Pogeſaniern, mit Sudauern und andern oͤſtlichen Voͤlkern vereint, nachdem es Pomeſa⸗ nien und Pogeſanien durchſtuͤrmt und alle Chriſten, die es fand, erſchlagen oder gefangen genommen, vor die Burg Elbing, um ſie zu vernichten. Und der Angriff auf die Mauern war fo Fräftig und fo wild, daß die Vorburg wohl vor. Die erwaͤhnte alte Ueberſetzung Dusburgs nennt jenen Samile ei⸗ nen Vater des Tustim (pater Tustini, wie bei Dusburg ſtehen muß) und dieſer Tuſtim lebte noch im J. 1308. (Verſchreib. im Fol. XI. p. 88.) Schütz p. 36—37 giebt mit Unrecht dieſem Preuſſen Samile den Namen Nalube. 1) Dusburg I. c. Lucas David B. IV. S. 84 — 85. Schütz I. c. 2) Dusburg c. 163.

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Einnahme mehrer Burgen. 281 ohne Zweifel in feindliche Haͤnde gefallen waͤre, haͤtte es nicht dem kuͤhnen Burgwaͤchter Wirtel, einem Preuſſen 1), gegluͤckt, mit ſeinem Speere den Hauptmann des feindlichen Heeres zu durchbohren. Daruͤber erſchrack das Kriegsvolk, daß es floh und ſich am Drauſen hinziehend vor die Wehrburg Ozzek warf, da wo der Weſeke⸗ Fluß in den Drauſen mündet ?). Sie ward beſtuͤrmt, nach kurzem Widerſtande durch Feuer vertilgt und die Mannſchaft theils gefangen, theils ermordet, wenige ausgenommen, die ſich auf dem Drauſen retteten. So durch Gluͤck ermuthigt zog dann die feindliche Schaar weiter vor die durch ihre Lage auf einer Berghoͤhe und durch Kunſt ſtark befeſtigte Burg Weklitz am Fluſſe Rogow, wo noch zur Zeit das Dorf Weklitz den Namen erhaͤlt. Hier aber war der Kampf hartnaͤckiger und blutiger. Lange wehr⸗ ten ſich die Belagerten mit aͤußerſter Tapferkeit und erſt nach einer harten und ſturmvollen Belagerung ward die Feſte ge⸗ wonnen, die Beſatzung auch hier ermordet oder gefangen und die Burg aufgebrannt. Seitdem hat nie die menſchliche Hand dort wieder etwas angebaut und bis jetzt iſt alles dort ver⸗ wuͤſtet und verödet ). 1) Dusburg c. 164 fagt bloß: quidam dietus Wirtel; der Epito⸗ mator aber nennt ihn Prutenus, custos castri und Jeroſchin c. 164 uͤberſetzt: Eyn Pruze der hiß Wirtel Der was der Veſtin Hirtel. 2) Bei Dusburg c. 164 heißt es: Recesserunt usque ad propu- guaculum quoddam, situm inter fluvium Rogow et Wesecam flumen, in eo loco ubi Weseca intrat stagnum Drusine. Der Epitomator aber ſagt: Transeunt ad castrum Ozzek iuxta flumen Weyske, und Jeroſchin üuͤberſetzt: Unde zuggin danne Vor ein Ozzek dort geſat Da daz Vließ die Weißke gat In den Sche den Druyſen. 3) Dusburg c. 164 nennt die Burg castrum Wecrize situm su- pra Rogow fluvium. Der Epitomator entſtellt den Namen in Wen- liz; dagegen hat Jeroſchin c. 164 ganz richtig Wecklitz. Lucas David B. IV. S. 135 ſchreibt ihn wie Dusburg. Vgl. Krauſe

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282 Chriſtburgs Befreiung. Dieß war faſt der einzige bedeutende Sturm geweſen, den die Ritter zu Elbing und die naͤchſte Umgebung erlitten hatten. Als man nun aber die druͤckende Noth der Ritter⸗ bruͤder auf Chriſtburg zu Elbing vernahm, beſchloß der Kom⸗ thur des Hauſes die belagerte Burg zu entſetzen und die kuͤhne That gelang. Er brach mit ſeiner maͤßigen Mann⸗ ſchaft gegen Chriſtburg auf; bei naͤchtlicher Weile wurde das belagernde Heer ploͤtzlich überfallen; keiner hatte den Feind geahnet; alles gerieth in Beſtuͤtzung und Verwirrung; die meiſten aus tiefem Schlafe aufgeſchreckt wurden erſchlagen und kaum gelang es dem feindlichen Häuptling Diwane, noch unbekleidet ſich auf ein Roß zu werfen und mit wenigen Be⸗ gleitern dem Tode zu entfliehen. So ward nach ſchweren Leiden die Chriſtburg aus ihrer harten Bedraͤngniß wieder befreit ). Der tobende Kampf war noch lange nicht voruͤber. Zwar hoͤren wir in dem Niederlande, naͤmlich in den noͤrdlichen Landſchaften Samland, Natangen und Ermland von keinen wichtigen Kriegsfehden weiter 2); allein um ſo ſturmvoller Bemerkungen zur Anſicht der Feſte bei Weklitz in den Beitraͤgen zur Kunde Preuſſ. B. V. S. 539. 1) Schütz p. 37. 2) um Memel aber, damals noch zu Kurland gehoͤrig, wurde um dieſe Zeit viel gekämpft, indem es faſt taͤglich von der Beſatzung der drei Meilen entfernt liegenden Burg Kretenen überfallen und beläftigt ward. Der Komthur der Memelburg gerieth dabei in feindliche Gefan⸗ genſchaft und wurde auf ein Roß gelegt. Alnpeck kann die außeror⸗ dentliche Tapferkeit der Ordensritter in dieſen Kaͤmpfen nicht genug ruͤh⸗ men und ſchließt endlich feine Erzählung alſo: Der es ſolde ſchriben Was da wunders iſt geſchen Der mochte ſich wol umme ſehen Nach den kalbes huͤten Solde ich es rechte duͤten So muſte ich gedanken han Sie haben wunders vil getan Zu ſchalowe in dem lande Mit roube unde mit brande

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Marienwerder verbrannt. 283 waren die Zeiten für die weſtlichen Lande, denn die Preuſſen hatten wohl erkannt, daß der Umſturz der Zwingherrſchaft in jenen Gebieten in jeder Hinſicht das Wichtigſte fey. Waren die Weichſel⸗-Ufer von den Suͤd-Graͤnzen des Kulmerlandes bis an das Meer in ihren Haͤnden, hatte dort der Orden in keinen Burgen mehr Halt und Sicherheit, wurden die Pil⸗ gerhaufen an Preuſſens weſtlicher Graͤnze ſogleich mit dem Schwerte empfangen und aufgerieben oder doch ermuͤdet und beſchaͤftigt, ſo waren die oͤſtlichen und noͤrdlichen Lande im⸗ mer ſchon an ſich geſichert. Und wann ſchien je dieſes Ziel leichter erreichbar als jetzt, da Herzog Miſtwin noch immer feindlichlauernd zur Seite ſtand und nur den guͤnſtigen Au⸗ genblick zum offenen Kampfe erwartete? Darum wandten die Kriegshaͤuptlinge der Preuſſen nun auch faſt ausſchließlich ihre ganze Kraft auf den Krieg im Weſten. Kaum war da⸗ her das Belagerungsheer vor Chriſtburg vernichtet und zer⸗ ſtreut, als aus den oͤſtlichen Landſchaften ſchon wieder eine neue ſehr bedeutende Heeresmacht gen Weſten hervorbrach bis gegen Marienwerder hin. Dort ſandte der Heerführer einen Streithaufen voraus und legte ſein uͤbriges Heer zur Seite in den Hinterhalt. Was er bezweckt, geſchah. Die Ritter mit ihren Kriegsleuten und den bewaffneten Buͤrgern der Stadt zogen gegen den geringen Haufen aus; es kam zum Kampfe; mehre von den Preuſſen wurden erſchlagen, andere ſchwer verwundet, die meiſten ergriffen die Flucht und zogen fliehend den Feind immer weiter nach ſich. Da brach ploͤtz⸗ lich das Hauptheer aus ſeinem Hinterhalte hervor und ſtuͤrzte auf die Ritter ein; ihre ganze Mannſchaft wurde aufgerieben und nur einige wenige fluͤchteten in die Stadt zuruͤck. Aber die Feinde folgten eiligſt nach; nach geringem Widerſtande wurden die Mauern erſtiegen, die Einwohner, die ſich nicht in die Burg gerettet, gefeſſelt oder ermordet; dann wurde Sie haben den lettowen Vil dicke abe gehowen Etteliche ſtoltze ſchar.

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284 Kreuzfahrt des Koͤniges Ottokar v. Böhmen. alles ausgepluͤndert und die ganze Stadt dem Feuer uͤberge⸗ ben. Frohlockend und mit reicher Beute zog hierauf das feindliche Heer zuruͤck 1). So war das Jahr 1267 unruhig und ſturmvoll voruͤber gegangen und noch erſchien keine Ausſicht zur Huͤlfe und Rettung. Da zog gegen Ende dieſes Jahres der ritterliche König Ottokar von Böhmen abermals mit dem Kreuze be: zeichnet gegen Preuſſen heran. Laͤngſt war ſein Heereszug mit Sehnſucht erwartet. Wir wiſſen, daß ſchon im Jahre 1264 Papſt Urban der Vierte ihn aufgerufen, ſein Schwert vorzuͤglich gegen die oͤſtlichen Nachbarvoͤlker, gegen die ſchis⸗ matiſchen Ruſſen und gegen die Litthauer zu richten, da dieſe mit den Tartaren in Verbindung nicht nur Polen öfter mit ihren Raubzuͤgen heimſuchten, ſondern auch darauf ausgin⸗ gen, die mit ſo vielem Blute errungenen Eroberungen in Preuſſen dem Orden zu entreißen und alles zum Abfall vom Glauben zu zwingen ?). Wir ſahen auch, durch welchen ir: diſchen Gewinn der Papſt ſchon damals den ehrgeizigen Koͤ— nig zu locken verſucht. Auch Urban's Nachfolger Clemens der Vierte ging in dem Plane fort. Er ermahnte den König von neuem und aufs dringendſte zu einem Kreuzzuge gegen das Volk der Litthauer, gegen die Galinder, die Jaczwin⸗ ger?) und die andern Feinde des Glaubens im Norden mit 1) Dusburg c. 142. Lucas David B. IV. S. 86. Henne⸗ berger S. 309. Schütz p. 37. 2) Regest. Urban. IV. au. III. epist. 850. T. IV; im Copien⸗ Buche im geh. Arch. Nr. 354. Es heißt in der Bulle: Accepimus, quod Rutheni scismatici et Litwani ac alli habitantes in eorum con- finibus, qui Deum non colunt, sed blasphemant potius nomen eius una cum Tartharis eorum complicibus, quibus sunt federe dampnato coniuncti, Poloniam hostiliter frequenter invadunt, eis nemine resi- stente. Ipsi etiam quiequid est in Pruscia per dilectos filios fratres domus hospitalis S. M. Th. J. auxilio sedis apostolice christifidelium non absque plurima effusione sanguinis acquisitum conantur destruere intendentes fidem christianam exinde totaliter extirpare. 3) In einer Bulle nennt Clemens ausdruͤcklich infideles in Galan- dia. Letowia, Getuesia et aliis adiacentibus provinciis existentes,

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Kreuzfahrt des Koͤniges Ottokar v. Böhmen. 285 der wiederholten Verheißung, daß alles Land, welches ſein Schwert den Haͤnden der Unglaͤubigen entreißen werde, ſo⸗ fern ſolches nicht den Rittern des Deutſchen Ordens oder ei⸗ nem andern chriſtlichen Herrn zugehöre, von ihm in Beſitz ge⸗ nommen und darüber verfuͤgt werden koͤnne ). Der König hatte hierauf dem Papſte auch einen baldigen Kreuzzug zu⸗ geſagt und ſchon im Laufe des Sommers im Jahre 1267 waren deshalb zwiſchen ihm und dem Orden Unterhandlun⸗ gen gepflogen worden, denn bei dem Gedanken, den Ottokar bei dieſem Unternehmen im Buſen trug, konnte es den Or⸗ densgebietigern allerdings nicht gleichguͤltig ſeyn, wie der Koͤ⸗ nig im Ordenslande auftreten werde. Am neunzehnten Sep⸗ tember war endlich zu Prag ein Vertrag zu Stande gekom⸗ men, worin Ottokar feierlichſt verſprach, er werde den Orden in den bereits in ſeinem Beſitz und Eigenthum ſeyenden Laͤn⸗ dern oder in den zur Zeit von ihm abgefallenen, oder einſt doch ſchon beſeſſenen Gebieten, als im Kulmerlande, in den Gebieten Loͤbau und Saſſen, Pomeſanien, in Paſſaluck und Lanſanien, Samland, Pogeſanien, Warmien, Natangen und Barterland 2) nebſt allen dazu gehoͤrigen Landgebieten weder als gegen welche der Koͤnig ſeinen Zug richten wolle. Regest. Clement. IV. an. III. epist. 141. T. III. im Copien⸗Buche des geh. Archivs Nr. 359. 1) „Ut terras, quas de manibus Lituanorum et aliorum infide- lium, si tamen (cum) Tartaris vel aliis Christiani nominis inimicis se, prout ferebatur, damnabiliter copularant, eriperes, illis dunta- xat exceptis, quae ad dilectos filios magistrum et fratres hospitalis S. M. Th. vel ad alios Christi ſideles pertinebant, ad manus tuas libere posses ac lieite retinere.“ 2) Die paͤpſtliche Bulle nennt die Länder: Terra Culmensis, Lu- bovia, Soysim, Pogzania, Warmia, Natangia, Pomzania, Pazluch, Landesen, Sambia et Barthia. Daß unter Soysim das Land Saſſen verſtanden wird, iſt unverkennbar. Pazluch iſt das Gebiet von Preuſ⸗ ſiſch⸗Holland (welches fruͤher ſelbſt Pazlock hieß) bis an die Paſſarge, welche daher ebenfalls den Namen Paſſaluck führte (vgl. die Charte im zweiten Bande). Landesen iſt das Gebiet Lanſanien, das jetzige Len⸗ zen, woruͤber B. I. S. 486 zu vergleichen iſt.

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256 Kreuzfahrt des Koͤniges Ottokar v. Böhmen. in ſeiner Herrſchaft, noch ſonſt in ſeinen Rechten, weder jetzt, noch in der Folge in irgend einer Weiſe beeintraͤchti⸗ gen, vielmehr ihn im freien und ruhigen Beſitze aller ſeiner Gerechtſame und Freiheiten laſſen und ihm zur Wiedererobe⸗ rung der vom Glauben abgefallenen Laͤnder nach allen Kräf: ten mit Huͤlfe und Rath beiſtehen. Dagegen verhieß der Or⸗ den dem Koͤnige, ihm auch zur Unterwerfung Galindiens, des Jaczwingerlandes, Litthauens und der andern heidniſchen Gebiete nach Kraͤften Unterſtuͤtzung zu leiſten, um fie dem Chriſtenglauben und des Koͤnigs Herrſchaft zuzueignen. — Der Papſt Clemens empfing dieſe Nachricht mit hoher Freude; er beſtaͤtigte nicht bloß jenen zur Sanction ihm vorgelegten Vertrag!), ſondern ertheilte dem Könige, um feinen Eifer noch mehr zu befeuern, zugleich auch um ſeinen ruͤhmlichen Gedanken, an den Graͤnzen der heidniſchen Lande eine an⸗ ſehnliche Heerwacht zum Schutze der Kirche aufſtellen zu wol⸗ len 2), wuͤrdig zu belohnen, auch die Vollmacht, ſobald ihm die Eroberung Litthauens gegluͤckt ſey, in die Stelle des vor kurzem) von feinem Schwager Troinat erſchlagenen Koͤni⸗ ges Mindowe und deſſen gleichfalls ermordeten Neffen Tow⸗ tiwil, Fuͤrſten von Polozk, einen neuen Koͤnigsthron aufzu⸗ richten und ſolchen nach eigener Wahl mit einem Koͤnige zu beſetzen, doch alſo daß hiedurch die Rechte der Ordensritter 1) Dieſe Bulle in Regest. Clement. IV. an. III. epist. 144. T. III., im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 360. Ihr Datum iſt: Vi- terbii II Calend. Februar. an. III. Sie enthält zugleich auch die Ver trags⸗Urkunde des Koͤniges Ottokar ſelbſt ganz vollſtaͤndig mit der An gabe: Acta sunt hec Prage a. d. M. CC. LXVII. Datum ibidem XIII Cal. Octobris. 2) Der König hatte nämlich verfprochen: in finibus locorum, quae praedictis infidelibus remanere contigerit, magnum constituere prae- sidium bellatorum, ad infidelium eorundem locorum populunt salutein per vexationis angustias ad caulam Domini reducendum. 3) Nach dem Nowgorodſchen Jahrbuche geſchah die Ermordung Mindowe's im J. 1263. Karamſin B. IV. S. 269. Alnpeck S. 94 ſetzt die Ermordung in die Zeit des Landmeiſters Konrad von Man⸗ dern, nennt den Mörder aber nicht.

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Kreuzfahrt des Koͤniges Ottokar v. Böhmen. 287 und deren Lande und Beſitzungen keinen Eintrag erleiden ſollten !). Mehr Schwierigkeit fand der Papſt bei der Ausführung eines andern Gedankens, den Ottokar dem Papſte noch vor dem Zuge mittheilte. Da es naͤmlich, wie er ihm vorſtellte, im Koͤnigreiche Böhmen, in der Markgrafſchaft Mähren und in den Herzogthuͤmern Oeſterreich und Steiermark zur Zeit keinen erzbiſchoͤflichen Stuhl mehr gab, ſo erſuchte er den Papſt, den Erzbiſchof von Salzburg zu beauftragen, die Kirche zu Olmuͤtz, deren Biſchof den Koͤnig auf ſeinem Zuge zur Forderung des Glaubens begleiten wollte, zu einer erzbi⸗ ſchoͤflichen zu erheben und ihr die Metropolitankirche, die nach Unterjochung der Litthauer, Galinder und Jaczwinger in de⸗ ren Ländern errichtet werden konnte, fo wie die hier zu gruͤn⸗ denden Kathedralkirchen zu untergeben. Der Papſt ruͤhmte zwar dieſen Gedanken als einen ſchoͤnen Beweis des regen Eifers des Koͤniges 2); allein er ſtellte dieſem doch vor, daß die Kirche von Olmuͤtz nun einmal ſchon unter dem Erzbis⸗ thum von Mainz ſtehe und daß des Koͤniges Wunſch nicht erfüllt werben koͤnne ohne Eintrag des erwähnten Erzbiſthums. Zugleich ermahnte er ihn aber, darum ſeinen Eifer in dem ruhmvollen Unternehmen nicht erkalten zu laſſen, ihm ver⸗ ſprechend, wenn er in jenen Landen fo viel erobern koͤnne, daß eine Metropolitankirche dort errichtet werden koͤnne, ſo⸗ fort daruͤber ſolche Einrichtungen treffen zu wollen, die des Koͤniges Wuͤnſche erfuͤllen und zum Heil der genannten Laͤn⸗ der gereichen follten ). Hierauf war im Auftrage des Papſtes auch der Kardi⸗ 1) Regest. Clement. IV. an. III. epist. 139. T. III., im Gopien: Buche des geh. Arch. Nr. 357. 2) „Profecto, fili carissime, tuum in hac parte desiderium, quod ex zelo magne devotionis prodire percepimus, dignis in Domino laudibus commendamus. \ 3) Diefe Bulle in Regest. Clement. IV. an. III. epist. 141. T. III., im Gopien= Buche des geh. Arch. Nr. 359. Das Datum ift: Vi- terbii decimo tertio Calend. Februar. an. III.

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288 Kreuzfahrt des Königes Ottokar v. Böhmen. nal Guido als Legat am Hofe des Koͤniges für die Sache des Kreuzzuges mit großem Eifer thaͤtig !); ohnedieß hatte ſchon der Plan, im Norden ein von Boͤhmens Thron abhaͤn⸗ giges Koͤnigreich aufzurichten, fuͤr Ottokars hochſtrebende Seele einen ſo gewaltigen Reiz, daß er kein Opfer zu groß für feine Ausführung kannte. Er eilte daher, mit Herzog Heinrich von Baiern, mit dem er im Kriege lag, Friede zu ſchließen und trat nach trefflicher Ruͤſtung gegen den Aus⸗ gang des Jahres 1267 den Heereszug nach Preuſſen an :). Große Erwartungen gingen ihm voran; man erinnerte ſich, wie einſt der Schrecken ſeines Schwertes in wenigen Tagen ganz Samland uͤberwaͤltigt, und auch jetzt kam er mit einer auserleſenen Zahl von Rittern und einer ſtarken Heeresmacht ). In Preuſſen angelangt war es ſein erſtes Geſchaͤft, zwiſchen dem Herzoge Miſtwin von Pommern und dem Orden Friede zu fliften. Er trat als Vermittler ein und der Herzog, in ſeinem Lande ohne bedeutende Huͤlfe, vom Bruder verlaſſen und vom Herzog Barnim von Slavien nur wenig unterſtuͤtzt, ließ ſich bald zur Ausgleichung bereit finden. Schon am drit⸗ ten Januar des Jahres 1268 erfolgte der Friedensſchluß in des Koͤniges Gegenwart. Man legte gegenſeitig allen Streit nieder und verſprach ſich offene und aufrichtige Freundſchaft. Der Herzog machte ſich verbindlich, wenn durch ſeine Unter⸗ thanen im Gebiete des Ordens eine Burg oder ſonſt eine Be⸗ feſtigung weggenommen werde, auf ſeine Koſten alles anzu⸗ wenden, ſolche dem Orden wieder zu verſchaffen. Daſſelbe verhieß der Orden auch dem Herzoge. Ferner gelobten beide Theile, in die gegenſeitigen Gebiete keinen offenen Einfall mit aufgerichteten Fahnen zu unternehmen oder durch Raub und 1) Continuat. Cosmae Pragens. p. 409 vgl. mit Staindelii Chron. ap. Oefele T. I. p. 509. 2) Ottokar befand ſich am 15. Novemb. 1267 noch zu Prag, wie die Urkunde in Schoͤttgen und Kreyſig Diplomat. Nachleſe der Hiſtorie von Ober⸗Sachſen Th. XII. S. 214 ausweiſet. Er kann alſo den Kriegszug erſt am Ende des Novemb. angetreten haben. 3) „In manu forti“ ſagt der Papſt.

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Kreuzfahrt des Koͤniges Ottokar v. Böhmen. 289 Brand Schaden zuzufuͤgen, und wenn einer dieſer Friedens⸗ punkte in irgend einer Weiſe verletzt werde, ſo unterwarf man ſich auf Verluſt von Wort und Ehre dem Gerichte, alſo daß Koͤnig Ottokar des Ordens Anwald ſeyn ſolle, wenn eine ſolche Friedensverletzung durch den Herzog geſchehe 1). Von deman beſchaͤftigte ſich Ottokar einzig nur mit ſei⸗ nem großen Plane; allein ſo eifrig er alles hiefuͤr auch in voraus ſchon berechnet hatte und ſo ſehr der Plan ſelbſt dem ſtolzen Koͤnige auch am Herzen liegen mochte, ſo ſah man doch nur zu bald ein, daß feine Ausführung für jetzt unmoͤg⸗ lich ſey. Auch jetzt wieder erlaubte der weiche und uͤberaus naſſe Winter nicht, mit dem Kriegsheere in das Innere der heidniſchen Laͤnder vorzudringen und es konnten ſo weder die Erwartungen des Ordens, noch die Hoffnungen des Koͤniges auch nur im mindeſten in Erfuͤllung gehen 2). Wie es ſcheint, 1) Das Original dieſer Friedens⸗Urkunde mit dem Datum: Actum .. . . Moderfleck) domini M. CC. LXVIII; datum apud Cholmen III Non. Januar. im geh. Arch. Schiebl. XLIX. Nr. 2. Es iſt das von Miſtwin fuͤr den Orden ausgeſtellte Friedens⸗Inſtrument und es heißt darin ausdruͤcklich: In presentia domini Othokari serenissimi boemie regis, ducis austrie et stirie et Marchionis Moravie, eo mediante concordavimus amicabiliter cum magistro, Commendatoribus et fra- tribus cruciferis eto. Am Schluſſe der Urkunde ſagt der Herzog: Que omnia et singula supradicta bona fide et sine omni fraude atque dolo promittimus inviolabiliter observare et si aliquod violaverimus predictorum, iudicamus nos fidem amittere et honorem et dominum O. regem prefatum super nos eorum constituimus adjutorem. Die vom Landmeiſter fuͤr den Herzog Miſtwin ausgeſtellte urkunde iſt ge⸗ druckt in den Wiener Jahrbuͤchern Jahrgang 1824 im Anzeigeblatt fuͤr Wiſſenſchaft und Kunſt Nr. 22. Sie wird dort aber faͤlſchlich auf die Zeit des Herzogs Suantepolc bezogen, worüber ich das Noͤthige in der Recenſion über Lucas de bellis Suant. in der Leipzig. Literat. Zeit. Jahrg. 1824. Nr. 307. S. 2455 geſagt habe. 2) Dusburg c. 120. Martini Poloni Continuat. ap. Eccard, T. I. p. 1424. — Der Monach. Pirnens. ap. Mencken. T. II. p. 1448 und das Chron. Thuring. ibid. p. 1743 ſprechen auch in biefem Jahre von einer Kreuzfahrt des Landgrafen Albert von Thüringen nach Preuſ⸗ ſen, verwechſeln aber damit offenbar die fruͤhere. III. 19

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200 Kreuzfahrt des Koͤniges Ottokar v. Böhmen. benutzte man die Anweſenheit des Kreuzheeres, um unter dem Schutze ſeiner Waffen die Stadt Marienwerder aus ihrer grauenvollen Verwuͤſtung wieder aufzubauen, da es kaum möglich war, die geflüchteten Bürger lange in der Burg zu erhalten 1). Mit Koͤnig Ottokar war aber wahrſcheinlich auch der Markgraf Otto von Brandenburg wiederum nach Preuſſen gekommen und da auch er im eigentlichen Kampfe gegen die Heiden keine Verdienſte erwerben konnte, ſo zog er auf die Nachricht, daß die von ihm vor kurzem erbaute Burg Bran⸗ denburg durch die Preuſſen vernichtet worden ſey, mit ſeiner ganzen Heerſchaar nach Natangen hinab und richtete nach des Meiſters und der Ordensritter Plan an dem naͤmlichen Orte die Burg wieder auf 2). Nicht mit dem Siegesruhm wie vor zwoͤlf Jahren nach Samlands Ueberwaͤltigung kehrte Koͤnig Ottokar in ſein Reich zurück; es war für den Orden gewiß ein Gluͤck, daß fein wunderlicher Plan, den nur Stolz geboren und Herrſchluſt genaͤhrt hatten, nicht zur Ausfuͤhrung gelangte, denn wie ganz anders wuͤrde ſich alles in Preuſſen und in den Nach⸗ barlanden geſtaltet haben, waͤre des Koͤniges Gedanke in die Wirklichkeit getreten! So blieb nun aber auch nach Ottokars Heimkehr die Geſtalt der Dinge in Preuſſen im Ganzen wie zuvor, nur daß die Lage des Ordens des Friedens mit Her⸗ 1) Dusburg c. 143. Eine genaue Zeitangabe ift hierüber aus den Quellen nicht möglich); nach dem Zuſammenhange der Ereigniſſe aber iſt obige Annahme die wahrſcheinlich richtigere. 2) Daß Otto III oder der Fromme Brandenburg wieder aufbaute, iſt nach Dusburg c. 126 gewiß; die Worte castrum per eum aedifica- tum weiſen zu deutlich darauf hin; dadurch iſt die Angabe bei Pauli B. IV. S. 107 widerlegt, nach welcher erſt im J. 1270 ein Markgraf von Brandenburg die Burg wieder erbaut haben ſoll, denn Otto muß bald nach dem 1. Mai 1268 geftorben ſeyn, wie nach den Urkunden bei Gercken B. I. Nr. 119 und 121, als den letzten, die wir von ihm haben, zu ſchließen iſt; ſ. Gallus Geſchichte der Mark Brandenburg B. I. S. 185. Die in der Zeitrechnung aͤußerſt unſichere Hochmeiſter⸗ Chron. S. 104 ſetzt den Zug des Markgrafen ſogar erſt ins J. 1274.

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Neues Waffengluͤck der Preuffen. 291 zog Miſtwin ungeachtet wohl noch trauriger und bedraͤngter wurde. Die Anweſenheit eines Koͤniges und eines Markgra⸗ fen im Lande ohne Krieg und Kampf, die Thatloſigkeit ihrer Kriegsmacht und ſelbſt die ſeit mehren Jahren wiederkehrende Milde des Himmels, die den Feind gewiſſermaßen entwaff⸗ nete: das alles mußte in den abgefallenen Preuſſen das Ver⸗ trauen auf ihre Sache, die Zuverſicht auf die Errettung ih⸗ rer Freiheit und den Glauben an die Mithuͤlfe ihrer Goͤtter nur noch mehr befeſtigen, erheben und beleben. Darum war auch jetzt bei ihnen weder Raſt noch Ruhe und hatten auch die beiden Fuͤrſten einen Theil ihrer Kriegsmacht dem Orden zur Beihuͤlfe zuruckgelaſſen, fo zagte doch keiner unter den Preuſſen vor der Staͤrke des Feindes und keiner zweifelte am ferneren Fortgange des Gluͤckes ihrer Waffen. Kaum war daher die Stadt Marienwerder zum großen Theile wieder aufgebaut, als ein maͤchtiges Heer von Preuſſen, nachdem es das Kulmerland verheert und bei der Burg des edlen Pome⸗ ſaniers Jones, Belichow genannt und an der Oſſa gelegen 1), gegen den wackeren Ordensritter Konrad den Schwaben aus Elbing?) und deſſen Schaar einen blutigen Kampf beſtanden hatte, ſich abermals vor Marienwerder warf, um die Stadt in ihrer jungen Erhebung wieder zu vernichten. Und das Gluͤck war auch dießmal den Preuſſen wieder guͤnſtig; nach einer langen und harten Belagerung fiel Marienwerder aber⸗ mals in ihre Haͤnde und ward von neuem von Grund aus zerſtoͤrt. Die Bewohner retteten ſich zum Theil in die Burg, zum Theil in eine Wehrſchanze der Stadt, wo ſie ſich ta⸗ pfer vertheidigten; andere wurden erſchlagen oder gefangen 1) Castrum Belichow cuiusdam Nobilis de Pomesania, dicti Jo- nis filii Sargini situm supra Ossanı nennt es Dusburg c. 143. Der Epitomator ſchreibt Bellichow. Es ift, wie wir ſchon oben B. I. S. 482 erwähnten, der jetzige Ort Bialochowo, auf dem nörblichen Ufer⸗ lande der Oſſa, bei dem Dorfe Mokrau. 2) Dieſer frater Conradus Suevus de Elbingo, wie ihn Dusburg l. o. bezeichnet, war nachmals Hauskomthur in Elbing; ſ. Kreutzfeld vom Adel der alt. Preuſſ. S. 45. 19 *

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292 Aufbau von Starkenberg. und was man ſonſt nicht auf die Burg hatte retten koͤnnen, wurde mit graͤßlicher Wuth zertreten und vertilgt ). Je mehr aber das Waffengluͤck den Preuſſen fort und fort getreu blieb, um ſo entſchiedener ging nun auch ihr gan⸗ zes Ziel auf des Ordens gaͤnzliche Vertilgung in den weſtli⸗ chen Landen. Nicht minder aber erkannten auch die Ordens⸗ herren die ganze Wichtigkeit gerade dieſes Theiles ihres Ge⸗ bietes. Jetzt ſchien es vor allem nothwendig, dem Feinde den Uebergang uͤber die Oſſa zu verſperren und der Hoch⸗ meiſter ertheilte dem Landmeiſter von Preuſſen den Befehl, an der Graͤnze Pomeſaniens und des Kulmiſchen Gebietes am Ufer jenes Fluſſes eine ſtarke Wehrburg aufzurichten, mit dem Verſprechen, die Burgbeſatzung mit allen Beduͤrfniſſen reichlich verſehen zu wollen 2). Da berief Ludwig von Bal⸗ dersheim eine bedeutende Anzahl Arbeiter zuſammen und ließ den Bau beginnen. Aber kaum hatten die Preuſſen von dem Unternehmen vernommen, als eines Tags unvermuthet eine Schaar von ihnen herbeiſtuͤrzte, die Bauleute bis auf den letzten Mann ermordend. Bald darauf indeſſen begann man den Bau von neuem und, unter dem Schutze einer ſtarken Waffenmacht gluͤcklich vollendet, wurde die Burg der Star⸗ kenberg geheißen) und ihre Bewachung und Vertheidigung 1) Dusburg c. 143. Der Text des Chroniften iſt aber auch hier nicht ganz vollſtaͤndig; namentlich fügt der Epitomator am Schluſſe des Kapitels hinzu: In hac duplici civitatis desolatione varie delusiones imaginibus sanctorum exhibebantur, Altaria, palle, sacre vestes di- lanite sunt et in abusionem scandalizate; und ſo muß auch Je ro⸗ ſchin c. 143 in Dusburgs Text geleſen haben. 2) Nach Dusburg c. 144 ſcheint es, als ſey der Hochmeiſter Anno von Sangerhauſen um dieſe Zeit (1268) ſelbſt in Preuſſen geweſen. Ein diplomatiſcher Beweis iſt darüber nicht zu führen; aber wahrſcheinlich hatte der Hochmeiſter den Markgrafen von Brandenburg auch dieſesmal nach Preuſſen begleitet. Wenigſtens ſetzt Dusburg durch die Worte: „Hoc tempore“ den Befehl des Hochmeiſters zum Aufbau Starken⸗ bergs mit der zweiten Zerſtoͤrung Marienwerders in Verbindung. 3) Ob Starkenberg feinen Namen von feiner ſtarken Befeſtigung hatte, wird nicht geſagt. Auch im Morgenlande hatten die Deutſchen

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Zerſtoͤrung Starkenbergs. 293 einer auserleſenen Schaar von Ordensrittern und Waͤppnern anvertraut. Die Preuſſen aber, ergrimmt uͤber die neue Zwing⸗ burg und ihren Zweck nicht verkennend, brachen bald von neuem mit ſtarker Macht hervor, ſie zu belagern und zu ver⸗ nichten. Sie fanden zwar bei dem entſchloſſenen Ordensrit⸗ ter Konrad von Blindenburg und ſeiner reiſigen Schaar in der Vertheidigung den tapferſten Widerſtand und viele aus dem feindlichen Heere erlagen dem Schwerte und den Pfeilen der Beſatzung. Allein da der Anfuͤhrer der Burgmannſchaft in einem Kampfe fiel und dieſe bei den taͤglichen Angriffen und Stuͤrmen in gleichem Maaße ermuͤdete, als des Feindes Rach⸗ zorn mit jedem Kampfe ſich ſteigerte, ſo ward die Feſte end⸗ lich erſtuͤmt, alles Lebende ohne Schonung ermordet und die Burg durch Feuer vertilgt. Erſt nach Jahren ward un⸗ ter demſelben Namen eine neue Burg am linken Ufer der Oſſa im Kulmerland erbaut, die noch in ſpaͤteren Zeiten ſtand 1). Und in denſelben Tagen war auch die Burg Spit⸗ tenberg, unfern von dem Starkenberg, am rechten Ufer der Oſſa in Pomeſanien, vom ſtuͤrmenden Feinde fo ſchwer be draͤngt worden, daß die Ordensritter ſie aus Mangel und Noth verlaſſen und durch Feuer vernichten mußten, wenn nicht auch ſie in feindliche Haͤnde fallen ſollte ?). So folgte fuͤr den Orden ein herber Schlag auf den andern und auch in den weſtlichen Landen brach ſchon eine Stuͤtze ſeiner Herr⸗ ſchaft nach der andern. Vor allem aber litt waͤhrend der ganzen Zeit des Ab⸗ falles der Preuſſen vom Orden auch das Kulmerland und zwar dieſes deshalb um ſo mehr im graͤnzenloſeſten Elende, Ritter eine Burg dieſes Namens; Annal. Stereon. Altahens. ap. Fre- her. Script. Rer. German. p. 386. Sanut. L. III. P. XII. o. 11. Moͤglich waͤre es, daß die Familie von Starkenberg am Rhein dabei mit im Spiele war; f. Chron. Hirsaug. T. II. p. 44. — Das fpätere Starkenberg hatte feinen beſondern Caſtellan; ſ. Hartknoch ad Dus- burg p. 242. 1) Dusburg c. 145. Lucas David B. IV. S. 115. 2) Dusburg c. 146 bemerkt, daß fie nie wieder aufgebaut worden ſey. Lucas David B. IV. S. 116.

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294 Verheerung des Kulmerlandes. weil ſeit langen Zeiten hier ſchon alles chriſtlich war und darum der Gegenſatz des Chriſtenthums und des Heiden⸗ thums hier uͤberall weit ſchroffer als anderwaͤrts hervortre⸗ tend auch die Rachewuth der Heiden noch um ſo tiefer auf⸗ reizte. Kein Jahr ging voruͤber, in welchem das ganze Land nicht in der Laͤnge und Breite raͤuberiſch durchzogen und ver⸗ heert wurde. So lagerte ſich einſt ein feindliches Heer vor die biſchoͤfliche Stadt Kulmſee. Der Biſchof Heidenreich ſandte Kundſchafter aus, des Feindes Staͤrke zu erforſchen, und da es dieſen gluͤckte, einen ausgezeichneten Preuſſiſchen Krieger von rieſiger Groͤße gefangen zu nehmen, ſo erbot ſich der beftürzte Heerführer gegen Freigebung des Gefange⸗ nen die Belagerung der Stadt alsbald aufzuheben. Der Bi⸗ ſchof willigte ein und der Feind hielt Wort und zog von dannen ). Aber in kurzem zur Zeit der Erndte erſchien das feindliche Heer von neuem, ſich dreizehn Tage lang beim Orte Vogelſang in einer Waldung verborgen haltend, bis die Buͤrger der Stadt in voller Beſchaͤftigung bei der Erndte waren. Da fiel dann ploͤtzlich der Feind aus ſeinen Schlupf⸗ . winfeln. heraus, erſchlug alle Männer, die er auf dem Felde fand und ſchleppte die Frauen und Kinder in die ſchrecklichſte Gefangenſchaft 2). So blieb keine Stadt im Kulmerlande verſchont. Rheden, wo die feindlichen Heerhaufen ins Land ein= und auszuziehen pflegten, wurde zweimal erſtuͤrmt und was ſich nicht geflüchtet hatte, ermordet und gefangen >). Hier befand ſich auch jener Martin Golin, deſſen ſchwangere 1) Dusburg c. 148. Lucas David B. IV. S. 119 laͤßt die Bürger das feindliche Heer ſchlagen, den Anführer fallen und die übri- gen die Flucht ergreifen. 2) Dusburg c. 149. Schütz p. 37. 3) Rheden muß damals uͤberhaupt ſehr bedeutend gelitten haben; daher Dusburg c. 150 ſagt: Nullus posset ad plenum seribere vel dictare, quanta Fratres et Burgienses de Redino infra secundanı apustasiam passi sunt pro defensione fidei Christianae a Pruthenis, quia per illum locum quasi continue fuit introitus et exitus ipsorum ad ter- ram Colmensem. Lucas David B. IV. S. 118 ſchreibt hier zum Theil nach Simon Grunau.

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Verheerung des Kulmertandes. 295 Schweſter einft gefangen von den Preuſſen vor feinen Augen war getoͤdtet worden, und er vergalt jetzt aus Rache am Feinde die grauſame That durch manches kuͤhne Wagniß. Einſt gefangen und von zwei Preuſſen bewacht, bat er im Augenblick, als das Schwert gegen ihn gezuͤckt werden follte, die Waͤchter, zu ihrem eigenen Vortheile ihn zuvor zu ent⸗ kleiden, um die Kleider nicht mit Blut zu beſudeln. Sie folgten und loͤſten ihm die Feſſeln. Da ergriff er aber ſchnell das Schwert, durchſtieß beide Waͤchter und entkam gluͤcklich nach Rheden zuruͤck, auch ferner noch im Dienſte des Ordens einer der beruͤhmteſten und kuͤhnſten Krieger und Parteigaͤnger!). Was das Ungluͤck und Elend des Kulmerlandes aber am ſchrecklichſten machte, war der Umſtand, daß mit dem Kriegsvolke der mittlern Landſchaften ſich nicht ſelten um Raub und Beute auch die oͤſtlichen Sudauer verbanden. Zweimal beſtuͤrmte dieſer wilde Feind die feſte Burg War: tenberg mitten in einem See auf einer Berghoͤhe gelegen, ermordete das erſtemal an einem Sonntage alles dort aus der Umgegend zum Gottesdienſt verſammelte Landvolk und brannte, als er zum zweitenmal erſchien und ſaͤmmtliche Be⸗ wohner erwuͤrgt hatte, die Burg nieder. Und ſie erſtand nie wieder?). Darauf warf ſich das Sudauiſche Heer an Zahl noch verſtaͤrkt in das Gebiet von Loͤbau, ſchleifte Stadt uud Burg, ruͤckte dann weiter vor Strasburg, verwuͤſtete die ganze Gegend und zog unter Raub und Brand im Kulmer⸗ lande hin und her. Vor Thorn ward das Hospital ſammt allen Gebäuden außerhalb der Mauern durch Feuer vernich⸗ tet. Auch Kulm, die Hauptſtadt des Ordenslandes?), erfuhr 1) Vgl. über ihn Dusburg c. 40. 151 — 152. 193 und Lu cas David B. IV. S. 135 — 138, wo mehre feiner kuͤhnen Thaten er⸗ zählt find. Schütz p. 87 nennt ihn Martin von Solm und macht ihn zum Komthur von Rheden. Allein wir wiſſen aus Urkunden, daß un: ter dem Landmeiſter Ludwig von Baldersheim der Ordensritter Hartung Komthur von Rheden war. Chriſtburg. Verſchreib. Kol. XI. p. 74. 2) Dusburg c. 153154. Cucas David B. IV. S. 116 — 117. 3) Kulm wird in den Urkunden dieſes Jahrhunderts immer als in ter alias civitates terre nostre principalis et capitanea bezeichnet.

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296 Verheerung des Kulmerlandes. die feindliche Wuth, widerſtand jedoch dem Sturm des Fein⸗ des durch ſeiner Buͤrger Tapferkeit. Vier Tage lang hatte das Raubvolk das Land umher mit barbariſcher Grauſamkeit durchſtuͤrmt, als es dann mit einem unmaͤßig reichen Raub von Menſchen, Roſſen, Viehheerden und andern Dingen ſich aus dem Kulmiſchen Gebiete zuruͤckzog !). Und kaum hatte dieſes Raubheer das ungluͤckliche Land verlaſſen, als der Lit⸗ thauiſche Großfuͤrſt Troinat, eben erſt auf Mindowe's blut⸗ befleckten Fuͤrſtenſtuhl emporgeſtiegen, auf ſeinem Raubzuge nach Maſovien mit einer Heerſchaar von dreißigtauſend Krie⸗ gern auch Preuſſen uͤberſchwemmte, den einen Theil feiner Kriegsmacht nach Maſovien, den andern nach Pomeſanien zu Raub und Brand entſendend und mit dem dritten Heer⸗ haufen ins Kulmerland eindringend, wo er bis zur Burg Birgelau vorſtuͤrmte. Er bemaͤchtigte ſich dieſer Burg, pluͤn⸗ derte ſie gaͤnzlich aus und ließ den Rittern, die ſich in ei⸗ nem Thurme wacker vertheidigt hatten, nichts zuruͤck als die leeren Mauern 2). 1) Dusburg o. 157 erwähnt, daß ein Theil des Heeres Stras⸗ burg belagert und die uebrigen terram Colmensem diviso exercitu prae- occupaverunt plura castra. Schütz p. 37 nennt dieſe Burgen Hem⸗ ſtot, Zippel, Schönfee, Leipe, Leſſen, Churnitz, Clementsburg u. a. Lucas David B. IV. S. 117. Einige dieſer Burgen wurden aber erſt bei einem ſpaͤtern Einfalle zerftört. 2) Dusburg c. 155 nennt den Fuͤrſten Crinota oder beſſer, wie der Epitomator und Jeroſchin c. 155 haben, Trinote. Die Ordens⸗ chron. bei Matthaeus p. 741 hat Tramiate. Nach ihnen ſoll er ein filius Regis Lethovinorum, alſo wohl Mindowe's geweſen ſeyn. Nach Kojalowiez p. 109 war Troynatus Samogitiae Dux Mendogi ex so- rore nepos und nach Mindowe's Ermordung Großfürft von Litthauen. Aber auch dieſes iſt unrichtig, denn nach Mindowe folgte erſt deſſen Sohn Woiſchelg; ſ. Karamſin B. IV. S. 81. Troinate's Zug nach Maſovien erwähnt auch Kojalowiez p. 111, doch ohne zu erwähnen, daß er auch in Preuſſen eingefallen ſey. Duͤrfte man ſich auf die Chro⸗ nologie dieſes Chroniſten genau verlaſſen, fo würde dieſe Verwuͤſtung Preuſſens durch die Litthauer ſchon in das J. 1264 fallen. Dieß nimmt auch Schloͤzer Geſchichte von Litthauen S. 43 an, und lebte wirklich zur Zeit dieſes Ereigniſſes, wie es nach Dusburgs Zuſammenſtellung faſt

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Verheerung des Kulmerlandes. 297 Auch dieſes war noch nicht der letzte Sturm. Zwar gelang es den Kulmern bei dem neuen Einfalle eines Raubheeres, welches ſich vor ihre Stadt legte, den Heerfuͤhrer und eine anſehnliche Zahl ſeiner Kriegsleute im Kampfe zu erſchlagen; allein nach kurzer Zeit uͤberzog wieder eine große Schaar von Sudauern, an ihrer Spitze Scomande als Hauptmann, das ganze Kulmerland, indem ſich ein Theil der Heeresmacht vor Thorn lagerte, ein anderer ſich vor Kulm warf und alles niederſtuͤrzte, verbrannte und hinwegſchleppte, was die vorigen Raubheere nur noch irgend zuruͤckgelaſſen. Auch das Haus Birgelau ward von neuem beſtuͤrmt und mehre Ordensritter erlagen in einem nächtlichen Kampfe mit den Heiden ). Und kaum war dieſer Feind heimgekehrt, als der kuͤhne Barter Hauptmann Diwane mit einem Kriegerhauſen von achthun⸗ dert Mann ſich vor die Burg Schoͤnſee lagerte und bei der Macht aller ſeiner Goͤtter ſchwur, die Ritter und Kriegsleute insgeſammt vor dem Burgthore aufzuhaͤngen, wenn ſie die Burg nicht bald Übergäben. Allein die Drohung ſchreckte nicht, wiewohl nur drei Ordensbruͤder und wenige Kriegs⸗ knechte des Hauſes Vertheidigung uͤber ſich hatten. Um den Feind uͤber die Zahl der Burgmannſchaft zu taͤuſchen, hatte man die gemeinen Kriegsleute mit Ordensmaͤnteln bekleidet. Der Feind wagte aber dennoch einen Sturm auf die Burg; es kam zu einem hartnaͤckigen Kampfe; viele vom feindlichen Heere wurden ſchwer verwundet und getoͤdtet. Da traf ein Pfeilſchuß des tapfern Ordensritters Arnold von Kropf die Bruſt des Hauptmanns Diwane. Der Heerfuͤhrer fiel und ſtarb; das Kriegsvolk aber, nun ohne Haupt und Fuͤhrung, verließ alsbald die Burg, unter Klagen und Trauern in ſeine Landſchaft zuruͤckeilend 2). ſcheint, der Biſchof Heidenreich von Kulm noch, fo wäre gegen dieſe Annahme nichts einzuwenden. 1) Dusburg c. 158159. Lucas David B. IV. S. 122—123. 2) Dusburg c. 160 nennt den Ordensritter, der den Feldherrn er: legte, frater Arnoldus Crop; richtiger aber ſchreiben ihn der Epitoma⸗ tor und Jeroſchin c. 160 Arnold Kropf; ebenſo Lucas David

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298 Verheerung des Kulmerlandes. Doch auch dieſer Stern des Gluͤckes leuchtete uur auf kurze Zeit, denn bald darauf zog wiederum Scomande an der Spitze eines ſehr bedeutenden Heeres von Sudauern und andern Preuſſen ins Kulmerland ein und durchſtuͤrmte es un⸗ ter Raub und Brand neun Tage lang. Dann legte er ſich vor das ſtark befeſtigte Kulm, hoffend, ſich jetzt der Stadt durch Verrath zu bemeiſtern. Ein Polniſcher Ritter Niverick, hiezu erkauft, hatte ſich in die Stadt geſchlichen, die ſchimpf⸗ liche That auszufuͤhren. Die Buͤrger uͤber ſeinen Plan taͤu⸗ ſchend beſtieg er mit ihnen die Wehrmauern und gab dort zweimal mit einem Horn den Feinden das verabredete Zei⸗ chen. Das verrieth ſein verraͤtheriſches Unternehmen und er⸗ ſchrocken und Unheil ahnend ergriffen ihn die Kulmer und hin⸗ gen den entdeckten Verraͤther nebſt ſeinem Sohne und einem Knechte vor das Stadtthor auf den Feinden zur Schau. Da zog Scomande ſeiner Hoffnung entnommen von dannen, er⸗ ſtuͤrmte die Landesburg Heimfote, ließ die Beſatzung ermor⸗ den, bemeiſterte ſich dann auch der Burg des Lehnsritters Zippel, ſetzte beide in Brand und fuͤhrte ſo endlich ſein Raub⸗ heer in die Heimat zuruͤck !). B. IV. S. 123. Er wurde nachher Komthur in Birgelau; als ſolchen finden wir ihn in der Urkunde bei Dogiel T. IV. Nr. 37 unter den Zeugen. Später bekleidete er das Komthuramt in mehren Haͤuſern. Wahrſcheinlich war er aus der Gegend von Würzburg gebuͤrtig, ſ. Fal⸗ ckenſteins urkunden das Burggrafth. Nürnberg betreff. Nr. 95. p. 97. 1) Dusburg c. 161. Die Namen find im Texte Hartknochs nicht ganz richtig. Der Polniſche Ritter hieß nach Jeroſchin c. 161 Niverick; ſo lieſet nach Hartknochs Bemerkung auch der Cod. Tho- runens. und der Cod. Berolin. Die Burg Heimſot, bei Dusburg Hem- soth, kommt unter jenem Namen auch noch in fpäterer Zeit vor und erbte auf ein Rittergeſchlecht Über, welches im Kulmerlande noch bis ins 15. Jahrhundert bluͤhete. Der miles feodatarius dietus Cippel, wie Dusburg ihn nennt, war der Stammvater, oder wenigſtens der aͤlteſte bekannte Ahnherr des Geſchlechtes der Czippelyn, welches im 15. Jabr⸗ hunderte ſeine Beſitzungen im Rhedenſchen Gebiete hatte. Vgl. hieruͤber meine Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſchaft S. 32 und 69.

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Fünftes Kapitel. So füllt ein wildes und verwirrtes Gewebe der graͤuelvoll⸗ ſten Raubfehden die Jahre bis 12703 eine endloſe Reihe von Bildern voll Elend, Jammer und Ungluͤck, ein graͤßliches Trauerſpiel mit Scenen voll Mord und Blutvergießen, voll Verheerung und Vernichtung aller menſchlichen Wohlfahrt zieht ſich durch die furchtbare Zeit hin und die Buͤhne iſt ein Boden, auf welchem Jahre hindurch der grauſe Genius des Verderbens und des Todes mit Schwert und Feuer in allen ſeinen Geſtalten und mit allen ſeinen Mitteln grauen⸗ voll geherrſcht und gewuͤthet hatte. Der Griffel der Geſchicht⸗ ſchreibung vermag es in der That kaum uͤber ſich zu gewin⸗ nen, die Jammerbilder und Graͤuelſcenen nachzuzeichnen und aus dem wilden Getreibe eines ſolchen Lebens den Beweis zu ſtellen, wie nahe der Menſch in ſeiner Leidenſchaft dem wilden Thiere verwandt ſey. Faſt duͤrfte man wuͤnſchen, aus dem Buche der Geſchichte das Gemaͤlde ſolcher Zeiten entfernt zu ſehen, wo der Menſch nur in Morden und Rauben und Verderben auf der Buͤhne des Lebens ſpielt und keine troͤ⸗ ſtende und verſuͤhnende Erſcheinung den Geiſt wieder erhebt und erfreut. — Anders aber richtet der Geſchichtſchreiber uͤber das Bild voll namenloſen Jammers und Ungluͤcks und an⸗ ders betrachtet und beurtheilt er den Menſchen auf dieſer Bühne voll Blutvergießen und Raubthaten, wenn er die Idee ergreift und den Gedanken erfaßt, der ſich als Trager dieſer Trauerſcenen durch die wilde Zeit hindurchzieht und gleichſam die Seele bildet, aus welcher alles hervorquillt und in den Sturm des Lebens uͤbergeht. Gewiß es war nicht ein ſinn⸗

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300 Huͤlfloſe Lage des Ordens in Preuffen. loſes Getreibe ohne Ziel und Zweck, welches in Preuſſens Landſchaften Jahre lang wie ein wilder, ungezaͤhmter Strom hin und herwogte und alles verwuͤſtete, verwilderte und un⸗ tergrub, wo es erſchien; es war nicht der Menſch in thieri⸗ ſcher Leidenſchaft und Rohheit und in gedankenloſem Wuͤthen und Wuͤrgen, der alles niederwarf und zertruͤmmerte, was ihm entgegentrat; — vielmehr es war die Idee der Freiheit, die durch des Ordens druckendes Zwanggebot nur um ſo feue⸗ riger und lebendiger angeregt das erzuͤrnte Volk Preuſſens zu dieſem Sturme draͤngte und trieb; es war die gluͤhende Sehnſucht nach dem freien und unabhaͤngigen Leben, deſſen Erinnerung auf Jahrhunderte in die gluͤcklichen Zeiten der Vaͤter zuruͤckging, die jetzt unter dem Joche des Gehorſams und unter dem Drucke der Zwingherrſchaft in der Seele des Volkes neu erwacht mit ihrer gewaltigen Kraft den gewohn⸗ ten Tagesgang durchbrach und ein ſonſt friedſames und ſtil⸗ les Volk in das Gewirre wilder Kaͤmpfe und auf den Tum⸗ melplatz graͤuelvoller Thaten fortriß. Unter dem Schrecken des Schwertes, unter Gefahren des Todes und unter Ernie⸗ drigung und Knechtſchaft ſeines alten freien und friſchen Le⸗ bens beraubt durfte ja das Volk wohl glauben, nur im Mor⸗ den, nur im Vertilgen und Verderben alles deſſen, was die urvaͤterliche Freiheit erdruͤckt hatte, die Freiheit wieder gewin⸗ nen zu koͤnnen. Da gab es fuͤr ein ſolches heiliges Gut kei⸗ nen Werth und keine Schonung mehr fuͤr das, was nur dem gemeinen Leben zugehoͤrt, und nur auf dem Grabe des Or⸗ dens konnte das alte freie Leben wieder emporbluͤhen, nur auf den Truͤmmern ſeiner Zwingfeſten und Herrſcherburgen konnte wiederum die erſte Freudenſtunde der Freiheit gefeiert werden. Zu dieſem Ziele aber fuͤhrten nun ſchon keine an⸗ deren Mittel als Tod und Vertilgung, als Raub und Feuer, als Verheerung und Verderben. Und wie nahe ſtand man ſchon beim Schluſſe des Jahres 1269 an dieſem Ziele! Zwar gehorchten dem Orden noch ei⸗ nige Theile des Landes; allein nur Furcht, Gewalt und Zwang hatten dieſen Gehorſam erpreßt und auf die Treue

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Huͤlfloſe Lage des Ordens in Preuſſen. 301 des Volkes war in keiner Weiſe zu rechnen. Faſt überall ſah ſich der Orden nur auf ſeine Burgen beſchraͤnkt, und ſelbſt dieſe, welch ein zerriſſenes, gebrochenes, truͤbes und kummervolles Leben ſchloſſen ſie in ſich! Noch nie hatte der Orden troſtloſere Tage erlebt; denn das ſah man klar ein, der Zuſtand der Dinge, wie er ſich im Verlaufe weniger Jahre geſtaltet, konnte ſich ſo unmoͤglich lange mehr halten und wie er ſich guͤnſtiger fuͤr den Orden verbeſſern koͤnne, war gar nicht abzuſehen, ſofern nicht bald fremde Huͤlfe her⸗ beikam. Doch ſelbſt auch dieſe gab noch keineswegs eine ganz ſichere Hoffnung zur Errettung und Befreiung aus der harten Bedraͤngniß. Die Kreuzzuͤge des Landgrafen von Thuͤ⸗ ringen, des Markgrafen von Brandenburg und des Königes Ottokar von Boͤhmen gaben hieruͤber ja wohl die ſchmerzlich⸗ ſten Erfahrungen. Vorerſt aber war ſelbſt auch zu ſolcher Beihuͤlfe von außenher noch nicht die mindeſte Ausficht. Der fuͤr den Orden ſo eifrig wirkende Papſt Clemens der Vierte war am 29ften November 1268, gerade einen Monat nach der ſchauderhaften That, durch welche der letzte Sproͤßling des Hohenſtaufiſchen Hauſes auf dem Blutgeruͤſte ſtarb, zu Viterbo verſchieden und drei Jahre dauerte es, ehe der Zwiſt und die Uneinigkeit der Kardinaͤle eine neue Papſtwahl zu Stande kommen ließ. Es ſaß alſo gerade in dieſer Zeit der hoͤchſten Noth und Bedraͤngniß des Ordens niemand auf dem paͤpſtlichen Stuhle, auf den man mit Vertrauen und Hoffnung haͤtte hinblicken koͤnnen. Im Deutſchen Reiche war noch al⸗ les zerworfen und zerriſſen; die Zeit des ſogenannten Inter⸗ regnums war noch nicht voruͤber. Den Namen eines Deut⸗ ſchen Koͤniges trug zur Zeit noch Richard von Cornwall; er aber, ein Fremdling und ſelten in Deutſchland anweſend, hatte ſich faſt nie um den Deutſchen Orden bekuͤmmert und ob Preuſſen mit in den Verband des Deutſchen Reiches ge⸗ zogen werde, war ihm fo gleichgültig, daß er wohl nie ei⸗ nen Blick auf die Ritter in Preuſſen gerichtet haben mag. So war alſo von Rom her, ſo war aus Deutſchland durch⸗ aus auf keine ſichere Huͤlſe für den Orden zu rechnen.

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302 Huͤlfloſe Lage des Ordens in Preuffen. Desgleichen boten auch die Nachbarlande nichts weniger als eine erfreuliche Ausſicht auf Beiſtand und Rettung dar. Pommern war ſchon durch feine Zerriſſenheit in vier beſon⸗ dere Landesherrſchaften keiner kraͤftigen Beihuͤlfe faͤhig; zu⸗ dem lagen die beiden Bruͤder Miſtwin und Wartislav in of⸗ fener Fehde gegen einander. Der erſte, noch immer von ſei⸗ nen alten Beſorgniſſen hin und hergetrieben, hatte ſich Dan⸗ zigs bemaͤchtigt und um gegen ſeinen Bruder, der ſich immer mehr an den Deutſchen Orden anſchmiegte, Schutz und Hülfe zu finden, uͤbertrug er den Markgrafen von Brandenburg Jo⸗ hann, Otto und Konrad alle ſeine Beſitzungen zu Lehen und trat ſomit in Brandenburgiſche Vaſallenſchaft !). Von den Herzogen von Polen war ſchon ſeit Jahren nicht das min⸗ deſte fuͤr den Orden geſchehen. Der vor zehn Jahren, ge⸗ rade zur Zeit des Abfalles der Preuſſen mit Herzog Semo⸗ vit von Maſovien abgeſchloſſene Vertrag wegen Huͤlfsleiſtung gegen die abtruͤnnigen Neubekehrten hatte, ſo viel wir we⸗ nigſtens wiſſen, weiter keinen Erfolg gehabt und uͤberdieß waren jetzt Polens Herzoge auch viel zu ſehr in andern Ver: haͤltniſſen verwickelt und beſchaͤftigt?). Auch aus Livland her eröffnete ſich den Ordensbruͤdern in Preuſſen keine Ausſicht zum Beiſtande. Dort war der Orden ſchon ſeit Jahren in nicht geringerer Bedraͤngniß als in Preuſſen. Die Geiſtlich⸗ keit hatte dort auch jetzt noch nicht aufgehoͤrt, den Orden auf jede mögliche Weiſe zu beſtrickens) und nicht immer ſtanden 1) Gercken Cod. diplom. Brandenburg. T. I. Nr. 124. p. 208. Dreger Nr. 436. 437. Kantzow Pomeran. B. I. S. 259 ff. Sell Geſchichte von Pommern B. I. S. 340. 2) Boguphal p. 7778. Kantzow a. a. O. erwähnt, daß Her⸗ zog Semovit von Maſovien jetzt ſelbſt in den Streit der Pommeriſchen Herzoge mit hineingezogen wurde, da er Wartislavs Schwager war. 3) So ließ ſich z. B. der Ordensmeiſter Otto von Luttenberg vom Rigaiſchen Domkapitel zu dem Verſprechen bewegen: quod nullae hie- reditates hominum nostrorum vel Capituli infra terminos Eeclesiae constitutae, ad Fratres possint hereditaria successione devolvi vel ab eis praetextu avulsionis cuiuspiam aut emtionis, conductionis, per- mutationis seu donationis titulo venditari. Dogiel T. V. Nr. XXIX.

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Hülftofe Lage des Ordens in Preuſſen. 303 Männer da, die ihr die Spitze bieten konnten; und find wir über das Einzelne dieſer fortwährenden Fehden auch nicht ge⸗ nau unterrichtet, ſo zeugen doch einzelne Ereigniſſe von ei⸗ nem gewaltigen Zwieſpalte; denn was muß nicht alles vor⸗ hergegangen ſeyn, wenn die Ordensritter den Schritt wagen konnten, den Erzbiſchof Albert einſt in ſeiner Kapelle zu uͤber⸗ fallen und ihn nebſt dem Probſt von Riga Johann von Fech⸗ ten gefangen zu nehmen )! Zudem hatten feit dem Kampfe an der Durbe und ſeit Mindowe's Abfall vom Chriſtenthum die Waffen des Ordens dort nie geruht. Zwar hatten ſich der Orden und das Domſtift zu Riga in einem im Jahre 1266 abgeſchloſſenen Trutz⸗ und Schutz- Buͤndniſſe beſonders gegen die androhenden heidniſchen Voͤlker kraͤftige Beihuͤlfe und alle mögliche Unterſtuͤtzung gegenſeitig verſprochen und die Einigkeit zwiſchen der Kirche zu Riga und dem Orden ſchien ſo auf einige Zeit aufrichtiger und inniger, als ſie je geweſen war?); allein nur der Drang großer Gefahren von 1) Ueber dieſe Gefangennehmung des Erzbiſchofs Albert ſpricht ſchon die Urkunde bei Dogiel T. V. Nr. XXXVI. p. 26; fie ſey geſchehen eo, quod eisdem Magistro et fratribus se pro defensione suae Ec- clesiae ipsius iurium opponebat. Beſtätigt wird die Sache auch noch durch das fruͤher ſchon erwaͤhnte Rigaiſche Zeugenverhoͤr, wo ein Zeuge ausſagt: Albertum olim primum Archiepiscopum Rigensem ceperunt in Capella sancti Michaelis, que est infra domos Archiepiscopales in Riga; und ein anderer Zeuge fuͤgt noch hinzu: deduxerunt eum ca- ptivui in Seegold et ibidem tenuerunt eum captivum. Auf die die⸗ ſem Zeugen vorgelegte Frage: quantum temporis esset, quod dictus dominus Albertus olim Archiep. Rig. ſuisset captus? antwortet er: quod essent quadraginti anni vel plus. Dennoch würde Alberts Ge⸗ fangenſchaft ungefähr in das Jahr 1269 fallen und dieſes Jahr giebt das Zeugenverhoͤr anderwaͤrts auch noch beſtimmt an. Um die naͤmliche Zeit wurde auch nach Angabe des Zeugenverhoͤrs Johann von Fechten (in der urkunde Vecthe genannt), damaliger Probſt zu Riga, von den Rittern gefangen genommen und in einen Thurm eingeſperrt. Ci. Do- giel J. c. 2) Die Urkunde hierüber mit dem Datum: Tertio Nonas Februar. 1265 findet ſich in einem Transſumt vom J. 1415 im geh. Arch. Schiebl. XII. Nr. 14. Merkwuͤrdig iſt, daß wir in ihr einen Landmeiſter mit

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304 Huͤlfloſe Lage des Ordens in Preuffen. Litthauen her hatte das Buͤndniß erzeugt und von großen Folgen war es nicht begleitet geweſen, denn Litthauer, Ruſ⸗ ſen, Samaiten und die Kurlaͤnder hatten auch nachher wie⸗ der von Jahr zu Jahr den Boden Livlands mit Blut ge⸗ duͤngt, bald über die Ordensritter ſiegend, bald von dieſen beſiegt ). Und da erſt jüngft im Jahre 1268 der Livlaͤndi⸗ ſche Ordensmeiſter Otto von Lutterberg gegen die Ruſſen eine Schlacht geſchlagen, die ihm 1350 ſeiner beſten Krieger hin⸗ weggerafft und der Krieg ſich auch ins Jahr 1269 hineinge⸗ zogen hatte, ſo reichten die Kraͤfte des Ordens in Livland, der dort ein Heer von achtzehntauſend Kriegern aufſtellen mußte :), kaum zu feiner eigenen Sicherheit und Rettung hin 3). Sonach war alſo der Orden in Preuſſen vorerſt noch ganz auf ſich ſelbſt und auf die geringe Huͤlfe beſchraͤnkt, welche ihm aus Deutſchland durch einzelne Haufen herbeizie⸗ hender Pilgrime zukam. Der Landmeiſter Ludwig von Bal⸗ dersheim verzagte an aller Moͤglichkeit der Errettung und legte deshalb ſein kummervolles Amt im Herbſt oder Winter des Jahres 1269 nieder. Als Stellvertreter uͤbernahm einſt⸗ weilen die Verwaltung der Provinzial⸗Komthur von Kulm den Worten: frater C. Magister bezeichnet finden, den wir ſonſt in die⸗ ſem Jahre nicht kennen, denn nach der gewöhnlichen Annahme ſoll im J. 1266 noch Werner von Breithauſen Livländifcher Landmeiſter gewe⸗ ſen ſeyn. 1) Ordenschron. Mſcr. S. 52 ff. bei Matthaeus p. 741 sed. Aln⸗ peck S. 72 — 100. Arndt B. II. S. 59 — 61. 2) Karamſin B. IV. S. 85. 3) Russo Livländ. Chron. p. 11 — 12. Arndt B. II. S. 62. Hiärn S. 181 vgl. mit Karamſin B. IV. S. 84 — 85 und 269, wo die Chronologie dieſer Livländ. Geſchichtſchreiber berichtigt iſt. Nur irrt Karamſin auch offenbar, wenn er im J. 1268 Otto von Rodenſtein ſchon Ordensmeiſter von Livland ſeyn läßt. Es iſt urkundlich zu erwei⸗ fen, daß in den Jahren 1267 — 1268 Otto von Lutterberg das Meiſter⸗ amt in Livland bekleidete; wonach auch Arndt B. II. S. 61 zu be: richtigen iſt. Vergl. uͤber dieſen Ruſſiſchen Krieg auch Alnpeck S. 102 — 3. 197. De Wal Histoire de l'Ord. Teut. T. II. p. 133.

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Konrad von Thierberg. 305 Konrad von Thierberg!) und in ihm trat zuerſt der Mann auf, dem es beſchieden war, durch die Gewandtheit und Klug⸗ heit feines Geiſtes, durch die Feſtigkeit feines Characters, durch die Umſicht und Entſchloſſenheit in ſeinen Handlungen, durch ſeine Tapferkeit und Beſonnenheit im Kriege und durch Be⸗ guͤnſtigung der Umſtaͤnde die geſunkene Sache des Ordens wieder emporzuheben. Sein Geſchlecht ſtand in Hohenlohi⸗ ſcher Vaſallenſchaft. Er ſelbſt hatte im Orden ſchon mehre Aemter verwaltet und hierin manche Erfahrung ſich angeeig⸗ net 2). Vorerſt indeſſen gebrach es dem Orden uberall an allen Mitteln und an aller Kraft, um mit Hoffnung auf Er⸗ folg gegen den Feind aufzutreten. Auf jene wandten daher die Ordensgebietiger ihre ganze Sorgſamkeit. Wie ſich der Biſchof Friederich von Dorpat ſchon ſeit einigen Jahren in Deutſchland unablaͤſſig bemuͤhte, ein neues Kreuzheer aufzu⸗ bringen ), fo begab ſich nun im Jahre 1270 auch der Bi⸗ ſchof Heinrich von Samland ohne Zweifel zu demſelben Zweck nach Thuͤringen. Er uͤberließ deshalb die Verwaltung ſeiner biſchoͤflichen Güter mit allen Einkünften und allem Gewinne aus den kirchlichen Beſitzungen auf zwei Jahre dem Orden fuͤr die Summe von achtzig Mark reinen Silbers, die ihm jaͤhrlich in Erfurt ausgezahlt werden ſollten, wogegen der Or⸗ den ſich verpflichtete, ihm bei ſeiner Ruͤckkehr die Guͤter mit allem biſchoͤflichen Eigenthum wieder fo zuzuſtellen, wie er fie empfangen habe, ſofern nicht bedeutende Einfaͤlle der Heiden oder große Sterblichkeit uͤbermaͤßigen Schaden anrichten wuͤr⸗ 1) Die Zeit der Abdankung Ludwigs von Baldersheim iſt nicht ganz genau zu beſtimmen. Wir wiſſen uur ſo viel gewiß, daß er ge⸗ gen das Ende des Februars 1270 nicht mehr im Amte war. 2) Im J. 1267 war Konrad von Thierberg Komthur in Zantir nach einer Verſchreibungs⸗Urk. im Fol. II. p. 40. 174. 8) Heinecii Antiquit. Goslar. an. 1268 p. 286, wo es heißt: Hic ergo „ Crucis Christi Minister“ totam ferme Saxouiam adver- sus Borussos armavit — id impetravit, ut novae subinde copiae sub crucis vexillo eo convolarent, cuius peregrinationis societatem et cives nostros quamplures petiisse Kapoliensis (Episcopus Thar- batensis postulatus) huius industria nos non patitur dubitare. III. 20

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306 Bemuͤhungen um Huͤlfe für den Orden. den. Dieſen Vertrag ſchloß mit dem Biſchofe ſchon der Statt⸗ halter des Landmeiſters Konrad von Thierberg ), da um dieſe Zeit der abgetretene Landmeiſter, wie es ſcheint, ſich ebenfalls ſchon nach Deutſchland begeben hatte. Vielleicht mit dem Bi⸗ ſchofe von Samland zugleich oder doch bald hernach trat auch der Biſchof Friederich von Kulm, welcher jenen Vertrag vermit⸗ telt und mit unterſiegelt hatte, eine Reiſe nach Deutſchland an, wohl ohne Zweifel zu dem naͤmlichen Zwecke, denn da die Be⸗ draͤngniß des Ordens in Preuſſen faſt aufs hoͤchſte geſtiegen und eine ſchleunige Huͤlfe aͤußerſt nothwendig war, da ferner kein Papſt in dieſer Zeit ſeine Stimme fuͤr den Orden erhob und um Beiſtand fir ihn bat und mahnte, da endlich die hohe Geiſt⸗ lichkeit in Deutſchland, dieſer alte Widerſacher des Ordens, jetzt da die Kirche ohne Oberhaupt und der Orden ohne ſei⸗ nen Schutzherrn daſtand, gewiß nichts unverſucht ließ, nach alter Weiſe dem Orden entgegen zu wirken und, wie zuwei⸗ len ſchon geſchehen war, ſelbſt die Pilgerzuͤge nach Preuſſen zu hemmen, ſo blieb kaum etwas anders uͤbrig, als daß der Orden dieſe ſeine Landesbiſchoͤfe ſelbſt nach Deutſchland ent⸗ ſandte, um dort durch fie für fein Heil und feine Hülfe zu wirken ?). 1) Wir haben hieruͤber nicht bloß die von „Conradus Commenda- tor provincialis, vices gerens Magistri in Pruscia “ ausgeſtellte Ur- kunde, mit dem Datum: Actum in Elbingo a. d. M. CC. LXX in die kathedre beati Petri, Datum Thorun quarto Kalend. Marcii, ſondern auch die vom Biſchof Heinrich mit derſelbigen Angabe im geh. Arch. Schiebl. I. Nr. 7 und III. Nr. 7. Es heißt darin namentlich: Quod si pagani terram nostram quod absit, ad quinquaginta uncos vel infra devastaverint, cedet in dampnum fratrum, si vero ultra quinquaginta uncos lesa fuerit, estimabitur secundum bonorum viro- rum arbitrium et cedet integraliter in dampnum nostrum. Item Eiquos et pecora, que eis assignamus, in eodem numero et valore, nisi pagani seu apostate ipsos equos seu pecora abstulerint vel com- mune morticinium fuerit, quod vulgariter Shelm dicitur, nobis re- stituent expleto termino memorato. 2) Daß ſich der Biſchof von Samland nach Deutſchland begab, ſehen wir aus dem angefuͤhrten Vertrage ſelbſt, in welchem aber uͤber den Zweck ſeiner Reiſe nichts geſagt iſt. Die Anweſenheit des Biſchofs

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Landmeiſter Dieterich von Gatersleben. 307 Das Jahr 1270 ging fuͤr die Ordensritter in Preuſſen unter Noth und Bedraͤngniß hin. Konrad von Thierberg gab ſo wenig, als der Ordensmarſchall Friederich von Holden⸗ ſtaͤte auch nur im mindeſten Anlaß, die Preuſſen zum Kampfe zu reizen und es ſcheint, daß dieſe auch ſelbſt ſich im Ver⸗ laufe dieſer Zeit ziemlich ruhig verhalten. Darauf kam im Anfange des Jahres 1271 der neue Landmeiſter Dieterich von Gatersleben nach Preuffen ') und da nun Konrad von Thierberg mit dem Marſchallamte bekleidet?) und alſo ihm zunaͤchſt die oberſte Verwaltung und Anordnung des Kriegs⸗ weſens uͤbertragen ward, ſo ging bald uͤber alle Unternehmun⸗ gen des Ordens in Preuſſen ein ganz neues Gluͤck auf. Die ſchwerſten Tage waren voruͤber, als dieſe Maͤnner das Steuer der Ordensherrſchaft in die Hand bekamen, denn es verei⸗ nigte ſich ſeitdem alles zur neuen Ermaͤchtigung und Erhe⸗ bung des Ordens durchs ganze Land. Der neue Landmeiſter Dieterich von Gatersleben, aus dem Biſthum Halberſtadt ge⸗ buͤrtig, wo ſein Geſchlecht ſchon ſeit einigen Jahrhunderten bluͤhete), zeichnete ſich zwar keineswegs durch hohen Geiſt Friederichs von Kulm in Deutſchland erfahren wir durch eine Urkunde in Lang Regest. Boica T. III. p. 395, wo es heißt: Fratris Fride- rici de ordine Domus S. Mariae Theutonicorum, Episcopi Culmen- sis, indulgentiae pro conventu in Coeliporta, ordinis Cisterciensis, ad perficiendum aedificium monasterii, de opere lapideo inchoatun. Datum Herbipoli III Non. Augusti 1272. Freilich iſt dieſe Urkunde zwei Jahre ſpaͤter gegeben; allein auch der Biſchof von Samland ver⸗ pachtete die biſchoͤfl. Güter „ad biennium“, und von der Anweſenheit des Biſchofs von Kulm in Preuſſen in den J. 1270 — 1271 haben wir keine Spur. 1) Die erſte urkunde, welche ſeine Anweſenheit in Preuſſen dar⸗ thut, iſt vom 24. Februar 1271; vgl. Chriſtburg. Verſchreib. Fol. X. p. 37 und Fol. XI. p. 53 im geh. Arch. 2) Daß Andreas von Weſtphalen der Nachfolger Friederichs von Holdenſtäte und der Vorgänger Konrads von Thierberg im Marſchall⸗ amte geweſen ſey, iſt aus Urkunden nicht erweislich und beruht bloß auf der unficheren Angabe bei Arndt B. II. S. 63, wo aber nicht einmal eine beſtimmte Zeit feiner angeblichen Amtsverwaltung genannt iſt. 8) Vgl. Schultes Director. diplom. B. II. S. 236. 241. Wohl⸗ 20 *

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308 Erhebung des Ordens. oder durch beſondere Kuͤhnheit in feinen Unternehmungen, noch ſonſt durch hervorſtechende Eigenſchaften aus; er war aber ein Mann, der es ohne Neid ertragen konnte, daß der Ordensmarſchall ſowohl durch Beſonnenheit, Umſicht und Klugheit im Entwurfe feiner Plane, als durch Entſchloſſen⸗ heit, Feſtigkeit und Tapferkeit bei deren Ausführung bei wei tem über ihm ſtand, dem Orden das entwichene Gluck wie⸗ der zuführte und mit dem Gluͤcke auch allen Ruhm an ſei⸗ nen Namen knuͤpfte. An der Seite dieſer Maͤnner ſtand fer⸗ ner eine Reihe von Ordensgebietigern, die als Befehlshaber oder Komthure der verſchiedenen Ordensburgen, durch die Schule harter Bedraͤngniß und druͤckender Noth gegangen, manche Erfahrung fuͤr das Leben geſammelt und in den Ge⸗ fahren der Zeit und durch den verzweifelungsvollen Kampf mit dem Glaubensfeind Herz und Geiſt erkraͤftigt und ges ſtaͤhlt hatten: fo jener Arnold Kropf, welcher den Barter Hauptmann Divane vor den Mauern von Schoͤnſee getoͤd⸗ tet, als Komthur von Birgelau n), Hermann von Schoͤ⸗ nenberg, zur Zeit Komthur auf Chriſtburg und bald nachher Komthur zu Zantir 2), Helmbold Komthur zu Elbing »), Heinrich von Byr () Komthur des Hauſes Thorn“), der Ordensritter Hartung Komthur auf Rheden ) und manche brück Geſchichte des Geſchlechts von Alvensleben B. I. S. 44. 76 und beſonders B. II. S. 376. Im J. 1227 kommt bei Schulies B. II. S. 627 ein Truchſes Theoderich von Gatersleve vor, vielleicht der Va⸗ ter unſeres Landmeiſters. Einen Henning von Neu⸗Gatersleben finden wir in einer Urk. des Grafen Otto von Bren uͤber Wettin im J. 1288 in Lünig Continuat. Spicileg. eccles. p. 282. Schon 1164 finden wir einen Ericus de Gatersleve in einer Urkunde bei Scheid. Orig. Guelf. T. III. p. 494. 522. 544. Ludewig Reliqu. Msc. T. XI. p. 569. 1) Urkunde Schiebl. I. Nr. 7. 2 Urkunde im Fol. X. p. 37. Kreutzfeld v. Abel der Preuf. S. 44. : 8) Urkunde im Fol. XI. p. 53 und X. p. 37. 4) Urkunde Schiebl. I. Nr. 7. Ganz ſicher kennen wir nur den Taufnamen Heinrich. 5) Urkunde im Fol. XI. p. 74.

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Erhebung des Ordens. 309 andere. Es wirkte außerdem auf des Ordens Glück auch der Umſtand guͤnſtig ein, daß das Jahr 1271 im Ganzen ziem⸗ lich friedlich und ſturmlos voruͤberging, die treu gebliebenen Gebiete ſich wieder etwas erholen und die Ritter ihre Bur⸗ gen von neuem beſſer bewehren und verſorgen konnten. Zwar fielen einmal die Heiden in vier getheilten Schaaren in die chriſtlichen Lande ein, vernichteten Kirchen und Altaͤre, er⸗ ſchlugen dreizehn Ordensbruͤder und fuͤhrten eine bedeutende Anzahl gefangener Chriſten unter großer Verheerung mit ſich hinweg; allein der Sturm ging doch ſchnell vorüber !). Auch des Ordens Verhaͤltniſſe mit den nachbarlichen Für: ſten geſtalteten ſich um dieſe Zeit wieder ungleich guͤnſtiger. Eine Mißhelligkeit mit Herzog Boleslav von Polen ward durch Vermittlung des Biſchofs Wolymir von Leßlau dahin beigelegt, daß dem Orden der durch den Herzog bei ſeinem Kriegszuge in Cujavien 2) in den Ordensguͤtern zu Orlow, Morin und Neſſau zugefügte Schaden durch 160 Mark Sil⸗ ber erſetzt und dem Landmeiſter zugleich auch verſprochen wurde, dem Orden zu einem ſolchen Schadenerſatz auch bei dem Herzog Miſtwin vom Pommern zu verhelfen. Es ward ausdruͤcklich auch das alte freundſchaftliche Verhaͤltniß zwi⸗ ſchen Boleslav und dem Orden wiederhergeſtellt ). Mit Herzog Miſtwin von Pommern dauerte freilich die feindliche 1) In Lambert. Schaffnaburg. Addit. ap. Pistor. T. I. p. 433 heißt es hierüber: Eodem anno (1271) inimici crucis Christi pagani cum quatuor turmis irruerunt in Prussiam, ecclesias et altaria de- vastantes, tredecim fratres domus Teutonicae, et de populo pro- miscui sexus alios 150 necnon et 2000 et innumerabilem populum Christianorum utriusque sexus captivantes, cum pecoribus et spolüis secum deduxerunt, villas succenderunt et plurimos homines crema- verunt. Raynald. an. 1271. Nr. 21. 2) Anonym. Archidiacon. Gnesn. ap. Sommersberg T. II. p. 89. 3) Die Urkunde mit dem Datum: In Juvene- Vladislavia a. d. 1271 in vigilia onnium Sanctor. ſteht bei Dogiel T. IV. Nr. 36. p. 80. Daß auch Preuſſen und Unterthanen des Herzogs Miſtwin dem Orden an ſeinen Beſitzungen Schaden zugefuͤgt, geht aus der Urkunde deutlich hervor.

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310 Erhebung des Ordens. Spannung im Stillen noch fort; indeſſen gerade um die Zeit wurde dieſer in Verhaͤltniſſe verflochten, die dem Orden von dieſer Seite her wenigſtens vollkommene Ruhe ſicherten und den Preuſſen zugleich auch die Ausſicht und das Ver⸗ trauen auf einen nahen Bundesgenoſſen entnahmen. Schon ſeit Jahren lebten, wie fruͤher erwaͤhnt, die beiden Bruͤder Miſtwin und Wartislav in feindlicher Geſinnung gegen ein⸗ ander und mehr entflammt ward dieſe noch, als der letztere mit der Forderung einer neuen Landestheilung gegen den Bruder auftrat. Da Miſtwin ſolche verweigerte, ſo ward er einſt von feinem Bruder liſtig uͤberfallen und gefangen ge⸗ nommen. Bald indeſſen von den Baronen ſeines Landes wieder befreit, vertrieb er den Bruder aus deſſen Herrſchaft und als nun dieſer ſich um Huͤlfe an den Herzog Semovit von Maſovien wandte, rief Miſtwin den Markgrafen Konrad von Brandenburg, den Sohn Johann's von Brandenburg um Beiſtand an und uͤbergab ihm die ſeinem Bruder abge⸗ nommene Stadt und Burg Danzig als Pfand fuͤr Kriegs⸗ entſchaͤdigung. Wartislav drang zwar an der Spitze eines Heeres ins Land ein, um ſich ſeines Beſitzthums wieder zu bemaͤchtigen; allein der Tod uͤbereilte ihn zu Wiſſegrod und machte nun von ſelbſt den Herzog Miſtwin zum Herrn des ganzen Landes). Weil es nun aber nicht zum Kampfe ge 1) Die Quellen ſtimmen hier nicht genau mit einander uͤberein. Am richtigſten erzählt die Sache ohne Zweifel der Anonym. Archidiac. Gnesn. ap. Sommersberg T. II. p. 89, wo nur ſtatt Dominus Wladislaus zu leſen iſt Dominus Warcislaus, wie das Mser. des geh. Archivs ergiebt. Boguphal p. 78 giebt feine Nachricht wenigſtens nicht klar, auch nicht vollſtaͤndig; ſelbſt der Text bei Sommersberg l. c. iſt nicht richtig, denn Wartislav nahm Danzig nicht wieder ein (est adeptus castrum), fon- dern er wuͤnſchte und ſtrebte nur, es wieder zu gewinnen, (affectans ca- strum, wie das Mscr. hat). Kantzow B. I. S. 259 — 200 dreht die Sache ganz um, denn nach ihm ruft Wartislav den Markgrafen zu Huͤlfe und übergiebt ihm Danzig. Ebenſo Schütz p. 34. Auch das Chron. Oliv. p. 28 — 29 läßt Wartislav dem Markgrafen Danzig uͤber⸗ liefern und dieſes dann von Miſtwin zurückfordern. Allein allen dieſen Angaben widerſprechen die beſtehenden Verhaͤltniſſe. Miſtwin war ja

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Der Papſt Gregorius X, 311 tommen war und der Markgraf Konrad alſo auch keine Ver⸗ luſte erlitten hatte, fo forderte Miſtwin Danzig von ihm zu: ruͤck, und da jener die Zuruͤckgabe nicht eher als bis nach Entſchaͤdigung der Kriegskoſten erfolgen laſſen wollte, fo um: lagerte der Herzog die Stadt und rief zu ſeiner Hülfe den Herzog Boleslav von Polen herbei. In ſolcher Weiſe ward Miſtwin bis ins Jahr 1273 hinein in einen Krieg verwickelt, der ihn keinen Blick auf die Ereigniſſe jenſeits der Weichſel thun ließ. Wie dieß einer Seits aber fuͤr die Preuſſen in ihren Beſtrebungen wohl keineswegs ohne Wirkung bleiben konnte!), ſo war es anderer Seits fuͤr den Orden darum von Wichtigkeit, weil nun die Kreuzfahrer aus Deutſchland durch die Pommerſchen Lande wieder einen freieren und un⸗ gehemmten Durchzug gewannen. Auch für dieſe Hülfe aus Deutſchland hatten ſich die Verhaltniſſe in der Kirche ſowohl als im Reiche wieder weit guͤnſtiger geſtaltet. Auf den paͤpſtlichen Stuhl war nach ei⸗ ner faſt dreijaͤhrigen Erledigung der Archidiaconus Theobald zu Lüttich unter den Namen Gregorius des Zehnten gekom⸗ men. Zur Zeit ſeiner Wahl ſich in Akkon aufhaltend und dort vom lebendigſten Intereſſe fuͤr die Sache des Morgen⸗ landes ergriffen zog er zwar gleich im Anfange feiner Negie- rung den Blick der abendlaͤndiſchen Chriſtenheit von neuem nach dem heiligen Lande hin und ſuchte Fuͤrſten und Voͤlker Brandenburgiſcher Vaſall; nach der Urkunde bei Dreger Nr. 437 hatte er dem Markgrafen von Brandenburg Danzig wirklich angeboten. Wie hätte jetzt der Markgraf Konrad gegen ihn herbeiziehen koͤnnen? 1) Spätere Quellen, wie Kantzow, Schätz u. a. laſſen auch den Orden an dieſen Handeln Theil nehmen. Erſterer giebt die Nachriche: „Sagen etliche, das der Orden Wartislaffen heimlich angeſchuͤndet.“ Nach Schütz p. 34 fluͤchtet der aus feinem Lande vertriebene Wartislav nach Elbing, klagt bei dem Orden uͤber den Markgrafen von Brandenburg, und um Huͤlfe bei ihm zu finden, uͤbertraͤgt er ihm ſeine Anſpruͤche auf alle ſeine Lande. Da ihm der Orden aber keinen Beiſtand leiſten kann, fo fällt er „in Mühe und Wehmuth“ und ſtirbt. Fuͤr dieſe Angaben fehlt es indeſſen an allen ſicheren Beweiſen und ſchon Lucas David B. V. S. 51 — 52 erklärt die Sache für eine bloße Erdichtung.

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312 Der Papft Gregorius X. für deſſen Errettung und Befreiung zu begeiſtern!); allein es war ſchon wichtig, daß die Sache des Kreuzes wieder in Bewegung geſetzt, daß die Gemuͤther zu neuer Sehnſucht nach den Verdienſten um Kirche und Glauben erweckt und aufgeregt und der Blick der Menſchen aus dem wilden Ge⸗ treibe der gemeinen Welt auf ein hoͤheres Ziel gerichtet wurde. Auch fuͤr die Sache der Kirche und des Ordens in Preuſſen blieb dieſes keineswegs ohne Einfluß, zumal da das neue Haupt der chriſtlichen Welt auch für den Orden und für deſ⸗ ſen Beſtrebungen in Preuſſen viel regen Eifer bewies, um ihn durch baldige Huͤlfe aus feiner Bedraͤngniß zu retten 2). Auf Gregors Antrieb naͤmlich ward auch fuͤr den Orden in Preuſſen im Laufe des Jahres 1272 abermals das Kreuz ge⸗ 1) Annales Steron. Altahens. ap. Freher p. 386. 388. Chron. Hirsaug. T. II. p. 20 — 21. Raynald. an. 1272. Nr. 1. 5. sequ. Naucler. p. 964. 2) Wir haben eine Bulle dieſes Papſtes, datirt: Lateran. III Ca- lend. Jun. p. n. an. I (80 Mai 1272) im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 1, worin er dem Orden alle ſeine von Paͤpſten, Koͤnigen und Fuͤrſten verliehenen Privilegien und Freiheiten beſtaͤtigt; im groß. Privilegienb. p. 50. Eine aͤhnliche Bulle an den Preceptor et fratres Hospitalis S. M. T. J. in Confluentia Trevir. dioces., datirt: apud Veterem Ur- bem V.. . Jul. p. a. I im groß. Privilegienb. p. 90. Daß auch jetzt die hohe Geiſtlichkeit ihr altes Spiel gegen den Orden noch fortſetzte und ihn, wo ſie konnte, belaͤſtigte, ſagt uns eine Bulle dieſes Papſtes mit dem Datum: Anagn. XII Aug. p. n. an. I (21 Juli 1272) im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 2, wo unter andern den Geiſtlichen geſagt wird: Ceterum audivimus et audientes nequivimus non mirari, quod eos (i. e. fratres Hospitalis) quidam vestrum durius solito persequentes non solum querelas eorum dissimulant, sed ipsos gravibus injuriis vexaverunt, et in dampnabili adhuc proposito perseverant, litteras nostras generales et quandoque speciales legere contempnentes, quas si interdum legerint vilipendunt. Unde Clerici et laici sumentes au- daciam adversus eos securius insolescunt, elemosinas et beneficia subtrahunt consueta. Invasores quoque bonorum ipsorun fratrum non arguunt, sed in sua familiaritate recipiunt fratres ipsos intol- lerabiliter deprimentes, quos pro sue religionis honestate deberent attentius sustentare. — —

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Neue Kreuzfahrt nach Preuffen, 313 predigt ). Und die Erfolge zeigten bald eine bedeutende Wir⸗ kung. Mit des Papſtes Bemuͤhungen verbanden ſich auch die des Hochmeiſters Anno von Sangerhauſen, der in den letzten Jahren ſeines Lebens bald in Thuͤringen, bald in Franken und am Rhein fuͤr die Sache ſeines Ordens uner⸗ muͤdlich thaͤtig war 2). Selbſt das Ungluͤck wirkte in man⸗ cher Hinſicht fuͤr den Orden guͤnſtig. Seit 1271 herrſchte in den Deutſchen Landen drei Jahre hindurch eine ſo ſchreckliche Hungersnoth, und Krankheiten, Seuchen und Menſchenſter⸗ ben wuͤtheten fo fuͤrchterlich, daß Viele gerne die ungluͤckſe⸗ lige Heimat und das jammervolle Vaterland verließen, um das Leben anderwaͤrts zu friſten ). Es war die Zeit der Rettung gekommen; denn im Zu⸗ ſammenwirken dieſer und anderer Verhaͤltniſſe geſchah gegen das Ende des Jahres 1272, daß neu ermuntert durch den Gedanken an das Verdienſt um Glauben und Kirche ſich in mehren Theilen Deutſchlands Grafen, Ritter, Edle und zahl⸗ reiches Kriegsvolk zuſammen fanden, den geſunkenen Ordens⸗ bau in Preuſſen wieder aufzurichten“). Eine anſehnliche Rei⸗ terſchaar kam aus den Rheingegenden, wo bisher der Hoch⸗ meiſter fuͤr ein neues Kreuzheer unermuͤdlich thaͤtig geweſen 1) Wir ſchließen dieſes aus der von Raynald an. 1272 Nr. 55 ci⸗ tirten paͤpſtl. Bulle. 2) Im Mai 1272 befand ſich der Hochmeiſter zu Erfurt, wie die Urkunde in Georgisch Regesta Chronolog. diplom. T. I. p. 1230. Nr. 20 ausweiſet. Im Januar 1273 war er in Sachſenhauſen bei Frank⸗ furt nach Guden. T. IV. Nr. 48. p. 920. 3) S rid Presbyt. Epitome ap. Pistor. T. I. p. 1047. In Humęfortii Chronol. ap. Langebeck T. I. p. 292 heißt es: Fuit in- signis annonae caritas, quae ab esurialibus diebus usque ad mes- sem duravit, et complures Lubecae et in aliis locis fame extincti sunt. 4) Daß die Grafen von Juͤlich und von der Mark an der Spitze eines großen Heerhaufens um dieſe Zeit nach Preuſſen gekommen ſeyen, wie Raynald. an. 1272. Nr. 55 angiebt, iſt offenbar unrichtig; auch ſieht man es feinem Berichte ſogleich an, daß er ihren Zug im J. 1262 meint. Vgl. Schutz p. 37.

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3 314 Neue Kreuzfahrt nach Preuffen. war. Am wichtigſten aber war, daß auch ein Fuͤrſt, der Markgraf Dieterich der Weiſe von Meißen, der Sohn jenes Heinrich des Erlauchten, deſſen Name ſeit ſeinem Zuge ins Ordensland bei dem Orden ſtets hochgefeiert war, ſeine Heer⸗ fahne fuͤr die Glaubensſache in Preuſſen erhob, denn vor kurzem erſt als Halbbruder in den Verband des Ordens auf: genommen !) und dadurch zum thaͤtigſten Eifer für die Sache der Bruͤder um ſo mehr verpflichtet, fuͤhrte er ein ſehr bedeu⸗ tendes Kreuzheer, in welchem vor allem dreitauſend gehar: niſchte Krieger hervorglaͤnzten durch ritterlichen Muth ?). An des Markgrafen Kriegsſchaar ſchloſſen ſich die beiden Bruͤder Graf Dieterich und Graf Guͤnther von Regenſtein mit einem Reiterhaufen von fuͤnfhundert Roſſen an; auch fie waren zu⸗ vor in den Orden aufgenommen und gaben nun den erſten Beweis ihres ritterlichen Eifer’). Es war zu Ende des Jahres 1272, als dieſe Heerſchaar ſich in Pomeſanien ver: ſammelte und dann mit des Ordens Streithaufen vereint un⸗ ter der Fuͤhrung des Landmeiſters und des Ordensmarſchalls 1) Schütz p. 37 ſagt: „er nam den Orden an.“ De Wal Re- cherches T. II. p. 173 erklart dieſes wohl ganz richtig: il est proba ble, qu'il n'a été attaché a l'Ordre qu'en qualité d’oblat. Wir wer den hieruͤber im naͤchſten Theile bei der inneren Verfaſſung des Ordens ſprechen. 2) Dusburg c. 128 ſagt nur im Allgemeinen: venit ad terrain Pruschiae cum multitudine pugnatorum. Der Epitomator hat die Worte: duxit secum magnam potentiam populi und Jeroſchin c. 128 uͤberſetzt: Wann er mit ym große Krafft Von herlicher Rittirſchaft Und von Volke brachte. Die Angabe von 3000 Mannen in Harniſch hat Schütz I. c., meint damit aber gewiß nicht die ganze ſtreitbare Macht des Markgrafen. 3) Sie ſtammten beide aus dem graͤflichen Hauſe Regenſtein oder Reinſtein, deſſen Stammburg und Grafſchaft in der Nähe von Halber⸗ ſtadt lag. Das Geſchlecht war im 13. Jahrhund. ſehr bluͤhend, kommt öfter aber ſchon im 12. Jahrhund. vor; ſ. Scheide Orig. Guelf. T. III. p. 510. 522. ulrich und Albrecht von Regenſtein im J. 1270 ibid P. 677. Notitia Procernm Imperii German. p. 461.

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Siege des Kreuzheeres. 315 über Pogefanien nach Ermland zog, wo kein Feind entgegen- trat. Da der Winter durch ſtrenge Kälte dem Kriegszuge guͤnſtig war, ſo beſchloß man, von Natangen aus tiefer ins Land einzudringen. Als indeſſen das Kreuzheer bis an die Graͤnze dieſer Landſchaft vorgeruͤckt war, ſtieß es auf eine ſtarke Wehrburg, erſt vor kurzem von den Natangern zur Verhinderung eines feindlichen Einbruches in ihr Gebiet er⸗ richtet und von zweitauſend tapfern Kriegern beſetzt. Die ritterlichen Grafen Guͤnther und Dieterich von Regenſtein nahmen es uͤber ſich, die Feſte zu gewinnen. Allein drei Tage leiſteten die Heiden den entſchloſſenſten Widerſtand. Am vierten Tage wagte die Burgbeſatzung einen Ausfall; es kam zu einem heftigen Kampfe; der Sieg aber blieb auf der Seite der Chriſten, denn es gluͤckte den beiden Grafen nicht bloß, ſich während der Schlacht der Wehrburg zu be⸗ maͤchtigen, ſondern die ganze Beſatzung ward theils erſchla⸗ gen, theils gefangen genommen: ſeit langer Zeit fuͤr den Orden wieder die erſte Stunde des Gluͤckes und der Freude! Doch die Chriſten bezahlten den Sieg mit bedeutenden Ver⸗ luſten, denn von der Heerſchaar des Markgrafen waren ge⸗ gen dritthalbhundert und von der Kriegsmacht des Ordens anderthalbhundert *) im Kampfe gefallen. Die Wehrburg aber ward hierauf niedergeworfen und gaͤnzlich vernichtet ?). 1) Diefe Zahl geben auch der Epitomaror und Jeroſchin a. a. O. an. 2) Dusburg c. 123 nennt dieſe Wehrburg ein propngnaculum in tractu terrae Nattangiae firmatum; der Epitomator ein castrum, de quo prohibebant transitum euntibus et armatum defensoribus paga- nis; Jeroſchin c. 128 uͤberſetzt es „Vefte.” Schütz p. 38 bezeich⸗ net es als „eine große und weit begrieffene Feſtung“, legt fie aber un: richtig an die Graͤnze von Pomeſanien. Lucas David B. IV. S. 121 ſagt: die Natanger hätten „eine ſtarke Feſte vorn im Eingang ih: res Landes erbaut.“ Wenn man dieſe Angaben zuſammen nimmt, ſo iſt an einer eigentlichen Wehrburg kaum zu zweifeln. Wo ſie gelegen habe, wird uns nirgends berichtet. Man hat auf Heiligenbeil gera⸗ then; möglich allerdings, vielleicht um dort das wieder hergeſtellte Hei⸗ ligthum zu vertheidigen; aber auch moͤglich, daß es bloß ein großer

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316 Siege des Kreuzheeres. Darauf zog das Kreuzheer weiter und es zog fortan von Sieg zu Sieg. Waͤhrend eine Heerſchaar bei Chriſtburg in das ſuͤdliche Pogeſanien einbrach, wo der Pogeſanier Haupt⸗ mann Linko mit ſeinem Kriegsvolke die Graͤnze ſchuͤtzen wollte, aber mit dem groͤßten Theile der Seinen im Kampfe fiel, ſchlug der Markgraf Dieterich eine blutige Schlacht bei Braunsberg gegen Heinrich Monte, den Haͤuptling der Na⸗ tanger, und dann weiter ziehend eine zweite bei Branden⸗ burg, überall ſiegreich gegen die tapferen Feinde, die faſt je⸗ den Schritt des Landes, den ſie dem Gegner raͤumten, mit Blut bezeichneten. Wiſſen wir auch nichts von den einzel⸗ nen bittern Kaͤmpfen, die ſie fuͤr das Vaterland, fuͤr ihre Götter, für die Freiheit und für Haus und Herd wagten und iſt ihnen auch nicht das Gluͤck geworden, daß ihre ta⸗ pferen Thaten, die Beweiſe ihres Heldenmuthes und ihrer Begeiſterung im Buche der Geſchichte unvergeßlich geworden ſind: es zeugt ſchon von ſelbſt aufs ruhmvollſte fuͤr ihre maͤnnliche Tugend, fuͤr ihren Muth und ihre Tapferkeit, daß in den drei Schlachten ſich mehr als zwoͤlftauſend, nach an⸗ dern Berichten an zwanzigtauſend Preuſſen ſterbend fuͤr ihre Freiheit opferten ). Gleichen Muth aber und gleiche Tapfer⸗ keit entboten dem Feinde auch die Ritter und die Fuͤhrer des Kreuzheeres. Kuͤhn drang der Markgraf Dieterich bis ins Innere von Natangen ein und bei dem Orte Goͤrken ?) ges Verhau, ein ſtarker Hagen war, wie er in Samland und ſonſt oft zur Vertheidigung der Landesgraͤnzen aufgeworfen wurde und von einem ſol⸗ chen finden ſich wirklich zwiſchen Brandenburg und Heiligenbeil hie und da noch Spuren. 1) Schütz p. 38. 2) Bei Dusburg I. c. leſen wir den Ort, der hier forum, ein Marktplatz genannt wird, Cierkin. Dieſer Name iſt aber ſicherlich ver⸗ ſtuͤmmelt; der Epitomator hat keinen Namen. Jeroſchin I. c. aber nennt ihn „Gerkin “. Es iſt ohne Zweifel der jetzige Ort Goͤrken zwi⸗ ſchen den Kirchdoͤrfern Douftädt und Deren, und erinnern wir uns der religidſen Bedeutung dieſes Namens — vgl. B. I. S. 590 —, ſo wird es uns um ſo deutlicher, warum gerade hier das chriſtliche Heer ſein Lager hatte.

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Untergang der Volkshaͤuptlinge der Preuſſen. 317 lagert verheerte er von da aus die Landſchaft drei Tage lang mit Raub und Brand die Weite und die Breite. Der Schrek⸗ ken aber, der uͤberall den ſiegreichen Waffen der Chriſten vor⸗ anging, brach bald im ganzen Volke den Muth der Seelen ſo zuſammen, daß faſt nirgends mehr Widerſtand Statt fand und die Landesburgen meiſt verlaſſen und ohne Wehr daſtan⸗ den. Vom chriſtlichen Heere erobert wurden ſie theils von Grund aus vernichtet, theils zu Ordensburgen eingerichtet, ſofern ihre Lage guͤnſtig war; ſo erſtieg die Gilgenburg, da wo ſonſt ein alter Landesfuͤrſt Gellens lange ſeinen Sitz ge⸗ habt!); fo ward die alte Landesfeſte Transparn in eine neue Burg verwandelt, die nachmals Preuſſiſchmark hieß. In ſol⸗ cher Weiſe ward ein großer Theil des abtruͤnnigen Landes zum Gehorſam und zur Herrſchaft des Ordens zuruͤckgebracht. Mittlerweile aber war mildere Jahreszeit eingekehrt und Mark: graf Dieterich beſchloß die Heimkehr in ſein Land. Zuvor je⸗ doch den Orden mit Wohlthaten uͤberhaͤufend und die wich⸗ tigſten Ordenshaͤuſer reichlich mit mancherlei Beduͤrfniſſen ver⸗ ſorgend ließ er vierundzwanzig edle Juͤnglinge aus ſeinem Gebiete in die Ritterſchaft des Ordens aufnehmen und ruͤſtete ſie auf ſeine Koſten ſtattlich aus 2). Das Gluͤck aber blieb den Waffen des Ordens auch forthin noch getreu. Die Staͤrke des Geiſtes war durch den Sieg ihrer Sache in den Rittern und ihren Streitmannen in gleichem Maaße wie neugeboren und neubekraͤftigt, als in den Seelen der Beſiegten Muth und Vertrauen geſunken und gebrochen. Bald war alles umgewandelt; die tapferſten Krieger waren gefallen und mit ihnen war auch das freie Vaterland dahin. Die ſonſtige Ermuthigung und Begeiſterung war entſchwun⸗ den und ſcheu und verzagt ſtand nun das Volk da, ohne den Kampf fuͤr Freiheit und Vaterland wieder aufzunehmen, in welchem ſo viele ſich ſchon geopfert, und ohne der Fuͤhrung 1) Schütz p. 38, wo der Name Gilgenburg von Gellensburg ab: geleitet wird. Hartknoch Dissert. XIX. $ VI. p. 405. 2) Dusburg l. c. Lucas David B. IV. S. 122

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318 Untergang der Volkshaͤuptlinge der Preuffen. der Kriegsoberſten zu vertrauen, die es ſonſt ſo oft von Sieg zu Sieg gefuͤhrt. Und auch dieſe Haͤupter, des Volkes ein⸗ ſtige Befreier, wurden den Ihrigen nun bald entnommen. Zuerſt fiel Heinrich Monte. Seit der blutigen Schlacht bei Braunsberg, die ſein Kriegsheer aufgerieben und zerworfen, hielt ſich der kuͤhne, entſchloſſene und tapfere Hauptmann in einer Höhle einer dichten Waldung verborgen, mit wenigen Gefaͤhrten von Wurzeln und Kraͤutern und von erjagtem Wilde lebend, das Herz voll Schwermuth und tief darnie⸗ dergebeugt durch das Ungluͤck ſeines Volkes und Vaterlan⸗ des. Da kam aber einſt, als des Hauptmanns Gefaͤhrten ſich zur Jagd zerſtreut, ſey es durch Zufall oder auf erhal⸗ tene Kunde von Monte's verborgenem Aufenthalte, der Kom⸗ thur von Chriſtburg, Hermann von Schoͤnenberg nebſt dem Ordensritter Helwich von Goldbach und mehren Kriegsleuten herbei. Sie erkannten den Hauptmann, bemaͤchtigten ſich ſei⸗ ner, knuͤpften ihn an einem Baume auf und durchbohrten die freie Bruſt mit dem Schwerte. Jahre lang hatte der Held einen wuͤrdigeren Tod im Kampfe fuͤr die Freiheit geſucht und ſelbſt dieſes Gluͤck war ihm nicht zu Theil geworden ). Oft hatte fein kuͤhnes Kriegsſchwert die Ordensritter geſchreckt; aber nicht minder verderblich war fuͤr ſie auch ſeine Kennt⸗ niß der Deutſchen Sprache geweſen, denn nicht ſelten hatte 1) Dusburg c. 130 ſagt, die Ordensritter ſeyen ex inopinato re- rum eventu zu Monte's verborgenem Aufenthalt gekommen; ſo auch Lucas David B. IV. S. 127. Schütz p. 38 berichtet, daß die Jagd den Komthur von Chriſtburg dahin gefuͤhrt. Die Ordenschron. bei Matthaeus p. 744 fagt: Sie ſeyen mit 30 Bewaffneten in die Wildniß gezogen „ende wolden vernemen ende verhoren, wat die Na⸗ tangen begonden of bedreven.“ Von einem Verrathe des Feldherrn fin⸗ det ſich alſo wenigſtens in den Quellen nichts. Die Zeit von Monte's Tode iſt nicht genau zu ermitteln. Nur ſo viel iſt ſicher, daß ſie nicht vor dem Jahre 1273 liegen kann, denn am 8. Januar 1274 war noch Hartung Komthur von Chriſtburg und erſt nach dieſer Zeit folgte Her⸗ mann von Schoͤnenberg. Helwich von Goldbach, der uns ſpaͤter noch wichtig wird, war damals Conventsbruder in Chriſtburg; ſ. Verſchrei⸗ bungsurk. im Fol. X. p. 59.

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Untergang der Volkshaͤuptlinge der Preuſſen. 319 er die in Waͤldern und Gebuͤſch verborgenen Chriſten durch den Deutſchen Zuruf taͤuſchend uͤberfallen und erſchlagen 1). Es war faſt um dieſelbe Zeit, als auch die Ermlaͤnder ihres Haͤuptlings Glappe beraubt wurden; hier aber trieb niede⸗ rige Verraͤtherei ihr gemeines, feiles Spiel. Ein Juͤngling, Stenow genannt?), lange des tapfern Feldherrn Liebling und oft in Todesgefahr von ihm gerettet, ſeit vielen Jahren mit der zaͤrtlichſten Liebe ſeines Herrn erfreut, ward durch Erbit⸗ terung und Zorn, wir wiſſen nicht durch welche Urſachen an⸗ geregt, zu dem Gedanken hingeriſſen, durch Verrath ſeines Wohlthaͤters Untergang zu bewirken. An Samlands ſuͤdli⸗ chem Ufer, hart am friſchen Haffe, dem Hauſe Brandenburg gegenuber, lag eine Burg Konowedit ), die hier den Ein⸗ gang in die Landſchaft Samland eroͤffnete. Ihr Gewinn konnte von wichtigen Folgen ſeyn; ihr Beſitz konnte nach des Landes Geſtalt und Beſchaffenheit, wie ſie damals in jener Gegend war, die Samlaͤnder mit Ermland und Natangen naͤher verbinden und auf jede Weiſe die Burg Königsberg in Gefahr bringen. Der Juͤngling wußte den Feldherrn fuͤr dieſen Plan zu gewinnen und dieſer beſchloß, an einem be⸗ ſtimmten Tage die Burg mit einem Heerhaufen zu beſtuͤr⸗ men. Mittlerweile aber ſchlich ſich der Verraͤther zum Kom⸗ 1) Dusburg c. 162 bemerkt, daß dieſe Lift außer Monte auch noch multi alii Prutheni, qui a pueritia nutriti fuerant circa fratres, ge übt hätten. Schütz p. 88. 2) Dusburg c. 131 ſchreibt Steinow; dagegen haben der Epito⸗ mator, Jeroſchin und Schütz richtiger Stenow. Die Silbe ow in altpreuſſ. Perſonen-Namen iſt allerdings etwas ſelten; doch finden wir unter den Samland. Withingen auch einen Eytiow. Simon Gru- nau Tr. VIII. C XI. $ 3 macht den Stenow zu einem Fuͤrſten in Samland, obgleich ihn Dusburg einen subjectus Glappe's nennt. 3) Die Chroniſten nennen bei dieſer Gelegenheit die Burg nicht na⸗ mentlich, außer daß die Ordenschron. bei Matthaeus p. 745 eine Burg mit Namen Cerauwe anführt, die wir ſonſt gar nicht kennen. Die Bezeichnung der Lage der Burg aber bei Dusburg c. 131 weiſet deut⸗ lich auf Conowedit hin. Nach Henneberger S. 43 und 58 lag ſie in der Gegend von Caporn, alſo Brandenburg gegenuͤber.

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320 Unterwerfung Natangens und Ermlands. thur von Koͤnigsberg, ihm Kunde zu bringen von des Fein⸗ des Unternehmen. Da brach der Komthur am feſtgeſetzten Tage mit ſeiner ganzen Burgbeſatzung und der bewehrten Buͤrgerſchaft aus Koͤnigsberg auf und kam unvermerkt durch die Waldung in des Feindes Naͤhe; es gluͤckte ihm, den Ermlaͤndiſchen Kriegshaufen bei naͤchtlicher Weile bei der Burg zu uͤberfallen, bis auf den letzten Mann aufzureiben und den Feldherrn Glappe gefangen zu nehmen. Mit nach Koͤnigsberg gefuͤhrt, endigte auch dieſer Haͤuptling durch ei⸗ nen unwuͤrdigen Tod am Galgen auf einer Berganhoͤhe, die noch lange Zeit nachher der Glappenberg geheißen hat). In ſolcher Weiſe ihrer Fuͤhrer und Haͤupter im Kriege beraubt, durch keinen Mund mehr zum Opferkampfe fuͤr Frei⸗ heit und Vaterland ermuntert und begeiſtert und durch kei⸗ nen Helden mehr in ihren Beſtrebungen zuſammengehalten unterwarfen ſich nun die Natanger und Ermlaͤnder ſaͤmmtlich von neuem des Ordens Gebot ?), bangen Blicks in die Tage der Zukunft, wo ihnen vor kurzem noch ſo ſchoͤne Hoffnun⸗ gen gebluͤhet. Samland war ſchon laͤngſt beruhigt und ſeit Glande war kein neuer Häuptling an des Volkes Spitze ge treten. Auch das tapfere Barterland, durch die Kriegszuͤge ermuͤdet und erſchoͤpft mochte feit feines kuͤhnen Feldherrn Linko Tod keinen Kampf mehr fuͤr die Freiheit wagen, alſo daß mit dem Ende des Jahres 1273 faſt ganz Preuſſen, ſo weit es früher erobert war, dem Orden von neuem gehorchte ). Nur Pogeſanien beharrte noch im Abfalle, denn das Kriegs⸗ haupt Auctumo ſtand dort immer noch an des Volkes Spitze. 1) Zu Dusburgs Zeit hieß der Berg noch fo; ſ. c. 131. Nach Henneberger ©. 43 iſt es der jetzige Rollberg. Daß Stenow gegen Glappe wegen Entfuͤhrung ſeiner Geliebten erbittert geweſen ſey, weiß nur Simon Grunau Tr. VIII. c. XI. § 3. Lucas David B. IV. S. 128 bemerkt, daß Glappe's Tod nach Dusburgs Zeitrechnung ins Jahr 1274 falle. Die Ordenschron. bei Matthaeus p. 744 führt ſogar erſt das J. 1282 an. 2) Dusburg c. 131 bemerkt ausdruͤcklich, daß der Tod der Kriegs⸗ fuͤhrer auf die Natanger und Ermlaͤnder bedeutend eingewirkt habe. 3) Dusburg c. 165.

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Kampf in Pogefanien. 321 Feſt entſchloſſen, nur mit dem letzten Strahle der Hoffnung den Kampf fuͤr die Freiheit aufzugeben, ſtand er noch dort mit einem ſtarken Heerhaufen, brach einſt zur Nachtzeit mit ſeiner Schaar gegen Elbing heran und ließ am Morgen, den größten Theil feiner Macht in einem Hinterhalte im Walde verbergend, wenige Reiter bis unter die Mauern der Stadt hinanſprengen. Wie vermuthet brach die bewaffnete Buͤrger⸗ ſchaft auf ſie ein, ſie verfolgend und einige toͤdtend. Da ſtuͤrzte ploͤtzlich die im Hinterhalte verborgene Schaar her⸗ vor, ſchnitt den Elbingern den Ruͤckweg ab und zwang ſie, ſich in die nahe gelegene und ſtark befeſtigte Liefhards⸗Muͤhle zu fluͤchten, wo ſie ſich gegen des Feindes heftigen Anſturm Anfangs wacker vertheidigten. Aber die Kraͤfte reichten nicht aus, denn nicht wenige waren ſchwer verwundet und da die Pogeſanier zur Ergebung aufforderten, uͤberlieferten ihnen die Elbinger fuͤnfundzwanzig der Vornehmſten aus ihrer Mitte gegen das Verſprechen des freien Abzuges fuͤr die Uebrigen. Kaum aber waren die Geißel uͤbergeben, als der wortbruͤ⸗ chige Feind die Muͤhle von neuem beſtuͤrmte, ſie in Brand ſteckte und ſo die Mannſchaft aus Elbing theils durch Feuer, theils durch Schwert und Lanze bis auf den Letzten aufrieb. So groß war die Zahl der Erſchlagenen, daß, wie berichtet wird, der Fluß ſich vom Blute faͤrbte !). Schwer erzuͤrnt uͤber dieſe Frevelthat beſchloß jetzt der Landmeiſter Dieterich von Gatersleben, am Volke Pogeſa⸗ niens zum Schrecken anderer ein furchtbares Beiſpiel der Rache zu uͤben. Die Ergebung der uͤbrigen Landſchaften machte es ihm moͤglich, die ganze Streitmacht des Ordens gegen das hartnaͤckige Volk der Pogeſanier zu wenden. Mit dem Ordensmarſchall vereint brach er ins Land ein, durchzog 1) Dusbaurg c. 165. Lucas David B. IV. S. 129 — 131 ver⸗ bindet hier die Erzählung Dusburgs mit der des Simon Grunau Tr. VIII. C. VIII. $ 1, deſſen Namen und Zahlen aber eben fo we⸗ nig Glauben verdienen, als ſeine Jahresangabe 1252. Er weiß ſogar, daß die Begebenheit am S. Bartholomaͤus⸗Tag erfolgt if. Warz⸗ manns Chron. (Mſcr.) Tidemanns Chronik p. 63 (Mſcr.) III. 21

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322 Kampf in Pogefanien. daſſelbe mit Raub und Feuer von der einen Graͤnze bis zur andern unter ſchrecklicher Verheerung und Vernichtung. Al⸗ les maͤnnliche Geſchlecht, was ſich nicht gerettet, erlag dem Schwerte ohne Erbarmen; Frauen und Kinder wurden ge⸗ fangen hinweggefuͤhrt, fo daß in einigen Tagen das ganze Land faſt wie zur Einoͤde wurde. Darauf ruͤckte das Heer nach Heilsberg hinuͤber, welches die Pogeſanier bisher im⸗ mer noch in ihrer Gewalt behauptet. Die Burg wurde er⸗ ſtuͤrmt, die ganze Beſatzung gefangen und erſchlagen und ſo, — ruft der alte Landeschroniſt endlich aus, — ſo ruhte ſeit⸗ dem Preuſſen⸗Land in Ruhe und Friede 1). Es war dieſes die letzte That, welche Dieterich von Ga⸗ tersleben als Landmeiſter in Preuſſen vollbrachte ), denn ſchon zu Ende des Jahres 1273 legte er ſein Amt nieder und begab ſich, wie es ſcheint, bald darauf nach Deutſchland. In des Landes Verwaltung aber trat ſofort der bisherige Ordensmarſchall Konrad von Thierberg ein, hoͤchſtwahrſchein⸗ lich nach einer Anordnung, welche der alternde und kran⸗ kende Hochmeiſter nach Preuſſen hatte ergehen laſſen. Das Ordensmarſchall-Amt erhielt des neuen Landmeiſters Bruder, gleichfalls Konrad von Thierberg genannt, mit dem Beina⸗ men des Juͤngeren, und da der Landmeiſter bald ebenfalls zu wichtigen Verhandlungen in Verhaͤltniſſen des Ordens nach Deutſchland ging, ſo uͤbertrug er die einſtweilige Verwaltung ſeines Amtes in Stellvertretung dem Ordensmarſchall, ſei⸗ nem Bruder ). 1) „Extunc terra Pruschiae quievit in pace!“ Dusburg c. 166. Lucas David B. IV. S. 132. 2) Daß der Landmeiſter Dieterich die Unterwerfung Pogeſaniens noch ſelbſt bewirkte, ſchließen wir aus Dusburg 1. c., wo es heißt: Perturbati ergo Magister et Fratres eto. — In Preuſſen finden wir nachmals dieſen Landmeiſter nirgends wieder. Wenn er daher um dieſe Zeit nicht geſtorben iſt, fo begab er ſich ſehr wahrſcheinlich in ein Deute ſches Ordenshaus. 3) Die Chronologie iſt hier bei den Chroniſten uͤberall ſo ſchwan⸗ kend und verwirrt, daß aus ihnen fuͤr feſte und ſichere Zeitangabe durch⸗ aus kein Reſultat zu gewinnen iſt; vgl. Dusburg l. c. mit Schubert de

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Neue Erhebung des Ordens. 393 In Deutſchland aber ereigneten ſich um dieſe Zeit auch fuͤr den Deutſchen Orden manche wichtige Veraͤnderungen. Die fo betrübliche, in ſich ſelbſt zerworfene, auch für den gubernat. Boruss. p. 80 — 31. Bei Dusburg 1. c. find ohnedieß die Zahlen VII annis und anno domini MCCLxI V offenbar unrichtig, denn nach dem Epitomator und nach Jeroſchin müßte geleſen werden VI annis und a. d. MCCLXXVII. Aber auch dadurch loͤſet ſich in der Verwirrung wenig auf. Kajalowicz p. 143, der ins J. 1274 noch ei⸗ nen „Henricus Prussicis Equitibus Magister“ einſchiebt, würde das Räthfel noch vermehren, wenn nicht überhaupt ſchon feine Nachricht von dem Vertrage dieſes Meiſters Heinrich mit dem Fuͤrſten Giermond an ſich verdächtig genug wäre. Nur urkundliche Beweiſe koͤnnen die Sache ins Reine bringen. Aus Urkunden ergiebt ſich aber: 1) daß der Land⸗ meiſter Dieterich von Gatersleben ſein Amt ſchon um die Mitte Octo⸗ bers 1273 niedergelegt haben muß. Dieſes beweiſet eine am 25. Octob. 1273 von Konrad von Thierberg als „preceptor fratrum dom. Th. in Pruscia“ ausgeſtellte Verleihungsurkunde an den Preuſſen Peter über das Feldgut Teilen im Fol. X. p. 59 und XI. p. 80 und Kreutzfeld a. a. O. S. 43—44. Es iſt 2) ſchon aus dieſer Urkunde klar, daß ein anderer Konrad von Thierberg um dieſe Zeit das Amt des Lande meiſters und ein anderer das Amt des Ordensmarſchalls verwaltete, denn der Landmeiſter — Conradus dietus de Tyrberg, preceptor fra- trum dom. Th. in Pruscia — ſtellt die Urkunde ſelbſt aus und der Or⸗ densmarſchall — Conradus de Tyrberg Marschalcus — ſteht mit un: ter den Zeugen; folglich war dieſer eine vom Ausſteller des Diploms verſchiedene Perſon, was deshalb hier bemerkt wird, weil einige übers haupt um dieſe Zeit nur einen Konrad von Thierberg als Landmeiſter angenommen haben. Es geht 3) aus Urkunden auch hervor, daß Kon⸗ rad von Thierberg der Landmeiſter im Anfange des Jahres 1274 ſchon nicht mehr in Preuſſen war und ſeine Amtsverwaltung dem Ordensmar⸗ ſchall Konrad von Thierberg aufgetragen hatte. Dieſer trat daher ſeit⸗ dem zugleich als Vice⸗Landmeiſter und als Ordensmarſchall auf; fo bes zeichnet er ſich in einer Verſchreibung vom 8. Januar 1274 als Vice- magister et Marschalcus fratrum dom. Theut, im Fol. X. p. In einer Original-Urkunde des Raths- Archivs zu Thorn Cistul. III. Nr. 17, die mit dem Siegel des Ordensmarſchalls verſehen und am 5. Sept. 1274 gegeben iſt, nennt er ſich Marschalcus Pruscie et vices gerens Magistri terre eiusdem, woraus klar hervorgeht, daß die Stellvertre⸗ tung der Landmeiſterwürde und das Ordensmarſchall⸗-Amt im Laufe des Jahres 1274 verbunden waren; und haͤlt man nun daran feſt, ſo wird 21*

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324 Neue Erhebung des Ordens. Deutſchen Orden ſo unheilvolle Zeit des Interregnums war voruͤber, denn im September des Jahres 1273 hatte der edle Graf Rudolf von Habsburg den Deutſchen Koͤnigsthron beſtiegen, auch fuͤr die Deutſchen Ordensritter eine ſo erfreu⸗ liche als heilbringende Erſcheinung. Rudolf ſelbſt hatte ja vor zwanzig Jahren unter Koͤnig Ottokars Fahnen in Preuſ⸗ ſen fuͤr die Sache des Ordens und des Glaubens gefochten und ſeitdem die damals gewonnene Zuneigung zu den Rit⸗ tern vom Deutſchen Haufe treu bewahrt !). Er trug daher die Deutſche Krone auch kaum erſt einige Monate, als er ihnen den erſten Beweis ſeiner koͤniglichen Gunſt und ſeines Wohlwollens gab, indem er ſich felbft für den oberſten Sach⸗ walter und Vertheidiger des Ordens erklaͤrte, dieſem alle feine Freiheiten und Vorrechte beftätigte, alle Glieder des Ordens ſammt den Halbbruͤdern und Untergebenen deſſelben mit allem beweglichen und unbeweglichen Eigenthum in ſei⸗ nen beſondern Schutz nahm und eine namhafte Strafſumme für alle diejenigen feſtſetzte, die ſich in irgend einer Weiſe an dem Inhalte feines Schutzbriefes vergehen wuͤrden 2). Rus in Urkunden über dieſe beiden Aemter in dem bezeichneten Jahre alles klar. — Uebrigens ſagt Dusburg c. 209 ausdruͤcklich, daß dieſe beiden Konrade Bruͤder waren. 1) Wenn die Nachricht bei Naucler p. 965 auch wahr iſt, daß auf dem Wahltage zu Frankfurt auch ein Deutſcher Ordensbruder als Ge⸗ ſandter des Koͤniges Ottokar erſchien und für die Sache dieſes Königes, Rudolfs Gegner, alſo gegen Rudolfs Wahl ſprach, ſo zeigte ſich hierin keineswegs die Geſinnung des ganzen Ordens, denn offenbar war jener Geſandter ein Komthur eines Boͤhmiſchen Ordenshauſes. und wenn wirklich auch der Orden für die Wahl des Böhmifchen Königes geweſen ware, verpflichtete ihn nicht große Dankbarkeit gegen den ritterlichen Beſieger der Samlaͤnder? 2) Ein Transſumt dieſer Urkunde, datirt: Colonie a. d. 1273 XVIII Calend. Decembr. (14 Nov.) Indictione secunda, regni nostri anno primo, im geh. Arch. Schiebl. XX. Nr. 1; gedruckt in Diplo⸗ mat. Unterricht und Deduction gegen Heſſen Nr. 10 und bei Duellius Select. Privileg. Nr. XX. p. 18, wo aber XVII Calend. Decemb. als Datum angegeben iſt. Eine ſehr alte Deutſche ueberſetzung in einem Bu⸗ che des geh. Arch. betittelt: Dis ſynt die Privilegia von leyflant her.

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Neue Erhebung des Ordens. 325 dolf faßte überhaupt die Idee des Ordens weit höher auf, als die meiſten ſeiner Zeitgenoſſen. Kaiſer Friederich der Zweite und Heinrich der Sechſte ſtanden ihm hierin als Vor⸗ bild vor; wie ſie, ſo ſah auch er in dem Weſen des Ordens nicht die ritterliche Soldatenmacht und das adeliche Herren⸗ thum als das Beachtungswertheſte in der Erſcheinung des Ordens an, ſondern er griff dieſe mehr in ihrer ſittlichreligi⸗ oͤſen Bedeutung auf und erkannte hierin feine, des Deutſchen Koͤniges Pflicht, dem Orden die ganze Fulle feiner Gunſt und Zuneigung zu ſchenken, und dieſe Anſicht ſprach er auch öͤf— fentlich vor feinen Zeitgenoſſen aus ). Auch der Papſt Gregorius der Zehnte gedachte des Or⸗ dens wieder mit geneigter Geſinnung. Er ſprach jhn nicht bloß von der Verpflichtung frei, von ſeinen Einkuͤnften den auf dem eben gehaltenen Concilium zu Lion zur Befreiung des heiligen Landes auf die Einkuͤnfte der Geiſtlichkeit geleg⸗ ten Zehnten zu entrichten 2), ſondern beſtaͤtigte den Ordens⸗ rittern in Preuſſen auch insbeſondere das ſchon von den Paͤp⸗ ſten verliehene, aber oͤfter ſtreitig gemachte Vorrecht, daß ſie die Beſitzungen und die beweglichen und unbeweglichen Guͤ⸗ ter der in den Orden ſich begebenden freien Perſonen als Ei⸗ genthum annehmen und behalten duͤrften, nur mit Ausnahme der Lehnguͤter ). Und fo bewies ſich Gregorius um dieſe 1) In dem erwähnten Diplom heißt es: Eapropter non tantum in nostris armis armatis militibus seu bellorum ducibus, quantum in re- ligiosorum Deo militantium devotis intercessoribus ac aliis piis ope- ribus nostrae spei anchora figitur, coruscantis nostrae gloriae so- lium sublimius et solidius in speculam elevatur: Religiosam ilaque vitam ducentibus serenitatem nostram convenit prospicere, ipsorum commodis intendere, et incominoda instantia propellere. 2) Original der Bulle, datirt: Lugdun. XIV Calend. Nov. P. u an. III (19 Octob. 1274) im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 3 und im großen Privilegienbuche p. 49. 38) Original der Bulle, datirt: Lugdun. Calend. Februar. p. u. an. III (1 Febr. 1274) im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 7, gedruckt bei Duellius P. II. Nr. 30. p. 18. Sie iſt namentlich an den Landmeiſter

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326 Neue Erhebung des Ordens. Zeit namentlich auch gegen die Ordensritter in Preuſſen be⸗ ſonders in Rüͤckſicht der Sicherſtellung ihrer erweiterten Be⸗ ſitzungen noch auf mancherlei andere Weiſe guͤnſtig und ge⸗ neigt 1). Es hatte alſo fuͤr den Orden ſowohl in Deutſchland, als in Preuſſen eine ganz neue Zeit begonnen; eine Zeit neuer Ermuthigung und neuer Erhebung, in welcher wieder mit ſchoͤnen Hoffnungen in die Zukunft hinausgeblickt werden konnte; in Preuſſen wiederum faſt ungetruͤbtes Waffenglüͤck und Sieg und Unterwerfung; an der Spitze der Chriſtenheit abermals zwei Oberhaͤupter, die mit eben ſo liebreicher und wirkſamer Gunſt und Gewogenheit, als mit hohen Erwar⸗ tungen auf die Beſtrebungen der Ordensritter hinſahen; in und die Ordensritter in Preuſſen gerichtet und hatte alſo hier fuͤr den Orden eine beſondere Beziehung. 1) Bemerkenswerth ſind in dieſer Hinſicht noch zwei Bullen dieſes Papſtes, an den Landmeiſter und die Ritter in Preuſſen gerichtet. Der Orden muß es in feinem Verhältniffe zum Herzog Miſtwin von Pom⸗ mern für nöthig gefunden haben, ſich wegen des Beſitzes der Inſel Zan⸗ tir durch eine paͤpſtl. Bulle ſicher zu ſtellen; denn in der einen Bulle heißt es: Exhibita nobis vestra petitio continebat, quod cum olim inter vos ex una parte, et Nobilem virum Samborium Ducem Po- meranie ex altera super Insula de Zantir infra Nogath et Wizlam coram felicis recordacionis Urbano papa III predecessore nostro, tune Leodiensi Archidiacono in partibus illis apostolice sedis Legato fuisset diutins litigatum, tandem inter partes mediante dieto Legato et quibusdam alıis bonis viris amicabilis super dieta Insula compo- sitio intervenit, prout in litteris inde confectis plenius dieitur con- tineri. Dieſen Vertrag beſtaͤtigt nun der Papſt kraft dieſer Bulle, de⸗ ren Datum ift: Lugdun. Non. Februar. p. n. an. III (5 Febr. 1274) im Original im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 8. — Durch die andere Bulle vom naͤmlichen Datum erfahren wir, daß dem Orden in Preuſſen bone memorie Wolotslaus Dux Polonie cupiens terrena in celostia ſelici commercio conmutare, Quingentos Mansos circa Stagnum His- bitsma necnon et alia Stagna ill adjacentia et fluvium nomine Pyla ex eodem Stagno Hisbitsme fluentem ad eum spectantia cum omni- bus libertatibus et immunitatibus ac iuribus et pertinentiis contulit intuitu pietatis. Der Papſt beftätigt die Schenkung. Das Original im geh. Arch. Schiebl. VI. Nr. 9.

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Tod des Hochmeiſters. 327 den Rittern ſelbſt neuer Muth, neues Vertrauen auf die Sache ihres Ordens, neue Zuverſicht auf Glück und Gedei⸗ hen. Und in dieſer Zeit gerade — das war die andere für den Orden wichtige Veränderung — ſtarb zu Trier am ach: ten Juli des Jahres 1274 der alte wuͤrdige Hochmeiſter des Ordens Anno von Sangerhauſen, nachdem er ſiebzehn Jahre hindurch als Haupt des Ordens dageſtanden ) und feinen Bruͤdern wie der Welt als ein Mann bekannt geworden war, der manche loͤbliche Eigenſchaften und Tugenden in ſich vereinigte und nicht weniger durch Klugheit, Umſicht und Welterfahrung hervorglaͤnzte, als durch Froͤmmigkeit, rechtli⸗ chen Wandel, ſtrenge Beobachtung ſeiner Ordenspflichten und unermuͤdliche Thaͤtigkeit für feines Ordens Heil und Gedei⸗ hen feinen Brüdern Beiſpiel und Muſter war ?). Hoͤchſtwahrſcheinlich zu Marburg, wo der verſtorbene Hochmeiſter zur Ruhe beigeſetzt wurde ), erſchienen bald nach Anno's Tod die oberſten Gebietiger des Ordens, Gerhard 1) Ueber die Zeit des Todes dieſes Hochmeiſters ſtimmt Dusburg c. 113 mit dem Liber Auniversar. bei Bachem g. a. O. S. 24 und De Wal Recherches T. II. p. 248 völlig überein; vgl. Lucas Da⸗ vid B. V. ©. 2. Der IX Idus Juli, welchen Henneberger p. 871 als Todestag angiebt, iſt ein ſichtbarer Fehler. Eben ſo ſind die Jahre 1273 und 1275, welche bei Lucas David a. a. O., in der Ordenschron. bei Matthaeus p. 743 und Schütz p. 38 zu finden, un- richtig. Daß Anno zu Trier geſtorben ſey, erwaͤhnen Hennneber⸗ ger a. a. O., Schütz L c. u. a. Seine Regierungszeit dehnt Lin⸗ denblatt S. 360 nur auf zwölf Jahre aus, da er feine Wahl erſt im J. 1263 erfolgen läßt. Wir haben aber fruher das Irrige dieſer Angabe ſchon eroͤrtert. 2) Vgl. Dusburg c. 118. Henneberger p. 371. Die Ordeus⸗ chron. S. 48 (Mſcr.) ſagt von ihm: „Reglret yu großen Ehren, geifllicher Zucht, er was ein ſere weyſer, ſinnſchicklicher man, eyne herliche per ſon.“ Die Ordenschron. bei Matthacus p. 736 fügt hinzu: „ende tot des lants behoef had hy die Pruyſſengers ſeer onder dwanck myt ſynen broederen. Ende dat lant von Pruyſſen ende dat lant von Lyflant nam ſeer toe by ſynre tyt.“ 3) Ordenschron. S. 48, bei Matihaeus p. 743. De Wal Histoire de P'Ord. Teut. T. II. p. 137.

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328 Der Hochmeiſter Hartmann von Heldrungen. von Hirzberg !), der Deutſchmeiſter und Konrad von Thier⸗ berg, der Landmeiſter von Preuſſen und andere zum Wahl⸗ kapitel und die Kur des neuen Hochmeiſters fiel auf den um den Orden vielverdienten Ordensritter Hartmann von Hel⸗ drungen aus Thuͤringen, den Freund des einſtigen Hochmei⸗ ſters Konrad von Thuͤringen, mit dem er gerade vor vierzig Jahren die Weihe des Ordens erhalten hatte. Schon hoch⸗ betagt, nach einigen ſchon in einem Alter von mehren acht⸗ zig Jahren hatte er die großen Zeiten Hermanns von Salza, Konrads von Thuͤringen und Heinrichs von Hohenlohe vor Augen; aber er hatte auch die trüben und ungluͤcklichen Zei⸗ ten Anno's von Sangerhauſen geſehen und ſieben Hochmei⸗ ſter waren vor ihm voruͤbergegangen 2). Einer der aͤlteſten der Brüder im ganzen Orden kannte er deſſen Verhältniffe nicht bloß im Morgenlande, wo er zu Akkon eine Zeitlang die Wuͤrde des Großkomthurs als Statthalter des Hochmei⸗ ſters verwaltet), ſondern auch in Deutſchland, Italien, Preuſſen und Livland, wo er überall in die Ereigniſſe der Zeit felbftthätig eingewirkt hatte, wie kein anderer feiner Or⸗ densbruͤder. Eine reiche Erfahrung lag in ſeinem Geiſte und 1) Nach einer von De Wal Recherches T. II. p. 230 und 364 erwähnten Urkunde Gerhards von Hirzberg war dieſer am 2. Maͤrz 1274 ſchon Deutſchmeiſter und Statthalter des Hochmeiſters; er befand ſich damals zu Marburg. 2) Es ſcheint nicht, daß Hartmann um die Zeit ſeiner Wahl ir⸗ gend ein Ordensamt verwaltet habe; wenigſtens finden wir ihn in einer Urkunde vom J. 1268 nur ſchlechthin frater domus Theutunice unter den Zeugen genannt; ſ. Heſſe Geſchichte des Schloſſes Rothenburg S. 438. 3) Wir erſehen dieſes aus De Wal Recherches T. I. p. 315, wo es heißt: Dans une sentence arbitrale prononcée à Acre en 1262, par laquelle ’Eveque de Bethléem, le Grand- Corumandeur de l'Ordre Teutonique Hartman de Heldrungen et d'autres arbitres terminèrent quelques difficultés qu'avolent les Hospitaliers de St. Jean et les Templiers, Heldrungen et nommé Lieutenant du Grand- Maitre au Royaume de Jerusalem ... Cod. diplom. di Malt. T. I. D. 177.

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Konrad von Thierberg. 329 an Biederfeit und Adel der Geſinnung und in demuͤthiger Gottesfurcht im Sinne ſeiner Zeit konnte er ſchwerlich uͤber⸗ troffen werden ). Ueberzeugt, daß er durch feine reichen Verbindungen und Bekanntſchaften mit dem Adel, der Rit⸗ terſchaft und den Fuͤrſtenhaͤuſern in Deutſchland am wohl⸗ thaͤtigſten für feinen Orden wirken könne, hielt er ſich meiſt im Vaterlande auf, um da die Theilnahme an den Verhaͤlt⸗ niſſen des Ordens beſonders in Preuſſen immer rege und le⸗ bendig zu erhalten. Und hiebei ſtand ihm der Deutſchmei⸗ ſter Gerhard von Hirzberg, der ehemalige Landmeiſter von Preuſſen, um ſo thaͤtiger zur Seite, da auch er die Lage und Beduͤrfniſſe des Ordens in dieſem Lande aufs genaueſte kannte 2). Sonach hatten ſich in Deutſchland im Laufe des Jahres 1274 die Verhaͤltniſſe des Ordens aller Seits ſo guͤn⸗ ſtig geſtaltet, daß fuͤr Preuſſen auch von dorther hoͤhere Hoff⸗ nungen erwachen durften. Mittlerweile fuͤhrte hier, wie erwaͤhnt, der Ordensmar⸗ ſchall Konrad von Thierberg der Juͤngere des Landes Ver⸗ waltung. Friedliche Beſchaͤftigungen wechſelten auch bei ihm mit Kampf und Krieg. Nicht allein mit Eifer bemuͤht, die von ihren Bewohnern verlaſſenen Gebiete durch Herbeiziehung und Gewinnung neuer Anſiedler wieder zu bevoͤlkern und durch Beguͤnſtigungen auch die zum Gehorſam zuruͤckgekehr⸗ ten Preuſſen wieder an die ſtille und friedliche Arbeit des Ackerbaues zu gewöhnen), wandte er feine Aufmerkſamkeit 1) Ordenschron. S. 54, bei Matthaeus p. 744. Henneberger p. 371. 2) Gerhard befand ſich im Anfange des Maͤrz 1274 zu Marburg; ſ. Keliner Antiquit. Quedlinb. p. 344. Acta Academ. Palat. T. II. p. 26, wo er ſich in einer Urkunde preceptor fratrum domus Theut. per Allemanniam, gerens vices magistri generalis nennt; alſo war im Anfange des Maͤrz der neue Hochmeiſter noch nicht gewählt; aber es wird auch hieraus noch wahrſcheinlicher, daß eben um dieſe Zeit die neue Wahlverſammlung zu Marburg erfolgen ſollte. Nach einer ur⸗ kunde in Cullen! Sylloge diplom. Nr. 144. p. 264 war Gerhard auch im Maͤrz 1277 noch Deutſchmeiſter. 3) Davon zeugen die von dem Ordensmarſchall Konrad von Thier⸗

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330 Konrad von Thierberg. und Thuͤtigkeit, ſo viel die Zeit geſtattete, auch auf die Er⸗ hebung der Staͤdte, auf Foͤrderung und Belebung des buͤr⸗ gerlichen Verkehres und uͤberhaupt auf die Begruͤndung ei⸗ nes kraͤftigthaͤtigen Buͤrgerlebens im Schutze des Friedens und unter Gehorſam und Geſetz Beweiſe ſolcher Fuͤrſorge für die Befoͤrderung des ſtaͤdtiſchen Betriebes erhielt z. B. Thorn; denn er bewilligte der Stadt nicht nur nach der Einrichtung Deutſcher Staͤdte die Anlage von Kaufladen und Brodbaͤn⸗ ken *), ſondern um das Umſatzmittel des Verkehres, das Geld in feinem Gewichte und Werth zu erhalten, kamen die Buͤr⸗ ger mit dem Landmeiſter darin uͤberein, daß niemand in Thorn Silber einſchmelzen ſolle, den der Orden dazu nicht beſonders bevollmaͤchtigt und daß wer Silber ſo einſchmelzen laſſe, daß die Mark ſo weiß als ein Vierdung ſey, von jeg⸗ licher ſolcher Mark die Summe von ſechs Denaren und wenn ſie ſchwaͤrzer ſey als eine Vierdung, von jeder Mark acht Denare erlegen ſolle; zudem ward beſtimmt, daß jeder Ein⸗ ſchmelzer das gereinigte Silber auch mit ſeinem Zeichen ver⸗ ſehe und dafür verantwortlich ſey 2). berg ausgeſtellten zahlreicheu Verſchreibungen; z. B. Fol. X. p. 71, wo die beiden alten Preuſſen Gastame und Luchymere das Feld Bi- gedis und den dritten Theil des Feldes Sparrach mit der niedern Ge⸗ richtsbarkeit und von der hoͤheren den dritten Theil erhalten. 1) Vergl. Huͤllmann Staͤdteweſen des Mittelalters B. I. S. 304 — 305. 2) Man ſehe folgende Stelle aus der Urkunde als eine Graänzung zu dem an, was Huͤllmann a. a. O. S. 401 ff. vom Geldweſen des Mitlelalters ſagt: Elegerunt quoque quod nullus in sepedicta civi- tate argentum comburat, nisi quem poluerint ad hoc fratres nustri. Quotquot autem Marcas aliquis comburenti presentaverit, ita quod quevis Marca fertone sit alba vel albior, de qualibet talium Mar- carum dabit precium sex denariorum. Quecunque autem Marca ni- grior fuerit quam predietum est, de illa denarios dabit octo. Ve- runitamen si aliquis comburentem rogaverit, quod sibi purum faciat argentum, illud purificatum comburens suo signaculo consignabit, et si postea purum deprehensum fuerit non esse, comburens pro collo proprio respondebit. Es ift ſichtbar von ungemuͤnztem Silber die Rede,

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Aufbau von Marienburg. 331 Damals geſchah es auch, daß Konrad von Thierberg ohne Zweifel im Auftrage des Landmeiſters theils zur Befoͤr⸗ derung des inneren Betriebes im Lande, theils zur Sicherheit bei feindlichen Einfaͤllen, theils vorzuͤglich auch zu beſſerer Verſorgung der noͤrdlichen Ordenshaͤuſer den Aufbau einer Burg begann, welche nachmals auf Preuſſens Schickſale und auf die Wichtigkeit und Bedeutung des Ordensſtaates fuͤr den ganzen Norden von unendlich reichen Folgen geworden iſt. Es war die Marienburg, bald die Koͤnigin der Burgen, die in den Jahren 1274 und 1275 ihr Daſeyn erhielt. Aber ſie erſtand nicht ſogleich in dem vollen Glanze, in dem fie nach: mals ſo herrlich prangte; denn bei ihrer Gruͤndung lag dem Ordensgebietiger wohl allerdings nur die Erfahrung aus den Ereigniſſen der verfloſſenen ſtuͤrmiſchen Kriegsjahre und nur der naͤhere Zweck in Beziehung auf des Landes Sicherheit und auf die Befeſtigung der in ihm aufgerichteten Ordens⸗ herrſchaft vor Augen. Jenen wichtigen Waſſerweg, der ſeit der erſten Gewinnung des Landes dem Orden immer wie ein foͤrdernder Gehuͤlfe zur Seite geſtanden und im Eroberungsplane der Ritter ſtets den leitenden Faden gebildet hatte, den Weich⸗ ſel⸗Strom deckten nun ſchon die Burgen Thorn, Althaus, das feſte Kulm, weiter herab Graudenz und Marienwerder oben von Polens Graͤnze an bis nach Pomeſanien herein. Die Nogat da⸗ gegen, obgleich durch ſie gerade die Berbindung mit Elbing und durch das friſche Haff auch mit Balga, Brandenburg, Kö: nigsberg und Samland durch die Natur ſchon vorgezeichnet war, hatte bis jetzt an ihren Ufern noch keine einzige Burg zu ihrer Schutzwehr, denn die Wehrburg Fiſchau lag doch womit die Zahlungen geſchahen. Eine Marca alba hieß eben ſo wie argentum album eigentliches Silbergeld, dagegen Marca nigra wie ar- gentum nigrum Kupfergeld. War alſo eine marca nigrior ſertone, ſo war das Silber der Mark nicht mehr fo rein und vollldthig als das eines Vierdungs, ſondern mehr mit Kupfer verſetzt. — Die Urkunde, datirt: In Thorun a. d. 1274 Nonis Septemb., befindet ſich im Ori⸗ ginal im Rathsarchiv zu Thorn Cist. III. Nr. 17.

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332 Aufbau der Marienburg. für dieſen Zweck zu tief im Lande. Da begann Konrad von Thierberg auf dem Uferberge der Nogat, der ſich ſiebenzig bis hundert Fuß uͤber das Strombette erhebt, da wo das Doͤrflein Alyem lag und der Fluß durch ſeine Biegung von Weſten nach Oſten ſchon von ſelbſt die natuͤrliche Schutzwehr für das naͤchſte Land bildet, um dieſe Zeit jene Burg zu er bauen, die der heiligen Jungfrau geweiht die Marienburg genannt wurde !).“ In wenigen Jahren fand fie ſchon voll: endet da und der Ordensritter Heinrich von Wilnowe oder Wilnau, aus der Gegend von Mainz gebuͤrtig?) und mehre Jahre ſchon Ordensbruder im Convent zu Elbing ) ward zum erſten Komthur des neuen wichtigen Hauſes erhoben. Das Dörflein Alyem aber flieg bald darauf zur Stadt em⸗ por, nach dem Namen der ſchuͤtzenden Burg ebenfalls Mari⸗ enburg genannt. Die Wichtigkeit der neuen Burg und die Weisheit in ihrer Gruͤndung bewaͤhrte ſich ſchon nach wenigen Jahren. Mit dieſen friedlichen Beſtrebungen der Ordensgebietiger wech⸗ ſelte naͤmlich auch immer fort noch der Sturm des Krieges. Durch Bartiens Unterwerfung waren die Waffen des Ordens und mit ihnen Geſetze und Gehorſam bis an die Graͤnze Su⸗ dauens gegangen. Aber das fo raubſuͤchtige als freiheitslu⸗ 1) Vgl. meine Geſchichte Marienburgs S. 21 — 22. Die Ordens⸗ chron. bei Matthaeus p. 744 ſagt: Das Haus ſey fo genannt worden „nae onſer Liever Vrouwen, die Matroneſſe ende Hoiftvrouwe von der Oirden is.“ 2) Das gräfliche Geſchlecht von Wilnowe oder Wilnau kommt im Gebiete von Mainz im 13. Jahrhund. haͤuſig vor. Sehr oft erwaͤhnt finden wir auch um dieſe Zeit eines Henricus de Wilenowe in Guden. Cod. diplom. T. I. p. 675. 682. 761. T. II. p. 183. 148. T. IV. p. 988. Die Familie ſcheint ſich aber auch in die Gegend von Eiſenach verzweigt zu haben; ſ. Lambert. Schaffnab. Addit. ap. Pistor. T. I. p. 457. Historia de Lantgrav. Thuring. ibid. p. 1337. Chron. Thu- ring. ap. Mencken. T. II. p. 1768. 3) Verſchreibungsurk. im J. 1271 im Fol. X. p. 87, wo er als rater Henr. de Willinhow in Elbing vorkommt. Dog iel T. IV. Nr. 37. p. 31.

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Kämpfe mit den Sudauern. 333 ſtige Volk dieſes Landes erſchrack und erzuͤrnte Über die ſchnelle Ergebung der nachbarlichen Gebiete, die es ſo lange in ih⸗ rem Kampfe gegen den Orden unterſtuͤtzt hatte, denn im Barterlande war allerdings die Vormauer Sudauens in des Feindes Gewalt gefallen. Es galt alſo den Verſuch, ihm dieſe Landſchaft wieder zu entreißen. Es wurde gewagt. Ein großes Heer von Sudauern ſtuͤrmte ploͤtzlich und unvermuthet nach Bartien ein, ohne Widerſtand vordringend bis an die Graͤnzburg Bartenſtein, welche der Orden vielleicht aus Man⸗ gel an noͤthiger Beſatzung den Bartern zur Vertheidigung uͤbergeben. So ward ſie leicht vom Feinde erſtuͤrmt und aufgebrannt und die Mannſchaft meiſt erſchlagen und gefan⸗ gen !). Das Gluͤck lockte bald zu einem zweiten Verſuche. Es brach ein neuer Schwarm von Sudauern, Nadrauern und Schalauern in noch weit groͤßerer Zahl gegen die noͤrd⸗ lich von Bartenſtein, am Kertener-Walde gelegene Burg Beſelede ?), den Sitz eines Edlen hervor, fie zu erſtuͤrmen. Hier fand der Feind lange Zeit den tapferſten Widerſtand. Doch in Beſorgniß, daß eine laͤngere Belagerung den Fall der Burg endlich doch bewirken moͤge, trat eines Tags eine edle Frau, Nomeda war ihr Name, die Mutter des edlen Posdraupote aus dem Geſchlechte der Monteminer, unter den Burgleuten auf. „Ich bedauere es, rief ſie ihren Soͤhnen zu, euch an meiner Bruſt getragen zu haben, da ihr es nicht einmal wagen wollt, mein Leben und euer Volk gegen den Feind im offenen Kampfe zu vertheidigen.“ Darauf ermun⸗ terte ſie die Beſatzung zur tapferſten Gegenwehr und das Wort der hochſinnigen Mutter ging allen, die es hoͤrten, tief in die Seele. Es ward beſchloſſen, dem Feinde im freien Kampfe zu begegnen; man ſtuͤrmte aus der Burg auf ihn ein; es kam zur blutigen Schlacht und in wenigen Stun⸗ den war der Sieg errungen, denn uͤber zweitauſend Heiden 1) Dusburg c. 168. Lucas David B. IV. S. 133. Schütz p. 38. 2) Vgl. uͤber ihre Lage oben B. I. S. 490.

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334 Kaͤmpfe in Nadrauen. lagen auf dem Kampfplatze ). So war die Burg Beſelede gerettet und unter ihrem Schutze gelang es den Ordensrit⸗ tern, auch die Burg Bartenſtein bald nachher wieder auf⸗ zubauen. So hatte die Erfahrung dieſer Tage von neuem bewie⸗ ſen, daß nie Friede zu gewinnen ſey, ſo lange auch nur in den wenigen Ueberreſten in den erwaͤhnten Landen das alte Leben des Heidenthums noch fortbeſtehe, und es war aber⸗ mals die Ueberzeugung befeſtigt, daß nur auf dem Grabe dieſes Lebens das neugepflanzte gluͤcklich emporwachſen und zur Bluͤthe gedeihen koͤnne. Für feine Vernichtung ſprach zudem ſchon die Geſchichte von faſt funfzehn Jahren warnend und mahnend, und das Geſetz und die Beſtimmung und Pflicht des Ordens gebot es unerlaͤßlich, daß das Heiden⸗ volk, der Feind der Kirche und der Chriſtenheit bekaͤmpft, vertilgt und zertreten werden ſolle 2), bis die letzte Wurzel des alten wilden Stammes erſtorben und verdorrt ſey. Der Kampf durfte alſo nicht ruhen, auch wenn der Feind geru⸗ het haͤtte. Im Oſten Samlands war das Volk der Nadrauer das naͤchſte, dem der Kampf gelten mußte und ſeine Bezwingung ſchien um ſo leichter, da ſich ſeit Tirsko's, des Burghaupt⸗ manns von Wehlau Bekehrung mit allen den Seinen, mehre durch Macht und Anſehen ausgezeichnete edle Nadrauer mit ihren Familien dem Orden zugewandt hatten und durch die 1) Dusburg c. 169. Eucas David B. IV. S. 134. Schütz p. 38. — Simon Grunau Tr. VIII. c. 9, $ 2 weiß, daß Beſelede in Ga⸗ lindien lag, daß Nomeda eine Wittwe und Heinrich Monte's leibliche Schweſter war, daß ihr Mann Feluto geheißen, fie vier Söhne hatte u. ſ. w., 2) Darüber ſpricht ſich die Vorrede der Ordens⸗ Statuten ſehr be⸗ ſtimmt aus; vgl. Ordens⸗Statute v. Hennig S. 35. Auch Dushurg c. 170 giebt dieß bei dieſer Gelegenheit durch die Worte zu verſtehen: Magister et fratres soliciti ad dilatandum terminos Christianorum contra gentem Nadrowitarum arma bellica paraverunt. Beſonders oft aber wird dieſe Beſtimmung des Ordens in den paͤpſtlichen Bullen ausgeſprochen.

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Kämpfe in Nadrauen. 335 Taufe geweiht ſeine Sache in aller Weiſe eifrig en Auf ihre getreue Mithilfe und kluge Führung vertrauend und nicht unbekannt mit dem Mangel aller Einheit im Volke und mit der Huͤlfloſigkeit des Landes durch den Abfall jener Vor⸗ nehmeren, die ſonſt dem Volke als Haͤupter vorgeſtanden, fandte der Statthalter Konrad von Thierberg 1) den kuͤhnen und tapfern Vogt von Samland Dieterich von Liedelau ?) mit einem anſehnlichen Kriegshaufen ins Nadrauiſche Gebiet. Die ſchwerſte Verheerung traf zunaͤchſt die Gegend um Re⸗ how am Alle- Fluß, wo nach manchen hartnaͤckigen Kaͤm⸗ pfen zwei Landesburgen erſtuͤrmt, durchpluͤndert und niederge⸗ brannt wurden. Unſaͤglich war die Beute an Roſſen, Vieh und andern Dingen, die man aus dem Lande hinwegfuͤhrte. Zwar hatte auch der Vogt bedeutend an ſeiner Mannſchaft gelitten; allein er wiederholte bald darauf dennoch den Zug von neuem und drang mit ſeiner Schaar, in welcher vor al⸗ len 150 gewappnete Reiter hervorglaͤnzten, bis in das Ge⸗ biet von Kathau vor, wo am Piſſa-Fluſſe die Burg Otho⸗ lichien lag). Man ſchritt ſofort zur Belagerung und die 1) Dusburg c. 171 nennt hier zwar den Konrad von Thierberg Magister und man koͤnnte demnach meinen, daß hier wieder Konrad von Thierberg der Aeltere oder der Landmeiſter handelnd auftrete. Allein der Text von Hartknoch iſt hier wieder nicht ganz vollftändig, denn nicht bloß der Epitomator ſagt ausdruͤcktich: Conradus de Thirberg tenens locum magisiri in Prussia, ſondern auch Jeroſchin muß fo geleſen haben; er uͤberſetzt: „Von Tirberg Brudir Conrad Der do hilt des Meiſtirs Stat Zu Pruzin in dem lande. Sonach muß wohl auch dieſer Angriff auf Nadrauen noch in den Win⸗ ter 1274 bis 1275 fallen, wo Konrad von Thierberg der Aeltere noch nicht wieder im Lande war. 2) Das adeliche Geſchlecht dieſes Ritters geht bis ins 11. Jahr- hundert hinauf; man ſindet es fruͤh im Altenburgiſchen, dann auch in Schleſien und Boͤhmen. 3) Es iſt oben B. I. S. 500 ſchon die Vermuthung aufgeſtellt worden, daß das Gebiet Kathau höchft wahrſcheinlich die Gegend nord⸗

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336 Nadrauens Eroberung. Wehrmannſchaft der Burg leiſtete Anfangs einigen Wider⸗ ſtand; allein die Nachricht von der blutigen Erſtürmung der beiden Burgen im Gebiete Rechow hatte ſie ſo entmuthigt und verzagt gemacht, daß fie im Kampfe bald überwältigt, die Maͤnner ſaͤmmtlich erſchlagen, Frauen und Kinder gefan⸗ gen hinweggeführt und die Burg von Grund aus zerftört wurde ). Mittlerweile aber war der Landmeiſter Konrad von Thier⸗ berg im Jahre 1275 nach Preuſſen zuruͤckgekehrt?) und ihm war es nun vorbehalten, Nadrauens Eroberung zu vollenden. Mit einer ſtarken Heerſchaar, aus den unterworfenen Landen geſammelt, brach er nun ſelbſt in Nadrauen ein 2). Brand und Verheerung bezeichneten weit und breit ſeinen Weg. Aber ſcheu und eingeſchreckt wich das Landvolk überall in die dun⸗ kelen Wälder zuruͤck und da auch keine bedeutende Burg ſei⸗ nen Fortzug hinderte, ſo drang er gen Oſten vor bis an die Bergfeſte Kaminiswike am Kamswikus⸗Berge, da wo jetzt unfern Inſterburg liegt). Die Sage erhebt fie zum Wohn⸗ ſitze des Landesfuͤrſten oder des Reiks von Nadrauen. Zur Zeit bildeten zweihundert wohlgeruͤſtete und tapfere Kriegs⸗ oͤſtlich von Gumbinnen war, wo der Berg und das Dorf Kattenau lie⸗ gen. Vgl. Henneberger S. 331. 1) Dusburg o. 172. Lucas David B. V. S. 3. 2) Wir finden ihn nach urkundlichen Angaben am 17. Januar 1276 in Thorn. 3) Daß der Landmeiſter ſelbſt dieſen Kriegszug nach Nadrauen un⸗ ternahm, ſagt Dusburg c. 173 und noch beſtimmter der Epitomator: Magister personaliter pertransit terram etc. Auch beweiſen die bei Crichton Urk. zur Preuſſ. Geſchichte S. 4 angeführte Urkunde und einige Verſchreibungen aus dem Jahre 1275, daß Konrad von Thier⸗ berg der Landmeiſter im Laufe dieſes Jahres wieder im Lande war, denn nun heißt in dieſen Urkunden der Titel immer wieder: Magister Hospi- tal. S. M. Th. in Prussia. So ſteht er namentlich auch in einer Ver⸗ ſchreibungsurkunde an den Preuſſen Podage vom 17. Febr. 1276, wo unter den Zeugen Konrad von Thierberg der Juͤngere wieder bloß als Ordensmarſchall erſcheint. 4) Vgl. oben B. I. S. 500 — 501.

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Nadrauens Eroberung. 337 leute ihre Beſatzung. Sie ward vom Landmeiſter rings um⸗ lagert und es erhob ſich ein langer und hartnaͤckiger Kampf zwiſchen den Heiden und Chriſten. Doch endlich wurde auch ſie, die Hauptfeſte des Landes, von den letztern erſtuͤrmt, mit reichem Gewinne durchpluͤndert und dem Boden gleich gemacht!). Und hiemit war zugleich auch ſchon die ganze Landſchaft für die Herrſchaft des Ordens gewonnen, denn galt es hie und da wohl auch noch manche einzelne Fehden und leiſtete auch noch manche Wehrburg und mancher zuſam⸗ mengeraffte Kriegshaufe einzelner Haͤuptlinge noch einigen Widerſtand, ſo ſehlte es dem Volke doch uͤberall an Haltung und an Einheit, es fehlte an entſchloſſenen und tapfern Fuͤh⸗ rern, welche die Volkskraft hatten auf feſte Ziele richten und zuſammenfaſſen koͤnnen. So ging nun hier das Ordensge⸗ biet oſtwaͤrts ſchon vor bis an die Graͤnzen Samaitenlands und Litthauens. Gewonnen hatte freilich der Orden wenig mehr als ein faſt zur Wuͤſte umgewandeltes Land; Raub und Brand hatten allen Wohlſtand vernichtet; viele der Bes wohner waren erſchlagen und Schaaren von Frauen und Kin⸗ dern hatte man aus der Heimat hinweggefuͤhrt und in an⸗ dere Gegenden verfeßt. Eine bedeutende Anzahl Nadrauer flüchtete nach Litthauen, wo der Großfuͤrſt fie gerne aufneh- mend die Städte Slonim und Grodno mit ihnen bevoͤlkerte 2). So war es gekommen, daß ſelbſt nach funfzig Jahren das Nadrauerland von dieſer Veroͤdung und Verwuͤſtung ſich noch nicht wieder erholt hatte 3). Nadrauens Eroberung aber wuͤrde ſonder Zweifel nicht fo bald gelungen ſeyn, hätte der Orden nicht zu gleicher Zeit, um eine Huͤlfsverbindung der Nachbarvoͤlker zu hindern, auch die Schalauer in ihrem eigenen Lande mit Krieg heimgeſucht *). 1) Dusburg c. 173. Lucas David B. V. S. 4. Schütz p. 39. 2) Karamſin V. IV. S. 102. Dusburg c. 174. 3) Dusburg I. c. ſagt noch von feiner Zeit: Terra Nadroviae us- que in praesentem diem remanet desolata. 4) Dushurg c. 175 bemerkt ausdrücklich, quod aliqua, quae se- quuntur, gesta ſuerant ãHπα,j bellum Nadrovitarum. III. 2

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338 Kämpfe in Schalauen. Waͤhrend naͤmlich der Landmeiſter den Kriegszug gegen Na: drauen ſelbſt leitete, begab ſich auf feinen Befehl jener kriegs⸗ tapfere Vogt von Samland Dieterich von Liedelau mit einer Schaar von tauſend im Belagerungskriege beſonders geuͤbten Streitern und einer Anzahl Ordensritter zu Schiff auf dem Memel⸗Strome ins Schalauerland hinauf. Da wo jetzt Rag⸗ nit hart am Strome liegt, ſtand eine alte Heiden-Burg, die einſt ſchon von den Ruſſen oder Litthauern einmal belagert worden war!). Unvermuthet vor ihr erſcheinend begann Die terich ſofort durch angelegte Sturmleitern die Beſtuͤrmung. Vergebens leiſtete die Burgbeſatzung auf den Mauern Widerſtand, denn die Bogenſchuͤtzen im Ordensheere trie⸗ ben ſie ſtets mit Macht zurück und da nun endlich die Belagerer zu gleicher Zeit uͤber die Mauern und durch das Thor in die Burg eindrangen, ſo ward die ganze Be⸗ ſatzung, obgleich ſie an Zahl weit ſtaͤrker war als des Vogts Streitmacht, bis auf den letzten Mann erſchlagen und nur Frauen und Kinder verſchonte das Schwert, um ſie dem ungluͤcklichen Schickſale der Gefangenſchaft hinzugeben. Die Burg aber und alles, was an Gebaͤuden umher ſtand, ward auögeplündert und durch Feuer vertilgt?). Durch Gluͤck er: muthigt ſetzte hierauf Dieterich von Liedelau ſeine Schaar auch auf das andere Stromufer uͤber, wo die Burg Nagnit lag; auch dieſe wurde genommen und der Erde gleich ge macht *). 1) Dieſen Umftand berührt Dushurg c. 176 nur beilaͤufig, ohne Anlaß und Urſache anzugeben. Er ſetzt dieſe Belagerung neun Jahre vor die Ankunft des Ordens in Preuſſen, eine Zeit, welche für dieſe Gegenden freilich völlig dunkel vor uns liegt. Andere Quellen wiſſen von dieſer Sache gar nichts. Hoͤchſtwahrſcheinlich war es ein bloßer Raubeinfall öftlicher Voͤlker geweſen. Vgl. Lucas David B. V. S. 5. 2) Dusburg c. 177. Lucas David B. V. S. 7-8. Schütz p. 39 giebt die Burgbeſatzung auf 2000 Mann an. 3) Es iſt oben B. I. S. 509 ſchon erwähnt worden, daß der Name dieſer Burg Ramige, wie ihn Dushurg c. 178 hat, verſtuͤmmelt ift und Ragnite oder Ragnita heißen muß. Schütz I. c. Nach dem Epi⸗ tomator geſchah die Erſtuͤrmung der Burg Ragnit noch am nämlichen

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Kämpfe in Schalauen. 339 Das ganze Volk der Schalauer war tief ergriffen und ergrimmt uͤber dieſen Frevel an ſeinem Lande und die Stamm⸗ älteften traten in Berathung, wie an dem Feinde Rache zu uͤben ſey. Da brachen auf ihren Befehl vierhundert auser⸗ waͤhlte, entſchloſſene und kuͤhne Krieger gegen die Ordens⸗ burg Labegau — jetzt Labiau — am ſuͤdlichen Ufer des Ku⸗ riſchen Haffes auf. Keiner ahnete hier des Feindes Nahe und alles war noch dem Schlafe hingegeben, als die feindli⸗ chen Krieger die Burg ſchon erſtiegen hatten, die ganze Be⸗ ſatzung ermordend, die Burg vernichtend und das wehrloſe Geſchlecht gefangen hinwegfuͤhrend 1). Mittlerweile aber war fuͤr die Zeit der Gefahr von den Landesaͤlteſten der Edle Stenegaude 2) zum Kriegshaupt erkoren und ihm ein ſtarkes Heer zur Vertheidigung des Landes uͤbergeben. Als daher noch im Winter des Jahres 12763) der Landmeiſter an der Spitze einer ſtarken Kriegsſchaar von neuem das feindliche Tage, an welchem auch die gegenuͤber gelegene Burg erobert worden war. 1) Dushurg c. 179. Lucas David B. V. S. 8 — 9. Hen⸗ neberger S. 245. Schütz p. 89. ö 2) Dusburg c. 180 nennt den Schalauer Häuptling Slinegota; es iſt aber früher B. I. S. 510 über die Richtigkeit des Namens Stene- gaude ſchon geſprochen worden; noch im J. 1330 kommt der Name Steynegaude in einer Verſchreibung über eine Samlaͤnd. Beſitzung vor. Jeroſchin hat Stegenote. 3) De Wal Histoire de l’Ord. Teut. T. II. p. 144 und Pauli S. 114 fegen dieſe Begebenheiten ins J. 1277, Es iſt hiezu aber gar kein Grund vorhanden. Zwar iſt die Chronologie bei Dushurg auch hier aͤußerſt ſchwankend und unbeſtimmt; allein eine gewiſſe fächliche Ordnung der Begebenheiten und ein gewiſſes Nacheinanderfolgen der Ereigniſſe muß man bei ihm — wenn er nicht ausdruͤcklich davon ab⸗ weicht, wie er hie und da ſelbſt bemerkt — doch immer annehmen und bei genauer Forſchung findet ſich dieſe auch. Wenn nun das, was Dus- burg c. 184 und 185 unbezweifelt ins J. 1277 ſetzt, als nachfolgend zu betrachten iſt, fo darf mit Recht angenommen werden, daß die c. 180 bis c. 183 erzählten Begebenheiten in Schalauen noch ins J. 1276 ge⸗ hören. Ganz richtig erzählt fie daher Schütz J. c. auch noch vor dem Jahre 1277. DET

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340 Kämpfe in Schalanen. Gebiet von der einen Graͤnze bis zur undern unter Brand und Raub durchſtuͤrmte, folgte ihm der Schalauer Feldherr mit feinen Heere nach; allein er ward unvermuthet von ei⸗ nem feindlichen Haufen aus dem Hinterhalte uͤberfallen und nicht ohne bedeutenden Verluſt mit ſeiner ganzen Kriegsmacht in die Flucht geſchlagen !). So entging der Landmeiſter der Gefahr eines offenen Kampfes mit dem ergrimmten Feinde. Hie und da ſollte auch Liſt und Schlauheit erſetzen, was die Kraft nicht vermochte. So geſchah, daß einſt der Burg⸗ herr Sareke auf einer Schalauiſchen Feſte gleiches Namens, dem es zur offenen Fehde gegen den Orden an noͤthiger Kriegsmacht gebrach, Botſchaft an den Komthur der Memel⸗ burg ſandte, mit dringender Bitte, eiligſt mit ſeinen Waffen⸗ leuten zu ihm zu kommen und ihn durch die heidniſchen Lande in ſeine Burg zu begleiten, da er entſchloſſen ſey, ſich mit allen den Seinigen dem chriſtlichen Glauben zuzuwenden. Da machte der Komthur ſich ſchnell auf, um die bekehrten See⸗ len der Kirche zuzuführen, obgleich Sareke's Burg faſt an der Graͤnze Litthauens lag 2). Auf dem Wege aber durch einen Freund des Ordens benachrichtigt, daß der Burgherr mit einer Schaar im Hinterhalt liege, ſeiner zum Ueberfall erwartend, beſchloß der Komthur die freche Liſt zu beſtrafen und an den Ort geleitet, wo Sareke mit ſeinem Haufen ſich verbarg, fiel er ploͤtzlich über ihn her, warf feine Mannſchaft in die Flucht und fuͤhrte ihn nebſt acht ſeiner vornehmſten Gefährten gefangen mit fort. In nächfter Nacht jedoch, da die Ordensritter in ihren Zelten ruheten, wußte Sareke ſich — nn [U 1) Dusburg c. 180. Lucas David B. V. S. 9. 2) Dusburg c. 181 bezeichnet den Sareke als vir potens und nennt ihn Castellanus in castro Sareka, de parte illa Scaloviae, quae tangit terran Lethovine. Dieſe Burg Könnte vielleicht zwiſchen der Memel und Inſter gelegen haben, wo der Name des Doöͤrſchens Schurken und alte Spuren einer heidniſchen Burg darauf hindeuten könnten — deshalb legt fie auch unſere Charte dahin —, aber ſie könnte nach Dusburgs Worten auch noch weiter nach Oſten hin geſucht werden. Vgl. oben B. 1. S. 509.

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Schalauens Eroberung. 341 feiner Banden zu entledigen, die ihn an einen Baum gefeſ⸗ ſelt, ergriff ein Schwert und ermordete einen Ordensbruder und drei Kriegsleute. Mit Schrecken erwacht durchbohrten ihn die Ritter auf den Leichen der Ermordeten ). Da beſchloß endlich der Landmeiſter Konrad von Thier⸗ berg, das feindliche Land mit einer Heeresmacht zu uberzie⸗ hen, gegen welche kein Widerſtand mehr moͤglich war, um ſo die blutigen Fehden fuͤr immer zu beendigen. Funfzehnhun⸗ dert war allein die Zahl der ſtarkgepanzerten Reiter in ſeinem Heere und ein ſtarkes Fußvolk fuhr auf funfzehn Schiffen die Memel aufwärts, bis die Kriegsſchaaren ſich bei der Burg Saſſau unfern am Inſter-Fluſſe vereinigten ’). Sie ward nach einem heftigen Kampfe erſtuͤrmt und in Aſche verwan⸗ delt und da hierauf der Landmeiſter das ganze Volk mit Brand und Verheerung uͤberzog und nichts mehr Widerſtand zu leiſten wagte, da ſelbſt die Landesaͤlteſten und Edlen, un⸗ ter welchen Surbanis, Suisdeta und Surdeta als die vor⸗ nehmſten genannt werden?), endlich an aller Rettung und an der Huͤlfe ihrer Götter verzweifelnd ſich in des Ordens Gehorſam ergaben, fo folgte ihrem Beiſpiele, feiner Kriegs: fuͤhrer beraubt auch das gemeine Volk. Der groͤßte Theil der Landesbewohner verließ gerne die ſchwerverwuͤſtete ‚Heiz mat und zog nach Samland, wo ihnen der Orden neue Wohnſitze anwies ). Daher ſeitdem in Samland zerſtreut 1) Dusburg c. 181, wo aber der Name ſtatt Sarecte — Sareke heißen muß; fo haben ihn nicht bloß Jeroſch in und der Epitomator, ſondern auch das Mscr. Berolin. Später kommt er auch bei Dushurg ſelbſt Sareka vor. Nach Schütz p. 39 ſandte Sareke jene Botſchaft nicht an den Komthur von Memelburg, ſondern an den Landmeiſter ſelbſt. Vgl. Lucas David B. V. S. 9—11. 2) Vgl. uͤber die muthmaßliche Lage von Saſſau B. I. S. 509. 3) Dushurg c. 185. Der Epitomator nennt die drei edlen Scha⸗ lauer Surbantz, Swiscete und Surdete. Jeroſchin hat Surbantz, Swisdete und Suy dete. Noch anders lauten die Namen bei Schütz p. 40, wo aber auch noch ein vierter Mindeta hinzukommt. Lucas Da: vid B. V. S. 12. 4) Schütz p. 40 nennt ausdrücklich Samland, wo die Schalauer

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342 Schalauens Eroberung. auch viel Schalauiſches Volk wohnte, welches ſich forthin nicht ſelten durch beſondere Treue und Dienſtfertigkeit gegen den Orden auszeichnete ?). fi) neu angeheimt hätten. Dushurg 1. c. ſagt nur unbeſtimmt: Ad Christianos, relicta paterna haereditate, successive cum omni domo et familia sua successerunt. Daraus läßt ſich zugleich ſchließen, daß hiebei keineswegs an eine ſtrenggewaltſame Verſetzung der Schalauer zu denken iſt, wie Kotzebue B. II. S. 49 es darſtellt, wiewohl auch nicht zu läugnen iſt, daß ſonſt der Orden dieſes Mittel oft anwandte. 1) Dieſes beweiſen die noch vorhandenen zahlreichen Verſchreibun⸗ gen an Schalauer in Samland ſowohl aus dem Ende des 13ten, als aus dem 14ten Jahrhundert, die ſich im geh. Archiv befinden.

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Sechſtes Kapitel. So waren zwei neue Landſchaften fuͤr des Ordens Herr⸗ ſchaft gewonnen; aber freilich wiederum nur gewonnen mit der Gewalt des Schwertes, nur unter Noth und Schrecken, nur auf dem mit Verwuͤſtung, mit Blut und Tod bezeichne⸗ ten Wege. Es war nur die wild ſtuͤrmende Kriegsgewalt, nur Jammer, Elend und Verzweifelung, welche die freien Seelen dieſer Menſchen zerknickt und ihren Muth gebrochen hatten. Auch hier zog keine Ueberzeugung und keine Hoff: nung eines einſtigen gluͤcklicheren Zuſtandes, keine Belehrung über reinere und höhere Wahrheiten in goͤttlichen Dingen, kein Wort der Verſoͤhnung uͤber das Vormals und Jetzt, über den Verluſt des alten Lebens und uͤber den hohen Ge— winn des neuen Lebens im Geiſte des Chriſtenthums, es zog nichts die zerknirſchten Gemuͤther in die neuen Verhaͤltniſſe herein, was fie nur irgend hätte troͤſten, erfriſchen und wie: der erheben koͤnnen. Das aͤußere Zeichen der Taufe, das Einzige, was ihnen aus der neuen Religion dargeboten ward, für die ungluͤcklichen Beſiegten in feiner inneren geiſtigen Be deutung lange Zeit ganz unverſtaͤndlich, blieb auch für fie nur eine leere, kalte Form, mit welcher ihnen das Joch der Dienſtbarkeit und des Gehorſams auf den Nacken gelegt ward. Zunaͤchſt waͤre es freilich die Pflicht des Biſchofs von Samland geweſen, zu deſſen kirchlichem Sprengel die beiden neugewonnenen Lande ſchon früherhin gerechnet wurden, das mit dem Schwerte uͤberwaͤltigte Volk durch das troͤſlende Wort chriſtlicher Belehrung auch geiſtig zu gewinnen, die

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344 Chriſtian Biſchof von Samland. niedergeſchlagenen Gemüther durch die Kraft des Evangeli⸗ ums wieder aufzurichten und die tief verwundeten Seelen durch den Troſt der Kirche zu heilen. Allein ſchon ſeit Jah⸗ ren war der biſchoͤfliche Stuhl in Samland unbeſetzt und die kaum erſtandene Kirche ſtand ohne Haupt und Leiter da. Der Biſchof Heinrich naͤmlich war von ſeiner Reiſe nach Deutſchland, wie es ſcheint, in ſein Biſthum nicht wieder zu⸗ ruͤckgekehrt und ſoll ſchon im Jahre 1274 geſtorben ſeyn. Es erſchien zwar bald hierauf ein gewiſſer Hermann von Cöln, der ſich Biſchof von Samland nannte und das Biſchofsamt auch wirklich eine Zeitlang verwaltete; allein niemand wußte, woher er kam und durch wen er zu dieſer Wuͤrde erhoben ſey; denn im Auguſt des Jahres 1275 ertheilte der Papſt Gregorius, von der Verwaiſung der Samlaͤndiſchen Kirche benachrichtigt, in Beſorgniß, daß der Mangel eines geiſtli⸗ chen Hirten hier bei dem Schwanken des Glaubens unter den Neubekehrten noch größeren Verderb erzeugen koͤnne ), dem Biſchofe Friederich von Merſeburg in einer Bulle den Auftrag, ſobald als moͤglich fuͤr die Kirche in Samland ei⸗ nen paſſenden Geiſtlichen zum Biſchofe auszuwaͤhlen und durch die Weihe in das Amt einzuſetzen. Zugleich aber ſprach auch der Papſt den Wunſch aus, daß die Wahl einen Deutſchen Ordensbruder treffen moͤge, weil einen ſolchen auch ſchon das nähere Intereſſe feiner Ordenspflicht fir das Heil und Auf⸗ kommen der dortigen Kirche beleben muͤſſe. Der Biſchof Frie⸗ derich, dieſem Befehle nachkommend, erkor daher den Deut⸗ ſchen Ordensbruder Chriſtian von Muͤhlhauſen, einen durch redlichen Wandel, wie durch Gelehrſamkeit gleich ausgezeich⸗ neten Mann, zum Bifchofe von Samland und nachdem er ihn zu Merſeburg in Gegenwart der Biſchoͤfe Ludolf von Hal⸗ 1) Der Papſt ſagt daher auch in der erwaͤhnten Bulle: Ecclesia Sambiensis a longo iam dudum tempore pastoris solacio destituta cum populus regionis ipsius in paganorum terminis constitutus per studium ministerii presularis olim in forma fidei christiane concre- sceret informatus, nunc tanquam neophitus et in eiusdem fidei sorte recens magnum patitur ex patris spiritualis carencia detrimentum.

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Verſaͤumniß in chriſtlicher Belehrung des Volkes. 345 berſtadt und Meinhard von Naumburg feierlich eingeweiht, meldete er feine Ernennung dem Biſchofe Werner von Kulm mit dem Auftrage, den unrechtmaͤßigen Biſchof Hermann von Coͤln ſofort aufzufordern, das angemaßte Amt binnen zwei Monaten aufzugeben, die eingezogenen Einkuͤnſte wieder zu erſtatten, wofern dieß aber nicht geſchehe, ihn und feinen Ans hang ohne weiteres in den Bann zu erklaͤren und den Or— densmarſchall und Komthur von Koͤnigsberg zu beauftragen, dem erwähnten Hermann die Verwaltung der kirchlichen Guͤ— ter nicht länger zu geftatten und die Einkuͤnfte dem neuen Biſchofe zu verwahren 1). Dieſer Biſchof Chriſtian aber kam erſt im Verlaufe des Jahres 1276 nach Preuſſen und war in den erſten Zeiten bis ins folgende Jahr hinein noch ſo vielfältig mit der Anordnung und Feſtſtellung der unter ſei⸗ nem unrechtmaͤßigen Vorgaͤnger verwirrten aͤußeren Verhaͤlt⸗ niſſe ſeines Biſthums und mit mancherlei Verhandlungen mit dem Orden beſchaͤftigt, daß in den erſten Zeiten auch unter ihm wohl nur wenig für die religiöfe Bildung und Belehrung des neubezwungenen Volkes geſchah r). 1) Wir haben hieruͤber im geh. Arch. im Fol. 7, betitelt: Privi⸗ legien von Samland, Pomeſan. und Kulm das von den Aebten Andreas vom Petersberg bei Erfurt und Thymo in Honburg ausgeſtellte Vidi⸗ mus über den Brief des Biſchofs Friederich von Merſeburg an den Bi⸗ ſchof von Kulm, worin auch die an jenen gerichtete paͤpſtliche Bulle ent⸗ halten iſt. Sie hat das Datum: Bellicardi VIII Idus Aug. p. n. an. IV (6 Aug. 1275). Der Brief des Biſchofs Friederich iſt datirt: Mer- seburg in die epiphan. 1276. Das Vidimus ſelbſt iſt ausgeſtellt zu Erfurt am 19. Nov. 1294. Vgl. auch Dregers urkundenverzeichniß zur Fortſetz. des Cod. diplom. Pomeran. p. 6. 2) Die erſte Urkunde, welche die Anweſenheit des Biſchofs in Preuſ⸗ ſen bezeugt, iſt vom 1. Januar 1277. Es iſt ein Tauſchvertrag, in welchem der Biſchof Marschaleo fratri Conrado gerenti vices Magi- stri et fratribus domus teut. in Prussia das Dorf Sabnow abtritt und dagegen vom Marſchall für die Samlaͤndiſche Kirche erhält bona que- cunque in Vremar posita, preter aream seu locum, in quo quondam fuit positum opidum. Es iſt wohl kaum einem Zweifel unterworfen, daß ſich dieſe Beſtimmung auf einen Theil des untergegangenen, damals noch vorhandenen Withlands beziehe und daß die erwahnte Stadt die⸗

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346 Verſaͤumniß in chriſtlicher Belehrung des Volkes. Auch in den uͤbrigen Landſchaften ſcheint ſelbſt jetzt noch viel zu wenig dieſe Bildung und Belehrung der Beſiegten über den Gehalt und Geiſt des neuen Glaubens das nächte Ziel der Bemuͤhungen ſowohl des Ordens als der Biſchoͤfe geweſen zu ſeyn. Man ſah auch ſelbſt nach den theuerge⸗ buͤßten Erfahrungen der ungluͤcksvollen Jahre noch nicht ein, daß dem Volle die Zeichen und Formen nicht genügten und daß uͤberhaupt dem Geiſte nichts genuͤgt, was nicht vom Geiſt durchdrungen iſt. Man verſaͤumte es überall viel zu ſehr, dem von den Neubekehrten erzwungenen Gehorſam und der verlangten Treue durch einen fuͤr ſie paſſenden und für ihre Denkweiſe berechneten Unterricht im Geiſt des Chriſten⸗ thums die noͤthige ſichere Grundlage und innere feſte Hal⸗ tung zu geben, denn die Erfahrung war nur zu bald ge— macht, daß die aͤußeren Mittel und die Banden, durch wel⸗ che man die Unterworfenen an die Sache des Ordens, an Treue und Gehorſam und an die neue Geſtaltung der Dinge hatte binden und gewoͤhnen wollen, daß Eidſchwuͤre, Geloͤb⸗ niſſe und Geißeln die bindende Kraft bald verloren und ſo⸗ mit alles wieder aus ſeinen Fugen fiel, weil es im Geiſte des Volkes keinen Glauben, keinen Gott und keinen Altar gab. Mochten alfo die Gebietiger und die Bifchöfe immer: hin bemüht bleiben, Einzelne aus dem Volke, die ſich durch Treue und Ergebenheit hervorgethan oder durch Anſehen und Einfluß auf die Menge auszeichneten, durch Beguͤnſtigungen und ſonſtige Lockungen zu gewinnen; die eigentliche Maſſe des Volkes naͤhrete in ſich fort und fort einen Geiſt, der noch keine Verſoͤhnung zuließ weder mit der Geſtaltung des jenige ſey, welche an der Pregelmuͤndung die Luͤbecker hatten erbauen helfen. Dieſes beſtaͤtigt ſich auch noch durch die ſchon anderwaͤrts er- wähnte Theilungsurkunde des Landmeiſters Gerhard von Hirzburg vom J. 1258, worin mehrmals im Withlande einer insula ex trausverso eivitatis als in der Richtung zwiſchen Balga, German, Powayen und Grebitten liegend erwähnt wird. Es kann dieſes keine andere, als die eben genannte ſeyn, denn die Richtung der Meſſung weiſet durchaus auf dieſe Gegend hin.

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Neue Bewegungen im Volke. 347 äußeren Lebens, noch mit der neuen und fremden geiſtigen Welt des Glaubens und der Religion. Die Zahl der franz den Anſiedler aber, die man auch deshalb gerne ins Land zog, um das einheimiſche Element durch das Uebergewicht des fremden immer mehr niederzudruͤcken, und deren Menge ſich auch um dieſe Zeit wieder aus Sachſen, beſonders aus Meißen, aus Holland, Juͤlich, Geldern und andern Laͤndern anſehnlich vermehrte n), zumal um Elbing, Frauenburg, Braunsberg, Melſack und Roͤßel, bildete noch zur Zeit, wie gerne man ſie auch ſo ſchmeichelnd nannte, keineswegs den eiſernen Riegel und das eherne Schild gegen die Stuͤrme der Gefahren, die noch täglich drohten ?). So brannte im Innern des Bodens, auf dem die Or⸗ densherrſchaft daſtand, das wilde vulkaniſche Feuer noch im⸗ mer fort und es bedurfte, um ihm wieder Luft zu geben und in der Spannung der Gemuͤther und im gepreßten Herzen des Volkes den Gedanken an das alte freie Leben von neuem lebendig erwachen zu laſſen, nur eines neuen Anlaſſes. Wie ſollte ſich aber ein ſolcher in der Unſtaͤtigkeit aller Dinge und in der Zerriffenheit aller Lebensverhaͤltniſſe nicht leicht wie von ſelbſt ergeben! Und er fand ſich auch wirklich nur zu bald. Ein Samlaͤnder, Bonſe genannt, den der Landmei⸗ ſter zum Kaͤmmerer des Gebietes von Pobeten geſetzt, trat öffentlich mit dem Verlangen auf, ſich nach alter Landesſitte mit zwei Frauen verehelichen zu duͤrfen. Die Ordensritter verwehrten ihm dieſe Verletzung des chriſtlichen Geſetzes und entzogen ihm die eine der gewuͤnſchten Frauen. Daruͤber er⸗ grimmt ſpann der Kaͤmmerer zunaͤchſt in Samland unter dem 1) Lucas David B. IV. S. 153 führt namentlich an, daß ein⸗ mal aus Meißen, wo das Land zu volkreich war, mehr als 3000 Bauern nach Preuſſen gekommen ſeyen. 2) Es heißt in mehren Verſchreibungsurkunden: Legis Dei et iu- sticie amatores tanquam obicem ferreum et sculum ereum cum gla- dio ancipite in manibus corum ponimus ad dietam terram, ut nos necnon res nostras, nostrosque homines ab hostium incursibus con- sulant, protegant et defendant.

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348 Neue Bewegungen im Volke. Volke heimlich allerlei Umtriebe an und hetzte bald alles zur Empörung und zum Abfall gegen den Orden auf !). Schnell aber lief das entzuͤndete Feuer auch über Samlands Gränzen hinaus, denn uͤberall in Natangen, Ermland, Pogeſanien und andern Gegenden fand es reichen Stoff und Nahrung in des Volkes Stimmung. Dieſer neue Ausbruch der Erbit⸗ terung erfolgte ſchon im Jahre 1277. Nun fehlte es zwar in den meiſten Landen dem Volke an Führern und Haͤup⸗ tern, die an der Spitze der Unzufriedenen die Waffen erho⸗ ben und der erregten Kraft die noͤthige Sammlung und Rich⸗ tung haͤtten geben koͤnnen und es kam daher hier nicht zum offenen Abfalle. Allein in Pogeſanien trat das Volk doch dem Komthur Helmold von Elbing und dem von Chriſtburg Helwig von Goldbach mit bewaffneter Hand entgegen und es gelang ſogar einem Krieger aus dem Barterlande, ſich der beiden Komthure bei einem Ueberfalle zu bemaͤchtigen und ſie ſammt ihren Gefährten gefeſſelt hinwegzuführen ?). Ihr Loos wuͤrde ohne Zweifel ein quaalvoller Tod geweſen feyn, wenn nicht der wohlgeſinnte Pogeſanier Powide ), erſchüͤt⸗ tert durch die Ermordung eines Kapelans, den beiden Nit: 1) Mehr wiſſen wir ſicher nicht von dieſem Vorfalle, denn ſo ganz einfach erzählt ihn Dusburg c. 185 und nach ihm Lucas David B. V. S. 13. Wie ihn Simon Grunau Tr. VIII. c. 15. $ 2 dar⸗ ſtellt, iſt er ohne Zweifel ausgeſchmuͤckt, obgleich ſpaͤtere Schriftſteller, wie Kogebue B. II. S. 49, gerade diefe Grunauiſche Dichtung am liebſten nacherzaͤhlt haben. So beruht auch die Erzählung vom Poge⸗ fanifchen Fuͤrſten Muſo ganz allein auf dem Zeugniſſe des Simon Grunau Tr. VIII. c. 10. § 2. Wenn es nun allerdings wohl ſehr wahrſcheinlich iſt, daß in Pogeſanien irgend ein Vornehmer an des Vol⸗ kes Spitze fand, fo können wir ohne andere Quellen dem Berichte des Moͤnches doch nicht unbedingten Glauben ſchenken. 2) Dusburg c. 184 mit c. 218. Die Erwaͤhnung Helwigs von Goldbach als Komthur von Chriſtburg giebt uns die richtige Zeit dieſes Ereigniſſes an, denn im J. 1276 war nach urkundlichen Zeugniſſen noch Hermann von Schoͤnenberg Komthur dieſes Hauſes. Aber ſchon am 1. Januar 1277 finden wir Helwig von Goldbach als ſolchen genannt. 3) So nennt ihn Jeroſchin c. 181 am richtigſten. Dusburg 1. c. hat Powida, Lucas David Pewida.

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Unterdbrüädung des Aufſtandes. 349 tern durch Loͤſung ihrer Feſſeln die Freiheit wieder gegeben und dann auch den uͤbrigen Gefangenen die Flucht moͤglich gemacht haͤtte. Sonder Zweifel aber wuͤrde das im Stillen noch fort⸗ glimmende und immer weiter freſſende Feuer anderwaͤrts ſich bald neue offene Bahn gebrochen und den kaum wieder be⸗ gonnenen Aufbau der Ordensherrſchaft vielleicht gaͤnzlich ge— ftürzt haben, ware nicht eben der in Samland beim Volke ſo allgemein beliebte Vogt Dieterich von Liedelau, deſſen Ab⸗ weſenheit der Kaͤmmerer Bonſe gewiß abſichtlich benutzt hatte, zur gluͤcklichen Stunde aus Deutſchland zuruͤckgekehrt und haͤtte es ihm durch das Vertrauen und die Liebe, die er überall genoß, nicht ſchnell geglückt, die Samlaͤnder wieder zu beruhigen; denn als die Natanger und Warmier jene Nachbarn wieder in des Ordens Gehorſam zuruͤckkehren ſa⸗ hen, folgten auch ſie dieſem Beiſpiele und ſo herrſchte in den noͤrdlichen Landſchaften wiederum Friede und Ruhe, zumal nachdem der Kaͤmmerer Bonfe, mit deſſen verraͤtheriſchen Um⸗ trieben der Orden nun bekannt geworden, zum Schrecken des Volkes mit dem Tode beſtraft worden war. Nur Pogeſa⸗ nien beharrete noch im Aufſtande und da es auch nach einem verwuͤſtenden Heereszuge des Meiſters Konrad von Thierberg in ſeine Gebiete ſich keineswegs unterwarf, ſo drang im Herbſt des Jahres 1277 ein neues ſtarkes Heer ein, verwuͤſtete das ganze Land mit Raub und Brand und erſchlug oder fuͤhrte alle Bewohner hinweg, deren man ſich nur irgend bemaͤchti⸗ gen konnte. Nur wenige retteten ſich durch die Flucht nach Litthauen ins Gebiet von Garthen oder Grodno, wo ſich ſchon viele ihrer Landsleute fanden. So ward Pogefanien eine wuͤſte Einoͤde, in welcher lange Zeit kaum noch ein Laut zu vernehmen war !). 1) Dushurg c. 185 — 186. Lucas David B. V. S. 20. Der hier genannte Conradus de Tierberg Magister kann aber nicht füglic) der eigentliche Landmeiſter, ſondern es muß hier wieder Konrad von Thierberg der Juͤngere als Steilvertreter geweſen ſeyn, denn nachdem wir im J. 1276 immer den Landmeiſter Konrad von Thierberg in Ur:

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350 Sudauer im Kulmerlande. Mittlerweile aber hatte auch das Kulmerland manche harte Stuͤrme erlitten. Schon im Laufe des Jahres 1276 war das Volk der Sudauer, ſtaͤrker und tapferer im Kriege als jedes andere, wohl ahnend, daß nun auch ihm bald das Loos der Beknechtung und Bejochung zufallen werde!), ſei⸗ nen Feldhaͤuptling Skomand an der Spitze wiederholt rau⸗ bend und verheerend ins Kulmiſche Gebiet eingefallen. Dort verpflichtete zwar vor allem den Landkomthur Berthold von Nordhauſen ſein Amt zur Wehr und Vertheidigung des Lan⸗ des; allein der geizige und habſuͤchtige Mann verließ ungern Haus und Schatz und bis zum Schmutze karg verwandte er nicht eimmal die noͤthigen Summen auf des Landes Sicher— heit, das arme Volk dem Schwerte und der Raubgier des Feindes uͤberlaſſend 2). Und je oͤfter der feige Geizhals das Land den Raubzuͤgen des rauhen Volkes unbeſchuͤtzt Preis gab, um ſo fruͤher erſchien der Feind immer wieder und um fo kuͤhner drangen auch unbedeutendere Heerhau⸗ fen immer weiter vor, bis endlich der Landmeiſter den fahrlaͤſſigen Landkomthur zu Ende des Jahres 1276 feines kunden erwähnt gefunden, erſcheint ſchon mit dem Anfange des J. 1277 wieder Conradus Marschalcus gerens vices Magistri oder „brudir Con⸗ rad von tirberg marſchalk in des Meiſters ſtatt der brudir czu Pruͤſin“ in einer Urkunde vom 19. Febr. 1277 im Fol. II. p. 166 — 167. In keiner einzigen Urkunde vom J. 1277 finden wir den Landmeiſter als in Preuſſen gegenwärtig. 1) Kojalowiez p. 135. 2) Eine viel ſchaͤrfere Schilderung, als im jetzigen Texte des Dus- burg c. 187 ſteht, findet man beim Epitomator und bei Je roſch in c. 187. Bei erſterem heißt es: fuit avarus auri etc. cupidus et toto corde ad divitias inclinatus, unde contra inimicos invalidus, sed ut vulpes dolosus. Jeroſchin giebt von ihm folgendes Bild: Eyn land-Commentuwer uf den Pfennig ſuwer, Den Undirtanen ſwinde Und ken den Viendin linde, Genannt Berthold von Northuyſin, Mit dem Vuchſe kond er muyſin.

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Der Häuptling Skomand. 351 Amtes entſetzte und den im Kriege fo erfahrenen als ritterlich tapferen Komthur von Chriſtburg Hermann von Schönen: berg zum Landkomthur von Kulm ernannte !). Dieſer aber begegnete dem kecken Feinde mit ganz anderer Kraft. So oft die einzelnen Raubſchaaren ins Gebiet einfielen, ſchlug er ſie mit großen Verluſten in die Flucht oder rieb ſie gaͤnzlich auf ). So ging der Sommer des Jahres 1277 hin, da der Feind es zuletzt nicht mehr wagte, in kleinen Haufen im Lande zu erſcheinen. Im Herbſt aber ſammelte der Sudauer Haͤuptling Skomand aus ſeinem Volke ein Heer von vier⸗ tauſend Kriegern und lud zur Verſtaͤrkung ſeiner Macht auch noch die Litthauer und Samaiten zum Raubzuge ein. Mit dieſen Schaaren erſchien er darauf am einundzwanzigſten Oe⸗ tober an der nordoͤſtlichen Graͤnze des Kulmerlandes zur Beute und Rache. Den erſten harten Sturm des wilden Kriegsvolkes erlitt die Wohnburg eines Lehnmannes Plo⸗ wenz, an der Oſſa gelegen). Sie wuͤrde erobert und vers Pr 1) Dieß giebt uns wieder die richtige Zeitangabe für dieſe Ereig⸗ niſſe, welche ſonſt bei den Chroniſten ſehr unbeſtimmt iſt. Wir finden Hermann von Schoͤnenberg naͤmlich ſchon am 1. Januar 1277 in einer Urkunde im großen Ordensprivilegienbuche p. LXXXVII als Landkom⸗ thur von Kulm und dagegen Helwig von Goldbach als Komthur von Chriſtburg genannt. Berthold von Nordhauſen finden wir im Anfange des J. 1278 als Komthur von Birgelau; ſ. Alte Samländ. Handfeſt. S. 217. Folglich muß nicht bloß die Abſetzung Bertholds von Nord⸗ haufen, ſondern auch die öftere Verheerung des Kulmerlandes durch die Sudauer ſchon in das J. 1276 fallen. Im Chron. Canonici Sam- biens. heißt es: Anno domini MCCLXXVII Litwini congregato ex- ercitu vastaverunt terram Culmensem incendiis et rapinis et crema- verunt Clement. Unter den Litwinis find hier wohl meiſt die Sudauer zu verſtehen, doch waren auch Litthauer und Samaiten mit im Heere der Sudauer. 2) Dusburg c. 157. Kojalowiez p. 136. 3) Der Name Pollowist, wie ihn Dusburg hat, iſt offenbar ver⸗ ſtuͤmmelt. Beim Epitomator heißt er Plovols, bei Jeroſchin Plo- vois. Lucas David B. V. S. 20 nennt die Burg Ploveſe und Ko- ‚jalowiez Plovist. Es iſt offenbar keine andere als Plowenz an der

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352 Der Häuptling Skomand. nichtet worden ſeyn, wenn ſich der Feind mit dem Burg⸗ herrn nicht darin vereinigt haͤtte, daß der letztere fuͤr ſeine und der Seinigen Errettung dem feindlichen Heere zwei lan⸗ deskundige Maͤnner als Fuͤhrer durch das Land ſtellen ſolle. Es geſchah und der Feind zog von dannen, ohne Zweifel um durch laͤngeren Aufenthalt an des Landes Graͤnze dem Landkomthur nicht Zeit zu laſſen zur Ruͤſtung eines ſtarken Heeres. An den Burgen Rheden und Leipe voruͤberſtuͤrmend, ohne ihre Eroberung zu wagen, griff Skomand die Burg Williſas oder Welſas oſtwaͤrts von Leipe an und vernichtete die Vorburg !). Nachdem hierauf weiter nordwaͤrts die ſtarke Wohnburg eines Lehnmannes, Turnitz genannt, vergeblich beſtürmt worden, da die Wehrmannſchaft die entſchloſſenſte Tapferkeit entgegenſetzte, die nahe gelegene Clemensburg aber, gleichfalls einem Lehnmanne zugehoͤrig, in der Belagerung aufgebrannt?) und mehr als hundert wehrhafte Maͤnner da⸗ Oſſa, deſſen wir als Burg ſchon im B. I. S. 478 erwahnt haben. Jyre Lage trifft mit Dusburgs Angabe auch genau zuſammen. 1). Der Text des Dusburg bei Hartknoch iſt auch hier nicht ganz vollftändig. Bei dem Epitomator heißt es: Transierunt in Reddyn et Lypam, que relinquuut in pace, postea transeunt Welsasam ete. und Jeroſchin überfegt: Und das Heer geving die Vart, Vor diſe burge den Reddin Di Lipe, di ſie beide ſyn Lißin in Friddis Satze Darnach zeu Welſaze u. ſ. w. Daraus geht hervor, daß der Name Welscus bei Dusburg verſtuͤmmelt iſt. Es iſt die alte Burg Williſas, welche ſchon im J. 1222 da ſtand, wo der heutige Ort Wielſons zwiſchen den Kirchdörfern Blendowo und Plusnitz an einem See liegt. Vgl. oben B. 1. S. 478. 2) Auch dieſe Burgen ſind noch in den Namen der heurigen Doͤr⸗ fer Tursznitz und Plement in der Naͤhe von Rheden ihrer Lage nach kenntlich. Ob der Name Castrum Clementis, wie ihn auch Jeroſchin geleſen haben muß, ganz richtig und ob das Dorf Plement früher Cle⸗ ment genannt worden iſt, läßt ſich nicht entſcheiden. An Clemensfähre an der Nogat, an welches Harlknoch ad Dusb. p. 274 erinnert, kann aber gar nicht gedacht werden.

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Der Häuptling Skomand. 353 bei erſchlagen worden waren, zog der Sudauer Haͤuptling, vor ihm her eine Schaar gefangener Weiber und Kinder, zwi⸗ ſchen dem Renſen- und Mellno= See hinab gegen die Burg Graudenz, dann weiter nordwaͤrts vor Marienwerder, Zantir und Chriſtburg. Nur vor der ſtarken Marienburg ſcheute ſich der tobende Feind; ſie blieb verſchont von ſeiner Raubgier. Aber furchtbar war ſonſt der Weg, den das feindliche Heer betreten, mit Verheerung, Blut und Brand gezeichnet, denn alles, was dem wilden Kriegsvolke auf ſeinem Zuge begeg⸗ net, hatte durch Feuer und Schwert ſeinen Untergang ge⸗ funden. Unbeſchreiblich war die Beute, welche der Feind auf ſeiner Heimkehr mit ſich fortſchleppte und unzaͤhlich die Schaar der gefangenen Maͤnner, Frauen, Jungfrauen, Juͤnglinge und Kinder; und da man dann mit dem Raube auch die Ge⸗ fangenen theilte, riß man den Vater von dem Sohne, die Mutter von dem Kinde, Verwandte von Verwandten und fühlte am weiblichen Geſchlecht alle Luft der Rohheit. Seit langen Zeiten war kein ſolcher Jammer uͤber das Kulmerland und uͤber Pomeſanien ergangen und doch war es bei des Feindes Staͤrke nirgends moͤglich geweſen, den raͤuberiſchen Schaaren mit Kraft zu begegnen, indem zur Zeit die Or⸗ densgebietiger ihre meiſte Kriegsmannſchaft in die Burgen der vor kurzem wieder wankend gewordenen Landſchaften hatten entſenden muͤſſen!). So glüdte es dem Feinde auch, un⸗ 1) Dieß mag wohl der wichtigſte Grund geweſen ſeyn, daß dem Feinde nirgends, ſelbſt vom tapferen Landkomthur von Kulm nicht in offener Feldſchlacht begegnet wurde. Wenigſtens ſpricht Dus burg c. 187 von keinem einzigen Verſuche dieſer Art; eben ſo wenig andere Quellen. Aus Kojalowiez p. 137 geht überhaupt hervor, daß der Raubzug auch mit großer Eile vor ſich ging, denn von der Belagerung von Plowenz heißt es: Lituanus enim veritus, ne si gravioribus propositis condi- tionibus supplices rejecisset, ex diutumiore circa eundem locum mo- ra, periculi aliquid aut certe agendis rebus impedimenti enasceretur, omnia in integro reliquit- Daſſelbe befürchtete Skomand offenbar auf dem ganzen Raubzuge; deshalb belagerte er auch Turnitz nur einen ein- zigen Tag und eilte weiter, als es nicht ſchnell erobert werden konnte. III. 23

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354 Wenige Ausſicht des Ordens auf Unterſtuͤtzung. - verfolgt und unangegriffen mit feinem Raube in die Heimat zuruͤckzukehren. Den Erfolg hatte indeſſen dieſer Raubzug des wüften Volkes, daß der Ordensmarſchall Konrad von Thierberg nun feſt beſchloß, die Sudauer in ihrem eigenen Gebiete aufzuſu⸗ chen und alles aufzubieten, auch dieſe letzte Landſchaft Preuſ⸗ ſens dem Gebote des Ordens zu unterwerfen. Aber es war ein ſo wichtiges als aͤußerſt ſchwieriges Unternehmen; denn blicken wir auf die Verhaͤltniſſe der Zeit hin, ſo finden wir fie ihm in keiner Hinſicht irgend beſonders günftig. Auf frem⸗ den Beiſtand und namentlich auf die Beihuͤlfe von Kreuzhee⸗ ren konnte der Orden um dieſe Zeit durchaus gar nicht rech⸗ nen. Seit Gregorius des Zehnten Tod im Januar 1276 waren bis zu Ende des Jahres 1277 nicht weniger als vier Paͤpſte auf den Roͤmiſchen Stuhl geſtiegen und keiner hatte dem Orden einen Beweis von Gunſt und Eifer fuͤr ſeine Sache gegeben. Der letzte von ihnen Nicolaus der Dritte hatte zudem die paͤpſtliche Wuͤrde eben erſt uͤbernommen und war mit naͤher liegenden und ihm wichtigeren Verhaͤltniſſen auch viel zu ſehr befchäftigt. Von Rom aus alſo war jetzt für den Orden keine Beihuͤlfe zu erwarten. — Auch in Deutſch⸗ land eroͤffnete ſich zur Zeit den Ordensrittern keine Ausſicht zu einigem Beiſtande. Kaiſer Rudolf war und blieb dem Or⸗ den allerdings auch fernerhin noch ſehr geneigt; er bewies ſolches nicht bloß durch die Beftätigung aller feiner Freihei⸗ ten und Vorrechte, namentlich auch des vom Kaiſer Friede— rich dem Zweiten ihm zugeſprochenen Beſitzrechtes auf das Kulmerland und auf ganz Preuſſen 1), ſondern auch noch auf mancherlei andere Weiſe 2). Allein waͤhrend des Jahres 1276 1) Das geh. Archiv beſitzt hievon nicht weniger als vier Trans⸗ ſumte, Schiebl. XX. Nr. 1— 4. Das Original hat das Datum: Wiennae VI Idus Octobr. (10 Octob.) 1277. 2) So befiehlt unter andern Rudolf in einer Urkunde vom 23. No⸗ vember 1275 der Stadt Riga, den Livlaͤndiſchen Ordensmeiſter als ih⸗ ren oberſten Richter anzunehmen. Vgl. Hennigs Copiebuch im geh. Arch. B. XIV. S. 500. Ohne Zweifel gruͤndete ſich hierauf nachmals

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Pommerns Verhältniffe zum Orden. 355 und dann nach kurzem Frieden auch in dem nachfolgenden Jahre im Kriege mit Koͤnig Ottokar von Boͤhmen beſchaͤftigt und, ſo viel die Unruhen des Krieges erlaubten, in den zer⸗ worfenen Verhältniffen des Reiches thaͤtig, konnte er jetzt für den Orden in Preuſſen in keiner andern Weiſe beſonders wirk⸗ ſam ſeyn. — Von des Hochmeiſters Thaͤtigkeit in Beziehung auf den Orden in Preuſſen weiß die Geſchichte wenigſtens nichts zu berichten!) und fo konnte auch von Deutſchland aus für den Krieg in Preuſſen gegen die oͤſtlichen Heiden auf keine Hülfe gerechnet werden. Mit den Nachbarlanden lebte der Orden auch um dieſe Zeit noch in ungeſtöͤrtem Frieden. Die Verhaͤltniſſe mit Pom- mern waren in einer Weiſe freundſchaftlich, wie ſeit vielen Jahren nicht; ja ſie bahnten dem Orden in ſeinen Beſitzun⸗ gen nun ſchon den Weg Über die Weichſel hinüber. Es ge⸗ ſchah am neunundzwanzigſten März im Jahre 1276, daß Herzog Sambor von Pommern, der alte umwandelbare Freund des Ordens, eine Urkunde ausſtellte, durch welche er dem Or⸗ den das nicht unbedeutende Gebiet Wenzeke oder Mewe, wel⸗ ches er fruͤherhin dem Kloſter Oliva verliehen 2), aber wie⸗ der zuruͤckgenommen hatte, aus Dankbarkeit fuͤr die vielen ihm erwieſenen Wohlthaten und zum ewigen Heile ſeiner Seele in ſeiner ganzen Ausdehnung und mit allen Rechten ſchenkte). Es war dieſes der erſte wichtige Schritt, welchen auch ein Theil der Anklage gegen den Orden, worin es hieß: Magister et Fratres dudum aspiraverunt et conati sunt subiugare sibi Civi- tatem Rigensem. Dogiel T. V. Nr. XXXVI. p. 29. 1) Wir wiſſen ungeachtet der Lebensbeſchreibung Hartmanns von Heldrungen in den Hiſtoriſchen Sammlungen zur Erläuterung der deut⸗ ſchen Staats- und Kirchengeſchichte iſtes St. S. 483, die freilich auch faft ohne allen Werth iſt, überhaupt ſehr wenig von ihm als Hochmei⸗ fer. Nach dem Transſumt einer paͤpſtl. Bulle im kleinen Privilegien buche p. 9 ſcheint ſich Hartmann im Sept. 1278 in Viterbo aufgehal⸗ ten zu haben. 2) Im Jahre 12305 ſ. Dreger Cod. diplom. Pomer. Nr. 77. 3) Der Herzog ſagt, dieſe Schenkung ſey geſchehen ob honorem et reverentiam ihesu cristi ac ipsius matris Marie virginis gloriose pro 23

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356 Erſter Schritt des Ordens auf Pommern. die Ritter auf Pommern thaten, denn es lief das neue Be⸗ ſitzthum in feinen Graͤnzen vom Einfluffe der Veriſſa (jetzt Ferſe) in den Weichſel-Strom nordwaͤrts hinab laͤngs dem Strome bis nach Gartz und Raickau, hierauf weſtwaͤrts uͤber die Veriſſa bis gegen Stargard, dann ſuͤdlich hinauf bis nach Thymau und von da an weſtlich hinuͤber bis an das Fluͤß⸗ chen Wengermitze. Der Orden erhielt das Land frei von al⸗ len fruͤher dem Biſchofe von Leßlau zu leiſtenden Zehnten, da der Herzog dieſen gegen den Biſchof ſchon abgeloͤſt !). Ganz ſicher aber war dem Orden dieſer neue Beſitz noch kei⸗ neswegs. Das Kloſter Oliva naͤmlich machte die ihm vom Herzoge in fruͤherer Zeit geſchehene Schenkung uͤber das Land geltend und erhob Anrechte, uber welche der Streit noch ob: waltete, indem der Herzog, das Land als ſein Eigenthum betrachtend, auf jene Schenkung gar nicht Ruͤckſicht nahm. Daher ließ ſich der Orden noch an dem naͤmlichen Tage durch eine andere Urkunde vom Herzog Sambor die feſte Zu⸗ ſicherung geben, daß er, im Fall das Kloſter oder irgend ein anderer ſich in des Landes Beſitz zu ſetzen oder durch richter⸗ lichen Ausſpruch daſſelbe zu erlangen ſuchen ſollte, hiefür die noͤthige Gewaͤhr leiſten und, ſobald das Kloſter ſein Recht er⸗ weiſen koͤnne, dem Orden an andern gleich ergiebigen Be⸗ anime nostre remedio ac salute — in manus fratris Chunradi de Tyrberg Magistri Pruscie in veram ac puram Elemosinam. Dus- burg c. 208 ſagt darüber: Samborius videns quod de parte sua non honeste secundum status sui dignitatem vivere, tradidit praedictis fratribus, ut ipsi et familiae suae in necessariis providerent. 1) Das Original dieſer zu Elbing ausgeſtellten Schenkungsurkunde, deren auch Dus burg o. 208 erwähnt, befindet ſich im geh. Arch. Schiebl. XLVIII. Nr. 28, gedruckt in Dogiel T. IV. Nr. 37, Acta Boruss. B. III. S. 284 — 2883 ein Auszug bei Baczkv B. I. S. 399. In der Urkunde ift ſelbſt ausdruͤcklich der Landmeiſter Konrad von Thierberg genannt, weil dieſer damals in Preuſſen amwefend war. Unter den Zeugen aber wird auch erwähnt frater Chunradus de Tyrberch Mar- schalcus Pruscie, alſo Konrad der Jüngere. — Daher die Verwir⸗ rung, in welche ſich Kotzebue B. II. S. 313 hat verführen laſſen, da er ohnedieß auch eine ganz andere Urkunde mit dieſer verwechſelt.

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Herzog Sambor von Pommern. 357 ſitzungen Entſchaͤdigung geben wolle. Daſſelbe verficherte der Herzog dem Orden auch in Beziehung auf den Herzog Ze⸗ mach von Cujavien, der Sambors Tochter zur Gemahlin hatte und darum Anſpruͤche auf das geſchenkte Land haͤtte erheben koͤnnen n). Allerdings that hiebei der Herzog in ſchwacher Froͤmmigkeit oder vielleicht auch durch die Or⸗ densritter beredet und verlockt einen Schritt, der in keiner Weiſe zu entſchuldigen iſt und neuen Zwiſt auf mehre Jahre erregte; denn das Kloſter Oliva hatte offenbar ganz unbe⸗ ſtreitbare Rechte auf den Beſitz des Gebietes von Mewe 2). Da jedoch Sambor ausdruͤcklich verſprochen, den Orden in ſeinem Rechte auf das Land gegen fremde Anſpruͤche zu ver⸗ 1) Das Original dieſer Urkunde, gleichfalls zu Elbing ausgeſtellt, befindet ſich im geh. Arch. Schiebl. XL VIII. Nr. 29, gedruckt bei L u⸗ cas David B. III. Anhang Nr. XIX. S. 36. 2) Wenn Sambor im J. 1230 in der Schenkungsurkunde ſagt: In manu abbatis et conventus in Oliva Cisterc. ordinis terram Gy- mey cum tota Wansca in pratis, villis ete. cum omni jure ab omni exactione liberam contulimus perpetuo possidendam. Ut autem hec. donatio nostra rata permaneat et inviolabilis presentem paginam si- gillorum nostrorum munimine fecimus roborari, wie konnte er nun in der ſoeben erwähnten Urkunde die Behauptung aufſtellen: Quia fratres ordinis Cysterciensis de Olyva in predicta terra (sc. Wenzeke, alio nomine vocata Mewe) partem bonorum affırmant ad se iusto dona- tionis tytulo pertinere, quod per nos ad quem predicta terra libere et neminem alium de jure pertinet, non poterunt conprobare? Hatte Sambor denn ganz vergeffen, was er vor 46 Jahren gethan? Sell Geſch. Pommerns B. I. S. 347 loͤſet das Raͤthſel dadurch, daß er ſagt: „Sambor ſcheint in der That, wie auch Swantepolk in ſeinen Urkunden, wenn er von Sambor redet, und Meſtwin in einer Urkunde vom J. 1281 genug zu verſtehen geben, damals ſehr ſchwach und wol gar im Verſtande irre geweſen zu ſeyn.“ De Wal Histoire de l’Ord. Teut. T. II. p. 170 fagt dagegen: Les Ducs de Pomeranie avoient repris le territoire de Mewe en donnant d'autres biens en compen- sation à l’abbaye d' Oliva, ce qu'on voit de l’acte de confirmation des biens et privileges dudit monastere, donné Yan 1291 par Bo- gislas VI Duc de Slavie; v. Pieces justif. de l'exposé des droits du Roi de Prusse, Nr. 3. Allein ich habe dieſes Buch nicht einſehen koͤnnen.

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358 Herzog Miſtwin von Pommern. treten, ſo blieb dieſer vorerſt im Beſitz der ihm zugefallenen Schenkung. Herzog Miſtwin von Pommern nahm an der Streitſa⸗ che vorerſt nicht Theil. Vielmehr an dem naͤmlichen Tage, an welchem Sambor jenen Schenkungsbrief beſiegelte, ſtellte auch Kaiſer Rudolf ein merkwuͤrdiges Diplom aus, kraft welches er dem Orden die ganze Schenkung von Burgen, Gebieten, Beſitzungen und Rechten beſtaͤtigte, welche die bei⸗ den Herzoge Miſtwin und Ratibor, Sambors Brüder, an den Orden verliehen hatten 1). Sie betraf nicht unbedeu⸗ tende Beſitzungen in den Gebieten von Schwez, Neuenburg und Thymau, welche Miſtwin an den Orden vergeben, und einen andern Theil von Pommern, welchen Ratibor bei ſei⸗ nem Eintritt in die Bruͤderſchaft des Ordens dieſem zuge⸗ bracht hatte ?). Doch auch dieſe Schenkung erzeugte nach: 1) Das Original mit dem Datum: Bopardie IV Cal. April. an. 1276, anno Regni nostri tercio im geh. Arch. Schiebl. XX. Nr. 1, gedruckt im Dogiel T. IV. Nr. 38, in den Act. Boruss. B. III. S. 282. Vgl. Baczko B. I. ©. 339. Rudolf ſagt aber ſelbſt, daß er die Beſtaͤtigung ertheile attendens preces religiosorum virorum fra- trum domus Theutonice super confirmatione privilegiorum. 2) Die Schenkungsurkunde hierüber iſt nicht mehr vorhanden; auch der Kaiſer ſpricht nur im Allgemeinen von einer donatio seu collatio castrorum, terrarum, possessionum et iurium dictis fratribus ab il- lustribus prineipibus Mestu ino duce Pomeranie et Rateburo ipsius Ducis consanguineo. Allein die Urkunde bei Dogiel T. IV. Nr. 39 weiſet auf eine Schenkung beider Fuͤrſten hin, die wohl kaum eine an⸗ dere als die erwähnte ift, denn der Orden hatte Güter bekommen in Ducatu Swecensi et Neuenburg et Timove occasione cuiusdam do- nationis eis factae per Ducem eundem (sc. Mestwinum), ferner auch de quadam parte Pomeranie, quae ad eosdem Fratres devoluta fue- rat, ut dicebant, ex collatione quadam Ratiborii patrui dicti Ducis, qui per ingressum Religionis eorundem fratrum se et sua Deo et ipsi Domui S. Mariae dedicaverat. Dusburg c. 208 kennt dagegen eine ſolche Schenkung von Wartislav, indem er von dieſem ſagt: Iste Warceslaus factus fuit frater Ordinis Domus Teutouicae et partem Ducatus, quae ipsum contingebat, dedit fratribus Domus Teutonicae in Pruschia in eleemosinam. Allein Urkunden find hierüber nicht vor⸗ handen.

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Herzog Miſtwin von Pommern. 359 mals noch manchen Streit, ſo freiwillig ſie Miſtwin um dieſe Zeit wohl auch verliehen haben mochte !). Ueberhaupt hatte dieſer Fuͤrſt, dem nicht das Mindeſte von der Feſtigkeit in den Beſtrebungen und von der Beharr⸗ lichkeit in den Planen ſeines Vaters eigen war, ſeit einigen Jahren ſchon ganz andere Gedanken verfolgt, als in der er— ſten Zeit feiner Regierung. Schwach an Geiſt, wanfend in den Grundſaͤtzen, unſtaͤt im Willen, fo ohne eigenen feſten Halt in ſich ſelbſt und ohne Sicherheit im Verfolgen Eines Zieles ſuchte er gerne in bedraͤngten Lagen Stuͤtzen und An⸗ halte, wo er ſie nur finden konnte. Kaum hatte er ſich aus den Armen der Markgrafen von Brandenburg, in die er ſich wegen ſeines Streites mit ſeinem Bruder geſtuͤrzt, mit Muͤhe losgewunden, als er glaubte, in der Beguͤnſtigung und Er: hebung des Johanniter-Ordens in Pommern gegen nahe dro⸗ hende Gefahren Schutz und Rettung zu finden. Es folgte daher, neben der Vergeudung anſehnlicher Güter an die Kloͤ⸗ ſter Oliva und Pelplin, auch an die Johanniter eine Schen⸗ kung auf die andere ?); und kaum waren einige Jahre vor: uͤber, ſo begann Miſtwin mit derſelbigen verſchwenderiſchen Freigebigkeit und mit dem naͤmlichen gedankenloſen Wankel⸗ muth im Jahre 1276 auch die Reihe ſeiner zahlreichen Be⸗ ſchenkungen an den Orden in Preuſſen und half in ſolcher Weiſe den naͤmlichen Ordensrittern, welche aus dieſer Be⸗ ſorgniß ſein Vater faſt ſein ganzes Leben hindurch bekaͤmpft hatte, in ihren Laͤndererwerbungen ſelbſt den Weg uͤber die Weichſel bahnen. — So waren alſo die Verhaͤltniſſe in Pom⸗ mern für den Orden in aller Hinſicht aͤußerſt guͤnſtig; allein auf Huͤlfe für ſeinen Kampf zur völligen Unterwerfung Preuſ⸗ 1) Wann die Schenkung Miſtwins erfolgt ſey, iſt nicht zu beftim- men. Die Burg Schwez war wenigſtens um Pfingften 1280 nach ei⸗ ner Urkunde im geh. Arch. Schiebl. XLIX. Nr. 8 noch im Beſitz des Herzogs. 2) Das geh. Archiv beſitzt mehre Abſchriften ſolcher Beſchenkungs⸗ briefe Miſtwins an die Johanniter; unter andern im großen Ordens⸗ privilegienbuche p. XLIX.

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360 Stellung des Ordens zu den Nachbarlanden. ſens konnte er in dem zerriffenen und zerſplitterten Lande auf keine Weiſe rechnen. Auch auf die Herzoge von Polen durfte der Orden nicht die geringſte Hoffnung bauen. Zwar waren die Verhaͤltniſſe im Allgemeinen friedlich und freundlich; allein ſelbſt die naͤ⸗ heren Nachbarn des Ordens, die Herzoge von Maſovien und von Cujavien, waren ſchon laͤngſt gegen das Intereſſe der Rit⸗ terherrſchaft ſcheu und lau zuruͤckgetreten, immer mehr be⸗ ſorgt, die zunehmende Vergrößerung und die damit wach⸗ ſende Waffenmacht des noͤrdlichen Nachbars moͤge auch ihnen einſt Gefahr und Verderben bringen ). Zudem war Polen auch um dieſe Zeit in Kriegszerwuͤrfniß 2) und im Jahre 1277 erlitten die Gebiete von Dobrin, Lancziz und Brisk (Brzesc) einen verheerenden Einfall der Litthauer, die das Land weit und breit durch Feuer und Raub verwuͤſteten und gegen vierzigtauſend Menſchen theils erſchlagen, theils geſan⸗ gen aus ihrer Heimat hinweggetrieben haben ſollen “). In Livland endlich war die Lage der Dinge keineswegs der Art, daß von dort her fuͤr den Orden in Preuſſen kraͤf⸗ tiger Beiſtand haͤtte erwartet werden koͤnnen. Die Kaͤmpfe mit den Litthauern hatten zwar einige Zeit geruht, da dieſes Volk in Kriegen und Raubzuͤgen ſeine Kraft mehr auf Ruß⸗ land und Polen wandte, zum Theil auch ſelbſt in ſeinen ei⸗ genen Graͤnzen von den Mongolen heimgeſucht und beſchaͤf⸗ tigt wurde). Zwar waren ferner auch die Semgallen durch 1) Wie es ſcheint, war dieſes auch mit der Grund, der den Or⸗ den bewog, vom Kaiſer Rudolf eine neue Beſtaͤtigung der Verleihung des Kaiſers Friederich des Zweiten über das Kulmerland und Preuffen zu erbitten. Obgleich ſolche erneuerte Beſtaͤtigungen bei neuantretenden Regenten bekanntlich auch überhaupt herkömmlich waren, fo erſieht man doch aus dieſer Urkunde (geh. Arch. Schiebl. XX. Nr. 3), daß der Or⸗ den hier jeden Falls einen beſondern dringenden Anlaß gehabt hatte, ſich dieſes Diplom auszuwirken. 2) Henel. ab Hennenfeld Annal. ap. Sommersberg T. II. p. 259. Diugoss. p. 809 810. 3) Dusburg c. 190. Kojalowiez p. 146. Diugoss. p. 811. 4) Karamſin B. IV. S. 102.

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Stellung des Ordens zu den Nachbarlanden. 361 den Ordensmeiſter Walther von Nordeck ſchon ſeit dem Jahre 1272 in des Ordens Gehorſam und zum Glauben zuruͤckge⸗ bracht). Allein bei dem allen war die Lage des Ordens in Livland faſt dieſelbe, wie in Preuſſen. Auch dort ſtanden noch heidniſche Feinde an den Graͤnzen, die in Raubzuͤgen fort und fort Nahrung und Gewinn ſuchten; auch dort be⸗ wegten ſich die Neubekehrten noch ſchwer und unwillig in den neuen und ungewohnten Formen, und verlief die Ver⸗ waltungszeit des erwaͤhnten Ordensmeiſters bis zum Jahre 1277 auch ziemlich in Friede und Ruhe, ſo entnahmen ihm doch auch Krankheit und Alter alle Kraft zu reger Thaͤtigkeit in dem Maaße, daß er in dem genannten Jahre ſeinem Amte entſagend die Meiſterwuͤrde feinem Nachfolger Ernſt von Nat: zeburg überließ ?). Und endlich lag dort der Orden noch fort 1) Wie uberhaupt die Geſchichte Livlands auch für dieſe Zeit noch ſehr im Argen liegt, ſo widerſpricht auch dieſe Angabe allen bisherigen Geſchichtswerken, denn nach dieſen ſoll Walther von Nordeck erſt im J. 1275 Meiſter von Livland geworden ſeyn (vgl. das Verzeichniß bei Bray Essai eritig. T. I. p. 327) und nur Bachem S. 29 fest ihn ſchon ins J. 1273 nach Gebhardi. Allein eine von Walther ſelbſt als Liv⸗ laͤnd. Ordensmeiſter ausgeſtellte Urkunde vom J. 1272 enthaͤlt folgende Worte: „Do dat lant to ſemigallen von der godis gnaden to rugghe gelacht dy dwelunge des heydenichſen geloven unde echtir den Criſtenlo⸗ ven enpfieng, den ſie vormales entpfangen hadden und beſyden gewor⸗ pen hadden und wie dy dar over weren geryſchit hebbin dy Eldeſten des landes to unſir gegenwordicheit und vil halndelunge gehat hebbin her und dar up iren tyns und ir recht twiſchen in und uns to dem leſten behagit yn von gemeynem rade und volbort iren tyns und ire recht to metigen in diſſe wies.“ Hieraus geht klar hervor, daß die Unterwer⸗ fung der Semgallen im J. 1272 ſchon geſchehen war. Damit ſtimmt auch Alnpeck S. 108 — 109, wo er die Ergebung Semgallens erzählt, völlig überein; vgl. auch S. 198. Die Ordenschron. bei Matthaeus p. 745 deutet dieß ebenfalls an. 2) De Wal Histoire de l'O. T. T. II. p. 156 — 157. Gade⸗ buſch Livl. Jahrb. B. I. S. 310. Bachem a. a. O. Arndt B. II. S. 65. a). Sartorius Geſch. des Hanfeat. Bund. B. I. S. 434, wo aber nicht Gotofred., ſondern Gualterus ſtehen muß. Die Ordens⸗ chron. a. a. O. ſagt von Walther von Nordeck: „Hy mochte niet mer ryden noch arbeyden.“

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30% Bekämpfung der Sudauer. und fort im Streite mit dem Erzbiſchofe von Riga Johann von Luͤnen, denn in der obwaltenden Spannung fand ſich immer neuer Anlaß und immer friſcher Stoff zum fortdau⸗ ernden Zwiſte. So hatte erſt kurz zuvor der Erzbiſchof dem Vogte der Stadt Riga das Recht zugeſtanden, ſich einen Stellvertreter zu erwaͤhlen, als Kaiſer Rudolf auf die des⸗ halb erhobene Klage des Livländifchen Ordens der Stadt Riga in ſehr ernſter Sprache den Befehl ertheilte, forthin den jederzeitigen Livlaͤndiſchen Ordensmeiſter in weltlichen Verhaͤlt⸗ niſſen als ihren oberſten Richter anzuerkennen n), ein Um: ſtand, der nothwendig dem glimmenden Feuer wieder neue Nahrung gab. Sonach war alſo der Orden in Preuſſen in ſeinem Un⸗ ternehmen zur Unterwerfung des kriegeriſchen und tapferen Volkes der Sudauer nur allein auf ſich ſelbſt, auf den Muth und die Entſchloſſenheit ſeiner Ordensbruͤder und auf die Kraft und Ausdauer ſeiner eigenen Kriegsmacht hingewieſen. So nothwendig aber und unvermeidlich ein offener Kampf gegen dieſes Volk in ſeinem eigenen Lande und die Ueber⸗ waͤltigung dieſer letzten Landſchaft Preuſſens nach den juͤng⸗ ſten Ereigniſſen auch geworden war, ſo lagen in dem Unter⸗ nehmen ſelbſt doch auch ſehr bedeutende Schwierigkeiten. In ihrer Ausdehnung weit groͤßer als manche andere Landſchaft Preuſſens, war ſie damals auch noch ungleich mehr als die meiſten andern mit dichten Waldungen und Wildniſſen be⸗ deckt, vor allem aber mit einer außerordentlichen Menge von Seen, Moraͤſten und Suͤmpfen angefuͤllt, die es den kundi⸗ gen Bewohnern immer ſehr leicht machten, ſich dem Angriffe des feindlichen Schwertes zu entziehen und ihre Nahrung, ſo lange es nothwendig war, in den wildreichen Wäldern und 1) Es iſt hierauf ſchon kurz vorher S. 354 Anmerk. 2 hingewie⸗ fen. Die Urkunde Rudolfs iſt datirt: Norimberg IX Calend. Decembr regni an. II (23 Nov. 1275), ſteht in dem Buche: Dis ſynt die Pri⸗ vilegia von leyflant her. Vgl. Bergmanns Magazin für Rußlands Geſchichte B. I. H. I. S. 29. Bray Essai critid. T. I. p. 183.

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Bekaͤmpfung der Sudauer. 363 in ihren Seen zu ſuchen ). Dieſe Beſchaffenheit des Landes ließ außerdem einem feindlichen Heere auch nie einen laͤngern Aufenthalt zu. Dort war ferner der maͤchtigere Stand der Landes⸗Edlen noch ungetheilt und unverfuͤhrt und es konnte den Ordensherren nicht ſo leicht gelingen, dieſe Vornehmeren des Volkes durch feine gewohnten Mittel und Künfte zu ver⸗ locken, in ihre Sache zu ziehen und ſo die gemeine Menge ihrer Haͤupter und Fuͤhrer zu berauben. Ueberdieß ſtand das Sudauiſche Volk mehr als alle ſeine Nachbarn im Rufe kuͤh⸗ ner Tapferkeit und kecken Muthes, wie denn ſchon von fruͤ⸗ her Zeit her ſeine Lage es mehr zu Kampf und Krieg ver⸗ anlaßt und gelockt hatte, und hiedurch mochte es wohl auch in den Beſitz einer groͤßeren Wohlhabenheit gekommen ſeyn, als ſeine Nachbarn 2). Das ganze maͤnnliche Geſchlecht war dort Krieger und die Jagd von fruͤhauf die Voruͤbung zu Kampf und Krieg. Daher ſtellte Sudauen leicht eine Heer⸗ ſchaar von ſechstauſend erleſenen Reitern und eine unzaͤhlige Maſſe Fußvolkes ). Es war demnach fuͤrwahr keine leichte Aufgabe, welche dem Orden in der Bekaͤmpfung und Unterwerfung dieſes Vol⸗ kes vorlag. Der Ordensmarſchall Konrad von Thierberg, jetzt wieder in des Landmeiſters Stelle des Landes Verwal⸗ tung führend *), ruͤſtete daher auch noch im Laufe des Jah⸗ 1) Vgl. oben B. I. S. 498 — 499. 2) Daher Dusburg P. III. c. 3 ſagt: Sudovitae generosi sicut nobilitate morum alios praecedebant, ita divitiis et potentia excede- bant. Schütz p. 40. 3) Deshalb heißt es auch bei Dushurg c. 188: terra Sudowita- rum potentior inter omnes, und der Chroniſt legt ein beſonderes Ge⸗ wicht darauf, wenn er ſagt: quam (terram) fratres non in humana virtute nec in pugnatorum multitudine, sed in divinae protectionis auxilio confisi, viriliter sunt aggressi. 4) Es möchte wohl überhaupt ſchwer nachzuweiſen ſeyn, daß ſich der Landmeiſter ſeit dem Anfange des Jahres 1277 bis zu Ende ſeiner Verwaltung viel in Preuſſen aufgehalten habe, denn in Urkunden finden wir immer nur Konrad von Thierberg den Juͤngern als Marschalcus per Prussiam, vices gerens Magistri genannt; fo in einer Verſchrei⸗

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364 Bekämpfung der Sudauer. res 1277 mit aller Kraft und fiel darauf von einer Anzahl Ordensritter begleitet mit einer Reiterſchaar von ſunfzehnhun⸗ dert Roſſen und einigem Fußvolk in Sudauen ein. Das Ge⸗ biet Kimenau, welches den Eingang in das Land bildete, er⸗ fuhr zuerſt eine ſchwere Verwuͤſtung. Eine bedeutende Zahl der Bewohner wurde erſchlagen und ein Haufe von tauſend Gefangenen mit einer aͤußerſt reichen Beute hinweggefuͤhrt. Bevor aber noch des Marſchalls Heer weiter ziehen konnte, ſtellte ſich ihm am Walde Winſe, wie es ſcheint noͤrdlich am Spirding⸗See !), ein Streithaufe von dreitauſend auserleſe⸗ nen Sudauern entgegen. Es erfolgte ein ſchrecklich blutiger Kampf, denn die Sudauer ſchlugen ſich mit der ausgezeich⸗ netſten Tapferkeit und erſt nachdem zweitauſend der Ihrigen theils ſchwer verwundet, theils erſchlagen den Kampfplatz be⸗ deckten, ergriffen die uͤbrigen die Flucht. Aber auch dem Or⸗ densmarſchalle koſtete der Sieg einen betraͤchtlichen Verluſt, denn außer ſechs Ordensrittern war auch von ſeiner Streit⸗ macht eine große Zahl gefallen 2). bung vom 20. Febr. 1277 im Fol. XI. p. 166; dann in einer andern vom 5. Januar 1278 im Fol. Samland. Verſchreib. der Freien p. 206; ferner in einer vom 17. Jan. 1278 und in einer andern vom 2. Febr. 1278 ebendaſ. p. 115 und 1193 desgleichen wieder in einer Urkunde vom 12. Juli 1278 im Fol. alte Handfeſt. der Vogtei Fiſchhauſen p. 88 und 953 ſelbſt auch noch im J. 1279 findet ſich nur der Vice⸗Landmeiſter; fo in einer Verſchreib. vom 1. März 1279. 1) Das Gebiet Kimenau iſt in ſeiner Lage nicht ſicher zu ermit⸗ teln; ſ. oben B. I. S. 498. Nach der Angabe des Waldes Winſe konnte es wohl die vom Spirding⸗See noͤrdlich liegende Gegend ſeyn, wo uͤber dem Kirchdorfe Eckersberg Wenſoͤwen an einem Walde liegend an den Namen Winſe noch erinnern moͤchte. Vielleicht war es des Or⸗ densmarſchalls Plan geweſen, von dort aus öftlich vorzudringen bis an die Burg Skomands, welche oſtwaͤrts von Lyck am See Skomand (letzt Skomentnen) lag. 2) Dusburg c. 189. Schütz p. 40. Lucas David B. V. S. 22 — 23. Wenn Dusburg ſagt: In hac pugna de exercitu fratrum nisi sex viri ceciderunt interſecti, alii salvi sunt reversi, ſo mochte dieſe geringe Zahl wohl nur auf die Ordensritter zu beziehen ſeyn, denn Schultz ſpricht auch von einem nicht geringen Verluſte des Ordensheeres.

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Bekämpfung der Sudauer. 365 Eiligſt aber ſammelte der Marſchall, von dem Gedanken geleitet, daß nun das Volk unablaͤſſig durch Kampf und Fehde beſchaͤftigt, ermuͤdet, geſchwaͤcht und wo moͤglich vor allem ſeiner Fuͤhrer und Haͤupter beraubt werden muͤſſe, eine neue, noch ſtaͤrkere Kriegsmacht und brach abermals ins feindliche Land ein. Um den Ruͤckzug zu decken, ließ er das Fußvolk an der Landesgraͤnze ſtehen, waͤhrend er mit der Reiterſchaar tief ins Land bis an das waldreiche Gebiet von Merunisken !) vordringend unter Raub und Brand die Wohnburgen von achtzehn Landes-Edlen erſtuͤrmte und die Herren erſchlug. Dann kehrte er unter ſchwerer Verheerung mit einer neuen Schaar von Gefangenen zu dem Fußvolke und in die Hei⸗ mat zuruͤck 2). Gewiß wuͤrde Sudauens Eroberung weit fruͤher gelun⸗ gen ſeyn, haͤtte nicht des Landes eigenthuͤmliche Beſchaffenheit die Fortſetzung des Krieges im Laufe des Sommers immer unmoͤglich gemacht. Es blieb demnach den Ordensgebietigern nichts anders uͤbrig, als das feindliche Volk durch einzelne Angriffe und Fehden unaufhoͤrlich zu beſchaͤftigen und immer mehr zu ermuͤden. Und hiebei unterſtuͤtzten den Orden vor⸗ zuͤglich eine Anzahl neubekehrter getreuer Preuſſen, die mit des Landes Oertlichkeit genauer bekannt, als Freibeuter, da⸗ mals Struter genannt), mit kleinen Kriegshaufen verſehen 1) Ohne Zweifel das heutige Mierunsken an der Preuſſiſchen Graͤnze bei Filipowo. Lucas David B. V. S. 24 nennt es Merunske. 2) Dusburg c. 192. Lucas David a. a. O., wo auch der Be⸗ richt Simon Grunau's mitgetheilt iſt; man ſieht ihm indeſſen die Grundloſigkeit bald an. Schütz p. 40. 8) Durs burg c. 193 und c. 223 bezeichnet fie gemeinhin mit dem Ausdrucke Latrunculi und ihr Gefchäft nennt er Latrocinium. Der Begriff des Straßenraubes darf jedoch in das Wort nicht eingemiſcht werden, denn ein latrunculus iſt im Mittelalter ein excursor, prae- cursor exercitus seu potius miles, qui in insidiis latet; fo erklärt Du Fresne Glossar. s. h. v. Hiernach würden wir dieſe latrunculi anzuſehen haben als eine im Vortrab des Heeres oder auch in einzelnen Streifzuͤgen agirende leichte Reiterei, die „cum levibus armis prute- nicalibus“ ins feindliche Land einſprengte. So ſcheint auch ſchon De

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366 Bekämpfung der Sudauer. auch zur Sommerzeit in die einzelnen Gebiete Sudauens ein⸗ fielen, einzelne Orte und Gegenden durchpluͤnderten, das Volk in Schrecken ſetzten und bald hier bald da beunruhig⸗ ten. Am meiſten zeichneten ſich unter ihnen aus jener Mar⸗ tin Golin, der kuͤhne Kulmer, welcher ſchon durch manche Wal Recherches T. II. p. 162 die Sache genommen zu haben, wenn er von dieſen latrunculis ſagt: C’etoit le metier journalier des trou pes légères, destinées A éclairer les demarches de P’ennemi et à le harceler sans cesse, elles se glissoient par pelotons dans son pays, en enlevoient les habitants, les chevaux, le betail, les vivres et par conséquent elles exergoient un pillage continuel: les bonnes gens du Nord nommojent donc les choses par leur nom, mais dans un sens, qui n'avoit rien d’offensant pour personne. Als ſolche erſcheinen dieſe latrunculi auch in einem Vertrage, Pax Latrunculorum genannt, zwi⸗ ſchen dem Livlaͤndiſchen Landmeiſter und den Fuͤrſten von Litthauen im J. 1367 abgeſchloſſen, bei Dogiel T. V. Nr. 56, woraus hervorgeht, daß um dieſe Zeit auch die Litthauer dieſe leichte Reiterei in dieſer Art ſchon hatten. Bei Weigand Marburg. (Mscr.) kommen fie vor unter dem Namen Latrones, indem es von einem Ordensbruder heißt: Fra- ter Heinricus convocavit a longe quos voluit, intrans deserta more latronum, infestat paganos cursu subtili et occurrentes paganos ca- ptivavit. — Unternahmen fie Fehdezuͤge auf ihre eigene Hand, fo er⸗ ſcheinen fie als Freibeuter. So lernen wir fie durch Jeroſchin ken⸗ nen; er giebt, wie ein anderer alter Ueberſetzer Dusburgs, das Wort latrunculi bald durch „Ebintuͤre“, bald auch und am häufigften durch „Strutere und Struterie.“ Dieſer Ausdruck, auch Struderie geſchrie⸗ ben, iſt Deutſch und haͤngt wohl offenbar mit dem altdeutſchen Worte Strut oder Strat, Geſtraͤuch, Gebuͤſch und Waldwildniß zuſammen. Daher erklärt auch Haltaus Glossar. German. s. h. v. das Wort Stru- ter oder Ströter durch milites eorumque famuli, in insidiis, nempe in frutetis ac silvis latitantes praedandi causa: alii omnes praedones silvestres, mercatoribus praecipue infesti. Wir finden dieſelbe Sache mit derſelben Bezeichnung auch in Deutſchland; fo werden in einer Ur: kunde bei Guden. T. III. Nr. 387. p. 609 zuſammengeſtellt „Struder und Fußrauber, die zu fus plegen zu gende nach Rauberie.“ — Daß dieſe Struter in Preuſſen aber heimliche Ordensglieder oder Halbbruder geweſen ſeyen, wie fruͤher z. B. im Erlaͤutert. Preuſſ. B. I. S. 66 be⸗ hauptet wurde, iſt durch keine Beweiſe darzuthun. Hätte man gewußt, wer dieſe latrunculi bei Dusburg eigentlich waren, fo würde man dieſe Behauptung wohl auch kaum gewagt haben.

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Bekämpfung der Sudauer. 367 tapfere und verwegene That dem Orden ſeine Treue bewaͤhrt, Konrad Tuͤvel“), der Withing, der ſich des Vertrauens der Ordensritter ſchon in den Kriegsunruhen in Samland beſon⸗ ders wuͤrdig gezeigt, ferner der kuͤhnentſchloſſene Stobemel, der tapfere Kudar, ſelbſt ein Sudauer 2) und Nakaim, ein Pogeſanier. Oft ſtanden ſie an der Spitze von nur funfzehn bis zwanzig Mann, wenn ſie pluͤndernd in Feindes-Land einfielen und immer bewieſen fie den kuͤhnſten und entfchlofs ſenſten Muth. So uͤberzog einſt Martin Golin mit funfzehn Mann ein Sudauiſches Dorf. Auf der Heimkehr aber ward er ploͤtzich mit feinen Gefährten bei einem Mahle vom Feinde überfallen und als vier der Seinen erſchlagen waren, mußte er fliehend Beute und Waffen zuruͤcklaſſen. In einem Walde aber ſammelte er feine Gefährten wieder, ſchlich ſich leiſe zu dem ſchlafenden Feinde, entnahm ihm ſeine Schilde, Schwer⸗ ter und Lanzen, bewaffnete ſo die Seinigen wieder und ſtuͤrzte ſich nun auf die noch ſchlafenden Heiden, ſie alle bis auf den letzten Mann erwuͤrgend und dann mit feiner Beute heimkeh⸗ rend. Bei einem andern Einfalle ins Sudauiſche Gebiet er⸗ ſchlug er einſt in einem Bade mit eigener Hand zehn Maͤn⸗ ner und trieb zuruͤckkehrend eine große Herde von Roſſen, Vieh, Kindern und Frauen vor ſich her). 1) Dieſer Konrad Tuͤvel kommt unter dem Namen Cunradus Dya- bulus unter den Withingen Samlands vor; ſ. meine Geſchichte der Ei⸗ dechſen⸗Geſellſch. S. 214 und 217. Vgl. Dusburg c. 223. 2) Der Name koͤnnte auch wohl Kudrawe oder Codrowe ſeyn, denn im J. 1292 erhielten die Sohne des Kudrawe propter multa fidelita- tis obsequia, que fratribus multo tempore exhibuerunt, ein Stuck Land als Belohnung vom Landmeiſter Meinhard von Querfurt. Ein Codrowe, gleichfalls mit Land belohnt, in den Privileg. des Stiffts Samlands p. 86. b). 3) Dusburg c. 193 — 194. Lucas David B. V. S. 29. Die ſer hat jedoch ſeinen Vorgaͤnger mißverſtanden, wenn er die genannten Freibeuter Deutſche Maͤnner nennt, mit denen Martin Golin ſeine Streifzuͤge unternimmt. Martin hat zwar auch quatuor viros Teu- tonicos bei fi, aber es waren nicht die Freibeuter, denn die Namen bezeichnen dieſe als Preuſſen; auch werden jene IV socii Teutonici von den Sudauern erſchlagen; jene latrunculi kommen aber noch ſpaͤter vor.

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368 Bekämpfung der Sudauer. Um Rache zu nehmen wegen ſolcher Raubzuͤge in ihr Land, fielen die Sudauer auch einmal mit einem anſehnlichen Heerhaufen in Natangen ein und uͤbten Raub und Verhee⸗ rung; allein die Ordensritter trieben ſie ſchnell mit bedeuten⸗ den Verluſten in ihre Wälder wieder zuruͤck!). So ging das Jahr 1278 unter einzelnen Fehden und Kaͤmpfen hin, ohne daß ein ſicherer Erfolg errungen werden konnte. Wie es ſcheint, war auch des Ordens Kriegsmacht zur Zeit entweder nicht ſo geordnet oder nicht ſo ſtark, daß mit kraͤftigem Nach⸗ drucke haͤtte gewirkt werden koͤnnen; und ward auch hie und da in Deutſchland von einzelnen dem Orden geneigten Bi⸗ ſchoͤfen, wie im Biſthum Luͤbeck vom Biſchofe Burchard zur Foͤrderung der Bekehrungsſache in Preuſſen und Livland wie⸗ derum die Kreuzpredigt anbefohlen, ſo hatte ſie doch uͤberall nur geringen Erfolg oder man loͤſete das gethane Geluͤbde lieber mit einer beſtimmten Geldſumme für den Orden, als daß man das Schwert ſelbſt ergriff 2). Da erſchien im Vorſommer des Jahres 1279 ein neuer Landmeiſter in Preuſſen. Konrad von Thierberg war ſchon 1) Dusburg c. 195. Schütz p. 40. 2) Wir haben hieruͤber eine Urkunde des Biſch. Burchard von Luͤ⸗ beck, datirt: Uthin a. d. 1278 die Johannis et Pauli, worin er den Vorgeſetzten feiner Kirche befiehlt, das Geld, welches fie von den nach Livland beſtimmt geweſenen Kreuzfahrern genommen haben, dem Or⸗ densbruder Konrad abzuliefern und die Reſte beitreiben zu laſſen. Ob⸗ gleich aber in der Urkunde von den Kreuzpredigten des Ordensbruders auch ſelbſt die Rede iſt und auch aufgefordert wird, dieſe Predigten fleißig zu hoͤren, ſo war es doch ſichtbar bei der ganzen Sache mehr nur aufs Geld abgeſehen. — Wie wenig geneigt man damals aber hie und da in Deutfchland war, Gelder oder ſonſtige Einkünfte aus Dr: densbeſitzungen nach Preuſſen gehen zu laſſen, beweiſet das Beiſpiel des Biſchofs Witigo von Meißen, der dem Orden das Auguſtiner⸗Kloſter in Schillen in der Meißniſchen Didceſe ſchenkte, in der Urkunde daruͤber jedoch ausdruͤcklich die Bedingung ſetzte: Nec superexerescentes ſru- ctus, res sive pecuniam transmittent (fratres) in terram suam Pru- ziam vel Livoniam, seu ad alia quecunque loca, prout consuetum est apud eosdem fratres in aliis suis domibus fieri. Die Urkunde iſt vom 6. Nov. 1279. Original im geh. Arch. Schiebl. CVIII. Nr. 1.

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Der Landmeiſter Konrad von Feuchtwangen. 369 ſeit einigen Jahren von der unruhevollen Buͤhne der Ereig⸗ niſſe in Preuſſen zuruͤckgetreten, ſey es daß andere Verhaͤlt⸗ niſſe des Ordens ihn anderwaͤrts beſchaͤftigt hielten, oder daß ihn, wie wahrſcheinlicher iſt, Krankheit an der Verwaltung ſeines Amtes hinderte. Daher hatte der Ordensmarſchall die Verwaltungsgeſchaͤfte ſtellvertretend fortgefuͤhrt, bis bei dem Hochmeiſter Hartmann von Heldrungen zu Marburg die Nach⸗ richt von des Landmeiſters Tod einlief!) und dieſer, zugleich auch benachrichtigt, daß der bisherige Landmeiſter von Liv⸗ land Ernſt von Ratzeburg in einer Schlacht gegen die Lit⸗ thauer mit ſiebenzig Ordensbruͤdern gefallen ſey 2), den Or⸗ densritter Konrad von Feuchtwangen aus einer edlen Fami⸗ lie in Franken zum Landmeiſter von Preuſſen und Livland ernannte). Es war der Wunſch der oberſten Ordensgebie⸗ 1) Nach Alnpeck S. 116 hatte ſich der Ordensmarſchall ſelbſt nach Deutſchland begeben, um dem Hochmeiſter die Nachricht zu bringen. 2) Alnpeck S. 113 — 114 ſetzt den Tod des Livländifchen Land: meiſters ins J. 1278, ebenſo die Ordenschron. bei Matthaeus p. 745. 3) Ueber den Tod Konrads von Thierberg des Aelteren war man ſchon zur Zeit des Lucas David ungewiß; ſ. B. V. S. 27. Dus- burg c. 129 ſagt von ihm, daß er a Magistro Generali vocatus ad Capitulun mortuus est in via, und dieſes ift auch wohl das Wahr⸗ ſcheinlichſte. Nach andern ſoll er in einer Schlacht gegen die Sudauer geblieben ſeyn und der Epitomator Dusburgs deutet ebenfalls auf einen ſolchen Tod hin, indem er ſagt: Anno 1279 Conradus Tyrberg Ma- gister occisus a paganis, similiter frater Ernestus Magister Livo- niensis. Auch Lucas David a. a. O. erwähnt dieſes Todes, ob⸗ gleich Dusburg c. 196 durch fein „mortuo fratre Conrado“ und mit ihm auch Jeroſchin eine andere Todesart andeuten. Der letztere giebt ebenfalls das J. 1279 an. Simon Grunau Tr. VIII. c. 17. F. 1 geſteht hier einmal offen, daß er nichts Beſtimmtes uͤber Konrads Tod habe finden koͤnnen. Natürlich iſt auch der Todestag ganz unbekannt; er muß indeſſen in den Februar oder März fallen, denn Ernſt von Ratzeburg blieb in der Schlacht am 9. Maͤrz nach Arndt B. II. S. 66 oder am 5. März 1279 nach dem Chron. Canonici Sambiens. und die naͤmlichen Boten brachten die Nachricht vom Tode beider Meiſter an den Hochmeiſter nach Dusburg J. c. Demnach müßte in der letzten Zeit Konrad von Thierberg auch wohl in Preuſſen geweſen ſeyn. Die letzte III. 24

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370 Der Landmeiſter Konrad von Feuchtwangen. tiger ſowohl in Preuſſen als in Livland (wo mittlerweile Gerhard von Katzenellenbogen das Meiſteramt ſtellvertretend verwaltete) ?) geweſen, dieſem Ordensritter das doppelte Amt zu uͤbertragen, wiewohl er ſelbſt es nicht ohne Bedenken und Weigern uͤbernommen haben ſoll 2). Aber erfreut durch ei⸗ nen neuen Beweis der Gunſt des Kaiſers Rudolf, wodurch dieſer alle dem Orden von den fruͤheren Kaiſern ertheilten Privilegien, Freiheiten, Begnadigungen und Vorrechte auch auf den geſammten Orden in Livland ausdehnte und fuͤr die⸗ fen von neuem um dieſe Zeit beſtaͤtigtes), trat Konrad von Feuchtwangen, begleitet von einer ritterlichen Schaar auser⸗ leſener Ordensbruͤder, die ihm auf feine Bitte der Hochmeiſter zugeſellt“), im Sommer des Jahres 1279 fein zwiefaches Amt an. Kaum aber war er in Preuſſen, wo ihn die Ritter nach alter Sitte feſtlich empfingen '), angekommen, als zu Elbing, bekannte urkunde vom Vice⸗Landmeiſter Konrad von Thierberg iſt vom 1 März 1279. 1) Alnpeck S. 116. 199. 2) Alnpeck ſagt a. a. O.: Sumeliche brudere begonden ſagen Es ſolde uͤber ein tragen Pruͤſen und nieflant Die viende ſolden zu hant Sich vurchten deſte ſerer Ouch wurde ir helfe merer Sprachen ſie algemeine do Der meiſter wart des rates vro. Bei dem Epitomator Dusburgs heißt es: Fratres utriusque terrae de- stinant ad Magistrum generalem in Theutonia et quaelibet pars pe- tivit sibi dari in magistrum fratrem Conradum de Vuchtewangen; ebenſo Jeroſchin c. 196. Waißel S. 91 erwähnt feiner Weigerung in der Annahme des Amtes. 3) Wir haben hieruͤber zwei Transſumte im geh. Arch. Schiebl. XX. Nr. 5. 6. Das Datum des Originals iſt: Wyenne XV Cal. Julii re- gni nostri an. VI (17 Juni 1279). 4) Alnpeck S. 117. 5) Alnpeck S. 117 ſagt:

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Der Landmeiſter Konrad von Feuchtwangen. 371 da er eben ein Kapitel hielt, ein Botſchafter aus Livland er⸗ ſchien, ihm zu berichten, daß die Semgallen ihres Geluͤbdes uneingedenk unter ihrem Hauptmanne Nameiſe die feſte Burg Terweten belagert und endlich gewonnen, die Ordensbruͤder theils erſchlagen, theils gefangen genommen, die Chriſten rings umher nach Litthauen vertrieben und die Burg ſtark mit Kriegsleuten beſetzt haͤtten. Zugleich bat der Sendbote im Namen des ſtellvertretenden Landmeiſters Gerhard von Katzenellenbogen um Huͤlfe, um den Uebermuth des wort⸗ brüchigen Volkes zu zuͤchtigen. Konrad von Feuchtwangen erkannte wohl, wie nothwendig es ſey, das Beiſpiel des neu⸗ wiederholten Abfalles der Semgallen mit Nachdruck zu be⸗ ſtrafen und ſandte nach Livland nicht bloß die auserleſene Ritterſchaar, welche ihm aus Deutſchland gefolgt war, fon: dern auch eine anſehnliche Zahl von Ordensbruͤdern aus Preuſ⸗ ſen; denn Gerhards Bitte, ſelbſt nach Livland zu kommen, konnte er nicht erfüllen!). Er hielt ſich forthin beſtaͤndig in Preuſſen auf, theils mit ftädtifchen Angelegenheiten 2), theils mit den Verhaͤltniſſen des platten Landes, beſonders mit Ver⸗ mehrung der Bevoͤlkerung, beſſerm Anbau des Landes und Befoͤrderung des Ackerbaues beſchaͤftigt. Und zu dieſem Zwecke wurden von ihm nicht bloß die alten Stamm⸗Preuſſen, die ſich dem Orden in der ſchweren Zeit der Bedraͤngniß beſon⸗ ders treu und ergeben gezeigt, vielfach mit laͤndlichem Eigen: thum und vorzuͤglichen Rechten und Freiheiten beſchenkt, ſon⸗ dern er wies auch den als Gefangenen ins Land gefuͤhrten Als ir meiſter quam geriten Wol nach tugentlichen ſiten Was das ir gewonheit Das man ſchone kein im reit. 1) Alnpeck S. 117 — 120. Jenes Kapitels zu Elbing erwaͤhnt der Chroniſt nur in Beziehung auf Livland. 2) In einer Original-Urkunde im Reichsarchiv zu Thorn, worin er ſich Ch. de Vühtwanch preceptor ordinis fratrum domus Theut. per Livoniam et Prusciam nennt, ertheilt er der Altſtadt Thorn einen Naum neben dem Kaufhauſe zur Anlage einer Wage. Sie iſt datirt: Thorun in vigilia s. Andree Apost. 1279. 24 *

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372 Zug nach Subauen. oder herbeigefluͤchteten Sudauern laͤndliches Beſitzthum an, um durch fie die menſchenleeren Gegenden wieder zu be— voͤlkern 1). Der Krieg gegen die Sudauer ruhete bis gegen den Winter dieſes Jahres. Da ſammelte aber der Ordensmar⸗ ſchall Konrad von Thierberg auf des Landmeiſters Geheiß ein neues ſtarkes Kriegsheer uud fiel damit in das Sudauiſche Gebiet Pokimen ein, wo wiederum nach alter Weiſe verheert und gepluͤndert und Hunderte von Bewohnern erſchlagen oder gefangen wurden, denn zum offenen Kampfe ſtellte ſich auch jetzt das Volk dem Ordensheere nicht entgegen. Erſt auf der Heimkehr des Marſchalls folgte ihm ein Sudauiſcher Heer⸗ haufe nach, um ihm den Raub wieder zu entreißen. Und dieß wuͤrde auch gelungen ſeyn, wenn nicht der Loͤwentin⸗ See bei Lösen, deſſen Eisdecke am Abend dem Ordensheere noch zum Wege gedient hatte, am andern Morgen aber ſchnell aufgethaut keine Spur von Eis mehr zeigte, den Feind vom Verfolgen zurückgehalten hätte 2). Der neue Landmeiſter indeſſen verwaltete ſein Amt in Preuſſen kaum ein Jahr; denn da auch im Sommer des Jahres 1280 die wilden Bewegungen und der Aufſtand un⸗ ter den Semgallen noch fortdauerten, fo berief er ein Kapi- tel feiner vornehmſten Komthure, ihnen erklaͤrend, daß er ſich nicht im Stande fuͤhle, unter ſo ſchwierigen Verhaͤltniſſen in der Verwaltung Preuſſens und unter den fortdauernden Kriegs⸗ 1) Wir haben ſolche Verſchreibungen aus den Jahren 1279 und 1280 im Fol. X. p. 78. XI. p. 101. 2) Dusburg c. 197 nennt das Gebiet Pokima, Jeroſchin Po⸗ kymen, Lucas David B. V. S. 33 Pokieme (nicht Pokinen, wie oben B. I. S. 499 verdruckt ifl). Es muß oſtwaͤrts vom Löwentin⸗ See gelegen haben; jetzt aber erinnert kein Ortsname mehr daran. Daß der Loͤwentin oft mit außerordentlicher Schnelligkeit feine Eisdecke ver⸗ liere, erfuhr auch Lucas David noch; ſ. B. V. S. 33— 34, Hen⸗ neberger von den Seen und Stroͤmen p. 14 ſagt, daß ſich das Eis oft ſchnell zu Boden ſenke. Dieß ſoll auch jetzt noch Statt finden. Le: brigens iſt in älteren Quellen der Name nicht Loͤwentin, ſondern Ne- wotin, bei Dusburg unrichtig Negothin.

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Der Landmeiſter Mangold von Sternberg. 373 ſtuͤrmen in Livland das doppelte Meiſteramt längerhin zu tra: gen und daß er den Hochmeiſter erſuchen wolle, einen fähi: geren Mann an ſeine Stelle zu ſetzen. Ungern verloren die Gebietiger in Preuſſen einen Vorgeſetzten, zu welchem fie gro: ßes Vertrauen gefaßt !). Es geſchah aber mit ihrem Beira⸗ the, daß er in demſelben Kapitel noch die einſtweilige Lan⸗ desverwaltung wieder dem Ordensmarſchall Konrad von Thier⸗ berg uͤbertrug?). Darauf begab er ſich nach Deutſchland, wo er in einem vom Hochmeiſter berufenen Ordenskapitel die Gründe vorlegte, die ihm nicht geſtatteten, die Buͤrde des zwiefachen Amtes unter ſo unruhevollen Verhaͤltniſſen laͤnger zu tragen. Man bat ihn auch hier wieder, ſich der Verwal: tung Preuſſens ferner noch zu unterziehen. Da er jedoch auf keine Weiſe hiezu bewogen werden konnte *), fo ernannte der Hochmeiſter mit des Kapitels Zuſtimmung den Ritter Man⸗ gold von Sternberg zu ſeinem Nachfolger im Meiſteramte in Preuſſen; ihn ſelbſt aber ſandte er als Landmeiſter nach Liv⸗ land mit einer „ſtolzen Schaar“ von vier und dreißig Ordens⸗ rittern, die dort mit Freude und Ehrenbezeigungen empfan⸗ gen wurden *). 1) Alnpeck S. 120. 2) In einer Verſchreibung aus dem Anfange des Auguſts 1280 nennt ſich Konrad von Feuchtwangen zwar noch preceptor Prussie; aber auch Konrad von Thierberg kommt in dieſem Jahre wieder als Vice-Landmeiſter vor; ſ. Fol. XI. p. 114 vgl. mit Lucas David B. V. S. 33. Ordenschron. bei Matthaeus p. 746. Da nun außer- dem auch Mangold von Sternberg ſchon am 1. Auguſt 1280 als Land meiſter eine Verſchreibung ausſtellt, worin Konrad von Thierberg bloß Marſchall genannt wird, ſo muß in der erwaͤhnten Verſchreibung Kon rads von Feuchtwangen ein Irrthum im Datum liegen; ſie iſt eine bloße Copie und ohnedieß auch datirt VII Nonas (2) Aug. — 8) Alnpeck S. 121. 4) Nach Alnpeck a. a. O. muß Konrad unmittelbar wieder nach Livland als Meifter zuruͤckgegangen ſeyn. Darin ſtinnnen Dusburg c 196, die Ordenschron. a. a. O. und Urkunden mit einander überein; denn in den letzteren wird Mangold im J. 1280 und auch noch in ci» nem Theile des J. 1281 nur als Landmeiſter von Preuſſen bezeichnet.

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374 Der Landmeiſter Mangold von Sternberg. Aus einem alten edlen Geſchlechte des Frankenlandes entſprungen oder aus einem Zweige jenes Geſchlechtes in Weſtphalen, in Oeſterreich oder am Rhein entſproſſen — denn jener alte Stamm hatte ſich um dieſe Zeit ſchon weit verzweigt!) — hatte Mangold von Sternberg ſchon ſeit einer Reihe von Jahren dem Ordenshauſe Koͤnigsberg als Komthur mit vielem Ruhme vorgeſtanden und kannte ſomit die Verhaͤltniſſe, in deren Leitung er eintrat, genauer als viele andere. Aus dieſem Amte ging er nun unmittelbar in das neue uͤber?). Sein ganzer Geiſt aber war von dem an in allen feinen Beſtrebungen vorzüglich auf zwei Ziele gerich⸗ tet: das eine die Bekaͤmpfung, Unterjochung und Bezaͤhmung des Sudauiſchen Volkes, das andere die Aufnahme und Er⸗ hebung des Landes aus feinem trauerigen Zuſtande der Eroͤ⸗ dung und Verwuͤſtung durch Verbeſſerung des Ackerbaues, durch Belebung des inneren Betriebes und Vermehrung der Bevoͤl⸗ kerung, und dieſen beiden Beſtrebungen widmete er ſogleich vom Anbeginne ſeines neuen Amtes unablaͤſſig ſeine ganze Thaͤtigkeit. Nur unter Ruhe und Friede konnte das zweite Ziel erreicht werden; darum war es das Kriegsſchwert, wel⸗ ches „der ernſte Kriegsmann,“ wie ruͤhmend ihn eine Chro⸗ nik nennt, zuerſt ergriff. Der Feind ſelbſt aber gab auch zu des Kampfes Erneuerung bald naͤheren Anlaß. Die Su⸗ dauer, wegen des Stillſtandes des Krieges in der letzten Zeit auf des Ordens Schwaͤche ſchließend und nach Rache duͤr⸗ ſtend fir die häufigen Verheerungen ihres Landes durch die einzelnen Raubhaufen der Freibeuter, beſchloſſen in einer Ver⸗ Der Livlaͤnd. Vice⸗Landmeiſter Gerhard von Katzenellenbogen erhielt nun das Amt des Ordensmarſchalls in Livland; Alnpeck S. 126. Konrad von Feuchtwangen begab ſich bald nachher nach Deutſchland und wurde Landkomthur von Franken; De Wal Recherches T. II. p. 31. 1) Eine Ahnentafel des Hauſes Sternberg findet man in Hor⸗ mayrs Taſchenbuch von 1825. Vgl. auch Hormayrs Archiv für Geſchichte Jahrg. 1827. S. 514 — 515. 2) Dusburg c. 198 ruͤhmt auch ſchon feine Verwaltung als Kom⸗ thur von Königsberg. Mangold war wenigſtens vom J. 1276 an, viel⸗ leicht auch ſchon fruͤher, in jenem Amte.

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nr Kämpfe in Sudauen. 375 ſaummmlung ihrer Edelſten einen Verheerungszug nach Sam⸗ land und mit einer Huͤlfsſchaar aus Litthauen verbunden bra⸗ chen ſie noch im Laufe des Jahres 1280 in die Landſchaft ein. Allein die Ordensbeamten, laͤngſt zuvor von des Fein⸗ des Plan unterrichtet, hatten durch ein Kriegsgeſchrei die Be⸗ wohner vorher ſchon aufgefordert, ſich mit aller ihrer Habe in die feſten Burgen zu fluͤchten, und ſo blieb dem Feinde, der zehn Tage das Land durchſtuͤrmte, nichts übrig, als das platte Land zu verheeren und dann ohne Beute heimzukeh⸗ ren. Dieſe Heimkehr aber ward um ſo mehr beſchleunigt, da mittlerweile, wohl nicht ohne des Landmeiſters Anordnung, der beherzte und kriegskuͤhne Komthur der Burg Tapiau Ul rich Baier mit zwoͤlf Ordensrittern und einer Reiterſchaar in Sudauen einfallend das unbewehrte Land mit Raub und Feuer furchtbar verwuͤſtete, die Soͤhne und Toͤchter der Edlen, die waͤhrenddeß in Samland hauſeten, zu Gefangenen machte, eine bedeutende Zahl von Burgen vernichtete und ſo mit reicher Beute zuruͤckkehrte !). Dieſes Gluͤck reizte aber den entſchloſ⸗ ſenen Komthur fortan zu immer kuͤhneren Thaten. Mit ſei⸗ nem ruͤſtigen Streithaufen kannte er bald keine Gefahren mehr, denn wo er erſchien im feindlichen Lande, entfloh aus Schrecken vor ſeinem Namen alles in die Waͤlder, ſo groß und fürchterlich waren die Verheerungen, die er überall mit feinen Reiſigen anrichtete. Da mußte endlich der Landmei⸗ ſter dem kecken Ritter ſolche einzelne Streifzuͤge ohne Befehl ſeines Obern, des Ordensmarſchalls, unterſagen, denn er ſah, daß hiedurch das Sudauiſche Volk ohne Nutzen und Erfolg nur immer mehr erbittert und immer ergrimmter auf Rache dachte 2). Mangold von Sternberg glaubte das Ziel weit eher und ſicherer zu erreichen, wenn ſtatt der bisherigen einzelnen Raub: 1) Dusburg c. 199 — 200. Lucas David B. V. S. 35. Schütz p. 40. 2) Dusburg c. 201. Lucas David a. a. O. Simon Gru nau Tr. VIII. c. 17. § 3 nennt nach feiner Mode dieſen Komthur Ulrich von Lauf.

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376 Kämpfe in Sudauen. und Fehdezuͤge das hartnaͤckige Volk mit einem ſtarken und geordneten Heere uͤberzogen und wo moͤglich ſeines tapferen Kriegshaͤuptlings Skomand beraubt werde. Er ſammelte da⸗ her im Winter des Jahres 1281 die geſammte Kriegsmacht des Ordens und brach am zweiten Februar in das Sudaui⸗ ſche Gebiet Kraſinen ein, wo Skomands Wohnburg lag !). Weit umher ward alles verwuͤſtet und verheert; dann geſchah der Angriff auf Skomands Burg; ſie wurde erſtuͤrmt und aufgebrannt; hundert und funfzig Vertheidiger fielen theils unter dem Schwerte, theils in Gefangenſchaft. Der Kriegs⸗ haͤuptling ſelbſt aber war ſchon fruͤher der Gefahr entwichen, um an der Spitze eines Heeres dem Feinde zu begegnen. Er zog heran; es kam zum Kampfe. Allein Skomand, „der weidliche, unverzagte Held,“ vermochte ihn nicht zu beſtehen bei aller Tapferkeit der Seinen und uͤberließ dem Landmeiſter den Sieg. Was ihm indeſſen und ſeinem ganzen Heere noch wichtiger duͤnkte als der Gewinn der Schlacht war des Kom⸗ thurs von Tapiau Ulrich Baiers Tod. Wie er gewuͤnſcht, ſo war er geſtorben; wie der Erloͤſer hatte er an Haͤnden und Fuͤßen vier Wunden und ins Herz die Todeswunde erhalten 2). 1) Dusburg c. 204 vergl. mit c. 206. Schon in dieſen Jahren muͤſſen auch Sudauer ihr Land freiwillig verlaſſen haben, um ſich dem Orden zu ergeben. Schon 1280 ertheilt der Vice-Landmeiſter Konrad von Thierberg eine Verſchreibung an mehre ſolcher ausgewanderter Su⸗ dauer, die ſich im Chriſtburgiſchen Gebiete niederließen. Verſchreibungs⸗ Regiſtr. Nro II. p. 114. 2) Sein Wunſch war geweſen: ut possem vulnerari ab eis (ho- stibus) V vulneribus, sicut Christus pro me fuerat vulneratus. Dus- burg c. 101. Und der Epitomator ſagt: recepit in pedibus et mani- bus vulnera et quintum in corde. Auch Jeroſchin c. 204 uͤberſetzt: Und als er eh pflag ſenen ſich Daß er nach criſto wurde wunt Suß irging ys in der Stunt Im wurden an vier Endin An Vuyßin und an hendin Dy vuͤnfte zu dem Herzen Ym zu Todes Schmerzen Gabin dy Sudouwin.

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Kämpfe in Sudauen. 377 An feiner Seite lagen noch vier andere Ritter erſchla⸗ gen ). a In dieſem Kampfe aber fiel dem Ordensritter Ludwig von Liebenzell, einem tapferen, im Kriegsweſen wohl erfah⸗ renen, kuͤhnen Manne das ungluͤckliche Loos, in feindliche Gefangenſchaft zu gerathen. Dem Kriegshauptmann Sko⸗ mand vorgeführt gewann er durch feine edle Geſtalt, durch hohe Wuͤrde und kuͤhnen Muth des Haͤuptlings ganzes Ver⸗ trauen und ſeine Liebe bald in ſolchem Maaße, daß er ihn ſeiner Feſſeln entlaſſen ſelbſt ſeines naͤchſten Umganges wuͤr⸗ digte. Der edle Kriegsfeldherr fuͤhlte ſich dem edlen Ritter durch ihre Tugenden immer mehr verwandt und zu ihm hin⸗ gezogen. Da geſchah es einſt, daß Skomand ihn zu einem Gaſtmahle zog, zu welchem ſich die Edelſten der Sudauer verſammelt hatten; und als einer aus ihrer Zahl im Ueber⸗ muthe den fremden Ritter mit Schmaͤhungen beleidigte, ſprach dieſer unwillig zu Skomand, ſeinem Schutzherrn: Haſt du mich deshalb hieher geführt, damit ich dieſe ſchmaͤhenden Worte ertragen ſoll? Nein, erwiederte der Feldherr, auch mich ſchmerzt ſolche Beleidigung; aber wohlan, nimm Rache an dem Bes leidiger; ich werde dir beiſtehen! Da ſtand der Ritter auf, ergriff ſein Schwert, begann den Kampf und ſtreckte den Geg⸗ ner nieder. Alle erſtaunten uͤber des Ritters Behendigkeit in den Waffen. Skomand indeß befuͤrchtete doch, man werde aus Rachgier dem Freunde nach dem Leben trachten und ließ ihn unlaͤngſt nach dieſer That insgeheim auf unbekannten We⸗ gen durch einen ſicheren Diener zu den Seinen nach Preuſ⸗ fen zuruͤckfuͤhren ?). Auf Skomands Seele machte die Erſcheinung des hoch—⸗ geachteten Ritters, deſſen kuͤhner und entſchloſſener Muth, deſſen Heldenſinn und Faſſung in der Stunde der Gefahr, aber nicht minder auch die ſchreckliche Verheerung ſeines gan⸗ 1) Dusburg c. 204. Lucas David B. V. S. 38. Schütz p. 41. 2) Dusburg c. 205. Lucas David a. a. O. Schülz a. a. O.

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378 Skomands Ergebung. zen Gebietes und die Verwuͤſtung ſeiner altväterlichen Burg außerordentlichen Eindruck. Ludwig von Liebenzell hatte ihm alles Vertrauen entnommen zur Errettung der urvaͤterlichen Heimat und zur Erhaltung des alten freien Lebens). Doch noch konnte er es nicht uͤber ſich gewinnen, ſich auf dem Boden dem Gehorſam und dem fremden Geſetze zu fügen, auf welchem die Vaͤter frei und unbeſchraͤnkt gelebt. Er ver⸗ ließ ihn lieber mit ſeinem ganzen Hauſe und allen ſeinen Freunden und begab ſich in ein Gebiet von Rußland, wo er einige Zeit verweilte. Die Stille des Friedens aber ward ihm hier bald unerträglich, denn noch lebte in ihm das Va: terland mit aller Macht der Liebe. Er kehrte zu neuen Ver: ſuchen fuͤr ſeine Rettung zuruͤck. Kaum hatte indeß der Land⸗ meiſter davon Kunde, als ein neues Ordensheer in Sudauen einbrach und den Feldherrn mit Kaͤmpfen und Fehden ſo lange beengte und belaͤſtigte, bis ihm auch die letzte Hoffnung ent⸗ ſchwand. Da legte er endlich das Kampfſchwert nieder, be: gab ſich mit allen den Seinigen nach Preuſſen, empfing die Taufe und lebte forthin einige Jahre auf der Ordensburg Balga, bis er nachmals vom Landmeiſter Konrad von Thier⸗ berg in der Nähe von Landsberg das Dorf Steynio und ei- nige umherliegende Beſitzungen erhielt, wo er mit ſeinen drei Soͤhnen Rukals, Gedetes und Galms den friedlichen Ge⸗ ſchaͤften des Landbaues lebte und vom Orden immer hoch ges ſchaͤtzt war 2). 1) Darüber Schütz a. a. O. 2) Dusburg c. 206. Daß Skomand einige Zeit in Balga lebte, erſehen wir aus der Verſchreibungsurkunde, durch welche der Landmei⸗ ſter Konrad von Thierberg ihm die oben erwaͤhnte Beſitzung verleiht. Sie befindet ſich im Original im geh. Arch. Schiebl. XVI. Nr. 2 und ift datirt: In Balga XIV Calend. May 1285. Der Name Skomands iſt darin Scumant geſchrieben und er und feine Söhne werden ausdruͤck⸗ lich Sudovite genannt. Das Dorf Steynio iſt das heutige Groß⸗Stee⸗ gen bei dem Kirchdorfe Canditten unfern vom Gtädtchen Landsberg im Amte Pr. Eilau. Skomand erhaͤlt außerdem noch das Wieſenfeld Pen- koweo und ein kleines Ackerfeld Labalancs frei vom Zehnten und aller bäuerlichen Arbeit, mit der Erlaubniß, Bauern in fein Gut aufzuneh⸗

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Mangolds Bemühungen um bie Landescultur. 879 So hatte der ritterliche Meiſter Mangold von Stern⸗ berg das eine Ziel ſchon faſt ganz erreicht, dem er vom An⸗ tritte ſeines Amtes an unter Opfern und Muͤhen nachgeſtrebt, denn war das Volk Sudauens auch allerdings noch nicht gaͤnzlich unterworfen, opferte es auch noch fernerhin auf den Altaͤren feiner Götter und folgten auch nach der Zeit immer noch einzelne Zuckungen des alten Geiſtes, ſo war die eigent⸗ liche Volkskraft in ihrer Staͤrke doch gebrochen, der friſche Muth der Seele war zerknickt und vor allem fehlte dem Volke das Haupt, welches bisher die Kraft in einem Punkte ge⸗ ſammelt, den Muth im Sinken immer neu erhoben und den Einzelnen bei ihren Beſtrebungen ein feſtes Ziel gegeben. Demnach war Sudauen ſchon fo gut als gewonnen und be: jocht, wenn auch der Kampf ſich matt und kraftlos noch ei⸗ nige Zeit hinauszog. Aber auch dem zweiten Ziele war Mangold von Stern⸗ berg mittlerweile, ſo viel die Unruhen des Krieges erlaubten, mit Luſt und Eifer nachgegangen. Zahlreiche Guͤterverlei⸗ hungen find noch heute redende Zeugniſſe feiner Sorgfalt für die Erhebung des Ackerbaues und für beſſere Landescultur ). men; ferner die niedere Gerichtsbarkeit und von der hoͤheren Gerichts⸗ barkeit den dritten Theil der Gefälle. Dafür iſt er zur Landesverthei⸗ digung und zur Huͤlfe beim Burgenbau verpflichtet. — Hiemit iſt zu⸗ gleich die Nachricht bei Schütz p. 41 widerlegt, daß er in den Orden aufgenommen worden ſey, und es iſt dieß abermals ein Beweis, wie wenig man den aͤhnlichen Angaben wegen Aufnahme von Nichtdeutſchen in den Orden Glauben ſchenken darf. — Der Prieſterbruder Konrad von Balga aber, der bei Skomands Tod nach Dus burg c. 219 zugegen geweſen ſeyn ſoll, wird auch in der erwaͤhnten Urkunde unter den Zeu⸗ gen genannt; ein neuer Beweis von Dusburgs Genauigkeit. 1) Nur Ein Beiſpiel, wie Mangold durch Beguͤnſtigungen Deut⸗ ſche Einzöglinge herbeilockte. Er uͤberwies einem gewiſſen Konrad von Leiwitz 108 Hufen Landes am See Lome, welche fruͤher Hermann von Meiningen beſeſſen hatte, zur Gründung eines neuen Dorfes. Den ſechſten Theil des Landes erhielt Konrad für ſich und feine Erben für immer frei von allem Dienſt und Zins; nur zur allgemeinen Landes⸗ vertheidigung waren ſie verpflichtet. Die Bewohner des neuen Dorfes erhielten elf Freijahre, ſo daß ſie erſt im zwoͤlften Jahre von jeder Hufe

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380 Mangolds Bemühungen um die Landescultur. So rief er uͤberall nach den ſchweren Zeiten allgemeiner Ver⸗ heerung und Verwuͤſtung auf dem Felde neues Leben und Gedeihen und in den Doͤrfern neuen Wohlſtand und mit dem Wohlſtande neue Freude und Heiterkeit des Volkes hervor. Und ſobald die Nachricht von der Friedenszeit in Preuſſens Landſchaften bis nach Deutſchland erſcholl, zogen von dort⸗ her bedeutende Schaaren nach Preuſſen herauf, um hier als neue Anſiedler Herd und Heimat zu ſuchen. Wohl mochten viele aus den zahlreichen Haufen, welche damals aus Deutſch⸗ land nach Boͤhmen gewandert waren, dort aber ploͤtzlich aus dem Lande wieder vertrieben wurden, auch nach Preuſſen kommen 1). Um Vertrauen im Volke zu gewinnen, ließ er ſich bei nicht zu ſchweren Vergehungen leicht zur Verzeihung geneigt finden; ſie ward nicht ſelten auch den abgefallenen Neubekehrten zu Theil, wenn fie Reue und Beſſerung zeigten?). Daneben erfreuten ſich auch die Staͤdte mancher Beweiſe von Mangolds eifriger Thaͤtigkeit fuͤr ihr Gedeihen. Rieſenburg, ſchon mehre Jahre zuvor durch den trefflichen und gelehrten Biſchof Albert von Pomeſanien gegruͤndet (1276), ſtieg jetzt mit ſeiner biſchoͤflichen Burg immer ſchoͤner empor und ward nun bald des Biſchofs Wohnſitz von Zeit zu Zeit?). In den: ſelben Jahren erhob ſich unter dem thaͤtigen Biſchofe Hein⸗ rich von Ermland auch Braunsberg auf ſeiner heutigen Stelle aus ſeiner Aſche wieder empor und neben der Stadt eine Burg als des Biſchofs Sitz“). Elbing entfaltete nun in den 9 Scot Zins geben ſollten. Treten Kriegsjahre ein, ſo ſollen ihnen die dadurch unterbrochenen Freijahre verlängert werden. Die Dorfbewohner er⸗ halten Marktgerechtigkeit, freie Fiſcherei in allen umliegenden Seen u. ſ. w. 1) Cosmae Pragens. Continuat. in Scriptt. rer. Boemicar. T. I p. 452 — 453. 2) Dieß wurde dann in ihren Guͤterverſchreibungen ausdruͤcklich be⸗ merkt. So heißt es z. B. in einer Verſchreibung an die beiden Bruͤder Mauctio und Saluch vom J. 1280: Item excessum quem per apostata- cionem fidei perpetrarunt, sibi suisque heredibus integraliter relaxamus. 3) Dusburg c. 172. Lucas David B. V. S. 16. Henne⸗ berger S. 399. 4) Dusburg c. 135. Lucas David B. IV. S. 15.

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Mangolds Bemühungen um die Landescultur. 381 Tagen des Friedens ſeine Bluͤthe immer herrlicher, theils durch Befoͤrderung ſeines Handels, theils durch manche an⸗ dere Beguͤnſtigungen. Vorzüglich gelangte ſchon in dieſen Zeiten das dortige, nachmals fuͤr den Orden wie fuͤr das Land ſo wichtige, Hospital zu einem Umfange und Reich⸗ thum, der es zu dem erſten im Lande emporhob ). Vor als lem aber ruhete Mangolds Auge gerne auf der praͤchtigen Marienburg. Um die Stadt ſtaͤrker zu befeſtigen und um die Vertheidigungswerke der Burg, dieſer kraͤftigen Waͤchterin des Nogat-Fluſſes, noch zu vermehren, ließ er im Jahre 1280 die Burg Zantir brechen und umzog mit deren Bauſtoffen die Stadt und Burg mit neuen Befeſtigungswerken 2). Auch die kunſtvolle und in vieler Hinſicht fo aͤußerſt merkwuͤrdige Waf- ſerleitung, durch welche aus ſechs Meilen weiter Entfernung ein Gewaͤſſer gleichſam herbeigezaubert ward, um die Brun⸗ nen der Stadt zu ſpeiſen und die Befeſtigungsgraben der Burg zu füllen, iſt Mangolds von Sternberg großes Werks) und beweiſet noch bis dieſen Tag, mit welchem Eifer, mit welcher Umſicht und Beſonnenheit dieſer Meiſter fuͤr des ap des Heil und Wohlfahrt beſorgt war und mit welche nes dauer und Feſtigkeit feine Plane hiebei verfolgt wurden, kr beweiſet aber auch, wie weit oft der menſchliche Geiſt in ſei⸗ nem ſegensreichen Wirken in die Zukunft von Jahrhunderten hinausgreift, wenn nicht Selbſtſucht und Eigennutz die Graͤn⸗ 1) Nach einer Urkunde zu Elbing erhielt es ſchon im J. 1255 an⸗ ſehnliche Beſitzungen vor der Stadt und in der Gegend von Cadienen, welche ihm der Landmeiſter beſtaͤtigte. Im J. 1278 bewilligte der Sam: land. Biſchof im Auftrage des paͤpſtlichen Stuhles denen, die es huͤlf⸗ reich unterſtuͤtzen würden, eine lockende Indulgenz. Daſſelbe geſchah auch im J. 1324 durch den Biſchof Otto von Kulm. 2) Vgl. meine Geſchichte von Marienburg S. 29. Die Burg Jan: tir hatte nach urkundlichen Beweiſen in den Jahren 1273 und 1274 noch einen ordentlichen Convent. Wir haben noch urkunden vom J. 1273, welche der dortige Hauskomthur Peter ausſtellt. 3) Das Nähere über dieſe merkwuͤrdige Anlage in m. Geſch. von Marienburg S. 30.

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382 Streit des Ordens mit Miftwin um den Beſitz von Mewe. zen ſeines Sinnens und Thuns beengen. Und wie weit Man⸗ gold davon entfernt war, nur den Beſtrebungen eigennuͤtzi⸗ ger Plane nachzugehen, bewies er nicht ſelten auch auf an⸗ dere Weiſe. So geſtattete er es gerne, daß emſige und thaͤ⸗ tige Landbewohner ſich aus den Gebieten des Ordens in die biſchoͤflichen Landestheile begaben, um da verwuͤſtete und men⸗ ſchenleere Gegenden wieder zu beleben und in neuen Anbau zu bringen. Es geſchah mit ſeiner Einwilligung, daß ganze Haufen arbeitſamer Landleute in das ſchrecklich verheerte Bi⸗ ſthum Ermland zogen, um dort in den Einoͤden neues Leben hervorzurufen. Er unterſtuͤtzte den Biſchof Heinrich ſelbſt aufs thaͤtigſte bei dem Aufbau neuer Burgen und Befeſtigungen, da es dieſem nicht möglich war, aus eigenen Mitteln feinem bifchöflichen Landestheil aus dem argen Zuſtande der Verwuͤ⸗ ſtung zum Wohlſtand und zur Blüthe wieder emporzuhelfen!). Unter dieſen ruͤhmlichen Bemuͤhungen des Landmeiſters fuͤr des Landes Gedeihen nahm aber lange Zeit auch ein neuer Streit mit Herzog Miſtwin vom Pommern ſeine Thaͤtigkeit in Anſpruch. Der Gegenſtand war, wie ſchon erwaͤhnt, die durch Herzog Sambor dem Orden zugewieſene Schenkung des Gebietes von Mewe, auf welches auch das Kloſter Oliva alte 1) Wir haben hieruͤber ein ſchoͤnes Zeugniß aus dem J. 1282. In einer urkunde, worin der Biſchof Heinrich von Ermland und ſein Ka⸗ pitel dem Orden aus Dankbarkeit das Dorf Reichenbach zwiſchen Chriſt⸗ burg und Pr. Holland abtreten, heißt es: daß ſie ihm ſolches uͤberlaſſen haben universas promociones et grata subsidia, nobis et Ecclesie no- stre Warmiensi, heu miserabiliter nimis lapse, per fratres domus Theutonice in Pruscia, non solum consiliis et auxiliis, verum eciam in municionibus construendis et aliis multis ntilitatibus diete Eccle- sie ordinandis, inpensa et inposterum inpendenda, maximeque cum reformacioni et instauracioni diete Ecclesie per nos sufficienter suc- currere non possemus, lidem fratres homines in terris suis residen- tes ad incolenda diete Ecclesie nostre bona ex toto desolata traus- ire permiserunt libere, grato et benigno recollentes affectu, ipsis- que vicissitudinem debitam in omnibus quibus possumus rependere cupientes. — Die Urkunde iſt datirt: Elbing pridie Idus Julii 1282 und ſteht im Fol. Privileg. des Landes Kulm p. LXXII.

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Streit des Ordens mit Miſtwin um den Beſitz von Mewe. 383 und wie es ſchien nicht unbegruͤndete Anſpruͤche erhob. Mitt: lerweile nämlich war dieſer Streit nur noch verwickelter ges worden 1). Herzog Sambor, dieſer alte Gönner des Ordens, war ſeitdem geſtorben. Statt aber dieſen Umſtand zu einer guͤtlichen Ausgleichung der Rechte des Ordens und der An⸗ ſpruͤche des Kloſters zu benutzen, haͤndigte Miſtwin, nunmehr nach den Geſetzen der Erbfolge Herr und Fuͤrſt des ganzen Landes 2), dem Kloſter Oliva eine Urkunde ein, in welcher er zur Begruͤndung der Rechte des Kloſters nicht nur bezeugte: Herzog Sambor habe einſt aus freiem, eigenen Willen und mit Zuſtimmung feines Vaters des Herzogs Suantepolc in ſeiner (Miſtwins) und vieler glaubwuͤrdigen Zeugen Gegen⸗ wart bei voͤlliger koͤrperlichen Geſundheit dem Kloſter Oliva im Gebiete von Wanske oder Mewe eine Anzahl benannter Dörfer geſchenkt s), die Graͤnzen dieſer Schenkung aufs ges nauſte ſelbſt beſtimmt und auf alle Rechte verzichtet, die ihm bisher auf dieſes Gebiet zugeſtanden“), ſondern dieſe ganze 1) Nach Dusburg c. 208 hatte Miſtwin den Orden gar nicht in den Beſitz gelaſſen: violenter has tres partes ducatus Pomeraniae oc- cupavit et invitis fratribus detinuit multis annis. Er ſpricht hier naͤmlich von den drei Schenkungen Sambors, Ratibors und Wartislavs. 2) Miſtwin ſagt in der Urkunde von ſich ausdruͤcklich: Nos, qui per legittimam successionem tocius terre Pomeranie principatum deo favente tenemus et regimus. 3) Die Namen der Dörfer (bei Kotzebue B. II. ©. 313 ſehr verſtuͤmmelt) find nach der Originalurkunde folgende: Gymev, Symp- nowe, Ylovz, Musvesdal, Lelicowe, Vissoka, Pyrovis, Clesowe, Brod, Janisowe, Damsowe, Sosnica, Sprudow et Wolszenitz. Dann werden die Graͤnzen derſelben ganz genau bezeichnet. Als abgetreten an das Kloſter werden außerdem noch genannt: ambae ripae Wislae us- que ad Wangromatnissam et sic per descensum Verisse usque in Vislam cum insulis videlicet Berin parva et Gymev et Talnitz et Wolszenitz., 4) Renuncians omni iuri et iuris beneficio, quod sibi in predi- etis bonis competiit vel in posterum competere videretur, dans eciam eisdem fratribus et tribunis eorundem in prenominatis bonis ınanen- tbus liberam facultatem et plenum ius ducale citandi iudicandi et omnia alia et singula faciendi, que ad forum seculare pertinent taın in causis capitalibus quam minutis.

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384 Streit des Ordens mit Miſtwin um den Beſitz von Mewe. Schenkung an das Kloſter als nunmehr alleiniger Landesfuͤrſt auch von neuem genehmigte, beſtaͤtigte und in Kraft ſetzte !). Dieſer Urkunde Miſtwins lag ganz offenbar der Plan unter, dem Orden die Schenkung des Mewiſchen Gebietes wieder zu entwinden und ihn auf ſolche Weiſe wieder auf das rechte Weichſel-Ufer in feinen Beſitzungen zuruͤckzuwei⸗ ſen. Ihr ganzer Inhalt widerlegte des Herzogs Sambor Behauptung: das Kloſter Oliva werde ſein Recht auf den Beſitz des Gebietes durch ihn nicht ausweiſen koͤnnen und das Land gehöre niemanden als nur ihm). Das Recht des Klo: ſters war jetzt unbeſtreitbar, ſofern Herzog Sambor die Schen— kung nachmals nicht wieder zurückgenommen hatte und bier: uͤber enthielt wenigſtens Miſtwins urkundliche Erklaͤrung nicht das mindeſte. Nicht ohne Grund hatte dieſer ferner dieſes Zeugniß auch erſt nach Sambors Tod ausgeſtellt, indem nunmehr der Orden in dem Fall, daß das Kloſter ſein Recht auf das ſtrittige Gebiet erweiſe, auch auf keine Entſchaͤdigung fir dieſen Beſitz rechnen konnte 3). Nun wandte ſich aber Herzog Miſtwin auch an den Papſt mit der Klage, daß der Orden wider Fug und Recht dem Kloſter Oliva ſeines Oheims fromme Schenkung zu entreißen ſuche “). Auf dem paͤpſtlichen Stuhle ſaß ſeit dem März des Jah⸗ res 1281 Martin der Vierte. Er hatte indeſſen bis jetzt dem Orden weiter keinen Beweis von beſonderer Zuneigung und 1) Das Original dieſer Urkunde mit dem Datum: Acta et facta sunt hec in castro nostro Danze an. d. 1281 Kal. Novemb. im geh. Arch. Schiebl. XLIX. Nr. 9. Vgl. Sell a. a. O. B. I. S. 347. Dregers Urkunden-Verzeichniß S. 11. 2) S. die Urkunde bei Lucas David B. III. Beilage Nr. XIX. 3) Wie Herzog Sambor dem Orden in der Urkunde bei Lucas David a. a. O. verſprochen hatte. 4) Kantzow B. I. S. 271 ſagt wenigſtens, daß Miſtwin bei dem Papſte zuerſt geklagt habe. Indeſſen muß doch auch der Orden nicht unthätig geweſen ſeyn, denn der paͤpſtliche Legat ſpricht nachmals auch von pluribus monitionibus et citationibus ad petitionem et instantiain dietorum fratrum super possessionibus, praediis etc. emissis et ſa- ctis; ſ. Urkunde bei Dogiel T. IV. Nr. 39.

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Streit des Ordeus mit Miſtwin um den Beſitz von Mewe. 335 Gunſt gegeben, als daß er wie ſein Vorgaͤnger ihm wie ge⸗ wohnlich beim Antritte feines Amtes alle feine Freiheiten und Privilegien von neuem beſtaͤtigt !). Jetzt ertheilte er dem paͤpſtlichen Legaten Philipp, Biſchof von Firmano, der ſeit mehren Jahren in kirchlichen Angelegenheiten in Ungern be⸗ ſchaͤftigt war, den Auftrag, die Streitſache des Deutſchen Ordens mit Herzog Miſtwin und mit dem Kloſter Oliva ge⸗ nau zu unterſuchen und nach Befinden zu entſcheiden. Der Legat begab ſich nach Schleſien und beſtimmte die Burg Mi⸗ litſch in der Diöceſe von Breslau als Verhandlungsort fuͤr die Parteien ). Dort erſchienen auch im Mai des Jahres 1282 der Herzog Miſtwin ſelbſt mit dem Abte Johannes von Oliva, der Landmeiſter Mangold von Sternberg mit dem Ordensmarſchall Konrad von Thierbergs), der Biſchof von Breslau und mehre andere angeſehene Geiſtliche. Der Legat trat als Vermittler auf; allein die Unterhandlungen dauer⸗ ten, obgleich die Ordensgebietiger die Schenkungsurkunden ſelbſt vorwiefen *), dennoch ziemlich lange, bis es endlich am achtzehnten Mai zur Ausgleichung kam. Herzog Miſtwin trat dem Orden das ganze Gebiet Mewe in dem naͤmlichen Um⸗ fange der Graͤnzen ab, wie es Herzog Sambor verliehen hatte, doch mit Ausſchluß und Vorbehalt der Beſitzungen und Rechte, welche das Kloſter Oliva in dieſem Bezirke hatte und nach des Herzogs Wunſch dem Kloſter verbleiben ſoll⸗ ten. Was des Ordens Anſpruͤche auf das Gebiet von Schwez, auf Neuenburg und Thimau nach jener früher erwaͤhnten Schen⸗ 1) Die Bulle im großen Privilegienbuche p. 80 iſt datirt: Apud urbem veterem XIV Calend. Septemb. p. n. an. I (19 Aug. 1281). Das Original im geh. Arch. Schiebl. VII. Nr. 4. 2) Der Legat befand ſich ſchon in den erſten Tagen des Aprils 1282 zu Breslau und beſtaͤtigte dort eine Uebereinkunft zwiſchen den Kloͤſtern Oliva und Succow in Pommern in einem Streite über eine Anzahl Dörfer. Urkunde im geh. Arch. 3) Dieſen nennt ausdruͤcklich bei der Verhandlung auch Dusburg ©. 208 als gegenwärtig, bezeichnet ihn aber unrichtig als Magister. 4) Dusburg 1. c. ad probandum, se et ſratres habere merum ius in illis, obtulit privilegia. III. 25

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386 Stieeit des Ordens mit Miſtwin um den Beſitz von Mewe kung des Herzogs Miſtwin ſelbſt, fo wie den durch Ratibors Eintritt in den Orden dieſem zugekommenen Theil von Pom⸗ mern betraf, ſo fuͤgte der Herzog zur Ausgleichung den ge— nannten Beſitzungen noch das Dorf Medilanz in der Naͤhe der Burg Garz hinzu n). Außer mehren Gewaͤſſern mit ih: ren Inſeln und der Fiſcherei verlieh er dem Orden ferner alle Güter zwiſchen Lichtenau und Miloradesdorf 2), auch zwei Meilen Landes auf der friſchen Nehring von der Graͤnze des Ordens nach Danzig hin. Mit Verzichtleiſtung auf alle Rechte auf dieſe ſaͤmmtlichen Beſitzungen verſprach der Herzog, ſie auch vom Zehnten gaͤnzlich frei zu machen und den Orden gegen alle Anſpruͤche feiner Erben oder irgend anderer Per: ſonen auf dieſe Gebiete ſicher zu ſtellen. Der Orden erlaubte dagegen des Herzogs Leuten freie Fiſcherei auf einem Theile des ihm zugehörigen friſchen Haffes unter gewiſſen Beſchraͤn⸗ kungen und verſprach, alle Privilegien über Beſitzungen des Herzogs, die er von ihm ſelbſt oder von ſeinen Oheimen er⸗ halten, mit Ausnahme des Privilegiums des Herzogs Sam⸗ bor uͤber das von dieſem geſchenkte Land, dem Herzoge aus⸗ zuliefern. Beide Theile verpflichteten ſich endlich mit allen ihren Beſitzungen zu einer Straſſumme von tauſend Mark reinen Goldes, ſofern einer dieſen Vertrag im Einzelnen oder im Ganzen brechen oder verletzen werde, ſo wie zur Strafe des kirchlichen Bannes, ſobald ſie den Eid brechen wuͤrden, 1) Die urkunde druͤckt ſich hierüber nicht ganz klar aus und die Sache bleibt aus Mangel der Schenkungsurkunde Miſtwins immer dun: kel. So viel iſt aber gewiß, daß die Anſpruͤche des Ordens „in du- catum Swecensem et Neuenburg et Timowe nicht unbegründet wa⸗ ren, denn ſonſt würde Miſtwin wohl kaum den Erſatz nomine trans- actionis gegeben haben. Nach Dushurg c. 208 leiſtete der Orden Ver⸗ zicht auf manche Schenkungen Ratibors und Wartislavs. 2) unter den Gewaͤſſern werden der große und kleine Cabal oder Kabel genannt; vgl. hiemit die Urkunde bei Lucas David B. III. Anhang Nr. 16. Da Lichtenau im Werder rechts von der Weichſel liegt, ſo muß hier auch Miloradesdorf geſtanden haben. Es iſt nicht mehr vorhanden. Aber es geht daraus hervor, daß auch bis um dieſe Zeit die Pommeriſchen Herzoge in dieſem Werder Beſitzungen gehabt.

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Streit des Ordens mit Miſtwin um den Beſitz von Mewe. 387 mit welchem ſowohl der Herzog als der Landmeiſter und der Ordensmarſchall den Vergleich bekraͤftigten !). Und dennoch war auch ſelbſt durch dieſen Vertrag der Streit keineswegs beendigt. Herzog Miſtwin, leichtſinnig, ſchwankend, characterlos und wankelmuͤthig wie immer, be reute bald alles wieder, was er verſprochen hatte und nahm Anſtand, die Beſtimmungen des Vergleiches zu erfuͤllen. Der Vertrag ward an den Papſt geſandt und er genehmigte und beftätigte ibn nach feinem ganzen Inhalte in einer an den Orden gerichteten Bulle ). Da er jedoch in denſelbigen Ta⸗ gen auch die Nachricht erhielt, daß der Herzog ſich weigere, dem Vergleiche nachzukommen, ſo erließ er bald darauf an den Biſchof Heinrich von Ermland den Auftrag, den Herzog zur Erfuͤllung des Vertrages auf jede Weiſe und noͤthigen Falls durch Kirchenſtrafen anzuhalten, jedoch zur Excommu⸗ nication oder zum Interdicte gegen ihn zuvor noch die beſon⸗ dere paͤpſtliche Vollmacht einzuholen). Miſtwin benahm ſich 1) Das Original dieſer Urkunde mit den Siegeln des Landmeiſters, des päpftlichen Legaten, des Herzogs Miſtwin und des Ordensmarſchalls im geh. Arch. Schiebl. XLIX. Nr. 11, gedruckt bei Dogiel T. IV. Nr. 39. p. 32. Daͤhnerts Pommeriſ. Biblioth. B. IV. S. 360. Das Original hat allerdings auch das Datum: Datum et actum apud castrum Militz Dioeces. Wratisl. a. d. 1282 die XVIII Mensis May. Daher irrt Kotzebue B. II. S. 314. S. Acta Boruss. B. III. S. 274 282. Des Hauptinhalts des Vergleichs erwähnt auch Dusburg c. 208. 2) Das Original dieſer Bulle, datirt: Apud Montem Fiasconem VIII Idus Novemb. p. an. II (6 Nov. 1282) im geh. Arch. Schiebl. VII. Nr. 13 gedruckt bei Dogiel T. IV. Nr. 40. p. 34 und in Daͤh⸗ nert Pomm. Biblioth. B. IV. S. 364. Ferner befindet ſich im geh. Arch. Schiebl. VII. Nr. 2 auch noch ein Vidimus des erwähnten paͤpſt⸗ lichen Legaten über dieſe Bulle mit dem Datum: Apud Urbem vete- rem in festo b. Lucie mensis Decemb. an. d. 1282, um welche Zeit der Legat alſo wieder in Rom war. 3) Die Bulle im Original im geh. Arch. Schiebl. VII. Nr. 3 iſt datirt: Apud Montem Fiasconem Idus Novemb. p. n. an. II (13 Nov. 1282), alſo nur um 7 Tage fpäter gegeben, als die erwähnte Beftäti: gungsbulle. Da nun der Papſt in dieſer letzteren ſagt: Die Composi- 25 *

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388 Streit des Ordens mit Miſtwin um den Beſitz von Mewe fort und fort in der ganzen Streitſache in der That hoͤchſt ſonderbar. Den Vertrag hatte er nicht bloß mit beſiegelt und beſchworen, ſondern auch noch durch eine eigene urkundliche Zuſicherung genehmigt und beſtaͤtigt!). In einigen Punkten kam er feinen Verſprechungen nach, in andern wieder nicht. Waͤhrend er z. B. das Kloſter Succow zu der unwichtigeren Abtretung einer zum Stoͤrfange beſtimmten Wehr im Fluſſe Olſitza bewog ?), konnte er es ſelbſt nicht über ſich gewin⸗ nen, dem Orden den Beſitz der größeren Gebiete einzurdu- men. So zog ſich der Streit hin bis zu Anfang des Maͤrz 1283. Da erklaͤrte ſich der Herzog, wahrſcheinlich durch nach⸗ druͤckliche Ermahnungen des Biſchofs von Ermland bewogen, nochmals zur Annahme des Vertrages bereit, nur mit der Ausnahme, daß er die beiden fiſchreichen Gewaͤſſer an der Weichſel, der große und kleine Cabal genannt, an den Or⸗ den nicht abtreten koͤnne, ihm aber zum Erſatz die Beſitzun⸗ gen im Mewiſchen Gebiete uͤberlaſſen wolle, welche durch eis nen Tauſch mit dem Kloſter Oliva an ihn zuruͤckgefallen was ren. Wegen einiger Güter, die er innerhalb der Graͤnzen je⸗ ner Beſitzungen dem Kloſter Pelzlin verliehen, uͤberließ er dem Orden auch noch den andern Theil der Nehring, der nach dem Vertrage ihm noch verblieben war, fo daß nun die Neh⸗ ring bis auf beide Ufer dem Orden zugehoͤrte. Ausdruͤcklich trat nun der Herzog auch das Kloſter Pelzlin foͤrmlich an den Orden ab). Das Kloſter Oliva leiſtete hierauf Verzicht tio ſey rite, sine pravitate, provide facta et ab utraque parte sponte recepta et hactenus pacifice observata, in der Bulle an den Ermland. Biſchof es aber heißt: Sed idem Dux compositionem huiusmodi, que ab utraque parte acceptata fuit, observare indebile contradixit, ſo muß innerhalb der fieben Tage der Papſt von Miſtwins Weigerung un- terrichtet worden ſeyn. 1) urkunde im Original im geh. Arch. Schiebl. XLIX. Nr. 14. 2) Urkunde im Original im geh. Arch. Schiebl. XIX. Nr. 2. 3) Die Urkunde im Original im geh. Arch. Schiebl. ALIX. Nr. 18 iſt datirt: Gdanzk an. 1283 tercio Non. Marcii. Außerdem befindet ſich im geh. Arch. Schiebl. LVI. Nr. 64 über dieſe Urkunde auch noch ein Vidimus des Goslaus Prior provincialis Polonie und des Jacobus

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Streit des Ordens mir Miſtwin um den Beſit von Mewe 389 auf die ſo lange beſtrittene Schenkung des Herzogs Sambor, nahm vom Herzoge Miſtwin ſechzehn andere Dörfer als Cr: ſatz in feinen Beſitz!) und der Orden trat nunmehr unbe⸗ ſchraͤnkt und unbeſtritten als rechtmaͤßiger Herr im Gebiete von Mewe auf. Schon im Maͤrz des Jahres 1283 ſaß Die⸗ terich von Spira als erſter Komthur auf der aus den Bau⸗ werken der Kulmiſchen Feſte Potterberg errichteten Ordens⸗ burg zu Mewe 2). Um aber den wankelmuͤthigen Herzog an die Aufrecht⸗ haltung dieſer neuen Beſtimmungen feſt zu binden, bewog ihn Prior Poznan. Ordinis predicat. vom J. 1291. Der Herzog macht außerdem noch in einer beſondern Urkunde (im geh. Arch. Schiebl. LV. Nr. 51) bekannt, daß er alle Beſitzungen des Kloſters Oliva, die ihm Sambor geſchenkt, eingetauſcht habe: prehabito maturo militum no- strorum consilio predictam hereditatem a domino Abbate et conventu le Oliva commutavimus et ipsam fratribus de domo Theutonica con- tulimus possidendam. 1) Originals Urkunde des Abts Hermann und des Convents zu Oliva, datirt: Gdanzk III Non. Marcii an. 1283 im geh. Arch. Schiebl. XLIX. Nr. 20. Es iſt übrigens in dieſer Urkunde merkwuͤrdig, wie ſich der Abt in Redensarten windet und dreht, um die Urſachen anzu⸗ geben, warum dieſer Tauſch geſchehen ſey; und doch ſieht man klar, daß er über die wahre Urſache nur taͤuſchen will. 2) Unter den Zeugen der erwähnten Urkunde vom 6. März 1283 (Schiebl. LV. Nr. 51) kommt außer Conradus de Tyrberch marschal cus Pruscie, Hermannus de Schonberch provincialis terre Cholmen- sis, Ulricus commendator in Elbingo auch frater Theodericus de Spira commendator in Gmev vor. Sie befanden ſich alſo damals alle bei dem Herzog in Danzig. Der erſte Mewiſche Komthur hieß wahr: ſcheinlich Dieterich von Speier; indeſſen habe ich hier die urkundliche Schreibart abſichtlich beibehalten wollen. Sie kommt eben fo ſchon im 12. Jahrh. vor. Scheidii Guell. Orig. T. III. p. 518. Der Name Mewe wechſelt in den Urkunden ſehr. Die Namen Gmeve und Wanske wurden fpäterhin abwechſelnd für daſſelbige Gebiet gebraucht; früher, z. B. in der Schenkungsurkunde vom J. 1230 war die terra Gimev verſchieden von der terra Wanska und dieſes der groͤßere, die terra Gimev mit einſchließende Theil. In einer urkunde vom J. 1284 tommı der Name Gymca sive Wanzeke geſchrieben vor, in einer andern vom J. 1283 Gmeva sive Wanzeke. “

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390 Streit des Ordens mit Miſtwin um den Beſitz von Mewe. der Orden zu der Erklaͤrung, daß er ſich ohne weiteres der im erſten Vertrage beſtimmten Strafſumme unterwerfen und ſich als meineidig betrachten wolle, ſofern er in irgend einer Weiſe den Vertrag verletzen oder die dem Orden abgetrete⸗ nen Guͤter, Gebiete und Beſitzungen gegen alle Anſpruͤche und Anforderungen ſeiner Erben und Nachfolger nicht fuͤr ewig und immer ſicher ſtellen und befreien werde n). Hier⸗ auf bewog der Herzog auch den Biſchof Albert von Leßlau, den Orden in Ruͤckſicht jener in feinem Kirchſprengel liegen⸗ den Gebiete von aller Zehntenleiſtung fuͤr immer voͤllig frei zu ſprechen und Albert ertheilte eine ſolche Befreiung mit An⸗ erkennung der Verdienſte, welche der Orden wie in der Er— weiterung, fo in der Vertheidigung der Kirche gegen die Hei: den erworben 2). Von jeher zeichnete ſich dieſer Biſchof durch beſondere Vorliebe und Zuneigung gegen die Ordensritter aus, wovon er mehrmals die klarſten Beweiſe gegeben. So hatte er ſchon fruͤher eine anſehnliche Beſitzung ſeiner Kirche im Kulmerlande, die Gebiete von Golub an der Drewenz, Oſtro— witt, Pluscowen, Kronzno und Chelmonie umfaſſend, den bei⸗ 1) Original-Urkunde des Herzogs, datirt: In Swece castro no- stro an. dni 1283. V Cal. August. (28. Juli) im geh. Arch. Schiebl. XLIX. Nr. 22, ein Duplicat Nr. 23. Es heißt darin: Quod omnia bona, terras, possessiones, quas occasione predicte compositionis, ordinationis sive transactionis ipsis magistro et fratribus contulimus, ab ommi impetitione et impetitore reddemus inperpetuum libera et soluta. Alivquim reatum perjurii et nichilominus penam in litteris predictis compositionis, ordinationis sive transactionis conpreheusam non obstante exceptione qualibet aut etiam lapsu temporis commit- temus Curie romane ac ipsis fratribus dietam penam pro determina- tis ibidem porcionibus soluturi. 2) Original⸗Urkunde des Biſchofs, datirt: In Swece an. d. 1283. V Cal. Aug. im geh. Arch. Schiebl. LIU. Nr. 3 und ein Vidimus der⸗ ſelben vom Biſch. Eberhard von Ermland, dat. Elbing IV Non. Aug. 1319 in Schiebl. XLIX. Nr. 24. De Wal Histoire de ’Ord. Teut. T. II. p. 174 nennt dieſe Urkunde des Biſchofs Albert un superbe Eloge de la piété et de la vertu des Chevaliers Teutoniques, et en méme tems du courage avec lequel ils combattoient les ennemis de la religion.

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Tod des Hochmeiſters Hartmann v. Heldrungen 391 den Grafen Simon Gallicus Hauptmann von Breslau und Albert von Stuolna Kaſtellan in Wrathenberg mit der Be: dingung verliehen, daß fie in jenen Gegenden, wo die heid— niſchen Preuſſen und andere Feinde der Kirche ſo oft ins Kulmerland verheerend einfielen, den Orden in ſeinen Kaͤm⸗ pfen aufs thaͤtigſte unterſtuͤtzen und das Kulmiſche Gebiet mit Schild und Schwert vertheidigen follten !). In ſolcher Weiſe war es alſo dem Orden unter Man golds von Sternberg Verwaltung und durch feine Gewandt— heit und Thaͤtigkeit gelungen, ſich den erſten bedeutenden Be— ſitz am linken Weichſel-Ufer völlig ſicher zu ſtellen und den erſten Schritt in das Land eines Herzogs zu thun, deſſen Vater aus ſolcher Beſorgniß faſt fein ganzes Leben zur Ab- wehr dieſer Gefahr unter Blut und Kampf hingeopfert hatte. Da traf mitten unter Mangolds Bemühungen für das Ge: deihen, fuͤr den Frieden und für die Erweiterung des Or⸗ densgebietes aus Deutſchland die Nachricht ein, daß der fromme, tugendhafte und hochbejahrte Meiſter des Ordens Hartmann von Heldrungen am Vorabend von S. Bern: hards-Tag, am neunzehnten Auguſt des Jahres 1283 zu Akkon geſtorben ſey 2). Auf ſeinem Namen ruheten hohe 1) Dieſe Verleihung fällt ſchon ins J. 1276. Die Original- Ur kunde des Biſchofs, datirt: In antiqua Wladislavia die s. Vitalis mar- tyr. (28 April) 1276 im geh. Arch. Schiebl. LIII. Nr. 2 nennt die Beſitzungen mit den alten Namen Hostrovite, Golube, Pluscowanzs, Crusno utrumque, Chelmanie. 2) Bei Dusburg c. 169 wird XIV Calend. Septemb. und beim Epitomator vigilia S. Bernhardi, welche beide Angaben den 19. Au⸗ guft bezeichnen, als Todestag genannt. De Wal Recherches J. II p. 248. Auch das Todesjahr 1283 iſt nach Dusburg c. 218 und ein gen Urkunden unbezweifelt. Daß der Hochmeiſter zu Venedig geuorben ſey, fagen außer Lindenblatts Jahrbuch. S. 360 zwar auch die Ordenschron. bei Matthaeus p. 746, Lucas David B. V. S. 40, Schütz p. 44 u. d., wiewohl Gerſtenbergers Chron. auch Nurn⸗ berg als Ort des Todes angiebt. Allein das Zeugniß des Zeitgenoſſen Alnpeck iſt hier doch weit wichtiger und uͤberſtimmt die jüngeren Quel⸗ len. Er ſagt namlich S. 135:

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392 Tod des Hochmeiſters Hartmann v. Heldrungen. Verdienſte. Funfzig Jahre lang gehoͤrte er dem Deutſchen Orden an; ſchon bei der Vereinigung der Schwertritter in Livland mit dem Orden in Preuſſen hatte er ſich durch Thaͤ⸗ tigkeit und Eifer das ruhmvolle Vertrauen Hermanns von Salza erworben und auf deſſen Aufforderung die Geſchichte der Vereinigung beider Orden abgefaßt!). Neun Jahre hin durch hatte er dem hochmeiſterlichen Amte mit Ruhm und Wuͤrde vorgeſtanden?) und wenn auch keine großen Thaten und gewichtvolle Unternehmungen die letzten Jahre ſeines Le⸗ bens fuͤllen, ſo liegt zum Theil die Schuld in der zerworfe⸗ nen und zerriſſenen Zeit, zum Theil in ſeinem Alter, welches nahe an hundert Jahre graͤnzte. In der Ordens-Kapelle zu Mergentheim fand der ehrwuͤrdige Greis nach dem muͤhevol⸗ len Leben feine Ruheſtaͤtte ). Dieſe Trauernachricht kam an den Landmeiſter Mangold von Sternberg, nachdem er eben aus Livland zuruͤckgekehrt war. Der Livlaͤndiſche Meiſter naͤmlich, Konrad von Feucht⸗ wangen hatte Mangolden vermocht, auch die Oberverwaltung —— Boten wurden do geſant Von akers hin zu pruͤſen lant Die ſaiten im (dem Landmeiſter) des ordens not Der hoe meiſter were tot. Es iſt daher doch mehr als wahrſcheinlich, daß Hartmann in den letz⸗ ren Jahren ſeines Lebens noch eine Reiſe nach Akkon unternahm, ob⸗ gleich De Wal Histoire de I'O. T. T. II. p. 176 dieſes in Zweifel zieht. Das Seugniß von Hess Discurs. inaug. histor. polit. bewährt, daß Hartmann zu Mergentheim und nicht zu Venedig begraben worden ſey. — Vgl. Hartmanns v. Heldrungen Lebensbeſchreibung in Lenz Hiſtor. Sammlung. S. 512 — 513, wo die altern Nachrichten zuſam⸗ mengeſtellt ſind. Bachem a. a. O. S. 24 — 26. 1) Gadebuſch Abhandlung von Livland. Geſchichtſchreibern S. 11 — 12. 2) Die Ordenschron. bei Matthaeus p. 744 jagt von ihm: „ hy was een goet godtvruchtig man ende dede veel guets ſynen Oirden in ſyner tyt.“ 3) Duellius p. 23 fagt: In Germania Mergenthemii in sacello Aulico sepultus, ubi hodiedum eius monumentum cernitur, nach Hess c. De Wal Histoire J. c.

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Wahl eines neuen Hochmeiſters. 303 über Livland zu uͤbernehmen, alſo daß er unter ihm nur ſtell⸗ vertretender Meiſter bleiben wollten). Auf Konrads Bitte war Mangold zu naͤherer Berathung uͤber die Verwaltung nach Livland gereiſt. Da legte ihm aber Konrad zu Riga die neue Bitte vor, ihn ſeines Amtes gaͤnzlich zu entlaſſen. Sie ward ihm in einem Kapitel bewilligt und Wilhelm von Schurburg oder Schauerburg als ſtellvertretender Landmei⸗ ſter ernannt. Erfreut uͤber dieſe neue Anordnung der Dinge und uͤber den ganzen Geiſt und die Stimmung der Ordens⸗ bruͤder in Livland war Mangold in Preuſſen wieder ange⸗ kommen, als er mit jener Trauernachricht auch die Einladung der oberſten Ordensgebietiger zu einem allgemeinen Ordens-Ka⸗ pitel wegen der Wahl eines neuen Oberhauptes erhielt ?). Er übergab ſofort die Landesverwaltung dem Ordensmarſchall Kon: rad von Thierberg als ſtellvertretendem Landmeiſter und reiſte eiligſt in Begleitung von drei Ordensrittern aus Livland nach Akkon ab, denn hier ſollte der neue Meiſter erkoren werden ). Dort fiel im Ordens-Kapitel“) die Wahl auf den Ordens⸗ 1) Wir haben daher auch Urkunden aus dem J. 1283, worin ſich Mangold Magister fratrum domus Teutonice per Prussiam et Livo- niam nennt. 2) Wir erhalten diefe Nachricht von dem zeitgendſſiſchen Alnpeck S. 134 — 135. 3) Nach Alnpeck S. 135. — Die erſte Urkunde, in welcher ſich Konrad von Thierberg wieder Ordinis Theut. Marschalcus ac vice- Magister Pruscie nennt, iſt datirt: In Konigisberg a. d. 1283 ter- cio Non. Sept. im Fol. alte Handfeſt. der Vogtei Fiſchhauſen p. 92 und im Fol. Alte Samland. Handfeſt. p. XVIII. Wir haben das Ori⸗ ginal dieſer Urkunde nicht mehr und es iſt daher an der Richtigkeit des Datums nicht zu zweifeln, denn waͤre es richtig, ſo bliebe zwiſchen Hartmanns von Heldrungen Tod und Mangolds von Sternberg Abreiſe nur der kurze Zeitraum von 14 Tagen, in welchem die Todesnachricht kaum von Deutſchland, unmöglich aber von Akkon nach Preuſſen gekom⸗ men ſeyn kann. Es liegt alſo hier ohne Zweifel noch ein Irrthum zum Grunde, der erſt durch fichere Zeugniſſe berichtigt werden koͤnnte. 4) Alnpeck S. 135 ſagt ausdruͤcklich, daß die Wahl Burchards von Schwenden, „des frommen Helden“, zu Akkon erfolgt ſey. Der wichtigſte Grund mag wahrſcheinlich geweſen ſeyn, weil gerade damals

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394 Mangold v. Sternberg, Landmeiſter v. Preuffen. ritter Burchard von Schwenden oder Schwanden, wie einige meinen aus den Rheinlanden gebuͤrtig !); doch bluͤhete eine Familie dieſes Namens zur Zeit auch in Heſſen 2). Nicht minder dunkel iſt auch ſeine fruͤhere Lebensgeſchichte und weil ſich weder in Deutſchland, noch in Preuſſen oder ſonſt ir— gend eine Spur feiner früheren Thaͤtigkeit gefunden har, fo iſt kein Zweifel, daß er ſich ſchon lange vor feiner Wahl im Morgenlande aufgehalten ). Er ſoll zuvor einmal Landmei⸗ ſter in Sicilien und Komthur der Ballei Heſſen geweſen ſeyn ). In demſelben Kapitel ward Konrad von Feuchr— wangen, der ehemalige Landmeiſter von Preuſſen mit der Würde des Deutſchmeiſters bekleidet. Das landmeiſterliche Amt in Preuſſen ſollte auch fernerhin noch Mangold von Sternberg verwalten. Seines Amtes in Livland aber ward er auf ſeine Bitte entlaſſen und Wilhelm von Schauerburg dort als Meiſter beſtaͤtigt?). Das Schickſal hatte es indeſ⸗ fen anders beſtimmt, denn auf der Ruͤckreiſe uͤberfiel Man⸗ auch das Amt des Deutſchmeiſters erledigt war; ſ. Acta Academ. Pa lat. T. II. p. 27. De Wal Recherches T. I. p. 404. Bachem u. a. O. S. 22. 1) Bachem a. a. O. S. 26. Juſti Vorzeit 1821. S. 139; auch De Wal Histoire de PO. T. T. II. p. 178 neigt ſich zu dieſer Mei nung. Vgl. Pauli B. IV. S. 119. Ein oppidum Svand lag auch bei Nürnberg, ſ. Falckenſteins Urkunden das Burggrafthum Nuͤrn⸗ berg betreff. Nr. 61. p. 69; Schwand p. 97. Ein Marquardus de Schwendin kommt im J. 1181 in einer zu Ulm ausgeſtellten Urkunde vor; ſ. Scheidii Orig. Guelf. T. II. p. 627. 2) Wenck Heſſ. Landesgeſchichte B. I. Urkundenb. S. 97 und B. II. urk. S. 303, wo ein Wiprecht Swende genannt wird ums J. 1325. — In ſeinen eigenen Urkunden finden wir den Namen dieſes Hochmeiſters Burchardus de Svauden geſchrieben; ſo in einem Original im geh. Arch. Schiebl. XI. Nr. 2; desgleichen in einer Urkunde in Cuden. Cod. di- plom. T. III. p. 1166. De Wal Histoire T. II. p. 178. 3) Pauli B. IV. S. 119 vermuthete dieſes jun und Alnpeck a. a. O. beſtaͤtigt es. 4) Lucas David B. V. S. 40. Juſti Vorzeit 1821. S. 139. 5) Alnpeck S. 135 nennt dieſen Livland. Meiſter Willekin (Wil heim).

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Konrad v. Thierberg Landmeiſter v. Preuffen. 395 golden eine heftige Fieberkrankheit und er ſtarb auf der Meerfahrt 1). 3 Als die Nachricht von Mangolds Tod an den Hochmei- ſter gelangte, ernannte er den Ordensmarſchall Konrad von Thierberg zum Landmeiſter von Preuſſen 29. Das Amt des Ordensmarſchalls dagegen blieb eine Zeitlang unbeſetzt ). Fuͤr Preuſſen aber konnte die Wahl des Landmeiſters gewiß nicht glücklicher fallen, denn Konrad war ſchon ſeit vielen 1) Dusburg d. 198. Der Epitomator ſagt: dum dictus magi- ster rediret in Prussiam, incidit in febrem et in via obiit. Jero⸗ ſchin c. 198 uͤberſetzt: Ein Suͤche an der Reiſe Mit alſulchir Vreiſe In angewant und an ym warb Das er uf dem Wege ſtarb. Daraus geht alſo klar hervor, daß bei Dusburg 1. c. ſtatt mortuus in ara geleſen werden muß: mortuus in via. De Wal Histoire T. 11 p. 278 hat alſo offenbar Unrecht, wenn er ſtatt in ara leſen will in Acra Außerdem ſagt auch Alnpeck S. 135: Von akers manich erlich man Sumelicher nicht zu hus quam Meiſter manegolt lac tot Uf dem mere als got gebot. Uebrigens iſt die Zeit ſeines Todes nicht genau bekannt. Lucas Da vid B. V. S. 41. 2) Wir haben noch eine Verſchreibung vom 3. Septemb. 1283 im Kol. alte Samländ. Handfeſt. p. XVIII, die er als Marſchall und Vice: Landmeiſter ausſtellt; wenigſtens war er alſo damals noch nicht eigent⸗ licher Landmeiſter. 3) Die Angabe bei Lucas David B. V. S. 41, nach welcher Wolfart von Heideck die Wuͤrde eines Marſchalls bekleidet haben ſoll, iſt ſicherlich ungegruͤndet, denn erſtlich iſt bloß Simon Grunau die eigentliche Quelle dieſer Nachricht und man weiß, was man von ihm in ſolchen Angaben von Namen zu halten hat. Zweitens kann gegen Simon Grunau urkundlich bewieſen werden, daß nicht Wolfart von Heideck, ſondern Albert von Meißen im J. 1283 Komthur von Königs⸗ berg war; drittens trifft auch keiner von den andern in der Angabe an geführten Komthuren mit urkundlichen Zeugniſſen uberein. Da wir nun in Urkunden von 1283 an einige Jahre gar keinen Ordensmarſchall fin den, fo iſt wohl gewiß, daß die Würde eine Zeitlang unbeſetzt blieb

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396 Neuer Kampf in Sudauen. Jahren mit den Landesverhaͤltniſſen aufs genauſte bekannt, im Kriege tapfer, entſchloſſen und vorſichtig, in auswaͤrtigen Verhandlungen klug und gewandt, in der inneren Landes⸗ verwaltung voll unermuͤdlichen Eifers, thaͤtig und bedacht⸗ ſam ). So hatte er ſchon oft unter feinen Vorgängern das Steuer der Herrſchaft ruͤhmlich und mit gluͤcklicher Hand gefuͤhrt. Es war nun vor allem das Ziel des neuen Landmei⸗ ſters, auch die letzten Spuren des widerwärtigen Geiſtes zu vertilgen, der in Sudauens Volk die Waffen bisher immer noch nicht in Ruhe kommen ließ und hiebei beguͤnſtigte ihn das Gluͤck, wie keinen ſeiner Vorgaͤnger ?). Aber noch als Ordensmarſchall, waͤhrend Mangold ſich auf der Reiſe zum Ordens⸗-Kapitel befand, war er dieſem Ziele ſchon mit feſtem und entſchloſſenem Muthe entgegengegangen. Denn als er vernommen, daß Wadole, einer von Sudauens Edlen, an Skomands Stelle ſich an die Spitze des Volkes als Feld⸗ haͤuptling geſtellt, um noch einen Verſuch für des Landes Freiheit zu wagen, ſammelte er ſchnell, beſonders aus Sam⸗ land ein außerordentlich großes Kriegsheer und brach, be⸗ gleitet von einer bedeutenden Schaar von Ordensrittern, noch im Winter des Jahres 1283 ins Sudauiſche Gebiet Sylien oder Selien ) ein, wo ſich ſeine maͤchtigen Kriegshaufen Meilen weit zerſtreuend alles mit Feuer vertilgten, was ih⸗ nen entgegenſtand. Dort trat ihnen der Volkshaͤuptling Wa⸗ dole mit einer Heerſchaar entgegen; allein er unterlag im Kampfe mit den meiſten ſeiner Streiter und eine unzaͤhlige Beute war des Sieges Lohn. Nur ein Umſtand truͤbte die Freude des Waffengluͤcks. Der tapfere und von allen hochgeachtete Ritter Ludwig von 1) Dusburg c. 209 ruͤhmt ihn und feinen Bruder als viri strenui et in armis et in factis omnibus gloriosi und c. 211 nennt er den neuen Landmeiſter vir sapiens et providus. 2) Dusburg c. 209. Schütz p. 40. 3) Vielleicht das Gebiet von Lyck, wo am Sellment⸗See der Ort Selligen liegt. 0

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Kantegerde's Unterwerfung. 397 Liebenzell war im Sturme der Schlacht faſt toͤdtlich verwun det von ſeinem Streitroſſe geworfen und von den Seinigen auf der mit tiefem Schnee bedeckten Wahlſtatt zuruͤckgelaſſen worden. Dort fanden ihn die Sudauer ſchon mit dem Tode ringend, und in die Quere auf ein Pferd gebunden, ſo daß das Blut aus den Wunden ſtroͤmte, uͤberbrachten ſie den un⸗ gluͤcklichen Ritter dem edlen Sudauer Kantegerde !) zu ge: faͤnglicher Verwahrung. Und doch hatte Ludwigs trauriges Schickſal das glüdlichfte Ereigniß zur Folge. Dieſer edle Sudauer naͤmlich hatte den biederen Ordensritter ſchon früs her auf Skomands Burg kennen gelernt und lieb gewonnen. Jetzt ſprach die Pflicht der Gaſtfreundſchaft und Menſchen⸗ liebe noch lebendiger in der Bruſt des Heiden. Er pflegte den Ritter bis zur völligen Geneſung, behielt ihn auch fer: ner zu freundlichem Umgange auf feiner Wohnburg und als bald darauf der Landmeiſter Konrad von Thierberg mit einer neuen Heerſchaar gegen Sudauen zog, kam ihm der edle Kantegerde an der Hand ſeines Freundes, des Ritters ent⸗ gegen, ſich den Geboten des Ordens unterwerfend, denn fo mächtig hatte Ludwig durch milde Beredſamkeit und men⸗ ſchenfreundliche Ueberredung nicht nur auf den Geiſt ſeines Wohlthaͤters, ſondern auch auf die Geſinnung ſeiner Ver⸗ wandten, Freunde und Untergebenen zu wirken gewußt, daß ſich ſechzehnhundert Sudauer um Kantegerde verſammelt und zur Auswanderung aus dem Lande entſchloſſen hatten. Hoch⸗ erfreut über das gluͤckliche Ereigniß trug der Landmeiſter dem Ritter Ludwig auf, die ganze Schaar nach Samland zu fuͤh⸗ ren 2); und dieſer des Meiſters Befehlen folgend wies den Sudauern als neue Wohnſitze die nordweſtlichen Kuͤſtenge⸗ 1) Dusburg c. 207 ſchreibt den Namen Cantengerde. Der Epi⸗ tomator und Jeroſchin haben richtiger Kantegirde. Urkunden ſchrei⸗ ben Kantegerde. 2) Dusburg c. 207 und c. 212. Lucas David B. V. S. 44 — 45. Schütz p. 41. Es ſcheint, daß dieſer Kantegerde nachmals Be⸗ fisungen bei Chriſtburg erhalten habe, denn in der Gruͤndungs⸗ Urkunde des Dorfes Blumenberg vom J. 1299 wird feiner erwähnt.

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398 Konrads von Thierberg Kriegszuͤge nach Sudauen. genden von Samland an, gewiß nicht ohne beſondere Ab⸗ ſicht, denn in der Naͤhe dieſes Gebietes lag einſt, wie fruͤher erwaͤhnt iſt, das Heiligthum Romowe; bis dort hinauf lief der einſtige heilige Wald und das heilige Feld; die ganze Umgegend war in dem Kampfe in Samland ſchrecklich ver⸗ wüftet worden und noch mochten es die alten Samlaͤnder wohl ſchwerlich uͤber ſich gewinnen, die Axt an die heilige Waldung zu ſetzen und den heiligen Boden mit dem Pfluge zu umwuͤhlen. Darum war es ſo klug als heilſam, die aus⸗ gewanderten Sudauer in dieſe Gegenden zu verſetzen, denn fuͤr ſie hatte die alte Heiligkeit der Gegend wohl ſchwerlich noch die wichtige Bedeutung. Von ihnen aber erhielt ſeit⸗ dem jenes ganze Gebiet den Namen des Sudauiſchen Win⸗ kels oder des Sudauer Feldes ). Mittlerweile war Konrad von Thierberg mit ſeinem Heere in Sudauen eingebrochen. Der Kriegszug galt für dieſesmal die Eroberung des Gebietes von Kimenau, in wel⸗ chem der Edle Gedete Herr des Landes war, ein durch hohe Abkunft, Macht und Reichthum weit umher hochange⸗ ſehener Mann und durch Geſinnung, Sitte und Charakter überall geachtet 2). Um fo wichtiger war auch feine Ueber windung. Seine Wohnburg, nach dem Namen des Ge⸗ bietes genannt), ward ſofort belagert und heftig beftürmt. er Das „Feld zu Sudow“ heißt es in einer Urkunde von 1396, in andern campus Sudowitarum oder auch bloß apud Sudowitas. Die Benennung „Sudauiſcher Winkel oder Sudauer- Winkel“ iſt fpäteren Urſprungs. Er fing oben nördlich von der aͤußerſten een an und ging ſuͤdwaͤrts bis nach Heilige⸗Kreuz herunter. Noch im J. 1503 bezeichnet eine Urkunde Ecclesiam Sancte Crucis apud Szudowitas; eben fo früher in Verſchreibungen aus den Jahren 1353 und 1355. 2) Dusburg c. 214 nennt ihn Jedetus, vir nobilis et genere et moribus, potens et dives, Capitaneus Sudowitarum de Kymenovia; vgl. c. 212. Jeroſchin c. 214 giebt den Namen richtig Gedete, denn ſo nennt ihn auch die Urkunde bei Kreutzfeld v. Adel der alten Preuſſ. Nr. VIII. S. 48. Der Name Gedete war ſpaͤterhin in Sam⸗ land ſehr haͤufig und kommt in Urkunden und Zinsbuͤchern ſehr oft vor. 3) Unrichtig bemerkt Schutz p. 42, es ſey das Land und die Burg Kantegerde's geweſen.

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Konrads von Thierberg Kriegszuͤge nach Sudauen. 399 Anfangs jedoch leiſteten die Burgbewohner unter ihres Herrn Befehl den entſchloſſenſten Widerſtand, bis endlich auch hier alle Hoffnung der Rettung verſchwand und die Burg unter der Bedingung eines freien und ſicheren Auszuges der Beſa⸗ sung mit Habe und Gut dem Ordensheere übergeben ward. Nachdem Gedete ſelbſt mit den Seinen das Verſprechen ab⸗ gelegt, die Taufe zu empfangen, gab ihnen Konrad von Thierberg etliche Geleitsmaͤnner, die ſie nach Samland fuͤh⸗ ren ſollten. Allein am andern Tage ſchon, da das Ordens⸗ heer ſich nach andern Gegenden gezogen, fiel das erzuͤrnte Volk von Kimenau uͤber die Fuͤhrer her, erſchlug einige, ſtach andern die Augen aus, verwuͤſtete dann das ganze Gebiet und entfloh nach Litthauen, dort die Freiheit und die alten Götter zu ſuchen, die in der Heimat ihm entriſſen worden ). Dort verweilte Gedete mehre Jahre; allein er fand auch dort nicht wieder, was er auf dem heimatlichen Boden verloren. Er folgte daher Skomands des Heerfuͤhrers Beiſpiel und kehrte unter Konrads von Thierberg Nachfolger Meinhard von Querfurt mit einer Schaar von mehr als funfzehnhun⸗ dert feines Volkes nach Preuſſen zuruck, ſich der Herrſchaft des Ordens zu untergeben. Hier freundlich empfangen und mit allen den Seinigen durch die Taufe in das Chriſtenthum geweiht ?), erhielt er vom Landmeiſter anfehnliche Beſitzun⸗ gen in der Gegend von Wargen bei Medniken in Samland unfern von Koͤnigsberg mit ganz beſonderen Vorrechten; auch ſelbſt noch feinem Sohne Luprecht vergalt ein ſpaͤterer Hoch: meiſter das Vertrauen und die Zuneigung, die ſeitdem der Vater gegen den Orden bewieſen hatte ). 1) Dusburg c. 212; einiges nach dem Epitomator und Jero⸗ ſchin c. 212. Lucas David B. V. S. 57. 2) Dusburg c. 214. Lucas David B. V. S. 58. Schütz p. 42. 3) Die Urkunde bei Kreutz feld a. a. O., deren Original ſich im geh. Arch. befindet, beſtaͤtigt auch hier Dusburgs Bericht, indem fie fügt: quod temporibus fratris Meinheri de Querenfort preceptoris Prussie quidam Sudowita nomine Gedete de Sudowensibus partibus ad fratres nostros confugit adducens secum plus quam mille mares hömines sub gravi labore et periculo corporis et rerum ad baptismi

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#0 Sudauens Unterwerfung. In demſelben Jahre noch, als der Landmeiſter Konrad von Thierberg das Gebiet von Kimenau uͤberzog, brach auch der Ordensritter Friederich von Holle aus dem Ordenshauſe Brandenburg mit einer reiſigen Schaar vn hundert Reitern in das Sudauiſche Gebiet Kirſau ein. Zwar war dieſes mehr nur bloßer Raubzug, auf welchem eine bedeutende Beute ge: wonnen ward, die freilich in einem Gefechte mit dem verfol⸗ genden Feinde der tapfere Ritter Friederich von Holle mit dem Leben bezahlen mußte; allein er trug mit mehren an⸗ dern wiederholten Zuͤgen gleicher Art doch weſentlich dazu bei, dem Volke Sudauens auch die letzte Hoffnung ſeiner Ret⸗ tung und Befreiung zu entnehmen. Da gab endlich auch der letzte von Sudauens Heerfuͤhrern Skurdo, der ſich an ſeines Volkes Spitze geſtellt, das traurige Vaterland gaͤnzlich auf Er verſammelte eines Tags feine ganze Heerſchaar, die ſich unter feinen Kriegsbefehl geftellt, in feinem Gebiete, und nach dem er ſie von ſeinem Plane unterrichtet, verheerte er zuvor den eigenen vaterlaͤndiſchen Boden mit Feuer und Raub, fo weit er konnte. Dann brach er auf und wanderte mit ſei⸗ nem ganzen Volk nah Litthauen aus, um nie die ungluͤck⸗ liche, wuͤſte He ieder zu betreten !). Seitdem herrſchte in Sudauen die de der Wuͤſte und die Ruhe des Grabes auf lange Zeit und da wo fruͤherhin mit jedem Fruͤhling in Dörfern, auf Auen und Feldern die thaͤtige menſchliche Hand neues Leben und neues Gedeihen hervorgerufen hatte, fanden nunmehr bald in wildem Geſtraͤuch und dunkelen Waldungen nur wilde Thiergeſchlechter ihre Lagerſtaͤtten und ihr freies Regiment ?). Das Blut Friederichs von Holle, des kuͤhnen Ritters, war das letzte, welches um Preuſſens Eroberung gefloſſen graciam suscipiendam. Et quidem dictus Gedete ſideliter se gerens in omnibus dotatus est a nostris fratribus possessionibus perpetuis sub sigillo preceptoris supradicti. 1) Dusburg c. 214. Lucas David B. V. S. 58. Schütz p. 42. 2) Selbſt Dus burg 1. c. ſagt noch: Sic terra Sudoviae usque in praesentem diem remanet desolata.

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Sudauens Unterwerfung. 401 war. Als nun der Kampf mit der Ueberwältigung Sudauens, der letzten Landſchaft Preuſſens, endigte, waren es drei und funfzig Jahre, ſeitdem der Orden das Kriegsſchwert ins Land getragen und über zwanzig Jahre, ſeitdem die früher ſchon einmal unterworfenen Landſchaften und die oͤſtlichen Gebiete Nadrauens, Schalauens und Sudauens das alte Leben der Vaͤter mit ſeiner Freiheit, mit ſeinen Goͤttern, mit ſeinem Glauben, mit ſeiner Sitte und Verfaſſung, mit ſeiner Sprache und ſeinem heitern und freudenvollen Geiſte zu retten, zu vertheidigen und fuͤr die ſpaͤteren Enkel aufrecht zu erhalten ſtrebten. Acht Hochmeiſter waren ſeit dieſem großen Kampfe voruͤbergegangen, jeder in ſeiner Lage, nach der Stellung ſei⸗ ner Zeit und nach dem Maaße ſeiner Kraft eifrig bemuͤht, ihn zu beendigen und in dem Schwerte dem Kreuze den Sieg zu geben. Vierzehn Landmeiſter hatten in dem Kampfe ge⸗ fochten, um das Ziel zu erreichen, welches ſchon Hermann Balk, der Erſte derſelben, den Ordenswaffen geſteckt hatte. Seitdem ſtand es jeglichem Ordensritter immerdar vor Au⸗ gen; Beſtimmung und Geſetz des Ordens geboten, es zu er⸗ reichen; jede ritterliche Bruſt, die des Ordens Sinn und Be⸗ deutung erkannt, ſtrebte ihm entgegen. Darum war es ge⸗ lungen, daſſelbe zu erreichen, denn „der Menſch hat Goͤtter⸗ kraft, alles Mögliche zu vollenden!“ III. 26

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Siebented Kapitel. Alſo hatte das Deutſche Schwert, von Rittern und Kreuz⸗ fahrern geführt, über das ganze Volk Preuſſens geſiegt. Vom Ufer des Weichſel⸗ Stromes an bis oſtwaͤrts an die Graͤnzen des heidniſchen Litthauens und im Suͤden von Ma⸗ ſoviens Nord: Gränzen bis hinauf uͤber den Memel⸗Strom, an die Graͤnzen Samaitenlandes hatte ſich Alles feiner Kraft und ſeinem Schrecken unterworfen. Mit dem Schwerte aber hatte auch das chriſtliche Kreuz geſiegt. Das Heidenthum, von Preuſſens Volk bei der Ankunft des Ritter⸗Ordens noch in voller Kraft und mit lebendiger Liebe feſtgehalten, nach⸗ dem es in andern Laͤndern ſchon viele Jahrhunderte zuvor dem Lichte des Chriſtenthums gewichen war, hatte durch die Macht der Idee von der Pflicht zur Verbreitung des Glau⸗ bens und der Kirche ſeinen Untergang gefunden und die heid⸗ niſchen Opferſteine waren in chriſtliche Altaͤre, die heiligen Goͤtterhaine in chriſtliche Gotteshaͤuſer umgewandelt. Mit dem alten Glauben des Volkes war auch die alte Verfaſſung, das alte Geſetz, die alte Sitte vernichtet und alles zerworfen und zerriſſen, was ſonſt als Eigenthuͤmlichkeit dem Volke in fich ſelbſt Einheit und Verband gegeben. Ein ganzes Volksle⸗ ben mit allem, was es Edles und Rohes, was es an Bil⸗ dung und Uncultur, was es Erhebendes und Erfreuendes und was es Trauriges und Betruͤbendes für den Menſchen in ſich trug, hatte ein wilder Kampf vertilgt und zertreten und ſo war das ganze Volk ſeinem eigenthuͤmlichen Geiſte und Cha⸗ racter nach in ſeiner inneren Welt voͤllig untergegangen.

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Umwandlung des inneren Volkslebens. 403 Sieht man mit dieſem Gedanken auf die ganze Erſchei⸗ nung hin, ſo entſteigen der menſchlichen Bruſt allerdings die natürlichen Gefühle des Schmerzes und der Betruͤbniß. Je⸗ des Volk hat an ſeiner Eigenthuͤmlichkeit ein Heiligthum, ein Kleinod, das es als hehres Erbtheil der Vaͤter in ſeinem Schooße trägt. An ſich iſt kein Fremdling ermächtigt und berufen, ihm ſolches zu entreißen; er frevelt, ſo er es wagt, an einem dem Volke heiligen Beſitzthum, denn es giebt kein Geſetz im Menſchenleben, welches die Macht und das Recht verleiht, einem Volke feine urvaͤterliche Verfaſſung, feinen Glauben, ſein Geſetz, ſeine Sitte und Sprache zu entziehen und ihm gewaltſam eine andere Ueberzeugung vom Goͤttli⸗ chen, eine andere Einrichtung ſeines oͤffentlichen Lebens, ein fremdes Geſetz, eine andere Sitte und Sprache aufzudrin⸗ gen. In Preuſſen aber geſchah nicht bloß dieſes durch die Ritter des Deutſchen Ordens, ſondern wenn man au⸗ ßerdem auch an die Art und Weiſe denkt, wie dieſer Raub an dem Volke begangen wurde, an die Graͤßlichkei⸗ ten des Kampfes, an die Sünden gegen die Menfchheit und ihre Rechte, an die namenloſen Graͤuel und Verwuͤ⸗ ſtungen in dem Lande ſchuldloſer Menſchen, an die ſchreck⸗ liche Hinopferung und Vernichtung ganzer Geſchlechter, ſo ſteigt noch die Schwere des Verbrechens, welches in ſol⸗ cher Weiſe an dem Volke veruͤbt wurde. Und koͤnnte es die menſchliche Seele auch uͤber ſich gewinnen, auf die Leere und Eroͤdung im geiſtigen Leben des unterworfenen Volkes ohne tiefe Theilnahme und ohne Trauer hinzublicken; wie unnatuͤrlich und gewaltſam waren die neuen Verhaͤltniſſe und die ganze neue Welt, in welche die Beſiegten durch den Schrecken des Schwertes hineingeworfen wurden: eine neue Religion, die in ihrem Weſen und Character, in ihren Pflich⸗ ten und Geboten, in ihren Lehren und Anforderungen dem alten, von den Urvaͤtern zugebrachten, darum ſchon heiligen und in den Geiſt des Volkes tief eingewurzelten Glauben völlig entgegenſtand und deren innerer Gehalt und Geiſt den unglücklichen Unterjochten lange gaͤnzlich unbekannt blieb; eine 26 *

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404 Umwandlung des inneren Volkslebens. Verfaſſung und ein Geſetz, durch Zwanggebote und mit der Macht des Schwertes aufgedrungen, in Deutſchland unter ganz andern Verhaͤltniſſen entſtanden und in einem ganz ver⸗ ſchiedenartigen Geiſte geboren und ausgebildet, hier aber al⸗ les aufloͤſend und untergrabend, was der Gegenwart in ihrer Lage der Dinge aus den Tagen entfernter Vergangenheit nur irgend zugebracht und in das ganze Leben des Volkes tief und feſt hineingewachſen war; eine Herrſchaft und eine Lan⸗ desverwaltung, die ſich nur auf dem Grabe des alten Lebens geſichert glaubte und ſchon darum alles niedertrat, zerwarf und vertilgte, was nur in irgend einer Art an das alte Le⸗ ben erinnern konnte, und dieſe Herrſchaft von Menſchen ge⸗ fuͤhrt, welche das Schwert und der Sieg zu Herren des Lan⸗ des erhoben hatten, die aus ihrem eigenen Volke gleichſam ausgeſchieden waren, ohne Sinn und Gefuͤhl fuͤr ein Leben in ſtiller Haͤuslichkeit und fir die Banden der Ehe und Fa: milie, alſo eine Landesherrſchaft von Männern, die wegen der Pflicht ihres Standes ſich nie mit den Beſiegten vermi⸗ ſchen oder gleichſam mit in das Volk verwachſen konnten, vielmehr wie ſie, durch ein ſtrenges Ordensgeſetz verbunden, nun einmal da ſtanden, immer nur das Gefuͤhl der Dienſt⸗ barkeit, der Unterwerfung und der Knechtſchaft und die nie⸗ derbeugende Erinnerung an den alten graͤuelvollen und blu⸗ tigen Kampf in den Unterthanen lebendig erhalten mußten, um den Geiſt nie wieder zum Gedanken der alten Freiheit erwachen zu laſſen; endlich eine Sitte und Denkweiſe, welche alles verachtete, was der Heide werth und heilig gehalten, welche ſtreng verbot, was ihm erlaubt geweſen war, welche verhoͤhnte, was ihm theuer gegolten hatte, die uͤberhaupt in einem ganz andern Volksgeiſte, in andern Naturverhaͤltniſſen und fremder Lebens- und Handlungsart erzeugt für die Be⸗ ſiegten weder Reiz, noch Werth, noch irgend eine Bedeutung haben konnte. — Wenn man nun aber ſo weiter erwaͤgt, wie in den einzelnen Verhaͤltniſſen des Lebens der Beſiegten alles geftört und zerriffen, wie gleichſam der ganze Bau der Vergangenheit auseinander geworfen und zertruͤmmert, wie

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Umwandlung des inneren Volkslebens. 405 alles, was in Jahrhunderten der alten Zeit an dem Ganzen des Lebens geformt, geregelt und geordnet worden, aus ſei⸗ nen Fugen gehoben und in der Grundfeſte zerruͤttet wurde, wie die ganze vergangene Zeit von mehr als einem Jahrtau⸗ ſend in allen ihren Ergebniſſen gleichſam in nichts zertreten war, ſo iſt es fuͤrwahr weniger das Blut des entſetzlichen Kampfes und das Hinopfern von vielen Tauſenden, welche dieſer koſtete, was in der menſchlichen Seele Schauder er⸗ regt, als die Erſcheinung, daß ein ganzes Volksleben mit ſeiner Religion, ſeiner Verfaſſung, ſeinen Sitten und Braͤu⸗ chen und ſeinen Geſetzen und Ordnungen niedergetreten und auf ewig vertilgt und vernichtet wird. „Da wird es dem menſchlichen Herzen Beduͤrfniß,“ ſagt ein berühmter Geſchichtſchreiber, „eine verſoͤhnende Bedeutung „in dieſen Vorgaͤngen aufzuſuchen. Und wohl bietet ſich Man⸗ „ches dar, welches einige Beruhigung fuͤr Vergangenheit und „Zukunft geben zu koͤnnen ſcheint. Die Voͤlker lettiſchen „Stammes ſcheinen bei ihrer Lage und ihrer inneren Schwaͤ⸗ „che völlig außer Stand geweſen zu ſeyn, in Unabhaͤngig⸗ „keit und Selbſtaͤndigkeit zu beſtehen. Waͤren ſie nicht in „die Gewalt der Deutſchen gekommen, ſo wuͤrden ſie von „den Slaven, von Ruſſen und Polen, unterworfen ſeyn. „Bei den Verhaͤltniſſen dieſer Völker aber wären fie unnuͤtz „zu Grunde gegangen; unter den Deutſchen hingegen haben „auch ſie dem Geiſte der Menſchheit gedient, denn indem die „Deutſchen ſich der Kuͤſten des Baltiſchen Meeres bemaͤchtig⸗ „ten, gewannen ſie Raum und Gelegenheit, ihre Kraͤfte zu „uͤben und auszuleben ).“ Allerdings waren die Verhaͤlt⸗ niſſe des Volkes in Preuſſen, ſo weit wir ſie geſchichtlich kennen, in keiner Weiſe geeignet, ihm für immer ein ſelb⸗ ſtaͤndiges und freies Leben zu erhalten. Es ſtand Fein allge: meines Oberhaupt an ſeiner Spitze, welches zur Zeit der Ge⸗ fahr des Volkes geſammte Kraft auf einem Punkte vereinigt, 1) Luden Allgemeine Geſchichte der Völker und Staaten Er Th. S. 606. 4

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406 Umwandlung des inneren Volkslebens. ihr Richtung und Ziel und dem Ganzen Einheit gegeben haͤtte; vielmehr hatte jede Landſchaft ihren beſondern Kriegs⸗ oberſten, dem immer auch nur das Heil und Wehe ſeines Ge⸗ bietes am Herzen lag und deſſen Blick ſelten uͤber die Graͤnzen hinausging. Daher bot er ſeine Kriegsmacht immer auch erſt dann auf, wenn die Gefahr ſchon uͤber dem eigenen Haupte drohete. Schon in fruͤher Zeit, als Polens Koͤnige und Her⸗ zoͤge die Landſchaft Pomeſanien uͤberzogen und uͤberwaͤltigten, blieben Warmien, Barterland und Natangen völlig ohne Theilnahme und als ſpaͤter die Ordensritter Warmien, Na⸗ tangen und Samland bekaͤmpften und bezwangen, ſaßen die Nadrauer, Schalauer und Sudauer ſo ſaͤumig und ſicher, als ahneten ſie keine Gefahr. Nur einigemal erwachte in den Tagen harter Bedruͤckung und in der Stunde der Verzweife⸗ lung der Gedanke einer Vereinigung aller Volkskrafte zur Bekaͤmpfung der Ueberwaͤltiger, und doch mangelte es in der Anwendung dieſer Kraͤfte an aller Berechnung und an einem gemeinſamen Plane, da auch dann noch kein leitendes Ober⸗ haupt an die Spitze trat. Es fehlte aber ferner dem Volke auch an allem kriegeriſchen Geiſte und an der noͤthigen Kriegs⸗ kunſt, um fuͤr die Laͤnge ſeine Freiheit behaupten zu koͤnnen. Von Natur friedlich geſinnt, Jahrhunderte hindurch nur mit Ackerbau, Viehzucht und Handel befchäftigt, im Waffenge⸗ brauche ungeuͤbt und in der Belagerungskunſt faſt ganz uner⸗ fahren, gewoͤhnte es ſich in den Befehdungen ſeiner Feinde immer mehr, nur Raub und Verheerung als des Krieges Zweck anzuſehen und was es an Erfahrung im Kriegsweſen gewann, gewann es meiſt erſt in ſeinen Kriegen mit dem Orden. Waͤren die Deutſchen Ritter daher auch nicht ins Land gekommen, es wuͤrde ſicherlich bald jedem nachbarlichen Volke ein Leichtes geweſen ſeyn, die vereinzelten Landſchaſ⸗ ten in eben der Weiſe, wie es dem Orden gelang, einem fremden Gebote zu unterwerfen und die unkriegeriſchen Be⸗ wohner Preuſſens zu bewaͤltigen. Haͤtten aber die Polen ſol⸗ ches verſucht, wuͤrde dann bei dem uralten und tiefgewurzel⸗ ien Haſſe beider Voͤlker der Kampf wohl weniger graͤuelvoll

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Umwandlung des inneren Volkslebens. 407 in ſeiner Art und des Blutes weniger vergoſſen ſeyn? Oder wuͤrde den Preuſſen ein gluͤcklicheres Loos gefallen ſeyn, wenn das rauhe Litthauiſche Volk ihre Gebiete uͤberſtuͤrmt und er⸗ obert oder wenn Rußlands Fuͤrſten und die Horden der Tar⸗ taren ihre Graͤnzen bis an den Weichſel⸗Strom vorgeruͤckt haͤtten? Wenn es demnach wohl kaum zu bezweifeln iſt, daß die Preuſſen ihr unabhaͤngiges und ſelbſtaͤndiges Leben auf die Dauer nicht behaupten konnten: war es fuͤr Bildung und menſchliche Entwickelung wohl fruchtreicher und heilbrin⸗ gender, wenn der Slaviſche Geiſt eines der Nachbarvoͤlker uͤber Preuſſen herrſchend wurde? War nicht Preuſſens Volk durch Urſprung und Abſtammung dem Deutſchen Geiſte ſchon an ſich weit naͤher verwandt, als irgend einem ſeiner Nach⸗ barvölfer? Und endlich, was iſt nachmals Preuſſen durch feine Schickſale fuͤr die Entwickelung des Geiſtes der Menſchheit uͤberhaupt im Verhaͤltniſſe zu ſeinen Slaviſchen Nachbarn geworden? Bei Erwägung dieſer Verhaͤltniſſe drängt ſich aber dem Betrachter auch noch die andere Frage auf: war denn die Dauer jenes alten Volkslebens, welches der Orden mit dem Schwerte untergrub, mit allem, was es in ſich trug, und mit der ganzen Grundlage, auf welcher es ruhete, fuͤr alle Zeiten und in aller Hinſicht wuͤnſchenswerth und ſelbſt auch fuͤr die fernſte Zukunft nur irgend moͤglich? Allerdings es hatte ſeine ſchoͤne Lichtſeite; es ſpielte in den Einzelnheiten ein reizender Farbenglanz; es umfaßte unlaͤugbar manches Große und Edle, manches Vortreffliche, was aus der Natur reiner Menſchlichkeit hervorgegangen war und in bewunderter Geſtalt daſtand. Gingen aber daneben nicht auch manche Graͤßlichkeiten im Schwange? War überall im Volke Ach⸗ tung gegen die menſchliche Natur und Heilighaltung der Men⸗ ſchenwuͤrde? Wurden nicht tauben und todten Goͤtzen auch Menſchenopfer dargebracht? Mordete nicht der Vater Toͤch⸗ ter und gebrechliche Söhne? Durften nicht Kinder hochbe⸗ tagte, ſchwache und ſieche Aeltern durch gewaltſamen Tod dem Leben entziehen? Wurden nicht Knechte und Maͤgde mit

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408 Des Ordens Recht zum Kampfe gegen die Preuffen. dem verſtorbenen Herrn auf dem Scheiterhaufen verbrannt? Und wenn ſolches geſchehen konnte, ging die geruͤhmte Frei⸗ heit des Volkes auch wirklich durch das ganze Volk? Oder ſtand nicht auch bei dieſer Freiheit druckende Knechtſchaft und ſklaviſches Gehorchen neben einem harten Herrenthum und ne⸗ ben Gewaltherrſchaft? Genoß im Hauſe das Weib die Ach⸗ tung und Wuͤrdigung, die ihm gebuͤhrt? Herrſchte im Kreiſe des Familienlebens nicht eine ſtarre Gebieterſchaft des Man⸗ nes, die milde Liebe faſt unmöglich machte? Und ſehen wir dann noch auf den Grundſtein dieſes heidniſchen Lebens hin, konnte ein ſolcher Goͤtzenglaube mit ſeinen Schrecken und Aengſten, mit ſeinen Roheiten und Verirrungen auf die Dauer beſtehen und war es wuͤnſchenswerth, daß in den weiten Ge⸗ bieten vom Weichſel⸗Strome bis an Rußlands Graͤnzen die heilige Eiche mit ihren Goͤtzen auch ferner noch in Zukunft gruͤne, nachdem ſchon laͤngſt ganz Europa das Kreuz erkannt hatte mit dem Ewig⸗Lebendigen? Und wenn ihr Fall einſt gewiß einmal erfolgen mußte, war er wohl anders zu er⸗ warten, als er durch den Deutſchen Orden geſchah? War nicht durch Biſchof Chriſtian und ſeine Gehuͤlfen das friedliche Wort der Belehrung und Ueberzeugung dem Schwerte und dem Zwange vorangegangen? Oder wenn es auch moͤglich geworden waͤre, dem Volke ſeinen alten Glauben einſt auf einem milderen Wege zu entziehen, war es denkbar, daß dann das übrige Leben des Volkes in feinem eigenthuͤmlichen Geiſte noch habe fortbeſtehen koͤnnen, da die Religion bis in den innerſten Kern des ganzen Lebens hineinverwachſen war? — Es ſcheint alſo gewiß, daß einſt ein Untergang nicht bloß des alten Goͤtzenglaubens, ſondern ſelbſt auch des alten Le⸗ bens in ſeinem innerſten Weſen auf Preuſſens Boden erfol⸗ gen mußte. Hatten aber die Ritter vom Deutſchen Orden ein Recht, dieſen Untergang mit ihrem Schwerte zu bewirken? — An ſich gewiß wohl keineswegs! Allein die Verhaͤltniſſe, die Ue⸗ berzeugung und die Begriffe der Zeit legten ihnen dennoch ein durch die Zeit bedingtes Recht zu dieſem Wagniß in die

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Des Ordens Recht zum Kampfe gegen die Preuſſen. 409 Hand. Die Verhaͤltniſſe ſtellten es: — Herzog Konrad von Maſovien war anerkannt Herr des Kulmerlandes. Wie er fein Recht auf deſſen Beſitz begründet hatte, ob mit dem Schwerte, ob durch Erbſchaft und Theilung oder auf welche andere Weiſe, darf auf ſich beruhen. Er aber ſchenkte das Land in dem ganzen Umfange ſeines Rechtes an den Deut⸗ ſchen Orden und in der Ueberzeugung der damaligen Welt hatten die Ritter des Ordens das Kulmiſche Gebiet mit al⸗ lem Rechte empfangen. Die heidniſchen Preuſſen hatten es oftmals überfallen, durchpluͤndert, verheert und waren zum Theil in deſſen Beſitz. So durfte der Orden ſie mit Recht im Kulmerlande bekaͤmpfen und aus dem Gebiete vertreiben. Allein ſie uͤberſtuͤrmten es mit ihren Raubhaufen immer wie⸗ der von neuem und gefaͤhrdeten fort und fort dem Orden die Sicherheit des Beſitzes. Mit Recht durften die Ritter den nachbarlichen Feind von ihren Graͤnzen entfernen; ſie ruͤckten bald den Krieg auch über dieſe hinaus; es gluͤckte die Ero⸗ berung der erſten nachbarlichen Landſchaften und das Recht, welches nun fuͤr den Orden ſprach, war das Recht des Krie⸗ ges und der Waffen. Wo aber auf dieſer Bahn ſtille zu ſte⸗ hen und wo dem Eroberungsſchwerte die Graͤnze zu ſetzen war, konnte nun ſchon keine Frage mehr ſeyn, denn mit je⸗ dem neueroberten Gebiete ruͤckten auch die naͤmlichen Ver⸗ haͤltniſſe immer weiter fort und geboten immer zugleich auch dasſelbige Verfahren. — Es lag ferner fuͤr den Orden ein Recht zum Umſturze des alten heidniſchen Lebens in der Ue⸗ berzeugung der Zeit. Es war Geluͤbde des Ordens und in allen Rittern tiefes Gefuͤhl der Pflicht, die Kirche zu verthei⸗ digen, wo die Heiden ſie bedraͤngten, und dem Evangelium Raum zu gewinnen fuͤr ſeine weitere Verbreitung. Dieſes Gefühl aber war nicht bloß im Urſprunge, in den erſten und aͤlteſten Verhaͤltniſſen und im Weſen des Ordens ſelbſt be⸗ gründet, ſondern die Kirche und der Papſt hatten dieſes Ge⸗ lübde dem Orden auferlegt und den Rittern dieſe Pflicht in die Seele geſchrieben. Sie waren wahrhaft und im Inner⸗ ſten überzeugt, daß es verdienſtlich, daß es heilbringend fir

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410 Des Ordens Recht zum Kampfe gegen die Preuffen. die chriſtliche Kirche, daß es ihre ſtrengſte Pflicht und ihre Beſtimmung ſey, jenem Geluͤbde nachzukommen und das Le⸗ ben an ſeine Erfuͤllung zu ſetzen. Dieſelbe Ueberzeugung theilte ferner auch die ganze damalige Zeit. Sprachen ſie nicht Kaiſer und Könige, Paͤpſte und Fuͤrſten wiederholt in ihren Verleihungsbriefen aus? Was trieb die Kreuzheere und an ihrer Spitze Könige und Fuͤrſten nach der Weichſel hin und bis an die Duͤna hinauf? War es immer und bei al⸗ len Pilgerbruͤdern nur bloße Fehdeluſt und der eitle Reiz des Kampfes mit den Heiden? Oder hob den Menſchen über die Drangfale und Mühen des Zuges, über die Entbehrungen im verheerten Lande und uͤber die Gefahren des Lebens im Kampfe nicht auch das rege Gefuͤhl einer Pflicht, die tiefe Ueberzeugung hoher Verdienſtlichkeit und das Bewußtſeyn ei⸗ nes heiligen und gerechten Werkes empor, und lag für dieſe Menſchen, wie fuͤr die Ritter des Ordens in der mahnenden Stimme ihres Pflichtgefuͤhles, in ihrer Ueberzeugung und in ihrem Geluͤbde, ſo zu ſagen, nicht auch das Recht zur Be⸗ kaͤmpfung der Heiden? — Es gruͤndete ſich endlich das Recht des Ordens zur Eroberung Preuſſens und zum Umſturze des alten heidniſchen Lebens auch auf die herrſchenden Begriffe und Meinungen der Zeit. Zuerſt war es Kaiſer Friederich der Zweite, der dem Orden nicht allein die Schenkung des Kulmerlandes beſtaͤtigte, ſondern ihm auch das Recht und die Vollmacht verlieh, ins Land der Preuſſen einzubrechen und ſich deſſelben zu bemaͤchtigen, ſo weit das Schwert vordrang. Er nannte dieſe Vollmacht oͤffentlich in ſeiner feierlichen Ur⸗ kunde ein altes, zukoͤmmliches Reichsrecht und ſprach aus⸗ drücklich den Orden darüber von aller Verantwortlichkeit völ- lig frei n). In ſolcher Weiſe trat der Deutſche Orden durch 1) Die wichtigen Worte des Kaiſers find: Auctoritatem cidem ma- gistro concessimmus, terram Prussie cum viribus domus et totis co- natibus invadendi, concedentes et confirmantes cidem magistro, suc- cessoribus eius et dumui sue in perpetuum tam predictam terram quam a prescripto duce recipiet, ut promisit et quameunque aliam dabit, nec non terra quam in partibus Prussie Deo ſaciente con-

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Des Ordens Recht zum Kampfe gegen die Preuſſen. 411 das oberſte Haupt der chriſtlichen Welt in ein klar und be⸗ ſtimmt ausgeſprochenes Recht wie auf die Eroberung, ſo auf den fortwaͤhrenden Beſitz des Landes Preuſſen. Worauf der Kaiſer dieſes Schenkungsrecht gruͤndete und wo die rechtlichen Principien lagen, nach welchen das oberſte Reichshaupt heid⸗ niſche Länder als Geſchenke verleihen und als Eigenthum über: weiſen konnte, das hatte nicht der Orden, ſondern nur der Kaiſer zu entſcheiden; und dieſer war uͤberzeugt, ein ſolches Recht ertheilen zu koͤnnen; er gab es dem Orden und wie der Orden glauben durfte, mußte er es geben koͤnnen ). Wie aber der Kaiſer, ſo der Papſt. Auch dieſer hatte nicht nur oft und aufs dringendſte zur Bekaͤmpfung und Bezwingung der Preuſſen aufgefordert, ſondern auch von ihm waren ſchon voraus dem Orden alle Eroberungen kraft ſeiner apoſtoliſchen Gewalt beſtaͤtigt, welche das Ritter⸗Schwert im Lande der Heiden erwerben werde 2); und wenn der Papſt wohl auch nicht ſo beſtimmt, wie der Kaiſer von einem eigentlichen Rechte ſprach, nach welchem er das heidniſche Preuſſen verſchenken koͤnne, ſo war ein ſolches in dem paͤpſtlichen Beſtaͤtigungs⸗ Briefe doch allerdings klar angedeutet. Gewiß iſt aber, daß die Begriffe und Meinungen der Zeit den beiden Oberhaͤup⸗ tern der chriſtlichen Welt das Recht unbeſtritten zugeſtanden, über die Lande der Heiden verfügen zu koͤnnen: ein Recht, welches ohne Zweifel ſeine Grundlage in der Macht der bei⸗ quiret velut vetus et debitum ius imperii, in montibus, planicie, Uuminibus, nemoribus et in mari, ut eam liberam sine omni servi- cio et exactione teneant et immuncm. Et nulli respondere proinde leneantur. 1) Pauli B. IV. S. 122 macht hier die ganz abſonderliche Be: merkung: „Der Kaiſer ſchenkte zwar dem Deutſchen Orden das Preuſ⸗ fen, aber er muß ſelbſt gelachet haben, da er die Urſache in Erwegung zog, die er von der Schenkung angab, daß Preuſſen zum Kaiſerthum gehöre.“ Die Worte zeigen deutlich, daß Pauli die Sache nicht in ihrem rechten Sinne gefaßt. Der ernſte und beſonnene Friedrich war ohnedieß fuͤrwahr nicht der Mann, welcher Urkunden fo wichtigen In⸗ haltes ausſtellte, um daruͤber zu lachen oder belacht zu werden. 2) Acta Boruss. B. I. S. 415 — 416.

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412 Geſtaltung der neuen Verhaͤltniſſe im Lande. den Schwerter hatte, auf welche in Beziehung auf den Kai⸗ fer wie auf den Papſt ſich die Herrſcher-Macht der Welt ftügte*). So war durch alle dieſe Verhaͤltniſſe der Orden von feinem unbeſtreitbaren Rechte auf Preuſſens Beſitz voll⸗ kommen uͤberzeugt und in dieſer Ueberzeugung begann und endigte er den Kampf, der um das Land gefuͤhrt wurde. Aber es war dem Orden nicht ſowohl nur die Herr⸗ ſchaft, das Regierungsrecht und die oberſte Landesverwaltung über Preuſſen verliehen worden, ſondern man hatte ihm über: haupt und ausdruͤcklich das Land in Grund und Boden mit deſſen Bewohnern als fürmliches Eigenthum zugeſprochen 2). So weit ihm das Schwert Gehorſam erzwang, war er Herr und Eigenthuͤmer des Landes ſelbſt geworden und im Augen⸗ blicke der Eroberung irgend einer Landſchaft waren ihre Be⸗ wohner jeder Zeit nur Sklaven und Leibeigene des Siegers). Nur die Taufe und der Eintritt in die chriſtliche Kirche konn— ten ſie wieder zur Freiheit erheben; doch auch dadurch traten fie noch keineswegs unbedingt wieder in das Recht des ei⸗ genthuͤmlichen Beſitzes ). Alſo perſoͤnliche Freiheit erlangte vom Orden nur der neue Chriſt und er genoß ſie auch nur, fo lange er der Kirche getreu blieb). Austritt aus der Kir⸗ che bewirkte Austritt aus der Freiheit. So beſtimmte es der Vertrag vom Jahre 1249, in welchem den Neubekehrten au⸗ ßer dieſer Freiheit unter Bedingungen auch rechtlicher Ge: brauch des eigenthuͤmlichen Beſitzes ſicher zuerkannt worden war, indem man ihnen ihre Beſitzungen als Allode und nicht als Lehen laſſen wollte. Dieſen Vertrag indeſſen hatten die da⸗ 1) Eichhorn Deutſche Staats- und Rechts-Geſchichte B. II. S. 272. 284. 2) Vgl. die kaiſerliche Urkunde bei Dreger Nr. 65. 3) Dieß lag wohl ſchon in der altgermaniſchen Anſicht, nach wel⸗ cher „die von Germaniſchen Völkern unterjochten in der Regel hörig wurden.“ Eichhorn Zeitſchr. für geſchichtl. Rechtswiſſenſchaft B. 1. S. 158. 4) Darauf weiſet ſogleich der Anfang des Vertrages von 1249 hin. 5) S. Dreger Nr. 191. S. 289.

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Geſtaltung der neuen Verhaͤltniſſe im Lande. 413 mals unterworfenen Preuſſen durch ihre Empörung gebrochen und mit dem Abfalle ihre Freiheit wieder verloren!). Hie⸗ durch war alles anders geworden; der Orden fuͤhlte ſich aller ſeiner Verheißungen und Verpflichtungen entbunden und durch das Schwert neuen Gehorſam erzwingend, ſchloß er forthin mit den Beſiegten keinen ſolchen Vertrag wieder. So wa⸗ ren die früheren Verhaͤltniſſe jetzt alle wieder aufgelöft und es ſtand demnach in allen Landſchaften, die ſich dem Orden untreu bewieſen und von der Kirche getrennt hatten, nun in der Macht und Willkuͤhr des Siegers, wie er die neuen Ver⸗ haͤltniſſe ordnen und begruͤnden wollte. Es war aber in je⸗ nem Vertrage bei Verleihung von Rechten und Beguͤnſtigun⸗ gen wie billig auch auf den beſtehenden ſtaͤndiſchen Unter⸗ ſchied im Volke Ruͤckſicht genommen und der aus dem Stande der Vornehmeren oder aus der Edel-Klaſſe entſproſſene Preuſſe mit Vorrechten erfreut und hervorgehoben worden 2). Auch dieſer Standesunterſchied im Volke war in den Augen der Ritter durch den Abfall durchbrochen) und es galt ihnen nun der abtruͤnnige Edle wie der Gemeine aus dem Volke fuͤr gleichmaͤßig unfrei. In ſolcher Auflöfung und Zerriſſenheit ſtanden nun die alten Lebensverhaͤltniſſe im Verlaufe des langen Kampfes der Preuſſen gegen den Orden da. Es bedurfte demnach bei der Regelung und Geſtaltung einer neuen Verfaſſung und Ord⸗ nung der Dinge um ſo mehr feſter Grundſaͤtze und einer fiche: ren Richtſchnur, als ein ſicherer Grundſtein zum Aufbau des neuen Lebens fuͤr ſein Beſtehen nothwendig war und Folgen⸗ des galt als durchgreifende Norm, nach welcher bei der Ge⸗ ſtaltung der neuen Ordnung verfahren wurde und in welcher Geburt und Verdienſt die leitenden Gedanken blieben. Wer 1) Die Preuſſen hatten dieſes im Vertrage von 1249 ſelbſt zuge⸗ geben. Es heißt: Concesserunt iidem Neophiti, ut quicunque patria vel persona de cetero »postataverit, predictam perdat penitus li- bertatem. 5 2) S. Dreger p. 289. 3) Dusburg c. 215.

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414 Geſtaltung der neuen Verhaͤltniſſe im Lande. aus edlem Stamme geboren feine Edel-Wuͤrde und feine Freiheit nicht durch Abfall oder Vergehungen gegen den Or⸗ den verwirkt hatte, behielt auch forthin feine Edel- Würde und ſein freies Beſitzthum in dem Maaße, daß er davon nach ſeinem Stande geziemend leben konnte. Wer aus dem Stande der Gemeinen ſich zum Orden und zur Kirche wandte, deſſen Beſitzthum belegte man mit Dienſten und Leiſtungen an den Orden nach der im Lande bisher beobachteten Ge⸗ wohnheit. So weit gab Stand und Geburt die Richtſchnur des Verfahrens. Aber beſondere Verdienſte oder Vergehun⸗ gen gegen den Orden aͤnderten dieſe Norm. Wer aus dem Stande der Gemeinen ſich waͤhrend des Abfalles oder in an⸗ dern Bedraͤngniſſen gegen die Ordensherrſchaft treu bewieſen, ward mit der Edel⸗Wuͤrde belohnt und feine Dienſtbarkeit ging in Freiheit uͤber; dagegen verfiel der Edelfreie in Dienſt⸗ barkeit und in den Stand der Gemeinen, der Untreue gegen den Orden gezeigt und ſich an deſſen Heil und Wohl ver⸗ gangen hatte. Dieß war der Grund, daß es ſeitdem unter Preuſſens Bewohnern viele Neubekehrte gab, die aus edlem Stamme entſproſſen wegen ihrer Vergehungen gegen den Or⸗ den, gegen Chriſten oder gegen die Kirche in den Stand der Gemeinen hinabſanken, während wiederum andere, deren Ael⸗ tern dem Stande der Gemeinen zugehörten, durch ihre ges treuen Dienſte gegen den Orden und die Kirche zur Freiheit erhoben wurden 1). 1) So ſtellt im Allgemeinen Dusburg c. 215 und nach ihm Lu⸗ cas David B. V. S. 59 — 60 die Sache dar. Wegen der Wichtig: keit der Verhaͤltniſſe ſetzen wir die Darſtellung des Epitomators hieher: Diceret quis, quem fructum consequuntur conversi ad fidem et qui sub fratribus versantur in Prussia et aliis terris. Respondetur, quod cum huiusmodi fratres misericorditer conversantur, quemlibet secun- dum suum statum venerantes nobilem pro nobili tenent, ignobilem ut talem, quemlibet secundnm genus suum et statum beneficiis et privilegiis magnificando, ignobilibus hereditates tributarias secundum

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Geſtaltung der neuen Verhaͤltniſſe im Lande. 415 Will man nun aber die Amwendung dieſer Grundſaͤtze im Leben ſelbſt und die Beſchaffenheit und Beziehung des Einzelnen zum Ganzen weiter verfolgen, ſo wird vor allem nothwendig, die Zeit, welche vor dem Abfalle der Preuſſen liegt, in ihrer Geſtalt und Ordnung von derjenigen zu ſchei⸗ den, welche mit ganz andern Verhaͤltniſſen nach der Empoͤrung und dem Abfalle der unterworfenen Lande folgte. Die Ver⸗ haͤltniſſe jener früheren Zeit in Beziehung auf Grundbeſitz und laͤndliches Eigenthum waren vor allem durch zwei wich⸗ tige Grundvertraͤge geregelt und beſtimmt, zuerſt durch die Kulmiſche Handfeſte und demnaͤchſt durch den Vertrag des Jahres 1249. In beiden trat der Orden in der Stellung eines unbeſchraͤnkten Eigenthuͤmers und Herrn uͤber Grund und Boden auf. In der erſtern verkaufte er den Eigenthuͤ⸗ mern das laͤndliche Beſitzthum als nunmehr feſtes Eigenthum oder als Allode zugleich mit dem Rechte des Wiederverkaufes oder der Veräußerung an andere. Ausdruͤcklich nannte der Orden ſelbſt dieſe Guͤter Allode; allein durch zwei Bedin⸗ gungen wurde der Begriff des eigentlichen freien Allode be⸗ patrie consuetudinem concedendo, nisi quis cuiuscunque eciam sta- tus vel preeminentie fuerit huiusmodi per forefacta sua se ingratum exhiberet. Si quis eciam ignobilis sic fidum se exhibet, quod fra- tribus in necessitate constitutis adiuverit, hunc nobilitant et exal- tant, et ex opposito infideles degenerant et in servitutem redigunt. Huius rei experientia sumitur in renovatis ad fidem, unde qui bene conversatus est, bene habuit, qui vero male, male. Multi enim qui de nobili parentela orti fuerunt propter forefacta et infidelitatem ut ignobiles cum posteris suis servati. Econverso de rusticis nati pro- pter benemerita in privilegüis et libertatibus sunt donati, quod eciam posteri eorum inter nobiles computantur et ita quilibet recipit pre- mium operis secundum suum laborem. — Damit ſtimmen auch bie Verſchreibungs⸗ Urkunden ſelbſt überein; fie erwaͤhnen nicht nur öfter der Verdienſte der Empfaͤnger, ſondern es heißt in einer vom J. 1263 auch ausdruͤcklich: „Do dy newen criſten czu Pruͤſen hatten abegewurffen den criſten gelouben und die kirche gots pynygitten mit mancherleie Pyn und wedir uns und andir geloubigen in gote grymeclichin czornten, ſo welle wir do wedir, das dy die by uns getruͤlichin geſtanden haben, ſich vrou⸗ wen ſundirliche befeſtunge der vryheit.“ —

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416 Geſtaltung der neuen Verhaͤltniſſe im Lande. ſchraͤnkt; denn erſtlich war das Kulmiſche Allode mit Zins und Dienſt fuͤr den Landesherrn oder den Orden belaſtet und ſeine Veraͤußerung durfte ſtets auch nur an ſolche erfolgen, welche dem Orden dieſen Zins und Dienſt in gleichem Maaße leiſten konnten und ihm überhaupt genehm waren. Der Kaͤu⸗ fer aber mußte zweitens auch das Allode immer wieder erſt aus der Hand des Ordens empfangen. War dieſer Lehens⸗ act immerhin wohl auch nur bloße Form und ſtellte der Or⸗ den dabei auch das Verſprechen hin, er wolle bei der Ueber⸗ gabe des Allode an den Kaͤufer keine Schwierigkeit erheben, ſo war dadurch der reine Begriff des freien Allode doch im⸗ mer aufgehoben ). Wenn alſo der Orden ſolche Güter fort⸗ 1) Vgl. die Kulmiſche Handfeſte bei Baczko B. I. S. 584, bei Hartknochs Ausgabe des Dusburg u. ſ. w. — Die Güter werden in ihr ausdruͤcklich allodia, niemals aber ſeuda genannt, wiewohl in der Zeugenangabe des Privilegiums doch auch feodales ſtehen: ein Be⸗ weis, daß der erwähnte Lehensact eigentlich wohl nur Form war, aber doch eine Form, durch welche der Orden im noͤthigen Falle die Guts⸗ Veraͤußerung hemmen konnte, wozu auch die Beſtimmung noch hinlaͤng⸗ lich Spielraum gab, daß der Verkauf ſtets nur an ſolche geſchehen ſolle, qui terrae et Domui nostrae bene competant. Vgl. Baczko' s Abhand⸗ lung in den Annalen des Koͤnigr. Preuſſ. Stes Quart. über Preuſſ. Lehn (ein Auszug aus Hesse Dissertat. iuridica de Feudis Prussor. Regio- mont. 1712). Den ſtrengen Begriffen nach kann ein ſolches Kulmiſches Gut weder Allodium noch Feudum heißen. Zwar ſtuͤtzt ſich das Ver: aͤußerungs⸗Recht allerdings auf den Begriff des Allode; allein dieſer Begriff wurde vom Orden doch darin wieder beſchraͤnkt, daß es als Be⸗ dingung bei der Veräußerung aufgeſtellt wurde, ut hi, qui ea emerint, de manu fratrum suscipiant et Domui nostrae ad idem Jus idemque servitium teneantur, quod illi nobis exinde facere debuerunt et nos ea ipsis porrigere sine ulla diffieultate debemus. Nun wurde aber außerdem in der Kulm. Handfeſte auch beſtimmt: die Eigenthuͤmer ſoll⸗ ten die Güter haben ad hereditaten Flamingicalem. Gaupp in ſ. Buche: das alte Magdeburg. und Halliſche Recht S. 46, führt einige von Stenzel aufgefundene Urkunden an, nach welchen im 14. Jahr⸗ hund. auch zwei Schleſiſche Staͤdte das Flaͤmiſche Recht erhalten; allein er aͤußert ſich ſelbſt ſehr zweifelhaft über den Inhalt dieſes Rechtes. Was die hereditas Flamingicalis betrifft, fo erklärt fie Hoche Hiſtor. Unterſuchung über die Niederland. Kolonien S. 71 als das weſentliche

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Geftaltung der neuen Verhältniffe im Lande. 417 hin immer noch als Allode betrachtete, fo war doch unver: kennbar eine gewiſſe Lehensabhaͤngigkeit in dieſelben uͤberge⸗ tragen und man kann es nicht tadeln, daß ſie hin und wie⸗ der Lehenguͤter genannt worden ſind 1). Der auf dem Allode liegende Kriegsdienſt ſtand im Verhaͤltniſſe zur Hubenzahl des Gutes. Wer vierzig Huben und mehr beſaß, war pflichtig zum Dienſte mit voller Waffenruͤſtung auf einem bedeckten, zur Ruͤſtung tauglichen Streitroſſe und wenigſtens zwei an⸗ dern reiſigen Kriegsknechten. Weſſen Beſitzthum minder groß, bis auf die Zahl von zehn Hufen war, diente mit dem Pla⸗ tengeſchirre, einem bloßen Bruſtharniſche und in leichten Waf⸗ fen zu Roß, welcher Dienſt der Platendienſt hieß. Nach Po⸗ meſaniens Eroberung ging die Dienſtverpflichtung nicht uͤber das Kulmerland hinaus. Der Dienſt war alſo ſtets nur Landwehr in Kriegsgefahren der Landſchaft. Als Zins ent⸗ richtete jeder alljährlich für fein Erbgut an den Orden einen Cölniſchen oder fünf Kulmiſche Pfennige nebſt zwei Pfund Wachs außer dem Zehnten, der dem Bifchofe fiel. — Dieſe geſammten Beſtimmungen bildeten im Ganzen das ſ. g. Kul⸗ miſche Recht in Beziehung auf laͤndliches Beſitzthum. Es ward ſpaͤterhin auch allgemein in andern Landſchaften die Grundlage der Territorialverhaͤltniſſe Kulmiſcher Beſitzungen. Dieſelben Grundſaͤtze in Beziehung auf laͤndliches Beſitz⸗ thum waren im Allgemeinen auch in dem Vertrage des Jah⸗ Recht eines Gutsbeſitzers, fein Gut verkaufen zu koͤnnen, wenn er wolle. Eine Urkunde Heinrichs des Loͤwen (a. a. O.) beſtaͤtigt allerdings, daß dieſes Recht mit in dem Jus Hollandricum begriffen war und in dieſer Bedeutung iſt wohl auch in der Kulm. Handfeſte die hereditas Fla- mingicalis zu verſtehen, inſofern jenes Recht ein Gut aus der Klaſſe der bloßen Lehen ausſchließt. Ueber die Erbfolge nach Flaͤmiſchem Rechte iſt beſonders die Urkunde bei Hoche a. a. O. S. 83— 85 zu verglei⸗ chen. Was das Flaͤmiſche Hubenmaaß betrifft, deſſen in der Kulm. Handfeſte ebenfalls Erwaͤhnung geſchieht, ſo wird dieſes in Urkunden des 12. Jahrhund. zu 720 Ruthen in die Laͤnge und 30 Ruthen in die Breite beſtimmt; — Mansi vero mansio — in longitudine septingen_ tas et viginti, in latitudine vero XXX habet regales virgas. 1) 3. B. bei Baczko B. I. ©. 372. III. 27

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418 Geſtaltung der neuen Verhaͤltniſſe im Lande. res 1249 ausgeſprochen und wir erſehen aus noch vorhande⸗ nen Verſchreibungsbriefen, daß der Orden auch in der That nach ihnen verfuhr. Er ſah auch jetzt noch den laͤndlichen Beſitz als Allode in dem angegebenen Sinne an und geſtat⸗ tete daher den Neubekehrten ebenfalls freie Veraͤußerung des unbeweglichen Gutes, jedoch mit der Beſchraͤnkung, daß der Verkaͤufer eines Beſitzes vor dem Verkaufe dem Orden jeder Zeit eine dem Gut⸗Werthe angemeſſene Buͤrgſchaft oder Ge⸗ waͤhr leiſten mußte, daß er nach geſchehenem Verkaufe nicht zu den Heiden oder zu des Ordens Feinden entfliehen wolle !). Als Allode vererbte der Beſitz in genau beſtimmten Graden der Verwandtſchaft?) und nur in deren Ermangelung geſchah der Ruͤckfall des Beſitzes an den Orden, ſofern nicht vom Beſitzer ſchon anderweitig uͤber ſein laͤndliches Eigenthum ver⸗ fuͤgt war. Nach den Grundſaͤtzen und in dem Geiſte dieſer zwei Grundvertraͤge wuͤrden ſich nun die ſtaͤndiſchen und Territo⸗ rial⸗Verhaͤltniſſe Preuſſens im Laufe der Zeit noch weiter entwickelt und ausgebildet haben, wenn nicht noch zwei Er⸗ eigniffe hinzugetreten wären, welche nicht bloß die ſtaͤndiſchen Verhaͤltniſſe in der Geſammtheit des Volkes, ſondern auch das an dieſe geknuͤpfte Territorial⸗Verhaͤltniß in ſeiner Form veraͤnderten: — zuerſt die Eroberung Samlands und dann der Abfall und die neue Ueberwaͤltigung der fruͤher ſchon un⸗ terworfenen Landſchaften. Nur aus dem Zuſammenwirken dieſer vier Erſcheinungen erklaͤrt ſich das am Schluſſe des drei⸗ zehnten Jahrhunderts daſtehende Territorial-Syſtem Preuſſens. Faſſen wir nun die geſammten Territorial-Verhaͤltniſſe naͤher ins Auge, beſonders wie ſie in den dem Orden zuge⸗ hoͤrigen Landestheilen beſtanden — denn nur in einzelnen Be: ſtimmungen wichen die in den bifchöflichen Gebieten von je: nen hie und da ab, — ſo gab es überhaupt keinen Stand, 1) Vgl. die Vertrags: Urkunde bei Baczko B. 1. S. 270 und Dreger p. 288. 2) Vgl. hieruͤber oben B. II. S. 621.

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Geſtaltung der neuen Verhaͤltniſſe im Lande. 419 der in Betreff des laͤndlichen Beſitzes nicht in beſtimmten und durch Geſetz und Herkommen geregelten Verhaͤltniſſen bald unmittelbar bald mittelbar dem Orden als oberſtem Landes⸗ herrn verpflichtet war. In gleicher Weiſe gab es in Preuſ⸗ ſen, mit Ausnahme einer einzigen Guͤter⸗Klaſſe, durchaus keinen laͤndlichen Beſitz, uͤber welchen der Orden nicht bald in naͤherer, bald in entfernterer Beziehung gewiſſe guts⸗ herrliche Rechte uͤbte, und es leuchtet ſonach im ganzen Ter⸗ ritorial⸗Syſtem überall der Gedanke hervor: der Orden ei⸗ gentlich ſey oberſter Herr und Eigenthuͤmer von Land und Boden. An das Grundeigenthum aber knuͤpfte der Orden mancherlei Dienſte, Leiſtungen und Verpflichtungen, und theils ihre Stufen oder Grade, theils ihre Beſchaffenheit und Art bildeten den Standesunterſchied. Dieſe Grade und die Art der Verpflichtungen hingen aber nicht uͤberall, wie in der Kulmiſchen Handfeſte, von dem Maaße und der Groͤße des Grundbeſitzes ab, ſondern auch Geburt und Verdienſt beding⸗ ten die Verpflichtungen und es trat ſo in die Territorial⸗ Verhaͤltniſſe der ſpaͤter unterworfenen Landſchaften, beſonders aber Samlands im Vergleiche zu denen im Kulmerlande und wie ſie ſich uͤberhaupt durch die Kulmiſche Handfeſte geſtaltet hatten, eine bedeutende Veraͤnderung und Erweiterung. Zum Zweck größerer Klarheit trennen wir zunächft die Territorial⸗Verhaͤltniſſe der unterworfenen Stamm⸗Preuſſen von denen der Deutſchen Einzoͤglinge. In jenen erſtern aber finden wir zuvoͤrderſt eine doppelte Klaſſe von Landbeſitzern; eine Klaſſe der Gutsherren und eine Klaſſe der Gutsunter⸗ thanen. Jene erſtere zerfaͤllt jedoch wieder in Ruͤckſicht ihrer Stufenordnung in drei verſchiedene Staͤnde, naͤmlich in den Stand der ſ. g. Withinge, dann in den Stand der Freien oder der Freilehensbeſitzer und endlich in den Stand der Koͤl⸗ mer. Um zu ſehen, wie ſich die beiden erſtern, die beiden Stände der Withinge und der Freien, in ihren Verhaͤltniſſen am meiſten naͤhern, betrachten wir zunaͤchſt

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420 Die Witbinge. Die Withinge. Das Geſchlecht oder der Stand der Withinge geht ſei⸗ nem Stamme, feiner Stellung und Rangordnung, wie ſei⸗ nen Rechten und feinem Anſehen nach in die Zeit des Hei— denthums zuruck. Dort lernten wir fie in ihren urſpruͤngli⸗ chen Verhaͤltniſſen als die reichen Edlen, als die vornehmſten Grundbeſitzer, als die eigentlichen Herren des Landes ken⸗ nen ). Aber nur Samland allein weiſet im dreizehnten Jahrhunderte ihre Erſcheinung auf ). Ihre zeitige, zum Theil ſelbſt freiwillige oder doch leichte Ergebung an den Orden bei des Landes Unterwerfung, ihre Treue und feſte Ergebenheit zur Zeit des Abfalles der uͤbrigen Neubekehrten und ihre Dienſtleiſtungen bei der neuen Unterjochung der Land⸗ ſchaft verpflichteten den Orden zu ganz beſonderer Beruͤckſich⸗ tigung durch Vorrechte und Beguͤnſtigungen ). Folgendes find die wichtigſten Verhaͤltniſſe, welche ſowohl ihren Rang zu des Landes uͤbrigen Bewohnern, als ihre Stellung zum Orden als ihrem Landesherrn am meiſten bezeichnen. Sie gehoͤrten nicht bloß insgeſammt zum Stande der 1) Vgl. oben B. 1. S. 507 — 508. 2) Erſt im 14. Jahrh. finden ſich auch Withinge in andern Land⸗ ſchaften, in Natangen, Ermland und bis Chriſtburg hinauf als Land⸗ beſitzer. In Nadrauen, Schalauen, Galindien und im Kulmerlande kom⸗ men ſie dagegen niemals vor. 3) Es heißt von ihnen im Withings-Privilegium: Quidam Pru- teni et Sambite omnium parentum et amicorum suorum amicicias et solacia deserentes et ad ipsos (i. e. fratres Ordinis) confugientes eis per totaın apostasiam usque ad suhjugacionem omnium predictorum incolarum et usque in hodiernum diem contra quoslibet ipsorum ad- versarios in omi tribulacione et angustia non parcentes corporibus et rebus fideliter adheserunt; unde dignum est et racioni consonum, ut quanto predicti plures labores quantoque plurima discrimina pre aliis cum fratribus et pro fratribus in defensione fidei christiane vi- riliter et fideliter pertulerunt, tanto ipsi et heredes eorum a fratri- bus pluribus pre aliis debeant gaudere libertatibus perpetuo prero- gativis prout in litteris super bonis cuiuslibet continetur. — Vergl. meine Geſchickte der Eidechſen⸗Geſellſchaft S. 212.

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Die Withinge. 421 Edlen, ſondern behaupteten darin die erfie Stufe. Die Ge- ſammtheit aller ihrer Vorrechte hieß „das große Recht ).“ Urſpruͤnglich, alſo zur Zeit als dieſes große Recht zuerſt in ſeinen Einzelnheiten zuſammengefaßt und den Withingen er⸗ theilt ward, war es faſt immer nur an die Geburt geknuͤpft. Nur wer aus Withings-Blute ſtammte, war dieſes Rechtes wuͤrdig; erſt nachmals ward es auch auf Nicht- Withinge in einzelnen Faͤllen uͤbertragen. So viel es nun dieſer edlen Grundbeſitzer im Lande gab, ſo viel gab es auch Edelhoͤfe. Es beſtand jedoch das Bereich oder das laͤndliche Beſitzthum eines ſolchen Edelhofes, worauf der Withing ſaß, in der Re⸗ gel aus zwei verſchiedenartigen Theilen, zuerſt naͤmlich aus dem alten, noch aus dem Heidenthum mit heruͤbergebrachten Erbtheile oder einem angeſtammten Allode, und dann aus einem neuen vom Orden ihm erſt zugewieſenen Beſitze?). Je⸗ 1) Daher „. er, Nobilium magnum ius habencium“; f. meine Geſchichte der Eidechſen-Geſellſch. S. 226. 2) Dieſes doppelte Beſitzthum der Withinge laͤßt ſich in mehren Urkunden ſehr klar nachweiſen. Deutlich genug ſpricht daruͤber ſchon die Urkunde, deren wir im Aten B. S. 526 — 527 Erwähnung gethan, wo es vom Landmeiſter in Beziehung auf die vornehmeren neubekehrten Samländer heißt: Concedens maioribus et pocioribhus ipsorum (i. e. Sambitarum), ut hereditates et possessiones suas prius habitas sinc census solucione tam ipsi quam heredes ipsorum in perpetuum libere possiderent. Et nichilominus in lerris ei villis magna mioribus eorum feodalia öura concessit, ut eo libentius iugum domini in se portarent et alios ad societatem ſidei, quam adsumpseraut, aflectuo- sius et eflectuosius invitarent. Ein klarer Unterſchied zwiſchen Allode und Lehengut; die Maiores et Potiores in Samland aber find keine andern, als die Withinge. So werden dem Withing Ibute und ſeinen Erben im Jahre 1255, alſo gleich nach Samlands Eroberung, zuerſt beftätigt prata et agri, quos nunc possidet in Campo, qui Labota (Laptau) nuncupatur; dieß war fein angeſtammtes Allode. Ex erhält vom Orden aber dann auch noch campum in Kewthe (Kiauten, zwi⸗ ſchen Laptau und Powunden) cum XX familis ad eundem pertinenti- bus. So heißt es ferner in der Verſchreibung des Withings Tyrune: Contuli Tyrune et suis heredibus septem familias in villa Trintiton cum agris, pratis etc. et insuper bona sua, que ipsum ex palerna hereditaie contingunt. *

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422 Die Withinge. nes erftere, das angeſtammte Allode war es ganz vorzüglich, was die Stellung und den Stand des Withings ſowohl in Ruͤckſicht auf den Orden als gegen die uͤbrigen Grundbeſitzer Preuſſens am meiſten characteriſirt. Als uraͤlterliches Erb⸗ theil ward es vom Orden dem Withinge nur neu beſtaͤtigt, alſo nicht neu zuertheilt. An ſich war es zehntpflichtig; al⸗ lein der Orden erfreute alle Withinge in Ruͤckſicht ihrer an⸗ geſtammten Allode mit völliger Zehntfreiheit 1); fie ſaßen fo: mit auf dieſen freien Erbguͤtern aller Verpflichtungen und Lei⸗ ſtungen entbunden, wie ihre Vaͤter der heidniſchen Zeit ſie be⸗ ſeſſen hatten und es iſt in Beziehung auf dieſe angeſtammten Allode auch nicht eine Spur einer Lehensherrſchaft des Or⸗ dens ſichtbar 2). Des Withings Veraͤußerungs⸗Recht auf dieſes Erbgut war ohne Zweifel voͤllig unbeſchraͤnkt, da bei ihm keineswegs wie bei dem Kulmiſchen Allode die Bedingung einer Beſchraͤnkung durch Dienſte und Verpflichtungen gegen den Orden Statt fand. Wie alſo dieſes Freigut den völlig reis nen Character des Allode hatte, ſo ſaß der Withing auf dieſem Theile feines Ländlichen Eigenthums als völlig freier Allodial⸗ Beſitzer, eine Ausnahme, die ſich ſonſt nirgends im Territo⸗ rial⸗Verhaͤltniſſe Preuſſens wieder findet. Ueber die Erbfolge in dieſen freien Erbguͤtern, uͤber die Frage alſo, ob ſie in Ermangelung leiblicher Erben auch auf naͤhere Verwandte erblich uͤbergehen konnten, werden wir bald naͤher ſprechen. In ein ganz anderes Verhaͤltniß zum Orden trat aber der Withing durch den andern ihm nicht erblich angeſtamm⸗ 1) Es heißt in dieſer Beziehung in den Withings⸗Verſchreibungen gemeinhin: Contulimus perpetuo Granden suisque heredibus in pro- pria persona plenam libertatem et de predictis suis hereditatibus de- cimam non solvendi similiter libertatem- 2) Die Bezeichnung dieſes Beſitztheiles durch Allodium kommt al- lerdings in den Urkunden zwar niemals vor, ſondern dieſe Güter wer⸗ den immer durch den Ausdruck hereditas et praedia von den zuertheil⸗ ten (den Lehen) unterſchieden. Hereditas aber und Allodium ſind nach der Kulmiſchen Handfeſte völlig gleichbedeutend und Dusburg c. 342 nimmt auch Allodium und Praedium für eins und daſſelbe.

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Die Withinge. 123 nes Gutes. Als Belohnung naͤmlich für erwieſene Dienfte und fuͤr bewaͤhrte Treue ertheilte der Orden den Withingen eine jeder Zeit mit ihren Verdienſten im Verhaͤltniſſe ſtehende Anzahl von Familien mit deren Land und Eigenthum. Dieſe Familien beſtanden aus Bauernhoͤfen, welche die Eroberung des Landes in des Ordens Gewalt und Eigenthum gebracht hatte und deren Leute in die Dienſtbarkeit des Siegers ge⸗ fallen waren 1). Sie bildeten den alten Satz des Volkes, urſpruͤnglich ohne Zweifel voͤllig freie Landbeſitzer, aber ge⸗ wiß ſchon vor der Ankunft der Ordensritter in einem gewiſ⸗ ſen abhaͤngigen Verhaͤltniſſe von den Landesedlen auf den Edelhoͤfen. Durch die Eroberung des Landes wurden ſie Gutsunterthanen des Ordens und der Orden Herr ihres Ei⸗ genthums. Durch die Uebergabe an den Withing aber eni⸗ ließ ſie der Orden ſeiner Gutsunterthaͤnigkeit und ſetzte ſie in die des Withings oder des Edelhofes. Dieſes gutsunterthaͤ⸗ nige Verhaͤltniß gruͤndete ſich naͤmlich darauf, daß erſtens die Familien dem Withinge und ſeinen Erben als ihren Guts⸗ herren zehntpflichtig waren?); daß zweitens von ihnen die⸗ ſelbige Unterwuͤrfigkeit, dieſelbigen Dienſte und überhaupt‘ die naͤmlichen Verpflichtungen fuͤr den Withing gefordert wur⸗ den, wie ſie die Gutsunterthanen des Ordens dieſem als ih⸗ rem unmittelbaren Herrn leiſteten?); und daß fie drittens der Gerichtsbarkeit des Withings unterworfen waren. Die⸗ 1) Außer der allgemeinen Benennung durch Familiae werden ſie in Urkunden auch regelmäßig mit den Worten homines et subditi oder auch rustici bezeichnet und in ihren Dienften und Leiſtungen mit den homi nibus et subditis fratrum in Vergleich geſetzt. Sie bildeten ein aͤhn⸗ liches Verhaͤltniß, wie zwiſchen den Hofbeſitzern und Hofhoͤrigen; vgl. Kindlinger Geſchichte der Deutſch. Hoͤrigkeit S. 12 — 13. 2) „Familie prefato Grande suisque heredibus decimam persol- vere debent“, fo oder ähnlich heißt es mit Aenderung des Withings⸗ Namens in allen Verſchreibungen. Aber der Betrag des Zehnten iſt nirgends im Einzelnen angegeben, woraus zu ſchließen iſt, daß es der allgemeine landgaͤngige Zehnten war. 3) „Eisdem et subjectionem et servicia sicut homines et sub- diti fratrum fratribus exhibebunt.

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424 Die Withinge. ſes letztere Recht der Withinge indeſſen ſteigerte ſich erſt ſtu⸗ fenweiſe; denn in der erſten Zeit nach Samlands Unterwer⸗ fung ertheilte der Orden die Gerichtsbarkeit uͤber die Guts⸗ unterthanen noch keinem Withinge, ſondern behielt ſie ſich immer ausdrücklich felbft vor!). Darauf übergab er verſchie⸗ dentlich den Withingen wenigſtens ſchon das Recht der nie⸗ deren Gerichtsbarkeit uͤber ihre Familien und von der hohen zuweilen nur ein Drittheil des Ertrages 2). Erſt nach der Zeit des Abfalles kamen ſolche, die ſich den Ordensrittern ganz beſonders treu bewieſen und wichtige Dienſte geleiſtet, auch in den Beſitz der hohen und alſo der vollen Gerichts⸗ barkeit über ihre Leute?). Oft wurde dieſe auch den ver⸗ dienſtvollen Söhnen verdienter Withinge zuertheilt“). Da⸗ durch waren dann die Familien dem Gutsherrn zu Leib und Leben unterthan. Mit den koͤrperlichen Kräften der Familien ſchaltete der Withing natürlich ganz nach Belieben; fie wa⸗ ren ihm zum Schaarwerke und zu allen baͤuerlichen Arbeiten pflichtigs). Der Withing hatte das Recht, nicht bloß das 1) In einer der älteften Withings⸗Verſchreibungen an den Wi: thing Ibute vom J. 1255 heißt es noch ausdruͤcklich: Excipimus ta- men ibidem nobis iudicium, alſo Gericht überhaupt, hohe und niedere Gerichtsbarkeit. 2) So erhielt der erwähnte Ibute in einer Urkunde vom J. 1258 ſchon die niedere Gerichtsbarkeit; es heißt: Prenominatus Ibute suique liberi et ipsorum heredes maiora iudicia, que sunt volnus letale, manus amputatio, sententia mortis in predictas familias exercendi nullam habebunt facultatem, de aliis vero causis inter ipsas fami- lias iudicandi iudiciariam habebunt plene potestatem. Dieſe Verlei⸗ hung war Belohnung der Treue Ibute's beim erſten Abfalle der Sam⸗ länder, wie die Urkunde ausdruͤcklich ſagt. 3) In Urkunden oft ius oder iudieium maius genannt. Der um den Orden ſo ſehr verdiente anner Sclodo's Sohn, erhielt die hohe und niedere Gerichtsbarkeit ſchon im J. 1261 uͤber ſeine 25 Familien; der Withing Gedune im J. 1262. 4) Dieſes war z. B. ben Fall bei Ibute's Soͤhnen Kerſe und Ne⸗ karkis; beide ſchon im J. 1261 im Beſitz der hohen Gerichtsbarkeit. S. meine Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſch. S. 226. 5) Wie die unmittelbaren Gutsunterthanen des Ordens dieſem zu

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Die Withinge. 425 Ländliche Beſitzthum der Familien, ſondern mit ihm auch ſaͤmmtliche darauf ſitzende Gutsunterthanen verkaufen zu koͤn⸗ nen; doch durfte die Veraͤußerung, wie bei dem Kulmiſchen Allode, ſtets nur an einen ſolchen Mann geſchehen, der die auf dem Beſitzthum ruhenden Dienſte dem Orden zu leiſten im Stande war 1). Das ländliche Beſitzthum erbte übrigens in den Gliedern der Familie maͤnnliches Geſchlechtes fort, doch ſtets nur als Erbgut, nie als Eigenthum und nur beim Mangel aller maͤnnlichen Erben fiel es an den Edelhof 2). Mit dem angeſtammten Allode des Withings durfte es jedoch ſchon ſeinem Character nach wohl nicht vereinigt werden, ſon⸗ dern der Gutsherr mußte es neu an Gutsunterthanen aus⸗ thun. Der Orden ſelbſt behielt auf dieſe gutsunterthaͤnigen Guͤter des Withings weiter kein unmittelbares Recht, als daß das im Grund und Boden etwa aufzufindende Metall oder Salz ihm als Regal zufiel ). Durch dieſen doppelten Beſitz aber ſtand der Withing in einem doppelten Verhaͤltniſſe. In feinem freien angeſtamm⸗ ten Allode war er unbedingt Freiherr, zu keinen Dienſten und Leiſtungen pflichtig; durch den Empfang der Familien dagegen trat er ſofort zu dem Orden in das Verhaͤltniß ei⸗ Schaarwerk und baͤuerlichen Dienſten pflichtig waren, ſo ſicherlich auch die des Withings gegen dieſen, denn das unterthaͤnige Verhältniß war bei beiden gleich. 1) Wir erſehen dieſes aus einer Verſchreibung für den Withing Wargule uͤber ſeine 25 Familien bei Quedenau und Tapiau, wo ihm das Veräußerungsrecht zuerkannt, aber ausdruͤcklich hinzugefügt wird: der Verkauf duͤrfe nur geſchehen viro idoneo, qui sicut et ipsi possi- dendi habeat facultatem; und in der Verſchreibung fuͤr den Withing Tyrune heißt es in dieſer Beziehung: Sane si voluerit vendere dicta bona, vendat ei qui sicut ipse congrue valeat deservire. 2) So heißt es in der Verſchreibung uͤber 20 Familien fuͤr Ibute: er erhalte ſolche cum omni decimacione earumdem (familiarum) nec- non et hereditate predictarum absque herede moriencium iure here- ditario in perpetuun. 3) Si aliqua vena cuiuscunque metalli vel salis ibidem invenia- tur inposterum, hanc et nobis reservaınus.

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426 Die Withinge. nes dienſtpflichtigen Lehensmannes, denn wenn gleich das Veraͤußerungs⸗Recht der Familienhoͤfe oder des Beſitzes der Gutsunterthanen dieſem auch den Character eines Allode zu geben ſchien, ſo war es doch immer nur ein Allode im Kul⸗ miſchen Sinn, alſo eigentlich ein Lehen und der Beſitzer Lehensmann. In der That aber werden uͤberall die Wi⸗ thinge in Ruͤckſicht ihrer Leiſtungen in Betreff ihrer Fami⸗ lienhoͤfe nicht bloß mit des Ordens uͤbrigen Lehensleuten häufig in Vergleich geſtellt !), ſondern hie und da auch aus⸗ druͤcklich Lehensleute oder Feodalen genannt 2). Wie ihnen nämlich in Beziehung auf die Familienhoͤfe wirkliche Le⸗ hensrechte zuerkannt waren, ſo ruheten auf dieſem Theile ihres Beſitzes auch gewiſſe Lehensdienſte und Leiſtungen fuͤr den Beſitzer gegen den Orden als oberſten Lehensherrn. Sie beſtanden erſtens in der allgemeinen Verpflichtung zur Land⸗ wehr) innerhalb der Graͤnzen der Landſchaft, in welcher die Withinge ſaßen; zweitens in der Verpflichtung zum Kriegs⸗ dienſte in weitern Heerfahrten, auf ſ. g. Reiſen außerhalb des Landes“); der Dienſt war meiſt auf Schild und Lanze 1) So heißt es in den Verſchreibungen fuͤr die Withinge oͤfter: ſie ſollen die Kriegsdienſte leiſten sicut ceteri nostri ſeodales consueve- runt. 2) Die Benennung Feodales kommt von den Withingen in Ur⸗ kunden öfter vor. Lehenrechte wurden ihnen, wie wir früher B. II. S. 526 ſahen, ausdruͤcklich zugeſprochen und noch in einer Urkunde vom J. 1337 heißen die Nachkommen des Withings Schude Grande, Sa⸗ mile und feine Anverwandten, die jenes Withings Güter beſaßen, Keo- dales. 3) Schon damals eine landuͤbliche Benennung des Zuzuges zur Lan⸗ desvertheidigung; Alnpeck S. 127. Sie kommt jedoch auch in der Bedeutung von Schutz⸗ und Vertheidigungsgraben vor; ſo im Privile⸗ gium von Braunsberg, wo es heißt: fossatum, quod Lantwer vulga- riter nominatur. 4) Dieſe beiden Verpflichtungen werden immer zuſammengeſtellt; entweder heißt es: In expeditionem ire et ad propugnationem (v. de- fensionem) terre venire sunt astrieti, oder auch: Fideliter deservire cum clipeis, lanceis et bruniis suis contra quoslibet fratrum et pa- trie invasores, preterea sint astricti defensioni terrarum.

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Die Withinge. 497 geſtellt und lag durchaus nur auf den Familienhoͤfen, die in des Withings Beſitz waren ). Gleiche Bewandtniß hatte es drittens mit der Verpflichtung des Withings, dem Orden beim Aufbau feiner Burgen, bei Errichtung neuer Befeſti⸗ gungen und bei der Ummauerung und Bewehrung ſeiner Staͤdte die erforderlichen Dienſte zu leiſten. Sie wurden durch die Gutsunterthanen oder die Leute des Withings ver⸗ richtet?). Es kommen endlich viertens auch nicht felten Fälle vor, daß der Withing dem Orden alljaͤhrlich zur Anerken⸗ nung der Lehensherrſchaft ein oder zwei Markgewichte Wachs und einen Kulmiſchen Pfennig entrichten mußte; doch waren, wie es ſcheint, nicht alle Withinge zu dieſer Leiſtung pflich⸗ tig). Erhielten aber Withinge verlaſſene Beſitzungen, auf welchen die Familien entflohen oder ausgeſtorben waren, ſo 1) Das angeſtammte Allode der Withinge war von der Verpflich⸗ tung zum Kriegsdienſte ganz frei; es ſindet ſich wenigſtens durchaus keine ganz klare Spur einer ſolchen Verpflichtung. Sie lag dagegen entſchieden auf den Bauerhoͤfen, alſo den Lehen der Withinge. Daher heißt es in einer Verſchreibung uͤber 10 Familien an die beiden Withinge Romeke und Gilbirs, von deren Allode in der Urkunde gar nicht die Rede ift: De biisdem familüs et hereditatibus et agris idem Romeke et Gilbirs et heredes eorum debent fratribus ordinis nostri clipeo et lancea servire contra omnes, qui ipsis manns iniiciunt violenter. Indeſſen mußte der Withing nicht bloß ſelbſt, ſondern auch feine Guts⸗ unterthanen den Kriegsdienſt leiſten. In der Verſchreibung fuͤr den Wi⸗ thing Tyrune heißt es: Nichilominus homiues sui in expeditionem terre ire, ad propugnationem terre venire, ad munitiones urbium et civitatum iuvare tenentur, sicut et alii, cum eis fuerit intimatum, ipsi etiam clipeo et lancea servire debent. 2) Darüber heißt es bald: Municionem urbium et civitatum iu- vare, cum ipsis intimatum fuerit, sunt astricti; bald ad municiones de novo construendas invare debent; bald auch: municionibus novi- ter construendis et firmandis cum eorum hominibus interesse debent. 3) In vielen Verſchreibungen wird feſtgeſetzt: Dabit insuper nobis idem suique successores in recognicionem dominii omni anno in festo s. Martini talentum cere in pondere duarum marcarum et denariun Colmensem vel sex monete Elbingensis. Vgl. meine Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſch. S. 224

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428 Die Withinge. übernahmen fie zugleich die Verpflichtung, das ländliche Be⸗ ſitzthum mit neuen Gutsunterthanen zu beſetzen und für den Beſitz die beſtimmten Leiſtungen zu uͤbernehmen, wie die uͤb⸗ rigen Withinge 1). Die weſentliche Bedingung aller Vorrechte, Beguͤnſti⸗ gungen und Verleihungen, die man den Withingen zuwies, knuͤpfte ſich an ihre den Ordensrittern geleiſteten Dienſte und ihre dem Orden bewaͤhrte Treue ſowohl zur Zeit des allge⸗ meinen Abfalles der Neubekehrten, als bei der Wiederunter⸗ werfung der abtruͤnnigen Landſchaften 2). Ihre Wichtigkeit und Groͤße waren der Maaßſtab fuͤr die Beguͤnſtigung und Belohnung; daher die Zahl der verliehenen Familien auch ſehr verſchieden. So erhielt der um den Orden ſo hochver⸗ diente Withing Sklodo aus Quedenau 25 Familien, eine Zahl, die in ſolchen Verleihungen ſelten uͤberſchritten iſt; der getreue Withing Ibute bekam ihrer 20, der Withing Scar⸗ dune eben ſo viele, der Withing Romeke 10, der Withing Tyrune 7, der Withing Grande eine gleiche Zahl, der Wi⸗ thing Biriske nur 5 u. ſ. w. Bei groͤßerer Zahl bildeten die Familien gemeinhin ein Dorf oder ſie wohnten wenigſtens im Dorſbezirke ), zuweilen indeſſen auch hofweiſe in einem Felde zerſtreut ). Manche Withinge erhielten ihre Familien an zwei oder drei verſchiedenen Orten. So ſaßen des Withings 1) So der Withing Geduke im J. 1256. Samlaͤnd. Handfeſt. p. 13. 2) Dieſes wird in den Withings⸗Verſchreibungen auch überall als Grundbedingung der ertheilten Beguͤnſtigungen voran geſtellt. Es heißt entweder: die Verleihung geſchehe propter promocionem fidei et chri- stianitatis oder propter servicia in apostasia terrarum domui nostre ab eo (dem Withing) fide constanti exhibita. Vgl. die Urkunde bei Kotzebue B. I. S. 417 und das Withings⸗Privilegium in meiner Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſch. S. 212. 3) Es heißt z. B. Decem familias in villa, que Giersteins nun- cupatur; oder septem familiae in ville Prinzieyten; oder quinque fa- milias in villa, que appellatur Sunegoge. 4) Dann heißt es: Decem familiae in terra Quedenaw u c pis Gwolims, Renincenis, Leykofithege; oder quindecim familiae in terra Tapiowe; viginti familiae in campo Keuthe.

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Die Withinge. 420 Wargule 25 Familien zum Theil bei Quedenau, zum Theil bei Tapiau. Was die Erbfolge in des Withings Beſitz anlangt, fo muß auch hier ſein angeſtammtes Allode von ſeinen Bauer⸗ hoͤfen geſchieden werden; denn in dem erſtern ſcheint die Erb⸗ lichkeit auf die Kinder beides Geſchlechts und auf die naͤch⸗ ſten Verwandten wohl keinem Zweifel zu unterliegen. Da es dem Orden als Landesherrn zur Einziehung dieſer Güter durchaus an allem Rechte gebrach, ſo konnte der Withing ſicherlich über fein Allode auch durch Vermaͤchtniß oder auf jegliche andere Weiſe verfuͤgen. Ganz anders war die Erb⸗ folge in des Withings Bauerhoͤfen. Als Lehen betrachtet und auf Erblichkeit in gerader Linie ertheilt gingen ſie gemeinhin nur auf den Sohn, nie aber auf die Tochter oder den naͤch⸗ ſten Verwandten uͤber. Nur als Ausnahme bei beſondern Be⸗ guͤnſtigungen wurden die Hof- oder Bauergüter einem Wi⸗ thinge auch auf Erblichkeit in beiden Geſchlechtern ertheilt 1). Wo dieſes indeſſen nicht geſchehen war und ein gerader Erbe fehlte, zog der Orden die Verleihung wieder ein und die Familien fielen dann wieder der Herrſchaft zu). Doch auch 1) Man findet mehre ſolcher Ausnahmen. So ertheilte der Land⸗ meiſter Helmerich von Rechenberg im Jahre 1262 dem Stammpreuſſen Troppo zwei Dörfer, zwei Felder et quinque familias in Reiotiten et quatuor familias in Sambia in villa, que dieitur Keyme, und fügt hinzu: Hec omnia sibi suisque heredibus utriusque sexus sunt col- lata sine decimis persolvendis et rusticalibus laboribus impendendis. Warum dieſer Troppo aber eine Ausnahme machte, iſt oben ſchon er⸗ waͤhnt. Auf gleiche Weiſe erhielt auch der um den Orden ſehr ver diente Withing Gedune das Dorf Ppalſede und das Feld Scurbenite mit den dageſeſſenen Familien für fi) und feine Erben beides Geſchlechts. — War die Erblichkeit auf beide Geſchlechter nicht ausdruͤcklich beſtimmt, fo heißt es gemeinhin: Has familias sepius dietas N. N. heredesque sui jure hereditario inperpetuum libere possidebunt und dann erbte nur der Sohn. 2) Unter dem Worte heredes, wenn es ohne weiteren Beiſatz ſteht, find in dieſen Urkunden immer nur ausſchließlich die Erben gerader Li⸗ nie, alſo nur die Söhne gemeint. Am klarſten ſpricht hierüber die Ein⸗ leitung der in meiner Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſch. S. 226 mit:

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430 Die Withinge. hierin erweiterte der Orden fuͤr mehre Withinge im Jahre 1296 die Beguͤnſtigung, indem er zugeſtand, daß im Ster⸗ befall eines dieſer Withinge beim Mangel eines geraden Er⸗ ben das Erbe oder die andern hinterlaſſenen Guͤter deſſelben auch an den oder die naͤheren Verwandten und fernerhin nicht mehr an den Orden fallen ſollten. Dieſe Erweiterung des Erbrechtes ließ daher nun nicht mehr bloß die Soͤhne, ſon⸗ dern auch die Bruͤder oder andere nahe Verwandte in den Beſitz des Withings eintreten 1). Die Geſammtheit aller dieſer Rechte, Freiheiten und Be⸗ guͤnſtigungen der Withinge, alſo erbliches Eigenthum eines angeſtammten Allode, Befreiung vom Zehnten, Herrenrecht uͤber die zuertheilten Familien, hohe und niedere Gerichtsbar⸗ keit uͤber die Gutsunterthanen, Erhebung gewiſſer Abgaben aus deren Guͤtern, Erbfall und Veraͤußerungsrecht uͤber ſie und ihre Beſitzungen nannte man im Allgemeinen das Recht der alten und erſten Withinge oder das Withings⸗Recht ?). getheilten Urkunde, wo es in Beziehung auf die Withinge heißt: In Prusia quando infeudatur alicuĩ et suis heredibus possessio aliqua iure hereditario perpetuo possidenda, nomine heredis veniunt soli lilii. Quibus deficientibus feudum ad infeudantem revertitur, nec nomine heredis veniunt filie agnati vel cognati, ymo nec fratres. Et si infendatur alicni et heredibus suis utriusque sexus possessio, filie non succeduut, filiis existentibus; deficientibus vero filiis et filia- bus feudum ad dominum revertitur, etiam si superessent agnati vel cognati. Et illa consuetudo habet juris assistentiam. 1) Die urkunde hieruͤber in meiner Geſchichte der Eidechſen⸗Ge⸗ ſellſch. S. 226. Im Fol. Samlaͤnd. Handfeſt. Nr. 7. S. 98 heißt es daruͤber: Tandem Episcopus (Sambiensis) et Magister Prusie volen- tes certos fideles propter sua merita remunerare, eis succedendi ius dilatarunt, pront tenor gracie large in hec verba; nun folgt die er⸗ wähnte Urkunde. Sie kann ſchon wegen der in der vorigen Anmerkung mitgetheilten, im Abdrucke in meiner Geſch. der Eidechſen⸗Geſellſch. a. a. O. nicht mitgetheilten Einleitung durchaus nicht auf das angeſtammte Allode des Withings, ſondern nur auf feine gutsunterthaͤnigen Beſitzun⸗ gen bezogen werden. 2) „Ius et mos antiquorum et primorum Witingorum.“ Oefter

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Die Withinge. 431 Oeſter aber wird darunter auch nur die hohe und niedere Gerichtsbarkeit über die Gutsunterthanen, zuweilen auch das ſpaͤterhin für die Withinge feſtgeſetzte Wehrgeld verſtanden ). Man unterſchied jedoch ſchon zu Ende des dreizehnten Jahr⸗ hunderts die alten und erſten Withinge von den ſpaͤter hin⸗ zugekommenen. Es war im Jahre 1299, als auf Veranſtal⸗ tung des Komthurs von Koͤnigsberg Berthold Bruͤhaven die Namen ſaͤmmtlicher alten und erſten Withinge aufgezeichnet wurden, um ſie der Vergeſſenheit zu entziehen?), denn es traten nun ſchon mehr und mehr Faͤlle ein, daß auch ſolche, welche nicht eigentlich dem alten Samlaͤndiſchen Withings⸗ Stamme entſproſſen waren, aber in beſonderer Zuneigung ſich um den Orden Verdienſte erworben hatten, mit den Rechten und Freiheiten der alten und erſten Withinge be⸗ lohnt wurden. So erhielt unter andern Luprecht, der Sohn jenes Sudauiſchen Haͤuptlings Gedete, der ſich mit einer gro⸗ ßen Schaar ſeines Volkes zu dem Orden gefluͤchtet, die ſonſt nur den alten Withingen zukommenden Rechte und Freihei⸗ werden die Rechte und Freiheiten der Withinge auch als libertates prae- rogativae Withingorum bezeichnet. 1) In der erſtern Bedeutung kommt das Withingsrecht ſehr haͤuſig vor. Dann heißt es z. B. Annuimus etiam sepedicto Luprecht et omnibus suis heredibus iudicia tam maiora quam minora, ut et ma- nuum truncationem et colli ampntationem super excessibus suorum rusticorum, quos in agris predictorum bonorum locaverint, sccun- qum jus et morem antiquorum et primorum Witingorum iudicanıli omne videlicet ius ut habetur. So heißt es ferner noch in einer Ver: ſchreibung des Hochmeiſters Karl von Trier für die beiden Preuſſen Pic⸗ ten und Preidor in Wargen: Insuper prenominatis suisque veris he- redibus conferimus omnia judieia antiquorum Wytingorun et quod utantur iudieiis suorum rusticorum, que omnia tali condicione con- cedimns, ut non per ipsos, sed per fratres nostros iudicentur. In Beziehung auf das Wehrgeld der Withinge kommt das ius antiquorum Witingorum erſt etwas ſpaͤter vor; ſ. meine Geſchichte der Eidechſen⸗ Geſellſch. S. 228. 2) Dieſes ift das hier öfter ſchon erwähnte ſ. g. Withings⸗Privi⸗ legium, gedruckt in meiner Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſch. S. 212, auch bei Kotzebue B. II. S. 318, wiewohl hier ziemlich fehlerhaft.

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432 Die Withinge. ten’). Indeſſen finden ſich doch keine Beiſpiele, daß im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts dieſes alte Withings⸗ Recht auch ſchon außerhalb der Graͤnzen Samlands verliehen worden ſey und erſt in ſpaͤterer Zeit ging es auch uͤber dieſe hinaus 2). Die hohe Wichtigkeit, welche der Orden von jeher auf dieſen edlen Herrenſtand legte, leuchtet außerdem auch noch beſonders daraus hervor, daß er auf die Verletzung, Ver⸗ ſtuͤmmelung, irgend eine Beſchaͤdigung und auf den Todt⸗ ſchlag eines Withings ein beſonderes Wehrgeld ſetzte. Unbe⸗ zweifelt fand dieſe nachmals allgemeiner auch auf andere an⸗ geſehene Preuſſen ausgedehnte Beſtimmung des Wehrgeldes hier im Lande ſelbſt auch ihren Urſprung eben in der Wich⸗ tigkeit, welche der Orden in der Erhaltung und Sicherheit dieſer dem Intereſſe der Ordensritter von jeher zugeneigten edlen Menſchenklaſſe fand, denn als eines Vorrechtes der Withinge geſchieht des Wehrgeldes in Preuſſens Geſchichte am fruͤheſten Erwaͤhnung und ohne Zweifel blieb es bis zum Anfange des vierzehnten Jahrhunderts auch nur ein aus⸗ ſchließliches Recht des Withingsſtandes. Es iſt wahrſchein⸗ lich, daß fuͤr den Withing gleich Anfangs die hoͤchſte Summe des Wehrgeldes, naͤmlich ſechzig Mark geſetzt worden ſey, da es nachmals fuͤr einen bloßen freien Preuſſen bald auf drei⸗ ßig, bald auch nur auf funfzehn Mark beſtimmt wurde. Es entgehen uns indeſſen genauere Berichte hierüber >). 1) Vgl. die Verleihungs⸗Urkunde bei Kreutzfeld vom Adel der alten Preuſſen; ſie iſt ausgeſtellt vom Hochmeiſter Werner von Orſeln im J. 1328, aber keineswegs die erſte Verleihung, denn wir finden die naͤmliche Urkunde auch ſchon vom Hochmeiſter Karl von Trier im J. 1316 gegeben, im Fol. Samland. Verſchreib. der Freien p. 141. 2) Vgl. meine Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſch. S. 216. Im J. 1287 ertheilte Konrad von Thierberg auch ſchon einem Schalauer — Girdolle Schalawita — zehn Familien im Felde Poiotowe mit Wis things⸗Recht. 3) Wir haben uͤber dieſen Gegenſtand keine andern Quellen, als bloß einige Verſchreibungen aus dem 13ten und dem Anfange des 14ten Jahrhunderts. Vorzuͤglich gehört hieher die Urkunde des HM. Karl von

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Die Withinge. 433 Was hier aber von der Stellung und den Rechten der Withinge in den eigentlichen Landestheilen des Ordens er⸗ waͤhnt iſt, das gilt in aller Weiſe auch von denen im Land⸗ gebiete des Samlaͤndiſchen Biſchofs, denn da mehre Verlei⸗ hungen an Withinge von Ordensgebietigern noch vor Sam⸗ lands Theilung geſchehen waren, der Biſchof aber nach der Theilung ſolche beſtaͤtigte und in eigenen neuertheilten Be⸗ guͤnſtigungen des Withingsſtandes der Norm des Ordens gleich blieb, ſo fand zwiſchen den Withingen im Ordensge⸗ biete und denen auf dem Biſchofstheile auch weiter gar kein Unterſchied Statt und wie Freiheiten und Rechte, ſo waren auch die Dienſte und Leiſtungen uͤberall dieſelbigen. Demnach waren die Withinge einer Seits voͤllig freie Allodial⸗Beſitzer und zwar die einzigen auf Preuſſens Boden in dieſer Zeit; anderer Seits aber auch Lehnsleute auf Guͤ⸗ tern, die ihnen als lohnende Geſchenke uͤberwieſen wurden. Trier für Gedete's Sohn, vol. mit der bei Kreutzfeld a. a. O. S. 49, wo es heißt: Et si ipse Luprecht vel aliquis de suis heredibus mutilatione vel lesione aliqua fuerint molestati, quod absit, ipsis secundum ius anliquorum Witingorum detur retributio vel emenda. Es ift hierdurch nicht ganz deutlich, ob in den Worten secundum ius etc. ein ausſchließliches Vorrecht der Withinge gemeint oder ob das Wehr⸗ geld für jenen Luprecht dadurch nach dem Maaße oder der Höhe des Wehrgeldes der Withinge beſtimmt wird. Daß die Sache indeſſen alter als dieſe Urkunde vom J. 1316 iſt, geht ſchon aus einer in dieſer Hin⸗ ſicht merkwuͤrdigen Verſchreibung des Komthurs von Balga für den Wi: thing Gedune vom J. 1261 hervor, wo es heißt: Et si preſato (Ge- dune) per aliquam vim illatam vite cursus fuerit breviatus, is qui necis reus fuerit, collum pro collo, manum pro manu reddere te- neatur, tamen suorum arbitrio sit permissum, si pro eo decreverint aequam summam pecunie acceptare. Freilich hatte dieſer Gedune ganz beſondere Verdienſte, wie die Urkunde dieſes auch ausdruͤcklich ſagt. Fer⸗ ner wird in einer Verſchreibung des Landmeiſters Konrad v. Thierberg fuͤr den Preuſſen Bliwot, von dem wir jedoch nicht wiſſen, daß er Wi⸗ thing war, die Beſtimmung gegeben: Si quis ipsum, quod absit, oc- ciderit aut membrum mutilaverit, reus huius fratri collum pro collo aut manum pro manu reddet, tamen in suorum arbitrio sit paren- tum, si pro ipso pecuniam voluerint acceptare. III. 28

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434 Die Freilehens-Leute. Eine dritte Gattung von Guͤtern im Beſitze einzelner Wi thinge waren durch Kauf erworben; fie erhielten fie von eis nem Ordensgebietiger fuͤr eine beſtimmte Kaufſumme als Ei⸗ genthum mit erblichem Rechte und mit der Gutsunterthänig- keit der Bewohner, aber zugleich auch mit der Verpflichtung zu allen Dienſten und Leiſtungen der Withinge durch die auf dem Gute ſitzenden Bauern. Es finden ſich freilich nur we⸗ nige ſolcher Faͤlle und ohne Zweifel konnten rechtlich dieſe raͤuflich erworbenen Beſitzungen weder mit dem Allode, noch mit dem eigentlichen Withings-Lehen vereinigt werden, ob⸗ gleich fie allerdings auch Lehens-Character hatten ). Die Freien. Die nachſte Klaſſe von Gutsbeſitzern, welche in ihren Territorial-Verhaͤltniſſen den Withingen am aͤhnlichſten war, bildeten die Freien. Freie hießen dieſe Grundbeſitzer, ſtets alte Landeseingeborene oder Stammpreuſſen, keineswegs in Beziehung auf ihre perſoͤnliche Freiheit oder im Gegenſatze der Gutsunterthanen, ſondern in Ruͤckſicht auf ihr laͤndliches Beſitzthum und ihre Freiheit hing am Grund und Boden. Dieſe Freiheit der Beſitzungen der Freien naͤmlich bezog ſich durchgaͤngig nur auf Befreiung von der Zehntleiſtung und von baͤuerlicher Arbeit?). Dieſes allein bildet den weſentli⸗ 1) So kauften im J. 1274 die beiden Withinge Rigen (oder Rege) und Romeke, leibliche Bruͤder, vom Komthur zu Koͤnigsberg, Johan⸗ nes Sachſe, ein bei Rudau gelegenes Feld bei der alten Burg Nogymp⸗ ten für die Summe von 40 Mark; ſ. Alte Samländ. Handfeſt. der Freien p. 212. Sie leiſteten auf dieſes angekaufte Beſitzthum keinen Dienſt in Perſon; nur ihre Leute (homines) waren zur Landwehr, zu Kriegsreiſen und zum Burgenbau verpflichtet. Sie ſelbſt lieferten da⸗ gegen in recognitionem dominii 1 talent. cere et 1 denar. Culmens. an das Ordenshaus Königsberg. Eigenthum war ein ſolches Gut nur im Sinne eines Kulmiſchen Allode. 2) Es heißt daher in den Verſchreibungs-Urkunden über dieſe Gir⸗

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Die Freilehens-Leute. 435 chen und durchgreifenden Character dieſer Freiguͤler ) und hierin allein liegt das Vorrecht, deſſen die Freien genoſſen. Am paſſendſten würden ohne Zweifel dieſe Guter Freilehen und ihre Beſitzer Freilehens-Leute genannt werden koͤnnen, ſobald mit dieſer Benennung der richtige Begriff verbunden wird. Sie waren naͤmlich wirklich Lehen. Zwar wurden ſie regelmaͤßig auf ſtetiges Erbrecht ausgegeben und ſchienen da⸗ durch den Character der Allode zu erhalten. Dieſes Erbrecht indeſſen erſtreckte ſich nur auf ununterbrochene Erbfolge in männlicher Linie, alſo nur auf Sohn zu Sohn, fo daß in Ermangelung ſolcher Erben das Beſitzthum immer dem Or⸗ den anheimfiel ?). Dieſer Heimfall ließ es daher nie zum wirklichen Allode werden, ſondern ſtellte es immer in die Reihe der Lehen. Theilbar in der Erbfolge waren dieſe Frei⸗ ter regelmaͤßig: Quos agros idem C. et heredes ipsius cum omnibus ad ipsos pertinentibns fiberos a solutione decimarum et iugo rusli- calium operum seu laborum iure hereditario perpetuo possidebnnt ober auch: Contulimus Saleide, Gedute, Suste necnon heredibns eo- rum hereditates in campo Dirgowite in agris, pratis, pascuis ac ce- teris pertinenciis a solutione decimarum et iugo rusticalium ope- rum seu laborum in perpetuum libere possidendas. 1) Dieß geht zwar ſchon aus allen einzelnen Verſchreibungen über die Freilehen von ſelbſt hervor; in einem Folianten des geh. Archivs aber ſtehen alle Handfeſten der Freien im Balgaiſchen Gebiete unter der Bezeichnung: „Dis ſint die handveſten der Freyen“, beiſammen und es wird als ausdrücklicher Character ihrer Güter geſagt, daß ſolche ſaͤmmt⸗ lich ihre Güter beſaͤßen sine decima oder libere a solntione decimarum et iugo rusticalium servitiorum. 2) So erklart das ins hereditarium perpetnum, wie uns ſcheint, ganz richtig ſchon Kreutzfeld a. a. O. S. 16; und beſtätigt wird dieſe Erklarung auch noch durch den Umſtand, daß die Withinge ihre Beſitzungen ſtets auch iure hereditario perpetuo erhielten und dennoch bei dem Wunſche um Erweiterung dieſes Erbrechtes den Landmeiſter um das Recht anſprachen, ut si aliquem de progenie ipsorum ex hac vita absque herede decedere contigerit, is qui propinquior fuerit vel qui propinquiores fuerint, einsdem defuneti masculini sexns qui pre- senti gaudent gracia, ipsius bona relicta tollant et possideant here- Jitatem. 28 *

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436 Die Freilehens-Leute. lehen wohl eigentlich nie, wenn mehre Söhne eines Beſitzerd vorhanden waren. In der Regel, ſcheint es, folgte im Be⸗ ſitze zunaͤchſt immer der aͤlteſte oder der Orden beſtimmte aus der Zahl der Soͤhne den Erben des Gutes. Auf weibliche Nachkommen konnte es niemals uͤbergehen; nur Wittwenver⸗ ſorgungen in irgend einer Art durften in einzelnen Faͤllen auf die Freilehen gelegt werden 1). Zehntfreiheit und Erlaß der Schaarwerksdienſte waren jedoch nicht alle Zeit verbunden. So that der Landmeiſter Konrad von Thierberg der Juͤngere zuweilen auch Guͤter an Preuſſen aus, die zwar frei von baͤuerlicher Arbeit, d. h. vom Heuſchlage, Getreidemaͤhen, Auſten, Holzfaͤllen und Holzfuhren u. dgl., waren, dennoch aber zehntpflichtig wur⸗ den, alſo jährlich von jedem Pfluge einen Scheffel Weizen und einen Scheffel Roggen und von jedem Haken einen Scheffel Weizen liefern mußten. Ohne Zweifel galt dieſes immer nur als Ausnahme 2). Zehnt⸗ und ſchaarwerkspflich⸗ tige Guͤter wurden nicht ſelten durch beſondere Verdienſte der Beſitzer in die Klaſſe der Freilehen erhoben, indem der Dt: den Zehnten und Schaarwerksdienſte erließ). In gleicher Weiſe entſtanden auch dadurch neue Freilehen, daß die Or⸗ densgebietiger wuͤſtliegende zehnt⸗ und ſchaarwerkspflichtige Guͤter austhaten und fuͤr den neuen Anbau die erwaͤhnten Leiſtungen aufhob; daſſelbe geſchah mit wuͤſtem Wald⸗ und Heideland, welches urbar gemacht werden ſollte *). 1) So heißt es z. B. in einer Verſchreibung vom J. 1276: „Wel⸗ len ſy eren wiben von den guten icht geben, das habe wir geloſſen czu eren willen.“ 2) Eigentlich bildeten freilich dieſe Güter, ſobald fie auf ununter⸗ brochenes Erbrecht ausgethan wurden, eine beſondere Klaſſe, von wel⸗ cher wir fpäter ſprechen werden. 3) Wie z. B. Meinhard von Querfurt dem Preuſſen Letyen und deſſen Erben propter servicia fratribus fideliter exhibita sue pristine hereditatis agros ad quatuor uncos in campo, qui Wergenow nun- cupatur, a solutione decimarum et operum rusticalium seu laborum iure hereditario in perpetuum libere possidendos verleiht. 4) Beiſpiele im Balgaiſchen Verſchreibungs⸗Buche p. 420.

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Die Freilehens-Leute. 437 Es ſtand ferner aber den Freilehens-Leuten immer auch das Recht zu, theils die ihnen erblich zugekommenen Freile⸗ hen, theils die in neuen Anbau gebrachten Beſitzungen mit Bauern zu beſetzen. Geſchah ſolches, ſo trat der Freilehens⸗ Beſitzer im Verhaͤltniſſe zu dieſen Bauern als Lehens-Guts⸗ herr auf; ſie waren ihm durchgaͤngig zehnt- und dienſtpflich⸗ tig !); wir nennen fie freie Hinterſaſſen. Ihr Beſitz war Afterlehen und ging nie in erbliches Eigenthum uͤber; er erbte ſtets nur in ununterbrochener Erbfolge fort, ſo daß er, wenn kein gerader Erbe folgte, immer wieder frei ward und an den Gutsherrn zurüdfiel?). Obgleich in der Regel ſchaar⸗ werkspflichtig, waren dieſe Hinterſaſſen doch dadurch frei, daß fie niemals an die Scholle gebunden, ſondern vom Beſitz⸗ thum abloͤslich waren). Nur ſehr felten beſaß der Guts⸗ herr über fie die hohe Gerichtsbarkeit *) und ſelbſt nicht im⸗ 1) ©. die Urkunde bei Kreutzfeld a. a. O. Nro IV. S. 44 — 45, wo es heißt: Ipsi vero et sui heredes dicta bona Hibere possidentes a suis hominibus inibi residentibus decimationes et ſructus decima- rum recipient et ipsorum homines ad rusticalia servicia ipsis, prout terre consuetudo oportet, deservibunt. 2) Darüber heißt es in einer Urkunde des Landmeiſters Konrad von Thierberg vom J. 1285: Rustici autem, quos in eisdem bonis duxe rint collocare, decimas ipsis dabunt et facient servicia et labores. Ceterum si qua hereditas ibidem absque herede libera foxsitan erit, ad predictos Sodowitas volumus pertinere. In einer andern Ver- ſchreibung wird geſagt: Dy lüte ader dy sy in den velden werden secczen, dyselbien In schuldic syn czu geben den zeuden und cui gebuerlichen erbeyt und ys das keyn (d. h. irgend ein) Erben in den vorgesprochen velden ane Erbelinge ledig wirt, das welle wir un- ser vorgesprocheu lenlüten czu gehoren 3) Verſchreibung v. J. 1276: Is das ymant erer lüte von yn czyn wil, der zal yn geben eynen virdung. In der gelbigen wyse mogen unse lüte williclich czu yn czyn. In einer andern Verſchrei⸗ bung vom J. 1267 heißt es: Vordan von eren gebuwen die von en czihen wellen, dasselbe recht thun sullen, das unsir bruder von den eren pflegen zu fordern. — Wahrſcheinlich war dieſer Vierdung die Freikaufsſumme. 4) Die Urkunde bei Kreutz feld a. a. O. Nro IV. S. 45 giebt davon ein Beiſpiel.

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438 Die Freilehens-Leute. mer die niedere. Die erſtere behielt ſich regelmäßig der Or⸗ den vor ). Unter ſolchen Bedingungen, namentlich mit der niedern Gerichtsbarkeit über die baͤuerlichen Hinterſaſſen em⸗ pfingen gewöhnlich die nach Preuſſen geflüchteten und vom Orden mit laͤndlichem Beſitze begabten edlen Sudauer die ihnen zugewieſenen Güter als Freilehen. So ward mit eis nem ſolchen unter andern der Sudauiſche Kriegshaͤuptling Skomand von dem Orden beſchenkt; nur als beſondere Be⸗ guͤnſtigung ſicherte ihm der Landmeiſter Konrad von Thier⸗ berg auch den dritten Theil des Ertrages der hohen Gerichts⸗ barkeit zu?). In der Regel waren dieſe Güter nicht veräus ßerlich; ſie konnten es ſchon als Lehen nicht ſeyn; als Aus⸗ nahme indeſſen ward zuweilen die Erlaubniß ertheilt, das Beſitzthum nach geſchehener Anzeige bei dem naͤchſten Or⸗ densgebietiger unter den zugewieſenen Rechten und Verpflich⸗ tungen veräußern zu koͤnnen ). Doch umfaßte dieſe Anzeige wohl immer auch die eigentliche Zuſtimmung von Seiten des Ordens. Frei waren dieſe Lehenguͤter jedoch nur in der ſoeben erwaͤhnten Beziehung; denn außer der bisweiligen Zehntlei⸗ ſtung 2), die fie im einzelnen trugen, ruheten auf ihnen ver⸗ 1) Urkunde bei Kreutz feld a. a. O. Nro III. S. 43. 2) In der Urkunde heißt es: Si jam prefati Sudowite in supra memoratis bonis aliquos rusticos locaverint, prout possunt, idem ru- stici eis parebunt sicuti nostri nobis parere actenus consueverunt, sic etiam ut minora iudieia super ipsos valeant exercere. Maiora vero, videlicet ad collum et ad manum iudicanda nostro arbitrio re- servabunt. Si quid autem de eisdem maioribus iudiciis derivatur, partem terciam damus ipsis. Daſſelbe geſchah von Konrad von Thier⸗ berg im J. 1274 zu Gunſten der beiden Bruͤder Gaſtame und Luchy⸗ mere auf dem Gute Bigedis. Fol. Chriſtburg. Verſchreib. Nro X. p. 71. 8) Dieſes Veraͤußerungsrecht bewilligt z. B. eine Verſchreibung vom J. 1276, wo es heißt: Wir geben dorobir den vorgesprochenen orlop czu vorkouſen das selbige velt, alzo das sy is erst unsern bruden bewisen weme sy wellen czu czogetauch rechte als sy be sessen haben. 4) Urkunde bei Kreutzfeld a. a. O.

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Die Freilehens-Leute. 439 ſchiedene Lehendienſte. Wie der Withing auf ſeinem ange⸗ ſtammten Allode war der Freilehens-Mann niemals frei. Vor allem blieb er, wie der Ledigmann in Deutſchland, in ſeinem Freilehen zum Kriegsdienſte ſowohl auf Heerfahrten oder Kriegsreiſen als in der Landwehr durchgaͤngig verpflich⸗ tet. Die Waffenruͤſtung, wie der Dienſt zu Roß war in der Regel beſtimmt bedingt). Hatte der Freilehens-Mann fein Freilehen mit Bauern beſetzt, ſo mußten jener wie dieſe ſaͤmmt⸗ lich zum Dienſte aufſtehen und jeglicher ſich ſelbſt ruͤſten e). Eine andere regelmäßig auf dem Freilehen liegende Verpflich- tung war der Dienſt beim Burgenbau, ſey es daß neue Bur⸗ gen aufgebaut oder alte ſtaͤrker befeſtigt werden ſollten, wo⸗ bei nicht felten ausdruͤcklich das Erſcheinen in Waffenruͤſtung bedungen wurde ). Auch zu dieſem Dienſte mußten ſich nicht nur die Freilehens-Maͤnner ſelbſt, ſondern auch ihre Bauern ſtellen, fo oft fie dazu gefordert wurden ). Außerdem wur⸗ 1) Bald heißt es: die Beſitzer ſollen erſcheinen ad expeditiones et terre deſensiones cum eorum brunniis ct celeris arınis pruthenicali- bus; bald cum brunia, clipeo et hasta et galea el eorum equis astri- cli sint ire ud expeditiones et ad terrarum defeusioncs; bald auch: der Beſitzer ſolle dienen cum duobus viris totidemque equis et una brunnia, clipeis et lauceis sccundum morem patric. In der Regel verſtand man unter arma Prutenicalia die brunia, galca, lancea und clipeus. Bekanntlich waren ſolche Dienſte Preuſſen nicht eigenthuͤmlich. Ju den Slaviſchen Biſthumern machte es z. B. Heinrich der Löwe eben: falls zur Verpflichtung, daß coloni expeditiones scquantur et Borch- were operentur; alſo ebenfalls Kriegsdienſt und Huͤlfe beim Burgenbau. S. Scheidii Orig. Guelf. T. III. p. 512. 2) So heißt es in ber Verſchreibung für Skomand und feine Sohne: Preterea volumus, ut jam sepedicti Sudowite et ipsurum heredes cum omnibus eorum rusticis contra quoslibet terre nostre turbatores una cum fratribus nostris in solitis armis procedere et astare domui fideliter sint astricti. Vgl. die Urkunde bei Kreutzfeld a. a. O. 3) Teuebuntur interesse terrarum nostrarum defensiombus ac wmunitionibus de novo construendis cum corun equis cl armis prute- uicalibus quuciens fuerint a nostris [rasribus » etisiti. +) Ad novas municiones construcidas cum evrum hominibus, quando requisiti fuerint. tenebuntur fratribus Becher deservire; oder

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440 Die Freilehens : Leute. den zuweilen auch noch manche andere Dienſte im Allgemei⸗ nen bedungen !), wozu nicht ſelten der Wachdienſt gehörte. Ueber das ganze Verhaͤltniß dieſer Dienſte aber zu der Groͤße des Beſitzes bleiben wir im Dunkeln, denn nirgends finden wir eine Beſtimmung, wie ſie die Kulmiſche Handfeſte in Be⸗ ziehung auf Kulmiſchen Beſitz enthält. Was die Freilehen in den Biſchofstheilen betrifft, ſo wurden ſie in der Regel voͤllig nach der Norm des Ordens verliehen. Nur hie und da galten einzelne Ausnahmen und Abaͤnderungen 2) und nur als beſondere Beguͤnſtigung er⸗ theilte der Samlaͤndiſche Biſchof zuweilen einem Freilehens⸗ Manne die Haͤlfte des Gerichtsertrages auf ſeinem Gute, wohl auch freies Holz aus des Biſchofs Waͤldern, freie Fi⸗ ſcherei und freie Jagdgerechtigkeit ). Sollte ein ſolches bi⸗ ſchoͤfliches Freilehen durch Veräußerung in eines andern Be: ſitz übergehen, fo mußte es der Verkaͤufer zuerſt förmlich in des Biſchofs Hand reſigniren; der Biſchof genehmigte nun erſt den Verkauf und uͤbergab dann das Gut in die Hand des Kaͤufers mit allen Rechten und Verpflichtungen, wie es der Verkäufer beſeſſen *). preterea sunt astricti deſensioni terrarum et municionibus noviter construendis et firmandis cum eorum homimibus. In andern ‚Ver: ſchreibungen werden oft munitiones et castra zuſammen genannt; nie: mals aber kommen hier urbes et civitales vor, wie bei den Within: gen. Sollte dieſes etwa auf einen weſentlichen Unterſchied hindeuten? 1) So heißt es z. B. in einer Verſchreibung vom J. 1286: Ad municiones et castra de novo construenda et ad cetera quevis obse- quia ſidelia quando requisiti ſuerint obnoxii nostre domui tenebuntur. 2) Der Biſchof von Samland ertheilte z. B. den drei Preuſſen Mi⸗ ligede, Dargots und Samone ein Allode feiner Kirche hereditatis ti- tulo für 8 Mark jährlichen Zinſes, aber mit Vorbehalt der hohen und niedern Gerichtsbarkeit auf demſelben, jedoch für immer frei a custo- dialibus et quibuscungue allis exactionibus ac servitiis rusticalibus. 3) So giebt z. B. der Biſchof von Ermland an Preuſſen Guͤter aus cum ommi iure et utilitate tam in melle, quam in pisce et ve- nalione, castore pretermisso, de quo nobis iustitiam exhibebit. 4) So geſchah es auch noch ſpaͤter, zum Beiſpiel im J. 1336, wo ein gewiſſer Kariote, ein feodalis des Biſchofs von Samland, einen

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i Die Freilehens-Leute. 441 Stellt man nun die Verhaͤltniſſe der Withinge den Ver⸗ hältniffen der Freilehens-Leute zur Vergleichung einander ge⸗ genuͤber, um ihre Stellung gegen einander und zum Orden als ihrem Landesherrn deſto klarer zu uͤberblicken, fo ergiebi ſich, daß die Verhaͤltniſſe der Withinge, ſofern man, abge⸗ ſehen von ihrem angeſtammten Allodial-Beſitz, ſie nur als Lehensleute des Ordens betrachtet, in den meiſten weſentlichen Punkten mit denen der Freilehens⸗Leute gleichſam in Eins zuſammenfließen. War die Zahl der Withinge nämlich im⸗ mer auch die bedeutend geringere und blieb ihr Name und Stand in der Zeit des dreizehnten Jahrhunderts auch nur auf Samland beſchraͤnkt, bildeten dagegen die Freilehens⸗ Leute wenigſtens in dieſer Zeit immer auch die groͤßte Maſſe der Landbeſitzer Preuſſens, fo waren doch erſtens beide Le⸗ hensleute oder Vaſallen des Ordens; beide trugen zweitens im Weſentlichen dieſelbigen Dienſte, naͤmlich den Lehens⸗ Dienſt im Kriege und die Dienſte beim Burgenbau; beide genoſſen drittens in der Regel Zehntſreiheit und Befreiung vom Schaarwerk oder von baͤuerlichen Dienſten 1); bei bei⸗ den war viertens in der Regel die Erblichkeit des Beſitzes auf gleiche Weiſe beſtimmt und nur einzelne Withinge mach⸗ ten mit ihrem erweiterten Erbrechte eine beſondere Ausnahme; beide hatten fuͤnftens dieſelbe Veraͤußerungsbefugniß uͤber ih⸗ ren Lehensbeſitz ); beiden war das Recht bewilligt, ihre Le⸗ Theil ſeiner Beſitzungen an die beiden Bruͤder Pellinen und Navellen von Sabenau vertauſcht. Naglande, der Kaͤmmerer von Germau, kauft von Kariote den zuruͤckbehaltenen und von den erwähnten beiden Bruͤ⸗ dern den vertauſchten Theil und nun wird mit dem Ganzen in der oben berührten Weiſe verfahren. Auf den neuen Beſitzer ſetzt der Biſchof aber ein Wehrgeld von 30 Mark. 1) Die auf den Freilehen zuweilen ruhende Zehntpflichtigkeit war, wie erwähnt iſt, nur Ausnahme, die ſelten vorkommt und gehört durch⸗ aus nicht zum Character des Freilehens, ſondern widerſpricht ihm viel mehr. 2) Daß der Freilehens-Mann zuweilen, vielleicht auch immer ver pflichtet war, bei der Veraͤußerung ſeines Lehens dem Orden davon An zeige zu geben und die Zuſtimmung abzuwarten, galt der bei dem Wi

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442 Die Freilehens-Leute. hensguͤter mit Gutsunterthanen oder freien Hinterſaſſen be⸗ ſetzen zu koͤnnen und dieſe Hinterſaſſen waren beiden zur Zehntleiſtung und allerlei baͤuerlichen Dienſten verpflichtet. Bei dieſer Gleichſtellung des Withings und des Freile⸗ hens⸗Mannes aber galt der Stand und das Recht der Wi⸗ thinge demungeachtet als ein beſonderer Vorrang und als ein eigener Vorzug. Und ein ſolcher war er auch wirklich; denn erſtens unterſchied den Withings-Stand von dem des Freilehens⸗Mannes das dem erſtern fo ganz eigenthuͤmliche Stammgut, das angeerbte Allode, in welchem er den Or⸗ den nur als Landesherrn, nicht aber als Lehensherrn uͤber ſich ſtehen ſah und als völlig frei daſtand. In dieſer Hin⸗ ſicht war ihm kein anderer Grundbeſitzer in Preuſſen ver⸗ gleichbar und hierin beſchraͤnkte ihn kein Erbgeſetz des Or⸗ dens. Der Withing unterſchied ſich zweitens vom Freilehens⸗ Manne durch die ausgedehntere Gerichtsbarkeit uͤber ſeine Hinterſaſſen. Zwar war die ihnen zugeſtandene hohe Ges richtsbarkeit nur eine ſpaͤtere Vermehrung und Erhöhung ih⸗ res fruͤheren Rechtes der bloß niederen Gerichtsbarkeit und inſofern ſtanden ſich fruͤherhin der Withing und der Freile⸗ hens: Mann in biefer Beziehung gleich; allein nachmals und beſonders in der Zeit des Abfalles der Preuſſen wurde der Beſitz der hohen Gerichtsbarkeit im Withings⸗Stande ſo all⸗ gemein und gehoͤrte ſo vorherrſchend mit zu den Vorrechten deſſelben, daß die Bezeichnung „Withings-Recht“ oft vor: zugsweiſe nur in der Bedeutung dieſer umfaſſenderen Ge⸗ richtsbarkeit genommen wurde. Es gilt daher auch immer nur als Ausnahme, wenn der Freilehens-Mann uͤber feine Hinterſaſſen auch die hohe Gerichtsbarkeit beſaß. Zum drit⸗ ten unterſchied ſich der Withing vom Freilehens-Manne ur⸗ ſpruͤnglich auch weſentlich durch das ausgezeichnete Wehrgeld, welches auf den Withing geſetzt war, denn es iſt erwaͤhnt, daß dieſes Wehrgeld in Preuſſen hoͤchſt wahrſcheinlich durch thingslehen Statt findenden Verbindlichreik gleich, das Lehen: Sur nur an einen vir idoneus veräußern zu Dürfen.

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Die Freilehens-Leute. 443 die Bedeutung und Wichtigkeit des Withings⸗Standes ſei⸗ nen Urſprung erhielt. Und auch dieſes Vorrecht ſtand eine Zeitlang mit dem Withings⸗Stande in ſo enger Beziehung, daß man nicht ſelten unter „Withings-Recht“ nur dieſes Wehrgeld verſtand. Ging nun allerdings dieſer Vorzug im Laufe des vierzehnten Jahrhunderts auch auf andere Preuſ⸗ fen über, fo ſtand doch immer auf dem Leben des Withings die hoͤchſte Summe und auf das Leben oder die Verſtuͤmme⸗ lung anderer Preuſſen wurde nur die Haͤlfte oder auch nur der vierte Theil jener Summe geſetzt ). 1) Darüber das Nähere, wenn wir fpäterhin von dieſen und aͤhn lichen Verhaͤlrniſſen im vierzehnten Jahrhundert ſprechen werden, — In die Klaſſe der Withinge oder der Freilchens = Leute gehörte noch eine be— ſondere Art von altpreuſſiſchen Landeigenthuͤmern, welche unter dem Na⸗ men „Könige“ oder „Preuſſiſche Könige” in Urkunden vorkom- men. Es wird ihrer freilich nur ſelten erwaͤhnt und ihre Stellung und ihr Verhaͤltniß bleiben daher immer noch ſehr dunkel. Der auffallende Name leitet zu der Vermuthung, daß dieſe Koͤnige in Stammverwandt⸗ ſchaft mit den altpreuſſiſchen Neiks ſtehen und daß fie zur heidniſchen Zeit da, wo ſie erſcheinen, den erſten und vornehmſten Stand gebildet; vgl. darüber oben B. I. S. 511. Die allgemeine Umwandlung der al⸗ ten Verhaͤltniſſe war auch über fie ergangen. Segt erſcheinen fie als Freilehens⸗Leute mit hinterſaͤſſigen Gutsunterthanen; fo lernen wir fie im Privilegium von Bartenſtein kennen, wo es heißt: Si Pruteni sub regibus Prutenicalibus residentes et alii Pruteni advenae advenien- tes in supradicto civitatis iudicio excesserint seu duxerint conten- dendum, cives ipsius civitatis ipsorum causam prout justum fuerit, iudicabunt. Sie beſaßen alſo nicht in allen Fallen die volle Gerichts⸗ barkeit uͤber ihre Gutsunterthanen. Ungewiß bleibt, ob ſie ebenſo wie die Withinge ein beſonderes eigenthumliches Stammgut gehabt oder nur Freilehens⸗Leute geweſen ſeyn mögen. Daß fie aber immer ein gewif: ſes hoͤheres Anſehen unter den Gutsbeſitzern behauptet haben, geht aus einer Urkunde des Vogts von Samland, Johannes von Laenſtein, vom J. 1347 uͤber einen Streit in einer Vermoͤgenstheilung in Betreff der Immobilia der beiden alten Preuſſen Nobute und Pomande von Bul gaym hervor, worin der Vogt ſagt: Nos ex consiliv et insb nostro

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444 Die Koͤlmer. r. Eine beſondere Klaſſe von Gutsbeſitzern aus Preuſſi⸗ ſchem Stamme bildeten die Koͤlmer. Sie fuͤhren dieſen Na⸗ men, weil fie ausdrücklich in ihren Vergabungsbriefen ihren Beſitz auf Kulmiſches Recht erhielten. Urſprünglich ſcheint dieſes Recht allerdings nicht das gewoͤhnliche fuͤr Stamm⸗ preuſſen oder dieſen auch nur haͤufig ertheilte geweſen zu ſeyn; vielmehr iſt wahrſcheinlich, daß der Orden alle diejeni⸗ gen, welche er aus dem gemeinen Haufen der Beſiegten oder aus dem gemeinen Bauernſtande hervorheben wollte, durch Ertheilung von Freilehen in den Stand der Freilehens-Leute verſetzte. Das Kulmiſche Recht war dagegen urſpruͤnglich wohl immer nur Deutſchen Einzoͤglingen ertheilt. Weil naͤm⸗ lich im Kulmerlande und in Pomeſanien die fruͤheſten Anſie⸗ delungen Deutſcher Koloniſten erfolgten und man dieſen theils zur Gleichſtellung mit ihren Landsleuten in Kulm und Thorn, theils um fie mehr an das Intereſſe des Ordens zu feſſeln, auch alle Rechte und Freiheiten zugeſtand, welche der Orden in Beziehung auf laͤndlichen Beſitz in der Kulmiſchen Hand⸗ feſte den Buͤrgern von Kulm und Thorn verliehen, ſo war dieſes ohne Zweifel die erſte Veranlaſſung, daß das f. g. Kulmiſche Recht aus dieſen Staͤdten auch auf das Land uͤber⸗ ging und als ehemaliges bloßes Stadtrecht nun auch Land⸗ recht wurde. Wenigſtens in den erſten Jahrzehenden ſcheint es ausſchließlich nur den Deutſchen Einzoͤglingen ertheilt wor⸗ den zu ſeyn, obgleich wir bei dem Mangel an Verleihungs⸗ rum Negum et aliorum seniorum virorum de cameratu Powunden dimidietatem omnium bonorum et rerum tam mobilium quam immo- bilium Pomanden adiudicamus et presentibus dedimus possidere. (Alte Handfeſt. der Vogtei Fiſchhauſen p. LAV.) Ohne Zweifel waren dieſe Preuſſiſchen Könige den von Hennig in der Ruthenia B. II. S. 323 erwähnten Kuriſchen Koͤnigen oder Freibauern in der Nähe von Goldin⸗ gen aͤhnlich. Später erlitten fie eine gleiche Umwandlung wie die Wi thinge und erſcheinen in den Ordenshaͤuſern als eine beſondere Art von Ordensdienern; ſ. Kotzebue B. II. S. 322.

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Die Kölmer. 445 briefen aus dieſer Zeit Darüber nicht ganz zur Gewißheit kommen. Kommt doch ſelbſt der Name Kulmiſches Recht als Landrecht auch erſt im zweiten Jahrzehend der Anweſen⸗ heit des Ordens Überhaupt vor; und wenn gleich unbezwei⸗ felt die Guͤterverleihungen an die Deutſchen Einzöglinge ſchon vom Anfange an alle nach Kulmiſchem Rechte geſchahen, fo geht die ausdruͤckliche Benennung dieſes Rechtes in urkundli⸗ chen Verſchreibungen wohl nicht viel uͤber das Jahr 1258 zuruͤck 1). Der Uebergang dieſes Rechtes aber an die eingeborenen Preuſſen bedurfte wohl ſchwerlich einer beſonderen Veranlaſ⸗ ſung, denn eines Theils ſuchte der Orden auch auf dieſem Wege, durch Gleichſtellung der Preuſſen im Rechte mit den Deutſchen Einzoͤglingen, die Landeseingeborenen fuͤr ſich zu gewinnen und der Landmeiſter ertheilte daher bald auch an Stammpreuſſen Guͤter mit Kulmiſchem Rechte, andern Theils wurden Beſitzungen mit dieſem Rechte durch Preuſſen von fruͤheren Deutſchen Beſitzern hie und da auch kaͤuflich er⸗ worben. Als Landrecht aber und in der Anwendung auf Territorial⸗Verhaͤltniſſe wird das Kulmiſche Recht oft in ſehr verſchiedenen Beziehungen genommen, denn man begreift ent⸗ weder darunter den geſammten Inhalt der Kulmiſchen Hand⸗ fefte, fo weit er auf Territorial⸗Verhaͤltniſſe übertragen wer⸗ den konnte, oder man findet aus dem Kulmiſchen Rechte nur einzelne Rechtsbeſtimmungen in Anwendung gebracht. In dieſem Falle hat es ſeine Beziehung bald nur auf die Erb⸗ folge im Beſitze eines Gutes und es heißt dann, das Gut werde verliehen auf Kulmiſches Erbrecht, d. h. es wurde an⸗ geſehen als Allode im Sinne der Kulmiſchen Handfeſte; bald bezieht es ſich nur auf die Zehntleiſtung, ſo daß dadurch der Beſitzer zu derſelbigen Zehntleiſtung verpflichtet ward, wie die Kulmiſche Handfeſte ſie beſtimmte; bald iſt es nur die Zins⸗ leiſtung, die nach der Beſtimmung des Kulmiſchen Privilegi⸗ 1) Diefes iſt bis jetzt das erſte Jahr, in welchem das Jus Cul- mense in Güterverfchreibungen als Landrecht genannt wird.

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446 Die Kölmer ums darunter begriffen wird; bald auch nur der Umfang und die Form der Gerichtsbarkeit oder die Freiheit der zehnten Hube fuͤr den Gruͤnder eines Dorfes, bald die Beſchraͤnkung im Rechte des Fiſchfanges, wie es für den Beſitzer eines Kulmiſchen Gutes beſtimmt war u. ſ. w. 1). Unter allen die: ſen Beziehungen war die erſte, naͤmlich die auf Kulmiſches Erbrecht allerdings die gewoͤhnlichſte und ſchloß die Verpflich⸗ tung zur Zehntleiſtung nach Kulmiſchen Beſtimmungen auch zugleich mit in ſich, wenn die Befreiung vom Zehnten nicht ausdruͤcklich ausgeſprochen war. Die Verleihung eines Gutes mit Kulmiſchem Rechte ſchloß nun erſtens nothwendig vor allem die Leiſtung eines beſtimmten Zehnten in ſich, in der Regel von jeglichem Pfluge einen Scheffel Roggen und von jeglichem Haken einen Schef⸗ 1) Zum Verſtaͤndniß der Territorial⸗Rechte iſt es nothwendig, zu unterſcheiden, in welcher Beziehung im einzelnen Falle das ius Culmense gemeint iſt. In Beziehung auf das Kulmiſche Erbrecht heißt es ge⸗ woͤhnlich, das Gut werde verliehen Jure Colmensi hereditario perpe- tuo possidendum, oder veri heredes iure Colmensi debent inperpe- tuum possidere, oder auch veris heredibus conferimus hereditatem iure Culmensi perpetue possidendam, tenendam, habendam, venden- dam seu etiam commutandam, prout sibi et suis veris heredibus et legitinis successoribus conveniencius videbitur. — Auf Zinspflichtig⸗ keit bezieht ſich das ius Culmense z. B. im Privilegium von Preuß. Holland, wo es heißt: Dantes eidem civitati centum et triginta no- vem mansos jure Culmensi, prout in terra Colmensi ius habent mansi censuales. — In Beziehung auf die Gerichtsbarkeit kommt oft die Kor: mel vor: Judicium quoque in predictis bonis habebunt secundun ius Culmense, ita quod duas partes emendarum nobis dabunt et tertiam partem suis usibus reservabunt, oder es heißt auch nur: Conferimus iudicia secundum ius Colmense. — In Beziehung auf die zehnte Frei: hube wird z. B. in einer Verſchreibung des Biſchofs von Pomeſanien geſagt: der locator einer gewiſſen Anzahl Huben ſolle die zehnte Hube frei haben occasione locationis secundum jus Culmense. — In Be: ziehung auf Fiſcherei kommt es häufig vor; es heißt dann z. B.: In- dulgemus, ut in nostris lacubus in ea parte, qua nobis attinet, se- cundum ius Culmense cum instrumentis minoribus piscandi habeant libertatem.

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Die Koͤlmer. 447 fel Weizen. Dieſer Zehnte fiel dem Biſchoſe und hieß daher der Biſchofs-Scheffel?). Wie Zehntfreiheit ein weſentliches Vorrecht eines Preuſſiſchen Freilehens war, fo gehörte Zehni⸗ pflichtigkeit mit zum weſentlichen Character eines Kulmiſchen Gutes; wie aber in Ausnahmen das Preuſſiſche Freilehen zuweilen auch mit Zehnten belegt war, ſo finden ſich eben⸗ falls als Ausnahmen auch Beiſpiele, daß Kulmiſche Güter Zehntfreiheit hatten?). — Die Verleihung eines Gutes mit Kulmiſchem Rechte umfaßte zweitens in der Regel auch die Zinspflichtigkeit und hierin lag der andere Unterſchied des Kulmiſchen Gutes vom Preuſſiſchen Freilehen. Zwei Mark⸗ pfund Wachs und ein Coͤlniſcher Pfennig oder fünf Thorn⸗ ſche oder Elbingiſche Pfennige war das gewoͤhnliche, was als Zins geleiſtet wurde. Dieſer Zins fiel nur dem Orden zu und mußte puͤnktlich und regelmaͤßig immer an das naͤchſte Ordenshaus entrichtet werden, in deſſen Bezirk das Zins-Gut lags). Da er immer zur Anerkennung der Oberlehensherr⸗ ſchaft des Ordens geliefert wurde, ſo ſetzte er von ſelbſt ſchon 1) „Mensura Episcopalis “ — Vgl. die Kulmiſche Handfeſte bei Hartknoch p. 459. 2) Ein merkwuͤrdiges Beiſpiel der Zehntfreiheit gab unter andern der Landmeiſter Meinhard von Querfurt im J. 1289 in einer Verſchrei⸗ bung an die beiden Bruͤder Sampalte und Ganothe. Sie erhielten von ihm eine bedeutende Landbeſitzung an der Paſſarge, die unter fie ver- theilt wurde. Dabei heißt es nun: „Wante der vorgenante Sampalte tag und nacht in unserm dienste gereit ist gewezen, yme und sye- nen erbin habe wyr gegebin dy vryheit des czehnden nicht czu ge- bin. Aber Ganothe und syene undirsossin alle ior von eynem icz- lichim Pfluge eynen scheffil weysfes und eynen rockin und von ey- nem iezlichin hoken eynen scheffil weysis in dy stat des czehnden schuldig seyn soll czu gebin. — So ertheilte der Biſchof Heinrich von Samland dem Preuſſen Algande das Gut Gorowyten (jetzt Corwingen) auf Kulmiſches Recht, fügt aber hinzu: Insuper predictum Alganden de mensura Episcopali et a precio custodie de sua agrieultura red- dimus absolntum. Ebenſo wird der um den Orden ſo verdiente Macho vom Zehnten befreit; ſ. oben B. II. S. 434. 5) Kulmiſche Handfeſte a. a. O. p. 458.

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448 Die Koͤlmer. jedes zinspflichtige Kulmiſche Gut in die Klaſſe der Lehen 1). Doch traten auch Kulmiſche Güter, denen in Ausnahmen ausdruͤcklich Zinsfreiheit ertheilt war, dadurch noch keines⸗ wegs aus der Klaſſe der Lehen aus und die Zinsfreiheit galt nur als Erleichterung und als beſondere Beguͤnſtigung 2). — Was drittens den auf dieſen Guͤtern ruhenden Kriegsdienſt betrifft, ſo war er nach der Kulmiſchen Handfeſte in ein be⸗ ſtimmtes Verhaͤltniß zur Größe des Beſitzes geſetzt?). Von kleineren Beſitzungen forderte man nur den Platendienſt; auf groͤßeren ruhete ein doppelter Dienſt. In allen dieſen Be⸗ ſtimmungen aber erlaubte ſich der Orden bei ſeinen Verlei⸗ hungen Kulmiſcher Guͤter an Preuſſen auch vielfaͤltige Aus⸗ nahmen, die meiſt theils in der Perſönlichkeit der Empfänger, theils in der Oertlichkeit des Grundbeſitzes oder in andern 1) Dieſes geht ſchon daraus hervor, daß es heißt: der Zins werde in recognitionem dominä et in signum, quod eadem bona sua habet a domo nostra et nostrae debeat iurisdictioni subesse. In dieſer Be⸗ ziehung waren auch die an Preuſſen verliehenen Kulmiſchen Guͤter durch⸗ aus Lehen und werden zuweilen ſo auch ausdruͤcklich genannt. So er⸗ halten im J. 1282 die beiden Preuſſen Wargine und Naperganne „ter- ram pro duobus aratris sulficientem iure Culmensi in feodum here- ditorie possidendam. 2) Entweder ift in den Verſchreibungen vom Zins überhaupt gar nicht die Rede (was freilich die Zinspflichtigkeit nicht immer ausſchließt) oder die Güter werden ausdruͤcklich verliehen libere a solucione census et decimarum. 3) Vgl. oben B. II. S. 240. — Der Platendienſt wird gemein⸗ hin durch die Worte bezeichnet: Cum uno spadone et armis levibus, quod vulgariter dicitur eyn Platendynst, deservire tenentur. Doch war im Kriegsdienſte auf Kulmiſchen Gütern ein Unterſchied, wenn es entweder hieß: secundum terre Culmensis consuetudinem oder secun- dum Prutenorum consuetudinem; er bezog ſich auf Ruͤſtung und Waf⸗ fen, denn die Preuſſen dienten dann immer „cum armis Pruthenicali- bus.“ Die Preuſſen Navier und Tulekoite, Ludwig und Merune, drei Söhne Naviers, waren wegen der Größe ihrer Beſitzungen verpflichtet cnm duobus spadonibus et armis levibus deservire et V talent. cere et V denar. Colon. in recoguitionem dominii dare. In fpätern Ver: ſchreibungen wurde Häufig ausdruͤcklich der Kriegsdienſt nach Litthauen ausbedungen.

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Die Koͤlmer. 449 Verhaͤltniſſen ihre Urfachen haben mochten. Ueberhaupt hielt ſich der Orden nicht alle Zeit ganz ſtreng an die Beſtimmun⸗ gen der Kulmiſchen Handfeſte. Es wurden Guͤter auf Kul⸗ miſches Recht verliehen mit hoher und niederer Gerichtsbar⸗ keit), andere nur mit der letzteren. Auf manchen Kulmi⸗ ſchen Guͤtern waren die Bauern oder Hinterſaſſen des Koͤl⸗ mers von allen Dienſten gegen den Orden frei; auf andern wenigſtens pflichtig zur Arbeit beim Burgenbau 2). — Ging ein Kulmifches Gut von einem Beſitzer durch Kauf an einen andern uͤber, ſo mußte laut der Beſtimmung der Kulmiſchen Handfeſte vom Landmeiſter die Beftätigung erlangt werden ). Käufer und Verkäufer erſchienen perſoͤnlich vor dem Gebieti⸗ ger, legten den Verkauf ihm vor und baten um ſeine Ge⸗ nehmigung. Dann gab der Verkaͤufer ſein Beſitzrecht in die Hand des Meiſters, verzichtete vor ihm auf alle und jede ihm zuſtehenden Rechte und nun uͤberwies der Landmeiſter das Gut als Lehen in des Käufers Haͤnde ). Eine urkundliche Verſchreibung diente dieſem als Verbuͤrgung. Nachmals aber kam dieſe Sitte der Inveſtitur bei Kulmiſchen Guͤtern außer Gebrauch. Von den Guͤtern der Freilehens-Leute und von denen der Koͤlmer unterſchied ſich ferner noch eine andere Klaſſe 1) So erhielten die beiden Brüder Sampalte und Ganothe „cleyne recht und große ober hant und obir hals.“ 2) In der Verſchreibung der eben erwaͤhnten beiden Bruͤder heißt es: „Abir ere undirſoßen mit den czuloufe al des landis ſin ſchuldig eyn nuͤw huws belfin czu buwen.““ 8) Oder es heißt: „Die geſchicht des kowfers und des vorkowfers nach des landes gewonheit ſal werden geoffenbart in unſer und unſer bruder gegenwertikeit.“ 4) Dann hieß es: „Wir vorlien dem N. N und finen erben mit allem rechte und beſitzunge alſo dirkannt werden dy lenluyte des landes, dy do beſiczen Ire guͤter czu kolmiſchen rechte.“ Es iſt nach ſolchen Beſtimmungen aus Urkunden wohl ganz unrichtig, wenn ſolche Güter durchaus noch als Allode gelten ſollen. S. Baczko's Annal. des Kö⸗ nigreichs Preuſſ. 3 Quart. S. 39 — 40. III. 29

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450 Die Koͤlmer. von Gütern, welche manches mit den Preuſſiſchen Freilehen und manches wieder mit den Koͤlmiſchen Guͤtern gemein hat⸗ ten, aber doch in keine von beiden Klaſſen gehoͤrten. Dieß waren die Preuſſiſchen Güter auf ununterbrochenes Erbrecht“). Frei waren dieſe Guͤter ſtets vom Schaarwerk und aller baͤuer⸗ lichen Arbeit und hierin glichen ſie den Freilehens-Guͤtern; allein ſie unterſchieden ſich von dieſen dadurch, daß ſie nicht frei vom Zehnten waren, ſondern dieſen wie die Kulmiſchen Guͤter leiſteten. Außer den Gutsherren ſelbſt waren auch ſtets die Hinterſaſſen und Bauern zehntpflichtig, die jene auf ihre Güter ſetzten 2). Im übrigen ſtanden dieſe Hinterſaſſen 1) Es war bei Verleihung ſolcher Güter die Formel gebräuchlich: man verleihe partem campi . iure hereditario perpetuo possiden dam. Das Recht, nach welchem dieſe Guͤter verliehen wurden, hieß das Jus hereditarium Prutenicale. Man lernt es am beſten kennen aus einer Anzahl von Verſchreibungen im Ermlaͤnd. Verſchreibungs-Buche p. CXIV sed. Späterhin entftanden einmal bei dem Ermläͤndiſchen Domſtifte Zweifel über dieſes ius hereditarium und man fragte bei dem Hochmeiſter an, wie er es damit halte? Da antwortete er dem Probſte: Als Ir hatt uns loſſen vorbrengen begerende euch zu undirrichten, wie wirs mit unſern lewten und iren guͤtern halden, die in iren Brieſſen erbrecht beſchrieben haben und nicht Colmiſch noch Prewſch recht u. ſ. w. So wiſſet, das wirs und unſer gebiettigere Domethe alſo halden, was lewte in iren brieffen erbrecht und nicht Colmiſch noch Prewſch recht be⸗ ſchrieben haben, wen die geſterben, das alle ſemliche guͤter der Hirſchafft anſterben gleich Prewſchem rechte. — Vgl. Kreutzfeld vom Adel der alt. Preuſſ. S. 17. Späterhin hatten in der Regel die Beſitzer dieſer Guͤter 30 Mark Wehrgeld. 2) Es heißt daher z. B. Predictus siquidem Jonko et heredes ipsius ac ipsorum Rustici de quolibet aratro in hiis bonis duas men- suras, unam tritici et unam siliginis et de quolibet unco unam tri- tici nostre domui singulis annis solvent et super castrum nostrum Cristburg ducere tenebuntur. Es bleibt jedoch in vielen Urkunden die⸗ fer Art noch ein Zweifel übrig. Gewöhnlich nämlich heißt es: das Gut werde verliehen Jibere a solutione decimarum et iugo rusticalium operum seu laborum jure bereditario perpetuo possidendum und den⸗ noch wird dann in der Verſchreibung beſtimmt: preteren de quolibet aratro duas mensuras, unam tritici et unam siliginis et de quolibet unco unam tritici domui nostre annis singulis assignabunt. Wie paßt

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Der Bauernſtand und die Hinterfaffen. 451 zu ihrem Gutsherrn in denſelbigen Verhaͤltniſſen, wie die fruͤ⸗ her erwähnten Hinterſaſſen zu den Withingen und den Frei⸗ lehens⸗Leuten. In der Regel übte er über fie die niedere, zuweilen auch die hohe Gerichtsbarkeit !). Auch Kriegsdienſt und Beihilfe beim Burgenbau war bei dieſen Gütern wie gewöhnlich ?). Das Weſentliche alſo, was dieſe Güter zu einer beſonderen Klaſſe machte, war die Verbindung der Zehnt⸗ pflichtigkeit mit ununterbrochener Erbfolge, die bei andern Guͤtern in der Regel ſonſt nie verbunden waren. Nur in einzelnen Ausnahmen findet man die beſchraͤnkte Erbfolge auf: gehoben, ſo daß in Ermangelung naͤherer maͤnnlicher Erben auch die Töchter zugelaſſen wurden ). Der Bauernſtand und die Hinterſaſſen. Wir finden die geſammte uͤbrige Maſſe der Landbewoh⸗ ner, die nicht zu den bisher erwaͤhnten Klaſſen von Gutsbe⸗ dieſes zuſammen? Zuweilen ſcheint es zwar, als ſey die eigentliche Zehntleiſtung nur auf die Gutsbauern zu beziehen und der Grundbeſitzer wirklich frei vom Zehnten geweſen. Allein in vielen Fällen läßt ſich dieſes wieder nicht annehmen. Es find zwei Fälle möglich: entweder war der Gutsherr, der ſein Gut mit Bauern beſetzte, nur fuͤr ſeine zehnte Hube zehntfrei und blieb zehntpflichtig für das, was er über dieſe noch an Land behielt oder an ſeine Bauern austhat, oder er war zehntfrei in Betreff des an die reſpective Kirche zu leiſtenden Zehnten und blieb zehntpflichtig gegen das naͤchſte Ordenshaus. 1) So heißt es in der eben erwaͤhnten Verſchreibung: preteren omnia iudicia maiora et minora in predictis bonis dietus Jonko et sui heredes perpetuo iudicabunt et quidquid derivabitur sibi tollent. 2) Es gab auch hievon Ausnahmen. So heißt es in einer Ver⸗ ſchreibung für den Preuſſen Sambange: Predicti Sambangi servitores et subditi et villani fratribus nostris servire non tenebuntur. 3) „Tuis veris heredibus contulimus prefata bona, tali modo interposito, quod si masculi non essent affiniores, filie iure horedi- tario possidebunt.“ — Oder der Beſitzer erhoͤlt fein Gut „mit ſulchir undirſcheit, ap do nicht manne weren an der neeſten ſeyte das erbe czu beſitzende, fo fullen is beſitzen die frauwen.“ 29 *

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452 Der Bauernſtand und die Hinterſaſſen. ſitzern gehoͤrten, bald durch den Namen Bauern oder Dorf⸗ bewohner, bald durch Leute, Hinterſaſſen und Unterſaſſen be⸗ zeichnet). Dieſe Verſchiedenheit der Benennung ſcheint al⸗ lerdings auch einen Unterſchied in ihren Verhaͤltniſſen und in ihrer Stellung zu der Herrſchaft zu begründen; denn Bauern und Dorfbewohner waren Glieder einer Dorfgemeine, genof: ſen die Dorfrechte und ſtanden unter dem Landvogt, zuweilen unter einem Schultheißen oder Staroſten, wie er haͤufig im Kulmerlande hieß, der von einigen Dorfaͤlteſten umgeben die Dorfordnung aufrecht hielt, auf puͤnktliche Lieferung des Zehn: ten ſah u. ſ. w. 2). Die Leute, Hinterſaſſen oder Unterſaſ⸗ fen waren die Gutsunterthanen irgend eines Gutsherrn, def ſen Gericht meiſt unmittelbar untergeben, bald zerſtreut auf einzelnen Höfen des Gutes, bald auch in einem Dorfe le⸗ bend, zu deſſen Gemeine-Verband ſie indeſſen nicht gehoͤrten und deshalb auch nicht unter dem Schultheiß ſaßen. Auf weſentlichen Rechten aber und auf einer höheren oder niedri⸗ geren Stellung der einen oder der andern war dieſer Unter: ſchied nicht begruͤndet; vielmehr fließen die Namen und die Verhaͤltniſſe der Dorfbewohner oder Bauern und der Leute oder Hinterſaſſen, ſobald man ihre Lage und Stellung ge: nauer betrachtet, wie in Eins zuſammen. Als naͤmlich der Orden nach dem allgemeinen Abfalle die zweite Unterwerfung Preuſſens vollendet, die noch fruͤher heidniſch gebliebenen Landſchaften erobert und in dieſen Laͤn⸗ dergebieten diejenigen durch Verleihung von Grund und Bo⸗ den und durch beſondere Rechte und Beguͤnſtigungen belohnt hatte, welche ſich um ihn und ſeine Sache beſondere Ver⸗ dienſte erworben, blieb noch ein großer, vielleicht der ungleich größte Theil des gemeinen Volkes, alſo die eigentliche Maſſe 1) Rustici, Villani, Homines, Subditi, zuweilen auch Incolae. In einigen Verſchreibungen ſtehen zuſammen Servitores et Subditi et Villani. 2) So wird in einer Urkunde des Biſchofs von Kulm vom J. 1255 geſagt: Scultetus vel Starosta et cum eis aliqui Seriores ville nu- merum aratrorum ville sue dicere tenebuntur.

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Der Bauernſtand und die Hinterfaffen. 453 der geſammten Bewohner Preuſſens auf dem Lande von dem Orden Anfangs wie unbeachtet ſitzen. Die Zahl dieſer ge⸗ meinen Landbewohner ward zum Theil dadurch noch ver⸗ mehrt, daß der Orden auch alle diejenigen aus dem hoͤheren edlen Stamme in jene gemeine Volks-Maſſe hinabdruͤckte, die ſich den Beſtrebungen des Ordens unguͤnſtig bewieſen oder ſeinen Zwecken entgegengewirkt hatten!). Die ganze Maſſe des Volkes aber konnte der Orden, auch wenn ſie ſich zum Theil ſeiner Herrſchaft mit Gewalt entgegengeſtellt, unmoͤglich irgend beſtrafen oder aus dem Beſitze und Eigenthum ver⸗ treiben. Er ließ fie alſo nach wie vor auf ihrem Grund und Boden ſitzen; aber nach der bei ihm im Allgemeinen vorwaltenden Idee und nach dem Rechte der Eroberung be⸗ trachtete er ſich ſelbſt als den alleinigen oberſten Herrn und Eigenthuͤmer des geſammten laͤndlichen Beſitzthums. Voll⸗ kommenes, reines und freies Eigenthum von Grund und Bo: den hoͤrte fuͤr die geſammte Maſſe des Volkes in Preuſſen nach der Anſicht des Ordens mit dem Augenblicke gaͤnzlich auf, als ſich alles feiner Gewalt und Herrſchaft hatte unter: geben muͤſſen. Demnach war jeder aus der gemeinen Volks⸗ Maſſe, der auf einem Gute ſaß, ein Gutsunterthan des Or⸗ dens und weil es den Hoch- und Landmeiſtern in dieſem Ver⸗ haͤltniſſe der Gutsunterthaͤnigkeit frei zu ſtehen ſchien, uͤber Grund und Boden der Gutsunterthanen nach vollig freier Willkuͤhr zu verfügen, fo legten fie dieſen in Beziehung auf ihren ländlichen Beſitz verſchiedene Verpflichtungen, Leiſtun— gen und Laſten fuͤr den Orden als Grundherrn auf und es blieben dann die baͤuerlichen Beſitzer des Ordens unmittelbare Gutsunterthanen, ſeine pflichtigen Gutsbauern, ſeine eigenen 1) Si vero est ignobilis, ſagt Dusburg c. 215, servit et ipse fratribus secundum terrae Pruschiae consuetudinem Auetenus ubser- vatam; und dann: Multi Neophiti sunt in terra Pruschiae quorum progenitores fuerunt de nobili prosapia exorti, ipsi vero propter suam malitiam quam contra ſidem et Christi fideles exercuerunt, ignobiles aestimati sunt; d. h. alſo, fie kamen in den Stand derer, welche urſpruͤnglich ignobiles waren.

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454 Der Bauernſtand und die Hinterfaffen. Leute, oder der Orden überwies einzelne Doͤrfer, Hoͤfe und Güter, die von ſolchen Gutsbauern bewohnt und bebaut wur⸗ den, mit allen ihnen obliegenden Verpflichtungen, Leiſtungen und Laſten als Belohnungen in den Beſitz verdienter Preuſ⸗ ſen aus edlerem Stamme und erhob ſomit die letzteren zu Gutsherrn uͤber das laͤndliche Beſitzthum der Gutsuntertha⸗ nen. Auf ſolche Weiſe entſtand im Bauernſtande ein Unter⸗ ſchied zwiſchen unmittelbaren und mittelbaren Gutsuntertha⸗ nen des Ordens, denn indem dieſer letztere das laͤndliche Be⸗ ſitzthum der Gutsbauern an den edleren oder verdienten Guts⸗ herrn immer nur als Lehen vergab, blieb er ſelbſt immer in der Stellung des eigentlichen oberſten Gutsherrn, dem Grund und Boden als Eigenthum gehoͤrte. In der Anordnung und Regelung der geſammten baͤuer⸗ lichen Verhaͤltniſſe und in der Aufſtellung der Verpflichtun⸗ gen und Leiſtungen fuͤr die geſammte Maſſe der Gutsunter⸗ thanen herrſchte nun ſtets bei den oberſten Gebietigern des Ordens der Gedanke vor, daß in dem Looſe und in der Lage ſowohl der unmittelbaren, als mittelbaren Gutsunterthanen nur Eine feſte Norm beſtehen und das Verhaͤltniß und die Behandlung der Gutsunterthanen eines belehnten Gutsherrn nicht verſchieden ſeyn dürften von denen der unmittelbaren Gutsunterthanen des Ordens ). Demnach war die Lage der bäuerlichen Verhaͤltniſſe im Allgemeinen folgende. — Das Beſitzthum ward in der Regel den Bauern nur gelaſſen oder verliehen, aber faſt nie oder nur ſelten mit urkundlicher Ver⸗ briefung beſonders verſchrieben. Es beſtand meiſtentheils nur in einer oder zwei Huben oder in einigen Haken Landes. 1) Auf dieſe Gleichfoͤrmigkeit hatte der Orden ſchon von fruͤher Zeit her gehalten und ſie hie und da bei Verleihungen ſelbſt auch als Bedingung oder als Vorſchrift hingeſtellt. So erinnern wir uns, daß es in der Verſchreibung Heinrichs von Wida für Dieterich von Tieffenau über mehre Preuſſiſche Dörfer und Güter hieß: Ceterum libertatem hane habeat, omnia alia bona sua ex omni nacione hominibus col- locandi, dummodo Prutenis, si quos locaverit in eis eundem rigo- rem, quent nos nostris Prutenis iniunxeriinus, iniungant et ipsi.

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Der Bauernſtand und bie Hinterfaffen. 455 Im letzten Falle hießen fie gemeinhin Haken-⸗Bauern 1). Die: ſer laͤndliche Beſitz fiel beim Ausſterben einer unmittelbar gutsunterthaͤnigen Bauernfamilie ohne weiteres an den Or⸗ den und dieſer that ihn dann wieder aus; beim Ausſterben der an den Gutsherrn gewieſenen Familie dagegen ging ihr Beſitzthum an den Gutsherrn, der es auf Erbrecht hatte 2). Er ſetzte dann von neuem gutsunterthaͤnige Bauern darauf. Nicht ſelten wurde Gutsherren auch Bauernbeſitz mit der Verpflichtung oder doch mit dem Rechte verſchrieben, ſolchen mit Bauern und Hinterſaſſen zu beſetzen ). Was die Dienſte und Leiſtungen betrifft, die auf dem Bauerngute lagen, ſo war zwiſchen den unmittelbaren Bauernguͤtern des Ordens und denen der belehnten Gutsherren im Weſentlichen kein Unterſchied. Was der unmittelbare Gutsunterthan dem Or⸗ den, das that in der Regel der Hinterſaſſe dem Gutsherrn ). 1) So kommt der Name beſonders in den Zinsbuͤchern vor, wo er „Hokengebure“ geſchrieben wird. 2) Es heißt z. B. Has ſamilias XXV idem W. prenominatus he- redesque sui jure hereditario in perpetuum libere possidebunt; oder die Empfänger erhalten familias carumque bona in veram proprieta- tem jure hereditario in perpetuum possidenda; oder es wird geſagt: quas familias et uncos idem Bericho et heredes sui cum omni jure et hereditate, excepto solo quod iudieium ad collum sive ad manum pertinens nobis reservamus, hereditario iure in perpetuum posside- bunt. 3) Dann wird in den Verſchreibungsurkunden nur Grund und Bor den verſchrieben und zwar, wie es dann heißt: cum omni jure et omni utilitate, cum subiectione et servicio hominum, quas in ipsos uncos locaverint, qui eis sint homines et subditi. Im andern Falle wird geſagt: die familine ſeyen verliehen cum agris et pratis omnibusque bonis ab antiquo attinentibus, omnique jure et omni utilitate nec- non cum iudicis maioribus et minoribus, sinüliter cum subjectione et servicio. 4) Gewöhnlich heißt es: die homines follen ihrem Herrn zu eben den Dienſten bereit fliehen, sicut homines et subditi fratrum exhibere fratribus dinoscuntur; oder: fie leiſten ihm candem subjectionem et seryicia sieut homines et subditi fratrum fratribus exhibent; oder: si iam preſati Sudowite in supra memoratis bonis aliquos rusticos

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456 Der Bauernſtand und die Hinterfaffen. Beide leiſteten von ihrem Beſitze einen Zehnten“), vom Ha⸗ ken einen Scheffel Weizen; ſie hatten hierin ihr Land nach Kulmiſcher Zehntbeſtimmung. Auf dem ganzen Bauernſtande laſteten die bäuerlichen Dienſte?); alſo trug der unmittelbare Ordensbruder Schaarwerk und Frohnarbeit in eben der Art, wie der hinterſaͤſſige Bauer des belehnten Grundbeſitzers. Ue⸗ berhaupt war der letztere zu allen Dienſten und Leiſtungen verpflichtet, die außer ſeinem Gutsherrn auch noch der Orden von ihm forderte; dahin gehörten Wachdienſte s), vor allem aber der Kriegsdienſt. Bei einem Kriegsgeſchrei mußten eben ſo, wie die Ordensbauern, in der Regel auch alle Bauern des belehnten Grundbeſitzers ſich mit dieſem beim Ordens⸗ heere ſtellen ). Sie bildeten den eigentlichen Kern des Fuß: volkes. Beim Vurgenbau leiſteten ſie Frohndienſte oder ſie ſtellten die Frohnfuhren. Mit Zinspflichtigkeit ſcheint in der Regel kein baͤuerlicher Beſitz beſchwert geweſen zu ſeyn s), wenigſtens im dreizehnten Jahrhundert nicht. Als oberſter Herr über Land und Leute im ganzen ge wonnenen Gebiete war der Orden zugleich auch oberſter Rich— ter im ganzen Lande. Demnach war jeder Bewohner Preuf: ſens der Gerichtsbarkeit des Ordens unterworfen und an ſich ſtanden daher die gutsunterthaͤnigen Bauern durch die Ueber: locaverint, prout possunt, idem rustici eis parebunt sicut nostri no- bis parere hactenus consueverunt. 1) Rustici etiam, quos in eisdem bonis locaverint, decimas ipsis dabunt. 2) Daher auch der Name dieſer Dienſte onera oder opera rusti- calia seu labores. Zuweilen heißt es auch: Rustici etiam, quos in eisdem bonis locaverint — facient ipsis servicia et labores. Auch servicium rusticale kommt in dieſem Sinne vor. 3) Man findet verbunden custodialia et servicia rusticalia. 4) Preterea volumus, heißt es z. B. in Skomands Verſchreibung, ut iam dieti Sudowite et ipsorum heredes cum omnibus eorum ru- stieis contra quoslibet terre nostre turbatores una cum fratribus no- stris in solitis armis procedere et astare domui fideliter sint astricti. 5) Einzelne Fälle von Zinspflichtigkeit der Bauern ſind nur Aus⸗ nahmen.

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Der Bauernſtand und die Hinterfaffen. 457 weiſung ihres Grund und Bodens noch keineswegs unter ih⸗ res Gutsherrn Gerichtsbarkeit. Dieſe mußte vom Orden im⸗ mer ausdruͤcklich erſt verliehen und übertragen werden. In den erſten Zeiten war die hoͤhere Gerichtsbarkeit uͤber Bauern und Hinterſaſſen dem Gutsherrn ſelten verliehen; ſpaͤterhin erhielten ſie faſt regelmaͤßig alle Withinge, die Freilehens⸗ Leute zuweilen nur den dritten Theil der Gerichtsgefaͤlle. Erſt mit dem Anfange des vierzehnten Jahrhunderts kommen Faͤlle vor, daß auch andere Preuſſen als Withinge uͤber Preuſſi⸗ ſche Bauern die hohe und niedere Gerichtsbarkeit uͤbten. Im gerichtlichen Verfahren aber galten natürlich für die Bauern des Ordens, wie fuͤr die Hinterſaſſen der Gutsherren dieſel⸗ bigen Geſetzen). So ſtand auch dieſen wie jenen der Abzug von dem Gute frei und wie der Orden ſeinen Bauern geſtat⸗ tete, ſich im Beſitze eines Gutsherrn niederzulaſſen, ſo konnte auch der Hinterſaſſe vom Gute ſeines Gutsherrn auf ein un⸗ mittelbares Grundſtuͤck des Ordens uͤbergehen. Nur ſcheint für beide ein Loͤſegeld Statt gefunden zu haben 2). — In den Biſchofstheilen beſtanden in Ruͤckſicht auf die Stellung der Gutsherren zu den Bauern und Hinterſaſſen im Allge⸗ meinen die naͤmlichen Verhaͤltniſſe. Was die unmittelbaren Gutsunterthanen der Kirche dem Biſchofe, das leiſteten auch die Hinterſaſſen der biſchoͤflichen Gutsbeſitzer dieſen ihren Gutsherren); ebenſo thaten auch die Biſchoͤfe mehrfältig 1) Daher heißt es hie und da in den Verſchreibungen fuͤr ſolche, welche Hinterſaſſen unter ſich hatten: Ut suos homines more Polonico et jure possit iudicare, quemadmedum fratres eorum homines, in perpetuum conferimus et donamus. So in einer Urkunde Konrads von Thierberg vom J. 1287. 2) „Is das ymant erer lüte von yn czyn wil, der zal yn ge- ben eynen virdung, in der selbigen wyse mogen unse lüte williclich czu yn czyn.“ 3) So wird z. B. in der Verſchreibung des Samlaͤndiſchen Biſchofs geſagt: Die familiae ſollen dem Withing Tyrune untergeben ſeyn cum subjectione ac servicio et quolibet emolumento, sicut dominus Epi- scopus de suis honünibus ac bonis percipit integraliter sine quolibet

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458 Lage der bezwungenen Preuſſen. Guͤter mit der Erlaubniß oder mit dem Rechte aus, ſolche mit Bauern beſetzen zu bürfen. Stellt man nun dieſe ſaͤmmtlichen Verhaͤltniſſe im Ter⸗ ritorial⸗Syſtem Preuſſens, nämlich die der Withinge, der Freilehens⸗Leute, der Koͤlmer, Bauern und Hinterſaſſen zum klaren Ueberblicke einander gegenuͤber, betrachtet man das Bild des Ganzen in dem wahren Lichte, wie die Quellen es darbieten und haͤlt man dann ſo klar gefaßt dieſe Territorial⸗ Verhaͤltniſſe in Preuſſen vergleichend mit denen zuſammen, welche zur naͤmlichen Zeit in den nahen Graͤnzländern oder auch ſelbſt in Deutſchland beftanden, fo duͤrfte das Urtheil uͤber das Loos, uͤber die Lage und Behandlung der bezwun⸗ genen Preuſſen unter des Ordens Herrſchaft im Allgemeinen hoffentlich etwas milder und ſchonender ausfallen, als es ge: meinhin ausgeſprochen wird. In Deutſchland war der Ba: fall oder der Lehenstraͤger dem Lehensherrn zu einer Menge von Dienſten und Leiſtungen verpflichtet, die gewiß um nichts leichter zu erfüllen waren, als in Preuſſen die Leiſtungen und Dienſte des Withings, des Freilehens⸗Mannes und des Koͤl⸗ mers ). Dort lagen außerdem auf dem Volke noch eine Menge von Abgaben und von Steuer- und Zolllaſten :), wie man ſie in Preuſſen gar nicht kannte; dort gab es eine Klaſſe von Hoͤrigen und Leibeigenen, deren Lage und Schick⸗ ſal in der That um nichts milder und leichter, vielmehr in mancher Hinſicht viel druͤckender und niederbeugender war ), als das Loos der Bauern und Hinterſaſſen unter der Herr⸗ — — — detrimento et endem qua dominus Episcopus plena gaudeat in suis bonis et howinibus libertate. 1) Man vergleiche nur, um dieſe Verhaͤltniſſe zu uͤberſehen, unter andern Eichhorn Deutſche Staats- und Rechts⸗Geſchichte B. II. S. 87 ff. S. 363 ff. S. 458 ff. 2) Vgl. Hüllmann Deutſche Finanz⸗Geſchichte des Mittelalters S. 132 ff. 5) Vgl. Kindlinger Geſchichte der Deutſchen Hörigkeit.

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Urſachen der Unzufriedenheit mit den neuen Verhaͤltniſſen. 459 ſchaft des Ordens. Und wirft man einen Blick auf das nach⸗ barliche Pommern, auf die Menge der Plagen und druͤckend⸗ ſten Laſten, unter denen dort das Landvolk ſeufzete“), oder denkt man im Nachbarlande Polen an die ſchweren Strafen, welche die Herzoge des Landes gegen ihre armen Unterthanen verfügten, ſobald ihnen ein eingefangener Biber oder ein zur Pflege übergebener Jagdfalke entfloh ), fo duͤrſte die Lage und die Behandlung der unterworfenen Preuſſen unter des Ordens Herrſchaft immer noch mild und ſchonend erſcheinen. Und dennoch fanden die bezwungenen Preuſſen ſelbſt ihr Loos und ihre Lage unter dem Gebote des Ordens lange Zeit aͤußerſt druͤckend und unertraͤglich; dennoch wagten ſie Jahre lang Gut und Leben, um ſich dem Joche der Knecht⸗ ſchaft wieder zu entwinden, das auf ihnen laſtete. Hiezu trugen aber zunächft zwei Urſachen weſentlich bei. Die eine lag offenbar in dem Ungewoͤhnlichen und Fremdartigen der Sache und der neuen Verhaͤltniſſe ſelbſt. Krieg hatte der größte Theil des Volkes vor des Ordens Ankunft lange Zeit gar nicht mit gefuͤhrt. Der Krieg war als Dienſtleiſtung, als eine Laſt, die auf dem Beſitzthum ruhete, eigentlich ganz unbekannt geweſen. Wer etwa zu einem Raubzuge damals mit ausziehen wollte, zog freiwillig des Gewinnes wegen mit und wer in der Heimat ſitzen bleiben wollte, blieb zuruͤck. Allgemeine Kriegsnoth drohete ſelten und nahete einer Land⸗ ſchaft Gefahr, ſo half ſie ſich ſelbſt, ſo viel ſie konnte. In 1) Wenn in Pommern manche Landbeſitzer frei geſprochen wurden ab expeditione et castrorum municione vel aggerum et pontium edi- ficatione, ab omnibus venatoribus et canuum procurationibus, a fal- eonariis et castorariis, pistoribus, lagenarüs, a powos, ab omni prewod, podvorove, a strosa, naraz, podimne ac diversis solutio- nibus, gravamivibus et omnibus exactionibus vel servitutibus (— nach einer Urkunde des Herzogs Miſtwin im geh. Arch. Schiebl. LIX, vgl. mit Dreger Nr. 369 und 391 —), ſo ſetzt dieſes voraus, daß dieſe Laſten von andern getragen werden mußten. Vgl. Sell Geſch. Pom⸗ merns B. I. S. 389. 2) Hieruͤber in der Beilage Nro I. 16 dieſes Bandes.

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460 Urſachen der Unzufriedenheit mit den neuen Verhaͤltniſſen. Warmien und Natangen ſcheint keiner zur Kriegshuͤlfe und zum Waffendienſte verpflichtet geweſen zu ſeyn, wenn Pome⸗ ſanien oder Pogeſanien von einem Feinde angegriffen ward. Das alles war jetzt anders geworden. Wenn das Kulmer⸗ land uͤberzogen wurde, ſo mußte der Samlaͤnder und Na⸗ drauer ſich ruͤſten und Monate lang der Fahne des Ordens folgen; ward ein Heereszug nach Sudauen oder nach Lit⸗ thauen beſchloſſen, ſo mußten Natanger und Ermlaͤnder zum Kampfe gegen das ferne Volk Schild und Lanze ergreifen. — Nicht minder ungewoͤhnlich und befremdend erſchienen ohne Zweifel dem bezwungenen Volke die Burgendienſte, die Zehnt⸗ und Zinsleiſtungen und andere Verpflichtungen, wel⸗ che der Orden ihm auflegte. Gewiſſe Dienſte und eine die⸗ nende Menſchenklaſſe, vielleicht auch eine gewiſſe Abgabe hatte der Preuſſe zwar auch ſchon vor ſeiner Unterwerfung ge— kannt !); allein fie waren eines Theils aus der befreundeten Vergangenheit in das Leben der Gegenwart heruͤbergekom⸗ men, in die ganze Ordnung der beſtehenden Verhaͤltniſſe feſt verwachſen und hatten ſomit nichts Befremdendes in ſich, denn der Menſch ertraͤgt leichter, was ihm urvaͤterliche Sitte und Gewohnheit, als was ein fremder Herr auflegt; andern Theils waren ſie auch bei weitem nicht ſo allgemein, nicht ſo ins Unbeſtimmte ausgedehnt und in aller Weiſe anders geſtaltet. — Die zweite Urſache der Erſcheinung, daß dem größten Theile des Volkes fein Loos fo druckend und uner⸗ traͤglich ſchien, lag ohne Zweifel in der Unbeſtimmtheit des Maaßes und der Dauer der auferlegten Verpflichtungen. Manche von den Leiſtungen und Anſorderungen des Ordens an die Neubekehrten waren allerdings feſt beſtimmt und der Verpflichtete kannte Maaß und Ziel. Andere hingegen, wie der Kriegsdienſt ſowohl zur Heerfahrt als zur Landwehr, die Wachdienſte, die Frohnarbeiten zum Burgenbau u. a. lagen in Ruͤckſicht ihrer Dauer und ihres Maaßes ganz in der Willluͤhr der Ordensgebietiger und der Verpflichtete mußte 1) S. oben B. I. S. 523. 567.

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Urſachen der Unzufriedenheit mit den neuen Verhaͤltniſſen. 461 zu beiden erſcheinen, fo oft man es von ihm verlangte 1). Wenn man nun aber erwaͤgt, welche Zahl von Burgen im Lande aufgebaut, wie oft fie zerſtoͤrt und von neuem errich⸗ tet wurden, wie oft auch ſtaͤrkere Befeſtigungen nothwendig waren, wie ferner alle neu gegruͤndeten Staͤdte umwallt, ummauert und mit Wehrthuͤrmen verſehen werden mußten; wenn man hinzunimmt, wie wenig das Kriegsſchwert in der Scheide ruhete, wie ſchwer der Kriegsdienſt ſeyn mußte, da er meiſt in Reiterdienſt beſtand 2), wie oft der Orden aller fremden Huͤlfe entblößt die Kriege faſt nur allein durch feine kriegspflichtigen Unterthanen führen mußte, wie alſo bei den ſtets perſoͤnlich zu leiftenden Dienſten der Winter den Lands bewohner in Heerſahrten und Landwehr, der Sommer ihn beim Burgenbau im Schaarwerk und anderen Dienſten be: ſchaͤftigten; wenn man dann endlich die Folgen von dem al⸗ len uͤberdenkt, ſchlechter oder gaͤnzlich vernachlaͤſſigter Betrieb des Ackerbaues, Zerſtoͤrung des Hausweſens, Verarmung der Familien, Hungersnoth und Elend, oftmals auch Verluſt der theuerſten Glieder des Hauſes; wenn man dieß alles zuſam⸗ mennimmt, ſo iſt es wohl allerdings keineswegs befremdend, vielmehr es ſcheint natürlich, daß die neuen Verhaͤltniſſe in Preuſſen, dieſelben, welche anderswo vom Volke mit aller Ruhe und Gelaſſenheit und in vollem Gehorſam ertragen wurden, den Neubekehrten über die Maaßen ſchrecklich und 1) So heißt es bald: Ad expeditiones et terre deſensicnes nec- non ad municiones et castra de novo construenda et ad cetera que- vis obsequia fidelia, guando requisiti fuerint, obnoxii nostre domui tenebuntur; bald: In expeditionem ire, ad propugnationem terre venire, munitionem urbium et eivitatum iuvare, eum ipsis intima- zum fuerit, sunt astrieti; oder es hieß auch bei der Verpflichtung zum Kriegsdienſte: Contra quoslibet terre nostre turbatores una cum fra- tribus nostris in solitis armis procedere sint astricti. 2) Wie in Deutſchland früher die Kriege gegen die Ungern und Slaven, ſo hatten in Preuſſen die beſtaͤndigen Kaͤmpfe mit den Lit⸗ thauern, Samaiten und andern öſtlichen Völkern den Erfolg, daß das Heer dem größten Theile nach in Reiterei beſtehen mußte.

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462 Die Deutſchen Einzöglinge. unertraͤglich ſcheinen mußten, bis das Schreckensſchwert des Siegers die Ueberwaͤltigten zwang, ſie ertragen zu lernen. Die Deutſchen Einzoͤglinge. Man hat es dem Orden oft nachgeruͤhmt, daß er die fremden, namentlich die Deutſchen Einzoͤglinge, die ſich in Preuſſen anſiedelten, mit großer Milde behandelt und ganz beſonders beguͤnſtigt habe; aber man hat in dieſer Schonung und Beguͤnſtigung der Deutſchen, gegenuͤbergehalten der Be⸗ handlung und dem Schickſale der unterworfenen Preuſſen, auch eine ſchwere Ungerechtigkeit gefunden, welche der Orden an den letztern beging. Um ſo noͤthiger moͤchte es ſeyn, auch die Lage und die Verhaͤltniſſe der eingewanderten Deutſchen etwas genauer kennen zu lernen. Das Kulmerland, Pomeſanien und Pogeſanien waren die drei erſten Landſchaften, in welchen Deutſche Einzoͤglinge, die den Kreuzheeren folgten, auf herrenloſen und verlaſſenen Beſitzungen ſich niederließen !). Wie ſchon erwähnt galt für 1) Weil im Kulmiſchen Privilegium des Flaͤmiſchen Erbrechtes und der Flaͤmiſchen Maaßbeſtimmung erwähnt wird, fo iſt behauptet wor⸗ den — vgl. Hoche Hiſtoriſche unterſuchung über die Niederland. Colo⸗ nien S. 39 —, es muͤßten ſich ſchon vor der Ausſtellung dieſes Privi⸗ legiums auch Flämiſche Kolonien im Kulmerlande niedergelaſſen oder doch wenigſtens unter den Deutſchen Einzoͤglingen ſich auch Flaͤminger oder Holländer befunden haben. Die Möglichkeit iſt freilich nicht abzuſtrei⸗ ten; allein ſichere Beweiſe ſind fuͤr die Behauptung nicht vorhanden. Die Erwähnung des Flaͤmiſchen Erbrechtes ſetzt eben ſo wenig Flaͤmin⸗ ger im Kulmerlande, als Luͤbecker in allen den Staͤdten voraus, die mit Lübeckiſchem Rechte bewidmet waren. War denn nicht Flaͤmiſches Erbrecht durch die Verbreitung Niederländifcher Kolonien um Bremen, in Holſtein, Wagrien, Mecklenburg, Brandenburg, Pommern, im Mag⸗ deburgiſchen u. ſ. w. ſchon im 12. Jahrhundert allgemein bekannt und konnten dieſe Kenntniß nicht auch die Deutſchen Einzöglinge mit ins Kulmerland bringen?

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Die Deutſchen Einzoͤglinge. 463 dieſe neuen Anſiedler die Kulmiſche Handfeſte im Allgemeinen fir die Norm zur Feſtſtellung ihrer Territorial-Verhaͤltniſſe. Allein es mangelt in den erſten Jahrzehnden viel zu ſehr an urkundlichen Quellen, als daß wir das Einzelne in der An⸗ wendung jener Beſtimmungen der Kulmiſchen Handfeſte ges nauer verfolgen koͤnnten. Eine der erſten Verleihungen in Pomeſanien, von welcher wir noch Nachricht haben, und zu: gleich eine der bedeutendſten erhielt im Jahre 1236 der Deut⸗ ſche Einzoͤgling Dieterich von Tiefenau, denn ſie belief ſich auf nicht weniger als dreihundert Flaͤmiſche Huben theils ur⸗ bares und angebautes, theils noch unangebautes Landes, dazu freie Fiſcherei in der Nogat fuͤr ſeines Hauſes Bedarf, den Hakenzehnten von drei Doͤrfern, mit Ausnahme deſſen, wel⸗ cher der Kirche zu Poſtolin zufiel und alles dieſes auf Erb⸗ recht zu beiden Geſchlechtern ). Dafür leiſtete er dem Dr: den als jaͤhrlichen Zins zwei Markpfund Wachs und einen Coͤlniſchen Pfennig und als Zehnten von jeglichem Deutſchen Pfluge jaͤhrlich einen Scheffel Weizen und einen Scheffel Roggen. Aus beſonderer Ruͤckſicht auf feine edle Abſtam⸗ mung ſchrieb man ihm und ſeinen Erben das Maaß der Dienſtleiſtung nicht vor?); dagegen ward als Bedingung feſtgeſtellt, daß wenn er ſeinen Beſitz veraͤußern wolle, ſol⸗ ches weder an einen Polen, noch an einen Pommer gefche: hen dürfe. Der Käufer aber ſolle zum Kriegsdienſt auf zwei Perſonen und einen Waffenknecht gegen alle Friedensſtoͤrer verpflichtet ſeyn. Außerdem ward ausdruͤcklich beſtimmt, daß 1) „Hec predieta contulimus eidem et suis heredibus utriusque sexus jure perpetuo hereditarie possidenda.“ 2) Die Urkunde — bei Kotzebue B. I. S. 247 fo außerordent⸗ lich fehlerhaft gedruckt, daß fie ganz unverſtaͤndlich iſt — hat in dieſem Punkte einige Dunkelheit. Es heißt: et quia nobilitati eius conde- scendimus deferre decrevimus ipsi et heredibus suis nullam describi- mus obsequii quantitatem. Das Wort condescendimus giebt nicht nur keinen rechten Sinn, ſondern iſt auch in der Urkunde als überflüfjig punktirt. Dann muß deferre die Bedeutung des Franzoͤſiſchen defe- rer, avoir de la deference haben, wie es auch Du Fresne Glossar. erklaͤrt.

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464 Die Deutſchen Einzoͤglinge. alle Bewohner des Gutes zur Vertheidigung und Beweh⸗ rung des Landes wie alle andern Unterthanen des Ordens verbunden ſeyn ſollten ). So entſchieden man dieſe reiche Verleihung auch als das Muſter der ausgezeichneten Beguͤn⸗ ſtigung der Deutſchen Einzoͤglinge durch den Orden angeſe⸗ hen hat?), fo giebt fie für dieſe Zeiten der fruͤheſten Or⸗ densherrſchaft doch keineswegs eine allgemeine Norm; ſie zeigt uns hoͤchſtens, wie ſehr der Orden bemuͤht war, durch glaͤnzende Verleihungen Deutſche Koloniſten herbeizulocken. Sonſt gilt ſie immer nur als Ausnahme, denn Dieterich von Tiefenau war offenbar ein beſonderer Guͤnſtling des Ordens. Es beweiſet dieſes auch eine andere Vergabung aus dem Jahre 1242, nach welcher derſelbe nicht weniger als neun Doͤrfer mit der Erlaubniß zugeſchrieben erhielt, ſie mit Be⸗ wohnern aus jeglichem Volke beſetzen zu duͤrfen, ſofern er die etwa dahin verſetzten Preuſſen mit eben der Strenge be⸗ handele, wie der Orden die Seinigen >). Es war Kulmiſche Ordnung, daß der Orden in der fruͤh— ſten Zeit ſeiner Herrſchaft den Deutſchen Einzoͤglingen ihre Güter fuͤr einen Kaufſchilling überließ, alſo die Beſitzungen 1) „Nec pretereundum, ut omnes cuitores mansorum, quos di- ximus, ad defensionem et firmatum terre sicut alii tenebuntur. “ Virmatus oder firmatum hat hier die Bedeutung von firmatura j. e. munitio; ſ. Du Vresne Glossar. s. h. v. — Die Urkunde befindet ſich im geh. Arch. in Privileg. Capituli Pomesan. p. XLIX und in Ma⸗ rienwerder. Privileg. p. XX. 2) Kotzebue B. I. S. 447. 3) Die Namen der altpreuſſiſchen Dörfer lauten in der Urkunde Wadekowicz (jetzt Wattkowitz zwiſchen Stuhm und Marienwerder) Stressewite (jetzt Straszewo), hereditas cuiusdam Pruteni, qui Ner- dingis dieitur, Barute, Sypenyn, Merenewicz, Godlok, Nudicz, Carezemidiez. Die Verſchreibung ſelbſt im Buche: Privileg. Marien- werd. et Pomesan. p. XXII. — Einen andern Beweis der großen Gunſt Dieterichs von Tiefenau bei dem Orden giebt auch ſchon eine Verleihung aus dem J. 1259 vom Landmeiſter Berlewin über 22 Flaͤ⸗ miſche Huben, von denen er weder Zins, noch Zehnten, noch Kriegs⸗ dienſte oder ſonſt etwas zu leiſten hatte: eine aͤußerſt ſeltene Ausnahme. Marienwerd. Privileg. p. XXII.

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Die Deutſchen Einzoͤglinge. 465 der Deutſchen durch Kauf erworben werden mußten. Man verlieh die Guͤter mit Erbrecht auch auf die Seitenverwand⸗ ten, namentlich zunaͤchſt auf die Bruͤder. Vom Zehnten an den Orden waren ſie frei; als Zins aber und zur Anerken⸗ nung der Oberlehensherrſchaft entrichteten jaͤhrlich die Beſitzer einen Koͤlniſchen Pfennig und zwei Markgewichte Wachs; denn durchgaͤngig wurden auch dieſe Guͤter eigentlich als Le⸗ hen betrachtet und es ruhete auch auf ihnen der Kriegsdienſt mit einem Waffenknechte und einem vollſtaͤndig geruͤſteten Streithengſte. Den Biberfang und was an Gold und Sil⸗ ber oder ſonſtigem Metall und an Salz auf Grund und Bo⸗ den der Güter zu finden war, behielt ſich der Orden als Re⸗ galien vor!). Als beſondere Beguͤnſtigung ward dem Be⸗ ſitzer zuweilen auch das Recht der Pfarrer-Wahl fuͤr die Kir⸗ che des Gutes zugeſtanden, die erſten Spuren der Anwen⸗ dung des kirchlichen Patronats auf dem platten Lande 2). In ſolcher Weiſe wurde z. B. dem edlen Dieterich von Brandis der Beſitz des Dorfes Hohendorf und einiger andern Guͤter 1) Dieſe Regalien waren ſchon in der Kulmiſchen Handfeſte be⸗ ſtimmt und in einer großen Zahl von Urkunden werden ſie noch aus⸗ druͤcklich bedungen. Auch außerhalb Preuſſens behielt fie ſich der Orden auf ſeinen Gebieten vor. So wurde z. B. bei der Theilung Kurlands zwiſchen dem Biſchofe und dem Orden namentlich auch feſtgeſtellt: La- pidiscine apparentes et non apparentes per totam Curoniam nobis (sc. Episcopo) et fratribus communes erunt; si autem fontes salis vel auri vel argenti, cuprum, plumbum vel stannum sive ferrum inven- tum fuerit, illius erit, sub cuius dominio reperitur. Urkunde im geh. Arch. Schiebl. LI. Nro 11. Dieſe Regalien behielt ſich der Orden auch im Stadtgebiete vor, ſelbſt bei ſolchen Staͤdten, die mit Luͤbecki⸗ ſchem Rechte bewidmet waren, z. B. bei Braunsberg. 2) Es heißt darüber in der Urkunde vom J. 1244, welche das Dorf Hohendorf ſuͤdweſtlich von Preuſſiſch⸗ Holland betrifft: Talem au- tem et tam specialem eis graciam elargimur, quod si parochialem ibi ecclesiam construxerint, eligant plebanum, quem voluerint et presentent eum nobis et nos tenebimur sine difficultatione ipsam ei- dem conferre. Des Jus patronatus auf Kulmiſchen Guͤtern erwähnt auch ſchon die Kulmiſche Handfeſte. Nach dieſer übte es aber der Orden. III. 30

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466 Die Deutſchen Einzoͤglinge. ſuͤdwaͤrls vom Drauſen-See vom Orden gegen einen Kauf: ſchilling uͤberlaſſen !). Die Guͤter waren veraͤußerlich; weil aber der Orden ſie ſtets als Lehenguͤter und ihre Beſitzer als ſeine Lehensleute betrachtete?), ſo bedurfte es zu jeglichem Verkaufe auch un⸗ ter den Deutſchen Einzoͤglingen ſelbſt der vom Landmeiſter ertheilten Zuſtimmung des Ordens als oberſten Lehensherrn s). Wie die Preuſſiſchen Koͤlmer mußten auch die Deutſchen, Kaͤufer und Verkaͤufer in Perſon vor dem Landmeiſter erſchei⸗ 1) In der Urkunde im Fol. Chriſtburg. Verſchreib. Nr. X. p. 81 wird er Tidericus de Brandeicz geſchrieben. Es iſt bekannt, daß ſich die Familie Brandis auch Brandeis ſchrieb. Vgl. über fie Hellbach Adels⸗Lexicon B. I. S. 179. 2) Die ſeodatarii bei Dusburg z. B. P. III. c. 148. In ur: kunden heißen fie feodales oder qui a domo nostra sunt infeudati. In der Abhandlung: Ueber Preuſſ. Lehen in Baczko Annalen des Kö- nigreichs Preuſſ. Quart. 3. S. 35 wird die Behauptung aufgeſtellt: Im Kulmiſchen Rechte ſeyen die feodales jeder Zeit Adelige und feo- dalis gleichbedeutend mit nobilis geweſen. Allein ſuͤr dieſe Zeit iſt dieſe Behauptung unrichtig; die gegebenen Beweiſe dafür find äͤußerſt ſchwach und ſprechen mehr gegen als für den aufgeſtellten Satz. Wenn hier nämlich 1) geſagt wird, daß „vor Alters bei den Deutſchen mit einem adeligen Lehen, Ritterlehen, niemand anders als ein Adeliger inveſtirt wurde,“ fo müßte doch vor allem erwieſen werden, daß alle Beſtimmun⸗ gen des Lehenrechts in Deutſchland ohne Modification auch in Preuſſen angewandt worden ſeyen, daß man an die feodales in Preuſſen damals wirklich nur adelige Lehen ertheilt und daß es keinen feodalis gegeben habe, der nicht im Beſitze eines adeligen Lehens geweſen ſey. Dieſer Beweis iſt aber nicht zu fuͤhren. Wenn 2) im Kulmiſchen Privilegium neben cives auch feodales genannt werden, ſo ſtehen in dieſen Aus⸗ druͤcken keineswegs Buͤrgerſtand und Adel einander gegenuͤber, wie der ganze Inhalt der Kulm. Handfeſte ſchon ſelbſt beweiſet, ſondern feuda- les ſind hier nur die in Thorn und Kulm wohnenden Lehensleute des Ordens. Die Stelle bei Dusburg c. 27, wo nobiles et feodatarii ne⸗ ben einander ſtehen, kann 8) vielmehr zum Beweiſe dienen, daß nobilis und feodatarins nicht ein und daſſelbe bedeuten. Eben ſo wenig bewei⸗ ſet der c. 161 erwähnte feodatarius miles. Außerdem koͤnnten 4) aus Urkunden vielfache Zeugniſſe vorgelegt werden, daß in Preuſſen die feo- dales keineswegs immer nobiles jind. 3) Wie ſchon die Kulmiſche Handfeſte beſtimmte.

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Die Deutſchen Einzoͤglinge. 467 nen und der letztere eine foͤrmliche Verzichtleiſtung auf das Beſitzthum ausſprechen. Dadurch fiel es der Bedeutung nach zunaͤchſt eigentlich wieder dem Orden zu und der Meiſter uͤbergab es daher dem Kaͤufer dann gleichſam als neue Ver⸗ leihung mit allen darauf ruhenden Rechten, Leiſtungen und Verpflichtungen '). Solches war, ſo viel aus den vereinzelten, ſparſamen Quellen erkennbar iſt, der Stand der Verhaͤltniſſe im laͤnd⸗ lichen Beſitze der Deutſchen Einzoͤglinge bis gegen das Jahr 1260. Von deman aber, waͤhrend der Zeit des Abfalles der Preuſſen vom Orden, unterlagen die Deutſchen einem über- aus ſchrecklichen und jammervollen Schickſale. Man ſah Jahre lang keinen auf dem ihm zugewieſenen Gute ſitzen. Ein großer Theil war der Rachwuth der Preuſſen aufgeo⸗ pfert worden; die andern hatten ſich in die Ordensburgen ge⸗ fluͤchtet und fuͤhrten hier das traurigſte Leben, denn unter beſtaͤndiger Gefahr und Noth waren ſie und die Buͤrger der Staͤdte noch die einzigen, durch welche der Orden ſich hinter ſeinen Mauern aufrecht hielt, indem ihre Lehenspflicht ſie al⸗ lerdings zur Vertheidigung der Ordensherrſchaft verband. Freilich hatte anderer Seits dieſer bedraͤngte und bedruͤckte Zuſtand der Verhaͤltniſſe für die Deutſchen Einzöglinge man⸗ chen guͤnſtigen Erfolg. Die Ordensherren lernten jetzt die Wichtigkeit und den Werth der Beihülfe der Deutſchen in ihrer Sache ungleich höher ſchaͤtzen; in den letztern aber er⸗ wachte auch felbft das Gefühl dieſer ihrer Wichtigkeit fuͤr den Orden und ſie wagten nun auch um ſo kuͤhner manche For⸗ derung an die Ritter zur Feſtſtellung ihrer Verhaͤltniſſe. So 1) So verkaufte z. B. Ulrich von Sidow (Ulrieus de Schidowe) ſein Gut an die Bruͤder Konrad von Altendorf und Burchard von Mu⸗ ckenberg im J. 1259. Im J. 1258 kommt ein Beiſpiel vor, quod nobilis domina Udulgardis Nicolai relicta decem et octo mansos a Conrado de Broidin sna pecunia legittime comparavit, quos ipsa et earum (1) veri heredes jure Colmensi debent inperpetuum possidere. Geh. Arch. Schiebl. XC V. Nr. 68. Chriſtburg. Verſchreib. Fol. XI. p. 71. 30 *

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468 Die Deutſchen Einzoͤglinge. benutzten die Deutſchen Lehensleute in Ermland und Natan⸗ gen dieſe bedraͤngte Zeit, um von dem Landmeiſter die Zu⸗ ſage zu fordern, daß nach der Preuſſen Unterwerfung ſich die Verpflichtung ihres Kriegsdienſtes zur Vertheidigung des Lan⸗ des nicht uͤber die Graͤnzen von Samland, Natangen, Erm⸗ land, Barterland und Pogeſanien bis an die Weichſel er ſtrecken ſolle ). In derſelben bedraͤngten Zeit ſah ſich der Biſchof von Samland auch genoͤthigt, manche feiner kirchlichen Güter an Deutſche Ankoͤmmlinge zu Burglehensdienſten auszugeben, nach welchen dieſe als Lehensleute des Biſchofs nur zur Ver⸗ theidigung der Burg, in deren Naͤhe ſie ſaßen, zu dienen verpflichtet waren. Verſaͤumten fie hierin ihre Pflicht, fo fie⸗ len ihre Lehensbeſitzungen ohne weiteres wieder an die Kirche zurück:). Uebrigens waren fie zinspflichtig, befaßen ihre Guͤ⸗ ter auf Kulmiſches Recht und konnten ſie ebenfalls nur mit des Biſchofs Bewilligung veraͤußern. Dieß waren indeſſen nur Erfolge der Noth und des 1) Es iſt hievon ſchon oben geſprochen. — Es waren alſo ſ. g. gemeſſene Dienſte, welche ſich die Lehensleute von Ermland und Natan⸗ gen auf dieſe Weiſe erwarben. 2) So heißt es in einer Verſchreibung uͤber ertheilte Burglehen: Insuper predicti cives apud castrum nostrum Schonewick habebunt residentiam corporalem, municiones et ecelesiam contra quemlibet eam inpugnantem tenentur fideliter defensare, quod si non fecerint, quod extunc ipsa bona ad nos reverterentur et in nullo promisso predietorum bonorum ipsis erimus obligati. Matricul. Fischhns. p. XXXII. Wir finden dieſe Güter als feuda castri Bischoveshusen, que borklehen dicuntur, auch noch im J. 1332 erwähnt. Der in Deutfch- land gewöhnliche Name feudum urbanum kommt hier nicht vor. Eich: horn Deutſche Staats- und Rechtsgeſch. B. II. S. 368. Zuweilen war eine Beſitzung zum Theil Burglehen, zum Theil nicht. So ver⸗ leiht der Biſchof Siegfried von Samland einem gewiſſen Remboto in Gnidau ſieben Huben Landes und beſtimmt: de quibus septem mansis ipse et sni heredes tres habebunt in feudo, quod vulgariter burch- leyn dicitur, liberos a decimis et omni opere rusticali, de quatuor vero residuis idem Remboto et sui heredes nobis et nostris succes- soribus singulis annis dnas marcas presentabunt.

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Die Deutſchen Einzöglinge. 469 Dranges; denn die ſchweren Zeiten des Kampfes des Or⸗ dens mit ſeinen Deutſchen Einzoͤglingen gegen das abtruͤn⸗ nige Volk in Preuſſen konnten der Fortbildung und weitern Entwickelung der Lehensverhaͤltniſſe der Deutſchen Einſaſſen nichts weniger als foͤrderlich ſeyn. Waͤhrend daher im Laufe dieſer Kriegszeiten die meiſten und wichtigſten Territorial⸗ Verhaͤltniſſe der eingeborenen Preuſſen in vorerwaͤhnter Art ſich ſchon ziemlich vollkommen ausgebildet und feſter geſtaltet hatten, gewannen die Verhaͤltniſſe des Lehenweſens der Deut⸗ ſchen in Preuſſen ihre ſeſteren Regeln und Formen erſt nach Beendigung des Krieges, als der Orden erſt gleichſam wie⸗ der Herr von Grund und Boden ward. Die Ordensgebieti⸗ ger hatten naͤmlich auch im Laufe des Krieges den Deutſchen Einzoͤglingen zur Ermunterung ihres Eifers und zur Bele— bung ihrer Thaͤtigkeit fuͤr die Sache des Ordens bedeutende laͤndliche Beſitzungen theils verſprochen, theils auch ſchon zu: gewieſen. Aber viele von dieſen Lehensleuten, unter andern auch die in Ermland wußten ſelbſt im Jahre 1285 noch nicht, auf welches Recht und unter welchen Bedingungen und Ver⸗ pflichtungen fie forthin auf ihren Gütern ſitzen ſolltenn). Auf ihre Bitte um naͤhere Beſtimmung hieruͤber ſetzte nun der Landmeiſter in dem erwaͤhnten Jahre feſt: die Lehensleute erhalten ihre Beſitzungen mit allen Zubehoͤrungen auf Kul⸗ miſches Recht und mit immerwaͤhrender Erblichkeit, mit Aus⸗ nahme von Gold-, Silber- und andern Metallgruben oder Salzquellen, auf welche ſie nur das Recht haben, wie es im Kulmerlande gilt. Es gehoͤren ihnen ferner die hohe und niedere Gerichtsbarkeit nebſt den Strafgefaͤllen in allen ihren Beſitzungen; nur die ſ. g. Straßengerichte verbleiben forthin dem Orden ?). Sie ſollen aber das Gericht über ihre Bauern 1) Der Landmeiſter ſagt ſelbſt von ihnen: Accedentes (fideles no- stri feodales in Warmiensi distrietu) nostram presenciam cum instan cia supplicarunt, ut ipsos quo jure super bonis eorum, que a domo nostra possident, gaudere deberent, dignaremur reddere cerciores, cum nullum adhuc super eo forent privilegium consecuti. 2) Die Urkunde enthält hierüber noch einzelne nähere Beſtimmun⸗

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470 Die Deutſchen Einzoͤglinge. und Leute nach eben dem Rechte und derſelben Sitte aus⸗ üben koͤnnen, wie der Orden über die feinigen !); nur zu Lebensſtrafe und Verſtuͤmmelung der Glieder ſollen fie nie⸗ manden gerichtlich verurtheilen ohne Vorwiſſen der Ordens⸗ gebietiger, deren Rath in ſolchen Gerichtsfällen einzuholen iſt. Außerdem erhalten ſie freie Fiſcherei im friſchen Haffe zu ih⸗ rem Gebrauche. Neben dieſen Rechten und Freiheiten, welche der Orden den Lehensleuten in Ermland einraͤumte, wurden auch ihre Leiſtungen und Verpflichtungen beſtimmt: Sie lei⸗ ſten Kriegsdienſte auf geruͤſteten Streithengſten und in leich⸗ ter Waffenruͤſtung in den ſoeben erwaͤhnten ſechs Landſchaf⸗ ten) und erſcheinen beim Bau neuer Befeſtigungen bewaff⸗ net, fo oft fie dazu gefordert werden?). Ob fie dem Or: den auch außerhalb der genannten Gebiete zu Dienft ziehen wollen, bleibt ihrem freien Willen uͤberlaſſen. Ihre Leute gen; ſo heißt es z. B. Si homines in villis residentes aut hospites advene, si moram in ipsis villis fecerint et super communibus viis in ipsis villis deliquerint, tale iudicium ad predictos feodales et eo- rum heredes sicut et in aliis suis bonis volumus pertinere. Ausnah⸗ men, in welchen auch die Straßengerichte verliehen werden, gab es we⸗ nig. So heißt es in einer Verſchreibung Konrads von Thierberg fuͤr Thomas Weiß genannt von Bechem: Porro omnia iudicia viarum et ber eas trauseuntium et in ipsis viis delinquentium in omnibus bonis suis sibi et heredibus suis conferimus; unam solam viam tantum aut stratam per predicta bona sua transeuntem nobis reservamus iudi- candum. 1) D. h. wie oben S. 457. Anmerk. 1 angefuͤhrt ift, nach Polni⸗ ſchein Rechte. 2) Die ausdruͤckliche Anwendung hievon finden wir ſchon im Jahre 1287 in einer Verſchreibung fuͤr jenen Thomas Weiß genannt von Be⸗ chem, wo es heißt: Volentes ut uno tantum dextrario phalerato in his solum terris nobis deserviant, videlicet Sambia, Barthia, Na- tangia, Pogesania, Pomesania et Warmia nec in aliis terris nobis deservire, nisi propria velint voluntate, sint astricti. 3) An Bauarbeit iſt hiebei natürlich nicht zu denken, ſondern nur an Schutzleiſtung wahrend des Baues gegen den Feind. Daher heißt es auch nur: cum armis sicut condecet interesse novis municionibus, cuin requisiti fuerint, construendis astricti sint.

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Die Deutſchen Einzoͤglinge. 471 auf ihren Gütern!) dagegen find eben fo wie die Leute des Ordens zu Heerfahrten und Kriegsreiſen, zur Landwehr und zu neuem Burgenbau theils als Fußvolk theils als Reiter ge⸗ ruͤſtet zu erſcheinen verpflichtet, zu andern Dienſten aber und zur Zehntlieferung nur fuͤr ihre Herren verbunden 2). Zehn⸗ ten und Zins leiſten die Lehensleute ſammt ihren Hinterſaſ⸗ ſen nach den Beſtimmungen der Kulmiſchen Handfeſte; doch find die letzteren nicht zum Zins verpflichtet. In ſolcher Weiſe wurden die Lehensverhaͤltniſſe zur Zeit eines General⸗ Kapitels der Ordensgebietiger in Elbing fuͤr Ermland be⸗ ſtuimmt ). Seit dieſer Zeit bildete ſich nun das Lehenweſen auch in Preuſſens übrigen Landſchaften vollkommener aus. Die ſo⸗ eben erwähnten Beſtimmungen gaben auch fuͤr die uͤbrigen Gebiete des Landes die noͤthige feſte Grundlage, denn im Ganzen galten ſie als allgemein durchgehende Regeln, die zu⸗ weilen nur bald in Ruͤckſicht auf perſoͤnliche Verhaͤltniſſe, bald in oͤrtlichen Umſtaͤnden Ausnahmen und Abaͤnderungen erlit⸗ ten. Dahin gehoͤrt unter andern der gemeſſene Lehendienſt, den z. B. die Biſchoͤfe oft nur auf die Vertheidigung ihrer Dioceſen oder auch nur auf die einer Burg ausdehnten ?). So ward bisweilen dem Lehensmanne außer der freien Fi⸗ 1) D. h. ihre Hinterſaſſen, eorum homines, qui in eisdem bonis resident. 2) Nec ad alia servicia domui sint obnoxii, sed suis dominis teodalibus videlicet supradictis. In der erwähnten Verſchreibung für Thomas Weiß genannt von Bechem heißt es: Volumus etiam, ut ei- den Thome et suis heredibus homines eorum in predictis bonis re- sidentes atque in futuro in ipsis qui resideant in solvendis decima- rum fructibus, in omnibus servitiis sint parati, quemadmodum ho- mines nostri nobis. 3) Diefe für die Geſchichte des Lehenrechtes in Preuſſen fehr wich rige Urkunde befindet ſich im Original im geh. Arch. Schiebl. XXV und ſchließt mit den Worten: Datum tempore capituli nostri generalis ce- lebrati in Elbingo anno d. M. CC. LXXXV. pridie Kalend. Maji. 4) Daſſelbige wie in Deutſchland; vgl. Eichhorn a. a. O. B. II. S. 367 e) und b).

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472 Die Deutſchen Einzoͤglinge. ſcherei!) auf ſeinen Beſitzungen auch noch ausdruͤcklich die Jagdgerechtigkeit ertheilt. Da dieſe Lehensleute zum großen Theile aus adeligen Geſchlechtern Deutſchlands ſtammten, ſich auf ihren Beſitzun⸗ gen, jedoch meiſt nur unter landesherrlicher Bewilligung, zu ihren Wohnſitzen Burgen erbaueten 2) und bald für einzelne aus ihrer Zahl auch der Ritter-Name gewoͤhnlich ward “), 1) Dieſe jedoch immer nur mit dem ſ. g. kleinen Gezeuge, nämlich wie der Biſchof von Ermland es erklärt: „Hantwaten, Stokenezze, Gle⸗ benezze, Hamen, Worfangeln, Ruͤſen, Wenzer und Saͤcke zu ſtellen.“ 2) Dieſe Burgen erbaueten die Lehensleute bald ohne weiteres zu ihrer eigenen Sicherheit, Dusburg P. III. c. 27; bald erhielten fie in ihren Verſchreibungs-Urkunden vom Orden die ausdruͤckliche Erlaubniß zum Bau einer Burg auf ihrem Gute. So ertheilte z. B. der Biſchof von Pomeſanien im J. 1293 den Rittern Dieterich und Cothobor von Stange das Recht, unum construere Molendinum, Castrum etiam, ubi necesse habuerint, Civitatem unam, ecclesias construendi et con- ferendi in predictis suis bonis. 3) Miles war die Bezeichnung für einen ſolchen Ritter. Von Lang ſagt ganz richtig im Hermes B. XXX. H. I. Jahrg. 1828. S. 148: „Was in lateiniſchen Urkunden unter dem Namen Miles vorkommt (Ducange v. Miles), bezeichnet Leute, die im Hof- oder Kriegsdienſte ſtanden oder zum Militaͤrdienſte verpflichtete Beneſicien beſaßen. Man ließ ſich auf dieſe Art zum Miles beſtellen (in militem se dedit), man wurde ein Miles Regis, Ducis, Marchionis, Domini; ja nicht allein die Bifchöfe, ſondern ſelbſt die Aebte hatten eine Ueberzahl ſolcher mi- lites. Erſt ſpaͤter, in der Mitte des 13. Jahrhund., wenn ſich Adelige dieſen Titel ſelbſt geben und ihrem Geſchlechtsnamen oder Amt nad: geſetzt haben, läßt ſich auf eine andere Bedeutung dieſes Wortes ſchlie⸗ ßen.“ Dieſe Bemerkung paßt ganz fuͤr unſern Fall. In Preuſſen fin⸗ den ſich die Milites in der Bedeutung von Rittern am fruͤhſten im Kul⸗ merlande in der Landſchaft Pomeſanien, doch nicht viel vor dem Ende des 13. Jahrhunderts. Dieterich von Stange war einer der erſten, welche den Titel Miles dort fuͤhrten. Nachmals kommt er in dieſem Geſchlechte ſehr Häufig vor. So wird auch Dieterichs Bruder Cothobor von Stange im J. 1293 ebenfalls Miles genannt; fo nachher strenuus Miles dominus Tiezmanuus Stange, Schamborius Stange der Ritter. Ferner in Pomeſanien Symon Miles, Johannes de Ever Miles, Al- bertus de Tymovia Miles, Henricus de Panckow Miles u. a. Auch

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Die Deutſchen Einzoͤglinge. 473 indem die in Deutſchland herrſchenden Begriffe von Ritter⸗ buͤrtigkeit und Ritterwuͤrde!) natürlich auch bei den Deut⸗ ſchen in Preuſſen fortwirkten und ſomit auch hier Edle, Va⸗ ſallen oder ſonſt reiche Grundbeſitzer dieſe Wuͤrde erlangen konnten, ſo gingen aus dieſen Deutſchen Ordensvaſallen die eigentlichen Landesritter hervor, die wir in den naͤchſten Zei⸗ ten faſt in allen Landſchaften auf ihren Herrenburgen ſitzen ſehen. Als ſolche adelige Lehensleute finden wir unter an⸗ dern ſchon um dieſe Zeit in Preuſſen Heinz von Mul?), Ni: colaus von Untenau, Dieterich von Pynau, Heinrich von Stubech, Ulrich von Sidow (Schidow), Konrad von Alten⸗ dorf, Burchard von Muckenberg, Dieterich von Brandis, Dieterich von Tiefenau, der Ritter Dieterich von Stange, Gerhard von Ochla, Ludwig von Krickaſſin, Martin von der Mark, der Ritter Dieterich von Oelſen, Konrad von Leiwitz, Hermann von Meiningen, der Ritter Johannes von Ever, ſein Bruder Friederich von Ever, der Ritter Dieterich von Ganshorn, der Ritter Albert von Tymau, der Ritter alte Stammpreuſſen erhielten die Ritterwuͤrde bei beſondern Verdienſten um den Orden. So war der Preuſſe Slobote, ein Nachkomme des Sclodo von Quedenau, mit der Ritterwuͤrde geſchmuͤckt und wird Mi- les genannt; ſ. Handfeſt. des Biſth. Samland p. XXII. Auch der um den Orden ſo viel verdiente Macho wird in den Stand der Ritter er⸗ hoben; wenigſtens ſoll er feine Beſitzungen haben jure Theutonicali, sicut habent meliores milites Culmenses. Freilich würde auch wenig dagegen einzuwenden ſeyn, wenn man in dieſer Urkunde des Biſchofs Albert von Pomeſanien vom J. 1260 die Bezeichnung miles in der zu⸗ erſt beruͤhrten Bedeutung naͤhme, denn wenn der Biſchof dem Macho die Verpflichtung auflegt: Expeditioni vero Ecclesie nostre tenebitur sicut ceteri milites in Episcopatu nostro ut defensor et adjutor sit ecclesie nostre contra quoslibet invasores, fo tritt wohl allerdings die zuerſt erwähnte Bedeutung mehr hervor. 1) Vgl. Eichhorn a. a. O. B. II. S. 107. 2) Dieſes Geſchlecht blühete in Preuſſen noch im 15. und 16. Jahr: hundert. Georg von Mul oder Maul z. B. war ums J. 1450 Ei⸗ dechſen⸗Ritter.

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474 Der Deutſche Bauernſtand. Heinrich von Panckow, Thomas von Panckow, Heinrich von Lemberg und mehre andere 1). Waͤhrend nun in ſolcher Weiſe durch dieſe Lehensleute der Deutſche Adel in Preuſſens Gebieten ſich hie und da an⸗ ſiedelte und der Landadel ſeine Begruͤndung erhielt, entſtan⸗ den durch herbeigezogene Deutſche Anſiedler auch eine zahl⸗ reiche Menge neuer Deutſcher Doͤrfer, in deren Anlage und Gruͤndung, ſobald der Krieg im Lande beendigt war, der Orden mit den Biſchoͤfen foͤrmlich wetteiferte; es entſtand ein Deutſcher Bauernſtand, in welchem das Deutſche Weſen, Deutſcher Geiſt, Deutſche Art und Sitte, Deutſche Ord⸗ nung und Sprache erſt ihre feſte Grundlage und Haltung erhielten. Dem Bauernſtande der Preuſſen gegenuͤber bildete ſich in dieſem Deutſchen Bauernſtande zuerſt eigentlich der Boden aus, auf welchem der Same der Deutſchen Eigen⸗ thuͤmlichkeit in allen ihren Beziehungen immer weiter und weiter fortwuchern uud fo weit heranwachſen und reifen konnte, bis er im Stande war, die Eigenthuͤmlichkeit des eingebore⸗ nen Volkes mehr und mehr niederzudruͤcken und endlich ganz zu verdraͤngen. Die Wichtigkeit des Gegenſtandes fordert daher, die Entſtehung und erſte Verfaſſung dieſes Deutſchen Bauernſtandes hier etwas naͤher zu verfolgen. Gewiß war nirgends von Seiten des Ordens und der Landesbiſchoͤfe ein lebendiger und thaͤtiger Eifer nothwendiger, als in der Vermehrung der Bevoͤlkerung und im beſſern An⸗ 1) In Ruͤckſicht des Kriegsdienſtes heißt es in den Verſchreibungen dieſer adeligen Lehensbeſitzer insgemein, daß fie cum uno dextrario fal- lerato deservire tenebuntur. Allein mit dem adeligen Stande hing an ſich dieſe Art des Kriegsdienſtes nicht zuſammen, ſondern nur mit der Größe der Beſitzungen. So heißt es ausdruͤcklich in einer Verſchrei⸗ bung des Pomeſaniſchen Biſchofs Heinrich fuͤr den Ritter Dieterich von Ganshorn: Er und feine Erben pro hüs C et X mansis nobis et ec- clesie nostre inter terminos dyocesis nostre cum uno dextrario ſalle- rato deservire tenebuntur.

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Der Deutſche Bauernftand. 475 bau des Landes durch neue Bewohner, denn Hunderte von Doͤrfern waren in dem langen Kriegsſturme gaͤnzlich unter⸗ gegangen, Tauſende der alten Landesbewohner hatte das Schwert oder Krankheit oder Jammer und Elend hingerafft und viele Gegenden Preuſſens, fo unter andern die biſchoͤfli⸗ chen Theile Pomeſaniens und Ermland waren ſo arm und menſchenleer, daß die Biſchoͤfe kaum noch den nöthigen Le⸗ bensunterhalt daraus gewinnen konnten !). Nur durch Gruͤn⸗ dung und Erhebung des Bauernſtandes und neuer Dörfer ward es möglich, auf dem wuͤſten und veroͤdeten Lande wie der ein friſches und regſames Leben und mit ihm neue Freude, neues Gluͤck und neuen Wohlſtand hervorzurufen?). Man verfuhr hiebei ſowohl von Seiten des Ordens als in den bi⸗ ſchoͤflichen Gebieten gemeinhin in folgender Weiſe. Es wurde in der Regel einem bewaͤhrten, tuͤchtigen Manne aus der Zahl der Deutſchen Einzoͤglinge eine be⸗ ſtimmte Strecke Landes oder eine gewiſſe Anzahl Huben vom Landmeiſter oder einem Biſchofe unter der Bedingung ver⸗ ſchrieben, daß er ſie mit neuen Bewohnern beſetzen und dieſe zu einer Geſammtheit oder einer Gemeine in ein Dorf ſam⸗ 1) Der Biſchof Heinrich von Pomeſanien ſagt noch in einer Ur⸗ kunde vom J. 1293: Nostra ecclesia ad tale exterminium sive exci- dium devenerat propter continuos insultus gentilium et paganorum, quod ab ecclesia nostra dominus Albertus bone memorie noster pre- decessor eciam victum tenuem habere non poterat; Urk. im geh. Arch. Schiebl. XXII. Nr. 1. Auch der Biſchof Heinrich von Ermland ſpricht im Privilegium von Braunsberg im J. 1284 von der Verwüftung ſei⸗ nes Landes: Nos, ſagt er, reformationi terre nostre, que per apo- stasiam Pruthenorum acriter destructa, quantum possumus intenden- tes — — 2) So ſagt das Domkapitel von Ermland in einer Urkunde: Nos Henricus prepositus Warniensis ecclesie totumque Capitulum eccle- sie utilitati ut tenemur salubriter intendere cupientes nec videntes modum alium, quo facilius eiusdem status ecclesie valeat emendari, nisi quod nostre terre situs steriles solitudinis herenique vicio pa tenter obruti locacionis iure compertis fidelibus et ydoneis expo- nantur.

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#76 Der Deutſche Bauernſtand. meln ſolle n). Ueber das Maaß und die Art der Verthei⸗ lung der Hubenzahl wurde ihm nichts vorgezeichnet. Er ſelbſt aber erhielt für die erſte Beſetzung dieſes zugewieſenen Landgebietes jeder Zeit eine Anzahl von Freihuben, bald ſechs, bald acht, bald auch von der ganzen Zahl die neunte oder zehnte Hube ). Zugleich wurde qußerdem ihm und ſei⸗ nen Erben das Schultheißen-Amt in dem neuzugruͤndenden Dorfe auf erbliches Recht ertheilt °) und als Einkommen ein Theil, meiſt naͤmlich ein Drittel der Gerichtsgebuͤhren ange⸗ wieſen. Da dieſes Amt ſomit foͤrmliches Eigenthum ſeiner Familie war, ſo konnte es von ihm auch veraͤußert werden“). 1) Dafür war in den Verſchreibungs⸗ Urkunden der Ausdruck lo- care oder locatio gebräuchlich. Die Ländereien werden alſo gewöhnlich verſchrieben ratione locationis, iure locationis oder auch iure heredi- tario ad locandum, oder mit der beſtimmten Verpflichtung, quod ibi unam villam locare tenebuntur. 2) Dieſe Freihuben galten als Lohn für feine Amtsgeſchaͤfte und es heißt daher quod de predictis mansis Sculteto, ut suornm laborum premium recipiat, quatuor mansos liberos hereditarie assignamus. Eine merkwürdige Ausnahme hievon machte der Landmeiſter Konrad Sack im J. 1307. Er ertheilte einem gewiſſen Quetke und deſſen Erben das Schultheißenamt in einem Dorfe dicht vor der Ordensburg Roggenhau- ſen und außerdem 6 Huben Landes. Auf drei dieſer Huben aber legte er die Verpflichtung, die Briefe der Ordensritter von ſeinem Dorfe nach zwei andern Dörfern weiter zu befördern; — de quibus sex mansis tres libere possidebit, ita ut ipse Quetke et sui heredes de prefatis liberis mansis literas missiles fratrum in villas, que Nogathen et Wyderse nuncupantur, quandocunque a fratribus requisitus fuit, du- cere sit ligatus. Die andern drei Huben waren zinspflichtig. 3) D. h. in dem Sinne auf erbliches Recht, als überhaupt das ius hereditarium in Preuſſen zu verſtehen iſt. Wenn in Deutſchland die Verleihung des Schultheißenamtes nach Eichhorn a. a. O. B. II. S. 360 auch meiſtens erblich oder lehensweiſe geſchah, ſo folgte man dieſem Gebrauche im Allgemeinen zwar auch hier, aber im Ganzen herrſchte doch die in Lehensweiſe ertheilte Verleihung entſchieden vor. 4) Oft werden die Freihuben, das officium scultetie et tertia pars mulctarum iudicalium als ein Ganzes zuſammengefaßt und als ſolches iure Culmensi libere perpetuo ertheilt. Im Fall der Schultheiß ohne Erben ſtarb, fiel fein Amt dem nächften Ordenshauſe anheim und der

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Der Deutſche Bauernſtand. 477 Sollte das Dorf eine Kirche erhalten, ſo wurde fuͤr dieſe eine Anzahl Freihuben, bald vier, bald fünf oder ſechs ausgeſetzt! ). Es ward ferner zugleich beſtimmt, auf welches Recht die zu⸗ gewieſene Hubenzahl an die einzelnen Beſitzer ausgethan werden ſollte. Alles, was Abgabe und Leiſtung hieß, wurde aufs Land gelegt und der Orden oder der Biſchof ſchrieben zum voraus das Maaß der Zinszahlung vor, welche jede Hube tragen ſollte, eben ſo den Zehnten nach Kulmiſchem Rechte 2). Dieſer Zins und Zehnte wurden aber ſelten ſo⸗ gleich von den Dorfbewohnern erhoben, denn gewoͤhnlich er⸗ hielten dieſe bald ſieben oder zehn, bald zwoͤlf oder funfzehn Freijahre, waͤhrend welcher Zeit ſie ſich anbauen, das Land urbar machen und ihre Familien zu einigem Wohlſtand erhe⸗ ben konnten. Dieſe Befreiung von Zins und Zehnten bezog ſich jedoch nur auf die Leiſtung an den Orden; den Zehnten Komthur des Hauſes verkaufte es dann wieder. Die Veräußerung des Amtes von Seiten des Schultheißen ſelbſt durfte jedoch immer nur mit Erlaubniß des Ordens oder des Biſchofs geſchehen. Ein Gebietiger ſprach es dann dem Kaͤufer zu. Ueber jenen Fall heißt es z. B. in ei⸗ ner Urkunde des Landmeiſters Meinhard von Querfurt vom J. 1286: Relatione fratrum nostrorum in Rogenhusen ad nos veridice devo- luta didicimus, Guntherum Scultetum IV mansos et dimidium ad of- ficium Scultetie jure Culmensi in villa Dameraw sibi suisque heredi- bus a fratre Henrico de Wedersberg tunc temporis in Rogenhusen commendatore emptione rationali comparasse, quos mansos sine censu libere dictus Guntherus in perpetuum jure hereditario possidebit. 1) Im Privilegium des Dorfes Blumenau heißt es: quod in villa possunt eorum de consensu, quorum interest, ecclesiam edificare et per conventum sacerdotem, si placuerit, officiare. 2) Diefer Zins war verſchieden, wahrſcheinlich nach Verhaͤltniß der Guͤte des Bodens. Die Hube gab bald 16 Scot und zwei Huͤhner, bald drei Vierdung und 2 Huͤhner, bald eine halbe Mark Denare und 2 Hühner, oder 9 Scot Preuſſ. Denare und 2 Hühner oder eine halbe Mark und eine Gans. Es kommt auch vor von jeder Hube 34 Vier⸗ dung und 5 Hühner. Zuweilen ſtieg der Zins mit den Jahren bis zu einer gewiſſen Hoͤhe. So werden erſt 3 Freijahre beſtimmt; im Aten Jahre ſoll man dann zahlen de quolibet manso dimidium fertonem de- nar., im Sten unum fertonem, im 6ten novem Scotos und im 7ten mediam marcam und hiebei ſoll es dann bleiben.

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478 Der Deutſche Bauernſtand. an die Kirche oder den Pfarrer mußte man immer ſogleich liefern!). Nach Verlauf der Freijahre waren die Dorfein⸗ ſaſſen verpflichtet, den beſtimmten Zins und Zehnten an das naͤchſte Ordenshaus zu bringen 2). Hielt der Schultheiß im Dorfe einen Krug oder eine Schenke, ſo zinſete er hievon beſonders. Von Fleiſch- und Brodbaͤnken fiel die eine Haͤlfte des Zinſes an ihn, die andere an das naͤchſte Ordenshaus. Den Zins der Dorfmuͤhlen zog das letztere allein. Biswei⸗ len wurde den Dorfbewohnern auch die beſondere Beguͤnſti⸗ gung, in ihrem Dorfbezirke zur Rettung in Gefahren eine Burg zu erbauen ). Von baͤuerlicher Arbeit oder vom Schaarwerke waren die Deutſchen Dorfbewohner in der Re⸗ gel voͤllig frei und es gilt nur als Ausnahme, wie eine Dorfſchaft einmal im Jahre zu einer achttaͤgigen Arbeit an das naͤchſte Ordenshaus verpflichtet war). Der Name eis nes neuen Dorfes wurde entweder vom Landmeiſter, vom Biſchofe und dem Domkapitel ſchon im voraus beſtimmt, oder der Name des Gruͤnders und erſten Schultheißen ging auch auf das Dorf uͤber; ſo gruͤndete im Jahre 1289 ein Schultheiß Dieterich das Dorf Dieterichswalde, ein Schult⸗ heiß Walther 1287 das Dorf Walthersdorf, ein Schultheiß Burchard im J. 1289 das Dorf Burchardsdorf. Es lag in der Art der Entſtehung ſolcher Doͤrfer, daß die erſten Bewohner ausſchließlich nur Ackerleute waren, an 1) Außer dem oft gefriſteten Zins bedingen dann die Verſchreibun⸗ gen: Plebano suo quoque de quolibet manso unum modium siliginis et unum modium avene singulis annis sunt astricti. Dieſen Zehnten mußten die Dorfbewohner auch dann entrichten, wenn die Kirche des Dorfes auch ihre Freihuben hatte. 2) Es heißt dann ausdruͤcklich: Quam quidem annonam super do- mum nostram ducere tenebuntur. 3) Wir finden den Fall einigemal, wo geſagt wird: Item indul- gemus sepedicto Sculteto et rusticis ville, quod infra terminos suos edificent castrum, si volunt, ad quod confugiant tempore neces- sitatis. 4) Es kommt einigemal vor, wo es heißt: Preterea rustici sin- gulis annis octo dies cum requisiti fuerint, nobis laborabunt.

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Der Deutſche Bauernſtand. 79 welche der Schultheiß die Zinshuben ausgethan hatte. Es war aber natuͤrlich, daß ſich fuͤr die Befriedigung und Liefe⸗ rung der naͤchſten und nothwendigſten Beduͤrfniſſe der Land⸗ leute bald auch Handwerksleute und Kleinkraͤmer in den Doͤr⸗ fern anſiedelten und ihre Fleiſch-, Brod- und Schuhbaͤnke anlegten oder mit einigen Kaufwaaren Kleinhandel trieben ). Sie zahlten fuͤr ihr Geſchaͤft einen beſtimmten Zins, der mei⸗ ſtens an den Schultheiß fiel. In des Schultheißen Amt lag die Verpflichtung, in al- len Faͤllen die Dorfordnung aufrecht zu erhalten, auf richtige Einlieferung des Zinſes und des Zehnten zu ſehen, die Saͤu⸗ migen hiebei mit Strafen zu belegen ?), Zwiſt und Streit unter den Bauern zu ſchlichten, uͤber Mein und Dein Ge⸗ richt zu uͤben u. ſ. w. Es gab indeſſen auch eine bedeutende Anzahl Dörfer, in welchen kein Schultheiß ſaß ). Bei rein⸗ deutſchen Doͤrfern war dieſes allerdings ein ſeltener Fall; ſie genoſſen dann meiſtens das Magdeburgiſche Recht und wa⸗ ren in ihren Gerichtsfaͤllen gemeinhin an das naͤchſte Ordens⸗ haus gewieſen, wo der Komthur oder Vogt die Stelle des Schultheißen vertrat“). In allen reinpreuſſiſchen Dörfern, 1) Dieß ſind die bancae carnis, panis et sutorum, die wir im 13. Jahrhundert ſchon häufig in den Dörfern finden oder die macella (maxilla), in quibus panes et carnes venduntur. Hie und da kommt in Dörfern auch ſchon Tuchhandel vor. 2) Darüber heißt es z. B.: Qui ante nativitatem domini eas (i. e. mensuras) non solverint, postea solvent cum pena quatuor soli- dorum et sic deinceps non solventes semper post sex ebdomadas eandem penam incurrent et pro mensuris et pena ista Scultetus vel starosta poterit vadiari. 3) Es kommen namentlich auch Fälle vor, in welchen das Schult⸗ heißenamt eines zu einer Stadt gehörigen Dorfes mit dem Schultheißen⸗ amte der Stadt vereinigt war; z. B. bei Mohrungen. 4) So heißt es z. B. bei dem Dorfe Hanswalde, wo ein gewiſſer Johannes bloß die Location des Dorfes, aber nicht das Schultheißen⸗ amt hatte: Jure utentur (villani) Meydeburgensi reprehensas suas sententias in Cristburg afferendo. Dagegen giebt das im J. 1299 gegruͤndete Dorf Blumenberg das Beiſpiel, daß es einen erblichen Schult⸗ heißen hatte und es doch in ſeiner Verſchreibung hieß: Jure utentur

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480 Der Deutſche Bauernſtand. wo alſo ausſchließlich Preuſſen die Gemeine bildeten, iſt das Schultheißenamt eine aͤußerſt ſeltene Erſcheinung und nur etwa dann vorhanden, wenn ein Preuſſe das Dorf ganz neu an⸗ gelegt hatte; aber ſelbſt diefe Fälle kommen nur in ſpaͤteren Zeiten vor!). Alle dieſe Dörfer ſtanden vielmehr in allen ihren Verhaͤltniſſen unter dem vom Orden oder vom Biſchofe uͤber die Landſchaft geſetzten Landvogt, der folglich alles rich⸗ tete und ſchlichtete, was unter den Preuſſiſchen Dorfbewoh⸗ nern vorfiel. Selbſt auch in ſolchen Doͤrfern, in welchen Preuſſen und Deutſche zuſammenwohnten und uͤber die letz⸗ teren ein Schultheiß ſaß, gehörte das Gericht über die Preuſ⸗ ſen nicht dieſem, ſondern zur Vogtei 2). Ueberhaupt war der Preuſſe im Gerichte ſtets nur dem Orden oder dem Biſchofe oder deren Voͤgten unterworfen. Zwar ertheilte man zuwei⸗ len auch ſolchen Preuſſen, die nicht Withinge waren, auf ih⸗ ren Beſitzungen die hohe und niedere Gerichtsbarkeit, allein doch immer mit der Beſchraͤnkung, daß ſie nur in des Vogts (incolae villae) Magdeburgensi in civitate Christburg necessitatis tempore suas sententias afferentes. Hier richtete der Chriſtburgiſche Stadt: Schultheiß; aber dem Dorf-Schultheiß war dennoch zugewieſen tertia pars mulctarum indicialium ommium judiciorum. Dieſes jus Magdeburgense war in dieſem Falle dem ius Theutonicum und dem jus Polonicum entgegengeſetzt. Im Kulmerlande und beſonders jenſeits der Weichſel bei Neſſau und in der Gegend umher geſchahen zu Ende des 13. Jahrhund. öfter Verleihungen iure Theutonico. Zuweilen wird noch ausdruͤcklich hinzugefügt: die Bewohner a jure etiam Polonico sint ex- empti. Alſo herrſchte dieſes jus Polonicum damals auch noch in der dortigen Gegend. Vgl. Hartknoch Dissertat. XVII. p. 325. 1) So gruͤndete z. B. der Preuſſe Glande das Dorf Glandemanns⸗ dorf und wir finden dann den Preuſſen Coyte darin als Scultetus. 2) So wohnten z. B. im Dorfe Medenau in Samland Preuſſen und Deutſche neben einander. Ueber die letztern wird das Schultheißen⸗ amt einem gewiſſen Halbpage jure hereditario übertragen und zwar ita quod tertia pars maiorum et minorum iudiciorum in ipsa villa tan- tummodo sibi cedat, reliquis vero duabus partibus nobis et nostris successoribus reservatis. Exceptis eciam Pruthenis, de quibus ei- dem Halbp. aut eius successoribus nullam iudicandi tribuimus pote- statem, sed ipsos iurisdietioni nostre advocatie penitus reservamus.

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Der Deutſche Bauernſtand. 481 Gegenwart geuͤbt werden durfte ). Deutſche konnten nie unter dem Gerichte eines Preuſſen ſtehen. Wie in ſolcher Weiſe der Orden in ſeinem Landgebiete und der Biſchof in feinem bifchöflichen Theile, ebenſo verſuhr in der Anordnung und Beſtimmung ſolcher Verhaͤltniſſe auch der Deutſche Lehensmann in ſeinem Beſitzthum. Auch er that zur Gruͤndung von Doͤrfern eine beſtimmte Anzahl Zins⸗ huben auf ſeinem Gute aus, ſetzte den Schultheißen ein, be⸗ nannte die Freijahre, die Hoͤhe des Zinſes, ließ ſich den Zehn⸗ ten liefern u. ſ. w. So geſchah es z. B. von dem reichen Gutsbeſitzer in Pomeſanien, dem Ritter Dieterich Stange, als er die beiden Doͤrfer Brakau (damals Brocowe) und Lamprechtsdorf an der Liebe unfern von Marienwerder gruͤn⸗ dete 2). Außer den Preuſſen und den Deutſchen Einzoͤglingen wohnten in Preuſſen auch eingewanderte Polen und Pom⸗ mern. Sie beſchraͤnkten ſich indeſſen faſt einzig nur auf Po⸗ meſanien; nur einzelne ſiedelten ſich im Kulmerlande und in Pogeſanien an. Ueber die Verhaͤltniſſe der erſtern iſt früher ſchon geſprochen ). Die im Lande wohnenden Pommern, 1) Das Kapitel von Ermland ertheilt z. B. dem Preuſſen Labilo auf feinem Gute zwar plenam auctoritatem iudicandi maiora jiudicia et minora, tamen nostri capituli Advocato presente. 2) Die Original⸗Urkunde über Brakau im geh. Arch. Schiebl. XXII. Nr. 2. Ueber Lamprechtsdorf die Gruͤndungs⸗Urkunde im Fol. Privi- leg. Capituli Pomesan. p. XXVI. 3) S. oben B. U. S. 298 — 300. — Eine merkwuͤrdige Ver⸗ ſchreibung in Beziehung auf die Polen ertheilt der Landmeiſter Konrad Sack an zwei Polen, die Gebrüder Boguſch und Goſtko bei Schoͤnſee, wo fie einige Jahre das Dorf Kaufe jure Polonico beſeſſen hatten. Tandem de ipsorum bona voluntate et consensu fr. Otto Commen- dator in Schonensee eandem villam ad utilitatem ordinis cum sexa- ginta mansis iure theutonico locavit; er giebt dem Boguſch und deſſen Erben septem mansos liberos iure hereditario possidendos, wovon dieſer und feine Erben tam in nostris quam in extraneis partibus in armis levibus tenetur nostris fratribus deservire. In scainpno autem iudiciali quod Scheppenbanc dicitur non tenebitur sedere, quia no- stre domui necessitatis tempore die noctuque est servitiis obligatus. III. 31

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482 Der Deutſche Bauernſtand. öfter unter dem alten Namen Wenden oder Slaven vorkom⸗ mend, lebten im Allgemeinen in den naͤmlichen Verhältniffen, wie die Preuſſen; ſie ſtanden z. B. im Gerichtsweſen ebenſo unmittelbar unter dem Orden oder dem Vogte des Biſchofs!). Wirft man nun einen vergleichenden Blick auf das Ganze und ſtellt man die Verhaͤltniſſe und die Lage der Deutſchen Einzoͤglinge mit denen der Landeseingeborenen in Ruͤckſicht der Vorrechte, der Leiſtungen und Verpflichtungen der ver⸗ ſchiedenen Staͤnde zuſammen, ſo ſtehen im Allgemeinen die Withinge gleich den Deutſchen adeligen Lehensleuten 2); ihr angeſtammtes Erbgut erhebt ſie als Freiherren auf dieſem Gute ſelbſt noch uͤber dieſe. Ebenſo entſprechen die Preuſſi⸗ ſchen Freilehens-Leute und Koͤlmer im Ganzen den gemeinen Deutſchen Koͤlmern und es gleicht ſich ſomit in den hoͤheren Staͤnden zwiſchen Deutſchen und Preuſſen das Territorial⸗ Verhaͤltniß in feinen weſentlichen Beziehungen völlig aus. Nur im niedern Stande herrſchte Verſchiedenheit. Der Deut⸗ ſche Bauer ſtand ungleich freier da. Schon ſeine Stellung unter dem Schultheiß war bei weitem guͤnſtiger; er war zu keiner baͤuerlichen Arbeit oder zum Schaarwerk verpflichtet. Kein Deutſcher Dorfbewohner, der unter dem Schultheiß ſaß, leiſtete Kriegsdienſte; lieferte er jaͤhrlich ſeinen Zins und Zehnten und fuͤgte er ſich in die allgemeine Landesordnung, ſo durfte kein Ordensgebietiger ſeine Freiheit antaſten. Der Komthur wollte auch dem Goſtko 7 Huben in derſelben Art erthei⸗ len; weil dieſer aber iımpotens ad serviendum war und fie ablehnte, fo bekam er nur duos mansos hereditarie possidendos, von welchen er jährlich dimidiam marcam denariorum Culmensium et quatuor pullos entrichtete. Dann heißt es: Promisit etiam idem Gostko pro se et suis heredibus omnia jura facere et servare, que rustici dicte ville ſacere consueverunt. — 1) S. meine Geſchichte Marienburgs S. 26. 2) Es kommen Beiſpiele vor, wo ausdruͤcklich edle und vornehme Preuſſen den Deutſchen adeligen Lehensleuten gleich geſtellt werden; ſo wird der edle Macho in Pomeſanien in ſeinem Rechte gleich geſetzt den melioribus militibus Culmensibus, welche Deutſche waren.

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Achtes Kapitel. Städte und Buͤrgerthum. Preuſſen kannte noch keine Staͤdte, bevor der Orden an⸗ kam; alſo waren ſtaͤdtiſches Weſen und Buͤrgerthum für die alten Landesbewohner ganz neue Erſcheinungen, die ihnen Anfangs, wie es ſcheint, nicht beſonders zuſagten. Wie im alten Germanien gewoͤhnte auch hier der freie Sohn der Natur ſich ſchwer an Mauer und Wall. So fanden alſo die erſten Staͤdte in Preuſſen ihre Entſtehung ausſchließlich nur durch die Deutſchen Einzöglinge, indem ſich dieſe gemeinhin unter dem Schutze der Mauern einer Ordensburg und unter dem Schirm der bewaffneten Ritterſchaft anſiedelten !) und zu ihrem Unterhalte das zunaͤchſt umherliegende Land bebaue⸗ ten. Zur Gruͤndung einer Stadt waren wohl immer vor al⸗ lem zwei Bedingungen nothwendig; die eine, das Aeußere betreffend, war die Befeſtigung, die Umwallung und Um⸗ mauerung zu Schutz und Sicherheit?); die andere, das In⸗ nere betreffend, geht auf die urkundliche Feſtſtellung einer geregelten, beſtimmten Ordnung und Verfaſſung der Ver⸗ haͤltniſſe der Bewohner ſowohl unter ſich ſelbſt, als zur 1) Diefe erſten Anſiedler werden von den ſpaͤter hinzugekommenen Bewohnern durch den Ausdruck locatores unterſchieden. 2) Wenn daher Eichhorn a. a. O. B. II. S. 114 von den Deut- ſchen Städten ſagt: „Die Erbauung der Städte ift meiſt nichts anders als ihre Befeſtigung“, fo beftätigt ſich dieſes auch vollkommen durch das Entſtehen der meiſten Städte Preuſſens. 31 *

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484 Städte und Buͤrgerthum. Herrſchaft oder zum Oberherrn des Landes. Haͤlt man die⸗ ſes Beides feſt, ſo waren viele Staͤdte in Preuſſen in ihren erſten Anfängen oft ſchon kaͤngſt vorhanden, ehe fie noch als ſolche betrachtet werden konnten und ehe ſich ein Buͤrger⸗ thum und ein ſtaͤdtiſches Gemeinweſen aus ihrer Mitte her⸗ vorbildete. Durch die erwaͤhnte Anſiedelung Deutſcher Ein⸗ zöglinge unter dem Schutze einer Burg entſtanden die mei⸗ ſten Staͤdte zuerſt eigentlich nur als Doͤrfer und der erſte Schritt zur Erhebung einer Stadt geſchah immer erſt dann, wenn äußere Gefahren, wenn wiederholte Anfälle feindlicher Heerhaufen auf die Ordensburg die nahe angeſiedelten Be⸗ wohner veranlaßten, den angebauten Bezirk zu ihrer Sicher⸗ heit mit Wall und Mauer zu befeſtigen. So lag alſo in der Befeſtigung die erſte Gruͤndung der Stadt!). Das nahe Land war den Bewohnern ſolcher Orte in der Regel nur un⸗ ter der Bedingung zugewieſen, daß ſie die Burg in Gefah⸗ ren mit ſchuͤtzen und vertheidigen helfen ſollten und weil ſie ſomit ihr Beſitzthum meiſt als Burggut oder Burglehen be⸗ ſaßen, fo hießen fie ſelbſt auch Burgleute oder Bürger ). 1) Man muß daher, wie in Deutſchland (Eichhorn B. II. S. 43), auch hier die Burg (castrum) von der befeſtigten Stadt (civitas) weſentlich unterſcheiden, wenn gleich auch hier in den meiſten Staͤdten ſich beide neben einander fanden. 2) Sie werden Burgenses genannt, nicht Buͤrger in unſerem Sinne, ſondern ſolche, welche bei einer Burg in und zu deren Schutz wohnten. In dieſer Bedeutung kommt auch das Wort Cives in Urkunden vor, wo es nicht Burger einer Stadt heißen kann. Sehr deutlich ſpricht hierüber eine Stelle in einer Urkunde des Biſchofs Heinrich von Sams land vom J. 1268: Honestis viris Ludewico, Luperto, Appellanio, Johanni Hobant, Wernero magistro eorum cuilibet contulimus X mansos, de quibus predieti eives in Burchlehen tres libere posside- bunt, pro residuis vero singulis quilibet predietorum dimidiam mar- cam nobis annuatim in festo b. Martini pro censu tenebuntur assi- gnare. Insuper predicti cives apud castrum nostrum Schonewick habebunt residenciam corporalem, municiones et ecelesiam contra quemlibet eam inpugnantem tenentur fideliter defensare. Matrieul. Fischhus. p. XXXII. Dienſtleute, mit denen die Burgen beſetzt wa⸗ ren, ſind hier die Burgenses nicht, wie fie Eichhorn a. a. O. B. II.

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Städte und Bürgerthum. 485 Für den Schutz, den ihnen die Burg gewährte, entrichteten ſie an die Burgherren ein ſ. g. Wartlohn und ein beſtimm⸗ tes Maaß Getreide oder Wartkorn n). Schon der Umſtand, daß dieſe Leiſtungen erlaſſen wurden, ſobald der Ort zur Stadt erhoben ward ?), ſpricht fir dieſe ausgeſprochene erſte Geſtaltung der Dinge. So oſt mehre Jahre hindurch in doͤrflicher Weiſe lebend, bildeten die Bewohner auch ihre in⸗ neren Verhaͤltniſſe im doͤrflichen Character aus. Wie im Dorfe, ſo ſtand auch hier ein Schultheiß, ſelten in der er⸗ ſten Zeit Meiſter genannt ), an der Spitze der Gemeine, und in der bürgerlichen Ordnung und Verſaſſung der jungen Stadt ſteht oft viele Jahre lang noch das Bild eines Dor⸗ fes da. Dieſer doͤrfliche Character des inneren Lebens blieb aber auch dann noch vorherrſchend und bildete die Grundlage der S. 43 anführt; vielmehr find hier cives nur die oben bezeichneten Schutzbewohner, bie für ihre Verpflichtung die ſeuda castrensia beſaßen. Dieß beſtaͤtigt ſich noch vorzuͤglich dadurch, daß eine eigentliche Stadt bei der Burg Schoͤnewick erſt im J. 1305 vom Biſchof Siegfried ge⸗ gruͤndet wurde, in deſſen Privilegium es heißt: Nos communicato con- silio et consensu expresso nostri Capituli apud nostrum castrum Scho- newick Civitatem construximus, in qua Cives scu burgenses supra quadraginta areas collocamus. Hier find die Cives seu burgenses erſt eigentliche Stadtbewohner. 2 1) Pretium speculatorum, quod vulgo Wartlon dicitur et men- sura aratri, quod apud vulgum dieitur Wartkorn, fo im Bartenſtei⸗ niſchen, Kreuzburgiſchen u. a. Privilegien. Das pretium speculatorum iſt ohne Zweifel das nämliche, was ſonſt auch pretium custodie heißt. So kommt in einer Verſchreibung des Biſchofs Heinrich von Pomeſa⸗ nien vor: Insuper predictum Alganden de mensura Episcopali et a pretio custodie de sua agricultura reddimus absolutwn. Es war alfo eine Landſteuer, welche auch bie burgenses krugen, fo lange fie nicht Stadtbuͤrger waren. Verwendet wurde fie zur Unterhaltung der Wart⸗ leute, bie in Alnpecks Reim-Chronik fo oft vorkommen und meiſt die Stellung und Zuͤge der Feinde auskundſchaften mußten. 2) So z. B. iu Bartenſteiniſchen und Kreuzburgiſchen Privilegium. 3) Das einfache Magister kommt nur zuweilen vor; ſelten oder nie bie Zuſammenſtellung Civium magister.

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486 Städte und Buͤrgerthum. buͤrgerlichſtaͤdtiſchen Verfaſſung, wenn der Bezirk der Burg⸗ gemeine zur eigentlichen Stadt erhoben, das heißt wenn das Gemeinweſen in ein eigentliches Buͤrgerthum umgewandelt wurde, gleichſam der zweite Schritt zur Staͤdtegruͤndung. Dieſes geſchah gemeinhin dadurch, daß durch ein vom Land⸗ meiſter, von einem Biſchofe oder wohl auch bisweilen von einem Komthur !) ausgeſtelltes Privilegium die ſchon zuſam⸗ menlebende Gemeine fuͤr eine Stadtgemeine erklaͤrt und ihr die Rechte und die Verfaſſung zuertheilt wurden, die man als ſtaͤdtiſche Rechte und Verfaſſung anſah. Gewoͤhnlich wurde zunächft das Recht beſtimmt, deſſen die Stadt in ihren verſchiedenen Verhaͤltniſſen forthin genießen ſollte. „Da es zu den Eigenheiten der ſtaͤdtiſchen Verfaſſung gerechnet wer⸗ den mußte, daß jede Stadt eine beſondere Juſtiz- und Po⸗ liceiverfaſſung, ja eine wenigſtens der Form nach beſondere Geſetzgebung habe, fo war es natuͤrlich, daß in das ſoge⸗ nannte Stadtrecht der neuen Stadt auch ſehr haͤufig etwas über dieſe Gegenſtaͤnde eingeruͤckt wurde. So erhielt alſo die neue Stadt oft gleich ein eigentliches Stadtrecht, welches faſt immer von einer andern Stadt hergenommen wurde, in welches aber der Landesherr auch wohl von ihm herruͤhrende Beſtimmungen aufnahm ).“ Manchen Städten, wie Koͤ⸗ nigsberg, Kreuzburg, Fiſchhauſen, Bartenſtein, Preuſſiſch⸗ Holland, Rheden u. a. wurde das Kulmiſche Recht er⸗ theilt); anderen wie z. B. Chriſtburg ward im Gerichts⸗ 1) Die Fälle find ſelten, daß Komthure Gruͤndungs⸗ Privilegien von Staͤdten ausſtellen; es geſchah z. B. bei der Stadt Mohrungen, bei deren Gruͤndung der Komthur von Elbing das erſte Privilegium giebt. 2) Eichhorn a. a. O. B. II. S. 167. 8) So heißt es z. B. im Privilegium von Fiſchhauſen: Hane in- dulgemus perpetualiter libertatem, ut in iudicibus eligendis, in sen- tentiis ferendis, mulctis sive penis iudicialibus infligendis et aliis quibuscunque habeant jus civitatis Culmensis et eo libere utantur, nur mit Ausnahme des Gerichts über Preuſſen. Auf das Kulmiſche Stadtrecht legte man immer einen beſondern Werth. So heißt es im Privilegium von Mehlſack: Sane inter Jura municipalia civibus con-

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Städte und Bürgerthum. 487 verfahren namentlich das Magdeburgiſche Recht zugewieſen; einigen, wie Elbing, Frauenburg und Braunsberg ertheilte man das Luͤbeckiſche Recht, doch mit der Beſchraͤnkung, daß in allem, was ſich in dieſem Rechte nicht mit dem Intereſſe des Ordens oder der Landesordnung vereinigen laſſe, Ver⸗ änderungen und Verbeſſerungen vorgenommen werden ſoll⸗ ten ). Ferner wurde das Stadtgebiet in Ruͤckſicht des ſtaͤd⸗ tiſchen Beſitzthums nach ſeinen Graͤnzen genau bezeichnet und die Hubenzahl genannt, welche die Stadt entweder zinsfrei oder zinspflichtig beſitzen ſolle. Da es in Preuſſen um dieſe Zeit faſt keine einzige Stadt gab, die nicht ein ſolches ſtaͤd⸗ tiſches Landgebiet erhielt, ſo wurden auch hier die Staͤdte urſpruͤnglich auf dem Fundament gegruͤndet, auf welchem im Mittelalter alle Inſtitute der menſchlichen Geſellſchaft fußten, nämlich auf Grundbeſitz. Hier aber erwarben ſich dieſen die Städte nicht erſt allmaͤhlig, wie in Deutſchland 2), ſondern ſie entſtanden als Staͤdte immer ſogleich mit dem Beſitze dieſes ſtaͤdtiſchen Landgebietes. An der Spitze der ſtaͤdtiſchen Gemeine ſtand in der Re⸗ gel ein Schultheiß. Wie in der Staͤdteverfaſſung Deutſch⸗ cessa Jus Culmense in Prussia precipuum reputatur, eo quod sub regimine Juris Ulius Civitates in populo, honore, divitiis multiplex recipiunt incrementum. 1) Im Privilegium von Braunsberg vom J. 1284 wird ausdruͤck⸗ lich geſagt: Jure Lubicensi hoc est eo jure videlicet, quod est in ci- vitate Lubig dicta. Im Privilegium von Elbing wird aber hinzuge⸗ fügt: Civibus iura quae sunt in Lubecko concessimus, ita tamen ut quiequid sit contra Deum et domum nostram, Civitateın et ter- ram, penitus sit exclusum, loco cuius secundum fratrum consilium et civium et aliorum consilium discretorum statuetur aliud, quod do- mui nostrae et terrae et Civitati visum fuerit expedire. S. Grid: ton Beiträge zur Preuff. Geſchichte S. 16. 2) Eichhorn a. a. O. B. II. S. 112. — Das Stadtgebiet hieß Stadtfeld, campus civitatis. Leute, die auf dem Stadtfelde wohnten, nicht aber zur engern ftädtifchen Gemeine gehoͤrten, werden von den Bürgern durch die Wörter incolae, Rustici und homines civitatis un- terſchieden; in Ruͤckſicht der Abgaben ſtanden fie den Buͤrgern meiſt gleich. Es waren Pfahl, Gras- oder Feldbuͤrger.

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488 Städte und Bürgerthum. lands, fo war er auch in den Städten Preuſſens der ei- gentliche Ober⸗Beamte für die bürgerliche Rechtspflege, und hatte vorzugsweiſe die taͤglichen bürgerlichen Rechtshaͤndel !) zu erledigen. War er aus der Burg- oder Dorfgemeine mit einer Anzahl Freihuben in die Stadtgemeine uͤbergegangen, fo wurden ihm ſolche nebft feinem Amte aufs neue beſtaͤ⸗ tigt 2). Manchen Städten ſetzte der Orden ſelbſt ihre erſten Schultheiße mit dem Rechte der Erblichkeit ihres Amtes auf ihre rechtmäßigen Nachkommen; in dieſem Falle dauerte alfo das Schultheißen-Amt auf Lebenszeit, ſo in den Staͤdten Kreuzburg, Allenſtein, Mohrungen, Rheden, Mewe ) u. a. Andern Staͤdten, wie Bartenſtein, Frauenburg wurde das Recht ertheilt, alljaͤhrlich ihren Schultheiß aus ihrer Mitte ſelbſt neu erwaͤhlen zu duͤrfen, doch ſtets mit Einwilligung und Beſtaͤtigung des Ordens oder des Biſchofs ?). In eini⸗ gen biſchoͤflichen Staͤdten, wie in Rieſenburg und Biſchofs⸗ werder behielt ſich der Biſchof die jaͤhrlich neue Anſtellung 1) Sie hießen Culpae quotidianae, culpae minores, excessus mi- nores oder quotidiani. S. Kulm. Handfeſte. Huͤllmann Stäbtewefen des Mittelalters B. II. S. 355 — 356. 2) „De quibus mansis “, heißt es dann in den ſtaͤdtiſchen Privile⸗ gien, „Seultetns civitatis et sui heredes ac posteri pro labore loca- tionis sue quinque mansos ab omni censu liberos perpetue posside- bunt; fo in Kreuzburg, Allenſtein, Rheden u. f. w.> In Mohrungen hatte der Schultheiß zehn Freihuben. — Alſo war, wie in Deutſch⸗ land, auch in Preuſſen das Amt des Schultheißen im erblichen Lehens⸗ beſitze; ſ. Hüllmann a. a. O. B. II. S. 358 — 3593 ſelbſt nicht ſelten auch in den Händen adeliger Familien. 3) S. die Handfeſte von Mewe in Preuſſ. Lieferung. B. I. S. 291. 4) Privilegium von Bartenſtein: Singulis autem annis unum Scul- tetum cives eligent consilio fratrum accedente. In einem andern heißt es: Adicientes collacioni nostre de consulum et civium conni- vencia, quod annis singulis eo tempore, quo mutari consueverunt consules Scultetus secundum nostrum beneplacitum eligatur vel eius, qui est, si nobis placuerit, institutio innovetur. In Braunsberg war die Wahl ganz frei. Die Bürger erhalten das Recht: ut Scultetum, Scabinos, Consules, Seniores, nobis irrequisitis possint eligere, sta- tuere, destituere prout ipsis seu Civitati videbitur expedire.

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Staͤdte und Buͤrgerthum. 489 des Schultheißen vor!). In Städten, die nicht aus einer Dorf⸗ oder Burggemeine hervorgingen, ſondern ihre Gruͤn⸗ dung dem Orden unmittelbar verdankten, ward zur Be⸗ ſetzung der angewieſenen ſtaͤdtiſchen Huben vom Orden bald ein Schultheiß, bald ein Stadtrichter eingeſetzt, welche nicht bloß das Gericht pflegen, ſondern uͤberhaupt die ganze erſte ſtaͤdtiſche Ordnung und Verfaſſung ins Leben führen muß: ten, ſo in Marienburg, wo zuerſt ein Stadtrichter, dann ſpaͤter ein Stadt⸗ Schultheiß erſcheint 2), ebenſo in Preuſſiſch-Hol⸗ land, von Einzoͤglingen aus Holland gegründet’). Wo das Schultheißen-Amt, wie in den Dörfern, erblich war, konnte es wie dort ſo auch hier veraͤußert, ja ſelbſt an einen Ein⸗ wohner einer andern Stadt verkauft werden. Ein merkwuͤr⸗ diges Beiſpiel hievon giebt die Stadt Mehlſack, ehemals im Altpreuſſiſchen Malcekuke genannt, (denn der heutige Name iſt nur eine Verſtuͤmmelung des alten Malcekuke) „), deren Gruͤnder und erſter Schultheiß Dieterich von Lichtenfelde war. Von ihm aber ging das Schultheißen-Amt durch Verkauf an den Wollweber Heinrich, Buͤrger in Preuſſiſch-Holland uͤber und von dieſem kaufte es wieder ein ehemaliger Buͤr⸗ ger aus Preuſſ. Holland Friederich mit Zuſtimmung des Dr: 1) Privilegium von Rieſenburg: Judicium civitatis nobis reser- vamus et ecclesie, providendo annuatim de Scultelo, prout nobis placuerit et utilitati congruit civitatis. Ebenſo im Privilegium von Biſchofswerder. ‘ 2) S. meine Geſchichte Marienburgs S. 25. 3) Im Privilegium von Preuſſ. Holland, wo es uͤber die Gruͤn⸗ dung der Stadt heißt: Nos de consilio et consensu fratrum nostro- rum fundavimus civitatem in territorio Pazlok iure Culmensi, quam sccundum primos locatores, qui de Hollandia venerant, Holland ap- pellavimus, wird ebenfalls zuerſt ein iudex civitatis, dieſer aber nicht Scultetus genannt. 4) Privilegium von Mehlſack: Civitas nostra sita cum centum viginti et uno mansis ad se spectantibus in quodam nostro territorio Malcekuke prutenice, quod sonat teutunice Melzag dicto et nomine ipsius territorii Melzag vocata. Hier werden auch die Umſtaͤnde der Veräußerung der Scultetia erzählt.

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490 Städte und Buͤrgerthum. dens. Ging ein Schultheiß wegen Vergehungen oder in ans derer Weiſe ſeines Amtes verluſtig, ſo fiel es an den Orden zuruͤck, der es dann wieder verkaufte. Außer dem Schultheißen finden wir aber in den Staͤd⸗ ten theils als Juſtiz⸗ theils als Policeibehoͤrden auch Con⸗ ſuln, Richter, Aelteſte, Meiſter der Conſuln und Schoppen. Was zuerſt das ſtaͤdtiſche Amt der Richter betrifft, ſo gab es Stadtrichter, Erbrichter und Richter überhaupt). Das Amt der Stadtrichter war dem Namen nach aͤlter als das Amt der Schultheißen; dieſes letztere kennt die Kulmiſche Handfeſte erſt in ihrer Erneuerung 2). Das Weſen und die Bedeutung beider Aemter waren im Ganzen gleich. Wo kein Schultheiß ſaß, ſtand an ſeiner Stelle ein Stadtrichter; nur in größeren Städten, wie in Elbing und Königsberg beſchaͤftigte die größere Zahl der Gerichtsfälle zu gleicher Zeit einen Schultheiß und einen Stadtrichter?). Wie aber auch in Deutſchen Städten und in früherer Zeit die Schultheißen⸗ und Richterwuͤrden häufig mit einander wechfelten *), fo ging auch in Preuſſen der Name des Stadtrichters nicht ſelten in den des Schultheißen uͤber; in der Regel geſchah dieſes dann, wenn die jaͤhrliche Wahl des Stadtrichters aufgehoben und das Amt erblich einem Schultheißen uͤberwieſen wurde. Das Amt des Stadtrichters ſcheint nie erbliches Lehenamt⸗) und eben ſo wenig mit dem Beſitze einer Anzahl Freihuben ver⸗ bunden geweſen zu ſeyn, vielmehr mit jedem Jahre geendigt 1) Es werden in Urkunden deutlich unterſchieden iudex civitatis, iudex hereditarius (iudicium hereditarium) und iudices als verſchieden vom iudex civitatis. 2) Die Kulmiſche Handfeſte nennt als ſtaͤdtiſche Behoͤrden nur Ju- dices et Consules; erſt in der Erneuerung von 1251 kommen unter den Zeugen Sculteti vor. 8) Crichton Beiträge zur Preuſſ. Geſchichte S. 16 — 17. 4) Eichhorn Zeitſchrift für geſchichtl. Rechtswiſſenſch. B. I. S. 170 ff. Hermes B. XXIX. 2. Hft. S. 291. XXX. Hft 1. S. 34. 5) Ein ſolches erbliches Lehenamt war das des Schultheißen eben fo, wie in vielen Stäbten Deutſchlands. Huͤllmann Staͤdteweſen des Mittelalters B. II. S. 858 — 339.

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Städte und Bürgerthum. 491 zu haben. Nur in Städten, die Luͤbeckiſches Recht genoffen, ſtand neben dem Schultheißen ein beſonderer Erbrichter, deſ⸗ ſen Amt vom Vater zum Sohn uͤberging, ſo in Elbing und Braunsberg. Der Schultheiß oder der Stadtrichter ſtand jeder Zeit an der Spitze des Stadtgerichtes. Beſetzt war dieſes Ge⸗ richt von ſtaͤdtiſchen Beamten, welche Conſuln, Richter und Schoppen hießen !). Wie in Deutſchen Städten fo waren auch hier die ſtaͤdtiſchen Conſuln nichts anders als Richter und Beiſitzer zur Verwaltung des Gemeinegutes 2). Als Richter bildeten ſie das Tribunal des Stadtgerichtes, in wel⸗ chem der Schultheiß den Vorſitz fuͤhrte ?), als Beiſitzer zur Verwaltung des Gemeinegutes den Rath der Stadt, in wel⸗ chem ohne Zweifel auch die Aelteſten und Schoͤppen ſaßen. Zu ihrer Berathung und Entſcheidung kam alles, was nur irgend das ſtaͤdtiſche Gemeinweſen betreffen mochte, Handel und Wandel, Richtigkeit des Maaßes und Gewichtes; ſie 1) Scultetus, Scabini, Consules et Seniores kommen in dieſer Verbindung im Privilegium von Braunsberg vor; in andern Staͤdten, wie in Rheden bloß Consules und Scabini. 2) Als ſolche betrachtet ſie in Deutſchen Staͤdten auch Mitter⸗ maier in der Encyclopaͤdie der Wiſſenſch. und Kuͤnſte B. XIII. S. 865, und widerlegt die Meinung, daß darunter Buͤrgermeiſter zu ver⸗ ſtehen ſeyen. Neumann in ſ. Abhandlung uͤber Entſtehung und Aus⸗ bildung des Staͤdteweſens im Mittelalter im Hermes B. XXIX. 2. Hft. S. 295 nennt ſie als Beamte, die ſich mit den inneren Angelegenheiten der zinspflichtigen Gemeine, mit dem Markt⸗ und Policeigerichte be: faßt haben. In Freiburg im Breisgau fuͤhrten 24 Conſuln die Aufſicht über Maaß und Gewicht. Vgl. Henke Zeitſchrift für geſchichtl. Rechts: wiſſenſch. B. III. S. 208. Eichhorn Deutſche Staats- und Rechts⸗ geſch. B. II. S. 109 — 110. Auch hier in Preuſſen kennt ſchon die Kulmiſche Handfeſte ſie nicht anders als Richter und Rathmannen, wie ſchon die Stelle beweiſet: Si vero aliquis dubietatis serupulus de iure iudiciario vel de iuris iudieiaris gententiis Civitatibus emerserit, in eisdem idem articulus a Culmensis Civitatis Consulibus requiratur. 3) Judex infra Tribunal, wie es in der Kulm. Handfeſte heißt, wo die Judices und Consules die Beiſitzer ſind.

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492 Staͤdte und Buͤrgerthum. waren alſo zugleich das Markt: und Policeigericht !). Sie fuͤhrten mit dem Stadtrichter die Aufſicht uͤber Tag⸗ und Nachtwachen, uͤber das richtige Einkommen der ſtaͤdtiſchen Abgaben und Gefälle. Ueber einzelne Gegenflände z. B. uͤber Bruͤcken⸗ und Faͤhrgeld konnten ſie nur mit Beirath der Ordensritter der nahen Burg entſcheiden 2). Aus der Zahl der Conſuln oder überhaupt aus dem Gemeinderath bildete der Schultheiß feine Schoͤppen ); aus dieſen wurden die Gerichts⸗ oder Schoͤppenbaͤnke beſetzt, deren in mancher Stadt mehre, unter andern in Elbing vier waren?). Konnte das Recht von den Richtern oder Schoͤppen nicht gefunden werden oder erhob ſich Zweifel und Bedenklichkeit in einem Gerichtsfalle, fo wurde ein Urtheil aus Kulm geholt 5). 1) Im Privilegium von Rheden kommt vor: Preterea consules cligere et schabinos statuere ac de falsitate iniquorum ponderum seu mensurarum iniustarum et venditione iniusta vietualium et potuum predicte civitati ex speciali gratia iudicare iuxta Colmiense iudicium indulgemus. 2) Kulm. Handfeſte: Fratres de consilio Judicum et Consulum earundem Civitatum naulum statuunt. 3) Wie in Deutſchen Städten, ſ. Eichhorn a. a. O. B. II. S. 385. In einzelnen Städten ſcheint jedoch die Gemeine ſelbſt unmittel⸗ bar die Schoppen als ſolche gewählt zu haben. Im Privilegium von Leſſen heißt es: In eligendis schabinis civitatis volumns, ut octo de civitate et de villa predicta quatuor eligantur. 4) Privilegium von Elbing: Ne pro sententiis repreliensis lon- gas vias ad correctionem ipsarum facere compellantur, sancimus, ut ipsa correctio fiat infra quatuor scamna iudicalia, secundum consi- lium domus nostrae. Vgl. oben S. 481. Anmerk. 3. Die Schöppen- bank konnte wohl ohne Zweifel nur von scabinis, nicht von consulibus beſetzt ſeyn; dieſe fanden das Recht und zum Amte der Scabinen ge- hörte die correctio sententiarum reprehensarum. Daher ſind die Con- sules civitatis und die Scabini nicht in allen Beziehungen die naͤmli chen, wie Sartorius Geſchichte des Hanſ. Bundes B. I. S. 34 will. 5) Kulm. Handfeſte. Im Privilegium von Biſchofswerder heißt es: Ceterum si de aliqua sententia iudiciaria illata vel interenda all- quod dubium emerserit, volumus quod de hoc dubio nostra Civitas videlicet Insula saucte Marie specialiter cunsulatur. Diefe Beſtim⸗ mung gab der Pomeſaniſche Biſchof.

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Städte und Buͤrgerthum. 493 Hatte die Stadt Kulmifches Recht und war dem Schulthei⸗ ßen ſein Amt auf dieſes Recht verliehen, ſo bezog ſich dieſes nicht bloß auf den Gerichtsgang und die gerichtliche Form, ſondern auch auf die Graͤnzen der Gerichtspflege und wo nicht erbliche Schultheißen oder Erbrichter ſaßen, auch auf die Richterwahl 1). Was die Graͤnzen der ſtaͤdtiſchen Gerichtsbarkeit betrifft, ſo erſtreckten ſich dieſe wie in den Deutſchen Dorfgemeinen ſtets auch nur auf die Deutſchen Buͤrger der Stadtgemeine. Wohnten auch Preuſſen, Polen oder Slaven in der Stadt oder auf dem Stadtbezirke, fo richtete Über fie in Vergehun⸗ gen eines Preuſſen gegen einen Preuſſen der Komthur und Convent des nahen Ordenshauſes oder der Vogt der Land: ſchaft oder des Biſchofs. Daſſelbe galt auch von dem Ge⸗ ſinde, der Dienerſchaft, ſo wie von allen, welche unmittelbar zum Ordenshauſe gehoͤrten. Nur in Vergehungen eines Preuſſen, eines Slaven oder eines Burggeſindes gegen ei⸗ nen Bürger oder Deutſchen trat der Stadtrichter ein ?). Nur in einigen Ausnahmen waren Preuſſen auch dem ſtaͤdti⸗ ſchen Gerichte unterworfen ?). Ein Preuſſe oder Pole ſuchte 1) Privilegium von Mewe in Preuſſ. Lieferung. B. I. S. 291 und fo im Privilegium von Preuſſ. Holland, wo es heißt: Conferimus eivitatis habitatoribus wudieia secundum ius Colmense. Noch deut⸗ licher im Privilegium von Fiſchhauſen, ſ. oben S. 486. Anmerk. 3. 2) Privilegium der Altſtadt Koͤnigsberg: Volumus siqufdem sta- tuentes, ut si Prutheni vel Sambite nostri homines seu cuiuscumque conditionis de familia nostre domus ex quacunque causa se in pre- fata civitate mutno offenderint, vulneraverint aut occiderint, vel quicquam aliud iudicio dignum commiserint, a nemine quam a no- stris fratribus debeat iudicari. Si autem Pruthenus aut Sambita seu cuiuseungue conditionis homo de nostra familia aliquem civem vel yuempiam Theutonicum in predieta civitate occiderit, vulneraverit, percusserit aut verbis offenderit, talis offensa sive excessus indice- tur per predicte judicem civitatis. Eben fo im Privilegium von Fiſch⸗ haufen, nur daß im erſtern Falle der Vogt des Biſchofs das Gericht uͤbte, im letztern Falle aber der Schultheiß oder Stadtrichter (iudicatur a Sculteto sive iudice civitatis.) 3) Dahin gehört eine merkwürdige Stelle im Privilegium von Bar⸗

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494 Städte und Bürgerthum. in einer Klage gegen einen Deutſchen fein Recht bei dem Stadtrichter; ein Deutſcher dagegen in einer Klage gegen ei⸗ nen Preuſſen oder Polen das feinige bei den Ordensrittern!). Demnach fielen auch die Gerichtsgefaͤlle, deren Beſtimmung ſich der Orden oft allein vorbehielt, theils dem Ordenshauſe, theils dem Schultheißen, theils der Stadt zu?). Das hohe Gericht durfte der Schultheiß nicht ohne Wiſſen und Willen der Ordensgebietiger üben ). Was die Anſtellung dieſer ſtaͤdtiſchen Behoͤrden betrifft, ſo war, wie ſchon erwaͤhnt iſt, in manchen Staͤdten das Schultheißenamt im erblichen Lehensbeſitze und in einzelnen auch das Amt des Stadtrichters erblich. Andern Staͤdten dagegen ertheilte der Orden das Recht, ihren Schultheißen, ihre Richter, Conſuln, Schoppen und Aelteſten alljährlich aus ihrer Mitte ſelbſt zu waͤhlen oder im Laufe des Amtes auch zu entlaſſen und abzuſetzen, doch ſtets nur mit Einwilligung und Beſtätigung des Ordens). In Städten, die mit Kul⸗ tenſtein: Excessus Pruthenorum immediate sub fratribus existentibus penitus (cives) non habebunt iudicare, sed si Pruteni sub regibus prutenicalibus residentes et alii Pruteni advene advenientes in supra dieto civitatis iudicio excesserint seu duxerint contendendum, cives ipsius civitatis ipsam causam prout justum fuerit, iudicabunt. 1) Privilegium von Preuff. Holland: Item si Prutheni vel Po- ljoni sen quicunque Slavice lingue inter se discordaverint vel exces- serint in civitate predieta vel bonis eius, iudicium hoc fratrum no- strorum examini supponimus et quitquit de eodem iudicio derivatur. Sed si quisquam predietorum de Theutonico habeat, quacunque de causa fuerit, querulari, iudicium hoc requirat a judice civitatis. Econtra si teutonicus contra quempiam predictorum quitquam cause habuerit vel querele, hoc a nostris fratribus iudicetur. Vergl. das Privileg. von Marienburg in meiner Geſchichte Marienburgs ©. 516 und das Privileg. von Mewe in Preuff. Liefer. B. I. S. 291. 2) Privilegium von Elbing in Crichton Beiträge zur Preuſſ. Geſchichte S. 16. 3) Schon nach der Kulm. Handfeſte. Im Privilegium von Kreuz⸗ burg heißt es noch ausdruͤcklich: Debet eciam idem scultetus sine scitu et volnntate fratrum ad vite privationem vel membrorum mutilacio- nem neminem iudicjaliter condempnare. 4) Privilegium von Frauenburg: Adicientes collacioni nostre de

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Staͤdte und Buͤrgerthum. 495 miſchem Rechte bewidmet waren, übten die Bürger auch all⸗ jährlich das Recht der ſelbſteigenen Richterwahl, denn dieſes Recht ſetzte ſchon die Kulmiſche Handfeſte n). Wo Lübecki⸗ ſches Recht galt, wurde die freie Schultheißen⸗, Richter⸗ und Schoͤppenwahl vom Landesherrn ausdruͤcklich bewilligt, ſo in Elbing und Braunsberg 2). Zuweilen war die Wahl ganz unbeſchraͤnkt und ſelbſt die Zuſtimmung des Landesherrn nicht nothwendig). Was alſo die Städte in Deutſchland zum Theil erſt durch lange und harte Fehden und Kaͤmpfe fuͤr ſich erringen mußten, die freie Magiſtratswahl, erhielten die Staͤdte Preuſſens in der Regel gleich Anfangs von ih⸗ rem Landesherrn ſelbſt zugeſtanden, denn nur in einzelnen biſchoͤflichen Staͤdten ſtellte der Biſchof die ſtaͤdtiſchen Behoͤr⸗ den ſelbſt an?). Streng wachte der Orden über die Auf consulum et civium connivencia, quod annis singulis eo tempore, quo mutari consueverunt consules, Scultetus secundum nostrum be- neplacitum eligatur vel eius qui est, si nobis placuerit, institutio innovetur. In einem andern Privilegium von Frauenburg heißt es: Volumus eciam, ut consules, Seniores Magistrosve consulum annis singulis statuere, destituere aut aliquas constitutiones edere non de- beant sine nostro consilio et consensu. Dieſes iſt das einzige uns bes kannte Beiſpiel, wo in Preuſſen im 13. Jahrhundert Magistri consu- lum vorkommen, welche Mittermaier in der Encyclopaͤd. der Wiſ⸗ ſenſchaften und Kuͤnſte B. XIII. S. 365 für Buͤrgermeiſter nimmt. Auch Bartenſtein hatte eine freie Schultheißen⸗Wahl; ſ. oben S. 491, Anmerk. 3. 1) S. Kulm. Handfeſte bei Hartknoch p. 454. 2) Die Elbinger erhielten im J. 1288 „die Gewalt, das ire Rath⸗ leute kieſen moͤgen jährlich einen ſolchen Richter, den die Bruͤder lie⸗ ben.“ Alſo geſchah hier die Richterwahl durch den Rath der Stadt. S. Crichton a. a. O. S. 28. Preuſſ. Sammlung B. II. S. 444. Die Braunsberger bekommen das Recht, ut schultetum, schabinos, consules, seniores nobis irrequisitis possint eligere, statuere, desti- tuere prout ipsis sive civitati videbitur expedire. 3) Wie in Braunsberg. 4) So ſagt z. B. der Pomeſaniſche Biſchof im Privilegium von Rieſenburg: Judicium Civitatis nobis reservamus et ecclesie, provi- dendo annuatim de Sculteto, prout nobis placuerit et utilitati con- Eruit civitati.

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496 Städte und Buͤrgerthum. rechthaltung der von dieſen Behoͤrden ausgehenden ſtaͤdtiſchen Ordnung. Es durſten keine ſtaͤdtiſchen Geſetze, Gewohnheits⸗ rechte oder ſogenannte Willkuͤhren entworfen und eingefuͤhrt werden weder in noch außerhalb der Stadt ohne des Land⸗ meiſters oder des Biſchofs Beirath und Genehmigung 1). Die größere Zahl der Bürger waren Anfangs bei dem Widerwillen der Preuſſen gegen das ſtaͤdtiſche Leben wohl in den meiſten Staͤdten Deutſche, theils ſolche, die ſchon vor⸗ her in der Naͤhe der ſchuͤtzenden Ordensburg gewohnt und bei der Gruͤndung der Stadt den Buͤrgernamen erhalten hat⸗ ten, theils auch ſolche, welche durch die Kriegsſtuͤrme von ihrem laͤndlichen Beſitzthum vertrieben in die Stadt geflüchtet waren. So geſchah, daß hie und da durch den Krieg ver= ſcheucht ſich auch viele Landadelige in die Städte zogen, da anbauten und in die Verwaltung ſtaͤdtiſcher Aemter traten, woher es kommt, daß ſchon zu Ende des dreizehnten Jahr⸗ hunderts eine ſo bedeutende Zahl adeliger Familien unter den Bürgern als Gemeine-Glieder in den Städten wohnten 2). Ueberfuͤllte ſich eine Stadt mit Bewohnern und wurde der Raum zu neuen Gebaͤuden zu beſchraͤnkt, ſo ſiedelten ſich neue Bewohner, welche Zufall oder Abſicht herbeifuͤhrte, als Beiſaſſen außerhalb der Mauern der Stadt an, bis ihre Zahl 1) Privilegium von Preuſſiſch-Holland: Volumus eciam, ul nul- las consuetudines, que Wilkore vocantur, inter se statuant tam in civitate, quam extra nisi nostro consensu et consilio mediante. Pri⸗ vilegium von Allenſtein: Insuper statuimus, quod consules seu incole civitatis nulla statuta seu consuetudines, que Wilkör dicuntur, sta- tunnt aut electionem consulum aut alia quecunque ardua ipsam Ci- vitatem seu alia quecunque contingentia faciant sine nostrum requi- sitione et consensu. Ebenſo in den Privilegien von Mohrungen, Preuſſ. Holland u. a. In manchen Privilegien, z. B. in dem von Brauns⸗ berg, wird des Rechtes der Willkuͤhr gar nicht weiter erwaͤhnt. 2) So wohnten z. B. in Kulm ſchon im 13. Jahrhundert als Buͤr⸗ ger Ertmar von Heriken, Hertger von Banow, Dieterich von Drere, Otto von Heimſode, Tilemann von Palſode, Friederich von Steinhaus, Friederich von Wildenberg. Daher in der Kulm. Handfeſte auch Cives et ſeodales. Vgl. Eichhorn a. a. O. B. II. S. 44.

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Städte und Bürgerthum. 497 fo groß ward, daß eine neue Stadt daraus hervorging und der Landesherr ſie mit dem Rechte der Altſtadt bewidmete, bald ihr einige Freiheiten mehr, bald einige weniger verlieh und überhaupt die ſtaͤdtiſche Ordnung und Verwaltung vor⸗ ſchrieb. So entſtanden die Neuſtaͤdte an der Seite der Alt⸗ ſtaͤdte, wie jetzt ſchon bei Thorn u. a. ). Was den Grundbeſitz der ftädtifchen Feldmark betrifft, ſo war ein Theil deſſelben in der Regel zins- und zehnt⸗ frei 2); dahin gehörte unter andern das Weideland und au⸗ ßer den Huben des Schultheißen auch die Pfarrhuben. Die Größe dieſes zins- und zehntfreien Landes war unter den Staͤdten immer ſehr verſchieden, ſo daß die eine zuwei⸗ len nur zwei Zehntheile einer andern beſaß ). Das Ue⸗ brige der ſtaͤdtiſchen Feldmark war zins- und zehntpflichtig!); von ihm fiel ein Zehnte an den Pfarrer und ein beſtimmter Zins und Zehnte an das naͤchſte Ordenshaus oder an den Biſchof?). In dem Maaße des Zehnten und in der Höhe des Zinſes herrſchte indeſſen keine durchgehende Gleichheit e). 1) Zernecke Thorn. Chron. S. 13 — 14. 2) Die ſtaͤdtiſchen Mansi liberi. 3) So erhielt z. B. Braunsberg 100 Freihuben pro pascuis et commodo utilitatis; Mohrungen dagegen hatte nur 20 Freihuben pro communi usu civitatis; Preuſſ. Holland 14 mansos liberos ad pascua pecorum und 4 Freihuben für den Pfarrer. 4) Die ſtaͤdtiſchen Mausi censuales. 5) Im Privilegium von Preuſſ. Holland heißt es über den doppel⸗ ten Zehnten: Una mensura siliginis et una mensura avene, que dande sunt annuatim plebano a parochialibus civitatis de quolibet manso censuali; de residuis vero centum et viginti uno mansis censualibus possessores eorum de quolibet manso dimidiam marcam denariorum et quatuor pullos, et de quolibet aratro duas mensuras, unam vi- delicet tritici et unam siliginis et de quolibet unco unam mensuram tritici singulis annis nostre domui solvere tenebuntur. 6) So gab Bartenſtein dem Pfarrer von der Hube ! Scheffel Rog⸗ gen und 4 Scheffel Hafer, als Zins an Balga von der Hube 15 Scot; Kreuzburg zehnte dem Pfarrer von der Hube 1 Scheffel Roggen und 1 Scheffel Hafer und an das dortige Ordenshaus an Zins 13 Scot De⸗ nare von der Hube. Mewe gab annuum censum domui nostrae de III. 32

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498 Städte und Bürgerthum. Außerdem beſtand noch ein Grundzins oder eine Haus⸗ oder Hofſteuer !), welche jährlich an das naͤchſte Ordenshaus oder an den Biſchof zu entrichten, aber in Ruͤckſicht ihrer Höhe in den verſchiedenen Staͤdten ebenfalls ſehr ungleich war, wiewohl fie felten höher als ſechs Denare ſtieg ). Sonach gab es alſo in Preuſſen um dieſe Zeit keine zins⸗, zehnt⸗ und ſteuerfreie Städte und erſt ſpaͤterhin wurden manche Staͤdte zur Foͤrderung ihres Wohlſtandes von der Leiſtung des Zinſes frei geſprochen; dann zahlten ſie nur noch die ge⸗ meine Hofſteuer ). Es gab auch Staͤdte, auf deren Grund⸗ beſitz baͤuerliche Arbeiten, Frohnfuhren und manche an⸗ dere Dienſte laſteten ); andere wurden davon frei geſpro⸗ quolibet videlicet manso censuali unam Maldratam annonae quadru- plicis saltem tritici, siliginis, ordei et avenae proportionaliter cuius- libet tres mensuras und dann noch unum Fertonem denariorum an- nuatim de quolibet manso. Ebenſo Rheden. 1) Sie heißt gemeinhin Annua pensio pro areis, oder annualis pensio, fonft Census arearum. 2) Privilegium von Mohrungen: In recognitionem dominii cum predieta eivitas jure Culmensi sit locata, inhabitatores eiusdem civi- tatis de qualibet area sex denarios usualis monete singulis annis no- stris fratribus presentabunt; ebenſo in Preuſſ. Holland, Mewe, Bis ſchofswerder; in Bartenſtein 15 Solidi, in Braunsberg einen Vierdung Denare. Zuweilen entrichtete die Stadt nur dieſe Hofſteuer. 3) Dieß war z. B. der Fall bei Garnſee, welches früher eine „ci- vitas censualis“ geweſen war. um ihr Emporkommen zu foͤrdern, er⸗ klärte fie aber der Pomeſaniſche Biſchof nachher für eine civitas libera et ab omni censu absoluta. Auch Schoͤnewick zahlte nur den Hofzins; es heißt: Apud nostrum castrum Schonewick civitatem construximus, in qua cives seu Burgenses supra quadraginta areas collocamus, ve- rum easdem areas damus civibus perpetuo possidendum sub annua pensione, videlicet ut singulis annis octo Marcas usualis monete no- bis et nostris successoribus solvere teneantnr. 4) So heißt es z. B. im Privilegium von Garnſee: Si in predi- ctis CXXIII mansis aliqui mansi inveniuntur modice utilitatis, pro- pter quod volentes prefatis Civibus ac Rusticis nostris pro aliquali saltem consolatione et recompensatione specialis favoris ac benevo- lentie gratiam exhibere, ipsis gratiose concedimus, ut exactiones,

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Städte und Burgerthum. 499 chen). Zum Kriegs dienſte waren in der Regel die Bürger der Staͤdte ſchon nach der Kulmiſchen Handfeſte verpflichtet und es gilt nur als Ausnahme, daß die Bewohner Elbings, weil fie Luͤ⸗ beckiſches Recht hatten, außer der Vertheidigung ihrer Stadt in dringender Noth ſich nach der ausdruͤcklichen Beſtimmung ihres Privilegiums auch zur Landwehr ſtellen mußten ?). Von allen Dienſten und Verpflichtungen erhielten gewöhnlich die Städte bei ihrer Gründung zuerſt auf einige Jahre Befrei⸗ ung, damit ſich in dieſer Zeit die junge Buͤrgerſchaft erſt zu einigem Wohlſtande und Gedeihen erheben koͤnne. Ueber Haus und Hof konnte jeder Bürger nach freiem Rechte verfügen, wie er wollte ); nur galt in allen Staͤd⸗ ten allgemein das Geſetz, daß ohne des Ordens oder des Bi⸗ ſchofs Zuſtimmung und Genehmigung in einer Stadt weder ein neues Kloſter erbaut, noch einem ſchon vorhandenen Klo⸗ ſter irgend ein Platz, Hof oder Haus verſchenkt oder ver⸗ kauft werden duͤrfe ). Wo aber in einzelnen Städten die Zu⸗ vecturas, labores et alia onera, que bonis nostris imponere consue- vimus oensualibus, de C tantum mansis subire teneantur. 1) Privilegium von Mohrungen: Voluimus ut viginti mansi ad libertatem deputati a missali annona sint exempti et ab omni onere rusticalium operum seu laborum. 2) Privilegium von Elbing: Ad haec statuimus, ut secundum quod incumbit necessitas, ad defensionem civitatis et patriae sint parati. 3) Privilegium von Braunsberg: Ut suas hereditates, que non fuerint feodales, possint vendere, emere, commutare, donare, re- signare, recipere, nobis irrequisitis, coram iudice et iudicio here- ditario civitatis. 4) Privilegium von Preuſſ. Holland: Volumus, ut nulla religio in supradicta locetur civitate sine fratrum nostrorum consensu et ut nullus absque domus nostre consensu alicui religioni det vel vendat aream vel areas, domum vel domos, curiam vel curias in civitate vol bonis eius. Sed nec alicui laico quam diu in civitate noluerit residere, Ebenſo in Mohrungen, Elbing und in den Privilegien faſt aller Städte. Im Privileg. von Königsberg bei Baczko Geſchichte v. Königsberg S. 526 ſteht das Verbot noch etwas allgemeiner. Der Biſchof von Ermland ſagt im Privileg. von ä Licet qui- 32

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500 Städte und Buͤrgerthum. ſtimmung des Landesherrn zu einem ſolchen Verkaufe oder zu einem Vermaͤchtniſſe an ein Kloſter nicht ausdruͤcklich bedun⸗ gen war, galt doch wenigſtens die Verordnung, daß der Ge⸗ genſtand des Verkaufes, der Schenkung oder des Vermaͤcht⸗ niſſes binnen Jahresfriſt vom Kloſter wieder veraͤußert wer⸗ den muͤſſe !). Dieß war der Grund, daß ſich die Klöfter in den Staͤdten Preuſſens weder irgend bedeutend vermehren, noch auch beſonders bereichern konnten und daß uͤberhaupt das Kloſterweſen und Moͤnchthum hier im Lande unter der Aufficht und Zucht des Ordens nie zu Bluͤthe und Gedei⸗ hen kamen. Es war ferner ſtaͤdtiſches Geſetz, daß die Buͤrger keine Gebaͤude, Befeſtigungen, Thuͤrme oder irgend andere Bau⸗ werke auffuͤhren durften, woraus fuͤr das Land oder fuͤr die nahe Ordensburg irgend Gefahr oder Verderben entſpringen konnte 2). Ueberhaupt hing meiſtentheils die Befeſtigung der busdam asperum videatur, tamen nos ipsis Civibus promittimus in- violabiliter observari, ut nullis viris religiosis areas vel hereditates dare vel vendere infra granicias Civitatis debeamus contra velle ci- vitatis et consensum. Als man daher im J. 1267 in Kulm dem bor- tigen Ciſtercienſer Nonnenkloſter 4 Höfe . mußten nicht bloß der Landmeiſter und der Biſchof von Kulm, ſondern auch die Rathsherren der Stadt dazu ihre Einwilligung geben. Es heißt aber in der Ur⸗ kunde noch ausdruͤcklich: Quando vero dominus dederit perpetuam pa- cem et extra civitatem dicte Moniales edificaverint, extunc vendent dietas areas secularibus personis, qui similiter omne ius eivitatis adimplebunt, quod Wichbilde vocatur, vel eciam jam dictas areas per tales personas locent, qui idem jus sicut dictum est, nobiscum exsolvent. 1) Privilegium von Fiſchhauſen: Insuper statuimus, si predicti Cives ad religiosos dono, testamento vel alio contractu etiam si quiddam civium eorumdem religiosorum domibus se et sua tradide- rint domum vel aream, àAgros, ortos aut quascunque possessiones transferre voluerint, quod vendantur infra terminum unius anni. Alioquin pro precio — fide dignorum virorum taxationem ad utilitatem civium revertentur. 2) Privilegium von Mohrungen: Ut nullas munitiones seu pro- pugnacula in prefata civitate edificent. Privilegium von Preuſſ. Hol:

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Städte und Buͤrgerthum. 501 Stadt von der Beſtimmung des Ordens ab!). Nicht felten wurde die Stadt bei der nothwendig befundenen ſtaͤrkeren Befeſtigung vom Orden unterſtuͤtzt, fo wie dieſer zur Errich⸗ tung neuer Gebaͤude und zur Erweiterung des Stadtbezirkes in der Regel auch freies Bauholz aus ſeinen Waͤldern ertheilte. Vor allem war es immer ſchon von fruͤh an des Or⸗ dens eifrigſtes Bemuͤhen, in den jung aufſtrebenden Staͤdten neben der Pflege des Ackerbaues beſonders auch Handel und Gewerbe zu foͤrdern und alles zu beſeitigen, was ihrer Er⸗ hebung und Vervollkommnung entgegen wirken konnte. Da⸗ mals war Handel und Verkehr nicht wie heutiges Tages in der Art Privatſache, daß jeder Kaufmann, Kleinhaͤndler und Kraͤmer ſein Geſchaͤft in ſeinem eigenen Hauſe betrieb, ſon⸗ dern aller Handel und Wandel geſchah oͤffentlich und nur an beſtimmt angewieſenen Orten 2). Die Anordnungen und Ge⸗ ſetze der Stadt Thorn fuͤr Handel und Betrieb wurden viel⸗ fach auch auf des Landes uͤbrige Städte übertragen’). Jede nur irgend bedeutende Stadt erhielt demnach, eben ſo wie in Deutſchland “), ein öffentliches Kaufhaus, wie es Thorn hatte, wo vorzuͤglich der Tuchhandel betrieben ) und im land: Prohibemus eciam predictis civibus ut nec in civitate nec ex- tra in bonis eorum aliquod propugnaculum seu municionem absque nostra edifivent voluntate. Privilegium von Kreuzburg: Volumus eciam et distriete precipimus, ut cives predicte civitatis nulla edificia seu municiones, turres vel alia hiis similia construant aut construere presumant, ex quibus damnum aliquod vel periculum terre vel fra- tribus possit inposterum suboriri. 1) Privilegium von Mewe: Firmare promittimus civitatem, quan- do fratres decreverint et viderint, quod sibi expediet et terre. 2) Die Braunsberger erhielten z. B. das Recht, ut forum libe- rum habeant die qua ipsis, terre et territorio ac Civitati videbitur expedire. 3) Vgl. z. B. das Privilegium vom Löbenicht bei der Altſtadt Kö: nigsberg in Baczko Geſch. v. Königeb. S. 531. 4) Fiſcher Geſchichte des Deutſch. Handels B. I. S. 357. 5) So ertheilt z. B. der Komthur von Chriſtburg mit des Land⸗ meiſters Zuſtimmung im J. 1298 der Stadt Chriſtburg die Erlaubniß, ein mercatorium ad incidendos pannos seu ad vendendum integros

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502 Städte und Buͤrgerthum. übrigen Waarenverkaufe auf richtiges Maaß und Gewicht geſe⸗ hen wurde. Staͤdtiſche Beamte fuͤhrten dabei die Aufſicht und brachten die Beſchwerden an das Stadtgericht. Einzel⸗ nen Staͤdten ward auch die Erlaubniß ertheilt, an dem Kauf⸗ hauſe Waarenkammern und Niederlagen aufzubauen, in wel⸗ chen die Waaren aufbewahrt oder verkauft werden konnten. Bei ihrem Aufbaue unterſtuͤtzte der Orden die Buͤrger, wie er z. B. in der Neuſtadt Thorn gegen Vorbehalt eines jaͤhr⸗ lich zu erhebenden Zinſes die Hälfte der Baukoſten trug !). Ingleichen geſchah auch der ſ. g. Kleinhandel mit den noͤthig⸗ ſten Lebensbeduͤrfniſſen in öffentlich angelegten Baͤnken oder Buden. Es gab in allen Staͤdten Brod⸗, Fleiſch⸗, Schuh⸗ und Fiſchbaͤnke und hie und da auch oͤffentliche Tuchladen 2), von denen die Haͤlfte der auf ihnen liegenden Abgaben dem Ordenshauſe, die andere der Stadt“), ein Theil zuweilen qualescungne zu erbauen. Im naͤmlichen Jahre erhielt Kulm jus, li- centiam ac facultatem liberam construendi et habendi intra ambitum fori Civitatis Mercatorium, Scampna vel Bancas seu Casas instito- rum, Calificum, Pistorum, Carnificum, aliorumque quorumlibet ar- tificum ad quascunque res vendendas, emendas seu servandas sub terra et supra terram. Statt mercatorium ſteht auch zuweilen Thea- trum, wie in Pommern, Dreger Nr. 126. p. 199. 1) Privilegium der Neuſtadt Thorn: Liceat predictis civibus de gratia speciali de consilio Commendatoris et fratrum in Thorun ali- quas cameras, apothecas seu institas pro quibuslibet usibus et re- bus inibi reponendis vel vendendis predieto mercatorio ab extra af- figere et applicare, ita ut ad easdem edificandas et reficiendas pre- dicti fratres nostri medietatem expensarum et sumptuum impendant et medietatem census in perpetuum percipiant, cives vero alteram medietatem sumptuum faciant, altera medietate ipsis et civitati sue similiter in perpetuum remanente. So auch in Mohrungen. 2) Sie kommen in allen Privilegien unter den Namen budae in- stitorum, macellae carnium, bancae panum, mercatoria institoria, banki panificum etc. vor. Im Privilegium von Rieſenburg wird ein domus pro pecoribus carnificum mactandis Kuetelhouf genannt. 3) Privilegium von Eilau: Si cives sepefate Civitatis nobiscum scampna, ubi calcei venduntur et theatrum, in quo pannus incidi- tur, edificabunt, dimidium censum tollent. Privilegium von Rieſen⸗ burg: Donamus et conferimus nostre Civitatis civibus guartum par-

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Städte und Buͤrgerthum. 503 auch dem Schultheiße zufiel. Eben ſo bei der Badſtube, deren jede Stadt wenigſtens eine hatten). Zum Betriebe die⸗ ſes Kleinhandels ertheilte der Orden verſchiedenen Staͤdten auch noch beſondere Wochenmaͤrkte, an denen nicht bloß je⸗ der Bürger an jedem Orte feine Waaren auslegen durfte, ſondern zugleich auch die außerhalb der Stadt wohnenden Handwerker ihre Waare zum Verkaufe bieten konnten:). Hie und da, wie in Preuſſiſch⸗Holland wurde die Weberei ziem⸗ lich ſtark betrieben und da es hier Hollaͤnder waren, welche dieſes Gewerk in ihren Haͤnden hatten, in den Hollaͤndiſchen Staͤdten aber die Tuchmacherei ſchon auf einem hohen Grade der Vollkommenheit ſtand ), ſo mag gewiß auch hier die Arbeit nicht mittelmaͤßig geweſen ſeyn. Und wie der Orden dieſes Gewerbe befoͤrderte“), fo trug er überhaupt ruͤhmliche Sorge für das Aufkommen und Gedeihen der Handwerke jeglicher Art. Von einem eigentlichen Zunftweſen der ver⸗ ſchiedenen Gewerke finden ſich freilich in dieſem Jahrhunderte noch keine Spuren. Auch zeigen ſich in allen Staͤdten vor⸗ erſt immer nur ſolche Handwerker, welche zur Beſtreitung der nothwendigſten Beduͤrfniſſe unentbehrlich waren. Um den ſtaͤdtiſchen Kleinhandel in reges Leben zu bringen, geſchah es nicht ſelten, daß der Orden einzelnen Staͤdten vier bis ſechs Freijahre bewilligte, in welchen er alle Abgaben von allem ſtaͤdtiſchen Handelsbetriebe erließ. Einer ſolchen Befreiung erfreute ſich z. B. Rheden ſeit dem Jahre 1285 5). Fleißige tem census de maxellis carnium et scampnis pannm. Dabei behielt ſich der Biſchof vor, quod per nos annuatim et non per eos predicta exponi debeat et locari. 1) „Stuba balnearis“ oder Stuba balnearia- 2) Privilegium der Neuſtadt Thorn; ſ. Zernecke Thorn. Chron. S. 13. Privilegium von Braunsberg und Frauenburg. 8) Fiſcher Geſchichte des Deutſch. Handels B. I. S. 457. 4) So wurde z. B. verordnet: Omnia tentoria textorum, in qui- bus panni lanei seu stamina tenduntur et siccantur ad civitatem spe- ctantia, libera esse volumus absque censu. 5) Privilegium von Rheden: Maccella camificum, seu meusas pannificum seu institas quorumdam mercatorum aut quecunque edi-

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504 Staͤdtiſcher Handelsbetrieb. und betriebſame Buͤrger wurden oͤfter mit dem Vorrechte be⸗ lohnt, ihr Getreide oder ihre ſonſtigen Erzeugniſſe frei und ungehindert zu Waſſer und Land uͤberall hin zum Verkaufe verfahren zu Eünnen!). Gewiß aber wuͤrde alles dieſes bei dem thaͤtigen Eifer und regen Fleiße, den die Deutſchen Ein⸗ zoͤglinge mit ins Land brachten, zu noch friſcherem Leben, zu noch ſchoͤnerer Bluͤthe und zu noch groͤßeren Erfolgen gedie⸗ hen ſeyn, wenn nicht auch in dieſe Kreiſe des buͤrgerlichen Lebens die wilden Kriegsſtuͤrme ſo verderblich eingewirkt und manche Beſtrebungen erdruͤckt haͤtten 2). Auch mit dem Auslande fanden Preuſſens Städte ſchon in mancherlei Handelsverbindungen und fuͤr den Großhandel wurden jetzt ſchon die erſten Faͤden angeknuͤpft. Am fruͤhſten ſinden wir eine Handelsgemeinſchaft zwiſchen Preuſſen, Po⸗ len, Maſovien und Cujavien, dann auch mit dem nachbarli⸗ ficia, de quibus questus aut lucrum aliquod poterit provenire in ci- vitate construxerint aut in foro, predictis civibus concedimus per sex annos continuos libere possidenda, quibus vero sex annis com- pletis commendator de omnibus his predictis lucri sive questus tollet medietatem et necessariarum deinde medietatem faciet expensarum. 1) So heißt es z. B. zur Beförderung des Handels und Verkeh⸗ res in Preuſſ. Holland: Damus insuper predictis civibus viam nava- lem seu aquaticam in Weiska et per Drusen liberam absque naulo; ebenſo im Privilegium von Chriſtburg. So erhaͤlt ein Buͤrger aus El⸗ bing, der ſich bei Frauenburg niederlaſſen will, fuͤr ſich und ſeine Er⸗ ben die Beguͤnſtigung, ut frumentum quocunque speciali nomine nun- cupetur, quod in mansis eorum elaboraverunt, per terras et aquas pro suis usibus ducere possint et debeant, nisi prohibitione obstante pro necessitate terre posita generali. 2) Daß auch Dörfer in dieſer Zeit ſchon foͤrmliche Marktgerechtig⸗ keit erhalten, iſt uns aus keinem Beiſpiele erinnerlich. In Kurland in⸗ deſſen kommen ſchon im J. 1252 villae forenses vor, wobei zugleich geſagt wird, daß homines tam Episcopi quam fratrum forum que- vendi per Curoniam ubicunque voluerint liberam habeant facultatem. Urkunde im geh. Arch. Schiebl. III. Nr. 3. Zuweilen wird den Be: wohnern eines Dorfes in Preuſſen das Recht ertheilt: panem et alia esui competencia et pannos, quos in domibus suis confecerint, in villa vendendi liberam habeant facultatem.

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Staͤdtiſcher Handelsbetrieb. 505 chen Pommern, wiewohl dieſer Handelsverkehr bald durch harte Zollbedruͤckungen oder durch Unordnungen und Will⸗ kuͤhrlichkeiten in der Zollerhebung, bald auch durch offene Feindſeligkeiten und Kriege theils ſehr gehindert und erſchwert, theils oft ganzlich unterbrochen ward. Der Orden war viel⸗ fach bemuͤht, dem Handel und Verkehr in dieſe Laͤnder jene Schwierigkeiten und Hinderniſſe aus dem Wege zu raͤumen und zuweilen gelang es ihm, wie im Jahre 1238, da Her⸗ zog Wladislav von Groß⸗Polen auf Erſuchen des Ordens nachgab, daß die Unterthanen und Bürger des Ordens, wel⸗ che mit ſchriftlichen Zeugniſſen verſehen zum Ankauf nöthiger Lebensbeduͤrfniſſe in fein Land kommen würden, völlige Zoll⸗ freiheit genießen ſollten, ſofern ſie nur ein maͤßiges Wege⸗ geld und für Salz, Heringe und Tuch einen beſtimmten Ab⸗ trag erlegen wuͤrden, der auch ferner noch als Zoll erhoben werden ſollte !). Seitdem war mehre Jahre der Handels⸗ weg nach Polen und durch Polen uͤber Gneſen, Poſen und Banchin nach Guben ſehr lebendig und viel beſucht, zumal in der Zeit, als die Kriege mit Herzog Suantepolc von Pom⸗ mern den Handel in und durch dieſes Land gaͤnzlich unter⸗ brachen. Die Staͤdte Preuſſens erhielten auf dieſem Wege grobe und feine Tuͤcher, beſonders von brauner, gruͤner und rother Farbe (Scharlach) 2), Heringe, Salz?), Pfeffer, 1) Vgl. das Nähere in der Urkunde ſelbſt bei Dogiel T. IV. Nr. XIX. p. 13. 2) Man unterſchied pannos nobiles und non nobiles. Die erſteren waren brunetum vel viride vel etiam scarlatum; ſ. Dreger Nr. 150. p. 231. So ſagt ſchon der Biſchof Otto von Bamberg: Nosti nobi- les, puxos et pretiosos pannos in terra Pomeranorum caros. Vita S. Ottonis p. 80. 3) Heringe waren auf dieſem Wege damals wohl mehr ein Aus⸗ fuhrartikel, denn nach Dusburg c. 318 war bis zum J. 1313 der He: ringsfang an der Preuſſiſchen Küfte noch fo bedeutend, daß wohl ſchwer⸗ lich fremde Heringe eingeführt wurden. Gadebuſch Livlaͤnd. Jahrb. B. I. S. 386. In einer Urkunde des Landmeiſters Helwig von Gold⸗ bach vom J. 1302 iſt noch die Rede von einträglichen piscaturis stu rionum et allecum in recenti et in salso mari. Salz kam damals

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606 Staͤdtiſcher Handelsbetrieb. Wein, Leinwand und Wollenwaaren 1). Allein die alten Un⸗ ordnungen in Polen riſſen bald von neuem ein; der Handel ward nicht ſelten wieder durch die Willkuͤhr der Polniſchen Zollbeamten in der Erhebung der Zölle außerordentlich er⸗ ſchwert und es entſtanden hieruͤber oft die bitterſten Streitig⸗ keiten. Es mußten daher von neuem im Jahre 1243 zwi⸗ ſchen den Herzogen Primislav und Dobeslav und ihrer Mut⸗ ter Hedwig, Herzogin von Polen einer, und dem Orden an⸗ derer Seits gewiſſe feſte Beſtimmungen entworfen werden, nach denen von jedem einzelnen Handelsartikel ein beſtimmter Zoll an beſtimmten Orten zu entrichten ſeyn ſollte, um aller Willkuͤhr und allem Unterſchleife vorzubeugen 2). In aͤhn⸗ licher Weiſe hatten, wie wir fruͤher erwaͤhnten, auch zwiſchen dem Herzoge Kaſimir von Cujavien und dem Orden in Ruͤck⸗ ſicht des Weichſel⸗ Handels mancherlei Mißverhaͤltniſſe Statt gefunden und den Verkehr der Laͤnder lange Zeit bedeutend geftört. Sie waren jedoch im Jahre 1252 ausgeglichen und nach Preuſſen zum Theil auch durch die Lübecker und Bremer, da dieſe es auch nach Gothland und Livland verſchifften. Fiſcher a. a. O. B. I. S. 544. 1) Namentlich genannt wird auch pannus laneus das eine Zeit⸗ lang bei den Ordensrittern beruͤchtigte Watmal. 2) Hieruͤber die Urkunde bei Dreger I. c. — Es kommen hier Mercatores fratrum vor, welche den Handel nach Polen betrieben. Es iſt aber nicht ganz klar, ob dieſes Handelsleute ſind, welche den Handel auf Rechnung des Ordens trieben oder ob darunter nur uͤberhaupt Han⸗ delsleute aus dem Gebiete des Ordens zu verſtehen ſind. Das Letztere iſt das Wahrſcheinliche, obgleich auch der Orden ſich mit dem Handel ſelbſt befaßte. Der Zoll fuͤr die einzelnen Artikel muß fruͤher hoͤher ge⸗ ſtanden haben, denn die Herzoge ſagen ausdruͤcklich, daß ſie ihn erleich⸗ tern wollten. Die Urkunde deutet außerdem auch noch auf einen Han⸗ del der Preuſſ. Kaufleute in Polen ſelbſt, ſo daß es alſo nicht bloß Durchgangshandel war. Es heißt: Mercatoribus fratrum terras no- stras (i- e. Ducum Poloniae) transire vel in ipsis negociari volenti- bus hanc gratiam decrevimus faciendam. Der Zoll beſtand theils in einer Abgabe vom Handelsartikel ſelbſt, theils in Geld. Wer einen Zoll⸗ ort umfuhr, um den Zoll nicht zu zahlen und theolonarios defraudare,

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Handel mit dem Auslande. 507 der Handel dadurch wieder mehr gehoben worden ). Zur Zeit des Aufruhrs der Neubekehrten hatte der Verkehr mit Polen und Cujavien für Preuſſen deshalb eine um fo groͤ⸗ ßere Wichtigkeit, weil der Orden meiſt nur auf ſeine Burgen beſchraͤnkt den bedeutendſten Theil ſeiner nothwendigſten Be⸗ duͤrfniſſe immer nur aus den Nachbarlanden ziehen konnte, da ihm faſt aller Ertrag aus dem eigenen Lande abgeſchnit⸗ ten war. Die offenen Handelswege nach Polen und Cujavien wur⸗ den aber fuͤr Preuſſen noch um ſo wichtiger und nothwendi⸗ ger, da mit Rußland vorerſt noch faſt gar keine friedliche Gemeinſchaft Statt fand und die Feindſchaft des Herzogs Suantepolc und feines Sohnes Miſtwin auch den Verkehr mit und durch Pommern auf viele Jahre gaͤnzlich unterbrach. Zwar waren manche Staͤdte, wie Elbing und Kulm vom Herzog Sambor mit voͤlliger Zollfreiheit in ſeinem Lande be⸗ ſchenkt worden; allein von bedeutenden Folgen konnte dieſes ſchon deshalb um ſo weniger ſeyn, da das Gebiet dieſes Her⸗ zogs viel zu beſchraͤnkt, die Weichſel unſicher und der umher⸗ tobende Kriegsſturm dem ſtillen Handelsbetriebe in aller Weiſe verderblich war. Erſt in den letzten Zeiten des Herzogs Miſt⸗ win traten zwiſchen Pommern und dem Orden Verhaͤltniſſe ein, die fuͤr den Verkehr foͤrderlich wirkten. Seit dem Anfange der zweiten Haͤlfte des dreizehnten Jahrhunderts tritt nun aber der Handel zwiſchen Preuſſen und den norddeutſchen Staͤdten, beſonders mit dem jetzt in jedem Jahre mehr aufbluͤhenden Luͤbeck?) mehr und mehr ins Leben. Wir erinnern uns der Verſuche, welche ſchon fruͤher von Kübel aus zu einem regeren Handelsverkehre mit Preufs fen gemacht wurden. Von den betriebſamen Lübeckern war si deprehensus fuerit, unam marcam argenti solvet, ipsum quoque theoloneum superaddet. 1) Darüber das Nähere im Anfange dieſes Bandes. 2) Von welchem ſchon Hel mold. Chron. Slavor. L. I. c. 71 ſagt: Forum Lubicense crescebat in singulos dies et augebantur naves in- stitorum eius.

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508 Handel mit dem Auslande. zuerſt der Wunſch ausgegangen, zur Foͤrderung und Bele⸗ bung ihrer Handelsgemeinſchaft mit Preuſſen an Samlands Kuͤſten eine Seeſtadt zu gruͤnden und dort einen ſicheren Ha⸗ fen einzurichten!). Hatte dieſer Plan damals auch nicht die erwarteten Folgen, ſo blieb der Wunſch und das Streben nach einer feſten und ſicheren Handelsverbindung mit Preuſ⸗ ſen in den Luͤbeckern doch immerfort lebendig, wie ſchon dar⸗ aus hervorleuchtet, daß ſie ſich im Jahre 1275 vom Koͤnige Rudolf das Recht ertheilen ließen, wie in andern dem Roͤ⸗ miſchen Reiche unterworfenen Laͤndern, auch in Preuſſen und Livland zur Sicherung des Handels Verträge und Buͤndniſſe zu errichten 2). Elbing aber, Luͤbecks Tochterſtadt, reichte bald die Hand. Schon an ſich mußten die Deutſchen Einzoͤglinge beſon⸗ ders in den Staͤdten die Verbindung mit dem Vaterlande auch im Handel und Wandel ſo viel als moͤglich zu erhal⸗ ten und fuͤr ihr Gedeihen auf dem neuen Boden zu benutzen ſuchen. Gewiß haben überhaupt die Kriegs- und Kreuzzuͤge aus Deutſchland nach Preuſſen auch dem Handel dahin neuen Schwung gegeben. Es konnten außerdem fuͤr Preuſſens Han⸗ 1) S. oben B. II. S. 525 ff. — Es darf indeſſen hier die Ge⸗ legenheit nicht unbenutzt bleiben, einen Irrthum in der fruͤheren Dar⸗ ſtellung dieſer Sache zu berichtigen. Es iſt mir ſeitdem durch die ge⸗ fällige Güte des Herrn Prof. Grautoff in Luͤbeck eine Urkunde zugekom⸗ men, welche dieſen Gegenſtand in ein ungleich helleres Licht ſetzt. Es geht naͤmlich daraus zuerſt hervor, daß der erſte Plan zum Aufbau ei⸗ ner freien Handelsſtadt an der Kuͤſte Samlands nicht ins J. 1239 oder 1240, wie oben B. II. S. 527 angenommen wurde, ſondern ganz ſicher ins J. 1242 zu ſetzen iſt, denn dieſes Jahr hat die erwaͤhnte Urkunde. Sie bezeugt zweitens auch, daß eigentlich dieſer Plan zunächft von den Luͤbeckern ausging und der Orden nur ſehr bereitwillig in den Plan gleich einſtimmte. Da die Urkunde auch in anderer Hinſicht von vielſei⸗ tigem Intereſſe iſt und vieles von dem beſtaͤtigt, was hier über das Staͤdteweſen geſagt worden, fo wird fie in der Beilage Nr. III mitge⸗ theilt werden. 2) Nach Fiſcher Geſch. des Deutſch. Handels B. I. S. 537 ſteht die Urkunde hierüber in Dreyeri Specim. iuris Lubec. p. 152, welches Buch mir aber nicht ſelbſt zur Hand iſt.

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Handel mit dem Auslande. 509 delsverkehr auch die Bemuͤhungen nicht ohne Erfolg bleiben, welche theils durch weltliche Fuͤrſten, wie durch Herzog Suan⸗ tepole n), theils durch Geiſtliche, wie durch den Erzbiſchof Albert von Preuſſen und mehre ſeiner Nachfolger in Riga, auch durch den paͤpſtlichen Legaten Kardinal Guido 2) zur Befoͤrderung und Sicherheit der Schiffahrt auf der Oſtſee bald in Beziehung auf das Stadtrecht, bald auch darin ge⸗ ſchahen, daß ſie den ſeefahrenden Kaufmann zur Sicherung gegen die auf den Baltiſchen Gewaͤſſern damals noch ſehr ſtark betriebene Seeraͤuberei?) unter den Schutz des apoſtoli⸗ ſchen Stuhles ſtellten“). Nicht minder ſorgſam war nach ſeinem Theile auch der Orden fuͤr die Befoͤrderung und Si⸗ cherſtellung der Schiffahrt an feinen Kuͤſten. Dahin zielte ja unter andern ſchon der Aufbau einer Schutz-Burg bei Withlandsort am damaligen Tief zur ſicheren Aus- und Ein⸗ fahrt der ankommenden Schiffe, wovon wir fruͤher ſchon Er⸗ 1) Vgl. Sartorius Geſchichte des Hanſeat. Bund. B. I. S. 426. 2) Sartorius a. a. O. B. I. S. 429. 431. 433. 3) Hamsfort Chronol. ap. Langebeck Scriptt. rer. Danic. T. I. p- 295. 4) Wenn es z. B. in einer Urkunde des Erzbiſchofs Albert heißt: Ad utilitatem Christi fidelium mare navigancium pro negociacionibus licitis et honestis per omnes terminos jurisdictionis nostre subjectos duximus statuendum, ut omnes mercatores huiusmodi negociacioni- bus insistentes sub apostolice sedis et nostra protectione consistant et si aliqui naufragium passi sunt, omnes finitimi homines ipsis nau- fragis propter Deum et juris naturalis equitatem subveniant, sicut vellent sibi in casu simili subveniri, fo bezieht ſich dieſes natuͤrlich auch auf Preuſſen. Vergl. Sartorius a. a. O. S. 427. Wille⸗ brandt Hanſiſ. Chron. Abth. II. S. 11 erwaͤhnt auch eines Privile⸗ giums des Erzbiſchofs von Riga und des Ordensmeiſters von Livland uͤber die Zollfreiheit und Sicherheit der ſchiffbruͤchigen Guͤter verſchiede⸗ ner auswärtiger Handelsſtaͤdte, zugleich mit der Erlaubniß, daß fie ih: ren eigenen Richter in Riga (Conſul) haben ſollten. Sartorius ſetzt dieſe Urkunde ins J. 1277; nur trifft dann der von ihm erwaͤhnte Or⸗ densmeiſter Godofredus nicht zu, denn in dieſem Jahre trat Walther von Nordeck vom Amte ab und Ernſt von Ratzeburg folgte. Wahr⸗ ſcheinlich iſt die Urkunde von dem letztern und die Sigle & muß E Theißen.

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510 Handel mit dem Auslande. waͤhnung gethan. So ſahen wir ſchon, daß auch bei dem Aufbau von Memel auf den Seehandel beſonders Ruͤckſicht genommen wurde 1). Haͤtte daher der langwierige und zer⸗ ſtoͤrende Krieg den Orden nicht fort und fort in den Waffen gehalten, die Erfolgniſſe ſeiner Beſtrebungen fuͤr Handel und Verkehr im In⸗ und Auslande wuͤrden ſicherlich noch weit bemerklicher geweſen ſeyn. Zudem lag auch ein anderes Hin⸗ derniß fuͤr den Handel in dem paͤpſtlichen Verbote alles Ver⸗ kehres mit den Heiden, wiewohl er hie und da doch Statt gefunden zu haben ſcheint, denn ſelbſt der Orden ward be⸗ ſchuldigt, dieſes Verbot verletzt zu haben?). So lange in⸗ deſſen das Waffengeraͤuſch in Preuſſen dauerte, ſind wir uͤber⸗ haupt über den ſtillen Verkehr im Lande und über das, was 1) Es wurde in einer Urkunde vom J. 1253 ausdruͤcklich feftge- ſetzt: Sciendum etiam quod pons comnunis erit et si in loco ubi ad presens constructus est, remanserit, vel si plures pontes in Danga construi contigerit, tam idem pons, quam alii sic construentur, ut naves ascendentes vel descendentes minime impediantur. 2) Dem Orden wurde nämlich ſpaͤterhin der Vorwurf gemacht, quod jidem Magister et Fratres mercandi gratia pacem et treugam speciales cum paganis saepius faciunt et fecerunt ita videlicet, quod ipsi pagani cum mercibus suis ad aliquem certum locum in districtn ipsorum Magistri et fratrum veniunt et ibidem ipsi Fratres exclusis Civibus antedictis (i. e. Rigensibus) et quibusdam aliis Christianis mercationes singulares cum ipsis paganis exercent in grave praeiu- dicium totius patriae Livoniensis. Dogiel T. V. Nr. XXXVI. p. 31. Es ift indeſſen zu beruͤckſichtigen, daß es ſchwer erbitterte Feinde waren, welche den Ordensrittern dieſen Vorwurf machten. Vielleicht aber be⸗ zieht ſich dieſes auf die Zeit, als der Landmeiſter Burchard von Horn⸗ hauſen mit den Samaiten auf zwei Jahre Friede geſchloſſen hatte, wie Alnpeck Reimchron. S. 55 erzählt, wobei es heißt: Ouch dorfte man die ſameiten Niergen geleiten In der gotes rittere lant Wan es was alſo gewant Das ſie ane ſorgen Den abent und den morgen Mochten wandern offenbar In koufunge die zwei jar.

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Handel mit dem Auslande. 511 zu deffen Förderung geſchah, faſt gar nicht unterrichtet. Wenn es daher auch hoͤchſtwahrſcheinlich iſt, daß Elbing ſeit feiner Entſtehung mit Luͤbeck in fortgehendem Verkehre geſtanden habe und wenn ſelbſt auch unbeſtreitbare Spuren einer en⸗ gen Verbindung zwiſchen beiden Staͤdten vorhanden ſind, ſo iſt doch nicht einmal die Zeit genau bekannt, in welcher El⸗ bing als Mitglied in den Hanſeatiſchen Bund aufgenommen wurde ). Nur fo viel iſt beſtimmt, daß unter funfzchn Deutſchen Staͤdten, welche in den letzten Jahrzehnten des dreizehnten Jahrhunderts in ihren Handelsverhaͤltniſſen nach Groß = Novgorod 2) die unter ihren Factoren entſtandenen Streitigkeiten der richterlichen Entſcheidung des von ihnen an⸗ erkannten gemeinſchaftlichen Oberhofes zu Luͤbeck unterwarfen, ſich auch Elbing befand und daß es folglich auch ſchon bei dieſem Handel nach Rußland lebendig intereſſirt war 5). Wahrſcheinlich lag dieſes Intereſſe Elbings am Verkehre nach Rußland hauptſaͤchlich im Bernſtein⸗Handel nach dem Orient. Wir find freilich über den im Alterthum fo weit verbreiteten Handel mit Bernſtein aus Preuſſen in dieſer Zeit faſt gar nicht unterrichtet, denn einheimiſche Quellen ſagen uns aus, daß man das vielgeſuchte Product des Meeres an Samlands Weſtkuͤſte noch fleißig einſammelte und der Ge⸗ winn theils dem Orden, theils dem Samlaͤndiſchen Biſchofe zufiel -). Wenn nun gleich immer auch ein bedeutender Ab⸗ 1) Ziemlich ſicher finden wir Elbing zuerſt im J. 1298 im Han⸗ ſeatiſchen Bunde. Sartorius a. a. O. S. 444. Fiſcher Geſchichte des D. Handels B. II. S. 15. In der Abhandlung über die Handels⸗ geſchichte Oſtpreuſſens in Baczko's Annalen des Koͤnigreichs Preuſſ. B. III. S. 88 wird das J. 1294 angenommen. 2) S. Karamſin B. IV. S. 122. 8) Vgl. Sartorius a. a. O. S. 87 und S. 436. Bray Es- sal critique T. I. p. 180. Das Original der Urkunde Elbings beſin⸗ det ſich im Stadt⸗ Archiv zu Lubeck, in Abſchrift im geh. Archiv. 4) So heißt es z. B. in einer Urkunde des Hochmeiſters Anno von Sangerhauſen vom J. 1264: Preterea hoc addicimus supradictis, quod si in dicto loco videlicet Wytlandesort contigerit inveniri Ja- pidles, qui Burnestein vulgariter nuncupatur, dictorum lapidum due

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512 Handel mit dem Auslande. ſatz nach Deutſchland und in das weſtliche Europa uͤberhaupt gegangen ſeyn mag, wo es im kirchlichen Gebrauche als Rauchwerk oder in anderer Weiſe, zur Verfertigung von Pa⸗ ter⸗Noſter⸗Schnuͤren oder auch als Schmuckſache verwandt wurde !), fo iſt doch zu vermuthen, daß auch der alte Bern⸗ ſtein⸗Handel nach Oſten noch fortbetrieben worden ſey. Nov⸗ gorod aber, im dreizehnten Jahrhundert der wichtigſte Han⸗ delsort, welcher den Handelsbetrieb des Orients und des noͤrd⸗ lichen Occidents vermittelte, ſcheint auch für dieſen Handels⸗ zweig die Hauptniederlage geweſen zu ſeyn, wohin zunächft von Elbing aus die Zufuhr geſchah. Es iſt ferner auch kein Zweifel, daß Elbing den bedeutendſten Bernſtein-Handel nach Weſten hatte und daß hier eben Luͤbeck eine aͤhnliche Haupt⸗ niederlage bildete, von wo er dann weiter nach den Nieder⸗ landen ging 2). Deshalb ließen ſich auch die Luͤbecker im Jahre 1299, als zwiſchen dem Livlaͤndiſchen Orden und den Ruſſen Krieg ausbrach ), vom Livlaͤndiſchen Ordensmeiſter Gottfried von Rogge die urkundliche Zuſicherung geben, daß durch dieſen Krieg der Handel Luͤbecks weder nach Preuſſen, noch nach Rußland auf ſeinem Durchgange durch Livland in irgend einer Weiſe geflört werden folle*), denn der Orden fand offenbar ſelbſt am ungeſtoͤrten Gange dieſes Handels fein eigenes Intereſſe, wie ſchon aus den beſondern Beguͤn⸗ ſtigungen hervorging, welche den Luͤbeckern vom Meiſter zu⸗ erkannt wurden. Wenn wir dann Elbing gegen das Ende des dreizehnten Jahrhunderts auch ſchon unter den norddeut⸗ partes nobis et fratribus nostris et pars tercia cedet Episcopo me- morato (Sambiensi) et si necesse fuerit expensas haberi in colle- ctione seu conquisitione lapidum predietorum nos et fratres nostri ipsas pro duabus partibus faciemus et sepedictus Episcopus pro ter- cia parte sua terciam partem faciet expensarum. 1) Huͤllmann Staͤdteweſen des Mittelalters B. I. S. 38. 2) Werdenhagen Hanf. Chron. Abth. III. S. 15. 3) Karamſin B. IV. S. 155. 4) Werdenhagen l. c. Abth. IV. S. 1286. Arndt Livländ. Chron. Th. II. S. 73.

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Handel mit dem Auslande. 513 ſchen Staͤdten genannt finden, welche vom Koͤnige Philipp dem Vierten von Frankreich ein beſonderes Handelsprivile⸗ gium erhielten, nach welchem ſie in den Haͤfen ſeines Rei⸗ ches Verkehr treiben und nur den gewoͤhnlichen Zoll tragen ſollten!), ſo muß es ziemlich lange vorher auch im weſtli⸗ chen Handelsverkehr eine nicht unbedeutende Rolle geſpielt haben; und in dieſer Wichtigkeit Elbings in Nüdficht feines Handels und in dem deshalb auch regſameren Leben der Stadt wuͤrde wohl auch der Grund zu finden ſeyn, daß die ſtaͤdtiſche Verfaſſung und namentlich wegen der öftern Streit faͤlle auch das Gerichtsweſen dort ungleich weiter ausgebildet war, als in andern Staͤdten des Landes 2). Von einer Handelsverbindung zwiſchen Preuſſen und England findet ſich in dieſem Jahrhunderte noch keine Spur, eben fo wenig von einem Verkehre mit Schweden, wo ohne⸗ dieß der Handel mit dem Auslande in dieſer Zeit nicht von großer Bedeutung geweſen zu ſeyn ſcheint ). Zwar ſtand Wisby durch ſeinen Handelsbetrieb in großem Flor und hatte Verbindungen mit den vornehmſten Städten der Oſtſeekuͤſten, namentlich auch mit Riga !); allein es iſt nicht bekannt, ob auch Preuſſen an dieſem Verkehre mit Theil genommen habe. Mit dem Orden in Livland lebte Wisby eine Zeitlang in Zwieſpalt. Von Norwegen aus wurde der Handel mit Preufs fen mehr gehindert als befoͤrdert, denn fo bedeutend auch die Vorrechte und Handelsvortheile waren, welche der Koͤnig Erik der Zweite und der Herzog Hacquin von Norwegen 1) Sartorius a. a. O. S. 444. Willebrandt Hanſ. Chron. Abth. II. S. 17. Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 334. 2) Crichton Urkunden zur Preuſſ. Geſchichte S. 16. Nament⸗ lich finden wir in einer Urkunde vom J. 1295 in Beziehung auf das Handelsweſen in Elbing auch einen Advocatus civitatis Elbingensis erwähnt, während fonft in den Städten Preuſſens ein ſolcher Stadt⸗ Vogt wie in den Deutſchen Städten nirgends vorkommt. Wahrſchein⸗ lich hatte der fruͤhere Erbrichter dieſen Titel erhalten. 3) Ekendahl Geſchichte des Schwediſch. Volks B. I. S. 483. 4) Ekendahl a. a. O. S. 514— 5185. 33

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514 Das Muͤnzweſen. den Kaufleuten aus Lubeck, Riga, den Deutſchen aus Wis by und mehren andern Staͤdien im Verkehre mit Norwegen ver⸗ liehen), fo nahm doch Hacquin, als er den Norwegiſchen Königsthron beſtiegen hatte, an einem Streite der Ordens ritter in Preuſſen mit dem Fͤrſten Wizlav von Ruͤgen An- laß, den Handel nach Preuſſen überall und wie er konnte zu flören?). Zur Foͤrderung dieſes Handelsbetriebs und Verkehrs hatten die wichtigſten Staͤdte des Landes vom Orden die Münzgerechtigkeit erhalten, doch alſo daß dieſer überall die oberſte Aufſicht und Leitung des Muͤnzweſens fuͤhrte. Ei⸗ gentlich aber war die Nuͤnze Überhaupt nie eigene Sache einer Stadt, ſondern das Muͤnzgeſchaͤſt geſchah nur in ge: wiſſen dazu beſtimmten Städten, wie in Thorn, Kulm, Eis bing, Preuſſiſch-Holland, wahrſcheinlich in dieſer Zeit auch ſchon in Königsberg, und in Kurland wenigſtens für die erſte Zeit ausſchließlich nur in Memel ). Der Orden verfuhr 1) Sartorius a. a. O. S. 447. Dieſelbe Urkunde im geheim. Archiv. 2 Der König Hacquin ſchrieb den Stoͤdten Luͤbeck, Wismar, Ros ſtock, Scralſund und Greifewalde im J. 1802, nachdem er ſie erſucht hatte, die Ordensritter in Preuſſen zu ermahnen, daß ſie von der Be⸗ laͤſtigung und Befeindung des Fuͤrſten Wizlav ablaſſen möchten: Peti- mus a vobis, ut coram vestris publicetis incolis, ne bona dictorum ſrutram (domus theuton. in Prucia) vel eis attinencium in navibus suis ferant, nam dietos fratres et eorum fautores, donc dieto Do- mino Wizelavo feceriut, quod de iure tenentur, volumus in quibus- cunque Possn]jmL7 impedire, quia plures eis literas misimus depreca- torias, ut memoratum principem in suis iuribus non impedirent. Ur: kunde im Stadt⸗ Archiv zu Luͤbeck, in Abſchrift im geh Archiv. 3) Daß Thorn, Kulm und Elbing jetzt ſchon Muͤnzen hatten, iſt bekannt. Von Königeberg ſagt zwar das Privilegium der Altſtadt nichts von einer Muͤnze; allein wir finden nicht bloß unter den Burgern der Stadt einen Muͤnzmeiſter, Albertus Magister monetae, ſondern es kom- men in Urkunden, z. B. ſchon in einer Verſchreibung des Vogts von Samland vom 3. 1262, wirklich auch Denarii Konigisbergensis mo- netae vor. Daß auch Preuſſ. Holland eine Muͤnze gehabt, ſchließen wir aus dem Privilegium der Stadt, wo es heißt: Reliquam dimidiam

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Das Muͤnzweſen. 515 nämlich auch im Muͤnzweſen durchaus nach Deutſchem Ge: brauche und Geſetze. Wie in Deutſchland der Muͤnzherr oder der Muͤnzberechtigte die Münze auf Zeit- oder Erbpacht aus⸗ that, aber fo daß die Muͤnzpaͤchter in ſtrenger Abhängigkeit blieben, an feſte Geſetze und eine beſtimmte Munzordnung gebunden waren, alſo nur nach dem geſetzlichen Muͤnzfuße ausprägen durften, ſtets unter der Gerichtsbarkeit des Muͤnz⸗ herrn ſtanden und die von dieſem beliebte Veraͤnderung be⸗ folgen mußten 1), fo gab auch der Orden die Münze in den genannten Staͤdten an einen bewaͤhrten Buͤrger aus, der von der Uebernahme und Beſorgung des Muͤnzſchlages den Na⸗ men Muͤnzmeiſter erhielt?) und in ſeinem Geſchaͤfte immer unter der genauen Auſſicht des Ordens oder zunaͤchſt des Ordenskomthurs der Stadt ſtand. Ueber den Muͤnzfuß wa⸗ ren ſchon in der Kulmiſchen Handfeſte einige feſte Beſtim⸗ mungen entworfen worden, die in der Folge auch in andern Städten zur Norm dienten, jo in Elbing, deſſen Münze mit der Kulmiſchen in gleichem Werthe und Gewichte ſtand >). Es galt alſo nach jenen Beſtimmungen im ganzen Lande nur Eine Muͤnze, die Kulmiſche oder die nach Kulmiſchem Muͤnzfuße geprägte, naͤmlich Denare aus reinem Silber, von welchen ſechzig Solidi oder Pfennige eine Mark wogen. Es wurde zugleich damals ſchon zum Landesgeſetz erhoben, daß die Muͤnze in keiner Stadt innerhalb zehn Jahren um⸗ gepraͤgt oder veraͤndert werden durfte“). partem (census) cum tota moneta nostre domui reservantes; ſie ſcheint aber nicht lange beſtanden zu haben. Ueber die Muͤnze zu Me⸗ mel f. Urkunde im geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 3. 1) Vgl. Huͤllmann Staͤdteweſen des MA. B. II. S. 18. Von den geſchloſſenen Geſellſchaften von Muͤnz- Unternehmern oder von ſ. g. Muͤnzerhausgenoſſen finden wir in Preuſſen keine Spur. 2) Privilegium der Altſtadt Königsberg, wo der Muͤnzmeiſter ganz klar als ein ftäbtifcher Bürger erſcheint. 8) „Item ut denarii in singulis tantum decenniis renoventur, Sicut in Culiuine, et eiusdem cum illa mnoneta puritatis sint valoris et ponderis.“ Privileg. von Elbing bei Crichton a. a. O. S. 16. 4) Kulmiſche Handfeſte. 33 *

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516 Das Muͤnzweſen. Man rechnete übrigens im Leben nach Mark, Vierdung, Skot, Schilling oder Solidus und Pfennig oder Denar !). Doch war von allen dieſen Benennungen nur die letztere die Bezeichnung einer wirklichen, geprägten Münze 2), denn um dieſe Zeit bedeuteten die Übrigen nur Muͤnzgewichte oder ein gebildete und Rechnungsmuͤnzen, auf welche die Denare oder Pfennige als die alleinige landgaͤngige wirkliche Muͤnze von reinem Silber zuruͤckgefuͤhrt waren. Man pflegte ſie bei groͤ⸗ ßeren Summen im allgemeinen Gebrauche zu wiegen und nach dem Gewichte von Mark, Skot u. ſ. w. zu beſtimmen 5). Nur in kleineren Zahlungen wurden ſie im einzelnen gezahlt. Unter den auswaͤrtigen Gewicht-Marken war die Coͤlniſche, naͤmlich nicht die Coͤlniſche Kaufmannsmark, ſondern die land⸗ übliche am meiſten und faſt ausſchließlich in Preuffen im Ge⸗ 1) Der Vierdung, als der vierte Theil einer Mark fo genannt, heißt im Lateiniſchen Ferdo oder Ferto und war auch in Deutſchland gewoͤhnlich. Als Geldgewicht kommt er hier z. B. in der Angabe vor: Umun fertonem denariorum monete uswalis Prusie solvere teneantur. Man findet aud) dimidius Ferto argenti usualis ponderis et monetae, alſo ein Achtel der Mark. Das Skot⸗Gewicht ift von den fpäteren Skotern, einer wirklichen Münze, zu unterſcheiden. Um dieſe Zeit kannte man Skote nur als Gewicht fuͤr Denare oder als eingebildete Münze; daher man z. B. oͤfter XIII Scotos denariorum usualis mo- nete als Zins zahlen mußte oder es heißt im Deutſchen: es ſeyen zu zahlen „vier ſcot pfennynge“ oder „acht ſcot gewohnlicher muncze.“ Daß auch die Solidi bei Silberzahlungen in Deutſchland fruͤherhin nur eine eingebildete Münze gewefen ſeyen, hat Hüllmann a. a. O. B. J. S. 424 ff. hinlaͤnglich bewieſen. Auch in Preuſſen konnen fie in biefer Zeit als nichts anders genommen werden, wie ſchon die Kulm. Handfeſte ausweiſet. 2) Schon die Kulmiſche Handfeſte beſtimmt: ut una moneta, Cul- mensis videlicet, sit per totam Terram et ut de puro et mundo ar- gento denarii ſabricentur, psi quoque denarii in tauto valore per- petualiter perseverent, ut corum LX solidi pondereut unam mar- cam; es iſt aber auch in Zahlungen nie von andern gepraͤgten Muͤnzen als Denaren die Nede. 3) Daher wird gezahlt una marca denariorum, unus ferto dena- riorum oder decem scoti denariorum; aber auch nach halben Marken, Viertel- Marken, halben Vierdungen u. ſ. w.

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Ueberblick. 517 brauch, nach welcher zwölf volle Solidi eine Mark waren ). Wie nun nach Kulmiſchem Muͤnzfuße ſechzig Schillinge oder Solidi eine Mark, funfzehn einen Vierdung, dritthalb ein Skot bildeten, fo war ein Schilling gleich drei Denaren ober Pfennigen und hundert und achtzig Pfennige wogen eine Mark. In Zinszahlungen wird ſtets ein Coͤlniſcher Pfennig gleich gerechnet fünf oder ſechs Pfennigen Landes muͤnze 2). Ueberblickt man nun das ganze ſtaͤdtiſche Gemeinweſen, die Geftalt und Verfaſſung des damaligen Buͤrgerthums, die Art und Weiſe der ſtaͤdtiſchen Betriebſamkeit und Geſetz und Sitte der ſtaͤdtiſchen Bewohner, ſo findet man uͤberall frei⸗ lich nur die erſten einfachen Anfaͤnge, die erſten Umriſſe eines ſtaͤdtiſchbuͤrgerlichen Lebens. Aber dieſe Umriſſe find überall doch fo beſtimmt characteriſirt und fo feſt entworfen, die Grund⸗ ſteine zum Aufbau des buͤrgerlichen Lebens haben uͤberall eine ſo ſichere Lage, daß der Deutſche regſame Geiſt, der ſich hier angeheimt hatte, nur ruhigere und guͤnſtigere Zeiten zu erwarten ſchien, um das Bild des Deutſchen Buͤrgerthums auch hier in allen Beziehungen zu vervollkommnen und den Bau des buͤrgerlichen Lebens zu vollenden, um ſich in ihm ganz auszuleben. So einfach und ſchlicht indeſſen das Bild dieſes Lebens in dieſen Zeiten immerhin auch noch daſteht, fo intereffant und lehrreich iſt feine Betrachtung doch auch ſchon deshalb, weil es hier der Geſchichte doch einigermaßen moͤglich wird, mit Gewißheit die Art und Weiſe darzuſtellen, wie das Gemälde des ſtaͤdtiſchbuͤrgerlichen Lebens in feinem 1) Huͤllmann a. a. O. B. I. S. 430. 2) Es heißt daher in Verſchreibungen bei Beſtimmung des Zinſes: es ſolle gegeben werden unus denarius Coloniensis vel quinque denurii pruthenicales, oder unus deuarius Coloniensis vel quinque denarii Kunigisbergensis monetae oder Denarii Elbingenses, "Thorunenses. Aber es kommt auch vor: unus denarius Coloniensis vel sex denarii zuoncte Kibingensis und unus denarius Coloniensis vel sex Culmen- ses und pro Coloniensi sex denarii Culmenses. Man ſcheint alſo auch nach gutem und ſchlechtem Gelde gerechnet zu haben. Es kommen auch Lon scoti zuweilen vor.

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518 Ueberblick. erſten Umriſſe und Entwurfe angelegt, wie es mehr und mehr ausgezeichnet und mit Farben belebt wurde, bis es dann nachmals zu immer hoͤherer Vollkommenheit gelangte. Aber nicht minder iſt ſeine Betrachtung auch erhebend und er⸗ freuend, wenn man ſieht, in welcher freien Beweglichkeit der Deutſche Bürger hier auftritt, wie er hier Rechte und Frei⸗ heiten auf dem Wege friedlicher Anordnung und geſetzlicher Ruhe erhaͤlt, die er in der alten Heimat nur unter Fehden und Bedraͤngniſſen, unter Zwiſt und Kampf erringen konnte.

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Neun Led Kapitel. Die Landesverwaltung. So einzig in der Geſchichte überhaupt die Eiſcheinung iſt, daß ein Verein von ritterlichen München oder moͤnchiſchen Rittern als Landesherr eines ſo ausgedehnten Gebietes auf⸗ trüt, fo eigenthuͤmlich in Geiſt und Formen ſteht auch die Regierung und Verwaltung da, welche er uͤber dieſes Land führte. Es giebt nichts dem Aehnliches in dem ganzen Bes reiche der Geſchichte. Darum wird es um ſo nothwendiger, auch hier die einzelnen Züge zum Character des Ganzen zus ſammenzufaſſen. Die eigentliche Herrin des Landes war wenigſtens dem Namen nach die Roͤmiſche Kirche. Der Papſt Innocenz der Vierte hatte Preuſſen für das Eigenthum des Apeſtels Des teus erklart und es als ewiges Beſitzthum dem Deutſchen Orden zugeſchrieben, doch dergeſtalt daß er den Hochmeiſter als erſtes und oberſtes Ordensglied mit dem paͤpſtlichen Ringe als Symbol der Belehnung mit Preuſſen ſoͤrmlich inveſtirte, wofür der Orden der Mömifchen Kirche einen jährlichen Le⸗ henszins als Zeichen der Anerkennung der Oberlehensberrlich- keit des Römiſchen Stuhles entrichtete !). In dieſem Sinne alſo war der Orden in Beziehung auf Preuſſen nicht eigent⸗ licher Eigenthuͤmer, ſondern nur Vaſall der Kirche. 1) Vgl. was hierüber ſchon früher B. II. S. 453 geſagt iſt. Wie hoch der Lehenszins an die Röm. Kirche war und ob der Orten ihn focahin immer an den Nom. Stuhl entrichtete, iſt nicht ganz klar.

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520 Die Landesverwaltung. Der eigentliche Hauptſitz oder das Haupthaus des Or⸗ dens war zur Zeit noch in Akkon. Dort ſollte eigentlich im⸗ mer auch der Hochmeiſter ſeyn; dort waren die oberſten Or⸗ densgebietiger; dort wurde von Zeit zu Zeit das große Ge⸗ nerals Kapitel des Ordens gehalten und Geſetze und Be: ſchluͤſſe, die man dort entwarf, hatten ſtets in allen Ordens⸗ beſitzungen, alſo auch in Preuſſen volle geſetzliche Kraft. Von dort aus leitete der Orden eigentlich auch die oberſte Ver⸗ waltung aller der Laͤnder, Gebiete und Beſitzungen, die er ſich erworben hatte 1). In Preuſſen führten die beſondere Landesverwaltung eis nes Theils der Orden, d. h. der Landmeiſter und ſeine Or⸗ densbeamten 2), der Ordensmarſchall, deſſen Amt jedoch in der ſpaͤtern Zeit des dreizehnten Jahrhunderts nicht mehr be⸗ ſetzt und mit dem des Landmeiſters verbunden war, die Kom⸗ 1) Dieſes geht ſchon deutlich aus der Urkunde in Hennigs Or⸗ dens⸗ Statut. S. 221 ff. hervor. 2) De Wal Recherches T. I. p. 852 behauptet: Pendant que la Prusse a été gouvernée par des Maitres provinciaux, ils avoient sous eux un Grand- Commandeur, un Mardchal, un Hospitalier, un Trapier et un Trésorier, qui &toient à leur égard, ce qu’etoient les Grands - ofſiciers de Ordre portants les iuemes titres, a l’&gard des Grands- Maitres; mais leurs fonctions ne s’etendvient pas au de Ia des limites de la Prusse. — Dieſe Behauptung ift indeſſen in dem Sinne nicht ganz richtig. Nach der Verfaſſung des Ordens follten biefe Gebietiger-Aemter wohl allerdings auch in Preuſſen vorhanden gewefen ſeyn; allein die meiſten werden in den zahlreichen Urkunden nicht ein einzigesmal genannt; namentlich tritt nirgends ein Komthur als Ordens⸗ Spittler, Ordens⸗Trapier oder Ordens⸗Treßler in Preuſſen im drei⸗ zehnten Jahrhundert auf. So bleibt hier eigentlich bloß der Ordens⸗ Marſchall uͤbrig; denn wenn man im Landkomthur von Kulm auch den Großkomthur in Preuſſen erkennen wollte, ſo fuͤhrt er doch nie den Ti⸗ tel Magnus Commendator und ſelbſt feine Stellung zum Landmeiſter war nicht eigentlich die des Großkomthurs zum. Hochmeiſter. Ganz ir⸗ rig wuͤrde es in jedem Falle ſeyn, ſolchen Beamten, wenn ſie in Preuſ⸗ fen jetzt auch ſchon vorhanden geweſen wären, irgend eine politifche Wich⸗ tigkeit in der Landesverwaltung beizulegen. Nur der Ordens⸗Marſchall hatte eine ſolche; von den uͤbrigen aber geben die Urkunden keine Spur.

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Der Landmeiſter. 521 thure und Voͤgte, andern Theils die Landesbiſchoͤfe und ihre Kapitel, jene im eigentlichen Ordensgebiete, dieſe in ihren Biſchofstheilen. Betrachten wir zunaͤchſt die Ordensverwal⸗ tung insbeſondere, ſo ſtand an ihrer Spitze Der Landmeiſter. K In ſeinem Ordensverhaͤltniſſe war der Landmeiſter, in verſchiedenen Zeiten, bald bloß Komthur oder Landkomthur, bald Pfleger, Praͤceptor oder Meiſter von Preuſſen genannt! ), nur ein vom Orden, naͤmlich vom Hochmeiſter und dem Or⸗ denskapitel geſetzter Verwalter und oberer Gebietiger des Lan⸗ des. Er ſtand als ſolcher ſtets unter dem Hochmeiſter und Kapitel, handelte in deren Namen, vollfuͤhrte deren Befehle und war beiden in allen Dingen verantwortlich, wie er denn auch von ihnen gewählt und beſtaͤtigt wurde oder auch ent: laſſen werden konnte. Im Lande ſelbſt galt er, ſofern der Hochmeiſter oder deſſen Stellvertreter?) nicht anweſend war, als naͤchſter oberſter Landesherr, d. h. als oberſte Landesbe⸗ hoͤrde, welcher nicht bloß alle Mitglieder des Ordens im Lande, ſondern auch alle Bewohner des Landes zu ſtrengſtem Gehorſam verpflichtet und untergeben waren. Abgeſehen von der eigentlichen Ordensverfaſſung und von der amtlichen Stel⸗ lung des Landmeiſters zu den Ordensrittern betrachten wir ihn hier zunaͤchſt nur in Ruͤckſicht feiner amtlichen Verhaͤlt⸗ niſſe zum Lande oder in der Landesverwaltung. Er hatte als naͤchſte obere Landesbehoͤrde keinen beſtimm⸗ ten und feſten Wohnſitz auf irgend einer Ordensburg, weder in Kulm, welches wohl fruͤher als die Hauptſtadt des Lan⸗ 1) Hennigs Ordens-Statut. Gewohnh. c. 3. 8. Geſetze c. 8. In urkunden kommen als Amtsbezeichnungen des Landmeiſters vor Pro- visor, Commendator, Commendator terrae, Praeceptor Prussiae und Magister terrae Prussine. De Wall. c. p. 351. 2) Wie z. B. Eberhard von Sayn als vicem magistri hospit. s. Marie theuton. gerens in Prusia erſchien.

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522 Der Landmeiſter. des!) zuweilen ſein Aufenthaltsort geweſen war, noch zu Ma⸗ rienburg ), wie gemeinhin geglaubt wird, noch in Elbing, wiewohl dieſes ſeit dem Jahre 1251 oder 1252 zum Haupt⸗ hauſe des Ordens in Preuſſen erhoben worden war). Er begab ſich vielmehr jeder Zeit überall dahin, wo die Verhaͤll⸗ niſſe des Landes ſeine Gegenwart erforderten und wie es ſcheint ſtand immer in jeder Ordensburg ein Wohngemach fuͤr ihn bereit. Wo er erſchien, verſammelten ſich um ihn die Komthure und gewichtigſten Nitter der naͤchſten Ordens⸗ haͤuſer oder es begleiteten ihn bisweilen auch der Ordens⸗ Marſchall und die Komthure eutfernterer Ordensburgen, wenn der Gegenſtand der Berathung oder der Verhandlung von Wichtigkeit war. In ſeinem Gefolge war beſtaͤndig auch ſein beſonderer Kapellan und ein Ordensritter, welcher fein Kon: pan hieß “). Es gab keine Landesangelegenheit von irgend wichtiger Bedeutung, uͤber welche der Landmeiſter bloß nach Willkuͤhr verfügen und entſcheiden oder in welcher er aus eigener Macht handeln durfte, ſondern zu allem, was des Landes Verwal⸗ tung und Verfaſſung, was bürgerliche Ordnung und Sicher: heit betraf, zu Krieg und Frieden, zu Verhandlungen mit 1) Als ſolche galt Kulm auch noch, nachdem andere Staͤdte, z. B. Elbing, ſich ſchon weit bedeutender emporgehoben hatten. Daher heißt es noch in einer Urkunde des Landmeiſters Meinhard von Querfurt vom J. 1298: Cum Civitas Culmensis inter alias Civitates Lerre nostre Principalis et Capitania habeatur etc. — 2) Die ziemlich allgemein verbreitete Nachricht, daß Marienburg vor der Ankunft des Hochmeiſters der gewöhnliche Wohufis des Land⸗ meiſters geweſen ſey, iſt ſchon in meiner Geſchichte Marienburgs S. 0 als unbegruͤndet widerlegt worden. 3) Urkunde in Hennigs Ordens-Statut. S. 222, wo es in der Beſtimmung Eberhards von Sayn heißt: Eandem ctiaum domum (El- bingen) vim conventus volumus obtinere et esse priucipalem ceteris domtibus in prusia. S. meine Geſchichte Marienburgs S. 41. De Wal Recherches T. I. p. 352. 4) „Socius noster“ in lateiniſchen, und „unſer Kumpan“ in deutſchen Urkunden genannt. In feinem Range ſtand er uber den bloßen Ordensrittern und folgte unmittelbar nach den Komthuren.

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Der Landmeiſter. 523 den nachbarlichen Fürften, zu Buͤndniſſen und Verträgen, zu Ertheilung von Freiheiten und Gerechtſamen, zu Verpflich⸗ tung oder Entbindung gewiſſer Obliegenheiten, zur Gruͤndung einer Stadt, zur Austheilung und Verſchreibung eines Land⸗ ſtückes und dergleichen mehr gehörte die Zuſtimmung, der Beirath und die Einwilligung der uͤbrigen vornehmſten Or⸗ densbeamten oder wenigſtens eines Theiles derſelben, welcher die Stelle der uͤbrigen vertrat !). Wurde der gefaßte Be⸗ ſchluß oder der verhandelte Gegenſtand urkundlich abgefaßt, ſo gaben die gegenwaͤrtigen Ordensbeamten durch ihre Na⸗ men nicht allein das Zeugniß, daß die vorliegende Sache in ſolcher Art, wie die Urkunde ſie darſtellte, wirklich verhandelt und beſchloſſen ſey, ſondern ſie ſprachen zugleich auch die Buͤrgſchaft und Gewaͤhrleiſtung zur Aufrechthaltung der feſt⸗ geſetzten Beſtimmungen aus?). Zu jenem Zeugniſſe traten nicht ſelten auch noch Landesritter, Lehensleute, Schultheiße und angeſehene Buͤrger bei, beſonders wenn der Gegenſtand irgend ihr eigenes Intereſſe beruͤhrte. Was demnach der Landmeiſter in Landesangelegenheiten verfügte, befahl und anordnete und die vornehmſten Gebietiger des Landes geneh⸗ migten und beſtaͤtigten, geſchah im Namen und auf die ih⸗ 1) Es lag dieſes ſchon in dem allgemeinen öffentlichen Rechtsge⸗ brauche überhaupt (ſ. Eichhorn Deutſche Rechts- und Staatsgeſch. B. II. B. 382. 384), zugleich aber insbeſondere auch in dem Ordens⸗ geſetze; ſ. Hennigs Ordens-Statut. S. 168. Der Landmeiſter fügt daher auch ſtets in ſeinen Urkunden, die einen Gegenſtand der Landes⸗ verwaltung betreffen, daß dieſes oder jenes geſchehe „discretorum fra- trum nostrorum prehabito consilio diligenti oder mature fratrum no- strorum concedente consilio et consensu oder diseretorum fratrum nostrorum consilio et consensu mediante“ u. dgl. Betraf es nur eine Verwaltungsſache eines einzelnen Gebietes, fo wurde dann oͤfter auch nur der Zuſtimmung des beſtimmren Convents erwaͤhnt. Nicht ſelten heißt es auch: „de fratrum nostrorum pociorum pleno et maturo consilio et consensu.“ In Urkunden Hermann Balks kommt vor: de consensu Capituli nostri. 2) Val. die Urkunden bei Kreutzfeld vom Adel u. ſ. w. S. 44— 45. Dogiel J. IV. Nr. XXVI.

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524 Der Landmeiſter. nen verliehene Vollmacht des Hochmeiſters) und oberſten Kapitels; es geſchah im Namen des Ordens. Begleiten wir aber den Landmeiſter ins Einzelne ſeiner amtlichen Thaͤtigkeit, ſo moͤchten folgende im Weſentlichen wohl die wichtigſten Gegenftände derſelben geweſen ſeyn. 1. Er unterhandelte im Namen des Ordens mit den nachbarli⸗ chen Fuͤrſten über alle das Land betreffenden Verhaͤltniſſe, wie in Handelsangelegenheiten, in Graͤnzberichtigungen, in Streitſachen der beiderſeitigen Unterthanen, in Friedensſchluͤſ⸗ ſen u. ſ. w. Ihm lag alſo uͤberhaupt die Regelung und Ausgleichung aller auswaͤrtigen Landesverhaͤltniſſe ob; er ſchloß daher auch alle Buͤndniſſe und Vertraͤge ab, die mit auswärtigen Fürften oder Städten von Seiten des Ordens eingegangen wurden; aber dieſes alles, wie erwaͤhnt, nur mit Zuziehung und Einſtimmung eines verſammelten Kapi⸗ tels oder einer Anzahl der wichtigſten Ordensbeamten 2). 2. Der Landmeiſter entwarf und befahl mit Beirath der uͤbri⸗ gen Ordensgebietiger allgemeine Landesgeſetze und Verord⸗ nungen ſowohl in Beziehung auf die Verhaͤltniſſe der Unter⸗ thanen zu der Landesherrſchaft oder dem Orden, als in Ruͤck⸗ ſicht der Verhaͤltniſſe der verſchiedenen Stände unter einan— der; doch war hiezu nicht nur ebenfalls die Zuſtimmung ſei⸗ nes Land-Kapitels, ſondern auch die Beſtaͤtigung des Hoch— meiſters und des Ordens-Kapitels in Akkon erforderlich »). Den ſtaͤdtiſchen Willkuͤhren ertheilte er die Genehmigung und 1) Burchard von Hornhauſen fagt in feinen Urkunden zuweilen aus⸗ druͤcklich: ex auctoritate oder ex jussu reverendi in christo fratris Popponis de Osterna Magistri nostri generalis. 2) So unterhandelt mit den Luͤbeckern wegen der Gründung der freien Handelsſtadt nicht der Landmeiſter Dieterich von Gruͤningen al- lein, ſondern „universitas fratrum domus theuton. in Pruscia.“ Eben fo ſchließt Heinrich von Wida fein Buͤndniß mit dem Herzoge Kaſimir von Cujavien de fratrum nostrorum consilio et consensu. 3) Es heißt in der Urkunde in Hennigs Ordens-Statut. S. 23: Nullus preceptor habeat potestatem novas consuetudines ordi- nandi nisi de consensu convenlus et conſirmacione suunni magistri et capituli ultramarini. 4

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Der Landmeiſter. 525 gab ihnen dadurch erſt geſetzliche Guͤltigkeit ). Wie ohne ſein Mitwiſſen in dieſen Willkuͤhren keine Veraͤnderung erfol⸗ gen durfte, ſo konnten auch andere ſtaͤdtiſche Anordnungen, die das geſammte Gemeinweſen betrafen, nur von ihm aus⸗ gehen 2) und mußten von ihm die Beftätigung erhalten, denn keine ſtaͤdtiſche Behörde hatte das unbedingte Recht, die ſtaͤd⸗ tiſche Ordnung und Verfaſſung zu veraͤndern. 3. Der Land⸗ meiſter hatte die Oberaufſicht uͤber das Muͤnzweſen; er that die Münze aus und hielt darauf, daß der Muͤnzfuß und Praͤgſchatz überall richtig erhalten werde ). Er übte ferner mit Beirath der Ordensbeamten im ganzen Lande die hohe Gerichtsbarkeit, nur mit Ausſchluß der biſchoͤflichen Gebiete und derjenigen Beſitzungen, deren Inhaber das hohe Gericht vom Orden zugeſprochen erhalten hatten, wiewohl auch hie⸗ bei Faͤlle vorkamen, in welchen Gutsbeſitzer mit hoher Ge⸗ richtsbarkeit die verhaͤngte Lebensſtrafe oder koͤrperliche Ver⸗ ſtummelung nur erſt nach erlangter Zuſtimmung des Lands meiſters vollfuͤhren durften“). Außerdem aber gingen auch alle uͤbrigen wichtigen Rechtsfaͤlle der Lehensleute des Landes und der Bürger in den Staͤdten unmittelbar an den Land: meiſters). Von ihm hing in den Städten die Beſtaͤtigung der gewählten richterlichen Behörden ab s). Es ging im Lande keine Veränderung im land lichen Beſitzthum und in den Territorial-Verhaͤltniſſen ohne des Landmeiſters und ſei⸗ ner Mitgebietiger Genehmigung und Zuſtimmung vor. Er meiſtens ſelbſt that das Landeigenthum aus mit dem Rechte, 1) S. oben S. 496. 2) Privilegium von Elbing bei Crichton a. a. O. S. 16. 3) Daß der Landmeiſter, wie fpäterhin der Hochmeiſter, immer die Oberaufſicht über die Münze führte, liegt außer Zweifel. Vgl. Lin⸗ denblatts Jahrbuͤch. S. 307. Zernecke Thorn. Chron. S. 18. 4) Dieſes wird in manchen Verſchreibungs⸗ Urkunden ausdruͤcklich feſtgeſtellt. 5) So tritt in mehren Fällen der Landmeiſter über Gräͤnzſtreitig⸗ keiten als Richter auf, wie der Biſchof von Samland unter andern in Erbſtreitigkeiten. 6) S. oben S. 494. 495.

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525 Der Landmeiſter. wie er es fuͤr gut fand, bald als Kulmiſches Allode, bald als Freilehen; er ſtellte daruͤber die urkundlichen Verſchrei— bungen aus und beſtimmte darin die Rechte und Freiheiten, ſowie die Verpflichtungen und Obliegenheiten, unter denen der Beſitzer es haben ſollte. Nur über manche Territorial⸗ Veraͤnderungen, z. B. uͤber Guͤter im Kulmerlande war die beſondere Zuſtimmung des Hochmeiſters und des General⸗ Kapitels im Morgenland nothwendig !). So durfte auch ein Guͤtertauſch zwiſchen einem Biſchofe und dem Beſitzer eines Gutes, welches dem Orden zu Lehen gehoͤrte, nur mit des Hochmeiſters Bewilligung erfolgen ). Dagegen beruhte die Erhoͤhung und Ermaͤßigung ſowohl des Zinſes und des Zehn⸗ ten, als der ſtaͤdtiſchen Abgaben und Steuern auf des Land⸗ meiſters und ſeiner Mitbeamten Beſtimmung, ſobald nicht allgemeine Landesverordnungen oder die Kulmiſche Handfeſte ſchon an ſich die beſtimmte Norm waren. Zwar geſchah zu— weilen auch, daß Komthure einzelner Landbezirke laͤndliches Beſitzthum austhaten und in ihren Verſchreibungen die Bes dingungen feſtſtellten, welche ſonſt nur der Landmeiſter zu be⸗ ſtimmen hatte; allein in ſolchen Faͤllen handelte der Komthur immer nur in beſonderer Vollmacht entweder des Hochmei⸗ ſters oder des Landmeiſters, wie er dann immer auch ſelbſt ausdruͤcklich ſagt ). 6. Ferner gehörte in den Kreis der 1) Vgl. die Urkunde in Hennigs Ordens-Statut. S. 222. 2) So geſchah es z. B. im J. 1255 zwiſchen dem Biſchofe von Kulm und Heinrich von Kunzendorf. Als der Landmeiſter im J. 1266 einen zwichen feinem Vorgänger und dem Biſchof von Samland einge: gangenen Guͤtertauſch nicht halten wollte, ſchrieb ihm der Hochmeiſter die ernſten Worte: Cum indignum esset, quod ea, que nos de fra- trum consilio ſecimus, fratres minime observarent, providenciam ve- stram rogamus, vobisque committimus diligenter ac volumus cui et- fectu, ut litteris nostris necnon fratris Helmerici quondam Precepto- ris Pruscie super permutacione confectis procuretis ac sine obmis- sione disponatis, quod omnia et singula per nos aut amicos fratres nostros cum dieto domino Episcopo tractata vel etiam ordinata, in- violabiliter observentur. 3) Dann ſagt z. B. der Komthur Dieterich von Koͤnigsberg, wenn

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Der Landmeiſter. 527 Amtsverwaltung des Landmeiſters auch die Ausuͤbung des Patronats-Rechtes in den Pfarreien des Ordensgebietes. Er begabte nicht allein die Kirchen mit einer beſtimmten Anzahl von Freihuben, ſondern in der Regel hatte er auch das Vor⸗ ſchlag-Recht bei Beſetzung erledigter Pfarrſtellen ). 7. War der Landmeiſter verbunden, alljaͤhrlich am Kreuzerhoͤhungs⸗ Tage ein General-Kapitel der Komthure und ſaͤmmtlicher uͤbriger Ordensbeamten in Elbing zu halten?), in welchem er außer den inneren Ordensangelegenheiten auch die wich⸗ tigſten Verhaͤltniſſe des Landes zur Sprache brachte, ſich mit den verſammelten Ordensgebietigern über ſtaͤdtiſche Privile⸗ gien berieth '), allgemeine Landesgeſetze emwarf, ſich von den einzelnen Komthuren die Verwaltung ihrer Burgdiſtricte vor⸗ legen ließ u. ſ. w. So ſtand alſo uͤberhaupt der Landmeiſter der ganzen in⸗ nern Landesverwaltung in allen ihren Zweigen vor. Pflege er dem Withing Geduke einen Landbeſitz ertheilt, es geſchehe ex parte fratris Hartmudi Magistri terre Frussie, qui nobis vices suas de- legavit. 1) In Dörfern des Ordensgebietes ſcheint der Landmeiſter in der Regel das Patronats⸗Necht immer ausgeuͤbt zu haben. In einem ganz eigenen Verhältniffe aber ſtand der Orden hierin mit dem Biſchofe von Kurland. In einer Urkunde vom J. 1252 heißt es naͤmlich: Sic ex- stitit ordinatum, quod si in civitate una erit parochialis ecelexia, ius patronatus ad episcopum et fratres communiter pertincbit, si autem due, unam concedet episcopus et aliam fratres, si tres, in duabus fratres, in tercia episcopus ius habebit, si quatuor duas fra- tres et duas episcopus locabit. Urkunde im geh. Arch. Schiebl. LIT. Nr. 11. In Memel, damals zu Kurland gerechnet, wurde dann dieſe Beſtimmung auch in Anwendung gebracht. Sowohl die Urkunde über die S. Nicolaus⸗Kirche, als die über die S. Johannis⸗Kirche im geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 6 und 8 geben hieruͤber naͤhere Auskunft. 2) Die Urkunde in Hennigs Ordens - Statut. S. 222 giebt hier⸗ uͤber die Beſtimmung. Ueberhaupt war der Kreuzerhoͤhungs⸗Tag die geſetzliche Zeit zur Abhaltung der General: Kapitel; ſ. De Wal Re- cherches T. I. p. 96. 3) Wir finden z. B. ein ſolches Land- Kapitel im J. 1288, wo Elbing ſein Privilegium erhielt; ſ. Crichton a. a. O. S. 2 — 29.

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528 Der Landmeiſter. und Verbefferung des Ackerbaues, das Austrocknen ſumpfiger Gegenden, das Eindaͤmmen der Stroͤme und was ſonſt im Ganzen zur Cultur des Landes gehoͤrte, war ſeiner Sorge zunaͤchſt anheim geſtellt. Von dem allen, wie überhaupt von feiner ganzen Amtsverwaltung auch in Ruͤckſicht der laͤndli⸗ chen Verhaͤltniſſe mußte er jedes Jahr Rechnung legen und Bericht erſtatten. Fruͤherhin mußte dieſer Bericht uͤber den Zuſtand des Landes alljaͤhrlich an das Ordens⸗-Kapitel in Akkon geſandt und alle zwei oder drei Jahre uͤberdieß dahin auch ein Ordensbruder geſchickt werden, der dieſen Bericht dann mündlich gab oder doch beſtaͤtigte!). Spaͤterhin mag dieſe Berichterſtattung nur an den Hochmeiſter und an das Ordens-Kapitel in Deutſchland erfolgt ſeyn. Schon dieſe Wichtigkeit des landmeiſterlichen Amtes fuͤr die innere Lan⸗ desverwaltung machte es nothwendig, daß der Landmeiſter das Amt nie verlaſſen duͤrfe, außer wenn ihm der Hochmei⸗ ſter oder das Ordenskapitel dazu die ausdruͤckliche Erlaubniß ertheilten ?). Dann ernannte er, wie es ſcheint, nach eige= ner Wahl einen Stellvertreter und uͤbertrug dieſem ſeine ganze Amtsverwaltung mit aller Vollmacht; doch auch hiezu bedurfte es des Beirathes und der Zuſtimmung der vornehm⸗ ſten Ordensbeamten. War dieſe aber erfolgt, ſo trat der Stellvertreter ganz in den Kreis der Gefchäfte des Landmei⸗ ſters ein. Endlich war in des letztern Verwahrung auch das landmeiſterliche Ordensſiegel, durch welche alle feine Verord⸗ nungen, Verhandlungen und Verleihungen, ſobald ſie ſchrift⸗ lich abgefaßt waren, ihre volle Gültigkeit und Bekraͤftigung erhielten. Darum war ihm auch geſetzlich die ſorgſame Ver⸗ wahrung deſſelben vorgeſchrieben ). 2 1) In der Urkunde in Hennigs Ordens-Statut. wird ausdruͤck⸗ lich vorgeſchrieben: Omni anno mittantur littere ad partes transmari- nas et in secundo vel tercio anno mittatur frater personaliter de statu terre et communitate conventus. 2) Urkunde in Hennigs Ordens-Statut. S. 223. 3) ©. die Urkunde in Hennigs Ordens-Statut. S. 221 — 222, wo zugleich beſtimmt wird, das Siegel des Landmeiſters von Preuſſen

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Der Ordensmarſchall. 529 Aber nicht bloß die innere Landesverwaltung, ſondern auch die Fuͤhrung des Krieges, die Vertheidigung des Landes gegen den Andrang der Feinde und die Bekaͤmpfung und Be: zwingung der Heiden lagen mit in dem Kreiſe der Thaͤtig⸗ keit des Landmeiſters. Er rief nicht felten ſelbſt auch das Streitheer zuſammen, führte es bald allein, bald in Beglei— tung des Ordensmarſchalls oder einiger Komthure gegen den Feind, ordnete die Reihen und leitete die Schlacht !). Konnte er nicht perſoͤnlich am Kampfe Theil nehmen, ſo lag es in feiner Amtsgewalt, den Ordensmarſchall, einen Komthur oder Vogt mit der Führung des Krieges zu beauftragen ). Wie das Kriegsvolk im Lande, fo ſtanden auch die nach Preuſſen kommenden Pilgerhaufen und Kreuzheere in ihrem Kriegs dienſte unter des Landmeiſters Leitung ). Von ihm hing auch die Befeſtigung des Landes durch Wehrſchanzen und Burgen ab; zuweilen beſtimmte indeſſen ihre Anlage auch der Hochmeiſter ſelbſt?) und der Landmeiſter leitete dann nur den Aufbau und gab die Entwuͤrfe zu den noͤthigen Befeſti⸗ gungowerken ). Jedoch ſtand der Landmeiſter überhaupt dem Kriegsweſen und namentlich der Kriegsfuͤhrung immer nur im Allgemeinen vor, denn die eigentliche beſondere Verwal⸗ tung des Kriegsweſens in ſeinen einzelnen Zweigen war die Sache des Ordensmarſchalls. Der Ordensmarſchall. Der Ordensmarſchall, gemeinhin auch bloß der Mar⸗ ſolle die Umſchrift führen: Sigillum ſratrum domus theutonicorum in Prusia. Im Bilde jreiit es die Flucht der heil. Aeltern nach Aegypten dar: Maria mit dem Jeſuskinde auf einem Eſel ſitzend, Joſeph mit ei⸗ nem Wanderſtabe vor dieſem hergehend und ihn leitend und vor ihm der bedeutſame Stern, der ihm den Weg zeigt. 1) Duisburg c. 118. 12x. 166. 170. 173. 2) Dusburg c. 67. 171. 172. 177. 197. 232. 5) Des papſtlichen Befehles hierüber ift früher ſchon erwähnt. Dus- Lurg c. 54. ) Dasburg c. 144. - 5) Dusburg c. 45. 122. 126. 288. III. 34

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530 Der Drdensmarfdall. ſchall von Preuſſen genannt !), war im Range der Ordens⸗ beamten in Preuſſen um dieſe Zeit der naͤchſte nach dem Landmeiſter und dieſem amtlich untergeben. Auch er hatte in der Regel keinen beſtimmten Wohnſitz, denn auch ſein Amt machte ſeine Anweſenheit bald in der einen, bald in der andern Ordensburg nothwendig. Erſt nachmals verwaltete er zuweilen zugleich auch das Komthuramt von Brandenburg *) oder Königsberg ) und erſt in ſpaͤterer Zeit ward das Kom= thuramt von Königsberg mit dem Marſchallamte verbunden“). In der Kriegsfuͤhrung wechſelte er mit dem Landmeiſter und begleitete dieſen auch faſt regelmaͤßig auf den Kriegszuͤgen. Seiner eigentlichen ausſchließlichen Amtsverwaltung aber war die Ruͤſtung und Bewaffnung ſowohl der Ordensritter, als des ganzen uͤbrigen Kriegsheeres anvertraut“), denn wenn gleich jeder kriegspflichtige Landeinſaſſe verbunden war, jeder Zeit auf ſeinem Streitroſſe mit eigenen Waffen beim Kriegs⸗ heere zu erſcheinen, fo war doch für dieſe nicht bloß eine bes ſondere Muſterung nothwendig, ſondern es bedurfte auch noch eines beſonderen Waffenvorraths, beſonderer Streitroſſe, und fuͤr dieſe, fuͤr die Belagerungs- und Sturmmaſchinen, fuͤr die Bekoͤſtigung des Heeres u. dgl. ſorgte der Ordensmar⸗ ſchalls). Das Ordensgeſetz unterwarf ihm, wie dem Lands meiſter alle ſtreitfaͤhigen Ordensbrüder zu ſtrengem Gehor— fan”). Einige Ordensritter ſtanden unter ihm zunaͤchſt als 1) „NMarschalcus Prusie“ wird er regelmaͤßig in Urkunden ge⸗ nannt. 2) Dusburg c. 119 vergl. mit c. 125. Lucas David B. IV. S. 90. 8) Dieſes Amt verband mit der Marſchalls-Wuͤrde der Marſchall Dieterich, welcher bei Bartenſtein fiel. Doch iſt dieſes auch nur das einzige Beiſpiel in dieſer Zeit. Hienach iſt Hennigs Anmerk. zu Lu⸗ cas David B. V. S. 41 offenbar unrichtig. 4) Dieſes geſchah nämlich erſt nach der Ankunft des Hochmeiſters in Marienburg. 5) Ordens: Statut. S. 176. 6) Ordens⸗Statut. S. 176. 177. 7) Ordens⸗Statut. S. 176!

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Der Drvensmarfgali. 531 feine Gehülfen im Amte ). Hatte er auf einem Kriegszuge den Heerbeſehl, fo mußten ſich alle feinem Kriegsgebote fuͤ⸗ gen; doch ward in ſchwierigen Faͤllen mit den angeſehenſten und erfahrenſten Ordensrittern von ihm auch Kriegsrath ge⸗ halten ). Begleitete er auf Heerfahrten den Landmeiſter, fo hatte dieſer jeder Zeit den oberſten Heerbefehl) und der Mar: ſchall war ihm in der Kriegsführung amtlich untergeben *). Sonſt hatte der Ordensmarſchall um dieſe Zeit in der Lan⸗ desverwaltung noch keinen beſondern Einfluß oder Vorrang vor den uͤbrigen Ordensbeamten und wenn er nicht der Stell⸗ vertreter des Landmeiſters war, wie Konrad von Thierberg an der Stelle ſeines Bruders, ſo ſtellte er auch noch keine urkundlichen Verſchreibungen über laͤndliches Beſitzthum aus). In des Landes politiſchen Verhaͤltniſſen hatte er zwar immer eine gewichtvolle und vielgeltende, aber doch immer nur mit⸗ berathende Stimme. In wichtigen Verhandlungen verbürgte er ſich mit dem Landmeiſter fuͤr den ganzen Orden in Preuſ⸗ ſen und ſchwur im Namen der ubrigen Ordensbruͤder den Verſicherungs-Eid ); deshalb befand er ſich in ſolchen Faͤl⸗ len auch meiſt in des Landmeiſters Begleitung. War er des Landmeiſters Stellvertreter, ſo handelte er auch in auswaͤrti⸗ gen Verhaͤltniſſen ganz unbefchränft in deſſen Macht“). Ueb⸗ rigens war das Marſchall-Amt, wie es ſcheint, kein feſtſte⸗ hendes Ordens-Amt, denn es kommen Zeiten vor, in wel⸗ chen wir dieſes Amt uͤberhaupt gar nicht beſetzt finden und wahrſcheinlich der Landmeiſter die Geſchaͤfte des Marſchalls 1) Ordens Statut. ebend. De Wal Recherches T. I. p. 317. 2) Dusburg c. 40. 3) Dusburg c. 119. 4) Dusburg c. 197. 6) urkundliche Verſchreibungen, welche der Marſchall als Vice⸗ Landmeiſter ausſtellte, beſiegelte er wie alle ſonſtigen Urkunden mit ſei⸗ nem eigenen Marſchall⸗Siegel, deſſen Bild ein Reiter mit gefaͤllter Lanze war. Urkunde im Raths- Archiv zu Thorn Cist. III. Nr. 17. 6) Urkunde bei Dogiel T. IV. Nr. 39. Dreger Nr. 191. 7) Urkunde im geh. Arch. Schiebl. LVI. 34 *

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532 Die Komthure. mitverwaltete. So war Konrad von Thierberg der Juͤngere der letzte in der Zeit der Landmeiſter, welcher ums Jahr 1288 das Marſchaliamt bekleidete n). Die Komthure. Wir betrachten auch die Komthure hier weniger in ihren eigentlichen Ordensverhaͤltniſſen als in Ruͤckſicht auf die Lan⸗ desverwaltung 2). Es beſtand unter ihnen ein gewiſſes Rang⸗ verhaͤltniß nach der Wichtigkeit der Burg, auf welcher ſie ihr Amt verwalteten, und nach der Größe des Landgebietes, auf welches ſich ihre Verwaltung erſtreckte. Als der vornehmſte galt von jeher ſchon wegen der Wuͤrde der Stadt der Land⸗ komthur von Kulm oder der Komthur des Kulmerlandes ), weil er zugleich auch uͤber das ganze Kulmiſche Gebiet einen ſehr ausgedehnten * hatte. Ihm zunaͤchſt war die Bewehrung und Verthridigung der ganzen Landſchaft über: tragen; er beſaß daher auch eine-gewiſſe Obergewalt über die andern Komthure und Ordensbeamten dieſes Landes; fie muß⸗ ten im Kriegsweſen ihm überall Folge leiften *). Die war 1) Vgl. meine Geſchichte Marienburgs S. 75. 2) De Wal Recherches T. II. p. > fast über die Komthure in Preuſſen im Allgemeinen: Les Commandcurs &toient tres -numbreux dans l'Ordre Teutonique; mais les emplois de ceux, qui avoient des commanderies dans la Prusse et dans la Livonie, etoient bien plus importants qu'ils ne l'&twient daus les autres pays; ordinairement ils etoient charges de gouverner et de defendee une ville ou une forteresse considérable, et leur autorité s’etendoit quelqueſois sur un district trés- etendu. 3) Er heißt bald bloß Commendator provincialis, bald Commen- dator terre Culmensis oder auch Commendator universalis terre Cul- mensis. Unter den Zeugen in Urkunden ſteht fein Name bald vor, bald nach dem des Ordens⸗Marſchalls, fo daß hieraus kein ſicherer Schluß auf einen Vorrang zu folgern iſt. urſpruͤnglich ſcheint er nur Com- mendator in Culmine oder Commendator antiqui Culminis geheißen zu haben. Bekanntlich gab es ſolche Landkomthure auch in Deutſchland, z. B. in Thüringen, Oeſterreich v. ſ. w. 4) De Wal Recherches T. I. p. 327. T. II. p. 3.

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Die Komthure 533 es aber auch allein, worauf fich fein Vorrang flüßte, denn in der eigentlichen Landesverwaltung beſchraͤnkte ſich ſein Ge⸗ ſchaͤftskreis nur auf das Landgebiet von Kulm. Es war naͤmlich jeder Ordensburg, auf welcher ein Kom⸗ thur als Vorſteher eines Conventes ſaß, ein beftimmter Land: kreis zugewieſen, deſſen nähere Verwaltung von der Burg ausging. Die Amtspfliten des Komthurs erſtreckten ſich nin eines Theils auf die ganze innere Landesverwaltung die⸗ ſes ihm angewieſenen Burgdiſtriktes, andern Theils auf die Kriegsführung ſowohl in als außerhalb feines Gebietes. Was die erſtere betrifft, ſo verfuͤgte er hie und da in ſeinem Be⸗ zirke uber ländlichen Beſitz, that erledigte Lehen aus und faßte daruͤber urkundliche Verſchreibungen ab, worin die Rechte und Obliegenheiten des verliehenen Gutes aufs genauſte be⸗ ſtimmt waren. Es geſchah ſolches indeſſen immer nur in Vollmacht des Landmeiſters und mit Zuſtimmung aller Or⸗ densbruͤder des Conventes. Iugleiisen erlaubte er Tauſch und Verkauf mit Landeigenthum in ſeinem Landkreiſe, doch auch dieſes nur mit des Landmeiſters Veiſtimmpng, welche jedoch ſpaͤterhin als für immer gegeben betrachtet wurde). Zu den wichtigſten feiner Amtsgeſchaͤfte gehörte das Gerichtsweſen in allen Fallen, wo die Gerichtsbarkeit nicht ſchon anderwörte verliehen war?). Wie er im Allgemeinen innerhalb der Graͤnzen ſeines Komthurbezirkes die ganze policeiliche Ord⸗ nung aufrecht halten und für die allgemeine Sicherheit ſor⸗ 1) De Wal T. II. p. 8 ſagt allerdings ganz richtig: Il est pro- bable, et l'on ne peut pas meme dovter que les Commandeurs ne conferoient les fiels et n’accordoient des privileges, que par les or- dres ou avec la permission expresse du Crand- Maitre; sans quoi il en seroit result€ une vraie cacophonie dans le gouvernement; ce dont on ne voit pas de vestigos; allein man darf dieſes nur nicht auf die einzelnen Falle ausdehnen, denn ohne Zweifel hatten die Komthure vom Landmeiſter öfter eine allgemeine Vollmacht hieruber. 2) Wenn es in den Urkunden heißt: Excipimus tamen nobis iu- dicium, quod nobis — nostzac domui — reservamus, fo geht das Gericht jedesmal an das Ordenshaus, in deſſen Bezirk eine Verleihung geſchieht.

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534 Die Komthure. gen mußte, fo übte er insbeſondere ausſchließlich auch die Gerichtsbarkeit über alle Preuſſen oder Polen in Streitigkei⸗ ten unter einander!) und über alle Gutsunterthanen oder Hinterſaſſen des Ordens, in der Regel auch das Straßenge⸗ richt. In manchen Faͤllen gab er auch richterliche Entſchei⸗ dung in ſtaͤdtiſchen Angelegenheiten. Zugleich verhaͤngte er auch die Strafen nach den beſtehenden Landesgeſetzen. Er entſchied in Graͤnzſtreitigkeiten der Bewohner ſeines Diſtrik⸗ tes und achtete darauf, daß die Graͤnzmarken der Guͤter im⸗ mer in Richtigkeit erhalten wurden. Ein Hauptgeſchaͤft des Komthurs war ferner die genauſte Aufſicht auf richtige Zins⸗ und Zehntentrichtung, woruͤber er Buch und Rechnung hielt, die er den vam Landmeiſter oder Hochmeiſter ausgeſandten Viſitatoren der Ordenshaͤuſer vorzulegen hatte, ſo oft ſie bei ihm erſchienen. Durch dieſe führte der Landmeiſter die Con⸗ trolle uͤber die ganze Amtsverwaltung jedes einzelnen Kom⸗ thurs 2). Ueberhaupt mußte der Komthur von Zeit zu Zeit über Ausgabe und Einnahme Rechnung ſtellen ). Insbe⸗ ſondere führte er die Aufſicht über den Anbau und die zweck⸗ mäßige Beſtellung der Landguͤter, die in feinem Amtsbezirke unmittelbar dem Orden und namentlich ſeinem Ordenshauſe zugehoͤrten. Er achtete darauf, daß das Jagd- und Fiſche⸗ 1) So heißt es z. B. in einer Verſchreibung des Komthurs Hein: rich von Wilnowe zu Marienburg uͤber das Dorf Poſtelin vom J. 1295: Preterea volumus si contigerit nostros homines nobis subditos sive sint Pruteni seu Poloni in eisdem bonis rixarı aut discordari, ad nostri iudicii examen hoc pertinere, nisi rixati fuerint vel discorda- verint nostri subditi sive Pruteni sint sive Poloni cum colonis dicto- zum bonorum, tunc utique hoc judicium ad examen iudicis vel scul- teti supradicte ville spectare tenetur. 2) Daß dieſe Viſitatoren ſchon in der früheren Zeit des Ordens auch in Preuſſen eingefuͤhrt waren, ſehen wir aus der Urkunde in Hen⸗ nigs Ordens-Statut. S. 222, wo das Geſetz gegeben wird: nullus preceptor provincialis visitatores mittat sine consensu conventus. Alſo ward im Landkapitel beſtimmt, wenn der Landmeiſter die Viſita⸗ toren ausſenden ſolle. 3) urkunde in Hennigs Ordens- Statut. S. 222,

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Die Komthure 535 rei-Recht nicht verletzt oder uͤberſchritten werde und ſtraſie uͤber Vergehungen hierin ſelbſt. Ferner ſtanden unter ſeiner Aufſicht auch die Staͤdte, die in ſeinem Landkreiſe lagen. Er ſah mit auf die Aufrechthaltung der ſtaͤdtiſchen Ordnung und auf Befoͤrderung der ſtaͤdtiſchen Gewerbe. Er zog die ſtaͤdti⸗ ſchen Abgaben und Gefälle, Hofſteuern und Zinſen ein, ſo— wie er auch darauf ſehen mußte, daß keine Befeſtigung an der Stadt und kein Bau in ihr vorgenommen wurde, wel⸗ cher der Ordensburg gefährlich ſeyn konnte. Es gehörte uͤber⸗ haupt zu ſeinem Amtsgeſchaͤft, daß die Staͤdte die in ihren Privilegien ihnen bewilligten Rechte und Freiheiten in keinem Punkte uͤberſchritten oder mißbrauchten und die ihnen aufer⸗ legten Pflichten und Obliegenheiten gehoͤrig erfuͤllten. Neue Rechte und neue Bewilligungen konnte der Komthur einer Stadt nur mit Einſtinnnung und Erlaubniß des Landmei⸗ ſters ertheilen “). Außer dieſen und manchen andern ſich nur auf ihren Landbezirk beziehenden Amtsgeſchaͤften hatten die Komthure auch die Verpflichtung, in allen Verſammlungen und Bera⸗ tyungen zu erſcheinen, welche der Landmeiſter oder fein Stell⸗ vertreter zur Erwägung des allgemeinen Landeswohls anord⸗ nete. Hier bildeten ſie des Landmeiſters Beirath, ſprachen die Beduͤrfniſſe ihres Amtsbezirkes aus, beſtimmten, inwiefern dieſe oder jene Anordnungen auf ihr Gebiet anwendbar ſeyen und gaben den Vorſchlaͤgen zu allgemeinen Landesgeſetzen oder beſondern Verfügungen ihre Zuſtimmung. So mußten fie auch alljährlich zur Berathung über die allgemeine Lan⸗ desverwaltung ſich im Kapitel zu Elbing einfinden, wozu ſie auch mehre ihrer Conventsbruͤder mitbringen konnten. Es wurde im Jahre 1251 verordnet, daß dort im General-Ka⸗ pitel zu wichtigen Verhandlungen wenigſtens ſechzehn Dr: densritter aus Balga und Chriſtburg verſammelt ſeyn muß⸗ 1) Urkunde des Komthurs von Chriſtburg vom J. 1298, worin er der Stadt ein mercatorium zugeſteht, aber nur cum consensu et li- centia Magistri terrae Prussiae.

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536 Die Komthure. ten !). Der Ordensmarſchall aber und der Landkomthur von Kulm mußten wahrſcheinlich jedesmal erfcheinen ?). Was des Komthurs Amtspflichten in Ruͤckſicht der Kriegs⸗ führung betrifft, fo war er hierin aufs ſtrengſte den Anord— nungen und Befehlen des Landmeiſters und des Ordensmar⸗ ſchalls unterworfen. Er mußte zu allen Kriegszuͤgen mit ei⸗ nem Theile feiner Conventsbrüder und der Wehrmannſchaft feines Diſtriktes erſcheinen, zu welchen dieſe ihn aufriefen >). Nicht ſelten erhielt er vom Landmeiſter auch den Auftrag, an der Spitze eines Heerhaufens eine Kriegsreiſe allein zu uns ternehmen“). Er durfte aber auch ohne Befehl des Land⸗ meiſters oder des Ordensmarſchalls zu jeder Heerfahrt aus⸗ ziehen und jeden Keiegszug wagen, der ihm zu Sicherheit feines Landberirtes nothwendig ober zur Forderung der Glau⸗ lensſache zweck bienlich und heilſam ſchien, ohne für das Miß⸗ lingen der Unternehmung verantwortlich zu ſeyn ). Oft ges ſchah es ſelbſt, daß der Komthur einen ſeiner tapferſten Con⸗ ventsbruͤder mit Mannſchaft gegen den Feind ausziehen ließ, denn jedes kriegeriſche Wagniß gegen den Feind des Glau⸗ bens war jedem Ordensritter erlaubt ?). Da in der ſturm⸗ vollen Zeit des Aufruhrs der Preuſſen und waͤhrend des Er⸗ oberungskampfes in Sudauen die Komthure des Landes oft lange Zeit unablaͤſſig nur mit der Waffenfuͤhrung beſchaͤftigt waren, fo hatte die Amtsverwaltung in den Landbezirken der Ordensburgen meiſt Stellvertretern der Komthure oder ſ. g. Hauskomthuren !) übertragen werden muͤſſen, welche dann 1) Urkunde in Hennigs Ordens-Statut. S. 222. 2) Crichtens Urkunden zur Preuſſ. Geſchichte S. 29. 3) Dusburg c. 65. 4) Dusburg c. 67. 234. 5) Dusburg c. 74. 75. 130. 131. 136. 200. 256. 6) Dusburg c. 134. 148. 145. Nur zuweilen verbot der Land⸗ meiſter einem Ritter ausdruͤcklich, kuͤhne Streifzüge ins feindliche Land ferner mehr zu unternehmen. 7) Sie unterſcheiden ſich von den Komthuren durch die Benennung Vice- Commendatores. Vgl. De Wal Recherches T. II. Nr. 9 — 10.

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Die Komthure. 537 ganz in der Amtsgewalt der Komthure handelten. Sie be⸗ hielten aber ihren Namen und ihr beſonderes Amt auch bei, wenn die Komthure ihr Amt ſelbſt verwalteten und ſtanden dann dieſen in ihren Geſchaͤften bei; nur tritt ihr Wirken um dieſe Zeit noch wenig hervor. Verwaltete der Landkomthur von Kulm oder der Kom⸗ thur einer Ordensburg ſein Amt nicht mit aller Thaͤtigkeit und Pünktlichkeit, verwandte er keinen ſorgſamen Fleiß auf die Wohlfahrt und das Gedeihen ſeines Kreiſes oder ließ er ſich ſaͤumig finden in der Landesvertheidigung, ſo konnte der Landmeiſter mit Zuziehung und Einſtimmung eines Kapitels ihn ſofort ſeines Amtes entſetzen und einen andern an ſeine Stelle ernennen !), wie es im Kulmerlande wirklich einmal geſchah?). Ueberhaupt aber konnte auch an ſich ſchon der Land⸗ meiſter mit Einſtimmung des Kapitels die Komthure ihres Amtes entlaſſen, ſie in andere Ordensburgen verſetzen und ihre Stellung veraͤndern, wie es irgend gut ſchien ). Bei ſchlechten Sitten, bei einer tadelswerthen Amtsverwaltung erfolgte eine augenblickliche Abſetzung vom Amte 2). Sonſt mußte jedes Jahr im großen Kapitel jeder Komthur nach ab⸗ gelegter Amtsrechnung ſein Amt in die Hand des Landmei⸗ 1) Ordens⸗Statute S. 173. 2) Dusburg c. 187, 3) Ordens⸗Statute S. 175. Dusburg c. 228. Seit dem Jahre 1251 gab es hierüber auch für Preuſſen noch ein beſtimmtes Geſetz, wo es hieß: Mandamus, ut comwendatores urbium et provinciarum cum consilio conventus instituantur et destituantur; ſ. die Urkunde in Hennigs Ordens-Statut. S. 222. Wenn conventus, in feiner ge wohnlichen Bedeutung genommen, hier fo viel als die Zahl von Ritter⸗ bruͤdern eines einzelnen Ordenshauſes bezeichnete, ſo waͤre die Anſtel⸗ lung oder Entlaſſung eines Komthurs im Kapitel eines Haus⸗Con⸗ vents, nicht im allgemeinen Landkapitel geſchehen. Dieſes iſt aber nicht der Sinn; fondern der Ausdruck conventus kommt wie in dieſer Ur- kunde, fo auch ſonſt noch öfter in der Bedeutung eines Landkapitels vor und es iſt alſo hier nur von einem Kapitel der Ordensgebietiger die Rede. - 4) Ordens⸗Statute S. 173.

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538 Die Ordens-Voͤgte. ſlers niederlegen; dann wurde die Amtsverwaltung jedes Kom: thurs der Pruͤfung des Kapitels unterworfen und davon hing es ab, ob der Komthur feine bisherige Amtsſtelle ferner noch behalten duͤrfe oder nicht!). Nicht ſelten erfolgten Wechſel und Verſetzungen; allein es kommen auch zahlreiche Faͤlle vor, daß ein Komthur ſein Amt in einer Ordensburg auf viele Jahre bekleidete immer dann ein Beweis, daß ſeine Amtsfuͤhrung untadelhaft war. Ging ein Komthur von ſei⸗ nem Ordenshauſe ab, ſo mußte er alles, was dem Hauſe zugehoͤrte, Geld, Zinſen oder Schulden ſchriftlich genau ver⸗ zeichnet und mit dem Zeugniſſe der Ritterbruͤder des Hauſes verſehen, feinem Nachfolger übergeben ?). Die Ordens-Voͤgte. Diefe Ordens-Voͤgte hatten um dieſe Zeit offenbar noch eine ganz andere Stellung, als ſie ſpaͤterhin erhielten. Man ging anfangs von dem Gedanken aus, in ihnen aͤhnliche Oberbeamte über einzelne Landſchaͤften anzuſtellen, wie in Deutſchland die Land-Voͤgte. Wenigſtens mochten dieſe in der erſten Zeit zum Muſter vorliegen. Es gab daher jetzt in Preuſſen noch keine andern Voͤgte, als ſolche uͤber ganze Landſchaften, einen Vogt von Samland, einen ſolchen von Natangen, Ermland, Barterland u. ſ. w. Als ſolche fuͤhr— ten fie zuweilen auch den Titel eines Komthurs der Land: ſchaft?). In ihren Amtsverhaͤltniſſen glichen ſie im Ganzen 1) Ordens-Statute S. 175. 2) Das Geſetz hierüber hieß: Volumus, ut commendatores, qui destituuntur, successoribus domus bona sub scripto et fratrum te- stimonio representent. Vgl. Ordens⸗Statut. S. 175 und die Urkunde ebendaſ. S. 222. Aus ſpaͤteren Zeiten beſitzt das geh. Archiv auch noch eine große Menge ſolcher Uebergabe⸗Verzeichniſſe. 3) So heißt z. B. der Vogt Kuno von Natangen in einer Urkunde vom J. 1276 Advocatus Natangie; in einer andern dagegen vom J. 1277 frater Cuno Commendator Natangie; fo Werner von Grunau und Helwig von Goldbach, Voͤgte von Natangen, bald Advocatus Na- tangie, bald Commendator Natangie. In einer Urkunde vom J. 1257

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Die Ordens-Voͤgte. 539 dem Landkomthur von Kulm, nur daß dieſer unter den Or⸗ densgebietigern einen ungleich hoͤheren Rang behauptete. Ur⸗ ſpruͤnglich mochte indeſſen ihre ganze Stellung die naͤmliche geweſen ſeyn. Zu ihrer Anordnung hatten offenbar die Ver⸗ haͤltniſſe der Zeit in Preuſſen mit eingewirkt. In den fürs miſchen Kriegsjahren naͤmlich, da oft der Komthur eines Or⸗ denshauſes entweder durch Belagerung auf ſeiner Burg einge⸗ ſchloſſen, von feinem Landbezirke abgeſchnitten oder durch Kaͤmpfe und Kriegszuͤge an der inneren Landesverwaltung gehindert war und als ohnedieß der Ordensburgen im Lande noch nicht ſo viele daſtanden, daß von ihnen aus die einzel⸗ nen Theile der Landſchaften leicht uͤberſehen und verwaltet werden konnten, bedurfte es eines Beamten, der keiner ein⸗ zelnen Burg und einem beſondern Landbezirke angehörig die geſammte Verwaltung oder auch Vertheidigung einer ganzen Landſchaft uͤbernahm und als ſolcher auch keinen feſten Wohn⸗ ſitz hatte, ſondern wie der Landmeiſter und der Ordens-Mar⸗ ſchall ſich bald hier bald da aufhielt, wo ſeine Gegenwart am meiften noͤthig war ). Als Komthur einer ganzen Land: ſchaft umfaßte er in ſeinem Vogt-Amte alle Pflichten und Geſchaͤfte eines Komthurs, nur in erweiterter Ausdehnung. Er ließ alſo in der ganzen Landſchaft Zins und Zehnten er— heben, wie jener Volrad Mirabilis, welcher Vogt von Nas kommt auch vor Henricus de Alsvelt Connnendator Bardie und vor dem Aufbau von Koͤnigsberg hieß Burchard von Hornhauſen noch all⸗ gemein Commendator Sambie. Nur die fpäteren Ordens-Voͤgte von Samland behalten beftändig den Titel Advocatus. De Wal Recherches T. II. p. 5 ſagt daher ganz richtig: Les dénominatious de Commandeur et de Vogt, Bailli ou Avoué designoient suuvent la meme chose. 1) In Kurland, unter andern auch in Memel, finden wir oft ne⸗ ben dem Komthur einer Ordensburg auch noch einen Burg-Vogt. So kommt z. B. im J. 1258 neben dem Komthur Bernhard in Memel⸗ burg auch noch ein frater Stephanus advocatus in Mymelenburg vor. Allein wahrſcheinlich war dieſes immer der Vogt des Biſchofstheiles. Gewiß iſt jedoch auch, daß dort auch ſchon Voͤgte in Ordenshaͤuſern ſaßen; ein ſolcher war z. B. frater Johannes de Einbeke advocatus de Amboten. De Wall. e.

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540 Einkünfte des Ordens. tangen und Ermland war!); er uͤbte die hohe und niedere Gerichtsbarkeit; er trat als Anfuͤhrer an die Spitze der Kriegs⸗ ſchaaren und zog dem Feinde zum Kampfe entgegen, wie je: ner tapfere Dieterich von Liedelau, Ordens-Vogt von Sam⸗ land ). Dieſes Vogt-Amt ging indeſſen mit der Zeit in den meiſten Landſchaften wieder ein, ſobald Friede und Ruhe zuruͤck⸗ kehrten und die Zahl der Ordensburgen ſich mehr und mehr vergroͤßertes). Nur in Samland, wo der Ordens-Vogt in dieſer Zeit immer am thaͤtigſten hervortritt, erhielt ſich das Amt auch noch ins naͤchſte Jahrhundert hinein. Einkuͤnfte des Ordens. Wenn man die haͤufigen Klagen vernimmt, welche bald der Papſt, bald die Landesbiſchoͤfe, bald die Ordensritter ſelbſt über die Armuth des Ordens in Preuſſen, uͤber den bisweiligen Mangel ſelbſt der nothwendigſten Beduͤrfniſſe führ⸗ ten, und wenn man auf die drin zenden Ermahnungen und Bitten der Paͤpſte zur Wohlthaͤtigkeit und zu Almoſen fuͤr die Ordensbruͤder achtet und daun noch bemerkt, mit wel⸗ chem emfigen Eifer und mit welcher faſt habſuͤchtigen Bes 1) Dusburg e. 83. Lucas David B. IV. S. 36 ff. 2) Dusburg c. 171. 172. 177. 3) Ueber laͤndliches Eigenthum konnten dieſe Ordens -Voͤgte in ih: rer Landſchaft, wie es ſcheint, nicht verfügen. Wenigſtens finder ſich in der noch vorhandenen großen Zahl von Verleihungs-Urkunden keine ein⸗ zige, die ein ſolcher Ordens-Vogt ausgeſtellt haͤtte. Zwar kommt ein Fall vor, wo Frater Hinrieus de Bolin adsocatus venerab. domini Cristiani episcopi Sambiensis ex parte dumini episcopi, qui nobis vices suas delegavit, an die beiden Preuſſen Mehtuo und Sangite im J. 1291 eine Verſchreibung ausſtellt und darin ausdruͤcklich erklärt, es ſey dieſes geſchehen ex consensu ac consilio fratris Theoderici advo- cati Sambie, welcher kein anderer als der Ordens-Vogt Dieterich von Liedelau iſt, welcher alſo wohl einen gewiſſen Einfluß auf die Verlei⸗ hung gehabt zu haben ſcheint; allein dieſer Fall war offenbar nur Aus⸗ nahme, da ſich der Samländifche Biſchof um dieſe Zeit im Auslande befand.

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Einkünfte des Ordens. 5⁴¹ triebſamkeit der Orden ſelbſt in den Kirchen Deutſchlands ſeine jaͤhrlichen Collecten halten und die Loͤſegelder fuͤr ge⸗ thane Geluͤbde einſammeln ließ, ſo ſcheint man die Folge ziehen zu koͤnnen, daß die Einkünfte des Ordens in Preuf⸗ ſen ſelbſt im Ablaufe des dreizehnten Jahrhunderts wohl nicht von ſonderlicher Bedeutung geweſen ſeyn muͤſſen 1). In der That aber hatten auch die Einkuͤnfte und das ganze Fi⸗ nanzweſen des Ordens in dieſer Zeit eine ſolche Grundlage, daß nur in Ruhe und ungeſtoͤrtem Frieden des Landes ein guͤnſtiger Ertrag erwartet werden durfte, denn nur wenn der Ackerbau mit gluͤcklichem Gedeihen und Handel und ſtaͤdti⸗ ſche Gewerbe mit regem Leben betrieben werden konnten, war der Orden eines reichen Einkommens in ſeinem Lande ſicher. Dem Orden fielen naͤmlich feine Einkünfte) 1. als Zehnte vom beſetzten und bebauten Landeigenthum, ſofern es nicht zehntfrei war, in der Regel von einer Hube ein Schef— fel Roggen und ein Scheffel Weizen und von einem Haken ein Scheffel Weizen Breslauer Maaß, der dem Orden in ſeine Scheuern eingeliefert werden mußte; 2. als Zins von nicht zinsfreien Guͤtern; er war verſchieden in ſeiner Hoͤhe und beſtand theils in Geld, theils in Naturalien ); 3. als Hof- oder Hausſteuer in den Staͤdten, gewoͤhnlich von je⸗ dem Hofe ſechs Denare; 4. als Gewerb- Steuer in Staͤd⸗ ten und Dörfern vom Kleinhandel in Brod-, Fleiſch-, Schuh⸗ und Fiſchbaͤnken und von den Badſtuben, meiſt die Haͤlfte der auferlegten Abgaben; 5. als Krug- und Muͤhlenzins in 1) Was De Wal Recherches T. II. p. 142 von den Revenus de l’Ordre en Prusse fagt, iſt fo wenig nach der Zeit geordnet und fo wenig chronologiſch gehalten, daß man wohl ſchwerlich eine richtige Vor⸗ ſtellung davon für dieſe Zeit bekommen wird. Einiges führt darüber auch Baczko B. I. S. 370 an. 2) Es kann genuͤgen, hier die Einzelnheiten nur kurz zuſammen⸗ zuſtellen, da uͤber die einzelnen Zweige des Einkommens meiſt bisher ſchon geſprochen iſt. 3) Befonders Hühner, Enten, Gänfe, Wachs, zuweilen auch Pfeffer.

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542 Einkünfte des Ordens. den Doͤrfern und zum Theil auch in den Staͤdten; 6. als Regalien an Gold, Silber, Eiſen oder andern Metallen und Salz u. ſ. w.; 7. als Gewinn aus der Bernſteinfiſcherei, wo⸗ bei an der Samlaͤndiſchen Kuͤſte zwei Drittheile dem Orden und ein Drittheil dem Biſchofe zugehoͤrte; 8. als Ertrag aus dem Muͤnzpachte in verſchiedenen Städten; 9. als Waſſer⸗ zoͤlle!), theils auf den Faͤhren bei Kulm und Thorn Über die Weichſel und eine Abgabe auf Waaren, welche uͤber den gefrorenen Strom getragen wurden, theils auf den dem Or⸗ den zugehoͤrigen Seen z. B. auf dem Drauſen; 10. als Ge⸗ richts⸗Gefaͤlle vom hohen und niedern Gerichte ſowohl in Staͤd⸗ ten als in Doͤrfern, von denen dem Orden bald ein Drittheil, bald zwei Drittheile, zuweilen auch das Ganze zufiel; 11. als Kaufſchilling theils für Güter, welche der Orden neu austhat, theils fuͤr Lehen, die an ihn zuruͤckgefallen waren und wieder verliehen wurden, theils fir erledigte Schultheißen-Aemter, wenn ſie kaͤuflich an neue Inhaber uͤbergingen. Zu dieſen und einigen andern geringeren Einkünften kam nun noch als les, was der Orden durch den Biberfang, durch die Fifche: rei in feinen Gewaͤſſern, durch die Bienenpflege?) u. dgl. 1) Namentlich das in Urkunden ſo oft vorkommende naulum, por- torium pro traiectione. Im Privilegium von Marienburg heißt es: Passagium super Nogath ad nostros fratres volumus pertinere. Ni- hilominus tamen dictis civibus indulgemus, ut seipsos aut unus civis suum coneivem transducat absque pretio sive naulo. Preuſſiſch-Hol⸗ land erhält Befreiung von dieſer Abgabe: Damus insuper predictis ci- vibus viam navalem seu aquaticam in Weiska et per Drusen libe- ram absque naulo. Vgl. die Kulmiſche Handfeſte. 2) Daß die Bienenpflege in Preuſſen ſchon im 13. Jahrhundert ſtark betrieben worden ſeyn muß, erſieht man nicht bloß aus den in den urkunden ſehr häufig vorgeſchriebenen Wachs⸗Lieferungen, die von den Gutsbeſitzern zu ein, zwei, drei bis vier Pfund ad recoguitionem do- minii an die Ordenshaͤuſer geſchehen mußten, ſondern der Orden giebt auch ſelbſt hie und da Verfügungen in dieſer Beziehung. So erhalten z. B. die Bewohner des Dorfes Wapzk im Kulmerlande das Recht, ut in silvis ipsis adiacentibus ligna pro suis usibus incidere valeaut; aber es wird hinzugefügt: volumus tamen, ut arbores pro wellificiis habiles minime succidant.

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Kirchenthum u. Verwaltung der Biſchofstheile. 543 gewann. Wenn man nun endlich zu dem allen noch den Er⸗ trag ſchlaͤgt, welchen der Orden aus den eigentlichen Ordens⸗ guͤtern, aus den Domainen der einzelnen Ordensburgen zie⸗ hen konnte, ſo war allerdings der Anſchlag des geſammten Einkommens des Ordens von großer Bedeutung. Freilich ſtanden lange Zeit die wirklichen Leiſtungen mit den urkund⸗ lich ausgeſtellten Forderungen und Obliegenheiten in dem un⸗ günftigften Verhaͤltniſſe und die Geſchichte von funfzig Jahren mit ihren Graͤueln und Graͤßlichkeiten, mit ihren Verwuͤſtun⸗ gen und Verheerungen des Landes, mit ihrer ſo oft wieder⸗ holten Vertilgung von Staͤdten und Doͤrfern durch Feuer und Brand, mit der immer wiederkehrenden Ausplünderung der Bewohner, mit der Vernichtung alles Wohlſtandes durch Krieg und Raub, mit der Ertoͤdtung alles Handels und Be⸗ triebs der Gewerbe: das alles macht es begreiflich, wie der Orden bei allen jenen aufgeführten Einfünften in dieſer gan⸗ zen Zeit für ſo arm und huͤlflos gelten konnte und in der That auch war. Kirchenthum und Verwaltung der Biſchofstheile. Der Landmeiſter hatte auf die Territorial⸗Verhaͤltniſſe und die Verwaltung der biſchoͤflichen Landestheile weiter kei⸗ nen Einfluß, ſowie die Biſchoͤfe nach alter Anordnung in den Gebieten des Ordens nur ihre gewoͤhnlichen Dioͤceſen⸗ Rechte uͤben und alſo nur in Ruͤckſicht des inneren Kirchen⸗ weſens gewiſſe Einrichtungen und Verfuͤgungen treffen durf⸗ ten:); aber ſelbſt in dieſer Hinſicht und in Beziehung auf die 1) Vgl. oben B. II. S. 494. In der Urkunde uͤber die Biſthuͤ⸗ mer Preuſſens hieß es außerdem noch: der Biſchof erhalte tertiam par- tem integram cum omni jurisdictione et iure, salvis tamen Episcopo in duabus partibus fratrum illis omnibus, quae non possunt nisi per Episcopum exerceri.

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544 Kirchenthum u. Verwaltung der Biſchofstheile. innere kirchliche Gewalt waren die Landesbiſchoͤfe im Gebiete des Ordens durch allerlei paͤpſtliche Verordnungen fo vielfäl- tig beſchraͤnkt, daß die Ausbildung der Hierarchie in Preuſ⸗ ſen nie ſo wie anderswo gedeihen konnte. Wie wichtig war hiebei unter andern nur ſchon der eine Umſtand, daß es den Biſchoͤfen, wie wir ſchon fruͤher ſahen, nicht erlaubt war, gegen die Ordensbruͤder, ihre Leute und Kirchen den Bann oder das Interdict ausſprechen oder ſonſt irgend eine Strafe verhaͤngen zu duͤrfen! Es kam aber noch hinzu, daß es bald des Ordens ganzes Streben ward, ſeinen Einfluß auf die Biſchoͤfe und dann mittelbar auch auf die Verwaltung der Biſchofstheile ſo feſt als moͤglich zu begruͤnden und in jeder Weiſe zu erweitern. Und es gluͤckte ihm hiebei ſo mancher wichtige Schritt. Zuerſt naͤmlich gelang ihm der Verſuch, die Biſchofsſtuͤhle in Preuſſen meiſt mit Deutſchen Ordens⸗ bruͤdern zu beſetzen und die Biſchoͤfe alſo immer zugleich auch an das Intereſſe des Ordens ſelbſt zu binden; denn die Päpfie waren dem Orden in dieſem Streben immer ſo huͤlf⸗ reich, daß ſchon der Biſchof Friederich von Kulm ), der Bis ſchof Albert von Pomeſanien, der Biſchof Anſelm von Erm⸗ land) und der Biſchof Chriſtian von Samland ſaͤmmtlich Glieder des Ordens waren. Es kommen ſelbſt Faͤlle vor im Laufe dieſes Jahrhunderts, daß es der Papſt bei Biſchofs⸗ wahlen ausdrücklich zur Bedingung ſtellte, es dürfe nur ein Ordensbruder zum Biſchofe erkoren werden “). 1) Lucas David B. IV. S. 20 ſagt: „Nach ſeinem (Heiden⸗ reichs) tode waͤhlten die Thurmherren Doct. Nicaſium pfarhern der al⸗ tenſtadt Thorn, der ein fuͤrtrelflicher und gelerter man war, aber der orden drang hefftig, das Fridericus, der zu Marpurg in Heſſen war ein Bruder Deutſches Ordens, folte Biſchoff ſein.“ 2) S. oben B. II. S. 485. 3) So trug der Papſt Gregorius X dem Biſchofe von Merſeburg bei der Wahl eines neuen Samland. Biſchofs ausdruͤcrlich auf, den Die ſchof maxime de ordine hospitalis sancte Marie theutonicorum, qui tegionis ipsius dieuntur habere domisiam, auszuwählen. — Auch in Kurland gelang es dem Orden bald, das Viſthum mit Ordensbruͤdern zu befeyen. So nennt ſich ſchon der Biſchof Emund und fein Domka⸗

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Kirchenthum u. Verwaltung der Biſchofstheile. 545 Der Orden aber ging in ſeinem Streben noch weiter und es gelang ihm bald noch ein zweiter ſehr wichtiger Schritt. Er wußte es naͤmlich dahin zu bringen, daß auch die biſchoͤf⸗ lichen Domkapitel meiſt mit Deutſchen Ordensbruͤdern beſetzt wurden oder daß die Domherren als Bruͤder in den Orden traten. Im Kulmiſchen Domkapitel, dem älteften in Preuſ⸗ ſen, gluͤckte der Verſuch ſchon unter dem erwaͤhnten Biſchofe Friederich, dem Nachfolger Heidenreichs, obgleich wie es ſcheint nicht ohne einiges Widerſtreben 1). Das zweite Domſtift war dem Alter nach das Ermlaͤn⸗ diſche, vom Biſchofe Anſelm im Jahre 1264 angeordnet. Es hatte damals ſechzehn Domherrenſtellen, welche der Biſchof gemeinſchaftlich mit dem Domkapitel beſetzte, nur mit Aus⸗ nahme der Stelle des Archidiaconus, deſſen Wahl der Bi⸗ ſchof allein behielt. Das Recht der Biſchofswahl aber ſprach Anſelm dem Domkapitel ſelbſt zu ). Kein anderes Domka⸗ pitel in Preuſſen war im Beſitze dieſes Rechtes?) in ſolcher Unbeſchraͤnktheit und völliger Unabhaͤngigkeit von allem Ein⸗ fluſſe des Ordens; allein dieß hatte ſeine große Wichtigkeit, denn hierin lag der Hauptgrund, daß es dem Orden in kei⸗ pitel in einer Urkunde vom J. 1290: frater E. de ordine fratrum do- mus theut. dei gratia episcopus, frater Johannes prepositus, frater Th. decanus, totumque capitulum eiusdem sacre proſessionis. Da⸗ her bezeichnet auch der Landmeiſter Gottfried von Rogge den Biſchof und das Domkapitel von Kurland durch fratres nostri in einer Urkunde vom J. 1298. 1) Nach Lucas David B. IV. S. 21 — 22 ließ es der Orden hiebei nicht an nachdruͤcklichen Mitteln fehlen; „denn wo fie (die Dom: herren) nicht Iren orden annehmen wolten, fugte der Orden dem Bi⸗ ſtumb allen widerwillen zu, wolte auch Inen wenig oder nichts zu dem was fie berechtiget waren, vorhelfen. Vgl. Baczko B. II. S. 11. 73. 2) Es heißt in der Stiftungs⸗urkunde: Episcopum eligendi seu postulandi Canonici dicti Ecclesiae liberam facultatem habeant se- cundum canonicas sanctiones. S. Preuſſ. Sammlung B. III. S. 33. Lucas David B. V. S. 15 erwähnt auch der Anwendung dieſes Rechtes. 3) Die Kulmiſchen Domherren verſuchten einmal eine ſelbſtaͤndige Wahl, aber fie gluͤckte nicht. Lucas David B. IV. S. 20. III. 35

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546 Kirchenthum u. Verwaltung der Biſchofstheite. ner Weiſe gelang, das Ermlaͤndiſche Domkapitel mit ſeinen Ordensbruͤdern zu beſetzen und hievon war wieder die Folge, daß nach Anſelms Tod auch kein Deutſcher Ordensbruder wieder auf den Biſchofsſtuhl von Ermland kam 1). Zugleich lag hierin eine weſentliche Urſache der Erſcheinung, daß ſeit⸗ dem das Biſthum Ermland auch eine ihm ganz eigenthuͤm⸗ liche Stellung gegen den Orden erhielt, welche ſpaͤterhin manche wichtige Ereigniſſe veranlaßte. Aber auch jetzt ſchon zeigte ſich auf dem Ermlaͤndiſchen Biſchofsſtuhle nicht ſelten das entſchiedenſte Streben, den Einfluß des Ordens auf jede Weiſe von ſich zuruͤckzuweiſen. Weit gluͤcklicher war der Orden in ſeinem Bemuͤhen im Biſthum Pomeſanien, wo der Biſchof Albert, ſelbſt ein Or⸗ densbruder, des Ordens Intereſſe viel zu ſehr ergeben war, als daß er ſich nicht auch hiebei haͤtte geneigt zeigen ſollen. Zuerſt gewonnen wurde er fuͤr die Sache in Deutſchland, wo er ſich im Jahre 1284 bei dem Hochmeiſter befand; denn ohne Zweifel durch dieſen bewogen, beſchloß er ein Domſtift zu errichten, deſſen Glieder ausſchließlich nur aus Bruͤdern des Deutſchen Ordens beſtehen ſollten. Und um zu den Stel⸗ len des neuen Domkapitels auch nur ſolche gelangen zu laſ⸗ ſen, welche dem Intereſſe des Ordens ganz vorzuͤglich erge⸗ ben waren, trug er drei Ordensbruͤdern auf, mit Beirath des Landmeiſters von Preuſſen aus dem Orden geſchickte Geiſtliche auszuwaͤhlen und ſie mit allem canoniſchen Rechte als Domherren ſeiner Kirche einzuſetzen?). Der Biſchof er⸗ 1) Daher ſich auch weder Anſelms naͤchſter Nachfolger Heinrich II, noch deſſen Nachfolger Eberhard mit dem Worte frater bezeichnen, wie dieſes ſonſt die andern Landesbiſchoͤfe immer thun. Daſſelbe findet bei den Ermländiſchen Domherren Statt; keiner nennt ſich um dieſe Zeit frater, ſondern jeder wird mit Dominus bezeichnet. Die Domherren der andern Domſtifte heißen dagegen immer fratres als Glieder des Ordens. 2) Die Urkunde hierüber vom 27. Februar 1284 befindet ſich im Original im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 3. Der Xuftrag geſchah an den Probſt von Kulm, an Heidenreich von Chriſtburg und an einen gewiſſen Chriſtian, welche alle drei Ordensbruͤder waren. Das Kulmiſche Domſtift diente

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Kirchenthum u. Verwaltung der Bifchofstheile. 547 klaͤrte ſich oͤffentlich theils uͤber den Vortheil, welchen ſeine Dioͤceſe gewinne, theils über das Heil der Verbreitung des Glaubens, wenn das neue Domkapitel nur aus ſolchen Maͤn⸗ nern beſtehe, die ſich, wie die Bruͤder des Ordens, ſchon Jahre lang fuͤr die Sache Gottes der Gefahr des Todes Preis gegeben). So erlas nun der Landmeiſter Konrad von Thierberg ſelbſt diejenigen aus der Zahl ſeiner Ordens⸗ bruder, welche er für des Ordens Intereſſe zu der Wuͤrde am geeignetſten hielt und Biſchof Albert ernannte und beftd= tigte ſie als die erſten Glieder des Domkapitels der Pome⸗ ſaniſchen Kirche, mit der ausdruͤcklichen Beſtimmung, daß fie auch forthin in dem Verbande des Ordens bleiben und nach deſſen Regel leben ſollten 2). Zwar war die Zahl der neuer⸗ waͤhlten Domherren vorerſt nur ſechs, indem das Einkom⸗ men der Kirche zur Erhaltung einer groͤßeren Anzahl noch nicht hinreichte; allein der Biſchof behielt ſich eine kuͤnftige Vermehrung vor und beſtimmte, daß auch dann die neuen Mitglieder des Stiftes aus dem Deutſchen Orden mit Zus ſtimmung des Landmeiſters erwaͤhlt werden ſollten ). In⸗ dem Pomeſaniſchen Biſchofe zur Norm. Daher heißt es auch: Decre- vimus Canonicorum collegium ecclesie nostre scilicet Insule sancte Marie preficere et incorporare per omnia secundum ſormam et li- bertatem Canvnicorum ecclesie Culmacensis. Rogamus ergo omni precium instantia, quatinus secundum consilium preceptoris Prusie Canonicos de vestro ordine clericos ydoneos eligatis ete. — 1) Seine Worte find: Scientes, quod sine dubio utilitas nostre dyocesis et fidei propagacio christiane per nullos sic poterat procu- rari, sicut per viros religiosos religionis predicte, qui cotidie non solum res, ymo et corpora pro dei gloria mortis periculo exponere sunt parati, opponentes se murum pro domo Israhel ascendentibus ex adverso, sicut multis eorum claris actibus pluries est probatum. 2) Es heißt in der Urkunde: Instituentes eosdem et investientes, volentesque ut per omnia secundum constitucionem regule predicti Hospitalis vivant in communi et omnia sint ipsis communia secun- dum regulas a sanctis patribus constitutas. 3) Ita quod personam eligendam vel personas de gremio dicti hospitalis theutonicorum de consensu et licencia magistri pruscie communiter assumamus. 35 *

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548 Kirchenthum u. Verwaltung der Biſchofstheile. dem er endlich dieſe Anordnung ſeines Domſtiftes fuͤr unver⸗ aͤnderlich und unverletzlich erklaͤrte, gab er fuͤr immer den Einfluß und die ganze Verfaſſung ſeines Kapitels in die Hände des Ordens hin!). — Sobald er hierauf nach Preuſ⸗ ſen zuruͤckgekehrt war, wies er dem neuen Domſtifte auch ſein nöthiges Einkommen an, übergab ihm den dritten Theil ſei⸗ nes biſchoͤflichen Gebietes, aus dieſem auch den biſchoͤflichen Zehnten nebſt allen andern Einkuͤnften, das Patronatrecht uͤber die Parochialkirche zu Marienwerder, die hohe und nie⸗ dere Gerichtsbarkeit in dem ihm zugewieſenen Landestheile und das Drittel aller biſchoͤflichen Einkuͤnfte, welchen Namen ſie immer nur haben moͤchten, ſo lange bis ihm der verſpro⸗ chene dritte Theil des biſchoͤflichen Gebietes zugemeſſen und uͤberwieſen ſey ). Dieſer Stiftung des Pomeſaniſchen Dom: kapitels, der Wahl ſeiner Glieder und dieſer Beſtimmung ſeiner Einkuͤnfte ertheilte dann bald darauf der Erzbiſchof Johannes von Riga als oberſter kirchlicher Praͤlat des Lan⸗ des die nachgeſuchte Beſtaͤtigung mit Beſtimmung der Amts⸗ wuͤrden, welche jedes Mitglied des Domſtiftes im Kapitel be⸗ kleiden ſolle. Dieſes geſchah aber erſt am ein und dreißig⸗ ſten December des Jahres 1286, da Biſchof Albert ſchon geſtorben und als ſein Nachfolger der Deutſche Ordensbru⸗ der Heinrich gewählt war ). Mit gleicher Klugheit verfuhr der Orden auch bei der Stiftung des Domkapitels von Samland. Hier ward der Biſchof Chriſtian, ein Ordensbruder, ebenfalls dahin bewo⸗ gen, die ſechs erſten Domherrenſtellen ſeines im Jahre 1285 1) Das Original dieſer Beſtaͤtigungs⸗urkunde mit dem Datum: Ulme a. d. 1285 in jeiunio proxima Dominica qua cantatur Oculi befinbet ſich im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 5 und in Abſchrift im Fol. Privileg. Capituli Pomezan. p. IV. 2) Das Original dieſer Urkunde, datirt: In Insula Sancte Marie a. d. 1286 V Idus Januar. im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 7, in Ab: ſchrift im Fol. Privileg. Capit. Pomezan. p. IV- V. 3) Original: Urkunde, datirt: In Thoreyda a. d. 1286 pridie Cal. Jan. archiepiscopatus nostri anno secundo im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 9 und in Abſchrift im Fol. Privileg. Capit. Pomezan. p. IV.

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Kirchenthum u. Verwaltung ber Biſchofstheile. 349 errichteten Stiftes in gleicher Weiſe, wie in Pomeſanien, aus der Zahl der Deutſchen Ordensbruͤder und zwar auch hier mit Beirath des Landmeiſters Konrad von Thierberg auszuwaͤhlen!) und zu beſtimmen, daß auch fernerhin bei Vermehrung der Kapitelſtellen die Wahl ſtets nur mit des Landmeiſters Einwilligung aus der Zahl der Ordensbruͤder geſchehen ſolle. Ueberhaupt erfolgte die ganze Einrichtung des Domſtiftes von Samland vollkommen nach der Norm des Pomeſaniſchen ?). Vorerſt befand ſich das neue Kapitel in des Biſchofs eigener Wohnburg Schoͤnewick, wo ihm Chri⸗ ſtian unter Zuſtimmung des Erzbiſchofs von Riga auch ei⸗ nen Theil ſeiner Einkuͤnfte und verſchiedenes laͤndliches Be⸗ ſitzthum angewieſen hatte. Nun begab ſich aber der Biſchof fpäterhin, im Jahre 1294 nach Deutſchland und traf dort unter Einwirkung des Hochmeiſters Konrad von Feuchtwan⸗ gen in Ruͤckſicht ſeines Domſtiftes noch manche nicht unwich⸗ tige Veraͤnderungen. Das Domkapitel wurde naͤmlich nach des Hochmeiſters Beſtimmung nicht bloß faſt ganz neu be⸗ ſetzt, ſondern die Domherren erhielten auch das Recht, beim Abgange eines Mitgliedes ihres Kapitels die erledigte Stelle ſelbſt, jedoch immer nur mit einem Deutſchen Ordensbruder wieder zu beſetzen, wie es im Kulmiſchen Domſtifte gewoͤhn⸗ 1) In einer ſpaͤteren Urkunde vom J. 1294 ſagt der Biſchof ſelbſt: Ad preces et instanciam Magistri et fratrum Pruscie sex canonias insti- tuimus et prebendas, ita quod quatuor sint canonie et prebende sim- plices et in duabus aliis sint prelati, scilicet prepositus et decanus non aliunde sed solum ex fratribus clericis nostri ordinis assunendi. 2) Selbſt die Stiftungs⸗urkunde des Samländ. Domſtiftes, im Original im geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 8, iſt mit Ausnahme der Namen woͤrt⸗ lich gleichlautend mit der Pomeſaniſchen. Das Datum: Kunigesberch a. d. Millesimo Ducentesimo octuagesimo quinto Kalend. Januar. iſt hie und da unrichtig angegeben. So findet man bei Dreger Ver⸗ zeichn. der Samml. Pommerſch. urkunden S. 11 das J. 1280 als die Zeit der Stiftung; allein das erwähnte Datum muß 1. Januar 1285 und nicht 28. December 1280 geleſen werden. Der wichtigſte Grund hievon iſt, daß frater Conradus de Tyrberch Magister Pruscie unter den Zeugen der Urkunde ſteht.

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550 Kirchenthum u. Verwaltung der Biſchofstheile. lich war. Es ward ihnen ferner auch die Freiheit ertheilt, bei eines Biſchoſs Tode deſſen Nachfolger zu erwaͤhlen oder zu erbitten, doch auch dieſen ſtets aus der Zahl der Ordens⸗ bruͤder nach dem in der Kirche zu Kulm beobachteten Ge⸗ brauchen). Durch dieſe Anordnung war nun nicht bloß das Domkapitel, ſondern auch die Biſchofswahl und uͤberhaupt der unbeſchraͤnkteſte Einfluß auf das Kirchenthum faſt in ganz Preuſſen dem Orden in die Haͤnde gelegt?) und da nun die⸗ ſer in den von ihm abhaͤngigen Domſtiften, mit Ausnahme des Ermlaͤndiſchen, auch das Viſitationsrecht erhalten hatte und mittelſt dieſes Rechtes wohl leicht alles entfernen oder zuruͤckdraͤngen konnte, was feinen Einfluß in irgend einer Weiſe zu beſchraͤnken drohete, ſo durfte er immer ſicher dar⸗ auf rechnen, daß die Mitglieder des Domkapitels ſtets in ſei⸗ nem Intereſſe bleiben und handeln wuͤrden und zwar noch um ſo mehr, da der Orden auch ferner noch fortfuhr, die Domſtifte mit mancherlei Rechten und Freiheiten zu beguͤnſti⸗ gen ). So erhielt z. B. das Samlaͤndiſche im Jahre 1296 1) Dieſe mit vieler Klugheit angeordnete Beſtimmung lautet in der Urkunde: Eisdem presentibus indulgentes ut quandocunque vel quo- cienscunque unum ex predietis Cauonicum aut prelatum cedere vel decedere contingerit, superstites providendi ipsi ecolesie de alio pre- lato vel canonico, fratre tamen ordinis nostri iuxta morem et con- suetudinem, quam in talibus servat Culmensis ecelesia nostri ordi- nis et nichilominus providendi ipsi ecelesie de Episcopo nostri or- dinis fratre, cum nos et successores nostros cedere vel decedere contingerit, per eleccionem sive postulacionem Canonicam plenaın et liberam habeant facultatem. Oie Urkunde, datirt: in Mulhusen a. d. 1294 VII Idus April., ſteht im Buche: Handfeſt. des Biſth. Sam⸗ land p. IX, auch im Fol. Nr. 7 Samilaͤnd. Pomeſan. und Kulm. Pri⸗ vileg. p. 168. 2) Daher nennt Konrad von Feuchtwangen in einer Urkunde vom J. 1296 Ecclesiam Sambiensem nuper nostra auetoritate ac nomine ad instanciam venerabilis in christo patris domini Cristiani eiusdem ecclesie episcopi felicis memorie ordini nostro incorporatam. 3) Auf die naͤmliche Weiſe verfuhr der Orden auch bei der Ein: richtung des Domkapitels in Kurland unter dem Biſchofe Emund von Werd im 3. 1290. Es wirft dieſes auch Licht auf die Verhaͤltniſſe in

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Kirchenthum u. Verwaltung der Biſchofstheile. 551 vom Hochmeiſter das Patronat über die Parochiale zu Kö: nigsberg mit der Erlaubniß, da auch ſeine Kathedrale zu er⸗ richten !); und im naͤmlichen Jahre beflätigte der Hochmei⸗ ſter ſowohl in ſeinem, als ſeiner Nachfolger Namen jegliche Wahl, jede Anordnung, Viſitation, Verbeſſerung, Beſtrafung und Ausſtoßung der untauglichen Mitglieder, ſowie alle Ver⸗ Preuſſen. Aus der darüber noch vorhandenen Urkunde — im geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 9 — erſehen wir naͤmlich, daß auch dort nur ſolche Or⸗ bensbrüber, welche der Livland. Landmeiſter Wilhelm von Schurburg dazu beſtimmt hatte, vom Biſchofe als Domherren des neuen Stiftes aufgenom⸗ men wurden. Merkwuͤrdig iſt auch hier die Beſtimmung uͤber die neue Wahl und das VWiſitarionsrecht in Ruͤckſicht des Domkapitels, worüber es heißt: Si numerum canonicorum ecelesie nostre crescentibus redditibus au- gere decreverimus, hoc tam de nostro quam capituli nostri cousilio concordi provide peragatur, ita quod personam eligendam vel per- sonas de predicti huspitalis gremio de consensu et licentia Magistri Lyvonie communiter assumamus. Amplius volumus, quod memorati nostri canonici per duos sacerdotes fratres ordinis untedicti a nobis seu a nestris successoribus mittendos secundum statuta regule ordi- nis supradicti cum necesse fuerit visitentur Qui visitatores si forte Magister Livonie ordinis memorati ad requisitionem nostram seu ca- nonicorum nostrorum personam cligendam seu personas nobis dare contradiceret, auctoritatem habeant comununicato predictorum cano- nicorum nostrorum unamimi consilio ipsas dandi. Befremdend ift, daß dieſe ganze Einrichtung des Domkapitels geſchah accedente consensu et veluntate reverendi patris et domini nostri Johannis sancte Rigensis ecelesie archiepiscopi nostri metropolitani, welcher ſonſt ſolchen Ber ſtrebungen des Ordens eben nicht gunſtig war. Freilich mußte er ſich hierin mehr in den Willen des päpftlichen Hofes fügen, denn immer hatten die Paͤpſte den Orden auch in dieſer Beziehung in Kurland fehr beguͤnſtigt. Als z. B. im J. 1263 der Ordensbruder Emund von Werd zum Biſchofe von Kurland vom Papſte ernannt wurde, erklärte dieſer offen, es geſchehe dieſes deshalb, quod nos obtentu dilecti filii A Ma- gistri Hospitalis S. M. Th. J. super hoc volumus honorare perso- nam. Regest. Urban. IV. an. II. epist. 76, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nro 349. 1) Die Urkunde des Hochmeiſters Konrad von Feuchtwangen hier⸗ uber, datirt: Llbyngo a. d. 1296 XV Cal. May Indietione IX im Buche: Handfeſt. des Biſth. Samland p. XIII, auch im Fol. Nr. 7 Samland., Kulm. und Pomeſ. Privileg. p. 172.

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552 Kirchenthum u. Verwaltung der Biſchofstheile. faſſungen und Einrichtungen, welche das Domſtift vornehmen möge, ſofern es ſich nur ſtreng an die Ordnung und Regel halten werde, welche der Hochmeiſter Anno von Sangerhau⸗ fen für die Kirche zu Kulm entworfen hatte !). Dieſe Geſtaltung der kirchlichen Verhaͤltniſſe hatte aber uͤberhaupt ſchon auf die ganze Stellung der Geiſtlichkeit zum Orden 2) und insbeſondere auch auf die Verfaſſung und Ver: waltung der biſchoͤflichen Landestheile den bedeutendſten Ein⸗ fluß. Zwar wich die Verwaltung dieſer Gebiete von der in den Ordenstheilen im Einzelnen allerdings ab; allein im We⸗ ſentlichen ſtimmte ſie mit dieſer doch voͤllig uͤberein, denn ſchon der Umſtand, daß drei Biſthuͤmer in Preuſſen ſtets nur in den Haͤnden von Ordensbruͤdern waren, laͤßt im All⸗ gemeinen in der ganzen biſchoͤflichen Landesverwaltung eine große Gleichfoͤrmigkeit und Einheit mit der Verwaltungsart des Ordens erwarten. Demnach konnte ſchon aus dieſem Grunde der ganze Character und Geiſt des biſchoͤflichen Ver⸗ waltungs⸗Oyſtems kaum ein anderer ſeyn, als der in der Verwaltung des Ordens. Aber ſelbſt auch die Form war bei⸗ nahe uͤberall dieſelbige. Wie der Landmeiſter im Ordensge⸗ biete, fo ſtand der Biſchof an der Spitze der Landesverwal⸗ tung im biſchoͤflichen Landestheile als Landesoberſter des ge⸗ ſammten kirchlichen Beſitzthums und nichts von Wichtigkeit durfte geſchehen ohne ſeine Genehmigung und Zuſtimmung. So lange die Domkapitel noch nicht geſtiftet waren, ſchaltete und waltete er uͤber die Kirchenguͤter, ſo weit es die kirch⸗ lichen Geſetze uͤberhaupt erlaubten, nach voͤllig freier Will⸗ 1) Urkunde des Hochmeiſters hieruͤber, dat. Thoron a. d. 1296 III Id. May im Buche: Samlaͤnd. Handfeſt. p. XIV. Die Beſtaͤtigung geſchah, wie der Hochmeiſter ſagt, pro maiori conformitate et unione. Außerdem ward auch bewilligt, ut Canonicis ad eam (ecclesiam Sam- biensem) postulatis seu postulandis, datis vel dandis, electis vel eli- gendis inperpetuum libri, quos apud fratres nostros positi habue- zunt, transeuutibus ad dictam Ecclesiam ex integro relinquautur ad suos et sue ecclesie usus liberaliter con vertendi. 2) Vgl. De Wal Recherches T. II. p. 62.

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Kirchenthum u. Verwaltung der Biſchofstheile. 553 kuͤhr, niemanden verantwortlich als dem Erzbiſchofe von Riga als oberſtem Praͤlaten von Preuſſen und dem Papſte !). Der Orden konnte den Biſchof hiebei nicht im mindeſten beſchraͤn⸗ ken; nur hatte dieſer bei der Landestheilung ſich verpflichten muͤſſen, alle Anordnungen, Bevorrechtigungen und Verlei⸗ hungen forthin aufrecht zu erhalten, welche vom Orden ſchon vor der Theilung im nachmaligen Biſchofstheile ertheilt waren ?). Durch die Stiftung der Domkapitel erfolgte indeſſen in mancher Beziehung eine bedeutende Veraͤnderung. Vor allem trat in dem Domkapitel dem Biſchofe eine berathende und beſtimmende Verwaltungsbehoͤrde gegenuͤber, wie ſie dem Landmeiſter im Landkapitel oder in den Landesgebietigern, den Komthuren, zur Seite ſtand. Seitdem durfte in der Verwaltung oder uͤber das Kirchengut nichts von Wichtigkeit verfuͤgt oder veraͤndert werden, wozu das Domkapitel nicht ſeinen Beirath und ſeine Zuſtimmung ertheilt hatte. Mit einzelnen Ausnahmen, wo der Einwilligung des Kapitels wenigſtens nicht beſonders erwähnt wird, mußte jede Befrei⸗ ung, Bevorrechtigung oder neue Verleihung vom Kapitel ge⸗ nehmigt und durch feine Beſiegelung zugleich auch mit beſtaͤ⸗ tigt werden ). Verweigern konnte indeſſen das Kapitel dieſe 1) Nur den Rath der Ordensgebietiger holte der Biſchof hie und da wohl ein und dann ſagt er in der Urkunde auch: er habe dieſes und jenes verliehen de fratrum domus S. M. Th. consilio. 2) Wir haben ſolcher Beſtaͤtigungs⸗Urkunden des Biſchofs Heinrich von Samland mehre aus dem J. 1258, da in dieſem Jahre, wie wir aus einer Urkunde des Vice⸗Landmeiſters Gerhards von Hirzberg im Fol. Nr. 7 p. 65 erſehen, Streit daruͤber entſtanden war, ob der Bi⸗ ſchof die vom Orden geſchehenen Verleihungen beftätigen muͤſſe oder koͤnne. 3) In der Regel ertheilten die Biſchoͤfe ihre Verleihungen „ maturo consilio proborum virorum habito et consensu capituli nostri seu Ca- nonieorum nostrorum oder previa deliberatione matura et de com- muni nostri capituli consilio et consensu. Es kommen indeſſen auch hie und da Verſchreibungen vor beſonders an Preuſſen, welche der Bi⸗ ſchof ohne Zuziehung und ohne Zuſtimmung des Kapitels ertheilt.

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554 Kirchenthum u. Verwaltung der Biſchofstheite. zuſtimmende Genehmigung dem Biſchofe wohl nur ſelten, oder es muͤßte in den vorangehenden Berathungen geſchehen ſeyn, uͤber welche wir nicht genau unterrichtet ſind. In der Regel handelte der Biſchof mit dem Domkapitel in Verwal⸗ tungsſachen immer im Einklang. Ueber einzelne Kirchenguͤter, welche biſchoͤfliche Allode hießen, ſcheint der Biſchof ganz frei verfügt zu haben ). Streit zwiſchen Lehensleuten der Kir: che uͤber liegendes Beſitzthum ſchlichtete er meiſt allein, doch oft erſt nach genauer Unterſuchung an Ort und Stelle und nach Verhoͤr da wohnender ſachkundiger Maͤnner 2). In des Biſchofs Abweſenheit führte die Verwaltung an feiner Stelle Anfangs der biſchoͤfliche Vogt, nachher entweder das geſammte Kapitel oder einige vom Biſchofe dazu ernannte Bevollmaͤch⸗ tigten aus der Zahl der Domherren. Dann ſtellten dieſe kraft ihrer Vollmacht auch urkundliche Verſchreibungen aus). Seine Einkuͤnfte zog der Biſchof Anfangs aus dem geſamm⸗ ten ihm zugefallenen Landestheile, nach der Anordnung der Domſtifte aus den ihm verbliebenen kirchlichen Gütern, aus 1) So kommen im Privilegium von Braunsberg vom Biſchofe Hein⸗ rich agri ad nostrum allodium pertinentes vor. Ein ſolches kirchliches oder biſchoͤfliches Alludium in Lobdau übergab 1327 der Biſchof von Samland an fein Domkapitel für 8 Mark jährliches Zinſes. Bald uͤber⸗ nahmen es aber für dieſen Zins die Preuſſen Miligede, Dargots und Samone titulo hereditatis mit gewiſſen Freiheiten z. B. von Wach⸗ dienſten, Schaarwerk u. ſ. w. 2) So begiebt ſich der Biſchof von Samland bei einem ſolchen Falle nach Powunden und ſagt in der Urkunde: zur Ausmittelung der Wahrheit ibi feudales nostros et totum populum nostre iurisdictionis una cum dictis partibus ad nostram mandavimus presentiam. \ 3) Der Biſchof nennt den Vogt in ſolchen Füllen öfter procurator ecclesie nostre. Als Stellvertreter des Biſchofs von Ermland erſchei⸗ nen z. B. im J. 1282 die Domherren Gotiridus plebanus de Elbingo et Johannes in Brunsberg vices gerentes domini Henrici Episcopi Warmiensis in terra ecclesie Warmiensis auctoritate de locacione terre nobis data per eundem duminum. Im J. 1291 ſagt der Vogt des Viſthums Samland, er ſtelle eine Verſchreibung aus ex parte do- uuni episcopi, qui nobis vices suas delegavit.

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Kirchenthum u. Verwaltung der Biſchofstheile. 555 welchen ihm Zehnten ), Zinſen, Strafgebühren und andere Einkünfte, wie im Gebiete des Ordens, zufielen. Lange Zeit war freilich bei der Verwüſtung des Landes auch das biſchoͤf⸗ liche Einkommen hie und da ſehr gering. Die Verfaſſung und Einrichtung der Domſtifte und die Lebensweiſe, die Rechte und Verpflichtungen der Stiftsher⸗ ren waren im Allgemeinen nach den Regeln und Geſetzen be⸗ ſtimmt, welche damals überhaupt für dieſe kirchlichen Inſti⸗ tute beſtanden 2); nur griff in den drei Domſtiften, welche mit Ordensbruͤdern beſetzt waren, auch im Einzelnen noch die Regel, das Geſetz und die Gewohnheit des Ordens mit ein). Was die Verwaltung der Stiftsguͤter betrifft, fo hat⸗ ten die Kapitel hierin voͤllig oberherrliche Rechte und konn⸗ ten daruber nach freiem Willen verfügen. Sie thaten unab⸗ haͤngig vom Biſchofe einzelne Landestheile aus, beſtimmten für die Beſitzer alle Rechte und Pflichten, Freiheiten und Lei⸗ ſtungen und zogen aus ihrem Landestheile auch alles Ein⸗ kommen, allen Nutzen und Gewinn, namentlich den Zins und Zehnten ). Sie beſaßen darin die hohe und niedere 1) ueber dieſen biſchoͤflichen Zehnten heißt es im Fol. 7. p. 154: Homines, qui morantnr in diocesi Gneznensi, videlicet in territorio Thauchel et Schlochau, solvunt de manso Archiepiscopo Gneznensi pro decimis duos bonos scotos, habitatores autem in Pomerania sol- vunt domino Episcopo Wladislaviensi de manso unum medium fer- tonem bone monete pro decimis. Habitatores vero in terra Cul- mensi, Pomezaniensi, Warmiensi etc. solvunt eorum Episcopis et Ordini pro decimis unum modium tritici et unum siliginis de aratro vulgariter pfluckorn vel bischofschefel nuncupatun et hoc expresse ponitur in privilegio Culmensi. 2) Vgl. hierüber die treffliche Abhandlung in Naumers Geſch. der Hohenſtauf. B. VI. 8) S. oben S. 547. Anmerk. 2. 4) In der Urkunde des Biſchofs von Pomeſanien wird geſagt: Ha- beant Canonici terciam partem terre nostre cum oiunibus suis perti- nencüs, terris cultis et incultis etc., perceptionem mensurarum epi- scopalium eorum tercie partis, que loco decime dari consueverunt, necnon iudicia maiora et minora, cum omni jiurisdictione, ilistrictu,

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506 Volksbildung. Gerichtsbarkeit, von welcher ſie jedoch dle letztere meiſtens den Grundbeſitzern uͤberließen, die erſtere dagegen durch den Kapitelvogt übten‘). Das Gerichtsweſen in den biſchoͤfli⸗ chen Guͤtern hatte entweder der biſchoͤfliche oder Kirchenvogt oder ein beſonderer Landrichter, welcher unmittelbar unter dem Bifchofe ſtand 2). Die Erhebung der Zinſen und Zehn⸗ ten beſorgten ſowohl fuͤr den Biſchof als fuͤr das Domkapi⸗ tel beſondere Kaͤmmerer, die in einzelnen Gebieten ſitzend zugleich die oͤconomiſche Aufſicht auf die Kirchenguͤter fuͤhr⸗ ten. Nicht ſelten wurden zu dieſen Kaͤmmerer⸗Stellen auch alte Stammpreuſſen zugelaſſen und dann mit beſonderer Aus⸗ zeichnung für ihre Dienſte belohnt ). Volksbildung. Was die landesherrliche Sorgfalt ſowohl des Ordens als der Landesbiſchoͤfe fuͤr die geiſtige Bildung des Volkes betrifft, ſo war hierin allerdings wohl bei weiten nicht ge⸗ utilitate et proventu et omni fructu sicut ad nos et mostram eccle- siam pertinebat. 1) In den meiſten Kapitels⸗Urkunden heißt es hierüber: Iudlicia maiora noster advocatus iudicabit oder iudicia maiora advocati no- stri reservamus examini. 2) Judex provincialis. Nach Eichhorn Deutſch. Staats- und Rechtsgeſch. B. II. S. 351 iſt freilich iudex provincialis und advoca- tus gleichbedeutend. 3) So werden z. B. im J. 1291 die beiden Preuſſen Mentuo und Sangite als Samloͤndiſche Kämmerer genannt. Wenn es in einer Ver⸗ ſchreibung des Biſchofs von Samland an drei Preuſſen heißt: quod Ca- merarii nostri, qui pro tempore fuerint, nullam in dietis bouis ac hominibus residentibus ac in ipsis impiguorandi habeant potestaten, sed ipsi fratres et eorum heredes homines ipsos pro quibuslibet de- bitis judieiis et excessibus eorum impignorare tencantur quantocun- que et quocienscunque a nobis nostrisque successoribus aut advoca- tis Ecelesie existentibus pro tempore requisiti, fo erfieht man daraus, daß die Kaͤmmerer des Biſchofs in der Regel auch mit executoriſcher Ge: walt verſehen waren.

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Volksbildung. 557 ſchehen, was hätte geſchehen muͤſſen, um die Neubekehrten in geiſtiger Hinſicht auf die Stufe zu erheben, auf welcher ihnen eine richtigere Wuͤrdigung und Werthſchaͤtzung des ih: nen zugebrachten Schatzes der chriſtlichen Wahrheit moͤglich geweſen waͤre. Ein Theil der Schuld hiervon lag unbezwei⸗ felt mit in den Verhaͤltniſſen der Zeit. Erkannt hatte aller⸗ dings der Orden ſchon in früher Zeit die Nothwendigkeit, daß nicht das ſchreckhafte Schwert allein, daß auch der Geiſt über den Geiſt des Volkes ſiegen muͤſſe und daß dieſes Volk einer näheren Belehrung über Gott und Chriſtenthum be dürfe, um im Glauben und in der Erkenntniß der ihm uͤber⸗ brachten höheren Wahrheiten an dem wahrhaft Goͤttlichen feſtzuhalten. Es war daher auf die Gründung und Erhal⸗ tung von Schulen und Bildungsanſtalten fuͤr die Kinder der unterworfenen Preuſſen viel Sorgfalt und Muͤhe verwandt worden und zur Zeit des Papſtes Honorius des Dritten und Innocenz des Dritten, zweier Maͤnner, die auch anderwaͤrts für die Verbeſſerung des Schulweſens wohlthaͤtig wirkten ), hatte auch der paͤpſtliche Hof manche heilſame Verfugung hierin in Beziehung auf Preuſſen erlaſſen. So forderte der erſtere, um die noͤthigen Mittel zur Errichtung von Knaben⸗ ſchulen in Preuſſen aufzubringen, in einer eigenen Bulle aufs dringendſte uͤberall zur Beiſteuer und zur Wohlthaͤtigkeit für dieſen Zweck auf, weil auch er hierin ein Mittel erkannte, das Chriſtenthum auf dieſem Wege weit wirkſamer und leich⸗ ter unter den Heiden zu verbreiten 2). Gewiß hatte ſich da⸗ 1) S. Ra umer Geſchichte der Hohenſtauf. B. VI. S. 444. 2) Der Papſt ſagt in der Bulle: Cum igitur soror nostra Ec- clesia, quam in partibus Pruscie sibi Doininus adoptavit, adhuc par- vula sit, et ubera non habeat, ne lac doctrine desit parvulis, qui nondum possunt solido cibo uti, venerabilis frater noster Epi- scopus Pruscie ac fratres eius statuerunt, sicut asserunt, prout valde necessarium esse constat, scolas Prutenorum instituere puerorum, qui ad gentem suam Domino convertendam addiscant efficacius, quam advene predicare ac evangelizare Doninum Jesum Christum. Cete- rum quum ad hoc sibi proprie non suppetant facultates, universita-

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558 Volksbildung. mals hierin auch der paͤpſtliche Legat Wilhelm von Modena manche ſchoͤne Verdienſte erworben, denn wir erinnern uns, mit welcher Muͤhe er fuͤr die Schulen Preuſſens den Donat in die altpreuſſiſche Sprache uͤberſetzte ). Selbſt die Biſchoͤfe des Landes waren nicht ganz unthaͤtig in der Bildung der Jugend. Wir finden Spuren von Landſchulen im Ermlande fhon ums Jahr 1251; Anſelm, der Biſchof dieſes Landes, verſtaͤndigte ſich mit dem damaligen Landmeiſter uͤber die Ein⸗ und Abſetzung der Schullehrer in der Art, daß das Recht hieruͤber dem Orden in ſeinen Beſitzungen unbeſchraͤnkt zuſte⸗ hen ſolle 2). Diefe Bemühungen für die Volksbildung be⸗ rechtigen wohl allerdings zu der Behauptung, daß auch in Preuſſens wichtigſten Staͤdten, als zu Thorn, Kulm, Marien⸗ werder, Elbing, Braunsberg und Koͤnigsberg bereits ſchon Schulen fuͤr den Jugendunterricht gegruͤndet ſeyn mochten, wie denn namentlich ſolches in Elbing ſchon bald nach ſeiner Gründung geſchehen ſeyn ſoll. Allein beſtimmte geſchichtliche Nachrichten entgehen uns hieruͤber und ohne Zweifel warf der wilde und langwierige Kriegsſturm auch die meiſten dieſer Anſtalten wieder nieder oder hemmte doch auf lange Zeit ihre kraͤftige Wirkſamkeit. Erwaͤgt man indeſſen das Schwierige der großen Auf⸗ gabe, ein ganzes Volk, welches aus ſeinem ganzen alten Le⸗ ben, aus ſeinem alten Glauben und ſeiner urvaͤterlichen Ei⸗ genthüͤmlichkeit gänzlich herausgeriſſen war, völlig umzubil⸗ tem vestram monendam duximus et hortandam per Apostolica scripta mandantes ac in remissionem vobis peccaminum iniungentes, quati- nus de facultatibus vobis datis a Domino subventionis manum eis ad “hoc pie ac liberaliter porrigatis. Regest. Honor. III. an. II. epist. 1151, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 8. Vergl. oben B. I. S. 447. 1) S. oben B. I. S. 459. U 2) Wenn es in der Urkunde bei Dreger Nr. 221 heißt: Quod etiam magistros scolarum in suis duntaxat locis instituant et desti- tuant prout viderint expedire, fo kann dieſes allerdings auch von Land⸗ ſchulen verftanden werden, zumal da in der Urkunde namentlich auch von Ländlichen Verhaͤltniſſen die Rede iſt.

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Volssbildung. 559 den und in ſeinem Geiſte den neuen Begriffen, Gedanken und Gefühlen Raum zu gewinnen und Nahrung zu weiterer Entwickelung zu geben und in ſolcher Weiſe auch den Ge⸗ horſam gegen das neue Geſetz und die neue Ordnung der Dinge ſeſter zu begründen; erwägt man alſo die eigentlichen geiſtigen Beduͤrfniſſe der geſammten Bewohner des Landes und bedenkt man, daß ein ganzes Volk daſtand ohne Glauben, ohne religiöfe Erkenntniß und ohne Gott, fo reichten die wer nigen Bildungsmittel bei weitem nicht hin und es geſchah offenbar auch ſowohl von Seiten des Ordens als der Bi⸗ ſchoͤſe viel zu wenig, um der neubeabſichtigten religioͤſen und ſittlichen Bildung gleich im Beginne eine gewiſſe Feſtigkeit und ſichere Haltung zu geben. Mochte es nun wohl meiſt den gewohnlich nur unter den Waffen aufgewachſenen, zum Theile rohen und rauhen Rittern an der noͤthigen Einſicht von der Nothwendigkeit einer inneren geiſtigen Herausbildung des Volkes für die neuen Lebensverhaͤltniſſe, oder mochte es den Geiſtlichen des Landes und namentlich den oft Jahre lang abweſenden Biſchoͤfen an dem feuerigen Eifer und an der freudigen Thaͤtigkeit fuͤr Belehrung und Bildung der Neu⸗ bekehrten gebrechen, denn die Geſchichte findet ſie allerdings immer mehr nur mit der aͤußeren Geſtaltung des neuen Kir⸗ chenweſens als mit den hoͤheren Pflichten ihres Amtes beſchaͤf⸗ tigt, oder mochten endlich vielleicht auch die durch den lan⸗ gen Kampf gegen das heidniſche Volk bedeutend in Anſpruch genommenen Mittel des Ordens und der Biſchoͤfe zu ſolchen Zwecken nicht hinreichen und ſelbſt die fremde, immer nur von wenigen erlernte altpreuſſiſche Sprache der chriſtlichen Belehrung große Hinderniſſe entgegen legen; — gewiß iſt, daß in vielen Theilen des Landes fuͤr die Bildung des Vol⸗ kes und fuͤr ſeine Belehrung uͤber den Inhalt, den Geiſt und das Weſen des Chriſtenthums faſt nicht das mindeſte geſchah, daß man ſich um die inneren geiſtigen Beduͤrfniſſe der Neu: bekehrten viel zu wenig bekuͤmmerte, indem man den durch Schwert und Schrecken niedergebeugten Preuſſen dann im⸗ mer ſchon fuͤr einen neugewonnenen Chriſten hielt, ſobald

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560 Volksbildung. ihm nur das Taufwaſſer gegeben und einige gebräuchliche Formeln uͤber ſeinem Haupte ausgeſprochen waren. a Was anderwaͤrts die Kloſterſchulen wirkten, war in Preuſſen zur Zeit faſt ohne Bedeutung, da der Orden ſicht⸗ bar der Verbreitung des Kloſterweſens hinderlich entgegen⸗ trat; daher auch jetzt von Kloſterſchulen in Preuſſen noch keine Spur vorhanden iſt. Und wenn durch die Kloͤſter in den Staͤdten wohl auch allerdings einiges fuͤr die chriſtliche Bildung des Volkes geſchehen ſeyn mag, ſo waren ſie vor⸗ erſt doch eben nur auf die Staͤdte hingewieſen, ihre Zahl ohnedieß auch immer viel zu gering und die Mittel ihrer Wirkſamkeit noch ſehr beſchraͤnkt. In den letzten Jahrzehenden des dreizehnten Jahrhun⸗ derts ſchien man nun freilich die Nothwendigkeit einer chriſt⸗ lichen Durchbildung des Volkes wieder mehr zu fuͤhlen. Es wurden nicht bloß auf dem Lande zahlreich Kirchen erbaut und Geiſtliche herbeigerufen, ſondern auch die neugegruͤnde⸗ ten Domſtifte waren vorzuͤglich mit aus der Anſicht hervor⸗ gegangen, daß durch fie mit größerem Erfolge für chriſtliche Bildung und ſittliche Entwickelung gewirkt werden koͤnne. Man ſchrieb ja den ſchwachen und ſchwankenden Zuſtand der chriſtlichen Kirche in Preuſſen zum Theil ſelbſt dem bisheri⸗ gen Mangel ſolcher Inſtitute zu!). Daher ward in der Wahl der Stiftsherren auch beſonders darauf geachtet, daß nur ge⸗ ſchickte und gebildete Geiſtliche aus der Zahl der Ordensprie⸗ ſter in die Stifte aufgenommen wurden, und da faſt alle dieſe Geiſtlichen ihre Bildung in den Bildungsanſtalten Deutſchlands erhalten hatten, ſo ſtanden ſie hierin den Geiſt⸗ 1) So heißt es z. B. in einer Urkunde uͤber die Stiftung des Dom⸗ kapitels von Pomefanien: Consideramus insuper, quod episcopatus noster insule sancte marie in Pruscia usque ad tempora nostra ca- ruit collegio canonicorum, propter quod fides catholica, que adhuc in eo valde debilis existebat, minime pereipere potuit incrementum. und als Zweck der Stiftung wird angeführt: ut fides catholica in no- stra dyocesi Insule s. Marie prosperitatis et firmitatis constantiam recipiat. Vgl. auch Preuſſ. Sammlung. B. III. S. 32.

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Volksbildung. 561 lichen der Deutſchen Kirche wenigſtens nicht nach!). Man war ferner auch darauf bedacht, zur Fortbildung der Geiſtli⸗ chen in den Domſtiften Bibliotheken anzulegen. So ward vom Hochmeiſter Konrad von Feuchtwangen ausdruͤcklich ver⸗ ordnet, daß die Ordensprieſter, welche zu Domherren im Domſtifte Samlands erwaͤhlt wuͤrden, die Buͤcher mit ſich nehmen duͤrften, welche ſie zuvor in den Ordenshaͤuſern ge⸗ habt und zu ihrer Bildung benutzt haͤtten 2). Es finden ſich außerdem Beiſpiele, daß die Biſchoͤfe die Bibliotheken ihrer Domftifte durch Schenkungen zu vermehren bemüht warens) und wir erinnern uns, daß ſelbſt der Papſt es nicht an Eifer fehlen ließ, aus fremden Laͤndern die noͤthigen Buͤcher fuͤr die Geiſtlichen in Preuſſen herbeizuſchaffen“). Wurden nun im⸗ merhin dieſe Buͤcherſammlungen auch nur in dem eigenen Geiſte der Zeit veranſtaltet, ſo fanden die Geiſtlichen in die⸗ ſen Buͤchern doch eben gerade das, was der Geiſt der Zeit verlangte. Bei dem allen aber blieb der geiſtige Zuſtand des be⸗ zwungenen Volkes lange Zeit noch ſehr traurig. Tauſenden hatte das Schreckensſchwert und die leere Form der Taufe 1) In den Urkunden werden öfter erwähnt multi alii clerici Zite- rali tam religiosj quam seculares. 2) S. oben S. 552. Anmerk. 1. 3) So ſchenkte z. B. der Biſchof Johannes von Samland ſeinem Domkapitel feine ganze Buͤcherſammlung ad perpetuam memoriam no- stri habendam et faciendam. Es werden genannt: Decretum decre- tales Biblia, onmes libri sententiarum. Item super quartum seuten- tiarum sancti Thome de Acquino. Item secundam secunde sancti Thome eiusdem. Item super ewangelium quatuor ewangelistarum videlicet Mathei, Luce, Johannis et Marci duo volumina ciusdem sancti Thome. Item casus Bernhardi. Item passionale. Item liber depietus. Item Mandagotus de electione Rupella Questiones super quatuor libros sententiarum. Registrum decreti. Summa Heinrici et Summa Reumundi. Es wurde verordnet: quatenus jidem libri nulla- tenus alienentur, sed pro studio et utilitate Canonicorum et perso- narum Ecclesie nostre apud ipsam Ecclesiam inperpetuumn conser- ventur. S. Handfeſt. bes Biſth. Samland p. XII. 4) S. oben B. II. S. 491. III. 36

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562 ; Volksbildung. zwar den chriſtlichen Namen, aber keineswegs chriſtliche Ges ſinnungsweiſe und chriſtliche Ueberzeugung zugebracht. Bei dem Mangel von Kirchen, Geiſtlichen und Lehranſtalten gin— gen noch Tauſende umher im Herzen voll Vertrauen und Verehrung gegen die alten Goͤtter, und Tauſende wuchſen auf, zwar im chriſtlichen Namen getauft, aber über das We: ſen und den Geiſt des chriſtlichen Glaubens nicht im minde⸗ ſten unterrichtet. So herrſchte in dem uͤberwaͤltigten Volke in geiſtig religioͤſer Hinſicht noch eine Leere und Nuͤchternheit, das Herz war uͤberall noch ſo troſtlos, ſo kummervoll und fo arm an aller Freude in der Erkenniniß des Goͤttlichen und in dem Glauben an das Heilige, und das ganze innere Le⸗ ben, die ganze geiſtige Welt des Volkes lag fo gehaltlos, fo abgeſtorben, ſo vernichtet und zertreten da, daß es kein Wun⸗ der iſt, wenn in vielen Theilen des Landes die Menſchen mit gebrochenem Geiſte und mit zerknirſchter Seele an dem auch noch nicht feſtzuhalten wußten, was das neue Leben und der neue Glaube ihnen darboten an Troſt für die Seele, an Er: bebung für den Geift und an Erheiterung für das Gemuͤth.

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Beilage Net Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen zur Ge— ſchichte Preuſſens. 1. Am dritten Marz des Jahres 1217 erhielt der Dis ſchof Chriſtian von Preuſſen durch eine paͤpſtliche Bulle die Er⸗ laubniß, zur Rettung der neuen Chriſten im Kulmerlande in den Nachbarlanden alle diejenigen mit dem Kreuze zu bezeichnen, wel⸗ che zur Hülfe herbeieilen wollten u. ſ. w. !). Wir erfahren nun durch eine an den Erzbiſchof von Gneſen gerichtete Bulle vom 16. April deſſelben Jahres, daß die Viſchoͤfe der Dioͤceſe von Gneſen und die Herzoge von Polen dem Papſte Nachricht gege⸗ ben hatten von dem ſchweren Ungemache und der Grauſamkeit, welche die nahen Heiden, naͤmlich die Preuſſen die Chriſten in ihren Gebieten empfinden ließen. Zugleich hatten jene Herzoge und Vifchöfe an den Papſt auch die Bitte ergehen laſſen, er möge den Erzbiſchof von Gneſen feines Geluͤbdes zu einer Pil- gerfahrt nach Jeruſalem, woran ihn ohnehin feine ſchwache Ge⸗ ſundheit hindere, entbinden und ihm erlauben, die geſammelten Kreuzbruͤder feines Gebietes drei Jahre lang zur Bezaͤhmung der Barbarei der nahen Heiden zu gebrauchen, weil wenn dieſes Ge⸗ biet von Kriegsleuten ganz entblößt werde, das Land weit umher den Einfaͤllen der Feinde offen ſtehe. Der Papſt erklaͤrte zwar, daß die Sorge um des heiligen Landes Rettung ſeinem Herzen ſtets am naͤchſten liege; er entband jedoch ſowohl den Erzbiſchof als die Übrigen Kreuzbruͤder des gethanen Geluͤbdes zu einer Pil⸗ gerfahrt ins Morgenland, wiewohl nur unter der Bedingung, daß fie die ganze erzbiſchoͤfliche Diöceſe von Gneſen gegen die An⸗ griffe der Heiden vertheidigen ſollten, doch mit Ausnahme ſolcher, 1) Vgl. hierüber oben B. 1. S. 441.

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566 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. die ſich zur Heerfahrt nach Jeruſalem weder durch ihre koͤrperliche Beſchaffenheit, noch durch Armuth verhindert faͤnden. Er Über: ließ ferner dem Erzbiſchofe auch die Ausführung der an ihn ges brachten Bitte, alle Kreuzbruͤder oder wenigſtens die der beiden Herzoge von Polen als der naͤchſten Nachbarn der heidniſchen Lande vom Geluͤbde ihrer Pilgerfahrt loszuſprechen und um den kriegeriſchen Unternehmungen gegen die nahen Heiden eine gewiſſe Ordnung zu geben, fuͤgte er den Befehl hinzu, daß niemand un⸗ ter Strafe des Bannes das Gebiet der Neubekehrten in Preuſ⸗ fen!) ohne des Biſchofs Erlaubniß mit einer Heerſchaar betreten ſolle ?). — Sonach lag in den Jahren 1217 und 1218 doch immer einige Kriegsmacht zum Schutze des nachbarlichen Landes kampfbereit, wiewohl wir nicht unterrichtet ſind, ob dieſe Macht mit den Preuſſen in Kampf gekommen iſt. 2. Beſonders thaͤtig bewies ſich Honorius der Dritte im Mai des Jahres 1218 zur Befoͤrderung der Glaubensſache in Preuſſen. Vorzuͤglich ſuchte er einen Kreuzzug dahin in Bewe⸗ gung zu ſetzen. Außer dem Ermahnungsſchreiben an die Erzbi⸗ fehöfe in Deutſchland, deſſen früher ſchon erwaͤhnt iſt ), erließ der Papſt ſchon am fuͤnſten Mai 1218 eine Bulle an die Erz⸗ bifd;öfe von Mainz, Coͤln und Salzburg und an die Geiſtlichkeit in Polen und Pommern, worin er zuerſt berichtete, wie das un⸗ gezaͤhmte Volk der Preuſſen beſonders diejenigen mit ſeiner Grau⸗ ſamkeit bedraͤnge, welche ſich erſt kuͤrzlich zum chriſtlichen Glau⸗ ben gewandt, um ſie durch ſolche Verfolgungen wieder in die Finſterni des Irrglaubens zuruckzufuhren“). Der Papſt fordert daher alle die, welche am Heereszuge zur Huͤlfe des heiligen Lan⸗ des nicht Theil nehmen Eönnten, zum Heeresdienſte für die Neu⸗ bekehrten in Preuſſen auf und befiehlt den erwaͤhnten hohen Geiſt⸗ lichen, dem Volke überall oͤffentlich bekannt zu machen, daß ſol⸗ che, die das Kreuz für das heilige Land nicht annehmen moͤch⸗ ten, aber die Glaubensſache in Preuſſen, ſey es mit geiſtigen 1) Der Papſt nennt es terram baptizatorum de Prussia und meint damit offenbar das Gebiet der vom Biſchofe Chriſtian ſchon im J. 1214 getauften Preuſſen; ſ. oben B. I. S. 440 — 441. 2) Die Bulle, datirt: Laterani XVI Calend. Maji p. n. a. I., in Regest. Honor. III. an. I. epist. 266, in Abſchrift im Copien⸗Buche des geh Arch. Nr. 1. 3) S. oben B. I. S. 447. 4) Circumjacens populus barbarus Prutenorum gentem, que nu- per ad agniticnem veritatis pervenit, in contemptum persequitur re- demptoris et de tenebris erutam nititur ad tenebras persecutionibus revocare.

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Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 567 oder koͤrperlichen Waffen befoͤrdern oder durch Spenden von ih: rem Vermögen unterflügen wurden, eine nach Verhaͤltniß reiche Belohnung im Suͤndenerlaſſe zu erwarten hätten 1). Darauf erließ der Papſt an die Erzbiſchoͤfe und Biſchefe von Mainz, Coͤln, Magdeburg, Salzburg, Gneſen, Lund und andern Gebieten auch den Befehl, das Volk in allen dieſen Ge⸗ genden dringend zu ermahnen, wenigſtens einmal des Jahres dem Biſchofe Chriſtian von Preuſſen zur Unterſtuͤtzung feines Werkes fromme Gaben zu ſpenden, denn wie dieſer Biſchof den Papſt benachrichtigt, waren die Koſten ſowohl zur Unterhaltung derer, welche im heidniſchen Lande das Evangelium verkuͤndigten, als auch zur Vertheidigung der nahen chriſtlichen Gebiete viel zu be⸗ deutend, um ſie aus ſeinen nahen Umgebungen aufbringen zu konnen 2). — Ferner wandte ſich Honorius auch an diejenigen ſelbſt, welche in den Gebieten von Mainz, Coͤln und Salzburg das Kreuz mit dem Geluͤbde einer Pilgerfahrt nach Jerufalem genommen hatten. „Obgleich ihr, ſchrieb er ihnen, durch Eifer fuͤr den Glauben und durch Gottesfurcht entbrannt das Kreuz auf euere Schultern genommen habt, um in jenem Lande den Kampf des Herrn zu kaͤmpfen, in welchem der Erloͤſer ſelbſt das Heil des Menſchengeſchlechtes erwirkte, ſo haben wir doch, weil euch Kraft und Vermögen zur Erfüllung dieſes Wunſches mans gelt, es euch zu geſtatten fir gut befunden, das Geluͤbde euerer Pilgerfahrt ins heilige Land in das Gelübde einer Heerfahrt zur Huͤlfe der Glaͤubigen in Preuſſen zu verwandeln. Wir erſuchen euch daher und bitten euch in dem Herrn und tragen es euch auf zur Vergebung euerer Suͤnden, umguͤrtet euch mit dem Schwerte zum Schutze der Glaͤubigen gegen das barbariſche Volk, ziehet dahin und handelt dort nach dem Mathe des Biſchofs, der an euerer Spitze ſtehen wird. Wir verheißen euch dieſelbigen Gna⸗ denverleihungen, wie denen, die dem heiligen Lande zu Hülfe eilen ).“ Endlich richtete der Papſt auch eine Bulle an die Heerhau fen der Kreuzfahrer ſelbſt, welche ſich bereits in Deutſchland, Böhmen, Maͤhren, Dacien, Polen und Pommern zum Zuge nach 1) Buile, datirt: Rome apud S. Petrum III. Non. Maji au. II. in Regest. u IH. an. II. epist. 1143, im Gopien Buche des geh. ch. Nr. 3. — 2 Bulle, datirt: Rome apud S. Petrum II. Non. Maji an. II. in Regest, Honor. III. au. II. epist. 1154, un Gopien= Buche des geh. Arch. Nr. 10. 3) Bulle, datirt wie die vorige, in Regest. Honor. HL an. II epist. 1147, un Erpien- Buche des geh. Arch. Nr. 4.

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568 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. Preuſſen geſammelt hatten, ſie uͤber den Zweck und die Bedeu⸗ tung ihres Unternehmens mit Ernſt ermahnend, zugleich aber auch vor allen irdiſchen Beſtrebungen und Geluͤſten warnend, wel: che ihr frommes Werk entweihen und entheiligen koͤnnten 1). 3. Dem Bifhofe Chriſtian war der Papſt, wie aus al lem klar hervorgeht, mit ganz beſonderer Liebe zugethan. Er er⸗ klaͤrte ihm nicht bloß ſelbſt, daß der Eifer und die Entſagung, mit welchen er ſich in der Verbreitung des Evangeliums den groͤß⸗ ten Gefahren hingebe, den Roͤmiſchen Stuhl auch zu beſonderen Beguͤnſtigungen verpflichte, ſondern er ließ es auch nicht an Be⸗ muͤhungen fehlen, die Veſtrebungen des eifrigen Apoſtels mit al⸗ ler Kraft zu befoͤrdern und deſſen Wuͤnſche fuͤr die Verbreitung des Glaubens in jeglicher Weiſe zu erfüllen. Der Bitte des Bi⸗ ſchofs, zum Gedeihen ſeines Werkes die Zahl ſeiner Gehuͤlfen zu vermehren und die mit ihm ſchon arbeitenden durch Beguͤnſtigun⸗ gen in ihrem Eifer zu ermuntern ?), zeigte ſich daher der Papſt auch um fo mehr geneigt, da er erkannte, mit welchen Beſchwer⸗ den und Gefahren Chriſtians Gehuͤlfen in ihren Bemuͤhungen fuͤr den Glauben zu kaͤmpfen hatten und wie wuͤrdig ſie demnach auch einer beſonderen Beruͤckſichtigung des Roͤmiſchen Hofes ſeyens). Deshalb verordnete er, daß denjenigen Geiſtlichen, welche zur Verkuͤndigung des chriſtlichen Wortes oder ſonſt zum Dienſte Got⸗ tes nach Preuſſen kommen wuͤrden, ihre Einkuͤnfte eben ſo voll⸗ kommen und ungeſchmaͤlert verbleiben ſollten, als wenn ſie im Amte ihrer eigenen Kirchen waͤren, nur mit der Beſchraͤnkung, daß ein ſolcher Empfang der kirchlichen Einkuͤnfte ſich nicht uͤber die Friſt von drei Jahren erſtrecken dürfe). Ferner ertheilte der 1) Regest. Honor. III. an. II. epist. 1149, im Copien⸗Vuche des geh. Arch. Nr. 6. Es iſt dieſes den Worten nach faſt die naͤmliche Bulle, welche in den Actis Boruss. B. 1. S. 265 ſteht; nur iſt fie hier nicht an den Viſchof Chriſtian, ſondern an die geſammten Kreuz: bruͤder der oben erwaͤhnten Laͤnder gerichtet. Auch das Datum: Rome apud S. Petrum XVII Calend. Jun. an. II. weicht von dem in den Actis Boruss. ganz ab. Vgl. oben B. J. S. 449. 2) S. oben B. J. S. 444 — 445. 3) Opoerariis, qui a Domino invitati ad terram illam predica- tionis rore rigandam vel alias divinorum exlübitione fovendam ac- cesserint, diguum providimus specialem gratiam maxime circa pro- pria benefician, que Christus in suo sanguine acquisivit, melius lo- cari credantur, quam hiis, qui ad roborandam et ampliandaın ſidem ipsius totaliter se ascribunt. 4) Bulle, datirt: Rome apud S. Petrum III Non. Maji p. a. II. in Regest. IIonor. III. au. II. epist. 1155, im Copien⸗ Buche des geh. Arch. Nr. 12.

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Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 569 Papſt zu demſelben Zwecke dem Biſchofe auch die Vollmacht, de⸗ nen, welche als Gehuͤlfen in der Verkuͤndigung des göttlichen Wortes oder als Almoſen⸗Sammler für die Befoͤrderung der Glaubensſache ſich auszeichnen wuͤrden, zu ihrer Ermunterung im Namen des Papſtes Indulgenz zu ertheilen 1). Auch Chriſtian ſelbſt blieb vom Papſte nicht unbedacht. Un⸗ ter andern verlieh ihm dieſer das Vorrecht, daß niemand von ihm oder ſeinen Leuten in den Beſitzungen, die er aus milden Haͤn⸗ den in einem fremden Kirchenſprengel als Geſchenk erhalten habe, den Zehnten fordern ſolle?). Den naͤchſten Anlaß zu dieſer Be⸗ günftigung gab wahrſcheinlich eine ſolche Schenkung, wie ſie der Papſt bezeichnete. Schon im Jahre 1212 naͤmlich hatte Her⸗ zog Wladislav von Kaliſch dem Biſchofe von Preuſſen das in feinem Gebiete liegende Dorf Cecoviz geſchenkt mit der Befugniß, in dieſes Dorf auch Deutſche oder andere Fremdlinge als Bewoh⸗ ner aufzunehmen. Bedeutende Freiheiten, welche der Herzog die⸗ ſen zuwies, als freie Marktgerechtigkeit, zollfreier Handel in ſei⸗ nem ganzen Herzogthum, gaͤnzliche Befreiung vom Burggerichte u. ſ. w. bezeugen zugleich des Herzogs beſondere Zuneigung ge⸗ gen den Biſchof; er dehnte dieſe Freiheiten ſelbſt auch auf alle die Beſitzungen und Dorfſchaften aus, welche der Biſchof ins⸗ kuͤnſtige noch in feinem Herzogthum als Geſchenke mit Fug und Recht erhalten werde ?). 4. Ueber die Sitte der alten Preuſſen, nur Eine ihrer 11 Bulle, batirt wie die vorige, in Regest. Honor. III. an. II. epist. 1157, im Copien⸗Buche Nr. 14. 2) Bulle, datirt: Rome ap. S. Petrum XI Cal. Junii an. II. in Regest. Honor. III. au. II. epist. 1152, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 9. 3) Regest. Honor. III. an. II. epist. 1146, im Gopien = Buche des geh. Arch. Nr. 3. Dieſe Bulle, datirt: Rome ap. S. Petrum IV Cal. Juni an. II., iſt in mancher Hinſicht merkwürdig; fie giebt zwar ei⸗ gentlich nur die Beſtaͤtigung des Papſtes uͤber die erwaͤhnte Schenkung, ſchließt aber die Schenkungsurkunde auch ſelbſt in ſich. Da nun dieſe letztere ſchon aus dem Jahre 1212 iſt und da es gleich im Anfange heißt: Ego Wladizlaws Dux de Kalis omnibus Christi fidelibus tam dresentibus quam futuris notum facio, quod Venerabili Patri 9 et Abbati de Pruzia et successoribus eius in Ducatu meo Villam, que Cecowiz vocata est, liberali collatione donavi; da end⸗ lich dee Bulle des Papſtes vollkommen beftätigt, daß unter dieſem Epi- scopus kein anderer, als Chriſtian von Preuſſen zu verſtehen ſey, ſo muß man, wenn nicht irgend ein Fehler in der Jahrangabe der Urkunde liegt. gegen alle bisherigen Angaben annehmen, daß Chriſtian ſchon im J. 1212 die Biſchofswuͤrde gehabt habe. Vergl. oben B. I. S. 442, Anmerk. 1, und S. 447, Anmerk. 1.

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570 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. Töchter am Leben zu erhalten und die übrigen umzubringen, ſo⸗ wie uͤber den Plan des Biſchofs Chriſtian, dieſe zum Tode be⸗ ſtimmten Ungluͤcklichen von ihren Aeltern loszukaufen, erziehen zu laſſen und für das Chriſtenthum zu gewinnen 1), erließ der Papſt Honorius im Mai des Jahres 1218 noch eine beſondere Bulle an alle Chriſtglaͤubigen, worin er dieſe zur reichen Beiſteuer und zur Spendung frommer Gaben fuͤr des Biſchofs herrlichen Zweck aufforderte 2). Außerdem aber griff der Papſt auch noch zu ſtrengeren Mit⸗ teln, um den Trotz der heidniſchen Preuſſen zu brechen und ihren ſtarren Geiſt zu zaͤhmen. Damit die Heiden, ſchrieb er dem Bi⸗ ſchofe Preuſſens am 15. Mai 1218, in Truͤbſal den Herrn er⸗ kennen lernen und in Vermehrung ihrer Leiden ſich um ſo ſchnel⸗ ler zu ihm wenden mögen, iſt es heilſam, daß ihnen die Bei: huͤlfe der Ehriſten in aller Weiſe entzogen werde, damit fie nicht aufgeblaſen in ihrem Trotze ſich ihrer Hartnaͤckigkeit ruͤhmen koͤn⸗ nen, ſondern wenn ihnen der Ueberfluß irdiſcher Beduͤrfniſſe ent⸗ nommen wird, ihre Frechheit ſich ermaͤßige. Da nun die heidni⸗ ſchen Preuſſen, wie wir gehoͤrt, weder Eiſen, noch Waffen, noch Salz in ihrem Lande haben, ſondern dieſes alles ſich von den benachbarten Chriſten verſchaffen, wir aber in keiner Weiſe wol⸗ len koͤnnen, daß ſie mit unſern Waffen gegen uns ſtreiten ſollen, ſo tragen wir dir hiemit auf, die in den benachbarten Gegenden wohnenden Chriſten ernſtlich zu ermahnen und wenn es noͤthig iſt, auch mit kirchlicher Strafe anzuhalten, den Heiden die obge⸗ nannten Dinge forthin nicht mehr zu verkaufen ). 1) Vgl. B. I. S. 447. 2) Bulle, datirt: Rome ap. S. Petrum Idib. Maji un. II. in Re- gest. Honor. III. an. II. epist. 1150, im Gopien= Buche des geh. Arch. Nr. 7. Es heißt hier über die erwähnte Sitte: In partibus siquidem Pruscie Pagani in reprobum sensum dati, ut faciant ea, que non conveniunt, inter alia enornitatis (acinora, que perpetrant, feminini sexus soboles, quoteumque mater pariat, inlıumana immanitate per imunt, preter unam, tamquam propagationi velint humani generis obviare. 3) Bulle, datirt: Rome ap. S. Petrum Idibus Maji an. II. in Regest. Honor. III. an. II. epist. 1155, im Copien-Buche des geb. Arch. Nr. 11. Der Inhalt dieſer Bulle iſt fur uns außerdem auch noch dadurch wichtig, daß er uns einiges Licht uͤber eine Stelle in der Ver⸗ trags⸗Urkunde vom J. 1249 giebt, wovon oben B. II. S. 620 in der Anmerk. 3 geſprochen worden iſt, denn die Worte in dieſer Urkunde: licito sit eisdem neophitis emere res quascumque a quibuscumane volueriut etc., werden nun durch dieſes Verbot des Papſtes ungleich deutlicher.

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Auszuͤge aus paͤpſtlichen Bullen. 571 5. Nicht erſt im Jahre 1219, fondern auch ſchon im Jahre 1218 und vielleicht noch fruͤher verwaltete der Erzbiſchof von Gneſen das Amt eines paͤpſtlichen Legaten in Preuſſen; we⸗ nigſtens ſchon im Juni 1218 bezeichnet ihn der Papſt als ſol⸗ chen in einer Bulle, worin er ihm eine Viſitation und gruͤndliche Verbeſſerung des Zuſtandes der Diccefe von Ploczk auftruͤgt 1). Schon damals aber hinderte den Erzbiſchof Kraͤnklichkeit an ſei⸗ nes Amtes Verwaltung; da nun dieſe auch im Jahre 1219 noch nicht nachließ und ihm namentlich auch nicht erlaubte, die ihm übertragene noͤthige Sorgfalt auf die Anordnung des Kirchenwe⸗ ſens in Preuſſen zu verwenden, ſo entband ihn der Papſt in den erſten Tagen des Mai im Jahre 1219 von dieſem Amte ꝛ). 6. Unter den Hinderniſſen, die im Jahre 1219 die Theil⸗ nahme am Kreuzzuge nach Preuſſen beſchraͤnkten 2), ſtand vor⸗ zuͤglich auch der verderbliche Krieg, welchen Otto Waldemar von Daͤnemark und ſein Neffe Otto von Luͤneburg der alten Wendi⸗ ſchen Gebiete wegen mit dem Markgrafen Albrecht den Zweiten von Brandenburg ſchon ſeit mehren Jahren führten ). Die Er: bitterung aber, mit welcher beider Seits gekaͤmpft wurde, das ſchreckliche Verderben und die Verheerung der Kinder, die mit dem Kriege verbunden waren, benahmen vorzuͤglich auch dem Biſchofe Chriſtian alle Hoffnung, aus den Ländern der genannten Fuͤrſten die erwuͤnſchte Beihuͤlfe zur Bekaͤmpfung der heidniſchen Preuſſen zu erhalten. Daher wandte auch er, wie ſchon mehre Deutſche Fuͤrſten gethan, ſich an den Papſt mit der Bitte, das Mittel zu genehmigen, durch welches die beiden Fuͤrſten, die wegen der Nähe ihrer Länder und wegen ihres Reichthums fo weſentlich zur Bezaͤhmung der Preuffen beitragen konnten, zur gegenfeitigen Ver⸗ föhnung gelangen wuͤrden, nämlich zu erlauben, dafi der Mark⸗ graf Albrecht von Brandenburg dem jungen Fuͤrſten Otto von 1) Bulle, datirt: Rome apud S. Petrum XVI Calend. Julii au. II. in Regest. Honor. III. an. II. epist. 1195, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 15. Der Papſt nennt ihn hier ſchon Archiepiscopus Gnesinensis apostolice Sedis Legatus in Prussia. Da er aber in der Bulle von ihm ſagt: Cum tibi ohm pro novella plantatione in Pru- scie partibus fidei Christiane Legationis fuerit officium ab aposto- lica sede commissum etc., fo inöchte der Erzbiſchof die Würde wohl ſchon länger verwaltet haben. 2) Bulle, datirt: Rome ap. S. Petrum quinto Idus Maji an. III. in Regest. Honor. III. an. III. epist. 457, im Copien⸗ Buche des geh. Arch. Nr. 17. Vgl. B. I. S. 449, 3) S. oben B. I. S. 448. 4) Pauli Preuſſ. Staatsgeſchichte S. 61 — 65.

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572 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. Luͤneburg ungeachtet des Verbotes der Ehe im vierten Grade der Verwandtſchaft ſeine Tochter zur Gemahlin geben duͤrfe, weil dadurch nicht bloß alle Feindſchaft unter den Fuͤrſten beſeitigt, ſondern von ihnen auch leicht das Verſprechen einer betraͤchtlichen Hülfe gegen die Preuſſen erlangt werden koͤnne. Der Papſt zeigte ſich der Bitte geneigt, ſprach zwar keine foͤrmliche Dispen⸗ ſation uͤber die Sache aus, gab aber dem Biſchofe Chriſtian doch die Vollmacht, unter dieſen Umſtänden zu thun, was mit Gott zu thun ſey!). Der Biſchof verſtand die Sprache und Ma⸗ thilde, Albrechts aͤlteſte Tochter, ward Otto's von Luͤneburg Ge: mahlin. Den Dank dafür brachte Otto in ſpaͤterer Zeit. 7. Die Ermunterungen des Papſtes zur Wohlthaͤtigkeit und zu frommen Spenden an den Biſchof von Preuſſen blieben nicht ohne Erfolg. Außer den Schenkungen, welche ihm aus der Hand der nahen Fuͤrſten zufielen ?), uͤberwies ihm der eben erwähnte Otto von Luͤneburg ein jaͤhrliches Einkommen von zwanzig Mark nebſt mehren Freiheiten und Vorrechten für ihn und feine Leute. Eine gleiche Schenkung ebenfalls von zwanzig Mark jährlicher Einkünfte und mit den naͤmlichen Freiheiten und Vorrechten er hielt Chriftion zu derſelben Zeit auch vom Markgrafen Albrecht von Brandenburg und uͤber beide Verleihungen ſtellte der Papſt im Jahre 1223 die nöthigen Beſtaͤtigungsbriefe aus 5). 8. So vielfältige Beiſpiele von dem Haſſe und der Ver⸗ folgungsſucht der hohen Geiſtlichkeit gegen den Orden in Deutſch⸗ land auch fruͤher von uns ſchon beigebracht ſind, ſo trat im Jahre 1223 zu Paſſau doch ein Fall ein, deſſen wir hier zur Characteriſirung jenes Haſſes noch erwaͤhnen muͤſſen. Dort war kurz zuvor ein neuer Biſchof erwählt worden und der Papſt hatte nach uͤblicher Form das Kapitel und die Geiſtlichkeit an den ſchul⸗ digen Gehorſam und an die Achtſamkeit und Befolgung ſeiner Verordnungen ermahnt. Man war auch wie gewoͤhnlich den Er⸗ mahnungen des Papſtes nachgekommen. Da verbreiteten aber verſchiedene Deutſche Viſchoͤfe die Nachricht, der neue Biſchof von Paſſau ſey ein Bruder des Deutſchen Ordens geweſen und 1) Die Bulle an den Viſchof Chriſtian gerichtet und datirt: Rome apud S. Petrum VII Calend. Jun. au. III. in Regest. Honor. III. an. III. epist. 469, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 131. 2) S. oben B. 1. S. 455. 8) Die beiden Bullen, datirt: Lateraui VII Idus April. an. VII. in Begest. Honor. III. an. VII. epist. 139. 1. 2. im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 21. 22.

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Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 573 wiegelten zugleich Volk und Geiſtlichkeit gegen ihn auf, fo daß ihm niemand mehr Gehorſam und ſchuldige Achtung bezeigte. Die Sache ging an den Papſt und dieſer gebot nun dem Kapi⸗ tel und der Geiſtlichkeit zu Paſſau aufs nachdruͤcklichſte, dem Viſchofe ſofort jegliche ſchuldige Unterwerfung und ohne weiteres den puͤnktlichſten Gehorſam und die ſchuldige Ehrfurcht zu bewei⸗ ſen, wo nicht, ſo werde er die Strafe uͤber ſie verfuͤgen, die gegen Rebellen feſtgeſetzt ſey 1). 9. Je grauſamer die heidniſchen Preuſſen im Jahre 1223 auf ihren Raub: und Verheerungszuͤgen im Kulmerlande und in Maſovien gehauſt hatten?), um ſo mehr war Papſt Honorius mit Eifer bemuͤht, ſogleich im Anfange des naͤchſten Jahres ein neues Kreuzheer gegen ſie in Bewegung zu ſetzen. Zu den Schwierigkeiten und Hemmungen aber, welche der Sache in die⸗ ſer Zeit entgegenſtanden, kam unter andern auch der Umſtand hinzu, daß der Prior des Kloſters zu Riddagshauſen 3), welchen der Biſchof von Livland vor einigen Jahren wegen der ausge⸗ zeichneten Rednergabe, die dem Manne eigen war, theils zum Kreuzpredigen, theils auch zur Verbreitung der chriſtlichen Lehre unter den nordiſchen Heiden mit ſehr gluͤcklichem Erfolge gewon⸗ nen hatte, in die Stille ſeines Kloſters zuruͤckgekehrt war, um ſich dort wieder dem beſchaulichen Leben hinzugeben. Der Bi⸗ ſchof von Livland hatte indeſſen den Papſt hievon kaum benach⸗ richtigt, als dieſer ſogleich an den Abt Konrad zu Riddagshau⸗ ſen ein Schreiben erließ, worin er dieſem erklaͤrte, wie wenig es fuͤr einen mit ſolchen Gaben ausgeſtatteten Mann an der Zeit ſey, ſtatt eines werkthaͤtigen Lebens und einer ſegensreichen Wirk ſamkeit ſich der beſchaulichen Ruhe hinzugeben, ihm zugleich aber auch den Auftrag ertheilte, dem Prior nach dem an ihn ſelbſt auch ſchon erlaſſenen Befehle nicht bloß zu erlauben, ſondern ihn ſelbſt zu verpflichten, wieder ins wirkſame Leben einzutreten und das Amt der Kreuzpredigt wieder zu uͤbernehmen, denn dazu, fuͤgt der Papſt hinzu, ſind die Sterne auf immerdar an das Firmament geſtellt, daß fie viele zum Heile erleuchten follen *). 1) Bulle, datirt: Laterani IV Calend. Februar. an. VIII. in Re- gest. Honor. III. an. VIII. epist. 325, im Copien- Buche des geh. Arch. Nr. 242. 2) S. oben B. I. S. 457. 3) Riddagshauſen, bekanntlich ehemals ein beruͤhmtes Kloſter des Ciſtertienſer Ordens in der Nähe von Braunſchweig. 4) Bulle, datirt: Laterani V Cal. Februar. an. VIII. in Regest.

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574 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 10. Wie Biſchof Chriſtian in Preuſſen ſelbſt ), fo ſuchte auch der Papſt von Rom her bei den Neubekehrten in Livland und Preuſſen vor allem die verderblich wirkende Meinung zu er⸗ ſticken, daß mit der Annahme des Chriſtenthums ihre ganze alte Freiheit untergraben und verloren ſey. Er richtete deshalb an ſie ein eigenes Schreiben, worin er ſagt: „Da ihr, wiedergeboren aus dem Waſſer und dem heiligen Geiſte, zur Freiheit der Soͤhne Gottes gerufen ſeyd, da immer wo der Geiſt Gottes iſt, auch Freiheit ſeyn ſoll und es ſehr unwuͤrdig waͤre, wenn ihr als Be⸗ kehrte fuͤr niedrigern Standes gehalten wuͤrdet, als da ihr noch im Unglauben lebtet, da vielmehr, wie der Apoſtel lehrt, denen die Gott lieben ſich alles zum Beſten kehrt, ſo nehmen wir euch und alle andern, die ſich aus euerem Volke mit goͤttlicher Gnade bekehren werden, unter unſeren und des heiligen Petrus Schutz und ſetzen feſt, daß ihr auch ferner in euerer Freiheit fortlebend niemanden anders unterworfen ſeyn ſollet als nur allein Chriſto, deſſen Volk ihr geworden ſeyd, und der Roͤmiſchen Kirche, deren Gehorſam ihr untergeben worden 2). 11. Der Biſchof Wilhelm von Modena iſt in der Ge⸗ ſchichte der Verbreitung des Chriſtenthums in Preuſſen viel zu wichtig, als daß nicht jede Nachricht, die uns mehr Licht uͤber ſeine Anweſenheit und Wirkſamkeit giebt, von Intereſſe waͤre. Bevor er nach Preuſſen kam, hatte er nach des Papſtes Auf⸗ trag und in Verbindung mit dem Biſchofe von Brescia ſehr thaͤ⸗ tig zur Vertilgung der Ketzereien in Lombardien gewirkt und ſich auch dadurch das hohe Vertrauen des Römifchen Stuhles erwor⸗ ben. Als ihm Honorius aber die Wuͤrde eines Legaten im Nor⸗ den auftrug, trat dort an ſeine Stelle der Biſchof von Rimini, ein Mann, auf deſſen Klugheit der Papſt in jenen ſchwierigen Angelegenheiten große Hoffnung ſetzte. Es war urſpruͤnglich zu⸗ naͤchſt auch Wilhelms eigener Wunſch, den nordiſchen Heiden und namentlich den Preuſſen das Evangelium zu verkuͤndigen; was jedoch den Papſt vor allem veranlaßte, ihm die Wuͤrde eines paͤpſtlichen Legaten im Norden zu ertheilen, war die Bitte der Neubekehrten aus Preuſſen, ihnen dieſen Mann zuzuſenden ). Honor. III. an. VIII. epist. 228, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 23. 1) S. oben B. I. S. 449. 2) Bulle, datirt: Lateran. III. Non. Januar. an. IX. in Regest. Honor. III. an. IX. epist. 130, im Copien⸗Buche des geh. Archivs Nr. 25. 3) Der Papſt ſagt ſelbſt: Ipsum Mutinensem (Episcopum) desi-

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Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 573 Nachdem er daher vom Papſte die noͤthige Vollmacht und na⸗ mentlich auch den Auftrag erhalten, das bisher in der Finſter⸗ niß wandelnde Volk zum großen Lichte der Wahrheit zu fuͤhren, dort die neue Kirche, welche ſich der Herr erworben, vollkommen einzurichten und neue Biſchoͤfe zu erwaͤhlen und in ihr Amt ein⸗ zuweihen, trat er im Anfange des Januars 1225 ſeine Reiſe nach Preuſſen an!). 12. Ueber die Stiftung des Ritterordens der Bruͤder von Dobrin erhalten wir einigen neuen Aufſchluß und die von uns zuerſt aufgeſtellte Behauptung, daß dieſer Ritterorden eine von dem Livlaͤndiſchen Schwertbruͤder-Orden ganz unabhängige und völlig neue Stiftung geweſen fen, bekommt dadurch ihre vollkom⸗ mene Gewißheit, daß wir zwei paͤpſtliche Beſtaͤtigungs⸗ Bullen uͤber die Stiftung erhalten haben. Die eine derſelben iſt an den Meiſter und die Ordensbruͤder von Dobrin ſelbſt gerichtet 2), denn ſie ſelbſt hatten an den Papſt die Bitte ergehen laſſen, die Ein⸗ richtung und Verfaſſung ihres Ordens, wie der Biſchof Chriſtian von Preuſſen ſie entworfen, zu genehmigen. Es liegt naͤmlich nach dieſer Urkunde ebenfalls außer allem Zweifel, daß Biſchof Chriſtian der eigentliche Stifter des Ordens war und daß ihm bei der Anordnung und Verfaſſung deſſelben der Livlaͤndiſche Or⸗ den zum Vorbilde diente). Er hatte dem Papſte ſogleich nach der Stiftung einen Bericht uͤber den Hergang der Sache und deranten ab olim portare nomen domini Jesu Christi coram ducibus et gentibus Prutenorum et nuper a fidelibus, qui sunt in partibus illis instantissime postulatum, illue de fratrum nostrorum consilio duxerimus destinandum, ut populi adhuc ambulantes in tenebris per ministerium eius, dev auclore, videant lucem magnam. Bulle, da⸗ tirt: Lateran. V Iqus Januar. an. IX in Regest. Honor. III. an. IX. epist. 146, im Erpien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 27. 1, Die Vollmacht des Papſtes in Regest. Honor. III. an. IX. epist. 144, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 26. Nach dem Das tum dieſer Bulle: Lateran. V Idus Januar. an. IX iſt unſere Angabe im B. I. S. 460, daß Biſchof Wilhelm im Anfange des J. 1225 nach Preuſſen gezogen ſey, völlig begründet. 2) Die Juſchrift lautet: Gregorius IX etc. dilectis ſiliis Magi- stro et fratribus Militie Christi contra Prutenos in Mazovia. 3) Es heißt in der Bulle: Ex parte siquidem vestra fuit a no- bis humiliter postulatum, ut cum bone memorie .. primus Episco- pus Prutenorum considerans militiam ad expugnandum Paganos in Pruscie partibns constitutos in illis partibus fore plurimum opportu- nam, de Capituli sui assensu vestram nülitiam ad exemplar militie Christi de Livonia provide ordinavit ibidem, quod ab eodem Kpi- seopo factum est super hoe Apostelico dignaremur munimine ro- borare.

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576 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. über die Verfaſſung des neuen Ordens zugeſandt, und Gregorius genehmigte nun des Biſchofs vorgelegten Plan, ſowie ſein ganzes Verfahren bei der Stiftung der neuen ritterlichen Verbruͤderung !). — In der zweiten ebenfalls an den Meiſter und den Orden ge⸗ richteten Bulle nimmt der Papſt die neue Stiftung in ihren ein⸗ zelnen Gliedern mit dem Orte ihres Aufenthaltes, ſammt al⸗ len ihren gegenwaͤrtigen und kuͤnftigen Beſitzungen in feinen bes ſonderen Schutz. Als ſolche Beſitzungen des Ordens nennt er namentlich ein Dorf und einen Werder vor Dobrin, welche ihm der Biſchof von Maſovien mit Zuſtimmung feines Kapitels über geben hatte, dann die Burg und Kirchen von Dobrin, mit den Gebieten zwiſchen den Fluͤſſen Camenitza und Chelmenitza bis nach Preuſſen hin, einen Theil des Dorfes Eiche uͤber der Weichſel und das Dorf Sedlie vor Neu-Leßlau. Zugleich beſtaͤtigt der Papſt auch alle Rechte und Freiheiten von weltlichen Abgaben, wie ſolche der Herzog Konrad von Maſovien und ſeine Soͤhne dem Orden zugeſtanden, namentlich auch das Recht uͤber das Dorf Wiſſin, welches das Domſtift von Leflau ihm bewilligt 2). 1) Bulle, datirt: Perusü quinto Calend. Novembr. an. II. in Regest. Gregor. IX. an. II. epist. 58, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 30. 2) Regest. Gregor. IX. an. II. epist. 57; im Copien⸗ Buche des geh. Arch. Nr. 29. Das Datum dieſer Bulle iſt das naͤmliche der vo⸗ rigen, alſo vom 28. October 1228. Beim erſten Blicke ſcheint dieſes Datum auf eine ſpaͤtere Zeit der Stiftung hinzuweiſen, als ſie oben B. I. S. 460 von uns angenommen iſt. Allein bei naͤherer Anſicht be⸗ haͤlt jene Annahme dennoch ihre Wahrſcheinlichkeit, denn erſtens kann eine paͤpſtliche Beſtaͤtigungs-Bulle niemals eine ſichere Zeitbeſtimmung über die Sache ſelbſt geben, welche fie beſtaͤtigt, indem ſolche Beſtaͤti⸗ gungen oft erſt mehre Jahre nachher erfolgen, nachdem die Sache ſelbſt ſchon da war. So ſahen wir vorhin erſt, daß eine im J. 1212 er⸗ folgte Schenkung an den Biſchof von Preuſſen vom Papſt erſt im J. 1218 beſtaͤtigt wurde und ſolcher Beiſpiele giebt es viele. Zweitens er⸗ laubt es auch der geſchichtliche Zuſammenhang der Ereigniſſe auf keine Weiſe, die Stiftung erſt ins J. 1227 oder 1228 zu ſetzen. Mit dem Deutſchen Orden knuͤpfte man nach Dushurg P. II. c. 5 erſt dann Uns terhandlungen an, als man die Unzulaͤnglichkeit des Dobriner » Ordens erfahren hatte. Da nun jenes ſchon im J. 1226 geſchah, ſ. oben B. II. S. 164, fo muß der Dobriner⸗Orden ſicherlich ſchon im J. 1225 be⸗ ſtanden haben. Drittens laſſen ſich auch die Gründe auffinden, warum der Papſt vom Dobriner⸗Orden im J. 1228 erſucht wurde, ihm die päpſtliche Confirmation zu ertheilen. Daß der Deutſche Orden in den Beſitz des Kulmerlandes kommen werde, war im J. 1228 ſchon völlig gewiß; es war nicht minder gewiß, daß der Herzog von Maſovien und Biſchof Chriſtian an dieſem Orden ein weit größeres Intereſſe nehmen

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Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 577 13. Hermann von Salza war es vorzüglich, deſſen fich der Papſt Honorius nach Beilegung des Streites zwiſchen dem Kaiſer und den Lombarden im Jahre 1227 durch eine Sendung nach Deutſchland bedienen wollte, um dort die erwuͤnſchte Theil⸗ nahme an einem neuen Kreuzzuge anzuregen und die noͤthigen Kräfte in Bewegung zu ſetzen ). Der Papſt erließ am elften Januar des J. 1227 an die Erzbiſchoͤfe, Bifchöfe, Herzoge, Markgrafen, Grafen und andere geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten in Deutſchland eine Bulle, worin es unter andern hieß: „Wir erinnern uns, euch ſchon vordem angezeigt zu haben, daß der Kaiſer Friederich, wie er uns durch Briefe und Botſchaft ange⸗ zeigt hat, ſich jetzt mächtig ruͤſtet, um das Land aus den Haͤn⸗ den der Unglaͤubigen zu befreien, in welchem unſer Gott und Herr Jeſus Chriſtus das Heil des Menſchengeſchlechtes erwirkt hat. Nun hatten wir beſchloſſen, unſern geliebten Sohn den Meiſter des Deutſchen Hauſes nach Deutſchland zu ſenden, um dort die noͤthige Huͤlfe fuͤr das heilige Land aufzubringen. Wir haben ihn jedoch noch einige Zeit zuruͤckbehalten muͤſſen, weil uns ſein thaͤtiger Eifer theils fuͤr andere wichtige und ſchwierige Unterhandlungen, theils insbeſondere zur Beilegung des Zwiſtes zwiſchen dem Kaiſer und den Lombarden ſehr erwuͤnſcht war. Da aber jetzt dieſer Streit durch unſer Bemuͤhen geſchlichtet iſt und der Kaiſer, wie es ſeiner Wuͤrde geziemt, ſich ruͤſtet, um im naͤchſten Monat Auguſt mit einer Flotte ins heilige Land uͤberzuſetzen, wie wir daruͤber ſelbſt von Augenzeugen ſichere Nach⸗ richt haben, da wir alſo die Hoffnung haben, daß Gott aufer⸗ ſtehend ſeine Sache zu raͤchen beſchloſſen und Jeruſalem wie in den alten Tagen wieder neu emporzuheben, ſo ermahnen, bitten und beſchwoͤren wir euch im Namen Jeſu Chriſti, daß ihr im Eifer des Glaubens und aus Liebe zu dem Heilande, wie aus Ehrfurcht gegen den Kaiſer euch zur Beihuͤlfe fuͤr das heilige Land ruͤſtet und daß alle, welche bereits das Kreuz genommen und mit Gottes Eingebung noch nehmen werden, im naͤchſten Auguſt ſich zu einer allgemeinen Heerfahrt einfinden moͤgen. Den erwaͤhnten Meiſter des Deutſchen Ordens aber, der ſich dieſem wuͤrden, als an dem ſchwachen Orden der Dobriner⸗Bruͤder. Sehr zweifelhaft war daher die Lage und die Stellung, in welche hiedurch dieſer letztere kommen werde. Vor allem mußte er jetzt fuͤr ſeine fer⸗ nere Exiſtenz und fuͤr die Erhaltung ſeiner Guͤter beſorgt ſeyn und es war demnach nicht nur natürlich, ſondern nothwendig, daß er ſich bei⸗ des durch den Papſt ſicherte, wie es denn wirklich durch dieſe beiden Bullen geſchah. 4) S. oben B. II. S. 174. III. 37

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57 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. Unternehmen ganz hingiebt und jetzt mit Beſeitigung aller andern Angelegenheiten und nach Ueberwindung aller Hinderniſſe zu euch kommt, empfehlen wir euch aufs dringendſte, obgleich es über- fluͤſſig iſt, euch feine Klugheit und Sorgfalt in der Sache des heiligen Landes zu ruͤhmen und zu empfehlen, da ſeine loͤblichen Thaten ihn ſchon ſelbſt genugſam bekannt machen“ ). — Ser: mann von Salza ward indeſſen, wie es ſcheint, theils durch den Tod des Papſtes Honorius, theils durch die Lombardiſchen Ver⸗ hältniſſe an feiner Reiſe verhindert. Sobald aber der neue Papſt Gregorius die Mifverftändniffe mit den Lombarden völlig beige⸗ legt, meldete er dieſes dem Meiſter mit dem Auftrage, nun die Kreuzbruͤder in Deutſchland und wo er ſonſt noch koͤnne, mit al⸗ ler ihm von Gott verliehenen Klugheit zur heiligen Sache zu er muntern, da der Kaiſer ſich nun mächtig zur Huͤlfe für das hei⸗ lige Land ruͤſte 2). 14. Wir erwaͤhnten fruͤher eines Berichtes, welchen Her⸗ mann von Salza uͤber die Erfolge des Kreuzzuges Kaiſer Friede⸗ richs des Zweiten aus dem Morgenlande an den Papſt ſandte ?). Wir geben ihn hier um ſo lieber, da es an ſich ſchon wichtig iſt, den edlen Meiſter als Zeuge und Theilnehmer über die Verhaͤlt⸗ niſſe des heiligen Landes ſprechen zu hoͤren 7). „Dem heiligſten und in Chriſto ehrwuͤrdigen Vater und Herrn, ſeinem Wohlthaͤter dem Papſte der heiligen Roͤmiſchen Kirche Bruder Hermann, des Hospitals S. Mariens des Hauſes der Deutſchen in Jeruſalem demuͤthiger Diener mit ſchuldiger Ehr⸗ furcht und Demuth den Kuß der heiligen Fuͤße. Die Geruͤchte und die Lage des heiligen Landes und des chriſtlichen Heeres auf dem Kreuzzuge des vergangenen Herbſtes 1) Bulle, datirt: Lateran. III. Idus Januar. an. XI in Regest. Honor. III. an. XI. epist. 462, im Copien⸗Buche des geh. Archivs Nr. 246. 2) Regest. Gregor. IX. an. I. epist. 33, im Gopien Buche des geh. Arch. Nr. 247. Das Datum dieſer Bulle iſt: Lateran. XVI Ca- lend. April. Das Datum ſcheint im Original nicht angegeben geweſen zu ſeyn. Setzen wir die Bulle aber nach der Angabe der Regeſten ins erſte Jahr der Regierung Gregorius des Neunten, ſo wuͤrde ihr Datum auf den 17. März 1227 fallen. Allein an dieſem Tage konnte Grego⸗ rius noch keine Bulle ausſtellen, denn Honorius III ſtarb erſt am 18. März 1227. Es iſt alſo ſehr wahrſcheinlich, daß ein Schreibfehler in der Angabe XVI Cal. April. liege. 3) S. oben B. II. S. 210. % Wir fühlen zwar, daß dieſer Bericht nicht eigentlich in eine Ge⸗ ſchichte Preuſſens gehöre; aber wer möchte es ſich verſagen, von Her⸗ mann von Salza erzählen zu hören!

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Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 579 find Euerer Heiligkeit, wie fie damals waren, hinlaͤnglich bekannt. Die Gnade aber, welche Gott der Herr der Heerſchaaren dem heiligen Lande nicht durch unſere Verdienſte, ſondern allein aus göͤttlichem Erbarmen hierauf hat widerfahren laſſen, Euerer Herr- lichkeit durch gegenwaͤrtiges Schreiben bekannt zu machen, halten wir fuͤr zweckdienlich und heilſam. Vernehmet alſo, daß am funfzehnten Tage des Monats November der Herr Kaiſer mit dem ganzen chriſtlichen Heere nach Joppe kam zum Wiederauf— bau der dortigen Burg, um ſich zu ſeiner Zeit den Fortzug nach Jeruſalem dadurch zu erleichtern. Und da das chriſtliche Heer ſeine fuͤr einige Zeit zureichenden Beduͤrfniſſe auf den Laſtthieren zu Lande nicht weiter fuͤhren konnte, ſo hatte jeder nach ſeinem Vermögen im Hafen zu Akkon mit feinen nothwendigen Beduͤrf⸗ niſſen Schiffe beladen; weil aber der Wind ſich wandte, ſo brach auf dem Meere ein ſolcher Sturm aus, daß die Fahrzeuge mit den Lebensmitteln dem Heere nicht zukommen konnten; und in⸗ dem nun das Heer ſich ſo in großen Beduͤrfniſſen befand, fing ſchon im ganzen Heere der Muth zu ſinken an und manche er— klaͤrten ſchon im Unwillen, es bleibe nichts weiter übrig, als nach Akkon zuruͤckzukehren. In dieſer Noth erbarmte ſich der Herr, der die zerbrochenen Herzen heilet und ein Helfer iſt in aller Truͤbſal. Da der Himmel ſich erheiterte, ſo ward das Meer ru⸗ hig und ſogleich kam eine ſolche Menge von Schiffen und Fahr⸗ zeugen mit Lebensmitteln nach Joppe, daß aller fruͤher erlittene Mangel ſich wandelte in Fuͤlle und Ueberfluß von allen Beduͤrf⸗ niſſen. Und ſeit dieſer Zeit bewies der Herr fortwaͤhrend ſolches Erbarmen in Beguͤnſtigung der Witterung, daß nun unablaͤſſig die Fahrzeuge zur See ab- und zugehen konnten, ſo daß auch fernerhin die nothwendigen Beduͤrfniſſe in großer Menge vorhan⸗ den waren. Mittlerweile wurde ohne Verzug auf gemeinſamen Rath der Bau zu Joppe am Graben und in Aufrichtung der Mauern und Thuͤrme begonnen, ein Werk, welches fuͤr das chriſtliche Volk auf einige Zeit ein Denkmal ſeyn wird, denn durch Gottes Gnade iſt es bei der großen Liebe, die der Herr Kaiſer und das geſammte Volk zeigt und wirkſam ſeyn laͤßt, ſchon vor dem Sonntage Sexageſima ſo weit vorgediehen, daß es ſeit ſei⸗ ner erſten Gruͤndung ſo ſtark und ſo gut gebaut nicht geweſen iſt. Waͤhrend dieſes aber mit allem Eifer betrieben ward, eilten des Sultans und des Kaiſers Botſchafter unablaͤſſig hin und her, mit Unterhandlungen uͤber den Frieden beſchaͤftigt. Der Sultan von Babilonien und ſein Bruder der Sultan Sceraph genannt lagen mit einem zahlloſen Heere bei Cazara eine maͤßige Tagreiſe von uns und der Sultan von Damascus mit einer ſtarken Schaar 30°

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580 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. bei Neapolis gleichfalls eine Tagreiſe von uns !). Während nun über die Zurückgabe des heiligen Landes unterhandelt ward, lei⸗ tete es unſer Herr Jeſus Chriſtus in feiner gewöhnlichen Fuͤr⸗ ſorge alſo, daß der Sultan dem Herrn Kaiſer und den Chriſten die heilige Stadt Jeruſalem mit ihren laͤndlichen Zubehoͤrungen zuruͤckgab, doch mit Ausnahme des Kloſters, welches der Tem⸗ pel des Herrn genannt wird und in den Haͤnden der Saracenen bleiben ſoll, weil ſie dort zu beten pflegen, alſo daß ſie da des Gebetes wegen freien Aus- und Eingang haben ſollen, ebenſo wie die Chriſten, die daſelbſt beten wollen. Sie gaben ferner auch das Dorf zum heiligen Georg genannt zuruͤck und die Haͤu⸗ ſer auf beiden Seiten des Weges bis nach Jeruſalem, ſo wie die zwiſchen Jeruſalem und Bethlehem, auch Nazareth mit ſei⸗ nen ländlichen Zubehoͤrungen und die Häufer zwiſchen Akkon und Nazareth, ferner die Burg Tyrus mit allen Zubehoͤrungen, Doͤr⸗ fern und Beſitzungen, auch die Stadt Sidon mit der ganzen Ebene, die ihr zugehoͤrt und alle Gebiete, welche die Chriſten zur Zeit des Friedens inne hatten und friedlich beſaßen. Nach dem Vertrage iſt uns auch erlaubt, Jeruſalem nach dem Wunſche der Chriſten in ſeinen Mauern und Thuͤrmen wieder aufzubauen, ebenſo die Burg Joppe, die Burg Caͤſarea und unſere neue Burg Monfort, die wir im Gebirglande dieſes Jahr zu befeſti⸗ gen angefangen. Es iſt wahrſcheinlich, daß wenn der Herr Kai⸗ fer feinen Zug in Gunſt und Eintracht mit der Roͤmiſchen Kirche unternommen haͤtte, die Sache des heiligen Landes noch weit kraͤftiger und heilſamer vorgeſchritten ſeyn würde. Der erwähnte Sultan von Babilonien aber ſoll bis zu Ende des zwiſchen ihm und dem Herrn Kaiſer auf zehn Jahre feſtgeſtellten Waffenſtill⸗ ſtandes keine neuen Burgen oder Haͤuſer bauen duͤrfen. Alle Ge⸗ fangenen, die bei der Uebergabe von Damiette zuruͤckblieben oder im juͤngſten Kriege in Gefangenſchaft gerathen ſind, werden bei⸗ derſeits frei gegeben. Nun hat der Kaiſer auch vor, mit dem geſammten Volke gen Jeruſalem zu ziehen und dort zur Ehre des Koͤniges aller Koͤnige die Krone zu empfangen. So iſt ihm von mehren auch der Rath gegeben, mit allem Eifer auf den Wie⸗ deraufbau Jeruſalems zu denken. Wie groß aber der Jubel des ganzen Volkes bei der erwähnten Zuruͤckgabe war, läßt ſich kaum erzaͤhlen. Da kam am 9. Maͤrz Bruder Leonhard zu uns nach Joppe und brachte Nachrichten aus dem Abendlande. Moͤchten es doch beſſere und von anderer Art ſeyn, als ſie wirklich ſind! Uebrigens wird der Herr Erzbiſchof von Reggio, der zu Euerer 1) Vgl. Raumer Hohenſtaufen B. III. S. 437.

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Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 581 Herrlichkeit Füßen geſandt iſt, Euch weiter berichten, wie und zu welchem Ziele wir bei dem Kaiſer geblieben ſind, aus welcher Abſicht wir ſo gehandelt haben und welches der Erfolg geweſen iſt. Was uns aber Euere Herrlichkeit uͤberdieß anbefohlen hat, es betreffe das Vergangene oder das Zukuͤnftige, dem haben wir immer bereitwillig Folge geleiſtet 1).“ Hiebei iſt endlich auch des Lobes zu gedenken, welches der Kaiſer ſelbſt in ſeinem von Jeruſalem aus an den Papſt ge⸗ ſchriebenen Briefe dem Hochmeiſter Hermann von Salza ertheilt. Nachdem er naͤmlich die gluͤcklichen Ereigniſſe im Morgenlande erzählt hat, führt er alſo fort: Denique de consilio et auxilio, quod a Patriarcha Jerosolimitano, magistris et fratribus re- ligiosarum domorum recipimus in partibus Cismarinis, cum tempus et locus fuerit curabimus paternitati vestre apertius nuntiare. Unum tamen de Magistro et fratribus Sancte Ma- rie Teutonicorum dicere possumus et merito non tacere, quod ab ipso adventus nostri principio in servitio dei nobis tam devote quam eflicaciter astiterunt ?). 15. Wahrſcheinlich geſchah es in Folge der Ankunft eines neuen Kreuzheeres an der Graͤnze Preuſſens im Jahre 1232 und durch die Bemuͤhungen des paͤpſtlichen Legaten Wilhelm von Mo⸗ dena, daß ſich eine Anzahl der nahe am Kulmerlande wohnenden Preuſſen bereit erklaͤrte, durch die Taufe das Chriſtenthum anzu⸗ nehmen. Der Legat gab dem Papſte Gregorius hievon Nach⸗ richt und dieſer, der Meinung, daß durch eine ganz beſondere Feierlichkeit bei dem Eintritte einer der vornehmſten Preuſſen in die chriſtliche Kirchengemeinſchaft wohl auch auf das uͤbrige Volk heilſam und folgenreich eingewirkt werden konne, erließ am elften Januar 1233 an jene Preuſſen ein eigenes Schreiben, worin er zuerſt die Freude ausſprach, welche die Nachricht ſeines Legaten uͤber die Bereitwilligkeit zum Bekenntniſſe der chriſtlichen Wahr⸗ heit bei ihm erregt habe, und dann alſo fortfuhr: „Auf daß nun aber in einem ſo heiligen Werke mit um ſo groͤßerer Si⸗ cherheit fortgeſchritten werden koͤnne und euere Gottesfurcht auch andern durch die Wirkung bekannt werde, ſo ſcheint es uns zweck⸗ 1) Regest. Litterar. Gregor. IX. T. I. epist. 23. an. 1229. p. 121. Das Schreiben iſt ohne Datum. Auch Rau mer Hohenſtaufen B. III. S. 438 Anmerk. 1, hat dieſen Bericht geleſen. Im Copien⸗ Buche des geh. Archivs ſteht er Nr. 439. n 2) Regest. Litterar. ad domin. Gregor. IX. an. III. epist. 21, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 431. In den Wiener Jahrbuͤch. der Literatur B. 40. 1827. S. 150 ſteht der ganze Brief abgedruckt.

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582 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. maͤßig, daß zwei von euch oder einige mehr in der Stelle aller nach Rom kommen, damit wir durch ſie euch als unſere zur Gnade angenommenen geliebteſten Soͤhne mit den Armen unſerer aufrichtigen Liebe umfaſſen koͤnnen“ 1). 16. Ein eigenes Licht wirft auf die Sittengeſchichte dieſer Zeit und auf den damaligen Character der Herrſchaft der Herzoge von Polen folgender Umſtand. Es war herkoͤmmlich geworden, daß die Herzoge ihren armen Unterthanen die eingefangenen Bi⸗ ber oder auch die Jagdfalken zur Aufbewahrung und Pflege uͤber⸗ gaben 2). Geſchah es nun, daß dieſe ihre gewoͤhnlichen Neſter verließen und die Freiheit ſuchten oder daß ein Junges von ihnen verloren ging, fo unterlag der, den ein ſolches Ungluͤck traf, ge⸗ woͤhnlich einer Strafe von ſiebenzig Mark. Da aber ſelten je⸗ mand eine ſolche Strafſumme zu bezahlen vermochte, ſo entfloh er gemeinhin zu den Ruſſen oder auch öfter zu den heidniſchen Preuſſen. Der Papſt, von dieſer Sache benachrichtigt, fand fie nicht bloß mit dem Intereſſe der Kirche ganz unvereinbar, ſon⸗ dern auch mit den Geſetzen der Menſchlichkeit und des Rechtes unvertraͤglich, weil es auf der Jagd doch unmoͤglich war, für die Sicherheit der Falken jeder Zeit einzuſtehen, und erließ an den Erzbiſchof von Gneſen, den Biſchof von Krakau und an den Abt des Kloſters S. Andreas zu Krakau ein Schreiben, worin er ſei⸗ nen großen Unwillen uͤber die verderbliche Sitte ausſprach und ihnen auftrug, bei den Herzogen auf Abſtellung dieſes Gebrau⸗ ches zu halten und ſolche noͤthigen Falls auch mit Anwendung kirchlicher Strafe zu erzwingen ). 17. Außer den Ermunterungsſchreiben des Papſtes an den Prediger⸗Orden uͤberhaupt zur Foͤrderung der Kreuzpredigt fuͤr 1) Bulle, datirt: Anagnie III. Idus Januar. an. VI in Regest. Gregor. IX. an. VI. epist. 232, im Gopien- Buche des geh. Archivs Nr. 32. 2) Wahrſcheinlich iſt dieſes von der Jagd zu verſtehen, wobei das arme Landvolk behuͤlflich ſeyn mußte und einigen die Aufbewahrung und Bewachung der Biber und Falken uͤbertragen wurde. Die Worte des Papſtes find wenigſtens nicht ganz klar, indem es heißt: Novum ge- nus molestie dicuntur circa pauperes Polouie Principes invenisse, videlicet quod ipsorum cotidie committunt Castores et falcones, qui si solita nidorum loca relinquerunt sequentes native spiritum liber- tatis vel aliquis de pullis perditur eorumdem, pauperes ipsos in se- ptuaginta marcharum pena condempnant. 3) Bulle, datirt: Anagnie W Calend. Marti an. VI in Regest. Gregor. IX. an. VI. epist. 337, im Gopien- Buche des geh. Archivs Nr. 33.

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Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 583 den Deutſchen Orden!) und außer einem Auftrage an den Mei⸗ ſter Jordan, einen hochangeſehenen Mann dieſes Ordens, die in verſchiedenen Theilen Deutſchlands zur Kreuzpredigt gegen das heidniſche Volk in Preuſſen auserwaͤhlten Predigerbruͤder immer mit dem noͤthigen Eifer zu beleben 2), erließ Gregorius im Jahre 1233 auch noch einen beſondern Befehl an die Bruͤder dieſes Or⸗ dens in Preuſſen ſelbſt, nach welchem er ihnen auftrug, die im Lande befindlichen Kreuzbruͤder zu ermahnen, die Ordensritter bei dem Aufbau ihrer zur Sicherheit gegen die Anfälle der heidniſchen Preuſſen nothwendigen Burgen, Befeſtigungen und Verſchanzun⸗ gen thaͤtigen Beiſtand zu leiſten und denen, die in eigener Per⸗ fon die Arbeiten mit fordern helfen würden, einen zwanzigtaͤgigen Suͤnden-Erlaß im Namen der Apoſtel Petrus und Paulus zu verkuͤndigen *). 18. In einem andern Schreiben aus derſelben Zeit wandte ſich der Papſt an die Kreuzbruͤder in Preuſſen ſelbſt, unter Ver⸗ heißung des Suͤnden-Erlaſſes fie ermahnend, zur Förderung der Verehrung des Namens Chriſti mit aller Ehrfurcht und Demuth das glorreiche Kreuz anzubeten, welches vom heiligen Holze ver: fertigt die Ordensritter in Preuſſen nach dem Berichte ihres Hoch⸗ meiſters aufbewahrten und bisweilen oͤffentlich ausſtellten. Je⸗ dem, der am ſechſten Tage der Woche dieſem Kreuze feine Ehr: furcht im Gebete bezeigen werde, verhieß der Papſt einen zehn- taͤgigen Suͤnden⸗Erlaß “). 19. Im Jahre 1234, als der Orden in Preuſſen einer Seits durch die Mißverhaͤltniſſe mit Herzog Konrad von Maſo⸗ vien und anderer Seits durch den Andrang der in der Schlacht an der Sirgune ſchwer gereizten Preuſſen in großen Bedraͤngniſ⸗ fen ſtand und der Papſt alles aufbot, dem Orden von auswaͤrts⸗ her Hülfe und Beiſtand zu verſchaffen, wandte er ſich unter an⸗ dern auch an den Herzog Friederich von Oeſterreich, den Sohn des Herzogs Leopold von Oeſterreich, erinnerte ihn an ſeines Va⸗ ters hohe Verdienſte um die Kirche im heiligen Lande, an deſſen 1) ©. oben B. II. S. 248 — 249. 2) Bulle, datirt: Anagnie II Nonas Octobr. an. VII in Regest. Gregor. IX. an. VII. epist. 304, im Copien-⸗Buche des geh. Archivs Nr 35. 3) Bulle, datirt wie die vorige in Regest. Gregor. IX. an. VII. epist. 305, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 36. . 4) Bulle, datirt: Anagnie IV Idus Octobr. an. VII in Regest. Gregor. IX. an. VII. epist. 306, im Copien⸗Buche des geh. Archivs Nr. 37.

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584 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. reichliche Unterftügung des damals noch fo ſehr armen Deutſchen Ordens und an den glorreichen Namen, den er ſich hiedurch er⸗ worben; indem er ihn dann aufmunterte, ſeines Vaters Beiſpiel und Muſter nachzufolgen, bat er ihn, in gleicher Weiſe ſich ge⸗ gen den Orden der Deutſchen Bruͤder huldreich zu beweiſen und ihn in feinem Kampfe gegen das wilde Volk der Preuſſen thaͤtig zu unterſtuͤtzen 1). 20. Es war in der Zeit, als der Orden mit Herzog Kon⸗ rad von Maſovien wegen der Beſitzungen des Ordens von Do⸗ brin im Streite lag und jener es ſogar fuͤr noͤthig fand, ſich im Beſitze des Kulmerlandes noch ſicherer zu ſtellen 2), als es der Papſt wahrſcheinlich auf Anlaß einer aus Preuſſen ihm zugekom⸗ menen Nachricht uͤber die unguͤnſtige Geſinnung des erwaͤhnten Herzogs fuͤr nothwendig erkannte, den Orden gegen dieſen in ſei⸗ nen neuerworbenen Beſitzungen zu ſichern. Er richtete ein Schrei⸗ ben an den Legaten Wilhelm von Modena, worin er nach lob⸗ preiſender Erwaͤhnung der hohen Verdienſte des Ordens in der Vertheidigung des Glaubens in Preuſſen die Ordensbruͤder nicht bloß der beſonderen Gunſt und Geneigtheit des Legaten empfahl, ſondern ihn auch aufforderte, den Orden in aller Weiſe in Schutz zu nehmen ſowohl in ſeinen einzelnen Gliedern, als in ſeinen Guͤ⸗ tern, beſonders in Betreff des Theiles von Preuſſen, den er un⸗ ter vielen Anſtrengungen dem chriſtlichen Namen zugeeignet und welchen der Roͤmiſche Stuhl auch bereits für fein rechtliches und eigenthuͤmliches Beſitzthum erklaͤrt, aber dem Orden mit allen Rechten und Einkünften zum ewigen Beſitze uͤberlaſſen habe, alſo daß dieſer darin von niemanden irgend eine Beeintraͤchtigung oder einen Schaden erleiden, ſondern im ſteten, ruhigen und ungeſtoͤr⸗ ten Beſitze bleiben ſolle s). In den Verhaͤltniſſen aber, in wel⸗ 1) Bulle, datirt: Spoleti V Idus Septembr. an. VIII in Regest. Gregor. IX. an. VIII. epist. 230, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 267. 2) S. oben B. II. S. 260 —. 261. 3) Bulle, datirt: Spoleti Y Idus Septembr. an. VII in Regest. Gregor. IX. an. VIII. epist. 227, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 44. Der Papſt fagt: Ipsisque (fratribus Ordinis) illam partem Pruscie cum omni jure et proventibus suis concessimus in perpe- tuum libere possidendam, nullam ab aliquo patiantur iniuriam vel iacturam, set potius pace gaudeant et quiete sicque fiat, quod eis- dem cum ceteris fidelibus cristiani exercitus in Pruscie partibus con- stituti existentibus ab omni advexsitate liberis per ipsos amplietur superne gloria maiestatis.

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Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 585 chen damals der Orden mit den nachbarlichen Fuͤrſten ſtand, war dieſe Erklärung des Papſtes von Wichtigkeit. 21. In der ſchwierigen Stellung, in welcher Gregorius IX. ſich im Jahre 1235 als Vermittler zwiſchen den trotzigen Lom⸗ bardiſchen Staͤdten und dem Kaiſer befand und unter den durch des Kaiſers Forderungen an ſie noch ungleich gefahrvoller gewor⸗ denen Verhaͤltniſſen war es vorzuͤglich der Hochmeiſter Hermann von Salza, auf deſſen Beihuͤlfe in den Unterhandlungen mit den Lombarden der Papſt große Hoffnung ſetzte ). Da aber der Meiſter ſich damals in Deutſchland bei dem Kaiſer befand, fo wandte ſich Gregorius an dieſen in einem Schreiben vom 23. Septemb. mit der Bitte, zur gluͤcklichen Beendigung der Ver⸗ handlungen und der Ausſoͤhnung mit den Lombarden den Hoch⸗ meiſter mit den noͤthigen Vollmachten ſobald als moͤglich nach Italien zu ſenden, um die Friſt des Abſchluſſes der Verhandlun⸗ gen, wenn das ſchwierige Geſchaͤft bis zu Weihnachten nicht be⸗ endigt werden koͤnne, noch weiter hinaus zu beſtimmen. Nach dem iſt gewiß, daß Hermann ſchon im Herbſt des Jahres 1235 wieder zuruͤck nach Italien ging 2), und am erſten December be⸗ fand er ſich auch wirklich als des Kaiſers Abgeordneter bei dem Papſte, um die Bevollmaͤchtigten der Lombarden zur Friedensver⸗ handlung zu erwarten. Weil dieſe indeſſen zur beſtimmten Friſt nicht eintrafen, ſo kehrte Hermann nach der Weiſung des Kai⸗ ſers nach Deutſchland zuruͤck. Zwar forderte der Papſt ſofort 1) Die damaligen Verhaͤltniſſe zwiſchen dem Kaiſer und den Lom⸗ barden findet man gründlich in Raumer Hohenſtauf. B. III. S. 729 — 731 auseinander geſetzt. Hermanns von Salza geſchieht indeſſen dabei nicht Erwähnung, weshalb uns dieſer Nachtrag um fo nöthiger ſcheint. Ueberhaupt möchte wohl Raumer Hermanns von Salza Chaͤtigkeit in den Lombardiſchen Angelegenheiten nicht genug hervorgehoben haben und es ließen ſich aus den Regeſten wohl noch manche wichtige Beiträge in dieſer Hinſicht liefern, wenn hier der paſſende Ort wäre. 2) Vgl. oben B. II. S. 274, wo wir die Ruͤckkehr Hermanns erſt in den Sommer des Jahres 1236 ſetzten, da uns damals nur der Brief bei Raynald an. 1236. Nr. 6 bekannt war. Das Schreiben des Pap⸗ fies an Friederich in Regest. Gregor. IX. an. IX. epist. 234, im Co⸗ pien⸗Buche Nr. 274 ift datirt: Assissy VIIII Calend. Octobr. an. IX. Der Papſt ſagt von Hermann: Verum licet nimis brevis huiusınodi terminus videatur ad tam arduum negotium terminandum, cum ad salubrem terminationem huiusmodi questionis presentia dilecti filii magistri hospitalis sancte Marie Teut. fore credatur plurimum opor- tuna, excellentie tue digne duximus suadendum, quatinus Magi- strum eundem pro parte tua super questione prefata et prorogatione termini si viderimus expedire sufficiens mandatum habentem — — ad nostram destinare presentiam non omittas.

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586 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. den noch auf der Reiſe begriffenen Meiſter zur Ruͤckkunft auf, weil die nach einigen Tagen vor ihm erſchienenen Geſandten der Lombarden ſich zur Ausgleichung bereit erklaͤrt; allein Hermann meldete dem Papſte, er habe vom Kaiſer gemeſſenen Befehl, ohne Verzug nach Deutſchland zuruͤck zu gehen. Da erließ Gre— gorius neben einem Schreiben an den Kaifer ſelbſt und an ver⸗ ſchiedene angeſehene Deutſche Praͤlaten noch beſonders an den Hochmeiſter den Befehl, den Kaiſer auf jede Weiſe fuͤr friedliche Geſinnungen zu gewinnen und zur Verſoͤhnung mit den Lombar⸗ den zu ſtimmen !). Das Schreiben des Papſtes aber, worin er den Hochmeiſter an den Roͤm. Hof zuruͤckrief, bezeichnet die große Wichtigkeit, welche Gregorius auf ſeine Ruͤckkehr ſetzte; ſie lau⸗ tet alſo: Gregorius ete. Magistro Domus Hospitalis S. M. Theuton. . Quum ad religionem divina crederis provisione vocatus ut Regis pacifici mediatoris dei et hominum ad concordiam reformandam inter Principes mundi huius et terre sancte subsidium procurandum eflicax cooperator existas maxime cum apostolice Sedis gratiam et karissimi in christo filii nostri F. Romanorum etc. favorem obtineas specialem opor- tet te sollicita meditatione pensare, qualiter occurrere pra- vis machinationibus malignorum et aspera in vias planas et prava dirigere valeas in directun. Quocirca presentium tibi auctoritate in virtute obedientie, qua nobis et ecelesie Ro- mane teneris districte precipiendo mandamus , quatinus sicut caram habes gratiam dei et nostram omni mora et excusa- tione cessantibus ad nostram presentiam venire non differas pro magno honore ecclesie et Imperii promovendo et tran- 1) Dieſes zugleich als Ergänzung der Darftellung bei Raumer a. a. O. S. 731. Das Schreiben des Papſtes, datirt: Viterbii XII Calend. April. P. an. X in Regest. Gregor. IX. an. X. epist. 1, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 277. In dem auch von Raumer erwähnten Schreiben des Papſtes an die Lombarden heißt es: Verum quia eis venientibus (ambassatoribus Lombardiae) dilectus filius Ma- gister domus Teut. ex parte carissimi in christo filii nostri F. Ro- wanorum etc. destinatus iam recesserat, cum diutius apud Sedem apostolicam expectasset, nos pro certo tenentes vos in mora dieto- rum ambassatorum non malitiose, set bona fide versatos, ut hii qui mittebantur a vobis venirent cum Procuratoribus Civitatum omnium partis vestre, statim dieto Magistro mandavimus, ut rediret. Sed eo se super hoc per litteras et nuntium excusante, quod revocatus ab Imperatore se reputante contemptum sine speciali eius mandato id facere non valebat, fo habe er jetzt an den Kaiſer geſchrieben u. f. w. Regest. Gregor. IX. an. X. epist. 7; im Copien⸗Buche Nr. 278.

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Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 587 quillitate pacis eorundem efficaciter procuranda. Alioquin a culpa nequaquam videreris immunis, si per negligentiam tuam post mandatum nostrum ecclesia vel Imperium aut terra Sancta periculum incurreret vel iacturam, vel in tuum et totius tui ordinis grave posset dispendium redundare, si nostris in hac parte non duxeris iussionibus obsequendum, presertim cum multotiens nobis promiseris quod pro tanto bono ad presentiam nostram accederes, quencunque a nobis contingeret te vocari. Datum Viterbii VI. Calendas Aprilis anno decimo !). So ernſt indeſſen der Papſt den Meiſter zur Ruͤckkehr nach Italien auch ermahnt hatte, ſo befand ſich dieſer doch auch im Juni 1236 noch in des Kaiſers Umgebung. Zwar hatte dieſer den Papſt bereits benachrichtigt, daß er ſelbſt naͤchſtens nach Italien zuruͤckkommen werde; allein in einem päpſtlichen Schrei⸗ ben gelangte an ihn die Bitte, er moͤge ungeſaͤumt den Hochmei⸗ ſter an den paͤpſtlichen Hof vorausſenden, da Verhandlungen, welche die Ehre der Kirche und des Reiches betruͤfen, feine ſchleu⸗ nigſte Gegenwart erforderten ). Und am naͤmlichen Tage erließ der Papſt eine Ermahnung gleiches Inhaltes auch an den Mei⸗ ſter ſelbſt, dem er außerdem noch ſchrieb: „Da du uns ſchon mehrmals in deinen Briefen die Bitte vorlegteſt, wir moͤchten doch dem Kaiſer nicht zu nahe treten, ſo haben wir uns ſehr wundern muͤſſen, woher du denn vermuthen mögeft, daß wir ihm zu nahe treten wollten, denn aus dem Inhalte unſerer Briefe, worin wir ihn zur Wiederherſtellung des Friedens mit den Lom⸗ barden ermahnten, laͤßt ſich dieſes wohl nicht ſchließen und aus unſerem Verfahren geht doch auch gewiß nichts anderes hervor, als daß wir mit Aufrechthaltung der Ehre der Kirche um des Kaiſers und des Reiches Erhebung mit allem Eifer bemuͤht ge⸗ weſen, indem du ja wohl wiſſen mußt, daß wir den Einfluͤſte⸗ rungen derer, die nur Plane zu ſeiner Niederdruͤckung verfolgen, niemals Gehör gegeben ). 22. Wir vermutheten fruͤher ?), daß ſich Hermann von Salza im Maͤrz oder April des Jahres 1237 an den paͤpſtlichen 1) Regest. Gregor. IX. an. X. epist. 16, im Copien⸗Buche des geh. Arch. Nr. 280. 2) Bulle, datirt: Interamn. IV Idus Junii an. X in Regest. Gre gor. IX. an. X. epist. 103, im Copien⸗Buche Nr. 282. 3) Bulle, datirt wie die vorige in Regest. Gregor. IX. an. X. epist. 104, im Copien⸗Buche Nr. 283. 4) S. oben B. II. S. 341. Anmerk. 2).

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588 Auszüge aus päpſtlichen Bullen. Hof begeben haben muͤſſe, da wir ihn ſeitdem nicht mehr in des Kaiſers Umgebung fanden, und es beſtaͤtigt ſich dieſe Vermuthung durch ein paͤpſtliches Schreiben an den Kaiſer, woraus wir erfah⸗ ren, daß dieſer den Hochmeiſter und den Magiſter Peter von Vi⸗ nea gerade um dieſe Zeit in der Lombardiſchen Sache als Ge: ſandten an den Papſt geſandt hatte. Dieſe Zeit war es alſo, in welcher Hermann von Salza mit dem Papſte die Vereinigung der Livlaͤndiſchen Ritter mit dem Deutſchen Orden berieth 1). Voll der ſchoͤnſten Hoffnungen uͤber die großen Vortheile, welche aus dieſer Vereinigung der beiden Orden fuͤr Chriſtenthum und Kirche hervorgehen koͤnnten, hatte der Papſt ſeinem Legaten aufgetragen, nicht bloß die wirkliche Verbindung beider Orden in Livland ſelbſt zu vollführen 2), ſondern ſobald als möglich auch die obwaltenden Irrungen zwiſchen dem Orden und dem Könige von Daͤnemark wegen des Beſitzes von Reval voͤllig auszuglei⸗ chen ). Er hatte ihm auch gemeldet, daß die Ordensritter be⸗ reit ſeyen, wegen Reval diejenige Anordnung gerne zu genehmi⸗ gen, welche ſowohl ihnen, als dem Koͤnige zuſagen und den Vor⸗ theilen beider Theile entſprechen werde. Um ſo mehr mußte es befremden, daß ſich die Entſcheidung dieſer Streitſache von da an noch ein ganzes Jahr hinzog. Nun erfahren wir aber, daß die Schuld dieſer langen Verzögerung am paͤpſtlichen Legaten lag. Der Koͤnig naͤmlich hatte es bei dem Papſte bewirkt, daß die Streitſache von beſtimmten Schiedsrichtern noch einmal gruͤndlich unterſucht worden war und auf den Grund des Berichtes hier⸗ uͤber hatte der Papſt fuͤr den Koͤnig eine definitive Entſcheidung gegeben, und zugleich auch dem Legaten den Auftrag ertheilt, ſie ſofort in Ausfuͤhrung zu bringen. Dieſes Schreiben des Papſtes aber hatte der Legat zu Gunſten des Ordens unterdruͤckt, wie⸗ wohl der Koͤnig ihn mehrmals aufgefordert, die Sache dem an ihn gelangten paͤpſtlichen Schreiben gemäß zu beendigen ?). Des⸗ 1) Bulle, datirt: Viterbii X Calend. Jun. an. XI in Regest. Gregor. IX. an. XI. epist. 88, im Copien⸗Buche Nr. 288. Der Papſt ſagt: Diligenter auditis, que dilectus filius Magister Hospita- lis s. Marie Teut. et Magister P. de Vinea coram nobis et fratri- bus nostris ex parte tue Celsitudinis retulerunt. 2) Wir finden einer Bulle mit den Worten erwähnt: Gregorius Papa Episcopo quondam Mutinensi primario Sedis apostolice legato: Pontifex supradictus dat facultatem Legato uniendi et incorporandi Magistro et fratribus Hospitalis S. M. Theut. religionis Precepto- rem et fratres militie Christi in Livonia. Datum Viterbii II Idus May pont. an. XI. S. Copien⸗Buch des geh. Arch. Nr. 435. 3) Regest. Gregor. IX. an. XI. epist. 66, im Copien⸗ Buche Nr. 287. Vgl. oben B. II. ©. 349. 4) Der Papſt ſchreibt dem Legaten geradezu: Sed tu directas tibi

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Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 589 halb hatte ſich dieſer von neuem an den paͤpſtlichen Stuhl ge⸗ wandt und der Papſt erließ nun am 13. März 1238 den Be⸗ fehl an den Legaten, der ausgeſprochenen Entſcheidung durch die That puͤnktlich nachzukommen; wofern dieſes nicht geſchehe, ſo werde er den Erzbiſchoͤfen von Bremen und Magdeburg und dem Biſchofe von Verden den Auftrag ertheilen, den paͤpſtlichen Be⸗ fehl in dieſer Sache in Ausfuͤhrung zu bringen 1). Hierauf erſt erfolgte nun der Friedensſchluß am 9. Mai 1238, deſſen wir früher ſchon erwähnt haben 2). 23. Im Jahre 1235 hatte der Papſt die Erlaubniß er⸗ theilt, diejenigen Ordensbruͤder, welche vor ihrem Eintritte in den Orden wegen gewaltthaͤtiger Handlungen, wegen Raub und Brand mit dem Banne beſtraft ſeyen, ſofort frei zu ſprechen, ſofern den Benachtheiligten der erlittene Schade gut gethan ſey. Daher war es wahrſcheinlich gekommen, daß man die Ordenshaͤuſer als Zufluchtsorte fuͤr Moͤrder und allerlei Verbrecher anſah und vor⸗ zuͤglich hatten im Morgenlande öfter ſchlechte Menſchen jeglicher Art theils in den Haͤuſern des Tempelordens, theils in denen der Deutſchen Ritter Schutz und Zuflucht geſucht. Da dem Papſte nun berichtet ward, welchen Nachtheil dieſes habe und wie ſehr ſelbſt Mord und andere Verbrechen hiedurch noch vermehrt wuͤr⸗ den, ſo erging von ihm an den Patriarchen von Jeruſalem als paͤpſtlichen Legaten der Befehl, nicht laͤnger mehr zu dulden, daß ſolche verbrecheriſche Fluͤchtlinge in den geweihten Orten des Koͤ⸗ nigreiches Jeruſalem Befreiung von ihrer Strafe oder auch nur Aufnahme finden koͤnnten, zumal wenn ſie mit Liſt und Nach⸗ ſtellungen Menſchenmord verübt hätten ). a nobis super huiusmodi executione litteras in favorem partis alte- rius pro tua voluntate supprimens ex parte istius Regis pluries re- quisitus, ut in eodem negotio iuxta forınam litterarum nostrarum ad te directarum procedens id efficere licet opportunitatem habueris non curasti, super quo Rex ipse sibi per Sen petit Apostolicam provideri. 1) Bulle, datirt: Lateran. III Idus Martii an. XI in Regest. Gregor. IX. an. XI. Arm. X. caps. I. Nr. 8, im Copien⸗Buche Nr. 292. 2) S. oben B. II. S. 349 — 350. Wahrſcheinlich ſtand hiemit eine Urkunde in Verbindung, woruͤber es heißt: Episcopus quondam Mutinensis Legatus apost. denunciat eos excommunicatos, qui intra terminos suae legationis violatores pacis reperiuntur, mandans, ut qui habet aliquid contra alium, persequatur ordine iudiciario ius suum. Datum Revalie an. 1238 Calend. Augusti. Copien⸗ Buch Nr. 435, 3) Bulle, datirt: Lateran. VII Idus Martii an. XI in Regest. Gregor. IX. an. XI. epist. 441, im Copien⸗Buche Nr. 291.

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590 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 24. Es darf den Paͤpſten Honorius dem Dritten und Gre. gorius dem Neunten mit allem Rechte nachgeruͤhmt werden, daß fie beide im Bekehrungswerke der nordiſchen Heiden beſtaͤndig durch den ſchoͤnen Gedanken geleitet wurden, es duͤrfe die religioͤſe Um⸗ wandlung des Volkes nicht auf Koſten der bürgerlichen Freiheit geſchehen, wenn die Wahrheit des Evangeliums mit Liebe aufge⸗ nommen und mit Waͤrme feſtgehalten werden ſolle. Mehre Schreiben an die Ordensritter ſprechen dieſen Gedanken aufs klarſte aus und legen ihn den oberen Gebietigern aufs dringendſte ans Herz. So ſchrieb unter andern der Papſt Gregorius an ſeinen Legaten Wilhelm von Modena: „Da wir es ſehnlichſt wuͤnſchen, daß der chriſtliche Glaube fo viel als möglich verbreitet werde, fo verordnen wir, daß alle die, welche in dem Sklaven-Stande oder irgend eines andern Unterthaͤnigkeit unterworfen find, ſobald fie die chriſtliche Taufe annehmen, von ihren Herren, ſeyen es geiſt⸗ liche oder weltliche, ſofort von knechtiſcher Buͤrde befreit und ih⸗ nen die Freiheit gegeben ſeyn ſoll, zur Beichte zu gehen, die Kir⸗ che zu befuchen und den Gottesdienſt anzuhören !).“ Da der Le⸗ gat dem Papſte aber die Nachricht gab, daß dennoch ſelbſt ſol— che, die fruͤherhin nicht mit dem Joche der Sklaverei belaſtet geweſen, nach dem Empfange der Taufe theils von den Or⸗ densrittern, theils von andern weltlichen und geiſtlichen Herren nur wie Soͤhne der Magd betrachtet und ſtatt als Wiedergebo⸗ rene, welche der eingeborene Sohn Gottes befreit hat vom Joche der Suͤnde, behandelt zu werden, in das Elend der Sklaverei hinabgedruͤckt und nicht einmal im freien Beſitze ihrer Guͤter ge⸗ laſſen wuͤrden, ſo ertheilte der Papſt dem Legaten den Befehl, eine ſolche Belaͤſtigung der Neubekehrten in keiner Weiſe mehr zu dulden, denn wenigſtens ſollten doch ſolche neue Chriſten in keine niedrigere Lage hinabgedruͤckt werden, als fie in ihrem Heiden⸗ thum geweſen ſeyen, und ſollte es einige geben, welche ſich die⸗ ſer Anordnung widerſetzen wuͤrden, ſo werde der Roͤmiſche Hof ſie nicht bloß aller ihrer Privilegien berauben, ſondern ſie ſelbſt aus dem Lande zu vertreiben wiſſen ?). 1) Die Zuſammenſtellung des Papſtes klingt allerdings etwas auf⸗ fallend, wenn er dem Legaten aufträgt: Si quos de servili conditione seu alias alterius ditioni ad baptisini gratiam contigerit convolare a dominis eorumdem christianis videlicet religiosis vel secularibus in fervorem fidei christiane de onere servitutis facias relaxari, et dari eis liberam facultatem confitendi peccati, adeundi ecclesiam et di- vina officia audiendi indulgentia seu privilegio aliquo non obstante. Die Bulle, datirt: Laterani VII Idus Mart. p. n. an. XI in Regest. Gregor. IX. an. XI. epist. 427, im Copien-⸗Buche des geh. Arch. Nr. 50. 2) Bulle, datirt: Lateran. VIII Idus May an. XI in Regest.

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Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 591 25. Wir ſahen früher, daß Papſt Gregorius, als er den Kaiſer Friederich in den Bann erklaͤrt, alles aufbot, durch An⸗ drohung ſeines ſchweren Zornes und der Entziehung aller Freihei⸗ ten und Vorrechte den Orden zum Abfalle vom Kaiſer zu bewe⸗ gen 1). Er verſuchte ſolches durch folgende hartdrohende Worte an den Meiſter und den geſammten Orden: „Mit allem Rechte wundern wir uns und mit Unwillen muß es uns erfuͤllen, daß ihr, nachdem wir aus befonderer Liebe euch und durch euch eue⸗ rem Orden ſo viele und ſo große Freiheiten und Beguͤnſtigungen ertheilt haben, wie wir aus glaubwuͤrdigen Berichten wiſſen, un⸗ ſere Liebe ſo ganz vergeſſet und gegen unſere Gunſt ſo undank⸗ bar ſeyd, daß ihr das Gute mit Boͤſem vergeltet, daß ihr dem Feinde der Kirche, der den catholiſchen Glauben beſtreitet und die Freiheit der Kirche mit Fuͤßen tritt, mit Rath und Anhaͤnglichkeit beiſtehet, ſtatt daß ihr uns und der Braut Chriſti, der Kirche, in allem kindliche Ehrfurcht beweiſen ſolltet, daß ihr die Gemuͤ— ther der ihr Ergebenen vom Gehorſam und der Ergebenheit gegen die Kirche nach allen eueren Kraͤften abzuziehen und fuͤr den Ge⸗ horſam gegen jenen Satan zu gewinnen ſuchet. Da wir jedoch das Laſter ſolches Undanks wegen der Gefahr fuͤr die Seelen, die daraus drohet, mit Stillſchweigen, welches hier ſo verderblich waͤre, nicht uͤberſehen wollen, fo ermahnen und gebieten und befehlen wir euerem ganzen Orden aufs nachdruͤcklichſte und bei der Pflicht eueres Gehorſams, daß ihr in Erwägung unſerer Liebe und Gunſt zu euch forthin euch fo beweiſet und in Wort und That den Ent- ſchliefungen des apoſtoliſchen Stuhles in der Art nachkommt, daß durch das Bemuͤhen eueres kuͤnftigen Verhaltens die vergangene Schuld wieder abgethan werden möge. Wofern dieſes nicht ge⸗ ſchieht, fo wiſſet, daß wir euch und euerem Orden alle Privile⸗ gien und Beguͤnſtigungen, die wir euch verliehen, fuͤr immer ent⸗ ziehen werden 2). 26. Wir erwaͤhnten fruͤher, daß der Hochmeiſter Konrad von Thuͤringen außer den Verhaͤltniſſen des Ordens auch in Reichsangelegenheiten im Auftrage der Deutſchen Fuͤrſten im Gregor. IX. an. XI. epist. 428, im Copien⸗Buche Nr. 51. Die Bulle ſcheint ſich zwar zunaͤchſt auf Livland zu beziehen, denn es heißt am Schluß: Verum etiam ipsos de tota Livonia compellemus exire; al- lein in Preuſſen waren die Verhaͤltniſſe ja ganz die naͤmlichen. 1) S. oben B. II. S. 392. Wir konnten dort nach der Andeu⸗ tung bei Raynald an. 1239 Nr. 36 die Sache nur obenhin berühren. 2) Bulle, datirt: Lateran. tertio Idus Junii in Regest. Gregor. IX. an. XIII. epist. 74, im Copien⸗Buche Nr. 293.

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592 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. Jahre 1240 die Reiſe nach Italien unternommen habe. Der Mangel naͤherer Quellen ließ damals die Sache noch im Dun⸗ keln. Wir erfahren jetzt durch ein Schreiben des Erzbiſchofs von Coͤln und der Biſchoͤfe von Worms, Muͤnſter und Osnabruͤck an den Papſt Gregorius, daß ſie es vorzuͤglich waren, welche dieſe Sendung des Hochmeiſters in Reichsverhaͤltniſſen an den Papſt veranlaßten. Sie ſtellten dieſem die ſchreckhaften Folgen vor, wel⸗ che ſchon jetzt aus der Zwietracht des Papſtes und des Kaiſers für die Kirche, für die Einheit und Reinheit des Glaubens und uͤberhaupt fuͤr das ganze Menſchenwohl hervorgegangen ſeyen und wie namentlich in dieſem Zwieſpalte auch die Urſache liege, daß die Sache des heiligen Landes nicht gedeihe; ſie meldeten ihm, daß ſie hieruͤber auch dem Kaiſer offen und frei die noͤthigen Er⸗ oͤffnungen gemacht und er erklaͤrt habe, daß er ſich gerne dem Rechte unterwerfen wolle. Sie ſandten daher nun in dieſer An⸗ gelegenheit zur Erwirkung des Friedens fuͤr die Kirche den er⸗ waͤhnten Hochmeiſter mit der Bitte an den Papſt, ſeine Vor⸗ ſtellung in der Sache guͤtig zu vernehmen und ihn als Vermitt⸗ ler eintreten zu laſſen !). 27. Ueber die Gefangenſchaft des Biſchofs Chriſtian unter den heidniſchen Preuſſen herrſchte immer noch große Dunkelhat; es war unbekannt), wo er gefangen gehalten ward, wie lange er in dieſer ungluͤcklichen Lage verweilen mußte und auf welche Weiſe ſeine Befreiung gelang. Hieruͤber bringt uns nun eine Bulle des Papſtes an den Legaten Wilhelm von Modena naͤhe⸗ res Licht. Chriſtian verlebte naͤmlich die Tage ſeiner Gefangen⸗ ſchaft unter dem heidniſchen Volke Samlands. Sein ungluͤckli⸗ 1) Regest. Gregor. IX. an. X, im Copien⸗Buche Nr. 442. Das Schreiben hat das Datum: Apud Coloniaın octavo Aprilis, ohne Anz gabe des Jahres. Ueber Konrad heißt es hier: Supplicamus Sanctita- tem Vestram, quatenus matri nostre, que per dilatationem et tute- lam Imperii pacis et salutis recipere debuit incrementa compatientes misericorditer vero Dei amatori Fratri Conrado Venerabili Magistro Hospitalis S. M. T. Jer., quem pro tranquillitate et pace caritatis dono ditavit Dominus, quem et specialiter verum et Romane Eccle- sie sincerum zelatorem novimus transmisso ad pedes Sanctitatis Ve- stre inspicientes benigne Ecelesiam Dei, et tempestates in ea («sub- ortas, et quomodo in partibus transmarinis Crucifixi negotium re- tardatur, benignam audientiam concedatis et vera credatis, que pro- posuerit super istis, et ea recipere dignemini cum eſfectu. Com- missimus siquidem ei, ut si de voluntate vestra ex principibus ali- quem viderit in eodem negotio opportunum, ut et illum confidenter requirat ad occurendum sibi in salutem nominis Cristiani- 2) S. oben B. II. S. 249.

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Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 593 ches Schickſal theilten mit ihm ſein Bruder Heidenreich und ſein Brudersſohn Chriſtian!). Dieſe beiden befanden ſich auch noch im Fruͤhling des Jahres 1241 in der Gefangenſchaft, waͤhrend Chri⸗ ſtian um dieſe Zeit ſchon frei war. Dieſe Freilaſſung war ihm dadurch gelungen, daß er den Samlaͤndern eine Geldſumme von achthundert Mark verſprochen und für ihre richtige Bezahlung eine Anzahl Geißeln geſtellt hatte. Aus eigenen Mitteln indeſſen außer Stand dieſe Loͤſeſumme zu entrichten, wandte ſich Chri⸗ ſtian an den Papſt, theilte ihm die Lage der Dinge mit und ſchlug dieſem einen Weg vor, auf welchem die Zahlung dieſer Summe geſchehen koͤnne. Er hatte naͤmlich verſchiedene Kaufleute, welche gegen die früher erwähnte paͤpſtliche Verordnung den Hei⸗ den Eiſen, Salz und andere nothwendige Beduͤrfniſſe zugebracht hatten, nach paͤpſtlicher Vollmacht mit der Strafe der Excommu⸗ nication belegt. Dieſe erboten ſich jetzt fuͤr ihr Vergehen eine Strafſumme von achthundert Mark zu zahlen, ſofern der Biſchof ſeinen Bannfluch aufhebe. Nun bat Chriſtian um Erlaubniß, dieſe Summe annehmen und den Heiden zur Loͤſung der geſtell⸗ ten Geißeln uͤbergeben zu duͤrfen. Der Papſt ertheilte ſie und benachrichtigte hievon nicht bloß den paͤpſtlichen Legaten, ſondern auch den Erzbiſchof von Bremen, weil es wahrſcheinlich Bremi⸗ ſche Kaufleute waren, welche Chriſtian jenes Vergehens wegen in den Bann erklärt hatte 2). 28. Auch uͤber den Hochmeiſter Gerhard von Malberg er⸗ geben ſich in Beziehung auf ſeine Abdankung noch neue Auf⸗ ſchluͤſſe. Je genauer wir indeſſen uͤber ſeine Verhaͤltniſſe belehrt werden, um ſo weniger tritt er als ein Mann hervor, welcher ſich des Meiſteramtes im Deutſchen Orden auch nur irgend wuͤr⸗ dig zeigte. Wir ſchloſſen fruͤher aus einer ſehr mageren Quel⸗ 1) In ber Bulle heißt es: H. Germanus ac Christianus nepos suus. Wir halten jenen erſtern fuͤr den Prediger-Moͤnch Heidenreich, den getreuen Gehuͤlfen des Biſchofs, der nachmals Biſchof von Kulm wurde. Germanus bezeichnet hier hoͤchſtwahrſcheinlich feinen leiblichen Bruder, obgleich das Wort bei Perſonen geiſtliches Standes zuweilen auch als Amtsbenennung vorkommt. Uebrigens wiſſen wir aus andern Quellen nicht, daß Biſchof Chriſtian noch Bruͤder gehabt habe. 2: Wir haben hierüber zwei Bullen des Papſtes Gregorius IX; die eine mit dem Datum Lateran. X Cal. April. an. XIV an den paͤpſt⸗ lichen Legaten in Regest. Gregor. IX. an. XIV. epist. 13, im Copien⸗ Buche Nr. 52, die andere an den Erzbiſchof von Bremen mit dem Da⸗ tum: Lateran. Cal. Jun. an. XV in Regest. Gregor. IX. an. XV. epist. 83 im Copien⸗Buche Nr. 54. Beide lauten woͤrtlich gleich, nur daß der letzteren die Warnung zugefügt iſt: proviso ne in frauden ali- quid attemptetur. III. 38

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594 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. lenangabe, daß er in den Tempelorden wirklich eingetreten und darin geblieben ſey!). Allein dem iſt nicht alſo. Er wuͤnſchte dringend, wieder in den Deutſchen Orden aufgenommen zu wer⸗ den und ſein Nachfolger im Meiſteramte Heinrich von Hohenlohe erfüllte ihm auch wirklich dieſen Wunſch, indem er verſprach, er wolle ſich der Regel und den Geſeben des Ordens aufs puͤnktlich⸗ ſte unterwerfen. Der Hochmeiſter vertraute ihm ſogar wieder in der Ballei Flandern ein Ordensamt an. Allein auch hier zeigte ſich Gerhard in kurzem wieder ſo tadelhaft und erregte überhaupt ſol⸗ ces Aergerniß, daß die Sache bis zu dem Papſte kam. Die Dunkelheit, welche bisher immer auf dieſem Theil der Ordensge⸗ ſchichte gelegen bat, läßt es wohl erlauben, daß wir hier den Papſt in einem Schreiben an den Hochmeiſter Heinrich von Ho⸗ henlohe uͤber den Verlauf der Verhältniſſe ſelbſt ſprechen hören. Sollicite adrertentes, quod frater Gerardus de Malbere quondam Magister Hospitnlis vestri sine scandalo in ordine vestro remanere nen posset, sibi licentiam dedimus ad reli- gionem aliam transeundi, et tu fili Magister eidem nichilo- minus quadringentas Marcas sterlingorum, de quibus et de- pita solveret et suis etiam necessitatibus provideret, sieut accepimus, tribuisti. Verum ipso tandem in ordine vestro manere quamplurimam eupiente, tu sperans sibi et ordini providere saluhriter ipsum affeetu bio et benivolo recepisti. Maxime cum idem corzm nobis et fratribus nostris se vo- luntati et gratie nostre precise ne sine aliqua conditione committeret, ita quod obediens esset in omnibus ac regulam et constitutiones demus vestre sicut ceteri fratres diligenter ac sollieite observarct. Preteren tu ipse Magister eredens, ut de contrito ct humiliato corde prorumperent, que de fra- tris einsdem labiis procedebant in presentia dilecti filii nos- tri N tituli S. Sabine Presbiteri Cardinalis de Baliva Flan- drie et Francie ac de quibusdam aliis bonis ad domum res- tram speetantibus liberaliter providisti sibi coram eodem Car- dinali firmiter asserenti, quod nisi ad eflectum, que promi- serat, pervenirent, idem et provisione carere et cum fratri- bus vellet conventualibus commorari. Guia vero dietus fra- ter hec adımplere postposuit ct domum vestram in quibus- dam iuxta pronissum conservare negligit et neglexit in- dempnem tantum in ordine vestro seandalum prout asseritur est exortum, ut aliquatenus sedari nequeat, nisi predictus frater huiusmodi provisione relieta sieut alius frater absolute 1) S. oben B. II. S. 518. Anmerk. 2).

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Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 595 sub observantia vestri ordinis commoretur, in quo ab insti- tutione ipsius aliquem fratreu provisionem habuisse perpe- tuam nee visum reeolitur nec auditum; immo talis semper modus in ipso geritur, ut hodie frater Prelatus aliis eras ad nutum Magistri alteri sit subiectus, et nune de uno loco all aliun, obedientia suadente, sine diftieultatis obiectu trans- cat, et quod excedit metam conditionis humane ad ineur- sum mortis intrepidus et quasi iocundus obtentu vite per- empnis accedat. Nos autem qui ubique religionem in die- bus nostris vigere cupimus et statum ipsius libenter de bono in melius favente domino promovemus, ordinem vestrum non aliquid indigne dispendium set optate prosperitatis conseyti volentes augmentum, presertim cum hiis temporibus tanto maioris auxilio consolationis indigeat, quanto ipsum grave pertulisse nuper excidium universitas vestra deplorat, pre- sentium vobis aucioritate concedlimus, ut de provisione ipsa, non obstante quod a nobis extitit conlirmatus, cum pro eo quod ordinis consueiudini eontradieit, ac etiam propter tur- Lationem in demo vestra pretexiu eiusdem fratris exortam nullius debeat esse momenti sablato cuiusque contradlictionis et ap pellationis obstaculo prout melius utilitati vestri ordinis expelire videritis disponatis contra prefatum fratrem, si forte super hoc vobis duxerit resistendum, secundum vestri statuta ordinis libere processuri, cum sie consultius ut idem frater tali provisione earcat et cum benivolentia fratrum sub obe- dientie iugo salutari consistat, quam quod ipse ordini ves- tro vertatur in seandaium, et perniciosum ab aliis de ipso sumatur exemplum. Nuili ergo ete. nostre concessionis ete. Datum Lugduni Nonis Augusti anno tertio 1). Es geht hieraus alſo klar hervor, daß Gerhard von Mal⸗ berg keineswegs, wie allgemein behauptet worden, in den Tem⸗ pelorden uͤbergetreten iſt und daß der neue Hochmeiſter ihn ſelbſt nicht ungern wieder in ſeinen Orden aufgenommen hatte. Dieſer ſowohl, als der Papſt waren uberhaupt entſchieden gegen ein ſol⸗ ches Uebertreren aus dem einen Orden in den andern. Als da⸗ her um die nämliche Zeit verſchiedene Ordensbruͤder an den Hoch⸗ meiſter die Bitte richteten, ihnen zu erlauben, zur Beobachtung einer ſtrengeren Obſervanz in einen andern Orden uͤbergehen zu durfen, verweigerte ihnen dieſes der Meiſter wegen des für den Orden daraus entſtehenden Nachtheiles, richtete aber in verſchie⸗ 1) Regest. Inaccent. IV. an. III. epist. 65, im Gopien = Buche des geh. Arch. Nr. 310. 38*

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508 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. denen Theilen des Ordensgebietes gewiſſe paſſende Aufenthaltssr⸗ ter ein, wo ſolche Ordensbruͤder unter dem Ordenskleide die von ihnen gewünfchte Poͤnitenz uͤben konnten und der Papſt geneh⸗ migte dieſe neue Einrichtung ). 29. Die ſchon früher beruͤhrte Nachricht 2), daß im Jahre 1244 Herzog Friederich der Streitbare von Oeſterreich den Ge⸗ danken hegte, mit einem ſtarken Heere eine Kreuzfahrt nach Preuſ⸗ ſen anzutreten, wird durch eine an ihn gerichtete Bulle des Pap⸗ ſtes beſtaͤtigt, durch welche dieſer ihn nicht bloß ſelbſt zur Aus⸗ führung feines Planes ermunterte, ſondern auch durch Verheißung beſonderer Gnadenverleihungen andere in großer Zahl zur Theil⸗ nahme an der Kreuzfahrt zu gewinnen ſuchte s). 30. Als im Anfange des Jahres 1245 Herzog Suante⸗ pole von Pommern dem Orden wieder fo gefahrdrohend gegen⸗ über ſtand, daß der Papſt den Erzbiſchof von Gneſen bevollmaͤch⸗ tigte, gegen ihn den Bann auszuſprechen, ſofern er von ſeinem gottloſen Verfahren nicht abſtehe «), legte jener paͤpſtliche Legat Wilhelm von Modena, jetzt Biſchof von Sabina, der ſo vieles an dem Glaubenswerke in Preuſſen mit Recht für feine Sehöͤp⸗ fung balten durfte, dem Papſte den Wunſch vor, ihn wieder nach Preuſſen zu ſenden, und durch feine Gegenwart den dro— henden Sturm zeitig zu beſchwichtigen. Da indeſſen der Papſt diefen Wunſch jetzt nicht gewähren konnte, weil die damaligen Verhaͤltuiſſe des paͤpſtlichen Hofes des Biſchofs Anweſenheit noth⸗ wendig erforderten, ſo ſandte er an Wilhelms Stelle deſſen Ka— pellan den Prediger-Monch Heinrich, einen eben fo erfahrenen als vorſichtigklugen Mann, als päpftlichen Legaten nach Preuſ—⸗ ſen und forderte nicht bloß die Gebietiger und Ritter des Or⸗ dens auf, den Anordnungen und Ermahnungen dieſes Legaten puͤnktlich Folge zu leiſten, ſondern er verſah dieſen zur Forderung der Sache der Kirche überhaupt auch mit einer ausgedehnten Vollmacht. Er ſetzte feſt: Wer auf des Legaten Predigt aus Preuſſen und dem Kulmerlande herbeikomme und durch thaͤtige Beihuͤlfe in Aufrichtung feſter Burgen oder Verſchanzungen oder anderer Befeſtigungen zur Sicherheit der Glaͤubigen im Lande, 1) Bulle, datirt: Lugduni Non. Januar. an. III. in Regest. In- nocent. IV. an. III. epist. 309, im Copien⸗Buche Nr. 313. 2) S. oben B. II. S. 531. 3) Bulle, datirt: ... Calend. Jun. an. I. in Regest. Innocent. IV. an. I. epist. 710, im Gopien⸗Buche Nr. 57. 4) S. oben B. II. S. 537.

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Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 597 ſey es in eigener Arbeit oder in Huͤlfsmitteln zum Bau mit bei⸗ trage, dem ſolle er einen zwanzigtaͤgigen Suͤnden⸗Erlaß verkuͤn⸗ digen; denjenigen Kreuzbruͤdern im Lande, es ſeyen Gleriter oder Laien, die wegen gewaltthaͤtiger Handlungen gegen geiſtliche Per⸗ ſonen oder Weltgeiſtliche oder auch wegen Brandſtiftung, Naub und Vernichtung von Kirchen mit dem Banne beladen ſeyen, ſolle er die Abſolution ertheilen, ſofern dem Beſchaͤdigten Genuͤge ge: leiſtet und das Verbrechen nicht allzu groß ſey. Die Pommern und andern, welche wegen ihres Einbruches in Preuſſen und ins Kulmerland einſt von dem ehemaligen paͤpſtlichen Legaten Wil⸗ helm mit dem Banne beſtrickt ſeyen, folle er frei ſprechen, ſobald fie hinlaͤngliche Genugthuung zugeſagt, desgleichen auch die Neu: bekehrten und die zur chriſtlichen Kirche zuruͤckkebrenden Abtruͤnni⸗ gen, welche deshalb in den Bann gethan ſeyen, weil fie enttve- der Ordensbruͤder und andere Chriſten erſchlagen oder ihnen ſon— ſtigen Schaden zugefügt hatten !). Mit dieſer Vollmacht begab ſich der Legat nach Preuſſen; allein von feiner Thaͤtigkeit im Lande iſt wenig oder nichts bekannt. 31. Als im October des Jahres 1245 der Papſt Inno⸗ cenz den Abt des Kloſters Mezano nach Preuſſen als Legaten ſandte, vorzuͤglich um die ſtreitigen Verhaͤlrniſſe des Ordens und des Herzogs Suantepole von Pommern genau zu unterſuchen 2), ertheilte er ihm eine Vollmacht, kraft welcher dieſer gegen alle Praͤlaten ſowohl der Kathedral- als anderer Kirchen, gegen alle Kapitel und Convente, gegen Herzoge, Grafen, Barone und Edle jegliches Standes, gegen alle Gemeinheiten, Voͤlker, gegen jegliche kirchliche und weltliche, öffentliche oder Privat-Perſon in Prenſ⸗ fen, ſofern es ihm dienlich ſcheine, Bann und Interdict verhaͤn⸗ gen konnte, auch ſelbſt wenn Privilegien und Freiheiten vorhan⸗ den ſeyen, welche keine dieſer kirchlichen Strafen zuließen ). Er gab ihm ferner die Vollmacht, allen Heiden des Landes, die ſich freiwillig zum chriſtlichen Glauben bekennen wuͤrden, auch in ſei⸗ nem Namen alle Freiheiten zuzuſagen, die ihnen ſchon ſeine Vor⸗ gänger Innocenz der Dritte, Honorius der Dritte und Gregorius der Neunte verbuͤrgt hatten ). An das in Preuſſen befindliche 1) Bulle, datirt: Lugduni Calend. Februar. an. II. in Regest. Inne delt. IV. an. II. epist. 286, im Copien⸗Buche Nr. 58. 2) S. oben B. II. S. 542. 3) Bulle, datirt: Lugdun. V Idus Octobr. an. III. in Regest. Lanocent. IV. an. III. epist. 197, im Gopien: Bude Nr. 63. 5 4) Bulle, datirt wie die vorige in Regest. Innocent. I V. au. III. „bist. 205, im Copien⸗Buche Nr. 64.

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598 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. Kreuzheer aber erließ der Papſt den Befehl, ſich in dem, was des Landes Heil gegen die Heiden betreffe, ſtets nach den Ver⸗ ordnungen des erwaͤhnten Legaten zu richten 1). 31. Alles, was fruͤher uͤber die Wuͤrde und die Stellung des Erzbiſchofs von Preuſſen geſagt iſt?), beſtätigt ſich jetzt durch die paͤpſtlichen Bullen nicht bloß aufs vollkommenſte, ſondern über manches Einzelne geben ſie auch naͤheren Aufſchluß und neues Licht. Um dem neuen Erzbiſchofe zur Aufrechthaltung seiner Wuͤrde und zum ſtandesmaͤßigen Unterhalte auch die noͤthigen Einkuͤnfte an die Hand zu geben, uͤbertrug ihm der Papſt das eben erledigte Biſthum Chiemſee in der erzbiſchoͤflichen Dioͤceſe von Salzburg mit allen geiſtlichen und weltlichen Rechten und ertheilte dem Erzbiſchofe von Salzburg den Befehl, dem Erz: biſchofe von Preuſſen oder deſſen Stellvertreter die Verwaltung jenes Biſthums zu übergeben und wer ihm etwa darin Hinder⸗ niſſe entgegen lege, mit dem Banne zu beſtrafen ). Gegen Ende des Monats April im Jahre 1246 überfandte ihm der Papſt das erzbiſchoͤfliche Pallium mit der Ermahnung, im Innern auch fernerhin eine Geſinnung zu bewahren, die dem äußeren Schmucke entfpreche *). Bald darauf ertheilte ihm der Papſt auf feine Bitte außerdem auch die Erlaubniß, ſich dieſes Palliums auch während ſeines Aufenthalts in Rußland und in der Kirche von Luͤbeck zu bedienen; doch ſolle ſich dieſes Recht nur allein auf 1) Bulle, datirt: Lugdun. XV Calend. Novemb. an. III. in Re- gest. Innocent. IV. an. III. epist. 207, im Copien⸗Buche Nr. 65. 2) S. oben B. II. S. 472 ff. und Beilage Nr. IV. S. 666 ff. Ausdruͤcklich verdient hier bemerkt zu werden, daß die von Hennig für untergeſchoben erklaͤrte und als das Machwerk eines Kulmiſchen Geiſt⸗ lichen angeſehene Bulle bei Lucas David B. III. S. 29 auch in den Regest. Innocent. IV. an. III. epist. 377, im Copien-Vuche Nr. 63 ſteht, hier aber mit dem Datum: Lugdun. IV Idus Januar. an. III. 3) Bulle, datirt: Lugduni III Calend. April. an. III. in Regest. Innocent. IV. an. III. epist. 457, im Copien-Buche Nr. 70. Es heißt darin: Venerabili fratri nostro Archiepiscopo Pruscie, Livonie et Estonie, quem a vinculo ecclesje Armachan. duximus absolven- dum ingredienti terram novo predicationis vomere noviter excolen- dam archiepiscopalis dignitatis prima sede concessa quai ad ira- trum nostrorum consilium primo ibidem statuimus collocandam ne clare auctoritatis amplitudo sibi credita necessitatis angustiam pa- stur et ut nove culture fructus ubertate carenti quod deest adiecto suppleat oportuna Chimen. episcopatum, qui nunc vacat in Salze- urg. provincia constitutum, si aliquis ad ipsum canonice ninime sit vlectus tam in spiritualibus quam teinporalibus conunittimus. 4) Bulle, datirt: Lugdun. VI Calend. Maji an. III. in Regest. Innocent. IV. an. III. epist. 484, im Kopien Buche Nr. 74.

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Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. 599 ihn und keineswegs auch auf feine Nachfolger erſtrecken !). Nach Rußland namlich begab ſich der Erzbiſchof wiederholt als paͤpſtli⸗ cher Legat. Zuerſt ſandte ihn der Papſt dahin im Jahre 1246, um dort die Vereinigung der Nuffifchen Kirche mit der Roͤmi⸗ ſchen zu Stande zu bringen und das geſammte Kirchenweſen nach Roͤmiſcher Ordnung einzurichten 2). Zum andernmale begab er ſich nach Rußland, als der Fuͤrſt von Pleskow durch ihn dem Papſte die Nachricht hatte bringen laſſen, daß er in den Ver: band der Roͤmiſchen Kirche treten und in Pleskow eine Kathe⸗ drale erbauen wolle. Da benachrichtigte der Papſt den Fuͤrſten unter vielen Freudenbezeugungen uͤber ſeinen Entſchluß, daß der Erzbiſchof von Preuſſen ſelbſt zu ihm kommen und ſein lirchli⸗ ches Weſen in die Ordnung des Roͤmiſchen Geſetzes bringen werde *). 83. Der fiber ſchon erwähnte Verſuch, die Biſthuͤmer in Preuſſen mit Deutſchen Ordensbruͤdern zu beſetzen, war in feinem erſten Schritte ſchon im Jahre 1246 durch den Papſt Innocenz den Vierten vorbereitet Dieſer erließ nämlich ein Schrei⸗ ben an den Erzbiſchof von Preuſſen und Livland, worin er ihm auftrug, den Eifer der Ordensritter in Preuſſen fuͤr die Kirche in der Verbreitung des Glaubens dadurch zu belohnen, daß er in eine der biſchoͤflichen Diöceſen Preuſſens einen geiſtlichen Ordens⸗ bruder einſetze, ſobald er von den Ordensbruͤdern darum erſucht werde. Sonach ſcheint es alſo der Papſt ſelbſt geweſen zu ſeyn, der das Streben des Ordens in dieſer Hinſicht anregte oder we⸗ nigſtens in jeder Weiſe beguͤnſtigte 4). 34. Auf Jacob Pantaleon, Archidiaconus von Luͤttich, wel⸗ chen der Papſt auch als feinen Kapellan bezeichnet, ſetzte Inno⸗ 1) Bulle, datirt: Lugduni VII Idus Septembr. an. V. in Regest. Innocent. IV. an. III. epist. 207, im Gopien = Buche Nr. 83. 2) Regest. Innocent. IV. an. III. epist. 476, im Gopien » Buche Nr. 71; die nämliche Bulle bei Gruber Orig. Livon. p. 277. S. oben B. II. S. 474. Oer Auftrag an den Erzbiſchof ſelbſt in Regest. In- noceut. IV. an. III. epist. 477, im Copien Buche Nr. 72. 3) Bulle, datirt: Lugdun. XVII Calend. Octobr. an. VI in Re- gest. Innocent. IV. an. VI. cpist. 137, im Copien⸗Buche Nr. 84. 4) Bulle, datirt: Lugdun. III Nonas Maji au. III. in Regest. Innocent. IV. an. III. epist. 331, im Copien⸗Buche Nr. 315. Die vetreffende Stelle heißt: Precipiendo maudamus, auatinus aliquem ex trutribus clericis Hospitalis eiusdem qui pontiſicali congruat oneri et honori cessante cujusque dilatiouis et diſficultatis obstaculo uni dio- cesium Pruscie cum super hoc ab eisdem fratribus requisitus extite- ris, in episcopum preficias.

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600 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. cenz ein ungemein großes Vertrauen. Er verſah ihn bei ſeiner Sendung als paͤpſtlichen Legaten nach Preuſſen, Pommern und Polen im Jahre 1247 nicht bloß mit einer eben ſo ausgedehn⸗ ten Vollmacht in Betracht kirchlicher Strafen, wie ſeinen Vor⸗ gaͤnger den Abt von Mezano 1), ſondern er ruͤhmt ihn auch in einem Schreiben an den Erzbiſchof von Preuſſen, worin er die⸗ ſem ſeine Sendung meldet, als einen in den Wiſſenſchaften ſehr bewanderten, durch Ehrbarkeit feines Wandels aͤußerſt ausgezeich⸗ neten, in ſeinen Rathſchlaͤgen ſehr vorſichtigen und durch ſeine brave Geſinnung ihm ſowohl, als allen ſeinen Mitbruͤdern ſehr theuern Mann, den er nach dem Norden ausſende, um dort aus⸗ zureuten und zu zerwerfen, aufzubauen und anzupflanzen, wie es ihm zweckdienlich ſeyn werde. Dem Erzbiſchofe von Preuſſen trägt er auf, dieſen achtbaren Mann in Preuſſen fo freundlich zu empfangen und ſo ehrenvoll zu behandeln, gleich als wenn er, der Papſt ſelbſt im Lande erſcheine 2). Das Kreuzheer in Preuſſen erhielt den Befehl, in allem, was der Legat zur Bekehrung der Heiden anordnen möge, puͤnktlichen Gehorſam zu beweiſen ). 35. Die Biſchoͤfe in Preuſſen lebten lange Zeit theils we⸗ gen der oͤftern Kriegsſtuͤrme, in denen auch immer die biſchoͤfli⸗ chen Landestheile der Verheerung und dem Raube unterlagen, theils auch wegen der Widerſetzlichkeit der Neubekehrten in Ruͤckſicht der Zehntleiſtung in ſehr druͤckenden Verhaͤltniſſen. Nicht im Stande alſo, ihren Unterhalt in den Guͤtern ihrer Biſthuͤmer zu finden, waren fie öfter gezwungen, zum großen Nachtheile der ihrer Ob- hut anvertrauten chriſtlichen Gemeinen auswärts zu leben“). Der Erzbiſchof von Preuſſen ſtattete dem Papſte hieruͤber Bericht ab, mit der Bitte, darauf zu denken, wie dieſem verderblichen Um⸗ ſtande zu begegnen ſey. Auch der Papſt erkannte die nachtheili⸗ gen Folgen dieſer Verhaͤltniſſe und ertheilte die Erlaubniß, daß jeder der drei Biſchoͤfe von Preuſſen zu ſeinem Unterhalte auch ein kirchliches Lehen annehmen koͤnne, ſobald es ihm nur auf ge⸗ ſetzliche Weiſe uͤbertragen werde; doch duͤrfte er ein ſolches nur ſo lange behalten, bis der Zuſtand des kirchlichen Weſens ſich in 1) Bulle, datirt: Lugdun. XIII Calend. Decembr. an. V. in Re- gest. Innocent. IV. an. V. epist. 1026, im Copien-Buche Nr. 77. 2) Bulle, datirt: Lugduni XIII Cal. Decembr. au. V. in Re- gest. Innocent. IV. an. V. epist. 1027, im Copien⸗Buche Nr. 78. 3) Regest. Innocent. IV. an. V. epist. 1033, im Copien⸗Buche Nr. 80. 4) „Dum abesse a locis suis pro acquirendis sibi necessariis quodammodo compellantur.“

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Auszüge aus päpftlihen Bullen. 601 Preuſſen verbeſſere. Dieſe Verordnung erfolgte in einer eigenen Bulle im Jahre 1248 1). 36. Auch uͤber den erſten Biſchof von Ermland Heinrich, der in der Geſchichte des Landes bisher noch ſo ganz unbekannt daſtand 2), erhalten wir einigen naͤheren Aufſchluß. Sein voll⸗ ſtaͤndiger Name war Heinrich von Strateich; er war Prieſter⸗ bruder des Deutſchen Ordens und feine Erhebung zur biſchoͤfli⸗ chen Würde giebt abermals einen Beweis, wie hülfreich und ſelbſt wie eifrig der Roͤmiſche Hof das Streben des Ordens, die Biſchofsſtuͤhle mit Deutſchen Ordensbruͤdern zu beſetzen, in aller Weiſe befoͤrderte. Wir ſahen ſoeben, daß der Erzbiſchof von Preuſſen vom Papſte die Weiſung erhalten hatte, einen geeigne⸗ ten Ordensbruder in irgend einer Dioͤceſe in Preuſſen als Biſchof einzuſetzen. Bisher indeſſen hatten die unruhigen Verhaͤltniſſe des Landes die Ausfuͤhrung des paͤpſtlichen Befehls noch nicht zuge⸗ laſſen und als nun im Jahre 1249 ein Ordensbruder zur Beſe⸗ gung des Biſthums Ermland in Vorſchlag gebracht wurde, ſcheint der Erzbiſchof Bedenken getragen zu haben, der paͤpſtlichen An⸗ ordnung nachzukommen und ein Ordensmitglied in ein Biſthum einzuſetzen, denn es Eonnte ihm wohl ſchwerlich entgehen, was der Orden eines Theils hiedurch beabſichtigte und wie ſehr andern Theils feine eigene kirchliche Wirkſamkeit und feine ganze Stellung da⸗ durch beengt werden muͤſſe. Der Papſt indeſſen muß, vielleicht durch eine Meldung des Hochmeiſters neuen Anlaß erhalten ha⸗ ben, die Vollfuͤhrung ſeines Befehls mit Nachdruck zu betreiben. Am elften Februar des Jahres 1249 erließ er an den Erzbiſchof eine neue Bulle, worin er dieſem in ſehr ernſten Worten und nicht ohne Hinweiſung auf die Pflicht feines Gehorſams den Auf: trag gabs), ſofort den Prieſterbruder des Ordens Heinrich von Strateich, einen ſowohl wegen ſeines loͤblichen Lebenswandels, als wegen ſeiner treuen Ergebenheit gegen die Roͤmiſche Kirche ſehr empfehlungswerthen Mann, in die Ermlaͤndiſche Dioͤceſe oder in irgend eine andere ſo eben erledigte als Biſchof einzuſetzen oder wenn an dieſem Manne vielleicht irgend etwas Menſchliches zu tadeln ſey, irgend einen andern dazu geeigneten und den Ordens⸗ 1) Bulle, datirt: Lugduni XV Calend. Octobr. an. VI. in Re- gest. Innocent. IV. an. VI. epist. 210, im Copien-Buche Nr. 86. 2) S. oben B. II. S. 471 und 485. 8) Der Papſt ſagt: Cum autem nullum adhuc de huiusmodi gra- tia dicatur commodum provenisse, Nos volentes, quod ipsa eis fru- etuosa reddatur, fraternitati tue per Apostolica scripta in virtule obedientie districte precipiendo mandamus —.

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602 Auszüge aus paͤpſtlichen Bullen. bruͤdern angenehmen Prieſterbruder auszuwaͤhlen. Zugleich aber machte der Papſt dem Erzbiſchofe auch bekannt, daß er zum vor- aus nicht nur alles fuͤr unguͤltig und nichtig erklaͤre, was viel— leicht hierin ſchon gegen ſeinen Willen geſchehen ſeyn koͤnne, ſon— dern daß er dem Erzbiſchofe von Coöln bereits auch den Auftrag ertheilt habe, den paͤpſtlichen Befehl zu vollfuͤhren!). Aus dein allem geht ziemlich klar hervor, daß der Erzbiſchof von Preuſſen ſich Anfangs ſtraͤubte, einen Ordensbruder in die Wuͤrde eines Biſchofs einzuſetzen. Demnach iſt es außer allem Zweifel, daß nicht Anſelm, fordern dieſer Heinrich von Strateich als erſter Deutſcher Ordensbruder in den Beſitz des Biſthums Ermland kam. 1) Bulle, datirt: Lugduni III. Idus Februar. an. VI. in Regest. Innocent. IV. an. VI. epist. 348, im Copien⸗ Buche Nr. 87.

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Beilage N II. Ueber den Werth und die Glaubwuͤrdigkeit der Chronik des Ordensprieſters Peter von Dusburg. Unter den Quellen der alteren Geſchichte Preuſſens ſteht die Chronik des Ordensprieſters Peter von Dusburg gemeinhin obenan und mit Recht, denn im dreizehnten und in den erſten Jahrze⸗ henden des vierzehnten Jahrhunderts beruhet unendlich Vieles in ſeiner Wahrheit und Glaubhaftigkeit einzig nur auf dem Zeug⸗ niffe dieſes Chroniſten. Weil er aber bei dem großen Mangel anderer bewaͤhrter Quellen der Geſchichte jener Zeiten oft einzig und allein als Gewährsmann dienen muß, gleichſam der eigent⸗ liche Traͤger des geſchichtlichen Stoffes der genannten Zeitraͤume iſt und in ihm allein der eigentliche Faden der geſchichtlichen Ent⸗ wickelung der Verhaͤltniſſe des Landes liegt, ſo iſt es ſchon aus dieſem Grunde nothwendig, uͤber den Werth und die Glaubwuͤr⸗ digkeit feiner Nachrichten eine gründliche Unterſuchung zu fuͤhren, um daraus Über ihn ein feſtes und ſicheres Urtheil zu gewinnen. Eine ſolche kritiſche Unterſuchung uͤber den Werth und die Glaubhaftigkeit dieſes Chroniſten wird jedoch auch deshalb noch um fo nothwendiger, weil in neuerer Zeit fein Anſehn und Ge: wicht hie und da angefochten und in Zweifel gezogen worden iſt, denn bald wird er „eine Ordenskreatur !)“ oder „ein Ordens⸗ ſchmeichler“ genannt, bald wird „feine Zuverlaͤſſigkeit überhaupt auch großen Zweifeln unterworfen?);“ bald iſt er als ein „Un⸗ wiſſender,“ oder als ein Mann geſchildert, „der alles Verdienſt in der Bekehrung der Preuſſen nur auf Rechnung der Geiſtlichen feines Ordens zu ſetzen s)“ ſtrebte; oder feine Anſichten und 1) S. Kotzebue altere Geſchichte Preuſſ. B. I. S. 280. 335. 2) Ebendaſ. B. II. S. 337. 3) Ebendaſ. B. I. S. 387.

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604 Peters von Dusburg Chronik. Zwecke bei der Abfaſſung ſeines Werkes ſind bald auf dieſe, bald auf jene Weiſe gedeutelt, nicht ſelten auch mit vornehm⸗kritiſcher Miene belaͤchelt, verunglimpft und mit ſchmaͤhſuͤchtiger Zunge ſchwer getadelt worden“). Zwar koͤnnte ein ſolches Urtheil über den Werth und die Wichtigkeit unſeres Chroniſten fuͤglich ſchon deshalb vül- lig unbeachtet bleiben, weil es von einem Manne geſaͤllt iſt, der feine Quellen fo gruͤndlich und kritiſch ſtudirt, fo tief durchdrun⸗ gen und ſo richtig gewuͤrdigt hatte, daß er von Simon Grunau keck ſagen konnte: „es ſey unverdient, daß dieſer Chroniſt ſo ziemlich allgemein in dem Rufe der Unzuverlaͤſſigkeit ſtehe; man duͤrfe nur wenige Blaͤtter in ſeinem Buche leſen, um ſich zu uͤberzeugen, daß er ein ehrlicher Mann geweſen ſey und redlich nach Wahrheit geſtrebt habe. Zu ſichten habe er nicht verſtan—⸗ den, doch zu Erfindungen ſich ſchwerlich herabgelaſſen; man moͤge doch nur in Erwaͤgung ziehen, daß er, um ſeine Nachrichten er— ſonnen zu haben, wahres Dichtergenie habe beſitzen muͤſſen, was man ihm doch wahrlich nicht vorwerfen koͤnne ).“ Allein davon abgeſehen, daß dieſes faſt ſatyriſch ſchmeckende Urtheil über Si⸗ mon Grunau's Werth an aller Fähigkeit zweifeln laͤßt, über den Werth einer Chronik, wie die Peters von Dusburg, verſtaͤndig zu richten, ſcheint es uns an ſich ſchon Pflicht, den Leſer auch über die Wahrhaftigkeit und Glaubwuͤrdigkeit der Quelle zu be: lehren, aus welcher ſo Vieles in dieſes Werk übergegangen iſt und wir ſehen daher die Unterſuchung hieruͤber als eine gerechte Schuld an, die wir abzutragen haben. Wir glauben Alles, was uͤber den Werth und das Gewicht der Chronik Dusburgs zu ſagen iſt, in drei Fragen zuſammenfaſ⸗ fon zu koͤnnen; zum Erſten naͤmlich: Konnte Peter von Dus: burg in Allem Wahrheit ſagen? Zum Zweiten: Wollte er im⸗ mer, ſo weit es ihm moͤglich war, wahrhafte Berichte geben? Und zum Dritten: Durfte er ſtets und uͤberall in ſeinem Werke ſo ſprechen, wie er wollte und konnte? Die erſte dieſer Fragen fuͤhrt uns zunaͤchſt auf die Lebens⸗ verhaͤltniſſe des Chroniſten hin. Indeſſen liegt hieruͤber faſt alles im Dunkeln und über feine Abſtammung, wie über feine fruͤhe⸗ ren Schickſale bleiben wir vollig ungewiß. Sein Name deutet auf das Rheinland, denn Dusburg oder Duisburg bezeichnet hoͤchſtwahrſcheinlich ſeinen Geburtsort, die Stadt Dusburg im Herzogthum Cleve; darauf weiſet nicht bloß die im Deutſchen Orden uͤbliche Sitte hin, daß die Prieſlerbruͤder nur mit ihrem 1) Ebendaſ. B. I. S. 280. 2) Ebendaſ. B. I. S. 258 — 259.

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Peters von Dusburg Chronik, 605 Taufnamen, jedoch mit Hinzufuͤgung des Namens ihres Geburts. ortes genannt wurden, wie z. B. der Prieſterbruder Heinrich von Limburg, Albert von Ingolſtadt u. a., ſondern es bezieht ſich auf dieſes ſein Geburtsland am Rhein, wie wir bald naͤher ſehen werden, auch noch mancher Umſtand in ſeiner Chronik ſelbſt. Da⸗ gegen bleiben wir ganz ungewiß uͤber die Fragen: wann Peter von Dusburg in den Orden eingetreten und in welchem Alter er etwa geweſen ſeyn mag, als er die Chronik verfaßte? Da er ſelbſt nirgends in ſeiner Chronik von ſeiner Perſon Nachricht giebt, auch keine andere Quelle über ihn irgend etwas aufbehal⸗ ten hat, ſo iſt es nur etwa Folgendes, was ſich uͤber ſeine Le⸗ bensverhältniſſe feſtſtellen oder aus manchen Gruͤnden wenigſtens doch ſchließen und vermuthen laͤßt. Dusburgs — fo nennen wir ihn des einmal gewöhnlichen Gebrauches wegen — Lebenszeit füllt in das Ende des dreizehn⸗ ten und in den Anfang des vierzehnten Jahrhunderts. Seine letzten Lebensjahre ſcheinen in der Zeit von 1326 bis etwa 1328 oder 1330 gelegen zu haben, wo aber ſchon entweder hohes Al— ter oder Kraͤnklichkeit und Koͤrperſchwaͤche ſeine Thaͤtigkeit behin⸗ derten. Mit dem Jahre 1326 ſchloß er feine Chronik und uͤber⸗ reichte ſie dem damaligen Hochmeiſter Werner von Orſeln mit dem Entſchluſſe, ſie nicht weiter fortzuſetzen, zugleich mit einem kurzen Schreiben an dieſen Meiſter, worin er einiges uͤber die Abfaſſung feines Werkes ſagt 1). Den Ort ſeines Aufenthaltes oder ſeinen Ordensconvent be⸗ zeichnet Dusburg zwar nirgends ganz genau und ausdruͤcklich; es giebt jedoch mehre Gruͤnde zu der Annahme, daß er im Ordens⸗ convente zu Königsberg als Prieſterbruder gelebt und feine Chro⸗ nik verfaßt habe. Zueeſt wiſſen wir aus feinem eigenen Schrei⸗ ben an den erwaͤhnten Hochmeiſter, daß er ſich wenigſtens im Jahre 1326 nicht in des Meiſters näherer Umgebung, alſo nicht im Ordenshaupthauſe zu Marienburg aufgehalten habe. Er uͤber⸗ ſchickt dem Meiſter fein Werk — hune librum diseretae Pro- videntiae vestrae mitto, — was ohne Zweifel nicht geſchehen 1) Auffallend iſt die Nachricht bei Leo Hist. Prussiae p. 141: Scripsit Petrus de Dusborg Fr. Ordinis Teutouici librum de eius- dem Ordinis initio, progressu etc. Initium vero libri istius est se- quens. Fr. Petrus de Dusborg Ordinis S. Mariae Dom. Teut. in Jerusalem, artium professor Reverend. Fr. Domino Magistro Gene- rali Ordinis professionis zueae Vernero de Orzellen veritatem emu salute dicit. Wie? Artium professor wäre Peter von Dusburg und dieſes der Anfang ſeiner Chronik geweſen? Woher hatte Leo dieſe Nachricht? Leider! aus einer ſehr faulen Quelle; fie iſt wortlich aus Simon Grunau's Vorrede zu feiner Chronik $. 5 uͤberſetzt.

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606 Peters von Dus burg Chronik. waͤre, wenn er als Ordensprieſter in Marienburg taͤglich im Um⸗ gange mit dem Hochmeiſter gelebt haͤtte. Ohnehin nimmt er auch an den Schickſalen des Ordenshaupthauſes fo wenig An⸗ theil, daß er z. B. des Aufbaues des prachtvollen hochmeiſterli⸗ chen Wohnſitzes nicht mit einem Worte erwaͤhnt und im Jahre 1309 nur ganz kurz und obenhin der Verlegung des Ordenshaup⸗ hauſes von Venedig nach Marienburg gedenkt ). Wir wiſſen dagegen zweitens ganz beſtimmt, daß in den Jahren 1320 bis 1327 ein geiſtlicher Ordensbruder Peter im Convente zu Koͤnigs⸗ berg lebte. Eine Urkunde aus dem Jahre 1327 nennt ihn na⸗ mentlich Frater Petrus Presbyter und zwar ihn, vielleicht we⸗ gen ſeines Alters, an der Spitze aller andern Conventsbruͤder. Dusburg ſelbſt giebt ſich in dem erwaͤhnten Schreiben an den Hochmeiſter nur den einfachen Titel: Sacerdos. Aber noch naͤ⸗ her treten wir der Sache, wenn wir drittens auf das rege In⸗ tereſſe und die lebendige Theilnahme ſehen, welche Dusburg in feiner Chronik aufs unverkennbarſte überall ganz vorzüglich für das Ordenshaus zu Koͤnigsberg an den Tag legt. Sein ganzes Werk iſt hievon Zeugniß und es darf hier nur auf Einzelnes et⸗ was naͤher hingedeutet werden. Zunaͤchſt wird faſt keine andere Heerfahrt mit fo ſichtbarer Theilnahme und Genauigkeit beſchrie⸗ ben, als die des Boͤhmiſchen Ottokars, welcher Königsberg ſein Entſtehen verdankte; der Chroniſt kennt dieſe Ordensburg und ihre Umgebungen ſo genau, wie keine andere; von keiner weiß er uns die Zahl der Mauern und Thuͤrme ſo ſicher anzugeben, wie von dieſer ?) und die Localverhaͤltniſſe ſind ihm fo ganz im Ein⸗ zelnen bekannt, wie kaum von irgend einer andern Burg ). Das Leben und die Thaten der Nitterbrüder von Königsberg ſchildert er bei jeder vorkommenden Gelegenheit mit einem Intereſſe und einer ſo unverkennbaren Vorliebe, daß man ſchon hieraus ziem⸗ lich gewiß ſchließen dürfte, er muͤſſe mit dem Convente von Or⸗ densbruͤdern in naͤherer Verbindung geſtanden haben, fuͤr welchen er überall eine fo ſichtbar rege Theilnahme bezeigt*). Die Kom⸗ thure keines Ordenshauſes treten in feinem Werke uberall fo her⸗ vorgehoben auf, wie die von Königsberg; und nicht ohne die ſichtbarſte Vorliebe fuͤr dieſe Ordensburg und für ihren Komthur Albert von Meißen, ein Muſter der Froͤmmigkeit im damaligen Geiſte, ſchreibt der Chroniſt): A tempore fundationis suae in 1) S. c. 297. * 2) C. 71. 3) c. 97 — 98. 101. 4) Vgl. c. 78. 82. 94. 121. 343. 5) C. 225.

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Peters von Dusburg Chronik. 607 Castro Kunnigsberg viri virtuosi fratres et in armis strenui milites habitabant in virtute abstinentiae, orationum, vigi- liarum et genuflexionum alios excedebant. Inter quos hoc tempore fuit fr. Albertus de Misna Commendator dieti Ca- stri, vir deo devotus et in omni vita sua laudabilis, In drei beſonderen Kapiteln ſpricht er von dieſem Komthur allein; aber nicht mindere Theilnahme zeigt er auch fuͤr Alberts Nachfolger, den tapfern Berthold Bruͤhaven 1), und wie er von jenem ſagt: Mira facta possent de illo seribi, fo ruͤhmt er auch von die⸗ ſem: De huius viri vita et virtutum refulgentia inira facta referuntur. Nachdem er dann das Geſchichtchen von Bertholds Keuſchheitsprobe erzaͤhlt hat, ruft er wie begeiſtert aus: Eece mira res et stupenda, Samson fortissimus, David sanctissi- mus, Salomon sapientissimus mulieris blanditiis ceciderunt: hie sponte consortium eius amplectens vieit et in virtutum cul- mine est erectus. Es iſt kaum zu bezweifeln, daß dieſe Lobes⸗ erhebungen der Conventsbruͤder und der beiden Komthure von Königsberg in beſtimmter Beziehung zu der Perſon des Chroni⸗ ſten ſtanden und daß Peter von Dusburg die Abſicht hatte, den Mitbrüdern feines Conventes in ſeiner Chronik ein ruhmvolles Andenken für die Nachwelt zu hinterlaſſen. — Die Behauptung, Peter von Dusburg müffe im Convente zu Königsberg gelebt ha⸗ ben, erhält aber ihre faſt unwiderſtreitbare Gewiſheit, wenn wir viertens den Inhalt der Chronik etwa von dem Jahre 1280 an im Ganzen uͤberſehen. Es iſt ganz unverkennbar, daß die geſchicht⸗ lichen Verhaͤltniſſe der Landſchaften Natangen, Samland, Scha— lauen und Nadrauen den Chroniſten am meiſten beſchaͤftigen, ſo daß er mit den Kriegszuͤgen aus dieſen Gebieten den groͤßten Theil ſeiner Chronik fuͤllt. Zwar mochte hiezu der Umſtand man⸗ ches beitragen, daß die Kriege gegen Litthauen von hier aus im⸗ mer am thaͤtigſten betrieben wurden und daß auch ſchon deshalb die Aufmerkſamkeit des Chroniſten am meiſten auf dieſe Land⸗ ſchaften hingezogen war. Allein es leuchtet auch ſchon beim er⸗ ſten Blicke auf dieſen Theil ſeiner Chronik ein, daß Dusburg über die Verhaͤltniſſe und Ereigniſſe dieſer Gegenden am gruͤnd⸗ lichſten und genauſten unterrichtet war und an ihnen die regſte Theilnahme zeigte. Was hier, in den naͤheren und entfernteren Umgegenden bei Königsberg geſchieht, darin irrt er faſt in kei⸗ nem einzigen Namen. Won vielen Heereszuͤgen, die von hier aus geſchahen, weiß er ſelbſt den Tag des Auszuges ganz gez nau zu bezeichnen?). Was die um Koͤnigsberg herumwohnenden 1) «u 229. 2) c. 247. 244. 240. 236. 222.

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608 Peters von Dusburg Chronik. Komthure und Voͤgte in Brandenburg, Balga, Samland, Ta- piau und Ragnit auf ſolchen Kriegszuͤgen vollbringen, wird vom Chroniſten nie außer Acht gelaſſen und ſelbſt wenn drei gewoͤhn⸗ liche Ordensritter aus dem Convente zu Koͤnigsberg, wie Diete⸗ rich von Eſebeck, Otto von Bergau und Otto von Zedlitz mit 300 Mann aus Ragnit ins feindliche Land einfallen ohne weite⸗ ren Erfolg, als daß ſie eine Heerde Vieh erbeuten, eine Anzahl Heiden erſchlagen und 70 Litthauer gefangen nehmen, ſo uͤbergeht der Chroniſt dieſes Ereigniß nicht, weil das Intereſſe, welches er daran nahm, nicht ſowohl in der Sache, als vielmehr in den Perſonen lag 1). — Faßt man dieſes alles zuſammen und lie⸗ ſet man mit dieſem Geſichtspunkte beſonders die zweite Haͤlfte der Chronik, ſo wird es faſt unbeſtreitbar, daß Peter von Dus⸗ burg im Convente von Koͤnigsberg gelebt und geſchrieben habe; denn in dieſem Theile feines Werkes tritt Überhaupt die Perſoͤn⸗ lichkeit des Chroniſten noch am deutlichſten hervor; hier iſt es auch, wo er durch die ſo oft wiederkehrende und immer mit be⸗ ſonderem Intereſſe verbundene Erwaͤhnung der nach Preuſſen ge⸗ kommenen Rheinlaͤnder 2) feine Rheinlaͤndiſche Herkunft am deut⸗ lichſten zu erkennen giebt. Kehren wir nun nach dieſer Eroͤrterung uͤber die Lebenszeit und den Aufenthaltsort des Chroniſten zu der erſten Frage zu⸗ ruͤck, die uns zu beantworten vorlag, ſo ſcheint es keinem Zweifel unterworfen, daß Dusburg uͤber den groͤßten Theil der Geſchichte des Ordens und des Landes die genauſten Berichte mittheilen konnte. Vieles von dem, was er beſchreibt, trug ſich gerade in der Zeit zu, in welcher er lebte; manches ereignete ſich in der Gegend, wo er ſich aufhielt; manches ſah er daher mit eigenen Augen. Deshalb ſagt er ſelbſt, er habe auch aufgezeichnet pauen quae vidi. Ueber anderes konnte er als Ordensbruder auch leicht Nachricht von ſolchen erhalten, die theilnehmend den Ereigniſſen beigewohnt hatten und er muß in der That auch vieles Einzelne von den Theilnehmern der Exeigniſſe ſelbſt ausgeforſcht und ver⸗ nommen haben, indem manches Einzelne der Art iſt, daß nur der Mund des Theilnehmers oder des Augenzeugen der That es ſo dem Chroniſten uͤberliefern konnte, wie dieſer es wieder giebt s). Wir duͤrfen ihm daher aufs Wort glauben, wenn er in ſeinem Schreiben an den Hochmeiſter ſagt, daß er in feiner Chronik auch beſchrieben habe alia quae audivi ab his, qui viderunt et in- 1) c. 250. 2) c. 281. 289. 320. 333. 335. 541 u. ſ. w. 3) 3. B. c. 252. »

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Peters von Dusburg Chronik. 609 terfuerunt. Freilich mußte Dusburg ſich auf die Wahrheit fol: cher Berichte verlaſſen; vieles mußte er hinnehmen, ohne genau prüfen zu können. Wie konnte er wiſſen und beurtheilen, ob dieſes oder jenes Ereigniß tief in Litthauens Waͤldern dieſen oder jenen Ausgang und Erfolg gehabt habe und ob die Darſtellung derer, die er hoͤrte — und er hoͤrte ja immer nur eine Partei, naͤmlich die der Ritter — gerade auch die richtige fey? Mag in⸗ deſſen hie und da allerdings auch Ruhmſucht, menſchliche Eitelleit und Ueberſchaͤtzung des eigenen Verdienſtes manches Einzelne ent⸗ ſtellt, vergroͤßert und uͤbertrieben haben, ſo konnten doch immer im Ganzen die Nachrichten, welche der Chroniſt von Augenzeu⸗ gen und Theilnehmern einzog, ohne Zweifel fuͤr richtig und wahr elten. ; Allein der Chroniſt ſah weder alles ſelbſt, was er in feine Chronik aufnahm, noch konnte er uͤber alles genaue Berichte von Augenzeugen und Theilnehmern erhalten; er mußte oft auch die muͤndliche Ueberlieferung anderer als Quelle ſeiner Nachrichten zu Huͤlfe nehmen. Dieß war beſonders in den Ereigniſſen und Er⸗ ſcheinungen der fruͤheren Zeiten der Fall. Er beginnt ſeine Chro⸗ nik mit der Stiftung des Deutſchen Ordens; er erzaͤhlt dann deſſen Eintritt in Preuſſen und ſchildert in einigen Zuͤgen das Land und Volk, wie es der Orden fand. Hieruͤber waren aller- dings in Einzelnheiten Irrthuͤmer und Mifverftändniffe moͤglich und Dusburgs Chronik enthaͤlt auch ſolche in der That, wie wir fruͤher ſchon gezeigt haben 1). Allein der Irrthum im Einzelnen untergraͤbt noch keineswegs die Wahrheit des Ganzen. Dusburg lebte dieſen fruͤheren Zeiten immer noch nahe genug, um uͤber ſie im Ganzen wahrhafte Nachrichten einziehen zu koͤnnen. Als er ſein Werk beendigte, war der Orden eben erſt hundert Jahre im Lande. Lebte nun wohl auch keiner von den Rittern mehr, wel⸗ che Preuſſen zuerſt geſehen hatten, ſo war doch gewiß noch man⸗ cher vorhanden, der in ſeinen erſten Ritterjahren den einen oder den andern von jenen gekannt, geſprochen und von ihm manches uͤber die fruͤheren Ereigniſſe im Lande gehoͤrt hatte. So war, als Dusburg ſchrieb, Poppo von Dfterna erſt einige funfzig Jahre todt und Hartmann von Heldrungen erſt vor einigen drei⸗ ßig Jahren geſtorben. Es lebten ferner noch eine große Menge alter Stammpreuſſen; es lebten namentlich in des Chroniſten Naͤhe noch die alten Withinge und ihre Soͤhne, in deren Mund ſich gewiß ſo manches uͤber die alte Zeit der Väter erhalten und fortgepflanzt hatte, und in der That koͤnnen auch Dusburgs ſo 1) 3. B. oben B. I. S. 705. B. II. S. 649. III. 39

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610 Peters von Dusburg Chronik. genaue Nachrichten uͤber dieſen vornehmen und edlen Herrenſtand in Samland kaum anderswoher, als aus dieſer Quelle gefloſſen ſeyn. Es war ſomit dem Chroniſten auch auf dieſe Weiſe die Möglichkeit geſtellt, ſelbſt Über die ihm ſchon ferner liegenden Ers eigniſſe und Verhaͤltniſſe wahre und genaue Nachrichten einzuſam⸗ meln, und daß er dieſe Quellen fuͤr ſeine Chronik auch wirklich benutzt habe, geſteht er ſelbſt, wenn er ſagt: er habe beſchrieben „eaetera quae relatione veridica intellexi.“ Endlich konnte es unſerem Chroniſten als Ordensbruder auch wohl nicht ſchwer fallen, manche geſchichtliche Documente fuͤr fein Werk zu benutzen. Landes-Chroniken waren freilich vor ſei⸗ ner Zeit noch gar nicht vorhanden, etwa die des Biſchofs Chri⸗ ſtian ausgenommen. Ob Dusburg ſie wirklich gekannt habe, iſt nicht zu entſcheiden; wir haben wenigſtens fruͤher der Umſtaͤnde ſchon erwaͤhnt, die ihn verhindert haben koͤnnten, aus dieſer Quelle zu ſchoͤpfen. Allein es gab damals ſchon ein beſonderes Ordens-Archiv wahrſcheinlich bis zur Ankunft des Hochmeiſters im Ordens⸗Haupthauſe zu Elbing und zur Zeit, als Dusburg ſchrieb, zu Marienburg. Es lagen darin damals ſchon nicht bloß alle die paͤpſtlichen Bullen, die an den Landmeiſter und die Ordens⸗ ritter in Preuſſen gerichtet hierher gekommen waren, ſondern auch die bedeutende Anzahl anderer Documente, welche die Geſchichte des Landes und des Ordens im dreizehnten und im Anfange des vier⸗ zehnten Jahrhunderts betrafen, z. B. die Verhandlungen, Ver⸗ träge und Friedensſchluͤſſe mit den Herzogen von Maſovien, Po: len, Cujavien, Pommern u. ſ. w.; es giebt einzelne unverkenn⸗ bare Spuren in Dusburgs Chronik, daß er manche dieſer Do—⸗ cumente wirklich gekannt und vielleicht auch benutzt hat 1). Faſſen wir min dieſe Quellen in ihrer verſchiedenen Art zu⸗ ſammen und erwaͤgen wir die perſoͤnlichen Verhaͤltniſſe, in wel⸗ chen Peter von Dusburg ſie fuͤr ſeine Chronik benutzen konnte, ſo duͤrfte wohl nicht abzuſtreiten ſeyn, daß ihm ſeine Stellung, ſein Amt, ſeine Umgebung und die ganze Lage der aͤußeren Ver⸗ haͤltniſſe zur Vollendung eines geſchichtlichen Werkes außerordent⸗ lich guͤnſtig und förderlich entgegen kamen. Es ift ferner nicht abzuſtreiten, daß Peter von Dusburg in einem ſolchen Reichthum von Quellen und unter ſolchen Verhaͤltniſſen, wie ſie ihm gebo⸗ ten waren, ein geſchichtliches Werk über Preuſſens ältere Zeit binterlaffen konnte, welches unter den Chroniken des Mittelalters vielleicht eine der vollendetſten und vollkommenſten haͤtte ſeyn koͤn⸗ nen. Allein eine ſolche iſt Dusburgs Chronik dennoch in keiner 1) 3. B. c. 39.

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Peters von Dusburg Chronik. 611 Hinſicht; ſie bleibt weit hinter dem zuruͤck, was ſie bei dieſen Quellen und unter dieſen Verhaͤltniſſen ihres Verfaſſers haͤtte werden koͤnnen, und es duͤrfte ſomit die Frage entſtehen: War es denn Peters von Dusburg Plan und Abſicht, etwas ſo Voll⸗ endetes und Vollkommenes in ſeinem Werke zu liefern? Blieb vielleicht nur die That und Ausführung hinter dem Willen zu⸗ ruͤck? Oder leitete ihn uͤberhaupt eine ganz andere Anſicht bei der Abfaſſung ſeines Werkes? — Dieß fuͤhrt uns zu der zwei⸗ ten Aufgabe, die wir in dieſer Abhandlung zu loͤſen haben. Ueber das, was Peter von Dusburg in ſeiner Chronik ei⸗ gentlich liefern wollte, alſo uͤber Plan und Tendenz ſeines Wer⸗ kes ſpricht er ſich ſelbſt in ſeinem Schreiben an den Hochmeiſter in folgender Weiſe aus: Quam diligenti circumspectione et circumspecta diligentia antiqui et sancti Patres mira Domini nostri Jesu Christi opera, quae per se aut per suos mini- stros operari dignatus est, ad laudem et gloriam eius et tan praesentium quam futurorum informationen patet cuilibet in- tuenti. Attendebant nempe ad illud Tobiae verbum: quod opera Dei revelare honorificum est. Quorum imitatus sum vestigia, ne cum servo nequam et inutili, qui talentum sibi a Domino traditum abscondit, projieiar in tenebras exterio- res, et bella quae per Vos et antecessores Ordinis nostri fra- tres victoriose gesta sunt, eonseripsi et in hunc librum re- degi; und weiterhin, wo er von der Anordnung des Ganzen ſpricht, ſagt er: Modus agendi in hoe libro erit iste: Primo deseribam, quo tempore et a quibus et quomodo incepit Ordo domus Teutonicae. Secundo quando et quomodo fratres in- traverunt in terram Pruschine. Tertio de bellis et aliis, quae gesta sunt in dicta terra, quorum pauca quae vidi, alia quae audivi ab his qui viderunt et interfuerunt, caetera quae relatione veridica intellexi. Aus dieſen Worten leuchtet im Allgemeinen der Plan und der ganze Character der Chronik Dusburgs ſchon ziemlich klar hervor. Wir ſehen, es war übers haupt in keiner Weiſe des Chroniſten Abſicht und Ziel, den gan⸗ zen Reichthum der ihm zu Gebote ſtehenden Quellen zu einem umfaffenden Werke zu benutzen oder eine Landesgeſchichte zu ſchrei⸗ ben und die Verhaͤltniſſe, Zuſtaͤnde, Verfaſſung des Landes, Sit⸗ ten, Braͤuche und Lebensweiſe der Bewohner Preuſſens zum Ge⸗ genſtand ſeiner geſchichtlichen Darſtellung zu machen. Sein Plan lag in viel engeren Graͤnzen. Der Orden in Preuſſen und deſ⸗ ſen Kriege und Kaͤmpfe fuͤr den Glauben und fuͤr die Kirche — das eigentlich allein war der Vorwurf ſeines Werkes. Durch die⸗ ſes Hervorheben des Ordens aber und ſeiner Kriegsthaten zum 39 *

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612 Peters von Dusburg Chronik. Schutze der Kirche trat natürlich an ſich ſchon alles andere zu⸗ ruͤck, was eine Landesgeſchichte nothwendig haͤtte näher erörtern und in ſich faſſen muͤſſen. Nur hie und da blickt die Landesge⸗ ſchichte in dem Kriegsgetuͤmmel der Ordensgeſchichte etwas durch, gleichſam als habe fie zeigen wollen, daß fie eigentlich die Traͤ⸗ gerin der Ordensgeſchichte ſeyn muͤſſe. Es kann daher auch kei⸗ neswegs befremden, daß uns Peter von Dusburg ſo aͤußerſt we⸗ nig von der Eigenthuͤmlichkeit und Lebensweiſe der alten Preuſ⸗ fon, von der Verfaſſung und Geſtaltung des Landes und dgl. be⸗ richtet, denn dieſes lag ganz außer ſeinem Ziele. Wenn demnach Kotzebue fagt!): „Ich will geradezu bekennen, warum nach meiner Meinung Peter von Dusburg fich gefürchtet hat, den al⸗ ten Gögendienft der Preuſſen umſtaͤndlich zu ſchildern: die auf⸗ fallende Aehnlichkeit mit dem Goͤtzendienſt des Papſtes ſprang in die Augen; jeder Hebel, jeder Kunſtgriff, von roͤmiſchen Prieſtern angewandt, wurde in Preuffen wieder gefunden. Man durfte nicht wagen, eine fo natürliche Vergleichung bey Layen zu ver⸗ anlaſſen“ — fo geht hieraus nur hervor, daß Kotzebue den ei⸗ gentlichen Plan des Chroniſten weder richtig gefaßt, noch auch die Chronik mit ſorgſamer Aufmerkſamkeit geleſen hat; denn ge⸗ rade was Peter von Dusburg nach dieſer Meinung habe vermei— den wollen, eine Vergleichung zwiſchen dem Papſte und dem Oberprieſter Griwe, iſt vom Chroniſten ſelbſt nicht etwa bloß ver⸗ anlaßt, ſondern nackt und klar hingeſtellt ?). Ein richtiges Ur⸗ theil uͤber den Werth der Chronik Dusburgs laͤßt ſich uͤberhaupt nur dann ausſprechen, wenn man theils genau unterſcheidet: was wollte der Chroniſt in ſeinem Werke liefern und was lag außer den Graͤnzen ſeines Planes, und wenn man theils die Anſicht auffaßt, welche der Chronift von der ganzen Erſcheinung des Or⸗ dens in Preuſſen und von deſſen Thun und Wirken in ſich trug. Ueber das Erſtere iſt bereits, was noͤthig ſchien, geſagt. Der Chroniſt wollte nichts weiter als den Urſprung, die Ankunft des Deutſchen Ordens in Preuſſen und deſſen Kriegsthaten gegen die Heiden fuͤr die Sache Gottes beſchreiben. Was das Andere, ſeine Anſicht von der Erſcheinung des Ordens in Preuſſen uͤber⸗ haupt betrifft, ſo ſchreibt Peter von Dusburg ſeine Chronik in dem naͤmlichen Geiſte und mit demſelbigen religioͤſen Geſichts⸗ punkt, in welchem die meiſten Chroniken des Mittelalters abge⸗ faßt ſind. Der Menſch mit allem, was uͤber, neben und unter ihm iſt, aus Gottes ſchoͤpferiſcher Hand hervorgegangen, iſt den . I S 2 F. III L. 5. S. oben B. I. S. 698.

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Peters von Dusburg Chronik. 613 Chroniſten in der Geſchichte der Menſchhelt nichts anderes, als nur das Werkzeug Gottes, durch welches ſeine allmaͤchtige Hand uberall waltet und wirkt und feinen Willen vollfuͤhrt und vollen⸗ det. So wurden die Kreuzzuͤge ins heilige Land betrachtet als gesta Dei per Francos; „Gott will es!“ war der Aufruf für die Zuͤge zum heiligen Grabe und die Tauſende, welche dorthin gepilgert waren und dort gewirkt, gelitten und geduldet, hatten in allem ihren Wirken und Dulden nur Gottes Willen vollbracht. Dieſe Anſicht von der Weltgeſchichte herrſchte auch noch zu Dus⸗ burgs Zeit und von dieſem Geſichtspunkte aus betrachtet er auch die Geſchichte ſeines Ordens. Schon die Anwendung jenes bi⸗ bliſchen Wortes: „quod opera Dei revelare honorificum est“ giebt dieſes deutlich zu erkennen; aber es belebt und begleitet ihn dieſe Anſicht auch durch das ganze Werk hindurch. In ſeiner Bitte um Gottes Beiſtand zu ſeines Werkes Vollendung nennt er die Thaten ſeines Ordens Signa tua (i. e. Dei) magna et mirabilia fortia, durch die er die Menſchen zu Gottes Vereh⸗ rung, Lob und Anbetung erheben und ermuntern will?). Daß Herzog Konrad von Maſovien den Plan faſit, die Ritter des D. Ordens herbeizurufen, iſt ihm eine goͤttliche Eingabe, denn er ſchreibt: hoc resedit in corde ipsius divinitus inspiratum 2). Die Kaͤmpfe des Ordens mit den Heiden bezeichnet er gleich im Eingange ſeines Werkes als nova bella, quae elegit Dominus, ut subvertat portas hostium 3). Auch in den erſten Kreuzzuͤ⸗ gen nach Preuſſen ſind es allein Gottes Wirkungen, welche in den Kreuzpredigten die Herzen der Menſchen erwecken und Gott iſt es ſelbſt, der ſich die Streiter auserwaͤhlt zur Rache des dem Gekreuzigten geſchehenen Unrechtes ). Gott foͤrdert ſelbſt den Fortgang der Eroberung in Pomeſanien °) und nur durch feine Mithuͤlfe und Gnade werden die Laͤnder der Heiden den Chriſten unterworfen 6). — Allein die Hand des Allmaͤchtigen wirkt nicht bloß in der Kraft des chriſtlichen Schwertes und durch die Streit⸗ macht der Menſchen, ſondern ſie foͤrdert ihr Werk auch vielfach auf einem fuͤr uns unbegreiflichen Wege, ſie wirkt fuͤr daſſelbe auch durch Zeichen und Wunder. Peter von Dusburg unterlaͤßt es nicht, hin und wieder von allerlei wunderbaren Einwirkungen, Erſcheinungen und Ereigniſſen zu ſprechen, die außer dem Bereiche 1) P. II. c. 72. 2) P. 5) P. 5 P. III. c. 8. ) P. III. c. 9. 6) P. III. c. 9. 16. 18. neu

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614 Peters von Dus burg Chronik. des Natuͤrlichen liegen. Es geſchieht durch ein Wunder, daß das Pogeſanier⸗Volk zur Unterwerfung bewogen wird, indem es eine weit groͤßere Streitmacht vor ſich aufgeſtellt ſieht, als in der That vorhanden war 1). So thut ein anderes Wunder an einem verſtorbenen Pilgrimm die Gnadenſpenden dar, welche denen zu Theil werden, die fuͤr die Glaubensſache nach Preuſſen pilgern 2). Ein hoͤlzernes Chriſtusbild, zum Leben erwachend, heftet ſelbſt dem nachmaligen ritterlichen Komthur von Chriſtburg Heinrich Stange ein Kreuz auf die Bruſt und beweiſet ihm dadurch goͤtt⸗ liche Gnade). Solcher und aͤhnlicher Wundererzählungen enthaͤlt die Chronik eine bedeutende Zahl, weshalb dem Chroniſten nicht ſel⸗ ten Aberglaube, Wunderſucht und religioͤſe Leichtglaͤubigkeit zum Vorwurfe gemacht worden find. Mag man dieß immerhin fo nennen. Gewiß aber liegt in dieſen Wundererzaͤhlungen Dusburgs eine ganz andere Bedeutung und Tendenz. Preuſſens Eroberung durch chriſtliche Waffen, der Sieg des Kreuzes uͤber die Macht der Goͤtzen iſt dem Chroniſten Gottes eigenes Werk, eine Erſchei⸗ nung, an deren Ausfuͤhrung und Vollendung die allmaͤchtige Hand des Herrn ſelbſt mit hilft und arbeitet. Wie nun in den Kreuz⸗ zuͤgen zur Befreiung des heiligen Grabes Gott ſelbſt die Streiter Chriſti durch Zeichen und Wunder weckt und ſtaͤrkt und ermu⸗ thigt, fo laßt er auch bei dieſem feinen Werke in Preuſſen, um den Glauben an Chriſtum zu verbreiten, da wo des Menſchen natuͤrliche Kraft nicht hinreicht, vielfach Wunder und Zeichen ge⸗ ſchehen, bald um durch eine uͤbernatuͤrliche Macht zu vollenden, was dem Menſchen nicht moͤglich ſchien, bald um die ermuͤdeten und erſchoͤpften Kraͤfte wieder zu ſtaͤrken, bald um neue, bisher noch ſchlafende Kraͤfte im Menſchen zu erwecken. Alle Wunder⸗ erzaͤhlungen Dusburgs haben dieſe Bedeutung; alle ſtehen in ge⸗ nauſter Beziehung mit dem D. Orden und mit dem durch ihn unter Gottes Leitung zu vollendenden Werke Gottes in Preuſſen; alle ſind anzuſehen als Beihuͤlfen der ſtarken Hand des Herrn, in denen Gottes Wille zur Vollbringung ſeines Werkes kund ge⸗ than und ſein eigener thaͤtiger Beiſtand erkennbar gemacht wird. Demnach ſind dieſe Wundererzaͤhlungen keineswegs gleichſam bloße Zuthaten des Chroniſten, ſondern ſie ſind tief in ſeiner religioͤſen Anſicht begruͤndet; ſie ſind ihm Zeichen und Beweiſe der Offen⸗ barung, daß alles, was durch den Orden und durch die Kreuz⸗ heere in Preuſſen geſchieht, nicht auf Menſchenwille beruhet und 1) P. III. c. 17. 2) P. III. c. 58. 3) P. III. c. 68.

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Peters von Dusburg Chronik. 615 nicht Menſchenwerk allein iſt, ſondern daß ein höherer Wille im Werke wirket und eine allmaͤchtige Hand alles lenket und leitet. Es iſt daher auch gar keinem Zweifel unterworfen, daß der Chro⸗ niſt auch in feinen Wundererzaͤhlungen nur Wahrheit geben wollte, d. h. freilich eine ſubjective Wahrheit, wie ſie in ſeinem Glauben, in feiner Ueberzeugung, in feiner religiöſen Anſicht der Geſchichte des Ordens und des Landes lag. Neben dem Princip des Guten aber ſteht dem Chroniſten ein Princip des Böſen, und wie in ſeiner Anſicht die Ritter des D. Ordens und die Schaaren der Kreuzheere als Werkzeuge in der Hand Gottes beſtimmt waren, fuͤr die Anpflanzung der chriſt⸗ lichen Wahrheit ein neues Land zu gewinnen, ſo dienten alle, die ſolchem Werke Gottes widerſtrebten, die es verhinderten oder wie⸗ der zu vernichten ſuchten, der Sache des Böͤſen. Die damalige Zeit nannte dieſe das Reich des Satans. Wo noch Goͤtzendienſt herrſchte, wo dieſer noch aufrecht erhalten und gegen die Anpflan⸗ zung des Evangeliums vertheidigt und geſchuͤtzt ward, da wurde nach damals allgemein herrſchender Anſicht der Welt im Geiſte des Boͤſen gehandelt und wer in dieſem Geiſte handelte, war im Dienſte des Teufels, wurde von teufeliſchem Geiſte getrieben und hieß ein Sohn des Satans. Dieſe Anſicht hegte ohne Zweifel ſchon der Biſchof Chriſtian in ſeinem Werke uͤber die alten heid⸗ niſchen Preuſſen, wie der Titel: Liber filiorum Belial ſchon ausweiſet; aber es theilte ſie auch Peter von Dusburg. Er ſpricht ſie gleich im Anfange ſeines Werkes aus, denn nachdem er berichtet, wie Biſchof Chriſtian den erſien Samen der chriſtli— chen Lehre im Kutmerlande ausgeſtreut, fügt er hinzu: Hoe inimicus humani generis pacis aemulus non diu sustinens superseminavit zizaniam, exeitavit enim persecutionem du- rissimam inter cos etc. !). In dem Kampfe der Chriſten ges gen die Heiden tritt nun natuͤrlich in des Chroniſten Anſicht ein Kampf des Princips des Guten mit dem Princip des Boͤſen auf und Gott und der Satan kommen in ihren Werken mit einander in Widerſtreit; dieſer ſtrebt fein Reich durch die Preuſſen in der Vertheidigung und Bewahrung des Götzendienſtes zu erhalten; je: ner ſucht dieſes Reich durch die Ritter und die Kreuzheere im Aufbau der chriſtlichen Kirche zu ſturzen und zu vernichten. Sehr bedeutungsvoll druckt dieſes der Chroniſt alſo aus: Postquam Deo propitio omnia praedieta custra essent ad laudem et gloriam Christi aedificata et vicinue gentes in cireuitu du- rissimae eervicis colla fidei et fratribus submisissent — et 1) P. Al. e. 1.

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616 Peters von Dusburg Chronik. fides Christi in eis maxime profecisset, serpens anti- quus, draco venenosus, humani generis inimicus, tantam prosperitatem fidei et fidelium diu sustinere non valens, ecelesiam scil. sanetam in Pruschiae partibus dilatari, cul- tum divinum ampliari, infideles confundi, exaltari Chri- stianos, innovari signa, immutari mirabilia, quasi lethali vul- nere malitiae suae interius sauciatis, coepit mille modis co- gitare et variis machinationibus procurare, qualiter venenum suum posset latenter infundere, vineam Domini demoliri et in agro Domini zizaniam superseminare, Tandem excitavit contra fidem et fidelium turbam persecutionem durissimam in hune modum 1). Mit dieſen Worten leitet der Chroniſt die Ge: ſchichte des Kampfes zwiſchen dem Orden und dem Herzog Suan⸗ tepolce von Pommern ein. Von dem Standpunkte oder von der Anſicht des Chroniſten aus konnte aber dieſer Herzog nach feiner Stellung in dem Huͤlfs⸗ und Freundſchaftsbuͤndniſſe mit den heid⸗ niſchen Preuſſen kaum wohl anders betrachtet werden als ein Rlius iniquitatis et filius perditionis 2), denn er bekuͤmpfte ja mit of⸗ fenen Waffen das gute Werk Gottes; und weil er zugleich durch fein Buͤndniß mit den Heiden Satans Sache befoͤrderte, fo et: ſcheint er dem Chroniſten nur als ein filius Diaboli s). Als des Satans Diener hatte ſich Suantepole von Gott und von der Kirche Chriſti losgeſagt“) und fo gilt er dem Chroniſten nunmehr nur als ein verruchter und gottvergeſſener Menſch, der nur die Tugenden des Satans, Liſt, Schlauheit, Bosheit, Lug und Trug in ſich trägt s) und deſſen ganzes Sinnen und Streben nur dar⸗ auf hingeht, das Reich des Satans im heidniſchen Aberglauben forthin aufrecht zu erhalten und dagegen Gottes Werk, die neue Anpflanzung des Glaubens Chriſti zu vernichten; es heißt daher ausdruͤcklich: Suantepolcus Dux, qui ante tanquam leo ru- giens, erecta cervice circuit, quaerens quomodo fratres et novellam fidem cum multa Christiani sanguinis effusione plantatam in terra Pruschiae destrueret “). Und in demſelben Geiſte handeln nach des Chroniſten Anſicht auch immer die heid⸗ niſchen Preuſſen; ſie bilden das Reich des Teufels; in ihnen lebt und wirkt noch das Princip des Boͤſen; fie find des Satans 1) P. III. c. 31. 2) P. III. c. 82. 65. 8) P. III. c. 35. 4) P. III. c. 34. 5) P. III. c. 32. 87. 40. 55. 6) P. III. c. 55. h

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Peters von Dusburg Chronik. 617 Diener und Soͤhne, filii Belial 1), die der boͤſe Feind immer wieder für fein Reich gewinnt und immerdar treibt und draͤngt, vom Glauben Chriſti wieder abzufallen und Gottes Werk zu ver⸗ nichten ). Dieß iſt die Anſicht Peters von Dusburg von der Geſchichte des Ordens in Preuſſen, ſo weit er dieſe ſchreibt. Sie herrſcht durch ſein ganzes Werk und es iſt ſchwerlich zu verkennen, daß ſie ſeiner ganzen Darſtellung eine gewiſſe Einheit, eine beſtimmte innere Haltung und einen gewiſſen feſten Zuſammenhang giebt, denn es liegt offenbar ſeinem Werke die Idee unter: der Kampf des Deutſchen Ordens mit dem Heidenthum in Preuſſen iſt ein Kampf des guten und boͤſen Princips, ein Kampf Gottes mit dem Feinde des Lichtes und der Wahrheit. Bei der Frage nun: Wollte Peter von Dusburg in ſeinem Werke auch immer und uͤberall die Wahrheit ſagen? iſt es un⸗ zweifelhaft von Wichtigkeit, dieſe Anſicht und Tendenz des Chro⸗ niſten genau zu kennen und richtig zu wuͤrdigen. Es iſt naͤmlich wohl ſchwerlich zu verkennen, daß manches in der That und Wirklichkeit ganz anders war, als es in der Farbe der Anſicht des Chroniſten erſcheint. Wie Herzog Suantepolc ganz offenbar nicht der Mann war, wie ihn Dusburg ſchildert, und wie das alte Volk der Preuſſen in ſeinem Kampfe gegen den Orden ganz anders zu beurtheilen iſt, als es des Chroniſten Anſicht thut, ſo ſtand gewiß auch der Orden in ſeinem Handeln und Verfahren nicht uͤberall in dem Lichte da, in welches die Chronik ihn ſtellt. Der Chroniſt hat ſicherlich mit Abſicht weder etwas verfaͤlſchen, noch irgendwie täufchen oder mit klarem Bewußtſeyn unwahr ſeyn wollen; und dennoch iſt er gewiß hie und da unwahr, verfaͤlſcht wirklich manches und taͤuſcht ſich und andere durch feine religioͤſe Anſicht von der Bedeutung des Kampfes, der in Preuſſen um den Glauben gekaͤmpft wurde, obgleich ihm ſelbſt in ſeiner An⸗ ſicht ohne Zweifel die reinſte und hoͤchſte Wahrheit lag. Will man daher Dusburgs Chronik zur Ermittelung des reinen That⸗ beſtandes einer gewiſſen Zeit mit Sicherheit benutzen, ſo iſt im⸗ mer ſorgſam zu unterſcheiden, was der Anſicht des Chroniſten und ſeiner Zeit angehoͤrt und was dagegen reinfactiſch als Ge⸗ ſchichte bleibt. Aber es iſt, wie jeder ſelbſt ſieht, in manchen Fällen keine leichte Aufgabe, die aufgetragene Farbe ſo gaͤnzlich wieder wegzuwiſchen, daß das reine Bild wieder daſteht. Scheidet man nun aber das Factiſche von dem, was die 1) P. III. c. 90. 2) P. III. c. 105.

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618 Peters von Dus burg Chronik. Farbe des Chroniſten iſt, fo verdient Peter von Dusburg in ſei⸗ nen Berichten, wo er die Wahrheit ſagen konnte, gewiß immer unbedingten Glauben und volles Vertrauen. Für dieſe Behaup⸗ tung ſpricht zunaͤchſt ſchon der Umſtand, daß er nach feinem ei⸗ genen Geſtaͤndniſſe die naͤchſten und reinſten Quellen zu feinem Werke benutzte. Was er nicht ſelbſt geſehen, das hatte er von Augenzeugen oder von Theilnehmern der Ereigniſſe ſelbſt vernom⸗ men und was er durch dieſe nicht erfahren konnte, ſammelte er relatione veridica. Wir haben keine Urſache, in dieſes Geſtand⸗ niß, welches Peter von Dusburg gegen ſeinen Meiſter ausſpricht, irgend Mißtrauen zu ſetzen; vielmehr zeugt der ganze Character der Chronik fuͤr deſſen Wahrheit. — Ein zweiter wichtiger Grund fuͤr die Glaubwuͤrdigkeit des Chroniſten und fuͤr ſein aufrichtiges Streben nach Wahrheit liegt in dem Umſtande, daß er ſein Werk, als es vollendet war, dem Landesfuͤrſten, dem oberſten Meiſter feines Ordens überfandte und zwar zugleich, wie er in dem Schrei⸗ ben an ihn ſagt, supplicans, quia nemo sibi satis est, quate- nus ipsum examinari faciatis, ut si qua correctione digna in eo reperta fuerint emendentur, et sic correctus publice- tur, ut huius solempnis fucti memoriale posteris relinquatur. Wie haͤtte Peter von Dusburg ein ſolches Wort wagen, wie haͤtte er ſeinen Fuͤrſten und oberſten Meiſter um eine genaue Durchſicht und Pruͤfung, um eine Kritik und Verbeſſerung ſeines Werkes bitten duͤrfen, wenn er ſich ſelbſt ſeines redlichen Stre⸗ bens nach Wahrheit nicht bewußt geweſen waͤre? — Es darf drittens auch, wenn von Dusburgs Glaubwuͤrdigkeit die Rede iſt, nicht uͤberſehen werden, daß er fuͤr Zeitgenoſſen und unter Zeitgenoſſen der Begebenheiten ſchrieb. Hunderte, die um ihn her lebten, hatten an den Ereigniſſen, die er erzaͤhlt, ſelbſt Theil genommen; Tauſende hatten ſie geſehen oder waren in irgend ei⸗ ner Weiſe von ihnen berührt worden. Wie hätte da Dusburg in einer Zeit ſchreibend, in welcher die politiſche Luͤge noch nicht fo herkoͤmmlich und fo fein ausgebildet war, die Wahrheit mit frecher Stirne verletzen können! Er wollte ja ſelbſt, daß ſein Werk öffentlich bekannt werde und ſtellte es ſomit dem öffentlichen Ur⸗ theile Preis. — Was aber viertens am meiſten für Dusburgs Glaubwuͤrdigkeit ſpricht, iſt ſeine Uebereinſtimmung mit den di⸗ plomatiſchen Quellen der Archive. Wir haben vielfache Gelegen⸗ heiten benutzt, die Angaben unſers Chroniſten mit Archivs-Quel⸗ len zuſammenzuhalten und das Reſultat dieſer Vergleichung iſt für die Wahrhaftigkeit des erſtern guͤnſtig ausgefallen. Nur muß hier freilich die erſte Haͤlfte des Werkes von der zweiten unterſchieden werden. In jener ſtoßen wir allerdings nicht ſelten

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Peters von Dusburg Chronik. 619 bald auf Unrichtigkeiten in der Angabe und Folge der Ordensge⸗ bietiger!), bald auf falſche Zeitbeſtimmungen, bald auf Irrthuͤ⸗ mer anderer Art 2), welche ihren Grund theils in Unkunde über die älteren Zeiten Überhaupt, theils in Mißverſtaͤndniſſen des Chro⸗ niſten s), theils im Mangel von Quellen oder wenigſtens in der Unſicherheit dieſer Quellen hatten. Dusburg hing in dieſem fruͤ⸗ heren Theile der Geſchichte des Ordens ganz allein von den Be⸗ richten ab, welche ihm andere mittheilten, denn wie ſchon er⸗ waͤhnt, ſtand ihm noch keine andere Landeschronik zur Hand, nach deren Angaben er ſich hätte richten koͤnnen. Urkunden haͤt⸗ ten allerdings uͤber Einzelnheiten naͤher belehrt; allein er benutzte ſolche, wie es ſcheint, nur in einzelnen Fällen *). Da demnach faſt alles, was Dusburg uͤber die fruͤheren Zeiten des Ordens und des Landes ſchrieb, aus dem Gedaͤchtniſſe hervorgerufen oder aus muͤndlicher Ueberlieferung geſammelt werden mußte, ſo konn⸗ ten Irrthuͤmer und Unrichtigkeiten allerdings nicht fehlen. Aber auch hier muß man den Chroniſten mit aller Sorgſamkeit benut⸗ zen, denn manches, was in Dusburgs Werk zuweilen nur als Sage und Maͤhrchen iſt angeſehen worden, iſt durch urkundliche Beweiſe als geſchichtlich wahr befunden. Wir erwähnen als Bei⸗ ſpiel unter andern nur der Erzaͤhlung vom Maͤdchenmord in der Landſchaft Galindien ). Dieſe Irrthuͤmer aber und Unrichtigkei⸗ ten verſchwinden in der Chronik immer mehr, je naͤher Dusburg ſeiner Zeit ruͤckt und je ſicherer und zuverlaͤſſiger die Quellen wurden, aus denen er ſchoͤpfte; und in der Zeit, in welcher der Chroniſt als Augenzeuge ſchrieb, wird feine Zuverlaͤſſigkeit und Genauigkeit ſo groß, daß es faſt ſchwer wird, eine Zahl oder ei⸗ nen Namen eines Komthurs oder eines gemeinen Ordensbruders aufzufinden, deren Richtigkeit durch urkundliche Beweiſe nicht dar⸗ zuthun waͤre. Wir haben in dieſem Werke ſelbſt aber von Dus⸗ burgs Uebereinſtimmung theils mit anderen Quellen, theils vor⸗ zuͤglich mit urkundlichen Nachrichten ſchon fo häufige Beispiele ge⸗ geben, daß es hier wohl überflüffig wäre, ihre Zahl noch zu vers mehren. — Endlich darf fuͤnftens, wenn uͤber die Wahrhaftig⸗ keit und Glaubwürdigkeit unſeres Chroniſten geurtheilt werden ſoll, auch der ganze Geiſt und Character nicht unbeachtet bleiben, der durch ſein Werk hindurchherrſcht. Peter von Dusburg iſt in ſei⸗ ter Erzählung fo aͤußerſt ſchlicht und einfach, fo ſehr entfernt von ) 3. B. P. III. c. 29. ) 3. B. P. I. c. 1. 3. B. P. III. c. 1. 5. ) 3. B. P. II. c. 5, zu Ende. P. III. c. 39. P. 1 2 3 4 5) P. III. c. 4. Vgl. Kotzebue B. I. S. 290.

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620 Peters von Dusburg Chronik. allem, was hiſtoriſche Kunſt oder irgend auch nur Geſchick in hi⸗ ſtoriſcher Darſtellung heißen konnte, daß man ihn nicht ſelten ſehr trocken, geiſtlos, unbehuͤlflich und ſteif in ſeiner Erzaͤhlung fin⸗ den wird. Alles iſt ihm fremd, was nur in irgend einer Hin⸗ ſicht ſchriftſtelleriſche Geſchicklichkeit, geordnete Zuſammenſtellung, was irgend nur Hervorhebung und Ausſchmuck oder pragmatiſche Verbindung und Zuſammenhong genannt werden kann. Faſt alle Erzaͤhlungen der einzelnen Begebenheiten faͤngt er nach Chroniſten⸗ Weiſe mit Beſtimmung der Zeit an: ein Beweis, daß nur al⸗ lein die Zeit den Faden bildet, an den er alles anknuͤpft. Schon dieſes trockene, einfache und ſchlichte Weſen des Chroniſten laͤßt bei ihm nirgends Erdichtung und kuͤnſtliche Ausſchmuͤckung ver⸗ muthen und nirgends findet ſich auch eine Spur davon. Wo er den Verlauf der Begebenheiten nicht kennt, ſchweigt er entweder lieber oder er geſteht ohne weiteres ſeine Unkunde 1). Wie ganz anders lernt man gegen ihn den Chroniſten Simon Grunau ſchon auf wenigen Blaͤttern kennen und wie ſtark verraͤth ſich ſchon beim erſten Ueberblicke ſeiner Chronik uͤberall das Beſtreben, die ihm dargebotenen einfachen Thatſachen durch allerlei Erdichtun⸗ gen, Unwahrheiten, Maͤhrchen und Faſeleien auszuſchmuͤcken, durch luͤgenhafte Ergaͤnzungen ſeiner Erzaͤhlung mehr Farbe, Leben und Intereſſe zu geben, durch erſonnene Namen das Einzelne zu fixi⸗ ren, durch fingirte Individualitaͤten den Leſer zu erquicken und fuͤr ſich zu gewinnen und durch hervorgehobene Einzelnheiten, de⸗ ren Geburt feiner luͤgenhaften Feder immer zu Gebote ſteht, ſei⸗ ner Darſtellung die Scheinfarbe der Wahrheit aufzudruͤcken! Von allen dieſen Kuͤnſten verſtand Dusburg keine einzige. Waͤhrend er daher hie und da wegen ſeiner Trockenheit und ſeiner einſilbi⸗ gen Langweiligkeit getadelt worden iſt, hat es Simon Grunau durch ſeine Kuͤnſte erreicht, daß man ſich nach der weitern Be⸗ kanntwerdung ſeiner Chronik foͤrmlich ſehnt, daß er in vielen Ein⸗ zelnheiten, woruͤber Dusburg nur weniges ſagt, eine Hauptquelle genannt wird?) und daß der Vorwurf der Unzuverlaͤſſigkeit der Chronik dieſes Moͤnches als ein Beweis dargeſtellt worden iſt, „wie oft die übrigens loͤbliche Zweifelſucht der Geſchichtſchreiber „zu Ungerechtigkeiten verleitet *). Aber: „Dusburg iſt ein fader Ordensſchmeichler, der die „Heldenthaten der Preuſſen nur dann erzaͤhlt, wenn er die Ta⸗ „pferkeit oder Beharrlichkeit ſeiner Ritter dadurch in ein glaͤnzen⸗ 1 3. B. P. III. c. 250. 2) Mone Geſchichte des a B. I. S. 84. 3) Kobebue B. 1. S. 2 a

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Peters von Dusburg Chronik. 6231 „des Licht ſetzen will. Vielleicht iſt felbft fein unzuverläffiges „Werk nur ſtuckweis auf uns gekommen; wenigſtens vermuthet „ſchon Lucas David, es ſey vieles herausgenommen worden, was „man nicht bekannt haben wollen, „„damit ihre (der Ritter) „„ ruͤhmliche Thaten nicht ſollten auf die Nachwelt kommen und „„ihre böfen Tuͤcken offenbar werden 1). Dieſes Urtheil uͤber Dusburgs Werth leitet uns auf die dritte der oben aufgeſtellten Fragen, naͤmlich auf die: Durfte der Chroniſt auch immer und uͤberall ſo ſchreiben, wie er wollte und konnte? Es liegen allerdings der Beantwortung dieſer Frage man⸗ che nicht unbedeutende Schwierigkeiten entgegen, indem ihre gruͤnd⸗ liche Eroͤrterung zunaͤchſt und am meiſten von einer genauen Kenntniß aller Verhaͤltniſſe abhaͤngen muß, unter denen Dusburg lebte und ſchrieb, und es iſt erwaͤhnt, wie aͤußerſt wenig wir da⸗ mit bekannt find. Indeſſen möchte doch Folgendes daruͤber einiges Licht geben. Peter von Dusburg uͤbergab ſein Werk nach deſſen Been⸗ digung dem Hochmeiſter Werner von Orſeln, ſey es, daß er die⸗ ſes freiwillig, vielleicht aus Achtung und Liebe fuͤr ſeinen Mei⸗ ſter that, oder daß er als Ordensbruder hiezu verpflichtet war, zumal da es die Geſchichte des Ordens enthielt, an deſſen Spitze Werner ſtand. Er unterwarf es, wie wir oben aus ſeinen eige⸗ nen Worten ſahen, der Cenſur des Meiſters. Was Werner aber in dieſer Sache gethan, ob er ſelbſt oder ob jemand von ihm beauftragt manches in der Chronik abgeaͤndert, verbeſſert, wegge⸗ ſchnitten oder hinzugefuͤgt habe, das alles iſt uns eben ſo gaͤnz⸗ lich unbekannt, als wir aufs beſtimmteſte wiſſen, daß es wenig⸗ ſtens ſpaͤterhin nicht noͤthig befunden ward, noch manches in dem Werke zu andern, denn fo viel ſteht feft, daß ſeit den Zeiten der naͤchſten Nachfolger Werners von Orſeln, unter Luderus von Braunſchweig und Dieterich von Altenburg keine weſentliche Ver⸗ aͤnderung im Inhalte der Chronik mehr vorgenommen worden iſt. Dieſes beweiſet die damals veranſtaltete Ueberſetzung der Chronik Dusburgs vom Ordens-Kapellan Nicolaus Jeroſchin, die uns uͤber den Inhalt des Werkes um dieſe Zeit genaue Auskunft giebt. Die Möglichkeit alſo einer Veränderung des Inhaltes un⸗ ter Werner von Orſeln iſt allerdings nicht abzuſtreiten; allein ein Beweis, daß wirklich eine Aenderung erfolgt ſey, iſt auf keine Weiſe zu führen. In den Verhaͤltniſſen der Zeit dieſes Meiſters laͤßt ſich wohl ſchwerlich ein zureichender Grund zur Annahme be⸗ deutender Veränderungen finden. Geſetzt aber, fie wären auch er⸗ 1) Worte Kotzebue's B. II. S. 301.

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622 Peters von Dusburg Chronik. folgt: find dann etwanige Entftellungen, Verfäͤlſchungen, Ueber: treibungen in den Thatſachen dem Chroniſten als Schuld anzu⸗ rechnen? Kaͤmen ſolche nicht auf die Rechnung des Hochmeiſters oder ſeines Cenſors? Und wo ſind denn in der Chronik ſelbſt die Spuren ſolcher Veraͤnderungen? Wir bekennen aufrichtig, ſie nicht gefunden zu haben, obgleich wir offen geſtehen dürfen, daß wir der Chronik ein anhaltendes und ſorgfaͤltiges Studium gewidmet. Wir glauben vielmehr, daß alles Mangelhafte, Unvollkommene und Luͤckenhafte, was die Chronik vielfaͤltig an ſich trägt, Dus⸗ burgs eigener Feder angehoͤre. Aber Lucas David ſoll ja doch ſchon erklärt haben: „es ſey vieles herausgenommen worden, was man nicht bekannt ha⸗ ben wollen, damit ihre (der Ritter) ruͤhmliche Thaten nicht ſoll⸗ ten auf die Nachwelt kommen und ihre boͤſen Tuͤcken offenbar werden.“ Zuerſt wie wunderlich klingt dieſe Zuſammenſtellung der Gruͤnde! die Ritter wollten „ihre ruͤhmlichen Thaten nicht auf die Nachwelt kommen laſſen?“ Aus welcher Urſache? Schaͤm⸗ ten ſie ſich auch dieſer ruͤhmlichen Thaten? Oder ſchreibt der Chroniſt mit Ironie? Und wenn dieſes, warum faͤllt er dann ſo⸗ gleich wieder in ſeinen kalten Ernſt? Nicht unwichtig aber iſt der Umſtand, daß die erwaͤhnte Stelle in dem gedruckten Lucas David gar nicht ſteht und daß ſie ſelbſt auch in dem Manu⸗ ſcripte etwas anders lautet. Hier heißt es naͤmlich: „der gute Mann (Simon Grunau) irret nicht allein in der Zeit, ſondern vermenget die Händel und Geſchichten ganz wunderlich durch eins ander, als haͤtte er mit Fleiß die Sachen verwirren und verdun⸗ keln wollen, darum ich am meiſten, wo es an Privilegien, Ver⸗ traͤgen oder auch andern dergleichen glaubwuͤrdigen Kundſchaften mir gemangelt, Petrum von Duſenberg, der ſeine Ordnung der Zeit und Geſchaͤfte faſt am beſten gehalten, gefolget habe, denn es iſt aus allem wohl zu ſpuͤren, daß Duſenberg nicht ein unge⸗ ſchickter Mann zu feiner Zeit geweſen und die Geſchichte feines Ordens ziemlich gewuſt und durchleſen. Daß er aber viel Dinge ſeinem Orden zu gute verſchwiegen, iſt zwar nicht eines guten Geſchichtſchreibers Art und es mag wohl ſeyn, daß nach ſei⸗ nem Tode iſt herausgenommen worden, das dem Deutſchen Or⸗ den nicht gedienet und gefallen. Dann wie oben gedacht, der Orden auch derhalben viel Preußiſche Chroniken, wie man fie nennet, verbothen und verbrennen laſſen, daß ihre ruͤhmliche Tha⸗ ten zum Theil nicht ſolten auf die nachfolgende kommen und ihre ſeltzame, ja böfe Tuͤcken offenbahr wuͤrden.“ Wie ganz anders lauten hier Lucas Davids Worte, als ſie Kotzebue verdreht und verſtuͤmmelt wieder giebt! Aber woher hätte Lucas David eine

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Peters von Dusburg Chronik. 623 Vermuthung über eine Verſtuͤmmelung der Chronik Dusburgs auch nur mit einigem Ernſte faſſen und begruͤnden koͤnnen? Da wir die Chronik im Ganzen noch eben ſo haben, wie ſie Nico⸗ laus Jeroſchin vor ſich hatte, fo hätte ein Beweis oder ein Zeugs niß geſtellt werden müffen, daß etwa zwiſchen den Jahren 1326 bis 1341 eine Caſtrirung derſelben vorgenommen worden ſey. Aber wo iſt ein ſolches Zeugniß aufzufinden 1)2 Wenn wir nun alſo Dusburgs Chronik als ſo aus ſeiner Feder gefloſſen arnehmen muͤſſen, wie wir ſie jetzt haben: war dann der Chroniſt wirklich ein ſo lobfeiler Menſch, daß er den Schimpftitel eines „faden Ordensſchmeichlers“ verdient? — Wir wollen nicht ablaͤugnen, daß der Chroniſt vieles verſchweigt, was er hätte ſagen konnen, daß er wohl manches in den Verhaͤltniſ⸗ ſen und Ereigniſſen ſeines Ordens zu guͤnſtig ſtellt und daß hie und da die Farben zu licht und zu freundlich ſeyn moͤgen. Er ſagt ja ſelbſt: er wolle erzählen bella, quae per Vos et ante- cessores Ordinis nostri fratres victoriose gesta sunt. Er ſchrieb ja immer als Ordensbruder, durch ſein ganzes Werk hin⸗ durch begeiſtert von ſeiner Anſicht, daß Gottes maͤchtige Hand die Ordensbruͤder beſonders auserkoren habe zur Vollendung ſei⸗ nes großen Werkes in Preuſſen; und ſchon in dieſer Anſicht lag etwas Verfuͤhreriſches, was den Chroniſten ſchwerlich auf der ſchnurgeraden Bahn gehen ließ, denn offenbar warf ſie an ſich ſchon auf manches Einzelne eine Farbe, die ſicherlich die wahre Reinheit der Sache nicht immer klar erkennen ließ. Wenn Dus⸗ burg im Prologus ſagt: Signa et mirabilin fecit apud me Deus excelsus; placuit ergo mihi praedicare signa eius, quia magna sunt et mirabilia eius, quia fortia. (Dan. III.) Com- petunt tamen hacc verba autori huius lihri, qui in persona sacrae congregationis fratrum Hospitalis S. Mariae domus Theutonicorum in Hierusalem , postquam vidit et andivit magna signa et tam mirabilia facta insolita et a seculo in- 1) Wahrſcheinlich hatte Lucas David ſeine Vermuthung auch nur aus Simon Grunau genommen, denn auch Leo Histor. Ord. Teut. p. 141 ſchreibt von Dusburgs Chronik: Is liber in compendium contractus, scribitur corruptus, cum multa inde sublata fuerint, quae contra Ordinem erant, multa etiam referantur, quae aliter se ha- buisse constabat, @runavio autore. Gleich im Eingange feiner Chro⸗ nik ſagt Simon Grunau von Dusburgs Chronik: „Aus diefem Buch iſt genommen des Ordens Register, welches man hat in der Kantzeley bey dem Hohmeiſter, Sunder die dies Register haben laſſen auffchreiben, es gar nach ihrem Sinn haben laſſen ſetzen und viel historien aus ha⸗ ben gelaſſen, die ſie anfochten und viel laſſen ſetzen, die ich anderswo nicht gefunden habe, die ich darum habe laſſen anſtehen.“

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624 Peters von Dusburg Chronik. audita, quae per pracdietos fratres in terra Pruschiae Deus excelsus misericorditer operari dignatus est, qui pro defen- sione fidei corpora sua tradere in mortem non formidarunt, potuit dicere: Signa et mirabilia fecit apud me Deus excel- sus, fo ſieht man hieraus ſchon, wie den Chroniſten feine An⸗ ſicht begeiſterte und wie tief ſie ihn ergriffen hatte. Es kann fer⸗ ner auch zugegeben werden, daß manche einzelne Begeben⸗ heit und dieſes und jenes Verhaͤltniß gewiß in einem etwas an⸗ deren Lichte daſtehen wuͤrde, wenn wir zeitgenoͤſſiſche Berichte von alten Preuſſen, von alten Litthauern oder ſonſt von den Feinden des Ordens haͤtten. Allein wir haben ſolche doch nun einmal nicht; es fehlt uns alſo Maaß und Geſetz, nach welchem gemeſ⸗ ſen und gerichtet werden muͤßte und ſomit koͤnnen wir auch nicht beſtimmt behaupten, dieſes ſey ſo und jenes ſey anders geweſen. So kritiſchvornehm und großartig es alſo klingt, wenn man un⸗ ſern Chroniſten als einen „faden Ordensſchmeichler“ bezeichnet, ſo haͤtte man ſtatt dieſer flachen und gedankenloſen Theaterphraſe doch mit Recht erwarten duͤrfen, daß die faden Schmeicheleien des Chroniſten in die Augen ſpringend nachgewieſen wuͤrden. Da⸗ von aber ſteht nichts bei dem quellengruͤndlichen Manne. Und wo begegnen wir nun in Dusburgs Chronik ſolchen faden Schmei⸗ cheleien? Wir bekennen, ſie nirgends gefunden zu haben, ſelbſt auch da nicht, wo ſie gewiß jeder zunaͤchſt vermuthen wuͤrde, wo der Chroniſt namlich von den Zeiten des Meiſters und von dem Meiſter ſelbſt ſpricht, unter welchem er lebte. Vielmehr er bleibt auch hier in feiner Erzählung ganz feiner alten Weiſe getreu. Oder iſt es etwa eine zu ſtarke Schmeichelei, wenn er einmal ſei⸗ nen Hochmeiſter einen Vir utique solicitus et intentus circa iniunctum sibi officium ad dilatandum terminos Christiano- rum nennt !)? Wollte indeſſen Dusburg dem Meiſter die Schmei⸗ cheleien nicht gerade ins Auge ſagen, ſo durfte er ja nur das große Gluͤck der Zeit unter Werners Regiment ruͤhmen oder von der herrlichen Erndte ſprechen, die einſt aus dem Samen hervor⸗ blühen werde, welchen dieſer Hochmeiſter mit feinen Gebietigern auswerfe u. ſ. w. Allein ſolche ſchriftſtelleriſchen Kuͤnſte, durch die ſo mancher in alter und neuer Zeit ſein Gluͤck gemacht, ver⸗ ſteht unſer Ordensbruder nicht im mindeſten. Vielmehr wie ſpricht er von ſeiner und der naͤchſtkuͤnftigen Zeit? Quia in no- vissimis diebus instabunt tempora periculosa, et erunt homi- nes se ipsos amantes, quaerentes quae sua sunt, non quae Jesu Christi, abundabit iniquitas et multorum caritas refrigescet?). 1) P. III. c. 353. 2) p. 7.

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Peters von Dusburg Chronik. 625 Als Reſultat von dem allen koͤnnte alfo Folgendes gelten: Dusburg ſpricht uͤberall als Ordensbruder und hie und da, be⸗ fangen in ſeiner Anſicht, offenbar zu guͤnſtig von ſeinem Orden und deſſen Beſtrebungen; Vorliebe und Vorurtheil verleiten ihn, Einzelnheiten in einem zu glaͤnzenden Lichte zu ſehen und man⸗ ches im Schatten unbeachtet ſtehen zu laſſen. Es geht ihm mit ſeinem Orden, wie manchem Hiſtoriker mit ſeinem Vater⸗ lande und ſeinem Vaterlaͤndchen. Man trifft bei ihm auf Irr⸗ thuͤmer und Unrichtigkeiten und im Ganzen iſt Trockenheit, Ein⸗ ſeitigkeit, Gedankenarmuth und Mangel an allem pragmatiſchen Zuſammenhang der Character ſeiner Chronik. Bei dem allen aber kann man ihn ſchwerlich offenbarer Entſtellung der Thatſa⸗ chen, abſichtlicher Unterdruͤckung der Wahrheit oder luͤgneriſcher Schmeichelei beſchuldigen. Er iſt und bleibt bei allen ſeinen Maͤngeln und Gebrechen die ſchaͤtzbarſte Quelle der Ordensge⸗ ſchichte Preuſſens in älterer Zeit. Zum Schluſſe dieſer Abhandlung bleiben uns noch zwei Be⸗ merkungen uͤbrig. Die eine betrifft die ſynchroniſtiſchen Zugaben, welche Dusburg ſeiner Ordensgeſchichte hie und da hinzufuͤgt. De Wal!) hat fie ihm abgeſtritten, indem er ſagt: Personne ne croira que ces additions soient de Dusbourg; car on ne voit pas pourquoi il ne les ent pas inserces dans le corps de l’ouvrage meme, et sur- tout ce qui regarde la succes- sion des Grands-Maitres, qui n’etoit rien moins qu'étran- gere a son objet. On peut meme assurer que ces additions sont postcrieures au continuateur de Dusbourg, qui vivoit en 1433, puisqu'on en trouve de semblables à plusieurs chapitres de son supplement, et Pon ne se persuadera pas aiscment, que Panonyme ait voulu imiter si servilement son modele. Spaͤterhin ermaͤßigte De Wal dieſe Behauptung, in⸗ dem er nach einer gruͤndlicheren Unterſuchung fagt?): La qua- trieme partie, ou les synchronismes prises en general, est evidement de Dusbourg, il Ya atteste lui-m&me en mar- quant la division de son ouvrage: mais il ne paroit pas moins certain, que ce qui y est rapporté des Grands - Mai- tres, que nous venons de nommer, n'est pas de lui, et qu'il y a été ajouté posterieurement, par une main etrangere. Al⸗ lein auch dieſe Behauptung iſt unrichtig; denn wenn gleich Dus⸗ burg ſagt: Quarto ponam in margine Pontifices summos et Imperatores, qui a tempore institutionis huius Ordinis regnaverunt et notabilia quaedam facta, quae ipsorum tem- 1) Histoire de l’Ord. Teut. T. II. p. 252— 253. 2) Recherches sur Pancienne constitution de IO. T. T. II. p. 305. III. 40

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626 Peters von Dusburg Chronik. porihus aceiderunt und man daraus ſchließen dürfte, er habe auch dieſes nur allein als Zugabe zu ſeiner Chronik hinzufuͤgen wollen, ſo bezeugt doch die Ueberſetzung der Chronik durch den Ordensprieſter Nicolaus Jeroſchin ganz unwiderleglich, daß auch die Zuſaͤtze, welche die Hochmeiſter Konrad von Thüringen, Poppo von Oſterna, Anno von Sangerhauſen, Hartmann von Heldrun⸗ gen, Burchard von Schwenden, Konrad von Feuchtwangen und Gottfried von Hohenlohe betreffen, von des Chroniſten eigener Hand find; denn fie find ſaͤmmtlich mit in der genannten Ueber⸗ ſetzung begriffen und wurden ſchon von Nicolaus Jeroſchin als zur Chronik Dusburgs gehoͤrig betrachtet; folglich ſind ſie nicht aus einer ſpaͤteren, fremden Feder gefloſſen. Die zweite Bemerkung betrifft den Text unſerer Chronik, welchen wir in der Ausgabe von Hartknoch vor uns haben. Der Herausgeber ſagt ſelbſt in der Vorrede, daß es das Koͤnigsbergi⸗ ſche Manuſcript ſey, aus welchem er den Text genommen habe, nennt es aber ein exemplar plurimis in locis mendosum, ut saepe de verburwu sententia prorsus non constaret, Verge⸗ bens forſchte er nach andern Handſchriften und es blieb ihm da⸗ her nur uͤbrig, aus einzelnen Ueberſetzungen Verbeſſerungen vor⸗ zunehmen. Deſſenungeachtet aber iſt der Text bei Hartknoch ſehr fehlerhaft und oͤfter ſelbſt luͤckenhaft geblieben. Ein Manuſcript aus der Koͤnigl. Bibliothek zu Berlin, welches wir der gefaͤlligen Guͤte des Herrn Prof. und Bibliothekars Dr. Spieker verdan⸗ ken, giebt uns gleichfalls wegen ſeines jungen Alters aus dem 16ten Jahrhundert wenig Aushuͤlfe. Die letzten fuͤnf Kapitel fehlen ihm ganz und es enthaͤlt ſo wenig als das Koͤnigsbergi⸗ ſche das supplementum, welches Hartknoch aus einem Manu⸗ ſcripte in Elbing erhielt. Weil der von Hartknoch gegebene, in hohem Grade fehlerhafte Text eine ſichere Benutzung der Chro⸗ nik oft kaum moͤglich macht, ſo muͤſſen zur Berichtigung und Ergaͤnzung andere Huͤlfsmittel angewandt werden. Nicolaus Je⸗ roſchin, der Ueberſetzer der Chronik und der aus dieſem hervorge⸗ gangene Epitomator (welcher ſich im Manuſcripte im geh. Ar⸗ chiv zu Koͤnigsberg befindet) ſind bis jetzt immer noch die wich⸗ tigſten und es iſt uns durch ſorgfaͤltige Vergleichung mit dem Texte von Hartknoch an vielen Stellen moͤglich geweſen, das Un⸗ richtige und Mangelhafte zu berichtigen, zu ergaͤnzen und zu ver⸗ vollſtaͤndigen. Eine verbeſſerte Ausgabe aber und eine gruͤndliche Bearbeitung dieſer Chronik gehoͤrt immer noch zu den erſten Wuͤn⸗ ſchen fuͤr Preuſſiſche Geſchichtsforſchung.

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Beilage III. Urkunde über die Gründung einer freien Handelsſtadt an Samlands Kuͤſte. Honestis et honorabilibus. Judici. consulibus, et universo populo civitatis lubeke. fr. h. preceptor et universitas fra- trum domus teuth. in pruscia salutem et oraciones cum ob- sequio. A fratribus nostris qui vestram eivitatem aliquociens visitarunt et ab aliis referentibus didicimus in desiderio ve- stro esse unam civitatem liberam rigensium eivium libertate aptam portus navium marinarum fundare in Samlandia ubi locum inveneritis competentem. Itaque deliberatione unanimi super his vestre discretioni taliter duximus respondendum, quod locum vobis libenter concedimus. et addimus dimidiam partem partis que nobis in predicta terra ex divisione con- tingit facta per dominum,legatum inter dominum Episcopum pruscie et nos, que taliter est quod nobis cedent due par- tes et ipsi tereia in omni terra subiugata vel in posterum subiuganda. In illa eivitate nichil juris nostre domus reser- vamus. vel in iudieio vel in aliis que ad utilitatem videan- tur respicere secularem. Tamen unam curiam que nostris suffieiat usibus in ipsa et liberam a communitatis jure ac iudieio reservamus. Parochiam quoque ad nostrum ordinem volumus pertinere. — Deforis autem civitatem predictam in parte eivium terram ad duo arathra exeipimus ad usus no- stros. vobiscun autem prata et pascua sortiemur, Insuper divisione agrorum faeta inter eives, quilibet de sua parte annuatim solvet Coloniensem denarium vel valorem eius et ceram in pondere duarum marcarum. De unoquoque etiam teuthonicali arathro unam mensuram tritici et alteram siligi- nis culmensis mensure que schepel dicitur. unam quoque tri-

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628 Urk. uͤb. d. Gruͤndung e. freien Handelsſtadt an Samlands Kuͤſte tici mensuram de unco quo pruteni vel poloni terram colere consueverunt. Hee debita solvent ubi ea decreverimus as- signare. Ceterum statuimus ut nullum in eivitate sepius me- morata eligant in iudicem vel in consulem qui fratrum no- strorum non habuerit amiciciam vel favorem donec reconci- lietur eisdem Et adicimus ut si aliquis frater noster in via fuerit et aliquis homo ab hostibus agitatus ad eum confuge- rit, non presumant eum ledere aput ipsum. set si frater idem ipsum statuere iudicio voluerit et promiserit, non debent tan- gere agitatum. Si non voluerit tollant ipsum sine verberi- bus ab eodem. In supradictis igitur condescendimus univer- sitati vestre sicut dietum est. et ea que expressimus reser- vamus. Et fedus cum eisdem civibus statuimus sempiternum ut nos iuvent omnibus viribus et nos eos similiter contra paganos et christianos iniquos qui terram predictam id est Samlandiam presumserint impugnare. Ergo si placuerit vo- bis modus expressus et forma prefigimus vobis terminum ve- niendi ad majum proximo adventurum. Datum in Turun. Anno gracie M.° CC.° XLIL° Pridie Kal. Jan, Indictione XV? Original mit dem landmeiſterlichen Siegel, woran von der Umſchrift noch die Buchſtaben DOM. zu leſen find, im Archive zu Luͤbeck. e 5 Tunvele 2 8 Gedruckt bei Fr. Brockhaus in Leipzig.

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Geschichte Preußens von den ältesten Zeiten bis zum Untergange der Herrschaft des Deutschen Ordens, in: Geschichte Preußens von den ältesten Zeiten bis zum Untergange der Herrschaft des Deutschen Ordens, Band 3; 640 Scanseiten; Einzelseitenbelege im Text, 1828

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Geschichte Preußens von den ältesten Zeiten bis zum Untergange der Herrschaft des Deutschen Ordens, Sagenarchiv Verlag Kawerau, hrsg. von Verlag Kawerau. https://sagenarchiv.de/archive/orden-geschichte-preussens-voigt-1827-1839/textzeugen/orden-geschichte-preussens-voigt-1827-1839-band-03